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Full text of "Festschrift zur feier des 500jährigen bestehens der Universität Leipzig"

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FESTSCHRIFT 



ZUR FEIER DES 



500 JÄHRIGEN BESTEHENS 



DER 



UNIVERSITÄT LEIPZIG 



HERAUSGEGEBEN VON 



REKTOR UND SENAT 



3. BAND 






LEIPZIG 

VERLAG VON S. HIRZEL 

1909. 



DRUCK VON AUGUST PRIES IN LEIPZIG. 



DIE INSTITUTE 



DER 



MEDIZINISCHEN FAKULTÄT 



AN DER 



UNIVERSITÄT LEIPZIG 



1409 




1909 



LEIPZIG 

VERLAG VON S. HIRZEL 

1909 



INHALTSÜBERSICHT. 



Seite 

Das Anatomische Institut i — 20 

Das Physiologische Institut 21 — 38 

Das Pathologische Institut 3C)_62 

Das Institut für gerichtliche Medizin 63 — 79 

Das Pharmakologische Institut 80 — 92 

Das Hygienische Institut 03 — 120 

Das Institut für Geschichte der Medizin I2i — 127 

Die Medizinische Klinik 128 — 157 

Die Chirurgische Klinik und Poliklinik 158 — 174 

Die Frauenklinik (Triersches Institut) 175 — 188 

Die Psychiatrische und Nervenklinik i8g — 200 

Die Heilanstalt für Augenkranke 201 — 236 

Die Klinik und Poliklinik für Syphilis und Hautkrankheiten 237 — 245 

Die Klinik und Poliklinik für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten . . . 246 — 252 

Die Universitäts-Kinderklinik und -Poliklinik 253 — 263 

Die Medizinische Poliklinik 264 — 287 

Die Chirurgische Poliklinik 288 — 301 

Die Poliklinik für Orthopädische Chirurgie 302 — 306 

Das Zahnärztliche Institut 307 — 322 



VERZEICHNIS DER BILDER. 



Seite 

1. Nordflügel des Anatomischen Institutes lO 

2. Großer Präpariersaal des Anatomischen Instituts 14 

3. Mikroskopiersaal des Anatomischen Instituts 16 

4. Das Physiologische Institut 22 

5. Das Pathologische Institut, von Nordosten 40 

6. Der große Hörsaal des Pathologischen Instituts (Demonstrations-Kurs) ... 46 

7. Saal für mikroskopische Kurse im Pathologischen Institut 50 

8. Das Hygienische Institut 102 

9. Kurs-Saal für bakteriologische Arbeiten im Hygienischen Institut . . . . ito 

10. Die Medizinische Klinik, Ansicht von der Liebigstraßc 140 

11. Chemisches Laboratorium der Medizinischen Klinik 146 

12. Hydrotherapeutischer Saal der Medizinischen Klinik 156 

13. Die Chirurgische Klinik, Nordseite 162 

14. Operationssaal der Chirurgischen Klinik 166 

15. Die Frauenklinik, von der Stephanstraße aus 176 

16. Der Kliniksaal der Frauenklinik 182 

17. Das Laparotomiezimmer der Frauenklinik 182 

18. Haupteingang der Psychiatrischen und N'ervenklinik 190 

19. Der Hörsaal der Psychiatrischen und Nervenklinik (südöstliche Hälfte). . . 198 

20. Das Kinderkrankenhaus mit Universitäts-Kinderklinik und -Poliklinik . . . 262 

21. Die Medizinische Poliklinik 278 

22. Lageplan der Medizinischen Institute. 








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DAS ANATOMISCHE INSTITUT. 

DIREKTOR: KARL RABL. 



Die Anatomie wurde in Leipzig ursprünglich „nach welscher 
Art" gelehrt, d. h. sie wurde einerseits aus Büchern vorgetragen, 
andererseits wurden von Zeit zu Zeit öffentliche Zergliederungen, 
sogenannte Anatomiae pubhcae, die mit Demonstrationen verbunden 
waren, mehrere Tage dauerten und als feierliche flandlungen galten, 
vorgenommen. Zu diesen Anatomien wurden die Leichen hin- 
gerichteter Verbrecher, die der Magistrat der medizinischen Fakultät 
zur Verfügung zu stellen hatte, verwendet. Gegen Ende des 15. Jahr- 
hunderts scheint die Bestimmung getroffen gewesen zu sein, daß 
solche Anatomien jedes dritte Jahr abzuhalten seien. Im Jahre 1543 
aber wurde verordnet, daß sie jedes Jahr wiederzukehren hatten. 
FreiHch wurden diese Verordnungen nicht strenge eingehalten. 

Die medizinischen Vorlesungen im allgemeinen, also wohl auch 
die über Anatomie, wurden anfangs in einem Räume der Nikolai- 
kirche gehalten. Später erhielten die Mediziner ein Auditorium 



in. 



DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



im großen Fürstenkolleg, das sie aber mit den Theologen teilen 
mußten, woraus mancher Streit erwuchs. Dagegen gab es zur 
Vornahme der Anatomien anfangs kein bestimmtes Lokal, sondern 
es mußte von Fall zu Fall ein geeigneter Raum ausfindig gemacht 
und gemietet werden. Im Jahre 1555 aber wurde zwischen der 
philosophischen und medizinischen Fakultät ein Vertrag abgeschlossen, 
durch den dieser eine heizbare Stube des roten Kollegs, die den 
Namen „Vaporarium consilii" führte, zur Vornahme der Sektionen 
überlassen wurde. Die Vertragsbestimmungen waren so drückende, 
daß die medizinische Fakultät wohl bald das Verlangen gehabt 
haben dürfte, ihr Abhängigkeitsverhältnis von der philosophischen 
zu lösen. In der Tat wissen wir, daß später die Anatomien in 
einem Raum im Kreuzgang der PauHnerkirche stattfanden. Es 
handelte sich hierbei um ein finsteres, gewölbtes, halb unterirdisch 
gelegenes Gemach, das zweifellos zu dem Zwecke, dem es zu 
dienen hatte, ganz ungeeignet war. Nichtsdestoweniger führte es, 
wenn es auch offiziell keinen Anspruch darauf hatte, den stolzen 
Namen eines Theatrum anatomicum. 

Erst im Jahre 1704, nachdem längst in Italien, Frankreich, 
Holland, ja auch an einigen Universitäten Deutschlands, vor allem 
in Helmstädt, vortrefflich eingerichtete anatomische Theater be- 
standen hatten, gelang es den Bemühungen Johann Christian Scham- 
bergs, des damaligen Professors der Anatomie und Chirurgie, es 
durchzusetzen, daß auch in Leipzig ein seiner Bestimmung ent- 
sprechendes anatomisches Theater gebaut wurde. Es befand sich 
im Hofe des Paulinergebäudes, unmittelbar neben der Bibliothek, 
und wurde am 10. September des genannten Jahres in feierhcher 
Weise unter Gesang und Musikbegleitung eröffnet. Wie dieses ana- 
tomische Theater oder erste anatomische Institut, wie man es wohl 
nennen darf, beschaffen war, erfahren wir teils aus einem Programm, 
mit dem Schamberg zu einer solennen Anatomie einer weiblichen 
Leiche einlud, die am 15. April 1706 stattfand, teils, und noch genauer, 
aus einer ausführlichen Beschreibung, die Rosenmüller fast hundert 
Jahre später von ihm gab. Da wissenschaftliche Institute zu jener Zeit 
eine lange Lebensdauer hatten und das anatomische Theater allem 
Anscheine nach während des 18. Jahrhunderts nur insofern eine 



DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



Veränderung oder Vergrößerung erfuhr, als im Jahre 1786 der 
Anatom und Chirurg Haase, um die von ihm eingeführten Prä- 
parierübungen abhalten zu können, eine Stube mietete, darf an- 
genommen werden, daß jene Beschreibung Rosenmüllers der Haupt- 
sache nach auch auf das von Schamberg errichtete anatomische 
Theater paßte. Der wesentlichste Teil war natürlich der Hör- oder 
Zergliederungssaal, von dem es ja auch den Namen führte. Es 
war dies ein Raum von quadratischer Grundfläche, der durch drei 
große und drei kleine Fenster leidüch gut erhellt war; die Sitze 
für die Zuhörer erhoben sich amphitheatralisch in sieben Reihen 
um den in der Mitte stehenden Seziertisch. Über diesen Reihen 
befand sich eine für die Wundärzte bestimmte, verschlossene Loge 
und noch höher auf jeder Seite eine vergitterte Loge für die 
Hebammen. Die Decke war von dem Leipziger Maler David Hoyer 
mit fünf Gemälden geschmückt worden. Außer diesem Hörsaal 
waren noch einige unbedeutende Nebenräume vorhanden. 

Als im Jahre 181 8 infolge bauhcher Veränderungen in der Um- 
gebung dieses anatomische Theater einzustürzen drohte, ging man 
daran, es vollständig neuzubauen. Von dem Neubau hat Cerutti 
im Jahre 181 9 eine genaue, mit Plänen versehene Beschreibung 
gegeben. Sehr praktisch war aber das neue Institut wohl von 
allem Anfange an nicht. Abgesehen davon, daß es, wie das alte, 
eine sehr unzweckmäßige Lage hatte, weshalb die Nachbarn, vor 
allem die Juristenfakultät, bald sehr bewegliche Klagen erhoben, war 
für Heizung und Beleuchtung, für Zu- und Abfluß des Wassers usw. 
entweder gar nicht oder in höchst ungenügender Weise gesorgt. 
Daher wurde denn auch bald der Wunsch nach einem neuen, 
großen, zweckmäßigen Institute laut. Zunächst war dafür ein Platz 
in der Nähe des Johannisspitals, dann ein solcher in der Nähe 
des Trierschen Instituts in Aussicht genommen; leider aber sollten 
sich die Unterhandlungen, obwohl sie auch von der Regierung sehr 
lebhaft betrieben wurden, immer wieder zerschlagen. So bheb 
denn durch mehr als ein halbes Jahrhundert in der Hauptsache 
alles beim alten. Zwar wurden in den dreißiger Jahren und nament- 
lich im Jahre 1858 mehr oder weniger ausgedehnte Adaptierungen 
vorgenommen, aber die wesentlichsten Schäden konnten nicht be- 



DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



seitigt werden. Endlich, am 28. April 1869, konnte die Regierung der 
medizinischen Fakultät die Mitteilung machen, daß es ihr gelungen sei, in 
der Waisenhausstraße (der jetzigen Liebigstraße) einen Bauplatz für ein 
neues Anatomiegebäude zu sichern und sie forderte die Fakultät auf, un- 
verzüglich ein Programm für die neue Anstalt auszuarbeiten. Ursprüng- 
lich dachte man daran, ein Gebäude zu errichten, das sowohl das anato- 
mische, als das zoologischelnstitut, das damals im Augusteum notdürftig 
untergebracht war, aufnehmen sollte. Jedoch sprachen sich die beiden 
Hauptbeteihgten, Ernst Heinrich Weber und Rudolph Leuckart, entschie- 
den dagegen aus und so wurde denn auch dieser Plan fallen gelassen. 
Im Jahre 1871 trat Weber, der 50 Jahre lang Direktor des 
Instituts gewesen war und an Bedeutung alle seine Vorgänger weit 
überragt hatte, von der Direktion zurück; es geschah dies wohl 
hauptsächUch deshalb, um seinem Nachfolger beim Bau und der 
Einrichtung des Instituts vöUig freie Hand zu lassen. Als dann 
His berufen und gleichzeitig mit ihm Braune zum Professor der 
topographischen Anatomie ernannt worden war, wurde sofort zur 
Ausarbeitung der Pläne geschritten. Die Arbeiten schritten denn 
auch rüstig vorwärts und am 25. April 1875 konnte das neue 
Institut eröffnet werden. Eine genaue, mit mehreren Plänen ver- 
sehene Beschreibung desselben hat His selbst gegeben und ich 
kann es daher unterlassen, genauer darauf einzugehen. Es kann 
keinem Zweifel unterHegen, daß das neue Institut trotz mancher 
Mängel, die ihm von Hause aus anhafteten, in den siebziger und 
vielleicht auch noch in den achtziger Jahren zu den besten gehörte, 
die es damals gab. Aber heutzutage ist die Lebensdauer wissen- 
schaftUcher Institute eine kurze. Zu Beginn der siebziger Jahre lag 
der histologische Unterricht ganz in der Hand des Physiologen. 
An seinem Institute befand sich eine fast ganz selbständig gestellte 
Abteilung für Histologie. Es war daher beim Bau des anatomischen 
Instituts nur nebenher auf die Bedürfnisse des histologischen Unter- 
richts Rücksicht genommen worden. Man ahnte noch nicht, welche 
Bedeutung ihm in der Zukunft zukommen sollte. Im Laufe der 
Zeit war aber auch sonst vieles verahet und His sprach selbst 
wiederholt, wenn die Rede darauf kam, die Hoffnung aus, sein 
Nachfolger werde die nötigen Reformen durchführen. 



DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



So ging ich denn bald, nachdem ich die Direktion des Insti- 
tuts übernommen hatte, daran, die Pläne für einen ausgedehnten 
Um- und Erweiterungsbau auszuarbeiten. Das Ministerium ging 
in voller Würdigung der Notwendigkeit einer gründlichen Reorgani- 
sation auf meine Vorschläge ein und die Stände bewilligten die 
zur Ausführung der Pläne nötigen Mittel. Im Sommer 1906 wurden 
die Arbeiten begonnen, im letzten Sommer fortgesetzt und zu 
Ostern 1909 sollen sie beendigt sein. Die Hauptarbeit ist bereits 
geschehen und ich darf wohl meine Beschreibung so einrichten, 
daß sie dem Zustande des Instituts, wie es sich im Jubiläumsjahre 
der Universität präsentieren wird, entspricht. Natürlich war ich 
nicht nur beim Umbau, sondern auch beim Erweiterungsbau ge- 
zwungen, mich an die allgemeinen Dispositionen des Gebäudes 
zu halten. 

Das Institut besteht aus einem an der Liebigstraße gelegenen 
Haupttrakt oder Südflügel, einem gegen die Brüderstraße zu ge- 
legenen, aber von dieser durch einen Garten getrennten Nebentrakt 
oder Nordflügel und zwei, diese beiden verbindenden Seitentrakten, 
einen Ost- und einen Westflügel, von denen dieser an die Nürn- 
berger Straße, jener an eine Parkanlage grenzt. Diese vier Trakte 
umschHeßen einen großen, ungefähr quadratischen Hof von rund 
27 m Seitenlänge. Der Haupttrakt besteht aus Souterrain, Erd- 
geschoß und Obergeschoß; über der Mitte des letzteren w^urde im 
Jahre 1898I99 ein kurzes zweites Obergeschoß aufgeführt, das haupt- 
sächlich zur Aufnahme von Dienerwohnungen bestimmt ist, die 
ursprünglich im Souterrain untergebracht waren. Die anderen 
Flügel bestanden zur Zeit His' nur aus Souterrain und Erdgeschoß, 
und nur über der Mitte des östlichen Verbindungstraktes erhob sich 
als eine Art Obergeschoß ein photographisches Ateher. Heute ist 
auf den Ost- und Nordtrakt ein Obergeschoß aufgeführt und nur 
der Westtrakt, der in seinem Erdgeschoß der Hauptsache nach nur 
eine Verbindung zwischen Westende des Haupttraktes und dem 
großen Präpariersaal des Nebentraktes darstellt, ist unverändert ge- 
bheben. 

I. Der Haupttrakt oder Südflügel. Der Haupttrakt wird im 
Souterrain, Erdgeschoß und erstem Obergeschoß von einem langen 



DAS ANATOMISCHE INSTITUT 




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DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



Gang durchzogen, an dessen Seiten die Arbeitsräume gelegen sind. 
Er war früher so finster, daß die Orientierung sehr erschwert war. 
Um den Gang aufzuhellen und dadurch eine größere Übersicht- 
Hchkeit zu erzielen, wurden über allen Türen des Erdgeschosses 
und ersten Obergeschosses Fenster durchgebrochen, die Türfüllungen 
durch Glas ersetzt, über dem Ostende des Ganges ein OberUcht 
geschaffen und im ersten Obergeschoß überdies noch am West- 
ende die Mauer durch eine Glaswand und Glastüre ersetzt. 

Das Souterrain des Haupttraktes enthält hauptsächUch die Vor- 
ratsräume für Kohle, Spiritus usw. und am Westende, an Stelle 
der ehemaligen Hausmannswohnung, einige Arbeitsräume für die 
Diener. Neu wurden hier durch Vereinigung von je drei Kammern 
und Vergrößerung der Fenster zwei große, helle Räume gewonnen, 
von denen der eine für Mikrophotographie, der andere für Makro- 
photographie dient. Daß die photographischen Räume ins Souterrain 
verlegt wurden, hatte hauptsächlich darin den Grund, daß hier die 
Apparate eine ruhigere, stabilere Aufstellung finden konnten, als 
im Erdgeschoß oder ersten Obergeschoß. Für die Makrophoto- 
graphie ist dies bekanntlich nicht von Belang, wohl aber für die 
Mikrophotographie; und diese spielt doch in einem anatomischen 
Institut eine viel größere Rolle, als jene. Die Räume sind so groß, 
daß die Dunkelkammern in sie eingebaut werden konnten. 

Das Ostende des Haupttraktes wird im Parterre und ersten Ober- 
geschoß vom Hörsaal eingenommen. Der alte Hörsaal war dem 
seinerzeit sehr berühmten Czermakschen Auditorium nachgebildet 
und seine Konstruktion mußte beim Umbau der Hauptsache nach 
beibehalten werden. Im einzelnen wurde freihch sehr viel geändert. 
Der Hörsaal hat die Form eines steil ansteigenden Amphitheaters; 
seine sieben Sitzreihen enthalten 216 Plätze; sie umgeben einen 
beweghchen Vortragstisch. An Stelle des letzteren kann ein Epi- 
diaskop der Firma C. Zeiß aufgestellt werden. — Der Saal wird 
durch OberHcht und hohes Seitenficht erleuchtet. Eine elektrisch 
betriebene Vorrichtung sorgt für rasche Verdunkelung des Saales. 
Zur künstUchen Beleuchtung dienen vier elektrische Bogenlampen 
zu je 15 Ampere. 

An den Hörsaal schließen sich im Erdgeschoß des Haupttraktes 



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zwei Vorbereitungszimmer, in denen unter anderem die zahlreichen 
anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Wandtafeln aufbe- 
wahrt werden und von denen das eine auch als Arbeitszimmer für 
die Diener dient. Auf dieses folgt ein Zimmer für die Prüfungs- 
kandidaten und daran schließt sich die Portierloge. Diesen Räumen 
gegenüber, an der Nordseite des Ganges, befinden sich ein kleines 
Auditorium, das ungefähr 50 Studierende faßt, und eine sogenannte 
Prosektur, in der besonders fleißige und tüchtige Studierende unter 
der Anleitung der Prosektoren und Assistenten arbeiten dürfen. 
Westlich vom Haupteingang sind an den Seiten und dem Ende 
des Ganges ein geräumiges Studierzimmer, zwei kleine Arbeits- 
zimmer und endlich die Wohnung des 2. Prosektors und des Haus- 
manns gelegen. 

Das erste Stockwerk enthält vor allem die Sammlung; und die 
Bibliothek. Die Sammlung ist nicht groß; reich ist sie eigentlich 
nur an schönen Modellen. Sie zerfällt in drei Abteilun2:en: eine 
vergleichend-anatomische, eine entwicklungsgeschichtliche und eine 
menschlich -anatomische. Die erstere wurde erst in den letzten 
Jahren angelegt; denn außer einigen Affenskeletten fand sich bei 
meiner Berufung wenig vor, was auf vergleichende Anatomie Bezug 
hatte. Diese Abteilung zählt gegenwärtig ungefähr 250 Nummern; 
eine kleine Zahl, die aber durch die Güte der Präparate einiger- 
maßen wettgemacht wird. Ein Teil derselben wurde im Institute 
angefertigt, der größere Teil angekauft. In der entwicklungs- 
geschichtlichen Abteilung sind fast alle Modelle und Modellserien 
vertreten, die gegenwärtig im Handel sind; unter ihnen nehmen 
die zahlreichen Modelle, die seinerzeit His anfertigen ließ, eine 
hervorragende Stelle ein. Ebenso nehmen in der menschUch- 
anatomischen Abteilung die zahlreichen Modelle, die der künst- 
lerisch geschulte Bildhauer und Modelleur Steger unter der Leitung 
His' anfertigte, den ersten Platz ein. In neuerer Zeit ist eine An- 
zahl vorzüglicher Präparate von Studierenden für die Sammlung 
ausgearbeitet worden. 

Die Bibhothek dürfte eine der besten Institutsbibhotheken Deutsch- 
lands sein; wenn sie auch nicht sehr reich an Einzelwerken ist 

(ca. 1000 Bände), so zeichnet sie sich doch durch die große Zahl 
III. 2 



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DAS ANATOMISCHE INSTITUT 











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von Archiven und anderen periodischen Schriften aus. Gegenvi^ärtig 
bezieht das Institut 31 deutsche, 4 amerikanische, i enghsche, 
4 französische, 2 belgische, i holländische, 4 italienische, i spanische 
und I japanische, zusammen also 49 Zeitschriften. 

Außer der Sammlung und der Bibliothek enthält das erste Stock- 
werk des Haupttraktes das Arbeitszimmer des zweiten Prosektors, 
des Kustos, eines Assistenten, des Mechanikers, des Zeichners und 
einige Nebenräume für Instrumente, ChemikaHen, Gläser u. dergl. 

2. Der östliche Verbindungstrakt oder Ostflügel. Dieser Trakt 
enthält im Souterrain die Garderobe für die Besucher des kleinen 
Präpariersaales, ferner Tierstallungen mit Auslauf nach der kleinen 
Gartenanlage im Osten des Gebäudes, Terrarien und Aquarien und 
ein Röntgenzimmer. In der Garderobe steht jedem Studierenden 
ein Schrank von 1,82 m Höhe, 0,48 m Breite und 0,40 m Tiefe 
zur Verfügung; ein kleines Fach in demselben dient zur Aufbewah- 
rung von Büchern und Instrumenten. 

Das Erdgeschoß besteht aus einem, Nord- und Südflügel ver- 
bindenden Gange und dem Demonstrationssaal. Dieser hat eine 
Länge von 20 m und wird von sieben sehr großen Fenstern er- 
hellt. An diesen, sowie auf einem fast die ganze Länge des Saales 
einnehmenden Podium können bequem 30 Mikroskope aufgestellt 
werden. Der Saal eignet sich aber ebensogut zu makroskopischen 
Demonstrationen. Auf dem Podium befindet sich ein seine ganze 
Länge einnehmender Schrank, der die Handsammlung, d. h. die zu 
den Vorlesungen nötigsten Präparate enthält. Natürlich .ist die 
Benutzung der Hauptsammlung dadurch nicht ausgeschlossen. 

Das neu aufgebaute Obergeschoß enthält außer dem Verbin- 
dungsgang zwischen Nord- und Südflügel drei große Arbeitszimmer, 
von denen zwei für den Direktor bestimmt sind, während das dritte 
als Arbeitszimmer für Fortgeschrittene, die unter der Leitung des 
Direktors arbeiten, dient. 

3. Nordflügel oder Nebentrakt. Dieser Trakt, der ursprüngHch 
bloß aus Souterrain und Erdgeschoß bestand, jetzt aber ein Ober- 
geschoß erhalten hat, wurde in allen Teilen gründlich umgebaut. 
Das Souterrain war in fast ebenso viele enge, finstere Räume ge- 
teilt, als es Fenster zählt, und eine Reinhaltung desselben war 



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DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



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DAS ANATOMISCHE INSTITUT ^ZZZ^ 13 



daher kaum möglich. Durch Entfernung sehr vieler Zwischenwände 
und Vergrößerung der Fenster auf das Doppelte wurde eine ver- 
hältnismäßig geringe Zahl großer, heller, sauberer Räume gewonnen. 
Von Osten nach Westen befinden sich hier: eine durch sieben 
Fenster erhellte Injektionsküche mit drei großen Wannen, von denen 
zwei zum Durchwärmen der zur Injektion mit Wachs- oder Harz- 
massen bestimmten Leichen dienen, während in der dritten die 
Leichen nach der Injektion abgekühlt werden. Außerdem befinden 
sich in dem Raum alle zur Injektion, zur Zerteilung usw. der 
Leichen nötigen Instrumente und Behelfe. Daran schließt sich ein 
schmaler, aber gleichfalls ganz heller Raum mit einem zur Erwär- 
mung des Wassers für die Injektionsküche dienenden Ofen, einem 
Bassin zum Auswaschen der Eingeweide usw. — Auf diesen folgt 
ein um langer, 10 m breiter Raum zur Aufbewahrung der Leichen 
bis zu ihrer Verwendung. In ihm befinden sich 21 aus Ziegeln 
und Zementmörtel gemauerte, innen und außen mit Zement ge- 
glättete Leichenbehälter, die leicht zu reinigen sind und bequem 
180 Leichen fassen können. Die hermetisch schließenden Deckel 
bestehen aus starkem Eisenblech auf Eisenrahmen und sind durch 
Gegengewichte ausbalanciert. Die Behälter sind, ihrer Bestimmung 
entsprechend, von verschiedener Größe. Von diesem Raum führt 
ein elektrisch betriebener Aufzug in den kleinen Präpariersaal. Außer- 
dem steht er durch einen breiten Korridor mit der Durchfahrt des 
Nordflügels in Verbindung. In diesen münden an der Nordseite 
die Mazerierküche und der zur Aufbewahrung der sogenannten 
chirurgischen, d. h. der zum Operationskurs dienenden Leichen 
bestimmte Raum, und an der, dem Hofe zu gelegenen Südseite 
zwei kleine zum Aufbahren der Leichen behufs eventueller Re- 
kognoszierung dienende Kammern. 

In der Mazerierküche befinden sich fünf große, nach der Angabe 
Planers gebaute Mazeriertröge, ein Benzin- und ein Trockenofen. 
Der Raum für die chirurgischen Leichen soll außer der bisherigen 
Einrichtung zwei große Eisschränke erhalten, die ungefähr 20 Leichen 
zu fassen vermögen. Da die Erfahrung gelehrt hat, daß nur ganz 
frische Leichen in Kühlräumen längere Zeit vor Fäulnis bewahrt 
werden können, die Leichen aber, um die es sich hier handelt, — wie 



14 ^m^m DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



anderwärts, wird auch in Leipzig der Operationskurs nur während 
des Sommersemesters abgehalten, — meist in einem mehr oder 
weniger vorgeschrittenen Stadium der Fäulnis auf die Anatomie 
kommen, wurde davon Abstand genommen, den ganzen Raum zu 
einem Kühlraum ausgestalten zu lassen. 

Alle genannten Räume sind weiß getüncht, an den Wänden 
bis zu einer Höhe von 1,5 m mit weiß glasierten Spaltriemchen 
verkleidet, die Türen weiß gestrichen. Der Fußboden ist in der 
Mazerierküche und dem Raum für die chirurgischen Leichen asphal- 
tiert, sonst überall mit hellem Marmorterrazzo versehen. 

Nun folgt im Souterrain die Durchfahrt, welche von der Brüder- 
straße und der kleinen Gartenanlage hinter dem Institut nach dem 
Hofe führt. In sie münden zwei kleine Räume, von denen der 
eine zur Aufbewahrung der Kleider der Selbstmörder und der Leichen- 
kisten dient, während in dem andern die eingebrachten Leichen 
gereinigt werden. Der Rest des Souterrains dient als Waschküche 
und als Garderobe für die im großen Präpariersaal beschäftigten 
Studierenden. 

Das Parterre des Nordflügels enthält die Präpariersäle. Ursprüng- 
lich war dieses Geschoß in acht Räume geteilt; durch Entfernung 
der trennenden Wände wurden daraus zwei gemacht. Die Decke 
wurde ungefähr um i m gehoben und die meisten Fenster dem- 
entsprechend vergrößert; die beiden Eckbauten bekamen überdies 
OberHcht. Um eine gründUche Reinigung zu ermöglichen und 
eine Fußbodenentwässerung durchführen zu können, wurden beide 
Säle mit sogenanntem fugenlosen Fußboden (Xylolith- oder Magnesit- 
boden) versehen. 

Der größere der beiden Säle steht durch den westlichen, der 
kleinere durch den östlichen Seitentrakt mit dem Hauptgebäude in 
Verbindung. Außerdem stehen beide untereinander in Kommuni- 
kation und endlich führt, wie schon erwähnt, ein elektrisch be- 
triebener Aufzug direkt aus dem Lcichenkeller in den kleinen Prä- 
pariersaal. 

Eine schwierige Frage, die bei der Einrichtung der beiden Säle 
zu lösen war, betraf die Präpariertische. Bekanntlich wird diese 
Frage von den verschiedenen Anatomen sehr verschieden beant- 



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DAS ANATOMISCHE INSTITUT IZIZI^ 15 



wertet. Die einen bevorzugen Tische mit Marmorplatten, andere 
solche aus Holz mit oder ohne Zinkblechverkleidung, wieder andere 
solche mit Schieferplatten. Ich habe alle diese Arten ausprobiert. 
In Prag hatte ich Marmortische, wie sie auch an den andern Ana- 
tomien Österreichs und vielen ItaHens übUch sind. In Leipzig 
gab es früher Holztische, von denen diejenigen für die Muskel- 
präparanten mit Zinkblech überzogen waren. In Breslau lernte ich 
Schiefertische kennen, die so gerühmt wurden, daß ich mich ver- 
anlaßt sah, einen zur Probe anzuschaffen. Es würde mich zu weit 
führen, die Gründe zu erörtern, die mich bestimmten, keine dieser 
Arten von Tischen anzuschaffen. Schließlich kam ich auf den 
Gedanken, Tische mit Milchglasplatten anfertigen zu lassen und 
diese haben sich auch bisher vortrefflich bewährt. Sie sehen un- 
gemein sauber aus und lassen sich sehr leicht rein halten; gerade 
darin, daß man jeden Schmutz, der ihnen anhaftet, merkt, erbhcke 
ich einen sehr wesentUchen Vorteil. Die Platten sind 3 cm dick, 
oben glatt geschhffen und in einen Eisenrahmen von besonderer 
Konstruktion eingelassen. Zur Präparation an ganzen Leichen dienen 
20 Tische von 1,85 m Länge und 0,70 m Breite. Zwölf davon 
sind so konstruiert, daß die Platte auf einem zentralen Fuß leicht 
drehbar und in jeder Lage feststellbar ist. Die übrigen acht ruhen 
auf einem Eisengestell mit vier Füßen. — Zur Präparation von 
Extremitäten und überhaupt von kleinen Objekten dienen 40 Tische 
von 1,30 m Länge und 0,54 m Breite; die Platten ruhen auf vier Füßen. 
Dazu kommen noch die Arbeitsplätze an den Fenstern, die durchweg 
breite Eichenbretter haben. — In diesem Semester präparieren nahe 
an 300 Studierende, ohne daß über Raummangel zu klagen wäre. 

Die Allgemeinbeleuchtung des großen Saales besorgen vier, die 
des kleinen zwei Bogenlampen; dazu kommen zur Detailbeleuch- 
tung je vier Auerlampen über den großen, je zwei Tantal- oder 
Osramlampen über den kleinen Tischen und endlich elektrische 
Standlampen für die Fenstertische. Übrigens ist im kleinen Saal 
dafür gesorgt, daß beim Versagen der elektrischen Beleuchtung sofort 
Gasbeleuchtung eintreten kann. 

Endhch ist in beiden Sälen in ausreichender Weise für Wasch- 
gelegenheit mit Zuleitung von warmem und kaltem Wasser gesorgt. 



i6 ZI^^Zi: DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



Das neu aufgesetzte Obergeschoß des Nordflügels enthält den 
Mikroskopiersaal, einen Vorraum mit Bodentreppe, ein Assistenten- 
zimmer und zwei Arbeitszimmer für den ersten Prosektor. 

Der Mikroskopiersaal ist 28 m lang, 10 m breit und enthält 
87 sehr bequeme Arbeitsplätze. An der Südseite des Saales be- 
finden sich zehn, an der Nordseite neun Fenster, deren letztes eine 
Breite von 4 m hat. Die übrigen Fenster sind 1,60 m breit und 
3,50 m hoch. Abgesehen von dem einen, besonders großen, be- 
sitzt jedes nur drei Scheiben: oben eine Spiegelglasscheibe von 
1,60 : 1,50 m Fläche und unten zwei Scheiben aus gewöhnhchem 
rheinischen Glas von je 2 m Höhe und 0,80 m Breite. Kleine 
Scheiben wurden absichthch vermieden. 

Von den 87 Arbeitsplätzen befinden sich 45 an den Fenstern, 
die übrigen auf einem die Mitte des Saales durchziehenden Podium 
von 25,5 m Länge, 5 m Breite und 0,50 m Höhe. Die auf dem 
Podium Sitzenden sind in keiner Weise von den unten Arbeitenden 
und Vorübergehenden gestört. Für die Ausgestaltung der Plätze 
im allgemeinen haben mir die Arbeitsplätze an der zoologischen 
Station in Neapel, die als mustergültig gehen können, vorgeschwebt. 
Jeder Platz des Podiums ist i m lang und 0,8 m breit; die Fenster- 
plätze sind noch etwas länger. Je zwei Plätze haben eine gemein- 
same Wasserleitung, jeder für sich Gasleitung. Unter jedem Platz 
befindet sich ein horizontal geteilter kleiner Schrank zur Aufbewah- 
rung der Präparate und Instrumente. 

An der fensterlosen Schmalseite des Saales, an die das Podium 
heranreicht, befindet sich ein Vortragstisch und eine auswechselbare 
Tafel. Rechts und Hnks davon stehen eiserne Schränke, welche die 
Mikroskope enthalten. Es stehen gegenwärtig für die Mikroskopier- 
übungen 124 Mikroskope zur Verfügung. Ich lege Wert darauf, 
daß jeder Studierende sein bestimmtes Mikroskop zugewiesen er- 
hält, das er während des ganzen Semesters behäk und für das er 
verantwortlich ist. — Außerdem stehen den Studierenden 1 8 Mikro- 
tome, mehrere Paraffinöfen und sonstige zu histologischen Arbeiten 
nötige Utensilien zu Gebote. 

Der Mikroskopiersaal ist an den ersten fünf Wochentagen von 
8 — 12 und von 2 — 6 Uhr geöffnet; im Winter nur während des 



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DAS ANATOMISCHE INSTITUT ^ZZZIZ 17 

Vormittags. Der Sonnabend ist für den praktischen Unterricht in 
der Entwicklungsgeschichte reserviert. In den Sommermonaten 
findet der regelmäßige Unterricht in der Histologie in zwei Kursen 
statt, deren jeder an zwei Tagen der Woche von 2 — 5 Uhr ab- 
gehalten wird. 

Der Dachboden des Nordflügels enthält vier große Sammelkanäle 
für die Abluft. Um die Kanäle möglichst hoch in die freie Luft 
führen zu können und dadurch eine bessere Zerstreuung der Abluft 
zu erzielen, wurde ein Mansardendach als zweckmäßigste Dachform 
gewählt. — 

Für einen geregelten Leichenbezug sorgt eine Ministerialver- 
ordnung vom 21. September 1874. Darnach setzt sich das Leichen- 
material, das an die Anatomie geliefert wird, folgendermaßen zu- 
sammen: I. Aus sogenannten Anstaltsleichen, das sind Leichen 
aus den Straf- und Korrektionsanstalten in Waldheim, Hohnstein, 
Zwickau, Hoheneck, Voigtsberg, Bautzen, Sachsenburg, Radeberg 
und Grünhain; aus diesen Anstalten kommen nur solche Leichen 
auf die Anatomie, die keine Angehörigen haben oder für die die 
Angehörigen kein Begräbnis bezahlen. 2. Aus sogenannten Polizei- 
leichen, das sind Leichen von Selbstmördern, die von den An- 
gehörigen nicht reklamiert werden. 3. Aus den Leichen totgeborener 
Kinder und Leibesfrüchten unter 6 Monaten, die von den Ange- 
hörigen nicht beerdigt werden. 

Leipzig ist gegenwärtig die einzige Universität Deutschlands, 
an der keine sogenannten Armenleichen auf die Anatomie kommen. 
Über die Einteilung des Unterrichts ist folgendes zu bemerken. 
Die deskriptive Anatomie wird fast ausschließlich im Winter vor- 
getragen. Dabei hält der Direktor die Vorlesungen über Ver- 
dauungs- und Respirationssystem, Urogenitalsystem, Nervensystem 
und Sinnesorgane, und der erste Prosektor die Vorlesungen über 
Knochen-, Muskel- und Gefäßsystem. Ein zweites Kolleg über 
Osteologie wird im Sommer gelesen. Die Anatomie für Zahnärzte 
trägt der zweite Prosektor vor. Topographische Anatomie wird 
im Sommer vom Direktor, hauptsächlich für Hörer der klinischen 
Semester, gelesen; außerdem hält der erste Prosektor Situsdemon- 
strationen für Hörer der vorklinischen Semester. Über Entwick- 
ln. 3 



i8 ZIZZH^ DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



lungsgeschichte liest der Direktor während des Sommers; dabei 
werden auch Fragen der allgemeinen Biologie und Histologie be- 
sprochen. Über Histologie liest der zweite Prosektor, gleichfalls 
während des Sommers. Außer diesen typischen Vorlesungen werden 
fast regelmäßig noch solche über spezielle Kapitel, wie feineren 
Bau des Zentralnervensystems u. dgl. gehalten. — Die Präparier- 
übungen finden während des Wintersemesters statt. Der Präparier- 
saal ist, ausgenommen Sonnabend nachmittags, den ganzen Tag 
geöffnet. Die histologischen Übungen werden hauptsächlich während 
des Sommers unter der Leitung der beiden Prosektoren abgehalten. 
Wie schon erwähnt, ist der Mikroskopiersaal den ganzen Tag ge- 
öffnet. Im Winter ist der praktisch-histologische Unterricht auf 
die Vormittagsstunden beschränkt. Die entwicklungsgeschichthchen 
Übungen, für die, wie erwähnt, der Sonnabend reserviert ist, finden 
nur während des Sommers statt und sind dem ersten Assistenten 
zugewiesen. 

Außerdem halten die nicht im Dienste des Instituts stehenden 
außerordentlichen Professoren Otto Fischer und Sandor Kästner 
Spezialvorlesungen über verschiedene Kapitel der Anatomie und 
Entwicklungsgeschichte. 

Erster Prosektor am Anatomischen Institute ist gegenwärtig 
Prof. extraord. Werner Spalteholz. Er war vom i. April 1885, 
mit einer Unterbrechung im Jahre 1886, bis zum Tode Prof. Braunes 
Assistent an der topographisch-anatomischen Abteilung des Insti- 
tuts, darauf bis Ostern 1905 Kustos der anatomischen Sammlungen 
und ist seit dieser Zeit erster Prosektor. 

Zweiter Prosektor ist Prof. extraord. Hans Held. Von Juni 1891 
bis Ostern 1905 Assistent des Anatomischen Instituts, übernahm 
er zur genannten Zeit die Stelle des zweiten Prosektors. 

Seit derselben Zeit ist Dr. Felix Sieglbauer Kustos der anato- 
mischen Sammlungen und zugleich Assistent. Er war vorher 
längere Zeit bei Toldt in Wien Demonstrator, dann zwei Jahre 
lang bei mir in Prag Assistent und vor seiner Übersiedelung 
nach Leipzig Operateur an der chirurgischen Klinik v. Eiseisbergs 
in Wien. 



DAS ANATOMISCHE INSTITUT IIIIIZi: 19 



Die von der Regierung neubewilligte Stelle eines zweiten Assi- 
stenten ist zurzeit nicht besetzt. 

Außerdem sind am Institute noch vier sogenannte Vorpräpa- 
ranten angestellt. 



ANHANG. 



Verzeichnis der ordentlichen Professoren der Anatomie in Leipzig. (Die Professur für 
Anatomie und Chirurgie wurde im Jahre 1580 errichtet. Bis 1812 war die Professur 
der Anatomie mit der der Chirurgie verbunden, von da an bestehen für beide Fächer 

selbständige Professuren.) 



1. Georg Salmuth aus Leipzig, geb. 23. März 1554, gest. 7. April 1604. Anat. u 

Chir. Prof 1581 — 1586. 

2. Georg Walther aus Halle a|S., geb.?, gest. 10. November 1594. Anat. u. Chir. Prof 

1586— 1594. 

3. Joachim Tancke aus Perleberg i. d. Mark, geb. 9. Dez. 1557, gest. 17. Nov. 1609 

Anat. u. Chir. Prof 1595 — 1609. 

4. Sigismund Schilling aus Frankenstein in Schlesien, geb. 24. Juni 1575, gest. 14. Jan 

1622. Anat. u. Chir. Prof. 1609 — 1613. 

5. Johann Sieglitz aus Halle a/S., geb. 1576, gest. 2. Dez. 1620. Anat. u. Chir 

Prof. 1613 — 1620. 

6. Johann Jakob Reuter aus Graz in Steiermark, geb. 24. Juni 1591, gest. 20. Okt. 1623 

Anat. u. Chir. Prof 1621 — 1623. 

7. Johann Rupert Sultzberger aus Graz in Steiermark, geb. u. gest.? Anat. u. Chir. 

Prof. 1623 — 1631. 

8. Johann Zeidler aus Löwenberg in Schlesien, geb. 16. Aug. 1596, gest. 13. Nov. 1645 

Anat. u. Chir. Prof 163 1 — 1643. 

9. Johann Hoppe aus Löwenberg in Schlesien, geb. 7. Juli 1616, gest. 14. März 1654 

Anat. u. Chir. Prof 1644 — 1647. 

10. Christian Lange aus Luckau i. d. Niederlausitz, geb. 9. Mai 1619, gest. 14. März 1662 

Anat. u. Chir. Prof 1647 — 1654. 

11. Gottfried Welsch aus Leipzig, geb. 12. Nov. 1618, gest. 5. Sept. 1690. Anat. u 

Chir. Prof 1654 — 1662. 

12. Sigismund Rupert Sultzberger aus Dresden, geb. 1628, gest. 7. April 1675. Anat 

u. Chir. Prof 1663— 1668. 

13. Johann Bohn aus Leipzig, geb. 20. Juli 1640, gest. 19. Dez. 1718. Anat. u. Chir 

Prof 1668— 1691. 

14. Andreas Petermann aus Werblin, geb. 7. März 1649, gest. 3. April 1703. Anat 

u. Chir. Prof 1691 — 1703. 

15. Johann Christian Schamberg aus Leipzig, geb. 21. April 1667, gest. 4. Aug. 1706 

Anat. u. Chir. Prof 1704 — 1706. 

16. Johann Wilhelm Pauli aus Leipzig, geb. 19. Febr. 1658, gest. 13. Juli 1723. Anat 

u. Chir. Prof 1706 — 1719- 



20 IZ^IIIZ DAS ANATOMISCHE INSTITUT 



17. Polycarp Gottlieb Schacher aus Leipzig, geb. 26. Jan. 1674, gest. 4. März 1737. 

Anat. u. Chir. Prof. 1719 — 1723. 

18. Augustin Friedrich Walther aus Wittenberg, geb. 26. Okt. 1688, gest. 12. Okt. 1746. 

Anat. u. Chir. Prof. 1723— 1732. 

19. Johann Zacharias Platner aus Chemnitz, geb. 16. Aug. 1694, gest. 19. Dez. 1747. 

Anat. u. Chir. Prof 1733 — 1737. 

20. Johann Ernest Hebenstreit aus Nauenhof bei Neustadt a'Orla, geb. 15. Juli 1702, 

gest. 5. Dez. 1757. Anat. u. Chir. Prof. 1737 — 1747. 

21. Samuel Theodor Queilmaltz aus Freiberg in Sachsen, geb. II. Mai 1696, gest. 

10. Febr. 1758. Anat. u. Chir. Prof 1747 — 1748. 

22. Justus Gottfried Güntz aus Königstein in Sachsen, geb. I. März 1714, gest. 23. Juni 

1754 Anat. u. Chir. Prof. 1748 — 1751 (bzw. 1754). 

23. Johann Benjamin Boehmer aus Liegnitz, geb. 14 März 1719, gest. 11. März 1754. 

Anat. u. Chir. Prof. 1752— 1754 (Substitutus Güntzii). 

24. Christian Gottlieb Ludwig aus ßrieg in Schlesien, geb. 30. April 1709, gest. 7. Mai 

1773 Anat. u. Chir. Prof 1754 — 1758. 

25. Anton Wilhelm Plaz aus Leipzig, geb. l. Jan. 1708, gest. 26. Febr. 1784. Anat. 

u. Chir. Prof vom 27. Jan. bis 15. März 1758. 

26. Carl Friedrich Hundertmark aus Zeitz, geb. II. April 1715, gest. 8. Mai 1762. 

Anat. u. Chir. Prof. 1758 — 1762. 
2"]. Johann Gottfried Janke aus Bautzen, geb. 16. Nov. 1724, gest. 20. Jan. 1763. Anat. 
u. Chir. Prof 1762 — 1763. 

28. Johann Christoph Pohl aus Lobendau bei Liegnitz, geb. 22. Juni 1706, gest. 26. Aug. 

1780. Anat. u. Chir. Prof. 1763 — 1773. 

29. Ernst Gottlob Böse aus Leipzig, geb. 30. April 1723, gest. 22. Sept. 1788. Anat. 

u. Chir. Prof 1773 — 1781. 

30. Johann Carl Gehler aus Görlitz, geb. 17. Mai 1732, gest. 6. Mai 1796. Anat. u. 

Chir. Prof. 1781— 1784. 

31. Johann Gottlob Haase aus Leipzig, geb. 14. Dez. 1739, gest. 10. Nov. 1801. Anat. 

u. Chir. Prof 1784 — 1801. 

32. Carl Gottlob Kühn ausSpergau bei Merseburg, geb. 12. Juni 1754, gest. 19 Juni 1840. 

Anat. u. Chir. Prof. 1802 — 1804. 

33. Johann Christian Rosenmüller aus Heüberg bei Hildburghausen, geb. 25 Mai I77i> 

gest. 29. Febr. 1820. Anat. u. Chir., Prof. 1804— 1812; Anat., Prof. 1812 
bis 1820. 

34. Ernst Heinrich Weber aus Wittenberg, geb. 24. Juni 1795, gest. 26. Jan. 1878. 

Anat. Prof. 182 1 — 1871, zugleich Physiol. Prof. 1840 — 1865. 

35. Wilhelm His aus Basel, geb. 9. Juli 1831, gest. l. Mai 1904. Anat. Prof. 1872 

bis 1904. 

36. Christian Wilhelm Braune aus Leipzig, geb. 17. Juli 1831, gest. 29. April 1892. 

Anat. topogr. Prof. 1872 — 1892. 

37. Carl Rabl aus Wels in Oberösterreich, geb. 2. Mai 1853. Anat. Prof. seit 1904. 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT. 

DIREKTOR: EWALD HERING. 



Bis zum Jahre 1865, in welchem Carl Ludwig sein Amt als 
Professor der Physiologie in Leipzig antrat, gab es hier nichts, 
was den Namen eines physiologischen Instituts verdient hätte. Noch 
sein Vorgänger Ernst Heinrich Weber, der die Lehrkanzeln der 
Anatomie und Physiologie zugleich innehatte, und dessen Bruder 
Eduard Weber hatten ihre klassischen experimentell-physiologischen 
Untersuchungen in denselben höchst bescheidenen Räumen aus- 
geführt, welche ihnen als Lehrern der Anatomie zur Verfügung 
standen. C. G. Lehmann, ordentlicher Professor der physiologischen 
und pathologischen Chemie (1856 nach Jena berufen), war auf ein 
Privatlaboratorium angewiesen; Otto Funke (1860 nach Freiburg i. B. 
berufen) hatte für seine physiologischen und chemischen Arbeiten 
nur ein Zimmer im damaligen Jakobshospitale zur Verfügung. 

Im Jahre 1865 wurde wieder eine besondere Lehrkanzel für 
Physiologie geschaffen und Carl Ludwig an dieselbe berufen. Nach 
seinen Entwürfen wurde sofort ein vorläufiges Institut in einem 
Mietraum (Sternwartenstraße) eingerichtet und zugleich ein Neubau 
in Aussicht genommen. Im Herbste 1869 konnte derselbe (in der 
früheren Waisenhausstraße, jetzt Liebigstraße) bezogen werden. 

Dieses nach heutiger Auffassung kleine Institut durfte damals 
als eine glänzende Bereicherung der Lehr- und Forschungsanstalten 
der Universität gelten, deren Hörerzahl noch nicht das erste Tausend 
erreicht hatte. 



22 ZUZZI DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT I^^^^ 

Das noch heute den Hauptteil des jetzigen Instituts bildende 
Gebäude gliederte sich in einen östlichen Mittelbau, an den sich 
nach Süden der in den Hof gebaute Hörsaal anschloß, und in einen 
nördHchen, für mikroskopische Arbehen und einen südlichen, für 
chemische Arbeiten bestimmten Flügel. Doch diente zu wissen- 
schaftHchen Zwecken nur das Erdgeschoß und ein Teil des Keller- 
geschosses, während das Obergeschoß ausschließlich Wohnungen 
enthielt. 

Das Institut entwickehe sich schnell zu einer berühmten Pflanz- 
schule für experimentell-physiologische Forschung, und die bis zum 
Jahre 1875 in den Schriften der Königl. sächs. Gesellschaft der 
Wissenschaften, weiterhin bis zu Ludwigs Tode in du Bois-Rey- 
monds Archiv für Physiologie veröffentlichten Institutsarbeiten tragen 
eine lange Reihe später berühmt gewordener Namen an ihrer Spitze. 

Während in dem provisorischen Institute außer dem Direktor 
nur ein histologischer Assistent fungiert hatte, kamen im neuen 
Institut ein physikalischer und ein chemischer Assistent hinzu^). Der 
anfangs hier erteihe histologische Unterricht für Anfänger wurde 
später ganz von der anatomischen Lehrkanzel übernommen. Die 
chemische Abteilung des Instituts war ebenfalls nicht nur für phy- 
siologische Forschungen, sondern auch für den physiologisch- 
chemischen Unterricht der Anfänger bestimmt. Ludwig suchte die 
Entwicklung dieser Abteilung in jeder Weise zu fördern. So wurde 
im Jahre 1883 eine zweite Assistentenstelle für die chemische Ab- 
teilung geschaffen und im Jahre 1892 die Stellung des Leiters 
der Abteilung wesentlich verbessert. Bis zur Wiederherstellung der 

i) Verzeichnis der bisherigen Assistenten des Physiologischen Instituts seit dem 
Jahre 1867: Franz Schweigger-Seidel (1867— 1871), Gustav Hüfner (1869—1872), J. J. 
Müller (1869— 1871), Hugo Kronecker (1871 — 1876), G. A. Schwalbe (1872 — 1873), 
Edmund Drechsel (1872 — 1892), Paul Flechsig (1873 — 1878), Joh. von Kries (1877 bis 
1880), Justus Gaule (1878— 1885), Max von Frey (1880—1897), Franz Hundeshagen 
(1883— 1885), Paul Starke (1885— 1886), Ludwig Reese (1885— 1888), O. Drasch 
(1886— 1889), Max Siegfried (1888 bis jetzt), Rudolf T. Metzner (1889— 1890), Paul 
Starke (1890— 1891), Richard Mosen (1891— 1892), Hugo Welzel (1891), Otto Frank 
(1892— 1894), Alfred Schützhold (1892— 1894), Hans Wislicenus (1893— 1894), Paul 
Balke (1894— 1897), Wilhelm Massot (1894— 1895), Siegfried Garten (1894— 1908), 
Franz Hofmann (1895— 1905), Volkmar Störmer (1897), Richard Burian (1897— 1905), 
Armin Tschermak (1898— 1899), Alfred Noll (1899 — 1900), Friedrich Nicolai (1901 
bis 1903), Johannes Rietschel (1901 — 1902), Walter Sülze (1903 bis jetzt), Ernst von 
Brücke (1905 bis jetzt), Rudolf Dittler (1905 bis jetzt). 



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DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 23 



ordentlichen Lehrkanzel für physiologische Chemie aber ist es bis 
heute nicht gekommen. Als im Jahre 1895 C. Ludwig gestorben 
war, bemühte sich sein Nachfolger im Einvernehmen mit der medi- 
zinischen Fakultät vergebens um die Schaffung eines selbständigen 
Instituts für physiologische Chemie. Doch erscheint bei der heutigen 
Entwicklung der Biochemie die Errichtung einer ordentüchen Lehr- 
kanzel und eines genügenden Institutes für dieses Fach nur noch 
als eine Frage der Zeit. 

Da die immer umfänglicher werdende experimentelle Methodik 
neue Räumlichkeiten, und die stark gewachsene Zahl der Studierenden 
größere Unterrichtsräume forderte, so wurden im Jahre 1895 die 
bis dahin als Wohnungen dienenden Zimmer des Obergeschosses 
im südlichen Flügel für wissenschaftliche Arbeiten eingerichtet und 
durch einen im Jahre 1898 vollendeten Anbau ein größerer Hörsaal 
nebst vier, hauptsächlich für Unterrichtszwecke bestimmte Zimmer 
gewonnen. Dieser auf den Planskizzen durch Schraffierung der 
Mauern gekennzeichnete Anbau schloß sich dem am Westende 
des südlichen Flügels gelegenen Stiegenhause an, aus dem nun 
sowohl der ältere als der neue Teil des Instituts zugänglich ist. 
Zugleich wurde in einem hinter dem Institute befindlichen Hof- 
gebäude eine geräumige mechanische Werkstätte, statt der kleinen 
im Kellergeschoß befindlich gewesenen, eingerichtet und ein tech- 
nischer Assistent als Leiter derselben bestellt. Auch für eine weitere, 
voraussichtlich bald notwendig werdende Vergrößerung des Instituts 
ist seitdem durch Ankauf des nach Süden angrenzenden Grund- 
stückes bereits Sorge getragen. 

Die bisherige Entwicklung der biologischen und der medizinischen 
Wissenschaften läßt erwarten, daß einerseits an den philosophischen 
bzw. naturwissenschaftlichen Fakultäten die Schaffung von Lehr- 
kanzeln für Zoophysiologie unabweislich werden, andererseits der 
physiologische Unterricht an den medizinischen Fakultäten, weil er 
in erster Linie für künftige Ärzte zu erteilen ist, sich mehr und 
mehr auf die Physiologie des Menschen konzentrieren wird. Mit 
alldem wird in den physiologischen Instituten eine wohltätige Arbeits- 
teilung nicht nur in der Forschung, sondern auch im Unterricht 
einhergehen, was wieder für die künftige Einrichtung solcher An- 



24 HZZZI DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 

staken maßgebend werden wird. Eine einzige, in den Rahmen 
der medizinischen Fakultät eingefügte Lehrkanzel der Physiologie 
vermaa: den Bedürfnissen einer Universitas literarum weder in rein 
wissenschaftlicher noch in didaktischer Beziehung zu genügen. Die 
jetzigen physiologischen Lehrkanzeln kranken an dem Mißverhältnis 
zwischen dem weiten Umfange ihrer Aufgaben und den notwendig 
viel engeren Grenzen ihrer Kräfte. 



DIE UNTERRICHTSRÄUME. 

Der im Neubau befindliche Hörsaal von 14x11 m Bodenfläche 
und 7,5 m Höhe hat an der Ost- und Westwand je drei große 
Fenster und Oberlicht. Die Verdunkelungsvorrichtung der ersteren 
ist mit der Hand, die des Oberlichtes durch einen Elektromotor 
zu bewegen. Der Saal enthält 162 Sitzplätze, die mit der Ent- 
fernung vom Experimentiertisch ansteigen. Der letztere ist 8 m 
lang und i m breit. Der mittlere Teil seiner Vorderwand kann 
entfernt und das entsprechende Stück der Tafel heruntergeklappt 
werden. Auf diese Weise wird der Tisch in zwei Tische geteilt, 
so daß der Dozent auch direkten Zutritt zu den Hörern und den 
im Hörerraume aufgestellten Projektionsapparaten haben kann, bzw. 
größere Apparate in dem Räume zwischen den beiden Tischhälften 
aufgestellt werden können. Auf der dem Dozenten zugewandten 
Seite des Tisches sind die nötigen Fächer und Schubkästen an- 
gebracht. 

Die Ausstattung des Tisches ist derart, daß alle Anschlüsse im 
Nichtgebrauchsfalle verdeckt in der Tafel liegen, im Gebrauchsfalle 
durch angeschraubte Stutzen zur Verfügung stehen. Hierdurch wird 
erreicht, daß einerseits überall ausreichend Gas, Wasser und Elek- 
trizität vorhanden ist, andererseits bei Aufstellung umfänglicher 
Apparate die Anschlüsse nicht hinderlich sind. Die Hähne und Ein- 
schalter befinden sich durchweg an der dem Dozenten zugewandten 
Seite, die Anschlüsse und Kontakte selbst an der entgegengesetzten 
Seite des Tisches. Es sind vorhanden: 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



25 



1. ein im Nichtgebrauchsfaile verdecktes Wasserbecken mit ab- 
schraubbarem Wasserstutzen, 

2. 6 Wasseranschlüsse, 




3. 6 Gasanschlüsse, 

4. 4 elektrische Kontakte (iio Volt). Da auf der linken Seite 
des Tisches der eine Zweig des städtischen Dreileitersystems, 

4 



lU. 



26 ZZUZZ DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



auf der anderen Seite der andere Zweig angeschlossen ist, 
liefert der Tisch bei Benutzung des einen Poles vom linken 
Teile, des anderen Poles vom rechten Teile des Tisches auch 
220 Volt Spannung, 

5. Kontakte für Induktionsströme, welche aus dem anstoßenden 
Vorbereitungszimmer zugeleitet werden können, 

6. Anschlüsse an die Akkumulatorenleitung, 

7. Druckluftanschluß, mit einem im Nebenzimmer montierten 
Wassergebläse verbunden, 

8. Vakuumanschluß, mit einer im Hörsaale befindlichen Wasser- 
strahlpumpe verbunden, 

9. Abzugsanschluß mit aufsetzbarem Trichter aus Zinkblech, mit 
einer Abzugsesse im Nebenzimmer verbunden. 

An der hinter dem Experimentiertische gelegenen Wand be- 
finden sich zwei vertikal verschiebbare Schreibtafeln, deren eine aus 
drei Teilen, und zwar rechts und links aus schwarzen Tafeln, in 
der Mitte aus einem matten Durchpausglase besteht. Über und 
neben den Tafeln sind bewegliche Gehänge zur Anbringung von 
Demonstrationstafeln vorhanden. Der hinter den Schreibtafeln ge- 
legene Teil der Wand ist mit Gips überzogen und hefert nach 
Herabziehen der Schreibtafeln die Projektionsfläche für die beiden 
Projektionsapparate. 

Der eine dieser Apparate, ein Epidiaskop, ist unten zwischen 
der ersten Sitzreihe aufgestellt, der zweite, zwischen den höchsten 
Sitzreihen befindliche, ist ein Doppelapparat, der die gleichzeitige 
Projektion zweier Bilder auf dieselbe Wandstelle gestattet. 

Der Saal wird durch vier Bogenlampen und zwei Orientierungs- 
glühlampen elektrisch beleuchtet und hat zwei Zugänge. Der eine, 
für die Studierenden bestimmte, befindet sich an der Nordwestecke, 
der andere, an der Nordostecke gelegene, führt in das Vorbereitungs- 
zimmer, mit dem der Hörsaal außerdem durch eine kleine, von 
zwei Seiten zugängliche Kapelle verbunden ist. 

In diesem Hörsaale werden außer den Hauptkollegien über Phy- 
siologie (6 stündig durch 2 Semester) und physiologische Chemie 
(2 stündig durch i Semester) auch Spezialvorlesungen der Dozenten 
des Instituts abgehalten, und überdies wird derselbe, wie auch die 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



27 



Unterrichtsmittel des Instituts, anderen Dozenten zu physiologischen 
Vorlesungen zur Verfügung gestellt. 

Aus dem Vorbereitungszimmer, dessen Wandschränke mit den 
zu Unterrichtszwecken dienenden Apparaten, Modellen und Gerät- 
schaften gefüllt sind, führt eine Wendeltreppe zu den Demonstrations- 
zimmern, in denen im Anschluß an die Vorlesungen alles das ge- 
zeigt wird, was sich nur aus der Nähe genauer beobachten läßt. 
Die Hörer teilen sich dabei in Gruppen, und es wird entweder den 
einzelnen Gruppen an mehreren Stellen gleichzeitig dasselbe ge- 
zeigt, oder die Gruppen wechseln die Plätze, an deren jedem etwas 




anderes, aber so oft vorgeführt wird, bis alle Teilnehmenden es 
gesehen haben. 

Die Demonstrationszimmer wurden so eingerichtet, daß sie 
außer zu Unterrichtszwecken auch für wissenschaftliche Unter- 
suchungen benutzt werden können. Sie sind auch von der Haupt- 
stiege teils direkt, teils durch einen kurzen Korridor zugänglich, 
welcher in großen Wandschränken die W\indtafeln und andere 
Unterrichtsbehelfe enthält. 

Das größte Demonstrationszimmer erstreckt sich durch den ganzen 
Neubau von Ost nach West. Beide Schmalseiten sind eingenommen 
von je einer Fensterfläche von 3,5 m Breite und 2,8 m Höhe. Breite 
Fenstertische dienen insbesondere den mikroskopischen Demon- 



28 IIZZZ: DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



strationen. Zwei große Glasschränke mit Schiebetüren enthalten 
Apparate, vorwiegend für Vorlesungszwecke. Mehrere Laboratoriums- 
schränke, Tische und zwei Abzüge vervollständigen die Einrichtung. 
Außerdem ist in diesem Raum eines der großen Schleifenkymo- 
graphien samt Berußungs- und Fixierungseinrichtung aufgesteUt. 
Hier werden den Studierenden nach der Vorlesung viele von den 
Versuchen vorgeführt, für die eine graphische Registrierung er- 
forderlich ist. 

Nach Norden stößt an dieses Demonstrationszimmer ein kleineres 
zweifenstriges, das sich verdunkeln läßt, und durch einen recht- 
eckigen Einschnitt in der Wand mit dem dritten Demonstrations- 
zimmer zum Zwecke ausgedehnterer optischer Versuche verbunden 
ist („Zweizimmeranordnung"). Das Mobiliar besteht aus mehreren 
Schränken und Arbeitstischen. 

Das dritte Demonstrationszimmer ist schwarz gestrichen und 
besitzt drei Fenster mit Rolläden zur Verfinsterung. Das west- 
liche Fenster ist mit einem besonders großen, von weitem her 
mittels Bandschleifen verstellbaren Diaphragma ausgerüstet, um bei 
beliebigen Beleuchtungsstärken beobachten zu können. Die maxi- 
male Öffnung des Diaphragmas beträgt beiläufig 50 qdm. 

Der im Erdgeschoß befindliche alte Hörsaal von 10x8 qm 
Bodenfläche wurde nach Erbauung des neuen Hörsaales für die 
Abhaltung der physiologischen Übungen eingerichtet, welche durch 
eine neue Prüfungsordnung für alle Studierenden der Medizin vor- 
geschrieben worden sind. Neun beliebig verstellbare Arbeitstische, 
an denen je 2 — 4 Praktikanten Platz finden können, sind hier außer 
zwei Tischen für die Dozenten aufgestellt, und an den sechs Fenstern 
noch weitere Arbeitsplätze eingerichtet. Zur Aufbewahrung der 
bei den Übungen benutzten und in entsprechend vielen Exemplaren 
vorhandenen Apparate und Utensilien dienen große Wandschränke 
zu beiden Seiten der Wandtafel. Für gewisse optische Übungen 
kann der Saal verdunkelt werden. 

Diese praktischen Übungen für Anfänger werden (3 mal 2 Stunden 
durch I Semester) sowohl im Sommer als im Winter unter der 
Oberleitung des Direktors abgehalten und zwar in ihrem physio- 
logisch-chemischen Teile vom Leiter der chemischen Abteilung 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT ZZZ^ 29 

und einem in dieser Abteilung fungierenden Assistenten, im übrigen 
von den anderen Assistenten des Instituts. Ist die Zahl der Teil- 
nehmer größer als etwa 30, so werden dieselben in zwei Gruppen 
geteilt und die Unterrichtsstunden entsprechend verdoppelt. 

Die in der chemischen Abteilung zu Unterrichtszwecken be- 
stehenden Einrichtungen werden bei Besprechung dieser Abteilung 
noch zu erwähnen sein. 



DIE ARBEITSRÄUME. 

Außer im ganzen Erdgeschosse befinden sich Arbeitsräume auch 
im Obergeschosse des südlichen Flügels und im Kellergeschosse. 
Aus dem am westlichen Ende des Nordflügels befindlichen Stiegen- 
hause, welches zugleich den Zugang zu der im Obergeschosse 
gelegenen Amtswohnung des Direktors enthält, gelangt man in 
einen sich entlang aller drei Hofseiten des Erdgeschosses erstreckenden 
Korridor, in welchen sämtliche Zimmer einmünden. Zunächst ein 
großes dreifenstriges Arbeitszimmer, dessen Fensterplätze, entsprechend 
ihrer Lage nach Norden, hauptsächlich zu mikroskopischen Arbeiten 
benutzt werden. Zwei größere Schränke enthalten die nötigen Glas- 
sachen und Reagenzien, zwei weitere Glasschränke dienen zur 
Aufbewahrung der häufiger gehrauchten elektrophysiologischen 
Apparate und der Instrumente für vivisektorische Arbeiten. Hierzu 
kommen noch Operationstische, ein Paraffinofen und ein Sterili- 
sierungsapparat. Es folgen zwei unter sich und mit dem eben be- 
sprochenen Raum kommunizierende für die Assistenten reservierte 
Zimmer, welche insbesondere auch für histologische Arbeiten aus- 
gerüstet sind. 

Weiterhin gelangt man aus dem Korridor zur Bibliothek, welche 
aus einem großen dreifenstrigen Eckzimmer und einem nach Süden 
angrenzenden einfenstrigen Zimmer besteht, das früher allein als 
Bibliothek genügte, während das größere das Arbeitszimmer Carl 
Ludwigs war. Das erstere enthält jetzt in seinen bis zur Decke 
reichenden Regalen ausschließlich Zeitschriften, das letztere in Glas- 
schränken außer den übrigen Zeitschriften die Monographien. Zu- 
gleich dient dasselbe als Schreib- und Lesezimmer, und während 



30 ZIZZIZ DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



einiger Wochen des Jahres werden daselbst die öffentlichen theo- 
retischen Prüfungen abgehalten. 

Im östlichen Mitteltrakt des Erdgeschosses folgt ein zweifenstriges, 
früher besonders zu Versuchen am lebenden Tiere benutztes Zimmer, 
dem jedoch jetzt wegen des hohen Baumwuchses der benachbarten 
Gärten das zu feineren Arbeiten nötige Licht fehlt, daher es nur 
ausnahmsweise und besonders im Winter zu wissenschaftlichen 
Arbeiten benutzt wird. Ein größerer Wassertrog dient hier zur 
Reinigung der Glassachen, und in den beiden in den Raum ein- 
gebauten Kapellen werden die Elemente für elektrophysiologische 
Arbeiten aufbewahrt. Ferner ist der Raum mit einem Tisch zum 
Glasblasen versehen, der für die laufenden Arbeiten von den Labo- 
ranten benutzt wird. 

Der folgende zweifenstrige Raum dient speziell den elektro- 
physiologischen Versuchen am Saitengalvanometer. Zum bequemeren 
Arbeiten sind beide Fenster interimistisch verdunkelt. Auf stabilem 
Tisch in der Mitte des Raumes steht ein großes Edelmannsches 
Saitengalvanometer (nach Einthoven). Ihm gegenüber sind ein Fall- 
apparat zur photographischen Registrierung und eine 50 Ampere- 
Bogenlampe mit Stadtstromanschluß fest aufgestellt. 

Durch eine Doppeltür gelangt man in das anstoßende einfenstrige 
Dunkelzimmer, das beim Arbeiten am Saitengalvanometer zur Ent- 
wicklung der aufgenommenen Kurven dient. Auch ist hier ein 
Thomson-Galvanometer dauernd aufgestellt. 

Die drei zuletzt genannten Zimmer wurden zur Zeit, als der 
jetzige kleine Hörsaal als Auditorium diente, auch zu den Vor- 
bereitungen für die Vorlesung benutzt, und es wurden hier unter 
Carl Ludwig die zahlreichen vivisektorischen Arbeiten ausgeführt. 
Noch jetzt befinden sich an der Decke dieser Zimmer Transmis- 
sionen, die seinerzeit durch Antrieb mittels Gasmotor eine Pumpe 
zur künstlichen Atmung und Kymographien mit fortlaufendem 
Papier in Gang setzten. Von dem stabil aufgestellten Atmungs- 
apparat führte eine besondere Leitung bis in den an der anderen 
Seite des Korridors gelegenen Hörsaal, so daß auch während der 
Vorlesung vom Nebenraume aus die künstliche Atmung der Ver- 
suchstiere unterhalten werden konnte. Bei dem jetzigen elektrischen 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT ZZZI^ 31 



Betriebe lassen sich, ganz abgesehen von den mit Uhrwerk ver- 
sehenen Apparaten, die Kymographien und die Apparate für künst- 
liche Atmung in jedem Arbeitszimmer in Betrieb setzen. 

Das folgende, früher fast ausschließlich zu Blut-Gasanalysen be- 
nutzte zweifenstrige, mit zwei Kapellen versehene Zimmer dient 
auch jetzt hauptsächlich zu Arbeiten, welche die Verwendung größerer 
Quecksilbermengen erfordern. Außer zwei Apparatenschränken und 
einem für die Arbeiten mit Quecksilber eingerichteten Tische ent- 
hält es eine an der Nordwand montierte Quecksilberluftpumpe und 
einen Quecksilberdestillierapparat. 

Dieses Zimmer bildet gewissermaßen den Übergang zu den im 
südlichen Flügel des Erdgeschosses gelegenen Räumen der chemischen 
Abteilung (siehe daselbst). 

Die Arbeitszimmer des Obergeschosses befinden sich sämtlich 
an der Südseite des südlichen Flügels und sind einerseits von der 
Hauptstiege des Instituts zugänglich, andererseits durch eine innere 
Treppe mit dem Korridor des Erdgeschosses in unmittelbarer Ver- 
bindung. (Vergl. Abbildung S. 27.) 

Von der Hauptstiege gelangt man zunächst in ein Vorzimmer, 
das durch Abtrennung eines entsprechenden Teiles des zureichend 
breiten Korridors gewonnen wurde. Dasselbe enthält das Telephon 
(Stadtanschluß) und alles Nötige für die Beschäftigungen eines im 
Schreiben, Zeichnen und in kleineren technischen Arbeiten geübten 
Institutsdieners. Von hier führt eine Türe in ein großes für sinnes- 
physiologische und besonders optische Untersuchungen eingerichtetes, 
weiß getünchtes Zimmer. Dasselbe empfängt durch seine mit großen 
Spiegelglasscheiben versehenen Fenster reichliches Himmelslicht, 
kann aber auch vollständig verdunkelt bzw. durch zwei Bogen- 
lampen intensiv beleuchtet werden. Seine ganz freigelassene öst- 
liche Wand ist für optische Versuche mit einem rechtwinkligen 
Koordinatensystem versehen. Der eine Fensterladen hat zwei Aus- 
schnitte (von 57x37 cm), die mit farbigen oder farblosen in Schlitten- 
führungen beweglichen Glasscheiben versetzt und nach Breite und 
Höhe beliebig abgeblendet werden können. Teils in Glasschränken, 
teils auf besonderen Trägern befinden sich die zahlreichen optischen 
Apparate. Eine Türe, deren eine Füllung entfernt ist und durch 



32 ZZZZZ DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



beliebige Diaphragmen mit oder ohne farbiges Glas ersetzt werden 
kann, führt in ein einfenstriges, schwarz getünchtes Zimmer, welches 
je nach Bedarf mit Hilfe einer Doppeltüre und eines großen Fenster- 
ladens lichtdicht verfinstert werden kann. Der letztere enthält ein 
größeres und ein kleineres Aubertsches Diaphragma. 

Durch eine zweite Türe des Vorzimmers gelangt man in den 
zweiten Abschnitt des Korridors, welcher einen Schrank für größere 
optische, akustische und elektrische Apparate enthält, und von hier 
in ein zweifenstriges Arbeitszimmer. In den drei Glasschränken 
desselben befinden sich fast ausschließlich Apparate zu elektro- 
physiologischen und myographischen Untersuchungen, darunter in 
ausgezeichneter technischer Ausführung eine Reihe von Carl Lud- 
wig konstruierter Vorrichtungen. Ein auf einem Wandkonsol auf- 
gestelltes Thomson-Galvanometer nebst Zubehör und ein Engel- 
mannsches Pantomyographion vervollständigen die Ausrüstung. 
Wegen seiner vorzüglichen Beleuchtung und weil es beliebig ver- 
finstert werden kann, dient dieses Zimmer auch zu optischen Ver- 
suchen. Seine westliche Türe führt in ein kleines einfenstriges 
Zimmer, das einen chemischen Arbeitstisch mit Schrankaufsatz, ein 
größeres Wasserbecken und eine Kapelle enthält. 

Nach Osten schließt sich ein einfenstriges, auch vom Erdgeschosse 
durch die schon erwähnte Innenstiege erreichbares Zimmer an, 
welches zur vorläufigen Auslage neuer Zeit- und Akademieschriften 
benutzt wird und den Institutsangehörigen stets zugänglich ist. 
Dasselbe dient zugleich als Vorzimmer für das hier den Abschluß 
der Arbeitszimmer bildende Zimmer des Direktors, das durch elek- 
trische Klingelanlagen bzw. Haustelephon mit den Institutsräumen 
verbunden ist. Außerdem führt ein Sprachrohr zur Werkstätte. 
Das geräumige Zimmer enthält außer Schreibtisch und mehreren 
Arbeitstischen eine Handbibliothek des Direktors, einen großen 
Glasschrank für wertvollere Apparate, zwei kleinere Glasschränke 
und eine Kapelle. 

Über diesem Eckzimmer befindet sich in Dachhöhe ein vom 
Korridor durch eine besondere Stiege zugängliches, ausschließlich 
für gewisse optische Versuche bestimmtes Zimmer von 45 qm Boden- 
fläche. Seine vier ganz freistehenden Wände enthalten je ein großes, 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 33 



durch eine einzige Glasscheibe geschlossenes Fenster urrd durch 
ein großes Oberlichtfenster empfängt es noch überdies Zenithcht. 
Auf einem Mitteltisch läßt sich eine aus drei großen Spektroskopen 
und einem Mischapparat zusammengesetzte Vorrichtung zur spek- 
tralen Farbenmischung aufstellen, welche außer durch Himmelslicht 
auch durch drei mit den Kollimatorrohren fest verbundene Nernst- 
lampen von 250 Volt Spannung belichtet werden kann. 

Im Kellergeschoß läuft ebenso wie im Erdgeschosse durch das 
ganze ältere Gebäude an der Hofseite ein Korridor, der durch zwei 
innere Stiegen mit dem oberen Korridor in Verbindung steht. Die 
in diesem Geschosse zu wissenschaftlichen Arbeiten eingerichteten 
Zimmer befinden sich teils an der nordwestlichen Ecke, teils im 
südlichen Flügel des Gebäudes. Die letzteren sind der chemischen 
Abteilung (siehe daselbst) ausschließlich zugeteilt; zu den ersteren 
gehört das zementierte zweifenstrige Aquariumzimmer, an das sich 
nach Westen ein ebenfalls zementiertes einfenstriges Arbeitszimmer 
anschließt. Beide Zimmer können in Ermangelung eines besonderen 
Tierspitales auch zur Unterbringung kleinerer, in Käfigen befind- 
licher Tiere benutzt werden. 

Nach Süden schließen sich zwei zu Versuchen am Kapillar- 
elektrometer bestimmt gewesene und entsprechend eingerichtete 
Zimmer an, welche seit Einführung der Saitengalvanometer nicht 
mehr hierzu benötigt werden, weil noch zwei unter dem neuen 
Hörsaal befindliche und durch größere Entfernung von der Straße 
besonders dazu geeignete Zimmer für kapillarelektromotorische Ar- 
beiten ausgerüstet sind. 

Das eine dieser Zimmer enthält die Kapillarelektrometer-Ein- 
richtung und ist durch eine hölzerne Wand in zwei Abteilungen 
geschieden. In der einen ist die zur Beleuchtung dienende Bogen- 
lampe von 50 Ampere und auf einem großen erschütterungsfreien 
Sockel das Kapillarelektrometer aufgestellt; in der anderen verdunkelten 
Abteilung befindet sich die photographische Registriervorrichtung. 
Das zweite Zimmer kann außer zu den vorbereitenden Operationen 
auch zur photographischen Entwicklung benutzt werden. Ein kleiner 
nebenan befindlicher Behälter dient zur vorübergehenden Aufbewah- 
rung von Fischen in fließendem Wasser. 

III. 5 



34 ^mm DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 

Außerdem enthält der unter dem neuen Anbau befindliche Teil 
des Kellergeschosses den Kesselraum für die Dampfheizung des 
Neubaues und die Modell- und Materialkammer für die mechanische 
Werkstätte. Im Kellergeschoß des alten Gebäudeteils aber befinden 
sich außer den schon genannten Arbeitszimmern die Winterställe 
für Hunde und Kaninchen, und die Räume für die aus 27 großen 
Zellen bestehende Akkumulatorenbatterie, für eine große Zentrifuge, 
einen Destillierapparat und einen großen Eisbehälter, endlich die 
Waschküche und die Vorratsräume für Heizmaterial, Glaswaren usw. 

Zwischen der Südseite des Instituts und dem Werkstattgebäude 
Hegen in je einem eingefriedeten Räume das von Grasfläche umgebene 
Froschbassin und die Tierställe. Der mittlere Tierstall öffnet sich 
in eine große Voliere, während die beiden seitlichen, zum Sommer- 
aufenthalt für Hunde und Kaninchen dienenden, mit umgitterten 
Grasflächen verbunden sind, so daß die Tiere sich tagsüber auch 
im Freien tummeln können. 



DIE CHEMISCHE ABTEILUNG. 

LEITER: MAX SIEGFRIED. 

Die Räume der chemischen Abteilung liegen im Erd- und Keller- 
geschosse des südlichen Flügels. Sie bestehen im Erdgeschosse aus : 

1. Arbeitszimmer des Leiters der Abteilung, 

2. Praktikantenzimmer, 

3. Wagenzimmer, 

4. Spezialzimmer; 
im Kellergeschosse aus: 

5. Speziallaboratorium für größere Arbeiten, 

6. allgemeinem Laboratorium für präparative Arbeiten, 

7. Verbrennungszimmer, 

8. Glaskammer. 

Alle diese Räume sind einerseits mit dem Korridor, andererseits 

unter sich durch Türen verbunden. (Vergl. Abbildung S. 25 u. 38.) 

Das Arbeitszimmer des Leiters der Abteilung enthält in 



ZZZZZZZ: DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT ZZZZZ: 35 

seiner Mitte einen Doppelarbeitstisch von derselben Art, wie sie 
im Praktikantensaale eingerichtet sind. 

Diese Doppelarbeitstische sind 2,5 m lang und 1,3 m breit. In 
der Mitte parallel zur Längsrichtung des Tisches ist ein Holzaufsatz 
angebracht, welcher schmale Fächer für Reagenzflaschen und Prä- 
paratengläser enthält und oben in Manneshöhe durch ein zur Auf- 
stellung von Experimentiergestellen und Flaschen bestimmtes Brett 
abgeschlossen ist. Dieser Aufsatz ist hier im Gegensatze zu anderen 
Laboratorien beibehalten worden, weil bei dem beschränkten Räume 
der chemischen Abteilung der durch den Aufsatz gebotene Platz 
für Flaschen und Gestelle nicht ersetzt werden konnte, und weil 
durch den Aufsatz vermieden wird, daß die einander gegenüber 
arbeitenden Praktikanten sich ins Gesicht sehen. 

Jeder Doppelarbeitstisch enthält vier unter den aus starkem 
Eichenholze bestehenden Arbeitstafeln befindliche verschließbare 
Schränke und ebenso viele Schubkästen; zwischen je 2 Schränken 
ist ein von außen durch eine Türe verschlossener Raum angebracht, 
welcher zur Aufnahme von Papier und anderen Abfällen dient. 

Auf jedem Tische sind 8 Gashähne und 14 Wasserhähne mon- 
tiert; von letzteren befinden sich je 5 über den an beiden Seiten 
des Tisches angebrachten Ausgußbecken, je 2 auf jeder Seite des 
Aufsatzes in der Mitte der Arbeitstafeln. Diese letzteren Hähne 
sind zur Anbringung von Wasserstrahlpumpen bestimmt und des- 
halb mit einer besonderen, möglichst gleichen Wasserdruck sichernden 
Leitung verbunden. 

Sowohl in diesem Laboratorium als im Praktikantenzimmer 
hängen über jedem Doppelarbeitstische 4 elektrische Zuglampen 
(iio Volt, Kohlefaden- oder Metalliadenlampen) herab, welche in 
erster Linie zur Beleuchtung dienen, aber auch zum Betriebe kleiner 
Motore die Kontakte liefern. 

In den beiden Fensternischen befinden sich zwei weitere Arbeits- 
tafeln mit Schränken; dieselben sind mit Gashähnen und elektrischen 
Steckkontakten (110 Volt) ausgerüstet. Arbeitsstrom liefert ferner 
ein Anschluß an die Akkumulatorenleitung, welche mit der im 
Kellergeschosse des Instituts untergebrachten Batterie in Verbin- 
dung steht. 



36 IZIZZI DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



Das Laboratorium hat 2 Abzüge, einen kleineren zwischen den 
beiden Fenstern befindlichen, welcher nur mit Gas ausgerüstet ist, 
und einen ca. 3,5 m langen an der Nordwand gelegenen, der durch 
2 Essen mit Lockflammen vorzüglich ventiliert wird und reichlich 
mit Gashähnen und Wasserzu- und -abfluß sowie mit 2 elektrischen 
Steckkontakten (iio Volt) versehen ist. 

An der Ostseite ist noch ein ca. i m langer Arbeitstisch vor 
zwei an der Wand montierten Bunsenschen Wasserluftpumpen auf- 
gestellt. Über diesem befindet sich ein Präparatenschrank. Ein 
zweiter, großer Präparatenschrank mit 12 Schubkästen steht an der 
Westseite, daneben der als Stehpult eingerichtete Schreibtisch. 

An der Wand montiert sind ein größerer Trockenschrank und 
ein Brutschrank. 

Das Praktikantenzimmer enthält vier der beschriebenen Doppel- 
tische. Außerdem befindet sich an der Westseite ein kleiner Arbeits- 
tisch vor zwei an der Wand befestigten Bunsenschen Wasserpumpen, 
und an der Nordseite ein größerer Tisch, über dem sich zwei 
elektrische Anschlüsse, 1 10 Volt mit Vorschaltlampe, befinden. An 
diesem Tische werden hauptsächlich Arbeiten ausgeführt, welche 
die Benutzung von Kleinmotoren erfordern. 

Das Zimmer enthält vier größere Kapellen an der Nordseite und 
vier kleinere an der Südseite. Zwei Flaschenregale und eine Wand- 
schreibtafel füllen den noch übrigen Raum der Wandflächen aus. 
Die Ventilation des Saales besorgt in ausgezeichneter Weise ein 
elektrischer Ventilator, welcher die Luft in eine, keinen anderen 
Zwecken dienende Esse bläst. 

Die Beleuchtung geschieht durch fünf an festen Pendeln an- 
gebrachte 100 kerzige Metallfadenlampen, zur Ergänzung dienen 
Zuglampen, welche sich über jedem Doppelarbeitstisch befinden. 
Die Kontakte der letzteren werden auch zum Anschluß von Klein- 
motoren benutzt. 

Das Wagenzimmer. An den beiden Längsseiten des Zimmers 
sind die Konsolbretter für die chemischen Präzisionswagen ein- 
gelassen. Unter diesen Brettern sind verschließbare Wägekästchen 
angebracht, von denen jeder Praktikant je eins zum Aufbewahren 
des Gewichtssatzes und anderer Wäge-Utensilien benutzt. Zum Auf- 



ZZIZZIIZ DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT IZZ^Z 37 

bewahren von Exsikkatoren dient ein größerer Schrank, dessen 
mittlere Abteilung in Fächer eingeteilt ist, welche der Größe der 
evakuierbaren Handexsikkatoren entsprechen. So wird erreicht, daß 
diese Exsikkatoren, welche zur Vermeidung von Temperaturdifferenzen 
im Wagenzimmer aufbewahrt werden müssen, nicht ordnungslos im 
Zimmer herumstehen. Eine an der Wand angebrachte Strahlpumpe 
gestattet das Evakuieren der Exsikkatoren direkt im Wagenzimmer. 

Zur Beleuchtung dienen zwei an festen Pendeln montierte Metall- 
fadenlampen und an jeder Wage angebrachte Wandarme mit ab- 
blendbaren Glühbirnen. 

Das Spezialzimmer. Die durch die Verwendungsarten des 
Zimmers bedingte Einrichtung zeigt deuthch den Mangel an Raum 
in der chemischen Abteilung. Denn in diesem Zimmer mui3ten 
untergebracht werden: 

1. der fast täglich benutzte Polarisationsapparat, 

2. der fast täglich benutzte Kjeldahlapparat mit den erforderlichen 
Titrierapparaten, 

3. die elektrolytische Station, 

4. ein großer Apparatenschrank. 

Das Zimmer besitzt zwei verdunkelbare Fenster. Es wird be- 
leuchtet durch zwei an festen Pendeln montierte Metallfadenlampen; 
außerdem sind zwei Steckkontakte vorhanden. 

Wir wenden uns zum Kellergeschosse. 

Das Speziallaboratorium für größere Arbeiten. Hier ist 
ein kupferner Doppelkessel aufgestellt, welcher mit einem Dampfent- 
wickler geheizt wird und das Sieden von lool Flüssigkeit auf ein- 
mal gestattet; ferner eine kupferne Nutsche, mit größerer Wasser- 
strahlpumpe verbunden, zum Absaugen großer Niederschläge, eine 
Filterpresse und ein Verdauungsapparat. Dieser besteht erstens aus 
einem Wasserbad aus Kupfer mit wärme-isoliertem Eisenmantel. 
An dem Wasserbade befinden sich vier Schamottetöpfe, von denen 
je zwei 12, und je zwei 25 1 Flüssigkeit fassen; zweitens aus einem 
durch einen Elektromoter getriebenen Rührwerke, welches gestattet, 
die in den vier Schamottetöpfen befindlichen Verdauungsgemische 
Tag und Nacht umzurühren. 

Der Fußboden des Laboratoriums ist zementiert und nach einer 



38 



DAS PHYSIOLOGISCHE INSTITUT 



Abflußöffnung hin abschüssig, so daß er leicht gründlich ausgespült 
werden kann. 

Beleuchtet ist der Raum durch zwei Glühbirnen. 

Das allgemeine Laboratorium für präparative Arbeiten. 
In der Mitte steht ein großer Experimentiertisch mit Gas- und 
Wasseranschlüssen reichlich ausgestattet. An der Südwand des 
Laboratoriums befindet sich eine zweite Experimentiertafel mit sechs 
verschließbaren Schränken; diese Tafel ist mit Gas, Wasser und 
Elektrizität (iio Volt) installiert. Zwei weitere Experimentiertische 
stehen an der Ost- und an der Westwand. An der Nordseite be- 
finden sich ein größerer Abzug mit zwei Abzugsessen und mit 




^MltMl^ljl- 



Gas, Wasser und Elektrizität ausgerüstet, und zwei kleinere Abzüge. 
Zwei Regale enthalten die notwendigen Reagenzien. 

Beleuchtet wird das Laboratorium durch sieben Metallfaden- 
lampen an festen Pendeln. 

Das Verbrennungszimmer schließt sich an die Ostseite des 
Laboratoriums für präparative Arbeiten an. Zwei Steinsimse zur Auf- 
nahme von vier Verbrennungsöfen befinden sich an den Längsseiten 
des Raumes. Die Verbrennungsöfen erhalten durch eine mit zwei 
Gasometern, welche in der Glaskammer aufgestellt sind, verbundene 
Doppelleitung Luft- und Sauerstoffzufuhr. Zwei Pendel mit Glüh- 
birnen beleuchten den Raum. 

Die Glaskammer ist mit Regalen zur Aufnahme von Glas- 
sachen usw. ausgerüstet, enthält die envähnten Gasometer und 
zwei Kapellen mit Schießöfen. 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT. 

DIREKTOR: FELIX MARCHAND. 



1. GESCHICHTE DES INSTITUTS'). 

Die Anfänge der pathologischen Anatomie in Leipzig reichen 
nicht weit über das Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Wie überall, 
so ging auch hier die Pflege der pathologischen Anatomie aus der 
Normalanatomie hervor. Zur Zeit des Anatomen Rosenmueller (1800) 
befand sich das anatomische Theater im 2. Stockwerk des an die 
Kirche anstoßenden Teils des Pauliner-Kollegiums. Das „anatomische 
Kabinett" enthielt gegen 800 Präparate, darunter viele pathologische 
Objekte. 

Die Professur der Pathologie (d. h. der inneren Medizin) be- 
kleidete damals (seit 1796) Christian Friedrich Ludwig^), der außer- 
dem Professor der Naturgeschichte, der Materia medica und schließ- 
lich noch der Chirurgie war. 

Erst im Jahre 181 8 wurde die pathologisch-anatomische Sammlung 
in dem an der Stelle des alten neu erbauten anatomischen Theater 
untergebracht; Cerutti^), dem wir eine genaue Beschreibung der 



i) Abgekürzt aus der zur Einweihung des neuen Instituts erschienenen Schrift 
des Verfassers: „Das pathologische Institut der Universität Leipzig". Leipzig, Verlag 
von S. Hirzel, 1906. 

2) Geb. zu Leipzig 1751, gest. 1823. 

3) Friedrich Peter Ludwig Cerutti, geb. 1789, gest. 1858. 



40 Z^ZZl DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



Sammlung verdanken, bezeichnete sie als einen „sehr bedeutenden 
Schatz von Präparaten" 0. 

Cerutti wurde 1821 zum ao. Professor der pathologischen Ana- 
tomie ernannt und hielt seine Vorlesungen in der Anatomie. Er 
war also der erste eigentliche Vertreter unseres Faches an unserer 
Universität, die damit den meisten deutschen Universitäten vorausging. 

Mit der Begründung eines khnischen Unterrichts in den Räumen 
des ahen Jakobsspitals um den Anfang des 19. Jahrhunderts, der 
seit 1820 in den Händen von Joh. Chr. A. Clarus lag, nahm auch 
das Interesse an pathologisch-anatomischen Sektionen zu. Im 
Jahre 1833 wurde von Clarus der Anfang zu einer eigenen patho- 
logisch-anatomischen Sammlung im klinischen Institut des Jakobs- 
spitals gemacht, für die auch die Stände einen jährlichen Beitrag 
bewilligten. 

Eine wesenthche Förderung erfuhr die Pflege der pathologischen 
Anatomie durch Karl Hasse^), der 1836 als Repetent bei der Klinik 
von Clarus eingetreten war und damit zugleich die Ausführung der 
Sektionen und die Sorge für die Präparate übernommen hatte. 

Das in dieser Zeit entstandene Werk Hasses^) legt Zeugnis von 
seiner trotz der ungünstigsten äußeren Verhältnisse sehr erfolg- 
reichen Forschertätigkeit ab. 

Auf die Berufung Hasses als KUniker nach Zürich (1844) folgten 
wenig erfreuliche Streitigkeiten des Dr. Karl Bock jun.*) mit der 
medizinischen Fakultät. Bock erreichte seine Ernennung zum ao. Pro- 
fessor der pathologischen Anatomie (1845), indes entsprachen seine 
Leistungen immer weniger den Erwartungen, so daß endlich im 
Jahre 1861 auf Anregung des Ministeriums Abhilfe geschafft werden 

mußte. 

Der Fortschritt in der pathologischen Anatomie, die um jene 
Zeit in Deutschland durch Rokitansky und besonders durch R. Virchow 
eine so mächtige Förderung erfahren hatte, knüpft sich an unserer 

i) Beschreibung der pathologischen Präparate des anatomischen Theaters zu Leipzig. 
Leipzig 1819. Cerutti zählt 995 Nummern auf. 

2) Geb. zu Dresden 23. Juni 1810, gest. in Hannover 19. Nov. 1902. 

3) Anatomische Beschreibung der Krankheiten der Zirkulations- und Respirations- 
organe, Leipzig 1841. 

4) Geb. 21. Febr. 1809, gest. ig. Febr. 1874. 



> 




t. U 







DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT ZZZZI^ 41 

Hochschule an Ernst Leberecht Wagner'), der, durch Studien in 
Wien und Prag mit der pathologischen Anatomie vertraut, sich 
nun mit großer Hingabe neben seiner ärztUchen Tätigkeit diesem 
Fach widmete. 

Wagner erhieh am i. Januar 1862 außer der Direktion der 
ambulatorischen Klinik den Lehrauftrag für allgemeine Pathologie; 
am 20. Dezember 1869 erfolgte seine Ernennung zum ordent- 
lichen Professor der allgemeinen Pathologie und der pathologischen 
Anatomie. 

Leider war noch in äußerst mangelhafter Weise für Arbeits- 
räume und für die Unterbringung der Sammlung, deren Vergröße- 
rung sich Wagner sehr angelegen sein ließ, gesorgt. Erst nach 
der Verlegung des Jakobsspitals auf seinen jetzigen Platz (1869), 
konnte das dringende Bedürfnis eines eigenen Institutsbaues erfüllt 
werden, indem der Staat auf dem von der Stadt Leipzig unent- 
geltlich zur Verfügung gestellten Baugrund ein zweistöckiges Ge- 
bäude errichten ließ, das gleichzeitig als Leichenhaus für das Jakobs- 
spital und als pathologisches Institut der Universität diente. Außerdem 
enthielt es ein Laboratorium für pathologische Chemie (unter Prof. 
Fr. Hofmann), aus dem später das hygienische Institut hervorging. 
Der Neubau wurde im März 1870 begonnen und Anfang 1871 in 
Gebrauch genommen. Der Gesamtaufwand betrug mit Einschluß 
der inneren Einrichtung 36380 Taler (109 140 M.). 

Wagner hat sich durch die Begründung des pathologischen 
Instituts, aber noch mehr als Lehrer und Forscher große Verdienste 
um die Förderung der pathologischen Anatomie erworben. Von 
seinen Assistenten seien hier genannt: F. V. Birch-Hirschfeld f (1867 
bis I. Oktober 1868), O. Barth (1869 bis 1872), Albert Thierfelder f 
(1870 bis i'876), Paul Flechsig (1872 bis 1873), Max Saenger f 
(JuH 1876 bis I. April 1878). 

Als W\agner nach dem Tode Wunderlichs (1877) die Leitung 
der medizinischen Klinik übernahm, wurde nach Überwindung 
mancher Schwierigkeiten Julius Cohnheim^) an seine Stelle berufen 
(i. April 1878). In dem kaum siebenjährigen Zeitraum, in dem 

i) Geb. 12. März 1829, gest. 10. Febr. 1888. 

2) Geb. 20. Juli 1839, g^s'- 15- Aug. 1884. 

III. 6 



42 ZZZH: DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT ZZZZZZZI 

dieser hervorragende Forscher an der Spitze des Instituts stand, 
gingen zahlreiche bedeutende experimentelle Arbeiten Cohnheims 
und seiner Schüler aus demselben hervor. 

In der pathologisch-anatomischen Arbeit stand Cohnheim ein 
ausgezeichneter Helfer in der Person seines Assistenten Karl Weigert^) 
zur Seite, dem auch während der längeren Krankheit und nach 
dem allzu frühen Tode Cohnheims eine Zeitlang die Leitung des 
Instituts zufiel. 

Cohnheim hatte bereits einen Saal für Demonstrations- und 
mikroskopische Kurse geschaffen; außerdem machte die zunehmende 
Zahl der Studierenden die Errichtung eines großen Hörsals für 
klinische Sektionen erforderlich (1879). 

Als Felix Victor Birch-Hirschfeld') am i. April 1885 an die 
Stelle Cohnheims trat, fand er somit im ganzen günstige Verhält- 
nisse vor. Die vorwiegend experimentell-pathologische Richtung 
trat nun mehr zurück, dafür erforderten die zunehmende Bedeutung 
der Bakteriologie und die gesteigerten pathologisch-anatomischen 
Aufgaben neue Hilfsmittel und Arbeitskräfte. 

Von den Assistenten Birch-Hirschfelds starb Karl Huber schon 
im Jahre 1887. Ferner seien hier genannt: Rudolf Beneke (Ok- 
tober 1886 bis Oktober 1889), Georg Schmorl (März 1887 bis 
August 1894), Richard Kockel (1. Januar 1893 bis 31. März 1900), 
Max Lange (August 1894 bis 31. März 1900). 

Die zunehmende Zahl der Sektionen (1879: 675, 1890: 1023) 
machte im Jahre 1894 den Anbau zweier Sektionssäle notwendig; 
außerdem wurde ein zweites Stockwerk zur Aufnahme des hygie- 
nischen Instituts aufgebaut. 

Nach dem am 19. November 1899 erfolgten Tode Birch-Hirsch- 
felds wurde die Institutsleitung, nach vorübergehender Vertretung 
durch Prof. Kockel, am i. April 1900 dem jetzigen Direktor über- 
tragen, der sich bei seinem Amtsantritt nicht der Überzeugung 
verschließen konnte, daß das Institutsgebäude nicht mehr den zu- 
nehmenden Anforderungen entsprach, die von selten des städtischen 



i) Geb. 19. März 1845, gest. 5. Aug. 1904. 
2) Geb. 5. Mai 1842, gest. 19. Nov. 189g. 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT ZZIIZ: 43 



Krankenhauses und im Interesse des Unterrichts und der wissen- 
schaftHchen Arbeit an das Institut gestellt werden mußten. 

Obwohl das Königl. Kultusministerium für die Instandsetzung 
der Institutsräume und die Vervollständigung des Inventars einen 
erheblichen Betrag bewilligte, so konnte doch der Hauptmangel, 
das Fehlen ausreichender Unterrichts- und Sammlungsräume, nicht 
beseitigt werden. Dazu kam, daß durch die Einrichtung eines 
kleinen Instituts für gerichtliche Medizin unter Prof. Kockel der zur 
Verfügung stehende Raum noch mehr geschmälert wurde. 

Unter Anerkennung dieser für die Dauer nicht erträglichen Übel- 
stände entschied sich das Ministerium (i. November 1900) für die 
Errichtung eines Neubaues, in dem außer dem pathologischen In- 
stitut ein solches für gerichtliche Medizin untergebracht werden 
sollte. Als Bauplatz wurde das unmittelbar neben dem alten 
Institutsgebäude befindliche Grundstück von der Stadt Leipzig gegen 
ein jährliches Bezeigungsgeld von 3000 M. überlassen. 

Die Ausführung des Neubaues erlitt eine bedauerliche Verzöge- 
rung dadurch, daß die Bewilligung der für den Neubau für beide 
Institute in dem geplanten Umfange erforderlichen Mittel sich als 
unmöglich erwies; nach mehrfachen Verhandlungen wurde jedoch 
von den Kammern ein Höchstbetrag von 800000 M. zur Verfügung 
gestellt, mit der Maßgabe, daß der für das Institut für gerichtliche 
Medizin verlangte Raum erheblich einzuschränken sei. 

Es ergab sich die Möglichkeit, das Erd- und Kellergeschoß des 
östlichen Flügels des Gebäudes für das Institut für gerichthche 
Medizin zur Verfügung zu stellen, dem zugleich die Mitbenutzung 
des großen Hörsaales eingeräumt wurde. 

Nach Genehmigung des neuen Projektes durch das Könighche 
Ministerium (27. Mai 1903) wurde die Ausführung des Baues auf 
Grund der Zeichnungen des Architekten Koesser dem Königl. Land- 
bauamt, die spezielle Bauleitung dem Regierungsbaumeister Zettler 
übertragen. Mit der Aushebung der Baugrube wurde am i. August 
1903 begonnen; am i. November 1905 konnten die Sektionsräume 
und die Hörsäle in Benutzung genommen werden. Die Ausstattung 
der Arbeitsräume wurde aber erst Ende Dezember, die vollständige 
Aufstellung der Sammlung erst im Laufe des April 1906 beendet. 



44 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 




DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT II^^Z 45 



Am 5. Mai fand die feierliche Einweihung des neuen Ge- 
bäudes statt. 

Bei seinem Amtsantritt war der jetzige Direktor von seinen 
früheren Assistenten Franz Saxer und Wilhehn Risel begleitet. Der 
erstere, der sich durch zahheiche Arbeiten um die Wissenschaft 
verdient gemacht hatte, erlag am 2. Juni 1903 den Folgen einer 
Leicheninfektion, der letztere wurde nach 6 ^la jähriger Tätigkeit am 
Institut am 15. September 1907 als Prosektor am Königl. Kranken- 
stift in Zwickau angestellt^). 

2. DAS GEBÄUDE. 

Das pathologische Institut dient i. der Universität zum Unter- 
richt und zur Forschung in der pathologischen Anatomie und der 
allgemeinen Pathologie; 2. als Leichenhaus für das städtische Kranken- 
haus^) und für einige mit diesem nicht verbundene khnische An- 
stalten. 

Entsprechend diesen verschiedenen Aufgaben umfaßt das patho- 
logische Institut: 

I. Die Räume zur Aufbewahrung, Sektion, Ankleidung 
und Aufbahrung der Leichen. Die Leichen der im Krankenhause 
Verstorbenen werden durch den an der südwestlichen Ecke befind- 
lichen Eingang dem Institut zugeführt (66, 9). 

Der Leichenkeller besteht aus zwei geräumigen, nach dem Hofe 
zu gelegenen Abteilungen (17, 18), von denen die größere für die 

i) Außerdem waren seit i. März 1900 als Assistenten angestellt die Herren Noesske, 
H. Hofmann, Koniger, Max Loehlein (zurzeit bakteriologischer Assistent), Max Verse 
(zurzeit Prosektor), Looser, Reinhardt, Wichern, W. Bauer, Ziesche, A. Bauer, G. Knierim, 
H. Knierim, E. Müller, R. Mohr. Ferner gehören zu dem Personal: ein Präparator, zwei 
Hilfsarbeiterinnen für Zeichnungen, bakteriologische und mikroskopische Arbeiten (nicht 
etatmäßig), ein Hausmann (zugleich städtischer Leichenwäscher für das städtische Kranken- 
haus), vier Institutsdiener, ein Heizer und ein Hilfsheizer (im Winter). 

2) Laut Vertrag zwischen der Universität und der Stadt Leipzig vom 3. Febr. 1870, 
erneuert am 30. Jan. 1902: „Das pathologische Institut hat dem städtischen Kranken- 
haus alles dasjenige zu bieten, was von einem Leichenhaus zu fordern ist, namentlich 
auch in bezug auf die hierzu benötigten Räume, und zwar: a) Aufbewahrungsräume 
für Leichen, b) Ankleideraum, c) Aufbahrungs- und Besichtigungsraum, d) Sektions- 
räume." Die gesamten Kosten für den Neubau mit Einschluß der inneren Einrichtung 
sind vom Staate aufgewendet, wie auch die Stadt vertragsmäßig weder zu den Kosten 
des Unterhaltes, noch zu den Gehältern der Angestellten (mit Ausnahme einer per- 
sönlichen Entschädigung für den städtischen Leichenwäscher) einen Beilrag leistet. 



46 ZH^^ DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



Leichen aus dem städtischen Krankenhaus bestimmt ist. Er ent- 
hält im ganzen acht gemauerte und zementierte Leichenbänke, auf 
denen mehr als die doppelte Anzahl von Leichen Platz findet. 

Im Herbst 1907 wurde (aus Ersparnissen im Baufonds) in den 
Leichenkeller eine Kühlanlage (von der Firma Haubold jun. in 
Chemnitz) eingebaut; die Kähe wird durch Verdunstung von Kohlen- 
säure erzeugt, wodurch die in den Kühlröhren zirkulierende Salz- 
lösung abgekühlt wird. Refrigerator und Kondensator sowie die 
Druckpumpe für die Soleleitung sind in dem Raum 15 a auf- 
gestellt; die durch einen Elektromotor betriebene Saug- und Druck- 
pumpe für die Kohlensäure in dem Raum 16. 

In dem größeren Leichenkeller befindet sich eine Kühlzelle zur 
Aufnahme von zwei Leichen, in der die Temperatur bis auf + 2" 
herabgesetzt werden kann, während sie in den Leichenkellern bei 
höchster Außentemperatur auf -h 8° C abgekühlt wird. Eine Zweig- 
leitung ist in eine abgetrennte Abteilung des Präparatenkellers, eine 
zweite in den Leichenkeller des Instituts für gerichtliche Medizin geführt. 

Der Transport der Leichen in die Sektionssäle und der Särge 
in den Aufbahrungsraum wird durch einen elektrischen Aufzug 
(von 2:2,5m) vermittelt (Nr. 4). 

Der Aufbahrungsraum (7) ist in vier abschließbare Abteilungen 
für je einen Sarg mit einem gemeinsamen Vorraum geteilt, von 
dem zwei große Portale in den Hof an der Südseite führen; kirch- 
liche Feierlichkeiten finden hier nicht statt. 

In den beiden Sektionssälen sind sechs große marmorne dreh- 
bare Sektionstische aufgestellt, vier im großen, zwei im kleinen 
Saal, in ersterem außerdem eine 4 m lange Marmortafel zur Be- 
sichtigung der Organe nach der Sektion. Ein dritter kleinerer Raum 
(Nr. 71) dient zu mikroskopischen Untersuchungen, zur ärztlichen 
Prüfung, zum Photographieren und zu anderen Arbeiten; alle drei 
Räume haben außer einer seitlichen Fensterwand ein großes Ober- 
licht. Zur Aufnahme des Instrumentariums, einer Knochensäge 
und der Kleiderschränke ist der mit Oberlicht versehene mittlere 
Teil des Korridors (Nr. 75) abgetrennt. 

Die Sektionsräume sind mit Terrazzofußboden versehen, die 
Wände in 1,80 m Höhe mit weißen Fliesen verkleidet, oberhalb 




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DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 47 



ebenso wie die Decken und Türen mit weißer Emailfarbe gestrichen. 
Die Wasserzuleitung zu den Sektionstischen geschieht von der Decke 
aus (Mischung von Warm- und Kaltwasser). 

2. Die Unterrichtsräume. Der Hörsaal für (theoretische) Vor- 
lesungen über pathologische Anatomie und allgemeine Pathologie, 
im westlichen Flügel, ist durch einen besonderen Treppenaufgang 
an der Westseite des Gebäudes für die Studierenden zugänglich (Ober- 
geschoß und Dachgeschoß, 135). Die stark ansteigenden Sitzreihen 
enthalten 130 Plätze. Die sehr großen nach Südosten und Nord- 
westen gelegenen Fenster und das Oberlicht sind mit einer sehr 
gut funktionierenden Verdunkelungsvorrichtung mit elektrischem 
Betrieb versehen (Firma Max Kohl, Chemnitz). 

In dem Hörsaal ist ein Projektionsapparat von Zeiß-Jena tur 
Mikroprojektion und für Diapositive mit verschiebbarer Bogenlampe 
von 20 Ampere aufgestellt. Im Jahre 1908 ist noch ein zweiter 
fahrbarer Apparat für epi- und diaskopische Projektion von E. Leitz- 
Wetzlar mit einer Bogenlampe von 30 Ampere beschafft worden. Die 
Projektionsfläche wird bei Benutzung eines der beiden Apparate durch 
Herabziehen oder durch Hinaufschieben der Wandtafeln freigelegt. 

Unter dem Eisen-Zementpodium ist die Kleiderablage unter- 
gebracht (133). 

Der Vorbereitungs- und Demonstrationsraum (134) gewährt an 
den Fenstertischen Raum zur Aufstellung einer größeren Anzahl 
von Mikroskopen. Die Verbindung mit dem Keller- und Erd- 
geschoß, sowie mit den Sammlungssälen wird durch einen elek- 
trischen Aufzug hergestellt. Außerdem sind hier Schränke zur 
Aufnahme von Mikroskopen, Wandtafeln und anderen Lehrmitteln, 
besonders einer großen Sammlung mikroskopischer Präparate zum 
Gebrauch für die Vorlesungen aufgestellt. Ein geräumiger Glas- 
schrank für große freihängende Zeichnungen ist auf einer Galerie 
(134 a) untergebracht. 

Der große Hörsaal für klinische Sektionen, Sektions- und 
Demonstrationskurse Hegt im Erdgeschoß (76). Das amphitheatra- 
lische Podium enthält 118 durch zwei Treppen vom Korridor aus 
zugänghche Sitzplätze und außerdem Raum für etwa 50 Stehplätze 
(siehe Tafel VI). 



48 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 




DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



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ni. 



50 IIZZZ: DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT IZZZI^ 

Der Raum unterhalb des Podiums (77) dient als Kleiderablage, 
sowie gleichzeitig zur Aufstellung von Mikroskopen an den Fenster- 
tischen zur Benutzung bei den Demonstrationskursen. 

Der Saal für mikroskopische Kurse (128) ist im Obergeschoß 
des Mittelbaues an der Nordseite gelegen und durch die günstigsten 
Lichtverhältnisse ausgezeichnet. Die drei oberen Tischreihen sind 
auf zwei je 22 cm hohen und einer dritten 36 cm hohen Stufe 
eines Zement-Betonpodiums aufgestellt. Der Saal enthäh im ganzen 
70 Mikroskopierplätze, davon 16 an der Fensterwand und 54 an 
9 Tischen. 

Je zwei Arbeitsplätze sind mit einem auf der Tischplatte an- 
gebrachten Wasserhahn nebst kleinem Fayencebecken, außerdem 
mit einer feststehenden Auerlichtgaslampe versehen. 

Die Wandtafel befindet sich an der Längswand gegenüber den 
Fenstern (siehe Tafel VII). 

3. Arbeitsräume für allgemeine Zwecke. 

a) Für anatomische Arbeiten. Von dem Präparatenkeller (12) 
ist durch eine Glas-Mauersteinwand ein besonderer Kühlraum ab- 
getrennt, in dem ein großer Eisschrank aufgestellt ist. Der Prä- 
paratenkeller steht mit dem kleinen Sektionssaal durch eine Lauf- 
treppe und einen Handaufzug in Verbindung. Er enthält einen 
marmornen Sektionstisch für besondere Sektionen und eine Anzahl 
Tontröge zum Auswässern von Präparaten. Daneben befindet sich 
der Mazerationsraum (11) mit zwei Mazerationskästen, mit Warm- 
und Kaltwasserleitung und einem Entfettungsapparat. Gegenüber liegt 
der Arbeitsraum des Präparators (58). Daneben (59) ist ein Destillier- 
apparat, ferner eine große Zentrifuge, in dem Raum 19 eine große 
Bandsäge, beide mit elektrischem Antrieb, aufgestellt. 

b) Für chemische und experimentelle Arbeiten, Versuchstiere. 
Der unter dem Hörsaal befindliche Teil des Kellergeschosses ent- 
hält die Ställe für Versuchstiere, in Verbindung mit einem bedeckten 
Laufraum auf dem Hofe (64—68), eine Voliere für Geflügel und 
einen kleinen Raum für Aquarien und Froschbehälter (62, 63). 

Der entsprechende Teil des Erdgeschosses enthält einen großen 
Raum für chemische Arbeiten (ii2'ii3), einen zweiten für Tier- 
versuche und ein Instrumentenzimmer (108) mit einem großen 



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DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT ZZZ^ 51 



eisernen Instrumentenschrank und einer Verdunkelungsvorrichtung 
zur Vornahme von spektroskopischen und anderen Untersuchungen. 

c) Die Räume für photographische Arbeiten bestehen aus einem 
größeren Arbeitszimmer (102) mit einem die ganze westHche Wand 
einnehmenden Fenster, einem kleineren Zimmer für Mikrophoto- 
graphie (mit schwarzem Rollvorhang), in dem ein großer Zeiß- 
scher mikrophotographischer Apparat, neuerdings noch ein zweiter 
von R. Winkel, Göttingen, und ein photographischer Vergrößerungs- 
apparat aufgestellt ist. Daneben liegt die geräumige Dunkelkammer. 
Im Kellergeschoß hat unter dem mikrophotographischen Zimmer 
ein Röntgenapparat Platz gefunden (54). 

d) Die Räume für bakteriologische Arbeiten schließen sich an 
die vorgenannten an, und zwar ein Raum (97) zur Aufnahme der 
Thermostaten und der Sterilisatoren, ein größeres bakteriologisches 
Laboratorium (96), welches auch für bakteriologische Übungskurse 
eingerichtet ist, ein kleinerer Raum für Tiersektionen und Ver- 
suche (95) und das Arbeitszimmer des Assistenten für Bakterio- 
logie (93, 94). 

e) Der große Arbeitssaal für Geübtere (88) enthält im ganzen 
22 Arbeitsplätze, die Hälfte davon an den Fenstern; jeder Platz ist 
mit verschließbarem Schränkchen versehen. Im Korridor des Erd- 
geschosses sind für die Inhaber von Arbeitsplätzen Garderobe- 
schränkchen aufgestellt. 

Zur Einbettung der Präparate in Paraffin und zur Aufstellung 
mehrerer Mikrotome dient ein mit einem Abzug versehenes ein- 
fenstriges Zimmer neben dem Arbeitssaal (89), welches an der 
anderen Seite mit einem Assistentenzimmer in Verbindung steht 

(89, 90). 

f) Im Obergeschoß des östlichen Flügels befinden sich das 
Bibliothekszimmer (119) (mit offenen Regalen, System Lipmann- 
Straßburg), das Lesezimmer (118) und der zur Aufbewahrung und 
Benutzung der Sektionsprotokolle bestimmte Archivraum (120), ferner 
ein Zeichnerzimmer (117 118). 

4. Besondere Arbeitsräume. Das Obergeschoß enthält im 
Mittelbau das Schreib- und Sprechzimmer und das Arbeitszimmer 
des Direktors (125 126), ein Vor- und Prüfungszimmer (127); das 



52 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



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54 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



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ZZIZZH DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT Z^IZI 55 

Zimmer des Prosektors (130) in Verbindung mit einem Raum für 
die Sammlung von Präparaten für mikroskopische Kurse (131), und 
das Mikrotomzimmer (129), in dem ein großes Gehirnmikrotom 
(von Jung) und Schränke für Mikroskope und Präparate, besonders 
des Zentralnervensystems, untergebracht sind. 

Im Erdgeschoß des Westflügels befindet sich außer den oben 
erw^ähnten Räumen das Katalogzimmer (105) zur vorläufigen Auf- 
stellung und Katalogisierung der Sammlungspräparate, ein Zimmer 
(106) für Volontärassistenten und ein Zimmer für zwei Assistenten 

(103). 

5. Die pathologisch-anatomische Sammlung ist in zwei 
übereinander gelegenen großen Sälen von 3 m Höhe im Westflügel 
untergebracht. Der untere (133) enthält 13 eiserne Sammlungs- 
schränke von 3,60 m Länge, i m Tiefe und 2,50 m Höhe und 
einen 14. von 0,5 m Tiefe. An der östHchen Seite des Saales ist 
ein Gang zur Verbindung zwischen dem Hörsaal und den Arbeits- 
räumen durch ein Drahtgitter abgegrenzt. Der obere Saal (137) 
enthält sieben 5 m lange, i m tiefe Kiefernholzschränke für Spiritus- 
präparate und sieben eiserne Schränke von 2,70 m Länge für die 
trockenen Knochenpräparate. Der oberhalb der Sammlungssäle be- 
findliche Bodenraum kann im Notfall als Reserve-Sammlungssaal 
eingerichtet werden. 

6. Vorrats-, Wirtschafts- und Wohnräume, Allgemeines. 
Im Kellergeschoß befindet sich eine große Glaskammer mit Spülvor- 
richtungen (56), zwei Räume für Alkohol und Chemikalien (55, 
55a), eine Werkstatt für Schlosserei und Tischlerei (45 a), Räume 
für Wäsche, zwei Bäder, sowie Wirtschaftsräume für die Diener. 
Weitere Räume für Glasvorräte, sowie für Untersuchungsmaterial 
finden sich im Dachgeschoß (160 — 164). 

Die Sammlungssäle stehen untereinander, sowie mit dem Vor- 
bereitungs- und Demonstrationsraum, dem Katalogzimmer und dem 
Arbeitsraum des Präparators durch einen elektrischen Aufzug, sowie 
durch eine Wendeltreppe in Verbindung; ein zweiter Aufzug ver- 
bindet die Korridore der vier Geschosse untereinander. 

Die Wohnung des Hausmannes befindet sich im Kellergeschoß, 
die Wohnungen für zwei Diener und den Heizer im Dachgeschoß. 



56 Z^ZIZ. DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT Z^ZZZZZ: 

Das Gebäude ist mit Zentralheizung (Niederdruck-Dampfheizung 
mit Luftzuführung, Firma Gebr. Körting), einer kupfernen Warm- 
und einer Kaltwasserleitung versehen; die Heizung wird durch zwei 
Kessel und einen Reservekessel (45, 45 a) bewirkt; für die Warmwasser- 
leitung ist ein besonderer Ofen, zur Vernichtung von Abfällen ein 
Verbrennungsofen von Kori-Berlin im Raum 46 aufgestellt. 

Sämtliche Arbeitsräume und die Korridore haben Gasbeleuchtung, 
erstere außerdem Glühlampen zur Orientierung. Die Hörsäle und 
Sektionssäle haben elektrische Bogenlampen, die Sammlungsräume 
Glühlampen erhalten. 

Die Arbeitstische sind überall aus Eichenholz gefertigt, das in 
den meisten Räumen naturfarbig gefirnißt, nur in den bakterio- 
logischen Arbeitsräumen und im großen Arbeitssaal schwarz gebeizt 
ist. Auf allen Arbeitsplätzen ist ein Wasserhahn mit kleinem 
Fayencebecken angebracht. 

Die Fußböden sind in den Korridoren des Erd- und Ober- 
geschosses, in den Unterrichts- und in den meisten Arbeitsräumen 
mit Linoleum (in den ersteren auf Korkestrich) belegt, die Korri- 
dore des Kellergeschosses mit Fliesen, die Arbeitsräume des Keller- 
geschosses, die Tierställe mit Zementfußboden, die Zimmer des 
Direktors und der chemische Arbeitsraum mit Kiefernholzdielung 
versehen. Das Gebäude ist außen überall mit gelben Steinen ver- 
blendet. Die Wände der Arbeitsräume und der Korridore sind, mit 
den erwähnten Ausnahmen, mit Leimfarbe gestrichen. 



3. DIE SAMMLUNGEN. 

Das pathologisch-anatomische Museum des Instituts ist aus der 
Vereinigung mehrerer einzelnen Sammlungen hervorgegangen: 

1. aus pathologischen Präparaten des alten anatomischen Kabi- 
netts der Anatomie; 

2. der pathologisch-anatomischen Sammlung der medizinischen 
Klinik im alten Jakobsspital und den später, besonders durch 
E. Wagner gesammelten, zum Teil noch sehr wertvollen 
Präparaten; 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT ZZZZZI 57 



3. der Sammlung der ehemaligen medizinisch-chirurgischen Aka- 
demie zu Dresden; 

4. aus Neuerwerbungen. 

Bei der Übernahme des Instituts durch den jetzigen Direktor 
befand sich die reichhahige Sammlung in einem recht mangelhaften 
Zustand, zum Teil ungeordnet, in unzureichenden Räumen und 
Schränken untergebracht. 

Es mußte daher eine vollständige systematische Neuordnung 
und Aufstellung der Präparate vorgenommen und außerdem für die 
Ergänzung der sehr zahlreichen Lücken gesorgt werden, was erst 
nach Anstellung eines Präparators in größerem Umfange möglich war. 

In großer Ausdehnung wird das Kayserlingsche Verfahren zur 
Erhaltung der natürlichen Farben angewendet. 

Da in den Vorlesungen besonderer Wert darauf gelegt wird, 
die Entwicklung der Krankheitsprozesse möglichst vollständig zur 
Anschauung zu bringen, so werden nicht bloß Seltenheiten, sondern 
auch häufiger vorkommende Veränderungen in charakteristischen 
Exemplaren aufgestellt, außerdem selbstverständlich solche, die das 
Material für die wissenschaftliche Bearbeitung bilden. Die für mikro- 
skopische Untersuchungen bestimmten Präparate werden im all- 
gemeinen getrennt von der großen Sammlung aufbewahrt. Die 
Abtrennung einer eigenen Lehrsammlung hat nicht stattgefunden. 

Nach der Beseitigung der unbrauchbar gewordenen betrug die 
Zahl der alten, bis zum Jahre 1900 gesammelten Präparate im 
ganzen ca. 2532. 

Die Neuerwerbungen seit i. April 1900 betrugen: 
im Jahre 1900 361 

„ 1901 571 

„ 1902 444 

„ 1903 466 

„ 1904 436 

„ 1905 560 

» 1906 448 

„ 1907 . • • • • • 372 
in Summa 3628, 
so daß die Gesamtzahl der Präparate Ende 1907 ca. 6160 war. 
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58 ZZZZZ DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



Seit dem Jahre 1900 wird ein laufender Katalog geführt. Die 
Präparate sind in den Schränken innerhalb der Organsysteme nach den 
einzelnen Veränderungen geordnet, mit der systematischen Bezeich- 
nung versehen und jahrweise numeriert. Die Anlegung eines Zettel- 
katalogs konnte aus Mangel an Zeit noch nicht erfolgen. 

Zum Gebrauch in den Vorlesungen befindet sich in dem Vor- 
bereitungsraum eine umfangreiche Sammlung mikroskopischer Prä- 
parate, die größtenteils von dem Direktor, seinen früheren und 
jetzigen Assistenten stammen und beständig ergänzt werden. 

Außerdem findet sich eine wertvolle und dauernd vervollstän- 
digte Sammlung von Glasdiapositiven (darunter die Originale des 
Atlas der pathologischen Histologie von Schmorl u. Karg), sowie 
eine neu angelegte reichhaltige Sammlung von photographischen 
Aufnahmen, von Zeichnungen und Wandtafeln sowie von Wachs- 
modellen und Gipsabgüssen. 

Die Bibliothek ist durch zahlreiche Neuerwerbungen, besonders von 
Zeitschriftenserien, auf einen Bestand von ca. 1750 Bänden gebracht. 

Das anatomisch-mikroskopische Instrumentarium genügt nach 
Anschaffung einer großen Anzahl guter Mikroskope und Mikrotome 
den Anforderungen; der experimentelle Apparat ist noch sehr er- 
gänzungsbedürftig; ein von Cohnheim angeschafftes, lange Jahre 
unbenutztes Rothesches Kymographion ist neu wiederhergestellt 
worden. 

4. DER UNTERRICHT UND DIE ARBEIT IM INSTITUT. 

Da an den deutschen Universitäten noch nicht, wie in den 
meisten außerdeutschen Staaten, eine Trennung der pathologischen 
Anatomie und der experimentellen und allgemeinen Pathologie 
durchgeführt ist, sondern die beiden sehr ausgedehnten Fächer in 
einer Hand vereinigt sind, so erfordert besonders der Unterricht 
eine möglichst gleichmäßige Berücksichtigung beider Gebiete, doch 
liegt der Schwerpunkt naturgemäß auf der pathologisch -anato- 
mischen Seite. Die zur Verfügung stehende Zeit reicht bei weitem 
nicht aus. 

Der Unterricht zerHillt in die Vorlesungen über spezielle patho- 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT HZZIZ 59 

logische Anatomie (im Wintersemester sechsstündig) und über all- 
gemeine Pathologie (Sommersemester sechsstündig), die Demon- 
strations- und Sektionskurse und die pathologisch -histologischen 
Kurse. 

In den Vorlesungen über pathologische Anatomie wird syste- 
matisch die pathologische Anatomie der Zirkulations-, Respirations-, 
Verdauungs- und Harnorgane jährlich vorgetragen, während die 
übrigen Organsysteme soweit als möglich abwechselnd berück- 
sichtigt werden. In den Vorlesungen über allgemeine Pathologie 
werden, soweit es in einem kurzen Sommersemester möglich ist, 
die wichtigsten Kapitel aus der allgemeinen Pathologie mit Ein- 
schluß der Ätiologie (allgemeine Ätiologie, Ätiologie der Infektions- 
krankheiten, Parasiten) und der allgemeinen pathologischen Ana- 
tomie vorgetragen (die Pathologie der Zirkulation, die allgemeinen 
Ernährungsstörungen der Gewebe, die Lehre von der Entzündung, 
Heilung und Regeneration, sowie die Lehre von den Geschwülsten). 

Sämtliche Vorlesungen werden durch sehr reichliche Demon- 
strationen von makroskopischen und mikroskopischen Präparaten, 
Abbildungen und Projektionen unterstützt, so daß die Studierenden 
in der Lage sind, sich durch eigenen Augenschein von allen wich- 
tigen pathologischen Veränderungen zu überzeugen. In der all- 
gemeinen Pathologie werden außerdem regelmäßig die wichtigsten 
einfacheren Versuche an Tieren demonstriert. 

Dieser möglichst ausgebildete demonstrative und experimentelle 
Unterricht erfordert zwar große Opfer an Zeit und Mühe, ist aber 
unerläßlich, wenn wirldiches Verständnis des Vorgetragenen erzielt 
werden soll. Auf der anderen Seite darf nie aus den Augen gelassen 
werden, daß bei allzu reichlicher Anwendung der immer vollkom- 
meneren Lehrmittel, besonders der Projektionen die Gefahr vorhegt, 
daß der Studierende die Beobachtung am Objekt und die eigene 
Denkarbeit vernachlässigt. 

Außer den genannten Hauptvorlesungen und Kursen werden 
kleinere Spezialvorlesungen und praktische Übungen auf dem Ge- 
biete der Bakteriologie und Immunitätslehre, sowie über patho- 
logisch-anatomische Gegenstände von den als Privatdozenten habi- 
litierten Assistenten abgehalten. 



6o ZZm^ DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



Die nach dem Vorgange R. Virchows eingerichteten Demon- 
strationen frischer anatomischer Präparate bilden eine wichtige und 
unentbehrliche Ergänzung der pathologisch -anatomischen Vor- 
lesungen und der Klinik. Die nicht minder wichtigen, aber der 
Zeit nach sehr eingeschränkten und daher bei weitem nicht aus- 
reichenden Sektionsübungen werden vom Prosektor abgehalten. 
Leider kommen die Studierenden nur selten in die Lage, den 
Sektionen, außer der verhältnismäßig geringen Zahl in dem Sektions- 
kurs, beizuwohnen. 

In dem pathologisch-histologischen Kurs werden regelmäßig 
frische Gewebe untersucht, damit die Studierenden Gelegenheit 
haben, einfachere pathologisch-anatomische Präparate in möglichst 
natürlichen Verhältnissen kennen und selbst herstellen zu lernen; 
die Einübung einer komplizierten Technik ist bei der sehr ein- 
geschränkten Zeit der Kurse (2x2 stündlich im Sommer) aus- 
geschlossen. Dagegen werden die hauptsächlichsten Organverände- 
rungen in systematischer Reihenfolge in fertig hergestellten, gefärbten 
Schnittpräparaten studiert, die an die Studierenden verteilt werden. 

An den „Arbeiten im Institut für Geübtere" unter Leitung des 
Direktors beteiligen sich mit wenigen Ausnahmen bereits appro- 
bierte Ärzte des In- und Auslandes, zu denen seit der Einführung 
des praktischen Jahres einzelne Medizinalpraktikanten hinzukommen. 
Die bakteriologischen Arbeiten werden durch den Assistenten für 
Bakteriologie geleitet. 

Die Zahl der im Institut ausgeführten Sektionen zeigt im Laufe 
der letzten Jahre eine stetige Zunahme. 

Sie betrug im Jahre 1900 1018, darunter 

„ 1901 1139. 

1902 u6o, 

,, 1903 1213, 

1904 1258, 

1905 1352, 
„ 1906 1383, 

» 1907 1531. 
Bei weitem der größte Teil der Leichen 



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Neugeborene, 


127 






154 






174 






184 






202 






175 






167 




>> 


stammt 


aus dem 



DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT ZUZZI 6i 



städtischen Krankenhause zu St. Jakob; außerdem werden die Sek- 
tionen der in der Frauenklinik, der psychiatrischen und der Augen- 
khnik Verstorbenen im pathologischen Institut gemacht. Dazu 
kommt noch eine geringe Anzahl von Privatsektionen. Auch die 
Sektionen im Diakonissenhaus Leipzig-Lindenau werden von den 
Assistenten des Instituts ausgeführt. Sie sind in den vorstehenden 
Zahlen eingerechnet. 

Die Zahl der Sektionsverweigerungen war leider ebenfalls stark 
im Zunehmen begriffen (1900 : 64, 1901: 85, 1902: 86, 1903: 112, 
1904: 127, 1905: 164, 1906: 179, 1907: 188). 

Die Verarbeitung des reichlichen Sektionsmaterials erfordert die 
angestrengte Mit\virkung sämtlicher Assistenten, die überdies an 
dem Unterrichte, besonders den histologischen Kursen beteiligt sind. 
Außerdem findet eine regelmäßige Kontrolle der Sektionen durch den 
Institutsdirektor statt. Über alle Sektionen, mit Ausnahme der der 
Totgeborenen und Neugeborenen ohne besonderen Befund, werden 
ausführliche Protokolle geführt. 

Die experimentell-pathologischen Arbeiten mußten in 
den letzten Jahren infolge der notwendigen pathologisch-anato- 
mischen Untersuchungen mehr zurücktreten, als der Absicht und 
den Wünschen des Institutsdirektors entsprach. Sie beschränken 
sich in der Hauptsache auf bakteriologische und andere technisch 
einfachere Versuche. 

Eine Hauptursache dieses Übelstandes ist außer der Überlastung 
durch den Unterricht und die laufenden Institutsarbeiten das Fehlen 
von ausreichenden Hilfskräften für experimentelle Arbeiten. Doch 
ist Aussicht vorhanden, daß diesem Mangel noch abgeholfen 
werden wird. 



Die Pathologie befindet sich zurzeit in derselben Lage, wie die 
Anatomie und Physiologie vor ihrer Trennung. 

Die Frage, ob eine vollständige Scheidung der experimentellen 
Pathologie von der pathologischen Anatomie durchführbar und 
zweckmäßig sein würde, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden; 
es sei hier nur hervorgehoben, daß den Vorteilen auch nicht geringe 



62 DAS PATHOLOGISCHE INSTITUT 



Nachteile gegenüber stehen, da beide Fächer sowohl im Unterricht 
als in der Forschung einander beständig ergänzen müssen. 

Es sei hier nur daran erinnert, daß jeder Krankheitsfall, der zur 
Sektion kommt, auch unter dem Gesichtspunkt eines natürlichen 
Experiments betrachtet werden kann, und zwar eines oft über viele 
Jahre und Jahrzehnte ausgedehnten Experiments an dem kostbarsten 
und höchst organisierten Versuchsobjekt, dem Menschen, daß aber 
die Aufgabe, die Ergebnisse des Experiments zu deuten, in der 
Hauptsache auf pathologisch-anatomischem Wege gelöst werden muß. 

Auf der anderen Seite ist nicht zu vergessen, daß die rein 
experimentelle Bearbeitung für das Verständnis wichtiger Krankheits- 
vorgänge unerläßHch, für viele der anatomischen Untersuchung 
unzugänglichen Fragen unentbehrlich ist. Dieses Gebiet ist aber 
durch die Ausbildung der Immunitätslehre, die Anwendung der physi- 
kalisch-chemischen, die Vervollkommnung der physiologischen Me- 
thoden so umfangreich geworden, daß es von einem Einzelnen 
nicht beherrscht werden kann. 

Daher ist die Einrichtung von mehr oder weniger selbständigen 
experimentell-pathologischen Abteilungen — wenigstens an den 
größeren pathologischen Instituten und so auch in Leipzig — eine 
unumgängliche Folge der fortschreitenden Entwicklung, deren Reali- 
sierung nur eine Frage der Zeit ist. 

Für das hiesige pathologische Institut würde die Verwirklichung 
dieses Zieles daran geknüpft sein, daß der dem Institut für gericht- 
hche Medizin überlassene Teil des östlichen Flügels wieder mit 
dem pathologischen Institut vereinigt würde. 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE 

MEDIZIN. 

DIREKTOR: RICHARD KOCKEL. 



Das Institut für gerichtliche Medizin gehört zu den jüngsten 
wissenschafthchen Unterrichtsanstalten unserer Hochschule, obwohl 
das Lehrfach, für dessen Pflege es eine Stätte ist, ein ehrwürdiges 
Alter besitzt und sowohl in Deutschland als auch im Auslande 
glänzende Namen unter seinen Vertretern aufweist. 

Die gerichtliche Medizin hat, wie so manches andere medizi- 
nische Sonderfach, in früheren Zeiten eine selbständige Stellung 
nicht eingenommen: die Vorlesungen über gerichtliche Medizin 
wurden lange Zeit hindurch von verschiedenen Professoren ge- 
halten, entsprechend den Gebräuchen der älteren Zeit, in der eine 
so scharfe Trennung der einzelnen medizinischen Disziplinen, wie 
sie jetzt überall durchgeführt ist, nicht bestand. 

Auch in Leipzig waren die Verhältnisse analog: bis zum Anfang 
des 19. Jahrhunderts wurden die Vorlesungen über Medicina foren- 
sis, die damals einen Teil der Staatsarzneikunde bildete, von ver- 
schiedenen Ordinarien, die meist gleichzeitig die Stellung eines 
Stadt- oder Amtsphysikus bekleideten, gewissermaßen im Neben- 
amte gehalten. 

Von Leipziger Lehrern und Forschern auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Medizin ist zu nennen Welsch (1618 — 1690), der 
zuerst Professor der Physiologie, dann der Pathologie, zuletzt der 
Therapie und Stadtphysikus war, ferner besonders Bohn (1640 bis 
1718), zuerst Professor der Anatomie, dann der praktischen Medizin 



64 ~ DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 

und Stadtphysikus von Leipzig. Beide haben sich, besonders aber 
der letztere in seinem Werke „De renuntiatione vulnerum seu 
vulnerum letahum examen", Lips. 1689, große Verdienste erworben 
um die Lehre von den tödhchen Verletzungen sowie um die Ein- 
führung vollständiger gerichtlicher Obduktionen. 

Unter den späteren sind hervorgetreten Platner (1744 — 181 8), 
der über Physiologie, Anthropologie, Psychologie sowie über Staats- 
arzneikunde und gerichtliche Medizin doziert hat, und Christian 
Friedrich Ludwig (1731 — 1823), der Sohn des Afrikareisenden 
Chr. Gottlieb Ludwig. Ludwig war Amtsphysikus, ordentlicher 
Professor der Pathologie, später der Materia medica und Therapie, 
zuletzt der Chirurgie, und hielt überdies Vorlesungen über Staats- 
arzneikunde und medizinische Polizei. Ungefähr um dieselbe Zeit 
veranstaltete der Chemiker und ordentl. Professor der Heilkunde 
Karl Gottlob Kühn (1754 — 1802) Übungen in der Ausarbeitung 
medizinisch-gerichtlicher Aufsätze und in der Abfassung von Medi- 
zinalberichten. 

Es ergibt sich aus diesen wenigen Daten, daß mindestens schon 
seit dem 17. Jahrhundert die gerichtliche Medizin an der Uni- 
versität Leipzig bei den Mitgliedern des Lehrkörpers eines lebhaften 
Interesses sich erfreute. Aus diesem Interesse aber, das jeder ein- 
zelne Dozent vor allem im Bereiche der von ihm hauptsächlich 
vertretenen Disziplin den forensisch bedeutungsvollen Tatsachen 
entgegenbrachte, erklärt es sich wohl großenteils, warum bis zum 
Anfange des 19. Jahrhunderts ein besonderer Vertreter für gericht- 
Uche Medizin nicht bestellt wurde, obwohl man sich darüber klar 
war, daß ein systematischer Unterricht in der Staatsarzneikunde 
dringend nötig sei. 

Eine weitere Ursache, warum die Begründung einer selbständigen 
Lehrstelle für Staatsarzneikunde im ersten Viertel des 19. Jahr- 
hunderts unterblieb, mag die gewesen sein, daß die Studierenden, 
wie wiederholt erwähnt wird, die betreffenden Vorlesungen nur 
spärlich besuchten, ja daß die über Medizinalpolizei angekündigten 
wegen Mangels an Hörern mehrfach nicht zustande kamen. 

Erst auf ein Königl. Reskript vom 3. 3. 1827, in dem darauf 
hingewiesen wurde, daß in Leipzig kein eigener Professor der 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN — 65 



Staatsarzneikunde angestellt sei, und Bericht darüber eingefordert 
wurde, wie diesem Mangel abzuhelfen wäre, erklärt die Fakultät 
prinzipiell ihr Einverständnis mit der Anstellung eines besonderen 
Vertreters dieses Faches. Die Fakultät hebt in ihrem Bericht unter 
anderem hervor, daß der zu ernennende Professor gehalten werden 
müßte, in jedem Semester mindestens vier gerichtliche Sektionen 
vorzuführen, Übungen im Diktieren der Protokolle und Abfassen 
von Gutachten zu veranstalten und überdies eine besondere Vor- 
lesung für Juristen zu halten, die auch an den Sektionen Anteil 
zu nehmen hätten. Die Fakultät hält dabei die Entrichtung eines 
kleinen Honorars für zweckdienlich, da dann die Studierenden die 
Vorlesungen besser besuchen würden. 

Auf den Bericht der Fakultät wird durch Königl. Reskript vom 
28. II. 1828 die Errichtung einer ordentlichen Professur neuer 
Stiftung für Staatsarzneikunde verfügt und gleichzeitig Christian 
Adolf Wendler (1783 — 1862) zum Ordinarius für Staatsarzneikunde 
ernannt. Wendler erhielt zu der ihm aus dem Stiftungsfonds 
des vormaligen deutschen Ordensgutes ausgesetzten Pension von 
300 Talern eine Zulage von 250 Talern, war jedoch gehalten, den 
Aufwand für die Sammlung und für Arzneistoffe hiervon zu tragen. 
Überdies wurde ihm aufgegeben, über Staatsarzneikunde, Medizinal- 
polizei und öflfentliche Gesundheitspflege zu lesen, Kurse über 
Verfälschung und Verderben von Arzneistoffen zu halten sowie 
Leichenbesichtigungen und gerichtUche Sektionen vornehmen zu 
lassen. Bei diesen hatte er anordnungsgemäß die Lungenprobe zu 
berücksichtigen, ferner die Vergiftungen, die Untersuchung und 
Beschreibung von Verletzungen und die Abfassung von Protokollen 
und Gutachten. Schließlich wurde ihm aufgetragen, die Studie- 
renden auf die Pflichten und Obliegenheiten der Gerichtsärzte und 
Ärzte hinzuweisen. Die Vorlesungen hatte Wendler in der Haupt- 
sache publice zu halten, doch war ihm gestattet, über einzelne 
Kapitel gegen Honorarvergütung vorzutragen, so über öffentliche 
Gesundheitspflege und über gerichtliche Medizin für Studierende 
der Rechte. 

Wendler, der keineswegs ausschließlich Vorlesungen über Staats- 
arzneikunde hielt, sondern in seiner Eigenschaft als Sekundärarzt 

in. 9 



66 ~ DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 



der Königl. Klinik auch über allgemeine Pathologie vortrug, starb 
1862. Nach seinem Tode war Sonnenkalb der Hauptvertreter der 
Staatsarzneikunde und insbesondere der gerichtHchen Medizin. 

Sonnenkalb (1816 — 1887), der seit 1843 als Dozent, seit 185 1 
als a.o. Professor für Staatsarzneikunde genannt wird und seit 1849 
Bezirks- und Gerichtsarzt war, hatte schon 1854 die Begründung 
einer besonderen Einrichtung, d. h. eines Instituts angeregt, in dem 
die Hörer der Staatsarzneikunde praktisch mit den verschiedenen 
Zweigen dieses Faches sich befassen, insbesondere auch Obduktionen 
sowie Explorationen körperlich und geistig Kranker vornehmen 
könnten. Es scheint sonach in jener Zeit die gerichtliche Medizin 
trotz des Bestehens einer ordenthchen, durch Wendler vertretenen 
Professur für Staatsarzneikunde und trotz der ihm von der Regie- 
rung gegebenen Dienstanweisung vorwiegend oder ausschließlich 
theoretisch behandelt worden zu sein. Den erhofften Erfolg hatte 
Sonnenkalb mit seinem Antrage zunächst nicht, wenngleich sich 
die Fakultät dafür interessierte: erst 1867 bewilligte das Königliche 
Ministerium jährlich 50 Taler für das staatsärztliche Praktikum. 

Obwohl nun, wie dargelegt worden ist, um die Mitte des 
19. Jahrhunderts in Leipzig gerichtliche Medizin von Wendler und 
Sonnenkalb, neben dem der etwas jüngere Reclam (1821 — 1887) 
wirkte, vorgetragen wurde, erhoben sich doch gelegentlich Klagen 
über mangelhafte Ausbildung der Gerichtsärzte. Die Regierung 
sah sich daraufhin 1862 und 1865 veranlaßt, von der FakuUät 
Berichte einzufordern über den Stand des Unterrichts in der Staats- 
arzneikunde, über etwa wünschenswerte Vervollkommnungen des- 
selben und über die den Prüfungen zu gebenden Einrichtungen, 
setzte jedoch hierbei voraus, daß ein direkter Zwang, die theore- 
retischen und praktischen mcdiko-forensischen Vorlesungen zu hören, 
den Studierenden nicht auferlegt werden solle. 

In zwei von der Fakultät 1863 und 1866 hierauf erstatteten 
Berichten vertritt diese den Standpunkt, daß die Staatsarzneikunde 
keine Wissenschaft für sich sei, sondern daß ihr nur die Aufgabe 
zufalle, ärztliches Wissen auf die öffentliche Gesundheitspflege und 
das Forum anzuwenden. Es sei daher jeder tüchtige und befähigte 
Arzt auch ohne besonderes Studium imstande, medizinische und 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN ~ 67 

naturwissenschaftliche Kenntnisse im Gerichtsverfahren zu ver- 
werten. 

Die Fakultät erklärt weiterhin, es sei naturgemäß wünschenswert, 
daß die Studierenden die Vorlesungen über gerichtliche Medizin 
besuchten, nur dürfe man sich hiervon keinen allzu großen Nutzen 
für die Ausbildung der künftigen Gerichtsärzte versprechen. Gar 
die Vorlesungen über gerichtliche Medizin zu obligatorischen zu 
machen, erscheine nicht gerechtfertigt, da ein fleißiger Student auch 
aus Büchern das Nötige lernen könne. Nicht einmal praktische 
Übungen werden von der Fakultät für die Studierenden für not- 
wendig erachtet, noch weniger aber als geeignet zur Heranbildung 
tüchtiger Gerichtsärzte. Es wird sogar angenommen, daß in der- 
artigen Übungen eine gewisse Gefahr liege insofern, als nach dem 
derzeitigen Stande der Wissenschaft ein einzelner Dozent kaum 
so gründliche Kenntnisse auf allen Gebieten der Medizin besitzen 
könne, als es im Interesse eines tiefgründigen Unterrichts erforder- 
lich sei. 

Nachdem somit die Fakultät in völliger Resignation die absolute 
Aussichtslosigkeit, durch Vorlesungen und praktische Übungen die Aus- 
bildung der Gerichtsärzte zu fördern, ausgesprochen hatte, hebt sie 
hervor, daß unter den Funktionen der Gerichtsärzte eine der schwersten 
die Sektion sei. Denn es sei ein bei einer Obduktion begangener 
Fehler fast nie wieder gut zu machen, überdies aber erfordere die 
Beurteilung pathologisch-anatomischer Befunde eine Erfahrung und 
Übung, wie sie bei der geringen Anzahl der in den einzelnen 
Gerichtsbezirken vorkommenden Legalobduktionen weder zu er- 
werben, noch zu erhalten sei. Von diesen Gesichtspunkten aus- 
gehend schlägt nunmehr die Fakultät einerseits vor, das Lehrfach 
an die pathologische Anatomie anzugliedern, andererseits aber, die 
sämtlichen im Königreich Sachsen vorkommenden, gerichtlichen 
Obduktionen durch zwei „Staatsgerichtsärzte" ausführen zu lassen, 
von denen der eine in Leipzig, der andere in Dresden stationiert 
sein und deren jedem ein Assistent beigeordnet sein sollte. 

Die Fakultät ist damals mit dem zuletzt genannten Vorschlage 
nicht durchgedrungen, obwohl seine Verwirklichung den praktischen 
Bedürfnissen der Rechtspflege weit mehr entsprochen haben würde. 



68 — DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 



als unsere gegenwärtigen, auf Zersplitterung der Arbeitskräfte be- 
gründeten Einrichtungen. Auch ein erneutes, vom Verfasser im 
Jahre 1906 eingereichtes, nach derselben Richtung abzielendes Ge- 
such ist vom Justizministerium ablehnend beschieden worden in 
Hinblick auf die jeweiligen räumlichen Entfernungen zwischen 
Leipzig und den Orten, wo gerichtliche Obduktionen vorzunehmen 
sind. Und doch würde es gerade in Sachsen leicht zu ermög- 
Hchen sein, sämtliche Legalsektionen durch einen oder zwei Staats- 
gerichtsärzte vornehmen zu lassen, da die Verkehrsverhältnisse in 
unserem engeren Vaterland auf einer hohen Entwicklungsstufe 
stehen, einer weitaus höheren, als z. B, in dem viel größeren, an 
modernen Verkehrsstraßen armen Tirol, wo gleichwohl alle gericht- 
lichen Sektionen von dem Innsbrucker Professor der gerichtlichen 
Medizin persönlich vorgenommen werden. 

In ihrem zweiten Bericht vom Jahre 1866 erklärt die Fakultät 
schließlich, daß durch Errichtung eines pathologischen Instituts, 
einer Irrenabteilung, eines Laboratoriums für pathologisch-chemische 
Untersuchungen und eine Vermehrung der Freistellen im Spital 
die Möglichkeit, forensisch-medizinische Unterweisungen stattfinden 
zu lassen, besser gewährleistet sei, als durch einen speziellen Unter- 
richt. Es erscheine daher auch die Wiederbesetzung der ordent- 
lichen Professur für Staatsarzneikunde entbehrlich, um so mehr, 
als durch Wendlers Tod eine Lücke im staatsärztlichen Unterricht 
nicht entstanden sei: die erforderlichen Vorlesungen würden von 
Sonnenkalb und Reclam gehalten. 

Die Regierung hat damals allem Anschein nach die Auffassung 
der Fakultät bezüglich der Bedeutung der gerichtlichen Medizin als 
Lehrfach nicht geteilt, denn sie ersucht die Fakultät noch im 
Jahre 1866 unter Hinweis darauf, daß die ordentliche Professur für 
gerichtliche Medizin zu den Professuren alter Stiftung gehörte, um 
Vorschläge für die von ihr beschlossene Wiederbesetzung des durch 
Wendlcrs Tod frei gewordenen Ordinariats. 

Diese Wiederbesetzung ist nicht erfolgt, nachdem die Fakultät 
in einem Bericht begründet hatte, daß eine geeignete Persönlich- 
keit für den Posten zurzeit nicht vorhanden sei. 

Nachdem bereits 1865 das LandesmedizinalkoUegium ins Leben 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN ZZ 69 



gerufen und damit die Abgabe von Obergutachten in Rechtsfragen 
von der medizinischen Fakultät auf diese Behörde übertragen worden 
war, sank die Bedeutung der gerichtlichen Medizin als Lehrfach an 
der Landesuniversität mehr und mehr, besonders da auch die staats- 
ärztlichen Prüfungen, die vordem sowohl in Leipzig, als auch in 
Dresden abgelegt werden konnten, seit 1869 lediglich vor dem 
Landesmedizinalkollegium zu erfolgen hatten. 

So konnte es kommen, daß nach Sonnenkalbs und Reclams 
Tod (1887) zwei Jahre lang in Leipzig gerichtliche Medizin über- 
haupt nicht gelesen wurde. Erst 1889 übernahm es auf Drängen 
des Landesmedizinalkollegiums Birch-Hirschfeld, der Direktor des 
Pathologischen Instituts, der von jeher ein weitgehendes Interesse 
für gerichtlich-medizinische Fragen an den Tag gelegt hatte, eine 
Vorlesung über gerichtliche Medizin zu halten, Sie wurde 1892 
von Schmorl übernommen und ging nach dessen 1894 erfolgter 
Berufung in die Prosektur am Dresdner Stadtkrankenhause auf den 
Verfasser über. 

Es ist hier nicht der Ort, näher darauf einzugehen, wodurch 
die medizinische Fakultät später (1896) veranlaßt wurde, im be- 
merkenswerten Gegensatz zu ihrer bisherigen Auffassung die gericht- 
Hche Medizin als das Sonderfach, das sie früher bereits unbestritten 
gewesen war, wiederum anzuerkennen. Es sei jedoch hervorgehoben, 
daß die gerichtUche Medizin gegenüber den anderen medizinischen 
Fächern eine völlig eigenartige Stellung einnimmt. Denn wenn 
man bedenkt, daß der Endzweck medizinischer Forschung in letzter 
Linie der ist, den kranken Menschen zu heilen und den gesunden 
vor Krankheit zu bewahren, so weichen von diesen Zielen die der 
gerichtlichen Medizin zweifellos ab. Denn ihre Aufgabe ist weit 
weniger, Kranke zu behandeln und zu heilen, als vielmehr die, 
dem Richter auf Grund wissenschaftlicher Erfahrungen Aufklärung 
über medizinische Fragen zu bieten und so dazu beizutragen, den 
Menschen die ihnen nächst der Gesundheit wertvollsten Güter, die 
Rechtsgüter, zu erhalten. 

Die besonderen sachlichen und formalen Kenntnisse, die hierzu 
erforderlich sind, sowie die große Verantwortung, die der gerichts- 
ärztliche Sachverständige im Einzelfalle zu tragen hat, wo oft Ehre, 



70 DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 



Freiheit, ja das Leben Angeschuldigter auf dem Spiele stehen, 
erfordern, daß die forensisch wichtigen medizinischen Fragen von 
besonderen Fachvertretern wissenschaftlich bearbeitet und in be- 
sonderen Vorlesungen vorgetragen werden; die Arbeits- und For- 
schungsgebiete der übrigen medizinischen Fächer sind im Laufe 
der Zeit viel zu umfiingreich und die ihnen erwachsenden Auf- 
gaben viel zu kompliziert geworden, als daß es noch möglich wäre, 
innerhalb ihres Rahmens gerichtlich-medizinische Dinge überhaupt 
oder doch mit der notwendigen GründHchkeit zu behandeln. Schließ- 
lich ist darauf hinzuweisen, daß unter dem Einfluß der modernen 
Psychiatrie, der Kriminalpsychologie und des mehr und mehr zu- 
nehmenden Bedürfnisses nach realen Beweismitteln im Zivil- und 
Strafverfahren der gerichtlichen Medizin ein umfangreiches eigenstes 
Forschungsgebiet erstanden ist, das noch erweitert wird durch die 
Fragen, die aus der sozialen Gesetzgebung hervorgehen. 

Alle diese Momente, die in vielen außerdeutschen Staaten schon 
lange vorher die Veranlassung gewesen sind, der gerichtlichen 
Medizin die Stellung eines selbständigen und hauptsächlichen Faches 
zuzuweisen, mögen auch die medizinische Fakultät unserer Hoch- 
schule bewogen haben, im Jahre 1897 bei der Staatsregierung 
die Neubesetzung der Lehrstelle für gerichtliche Medizin zu be- 
antragen. 

Mit der Ernennung des Verfassers zum außerordentlichen Pro- 
fessor durch das zu dieser Zeit unter der Leitung des Herrn Staats- 
ministers Dr. V. Seydewitz stehende Kultusministerium wurde die 
Bewilligung einer jährlichen Summe für Unterrichtszwecke ver- 
bunden, während die damaligen Vorstände des Pathologischen und 
Hygienischen Instituts, Birch-Hirschfeld und Franz Hofmann, drei 
Räume für gerichtsärztliche Untersuchungen und für Sammlungs- 
zwecke zur Verfügung stellten. 

Das gerichtsärztliche Institut, das zu dieser Zeit noch eine be- 
sondere Abteilung des Pathologischen Instituts darstellte, wurde 
auf weiteren Antrag der Fakultät vom Kultusministerium durch 
Verordnung vom 5. Mai 1900 zum selbständigen Lehrinstitut er- 
hoben, dem gleichzeitig durch das Entgegenkommen des derzeitigen 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 71 



Leiters des Pathologischen Instituts, Prof. iMarchand, und des Rates 
der Stadt ein bestimmtes Leichenmaterial überwiesen wurde. 

Dem neu begründeten Institut konnten allerdings fiirs . erste 
weitere Räumlichkeiten, als die bisher benutzten, nicht zur Ver- 
fügung gestellt werden. Erst als für das Pathologische Institut ein 
Neubau geplant wurde, wurde vom Königl. Kultusministerium an- 
geordnet, daß das gerichtsärztliche Institut in diesem mit unter- 
zubringen sei. Am i. Oktober 1905 erfolgte die Übersiedelung 
des Instituts für gerichtliche Medizin in das neue Gebäude. 

Zum besseren Verständnis der Anordnung und des Umfanges 
der neuen Institutsräume sei hier erwähnt, daß nach der ursprüng- 
lichen Planung dem Institut für gerichtliche Medizin ein besonderer 
Flügel zugewiesen werden sollte, daß jedoch in Rücksicht auf den 
wirtschaftlichen Niedergang der damaligen Zeit vorläufig davon 
abgesehen werden mußte, die projektierten Räume in ganzer Aus- 
dehnung zur Ausführung zu bringen. Es wurden daher unter 
Auflassung eines Platzes für einen späteren Ergänzungsbau nur 
das Portal und die Leichenkeller des Instituts errichtet, die Arbeits- 
räume aber vorerst im Keller- und Erdgeschoß des angrenzenden 
Flügels vom Pathologischen Institut untergebracht. Die beiden 
räumlich getrennten Teile des gerichtsärztlichen Instituts wurden 
durch einen über den Bauplatz hinweggeführten interimistischen 
Gang miteinander verbunden. 

Betritt man das Institut durch das an der Johannisallee gelegene 
Portal, so liegen, wie die beistehenden Pläne zeigen, im Erd- 
geschoß zur Rechten das Sprechzimmer des Institutsvorstands, dessen 
Arbeitszimmer, das photographische Zimmer und der Sektionsraum, 
zur Linken der in 4 m Breite ausgeführte Verbindungsgang. 

Im Kellergeschoß befinden sich rechts von der Haupttreppe ein 
Wasch- und Spülraum, ein Assistentenzimmer, ein Aufbewahrungs- 
raum für Chemikalien und Glasgegenstände sowie ein Stall für 
Versuchstiere. Von der Haupttreppe nach links führt der Weg durch 
das untere Geschoß des Verbindungsganges zu einer Treppe, auf 
der man die unter der Aufbahrungshalle befindlichen, sehr tief ge- 
legenen Leichenkeller des Instituts erreicht, und zwar zunächst einen 
Vorraum. Von diesem gelangt man in die Morgue, die fünf 



72 ZZ DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 



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8 




DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN ZI 73 



zementierte Leichenlager enthält und durch drei breite Fenster tags- 
über ausreichendes Licht erhält; ein nebenan gelegener kleinerer 
Raum enthält zwei Leichenlager und ist für die Aufnahme be- 
sonderer, namentlich der seitens der Gerichte zugeführten Leichen 
bestimmt. Hier ist eine Vorrichtung zum Kühlen des ganzen 
Raumes vorhanden, außerdem zwei Kühlzellen, die vom Vorplatz 
aus zugänglich sind, und deren jede ein Traggestell, für eine Leiche 
passend, enthält. Die ganze Kühlanlage ist an die des Patholo- 
gischen Instituts angeschlossen. 

Von dem erwähnten Vorraum aus können die Leichen direkt 
auf die elektrisch betriebene Fahrbühne und von da durch den 
oberen Verbindungsgang nach dem Sektionszimmer gebracht werden. 

Für die innere Ausstattung der verschiedenen Räume waren 
maßgebend einerseits die Lehraufgaben des Instituts, andererseits 
die ihm seit seinem Bestehen von den Gerichten zugewiesenen 
Feststellungen, die vielfach Ausgangspunkte für wissenschaftliche 
Untersuchungen allgemeinerer Art darstellten. 

Diesen Zwecken konform wurde ein Sektionsraum geschaffen, 
der den modernen Anschauungen über Reinlichkeit völlig ent- 
spricht: ein fugenloser Terrazzoboden, weiße Fliesenbeläge bis zu 
2 m Höhe und ein weißer Emaillefarbanstrich der übrigen Teile 
der Wände sowie der Decke gewährleisten, daß Unreinlichkeiten 
leicht bemerkt und mit geringer Mühe beseitigt werden können. 
Der aus hellem Marmor gefertigte Sektionstisch, der drehbar und 
an einer Schmalseite mit Abfluß versehen ist, steht in der einen 
Fensterachse, da auf diese Weise nicht nur die günstigste Beleuch- 
tung beim Sezieren gegeben, sondern auch der Möglichkeit, die 
Leichen aus verschiedenen Entfernungen und bei verschiedener 
Beleuchtung zu photographieren, am besten entsprochen ist. Der 
Raum, der hinreichend mit W'asch- und Spüleinrichtungen aus 
weißem Steinzeug ausgestattet ist, läßt sich am Abend durch zwei, 
für halb indirekte Deckenbeleuchtung eingerichtete Bogenlampen so 
gut erhellen, daß nicht nur die Leichenbefunde gut beurteilt, 
sondern auch photographische Aufnahmen vöUig sachgemäß bewerk- 
steUigt werden können. 

Das benachbarte photographische Zimmer enthält alles zur Photo- 
III. 10 



74 m DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 

graphie Nötige, auch die Dunkelkammer, die mangels eines be- 
sonderen Raumes durch Einziehen von Rabitzwänden im hinteren 
Teile des Zimmers abgetrennt werden mußte. Trotz der hierdurch 
gegebenen Verkleinerung des eigentlichen Arbeitsraumes war es 
möglich, nicht nur die sämtlichen photographischen Apparate, sondern 
auch die Vorrichtungen zum Waschen und Trocknen der Bilder 
sowie zum Fertigmachen der Bilder unterzubringen. 

Von Instrumenten stehen hier zur Verfügung ein großer und 
ein kleiner Zeißscher mikrophotographischer Apparat nebst den 
dazu gehörigen Mikroskopstativen, darunter das von Voigtländer 
angegebene, ausschließlich für mikrophotographische Aufnahmen 
von Schriftstücken bestimmte. Die vollständige Serie der Zeiß- 
schen Apochromate und Mikroplanare ermöglichen mit diesen 
Apparaten Aufnahmen verschiedenster Art, wobei oft gewisse, für 
die photographische Untersuchung von Schriftstücken vom Ver- 
fasser selbst verfertigte Hilfsapparate in Anwendung kommen. 

Für die außerhalb des Instituts bei gerichtlichen Augenscheins- 
aufnahmen zu fertigenden Photogramme ist eine transportable 
Kamera für Plattengrößen 13x18 cm vorhanden, für die Auf- 
nahmen von Leichen innerhalb des Instituts eine Stativkamera für 
Plattenformate bis zu 24 x 30 cm. Zur photographischen Repro- 
duktion von Schriftstücken dient ein großer Apparat auf Tischstativ 
für Platten bis zum Format 40 x 50 cm. Er ist durch Zahnstangen 
mit einem verschieblichen Reißbrett verbunden, auf dem die zu 
photographierenden Objekte befestigt werden. Eine einfache Vor- 
richtung ermöglicht es, je nach dem verwendeten Objektiv und 
der gewünschten Bildgröße den hierfür erforderlichen Abstand des 
Objekts vom Apparat sofort herzustellen. Der große Apparat 
dient überdies zur photographischen Vergrößerung kleiner Original- 
aufnahmen: die vergrößerten Abbildungen, deren bereits eine 
erhebliche Anzahl vorhanden ist, werden in der Vorlesung als Wand- 
bilder verwendet. Zur Beleuchtung der zu reproduzierenden Schrift- 
stücke sowie der zu vergrößernden Negative sind Standbogenlampen 
der Firma Körting & Mathiesen vorhanden. 

Das an das photographische Laboratorium sich anschließende 
Arbeitszimmer des Institutsvorstands hat eine Ausstattung, wie 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 75 



sie für die Vornahme mikroskopisch-histologischer, bakteriologischer 
und gewisser chemischer Untersuchungen zweckdienHch ist. Ebenso 
das im Kellergeschoß gelegene Assistentenzimmer. 

Das Sprechzimmer des Direktors enthält unter anderem Schränke 
für das Archiv und für die Sammlung photographischer und sonstiger 
Abbildungen. Die photographische Sammlung, die zurzeit über 
1000 Nummern umfaßt, erfährt eine regelmäßige Erweiterung und 
Vervollständigung dadurch, daß alle irgend bedeutungsvollen Leichen- 
befunde photographisch fixiert werden, und daß die meisten der 
zum Zwecke gerichtlicher Feststellungen und Untersuchungen ge- 
fertigten Photogramme und Mikrophotogramme ihr einverleibt 
werden. Es steht so für die Vorlesungen ein reiches und viel- 
seitiges Demonstrationsmaterial zur Verfügung. 

Die Bibliothek, die eine größere Anzahl von Monographien 
und Zeitschriften aus dem Gebiete der gerichtlichen Medizin, der 
übrigen medizinischen Sonderfächer, der Kriminalistik, der Photo- 
graphie, der Handschriftenkunde und der Chemie enthält, ist zum 
Teil im Sprechzimmer des Institutsvorstands, zum Teil in mehreren 
Schränken auf dem Korridor des Erdgeschosses untergebracht. Hier 
mußte außerdem ein Teil der Sammlung aufgestellt werden, und 
zwar die für mikroskopische Untersuchungen aufgehobenen Ob- 
jekte, die Blut-, Tinten-, Haar- und Federsammlung, ferner die 
Sammlungsgruppe, die die dem Institut von den Gerichten über- 
lassenen Untersuchungsobjekte nicht medizinischer Natur umfaßt. 

Die Sammlung anatomischer Präparate, die in den Vorlesungen 
demonstriert werden, mußte unter den jetzigen Verhältnissen im 
Erdgeschoß des provisorischen Verbindungsganges Aufstellung finden. 
Sie beläuft sich zurzeit auf über 1 100 Präparate, die sämtlich während 
der seit der Errichtung der Lehrstelle für gerichtliche Medizin ver- 
flossenen 12 Jahre konserviert worden sind. Die Präparate, die 
teils von gerichtlichen Sektionen, teils von den im Institut aus- 
geführten Übungssektionen stammen, sind, soweit es sich nicht 
um Skelettstücken handelt, fast durchweg nach dem Kaiserlingschen 
Verfahren behandelt. Der Verbindungsgang, in dem sich die Samm- 
lung befindet, dient überdies als Auditorium für die praktischen 
Übungen im Mikroskopieren, Spektroskopieren usw., während die 



76 ZZ DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 



Vorlesungen über gerichtliche Medizin in dem sogenannten kli- 
nischen Sektionssaal des Pathologischen Instituts gehalten werden. 

Das Institut hat naturgemäß in erster Linie Lehrzwecken zu 
dienen. Dementsprechend wird in jedem Sommersemester eine 
zweistündige Vorlesung über gerichtliche Medizin für Mediziner 
und in jedem Wintersemester eine einstündige Vorlesung über 
dasselbe Gebiet für Juristen gehalten. Die letztere, in der die 
medizinischen Fragen in mehr allgemein-verständlicher Form zu 
behandeln sind, findet im Universitätsgebäude statt, doch werden 
auch hier Photographien und anatomische Präparate — für deren 
Beförderung ein Transportdreirad vorhanden ist — in großer Zahl 
vorgeführt. Überdies wird im Institut jedes Semester ein gerichts- 
ärztliches Praktikum veranstahet. Dieses umfaßt Übungen im Sezieren 
und im ProtokoUieren der Obduktionsbefunde, ferner mikrosko- 
pische Untersuchungen verschiedenster Art, soweit sie ein gerichts- 
ärztliches Interesse darbieten, spektroskopische Untersuchungen, das 
biochemische Verfahren zur Unterscheidung verschiedener Blutarten 
sowie einige Feststellungen, über die der Gerichtsarzt wenigstens 
bis zu einem gewissen Grade orientiert sein muß: die Prüfung 
von Fingerabdrücken, das Abformen von Fußspuren und mikro- 
skopische Untersuchungen von Faserstoffen und Textilgeweben ver- 
schiedener Zusammensetzung. 

Schließhch stehen die Laboratorien des Instituts Studierenden 
und Ärzten für wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung. 

In zweiter Linie hat das Institut zu dienen dem wissenschaft- 
lichen Ausbau der gerichtlichen Medizin. Dieser ist entsprechend 
der eigenartigen Stellung des Faches zur Rechtspflege und in 
mancher Beziehung abweichend von dem wissenschaftlichen Be- 
triebe der meisten anderen medizinischen Institute auf das engste 
verknüpft mit den Aufgaben, die dem Institut von den Gerichten 
und anderen Behörden gestellt werden. 

Es findet daher innerhalb des Instituts für gerichtliche Medizin 
die Mehrzahl der in der Stadt Leipzig vorkommenden gerichtlichen 
Sektionen statt, ferner werden daselbst Sektionen vorgenommen, 
die von der Staatsanwaltschaft oder der Polizei veranlaßt worden 
sind, und schließlich solche, die von Berufsgenossenschaften oder 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 77 



Privaten erfordert werden. Bei allen diesen und den sonstigen, im 
Institut ausgeführten Obduktionen ist Gelegenheit geboten, die 
Leichen zu photographieren, sei es zum Zwecke späterer Identi- 
fizierung unbekannter Persönlichkeiten, sei es im Interesse einer 
objektiven Festhaltung vorhandener Verletzungen. Weiterhin liegt 
die Möglichkeit vor, während oder unmittelbar nach der Sektion 
spektroskopische, mikroskopische und gewisse chemische Unter- 
suchungen vorzunehmen, und schließlich Körperteile und Organe, 
die für die forensische Beurteilung des Sachverhalts bedeutungsvoll 
sind, zu konservieren bez. zu skelettieren. 

Das Institut wird fernerhin häufig betraut mit Untersuchungen 
von Blutflecken, Feststellungen, die in Rücksicht darauf, daß jetzt 
auf serologischem Wege die Unterscheidung verschiedener Blutarten 
möglich ist, einen recht komplizierten Apparat erfordern. Denn 
es bedarf für die Ermittelung jeder einzelnen Blutart mehrerer 
Kaninchen, so daß deren manchmal gleichzeitig 40 — 50 in Behand- 
lung sind, je nach der Anzahl der in einem bestimmten Falle in 
Betracht kommenden Blutsorten. Ein großer Eisschrank, eine schnell 
laufende Zentrifuge und zahlreiche, für diese Untersuchungen un- 
entbehrliche Glasgegenstände ermöghchen eine rasche und einwand- 
freie Erledigung der vorgelegten Fragen. 

Unter den sonst noch im Institut vorkommenden medizinischen 
Begutachtungen sind zu nennen die Prüfung verschiedenartiger 
Flecken auf Kleidungsstücken usw., Untersuchungen von Haaren, 
aufgefundenen Knochen und anderen Organen, schließlich aber 
auch Begutachtungen mehr theoretischer Art, die lediglich auf Grund 
eingesandten Aktenmaterials zu erfolgen haben. 

Neben allen diesen rein medizinischen Arbeiten, bei denen die 
erforderlichen Hilfen von einem Assistenten und zwei Dienern ge- 
leistet werden, werden dem Institut seitens sächsischer und nicht- 
sächsischer Gerichte oft Feststellungen zugewiesen, die mit ärzt- 
lichen Fragen nichts zu tun haben, wohl aber des Mikroskops und 
der photographischen Apparate zur Aufklärung bedürfen. 

Hierher gehört in erster Linie die Prüfung der Ab- und Eindrücke 
von Fingern, Händen und Füßen, die Untersuchung von Schnitt- 



78 ZZ DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN 

und Hackflächen auf Schartenspuren und die Identifizierung dieser 
mit den Scharten vorgelegter schneidender Werkzeuge, ferner die 
Untersuchung von Geschossen und Schußwaffen unter verschiedenen 
Gesichtspunkten, die mikroskopische und mikrochemische Prüfung 
von Farbstoffteilchen, wie sie z. B. an Einbrecherwerkzeugen öfters 
haften bleiben, die Eindrücke derartiger Werkzeuge an erbrochenen 
Behältnissen usw. 

Besonders groß ist die Zahl der Untersuchungen von Schrift- 
stücken, mit denen das Institut betraut wird. Es handelt sich bei 
diesen Feststellungen meist darum, zu ermitteln, ob Verfälschungen 
an Urkunden durch nachträgliche Einfügungen, Rasuren, Korrek- 
turen vorgenommen worden sind, Fragen, die mit Hilfe des Mikro- 
skops und des mikrophotographischen Apparates fast immer nach 
der einen oder der anderen Richtung sich beantworten lassen. Im 
engen Zusammenhang hiermit machen sich häufig auch chemische 
Prüfungen von Tintenschriften nötig, wennschon die chemischen 
Befunde an Tintenschriften gegenüber deren mikroskopischem Ver- 
halten meist eine geringere Bedeutung besitzen. 

Schließlich werden vom Institut öfters Handschriftenverglei- 
chungen erfordert, teils zum Zwecke des Nachweises der Echtheit 
oder Unechtheit von Unterschriften und ganzen Schriftsätzen (Testa- 
menten), teils zum Zwecke der Ermittelung anonymer Briefschreiber. 
In allen diesen Fällen wird von der photographischen Reproduktion 
der zu prüfenden Schriftstücke in weitgehendem Maße Gebrauch 
gemacht, da für alle einigermaßen umfänglichen Handschriften- 
vergleichungen die unmhtelbare Nebeneinanderstellung zusammen- 
gehöriger Worte, Buchstaben und Buchstabenverbindungen, wie sie 
in den oft zahlreich vorliegenden Schriftstücken sich finden, nicht 
zu entbehren ist. 

Die Ergebnisse der von verschiedenen Seiten vorgenommenen 
handschriftlichen Begutachtungen stehen sich nicht selten diametral 
gegenüber: die soeben kurz angedeutete Methodik soll nicht nur 
die Irrtümer, denen der einzelne Begutachter anheimfallen kann, 
nach Möglichkeit einschränken, sie soll auch den Richter instand 
setzen, an der Hand der ihm vorgelegten photographischen Tafeln 
sich selbst und unabhängig von dem gewissermaßen autoritativen 



DAS INSTITUT FÜR GERICHTLICHE MEDIZIN ZZ 79 



Auftreten des Schreibsachverständigen ein eigenes Urteil über den 
Sachverhalt zu bilden. 

Wenn man alle die verschiedenen, dem Institut seit seiner 
Gründung zugewiesenen Begutachtungen und sonstigen Aufträge 
zusammenfaßt, so ergibt sich ein stetiges und erfreuliches An- 
wachsen ihrer Zahl. Es beliefen sich die gesamten Eingänge im 
Jahre 1900 auf 181, 1901 auf 261, 1902 auf 312, 1903 auf 255, 
1904 auf 302, 1905 auf 296; diese Zahl stieg 1906, nach Inbetrieb- 
nahme des neuen Institutsgebäudes, auf 417 und 1907 auf 560 Num- 
mern. Befinden sich auch unter den Eingängen viele, die rasch 
sich erledigen lassen, so ist doch die Zahl derer nicht gering, die 
wochenlange mühsame Arbeit erfordern. 

Nach dem eben Besprochenen geht ein Teil der dem Institut 
übertragenen gerichtlichen Feststellungen über das Gebiet der ge- 
richtlichen Medizin hinaus. Wenn sie dem Institut immer wieder 
und in immer wachsender Anzahl, oft auch von nichtsächsischen 
Gerichten, zugewiesen werden, so folgt daraus, daß in der Rechtspflege 
das Bedürfnis nach einer unabhängigen wissenschaftlichen Anstalt, in 
der reale Beweismittel beschafft werden, im Zunehmen begriffen ist. 
Und diesem Bedürfnis, mag es sich um medizinische oder nicht- 
medizinische Fragen handeln, soll im Institut jederzeit entsprochen 
werden, auch in Rücksicht auf die ihm obliegenden Lehrzwecke. 
Denn aus fast jeder Begutachtung ergeben sich Gesichtspunkte, die 
sowohl in den für Mediziner, als auch in den für Juristen gehaltenen 
Vorlesungen verwertet werden. 

So ist das Institut für gerichtliche Medizin, aus bescheidenen 
Anfängen hervorgegangen, im Laufe weniger Jahre zu einer wissen- 
schaftlichen Anstalt geworden, die ein eigenes und unbestrittenes 
Arbeitsgebiet besitzt, und die, wenn man ihren bisherigen Werde- 
gang als Fingerzeig für die Zukunft verwerten darf, auch fernerhin 
gedeihlich sich weiter entwickeln wird als ein nützliches Glied im 
Kreise der wissenschaftlichen Institute unserer Hochschule. 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT. 

DIREKTOR: RUDOLF BOEHM. 



Das Bedürfnis, für die Behandlung von Krankheiten mit Arznei- 
mitteln und die Wirkung der Gifte eine experimentelle Grundlage 
zu schaffen, ist erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebhafter 
empfunden worden. Die Fortschritte der experimentellen Physio- 
logie auf der einen, die der organischen Chemie auf der anderen 
Seite mußten dazu anregen, die chemischen Eigenschaften von 
Arzneimitteln und Giften näher zu erforschen und die der Beob- 
achtung zugänglichen Wirkungen derselben an der Hand der Phy- 
siolofijie zu analvsieren. Es war dies nur ein weiterer Schritt in 
dem konsequenten Ausbau der Medizin in naturwissenschaftlicher 
Richtung, wie er seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts durch 
Physik, Chemie, Anatomie und Physiologie angebahnt worden war. 

Wie sich die Gliederung der Lehraufgaben der medizinischen 
Fakultäten naturgemäß erst im Anfange des 19. Jahrhunderts all- 
mählich nach spezielleren Disziplinen, Lehrfächern und Professuren 
vollziehen konnte, so finden wir auch in der Leipziger medizi- 
nischen Fakultät erst vom Jahre 1820 an einen besonderen Ver- 
treter des Faches der Arzneimittellehre in der Person des Dr. med. 
Wilhelm Andreas Haase, der als ordentlicher Professor der Therapie 
und Arzneimittellehre von 1820— 1838 wirkte. Ihm folgte Dr. med. 
Albert Braune als ordentlicher Professor der allgemeinen Therapie 
und Heilmittellehre von 1838 — 1848, und diesem Dr. med. Justus 
Radius, bis 1859 als ordentlicher Professor der Pharmakologie und 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 8i 



allgemeinen Therapie, von 1859 bis zu seinem Tode 1884 als 
ordentlicher Professor der Hygiene und Pharmakologie. 

Im Jahre 1834 erhielt Prof. Wilhelm Andreas Haase auf sein 
Ansuchen vom Königl. sächsischen Ministerium einen Fonds von 
jährHch 100 Talern zur Bestreitung des Aufwandes für den Ankauf 
der Arzneimittel, „um solche den Studierenden in den Vorlesungen 
über die Arzneimittellehre zur Anschauung und sinnlichen Prüfung 
vorlegen zu können". Während der Amtsführung des Nachfolgers 
Haases, Prof. Braune, äußert das Königl. Ministerium den Wunsch, 
daß dieser Fonds auch zur Einrichtung einer allmählich zu ver- 
größernden Sammlung verwendet werden möge. 

Bei Gelegenheit einer im Jahre 1841 zu Leipzig tagenden Ver- 
sammlung des norddeutschen Apothekervereins wurde von der 
Drogenfirma Brückner & Lampe in Leipzig eine große Sammlung 
von Naturdrogen, Mineralien und sonstigen für Medizin und Phar- 
mazie wichtigen Gegenständen zusammengestellt und hierauf der 
Leipziger Universität zur Benutzung als Lehrmittel überlassen. 
Anfangs war diese Sammlung mietweise in einem Privathause 
(Dr. Hillig in der Katharinenstraße) untergebracht, bis sie im Jahre 
1845 in den ehemaligen Konviktsaal im Mittelgebäude des Pauli- 
num transferiert wurde. Unter dem 11. Dezember 1852 wurde 
zwischen der Leipziger medizinischen Fakultät und der Firma 
Brückner & Lampe ein vom Königl. Ministerium bestätigtes Ab- 
kommen getroffen, nach welchem die Sammlung unter der Be- 
zeichnung „Pharmakognostisches Museum, gestiftet von der Firma 
Brückner & Lampe im Jahre 1842", als Schenkung dauernd in den 
Besitz der Universität überging, wobei sich die Stifterin das Recht 
der weiteren Vervollständigung der Sammlung vorbehielt und außer- 
dem die Bedingung stellte, daß das „Pharmakognostische Museum" 
wöchentlich einmal der Besichtigung durch das Publikum zugäng- 
lich gemacht werden sollte. 

Erst im Jahre 1856 fand das ,, Museum" auf Antrag des Prof. Radius 

eine vorteilhaftere Aufstellung in den Räumen der zweiten Etage 

des damals neuerbauten Beguinenhauses an der Universitätsstraße, 

wo dann zugleich ein Auditorium für die Vorlesungen des Prof. 

Radius zur Verfügung gestellt wurde; dem Pharmakognostischen 
in. 1 1 



82 DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 



Museum wurde allmählich auch eine kleine Büchersammlung an- 
geghedert. 

Im Jahre 1882 fanden im Schöße der Leipziger medizinischen 
Fakultät die ersten Verhandlungen über die Gründung eines In- 
stituts für experimentelle Pharmakologie und die Berufung eines 
Vertreters dieser Disziplin statt; aber erst nach dem im Frühjahr 1884 
erfolgten Ableben des Professors der Hygiene und Pharmakologie 
und damaligen Seniors der medizinischen Fakultät Dr. Justus Radius 
wurden diese Pläne verwirklicht, indem das Königl. Ministerium 
zum I. Oktober 1884 den Verfasser dieser Zeilen als ordentlichen 
Professor der Pharmakologie und Direktor des Pharmakologischen 
Instituts nach Leipzig berief und den Neubau eines Instituts für 
experimentelle Pharmakologie für die nächste Zukunft in Aussicht 
stellte. 

Das bisherige pharmakognostische Museum der Universität, bzw. 
die Räume der zweiten Etage des Beguincnhauses, in denen es seit 
1856 untergebracht war, wurden zunächst in ein provisorisches 
pharmakologisches Institut umgewandelt für die Zeit bis zur Voll- 
endung des Neubaues des Instituts, wofür das an die Nürnberger 
und Liebig-Straße angrenzende Eckgrundstück in Aussicht genommen - 
war. Die Umwandlung ließ sich dadurch ermöglichen, daß die 
wertvolle Sammlung zum Teil provisorisch in eine benachbarte 
Privatwohnung transferiert, zum Teil auch, indem die Sammlungs- 
schränke in schonender Weise übereinander getürmt und an einer 
langen fensterfreien Wand in Sicherheit gebracht wurden. 

Einschließlich des bisherigen Auditoriums ergaben sich so drei 
größere Säle und ein kleineres Zimmer; erstere ließen sich leicht 
in ein kleines chemisches und physiologisches Laboratorium um- 
gestalten, das vorläufig ausreichende Arbeitsräume für den Direktor, 
einen Assistenten und vier Praktikanten bot. Das kleine Zimmer 
diente als Bureau des Direktors; die Vorlesungen fanden bis auf 
weiteres in dem nahe benachbarten großen Hörsaale über dem 
Konvikt statt. Schon im Wintersemester 188485 waren die Räume 
und Einrichtungen dieses provisorischen Instituts allseitig in An- 
spruch genommen. 

Für die Einrichtung des provisorischen Instituts waren vom 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 83 



Königl. Ministerium die erforderlichen Mittel bewilligt worden, und 
nachdem der Inhaber der Firma, Stadtrat Lampe, auf die noch vor- 
behaltenen Rechte Verzicht geleistet hatte, wurde das pharma- 
kognostische Museum als selbständiges Attribut der Universität auf- 
gehoben, die pharmakognostische Sammlung aber als wertvoller 
Besitz dem neugegründeten pharmakologischen Institute einverleibt. 

Als- Bauplatz für das neu zu errichtende pharmakologische In- 
stitut hatte man von Anfang an das noch nicht bebaute westliche 
Eckgrundstück der Liebig- (ehemals Waisenhaus-)-straße bestimmt. 
Auf Anregung der medizinischen Fakultät ist dann im Herbst 1884 
vom Königl. Ministerium verfügt worden, daß auf diesem ziemlich 
geräumigen Terrain mit dem pharmakologischen Institut zugleich 
ein Neubau für die medizinische und chirurgische Poliklinik er- 
richtet werde. Der Direktor des pharmakologischen Instituts bean- 
tragte; daß die im Zusammenhang zu erbauenden Institute vertikal 
voneinander getrennt werden sollten und diesem seinem Antrag 
entsprechend ist der mit der Nordfront an die Liebigstraße grenzende 
längere Flügel des Gebäudes zum größten Teil dem pharmako- 
logischen, der (einschließlich von vier Fenstern an der Liebigstraße) 
an der Nürnberger Straße gelegene Teil den beiden Universitäts- 
polikliniken zuerteilt worden. 

Die Pläne bearbeitete Baurat F. Müller unter dankenswerter 
Berücksichtigung der vom Direktor des Instituts geltend gemachten 
Gesichtspunkte und geäußerten Wünsche. Nachdem die Pläne die 
Genehmigung der vorgesetzten Behörden gefunden hatten, begann 
der Neubau im Herbst 1886 und war im Frühjahr 1888 einschließ- 
lich der inneren Einrichtung so weit vollendet, daß das neue Institut 
zu Beginn des Sommersemesters 1888 bezogen und in allseitigen 
Betrieb gesetzt werden konnte. 

Das Gebäude hat einschließlich des Keller- und Mansarden- 
geschosses vier Geschosse. Der Haupteingang befindet sich am 
östlichen Ende der Hauptfront (nach Norden) an der Liebigstraße. 
Das ganze Institut ist in allen seinen Geschossen von einem von 
Osten nach Westen gerichteten 2,7 m breiten Korridor durchzogen, 
der sein Licht durch ein Fenster an der kurzen Ostfront und zum 
Teil durch die in ihrem oberen Teile verglasten Türen der an der 



84 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 



Nord- und Südfront gelegenen Räume erhält. In den beiden Haupt- 
seschossen sind auf diesem Korridor die Schränke und Gestelle für 
die Garderobe der Praktikanten und Studierenden untergebracht. 
Sämtliche Räume des Instituts münden auf den Korridor; von 
seinem östlichen Ende führt die Haupttreppe, vom westlichen eine 
Nottreppe in die übrigen Geschosse; an der Südfront befindet sich 




am östlichen und westHchen Ende je ein Ausgang nach dem Garten- 
raum des Instituts; hier sind an der Grenzmauer gegen das sogenannte 
Schrammsche Grundstück eine größere Stallung für Versuchstiere 
und ein mit Drahtgeflecht überzogener Froschteich untergebracht. 
Das Parterregeschoß mit 12 Fenstern an der nördlichen Haupt- 
front nach der Liebigstraße beherbergt in sieben Räumen das che- 
mische Laboratorium, zu dessen Ergänzung noch mehrere Gelasse 
im Kellergeschosse vorhanden sind. Nächst dem Haupteingang 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 



85 



folgen: I. das Laboratorium des Direktors (zwei Fenster Front), 
2. das Wagezimmer zum gemeinschaftlichen Gebrauche — mit 
drei feinen Analysenwagen, mehreren gröberen Standwagen und 
einer kleinen Handbibliothek zum Gebrauche im chemischen Labo- 




oiuitocfrniit'. 



ratorium; 3. ein Zimmer (ein Fenster Front) für Elementaranalysen 
mit zwei Verbrennungsöfen und besonderen Gasleitungen für Luft 
und Sauerstoff; 4. ein kleineres Laboratorium (ein Fenster Front) 
zur Vornahme besonderer chemischer Arbeiten; 5. ein Laboratorium 
(zwei Fenster Front) mit Apparaten zur Destillation, zum Ab- 
dampfen und Vorrichtungen für Reinigung der Gefäße; 6. das all- 



86 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 




DAS PHARiMAKOLOGISCHE INSTITUT 87 



gemeine chemische Laboratorium (drei Fenster Front) mit acht 
Arbeitsplätzen für Praktikanten und einen Assistenten. Jeder Arbeits- 
platz ist mit Gas- und Wasserleitung und einer Wasserstrahlluft- 
pumpe ausgestattet. An der südlichen Wand befinden sich zwei 
größere verglaste Abdampfkapellen mit Ventilationsschächten; 7. ein 
Zimmer (ein Fenster Front), das die Vorratsschränke für die Chemi- 
kahen birgt und zugleich als Arbeitsraum für einen Assistenten 
dient; 8. ein Zimmer (ein Fenster Front) mit Einrichtungen für 
Gasanalyse und physikalisch-chemische Untersuchungen. Zur Er- 
gänzung des chemischen Laboratoriums befinden sich außerdem an 
der Südfront des Kellergeschosses: a) ein mit besonderen Venti- 
lationseinrichtungen ausgestatteter Raum für Arbeiten mit Schwefel- 
wasserstoff; b) zwei kleinere Laboratorien mit Apparaten für ge- 
fahrlose Destillation leicht entzündlicher Flüssigkeiten, für Extraktion 
von Drogen, mit den Schüttelmaschinen, Zentrifugen, Pflanzen- 
und Filterpressen. 

An der Südseite des Erdgeschosses liegt i. der 120 Zuhörer 
aufnehmende Hörsaal (vier Fenster Front) mit dem Haupteingang 
für die Studierenden vom Korridor aus. 

An der westlichen Kurzwand hinter dem Experimentier- und 
Demonstrationstisch kommuniziert das Auditorium mit dem an- 
grenzenden Vorbereitungszimmer durch eine für gewöhnlich durch 
die zweigeteilte, an Flaschenzügen vertikal verschiebbare Tafel ver- 
deckte Öffnung, um während der Vorträge Gegenstände herein- 
oder herauszuschaffen; an der gleichen Wand können außerdem 
vermittels des gegenüber über der letzten Reihe der Sitzplätze an- 
zubringenden optischen Apparates Projektionen von Abbildungen 
und Präparaten demonstriert werden. 

In dem außerdem durch eine Türe an der westHchen Wand 
mit dem Hörsaal verbundenen Vorbereitungszimmer (2) (ein Fenster 
Front) sind in zwei großen Schränken, die bei den Vorlesungen 
zu Demonstrationen dienenden Lehrsammlungen und in passenden 
Gestellen eine große Zahl von Anschauungstafeln placiert. 

Auf das Vorbereitungszimmer folgt an der Südfront 3. das 
physikalische Zimmer (ein Fenster Front), zum Verdunkeln ein- 
gerichtet und hauptsächlich für optische Untersuchungen (Polari- 



88 DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 



sation, Refraktion usw.) bestimmt; dann in drei getrennten Zimmern 
(4, 5 und 6) mit zusammen vier Fenstern Front die Räume für 
Ausführung experimenteller Untersuchungen an lebenden Tieren 
mit den dazu gehörigen Apparaten und Beobachtungskäfigen. 

Im Obergeschoß folgen sich an der Nordfront i. ein kleines 
Bibliothekszimmer (ein Fenster Front), zugleich die Sammlungen 
der mikroskopischen Präparate enthaltend; 2. das Bureau des Direk- 
tors (zwei Fenster Front) mit einem weiteren Teile der Instituts- 
bibliothek; 3. die Hauptbibliothek (zwei Fenster Front), zugleich 
das Zimmer für die Abhaltung der Staatsprüfungen der Mediziner 
und Pharmazeuten; 4. der große Mikroskopiersaal (fünf Fenster 
Front) mit 32 — 40 Arbeitsplätzen für die praktischen Übungen der 
Pharmazeuten in der mikroskopischen Untersuchung der Drogen 
und Pflanzenpulver; 5. und 6. Wohn- und Schlafzimmer (je ein 
Fenster Front) für einen Assistenten. 

An der Südfront über dem Hörsaal liegt, mit Oberlicht aus- 
gestattet, der Saal für die große pharmakognostische Sammlung, 
dessen Grundstock das ehemalige von Brückner & Lampe gestiftete 
pharmakognostische Museum bildet. Die Sammlung umfaßt in 
1660 Nummern (in Glasgefäßen aufbewahrt) vegetabilische und 
animalische Drogen, außerdem eine wertvolle Kollektion für die 
pharmazeutische Chemie wichtiger Mineralien und verschiedene 
für die Warenkunde interessante Originalemballagen. In besonders 
reicher Auswahl sind in der Vegetabiliensammlung vertreten Ko- 
pale, Chinarinden, aromatische Hölzer, Gummi- und Tragantsorten 
und verschiedene Pfeilgifte nebst den Materialien, aus denen sie 
hergestellt werden. 

Zwei an den großen Sammlungssaal sich anschließende Säle 
mit je drei Fenstern Front waren zeitweilig der medizinischen 
Fakultät zur Abhahung von Sitzungen, Prüfungen und Promotionen 
überwiesen. Seitdem nach Vollendung des Neubaus des Augusteums 
die medizinische Fakuhät dort über eigene Räume verfügt, ist eines 
jener Gelasse zu einem Arbeitsraum für physiologisch-pharmako- 
logische Untersuchungen mit feineren Apparaten wie Myographien, 
Elektrometern usw. eingerichtet worden. Der zweite an die große 
Sammlung anstoßende Raum dient vorläufig noch zur Aufstellung 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 



89 




in. 



90 DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 

mehrerer Herbarien und Sammlungen chemischer Präparate. Eine 
der letzteren, eine wertvolle und sehr vollständige Kollektion äthe- 
rischer Öle, verdankt das Institut der Leipziger Firma Schimmel 
& Co., eine schöne Sammlung verschiedener Arzneipräparate der 
Fabrik von Heyden in Radebeul. 

Im Kellergeschoß befinden sich (außer den schon oben er- 
wähnten Räumen für chemische Arbeiten) noch eine photo- 
graphische Dunkelkammer, Vorratskammer für Chemikalien und 
chemische Utensilien (Glaskammer), endlich die Kalorifere der 
Zentralheizung, Kohlenräume und Waschküche. 

Das Mansardengeschoß enthält die beiden Dienstwohnungen 
für den Institutsmechaniker und den Hausmann sowie einen größeren 
Raum für möglichst trockene Aufbewahrung von Drogen- und 
Chemikalienvorräten. 

Das Institut hat eine Niederdruckdampf-Zentralheizung, die die 
Räume des Kellergeschosses, des Parterre und des Obergeschosses 
durchzieht, Gasleitung und Elektrizitätseinrichtung. 

Das Personal besteht außer dem Direktor aus zwei Assistenten 
(von denen nur einer im Institut wohnt), dem Institutsmechaniker 
und dem Hausmann, welch letzterer zugleich die Bedienung im 
Laboratorium versieht. 

Der Wirkungskreis der Leipziger Lehrkanzel für Pharmakologie 
umfaßt als Hauptfach Pharmakologie, außerdem aber auch die Phar- 
makognosie; erstere gehört in den Kreis der medizinischen, letztere 
in den der pharmazeutischen Lehrfächer, eine Kombination, die 
in Deutschland außer in Leipzig nur an einigen Hochschulen 
besteht. 

Dieser Vereinigung mußte natürlich auch bei der Einrichtung 
des neuen Pharmakologischen Instituts Rechnung getragen werden. 

Bei der Anordnung der Räume für die praktischen Arbeiten 
ging man von dem Gesichtspunkte aus, daß im chemischen und 
experimentell - pharmakologischen Laboratorium wissenschaftliche 
Untersuchungen hauptsächlich von selten solcher Praktikanten aus- 
geführt werden sollten, die ihre Hauptexamina bereits bestanden 
haben und so schon in einem fortgeschritteneren Stadium der Aus- 
bildung sich befinden. Die betreffenden Laboratorien enthalten 



DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 91 



daher keine ausgedehnteren Räume für Übungskurse, mit einziger 
Ausnahme des Saales für die Übungen in der mikroskopischen 
Untersuchung der Drogen und Pflanzenpulver, in welchem jeden 
Sommer das für Studierende der Pharmazie vorgeschriebene pharma- 
kognostische Praktikum vormittags von 10 — 12 Uhr, Je nach der 
Zahl der Teilnehmer 2 — 6 mal wöchentlich abgehalten wird. Dem 
Institute stehen 32 Mikroskope (Leitz) zur Verfügung. Die Arbeiten 
im Praktikum erstrecken sich auf die wichtigsten Arzneidrogen, die 
zunächst in toto an mikroskopischen Schnitten studiert werden. 
Daran erst schließt sich dann die mikroskopische Untersuchung der 
offizinellen Pulver an, wobei den Studierenden Anleitung über 
die Methoden und Prinzipien der Pulveruntersuchung gegeben wird, 
insoweit sie für ihren praktischen Beruf als Apotheker unentbehr- 
lich ist. 

In den wissenschaftlichen Laboratorien erhalten die Praktikanten 
vom Vorstande Themata zur Bearbeitung, die eine längere in der 
Regel auf 2 — 4 Semester sich erstreckende wissenschaftliche For- 
schung erfordern und bei welchen teils chemische, teils physio- 
logische Untersuchungsmethoden in Anwendung kommen. Die 
Gegenstände der Bearbeitung sind hauptsächhch: das experimen- 
telle Studium der Wirkungsweise der Arzneimittel und Gifte, der 
Form und der Wege ihrer Wiederausscheidung aus dem tierischen 
Organismus und der chemischen Veränderungen, die sie innerhalb 
des Körpers erleiden; ferner: genauere chemische Untersuchung 
der Arzneimittel und Drogen selbst, Auffindung und Darstellung 
der spezifisch wirksamen Bestandteile der letzteren einschließlich 
der Bestimmung ihrer chemischen Konstitution. Als Praktikanten 
finden sowohl junge Ärzte als auch Pharmazeuten nach Absolvie- 
rung ihrer Prüfungen, ausnahmsweise aber auch Studierende während 
ihres Studiums Aufnahme. Dem Vorstande stehen bei der Unter- 
weisung der Praktikanten zwei Assistenten, ein Arzt und ein Apo- 
theker zur Verfügung. Der Institutsmechaniker hat für die Instand- 
haltung oder Neuherstellung der zahlreichen im Institut notwendigen 
Apparate zu sorgen, außerdem die elektrischen und mechanischen 
Einrichtungen im Institute zu beaufsichtigen. 

Die Vorlesungen über Pharmakognosie werden im Winter- 



92 DAS PHARMAKOLOGISCHE INSTITUT 

Semester 5 mal wöchentlich von 12 — i Uhr, die über Pharmakologie 
und Arzneiverordnungslehre jedes Semester nachmittags 5 mal von 
3 — 4 Uhr abgehalten. In größeren Zwischenräumen wird außerdem 
eine zweistündige Vorlesung über experimentelle Toxikologie mit 
Demonstrationen und außerdem jährlich einmal eine zweistündige 
Vorlesung über Pharmakologie und Toxikologie für Zahnärzte ab- 
gehalten. Die Räume sind so disponiert, daß die bei den Vor- 
lesungen erforderlichen Demonstrationen bequem stattfinden können. 
Das Institut verfügt über eine große sehr wertvolle Sammlung von 
Demonstrationsobjekten, namenthch auch Abbildungen und Tafeln 
im großen Format. Versuche an lebenden Tieren werden in der 
Regel nicht im Hörsaale, sondern in einem der unmittelbar an- 
stoßenden Experimentierräume demonstriert. 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT. 

DIREKTOR: FRANZ HOFMANN. 



Mit dem in den letzten Jahrzehnten erfolgten raschen Aufblühen 
der medizinischen Forschung ist auch das Fach der Hygiene als eine 
eigene selbständige Disziplin aufgetreten und hat trotz der kurzen 
Zeit ihres Wirkens eine für die Wissenschaft wie für das praktische 
Leben bedeutungsvolle Stellung erlangt. 

Die lebhafte Bevölkerungszunahme und das rasche und dichte Zu- 
sammendrängen von Menschen in Städten und Wohngebieten mußte 
dazu führen, die Umstände und Einwirkungen eingehend und in 
wissenschaftlich exakter Weise zu prüfen und kennen zu lernen, so- 
weit sich dieselben zum Wohle oder zum Schaden der Gesundheit 
der Menschen geltend machen. 

Die erste Anregung, um die Hygiene an der Universität Leipzig 
als selbständiges Fach in den Rahmen des Universitätsunterrichts 
einzufügen, erfolgte durch das Königliche Ministerium des Kultus 
und öffentlichen Unterrichts, welches in einer Verordnung vom 
5. Juli 1872 die medizinische Fakultät um gutachtlichen Vortrag 
darüber veranlaßte, inwieweit bei der Universität Leipzig die erforder- 
hchen Vorkehrungen getroffen werden möchten, um der Hygiene 
eine Vertretung und insbesondere auch ein Laboratorium für die 
unter Anleitung des Professors der Hygiene vorzunehmenden Unter- 
suchungen zu beschaffen. 

In dem Bericht der medizinischen Fakultät an das Königliche 
Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts vom 4. November 
1872 spricht sich die medizinische Fakultät unter Anerkennung der 
Leistungen des Professors der Pharmakologie und der allgemeinen 
Therapie, Dr. Radius, für die von ihm regelmäßig gehaltenen Vor- 



94 ZZZZZ: DAS HYGIENISCHE INSTITUT ~ 

träge über Gesundheitspflege dahin aus, daß es in hohem Grade 
wünschenswert und der Bedeutung der Leipziger Universität ent- 
sprechen würde, wenn unter Leitung eines in Chemie, wenn mög- 
lich auch in Physiologie und für hygienische Fragen sich lebhaft 
interessierenden Mannes ein Institut geschaffen würde, in welchem 
den Studierenden Gelegenheit gegeben werden könnte, auch in den 
auf hygienische Zwecke bezüglichen physiologischen und chemischen 
Untersuchungen sich zu üben und die Aufgaben und die Wege zu 
ihrer Lösung kennen zu lernen. 

Unter allen deutschen Universitäten hatte zur Zeit des genannten 
Fakultätsberichts nur die Universität München in der Person Max 
von Pettenkofers einen selbständigen Vertreter des Faches mit 
eigenem Institute. 

Am T. Oktober 1872 wurde der Berichterstatter zum außer- 
ordentlichen Professor und Vorstand des pathologisch- chemischen 
Laboratoriums an die Universität Leipzig berufen, wobei es ihm als 
Schüler von Pettenkofer und von Voit anheim gegeben wurde, sich 
auch speziell den Fragen der experimentellen Hygiene zu widmen 
und Vorlesungen über theoretische und praktische Hygiene zu halten. 

Das pathologisch-chemische Laboratorium war eine Schöpfung der 
angesehenen Kliniker DDr. Wunderlich und Thiersch, um Gelegen- 
heit und Möglichkeit zu haben, aus der Klinik krankhafte Produkte 
zur Untersuchung bringen zu können. 

Es ist begreiflich, daß mit der neuen Richtung des pathologisch- 
chemischen Laboratoriums diese gelegentlichen klinischen Prüfungen 
ganz in den Hintergrund traten und daß sehr bald die praktischen 
Arbeiten und Untersuchungen auf dem Gebiete der Hygiene die 
ganzen Arbeitskräfte in Anspruch nahmen, um so mehr, als von 
selten der Verwaltung der Stadt Leipzig zahlreiche hyg;ienische 
Fragen zur wissenschaftlichen und praktischen Untersuchung darge- 
boten wurden und hierbei in reichem Umfange und kostenlos reich- 
haltiges Beobachtungsmaterial zur Verfügung gestellt wurde. 

In der Verordnung vom 3. Juni 1878 an die medizinische Fakultät 
sprach das Königliche Ministerium des Kulms und öffentlichen Unter- 
richts nunmehr seine Absicht und Geneigtheit aus, einen eigenen 
Lehrstuhl für Hygiene an der Universität Leipzig zu errichten, den 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT ZZHHH 95 



Berichterstatter zum ordentlichen Professor der experimentellen 
Hygiene in der medizinischen Fakultät zu ernennen mit dem Zusätze, 
daß unter den jetzt veränderten Verhältnissen die Fortführung des 
pathologisch-chemischen Laboratoriums sich wohl erledige und 
künftig als hygienisches Institut geführt werden solle. 

In dem umgehend an das Königliche Ministerium des Kultus 
und öffentHchen Unterrichts erstatteten Bericht der medizinischen 
Fakultät vom 7. Juni 1878 begrüßt die Fakultät die Anregung als 
einen erneuten Beweis der Fürsorge, welchen das Königliche Mini- 
sterium des Kultus ihren Interessen schenke und kennzeichnet in 
ihrem Berichte die Ziele und Bedeutung des zu errichtenden neuen 
Instituts mit den Worten: 

„Die Schaffung eines Lehrstuhls und eines Instituts für experi- 
mentelle Hygiene wird nicht allein der Ausbildung der sächsischen 
Ärzte und speziell der sächsischen Bezirksärzte zugute kommen, 
sondern sie wird auch weit über das Unterrichtsgebiet der Fakultät 
hinaus dem Lande segensreich sein, insofern als dadurch ein Mittel- 
punkt hergestellt wird, an welchem dessen Behörden über die so 
wichtigen und so sehr in den Vordergrund gestellten sanitären 
Fragen sachgemäßen und wissenschaftlich begründeten Rat ein- 
holen können." 

Mit dankenswerter Bereitwilligkeit wurde von der Regierung so- 
gleich die Errichtung eines eigenen Institutsgebäudes in Aussicht 
genommen. Durch Verfügung des Königlichen Ministeriums des 
Kultus und öffentlichen Unterrichts wurde das Universitäts-Rentamt 
mit Ausarbeitung von Plänen und Kostenanschlägen für das neu zu 
errichtende hygienische Institut beauftragt und als Platz die Ecke 
der Nürnberger und Liebig-Straße bestimmt, woselbst sich früher 
die Taubstummenanstalt befand. 

Es wurden verschiedene Pläne ausgearbeitet. Aber nicht nur der 
spitze Eckplatz, sondern auch die sehr verkehrsreiche und mit 
schwerem Fuhrwerk befahrene Nürnberger Straße bot erhebliche 
Schwierigkeiten, dem hygienischen Institut helle und erschütterungs- 
freie Arbeitsräume zu geben. Es hatte sich unterdessen für die Uni- 
versität das Bedürfnis ergeben, die von den medizinischen Anstalten 
in der Liebigstraße fern gelegene Poliklinik aus dem alten Univershäts- 



96 ZZHH^ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 

gebäude zu verlegen und auch für die daselbst befindlichen pharma- 
kologischen Sammlungen neue Baulichkeiten in der Nähe der medi- 
zinischen Institute zu errichten. 

Der an der Nürnberger und Liebig-Straße befindliche Eckplatz 
bot reichlich Fläche, um näher an der Stadt und an einem lebhaften 
Verkehrswege gelegen ein Gebäude für die medizinische Poliklinik, 
wie auch für das pharmakologische Institut zu errichten. 

Das Königliche Ministerium des Kultus und öffentlichen Unter- 
richts stimmte deshalb dem weiteren Antrage des Berichterstatters zu, 
an Stelle des Neubaues an der Nürnberger Straße die für das hygienische 
Institut dringliche Erweiterung der Arbeits- und Sammlungsräume 
durch einen Aufbau einer zweiten Etage auf das Gebäude des patho- 
logischen Instituts zu entsprechen. Es war auf diese Weise möglich, 
die schon bestehenden Arbeitsräume des früheren pathologisch- 
chemischen Laboratoriums in Benutzung zu erhalten. Hygiene 
und pathologische Anatomie waren stets in so guten und gegen- 
seitig fördernden Verhähnissen gestanden, daß der Vertreter der 
pathologischen Anatomie, Professor Dr. Cohnheim, dem Aufbau des 
hveienischen Instituts ohne Schwierigkeiten bereitwilligst zustimmte. 

Die Kosten für die Herstellung des Aufbaues betrugen nur ca. 
46000 M. und für die innere Einrichtung und für Instrumente usw. 
waren ca. 27 500 M. bewilligt. 

Gleichzeitig mit dieser Erweiterung des hygienischen Instituts 
wurde auch für das pathologische Institut die notwendige Ver- 
größerung der Leichenkeller, der Sektionsräume ausgeführt und an 
der Liebigstraße eine frei gelegene Beerdigungshalle gebaut. 

Mit dem Aufbau der zweiten Etage und den schon eingerichteten 
Arbeitsräumen im Parterre waren im hygienischen Institut nunmehr 
außer einem eigenen Hörsaal, große helle und luftige Arbeits- und 
Sammlungsräume zur Verfügung gestellt, während der Dachraum 
zur Unterbringung größerer und sehner gebrauchter Sammlungs- 
gegenständc diente. 

Die rasche und ungeahnte Entwicklung der Hygiene brachte es 
jedoch mit sich, daß die Räume des hygienischen Instituts sich bald 
wieder als zu klein und für die gestellten Aufgaben als zu beengt 
erwiesen. 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT ZIIZ^ZZ 97 



Das wissenschaftliche und praktische xA.rbeitsgebiet der Hygiene 
liegt bekanntlich nicht ausschließlich in der Institutstätigkeit. Die 
Hygiene muß, um für die Ausbildung der Studierenden und künftigen 
Arzte fruchtbringend zu sein, das Beobachtungsmaterial aus dem 
vollen Leben schöpfen. Um diesen Aufgaben zu entsprechen, muß 
sie, wie dies in dem oben erwähnten Berichte der medizinischen 
Fakultät zutreffend ausgesprochen ist, in steter Verbindung mit den 
tatsächlichen Bedürfnissen und Zuständen des Lebens stehen und 
durch eingehende Untersuchungen ihre Lehrsätze über Erhaltung 
und Pflege der Gesundheitsverhältnisse aufbauen. 

Es trat in vollem Umfange ein, was die medizinische Fakultät 
im Jahre 1878 voraussagte, daß sich staatliche und Gemeinde- 
behörden vielfach über wichtige sanitäre Fragen sachgemäßen und 
wissenschaftlich begründeten Rat einholten und daß dem hygienischen 
Institute spezielle Arbeitsgebiete zugewiesen wurden, welche im 
allgemeinen öffentlichen Gesundheitsinteresse lagen. 

Wer die Gesetzgebung des Deutschen Reiches genauer verfolgt 
hat, weiß wie zahlreich und grundlegend in den letzten Jahrzehnten 
vom Reich und von Landesbehörden Gesetze und Verordnungen 
erlassen worden sind, deren Tendenz auf sanitären Erfahrungen und 
Feststellungen beruhen, welche zur Erhaltung und Förderung der 
Gesundheitsverhältnisse der Gesamtbevölkerung oder bestimmter 
Arbeiterkreise dienen und einen bestimmenden Einfluß auf alle 
Lebenszustände gewonnen haben. Nach zwei Richtungen, nämlich 
hinsichtlich der Prüfung der Reinheit und Unverfälschtheit der 
Nahrungs- und Genußmittel und hinsichtlich der Bekämpfung an- 
steckender Krankheiten war nach dem Vorbilde des Kaiserlichen 
Gesundheitsamtes auch für die hygienischen Institute ein neues, 
ungemein großes Forschungsgebiet erwachsen. 

Mit Genehmigung des Könighchen Ministeriums des Kultus und 
öffentlichen Unterrichts wurde schon im Jahre 1878 eine Abteilung 
zur Untersuchung von Lebensmitteln eingerichtet, welcher die im 
Stadtgebiete Leipzig entnommenen Proben zur Prüfung und Kon- 
trolle überwiesen wurden. 

Später wurde unter Zustimmung des Königlichen Kultus- 
ministeriums durch das Königliche Ministerium des Innern eine 

in. 13 



98 ZH^ZZZ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



selbständige staatliche Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Ge- 
nußmittel, sowie Gebrauchsgegenstände errichtet, als Königliche 
Untersuchungsanstalt dem hygienischen Institut der Universität an- 
gegliedert und die Leitung des mit eigenem Etat und eigenen 
wissenschaftlichen Arbeitern eingerichteten Amtes dem Instituts- 
vorstand unterstellt. 

Weiter führten die Fortschritte in dem Erkennen und dem Nach- 
weis von Krankheitserregern, sowie das Bedürfnis, ihrer Verbreitung 
durch geeignete Maßregeln und Desinfektion entgegenzutreten, dazu, 
daß im hygienischen Institut alle die Einrichtungen Aufnahme fanden, 
welche den Studierenden Gelegenheit gaben, in bakteriologischen 
Kursen und Demonstrationen die vorgeschriebenen theoretischen 
und praktischen Erfahrungen in der Seuchenbekämpfung zu erwerben. 

Der Ausbruch der Cholera in Hamburg und die von Indien aus- 
gehende Verbreitung der Pest gaben Veranlassung, daß nach den 
im Kaiserlichen Gesundheitsamt bez. im Reichsgesundheitsrate be- 
arbeiteten Grundsätzen die Bekämpfung dieser beiden Krankheiten 
in zielbewußter und nachhaltender Form aufgenommen wurde. Das 
hygienische Institut der Universität Leipzig wurde, ebenso wie 
andere hygienische Institute der deutschen Universitäten auch nach 
diesen Richtungen hin in Anspruch genommen, und durch Ver- 
ordnung des Königlichen Ministeriums des Kultus und des König- 
lichen Ministeriums des Innern angewiesen, den in den Bundes- 
ratsbekanntmachungen niedergelegten Ausführungen entsprechend 
die Einrichtungen und Maßregeln zu treffen, durch welche die früh- 
zeitige Erkennung und Feststellung dieser Krankheiten für die Be- 
hörden und für die beamteten Ärzte gesichert werden kann. 

Es ist klar, daß mit dem außerordentlich erweiterten Arbeits- 
gebiete wissenschaftlicher und praktischer Hygiene die Arbeitsräume 
des hygienischen Instituts sehr bald wieder zu klein und so be- 
schränkt wurden, daß der Betrieb nur mit Mühe in dem gegebenen 
Umfang aufrecht erhalten werden konnte. 

Vom Rate der Stadt Leipzig war nach einer Mitteilung des 
Oberbürgermeisters Herrn Dr. Georgi in anerkennenswerter und vor- 
sorglicher Weise ein an der Ecke der Liebigstraße und der Johannis- 
Allee gelegener und im Besitz der Stadt befindlicher Platz für die 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT 99 

etwaige Errichtung eines Neubaus des hygienischen Instituts in 
Aussicht gestellt. 

In der Verordnung des Königlichen Ministeriums des Kultus und 
öffentlichen Unterrichts wurde das Königliche Universitäts-Rentamt 
beauftragt, für diesen Platz die Pläne für ein neues hygienisches 
Institut ausarbeiten zu lassen. Bei Bearbeitung derselben wurde 
vom Berichterstatter die Erwägung angeregt, ob es nicht aus sach- 
hchen und finanziellen Gründen vorteilhafter wäre, dem hygienischen 
Institut die gesamten, zurzeit noch vom pathologischen Institut 
eingenommenen Räume des Gebäudes zu überweisen und auf dem 
oben gedachten Eckplatze das pathologische Institut in einem neu 
zu errichtenden Gebäude aufzunehmen. Hierbei war die Möglich- 
keit gegeben, alle in dem bestehenden hygienischen Institut vor- 
handenen Räume und Arbeitseinrichtungen zu belassen und nur 
Um- und Erweiterungsbauten so weit vorzunehmen, als die Räume 
des pathologischen Instituts für die Bedürfnisse der hygienischen 
Arbeiten einzurichten waren. Allerdings mußten hierbei alle Nach- 
teile und Unbequemlichkeiten ertragen werden, welche daraus her- 
vorgingen, daß die Vergrößerung des hygienischen Instituts erst 
dann zur Ausführung gelangen konnte, nachdem der Neubau des 
pathologischen Instituts und der Auszug desselben aus den alten 
Räumen geschehen war. 

Auf Antrag des Berichterstatters erteilte das Königliche Ministerium 
des Kultus durch Verordnung vom i. November 1900 vorbehalt- 
lich der erforderlichen ständischen Genehmigung seine Zustimmung 
zum Umbau des pathologisch-anatomischen Instituts und zur Über- 
lassung der Räume dieses Instituts an das hygienische Institut, 
vorausgesetzt, daß der Rat der Stadt Leipzig sich auch mit der Ab- 
gabe des Eckplatzes an das pathologische Institut einverstanden erklärte. 

Die Vorbereitungen sowie der Bau und die Fertigstellung des 
pathologischen Instituts erforderten sehr lange' Zeit und erst am 
4. Januar 1906 konnte die Übergabe der leeren Räume des früheren 
pathologischen Instituts an das hygienische Institut erfolgen. 

Die Landstände hatten inzwischen für die Finanzperiode 1906107 
für den Um- und Erweiterungsbau des hygienischen Instituts die 
Summe von 3 1 1 000 M. bewilligt. 



loo ^ZIZZZ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Vom Königlichen Ministerium des Kultus wurde unter Mit- 
wirkung des Universitäts- Rentamts und seines stets hilfsbereiten 
Vorstands, Herrn Hofrat Riemer, das Königliche Landbauamt mit 
der Bearbeitung und Ausführung der Baupläne beauftragt und von 
diesem Herr Bauinspektor Gaitzsch und Herr Regierungsbaumeister 
Zettler als Bauleiter der Um- und Erweiterungsbauten bestimmt. 

Zum Zwecke weiterer Informationen über Anlage und Ein- 
richtungen von hygienischen Instituten wurden die hygienischen 
Institute in München, Berlin, Heidelberg, Breslau und Halle gemein- 
schaftlich mit den Bausachverständigen besichtigt. 

Im Mai 1906 wurden die Umbauten begonnen. Welche Schwierig- 
keiten nicht nur für die Bauleitung, sondern insbesondere für die 
notwendige Aufrechterhaltung des gesamten Betriebes des hygie- 
nischen Instituts und der mit ihm verbundenen Untersuchungsanstalt 
für Nahrungs- und Genußmittel entstanden, mag der Umstand kenn- 
zeichnen, daß die Mitte des Hauptgebäudes vom Dach bis in den 
Keller herausgebrochen werden mußte, um hier das neue und 
zentral gelegte Treppenhaus für den Verkehr und für den Zugang 
in die Hörsäle von Gnmd aus zu bauen. 

In neu zu beschaffenden Räumen des Mittelbaues mußten vier große 
Kessel für die Zentralheizung eingebaut werden. Durch alle Arbeits- 
räume des Instituts mußten die Leitungsröhren der Dampfheizung 
sowie die Wasserleitungs- und Gasröhren und die elektrischen 
Leitungen für Licht und Starkstrom neu eingelegt werden. Während 
der Bauarbeiten stellte sich heraus, daß die Balkenlagen des früheren 
pathologischen Instituts im Parterre und ersten Geschoß namentlich 
an den im Mauerwerk ruhenden Endstellen stark angegriffen und 
morsch waren, so daß sich die Notwendigkeit ergab, die sämtlichen 
Balken und Fußböden des Parterre und der ersten Etage herauszu- 
nehmen und durch eiserne Träger und Betondecken zu ersetzen. 

Um den Betrieb des hygienischen Instituts aufrecht zu erhalten, 
mußten infolgedessen die noch verfügbaren Arbeitsräume je nach 
dem Fortschreiten des Baues geräumt und die Arbeitseinrichtungen 
provisorisch in anderen Räumen untergebracht werden. 

Staub, Lärm und Unruhe waren die unvermeidlichen Beigaben 
des Umbaues, Während der Vorlesungsstunden war mit der Bau- 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT ZZIZ^ loi 



leitung vereinbart, mit den größeren und lärmenden Arbeiten 
wenigstens stundenweise Stillstand zu halten. 

Um den Bau zu fördern wurden auch während des Winters die 
Bau- und Einrichtungsarbeiten, soweit nur möglich, nicht unter- 
brochen und nach etwa i^'a Jahre dauernder Bauarbeit waren die 
Um- und Erweiterungsbauten so weit erledigt, daß am 29. November 
1907 die Vorlesungen und Kurse im neugebauten Hörsaal aufge- 
nommen werden konnten. 

Der neue Institutsbau kann, was Größe und Disposition der ein- 
zelnen Arbeitsräume betrifft und hinsichtlich seiner schönen hellen 
und luftigen Räume als mustergültig und im vollen Sinne hygienisch 
bezeichnet werden. 

Entsprechend den dem hygienischen Institut zugewiesenen Auf- 
gaben erfolgte die Gliederung der Arbeitsräume nach folgenden 
Gesichtspunkten. Zu errichten waren: 

1. Ein großer und ein kleiner Hörsaal mit daneben befindlichem 
Demonstrationsraum. 

2. Ein Saal für bakteriologische Kurse und Übungsarbeiten. 

3. Arbeitsräume für chemisches, physikalisches und bakterio- 
logisches Arbeiten für Fortgeschrittene. 

4. Sammlungsräume, zugleich eingerichtet für praktisches Arbeiten. 

5. Bibliothek und Lesezimmer, Dunkelzimmer für Photographie 
und Zimmer für Brutschränke. 

6. Die bakteriologische Untersuchungsanstalt. 

7. Die Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genußmittel 
sowie Gebrauchsgegenstände. 

8. Ein Warteraum und Impfsaal für die Impfübungen, zugleich 
eingerichtet zur Abhaltung von Fortbildungskursen für Ärzte und 
Bezirksärzte. 

9. Das Pestlaboratorium in eigenem Gebäude mit separatem 
Eingang. 

10. Stallungen für Versuchstiere. 

LAGE DES INSTITUTS. 

Das Institutsgebäude, dessen Frontseite die Abbildung (Taf. VIII) 
zeigt, steht in einem 3900 qm großen Areale an der Liebigstraße. 



102 ZH^ZI DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Bei 6} m Tiefe wird das Grundstück nach Westen und Süden von 
dem freien Garten des städtischen Krankenhauses St. Jakob und 
nach Osten von dem neuen pathologischen Institut begrenzt. 

Die Straßen- und Hauptfront des Gebäudes befindet sich nach 
Norden gegenüber der großen unbebauten und in Gärten abgeteilten 
Fläche des Johannistales. 

Das Gebäude besteht aus einem Hauptgebäude von 42,0 m Länge, 
16,3 m Tiefe und 19,5 m Höhe, sowie aus einem südlichen Anbau. 

Die äußere Lage des Gebäudes ist somit von allen Seiten Irci 
und der vollen Licht- und Luftzufuhr ausgesetzt. 

Auf der Südseite befindet sich, an den Garten des städtischen 
Krankenhauses angrenzend, eine ausgedehnte, 2530 qm große un- 
bebaute Gartenfläche für hygienische Beobachtungen und Versuche 
im Freien. 

BAUBESCHREIBUNG. 

Der mit einem Vordach versehene Haupteingang führt direkt in 
den Mittelkorridor des Parterre und zur freiliegenden Haupttreppe 
des Gebäudes. 

Das Treppenhaus, aus feuersicherem Eisenbeton hergestellt, 
empfängt reichlich Licht durch ein 25,1 qm großes Oberlicht und 
durch nach Süden gehende Seitenfenster von 12,2 qm Fläche. 

Der Korridor des Hauptgebäudes hat im Parterre nach links 
einen Ausgang zum Wirtschaftshofe und zum Stallgebäude, nach 
rechts einen solchen in den Vorhof und in die Gartenabteilung des 
Instituts. 

Ein Fahrstuhl von 2,0 qm Grundfläche und 300 kg Tragkraft 
ermöglicht die rasche Beförderung von Menschen und Lasten, 
wobei seine Inbetriebsetzung automatisch durch Druckknöpfe er- 
folgt. Der Fahrstuhl geht vom Keller aus durch alle Etagen bis 
unter das Dach und kann die Regulierung zum Halten von innen 
aus durch Druckknopf vorgenommen werden. Eine Druckvor- 
richtung an der Außenseite des Fahrstuhls ermöglicht, denselben 
auch von außen nach jeder gewünschten Stelle herbeizuholen. Es 
ist auf diese Weise möglich, zu befördernde Gegenstände ohne 
Begleitperson nach jeder beliebigen Etage gelangen zu lassen. 



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DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



103 



Die lichte Förderhöhe des Fahrstuhls beträgt 16,75 m, die Fahr- 
geschwindigkeit im belasteten Zustande ca. 0,3 m in der Sekunde 







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und die Fahrzeit vom Keller bis unter das Dach nur 47 Sekunden. 
Im Kellergeschoß, zu welchem vom Parterre eine Treppe so- 
wie im Wirtschaftshofe von außen eine Freitreppe führt, befindet 



I04 ZZZZ^: DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



sich in der Mitte des Gebäudes die Zentralheizungsanlage (Nieder- 
druckdampfheizung). 

In 4 freistehenden, untereinander durch Ventile verbundenen 
„Rapid"-Kesseln wird der Wasserdampf durch Leitungsröhren nach 
sämtlichen Räumen des Instituts geleitet. 

Die Heizungsanlage im Kesselhaus ist so angeordnet und aus- 
geführt, daß sie auch zur Demonstration und Versuchszwecken 
dient und Bestimmungen der Luftzufuhr zur Feuerung, sowie Ana- 
lysen und Temperaturbestimmungen der abziehenden Rauchgase 
ermöglicht. 

In dem Kellerraum unter dem Südflügel ist ein von Siemens & Co. 
konstruierter Wassermesser zur Messung des aus dem Südflügel 
zurückfließenden warmen Kondenswassers der Heizung aufgestellt, 
so daß außer der Wassermenge durch eingesetzte Thermometer 
gleichzeitig auch die Temperatur des nach dem Kessel zurück- 
fließenden Wassers bestimmt werden kann und eine quantitative 
Bestimmung der Wärmezufuhr und des Wärmeverbrauchs in diesem 
Gebäudeteil ermöglicht wird. 

Als Heizkörper sind in allen Räumen glatte, mit weißem An- 
strich versehene Radiatoren aufgestellt. Es erschien unzweckmäßig, 
die Heizkörper, wie es vielfach geschieht, an der Frontmauer bez. 
an den Fenstereinbuchtungen unterzubringen. Entlang der Front- 
mauer und Fensterseiten wurden überall durchgehende Fenstertische 
angebracht, da gerade diese Plätze wegen der reichen Lichtzufuhr 
für bestimmte Arbeiten und zum Mikroskopieren besonders wert- 
voll sind. 

Durch das Anbringen der Heizkörper an den Fenstern hätte 
das Arbeiten an den Fensterplätzen wegen der strahlenden Wärme 
und wegen der ungleich temperierten Luftströme daselbst zu einer 
großen Belästigung geführt. Die Heizkörper wurden deshalb all- 
gemein an der Innenwand aufgestellt, und zwar so, daß, um eine 
möglichst gleichmäßige Durchwärmung des Raumes zu erzielen 
und eine kräftigere Innenzirkulation zu erhalten, dieselben in zwei 
Reihen übereinander gestellt wurden. Abgesehen von dem Vorteil, 
daß die Heizkörper auf diese Weise wenig Raum beanspruchen und 
dicht an Schränke und Regale aufgestellt werden können, hat sich 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT ZZZZZZ 105 



diese Art der Aufstellung auch an den kältesten Tagen vorzüglich 
bewährt und eine gleichmäßige und angenehme Durchwärmung des 
Raumes erzielen lassen. 

Im Kellergeschoß des Hauptgebäudes befindet sich ferner der 
elektrische Motor für den Fahrstuhl, die große Schalttafel für Licht- 
und Kraftstrom, ferner ein Raum bestimmt zur Aufnahme des Ver- 
brennungsofens für Tierleichen, ein Raum für Desinfektionsversuche, 
ein solcher für die Gas- und Wassermesser, für Säurevorräte und 
feuergefLihrliche Flüssigkeiten, ein Waschhaus mit Kessel, ein Vor- 
ratsraum für Glaswaren, sowie große Kohlenkeller und Ascheräume. 

Ferner ist im Keller an der Südseite die Werkstatt des Mecha- 
nikers sowie ein Lagerraum für die Materialien untergebracht. 

Auf der Ostseite des Kellers stehen für die Königliche Unter- 
suchungsanstalt die vom Parterre aus direkt zugänglichen Räume 
für Reagenzien und das für Destillationen und Zentrifugen bestimmte 
Laboratorium zur Verfügung. 

Im Keller des Südflügels ist ferner ein großer Raum vorge- 
sehen, welcher zum Einbau elektrisch betriebener Ventilation dienen 
wird und nach seiner Gestaltung und Anordnung genaue Messungen 
und Beobachtungen bei Ventilationsversuchen vornehmen läßt. 

In den Parterreräumen des Hauptgebäudes (S. 106) befindet sich 
rechts vom Eingang die Pförtnerstube und mit ihr verbunden die 
Wohnung des Hausmanns. Dieser Wohnung gegenüber nach 
Süden gelegen sind zwei einfenstrige und ein dreifenstriger Raum 
vorhanden, welche mit Bett und den notwendigen Wohneinrichtungen 
versehen sind, um Gelegenheit zu Dauerversuchen und Beobach- 
tungen am Menschen zu geben. 

Die linke Seite des Parterre umfaßt 7 Arbeitsräume, welche für 
den Laboratoriums- und den Geschäftsbetrieb der Untersuchungs- 
anstalt für Nahrungs- und Genußmittel bestimmt sind. 

Ein Raum dient der Expedition und den Kassegeschäften, ein 

zweiter enthält die Akten und ist Bureau und Schreibzimmer des 

ersten Chemikers. Zwei große Laboratorien mit allen technischen 

Einrichtungen dienen für die Vornahme der von den Behörden und 

Gemeinden eingehenden amtlichen Untersuchungen. 

Die Abteilung besitzt ferner außer dem Wägezimmer noch zwei 
m. 14 



io6 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Laboratoriumsräume für Studierende, welche sich zu Nahrungs- 
mittelchemikern ausbilden wollen. 







C^ K I " I ' r 1 » M' f I ' t i I I I f M I I t I I I I f I I I I fe » 



Im Keller hat diese Abteilung noch weitere Räume für chemisches 
Arbeiten, Destillation, Zentrifugen, nebst Vorratskeller für Glas und 
Reagenzien. 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT ZUZZH 107 



Die an das hygienische Institut angegliederte Untersuchungs- 
anstalt für Nahrungs- und Genußmittel hat mit 282 Gemeinden der 
Amtshauptmannschaften Leipzig und Grimma Verträge abgeschlossen, 
nach welchen die Anstalt gegen eine bestimmte nach Kopfzahl 
jeder Gemeinde berechnete Bauschsumme regelmäßig Nahrungs- 
mittelproben durch ihre Beamten entnehmen läßt und zur Unter- 
suchung bringt. 

Die Anzahl der in der Anstalt im Jahre eingeholten und unter- 
suchten Objekte beträgt ca. 8000 bis 9000 Proben. 

Im Falle der Beanstandung von Nahrungs- oder Genußmitteln 
erfolgt die Anzeige nebst gutachtlichem Bericht an die Gemeinde- 
vertretungen bez. an die Königliche Staatsanwaltschaft zur weiteren 
Verfolgung. 

Die Untersuchungsanstalt hat die weitere Aufgabe, Nahrungs- 
mittelchemiker in praktischen Arbeiten und in der Erstattung von 
Gutachten auszubilden. Das sehr reichliche und verschiedenartige 
Beobachtungsmaterial, welches der Anstalt ununterbrochen zugeht, 
gewährt Gelegenheit zur Prüfung der verschiedenen Untersuchungs- 
methoden und zu einer umfassenden Ausbildung der Nahrungs- 
mittelchemiker. 

Im Südiiügel des Parterre befindet sich der Sammlungsraum des 
hygienischen Instituts. Derselbe ist 16,08 m lang und 11,85 m 
breit und hat eine Grundfläche von 190,54 qm. Er ist derartig 
gebaut, daß er an beiden Längsseiten durch 8 hohe, bis an die 
Decke reichende Fenster von insgesamt 48,96 qm Fläche erhellt wird. 

An beiden Fensterseiten des Saales sind je 14,0 m lange Fenster- 
tische angebracht, an welchen sich außer elektrischen Kontakten 
Gas- und Wasserzuführung, sowie Wasserabflüsse befinden, so daß 
der Raum gleichzeitig auch Gelegenheit zum Aufstellen und Arbeiten 
mit größeren Apparaten gibt. 

An den Sammlungsraum schließt sich im Südflügel direkt ein 
78,88 qm großer Kurssaal an, in welchem sich 3 chemische Arbeits- 
tische mit 10 Plätzen, Abzüge für Säuredämpfe usw. befinden. 

Der Raum ist zur Abhaltung von Fortbildungskursen für Ärzte 
bez. Bezirksärzte bestimmt und kommt aus diesem Grande nur 
vorübergehend und zeitweise zur Benutzung. Es ist deshalb auch 



io8 IZZZZZ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



die Möglichkeit gegeben, diesen Raum, indem er provisorisch mit 
einer Barriere abgegrenzt und mit Bänken versehen wird, als Warte- 
raum bei den Impfübungen zu benutzen. 

Bei den im Jahre nur je zweimal, im Sommer und Winter, 
abzuhaltenden Inipfübungen für Studierende der Medizin nehmen 
die Angehörigen der Impfkinder ihren Eingang direkt von der 
Liebigstraße aus durch den Vorhof und Garten nach dem Impf- 
warteraum. 

Nach dem Eingang hierzu befindet sich im Garten ein größerer 
überdachter und mit Zementboden versehener Unterkunftsraum, in 
welchen die Kinderwagen eingestellt werden können. 

Die Impfübungen, die bei Anwesenheit von Gruppen von je 
15 bis 18 Studierenden an den öffentlich bekannt gemachten Impf- 
terminen stattfinden, erfolgen in dem neben dem Warteraum ge- 
legenen 62,0 qm großen, halbkreisförmigen Saale, in welchem durch 
4 hohe, bis an die Decke reichende Fenster von 26,6 qm Gesamt- 
fläche für reichlichste Lichtzufuhr gesorgt ist. 

Entlang der ganzen Fensterreihe sind auch in diesem Saale 
Fenstertische angebracht und mit elektrischem Kontakt, Gas- und 
Wasserzuführung und Wasserabfluß versehen, um Gelegenheit zur 
Aufstellung von Demonstrationsobjekten zu geben. 

Das erste Obergeschoß (S. 109) enthält im Mittelteile des Haupt- 
gebäudes nach Norden gelegen den Saal für bakteriologische Kurse 
(Taf. IX). Derselbe ist 16,09 ^ l^^g, 5,68 m breit und hat 91,39 qm 
Grundfläche. Die vorhandenen 4 Fenster von je 7,01 qm Fläche 
reichen dicht bis zur Decke. Die Fensterpfeiler sind in diesem 
Raum auf die zulässig geringste Breite gebracht, so daß diesem Saal 
mit 28,0 qm Fensterfläche möglichst viel Nordlicht gesichert ist. 

Der Raum enthält zwei große Abzüge zur Unterbringung von 
Desinfektionsflüssigkeiten, zum Sterilisieren und zum zeitweiligen 
Unterbringen von Tierkäfigen. 

An den beiden Enden des Saales sind 2 Waschtische mit großen 
Trögen aufgestellt. 

An den 3 parallel gestellten Reihen von Arbeitstischen sind 63 
Sitzplätze für die Kursteilnehmer vorhanden. Ein jeder Platz ist 
mit den notwendigen Reagenzien und Farblösungcn ausgestattet, 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



109 



besitzt Bunsenbrenner und die Utensilien, welche zum Abnehmen 
und Uberimpfen von Kulturen dienen. Kleine, in der Mitte des 







■ ((j^ l l i ^ I ' ! ■ 1- ! ■ ! > M' M' f I I I I t I I I I t I I I I -F I I I 1 ^ 



Tisches aufgestellte Gasglühlampen ermögUchen an jedem Arbeits- 
platze auch bei trübem Wetter dem Mikroskop reichliches Licht zu- 
zuführen. Von der Anbringung von Wasserhähnen und kleinen 



HO ZZUZZ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Spültrögen an den Arbeitsplätzen des Kurssaales wurde mit Aus- 
nahme der Plätze an den Fenstertischen abgesehen, indem es als 
ausreichend betrachtet wurde, den Studierenden die Platzeinrichtungen 
zur Verfügung zu stellen, wie sie ihnen später im praktischen Leben 
in der Regel zur Verfügung stehen werden. 

In den übrigen bakteriologischen Arbeitsräumen wurde selbst- 
verständlich an jedem Platz für ausreichenden Wasserzu- und -ab- 
fluß gesorgt. 

Zwei Seitentische dienen dazu, die im bakteriologischen Kurs 
erforderlichen Impfungen und Sektionen bei Tierversuchen vorzu- 
nehmen und zu demonstrieren. 

Im ersten Obergeschoß des Hauptgebäudes befinden sich auf 
der linken (Ost-)Seite zwei einfenstrige, ein zweifenstriger und 
zwei dreifenstrige Arbeitszimmer bez. Laboratorien für chemische 
und gasanalytische Arbeiten. 

An der Westseite des ersten Obergeschosses schließen sich an 
den bakteriologischen Kurssaal 6 Räume fiir die bakteriologische 
Abteilung an. 

Nach einem zwischen der Universität und dem Rat der Stadt 
Leipzig bestehenden Vertrags Verhältnis, nach welchem von selten 
der Stadt dem hygienischen Institut ein jährliches Bauschale für per- 
sönliche und sächliche Ausgaben überwiesen ist, haben alle Ärzte 
Leipzigs die Befugnis, Krankheitsstoffe zur bakteriologischen Unter- 
suchung einzusenden. 

Die Organisation des Betriebes dieser Abteilung ist derart ge- 
halten, daß die Ergebnisse der sofort ausgeführten diagnostischen 
Feststellungen, soweit möghch, umgehend durch telephonische Be- 
nachrichtigung dem die Probe einsendenden Arzte mitgeteih werden 
und ferner, daß in jedem Fall gleichzehig zur Sicherheit der Be- 
nachrichtigung eine schriftliche Befundsanzeige erfolgt. Den Ärzten 
steht ferner die kostenlose Entnahme der erforderlichen Versand- 
gefäße zur Verfügung, wie auch die Ärzte in allen Apotheken 
Leipzigs die vom hygienischen Institut verteilten Versandröhrchen für 
Diphtherieuntersuchungen kostenlos entnehmen können. 

Die Zahl der jährlich von Ärzten eingesandten Objekte beträgt 
zurzeit ca. 1800 bis 2000 Untersuchungsgegenstände und betrifft 



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DAS HYGIENISCHE INSTITUT in 



außer den zahlreichen Eingängen zur Untersuchung auf Diphtherie 
und Tuberkulose insbesondere Blutproben und Fäces bei Typhus- 
verdacht, sowie Untersuchungsmaterial, das auf Ruhr, Fleischver- 
gifter und ferner auf Genickstarre, Gonokokken und Syphihs zu 
prüfen ist. 

Nachdem seitens des hygienischen Instituts das Vorkommen 
von Anophelesmücken in Leipzig und Umgebung nachgewiesen 
wurde und durch behördliche Maßnahmen der Stadt Leipzig und 
der umgebenden Gemeinden eine systematische und einheitlich ge- 
regelte Mückenbekämpfung in Häusern, Lachen und Tümpeln des 
Überschwemmungsgebiets in Angriff genommen worden ist, hat die 
bakteriologische Abteilung nunmehr auch häufiger auf das Vorkommen 
von Malariaerkrankungen zu prüfen, indem von den Ärzten bei Ver- 
dacht auf Malaria Blutproben zur Untersuchung eingesandt werden. 

In der bakteriologischen Abteilung erfolgen ferner die wöchent- 
lichen bakteriologischen Untersuchungen des Wassers der städtischen 
Wasserleitung, welche sich bei der vortrefflichen Anlage des Werkes 
bisher jederzeit als ausnehmend günstig erwiesen haben. 

In dem Arbeitszimmer für bakteriologische Untersuchungen be- 
finden sich außer einem größeren Abzug 2 Brutschränke für höhere 
und niedere Temperatur und alle sonstigen zum bakteriologischen 
Arbeiten erforderlichen Einrichtungen. 

In dem Brutschrankzimmer sind zwei große Brutschränke von 
je 2,40 m Höhe, 1,50 m Breite und 0,80 m Tiefe aufgestellt, welche 
durch einen im Innern eingebauten Luftzirkulationsgasofen mit ein- 
gefügten Quecksilberregulatoren auf die Temperaturen von je 
25° C und 37" C eingestellt sind. 

Die beiden Brutschränke bieten in ihrer Größe vollständig Raum 
zur bequemen Unterbringung sehr zahlreicher Platten und Massen- 
kulturen. 

Das Brutschrankzimmer dient auch zur x\ufstellung der Samm- 
lungskulturen, wie sie für die bakteriologischen Kurse und für die 
Institutszwecke vorrätig zu halten sind. 

Als Zimmer zur Herstellung der Nährböden, zur Dampfsterili- 
sation und zum Waschen der Kulturgläser und Utensilien dient das 
nach Westen gelegene zweifenstrige Zimmer. 



112 Z^ZZH DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Zwei einfenstrige Zimmer und das dreifenstrige Ecklaboratorium 
dienen für die bakteriologischen Arbeiten der Fortgeschritteneren. 

Im Südflügel des ersten Obergeschosses liegen der kleine Hörsaal, 
das Vorbereitungszimmer für die Vorlesungen und der große Hörsaal. 

Das Vorbereitungszimmer in der Mitte mit einem großen 
Laboratoriumstisch und ferner einem Fensterarbeitstisch und Ab- 
zügen versehen, gewährt direkten Zugang in den großen bez. in 
den kleinen Hörsaal. 

Das Vorbereitungszimmer ist mit 4 Leitungen Starkstrom und 
eigenem Elektrizitätszähler, sowie mit weitem Gaszuführungsrohre 
und separatem Gaszähler ausgestattet, um diesen Raum auch zu 
Versuchszwecken in der Richtung auszunutzen, daß verschiedene 
elektrische Beleuchtungskörper und Leuchtgasbrenner auf die Licht- 
stärke und Wirkung der Beleuchtung sowie gleichzeitig auf den 
Verbrauch von Elektrizität und von Gas untersucht werden können, 
d. h. den Beleuchtungswert und die Kosten verschiedener Beleuch- 
tungsarten vergleichend kennen zu lernen. 

Der kleine Hörsaal hat Platz für 88 Hörer. Die Plätze sind 
amphitheatralisch angeordnet, mit Klappsitzen und festen Schreib- 
pultplatten versehen. 

Der große Hörsaal, 13,18 m lang, 8,10 m tief, hat 106,76 qm 
Grundfläche und besitzt in drei aufsteigenden Sitzreihen 1 10 Sitzplätze. 
Der Hörsaal ist mit Ventilationseinrichtungen versehen, die vom 
Keller ausgehen und sowohl an den Eintritts- wie auch an den 
Austrittsöfi"nungen der Luftkanäle Gelegenheit bieten, bei verstell- 
baren Querschnittsöffnungen der Kanäle Beobachtungen und Ver- 
suche mit Anemometern und Thermographen auszuführen. 

Die Tagesbeleuchtung des Hörsaals erfolgt durch zwei 15 qm 
große Oberlichtfenster und ferner von der Ostseite her durch drei 
Fenster von je 8,14 qm. Der Hörsaal besitzt also 39,42 qm Ge- 
samtfensterfläche. 

Sämtliche Oberlichte und Seitenfenster können mittelst elek- 
trischen Antriebs durch einfache Hebelstellung mit automatisch 
laufenden und sich einstellenden Rollschirmen verdunkelt werden. 
Der Vorgang des Verdunkeins vollzieht sich in kurzer Zeit und be- 
darf für Oberlicht und Seitenfenster zusammen nur 15 Sekunden. 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



II' 



In der Mitte des Hörsaals ist in der obersten Bankreihe eine 
ca. 1,6 qm große Fläche ausgespart, auf welcher sich das Podium 
zur Aufstellung eines Projektionsapparats befindet. 

Fiir die Vorlesungen und Demonstrationen dient im großen 
Hörsaal ein 5 m langer und i m breiter Experimentier- und Demon- 
strationstisch, an welchem außer Gas und Wasser sich auch Schalt- 
stellen für Starkstrom befinden. 







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Der Zugangsraum zum großen und kleinen Hörsaal ist 16,36 m 
lang und 2,98 m breit, heizbar und mit 4 Fenstern von je 3,50 m 
Höhe und 2,40 m Breite, also 33,6 qm Gesamtfensterfläche versehen. 
Entlang der Fensterseite ist ein durchgehender Fenstertisch von 
14 m Länge angebracht, welcher außer elektrischen Kontakten Gas- 
und Wasserzuführung besitzt und für die Zwecke der Demon- 
stration von größeren Objekten, sowie zum Aufstellen von mikro- 
skopischen Präparaten usw. dient. 

Im zweiten Obergeschoß befindet sich auf der Ostseite des 
Hauptgebäudes zunächst die Expedition des hygienischen Instituts, 
welcher bei dem reichen Außenverkehr mit Behörden, Ärzten usw. 



eine sehr umfassende Arbeitstätigkeit zufällt. 

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15 



114 ^ZZi:^ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Der nächstgelegene einfenstrige Raum dient als Aktenzimmer 
und besitzt seit den ca. 30 Jahren des Bestehens des hygienischen 
Instituts ein großes Material, wie es durch den amtlichen Verkehr 
mit Behörden durch verschiedenartige Untersuchungsvorgänge bei 
Anlage und Prüfung von Wasserleitungen, Brunnen, Flußverun- 
reinigungen, Friedhofs- und Leichenhausanlagen, Markthallen- und 
Schlachthof bau, Bebauungsprojekten mit Bodenuntersuchungen, 
Krankenhausbauten usw. gewonnen wurde. 

Das dreifenstrige Eckzimmer der Ostseite dient als chemisches 
Laboratorium für den Direktor. 

Gegenüberliegend befindet sich ein Laboratoriumsraum zur Her- 
stellungvonNährbödenund zurUnterbringung der verschiedenen Appa- 
rate und Gebrauchsgegenstände für spezielle bakteriologische Arbeiten. 

Das folgende Laboratoriumszimmer ist als bakteriologisches Ar- 
beitszimmer des Direktors eingerichtet. Es ist an die Zentralheizung 
nicht angeschlossen, sondern wird bei Beginn der Winterszeit durch 
einen Kutscher-Gasofen mit im Zimmer aufgestelltem großen Gas- 
regulator und mit dauernd Tag und Nacht brennender Flamme auf 
die konstante Innentemperatur von 20" C geheizt. 

Da der Gasverbrauch im Zimmer durch einen kleinen Gasmesser 
gemessen werden kann, und ferner, da der Heizwert des ver- 
brauchten Gases bei Versuchen kalorimetrisch genau bestimmt wird, 
war und ist es möglich, hierbei zuverlässige Heizwertbestimmungen 
und die Abkühlungswerte des Raumes bei wechselnden Außen- 
temperaturen und Windstärken festzustellen. 

In diesem Raum befindet sich ferner eine Sammlung der ständig 
im Institute fortgezüchteten lebenden Kulturen, ferner außer zwei 
kleineren Brutschränken ein großer, in Schrankform gebauter Brut- 
apparat von 2,4 cbm Inhalt, zur Einstellung von 25" bez. 37" C 
vorgerichtet. 

Im übrigen ist die Laboratoriumseinrichtung die gleiche wie in 
den anderen Arbeitsräumen. 

Neben dem zweifenstrigen Schreibzimmer des Direktors befindet 
sich das Konferenzzimmer, in welchem auch die staatlich vorgeschrie- 
benen Prüfungen der Studierenden über Hygiene abgehalten werden. 

Nach Westen im Hauptgebäude gelegen folgt im zweiten Ober- 



" DAS HYGIENISCHE INSTITUT ZUZZUI 115 

geschoß das Lesezimmer, in welchem außer einer kleinen Hand- 
bibliothek die im Erscheinen begriffenen Zeitschriften ausliegen. 

In dem Zimmer der Bibliothek sind die Bücherregale nach dem 
System Lipmann ausgeführt, welches den Vorteil bequemer Ver- 
stellung der Bordbretter besitzt und sich durch große Raumersparnis 
und übersichtliche Lagerung der Bücherbestände auszeichnet. 

An der Fensterseite des Bibliothekzimmers sind noch Lesetische 
vorhanden. 

Das zweifenstrige Eckzimmer der Westseite, mit Abzug ver- 
sehen, dient zur Ausführung der Elementaranalyse, der Stickstoff- 
bestimmungen und Destillationen und enthält außer den Arbeits- 
plätzen einen Schrank mit Reagentien. 

Der nach Süden und Westen liegende Teil des Hauptgebäudes 
im zweiten Obergeschoß enthält das Dunkelzimmer, in welchem 
alle Wände, Decken und Möbel mit schwarzer, matter und nicht re- 
flektierender Farbe angestrichen sind. 

Der Raum ist auch für die Entwicklung der photographischen 
Platten, sowie zum Kopieren und zu Vergrößerungen von Photogra- 
phien eingerichtet und besitzt Starkstrom für Bogenlichtbeleuchtung. 

In dem sich nebenan anschUeßenden Räume befinden sich die 
photographischen Einrichtungen mit großen Objektiven für Auf- 
nahmen und für Mikrophotographie, sowie die Aufbewahrungs- 
schränke für Platten und Kopien. 

Der Raum ist gleichfiills mit Starkstromleitung und verstellbaren 
Bogenlampen eingerichtet und besitzt vollständige Verdunklungs- 
einrichtung an den Fenstern. 

Das dreifenstrige Eckzimmer, nach Süden und Westen gelegen, 
hat ebenfalls die Einrichtung zur Verdunklung der Fenster und ist 
zur Vornahme von optischen und anderen physikalischen Unter- 
suchungen bestimmt und deshalb mit den erforderlichen Spektral- 
apparaten, Polarisationsapparaten, Photometern usw. ausgestattet. 

In sämtlichen Laboratoriums- und Arbeitsräumen ist das Prinzip 
durchgeführt, die helle Fensterseite mit fortlaufenden Arbeitstischen 
auszurüsten und diese durchgängig mit elektrischen Kontakten, mit 
Gas- und Wasserzuführung und Wasserabfluß reichlich auszustatten. 

In der Mitte der zwei- und mehrfenstrigen Zimmer befindet sich 



ii6 IZZ^IZI DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



ein 2,80 m langer, 1,45 m breiter und 1,00 m hoher Laboratoriums- 
tisch, auf welchem an den beiden Seitenstellen je 3 Wasserhähne mit 
Abfluß und je 6 Gashähne, darunter einer von großem Rohrquer- 
schnitt, angebracht sind, um so in jedem Arbeitszimmer und Labo- 
ratorium größere Apparate und Versuchseinrichtungen aufbauen und 
in Betrieb halten zu können. 

Jeder Laboratoriumstisch ist bis unten beiderseits mit verschieden 
großen Schubladen versehen, um die Arbeitsgegenstände, soweit 
möglich, hier zu lagern. 

Die sämtlichen Wände und Decken der Korridore, Arbeitsräume 
und Laboratorien des Instituts sind mit ganz hellem Kalkanstrich 
versehen, wobei den Wänden ein ganz zarter, gelber bez. grüner 
Farbenton gegeben wurde. 

Ebenso sind alle Türen, Regale, Schränke und Tische mit Aus- 
nahme der überall aus Eichenholz hergestellten Tischplatten in ganz 
hellem, weißlichen Farbenton gehalten. 

Die beim Bau beabsichtigten andersfarbigen modernen Wand- 
malereien wurden abgelehnt. 

Abgesehen von der Kostenersparnis erschien es für die Zwecke 
eines hygienischen Instituts als durchaus sachgemäß, den Innen- 
räumen eine möglichst große Lichtfülle zu geben, durch welche in 
erster Linie die Möglichkeit einer strengen Reinhahung durch- 
führbar wird. 

Die Erneuerung des Kalkanstrichs ist bei einem späteren Be- 
darfsfalle leicht und in kurzer Zeit wieder auszuführen. 

Alle Rohrleitungen für Gas, Wasserzu- und -abfluß, sowie die 
Dampfleitungsröhren wurden freiliegend an den Mauerwänden an- 
gebracht, so daß sie jederzeit bei Defekten, wie bei beabsichtigten 
Veränderungen leicht zugänglich sind. Sie sind an den Wänden 
mit dem gleichen hellen Kalkfarbenanstrich versehen, so daß sie sich 
an den Wänden in keiner Weise auffallend bemerklich machen. 

Der Fußboden der Laboratoriumsräume, Hörsäle und Sammlungs- 
räume besteht aus Stabfußboden der amerikanischen Kiefer. 

Als außerordentlich vorteilhaft hat sich erwiesen, die Fußböden 
aller Räume und Korridore von Anbeginn der Fertigstellung und 
seitdem fortdauernd mit Fußbodenöl zu behandeln. Es ist hierdurch 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT 117 



im ganzen Institute eine sehr weitgehende Staubfreiheit aller Räume 
erzieh worden. Das übliche nasse Aufwischen und Waschen der 
Fußböden mit seinen unangenehmen Folgezuständen ist hierdurch 
gänzlich vermieden. 

Die Wirkungen der regelmäßigen Behandlung der Fußböden mit 
Fußbödenöl zeigen sich nicht nur in der reinen und gleichmäßigen 
Beschaffenheit der Luft, sondern auch in der weitgehenden Keim- 
armut derselben, was sich insbesondere für das bakteriologische Ar- 
beiten als günstig erweist, indem Verunreinigungen durch Schimmel- 
bildungen sehr selten sind und Kulturplatten bei langem Offenstehen 
nur ganz vereinzelte Luftkeime aufnehmen. 

Die Beleuchtung der Institutsräume erfolgt teils elektrisch, teils 
durch Gasglühlicht. Statt den ursprünglich in allen größeren 
Zimmern und Laboratorien vorgesehenen Bogenlampen wurde eine 
kombinierte Beleuchtung eingeführt. In den beiden Hörsälen, sowie 
im bakteriologischen Kurssaal wurde durch die Anlage von je vier 
großen Bogenlampen im Räume eine bei dem hellen Wandanstrich 
sehr wirksame Raumdurchleuchtung erzielt. 

In dem photographischen Zimmer, sowie in dem Laboratorium 
für physikahsches Arbeiten war die Beleuchtung ebenfalls mit 
Bogenlampen vorzunehmen, wie auch in dem Vorbereitungszimmer 
zum Zwecke spezieller Lichtbeobachtungen mehrfacher Starkstrom 
für Bogenlampen eingelegt wurde. 

In allen übrigen Laboratoriumsräumen dienen für die Zwecke 
der Raumbeleuchtung je zwei oder drei elektrische Glühlampen in 
Pendelstellung und daneben GasglühUcht mit Zündflamme. 

Zur Beleuchtung der Arbeitsplätze an den Laboratoriums- und 
Fenstertischen stehen an jeder Seite des Arbeitsplatzes Steckkontakte 
für elektrische Glühlampen wie auch für den Betrieb kleiner Elektro- 
motore zur Verfügung. 

Die Beleuchtung der Korridore und des Treppenhauses erfolgt 
durch Gasglühlampen mit Kleinstellvorrichtung und nach Bedarf 
durch elektrische Glühlampen. 

Im Sammlungssaale sowie in der Bibliothek und im Lesezimmer 
sind elektrische Glühlampen mit Zugpendel eingerichtet, welche es 
ermöglichen, die Lichtquelle nach Belieben zu verschieben. 



ii8 ZZZIZIZ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Das Pestlaboratorium wurde als eigener selbständiger Bau an den 
Südflügel im Garten des hygienischen Instituts angrenzend errichtet. 
Bei seiner Anlage mußten die speziellen Erwägungen Berücksich- 
tigung finden, wie sie nach den Reichsvorschriften bei dem Arbeiten 
mit hochvirulenten Krankheitserregern in Betracht zu ziehen sind. 

Es wurden deshalb nicht große, zum gemeinsamen wissenschaft- 
Hchen Arbeiten bestimmten Räume hergestellt, sondern speziell auf 
den Bau kleinerer, in sich abgeschlossener Arbeitsräume Rücksicht 
genommen, um in ihnen jederzeit energische Desinfektionsmaßregeln 
leicht und sicher zur Ausführung bringen zu können. 

Das Gebäude des Pestlaboratoriums besteht aus Parterre, Zwischen- 
stock und Obergeschoß. 

Der vom Garten aus zu nehmende eigene Eingang führt links 
in die Stallungen für gesunde Tiere, für welche nach Süden zu ein 
freier Auslauf nach einem kleinen, umgitterten Vorplatz im Garten 
vorgesehen ist. 

Rechts vom Eingange befindet sich im Parterre der Raum lür 
Futtervorräte und Utensilien zur Tierhahung. 

Im Zwischenstock liegen zwei als Arbeitsräume verwendbare 
Zimmer, welche in ihrer Anlage und Einrichtung derart gehalten 
sind, daß das rechts gelegene Zimmer auch als Wohnzimmer und 
das links gelegene als Schlafzimmer bez. Isoherzimmer benutzt werden 
kann. An letzteres ist deshalb auch ein Bad mit Warmwasserofen 
nebst Klosett angeschlossen. 

Die Wasserspülung dieses Klosetts mündet nicht in die allge- 
meine Klosettgrube des hygienischen Instituts, sondern ist nach 
einer eigenen kleineren Klosettgrube geleitet, um im Bedarfsfalle die 
Abgänge daselbst einer besonders nachhaltenden und sorgfähigen 
Desinfektion zu unterziehen. 

Die aUgemeine Klosettgrube des hygienischen Instituts ist mit 
einem erhöhten Wellblechdach überbaut und hat eine bauliche Kon- 
struktion erhalten, welche nicht nur die regelmäßige Desinfektion 
der Abwässer gestattet, sondern auch sich zu quantitativen Versuchen 
über die Einwirkung verschiedenartiger Desinfektionsmittel auf 
Klosettwässer eignet. 

Die eigentUchen Räume des Pestlaboratoriums befinden sich im 



DAS HYGIENISCHE INSTITUT 119 



Obergeschoß und bestehen aus fünf untereinander abschheßbaren Ar- 
beitszimmern. Dieselben sind mit breiten, fortlaufenden Fenster- 
arbeitstischen versehen, an welchen sich die elektrischen Kontakt- 
stellen und Gas- und Wasserzuführung, sowie Wasserabfluß befinden. 

Der für die infizierten Tiere bestimmte Raum ist allseitig abge- 
schlossen und besitzt einen hohen, mit Glasscheiben und Drahtgitter 
verwahrten Abzug. 

Der angrenzende Vorraum dient zu den Impfungen der Versuchs- 
tiere, zur Vornahme der Sektionen und zur Anlegung der Kulturen, 
während der dritte sich anschließende Raum zur Aufstellung der 
Brutöfen, zur vorschriftsmäßigen Unterbringung der Kulturen und 
für mikroskopische Untersuchungen zu dienen hat. 

Sämtliche Räume des Zwischenstocks und Obergeschosses haben 
wasserdichte Fußböden erhalten. Sie sind ebenso wie die Treppe 
aus dichter Steinholzmasse hergestellt und sind nach vorhergehender 
Durchtränkung mit Wachs und Firnis mit staubbindendem Fußboden- 
öl versehen worden, so daß Feuchtigkeit und Tropfflüssigkeiten nicht 
eindringen und leicht abgewischt und mit desinfizierenden Lösungen 
aufgenommen werden können. 

Sämtliche Wände und auch die Decken des Pestlaboratoriums 
sind mit wasserdichtem Anstrich von weißer Farbe versehen. 

Der Vorraum des Pestlaboratoriums besitzt noch einen mit 
Doppeltür versehenen Zugang, welcher den direkten Zutritt vom 
hygienischen Institut aus ermöglicht. 

Das Dach des Pestlaboratoriums, wie auch die Dächer des Süd- 
flügels und des Hauptgebäudes sind in der Form des flachen Holz- 
zementdaches ausgebildet. 

Nach dem Dache des Hauptgebäudes und des Südflügels führen 
breite Treppen, so daß auch die großen und bequem begehbaren 
Dachflächen bei ihrer hohen und völlig freien Lage zu hygienischen 
Versuchen und Beobachtungen benutzbar sind. 

Für die Kosten der Um- und Erweiterungsbauten des hygienischen 
Instituts wurden nach den Voranschlägen des Königlichen Landbau- 
amts von den Ständen 279000 M. bewilligt und außerdem wurden 
für die wissenschaftlichen Einrichtungen und Apparate noch 32000 M. 
vorgesehen und genehmigt. 



I20 ZIZZUZ DAS HYGIENISCHE INSTITUT 



Das hygienische Institut ist in seiner jetzigen Gestaltung, An- 
lage und Einrichtung ein hervorragender Beweis der steten Fürsorge 
des Königlichen Ministeriums des Kultus und öffentlichen Unterrichts. 

Im Jubiläumsjahr der Universität vollendet das Institut sein 
30. Betriebsjahr. Zahlreiche Arbeiter und Assistenten haben sich 
in reger Tätigkeit in wissenschaftUchen und praktischen Arbeiten 
den neuen Aufgaben gewidmet. 

Kurze Zeit nach der Errichtung des hygienischen Instituts wurde 
vom Königl. Sachs. Kriegsministerium der Wunsch ausgesprochen, 
einen Militärarzt unter je 2 jähriger Dauer an das hygienische In- 
stitut zu kommandieren, um Gelegenheit zur eingehenden Aus- 
bildung in Hygiene zu gewähren. Im Mai 1881 trat Stabsarzt 
Dr. Bruno Müller (jetzt Generalarzt und Korpsarzt des XII. (i. K. S.) 
Armeekorps und Abteilungschef im Königl. Kriegsministerium) als 
erster militärischer Assistent das Kommando am hygienischen In- 
stitut an. 

Von den Assistenten des Instituts haben mehrere als o. ö. Pro- 
fessoren der Hygiene an deutschen Universitäten ihren selbständigen 
Wirkungskreis erhalten, während andere als höhere Medizinalbeamte 
und als Bezirksärzte Stellungen und erfolgreiche Tätigkeit in der 
praktischen Hygiene fanden^). 

Möchte der jungen Anstalt auch in alle Zukunft eine segens- 
reiche Entfaltung wissenschaftlicher Tätigkeit beschieden sein und 
möge sie in gesunden Bahnen fortschreitend zielbewußt zur erfolg- 
reichen Ausbildung der Studierenden dienen und zum Wohle der 
Allgemeinheit beitragen. 

i) Der Zeitfolge ihrer Anstellung nach sind nachstehende Assistenten am hygie- 
nischen Institut tätig gewesen: 

DDr. Botho Scheube, Carl Flügge, Wilhelm Roux, Rudolph Emmerich, Bruno Müller, 
Theodor Pallmann, Friedrich Würzler, Arno Becker, Joh. Lufft, Paul Körner, August Pötter, 
Otto Georg Wolf, Hans Wilhelm Fischer, Arthur Merzdorf, Martin Ficker, Arno Thal- 
mann, Arthur Stroscher, Walther Gebhardt. Kurt Bischoff, Arthur Nebel, Arthur Vocke- 
rodt, Wilhelm Knabe, Walther Dibbelt, Fritz Sievert, Walther Loele, Heinrich Harms, 
Arno Trautmann, Paul Schmidt, Hans Petzsclic, Rudolf Will, Wilhelm Müller. 

An der Königl. Untersuchungsanstalt beim hygienischen Institute die Herren 
DDr. Friedrich Härtel, Richard Reich, Erich Avd-Lallemant. 



DAS INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER 

MEDIZIN. 

DIREKTOR: KARL SUDHOFF. 



VORGESCHICHTE. 

Am 12. Januar 1885 errichtete zu Berlin das Ehepaar Dr. med. 
Theodor Gustav Ferdinand Puschmann, ao. Professor der Geschichte 
der Medizin an der Universität Wien, und Marie KaroHne CäciHe 
Puschmann geb. FaeUigen ein wechselseitiges Testament mit der 
Bestimmung, daß ihr beiderseitiger gesamter Nachlaß nach ihrer 
beider Tode 

„der Universität zu Leipzig zufallen und von dieser zur Förderung 
wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der 
Medizin verwendet werden solle". 
Theodor Puschmann starb am 28. September 1899 als Ordi- 
narius der Wiener Universität, die er noch kurz vor seinem Tode 
als Erbin seines Vermögens eingesetzt hatte, für seinen Teil das 
Berliner Testament vom Jahre 1885 annullierend. Auch Frau 
Puschmann, in den letzten Jahren von ihrem Gatten getrennt, 
hatte sich vorübergehend mit Annullierungsgedanken getragen, aber 
ein Kodizill zu dem Berliner Testament, welches diesen Widerruf 
ausgesprochen haben soll, im Sommer 1900 ausdrücklich wieder 
zurückgenommen, wie sie es sich denn auch nicht nehmen Heß, 
das Grab des Entschlafenen mit einem kostbaren Denkmal zu 



i) Durch Testament vom i8. April il 

in. 16 



122 I^ INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN 



schmücken. So hat sie auch den früheren gemeinsamen Stiftungs- 
plan seinem Andenken zu Ehren zur Tat werden lassen, als sie 
am 21. Juli 1901 verstarb. Von ihrer Seite war das Berliner 
Testament in seinem Rechte belassen worden. Da die Verwandten 
der Verstorbenen das Testament angefochten hatten, trat die Uni- 
versität Leipzig erst nach Beendigung eines langwierigen Rechts- 
streites den Besitz der Erbschaft an, war aber dann auch in den 
Stand gesetzt, das bisher wenig beachtete Fach der Geschichte der 
Medizin ausgiebig zu fördern. 

Die Verwaltung des Stiftungsvermögens von rund einer halben 
Million und der stiftungsgemäßen Verwendung seiner Erträgnisse 
wurde einem Kuratorium von neun Herren, unter dem Vorsitze des 
jeweiligen Herrn Rektors, übertragen. Vier Mitglieder sind Pro- 
fessoren der medizinischen Fakultät, darunter der Dekan und der 
Professor für Geschichte der Medizin. Satzungsgemäß sollte näm- 
lich ein Teil der Stiftungserträgnisse zur Bestreitung der Kosten 
eines Lehrstuhles für Geschichte der Medizin an der Universität 
Leipzig und zur Beschaffung der wissenschaftlichen Hilfsmittel für 
diese DiszipUn Verwendung finden. 

Damit war nicht nur die Gründung eines etatsmäßigen Extra- 
ordinariats für Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig 
in die Wege geleitet, sondern auch die Möglichkeit geboten, ein 
Institut für Geschichte der Medizin ins Leben zu rufen. 

Mit dem 3 1. Juh 1905 wurde der preußische Sanitätsrat und Titular- 
Professor, Dr. Karl Sudhoff in Hochdahl bei Düsseldorf zum ersten 
Professor der Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig 
ernannt, mit dem Auftrag, dieses Amt am i. Oktober des näm- 
lichen Jahres anzutreten. 

GRÜNDUNG DES INSTITUTS FÜR GESCHICHTE DER 

MEDIZIN. 

Bei seiner Berufung hatte der erste Inhaber des Lehrstuhles lur 
Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig die Errichtung 
eines Instituts für die neue Disziplin zur Bedingung gemacht, dessen 
Einrichtung ihm denn auch übertragen wurde. 



INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN 12 



o 



Von Oktober 1905 bis Ende März 1906 war als Dienstraum 
vorläufig ein Zimmer des zweiten Stocks im rechten Flügel des 
Augusteums überwiesen, welches zum Bereiche der medizinischen 
Fakultät gehörte und, direkt neben dem Bureau des Fakultäts- 
nuntius gelegen, augenblicklich verR'igbar war. Ein Schreibtisch, 
einige Bücherregale, ein Glasschrank mit Sammlungsschiebladen 
fanden dort schon ihre Aufstellung, für Bibliothek, Sammlungen 
und Dienstbetrieb des Instituts den Grundstock der Mobiliaraus- 
stattung bildend. Mit der Beschaffung des notwendigsten Demon- 
strationsmaterials wurde sofort nach der Bewilligung der ersten Mittel 
begonnen. 

Dieser räumlich sehr beschränkte Interimszustand war jedoch 
glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Der derzeitige Dekan der 
medizinischen Fakultät, Herr Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Cursch- 
mann, hatte sofort nach weiteren verfügbaren Räumen im Bereiche 
der Universität Umschau gehalten. Etwas größere Lokalitäten schien 
zunächst das freiwerdende Entresol des Collegium juridicum zu 
bieten, doch war die Lage in der Nähe des Peterstores für die 
Medizinstudierenden der höheren klinischen Semester doch zu un- 
günstig. Und wenn auch durch das überaus freundhche Entgegen- 
kommen des Leiters der medizinischen Klinik, des schon genannten 
Herrn Dekans, die Abhaltung der Vorlesungen im Hörsaale der 
medizinischen Klinik gestattet worden war, so bHeb doch das Hin- 
und Herschaffen des Demonstrationsmaterials recht umständlich 
und lästig. 

Da fand sich ein Ausweg, der zunächst alle Bedürfnisse be- 
friedigte, durch das Freiwerden einer Flucht von Räumen im mathe- 
matisch-mineralogischen Institute, die früher dem Physikalischen 
Institute der Universität Unterkunft gewährt hatten und neben 
anderen mit dessen Neubau verfügbar geworden, vorübergehend an 
Privatpersonen vermietet gewesen waren. Zu letzterem Behufe 
war eine Reihe von Wänden eingezogen w^orden. 

Von der Staatsverwaltung der Stiftung zunächst mietweise 
überlassen, liegen diese Institutsräume inmitten der anderen medi- 
zinischen und naturwissenschaftlichen Institute an der Ecke der 
Liebig- und Talstraße; die Mitbenutzung der Vorlesungsräume des 



124 



INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN 



Mathematischen Instituts im Erdgeschoß wurde seitens der Leitung 
dieses Instituts in zuvorkommender Weise gestattet. 

Beigegebener Grundriß veranschaulicht die Einteilung und gegen- 
wärtige Verwendung der zur Verfügung stehenden Räume. 




A. Qhii^iod}0'jp. 



Bei A tritt man von dem allgemeinen Treppenhause des großen 
Institutsgebäudes mit seinen steinernen gewölbten Treppenanlagen 
in den über 12 m langen Flur (VI) des Instituts und direkt links 
bei B in den großen Seminarraum (II) und von diesem aus, aber- 



INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN ZZ 125 



mals links bei C, in das Zimmer des Direktors (I), mit Schreibtisch 
und Aktenregalen ausgestattet. Einige Ölbilder aus dem Nachlasse 
der Stifterin samt einem Bilde ihres Gatten schmücken Direktor- 
zimmer und Seminar. 

Im Seminarzimmer (II), zugleich dem Arbeitsraume der Benutzer 
der Institutsbibliothek und der Lehrmittelsammlungen, einem schönen 
hellen Räume von 35 qm, der mit Arbeitstischen in Hufeisenform 
ausgestattet ist, steht an der östlichen Seitenwand und an der Rücken- 
wand die Handbibliothek des Seminars auf Regalen von insgesamt 
5 m Länge, in grundlegender Anordnung heute im wesentlichen 
dem täglichen Bedarfe entsprechend und genügend, wenn auch in 
älteren Werken noch Lücken bleiben, deren Ausfüllung noch nicht 
möglich war, da die Bücher nicht auf den Markt kamen. An 
der westlichen Seitenwand stehen Glasschränke von insgesamt 
3 m Länge zur Auslage von Instrumenten und andern plastischen 
Nachbildungen aus dem Altertum. 

Die Räume III, IV und V enthalten die Bibliothek und die 
Sammlungen des Instituts. Der Länge nach durch die Zimmer 
steht je eine Doppelvitrine von 2\ m Länge und 0,80 m Breite, 
mit doppelseitigen Schiebladenreihen, an den Längswänden beider- 
seits Bücherregale. Auch die eine der Längswände des Flurs (VI) 
ist mit Bücherregalen bestellt; es finden sich hier größere Zeit- 
schriftenserien, Enzyklopädien und anderes weniger Gebrauchte. 
Zur Verfügung des Instituts stehen bis heute im ganzen 30 'ja 
laufende Meter Bücherregale von Greifhöhe, 18 laufende Meter 
Vitrinen und 140 Schiebladen. 

Im allgemeinen ist die Anordnung so getroffen, daß im Raum III 
Prähistorik, Volksmedizin, alter Orient und das klassische Altertum 
ihre Aufstellung gefunden haben, im Zimmer IV das morgenlän- 
dische und abendländische Mittelalter, einschließlich der byzanti- 
nischen Periode und der Renaissance. In Zimmer V, das etwas 
mehr Wandfläche bietet als die beiden anderen Räume, hat die 
Neuzeit und die Literatur der theoretischen und praktischen Sonder- 
disziplinen Aufstellung gefunden. Ein großer Porträtschrank mit 
Schiebefächern für die Porträtsammlung des Instituts hat in Raum III 
seine Aufstellung gefunden, ebenso im Jubiläumsjahre ein schmaler 



126 IZ: INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN 

Schiebfachschrank für Krankheitsmedaillen, Porträtmedaillen und 
andere medizinische Erinnerungsmünzen allerart, für Siegelab- 
drücke usw. in Zimmer IV. 

In den Vitrinen finden im allgemeinen Gegenstände Aufnahme, 
welche dem historischen Unterricht und Studium dienen, meist 
Nachbildungen in Gips und Metall, namentlich auch von medizini- 
schen Instrumenten aus der Antike, außerdem auch spätmittelalterliche 
und frühneuzeitliche Originahnstrumente, die ein gelehrter Gönner 
dem Institut leihweise überlassen hat. Auf den Erwerb von Ori- 
ginalien auf diesem und verwandten Gebieten ist das Augenmerk 
der Institutsleitung, wie ausdrücklich bemerkt sei, nur in ganz neben- 
sächlicher Weise gerichtet. Von einem „Museum der Heilkunde", 
wie man es anderwärts erstrebt und auszubauen begonnen hat, ist 
das Institut also weit entfernt, weil ein solches große Mittel ver- 
schlingen würde, die nicht vorhanden sind und, wenn vorhanden, 
in anderer Weise zweckentsprechender im Sinne der Stiftung an- 
gewendet würden, überdies zu Studien- und Demonstrationszwecken 
die photographische oder plastische Nachbildung vielfach dieselben 
Dienste leistet. 

In den Schiebladen sind die zahlreichen photographischen Blätter, 
Kunst- und Fachblätter, eingeordnet, die im Grundstock die ganze 
medizinische Kulturgeschichte umfassen, stellenweise freilich erst 
in den schüchternsten Anfängen, in andern Abschnitten aber schon 
in beachtenswerter Fülle vertreten. 

Im ganzen ist das Institut nach dem Verlauf von 3 Jahren immer 
noch im Anfangsstadium des Lehr- und Studienmittelsammelns. 
Auch die Bibliothek ist noch recht lückenhaft. In den meisten 
Abteilungen ist erst der Grundstock vorhanden, in einigen, z. B. 
in der klassischen Antike, ist der Ausbau schon weiter vorgeschritten. 
Auch bei größeren Mitteln wäre ja nicht allenthalben schneller ein 
besseres Ergebnis zu erreichen gewesen. Viele ältere Literatur ist 
ohne unverhähnismäßige Opfer nur gelegentlich zu beschaffen, 
aber auch in der modernen und modernsten, die sich großenteils 
aus recht zerstreuten Zeitschriftenartikeln zusammensetzt, ist dem 
Zufall allzuviel Spielraum gegeben, da ja z. B. der Sonderabdruck 
einer an entlegener Stelle erschienenen historisch wichtigen Arbeit 



INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN 127 



meist nur in besonders günstigen Fällen gelegentlich einmal zu 
erreichen ist, solange die Autoren von heute nicht die so nahe- 
liegende Überzeugung gefaßt haben, daß es in ihrem eigensten 
Interesse Hegt, einen Abzug an die Leipziger Zentralstelle zu geben, 
wo man in Zukunft ihre wertvollen Geistesprodukte zuerst suchen 
und anzutreffen hoffen wird. 

Neben der Ausgestaltung der Bibliothek und der Sammlungen 
und der regelmäßigen Facharbeit im Direktorzimmer und Seminar und 
ständiger brieflicher Auskunftserteilung nach allen Seiten ist das Institut 
damit fortlaufend beschäftigt, eine Reihe größerer historischer Arbeiten 
zu leisten, die wie die Aufnahme eines Inventars der antiken Instru- 
mente und eines allgemeinen Handschriftenrepertoriums der antiken 
und mittelalterlichen Heilkunde und ähnliches den Zwecken des 
Instituts als Arbeitsstelle und Auskunftsstelle in allen wissenschaft- 
lichen historischen Fragen in weitschauender Weise dienen sollen. 
Jeder redlichen und gründlichen Arbeit seines Faches steht das 
Institut freudig geöffnet. Die Zahl der angehenden Gelehrten des 
In- und Auslandes, welche zu kürzeren oder längeren Studien das 
Institut aufsuchen, öfters schon um einige Monate dort zu arbeiten, 
wächst stetig. 

So hofft das junge Institut mit der Zeit das vorgestreckte Ziel 
zu erreichen, im Wetteifer mit älteren gelehrten Anstalten auch 
an seinem Teile der allgemeinen historischen und medizinischen 
Wissenschaft und ihrem Fortschritte zu dienen und selbst einmal 
in Forschung und Lehre ein bescheiden Blättchen einzufügen in 
den wissenschaftlichen Ruhmeskranz der altehrwürdigen Alma Mater 
Lipsiensis. 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK. 

DIREKTOR: HEINRICH CURSCHMANN. 



Wenn ich die folgenden Mitteilungen über das mir seit 20 Jahren 
untersteUte Institut mit einem geschichtlichen Überblick einleite, so 
gilt dies zum Teil der Entwickelung der Leipziger Universitäts- 
Klinik überhaupt. Wie alle übrigen, so ist auch unsere Leipziger 
Klinik zunächst als medizinische Klinik entstanden und eröffnet 
worden. Erst später wußten sich die übrigen klinischen Disziplinen, 
zunächst die Chirurgie, von der inneren Medizin loszulösen und für 
sich eine eigene Stätte zu begründen. 

Es ist hier nicht der Platz, auf die Geschichte des klinischen 
Unterrichts und der Kliniken im allgemeinen einzugehen. Erwähnt 
sei nur, daß Leipzig nicht zu den Hochschulen gehört, die be- 
sonders früh den Unterricht im Krankenhaus und am Krankenbett, 
also die stationäre Klinik, einführten. Prag und Würzburg (1769), 
Göttingen (1781), für das übrigens Werlhof schon 1733 ein aka- 
demisches Krankenhaus, freilich vergeblich, gefordert hatte, Alt- 
dorf (1786), Kiel (1788), Jena (1791) und Tübingen (1793) sind 
Leipzig, dessen Klinik 1799 eröffnet wurde, vorausgegangen. Auch 
hier war es leider nicht die medizinische Fakultät, die das Bedürfnis 
zur Errichtung der Klinik und Reformierung des medizinischen 
Unterrichts in dieser Richtung fühhe. 

Inmitten der verhältnismäßig großen Stadt, die schon in der Mitte 
des 18. Jahrhunderts das Zentrum des deutschen Buchhandels und 
ein Hort der Künste und Wissenschaften war, führte gerade die 
medizinische Fakultät ein weltvergessenes stagnierendes Dasein. 

Die Heilkunde wurde fast nur theoretisch-philosophisch an der 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK ^IZZZIZ 129 



Hand der alten Schriftsteller vorgetragen^), und das Wenige, was 
von Instituten vorhanden war, Anatomie, botanischer Garten und 
physikalisches Institut, war klein, schlecht und armselig. 

Die Anregung zur Besserung dieser traurigen Verhältnisse kam 
von drei Männern, von denen zwei der medizinischen Fakultät 
vöUig fernstanden. Es waren der Präsident des Landeskonsistoriums 
von Zedtwitz, der Leipziger Bürgermeister Müller und der berühmte 
Arzt, Philosoph und Naturforscher Felix Platner. 

Die Universität unterstand damals dem Landeskonsistorium. Ge- 
legentlich einer Revision im Jahre 1785 forderte v. Zedtwitz die 
Universität auf, Pläne zur V^erbesserung des medizinischen Unter- 
richts einzureichen. Diese Pläne, heute noch vorhanden, empfehlen 
durchaus die Einrichtung klinischer Anstalten, sei es eines Ambu- 
latoriums, sei es eines besonderen akademischen Spitals; für ersteres 
wurden die jährlichen Kosten auf 800, für dieses auf 3000 Taler 
veranschlagt. Doch scheinen diese Summen unerschwinglich er- 
schienen zu sein, denn diese Pläne kamen völlig ins Stocken und 
tauchten erst zwölf Jahre später in greifbarer Gestalt wieder auf. 

Unterdessen entstand auf privatem Weg ein klinischer Unter- 
richt. Im städtischen Lazarett, dem heutigen Krankenhause zu St. 
Jakob, das damals dem Dr. Geyer unterstand, versammelte der 
Amanuensis Dr. Chr. Gottfr. Carl Braune täglich eine Anzahl von 
Studierenden und Ärzten, um ihnen am Krankenbett Unterweisung 
zu erteilen. 

Diese Einrichtung mag wohl den Anstoß gegeben haben zu 
dem Gedanken, in diesem Stadtkrankenhaus das offizielle akade- 
mische Unterrichtsinstitut zu errichten. 

1796 trat Platner das Dekanat an, und nun „eröffnete er sofort 
dem Bürgermeister Müller seine Wünsche und stellte ihm die Pflicht 
vor, sie um des gemeinen Besten willen patriotisch und mit Hin- 
wegsetzung über einige Bedenklichkeiten zu befördern". 

Die nun folgenden Verhandlungen wurden dadurch erschwert. 



i) „Geschichtliche Mitteilungen über die Leipziger Medizin. Klinik" wurden schon 
in der Festschrift zur Feier des loojähr. Jubiläums der Klinik von dem damaligen 
Assistenten der Klinik W. His jun. (jetzt Direktor der 1. med. Klinik in Berlin) gemacht. 
Die folgenden kurzen Angaben sind jener Arbeit entnommen. 

in. 17 



I30 ZUZH^I DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



daß die Fakultät unbedingtes Aufsichtsrecht über die khnische An- 
stalt verlangte, während die Stadt die alleinige Herrschaft über ihr 
Krankenhaus nicht aus der Hand geben wollte; der Klugheit und 
unermüdlichen Energie jener drei Männer gelang es indessen, die 
Schwierigkeiten dadurch zu überwinden, daß sie den Oberarzt und 
klinischen Lehrer zwar von der Stadt ernennen ließen, jedoch auf 
Grund eines vom Dekan auszustellenden Zeugnisses über seine Be- 
fähigung zum Lehrer. 

So konnte denn am 29. April 1799 das neue Institut feierlich 
eröffnet werden. 

Das fortan dem Unterricht gewidmete Lazarett oder Jakobs- 
hospitaP) war ein am Eingang des Rosentales gelegener Gebäude- 
komplex. Um die Wende des Jahrhunderts bestand es aus vier 
größeren Gebäuden, die im ganzen 240 Kranke zu fassen ver- 
mochten. Eines der Gebäude war vor kurzem abgebrannt, beim 
Neubau 1798 wurde auf die Bedürfnisse des Unterrichts auf das 
zuvorkommendste Bedacht genommen. Es erhielt im Erdgeschoß 
ein Theatrum anatomicum, daneben einen Raum zur Wiederbelebung 
Asphyktischer, im Obergeschoß ein Theatrum chirurgicum mit dach- 
förmigem Oberlicht, daneben zwei Säle für chirurgische Kranke, 
zudem ein Zimmer für elektrische Behandlung, über welche indessen 
leider keine genaue Beschreibung erhalten ist. Ein Badehaus ent- 
hielt sieben Zellen nebst einem Wärmeapparat, der 40 Bäder täglich 
zu liefern vermochte. Ein wohlgepflegter Garten dehnte sich zwischen 
den Gebäuden zur Erholung für Rekonvaleszenten, ein eigener Fried- 
hof lag in der Nähe. 

Als erster klinischer Lehrer bezog dieses Haus Dr. Christian 
Martin Koch, geboren 1752 in Breslau, seit 1790 außerordentlicher 
Professor. Diese Stellung hat er bis zu seinem 1803 erfolgten Tod 
beibehalten. Koch war ein geschickter und gelehrter Praktiker, 
pflichtgetreu und gewissenhaft. Wie es scheint, hat er auch seinen 
Lehrberuf zur größten Befriedigung der Studenten erfüllt. 

i) Seine Geschichte hat C. Thiersch 1876 in seiner Rektoratsrede ausführlich ge- 
schildert; die ihm zugrunde liegende Stiftung, das sogen. Willige oder Reiche Almosen 
hat durch Prof. Geffken (I.eipz. Tageblatt vom 5. VII. 1897) eine geschichtliche Wür- 
digung erfahren. 1463 vom Münzmeister Hans Stockart gestiftet, war es, nach mannig- 
fachen Schicksalen, 1704 gänzlich dem Lazarett überwiesen worden. 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK ZIZZI^^ 131 



Die Instruktion, auf die er verpflichtet wurde, verlangte, daß er 
,, täglich eine Stunde die Idinischen Scholaren dergestalt unterrichte, 
daß er, nach Beschaffenheit der Umstände, und insbesondere nach 
den Fähigkeiten und Kenntnissen der Lehrlinge einmal dem Kranken 
die wesenthchen Symptome und Zeichen durch Fragen und andere 
Untersuchungen vor den Augen der Scholaren abgewinne, und die 
Erfindung der Diagnosis und Indikation in einem Muster vorzeige, 
ein andermal die Scholaren selbst frage, sie die Erscheinungen in 
dem Puls, in den Ausführungen usw. selbst betrachten lasse, und 
auf diesem Wege zur Diagnosis und Indikation hinleite". Hierbei 
sollte er sich „dem Hauptzweck eines klinischen Instituts gemäß" 
vornehmlich der akuten Kranken bedienen, jedoch auch nicht ver- 
säumen, die Scholaren mit lehrreichen chronischen Kranken bekannt 
zu machen. 

Bei den Leichenöffnungen, sowie den chirurgischen Demon- 
strationen hatte der Lehrer der inneren Klinik den Vorsitz, bzw. 
die Autsicht zu führen. 

Der Wundarzt des Spitals, Johann Gottlob Eckold (1746 in 
Leipzig geboren) wurde gleichfalls für den Unterricht verpflichtet. 
Seine Stellung war jedoch eine untergeordnete. 

Dem klinischen Lehrer war ein Amanuensis beigegeben, der 
gegen ein Honorar von 50 Talern die Studierenden bei ihren Nach- 
mittagsvisiten zu begleiten, und das am Vormittag Gehörte mit 
ihnen zu repetieren hatte. 

Die Hörer des Institutum clinicum entrichteten für ihren jähr- 
lichen Kurs ein Honorar von 12, später 15 Talern, welches aber nicht 
dem Lehrer, sondern einer Kasse zufloß, aus welcher die 60 Taler 
für den Wundarzt, Entschädigung für den Amanuensis, die Trink- 
gelder für das Sektionspersonal, die „Ergötzlichkeiten" fiir die Patienten 
der ambulatorisch-chirurgischen Demonstration, sowie etwaige An- 
schaffungen bestritten wurden. Der Rest wurde kapitalisiert, und 
in späteren Jahren sogar auf Befehl der Regierung ausgeliehen. 

Die so vollendete langersehnte praktische Schule der Landes- 
universität konnte sich schon im ersten Jahre der stattlichen Zahl 
von 22 Schülern erfreuen. Aber leider hielt diese Blüte nur kurze 
Zeit an. Schon im nächsten Jahre sank die Frequenz, und betrug 



132 IZZZZZZ DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



1808 nur noch fünf. Ein unglückliches Verhängnis fügte, daß im 
ersten Jahrzehnt ihres Bestehens die Anstalt dreimal ihren Vorsteher 
durch den Tod verlor. 1803 starb Koch; ihm folgte der ordent- 
Hche Professor der Therapie E. B. Hebenstreit, ein treffhcher Ge- 
lehrter, unter dem die Anstalt neuen Aufschwung zu nehmen be- 
gann, der aber bei seiner schwachen Gesundheit die Anstrengungen 
nicht ertrug und schon im Dezember 1803 dahingerafft wurde. 
Sein Nachfolger, der außerordentliche Professor Christoph Leopold 
Reinhold, dessen Eifer und Pflichttreue sehr gerühmt werden, starb 
schon am 29. Dezember 1809. 

Nun wurde Joh. Chr. Clarus berufen, der fast 40 Jahre seinem 
Amte vorgestanden und in der Geschichte unserer KHnik dauernde 
Spuren seines Wirkens hinterlassen hat. 

Clarus war eine bedeutende Persönlichkeh. Als Lehrer impo- 
nierte er durch die Sorgfalt in der Beobachtung und Untersuchung 
der Kranken und durch die Klarheit seiner im elegantesten Latein 
freigesprochenen Vorträge. Als Arzt genoß er das unbeschränkte 
Vertrauen der weitesten Kreise. 

Von Anbeginn seiner Tätigkeit suchte er die ihm untergebene 
Anstalt mehr und mehr zu heben und mit Einsatz seiner ganzen 
energischen Persönlichkeh alles fernzuhahen, was ihre Bedeutung 
herabsetzen konnte. Daß er dabei auf mancherlei Widerstand, 
namenthch seitens der Fakultät, stieß, ist nicht zu verwundern. 

Seiner khnischen Richtung nach ist Clarus als guter Hippokra- 
tiker zu bezeichnen. Ein ausgesprochener Gegner der Scholastik 
und Naturphilosophie suchte er alles Spekulative von seinen Schülern 
fernzuhalten und sie zu guten Praktikern zu erziehen. Andererseits 
konnte er sich freilich auch nicht mehr in die neuen Lehren der 
physikaHschen Diagnostik und der pathologischen Anatomie hinein- 
finden. Dies trug ihm sachhch gerechtfertigte, der Form nach 
durchaus zu tadelnde Anfechtungen ein, die die letzten Jahre seines 
40jährigen Wirkens trübten und ihn zum Rücktritt nötigten. 

Während sein Repetent Prof. Wendler interimistisch die Ge- 
schäfte der Klinik weiterführte, entbrannte nicht nur ein heftiger 
Streit um die Nachfolge, sondern es tauchte der alte Kompetenz- 
konflikt zwischen Stadt- und Landesregierung aufs heftigste wieder 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK 133 



auf und nahm so drohende Formen an, daß die Stadt dringend die 
Entfernung der Lehranstah aus dem städtischen Hospitale verlangte. 

HauptsächHch ist es dem damaligen Kreisdirektor, späteren 
Kultusminister von Falkenstein, zu danken, daß dieser unheilvolle 
Schritt vermieden wurde. Falkenstein, der auf der Höhe des Kon- 
flikts sogar die Verlegung der Universität aus Leipzig in Betracht 
zog, erreichte schließHch, daß die Anstellung des Klinikers auf Vor- 
schlag der Fakultät durch das Ministerium erfolgte, wogegen sich 
die Regierung mit einem erhebHchen Beitrag an den Unterhaltungs- 
kosten des städtischen Spitals beteihgte. 

Die Wahl des neuen Klinikers war die denkbar glücklichste. 
Sie fiel auf Johann Oppolzer aus Prag, der am 26. Oktober 1848 
seine neue Stelle antrat. 

Mit ihm hatte ein Lehrer allerersten Ranges und ein Arzt von 
seltener Qualität seinen Einzug gehaken; mit ihm die moderne 
Medizin. Ein Meister der neuen physikaUschen Methoden, ein vor- 
züglicher Anatom, ein geradezu genialer Diagnostiker, abhold dem 
damals sich breit machenden öden therapeutischen Nihilismus, ge- 
wann er die Herzen der Fachgenossen und Schüler im Sturm. 

Leider verließ er Leipzig schon wieder nach noch nicht i 'ja jähriger 
Tätigkeit, um einem Ruf zur Übernahme der Wiener KHnik zu folgen. 

Eine bessere Wahl wie die seines Nachfolgers konnte kaum ge- 
troffen werden. Sie fiel auf den damals erst 3 5 jährigen Wunderlich. 

In seiner überaus interessanten Persönhchkeit zeigte sich eine 
der merkwürdigsten Mischungen von klarer, durchdringender Ver- 
standesschärfe und groß aufbauender, zündender Genialität. 

Derselbe Mann, der in reiferen Jahren durch das scheinbar regel- 
lose, unnahbare Gewirre von tausend und abertausend Thermometer- 
kurven sich durchwand und die heute noch geltenden Gesetze des 
Fieberverlaufs in Krankheiten herauslas, hatte schon als 25 jähriger 
der stagnierenden deutschen Medizin den Spiegel vorgehalten und 
sie an der Hand seiner Wiener und Pariser Erfahrungen auf neue 
Wege geführt. 

Auf Wunderlichs ungemein ausgedehnte literarische Tätigkeit 
einzugehen, gestatten weder der Zweck dieser Arbeit noch der ihr 
zur Verfügung gestellte Raum. 



134 ZZZIIZ:^ DIE MEDIZINISCHE KLINIK 

Erwähnt sei nur noch, daß er einer der genialsten Lehrer war, 
eine äußerlich und geistig gleich bestechende Persönhchkeit, nach 
dem Zeugnis aller, die ihn hörten, ein geradezu hinreißender 
Redner. 

Eine Großtat Wunderlichs war noch der zusammen mit Thiersch 
bei den städtischen Behörden erwirkte, von dem Bürgermeister Koch 
lebhaft unterstützte Erweiterungsbau des St. Jakobsspitals im Baracken- 
system. Diese Bauweise, die auf die ganze Gestaltung des modernen 
Krankenhauswesens von grundlegendem Einfluß war, wurde im 
Leipziger Krankenhaus zum ersten Male in ausgedehnter Weise ge- 
übt, das mit seinen 1886 errichteten Neubauten geraume Zeit eine 
führende Stellung im Krankenhauswesen einnahm. 

Nach Wunderlichs nach 29 jähriger Tätigkeit 1877 erfolgtem 
Tode wurde Ernst Wagner zu seinem Nachfolger gewählt. Bis zu 
Wunderlichs Tod hatte er den Lehrstuhl der pathologischen Ana- 
tomie und zugleich den der med. Poliklinik innegehabt. Schon in 
der letzteren Stellung hatte er sich als eminent begabter, erfolg- 
reicher Praktiker bewährt, der schon bei Antritt seiner Stellung als 
Direktor der stationären Klinik die ärztliche Vertrauensperson Leipzigs 
und des ganzen Landes war. 

So groß die Bedeutung beider Männer, so bestand doch zwischen 
ihnen in bezug auf persönliche und wissenschaftliche Eigenschatten 
ein bemerkenswerter Gegensatz; auf der einen Seite Wunderlichs 
aristokratische Gestalt und Wesen, seine dominierende weitblickende 
Genialität, auf der anderen Seite Wagners kernige Schlichtheit, seine 
weniger durch die Form als durch den Inhalt fesselnde Rede, sein 
kühler, durchdringender Verstand, sein eminentes Wissen, sein Bienen- 
fleiß, unterstützt durch eine unbegreifliche Arbeitskraft und ein 
phänomenales Gedächtnis. Diese Eigenschaften drücken Wagners 
außerordentlich zahlreichen Arbeiten den Stempel auf. Seine 
Werke sind noch heute die reichste Fundgrube bedeutender Tat- 
sachen und Auffassungen. Noch heute hat die Wissenschaft über 
die klassische Wagnersche Darstellung der Nierenkrankheiten sich 
nur in Einzelheiten erhoben. Auf Wagners große Verdienste um 
den Neubau des kUnischen Instituts wird nachher noch zurückzu- 
kommen sein. 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK 135 



Nachdem nach Wagners am 10. Februar 1888 erfolgtem Tod 
der Direktor der medizinischen Polildinik Albin HofFmann inter- 
imistisch die verwaiste KHnik geleitet hatte, trat der jetzige Inhaber 
der Stelle, H. Curschmann, am i. Oktober 1888 als Wagners Nach- 
folger den Dienst an. 

In das erste Jahrzehnt seiner Amtszeit fälh ein für die Geschichte 
der Klinik wichtiges Ereignis: das am 11. Mai 1899 gefeierte 
100 jährige Stiftungsfest, an dem weite Kreise lebhaften Anteil 
nahmen. Allen voran der verstorbene König Albert, der großherzige 
Beschützer und Förderer unserer Alma mater. Der Koni«: bewies 
sein warmes Interesse an dem Fest dadurch, daß er schon am 
I. Februar 1899 einen Vortrag des Direktors der med. Klinik über 
ihre Geschichte und heutigen Einrichtungen entgegennahm. 

Literarisch wurde der Bedeutung des Ereignisses damit Ausdruck 
verliehen, daß das Deutsche Archiv für klinische Medizin ihm seinen 
64. Band als Festband zur Verfügung stellte. Er enthält wertvolle 
Arbeiten früherer Schüler und Assistenten der Klinik') und gibt in 
zahlreichen Abhandlungen der damals am Institut tätigen Assistenten 
und seines Leiters Zeugnis von der Art und dem Ziel ihrer 
Studien. 

Die eigentUche Festfeier fand unter großer Teilnahme, vor 
allem der Regierung, der Universität, der städtischen Behörde, zahl- 
reicher Freunde und Gönner und der früheren und damaligen Schüler 
der Klinik statt. 

Den offiziellen Ansprachen ließ der Direktor der Klinik einen 
Vortrag über die Geschichte und den heutigen Stand der physi- 
kalischen Heilmethoden folgen. Dem Festaktus schloß sich 
die Enthüllung der Büsten der früheren Kliniker Wunderlich 
und Wagner an. Die von SefFner gefertigten Kunstwerke 
wurden der Stadt übergeben und im Garten des Krankenhauses 
nahe der Stätte der Wirksamkeit der beiden hervorragenden Männer 
aufgestellt. 

Daß Festessen und Kommers den feierUchen Tag beschlossen, 
soll der Vollständigkeit wegen erwähnt sein. 

i) Hering, Heubner, Birch- Hirschfeld, Huppert, Hankel, von Strümpell, Scheube, 
Lenhartz, Dippe, Vierordt, Benecke, Krehl, Windscheid, Dolega, Kockel. 



136 I^ZZZIZ DIE MEDIZINISCHE KLINIK ~ 

Das Ziel, dem der jetzige Leiter der Klinik nachstrebt, ist, die 
reichen Mittel der Anstalt und ihren großen Krankenbestand der 
Wissenschaft nutzbar zu machen und vor allem gute und humane 
praktische Ärzte zu erziehen. Die Leistungen der jüngeren Leipziger 
klinischen Schule haben gezeigt, daß unser Institut in bezog auf 
exakt wissenschaftliche, besonders experimentelle Arbeit und in bezug 
auf klinische Beobachtung und Darstellung sich anderen getrost an 
die Seite stellen darf. Aber es wird beim Unterricht in der Leipziger 
medizinischen Klinik vor allem auch Wert darauf gelegt, den 
Schülern ins Leben die Überzeugung mitzugeben, daß neben allen 
theoretischen Kenntnissen, neben größter diagnostischer und pro- 
gnostischer Geschicklichkeit doch stets das Hauptziel im Auge ge- 
halten werden muß: zu helfen und zu heilen. Nur gute eingehende 
Kenntnisse der verschiedenen Heilmethoden, Sorgfalt und Geschick- 
lichkeit bei ihrer Anwendung, daraus folgendes festes Vertrauen in 
ihre Nützlichkeit und Wirksamkeit an Stelle des leider noch immer 
nicht seltenen, öden Skeptizismus der Halbwisser geben dem Arzt 
die nötige Sicherheit am Krankenbett, seine feste Stellung gegen- 
über dem Publikum und die beste Waffe gegen das Kurpfuschertum. 

Für die Verfolgung unseres Zieles ist die ungemein reiche 
Krankenzahl, die weitaus größte, die einer deutschen Klinik über- 
haupt zur Verfügung steht, eines der wichtigsten Hilfsmittel. 

Sie ist dem schon früher erwähnten Verhältnis der Klinik zum 
städtischen Krankenhaus St. Jakob zu danken. Die jeweiligen 
Kliniker sind zugleich Oberärzte der ihrem Fach entsprechenden 
Krankenhausabteilungen und damit berechtigt, die Kranken ihrer 
Abteilung klinisch vorzustellen und überhaupt zu Lehrzwecken zu 
verwerten. 

Wenn diese eigenartige Kombination auch nicht ohne gelegent- 
liche Reibungen bestehen kann, so überwiegen doch für alle Be- 
teiligten ihre Vorteile so sehr, daß man ihr dauerndes Fortbestehen 
nur als wünschenswert bezeichnen darf. 

Die innere Abteilung hat 800 Betten. Sie ist durchschnittlich 
mit 6 — 700 Kranken, nicht selten noch stärker belegt. Im Jahre 
1906 wurden auf der Abteilung 61 18 Kranke verpflegt. Abgesehen 
davon, daß diese große Zahl alle möglichen Krankheitsformen in 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK " 137 

reichlichster Weise bietet, hat sie meines Erachtens noch den Vor- 
teil, nicht wie gewöhnlich in akademischen Spitälern aus ausge- 
wählten, nur kurze Zeit zu beobachtenden Fällen zusammengesetzt 
zu sein, sondern, den Verhältnissen der Praxis entsprechend, die 
Fälle nach Zahl und Art so zu bringen, wie dies dauernden oder vor- 
übergehenden sozialen und pathogenetischen Verhältnissen entspricht. 

Die große Krankenzahl gestattet eine Einrichtung zu treffen, 
die ich für die klinische Ausbildung für besonders wertvoll halte: 
jedem Praktikanten der KHnik werden dem voraussichtlichen Stande 
seines Wissens (meist seinem Praktikantensemester) entsprechende 
Krankheitsfälle regelmäßig zur selbständigen Untersuchung und 
dauernden Beobachtung zugeteik. Der Praktikant ist verpflichtet, 
über die Anamnese des Kranken durch selbständig angestelltes 
Examen sich zu unterrichten, ihn zu untersuchen, wenn möglich 
die Diagnose zu stellen und bei akuten Zuständen täglich, bei 
chronischen wöchentlich mehrmals ihn im Krankensaal zu besuchen. 
Er muß Krankengeschichte, Status praesens usw. stets bei der Hand 
haben, so daß er bei der (ihm vorher nicht bekannt gegebenen) 
khnischen Vorstellung „seines Falles" als Hauptpraktikant ^) genaue 
Rechenschaft ablegen kann. Diese Einrichtung kommt den Ver- 
hältnissen der späteren Praxis nahe. Neben dem wissenschaftlichen 
Wert schätze ich an ihr auch, daß sie den angehenden Arzt mög- 
lichst frühzeitig an den persönHchen Umgang mit den Kranken ge- 
wöhnt, auf dessen Form in der Khnik peinhchst geachtet wird. Der 
auf anderen Kliniken wohl durch die Verhältnisse gegebenen Weise, 
den Schüler an einem Falle praktizieren zu lassen, den er vorher nicht 
kannte und auch nach der Vorstellung höchstens bei nochmahger kli- 
nischer Demonstration wiedersieht, ziehe ich die unserige weitaus vor. 

Den fleißigen Praktikanten unserer Klinik werden so im Semester 
durchschnitthch 10 bis 14 Kranke zur selbständigen laufenden Be- 
obachtung zugeteilt. Es mag noch betont werden, daß die 
Assistenten den Praktikanten stets mit ihrem Rat zur Hand sind 
und schwierige Untersuchungen (Spiegeluntersuchungen jeder Art, 
Sondierungen, Ausheberungen usw.) mit ihnen gemeinsam ausführen. 



i) Es werden regelmäßig noch zwei „Mitpraktikanten" aufgerufen. 
III. iS 



138 ' DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



An der Klinik sind augenblicklich 1 1 Assistenzärzte tätig, eine 
für die Menge der Kranken gerade ausreichende, vielleicht bald wieder 
zu vermehrende Zahl. Von ihnen ist der erste Assistenzarzt, der 
außerhalb der Anstalt wohnt, vom Kultusministerium angestellt. 
Er ist der unmittelbare Gehilfe und Vertreter des Direktors. Der 
zweite klinische Assistent ist ein auf zwei Jahre zur Abteilung 
kommandierter Militärarzt. Die übrigen neun Hilfsärzte sind von 
der Stadt angestellt. Die beiden jüngsten, minder dotierten, werden 
als Volontäre bezeichnet, tun aber den gleichen Dienst wie die 
älteren. Von den Assistenten sind die drei ältesten (was auch jetzt 
der Fall) gewöhnlich habilitiert. Es ist dies die für den Unterricht 
an der Klinik notwendige Dozentenzahl. Da dieser Unterricht im 
Interesse der Einheitlichkeit der Methoden unter der Oberleitung 
des Direktors der Klinik erteilt wird, so ist es nicht gut angängig, 
ihn fremden von der Klinik unabhängigen Herren zu übertragen. 

Jedem Assistenten ist ein Protokollant aus der Zahl der Prak- 
tikanten zugeteilt, der ihn in seiner Tätigkeit bei Abfassung von 
Krankengeschichten und allen Untersuchungen unterstützt und wenn 
er fleißig ist, selbst davon großen Gewinn hat. Ziemlich erheblich 
ist auch die Zahl der Medizinalpraktikantcn, die tunlichst den 
Stationen der älteren Assistenten zugeteilt werden. Endlich sei er- 
wähnt, daß die Krankenabteilungen und Laboratorien stets auch 
jungen Ärzten zu wissenschaftlichen Studien offenstehen, und daß 
diese selbstverständlich von bestimmten Gesichtspunkten genau ge- 
regelte Einrichtung fleißig benutzt wird. Eine ganze Reihe inter- 
essanter Publikationen aus der medizinischen Klinik ist ihr Ergebnis. 

Seit Oktober 1888, dem Dienstantritt des jetzigen Direktors der 
medizinischen Klinik, sind an ihr 54 Assistenzärzte tätig gewesen 0- 
II weitere sind jetzt noch im Dienste^). 9 Assistenten waren zur 



i) Da diese Mitteilungen eine Art von Chronik darstellen sollen, so seien ihre 
Namen hier genannt: Krehl, Kretzschmar, Windscheid, Janssen, Obenaus, Dolega, His, 
Romberg, VVestphal, Kockel, Krumbholz, Streng, Rosenblath, Eggebrecht, Zinsser, Wiitig, 
Schüffner, Forstmann, Jahn, Walch, Bruhns, Graupner, Korn, Abel, Päßler, Zumpe, 
Degenkolb, Backhaus, Händel, Schichhold, Schulze, Müller, Hirsch, P'reudweiler, Schneider, 
Heinekc, Hensen, Schippan, Wagner, Steiner, Hahne, Meißenburg, Petzold, Felix, 
Cichorius, Klotz, Feine, Liebermeister, Rietschel, Bruns, Lotze, Bahrdt, Friedrich, Hornig. 

2) Es sind dies die Herren Steinert, Rolly, Stadler, Wiehern, Löning, Albracht, 
Treibmann, Meltzer, Müller, Ebstein, Fischer. 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK " 139 



Klinik befehligte Militärärzte, die nach 2 jähriger Tätigkeit regelmäßig 
wieder in den früheren Dienst zurücktraten. Von den übrigen 45 
von der Klinik abgegangenen Herren haben wir leider schon vier 
durch den Tod verloren, die Privatdozenten Dolega und Müller, 
und die Dr. Dr. Hensen und Freudweiler. Von den übrigen 41 
Herren sind 3 ordentliche Professoren und Direktoren von Khniken 
(Krehl-Heidelberg, His-Berlin, Romberg-Tübingen, Hirsch-Göttingen 
und Westphal, psychiatr. Klinik Bonn). Die Herren Windscheid, 
Kockel, Bmhns und Päßler sind außerordentliche Professoren und 
Leiter von Instituten und Krankenabteilungen. Dirigierende Ärzte 
an Hospitälern sind die Herren Streng, Rosenblath, Jahn, Schulze, 
Rietschel, Schüffner und Zinsser. 

Von den während der fraglichen Zeit durch den Direktor und 
die Assistenten aus der Klinik veröffentlichten zahlreichen Arbeiten 
beschäftigt sich ein sehr erhebhcher Teil, etwa %, mit experimen- 
tellen und klinischen Studien über die Veränderungen des Herzens 
und der übrigen Kreislaufsorgane. Die Leipziger Klinik darf sich 
ohne Überhebung ein Verdienst an den neueren Fortschritten der 
Pathologie des Zirkulationsapparates beimessen. Mehr als ^{lo der 
Arbeiten sind ätiologischen und klinischen Untersuchungen über 
Infektionskrankheiten gewidmet, wobei, den Studien des Direktors 
entsprechend, dem Unterleibstyphus besondere Aufmerksamkeit ge- 
widmet wurde. Eine fast gleiche Zahl von Arbeiten ist neurolo- 
gischen Inhalts. Auch aus der Lehre vom Stoffwechsel, besonders 
der Gicht, wurden zahlreiche Fragen erörtert. Die übrigen Arbeiten 
verteilen sich über alle möglichen Gebiete der inneren Klinik. 

2. 

Das Gebäude, in dem der Hörsaal und alle wissenschaftUchen 
und amtlichen Zwecken dienenden Räume der KHnik untergebracht 
sind, stammt in seinen Anfängen aus dem Jahre 1879. 

Nachdem Vv'underlich bis zu seinem Tode vergeblich sich um 
die Errichtung wenigstens eines eigenen Hörsaals bemüht hatte, ge- 
lang es Wagner, den zentralen Teil des heutigen Gebäudes, dessen 
Mittelpunkt natürlich das Auditorium bildet, zur Vollendung zu 
bringen. Der von ihm begründete Bau enthielt außer dem Hörsaal 



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DIE MEDIZINISCHE KLINIK 










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acht Zimmer, die auf dem Plan gekennzeichnet sind. Wenn dieses 
Institut den früheren Zuständen gegenüber auch einen wesent- 
lichen Fortschritt bedeutete, so konnte es doch den rasch sich 
steigernden Anforderungen an khnischen Unterricht und Methoden 
bald nicht mehr genügen. Nach Plänen des Nachfolgers Wagners, 
des jetzigen Direktors der Klinik, wurde durch Anbauten der alte 
Bau im Jahre 1892 sehr wesentHch erweitert, so daß das klinische 
Institut außer dem Hörsaal und dem Kellergeschoß (mit Vorrats- 
räumen und Stallungen für Versuchstiere) nunmehr über 16 auf 
Erdgeschoß und ersten Stock verteilte Räume verfügte. Sie wurden 
im Jahre 1908 durch weiteren Anbau von zwei Sälen und zwei 
Zimmern vermehrt, die durch das rasche Wachsen des Archivs und 
der BibHothek dringend notwendig geworden waren. Es sind also außer 
dem Hörsaal und Kellergeschoß heute 20 zum Teil stattliche, große 
Räume unserer KHnik zur Verfügung. In ihnen sind die Labora- 
torien, Sammlungen, Kurszimmer und sonstige wissenschaftliche 
Einrichtungen untergebracht, von denen im folgenden näher die 
Rede sein soll. 

Unter der Oberleitung des Direktors der Klinik sind die Labo- 
ratorien und sonstigen wissenschaftlichen und therapeutischen Ein- 
richtungen, in einzelne Abteilungen geteilt, der Verwaltung und 
Aufsicht je eines, die umfangreicheren zweier Assistenten übergeben. 
Die verwaltenden Assistenten sind dem Direktor verantwortlich für 
ordnungsmäßigen Betrieb, sorgsame Instandhaltung und Aufbewah- 
rung der Apparate, Instrumente, Bücher usw., Ergänzung und Er- 
weiterung der Bestände und genaue, übersichtliche Buch- und 
Rechnungsführung. 

Hiermit sind nicht allein die Interessen der Klinik und die jeder- 
zeit klare Übersicht über das Ganze für den Direktor gewahrt, sondern 
auch eine wertvolle Seite der Ausbildung für die Assistenten ge- 
geben. Für ihre Zukunft ist neben der wissenschaftlichen und prak- 
tisch-ärztlichen Durchbildung eine verantwortliche Beschäftigung mit 
Vcrwaltungsdingen von großer, unter Umständen ausschlaggebender 
Bedeutung. 

Bis heute bestehen an der Klinik folgende Abteilungen: 

I. Hörsaal und klinische Sammlung. 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



143 



2. Laboratorien mit der bakteriologischen Sammlung. 

3. Photographisches Institut und Röntgenlaboratorium mit zu- 
gehörigen Sammlungen. 

4. Archiv. 

5. Bibliothek. 

6. Instrumentarium. 

7. Institut für Hydrotherapie und die anderen physikahschen 
Heilmethoden. 

Bei der Bibliothek, dem Institut für Hydrotherapie und physi- 

MEDIZINISCHE KLINIK DCRUNlVERSirÄT, LflPZlG • 

SCHNITT DURtM DEN HÖRSARI u. Di)»cu oit BflRACKEIO. 




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kaiische Heilmethoden und den Laboratorien ist dem verwaltenden 
Assistenten je ein jüngerer Assistent zur Unterstützung und Vertretung 
beigegeben. Der zweite Laboratoriumsassistent ist unter anderem 
mit Instandhaltung der bakteriologischen Sammlung beauftragt. 

Der für den klinischen Unterricht bestimmte, zentral gelegene, 
durch Erdgeschoß und ersten Stock hindurchgehende Hörsaal kann 
etwa 250 Zuhörer fassen. Mit Hilfe einer elektrischen Verdunkelungs- 
vorrichtung läßt sich das durch die Fenster und eine große Ober- 
lichtöffnung eindringende Tageslicht bei Benutzung des Projektions- 



144 ZZmZZIZ DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



apparats oder bei Röntgendemonstrationen völlig ausschalten. Un- 
mittelbar an den Hörsaal grenzen weitere, im wesentlichen eben- 
falls zu Unterrichtszwecken verwandte Räume. 

Aus dem Hörsaal tritt man in einen langgestreckten, mit vier 
breiten Fenstern versehenen Raum, der den Studierenden Gelegen- 
heit zur mikroskopischen und chemischen Untersuchung der Exkrete 
und Dejektionen der ihnen zur besonderen Beobachtung übergebenen 
Kranken bietet und zu mikroskopischen Demonstrationen im An- 
schluß an die klinische Vorstellung dient. 

Von hier gelangt man in einen gleichfalls für Mikroskopie und 
chemische Untersuchungen und Demonstrationen bestimmten Saal, 
in dem auch einzelne mit letzteren verknüpfte Kurse abgehahen 
werden. Er ist 9,75 m lang, fast 8 m breit und empfängt von beiden 
Seiten reichliches Licht. 

An diesen Saal stößt das leider sehr eng bemessene Zimmer des 
ersten klinischen Assistenten an. 

Ein vierter größerer mit den beschriebenen zusammenhängender 
Raum dient als Wartezimmer, muß aber auch zur Aufnahme des 
Instrumentariums und einiger elektrischer Apparate dienen, die im 
Interesse der Klinik stets zur Hand sein sollen. 

Eine sehr wertvolle Unterstützung des klinischen Unterrichts 
bietet die seit 1889 von Jahr zu Jahr sich vergrößernde klinische 
Sammlung. 

Um den geschichtlichen Sinn der Studierenden zu wecken und 
zu bewahren, hat sie eine kleine Kollektion älterer historisch in- 
teressanter Apparate und Instrumente. Sehr reich ist die Sammlung 
an anschaulichen Nachbildungen der anatomischen Verhältnisse des 
menschlichen Körpers in Gips und Papiermache. Zum Teil sind es 
Längs- und Querschnitte durch den Rumpf und Extremitäten, zum 
Teil Abgüsse nach schichtweise präparierten gehärteten Leichen. 
Zahlreich sind darunter Stegersche Reproduktionen der von His und 
Braune hergestellten anatomischen Präparate vertreten. 

Von nicht minderem Wert für den Unterricht ist eine reiche 
Sammlung von Abgüssen klinisch interessanter Formveränderungen 
von Händen, Füßen, Kopf und Rumpf. 

Besonderer Wert wird auf eine Sammlung der wichtigsten Heil- 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK ^ZZZZZ 145 



mittel, Mineralwässer und eigenartiger Arzneiformen gelegt. Mit 
allen therapeutischen Besprechungen und Vorträgen werden Demon- 
strationen aus ihrem Bestände verknüpft. 

Eine größere Sammlung mikroskopischer Präparate, die stets er- 
gänzt und erweitert wird, dient gleichfalls zur näheren Erläuterung 
klinisch vorgestellter Fälle. 

Die Laboratorien sind im Ost- und Westflügel des ersten Stocks 
untergebracht, den sie bis auf die Bibliothek und das Lesezimmer 
vollständig einnehmen. 

Im Ostflügel sind drei Zimmer für mikroskopische Untersuchungen 
bestimmt. Der äußerste Saal des Flügels ist als bakteriologisches 
Laboratorium eingerichtet. Die Ausstattung dieses Raumes ist sehr 
reichhaltig. Die für Herstellung von Nährböden und Kulturen er- 
forderlichen Apparate sind so reich bemessen, daß sie auch in 
Epidemiezeiten die erforderlich größere Anzahl von Untersuchungen 
gleichzeitig gestatten. Es muß übrigens dazu bemerkt werden, daß 
noch an drei anderen Stellen des Krankenhauses, in der Typhus- 
und Diphtheriestation sowie im neuerbauten Seuchenhaus eigene 
kleinere bakteriologische Laboratorien errichtet wurden, die das 
Hauptinstitut wesentlich entlasten. 

Im bakteriologischen Hauptlaboratorium befindet sich eine große 
Sammlung von Reinkulturen der wichtigsten Krankheitserreger. Sie 
werden, wie bereits erwähnt, von einem dem leitenden Assistenten 
beigeseihen jüngeren Kollegen stets auf das sorgsamste fortgeführt 
und müssen jeden Augenblick zur Demonstration in der Klinik 
und einem stets sehr besuchten bakteriologischen Kurs bereit sein. 

Auch die drei zu mikroskopischen Untersuchungen dienenden 
Zimmer sind allen modernen Forderungen entsprechend ausgestattet. 
Für die mikroskopische und bakteriologische Abteilung sind neben 
den anderen Instrumenten 20 Mikroskope, dazu vier gewöhnliche 
und ein Gefriermikrotom vorhanden. In dem mittleren Mikroskopier- 
raum ist noch ein großer Verbrennungsofen mit zwei Gasometern 
angebracht, der zur Elementaranalyse bei chemischen Untersuchungen 
dient. 

Im Westflügel des Obergeschosses, der mit dem östHchen durch 

den Korridor und eine eiserne Übergangsbrücke zweifach verbunden 
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146 ^ZIZZZZ DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



ist, finden sich Räume für Vivisektion, das chemische Laboratorium 
und das Dienerzimmer. 

Die Ausrüstung des chemischen Laboratoriums entspricht den 
Anforderungen, die an klinisch-chemische Untersuchungen heute 
zu stellen sind, in sehr vollkommener Weise. 

Ein Schranktisch ohne Aufsatz für die gewöhnlichen Arbeiten 
ist in der Längsrichtung des Zimmers frei aufgestellt. Die Reagenz- 
börte sind in handgerechtem Abstand an den Fensterpfeilern be- 
festigt. Ein weiterer Tisch für Destillation, Stickstoff bestimmung 
nach Kjeldahl, Fettbestimmung nach Soxhlet und Sahli usw. lehnt 
sich an den ersten Tisch an; ein dritter Tisch mit Wasserbädern, 
Luftpumpen, Glocken und ähnhchem liegt unmittelbar am Wasser- 
ausguß; ein vierter Tisch nimmt die Titriervorrichtungen auf. 

Der Abzug ist in eines der Fenster eingebaut. Die Wärm- und 
Trockenschränke sind an den beiden Wänden aufgehängt; zwei 
große Schränke bergen chemische Sammelpräparate, Reagenzien und 
das gebräuchliche Glaswerk, während die Reservevorräte in einem 
Kellerraume untergebracht sind. 

Der an das chemische Zimmer anstoßende Raum ist für Tier- 
versuche bestimmt und mit den nötigen Instrumenten, darunter 
einem großen Baltzerschen Kymographion, einem weiteren Kymo- 
graphion mit elektrischem Antrieb, den verschiedensten Instrumenten 
und Apparaten zur Untersuchung des Blutkreislaufs bei Tieren und 
Menschen, ferner einer künstlichen Atmungsvorrichtung mit Motor- 
betrieb für Tiere ausgestattet. 

Ein weiteres Zimmer des Westflügels dient zum Teil physi- 
kalischen, zum Teil mikroskopisch-photographischen Arbeiten. Es 
enthält einen großen mikrophotographischen Apparat von Zeiß. Als 
Lichtquelle für ihn dient eine Zirkonlampe, die mit Leuchtgas und 
komprimiertem Sauerstoff gespeist wird. Der Apparat gestattet eine 
Vergrößerung der Aufnahme bis auf das loooofache. Ferner sind 
in diesem Raum aufgestellt zwei Analysenwagen, zwei Beckmannsche 
Gefrierpunktbestimmungsapparatc, ein Apparat zur thermoelcktrischen 
Temperaturmessung mit Fernrohr und Arsonvalschem Spiegelgalva- 
nometer, eine Wheatstonesche Brücke zur Messung des elektrischen 
Leitungswiderstandes in Flüssigkeiten usw. 



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DIE MEDIZINISCHE KLINIK HZZZZZ: 147 



Im Westflügel des Obergeschosses ist ein kleiner Raum für 
Untersuchungen über prinzipielle Fragen der physikalischen Dia- 
gnostik, besonders der Auskultation und Perkussion bestimmt, die 
uns an der Klinik augenblicklich lebhaft beschäftigen. 

Hier ist ein Edelmannsches Saitengalvanometer mit Bogenlampe 
und Registrierapparat als Hauptinstrument aufgestellt. Zum Nach- 
weis minimalster elektrischer Ströme geeignet, dient der Apparat beson- 
ders zur Registrierung von Mikrophonströmen und ermöghcht damit 
die exakte graphische Darstellung der für das Zustandekommen des 
Perkussionsschalls und der Herztöne maßgebenden feinsten Vorgänge. 

Ein zur Aufnahme der Schallwellen bestimmtes Mikrophon ist 
im benachbarten Zimmer untergebracht und durch eine besondere 
Leitung mit dem Saiten galvanometer verbunden. 

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß auch noch auf verschiedenen 
Baracken wissenschaftliche Apparate vorhanden und im Gang sind, 
vor allem ein großer Atmungsapparat nach Zuntz-Geppert. 

Auf photographische Aufnahmen legt unsere Klinik schon seit 
langem großen Wert. Ein Ergebnis dieser Studien ist unter anderem 
der klinische Atlas, den der Direktor des Instituts mit dem damaligen 
Assistenten Dr. Schüffner im Jahre 1894 herausgegeben hat. 

Lange mußten wir uns mit sehr primitiven Einrichtungen be- 
gnügen, bis im Jahre 1901, dank der einsichtsvollen Fürsorge des 
Ministeriums, ein eigenes Gebäude für photographische und Röntgen- 
untersuchungen errichtet wurde. Es ist am Ostende des die 
Baracken verbindenden Hauptkorridors in nächster Nähe des 
klinischen Hörsaals angebaut. 

Das in gleicher Höhe mit dem Gang liegende und von ihm 
aus zugängliche Erdgeschoß des Gebäudes ist der Photographie ge- 
widmet, während das geräumige hohe Kellergeschoß zum Röntgen- 
institut eingerichtet ist. 

Das photographische Ateher, dessen Länge 10 m, dessen Breite 
4,80 m und dessen Höhe 3,50 m mißt, ist nach dem Vorbild 
anderer derartiger größerer Institute erbaut. Es ist ein Glashaus, 
in dem das Licht dem jeweihgen Bedürfnis entsprechend zur 
Wirkung gelangen oder abgeblendet werden kann. Die Aus- 
stattung des Instituts ist so vollständig, daß es den weitgehend- 



148 ZHHZH: DIE MEDIZINISCHE KLINIK 

sten Anforderungen der Klinik genügt. Es stehen mehrere photo- 
graphische Apparate, der eine mit Sutter-Applanat, der andere 
mit Steinheil-Linse, zur Verfügung, mit denen sich Bildgrößen 
von 9x12 bis herauf zu 26x31 erzielen lassen. Ein Apparat dient 
stereoskopischen Aufnahmen. Mit der Herstellung kinematogra- 
phischer Photographien, die für die Darstellung pathologischer Be- 
wegungserscheinungen, besonders Gangarten und ihre Demon- 
stration beim klinischen Unterricht von nicht zu unterschätzender 
Bedeutung sein werden, sind wir beschäftigt, aber noch nicht zur 
erwünschten Vollkommenheit gelangt. Zur Entwickelung und 
weiteren Verarbeitung sowohl der im photographischen wie im 
Röntgeninstitut hergestellten Photographien dient eine sehr ge- 
räumige mit allen modernen Einrichtungen (z. B. einer mit Elektro- 
motor betriebenen Entwickelungsvorrichtung) versehene Dunkel- 
kammer. Sie hat eine Länge von 10 m und eine Breite von 3 m. 
Ihre Länge ist darum so beträchtlich, weil sie noch einen Apparat 
beherbergt, der zu direkten Vergrößerungen der Photographien bis 
zu ganz bedeutenden Dimensionen auf lichtempfindlichem Papier 
dient. 

Das Institut beherbergt noch eine von Jahr zu Jahr stetig 
wachsende Sammlung von Photographien klinisch interessanter 
Krankheitszustände. Auch die zu ihrer Herstellung benutzten Ne- 
gative werden aufgehoben. Die Zahl der in dieser Sammlung bis 
jetzt enthaltenen Bilder ist ca. 3000. Sie umfaßt fast alle wichtigen 
Veränderungen der äußeren Form bei inneren Krankheitszuständen 
und nicht wenige mit ihnen näher zusammenhängende Erkrankungen 
der äußeren Haut. Von vielen hierzu geeigneten Zuständen sind 
auch stereoskopische Aufnahmen gemacht. Von der weitaus größten 
Zahl aller Bilder werden dazu noch Diapositive hergestellt, die mit 
dem Epidiaskop in der Klinik vorgeführt werden. Die photographische 
Sammlung bietet unserer Klinik überhaupt einen reichen Lehrstoff. 
Sie wird tagtäglich zur Ergänzung und Erweiterung der am Kranken- 
bett demonstrierten Krankheitslormen herangezogen. 

Das, wie bereits erwähnt, im Kellergeschoß untergebrachte, gleich- 
falls 1901 eingerichtete Röntgeninstitut ist von zwei Seiten zugäng- 
lich, direkt vom photographischen Atelier aus, mit dem es durch 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK 149 



eine Treppe verbunden ist, und unmittelbar vom Garten her durch 
eine Tür, die für Rollstühle und Räderbahren leicht passierbar ist, 
so daß die Kranken ohne Umsteigen direkt in den Röntgenraum 
gebracht werden können. 

Die Raumverhältnisse des Laboratoriums sind: 10 m Länge, 
5,5 m Breite und 2,70 m Höhe. Während es bei der Eröffnung 
ausgiebig groß, fast leer erschien, reicht es heute für die ungemein 
gewachsenen Bedürfnisse und die ihr entsprechende Zahl der Appa- 
rate gerade noch aus. 

Von den hier aufgestellten Vorrichtungen sei der auf einem fahr- 
baren Tisch aufgestellte 60 cm-Induktor mit variabler Selbstinduktion 
zuerst genannt. Der Wehneltsche Unterbrecher ist wegen des 
lästigen Geräuschs, das er verursacht, in einem Nebenraum unter- 
gebracht. Die Hochspannungsleitung ist an der Decke befestigt. 
Unter ihr ausgespannte Netze schützen vor Unfällen während des 
Betriebes. 

Der nötige elektrische Strom wird von der Hochspannungs- 
leitung abgenommen, indem Spiralkabel mit Metallhaken an die 
blanken Leitungsdrähte angehängt werden. Da diese Kabel überall 
angebracht werden können, so ist man mit dem Apparat nicht an 
Ort und Stelle gebunden. 

Den photographischen Röntgenaufnahmen dient ein mit der 
Albers -Schönbergschen Kompressionsvorrichtung und der Immel- 
mannschen Trommelblende versehener Tisch. Statt des alten Levy- 
Dornschen Orthodiagraphen haben wir seit kurzer Zeit den außer- 
ordentlich verbesserten Grödelschen Apparat in Gebrauch. Sehr 
gute Dienste für rasche Orientierung leistet uns eine zur Unter- 
suchung mit dem Leuchtschirm bestimmte Kastenblende mit ver- 
stellbarer Öffnung. Die zahlreichen, insbesondere auch die der Be- 
handlung mit Röntgenstrahlen dienenden kleineren Apparate sollen 
hier nicht einzeln aufgeführt werden. Erwähnt sei nur noch, daß 
ein mit den besten neueren Einrichtungen versehenes Bleischutz- 
haus im Laboratorium aufgestellt ist. 

Auch die Röntgenphotographien sind in einer besonderen Samm- 
lung vereinigt. Die Orthodiagramme werden den zugehörigen 
Krankengeschichten beigelegt. Die Photographien können mit dem 



I50 IZZI^IZ DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



Projektionsapparat oder in einem fahrbaren Schaukasten in der 
Klinik demonstriert werden. 

Für die von den einzelnen Stationen gewünschten Röntgen- 
aufnahmen und andere dem Laboratorium zukommende Arbeiten 
sind ganz gleiche Einrichtungen wie beim Institut für physikalische 
Heilmethoden getroffen. Der Stationsarzt liefert zu bestimmter 
Stunde ein Formular mit den darauf verzeichneten besonderen 
Wünschen ans Laboratorium ab und wird nach gleichfalls festge- 
setzter Frist von dem Ergebnis in Kenntnis gesetzt. 

Es ist übrigens dafür gesorgt, daß alle Assistenten sich die 
nötige Übung in der Röntgendiagnostik erwerben. Die orthodia- 
graphischen Untersuchungen sollen sogar, wenn tunlich, immer 
vom Stationsarzt unter Beihilfe des Röntgenassistenten ausgeführt 
werden. 

Im westlichen Flügel der medizinischen Klinik befindet sich das 
Archiv, in dem die Krankengeschichten der medizinischen Abteilung 
des St. Jakobshospitals aufbewahrt werden. 

Die Krankengeschichten sind Eigentum des Krankenhauses. Die 
Leitung des Archivs und die Verfügung über seine Benutzung steht 
jedoch ausschließlich dem Direktor der medizinischen Klinik zu. 
Ohne seine Bewilligung kann das Archiv weder wissenschaftlich 
benutzt noch irgendwelche Mitteilung aus den Krankenblättern ge- 
macht werden. Mit der Verwaltung des Archivs ist ein Assistenz- 
arzt der Klinik betraut, den ein Beamter der Krankenhausverwaltung, 
besonders auch bei der Führung der Bücher unterstützt. Einmal 
wöchenthch werden von den einzelnen Abteilungen die Kranken- 
geschichten der entlassenen Kranken im Archive abgegeben, von 
dem Verwalter des Archivs auf ihre Vollständigkeit geprüft und zur 
Einreihung in die Sammelkästen mit entsprechenden Nummern ver- 
sehen. Die Krankengeschichten enthalten außer den schriftlichen 
Aufzeichnungen über den Verlauf der Krankheit die Temperatur- 
kurve, etwaige Kurven über die Harnabsonderung, Ölpapierpausen 
besonderer Untersuchungsbefunde, Orthodiagramme, Sektionsproto- 
koUc usw. Sie müssen von dem Assistenzarzte, der sie geführt 
hat, unterzeichnet sein. 

Für jede Krankheit sind besondere Sammelkästen vorhanden, die 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK ZZZIZ^I 151 



an ihrer Kopfseite den Namen der Krankheit und die Bezeichnung 
des Jahrganges tragen. Die Krankengeschichten werden nach der 
Bezeichnung der Hauptkrankheit, wegen der der Patient behandelt 
wurde, geordnet. Sind auf dem Krankenblatte mehrere Diagnosen 
vermerkt, so werden für die nebensächlichen Krankheitszustände in 
die entsprechenden Sammelkästen besondere Blätter eingelegt, die 
auf die Hauptdiagnose verweisen. 

Ist es auf diese Weise ermöglicht, in die gesamten Aufzeich- 
nungen über jedes Krankheitsbild leicht umfassenden Einblick zu 
nehmen, so wird durch eine besondere Buchführung das schnelle 
Auffinden einzelner Krankheitsblätter nach dem Namen der be- 
treffenden Kranken gewährleistet. 

In einem Hauptbuche sind zu diesem Zwecke Namen und Per- 
sonalien der Kranken mit Angabe der Krankheit und der Protokoll- 
nummer der medizinischen Abteilung, jahrweise geordnet nach dem 
Tage ihrer Aufnahme ins Krankenhaus, eingetragen. Auf die Seiten- 
zahlen dieses Hauptbuches wird durch einen sogenannten Renner 
verwiesen, in dem die Namen der Kranken übersichthch nach den 
Anfangsbuchstaben vermerkt sind. Durch diese Einrichtung ist es 
möglich, jede Krankengeschichte in kürzester Zeit in den Sammel- 
kästen aufzufinden. Findet ein Kranker mehrmals Aufnahme im 
Krankenhause, so werden bei seiner Entlassung die Archivnummern 
aller über ihn geführten Krankengeschichten auf den alten wie auf 
dem neuen Krankenblatt vermerkt. Die Zahl sämtlicher vom Jahre 
1889, dem Amtsantritt des jetzigen Direktors der Klinik, bis Ende 
1907 auf der medizinischen Abteilung geführten und in dieser 
Weise geordneten Krankengeschichten beträgt 90026. Der jährliche 
Zugang beläuft sich in den letzten Jahren auf rund 6000. 

Von den vor dem Jahre 1889, der Einführungszeit der jetzigen 
Archivordnung, angelegten Krankenblättern fehlt leider eine größere 
Zahl. Sie sind in wenia; übersichtlicher Weise gesammelt und 



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werden gesondert aufbewahrt. 

Die Benutzung des Archivs ist ungemein rege. Nicht nur 
werden täglich auf die Krankenabteilungen des Hauses und an 
andere Institute Krankengeschichten zur Einsichtnahme in großer 
Zahl ausgehehen, sondern auch zur Demonstration von Temperatur- 



152 ^Z^Zm DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



kurven, Pausen, Orthodiagrammen beim klinischen Unterricht 
regelmäßig verwandt. In zahlreichen wissenschaftlichen Disser- 
tationen ist das große Beobachtungsmaterial besonders nach seiner 
statistischen Seite hin bearbeitet worden. Für einige Krankheiten, 
so z. B. für den Typhus abdominalis, ist der Einblick in die Kranken- 
blätter noch erleichtert durch Führung besonderer Fragebogen, 
welche bei der Entlassung des Kranken von dem behandelnden 
Assistenzarzte auszufüllen sind. 

Dem Platzmangel, der sich bei dem stetigen starken Zugang von 
Krankengeschichten jährlich mehr und mehr geltend machte, ist 
durch Erweiterung des jetzigen Archivraumes um das Doppelte 
seiner bisherigen Größe auf lange hin abgeholfen worden. 

Es wurde damit auch ein größerer Arbeitsraum für die Benutzung 
des Archivs verbunden und damit den Mißständen abgeholfen, die 
daraus entstanden, daß Fremden zu wissenschaftlichen Studien der 
Aufenthalt im Archivraum gestattet werden mußte. 

Die Bibliothek der medizinischen Klinik wurde 1888 kurz nach 
Übernahme der Klinik durch den jetzigen Direktor begründet. Sie 
umfaßt jetzt insgesamt 4330 Bände (1866 Einzelwerke und 2464 
Zeitschriften-Bände). 5 1 verschiedene Zeitschriften und Jahresberichte 
werden dauernd gehalten. Besonderer Wert wird darauf gelegt, 
daß diese Zeitschriften vom ersten Band an vollständig vorhanden 
sind, und daß bei neuen Abonnements die früher erschienenen 
Bände möglichst bald ergänzt werden. 

Die Neuanschaffungen geschehen unter Leitung des Direktors. 
Hierbei ist maßgebend, daß die Bibliothek das Gebiet der inneren 
Medizin und ihre Grenzgebiete umfassen und so zugleich eine Er- 
gänzung zu den Bibliotheken der übrigen Universitäts-Institute bilden 
soll. Die Erfüllung dieses Zweckes wird erleichtert durch die Be- 
nutzung eines sehr ausführlichen, von den Herren Professoren 
Spalteholz und Riecke zusammengestellten Katalogs über die Bücher 
und Zeitschriften-Bände, die in sämtlichen Instituten der Universität 
Leipzig vorhanden sind. 

Die spezielle VerwaUung der Bibliothek liegt in den Händen 
zweier Assistenzärzte der medizinischen Klinik. Ihre Benutzung 
ist durch eine ausführliche Bibliotheksordnung geregelt, die ebenso 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK " 153 



dem Interesse der Leser dienen, wie auch die Bibliotiiek vor Verlusten 
bewahren soll. 

Die Bibliothek ist vor allem zum Gebrauch der an der medi- 
zinischen Khnik angestellten Ärzte bestimmt. Ihre Benutzung ist 
aber auch allen Professoren und Privatdozenten der Leipziger me- 
dizinischen Fakultät, den Assistenten der Leipziger klinischen In- 
stitute und den Leipziger praktischen Ärzten gestattet. Nach An- 
meldung bei den Bibliothekaren können auch auswärtige Ärzte, 
Medizinalpraktikanten und Studierende der Medizin Bücher und Zeit- 
schriften einsehen und entleihen. 

Die Bibhothek mit ihrem Lese- und Arbeitszimmer ist regel- 
mäßig an Wochentagen von morgens 8 Uhr bis abends 6 Uhr ge- 
öffnet. Der im Lesezimmer aushegende Katalog enthält außer der 
Liste aller vorhandenen Zeitschriften -Bände ein nach dem Inhalt 
und ein nach dem Namen der Verfasser geordnetes, fortlaufend ge- 
führtes Verzeichnis sämtlicher Bücher. Die Bestellung von Büchern 
zur Benutzung im Lesezimmer oder in der Wohnung ertolgt aus- 
schließlich durch vorgedruckte Bestellzettel, die Ausgabe an den 
Wochentagen regelmäßig zwischen 12 und i Uhr mittags. Die 
Entleihung in die Wohnung oder nach auswärts ist ebenso, wie 
die Leihfrist, durch besondere Vorschriften geregelt. 

Die gesamte Bibliothek war bis vor kurzem in einem vor dem 
Amtszimmer des Direktors gelegenen Raum untergebracht. Da er 
sich bei ihrem stetigen Wachstum als viel zu klein erwies, so 
wurde über dem Anbau an das frühere gleichfalls viel zu eng ge- 
wordene Archiv ein neuer stattlicher Saal mit anstoßendem Lese- 
und Arbeitszimmer erbaut, der auf lange Jahre den Bedürfnissen 
genügen wird. 

Das Instrumentarium der medizinischen Klinik umfaßt eine reiche 
Sammlung aller für die Krankenbeobachtung und -behandlung nötigen 
Apparate und Instrumente, soweit sie nicht als ständiges Inventar 
auf den einzelnen Stationen vorrätig gehalten werden. 

Reich vertreten sind selbstverständlich die Instrumente für kleinere, 

auf der inneren Abteilung vorzunehmende Operationen, wie die 

Parazentesen der Brust- und Bauchhöhle und des Herzbeutels. Die 

Anwendungs- und Wirkungsweise dieser Eingriffe ist gerade an 
III. 20 



154 ^^^^^= DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



unserer Klinik Gegenstand besonders eingehender Beobachtungen 
und Studien gewesen und hat zur Ausbildung mancher eigenartiger, 
wie wir glauben, guter Methoden geführt. Wenn größere operative 
Eingriffe sich nötig machen, so werden die Kranken nach der 
chirurgischen Abteilung verlegt. 

Die Abteilung für physikalische Heilmethoden, wohl die erste, 
die in größerem Stil an einer deutschen Klinik durch den jetzigen 
Direktor errichtet wurde, nimmt das Erdgeschoß eines besonderen, 
im Krankenhausgarten gelegenen (städtischen) Gebäudes ein. Die 
als sehr vollständig zu bezeichnende innere Ausstattung ist zum 
Teil von der Klinik, zum Teil von der städtischen Verwaltung be- 
stritten worden. 

Von einem gemeinsamen, zentral gelegenen Vorraum aus betritt 
man nach links die Räume für Hydrotherapie und Massage, nach 
rechts die Abteilungen für Elektrotherapie, Lichtheilverfahren und 
Heilgymnastik und das Inhalatorium. 

Die Abteilung für Hydro-Thermo-Therapie und Massage umfaßt 
vier Haupträume. Der erste dient als Massagezimmer, ist mit 
Massagebänken und den Apparaten für Vibrationsmassage mittels 
elektromotorischen und Handbetriebs und allen sonst erforderlichen 
Vorrichtungen versehen. Auf geräumigen Wandbrettern sind trans- 
portable Apparate untergebracht, die von hier aus auf die Stationen 
verliehen werden, so die Heißluftkästen nach Bier, der Hilzingersche 
Apparat für Heißluftbäder im Bett, Heißluftduschen, ein kleiner 
Vibrationsapparat und das transportable elektrische Lichtbad 
(Elektrosol). 

Der zweite von allen Seiten zugängliche Raum ist der mit den 
nötigen Ruhebetten ausgestattete Aus- und Ankleideraum. 

Ein großer, hoher, luftiger Saal umfaßt die hydrotherapeutischen 
Einrichtungen: ein Schwimmbassin, in dem ein durch Dampfkraft 
angetriebenes Schaufelrad Wellen erzeugt, einen Duschekatheder 
mit Einrichtungen für die verschiedenen Formen der Wasser- und 
Dampfduschen, eine Wanne für Voll- und Ilalbbäder, fließendes 
Fußbad und Fußduschen. Hier sind auch die Sitz- und Liegekästen 
für Vollbäder in heißer Luft und Dampf aufgestellt. 

Einen besonders wertvollen Bestandteil des hydrotherapeutischen 



DIE MEDIZINISCHE KLINIK 



155 



Apparats sehen wir in dem bereits genannten Wellenbade. Es kommt 
vorzugsweise bei in der Heilung weiter vorgeschrittenen Rekon- 
valeszenten zur Anwendung. 

Ein sog. russisches Dampfbad steht im „alten Bade" des städtischen 
Krankenhauses zur Verfügung. Von der Neueinrichtung dieser und 
ähnlicher Einrichtungen wurde grundsätzlich abgesehen. Bei ernsten 




Erkrankungen, besonders Herz-, Lungen- und Nierenleiden bieten 
russische und römisch-irische Bäder so große Gefahren, daß man 
ihre Anwendung in Krankenhäusern und Kliniken überhaupt besser 
unterlassen wird. 

An den hydrotherapeutischen Saal schließt sich unmittelbar das 
Sandbad an. Wir legen auf diese Badeform, bei der die trockene 



156 I^^ZZ^ DIE MEDIZINISCHE KLINIK 

Wärme in eigenartiger, bei manchen Krankheitszuständen besonders 
wirksamer Weise zur Anwendung kommt, größten Wert. Man 
sollte sich in den Kliniken ihrer häufiger bedienen und dahin wirken, 
daß die Ärzte auch in der Privatpraxis von ihr mehr Gebrauch 
machen, was sich mit einfachsten Mitteln wenigstens für Teilbäder 
ermöglichen läßt. 

Unsere Einrichtung ist folgende: Ein eigens konstruierter Apparat 
dient dem Erwärmen, Waschen, Sterilisieren und Trocknen des 
Sandes, der in einem großen Kasten mit bereits ausgekühltem 
Sande gemischt und auf die gewünschte Temperatur gebracht wird. 
In hölzernen Wannen wird der Sand dann in Form von Voll- und 
Halbbädern zur Anwendung gebracht. Außerdem steht eine Anzahl 
geeigneter Kästen für Teilsandbäder verschiedenster Art, namentlich 
für die Extremitäten, zu Gebote. 

Das im rechten Flügel gelegene elektrotherapeutische Zimmer 
enthält Einrichtungen für Galvanisation und Faradisation. Fast noch 
vollkommenere, gleichen Zwecken dienende Apparate, sowie die 
Instmmente für die Anwendung von Kondensatorentladungen und 
von sinusoidalem Wechselstrom sind im Interesse der Lehrtätigkeit 
im klinischen Gebäude aufgestellt. 

Im Elektrisierzimmer der Abteilung selbst befinden sich noch 
die Apparate für elektrische Glühlicht-Voll- und Teilbäder. Sehr 
viel kommen hier auch der Lindemannsche Elektrothermapparat für 
die Extremitäten und eine elektrische Schwitzbettunterlage zur An- 
wendung, letztere mit dem nötigen Anschlußapparat, der so einge- 
richtet ist, daß ihre Anwendung auch außerhalb des ständigen Auf- 
bewahrungsortes möglich ist. 

Der Kasten für die Glühlicht-Vollbäder ist zur Anwendung in 
liegender Haltung des Patienten eingerichtet. Dadurch ist es er- 
möglicht, daß auch schwer Erkrankte, besonders Herzkranke und 
Nephritiker von ihm Nutzen ziehen können. Eine allgemeine Auf- 
nahme dieser Einrichtung an Stelle der meist gebräuchlichen zum 
Sitzen eingerichteten oder wenigstens neben ihr wäre sehr zu wünschen. 

Der Saal für Heilgymnastik ist mit einem Universalapparat für 
Widerstandsgymnastik, Krukcnbergschen Pendelapparatcn, Ruder- 
apparaten verschiedener Konstruktion, dem Radfahrapparat Velotrab, 



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DIE MEDIZINISCHE KLINIK 157 



zwei Ergostaten und den nötigen Stäben und Hanteln für Frei- 
übungen versehen. Zur Behandlung der tabischen Ataxie dienen 
zahlreiche der von Frenkel, Leyden und Goldscheider angegebenen 
Vorrichtungen. 

Ein entsprechend ausgestatteter Raum neben dem Turnsaal ist 
mit einem großen Waßmuthschen Apparat als Inhalatorium einge- 
richtet. Hier können wenigstens sechs Patienten gleichzeitig be- 
handelt werden. 

Die Benutzung des Instituts ist in der Weise geregelt, daß die 
nötigen Verordnungen, auf bestimmten Formularen verzeichnet, von 
den Stationen zu bestimmter Zeit der Abteilung zugeführt werden. 
Die Kranken erscheinen dann zu den vorgeschriebenen Stunden 
zur Behandlung, die von eigens dazu angelerntem Personal im 
Sinne der vom Stationsarzt getroffenen Anordnungen unter der 
Leitung des mit Führung der Abteilung betrauten Assistenten vor- 
genommen wird. 

Praktischer Unterricht in allen Zweigen der physikalischen The- 
rapie für Studierende findet regelmäßig im Sommersemester statt. 
Hier wird ihnen aufs eindringhchste klar gelegt, daß die fraghchen 
Methoden zu dem wichtigsten Rüstzeug des praktischen Arztes 
gehören und daß in ihrer ständigen richtigen Verwendung der 
Arzt ein besseres Kampfmittel gegen das Kurpfuschertum zur Ver- 
fügung hat, als in den über Gebühr häufig angerufenen Pohzei- 
paragraphen. 



DIE CHIRURGISCHE KLINIK UND POLI- 
KLINIK. 
Direktor: Friedrich trendelenburg. 



Im Jahre 1799 wurde der Wundarzt des Jakobs-Hospitals Dr. 
Johann Gottlob Eckoldt als chirurgischer Demonstrator am neu er- 
richteten khnischen Institut in Leipzig angestellt. In seiner Be- 
stallung, datiert vom 27. April 1799, wird er in seiner Eigenschaft 
als Lehrer dem Dechant der Fakultät untergeordnet, er soll die 
klinischen Scholaren an den Tagen der Woche, wo er den Verband 
im Hospital selbst verrichtet, sich bei dem Verbände folgen lassen, 
sie von dem Übel eines jeden Kranken deutlich unterrichten, soll 
die Scholaren von in Aussicht stehenden Operationen in Kenntnis 
setzen, sie eine Viertelstunde vorher um sich versammeln, um ihnen 
eine Belehrung zu geben und auch während der Arbeit auf ihren 
Unterricht Bedacht nehmen. Er soll im Einverständnis und in Ge- 
meinschaft mit dem klinischen Lehrer für eine den Kranken aus 
der Institutskasse zu reichende Ergötzlichkeit arme Personen auf- 
bringen, welche allerlei seltene Gewächse und Beulen, Augenkrank- 
heiten usw. haben, sie an einem Tage der Woche in seine Wohnung 
kommen lassen und die Scholaren zum Sehen und Fühlen, auch 
zur diagnostischen und prognostischen Beurteilung der vorgezeigten 
Schäden anweisen; ferner Mittwochs und Sonnabends von diesen 
Kranken, aber höchstens zwei, und nur mit Genehmigung des Ver- 
walters, in das Hospital bescheiden, und da gemeinschaftlich mit 
dem klinischen Lehrer ihre Schäden aufklären; er soll Leichen- 
öffnungen im Hospital vornehmen und soweit möglich an Leichen 
Operationen demonstrieren. 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 159 



Die Lehrtätigkeit des Wundarztes Dr. Eckoldt war der erste sehr 
bescheidene Anfang eines praktischen chirurgischen Unterrichts an 
der Universität, der Professor der Chirurgie Haase hielt, wie seine 
Vorgänger, nur theoretische Vorlesungen. Die Zuhörer wurden von 
dem Dekan dem Kliniker Koch und von diesem dem chirurgischen 
Demonstrator zugewiesen. Ihre Zahl war gering, gering auch die 
Zahl der Kranken, die für den Unterricht zur Verfügung standen. 
Die Gesamtzahl der in das Hospital aufgenommenen Kranken betrug 
1799 nur 434, 1800 494, im Kriegsjahre 181 3 stieg sie auf 1663, 
während sie sich in den übrigen Jahren bis 1836 immer unter der 
Zahl von 1000 Kranken hielt. 

Eckoldt ist in der Literatur bekannt gebheben durch seine Ar- 
beit über das Ausziehen fremder Körper aus der Speiseröhre und 
Luftröhre (Leipzig 1799), in der mehrere von ihm erfundene In- 
strumente beschrieben sind, er war praktischer Wundarzt und als 
solcher Mitglied der Barbierinnung, sein Doktortitel stammte aus 
dem Ausland. Er hatte in der Stadt eine „Werkstatt" errichtet, 
dann hatte ihn der Rat 'der Stadt Leipzig auf Stadtkosten zu seiner 
Ausbildung in das Ausland geschickt, besonders nach England, und 
ihn dann zum Wundarzt des Hospitals gemacht. Als Operateur 
war er berühmt und auch von auswärts gesucht. 

Nach Eckoldts Tode im Jahre 1809 wurde Dr. Gehler als Demon- 
strator angestellt, er war Dozent an der Universität, und es erschien 
jetzt zum erstenmal die Anzeige der chirurgischen Demonstrationen 
im Lektionsverzeichnis. Gehler starb 181 3 am Lazarettfieber; ihm 
folgte Dr. Kühl. 

Die Personalverbindung zwischen der Professur für Chirurgie 
und der chirurgischen Oberarztstelle am Krankenhause wurde erst 
im Jahre 1841 hergestellt, als Gustav Biedermann Günther als Pro- 
fessor der Chirurgie berufen war. Sein vierbändiges Werk über 
die blutigen Operationen gibt ein gutes Bild von dem damaligen 
Stande der operativen Chirurgie. Als Lehrer war Günther sehr ge- 
schätzt und beliebt. 

Nach dem Tode Günthers — er wurde von der Choleraepidemie 
des Jahres 1866 hingerafft — wurde im Frühjahr 1867 Carl Thiersch 
aus Erlangen in die chirurgische Professur berufen, in der er bis 



i6o CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



zum Jahre 1895 wirkte. Auf die Bedeutung von Thiersch als 
Chirurg und Pathologe einzugehen ist hier nicht der Ort, seine 
bleibenden Verdienste um unsere Wissenschaft und Kunst sind all- 
bekannt, und, solange die Leipziger chirurgische Khnik existiert, 
wird sein Name in derselben unvergessen bleiben. Thiersch be- 
sonders verdankt die Anstalt den Aufschwung, der sie zu einer der 
größten und bedeutendsten chirurgischen Kliniken Deutschlands ge- 
macht hat. 

Schon vor der Berufung von Thiersch waren Verhandlungen 
über die Verlegung des alten Jakobshospitals in das Waisenhaus 
am Johannistal, also an die Stelle, wo das Krankenhaus jetzt steht, 
gepflogen worden. Das alte am Rosental gelegene Hospital war 
in jeder Beziehung unzulänglich und entsprach nicht den beschei- 
densten hygienischen Anforderungen. In den kleinen dunklen 
Zimmern hausten Rose, Pyämie und Hospitalbrand und dezimierten 
die Operierten. Das Waisenhaus am Johannistal war während des 
Krieges und der Choleraepidemie im Jahre 1866 als Militärlazarctt 
benützt worden, und, als das Gebäude nun wieder frei wurde, be- 
schloß der Rat unter Zustimmung der Fakultät es für das Jakobs- 
hospital und die Kliniken zu verwenden. Der Direktor der inneren 
Klinik Wunderlich legte Baupläne vor, nach denen zwei Flügel an 
das Waisenhaus angebaut oder statt derselben ein großes selb- 
ständiges Haus hinter dem alten Waisenhause errichtet werden 
sollte. Thierschs Einfluß ist es gewesen, der dem Bauplan die da- 
mals moderne Form des Barackenlazaretts nach amerikanischem 
Muster gegeben hat. Das neue Jakobshospital war das erste nach 
diesem System erbaute Krankenhaus in Deutschland. Jetzt ist das 
System in mancher Beziehung als veraltet zu bezeichnen, aus dem 
Guten hat sich Besseres entwickelt, von Übertreibungen ist man 
zurückgekommen, aus der einstöckigen Holzbaracke hat sich der 
mehrstöckige steinerne Pavillon herausgestaltet, aber es darf nicht 
vergessen werden, daß die große Bedeutung von Luft und Licht 
für den Krankenhausbau in dem Barackensystem zum erstenmal 
zur vollen Geltung gekommen ist. 

Der als Auditorium eingerichtete Operationssaal mit einigen 
Nebenräumen und die Räume für die chirurgische Poliklinik, welche 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK i6i 



von Thiersch der Klinik angegliedert wurde, fanden in dem Teil 
des Barackenbaues Unterkunft, der jetzt der Klinik für Hautkrank- 
heiten und Syphilis angehört. 

Als nach Thierschs Tode im Jahre 1895 der jetzige Direktor 
der Klinik in die Professur für Chirurgie berufen wurde, erwiesen 
sich die Räume als nicht mehr ausreichend für die inzwischen 
stark gewachsene Zahl der Zuhörer und die vielfältigen An- 
sprüche, die an eine moderne khnische Unterrichtsanstalt gestellt 
werden müssen. Die Poliklinik litt darunter, daß sie keinen eigenen 
Ausgang nach der Straße hatte und von den Patienten nur durch 
die Krankenhauskorridore erreicht werden konnte. Dem Antrag 
des Direktors, an der Südseite der Liebigstraße auf dem Terrain 
des Krankenhauses und mit den chirurgischen Baracken in direkter 
Verbindung stehend ein eigenes Gebäude für die chirurgische 
Klinik und Poliklinik zu errichten, wurde von selten der König- 
lichen Regierung in bereitwilligster Weise entsprochen. Und so 
konnte am 26. Januar 1900 das jetzige Gebäude der chirurgischen 
Klinik festlich eröffnet werden. Die Feier gestaltete sich zugleich 
zu einer Gedächtnisfeier für Thiersch, dessen Marmorbüste in dem 
Garten des Krankenhauses vor der zahlreichen Festversammlung ent- 
hüllt wurde. Ein Erweiterungsbau, welcher 1908 ausgeführt wurde, 
hatte vornehmlich den Zweck, für die Röntgenuntersuchung, welche in 
dem letzten Dezennium eine bei der ersten Entdeckung der Röntgen- 
strahlen ungeahnte Bedeutung für die Chirurgie gewonnen hat, einen 
größeren Raum zu schaffen und neben dem Operationssaal ein Zimmer 
zur Vorbereitung der Kranken für die Operation zu gewinnen. 

Das Gebäude der chirurgischen Klinik ist dreistöckig und sieht 
mit der Front nach Norden. Das Erdgeschoß enthält die Pohkhnik, 
die beiden oberen Geschosse enthalten die klinischen und die zu 
wissenschaftlichen Untersuchungen dienenden Räume. An der Front 
springt in der Mitte ein breiter x\nbau vor mit Fenstern nach fünf 
Seiten und mit Oberlicht. Er enthält in seinen beiden oberen 
Etagen den größten Raum des Gebäudes, den Operationssaal, der 
im wesentlichen also nur Nordlicht hat und nur in den frühen 
Morgenstunden von Osten her und in den späten Nachmittags- 
stunden von Westen her von den Sonnenstrahlen getroffen wird. 

UI. 21 



l62 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



In dem hinter dem Anbau gelegenen Hauptteil des Gebäudes sind 
in dem ersten Obergeschoß alle die Räume untergebracht, die zum 
Betriebe in dem Operationssaal gehören, und außerdem die Biblio- 
thek, im zweiten Geschoß besonders die der wissenschaftlichen 



Untersuchung dienenden. 



Das Kellergeschoß ist teils zu Neben- 




ßumriiniit. 



l l| : I I I I f I I I I t I I g 



räumen für die Poliklinik, teils zur Herrichtung von Ticrställen ver- 
wendet worden. Ein elektrisch betriebener Aufzug für ein Bett 
und fünf Personen (inkl. des Kranken) geht von dem Erdgeschoß 
bis in das zweite Obergeschoß hinauf, um die Kranken nach dem 
Operationssaal und in das im zweiten Obergeschoß gelegene 
Röntgenzimmer bringen zu können. Die Treppe liegt in dem 



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CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



163 



westlichen Teil des Gebäudes, woselbst sich auch der Straßenein- 
gang befindet, auf dem östHchen Teil sind die verschiedenen Stock- 
werke nur durch eine schmale Wendeltreppe miteinander ver- 
bunden. Nach hinten stößt das Gebäude an einen der Korridore 




or. 



des Krankenhauses, so daß die zu operierenden Kranken von den 
Baracken her in ihren Betten direkt zu dem Aufzug gefahren 
werden können. 

Die PolikHnik im Erdgeschoß enthält als Hauptraum das poli- 



164 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



klinische Untersuchungszimmer, mit einem Operationstisch, Wasch- 
tischen und allen sonstigen für poliklinische Operationen erforder- 
hchen UtensiHen ausgerüstet. Den Zugang zu diesem Unter- 
suchungszimmer von dem neben dem Straßeneingang gelegenen 
Wartezimmer bilden zwei nebeneinander gelegene, durch eine Wand 




voneinander getrennte, elektrisch beleuchtete kleine Vorräume, der 
Ausklcideraum für Männer und der Auskleideraum für Frauen, jeder 
mit Waschbecken und Waschvorrichtung für Füße sowie mit einem 
Untersuchungsbett versehen. Hier werden die Kranken für die 
Untersuchung vorbereitet, che sie weiter in den anstoßenden Unter- 
suchungs- und Operationsraum gebracht werden. Weiter enthält 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



165 



die Poliklinik einen kleinen Hörsaal für 50 Hörer, der keine festen 
Bänke enthält und während der poliklinischen Stunden daher als 
Nebenraum des Untersuchungszimmers benützt werden kann, ferner 
ein Arbeitszimmer für den Assistenzarzt, der die Polikhnik leitet, 
und ein Zimmer für die poliklinischen Assistenten. Von letzterem 




Zimmer aus führt eine Treppe in das Erdgeschoß hinunter, wo in 
einem größeren Raum die mediko- mechanischen Instrumente 
(Krukenbergsche Pendelapparate) und in einem kleineren Raum der 
Sterilisationsapparat für die Verbandstoffe der Poliklinik aufge- 
stellt sind. 

Der khnische Operationssaal, welcher das erste und zweite Ober- 



i66 CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



geschoß einnimmt und nach oben durch das zweite Obergeschoß 
bis unter das Dach reicht, ist mit einem Podium versehen, welches 
165 Sitzplätze umflißt; auf dem Umgang hinter der obersten Sitz- 
reihe würden noch mindestens 100 Personen bequem stehen und 
die Operationsbühne übersehen können. Das Gestell des Podiums 
besteht aus Zementwänden nach dem System Monier. Die Wände 
vor den Sitzplätzen sind aus dünnen Holzplatten gefertigt, wodurch 
erreicht wurde, daß die Akustik im Saale im Gegensatz zu den 
Operationssälen mancher chirurgischen Kliniken, in denen nur Stein 
und Eisen verwandt sind, eine ausgezeichnete ist. Die Sitzreihen 
des Podiums steigen ziemlich steil an und zwar in einer leichten, 
parabolischen Krümmung, damit der höher sitzende Zuhörer über 
den Kopf des tiefer sitzenden hinwegsehen kann. Zwei ebenso steile 
Treppen führen von der Operationsbühne bis zu dem Umgang 
hinter der obersten Sitzreihe in die Höhe, so daß die zum Prakti- 
zieren aufgerufenen Zuhörer von jedem der Klappsitze ohne Un- 
bequemHchkeit nach der Operationsbühnc heruntersteigen können. 
In die dem Podium gegenüber liegende Wand ist eine 2% Meter 
im Quadrat große weiße Gipsfläche eingelassen, auf welche der 
Projektionsapparat seine Bilder projiziert. Große schwarze Holz- 
wandtafeln lassen sich vor der Gipsfläche herauf- und herunter- 
schieben. Der Projektionsapparat (E) ist zwischen den Sitzen der ersten 
und zweiten Sitzreihe so eingefügt, daß er auf Schienen vorge- 
geschoben und nach beendeter Demonstration wieder zwischen den 
Sitzen zurückgeschoben werden kann. In die Decke des Operations- 
saales ist ein 10 Meter langes, 5 Meter breites Oberlicht einge- 
lassen, über welchem sich in der Dachetage ein mit Glasscheiben 
versehener schützender Aufbau erhebt. Die Operationsbühne wird 
zum Teil durch dieses Oberhcht, zum Teil durch die dem zweiten 
Obergeschoß entsprechenden, möghchst hohen und breiten Seiten- 
fenster beleuchtet. Das von diesen Fenstern einfallende Licht ist 
aber kein vollständiges direktes Seitenhcht, sondern nur ein hohes 
oder schräges Seitenlicht, da die Fenster des ersten Obergeschosses 
durch das Podium vollständig verdeckt sind. Für manche Opera- 
tionen in Körperhöhlen, z. B. die Operation der Gaumenspalte, 
macht sich das Fehlen direkten Seitenlichtes störend bemerkbar, 



III 



Tai. XIV 




Der Operationssaal. 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 167 



solche Operationen werden mit künstlicher Beleuchtung durch elek- 
trische Stirnlampe oder in dem noch zu erwähnenden kleinen 
Operationssaale, dem sogenannten aseptischen Operationssaal, vor- 
genommen. 

Eine Eigentümlichkeit des Baues ist die Verwertung des Um- 
ganges unter dem Podium. Dieser Umgang wird durch die Fenster 
des ersten Obergeschosses hell beleuchtet und ist so geräumig, daß 
er dem Betriebe des Operationssaales in der verschiedensten Weise 
nutzbar gemacht werden kann. An den Fenstern stehen Tische 
mit Mikroskopen, chemischen Reagenzien, Schraubstock und anderen 
Utensilien, und die dem Podium zugekehrte Wand ist ringsum mit 
Wandschränken versehen, welche zur Unterbringung der Demon- 
strationssammlung von Photographien von Kranken und von be- 
sonders instruktiven Röntgenplatten, zur Aufbewahrung von Medi- 
kamenten, von Verbandstoffen und zur Unterbrins:un2: der chirur- 
gischen Instrumente dienen. Nur an dem einen Flügel des Um- 
gangs fehlen die Wandschränke. Hier ist der Raum unter den 
untersten Sitzreihen des Podiums ausgenützt zur Unterbringung der 
Schimmelbuschschen Apparate zur Sterilisation der Instrumente und 
zweier Waschbecken daneben. Der zwischen den Wandschränken 
und den Fenstertischen freibleibende Raum ist fast drei Meter breit, 
so daß er benutzt werden kann, um Betten mit zu operierenden 
oder schon operierten Kranken dort aufzustellen, um die Kranken 
zur Operation vorzubereiten, das Erwachen aus der Narkose abzu- 
warten, 'Untersuchungen vorzunehmen oder Verbände anzulegen. 
Auch Operationen können sehr wohl hier vorgenommen werden, 
was besonders von Bedeutung ist, wenn bei größeren Unglücks- 
fällen eine Reihe von Schwerverletzten zugleich verbunden und 
operiert werden muß. Ferner dient der Umgang auch bei den Ver- 
bandkursen zur Placierung einer größeren Zahl von Kranken, an 
denen bandagiert werden soll. 

Der Zugang der Studierenden zu dem Podium ist vom zweiten 
Obergeschoß her, wo zwischen die Treppe und den Eingang zum 
Podium ein Zimmer zum Ablegen der Mäntel mit Wascheinrichtung 
für die Studierenden eingeschaltet ist. 

Sowohl das Oberlicht als auch die seitUchen Fenster und die 



i68 CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



Zugänge zur Operationsbühne sind mit Verdunkelungsvorrichtungen 
versehen, um jederzeit eine epidiaskopische Demonstration in den 
Idinischen Unterricht einschieben zu können. Über dem Oberiicht 
befindet sich eine elektrisch betriebene Rolljalousie, die Verdunkelung 
an den Fenstern wird mit der Hand betrieben; das Verdunkeln des 
ganzen Raumes kann in etwa einer Minute bewerkstelligt werden, 
und ebenso schnell kann die Verdunkelung wieder beseitigt werden. 

Die Beleuchtung bei Nacht erfolgt durch zwei große elektrische 
Bogenlampen und eine große aus 12 Glühlampen zusammengesetzte, 
mit reflektierendem Schirm versehene Lampe über dem Operations- 
tisch, welche heruntergelassen und wieder in die Höhe gezogen 
werden kann. 

Im ersten Geschoß liegt neben dem Operationssaal auf der einen 
Seite der aseptische Operationssaal, auf der anderen ein Raum zur 
Vorbereitung der Kranken zur Operation. 

Der aseptische Operationssaal hat Seitenlicht, er wird besonders, 
aber nicht ausschUeßlich, zu sogenannten aseptischen Operationen 
benutzt. Eine strenge Grenze zwischen aseptischen und nicht asep- 
tischen Operationen läßt sich nach Ansicht des Direktors nicht 
ziehen, manche Operation beginnt aseptisch und verhert dann z. B. 
durch sich notwendig machende Eingriffe am Darm oder durch 
einen sich herausstellenden Abszeß usw. den Charakter einer ganz 
aseptischen Operation. Auch kommt es schließlich bei allen Opera- 
tionen praktisch nur darauf an, jede Berührung der Wunde mit 
nicht sterilisierten Dingen zu vermeiden; die Beschaffenheit des 
Raumes, in dem operiert wird, hat kaum einen Einfluß auf das 
Aseptischbleiben oder Septischwerden der Wunde. Die Sterilisation 
der Haut im Operationsgebiete, die Benutzung sterilisierter Hand- 
schuhe, die Sterilisation der Instrumente und Verbandstoffe — also 
der ganze Betrieb im Operationssaal ist das Entscheidende, nicht 
der weiße Anstrich oder die Kachelbekleidung der Wände, welche 
auch bei häufigem Abwaschen nicht aseptisch im chirurgischen 
Sinne sein können. Genügende Reinlichkeit und Staubfreiheit läßt 
sich bei guter Überwachung des Betriebes auch in dem gewöhn- 
lichen Operationssaal erreichen, und es liegt daher kein Grund vor, 



ZZ:ZZ CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 169 

die Laparotomien und sonstige aseptische Operationen ganz aus 
dem gewöhnlichen Operationsraum zu verbannen und damit dem 
Unterricht zu entziehen. 

Der Vorbereitungsraum enthält eine große Badewanne, welche 
nach Art der Vorrichtung in den Dauerbädern mit einer Tauch- 
bahre versehen ist, um frisch eingelieferte Schwerverletzte und 
Verbrannte, welche der gründlichen Reinigung bedürfen, in narko- 
tisiertem Zustande baden und reinigen zu können. 

An der Südseite des Operationsgebäudes befinden sich im ersten 
Stock noch ein Wartezimmer für Kranke, ein Zimmer für Laryn- 
goskopie und Zystoskopie mit Verdunkelungsvorrichtung, ein Dienst- 
zimmer für die Assistenten, ein Zimmer für den Direktor mit Warte- 
zimmer und ein größerer Raum für die Bibliothek. 

In dem zweiten Obergeschoß befinden sich zwei Laboratoriums- 
räume für chemische, bakteriologische und mikroskopische Unter- 
suchung, ferner ein photographisches Atelier mit Dunkelkammer, 
das Röntgenzimmer und ein Raum für die pathologische Sammlung; 
daneben Wohn- und Schlafzimmer für die Operationsschwester und 
für eine Pflegerin für die Poliklinik. 

Das Röntgenzimmer ist ringsum bis zu einer Höhe von 2,20 
Meter und am Fußboden unter den Röntgenapparaten mit Blei- 
platten ausgekleidet. Ein Schutzhäuschen mit Bleiauskleidung und 
Fenster von Bleiglas dient zur Deckung des mit Röntgenaufnahmen 
beschäftigten Personals. 

Im Dachgeschoß ist der Motor für die Rolljalousie aufgesteUt, 
die das Oberlicht verdunkelt; in Betrieb gesetzt wird derselbe durch 
einen im Saale dicht neben der Operationsbühne angebrachten 
Handgriff. 

Was den Unterricht in der Klinik anbetriift, so gilt der Grund- 
satz, daß es nicht die Aufgabe der Klinik sein kann, die Studierenden 
zu chirurgischen Spezialisten zu machen, daß es vielmehr ihre Auf- 
gabe ist, Hand in Hand mit den anderen Kliniken die Studierenden 
nach Möglichkeit zu tüchtigen praktischen Ärzten heranzubilden, 
welche auch in schweren chirurgischen Fällen Bescheid wissen und 
dem Kranken helfen können, wo ein geschulter Chirurg nicht zur 

Verfügung steht. Um bei den Studierenden mehr erreichen zu 
in. 22 



lyo CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



können als dieses, ist das medizinische Studium viel zu kurz und 
viel zu sehr mit Lehrfächern überlastet; ein geschulter Chirurg kann 
überhaupt nur aus einer jahrelangen Assistentenzeit an einem chirur- 
gischen Krankenhaus hervorgehen. 

Dementsprechend wird bei dem Unterricht auf die klinische Be- 
sprechung, auf die Untersuchung der Kranken, auf die Feststellung 
der Diagnose, auf die Demonstration von typischen Knochenbrüchen 
und sonstigen Verletzungen viel mehr Wert gelegt als auf die Vor- 
führung großer chirurgischer Operationen. Letztere werden meist 
erst nach Schluß der klinischen Stunde vorgenommen, in Gegen- 
wart der zu dem Krankheitsfall aufgerufenen Praktikanten und 
anderer Studierenden, die sich durch ein besonderes Interesse für 
Chirurgie bestimmen lassen, der Operation zuzusehen. Kleinere 
chirurgische Eingriffe dagegen und besonders wichtige typische 
Operationen, wie sie der praktische Arzt auszuführen imstande sein 
soll, werden nicht nur während der Unterrichtsstunden demonstriert, 
sondern auch älteren Praktikanten, welche den chirurgischen 
Operationskurs absolviert haben, zur eigenen Ausführung anvertraut, 
natürHch unter Anleitung und strenger Kontrolle des Direktors oder 
eines Assistenten. Besonders die Inzision von Abszessen, die Opera- 
tion der Hydrozele, Exartikulationen an den Fingern und dergleichen, 
aber gelegentlich auch größere Amputationen werden von den Stu- 
dierenden ausgeführt. 

Die Ausbildung der Studierenden in der operativen Technik 
würde eine viel bessere sein können, wenn der vorbereitende Unter- 
richt in dem chirurgischen Operationskurs auf der Anatomie nicht 
infolge des immer zunehmenden Mangels an Leichen ein unzu- 
reichender wäre. Es ist hier nicht der Ort, auf die schwierige 
Frage der Beseitigung dieses das ganze medizinische Studium schwer 
schädigenden Übelstandes einzugehen. Wir hoffen auf Besserung. 
Es ist eine Humanität am unrichtigen Orte, wenn man aus über- 
triebener Scheu, menschliche Empfindungen im allgemeinen zu ver- 
letzen, dem medizinischen Studium seine unentbehrlichsten Hilfs- 
mittel schmälert. Denn sie führt dazu, die wisscnschattliche und 
praktische Befähigung der Ärzte herabzudrücken und dadurch unsere 
Bevölkerung, besonders auf dem Lande, zu schädigen, sie muß dazu 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 171 



führen, daß im Kriege, wo die Zahl der vorhandenen geschulten 
Chirurgen niemals ausreichen kann, und die jungen praktischen 
Ärzte überall auch bei größeren Operationen mit eintreten müssen, 
unsere Verwundeten z. T. in ganz ungeübte Hände fallen. 

Ergänzt wird der klinische Unterricht des Direktors durch die 
Vorlesungen und praktischen Kurse der ältesten Assistenten, welche 
als Privatdozenten an der Universität habihtiert sind, z. Z. des Dr. 
Heineke und Dr. Läwen. Ersterer liest chirurgische Propädeutik und 
kleine Chirurgie mit praktischen Demonstrationen und Übungen in 
der Poliklinik sowie über Krankheiten der Mundhöhle für Studierende 
der Zahnheilkunde, Dr. Läwen liest spezielle Chirurgie und hält die 
Verbandkurse ab. Sämtliche Assistenten helfen bei dem chirurgischen 
Operationskurs des Direktors in der Anatomie. 

Es stehen der KHnik und der chirurgischen Abteilung des 
Krankenhauses 7 Assistenzärzte zur Verfügung, von denen 2 als 
kUnische und 5 als städtische Assistenzärzte angestellt sind, außerdem 
noch 2 jüngere Assistenzärzte für die Poliklinik. Der erste klinische 
Assistent leitet die Poliklinik, steht aber auch einer Station des 
Krankenhauses vor, der zweite klinische Assistent ist ein von dem 
Königlich Sächsischen Kriegsministerium an die KHnik meist für 
2 Jahre kommandierter Militärarzt (Oberarzt)*). 

Jedem Assistenzarzt ist aus der Reihe der Studierenden, in der 
Regel für die Dauer eines Semesters, ein Protokollant beigegeben, 
der von dem Vorlesungshonorar befreit ist und aus dem Idinischen 
Etat eine kleine Remuneration bezieht. Sich für eine ProtokoUanten- 



i) Die Namen der Assistenzärzte, welche im Laufe der letzten 57 Jahre an der 
Klinik tätig waren, sind folgende (die zur Klinik kommandierten Militärärzte sind mit 
einem * versehen): Berger, Mulert, IBenno Schmidt, Kühn, Braune, JaUobi, Moritz Albert 
Neumann, Moritz Georg Neumann, Moritz Emil Benndorf*, Vieweg, Hugo Max Benn- 
dorf, Joseph, Schenkel, Eckstein, Warnatz, Sauer*, Lehmann, Burckhardt, Kaulfers, 
Credd*, Humann, Moldenhauer, Helferich, Seile*, Langerhanns, Gräfe, Hertz, Körner* 




1 nierscn, Durr, i\ampi', cnrenoerg, (^urt acnmiut , nesse, uarten, Donrmger , unger, 
Schüflfner, Friedrich*, Meyh, Walther, Perthes, Perthen*, Eigenbrodt, Schmiedt, Presting*, 
Wilms, V. Schlepegrell, Birch-Hirschfeld, Näther*, Georgi, Wichmann*, Mertens, Grenser, 
Riethus, Dietel*, Heineke, Cichorius, Fehre*, Sultan, Michaelis, Bauer, Grunert, Läwen, 
Meyer*, Rimann, Sievers, Schümann, Wolf*, Neubert, von Gaza. 



172 CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 



stelle zu melden, steht jedem als Zuhörer der Klinik eingeschriebenen 
Studierenden frei. 

Bei der großen Krankenzahl und der Fülle von schweren Ver- 
letzungen, welche dem Krankenhaus fast täglich zugehen, finden 
die Assistenten reichUch Gelegenheit in Vertretung oder im Auf- 
trage des Direktors größere Operationen selbständig auszuführen, 
so daß die Aufgabe der Klinik, für einen tüchtigen Nachwuchs an 
vollständig durchgebildeten Chirurgen zu sorgen, in vollem Maße 
erfüllt werden kann. 

Zu wissenschaftlicher Arbeit stehen die erforderlichen Hilfsmittel 
in reichem Maße zu Gebote, und eine nicht geringe Zahl von 
z. T. wertvollen klinischen und experimentellen Arbeiten, welche in 
den Fachjournalen niedergelegt sind, gingen im Lauf der Jahre aus 
der Klinik hervor. 

Die chirurgische Abteilung des Stadtkrankenhauses inkl. der 
Filiale im Johannishospital und der Betten für Privatkranke umfaßt 
411 Betten. Die Zahl der auf der Abteilung verpflegten Kranken 
betrug im Jahre 1908 3927, wovon etwa ^[g auf das männliche, ^jj 
auf das weibliche Geschlecht entfallen. 11 90 Verletzungen kamen 
zur Aufnahme. 

Die Poliklinik erfreut sich einer stetig steigenden Frequenz. Die 
Gesamtzahl der poliklinischen Kranken pro Jahr ist auf 5000 ge- 
stiegen, wobei die aus der Klinik entlassenen und der Poliklinik zur 
Nachbehandlung überwiesenen Kranken mitgezählt sind. 55 Patienten, 
meistens Unfallkranke, kommen durchschnittlich täglich zur Massage, 
25 — 30 zu den Übungen an den medikomechanischen Apparaten. 

Von den wissenschaftlichen Hilfsmitteln ist zunächst die Biblio- 
thek zu nennen. Dieselbe führt die wichtigsten deutschen chirur- 
gischen Journale und medizinischen Jahresberichte und enthält eine 
Auswahl von chirurgischen Handbüchern, Lehrbüchern, Monogra- 
phien und Atlanten sowie auch besonders wichtige Werke aus dem 
Gebiet verwandter Disziplinen. Die Zahl der Bände beträgt 15 15. 
Verliehen werden Bücher nur an die Direktoren und Assistenten 
der verschiedenen Kliniken, niemals an Studierende. Letztere können 
die Bücher aber innerhalb des BibHothekzimmers ohne Einschränkung 
benutzen. Arbeitstische stehen dazu zur Verfügung. 



CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK 173 



Die Arbeitsleistung im Röiitgenkabinett ist von Jahr zu Jalir 
im Zunehmen begriffen. Die Zahl der in das Röntgen-Journal ein- 
getragenen Kranken betrug im Jahre 1908 2189; da bei vielen 
Kranken aber 2 oder mehrere Aufnahmen erforderlich sind, so ist 
die Zahl der im Jahre gemachten Aufnahmen eine wesentlich 
größere. Die nicht mehr gebrauchten Röntgenplatten werden in 
großen Schränken im Dachgeschoß numeriert aufgehoben; nach 
dem Röntgen-Journal kann jede Platte leicht herausgefunden werden, 
wenn sie aus irgendeinem Grunde wieder nachgesehen werden 
soll. Um das Wiederauffinden noch mehr zu erleichtern, wird dem 
betreffenden Krankenjournalblatt ein Zettel mit der Röntgennummer 
aufgeklebt. Die Nummern in den Autbewahrungsschränken liefen 
im Februar 1909 bis 12 271, manche Nummern beziehen sich auf 2 
oder mehr von demselben Kranken stammenden Platten, die Zahl 
der aufgehobenen einzelnen Platten ist daher noch wesentlich höher. 

Eine besondere kleine Sammlung von typischen für die Demon- 
stration mit dem Epidiaskop geeigneten Platten ist in den Wand- 
schränken des Operationssaales untergebracht, um bei dem klinischen 
Unterricht sofort zur Hand zu sein. Diese Sammlung enthält 657 
Platten. 

Die photographischen Aufnahmen von Kranken, welche in 
Kästen nach Körperteilen und Krankheitsformen so geordnet sind, daß 
das zur Demonstration Gewünschte sofort herausgefunden werden 
kann, sind von dem zeitigen Direktor im Laufe der letzten 34 Jahre 
in der Rostocker, Bonner und Leipziger Klinik besonders zum Zweck 
des Unterrichts gesammelt worden. Sie enthalten nicht nur Ab- 
bildungen von seltenen Fällen, sondern in viel größerer Zahl typische 
Bilder der am häufigsten vorkommenden Frakturen, Luxationen, 
blutigen Verletzungen, Entzündungen, Hernien, Geschwülste usw. 
Die Zahl der Photographien beträgt 2900. Der Projektionsapparat, 
ein Epidiaskop von Zeiß, läßt die Bilder in elffacher Vergrößerung 
an der Wand erscheinen. 

Auch die kleine pathologisch -anatomische Sammlung, zum 
größten Teil aus Präparaten bestehend, die bei den Operationen 
gewonnen wurden, soll besonders dem Unterricht dienen. Es ist 
von großer Wichtigkeit, dem Studierenden neben dem Krankheits- 



174 CHIRURGISCHE KLINIK UND POLIKLINIK ZZ^I 

fall auch gleich ein entsprechendes pathologisches Präparat zeigen 
zu können, ihn wieder an das zu erinnern, was er im patholo- 
gischen Institut zu anderer Zeit eingehender kennen gelernt hat, 
und ihm die engen Beziehungen der klinischen Erkenntnis und 
Praxis zu der pathologischen Anatomie, als einer der wichtigsten 
wissenschaftlichen Stützen und als der unentbehrlichen Kontrolle 
unseres chirurgischen Handelns, immer lebendig vor x\ugen zu halten. 
Das photographische Atelier und die photographische Demon- 
strationssammlung, die Bibliothek, das Röntgenkabinett und die 
pathologische Sammlung sind in gelegentlich wechselndem Turnus 
der Aufsicht je eines Assistenten unterstellt. 



DIE FRAUENKLINIK (TRIERSCHES 
INSTITUT). 

Direktor: paul Zweifel. 



Den Anstoß zur Gründung einer Klinik für Geburtshilfe gab der 
ordentliche Professor und Dekan in der medizinischen Fakuhiit Dr. 
med. Gehler, welcher selbst die Geburtshilfe praktisch betrieb, in- 
dem er seine kinderlosen Anverwandten Herrn und Frau Appellations- 
rat Dr. Trier zu bestimmen vermochte, ihren Garten an der alten 
Pleiße „zur Errichtung einer Geburtshilfeschule" testamentarisch der 
Universität Leipzig zu vermachen. 

Am I. Mai 1806 starb die Frau Rahel Amalie Auguste ver- 
witwete Appellationsrätin Dr. Trier, nachdem ihr Mann am 28. Sep- 
tember 1794 im Tode vorangegangen war, und hinterließ das 
zwischen den Ehegatten verabredete Testament zur Stiftung einer 
Lehranstalt der Geburtshilfe für Ärzte und Hebammen. Die Schen- 
kung bestand in einem vor dem Peterstor an der alten Pleiße ge- 
legenen Garten mit 20 Acker Wiesen und das Testament bestimmte, 
daß der Universität Leipzig nach Annahme der Stiftung die Ver- 
pflichtung obliege, nach einem von der medizinischen Fakultät zu 
entwerfenden Plane eine Entbindungsschule für Ärzte und Hebammen 
zu begründen. 

„Weil in dem Garten viele ausländische Holzarten, Sträucher 
und Gewächse waren," bestimmte die Stifterin, „daß zum Vorteile der 
Studierenden dem Professori Botanices erlaubt werden möge, den 
Sommer hindurch wöchentlich eine oder zwei botanische Vor- 
lesungen in dem Garten zu halten." 



176 FRAUENKLINIK (TRIHRSCIIES INSTITUT) ^i^:^ 

Die Universität nahm unter dem 22. Mai 1806 die Stiftung und 
die testamentarisch auferlegte Verpflichtung an, daß das Institut auf 
ewige Zeiten den Namen der Stifter zu führen habe. Am 5. Februar 
1810 erging aus dem damaligen Kirchenrat in Dresden ein Reskript, 
welches an der Universität Leipzig eine ordentliche Professur für 
Geburtshilfe schuf und diese an Dr. Johann Christian Gottlieb Jörg 
übertrug, der, um in seiner Heimat zu bleiben, einen früher an ihn 
ergangenen Ruf nach Königsberg abgelehnt hatte. 

Am 8. Oktober 18 10 wurde die Anstalt in bescheidenen Räumen 
des Trierschen Gartens eröffnet und blieb 18 Jahre daselbst in Be- 
trieb. Dem damahgen Direktor schien sie jedoch in dem Grund- 
stück wegen des stehenden Teichwassers und des sumpfigen Unter- 
grundes nicht gut untergebracht, indem er davon Nachteile für den 
Gesundheitszustand der Wöchnerinnen annahm und deswegen 
wurde die im Testament schon vorgesehene und im voraus ge- 
nehmigte Verlegung des Instituts in einen höher gelegenen Stadt- 
teil, den Grimmaischen Steinweg, beantragt und genehmigt. Im 
Trierschen Garten waltete fortan nur noch der Professor Botanices, 
der Garten wurde botanischer Garten, die Anstalt im Grimmaischen 
Steinweg das Triersche Institut genannt. 

Der Triersche Garten ist längst verschwunden und auf seinem 
Gebiet, das westlich von der alten Pleiße zwischen der jetzigen 
Karl-Tauchnitz- und der Beethoven-Straße, anschheßend an die 
Schwägrichens Gärten gelegen war, sind an Stelle der exotischen 
Bäume und Sträucher die schönsten Monumentbauten Leipzigs er- 
standen: das Reichsgerichtsgebäude, die Universitäts-Bibhothek, das 
Konservatorium der Musik, die Königliche Kunstakademie, die Ge- 
werbeschule und zahlreiche Privatvillen. 

Das Triersche Institut im Grimmaischen Steinweg wurde am 
30. September 1828 bezogen und am 28. Oktober desselben Jahres 
feierlich eingeweiht. 

In der Festrede berichtete Jörg von weiteren hochherzigen 
Schenkungen an die Entbindungsschule, nämlich 20000 Taler, welche 
am 17. August 1803 von dem ehemaligen Kammer -Kommissär 
Leich der Universität zur Gründung einer Geburtshilfeschule zuge- 
gefallen waren und 2000 Taler von dem Prokonsul Dr. Richter. 



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FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 177 



Fast 64 Jahre war das Triersche Institut am Grimmaischen 
Steinweg im Gebäude des jetzigen Landbauamtes untergebracht und 
hatte in diesem Zeitraum zwei große Erweiterungen erfahren, die 
erste unter Jörg, bei der am 18. Mai 1852 der Grundstein gelegt 
und am i. August 1853 das große Quergebäude mit der Front 
nach der Johannesgasse und der neue Hörsaal bezogen wurden. 

Am I. Oktober 1856 übernahm Dr. Carl Siegmund Franz Crede 
die Leitung der Anstalt und behielt sie bis zu seinem Eintritt in 
den Ruhestand am i. April 1887. Unter seiner langjährigen, segens- 
reichen Wirksamkeit vermehrte sich der Zugang der Pfleglinge so 
stark, daß der Platz nicht mehr ausreichte und 1878 eine zweite 
Erweiterung nötig wurde. 

Aber schon vor 1887 hatte der Platzmangel, besonders im 
Winter, zu immer größeren, auf die Dauer unerträglichen Übel- 
ständen geführt, welche schon wieder eine Erweiterung unabw^eis- 
lich machten. 

Das Triersche Institut war jedoch im Lauf der Jahrzehnte von 
den ringsum erbauten Privathäusern eingeschlossen und weit ent- 
fernt von den anderen medizinischen Anstalten inmitten der Stadt 
gebheben; es bestand keine Möglichkeit mehr, im Grimmaischen 
Steinweg eine zweckentsprechende Erweiterung auszuführen und es 
gereichte andererseits zum Vorteil des Unterrichts, auch diese Klinik 
dahin zu verlegen, wo die anderen medizinisch -naturwissenschaft- 
hchen Institute waren. 

Der Entschluß zu einem Neubau war schon gefaßt und der Bau- 
platz in der Ecke des Johannistales zwischen Liebig- und Stephan- 
straße schon bestimmt, als der jetzige Direktor zum i. April 1887 
die Berufung auf den Lehrstuhl der Geburtshilfe und Gynäkologie 
in Leipzig erhielt. Für diesen Platz wurden im Auftrag des König- 
lichen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts von 
Baurat Roßbach die Pläne ausgearbeitet und der Bau der neuen 
Universitäts-Frauenklinik im Frühjahr 1888 begonnen. Der Einzug 
in das neue Triersche Institut fand am 11. April 1892 statt, die 
feierliche Einweihung am 25. April 1892. 

In der Festschrift, die zu dieser Feier bearbeitet wurde, konnte 
der Verfasser von einer dritten hochherzigen Schenkung berichten, 

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178 



FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



der Dr. Neumann-Stiftung, die ein Leipziger Arzt der Universitäts- 
Frauenklinik zugewendet hatte, „weil er im kräftigsten Mannesalter 



v-vcu» (£HSa<9C^«>». 




bei Ausübung seines Berufs erblindet war und dieses Unglück, das 
ihm die Ausübung der medizinischen Praxis unmöglich machte, ihn 



FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 179 



gehindert hatte, sich während seines Lebens so nützHch zu er- 
weisen, wie er es gerne getan hätte". Mit dieser überaus edlen 
Begründung wendete er der Universitäts-FrauenkHnik 4000 Taler 
zu, um nach seinem Tode noch in weiteren Kreisen Nutzen zu 
stiften. Um dieser Bestimmung möglichst gerecht zu werden, 
wurden die Zinsen immer zur Unterstützung wissenschaftHcher 
Arbeiten verwendet. 

Als erster Programmpunkt für den Situationsplan war die ein- 
seitige Bebauung aufgestellt, so daß nur eine Reihe von Zimmern, 
und zwar mit den Fenstern nach Süden und mit dem Gang von 
2% Meter Breite nordwärts nebeneinander gelegt werden sollten. 

Die Bearbeitung der Pläne zeigte bald, daß auf dem gegebenen 
Platz der nötige Raum nicht zu beschaffen war; also die Haupt- 
front gebrochen und mit dem kleineren Flügel längs der Stephan- 
straße abgebogen werden mußte. Das hatte zur Folge, daß die 
Krankenzimmer in dem Flügel längs der Stephanstraße nach Osten 
zu liegen kamen. 

Wegen der Raumbeengung mußte auch von vornherein auf das 
Pavillonsystem verzichtet und dasjenige des geschlossenen Kranken- 
hauses angenommen werden. Dies war jedoch nur tunlich durch 
die Anwendung von eisernen Trägern an Stelle der Holzbalken, 
wodurch i'lT^ Gefahr eines Brandes vermindert wurde. Es kann 
jetzt in der Leipziger Universitäts-Frauenkhnik nur je ein Zimmer 
ausbrennen, aber kein neben und über demselben befindliches mit 
betroffen werden, weil das Haus bis zum Dachgeschoß hinauf feuer- 
fest gebaut ist und eigentlich aus vielen aufeinander gestellten 
Pavillons besteht. 

Um bei Epidemien die Kranken völlig abschließen zu können, 
wurde ein Isolierpavillon zu bauen nicht unterlassen. 

Die Verteilung der Räume ist so angeordnet, daß im Mittelbau 
die Lehrsäle untergebracht sind, die Kranken auf den beiden Flügeln 
in den drei Obergeschossen. Die Studierenden verkehren in der 
Regel nur im Mittelbau und sind die beiden Flügel mit den 
Krankenzimmern durch besondere Türen vom Mittelhaus getrennt. 

Besonders schön ist die Vorhalle mit dem Oberlicht beim Haupt- 
eingang ausgefallen. Der Pförtner überblickt von seinem Platze aus 



i8o 



FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



die Treppen und den Zugang zu den Vorsälen bis zum zweiten 
Stock hinauf. 

Die größte Aufmerksamkeit in hygienischer Beziehung wurde 
den Operationsräumhchkeiten zugewendet, dann den Kreißsälen und 




Querschnitt durch den Eckbau, Treppenhaus und Hörsaal oder Kliniksaal. 



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drittens dem Zimmer für die Bauchhöhlenoperationen. Der Klinik- 
saal ist amphitheatralisch angelegt, und unter den Sitzreihen liegt 
hinten der Raum zum Abhängen der Kleider und auf beiden Seiten 
Dunkelzimmer, von denen das eine zur Entwickelung von Photo- 
graphien, das andere zu Dunkeluntersuchungen und zu Röntgen- 



FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



i8i 



beleuchtung verwendet wird. Das Amphitheater ist aus Draht- 
geflecht und Zementwerk (System Monier) ausgeführt, also wasser- 



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dicht und feuerfest, das Holz der Bestuhlung so eingerichtet, daß 
es in einfachster und gründhchster Weise durch Abspülen mit 



i82 FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



Wasser gereinigt werden kann. Das Licht empfängt der Raum 
durch ein OberUcht, welches jedoch zu weit entfernt liegt, als daß 
es allein ausreichend wäre, ferner durch wagerecht einfallendes 
Licht aus einem großen Fenster mit mattblauen Scheiben, welches 
durch drei Vorhänge abgeblendet werden kann. Die künstliche 
Beleuchtung des Raumes geschieht durch zwei Bogenlampen oder 
nach Wahl durch drei Siemens-Regenerativ-Brenner, und außerdem 
sorgt ein vier Edisonlampen bergender Spiegelglasreflektor für die 
Beleuchtung bei Operationen zur Nachtzeit. Anstoßend an den 
Kliniksaal befindet sich das Direktionszimmer und rechts das Vor- 
bereitungszimmer, das zugleich als zweites Operations- und Unter- 
suchungszimmer dient. 

Das Operationszimmer für die großen Operationen, das Lapa- 
rotomiezimmer im dritten Stock, ist an den Wänden mit Kacheln 
ausgelegt, hat eine Einrichtung, um es mit Dampf zu füllen und 
dessen Luft durch einen feinen Sprühregen nach Sapeschko') von 
allem Staub zu reinigen. Diese Einrichtungen haben sich für die 
von ihnen erwartete Wirkung vollständig bewährt. Man kann mit 
dem Sprühregen die Luft so reinigen, wie mit keinem anderen 
Mittel, und haben Versuche mit Nährgelatine gezeigt, daß es tat- 
sächlich möglich ist, den Operationsraum vollständig keimfrei zu 
machen, allerdings mit der Beschränkung, daß, wenn man die Türe 
öffnet, auch die Keime wieder mit der Luft eindringen. Während 
der Operationen wird man die Luft, in der man operiert, nie keim- 
frei halten können, weil man nicht durch ein Schlüsselloch schlüpfen 
kann; und dennoch ist der Vorteil nicht gering anzuschlagen, daß 
man ein Mittel hat, die Luft zunächst keimfrei zu machen, weil 
man doch nachher leicht vermeiden kann, neue pathogene Keime 
hinzuzutragen. Licht erhält dieser Raum durch ein die ganze 
Wand einnehmendes, gegen Osten gelegenes Fenster, wie auch 
durch Oberlicht. Zu besonderer Beleuchtung der Beckenhöhle dient 
auch hier ein Spiegelglasreflektor mit Edisonlampen und der von 
Siedentopf und Krönig angegebene Beleuchtungsapparat. 

Anstoßend an das Operationszimmer liegt wiederum ein Vor- 

i) Zentralblatt für Gynäkologie 1890, Nr. 40, S. 705. 



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FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 183 



bereitungszimmer für Desinfektion der Kranken, Aufbewahren der 
Instrumente usw. An dieses reiht sich ein für den Operateur be- 
stimmtes Badezimmer, Das Operationszimmer wird erst betreten, 
wenn alles für die Operation fertig steht. 

Die zwei Kreißzimmer befinden sich im oberen Erdgeschoß am 
östlichen Ende des linken Flügels. Der Lärm derselben ist somit 
dem Innern des liauses, wie auch der Straße oder der Nachbar- 
schaft möglichst entrückt. Diese Zimmer haben, wie die Operations- 
räume, Terrazzo-Fußboden, besondere Gas- und elektrische Be- 
leuchtung mit Reflektoren und ein für Aufnahme des Desinfektions- 
bettes, Kinderbades und Instrumentenschrankes bestimmtes Vor- 
zimmer. 

Der im Mittelbau unter dem großen Kliniksaal, also im oberen 
Erdgeschoß gelegene Raum ist durch ein schmales, für Aufnahme 
der Beckensammlung bestimmtes Zimmer in der Mitte in zwei, je 
40 Sitzplätze aufnehmende, kleinere Flörsäle geteilt, deren einer den 
Hebammenschülerinnen als Schul- und Arbeitsraum zugewiesen, 
während der andere für Phantom- und Touchierkurs und für Demon- 
strationen eingerichtet ist. Der letztere kann durch Rolläden voll- 
ständig verdunkelt werden, um einmal mit dem hier in einer Nische 
aufgestellten großen Projektionsapparat von Zeiß mikroskopische 
Präparate einem größeren Kreise zu zeigen und andererseits für 
mikrophotographische Aufnahmen zu dienen. 

Von allgemeinen Einrichtungen sind hervorzuheben Heizung, 
Ventilation und Bodenbedeckung. 

Die Erwärmung erfolgt durch Dampf-Warmwasserheizung. 

Nur besonders schwer zu durchwärmende, große Räume haben 
direkte Dampfheizung, so die Gänge und der Kliniksaal, welch 
letzterer noch Luftheizung besitzt. 

Zur Dampfentwicklung befinden sich im Maschinenhaus drei 
Kessel, welche den Dampf für die Heizung, das Kochen und 
Waschen liefern. 

Als Ventilation ist durchweg natürliche Lüftung gewählt, nur 
im Kliniksaal sowie im Laparotomiezimmer ist künstlicher Luft- 
wechsel durch Einblasen warmer, filtrierter Luft vorgesehen. 

In den Krankensälen erfolgt die Lüftung durch einen Durchzug, 



i84 FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



der, von den Kranken nicht empfunden, dicht unter der Decke hin- 
weg erfolgt, indem die oberen Fenster nach einwärts und über 
der Türe nach dem Vorsaal Luftklappen geöffnet werden. Außerdem 
befinden sich in jedem Zimmer Ventilationskamine. 

Die Fußböden der Gänge bestehen aus Zementguß und sind zur 
Dämpfung des Schalles mit Linoleum belegt. In den Zimmern 
sind überall Eichenriemen in Asphalt gelegt, wodurch außer der 
Schallabschwächung völlige Dichtigkeit gegen Wasser und Feuer 
erreicht ist. 

Die Wände sind in den Vorsälen und Zimmern mit grauer Öl- 
farbe gestrichen, im Kliniksaal mit gelber Emailfarbe. 

Jedes Zimmer enthält ein mit Ablauf versehenes Waschbecken, 
in welches warmes und kaltes Wasser zufließt. Für die Operations- 
räume wurden besondere Waschbecken angegeben, die so groß sind, 
daß sie den Vorderarm zu baden gestatten. 

Noch ist ein 500 kg tragender, hydraulischer Personenaufzug zu 
erwähnen, in welchem ein Bett bequem Platz findet, so daß jede 
Kranke im Bett von jedem Zimmer des Hauses in jedes andere 
verbracht werden kann. Zwei hydraulische Speisenaufzüge, deren 
Lauf in die einzelnen Stockwerke durch eine sehr sinnreiche Ein- 
richtung von der Küche aus geleitet wird, befördern das Essen in 
die verschiedenen Abteilungen. 

Die Küche ist mit den bewährten Dampf- und Dampfwarm- 
wasserbädern der Firma Rietschel & Henneberg und mit Gasbrat- 
apparaten eingerichtet, wie auch das Waschen, Mangeln und Trocknen 
der Wäsche mit Dampf betrieben wird. 

Während in dem Operationsraume alles eingerichtet ist, um die 
Bakterien zu töten und unschädlich zu machen, haben wir in dem- 
selben Hause ein Zimmer, um diejenigen Feinde groß zu ziehen, 
welche wir in dem ersteren Räume vertilgen wollen. Es mag 
diese Einrichtung den Laien voller Widerspruch erscheinen; doch 
seitdem die Bakteriologie uns so viele Fortschritte gebracht hat, 
ist ein solcher Arbeitsraum in jeder Klinik unentbehrlich geworden. 
Im bakteriologischen Laboratorium werden die Feinde ausgekund- 
schaftet, die im Operationsraum geschlagen werden sollen. Alle bak- 
teriologischen Arbeiten sollen die Sicherheit des Erfolges bei den 



ZZUIZ FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 185 

Operationen erhöhen; sie sind die Rüstkammer und leihen die 
Waffen im Kampfe gegen die mit einer Tarnkappe gewappneten 
Feinde. 

Schon vor der Gründung einer Anstalt hat selbstverständlich 
ein Unterricht für Geburtshilfe bestanden, hatte doch schon Gehler, 
welcher den Anstoß zur Stiftung eines eigenen Institutes gab, als 
Professor der Chirurgie sich jenem Fache, welches damals noch 
zur Chirurgie gehörte, besonders zugewandt. Aber in Ermangelung 
einer Anstalt wurden die Studierenden zunächst nur theoretisch 
unterrichtet und dann einzeln von dem Lehrer zu Geburten in das 
Privathaus mitgenommen. Erst die Gründung einer eigenen Klinik 
schuf die Möglichkeit eines methodischen, theoretischen und prak- 
tischen Unterrichts. 

Als Lehranstalt für Ärzte und Hebammen gestiftet, wurde das 
Triersche Institut, weil der Unterricht einem praktisch-medizinischen 
Fache gilt, ein Landes-Krankenhaus, da die Aufnahmen nicht auf 
die Einwohner dieser Stadt beschränkt werden konnten. Die Fächer, 
auf welche sich der Unterricht erstreckt, sind Geburtshilfe und 
Frauenkrankheiten, die den besonderen Verhältnissen angepaßt werden 
müssen. Wenn sich die Krankheiten gynäkologischer Patienten, 
wie diejenigen anderer Fächer, in ausgewählten Lehrstunden be- 
sprechen und behandeln lassen, muß der praktisch geburtshilfliche 
Unterricht da gegeben werden, wo die Gelegenheit sich bietet. 
Dies hat zur Folge, daß in den täglich angesetzten Lehrstunden, 
zur Sommerszeit von 7 — 8 und im Winter von 8 — 9 Uhr in der 
Regel mehr gynäkologische Patientinnen vorgestellt werden und 
Geburtsfälle nur besprochen werden können. Soviel als möglich 
werden auch die geburtshilflichen Operationen im Auditorium aus- 
geführt, weil jede an der Lebenden vollzogene Operation lehrreicher 
ist, als alle Erörterungen allein. Meistens jedoch wird der geburts- 
hilfliche Unterricht in den Kreißsälen erteilt und werden die Stu- 
dierenden reihenweise zu den Geburten eingeladen. 

Zur Einführung in die geburtshilfliche Praxis des Privathauses 

dient die geburtshilfliche Poliklinik, die so eingerichtet ist, daß ein 

Assistenzarzt je einen Studenten in die Stadt zu gebärenden Frauen 

mitnimmt, um demselben die Behandlung an einzelnen Fällen zu 
III. 24 



i86 FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



zeigen. Für die Erlernung der Diagnostik und Ausfiihriing der 
kleinen gynäkologischen Technizismen, wie sie in den Sprech- 
stunden des Arztes vorkommen, werden abwechselnd Studierende 
zur gynäkologischen Sprechstunde eingeladen. 

Die großen gynäkologischen Operationen können nicht vor der 
Korona der Zuhörer ausgeführt werden, weil wegen der Einzel- 
heiten die Mehrzahl der Studenten nichts sehen würde und bei dem 
Zu- und Abgehen im Amphitheater eine Gefahr für die Kranken 
entstände. Diese Operationen werden stets nach den klinischen 
Stunden in einem besonderen Operationssaal vorgenommen und 
auch hierzu Studierende reihenweise eingeladen. 

Wenn auch die Entwickelung der Anstalt nur eine allmähliche 
war, muß doch zugestanden werden, daß sie gleich mit verhältnis- 
mäßig großem Zuspruch beginnen konnte. Die Zahl der Ent- 
bindungen war im Durchschnitt des ersten Lustmm 89 und bis 
1859 106 pro Jahr. In den 6oer und 70er Jahren schwankte die 
Ziflfer zwischen 200 — 300 und überstieg zum erstenmal 1874 mit 
25 das dritte Hundert. Interessant ist das rasche Anwachsen der 
Geburtenzahl in den 80er und 90er Jahren, ein Spiegelbild der 
riesigen Zunahme der Stadt Leipzig. Während das Jahr 1886 zum 
erstenmal 600 überschritt (612), wuchsen die Ziffern von 1887 rasch 
an und erreichten 1898 die Ziffer 1507. In dieser Höhe hat sich 
der Stand ungefähr gehalten, bis zum letzten Jahr 1907, wo — 
offenbar als Folge der Teuerung — die Frequenz auf 1352 zurückging. 

Verhältnismäßig viel schneller entwickelte sich die gynäkologische 
Abteilung des Instituts, die im Jahre 1877 27 Kranke aufnahm und 
deren Durchschnitt von 1878 — 1886 176 betrug. Von 1890 — 1899 
war der Durchschnitt 641 und in den letzten Jahren 1905 : 1305, 
1906 : 1285, 1907 : 1437. 

Da die gynäkologischen Kranken vorwiegend zu Operationen 
in das Institut aufgenommen und diejenigen, welche einer medi- 
kamentösen Behandlung zugängig sind, in die gynäkologische 
Poliklinik verwiesen werden, sind die obigen Zahlen ein Zeichen 
für den unvergleichlichen Anstieg der Operationsfrequenz. 

Die operative ärztliche Tätigkeit, die gegenwärtig im Institut 
geleistet wird, ist daraus zu ermessen, daß, abgesehen von vielen 



FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 187 



Tausenden von geburtshilflichen und anderen gynäkologischen 
Operationen, wie den vaginalen Operationen, den vaginalen Total- 
exstirpationen, den Operationen gegen die Lageveränderungen der 
Gebärmutter usw. allein die Zahl der Bauchschnittoperationen seit 
dem I. April 1887 bis zum Tag dieses Berichtes (30. Juni 1908) 
3281 erreicht hat. 

Auf die wissenschaftHche Arbeit, welche im Institut geleistet 
wurde, soll hier nur andeutungsweise eingegangen werden. 

Der damaligen Zeit entsprechend war für Jörg die Ausbildung 
der Geburtshilfe in wissenschafthcher und lehrender Tätigkeit die 
alleinige Aufgabe. 

Er hat mehrere praktisch sehr wichtige Grundsätze neu aufge- 
stellt, die heute noch in voller Geltung sind. 

Unter den zahlreichen Schülern dieser Zeit haben wir den unter 
uns lebenden Professor Carl Hennig rühmend zu erwähnen. 

Mit neuen und großen Zielen setzte die wissenschaftliche und 
die Lehrtätigkeit Credes ein. Zur Pflege der Geburtshilfe kam die 
der Gynäkologie, zunächst nur mit den kleineren Operationen, 
hinzu. Erst im letzten Jahrzehnt seiner Wirksamkeit begannen die 
Bauchhöhlenoperationen in den geburtshilflichen Kliniken sich ein- 
zubürgern, aber in Leipzig zuerst nur spärlich vorzukommen, bis 
zum I. April 1887 zusammen 48. Von Crede selbst und einer 
großen Anzahl seiner Assistenten wurde für die Wissenschaft Aus- 
gezeichnetes geleistet. 

Unter Credes eigenen Taten ragen die Einführung der jetzt all- 
gemein gültigen Leitung der Nachgeburtsperiode und die Verhütung 
der Augenentzündung der Neugeborenen als praktisch äußerst segens- 
reich hervor. 

Unter den während seiner Zeit tätigen Assistenten haben sich 
viele im späteren Leben hervorragend bewährt, von denen wir den 
jetzigen Präsidenten des Königlich Sächsischen Landesmedizinal- 
koUegiums Buschbeck in Dresden nennen wollen und in wissen- 
schaftlichen Arbeiten haben sich manche ausgezeichnet, wie Schatz, 
Professor in Rostock, Ahlfeld, Professor in Marburg, Leopold, 
Professor und Direktor der Könighchen Frauenklinik in Dresden, 
Fehling, Professor in Straßburg, und Sänger, der als Professor in 



i88 FRAUENKLINIK (TRIERSCHES INSTITUT) 



Prag starb und dem man besonders die Verbesserung der alten 
Methode des Kaiserschnittes zu danken hat. 

Andere Zeiten, andere Ziele. Unter der jetzigen Direktion ist 
die operative Gynäkologie zur vollen Entfaltung gelangt und 
hat auch diese Tätigkeit mächtig zur Verbesserung geburtshilflicher 
Operationen beigetragen. 

Dieser Entwicklung entsprechend sind die vielen durch ein Jahr- 
zehnt konsequent weitergeführten Arbeiten zur Ausgestaltung der 
Antiseptik und manche Verbesserung der Technik gynäkologischer 
und geburtshilfhcher Operationen die natürliche Folge gewesen, 
aber ebenso methodisch ist mit neuen Hilfsmitteln über die Ursachen 
des Wochenbettfiebers und der Eklampsie weiter gearbeitet worden. 

Während der Amtszeit des jetzigen Direktors begannen ihre 
spezialistische Laufbahn am Trierschen Institut: Döderlein, Professor 
in xMünchen, Menge, Professor in Heidelberg, Krönig, Professor in 
Freiburg i. B., Füth, Professor an der Akademie für praktische Me- 
dizin in Köln, Zangemeister, Professor in Königsberg, und Glockner, 
der als Privatdozent in Leipzig starb. Dreiunddreißig Assistenten 
seit Oktober 1856 und 144 Volontärärzte, mit dem offiziellen Titel 
„interne Hilfsärzte" haben seit 27 Jahren an diesem Institut ihre 
spezialistische Ausbildung erlangt. Tausende von Ärzten und Heb- 
ammen hier ihren Unterricht empfangen.') 

i) Als Assistenzärzte waren seit dem Oktober 1856 in fortlaufender Reihe am 
Trierschen Institute angestellt: Dr. Dr. Germann, Beck, Haake, Hennig, Wendt, Schurig, 
Barth, Buschbeck, Hahn, Kormann, Grenser, Baumfelder, Schatz, Ahlfeld, Dumas, Molden- 
hauer, Fehling, Schellenberg, Horder, Langerhans, Schütz, Sänger, Hinze, Glitsch, Hart- 
degen, Sachse, Lomer, Leopold, Rolfs, Benecke, Herlyn, Donat, Weber, Obermann, 
Zenker, Mackenthum. Seit 1887: Döderlein, Huber, Günther, Hertzsch, Fuchs, Abel, 
Coqui, Menge, Krönig, Langerhans, Albers-Schönberg. Dollinger, Dietel, Hintze, Matthiesen, 
Backhaus, Glockner, Füth, Bretschneider, Scanzoni von Lichtenfels, Zangemeister, Rauscher, 
Cichorius, Büttner und gegenwärtig sind tätig: Lichtenstein, Aulhorn, Weichsel, Schweitzer. 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK. 

DIREKTOR: PAUL FLECHSIG. 



Nach dem Ableben Christoph Friedrich Heinroths im Jahre 
1843, wurde die von demselben seit 181 2 innegehabte Professur 
für Psychiatrie (der Zeit nach die erste in deutschen Landen) zu- 
nächst nicht wieder besetzt, so daß mehrere Jahrzehnte hindurch 
ein regelmäßiger klinischer Unterricht über Geistesstörungen nicht 
stattfand. Erst im Frühjahr 1866 begannen innerhalb der medizi- 
nischen Fakultät Verhandlungen über die Errichtung einer aus- 
schUeßlich dem psychiatrischen Unterricht dienenden Anstalt, und 
zwar dürfte hierbei den spärlichen Berichten in den Fakultäts-Akten 
zutolge die Haupttriebfeder Carl Wunderlich gewesen sein, welcher 
in der medizinischen Klinik gelegentlich auch über Geisteskrank- 
heiten vortrug und für dieselben allenthalben ein reges Interesse be- 
kundete. Durch den alsbald ausbrechenden preußisch-österreichischen 
Krieg, der die sächsischen Staatsfinanzen schwer belastete, wurde 
der ursprüngliche Plan, eine große Landes-Irrenanstalt in unmittel- 
barer Nähe Leipzigs zu errichten, zunichte gemacht. Doch trat 
Wunderlich bereits 1868 mit neuen Vorschlägen hervor, diesmal 
unter ausdrückhchem Hinweis auf die veränderten Ansichten über 
die zweckmäßigste Gestaltung klinischer Anstalten für den psychia- 
trischen Unterricht, welche der Wunderlich eng befreundete W. 
Griesinger soeben aufgestellt hatte, allerdings nicht ohne dem ener- 
gischen Widerstand der meisten deutschen Irrenärzte zu begegnen. 
Innerhalb der Fakultät erhoben sich zunächst gewichtige Stimmen 
gegen die Errichtung eines lediglich dem psychiatrischen Unterricht 
gewidmeten Universitäts-Instituts, indem man insbesondere auf die 



I90 ZZ DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



Kostspieligkeit der Unterhaltung hinwies und die Befürchtung aus- 
sprach, daß hierdurch anderen akademischen Zwecken Abbruch ge- 
schehen werde. Die Majorität der Fakultät glaubte sich diesen Be- 
denken nicht anschließen zu sollen, und wurden deshalb Wunder- 
lichs Vorschläge der Staatsregierung unterbreitet. Erst am 24. Juni 
1871 (nach Abschluß des den Staatsfinanzen günstigen Frankfurter 
Friedens) regte das Königliche Kultusministerium aus eigener Ini- 
tiative die Frage von neuem an, woraufhin eine aus Wunderlich, 
Radius und E. Wagner bestehende Kommission das erste Programm 
entwarf, auf Grund dessen in den Etat für I873J74 die Summe von 
250000 Taler für die Errichtung einer „Irrenklinik" eingestellt 
wurde. Erst nach Ernennung des Unterzeichneten zum Professor 
der Psychiatrie (am i. April 1878) wurde an die spezielle Ausar- 
beitung des Projekts gegangen und am 2. Mai 1882 die Klinik 
der allgemeinen Benutzung übergeben. 

Dem Programm für die Organisation (Baulichkeiten wie Betrieb) 
wurden die von Griesinger aufgestellten Leitsätze für die Ein- 
richtung psychiatrischer Kliniken in „Stadtasylen" zugrunde ge- 
legt. In erster Linie sollte eine möglichst ausgiebige medizinische 
Behandlung angestrebt werden. Für die nicht bettlägerigen Kranken 
Einrichtungen zu ausgiebiger Beschäftigung, zu Vergnügungen und 
dergleichen zu treffen, wie die großen modernen Irrenanstalten länd- 
lichen Charakters sie zeigen, erschien von vornherein nicht als 
wesentlich. Das verfügbare Gelände reichte bei weitem nicht hin, 
um landwirtschaftliche Arbeiten ins Auge zu fassen. Zur Herstellung 
von Werkstätten fehlte es nicht nur an Raum, sondern auch an ver- 
fügbaren Mitteln, ganz abgesehen davon, daß man hiervon eine 
Ablenkung der Ärzte von ihrer natürlichen Hauptaufgabe, der 
klinischen Forschung, befürchtete. Auch bestand von vornherein 
nicht die Absicht, arbeitsfähige chronische Geisteskranke in größerer 
Zahl in der KHnik zurückzuhalten. Die Gewinnung von möglichst 
viel Platz für frisch Erkrankte, für organische Affektionen des ge- 
samten Nervensystems und dergleichen erschien weit wichtiger. 
Die Gestaltung der Khnik nach dem Muster allgemeiner Kranken- 
häuser lag hier weit näher als die Nachahmung der großen Irren- 
anstalten, und der nachfolgende Betrieb hat die Richtigkeit dieses 



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DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 191 



Gesichtspunktes voll erwiesen, da die Klinik in den seit der Er- 
öffnung verflossenen 27 Jahren in der Hauptsache allen berechtigten 
Anforderungen genügt hat. 

Bei der Ausarbeitung des Bauprogramms wurde hauptsächlich 
Gewicht gelegt: 

1. auf Schaffung mögUchst zahlreicher gesonderter Abteilungen, 
um gegenseitigen Irritationen der Kranken vorzubeugen; 

2. auf eine möglichst große Zahl von Einzelzimmern, insbe- 
sondere Einzelschlafzimmern; 

3. auf die völlige Absonderung der ansteckenden Kranken von 
den übrigen. 

Tatsächhch verfügt die Klinik über 23 vollständig voneinander 
trennbare Abteilungen von i — 16 Betten, so daß auf eine Ab- 
teilung durchschnittlich nur sieben Kranke kommen. 

Die Zahl der Krankenzimmer beziehenthch Säle beläuft sich 
auf zusammen 81, d. h. durchschnittlich ein besonderer Schlafraum 
auf zwei Kranke, eine für die Nachtruhe überaus wichtige Einrichtung. 

Die vollständige Absonderung der ansteckenden Kranken setzt 
Isoherpavillons voraus. Da die ursprüngliche Bausumme nicht hin- 
reichte, um solche von vornherein zu errichten, mußte sich die 
Klinik zunächst ohne dieselben behelfen. Doch wurde bereits im 
Anschluß an den ersten Besuch Sr. Majestät des Königs Albert 
(Februar 1882) auf Hochdessen persönlichste Initiative hin die Er- 
bauung eines Isoherpavillons in die Wege geleitet; ein zweiter 
Pavillon wurde im Jahre 1890 fertiggestellt. 

Um dieselbe Zeit wurde auch ein besonderes Gebäude für die 
Desinfektion von Bett-Utensilien, Kleidungsstücken und dergleichen 
errichtet. 

Die zum Unterricht und zu wissenschaftlichen Untersuchungen 
dienenden Räume (Auditorium und Laboratorium) erwiesen sich sehr 
bald als ungenügend; doch konnte erst im Jahre 1906 durch Er- 
bauung eines besonderen Gebäudes für den Hörsaal, das Labora- 
torium und eine Poliklinik für Geistes- und Nervenkranke Abhilfe 
geschaffen werden. 

Im Hinbhck auf diese nachträgHchen Zusätze sowie eine Anzahl 
minder umfänghcher Veränderungen (zum Beispiel Umwandlung 



192 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



des ursprünglichen „Zentralbades" in eine Kapelle, Umwandlung 
der früheren Kapelle in einen allen modernen Ansprüchen genügenden 
Operationssaal), Anbau mehrerer größerer geräumiger Säle an die 
Hauptwachsäle, ist die Darstellung, welche 1888 in der Schrift: 
„Die Irrenklinik der Universität Leipzig usw., Leipzig, Veit & Co., 
gegeben worden ist, in vielen wesenthchen Punkten nicht mehr 




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zutrcffend, so daß sich eine anderweite Beschreibung erforderlich 
macht. 

Gleichgebheben ist der Umfang des Areals, welcher sich auf 
33000 Quadratmeter belauft, von welchen ca. 4000 Quadratmeter auf 
die Gebäude und ca. 29000 Quadratmeter auf Gärten und Höfe entfallen. 

Gegenwärtig besteht die psychiatrische und Nervenklinik aus 
nachfolgenden Hauptteilen: 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



193 



I. Das Zentralgebäude mit 

a) dem Verwaltungsgebäude, Teilen des Laboratoriums, Ärzte- 
Wohnungen, dem Operationssaal und der Kapelle, und 




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b) zwei Krankenflügeln mit insgesamt 18 Abteilungen. 

2. Durch Korridore damit verbunden: 

a) das Gebäude für das Auditorium, Teile des Laborato- 



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194 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



riums, Diensträume des Direktors und Familienwohnung des In- 
spektors, 

b) das Wirtschaftsgebäude für Küche und Wäsche (ausschließ- 
lich der stärker verunreinigten Stücke). 



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3. Das Maschinenhaus mit Anbauten für die Leichenkammer 
und stärker verunreinigte Wäsche. 

4. Das Desinfektionsgebäude. 

5. und 6. Isolierpavillons für ansteckende Kranke, je einer für 



die Männer- und Frauen-Abteilung. 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK ^I 195 



Hierzu kommen sieben getrennte Garten-Abteilungen mit einer 
Gesamtfläche von zirka 2,1 Hektaren. 
I. Das Zentralgebäude zerfällt 

a) in einen Mittelbau, welcher einesteils die Krankenflügel ver- 
bindet, anderenteils nach SW vorgeschoben ist. 

Dieser vorgeschobene Teil enthält im Parterre die Portierloge, 
die Expedition, das Dienstzimmer des Inspektors, ein Wartezimmer 
und zwei Ärztewohnungen zu je zwei Zimmern und mehrere 
Garderoben für Angestellte. 

In der ersten Etage ein Speisezimmer für die Ärzte, eine Assi- 
stenzarztwohnung (zwei Zimmer) und einen Teil des Laboratoriums, 
nämlich diejenigen Räume, in welchen Untersuchungen direkt an 
Kranken vorgenommen werden: das Laboratorium für experimentelle 
Psychologie (zwei Zimmer), das Röntgenkabinett, ein Saal für Elektro- 
und Mechanotherapie, ein Zimmer für mikroskopische Projektion 
und die Bibliothek, das Kranken-Archiv (Krankengeschichten) und 
eine Sammlung mikroskopischer Präparate. 

In der zweiten Etage: Familienwohnung des zweiten Arztes 
(sieben Räume) und eine Assistenzarztwohnung (zwei Zimmer). 

b) Die Krankenflügel (der nordwestliche für die Frauen, der 
südöstliche für die Männer) sind verbunden durch ein Gebäude, 
welches im Parterre die Kapelle, in der ersten Etage den Operations- 
saal enthält. 

Jeder Krankenflügel enthält zwei große Wachabteilungen, die 
hauptsächlichste in der ersten Etage (zirka 35 Betten enthaltend), 
eine kleinere im Parterre (30 Betten). 

Die letztere ist für die unruhigen beziehentlich besonders lauten 
und weniger sauberen Kranken zweiter Klasse bestimmt; sie um- 
faßt drei getrennte Abteilungen, eine vordere für die unruhigen Ele- 
mente (zwei Säle und zwei Isolierzimmer, sowie ein Wärterzimmer), 
eine mittlere (je ein Wohn- und Schlafzimmer), eine hintere aus 
vier Isoherzimmern und einem kleinen Schlafsaal bestehende. 

Die Hauptwachabteilung der ersten Etage ist gegliedert in drei 
Abschnitte: i. für Kranke erster Klasse (ein kleinerer Saal für vier 
Betten und zwei Isolierzimmer). 2. für Ruhige zweiter Klasse (zwei 
Säle und ein Isolierzimmer) und 3. für Unruhige erster und zweiter 



196 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



Klasse. Die letztere enthält einen großen hohen Saal und drei 
Isolierzimmer. 

Zu jeder Wachabteilung gehören zwei Badezimmer, je eins mit 
Dauerbädern (Thermostaten), je zwei Spülküchen, drei Klosetts. 



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Die Wachsäle nehmen mehr als drei Viertel der Krankenflügcl 
ein, daneben (nach dem Mittelbau zu) befinden sich noch drei Ab- 
teilungen für Ruhige, je eine im Parterre, erster und zweiter Etage. 

Auf der Männerabteilung ist die ersterc für Unfallkranke be- 
stimmt, auf der Frauenabteilung für zwei (eventuell eine) besonders 
reizbare beziehentlich empfindliche Patientinnen, welche von Be- 



DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK ZZ 197 

rührung mit anderen Kranken ferngehalten werden sollen. Die Ruhigen- 
Abteilung in der i. Etage dient der ersten Klasse, die in 2. Etage 
der ersten und zweiten Klasse; auf der Frauenabteilung befindet 
sich hier die Nähstube, auf der Männerabteilung ein Raum für 
dienstfreie Wärter. Jede Abteilung hat besondere Bäder, Wasch- 
und Gerätküchen. Der Ruhigen-Abteilung im ersten Stock ist auf 
der Frauenseite ein Isoherzimmer und ein ,, Musikzimmer" mit 
Pianino, auf der Männerabteilung ein Billardzimmer angegliedert. 
Dazwischen liegt der Operationssaal mit Oberlicht, mit Instrumen- 
tarien zur Trepanation, Infusion usw., Desinfektionsapparate für Ver- 
bandstoffe usw. 

Von den beiden Isolierpavillons enthält der ursprünglich für 
beide Geschlechter eingerichtete der Männerseite in der Mitte ein 
Zimmer für die Wärter, Garderobe usw., daneben nach SO eine 
Abteilung mit einem kleinen Saal, zwei Isolierzimmern und ein 
Badezimmer, nach NW eine Abteilung bestehend aus einem kleinen 
Saal, Klosetts, Spülküche, daran anstoßend von außen direkt zu- 
gänghch einen großen Isolierraum für Infektiöse. Der Isolierpavillon 
der Frauenabteilung umfaßt in der Mitte einen Garderoberaum, da- 
neben je eine Abteilung mit zwei Isolierzimmern und einem kleinen 
Saal, Spülküche, Dauerbad, Gerätküche, Klosett. In der ersten Etage 
befindet sich ein Zimmer für die zweite Oberin. Sämtliche Isolier- 
zimmer haben Eichenholzdielung in Asphalt („Asphaltparkett"), 
zementierte Wände, elektrische Deckenbeleuchtung, Fenster aus 
starkem Glas. 

Das Maschinenhaus enthält u. a. drei Dampfkessel zur Heizung 
nach „Sulzerschem System" (Dampfluftheizung mit Pulsionsventi- 
lation, in einzelnen Räumen Dampfwasseröfen); zwei Heißwasser- 
kessel dienen zur Bereitung des warmen Wassers für die Bäder, 
die Wäsche usw. 

Im Desinfektionshaus befindet sich ein Hennebergscher Patent- 
Desinfektor zur Desinfektion ganzer Betten usw. 

Das Hörsaalgebäude enthält ein großes Auditorium mit amphi- 
theatralisch angeordneten Sitzreihen (130 Klappsitze, neben zahl- 
reichen Stehplätzen), Oberlicht mit Verdunkelungseinrichtung (durch 
Elektromotor), Projektionsapparat mit elektrischem Licht zur Projek- 



198 ZZ DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



tion ganzer Hirnschnitte wie mikroskopischer Präparate sowie Epi- 
diaskop von Zeiß. Der Hörsaal ist mit den Krankenabteilungen 
telephonisch verbunden. 

Neben dem Auditorium befinden sich zwei Wartezimmer, von 
welchen das eine mit Oberlicht versehen ist und gleichzeitig zur 
Photographie makroskopischer Objekte dient. 

Das Parterre enthält das Laboratorium für anatomische, chemische 
und bakteriologische Untersuchungen, also solche, welche zweckmäßig 
entfernt von Krankenräumen vorgenommen werden. Daneben findet 
sich ein Sammlungsraum für makroskopische Präparate, Gehirne, 
Schädel usw., sowie ein Arbeitszimmer des Direktors. 

Unter den Sitzreihen des Hörsaales sind mehrere Räume abge- 
grenzt ; einer dient als Garderobe und Wartezimmer für poliklinische 
Kranke und Studierende; daneben befindet sich ein Dunkelzimmcr zu 
Spiegeluntersuchungen (Kehlkopf-, Augenspiegel usw.) und ein ärzt- 
liches Beratungszimmer mit Apparaten zur Elektrotherapie, Heißluft- 
behandlung usw. Diese Räume sind ohne Berührung des Haupt- 
gebäudes von außen direkt zugänglich, so daß die Kranken der 
Klinik von den Besuchern der Vorlesungen, der Pofiklinik usw. in 
keiner Weise belästigt werden. 

Das Personal der Klinik zeigt folgende Zusammensetzung: Erster 
und zweiter Arzt, 3 Assistenzärzte, i Militärarzt, i Anstaltsinspektor, 
I Sekretär, i Bureauassistent, 2 Expedienten, 2 Oberpfleger, 2 Ober- 
innen, I Maschinist, 2 Heizer, i Bureaudiener, i Gärtner, i Portier, 
I Hilfsportier, 2 Laboratoriumsdiener, i Garderobier, 2 Aufseher, 

1 Aufseherin, i Wirtschafterin, i Waschvorgesetzte, i Wäscherin, 
23 Pfleger, 21 Pflegerinnen, i Köchin, i Hilfsköchin, 3 Küchen- 
mädchen, 3 Hausmädchen, 6 Waschmädchen, i Gartenarbeiter, 

2 Hilfsheizer (im Winterhalbjahr). Hierüber: i Anstaltsgeistlicher, 
I Organist (Nebenamt). Zusammen 92 Personen, d. h. durchschnitt- 
lich auf 1,7 Kranken ein Angestellter. 

Ein Teil des Wartepersonals hat nur Tages-, ein anderer nur 
Nachtdienst (auf den Wachsälen mit permanenter Überwachung), 
eine Einrichtung, welche den großen Bedarf an Wartepersonal hin- 
reichend erklären dürfte. 



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DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 199 



BETRIEB. 

Um der Klinik möglichst zahlreiche Aufnahmen für den Unter- 
richt geeigneter Kranker zu sichern, wurde von vornherein ein 
Vertrag mit der Stadt Leipzig geschlossen, worin diese sich ver- 
pflichtete, alle behördücherseits unterzubringenden Geisteskranken der 
Klinik zu überweisen, während die letztere die Verpflichtung über- 
nahm, jederzeit alle vom Rat zugeführten Kranken aufzunehmen. 
Dieser Kontrakt hat für die Klinik zwar manche Vorteile in bezug 
auf das Unterrichtsmaterial mit sich gebracht, daneben aber auch 
zahlreiche entschiedene Nachteile, insbesondere in Anbetracht der 
ungünstigen Evakuationsverhältnisse während der ersten Jahrzehnte 
des Betriebes. Bis zur Eröfi"nung der großen städtischen Anstalt 
in Dösen (1900) bot es häufig große Schwierigkeiten, ungeeignete 
Elemente rechtzeitig zu entfernen, da die Stadt früher nur über 
eine kleine Pflegeanstalt verfügte und die Landesanstalten der Klinik 
auch im Notfall nur selten Entgegenkommen zeigten. Es bestand 
deswegen schon vom dritten Betriebsjahr an meist ÜberfüUung der 
Klinik mit all ihren ungünstigen Folgen für die Behandlung und 
den Unterricht, für letzteren insofern, als es bald unmöglich wurde, 
speziell für den Unterricht geeignete Fälle bei den Aufnahmen zu 
bevorzugen. Eine günstige Wendung ist in dieser Hinsicht mit 
der Eröffnung der Kranken-Anstalt in Dösen eingetreten; doch 
bildet auch jetzt noch der Vertrag mit der Stadt Leipzig für die 
Klinik eine gewisse Gefahr. Anstalten wie die letztere dürfen 
nicht mit bindenden Verpflichtungen von so großem Umfang be- 
lastet werden, die sie leicht ihrem Hauptzweck entfremden. 

UNTERRICHT. 

Der psychiatrische Unterricht findet jetzt ausschließlich im Hör- 
saal statt in Form Idinischer Vorlesungen. Die früher übliche Zu- 
teilung einzelner Kranker an Studierende behufs genauerer Unter- 
suchung und Beobachtung hat zu mancherlei Unzuträglichkeiten 
geführt, so daß man davon abgekommen ist. Zum Ersatz sollen 
Kurse klinischer Untersuchungsmethoden von den Assistenzärzten 
gelesen werden. 



200 ZZ DIE PSYCHIATRISCHE UND NERVENKLINIK 



Verwendet im Auditorium werden in der Regel nur Kranke, 
welche bereitwillig der Aufforderung folgen beziehentlich durch die 
Vorstellung nicht erregt werden. Tatsächlich wirkt die letztere 
häufig geradezu wohltätig auf das Befinden, insofern, als ängstliche 
Kranke sich vor dem Auditorium weit eher beruhigen als autregen. 
Die Frequenz der Klinik (zirka looo Verpflegte pro Jahr) ermög- 
licht die Vorstellung aller wichtigen Formen von Geistesstörungen 
während jeden Semesters. Auch sogenannte gewöhnUche Gehirn- 
krankheiten (Geschwülste, Meningitis, Erweichungsherde usw.) 
kommen in genügender Menge zur Aufnahme. 

Als Assistenzärzte waren seit der Eröflnung an der Klinik angestellt: Dr. Dr. 
E. Kräpelin, G. H. Lehmann, Guder, R. Fischer, H. Fritzsche, Reißner, Ohlendorf, 
Musiol, von Stieglitz, K. Dietz, Rasch, Platner, Vulpius, Schütz, Hüfler, Kellner, Riegel, 
Hezel, H. Teuscher, Klemm, Hübler, Mucha, Quentin, Lochte, Slörring, Teckienburg, 
O. Vogt, Busch, Laudenheimer, Lilienstein, W. Quensel, Strauer, A. Dollken, Schubert, 
Semi Meyer, Doberenz, Kölscher, A. von Bary, H. Klien, Strobel, E. von Niessl-Mayen- 
dorf, Kaulfers, Campbell, Schob, H. Römer, Gregor, Hansel, Foerster, Krüger, Zalo- 
ziecki. 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE. 

DIREKTOR: HUBERT SATTLER. 



Die Universitäts-Augenklinik, welche den offiziellen Namen 
„Heilanstalt für Augenkranke, Stiftung bei der Universität Leipzig" 
führt, ging aus einer kleinen Anstalt hervor, die aus privaten Mitteln 
eingerichtet worden ist. 

Der verdienstvolle Augenarzt, Dr. Ph. Ritterich, der seine Studien 
an der schon damals berühmten Wiener Schule unter G. J. Beer 
gemacht hatte, ließ sich 1810 nach seiner Rückkehr in seiner 
Vaterstadt Leipzig als Augenarzt nieder. Da die Zahl der bei 
ihm Hilfe suchenden, meist unbemittelten Kranken bald zunahm 
und namentlich für operative Fälle ein Unterkommen geschaffen 
werden mußte, richtete Ritterich in einer Mietswohnung des in 
einer engen Gasse gelegenen Hauses No. 223 zunächst 4 Betten 
für die Aufnahme von Augenkranken ein. Die wirtschafthche 
Leitung übernahm in uneigennütziger Weise die Frau des Arztes. 
Nach zwei Jahren machte sich die Hinzufügung von zwei weiteren 
Betten erforderlich. Da die Geldmittel den gesteigerten Anforde- 
rungen bald nicht mehr gewachsen waren, veranstaltete Ritterich 
bei Freunden und Gönnern eine Sammlung von Beiträgen, die das 
Ergebnis hatte, daß am i. Juni 1820 die Anstalt für arme Augen- 
kranke in dem genannten Hause eröffnet werden konnte mit einem 
zinsbar angelegten Stammkapital von 2000 Talern. Die Beköstigung 
der Kranken und die Entlohnung der Wärterin bestritten Herr und 
Frau Ritterich aus eigenen Mitteln. Bald stellte sich aber wieder 
die Unzulänglichkeit der Geldmittel der weiteren Entwickelung der 

Anstalt hemmend entgegen. Ritterich suchte daher weitere Kreise 
III. 26 



202 ^Z DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



dafür zu interessieren, und es gelang ihm, 1823 einen „Verein zur 
Erhaltung der Heilanstalt für arme Augenkranke in Leipzig" zu 
gründen. Die vom Verein entworfenen Statuten erlangten am 
24. Januar 1826 die landesherrhche Bestätigung und die Anstalt, 
die zuucächst nur über 6 Betten verfügte, wurde als öffentliches 
Institut erklärt. 

In den Statuten wurde ausdrücklich festgestellt, daß der Zweck 
der Anstalt ein doppelter sein solle, i. unbemittelten Augenkranken, 
Inländern wie „Ausländern" („nicht königl. sächsischen Untertanen") 
ärztliche Hilfe und Verabfolgung der nötigen Medikamente unent- 
geltlich zu gewähren, und 2. soll die Anstalt gleichzeitig dem theo- 
retischen Unterricht, sowie der praktischen Anweisung der Stu- 
dierenden in der Untersuchung und Behandlung der Augenkrank- 
heiten dienen. Dem leitenden Arzte wurde die ,, unerläßliche" Ver- 
pflichtung auferlegt, während der Dauer des Universitätsunterrichts 
wöchentlich sechsstündige klinische Vorlesungen ,,über Behand- 
lung der Augenkrankheiten" in dem Institute zu halten und wich- 
tige Erfahrungen, die in der Anstalt gesammelt würden, nach seinem 
Ermessen von Zeit zu Zeit durch den Druck bekannt zu geben 
(§ 1 3 der Statuten). Am Schlüsse eines jeden Jahres soll ein ge- 
druckter Bericht „über den Fortgang des Instituts und die zweck- 
mäßige Verwendung der ihm zu Gebote stehenden Fonds zur 
Kenntnis der allerhöchsten Landesbehörde und des Publikums ge- 
bracht werden" (§ 26). 

Besonders hervorheben möchte ich hier, daß die medizinische 
Fakultät schon vor der landesherrlichen Genehmigung der Statuten 
den ausdrücklichen Wunsch ausgesprochen hat, „diiß der Zutritt in 
die Heil- und Lehranstalt einem jeden Studierenden, der das Chni- 
cum besucht, für alle künftigen Zeiten ungehindert und unentgelt- 
lich offen stehe". Der Chirurg Günther hatte zugunsten der 
Augenheilanstalt seine eigene ophthalmologische Tätigkeit im Jakobs- 
hospitale aufgegeben. 

Der Verein hatte aus seiner Mitte ein Direktorium zu wählen, 
dem der leitende Arzt und drei andere Mitglieder angehörten. Die 
sämtlichen Mitglieder des Vereins, auch der ärztliche Direktor, leisteten 
ihre persönlichen Dienste bei der Anstalt unentgeltlich. 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE Z^ 203 



Die Mittel zur Unterhaltung des Instituts flössen zu i. aus 
den jährlichen Beiträgen von Leipziger Bürgern und einigen Aus- 
wärtigen, 2. aus den Zinsen des in Staatspapieren angelegten Stamm- 
kapitals, 3. aus einem von der Ständeversammlung aus der 
Staatskasse von 3 zu 3 Jahren bewilligten Zuschuß von 500 Talern, 
4. aus den Verpflegungsgeldern von bemittelten Kranken, die auf 
2 Taler für die Woche oder nach Befinden auch weniger festge- 
setzt waren, und aus der teilweisen Vergütung von wenig be- 
mittelten Kranken oder von Innungen oder Gemeinden, endlich 5. 
aus Geschenken und Vermächtnissen, die der Anstalt damals in 
ziemUch reichlichem Maße zugewendet wurden. Von 1829 an 
wurden zur Anschaffung und Instandhaltung von Instrumenten vom 
Könige jährlich 50 Taler bewilligt. Übrigens hat Ritterich den 
größten Teil seiner eigenen Instrumente der Anstalt ohne jede Ver- 
gütung zur Verfügung gestellt. 

So war also durch private Initiative und aus überwiegend pri- 
vaten Mitteln ein Institut geschaffen worden, an dem ein regel- 
mäßiger khnischer Unterricht in Augenheilkunde an der Universität 
Leipzig gesichert war. Von da an war Leipzig eine der bedeut- 
samsten Stätten in Deutschland, an denen die Ophthalmologie eine 
speziahstische Pflege erfuhr. 

Um die Bedeutung dieser Einrichtung würdigen zu können, 
müssen wir uns einen kurzen Rückblick gestatten auf die Stellung 
der Augenheilkunde in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts. 

Nachdem um die Mitte des 18. Jahrhunderts die wissenschaft- 
hche Pflege der Augenheilkunde von Frankreich ihren Ausgangs- 
punkt genommen hatte, und durch die Erfindung der Starausziehung 
durch Jacques Daviel eine der glänzendsten Errungenschaften in der 
operativen Therapie gezeitigt worden war, sind es gegen Ende des 
18. Jahrhunderts Boerhaves bedeutende Schüler: Heister, Haller, 
Zacharias Platner in Leipzig und August Gottlieb Richter in Göttingen 
gewesen, die sich in Deutschland um die Förderung der Ophthal- 
mologie große Verdienste erworben haben. Namentlich letzterer 
hat durch seine gediegenen Abhandlungen, seine treffende Kritik 
der herrschenden Ansichten und durch die in seinem Lehrbuch der 
Chirurgie niedergelegte, für die damalige Zeit wahrhaft klassische 



204 ZZ: DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE ZIZ^Z. 

Bearbeitung der Augenheilkunde viel zur Verbreitung wissenschaft- 
licher Kenntnisse in der Beurteilung und Behandlung der Krank- 
heiten des Sehorgans beigetragen und durch Verbesserung der 
Davielschen Erfindung sich besondere Verdienste erworben. 

Um dieselbe Zeit, jedoch völlig unabhängig von dem Wirken 
dieses Mannes und fern vom Schauplatze seiner Tätigkeit, erwuchs 
der Ophthalmologie eine andere Pflegestätte, an der sie sich bald 
zu schönster Blüte entfalten sollte. Hier ging der Anstoß zunächst 
von oben aus. Zum Zweck der Ausbildung tüchtiger Augenärzte 
ernannte die hochherzige Kaiserin Maria Theresia den mit einer vor- 
züglichen anatomischen Bildung ausgestatteten jungen Barth zum 
Lehrer der Augenheilkunde und 3 Jahre später zum Ordinarius für 
Anatomie und Ophthalmologie an der Wiener Universität. Barth 
entwickelte nun eine enorm ausgedehnte Tätigkeit als Augenarzt teils 
in öffentlichen Heilanstalten, teils in einem von ihm eingerichteten 
Privatinstitute für Augenkranke und seit 1789 in dem neu errich- 
teten, großen allgemeinen Krankenhause, in dem ihm zwei Säle 
zur Aufnahme von Starkranken zur Verfügung standen. Weniger 
ernst nahm es Barth mit seinem Berufe als Lehrer. 

Von viel größerer Bedeutung für den wissenschaftlichen Ausbau 
der Augenheilkunde sowie für die Verbreitung augenärztlicher Kennt- 
nisse waren Barths Schüler, der ungewöhnHch reich beanlagte und 
wissenschaftlich durchgebildete Adam Schmid und der geniale, 
jedoch weniger tief angelegte Josef Beer, beide die eigentlichen Be- 
gründer der seinerzeit hochberühmten Wiener Schule. Fast alle 
bedeutenden Ophthalmologen der ersten Hälfte des verflossenen 
Jahrhunderts sind aus dieser Schule hervorgegangen: Beers Schwieger- 
sohn Friedrich v. Jaeger, K. Fr. v. Graefe, der angeschene Vater des 
noch größeren Sohnes, Benedict in Breslau, Philipp v. Walther in 
München, Chelius in Heidelberg, Flarer in Pavia, W. Mackenzie in 
Glasgow, ferner der Göttinger Professor Langenbeck, der geschätzte 
Dresdener Augenarzt Weller und unser Ritterich. 

Zwei Jahre vor der Eröffnung der Leipziger Heilanstalt für arme 
Augenkranke ist in Dresden eine Augenheilanstalt gegründet worden, 
an welcher die Augenärzte Weller und Ammon eine segensreiche 
Tätigkeit entfalteten. 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE ZZI 205 



Kehren wir nun wieder zur Geschichite der Leipziger Augen- 
heilanstalt zurück. 

Noch bevor die Statuten des Vereins bestätigt waren, stellte 
sich die Notwendigkeit heraus, die Anstalt in einem eigenen Hause 
unterzubringen. Der Verein erwarb daher im Jahre 1825 von der 
Stadt Leipzig das im Hallischen Zwinger unter Nr. 1346 des Brand- 
katasters gelegene Grundstück für den Preis von 3000 Talern. Bald 
aber wurde dieses Haus, nachdem auch die Südseite verbaut worden 
war, kalt und feucht. Es mußte also die Erwerbung eines ge- 
eigneteren, mögUchst frei gelegenen Grundstückes ins Auge gefaßt 
werden. Dank dem wohlwollenden Entgegenkommen der Stadt 
konnte im Jahre 1835 das am Eingang ins Rosental gelegene, 
unter Nr. 1379 des Br.-Kat. eingetragene Grundstück für den ver- 
hcältnismäßig niedrigen Preis von 1500 Talern erworben werden. 
Dies Grundstück war auch wegen der unmittelbaren Nachbarschaft 
des damaligen Hospitals St. Jakob für den Besuch der klinischen 
Vorlesungen über Augenheilkunde sehr günstig situiert. Es wurde 
ein den damaligen Anforderungen völlig genügendes Haus errichtet 
und der Bau so beschleunigt, daß es bereits im Sommer 1836 be- 
zogen werden konnte. Über der Eingangstür kündete die Inschrift 
,,Heilanstah für Augenkranke, durch milde Gaben gestiftet MDCCCXX, 
erbaut MDCCCXXXVI". Der Garten, der das Haus umfaßte, be- 
saß einen Flächenraum von 5670 Quadratmeter. Er enthielt drei 
schattige Lauben und einen von einer Buchenhecke überwölbten 
Gang, damit den Kranken nach Möglichkeit der Aufenthalt in freier 
Luft gewährt werden konnte. Im ersten Stockwerk waren 16 Betten 
für arme Augenkranke aufgestellt und im zweiten Stock 9 Zimmer 
für zahlende Kranke und 2 für den Unterarzt eingerichtet. Im Erd- 
geschoß befand sich der klinische Untersuchungssaal. In diesem 
Saal war eine Hausapotheke und eine Sammlung von Augen- 
instrumenten untergebracht, die zum großen Teil aus dem Privat- 
besitz von Ritterich stammte. Diese enthielt nicht nur die zum 
täglichen Gebrauch bestimmten, sondern auch die meisten älteren, 
zu augenärztlichen Zwecken erfundenen Instrumente. Sie stellte 
eine der reichsten Sammlungen dieser Art dar. 

In diesem Saale wurden auch nach Schluß der Sprechstunde 



2o6 ZZ: DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



kleinere Operationen vorgenommen. Die Staroperationen wurden 
in den Krankenzimmern selbst ausgeführt. In dem an den klinischen 
Saal anstoßenden Zimmer, das zum Privatgebrauch des leitenden 
Arztes bestimmt war, befanden sich noch einige Apparate und die 
zunächst noch kleine BibHothek. Hier wurden auch im Winter 
wegen schwerer Erheizung des großen Saales die ambulatorischen 
Kranken ärztlich besorgt und die klinischen Übungen abgehalten. 
Neben diesem Zimmer lag der Warteraum für die Kranken. Außer- 
dem enthielt das Erdgeschoß die Hausmannswohnung, Küche, 
Speisekammer und ein Badezimmer. 

Kranke, deren Anstaltsverpflegung notwendig erschien, wurden, 
wenn sie den erwachsenden Aufwand nicht vergüten konnten, un- 
entgeltlich aufgenommen. Nur hatten sie ein amtlich beglaubigtes 
oder von einer glaubwürdigen Person ausgestelltes Armutszeugnis 
beizubringen. Bemitteltere Kranke entrichteten für ein Zimmer mit 
einem Bett in der Woche i Taler lo Ngr. Bei längerem Aufent- 
halt konnte der Betrag noch etwas herabgesetzt werden. Für 
die Beköstigung hatten die Kranken selbst zu sorgen; sie konnten 
sie aber für billigsten Preis auch aus der Anstalt bekommen. Die 
Leitung und Autsicht über die wirtschaftlichen Angelegenheiten lag 
in den Händen der edelgesinnten Gattin des ärztlichen Leiters, der 
Frau Friederike Ritterich. 

Die Zahl der in der Anstalt behandelten Kranken nahm stetig 
zu und war nach 25 jährigem Bestehen auf 163 16 angewachsen, 
während 1280 Kranke in der Anstalt verpflegt worden sind. 

In Anerkennung der Verdienste Ritterichs um den klinischen 
Unterricht in der Augenheilkunde, den er schon 1823 begonnen 
hatte, wurde er auf Antrag der medizinischen Fakultät 1829 vom 
königlichen Ministerium zum außerordentlichen Professor ernannt 
mit einem Gehalte von 300 Talern. Die klinischen Vorlesungen 
und Übungen wurden unentgeltlich gehalten. Ja es bestand sogar 
ein Stipendium für solche, die sich der Augenheilkunde mit be- 
sonderem Eifer befleißigten. Das Stipendium wurde am Schlüsse 
jedes Semesters an die würdigsten Schüler vom Leiter der Anstalt 
verliehen. 

Trotzdem hatte Ritterich Ursache zu klagen, daß die Gelegen- 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 207 



heit, Augenkrankheiten zu sehen und in ihrem Verlaufe zu beob- 
achten von den Studierenden weit weniger ausgenützt wurde, als 
man wohl hätte erwarten können, obwohl sich damals eine gleich 
günstige Gelegenheit nur an wenig Anstalten dieser Art bot. Ritterich 
sah die Ursache davon einerseits in der Überlastung der Studenten 
mit anderen khnischen Vorlesungen und Übungen, andererseits und 
hauptsächlich darin, daß die Professur der Augenheilkunde nicht, 
wie an den österreichischen Universitäten, mit Sitz und Stimme in 
der Fakultät und beim Examen vertreten war. Er erzählt, daß 
mancher praktische Arzt ihm offen gestanden habe, daß er es später 
schwer bereute, die ihm in Leipzig gebotene Gelegenheit, Augen- 
krankheiten zu sehen, nicht besser benutzt zu haben. 

Ritterich ist nicht müde geworden, bei der medizinischen Fakultät 
und bei der königl. Staatsregierung dahin zu wirken, daß die Oph- 
thalmologie als ein den übrigen Hauptfächern der Medizin gleich- 
gestelltes Lehrfach anerkannt und dem künftigen Leiter der Anstalt 
Sitz und Stimme in der Fakultät verliehen werde. Er selbst sollte 
allerdings die Früchte seiner Bemühungen nicht mehr ernten. Im 
Jahre 1852 sah sich der hochverdiente und wegen seines menschen- 
freundlichen Wirkens allseitig verehrte Professor Ritterich aus Rück- 
sicht auf seine schwankende Gesundheit gezwungen, von der ärzt- 
lichen Leitung zurückzutreten. Als Mitglied des Direktoriums blieb 
er jedoch mit der Anstalt noch weiter in Verbindung und seine 
Gattin behielt auch fernerhin die wirtschaftliche Leitung. 

Als glänzender Beweis gemeinsinniger Fürsorge haben Hofrat 
Ritterich und seine Frau bei Gelegenheit des 40. Jahrestages des 
Bestehens der Anstalt dem Verein eine Urkunde übergeben, in 
welcher sie testamentarisch der Anstalt ein Kapital von loooo Talern 
anwiesen zur Begründung einer Stiftung, die den Namen Friederiken- 
stiftung führt. Die Zinsen sollen unvermögenden Augenkranken 
oder gänzhch ErbHndeten zugute kommen. 

Nach seinem Rücktritt von der Leitung der Anstalt erlitt Ritterich 
noch das harte Schicksal, infolge einer blennorrhöischen Infektion 
einen Teil seiner Sehkraft einzubüßen, er, der so vielen das Augen- 
licht erhalten und wiedergegeben hatte. Am 12. Februar 1866 starb 
er, 84 Jahre alt, allseitig auf das tiefste betrauert. 



2o8 Z^ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



Wie ernst es die medizinische Fakultät nahm, die Pflege des 
ophthahnologischen Unterrichts auf das beste zu fördern, zeigte sie 
dadurch, daß sie schon 1849 mit einem der tüchtigsten unter den 
jüngeren Augenärzten, dem viel versprechenden Ferdinand Arlt in 
Prag, wegen Übernahme der Professur für Augenheilkunde in Unter- 
handlungen trat. Diese zerschlugen sich allerdings durch dessen 
Berufung als Ordinarius an die Prager Universität. 

Nach Ritterichs Abgang wurde C. G. Th. Ruete aus Göttingen, 
ein Schüler Himlys, als ordentlicher Professor der Augenheilkunde 
dem königl. Ministerium vorgeschlagen und 1853 in dieser Eigen- 
schaft nach Leipzig berufen. Gleichzeitig wurde er zum Leiter der 
Heilanstalt für arme Augenkranke bestellt. Mit der Ernennung des 
Vertreters der Ophthalmologie zum Mitglied der medizinischen 
Fakultät hat sich die königl. Staatsregierung ein großes Verdienst 
um diesen edlen Zweig der medizinischen Wissenschaft erworben. 
Denn Leipzig war nun die erste und einzige Universität in Nord- 
deutschland, in der der Ophthalmologie eine der Bedeutung des 
Faches würdige, selbständige Stellung in der medizinischen Fakultät 
gesichert war. Es wurde ein zweisemestriger Kursus für das Studium 
der Augenheilkunde eingeführt, und zum erstenmal in Deutschland 
dieses Fach als offizieller Prüfungsgegenstand proklamiert. 

Ruete war bereits ein bedeutender Ruf als Augenarzt und Ge- 
lehrter vorangegangen. In seinem schon 8 Jahre vorher erschienenen, 
von einem streng wissenschaftlichen Geiste getragenen Lehrbuch 
der Ophthalmologie zeigte sich das Bestreben, die Augenheilkunde 
auf einem physiologischen Fundamente aufzubauen. Ruete war ein 
anregender, unermüdlicher Lehrer. Die etwas veralteten Anschau- 
ungen der Himlyschen Schule in bezug auf Nosologie und Therapie 
der Augenkrankheiten hat er allmählich abgestreift und sich mit 
Begeisterung die neuen Errungenschaften zunutze gemacht, die 
während der Zeit seiner Tätigkeit an der Leipziger Augenheilanstalt 
den Anstoß gaben zu dem beispiellos raschen Aufblühen der Oph- 
thalmologie. Hatte doch gerade 2 Jahre vor seiner Berufung nach 
Leipzig die Erfindung des Augenspiegels durch Helmholtz der 
Augenheilkunde und damit auch der medizinischen Wissenschaft 
ungeahnte Perspektiven eröffnet. 



Z^ZIZ: DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE HZ 209 

Nach dem unerwarteten Tode Ruetes, 1867, wurde E. A. Coccius, 
einer der angesehensten Schüler Ritterichs zum Professor der Augen- 
heilkunde und Leiter der Anstalt berufen. Auch Coccius' wichtigste 
Arbeiten erstreckten sich auf das Gebiet der physiologischen Optik 
und auf die Nutzbarmachung von Helmholtz' glanzvoller Erfindung 
für die Erkennung der Veränderungen des Augenhintergrundes. 

Am I.Juni des ereignisreichen Jahres 1870 wurde das jojährige 
Bestehen der Anstalt feierlich begangen, und eine von Coccius 
verfaßte „Erinnerungsschrift" läßt uns einen Einblick tun in die 
praktische und wissenschattliche Tätigkeit an der Heilanstalt in den 
letzten zwei Jahren dieser Periode. 

In den 50 Jahren ihres Bestehens sind 74254 Augenkranke in 
der Anstalt behandelt und 5743 Kranke verpflegt worden. In den 
beiden letzten Jahren, 1868 und 1869, kamen 7898 Patienten zur 
Behandlung. 

Die gesteigerten Ansprüche, die an die Leistungsfähigkeit der 
Anstalt gestellt wurden, veranlaßten den Verein, sich mit dem Ge- 
danken einer weiteren Vergrößerung vertraut zu machen. Da in- 
zwischen das Krankenhaus St. Jakob und die anderen medizinischen 
Institute in die Liebigstraße verlegt worden waren, und die Stu- 
dierenden bei der weiten Entfernung der Augenheilanstalt viel Zeit 
verlieren mußten oder deren Besuch gröblich vernachlässigten, ent- 
schloß sich der Verein zur Erwerbung eines neuen Grundstücks 
in der Liebigstraße. Der Ankauf des Grundstücks, der Neubau 
und dessen innere Ausstattung erforderten aber so bedeutende Mittel, 
daß es dem Verein unmöglich gewesen wäre, ohne staatlichen Zu- 
schuß den Betrieb der Anstalt nach dem Sinne der Statuten in dem 
nun erweiterten Umfange fortzuführen. Es war daher mit Dank zu 
begrüßen, daß das Ministerium des Kultus und öffentfichen Unter- 
richts mit Genehmigung der Stände eine Bauunterstützung von 
30000 M. zusagte. 1881 wurde der Neubau unter der Leitung des 
Baurats Müller in Angriff genommen. Am 19. April 1883 konnte 
die Übersiedlung der Anstalt in das neue Heim erfolgen. Das 
frühere Grundstück in der Rosentalgasse wurde für 193794 M. 

70 Pf. an die Stadt verkauft, und im August 1907 ist das alte Haus 
III. 27 



2IO Z:Z DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



abgebrochen worden. Die Gesamtkosten des Neubaues einschließ- 
lich des Bauplatzes beliefen sich auf 367649 M. 18 Pf. 

Die Straßenfront ist nach Norden gelegen und hat eine Länge 
von 69 m. Vor ihr zieht sich ein 10 m breiter Vorgarten hin. 
Gegenüber, jenseits der Liebigstraße, befindet sich ein freier Platz 
mit öffentlichen Anlagen. Hinter dem Anstaltsgebäude liegt ein 
größerer Garten, der ca. 93 m lang und 25 m tief ist. 

Die Krankenzimmer sind nach Norden gelegen. Im ersten Ober- 
geschoß befinden sich die Räume für die unbemittelten Kranken 
(III. Klasse), die Männerstation im westlichen und die Frauenstation 
im östlichen Flügel. Jede der beiden Stationen besteht aus einem 
großen Schlafsaal (9,57:6,70 m), einem kleineren für die frisch 
Operierten (5,9 : 6,7 m), einem Tagesraum (5,40:5,86 m) und drei 
einfenstrigen Zimmern (5,40:2,90 — 3,03 m). Je eines von diesen 
dient als Wohnzimmer für die Krankenschwester. Für die Männer- 
station waren 25, für die Frauenstation 20 Betten vorgesehen. 

Im Mitteltrakt des ersten Obergeschosses befindet sich ein drei- 
fenstriger Raum, der schönste in der ganzen Anstalt (6,06 : 8,12 m), 
der als Konferenzzimmer diente, in dem die VereinsmitgHeder ihre 
Sitzungen abhielten. Daran schließen sich je zwei einfenstrige 
Zimmer, die Wohnräume der Assistenten. 

Als zweites Stockwerk ist nur der Mitteltrakt ausgebaut. Hier be- 
finden sich sieben einfenstrige Zimmer (6,06:2,85 — 3,02 m), die 
für zahlende Kranke (II. und I. Klasse) reserviert sind. Eines von 
diesen soll als Tagesraum dienen, die übrigen sind mit einem, 
wenn nötig auch zwei Betten besetzt. Je zwei kleine Privatzimmer 
waren noch im ersten Obergeschoß nach Süden, rechts und links 
von der Treppe untergebracht. 

Für die volle Verpflegung wurden in der I. Klasse 5 M., in der 
II. 3 M. und in der III. 1,50 oder nach Übereinkunft auch weniger 
für den Tag berechnet. In dringlichen Fällen konnten ganz mittel- 
lose Kranke, für die auch von Gemeinden oder Kassen keine Ver- 
gütung der Verpflegungskosten zu erlangen war, auf Freistellen auf- 
genommen werden. 

Zur Pflege der Kranken wurden drei Schwestern vom Dresdener 
Diakonissenhaus zur Verfügung gestellt. 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



211 



Im Erdgeschoß liegt in der Mitte der Südseite ein nach dem 
Garten etwas vorspringender, großer Saal mit drei Fenstern und 



^ 




Oberlicht, 7,5 m breit und in seiner längsten Ausdehnung 8,5 m 
tief. Hier wurden die poliklinischen Kranken untersucht und be- 



212 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



handelt und die kleineren Operationen vorgenommen. Gleichzeitig 
diente dieser Raum als Hörsaal. Zu beiden Seiten davon befindet 




sich je ein kleines Zimmer (4:5,7 m). Davon diente das westlich 
gelegene als Wartezimmer für die poliklinischen Patienten und das 
östliche war der Apotheke eingeräumt. 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



213 




214 I^ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



Die nach Norden gelegenen Räume im Westflügel des Erd- 
geschosses, für eine Kinderstation ausersehen, blieben unbenutzt, 
da die wenigen Kinder, die aufgenommen wurden, auf der Frauen- 
station untergebracht werden konnten. 

Eines dieser unbelegten Zimmer ist als Dunkelraum zu Augen- 
spiegeluntersuchungen verwendet worden. 

Im Ostflügel des Erdgeschosses lagen die Zimmer des Direktors 
und die Arbeitszimmer für die Assistenten. Westlich neben dem 
Haupteingang befindet sich das Pförtnerzimmer. 

Sämtliche Räume sind mit Luftheizung versorgt. Für das Erd- 
geschoß und erste Obergeschoß waren je zwei, für das zweite Ober- 
geschoß ein Badezimmer vorgesehen. 

Im Kellergeschoß nach der Gartenseite ist die große, sehr gut 
eingerichtete Anstaltsküche nebst Vorratsräumen und Aufwaschraum 
untergebracht. In den Westflügel des Kellergeschosses ist die 
Hausmannswohnung verlegt, und der Ostflügel beherbergt die 
Waschküche nebst Rollkammer, die Schlafräume für die Hausmädchen 
und mehrere Vorratskammern. 

Am 23. November 1890 starb plötzlich infolge eines Schlag- 
anfalles der langjährige, wegen seiner von echter Menschenliebe 
getragenen Humanität, seines liebenswürdigen Wesens und seiner 
Bescheidenheit allseitig verehrte Leiter der Anstalt, Geheimrat 
Professor Coccius im Alter von 65 Jahren. 

Bis zur Neubesetzung des Lehrstuhles für Augenheilkunde wurde 
die Leitung der Anstalt dem früheren Assistenten des Verbhchenen, 
Privatdozenten Dr. P. J. Schroeter, übertragen. 

Zu Anfang des Jahres 1891 wurde ich, beehrt durch das Ver- 
trauen der medizinischen Fakultät, dem königlichen Ministerium 
als ordentlicher Professor der Augenheilkunde an der Leipziger Uni- 
versität vorgeschlagen, und am 27. Januar d. J. wurde mein Be- 
rufungsdekret von Seiner Majestät dem König Albert unterzeichnet. 
Der Verein zur Erhaltung der Heilanstalt für arme Augenkranke 
erklärte sich wenige Tage später mit meiner Ernennung zum lei- 
tenden Arzte dieser Anstalt einverstanden. Am i. April 1891 er- 
folgte mein Amtsantritt. 

Inzwischen waren bereits von der medizinischen Fakultät und 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRx\NKE 



215 



I 




2i6 ZUZ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



der königlichen Staatsregierung Verhandlungen mit dem Verein 
eingeleitet worden wegen Übernahme der Anstalt auf die Univer- 
sität. Am 27. April 1891 beschloß der Verein zur Erhaltung der 
Heilanstalt für arme Augenkranke sich aufzulösen und die Anstalt 
in eine Stiftung umzuwandeln unter dem Namen „Heilanstalt für 
Augenkranke in Leipzig". 

Der Zweck der Stiftung soll derselbe bleiben, wie er in den 
Statuten vom Jahre 1826 festgesetzt war. Das Vermögen der 
Stiftung wird durch das dem bisherigen Verein gehörig gewesene, 
bewegliche und unbewegliche Vermögen gebildet. Die Stiftung 
tritt in alle Rechte und Verbindlichkeiten des Vereins ein. Des- 
gleichen werden ihr die mit der Anstalt verbundenen, bisher vom 
Verein verwalteten Stiftungen, insbesondere die schon obengenannte 
Friederiken-Stiftung und eine im Jahre 1886 vom Kaufmann Carl 
Voigt in Leipzig gegründete Stiftung im Betrage von 1500 M. zur 
Unterstützung von Blinden zur eigenen Verwaltung überwiesen. 

Die Vertretung, Verwaltung und Leitung der Stiftung steht dem 
Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts zu. Als Bei- 
rat fungiert ein Kuratorium, das gebildet wird aus dem ordentlichen 
Professor für Augenheilkunde als Vorsitzendem, aus zwei vom aka- 
demischen Senat aus den ordentHchen Professoren gewählten Mit- 
gliedern, aus einem vom Rate der Stadt Leipzig aus seiner Mitte 
gewählten Mitgliede und aus einem zu öffentlichen Ehrenämtern 
wählbaren Bürger der Stadt Leipzig. 

Das Kuratorium hat vorbehaltlich der Oberaufsicht des Mini- 
steriums darüber zu wachen, daß die Verwaltung der Stiftung ihrem 
Zw^ecke entsprechend geführt werde. Es hat den Entwurf zum 
Budget für die Anstalt zu beraten und Anträge dazu zu stellen, 
und außerdem alle Jahre die Rechnung über die Verwaltung der 
Stiftung und der damit verbundenen besonderen Stiftungen zu 
prüfen. Auch hat es mit Genehmigung des Ministeriums die Ver- 
pflegsätze zu bestimmen. Bei größeren baulichen Umänderungen 
wird das Ministerium sich mit dem Kuratorium vor der Ausführung 
ins Vernehmen setzen. 

Die ökonomische Verwaltung der Stiftung wird vom Universitäts- 
rentamt besorgt. 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 217 



Das Stammvermögen der Stiftung soll dieser erhalten bleiben 
und nicht zu bauhchen Erw^eiterungen oder Neubauten verwendet 
werden. Nur die Zinsergebnisse sollen als Beitrag zur Deckung 
der laufenden Betriebskosten verwendet werden. Die Einnahmen 
und Ausgaben mit dem darnach sich ergebenden Zuschußbedarf 
sind in das Staatsbudget einzustellen. 

Ärztliche Hilfe und Medikamente sollen allen in der Anstalt 
aufgenommenen armen Kranken unentgeltlich gewährt werden. 
Völlig mittellose Kranke sollen auch unentgeltlich verpflegt werden. 
Im allgemeinen ist der Verpflegungssatz für erwachsene Kranke 
III. Klasse auf i M. 50 Pf, für Kinder über sechs Jahre auf i M. 
und für Kinder unter sechs Jahren auf 50 Pf. vom Kuratorium mit 
Genehmigung des Ministeriums festgesetzt worden. Für MitgUeder 
der Ortskrankenkasse gilt der Verpflegungssatz von i M. 50 Pf., 
für deren Angehörige einer von 50 Pf. für den Tag. Für arme 
Kranke, die keiner Kasse angehören, kann der Direktor nach Maß- 
gabe des Budgets einen Nachlaß gewähren. 

Für bemittelte Kranke, die in der H. oder I. Klasse aufgenommen 
zu werden wünschen, ist ein Verpflegungssatz von 3 bzw. 5 M. 
bestimmt und vom i. April 1903 ab auf 5 bzw. 8 M. erhöht worden. 

Dem Rate der Stadt Leipzig steht das Recht zu, für sechs arme 
Augenkranke Freistellen in der Anstalt zu beanspruchen. 

Die Statuten der Stiftung wurden vom Ministerium genehmigt 
und der Termin zur Übernahme der Verwaltung durch das Mini- 
sterium des Kultus und öffentHchen Unterrichts auf den i. Mai 1891 
festgesetzt. 

Schon bei einem orientierenden Besuche der Anstalt noch vor 
der definitiven Übernahme der Direktion war es mir klar geworden, 
daß in bezug auf Verwendung und Ausstattung der Anstaltsräume 
mannigfache Veränderungen und Neueinrichtungen sich notwendig 
machten, wenn es galt, die Leipziger Universitäts-Augenklinik den 
wissenschaftlichen und humanitären Anforderungen der Zeit ent- 
sprechend auszugestalten. Das königliche Ministerium brachte 
meinen diesbezüglichen Anträgen in dankenswertester Weise volles 
Verständnis entgegen und bewilligte bis zur Zeit der nächsten Finanz- 
periode ein Dispositionsquantum von 5000 M. zur Neuanschaffung 

III. 28 



2i8 Z^ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



eines Inventars an Instrumenten und Apparaten zum Zweck des 
Unterrichts und der Krankenpflege, sowie die Mittel zur Ausstattung 
der neu einzurichtenden Räume. 

Die wichtigsten Anträge, deren Ausführung soweit als möglich 
bis zu meinem Amtsantritt bewerkstelligt werden sollte, waren 
folgende: 

1. Die Einrichtung einer Kinderstation und einer Station für 
infektiöse Augenkranke in den brachliegenden Räumen im West- 
flügel des Erdgeschosses. 

2. Die Herstellung eines Operationssaales aus dem ehemaligen 
Konferenzzimmer des Vereins im Mitteltrakt des ersten Obergeschosses. 

3. Die Einrichtung eines Dunkelzimmers neben dem klinischen 
Saale zu Augenspiegel- und Lupenuntersuchungen mit den erforder- 
lichen Gaszuleitungen und Apparaten. 

4. Die Anlage von Wasserleitungen und Waschvorrichtungen 
in verschiedenen Räumen. 

5. Die Ausstattung von Arbeitszimmern für anatomische, experi- 
mentelle, bakteriologische Untersuchungen und eines Dunkelzimmers 
für physiologisch-optische Untersuchungen, insbesondere lür die 
Prüfung des Lichtsinns und des Farbensinns durch den simultanen 
Kontrast nach den Angaben von Professor Hering. 

Wie notwendig und segensreich die Einrichtung einer besonderen 
Station für Kinder bis zu 14 Jahren war, hat sich seither tausend- 
fältig bewährt. Bei der oft unglaublichen Vernachlässigung, die 
arme Kinder von selten ihrer Ehern erfahren, teils aus Indolenz, 
teils weil sie selbst frühmorgens auf Erwerb ausgehen müssen 
und abends müde heimkommen, ist es nötig, auch minder schwere 
Erkrankungen in Anstaltspflege zu übernehmen, um prompte 
Heilung zu erzielen und schwere Folgezustände zu verhüten. Auch 
sind bei Kindern die zur Behandlung der Augen und der nicht 
sehen komphzierenden Hautausschläge erforderlichen Manipulationen 
häufig derart, daß sie vom Arzte selbst oder von einer geschulten 
Pflegerin vorgenommen werden müssen. In solchen Fällen be- 
dürfen also Kinder, die nicht täglich zur Klinik gebracht werden 
können, dringend der Aufnahme. 

Die Kinderstation besteht aus einem großen Schlafsaal mit an- 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE ZZI 219 



fangs 15, später 18 Betten und 2 Kinderwagen, einem Ideineren 
Zimmer mit 6 Betten, einem Wagen und einem Kinderkorb und aus 
einem Tagesraum. Die Dimensionen dieser Räume sind dieselben, 
wie bei den korrespondierenden im ersten Obergeschoß (s. oben). 

Ein neben der Pförtnerstube gelegenes Zimmer von 34 Quadrat- 
meter Bodenfläche, das von der Kinderstation durch eine den 
Korridor abschließende Tür getrennt ist, wurde zur Unterbringung 
der mit infektiöser Augeneiterung behafteten Neugeborenen be- 
stimmt und mit fünf Kinderkörben und zwei Kinderwagen aus- 
gestattet. 

Die dringende Notwendigkeit der Einrichtung einer eigenen 
Station für die Blennorrhoe der Neugeborenen geht aus folgenden 
Tatsachen mit einleuchtender Schärfe hervor. 

Die Blindenstatistiken aus allen zivilisierten Ländern lassen er- 
kennen, daß der Blennorrhoe der Neugeborenen ein hervorragender 
Anteil an den Erblindungen zukommt; ja meist steht sie unter 
allen Erblindungsursachen oben an. Selbst in Österreich, Ruß- 
land und Italien, wo auch die Blattern eine große Zahl von Er- 
bhndungen verursachen, kommt der Augeneiterung der Neuge- 
borenen immer noch der Vorrang zu. Sie machte unter den Er- 
blindungsursachen in Österreich 27 Proz. (als Mittel aus 9 Blinden- 
statistiken), in den skandinavischen Ländern 29 Proz., in ver- 
schiedenen deutschen Städten 18 — 28 Proz. aus. 

Das besonders Traurige an diesen Tatsachen ist, daß die 
Blennorrhoe der Neugeborenen zu den sicher vermeidbaren Er- 
blindungsursachen gehört. Seit Einführung der prophylaktischen 
Silbereinträufelungen nach Crede ist die Augeneiterung der Neu- 
geborenen aus den gut geleiteten Entbindungsanstalten so gut wie 
vollkommen verschwunden, und trotzdem hat die Häufigkeit der 
Blennorrhöe-Erkrankungen und die Zahl der durch sie verursachten 
Erblindungen in den letzten 30 Jahren nur wenig abgenommen. 
Um nur einige Beispiele anzuführen, so ist die Zahl der Blennorrhöe- 
Bhnden in Breslau von 35 Proz. auf 25 Proz., in Dresden von 33 
Proz. auf 20 Proz., in Leipzig von 31 Proz. auf 18 Proz. gesunken. 
Seit ich die Blennorrhöe-Station für Neugeborene eingerichtet habe, 
ist bis zum heutigen Tage das Zimmer noch nie unbesetzt ge- 



220 . DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



wesen. Leider werden nicht selten die Kinder in einem so weit 
vorgeschrittenen Stadium der Krankheit in die Klinik gebracht, daß 
eine oder beide Hornhäute zum Teil oder völlig eitrig einge- 
schmolzen sind und die Erhaltung oder Herstellung eines brauch- 
baren Sehvermögens ausgeschlossen erscheint. Wenn die Kinder 
rechtzehig in geeignete Behandlung kommen, so ist die Erblindung 
— ich will nicht sagen — absolut, aber doch mit einem hohen 
Grad von Sicherheit zu vermeiden. Dazu ist aber eine so pein- 
liche Pflege und Sorgfalt erforderlich, wie sie bei den ärmeren 
Klassen, bei denen diese Krankheit am häufigsten vorkommt, in 
häuslicher Pflege nur selten zu erwarten ist. 

Von den drei noch übrigen einfenstrigen Zimmern im West- 
flügel des Erdgeschosses wurde eines der Krankenschwester für die 
Kinderstation zugewiesen. Die beiden anderen wurden zu Isolier- 
zimmern für Erwachsene mit ansteckenden Augenkrankheiten, 
Trippereiterung der Augen und granulöse (sogen, ägyptische) Augen- 
entzündung, Trachom, bestimmt. Als im April 1892 für die Be- 
sorgung der infektiösen Augenkranken, die bis dahin der Pflegerin 
für die Kinderstation oblag, wegen der praktischen Unausführbar- 
keit und der Gefahren dieser vereinten Tätigkeit eine eigene Schwester 
angenommen werden mußte, und dieser eines der einfenstrigen 
Zimmer eingeräumt wurde, blieb nur ein schmales Zimmer für Er- 
wachsene mit ansteckenden Augenkrankheiten übrig. Da nun sehr 
häufig Trachomkranke beiderlei Geschlechts, namentlich Polen, die 
auf den weit umliegenden Gütern als Landarbeiter beschäftigt sind, 
in der Anstalt aufgenommen werden müssen, so wurde es nötig, 
noch einen Raum für diese bereit zu stellen. Eines der nach Süden 
gelegenen, für die Aufnahme von Kranken IL Klasse bestimmten 
Zimmerchen wurde hierzu ausersehen. Es kam vor, daß vier Trachom- 
kranke in diesem kleinen Raum mit 13,5 Quadratmeter Bodenfläche 
schlafen mußten. Bei Tage hielten sich die Kranken im Korridor oder 
im Garten auf. Sind nun gleichzeitig auch Kranke mit Augentripper 
in Anstaltsverpflegung, die wegen der ganz außerordentlichen An- 
steckungsgefahr unter allen Umständen isoliert werden müssen, so 
fehlt es vollständig an einem geeigneten Räume. Sie müssen dann 
entweder mit den Neugeborenen zusammen in den Blennorrhoe- 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE IZZ 221 



saal gelegt werden, wo diese ohnehin höchst bedauernswerten und 
von Schmerzen gequälten Kranken Tag und Nacht vom Geschrei 
der kleinen Kinder belästigt werden, oder man muß sie auf einer 
der anderen Stationen unterbringen, was, abgesehen von der An- 
steckungsgefahr, die Pflege, die bei diesen Kranken ganz besonders 
große und unausgesetzte Sorgfalt erheischt, sehr erschwert. 

Der Umstand, daß beim Neubau der Anstalt auf die Isolierung 
ansteckender Augenkranker und solcher, bei denen der Verdacht 
auf Ausbruch einer allgemeinen Infektionskrankheit, Masern, Scharlach, 
Diphtherie u. a. vorliegt, nicht Bedacht genommen war, hat sich 
seither oft in der unliebsamsten Weise geltend gemacht und bildet 
eine der schwersten Unzuträglichkeiten, mit denen der Direktor der 
Augenheilanstalt bis zum heutigen Tage zu kämpfen hat. Alle 
Bemühungen, diesen Übelständen einigermaßen Abhilfe zu schaffen, 
waren vergebens. Erst mit dem jetzt in sichere Aussicht gesteUten 
Erweiterungsbau (s. unten) werden sie eine endgültige und, wie ich 
hoffe, allen Anforderungen entsprechende Beseitigung finden. 

Die Einrichtung eines eigenen Operationssaales war eine unab- 
weishche Forderung der Antisepsis und Asepsis, die sich zur Zeit 
meines Amtsantrittes auch in der Augenheilkunde allgemein Bahn 
gebrochen hatte. Früher wurden die Operationen im Kranken- 
zimmer selbst vorgenommen, nachdem das Bett in geeigneter 
Stellung ans Fenster gerückt worden war. Das ehemalige Konferenz- 
zimmer, mit Ölfarbeanstrich und den erforderlichen Waschvor- 
richtungen versehen, bot, wenn es auch den modernen Anforde- 
rungen nicht völlig entsprach, wenigstens genügenden Raum und 
gutes Licht gegen Norden. 

Die Einrichtung des östlich an den khnischen Saal sich an- 
schließenden, bisher der Anstaltsapotheke dienenden Zimmers als 
Dunkelraum mit schwarzem Anstrich der Wände und gut schließenden 
Läden war ein zwingendes Erfordernis. Da beim Bau ein Dunkel- 
zimmer nicht vorgesehen war, so mußten die Kranken in ein ca. 
10 m entferntes Zimmer an der Nordseite des Erdgeschosses ge- 
führt werden, das provisorisch verfinstert und mit einigen Rüböl- 
lampen ausgerüstet wurde, — ein vöUig unhaltbarer Zustand, wenn 
man bedenkt, daß etwa bei mehr als zwei Drittel der die Anstalt be- 



222 ZZ: DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



suchenden Kranken eine Augenspiegel- oder Lupen -Untersuchung 
erforderhch ist. 

Für die Unterbringung der Apotheke wurde ein kleiner Raum 
an der Südseite des ^^'cstflügels ausfindig gemacht. 

Die sub 4 und 5 (S. 218) erwähnten Forderungen sind so selbst- 
verständlich, daß eine nähere Begründung sich erübrigt. 

Als in hohem Grade störend hat sich sehr bald der Mangel 
eines eigenen Hörsaales erwiesen. Da bei der großen Zahl der poli- 
khnischen Kranken ihre Abfertigung um 1 2 Uhr, wenn der klinische 
Unterricht beginnen soUte, nie ganz beendet war, so mußten sich 
die Ärzte mit den noch zu untersuchenden Kranken in einen der 
Nebenräume flüchten, während im Saale, zu dessen nun so not- 
wendiger Lüftung keine Zeit mehr übrig war, schnell die Stühle 
für die Studenten gestellt und die sonstigen Vorbereitungen für die 
Vorlesung getroffen werden mußten. Dazu kam, daß die damals 
sehr zahlreichen Medizin-Studierenden oft schon um '1412 Uhr an- 
rückten, um sich bei dem völlig unzureichenden Raum des Saales 
gute Plätze zu sichern. Dadurch wurde der Betrieb noch mehr 
gestört. Diesem großen Übelstande abzuhelfen, hat das königl. 
Ministerium in dankenswertester Weise sogleich die nötigen Schritte 
eingeleitet. Da Staatsmittel für die laufende Finanzperiode nicht 
flüssig zu machen waren, und der Verein zur Erhaltung der Augen- 
heilanstalt sich nicht bereit finden ließ, bedingungslos die erforder- 
lichen Mittel aus dem Vereinsvermögen zur Verfügung zu stellen, 
so hat das königl. Ministerium dem Verein die Zusicherung ge- 
geben, beim nächsten Landtage zu beantragen, daß die vorgestreckte 
Summe dem Kapitalvermögen der Anstalt aus der Staatskasse wieder 
ersetzt werde. Darauf ging der Verein ein, und so wurde es er- 
möglicht, schon bis zum Wintersemester 1892 einen allen da- 
maligen Anforderungen entsprechenden Hörsaal fertig zu stellen. 
Dieser wurde an den östlichen Flügel angebaut und hat eine Länge 
von 12 m und eine Tiefe von 9,96 m. Auf Oberlicht wurde ver- 
zichtet, weil es für die Anforderungen eines ophthalmologischen Hör- 
saals als unzweckmäßig sich erweist. Eine reiche Fülle von Licht 
woirde durch ein großes Fenster von Westen her zugeführt. Das 
Verhältnis der Fensterfläche zur Bodenflächc ist 18,5: 119,5, ^^^o 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE ZZI 223 



ungefähr i : 6,5. Die Tagesbeleuchtung ist daher selbst bei trübem 
Himmel eine sehr gute. Die Zeichentafel und die Wandtafeln sind an 
der dem Fenster gegenüberliegenden Wand in 9,96 m Entfernung an- 
gebracht. Das Hornhautspiegelbildchen hat bei dem in einem Ab- 
stand von ca. 8,5 m dem Fenster gegenüber postierten Patienten 
gerade die richtige Größe, wie sie zur Untersuchung der Verände- 
mngen der Hornhaut erforderhch ist. Des Abends wird der Saal 
durch elektrische Bogenlampen mit sogen, indirekter Beleuchtung 
genügend erhellt. Während im klinischen Saal nur 70 bis 80 Zu- 
hörer Platz fanden, wurden im neuen Hörsaal 150 feste, amphi- 
theatralisch angeordnete und leicht ansteigende Klappsitze ange- 
bracht. Drei radiäre Gänge zwischen diesen erleichterten nicht nur 
den Studenten den Zugang zu ihren Sitzen, sondern ermöglichten 
es auch, die zu demonstrierenden Kranken allen in kleinen Gruppen 
zugänglich zu machen. Als im Jahre 1902 ein vortrefflich funk- 
tionierender Projektionsapparat von der bewährten Firma Zeiß in 
Jena im Hörsaale aufgestellt wurde, mußten einige der vorderen 
Sitze weggenommen werden, um den Apparat an den Projektions- 
tagen in der richtigen Entfernung von 3,20 m der Projektionswand 
gegenüber postieren zu können. Diese befindet sich hinter der 
großen, wegschiebbaren, schwarzen Zeichentafel. Da inzwischen 
an allen deutschen Universitäten die Zahl der Medizin-Studierenden 
beträchtlich gesunken war, so fiel der Wegfall von zwei Sitzreihen 
nicht ins Gewicht. 

Auf eine komplizierte Verdunklungsvorrichtung, wie sie sich in 
vielen Hörsälen mit Projektionsapparat vorfindet, wurde aus Billig- 
keitsrücksichten verzichtet, und die Verdunklung einfach durch 
schwarze "V^orhänge, die von beiden Seiten des Fensters nach der 
Mitte zusammen zu ziehen sind, hergestellt. 

Der Hörsaal erhielt einen besonderen Eingang an der Ostseite 
des Gebäudes, wodurch der Vorteil erreicht wurde, daß die nur als 
Hörer die Anstalt besuchenden Studenten die den Heilzv/ecken 
dienenden Räume nicht mehr oder nur insoweit, als sie zur Teil- 
nahme an Operationen aufgefordert wurden, zu betreten hatten. 

Der lange Saal, an den der Hörsaal angebaut worden war, wurde 
durch eingezogene Wände der Länge und der Quere nach abge- 



224 ^^^ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE I^ZZZ 

teilt, so daß ein 7 m langer und 3,32 m breiter Garderobe -Raum 
für die Studierenden und ein ebenso großes Dunkelzimmer neben 
dem Hörsaal zu Demonstrationen mit der binokularen Lupe und 
mit dem Augenspiegel gewonnen wurden. Durch die Querteilung 
wurde der Korridor bis zur Ostwand des Gebäudes verlängert und 
so der Zugang von außen nach der Kleiderablage und von hier 
nach dem Hörsaal ermöglicht. 

In einen toten Winkel an der Südseite des Gebäudes wurde, 
anschließend an die abgeschrägte Nordwestecke des Hörsaals, ein 
Zimmer eingebaut von 7,3 m Länge und 4,27 m Breite. Als 
Direktorzimmer und Konferenzzimmer für die Sitzungen des 
Kuratoriums gedacht, mußte es jedoch aus Mangel an geeigneten 
Räumlichkeiten gleichzeitig vielen anderen Zwecken dienen, als 
Warteraum für die in der klinischen Vorlesung vorzustellenden 
Patienten, als Demonstrationszimmer für mikroskopische Präparate 
und Experimente, als Examenzimmer, als Bibliothek- und Lese- 
zimmer und endlich als Eßzimmer für die in der Anstalt wohnenden 
Assistenten. Dementsprechend mußte der ohnehin nicht große 
Raum durch die Aufstellung der großen Bibliothekschränke und eines 
Büfetts noch mehr beengt werden. 

Gleichzeitig mit dem Anbau des Hörsaals sind noch einige 
andere zweckmäßige bauliche Veränderungen vorgenommen worden. 

Da der klinische Saal, der nun bloß der Abfertigung der ambu- 
latorischen Kranken zu dienen hatte, für diesen Zweck unnötig 
hoch war, wurde es möglich, mit Aufgeben des überflüssigen Ober- 
lichtes und Einziehen einer Zwischendecke Raum für einen Aufbau 
zu schaffen. Dadurch wurden zwei nach Süden gelegene Zimmer 
gewonnen, die als Wohnräume für zwei Assistenten dienen sollten. 
Die auf diese Weise freiwerdenden Zimmer wurden teils als Warte- 
raum für die zu operierenden Kranken, teils als Schwesternzimmer 
verwendet, und deren nun freivverdende Wohnräume kamen der 
Unterbringung von Kranken zugute. 

Zu gleicher Zeit mit diesen Veränderungen wurde ein Speise- 
aufzug eingerichtet und die nicht mehr ausreichende Heizanlage 
er\veitert. 

Das stete Anwachsen des Ambulatoriums machte es nötig, das 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE Z^ 225 



an die Westseite des klinischen Saales anstoßende Zimmer, das 
bisher als Warteraum diente, zur Abfertigung eines Teiles der poli- 
klinischen Kranken, jener mit äußeren entzündlichen Prozessen, zu 
verwenden. Daher mußte ein neues Wartezimmer hergestellt werden. 
Durch Einziehen einer Bretterwand im westlichen Teil des Vestibüls 
neben der Treppe wurde im Jahre 1899 ein 5,83 m breiter und 
4,75 m tiefer Raum abgegrenzt, der mit Terrazzoiußboden versehen 
und ohne eigenen Heizkörper notdürftig dem Zweck entspricht. 

Im östlichen Teil des Vestibüls wurde durch Einziehen einer 
Wand ein kleiner Raum abgesondert, der zur Aufstellung des Oph- 
thalmometers von Javal und Schiötz dient, eines Apparates, der zur 
Bestimmung der Krümmungsanomahen der Hornhaut bei der 
Funktionsprüfung der Augen unentbehrlich geworden ist. 

Im Jahre 1901 wurde durch Zweiteilung eines der nach Norden 
gelegenen Arbeitszimmer im Erdgeschoß ein speziell bakteriolo- 
gischen Arbehen dienender Raum, versehen mit Digestorium, Spül- 
trog und den nötigen Apparaten, soweit sie nicht schon vorhanden 
waren, eingerichtet und ein kleineres, separates Arbeitszimmer für 
einen der älteren Assistenten gewonnen. 

Da bei der stetig wachsenden Zahl der an der Leipziger Augen- 
heilanstalt Hilfe suchenden Kranken die Sorgfalt und Genauigkeit 
der Untersuchung und Buchführung keinen Abbruch erleiden durtten 
und daneben immer eine Anzahl wissenschaftlicher Aufgaben der 
Erledigung harrte, mußte das ärztliche Hilfspersonal vermehrt werden. 
Schon 1892 wurde die Anstellung eines dritten und 1899 eines 
vierten Zivilassistenten vom königl. Ministerium bewilligt. Zwei 
Volontärärzten, die gewöhnlich zwei oder mehr Jahre an der Klinik 
tätig sind, wurde eine Remuneration von je 600 M. zugesprochen. 
Außerdem ist ein königl. sächsischer Sanitätsoffizier (Oberarzt) mit 
zweijähriger Dienstzeit als Assistent an die Klinik kommandiert. 
Zwei Assistenten haben Wohnung und volle Verpflegung im Hause. 
Außer diesen sind stets mehrere unbesoldete Volontärärzte, darunter 
häufig auch Ausländer, und in den letzten Jahren ein oder zwei 
Medizinalpraktikanten an der Khnik beschäftigt. 

Bei dem erweiterten Betrieb der Anstalt seit meiner Berufung 

reichten die drei Pflegerinnen aus dem Dresdener Diakonissenhaus 
m. 29 



220 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



(s. oben S. 210, unten) nicht mehr aus. Es wurde zunächst die An- 
nahme von zwei weiteren Schwestern bewilhgt, von denen einer die 
Oberleitung und die Besorgung der wirtschaftHchen Angelegenheiten 
übertragen war. Bald darauf mußte zur Pflege der blennorrhöe- 
kranken Kinder eine weitere Schwester angenommen werden, die 
das 1892 gegründete Leipziger Diakonissenhaus stellte. Allmählich 
wurden dann die Dresdener Schwestern durch solche aus dem Leip- 
ziger Diakonissenhaus abgelöst und 1898 wurde die letzte Dresdener 
Schwester zurückgezogen. 



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Gegenwärtig sind sieben Schwestern an der Augenheilanstalt 
tätig, eine Oberschwester, eine für die Leitung der Küche und fünf 
zur Krankenpflege. Dazu kommen noch drei Hilfs- oder Probe- 
schwestern, die im Diakonissenhause schlafen, Mittagessen und 
zweites Frühstück in der Heilanstah bekommen und alle sechs 
Wochen abgelöst werden. Für jede Schwester sind 480 M. jährlich 
an die Diakonissenanstalt zu entrichten. 

Erst seit Juni 1906 ist ein berufsmäßiger Verwahungsbeamter 
vom königl. Universitätsrentamte zur Augenheilanstalt abgeordnet, 
dem die Vereinnahmung und Verrechnung der Verpflegungsgelder, 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



227 



der Verkehr mit den Krankenkassen und Gemeinden, die Kassen- 
und Rechnungsführung über die der Anstalt zur Verfügung ge- 
steUte etatsmäßige Dispositionssumme, sowie der Stiftungen und 
anderes hierher Gehörige übertragen ist. Bis dahin hatte ein früher 
von Professor Coccius besoldeter und seit dessen Tod auf den Etat 
übernommener Arzt das Amt eines Protokollanten für Archiv- und 
Kassenwesen versehen. 

Die rasche Zunahme der Zahl der klinisch verpflegten Kranken 
seit dem Jahre 1891 erheUt am deutlichsten aus nebenstehender 



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Kurve. Sie erreichte im Jahre 1905 ihren Höhepunkt mit über 
1600 Kranken. Die Abnahme in den folgenden Jahren erklärt sich 
daraus, daß auf Anordnung des königl. Ministeriums die Aufnahme 
auf die dringendsten Fälle beschränkt wurde. Im Jahre 1907 machte 
sich trotz Festhaltens an diesem Grundsatz wieder ein Ansteigen 
bemerkbar und nach dem Ergebnis des ersten Halbjahres 1908 dürfte 
dieses Jahr eine weitere Zunahme bringen. 

Die zweite Kurve, welche die Zahl der die Poliklinik aufsuchenden, 
neu eingetragenen Augenkranken in den letzten 20 Jahren zur An- 
schauung bringt, zeigt vom Jahre 1896 an ein rasches und sehr 



228 ZIZ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



beträchtliches Ansteigen. Sie erreicht 1905 ihren Kiüminations- 
punkt mit nahezu 12000 Fällen. Das Sinken in den beiden folgen- 
den Jahren hat, abgesehen von ZufäUigkeiten, seinen Grund wesent- 
lich darin, daß auf die wiederholten Anträge des Direktors in betreff 
einer ausreichenden baulichen Erweiterung der Anstalt, bzw. eines 
Neubaues vom königl. Ministerium 1904 der Bescheid erteilt wurde, 
daß die Ausdehnung des klinischen und poliklinischen Betriebes 
über eine gewisse Grenze hinaus für die Unterrichtszwecke, denen 
die Heilanstalt zu dienen hat, nicht nötig sei und nicht im Interesse 
der Universität liege. Es wurden daher alle Kranken, die nicht 
nachweislich oder anscheinend mittellos waren, von der poli- 
klinischen Behandlung ausgeschlossen und solche, die außerhalb der 
festgesetzten Sprechstunden kamen, nur in ganz dringenden Fällen 
angenommen. Auch wurden die Medikamente nur mehr aus- 
nahmsweise unentgeltlich verabfolgt. 

Um jedoch die außerordentlich starke Inanspruchnahme der für 
die Polikhnik bestimmten Räume und Arbeitskräfte richtig abzu- 
schätzen, darf nicht übersehen werden, daß die in der Kurve zum 
Ausdruck kommenden Zahlen sich nur auf die zum ersten Male 
sich vorstellenden Kranken beziehen. Wenn derselbe Kranke nach 
Jahren wiederkommt, wird er, wenn es sich nicht um einen völlig 
neuen Krankheitszustand handelt, nicht mit einer neuen Nummer 
eingetragen. Die Zahl der zu einer längeren Behandlung regel- 
mäßig sich einstellenden oder auf längere Zeiträume zur Kon- 
trolle wiederbesteUten Kranken erreicht mindestens die Hälfte der 
neuen Fälle. 

Auch bei Festhaltung der erwähnten Einschränkungen des Be- 
triebes sind die Räumlichkeiten für die Unterbringung der aufnahme- 
bedürftigen Kranken und für die Erfordernisse der Poliklinik seit 
lange völlig unzureichend geworden und befinden sich in grellem 
Widerspruch mit den Anforderungen der Hygiene. Dazu kommen 
noch die schon oben (S. 220 und 221) erwähnten Unzuträglichkeiten, 
die sich aus dem Mangel von Räumlichkeiten für eine entsprechende 
Unterbringung von Patienten mit ansteckenden Augenkrankheiten 
und für die Isolierung von Kindern mit akuten Infektionskrankheiten 
ergeben. Auch des Fehlens eines Bibliothek- und Lesezimmers, eines 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE ^H 229 



Eßzimmers für die Assistenten, denen als Wohnräume nur je ein 
verhältnismäßig kleines Zimmer zur Verfügung steht, und eines 
eigenen Direktorzimmers ist schon oben Erwähnung getan worden 
(S. 224). 

In Berücksichtigung aller dieser Übelstände ist im Jahre 1907 
vom königl. Ministerium die Ausarbeitung von Plänen für einen 
Erweiterungs- und Umbau der Klinik auf dem Anstaltsgrundstück 
angeordnet worden. Durch den inzwischen erfolgten Ankauf des 
südHch angrenzenden Schrammschen Grundstücks ist nach Abbruch 
der dort befindlichen Scheunen und Wohngebäude die Anlage eines 
ca. 2590 Quadratmeter umfassenden Gartens als reichlicher Ersatz 
für den durch den Erweiterungsbau verloren gegangenen ermöglicht 
worden. 

Nach mehrfachen Umarbeitungen wurden die Pläne im Sommer 
1908 vom königl. Ministerium genehmigt und dem Landtage vor- 
gelegt. Dieser bewilligte dank dem warmen und verständnisvollen 
Eintreten Sr. Exzellenz des Herrn Ministers Dr. Beck die recht er- 
hebhche Bausumme. 

Die auf Seite 2 1 1 bis 2 1 5 beigegebenen 4 Grundrisse liefern ein klares 
und übersichtliches Bild des in Aussicht genommenen Erweiterungs- 
und Umbaues der Augenheilanstalt. Die Mauern des alten Baues 
sind schwarz, die der Erweiterungsbauten schraffiert gezeichnet. 

Das Sockelgeschoß enthält die Anstaltsküche mit den erforder- 
lichen Nebenräumen, die Schlafräume der Haus- und Küchen- 
mädchen, einen zweckmäßig angelegten Raum für Desinfektion*), 
die Waschküche und die Räume für den Dampftrockenapparat, 
ferner die Rolle, einen Raum für Plätten und Zusammenlegen der 
Wäsche und ein Schrankzimmer für die Aufbewahrung der irischen 
Wäsche, weiterhin eine Kammer für die schmutzige Wäsche, die durch 
einen Schacht von den Krankenstationen unmittelbar hierher gelangt, 
endlich einen Raum zur Aufbewahrung für Kleider und Schuhwerk 
der Anstaltskranken, die bei der Aufnahme die Spitalskleidung an- 
zuziehen haben. Außerdem wird im Sockelgeschoß für den Hausmann 



i) Bisher müssen alle zu desinfizierenden Objekte in das Krankenhaus St. Jakob 
geschafft werden. 



230 I^I DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 



eine eigene kleine Waschküche eingerichtet. Endlich bot der Neu- 
bau Gelegenheit, im Sockelgeschoß des neu erbauten Südflügels 
ausreichende Räume für rationelle hydropathische Prozeduren, für 
einen Röntgenapparat und für Zwecke der Mikrophotographie nebst 
Dunkelkammer einzurichten. An die südwesthche Ecke des Sockel- 
geschosses schHeßt sich ein kleiner Anbau an, der das Vivisektions- 
zimmer und die Ställe für die Versuchstiere enthäh. 

Das Erdgeschoß des Nordflügels ist hauptsächlich für Unter- 
richtszwecke, Laboratorien und die Poliklinik bestimmt. 

Der große Hörsaal ist unverändert geblieben. An diesen schheßen 
sich nördhch an ein Garderoberaum für die Studenten, ein Dunkel- 
zimmer für Lupen- und Spiegeluntersuchungen und ein Warte- 
zimmer für die zur Vorstellung bestimmten Kranken. In diesem 
Räume können auch Mikroskope und Apparate zum Zweck der 
Demonstrationen aufgestellt werden. 

Im östlichen Teil des Nordflügels sind die Laboratoriumsräume 
untergebracht, zwxi größere und zwei kleinere einfenstrige und das 
bakteriologische Laboratorium. Östlich neben dem Haupteingang 
befinden sich das Dienst- und Schlafzimmer des Pförtners und das 
Bureau des Expedienten und Kassenbeamten. 

Westlich vom Haupteingang sind drei Zimmer für den Direktor 
reserviert, ein schmales Vorzimmer, ein Sprech- und Examen- 
zimmer und ein Laboratorium. 

Der ganze übrige Teil des Nordflügels und der westHche Ver- 
bindungstrakt dienen den Zwecken der Poliklinik, bei der sich der 
Mangel ausreichender Räumlichkeiten bisher am unangenehmsten 
fühlbar gemacht hatte. Um den Betrieb zu erleichtern, war es 
nötig, die pohklinischen Kranken zu sondern, je nachdem es sich 
um Brillenbestimmungen, Augenmuskelstörungen und Augenhinter- 
grunderkrankungcn oder um Krankheiten der Augenhöhle, der 
Lider, der Bindehaut, Hornhaut und Iris handelte. Für jede der 
beiden Kategorien ist ein besonderer Untersuchungsraum und ein 
eigenes Wartezimmer vorgesehen. Für die Sehprüfungen usw. sind 
die Räume nach der Nordseite bestimmt. Der Untersuchungssaal 
bekommt sein Licht durch ein fast die ganze Nordwand ein- 



I^IZZ: DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 231 

nehmendes Fenster. An dunkeln Tagen und des Abends ist für 
ausreichende Beleuchtung der Sehproben durch elektrische Lampen 
gesorgt. Zu beiden Seiten des Untersuchungssaales befinden sich 
die erforderlichen Nebenräume für Lupen- und Spiegelunter- 
suchungen, für Skiaskopie, Ophthalmometrie, für die Untersuchungen 
mit dem Perimeter und Skotometer usw. 

An den Untersuchungs- und Abfertigungssaal für die sogenannten 
äußeren Fälle, der nach der Westseite gelegen ist, schließt sich ein 
kleiner Dunkelraum für Lupenuntersuchungen an, ferner ein kleines 
Operationszimmer für unbedeutende operative Eingriffe an den Lidern, 
für die Entfernung von Fremdkörpern an der Hornhaut usw. Aid3er- 
dem befindet sich hier der Raum für das Sideroskop, der besonders 
ruhig gelegen sein soll, damit die Magnetnadel nicht durch äußere 
Einflüsse in Schwingungen versetzt wird. Gegenüber den Warte- 
zimmern an der Nordwestecke des Ganges ist die Apotheke unter- 
gebracht mit einem nach dem Gange hin sich öffnenden Fenster 
zur Dispensierung der Arzneien an die poliklinischen Kranken. 

Der ehemalige pohklinische Saal und die kleinen Zimmer zu 
beiden Seiten von diesem sind als Unterrichtsräume für Augen- 
spiegelkurse und andere Kurse mit einer beschränkten Zahl von 
Teilnehmern eingerichtet. 

Der neuerbaute Südflügel enthält im Erdgeschoß die Kinder- 
station. An den luftigen Tagesraum mit einer Bodenfläche von 
74,375 Quadratmeter, der durch drei Südfenster reichlich Luft und 
Licht erhäh, schließt sich nach Osten eine 8,75 m lange und 2,25 m 
tiefe Veranda an, von der die Kinder unmittelbar in den Garten 
gelangen. Dann folgen drei große Schlafräume mit einer Boden- 
fläche von 63,437 Quadratmeter für je 10 Kinderbetten von ver- 
schiedener Größe. Einer von diesen Schlafsälen ist für Ope- 
rierte bestimmt. Der reichlich bemessene Raum ermöglicht es, 
von Zeit zu Zeit den einen oder anderen Saal zu evakuieren und 
gründlich zu lüften, was gerade auf der Kinderstation von be- 
sonderem Wert ist, da es trotz aller Vorsicht doch vorkommen 
kann, daß fieberhafte Infektionskrankheiten eingeschleppt werden. 
Weiter westlich reihen sich noch sechs kleinere, einfenstrige Zimmer 
von 5 m Tiefe an, ein Schwesternzimmer, die sogenannte Teeküche, 



232 Z^ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 

der Waschraum für die Kinder, ein Zimmer für genauere ärztliche 
Untersuchungen und für die Führung der Krankengeschichten und end- 
lich, am meisten nach Westen, zwei gut abgesonderte Isolierzimmer 
mit je zwei Betten. Das Badezimmer und die Aborte befinden 
sich an der Nordseite des Ganges, der sich entlang den Kranken- 
zimmern hinzieht. 

Im ersten Obergeschoß des Südflügels über der Kinderstation, 
mit gleicher Anordnung der Räume, ist die Frauenabteilung unter- 
gebracht. Außer der nach Osten gelegenen Veranda bietet noch 
eine zweite, 15,5 m lange und 2 m tiefe Veranda nach Süden Ge- 
legenheit zum Aufenthalt in freier Luft. 

Der westliche Verbindungstrakt enthält im ersten Obergeschoß, 
gänzHch abgesondert von der Frauenstation und mit eigener Treppe 
versehen, die Infektionsabteilung, ein Zimmer für trachomkranke 
Frauen, je ein einfenstriges Zimmer für blennorrhöekranke Männer 
und Frauen und ein größeres für Neugeborene mit Bindehaut- 
Blennorrhöe. Diesem Zimmer ist nach Osten zu eine geschlossene 
und vor dieser eine offene Veranda vorgelagert. 

Der ganze östliche und mittlere Teil des Nordflügels im ersten 
Obergeschoß wird von der Station für Kranke erster und zweiter 
Klasse eingenommen. Sie besteht aus einem Tagesraum, drei 
zweifenstrigen und acht einfenstrigen, größeren und kleineren Schlaf- 
zimmern. Dazu kommt noch ein Zimmer für genauere ärztliche 
Untersuchungen und für die Führung und Aufbewahrung der 
Krankenjournale, ein geräumiges Badezimmer und ein Schwestern- 
zimmer. Zwei gedeckte Veranden nach Süden gestatten den Aus- 
tritt ins Freie. 

Weiter westlich befindet sich im Nordflügel das Schlaf- und 
Arbeitszimmer für die Oberschwester. 

In der nordwesthchen Ecke liegt der große Operationssaal mit 
den erforderlichen Nebenräumen: mehreren Wartezimmern tür die 
zu operierenden Kranken, einem Narkoseraum und einem abge- 
schlossenen Raum für die Dampfsterilisation der bei den Operationen 
nötigen Utensilien. 

In der Ecke nach Nordwest bleibt dann noch ein Raum dispo- 
nibel, der, durch eine Wendeltreppe mit dem Erdgeschoß in Ver- 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE ZZI 233 



bindung, als sogenanntes physiologisches Zimmer Verwendung findet. 
Es enthält die Vorrichtungen zur Prüfung des Licht- und Farben- 
sinnes und andere Apparate zu physiologisch- klinischen Unter- 
suchungen. 

An der Südseite des Nordflügels ist über dem Kurszimmer in 
einem lichten Räume die Bibliothek der Klinik untergebracht mit 
einem ruhigen, hellen Lesezimmer. 

Schräg gegenüber dem Arbeitszimmer der Oberschwester be- 
findet sich eine geräumige Nähstube und in einer Ecke nach Süden 
zu ließ sich ein geeignet eingerichtetes, photographisches Ateher 
für Aufnahmen bei Tageslicht unterbringen. 

Das zweite Obergeschoß des neu erbauten Südflügels wird von 
der Männerabteilung in Anspruch genommen. Die Disposition der 
Räume ist dieselbe wie auf der Frauenabteilung. Da aber die 
Männerstation in der Regel einen stärkeren Belag aufweist, ist 
noch in dem westlichen Verbindungstrakt ein Schlafraum mit vier 
Betten für diese vorgesehen. Daneben liegt das Schlafzimmer für 
trachomkranke Männer, völlig abgesondert und durch eine beson- 
dere Treppe mit der Infektionsabteilung im ersten Obergeschoß in 
Verbindung. 

Im Nordflügel ist ein zweites Obergeschoß nur im mittleren 
Teile ausgebaut. Hier, wo bisher die Privatstation untergebracht 
war, sind die Wohnungen für drei Assistenten, bestehend aus Wohn- 
und Schlafzimmer, ferner das Eßzimmer für die Ärzte und ein Bade- 
zimmer eingerichtet. 

Westlich und östlich von diesen Räumen befindet sich ein 
großer Trockenboden unter dem Dache. 

Ein Personen- und Speiseaufzug ist im nördlichen, sowie im 
südlichen Flügel vorhanden. Ersterer ist so eingerichtet, daß Kranke 
im Bett mit einer Begleitperson befördert werden können. 

Außer der Verbindung, die zwischen dem nördlichen und dem 
neugebauten südlichen Flügel durch den westlichen Trakt herge- 
stellt ist, führt weiter östlich im ersten Obergeschoß ein auf Pfeilern 
ruhender Verbindungsgang brückenartig vom alten nach dem neuen 
Bau hinüber. 

Über den sechs kleineren Räumen im westlichen Teil des Süd- 

III. 30 



234 ^^ DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 

flügels, sowie über dem westlichen Verbindungstrakt ist noch ein 
Dachgeschoß mansardenartig aufgebaut, welches die Hausmanns- 
wohnung, bestehend aus vier Zimmern, Küche und Bad, ferner drei 
Schwesternzimmern und dem Eßzimmer — zugleich Andachtsraum — 
für die Schwestern enthält. 

Im östlichen Teil des Südflügels ist im Dachboden ein weiterer 
großer Trockenraum vorgesehen, von dem ein Teil dem Hausmann 
zur separaten Benützung überlassen ist. 

Bei dem großen Umfange des polikhnischen und kUnischen Be- 
triebes der Heilanstalt muß mit der Behandlung und Abfertigung 
der ambulanten Kranken schon um %<) Uhr begonnen werden. Die 
ersten poliklinischen Patienten stellen sich oft schon um 8 Uhr 
ein. Zwischen 9 und %i2 Uhr erreicht dann der polikhnische Be- 
trieb seinen Höhepunkt. Bis sämthche Kranke abgefertigt sind, ist 
es meist %2 Uhr, manchmal noch später geworden. Einzelne 
Patienten werden zu genaueren Untersuchungen noch einmal auf 
Nachmittag besteht. Auch kommen um diese Zeit bis spät abends 
noch einzelne neue Fälle, frische Verletzungen oder Kranke, die 
von auswärts herein geschickt werden. 

Die Operationen werden gewöhnlich gegen Mittag ausgeführt, 
um den Studenten, die um 12 Uhr zur klinischen Vorlesung kom- 
men, Gelegenheit zu geben, Augenoperationen zu sehen. 

Die klinische Visite wird morgens um 8 oder %<) Uhr gemacht, 
da zur Zeit der Poliklinik sämtliche Assistenzärzte benötigt werden. 
Der Nachmittag oder Abend wird zur genaueren Untersuchung der 
klinischen Fälle und zur Abfassung der Krankengeschichten benützt. 
Die Nachmittagsvisite findet zwischen 5 und 7 Uhr statt. 

Der Unterricht in allen Zweigen der Augenheilkunde wird vom 
Direktor und den an der Klinik tätigen, außerordentlichen Pro- 
fessoren und Privatdozenten erteih (gegenwärtig 2 Professores extra- 
ordin. und 2 Privatdozenten). Folgende Vorlesungen werden teils 
regelmäßig, teils nur in einzelnen Semestern gehalten: 

1. Klinischer Unterricht in der Augenheilkunde. 

2. Demonstration mikroskopischer Präparate aus dem Gebiet der 
normalen und pathologischen Anatomie des Auges mit dem Pro- 
jektionsapparat (einmal wöchentlich). 



DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 235 



3. Funktioiisprüfungen des Auges (Anomalien der Refraktion und 
Akkommodation) mit praktischen Übungen (zweimal wöchentlich). 

4. Propädeutischer Unterricht in der Augenheilkunde. 

5. Ophthalmologische Besprechungen (Publikum). 

6. Augenspiegelkurse a) für Anfänger, b) für Geübtere. 

7. Über die Motilitätsstörungen der Augen. 

8. Über die Beziehungen der Augenerkrankungen zu Allgemein- 
leiden. 

9. Ausgewählte Kapitel aus der Pathologie des Auges. 

10. Augenoperationskurs (Übungen an der Leiche und an 
Schweinsaugen). 

11. AugenärztUche Unfallspraxis. 

12. Über die Erkrankungen des Augenhintergrundes. 

13. Praktischer Kursus der mikroskopischen Untersuchungs- 
methoden des Auges. 

14. Arbeiten im Laboratorium der Augenklinik für Fortge- 
schrittenere. 

15. Repetitorium der Augenheilkunde für Studierende (in den 
Herbst- und Osterferien). 

16. Fortbildungskurs für praktische Ärzte über Augenheilkunde 
(Herbstferien). 

Aus der Leipziger Universitäts-Augenheilanstalt ist durch un- 
unterbrochene wissenschaftliche Tätigkeit des Direktors, der Assi- 
stenten und einer Anzahl in- und ausländischer Studierender und 
Ärzte, die zum Zweck ihrer weiteren Ausbildung an der Klinik tätig 
waren, eine stattliche Reihe größerer und kleinerer wissenschaftlicher 
Arbeiten hervorgegangen, die teils klinische, teils anatomische, phy- 
siologisch-optische, experimentell-pathologische, pathologisch- ana- 
tomische Gegenstände zum Inhalt hatten. Im Jahre 1900 wurde 
C. Heß, damals erster Assistent an der Leipziger Augenklinik, für 
eine Reihe hochbedeutender Arbeiten aus dem Gebiete der Lehre 
von der Akkommodation des Auges durch die Verleihung des von 
V. Welz gestifteten Graefe-Preises ausgezeichnet und im Jahre 1906 
wurde der alle drei Jahre zu verteilende Graefe-Preis Arthur Birch- 
Hirschfeld, Prof. extraord. und noch jetzt Assistent an der Klinik, 
zuerkannt für seine experimentellen und pathologisch-anatomischen 



236 ZU DIE HEILANSTALT FÜR AUGENKRANKE 

Arbeiten über die Wirkung der leuchtenden, der ultravioletten, der 
Röntgenstrahlen und des Radiums auf das Auge. 

Auch eine größere Anzahl von Inaugural-Dissertationen aus dem 
Gebiete der Augenheilkunde sind aus der Leipziger Augenheilanstalt 
hervorgegangen. 

Als Assistenten waren seit der Zeit, da der gegenwärtige Direktor die Leitung 
übernahm, an der Anstalt tätig; C. Diederichs, 1891 — 1894; Herzum, iSgi — 1894; 
Carl Heß, Prof. extraord. seit Dezember 1895, jetzt Prof. ord. in Würzburg, 1891 — 1896; 
A. Siems (Militärarzt), 1890 — 1891; Haugg (Militärarzt), 1891 — 1894; Thieme, Vol.; 
Boerma, Vol.; Schmiedt, Vol.; Roth, Vol.; Hesse, Vol.; F. Neumann, 1894 — 1895; 
W. Mertens, 1894 — 1896; F. Otto (Militärarzt), 1894 — 1896; E. Krückmann, Prof. 
extraord. seit 22. März 1901, jetzt Prof. ord. in Königsberg in Pr., 1895 — 1907; 
A. Bielschowsky, Prof. extraord. seit 23. März 1906, 1895; Wälzholz, Vol.; Rosenthal, 
Vol.; Höltring, Vol.; W. Schmidt, 1890 — 1897; Stock (Militärarzt), 1896 — 1897; Evers, 
Vol.; Huwald, Vol.; Kesting, Vol.; Frl. Seiina Bloom, Vol.; W. Hausmann, 1897 — 1900; 
G. V. Bünau (Militärarzt), 1897 — 1899; W. Peters, Vol.; K. Gebb, Vol.; L. Borthen, 
Vol.; A. Birch-Hirschfeld, Prof. extraord. seit 23. März 1906, 1898; Hendel, Vol.; 
W. Voigt (Militärarzt), 1899 — 1901; Harry von Schlepegreli, 1899 — 1901; W. Bierbach, 
Vol.; G. Schürenberg, Vol.; K. Emanuel, 1900 — 1903; R. Pape, 1900 — 1901; Ferd. 
Müller, Vol.; M. Vetter (Militärarzt), 1901 — 1903; Th. Prinke, Vol.; Hermann Klages, 
Vol.; A. Thye, Vol.; K. Hauschild, Vol.; Oskar Kraft, Vol.; M. Wolfrum, Privatdozent 
seit 26. Oktober 1907, 1903; R. Seefelder, Stabsarzt und Privatdozent seit 7. März 1908, 
ig03 — 1905; A. Ludwig, 1903 — 1905; A. Deutschmann, Vol.; Frl. A. Dahlström, Vol.; 
J. Snowball, Vol.; Nobuo Inouye, Vol.; Kiribuchi, Vol.; Shiba, Vol.; O. Höpner (Militär- 
arzt), 1905 — 1907; Fr. Leskien, 1905 — 1908; O. Brenske, Vol.; H. Wolf, Vol.; M. Zade, 
igo6 — 1908; O. Lißner (Militärarzt), 1907 — 1909; H. Schlüter, 1907; K. Engelbrecht, 
1907; Tatsuji Inouye, Vol.; G. Hennig, Vol.; F. Stimmel, Vol.; R. Cords, Vol.; W. Meyer 
(Militärazt), 1909. 



KLINIK UND POLIKLINIK FÜR SYPHILIS 
UND HAUTKRANKHEITEN. 

DIREKTOR: JOHANN HEINRICH RILLE. 



GESCHICHTE. 

Die Universitätsklinik für Syphilis und Hautkrankheiten zahlt zu 
den jüngsten dermatologischen Kliniken des Deutschen Reiches und 
ist unter den klinischen Instituten der hiesigen Universität neben 
der Ohren- und Halsklinik überhaupt die jüngste. 

Schon am 6. Februar 1867 hatte der Privatdozent der Medizin, 
Polizeiarzt Dr. Julius Kühn, beim Kultusministerium die Eröffnung 
einer speziellen Klinik für Syphilis beantragt und sich zur Leitung 
derselben angeboten. Die medizinische Fakultät bejahte zwar die 
Bedürfnisfrage, erklärte aber gleichzeitig, daß bei den dermaHgen 
räumlichen Verhältnissen des städtischen Krankenhauses an die Er- 
richtung einer neuen Klinik nicht zu denken wäre. 

Eine zweite Anregung erfolgte im August 1872 durch den viel- 
gereisten und als Frauenarzt sehr verdienten ao. Professor Dr. Heinrich 
Friedrich Germann, welcher in einer Eingabe an das Ministerium 
Maßregeln zur Bekämpfung der venerischen Krankheiten und die 
Begründung eigener Lehrstühle für Syphilis an allen Universitäten 
forderte. Das Professorenkollegium entgegnete auf die, wie es 
heißt, an Übertreibungen reichen Auslassungen Germanns, daß 
von Seiten aller Kliniker, insbesondere seitens des Chirurgen hin- 
reichend für den syphilidologischen Unterricht vorgesorgt sei. 

Ob das Fehlschlagen dieser beiden Anläufe, wodurch die Grün- 
dung der Speziallehrkanzel um 25 bis 30 Jahre hinausgeschoben 



238 Z: KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN 



wurde, zu bedauern ist, läßt sich schwer beantworten. Eine bloße 
Syphilisklinik hätte für Unterricht wie Forschung nicht ausgereicht 
und bei der Untrennbarkeit der beiden Spezialdisziplinen über kurz 
oder lang die Angliederung der engeren Dermatologie nötig ge- 
macht. Ob damals eine passende Lehrkraft hätte gewonnen werden 
können, bleibt ebenfalls eine offene Frage. 

Dem Zeitgeiste folgend und vorwiegend um die chirurgische 
Klinik von den Venerischkranken zu entlasten, beschloß im Sommer 
1895 die Fakultät mit Genehmigung des Ministeriums endgültig die 
Einrichtung einer dermatologischen Klinik und etatmäßigen Professur. 

Die geeignete Kraft hierfür wurde in der Person des Primar- 
arztes am Wiedener Krankenhause zu Wien, Privatdozent Dr. Gustav 
Riehl, gefunden, welcher ab i. April 1896 zum ao. Professor er- 
nannt wurde und am 2. iMai desselben Jahres die Krankenhaus- 
abteilung übernahm. Die Installierung der Krankenstationen, die 
Neuschaffung der klinischen Arbeitsräume und überhaupt die Orga- 
nisation des dermatologischen Unterrichts an der hiesigen Universität 
wird stets als das unvergängliche Verdienst Prof. Riehls anerkannt 
werden müssen. Nachdem Riehl inzwischen zum ordentlichen 
Honorarprofessor betördert worden, folgte er im Sommer 1902 als 
Nachfolger Kaposis einem Rufe nach Wien an die berühmteste der- 
matologische Lehrstätte deutscher Zunge. 

Seine Nachfolge übernahm zu Michaelis 1902 der damalige Vor- 
stand der dermatologischen Universitätsklinik zu Innsbruck, Professor 
Dr. Job. Heinr. Rille, welcher noch gegenwärtig als Direktor der 
hiesigen Klinik fungiert. Letzterer wurde Februar 1904 zum ordent- 
lichen Honorarprofessor ernannt. 

BESCHREIBUNG DER KLINIK. 

Aus Rücksicht auf die Staatskasse mußte von einem klinischen 
Neubau abgesehen und durch Adaptierung der bisherigen chirur- 
gischen Klinik für das dermatologische Institut ein neues Heim ge- 
schaffen werden. Wenngleich sich aus den alten Räumlichkeiten 
keine allen modernen Anforderungen genügende Klinik schaffen 
ließ, so verfügt sie doch über das Beste, was ein von wahrhaft 



KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN ZI 239 



klinischem Geiste erfüllter akademischer Lehrer sich am dringendsten 
wünschen muß, über eine sehr respektable Belegziffer. Die Betten 
stehen allerdings sehr gedrängt, es fehlt auch an genügenden Bade- 
einrichtungen und Untersuchungszimmern, sowie an Tagräumen 
für die Kranken, was alles bei den beschränkten Raumverhältnissen 
sich nicht hatte gewinnen lassen; doch steht zu hoffen, daß in nicht 
ferner Zeit genügend Platz in der nächsten Nachbarschaft der Klinik 
verfügbar werden wird. Ein Vorzug gegenüber manchen anderen 
dermatologischen Spitalsabteilungen ist die strenge räumliche Sonde- 
rung der in verschiedenen Stockwerken untergebrachten Hautkranken 
einerseits und Geschlechtskranken andererseits. Ebenso ist die Ab- 
schließung der geschlechtskranken Frauen und Männer eine voll- 
ständige, ferner wird möglichst darauf geachtet, daß die Blennorrhöe- 
und Syphiliskranken, sowie die mit Ulcus molle Behafteten tun- 
lichst in eigenen, nur für diese speziellen Leiden bestimmten Sälen 
untergebracht werden. Auch die Prostituierten haben ebenso wie 
die übrigen mit Sexualleiden behafteten Patientinnen ihre eigenen 
Krankenzimmer; obschon die letzteren allerdings auf denselben 
Korridor münden, ist ein nennenswerter Kontakt zwischen diesen 
beiden Krankenkategorien nicht vorhanden. Unvorteilhaft ist, daß 
die Krankensäle von den im Erdgeschosse befindlichen Laboratorien 
und dem Hörsaale etwas weit abliegen; immerhin erfolgt die 
Kommunikation durch gedeckte Korridore und man hat es nicht 
etwa nötig, Höfe zu durchschreiten. 

Die Krankenbehandlung wird von zwei städtischen Assistenz- 
ärzten und einem staatlichen, nicht im Krankenhause wohnenden 
Assistenten^) versehen, welche von Volontärärzten und Medizinal- 
praktikanten in wechselnder Anzahl unterstützt werden. 

Die Bettenzahl verteilt sich, wie in Tabelle i angegeben. 

Die dermatologische Abteilung des Krankenhauses St. Jakob (aus- 
schließlich der Privatstation) verfügt über insgesamt 208 Betten, 
welche nötigenfalls auf 243 Betten vermehrt werden können. 

Die Zahl der in der dermatologischen Abteilung (stationäre 
Klinik) bislang verpflegten Kranken ist aus Tabelle 2 ersichtlich. 

l) Klinischer Assistent: Dr. Anton Gappisch; städtische Assistenten: l. Dr. Felix 
Weiler, 2. Dr. Richard Frühwald. 



240 — KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN 

Tabelle i. 



Station 


Zimmer-Nr. 


Bettenzahl 


Normal 


Höchstbelag 


Privatstation 
(Erdgeschoß) 


55-58 


4 


4 


Station 102/105 
(I. Etage für haut- 
kranke Männer, 
Frauen und Kinder) 


98 

99 
100 
102 
103 
105 
106 
108 
109 
110 


7 
2 
6 
8 
5 
7 

10 

12 

10 

2 


c 

tu 
tu 

pq 

C 
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E 

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(/) 
3 
N 


10 
4 
7 
9 
5 
7 

12 

12 

10 

4 


c 

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00 

C 


6 

E 
n 

3 
N 


Station 159 

(II. Etage; für ge- 

schlechtskranke 

Männer) 


152 
153 
155 
159b 
Saal 
129 


8 
12 
II 

5 

25 
II > 


N t^ 


8 

13 
12 
8 
30 
12 ' 


c c 
E M 

N CO 


Station 135 

(11. Etage; für 

geschlechtskranke 

Frauen) 


130 
132 
134 
135 
137 
138 
141 


II 

14 

9 
12 

13 

4 
4 


c c 


12 

15 

9 

13 

14 

9 

4 


c w 

C rn 





Tabelle 2 (Krankenbewegung in der I 


\linik). 


Jahr 


Männer 


Frauen 


Zusammen 


1896 (ab I. Mai) 


629 


490 


II19 


1897 


927 


671 


1598 


1898 


992 


610 


1602 


1899 


949 


580 


1529 


1900 


911 


580 


1491 


1901 


912 


641 


1553 


1902 


1089 


693 


1782 


1903 


1356 


671 


2027 


1904 


1473 


720 


2193 


1905 


1430 


771 


2201 


1906 


1339 


766 


2105 


1907 


1570 


825 


2395 


1908 


1723 


815 


2538 



Die Krankenbewegung in der Poliklinik gestaltete sich folgender- 
maßen (Tabelle 3). 



KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN ~ 241 

Tabelle 3 (Krankenbewegung in der Poliklinik). 



Jahr 


Männer 


Frauen 


Zusammen 


1896 


389 


204 


593 


1897 


1091 


536 


1627 


1898 


1298 


647 


1945 


1899 


1610 


784 


2394 


1900 


1525 


II90 


2715 


1901 


1656 


837 


2493 


1902 


1873 


808 


2681 


1903 


2209 


763 


2972 


1904 


2403 


824 


3227 


1905 


2306 


881 


3187 


1906 


2177 


937 


3114 


1907 


2123 


933 


3056 


1908 


2205 


817 


3102 



Die wissenschaftlichen und Unterrichtsräume, welche am 14. Ja- 
nuar 1901 eröffnet wurden, befinden sich gleichfalls in einem Ge- 
bäude der ehemaligen chirurgischen Klinik, welche für weil. Prof. 
Thiersch nach dessen Angaben errichtet w^orden war. 

Sie bestehen aus 14 Piecen, von denen 6 auf den stark frequen- 
tierten, nordwärts von der Krankenhausapotheke begrenzten Korridor 
münden. 

Wenn man durch eine der beiden am weitesten südwärts ge- 
legenen Türen eintritt, gelangt man in den Warteraum für die 
poliklinischen Kranken, welche durch Glaswände in je einen Abteil 
für Männer und Frauen und überdies noch einen gemeinsamen 
Warteraum abgeteilt sind. Aus dem letzteren, in welchem sich das 
Telephon für die stationäre Klinik befindet, und an den sich linker- 
seits eine durch Glaswand getrennte geräumige Gerätekammer an- 
schließt, betritt man den ziemlich großen poliklinischen Ordinations- 
raum. Dieser ist durch massive Eisengestelle und Vorhänge in 
drei Kabinen geteilt, von denen die beiden äußeren je einen gynä- 
kologischen Untersuchungstisch, die mittlere einen für urologische 
Zwecke dienenden Operationstisch enthalten. In den schmalen 
durch Vorhänge herzustellenden, als Warte- oder Ankleideplatz der 
bereits abgefertigten Kranken dienenden beiden Zwischenräumen 
zwischen den Ordinationskabinen hat je ein mit Fächern für die 
poliklinischen Drucksorten versehener kleiner Schreibtisch unmittel- 
bar am Fenster seinen Platz gefunden. An dem den größten Teil 



in. 



31 



242 ~ KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN 

der Südwand einnehmenden, bis fast zur Decke reichenden und 
daher eine Fülle von Helligkeit gewährenden Fenster sind den drei 
Ordinationskabinen entsprechend über dem Fensterbrette auf Stütz- 
pfeilern sich erhebende Hartglasplatten angebracht, auf denen die 
notwendigsten zur Untersuchung und Behandlung dienenden In- 
strumente und Medikamente aufgestellt sind, eine wegen ihrer Be- 
quemlichkeit und der Raumersparnis beachtenswerte Einrichtung. 
Im übrigen enthält der poliklinische Raum außer vier marmornen 
Waschbecken mit durch Fußtritt zu bedienender Kalt- und Warm- 
wasscrleitung noch einen Moulagenschrank, Medikamentenkästen, 
ein Fach für Harnreagenzien und ein Stehpult mit den Ambulanten- 
protokollen. 

An die östliche Schmalseite der Poliklinik schließt sich ein kleines 
modern eingerichtetes Operationszimmer an, in welchem auch 
Apparate für elektrische Untersuchung und Therapie (Endoskopie 
und Galvanokaustik) aufgesteUt sind. Hierauf folgt das Lesezimmer. 
Die hier in bequemen Schränken aufgestellte Bibliothek bietet in 
einer sonst wohl nirgends vorhandenen Vollständigkeit sämtliche 
dermatologische Fachzeitschriften aller Sprachen in kompletten 
Serien. Nicht minder kostbar ist die reiche Zahl dermatologischer 
Bilderwerke und Atlanten, sowie die Sammlung von Photographien 
und Aquarellen der an der hiesigen Klinik beobachteten bemerkens- 
werten Krankheitsfälle. 

Gleichfalls dem Operationszimmer benachbart ist ein kleines 
Röntgenkabinett und ein weiterer kleiner Raum, welcher teils Samm- 
lungszwecken, teils der Herstellung und Aufbewahrung von Ver- 
bandmaterial dient. 

An die nördliche Langseite der Poliklinik stößt, durch eine zwei- 
türige Gipsdielenwand geschieden, das Auditorium, welches etwa 
80 Zuhörer faßt. Es enthält Wandtafel, Projektionsapparat, vier 
Waschbecken und eine kleine dermatologisch-therapeutische und 
Instrumentensammlung für Vorlesungszwecke und das sonst nötige 
Mobiliar. Fast die ganze nördliche Langseite wird vom Fenster 
eingenommen, so daß die für die Untersuchung Hautkranker so sehr 
nötige gute Beleuchtung (Nordlicht) eine geradezu vorzügliche ist. 
Wenn erforderlich, kann durch zwei elektrische Bogenlampen Tages- 



KLINIK FÜR SYPHILIS UXD HAUTKRANKHEITEN ~ 243 



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244 — KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN 



helle verbreitet werden. Die Studenten gelangen nach dem Hör- 
saale vom Korridor aus durch einen kleinen Garderoberaum. 

An diesen letzteren schließen sich sechs in einer Flucht auf- 
einander folgende meist wissenschaftlichen Untersuchungen dienende 
Räume an. Auf das kleine Direktorzimmer folgt ein Laboratorium 
des Direktors, welches, weil auf den Korridor mündend, gleich- 
zeitig als Warteraum, weiters auch als Konferenzzimmer dient. 
Dann kommt das große, vorwiegend histologischen Untersuchungen 
dienende Hauptlaboratorium, welches durch Anbringung von Ober- 
licht auch photographischen Zwecken dienstbar gemacht ist, und 
aus welchem eine kleine Treppe abwärts in die Dunkelkammer führt. 
Ein weiteres Laboratorium enthält einen chemischen Abzugsofen 
und an dieses reiht sich ein bakteriologisches Kabinett. 

Den Schluß macht ein erst 1903 der Klinik angegliederter Raum, 
in welchem ein Original-Finsenapparat mit 4 Belichtungsröhren 
sowie die Dermolampe (System Sanitas mit Eisenlichtelektroden) 
und ein elektrisch zu betreibender Heißluftkauterisator Platz gefunden 
haben. Wegen Raummangels ist hier wie in verschiedenen anderen 
Teilen der Klinik ein Teil der Moulagensammlung der Klinik vor- 
läufig untergebracht. 

Alle Räume sind mit Gas und elektrischer Beleuchtung ausge- 
stattet und werden, mit Ausnahme des Finsenzimmers, in welchem 
ein eiserner Ofen steht, durch Dampfheizung erwärmt. 

Im Souterrain befindet sich ein kleiner Stall für Versuchstiere. 



KLINISCHER UNTERRICHT. 

Der Unterricht wird in einer bislang nachmittags von 3 bis 
4 Uhr stattfindenden 3 stündigen kHnischen Voriesung erteilt, welche 
durch eine den Titel „Praktische Übungen in der Diagnostik" 
führende 2 stündige Vorlesung ihre Ergänzung findet. In der Über- 
zeugung, daß der Schwerpunkt des dermatologischen Unterrichts 
in der Erlernung der nicht unschwierigen Diagnostik liege, wird das 
Hauptgewicht auf die Vorführung und eingehende Besprechung 
möglichst zahlreicher Kranker gelegt, welche durch Demonstration 
des reichen Bilderschatzes und einer Moulagenkollektion der Klinik 



~ KLINIK FÜR SYPHILIS UND HAUTKRANKHEITEN ZI 245 



unterstützt werden. Histologische, chemische und parasitologische 
Befunde werden so oft wie möglich zur Vervollständigung des je- 
weiligen Krankheitsbildes herangezogen. Die Besprechung der 
Therapie erfolgt stets nur bei gleichzeitiger Demonstration der 
dermotherapeutischen Präparate und praktischer Vorführung der Heil- 
methoden an den Kranken selbst. 

Gemäß des im Laufe der Jahre beträchtlich gewachsenen kli- 
nischen Krankenstandes hat auch, wie die folgende Übersicht^) zeigt, 
die Zahl der in der Vorlesunsf demonstrierten Patienten immer mehr 



zugenommen. 



Tabelle 4. 



Semester 


Zahl der Vorlesungen 


Demonstrierte Kranke 


S.-S. 1896 


60 


284 


W.-S. 1896/97 


67 


286 


S.-S. 1897 


41 


171 


W.-S. 1899; 1900 


60 


285 


W.-S. 1 900/1 901 


71 


340 


S.-S. 1901 


59 


245 


W.-S. 1901/02 


58 


229 


S.-S. 1902 


53 


235 


W.-S. 1902/03 


65 


385 


S.-S. 1903 


60 


347 


W.-S. 1903/04 


69 


457 


S.-S. 1904 


46 


289 


W.-S. 1904/05 


67 


514 


S.-S. 1905 


51 


302 


W.-S. 1905/06 


75 


583 


S.-S. 1906 


61 


412 


W.-S. 1906/07 


66 


600 


S.-S. 1907 


56 


480 


W.-S. 1907/08 


60 


643 


S.-S. 1908 


63 


595 


W.-S. 1908/09 


68 


666 



1) über iE 
banden. 



i, 1899 und Sommersemester 1900 sind Aufzeichnungen nicht vor- 



DIE KLINIK UND POLIKLINIK FÜR OHREN-, 
NASEN- UND HALSKRANKHEITEN. 

DIREKTOR: ADOLF BARTH. 



Auch in Leipzig hatten die Latyngologie und Otologie schon 
ihre Vorgeschichte. Über diese einige Klarheit zu bekommen, ist 
jedoch nicht leicht. Die Ohrenheilkunde scheint durch unbestimm- 
bare Einflüsse in ihren offiziellen Vertretern, die aber oft nicht die 
wirklichen Vertreter waren, gewechselt zu haben, während die 
Laryngologie, wie üblich, wohl mit der inneren Medizin verbunden 
blieb. Vorlesungsverzeichnisse habe ich erst vom Sommer 1858, 
also von der Zeit an auffinden können, von welcher die beiden 
Fächer schon durch Einführung der Untersuchung mit reflektiertem 
Licht ihren modernen Aufschwung nehmen. Damals kündigte Prof. o. 
Ruete eine Vorlesung an: „Klinik der Augen- und Ohrenkrank- 
heiten", und ebenso einen „Kursus der Operationen bei Augen- 
und Ohrenkrankheiten"; zu gleicher Zeit Prof. e. o. ^^'inter die 
„Poliklinik für Augen- und Ohrenkrankheiten"; und ebenso Dr. 
Merkel „Physiologie der menschlichen Stimme". Diese letztange- 
führte Vorlesung wurde zum ersten Male im Wintersemester i86o|6i 
als „Laryngoskopische Übungen und Demonstrationen" angekündigt. 
Im Winter 1862163 f^'g^ Merkel den Kehlkopfspiegelübungen noch 
die laryngologische Poliklinik hinzu. Im Sommer 1866 treten dann 
Dr. Hagen und Dr. Wendt, beide für Ohrenheilkunde, und jeder 
mit einer otiatrischen Poliklinik auf den Plan. Zu gleicher Zeit 
gibt zuerst Winter, und vom folgenden Semester ab auch Ruete die 
Vorlesungen über Ohrenheilkunde auf. Vom Wintersemester iS6'j\6S 
ab kündigt Wendt außer den otiatrischen Übungen auch pharyngosko- 



OHREN-, NASEN- UND HALSKRANKHEITEN 247 



pische und laryngoskopische Untersuchungen an; im Winter iSyoIyi 
Hagen auch Rhinoskopie, und vom Sommersemester 1872 an noch 
Laryngoskopie. Lii Sommersemester 1876 verschwindet dann zunächst 
Wendt und im Semester darauf auch Merkel, so diiß von nun an 
Hagen das Gebiet der Ohren-, Nasen- und Kehlkopfl^rankheiten in 
Leipzig allein vertritt, bis im Sommer 1879 sein Schüler Molden- 
hauer sich ihm zugesellt, und vom Winter 1889I90 auch Heymann. 
Als offizieller Vertreter der Fächer ist seit Wendts Tode Hagen 
anzusehen, wenn auch der Lehrauftrag für Ohrenheilkunde dem 
Namen nach noch bis über die Mitte der neunziger Jahre mit der 
Chirurgie verbunden gewesen sein soll. Hagen erhielt von seiner 
Ernennung als a. o. Professor (1877) ab 900 Taler zur Besoldung 
eines Assistenzarztes. Was über diese Summe hinaus mehr ver- 
braucht wurde, mußte aus der eigenen Tasche gezahlt werden. 
Besondere Schwierigkeiten bereitete es, einen geeigneten Raum für 
die Poliklinik zu beschaffen, da ein solcher von Seiten der Uni- 
versität nicht gestellt wurde. Im Jahre 1893 nahm ein Augenleiden 
einen so ungünstigen Verlauf, daß Hagen gezwungen war, seine 
Tätigkeit aufzugeben. Auch Moldenhauer (gest. 1898) war schon 
kränklich und konnte die volle Tätigkeit des Universitätslehrers 
nicht auf sich nehmen. Inzwischen hatte der Direktor der medi- 
zinischen Poliklinik, Geh. Med. -Rat Prof. A. HofFmann, versucht, dem 
Mangel der wirklichen Vertretung der Fächer abzuhelfen, indem er 
einen seiner Assistenten, Friedrich (jetzt Professor und Direktor des 
Universitätsinstituts für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten in Kiel) 
veranlaßte, sich für dieselben zu habilitieren und als besondere Ab- 
teilung in der medizinischen Poliklinik Otologie und Laryngologie 
zu traktieren. 

Endlich waren jedoch die maßgebenden Instanzen zur Über- 
zeugung gekommen, daß es auch für die Universität Leipzig nicht 
möglich sei, dem Drängen der Zeit länger Widerstand zu leisten, 
nachdem schon so ziemlich alle anderen deutschen Universitäten 
vorangegangen waren. Es wurde somit im Sommer 1896 vom 
Königlich Sächsischen Kultusministerium auf Antrag der medizinischen 
Fakultät eine außerordentUche Professur mit offiziellem Lehrauftrag, 
verbunden mit der Direktion einer Klinik und Polikhnik in Leipzig 



248 IZ OHREN-, NASEN- UND HALSKRANKHEITEN 

errichtet. Zunächst bestand ein Zweifel, inwieweit man hierbei 
Otologie und Laryngologie in einer Hand vereinigen oder unter 
zwei Dozenten teilen sollte. Diese Frage wurde zugleich mit 
meiner Berufung erledigt, da ich nach meiner vorausgegangenen 
Tätigkeit in Marburg und Breslau beide Fächer als so eng verbunden 
ansah, daß ich erklärte, bei einer Trennung derselben auf die Be- 
rufung verzichten zu müssen. Auch ein bis dahin unbekannter 
Titel sollte für den neuen Lehrauftrag eingeführt werden: „Ohren- 
heilkunde und verwandte Fächer". Auf meinen Wunsch wurde 
statt dessen die Bezeichnung „Klinik und Poliklinik für Ohren-, 
Nasen- und Halskrankheiten" eingesetzt. Auch die bereitgestellten 
Mittel für Räume, erste Einrichtung und Betrieb mußten sofort 
erhöht werden. Das Institut wurde zunächst provisorisch im 
städtischen Krankenhaus St. Jakob untergebracht, wo ja die medi- 
zinische, chirurgische und dermatologische Klinik bereits ihr Heim 
hatten. Somit wurde der Leiter der Universitätsklinik für Ohren-, 
Nasen- und Halskrankheiten zu gleicher Zeit „städtischer Oberarzt". 
Bei alledem wurde von seiten des Ministeriums betont, daß mit 
der Entwicklung des neuen Instituts selbstverständlich auch der 
weitere Ausbau und die Gewährung notwendiger Mittel Hand in 
Hand gehen würde. — Die zur Verfügung gestellten Zimmer wurden 
vom KönigUchen Universitätsbauamt ihren Zwecken entsprechend 
so weit hergerichtet, daß der Betrieb am 26. Oktober 1896 seinen 
Anfang nehmen konnte. 

Eine bald notwendig werdende Erweiterung wurde endlich im 
Jahre 1901, eine weitere mit vieler Mühe im Jahre 1904 erreicht. 
Im Anfang war an dem Institute außer dem Direktor noch ein 
Assistenzarzt und ein Diener angesteUt. Im Frühjahr 1897 folgte 
ein zweiter Assistenzarzt. Seit einem Jahre bestehen noch zwei 
besoldete Hilfsarztstellen'). Dabei ist zu bemerken, daß von den 



i) Assistenzärzte waren seit Bestehen der Klinik die Herren Dr. Dr. Dupuis 1896 bis 
1897; Friedrich 1897— 1899; Simon 1897 — 1898; Viereck 1898 — 1901; Hendel 1899 bis 
1900; Fröhlich 1900; Preysing 1900 — 1906; Nürnberg 1900— 1903; Hannemann 1902 
bis 1904; Schickendantz 1902 — 1906; Lauffs 1904 — 1907; Oertel 1904 — 1906; Bischoff 
1904 — 1905; Karrer 1905 — 1907; Ramshorn 1906 — 1908; Lange 1906 — 1907; Dunges 
1908 — 1909; Trautmann seit 1906 und Huber seit 1907. Als Hilfsärzte waren außerdem 
angestellt die Herren Latowsky, Oehmigen, Paulssen, z. Z. die Herren Brandt und Hörner. 



OHREN-, NASEN- UND HALSKRANKHEITEN 249 



Krankenpflegerinnen der stationären Abteilung (drei, und bei Bedarf 
mehr) eine während der Pohkhnik zur Hilfeleistung regelmäßig zur 
Verfügung steht. 

Das Institut (vergl. Plan) befindet sich noch heute im städtischen 
Krankenhause St. Jakob, im rechten Flügel des alten Hauptgebäudes, 
und zwar im wesentlichen im ersten Stockwerk. Der Zugang für 
Studierende und die poliklinischen Kranken erfolgt von der Straße 
aus durch den Hof. Die Institutsräume sind in dem nach Westen, 




die direkt daran angrenzenden Krankenräume in dem nach Süden 
gerichteten Flügel untergebracht. 

Der Korridor ist durch leichte Türen in drei Räume geteik: 
I. Vorraum als Zugang zur Treppe, zum Abort auf der einen Seite, 
und auf der anderen zu 2. dem poliklinischen Warteraum, in 
welchem ein Platz für die Buchführung eingerichtet ist; 3. Raum, 
welcher dient als Warteraum für alle die Personen, welche nicht 
als poliklinische Kranke kommen; außerdem aber als Vorraum für 
das Untersuchungs-, Operations- und Badezimmer, und als Ver- 
bindung zwischen den Institutsräumen und der stationären Kranken- 
abteilung. In ihm ist je ein Sterilisator für Instrumente und für 
Verbandstoffe aufgestellt. Weiter sind in ihm untergebracht das 

III. 32 



250 ZZ OHREN-, NASEN- UND HALSKRANKHEITEN 

Telephon nach der Stadt, und ein anderes nach den übrigen Ab- 
teilungen des Krankenhauses. 

In der südwestlichen Ecke befindet sich der Operationsraum. 
Ihm schheßt sich an der Raum für die Poliklinik mit — auf jeder 
Seite desselben — einem kleinen Untersuchungszimmer. Hieraut 
folgt der Hörsaal und das Laboratorium. 

Dem Hörsaal gegenüber ist eine photographische Dunkelkammer. 
Das Zimmer unter dem Laboratorium, und diesem an Größe völlig 
entsprechend, dient zur Bibliothek. Unter dem poliklinischen 
Zimmer, also auch im Erdgeschoß, ist das Wohn- und Schlat- 
zimmer für den I. Assistenzarzt. 

Im Operationsraum sollen nur größere Operationen ausgeführt 
und nach diesen ev. auch die Verbände gewechselt werden. Er 
wird aber, da er das einzige, für solche Zwecke leidlich helle 
Zimmer ist, auch zu photographischen Aufnahmen benützt. 

Die beiden einfenstrigen Untersuchungszimmer dienen zu mehr 
allgemeinen Untersuchungen (Brust- und Bauchorgane) der Kranken, 
Hör- und Stimmprüfungen; außerdem aber auch zu kleineren 
blutigen EingriflFen oder zum Niederlegen Ohnmächtiger. Das eine 
neben dem Operationszimmer vertritt dann noch die Stelle des 
Direktorzimmers, das andere ist auch Warteraum für die Kranken, 
welche zur Vorlesung Verwendung finden, und dient ev. auch zum 
Aufenthalt für die Assistenzärzte. 

Im Laboratorium sind vier Arbeitsplätze. 

Alle Räume haben Linoleum-Fußbodenbelag, und die Wände 
sind mit Ölfarbe gestrichen, mit Ausnahme des Operationszimmers, 
welches Terrazzo-Fußboden hat, und die Wände belegt mit weiß 
emailliertem Blech. Geheizt werden die Institutsräume mit Gasöfen, 
welche bisher vollständig befriedigten. Die Beleuchtung erfolgt 
teils mit Gas, teils mit elektrischem Licht. Zum Untersuchen und 
Behandeln von Kranken wird gewöhnlich Gasglühlicht mit durch- 
lochtem Tonzylinder benützt; nur in den poliklinischen Abfertigungs- 
räumen findet sich an den Untersuchungsplätzen auch elektrische 
Leitung, um Birnen anschrauben zu können, wenn das Gas einmal 
versagen sollte. 



OHREN-, NASEN- UND HALSKRANKHEITEN 251 

In der Poliklinik sind 7 Untersuchungsplätze, in den Unter- 
suchungszimmern je einer. Im Auditorium können an 18 Lampen 
(14 hängen von der Decke herab und können hochgeschoben werden, 
um das Zimmer auch ftir andere Zwecke zur Verfügung zu haben) 
zu gleicher Zeit 28 Kranke von 28 Studierenden in den Übungs- 
kursen untersucht werden. Im Operationszimmer, in welchem der 
Mangel von Oberlicht oft peinlich empfunden wird, hängt von der 
Decke herab ein elektrischer Sonnenbrenner, noch versehen mit 
Steckkontakt für eine Stirnlampe. Ein zweiter Steckkontakt für 
Motor und Kaustik befindet sich an der Wand. In den beiden 
Untersuchungszimmern ist je ein Schaltbrett mit Anschluß an die 
elektrische Zentralstation zu Kaustik, Faradisation, Galvanisation 
und Durchleuchtung, sowie ein Steckkontakt für den Motor. Die 
Fenster können in allen Untersuchungsräumen mittelst schwarzer 
Vorhänge vollständig verdunkelt werden. In allen Räumen, in 
welchen Kranke behandelt werden, sind die Leitungen der Wasch- 
vorrichtungen mit dem Fuß zu öffnen und zu schließen. Die gleiche 
Vorrichtung ist an den Behältern für Alkohol und Sublimatlösung 
zum Desinfizieren der Hände und des Operationsgebietes, wie auch 
an denjenigen für sterilisierte Tücher und für Verbandmull und 
Watte. 

Die Zahl der in der Polikhnik behandehen Kranken ist von 
1896 bis 1904 stetig gestiegen. Seit 1903 schwankt sie zwischen 
4500 und 5500 pro Jahr. 

In der stationären Abteilung, welche als Teil des städtischen 
Krankenhauses von diesem mit verwaltet wird, können bis 35 Kranke 
zu gleicher Zeit untergebracht werden. Seit 1901 schwankt die 
Zahl der jährlich verpflegten Kranken zwischen 300 und 350. 

Die Zahl der Hörer bei den Vorlesungen bewegte sich bis 1905 
zwischen 3 und 15. Die in diesen Jahren noch abgehaltenen 
Ferienkurse, außer dem für Ärzte auch die lur Studierende, waren 
durchschnittlich viel besser besucht. Seit 1905 schwankt die Zahl 
der Studierenden zwischen 15 und 62. Die bei weitem größere 
Zahl belegt im Sommersemester. 

Die Universitätskhnik für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten 
hat sich, wie aus obiger Darstellung hervorgeht, in einer kurzen 



252 ZZ OHREN-, NASEN- UND HALSKRANKHEITEN ZHH 

Spanne Zeit neben den übrigen Schwesteranstalten zu einem voll- 
kommenen Institut entwickelt, um selbständig einen wichtigen Teil 
der Gesamtmedizin zu behandeln und weiter ausbauen zu helfen. 
Leider ist es bisher nicht möglich gewesen, sie den Bedürfnissen entspre- 
chend weiter zu vervollkommnen, vor allem deswegen, weil sie grund- 
sätzlich in Verbindung mit den beiden Hauptkliniken im städtischen 
Krankenhause verbleiben soll, ein Bauplatz auf diesem Areal jedoch 
nicht verfügbar war. Das Königliche Kultusministerium ist von 
der Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes überzeugt, und, da auf 
dem Gebiete des Krankenhauses jetzt ein sehr günstig gelegener 
Platz gefunden worden ist, so besteht begründete Aussicht, daß 
sich auf diesem binnen kurzem ein Neubau für die Universitäts- 
klinik und Poliklinik für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten er- 
heben wird. 



DIE UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND 

-POLIKLINIK. 

Direktor: otto soltmann. 



Im März 1887 erteilte das Ministerium dem ordentlichen Honorar- 
professor an der Universität Dr. med. Heubner den amtlichen Lehr- 
auftrag für Pädiatrie. Bis dahin war die Kinderheilkunde an der 
Universität nur durch Privatkliniken vertreten. Mit dem erhaltenen 
Lehrauftrag zugleich richtete Prof. Heubner am 18. April 1887 
zunächst in den Räumen der ehemaligen Hennigschen Kinderheil- 
anstalt (Karolinenstraße 1 3) eine ambulatorische Kinderpoliklinik ein 
und siedelte später — am i. Februar 1888 — nach der Universitäts- 
poliklinik über. 

Der rege Besuch der Poliklinik machte es bald notwendig, zu 
einer zweckentsprechenden Organisation des pädiatrischen Unter- 
richts an der Universität eine pädiatrische Klinik zu schaffen, die 
allein ein methodische Belehrung und gedeihliche Vorbildung der 
Studierenden ermöglichte. Die ausführliche Begründung zur Not- 
wendigkeit einer Kinderklinik bzw. eines Kinderkrankenhauses hat 
Heubner in einer an den Rat der Stadt Leipzig gerichteten Denk- 
schrift dargelegt. 

Aus Universitätsmitteln damals ein solches Krankenhaus zu 
errichten, war nicht möglich. Prof. Heubner versuchte deshalb ein 
solches mit Hilfe der Privatwohltätigkeit und Unterstützung der 
städtischen Behörden in Leipzig zu errichten. Mit der ihm eignen 
Energie gelang es ihm am 24. März 1888 einen Verein zur Er- 
richtung und Erhaltung eines Kinderkrankenhauses zu bilden, der 
in kurzer Zeit einen Baufonds von über 300000 M. zusammen- 



254 - UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK 



brachte. Die Stadt Leipzig überließ mit Genehmigung der Staatsregie- 
rung dem Verein einen etwa 9000 qm großen, an der Platzmann- 
straße I belegenen Bauplatz vom Areal des St. Johannis-Hospitals 
(siehe Situationsplan). 

Außer Prof. Heubner hat sich als Begründer des Vereins mit 
dem wärmsten Interesse für das Werk der vor kurzem verstorbene 
Oberbürgermeister Dr. Tröndlin angenommen und dasselbe ge- 
fördert; neben ihm verdienen die Herren Alfred Becker, Dodel, 
Dr. Roßhach, Dr. Schober, Dr. Siegel und Dr. Tillmanns besonders 
hervorgehoben zu werden. Diese Herren bildeten zugleich den 
Vorstand des neubegründeten Vereins. 

Die Pläne für den Bau — bearbeitet vom Baurat Dr. Roßbach — 
wurden nach wiederholter Durchberatung außer dem Leipziger Rate 
der Fakultät und dem Ministerium vorgelegt. Nach dem Urteile 
der Fakultät, welchem sich das Ministerium anschloß, waren Pläne 
und Betrieb so eingerichtet, daß das Kinderkrankenhaus, wenn es 
von der Universität und für Zwecke der Universität aus- 
schließlich errichtet worden wäre, nicht zweckmäßiger hätte aus- 
geftihrt werden können. 

Am 3. November 1889 wurde der Grundstein zum Bau gelegt, 
am 6. Dezember 1891 (also 4^ [^ Jahre nach der ersten Anregung) 
das für 132 Betten bestimmte, mit einem Herstellungsaufwand von 
4065 M. pro belegfähiges Bett und mit einem Gesamtkostenaufwand 
von 548791 M. errichtete, wegen Mangels weiterer Mittel nur etwa 
zur Hälfte ausgebaute Institut seinem Zwecke übergeben und vom 
Verein zur Errichtung und Erhaltung eines Kinderkrankenhauses 
dem Staate zur Benutzung für die Universität als Kinderklinik und 
-poliklinik zur Verfügung gestellt, welcher unter Zustimmung der 
Stände des Landtags sich zur Annahme bereit erklärt und eine 
vorläufige Jahresbeihilfe von 12000 M. laut Vertragsurkunde vom 
15. April 1890 unter anderen mit der Bestimmung verwilligt hat, daß 

1. mit der Erbauung des Kinderkrankenhauses eine Universitäts- 
Kinderklinik und -poliklinik mit dazu gehörigem Audito- 
rium und sonst erforderlichen Unterrichtsräumen einzurichten 
ist, daß 

2. sämtliche zur Aufnahme gelangende Kranke (mit Ausnahme 



UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK I 255 



der in Privatzimmern verpflegten) sowie die zur Poliklinik 
des Krankenhauses gebrachten Kinder dem Unterrichte der 
Universitäts-Kinderklinik und -polikhnik zur Verfügung ge- 
stellt werden, daß 

3. der jeweilige Professor der Kinderheilkunde an der Universität 
vom Tage seiner Ernennung an Direktor der Universitäts- 
Kinderklinik und -poliklinik und gleichzeitig Direktor des Kinder- 
krankenhauses ist, daß 

4. der Verein sich verbindlich macht, eine Beschlußfassung über 
eine etwaige Verlegung der Anstalt erst dann herbeizuführen, 
wenn zuvor dem Ministerium des Kultus und öffentlichen 
Unterrichts Gelegenheit zur Erklärung hierüber gegeben worden 
ist, sowie daß der Verein für den Fall seiner Auflösung ver- 
spricht, seine Mitwirkung dahin eintreten zu lassen, daß der 
Fortbestand der Universitäts-Kinderklinik und -poliklinik ge- 
sichert wird. 

Schon nach a^ja jähriger Tätigkeit folgte Prof. Heubner im 
Jahre 1894 einem Rufe an die Universität Berlin. Zu seinem Nach- 
folger wurde vom Königl. Sachs. Ministerium des Kultus und 
öffentlichen Unterrichts unter den gleichen Bedingungen wie Prof. 
Heubner am 15. Mai 1894 der Geh. Medizinalrat Prof Dr. Solt- 
mann berufen, der bis dahin in Breslau als Direktor des Wilhelm- 
Augusta-Kinderkrankenhauses den klinischen und poliklinischen 
Unterricht in der Pädiatrie erteilte. Am 10. Juni 1894 nahm der- 
selbe die Berufung an und trat als Direktor der hiesigen Universitäts- 
Kinderklinik und -poliklinik und des Kinderkrankenhauses am 1 6. Ok- 
tober 1894 ein. Seine Aufgabe war es, den Auf- und Ausbau des 
Instituts zu vollenden, was nach und nach durch Erweiterungs- 
und Ergänzungsbauten möglich geworden ist. Die nötigen Er- 
klärungen sowie Zeichnungen hierüber sind in den Jahresberichten 
der Anstalt von 1894 ff. zu finden. Speziell auf alle Einzelheiten 
bei der großen Mannigfaltigkeit an dieser Stelle einzugehen, ist 
bei dem hier nur in beschränktem Umfange zur Verfügung stehenden 
Platz nicht angängig. 

Über Lage und Art des seit dem Jahre 1899 völlig ausgebauten 
Instituts, welches laut Vertrag in vollem Umfange Universitäts- und 



256 I UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK 




J,a| 





- 




— ' 




-. 


— - 







Lehrzwecken dient, möge der unten verkleinert wiedergegebene 
Situationsplan einen Überblick und die in der Folge gegebenen 
Erklärungen an Hand desselben einen informierenden Aufschluß über 
den internen Betrieb des Instituts geben: 

Das ganzelnstitut zerfällt in zwei Abteilungen, und zwar in die 

(auf der Zeichnung mit der Ziffer „4" 
gekennzeichnete) Infektionsabtei- 
lung und in eine Innere Abteilung 
mit chirurgischer Station, Fig. 3 des 
Planes. Zwischen diesen beiden Abtei- 
lungen liegen die Gebäude „i", das 
Aufnahmehaus,und„2", dasWirt- 
schaftshaus, enthaltend Koch- und 
Waschküche. Diese beiden Häuser 
sind so eingerichtet, daß sie dem 
infektiösen wie dem nichtinfektiösen 
Personal von verschiedenen Seiten 
zugänglich sind, ohne die geringste 
gegenseitige Berührung desselben zu 
gestatten. Der strengen Trennung 
zwischen beiden Abteilungen ist es 
ohne Zweifel zu danken, daß Spi- 
talsinfektionen verhältnismäßig sel- 
ten vorkamen, obgleich solche auch 
trotz der strengsten Vorsicht durch 
Einschleppung von selten der Be- 
sucher oder in solchen Fällen nicht 
zu vermeiden sind, wo sich der 
Kranke bereits bei der Aufnahme 
im Inkubationsstadium der betreffenden Infektionskrankheit befindet 
und in Ermangelung von Symptomen das Vorhandensein derselben 
zu erkennen nicht möglich ist. 

Der einzige Zugang der kranken Kinder (und zugleich der ein- 
zige Ausgang für die Genesenen) führt in der Pfeilrichtung durch 
das Aufnahmehaus „i" in die große Vorhalle „a", in welcher zur- 
zeit der Poliklinik die Kinderwagen abzustellen sind. Rechts „b" 




UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK Z 257 



befinden sich die Portierzimmer, links „c" die Aufnahmezimmer 
für an Scharlach, Diphtherie und Masern Erkrankte. Die Räume 
„d" sind die Bureauzimmer und Aufnahmezimmer für allgemeine 
Krankenaufnahme. Von den Aufnahmezimmern aus erfolgt die 
Verteilung der Kranken nach vorheriger Untersuchung und Auf- 
nahme einer genauen Anamnese auf die zuständigen Stationen. 
Links dem Haupteingang gegenüber betritt man den allgemeinen 
Warteraum der Poliklinik und gelangt in die anstoßende eigenthche 
Poliklinik „f". Der Raum ,,e" dient zu Kehlkopf-, Augen- 
und Ohrenspiegelungen. Die der Poliklinik „f" parallel gegen- 
überliegenden Räume „g" sind die des Direktors und der in- 
mitten befindliche große Raum „h" ist das 100 qm große Audi- 
torium mit 126 Plätzen für die Studierenden. — Hier hält der 
Direktor fünfmal wochentags Klinik und Poliklinik für Kinder- 
krankheiten an Hand eines bei der Vielgliedrigkeit des Hauses kaum 
wieder in einer deutschen Universitätsstadt anzutreffenden Kranken- 
und Lehrmaterials. Die Durchschnittszahl der Hörer von Beginn 
bis heute 60 (Maximum 124). Außerdem hält der Direktor theore- 
tische Vorlesungen ev. mit Demonstrationen in jedem Sommer- 
und Wintersemester einstündig abwechselnd über folgende Abschnitte 
aus der Kinderheilkunde: 

„Neugeborene undSäugUnge mit Diätetik"; ,, Funktionelle Nerven- 
krankheiten — Diätetik"; „Lungen und Herz (Brusthöhle)"; „Leber, 
Darm, Milz, Blase (Bauchhöhle)"; „Chronische Infektionskrankheiten 
— Diätetik"; „Skrofulöse, Tuberkulose — Rachitis und Lues". 

Unabhängig von der Universitäts-Kinderklinik ist es mit Genehmi- 
gung und im Auftrage des Direktors den Herren Dozenten DDr. 
Seiffert und Hohlfeld gestattet, Vorlesungen im Institut zu halten 
über: „Allgemeine und spezielle Therapie der Kinderkrankheiten"; 
„Klinisch -mikroskopischen Kurs"; ,, Pathologie und pathologische 
Anatomie des Kindesalters"; „Physiologie und Hygiene der Milch"; 
„Die Lehre vom Leben, ein Überblick über die allgemeine und 
experimentelle Biologie". 

Der Oberarzt der chirurgischen Abteilung des Kinderkranken- 
hauses Prof. Dr. Tillmanns hält wöchentlich zweimal je zweistündig 
im Operationssaale Vorlesung über: 

in. 33 



258 I UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK 



„Chirurgie des Kindesalters" (klinische und poliklinische Demon- 
strationen) pubHce, und abwechselnd über „Topographische Ana- 
tomie am Lebenden mit chirurgischer Diagnostik" und „Allgemeine 
chirurgische Pathologie und Therapie"; privatim. 

Der Eingang für die Studierenden zum Hörsaale führt durch die 
Pforte „i", den Verbindungsgang durchschreitend in der angegebenen 
Richtung zunächst in die unter dem terrassenförmig aufsteigenden 
Hörsaalpodium befindliche Garderobe, von welcher aus rechts und 
links Treppen zu den Auditoriensitzen führen. 

Über dem mittleren Gliede seines Grundrisses trägt das Auf- 
nahmehaus ein Obergeschoß. Hier findet man die Beobachtungs- 
station für solche Kranke, welche sich im Inkubationsstadium einer 
Infektionskrankheit befinden, deren Charakter noch nicht mit Sicher- 
heit festzustellen ist. Besonders sind es diphtherieverdächtige Kranke, 
die hier so lange untergebracht sind, bis die bakteriologische Diagnose 
gestellt ist; ebenso finden hier Scharlach-, Masern-, Keuchhusten-, 
Typhus-Verdächtige Aufnahme. Die Station selbst ist in 3 neben- 
einanderliegende Räume durch Glasverschläge so aufgeteilt, daß eine 
fortgesetzte Überwachung aller Patienten durch die Pflegerin ohne 
Schwierigkeiten möglich ist. 

Das Haupthaus, Figur „3" des Planes, wird vom Aufnahme- 
haus „i" aus durch den oben erwähnten Verbindungsgang, welcher 
direkt in den Korridor des ersteren einmündet, erreicht. Daselbst 
befindet sich im ersten Stockwerk die Innere Abteilung. 

Im westlichen Flügel „a" sind in zwei großen Krankensälen 
mit zugehörigem Tagesraum die über i Jahr alten Kinder unter- 
gebracht, welche an inneren Erkrankungen leiden. 

Im Mittelbau „c" befinden sich eine Anzahl Isolierzimmer für 
Kranke mit Typhus, Lungen- und Kehlkopftuberkulose. 

Im östlichen Flügel „b" finden wir die Säuglingsabteilung, 
bestehend in zwei großen Sälen und einem inmitten belegenen 
Tagesraum. Der südlich gelegene Saal ist seit 1904 durch Ein- 
fügung von Rabitzwänden in 3 Kabinen aufgeteilt, jede so groß, 
daß bequem 6 Betten aufgestellt werden können, wovon jedoch nur 
je 2, wenn möglich, belegt werden. Durch diese Kabinen ist es 
möglich, Neugeborene und Säuglinge von den übrigen ganz aus- 



ZZ UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK Z 259 

zLischeiden, die mit gefährlichen ansteckenden Krankheiten ihrer 
Altersklasse behaftet sind, namentHch mit Dermatitis exfoliativa, 
Pemphigus, Ophthalmoblennorrhoe, Gonorrhöe, Lues, konstitutio- 
nellen Ekzemen, kontagiösen Magen-Darmerkrankungen usw. Ferner 
ist an der mit * bezeichneten Stelle auf dem Korridor der Station 
zur Verminderung der Ansteckungsgef^ihr und Anhäufung von 
Miasmen ein luft- und wasserdicht abgeschlossener Einwurfsschacht 
aus verzinktem Eisenblech mit hermetisch schließendem Deckel an- 
gebracht, durch welchen sofort die jedesmal verunreinigte Säug- 
lingswäsche direkt bis in das Kellergeschoß geworfen wird, wo sie 
von einem Zementbeton-Lysolbottich aufgenommen wird, in welchen 
der Schacht ausmündet und welcher an Wasserleitung und Schleuse 
angeschlossen ist. Von welcher hygienischen Wichtigkeit die Ein- 
richtung ist, ergibt sich von selbst. 

Seit Oktober 1906 ist auf der Säuglingsabteilung für einen Be- 
stand von Brustmüttern (d. h. Ammen) gesorgt. Wie vorteilhaft 
sich diese Einrichtung erwiesen hat, beweist das deutliche Herab- 
sinken der Mortalitätsziffer. Im Jahresberichte der Säuglingstation 
von 1906 betrug die Mortalität 51 Proz., während sie im Jahre 1907 
nur 35,74 Proz. betragen hat; während der vorangegangenen 6 Jahre, 
d. i. von 1900 — 1905, haben von 10898 aufgenommenen Kindern 
2269 Säuglinge die Station passiert, wovon 1006 entlassen wurden 
und 1243 =53,2 Proz. starben. Da nach übereinstimmenden Er- 
fahrungen feststeht, daß die Mortalität der Säuglinge im Kranken- 
hause sich umgekehrt proportional der zur Verfügung stehenden 
Menge an Muttermilch verhält, so wird die Einstellung von Brust- 
müttern bez. Ammen auf der SäugUngsstation künftig in noch 
höherem Maße durchgeführt werden als bisher. Gleichzeitig ist 
dadurch auch den Studierenden eine größere Gelegenheit gegeben, 
sich mit der Physiologie und Pathologie des Säuglingsalters und 
vorzugsweise der Magen- und Darmerkrankungen und des Stoff- 
wechsels vertraut zu machen. 

Über der Säuglingsabteilung befindet sich im IL Stockwerk die 
Station für Hautkranke, die jetzt zum Teil für Ammen mit ihren 
Kindern Verwendung findet, und unter ihr im Erdgeschoß die 
chirurgische Station. Demgegenüber befindet sich über der 



26o Z UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK 



Inneren Station im Flügel „a" eine kleinere chirurgische Station 
und im Erdgeschoß desselben Flügels findet man den Operations- 
saal, poHklinischen Warteraum für chirurgische Kranke, Verband- 
saal, Massageraum mit Turnsaal (orthopädische Abteilung) und das 
hieran angrenzende Röntgenzimmer mit photogr. Dunkelkammer. 

Der zwischen dem Aufnahmehaus ,,i" und dem Küchen- 
gebäude „2" an dem Platze D belegene kleinere Bau ist das Des- 
infektionshaus, in welchem Kleider, Wäsche, Betten und Zu- 
behör der Infektionsabteilung in einer Dampftrommel desinfiziert 
werden. — In diesem Hause ist gleichzeitig in besonderem Abteil 
eine Akkumulatoren-Batterie aufgestellt, die durch eine im Kessel- 
haus befindliche Dynamomaschine gespeist wird. Hierdurch wird 
sowohl das elektrische Licht für das Röntgen- und photographische 
Dunkelzimmer, als auch der Strom zum Betrieb der Lampen für 
mikroskopische Demonstrationen und für zwei UvioUampen er- 
zeugt, welch letztere Behandlung von geeigneten Krankheiten mit 
ultravioletten Strahlen bezwecken. 

Der Zugang zu der anderen Abteilung für infektiöse 
Kranke, welche die nördliche Hälfte des Gesamtareals einnimmt 
und die mit „4" gekennzeichneten Gebäude umfaßt, erfolgt durch 
den zwischen den Infektionsaufnahmezimmern (Ic) und dem Raum 
le belegenen Durchgang. 

Zunächst gelangt man nach dem Scharlachhause (Fig. 4a), 
einer ebenerdig gelegenen Baracke mit zwei großen hellen und 
luftigen Krankensälen und einem zwischengelegenen Tagesraum. 

Das dem Scharlachhaus parallel gegenüber gelegene und eben- 
falls im Barackenstil erbaute Gebäude 4b ist das Masern- und 
Keuchhustenhaus. Dasselbe besitzt gleich dem Scharlachhaus 
zwei große Krankensäle, nur sind beide Abteilungen (Masern und 
Keuchhusten) in der Mitte des Baues vollständig durch feste Wände 
voneinander getrennt und es hat jede Abteilung ihren besonderen 
Zugang von außen. 

Der diesen beiden Baracken quer vorliegende Bau 4 c ist das 
ausgebaute Diphtheriehaus mit einem an der östlichen Seite be- 
legenen 42 Betten fassenden Krankensaal und einer Anzahl Isolier- 
zimmer. Der Krankensaal der westlichen Seite ist zur Aufnahme 



UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK I 261 



solcher Kranker bestimmt, welche mit Mischinfektionen (Schar- 
lach- und Masern-Diphtherie) behaftet sind und hat von außen einen 
selbständigen Eingang (vgl. hierzu Jahresbericht von 1897). 

Besonders verdient als wesentliche Neuerung noch bei dem 
Diphtheriehause wegen seiner Wichtigkeit das nach den Angaben 
des Direktors im Jahre 1898 eingebaute, im Plan mit * mar- 
kierte Dampfzimmer erwähnt zu werden, welches an der 
angekreuzten Stelle des Planes zu finden ist. Die Wände sind 
mit Mettlacher Glasurplatten auf Zementmörtel fugendicht verlegt. 
Die Decke ist korbbogenförmig gewölbt, um dem sich an derselben 
zu Tropfen bildenden Dampf eine seitHche Ablaufbahn vorzu- 
schreiben, (Anfangs hatte das Dampfzimmer eine wagrechte Decke, 
ein nicht zu belassender Übelstand insofern, als sich der Dampf an 
die wagrechte Decke ansetzte, zu Tropfen verbunden den natür- 
lichen Weg nach unten antrat und die sich im Zimmer aufhalten- 
den Personen durch diese Art von Regen durchnäßte). An der 
Decke ist, um einer entstehenden Luftverdumpftuig vorzubeugen, 
durch vier entsprechend angebrachte, vergitterte Luftlöcher für 
Ventilation gesorgt. In dieses Dampfzimmer kommen alle die 
Diphtheriekranken, bei denen der Kehlkopf bereits ergriffen ist. 
Wird in irischen Fällen frühzeitig mit Heilserum injiziert und dann 
bald wegen der Stenose intubiert, so schwinden meist überraschend 
schnell im Dampfzimmer die Erscheinungen der Stenose und des 
Lufthungers, weil durch die schnellere Verflüssigung der Membranen 
einerseits, durch das Schwinden des intrakartilaginösen Ödems der 
Rima glottidis andererseits die Aryknorpel nach der durch die 
Intubation beteiligten Stenose nun nach entferntem Tubus nicht 
mehr von neuem mechanisch medianwärts fixiert und in ihrer 
Abduktionsbewegung verhindert werden und damit die Exsudation 
verflüssigter und gelockerter Membranen leicht möglich ist. 

Im Dampfzimmer verbleiben die Kinder bis zur definitiven Ent- 
fernung von Tubus oder Kanüle bei freier Larynxatmung. Die 
Resultate der Dampfbehandlung sind bisher immer gleichmäßig 
befriedigende gewesen. 

Als letztes und noch unerwähntes Gebäude bleibt das in der 
nordwestHchen Ecke des Areals belegene und mit „5" bezeichnete 



202 Z UNIVERSITÄTS-KINDERKLINIK UND -POLIKLINIK 



Laboratorium übrig. Dasselbe besteht aus 5 Räumen; 2 mit je 
4 Arbeitsplätzen dienen bakteriologischen und chemischen Arbeiten. 
An sie schließt sich der Sektionsraum, der auch die Sammlung 
pathologisch-anatomischer Präparate enthält. An diesen grenzt nach 
der einen Seite die Kapelle, nach der andern ein großer Arbeits- 
raum mit 12 Plätzen für Assistenten, Volontäre und Medizinal- 
praktikanten und das Arbeitszimmer des Direktors. Nach rückwärts 
vom Laboratorium liegt ein Hof mit Ställen für Versuchstiere. 
Unter dem Laboratorium befindet sich der Leichenkeller'). 

Das Krankenhaus bez. die Universitäts-Kinderklinik verfügt jetzt 
über 254 Krankenbetten, welche sich, wie folgt, verteilen: 

A. Medizinische Abteilung. 

1. Innere Abteilung für äUere Kinder . . 43 

2. Säuglingsstation 26 

3. Beobachtungsstation 9 

4. Hautstation 12 

5. Scharlachhaus 22 

6. Masernhaus 16 

7. Keuchhustenhaus 16 

8. Diphtheriehaus — 

9. Mischinfektionshaus — 

B. Chirurgische Abteilung. 
2 Krankenstationen, einschließlich Operations- 
saal, Verbandsaal und Massageraum, Turnsaal 
(orthopädische Abteilung) und Röntgenzimmer 
mit photographischer Dunkelkammer. 

Die Kosten des Auf-, Aus- und Erweiterungsbaues sowie die 
dauernde Unterhaltung des Institutsbaues stellen sich nachweisbar 
auf nahezu i Million. 

Über die Krankenbewegung in der Klinik und Poliklinik seit 
ihrem Bestehen bis zum Jahre 1907 gibt die nachfolgende Tabelle 
so hinreichenden und klaren Aufschluß, daß es einer besonderen 
Erläuterung hierzu nicht bedarf: 

i) Ein Überblick über die ganze Anlage wird durch das beigegebene Hild No. X.X, 
einer vor i6 Jahren erfolgten Aufnahme aus der Vogelperspektive gewährt, wobei zu 
bemerken ist, daß die angrenzende Umgebung durch Neuerstehung von Wohnhäusern 
usw. jetzt eine etwas andere geworden ist, hierbei aber nicht interessiert. Von der 
Einzeichnung neuerer Umänderungen ist Abstand genommen. 



Oberarzt: 
Direktor Geh. 
Med.-Rat 
Prof. Dr. 
Soltmann. 
202 Betten. 



Oberarzt: 

Geh. Med.-Rat 
Prof Dr. Tillmanns. 
52 Betten. 



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DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK. 

Direktor: Friedrich albin hoffmann. 



Der Anfang der öffentlichen Polikliniken läßt sich in Leipzig 
auf das Jahr 1812 zurückführen, in welchem Dr. Friedrich August 
Benjamin Puchelt eine medizinische Beratungsanstalt gründete und 
18 16 erweiterte. Eine genaue Schilderung, wo diese Anstalt ge- 
wesen und wie es dort zugegangen, ist mir nicht bekannt geworden. 
Im Jahre 181 7 gründete Professor Dr. Friedrich Peter Cerutti (geb. 
1789 gest. 1858) ein Pohklinikum für Kinder, welches er, als Puchelt 
Leipzig 1824 verließ, mit Puchelts Anstalt vereinigte. Diese Anstalt 
befand sich im alten Jakobspitale am Rosental. Sie erhielt seit 
dem Jahre 1830 eine Beihilfe von selten des Staates, welche jähr- 
hch 30 Taler betrug und bestimmt war, zu Arzneimitteln verwendet 
zu werden. 

Im Jahre 1834 wurde das Lokal im Rosentale aufgegeben und 
die Poliklinik erhielt eine Stätte in dem der Hochschule ange- 
schlossenen sogenannten Beguinenhause in der Universitätsstraße. 
Eine Abbildung dieses jetzt verschwundenen Gebäudes findet sich 
bei B. Schmidt. „Das chirurgisch-poliklinische Institut an der Uni- 
versität Leipzig", 1880. Das chirurgisch-poliklinische Institut teilte 
damals die Räumlichkeiten mit dem Innern. Im April 1850 erkrankte 
Cerutti schwer durch einen Schlaganfall und blieb bis zu seinem 
Tode, 8 Jahre, gelähmt. Es wurde deshalb Carl Hennig, ein junger 
Leipziger Dozent, der schon 1848 bei Cerutti Assistent gewesen 
war und jetzt sich seiner Ausbildung halber in Wien aufhielt, von 
dort nach Leipzig zurückgerufen und neben ihm zur Unterstützung 
Dr. Hermann Günther 1851 angestellt. Die Oberdirektion erhielt 



" DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK IZZZZI 265 

Wunderlich (vom 8. Oktober 1850 ab). Dieser Zwischenzustand 
währte bis zum 22. Oktober 1853, wo das Institut in die Triersche 
Stiftung am Grimmaischen Steinweg verlegt wurde und Rute die 
Leitung erhieh. Rute war damals von Göttingen nach Leipzig an 
die von Ritterich gestiftete Augenheilanstalt berufen worden und 
es ist charakteristisch, daß dieser berühmte Okulist zur Mitbedingung 
für seine Anstellung machte, daß ihm auch die Lehrstelle an der 
medizinischen Poliklinik übertragen würde. Als Hennig abtrat, 
nahm seine Stelle Theodor Weber, Sohn von Ernst Heinrich, ein, 
der neben Rute zum Mitdirektor und Professor extraord. ernannt 
wurde. Hennig hatte 1855 von Rute die Erlaubnis erhalten, im 
Trierschen Institute am Grimmaischen Steinweg wöchentlich einmal 
eine Beratungsstunde für kranke Kinder vor Studenten zu halten. 
Diese pädiatrische Poliklinik erhielt auch im Herbst 1863 ein Zimmer 
zur Aufnahme plötzlich erkrankter armer Frauen in dem Gebäude 
am Grimmaischen Steinweg und 1869 entstand dann unter wesent- 
licher Beihilfe des Stadtrats Geibel die vereinigte Kinder- und 
Frauenheilanstalt in der Karolinenstraße 31. Über die Tätigkeit 
dieses Instituts erschienen Berichte bei W. Engelmann. 1905 wurde 
diese Anstalt aufgehoben, nachdem Hennig an derselben unermüdlich 
und mit größter Aufopferung bis in sein hohes Alter gewirkt hat. 

Webers Tätigkeit ist eine sehr erfolgreiche gewesen, er hat 
jedenfalls die Hauptarbeit an der Poliklinik geleistet, während Rute 
immer mehr von seiner Tätigkeit in der Augenklinik in Anspruch 
genommen wurde. Als allerwesentlichsten Fortschritt, den die 
Poliklinik durch Weber machte, ist die Gründung der sogenannten 
Distrikts-Poliklinik zu bezeichnen. 

Im November 1859 ist ein Statut für die Poliklinik von Rute 
und Weber ausgearbeitet worden, welches 1860 der Minister 
v. Falkenstein genehmigte. Dasselbe warft ein sehr interessantes Licht 
auf die damaligen Verhältnisse. Man ersieht daraus, daß das Lokal 
sich in dem alten Trierschen Institute, damals Dresdner Straße 7, be- 
fand und aus einem Wartezimmer, einem Zimmer, in dem Klinik 
gehalten wurde, einem Untersuchungszimmer und einer dunklen 
Kammer (die auch zu Untersuchungen diente und wo allerlei Uten- 
silien aufbewahrt wurden) bestand. Die niederen Dienste versah 

in. 34 



266 ZZIIZZ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



eine Aufwärterin. Die Zeit der Abfertigung war 2 — 3 Uhr nach- 
mittags für die Ambulanz und 4 mal in der Woche abends 6 — 9 Uhr 
für die Armen-PolikHnik d. i. Distrikts-Poliklinik. Zu anderen 
Tagesstunden wurden dieselben Räume von der chirurgischen Poli- 
kUnik benutzt. 

Früher war die Poliklinik nur eine ambulatorische gewesen, das 
heißt, nur solche Kranke wurden behandelt und besprochen, die in 
die poliklinische Sprechstunde kamen. Weber aber erlangte es bei 
der Stadt, daß er für die Armenbezirke als Armenarzt angestellt 
wurde, diese Bezirke wurden nun von der Poliklinik versorgt. 
Zwei Assistenten wurden dazu angestellt. Die Praktikanten mußten 
sich täglich einige Stunden für die Stadtpraxis freihalten, die Kranken 
in ihrem Bezirk in den Wohnungen besuchen und auf der Poliklinik 
über sie referieren, die Behandlung beraten, Rezepte schreiben und sie 
unterschreiben lassen. Bei Todesfällen fanden Sektionen in der 
Wohnung in Beisein des Direktors statt. Über jeden Kranken mußten 
Krankengeschichten geführt werden. Auf eine besondere Anfrage bei 
dem noch heute in Halle lebenden Altmeister hat er mir geschrieben, 
daß die Erfolge dieses Unterrichts sehr günstige gewesen seien, er 
wünsche noch jetzt, daß das sogenannte praktische Jahr an einer 
solchen Poliklinik abgemacht werde. Diese Form der Poliklinik, 
welche das Material zur stationären Behandlung aus gewissen 
Armendistrikten bezog, wurde Distrikts-Poliklinik genannt, im 
Gegensatze zu der Ambulanz, zu welcher das Material von allen 
Seiten, oft von außerhalb, herbeiströmte. Die Kranken der Ambulanz 
wurden grundsätzlich nicht besucht, sondern wenn sie so schwer 
krank wurden, daß sie sich nicht mehr vorstellen konnten, an einen 
ihnen nahe wohnenden Arzt gewiesen. Unter Weber war also 
Ambulanz und Distriktspoliklinik vereinigt. 

Rute war endlich durch seine Tätigkeit an der Augenklinik doch 
so weit in Anspruch genommen worden, daß er selbst den Wunsch 
aussprach, der Direktion der Poliklinik enthüben zu werden. Ende 
April 1861 trat er ab und Weber war alleiniger Leiter der beiden 
medizinischen Polikliniken. Die kaum gewonnene Einrichtung kam 
aber schon wieder ins Schwanken, da er im Juli 1861 einen Ruf 
nach Halle erhielt und seine Tätigkeit in Leipzig Ende September 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK I^^IZ 267 



abschloß. Das Ministerium ordnete nun an, daß sich die beiden 
Professoren Dr. Juhus Clarus und Dr. Ernst Leberecht Wagner zu- 
nächst provisorisch in die Verwaltung der Poliklinik zu teilen hätten, 
jeder sollte sich beim städtischen Armenamt um einen Armendistrikt 
bewerben und die Ambulanz sollten sie ebenfalls unter sich teilen. 
Aber Professor Wagner gab schon am i. Januar 1862 seinen 
Armendistrikt auf und beschränkte sich auf die Ambulanz und die 
Einrichtung gestaltete sich nun so, daß Clarus die Distrikts-Pohklinik, 
Wagner aber die Ambulanz verwaltete. Die Distrikts-Polikhnik 
behielt nur einen Assistenten. Clarus starb am 6. Mai 1863 und 
nun wurde die Distrikts-Poliklinik zunächst provisorisch dem Privat- 
dozenten Dr. Ewald Hering übertragen, der bis dahin Assistent bei 
Wagner in der ambulatorischen PoHkUnik gewesen war, doch wollte 
man ihm den Assistenten nehmen, den Clarus gehabt hatte. Ob- 
gleich dieses letztere auf die Vorstellung der Fakultät zurück- 
genommen wurde, wollte Hering die Stelle unter den gebotenen 
Bedingungen doch nicht annehmen. Dieselbe wurde daher vom 
16. März 1864 ab dem Dr. Schmieder übertragen, aber nur provi- 
sorisch, da derselbe nicht bei der Universität habilitiert war, jedoch 
auf drei Jahre, da das Armenamt für eine kürzere Zeit die Wahl 
des Dr. Schmieder zum Armenarzt nicht für statthaft hielt. Er 
erhielt einen Assistenten (Dr. Brause). 

Zu dieser Zeit habilitierte sich Dr. Thomas bei der medizinischen 
Fakultät und war gleichzeitig als Armenarzt tätig. Er begann auch 
mit diesem Material Studierende zu unterrichten und so kam es, 
daß, als Schmieder im Juni 1865 sein Entlassungsgesuch einreichte, 
da seine Privatverhältnisse ihm nicht die nötige Zeit für das Institut 
übrig ließen, er selbst auf Thomas als geeigneten Nachfolger hin- 
wies. Auch die Fakultät schlug Thomas vor und so erhielt dieser 
zunächst auf drei Jahre vom i. Juli ab die Stelle. Er hatte nun vier 
Armenarzt-Bezirke (seine früheren und die Schmiederschen), welche 
etwa den vierten Teil der Armen der Stadt Leipzig enthielten. 
Die Zahl der Fälle reichte nach seiner Schätzung für etwa sieben 
Praktikanten. Es ist bekannt, daß es Thomas gelang, die Distrikts- 
Poliklinik, welche ganz darniedergelegen hatte, wieder in Flor zu 
bringen. Von den 20 Armendistrikten, welche damals Leipzig 



268 IZZZZ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



besaß, hatte er fünf für seine poliklinische Tätigkeit gewonnen. 
Besonders hatte er ein ausgezeichnetes Material an Kinderkrank- 
heiten und er hat dies, wie seine wissenschaftlichen Arbeiten be- 
kunden, in hervorragender Weise zu nützen verstanden. Als er 
nach Ablauf der ersten drei Jahre wieder auf drei Jahre angestellt 
wurde, vermehrte er die Zahl der Distrikte und erhielt dann auch 
einen zweiten Assistenten. 1868 erst wurde Thomas zum Professor 
extraordinarius ernannt. 1871 fand wieder eine Verlängerung statt, 
1874 wurde die Anstellung endlich zu einer definitiven, nicht mehr 
auf drei Jahre beschränkten, gemacht. 

Im Jahre 1876 erhielt Thomas dann den Ruf an die Universität 
Freiburg für Poliklinik und Pharmakologie und die Fakultät 
wählte einstimmig den Professor extraordinarius Heubner zu seinem 
Nachfolger. Auch hier fand die Übertragung von seiten des 
Ministeriums zunächst nur auf drei Jahre statt. Die Anstellung 
lief vom i. November 1876 ab. Als die dreijährige Zeit der An- 
stellung Heubners an der Distrikts-Poliklinik 1879 ablief, wurde 
dieselbe auf unbestimmte Zeit verlängert und Ostern 1 880 zu einer 
definitiven erhoben. Die Tätigkeit Heubners an der Distrikts-Poli- 
klinik hat sich zu einer äußerst erfolgreichen gestaltet und unter 
seiner Leitung für den Unterricht die schönsten Resultate gezeitigt. 

Auf meine Bitte hat Herr Professor Heubner, jetzt Leiter der 
Kinderklinik in Berlin, die Güte gehabt, selbst über seine Tätigkeit 
eine Mitteilung zu schreiben und es wird von Interesse sein, wenn 
ich den wesentlichsten Teil seines Berichtes hier dem Wortlaute 
nach wiedergebe. 

„Von Anfang an mietete ich mir in der Glockenstraße ein Zimmer, 
wo ich die morgendlichen Bestellungen und der Assistent die abend- 
lichen entgegennahm. Es lag im Zentrum der anfänglichen 
Distrikte. Dieses Zimmer blieb der Schauplatz unserer Tätigkeit, 
bis Sie mir in der neuen medizinischen Poliklinik (1887) Unterkunft 
gewährten. Ich habe die Poliklinik gerade 15 Jahre lang, von 
Herbst 1876 bis Herbst 1891, geführt. Die ersten Jahre war der 
Zuspruch der Studierenden gut, aber als ich vom Herbst 1877 an 
auch die interimistische Leitung der medizinischen Poliklinik über- 
nahm, ließ das Interesse an der mühsamen Arbeit in der Distrikts- 



" DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ZZZZZ 269 

Poliklinik etwas nach, so daß ich vom Sommer 1879 bis Früh- 
jahr 1881 die Beteiligung ohne Entgelt zuließ. Jetzt stieg die 
Frequenz wieder auf zirka 20 Praktikanten. Besonders vor- 
teilhaft für die Erwärmung der Studenten erwies sich aber ein 
kleiner Kunstgriff, den ich Frühjahr 1880 einführte: Jeder neu an- 
gemeldete Krankheitsfall wurde sofort mittelst Postkarte an den 
Praktikanten, der an der Reihe war, weiter gemeldet, so daß dieser 
jeden Fall möglichst frisch zu sehen bekam und damit in die 
Famihe eingeführt war. Nun wuchs das Interesse zusehends, so 
daß von der Mitte der achtziger Jahre an die Anmeldungen der 
Studierenden viel zahlreicher waren, als angenommen werden 
konnte. Denn über die Zahl von 25 Praktikanten konnte ich bei 
dem bescheidenen Material nicht hinausgehen. Ich war gezwungen, 
Listen zu führen, in denen sich die Aspiranten für das nächste, 
übernächste, selbst drittnächste Semester eintrugen, vielfach unmittel- 
bar nach bestandener Vorprüfung, um während des Studiums daran 
zu kommen. Jeder wichtige Kranke wurde fortlaufend von mir 
selbst besucht, so daß die Studenten sich fortwährend kontrolhert 
wußten. Die Besuche machten sie aber stets ohne mich, ich 
gestattete ihnen sogar, auf meinen Rezeptformularen in meinem 
Namen zu verschreiben. 

Jeden Mittwoch- und Sonnabendnachmittag 5 — 7 Uhr wurde 
jeder einzelne Fall gründlich durchgesprochen. Es war eine sehr 
mühselige Lehrtätigkeit, aber Studenten und nicht wenige der 
Lehrer lernten dabei das Praktizieren, ohne Routiniers zu werden. 
Der Praktikant bekam im Semester durchschnittlich in 10 Familien 
zu tun, fleißige Leute in 15 und mehr. Bei Todesfällen wurde 
möglichst stets (oft gegen Geldentschädigung) und möglichst unter 
Zuziehung der Praktikanten die Sektion gemacht. Immer wurden 
die Sektionen ausführlich besprochen." 

Wie aus dieser Schilderung Heubners sich ergibt, wurde die 
Distrikts-Poliklinik, als das neue poliklinische Gebäude, Nürnberger 
Straße 55, im Jahre 1888 bezogen wurde, in den Räumen der 
ambulanten Poliklinik mit abgehalten, und zwar fand die erstere 
wesentlich am Vormittag und Abends, letztere am Nachmittag statt. 
Schon aus der wissenschaftlichen Tätigkeit von Thomas konnte 



270 ZZZ^ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



man ersehen, daß die Distrikts-Poliklinik besonders viel Gelegenheit 
zur Kinderpraxis eröffnete und so war es auch unter Heubner, der 
immer mehr und mehr die Kinderkrankheiten zu seiner Spezialität 
machte. Es gab in Leipzig keine Spezialklinik für Kinderkrankheiten 
und so wandte er sich mit seiner ganzen Energie dem Plane zu, 
eine solche Klinik und ein dazu gehöriges Krankenhaus zu gründen. 
Es ist bekannt, mit welchem glänzenden Erfolge er diesen Plan 
durchgeführt hat, es ist nicht meine Aufgabe, diesen Teil seiner 
Tätigkeit hier zu besprechen. Als das Kinderkrankenhaus vollendet 
war und Heubner dessen Direktion antrat, gab er die Leitung der 
Distrikts-Polikhnik auf, diese wurde im Oktober 1891 mit der 
Ambulanz vereinigt und so der ursprünghche Zustand, wie ihn 
Weber begründet hatte, wieder hergestellt. Jedoch fand eine Art 
von Teilung statt, so daß die medizinische Universitäts-Poliklinik 
die distriktspoliklinische Behandlung der erwachsenen Kranken, die 
Universitäts-KinderpolikUnik diejenige der Kinder übernehmen sollte. 

Dies hat sich aber allmähhch als praktisch nicht durchführbar 
erwiesen, das Kinderkrankenhaus ist räumlich zu weit entfernt von 
den Armendistrikten, als daß dieselben von dort aus noch besucht 
werden könnten. Auch hat sich die Arbeit dort so gehäuft, daß 
dieser Anteil an der Distrikts-Poliklinik schheßlich gern aufgegeben 
wurde. Heubner hatte in der letzten Zeit zwei Assistenten an der 
Distrikts-Pohklinik gehabt und zu deren Besoldung 1800 Mark 
erhalten, außerdem war für den einen dieser Assistenten, welcher 
stets bei Heubner mit wohnen mußte, um schleunigst allen An- 
forderungen genügen zu können, eine Wohnungsentschädigung von 
300 Mark ausgeworfen. Die Besoldung für die beiden Assistenten 
ging nun auf die Kinderpoliklinik über, das Wohnungsgeld wurde 
eingezogen, weil nunmehr der Assistent für die Distrikts-Poliklinik 
seine Wohnung in dem poliklinischen Gebäude erhielt. Diese 
Assistentenstelle wurde neu kreiert und der Assistent der Distrikts- 
Poliklinik den andern poliklinischen Assistenten mit damals 900 Mark 
Remuneration gleichgestellt. 

Seitdem wird die Distrikts-Poliklinik des Morgens jetzt von 
8 — 10 Uhr in dem poUklinischen Gebäude abgehalten und von dem 
dort wohnenden Assistenten unter Leitung des Direktors versorgt. 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ZZZZZZI 271 



Der Zuspruch an Kranken ist ein reichlicher, da acht Armendistrikte 
der Pohklinik zugeteilt sind. Die Teilnahme der Studierenden aber 
ist fast ganz geschwunden. Die Examens- und Studienordnung sind 
vöUig verändert und die jungen Leute behaupten, daß bei der 
jetzigen Art der Studienordnung die Zeit für eine so umständliche, 
weitläufige Tätigkeit nicht freigemacht werden könnte. Obgleich 
aber die Zahl der Praktikanten geschwunden ist, so ist doch der 
Wert dieses Materials immer der gleiche. Denn hier ist es allein 
möglich. Kranke längere Zeit und bis zum Tode zu beobachten 
und zu behandeln, sowie Sektionen zu erlangen, was in der Am- 
bulanz nur in Ausnahmefällen gelingt. Besonders für die jetzt 
neue Einrichtung der Medizinalpraktikanten erweist sich diese 
Distrikts-Poliklinik als ein lohnendes und lehrreiches Feld der Be- 
tätigung. Ich glaube daher, daß das bestehende Verhältnis sorg- 
fältig bewahrt werden muß. Eine gewisse Gefahr droht ihm aus 
den Bestrebungen in ärztlichen Kreisen, die Armenärzte abzuschaffen 
und die Behandlung der städtischen Armen frei zu geben. Diese 
Bestrebungen liegen im Geiste einer gewissen Zeitströmung und 
werden sich daher vielleicht allmählich durchsetzen, obwohl es 
sicher ist, daß damit die Neigung des weitaus größten Teiles der 
Armen, sich auf jede Weise geregelter Aufsicht zu entziehen und 
mit Hilfe schwer zu durchschauender Vorspiegelungen Vorteile zu 
verschaffen, unterstützt und die eigentliche Armenpflege erschwert 
werden wird. Jedenfalls darf dieses Verhältnis nicht den einseitigen 
Interessen der Ärzte gemäß geregelt werden, sondern auf dem 
Boden einer klaren Einsicht davon, wie die Armut zu bekämpfen 
ist; ein Problem, an dem nur zu viele sich mit humanen Redens- 
arten versuchen, ohne von seinem Ernst und seiner Schwierigkeit eine 
Ahnung zu haben. Die Kreise, welche sich dieser Agitation warm 
annehmen, sollten auch berücksichtigen, daß sie die Empfehlungen 
dieses Systems aus Städten bezogen haben, wo die Sozialdemokratie 
äußerst mächtig ist, besonders aus Straßburg, wo dieselbe die 
Finanzen der Stadt jetzt dem Bankerott nahe gebracht und sich vöUig 
unfähig erwiesen hat, eine gesunde Verwaltung zu führen. Die 
Distrikts-Poliklinik wird jedenfalls auch bei einer Abschaffung der 
Armenärzte im jetzigen Sinne nicht zugrunde gehen müssen, sondern 



272 Z^^ZZ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK " 

in irgendeiner anderen Verhältnissen anzupassenden Form der 
Poliklinik erhalten werden können; die Aufmerksamkeit ihres 
Direktors wird darauf stets gerichtet bleiben, weil sie ein kostbarer 
Bestandteil der Poliklinik ist. 

Kehren wir nun zum Jahre 1862 zurück, wo die Teilung der 
medizinischen Poliklinik in die Distrikts-Poliklinik unter Clarus und 
die Ambulanz unter Wagner stattfand. Wagner wurde 1862 ordent- 
licher Professor mit dem Lehrauftrage für allgemeine Pathologie 
und pathologische Anatomie und erhielt definitiv die Leitung des 
Teils der Poliklinik, welcher nun die Ambulanz genannt wird. 
Diese Ambuknz stand unter Wagner bis Ostern 1877. Er begann 
mit einem Assistenten und hatte gegen 800 Kranke bei 4 bis 10 
Studierenden, aber die Zahl der Kranken wuchs über 2000, die der 
Studierenden auf 40 bis 60, und so mußten auch die zwei Assistenten, 
welche Wagner für seine pathologisch-anatomische Tätigkeit hatte, 
in der Poliklinik mit helfen. 1872 wuchs aber die Arbeitslast so, 
daß Wagner den Antrag stellte, von der Direktion der Poliklinik 
enthoben zu werden. Zunächst wurde dieses Gesuch dadurch er- 
ledigt, daß Wagner einen weiteren Assistenten erhielt, als er aber 
im Oktober 1877 die Leitung der medizinischen Klinik übernahm, 
wurde die pathologische Anatomie und die ambulante Poliklinik 
frei. Damals erhielt Cohnheim den Ruf nach Leipzig und Heubner 
übernahm provisorisch die Leitung auch dieser Poliklinik. Die 
Fakultät war aber trotz großer Schwierigkeiten in dem Bestreben 
unermüdlich, für die Leitung der ambulanten Poliklinik einen be- 
sonderen Vertreter zu gewinnen und es gelang ihr auch endlich 
mit Erb. 

Am I. April 1880 trat Erb die Stelle eines Direktors der 
ambulanten medizinischen Poliklinik als ordentlicher Professor an 
und gleichzehig wurde er mit der Verpflichtung über spezielle 
Pathologie und Therapie zu lesen betraut. Erb blieb in dieser 
Stellung bis Ostern 1883. Von Erb gingen Anregungen aus, 
welche von größter Bedeutung geworden sind. Er sonderte zwei 
Abteilungen von der großen Masse der Patienten ab, die Nerven- 
kranken und die Hautkranken und gab jeder dieser Abteilungen 
einen Assistenten. Zunächst waren das keine etatmäßigen Assi- 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ZZZ^ 273 



stentenstellen, sondern es waren Volontärassistenten, welche die 
Arbeit übernahmen. Die Nervenkranken hatte er schon vor Erb 
Brenner zur Zeit Wagners besonders versorgt und das Material für 
seine berühmten Arbeiten dürfte wesentlich Material der Poliklinik 
gewesen sein. Erb nahm sich dieser Abteilung, wie es seine 
Neigung mit sich brachte, dann ganz besonders persönhch an. 
Für die Hautkranken gewann er Ostern 1881 Neißer, der sich 
Ende des Sommersemesters 1880 in Leipzig habilitiert und dann 
in Spanien Studien über Lepra gemacht hatte. 

Nachfolger von Neißer ist dann im Anfang des Sommers 1882 
Lesser geworden. Er habilitierte sich Ende dieses Semesters. Man 
erkennt daraus, wie sehr diese Stelle, die noch bis heute besteht, 
geeignet ist, tüchtige Beobachter, Forscher und Ärzte zu bilden. 
Erb ist so freundlich gewesen, mir einen sehr eingehenden Bericht 
über seine damalige Tätigkeit zu schicken, und seine Darstellung 
trifft im wesentlichen noch jetzt auf den Betrieb des Unterrichts 
zu. Ich bringe sie deshalb hier zum Abdruck. 

Die Poliklinik in Leipzig in den Jahren 1880 — 1883 
von Prof. Dr. W. Erb. 

,,Am 30. Oktober 1879 erhielt ich die Berufung nach Leipzig 
als Ordinarius für spezielle Pathologie und Therapie, mit der Auf- 
gabe, die dort von Prof. Ernst L. Wagner lange Jahre geführte 
und zu hervorragender Bedeutung gebrachte ambulatorische medi- 
zinische Polildinik zu übernehmen und für den klinischen Unterricht 
zu verwerten. 

Es wurde mir nicht leicht, diesem an sich so ehrenvollen Rufe 
zu folgen, da ich mich bereits seit Jahren in meine mehr spezia- 
listischen Aufgaben als Nervenpathologe eingelebt hatte. Die 
medizinische Fakultät wünschte jedoch ausdrücklich, daß ich auch 
in Leipzig auf diesen Teil der inneren Medizin, der dort noch 
kaum vertreten war, ein besonderes Gewicht legen solle. So wurde 
mir der Entschluß erleichtert. Ich reiste im November nach Leipzig, 
um alle Verhältnisse genau kennen zu lernen und zu besprechen. 

Der damalige Zustand der Lokalitäten, in welcher die ambula- 
torische Poliklinik abgehalten wurde, war kein besonders erfreulicher. 
In dem tiefgelegenen Parterre eines alten Hintergebäudes im Hofe 

III- 35 



274 HZZm DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ' 

der Universität, neben dem alten Kreuzgang, waren es einige 
wenige, recht ungemütliche Räume: ein Wartezimmer, ein größeres 
Untersuchungszimmer und der Hörsaal; dazu noch ein Nebenraum, 
in welchem der mir befreundete, bekannte Petersburger Elektro- 
therapeut, Rudolf Brenner, der nach Leipzig übergesiedelt war, 
gastweise die Elektrotherapie pflegte. 

Es war da vieles zu ändern und zu bessern, um die Dinge 
wenigstens einigermaßen für einen eingehenden poliklinischen 
Unterricht umzugestalten. Vermehrung des Raumes und Ausstattung 
desselben mit vervielfältigten Untersuchungsräumen für die Prak- 
tikanten waren die dringendsten Erfordernisse. Ihnen konnte auch 
genügt werden, wenn freilich auch das ganze Lokal, das am Vor- 
mittag der chirurgischen Poliklinik unter Prof. ß. Schmidt, am 
Nachmittag der medizinischen Poliklinik, die damals Prof. Otto 
Heubner interimistisch neben der Distrikts-Poliklinik führte, tür einen 
größeren und wirklich allen Anforderungen entsprechenden poli- 
kUnischen Betrieb sehr wenig geeignet erschien. 

Ich fand bei der Königlichen Regierung und bei allen beteiligten 
Universitätsbehörden für meine Wünsche und Abänderungsvorschläge 
weitgehendes Entgegenkommen; die notwendigen baulichen Ver- 
änderungen wurden genehmigt und alsbald in die Wege geleitet, 
die Mittel für weitere Assistenten und für unerläßhche Neuan- 
schaffungen wurden bewilligt, und so entschloß ich mich zur An- 
nahme des Rufes. Am 8. Dezember 1879 wurde mein Anstellungs- 
dekret erlassen. 

Am I. April 1880 trat ich mein Amt an und übernahm wenige 
Tage später in noch provisorischen Räumen die poliklinische Am- 
bulanz. Bis zum Beginn des Sommersemesters — die erste poli- 
klinische Unterrichtsstunde hielt ich am 22. April 1880 — waren 
ziemlich fertig und es verfügte die Pohklinik nun über folgende 
Räume: Wartezimmer und Untersuchungszimmer ungefähr im alten 
Zustand; der Hörsaal, soweit ich mich erinnere, ebenfalls er\veitert 
und umgestaltet, für etwa 80 — 90 Zuhörer ausreichend; den beiden 
letztgenannten Räumen war eine Anzahl, von etwa 6 — 8 kleinen, 
freiUch meist nur künstlich beleuchteten Untersuchungskabinetten 
für die Praktikanten angegliedert; dann folgte das Elektrisierzimmer, 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ZZZ^ 275 



daran anschließend ein dunkles Durchgangszimmer, das für larvn- 
goskopische und ophthalmoskopische Untersuchungen adaptiert war, 
und endlich noch eine Art Sprechzimmer für den Direktor der 
medizinischen Poliklinik. Das alles war nicht gerade glänzend, aber 
doch für die dringendsten Bedürfnisse ausreichend. Freilich war 
das Gedränge und die Unruhe bei der großen Krankenzahl, die 
vielen Praktikanten, bei der Koinzidenz des Unterrichts mit der 
Abfertigung der Kranken oft recht groß und störend. In diesen 
jetzt längst verschwundenen Räumen spielte sich der Hauptteil 
meiner Lehrtätigkeit, der poliklinische Unterricht ab. — Außerdem 
aber hatte ich es übernommen, eine Vorlesung über die gesamte 
spezielle Pathologie und Therapie zu halten; sie fand im Hörsaal 
des pathologischen Instituts statt. Ich las in jedem Wintersemester 
vor 50 — 70 Zuhörern die vollständige Nervenpathologie (vierstündig), 
in den beiden anschließenden Sommersemestern die übrigen Teile 
der speziellen Pathologie (dreistündig; nachmittags). 

Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit lag jedoch, wie gesagt, im 
poliklinischen Unterricht; derselbe fand, wie schon längst üblich, 
fünfmal wöchentlich von 2 — 3 Uhr nachmittags statt. (Mittwoch 
war frei.) Er bezweckte zunächst, die Studierenden mit den Ver- 
hältnissen der täglichen Praxis in der Sprechstunde, wie bei der 
jetzt so wichtig gewordenen kassenärztlichen Tätigkeit vertraut zu 
machen; ihnen die Fülle der täglichen Vorkommnisse, der wichtigen 
und der unwichtigen, vor Augen zu führen; sie zu einer raschen, 
aber doch genauen und eingehenden Untersuchung und Diagnosen- 
stellung zu erziehen und sie in den darauf zu gründenden thera- 
peutischen Maßnahmen zu unterweisen. Für den Lehrer erwuchs 
aber dabei noch die Aufgabe, den Schülern das alles direkt zu 
zeigen, ihre Untersuchung zu kontrollieren und zu korrigieren, außer- 
dem aber auch über die wichtigeren Fälle kürzere oder längere 
khnische Vorträge zu halten, gerade wie in der stationären Klinik 
am Krankenbett. Es war das eine nicht gerade leicht zu lösende 
Aufgabe, bei der Kürze der zugemessenen Zeit, die täglich nur eine 
knappe Stunde betrug. 

Die Praktikanten erschienen deshalb schon vor Beginn der 
Unterrichtsstunde, bekamen die geeigneten Fälle zugeteilt oder 



276 ^^ZZ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



suchten sie sich selbst aus und untersuchten sie nun jeder für sich 
in einem der kleinen Kabinette, selbständig oder wohl auch mit 
etwas Unterstützung seitens der Assistenten. Sie schrieben ihre 
Diagnose dann auf einen Zettel, der mir bei Beginn der Stunde 
oder während derselben übergeben wurde. So hatte ich in jeder 
Stunde etwa 6—8 — 12 Fälle zur Auswahl für die klinische Vor- 
stellung und Besprechung. Die Zahl der so in einer Stunde vor- 
gestellten und besprochenen Fälle schwankte zwischen 3 und 9 
(ich besitze noch die genauen Listen davon); es wurde eine Anzahl 
„kleiner" Fälle (Hautkrankheiten, Anginen, Bronchialkatarrhe, Dys- 
pepsien, leichte Lähmungs- und einfache Krampfformen u. dergl.) 
kurz und rasch demonstriert und daran dann die Vorstellung und 
Besprechung von 2, 3 oder 4 „größeren" Fällen angeschlossen, 
manchmal aber auch nur über eine bestimmte Krankheitsform aus- 
führlicher Vortrag gehalten. — Die nicht vorgestellten, aber von 
den Praktikanten untersuchten Fälle wurden nach der Vorlesung 
noch von mir oder meinen Assistenten angesehen und kurz durch- 
gesprochen. 

Auf diese Weise gingen an den Augen der Studierenden außer- 
ordentlich zahlreiche und wechselnde, vielfach sehr belehrende 
Krankheitsbilder vorüber; ich steUte im Sommersemester 290—343, 
im Wintersemester 365—385 Fälle vor. Die Studierenden wußten 
das auch wohl zu schätzen und besuchten mit großem Eifer die 
pohkhnischen Stunden, in denen sie in einen wichtigen Teil ihrer 
späteren Praxis eingeführt wurden. Ihre Zahl schwankte in jenen 
Jahren zwischen 55 und 80. 

Ich erwähnte schon, daß Brenner mir eine wertvolle Unter- 
stützung bot durch seine elektrische Untersuchung und Behandlung, 
leider wurde er durch schwere Erkrankung nach wenigen Semestern 
seiner weiteren Mitarbeit entzogen. Außerdem aber erfreute ich 
mich in der Poliklinik der tätigen und mir sehr belehrenden Mit- 
wirkung: der Dermatologen Alb. Neißer und als dieser nach Breslau 
übersiedelte, von Edm. Lesser, welchen ich das reiche Material der 
Poliklinik an Haut- und Geschlechtskrankheiten für ihre eigenen 
Studien und Kurse zur Verfügung stellte, natürlich nicht, ohne es 
auch für meinen eigenen poliklinischen Unterricht zu verwerten. 



" DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK IZZIZZ 277 

Zur Ergänzung meines neuropathologischen Unterrichts hielt ich 
dann im Sommersemester 1881 und 1882 noch einen Kursus der 
neurologischen Diagnostik ab, der am Mittwoch von 2 — 4 Uhr ab- 
gehalten wurde und viel Anklang fand. 

In dieser Weise spielte sich meine Lehrtätigkeit in Leipzig ab; 
sie war anregend und belehrend auch für den Lehrer und bildete, 
wenn auch nicht mit dem Unterricht an einer stationären Klinik 
auf die gleiche Stufe zu stellen, doch für diesen eine wichtige und 
nicht leicht zu ersetzende Ergänzung. Aber sie erreichte schon 
nach drei Jahren ein Ende: am i. April 1883 folgte ich einem 
Rufe nach Heidelberg, um dort die Leitung der medizinischen Klinik 
zu übernehmen." 

A. Strümpell, geb. 1853, hatte sich, nachdem er unter Wunder- 
lich und Wagner Assistent an der medizinischen Klinik gewesen 
war, im Jahre 1878 als Privatdozent habilitiert. Ihm wurde nun 
als Nachfolger Erbs 1883 die Stelle zunächst als Extraordinarius 
übertragen, ebenso wurde er als Nachfolger Erbs auch Examinator 
in der Prüfungskommission. Strümpell blieb in dieser Stellung, bis 
er den Ruf nach Erlangen erhielt, dem er Ostern 1886 folgte. Die 
Poliklinik ist unter ihm auf dem von Erb eingeschlagenen Wege 
weiter geführt worden. Von besonderem Interesse ist, daß er 
Möbius gewann, um die von Erb eingerichtete Abteilung für Nerven- 
kranke bei der Poliklinik zu dirigieren. Dem Zusammenarbeiten 
mit diesem verdankte er, wie er mir selbst bezeugt, manche An- 
regung für seine später so erfolgreiche Tätigkeit auf diesem Gebiete. 

Ich übernahm die Poliklinik mit dem Wintersemester 1886, der 
Plan zu dem neuen Gebäude war in der Hauptsache bereits fertig, 
doch habe ich noch 3 Semester in den ahen Räumen, welche Erb 
geschildert hat, im jetzt verschwundenen Flügel des Paulinums die 
Poliklinik und die Vorlesung über spezielle Pathologie und Therapie 
abgehalten. Es geschah dies durchaus in der von Erb beschriebenen 
und von Strümpell fortgeführten Art und Weise. Ich hatte drei 
Assistenten, neben Möbius noch zwei, welche die übrigen Kranken 
besorgten, Dr. Heinrich Schmidt und Dr. Cari. Sie arbeiteten zu- 
nächst nebeneinander, dann aber wurde es so eingerichtet, daß der 
eine die Kranken aufnahm, die erste Diagnose stellte und nun die 



278 DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



geeigneten Fälle zu Möbius schickte, die inneren Fälle, welche 
schwieriger Avaren und sich öfter zu dauernder Behandlung ein- 
stellten, dagegen dem andern Kollegen zuwies. Die Abteilung für 
Hautkranke war indes eingegangen, da Dr. Lesser sich selbständig 
gemacht hatte. Es kamen jedoch immer ziemlich viel Hautfälle vor 
und ich erkannte, daß eine vollständige Abwälzung dieses Materials 
direkt schädlich werden konnte. Erstens gibt es eine gewisse Zahl 
von Grenzfällen, welche ebensowohl vom allgemeinen wie vom 
speziell dermatologischen Standpunkte wichtig werden können, dann 
gibt es zahlreiche Syphilitiker, die neben Tuberkulösen, Mund- und 
Rachenkranken anderer Art gezeigt, ein äußerst belehrendes und für 
die Poliklinik notwendiges Material darstellen. Ich kam also darauf 
zurück, eine Abteilung für Hautkranke einzurichten. Dies geschah 
aber erst als die neuen erweiterten Räume zu Gebote standen. Auf 
meinen Antrag bewilligte das Ministerium alsdann einen etatmäßigen 
Assistenten, und der erste, der diese Stelle einnahm, war Friedheim, 
welcher sich bei Neißer gebildet hatte. 

Im Frühjahr 1888 wurde das neue poliklinische Gebäude Nürn- 
berger Straße 55 bezogen, wo für die medizinische Abteilung das 
Erdgeschoß bestimmt war. Hier konnte ich nun die Einrichtung 
definitiv so gestalten, daß ein Assistent die Aufnahme besorgte und 
die Kranken an die drei genauer untersuchenden und weiter be- 
handelnden Abteilungen für innere Haut- und Nervenkranke ver- 
teilte. Der Raum war damals noch genügend vorhanden und ich 
begründete sogar noch eine Abteilung für Nasen-, Rachen- und 
Ohrenkranke. Denn auch solche kamen häufig in die Poliklinik. 
Es bestand zwar unter der Leitung des Herrn Prof. Hagen eine 
SpezialkHnik für diese Kranken, aber sie war ähnHch wie die für 
Hautkranke, ganz unabhängig und entfernt gelegen, das Bedürfnis, 
in gewissen Fällen von innerlich Kranken auch eine genaue Kehl- 
kopfuntersuchung zu haben, machte sich oft so geltend, daß es mir 
höchst wertvoll schien, einen Assistenten, der dieses leisten konnte, 
zu besitzen. So kam es zur Gründung dieser Abteilung, für die 
das Königliche Ministerium ebenfalls einen Assistenten bewilligte. 
Es war dies der jetzt in Kiel tätige Prof. Friedrich. Es zeigte sich 
allerdings bald, daß die Universität für Haut, wie für Nase, Rachen 



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DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ZZZI^ 279 



und Kehlkopf große Spezialkliniken mit stationären Abteilungen 
haben mußte, und als es mit auf meinen Antrieb hin zur Gründung 
solcher gekommen war, ließ ich die Abteilung für Hals- und Ohren- 
kranke eingehen, weil der Betrieb der Pohklinik überlastet und die 
Räumlichkeiten schon allzu beschränkt wurden. Doch halte ich 
immer darauf, daß meine Assistenten eine gute Fertigkeit im Kehl- 
kopfspiegeln sich aneignen. In schwierigen und wichtigen Fällen 
müssen aber die Kranken in die Spezialklinik im Jakobspital ge- 
schickt werden, leider ist dies oft nicht ohne Verlust an Zeit und 
Material möglich. Die Abteilung für Hautkranke und Syphilitiker 
wurde darum auch beibehalten. Die Interessen des Unterrichts er- 
fordern die Bewahrung dieser Abteilung in noch viel höherem Maße 
als die laryngologische bei der inneren Poliklinik. Sie kann nie 
eine gefährliche Konkurrenz für die Spezialklinik werden, weil sie 
kein stationäres Material haben kann und weil die Autorität des 
spezialistisch ausgebildeten und arbeitenden Professors doch den 
besten Teil der Fälle an sich ziehen muß, auch werden die Ärzte 
zur Konsultation in allen schwierigen und interessanten Fällen sich 
stets dorthin wenden. Die Gefahr einer Schädigung der Spezial- 
klinik für Haut und Syphilis war also sehr gering. Für groß mußte 
man aber die Getahr der Schädigung meines Materials erachten. 
Es ist sicher, daß viele Fälle, die von Laien für hautkrank gehalten 
werden, in Wahrheit der inneren Klinik angehören und es hieße 
geradezu mein Material schädigen, wäre die Einrichtung eine solche, 
daß alles, was sich für hautkrank hält, grundsätzlich von der inneren 
Poliklinik fortbleibt. Von anderen ebenso wichtigen Gründen ist 
bereits oben gesprochen. Es wäre ein grober und ein prinzipieller 
Fehler gewesen, diese Abteilung aufzugeben, und es ist trotz einiger 
Schwierigkeiten auch gelungen, sie zu behalten. Je größer Leipzig 
wird und damit das Material sich hebt, um so mehr werden die Be- 
denken dagegen schwinden, man darf wohl sagen, daß sie bereits 
geschwunden sind. 

Als die Abteilung für Ohren- und Halskrankheiten wieder auf- 
gegeben wurde, gelang es durch eine wohl begründete Eingabe 
beim Ministerium, die Assistentenstelle doch zu behalten und so 
war nun ein Assistent vorhanden, der besonders mit Aufgaben be- 



28o ZZ^ZH DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



traut werden konnte, die wissenschaftlich oder praktisch wichtig 
waren. Über seine Tätigkeit später. 

Im Oktober 1891 gab Heubner mit der Eröffnung des Kinder- 
krankenhauses in der Platzmannstraße die Distrikts-Poliklinik auf. 
Sie war schon seit 1888 in meinen Räumen gehalten worden und 
nun ging auch die Direktion in meine Hände über. Ein Assistent, 
welcher die Verwaltung der laufenden Geschäfte zu besorgen hatte, 
erhielt eine Wohnung von zwei Zimmern im zweiten Stock, um 
immer zur Verfügung der Kranken zu sein, wenn eilige Hilfe 
nötig war. 

Es soll nun an der Hand des beigefügten Planes der Geschäfts- 
gang geschildert werden, wie er sich bei uns abwickelt und damit 
wird der Leser ein klares Bild davon bekommen, wie jetzt in der 
medizinischen Universitäts-Poliklinik gearbeitet wird. 

Des Morgens von 8 — 10 ist die Sprechstunde der Distrikts- 
Poliklinik, sie wird von dem für diese angestellten Assistenten abge- 
halten, der zurzeit zwei Medizinalpraktikanten zur Seite hat. Die 
Patienten kommen in das Aufnahmezimmer (Nr. 2) und werden 
dort abgefertigt oder wenn Untersuchungen nötig sind, werden sie 
in die Untersuchungszimmer gebracht. Studenten beteiligen sich 
an der Distrikts -Poliklinik kaum noch seit dem neuen Examens- 
reglement. Diese Poliklinik verlangt viel Opfer an Zeit und be- 
reitet nicht auf das Examen, sondern auf die Praxis vor. Da für 
diese Vorbereitung jetzt doch das Medizinalpraktikantenjahr be- 
stimmt ist, so kann man es nur natürhch finden, wenn die jungen 
Leute nicht die Opfer an Zeit bringen wollen, welche ihnen die 
Arbeit im Distrikt auflegt. Ich habe mich schon darüber ausge- 
sprochen, daß die Distrikts-Poliklinik aus den verschiedensten Gründen 
sorgfältig zu pflegen ist. Zurzeit besonders im Interesse der Medi- 
zinalpraktikanten, die hier wärkhch das Leben und die Praxis kennen 
lernen, dann liefert sie die besten Fälle für wissenschaftliche Aus- 
nutzung, hier kann der Professor und seine Assistenten noch Kranke 
dauernd bis zum Tode beobachten und Sektionen bekommen, sie 
ist also eine unschätzbare Quelle für die Bildung und Anregung 
des Lehrpersonals. Daß Zeiten und Umstände eintreten können, 
wo diese Poliklinik ihre alte Frequenz zurückgewinnt, ist auch nicht 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



281 




III. 



36 



282 ZZIIZ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



ausgeschlossen. Endlich sind die Ansprüche an das Material so 
groß und wachsen so sichtlich, daß auch dieser Gesichtspunkt zur 
weiteren Pflege der alten Einrichtung dringend auffordert. Mancher 
schöne Fall, der hier beobachtet wird, findet natürlich auch für die 
ambulante Poliklinik Verwertung, und ist wegen der Möglichkeit 
einer gründlichen Beobachtung hier unschätzbar. Die Distrikts- 
PolikUnik bezieht ihr Material aus den Armenbezirken Nr. 19 und 
35 bis mit 41, für welche der Direktor als Armenarzt angestellt ist. 

Des Nachmittags von \2 bis 3 ist die Sprechstunde der am- 
bulanten Poliklinik, zurzeit das für den Unterricht wichtigste Arbeits- 
feld. Diese Poliklinik wird wochentags, mit Ausnahme des Mitt- 
wochs, abgehalten. Am Mittwoch ist aber auch der Assistenzarzt 
der Aufnahme immer gegenwärtig, damit Patienten, welche schwer 
krank sind, von weiter herkommen oder welche von anderen 
Kliniken an uns konsultierenderweise geschickt werden, nicht un- 
verrichteter Sache wieder umkehren müssen. Patienten, welche in 
der Nähe wohnen und nicht dringend der Abfertigung bedürfen, 
werden aber an diesem Tage nicht angenommen. Dieser Tag ist 
schon von meinen Vorgängern immer frei gehalten worden und 
er wurde so belassen, damit ein Tag für wissenschaftliche Arbeiten 
dem Direktor und den Assistenten erhalten bleibe. 

Die Kranken, welche die ambulante Poliklinik aufsuchen, werden 
in das Aufnahmezimmer (Nr. 2) gewiesen, wo sie ins Aufnahme- 
buch eingetragen werden und einen Aufnahmeschein erhalten. Mit 
diesem werden sie dann in eins der Untersuchungszimmer geschickt. 
Es sind zur Untersuchung ursprünglieh die Räume 3 bis 10 be- 
stimmt gewesen, doch ist 10 zu einem Laboratorium für die Assi- 
stenten und Famuli, 9 zu einem Raum, wo Instrumente stehen und 
oben genannte Herren ihre Garderobe ablegen können, notge- 
drungen gemacht worden, da für diese Zwecke keine genügende 
Räume vorgesehen waren. So bleiben jetzt noch 3 bis 8, welche 
meist für die regelmäßigen Bedürfnisse reichen. Während diese 
Zimmer sich im übrigen gut bewährt haben, ist ihre Lage an der 
Straße bei dem starken Verkehrslärm eine äußerst ungünstige für 
die Behorchung der Kranken. Eine Besserung in diesem Gebäude 
ist leider unmöglich. In Nr. 3 sind die Einrichtungen getroffen, 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK Z^ZZI 283 



Untersuchungen des Kehlkopfes und der Augen auszuführen, wie 
sie doch nicht sehen vorläufig notwendig werden. In allen wich- 
tigeren Fällen aber werden die Patienten mit einer Benachrichtigung 
zur Konsultation an die betreffende Spezialklinik geschickt. 

In den Untersuchungszimmern werden nun die Kranken von 
dem Assistenten der Aufnahme angesehen. Er schickt sofort die- 
jenigen, welche der Abteilung für Nervenkranke zukommen, nach 
Nr. 13, diejenigen, welche hautkrank sind, nach Nr. i, die übrigen 
innerlich Kranken fertigt er teils selber ab, teils werden auch sie 
der inneren Abteilung (Wartezimmer i) zugewiesen. Hier hat er 
mit einer gewissen Auswahl zu verfahren, denn der inneren Ab- 
teilung sollen nur solche Kranke zugeführt werden, welche dauernd 
behandelt werden müssen und von einem größeren wissenschaft- 
lichen Interesse sind. Die große Menge von Fähen, welche nur 
eine einmalige Konsultation wünschen, mit einem guten Rate fort- 
gehen und wahrscheinlich nie wiederkehren, sollen die innere Ab- 
teilung nicht belasten. 

Für die genauere Beobachtung und Behandlung der Patienten, 
die dauernd zur Behandlung kommen, sind die drei Abteilungen 
für innere (in la). Haut- (in ib) und Nervenkranke (in 13, 14) ein- 
gerichtet, die Poliklinik führt daher auch offiziell den Namen „für 
innere, Haut- und Nervenkranke". Jeder Abteilung steht ein Assi- 
stent vor und diese haben mit Hilfe ihrer Famuh und jetzt auch 
Medizinalpraktikanten Krankengeschichten über diese Fälle zu führen. 
Von den Studenten wird das Führen von Krankengeschichten nicht 
verlangt. Ich weiß, daß dies von gewisser Seite gewünscht worden 
ist, aber die damit verbundene weitere Belastung der jungen Leute 
und die mir selbst zufaUende, wenn ich es erreichen will, daß diese 
Krankengeschichten wirklich brauchbar werden, ist so groß, daß ein 
solcher Wunsch nur am grünen Tisch BeifaU finden kann. Es 
wäre notwendig, viele Stunden wöchentlich hinzuzunehmen, um 
diese Krankengeschichten zu kontrollieren und mit den Herren durch- 
zusprechen, bei einer großen Zahl von Praktikanten wäre es nicht 
mehr durchzuführen, vom Besuch der Poliklinik würde es nur noch 
abschrecken. Dieser Anspruch war ganz unhaltbar, solange die 
Poliklinik nicht zwangsweise belegt werden mußte. Jetzt, wo dies 



284 ZZZIZZ DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK " 

der Fall ist, könnte ja die Einrichtung getroffen werden, wenn man 
eine schülerhafte Disziplin einführen will. Diese Strömung werde 
ich nie unterstützen, zumal es hier sonst auf keiner Klinik Sitte 
ist, daß die Praktikanten Krankengeschichten führen, dies auch zu 
meiner Assistentenzeit bei Frerichs, Traube, Meyer in Berlin nicht 
geschah. An sehr kleinen Universitäten mit wenig Material würde 
die Sache dagegen in Betracht kommen. 

Die kUnische Vorlesung mit Krankenvorstellung findet wochen- 
tags außer Mittwoch von 2 — 3 Uhr statt. Diese Zeit ist trotz vieler 
Unbequemlichkeiten so eingebürgert und im ganzen Lande bekannt, 
daß ich zu einer Änderung niemals die Hand bieten wollte. Es 
wird jetzt ein Praktikant aufgerufen, welcher am folgenden Tage 
von dem Assistenten der Aufnahme einen geeigneten Fall erhält. 
Diesen untersucht er in Ruhe genau und stellt ihn dann in der 
Polildinik vor, wo er besprochen wird. Man sieht, daß ich von 
der Methode Wagners und Erbs abgegangen bin, welche immer 
allen sich einfindenden Praktikanten die eintreffenden Kranken zu- 
wiesen. Die so entstehende Unruhe und das unvermeidliche Durch- 
einander, der Umstand, daß die Studierenden oft ganz unpassende 
Fälle bekamen und daß sie bei ihren Untersuchungen weder unter- 
stützt noch kontrolliert werden konnten, hat veranlaßt, den neuen, 
ruhigeren Modus einzuführen. Würde die Zahl der Praktikanten 
sehr groß werden, so könnte man wohl auch zwei für die Auf- 
nahme täglich bestimmen, weiter würde ich nicht gern gehen. 
Eine andere Form, unter der den Praktikanten die Beschäftigung mit 
dem Material zugänghch gemacht wird, ist dann die, daß jedem 
der drei Abteilungsassistenten ein Praktikant zugewiesen wird, der 
das ganze Material der Abteilung an dem betreffenden Tage zu 
sehen bekommt. Auf solche Weise sind schon vier Praktikanten 
beschäftigt. Dazu kommen noch mehrere, welche zu den klinischen 
Vorstellungen im Auditorium aufgerufen werden. Man kann also 
sicher sein, daß an jedem Vorlcsungstag 6 bis 8 Praktikanten intensiv 
beschäftigt werden. So kann jeder der Herren darauf rechnen, im 
Semester ein dutzendmal und öfter daran zu kommen und erproben 
zu können, was er gelernt hat. Ich glaube, daß dies Verhältnis 
ein so günstiges ist, wie man es nur verlangen kann, und daß die 



: DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK Z^ZZZI 285 

Gelegenheit zu so intensiver Beschäftigung mit Kranken nicht 
häufig den Studierenden geboten sein dürfte, zumal da das Material 
ein sehr reichhakiges ist und Tag für Tag schwierige und inter- 
essante Fälle der Begutachtung der Pohklinik zugesendet werden. 
Für die Vorlesung und die Vorbereitung zu derselben geht dem 
Professor der fünfte Assistent und ein Famulus zur Hand. Die Ob- 
hegenheiten des fünften Assistenten sind mannigfahige. i. Er hat 
die Leitung des sogenannten Lichtzimmers unter sich. Im zweiten 
Stock ist ein Raum entsprechend dem Zimmer Nr. 13 vorhanden, 
welcher mit Apparaten ausgerüstet ist, um Lichtbestrahlungen und 
Wärmeapplikationen auszuführen. Hierher werden alte Rheumatiker 
geschickt und manche hartnäckige Hautausschläge, bei deren Be- 
handlung die Bestrahlung mit Licht zuweilen überraschenden Nutzen 
gewährt. Auch Atmungsübungen bei eingewurzelten Fällen von 
Bronchitis und Emphysem werden hier vorgenommen. Kranke, 
welche für eine derartige Behandlung geeignet sind, werden dem 
fünften Assistenten zugewiesen und an 2 Tagen in der Woche in 
diesem Räume vormittags behandelt. 2. Er hat die Behandlung der 
Tuberkulösen mit Tuberkulineinspritzung unter sich. Es gibt einige, 
bis jetzt nicht viele Kranke, welche sich zu einer Tuberkulin- 
behandlung entschließen, nachdem wir ihnen dieselbe empfohlen 
haben. Diese versammeln sich zweimal in der Woche vormittags 
im Zimmer i und werden in la genau untersucht und injiziert. 
Über die Resultate ist hier nichts zu sagen, da ein großes Material 
bis jetzt nicht vorliegt. 3. Er hat Kranke, welche in der Klinik 
vorgestellt worden sind und welche ein besonderes klinisches Inter- 
esse erregten, weiter zu verfolgen und über den Verlauf Kranken- 
geschichten zu führen. Es hängt das damit zusammen, daß uns 
viele interessante Fälle völlig verloren gehen würden, wenn wir 
uns nicht immer wieder nach ihnen erkundigten. Es müssen Briefe 
an sie und an die behandelnden Ärzte geschrieben werden, sie 
müssen besucht werden, oft auch auf weite Entfernung, und scheue 
ich gegebenenfalls nicht davor zurück, selbst Auftrag zu einer 
längeren Fahrt über Land oder mit der Eisenbahn zu geben. Wenn 
solche Kranke sterben, muß jemand bei der Hand sein, womöglich 
eine Sektion zu erlangen oder wenn die Sektion stattfindet, die 



286 ZIZZZ: DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK 



Nachricht davon rechtzeitig zu erhalten und ihr beizuwohnen, um 
zu berichten und Präparate zu gewinnen. Alles dieses ist in erster 
Linie Aufgabe des fünften Assistenten. Natürlich ist es sehr er- 
wünscht, wenn die iVbteilungsassistenten auch ihre Kranken mög- 
lichst im Auge bebaken, aber die Pflicht der eigentlichen Fern- 
besuche für die Kranken, welche ich ganz speziell verfolgt wissen 
will, ist dem fünften Assistenten übertragen. 4. Derselbe hat auch 
für die Besorgung und Aufstellung der Apparate, Präparate und 
Bilder bei der poliklinischen Vorstellung zu sorgen, welche er mit 
Hilfe des Famulus vor der Klinik, meist bei sehr beschränkter Zeit, 
fertig machen muß. 

Auch ein Röntgenkabinett besitzt die Pohkhnik, es ist im 
Souterrain unter dem Direktorzimmer Nr. 12 gelegen. Einer der 
Assistenten soll sich besonders mit der Technik beschäftigen, zur- 
zeit ist dies der Assistent der Distrikts-Polikhnik, aber alle Assistenten 
sollen sich in der Betrachtung der Bilder und der Anwendung der 
Röntgendiagnostik für die einfachsten Fragen, welche durch die 
direkte Betrachtung des fluoreszierenden Schirmes gelöst werden 
können, üben, und auch den Studierenden wird mehrfach die Ge- 
legenheit gegeben, solche Bilder in natura zu sehen, abgesehen 
von den photographischen Platten, deren Demonstration häufiger 
stattfindet, weil die Einführung einer großen Zahl von Zuschauern 
in das Röntgenzimmer doch untunlich bleibt. 

Es ist endlich noch der Vorlesung über spezielle Pathologie und 
Therapie zu gedenken, welche im Laufe der Jahre auch ein sehr 
verändertes Aussehen gewonnen hat. Die Neigung der Studierenden, 
solchen theoretischen Vorlesungen beizuwohnen, ist eine recht ge- 
ringe geworden und hat immer mehr abgenommen, je größer die 
Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit durch Einführung vieler 
neuer Unterrichtsgegenstände und Zwangskollegien geworden sind. 
So findet diese Vorlesung jetzt nur noch zweistündig am Donners- 
tag von 9 — II Uhr statt. Ich suche sie möglichst durch Demon- 
stration von Abbildungen, Büchern, Präparaten zu beleben und habe 
sie besonders auf die Ansprüche der praktischen Therapie zugespitzt. 
Denn die Therapie kommt bei den klinischen Untersuchungen und 
Vorstellungen neben den vielen Ansprüchen der physikalischen 



DIE MEDIZINISCHE POLIKLINIK ZZZZZ 287 



Untersuchungen der Diagnostik, der DifFerentialdiagnostik und der 
Prognose erfahrungsgemäß viel zu kurz. In dieser Form ist es 
gelungen, der Vorlesung immer noch ein gewisses Interesse ein- 
zuhauchen und ihr eine leidliche Anzahl von Zuhörern zu ge- 
winnen. 

Damit wären die Leistungen der medizinischen Universitäts- 
Poliklinik für den Unterricht, ebenso wie für die humane Seite ihrer 
Tätigkeit zur Anschauung gebracht. Daß ihre Räume von mehreren 
Privatdozenten und Extraordinarien für ihre Kurse und Vorlesungen 
der günstigen Lokalität wegen gern benutzt werden und daß jedem 
der jüngeren Herren Kollegen hier möglichstes Entgegenkommen ge- 
zeigt wird, bedarf wohl nicht der besonderen Ausführung. 

Anmerkung. Unter der Direktion von P'. A. Hoffmann sind bisher folgende 
Herren Doktoren als Assistenten an der Universitätspoliklinik tätig gewesen: Heinrich 
Schmidt, Paul J. Möbius, Hans Carl, Professor Otto Schwarz, Heinrich Bach, Hans 
Hacker, Dozent Ludwig Friedheim, Professor Franz Windscheid, Professor Ernst Paul 
Friedrich, Ernst Langerhans, Wilhelm Teichmülier, Carl Bloch, Dozent Lothar v. Criegern, 
Professor Georg Köster, Curt Uhlmann, Gerhard Geißler, Dozent Arthur Gröber, Fritz 
Walther, Dozent Alexander Bittorf, Ludwig Steiner, Hans Vorner, Franz Conzen, Alfred 
Rösler, Paul Hansen, Walther Weddy-Pönicke. 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK. 

DIREKTOR: GEORG PERTHES. 



Die Gründung des chirurgisch - poliklinischen Instituts erfolgte 
aus privater Initiative. Der außerordentliche Professor in der medi- 
zinischen Fakultät und gerichtliche Stadtwundarzt Dr. Walther und 
der Dozent an der Universität Dr. Carus, Inhaber der nachmals 
Schreber-Schildbachschen orthopädischen Heilanstalt, erklärten am 
i6. Februar 1830 im Leipziger Tageblatt, daß sie „sich vereinigt 
haben, nach dem Beispiel größerer Städte, am hiesigen Orte eine 
Beratungsanstalt für unbemittelte Personen aus der Stadt und Um- 
gegend, welche an leichten Verwundungen, Erfrierungen, Verbren- 
nungen, Geschwüren u. dgl. leiden, und dabei nicht bettlägerig 
sind, zu errichten, ihre Übel gründlich zu untersuchen und sie un- 
entgeltlich mit Rat und den nötigen Handleistungen zu versehen". 

Von dem Magistrat war für die hiermit gegründete chirurgische 
Poliklinik') die von vornherein ebenso wie heute nicht nur der Kranken- 
behandlung, sondern ganz besonders auch dem Unterricht der 
Medizinstudierenden diente, im alten Jakoksspitale am Rosental ein 
einfenstriges Zimmer im ersten Stock des am Eingangstorweg ge- 
legenen Hauses zur Verfügung gesteht. 

Die Unterhaltungskosten wurden zunächst aus rein privaten 
Mitteln bestritten. Die Inskriptionsgebühr der die Poliklinik be- 
suchenden Studenten in der Höhe von 3 Talern bildete davon zuerst 



i) Die Geschichte des Instituts findet sich ausführlicher dargestellt in der Schrift: 
„Das chirurgisch-poliklinische Institut an der Universität Leipzig seit seiner Gründung 
am I. März 1830. Zur Erinnerung an dessen sojähriges Bestehen dargestellt von 
Prof. Dr. Benno Schmidt". Leipzig 1880. Roßbergsche Buchhandlung. Diese Schrift 
ist auch bei der vorliegenden Darstellung benutzt worden. 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK Z^ZZH 289 



den wesentlichsten Anteil, und auch später, als das Institut in 
staatliche Verwaltung übergegangen war — bis nach dem Jahre 
1853 — war diese Summe nicht etwa von den Direktoren der 
Poliklinik als Kollegienhonorar zu betrachten, sondern „zur Kasse 
des Pohklinikums einzuziehen und zur Bestreitung der laufenden 
Ausgaben bei demselben zu verwenden". Doch wurde bereits 1835 
von den Landständen für das chirurgische Pohklinikum die Summe 
von 700 Talern jährlich bewilligt, und zwar 300 Taler Berech- 
nungsgeld, und je 200 Taler Besoldung der beiden Professoren. 
Damit vollzog sich die Umwandlung des rein privaten Unternehmens 
in ein staatliches Institut. 

Als im Jahre 1834 das Zimmer im alten Jakobshospitale für 
die Zwecke der chirurgischen Klinik nicht mehr entbehrt werden 
konnte, wurden der Poliklinik vom Rate der Stadt Leipzig in einem 
städtischen Gebäude Universitätsstraße 14 gegenüber der Magazin- 
gasse einige Räume angewiesen. Trotzdem sie eng, spärlich be- 
leuchtet und an lärmiger Straße gelegen nur sehr bescheidenen An- 
forderungen genügen konnten, dienten sie bis zum Jahre 1846 den 
Zwecken unseres Instituts. Als in diesem Jahre die Professoren 
Walther und Francke um Anweisung eines neuen Lokals bei den 
städtischen Behörden vorstellig wurden, lehnte der Magistrat das 
Gesuch mit der Motivierung ab, daß die Poliklinik bei allem Nutzen, 
den sie auch der Stadt bringe, doch wesentlich für die Zwecke 
der Universität unterhalten werde. Nach langen Verhandlungen 
wurden von der Königlichen Staatsregierung der chirurgischen 
gemeinsam mit der medizinischen Poliklinik die Parterreräume des 
Gebäudes Grimmaischer Steinweg 56, welches bis dahin als Ent- 
bindungsinstitut gedient hatte, angewiesen. Fast 20 Jahre wurde 
in diesen Räumen, die im w^esentlichen nur aus einem Warteraum, 
einem Ordinationszimmer und einem Untersuchungskabinett be- 
standen, an jedem Wochentage nicht nur von 11 — 12 Uhr die 
chirurgische, sondern auch die otiatrische (12 — i Uhr) die medi- 
zinische (2 — 3 Uhr) und die pädiatrische Poliklinik (3 — 4 Uhr) abge- 
halten. Im Jahre 1872 erfolgte die Verlegung der gemeinsamen Arbeits- 
stätte aller dieser Disziplinen nach dem Mittelgebäude des PauHnums 
in der Universität und es kamen hier zu dem Wartezimmer und Ordi- 

III. 37 



290 Z^IZZ DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK '. 

nationszimmer ein Zimmer „für besondere Behandlungszwecke" und 
vier Untersuchungskabinette hinzu. Erst Ende des Jahres 1887 er- 
hielt das chirurgisch-poliklinische Institut eigene nur ihren Zwecken 
dienende Rcäumlichkeiten in dem für das Pharmakologische Institut 
und die Polikliniken neuerrichteten Gebäude an der Ecke der Nürn- 
berger und Liebig-Straße — dieselben, die sie noch heute innehat. 

Der Umstand, daß die chirurgische Poliklinik gemeinsam von 
Walther und Carus gegründet worden ist, bedingte es, daß sie auch 
weiterhin zunächst von zwei Direktoren geleitet wurde. Dieses 
eisfentümliche Verhältnis blieb auch dann noch bestehen, als die 
Stellungen im Jahre 1835 durch Gewährung eines staatUchen Ge- 
halts ihres rein privaten Charakters entkleidet wurden. Nach dem 
Tode oder Abgang des einen Direktors kooptierte der Zurück- 
bleibende eine neue Kraft und ersuchte das Ministerium um Be- 
stätigung seiner Wahl und Übertragung des freigewordenen Ge- 
halts auf den Neueintretenden. Erst durch Verordnung vom 
21. April 1862 bestätigte das königliche Ministerium die beantragte 
Anstellung des zweiten Direktors nicht mehr, sondern unterstellte 
statt dessen dem Direktor einen Assistenzarzt, dem das bisherige 
Direktorgehalt von 200 Taler bewilligt wurde. Bis dahin war die 
Poliklinik ohne Assistenzarzt von zwei Direktoren besorgt worden. 
Als solche funktionierten vom Jahre 1830 — 1844 Dr. J. C. W. Wahher 
und Dr. E. A. Carus, von 1844— 1858 Dr. J. C. W. Walther und 
Dr. C. G. Francke, von 1858— 186 1 Dr. C. G. Francke und 
Dr. C. W. Streubel, welch letzterer nach Franckcs Tode bis zum 
Jahre 1868 allein die Direktion des Instituts ausübte. 

Den bedeutendsten Aufschwung verdankt die chirurgische Poli- 
klinik der Tätigkeit von Benno Gottlob Schmidt (1868— 1896). 
Geboren am 3. März 1826 im Pfarrhaus zu Kaditz bei Dresden, 
habilitierte sich Benno Schmidt 1853 an der Leipziger Universität, 
an der er 1864 zum außerordentlichen, 1887 zum ordentlichen 
Honorarprofessor ernannt wurde. 1866 war er als Vorstand eines 
Kriegsreservelazaretts in Leipzig, 1870 in den Feldspitälern vor Paris 
tätig und erhieh im Jahre 1891 den Rang eines Generalarztes I. Kl. 
ä la suite des Königl. Sächsischen Sanitätsoffizierkorps. In Leipzig 
als erfahrener und gewandter Chirurg beim Publikum und Ärzten 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK 291 



hochgeschätzt, hat sich Benno Schmidt auch auf dem wissenschaft- 
lichem Gebiete in der deutschen Chirurgie einen Namen von gutem 
Klange geschaffen. Von seinen zahlreichen Arbeiten sei hier nur 
seine Monographie „über die Unterleibsbrüche" (Stuttgart 1896) 
besonders hervorgehoben. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag in 
der Lehrtätigkeit, bei der er mit seinen polikhnischen Demon- 
strationen und seiner Vorlesung über Anatomie am Lebenden 
besonders die chirurgische Diagnostik pflegte. Noch heute erinnern 
sich zahlreiche Ärzte Sachsens in Dankbarkeit des chirurgisch- 
poliklinischen Unterrichts bei Benno Schmidt und versichern, daß 
sie ihm vor allen die chirurgischen Kenntnisse und Fertigkeiten 
verdanken, die das unentbehrliche Rüstzeug des praktischen Arztes 
darstellen. Benno Schmidt war es vergönnt, mit seinem Institute 
im Jahre 1887 von dem Paulinum in das für die Polikliniken neu- 
errichtete Gebäude in der Nürnberger Straße überzusiedeln und damit 
Räume zu gewinnen, die den Bedürfnissen der damahgen Zeit in 
weitgehender Weise entsprachen. Diese Verlegung stellt wohl das 
wichtigste Ereignis in der äußeren Geschichte unseres Instituts dar. 
Durch die Tätigkeit von P. L. Friedrich (1896 — 1903) erfuhr 
die Poliklinik eine wesentliche Weiterentwicklung besonders dadurch, 
daß seine inneren Einrichtungen den neu hervorgetretenen Forde- 
rungen der Asepsis möglichst angepaßt wurden. Es gelang Friedrich, 
der chirurgischen Poliklinik ihre Bedeutung als Lehrinstitut voll- 
kommen zu erhalten und sie der wissenschafthchen Arbeit besonders 
auf dem Grenzgebiete der Chirurgie und Bakteriologie dienstbar zu 
machen. Nachdem Friedrich den Ruf als Ordinarius und Direktor 
der chirurgischen Klinik in Greifswald angenommen hatte, wurde 
am I. April 1903 der Berichterstatter zum Direktor ernannt^). 



i) Als Assistenzärzte waren an dem Institute die folgenden Herren tätig: 

1. Unter dem Direktoriate von Benno Schmidt: Friedrich Müller, eingetreten 
1871, Joh. Heinr. Hensel 1871, F. Weichardt 1872, Rob. Herm. Tillmanns 1873, Wilh. 
Moldenhauer 1874, Max Zimmermann 1875, Ottomar Teutschbein 1878, Felix Dörffel 
1880, Carl Schwerdt 1884, Otto Kell 1884, Theodor Flathe 1886, Adolf Holscher 1889, 
Curt Reuter 1890, Alfred Müller 1892, Fritz Quast 1893, Hans Buchbinder 1893, 
Alex Witt 1895, Max Röthig 1895. 

2. Unter dem Direktoriate von P. L. Friedrich: Paul Friedrich 1897, Hans 
Nößke 1897, Ernst Kunick 1898, Eduard Stahmer 1898, Ernst Becker 1899, Max 
Mohaupt 1899, Otto Freytag 1900, Adolf Rauscher 1900, Gustav Schrader 1900, Ernst 



292 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK 



Heute stehen dem Direktor des Instituts vier ärztliche Assistenten 
zur Seite, von denen der erste eine Dienstwohnung im Institute 
hat. Hierzu kommt für die Behandlung der Zahnkranken und iur 
den im Anschluß an die poliklinische Vorlesung erteilten Unterricht 
in der Zahnextraktion ein zahnärztlicher Assistent, dessen Stellung 
auf den Antrag Benno Schmidts in dem Jahre 1877 geschaffen 
wurde. Die Hauptaufgabe eines sogenannten technischen Assistenten 
ist die umfangreiche Buchführung der Poliklinik, ein Diener ver- 
sieht den Dienst im Laboratorium und verrichtet unter ärztlicher 




1. OkiSY^^J^d. 

Leitung die Arbeiten auf dem Gebiete der Röntgenphotographie, 
welche gerade für die chirurgische Poliklinik im letzten Jahrzehnt 

Heller 1901, Ludwig Kirchheim 1901, Karl Hoffmann 1902, Hans Hofmann 1902, 
Josef Vüllers 1902. 

3. Unter dem Direktoriale des Berichterstatters: Hans Liebold 1903, Ernst 
Aulhorn 1903, Hans Kohl 1903, Friedr. Leskien 1903, Johann Thies 1903, Fritz 
Magnus 1903, Walter von Stoutz 1904, Anton Thies 1904, Ernst Schümann 1904, 
Walter Kallenberger 1905, Hans Hoffmann 1905, Konrad Riemann 1906, Ferdinand 
Gehler 1906, Heinrich Schloßmann 1907, Hans Kühn 1907, Wolfgang Steinbrück 1908, 
Richard Streitz 1908, Ludwig Haßlauer 1909. 

Als zahnärztliche Assistenten fungierten die Zahnärzte: Julius Parreidt ein- 
getreten 1877, Arthur Held 1890, Curt Fritzsche 1899, Günther Fritzsche 1908. 



" DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK IZZIZZ 293 

die größte Bedeutung gewonnen hat. Zwei für den Krankendienst 
dauernd angestellte Schwestern wohnen im Institute. Sie werden 
unterstützt durch eine dritte Lehrschwester, die seit mehreren Jahren 
vom Schwesternheim für Wochen- und Krankenpflege zu ihrer 
Ausbildung der Poliklinik für die Dauer von jedesmal drei Monaten 
zugewiesen wird. 

Die Räume der chirurgischen Poliklinik befinden sich gemeinsam 
mit der medizinischen Poliklinik in dem Gebäude Nürnberger Straße 55 
und nehmen hauptsächlich die erste Etage ein. Durch die Rege- 
lung des poliklinischen Dienstes ist folgende Verteilung und Ver- 
wendung der Räumlichkeiten bedingt. 

Die poliklinischen Patienten begeben sich zunächst nach dem 
Wartezimmer (Nr. 3), wo der Buchführer von 9 Uhr vormit- 
tags an die Personalien der Neueintretenden aufnimmt und die 
Entlassungsscheine und ärztlichen Zeugnisse ausgestellt werden. 
Die neueintretenden Kranken werden zunächst in die Unter- 
suchungskabinette gewiesen und zwar Kinder und ihre Begleitung 
nach Zimmer 5, Männer nach Zimmer 6, Frauen nach Zimmer 8. 
Hier erfolgt die Untersuchung zunächst durch den mit der Auf- 
nahme betrauten Assistenzarzt, dann durch den Direktor der 
Poliklinik, welcher bei jedem Patienten über die Behandlung ent- 
scheidet. Diese Absonderung der zur Untersuchung bestimmten 
Patienten und ihre Verteilung in den einzelnen Kabinetten hat sich 
außerordentlich bewährt. Freilich wäre es notwendig, daß außer 
den vorhandenen sehr kleinen, fast stets überfüllten Räumen noch 
ein Zimmer zur Verfügung stände, in welchem ein Patient ohne 
Zuschauer untersucht werden und eventuell auch Fragen diskreter 
Art ungehört von anderen beantworten kann. Zurzeit ist das nicht 
ohne Schwierigkeit möglich und es macht sich hier tagtäglich der 
in dem Institute herrschende Platzmangel für Patienten und Ärzte 
außerordentlich störend bemerkbar. 

Wenn ein Krankheitsfall sich für den Unterricht eignet, so ge- 
langt der betreffende Patient nach dem Vorzimmer des Hörsaales 
(Zimmer Nr. 15), um hier um 11 Uhr in der poliklinischen Vor- 
lesung vorgestellt zu werden. Der Hörsaal (Nr. 14) zählt 108 Sitz- 
plätze. Die Reihen sind durch Gänge unterbrochen, so daß die 



294 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK 



Kranken nach Besprechung des Falles zwischen den Studierenden 
zirkuHeren können und so die Studierenden vielfach Gelegenheit 
gewinnen, die demonstrierten Befunde durch eigene Untersuchung 
zu kontrollieren. Wenn auch der Hörsaal ursprünglich nicht für 
die Vornahme von Operationen eingerichtet war, so sind doch 
nachträglich die nötigsten Wascheinrichtungen angebracht, so daß 
die Vornahme kleiner typischer Eingriffe vor den Studierenden 
mögUch ist. 




iiiJ)ijCO(^£>jd. 



) M i f it tii : 



^ 



Im allgemeinen ist für die Versorgung frischer Verletzungen und 
für Operationen der Raum ii bestimmt, der sich wegen seiner 
Lage nach Norden und seiner Trennung vom Hauptverkehr der 
Kranken hierzu am besten eignet. Zwei große Fenster geben ihm 
gutes Seitenlicht, während das auch für poliklinische Operationen 
wünschenswerte Oberlicht leider fehlt. — Das Vorzimmer (Nr. lo) 
dient der Sterilisation der Verbandstoffe und Instrumente, sowie der 
Aufbewahrung von Operationsmaterial. Leider müssen in diesem, 
der aseptischen Vorbereitung des Operationsmaterials bestimmten 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK :ZZ:Z:Z 295 



Zimmer die von der Straße hereinkommenden Patienten vor einer 
Operation ihre nicht immer sauberen Kleider ablegen. Ein Raum, 
in dem ein eben narkotisierter Patient für die Zeit des Erwachens 
aus der Narkose abgesondert werden könnte, ist — wenigstens 
zurzeit der pohldinischen Sprechstunde des Vormittags — nicht 
vorhanden. 

Die Verbandwechsel werden im Raum Nr. 4 vorgenommen. 
Dieser Verbandsaal ist dem Wartezimmer (Nr. 3) unmittelbar be- 
nachbart, die zum Verbandwechsel wiederbestellten Kranken können 
daher ohne Schwierigkeit in geordneter Reihenfolge aus dem Warte- 
zimmer hereingerufen werden. Der Verbandsaal untersteht einem 
Assistenzarzt, der hier von einem Medizinalpraktikanten und zwei 
Schwestern unterstützt von 9 Uhr vormittags bis gegen Mittag 
tätig ist. Die Einrichtung, daß der Verbandsaal als einheitlicher 
großer Raum belassen ist, hat sich durch seine Übersichtlichkeit 
bewährt, trotzdem ein Patient sieht, wie sein Nachbar verbunden 
wird. Nur für besondere Fälle ist durch eine Rollwand eine Ecke 
des Verbandsaales abgeteilt, in der einzelne Patienten für den Ver- 
bandwechsel isoliert werden können. In dem Verbandsaal werden 
auch die bei eitrigen Affektionen (Panaritien, Phlegmonen) nötigen 
Eingriffe nach Erledigung der Verbände ausgeführt, so daß der Opera- 
tionsraum (Nr. 11) für aseptische Eingriffe reserviert werden 
kann. 

Daß für die Gipsverbände ein besonderer, wenn auch leider allzu 
kleiner Raum (Zimmer 7) zur Verfügung steht, ist nicht nur des- 
halb notwendig, weil beim Hantieren mit Gips Verunreinigung des 
Raumes sich nicht vermeiden läßt, sondern besonders auch weil 
für die Anfertigung der Gipsbetten, der Gips- und Zelluloidkorsetts 
besondere Einrichtungen und Lagerungsapparate notwendig sind. 
Gerade im Gipszimmer wird ein Hauptteil der pohldinischen Hilfe- 
leistungen geübt. 

Die bei Zahnkranken notwendigen Zahnextraktionen werden im 
Zimmer i ausgeführt, während die zur konservativen Behandlung 
geeigneten Fälle dem zahnärzthchen Institute zugewiesen werden 
müssen. 

Die Massageabteilung (Zimmer 2) ist mit Apparaten zur mediko- 



296 ^ZZ^: DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK " 

mechanischen Behandlung, insbesondere mit Pendelapparaten, sowie 
auch mit den zur Hyperämie-Behandlung erforderlichen Hilfsmitteln, 
Heißluftkästen nach Bier und ähnlichem ausgestattet, die bei der 
Nachbehandlung von Verletzungen und bei zahlreichen Gelenk- 
affektionen nicht entbehrt werden können. Die Massage selbst 
geschieht durch den Assistenzarzt und eine hierfür angestellte 
Masseuse. 

Durch Abteilung einer Ecke des Massageraumes ist ein kleines 
Röntgenkabinett geschaffen, in welchem jährlich durchschnittlich 
600 Röntgenaufnahmen und etwa doppelt soviel Durchleuchtungen 
vorgenommen werden. Infolge des beschränkten Raumes konnte 
das Zimmer mit den Schutzvorkehrungen gegen die schädlichen 
Wirkungen der Röntgenstrahlen nur unvollkommen versehen 
werden. 

Für die Laboratoriumsarbeiten der Assistenzärzte und Praktikanten 
steht leider nur ein einfenstriger Raum (Zimmer 1 3) zur Verfügung, 
Raum 12 ist das Zimmer des Direktors, gleichzeitig sein Labora- 
torium und Aufbewahrungsort für die verschiedensten bei der Vor- 
lesung zur Demonstration gebrauchten Gegenstände. Als Vv^ohn- 
und Eßzimmer der poliklinischen Schwestern dient Zimmer 9. 

Wenn auch die Poliklinik im allgemeinen nur der ambulanten 
Krankenbehandlung dient und den Patienten, welche stationärer 
Behandlung bedürfen, die Aufnahme in der chirurgischen Klinik 
im Jakobsspitale dringend empfohlen wird, so ist doch für besondere 
Fälle die Poliklinik mit einigen Krankenbetten (2 für Männer, 4 für 
Frauen und Kinder) ausgestattet, welche sich in zwei Zimmern der 
zweiten Etage befinden. So ist es möglich z. B. auswärtigen 
Patienten, für welche die Heimfahrt am Tage einer Operation be- 
denklich wäre, sowie solche, bei denen im Verlaufe der ambu- 
lanten Behandlung eine Verschlimmerung eingetreten ist oder bei 
denen sich eine längerdauernde, während des Andrangs der poli- 
klinischen Sprechstunde nicht zu erledigende Untersuchung not- 
wendig erweist, Aufnahme für einige Tage zu gewähren. Für die 
therapeutischen Erfolge des Instituts sind diese wenigen Betten 
stets von wesentlicher Bedeutung gewesen. Seinen Heilerfolgen 
aber verdankt es das chirurgisch -poliklinische Institut, wenn es 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK 



297 



ihm möglich war, einen für den Unterricht nach Zahl und Art 
der Krankheitsfälle ausreichenden Zugang an Kranken bis jetzt zu 
erhalten. 

Wenn man von geringen Schwankungen absieht, so kann man 
sogar ein allmähliches Ansteigen der Zahl der in der Poliklinik 
behandelten Kranken konstatieren, so wie es der Bevölkerungs- 
zunahme entspricht. 

Für die ältere Zeit liegen allerdings nur für einzelne Jahre Auf- 
zeichnungen vor, auch sind die Zahnkranken unter der Gesamtzahl 
der behandelten Patienten mit eingerechnet. So wird die Zahl der 
behandelten Kranken z. B. im Jahre 1846 zu 2935, ^^^ Jahre 1850 
zu 2341 angegeben. Von dem Jahre 1869 an stellt sich die jähr- 
liche Krankenziffer, auf den Durchschnitt von 5 Jahren berechnet, 



wie folgt: 



1870 — 1874 
1875— 1879 
1880—1884 
1885— 1889 
1890 — 1894 
1893 — 1899 
1900 — 1904 
1905 — 1908 



durchschnittlich 

2104 

2861 



außerdem Zahnkranke 



1386 
1788 

3175 



2793 

? 



4737 
4422 

3807 

5463 2640 

7283 2992 

7805 2739. 

Die höchste Ziffer fällt in das Jahr 1906 mit 8168 chirurgisch 
Kranken und 2823 Zahnkranken. 

Die Mehrzahl der polikUnischen Patienten stammt aus Leipzig, 
doch ist auch die Zahl der aus der näheren und weiteren Um- 
gebung stammenden, und auch die der außerhalb der sächsischen 
Landesgrenzen wohnhaften Patienten nicht unbeträchtlich. 



Es kamen im Jahre 



1877 
1879 
1895 
1905 



aus Leipzig 

1460 
2133 

3865 
6090 



aus anderen 
sächsischen Ortschaften 

1337 
I3IO 

615 

I3IO 



aus Orten 
außerhalb Sachsens 



121 

175 
288 

462 



III. 



38 



298 i^:^:: die chirurgische Poliklinik : 

Während die Poliklinik ursprünglich nur für unbemittelte 
Patienten bestimmt war, bilden jetzt auch die Angehörigen der 
Krankenkassen, vor allem der Leipziger Ortskrankenkasse, mit 
welcher die Chirurgische Poliklinik in einem Vertragsverhältnisse 
steht, einen wesentlichen Bestandteil des Krankenzuganges. Im 
Jahre 1905 waren z. B. unter den 7862 Patienten 867 Kassenkranke, 
darunter 741 Angehörige der Leipziger Ortskrankenkasse. 

Ein großer Teil aller Patienten, vor allem aus der Umgebung 
Leipzigs, wird der Poliklinik von ihren Ärzten zur Untersuchung 
oder zur Behandlung zugesandt. Fast täglich beantwortet der Direktor 
des Instituts mehrere Briefe von Ärzten, die Auskunft über der 
Poliklinik überwiesene Patienten erbitten. Die Praxis der Privat- 
ärzte wird durch die chirurgische PoHkUnik nicht nur nicht beein- 
trächtigt, sondern im Gegenteil in vielen Fällen sogar dadurch 
wesentlich unterstützt, daß die Poliklinik spezialistische Unter- 
suchungen z. B. mit Röntgenstrahlen oder mit dem Zystoskop über- 
nimmt oder in der Behandlung mit dem überweisenden Arzte Hand 
in Hand arbeitet. 

Die Hauptbedeutung des Instituts liegt im Unterricht be- 
gründet. Hier bildet die Poliklinik eine wertvolle Ergänzung der 
chirurgischen Klinik. Die Verhähnisse der Poliklinik kommen in 
mancher Hinsicht der Sprechstunde des praktischen Arztes nahe, 
so daß dem Studierenden vielfach eine für seine spätere praktische 
Tätigkeit besonders wertvolle Vorbereitung geboten wird. Die 
Poliklinik hat sich so wie der praktische Arzt mit ihrem Rat und 
ihrer Hilfe oft den häuslichen Verhältnissen des Kranken anzupassen 
und sie ist ebenso wie jener darauf angewiesen, mit einfachen Hilfs- 
mitteln zu arbeiten. In der Poliklinik lernt der Studierende vor 
allem die chirurgischen Krankheitsfälle näher kennen, die später 
seine Hilfe besonders häufig in Anspruch nehmen. Keineswegs 
handelt es sich dabei nur um die sogenannte kleine Chirurgie. 
Wenn auch die Chirurgie der großen Körperhöhlen in der Poli- 
klinik nicht zur Sprache kommt, so bietet doch das übrigbleibende 
Gebiet Affektionen genug, deren praktische Kenntnis für den Arzt 
von der höchsten Bedeutung und deren richtige Behandlung sehr 
oft für den Patienten eine Lebensfrairc ist. Vor allem möchte ich 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK ZZUZI 299 



es deshalb als die Aufgabe der Poliklinik betrachten, ihre Schüler 
zur Selbsttcätigkeit heranzuziehen. Nur zu oft steht bei unseren 
Jungen Ärzten nach gut bestandenem Examen das praktische Können 
zum theoretischen Wissen in einem argen Mißverhältnis. Trotz der 
Einführung des praktischen Jahres bleibt es die Aufgabe der Poli- 
Idinik, hier helfend einzugreifen und dem Lernenden so viel an 
praktischer Erfahrung zu vermitteln, als möglich ist. 

Es werden daher, um die Übung in der Diagnostik möglichst 
zu fördern, in der Regel bei Beginn der poliklinischen Stunde eine 
Reihe von Kranken an Studierende verteilt. Die Untersuchung ge- 
schieht in dem Vorzimmer des Hörsaals in Anwesenheit eines 
Assistenzarztes völlig selbständig und unbeeinflußt durch die Fragen 
des Lehrers, der erst später mit dem Praktikanten das Resultat der 
Untersuchung vor den Hörern nachprüft. In dieser Weise werden 
neben einzelnen ausführlich besprochenen Krankheitsfällen in der 
Regel in jeder Stunde mehrere Fälle mehr kursorisch behandelt 
und es hat so trotz der relativ großen Zahl der Hörer — im Sommer- 
semester 70 und mehr — jeder Studierende reichlich Gelegenheit 
selbst zu untersuchen, um so mehr, als die vorgestellten Patienten 
auch, soweit es möglich ist, in den Reihen der Hörer zirkulieren. 
Von der Praxis Benno Schmidts, jeden neu in die pohklinische Be- 
handlung eintretenden Fall erst in Gegenwart der Hörer zu unter- 
suchen, bin ich, ebenso wie schon Professor Friedrich, abge- 
gangen, und halte es für wichtiger, nach sorgfältiger Untersuchung 
aller Zugänge vor der Vorlesungsstunde eine Auswahl dessen zu 
treffen, was für die Schüler am meisten Nutzen verspricht. 

Noch schwieriger, aber nicht weniger wichtig als bei der 
Diagnostik, ist es bei der Therapie die Studierenden zur Selbst- 
tätigkeit kommen zu lassen. Wollte man etwa dem vor die Reihen 
der Hörer gerufenen praktizierenden Studenten in jedem Fall 
wieder von neuem die z. B. bei einem Frakturverband, bei der 
Narkose, bei der Lokalanästhesie nötigen Handgriffe zeigen, so 
könnte das meist nur unter Vernachlässigung der übrigen Hörer 
geschehen. Es werden daher in der Vorlesung selbst die thera- 
peutischen Maßnahmen in der Regel nur von dem Lehrer selbst 
ausgeführt und es werden hier überhaupt nur solche Operationen 



300 ^ZZH DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK 



ausgeführt, die der praktische Arzt später öfters auszuführen hat. 
Besonderes Gewicht wird dabei auf die Lehre der Lokalanästhesie 
gelegt. Die therapeutischen Leistungen der Studierenden: Verbände, 
Wundversorgungen, kleine Operationen erfolgen entweder außer- 
halb des Vorlesungsraumes unter Leitung eines Assistenzarztes oder 
nach Schluß der Vorlesung unter persönlicher Leitung des Professors. 
So wird es angestrebt, daß der Studierende, soweit es möglich 
ist, in der chirurgisch -poliklinischen Therapie eine Art Privat- 
unterricht mit genauer Unterweisung in den einzelnen Handgriffen 
erhält, eine Art des Unterrichts, die freilich nur durch die Mithilfe 
geeigneter Assistenten möglich ist. 

Neben der Krankenbehandlung und dem Unterricht ist die 
Pflege wissenschaftlicher Arbeit eine weitere Hauptaufgabe der 
chirurgischen Poliklinik. Allerdings ist die Mitarbeit an den Fragen, 
welche die Chirurgie bewegen, teils durch die Beschränkung der 
operativen Tätigkeit, wie sie der Charakter als Poliklinik bedingt, 
teils durch die ungünstigen Laboratoriumsverhältnisse des Instituts 
außerordentlich erschwert. Trotzdem ist auch in den letzten Jahren 
eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten, z. B. auf dem Gebiete 
der Röntgenstrahlen, der Lokalanästhesie, der Kieferkrankheiten und 
anderen aus dem Institute hervorgegangen. Die merkwürdigen 
Einwirkungen, welche die Röntgenstrahlen auf wachsende Orga- 
nismen und in Teilung begriffene Zellen ausüben, wurden hier 
zum ersten Male eingehender untersucht. Die Hauptbedeutung der 
chirurgischen Poliklinik wird freilich stets auf dem Gebiete des 
Unterrichts hegen. 

Möchte der Polikhnik die Erfüllung ihrer nicht unwichtigen 
Aufgaben dadurch erleichtert werden, daß das Bedürfnis räumlicher 
Erweiterung, das infolge neuer Anforderungen im Laufe der Jahre 
sich immer dringender geltend gemacht hat, in nicht allzu ferner 
Zeit seine Befriedigung findet. 



Nachtrag. Nach Abschluß des vorstehenden Berichtes fand im 
Sommersemester 1908 eine Besichtigung des Institutes durch Se. 
Exzellenz den Minister des Kultus und öffentlichen Unterrichtes 



DIE CHIRURGISCHE POLIKLINIK 301 



Herrn Dr. Beck statt. Der Herr Minister überzeugte sich davon, 
daß die Poliklinik einer räumlichen Erweiterung dringend bedarf 
und gab noch während seiner Anwesenheit im Institut die Zu- 
sicherung, daß Abhilfe für die durch Mangel an ausreichendem 
Platz bedingten Übelstände geschaffen werden soll. Die daraufhin 
ausgearbeiteten Pläne unterliegen in ihren Einzelheiten noch der 
erforderlichen Genehmigung und können daher an dieser Stelle 
noch nicht dargelegt werden. Soviel ist aber sicher, daß Dank 
der fürsorgenden Stellungnahme der könighchen Staatsregierung 
ein wichtiger Fortschritt in der Entwicklung der chirurgischen Poli- 
klinik unmittelbar bevorsteht. 



DIE POLIKLINIK FÜR ORTHOPÄDISCHE 

CHIRURGIE. 

Direktor: theodor kölliker. 



Die Universitcäts-Poliklinik für orthopädische Chirurgie wurde ge- 
gründet von Schildbach und am 26. April 1876 eröffnet. Sie war 
zunächst untergebracht im nördHchen Kreuzgang auf der Ostseite 
des Paulinums. Der Kreuzgang war durch 2 Vorhänge in drei 
Räume abgeteilt, von denen der erste als Warteraum Verwendung 
fand, während im zweiten die Kranken untersucht und beraten 
wurden, und der dritte und größte der Behandlung der Kranken 
mit gymnastischer Orthopädie diente. In diesen Räumen verblieb die 
Poliklinik 17 Jahre bis zum Abbruch des Kreuzganges gelegentlich 
eines Umbaues der Universität. Das Institut bezog inzwischen inter- 
imistische Räume, und zwar die Auditorien 11, 12 und 14 im 
Augusteum, in denen vom 11. März 1893 bis zum i. April 1894 
die Poliklinik abgehalten wurde. Am i. April 1894 wurde die Poli- 
klinik in das Erdgeschoß des der Universität gehörenden Grund- 
stückes Universitätsstraße 13 verlegt, in dem sie sich bis zum 
Oktober 1908, also 14*12 Jahre befand, um welche Zeit sie nach dem 
Erdgeschoß des Quergebäudes, Nürnberger Straße 57, verlegt wurde. 
Als Assistenzarzt fungierte bis zum Jahre 1881 Dr. Taube, nun 
Geheimer Sanitätsrat in Leipzig, dann der gegenwärtige Leiter, der 
am I.April 1885, als Dr. Schildbach die Leitung niederlegte, um 
sich ganz seiner orthopädischen Privatheilanstalt zu widmen, vom 
Kgl. Ministerium mit der Leitung der Poliklinik betraut wurde. 
Außer I — 2 Assistenzärzten ist auch stets für die gymnastische 
Orthopädie ein technischer Assistent an der Poliklinik tätig, und 



POLIKLINIK FÜR ORTHOPÄDISCHE CHIRURGIE _ 303 



zwar zunächst Herr Brehme, nun in Straßburg, dem, als er Leipzig 
verließ, der bisherige zweite technische Assistent, Herr Rothe- 
Kretzschmar, folgte, der auch heute noch am Institute tätig ist und 
von seiner Tochter unterstützt wird. Die Poliklinik für ortho- 
pädische Chirurgie verfügte in der Universitätsstriiße über vier Räume. 
Nach der Universitätsstraße hin lag der Warteraum, der Raum, in 
dem die Kranken untersucht, beraten und verbunden wurden, der 
gleichzeitig auch als Vorlesungsraum diente und ein kleines Opcra- 




llIjllllllllllBLljilttllllJillllJluijlMC=bM 



&r9^e££^<>ss. , 



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tionszimmer. Nach dem Hofe hin lag ein Saal von der Größe der 
drei vorderen Räume. Eine Ecke dieses Saales war abgeteilt. In 
diesem kleinen Räume befand sich der Röntgenapparat. Der Saal 
wurde benützt für gymnastische Orthopädie, Massage, Heißluft- 
behandlung, in ihm wurden auch die Gips- und Zelluloidkorsetts 
angefertigt. Mit dem Bezug des neuen Lokals in der Nürnberger 
Straße stehen nun 10 Räume zur Verfügung. Rechts vom Eingang 
befindet sich ein geräumiger Turnsaal mit Garderobe. Der Turnsaal 



304 — POLIKLINIK FÜR ORTHOPÄDISCHE CHIRURGIE 

nimmt die ganze Tiefe des Gebäudes ein. Links vom Eingang ge- 
Ian<^t man zunächst in den Warteraum, neben dem der klinische 
Demonstrationsraum liegt. Diese Räume befinden sich an der West- 
seite des Gebäudes. Den Vorsaal nach Norden hin schließt das 
Röntgenzimmer ab. An der Ostseite des Gebäudes nimmt das 
Operationszimmer die Nordostecke ein mit einem Fenster nach 
Norden und einem zweiten nach Osten. Das Operationszimmer 
ist nicht vom Vorsaal aus, sondern nur vom Röntgenzimmer oder 
dem daneben gelegenen Gipszimmer aus zugänglich. Neben dem 
Gipszimmer befindet sich ein Raum, der für Massage und Heißluft- 
behandlung benützt wird. Schließlich folgt noch das Zimmer des 
Direktors und ein kleiner Raum für die Assistenten. Die neu be- 
zogenen poliklinischen Räume haben einmal den Vorzug, daß sie 
zahlreicher sind, so daß eine bessere Arbeitseinteilung in die Wege 
geleitet werden kann. Ein zweiter wesentlicher Vorzug besteht 
darin, daß sie in nächster Nähe der übrigen medizinischen Institute 
belegen sind. Beide Umstände eröffnen die Aussicht auf eine 
größere Anzahl von Praktikanten als bisher. 

Was die Frequenz des Instituts anbelangt, so 
die Zahlen der ersten 5 und der letzten 5 Jahre: 



geben 



wir nur 



1877 

1878 

1879 

1880 

1881 

Also in 5 Jahren 620 Zugänge. 
1903 
1904 
1905 
1906 
1907 



122 Zugänge 

119 

91 

122 

166 

1195 Zugänge 

1068 „ 

1054 

1103 

1138 



Also in 5 Jahren 5558 Zugänge. Es hat sich demnach in- 
zwischen die Anzahl der Kranken etwa verzehnfacht. 

Der Betrieb der Poliklinik ist von Anfang ab so eingerichtet, 
daß zweimal wöchentlich im Turnsaal gymnastische Orthopädie ge- 
trieben wird. Da diese nach Schreber-Schildbachscher Methode mit 



POLIKLINIK FÜR ORTHOPÄDISCHE CHIRURGIE ~ 305 

Freiübungen und einfachen Apparaten geschieht, soll sie in der 
Hauptsache mehr als Anleitung dienen und werden die Kranken 
durch die Unterweisung angehalten, auch in ihrer Behausung regel- 
mäßig Gymnastik zu betreiben. Die Heilerfolge sind aus dem 
Grunde günstig, weil einmal das Institut infolge seines nun 
33 jährigen Bestehens bekannt ist und zweitens die skoliotischen 
Kinder durch die Schulärzte in frühen Stadien der Erkrankung der 
Poliklinik zugewiesen werden. Durchschnittlich stehen zwischen 
80 und 100 skoliotischer Kinder in Behandlung. 

Die eigentliche poliklinische Tätigkeit spielt sich im klinischen 
Demonstrationsraum ab. Dreimal in der Woche findet die Beratung 
der Kranken statt und zwar in den Nachmittagsstunden. Die er- 
forderlichen Verbände, wie Wundverbände, Streckverbände, Schienen 
und Kontentivverbände werden angelegt und kleinere Operationen, 
wie Brisements, Redressements, Repositionen kongenitaler Hüft- 
luxationen, Sehnendurchschneidungen, Abszeßeröffnungen und dergl. 
im Operationsraum ausgeführt. Die größeren Operationen an poli- 
klinischen Kranken, die stationäre Behandlung erfordern, werden 
in der chirurgischen und orthopädischen Privatklinik des Direktors 
vorgenommen. Die Bandagen und Apparate, die nicht in der Poli- 
klinik selbst angefertigt werden können, werden vom Universitäts- 
bandagist J. Reichel, gelegentlich auch durch die Bandagisten Schütze, 
Möcke und Schädel hergestellt. 

Was nun den Unterricht in der Poliklinik anbetrifft, so ist zu- 
nächst zu erwähnen, daß außer der Ausbildung der Assistenzärzte, 
Medizinalpraktikanten und Famuli, auch die von praktischen Ärzten 
der Pohklinik zufällt. Regelmäßig wird das Institut von auswärtigen, 
zum Teil auch von Leipziger Ärzten frequentiert, die entweder 
Orthopäden von Fach sind oder den Zweck verfolgen, ihre Kennt- 
nisse in der orthopädischen Chirurgie zu vervollkommnen. Wieder- 
holt fanden in der Poliklinik auch Demonstrationsabende für die 
Leipziger Sanitäts-Offiziers-Gesellschaft statt. Bei den bisherigen 
bescheidenen Raumverhältnissen der Poliklinik und infolge des Um- 
standes, daß das Institut von den anderen medizinischen Anstaken 
weit entfernt lag, war die Zahl der Praktikanten in der Regel be- 
schränkt, dagegen erfreuen sich die Vorlesungen, die mit dem 

in. 39 



3o6 ~ POLIKLINIK FÜR ORTHOPÄDISCHE CHIRURGIE 



Material der Poliklinik abgehalten werden, eines regeren Besuchs. 
Im Wintersemester findet in der Poliklinik eine Vorlesung über 
Frakturen und Luxationen statt, im Sommersemester ein Verband- 
kurs und im Anschluß daran eine Vorlesung über Operations- und 
Instrumentenlehre. Schließlich wäre noch zu erwähnen, daß auch 
wiederholt in den Ferien ein Verbandkurs -Repetitorium und ein 
Fortbildungskurs für Ärzte über Verbände, Bandagen, Apparate und 
Prothesen abgehaken wurde und daß eine Reihe von wissenschaft- 
lichen Arbeiten und Dissertationen aus der Polikhnik hervorge- 
gangen ist. 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT. 

Direktoren: 
theodor dependorf — willy pfaff. 



Die Geschichte des zahnärztHchen Instituts der Universität 
Leipzig bildet einen wesentHchen Abschnitt in den Annalen der 
gesamten deutschen Zahnheilkunde. 

FäUt die Gründung des Instituts auch erst in das Jahr 1884, 
so ist sie für die Entwicklung der deutschen Zahnheilkunde nichts- 
destoweniger von Bedeutung geworden, denn es entstand mit der 
Errichtung des Leipziger Instituts in jenem Jahre die erste deutsche 
zahnärztliche Lehranstalt. 

Der hohe Wert von selbständigen zahnärztlichen Unterrichts- 
stätten an den Universitäten ist zuerst in Nordamerika erkannt 
worden. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war hier die An- 
sicht durchgedrungen, daß eine zweckentsprechende Entwicklung 
der Zahnheilkunde im engsten Zusammenhang mit der Frage des 
Unterrichts steht. Die gleiche Erkenntnis hatte sich allerdings in 
den zahnärzthchen Kreisen Deutschlands bereits um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts Bahn gebrochen, fand aber vorderhand bei 
den zuständigen Behörden keinerlei Verständnis. 

Auch war vor dem Jahre 1858 an sämtlichen deutschen Uni- 
versitäten nur ein einziges Mal ein Dozent für Zahnheilkunde habi- 
litiert, und zwar in Würzburg, wo Professor Ringelmann zu dieser 
Zeit als Universitätslehrer wissenschaftliche Vorlesungen über Zahn- 
heilkunde hielt. Auf allen anderen deutschen Universitäten ist da- 
gegen vor dem Jahre 1884 die Notwendigkeit eines zahnärztlichen 
Sonderunterrichts nie ernstlich in Frage gezogen worden; diese 
Notwendigkeit sprach erst der „Zentralverein deutscher Zahnärzte" 



3o8 DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



oflFen aus und verfolgte seine Bestrebungen durch die Forderung 
der Gründung staatlicher Univcrsitäts-Institute im Anschluß an die 
medizinische Fakultät. Die Bestrebungen binden bei der großen 
Mehrheit der deutschen Zahnärzte von vornherein die lebhafteste 
Unterstützung, bei den zuständigen Behörden aber viel später eine 
wohlwollende Zustimmung, denn erst 1884 wurden an zwei deutschen 
Universitäten in Leipzig und in Berlin ungefähr gleichzeitig Lehr- 
stühle ft'ir Zahnheilkunde errichtet. 

Die Anregung gab in Leipzig eine testamentarische Bestimmung 
des im Jahre 188 1 verstorbenen Pfarrers D. Friedrich Adolf Fluth, 
der für die Errichtung einer zahnärztlichen Poliklinik einen be- 
stimmten Geldbetrag festgelegt hatte. Angesichts des zu verwirk- 
lichenden Zieles war die ausgesetzte Summe relativ gering, für die 
tatsächliche Gründung der Lehranstalt wurde sie jedoch von aus- 
schlaggebender Bedeutung. 

Bereits vor Eröffnung des Huthschen Testaments war im Sommer 
1879 der Leipziger Privatdozent für Anatomie Friedrich Ludwig 
Hesse (geboren 1847, gestorben 1906) zum Studium der Zahnheil- 
kunde nach Amerika gereist. Vom Herbst 1880 bis zum Früh- 
jahr 1882 absolvierte Hesse die Lehrkurse am New York College 
of Dentistry und besuchte außerdem die zahnärztlichen Unter- 
richtsanstalten in Boston, Philadelphia und Baltimore, um ihre ein- 
schlägigen Verhältnisse kennen zu lernen. Hesse kehrte im Jahre 
1882 nach bestandener Fachprüfung und Erlangung des D. D. S. 
nach Leipzig zurück und bestand hier in demselben Jahre die deutsche 
zahnärztliche Staatsprüfung. 

Im Mai 1884 erging von selten des Königl. Ministeriums des 
Kultus an Hesse die Aufforderung, für die Errichtung eines zahn- 
ärztlichen Instituts an der Universität Leipzig ein Statut sowie einen 
Etat auszuarbeiten und einzureichen. 

Soweit die Art des Unterrichts und die Einrichtung der zu be- 
gründenden Anstalt in Frage kommen, glaubte Hesse sich nach dem 
nordamerikanischen Beispiele richten zu können, und war auch in 
der Lage, hierüber feste Vorschläge zu unterbreiten. Schwieriger 
lagen dagegen die Verhältnisse für die Angaben über die Größe des 
Instituts, die Anzahl der erfordedichen Lehrkräfte und die etwaigen 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT ^ZZZ 309 



Kosten des Betriebes, Faktoren, die für eine generelle Festlegung 
als viel zu schwankend erscheinen mußten und dem aufzustellenden 
Etat nur als Mutmaßungen zugrunde gelegt werden konnten. 

Mit Beginn des Wintersemesters und mit der Eröffnung des 
neuen Instituts am 16. Oktober 1884 wurde Hesse unter Ernennung 
zum außerordentlichen Professor und unter gleichzeitiger Über- 
weisung des Lehrauftrags für Zahnheilkunde zum Leiter der An- 
stalt bestimmt. 

Trotz dieser offiziellen Ernennung und der Überweisung war 
die neuerrichtete Poliklinik als ein Privatunternehmen anzusehen, 
für dessen Unterhaltung der Staat nur durch Gewährung einer jähr- 
hchen Subvention sorgte. Das Leipziger zahnärztliche Institut be- 
saß also von vornherein keinen eigentlich staatlichen Charakter. 
Hierdurch wurde aber, wie Hesse sehr treffend sagte, gewissermaßen 
„eine unterwertige Einschätzung" der neuen Disziplin, für welche 
die Anstalt bestimmt war, zum Ausdruck gebracht. Unter Berück- 
sichtigung dieser Verhältnisse muß daher die am i. Januar 1898 
erfolgte Verstaatlichung des Instituts als die wichtigste Verbesserung 
angesehen werden, welche es überhaupt erfahren konnte. Denn in 
dieser ministeriellen Bestimmung kommen unverkennbare Fort- 
schritte zum Ausdruck, hat doch hierdurch die Zahnheilkunde nicht 
nur eine gesicherte akademische Würde erhalten und Eingang in 
die Lehrfächer der medizinischen Fakultät gefunden, sondern es ist 
ihr auch von Staats wegen die volle Anerkennung ihrer Leistungen 
zuteil geworden. 

Hesse hatte bei der Gründung seines Instituts die Einrichtung 
der nordamerikanischen zahnärztlichen Lehranstalten auch für sich 
übernommen und vertrat im Gegensatz zu der Anschauung der 
preußischen Dozenten das System des einheitlichen Unterrichts, wie 
es damals auch in Amerika üblich war. Die Leitung und der Unter- 
richt in den einzelnen Fächern unserer Disziplin waren in einer 
Hand vereinigt, in derjenigen des Institutsdirektors, der die Studieren- 
den in die betreffenden Fächer einzuführen und gleichzeitig für eine 
gleichmäßige und ununterbrochene Übung seiner Schüler Sorge zu 
tragen hatte. Der Studierende, welcher sich in die Belegliste für 
das zahnärztliche Praktikum eintrug, hatte das Recht, an dem ge- 



310 DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



samten technischen wie operativen Unterrichte teilzunehmen, mit 
einem Worte, er war „Vollpraktikant" und fand im Institut selbst 
den eigentlichen Mittelpunkt seiner Tätigkeit. 

An anderen deutschen Universitäten ist der zahnärztliche Unter- 
richt nicht einheitlich, sondern den Fächern entsprechend gegliedert. 
Man kennt hier neben einer Zweiteilung an manchen Lehranstalten 
auch eine Dreiteilung des Unterrichts; der operative Teil ist neben 
dem technischen Teil nochmals und zwar in die zahnärztliche 
Chirurgie und in die konservative Zahnheilkundc zerlegt. Für jedes 
dieser drei Fächer ist dementsprechend ein selbständiger Abteilungs- 
vorstand vorgesehen, und dem Studierenden bleibt es freigestellt, 
sich an einem dieser Kurse oder an allen dreien zu beteiligen: er 
ist hier nur „Teilpraktikant". 

Obwohl nun der einheitliche Unterricht bei der stetig wachsenden 
Entwicklung des zahnärztlichen Berufs für den Leiter des Instituts 
eine große Arbeitslast bedeuten mußte, vermochte Hesse sich erst 
nach zwanzigjähriger Lehrtätigkeit zu einer Einschränkung der Be- 
teiligung seiner persönHchen Arbeitskraft zu entschließen. Der 
Unterricht in der Zahnheilkunde verlangt heute für jede Abteilung 
einen selbständigen Leiter. Und auch Hesse mag zuletzt wohl an 
etwas Ähnliches gedacht haben, als er in seinen Berichten über die 
fehlende Entlastung durch Anstellung geeigneter Lehrkräfte klagte. 
Aber trotz wiederholter Eingaben konnte sich das Königl. Mini- 
sterium zu einer Erweiterung des Lehrkörpers nicht entschließen. 

Die wachsende Bedeutung der Zahnheilkundc als Wissenschaft 
ließ im Laufe der letzten Jahre auch in Hesse den Plan reifen, das 
Institut für den wissenschaftlichen Fortschritt nutzbar zu machen. 
Allein die knappen verfügbaren Mittel verhinderten die Durchführung 
dieses Planes. Sie reichten gerade aus, um in bescheidener Weise 
die Erfordernisse eines gedeihlichen praktischen Unterrichts zu er- 
füllen, aber auch diese Ansprüche durften nicht sehr hoch gestellt 
werden. Die scheinbare Bevorzugung der rein praktischen Aus- 
bildung von Seiten Hesses wurde nicht unwesentlich durch die Un- 
zulänglichkeit der vorhandenen Geldmittel beeinflußt. 

Und die Ansprüche, die an diese Geldmittel zu stellen waren, 
steigerten sich von Jahr zu Jahr in demselben Maßstabe, wie die 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 311 



Frequenz der Studierenden und Patienten wuchs, und der Wirkungs- 
kreis des Instituts sich vergrößerte. 

Das kleine, im Zentrum der Stadt, in der Goethestraße gelegene 
Institut umfaßte anfänglich nur ein einziges Stockwerk. Doch das 
stetige Wachsen des Betriebes machte bald eine Ausdehnung der 
Arbeitsräume auf alle drei oberen Geschosse notwendig: Bereits im 
Jahre 1887 mußte das zweite, und im Jahre 1900 endlich auch 
noch das dritte Stockwerk mit in Benutzung genommen werden. 
Aber auch diese Erweiterung der Anstalt erwies sich nach sehr 
kurzer Zeit als unzureichend. 

Eine Lehrmittelsammlung, sowie eine Sammlung von makro- 
skopischen und mikroskopischen Präparaten hat Hesse erst in den 
letzten Jahren seiner Tätigkeit und wohl erst seit der Verstaat- 
Uchung des Instituts in sehr bescheidenem Umfange eingerichtet. 
Zum Glück vermag uns die Bibhothek schon einen größeren 
Reichtum an festen Beständen zu bieten: sie wurde durch die Zu- 
weisung des Bücherbestandes des ,, Zentralvereins deutscher Zahn- 
ärzte" um eine stattliche Anzahl wertvoller Bände vermehrt. Aller- 
dings sind es fast ausschließlich fachwissenschaftliche Schriften. 

Prof. Hesse verschied nach 22Jähriger segensreicher Tätigkeit am 
22. Oktober 1906. Ein ganzes Jahr nach seinem Ableben ist die 
leitende Stelle des Instituts unbesetzt geblieben. Während dieser 
Zeit führten die bisherigen Assistenten, die Herren Berry, Schwarze 
und Zimmermann, den Unterricht und die praktische Anleitung der 
Studierenden weiter. 

Die neue Besetzung der Lehrstühle machte auch eine Änderung 
und einen Wechsel in der Besetzung der Assistentenstellen er- 
forderlich. 

Die ein Jahr verwaist gewesene Dozentur Hesses fand erst mit 
Beginn des Wintersemesters 1907I08 eine neue Besetzung. Hier- 
mit wurde gleichzeitig auf Antrag der medizinischen Fakultät vom 
Kgl. Ministerium eine Teilung des Unterrichts vorgenommen, und 
durch Berufung zweier selbständiger Abteilungsvorsteher die operative 
Zahnheilkunde auch äußerlich von der technischen Zahnheilkunde 
getrennt. Für beide Lehrstühle ist nunmehr eine außerordenthche 
Professur vorgesehen. 



312 ^I^I DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



Eine weitere Teilung des Unterrichts erschien nicht erwünscht. 
An Stelle der bisherigen Einheit ist nunmehr also die einfache 
Teilung, und nicht wie in Berlin, Breslau und München die Drei- 
teilung durchgeführt worden, und es muß der weiteren Ent- 
wicklung vorbehalten bleiben, die Zweckmäßigkeit der getroffenen 
Maßnahme entweder richtig zu sprechen oder zu verwerfen. 

Für den operativen Teil, der die kleine Mundchirurgie und die 
konservierende Zahnheilkunde umfaßt, wurde im Juni 1907 unter 
gleichzeitiger Ernennung zum Direktor des histituts dem Privat- 
dozenten für Zahnheilkunde in Jena, Theodor Dependorf, die 
außerordentliche Professur in der operativen und konservierenden 
Zahnheilkunde übertragen. Die Leitung der technischen Zahn- 
heilkunde erhielt dagegen Herr Zahnarzt Willy Pfaff aus Dresden, 
der als erster in Deutschland die Orthodontie in den Bereich seines 
Lehrplanes aufgenommen hat. Er wurde demgemäß als Lehrer für 
technische Zahnheilkunde und Orthodontie berufen und im Verlaufe 
des W.-S. 190809 zum außerordentHchen Professor ernannt. 

Nach dem Ableben Hesses ließ das hohe Staatsministerium auf 
Antrag der beiden neuen Abteilungsvorstände hin die Instandsetzung 
einzelner Institutsräume, sowie einige bauliche Veränderungen im 
Hörsaal und in den technischen Räumen vornehmen und machte 
auch weitere Geldmittel für die Beschaffung von Unterrichtsgegen- 
ständen und Lehrmitteln flüssig. Dessenungeachtet sind aber die 
vorhandenen Räumlichkeiten mit ihren primitiven Einrichtungen, 
vor allem aber die vorhegenden Lehrmittel nicht geeignet, die An- 
sprüche der Studierenden in bezug auf den Unterricht und die 
praktische wie wissenschaftliche Ausbildung zufrieden zu stellen. Und 
auch das hohe Ministerium vermochte sich schon zu Hesses Leb- 
zeiten diesen berechtigten Wünschen nicht mehr völlig zu ver- 
schließen. Es entschied sich schließlich für einen Neubau des Instituts. 
Als Bauplatz wurde das im Südbezirk zwischen der Nürnberger und 
der Karolinen-Straße in der Nähe des Bayrischen Bahnhofs belegene 
vormalige Schrammsche Grundstück in Aussicht genommen. 

Diese Bestimmungen waren bei Berufung der Nachfolger Hesses 
bereits getroffen. Der Entwurf des Bauplanes wurde den beiden 
Abteilungsvorstehern übertragen und seine weitere Ausgestaltung 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT ZZZZ: 313 



fand von selten des Kgl. Ministeriums bereitwilligst Unterstützung. 
Das Projekt ist sowohl vom Kgl. Kultusministerium wie von den 
beiden Kammern angenommen worden. 

Den neuen Plänen liegt die Unterbringung der Abteilungen für 
Zahn- und Kieferchirurgie, für konservierende Behandlung, für pro- 
thetische Behandlung des Gebisses, sowie endlich für wissenschaft- 
liche Arbeiten zugrunde. Und diese Unterbringung machte eine 
große Anzahl der verschiedenartigsten Räume erforderlich, von 
denen die Säle für die praktischen Fächer in ihrer Anlage nach 
Norden zu liegen sollten. Außerdem war für die Möglichkeit einer 
weiteren Ausdehnung der Anstalt ohne Schädigung der bestehenden 
Verhältnisse zu sorgen. 

Für die Anfertigung der ersten Bauskizzen dienten die Vorlagen 
und das Programm der beiden beteiligten Abteilungsvorstände als 
Grundlage. Dieser Entwurf wurde Flerrn Landbauinspektor Gaitzsch 
vom Kgl. Landbauamt zur näheren Ausarbeitung überwiesen. 

Nach den fertiggestellten Entwürfen wird ein moderner Bau 
mit vollendeten hygienischen Einrichtungen entstehen. Das ganze 
Gebäude ist in einem rechten Winkel aufgeführt. Der Winkel 
trifft in der Nordwestecke zusammen. Die Länge der äußeren 
Schenkel beträgt nach Süden zu 33 und nach Osten zu 32 Meter. 
Der Haupteingang liegt an der Westseite parallel zur Nürnberger 
Straße. Der Bau hat somit einen winkelförmigen Grundriß mit 
Hauptfronten nach Westen und Norden und einem östlichen und 
südlichen Flügel (vergl. die Skizzen). Da der Bauplatz in Breite 
und Tiefe weniger Raum bot, so mußte das Gebäude mehr in die 
Höhe errichtet werden. Es machten sich fünf Stockwerke einschließ- 
lich des Erdgeschosses notwendig. Die Grundsätze der Zweckmäßig- 
keit der Einrichtung sind unter Wahrung der inneren Einheitlichkeit 
des Ganzen, aber unter äußerlicher Trennung der verschiedenen 
Abteilungen überall befolgt worden. Diese Trennung der opera- 
tiven, konservierenden und technischen Abteilung unter sich wird 
so erfolgen, d^iß eine gegenseitige Störung der technischen wie 
operativen Arbeiten ausgeschlossen ist. 

Die chirurgische Abteilung ist mit der Aufnahmestation ver- 
bunden und kommt in die Mitte des zweiten Obergeschosses zu 

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DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



liegen. Die Aufnahmestation als das Herz der gesamten Anstalt 
soll von allen Seiten leicht zugänglich und erreichbar sein. Die 
technische Abteilung ist in die unteren, in das Erd- und das erste 
Obergeschoß, die konservierende Abteilung dagegen in die oberen 
Räume, in das dritte und vierte Obergeschoß, gelegt. Dazwischen 
reihen sich in zweckmäßiger Weise die wissenschaftlichen Räume 




ein. Die Verbindung zwischen den einzelnen Abteilungen geschieht 
durch äußere und innere Treppen, sowie durch einen Fahrstuhl. 
Der Haupteingang führt von der Westseite aus in das Institut 
und wird überwacht vom Portierraum. In der gleichen Achse be- 
findet sich die breite und bequeme Institutstreppe, über welche der 
Weg zu den einzelnen Abteilungen und in die verschiedenen Ober- 
geschosse führt. Rechts vom Haupteingang liegt der bis ins vierte 
Obergeschoß führende Fahrstuhl. Im Erdgeschoß sind zunächst die 
Lehr- bzw. Arbeitsräume der Anfänger untergebracht. 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



315 



Der Ostflügel des Erdgeschosses zeigt links vom Eingang die 
Portierloge, hieran anschließend ein Gipszimmer, alsdann das Prü- 
fungszimmer, ein zweites Gipszimmer und nach hinten zu den 
Metallarbeitsraum mit 20 Sitzplätzen, sowie das große Laboratorium 



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(14,72 : 4,99) mit 78 Sitzplätzen und den erforderlichen Appa- 
raten. 

Im Südflügel kommen wir linksseits in das Direktorenzimmer, 
nebst dazu gehörigem Arbeitsraum; von hier aus weiter in das 
Sammlungszimmer und das Assistentenzimmer. Nach Westen zu 



3i6 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



befinden sich das chemische Laboratorium mit Materialausgabe, der 
Kleiderraum und die Aborte. 

Auch das ganze erste Obergeschoß enthält weitere technische 
Räume, und zwar in erster Linie für Fortgeschrittene. Im Ost- 



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flügel liegen zwei Warteräume, das Untersuchungs- und Aufiiahmc- 
zimmer, ein Behandlungszimmer für chirurgische Prothese, der kli- 
nische Demonstrations- und Hörsaal (40 Sitzplätze) mit Vorbereitungs- 
zimmer, der Praktikantensaal mit 14 Operationsstühlen und ganz 
am Ende die Sterilisations- und Assistentenzimmer, im Südflügel 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



317 



der Porzellan- und Metallarbeitsraum, das große Laboratorium mit 
Materialausgabe, ein Gipsraum, ein Kleiderraum und die Aborte. 

Im zweiten Obergeschoß befinden sich operative und wissen- 
schaftliche Räume, und zwar im östlichen Flügel zunächst das 
Untersuchungs- und Aufnahmezimmer, und nebenan das Warte- 



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zimmer, das bequem für 60 Personen Platz bietet; in ihm ist ein 
besonderer Raum für die Buchhalterin abgeteih und eingebaut. Die 
Buchhalterin hat die Namen der Patienten aufzunehmen, sie zu 
überweisen und im allgemeinen die Kontrolle auszuüben. Die 
Patienten treten vom Warteraum in das Untersuchungszimmer, 



3i8 Z=^ DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



kommen von da in den Extraktionsraum und kehren durch den 
Spülraum in das Wartezimmer zurück. Hier sind sie nochmals der 
Schlußkontrolle der Buchhalterin unterworfen. 

In der Mitte des östlichen Flügels liegen die Räume für Ex- 
traktion, operative Behandlung mit Kranken-, Spül- und Narkosen- 
zimmer. Die beiden letzten Räume liegen zwischen Extraktions- 
saal und Wartezimmer. 

Im Extraktionssaal sind Plätze für 92 Studierende vorgesehen. 
Zwei Operationsstühle mit dem notwendigen Zubehör; Beleuchtung, 
Wasserspülung, Bohrmaschinen, Wandtafeln, Instrumentenschränke, 
Desinfektionsbecken finden darin Aufstellung. 

Am Ende des Ostflügels hinter dem Krankenraum liegt der 
Phantomsaal, zwischen diesem und dem Extraktionssaal, als Durch- 
gangszimmer, der Desinfektions- und Waschraum. Der Phantom- 
saal ist für 42 Studierende berechnet. Ein jeder Praktikant hat an 
den langen, quer zum Fenster stehenden Tischen einen bequemen 
Arbeitsplatz. Auch ein Operationsstuhl zum Demonstrieren an 
Patienten findet im Phantomsaal Aufstellung. 

Im südlichen Flügel befinden sich linkerhand das Lesezimmer 
mit Bücherei, der Röntgenraum, das photographische Zimmer mit 
Dunkelkammer, der Raum für Bakteriologie; nach Westen hin das 
Direktorenzimmer, sowie neben diesem ein Assistentenzimmer. 
Daran anschließend finden wir den Garderoberaum für die Studierenden 
sowie die Abortanlagen. 

Im dritten Obergeschoß betreten wir, vom Treppenflur kommend, 
rechterhand wiederum den Ostflügel. Zur linken liegt ein Diener- 
zimmer, daneben das Wartezimmer mit eingebautem Raum für die 
Buchhalterin. Den übrigen Teil des Ostflügels nimmt der Füllungs- 
saal ein, der 23,5x10,02 m groß ist und für 34 Stühle, die in vier 
Reihen Aufstellung finden, Platz bietet. 

Im Südflügcl liegen das Zimmer des ersten Assistenten, der 
große Hörsaal mit Vorbcreitungs- und Sammlungszimmer sowie 
Kleiderraum und Aborte. Der Hörsaal, der für 92 Zuhörer Platz 
bietet, hat Seiten- und Oberlicht, eine Vorrichtung für den Projek- 
tionsapparat, sowie eine elektrische Verdunkelungseinrichtung. 

Im vierten Obergeschoß betreten wir zur rechten vom Treppen- 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



319 



flur im Ostflügel zuerst den Garderobe- und Waschraum, alsdann 
das Mikroskopierzimmer, die Assistentenzimmer und schließlich den 
zweiten Füllungssaal. Er steht mit dem dritten Obergeschoß durch 
eine Wendehreppe in Verbindung, bietet Raum für 30 Operations- 



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Stühle, die in 4 Reihen aufzustellen sind. Im Südflügel liegt die 
Wohnung des Hausmanns, das Waschhaus und ein zweites Samm- 
lungszimmer, das ebenfalls mit dem darunter liegenden durch eine 
innere Treppe verbunden ist. 

Im Kellergeschoß befinden sich außer den für Heizungs- und 



320 m^ DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT 



Lüftungszwecken nötigen Räumen große, durch Lichtschächte be- 
leuchtete Keller für Betriebsvorräte und eine Schlosserwerkstatt. 

Architektonische Ausgestaltung: Der Sockel ist aus Zement- 
beton. Bis über der Sohlbank des Erdgeschosses ist rote Ziegel- 
verblendung in Aussicht genommen, die übrigen Außenseiten sind 
geputzt. Vor dem Haupteingang befindet sich eine glasbedeckte 
Eingangshalle. Das Dach ist mit stahlgrauer Ruberoidpappe und 
blauem und grauem Schiefer gedeckt. 

Einzelheiten der Bauart: Die Treppe ist in Zementeisenbeton 
gestampft und mit fugenlosem, naturfarbigem Steinholzfußboden 
belegt. Umfassungen und Decke des oberen Plombiersaales ist 
ebenfalls in Zementeisenbeton gestampft, um alle innen sichtbaren 
Dachkonstruktionen zu vermeiden. 

Decken: Über dem Sockelgeschoß, dem ersten, zweiten und 
dritten Obergeschoß des Ostflügels wurden wegen zu großer 
Spannweite gewölbte Eisenbetondecken zwischen eisernen Trägern 
gewählt. Unterstützungssäulen sind im Interesse der Übersichtlich- 
keit nach Möglichkeit vermieden worden. Über dem Keller wird 
Ziegelkappengewölbe gedeckt. Im Sockelgeschoß des Südflügels 
sowie über allen Aborten befinden sich massive ebene Decken. Im 
übrigen wird Holzbalkendecke angebracht. 

Fußböden: Im Kellergeschoß ist Zementglattstrich auf Kalkbeton 
vorgesehen; im Sockelgeschoß werden im Eingang und in dem 
Gipszimmer Tonplatten und sonst naturfarbiger, fugenloser Fuß- 
boden gelegt. In allen übrigen Geschossen wird Linoleum auf 
Korkestrich und massiver Decke oder kieferne Dielung auf Balken- 
decke angebracht. Direktoren- und Assistentenzimmer erhalten Dielung 
auf Lagerhölzern, die Aborte in allen Geschossen Tonplattenbelag. 
Die schrägen Zementeisenbetonwände im Plombiersaal des dritten 
Obergeschosses bekommen einen inneren und äußeren Korkplatten- 
belag auf besonderen Latten mit Luftisolierschicht. 

Fenster und Türen: Türen, Glasabschlüsse und Fenster sind aus 
Kiefernholz hergesteUt. Wo es angängig war, finden nur ein- 
flügelige Türen Verwendung. In allen Räumen, außer im Keller, 
in dem Treppenhaus und den Kleiderräumen, werden Doppelfenster, 
im Plombiersaal des dritten Obergeschosses doppelte eiserne Fenster 



DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT ^ZZZ 321 



eingebaut. Jeder Operationsstuhl hat sein eigenes Fenster von 
1,30x1,60 m Größe. 

Heizung und Lüftung. Die Heizungsanlage, eine Niederdruck- 
dampfheizung, wird von einem hinter dem Gebäude befindlichen 
Kesselhaus, das auch die in der Nähe gelegene Augenheilanstalt 
versorgt, gespeist. Die Radiatoren befinden sich in den Fenster- 
brüstungsnischen; ebenso die Zuführung vorgewärmter Frischluft 
für die von einer größeren Anzahl Personen besuchten Räumlich- 
keiten. 

Innere Ausstattung mit Gas, Wasser und Elektrizität. In den 
Laboratorien befindet sich bei jedem Arbeitsplatz ein Gashahn für 
Werkgas. Die Beleuchtung in den größeren Räumen besteht aus 
elektrischem Bogenlicht, in den kleineren aus GasglühHcht. In den 
Räumen, wo viele Einzelbeleuchtungsstellen notwendig sind, werden 
wegen der starken Hitzeentwicklung des Gasglühlichts elektrische 
Zugpendcl angebracht. Bei jedem Operationsstuhl befindet sich je 
ein elektrischer Steckkontakt für die Blendlampenbeleuchtung und 
den Kraftstrom zum Antrieb der Bohrmaschine. 

Die Zuführung von frischem Wasser und die Ableitung des vom 
Speibecken abfließenden Wassers erfolgt für jeden Stuhl durch Rohr- 
leitungen in den Fußbodenkanälen. Außerdem sind reichliche Wasch- 
gelegenheiten angebracht. 

Aufzug. Zur Erleichterung des Betriebes ist für Direktoren und 
Assistenten wegen der starken Höhenentwicklung des Gebäudes 
ein elektrischer Aufzug mit Druckknopfsteuerung für fünf Personen 
eingerichtet worden. 

Einrichtungsgegenstände. In den Arbeitsräumen befinden sich 
an den Fensterseiten Arbeitstischplatten mit Schubläden. Die Tische 
in den Laboratorien stehen senkrecht zu den Umfassungen, um 
einer größeren Anzahl von Studierenden Platz zu bieten. Die Ein- 
richtung der Tische ist den verschiedensten Zwecken angepaßt. Die 
Anordnung der Arbeitsplätze ist so erfolgt, daß die Schüler bei 
allen ihren Arbeiten möglichst Nordlicht zur Verfügung haben. 
Die Assistentenzimmer sind als Arbeitsräume, die Direktorenzimmer 
zugleich als Empfangszimmer ausgestattet. In den Kleiderablagen 
steht für jeden Studierenden ein schmaler Schrank zur Aufnahme 

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322 Z=I DAS ZAHNÄRZTLICHE INSTITUT ZZUZZ^I 

des Arbeitsmantels und der nötigen Geräte. Jeder Operationsstuhl 
erhält ein Glastischchen auf beweglichem, eisernem Arm zur Auf- 
nahme der elektrischen Blendlampe sowie der bei der Arbeit zu 
benutzenden Instrumente. Außerdem ist für jeden Stuhl ein zweites 
Tischchen mit Glasplatte zum Abstellen von Gläsern und zur Auf- 
nahme des Instrumentenkastens eingerichtet. Sammlungsschränke 
sind in den geeigneten Räumen untergebracht. Mehrere Räume 
erhalten Abdampfkapellen. Die zu klinischen Demonstrations- 
zwecken dienenden Säle sind als Vortragssäle eingerichtet und mit 
podienartigem Aufbau und Demonstrationseinrichtungen versehen. 
Der große Hörsaal ist mit selbsttätigen Klappsitzen, einem größeren 
Experimentiertisch, sowie einer elektrischen Verdunkelungsvorrichtung 
an Oberhcht und Seitenfenstern ausgestattet.