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Full text of "Finnisch-ugrische Forschungen"

HAXDBOüND 
AT THE 



L'-M\£RSITY OF 
TORONTO PRESS 



FINNISCH-UGRISCHE 

FORSCHUNGEN 

ZEITSCHRIFT 

FÜR 

FINNISCH-UGRISCHE SPRACH- UND VOLKSKUNDE 

UNTER MITWIRKUNG VON FACHGENOSSEN 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

E. N. SETÄLÄ KAARLE KROHN 

YRJÖ WICHMANN 

ZWÖLFTER BAND 

1912 

FESTGABE für \1LH. THOMSEN 

ERSTER TEIL 
MIT EINEM BIEDXIS ViEH. THOMSENS IN HELIOGRAVÜRE 



HELSINGFORS LEIPZIG 

RED. DER ZEITSCHRIFT OTTO H ARRASSOWITZ 



2 8 1965 



99465« 



PH 
\ 

F5- 



HELSINGFORS 

DRUCKEREI DER FINNISCHEN LITTERATLIR-GESELLSCHAFT 
191 I — 1912 



<M 



VILHELM THOMSEN 



zu seinem siebzigsten geburtstag 
den 25. ianuar 1912 



gewidmet. 



v^o 



An VILHELM THOMSEN. 

Ihren siebzigsten gebitrtslag können die niänner, 
die ihre tätigkeit der finnisch-ugrischen zvissenscha/t 
iK}idnien oder deren forschnngen dieses gebiet berüh- 
ren, nicht vorübergehen lassen ohne Ihnen ihren dank 
und ihre glückwünsche darzubringen. Obzvohl sie 
zuissen, dass Ihnen heute eine andere internationale 
Veröffentlichung zugeeignet zvird, welche die trag- 
zveite Ihres wirkens vielseitiger zinder spiegelt, haben 
sie doch das bedür/nis gefühlt in geschlossener niasse 
mit grösseren und kleineren auf Sätzen in einer Umen 
gei\:idmeten festschrift vor Sie hinzutreten, denn sie 
erkennen, welch grossen dank Ihnen gerade die fin- 
nisch-ugrische zvissenschaft schuldig ist, die vielleicht 
den zvichtigsten teil Ihres vielseitigen Schaffens für 
sich beanspruchen darf. 

Ihre Untersuchungen über die berührungen zwi- 
schen den finno-ugriern und indoeuropäern haben der 
zvissenschaft neue wege erschlossen: sie haben dem 
forscher die äugen darüber geöffnet, wie die spräche 
von uralten beziehungen zwischen Völkern und kultu- 
ren zu erzählen zveiss, zvie die internationalen berüh- 
rungen künde von dem vorgeschichtlichen leben und 
dem kulturaustausch der Völker geben. Durch ihre 
niethode und ihre resultate haben Ihre zverke die 



fijimsch-ugrtsche forschiing auf eine neue entwick- 
lungsstufe gehohen. Indem Ihr genie die steine, die 
tausend jähre geschwiegen, in alttürkischer spräche 
reden Hess, haben Sie der ge schichte der sprachen 
und Völker einen neuen wissensquell erschlossen, der 
auch für die finnisch-ugrische ivissenschaft hei der 
lösung der grossen frage von dem Ursprung und der 
Verwandtschaft der finnisch-ugrischen sprachen von 
hohem zvert sein zvird. Die anregungen, die Sie 
gegehen, hahen zu neuen Studien im gehiet des sprach- 
lehens und der internationalen berührungen ange- 
spornt, und in diesem forschungshereich wird Ihre 
arbeit, zvird Ihr zvirken fortleben, solange derartige 
Studien getrieben zverden. 

In vorliegender juhiläumsschrift behandeln die 
meisten aufsätze kulturelle beziehungen der Völker 
untereinander und in ihr begegnen sich forscher 
verschiedener natioiuilitäten, richtungen und alter s- 
klassen, ein bez<}eis, zvie zveit sich die anregungen 
Ihres zuirkens erstrecken und zuie weit dieses aner- 
kannt zvird. Und alle geben sie mit ihrem herzlichen 
dank der hoffnung ausdruck, dass Ihnen noch viele 
jähre die schajfensfreude erhalten bleibe, die das 
grösste glück des menschen bildet, dass es Ihnen ver- 
gönnt sei noch viele fruchte Ihrer arbeit reifen zu 
sehen, Ihnen selbst zur freude, Ihrem volk zum rühm, 
und dem menschlichen wissen zum segen. 



'K 



Inhalt des Xll. bandes. 



Seite 
Aarne Antti. Zur frage nach der bedeutung der indi- 
schen märchen 139 — 146 

Appelgren-Kivalo Hjalmar. Vogelkopf und hirsch 

als Ornamentsmotive in der vorzeit Sibiriens . . 290 — 296 

AsBöTH Oskar. Ung. tanorok ........ 45 — 58 

AsPELix J. R. Die steppengräber im kreise Minussinsk 

am Jenissei . . i — 18 

Endzelin J. Über die nationalität und spräche der 

kuren 59 — 72 

GoMBOCZ Z. Etymologische streifzüge ..... 73 — 75 

Horger Anton. Ung. parittya 297 — 299^^ 

Kalima J. Über zwei lehnwörter im altrussischen. . 158 — 160 
Karsten T. E. Einige Zeugnisse zur altnordischen 

götterverehrung in Finland 307 — 316- 

Kluge F. Zu den finno-germanischen lehnbeziehungen 38 — 39 ^^^ 

KoRSCH Th. Zur etymologie des finn. ajattara . . 150 — 153 

Krohn Kaarle. Das schiff Naglfar 154 — 155 

— » — Zum schiffe Naglfar. Nachtrag zur p. 154 317 — 320 
Lidkn Evald. Miszellen zur finnisch-ugrischen lehn- 

wörterkunde 86 — 97 

Munk.\csi Bernhard. Zum chasarischen würdentitel 

Isad • 98—102 

Ojansuu Heikki. Ein südestnischer beitrag zur Stu- 
fenwechseltheorie 147 — 149 

Olrik Axel. The sign of the dead 40 — 44 

Paasonex H. Zur geschichte des finn.-ugr. s-lautes . 300 — 306 
Ramstedt G. J. Zu den samojedisch-altaischen berüh- 

rungen 156 — I57 

Saxen Ralf. Etymologische beitrage 107 — 114 

Setälä E. N. Aus dem gebiet der lehnbeziehungen. 161—289 

SiMONYi S. Slavisches in der ungarischen syntax . . 19 — 25 

SuoLAHTi H. Zu den finnisch-germanischen beziehungen 103 — 106 

SziNNYEi J. Etymologisches 26 — 29 



Tallgrex A. M. Die bronzecelte vom sog. Anaiiino- 

typus 76—85 

Wichmann Yrjü. Etymologisches aus den permischen 

sprachen 128 — 138 

WiKLUND K. B. Einige urnordische lehnwörter im lap- 
pischen 30 — -37 

Winkler Heinrich. Samojedisch und finnisch . . . 115 — 127 



Die steppengräber im kreise Minussinsk am Jenissei. 

Studien im gebiet der inschriftsteine. 



So überraschend ist die ausserordentliche zahl der alten 
gräber auf den steppen der kreise Minussinsk und Atschinsk 
in Südsibirien, dass an dem altertumsforscher ständig der Zwei- 
fel nagt, ob er sich je in dem grade mit ihnen bekannt zu 
machen vermöge, dass er eine wissenschaftliche gruppierung 
derselben zustande bringt. Daher mag die hier versuchte Zwei- 
teilung der gräber auf grund meiner eigenen beobachtungen 
wie derjenigen Castrens, Radloffs und anderer forscher in ge- 
wissem sinne wohl gewagt erscheinen, doch sind die kategori- 
schen ergebnisse des Versuches geeignet die künftige forschung 
zu erleichtern, welche zu beurteilen haben wird, wie weit die 
beobachtungen stichhaltig sind. 

Bekanntlich sind die durch diese gräber vertretenen kul- 
turkreise auch in den museen durch viele tausend auf den 
steppen aufgelesene zerstreute funde repräsentiert, in denen sich 
also jene kulturkreise dem forscher zur feststellung widerspie- 
geln. Da auf den steppen überaus selten steinerne schneidende 
gerate, äxte oder meissel, gefunden worden sind, noch auch, 
soviel wir wissen, ein einziges steinzeitliches grab, haben wir 
bis auf weiteres keine veranlassung zu der annähme, dass 
irgendein teil der steppengräber aus der Steinzeit stammte, son- 

Finu -ugT. Forsch. XII. , 



2 j. R. ASPELIN. 

dern sie mögen, wie die bekannten Untersuchungen dargetan 
haben, der bronze- oder der eisenzeit angehören. Um das sta- 
tistische Verhältnis dieser perioden einigermassen zu beleuchten, 
sei erwähnt, dass es von gelegentlichen funden im museum zu 
Minussinsk 1902 gab: 204 bronzene und 113 eiserne dolche, 
2272 bronzene und 600 eiserne messer, 408 bronzene und 550 
eiserne zaumstangen oder teile von solchen. Viele auf den 
steppen aufgelesene eiserne dolche und messer stimmen jedoch 
in ihrer form so eng mit den entsprechenden bronzegeräten 
überein — nach der erklärung eines geologen sind sie aus guss- 
eisen in alten gussfornien gegossen (Uusi Suometar 1887, nr. 237) 
—, dass im hinblick darauf die alte bronzezeitliche kultur in die- 
sen gegenden ohne äussere Umwälzungen oder Störungen in die 
eisenzeitliche kultur übergegangen sein muss, wogegen die auf 
jene anfange folgende eisenzeit so vollständig jeglicher typo- 
logischen anknüpfungen an die vorhergehende bronzezeit zu 
entbehren scheint, dass man sie nur durch Völkerwanderungen 
oder durch eine ganz anders geartete besiedlung erklären zu 
können geglaubt hat. 

Die alten gräber müssen also wenigstens in zwei klassen 
eingeteilt werden, deren eine die bronzezeit und ihre unmittel- 
bare fortsetzung in der ältesten eisenzeit, die andere die eisen- 
zeit vertritt, welche die vorhergehende kulturentwicklung unter- 
brach und auf sie folgte. Die gräber der ersteren kulturperiode, 
die, wie Castre.x in seinen aufzeichnungen berichtet, sehr zahl- 
reich auf den niedrigeren steppen, namentlich in der nähe von 
Seen und Aussen anzutreffen sind und in denen er ausser Ske- 
letten zerbrechliche tongefässe, bronzene messer, dolche und Sat- 
telzeug, aber nichts eisernes fand, schildert er folgendermassen. 
Ihrer form nach sind sie viereckig, mitunter quadratisch, gewöhn- 
lich aber rechteckig. Manche liegen im niveau des erdbodens, 
andere sind in der mitte etwas eingesunken, doch erheben sich 
die meisten 1-2 fuss über die erde, auch kommen hügel vor, 
die über 2 sashen höhe besitzen. Die länge der gräber schwankt 
zwischen 2-3 und 20-30 sashen, und ihre breite variiert in 
gleicher weise. Die grabhügel sind auf allen selten von einer 
steinwand umgeben, die manchmal eingesunken und mit erde 
bedeckt ist, aber meistens einige zoll über den boden hinaus- 
ragt. Ähnliche wände teilen die gräber oft quer in abteilungen. 



Die Steppengräber am Jenissei. 



In der regel bestehen sie aus dünnem schiefergestein, bisweilen 
auch aus einer anderen gesteinsart. Das wesentliche Kennzei- 
chen dieser sog. tschudengräber bildet — wie hier bemerkt sei 
— diese steinwand, die bei den in einer ebene mit dem 
erdboden liegenden gräbern an den grundriss einer recht- 
eckigen Wohnung (abb. l) erinnert. Wenn das grab quadra- 
tisch ist, so liegen die diagonalen, sagt Castren, ungefähr in 
den richtungen S-N und E-W. An und zwischen den niedri- 
gen wandsteinen der gräber erheben sich quer zu ihnen 
gestellte aufrechtstehende hohe steine in regelmässiger folge, 
gleich viele an beiden rändern 
(abb. 2), doch diese an den rän- 
dern der bronzezeitlichen oder 0"° -• —[j°°°* -=. ^^ - — "^=»11 
tschudengräber aufgestellten steine . 

sind in der regel nicht skulptiert, '^'X^ n 




aber oft geschmückt mit grob 

eingehauenen, selten mit gut ein- [>=•-» ^ i 

gravierten bildern. Ich selber habe '"'°°* | B 

nur zwei im niveau des erdbo- 

dens liegende gräbergruppen ge- -^i>^- ^- i-'^ur, Urach. 

sehen, die keine aufrechten steine p^^" ^"^^^ g''^^^.^ ^"'^ ^^' 

c . ,. j , . j , bronzezeit. 

aufweisen; die wandsteine durch- 
schnitten nur in gestalt eines 

rechtecks die steppenfläche. Die eine von ihnen lag bei dem 
ulus Kostisevo am rechten ufer des Akjus oder Weissen Jus 
bei der Michailovschen fähre, einige werst unterhalb des ulus 
Batanakov, die andere bei dem dorfe Monok am rechten ufer 
des Abakan. Wenn wir vielleicht annehmen dürfen, dass diese 
in ihrer art einfachsten gräber, aus denen 1887 dr. Appelgren 
bei dem dorfe Monok einige bronzezeitliche skelette biossiegte, 
den anfang der bronzezeit repräsentieren, so haben wir bei- 
spiele dafür, dass die grössten, stets von wand- und aufrechten 
steinen umgebenen grabhügel der steppen die letzte entwick- 
lungsperiode der alten bronzekultur und ihre fortsetzung im 
beginn der eisenzeit, wo sich die formen der bronzezeit 
noch an den eisernen schneidenden geraten behaupteten, ver- 
treten. Ein solcher grosser hügel, in dessen aufrechtstehenden 
stein vermutlich zufällig mit Jenisseischriftzeichen nach der 
deutung Radloffs der name Köntsch-Tutuk eingegraben war 



J. R. ASPELIN. 




Die Steppengräber am Jenissei. 










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6 J- R- ASPELIN. 

und bei dem der umfang 145 m, der durchmesser 43-45 und 
die höiie 4,5 m betrug, wurde von der expedition der Finni- 
schen Altertumsgesellschaft 1889 in der nähe des dorfes Tes 
am Tuba untersucht (abb. 3). Auf seinem boden war in eine 
3,5 m tiefe, 7,s m lange und 4,i m breite grübe aus holz eine 
mit senkrechten wänden versehene und durch Zwischendecken 
in drei etagen geteilte grabkammer gebaut, in deren etagen 
wenigstens 100 leichen unter einem breiten, über die kammer 




^^' 



Abb. 4. Tubii, Tes. Tongefäss aus einem grabhügel. 



hinausgehenden dach aus holz, birkenrinde und lehm ange- 
sammelt waren. Schliesslich war die grabkammer in brand 
gesteckt worden, und die hinterbliebenen mögen über der bren- 
nenden grabkammer jenen mächtigen hügel aufgehäuft haben. 
Alle aus dem bodenschutt der grabkammer aufgelesenen schnei- 
denden gerate, messer, dolche, celte, hohlmeissel, waren aus 
eisen und durch und durch verrostet, zeigten aber bronzezeit- 
liche form; aus bronze waren zahlreiche verschieden geformte 
und verschieden grosse knöpfe, klapp.erblechartige runde Schei- 
ben, nadeln und ein unklarer schmuck, zu dem meist sehr 



I 



Die Steppengräber am Jenissei. 



kleine blaue und graue perlen gehörten; aus gold: 4 mit per- 
len und goldblechen \erzierte Ohrringe und ziemlich reichlich 
blattgold, womit bald eisen, bald holz belegt war. l'nxersehrte 
tongefässe kamen 14 und zerbrochene vielleicht 30 zusammen, 
mehrere davon auf einem fuss stehend und mit henkeln ver- 
sehen (abb. 4) wie die bekannten bronzekessel. Von ocker- 
bemalten gipsmasken (abb. 5) wurden zwei erkennbare teile 
ausser einzelnen weichen gipsklumpen gefunden, sowie neben 




Abb. 5. Miiiussinsk, Tagar. Gipsiiiaske aus der bronzezeit. 



Schädeln und tongefässen aus ungebranntem ton nachlässig 
geformte, wohl Symbole darstellende tier-, hunde-, vogel-, bocks- 
und bärenköpfe etwa 40. Andere unerklärbare funde waren 
mit dreiecken geschmückte genähte leder- und rindenstückchen, 
ornamentierte holz- und ton Verzierungen. 

Der bekannte forscher Klementz, der 1888 im auftrag der 
Archäologischen kommission in St. Petersburg 15 steppengrä- 
ber untersuchte und in denselben nur bronzesachen fand, hatte 
1889 ebenfalls den bekannten grossen grabhügel (cf. abb. 9 
p. 13) bei den Öaatasgräbern am flusse Bej zu studieren begon- 
nen. Nachdem er in dem hügel ein eisernes messer von 



8 J. R. ASPELIN. 

bronzezeitlicher form, eine goldene zierspange und hlattgold 
sowie eine schiebt birkenrinde gefunden hatte, vermutete er, 
dass auch dieser hügel über einer grabkammer aufgehäuft 
sei. Wie Gmelin hatte seinerzeit schon Pallas aus lärchen- 
stämmen gefügte und mit holz und birkenrinde bedeckte 
grabkammern in grossen grabhügeln geschildert. Darin findet 
man nach den angaben von Pallas ausser einigen kleinen 
goldsachen und ziemlich viel dünnem goldblech — nach 
Gmelin war eine leiche in mehrere viereckige goldbleche ein- 
gewickelt — ausserordentlich zahlreiche bronzegeräte und an- 
deres Inventar. 

Schon in der bronzezeit — wohl am ausgang derselben 
— scheint es vorzukommen, dass grabkammern dieser art ver- 
brannt und während des brandes mit einem erdhügel bedeckt 
worden sind. Eine solche wurde in dem von wandsteinen und 
niedrigen Steinpfeilern begrenzten steppengrab bei dem dorfe 
Oznacennaja angetroffen, wo Castren nach angäbe der bewoh- 
ner (vgl. jedoch ZtschrFAG XXI 36) den von ihm abgebildeten, 
zur erinnerung an den im kämpfe mit einem übermächtigen 
feind gefallenen starken Kyl Tutuk errichteten inschriftstein ge- 
funden haben soll, den ich 1889 ausgraben Hess. Das grab war 
15 m lang, 12 m breit, der hügel aber nur 0,75 m hoch. In der 
mitte des tumulus kam nach und nach eine mit rotgebranntem 
humus, schlacken und lärchenholzbränden angefüllte quadrati- 
sche, (vom niveau der steppe aus gerechnet) 2 m tiefe und 3,5 
X 3,5 m weite grabkammer zum Vorschein. Der ganze boden 
war — nach den schädelfragmenten zu urteilen — mit ver- 
brannten knochen verschieden alter menschen angefüllt; ver- 
mutlich waren hier mehrere dutzend leichen verbrannt worden. 
Obwohl das sie begleitende Inventar durch die ungeheure hitze 
grösstenteils zerstört worden sein mag, wurden aus dem 
Schutt mehrere bronzezeitliche funde aufgelesen: eine stein- 
hacke aus bronze mit 2 bocken auf dem bahnende, ein mit 
zwei randlöchern versehener kleiner celt, in dessen löchern 
kleine bronzenägel zu bemerken waren, ein kleinerer un- 
verzierter bronzespiegel, ein vierbuckliger knöpf, dessen 
rechteckiges Öhr breit und flach war, eine runde bronze- 
scheibe, in deren randlöchern sich noch spuren einer zerfalle- 
nen bronzekette zeigten, ein mit einem schnürloch versehenes 



Die Steppengräber am Jenissei. 










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Abb. 6. Ujbat, Kisyl-Kaja. Felsenzeichnungen aus der bronzezeit. 



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Abb. 7. Ujbat, Kisyl-Kaja. Felsenzeichnungen aus der bronzezeit. 



lO J- R- ASPELIN. 

messer, drei Schneidenhälften von messern und eine dicke, über 
1 zoll lange tonperle (knöpf). 

In ermangelung einer besseren Zeitbestimmung dürfen wir 
vorläufig annehmen, dass die bronzezeit am oberlauf des Jenis- 
sei noch im 5. Jahrhundert v. Chr. fortgedauert hat, da auch 
die massageten nach dem Zeugnis der geschichte noch bron- 
zene Waffen gebrauchten; da aber die scythengräber Südruss- 
lands schon im 4. Jahrhundert eine Übergangszeit zwischen 
bronze und eisen vertreten, so ist es in anbetracht des Ver- 
kehrs zwischen Scythien und dem Altai wahrscheinlich, dass 
die eisenzeit in diesem Jahrhundert auch am oberlauf des Jenis- 
sei fuss zu fassen begann (abb. 6, 7). Aber die entdeckung 
des eisens scheint auch dort die kräfte und leidenschaften der 
Völker gesteigert zu haben. Vielleicht führte der eigentliche 
begründer der Hiongnu-macht und eroberer Hochasiens Maotun 
(209-174), der alle stamme der Mongolei unterwarf und dessen 
eroberungen sich im westen bis zum Kaspischen meer erstreck- 
ten, auch den samumsturm herauf (Castren, Ethnol. Vorles. 56-8), 
der im beginn der eisenzeit die alte, von der bronzezeit her er- 
haltene bevölkerung am oberlauf des Jenissei allem anschein nach 
\'ollständig vernichtete oder wegfegte, aber erst seit dem jähre 
95 v. Chr , wo der besiegte chinesische heerführer Li-lin das 
land der hakasen im kreise Minussinsk als lehen erhielt, lernen 
wir in chinesischen quellen das volk Hakas kennen, das nach 
dem Untergang der bronzezeitlichen kultur und später unter 
dem namen der kirgisen bis in die zelten Peters I., wo es nach 
Chinesisch-Turkestan auswanderte (Uusi Suometar 1889, nr. 
191), die eisenzeit am oberlauf des Jenissei vertrat (abb. 8). 

Wenn wir bedenken, dass die russischen ansiedier, die 
im 17. Jahrhundert die beraubung der gräber gewerbsmässig 
betrieben, schon, wie sie erklärten, nach dem äussern schatz- 
reiche gräber von armen unterscheiden konnten und von diesem 
gewerbe erst abliessen, als die reichen gräber ausgeraubt wa- 
ren, so bemerkt der betrachter der steppengräber sehr wohl, 
dass die gräber, die wir bisher als Vertreter der bronzezeitlichen 
kultur angesprochen haben, verhältnismässig selten angetastet 
worden sind. Sie mögen also, da sie nur bronzesachen bar- 
gen, wegen ihrer armut geringgeschätzt worden sein, und nach 
dem vorhergehenden dürfen wir vielleicht annehmen, dass das 



Die Steppengräber am Jenissei. 



1 1 




12 J- R- ASPELIN. 

gold erst gegen das ende der entvvicklung der bronzezeitlichen 
kultur aufzutreten begann, als die geschlechter oder dorfschaf- 
ten schliesslich damit angefangen hatten nach der wohl den 
scythen Südrusslands abgelernten sitte ihre gemeinschaftlichen 
grabkam mern mit mächtigen hügeln zu überwölben. Die ge- 
ringe ausbeute an gold unter diesen grossen hügeln lockte 
auch kaum zum nachgraben, zumal da die kirgisen die räuber 
ängstigten und sie zwangen ihre züge zu 2-300 männern zu 
unternehmen, deren habgier wohl nicht durch geringe beute 
zu befriedigen war. Wahrscheinlich sind auch die grossen 
grabhügel der steppen gewöhnlich aus diesem gründe unver- 
sehrt erhalten geblieben. 

Aus dieser Vermutung folgt — wenn sie stichhaltig ist — , 
dass die von den Schatzgräbern aufgesuchten gräber das eroberer- 
volk repräsentiert haben, das die entwicklung der bronzezeit 
am anfang der eisenzeit unterbrach und vernichtete und da- 
für seine eigene eisenzeitliche kultur zur geltung brachte. 
Die gräber der kirgisischen eisenzeit sind nach Radloff, wenn 
ich ihn recht verstehe, durch die flachen steinhügel auf bergen 
und deren abhängen vertreten. Wieweit diese kaum auffallen- 
den Steinanhäufungen untersucht worden sind, kann ich zur- 
zeit nicht sagen, aber mit erde durchsetzte Steinhaufen sieht 
man auch auf den steppen, z. b. am Ujbat und im quellgebiet 
der Birja, obschon sie nicht in dem masse wie die alten 
bronzezeitlichen gräber mit ihren pompösen Steinpfeilern in die 
äugen stechen. Dies dürfte mit darauf beruhen, dass sie fast 
durchweg geöffnet und gleichsam mit grösster gier durchwühlt 
worden sind. Eine solche grosse gräbergruppe namens caatas 
(kriegssteine) liegt am Bei auf der Ujbatsteppe (abb. 9). Man 
kann hier wenigstens über hundert gräber zählen, die der wand- 
steine entbehren, auf denen man aber wohl Steinpfeiler sieht, 
auch hohe, obschon schmälere, ^^•ie auf den bronzezeitlichen 
Steppengräber, ja sogar manche mit Skulpturen. Eine zweite 
derartige mit Steinpfeilern versehene und vollständig ausgeraubte 
gräbergruppe liegt — wenn ich mich recht entsinne — am lin- 
ken ufer des flusses Askys, etwa 12 km von dessen mündung. 
Es ist begreiflich, dass diese von den Schatzgräbern zerstörten 
gräber und gräbergruppen bisher die aufmerksamkeit der for- 
scher nicht im gleichen masse erregt haben wie die unberühr- 



Die Steppengräber am Jenissei. 



13 



ten tschudischen gräber, in 
denen alle laut angäbe nur 
bronzesachen gefunden ha- 
ben. Wenn sich das au- 
^enmerk einmal auf sie und 
auf ihre bedeutung gerichtet 
hat, dürften sie in zukunft 
in grösserer menge daten 
liefern, zumal wir wohl aus 
den mit Skulpturen verse- 
henen schriftsteinen schlies- 
sen dürfen, dass auch die 
auf diesen steppen anzutref- 
fenden zahlreichen Skulptu- 
ren die hakasisch-kirgisi- 
sche eisenzeit repräsentieren. 
Im hinblick hierauf ist z. b. 
zu bemerken, dass eine sol- 
che schwanzförmige reihe 
Steinpfeiler (FA1 1898, p. 51), 
die sich von der gräber- 
gruppe am Bej südwärts 
fortsetzt, auch links vom weg 
ca. 8 werst von dem dorfe 
Soljanoozernaja (»Farpus" 
=: Vorposten) am Akjus 
nach Ober-Erbinskaja zu 
auftritt. Hier haben wir 38 
Steinpfeiler, darunter wenig- 
stens ein ausgehauener, quer 
stehend, wie am Bej, in einer 
reihe von S-N. 

Obgleich der von Ca- 
STREN gefundene inschrift- 
stein an dem grossen grab- 
hügel Karakurgen am flusse 
Ujbat und die skulptierten 
steine am grabe Calgis-Obä 
(abb. 10), ein paar werst 



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14 



J. R. ASPELIN. 



Südöstlich vom erstgenannten steine, — ganz abgesehen von 
den Skulpturen am flusse Jes und dem inschriftsteine bei Oz- 
nacennaja (ZtschrFAG XXI 3, 24-5, 36, 40-1) — , ihn ohne zweifei 




"cd 



zu der behauptung berechtigten, dass unter den aufrechtstehen- 
den steinen an den rändern der tschudengräber sowohl in- 
schriftsteine als auch skulptierte steine vorkommen, so zwingen 
doch sowohl eine chinesische münze aus den jähren 841-5 mit 
einer inschrift in Jenisseischriftzeichen (im museum Minussinsk) 



Diß Steppengräber am Jenissei. 



'5 



als die türkische spräche in den übersetzten inschriften und auch 
der umstand, dass skulptierte steine auf eisenzeitlichen gräber- 
feldern verhältnismässig zahlreich auftreten, die forschung solche 
steine auf tschudengräbern als unbequeme ausnahmen anzusehen, 
die der erklärung bedürfen 
(cf. noch den inschriftstein 
am Kulikem in Uranchai auf 
der Südseite des Sajanischen 
gebirges, abb. 11). So könnte 
auch die von Castren am 
flusse Ujbat gefundene In- 
schrift nachträglich in die 
da^u geeignetste stelle an 
dem dort aufrecht stehenden 
stein eingraviert worden sein. 
Es möge hier daran erinnert 
sein, dass viele skulptierte 
und die meisten inschrift- 
steine nicht am grabe, son- 
dern abseits als denkmal- 
steine gestanden haben. Den 
auffallenden westlichen Cha- 
rakter der Jenisseischriftzei- 
chen hat man einstweilen 
damit erklären wollen, dass 
die hakasen, welche nach- 
weislich gelbbraunes haar 
und blaue äugen hatten, 
erst später zu türken gewor- 
den sind. 

Eine dritte grosse gruppe 
stemhügelgräber, die von der 
finnischen expedition 1889 
besucht wurde, liegt hinter der flussbucht Tasebä nordwestlich 
der mündung des Abakan, gleichfalls unter dem namen caatas 
oder kriegssteine bekannt. Da sie weit abseits von den gewöhn- 
lichen verkehrsstrassen liegt, ist sie fast ganz von Schatzgräbern 
verschont geblieben. Wandsteine weisen die grabhügel nicht 
auf, die grössten aber besitzen wie am Bej verhältnismässig 




16 



J. R. ASPELIX. 





■ä 



hohe und schmale Steinpfei- 
ler, die aber nicht wie auf 
den bronzezeitlichen step- 
pengräbern in einem regel- 
mässigen Viereck, sondern 
in einem kreis oder oval 
aufgestellt sind ; auch stehen 
die wandsteine nicht quer- 
über wie auf diesen, son- 
dern randständig (abb. 12). 
Wenigstens auf 7 pfeilern 
waren, wiewohl meist un- 
deutlich, gesiebter einge- 
hauen, auf einem waren 
mit geschickter band — auf 
dem köpf, also vor der auf- 
stellung des Steines — die 
bilder eines freien pferdes 
und eines lanzenbewaffneten 
reiters (abb. 13) eingegraben. 
Auf dem inschriftsteine ei- 
nes grösseren hügels wa- 
ren mit Jenisseischriftzeichen 
nach Radloffs Übersetzung 
die Worte eingehauen: Är- 
däm Anar ist sein na- 
me; auch alles gold 
dem guten Bai; ein zwei- 
ter Steinpfeiler zeigte ein 
menschliches antlitz. Diesen 
grabhügel liess später dr. A. 
O. Heikel teilweise aufgra- 
ben (FM 1898, p. 58) und 
fand in einer mit birkenrinde 
tiberdeckten balkenkiste u. a. 
schön mit bronze und gold 
verzierte zaumstangen und 
Steigbügel souie mehrere 
riemenbeschläge aus gold. 



Die Steppengräber am Jenissei. 



17 



Noch ein viertes hakasisches gräberfeld, das der aufmerk- 
samkeit der Schatzgräber entgangen war, wurde von unserer 
finnischen expedition des Jahres 1887 besucht und abgebildet. 
Dasselbe liegt auf dem berge Krasnyj Kamen (abb. 14) unweit 
vom Jenissei, 7 km östlich vom dorf Borodino und umfasst 40 
runde und ovale, von aufrechtstehenden steinen, von denen 
wenigstens einer skulptiert war, umgebene hügelgräber. 

Da wir aus dem vorstehenden wissen, dass die kirgisische 
eisenzeit im kreise Minussinsk annähernd 2000 jähre gedauert 




Abb. 13. Abakan, Taseba. Zeichnung auf einem grabstein. 

hat und dass auch die nach den kirgisen gekommenen tatari- 
schen Stämme ihre toten in schmalen ovalen steinhügeln be- 
stattet haben, die manchmal zu ein paar dutzenden an der 
böschung eines grossen tschudischen grabhügels zu sehen sind, 
die sie nach Castren (ZtschrF.AG XXI) in ermangelung und 
statt der berge benutzen, so gelangen wir schliesslich zu dem 
bedeutsamen schluss, dass die Steinhügelgräber des kreises die 
türkische eisenzeit repräsentieren, die auf diesen steppen seit 
dem aufhören der bronzezeitlichen entwicklung geherrscht hat. 



Die menschen — ruft Castren im anblick der denkmäler 
der steppen aus — haben die steppe zum friedhof gemacht, 

Finn.-ugr. P'orsch. XII. 2 



i8 



J. R. ASPELIN. 



hohe grabhügel auf ihr auf- 
gehäuft und einen wald von 
grossen grabsteinen um die- 
selben errichtet. Mit der- 
selben Verwunderung be- 
trachtet auch die gegenwart 
die zahllosen altertümlichen 
reste jener gegend, die macht- 
voll und imposant an die 
einst in zwei perioden am 
Sajanischen gebirge gedei- 
henden kulturzentren erin- 
nern, von denen nament- 
lich die ältere, bronzezeitli- 
che nach wissenschaftlicher 
beleuchtung verlangt. Wie 
das permische handelszen- 
trum hat wohl auch einmal 
diese kulturgegend, um sich 
zu entfallen, den internatio- 
nalen verkehr von den ver- 
schiedenen himmelsrichtun- 
gen an sich gezogen. Der al- 
tertumsforscher wird seiner- 
zeit auf jenem friedhof in 
den begräbnissitten und gips- 
masken des bronzezeitlichen 
Volkes, in seinen steinhak- 
ken, kesseln und dolchen, 
seinem bergbau und seinem 
netz von bewässerungskanä- 
len sowie in den eisenzeit- 
lichen Skulpturen, inschriftsteinen und Zeichnungen verbindungs- 
fäden erkennen, die von den nordhängen des Sajanischen ge- 
birges im dunkel der vorzeit nach verschiedenen gegenden füh- 
ren, und alsbald an ihnen entlang sich forttastend lichtstrahlen 
auf die von der geschriebenen geschichte vergessenen pfade 
und arbeitsfelder verschollener Völker werfen. 

Helsingfors. J. R, ASPELIN. 




S. SlMONYl. Slavisches in der ung. syntax. 19 



Slavisches in der ungarischen syntax. 



Wir alle, die wir auf dem gebiete der uralaltaischen spra- 
chen arbeiten, schauen mit bewunderung auf Vilhelm Thom- 
SENs scharfsinnige und erfolgreiche geistesarbeit und sind in edlem 
Wettstreit bestrebt seinem beispiele und der von ihm gewiesenen 
richtung zu folgen. In den letzten Jahrzehnten ist auch sehr 
vieles geschehen, besonders um die berührungen der finnisch- 
ugrischen mit den indogermanischen und türkischen sprachen 
klarzulegen. Die forschungen beleuchten gewöhnlich den wort- 
vorrat der einzelnen sprachen, die etymologie, die ja sowohl in 
lautgeschichtlicher als auch in kulturhistorischer hinsieht so 
sehr viel anziehendes hat. Nicht weniger interessant sind aber 
auch andere gebiete sprachlicher beeinflussung. In zelten star- 
ker Völkermischungen werden der lautbestand und der satzbau 
wohl auch selten unberührt bleiben, die erlernte neue spräche 
wird vom „substrat" der muttersprache beeinflusst werden. 
AscoLi (in seinen Sprachwissenschaftlichen Briefen) und Hugo 
ScHUCHARDT (Slavo-Dcutsches und Slavo-Italienisches, Graz 
1885) haben auf diese mannigfaltigkeit in den ergebnissen der 
Sprachmischungen hingewiesen. 

In meinem werke über den zusammengesetzten satz ^ 
habe ich überall auf die satzfügungen lateinischen und deut- 
schen Ursprungs aufmerksam gemacht, die besonders in unse- 
rer Schriftsprache eine grosse rolle spielen. In der ausführli- 
chen anzeige, die der sprachenkundige Franz Misteli in Stein- 



1 A magyar kotöszök, egyuttal az összetett mondat elmelete 
(= Die ung. bindewörter, zugleich eine theorie des zusammenges. 
Satzes), akademische preisschrift in drei bänden, Budapest 188 1-3. 



20 ' S. SlMONYI. 

THALS und Lazarus' Zeitschrift für Völkerpsychologie und 
Sprachwissenschaft veröffentlichte (bd. 17, 1887j, sammelte er 
sorgfältig alle derartigen angaben meines Werkes und machte 
dabei die scharfsinnige bemerkung: „Merkwürdigerweise spielt 
das Slavische gar keine Rolle, obschon es eine Unmasse Stoff 
d. h. Wörter in den frühesten Zeiten geliehen". Es war das 
in der tat ein fühlbarer mangel meines werkes, durch die 
mangelhaftigkeit meiner slavischen Sprachkenntnisse verursacht. 
Ich selbst bin aber mittlerweile durch verschiedene beobachtun- 
gen dahin geführt worden mein augenmerk auf unsere sla- 
vismen zu richten und habe in meiner akad. preisschrift über 
die adverbialen Satzteile (A magyar hatärozok, verfasst im 
j. 1885, erschienen in zwei bänden 1887-92) mit hilfe von 
Miklosich' Vergleichender Syntax eine ziemliche anzahl unga- 
risch-slavischer Übereinstimmungen konstatiert. Manches ist 
auch späterhin, besonders in meiner Zeitschrift (Magyar Nyelvör) 
hinzugekommen, und nun möchte ich hier die wichtigeren 
der bisher beobachteten syntaktischen entlehnungen zusammen- 
stellen. (Einiges habe ich auch in memem buche „Die unga- 
rische Sprache" p. 80-1 erwähnt.) Ich will bloss noch eine 
allgemeine bemerkung vorausschicken. Die frage der entleh- 
nung lässt sich irn ungarischen oft sehr schwer entscheiden, 
da der satzbau der verwandten, besonders der nächstverwand- 
ten sprachen, des wogulischen und ostjakischen nicht genügend 
durchforscht ist. 

I. Im einfachen satz hat sich vor allem der gebrauch 
des Infinitivs unter slavischer einwirkung stark über seine 
ursprünglichen grenzen ausgebreitet. Ursprünglich war er 
zweckbestimmend und wurde z. b. als Objekt nach ausweis 
der ältesten denkmäler vermieden und durch den akk. eines 
verbalnomens auf -t- ersetzt (s. Ung. Spr. 414). Jedenfalls mö- 
gen wenigstens zwei arten des heutigen gebrauchs aus dem 
slavischen enüehnt sein: 1) der dativ mit dem inf., wie z. b. 
altbulg. ne dobro jestü mnogomü bogomü byti 'non convenit 
multos deos esse' = ung. nem j6 sok istennek lenni (s. aus- 
führlich M. Nyelvör XXXV'II 296), und 2) das subjektlose verbum 
'ist' mit dem inf. zur bezeichnung der möglichkeit (wo aber im 
ung. das 'ist' im präsens fehlt), z. b. altbg. otü sego videti 
jesti s% Hristosovq^ 'ex his videre est potestatem Christi" =: 



Slavisches in der ung. syntax. 21 



ung. ezekböl lätni Krisztus hatalmat (ausführlicheres darüber 
M. Nyelvör XIX 247). 

Ob das ungarische den gebrauch der präverbien dem 
ieur. eintluss verdankt, ist eine alte Streitfrage (s. Budknz in 
Xyelvtudomänyi Közlemenyek 11 KU u. 171). Es gibt zwar 
anlaufe zur entwicklung dieses gebrauchs in einigen finnisch- 
ugrischen sprachen, im vvogulischen ist er sogar ziemlich ent- 
wickelt. Dennoch habe ich in der anwendung der beiden Prä- 
positionen meg und el, die in der altern spräche am häufig- 
sten vorkommen, so viel Ähnlichkeit mit den beiden slavischen, 
za und pred, gefunden, dass ich nicht umhin konnte hier einen 
geschichtlichen Zusammenhang zu suchen (s. Ung. Spr. 250). 
Die einwendungen von Asboth und Fuchs haben mich nicht 
vom gegenteil überzeugen können. ^ 

Auffällige übereinstim.mungen finden sich in der eigentli- 
chen und übertragenen anwendung der ung. endung -ra re und 
der entsprechenden slav. präposition na 'auf mit dem akk., 
so besonders in folgenden typen: bewegung nach einer rich- 
tung: slov. na desno, na levo == jobbra, balra 'rechtshin, links- 
hin'; altkirchensl. na prezdu, na zadü "x'orwärts, rückwärts' ^=: 
elöre, hatra. — „Akk. mit na bezeichnet dasjenige, in das etwas 
verändert wird", „bezeichnet die teile, in die ein ganzes geteilt 
wird" (Mikl. 419), und ebenso im ung., z. b. altbulg. plameni 
na rosa prelozi "die flamme verwandelte er in tau' = a langet 
harmatra valtoztatta; na poly presecetu 'in zwei hälften wird 
ers zerschneiden' =: ket felre fogja vagni (ebenso im slov. und 
serbokr.); slowakisch na smrt ho ubil 'er hat ihn totgeschla- 
gen' =: holtra verte. — „Akk. mit na bez. den gegenständ, zu 
dem jemand angeleitet, in dem er unterrichtet wird" (Mikl. 420): 
altbulg. uste je na veru 'sie zum glauben ermahnend' = int- 
ven öket a hitre. — „Bewegung oder handlung in feindlicher 
absieht" (Voxdr.4k, Vergl. Gramm. II 377, ebenso ung., s. Ma- 
gyar Hatärozök l 119 und 165): altkirchensl. eko na razboj- 
nika li izidete 'tamquam ad latronem existis' (ev. Matth. 26, 55) 
:= altung. mikentha a latorra jöttök ki (heute: rablo eilen); 
serb. ustaca djeea na roditelje 'insurgent filii in parentes" 



1 O. ASBöTH in seiner Zeitschrift Nyelvtudomany 1909, D. R. 
Fuchs in der Keleti Szemle (Revue Orientale) 19 10. 



2 2 S. SlMONYl. 

(Matth. 10, 21) :^ tamadnak a magzatok az ö szüleikre (Kä- 
roli: Bibl.). — Bewegung zu einem zweck im allgemeinen, das 
streben nach etw., das bereitsein zu etw. u. dgl.: böhm. sli jsme 
na jahody (vermutlich auch im südsl.) 'wir sind um erdbeeren 
gegangen', wörtlich 'auf die erdbeeren' = eperre mentünk 
(Volkssprache im komitat Vas, vgl. auch M. Hat. I 119); alt- 
kirch. otici s^ na uboj tvoretü 'die väter bereiten sich zum 
mord' = az atyak gyilkossagra keszülnek usw. (Mikl. 416, 
MHat. 161). — Art und weise: kroat. u. slov. izpiti na dusak 
'auf einen schluck austrinken' = egy hajtasra kiinni 'mit einem 
zug austrinken'; altkirch. na obe ruce streljajuste 'mit beiden 
händen schiessend', vgl. ket kezre vi 'er kämpft mit b. h.' 
(s. M. Hat. II 185); slov. na oko 'dem anscheine nach' = 
szemre (wörtl. 'aufs äuge') usw. — 'Denken an etwas* slov. 
etc. misliti na kaj = gondolni valamire. — Zeitbestimmungen: 
slov. na jesen 'im herbst' = öszre, na veeer 'am abend' := 
estere, na stare dni 'auf seine alten tage' := öi-eg napjaira 
(vgl. M. Hat. I 126 und 127, 1. anm.). 

Ausserdem gibt es eine menge anderer übereinstimmender 
Umstandsbestimmungen, z. b. 'reich an et^^'as' hcisst 
slav. und ung. 'reich in etwas' (diese Übereinstimmung ist 
schon bei Mikl. 654 angemerkt). Altkirchensl. vü pustosu 
'vergeblich' = hijaban, hiäba. — Beim passivum \^■ird der Ur- 
heber der handlung mit -töl = slav. otü 'von' bezeichnet (die- 
selbe konstruktion hat das finnische dem schwedischen ent- 
lehnt). — Lok. mit na und ung. -n den zustand einer person 
und die art und weise der handlung bezeichnend: je na smrti 
'er ist dem tode nahe' = halalan van; na jednom volu ne moze 
orati 'mit einem ochsen kann man nicht ernten" = egy ökrön 
nem lehet szantani (auch ökörrel; dergleichen aber auch in 
andern finn. sprachen mit -n als Instrumentalis, s. M. Hat. I 
179 und 202). — Sl. iz-nov, iznova 'von neuem', wörtl. 'aus 
neuem' usw. = ujboL 

Eine sehr interessante entlehnung aus dem slavischen ist 
der genitivische dativ (s. M. Nyelvör XXXVII 300-2). Ähn- 
liches gibt es ja auch in anderen sprachen, wie z. b. das öster- 
reichische dem vater sein haus usw., dieser gebrauch ist aber 
nirgends so stark verbreitet wie im slavischen und im ungari- 
schen, während er in einigen finnisch-ugr. sprachen (im wogu- 



Slavisches in der ung. syntax. 23 

lischen, mordwinischen) bloss als russizismus in der bibelüber- 
setzung vorkommt. 

Von Fragesätzen erwähne ich den „mehrzieligen fragesatz" 
(vgl. H. ScHUCHARDT, Der mehrz. Frage- und Relativsatz, S.-A. 
aus Analecta Graecensia 1893). Dieser ist im ung. ebenso be- 
liebt wie im slav., während mir von seinem vorkommen in 
sonstigen finn. sprachen nichts bekannt ist. Vgl. serbo-kr. 
gdje je komu mjesto (vvörtl. 'wo ist wem platz?' d. h. wo ist 
der platz für jeden einzelnen von uns?)^=kinek hol a helye? 
(wörtl. 'wem wo sein platz?'). 

II. Der zusammengesetzte satz bietet ebenfalls viel 
hierhergehöriges. Bekanntlich sind die finn. sprachen in ihrer 
ursprünglichen anläge der zusammenfügung und besonders der 
Unterordnung von sätzen abgeneigt (vgl. Mistelis oben er-" 
wähnte anzeige der ung. bindewörter). Infolge dessen finden 
wir in allen finn. sprachen eine anzahl von bindewörtern, die 
sie ieur. sprachen (dem russischen und schwedischen) entlehnt 
haben, ^ dabei auch nachahmungen und wörtliche Übersetzun- 
gen idg. Satzfügungen. Einiges dergleichen lässt sich auch im 
ung. nachweisen. 

Das russische da ist in mehrere finnisch-ugrische spra- 
chen entlehnt worden. Dasselbe ist in der ung. lautform de 
höchst wahrscheinlich eine entlehnung aus den südslavischen 
sprachen (vgl. über seine mannigfache anwendung M. Kötöszök 
bd. I. und MiKL. oder Vondräk, Vergl. syntax). 

Eine nachahmung des bulg. volje-volje oder des serbokr. 
volja-volja ist ung. akar-akar 'sive-sive', denn beides bedeutet 
'wollen, will'. 

Das bindewort hogy (dem der zweite band meiner „kon- 
junktionen" gewidmet ist) war ursprünglich bloss modal mit 
der bedeutung 'wie' und ist es als fragewort noch heutzutage. 
Daraus konnten sich zwar auch spontan alle die mannigfal- 
tigen anwendungen dieser konjunktion entwickeln (wie ich es 
in meinem buche angenommen habe), es gibt jedoch ein alt- 
bulgarisches bindewort jako, eko (jako-^e, eko-äe), dessen ge- 
brauch so vollständig mit dem unseres hogy übereinstimmt, 



^ Im mordv. z. b. ist der grösste teil der konjunktionen rus- 
sischen Ursprungs, s. Budenz NyK XIII 102. 



24 S. SlMONYI. 

dass hier wohl kaum ein zufälliges zusammentreffen anzuneh- 
men sein wird. Jako wird gebraucht (nach Vondrak, Vergl. 
Gramm. II 471 und 495) 1. modal, 2. nach den verbis decla- 
randi und sentiendi, deklarativ', manchmal auch bei direkter 
rede, 3. kausal, 4. konsekutiv, 5. final. Alles dies ganz gewöhn- 
lich ebenso im ungarischen, während die entsprechende kon- 
junktion in anderen finnischen sprachen meines Wissens bloss 
in modaler bedeutung vorkommt (ostj. xodl, mord. Jcoda, wotj. 
Mzi usw.). ^ 

Das fragewörtchen -e wird ganz wie das entsprechende 
slavische li in bedingungssätzen gebraucht, besonders in den 
älteren Sprachdenkmälern. Z. b. hiztek e istenben en bennem 
es higgetec (Münchner-kodex, Ev. Joh. 14, 1, d. h. hisztek-e 
istenben, en bennem es higgyetek): 'glaubet ihr an gott, so 
glaubet auch an mich'; „feyedelmee emeltenek ee. Ne akary 
flfel emelködny" (ErdyK 472, d. h. fejedelme emeltenek-e, ne 
akarj felemelködni) : 'haben sie dich zum fürsten erhoben, 
überhebe dich nicht'. Und ebenso im altbulg.: vüzüpija li zovy, 
to boj% s§: 'si clamavero vocans, timeo' usw., s. Mikl. 168 
und M. Kötöszök 11 182. 

Wahrscheinlich hat der slavische gebrauch der negation 
in mehr als einer hinsieht auf den ungarischen Sprachgebrauch 
eingewirkt. So in der regelmässigen pleonastischen negation 
neben der konj. ni und ung. sem, se 'neque' : kroat. ne-ma ni 
glave, ni repa, wörtlich 'er hat-nicht weder köpf noch schwänz' 
= nincs neki [nicht -ist ihm] se feje, se farka; slov. ne delam, 
ni ne molim 'ich arbeite nicht und bete auch nicht' = nem 
dolgozok, se nem imadkozok. — „Wird [bei disjunktiven fra- 
gen] statt eines zweiten Gliedes das erste einfach verneint 
(= 'oder nicht'), so heisst es altkirchensl. ili ni" [wörtlich 'oder 
auch nicht', vgl. lat. necne] (Vondr.4k II 29v3-4). So häufig Im 
ung., z. b. nem tudom, lesz-e beiöle valami vagy sem "ijh 
weiss nicht, ob daraus etwas wird oder nicht'. — Im altern 
ung. gibt es eine anzahl negativer Substantive, die ebenfalls 



1 So hat auch Franz Misteli in der erwähnten anzeige mei- 
ner »Bindewörter» bemerkt, wie der gebrauch dieser konjunktion 
mit dem finnisch-ugrischen gebrauch der verbalnomina kontrastiert. 



Slavisches in der ung. syntax. 25 

den eindruck von slavismen machen, z. h. nem-barat =z slov. 
ne-prijätelj 'unfreund, feind', nem-ember = ne-6lovek 'Un- 
mensch' usw. (s. M. Kertesz, Nyelvür XXXVIII li77j. 

Ich glaube, schon die hier aufgezählten Übereinstimmun- 
gen lassen erkennen, dass der grammatische einfluss des sla- 
vischen nicht weit hinter dem lexikalischen zurückstehen wird. 
Jedenfalls wird es sich lohnen der sache auch weiter nachzu- 
gehen. 

Budapest. SiEGMUXD SlMONYI. 



26 J. SZINNYEI. 



Etymologisches. 



1. Ung. ize "dings, dingsda'. 

Dieses wort kann mit folgenden fiugr. Wörtern zusam- 
mengestellt werden : 

IpLule äota g. Uta 'sache, ding (wird anstatt jedes nomens 
gebraucht, dessen man sich nicht gleich erinnert oder das man 
nicht gebrauchen will)' | äota- inf. äotat pr. 1. ätau 'machen 
(wird anstatt jedes verbums benutzt, dessen man sich nicht 
gleich erinnert oder das man nicht gebrauchen will)' (Wik- 
LUND, MSFOu. I 7 u. briefliche mitteilung) |i IpN ätta, äda 'res, 
ting, tingest, noget'; im diede mi ädaid Ise^^a "jeg ved ikke, 
hvad det kan vsere; ättago Ise dudnji? ucca ädas 'du har no- 
get at bestille? lidt'; valde ädaidad mieldad! "tag tingesterne 
med dig!' \ ättat, ädam 'versari in re, occupatum esse aliqua 
re, stelle, haandtere, sysle med (betydningen er ubestemt og 
maa nsermere fremgaa af sammanhasngen)'; i mikkege adaid 
must lae ättat 'jeg har ikke noget at s\'sle med"; go ädam 
nibin, de vuolam, go ädam ovsoin, de cuopam 'naar jeg S3'S- 
1er med kniv, da taeljer jeg. naar jeg S3'sler med oxe, da hug- 
ger jeg' (Friis, Lex. Läpp.) || IpKt. äofa akk. adä=:ung. 'ize'; 
äotat pr. 1 . äöfni = ung. 'izelni' (K. Nielsens briefliche mit- 
teilung). 

wog. ut 'sache, ding, etwas, jemand", z. b. am ^utem 
'mein, das meine', ^nau ^uten 'dein, das deine', ^taic ufä 'sein 
od. ihr, das seine od. ihre' (eig. 'mein, dein, sein od. ihr ding 
od. etwas') (NyK XXI 334); tin-ut 'essware, etwas zu essen', 



Etymologisches. 27 



^ajn'-ut 'etwas zu trinken' (Munkäcsi, Vog. Nepk. Gyüjt. III 
75, IV 325; vgl. ^iene ^ maier 'etwas zu essen' ibid. I 11); 
totn'-ut 'etwas bringendes', ^älentäi'-id 'etwas tragendes' (ibid. 
I 22); ^ seien' -ut, *sclem-uf 'erwerb', eig. 'erworbenes ding od. 
etwas', ^aten'-ut 'gesammeltes' (ibid. IV 324, 325); ^utV 'zwei 
dingsda' (ibid. 26; von zwei raufenden männern); jäny'-ut 'ein 
älterer', eig. 'grosser jemand' (ibid. II 127); ^'/u^t^^^^-'^^^t '<^i^ 
verbliebenen' (ibid. I 72); ^tgsiin-uUt 'die aufs trockene gelang- 
ten' (ibid.) (vgl. ^glne ^y/jtpä 'mensch', eig. 'seiender od. leben- 
der jemand', ibid. I 21; ^tühnentene ^XQ^V^ jemand, der stehlen 
will', eig. 'stehlender jemand' (ibid. IV 342). 

ostj. DN ät (in Zusammensetzungen), Trj. "^t", Ni. ''f, 
Kaz. gf 'sache' ding', V Vj. r/f, O rit id. (Karjalainen, Ostj. Lautg. 
59) II ostjN ot 'sache, ding, etwas, jemand", z. b. ma otdm 'mein, 
das meine', ndij otdn 'dein, das deine'; Uddt (•< *ridi-ot) 'etwas 
zu essen', söyndttdt « *sömdtti-ot) 'kleid", eig. "etwas zum an- 
ziehen' (Päpays briefliche mitteilung); jastym-ot 'das gesagte', 
nalymla-ot 'der stumme', x^^^tym-ot 'verborgenes', x^^-^^ 
'geheimes', jit'-ot 'der kommende', x^sf-ot 'der Versucher' 
(VoLOGODSKii). — BuDENZ hat in seinen Ugrischen Sprachstu- 
dien (1870, II 60 u. ff.) das -f der formen jastymot, nalymlaot, 
Xanatymot u. dgl. irrtümlich als ein determinatives affix pro- 
nominalen Ursprungs erklärt und im 'dumpfen des -of die 
spur des latent gewordenen akkusativsuffixes -m vermutet. 

tscher. -dt, -dt (endung substantivischer grundzahhvörter), 
z. b. iktdt 'eins", TcoTctdt, l-oMH 'zwei', kumdt, kö-mdt 'drei" (ad- 
jektivische formen: itc, höh, hiim, hdm (Porkka, Ramstedt). 

Ob das -e im ung. ize ein bildungssuffix oder irgendein 
anderes dement ist, darüber kann ich zurzeit keine meinung 
äussern. 



2. Ung. igen 'sehr'. 

M. Szilasi sagt in einem aufsatze über dieses wort 
(Nyr. XXIV 97): „Da die grundbedeutung von igen 'valde, 
nimis', d. h. "nagyon' [=^ 'sehr', urspr. 'gross' adv.] ist, dür- 
fen wir ganz sicher behaupten, dass dessen Stammwort ig- 



_ 



28 J. SZINNYEI. 

SO viel als 'nagy' [=-- 'gross"] und dessen suffix das adverbial- 
suffix -n sei". Das Stammwort ig- stellte er mit wog. ^jänV 
(jäny-) "gross" zusammen. Diese Zusammenstellung könnte viel- 
leicht gebilligt werden, wenn im wogulischen nur die form 
jäny- vorhanden wäre (vgl. wog. yßtjyi 'steigen' -- ung. hag 
id.), aber dieses jäny- ist bloss eine wechselform des volleren 
yän)' {^-V o: -//'), und dieses kann mit ung. ig- nicht zusammen- 
gestellt werden. (Vgl. wog. Wnf 'schwägerin', ^'ny"m "meine 
Schwägerin' -— ung. angy, angyom id. | wog. färif kranich' •^ 
ung. daru id. I wog. translativendung -// '^ ung. -a, -e Szin- 
NYEi, Magyar Nyelvhasonl* 127). Dem wog. ^jänV entsprechen 
ohne zweifei folgende Wörter: ostjKond. Pne 'gross' (JSFOu. 
XXI,5 12) I mordE ine, M ins "gross' (Paasoxen, Mordw. Chrest. 
65) I fi. enä- : ei enää "nicht mehr'; enempi 'grösser, mehr' 
usw. I IpLule (itna, ana 'viel' (MSFOu. I 10) (vgl. Budenz, 
MUSz. 883), und diese sprechen auch gegen die haltbarkeit der 
Zusammenstellung Szilasis. 

Auch muss nicht unbedingt angenommen werden, dass 
die ursprüngliche bedeutung des Wortes ig- ganz sicher "gross' 
gewesen sei. Die bedeutung 'sehr' hat sich auch aus ande- 
ren ursprünglichen bedeutungen entwickeln können; vgl. ung. 
erös 'stark* : erössen "sehr' MTsz. | fi. hyvä 'gut" : hyvin 'sehr' 
j fi. kova 'hart' : kovasti, kovin 'sehr' | wogN ebni 'schneide, 
schärfe' : wogT ilmis o: ilmiS ' 'szerfölött, nagyon [überaus, 
sehr]' (MuNKÄcsi, Vogul Nyelvjar. 283), usw. 

Das wort igen ist auch nach meiner ansieht ein adver- 
bium mit dem suffix -n, und das Stammwort ig- dürfte mit 
folgenden fiugr. Wörtern zusammengestellt werden: 

wogT ^tqnis o: täijiS 'erösen [stark (adv.)]' (vgl. wegen 
der endung wogT tälTci^ 'alacsonyan [niedrig]', ^inänsifiis 'vo- 
gulul [wogulisch]', ^tönsifiiS 'magasan [hoch]", jänuJcis 'nagyon 
[sehr]" usw.) (Muxkäcsi, Vogul Nyelvjar. 283, 284). 

tscher. U sotj 'dicht, fest", J .sat] 'sehr' (Wichmann, FUF 
VI 33). 

fi. sangen 'sehr'. 



1 MuNKACSis wog. s ist o: $; s. Anz. d. FUF VIII 195. 



Etymologisches. 29 



Wegen des anlauts vgl. z. b. wog. täl, tscher. ^dl, fi. 
syli '^ ung. öl 'klafter' | wog. tan, tscher. Sun, \\. suoni -- 
ung. in 'sehne', usw. (s. Paasonen, Die finnisch-ugrischen 5- 
laute 12 u. ff.; Szinnyei, Magyar Nyelvhasonl.* 25, 26). — 
OstjN Sjrjli 'igen, sehr' (Beke, Eszaki-osztj. Szoj.), welches von 
BuDENZ (MUSz. 811) mit ung. igen zusammengestellt worden 
ist, gehört wegen seines anlautes kaum hierher. 

Budapest. JoSEF SziNXYEI. 



30 K. B. WiKLUND. 



Einige urnordische lehnwörter im lappischen. 



Das bekannte werk Vilh. Thomsens über den einfluss der 
germanischen sprachen auf die finnisch-lappischen leitete bei 
seinem erscheinen in den jähren 1869-70 einen neuen Zeitab- 
schnitt in der geschichte der finnisch-lappischen Sprachwissen- 
schaft ein und leistete bekanntlich auch der germanischen Sprach- 
wissenschaft sehr grosse dienste. Aus den alten lehnwörtern 
germanischen Ursprungs holen seitdem die forscher eine menge 
von wertvollen belegen für Wörter und formen aus urnordischer 
zeit und noch älteren perioden. Im allgemeinen werden dabei 
die lehnwörter der finnischen spräche bevorzugt, was nicht wun- 
der nehmen kann, da ja diese Wörter viel durchsichtiger sind 
und vielleicht auch durchschnittlich auf einer etwas älteren 
stufe stehen als die lehnwörter des lappischen. Dass indessen 
auch das lappische das Interesse der germanisten in vollem 
masse beanspruchen kann, werden hoffentlich die folgenden 
Zeilen beweisen. 



1) Urn. st- ^ |)-. 

Lp. sta^3o '- ha^^o „bratpfanne; giesslöffel". 

Lappisches -.3,^- geht, wie bekannt, im allgemeinen auf 
ein älteres -iis- zurück: IpN euo^^ot „stehen" ^=: fi. seisoa <C 
*M)i.^o-, usw. In einem aufsatze „Zur geschichte der lappi- 
schen affrikaten" (JSFOu. XXIII, 16) habe ich aber gezeigt, 
dass es in einigen fällen nicht auf diese konsonantenverbin- 
dung, sondern auf ein -i'ij- zurückgehen muss: IpN Sa^^a „die 



Einige urnord. lehnwörter im läpp. 3^ 



insel Senjen" << urn. *Sanj- -, an. Senja id.; usw. Hierdurch 
wird dann auch der Ursprung des obengenannten, nicht un- 
wichtigen kulturwortes erhellt. In nördlicheren dialekten lautet 
es mit st- an und heisst IpN sta^ßo ..zündpfanne (einer flinte); 
giesslöffel, tiegel", bei Lee.m stadzhjo „Krud-Panden paa en 
Bysse"; Lule städ'fSo) „bratpfanne", Lixdahl & Öhrling stadtjo 
„giesslöffel"; Mala stat'tSö) ..giesslöffel". Ich führe es auf ein 
urn. *stainiön- zurück, das in den späteren nordischen spra- 
chen nicht belegt sein dürfte, aber im ahd. steinna, ags. sta''na 
„Steinkrug " vorliegt; das suffix -jön ist u. a. bei geschirr- und 
gerätbenennungen gewöhnlich (Fr. Kluge, Nomin. stammbil- 
dungslehre 2 41). Vor konsonantengruppe schwand im lap- 
pischen das konsonantische element des diphthonges ai, z. b.: 
IpN aldagas „blitz" <[ urn. *aiMing- -, an. elding id.; Lindahl 
& Öhrling baskok, Vilhelmina BcdsJces, Frostviken BühTcts, Offer- 
dal Buosl-es „bitter" «< urn. *baishaz. an. beiskr id.; usw. Das 
nach dem n stehende / verschmolz mit dem n zu einem 
Ip. yij >> 5j und wurde nicht wie in einigen anderen Wör- 
tern zu einem silbenbildenden, später weggefallenen i (vgl. die 
darstellung Konrad Nielsens in „Mindeskrift over prof. dr. 
Sophus Bugge" 1908, 225 ff.; urn. *:^ainiö, norw. gein, geina 
„Zugseil am Schleppnetz" > IpN gaidno id. zum teil ohne Stu- 
fenwechsel, d. h. früheres *gaidnio\ usw.). 

Die bedeutungsentwicklung des Ip. wortes ist interessant. 
Die läppen haben heutzutage nur eiserne, gekaufte bratpfannen 
und giesslöffel (für flintenkugeln), der name dieser gerate weist 
aber auf längst vergangene zelten, als die bratpfannen noch aus 
stein oder wenigstens „Steingut" waren, vgl. auch schwed. etc. 
gryta ..kochtopf'' < urn. *^rmti(Jn- „steinernes geschirr" (Tamm, 
Etym. SV. ordb. 245). Da ein "steina auf nordischem boden 
nicht belegt ist, dürfte sich wohl die entwicklung „steinernes 
geschirr" > „bratpfanne" erst im lappischen vollzogen haben. 
Die giessformen für die zinnernen knöpfe oder platten, mit de- 
nen die läppen in einigen gegenden ihre gürtel verzieren, sind 
übrigens noch jetzt oft aus irgendeiner weicheren steinart 
verfertigt. 

Der anlaut st- kommt bei diesem worte nur in den nörd- 
licheren Ip. dialekten vor; in den südlicheren hat man statt 
dessen ein h-\ Vilhelmina, Frostviken häf/Sw, Offerdal liatt^ä 



32 K. B. WiKLUND, 



„giesslöffel". Auch Friis erwähnt ein „ha^^o, s. = sta^^o", 
das wahrscheinlich aus denselben gegenden stammt. Lindahl 
& Öhrling haben ein gewiss unrichtiges „adtjo, vide stadtjo". 
Dieses sonderbare h- kann weder aus einem lappischen noch 
aus einem nordischen st- entstanden sein, sondern geht auf ein 
nord. J)- zurück, das in den nördlicheren Ip. dialekten einem 
t-, d- entspricht, in den südlicheren aber oft durch ein auf lappi- 
schem boden aus p (oder wenigstens einem ähnlichen laute) 
entstandenes h wiedergegeben wird, vgl. Frostviken hürtsTcufh, 
Offerdal, Härjedalen hürnbrjä „donner" aus einem nordischen 
ßür-- „Thor" 1, usw. (Qvigstad, Nord. Lehnw. im Läpp. 13; 
Setälä, NyK XXVI 434 ff.). 

Neben dem urn. *stainiön- muss also auch ein *painiön- 
bestanden haben, das ich aus keiner germ. spräche belegen 
kann, sondern nur aus diesem lappischen worte kenne. Es ist 
ein neues beispiel des bekannten schwankenden s- vor einem 
konsonanten im anlaut, vgl. Noreen, Urgerm. Lautl., p. 201 
ff. u. a. 

Lp. starra -->-' darra „breitblätteriger tang". 

An. |)ari „Tang, Tare" ist, wahrscheinlich in seiner urn. 
grundform, auch ins lappische gedrungen und heisst dort im 
amt Tromsö darra, gen. dura, illat. darrai „Laminaria escu- 
lenta" (Qvigstad 320). Im amt Finmarken aber heisst das- 
selbe wort starra (gen. stüra, illat. -ai). Ich kann nicht glau- 
ben, dass das s- hier, wie Qvigstad 20, meint, auf lappi- 
schem boden zugesetzt sei, da die sichereren beispiele eines 
solchen Zusatzes meistens nur in einem kleineren gebiete vor- 
kommen und solchen Wörtern eigentümlich sind, die kaum 
als vollständig eingebürgert gelten können (z. b.: speiselak, 
skäfal); auch bei der wiedergäbe eines für die läppen schwie- 
rigen konsonanten wurde einigemal ein s- zugesetzt (bei f: 
sväigas, svalshes; vgl. die wiedergäbe von hv: svales; kn: snikt; 



^ -kuf'üs ist ein diminutivsuffix; -brjä erinnert lebhaft an fi. 
orja »Sklave»; auch sonst tritt in der mythologie der läppen ein 
diener Thors auf (Axel Olrik in »Danske Studier» 1905, p. 49; 
1906, p. 65 flf.), und hürnbrjä ist vielleicht als hürn-brjä »der 
Sklave Thors» aufzufassen. 



Einige urnord. lehnwörter im läpp. 33 

bl: slija; hl: slav'ca; hr: slittur; usw.). Die form starra aber 
ist über ein weites gebiet verbreitet und bezeichnet einen seiir 
gewöhnlichen und den läppen wohlbekannten gegenständ. An- 
lautendes p- ist auch sonst in den von den läppen entliehenen 
Wörtern ganz gewöhnlich und wird in diesen gegenden immer 
durch d- wiedergegeben (dahkJce, dar'bo, diev'do, digge, divtes, 
dor'slce etc.). Das st- in starra deutet also, soviel ich sehen 
kann, auf eine sonst nicht belegte Variante von an. I)ari, 
die uns vielleicht zu einer besseren etymologie des Wortes als 
die bisher gewöhnliche verhelfen kann. Ich glaube, dass ein 
an. *stari -^ J)ari als name der im meerwasser schwimmenden, 
breiten Laminaria-algen eher zur wurzel *ster- „ausbreiten" (lat. 
sterno ,,auf den boden hinstreuen, hinbreiten", stramen „streu" 
neben torus ,.lager, bett", usw.; Walde, Lat. Etym. Wtb. s. v. 
sterno) als zur wurzel *terek- „drehen, winden" (Falk und 
ToRP, Et3'm. Wtb. s. v. Tare) gezogen werden muss. 



2) Urn. -Ih-. 

Lp. mielle „steiles sandufer". 

Dieses weitverbreitete wort zeigt überall ein urspr. langes 
-//-, das auch in der schwachen stufe nicht gekürzt wird: IpN 
mielle, gen. :=; Lule me'le, gen. =:, usw. Nur die von 
QviGSTAD, Lehnw. 234 mitgeteilte form Hatfjelddalen saddie- 
Diielie macht, wenn sie überhaupt richtig ist, eine ausnähme. 
Das wort ist offenbar ein nordisches lehnwort; es entspricht 
dem an. melr „Sandbänke, Grusbanke, Msel" mit kurzem /, 
das aus einem urn. *melhaz stammt (Noreen, Urg. Lautl. 132; 
Falk &. Torp s. v. Melrakke). Das lange -U- des lappischen 
Wortes kann nicht aus einem spät-urnordischen -/- (Noreen, 
Aisl. Gramm. ^ § 224, 1) stammen, was ein Ip. mielle, gen. 
*miele geben würde, sondern muss das ältere urnordische -Ih- 
repräsentieren. 

Lp. fiello ..brett". 

Auch dieses wort hat überall sowohl in der starken als 
in der schwachen form ein langes -U-: IpN fleUo, gen. = (oder 
nach QviGSTAD, Lehnw. 150 auch flelo, das wohl sekundär 

Finn -ugr Forsch. XII. 3 



34 K. B. WiKLUND. 



ist), Lule fellö), gen. = (nicht auch /ie/?7, wie Q\^gstad behaup- 
tet), Vilhelmina, Frostviken feä.uiG). Offerdal fem^ä, etc. Die- 
ses lange -//- macht entlehnung aus einem urn. *felx) unmög- 
lich. Andererseits muss aber das lappische wort offenbar mit 
an. fjol „brett" zusammengehören. Dieser Widerspruch kann 
gelöst werden, wenn man annehmen darf, dass an. fjol nicht 
auf urn. *felö zurückgeht (zur wurzel *(s)phel-, vgl. Falk und 
ToRP s. V. Fjael und in Fick III* 237; xN^orren, ürg. Lautl. 
197, 203; vgl. Tamm s. v. fjöl), sondern aus einem urn. 
*felhö entstanden ist, vgl. das eben behandelte Ip. mielle mit 
urspr. langem -//- << urn. akk. sg. *melha, an. melr. Ein sol- 
ches *felh/ würde eine erweiterte wurzel *{s pheJk voraussetzen, 
die in der form mit anlautendem s- ein paar mal belegt ist 
(griech. aifcüuaau) „steche, ritze", lit. spHkä „Stecknadel", Falk 
& ToRP s. V. spjelke; also mit ganz anders entwickelter be- 
deutung) und in der mit einem anderen elemente erweiterten 
form *sphelg im an. spjalk ,,schiene, speiler", schwed. spjälka 
„spalten" etc. vorliegt. Das lappische wort deutet also darauf, 
dass an. fjgl aus einer anderen form dieser vielverzweigten 
wurzel als der von Noreen und Falk-Torp angenommenen 
herzuleiten ist. 



3) Urn. -nf)-. 

Lp. skidne, skidde „feil, leder". 

Das bekannte nordische wort skinn „haut, feil" tritt in 
einigen lappischen dialekten in einer form auf, die darauf zu 
deuten scheint, dass seine nordische grundform die assimilation 
des -nß- in -nn- schon durchgeführt habe, obgleich das aus- 
lautende -a des nom. akk. sing, noch bewahrt war: Ibbest id, 
Gullesfjord, Vesteraalen, Hammerö skidne, gen. idem „feil" 
(Qvigstad, Lehnw. 294) < urlp. *t>kinnä urn. *skinna. 
Das stimmt aber nicht mit der gewöhnlichen annahmt über- 
ein, dass sich die assimilation von -np- zu -nn- erst im 9. jahrh. 
vollzogen habe, als das urnordische -a nach langer Wurzelsilbe 
schon längst geschv\unden war (Noreen, Aisl. Gr.* § 265, 
Pauls Grundr. I'-^ 525). Lp. sk'tdnc scheint mir also dafür 
zu sprechen, dass diese assimilation schon in das ende der ur- 



Einige urnord. lehnwörter im läpp. 35 



nordischen zeit zu verlegen ist (der stein von Skärkind aus 
dem 6. jahrh. hat noch -nf)-: sk/fnJJ/aleudaH). 

Eine andere lappische form desselben nordischen Wortes 
ist Lule skiddc „feil, leder" (davon skiddä „dick, von feilen"); 
Arjeplog (Haläsz) skidde „schuh aus der haut des renntierbei- 
nes" (kaum richtig übersetzt); Mala shiöde „feil", davon skiddtt 
(ije-stamm) „schinden"; Lindahl & Öhrling skidde „feil", 
skiddet „schinden"; Hatfjelddalen (Qvigstad) skirret, Hrret 
„schinden"; Vilhelmina plur. skirrTo, Offerdal plur. skirreo 
„pelzwaren", Vilhelmina skirret, Frostviken skirret, Offerdal 
sk>rrtt, skirrio „schinden". Das südlappische -rr- ist regel- 
mässig aus -dd- entwickelt. Etwas schwieriger zu beurteilen 
ist Lule -dd-. Altes -dd- geht hier sonst in -t- über (ofös, gen. 
otosa, attr. oto „neu" = Arjeplog oSOs, iness. oööosin, attr. 
oödo), und nur wenn ein -j- zwischen der zweiten und dritten 
Silbe schwindet, findet man in Lule ein -dd- {hddüt „ein- 
schlafen" = Arj. oddüt; aje-stamm). Jedenfalls aber hängt 
dieses skidde etc. mit dem nordischen skinn zusammen, und 
das spirantische -dd muss in derselben weise aus einem -nd- 
< urn. -nj>- assimiliert sein, wie das jetzige -dd- der lappi- 
schen dialekte aus einem früheren -nd-. Lp. skidde ist also 
ein frühes urnordisches lehnwort und ein beleg für urn. *skinjia. 

Lp. sidne „sinn", sidde „zorn". 

In norwegischlappischen dialekten ist ein sidne, gen. idem 
„sinn, gemüt" weit verbreitet (Ovig-Stad, Lehnw. 286). Das 
-e möchte man auf ein urn. nom. akk. sg. -a zurückführen, 
was aber gegen die allgemeine annähme streitet, dass das nor- 
dische sinn, sinne ein deutsches lehnwort ist (mnd. sin; Falk 
& ToRP s. V. Sind). Noch sonderbarer wird die sache, wenn 
man sich auch der südlicheren lappischen form mit -dd- oder 
-rr- <C -dd- erinnert: Lindahl & Öhrling siddhe (lies sidde) 
„sinn; zorn"; Vilhelmina, Frostviken, Offerdal in einigen redens- 
arten sirre „zorn". Man möchte ja das wort für ganz analog 
mit dem soeben behandelten skidne, skidde halten (zur bedeu- 
tungsentwicklung vgl. norw. sinne „zorn", sint „zornig") und 
es aus einem urn. *si7ina < *sinßa herleiten; es ist aber zu 
bemerken, dass die belegten formen des germanischen Stam- 
mes *senßa- nur „gang, reise, mal" bedeuten (an. sin, sinni, 



36 K. B. WiKLUND. 



got. sin|)s, ags. sij), etc.), während die verwandten Wörter mit 
der bedeutung „sinn" („gemütsart" < „richtung des gemüts") 
ein germ. -nn- zeigen, das auf idg. -ntn- zurückgeführt wird 
(mnd. sin, ahd. sinn, etc.). Die lappischen Wörter sind jedoch 
meiner meinung nach sichere belege für die abgeleitete be- 
deutung auch bei dem germ. stamm *senpa-. 



4) Nasalinügierung. 

Lp. rigges, rinkes adj. „reich". 

Für den begriff „reich" hat man im lappischen neben 
vielen anderen Wörtern auch ein deutliches lehnwort aus dem 
nordischen: Mala rtokü, attr. rloJcüs, Frostviken ryokdkt, Offer- 
dal, Härjedalen rf/Jcjka (nach Qvigstad, Lehnw., p. 265 auch 
in Lule riJcoJc, Arjeplog, Sorsele r'iJco, attr. -os, etc.) << nord. 
rik, an. rikr etc. Das alter der entlehnung ist schwierig zu 
bestimmen; ganz jung kann sie jedenfalls wegen des -ü und 
des vor einem einstigen ü aus 7 umgelauteten ?/ nicht sein. 

Neben dieser form des wortes gibt es auch eine andere, 
viel interessantere (Qvigstad 265): Enare (Lönnrot) riges, 
(Andelin) rigges; IpN rigges, gen. rigga(sa) (phonetisch ge- 
schriebene formen aus Polmak bei K. Nielsen, Quantitätsverh. 
im Polmaklapp. 143); Tome lappmark (Torn.eus 1648) rinkkes 
(nach Qvigstad); Ume lappmark rinkes, rinkak (Qvigstad); 
LiNDAHL & Öhrling „Rinkes, id. atque riko, rikok [dives, rik]. 
Rinkeswuot, subst. divitiae, rikedom". 

Auch auf finnischem boden findet man dieselbe dublette. 
Das gewöhnliche ist eine form mit -K>, schwacher stamm -k- : 
fi., wot., estn. rikas, liv. rikäs. Daneben gibt es auch im ingri- 
schen dialekt des karelischen ein rinkas „reich" (Virittäjä 1911, 
p. 116). 

Es ist offenbar unmöglich die beiden formen voneinander 
zu trennen. Auf lappisch-finnischem boden kann aber die 
infigierung des nasals kaum geschehen sein, sondern man 
muss die quelle des n in der nordischen grundform des wortes 
suchen. Eine w-form ist aber aus den germ. sprachen bisher 
nicht belegt worden (Falk und Torp s. v. rig); nur bei einer 
nebenform derselben wurzel ist nasalinfigierung bezeugt: norw. 



Einige urnord. lehnwörter im läpp. 37 

rank „gerade gewachsen, schlank, rank" etc. (a. a. o., s. v. 
rank). Die lappischen formen scheinen mir jedoch ganz be- 
stimmt auf eine einstige n-form auch bei an. rikr etc. hinzu- 
deuten. 

Eine urnordische grundform mit -nk- würde im urlappi- 
schen ein *rinhüs geben, das in den jetzigen dialekten zunächst 
als rinkes auftreten sollte, vgl. urn. *linTcaz (mhd. linc, etc.) 
> Lule {s)liTj'kas, gen. {s)fiijkasa „hinkend". Die form rigges 
zeigt eine etwas unregelmässige assimilation ; -yg- geht sonst 
auf urlp. -ng-, nicht auf -nk- zurück. 

Upsala. K. B. WiKLUND. 



38 F. Kluge. 



Zu den flnno -germanischen lehnbeziehnngen. 



An der huldigung, die dieser festband bedeutet, beteilige 
ich mich gern mit einigen kleinen beobachtungen. Ob sie allen 
Interessenten nur neues bieten und ob nicht gerade der all ver- 
ehrte Jubilar das meiste schon selber gesehen hat, kann ich bei 
der Zerstreutheit des materials nicht feststellen; denn die mög- 
lichkeit besteht doch immer, dass der Wortschatz der beiden 
Sprachgebiete jedem forscher dieselben gleichungen aufdrängt, 
und so zögere ich nicht, die von mir gefundenen gleichungen 
auf die gefahr hin zusammenzustellen, dass ein fachgenosse 
die Priorität an der einen oder andern gleichung für sich in 
anspruch nimmt. ^ Auch diesmal (wie bd. XI 138-41) gehen 
meine beobachtungen von dem Finnisch-deutschen Wörterbuch 
von K. Erwast (Tavastehus 1888) aus. 

haasia 'gesteil zum trocknen des heus' =- altnord. hes 
(plur. hesjar) f. 'frame or rail on which hayor corn is put 
for drying'; über das altnord. wort vgl. Vigfusson 259. Die 
lautübereinstimmung ist überzeugend, wenn auch die gleichung 
finn. ahjo = ahd. essa eine abweichende lautentwicklung zeigt. 

hahlo 'bewegliches querstück auf dem vierfüssigen feuer- 
bock' — plur. hahlot 'kesselhaken' deckt sich wohl mit ahd. 
hähala hähla 'kesselhaken'. 



' Wie der hochgeehrte Verfasser selbst vermiitet und wie aus 

dem Verzeichnis der nach Vilh. Thomsen behandelten germanischen 

lehnwörter im finnischen, welches am ende dieses bandes stehen wird, 

hervorgeht, ist ein teil von diesen gleichungen auch von anderen, 

meistenteils finnischen forschem aufgestellt worden. 

Die red. 



Zu den fi.-germ. lehnbeziehungen. 39 

hanka "ruderptlock" stimmt wohl zu altnord. här m. 'ru- 
derpflock': grammatischer Wechsel ng : nh trennt die beiden 
Worte. Das finn. wort scheint dafür zu sprechen, dass das 
altnord. wort zu got. hähan 'hängen' gehört und eigtl. 'hänger 
oder hanger' (für das rüder) bedeutet. 

kangas 'gewebe' stelle ich (mit Rud. Hildebrand im DWb. 
unter kanker) zu der germ. sippe von altnord. kongurvafa 
'spinne' und angls. gonge- wifre gongel-wivfre 'spinne'. Bei 
der anlautsdift'erenz zwischen dem angls. und dem altnord. 
wort ist die beurteilung des finn. anlauts -k unsicher, aber das 
in Ostmitteldeutschland herrschende kanker 'spinne' scheint 
für die ursprünglichkeit des k-anlauts zu sprechen. Beachtens- 
wert ist, dass keine germ. spräche ein primärnomen aufweist, 
wie es in finn. kangas vorzuliegen scheint. 

rankka 'stark, heftig" stammt wohl aus der germ. sippe 
von altsächs. sträng = angls. engl, strong. 

rapa 'treber, meisch, hefe" reflektiert die gleichbedeutende 
Wortsippe von ahd. trebir, mndd. draf und altnord. draf. 

runko 'stamm, baumstamm' = got. hrugga. 

torkko 'dreieckangel' := altnord. dorg f. 'anglers tackle, 
rod and line for trout or small fish' und nhd. (Mark Branden- 
burg) 'angel zum hechtfang' (mein Et. Wb.' unter Darge). 

Freiburg i./B. F. KlugE. 



40 Axel Olrik. 



The sign of the dead. 



Since Vilh. Thomsen in 1868 first pointed out the remar- 
kable significance of Finnish for the earliest history of the 
Teutonic tongue and of European civilization, the question has 
dev^eloped, and now aims at finding out also the loans from 
religion, myth and poetic conception. 

JoH. Fritzner, in his essay on „The Heathenism of the 
Lapps" (Norsk Historisk Tidskrift IV) was the first to touch 
upon this subject; but during the last ten years the matter has 
grown in importance, and embraces a wider ränge than ever 
before, for now, in accordance with Vilh. Thomsens linguistic 
standpoint, it is not only a question of loans from the Scan- 
dinavian heathenism we know of, but also of loans from pre- 
historic times. ^ 

Loans from cult & myth have been amply proved, not 
only among the Lapps, who are in a position of a special de- 
pendence on Scandinavian civilization, but also in great degree 
among the Finns, who, in a more independent way, have 
appropriated and worked in ideas from many of the Aryan 
tribes. I shall, for the present, devote myself to the Lappish 
sources, which are a still unexhausted mine for Scandinavian 
loans. 

The first place among all these sources is held by the 
so-called Närö-manuscript, written by priest Johan Randulf in 
1723, „An account of the Finn-Lapps' Idolatry". Its publica- 
tion by the present Norwegien minister Qvigstad, in the 



1 I have already published a short account of the papers on this 
subject in Danske Studier 191 1, 38 (it will also appear in an altered 
form in Germanisch-romanische Monatschrift). 



The sign of the dead. 41 



Throndheim Society's transactions in 1903, gave in a special 
degree an Impulse to the inquiry into Scandinavian loans which 
has been going on in late years. 

This Närö-manuscript has among other things the fol- 
lowing description of the heathen sacraniental rite which the 
Laplander pertbrms with bis family before he goes to church 
to receive the Christian sacrament: 

„When the day on which he is to communicate arri\es, 
before he goes to church he (as well as bis vvife and children 
and all married and unmarried Finns who go to the Lord's 
Supper) first takes a glass of beer, or preferably a glass of 
spirits, if he has it, and dips three fingers in it with which he 
makes the sign of a cross on his forehead which is to sig- 
nify Thor's crosshammer (this he does to assure Thor of his 
steadfast faithful Service). A second time he dips his 
fingers into the beer or spirits and makes therewith 
three marks, one for each finger, on his bare 
breast (this he does so that jami, the dead, and 
especially his deceased kinsmen and family may 
guard him so that no confession of that or any other ido- 
latry may come from his mouth or heart in case the priest 
should want to question him narrowly on that matter, thereu- 
pon he throws out the fourth part of the beer or 
spirits into his fire-place, ifheisat home, or on the 
floor where he is Standing if he is in a farm-house, to the 
heathen goddess Sarakka, and then puts the glass of spirits to 
his Ups with these words: „dat le Sarakka Gare" (this is Sa- 
rakka's chalice) and when he has drunk it, casts himself upon 
his knees and makes this prayer to Saracha . . . This prayer I 
saw in Lappish at Lector von Westen's, but did not get time 
to copy it out." ^ 



1 »Naar nu Dagen er ankommen, paa hvilken band vil communi- 
ceris, da forend hand hengaaer til Kirken, tager band (det samme gior 
bans Kone og Born, og alle saa vel giffte som ugifte Finner der gaae 
til Herreus Nadvere) et glas oll, men besynderlig et Glas Brendeviin, 
om band det baver, og dypper de tre Fingre der udi, bvor med band 
i siin Pande teigner et Kaars, som skal betyde Thors Kryds-Hammer 
(dette gior band til at forsikkre Tbor om sin stedsvarende troe Tieniste), 
anden gang dypper hand Fingrene i 011et eller Brende- 



42 Axel Olkik. 



What I should especially like to dravv attention to are 
the three marks which the Läpp makes on his breast when 
he wants to consecrate himself to the Jabmi, the dead. We 
see, moreover, that the action consists of two parts: Ist the 
consecration to the god of thunder and to the dead with the 
subsequent pouring out of the beer; and 2nd the drinking from 
the glass with the declaration that that is Sarakka's cup. The 
latter appears to be a distinct counterpart of the Christian com- 
munion: the words of consecration correspond to the words 
used at the administration of the sacrament in the Lutheran 
church. On the other band the first part with its consecration 
& pouring out into the tire-place is purely pagan. The signing 
with the god of thunder's crosshammer before the offering 
corresponds to the account of the participation of Haakon, 
Athelstan's foster-son, in the sacrifice of the people of Trond- 
heim which Snorre Sturleson gives. It seems stränge that 
after the two consecrations beer should be poured four times 
on the ground; the first must certainly apply to the god of 
thunder, called up by the sign of the hammer. Perhaps the 
three others refer to the Jabmi, or the dead, summoned b}' 
the three marks. I shall come back to this point later. 

That a so strongly marked individual cult as this conse- 
cration with the three marks was not created by the Lapps 
themselves is clear; and it can only have been borrowed from 
one source — the Scandinavians. A religious symbol con- 
sisting of three marks in a triangle is not infrequently met 
with in northern antiquities. This is especially the case in 
monuments of the time of the Aligration, on bracteates and on 



viiuen og saetter der med 3 Prikker, nemblig eeu for een 
hver Finger paa sit blotte brost (dette gior band paa det 
Jami, de dode, og bes\nderlig bans afdode Frender og 
Slegtinger maa bevare ha 111, at der ingen bekiendelse itiaa ud- 
gaae af bans niund eller Hierte, om enten denne eller anden afguds- 
dorkelse, i fald Praesten der om noye skulle ville inqvirere), derpaa 
udslaaer band de 4re Parter af Ollet eller Brendeviinen 
udi sit Fj'rsted, om band er biemme, men [paa] Gulvet hvor band 
staaer, om band er i et Bonde-Huus, til den afgudinde Saracba og 
ssetter tillige Brendeviins-Glasset for Munden med disse Ord: dat le 
Saracba Gare (dette er Saracbse Kalk), kaster sig saa, effter at det er 
uddrukket need paa sine Kna;e, og gior denne Bon til Saracba ... (p. 56). 



The sign of the dead. 43 

the lowest ring cn the larger of the Golden Horns from Galle- 
hus. Since the Lappish sign consisted of three marks made 
by the fingertips at the same time (which therefore must have 
come to stand in a triangle), the Scandinavian and Lappish 
signs with regard to form are the same. 

The only one who, so far as I know, has touched upon 
the history of this sign, is J. A. Worsaae in his famous lec- 
ture on the Golden Horns in the Antiquarian Society at Copen- 
hagen in 1880, and in his Nordens Forhistorie, 1881 (p. 156 
and 169). He interprets it as a sign of the triune godhead 
Odin-Thor-Frey. But since a real trinity conception of these 
gods is quite allen to northern sources, this Interpretation must 
be exceedingly doubtful. 

Another point in Worsa.ae's theory may perhaps be of 
greater interest. According to his explanation of the Golden 
Horns the pillars and plates where the three marks appear are 
ihe open doors of Heiheim. That vvould indeed coincide re- 
markably with the Lappish doctrine that the sign signifies the 
dead. But until this archceological material is taken up and 
treated in a much more thorough way than hitherto, we can 
have no sure ground for determining this point. However, 
the very fact of having established an outward agreement be- 
tvveen the Lappish and Scandina\'ian symbol is of interest. 

Let US now turn to the tribe m the northern part ot 
Europe where the worship of the dead has survived with re- 
markable insistency. Among the Lithuanians there is the 
foUowing custom at burials: three pieces of bread and three 
spoonfuls of soup are thrown on the ground in honour of the 
goddess of the earth, Zemilene, in order that she may receive 
the dead well. This is also a triple offering to the kingdom 
of the dead just as in the case of the Lappish custom. ^ 

The three marks as a piain symbol in the worship of the 
dead is found again in another place, but far off. In India, 
the Pariahs, in the disti'ict near Vellore, ha\e small earthern 
altars with edge-shaped unhewn stones (which, according to 
later investigation, should be reckoned in the ..thunderstone" 
class). At the ceremony they are smeared over with saffron, 



' Zeitschrift für tleutsclie philologie XIV 162. 



44 Axel Olrik. 

and three red aniline marks are made with the Fin- 
gers on each stone. According to the bellet of the people 
these stones represented in some places, the cholera or small- 
pox goddess; in others, the goddess Ganesa, in others again 
ancestors. 1 It seems to me probable that the original mea- 
ning of the three red marks was a consecration to the ances- 
tors, and that their connectlon with small-pox is more modern. 

At this moment I have no more evldence as to the reli- 
gious use of the three marks, but I have dravvn attention to 
this in the hope that others more qualified than I to speak on 
various polnts ma\' be able to fiU up the deficlencles. 

On the other band the three marks appear as a more 
practlcal symbol. In the picture-writlng of the Egyptians thej^ 
are placed after a vvord and mean then that the word is in 
the plural.2 

There Is possibly an original connectlon betvveen these 
two ideas — „the dead" and „the many", for the dead are 
distlnguished in superstltion precisely by appearlng as a Com- 
pany, not as Individuais. 

The whole matter then is. connected with the ancient use 
of the number three, as I have shown in another connectlon. 
In many myths or tales three is the greatest or at least the 
most Important and typlcal number of people brought on the 
scene in a Company. Three means something that.is neither 
one nor two, & has come to be fixed as a Standing expression 
tor „the many", — and consequently for „the dead".-* 

Copenhagen. AxEL Olrik. 



^ See my > Epische gesetze der Volksdichtung» (Zs. f. deut. alt. 
LH) pp. 4-5, 11-12; Dietrich, Die dreizahl (Rheinisches museum für 
Philologie, NF LVIII) pp. 356-62. 

' Blinkenberg, Tordenvabnet i kultus og folketro (1909) pp. 
17. 94 (= The Thunder-weapen in religion & folklore [Cambridge Ar- 
chaeological and Ethno. SeriesJ, Canihr. 191 1, pp. 8. 115). 

- This is conimunicated to nie by niy coUeagiie dr. C. Blinken- 
BERG of the National Museum. 



Oskar Asböth. Ung. tanorok. 45 



Ung. tanorok. 



Ich will über ein interessantes, halbvergessenes ungari- 
sches wort sprechen, das wieder einmal zeigt, wie man den 
neueren ung. Sprachforschern gewiss nicht den Vorwurf m.achen 
kann, dass sie nicht eifrig bemüht seien all den spuren nach- 
zugehen, welche der recht komplizierte, weil \'on verschiedenen 
selten auf einmal einwirkende slavische einfluss in der ung. 
spräche hinterlassen hat. Ich fange damit an, dass ich das 
wort ganz oberflächlich vorstelle, was umso nötiger ist, als es 
ja selbst gebildete Ungarn in hülle und fülle gibt, welche es 
nicht kennen, welche von seiner bedeutung keine ahnung ha- 
ben. Ich schlage auf gut glück die älteste aufläge des „Neuen 
vollständigen Wörterbuchs der ung. u. deutschen Sprache" von 
Moritz Ballagi auf und finde darin eine ganz brauchbare fest- 
stellung der bedeutung: 

Tanorok fn. "das Gehäge, das Heck, das Feldgehäge, die 
Einfriedigung, ein umzäunter Grund, die Koppel'. 

Noch deutlicher tritt die eigentliche, ursprüngliche bedeu- 
tung des Wortes in der Verdeutschung der Zusammensetzung 
mit kapu 'tor' zutage, tanorokkapu heisst nach B. 'die Schranke, 
der Schlagbaum, der Eingang (umzäunter Gründe, Wiesen etc.)', 
demnach wäre tanorok selbst ein 'umzäunter grund', eine 
'wiese'; wir finden also hier nach dem 'umzäunten grund' 
statt des unter tanorok gefundenen mehrdeutigen und gerade 
in der hier passenden bedeutung wenig bekannten Wortes („kop- 
pil") einen allgemein \-erständlichen und prägnanten ausdruck 
(„wiese"). Die scharfe erfassung der bedeutung des wortes aber 
ist in unserem falle umso wichüger, da ein hervorragender un- 
garischer Sprachforscher; Simonyi, durch eine früher belegte ne- 



46 Oskar Asböth. 



benforrn tarnok-tornok auf den holz\\-eg geführt, annimmt, das 
wort habe ursprünglich eine dornhecl<e bezeichnet und stamme 
aus einem slav. wort ähnlich wie kroat. trnik 'dornbusch'. 
SiMONYi hält dies für so sicher, dass er die ganze sache in ei- 
ner antwort auf eine an die redaktion seiner Zeitschrift gerich- 
tete frage apodiktisch mit 4 zeilen abtut, die ich in deutscher 
Übersetzung herstelle : 

„Das wort tanärok, tanorok, tanorok hat nichts mit dem 
werte arok [„graben"] zu tun, sondern bedeutet eine dornhecke 
und ist ein slav. lehnwort (vgl. kr. trnik 'dornbusch'). Das 
wort lebt in verschiedenen formen und bedeutungen in vielen 
gegenden." S. Nyr. XXX [1901] 249. 

Ich habe damals, also vor vollen 10 jähren die einschlä- 
gigen daten, so gut es derzeit möglich war, zusammiengestellt 
und bin gerade an der band der bedeutung zu dem Schlüsse 
gelangt, dass das wort wohl sia\'isch ist, aber ganz anders 
zu erklären ist, dass es ursprünglich -grasplatz (wiese)' bedeu- 
tet haben muss und aus einem auf trava 'gras' zurückgehenden 
slav. travnik stammt. Auf diese, wie ich weiter unten be- 
weisen werde, zweifellos richtige spur hat mich die bedeu- 
tung des Wortes geleitet, und wenn ich zeitweise wieder irre 
wurde an dieser erklärung, so trug dazu die seltsam wech- 
selnde form des Wortes bei, welche ich mir nicht sofort zu 
erklären wusste. Da ein äusseret anlass dazu fehlte, blieb die 
geschichte des vvortes bisher ungeschrieben, was ich keine Ur- 
sache habe zu bedauern; denn mit mehr lust und grösserer 
Sorgfalt hätte ich sie kaum je niedergeschrieben als jetzt, wo die- 
ses wort meiner muttersprache zugleich meinen innigsten gruss 
mitnehmen soll zu einem so schönen feste! 

Da ich wiederholt betont habe, dass mich eben die be- 
deutung des Wortes bei meinen Untersuchungen auf den rich- 
tigen weg geleitet hat, so bedarf es einer etwas sorgfältigeren 
feststellung dessen, dass bei Simonyi schon der ausgangspunkt 
falsch ist; erst dann gehe ich zu dem nachweise über, dass 
meine erklärung des Wortes auch lautlich auf keine Schwierig- 
keiten stösst, was sich von derjenigen Slmonyis durchaus nicht 
sagen lässt. 

Wenn wir unsere wichtigsten Wörterbücher zu rate zie- 
hen, so fällt uns ebenso sehr die dürftige ausbeute auf, welche 



Ung. tanorok. 47 

das historische Wörterbuch der ung. spräche gewährt, als die 
heinahe verwirrende mannigfaltigkeit der bedeutungen in dem 
dialektologischen Wörterbuch, das nicht weniger als 10 bedeu- 
tungsgruppen autstellt! Doch von diesen spreche ich erst weiter 
unten, die angaben des hist. wb. dagegen nehmen so wenig 
platz ein, dass ich sie ohne weiteres herausschreibe: 

Tanorok: pascuum, septum, septum pascuarium PPB ein 
ort zum weiden oder zum füttern Adämi. Häzänak alatta \'a- 
gyon ma is nagy szenacsinäl(> tanorokja, az juhait azon ür 
abban tartotta (Mon Ir()k XI 417). 

Die ung. belegstelle lautet in deutscher Übersetzung: „An 
seinem hause hat er auch heute noch ein grosses tanorok zum 
heumachen (szenacsinälo wörtlich 'heumachend'), darin hielt 
jener herr seine schale." Das wort tanorok bedeutet also hier 
eine eingefriedete wiese. Gemeinsam ist beiden genannten 
Wörterbüchern, dass sie nur die form tanorok-tanorok kennen 
— die dialektisch damit wechselnde form tanarok, eine volks- 
etymologische anlehnung an ärok 'graben', hat keinen an- 
spruch darauf bei der erklärung des Wortes besonders in be- 
tracht gezogen zu werden. Wie ganz anders steht es gerade 
mit der formalen seite des Wortes, wenn wir es in dem später, 
1902-6, erschienenen Urkundenwörterbuch (Oklevelszötär) nach- 
schlagen. Weil wir aber hier zugleich für die feststellung der 
bedeutung reiches material finden, so will ich den ganzen ar- 
tikel herstellen, schon um die ausländischen forscher nach- 
drücklich auf diese fundgrube für ungarische Wortforschung 
aufmerksam zu machen: 

Tanorok. Tanorok. taranok? tarmok? tarnok, tarolnok, taro- 
nak, taronok, tormok? tornok? torolnok, toronok?: pascuum, sep- 
tum, septum pescuarium; ein ort zum weiden oder zum futtern 
NySz., weydung PPB [L. meg MTsz.].^ 1337: Cum terris arabilibus 
retro ortos eorumdem adiacentibus que vulgo Tornnk dicuntur 
(Anjou 0km. III. 329). Terras arabiles retro ortos eorumdem 
locorum sessionalium ad portionem predictorum filiorum An- 
dree devolutorum adiacentes, vulgo tornuk vocatas (Sztäray- 



' NySz. = Nyelvtörteneti Szötär, die übliche abkürzung für das 
historische Wörterbuch der ung. spräche; L. meg MTsz. = Läsd meg 
Magyar Täjszötär 'siehe noch das ung. dialektologische Wörterbuch'. 



48 Oskar Asböth. 



0kl. I. 129). Terris arabilibus retro ortus dicte parve platee 
exissentibus, que vulgo tornuk vocantur (uo. 136). Venit ad 
terras arabües, vulgo tormok [„igy" a kiadö jegyzete] ^ voca- 
tas (uo. 149). Annectit terras arabiles vulgo tormok voca- 
tas (uo. 150, ua. okl.-ben).''^ 1337 1414. Annectit terras ara- 
biles wlgo Tormok (meg egyszer i'gy, Zemplen m." Szam. je- 
gyz.] 3 vocatas (OL. D. 3089). 1343: Quasdam terras arabiles 
taronuk vocatas retro ortus eiusdem ville solummodo existen- 
tes (uo. 31244, „Ung. m." Szam. jegyz.). Sui proprii ortus que 
[igy] wlgo in illis partibus ut premissutn est Thoronuk dicun- 
tur (uo.). Quasdam terras arrabiles taronuk vocatas retro hor- 
tos eiusdem ville solummodo existentes (Anjou 0km. IV. 331). 
1351: Ad terras arabiles Taronuk vocatas (Kärolyi 0kl. I. 202). 
1357: Octo [jugera] in tali parte in qua in autumpno similiter 
arare procuraverint, secundum quod tenderet retro ortum qui 
toronok vocaretur (Sztäray 0kl. I. 276). 1358: Octo iugera 
terrarum in tali porte in qua in autumpno similiter arare pro- 
curarent, secundum quod tenteret retro ortom qui thoro- 
nuk vocaretur (uo. 280). Octo iugera terrarum in tali parte 
in qua in autumpno similiter arare procurarent, secundum 
quod tenderet retro ortum qui thoronok vocaretur (uo. 283, ua. 
okl.-ben). 1373: Vni loco sessionali retro ortum insufficiens 
terra scilicet Toronok dicta habebatur (Zichy 0km. III. 513). 
1376: Cum terris retro ortos existentibus in illis partibus To- 
ronuk vocatis (Müz.). 1425: Cum quibusdam terris arabilibus 
retro (h)ortos dicte curie existentibus, tharonak vocatis (Sztä- 
ray 0kl. II. 249). 1450: Terre arabiles wl^o Tanorok appel- 
late (Lelesz Introd. P 222). 1454: Cum terris arabilibus unius 
medie domus ac aliis terris arabilibus retro (h)ortos ipso- 
rum habitis vulgariter thorolnok dictis (Sztäray 0kl. II. 515). 
1470?: Super terras taroLnok x'ocatas (OL. D. 31934, az 1470-i 



' d. i. »sie» bemerkung des lierausgebers. 

- Das öfter vorkommende uo. ist ugyanott zu lesen und heisst 
»ebendort»; ua. okl.-ben heisst »in derselben Urkunde > (»ugyanabbau az 
oklevelben^^). 

* d. i. »noch einmal so, komitat Zemplen» bemerkung Szamotas. 
— Das so überaus wertvolle material für das urkundenwörterbuch 
stammt von einem leider zu früh dahingeschiedenen jungen gelehrten 
Szamota. m. = megye heisst komitat. 



Ung. tanorok. 49 

okl. hätiapjan). ' 1511: Ouasdam terras arabiles thorolnok vo- 
catas retro hortos jobagionum (OL. D. 32087). [Vö. „Esz() tor- 
nuk, tarnuk, tarnok, tornok es toronok alakban fordül ele a 
regi oklevelekben; mai napsäg Erdely magyar megyeiben a 
kertek-allyat (retro hortos), vagy a szeriis kert bizoyos re- 
szet tanorok-nak nevezik, nemely videken pedig hasonlö erte- 
lemben tonorok järja" stb. (Nagy Gyula jegyzete Sztära}' Okl. 
I, 129, a „tornuk" szöhoz).]^. 

So bunt die lautliche form des Wortes hier wechselt, so 
einheitlich tritt uns seine bedeutung entgegen, wir können sie 
am einfachsten mit einem fortwährend sich wiederholenden la- 
teinischen ausdruck als 'terrae arabiles retro hortos' bezeichnen. 
Das vvort bedeutet demnach ursprünglich wohl nicht den dor- 
nenzaun, die hecke, wie Simonyi glaubt, sondern gewisse lände- 
reien selbst, ein nahe der gemeinde gelegenes feld. 

Gehen wir nun zu den daten des dialektologischen Wörter- 
buches über, so tritt hier scheinbar der begriff des feldes vor 
der umfriedigung desselben in den hintergrund, und dies 
scheint für Simonyis auffassung zu sprechen, doch einmal ist 
die anordnung eine willkürliche, dann teilweise auch durch ter- 
ritoriale rücksichten bestimmt, und hierbei ist gerade die gegend 
in den Vordergrund gestellt, wo das wort durch volksetymolo- 
gische entstellung seiner form auch in der bedeutung eine Ver- 
schiebung erlitten hat. Wirklich in voller kraft lebt das wort 
heutzutage nur in dem früheren Siebenbürgen, ausserdem fris- 
tet es noch jenseits der Donau ein kümmerliches dasein und 
zwar am Plattensee und in dem komitat Somogy. Szinnyei, der 
hochverdiente redakteur des Wörterbuches beginnt mit dem am 
Plattensee aufgezeichneten tanärok, also mit einer form, welche 
durch anlehnung an das wort arok 'graben' aus dem älteren 
tanorok entstellt und in welcher auch die bedeutung durch 



' D. i. auf der rückseite der Urkunde von 1470. 

- D. i. (Vgl. Dieses wort kommt in den formen tornuk, tarnuk, 
tarnok, tornok und toronok in den alten Urkunden vor; heutzutage 
nennt man in den ung. komitaten Siebenbürgen.s die unter den gärten 
gelegenen felder (retro hortos) oder einen gewissen teil des tennengar- 
tens tanorok, in einigen gegenden wird in ähnlicher bedeutung tono- 
rok gebraucht usw. (Julius Nagys bemerkung Sztdray Okl. I 129, 
zu dem worte »tornuk».] 

Finn.-ugr Forsch XII 4 



50 Oskar Asböth. 



diese anlehnung verschoben ist: 1. tanarok: falu közeleben 
levö ärkoläs v. gyepü (a marhäk eilen) d. i. 'ein m der nähe 
des dorfes aufgeworfener graben oder wall (gegen das vieh)'. 
Unter 2 und 3 werden zwar belege aus Siebenbürgen und für 
die gewöhnliche form tanorok angeführt, jedoch solche, die in 
der bedeutung dem vorhergenannten tanarok irgendwie nahe- 
stehen. Übrigens wird das, was als 2. und 3. bedeutung an- 
geführt ist, gewöhnlich mittels des gleich zu anfang dieses 
aufsatzes aus Ballagi zitierten zusammengesetzten wortes ta- 
norok-kapu gleichsam 'tanf'^rok-tor' ausgedrückt, steht also ge- 
wiss der ursprünglichen bedeutung des wortes recht fern. Un- 
ter 4. wird wieder ein jenseits der Donau in dem komitat So- 
mogy in einigen dörfern bekanntes, in der bedeutung 'schma- 
les gässchen' übliches tanarok erwähnt. 5. schliesst sich an 2. 
und 3. an. Die eigentliche alte bedeutung des wortes tritt uns 
erst von 6. an entgegen. Ich schreibe nunmehr das reich 
fliessende, überaus charakteristische material ganz heraus, nur 
übersetze ich den erklärenden text gleich ins deutsche: ö. ta- 
norok, tanorok: ein in der ebene, meist nahe am dorf gelege- 
nes und in der regel mit bäumen umgebenes oder sonst um- 
zäuntes stück land, z. b. eine wiese, ein luzernen-, kleefeld 
usw. (es kann aber auch uneingezäunt sein) (Siebenbürgen Nyr. 
IX 527; Szeklerland Tjsz.;i Nyr. V 424; Michael Kiss; Ma- 
rosszek, Szabed Nyr. II 428; komitat Udvarhely Olahfalu Ivan 
Györffy; kom. Csik Nyr. XXVI 428; Ivax Györffy; kom. Hä- 
romszek Tjsz.); 7. tanorok: ein grasgarten im dorf (kom. Kü- 
küllo [Kockelburg] Tjsz.); 8. tanorok: eingefriedetes weiden- 
wäldchen, aue, hain (Szekely-Keresztür Nyr. XXII 335; an der 
grossen Kockel Albert Kiss); 9. tanorok, tanorok: ein einge- 
friedeter platz im wald (kom. Udvarhely, Mätisfalva, Koloman 
Sera); 10. tanorok: zarter wiesenrasen, zartes wiesengras (kom. 
Udvarhely, Häromszek, Csik Paul Kiraly). 

Sehr bezeichnend ist auch die Zusammensetzung, welche 
wir weiterhin finden: tanorok-szena [szena = heu]: 1. Feines 
heu von einer guten, unter dem garten gelegenen wiese; 2. 



' Tjsz. = Täjszötär bezeichnet das 1S38 erschienene dialektwörter- 
buch, das neue, 1893-1901 erschienene, von Szixnvei redigierte wird 
im gegensatz dazu mittels MTjsz. = Magyar Täjszötär zitiert 



Ung. tanörok. 51 

die beste gattung heu (Csik-Sz. -Märton und Umgebung Paul 
Kiräly). — Beachte auch die adj.-bildung tanorokos: gutes 
gras gebend (ein ort, eine wiese, wo gutes gras wächst) 
(Csi'k-Sz. -Märton und Umgebung Paul Kiräly) und die 
Verbindung tanorokos-kert : eine eingefriedete wiese am dorf- 
ende, wo gutes gras wächst (Csik-Sz.- Märton und Umgebung 
Paul Kiräly). 

Dieser mit grossem apparat aufgebauten, aber ein bischen 
steifen Zusammenstellung gegenüber finde ich den betreffenden 
artikel in dem alten dialektwörterbuch viel übersichtlicher und 
lebendiger : 

Tanorok, eine grosse wiese zum heumachen. Szekler wort. 
Alexius Szab(). Eine kleinere oder grössere heuwiese, welche 
jemand ausserhalb des dorfes auch als weide mit ausschliess- 
lichem recht benutzt und fortwährend umzäunt hält. Im kom. 
Kockelburg nennt man auch die grasgärten im dorfe tanorok. 
Szekler wort. Josef Inczp:. Eingefriedeter grasplatz; daraus: 

Tanorok-kapu, das auf das feld führende dorftor usw. 

Ich glaube, einstweilen können wir uns mit dem resultat 
zufrieden geben und wegen der bedeutung des ung. Wortes ge- 
trost daran gehen unser tanorok aus einem slav. travnik zu 
erklären, das aus trava gebildet soviel bedeutet wie grasplatz, 
wiese. Das wort ist allen slavischen sprachen bekannt, nur 
aus dem bulgarischen kenne ich es nicht; es darf also wohl 
als gemeinslavische bildung angesehen werden. Miklosich 
führt es in seinem Lex. palaeoslov. unter travBnik-B /.ti^MV, 
pratum aus späteren quellen an, ältere belege vom 11. jh. an 
findet man in Sreznevskijs altruss. wb. (Materialy) mit der be- 
deutung wiese („lug, hifjoii'"), die auch ^ heute dem russ. wort 
noch anhaftet; das klr. travnik übersetzt Zelechowski mit 'gras- 
garten'. Alle westslavischen sprachen kennen das wort: p. 
travnik 'grasplatz, rasen', b. travnik 'grasplatz, rasen', slk. 
travnik id., laus. sb. trawnik 'grasplatz, rasen'. Auch den 
südslavischen sprachen, das bg. ausgenommen, ist das wort 
in ganz ähnlicher bedeutung geläufig: das slov. travnik 
übersetzt Pletersxik mit 'wiese', und Jambressich gibt das 
„illyrische"' d. i. kroat. serb. travnik mit 'herbarium' wieder in 
dem sinne von 'ort, wo das gras wachset'. Hochinteressant 
ist die Umschreibung, die wir in Vuk Karadzic' serb. wb. un- 



Oskar Asböth. 



ter trävnik 2) lesen: zagradeno mjesto, n. p. gdje se teoci 
zatvaraju te pasu d. i. ein eingefriedeter platz, wo z. b. die 
kälber eingeschlossen werden und weiden, was uns lebhaft an 
die oben aus dem bist. wb. der ung. spräche zitierte stelle ge- 
mahnt, wo von einem landwirt die rede ist, der seine schafe 
in dem tanorok hält. 

Ich glaube, es ist evident, dass die bedeutung des ung. 
tanorok und die des slav. travnik in gewissen charakteristi- 
schen punten sich so scharf decken, dass an der entstehung 
des ung. Wortes aus dem slavischen gar nicht gezweifelt wer- 
den kann, falls es uns gelingt die lautlichen Schwierigkeiten zu 
beseitigen, welche sich auf den ersten blick scheinbar dieser 
Identifizierung entgegenstellen. Jedem, der sich über die laut- 
liche entwicklung des ung. Wortes rechenschaft ablegen will, 
muss es in die äugen springen, dass das Urkundenwörterbuch 
die sonst übliche form tanorok (resp. mit kürzung des mittle- 
ren o: tanorok) nur ein einziges mal aufweist unter dem jähr 
1450, wo es -hei.sst: tere arabiles wlgo Tanorok appelatae, in 
allen anderen so zahlreichen belegen steht das r vor dem n! 
Wenn wir diesem fast einmütigen Zeugnis aus alter zeit glau- 
ben schenken, und die erdrückende masse der beweissteilen 
zwingt uns gerade dazu, so ist das heutige tanorok wohl durch 
metathese aus älterem taronok entstanden. Sind wir erst so- 
weit gelangt, so können wir mit vollen segeln dem ziel zu- 
steuern; denn wer etwas von den slavischen lehnwörtern der 
ung. spräche versteht, muss zugeben, dass es kaum eine form 
gibt, welche einem als grundlage vorausgesetzten travnik schö- 
ner entsprechen könnte als gerade dieses taronok! N:o 1. Die 
der ung. spräche ursprünglich im anlaut vollkommen fremde 
konsonantengruppe wird in gewohnter weise gelöst, \'gl. brat 
> barät "freund'. N:o 2. Dem sla\ischen -av- in ursprüng- 
lich oder infolge ung. lautwandels später geschlossener silbe 
entspricht stets ein durch einen diphthong (etwa au) hindurch- 
gegangenes langes 6: lavica >> löca 'bank', pijavica ^ piöca 
(spr. pijöca!) "blutegel', postav > poszto 'leinwand', ponrar 
pondrav ^ pondro 'engerling', pristav > porosztö, später po- 
roszlo, 'häscher, Stadtknecht', zastava > zaszto, später zaszlö 
'fahne' (mit vorhergegangenem ahfall des schliessenden -a wie 
beseda ';> beszed 'gespräch'). N:o 3. Dem slaw -nik ent- 



Ung. tanorok. 53 

spricht im ungarischen regelmässig mit ot1:enerer vokalisation 
-nek und in tieflautenden Wörtern -nok, was \'on sprachneu- 
rern in der form nök-nok selbst zur bildung aus ungarischen 
Stämmen verwendet wurde, erhalten hat sich das i bloss in dem 
spät entlehnten komornik >> komornyik "kammerdiener'. 

Also zu travnik stimmt das ung. taronok ganz vortreff- 
lich, und nur die etwas früher überlieferte form tomuk, die 
wir nach dem alten schreibgebrauch tamok lesen dürfen, konnte 
mich \'on zeit zu zeit wieder irre machen an der glücklich ge- 
fundenen lösung. Diese form hat auch Simonyi auf eine ganz 
falsche fährte geleitet, der unser wort aus einem slav. trnik 
'dornbusch' erklärt, doch wäre aus trnik kaum je im ung. ein 
tarnok geworden, da dem vok. r im ung. ör zu entsprechen 
pflegt (ein trnik hätte *törnök ergeben:), aus welchem nur \'or 
tiefem \okal er wird, krtcBma >> korcsma 'wirtshaus'. Wenn 
wir von tamok als der ältesten form ausgehen, stossen wir 
auch auf andere, unübei'windliche Schwierigkeiten. Zunächst 
müsste dann die nur vier jähre später belegte längere form taro- 
nok (geschrieben taronuk) durch entfaltung eines vokals zwi- 
schen r und n entstanden sein. Eine derartige entfaltung ei- 
nes kurzen \okaIs zwischen zwei konsonanten beobachten wir 
zwar, wenn auch viel seltener als im wortanlaut, zuv\-eilen 
auch im wortinnern, aber doch wohl nur bei unbequemen kon- 
sonantengruppen, es ist z. b. aus dem obengenannten korcsma 
auch ein dialektisches korcsoma entstanden, aus dem serb. jäg- 
ned ist gegenye "populus alba' geworden, dem slav. okno ge- 
genüber finden wir nicht nur akna 'schacht', sondern in an- 
derer bedeutung auch akona "spundioch des fasses'. Doch sind 
die fälle sehr vereinzelt und am wenigstens bei einer so be- 
quemen lautfolge wie -rn- zu erwart^^n. Auf noch grössere, 
ja unüberwindliche Schwierigkeiten würde man stossen, wollte 
man die dehnung eines so entfalteten vokals erklären, und 
doch ist die länge des 6 in tanörok nicht nur, sondern auch 
in dem älteren tarönok \ielfach zv\eifellos belegt; die allen Ur- 
kunden machen allerdings keinen unterschied zwischen kurzem 
und langem o (o und 6), doch die Schreibungen thorolnok (1454), 
taroLnok (1470), thorolnok 1511) lassen sich gar nicht anders 
deuten; wie nämlich in der lebendigen spräche statt des ge- 
deckten Ol \ielfach langes 6 gesprochen wird, so finden wir 



54 OSKAP ASBÖTH. 



in alten denkmälern vielfach ol statt eines echten 6 ge- 
schrieben. 

Ich fasse das resultat ganz kurz zusammen. Das in den 
Urkunden belegte ung. taronok entspricht lautlich und in der 
bedeutung auf das beste einem slav. travnik; aus taronok ist 
mit \'erkürzung der zweiten, unbetonten silbe taronok und dar- 
aus mit im ungarischen so wohl bekanntem Schwund des kur- 
zen vokales in offener nichterster silbe tarnok geworden. Die 
letzte stufe der entwicklung, der schwund des vokals ist unter- 
blieben, wo aus taronok durch lautumstellung tanörok ent- 
standen war; der vokal der zweiten silbe konnte auch in die- 
sem falle gekürzt werden, nicht aber ausfallen, weil dadurch 
eine unbequeme lautfolge -nr- entstanden wäre. ^ 

Erhalten hat sich in der heutigen spräche nur die durch 
lautumstellung entstandene form; aus tanörok ist jenseits der 
Donau durch anklingen an arok 'graben' ein tanarok entstan- 
den, ein wirklich kräftiges leben führt aber das wort nur noch 
in Siebenbürgen, wo es auch in die spräche der benachbarten 
Volksstämme gedrungen ist. 

Was ich über den gebrauch des wertes bei den sieben- 
bürger Sachsen weiss, habe ich \or jähren gelegentlich erfah- 
ren oder während der abfassung dieses aufsatzes in aller eile 
erfragt. Brikbrecher, scientifischer leiter der ev. sächs. ober- 
realschule in Hermannstadt, schrieb mir vor jähren: ,,Tanörung 
bezeichnet auch in Schässburg, Gr. Alisch '^, Gr. Lassein ein 
durch einen Zaun abgesperrtes Grundstück, Viehgarten". Üb- 
rigens werde das wort im dialekt tanuorunk gesprochen und 
sei auch in Birthälm bekannt. Demgegenüber behauptete Fa- 
bini, Oberlehrer am ev. sächs. gymnasium in Schässburg, das 
wort werde nur \on der früheren Hallerschen besitzung bei 
Schässburg (Weisskirch r= Feheregyhäza) gebraucht. Keintzel, 



* HORGER, der vor kurzem eine monographie über diesen aus- 
fall kurzer vokale im ungarischen geschrieben hat, stellt alle auf diese 
weise entstandenen konsonantengruppen zusammen, ein -nr- kommt in 
dieser Zusammenstellung nicht vor, wohl aber ein rn (statt dessen spä- 
ter infolge eines druckfehlers rm steht!). S. Egy ismeretlen magyar 
hangtörveny in N^'elveszeti füzetek nr. 65 p. 35 und .39 (Nyr. XL 14 
und 17). 

- Briebrechers vater war ev. pfarrer in Gr. AUsch. 



Ung. tanörok. 55 

ev. pfarrer in Heidendorf bei Bistritz, schreibt mir am 24. nov. 
d. j.: Tanörung ^ein grosses, eingefriedigtes grundstück", be- 
sonders wiese (Schässburg); ferner: Tanörung: „grundstück 
mit wohngebäuden" nach pfarrer Mätz (Rohrbach). Aus der 
Bistritzer und der^ Regener gegend ist mir das wort unbekannt. 
— Herr pfarrer Keintzel war so freundlich mir diese, wie er- 
sichtlich, recht dürftigen daten aus dem für das sieben. -sächs. 
Wörterbuch gesammelten material mitzuteilen. Schullerus, ev. 
pfarrer in Hermannstadt, der hochverdiente redakteur dieses 
sonst an sprachstoff so überreichen Wörterbuches, war so lie- 
benswürdig selbst auch einige Zeilen an mich zu richten. „Ich 
kenne", schreibt er, „Wort und Sache nur als an de Tanö- 
rungen [-— in die oder in den tanorungen] in Schässburg und 
Tonorock in Felmern." Es folgt ein zitat aus dem Korres- 
pondenzblatt des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, auf 
das ich später übergehe. Herr stadtpfarrer Schullerus fährt 
danach fort: „Ebenso Schässburg wie Felmern liegen nahe an 
der .Szekler Grenze, daher wol das Lehnwort (In Felmern bei 
Reps hat es bis in das letzte Alenschenalter hinein einen ver- 
hältnismässig starken Bruchteil magyarisch sprechender Bevöl- 
kerung gegeben)". In dem obengenannten Korrespondenzblatt 
war auf die frage „Wo ist der Flurname Tanörung bekannt 
und was bezeichnet man damit" s. IV 47, folgende antwort 
eingelangt: „In Felmern gibt es ebenfalls ein Tonorock (so ge- 
schrieben in der Kirchenmatrikel, dem entsprechend auch im 
Volksmunde). Däs wort bezeichnet hier einen fest oberhalb 
der Gemeinde hinter den Baumgärten gelegenen Complex von 
Wiesen und Aeckern, welche durch ümhegung während der 
Brache dem Flurzwang und insbesondere der Beweidung durch 
die Gemeindeherde entzogen werden. Im magy. Wörterbuch 
von FoGARASCHi finde ich: Tanorok, das Feldgehäge'' s. p. 72. 
Im walachischen kenne ich das wort aus Dames Wörter- 
buch: Tanärog 'endroit oü l'on enferme les bestiaux trouves 
paissant dans les champs ensemences" und aus dr. George 
Maiors Politica agrarä la Romäni, Bucuresti 1906. Maior ge- 
braucht das wort an 2 stellen. Auf p. 3 sagt er \on den al- 
ten daken und geten: Ei aveau lanurile lor inconjurate cu tar- 
curi — tinäroagele de astäzi, d. i. "sie hätten ihre mit hecken 
umgebenen felder — die heutigen tinärogs'; auf p. 9 aber 



56 Oskar Asböth. 



spricht er von dem heutigen feldbau der walachen in den ge- 
birgen sowohl diesseits als jenseits der Karpaten und erwähnt 
in diesem Zusammenhang mit hecken umzäunte felder und heu- 
wiesen, sogenannte tinärogs (Sistema de plugärie ce se prac-' 
ticä azi in regiunile muntoase atät dincoace cät si dincolo de 
munte in Carpati, este sistema moinelor, avänd lanurile si fa- 
netele imprejmuite cu tarcuri asä numite tinäroage). 

Ich brauche kaum noch besonders darauf aufmerksam zu 
machen, dass auch die siebenbürger Sachsen und walachen ihre 
aus tanörok gewordenen Wörter in einer bedeutung gebrau- 
chen, welche vortrefflich zu dem slav. travnik stimmt, von 
dem ich ausgehe. 

Wir können nunmehr beruhigt das ung. tanörok einer 
ganz speziellen gruppe slavischer lehnwörter einreihen, welche 
schon bisher ein abgeschlossenes kleines, aber recht beredtes 
bild von dem fremden einfluss darbot. Unser travnik >• ta- 
nörok lässt sich mit folgenden slav. lehnwörtern in eine gruppe 
zusammenfassen: pazit >> päzsit 'rasen', seno >■ szena 'heu', 
kosa ^ kasza 'sense', greblo > gereblye 'rechen', vila >> 
Villa 'gabel' (vasvüla 'heugabel', \^'örtl. „eiserne gabel"), paazi- 
na >> pözna 'grosse Stange, wiesenbaum' (s. Jagic-festschrift 
242 und Nyr. XXXIX 392), stog > asztag 'heuhaufen, Scho- 
ber', kozElt > kazal 'triste', kladna > kalangya (s. Xyr. XXMII 
439 ff.) 'heuhäufchen'. Den zuletzt genannten asztag, kazal, 
kalangya, welche verschieden grosse heuhaufen bezeichnen, 
könnte man versucht sein noch petrence anzuschliessen, das 
einen kleinen heuhaufen bezeichnet, „wie ihn 2 menschen auf 
2 Stangen auf einmal forttragen können" ; das wort ist geo- 
graphisch so weit verbreitet, dass es immerhin ein altes slavi- 
sches lehnwort sein kann, und das reizt unsere wissbegier, 
sonst aber wissen wir auch heute nicht mehr darüber zu sa- 
gen als der gute alte Leschka vor nahezu 100 jähren ganz ver- 
nünftig darüber gesagt hat: ^ 

,.Petrentze, p. o. szena Heuhäufel, est slavicum petrenec 
sena, et quia Magyari pleraque vocabula in oeconomia a Sla- 



* Leschkas Elenchus, aus dem Miklosich so viel für seine 
Slav. Elemente im Magyarischen geschöpft hat, ist 1825 erschienen, 
doch die erlaubnis zum druck war 1815 gegeben, und der verdiente 
Verfasser war schon 1818 gestorben. 



Ung. tanorok. 57 

vis acceperunt, e. 14. Asztag, Borona, Esztege, Kalasz, Kapa 
kapalni, Kasza kaszälni, Kazal, Szalma, Szena, Villa, etc. quidni 
etiam Petrentze?*' 

Auffallend ist nur, dass das wort den slavischen sprachen 
sonst fremd ist, bloss das slovakische hat ein petrenec gen. 
-nca, und auch das wissen wir uns nicht zu erklären. Doch 
gelingt es vielleicht einmal jemandem durch einen zufall oder 
durch glückliche komhination dasselbe ebenso zu erklären wie 
unser so lange in seinem eigentlichen wesen unerkannte tano- 
rok uns endlich klar geworden ist. 

Budapest, d. i. dez. 191 1. OSKAR ASBOTH. 

(Nachtrag.) Mein aufsatz war schon abgeschlossen und 
abgeschickt, als ich aus Felmern von der dortigen volksschul- 
lehrerin frl. Mathilde Schuster eine antwort erhielt, welche 
das aus Felmern früher mitgeteilte Tonorock in vollkommen 
neuem licht erscheinen Hess. Ich setze zuerst die hochinteres- 
sante auskunft in vollem Wortlaut her und knüpfe dann meine 
bemerkungen daran: 

„Das Wort", schreibt frl. Seh., „klingt bei uns Tonerok, 
deutlich ohne n, dumpfes e in der Mitte, die Betonung auf der 
letzten Silbe. Es wird ganz allgemein gebraucht zur Be- 
zeichnung eines bestimmten Stückes Grund, der nicht in die 
Dreifelderwirtschaft einbezogen wird, darum im Jahre der 
Brache regelrecht umzäunt wird. Jetzt gehört der Grund der 
ev. Kirche und wird dem Organisten zur Benutzung überlas- 
sen. In Mehlburg soll es auch einen Tonerok geben, der Kir- 
chengrund ist. Auch in unserer Xachbargemeinde kennt man 
den Ausdruck." 

Es geht aus dieser genauen feststellung der ausspräche 
hervor, dass wir es hier mit einer form zu tun haben, welche 
von dem sonst bekannten tanorung ganz und gar zu trennen 
ist und gar nicht aus dem ungarischen stammt, sondern aus 
dem walachischen. Dies beweist nicht nur der ganze habitus 
des Wortes, sondern vor allem die betonung der letzten silbe, 
welche aus dem wie jedes ung. auf der ersten silbe betonten 
tanorok schlechterdings nicht erklärt werden kann. Im wa- 
lachischen hat sich das wort an die aus dem slavischen stam- 
menden oxytonierten suhstantiva wie zalog, birlög, pirlog, po- 
16g, potlog, (>• plotög), räzlog angelehnt. Auf die betonung 
der letzten silbe hätte man allerdings auch schon aus der 
Schreibung des Wortes in der kirchenmatrikel (mit ck im aus- 
laut) schliessen können, doch wäre das immerhin bei \-ollkom- 
mener Unkenntnis des datums und der Orthographie dieser auf- 



[ 



58 Oskar Asböth. 



Zeichnung etwas misslich gewesen, und eine direkte bestätigung 
dieses wichtigen umstandes war sehr erwünscht. Zu der an- 
nähme des walachischen Ursprunges der in Felmern gebrauch- 
ten form des Wortes stimmt vortrefTlich die „dumpfe" aus- 
spräche des in der mittleren silbe gesprochenen vokals, sie tritt 
uns ja auch in dem walachischen entgegen (bei Dame tanarog, 
bei Maior tinärog — a ist eben das gewöhnliche zeichen für 
einen eigentümlichen dumpfen laut, der akzent aber ruht auf 
der letzten silbe, wie dies der bei Maior mit dem hinten ange- 
tretenen bestimmten artikel verbundene nom. plur. tinaroage be- 
weist, da nur ja ein betontes o unter gewissen lautlichen bedin- 
gungen zu oa werden kann). Das in Felmern gebrauchte wort 
stammt demnach aus dem walachischen — die bevölkerung 
von Felmern ist zur hälfte walachisch! — , aber auch so ist es 
ein neuer beleg, wenn auch nur für die bedeutung des ung. 
Wortes, und auch sonst kulturhistorisch als mittelbarer beleg 
interessant. 



Budapest, d. 5. dez. 191 1. 



J. Endzelin. über d. nationalität d. kuren. 59 



Über die nationalität und spräche der kuren. 



Literatur: 

K. F. Watson, Darstellung der alten Eintheilung von Kurland, 
wie die Deutschen solche vorfanden (Jahresverhandl. d. kurl. (ies. f. 
Litt. u. Kunst. II 281 ff.). " 

F. J. WiEDEMANN, j. A. Sjögren's Livische Grammatik nebst 
Sprachproben, XIV ff. 

A. BiELENSTEiN, Die Grenzen des lettischen Volksstammes und 
der lettischen Sprache in der Gegenwart und im 13. Jahrhundert (zitiert 
mit BGr.). 

I. Trusman, O proischozdenii Korsi (Zivaja Starina III 64-90). 

A. PoGODiN, Neskolko slov o Kuronach, 1. c. III 571-2. 

Sonstige a b k ü r z u n g e n : 
BLSpr. = A. BiELENSTEiN, Die lettische Sprache. 

BzprL= A. Bezzenberger, Über die Sprache der preussischen 
Letten. 

BW = K. Barons und H. Wissendorffs, Latvvju dainas. 

Mag. '-= Magazin, herausgegeben von der Letiisch-literärischeu 
Gesellschaft. 

U = C. Chr. Ulmann, Lettisches Wörterbuch. 

I z v. = Izvestija otdelenija russkago jazyka i siovesnosti Imper. 
Akademü Nauk. 

fln. = flussname; o n. — ortsnanie; p n. ^ personeuname. 

Nach Watsons versuch, die Identität der kuren mit den 
leiten nachzuweisen, sind Wiedemann, Bielensteix und Trus- 
MANN bemüht gewesen die kuren als identisch mit den liven 
zu erweisen. Und es scheint, dass ihre ansieht jetzt vor- 
herrscht, denn bisher hat ihr, soviel ich weiss, nur Pogodin 
und auch nur teilweise widersprochen. Er gibt nämlich Bie- 
LENSTEiN zu, dass die bevölkerung der vier südlichen landschaf- 
ten im alten kurenlande (Duvzare, Ceclis, Megowe und Pilsaten) 



6o J. Endzelin. 

von der bevölkerung der vier nördlichen landschaften ethnolo- 
gisch verschieden gewesen ist (scheint also auch der ansieht 
zu sein, dass die kuren in Vredecuronia, Winda, Bandovve und 
Bihavelanc liven gewesen sind), meint aber, dass die bevöl- 
kerung der vier südlichen landschaften nicht zemaitisch, son- 
dern ein „besonderer litauischer stamm" gewesen ist, der sich 
später den litauern und letten assimiliert hätte und der viel- 
leicht unter den kuronen in Kleixs litauischer grammatik (v. 
jähre 1653) -zu verstehen sei. Nach meiner ansieht dagegen 
sind die kuren im ganzen kurenlande keine liven, aber auch 
weder litauer, noch letten gev\'esen, sondern ein baltischer 
stamm, der einen Übergangsdialekt zwischen dem lettischen 
und litauischen gesprochen hat und nachher sich den letten 
und litauern assimiliert hat. Diese ansieht habe ich zuerst in 
der lettischen zeitung Dsimtenes Wehstnesis (1911, nr. 43) 
geäussert und kurz motiviert. Daraufhin hat herr K. Büga, 
mir hierin beistimmend, mir weiteres material zur frage freund- 
lichst zugeschickt, wofür ich ihm sehr dankbar bin, und mir 
geraten diese frage noch eingehender zu bearbeiten und die 
resultate auch w^eitern kreisen zugänglich zu machen. Das will 
ich denn nun an dieser stelle tun, wobei die Zusammenstellun- 
gen, die ich herrn K. Büga verdanke, weiter unten im text mit 
B. bezeichnet werden. Da mir sehr viel daran gelegen ist mein 
positives material möglichst vollständig zu geben, so muss ich 
hier aus zeit- und raummangel darauf verzichten die abwei- 
chenden ansichten ausführlich zu widerlegen, und will nur das 
anführen, was mich zu meiner annähme bewogen hat. Nach- 
her kann ja jeder leicht nachprüfen, wessen ansieht wahr- 
scheinlicner ist. 

Bis zum 15. Jahrhundert nennen unsere quellen nur „ku- 
ren" als bevölkerung des kurenlandes. Nun hat aber Bielen- 
STEiN nachgewiesen, dass schon im 13. Jahrhundert im kuren- 
land halten ^ neben finnen {= liven) gehaust haben. Daraus 
scheint nun zu folgen, dass man alle bewohner des kurenlan- 
des (halten und finnen) „kuren" genannt hat, denn es wäre 
doch recht sonderbar, wenn beständig nur der eine stamm er- 
wähnt wäre. Zugunsten dieser geographischen bedeutung des 



1 BiELENSTElN selbst sagt unvorsichtis: : letten. 



über d. nationalität d. kuren. 6l 



kurennamens Hessen sich vielleicht die urkundlich überlieferten 
Personennamen der „kuren'' anführen, die teils finnisch, teils 
haltisch sind, vgl. BGr. 287 ff. und 444 und Trusman 1. c. 
74 ff. ^ Aber einen ganz sichern bev^/'cis liefern sie nicht, denn 
man muss mit der niöglichkeit rechnen, dass die liven sich per- 
sonennamen ihrer baltischen nachbarn angeeignet haben. Je- 
denfalls ist eine geographische bedeutung des kurennamens nicht 
undenkbar, sondern verständlich, wenn man erwägt, dass im 
kurenlande halten mit liven gemischt gelebt haben (vgl. BGr. 
324 und 333) und politisch also als eine einheit betrachtet 
werden konnten, und wenn die liven erst später (als halten) 
in das land eingedrungen sind, das schon nach dem namen 
der haltischen kuren benannt war; endlich muss auch in be- 
tracht gezogen werden, dass die livischen einwanderer damals 
vielleicht ebensowenig einen eigenen volksnamen gehabt haben 
wie jetzt, vgl. Wiedemann l. c. XIX. 

Dass aber ursprünglich der kurenname nicht finnen, son- 
dern halten bezeichnet hat, dafür scheinen mir folgende er- 
wägungen zu sprechen. Nach den historischen Zeugnissen des 
13. Jahrhunderts umfasste das kurenland nicht bloss den west- 
lichen teil des jetzigen kurländischen gouvernements, sondern 
auch den nordwestlichen teil des gouvernement Kowno und 
sogar einen teil des jetzigen Preussen, v'gl. BGr. 175 ff. Und 
dass dieser südliche, jetzt von litauisch sprechender bevölkerung 
bewohnte teil nicht nur politisch oder geographisch zum alten 
kurenlande gehörte, sondern wirklich wenigstens teilweise von 
kuren bewohnt war, dafür sprechen folgende Ortsnamen aus 
jener gegend: Gross- und Klein-Kurschen, Kurschen-Andres, 
Kurschlauken (im kreis iMemel), Steponkuhren (im kreis Heide- 
krug) BGr. 377, vgl. auch Grenz-Kuhren, Neu-Kuhren, Gross- 
und Klein-Kuhren (an der nordküste des Samlandes) und Kor- 
schellen '^ (im kreis Heiligenbeil) und Korschen ^ (im kreis Ras- 
tenburg) BGr. 380, ferner Kurszaite, Kurszany (lit. Kurse'nai), 



' Tkusmans abhandlung ist allerdings mit der grössten vor- 
sieht zu benutzen, da er zuweilen echt baltische namen für fin- 
nisch ausgibt, was übrigens mitunter auch Bielensteix passiert. 

2 ö aus ü findet man in der spräche derjenigen litauer, die 
jetzt den südlichen teil des alten kurenlandes bewohnen. 



62 J. Endzelin. 

Kursze, Kurszi (lit. KurSiai, im kreis Telsz) BGr. 385. Dane- 
ben vorkommende Ortsnamen wie Latveliai (auch im Telsz- 
schen kreis) scheinen dafür zu sprechen, dass die zemaiten 
kuren von letten (wie auch von sich) unterschieden. Diese 
Ortsnamen stammen natürlich aus einer zeit, wo neben kuren 
litauer wohnten. Für die ehemalige existenz der kuren in jenen 
gegenden gibt es noch folgende Zeugnisse: Rimberts ,,vita Ans- 
garii" (aus dem ende des 9. Jahrhunderts) berichtet von einem 
kriegszug der Schweden gegen die kuren in Apulia (= zem. Apö'ule 
bei Schoden), und in einer Urkunde aus dem anfang des 15. 
Jahrhunderts (hei Wiedemann 1. c. XLVIII) werden kuren er- 
wähnt, die der komtur von Memel als briefboten nach Win- 
dau benutzt, die also wohl in der nähe von Memel ansässig 
waren, vgl. auch die stelle aus der reimchronik BGr. 378^ 
Nun findet man aber finnische elemente weder in den Ortsna- 
men noch in der spräche der jetzigen litauer jener gegenden, 
und „in kaum nennenswerter zahl" nördlich davon — im Süd- 
westen Kurlands, vgl. BGr. 316. Bielenstein hält daher die 
südlichen kuren für letten, indem er meint, dass der kuren- 
name „schon sehr früh von den finnischen kuren am strande 
auf die weiter im binnenlande sitzenden letten durch die see- 
fahrenden und noch nicht über die ethnologie reflectierenden 
germanen übertragen wurde" (Gr. 330). Im munde der ger- 
manen ist eine solche falsche ausdrucksweise allenfalls denk- 
bar; aber die zemaiten, die dörfer ihrer baltischen nachbarn 
Kurse'nai oder Kursiai nannten, mussten und konnten doch 
wohl wissen, ob sie es mit finnen oder halten zu tun hatten. 
Nun meint Bielenstein freilich, dass der kurenname von 
den finnischen „eroberern" auf die „besiegten letten" übertra- 
gen sei (1. c. 330). Man kann allenfalls zugeben, dass die 
kurländischen liven sich ihre sitze in Dondangen und im ge- 
biet der untern Windau erkämpft haben; aber dass sie sich 
jemals das ganze alte kurenland (bis nach Memel hin) unter- 
worfen- hätten, dafür finde ich in der historischen Überlieferung 
gar keinen anhaltspunkt. Eine so abenteuerliche annähme wäre 
nur in dem falle erlaubt, wenn man ein zeugnis dafür hätte, 
dass der kurenname ursprünglich von einem finnischen stamm 
geführt worden i.st. Ein solches zeugnis finde ich aber nir- 
gends; wohl aber gibt es direkte Zeugnisse dafür, dass die ku- 



über d. nationalität d. kuren. 63 

ren keine finnen, aber auch weder leiten noch litauer, sondern 
ein zwischen diesen stehender baltenstamm waren. 

Schon Watson hat darauf hingewiesen, dass nach einer 
Urkunde v. j. 1338 ein bach in der Hasenpotschen gegend „up 
Cursch" Agmennewalke hiess, also unverkennbar einen balti- 
schen namen führte (vgl. BGr. 298 f.); unter „kurisch" ist 
hier demnach ein baltischer dialekt gemeint. Ferner berichtet 
der reisende G. de Lannoy, dass er auf einer reise im jähre 
1413 zwischen Libau und Riga (über Grobin, Goldingen und 
Kandau) dörfer der semgallen {= letten), kuren und liven pas- 
siert hätte, „lesquels ont chascum ung langaige a par eulz" 
(bei WiEDEMANN 1. c. XL VIII). Hier werden also kuren von 
liven und letten ausdrücklich geschieden. Weiterhin sagt der 
Chronist Balthasar Rüssow i. j. 1577, dass die „Völker" Kur- 
lands der kurischen und livischen spräche „gebruken", 1. c. 
XLVIII. Endlich hat man eine nachricht von M. Brandis (vom 
j. 1600): „das Kurländische Fürstenthum hat unter den Bauern 
eine eigene Sprache, die doch etlichermaassen der lettischen 
sich vergleichet' (daneben wird darauf die livische spräche 
in Kurland erwähnt), 1. c. XLIX. Danach war das kurische 
mit dem lettischen verwandt, aber nicht identisch. Nach den 
angaben des A. Bureus (v. j. 1631), I. Scott (v. j. 1639) und 
P. Einhorn (v. j. l049) aber sprachen die kuren schon lettisch 
(vgl. 1. c. XLIX), d. h. zu der zeit hatten sich die kuren den 
letten (und im Süden den litauern) schon assimiliert. ^ Noch 
jetzt aber nennen sich die lettisierten kuren der nehrung kvirsi- 
neki (BzprL 135) und werden von den litauern kufsiai genannt. 

Die erhaltenen Ortsnamen und die lettischen und litaui- 
schen dialekte bieten uns auch die möglichkeit die spräche der 
kuren noch näher zu charakterisieren. Mit dem lettischen hatte 
das kurische den wandel von It, g zu c, dz und s, z für lit. 
s, z gemein, mit dem litauischen dagegen die erhaltung von 
tautos\ilabischem an, en, in, un (> lett. ü, e, i, ü). Auch hatte 
das kurische gleich mundarten des zemaitischen in flexions- 



1 Im südlichen teil scheinen sich kurische Sprachelemente 
länger gehalten zu haben; nach Prätorius (etwa 1680) sagten die 
preussen vvirdas, die litauer — wardas, die kuren aber — werdas 
(vgl. dagegen lett. väräsj, BzprL 139. 



64 J. Endzelin. 

Silben ^ 1;, d' aus tj, dj (> lit. e, di, lett. s, i). s, z (für lit. s, i) 
hat man in folgenden namen: Avese on. BGr. 226: lit. Aviäiai 
on. unter Dusetos B.; Birsegalwe on. 222 und Birsine on. 236, 
vgl. lit. birzys „birkenhain"; Grese on. 236, lett. jetzt Greze; 
Sakka on. 218, vgl. 282: lit. saka „ast"; Sventaja (oder Sven- 
täja.^) fln. 380^ und Svente on. in der nähe dieses flusses: lit. 
sventas „heilig"; Talsen on. 187 (jetzt lett. Talsi) und Telse ^ 
on. 224: lit. Telsiai on.; Saggara on. 197: JKarapu on. in Li- 
tauen; Sarde on. 252, vgl. 376: lit. ^äxde; Sare on. 241: lit. 
l^arenai on.; Pewenseme on. 213, Kalnesemme on. 236, Zekulm- 
seme on. 238, Leypiaseme on. 241: lit. zeme „erde"; Zentene 
on. im Talsenschen kreis: lit. zentas „Schwiegersohn" (mir ist 
ein lettischer familienname Zentelis bekannt). 

Für c, dz aus k, g gibt es folgende beispiele : Äsen, 
Adze on. 207 (jetzt lett. Adze; vgl. d. Adsel, on. in Livland); 
Cersangere on. 183 (wohl Cörsangure zu lesen, vgl. lett. Engure); 
Cervicalle on. 195 (lett. jetzt Cerkale); Zerenden ^ on. 205 ! jetzt 
Cerende), vgl. Ceraukste on. in Kurland und den lit. on. Ke- 
re'äiai B. und betreffs des suffixes on. wie Ivande; Zilden on. 
211 (jetzt Cüde); Cirava on. im Hasenpotschen kr.; Darzeppeln 
on. 279 u. 377: lett. ceplis „ofen"; Cunce on. im Talsenschen 
kr.: zem. kiunke „geschmorte abgeschabte kartoffeln" B.; Ze- 
gere on. 239: lit. Gegrenai; Celde on. 203 und Zelde 221 (jetzt 
Dzelde); Dzerbiten on. 208, vgl. Dzerbene in Livland; Zerwe, 
Serwe on. 222 (jetzt Dzerve); Sintere on. 218 (jetzt Dzintere): 
Sirien on. 196 (jetzt Dztre oder Zire, vgl. 1. c. 284); Eze on. 



1 Vgl. dazu meine C.ianHHo-6a.iTi(icKie axHau 65. 

2 Jetzt lett. Täsi (d. Telssen); wenn der lettische name mit 
dem urkundlichen Telse zusammenhängt, wird er wohl zunächst 
auf *Tälsi zurückgehen. Dies aber erinnert an das westkurl. gala 
(für sonstiges galva »köpf»), das wohl auch ein *galva voraus- 
setzt. Vielleicht hat also im kurischen der akut ebenso eine deh- 
nung der vokale vor tautosyllabischem 1 bedingt wie im litauischen. 
Vor tautos3-llabischem r findet man noch jetzt im westkurländischen 
dialekt regelmässige dehnung aller vokale (ohne unterschied der 
intonation), wobei i und u über i, ü (^ ie, üo) weiter zu e, ü ge- 
worden sind. 

^ Das daneben bezeugte Scherenden bedeutet wohl Skerende; 
das kurische hätte dann gleich dem lettischen k nach einem Zisch- 
laut bewahrt. 



über d. nationalität d. kuren. 65 

209 (jetzt Edze); (lit.) Gaice on. 279 und 377; Grendze on. 
im Tukumschen kr.; Ylse ^ on. 220 (deutsch: Ilgen, das wohl 
auf eine litauische form zurückgeht); Ladze on. 186; Laydze 
on. 195; Lanze on. 198 (jetzt Landze: lit. Langeliai on. unter 
Dusetos B.); iMedze 2 on. 224, vgl. Megovve on. 245 und lit. 
Megotas fln. im Kownoschen kr. B.; Nica on. bei Libau (ety- 
mologie bei Prellwitz, Etymol. VVitb. d. griech. Spr.'^, 306 u. 
308); Pretzele on. 230; Pretzitwe on. 241 (vgl. den on. Prö- 
kule); Radze on. 216 (vgl. lett. radzes „kalksteine"j; Rutzowe 
on. 231 (jetzt Rucava=:zem. Rükiava); Swencele on. 377; 
(„de beke") Sentatze-^ fln. 452 („dar komt twe beken tosa- 
mende"), vgl. zem. santakys B.; Vandzene on. im Talsenschen 
kr., vgl. weiter unten on. auf -vanga. 

Nun findet man aber in Westkurland auch einige on. auf 
-la: Apriki, Jamaiki, Lipaiki, Strüki, Tadaiki, Usaiki, Valtaiki. 
Da die übrigen on. Übergang von k zu c aufweisen, ist 
dieses -aiki nicht mit lit. -eikia- zu vergleichen (für das Büga 
Lietuviu tauta I 82 ff. belege gibt). Aufklärung" über das k 
geben die altern urkundlichen formen dieser namen, die für k 
noch t aufweisen : Appreten BGr. 223, Jameiten 205, Lippayten 
206, Strutte 224, Todayten 220, Unseten 220, Walteyten 205 
(zum baltischen suffix -aitja- vgl. Leskiex, Bild. d. Nomina im 
Lit. 574). Wenn man bedenkt, dass lett. k, g als stark er- 
weichte 1:, d' gesprochen werden (daher denn auch russ. t;, d' 
in lehnwörtern durch lett. k, g wiedergegeben werden, vgl. 
BB XXIX 187 f.) und dass auch das zemaitische (dem sich 
die südlichen kuren assimiliert haben) in flexionssilben t!, d' aus 
tj, dj aufweist, so wird man daraus den schluss ziehen, dass 
in jenen Ortsnamen das jetzige k altkurisches i aus tj vertritt. 



1 In den formen Äsen, Serwe, Sintere, Sirien und Ylse kann 
s vielleicht dz bedeuten, vielleicht aber auch z: im lettischen, be- 
sonders in Westkurland und zumal im dialekt der preussischen 
letten (»kuren») findet man z für dz, vgl. BB XXIX 183 fF. und 
die angäbe des Prätorius, dass die kuren mes sirdime (^>vvir hören») 
sagten, BzprL 139. Es scheint demnach in einem teil der alt- 
kurischen mundarten dz zu z geworden zu sein. 

2 BiELENSTEix hält es 1. c. 307I (wie auch Cerende) für 
livisch; aber sichere beispiele für c, dz aus k, g in lehnwörtern 
aus den finnischen sprachen gibt es nicht. 

•^ sen, sen- ist auch apreuss., lett. dagegen sü- aus *san-. 

Finn.-ugr. Forsch. XII. 5 



66 J. Endzelin. 

Man wird nun auch einige lettische formen mit Ic (g) für t (d; 
als lehnwörter aus dem kurischen betrachten dürfen, so kalas ^ 
„katze" (vgl. lit. kate), pupukis neben puputis 2 „Wiedehopf" 
(= lit. pupütis bei Leskien 1. c. 577), und vielleicht suiltis und 
Plugi bei BiELENSTEiN LSpr. I 182 (über s'ügis und skaügis da- 
gegen vgl. BB XXIX 188*). 

Die bewahrung von tautosyllabischem n bezeugen (ausser 
formen, die schon oben unter den beispielen für s, z aus s, z 
und c, dz aus Is, g angeführt sind) folgende namen: (d.) Ba- 
ianden on. (in der nähe von Alschvvangen): lit. Balandziai on. 
(bei Tauroggen) B., zu lett. balüdis, lit. balandis „taube"; 
Bandowe on. BGr. 2(X): pr. Banditten on. und Bandeke pn. 
bei Nesselmann, Thes. 1. pruss. 15, B.; Bentepürge on. 452; 
Blendene on. (bei Hasenpot): lj.ieH;i,3JiHKa fln. im gouvern. 
Suvalki, zu lit. blendis „saa-l weide" (z. b. Anykszczü szilelys 
78 und BüGA, Aist. Stud. I HO), vgl. daneben lett. Blidene 
on.: lit. Blindäjus fln. zu blindis ,,weidenstrauch" B.; Blintene 
on. bei Alsch\\-angen ; Donedange ^ on. 188, Kazdanga on. (im 
Hasenpotschen kr.), Urdanga on. (im Grobinschen kr.), Stakal- 
danga on. bei Hasenpot zu westkurl. danga „ecke" (BLSpr. I 
144); Goldingen on. 305, vgl. lit. on. Kretingä, Nedinga, Gan- 
dinga B. (die altkurische form mit n ist jetzt durch das letti- 
sche Kuldiga verdrängt); „de brugge" Gr\mde 452: lett. grida 
„diele", lit. grindis „dielenbrett" ; Ywande on. 209 (jetzt 
Ivande): pr. yvanthi, rivus (Nesselmann 1. c. 58), Ywaide fln. 
in Sudauen (Scr. rer. Pruss. II 684) B.; Candowe (jetzt Kan- 
dava) on. 185 und (d.) Kandeln on. (im Hasenpotschen kr.): 
pr. Canden on. (NESSEL^L\N.v 1. c. 64) B.; Krunkle on. 452, 
vielleicht zu lett. krükle(ne)s „viburnum opulus" ; Lancseden 
on. 199 una Karilanken on. 210 zu lanka „feuchte wiese" 
Ringen, Neuenburg, BW 655 (aus KabiUen), lit. lanka „tal"; 
Lindale on. 221: pr. a. s. lindan „tal", linde-lauvvken on. und 
linden-medie, nemus (Nesselmann I. c. 94) B.; Minte pn. 290: 



^ Ursprünglich wird man dekliniert haben: nom. s. *katis, 
gen. s. kaka usw., vgl. BB XXIX 189. 

2 Daneben allerdings auch ein synonymes pupucis, Etnograf. 
sii'ias par latweescheem, I pag. 6. 

* Im jetzigen Dundanga ist u lautgesetzlich aus älterem u 
entstanden. 



über d. nationalität d. kuren. 67 

jatv. MiiHTLMA pn. (IIoJiii. coöp. pyccK. xhr. IP 870) B.; Ni- 
grande on. (im Hasenpotschen kr.), vgl. hinsichtlich des Suf- 
fixes Baianden, Ywande, Zerenden, und lit. Girvandis pn. (ne- 
ben Girves kalns on.), Gilandziai on., Kruvandai on., skilandis 
„wurstmagen" u. a. B.; Otange fin. 226; Palange on. 246 und 
(d.) Polangen on. (in der nähe von Katzdangen); Pundiken und 
Papundiken on. 446 nebst Pundere on. (im Tuckumschen kr.); 
Scrunden on. 206 (jetzt Skrunda, an der mündung eines ne- 
benflusses der Windau): apr. scrundos „schere"; Stembre 
on. 450: lit. stembrys oder stembras, lett. ste'brs „Stengel"; 
Pastenden on. 187 und Stende on. und fln. bei Talssen; Wan- 
deren on. 233: lit. vandü, as. watar „vvasser" B.; Aliswangis \ 
Alswanghen 2 on. 206, Evvangen on. 219, vgl. oben Vandzene-' 
und BGr. 284 (auch alit. vanga „acker" bei Bezzenberger, 
Beitr. z. Gesch. d. lit. Spr. 337) ; Vense (jetzt Venzava) on. 
195 und 198: VVinse, silva in Sudauen (Nesselmann 1. c. 206) 
B.; Vcnta fln., vermutlich von der gleichen wurzel wie lit. 
Vencia-rägas on. (bei Bezzenberger, Lit. Forschungen 12 und 
196) und Wentainen on. BzprL 139' (= lit. ■'■Ventainiai), wes- 
halb Bielensteins ableitung Gr. 193 von liv. vent „dehnen" 
(vgl. übrigens auch 201' und 477) ganz unwahrscheinlich ist, 
zumal der wurzelbegriff von liv. vent für einen fln. ganz un- 
geeignet ist. Im hmblick auf fln. wie lett. Lel-upe und r. 
BeJinKaii deute ich Venta •* als die ^Grosse", indem ich es als 



' Wegen des i vgl. lit. alisknis bei Szj'rwid oder aliksnis 
»erle> in Dusetos, B. 

2 Jetzt Alsvanga, wohl aus *Al§n-(u)-vanga mit sn aus snj. 

•' Herr Büga macht mich auch auf Vangalnesi BW 9762,1 
und 10967 var. (aus Dondangen) aufmerksam; nun ist mir ein 
entsprechender gutsname unbekannt, sodass Vangalneäi sein erstes 
n vielleicht durch dissimilation aus 1 hat und die leute von Val- 
gäle (d. Waldegahlen) bedeutet. 

* \'on der Venta hatten wohl ihren namen die kurischen 
wenden der chronik Heinrichs (vgl. BGr. 334 ff.), wie denn heute 
noch die anwohner der untern Windau Ventini genannt werden. 
Nur waren diese wenden keine letten, wie man gemeint hat, son- 
dern (baltische) kuren. Darauf deutet allem anschein nach noch 
der on. Cursicule BGr. 55 (jetzt Kursesneku pagasts in Kremon). 
Als nämlich die wenden, aus der gegend des nachmaligen Riga 
vertrieben, zu den letten in Mittellivland zogen, kann unterwegs 



68 J. Endzelin. 

einen altkurischen namen zu aksl. v^stii „maior" stelle. — Man 
beachte namentlich die formen Svente, Zentene, Cersan- 
gere, Cerende, Cunee, Dzintere, Grendze, Landze, Sentatze 
und Vandzene, die neben n zugleich s, z (aus s, ä), resp. c, dz 
(aus Is, g) aufweisen, also weder lettisch noch litauisch sein 
können. Nun findet man auch jetzt noch im lettischen aus- 
nahmsweise Wörter mit au, en, un, in (statt ü, e, ü, i), vgl. eine 
unvollständige liste derselben BLSpr. I 144 ff. Leider ist zur- 
zeit die geographische Verbreitung der einzelnen beispiele für n 
nur zum teil ermittelt. Aber bei einer durchmusterung des 
ÜLMANNSchen Wörterbuches findet man, dass v^on denjenigen 
beispielen, deren fundort angegeben ist, der grösste teil auf 
V^'■estkurland entfällt. Und dazu stimmen meine eigenen beob 
achtungen und BW. Nach allen diesen quellen führe ich hier 
folgende beispiele aus Westkurland an^: bazninca „kirche" in 
Samiten (Bezzenherger, Lett. Dial.-Stud. 157) und Zirau (Mag. 
VIII, pag. 88, nr. 1125), vgl. lit. baznince bei Bezzenherger 
BB IX 333 (das n in diesem lehnwort muss allerdings unur- 
sprünglich sein); blankstites „auf die seite gehen" BW 21205 
(aus Zirau), vgl. auch U. (vermutlich identisch mit planstites 
U. = blandites); blenst „sehen, schauen" in Niederbartau 
(BLSpr. I 144), Rawen (BW 22249) und Preekuln; blezdelinga 
„mauerschwalbe" BzprL 144 oder bezdelinga (Austrums X 1, 
130); apbruncets „zerkoddert" in Essern U. (zur etymologie 
s. V. d. Osten-Sacken KZ XLIV 44); bundals „hölzerne butter- 
dose" in Suhrs oder bundulis in Samiten U. und bunduls in 
Neuenburg; centrs ^ in Sasmacken BW^ 12314 var.; dancis 



ein teil von ihnen in Kremon zurückgeblieben und ihre ansie- 
delung von den benachbarten liven Cursicule benannt worden 
sein. Unter den Curones des Chronisten aber, von denen die 
wenden von der Dünamündung (und vordem von der Windau- 
mündung) verjagt seien, sind offenbar die kurländischen liven zu 
verstehen. Es sei noch erwähnt, dass in der nähe von Wenden, 
wo sich die wenden niedergelassen haben, ein paar Ortsnamen an 
kurische on. erinnern: Inte, vgl. Inta-muiza bei Durben (man 
beachte das kurische n!), und Prekule, vgl. Prekule im Grobin- 
schen kr. und lit. Prekule bei Memel. 

' Einige formen mit n vor k, c, g, dz könnten übrigens ihr 
n aus m haben (vgl. Izv. XV 2, 203 f.) und in dem fall auch echt 
lettisch sein. 

^ Die Varianten dafür bieten dzt'drs »barsch». 



über d. nationalität d. kuren. 69 



„krummholz" in Essern U. (vermutlich von der gleichen Wur- 
zel wie dandzis „radfeige", bei U. ohne Ortsangabe, und ur- 
slav. *dQga „bogen, krummholz"); danga „ecke" in Xordwest- 
kurland BLSpr. 1 144, Alschwangen BW 16787, 16876 und 
21130, Zirau Mag. \'1II nr. 1338, Katzdangen BVV 21631 und 
BzprL 145, und gafas dangas vejs „südwestwind" in Nieder- 
bartau u.; dcnkts „stark" in Oberbartau U. (dazu dencis „ein 
kleiner, derber junge" bei ü. ohne Ortsangabe); denkutes in 
Dondangen BW 10071, 3; duncis „dolch" im Abaugebiet BB 
XVII 285; dzindzinät „summen" in Zirau IT.; (d)zintele „eiserne 
klammer" im Abaugebiet BB XVII 285; egansts „Ursache" in 
Dondangen (Bezzenberger, Lett. Dial.-Stud. 170); II s. imper. 
glendi „besieh" in Zirau BW 27409, 1 var.: urslav. *glcdeti; 
grundulis in Kabillen Mag. VIII nr. 549; jentere „des man- 
nesbruders frau" in Angermünde U.; kancinat „ausforschen" 
in Xordwestkurland BLSpr. I 145; g. pl. kankal'u in Nieder- 
bartau Mag. Vlll nr. 1463; apklencet „herumhumpeln um" 
in Kabillen 1. c. nr. 1877 (vgl. übrigens Izv. XV 2, 204); 
krantas „vorsprünge der dünen" BzprL 151; lanka s. oben; 
lendze „knoten, schleife" BzprL 152; lenkt „nachspüren" in 
Schrunden BW 607, Alschwangen BW 11985 und 12785, 
Angermünde BW 23566, 4; lente „brett" im Tahmischen U.; 
at-lingüt in .Alschwangen BW 23547; linkaja „langes weiber- 
kopftuch" in Russen U.; luük aus *lunka „bucht" in Felix- 
berg; mangüt ' „betteln, zu erhalten suchen" in Samiten l). 
und in Xeuenburg; menea „dorsch" in Zirau BW 18450 oder 
mencis in Xiederbartau BW 30810: lit. menke; mencis „ein 
mensch, dem sich nichts fördert" in Kursiten U.; minstites 
„nachdenken, um sich zu erinnern" in Russen U. (vgl. übri- 
gens Izv. XV 2, 209 und minstinät in Doblen BW^ 14590); 
a. s. pantu „glied" in Leitisneki und pants „ein gewisser be- 
standteil des pfluges" in Sackenhausen; planda BW 23583 
(aus Alschwangen, Rawen, Goldingen und W'indau); plandites 
„sich breit machen" in Zirau Mag. Vlll nr. 1338 und 1386; 
planki in Erwählen, s. U.; rankains in Kabillen BW 25794; 
randet „(einen bäum) fällen oder in klotze zerhauen" in Don- 



' Vielleicht entlehnt aus as. mangön » handeln > (aus lat. 
mangö »händler») und dann hier nicht in betracht kommend. 



79 J- Endzelin. 

dangen (Bezzenberger, Lett. Dial.-Stud. 174); rantet in Don- 
dangen oder renst in Popen „(einen klotz vom stamm) ab- 
hauen" (Bezzenberger, 1. c. 174), vgl. lett. rütit in Sauken U. 
und lit. rantyti, rfsti; rindät BW 16518 (aus Windau, Rothof, 
Wirginahlen, Rawen); ringät in Alschwangen BW 15642; 
sklandas „Stangenzaun" in Klein-Gramsden, Grösen und BW 
19788 (aus Rav^'en); nüskrendis in Alt-Seeksahten BW 19071; 
skundet „sich beklagen" in Samiten U.; saspranga „schnür" 
in Possen und Erwählen U.; a. s. simdu in Schleck Mag. \1II 
nr. 795; skindet „klingen" in W^irginahlen, Suhrs, BW 11782,1 
(aus Dubenalken), Goldingen (Mag. VIII nr. 869, 968), Zirau 
1. c. nr. 1097 und 1110, Kabilien 1. c. nr. 1913; skindzinät in 
Anzen oder skindinät ,. klingeln" in Russen U.; vandit „(heu) 
umwenden"' in Lippaiken; vingrums :=: aügums „wuchs" in 
Hasenpot U.; vinkal'at ,.die zeit vertrödeln" in Edwahlen U.; 
vinstetes „ringen" in Samiten U. Dann gibt es noch formen 
mit n, für die U. ganz unbestimmt Kurland als fundort angibt, 
so z. b. lanktes „haspel", cenceres „beine" u. a. Auch unter 
diesen gattungsnamen also findet man sehr charakteristische 
formen mit erhaltenem n neben c, dz. Izv. X\' 2,207 und 
212 f., als ich mich mit den kurischen sprachresten noch nicht 
befasst hatte, glaubte ich, dass die lettische vokalisation von 
tautosyllabischem n vor dem Übergang des k, g zu c, dz statt- 
gefunden habe, indem ich angesichts der litauischen behand- 
lung des n vor Spiranten im anschluss an Porzezinskij (cf. 1. c. 
207) annahm, dass die anfange der vokalisation von n schon 
in der lettisch-litauischen Ursprache zu suchen seien. Diese 
ansieht scheint mir jetzt unhaltbar zu sein. Erstens sind die 
Vorgänge in beiden sprachen bekanntlich durchaus nicht paral- 
lel, da im lettischen n vor allen konsonanten in gleicher 
weise vokalisiert i.st. Und kurische formen wie Vt-nzava, 
egansts, vinstetes zeigen, dass im kurischen das n auch vor 
Spiranten erhalten war. Endlich ist Porzezixskijs ansieht mit 
chronologischen Schwierigkeiten verbunden. Für den lettischen 
Wandel von k, g zu c, dz' kennen wir nur den terminus ante 
quem: wie urkundlich überlieferte Ortsnamen zeigen (vgl. BGr. 
92 ff.), war dieser wandel im anfang des 13. jahrh. (aus dem 
die ältesten Urkunden mit lettischen namen stammen) bereits 
vollzogen, und für c, dz aus k, g in lettischen lehnwörtern aus 



über d. nationalität d. kuren. 'Ji 



den germanischen und finnischen sprachen kenne ich wenig- 
stens keine sichern beispiele. Auch die vokalisation des n 
war im lettischen im anfang des 13. jahrh. schon abgeschlos- 
sen, vgl. z. b. den Hussnamen Wogen (BGr. 45; jetzt Ugre): 
lit. vingis „krümmung" B. Hier aber kennen wir auch den 
terminus post quem: lett. müks ,,mönch" kann doch wohl 
(gleich estn. munk) nur auf ein entlehntes *muiikas zurück- 
geführt werden (aus ahd. mvmih kann ein as. *munik erschlos- 
sen werden, das sein i verloren haben kann). Mönche aber 
können wohl höchstens ein paar Jahrhunderte vor der ankunft 
Meinharts (im 12. jahrh.) zu den letten gelangt sein. Es ist 
demnach wohl richtiger die vokalisation des n für später zu 
halten als den wandel von k, g zu c, dz. Bei dieser annähme 
wird auch das wohl aus dem litauischen entlehnte lett. gedu 
„merke" (vgl. Izv. XV 2, 213) verständlicher. Die lettischen 
formen aber mit tauto-syllabischem n neben c, dz (wie z. b. 
dzintars „bernstein"' neben echt lettischem (d)zitars ^ wird man 
jetzt natürlicher als aus dem kurischen stammend betrachten 
(mit ausnähme der fälle, wo n vor k, g aus m entstanden sein 
kann). Wenn es wahr ist, dass die vv^enden, die sich in Liv- 
land ansiedelten, kuren waren, so können auch einige der in 
Livland vorkommenden lettischen formen mit erhaltenem n für 
kurisch gehalten werden. 

Zum schluss will ich noch einiges über den namen der 
kuren bemerken. Wir finden da zunächst formen mit einem 
Zischlaut hinter r: lit. kufsis oder kursys „kure", abgeleitet 
(wie mir herr Büga schreibt) von (zem.) Kvifsas (so z. b. in 
Kvedarna) oder Kurse (im Wörterbuch des Miezinis) „Kurland" ^ 
(vgl. auch die oben p. 61-2 angeführten mit kiirs- anlautenden 
on.), Cursicule on. BGr. 55, lett. Kursisi on., Kursa BW 251,6 
oder Kurse 1. c. 2560 var. „Kurland", Kursu (resp. Kürsu, 
mit westkurl. ür aus ur) meitas BW 13242 var. und 13988,3 
„der kuren mädchen"', r. KopCL (das o wohl aus t == u). Auch 
ett. Kurzeme „Kurland" kann auf älteres *Kvirszeine oder auch 



^ Sehr instruktiv für dieses wort ist BW 13282 mit seinen 
vielen Varianten (da findet man neben dzintars aftch dzinteris, 
vgl. meine C.iaBafio-öajiT. 3TiOAti 89). 

- Und zwar gilt der name Kufsas oder Kurse nur für West- 
kurland (das alte kurenland) B. 



72 J. Endzelin. 

*Kvirs(u)-zeme zurückgeführt werden. Daneben nun gibt es 
bekanntlich formen ohne jeden Zischlaut hinter r: Cori (vita 
Ansgarii), Curones (Heinrichs Chronik u. a.), Corres (G. de 
Lannoy), Curetes (Bureus und Scott) u. a. Das o in Cori 
und Corres dürfte am ehesten auf kurzes u zurückgehen, vgl. 
oben p. 61, und die frühere deutsche form Kohrländer (BGr. 
29) braucht dem nicht zu widersprechen, da ohr hier west- 
kurl. ür (aus ur) vertreten kann. Cori und Corres scheinen 
demnach kürze des u in Curones und Curetes zu bezeugen. 
Und ganz sichere belege für eine wurzelform Kür- kenne ich 
nicht: in d. Kurland, kurisch und in den on. auf -Kuhren 
(oben p. 61) kann die längung des u im munde der deutschen 
vollzogen sein. ^ Bielenstein Gr. 29 und 161 bezieht allerdings 
auf die kuren einen lettischen gesindenamen Küras, aber diese 
deutung kann nicht als ganz sicher gelten. Das Verhältnis nun 
der w'urzelform Kur- zu Kiirs- ist mir nicht ganz klar (vgl. 
BGr. 462). Liv. Kur-mä, Kur-mö „Kurland" kann sein Kur- 
aus dem lelt. Kuf[s]-zeme bezogen haben; dass aber auch 
das mittelalterliche Cur- so entstanden wäre, scheint mir un- 
wahrscheinlich, weil damals doch bei den halten daneben auch 
der volksname mit deutlichem Zischlaut hinter r im gebrauch 
war. Kur- aber von Kurs- ganz zu trennen und bloss die 
letztere form den baltischen kuren zuzuschreiben, in Kur- da- 
gege_n den namen des kurländischen finnenstammes zu sehen, 
scheint mir allzu gewagt. Eher ist Kur- aus fi. *Kurh- (aus 
halt. Kurs-) entstanden, vgl. li\-. und est. tara neben fi. tarha 
bei Thomsen, FBB 166. 

Chai'kov. j. Endzelin. 



1 Das ü der reimchronik in Kürlant, Küren könnte kurisches 
ü (in Kürzeme), resp. älteres ü (aus u vor r gelängt) wiederge- 
ben. In der form Cawern »kuren« BGr. 385 scheint dann deut- 
sche diphthongierung des vi vorzuliegen. Est. Küramä 'Kurland' 
stammt wohl aus dem deutschen. 



Z. GOMBOCZ. Etymologische streifzüge, 73 



Etymologische streifzüge. 



1. Ung. bizik. 

Ung. bizik 'hoffen, vertrauen, sein vertrauen auf jeman- 
den od. auf etwas setzen' Märt.; biz (zumeist mit präver- 
bien: megbiz, räbiz) 'constituo, praeficio, vorsetzen' N^'Sz.; 
'anvertrauen, auftragen'; bizony 1. "wahr, wahrhaft; Wahrheit; 
zeuge' NySz., MTsz.; 2. 'wahrlich, fürwahr, gewiss' (bizony 
zu bizni, wie vagyon 'vermögen' zu vagyok, haszon 'gewinn' 
zu mord. l-aaönis 'wachsen'; bizony 'fürwahr' wohl kaum nach 
ZoLNAi, NyK XXIII, 153 aus bizom "ich traue'). Zu dieser 
Wortsippe hat man bisher keine passende etymologie finden 
können. Die von Budenz Szöegy. nr. 451 aufgestellte glei- 
chung: ung. bizik = tscher. 2i2Y6'i» 'hoffen, vertrauen', pitdmaS 
'hoffnung' (NyK VI 202) ist nicht zu billigen; das tscher. wort 
scheint türkisches lehngut zu sein (vgl. die türk. Wortsippe: 
dsch. tat. büt- 'croire, se fier' Budagov, I, 243; Pavet de Cour- 
TEiLLE, p. 162; uig. bütük 'hoffnung", NyK VIII, 132). Aber 
auch Budenz' zweite erklärung (MUSz. nr. 487) ist nichts we- 
niger als überzeugend. Die Zusammenstellung: ung. bizik =: 
finn. maksaa 'solvere (debitum)' ] mordE maksoms, mordM 
maJcsöms 'geben' Paas. Mord. Chr. p. 92 | IpL maJcsef, mcmvsa/(, 
IpN makset, mavsam "zahlen" ist wegen lautlicher Schwierig- 
keiten (fiugr. *ks :-— ung. j, vgl. fi. maksa, mord. maksa, maksa, 
Ip. muökse 1=: ung. mäj 'leber", vgl. Szinnyei, Nyhas.^ p. 40) 
jedenfalls abzulehnen. 

Ich möchte für ung. bizik eine neue etymologie vorschla- 
gen und es .mit wotj. baz- 'hoffen, vertrauen, sich verlassen 
auf; wagen' (Munk. VVb. 607); bazoji in jun-sidmo bazon 'mui' 



l 



74 Z. GoMBOCz. 



(WiEDEMANN, Wb. 464) Verbinden. Die von Budenz angenom- 
mene bedeutungsentwickelung: 'geben' >> 'anvertrauen' > 'ver- 
trauen, hoffen' wäre an und für sich wohl möglich, doch auch 
die entgegengesetzte: 'hoffen, vertrauen' > 'anvertrauen' ist 
ebenso wahrscheinlich, wenn nicht wahrscheinlicher (vgl. fr. 
confier, ital. affidare, russ. BB^pflib, nootpaTb), und ich sehe 
keinen zwingenden grund anzunehmen, dass gerade die -ik- 
lose form (biz) die ursprüngliche bedeutung bewahrt hätte. Ob 
die gleichung ung. biz- = wotj. baz- auch in lautlicher hinsieht 
einwandfrei ist. lässt sich vorderhand, da dass wort aus ande- 
ren finnisch-ugrischen nicht belegt ist, kaum entscheiden. 



2. Ung. mer. 

Ung. mer 'wagen, sich getrauen' (mit offenem e, e, 
vgl. mer- Becsi C 42, 63, 67; mer Sylv. UjT II, 125; mer 
NySz., MTsz.), mereszik XySz. id.; meresz (meresz Paloczsäg, 
MTsz., meresz NySz., MTsz.) 'verwegen, kühn' möchte ich, 
trotz dem verschiedenen vokalismus, mit wogUL ^mär- (praes. 
1. pers. sing, marrem, Munkäcsi, VNyr. 172) 'glauben, ver- 
trauen'; wog. Ahlqv. maram 'glauben' verbinden. Gute sema- 
siologische parallelen liefern nhd. 'trauen' -^ 'sich getrauen', ung. 
'bi'z' ^ 'bizakodik'. Was den vokalismus des wog. ^mär- an- 
belangt, muss hervorgehoben werden, dass das urwog. *ä 
nicht nur in den nördlichen, sondern auch in den Loswa-dia- 
lekten olt "durch a vertreten ist (vgl. H.\zay, A vogul nyelv- 
järäsok elsö szotagbeli magänhangzöi, s. 20). 



3. Ung. zap. 

Ung. zap [szap MTsz.; zap <C szäp, wie zamat <[ sza- 
mak (< mhd. smac), zaj 'eisstoss' >< szaj, zarändok 'pilger' <C 
szarandok N3'Sz.] 'sprosse, spriesse (der leiter, des schragens)' 
MTsz.; 'die schwinge' Mart.; 'stützpfahl' MTsz.; 'die Speiche' 
SzD., KiRALYFöLDi, Ujdonjaj magj-ar szavak tära, 1846, MTsz. 
== sj'rj. zyb, zib "stange, bootstange'; fi. sompa 'die runde 
Scheibe, die sich am ende vom stock des schneeläufers bezw. 
am ende der plumpstange des fischers befindet' („früher wahr- 



Etymologische Streifzüge. 75 



scheinlich die benennung des ganzen Stabes" Aiilqvist, KW 
126); IpN soabbe 'baculus', IpL söbbe id., IpK ^sh),-mpe, suoimpi, 
suütpp 'stock, Stab' (vgl. Setäl.\, FUF II, 258; P.vasonen, Die 
flu. 5-laute, p. 78). 

Das ursprüngliche fiu. mp ~ mb ist im ungarischen in 
der regel durch das schwachstufige b vertreten; das ausl. -p 
in zap (sowie auch in lap und vielleicht in szapoly, vgl. Gom- 
Bocz, NyK XXXIX, 238-9, Szinnyei, Nyhas.* 38) wäre dagegen 
als der Vertreter der verallgemeinerten starken stufe (mp) auf- 
zufassen. Was den anlaut anbelangt, scheint die gleichung 
ung. zap = Ip. soabbe etc. auch ihrerseits jene ansieht Setäläs 
zu stützen, dass das ung. sz- auch ein ursprüngliches nicht- 
mouilliertes *s- vertreten kann (vgl. FUF II 249-52). 

Ein verschiedenes wort ist zap 'faul, wurmstichig', das 
von MuNKÄcsi NyK XX Y 178 mit \^■og. "^säp, <-gp, säp 'faul 
(bäum, knochen)' verbunden wurde. Ob mit recht, mag dahin- 
gestellt bleiben. Auch zap, zapfog 'backenzahn' kann viel wahr- 
scheinlicher mit zap 'faul, wurmstichig', als mit zap 'speiche, 
spriesse' zusammengestellt werden. 

Budapest. Z. GoMBOCZ. 



76 A. M. Tallgren. 



Die bronzecelte vom sog. Anaiiino-typus. 

Berührungen zwischen den bronzekulturen Skandinaviens und des 
Wolga-Kamalandes. 



Zu den häufigsten altertümern aus der bronzezeit Ost- 
russlands gehören die hohlcelte. \'on ihnen sind aus den tä- 
lern der Kama und Wolga über zweihundert bekannt, d. h. 
etwa ein drittel von dem dortigen bronzezeitlichen inventar. 
Natürlicherweise lassen sich unter denselben mehrere typen 
unterscheiden, von denen die einen durchaus lokal sind, an- 
dere aber sich nach fremden Vorbildern herausgebildet haben. 
Ausserdem gibt es dort fremde Importerzeugnisse von der art 
wie der an den küsten der Ostsee verbreitete sog. mälarländi- 
sche celt. ^ Am ausgang der bronzezeit ist in dem genannten 
gebiet ein t3-pus fast alleinherschend, der nach seinem wich- 
tigsten fundplatz als ananinisch bezeichnet wird. 2 Den letz- 
teren kann man meiner ansieht nach von dem mälarlandischen 
celttypus ableiten, der mithin für die bronzezeit in Ostrussland 
von sehr grosser bedeutung gewesen ist. 

Zur begründung meiner behauptung stelle ich folgende 
typenreihe auf: 

Typus A (abb. 2). Rumpf rund, schlank. Öse weitab 
vom rand der Öffnung. Bei der ose laufen quer über den celt 
\"ier zierlinien, die eine \-ertikale linie schneidet. 

\'ar. A 1 (abb. 3). Rumpf weiter oben deutlich vierkan- 
tig, unten (von den querlinien ab) sechskantig. Vertikale li- 
nie nicht \orhanden. Öse oft gefüllt. 



' Tallgrex, Die Kupfer- und Bronzezeit in Nord- und Ostruss- 
laud p. 169 f. 

■^ ASPELiN, Autiquites du Nord Fiuno-Ougrien, fig. 407. 



Die bronzecelte v. sog. Ananino-typus. 



77 





2 (typ. A). 3 (var. A l). 4 (B). 



5 (C). 







6 (D). 



7 (E). 



8 (F). 



9 (Ci)- 



Typus B (abb. 4). Ganzer celt kürzer, gerundet sechs- 
kantig. Ornamente wie bei Typus A, aber schärfer und höher. 

Typus C (abb. 5). Ganzer celt deutlich sechskantig; Ver- 
bindungslinien der flächen gut markiert, erhaben bis zum rand 
der düllenöffnung und auch über die ornamentalen querlinien 
laufend. 

Typus D (abb. 6). Viel kürzer und breiter. Ohne Öse. 
Querschnitt sechseckig. Zwischen dem Öffnungsrand und den 
querlinien oft Zickzackornamente zur \erzierung. X'ertikale zier- 
linie verschwunden. 

Typus E (abb. 7). Äusseres wie vorher. Die ornamen- 
talen querstreifen laufen bloss über die mittlere fläche parallel. 



78 A. M. Tallgren. 



Auf den beiden Seitenflächen stossen die äussersten querlinien, 
deren es nur 3 sind, mit der mittlem in einem dreieck zu- 
sammen. 

Tjrpus F (abb. 8). Äusseres sonst wie vorher, quer- 
schnitt aber spitzovai, sodass der celt abgeplattet ist. Von dem 
früheren sechseckigen querschnitt geben die an den Verbin- 
dungsstellen der früheren flächen hinlaufenden ornamentalen 
relieflinien noch eine andeutung. 

Typus G (abb. 9). Flach, ganz spitzoval. Alle alten Or- 
namente verschwunden. 

Sehen wir uns jetzt die Verbreitungsgebiete unserer typen 
an, um dann zur chronologischen betrachtung derselben über- 
zugehen. 

Der typus A kommt in S c h w e d e n in Cppland 9 mal ^ 
und anderwärts etwa 15 mal, also in ca. 24 exemplaren vor. 
Ausserdem gibt es in Schweden spätere entwicklungsstufen, 
die jedoch die jetzt zu untersuchende Serie nicht beeinflusst 
haben, sodass wir sie hier beiseite lassen können. Leider sind 
die fundumstände aller dieser celte entweder unbestimmbar, 
oder wir haben es bei ihnen mit einzelfunden zu tun. — In 
Norwegen haben wir von dem t}^us ein wahrscheinlich aus 
Schweden dorthin verschlepptes exemplar ^ und in Däne- 
mark 17 ex. •^, davon 16 in einem torfmoor auf Bornholm 
gefunden. Zusammen mit den letzterwähnten wurden bron- 
zene armringe und nadeln angetroffen, da aber das moor ver- 
schieden alte funde einschliesst, ist es nicht sicher, ob sie mit 
den celten zusammengehören. — Schliesslich findet sich in 
F i n 1 a n d 1 celt von dieser form, der aus Kimito stammt. 
Vom skandinavischen gebiet also 43 ex. 

Im Osten, in R u s s 1 a n d , ist der typus A durch zwei 
exemplare vertreten, beide aus den westlichsten kreisen des 
gouv. Kasan, aus Ceboksary und Civil'sk. .Seinem Verbreitungs- 
gebiet nach ist der typus mithin unbedingt als skandinavisch, am 
ehesten als m ä 1 a r 1 ä n d i s c h zu betrachten. 

Der typus A 1 kommt in Russland 9 mal, in Finland 1 



' Tallgren, a. a. o. p. 229, 174. 
- a. a. o. p. 175. 
^ a. a. o. p. 176. 



Die bronzecelte v. sog. Ananino-typus. 79 

mal, nämlich in der ^ussform von Alapaakkola, kirchsp. 
Kemi, \or. In den kulturkreisen der Ostsee ist er anderswo 
unbekannt. ' 

\'on deni typus B ist ein exemplar aus Russland und 
ein zweites aus Ostfinland, Kaukola, bekannt. Beides einzel- 
funde. 2 

Der typus C ist bisher nur in Norwegen angetrofTen wor- 
den, wo von ihm 5 ex. vorliegen, alles einzelfunde bis auf einen, 
der vielleicht ein grabfund ist, aus Lyngdal an der südspitze 
Norwegens. Zusammen mit ihm befand sich laut angäbe in 
einem runden grabhügel „eine urne mit verbrannten knochen 
und ein schwertgritT aus metall." Die letzteren sind verlo- 
ren gegangen. -^ 

Der typus D ist ostrussisch. Er ist in einigen wenigen 
exemplaren — in wie vielen, kann ich nicht sagen — unter den 
funden aus dem gräberfeld von Ananino anzutreffen, au.sser- 
halb dessen er mir nicht bekannt ist. Geschlossene grabfunde, 
in denen celte dieses typus vorkommen, kenne ich nicht. 

Der typus E ist ebenfalls rein ostrussisch, obwohl die 
gussform von Alkkula in Finland * eng mit ihm verwandt ist. 
Er ist auf den grabfei dern von Ananino und Zuevskoe, wo 
er geschlossenen grabfunden angehört, sehr häufig, wird aber 
auch in einzelfunden zahlreich in den gouv. Kasan und Vjatka 
angetroffen. Zusamm'-;n mit dem folgenden typus sind von 
ihm nahezu hundert exemplare bekannt (Zuevskoe 56 ex.). 

Die typen F-G, die letzten der serie, sind überaus häufig in 
Ostrussland, u. a. in Ananino. In Finland haben wir gussformen 
dieser typen aus Säräisniemi und Muhos, und aus Schweden 
liegt ein solcher celt aus Upland und ein zweiter aus Norrland, 
Lj^cksele, vor, obwohl diese westlichen exemplare alle offen- 
bar Produkte des östlichen kulturkreises sind. 

Wenn wir die Verbreitung der typen ins äuge fassen, be- 
merken wir also deutlich, dass ihr anfangspunkt skandina- 
visch ist. 



' Tali.grex, a. a o. p. 170 f. 

2 a. a. o. fig. 85, 103. 

^ A. W. BR0GGER, Ell celttype fra Norges yngre bronsealder. 

^ vSuomen Museo 191 1, p. 49. 



8o A. M. Tallgren. 



Was die lehenszeit dieser celte anbelangt, wissen wir, 
dass dieselben in den formen D-F der Ananinokultur angehö- 
ren. Schon AsPELiN verband sie partiell mit der zeit der sky- 
thischen grosskurgane, die der La Tene-zeit in W'esteuropa ent- 
spricht, und der hauptsache nach ist diese Zusammenstellung 
richtig. Aber in Anaüino sind ohne Zweifel verschieden alte 
kulturschichten vorhanden. Ich erwähne 4 geschlossene grab- 
funde, einen aus Ananino (gouv. VJatka, kreis Elabuga), 3 von 
dem gleich alten begräbnisplatz Zuevskoe (gouv. Vjatka, 
kreis SarapuT), die alle celte von unserem E-t^'pus enthalten. 

Ein anai'iinisches grab untersuchte 1882 der Kasaner ar- 
chäolog P. A. PoNOMAREv. Das grab selbst lag an einer bisher 
nicht untersuchten stelle des gräberteldes, und da es oben mit 
einer Steinplattenschicht und darunter mit eichenbrettern be- 
deckt war, kann kein zweifei sein, dass das ganze zum Vor- 
schein gekommene Inventar der gleichen zeit entstammt. Die 
in dem grabe angetroffene leiche war fast ganz zerfallen, doch 
war deutlich zu sehen, dass in diesem talle keine leichenver- 
brennung stattgefunden hatte. Das Inventar war ungewöhn- 
lich reichhaltig, es umfasste folgende gegenstände : ' 

1. Ein bronzedolch, zierlich, aus hellem metall. 2ö,.i lang. 

Griff in einem stück gegossen," auf beiden selten 
mit spiralranken verziert. 

2. Ein keilförmiges schneidengerät aus bronze vom t}- 

pus AsPELiN, Antiquites, abb. 410. Länge des ge- 
genstands 18,4 cm. Klinge sechseckig. 

3. Eine art celt wie Aspelin, abb. 405. 

4. Ein hohlcelt vom. typus Aspelin, abb. 407, darin ein 

holzschaft. Daneben lagen reste eines futterals aus 
birkenrinde. 

5. 2 runde bronzescheiben, emailliert gewesen, von glei- 

cher art, ornamentiert. 

6. Eine grosse eiserne lanzenspitze, am schaft gespalten 

(wie Aspelin, abb. 434). 



' ÜOHOiiAPEBi, AHaHbHHCKifi jiorii.itHnK'F.. IlaBtcxiii Oßm. Apx., IICT. 
H EiHorp. iipn IImii. Ka;5. Thhb X 422—4. Grab C in Pouomarevs 
bericlit. 



Die bronzecelte v. sog. Ananino-typus. 8 1 

7. Ein Schleifstein, durchbohrt, vierkantig (wie Aspelin, 

abb. 429). 

8. Ein halsring aus bronze (wie Aspki.in, abb. 444). 

9. Ein spiralförmiger fingerring aus silber. 

10. Ein celt wie oben nr. 4. Länge 9 cm. Scharf- 

kantig. In einem futteral aus birkenrinde. 

1 1 . Pfeilspitzen aus bronze, dreikantig, sowie eine aus 

eisen. 

Von dem gräberfeld Zuevskoe, das Spicyn sorgfältig 
untersucht hat, seien folgende grabfunde angeführt: 

Grab 37 : Ein sechskantiger celt und eine bronzene lan- 
zenspitze mit 2 löchern im blatt (wie Aspelin abb. 
407, 431). 

Grab 67. Ein ähnlicher celt und eine lanzenspitze wie 
vorstehend, ein eisernes messer und eine dreikantige 
Pfeilspitze aus bronze. 

Grab 168: 4 beinerne pfeilspitzen, 4 dreikantige pfeil- 
spitzen aus bronze, eine bronzene mit 2 löchern im 
blatt, ein sechskantiger celt, ein länglicher durch- 
bohrter Wetzstein, ein endbeschlag mit antennen (wie 
Aspelin, abb. 469), 49, violinenkastenförmige bron- 
zeknöpfe (wie Aspelin, abb. 482), 3 bronzene be- 
schlagstücke (wie Aspelin, abb. 463) und ein bron- 
zenes kreuz. 

Da die celte aller dieser 4 gräber einander fast gleich sind, 
dürfen wir die oben aufgezählten inventare als gleichzeitig be- 
trachten. Wir sehen diesmal von der begründung dieser an- 
nähme ab und erwähnen nur, dass wir dieses ganze Inventar 
um 500 V. Chr. verlegen. 

Was die älteren typen dieser celtreihe betrifft, ist ihre 
Chronologie leider schwer zu bestimmen, weil sie alle, wie oben 
schon bemerkt, einzelfunde sind oder genügende fundangaben 
fehlen. Einige chronologische Schlussfolgerungen gestattet je- 
doch ein celt, der im museum der Universität zu Kasan aufbe- 
w^ahrt wird. Dieser besitzt zwei Ösen, ist 75 X 50 X 42 mm 
gross und ganz oben mit undeutlichen und Hachen relieflinien 

Finn.-ugr. Forsch. XIL O 



.Ä_ 



82 A. M. Tallgren. 



verziert, von denen 2 nahe am rand quer über den celt laufen; 
dieselben schneidet eine in der mitte des blattes sichtbare v^er- 
tikale linie. Das motiv ist also ganz ähnlich wie in unserem 
A-typus, obwohl nur 2 querstriche vorhanden sind. Die form 
des celtes ist natürlich eine ganz andere. Fundangaben fehlen, 
aber der celt ist unzweifelhaft ostrussisch, denn nur dort hat 
der zweiösencelt von diesem typus ein ornament erhalten kön- 
nen, das ohne zweifei dem celt vom mälarländischen tj'pus 
entlehnt ist, welch letzterer sonst nirgends auf demselben ge- 
biet wie der zweiösentypus vorkommt. 

Das Ornament an dem fraglichen celt ist zweifelsohne 
entlehnt, denn es ist mir an keinem der 21 zweiösencelte, die 
aus Ostrussland vorliegen, und auch nicht an den zahlreichen 
südrussischen oder sonstigen europäischen oder sibirischen 
zweiösencelten bekannt. Die exemplare aus Ostrussland sind 
allerdings häufig ornamentiert, aber auf andere art. 

Nun sind einige funde bekannt, in denen zweiösencelte 
zusammen mit anderen gegenständen angetroffen wurden. Al- 
lerdings nicht in Ostrussland, wo die celte dieses t}'pus sämt- 
lich einzelfunde darstellen, aber in Südrussland, das jedoch in 
der entwicklung dermassen mit Ostrussland schritt gehalten hat 
— belege kann ich in diesem Zusammenhang nicht aufzählen 
— , dass wir auf manche typen, u. a. auf die zweiösencelte, 
die südrussische Chronologie anwenden dürfen. Es sei dies- 
mal nur hervorgehoben, wie dieser ganze typus nur in der 
südwestlichsten ecke des bronzezeitlichen Ostrusslands, westlich 
der Wolga, vorkommt, und zwar in 13 ihrem fundort nach 
bekannten zweiösencelten von insgesamt 19 ex. Es ist daher 
nicht zu verwundern, dass aus den gouvernements Chafkov, 
Jekaterinoslav, Taurien, Kiev (10 ex.) u. a. ganz identische 
formen vorliegen. 

In der Sammlung P. A. Burj.aökov im Moskauer museum 
(inv. 11270 ff.) finden sich gussformen aus dem dorfe Karda- 
sinka im gouv. Taurien. Hier haben wir sechskantige guss- 
formen, u. a. für zweiösige hohlcelte, hohlmeissel, eine radna- 
del, ein flachbeil und einen langen hohlcelt (yK.taaxe.ib l,s9;{, p. 
44-5). Ein zweites depot schildert M.\rtix in den Berliner 
X'erhandlungen 1898, p. 144-5. Hier tindel man hakensicheln 



Die bronzecelte v. sog. Ananino-typus. 83 



und gussformen dafür, lange celte mit einer Öse und gussformen 
für zweiösencelte. 

Nun sind sogar in den ältesten skythengräbern Südruss- 
lands keine zweiösencelte anzutreffen, sodass sie älter als diese 
graben sein, d. h. in die zeit vor 700 zurückgehen müssen. 
Die hakensicheln in Ungarn gehören gewöhnlich der Hallstatt- 
periode an, ^ und unter diesen umständen könnten wir das von 
Martin beschriebene giesserdepot um 900 v. Chr. datieren. Jün- 
ger kann das obenerwähnte depot wegen der daselbst ange- 
troffenen form für flachbeile jedenfalls nicht sein. Wahrschein- 
lich ist es älter als die Hallstattperiode. So würden wir für 
die zweiösencelte etwa die Jahrhunderte 1200—900 v. Chr. er- 
halten. Zu dieser zeit hätte also nach dem gemeinschaftlichen 
Ornament zu schliessen der Mälartypus, unser typus A, be- 
standen. Aber die zeit von 1200 — 900 v. Chr. entspricht ziem- 
lich der 4. periode der skandinavischen bronzezeit nach Mon- 
telius, wo sich der typus gebildet hätte, um dann in dem jüng- 
sten Anahinomodell bis um 300 v. Chr. fortzuleben. 

Wie verhält es sich aber mit dem prototyp des A-typus? 
Diese frage ist bisher nicht entschieden. Mir scheint die an- 
nähme etwas für sich zu haben, dass sich der typus aus den 
späten lappenäxten(abb. I) („haches äailerons et ä talons rudimen- 
taires") gebildet hat. Diese haben sehr häufig eine Öse in der 
mitte. Wenn man sich den celt bei diesem mit einer schnür 
umwickelt und die läppen so gross denkt, dass sie last zusam- 
mengebogen sind, ist die form sozusagen fertig. Aus den läp- 
pen wird beim giessen eine röhre, auf der die relieflinie als 
rudiment der Vereinigungsstelle der läppen hinläuft, und statt 
der schnüre erscheint bei der Öse der ornamentgürtel. Die 
Öse verliert jetzt ihre bedeutung, da sie weit unten sitzt, und 
nach und nach verkümmert sie. 

Die lappencelte, welche hier in betracht kommen, gehören 
nach LissAUER 2 der 3. — 4. periode Montelius' an. Sehr gut lässt 
sich dann unser typus A der 4. — 5. periode zuzählen, wie es 
Montelius und Hackman getan haben. 



' Zs. f. Ethnologie 1904, p. 447 f. 

^ 3:er Bericht d. Komm, für präh. Typenkarten (Zs. f. Ethnologie, 
XXXVIII 823). 



84 A. M. Tallgren. 



V^orläufig ist nur unerklärt, dass die fraglichen lappen- 
äxte in Westdeutschland, auch in Böhmen und Westpreussen 
vorkommen, während hohlcelte vom Mälartypus südlich der 
Ostsee nicht bekannt sind. Aber gelegentlich sind lappenäxte 
auch in Schweden, auf Öland, angetroffen worden, ^ und auf 
keinen fall wären ja beziehungen mit Preussen, der W'eichsel- 
mündung, befremdend, wenn wir bedenken, dass der Mäiar- 
typus in Skandinavien ein rein östlicher typus ist. Als für diese 
frage möglicherweise wichtige tatsache sei auch angeführt, dass 
sich nach den Zeichnungen Aspelins im Historischen museum 
zu Helsingfors ein lappencelt, wiewohl ohne Öse, aus dem kreise 
Elabuga, gouv. \'jatka, befunden hat. Ob er sich die Düna- 
Wolga entlang dorthin verirrt hat, wie man nach der Ver- 
breitung der steinernen und bronzenen schaftcelte auf demsel- 
ben wege — Litauen, Murom, Kasan, Elabuga — vermuten 
könnte, bleibe unentschieden. Denkt man sich schon in frühe- 
rer zeit eine Verbindung zwischen Preussen-Uppland und Preus- 
sen-Kasaner gegend, Hessen sich vielleicht unschwer bezie- 
hungen zwischen Uppland und der Kasaner gegend erklären, 
beziehungen. die anfangs vorzugsweise westliche gewesen wä- 
ren, bis sie eine umgekehrte, von osten vielleicht in form einer 
Völkerwanderung auf Finland gerichtete Strömung her\'orgeru- 
fen hätten. 

Wenn die obigen Untersuchungen über die gegenseitigen 
beziehungen der fraglichen celte das richtige treffen, kommen 
wir zu Schlussfolgerungen, die von den herrschenden ansichten 
in beträchtlichem grade abweichen. Die Wechselwirkung zwi- 
schen der skandinavischen und westuralischen bronzezeit ist 
für die letztere sehr wichtig gewesen, und sie war durchaus 
nicht unfruchtbar für die ausbildung des westuralischen bron- 
zeinventars. Aber im gegensatz zu dem russischen forscher 
V. A. GoRODco\', nach dem gewisse skandinavische hohlcelt- 
gruppen von westuralischen abzuleiten wären, finden wir jetzt, 
dass die letzteren auf ein ursprünglich skandinavisches proto- 
typ zurückgehen. Den gesamtcharakter der eigentlichen Ana- 
ninokultur verändert dies darum aber nicht. Der grösste teil 



' Fornvännen 1910, p. 270. 



Die bronzecelte v. sog. Ananino-typus. 85 

von deren Inventar — die dolche, die Streitäxte aus bronze, 
hronze und eisen oder bloss eisen, die dreikantigen pfeilspitzen, 
die lanzenspitzen aus bronze oder eisen, die glockenanhängsel, 
die „ägyptischen perlen", die bronzescheiben, die haken usw. 
— alles dies erhält seine erklärung nur durch die erforschung 
der analogien in der skythischen und der verwandten mi- 
nussinskischen kultur. 

Helsinrfors. A. M. TaLLGREN. 



l 



86 EVALD LiDEN. 



Miszellen zur finnisch-ugrischen 
lehn Wörterkunde. 



1. Fi. upia. 

Fi. upia, upea 'sehr gut, vortrefflich (z. b. von getreide, 
heu), prächtig (von der tracht usw.); stolz, selbstbewusst; über- 
mütig, anmassend; feurig, wild (von einem hengst)'; — uve, 
gen. upeen 'id.' uvehtia 'stolzieren usw.'; uveta 'stolz wer- 
den usw.' 

'•— germ. *uTjia-: ahd. uppi gl. 'maleficus' (leichtfertig, eitel, 
nichtig); — uppa (aus *ut»iö), uppi 'gehaltlosigkeit, leere', 
üppig, mhd. üppic 'überflüssig, nichtig; unziemlich, übermü- 
tig'; 1 — got. ufjö 'überfluss'. 

Andere verwandte sind awnord. üf-r 'unfreundlich, streit- 
süchtig', '^ subst. üf-r, pl. lif-ar 'herausstehende Splitter; Un- 
freundlichkeit, streit', yfa-sk 'streitsüchtig sein', norw. dial. yva 
'(haare od. federn) sträuben', refl. 'die haare sträuben, ergrim- 
men', nschwed. yvas, yva sig 'die federn aufbauschen (vcn 
vögeln); hochmütig, stolz sein', yvig 'buschig'; — awnord. of 
neutr. '(allzu) grosse menge; Übermut, hochmut', of adv. 'zu 
sehr' u. a. — Vgl. zur germanischen sippe z. b. Fick Vergl. 



' Vgl. den altgermanischen völkernamen Ubii (worüber die 
literatur bei Schönfeld Wörterb. d. altgerm. personen- u." völker- 
namen 245). 

2 Vgl. den urnord. personennamen UbaR (inschr. von Järs- 
berg und Skärkind), Noreen Altisl. Gramm.'' 338, Swenn'ING Frän 
filolog. föreningen i Lund III 221 f. 



Miszellen z. üugr. lehnwörtern. 87 

wörterb.* III 31 f., Falk u. Torp Norw.-dän. etym. vvörterb. 
1409 f., 1581. 

Wegen der Stammform ist z. b. fi. autia, autea 'öde': 
got. au|)ja- 'öde' zu vergleichen. 



2. PI. keikka 'recurvatus' — aisl. keikr 'id.' 

Fi. keikka, gen. keikan (auch keikko, keikku, keikas) 
'recurvatus, resimus, sursum curvus ut solea trahie: zurück-, 
aufvvärtsgebogen' (keikka-pää 'caput erectum, resimum'); kei- 
kattaa 'recurvo, sursum inclino' usw.: 

awnord. keikr 'zurückgebogen, hintenübergebeugt, \'om 
Oberkörper usw.' (keikr i halsi), keikja 'rückwärtsbiegen'; 
norvv. dial. keik 'den köpf oder Oberkörper zurückgebeugt hal- 
tend; den köpf hoch tragend'; keik mask. 'biegung, drehung, 
Schiefheit (hals-keik); Verrenkung'; keikja, keika "rückwärts, 
seitwärts biegen; ein glied verstauchen; schief oder in krüm- 
mungen, umwegen gehen'; — schwed. dial. (Gotland) ater- 
kaiktiir 'rücklings, auf dem rücken liegend'; ' — dän. dial. kei 
(aus *keg, adän. *kek) 'link, linkisch'. 2 — Damit ablautend 
awnord. kTkna 'sich rückwärts biegen', norw. dial. kika 'ein 
glied verstauchen'; mndd. kiken 'gucken' (eig. 'den köpf hin- 
tenüberbiegen, um zu sehen"). Zur geschichte des nord. wortes 
s. LiDEN Stud. z. altind. u. vergl. Sprachgesch., p. 45; Falk u. 
Torp Etj-m. Wörterb., p. 506 f. (unter keitet, kige und 
kikse). 

In anbetracht der auffallenden bedeutungsähnlichkeit des 
nord. und des finn. wortstammes scheint mir die herkunft des 
letzteren aus urnord. *kaika- wahrscheinlich zu sein. Wegen 
des finn. ei für ursprüngliches ai s. Thomsen EinO. 37 f., 
56, FBB 101 f. — Aber nicht alle gebrauchsweisen von 
keikka mit zubehör wüsste ich ungesucht aus solchem Ur- 
sprünge zu erklären, möchte daher annehmen, dass zwei ver- 
schiedene Stämme in keikka lautlich zusammengeflossen sind. 



' RiETZ Sv. Dial. -Lex. 15 b. 

2 Jessen Dansk etym. Ordbog 113 (unter keitej; vgl. 
Kalkar Ordbog II 496. 



88 EVALD LiDEN. 



Namentlich dürfte nordische abstammung ausgeschlossen sein 
betreffs keikka in der bedeutung 'schaukel ; schwankend, schau- 
kelnd', keikkua 'schwenken, schaukeln, spielend hin und her 
springen' u. a., wozu estn. keik, köik 'Schwankung, schwan- 
ken, erschütterung', koikuma, kaikuma 'sich bewegen, schwan- 
ken, schaukeln' usw., welche vielmehr mit fi. kiikku, est. kik 
'schaukel', fi. kiikata 'schaukeln, schwanken' usw. zusammen- 
gehörig und wohl echt finnisch sind. 

Zu letzterer bedeutungsgruppe gehören einige sicher finn. 
und estn. lehnwörter in den schwed. mundarten von Finland 
und Estland, s. Saxen Sv. Landsm. XI 3 133, 145 f., der 
aber über ihre herkunft z. t. nicht ganz ins reine kommen 
kann, weil er sich durch bildungen der echt schv/ed. wurzel 
kink- beirren lässt. Mehrere der von Saxen erwähnten Wörter, 
z. b. schwed. kaik (Estl.), kika (Finl.) 'wackeln, hüpfen, schau- 
keln' betrachtet Vexdell Ordb. ö. de östsv. dial. 428, mit un- 
recht als ursprünglich nordisch. 



3. Fi. pino 'holzstoss' — aengl. fin 'id.'. 

Fi. pino, gen. pinon 'strues lignorum ordinata: holzhaufen, 
holzstoss* (pinota 'holz aufstapeln' usw.), ^ estn. pino, pinu 
'holzstapel, aufgeschichtete holzscheite' stimmt, von der quanti- 
tät des Stammvokals abgesehen, genau mit altengl. fin 2, wudu- 
fin fem. 'a heap of wood, wood-store", ahd. witu-fina fem. 'holz- 
haufen', mndd. vine fem. 'id.', vine-holt "aufgeschichtetes holz'; 
germ. grundform *finö-. — Ein entsprechendes nordisches 
wort scheint zu fehlen. Ob das finnische eine germ. (nord.) 
form mit 1 voraussetzt? 

Ich vermute im germ. *finö- ein k o 1 1 e k t i v u m — 
'Sammlung von scheiten, holzstücken' — zu den (bereits unter 
sich zusammengestellten) aind. pinä-ka- neutr. 'stab, stock', gr. 



1 Daher schwed. dial. (Finland) pino, peno 'holzstoss', Saxen 
Svenska Landsmälen XI 3 194. 

2 Erfurter gl.: cella lignaria. fin; — lignarium 1 i g- 
neum est fm; vgl. Schlutter Anglia XIX 109. 



Miszellen z. fiugr. lehnwörtern. 89 



arlva^ 'brett', ksla\-. pini, russ. peni 'stamm, stock, stummel, 
klotz'. Vgl. das i des fmn. wertes? ^ 



4. Fi. letto 'sumpf, sumpfig'. 

Fi. letto gen. leton 'sumpfig; schlämm, schwankender 
sumpf, bebeland' erinnert vielleicht nur zufällig an neuisl. leöja 
(aus *laöiön-) 'lutum, caenum: mud, mire', ahd. letto mhd. 
lette nhd. dial. letten 'lehm, tonerde' (mir. lathach, cymr. 
llaid 'schlämm' u. a.). Die Zusammenstellung dürfte aber er- 
wägenswert sein, falls Kluge Etym. wörterb.'' 288, für das 
hochdeutsche wort mit recht ursprüngliches e ansetzt (auf 
grund der bayer.-alem. form., vgl. Kauffmann Die schwäb. mund- 

art 50), und wenn solchenfalls eine grundform *leddan 

mit hypokoristischer geminata — sicher stünde. 2 — Auch fin- 
nischerseits kompliziert sich der vergleich durch sonstige be- 
deutungen (letto = letto-saari u. a.) und f(jrmen (wie letju 
'sumpfig'). Er möge indessen unter allem vorbehält in Vor- 
schlag gebracht werden. 

II. 

5. Estn. hila 'ankerstein — gotl. ila-stain 'id.' usw. 

Von der estnischen insel Dago, wo eine jetzt fast aus- 
gestorbene schwedische mundart gesprochen wird, verzeichnet 



^ Weitere germ. formen finden sich bei Weigand Deutsches 
wörterb.5 I, sp. 515, Grimm DW III, sp. 1638. Die abweichen- 
den formen erklären sich meines erachtens durch verschränkung" 
mit einem begrifflich, aber nicht formell verwandten wort, asächs. 
aran-flmba 'erntehaufen', mndd. fimme 'häufen (körn, heu, holz 
usw.)'. 

Eine wenig zusagende etymologie von germ. *fin5 schlägt 
TORP bei FiCK Vergl. Wörterb.* III 240 zögernd vor. 

[Korrekturnote. Aus der mir jetzt zu gesicht gekom- 
menen nr. 5,6 191 1 der »Neuphil. Mitteil.», p. 108 ersehe ich, 
dass ich in der gleichung. fi. pino — aengl. fin usw. mit dr. H. 
OjANSUU zusammengetroffen bin.] 

2 Über die germanischen und aussergermanischen verwand- 
ten orientieren Walde Lat. etym. wörterb.''^ 416 f., und die da- 
selbst herangezogene literatur. 



90 EVALD LiDEN. 



WiEDEMANN Ehstn.-deutsches wörterb., sp. 125, ein estn. hila, 
pl. hilad 'die ankersteine am netze'. 

Das h- ist, wie sonst häufig im estnischen, ein unur- 
spriinglicher zusatz, denn das wort ist sicher einem schwe- 
dischen ile, cas. obl. ila entlehnt. Ich kann es als ostnordisch 
nur aus Gotland belegen, aber die westnordische entsprechung 
ist weit verbreitet. Gotländisch ilar pl. bezeichnet zwar, nach 
P. A. Säve, ^ 'flössen, holzstücke, welche das fischnetz im 
Wasser aufrecht halten', aber zu der estn. bedeutung stimmen 
sowohl gotl. ila-stain 'grosser ankerstein am (robben)netze' ^ 
als das westnord. wort: nnorw. ile mask. 'senkstein in der 
ecke des fischnetzes; ankerstein eines fischerbootes' (in Nord- 
land 'das am senksteine befestigte tau, womit das netz auf- 
gezogen wird')-*; färöisch ili mask. und ila-steiniir 'der als 
bootsanker dienende stein beim fischen mit der angelrute', * 
shetländisch ila-sten (-stane, eela-stone) 'id.' ^; schon altisl. 
(i-mal) ili mask. 'ankerstein'. 

[Shetl. ila (und mit anglisierter ausspräche äils pl.) bedeutet 
zumeist den platz nahe an der küste, wo mit der rute gefischt 
wird (auch ila-söd — altisl. *ila-sat — genannt), und zwar 
auch wenn das fischen aus treibendem boote, also ohne 
ila-sten, geschieht. Jakobsen (am letztgen. o.) hält dies für eine 
unursprüngliche bedeutung, aber wahrscheinlich mit unrecht, 
im hinblick auf ile (gespr. ail) 'the fishing-ground inside the 
main tidal current, in the space between two points where 
there is a co unter current(!)', im nordöstlichsten Schott- 



^ Hafvets och fiskarens sagor (Visby 1880), p. 4715, 55 1. 
2 P. A. Säve in »Läsning för folket», bd. XXXIU (1867), 

P- 33 10. 

Aus den ungedruckten gotländischen Sammlungen von P. A. 
Säve erteilt mir mein freund dr. G. Danell folgende auskünfte: 
ile, pl. üar 'fiskflöte'; — üa-stain, äüi-stain [äi- aus i-] 'stör ankar- 
sten, pä »smägarn»; blott vid ena nätarmen [pä sälnät]'; — üa- 
tug, äili-tug 'vid ankarstenen fastgjordt tag, som fasthäller heia 
nätet' [:= norw. ile-tog 'id.']. 

^ Aasen Norsk Ordbog 322. 

* J. Jakobsen Feeroske folkesagn 468. 

^ J. Jakobsen Etym. ordbog over det norrene sprog pä 
Shetland 348, Wright Engl. Dial. Dict. II 238. 



Miszellen z. fiugr. lehnwörtern. 91 

land ; ^ eela, iela, ella 'a fishing-place or ground for small fish 
near the shore; the afternoon fishing for young coalfish, with 
boats' Shell, und Orkney-Inseln; ^ irisch iola 'a fishing-bank 
at sea' (Hebriden); manx aahley 'a place marked at sea to 
fish on', ailey vie 'good ground for fishing' ^. — Wie beson- 
ders die genaue bedeutungsangabe für das schottische wort 
nahe legt, hängen diese gewiss nord. lehnformen zunächst zu- 
sammen mit nnorw. ile (aus *idle), nebenform von ida, ide 
'wasservvirbel, zurückgehende Strömung; der ström, der in en- 
gen gevvässern an der küste in entgegegensetzter richtung zum 
mittellauf geht usw.', awnord. iöa 'zurückgehende Strömung' 
u. a. * 

Es scheint mir wahrscheinlich, dass nord. ile 'ankerstein 
usw.' mit letzteren wcirtern aufs engste zusammenhängt, ob- 
gleich die ursprüngliche bedeutung jenes wortes zum teil stark 
verschoben ist. ^] 



6. Estn. wint 'fink' — schwed. tvint 'id.' 

Estn. wint, gen. windi 'fink, Fringilla caelebs', das 
Saxen Svenska Landsm. XI 3 240, aus schwed. fink erklärt, 
stammt vielmehr aus dem gleichbedeutenden nschwed. dial. 
tvint, twint usw. (Nbott., \'bott., Ängerm.) ^ oder den dar- 
aus entstandenen formen fint, kvint der schwed. mundarten 
in Estland." — Auf rückentlehnuny' aus dem estnischen be- 



1 Wright Engl. Dial. Dict. III 303. 

2 Wright a. a. o. II 238. 

^ Henderson The Norse Influence on Celtic Scotland 146. 

* Weiteres darüber bei Falk u. Torp Etym. wörterb., unter 
ide und ile I. — Die form mit -1- kommt in uralten Ortsnamen vor, 
vgl. Rygh Norske Gaardnavne I 49, 105; II 309; XV 267 usw. 

^ Falk und Torp, a. a. o. 461, wollen es mit dem ety- 
mologisch dunklen nnorw. il, ila 'grundstück im pflüg' zusam- 
menhalten. 

6 RiETZ Sv. Dial. -Lex. 767 a, Lindgren Sv. Landsm. XII 1 124. 

■^ Vendell Ordb. ö. de östsv. dial. 513, 1056, Danell Sv. 
Landsm. 1906, p. 171, 215. 



l 



92 EVALD LiDEN. 



ruht wiederum die schwed. form vint 'id." der inseln Xuckö 
und Rägö in Estland. ^ 

Die estn. nebenform wink, gen. widgi stammt wahrschein- 
licher aus nhd. flnk als aus nschwed. fink (boünk), das selbst 
ein deutsches lehnvvort ist. ^ 

Auch ins lappische hat nordschwed. tvint eingang gefun- 
den: norw.-lapp. vintan 'bergfink, Fringilla montifrigilla', süd- 
lapp. tvinnto und (Sorsele) fanto 'id.' ^ Durch rückentlehnung 
aus der letztgenannten form entstand wiederum nordschw. 
(Jämtland) fant 'meise'. ^ Wegen der läpp. Verschiebung von 
i zu a in fanto muss diese form auf ziemlich früher entlehnung 
beruhen. ^ — Das lappische scheint eine nord. nebenform *tvinta, 
cas. obl. *tvintu,-o vorauszusetzen. 

[Schwed. tvint hängt wohl irgendwie mit nordengl. dial. 
twink (auch tink) 'Fringilla caelebs' *^ — vielleicht nord. lehn- 
wort mit Umbildung nach engl, twink, twinkle od. ähnl. 

Ein ankUngendes wort ist norw. dial. tvitt 'bergfink', ^ 
woher wahrscheinlich nordengl. twite (twite-finch) "the moun- 
tain linnet, Fringilla cannabina' ^ stammt; vgl. indessen aengl. 
line-twige, -twigle 'the linnet', pistel-t-wige 'the goldfinch', nengl. 
dial. lintwhite 'the linnet, Fringilla cannabina' ^ (nhd. bayer. 
zwigetzen 'zwitschern').] 

7. Fi. rääse 'fischabfall usw.' — schwed. ras 'id.', u. a. 

Fi. rääse 'abfall beim ausnehmen von fischen und beim 
schlachten', estn. raz, pl. -ud 'abfall und ausgenommenes einge- 
weide von fischen' ist bereits von Saxen Sv. Landsm. XI 3 



' Saxen a. a. o., Vendell a. a. o. 1107. 

2 Vgl. Tamm Etym. sv. ordb. I 141. 

^ QviGSTAD Nord, lehnwörter im läpp. 348. 

* Verkehrt darüber Qvigstad a. a. o. 

3 Über läpp, a aus nord. i Wiklund Laut- u. formenlehre 
d. Lule-lapp. dial., p. 51. Qvigstad a. a. o. 38. 

•^ Belege bei Wright Engl. Dial. Dict. VI 286. 

' Aasen Norsk Ordbog 855; vgl. Lindgren a. a. o. 

* Belege bei Wright a. a. o. VI 290. 

9 Wright a. a. o. III 617, Schlutter Journ. of Germ. 
Philol. II 154. 



Miszellen z. fiugr. lehnwörtern. 93 



216, im Zusammenhang mit schwed. dial. (Gästrikl., Norrl., 
Finl., Estl.) rses, res neutr., rasso, -u, raes, res fem., pi. -ur, -or, -ar 
'abfall (eingeweide und schuppen) von fischen, abfall beim 
schlachten' ' besprochen worden. Weil er aber den vokalis- 
mus und die \ervvandtschaftlichen beziehungen des schwed. 
Wortes unrichti,^ beurteilt, bleibt es ihm unklar, ob das finn.- 
estn. wort aus dem schwedischen stammt oder umgekehrt. 

Dass aber erstere alternati\-e die richtige ist, kann keinem 
zweifei unterliegen. Die schwed. formen gehen regelrecht auf 
anord. ae (i-umlaut von ä) zurück ; darauf führt auch norw. 
dial. raesa, prät. rseste 'fische trocknen oder räuchern', iden- 
tisch mit dän. dial. (Jütland) raese 'fische nach aufschnei- 
den (und ausnehmen deseingeweides) zum trocknen 
oder räuchern authängen". '■^ . Schon diese geographische Ver- 
breitung macht die annähme finnischen Ursprungs äusserst un- 
wahrscheinlich. 

Weitere verwandte und zwar ebenfalls mit anord se sind: 
a) aisl. u-rsfesi neutr. 'unreinlicher, unflätiger mensch'; b) aisl. 
rsfesta, prät. rafesta 'reinigen (z. b. das haus), räumen (z. b. 
"einen bach vom unrat, eine bürg von feinden)', wozu ü-rsfest 
fem. 'unrat', urafestiligr 'unreinlich', nisl. ürsfesti neutr. 'an un- 
clean, dirty person' •'. — Eine altertümliche bildung ist auch 
schwed. dial. (Jämtl.) ressn(a) fem. 'fischschuppen, abfall beim 
schlachten'. * 

Die erwähnten \N'()rter gehen auf nord. ras-, urgerm. *res- 
zurück. Eine damit ablautende nord. und urgerm. wurzelform 
ras- erscheint in folgenden bildungen: 

a) nisl. rask neutr. 'fischabfall'; nnorw. rask neutr. 'abfall; 
plunder'; schwed. dial. rask neutr. 'allerlei abfall (z. b. von heu); 



• RiETZ Sv. Dial.-Lex. 552, Vendell Ordb. ö. de östsv, 
dial. 774. 

■^ Aasen No. Ordbog 625, Ross No. Ordbog 625, Feil- 
berg Ordbog over jyske almuesmäl III iii. — Schon Aasen 
verbindet rassa mit aisl. rgfesta, was sich durch die genaueren be- 
deutungsangaben bei Feilberg als richtig erweist. 

3 Aisl. rsfesta kann denom. von (ü)-rgfest (urgerm. *res-ti-) 
sein, oder es ist aus *räs-at-ian entstanden, in welchem falle 
(ü)-r8est sekundär zu dem verbum hinzugebildet ist. 

^ RiETZ a. a. o. Ein beleg aus dem j. 1729 (ressne 'fiske- 
rääk' Jämtl.) Sv. Landsm. 1906, p. 62. 



94 EVALD LiDEN. 



plunder; fischabfall; abtall beim schlachten, usw.'; alt. ndän. 
und dial. rask 'kleinigkeiten usw.' — aus *ras-ka-;i 

b) norw. dial. ras neutr. 'fischschuppe', aus *rasa-. 2 



8. Fi. tulkka 'keil' — schwed. tolk 'id.' 

Fi. tulkka, gen. tulkan nach Renvall im dial. v^on Öster- 
botten 'tulppa, treibkeil' ^ stammt aus schwed. dial. tolk, tulk 
'keil, hobelkeir (Västerb., Österb., Aland)*; vgl. nndl. tolk 'Stäb- 
chen', mhd. zolch 'klotz, lümmel'. — Zur geschichte des germ. 
Wortes s. Liden Stud. z. altind. u. vergl. sprachgesch. 80 f. 

Nord, ö erscheint im finn. häufig als u, s. Thomsen Einfl. 
50 f., Saxen Svenska bosättningens bist, i Finland I 240. 

Ob estländischschwed. tolk 'zapfen, spitze' (Rägö, Wichter- 
pai), is-tolk 'eiszapfen' (Gammalsvenskby) hierher gehört? Nach 



1 S. besonders RiETZ a. a. o. 525. Die nordschwed. neben- 
form räsk kann der ursprüngliche plural (awnord. *rosk) sein; 
vgl. indessen auch Saxen a. a. o. 205. 

2 Schon RiETZ Sv. Dial. -Lex. 552 stellte richtig schwed. 
ras mit rask und aisl. rsfesta zusammen. Lindgren Sv. Landsm. 
XII 1 115 (§ 49, anm. 3) u. 163 verfällt trotzdem auf die laut- 
lich geradezu ungereimte kombination von ras mit aisl. hreistr, 
norw. dial. reist 'fischschuppen', der Saxän Sv. Landsm. XI 3 
216 sich anschliesst und die er annehmbarer zu machen sucht. 

Falk und Torp Etym. Wörterb. 881 (unter ras II und 
rask I; vgl. Torp bei FiCK Vergl. Wörterb.* III 194), welche 
schwed. ras usw. und aisl. ü-rsfesi, rsfesta nicht berücksichtigen, 
trennen ras und rask ohne ersichtlichen grund gänzlich von ein- 
ander; ersteres soll zu einer germ. Wurzel hras-, die aber sonst 
im germanischen ohne anhält ist, letzteres zur germ. wurzel rek- 
(awnord. raka 'rasieren, scharren' usw.) gehören. Begrifflich und 
lautlich anscheinend eng zusammengehöriges wird dadurch aus- 
einandergerissen. 

3 Fi. tulkka in der bedeutung 'Schraubenmutter, radbüchse' 
ist russ. vtulka 'id.' (Lönnrot). 

* RiETZ Sv. Dial. -Lex. 744 a, Karsten Sv. Landsm. XII 3 
34, Vendell Ordb. ö. de östsv. dial. 1023. Über den vielleicht 
hierhergehörigen alten schwed. seenamen Tolken s. Hellquist 
Sv. Landsm. XX i 629 If., Ortnamnen i Älvsborgslän XIV 231. 



Miszellen z. fiugr. lehnwörtem. 95 

Saxen Sv. Landsm. XI 3 230 ist es vielmehr aus estn. tolk 
(= tolguti) entlehnt. ^ 



III. 
9. Mordw. tarvas 'sichel' — pämirdial. derv 'id.' 

Paasonen FUF VIII 72 ff. sucht die annähme zu be- 
gründen, dass mordw. tarvas 'sichel' einem (ur)arischen *d.harga-8 
entlehnt sei. Dieses oder ein ähnliches wort ist zwar sonst 
nicht nachzuweisen, aber auf grund der gleichung lit. dalgis- 
lat. falx (MiKKOLA Bezz. Beitr. XXV 74) gilt ihm ein uraltes 
*dhalg- 'siehe!, sense' als sicher, und aus diesem zusammen 
mit mordw. tarvas glaubt er ein entsprechendes urindogerma- 
nisches und urarisches wort erschliessen zu dürfen. 

Diese konstruktion scheint mir unannehmbar. Von anderen 
Schwierigkeiten abgesehen, die Paasonen selbst z. t. streift, 
aber zu entkräften sucht, ist seine einzige stütze, jene baltisch- 
lateinische wortgleichung, durchaus nicht sicher (vgl. Walde 
Lat. et3^m. VVörterb.^ 269), jedenfalls gar zu gebrechlich, um 
beim fehlen jedes positiven anhalts innerhalb des arischen die 
ganze last des kühnen baues allein zu tragen. 

Da indessen alle oder fast alle bezeichnungen für sichel 
in den finnisch-ugrischen sprachen fremden Ursprungs sind, 
ist es ja im voraus ziemlich wahrscheinlich, dass dies auch von 
mordw. tarvas gelten dürfte, und da dieser name auf eine öst- 
liche spräche beschränkt ist, liegt es gewiss nahe an eine 
iranische quelle zu denken. Es scheint mir dann folgende 
gemeiniranische Wortsippe in betracht kommen zu müssen : 

aw. dara-ta-, a-dara-ta- '(nicht) geerntet, geschnitten, von 
getreide'; mpers. (paz.) drün, drüdan 'ernten', npers. präs. di- 
rav-am inf. durü-dan (duridan, diravidan) 'metere (frumentum); 
resecare (lignum, ramum etc.)', durü-d 'messis; resectio'; kurd. 
dü-u-n, diru-tin "faucher, moissonner', dü-u-n 'moisson', duranga, 



1 Sicher estnisch ist schwed. istolp 'eiszapfen' (Estl.: Wich- 
terpal), vgl. estn. tolp 'pflock, keil'. Vendell a. a. o., p. 402, 
setzt unrichtig als Stichwort ein angeblich schwed. *is-stolpe an. 



96 EVALD LiDEN. 



dervang 'cbamp, prairie' * ; pämir-dial. wachl drav-am (dröwam) 
'ich ernte", 3. sing, dri-t (aus *drü-t), part. dre-t-k; usw. ^ 

Besonders möchte ich hervorheben, dass mindestens drei 
iranische ausdrücke für sichel zu eben dieser \\'urzel gehören: 
wachl derv, \'aghnöbi daräs und dirät, ^ 

Für mf)rdvv. tarvas setze ich demnach eine iran. grund- 
lage *darua-s (nom.) an. Am nächsten vergleichbar ist wachl 
derv 'sichel'. 

Diese bisher nur aus dem iranischen bekannte wurzel 
ist, wie ich glaube, auch in anderen sprachzweigen vertreten; 
hier mögen nur lit. dirva, pl. difvos 'acker, säbares ackerland" 
und lett. druva 'der bestellte, besäte acker, Saatfeld, getreidefeld' 
genannt werden. Die baltischen formen beweisen zur genüge, 
dass das u-formans nicht nur als präsensbildend (npers. dirav-am 
usw.), sondern auch als nominalbildend erscheint, was für die 
jetzt aufgestellte erklärung von mordw. tarvas von bedeutung 
ist. — IJber anderes hierhergehörige, z. b. alb. drii^e "getreide', 
werde ich anderswo handeln. 



10. Tscher. penea 'schlämm'. 

Tscher. penea 'schlämm' erinnert an aind. pa/aka- mask., 
neutr. 'schlämm, schmutz, sumpf, könnte daher vielleicht auf 
eine arische nebenform *paTiea- zurückgehen. * 

Ich wage diese vielleicht zufällige Übereinstimmung darum 
in erwägung zu bringen, \\eil Yrjö Wichmann FUF III 102, 
unter ablehnung einer früheren erklärung von Szilasi, nur 
zögernd ein finn.-ugr. etymon des tscher. Wortes aufstellt. 

Verwandte von aind. päiika- sind auch in anderen ijg. 
sprachen vorhanden. 



1 Jaba-Justi Dict. kurde-frang. i8i; Zeitschr. d. d. morgenl. 
Ges. XXXVIII 66. 

2 Vgl. Hübschmann Pers. Stud. 6i f., Bartholom.e Altiran. 
Wörterb., sp. 741. Grundr. d. iran. Phil. I 1 79. 

•* Vgl. Salemann im Grundr. d. iran. Phil. Ii 261. 

* Das c war u. a. im idg. und urar. lok. auf -ei lautgesetz- 
lich. Über derartige doppelformen von o-stämmen im arischen 
vgl. Wackern.\gel Altind. Gramm. I 149 f. 



Miszellen z. fiugfr. lehnwörtern. 



1 1. l'"i. sara 'lied^ras. 

Ki.n.i-: M'K XI I.W sucht Jen Ursprung i.les t'i. sara "ried- 
gras, segge, carex' im gotischen, indem ei' zum gleichbedeu- 
tenden ahd. sahar. auf den Vorgang Schadks Altd. VVörterh.- 
735 hinv\'eisend. ein gotisches äquixalent *sahrs xoraussetzt. 
Ungleich berechtige)- würde aber meines erachtens ein hinweis 
auf pRiEDRiru Klugk PBB -IX 170. Engl. Stud. IX 311 und 
Xom. Stammbildungslehre- 42 (i; <S4) gewesen sein, wo ahd. 
sahar (-ir, -er, -or, nhd. baicr. saher, sacher, säher, sär) ' als ui- 
sprünglicher es-stamm erklärt wird, eine auffassung. die sich 
seitdem mit recht allgemeiner Zustimmung erfreut. \'gl. W'ii,- 
MANNS Deutsche Gramm."'^ 11 327. Tamm Etym. svensk ordb. 
1 2 f., NoREEN IJrgerm. Lautlehre 86. 11<S. 136. v. rxwEKTii PBB 
XXXVI 6, 10, 25. u. a. 

Wenn demnach als gotische form *sahs (*sahaz-, -iz-) an- 
zunehmen ist. dann entfällt der Zusammenstellung mit fi. sara 
— die ohnehin wegen des fehlenden -h- stark xerdächtig 
sein würde — jegliche stütze. 

Die Verbreitung und Vorgeschichte des finni.schen \\'f)rtes 
innerhalb der x'erwandten sprachen sind mir unbekannt. ^ Wenn 
ich trotzdem einer Vermutung zcigernd räum geben darf, könnte 
etw-a an Zusammenhang mit aind. <?ara- 'röhr", qaryä 'id', 
qari (lex.) 'Typha' gedacht werden; zur begrifflichen be- 
grttndung genügt ein blick in Grimms DW unter den Wörtern 
Riedgras und Schilf(rohr), deren bedeutungen sich vielfach be- 
rühren und kreuzen [über den grund der z. t. zusammenfallen- 
den volkstümlichen nomenklatur für Carex, Phragmites, Scirpus, 
Typha usw. s. Marius Kristensen in der Festskrift til H. F. 
Feilberg, 1011, p. 48]. — Fi. sara würde dann einem ent- 
sprechenden iranischen *sara- entstammen. Das gilt mii- 
aber als sehr unsicher. 

('TOtenburg fSchweden), 191 1. EvALD LiDEX. 

^ Zusammenstellung der formen bei BjöRKMAN Zeitschr. f. 
deutsche Wortforsch. III 275, und Schmeller Bayer. Wörterb.^ II, 
sp. 244. 

2 Ob sara mit fi. sarpa, sarva, sarvo, sarvu, sarpio 'Schilf- 
rohr, binsen' — worüber Wiklund JSFou. XXIII 16. p. 8, 9 — 
vereinbar? — Vgl. Donner Vergl. Wörterb. I i8i, II 7. 

l-'iun.-iigr. For.scli. XII. 7 



98 Bernhard Mlnkäcsi. 



Zum chasarischen würdentitel I§ad. 



Bekanntlich hatten die chasaren an der spitze der staats- 
leitung ausser ihrem grossfürsten noch einen reichsv^erwalter, 
dem als eigentlichem regenten vielleicht noch mehr fürstliches 
ansehen als seinem höheren ranggenossen zuteil u^urde. Der 
bericht des Ibn Rusta lautet diesbezüglich: „Den Fürsten (der 
chasaren) nennt man Isa (LcÖwj!), der oberste fürst aber führt 
den titel Aazar Aakan. Dieser hat nur den titel, sein volk je- 
doch folgt nicht ihm, [denn] die Verwaltung ist bei dem Isa, 
keiner steht über ihm weder in der regierung noch in ange- 
legenheiten der armee. Der oberste fürst bekennt sich zur jü- 
dischen reiigion und ebenso der Isa . . . Der Isa leitet persön- 
lich den krieg . . . und wenn man beute holt, so wählt sich 
der Isa da\'on aus, was er zu besitzen wünscht, das übrige 
überlässt er zur Verteilung unter seinen kriegern". Dieselbe 
mitteilung findet sich bei Gardesi folgenderweise : „Der fürst 
der chasaren führt den titel Absad (oder Äbsad, c>L-ccol), aus- 
ser diesem haben sie aber noch einen oberen fürsten, den man 
Aazar Aakan nennt. Der Aazar Aakan hat nur den titel. 
die ganze Verwaltung aber liegt in den bänden des Absad, es 
gibt keinen höheren als den Isan ' ( .Lciof)- Ihr Oberhaupt. 



1 So in der handschrift der Bodleiana zu Oxford nach der 
ausgäbe von W. Barthold, die als beilage zu seinem 'Bericht 
über eine reise in Mittelasien zu wissenschaftlichem zwecke in den 
j. 1893-94' (Otiict'l noli^AKli Bi) Ci)eAHK)H) Asifo ch Hay^HOK) 
H'hjItR) 1893-94 rr. St. Petersburg, 1897, '" ^^" Memoires de 



Zum chasar. Würdentitel ISad. 99 



sowie der Absad bekennen -sich zui- jüdischen leligion . . . Der 
Isan eiiiebt selbst die Steuer und verteilt sie unter dem beere". In 
diesen texten liegen uns als titel des chasarischen reichsvei'- 
walters drei formen vor: die frage ist, welche ist die richtige 
oder wenigstens die, die ihr am nächsten steht? 

Graf Geza Kuun schreibt in der ungarischen Übersetzung 
des angeführten GardesT-textes statt Abäad oder Isan konse- 
quent Isä, die früher bekannte und gewohnte form des ihn 
Rusta. In der Gardesi-ausgabe von Bartholi:) ist ^L«*j| in 
jLioi' emendiert, dieses wort wird jedoch in der Übersetzung 
nicht nach dem emendierten original als Absad, sondern mit 
einer neu kombinierten form als Isad umschrieben, offenbar in 
der meinung, dass in t>L-ciol das j statt j und in ^^Lci-jl das 
^ statt c> verschrieben sei. Die richtigkeit dieser rekonstruk- 
tion wäre freilich erst dann festgestellt, wenn sich Isad aus 
dem bekannten w^ortmaterial der türkischen oder andei'er asia- 
tischer sprachen irgendwie nachweisen Hesse. 

Einen diesbezüglichen versuch finden wir in J. Marquarts 
„Osteuropäischen und Ostasiatischen Streifzügen" (1903), wo 
Isad in klammern durch 'Äj-sad = Äl-sad" erklärt wird (s. 24). 
Hier denkt der verdienstvolle Verfasser gewiss an osttürk. äl 
"volk' und an das wort sad der alttürkischen Inschriften, wo- 
mit nach Radloff (Wbuch d. Türk-Dial. IV 971) 'eine hohe 
würde, die höchste nach dem chan' bezeichnet wird. Allein 
ein lautwandel wie *Äi-sad aus *Äl-sad könnte wohl kaum 
irgendwo im türkischen durch sichere analogien bestätigt werden. 

Noch vor dem erscheinen des letztgenannten Werkes ver- 
veröffentlichte der verstorbene ungarische Orientalist Joseph 
Thüry in Keleti Szemle {IV 1-4) einen kleinen aufsatz über 
den chasarischen würdentitel isa, in welchem er ebenfalls zu 
dem ergebnisse kommt, dass die \arianten dieses wortes bei 
Ibn Rusta und Gardesi auf eine ursprüngliche form Isad zu- 
rückgehen und dass diese benennung das alttürkische wort sad 



rAcademie des sciences de St. Petersbourg, VIII. Ser. Ciasse Hist. 
Phil. Vol. I. N:o 4.) erschienen ist Cs. 95). In der ausgäbe des 
grafen Geza Kuun findet sich an dieser stelle ,L.<iö, worin offen- 
bar ein kopierungsfehler vorliegt. 



Bernhard Munkäcsi. 



enthält. Seine beweisführung stützt sich einerseits auf die be- 
kannte behauptung des Theophanes, wonach „die türken \om 
Osten chasaren genannt werden" (- - rovc Tovoxovc usrö <r^c 
(■Mac, uvc Xa^aQovg oro/nä^ovaiv Ed. Bonn. 1 : 485), anderseits 
auf den umstand, dass dieselben gebrauche, welche nach 
Konstantin, Istachri und Ibn Hauoal bei gelegenheit der er- 
wählung eines neuen fürsten bei den chasaren üblich waren, 
von den chinesischen geschichtsschreibern betreffs der Altai-tür- 
ken des 6. Jahrhunderts erzählt werden. So namentlich die 
sitte, wonach man den neuerwählten fürsten emporhob und 
auf einem schilde herumtrug; dann der brauch, nach welchem 
man den chakan \or der einsetzung mit einer seiden.schnur 
so lange würgte, bis er eine erklärung darüber abgab, wie \'iel 
jähre er regieren wolle. Neben solch auffallenden Übereinstim- 
mungen, meint Thürv, können wii' mit recht erwarten, dass 
auch die titel der fürsten beiderseits einander gleichen, und 
richtig unterscheidet ■ sich lautlich das alttürkische sad kaum 
vom chasarischen isad. Ja die letztere form ist sogar ent- 
scheidend für die lesung der ersteren. Nicht sad, sondern 
isad wäre die richtige ausspräche und bezeichnung des buch- 
stabenkomplexes, welcher bisher sad gelesen u'urde. Der an- 
lautende vokal soll in der schrift nur darum nicht bezeichnet 
sein, weil nach den schreibregeln der alttürkischen Inschriften 
vokale oft auch am anfange des Wortes unbezeichnet bleiben. 

Dass letztere ansieht nicht gebilligt werden kann, erhellt 
schon daraus, dass in der chinesischen transskription das be- 
handelte wort als sa, so, im kantonesischen als sät, sit be- 
zeichnet wird (s. P"r. Hirth, Nachworte zur Inschrift des Ton- 
jukuk, s. 47, in Radloffs Alttürk. Inschriften d. Mongolei), 
das doch eher der lautform sad als der des isad entspricht. 
Die würde eines schad erwähnt auch Tabari bei den türken 
Tocharistans im 8. Jahrhundert, und in dem werke Gardesis 
wird ein mythischer herrscher des volks der Kimak .Schad 
(cXjä) genannt (s. W. Barthold, Die historische Bedeutung dei- 
alttürk. Inschriften, s. 16, ibid.). Aber auch die herkunft des 
Wortes bezeugt, dass sad die richtige form und ausspräche 
vor.stellt. 

Was dies anbelangt, findet sich zwar in dem wörterbuche 



Zum chasar. Würdentitel I§ad. loi 

Radloffs die andeutung „aus dem Iranischen", doch was da- 
mit gemeint ist, ist ganz unklar, da das entsprechende „iranische" 
wort nicht angeführt ist. I^in ganz ähnliches wort lässt sich 
erkennen im assyrischen sadü 'herr, gebietcr' (von sadü .hoch 
sein, sich erheben'), das mit hebr. saddai "allmächtig" ver- 
glichen wird (Fr. Dklitzsch, Assxr. Handwb. 643, Muss-Ar- 
xoLT, Assyrisch- englisch-deutsches \Vb. 1013). Freilich kann 
hier \on einer unmittelbaren entlehnung nicht die rede sein, wohl 
aber \'on einem zu.sammenhange, wenn auch die wege, auf 
welchen das assyrische wort in dunkler \orzeit zu den ost- 
türken gelangte, kaum zu ergründen sind. Demselben fall be- 
gegnen wir in dem chasarischen würdentitel ^f'x- welches 
wort in der giosse des Konstantins ^r^-'/ ya^ccQiag denselben 
fürsten wie oLi^jl bezeichnet und mit uigur. päk 'fürst, herr- 
scher', türk. bäg 'beg beamter, (Buchara) höherer militär- 
beamter' (Radi.off, wb. I\' 1216, 1580) identisch ist. zwei- 
fellos aber auch mit dem biblisch-aramäischen worte pe/ä 
(pehä), Statthalter', womit Rabsake, der heerführer Sanheribs, 
des königs von Assur einen hohen assyrischen Staatsbeamten 
bezeichnet (Reg. H 18, 24), zusammengehört. 

Wenn nun alttüi'k. sad nicht mit einem vokal anlautete 
und es demnach nicht ganz mit isad identifiziert werden kann, 
anderseits aber diese form auch zur ei-klärung des wortes nicht 
taugt, \ersuchen wir es mit der f<jrm oL-ciol. die ihr da- 
sein nicht wie jene nur einer kombination verdankt, son- 
dern im texte in der tat viermal geschrieben steht, l'nd siehe, 
auf dieser grundlage erklärt sich der chasarische würdentitel 
ganz leicht durch das alttürkische wort ab =: uigur. äp (sag.. 
koib. eb, gemeintürk. äv, kirg. üj etc.) "haus", wonach jLciol 
Äb-sad, oder mit assimilation der vokale Ab-sad gelesen, 
eigentlich "majordomus' bedeutet, mit welchem ausdruck Mar- 
QUART (a. a. s. 26) eben das chasarische wort übersetzt. Die 
entstehung der gewiss korrupten Schreibart i^Löol stelle ich 
m.ir derart \'or, dass in der Urschrift der schwankenden aus- 
spräche gemäss j>L^>| und jLxol (Äbsad u. Äpsad) \ariiert 
geschrieben wurden, in der letzteren form aber zwei punkte 
unter dem j zusammenflössen. Nachdem so die Schreibart 
J>l-ä.jl entstanden war. bildete sich daraus leicht aus missver- 



I02 Bernhard Munkäcsi. 



ständnis oder vielleicht auch unter dem einfluss von pers. 
..LcvjI 'sie', jo^«^' ^^^ i'^ ^^^' Abschrift des Ibn Rusta durch 
weitere nachlässigkeit L-wljI- 

Kurz zusammengefasst ist meiner ansieht nach die rich- 
tige form unter den \arianten, in welchen uns der titel des 
chasarischen reichsverwalters in Gardesi und Ibn Rusta vorliegt, 
jLxi^jt, deren leseart: Äbsad oder Ab-sad, bedeutung : 'major- 
domus'. 

Budapest. BERNHARD MuNKÄCSI. 



H. SuOLAHTI. Zu d. fi.-gerni. heziehungen. 103 



Zu den finnisch-germanischen beziehungen. 



Fi. nasta = deutsch nestel. 

I.öNNROT (Finskt-s\enskt lexicon 1880) verzeichnet nasta in 
einer reihe verschiedener bedeutungen : 'blase, stift oder nagel 
am wagebalken, schnalle, knöpf, schmuck, beschlag; stein (im 
brett- und damenspiel): koi-n (am schiessgewehr) ; beule, pickel, 
Schwiele; pflock, nagel (schmuck am zügel)". Daneben die for- 
men naste vorspringender schmuck; nagel, knorren' und nasto 
::=: nasta; "stein (im spiel) oder kleine erhöhung, z. b. das ende 
eines eingeschlagenen nageis'; ferner die ableitungen nas- 
tura "knoi'ren, auswuchs' und nastata 'mit nasta versehen, 
mit schmuck, schönem beschlag zieren' sowie die kom- 
posita nastakammelias 'eine art flunder' und nastalastunen 'holz, 
auf welches der zwirn aufgewickelt ist'. — Ahnliche bedeutungen 
weist das entsprechende estn. näst (gen. nästa, nästu) auf; 
WiEDEMANNS Estnisch-dcutsches Wörterbuch (2 aufl.) erklärt es 
durch 'metallplatte, beschlag, buckel, rautenförmiger silberner 
haisschmuck; hornartiger auswuchs, schild (auf der haut man- 
cher fische), platte des blumenblattes'; dazu nast gen. nasta 
(poet.) 'band', auch = näst, und nast gen. nastu := näst, "warzen 
im gesiebt'. In den lexikalischen hilfsmitteln der übrigen finni- 
schen idiome ist das wort nicht verzeichnet; die weiter ver- 
wandten ugrischen sprachen bieten nichts entsprechendes. 

Offenbar ist nasta eine alte entlehnung aus dem germani- 
schen; es liegt ihr hier eine Wortsippe zu gründe, die im deutschen 
durch nestel vertreten ist. Das wort bedeutet im neuhoch- 
deutschen ebenso \A-ie im mittelhochdeutschen „vorzugsweise 



I04 H. SUOLAHTI. 

den (an dem einen ende mit einem stifte oder metallbeschlag 
zum durchstecken \'ersehenen) Schnürriemen, das schnürband, 
den Senkel, dann überhaupt einen riemen. ein schmales band, 
eine bandschleife, binde" (vgl. Grimms \vb. VII 626); das ahd. 
nestilo, nestila wird in den glossen durch lat. 'funiculus, vitta, 
ansa, ansula, fibula' übersetzt. Dazu asächs. nestila mit 
der bedeutung "band, haarband", afries. nestle 'band, binde', 
mndl. nestel(e) und nastel 'riemen, band, besonders um 
kleidungsstücke festzuhalten", nndl. nestel "id.". Neben dieser 
ilan-, ilon-bildung finden sich auch einfache formen, teils mit 
anderen ablautsstufen : altgutn. nast "heftnadel am kleid', altnord. 
nist, nisti 'spange, haken", norw. nest "lose naht', norw. dial. 
neste 'schnalle, heftnader, älterdän. nest(e) "schnalle", .sowie 
ahd. nusta Verknüpfung', mit dem die ags. ableitung nostle 'band' 
Inder ablautsstufe übereinstimmt; ferner die zugehörigen verba 
mhd. nesten 'heften, binden, schnüren', ags. nestan 'spinnen", 
altnord. nesta 'heften, festnageln", schwed. nästa "dass.", norw. 
neste 'lose zusammennähen, heften'. 

Mag man nun die germanische Wortsippe mit lat. nectere 
'knüpfen' \erbinden oder, wie andere wollen, sie zu lat. nö- 
dus 'knoten' (aus *nozdos) stellen, jedenfalls wohnt ihr als 
grundbedeutung der begriff des heftens oder bindens inne. Die 
altgermanischen dialekte kennen das Substantiv in den sich 
nahe berührenden bedeutungen „schnürband" und „heftnadel". 
Die erstere, die sich im deutschen erhalten hat, findet sich auf 
finnischer seite nur im estnischen, wo nast poetisch im sinne 
von „band" verwendet wird. Im finnischen ist nur die bedeu- 
tung „heftnadel" nachzuweisen. Diese bedeutung kennt der alte 
lexikograph Juslenius (Suomalaisen Sana-Lugun Coetus (1745) 
p. 226: nasta, -an^festuca: acus ornans, sticka; torn; doppa; 
bubla), und Renvall (Lexicon Linguae Finnicae, Abo 1826) 
sieht darin die hauptbedeutung des Wortes: nasta -an "fibula 
ornatioi-, buUa metallica ornamenti caussa apposita, acus ornans, 
clavus in fibulis, nee non clavus in statera g. metallener zier- 
rath, schnalle, nager(dazu: nastaan, -tata = ejusmodi fibulis 1. 
acubus 1. clavis orno, g. mit dergl. zierrath schmucken). Die 
bedeutungsentwicklung von „heftnadel" zu „schmuck, be- 
schlag" ist ohne weiteres klar. F^ür das Verständnis der be- 
deutung „Stift, nagel" (und übertragen „beule, warzen usw^") 



Zu d. ti.-germ. beziehungen. 105 



ist Renvalls angäbe „cla\us in tihulis" insti'uktix": aus dec spe- 
ziellen bedeutung „stift der heftnadel'" hat sich wohl die allge- 
meinere entwickelt. 

Die genaue tbrni des germanischen etymons nast- kann 
durch das finnische lehnwort nicht sicher festgestellt werden, 
da der ausgang a einen maskulinen a- odei' n-stamm, einen 
neutralen a-stamm und einen femininen ö-stamm \'oraussetzen 
kann. 



Fi. ruko 'kleiner heuschober". 

Der ausdruck ist zuerst bei Juslenius a. a. o. s. 315 ge- 
bucht: ruco, -on 'fasciculus foeni in prato, hösäte' (dazu ruoi- 
tan, -oittaa "compono foeni fasciculos, satter satar'; ebenso bei 
Ren\all a. a. o. s. v.: ruko, ru'on 1. ruwon "meta foeni mi- 
nor in prato, g. kleiner heuschober' (dazu riikoan, ruota 1. ru- 
wota al. ru'oitan, -ttaa "foenum in metas coUigo 1. struo, g. 
zusammenschobern'). Lonxrot a. a. O. II 442 wirft heterogenes 
zusammen, indem er ruko nicht nur mit 'kleiner heuschober' 
und 'häufen", sondern auch mit 'röhr' übersetzt. Dem finni- 
schen Worte stellen sich aus den \erwandten idiomen zur seite 
karel. rugo (dazu das verbum rugua-) und e.'^tn. ruga (gen. 
roa), beide mit derselben speziellen bedeutung "kleiner heu- 
schober'. 

Donner (vergleichendes Wörterbuch der finnisch-ugrischen 
sprachen III 107) hat an \erwandtschaft unseres Wortes mit 
tscher. rok 'terra, humus' gedacht ; diese Zusammenstel- 
lung kann aber den heutigen 'anforderungen der etymologischen 
disziplin nicht mehr genügen. Möglicherweise haben wir es 
hier, wie bei einigen anderen terminider landwirtschaft (pelto» 
saatto u. a.), mit einer germanischen entlehnung zu tun. Die 
anklingende Wortsippe, die das etymon geliefert haben könnte, 
ist besonders im nordischen verbreitet: altn.ord. hroki (hrokr) 
'gehäuftes mass', dän. raage 'kleiner häufe', norw. dial. ro- 
ke (rok) 'gehäuftes mass", rüka 'häufe, kleiner Stapel', nik 
"kleiner getreidediemen'. schwed. ruka 'id.", altnord. hraukr 
"kegelförmiger Stapel, häufe', norw. dial. rauk 'getreidediemen', 
älterdän. reg 'id.', schwed. rök 'id.', ags. hreac 'häufe, 



106 H. SUOLAHTI. 

heudiemen", engl, reek 'schober", ndl. rook "id.", älter- ndl. 
rocke 'häufe, heudiemen', engl, ruck 'id.', ags. hrycce 'heu- 
ode)' getreidediemen', engl, rick 'id.", altnord. hrüga 'häufe', 
norvv. dial. rüge 'id.', schwed. dial. ruga 'id.'. Für diese 
verschiedenen laut- und formvarianten wird von Falk und 
ToRP Et. ordb. II 86 s. v. raage eine grundform ^hrugan 
gen. *hrugnaz ^ '''hrukkaz angesetzt und die form *hrukan als 
kompromissform erklärt. 

Das finn. ruko würde sich am besten mit einer femininen 
form *hrugön (vgl. altnord. hruga) decken. Die im dörptest- 
nischen übliche form rukk (gen. ruka), die der im südlichen 
teil des fellinschen kreises in Livland vorkommenden form ruga 
entspricht, könnte auf germ. *hrukkaz beruhen. 

Helsiiioffors. H. SuOLAHTI. 



Ralf Saxi^n. Etymologische beitrage. 107 



Etymologische beitrage. 



Fi. Hiisi. 

Fi. hiisi bedeutet in der heutigen spräche: "mächtiger bö- 
ser geist. der sich in bergen, seen, ja im innern der erde auf- 
hält, riese, berg-, wald-, Wassergeist' (Lönnrot), "abgelegene, 
unbewohnte, gefürchtete gegend ; hölle ; ein in einer abgelege- 
nen gegend wohnender \orzeitlicher riese; bösartiges wesen; 
der böse" (Kalevala. Selityksiä). Da aber das estnische Hiis, 
lis pl. Hiied noch die bedeutung heiliger wald, der gewöhn- 
lich hoch gelegen ist' besitzt, liegt es nahe im finnischen eine 
spätere bedeutungsentwicklung anzunehmen. Dies ergiebt sich 
auch daraus, dass fi. hiisi bei Aükicola neben der bedeutung 
"waldgeist" wii'klich teils die bedeutung 'heiliger wald', teils 
die von "höhe" (Kalexala, Selityksiä) hat. Die bedeutung.sent- 
wicklung ist also vermutlich einerseits "wald" >■ 'waldgeist', 
anderseits 'abgelegene wilde Waldgegend' > 'gefürchtete stelle" 
>> 'böser geist' gewesen. Für die letztere entwicklung sei 
hingewiesen auf den noch existierenden gebrauch kleinen kin- 
dern mit dem "wald" angst zu machen. Die alte appellati\e 
bedeutung \on fi. hiisi hat \ielleicht in dem ausdruck mene 
hiiteen! vorgelegen; man \ergleiche das durchaus identische 
schw. dra ät skogenli 

Man scheint mii- also bei fi. hiisi, estn. hiis mit gu- 
ten gründen als ursprüngliche bedeutung "wald", wahi- 
scheinlich 'abgelegener, unbebauter, hoch gelegener wald' an- 

1 Vgl. auch schw. det gick ät skogen, det bar tili fjälls, 
fi. se meni päin honkia, päin mäntyä {= es ging schleclit). 



io8 Ralf Saxen. 



nehmen zu dürfen. Diese bedeutun^ \eranlasst uns die Wör- 
ter mit der folgenden germanischen wortgruppe zusammenzu- 
stellen, obwohl uns dabei gewisse formale Schwierigkeiten be- 
gegnen: schw. hed, schvv. dial. (Gottland) haid "grosser unbe- 
bauter wald, zusammenhängender waldboden mit starkem wald". 
norw. hei 'hoch gelegener waldloser boden', isl. heidr "beide, 
unbewohnte gegend, besonders von hoch gelegenem wald- 
losen gelände'; got. haipi dygöc; ahd. heida "unbebautes 
wild bewachsenes land'; ae. haeip 'beide, wüste'; vgl. auch 
akynir. coit, nkym.i-. coed 's i Iva, lignum, arbores", bret. coit 
'bois". Der bedeutungswandel 'wald" -- "Weideland", 'aussen- 
schlag' ist, wie Liden (Blandade spräkhist. bidrag I 27) nach- 
gewiesen hat, leichf begreiflich, aber es \erdient besonders be- 
merkt zu werden, dass sowohl die bedeutung "wald" als auch 
die bedeutungsnuancen 'unbebautes" und 'hoch gelegenes 
gelände' auf nordischem, teilweise auch auf ostnordischem ge- 
biet nachzuweisen sind. 

"Vom gesicht.spunkt der bedeutung .scheint sich die Zu- 
sammenstellung fi. hiisi: germ. *hai[n- also gut \erteidigen zu 
lassen. In formaler hinsieht aber bietet sie gewisse Schwierig- 
keiten. 

"W'^enn wirklich entlehnung x'orliegt — und eine x'öllig 
überzeugende finnische etymologie von hiisi dürfte nicht auf- 
gestellt sein ' — , dann müssen wir eine meines Wissens nicht 
nachgewiesene ablautsstufe */^^/>^- annehmen. Indes ist es nicht 
unmöglich, dass diese auf nordischem Sprachgebiet noch fort- 
lebt. Sie kann nämlich meiner meinung nach in einigen schwe- 
dischen und norwegischen Ortsnamen vertreten sein: vgl. den 
hofnamen Hid, die gewässernamen Hisjön, Hiä in Schweden 
sowie den flussnamen Hid in Norwegen. Helloulst (Sx^enska 
landsmälen XX i 221) leitet die namen \on 'sl. hid 'auf- 
enthaltsort, lager von tieren, besonders baren" ab. Geht man aber 
\'on der bedeutung 'wald' aus, so erhält man eine ganze reihe 
bedeutungsjjaiallelen: \'gl. die sch\\'edischen seenamen Vedan, 



1 LöNNROTS Zusammenstellung des Wortes mit Ip. sieita "op- 
ferstätte; götzenbild' ist wohl kaum richtig, da dieses wort aus 
an. seidr 'zauberei' entlehnt zu sein scheint, welches etymolo- 
gisch klar ist (s. Falk-Torp, Etymologisk ordbog II 149). 



Ktyniologische beitrage. i 09 

Vedden, Skogssjön, Skogstjärn, Mallen (?) sowie die \on i.iciii 
stamm *haiX)- gebildeten Heen, He(d)sjön, Heasjön, Hedvattnet, 
Hedtjärn (siehe HEi.i.onsT a. a. o., p. 21"), 41.')). Wegen noiw . 
Hid siehe Ryc.ii, Xorske gaardnavne X\' 74. — In Finland 
sind namen mit Hiisi-, Hilden- ausserordentlich häufig, z. b. 
Hiidenjoki, Hiidenjärvi, Hiidenvesi, Hiidenkangas, Hiidenvaara, 
Hiidensaari, Hiidenvuori; Hiisi, Hiisijärvi, Hiisilampi, Hiisi- 
mäki, Hiitola u. a. Man muss wohl annehmen, dass hiisi in 
manchen \"on diesen ursprünglich appellatixe bedeutung ge- 
habt hat. 

Wenn wii' nun aber ein urfi. *hi/ti (>> hiisi) anzusetzen 
haben, so führt uns die entlehnung zurück in die zeit \oi' 
dem lautübergang H >> si in den westfinnischen sprachen. 
Bekanntlich lässt sich dieser lautvvandel in den germanischen 
lehnwörtein nicht nachweisen, wohl aber in den etwas älteren 
litauischen entlehnungen. z. b. fi. morsian <C lit. marti, st. 
martiä-, fi. niisi (st. niite-, niide-) <^ lit. nytis (s. Thomsex FBB 
76). Diesem umstand scheint mir jedoch keine entscheidende 
bedeutung beigemessen werden zu dürfen, da er auf einem Zu- 
fall beruhen kann, indem eine entlehnung mit dieser erschei- 
nung nicht vorliegt. Einen ähnlichen, wiewohl etwas unkla- 
ren fall haben wir \'ielleicht in weps. -verz, e.stn. vöfs (= fi. 
verta) "par pretio, multidutine'; vgl. got. vairps 'wert, würdig' 
(s. SetäU JSFOu. XXIII 1 39). Und nach Mikkol.v (AISFOu. 
\'III p. 28) haben wir ein beispiel für ti > si sogar in einem 
slavischen lehnwort: fi.- hirsi 'balken' <C r. *JKtp;i,L. 

Gegen unsere zusarnmenstellung erhebt sich abei- noch 
eine, vielleicht die grösste Schwierigkeit. Wenn fi. hiisi also 
nach unserer etymologie zu den ältesten germanischen lehn- 
W()rtern geh()rt, so ist es in einer zeit aufgenommen worden, 
wo das finnische aller Wahrscheinlichkeit nach keinen h-laut 
besass, und wir würden daher am ehesten ein anlautendes k 
erwarten wie z. b. in fi. kallio (isl. hella), fi. kansa (got. hansa), 
kaura (agutn. hagri; s. Thomse.x P'BB 79 fussn., SetälA ÄH 
321 u. JSFOu. XXIII 1 35 f.). Es ist jedoch zu bemerken, dass 
auch h in germanischen lehnvvörtern von sehr altem gepräge 
angetroffen wird, z. b. fi. marha 'pferd' « germ. *marha-), fi. 
hartio 'schulter' « germ. *hardiö) u. a. 

Die hier aufgestellte etymologie begegnet also einer gan- 



Ralf Saxen. 



zen anzahl formaler bedenken. Ich habe sie jedr)ch — wenn 
auch mit aller reserve — mitteilen wollen, weil sie mir \om sema- 
siologischen gesichtspunkt sehr verlockend erscheint und weil 
auch die formalen Schwierigkeiten nicht unüberwindlich zu sein 
scheinen. 



Fi. maima, maiva. 

In fi. maiva -— maima "kleiner tisch, köder" mit vielen 
ableitungen haben wir ein beispiel füi- den von Setälä in ei- 
nem Vortrag in der Finnisch-ugrischen gesellschaft am 23. 1. 190M 
und von Ojansuu Virittäjä 1909, p. 25 ff. nachge\\'iesenen wän- 
de! m -^ V (z. b. fi. hermotoin : hervototn, fi. salma : salvain, 
fi. käämi : estn. kääv). Möglicherweise liegt auch hier ein 
germanisches lehnwort vor: germ. *mmva-, wovon isl. mior, 
moer, aschw. mio(r), nyo, schw. dial. miöär, miövär, alle mit 
der bedeutung 'schlank, dünn, schmal'. Die bedeutung 'klei- 
ner fisch' ist wohl in diesem fall von Zusammensetzungen wie 
ahvenmaimanen 'kleiner barsch' (Kalevala) ausgegangen; vgl. 
aschw. abborpinne. Indes ist zu bedenken, dass das wort 
mior sehr umstritten und dass die existenz einer grundform 
*maiw- in abrede gestellt worden ist (s. v. Friesen, Skrifter 
utgifna av K. Humanistiska vet. samfundet i Uppsala VW 2 20 f.; 
vgl. auch PiPPiNG, Grammatiska studier 33). 



Fi. upia, upias, uve. 

Fi. upia, upias, uve bedeutet 'vortrefflich, stolz, übermü- 
tig, ungefällig'; davon die ableitungen subst. upeus 'vortreff- 
lichkeit', adv. upiasti 'vortrefflich', vb. upeilla 'hoffärtig sein, 
prunken, sich brüsten' u. a. Daneben kommen die parallelfoi- 
men upea, upeasti vor; vgl. z. b. korkia : korkea, kipiä:kipeä 
u. a. Das wort scheint zurückzugehen auf ein germ. *ubja-, 
*ubjaii, wovon die ableitung mnd. uppieh, ahd. üppig 'über- 
mütig', die als entlehnung in nschw. STPPig vorliegt. Da wir 
im gotischen ein subst. ubjo in der bedeutung 'überfluss' fin- 
den, kann hier an gotischen Ursprung gedacht werden. Die 



Etymologische beitrage. 1 1 r 

ablaut.stbrmeii isl. üfr, vfinn, iiorw. dial, yva, schw. yva sig 
und yvas gehen nach Falk-Toki-, l^tymologisk ordbog auf die 
grundbedeutung "schlecht' zurück. Wegen dei- vokalisierung 
des j vgl. V.. b. kavio od. kapio •< *Jcaßjo, hipiä << */iißjä u. 
a. (s. Setäl.\ ÄH 430). 



Eine germanisch-finnische wortgruppe mit der bedeutung 
'glänz' ^^ 'brunst'. 

Eine sehr zahlreiche germanische wortgruppe mit i-eprä- 
sentanten in älteren wie jüngeren sprachen ist vom stamme 
*slcim (mit den ablautformen *sJci.m- und *skaim-), aus der wür- 
ze! *{s)Jcei in schw. sken, norw. skin, gebildet. Hierher ge- 
hören : 

a) m.it der ablautsstufe *skm-: subst. isl. skim n. 'das 
aufleuchten, Schimmer', ags. scima 'schatten, halbdunkel', asächs. 
skimo, mhd. scheme 'schatten, halbdunkel, Strahlenglanz'; ver- 
ba isl. skima 'klar werden', schw. dial. skemma 'einen schwa- 
chen schein geben', ags. scimian 'dunkel sein, geblendet wer- 
den'; ^ 

b) mit der ablautsstufe *s]caim- : subst. schw. dial. skäim 
n. 'schwacher Schimmer', skäimu f. 'graue sturmwolke' ^; mhd. 
scheim 'glänz'; ^ verba schw. dial. skäim 'schimmern (nament- 
lich von einer art Strahlenbrechung beim Sonnenuntergang), 
sich stark trüben', ' isl. skeima 'sich blitzschnell vorwärtsbe- 
wegen' ; ^ 

c) mit der ablautsstufe *shh)i- : subst. ags. scima 'helle 
klarheit', asächs. skimo "glänz', got. skeima; verb ags. sci- 
mian 'scheinen, strahlen'. ^ 

Ableitungen von demselben stamm finden wir in schw. 
skimmel, skimra, skymta mit verwandten in mehreren germa- 
nischen sprachen. ^ 

Dieser stamm scheint in mehreren formen in das finni- 
sche gekommen zu sein. Ich erinnre an folgende Wörter: 



* Falk-Torp, Etymologisk ordbog. 

'^ Vendell, Ordbok over de östsvenska dialekterna. 

•'* Falk-Torp, Etymologisk ordbok. 



112 Ralf Saxen. 



a) kima 'scharf, grell, glänzend', kimaltaa 'glänzen, glim- 
men, leuchten'; kimottaa 'glänzen, schimmern'. Vgl. auch fi. 
kimo 'schimmel' (s. Saxen, JSFOu. XXIII 9 4) ; 

b) kaimo 'schwache dämmerung, schwaches licht, schwa- 
che erinnerung, dunkle erinnerung, lichtblick, ahnung, Schimmer 
von etw.)'; kaimota 'tagen, dämmern; undeutlich zu sehen sein, 
sich dunkel erinnern, in erinnerung bringen'; 

c) kiimaista 'schnell blinken, winken, im nu zuschlagen'; 
kiimottaa "glänz verbreiten, glitzern, leuchten, blinken'. \'gl. 
auch den ziemlich gewöhnlichen seenamen Kiimajärvi. 

Zu dei" zuletzt angeführten wortgruppe gehört wahr- 
scheinlich auch fi. kiima 'balz (der \'ögel), brunst, geilheit, läu- 
figkeit; balzzeit, paarungszeit'. ^ Man \'ergleiche wegen des be- 
deutungswandels schwed. glad - von germ. *(jlada mit der 
grundbedeutung 'scheinend, blank', d. heiter mit den bedeu- 
tungen 'klar, hell" und 'froh', ^ schw. brunst und bränad, dän. 
brynde von derselben wurzel wie vb. schw. brinna, subst. aisl. 
bruni 'brand, feuer'. Dass dieser bedeutungswandel auch in 
der gruppe a) stattgefunden hat, scheint aus dem pflanzenna- 
men kimaheinä {z=z kiimaheinä : "drosera rotundifolia') her\or- 
zugehen. X'ielleicht gehören auch kimuta 'rasen, lärmen' 
und kimo 'neigung, gelüst" hierher. 

Eine gute parallele zu der eben behandelten bedeutungs- 
entwicklung finden wir auch auf finnischem Sprachgebiet: vgl. 
einerseits küla 'brunst', kiiliä 'brünstig od. läufisch sein', kiilo, 
kiilu 'brunst; brünstig, verliebt' und anderseits kiilo, kiilu 'glänz', 
kiilua 'glimmen, glitzern, blinken' (mit zahlreichen ableitungen). 

Auch für diese wortgruppe könnte man. sofern sie nicht als 
finnisch erwiesen werden kann, an germanischen Ursprung den- 
ken: vgl. die ieur. wurzel *yhlei- 'strahlen', die nach Falk-Torp, 



^ Prof. Setälä teilt mir jedoch mit, dass er in seinem Vor- 
trag über den fiugr. Stufenwechsel (mit besonderer berücksichti- 
-gung der nasale) in der Finnisch-ugrischen Gesellschaft am 23. i. 1909 
das wort küraa zu kiivas (mit dem Wechsel m ^ v) gestellt und 
zugleich fiugr. gleichungen für möglich gehalten habe. 

2 Man beachte den ausdruck vara glad i nägon "jmd. gern 
haben' (vgl. schw. kät, eig. glad', 'froh'). 

3 Eigentlich wohl auf den 'glänz in den äugen" bezüglich. 



Etymologische beitrage. 113 



Etym. ordbog \orliegt in isl. gljä "scheinen, glänzen", gly n. 
'glut' sowie erweitert in norw. dial. glima und glima 'mit star- 
kem und unruhigem glänz leuchten', schw. dial. glina 'glänzen", 
nschw. glimma 'glimmen', wozu ferner schw. glimra, glimta 
u. a. In diesem fall hätten wir hier einen neuen fall von der 
in finnischen lehn Wörtern öfters nachgewiesenen liquidameta- 
these (s. Saxen. Virittäjä I 62 f., 11 7 f., W'iklund, Nordiska 
studier 152 f.). 

Zu bemerken ist noch, dass wir auch einen finnischen 
.stamm kil- mit ungefähr gleicher bedeutung haben: kilo '.schein, 
glänz, reflex; kleiner fjsch, fischbrut; brunst', kila, kilu 'brunst', 
küuta 'läufisch sein'. Diese wortgruppe ist von Kar.sten, De 
nordiska spräkens primära nominalbildning, Wortregister .'5'') 
mit urg. *^eln-. *^il'ö-. wovon ä.dän. gsel 'paarungslustig, von 
katzen', schw. dial. gel, gäl, giäl 'wirr, froh, munter, unkeusch, 
brünstig' u. a., zusammengestellt worden. Cber die Wahr- 
scheinlichkeit dieser et3'mologie will ich mich nicht äussern, 
bevor ei'mittelt ist, ob die oben behandelten Wörter finnischen 
Ursprungs sein könru;n. Auf alle fälle scheint mir die doppel- 
bedeutung schein, glänz ---brunst dafür zusprechen, dass 
die lang- und kurzstämmigen finnischen formen bis auf wei- 
teres zusammenzufassen sind. Ich will auch auf denselben 
quantitativen Wechsel in einem finnischen wortpaar, das sicher 
germanisches lehngut ist. hinweisen: fi. kiiras -^ kü-is << germ. 
*skiriz (s. Kar.sten a. a. o. .37). 

Dei" erweiterte germanische stamm *ßlit- von der oben be- 
handelten Wurzel *f/Jilei-. den wir in isl. glita 'glitzern', schw. 
dial. glita 'schimmern, glänzen', asächs. glitan, ahd. glizzen 
'glänzen' haben, kann mit metathese in fi. vb. kiiltää 'blinken, 
glänzen' (mit vielen ableitungen) enthalten sein, falls nicht auch 
dieses ursprünglich finnisch ist. Dagegen dürfte fi. kilta 'brunst, 
läufigkeit, lautzeit der tiere' mit kurzem i, wie Karsten a. a. o. 
'35 angenommen hat, von einem nord. *3elda- (schw. dial. giU(er) 
sehr heiter, gesellig; geil, unkeusch, brünstig') ausgehen. Man 
\ergieiche jedoch auch fi. kiltsottaa 'glänzen, schimmern', das 
indes wohl anderen Ursprungs ist. 

Bevor ich die jetzt behandelte wortgruppe \'erlasse, will 
ich noch auf eine hierhergehörige fc^rmell mögliche Zusammen- 
stellung hinweisen. Die obenerwähnte Stammform skim- er- 

Finn.-ujjrr. Forsch. XII. o 



1 1 4 Ralf Saxen. 

scheint ohne anlautendes s in den norwegischen dialektwör- 
tern him, hima 'haut, dünne decke', eig. 'das durchscheinende' 
(Falk-Torp, Etym. ordbog). Wenn wir bedenken, dass wir 
bei den oben angeführten werten auch die bedeutung dunkel- 
heit (schatten, halbdunkel) fanden, werden wir leicht 
auf fi. himiä, himeä, himniiä, hime, himme, himu 'dunkel, halb 
durchsichtig; dunkelheit' (mit zahlreichen ableitungen) gelenkt. 
Vgl. auch fi. hima 'fischbrut' sowie himo 'gelüst'. Ich führe 
dies mit äusserstem v'orbehalt an, da mir die wortgruppe am 
ehesten rein finnisch zu sein scheint. 

Anm. Auf die etymologische Übereinstimmung von li. kaimo 
und schw. dial. skäim hat mich dr. J. M. Granit aufmerksam ge- 
macht. Wegen fi. kima vgl. Karsten, Ark. f. nord. fil. XXII 
20 1 f. 

Helsingfors. Ralf SaXEN. 



Heinrich Winkler. Samojedisch und finnisch. 115 



Samojedisch und finnisch. 



Der unsterbliche Castren hat behauptet, dass kein volk 
der weit den f innen so nahe stehe wie das samojedische- 
Wenn wir hierbei von der rein anthropologischen frage absehen, 
auf die hier gar nicht eingegangen werden soll und kann, und 
nur die spräche berücksichtigen, so behält dieser ausspruch 
seine giltigkeit in noch viel höherem masse, als Castren ahnen 
konnte. Ich selbst habe seit der Veröffentlichung meiner ei- 
sten arbeit „Uralaltaische Völker und Sprachen" samojedisch 
und finnisch als zwillingsbrüder angesehen und oft genug als 
solche bezeichnet. Dabei bezog ich mich in erster linie auf 
den gesamten bau der samojedischen und der finnischen spra- 
chen, der einfach derselbe ist und auch in allen wesent- 
lichen einzelnen punkten derselbe ist und bleibt, meist 
bis in die geringfügigsten details. Ich habe diesen bau oft und 
eingehend behandelt, deshalb werde ich in dieser kleinen ar- 
beit ihn nur gelegentlich berühren, dagegen in grösster kürze 
zeigen, wie in allen einzelerscheinungen dieser einheitliche bau 
auch zu denselben ergebnissen auf beiden Sprachgebieten führt, 
was ich auch schon wiederholt getan habe, hier aber nach- 
drücklicher und im zusammenhange aufnehmen will. Diese 
kurze abhandlung gibt nur die greifbarsten ergebnisse meiner 
vieljährigen Studien, die später ausführlich erläutert und be- 



1 In diesem aufsatz ist finnisch = finnisch-ugrisch, west- 
finnisch = ostseefinnisch, ostfinnisch = Wolgasprachen, per- 
mische und Ob-ugrische sprachen als zusammenfassende bezeich- 
nung, s u o m i (abgek. suo.) = finnisch im beschränktesten sinn. 

Die red. 



1 1 6 Heinrich Winkler. 



gründet v\eiclen sollen unter eingehender und vorzugsweiser 
berücksichtigung der leider dürftigen sprachproben. 

Vor der behandlung der einzelnen punkte seien noch ei- 
nige irreführende unbegründete ansichten gestreift. Es ist 
grundfalsch, wenn man meint, es gebe auch andere typen, wie 
den jukagirischen u. a.. die man zum uralaltaischen sprach- 
kreise rechnen müsse, falls man einen solchen uralaltaischen 
sprachkreis annehme. Es wird ohne weiteres zugegeben, dass 
in der form der personalia zwischen jukagirisch und altaisch 
ganz auffallende Übereinstimmungen \orliegen, etwas, was 
mehrfach in sonst recht verschiedenen Sprachstämmen wieder- 
kehrt. Ich könnte noch manche andere Übereinstimmung her- 
vorheben, trotzdem behaupte ich. dass der bau des jukagiri- 
schen völlig verschieden ist vom uralaltaischen. und der bau mit 
seinen konsequenzen entscheidet. Es kann auch sehr wohl 
auf gewissen gebieten des jukagirischen beeinflussung durch 
das altaische stattgefunden haben, ein fall, der viel häufiger 
vorkommt, als man zu glauben geneigt ist, darum wird das 
jukagirische nie altaisch. Das zeigen die sprachproben unwi- 
derleglich; so sind die wesentlichsten und einfachsten jukagi- 
rischen strukturen gerade, die das massgebende gefüge des 
baues erkennen lassen, von den für das ganze altaische gel- 
tenden strukturen oft diametral abweichend ; cf. tit keltemat 
jodm mot uilol = ihr (tit) werdet kommen zu sehen 
meine arbeit; altaisch: aibeit-mein zu sehen kom- 
men werdet; oder: titel kelkitei titin meinudin mocce == 
s i e (titel) kommen zu euch zu kaufen allerlei, al- 
taisch : allerlei zu kauten zu euch kom men (-sie). Noch 
unaltaischer folgendes: ai ai neomeje calgat saitan =: eben- 
falls machten sie holz-aus saitane. oder: motin 
omoö agetei, kanin mot leitamik lucin mudol z= mir bes- 
ser würde sein, wenn ich lernen würde russen- 
des glauben -den. In allen diesen fällen sehen wir, ab- 
gesehen von allen anderen Verschiedenheiten, gerade entge- 
gengesetzt dem altaischen grundgesetz, das verbum 
am anfang, das akkusativartige objekt überall hinter dem 
verbum am ende des satzes. Diese andeutungen könn- 
ten unendlich erweitert, und der abweichende bau 
nach den verschiedensten selten beleuchtet werden. 



Samojedisch und finnisch. 1 1 /■ 



Hiermit hängt eng zusammen eine oft geäusserte ansieht. 
Sobald übereinstimmende erscheinungen innerhalb dei- verschie- 
denen zweige des altaischen sprachkreises unzweifelhaft x'or- 
liegen, ^^'ird das als bedeutungslos bezeichnet, da andere sprach- 
typen dasselbe böten. Meist ist das ein ganz oberflächlicher, 
nach allen selten verfehlter trugschluss. Denn zunächst kom- 
men die allerverschiedensten sprachen ganz gewöhnlich zu 
ähnlichen oder anscheinend gleichen ergebnissen auf ganz vei- 
schiedenen wegen; der bau, die grundlage, auf der alles sich 
naturgemäss aufbaut, aliein entscheidet, und dieser bau wird 
wunderbarer weise fast nie befragt. Ich darf mir hier wohl 
ein allgemeineres urteil erlauben, da ich diese oft erstaunlichen 
tatsachen auf sehr verschiedenen gebieten geprüft habe, cf. 
mein „Zur Sprachgeschichte". Was aber ausserdem besonders 
auffallen muss, ist das, dass man dabei immer einzelne 
punkte herausgreift, die auch in anderen als den altaischen 
sprachen sich ähnlich oder anscheinend ebenso wie in diesen 
zeigen, dass man aber nie fragt, ob denn auch die übrigen 
erscheinungen eine ähnliche Übereinstimmung verraten, dass 
man kaltblütig die unendliche menge von erscheinungen über- 
sieht, die in den altaischen sprachen übereinstimmend wiedei-- 
kehren und in ihrer einheitlichkeit, ihrem zusammenhange eine 
und dieselbe grundlage verraten, aus der sie organisch, mit in- 
nerer notvvendigkeit herauswachsen. Und das ist umso be- 
fremdlicher, als gegenüber dieser überw'ältigenden fülle-, die hier 
ignoriert wird, mit eifer jede kleine, oft nur scheinbare ähnlich- 
keit, z. b. zwischen indogermanisch und finnisch, aufgegriffen 
und aufgebauscht wird; wobei noch besonders hervorgehoben 
werden mag, dass manche von diesen erscheinungen keines- 
wegs nur dem finnischen mit dem indogermanischen ge- 
meinsam .sind, sondern ebenso in anderen altaischen sprachen, 
sogar den nördlichen und den östlichen, wiederkehren, z. t. 
klarer und ausgeprägter als im finnischen. 

Nun zum einzelnen. 

1. Plxiral und dual. 

Dass der altai-sche plural am nomen seinem wesen nach 
ein anderer ist als der indogermanische, ist oft betont worden 



ii8 Heinrich Winkler. 



und kann hier nicht ausgeführt werden. Das zeigt sich aber 
ganz besonders i^lar am plural des finnischen, vielleicht noch 
mehr als im samojedischen, das nach den freilich allzu mage- 
len sprachproben hierin mehr an das indogermanische erin- 
nert als das finnische. In der form des plural stimmen samo- 
jedisch und finnisch überein. und zwar ebenso in der allge- 
meinsten bildung wie in der oder den mehr vereinzelt auftre- 
tenden. In beiden ist unzweifelhaft die hauptform t ^ das im 
ganzen finnischen ausser dem magyarischen und lappischen 
den nominalen plural bildet;^ ebenso aber ist es die samoje- 
dische hauptform ; denn in allen samojedischen sprachen aus- 
ser dem kamassinschen finden wii- t oder den laut, der aus t 
hervorgegangen ist und von Castren als " bezeichnet wird, als 
die eigentliche und regelmässige pluralbezeichnung; so im ju- 
rakischen habi'', pae', "uda'', tädibea', nisea*, seai', haleu', ja- 
haxnboi", "ano', hohoraei", nü\ na', jau\ nienecea', halei", sar- 

^ Im finnischen ist das t viel reiner erhalten als im samoje- 
dischen, so rein, dass eine weitere erörterung sich erübrigt; ct. 
.suo. : kala — kalat; isä — isät; wot. uhar — uharet; eeppe — cepet. 
weps. küdü — küdüd ; kand — kandod; est. laew— laewad; ema 
— emad; liv. jema — jemad; jumal — ^jumald. MordE öora — co- 
rat; ve — vet; mordM avä — avat; os— ost; ostj. kara — karat; 
iki — ikit; wog. lii — lut; kol — kolyt. 

Besonders wichtig ist es, dass auch die dem westfinnischen 
am fernsten stehenden ostfinnischen sprachen, das ostjakische und 
das wogulische, dieses pluralzeichen in grösster reinheit und in vol- 
ler regelmässigkeit aufweisen, ein deutlicher beweis dafür, dass es 
urfinnisch in dieser anwendung ist. 

Das magy. (k) und das läpp, (k), die perm. gruppe (jas, 
Jos), das tscherem. (wla) haben sonder- oder neubildungen an 
seine stelle treten lassen. 

'^ Magyarisch und lappisch lautet das pluralzeichen k, aber 
nicht nur am Substantiv, sondern übereinstimmend auch am pos- 
sessivsuffix und am verb, wie das lappische überhaupt, was hier 
flüchtig berührt werden mag, trotz der enormen beeinflussung durch 
den westfinnischen typus, seinen ursprünglichen ostfinnischen Cha- 
rakter am nomen, besonders aber am verb, am possessiv und am 
eigentlichen fürwort in keiner weise verleugnet, ja oft in stau- 
nenswerter Übereinstimmung mit dem ugrischen zwei- 
ge des finnis ch en , dem ostj akisch en, woguli seh en und 
magyarischen bekundet. Eine besondere noch nicht veröf- 
fentlichte arbeit von mir wird das im einzelnen dartun. 



Samojedisch und finnisch. 119 



mik', har", pusak', nahal', mead' (mea' 'zeit', stamm mead), 
hades', manas^ .... von habi, pae, ~uda, tädibea, nisea, seai, 
haleu . . . ., sarmik, har, pusak .... Clanz ebenso im Ta\\'gy- 
und Jenissei-samojedischen, cl. Taw^\-: kula', kinda', jabe" 
lumbe^ tori", turku', latä\ nomu', mada* (ma' 'zeit', st. mad), 
bitida'' .... von kiüa, kinta, jabe . . . . , mad, bitid .... 
Jenissei-samoj.: l'ibe', lata", ennetieo', tubeso', Tawo' .... 
\on lata, ennet;e', tube' (st. tubeso) .... Im ostjak-samo- 
jed. ist das ursprüngliche t erhalten, cf. logat, kulet, tüldet, 
siut, udet, edet; daneben tritt in gros.ser ausdehnung la ein, 
\iellach neben dem t, so logala, kulela, tüldela, siula, udela, 
edela, aber auch da, wo kein t daneben vorkommt, wie in 
limbela, optela. Dieses la, welches (^astren als eine \'erstüm- 
melung des regelmässigen türkischen pluralzeichens lar ansieht, 
dürfte ebenfalls das samojedische in 1 übergegangene t enthal- 
ten, cf. das tungusische pluralzeichen 1, das ebenfalls aus t 
entstanden ist. Nur das kamassinsche hat im plural eine neu- 
hildung, zaT], sat]; daneben aber auch eine endung je', die au- 
genscheinlich wiedei- das plural t aufweist; cf. d'agaje', siräje', 
somije', tagaije', negeje', näwaje', särgädeje', mädaje', kodoje', 
kozaneje', balgazeje' .... von d'aga, sirä, somi .... 

Neben diesem plural-t, das in erster linie die grundforni 
des plural bildet und besonders im sinne des nominaciv und 
akkusativ auftritt, kommt im finnischen, vor allem dem westfinni- 
schen, ein pluralzeichen i vor, und zwar mit solcher bestän- 
digkeit, dass man behaupten kann, im suomi z. b. sei in allen 
kasusformen, ausser eben im nominativ und akkusativ, das 
pluralzeichen i. Man vergleiche die folgenden singularischen 
und pluralischen kasusbildungen: a, ä — ia, iä: na, nä — ina, 
inä; ta, tä — ita, itä; ssa, ssä — issa, issä; sta, stä — ista, 
istä; IIa, IIa — illa, illä; Ita, Itä — ilta, iltä; lle — ille; ksi 
■ — iksi, tta, ttä — itta, ittä. Das ist aber in diesem umfange 
nicht etwa nur eine besonderheit des suomi, sondern das ist 
grundgesetz dei- gesamten westfinnischen deklination, cf. wo- 
tisch: ta — ita: za — iza; ssa, issa; la — ila; le — ile, Ita — 
ilta; tta — itta; hsi — ihsi. Im wepsischen ist das ebenso 
klar, im livischen und estnischen z. t. verdunkelt. ' Auch im 



^ Auch in diesen sprachen gleichwohl kenntlich genug und 



120 Heinrich Winkler. 



lappischen ist dieses i des plural stark vertreten, besondei-s im 
schwedisch-lappischen, und ebenso wieder in der obliquen kasus, 
cf. n— in (inessiv); sne — isne: st — ist; n— in (essiv); auch im 
norwegisch- und russisch-lappischen kommt es bestimmt vor, 
ist aber nicht immer so klar abgehoben gegen die singular- 
form. Von den spuren in anderen finnischen gruppen mag 
hier abgesehen werden; bezeichnend ist, dass gerade das dem 
samojedischen doch recht fern.stehende westfinnische dieses i 
des plural in so eigentümlich ähnlicher weise verwendet wie 
das .samojedische. 

Das samojedische bildet nämlich im Tawgy- und Jenissei-sa- 
moj. so eigentümliche zu den genannten finnischen fällen stim- 
mende oblique kasus mit pluralem i, dass man geneigt wäre, 
sie für finnisch zu halten, wenn nicht gewisse spezifisch sa- 
mojedische eigentümlichkeiten herx'orträten; eine solche besteht 
darin, dass im samojedischen gern zusammengesetztem kasus- 
zeichen wie tanu, gata das pluidlische i sich an den ersten 
bestandteil heftet, sodass es im plural lautet tini, gita; cf. 
Tawgy: kindar] — kindi ; kindatarj — kindati ; kindatane 

— kindatini; kintagata — kintagita; latäTj — latäi"; latätaT] — 
latäti'; latätanu — latätinu; latägata — latägita; bärbar) — 
bärbi'; bärbam — bärbai; bärbandarj — bärbandi; bär- 
batanu — bärbandinu; bärbagata — bärbagita; bärbamanu 

— bärbimanu. Die letzte foim härhimanil neben dem sin- 
gularischen hRThamanu entspricht auch insofern völlig den 
erwähnten finnischen, als hier das pluralische i wie dort (cf. 
ta — ita, ssa — issa, IIa — üla . . . .) vor das unveränderte, \olle 
Singularsuffix tritt. Die formen bärbi\ barbai, kindi\ kindai, 
latäi', latäi im genetiv und akkusati\- zeigen deutlich, dass das 
pluralische i ganz wie im finnischen für die obliquen kasus im 
weitesten umfange verwendet wird. JenLssei-samoj.: l'ibeddo — 
ribehtro; l'ibehone— l'ibehine ; ribehoro(=ribehoto)— l'ibehito; la- 
taddo — latahiro ; latahane — latahine ; lataharo ( = latahato) — la- 
tahito. ^ XWmderbar wäre es. wenn das Jurak-samoj. dieses 



in hohem grade charakteristisch durch gewisse bedeutungsvolle 
besonderheiten, auf die hier nicht eingegangen werden kann. 

' Es muss dahingestellt bleiben, ob das je' des kamassin- 
schen ebenfalls dieses i (j) enthält; wenn dies der fall ist, dann 



Samojedisch und finnisch. 12 r 



plural-i üjarnicht kannte, da es in den beiden ihm am näch- 
sten stehenden sprachen, dem Tawgy- und dem Jenissei-samoj., 
eine so bedeutende lolle spielt. Ivs ist das auch nicht der fall, 
wenn es auch im jurakischen stark zurücktritt. Dass es hier 
auch vorhanden ist, zeigen bildungen wie "udi', sing, uda' (gen.), 
'udi, sing, 'udam (akkus.), tädibf, sing, tädibea', tädibi, sing. 
tädibeam; siji\ sing. si\ siji, sing. sim. 

Eine bedeutungsvolle rolle spielt i als pluralzeichen bei 
den Substantiven mit possessivsuft'ix in allen samojedischen 
sprachen ausser dem kamassinschen, und auch hierin findet es 
in finnischen sprachen analoga, ganz besonders im magyari- 
schen, wo man einfach sagen kann, dass die pluralität der be- 
sessenen gegenstände am possessiv überhaupt durch i ange- 
deutet wird, und ähnlich im lappischen, cf. weiter unten. Wie 
klai- im samojedischen i am possessiv pluralbildend auftritt, sol- 
len einige wenige beispiele zeigen. Jurak.: lambau, lambar, 
lambada (mit singularpo-ssessiv mein, dein, sein) — lambin, 
lambid, lambida (mit pluralposs. meine, deine, seine); 
lamban, lamband, lambanda — lambin, lambit, lambita. Tawgy : 
kiüatana, kulatani, kvilatanu^ — kulatina, kulatini, kulatinu^; kula- 
taniina — kulatinuna; lietägatana, netägatata, netägatate — netägi- 
tina, netägitita, netägititi, netäna, netata, netäte — netaina, ne- 
taita, netaiti. Jeni.ss.: Tibehono, l'ibehoddo, libehodda — ribehino. 
l'ibehito, l'ibehita; l'ibehoneno, ribehorono(= l'ibehotono), l'i- 
behoroddo (libehotoddo) — ribehinmo, ribehitino, l'ibehitito. 

FAne ähnliche rolle spielt i beim plural des besessenen 
am possessiv iin finnischen, aber hier nirgends so klar wie im 
magyarischen; cf. halam, halad, hala ('mein, dein, sein fisch') 
- halaim, halaid, halai ('meine, deine, seine fische'): halunk, 
halatok, halok ('unser, euer, ihr fisch) — halaink, halaitok, 
halaik ('unsere, eure, ihre fische') — szemem, szemed, szeme — 
szemeim, szemeid, szemei; szemünk, szemetek, szemek — sze- 
meink, szemeitek, szemeik; napom, napod, napja — napjaim, nap- 



spiegelt sich die finnische pluralbildung mit i sogar am reinsten 
und regelmässigsten wieder, denn dann tritt ganz wie im finni- 
schen, nur noch regelmässiger, dies pluralzeichen ausser im nomi- 
nativ überall vor die kasusform des singular; cf. d'agan — d'aga- 
jen; d'agam — d'agajem; d'agane — d'agajene; d'agagan — d'agaje- 
gan; d'agaga' — d'agajega'; d'agaze" — d'agajeze^ 



I 



122 Heinrich Winkler. 



jaid, napjai; napunk, napotok, napjok — napjaink, napjaitok, nap- 
jaik. 

Eine ähnliche rolle wie im magyaiischen spielt das i als 
pluralzeichen beim possessiv im lappischen; wenige beispiele 
mögen eine ahnung geben davon, wie klar das sich gestaltet, 
und wie sehr es bezüglich des i dem magyarischen trotz einer 
unverkennbaren Verschiedenheit ähnelt: giettam, 'meine hand'. 
giettad 'deine hand'; gieda-i-d-ain 'meine bände', gieda-i-d-ad 
'deine bände"; giettasam 'in meine hand'. giettasad in deine 
hand', gieda-i-d-asam "in meine bände", gieda-i-d-asad 'in 
deine bände", giettame "unser beiden band', gieda-i-d-aeme 
'unser beiden bände', giettamek 'unsere band', giettadek 'eure 
hand', gieda-i-d-semek 'unsere bände', gieda-i-d-aedek eure 
bände". So geht das regelmässig weiter. 

In anderen finnischen gruppen wie der westfinnischen 
zeigen sich wenigstens deutliche spuren der gleichen erschei- 
nung, ebenso im mordwinischen; im mordu^inischen abei- 
tritt das [:> 1 u r a 1-i des p o s s e s s i v s sehr stark hervor 
in den plural formen der obj ektkonjugation, die mit 
possessivsuftixen gebildet sind. 

Fast noch auffallendei- als die Übereinstimmung von sa- 
inojediscb und finnisch in der bildung der nominalen plural- 
form i.st die ähnlichkeit, um nicht zu sagen gleicbbeit, der 
dual bil düngen. Alle samiojedischen sprachen ausser dem ka- 
massinschen kennen einen dual am nomen und, um das gleich 
hinzuzufügen, auch am fürwort sowie am verb. Da die dual- 
bezeichnung hei allen drei Wortklassen eine unverkennbare 
nahe Verwandtschaft zeigt, sollen biei- auch alle drei eine kurze 
behandlung erfahren. \'orher aber sei schon eine allgemeine 
bemerkung bezüglich der finnischen sprachen gemacht, die 
ebenfalls den dual bezeichnen. Ks sind das das wogulische 
und ostjakische sowie das lappische, das auch in diesem punkte 
wie in so vielen anderen sich dicht neben die eigentlich ost- 
finniscben (.)der ugrischen sprachen stellt. ^ Wo wii nun auf 

1 Ich glaube, dass auch in anderen finnischen sprachen sich 
\'iele erstarrte spuren eines ehemaligen duals finden, kann aber 
hier nicht darauf eingehen, da das eine eingehende erörterung nö- 
tig machen würde, die weit über den rahmen dieser abhandlung 
hinausgehen würde. 



Samojedisch und (innisch. 123 

den drei gebieten des nomens, tui'worts und \'erb.s im finnischen 
auf dualbildungen stossen. finden wir eine geradezu frappie- 
lende ähnlichkeit, oft fast absolute gleichheit mit den gleichen 
erscheinungen auf dem gebiet des samojedischen. 

Jurak-samoj.: sarmikalia' \on sarmik, niselia' von ni- 
sea, tädibeiia' von tädibea, "anoiio' von "ano, paiie' \ on 
pae, numgr' von num, jamgr* von jam, haletj von halei, meaJc' 
von mea", jindalc' von jind\ Ostjak-samoj.: kuleagr von kule, 
logägr von loga, llmbögr ^''>n limb, hyrgrvon hyr, noplca \on 
nop. Jenissei-samoj.: lataiia* von lata, l'ibeiio' von l'ibe, tu- 
beico* von tube', tiggro* von ti'. Tawgy: kulagrai \on kula, 
isigrai von isi, foadailrai \ on foadai, malcai von ma'. 

Damit vergleiche man die linnischen nominalen duale. 
Wogulisch : luvygr \on luv, yuxnyff von /um, kolyg von kol, 
oayai von oa, qepäy von qep, oa/i von oa, qepi von qep, 
küälli von küäl. Die letzten formen zeigen deutlich, wie 
schliesslich der guttural ganz schwindet und blosses i zurück- 
bleibt. Das dualzeichen durchläuft auch sonst, im samojedi- 
schen und besonders -im lappischen, alle stufen von h (ha), 
k (ka, ak), g (ga, ag), aj, j, a, i, e, gen, ^ (ei]) .... ganz so, 
wie derselbe Vorgang bei dem vielgebrauchten nominalen da- 
tiv-illativ-lokalzeichen ga, ge, i, a . . . . sich abspielt. Ostja- 
kisch : /eidegreil von x^^^^^ manegren \on mana, vöjelcen 
von vöje, kete;/eJl von ket, x^K'/Gn von x^i, ner[ffen und 
nerii/eil von ner], ime;/ei2, iger/en von ima, iga. Das lappische 
hat den dual am nomen fallen gelassen, um ihn umso vielgestalti- 
ger und wunderbarer erhalten am fürwort und \erb aufzuwei- 
sen, wo die entwicklung zu ga, ai, a, e, i, n (na, no), die 
TTieisten phasen deutlich zeigt, die im finnischen und samojedi- 
schen verfolgbar sind; und wo, z. b. beim fürwort, sonst 
schwer zu vermittelnde samojedische bildungen ihre 
einfache und natürliche erklärung finden. 

Fürwort. Samojedisch: Ostjak-samoj.: tepJia, te- 
beafir von tep 'er', me, mi — ti "wir, ihr beide', wobei das 
dualelement mit dem stamm \erschmolzen ist wie im lappi- 
schen, \A'0 es moi, toi, soi und moai, doai, soai lautet; in mo- 
ai .... ist die entstehung klarer erkennbar als im kürzeren 
moi und im samoj. me, mi. .lurak.: mani*, pudari', pudi'. 



124 Heinrich Winkler. 



Lappisch: moai, doai, soai — moi, toi, soi und da- 
neben moajia, toaiia., soana, wobei wie im ostjakischen die 
\erdichtung zu n(a) stattgefunden iiat, die in allen lappischen 
mundarten in den obliquen kasus die regel ist: monjio, dod- 
no, sodno — monnOf tonno, sonno. Wogulisch: meT|ii, 
mexi — neji — ten, wobei das dualelement in merilc die häi- 
teste form angenommen hat. Ostjakisch: men, mii2, rain 

— neu, Toin, nin — lil2, tin. 

Also alle drei finnischen sprachen weisen die dualbezeich- 
nung in der form des nasals auf, daneben aber tritt die bildung 
mit dem urs])iüngiichei-en guttural k und die daraus entstandene 
vokalisierte (ai, i) auch auf. Im demonsti"ati\' tet hat das v\'ogu- 
lische die vollere form äy (^^ ag, aj . . . .) sehr rein bewahit, 
cf. tet-mä, tet-nä, tet-nel, tet-(t)el im Singular, tet-äy-mä, tet- 
äy-nä, tet>äy-nel, tet-äy-tel im dual. Ähnlich im fragenden 
qonnär, wo es im sing, lautet qonnär, qonnärmä, im dual qon- 
när-äy, qonnär-äy-mä . . . . , während beim einfachen när das 
dualzeichen in langes i zusammengezogen ist: (när, närmä, 
närnä, näriiel, närtel (sing.) — när-i, när-i-mä, när-i-nä, när-j- 
nel, när-2-tel (dual). 

Bei den substantix'en mit ])ossessi\'suffix hat das samoje- 
dische die dualformen sehr rein erhalten, die in betracht kom- 
menden finnischen sprachen ausser dem lappischen weisen das 
dualelement in der gestalt \'on ag, ä, ä . . . und en auf; das 
lappische zeigt in voller klarheit das ursprüngliche ga ebenso 
wie die Verstümmelung zu e, daneben auch die im ostfinni- 
schen so häufige form ken, kan und deutet auch hierin genü- 
gend seinen ostfinnischen und altertümlichen Charakter an. 

.Samoj edisch. Jurak.: lambar (= lambad^ gibt im dual 
lamba-iiaj-ud, lambada — lamba-iiaj-vida, lamband — lamba- 
haj-nt, jaml (= jamd) — jam-graj-ud, meat — mea-iiaj-ut, 
pädart — pädar-icaj-ut. Tawg\ : kulai'a (= kulata) — kula- 
grai-tia, kulata — kula-grai-ta, jamta — jam-icai-ta, mala 
(= mada) — ma-icai-tla, mata — ma-lcai-ta. Jeniss.: l'ibeddo — 
l'ibe-liii-to, oddilo ( = oddiro, oddido) — oddi-Jtu-ro, oddito 

— oddi-icu-to. 

Lappisch: Diesem ha, ga, ka, gai, hu, ku entspricht 
völlig lappisches ga, während e den gleichen Ursprung w^eniger 
klar verrät, und en, ken, kan die auch dem ostjakischen ei- 



Samojedisch und Hnnisch. 125 



<;ene ei'vveiteile finnische Inim darstellt, ken, kan mit deutlicli 
hervortretendem hauptelement des dual k: giedas (sin^.) — giedas- 
gra, giettasis — giettasges-gra, ' giedastes — giedastses-gra, gietta- 
nes — giettanses-^a,, giedaines— giedainses-gra. Wo das norvve- 
gisch-lp. ga, da hat das schwedisch-!]), kan, ken, ebenso wie 
es auch in der form der 1. 2. pei'son anstelle des norwe^isch- 
Ip. e (me — de) ein en (men — ten) hat. LpN.giettam — giettam-e, 
giettad — giettad-e, giedad, giedad-e, giettasam — giettasaem-e, 
giettasad — giettassed-e, giedastam - giedastaem-e, giettanam-- 
giettanaem-e, giedainam --giedainsem-e; übeiall hier im IpS en 
statte. W'ogulisch: Dei" dual des besessenen wirdim Sosva-dialekt 
durch das \olle urspri^ingliche dualzeichen (a)gau.s^edrückt: xäpum 
'mein boot' x^P-agr-um "meine beiden boote'; x^VJt^ 'dein boot" 
Xäp-agr-yn "deine beiden boote"; x^P^ "sein boot', x^p-agr-e 
'seine beiden boote', im Konda-dialekt steht diesem ag <;e<4"en- 
über ä, das zweifellos = ag, aj, ai; so heisst es da: küälem 
"mein haus"; küäläm (= küäl-afir-m) 'meine beiden häuser'; 
küälen — küälän. Dass ä = ag, zeigen die im Konda wie im 
Sosva \orliegenden Verbindungen, wobei bei einer mehrheit 
\on besitzern der dual des besessenen immer die form ag hat; 
cf. Konda: küälou 'unsei" haus' küäl-oaj'-ou 'unsere beiden 
häuser'; küälän 'euer haus' küäl-oaj'-en 'eure beiden häuser". 
.Sosva: /äpuv "unser boot' x^P-agr-uv 'unsere beiden boote'; 
Xäpjra 'euer boot' x^p-agr-yn "eure beiden boote'. Und ebenso 
wird der dual des besessenen durch ag in beiden mundar- 
ten bei zwei besitzern bezeichnet: /äp-agr-amen, x^V-3,ff-jn, 
Xäp-agr-en. Der dual des besitze rs wird wie im ostjakischen 
durch n (äm-eJ2_, ä-n, at-en, t-en — um-en, i-12, e-n) ausge- 
drückt: küäl-äm-e22, küäl-ä-22, küäl-ät-eJ2 'unser, euer, ihrer 
beiden haus' (Konda); x^P-um-eJl, yßv-y-n, xäp-e-i2. Ostja- 
kisch: Wie im wogulischen wird der dual des besitzers durch 
e(en) bezeichnet. Also unser beiden := m-en, euer beiden 
:= deß cf. Ip.S men, ten- "unser, euer beiden' (IpN me, te): 

1 Dass es neben giettasis, giedastes, giettanes in der 
dualform lautet giettasaSs-ga, giedasta9s-ga, giettanass-ga, hängt 
mit den bekannten lappischen quantitäts- und akzentverhältnissen 
zusammen. 

- Es sei ausdrücklich auf diese völlige gleichheit der ostj. 
und z. t. auch der wog. formen men, ten 'unser, euer bei- 



126 Heinkich Winkler. 



a-nem-en, aT|ed-eJ2 'unser, euer beiden mutter'. Der plu- 
ral des besessenen hat wieder, entsprechend dem etwas rei- 
ner erhaltenen vvogulischen dualzeichen ag ein r\e: aTje-.ye-d- 
am 'meine beiden mütter', a^e-tje-d-an 'deine beiden mutter': 
ebenso a,r\e-tje-ä.-en 'unsere beiden mütter'. 

Am v^erb zeigt es sich besonders klar, wie nahe die dual- 
formen im samojedischen den gleichen in den finnischen spra- 
chen stehen. Am meisten tritt das hervor beim ausdruck der 
3. person, die im samojedischen wie im finnischen beim in- 
transitiven verb eine reine dualische nominalform darstellt, cf. 
weiter unten die darstellung des verbs; und diese nominalfor- 
men sind in beiden typen wesentlich dieselben, z. t. ganz. Sa- 
mojedisch: .Jurak.:inadaTia-iia\ madarawa-lia', taeuräja-iia', 
nama'Tia-l2a\ Tawgy : mata'a-grai, matubä-grai, kidie-grai, 
"anabtai'e-grai. Jenissei-s.: mota-iia^ mote-iio*, motai-iio% 
raotä-ffo', faT]a-iia'. Ostjak. -s.: cönd-afir, eöndeh-agr, cön- 
deni-asr, condi-agT, kaj-afiT, kaji-agr. Kamassinsch : phim- 
na-ffei, phimda-grei, phimgei-grei. Dem halte man die wog. 
und läpp, formen gegenüber, wie wogulisch: iiv-ffä, tes-gra, 
ns-ffä, mys-yg; lappisch: laei-ffa,, lifei-gra, bodi-gra, boada- 
sei-gra, lei-ifa. Aber auch die formen der 1. und 2. person 
des dual weisen auf eine tiefgehende Verwandtschaft hin; in 
beiden typen stellen sie possessivbildungen dar. So ist im IpN 
hauptdialekt die einfache form für die beiden personen me — de; 
ihm entspricht im samojedischen ni'— di", mi'— ri', mi— ri, bi'— li" . . 
Auch wo im lappischen komplizierte bildungen auftreten, schim- 
mert doch das dualische hauptelement als e in der 1. wie in 
der 2. person durch, also in den formen dne, ppe, bsette, 
vette. Ähnlich liegt es im w^ogulischen und ostjakischen; si) 
im wogulischen men, nä, im ostjakischen men, ten. Diese 
dualformen men, ten sind dem ostjakischen, lappischen und 
z. t. (men, m-en) dem wogulischen eigen und schon beim pos- 
sessiv erwähnt worden. Nach den sprachproben möchte man 



den' mit den gleichen lappischen aufmerksam gemacht; einer der 
vielen punkte, wo das lappische seine ostfinnische natur klar zeigt. 
An anderer stelle soll gezeigt werden, wie das lappische auch in 
der konjugation alte formen erhalten hat, die lebhaft an das ostj. 
und wog. ankhngen. 



Samojedisch und finnisch. 127 

annehmen, dass ein men im seihen sinne heim \'erh auch dem 
ostjak-samojedischen nicht fremd sei, das ja ühcrhaupt die 
meisten berührungspunkte mit den ostfinnischen sprachen hat, 
und es ist wohl zu erwarten, dass ein reicheres und sichere- 
res samojedisches sprachmaterial deren noch viel mehr erge- 
ben wird. Mehr darüber später. 

Ich habe die frage des plural und dual etwas eingehender 
behandelt, als es der. Charakter dieser kleinen arbeit eigentlich 
gestattet, weil sich hier bei näherer prüfung überall die un- 
zweideutigsten und tiefsten zusammenhänge bis ins einzelnste 
zwischen samojedisch und finnisch ergeben. Ausserdem hatte 
ich auch diesen wichtigen punkt in meinen letzten arbeiten, in 
denen ich die haupterscheinungen auf nominalem, pronomina- 
lem und verbalem gebiet in den altaischen sprachen und be- 
sonders im samojedischen und finnischen auf ihre Verwandt- 
schaft hin prüfte, nur kurz berühren können und mir für meine 
grössere vergleichende arbeit über das samojedische und finni- 
sche aufgespart. 

^''^slau. Heinrich Winkler. 



Yrjö Wichmann. 



Etymologisches ans den permischen sprachen. 



15. Syrj. gor-, wotj. (jur — ü. kero. 

Wotj. U G gur-id, J giir-im bedeutet "kinn, der unter 
dem kinn an der kehle befindliche teil des halses", in S ausser- 
dem (nach MuNKÄcsi) '(bei tieren) wamme, brüst, kropi". Hier- 
her gehört wahrscheinlich auch syrj. L gor- in goran 'Speise- 
röhre (bei tieren)'. In anbetracht dessen, dass wotj. ul 'unte- 
res, unterteil' bedeutet, ist wohl die ursprüngliche bedeutung 
des wotj. giir etwa 'kehle, gurgel' gewesen. Mit diesem per- 
mischen Worte können zusammengestellt werden : 

fi. kero "kehle, gurgel, rächen, Schlund' (avokero, huusi 
täyttä keroa), kerus id. | weps. (Ahlo\'.) kerus 'kehle, gurgel" 
■' est. köri 'gurgel, kehle, luft- od. Speiseröhre; Schlund, Strudel'; 

Ip. K (Gen.) kars, gen. ^karrhl 'luftröhre, kehle'. 

Über den vokalismus (syrj. o, wotj. u = fi. e) vgl. un- 
ten s. V. syrj. tos. 

Ein anderes wort ist vielleicht wotj. giir in ingiir 
'himmelsgewölbe, firmament' {in = 'himmel'), welches in Mun- 
KÄcsis wotj. wbuch unter dem (oben behandelten) gur : gur-ul 
erwähnt ist ; in VNpk. 36 bezeichnet Munkäcsi das gur in in-gur 
jedoch vielleicht richtiger als ein anderes wort mit der bedeu- 
tung 'boltozat, bolthajtäs'. Ist dieses gur vielleicht mit wog. 
xarä in *tr(rei)i-xcirä 'egbolt' (ater igrem-xaränelne nnUne 'de- 
rült egboltjukra iilö' VNGy. IV 209) zusammenzustellen? 

16. Wotj. ßtir — fi. hattara. 

Nach LöNNROT bedeutet fi. hattara u. a. auch 'fetzen, läp- 
pen', und varvas-hattara ist 'fusslappen (statt des strumpfes)'. 



Etymol. aus d. penn, sprachen. 129 



Die letztere bedcutung hat nach (iENkiv, kar. hattara („sukan 
v'erosta pidettävä jalkarätti") und aun. hattar („jalkahattara"), 
wie auch weps. Sktäi.ä hatar. Das wort kommt auch im 
tscheremissischen und wotjakischen in derselben bedeutung vor: 

tscher. KB ds-tsr, J •■fstdr, \' '■fstdr od. sidostdr « *sidds- 
'»sidr)^ T d§tdy\ M istir od. sidi§tir, B ^stdr 'fussbinde (am 
Unterschenkel; aus vvollfries)': KB saßts-d., V sdßdf§-\Här 
"fusslappen (gew. aus grober leinwand)'; da\'on ist mit dem 
suffi.x -s abgeleitet: KB ■■isträS, l'T stras (auch: '■^stras), M 
istras, B ^stras 'wollenes tuch, wollener stoft", fries (zu fuss- 
binden, hosen, kaftanen)': 

wotj. U G Utir, J S Isth'. AI Istir "fussbinde aus grobem 
wollenem tuch". Nach Munkäcsi XyK Will 114 und wotj. 
wbuch wäre das wotj. wort aus dem kasan-tatarischen ent- 
lehnt: kas. Radl. ystyr "die fusslappen". Im gegenteil ist ohne 
zweifei das tatarische wort ein wotjakisches lehnwort. 

Es scheint mir nicht ganz ausgeschlossen zu sein, dass 
mord. Ahlov. M pakstra "fusslumpen", Wied. E praksta 'fuss- 
zeug', Paas. praksta, (M auch) pakstra 'fusszeug, beinbinde' 
(die form praksta ist augenscheinlich durch metathese entstan- 
den, vgl. Paasonex Mordw. lautl. 52, 54) ein kompositum ist 
(*pak-stra), dessen zweites glied -stra mit dem obenerwähnten 
wotjakischen, t.scheremissischen und finnischen worte identisch 
wäre. Dann müsste natürlich angenommen werden, dass -stra 
für ursprünglicheres *stra steht (pakstra <C *pakstra; zum 
Wechsel zwischen s- und 5-Iauten im mordwinischen vgl. Paa- 
.soNEN Mordw. lautl. 30-2.). Aber auch in diesem falle bleibt 
das wort unklar, denn soviel ich weiss, kann der angenom- 
mene erste komponent *pak- nicht aus dem mordwinischen 
erklärt werden. 

Im tscheremissischen und wotjakischen ist metathese im 
anlaut anzunehmen : tscher. dstdr <i *s9tdr, wotj. istir < "sitir. 
Fi. hattara setzt ein urfi. *sattara voraus. 



1/. Syi^. wotj. juskini ■ — fi. jaksaa. 

Fi. jaksaa bedeutet nach Rexvall u. a. auch : 'vi legis 
exigo e. c. pecuniam, ut exactores publici, spolio 1. privo quem 

Finn.-ugr. Forsch. XII. 9 



T30 Yrjö Wichmann. 



qua re: gerichtlich auspfänden, plündern, berauben', im kare- 
lischen nach LöNNROT 'abkleiden, auskleiden, entkleiden' (jaksa 
jalkasi; jaksan jalan taattoselta; jaksoivat vaatteensa tam- 
men juurella; refl. jaksaita 'sich auskleiden'), nach Genetz 
kar. jaJcsa- 'ottaa päältä pois, paljastaa, ryöstää'; refl. 'ottaa 
päältään (vaatteet), riisuutua', aun. jaksa- 'riisua päältä 1. pal- 
jaaksi': jaksa jallad eäreli: refl. 'riisuutua'. Das entsprechende 
wotische wort ist: Ahlov. jahsan 'abkleiden", Set. iahzan, inf. 
iahsä 'die fussbekleidung abziehen'. — Setälä JSP'Ou. XIV 3 27 
hat das wort schon im lappischen und im mordwinischen nach- 
gewiesen: Ip. K (Ge^.) jäiJcse-, A jäiJcse-, jäxse- 'abkleiden, aas- 
ziehen' (wahrsch. aus dem karelischen entlehnt), mord. M 
(Ahlqv.) juksyndan 'sich entschuhen, die fussbekleidung ab- 
ziehen', E (VVied.) uksems 'lösen, losbinden, ablösen, auf- 
knöpfen', Paas. M juksdms, E uTcsems, juMems 'losbinden, lö- 
sen', E uTcst'ems id. 

Unser wort kommt aber auch in den permischen spra- 
chen vor: 

wotj. JMS jiishini, G jiasTcinl, MU d'usMni, U dmslcini 
'ausschirren, ausspannen (pferde)'. 

syrj. P juskini id. 

In den permischen sprachen ist -sk- durch metathese aus 
urspr. *-ks- entstanden (vgl. fi. maksa, mord. mahso. syrj. mus. 
stamm: mnsk- 'leber'). 



18. Syrj. wotj. kah. 

Sowohl im s\'rj. P als im wotjakischen bedeutet kab 
'leisten für bastschuhe'. Im wotjakischen kommt in dersel- 
ben bedeutung neben kah das kompositum kut-kab vor, wo 
kut = 'bastschuh'. Im wotj. J hat kab ausserdem die allge- 
meinere bedeutung 'm od eil'. 

Das wort ist ohne zweifei türkischer herkunft, vgl. uig. 
kep 'form, bild', kebit, kebid 'form, bild, hülle, gestalt, 
äusseres aussehen' | altosm. gib 'ebenbild, bild, ähnlich- 
keit' 1 alt. kep 'muster, leisten, form' | schor. käpkä id. : 
jak. kiäb 'form, gestalt' mong. keb 'forme, modele', burj. 
Xep 'form für kugel' (vgl. Gombocz Török jövevenysz. 61). 



Etymol. aus d. perm. sprachen. 131 



Beachten wir, dass urtürkisches *ä der Wurzelsilbe im tschu- 
wassischen in a übergegangen ist (vgl. Radloff Phon, i^ 116, 
Gr0nbech Fürstudier i^ 33), ist es klar, dass perm. Icah aus 
dem tschuwassischen entlehnt sein muss: << tschuw. *kap 
(über perm. h = tschuw. p, n vgl. verf. Tschuw. lehnw. 
10-2). Die meisten tschuwassischen lehnwörter in den permi- 
schen sprachen, in welchen der vokal der Wurzelsilbe =^ tschuw. 
a <C urtürk. *ä, sind ja auch nach dem tschuwassischen laut- 
übergang *ä >■ a aufgenommen worden (vgl. verf. 1. c. 2, 
25-6; ung. kep 'bild' dagegen vor demselben, \'gl. Oümbocz 
Török jövevenysz. 61, 95). 

Hierher gehört wahrscheinlich auch wotj. kah in Tcahze 
(eig. akk. sing, mit dem poss.-suff. d. 3 pers. sing.) und Tcahe- 
niz (eig. instrum. sing, mit dem poss.-suff. d. 3 pers. sing.) 
'gänzlich, ganz und gar (ßOBce, coecliMT.)'. In einem wotja- 
kischen märchen (bei Munkäcsi VNpk. 121) lesen wir: "^Bicl 
gur-vUä tubsa, Mbänh Vfjljaskoz = „A röka a kemenczere 
mäszva egesz testeveP (tkp. egeszeben) kiterpeszkedetf' 
[„Der fuchs kletterte auf den ofen hinauf und streckte sich 
mit seinem ganzen körper (eig. ganz) aus"]. Ohne zwei- 
fei tritt hier die eigentliche bedeutung des Wortes Tcabeniz 
in der Übersetzung „egesz testevel" („mit seinem ganzen 
körper") am besten hervor, vgl. oben die bedeutungen des 
türkischen Wortes (u. a. 'form', 'gestalt', 'äusseres au.ssehen'). 



19. Syrj. keiiii. wotj. kijon. 

'Wolf heisst syrjänisch I Ud. V kejin, S L keiin, P ke{l)in 
und wotjakisch U MU AI kilon, M J kion, G kfioii^ kijon 
Hierzu: 

Ip. Leem gaidne, pl. gainek id. (veralt.). 



20. Wotj. l'um — est. tümm. 

Im glazovschen dialekt des wotjakischen bedeutet htm 
eine sehr kleine, gelbliche fliege, die im sommer beson- 

* Von mir .s^esperrt. 



132 Yrjö Wichmann. 



ders die pferde plagt; in ML' und J hat dasselbe vvort die be- 
deutung 'bremse'. Das wort kommt auch im wogulischen, 
? tscheremissischen und estnischen vor: 

wog. (MuNK.) N ^tgm-uj, ML fäm-ojkiv. l'äm-ojJcu-, P '^/'grni 
"mücke', (Ahlov.) räm-ui, Tomi id.; 

? tscher. KB l^me, J l^mei, M lumil, B hime -eine sehr 
kleine fliege' (= russ. MOUiKa, fi. mäkärä); 

est. Pp. tümm (gen. tümmi) 'grosse mücke' (veraltet). 

Das anl. wotj. /', wog. /', tscher. l, est. t geht wohl auf 
ein urspr. *d' zurück so wie in fi. tuomi 'prunus padus', 
est. toom id.; Ip. N dtiobma, S fuom id.; mord. E l'om, M 
lajrh€ id.; tscher. lomhf) id.; wotj. syrj. lern id.; wog. täm, ^hrn. 
l'äm 'kaulbeere', ostj. iiCm, ig'rrC, to'm 'ahlkirsche' | fi. tymä 
'gluten', est. tümä pech'; Ip. N dabme, S tapme, hibme id.; 
tscher. lüm^ id.; wotj. syrj. tem id.; ung. gyim-, gyom-: gyim- 
bor, gyombor, gyomboru, gyombolyü 'mistel, vogelleimbeere ", 
s. Setäla NyK XXVI 434-7. -- Ähnliche fälle sind auch: 

syrj. I l'akni 'die hasen anbellen', Wied.: 'tadeln, missbil- 
ligen, denunzieren, verläumden, fälschlich beschuldigen, an- 
schwärzen' 1 wog. (Ahlow) Tuketam 'schmähen, schimpfen' 
ostj. (Karj. OL) V Vj. tlQydl-, tä^ot-, Kaz. Aq^d^-, Trj. ^e^yd^-. 
DN taysft'd-, Ni. fäydt- 'schimpfen, schelten' \ Ip. (Friis) duiga- 
set 'reprehendere', huigaset id., freqv. duigasaddat 'ofte skjende 
paa', huigasaddat id.; 

syrj. SL l'ukalni, VT l'iücavni "mit den hörnern stossen* 
wotj. MUJMS teMni. GL l'ekani 'mit den hörnern stossen; 
stechen' | ung. gyak 'pungo, figo; stechen, bohren', be-gyak 
'hineinstechen, hineinstossen'. le-gyak 'niederstossen' ! tscher. 
KB J loyas "mit den hörnern stossen' \ ? ti. tokata '.'Stechen, 
picken"; 

wotj. MU JMS l'iikit, G U l'iikit 'eng (bes. vom räume 1' 
j wog. (MuNK.) l'ak^v, l'äkiv 'dicht' | ung. gyakor 'densus; dicht'; 
'creber, frequens; häufig, zahlreich, wiederholt, oftmalig' (NySz.); 
'sürü; sürübokros, süri'ivesszös hely", gyakran 'sürün", gyakroz 
'siin'in rak' (MTSz.). 

Das oben erwähnte tscher. l'me etc. 'eine sehr kleine 
fliege' könnte auch mit syrj. 7iom. woi]. nimi 'mücke' zusam- 
mengestellt werden, vgl. unten. 



Etymol. aus d. perm. sprachen. 133 



LM. Syrj. noni. wotj. iiimi_. 

Dem syrj. 1 iiom, l'd. V S L P )iom (stamm: 7iomj- u. 
7iom-) "mücke' entspricht wotj. S nimi id. Das.selbe worl 
kommt auch im lappischeii vor: Ip. S (Lixü & Oiiki..) namek 
"minima species culicum". 

Möglicherweise gehört hierher noch tscher. KB l^mr, J 
l^mel, M lumii, B lume 'eine sehr kleine fliege' (==: russ. 
.MOiiiKa, ti. mäkärä). Wenn dem so ist, stände hier anl. tschei". 
l für urspr. *n ähnlich wie in tscher. KB Um, J Innu U T B 
liim, M tum 'name', mord. E tem, l'äm, M l'olt id. = fi. nimi 
id., Ip. namma id., wotj. syrj. nim id., ostj. 7irm id., wog. näm 
id., ung. nev id. Vgl. jedoch auch oben s. v. wotj. I'n7n — 
est. tümm. 



22. Syrj. iJd/i. wotj. puni - fi. piena. 

Sy i'j. pan bedeutet in VSLP '(hölzerner) löffel', in I da- 
gegen "hölzernes .schäutlein, hölzerne mauerkelle, schleifholz' 
und in rd. kosa-pari, '.schleifholz für sensen". Dass das wort 
auch in 1 die bedeutung 'löffeP gehabt hat, geht aus dem \er- 
bum I panednl "mit dem löffel füttern (V S L panedni, P pa- 
ne-tni id.) hervor. Auch das entsprechende vvotjakische wort : 
GU pimt. M J MU puni "löffel" scheint neben dieser bedeutung 
ursprünglich auch eine andere allgemeinere gehabt zu haben, 
vgl. MU punnäni (<C *puniäni), S (Munk.) punijal- 'mit dem 
schubriegel (die türe) zusperren", pw'iian "hölzerner schubriegel". 
In der bedeutung Uöffel' kommt das wort auch im tschere- 
missischen und im mordwinischen vor: 

tscher. M pän% B pane 'löffel'; 

mord. E (WiED.) pens 'löffel', ine p. 'kochlöffel, rühr- 
kelle", (P.\AS.) pehtS. pänts 'löffel". Hier ist -s, -U ohne zw^ei- 
fel als ableitungssuffix aufzufassen. 

In anbetracht der permischen bedeutungen des Wortes 
ist wohl auch das folgende finnische wort heranzuziehen: 

fi. piena 'clavus ligneus, impages' (Jusl.), 'impages, tigil- 
lum, transversum quo quid junctum et firmum tenetur e. c. 
in januis, porüs' (Renv.); 'hölzerne leiste, querholz, Stange, 



134 Yrjö Wichmann. 



hrett, hornleiste, querleiste", est. pöön (gen. pööna) 'leiste, 
spundleiste (zur Verbindung von brettern)'. 

In semasiologischer hinsieht zu vergleichen: deutsch, span, 
ndl. spaan "holzspan. schaufelbreite am rüder', anord. sponn, 
spann 'holzsplitter, löffel', ags. spon, engl, spoon 'löffel'. 



23. Wotj. ped — fl. pinta. 

Fi. pinta 'oberfläche' wird von Paasonex FUF VI 120 
mit mord. M ponda 'körper, leib' und tscher. pondaS 'hart' 
zusammengestellt. In lautlicher hinsieht ist wohl nichts hier- 
gegen einzuwenden, und die Zusammenstellung lässt sich ja 
auch semasiologisch verteidigen. 

Eine sowohl lautlich als semasiologisch genaue ent- 
sprechung finden wir für das wort im wotjakischen: wotj. G 
(Utrobin . bei Muxk. wbuch) ped: ped pal "äussere seite', ped 
palaz 'BH'Ii': weiter in den adverbien: G M J MU pedlo, \j peolo 
'hinaus, heraus', G M J pedlon "aussen, draussen', G pedlos 
'von aussen", T penlan 'nach aussen; offenbar, ins klare', u. a. 



24. Wotj. 2^e2a. 

Im nordsarapulschen dialekt des wotjakischen wird die 
meise pe:Sa genannt. Diesem entspricht im mordwinischen E 
(Paas.) pizas 'kohlmeise'. 



25. a) Syrj. sil — fl. silava. 
b) Wotj. Sit — mord. sivef. 

Fi. silava "speck', mord. sivel' "Heisch', tscher. .-"e^ sal. sdl, 
Sil 'fleisch', sei 'speck, fett', wotj. Sit 'fleisch', syrj. sü 'speck, 
fett' sind schon längst zusammengestellt worden, vgl. J. A. 
Lindström Suomi 1852 p. 85, Donner wbuch nr. 717. Ander- 
son Wandl. 115-6, Set.älä FUF II 256, Paasonen s-laute 2*-^. 
Dabei sind jedoch ohne zweifei zwei verschiedene Wörter ver- 
mischt. 



Etymol. aus d. perm. sprachen. 135 

1. 'Fett, speck, talg" heisst tscheremissisch: KB J U 
'J' B sei, M seU (in allen dialekten mit -e-), KFi J M-sarta, U T 
B sel-sorta 'talglicht', KB Selätjgäm, J selärjäm 'fett werden'. 
Diesem worte entspricht im syrjänischen L sil, V üd. siv, I sJ 
(in: sid-sl-vii) "fett, speck', L S V L'd. süa 'fett, feist' (in al- 
len dialekten mit unmouilliertem l) und im finnischen silava 
'fett, speck'. — J3as von Paasonen 1. c. herangez(;gene syrj. 
P sval 'wildes fleisch' ist ein russisches lehnwort (als solches 
auch bei Ro(;(n' bezeichnet: „'•'CBaB, cnaji H)., c. duKoe muco, ua- 
pocrm, o6.i. ceaAV', vgl. auch Kalima, MSFOu. XXIX 135). 

2. Ein hieiAon ganz x'erschiedenes wort ist im tschere- 
missi.schen das wort für 'fleisch": KB .faZ 'fleisch, muskel (bes. 
am lebendigen körper)", J sdl, l'TB sdl, M s?'^ 'fleisch', KB J 
sdlän, 1 1 T B sdlan. M silqn 'fleischig'. Mit diesem worte sind 
zusamm.enzustellen: wotj. U MU J M G sW. S (Munk.) sil' 
'fleisch', MU pin-sil "zahnfleisch', skal-sÜ 'rindfleisch', U MU 
sü'-vir 'körper' (eig. „fleisch-blut"), G (adj.) sito 'fleisch-, fleischig' 
(in allen dialekten mit mouilliertem ^), und mord. E (Wied.) 
syvel 'fleisch', pev s. "zahnfleisch'. skalon s. 'rindfleisch', 
Paas. E sivet^ M sivdt, sivdl\ sdvdl' 'fleisch' (mit mouilliertem C). 

26. Syrj. tos. wotj. ins — fi. tähkä. 

Syrj. I tos. Ud. \' S L P tos (stamm: tosk-. tosk-) "hart", 
wotj. MG tus, J MU tuis, U tß id. wird schon \on J. A. Lind- 
sTKöM Suomi 1852 p. 9h mit ostj. tus 'hart' zusammengestellt; 
dieses ist jedoch, wie auch wog. X (Munk. VNGy. I 5) tus 
'hart', ohne zweifei aus dem syrjänischen entlehnt (vgl. Paaso- 
nen s-laute 98. anm.; Karjalainen OL 120). Mit dem per- 
mischen worte können zusammengestellt werden: 

tscher. KB tdskä. M tüSkq, B tüSkä 'strauch, staude, kleine 
pflanzenstaude, barthaar od. haarbüschel auf der warze, warzen- 
bart (im gesiebt)"; 

mord. Wied. E tikse 'kraut, gras, heu' (kefas t. 'klee', 
aso pfa t. 'Schafgarbe', mazy t. 'kamille', u. a.), Paas. E tikse. 
tiks^, M t'iS'i « H'iki&, s. Paasonen Mordw. lautl. § 52, 1.) 
'gras, pflanze"; 

fi. tähkä od. tähkä-pää "ähre", \\eps. Ahlo\ . tähk "aus- 
^redroschene ähre". 



136 Yrjö Wichmann. 



I-n moi-dvvinischen steht -ks- für urspr. *-.H-- (\gl. mord. 
piiki-o'daiS dicke fleisch: Schenkel' =: fi. pohkio Wade', Setälä 
JSFOu. XI V3 29). Dem syrj. 0. wotj. u entspricht im fi., mord. 
und tscher. ein vorderer vokal ähnlich wie z. b. in syrj. pom. 
wotj. piitj 'ende' =: mord. pe id., fi. pää "ende; haupt'; syrj. 
poz "nesf, wotj. 2;?!*^: yj.-Ziar id. = tscher. pdSäs id., mord. 
pizä. piz§ id., fi. pesä id.; syrj. poSem "kiefer", wotj. pu&im = 
tscher. pünd'S^ id., mord. pitse, pitse, pitss id., fi. petäjä id. 
u. a. Die ursprüngliche hedeutung des Wortes, die etwa "busch, 
büschel" gewesen ist, ist im tscheremissischen am besten 
bewahrt. 

27. Syrj. wotj. tujis. 

Im syrjänischen hat I tiijes, l'd. VP tuji---. SL tujis die 
hedeutung 'zylinderförmiges gefäss von birken rinde mit 
hölzernem deckel und boden (von verschiedener grosse; die 
grössten fassen bis 2 „vedro"' flüssige waren)'; das entsprechende 
wotjakische wort ist V tmjfs, M tujis "schachtel von birken- 
rinde', S tujis "zylinderförmiges kleines gefäss \on birkenrinde 
mit doppeltem hölzernem boden'. Das Stammwort kommt jetzt 
nur noch im wotjakischen \or: wotj. M S G tui, .1 V tuii 'birken- 
rinde' (über das suffi.x -s s. Wiedemann Syrj. (iramm. i? 3h). 
Das fragliche permische wort ist teils direkt teils durch ver- 
mittelung des russischen in \erschiedene fiugr. .sprachen ein- 
gedrungen. K.VLLM.A. hat schon \'irittäjä 1908 p. 157 auf 
den permischen Ursprung des russ. TyecT> aufmerksam gemacht. 
Im archangelschen dialekt lautet das wort nach Podvysocki.i 
Tfech, TyiiCL, TvacL (plur. Tyecta TVHCi.fl) 'kleines zylinderför- 
miges gefäss \on birkenrinde mit losem hölzernem decke! , 
zur aufbewahrung \on milch, sahne, eiern, salz u. ä."; nach 
KuLiKovsKij kennt man im olonetzschen dialekt ausserdem die 
form xyiocB. Nach Dal' kommt das wort weiter im gou\". 
Vologda (TyflCL), in Ostrussland und in Sibiiien (Tveci)) \or. 
Sowohl die form (bemerke den akzent und den xokalismus der 
zweiten silbe!) als die geographische Verbreitung der erwähn- 
ten russischen wortformen weisen deutlich auf das syrjänische 
als die darleihende spräche hin. Aus dem russischen, zu- 
nächst aus arch. ivücl ist 



Etymol. aus d. perm. sprachen. 



kar. (iEN. tujassu 'putelin-muotoinen tuohiastia' entlehnt, 
welches weiter iibei' die grenze nach Mnland eingewandert 
ist: fi. (Kuhmonieiiii'i tujatsu 'zylinderförniiges gef'äss von biiken- 
i'inde: die inneic schiebt aus einem rindenstück, die äussere 
\on umgewundenen lindenstreifen'. Wahrscheinlich gehört 
hierbei' auch fi. ([.önnr. Lisä\".) tuijusa "trädflaska, lägel, upp- 
till smalare b^^tta", w(»t"ür zunächst olon. luss. TyRici. in be- 
tracht kommt. 

Wir finden das wort auch im tscheremissischen: tschcr. 
r tiijäS und tiiis, M tiijirä, B tüjü's (akk. tii-/snm) "zylinder- 
förmiges gefäss von birkenrinde mit hölzernem deckel und 
boden (\on verschiedener grosse)'. Die formen füjäs, ti'tjü-s, 
täjü'S sind aus dem wotjakischen entlehnt (wotj. tuji-s, tmjf-s), 
wogegen tuis aus dem lussischen zu stammen scheint (russ. 

TVIICT,). 

Aus \ erschiedenen quellen sind wohl auch die ostjakischen 
formen dieses Wortes herzuleiten: ostj. K.\rj. (OL 12h) DN 
füt.dsh und Uidsks, Kond. tüii^s^ Trj. füiss. V \'j. tjiids. Ni. 
Kaz. puiis. () tnles "schachtel \on biikenrinde'. Die DN for- 
men sind wohl russischen Ursprungs, wogegen die übrigen 
wohl sowohl aus dem russischen (xvecB) als aus dem syrjä- 
nischen (üijes) erklärt werden können (\gl. Kar.i.vlainex 1. c). 

Inbetreff des oben erwähnten permischen Stammwortes: 
wotj. tili "birkenrinde' sei bemerkt, dass es nicht mit fi. tuohi 
"birkenrinde' zusammengestellt werden kann: dieses (■< *tdsi) 
ist ohne zweifei, \\\q schon Tfiomsex FBB X\2 gezeigt hat, 
baltischen Ursprungs (\gl. lit. tnssis. lett. täsis^ tase "die obere, 
weisse birkenrinde'). Dagegen könnte \ielleicht ein anderes 
finnisches wort in betracht kommen, nämlich fi. (L()NNH.) tujai- 
nen (gen. tujaisen) "kleinere flasche von birkenrinde" (vgl. 
fi. tuohinen "gefäss od. .schachtel von birkenrinde" ^ tuohi 
"birkenrinde"), welches kaum aus russ. Tvaci. erklärt werden 
kann (tujainen setzt ein Stammwort *tuja- voraus). Auf fi. 
tujainerL hat schon Donner wbuch nr. 414 aufmerksam gemacht. 

Mit wotj. tili ist ohne zweifei samoj. Jur. tae, T üe, Jen. 
te, te, () twe (N), tue, tiüe (NP), tö (B Tas.), to (Kar.) 'birken- 
rinde" zusammenzustellen (vgl. Donner 1. c, Haläsz NyK XXIII 
266). Urverwandtschaft oder event. alte per mische entlehnung 
aus dem samojedi.schen? Beachtung verdienen weiter: 



138 Yrjö Wichmann. 



tat. Kaz. tuz 'birkenrinde", alt. tos id., koib., kar., soj. 
tos, jak. tuos id. | monii. tüs, tös id. (vgl. Ramstedt Virittäjä 
1. c). — Vgl. auch: 

jeniss.-ostj. teül, teöl, tejöl, tejogal (plur. teoler]) "korb aus 
birkenrinde', wo -1 wahrscheinlich ableitungssuffix ist, vgl. je- 
niss.-ostj. teo'gül, teok'ül, teog'uol Tingerring' -^ teak\ tak' 
•finger': ^ögol' 'axtschaft' ^ iuk. iplur. iög, tJugeri"' "axt". 



28. Wotj. vitsJci. 

Wot]. SM JMU vitS/:t. J MU auch: v/.ski, V vißi bedeu- 
tet 'kufe, zuber', in J besonders 'tiefer zuber', G vftSkl dage- 
gen 'pudmass', d. h. eigentlich 'als pudmass dienendei- zuber". 
Diesem vvorte entspricht: 

tscher. KB ßaWcd 'kufe, zuber (von ver.schiedener grosse: 
zur aufbewahrung von Salzfleisch, gurken, kohl, wasser)', oren-fi. 
'butterfass (aus einem holzstück ausgehöhlt)', J ßatskd 'kufe, 
zuber (die grösseren für getreide, die kleineren für graupen 
und mehl)', l'' ßofSkä, T ßöf'Sä, M ßotsk<^, B ßotßo 'kufe, zuber 
(oft aus einem holzstück; die grösseren für getreide, mehl, 
hier, die kleineren für denselben zweck wie in KB)" [in Szilasis 
wbuch unrichtig als russ. lehn wort bezeichnet]; 

mord. WiED. E otska 'trog, brottrog', lopaleme o. "vvasch- 
trog', otskine 'mulde'. Paas. E otsko. M otskä. dem. otskdns 
'trog' [bei Wiedemaxx irrtümlich als russ. lehnwort bezeichnet]. 
Im mordwinischen schwund des urspr. anl. v vor labialem vo- 
kal (0. u) ähnlich wie z. b. in mord. E oj (M vaj) 'butter', 
fi. voi, Ip. vuogja, tscher. ü, üi, wotj. vei, syrj. vii, ostj. uoi. 
wog. ßö^i, ung. vaj (MüSz. 557) | mord. E ojme (M vajrhf) 
'atem; lebendes wesen", est. vaim, Ip. vuoigriat (Setälä JSFOu. 
XIV 3 27) I mord. E o:So "gelb", fi. viha-nta "grün", tscher. nznr. 
wotj. voz, syrj. veS. ': ostj. vosta, vasta, vosti [MUSz. 575 (fi. 
syrj.), Setälä ÄH 275, JSFOu. XIV^ 3 37 (fi., mord., tscher., 
wotj., syrj.)] I mord. E ?/ier, vizir, AI uzdr 'axt', fi. vasara, Ip. 
v«cer (Setälä JSFOu. XIV 3 28). 

Helsintffors. VR-'ö W'icH.MAXX. 



Antti Aarne. Zur frage n. d. bed. d. ind. märchen. 139 



Zur frage nach der bedeutung der 
indischen märchen. 



Alfred Forke. Die indischen Märclien und ihre Ijedeutung für 
die vergleichende Märchenforschung. Berlin 1 9 1 i . — F. von 
DER Leyen. Das Märchen. Leipzig 191 1. 

Als Benfky 1859 die theorie aufstellte, dass die märchen 
in Indien entstanden und von dort hauptsächlich durch Vermitt- 
lung der literatur nach dem abendland gewandert sind, fand 
er viele anhänger. Im hinblick auf die reichhaltigkeit der alten 
indischen märchehliteratur und ihre durch Übersetzungen er- 
folgte Übertragung auf verschiedene Völker erschien seine idee 
sehr natürlich. Aber mit dem anwachsen der aus dem volks- 
mund gesammelten märchenschätze und dem fortschreiten der 
forschung trat die einseitigkeit der ansichten Benfeys ans licht, 
und seine theorie \erlor ihre bedeutung. Nur wenige forscher 
wollen mehr etwas von ihr wissen, und auch die, weiche ihr 
noch huldigen, haben die ansichten Benfeys in weitem masse 
modifiziert und gemildert. 

Dies besagt indes nicht, dass die frage nach der bedeu- 
tung der indischen märchen für die vergleichende Untersuchung 
der Volksmärchen endgültig gelö.st sei. Dass in dieser hin- 
sieht sogar noch grosse meinungsverschiedenheit herrscht, da- 
\on legen die am anfang meines aufsatzes genannten werke 
Zeugnis ab. Das erste behandelt lediglich die indischen mär- 
chen und ihre bedeutung, das zweite beschäftigt sich mit der 
frage der \olksmarchen in ihrem ganzen umfang, obwohl auch 
hier den indischen märchen, denen das kapitel „Das indische 



140 Antti Aarne. 



Märchen und seine \'erbreitung" gewidmet ist, besondere beach- 
tung zuteil wird. 

Prof. F'oRKK stellt sich bezüglich der \ermeintlichen gros- 
sen bedeutung der indischen märchen auf einen ablehnenden 
Standpunkt. Er gibt allerdings zu, dass die Inder einige ihrer 
inärchen an die anderen \ölker Asiens und Europas abgegeben 
haben können, dass sie dafür aber auch einige aus den län- 
dern des Westens erhalten haben. Die indischen märchen ha- 
ben nach ihm z. b. die deutschen so wenig beeinflusst, dass 
\on den 1400 märchen der alten indischen Sammlungen nur 
etwa IT) episoden oder ganze geschichten auch in den Samm- 
lungen \on Grlmm, Bechstein und Prühle (Kiuder- und Volks- 
märchen) auftreten. Von diesen 1400 sind also etwa 15 epi- 
soden, nicht alles ganze geschichten, in ca. 400 deutsche mär- 
chen übergegangen, und wahrscheinlich ist die zahl der aus 
Indien stammenden märchen in Wirklichkeit noch geringer, 
denn von diesen 15 sind einige mfiglicherweise im gegenteil 
von Europa nach Indien gewandert. Den xermeintlichen ein- 
fluss der indischen märchen auf die europäischen erklärt Forke 
in manchen fällen daraus, dass man Übereinstimmungen zwi- 
schen märchen auch dann zu sehen geglaubt habe, wenn sie 
in Wirklichkeit nicht vorhanden waren, „oder es sind nur an- 
klänge und zufällige ähnlichkeiten". l"nd er stellt die indischen 
märchen nicht einmal in formaler hinsieht besonders hoch: 
„Sie sind oft \iel plumper und einfältiger, als die dei- euro- 
päischen kulturx ölker. Es fehlt ihnen z. b. die naive phantasie, 
die poesie und das gemüt der deutschen märchen." 

Ganz anders beurteilt v. d. Leyen die indischen märchen. 
.,Der märchenreichtuni des einen landes Indien übertrifft den 
märchenreichtum aller anderen Völker, die im \ei-gleich mit 
Indien sehr wenige originale märchen besitzen." Es ist tat- 
sache, sagt er an einer anderen: stelle, 'Jass die indischen mäi- 
chen einen grossen einfluss auf die märchen der nichtindischen 
weit ausgeübt haben. Unter den Völkern des östlichen und 
nördlichen Asiens ist dieser eintluss noch grösser gewesen, als 
Benfey geglaubt hat. Und über die art der indischen märchen, 
die Forke so unvorteilhaft schildert, fällt \-. d. Leven u. a. fol- 
gendes lobendes urteil: „Die indischen märchen sind in ihrem 
aufbau und ihrem Scharfsinn, in ihrer phantasie und ihrer tie- 



Zur frage n. d. bed. d. ind. niärclien. 141 

ten ahnung, tiot/ aller Übertreibungen und überladenheiten das 
vollendetste, was bisher im aufbau und der erfassung der mär- 
■chen erreicht wurde." Besonders entzückt ist er \on der in- 
dischen erzählungskunst, die in keinem anderen land ihres- 
gleichen habe. So\iel ei' auch die bei anderen Völkern ange- 
troffenen entsprechenden märchen mit den indischen vergleicht, 
immer bemerkt er, „dass die Inder kunstvoller, überlegener 
und mit i'eicherer ei'findungsgabe erzählten als die nicht-indei". 

Bei der kritik der ansichten Forkks fällt vor allem die 
grosse bedeutung ins äuge, die er dem zufall in den märchen 
beimisst. Die forscher haben es nicht \ erstanden die auf Zu- 
fall beruhenden Übereinstimmungen \on solchen zu scheiden, 
die von gegenseitiger abhängigkeit herrühren, und haben die 
gegenseitige beeinflussung der märchen daher überschätzt. Kr 
sagt: Wie man im leben die seltsamsten Übereinstimmungen 
findet, die lediglich auf zufall beruhen, ebenso spielt der zufall 
auch in der Wissenschaft eine grosse rolle. Zwei menschen 
können, ohne voneinander zu wissen, so ähnliche entdeckun- 
gen gemacht haben, dass man leicht glaubt, der eine habe vom 
andern entlehnt. Und da auch das phantasiematerial im gros- 
sen und ganzen dasselbe ist, müssen auch daraus ohne gegen- 
seitige beeinflussung bisweilen ähnliche Produktionen geschaf- 
fen werden. Der zufall hat in den Volksmärchen eine so 
grosse rolle gespielt, dass die entlehnung bei der Verbreitung 
der märchen an bedeutung \erliert. „In manchen fällen hat 
aber ohne zweifei eine entlehnung stattgefunden", räumt Korke 
gleichwohl ein. 

Meiner ansieht nach spricht der Verfasser zu viel von zu- 
fall. Es dürfte niemand verwundern, wenn ein chinesischei' 
Philosoph und ein indischer weisei", ohne voneinander zu wis- 
sen, beide über das menschenleben solche beobachtungen ge- 
macht haben, wie dass der mensch ein alter von höchstens 
100 Jahren erreicht, wovon den grössten teil kindheit, alter 
und schlaf und den rest noch störender schmerz, krankheit 
und sorge ausfüllen, l'nd möglich ist auch — um beispiele 
aus den märchen zu nennen — , dass die Übereinstimmung in 
der äsopischen fabel \om fuchs, der, nachdem er das herz des 
getöteten hirsches gefressen, zum löwen sagt, der hirsch habe 
gar kein herz gehabt, und in dem märchen vom drachentöter. 



142 Antti Aarne. 



wo der als retter der königstochter auftretende marschall be- 
hauptet, die drachen hätten überhaupt keine zunge — der wirk- 
liche Sieger hat die zungen herausgeschnitten und als trophäen 
mitgenommen — auf zufall und nicht auf gegenseitiger abhän- 
gigkeit beruht, oder die Übereinstimmung, die darin zutage 
tritt, dass das deutsche Aschenputtel zu dem auf dem grabe 
der mutter wachsenden haselbaum sagt: „Bäumchen rüttle 
dich und schüttle dich, wirf gold und silber über mich" und 
\on dem bäum ein golden und silbernes kleid bekommt, dass 
ein bäum in einem indischen jataka den kaufleuten wasser. 
speisen, schöne frauen und kostbarkeiten liefert, und dass in 
einer tibetischen erzählung von wunschbäumen, sobald die göt- 
ter und göttertöchter es wünschen, blaue, gelbe, rote und 
weisse kleider, desgleichen allerhand Schmucksachen hervor- 
wachsen. Abel- die in einzelzügen und märchenmotiven auf- 
tretenden, oft recht allgemeinen ähnlichkeiten sind zu unter- 
scheiden von der Übereinstimmung, die sich in ganzen märchen 
ausspricht und sich wenigstens teilweise bis auf deren einzelne 
teile erstreckt. Viel missverständnis und Verwirrung ist bei der 
Untersuchung von märchen dadurch entstanden, dass nicht ge 
nug zwischen märchen und deren einzelnen teilen unterschieden 
\\'orden ist. Und hiervon rührt es auch gewöhnlich her, dass 
man auch gegenseitige beeinflussung angenommen hat, wo sie 
in Wirklichkeit nicht bestanden hat, oder der Irrtum ist aus un- 
vollständiger kenntnis der märchen entsprungen. Bei den Über- 
einstimmungen und überhaupt bei der Untersuchung von mär- 
chen sollte man immer bedenken, dass die märchen geschich- 
ten sind, logisch zusammenhängende und ästhetisch einheitliche 
geschichten, die an einem bestimmten ort und in bestimm.ter 
zeit entstanden sind und sich dann von diesem ihren entste- 
hungsort nach verschiedenen selten verbreitet haben. Die züge 
und episoden haben anfangs ihren platz in einem bestimmten 
märchen, obwohl sie sich dann aus ihrem ursprünglichen Zu- 
sammenhang losgelöst und an andere märchen angeschlossen 
haben können, und in diesem sinn müssen sie behandelt werden. 
Ja es gibt fälle, wo sich aus solchen stücken sogar ein ganz 
neues märchen gebildet hat, das seinerseits wieder wie andere 
märchen von einem ort zum anderen wandert. Halten wir 
uns bei der beurteilung der Übereinstimmung von märchen an 



Zur frage n. d. bed. d. ind. märchen. 145 



die ganzen märchen, so ist die entscheidun^ der frage in dti 
regel leicht. Natürlich kann es einzelne fälle .^eben, wo der 
forscher im Ungewissen bleibt, ob es sich um entlehnung oder 
um Zufall handelt, aber weitreichendere bedeutung kommt die- 
sen nicht zu. Wilhelm Ghimm äusserte hierüber schon seiner- 
zeit: „Man begegnet märchen dieser art, wo man die Über- 
einstimmung als Zufall betrachten kann, aber in den meisten 
fällen wird der gemeinsame grundgedanke dui'ch die besondere, 
oft unerwartete, ja eigensinnige ausführung eine gestalt gewon- 
nen haben, welche die annähme einer bloss scheinbaren Ver- 
wandtschaft nicht zulässt." 

Die übereinstimm.ungen in den märchen verschiedener 
länder beruhen ohne zweifei hauptsächlich auf entlehnung, ei- 
nen sehr geringen anteil hat der zufall, und die gewöhnlichste 
Verbreitungsart ist die mündliche tradition gewesen. Die mär- 
chen verbreiten sich durch mündliche erzählung sehr leicht 
von ort zu ort, von volk zu volk. Auch die Verwandtschaft 
der Völker, ja sogar die ähnlichkeit der sprachen, die der Ver- 
fasser des buches auch erwähnt, sind hierbei wenig von be- 
lang, umso mehr aber die geographische nähe der Völker und 
der dadurch bedingte intime x'erkehr. Bei der tatsache, dass 
die meisten deutschen märchen auch in Holland, Dänemark, 
Schweden und Norwegen verbreitet sind, spricht die ver\\'andt- 
schaft der bewohner dieser länder überhaupt kaum mit, son- 
dern sie erklärt sich daraus, dass die Völker dicht nebeneinander 
wohnen und eng miteinander verkehren. Auch die deutschen 
und französischen märchen sind sich ähnlich, und Forke 
spricht auch später davon, wie die märchen durch Vermitt- 
lung einer zweisprachlichen grenzbevölkerung sehr leicht von 
einem Sprachgebiet auf das andere übergehen, z. b. von Deutsch- 
land nach Frankreich durch Elsass-Lothringen. Zwischen Ost- 
finland und Nordrussland findet trotz den verschiedenen spra- 
chen der regste märchenaustausch statt. 

Indem der Verfasser die indischen märchen mit den mär- 
chen anderer länder und besonders mit den deutschen vergleicht, 
kommt er zu dem meiner ansieht nach richtigen schluss, dass 
die ersteren so, wie sie in den alten Sammlungen vorliegen, 
eine jüngere märchenform als die letzteren repräsentieren. Sie 
sind „nüchterner und verstandesmässiger, auch stark morali- 



1.44 Antti Aarne. 



gierend'", sie sind „kunstmäi-chen einzelner gelehrter". Da die 
ursprünglichere form nicht aus der jüngei-en entstanden ist, 
folgt daraus, dass die liteiarischen indischen märchen nicht die 
ijuelle der märchen der anderen länder gewesen sein können. 
Es ist jedoch zu beachten, dass dies nur von jenen literarischen 
märchenformen gilt und noch nicht beweist, dass Indien nicht 
die heimat dieser mäi^chen sein könnte. Die indischen litera- 
rischen märchen fussen grossenteils auf älteren xolkstümlichen 
märchen, sagt dei' xei'fasser selbst. X'ielleicht vertreten diese 
volkstümlichen indischen \orbilder ui'sprüngliche formen der 
märchen und haben sich ohne literarische \ermittlung münd- 
lich nach den anderen ländern \erbreitet. Ich meinerseits 
glaube, dass, wenn vom einfluss der indischen märchen die 
rede ist, immer dieser seite dei" frage genügend beachtung ge- 
schenkt weiden müsste. Dabei ist auch zu beachten, dass im 
alten Indien natürlich auch \iele andere märchen ausser den 
in L\e\- literatui' erhaltenen bekannt gewesen sind, und auch 
diese können sich nach andei'en ländern verbreitet haben. 

Sehr gering schätzt F\drke den eintluss der indi.schen mär 
chen auf die märchen anderer länder ein. Ohne zweifei über- 
treibt er in diesem punkte. Bei der beurteilung der bedeutung 
jener märchen muss man bedenken, dass Indien ein altes kultur- 
land ist, in dem märchen in grosser menge bekannt und 
sehr beliebt gewesen sind. In anbetracht dessen ist es wahr- 
scheinlich, dass die indischen märchen stärker als gewöhnlich 
nach aussen auf andere länder gewirkt haben. 

Wenn Forkk von den indischen märchen keine hohe Vor- 
stellung hat, geht v. d. Leyen in ihrer bevvunderung zu weit, 
übertrieben scheint mir z. b. sein lob der indischen erzählungs- 
kunst. Dieses macht schon darum einen weniger glaubhaften 
eindruck, weil in dem werke mit gleicher begeisterung auch 
die erzählungskunst der araber geschildert wird, obwohl sie 
sich in ihrer art anders darstellt. Gewagt ist auch die äusse- 
rung, dass die anderen länder im vergleich niit Indien „sehr 
wenige originale märchen" haben. Eine solche behauptung 
setzt eine viel genauere kenntnis der alten märchenschätze an- 
derer länder voraus, als sie heute möglich ist. Eine besondere 
Verehrung Benfeys tritt in folgenden Worten v. o. Leyens her- 
vor: „Die behauptung, die man immer von neuem hört, ist 



Zur frage v. d. bed. d. ind. märchen. • 145 

falsch, dass nämlich die thcorie Benfeys abgetan sei und zu 
den toten gehöre. Man darf im gegenteil auf eine baldige 
auferstehung dieser vielgeschmähten theorie hoffen, nach der 
sie dann freilich von allerlei schlacken gereinigt und in geläu- 
terter gestalt unter uns wandeln miisste." 

Obwohl ich aber die auftassung habe, dass v. D. Lkvex 
Indien zu sehr bewundert, muss ich zugeben, dass sein werk 
grosse Sachkenntnis und Vertrautheit mit den märchen und 
ihrer Untersuchung verrät. Er spricht meines erachtens viele 
richtige ansichten über die märchen aus. Erwähnt sei beson- 
ders seine aufforderung an die forscher immer die ganzen 
märchen, nicht einzelne aus dem Zusammenhang herausgeris- 
sene Züge und episoden ins äuge zu fassen. 

Die behauptung, dass indische märchen auch über Xord- 
asien nach Europa gevvandert seien, ist zu bezweifeln. We- 
nigstens habe ich bei meinen Untersuchungen nicht die Über- 
zeugung gewonnen, dass auf diesem wege märchen vom Orient 
nach Europa gekommen wären. Wenn sich zwischen den 
sibirischen und osteuropäischen märchen nähere Übereinstim- 
mungen herausgestellt haben, hat es sich gezeigt, dass der ein- 
fluss von Europa ausgegangen ist. Der gewöhnlichste weg 
hat von Südwestasien nach der Balkanhalbinsel geführt. 

Woher kommt es aber, dass sich so überaus di\ergie- 
rende auftassungen über die bedeutung der indischen märchen 
bilden können? Der grund ist meiner ansieht nach der, dass 
es noch zu früh ist, um die frage entscheiden zu können. 
Die märchenforschung hat noch zu wenig zuwege gebracht. 
Man sollte weniger solche fragen allgemeiner art erörtern und 
sich mehr mit einzelnen märchen beschäftigen. Jedes mär- 
chen muss einer genauen, ins einzelne gehenden Untersuchung 
unterworfen werden, man muss sich bemühen möglichst über 
ihre heimat, ihre Verbreitungswege und sonstigen Schicksale 
ins klare zu kommen. Wenn diese arbeit ausgeführt ist, lösen 
sich die frage nach der bedeutung der indischen märchen und 
manche anderen fragen von selbst. Es ist das eine grosse 
und beschwerliche arbeit, und dabei werden wohl anfangs 
viele Irrtümer begangen werden, aber diese arbeit muss auf 
alle fälle getan werden, denn ohne das ist über die märchen 
keine klarheit zu gewinnen. Und sie muss jetzt ausgeführt 

Finu -ujrr. Forsch. XII. lO 



Antti Aarne. 



werden. Die menge des volkstümlichen materials ist unge- 
heuer angewachsen. Mancher umstand, der unverständlich er- 
schienen ist, kann durch die heutigen hilfsmittel aufgeklärt 
w'erden. 

Meinungsverschiedenheiten können natürlich über die 
dinge bestehen, zumal auf einem so wenig bearbeiteten gebiet, 
wie es die märchenforschung zurzeit noch ist. Freudig müs- 
sen jedenfalls alle neuen beitrage begrüsst werden. Sie zeu- 
gen von einer zunähme des Interesses und eröffnen immer 
mehr forschern die bekanntschaft mit den märchen. In dem 
werk FoRKES habe ich mit besonderem vergnügen die klaren 
ausführungen über die alte indische märchenliteratur gelesen. 

Helsingfors. AXTTI AaRNE. 



Heikki Ojansuu. Ein südestn. beitr. z. Stufenwechsel. 147 



Ein südestnischer beitrag zur Stufenwechsel- 
theorie. 



Auf den estnischen Sprachinseln in der filialgemeinde 
Seltinghof (Ilsen) und in der gemeinde Aahof findet man 
statt der als urfinnisch angenommenen Wechsel /.•/ --- yl, kr ~- ^r 
heutzutage in der starken stufe kl, kr (im wortauslaut sind l 
und r gewöhnlich stimmlos: 1-l, kn) und in der schwachen 
stufe gl, gr. Die Verhältnisse sind also diese: viki, part. vikla, 
gen. pl. vihlu, gen. sg. vigla, nom. pl. vigla 'gabel (mit mehr 
als zwei zinken)'; natcL, gen. und part. pl. naklu, nom. pl. 
nagla" 'nagel, niete', 7iefcL, nehlu, neglci 'nadel, dorn, Stachel'; 
kofcH, gen. sg. kogrl, nom. pl. kogri 'karausche' (=: fi. kouri, 
kourvi, cyprinus carassius); mükR, part. sg. mükrä, nom. pl. 
miigra 'mauhvurf usw. 

Von dieser Vertretung gibt es jedoch fünf ausnahmen: 

1. kakL 'hals, nacken", part. u. ill. sg. kakla, gen. sg. käVa, nom. 

pl. käld . 

2. IIa, IIa" « "eyläk) 'gestern'. 

3. kal-R 'hafer', gen. pl. kakru, gen. sg. kära. nom. pl. kärd . 

4. nahn 'er lacht, scherzt', nakre 'lachen', dla nahru « *natcra/yo) 

'lache nicht!', minu nürä 'ich lache' usw. 

5. nahri" 'die rüben', näris 'die rübe' (auch nom. pl. nakrf, 

nom. sg. nakker. 

In den übrigen südestnischen dialekten finden sich ebenso 
IIa, elä" (auch elä). Der dialekt von Harjel weist ausser- 
dem bisweilen näris ^ nakri" auf, sonst aber haben wir 
hier und in einem teil des werrodialekts nakker ^^ nakri" und 
anderwärts im südestnischen gewöhnlich näris ~ näri . Die 



148 Heikki Ojansuu. 



fälle 1, 3 und .4 sind in der weise verallgemeinert, dass nur 
schwachstufige formen in Umlauf sind (käh kä.i, Jcär, nur). 

Wie ist diese verschiedenartige Vertretung (t3'pen: Ical-L -^ 
käla und nahi ^.naylä) zu erklären? 

An entlehnung aus den nördlichen dialekten dürfen wir 
kaum denken; bei dieser annähme wäre es schwer zu 
verstehen, weshalb nur die schwachstufigen formen entlehnt 
sind. Zudem sind im nordestnischen früher die formen kail, 
kair, nairan, nairis (ein typus, der in den predigten Müllers 
vom anfang des 17. jh. häufig ist) angetroffen worden. 

Wahrscheinlich verbirgt sich hier ein besonderes Stufen- 
wechselverhältnis. 

Unter bezugnahme auf Tho.msens Zusammenstellung karel. 
kakla, kagla, fi. kavila (estn. Ilsen T^aki) = lit. kaklas 'hals" müs- 
sen wir von einem Verhältnis *Jcakla (kahla) -~ (gen.) ka-^lan. 
woraus liülän (südestn. l-täcY), ausgehen, sodass TcüUi, nein), 
näris auf spirantische ausgangsformen zurückzuführen sind. 
Wie sind aber dann yiakl, takl, gen. nayla, taylä und andere 
vom vorhergehenden abweichende veriiältnisse zu erklären? ^ 

Was zunächst den nom. sg. betriff"t, kommt derselbe im 
dialektgebiet von Werro in fünf verschiedenen formen vor: 
nakl, nayl, nagel, nagil, nagul. — Der typus nahl begegnet in 
den kirchspielen Harjel und Karolen, im südlichen teil von 
Rauge und bei den Lutziner esten (ausserdem auf den oben- 
erwähnten inseln); der typus nagl im ksp. Rappin, nagul in 
Kannapäh ; nagel in Urbs, Pölwe, dem grössten teil von Rauge 
sowie allgemein in den dialekten von Dorpat und Fellin; 
nagil (nagi.i) in Neuhausen und in den setukesischen mund- 
arten. Vgl. Set.\lä ÄH 142. 

Die gemeinschaftliche ausgangsform ist naGla {nagla) ge- 
wesen. '^ Daraus ist durch apokope des vokals 7iaGl, nac/ 
{nagl nag/) entstanden. Aus / haben sich tiL el. il entwickelt. 



1 Setälä, Quantitätswechsel, JSFOu. XIV, i\ 12 sagt: >Im 
estn. kann sowohl die starke als die schwache stufe als ausgangs- 
punkt dienen (aus der schwachen stufe z. b. nordestn. kael ^ kaelä, 
südestn. kul — kälu <C kayla- \ aus der starken stufe z. b. südestn. 
negil g. negla part. -« nekla". 

~ Bei den südestn. formen vaga, laga hat man wahrschein- 
lich auch zunächst von vaeia, IttGta auszugehen. 



Ein südestn. beitr. z. Stufenwechseltheorie. 149 

Im werroschen dialekt (namentlich in den südlichen teilen des 
dialektgebiets) haben sich die wortschliessenden stimmhaften 
laute allgemein in die entsprechenden stimmlosen laute ver- 
wandelt (z. b. vihAf = vihm, le)iN = lohn, l-aint -< *l'ahr, maiiL 
=: mahl, käkv = käsn). Der typus nali, nafii (<< naal) könnte 
gut hierauf beruhen. Von kl, kr ausgehend könnten wir mei 
nes erachtens die heutigen nominativformen mit (j nicht befrie- 
digend erklären. Allerdings haben wir wenigstens zwei bei- 
spiele von dem stimmhaftwerden eines stimmlosen konsonanten 
auf der grenze der 1. und 2. silbe: edaa < ettaG, e^aijG 'abend', 
tüdruk << ti'druk 'magd', gen. edägü, füdriigü, aber auch sie 
beschränken sich nur auf einige kirchspiele. 

Die von mir angenommenen gI, gv haben vielleicht aus- 
serhalb des quantitätswechsels gestanden, abgesehen davon, 
dass im part. und ill. sg. und im gen. und part. pl. eine Ver- 
stärkung eingetreten ist: nakla, naklo (naklu), vgl. viGa, part. 
viTcka. Möglicherweise ist die Vermischung der verschiedenen 
typen, von der es in den gemeinfinnischen sprachen anderswo 
beispiele gibt, von gleichartigen partitivformen ausgegangen. 

Es ist jedoch auch die möglichkeit vorhanden, dass die 
abweichende \'ertretung auf dialektmischung beruht. Im süd- 
estnischen Sprachgebiet scheint die starke stufe in dem Wech- 
sel kl ~ }'/, kr ~ yr verallgemeinert worden zu sein. Diese 
Verallgemeinerung ist ohne zweifei unter dem einfluss des frü- 
her unmittelbar mit dem südestnischen in Verbindung stehenden 
livischen erfolgt. ^ Diejenigen auf den Wechsel kl -^ yl, kr -^ yr 
zurückgehenden wechselfälle, die im südestnischen noch vor- 
kommen (fast im ganzen bereich des dialekts ist die schwache 
stufe verallgemeinert), gehören entweder zu der ältesten laut- 
vertretung der südestnischen dialekte oder sie erklären sich als 
frühe entlehnungen aus den nordestnischen dialekten; die ent- 
lehnung würde stattgefunden haben, bevor im nordestnischen der 
Spirant in der schwachen stufe vokalisiert war. Eine ähnliche 
buntheit der verschiedenen stufen begegnet wenigstens im finni- 
schen (z. b. in den östlichen dialekten kaura, aber mykrä usw.). 

Helsingfors, im november 191 1. HeIKKI OjaNSUU. 



^ Zur livischen lautvertretung s. Setälä AH 143. 



I50 Th. Korsch. 



Zur etymologie des Ann. ajattara. 



Neben dem in den Wörterbüchern stehenden ajatar kommt 
bekanntlich in den altern quellen und in der volkspoesie die form 
ajattara xor. Das erste wird als 'der weibliche waldgeist, der 
Waldteufel; der alp' (K. Erwast, Suomalais-saksalainen sana- 
kirja) erklärt, das zweite bedeutet nach älteren quellen 'pellex 
venefica — satyrus — malus genius silvestris foeminini gene- 
ris, terribilis, ceier et homines in errorem inducens [Irrlicht?]''. 
Auf die erste form komme ich weiter unten zu sprechen, 
was aber die zweite anlangt, so scheinen sowohl ihre Urbedeu- 
tung als auch ihr hohes alter durch die von prof. J. J. Mik- 
KOLA vorgeschlagene Zusammenstellung mit lit. aitwaras 'der 
alp, der fliegende drache, der nach dem Volksglauben schätze 
bringt' hinreichend gesichert zu sein. In dieser annähme befestigt 
mich teilweise der umstand, dass ein so vorsichtiger und 
leicht hingeworfenen hypothesen abgeneigter forscher wie 
prof. E. X. Setälä, die eben erwähnte Zusammenstellung für 
nicht unwahrscheinlich hält. Nun finde ich in herrn Jalo 
Kalimas bericht über prof. A. Brückners buch "Starozytna 
Litwa' (FUF VI) folgende erklärung des lit. aitwaras, welche 
derjenigen von prof. Mikkola zwar nicht widerspricht, aber 
einige nicht unwichtige Züge enthält, die in dieser fehlen : "zau- 
bermittel, Irrlicht, der alp, der dem besitzer, der ihn gebunden 
in einer Schachtel oder hinter dem ofen autbewahrt und mit 



' Siehe Setälä FUF II i6i fussu. 



Z. etym. d. ß. ajattara. 151 

milchbrei oder rührei ernährt, getreide, heu, geld und milch 
herbeibringt'. Man denkt dabei unwillkürlich an die giftlosen 
natlern, welche in \'erschiedenen gegenden fast als haustiere 
betrachtet werden, indem sie ihren platz hinter dem ofen ha- 
ben und, zuweilen mit den kindern zusammen, sich von milch, 
brei oder grütze nähren. Solche in bauernhäusern wohnende 
schlangen sind auch in Kussland hier und da zu sehen, und 
es wird dort als eine sünde oder wenigstens als eine un\-or- 
sichtige handlung angesehen einem solchen mitbewohner ir- 
gendwie zu schaden. Da aber der aitwaras auch reichtum 
bringt, drängen sich zugleich ins gedächtniss die in ost und 
west verbreiteten sagen \'on geflügelten oder flügellosen, aber 
jedenfalls furchtbaren drachen, welche als '^'r^ytrelc die im 
schösse der erde verborgenen oder auch — wohl erst später 
— auf ihrer Oberfläche befindlichen schätze bewachen, wie das 
die goldenen äpfel des Hesperidengartens schützende unge- 
heuer. Einen hervorragenden platz haben die drachen seit je- 
her in der persischen mythologie eingenommen sowohl als 
schädliche wesen als auch in der rolle der bewacher der 
schätze. Im Avesta erscheinen sie als Vertreter des bösen Cle- 
ments, z. b. Srvara, 'der pferdefresser, der menschenfresser, der 
giftige, der grüne', und Dahäka, 'der mit drei rächen, mit drei 
köpfen, mit sechs äugen, mit tausend (menschen-)kräften ver- 
sehene'. Der letzte muss besonders populär gewesen sein, da 
von seiner benennung, azis Dahäkö "die schlänge Dahaka", 
die persische bezeichnung des Drachens im allgemeinen ""azda- 
häk (woher armen, azdahak), später azdaha, offenbar herzulei- 
ten ist. In Mittelasien aber lautet dieses wort azdahar (kirgi- 
sisch) oder zusammengezogen azdar (sartisch) und daraus, 
mit rückkehr zu der persischen form, azdarha. Wie die Stadt 
Astrachan bei den türken nicht allein astar^an oder aztar/an, 
sondern auch ajdar/an (kirg.) heisst, so kommt im kirgisi- 
schen neben azdahar dialektisch auch ajda^^ar \'or. Eben- 
so scheint kirg. ajdar 'haarzopf auf dem köpfe der kna- 
ben' nichts anders als 'azdar zu sein, denn haarzöpfe wer- 
den im Orient gern mit schlangen verglichen, und eine ähnliche 
metapher liegt der kleinrussischen benennung des männerzop- 
fes oseledec 'häring' — doch gewöhnlicher eub — zu gründe. 



152 Th. Korsch. 

Wie es dem aber auch sei, darf jenes j (l) statt z 3 niclit etwa 
für eine verliältnismässig späte, engdialektische lautveränderung 
gehalten werden: weder z noch § sind echt türkische laute, 
und überall, wo sie in einzelnen dialekten erscheinen, sind sie 
entweder samt den Wörtern, in welchen sie vorkommen, aus 
andern sprachen entlehnt oder im anlaut, selten im Inlaut, aus 
j, ausschliesslich im inlaut aus e entstanden. Daher nord- 
türkisch (baschkirisch, teils nogaisch) *jausan 'art panzer' 
|> altruss. jumsan aus pers. ^ausan, *jäd.ükär 'zauberer' >■ 
russ. jedukär aus pers. gädügar, jan 'seele' aus pers. gän, Ja- 
nuar 'seidenwurm' aus pers. 3änvar 'lebendes wesen, tier", jo- 
mart "grossmütig, heldisch' aus pers. §uvänmard u. ä. .Somit 
kann die form ajdayar auch sehr alt sein. Ob nun finn. ajat- 
tara mit ajda^^ar oder mit dem kontrahierten *ajdlr — ajdar zu- 
sammenzustellen ist, .scheint eine ziemlich müssige frage zu 
sein, denn bei entlehnungen treten leicht allerlei analogien zu 
tage, die nachträglich nicht immer zu ermitteln sind. Jeden- 
falls i.st die lautliche ähnlichkeit bedeutend und würde kaum 
wesentlich dadurch vermindert, wenn es sich herausstellte, dass 
man bei der erklärung des finnischen Wortes von der form mit 
z (^) auszugehen hat. Dazu kommt die bedeutung des wortes 
ajattara: 'der drache" ist offenbar eine ältere bedeutung als 'der 
weibliche waldgeist', welch letztere bedeutung allein als die- 
jenige des Wortes ajatar angegeben wird. Die ajatar ist wohl 
nur eine andere form des wortes ajattara; was das geschlecht 
der ajatar betrifft, so hängt es doch wohl von der silbe -tar ab, 
die ebenso wie in kuninga-tar 'königin', laulaja-tar 'sängerin' 
u. ä. verstanden worden ist. Ausserdem ^\'age ich die Ver- 
mutung auszusprechen, dass in der ajatar so zu sagen eine 
kontamination mit einem andern und zwar, wie es scheint, 
echt finnischen göttlichen wesen, nämlich aarni oder aarnio, 
vorliegt. Dieser geist ist zwar kein drache, wird aber als ein 
riese, ein ungeheuer dargestellt und teilt mit dem drachen die 
rolle eines schatzhüters, andrerseits berührt er sich durch aar- 
nio-metsä 'urwald', aarnio-puu 'uralter bäum', aarnio-koivu 
'uralte birke" mit der waldgottheit ajatar. W^enn die bedeutung 
'Irrlicht', welche dem lit. aitwaras zugeschrieben wird, sich mit 
der alttinnischen Vorstellung des ajattara verbinden lässt, haben 



1 



Z. etym. d. fi. ajattara. 153 

wir in aarnio-valkea 'irrlicht' einen zug mehr, um die Vermu- 
tung von der \er\vandtschaft der ajatar mit aarni oder 
aarnio glaubwürdig zu finden. Wenn aber die Zusammenstel- 
lung des finn. ajattara mit lit. aitwaras einerseits und mit pers.- 
türk. aädahar, ajdaj'ar andrerseits richtig ist, muss das finni- 
sche wort, da asiatische elemente sich im finnischen, nicht aber 
im litauschen Sprachschatz nachweisen lassen, unbedingt als 
das original des litauischen anerkannt werden. 

^loskau. Th. KoRSCH. 



154 Kaarle Krohn. 



Das schiff Naglfar. 



Vom schiffe Naglfar, welches nach V'oluspä beim Welt- 
untergänge flott wird, berichtet Snorri, dass es aus nageln der 
toten gemacht ist: weshalb wohl die Warnung am platz ist. 
dass, wenn ein mensch mit unbeschnittenen nageln stirbt, ei 
das baumaterial des schiffes Naglfar vermehrt. 

Axel Olrik (Aarboger for nord. oldkynd. og bist. 1902 
226) hat zu dieser stelle parallelen aus dem isländischen Volks- 
glauben angeführt. Jeder abgeschnittene nagel müsse in drei 
stücke geschnitten oder gebissen werden: sonst mache der teufel 
aus ihnen einen ganzen bord auf dem leichenschiff (naskipiö). 
Nach anderen erklärungen, in welchen die Verbindung mit den 
toten in Vergessenheit geraten ist, soll der teufel sich ein ruder- 
boot aus den abgeschnittenen nageln bauen oder, meint man, 
gebrauche er diese dazu sein fahrzeug zusammenzunageln. In 
Dänemark ist ein alter reim erhalten : fanden künde icke sejle, 
förend han fick söndags negle 'der teufel konnte nicht segeln, 
bevor er sonntags nägel erhielt'. Die Vorstellung von einem 
nagelschiff scheint somit bei den Skandinaviern allgemein ver- 
breitet zu sein. Doch fehlt in den angeführten volkstümlichen 
berichten eine anspielung auf den Weltuntergang. 

Derselbe Volksglaube ist auch bei den finnen festgestellt 
worden. In Westfinland glaubt man, wenn man sich am Sonn- 
tage die nägel beschneide, so werde daraus für den teufel ein 
floss, mit welchem er über den see rudere (mitget. von E. Vi- 
HERVAARA aus Tyrvää in Satakunta). 

In Savolax hat man beim abschneiden der nägel das 
kreuzzeichen gemacht und dieselben in die tasche gesteckt: 



Das schiff Naglfar. 155 



sonst verfertige der teufel aus ihnen eine brücke über den fluss 
(K. Krohn nr. 14466 aus Rutakko). 

In Finniscli-Karelien haben die alten ihre abgeschnittenen 
nägel in kleine stücke zerbrochen, weil der teufel aus ihnen 
sonst rippen für das boot erhalte (K. Krohn nr. 12308 aus 
Kaavi). 

Schliesslich ist im j. 1911 in Russisch-Kareiien von I. 
Marttini folgender als allgemein bezeichneter aberglaube auf- 
geschrieben worden. Die nägel dürfen nicht am sonntag be- 
schnitten werden: sonst erhält der teufel aus diesen stücken 
material zum bau eines schiffes, mit welchem er geschwind 
ausfährt, um der weit ein ende zu machen; die nägelstücke 
müssen in den busen gesteckt werden, so geraten sie nicht in 
die gewalt des teufeis. 

Hier ist nicht nur die mit dem dänischem volksreime ge- 
meinsame anknüpfung an das sabbatsverbot, sondern besonders 
die beziehung des besprochenen aberglaubens zum weltunter- 
gange beachtenswert. Ob die orthodoxen russisch-karelier im 
Archangelschen diese Vorstellung von den vormals katholischen 
finnen oder von russischer seite erhalten haben, ist ohne eine 
Untersuchung der abergläubischen gebrauche der russen schwer 
zu entscheiden. Jedenfalls gehört sie zu dem christlichen mit 
telalterlichen Volksglauben, aus welchem sie auch die durch 
christliche Vorstellungen unzweifelhaft stark beeinflussten Vc^luspä 
und Gylfaginning erhalten haben. 

Helsincrfors. KaaRLE KroHN. 



156 G. J. Ramstedt. 



Zu den samojedisch-altaischen berührungen. 



In den samojedischen dialekten findet man mehrere aus 
dem tungusischen, mongolischen und türkischen entlehnte Wör- 
ter. Ausserdem gibt es aber auch viel ältere altaische an- 
klänge, die nicht als einzelsprachliche entlehnungen betrachtet 
werden können, sondern wahrscheinlich auf alte berührungen 
zwischen den samojeden und den altaiern beruhen. Ein sol- 
ches ist das samojedische wort für 'hund'. 

'Hund' heisst samojedisch (nach Castren, Wörterverzeich- 
nisse aus den samojedischen sprachen p. 237 i): jurakisch 
jandu, wueno, wuer], tawgy bar], jenisej bü' genit. buno\ ka- 
mass. men. Dieses vvort hat man mit dem finnisch-ugrischen 
(finnisch peni) zusammenstellen wollen. Als urform des samo- 
jedischen Wortes ist etwa *irena anzunehmen. Von diesem 
stammt auch das ostjaksamojedische kanak, kanat], kännaT]; 
das anlautende iv ist in diesem dialekt in ku-, h (? <ig. y <C '^v) 
übergegangen; vgl. jurak. jesea, wese, tawgy basa, jenis. bese, 
ostj. kues 'eisen' (= fiugr.; finn. vaski); jurak. jed'u, wet;u, 
tawgy beatuT], jenis. bede, ostj. käd, kättvi, kete 'darm' (= mong. 
gede-sün 'eingeweide') ; jurak. wöna, wuana, tawgy bantu, jenis. 
baddu, ostj. kong 'wurzel' (::= tung. Tjinta, nirita id.); usw. 

Das \\'ort für 'hund' im tungusischen ist etwa *fjens ge- 
wesen (siehe z. b. Castren Grundzüge einer tungusischen 
Sprachlehre p. 126: nänakin, T|ena, T]enaken, ginakin, gma, 
ninnakin, inda, Melanges Asiatiques VII p. 368 -rien, nin, mand- 
schu inda, inda/un). Dieses tungusisch-mandschurische wort 
kann nicht mit dem mongolischen noqai 'hund' identifiziert 
werden; mong. noqai ist viel eher =:sam.-ostj. loka, lokä "fuchs' 



Z. d. samojed.-alt. berührungen. 157 



(? << idg.; vgl. ung. röka) wie mong. nojan 'fürst' <C chin. lo-ja, 
mong. nogta 'halfter" (> türk. >• mordvv.) <^ chin. luT]tu, mong. 
naböi ^^ labei 'blatt', usw. Das tungusische *7/en od. *ijcnti 
'hund' ist aber gut mit mongolisch gendü (kalm. gendn) 'männ- 
lich (von hund, wolf, fuchs)' zusammenzustellen; zur semasio- 
gie vgl. finn. koira 'hund' und koiras 'männlich'. An das 
mongolische gendü reiht sich aber von selbst das türkische 
wort: alttürk. känüü cagatai känti, koman. känsi 'selbst', jak. 
kini 'er, sie". 

Wenn wir jetzt zu dem samojedischen worte zurück- 
kehren, haben wir also folgenden Wechsel od. folgende Ver- 
schiebung des anlautes zu konstatieren : 

sam. *w (w, j, b, k) ^ tung. *ij (n, g) -^ mong. g '- 
türk. k. 

Für eine solche lautvertretung geben die altaischen spra- 
chen unter sich viele belege; sam.ojedisch-altaischer entspre- 
chungen gibt es aber wenige, z. b. die Wörter für 'darm' r= 
mong. gedesün, für "wurzel" = tung. T^inta, nirita; samojedisch 
jurak. wuenoltan 'zum fürchten bringen' << *wuelo- ^ tung. 
T^ala-, nale-, Tjal- 'sich fürchten', mandschu gele- id., tung. 
naluki 'wolf" ~ mong. gelme-lse- 'sich fürchten', khalkha Gelldri 
'wolf, und einige andere. 

Wenn die obige Zusammenstellung des samojedischen 
Wortes für "hund" mit den altaischen Wörtern richtig ist, muss 
diesem worte ein nicht geringes kulturgeschichtliches interesse 
zugeschrieben werden. Ob aber auch die finnisch-ugrische be 
nennung des hundes derselben zeit und derselben kultur ange- 
hört, ist viel unsicherer. 

Lahti. G. J. RamSTEDT. 



158 J. Kalima. 



über zwei lehnwörter im altrussischen. 



Das altrussische, sowie wir es aus dem lexikalischen werk 
Sreznevskijs, Materialydlja slo\^arja drevne-russkago 
jazyka kennen, zeigt neben verhältnismässig reichem ostsee- 
finnischem lehngut nur ausnahmsweise aus anderen finnisch- 
ugrischen sprachen entlehntes material. Wenn ich das von 
mir früher (Wörter und Sachen II 2 p. 185-6) behandelte russ. 
narty 'schütten' beiseite lasse, bleiben nur drei altrussische Wör- 
ter übrig, welche zwar finnisch-ugrischen, aber nicht ostsee- 
finnischen Ursprungs sind. 

Ich habe in meiner arbeit „Die russischen lehnwörter im 
S3'rjänischen" im vorbeigehen auf zwei hierhergehörende Wör- 
ter hingewiesen : altruss. kufja 'flussbucht' und altruss. py^ 
'junges renntier'. Das erstere ist mit grosser Wahrscheinlich- 
keit eine entlehnung aus dem syrjänischen und kommt besser 
in einer arbeit über den syrjänischen einfluss auf das russische 
zur spräche. Das letztere, das in der heutigen spräche mit 
dem deminutivsuffix erweitert in der form pyzik erscheint, 
kommt im altrussischen in einer Urkunde aus dem j. 1532 vor: 
— — — tri rubli da portisce pyzov, a popolonka sobol' (Pra- 
vaja gramota Grig. Kologrivovu). Die bedeutung ist 'junges 
renntier; feil eines jungen renntiers' (Sreznevskij 'pyzik, molo- 
doj oleii; möch pyzika'. 

Russ. pyz stammt aus einer nicht genau zu bestimmen- 
den finnisch-ugrischen spräche, und sein original ist eine weit 
verbreitete benennung für das renntier; fi. poro 'tarandus do- 
mitus', Ip. boaeo, g. boccu 'renntier', S3TJ. ^^ei "junges unge- 
hörntes renntier', wotj. puzei, wog. päsi, pasig 'renntierkalb', 



über zwei lehnw. im altruss. 159 

ostjX pes, pesi, Karj. Kas. pe^i. K jJ^f.yf id. usw. (s. E. N. 
Setälä, Zur fiugr. lautlehre, FUF II 223; nur das mordwi- 
nische und das ungarische besitzen kein entsprechendes wort). 
Als quelle des russischen Wortes kommen kaum andere als die 
ob-ugrischen sprachen 1 und die permischen sprachen (von den 
letztgenannten eigentlich nur das sjTJänische) in betracht. Die 
formen anderer fiugr. sprachen stehen lautlich zu fern. Obgleich 
die nächste quelle der entlehnung nicht mit Sicherheit zu be- 
stimmen ist, liegt der fiugr. Ursprung des russ. wortes ausser 
jedem zweifei. 

Zu der kategorie arktischer begriffe gehört wohl ursprüng- 
lich auch rovdoga, rovduga 'sämisch gegerbtes schaf- oder 
bocksfeir (adj. rovduznyj 'sämischledern'), aruss. rovdoga 'rov- 
duga, vydfelannaja olerija, losinaja ili inaja podobnaja skura': 
— — A kto, kupja s gostina dvora, povezet juftjami losiny, 
lisic}', pescy, rovdogi (nach anderen Schriften roldogi), s3^rom- 

jati i vsjakuju melkuju ruchljad' imati s togo celovöka . . . 

s rublja po poludeng^ (Tamozennaja gramota Iv. Filatovu aus 
dem j. 1586; Sreznevskij). In dem archangelschen dialekt 
kommen nach Podvysockij die formen rovduga und rovdjuga 
vor ('zamsa iz olenej kozi'), Dal' bezeichnet die formen rov- 
doga, rovduga und rogduga als alt und nur ravduga als heut- 
zutage gebräuchlich. 

Trotz einiger abweichung in der bedeutung glaube ich 
dieses russ. wort, das sicher eine entlehnung ist, mit einem 
lappischen worte verbinden zu können: mit IpN roavggo 'gau 
sape intonsis pellibus ovillis confectum', IpK roavva (*?£>) 'schlit- 
tendecke aus tierfeilen' usw., s. F. Äimä, JSFOu. XXIII 25 8 
und K. B. WiKLUND FUF VI 15. Das lappische wort scheint 
seinerseits ein germanisches lehnwort zu sein, s. Wiklund 
a. a. 0. Russ. rovdoga, das — wie ich voraussetze — durch 
dissimilation aus *rovgoga entstanden ist, kann sowohl aus 
lautlichen als aus anderen gründen nicht direkt aus dem ger- 
manischen stammen. Vorläufig versehe ich meine zusammen- 



1 Nach A. Ahlqvist, Wogulisches Wörterverzeichnis s. v. 
päsi, pasig stammt russ. dial. iieuiKa (Dal' nttiiKa Sib. 'junges 
renntier, feil eines jungen renntiers') aus dem wogulischen. Warum 
nicht aus dem ostjakischen? 



i6o J. Kalima. 

Stellung mit einem fragezeichen, halte es aber nicht für un- 
möglich,, dass das lappische die nächste quelle des altruss. Wor- 
tes ist. 1 Ich gestehe, dass die etymologie semasiologisch nicht 
tadellos ist. Während russ. rovdoga 'feil ohne haar oder 
wolle' bezeichnet (so ist wohl auch Sreznevskijs erklärung 
trotz 'skura' zu verstehen), bildet bei den lappischen etymolo- 
gisch verwandten gerade die wolle den hauptsächlichen be- 
deutungsinhalt, vgl. IpK (Friis) rauke, IpN raffe, gen. id. L 
räffes gen. id. 'ungeschorenes schaffeil, (Südvaranger, Kvcenan- 
ger, Lyngen) die wolle, die man von einem schafe bekommt' 
s. WiKLUND, a. a. o. Als entlehnung aus dem lappischen 
kommt ein entsprechendes wort auch im finnischen vor: fi. 
roukka und rouko (gen. roukon oder rouvon) "vestis pellicea, 
tegumentum ex pellibus', s. F. Alma JSFOu. XXIII 25. p. 8. 
Eine junge entlehnung aus dem Kola-lappischen ist russ. dial. 
rovva (PoDVYSocKij), rova (Kulikovskij) 'ganzes gegerbtes renn- 
tierhaut mit haar, decke aus tierfeilen', s. J. J. Mikkola bei 
F. ÄiMÄ a. a. o. 

Helsingfors. J. KaLIMA. 



^ Es ist möglich, dass noch ein zweites aruss. wort aus dem 
lappischen stammt, aruss. kereza (s. Duvernois, Material}^ dlja 
slovarja drevne-russkago jazyka s. v.; kommt bei Sreznev- 
SKIJ nicht vor). Ich glaube nämlich, dass die von Duvernois 
angegebene bedeutung 'corbis' unrichtig ist, denn in dem einzigen 
beispiel — — Priidosa 2 muza viekusce kerez'ju polnu chlfebov i 
muki i maslo. — — dürfte die bedeutung 'schütten' wenigstens 
ebenso möglich sein, und das altruss. wort wäre dann mit dem 
russ. dial. kereza, kerez, keres «^ IpK kiercs, kerres 'offener 
lappenschlitten') identisch. 



E. N. Setälä. Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. i6i 



Aus dem gebiet der lehnbeziehungen. 



Ur\ erwandtschaft oder entlehnung? 

Im gewissen sinn ist ja in der spräche alles lehngut, der 
anteil des einzelnen indi\iduums an ihrem leben, an ihrer ent- 
wicklung ist ja unbedeutend. Das kind entlehnt seine spräche 
von seinen eitern, \"on seinen Wärterinnen, von personen einer 
älteren generation und von seinen altersgenossen, seinen ge- 
schwistern und kameraden. Jeder mensch entlehnt von denen, 
mit denen er in berührung kommt. Die eine mundart — 
bildlich gesprochen — entlehnt von der anderen, die jetzige 
spräche entlehnt aus einer überlieferten älteren sprachform, der 
literarische dialekt, die gemeinsprache, von den volksmund- 
arten, die volksmundarten von der gemeinsprache. Und wenn 
zwei ausgeprägt verschiedene Sprachindividuen in berührungen 
kommen, findet in der regel ein austausch von Sprachmaterial 

— wesentlich durch die Vermittlung zweisprachiger menschen 

— statt. Es ist ja mehrmals vorgekommen, dass eine klei- 
nere oder grössere menschengruppe sich eine ganz neue sprä- 
che angeeignet, also eine ganze spräche entlehnt hat. Die spra- 
chen werden als „urverwandt-' bezeichnet, wenn sie einmal 
wesentlich identisch gewesen sind, aber die Identität kann durch 
entlehnung — sogar auf einer stufe, die garnicht ..ursprachlich" 
gewesen — zu.standegekommen seini 

Obgleich die Urverwandtschaft und die entlehnung in den 
meisten phasen der entwicklung deutlich verschieden sind, sind 
sie ja ihrem wesen nach nicht entgegengesetzte begriffe, sie 
sind nur bezeichnungen für verschiedene grade und stufen des- 

Finn.-ugr. Forsch. XII. II 



i62 E. N. Setälä. 

selben Vorgangs. Es gibt fälle, wo es schwer zu sagen ist, wo 
die eine stufe aufhört und die andere anfängt. 

Ich will hier nicht die grosse frage aufnehmen, von wel- 
cher art die beziehungen zwischen indoeuropäisch und 
finnisch-ugrisch von anfang an gewesen sind, wie sie am 
richtigsten zu charakterisieren sind. Ich bemerke nur, dass die 
berührungen in jedem fall in grauer vorzeit begonnen haben, und 
es gibt in den finnisch-ugrischen sprachen unzweifelhaft sprach- 
material, welches nicht von einer einzelnen indoeuropäischen 
spräche hergeleitet werden kann. Man kann dies teilweise 
durch eine entlehnung aus der indoeuropäischen Ursprache er- 
klären. Aber in einigen fällen — ich denke speziell an solche 
fälle wie fiugr. vet-, vete- 'wasser', nim-, nime- name' u. a. 
worüber Vilh. Thomsen schon in seiner epochemachenden erst- 
lingsarbeit sprach (GSI 2) — .scheint die finnisch-ugrische form 
eine selbständige phase einer „gemeinsamen" wurzel zu vertre- 
ten, und es sind solche fälle die uns zu dem punkt führen, wo 
die grenzwand zwischen „entlehnung" und „urverwandtschaff' 
fliessend wird und aufhört. Anderseits ist es natürlich ein 
missgriff von einer „Urverwandtschaft" zu sprechen, wo es sich 
nur um einen Übergang von sprachmaterial aus einer bestimmt 
ausgeprägten sprach form in eine andere handelt. 

Ich wage es hier einige fragen nach beziehungen zwischen 
den finnisch-ugrischen und indoeuropäischen sprachen von ver- 
schiedenen stufen der Sprachentwicklung, teilweise auch von 
den ältesten stufen, dem leser vorzulegen. Wenn auch einige 
von den gleichungen der letztgenannten art als zu kühn ange- 
sehen werden müssen, hoffe ich doch, dass eine vielleicht hier- 
durch angeregte diskussion zur klärung der probleme beitragen 
kann. 

I. Einige Zahlwörter. 

P"i. kahdeksan und yhdeksän. 

Die finnischen Zahlwörter kahdeksan 'acht' und yhdeksän 
'neun' haben schon lange und wiederholt die aufmerksamkeit 
der forscher in anspruch genommen. Man hat nicht umhin 
gekonnt die Übereinstimmung der ersten teile dieser Wörter mit 
fi. kaksi gen. kahden 'zwei', yksi gen. yhden 'eins' zu bemer- 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 163 



ken, und da lag ja dann der schluss ganz nahe, dass kahdek- 
san und yhdeksän so gebildet sein müsstcn, dass sie eine Sub- 
traktion "zwei von zehn', 'eins von zehn' ausdrückten; unter 
diesen umständen hatte man in dem schlussteil dieser Wörter 
eine bezeichnung für die zehnzahi zu finden, l'nd schon 
EuROF.Eus 1 sah in dem finnischen ausgang -deksan eine ent- 
sprechung der indoeuropäischen bezeichnungen für 'zehn': aind. 
dapa (er schreibt dasan!), griech. df^xa, odei', wie er sich aus- 
drückte, eines ^deksan oder *daksan „der altsanskritischen 
spräche", aus welcher form das griechische das s, das sanskrit 
das k verloren habe. — Durch die späteren forschungen 2 ist 
die klärung der frage eigentlich nicht gefördert worden. 

Trotz des vielen äusserst phantastischen bei Europ.eus 
glaube ich aber doch, dass bei ihm ein richtigei- kern zu fin- 
den ist. 

Die hier zu behandelnden formen sind (nur die wichtig- 
sten Varianten werden angeführt): 

Für die achtzahl: fi. kahdeksan (dial. kahdeksan, kah- 
reksan, kahleksan, kaheksan). kar. kaheksan, olon. kaheksa, 
wepsN Jcalitsa, S hdhesa^ wot. Jcahesä, estN kaheksa, S kcde^a, 
liv. kä'ddks || IpL ^Jcalci, ^l^aJcca, ^käuwce — ord. ^Jcäuwcate-, 
N gavce, gakce, gafce, gauce -^ ord. gavcad, I kavci, K ^kükce, 
käxc '^ ord. ^käycant, ^kävcanf, ^küccat. Jcavcat \\ mord. Paas. 



1 D. E. D. EuROP-EUS, Komparativ framställning af de finsk- 
ungerska spräkens räkneord tili bevis för Ungrarnes stamförvandt- 
skap med Finnarne, och den indo-germanska folkstammens urför- 
vandtskap med den finsk-ungerska, Helsingfors 1853, p. 14 f. 

'-* BuDENZ, MUSz. 221 nimmt an, dass li. kahdeksa-, yh- 
deksä- statt kahde-n -|- deksa-. yhde-n + deksä- stehen, wobei 
ein ti. *teksä 'zehn' — syrj.-wotj. das id. = ung. tiz id. zu folgern 
ist; das eventuelle Verhältnis zu den ieur. Worten bespricht er nicht, 
er scheint das wort als ein fiugr. aufzufassen. Ahlqvist analysiert 
in seinem Vortrag über die Zahlwörter der finnischen spräche (Suo- 
men kielen lukusanoista, verhandl. d. Finn. Ges. d. Wiss. XXX 
198 f., 1887-8) fi. yhdeksän, kahdeksan: yk-deks-an, kak-deks-an, 
wobei yk-, kak- kürzere od. die ursprünglichsten formen der Zahl- 
wörter yksi, kaksi (vgl. fi. yk-könen 'einzahl', kak-konen 'zwei- 
zahr, tscher. ik, kok) darstellten; deks wieder wird mit aind. 
daga, griech. dfxa, lat. decem, russ. desja£ zusammengebracht 
und als entlehnung bezeichnet; aus welcher spräche und zu wel- 
cher zeit, könne jedoch nie mit Sicherheit entschieden werden. 



164 E. N. Setälä. 



E havhso, M kafksä \\ tscher. Wichm. ^ KB attr. Mndä'h^s, 
abs. Jcändä'k'^.^d; die übrigen dialekie zeigen nur ein s, z. b. 
C attr. kcmDcrS, abs. Imnocrsd, U attr. kanda's, abs. kandä'Sd; 
zu bemerken ist M kmiDCCs, abs. kaiiDa's't; auffallenderweise 
hat der Jaransker dialekt attr. kändcrrjs, abs. kändä-tjsa. 

Für die neunzahl: fi. yhdeksän (dial. üh(3eksän, ühreksän, 
ühleksän, üheksän), kar. üheksän, olon. üheksä, wepsX iihtsa, S 
ühesa, wot. üJwsä, estN üheksa, S ülesä. \iv. ü'ddks \\ Ipl. ^akci -~ 
ord. '^öiiwcate-, akca '^ ord. ^äuwcate-, öuwce, IpN ovce, okce, 
oufce ^ ord. ovcad, I ovci, K ^akce, ^ayc, '^oyc -- ord. ^a^cant^ 
'^ovcat, '^avcat \\ mordE Wied. veikse, M. Ahlq. vehksa || tscher. 
Wichm. KB attr. dndeMs, abs. sndeMsd, in den übrigen dial. 
in der regel nur s statt ks. z. b. C attr. iiwe's^ abs. inoe's^, U attr. 
inde's, abs. inde'.^^; zu bemerken: 1\I attr. inDrs, abs. inorso, 
J attr. nndirjS, abs. nndi'rj^d. 

Betrachtet man nun diese formen, so liegt der wichtigste 
einwand gegen die annähme eines fi. *deksan mit der bedeu- 
tung 'zehn' darin, dass in den finnischen formen die demente 
kahde-, yhde- dem zvveizahl, einzahl bedeutenden wort- 
stamm anzugehören scheinen (bemerke z. b. gen. kahden, yh- 
den); folglich wäre das element, welches "zehn' bedeutet, im 
finnischen nur -ksan, -ksän. ^ Wie aber schon Europ.eus her- 
vorgehoben hat, wird durch die tscher. formen kändä'k'^s, dn- 
de'k'^s'^ usw. bewiesen, dass in den finnischen formen nicht 
-ksan, -ksän, sondern -deksan, -deksän das die zehnzahl bedeuten- 
de element ist; die tscher. formen können ja garnicht durch die 
annähme eines fi. Stammwortelementes kahde-, yhde- erklärt 
werden. Die finnischen formen müssen wohl durch eine art 
haplologie entstanden sein; was hier ursprünglich auf den 
stamm des Wortes für zweizahl und einzahl gefolgt ist, ist un- 



I 



1 Prof. Yrjö Wichmann hat die freundlichkeit gehabt mir 
seine handschriftlichen aufzeichnungen zur Verfügung zu stellen. 

2 So ist die sache z. b. von Holger Pedersen IF XXU 
346 aufgefasst ; er stellt türk. -kiz, -knz <^ *-ksä, *-ksa in säkiz 
'acht', do-kuz 'neun' mit fi. -ksan, -ksän zusammen. 

^ Das tscher. t] in J käildärjs 'acht', e7iditis 'neun' kann 
nicht ursprünglich sein; die formen sind wohl als auf Stufenwech- 
selverhältnissen beruhende analogische bildungen zu erklären; nä- 
heres a. and. o. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. . 165 

klar ('ka/den-deksam? *ü;'()en-d.eksäm? ' ; über m vgl. gleich 
unten). In den lappischen und mordwinischen formen ist of- 
fenbar eine starke elision im mittleren teile der Wörter einge- 
treten, wahrscheinlich auch teilweise haplologisch. 

In meiner ÄH 400 f. habe ich nachgewiesen, dass das 
auslautende -n im finnischen aus einem ursprünglicheren -m 
entstanden ist (dieses wird durch die wot. Verhältnisse: kahesä 
gen. hahessama od. Jcahesseme, ühesii gen. iiJiessämu od. nJies- 
seme, ebenso durch die est. dial. genitive kaheksme od. ka- 
heksma, üheksme od. üheksma, ordd. kaheksamas, üheksa- 
mas, liv. instr.-distrib. l-ä'chjksmit'i 'je acht", nihlsmiii je neun', 
ord. kä'ddhsmdz, Wdoksyndz bestätigt). 

Was die inlautende konsonantenverbindung ks im finni- 
schen (ks im tscheremissischen) betrifft, kann fi. s wie tscher. 
s mehrere laute vertreten, die zusammengefallen sind. Der Mal- 
mj'zer dialekt des tscheremissischen zeigt hier jedoch ein -f (s), 
das auf ein unmouilliertes s (vgl. Wicilmann FUF VI 18) hin- 
zuweisen scheint. Jedenfalls spricht das mordwinische be- 
stimmt für ein unmoulliertes inlautendes s, und ebenso ist wohl 
das Ip. sonst mehrdeutige e zu verstehen : c ist wohl aus dem 
stamnikonsonanten des woites für ein — bezw. zweizahl -f s 
entstanden. 

Die ursprünglichste erreichbare form ist folglich -*deksam. 

Die ähnlichkeit mit den indoeuropäischen formen ist zu 
gross, um nur zufällig zu sein, aber direkt kann eine solche 
form aus keiner ieur. einzelsprachlichen form hergeleitet wer- 
den. Zu einer ieur. urform *dekm stimmt ja die linnische Ur- 
form, sowohl was den vokal der ersten silbe als was das aus- 
lautende m betrifft. Aber wie wäre das inlautende ks zu er- 
klären? Ich finde keine andere erklärung, als dass hier ein 
versuch vorliegt das ieur. palatale k wiederzu- 
geben, Alan muss also voraussetzen, dass in dem wesent- 
lich urindoeuropäischen dialekt, aus welchem *deksam 



^ In einigen formen ist die urspr. starke .stufe des urspr. in- 
lautenden kt vertreten ; auf die stufenwechselfragen kann ich hier 
nicht eingehen. — Das suff. -n ist viel), mit -n in fi. kahden, 
tscher. kokton, wotj. kyken, syrj. kykön, ung. ketten 'zu zweien' 
identisch; hier liegt wohl also eigentlich addition vor: 'mit zwei 
zehn' (x -}- 2 = lOj usw. 



i66 E. N. Setälä. 

herrührt, das k als starke affricata ausgesprochen worden, ^ 
welche im finnisch-ugrischen durch ks wiedergegeben wurde. 
Das fiugr. *deksam könnte also seinerseits einen beitrag zu der 
ausspräche der urindoeuropäischen palatale geben. 

Was das überraschende in der Vertretung des ieur. pala- 
talen k betrifft, will ich noch hinzufügen, dass fi. ajaa präs. 
aja-ii,lp. vuögje-t präs. (mit der schwachen stufe) vuojam 'treiben, 
fahren' eine Vertretung des ieur. palatalen g als j, welches 
wohl in der starken stufe im finnisch-ugrischen stark spiran- 
tisch war, aufzuweisen scheint; wenn es sich hier um ein „lehn- 
wort" handelt, kann ja auch in diesem fall von einer einzel- 
sprachlichen entlehnung keine rede sein, sondern man muss 
von einem ieur. ag- (aind. ajati, av. azaiti, griech. äyw, lat. ago, 
aisl. aka) ausgehen ; dies wiederspricht ja eigentlich nicht der 
in rede stehenden Vertretung. Auf ähnliche weise ist wohl 
ieur. gh in *uegh 'führen, fahren' (aind. vahati, av. vazaiti, lat. veho 
etc.) in mord. vijd-, {nje- 'wohin bringen, fahren', syrj.-wotj. 
va>- 'bringen', ung. viv- 'führen', fi. vie- « *ve-) id. vertreten (im 
Ip. IpK ^vlTckl- etc. ist das pradigma in eine andere stufen- 
wechselreihe getreten)"^; dieser fall gehört jedoch bereits zu de- 
nen, wo man von „urverwandtschaff zu reden anfangen 
kann. 

Über die bezeichnung der siebenzahl im finnisch-ugrischen. 

Bekanntlich stimmen wesentlich nur die bezeichnungen 
der zahlen 1-6 in allen oder in den meisten finnisch-ugrischen 
sprachen überein. Von der siebenzahl ab tritt eine teilung ein. 

Die bezeichnungen für die siebenzahl sind in zwei grup- 
pen zu teilen: auf der einen seite bilden die ugrischen formen 
eine gruppe für sich, auf der anderen gehören die formen der 
übrigen sprachen eng- zusammen. 

Die ugrischen formen sind: ung. het (het mit urspr. 
offenem e,- akk. hetet) \ wog. Kann. T sat (neben setsg'f 'sie- 



I 



1 Für die annähme Bechtels (Die Hauptprobleme der indo- 
germ. Lautlehre 470, vgl. J. Schmidt KZ XXV 134), dass die 
ieur. palatale eine reihe palataler Spiranten waren, liefert also li. 
"^deksam keine stütze. 

2 Vgl. Paasonen. FUF VII 24. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 167 

benhundert'), UK smot, OK sö^t, P s^nt, UL so'j^t, OL sät, 
S sdD \ ostj. Karj. ' DN ßBdt, Trj. ^qpdf, Wj. lu^df, Kaz. 
A^Bif, O /^?>af, Ni. ^^i>'^^ Alle bedeuten sie sowohl 'sieben' 
als die 'woche'. 

Die zweite gruppe von bezeichnungen der siebenzahl 
besteht aus folgenden wichtigsten formen: fi. seitsemän (mit 
den dial. Varianten der Konsonanten Verbindung ts), kar. seicöe- 
men, wepsN selt'Shn od. seit'Sithe, S HitSihe \ fi. seitsen, olon. 
seiecei, wot. seiJse, estN seitse, S säidze, liv. se?s || IpN cieöca, 
I ciccam, K ^cihcem \ daneben formen, die durch dissimilation 
mit k anlauten L ^Tclecau, ^kleca, klecmn, N gieea, K ^Jcicchn, 
^kiccem |j mord. Paas. E sU'em, M si^dih \\ tscher. Wichm. M 
Sisi-m, Uf. Gen. (veraltet) ^soso7n \ meistens jedoch haplologisch 
gekürzt: Wichm. KB J Sdrn, UTB .s9w || wotj.-syrj. sizim. 

Dass diese bezeichnungen teilweise mit den indoeuropäi- 
schen bezeichnungen der 'siebenzahl' übereinstimmen, ist schon 
seit alten Zeiten mehrfach vermutet worden. Zuletzt ist dieses 
wort von Munkäcsi in KSz. I 241 f. und „Ärja es kaukäzusi 
elemek a finn-magyar nyelvekben" (= abgek. AKE) 339 be- 
handelt worden ; er liefert auch ein ausführliches referat der frü- 
heren ansichten über die frage, worauf ich hier nur hinweise. 2 
In aller kürze gebe ich hier bloss seine eigene ansieht wieder. 
Er stellt die ugrischen formen mit den arischen zusammen : 
aind. saptän- (er führt auch formen aus den neueren ind. spra- 
chen an), av. haptan-, pahl. haft, npers. haft 'sieben', hafta 
'woche', oss. dig. aft, tag. avd (kurd. haft usw.). Es sei nicht 
sicher, dass in den wog. und ostj. formen das ar. a treu be- 
v\'ahrt ist, denn es sei ebenso möglich, dass ä in den ob- 
ugrischen sprachen eine neuentwicklung ist. Ein ostj. *säbet, 
*sebet sehe man weiter entwickelt in wog. sät, soät, sat, 
wo der inlautende konsonant ebenso geschwunden ist wie in 
wog. ät usw. 'geschmack; geruch' -^ ostj. ebei usw.; wog. 
al: ^äl-ta'U 'armvoll' --^ ostj. äbyi 'umarmung, armvoll, bürde'. 
An das wog. sal schliesse sich das ung. het eng an, dessen 



1 Nach mag. phil. Kaxnistos und dr. Karjalaixens mir 
gütigst zur Verfügung gestellten handschr. aufzeichnungen. 

'^ Nur EuROP.EUS aao. 13-14 ua. mit seinen fi. dial. seit- 
teni(ä) <^ Septem ist weggeblieben, da ja seine arbeiten dem verf. 
nicht zugänfflich waren. 



i68 E. N. Setälä. 

anlaut, obgleich mit av. hapta identisch, doch als eine „ungari- 
sche sprachhistorische entwicklung" zu betrachten sei (wie z. b. 
in ung. hüvely 'vagina' =: wog. sipel' 'degenscheide'). Weil das 
ung. Zahlwort in den nächsten \^er\\andten sprachen des unga- 
rischen eng übereinstimmende entsprechungen habe, sei kein 
anlass vorhanden die ungarische form \on denen dieser sprachen 
zu trennen bezw. das anl. h direkt aus dem iranischen herzulei- 
ten. Aus welcher arischen sprachform die entlehnung statt- 
gefunden habe, u'ird nicht gesagt. Die formen der zweiten 
gruppe sind nach Munkäcsi in ihrem anfangsglied (fi. seit- 
usw.) mit den ugrischen formen identisch; als zweites glied 
habe sich h. sama 'derselbe, selber, nämlicher', Ip. seämma, 
sämma, siemä id., mord. semä 'all', welche zusammengehören 
und arischen Ursprungs (aind. samä-, a\-. hama- 'derselbe, 
gleich; alljeder, ganz") sein sollen, angeschlossen; fi. seitsemä- 
bedeute also 'gerade sieben', e\entuell 'ganz sieben'. 

Auch nach meiner ansieht ist es unzweifelhaft, dass die 
formen der drei ugrischen sprachen zusammengehören. Was 
zuerst den anlaut betrifft, w'eist das wogulische ein unmouilliertes 
s auf. Das ostj. 1, t, j usw. weist nach der theorie, die ich in 
FUF 11 248 — 76 (besonders 273) entwickelt habe, auf ein 
anlautendes z hin. Schwankungen wie die, dass s und z im 
anlaut wechseln, beruhen wesentlich auf satzphonetischen Ver- 
hältnissen. Im ungarischen hätte man entweder, nach dem 
wogulischen, ein s oder, nach dem ostjakischen, einen anlaut- 
schwund zu erwarten (ein unmouilliertes urspr. s = ung. s: 
also *set, urspr. z^O: also: *et). Wie schon von Szinnyei 
ausgesprochen worden ist (NyK XXXIII 478), ist hier h sicher 
unursprünglich und verdankt seinen Ursprung dem anlaut der 
sechszahl ^ (vgl. griech. Herakl. öxtw mit spir. asper. nach 
mrä, el. ostno mit p aus 'e$rt(x, arm. üt" ■< *uvt' -< *optö(u) 
mit p aus der siebenzahl, griech. dy.rä mit a aus der sieben- 



1 Es gibt kein gesichertes beispiel für den Übergang des 
anl. s (oder z) ^ h im ungarischen. Das ung. h stammt in den meis- 
ten fällen aus einem ;^ (<^ Tc\ od. /, / ?), besonders in hintervoka- 
lischen, aber teilweise auch in vordervokalischen Wörtern (vgl. ung. 
hiv- 'glauben' ^^ mord. keine-, käme- id.); dass h jedoch teil- 
weise auch dentalen Ursprungs ist, hoffe ich anderswo zeigen zu 
können. 



Aus d. geb. d, lehnbeziehungen. 169 

zahl, siehe Brl-hgmaxx, Orundriss II 480; \'^1. auch fi. seitse- 
män 'sieben' u. kymmenen 'zehn" statt seitsen, kymmen nach 
kahdeksan, yhdeksän, siehe verf. ÄH 401). In anbetracht der 
indoeuropäischen formen ist das wogulische anlautende s als 
das ursprünglichste zu betrachten; das z, worauf die ostjakische 
(wahrscheinlich auch die ungarische) form zurückweist, ist als 
eine satzphonetisch veränderte Variante aufzufassen. 

Der ursprüngliche vokal nach dem anlautenden Sibilanten 
ist unzweifelhaft ein vorderer (etwa e, bezvv. e) gewesen. Im 
ungarischen haben wir einen vorderen \-okal, im ostjakischen 
kommt nach den genaueren aufzeichnungen K.\r.i.-\l.aixe\s ein 
vorderer vokal vor; im wog. ist offenbar der ursprüngliche 
vordere \okal, welcher noch im wogT (bezw. wogK) fin- 
det, in den meisten dialekten in einen hinteren vokal über- 
gegangen (wie ung. kez "band', wog. kät, T kat, vgl. Munkäcsi, 
AKE 342.). 

Was die vokallänge und inlautende konsonanz betrifft, 
hat man die sache meines erachtens nicht so aufzufassen, dass 
hier ein inlautender konsonant geschwunden wäre und die vo- 
kallänge im ungarischen und wogulischen darauf beruhte. Die 
vdkallänge beruht sicherlich auf den finnisch-ugrischen Stufen- 
wechselgesetzen und ist nicht anders zu erklären als z. b. die 
vokallänge in ung. kez, wog. Icät, hat, ^ fi. käsi 'band'; ung. 
haz, ostj. '/ät ^- fi. kota "wohnung usw.'. Ohne zweifei hat 
man im inlaut eine konsonantenverbindung pt gehabt, welche 
nach den Stufenwechselgesetzen mit ßt {{iö?) gev\^echselt hat; 
im ostjakischen ist der reduzierte vokal zwischen p (b, h) und 
t ein späteres einschiebsei. Ob man in ung. t, wog. t einer- 
seits und in ostj. -p^f usw. andererseits Vertreter der starken 
oder schwachen stufen zu sehen hat, darüber an einem an- 
deren orte. Zu vergleichen sind: wog. ät 'haar', ostj. Kar.k 
(OL 150) DX ÜBdt. Ni. üpif. V \j. favdC 'köpf haar' id., fi. hapsi 
xapillus'<C *apti (mit h aus fi. haven "hart'), IpL vadpia-, I vuopta, 
K ^vlpt, vüpt (N vuokta gen. vuovta mit einem sekundären k 
statt p); wog. ftti 'bellen", tscher. optem id., wotj.-syrj. ut- id., 
liv. utä^b id. < *upta-. 

Wir kommen folglich, wenn wir von dem vokal der 
zweiten silbe absehen, zu einer grundform *sept-, mit der 
satzphonetischen Variante *zept-. Es kann natürlich nicht in 



170 E. N. Setälä. 

-abrede gestellt werden, dass dieses wort aus dem indoeuropäi- 
schen stammt. Man hat in ihm entweder ein neues beispiel 
einer entlehnung aus einer früharischen periode mit e-vokalis- 
mus oder ein noch älteres wort zu erblicken. Es ist jeden- 
falls zu bemerken, dass wir in den ugrischen formen keine 
spur des nasals der zweiten silbe sehen. Dies kann jedoch 
auf blossem zufall beruhen: hätten wir nicht die oben erwähn- 
ten ostseefinnischen (bes. wotischen) formen von kahdeksan, 
yhdeksän, könnten wir nicht konstatieren, dass hier der ur- 
sprüngliche auslaut -m gewesen ist. Das hohe alter des *dek- 
sam in kahdeksan, yhdeksän führt uns eher zu der Vermutung, 
dass man es auch hiermit einer beziehung zu der indo-' 
europäischen Ursprache zu tun hat. 

Dagegen ist die zweite gruppe der finnisch-ugrischen be- 
zeichnungen für die siebenzahl von der ugrischen gruppe ganz 
zu trennen. Ich brauche mich garnicht auf die beurteilung 
des zweiten gliedes des von Munkäcsi vorausgesetzten kompo- 
situms einzulassen, da schon der anfang des Wortes mit der 
ugrischen form nicht in einklang zu bringen ist. Ein fi. -eit- 
in seitsemä-, seitsen kann keineswegs ein -ept- od. -eßt- ver- 
treten, aber dazu ist noch der anlautende sibilant, wie unu'i- 
dersprechlich aus den permischen, mordwinischen und lappi- 
schen (und sogar aus tscherM 1) formen hervorgeht, mouilliert 
gewesen, wogegen die ugrischen formengruppe einen un mouil- 
lierten Sibilanten zeigt. 



II. Mythologische wörter. 

Koljo, eine finnisch-ugrische unterirdische gottheit. 

In NyK XXVI 398 (1896) verband ich wotj. kil' 'krank- 
heit, schwere krankheit', wog. x?"'' 'krankheit' mit fi. kitua 'mo- 
leste et misere vivere, morbo laborare' und tscher. kiem 'liegen'; 
dazu stellte Szilasi Nyr. XXVI 147 noch das ung. hagy- in 
hagymaz 'typhus' etc. und Muxkäcsi AKE 317 leitete diese 
vorausgesetzte sippe aus dem arischen her: av. gada- 'eine 
krankheit', aind. gada- 'krankheit. Ich habe diese gleichung 



1 Siehe Wichmann, FUF VI 20. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 17 T 

mit fi. kitua jedoch bald darauf zurückgezogen und durch eine 
andere ersetzt, welche ich in meinen Vorlesungen 1902 aus- 
führlicher dargestellt habe und welche ich mir jetzt dem leser 
vorzulegen erlaube. 

Die zu hierhergehörenden tinnisch-ugrischen belege sind 
die folgenden. 

Ostseefinnisch. 

Fi. koljo bedeutet heute 'statura grandis, giganticus', 
'riese, riesenhaftes geschöpf: sunri miehen koljo 'riesenhafter 
mann', se hevonen on aika koljo 'das pferd ist riesenhaft'. 
Nach den Sammlungen für das Wörterbuch der finnischen Volks- 
sprache wie auch nach sonstigen dialektaufzeichnungen ist diese 
bedeutung in den heutigen dialekten weit verbreitet (zb. Ta- 
vastl. litti seilasset murhat miehen koljot 'solche grossen riesen- 
haften männer', Vesilahti; Österb. Kurikka ua.). 

Nach Gananders „Mythologia fennica'- (1789) p. 42 kommt 
koljo in einer lokalsage aus Frantsila in Österbotten als riesen- 
name vor: zwei riesen Koljo und Kiljo hätten im steinwerfen 
gewetteifert; es gebe noch in Siikajoki zwei felsblöcke koljon- 
kivi und kiljon-kivi nahe beieinander; das stillwasser in der 
nähe heisse koljon suando und der hügei gegenüber kiljon 
kangas. 

Nach der volkspoesie nennt Ganander zugleich eine an- 
dere, abgeleitete form desselben Wortes: Koljumi, welche er 
folgendermassen erklärt: 'ein starker riese; vielleicht Goliath — 
wird aber in den runen für Piru ['teufel'], wahwa peto 
['starkes untier'] angesehen, welches mit einem funkelnden 
Schwert (Risanöth) zerschmettert wurde'. Und er führt folgende 
Zeilen (offenbar aus einem zauberlied gegen die krankheit) an: 

Tuo Jesus tulinen miekka, Bringe, Jesus, ein feuriges schwert, 

Kannas kuuran karwallinen. trage her eins, weiss wie reif, 

Säkeinen säihäytäk lass es funken sprühend 

Käteeni ojkiahan, in meine rechte hand, 

Jolla paiskoan pahoa, womit ich den bösen schlagen kann, 

Rumat henget ruhtasisin, die bösen geister zerschmettern möchte, 

Jolla ma hurttia hosusin, womit ich die raubtiere prügeln 

Koljumin kovasti löisin. und den Koljumi tüchtig schlagen 

möchte. 



172 



E. N. Setälä. 



Unzweifelhaft hat man denselben namen in teilweise entstell- 
ter form auch in anderen zauberliedern, wie zb. in den Zeilen des 
liedes von dem Ursprung der bäume: leppä Lemmäksen telsemä, 
Pelkolaisen pehm.ittämä. Koljolaisen kasvattama 'die erle von Lem- 
mas geschaffen, von Pelkolainen weich gemacht, von Koljolainen 
grossgezogen' (Pieksämäki, Roschier 4; vgl. volksetym. koivu kol- 
ken kasvattama 'die birke ist von dem k. grossgezogen', Kontio- 
lahti, Roschier 5) und in dem Kuljus, söhn der kälte, der in einer 
quelle wohnte (Ilamantsi, Ahlqvist B 192 = Europa^us H 127, 
vgl. Loitsur. 301, 147 in zauberliedern vom urspr. der kälte, 
in Worten gegen die kälte). Vgl. noch: venolois on mies 

nenässä , Koljoi kes-sellä istuu 'in den boten ist ein mann 

vorne , K. sitzt in der mitte' (Kaitajärvi, 0. Relander 129). 

In Ortsnamen sind Koljo und seine ableitungen und Zu- 
sammensetzungen weit über ganz Finland verbreitet, so z. b. 
Koljo (in Somero, Saarijärxi), Koljonkallio "K.s felsen (in 
Pankakoski im Lieksafluss), Koljonkanta 'K.s landenge' (dorf 
in Längelmäki, gehöft in Sääksmäki 1589), Koljonohta "K.s 
Stirn' (acker im dorf Loila in Keuru), Koljonsaari "K.s insel' 
(Teisko, Ruoxesi), Koljonselkä 'K.s see' (Teisko, Ruovesi, 
Längelmäki), Koljonjärvi 'K.s see' (Längelmäki). Koljonvirta 
'K.s fluss' (lisalmi), Koljola, namen von gegenden, dörfern, ge- 
höften (Karkku 1540, Ristiina, Kajaani, Sotkamo, \'ihanti, 
Vuokkiniemi in Archangel-Karelien); aus Antrea in Ostfinland 
habe ich die mündliche mitteilung, dass die gegend Koljola dort 
als heimat der hiisi's angesehen worde); auch der familienname 
Koljonen ist sehr verbreitet (Rovaniemi, V'iitasaari, Saarijärvi, 
Jämsä, lisalmi, Pälkjärvi, Tohmajärxi, Kide, Impilahti, Slavanka 
in Ingermanland). Mit anderem stamm\okal; Koljaanpaasi 
(steine in Kulovesi. Westtinland), Koljainen, personenname 
(Coliainen in Liminka Nordösterb., A. H. Sxellmax, Oulun 
kihlak., Suom. Muinaismuistoyhd. aikak. IX 165). 

Aus dem estnischen gehört hierher kolT gen. kol'ü 
'popanz; (in der kindersprache) Ungeziefer, lause", kolTi tegema 
'(kinder) mit popanz drohen'; nach gütiger mitteilung von dr. 0. 
Kallas sagt man zu den kindern: kolT tuleb 'der popanz 
kommt'. Das man 'lause' mit einer ähnlichen bezeichnung 
nennt, kommt auch sonst vor, vgl. unten unter kouko. — Hier- 
mit muss noch folgendes wort verbunden \\'erden, obgleich hier 



Aus d. geb. d. lehnbezichungen. 173 



die auf j hinweisende mouillierung fehlt: koU gen. kollu 'po- 
panz', kollumats id., vana koll, kollu-mats "das männliche 
glied' (scherzhaft), metsa-koll wolf". 

W'otjakisch. 

Im wotjakischen entspricht dem H. koljo kit', welches 
nach MuxKÄcsis vvotj. wbuch 163 bedeutet: 

1) 'schwere krankheit; ansteckende krankheit'; 

2) "ein böser geist, der schwere krankheiten verbreitet; 
haust in hohlwegen und anderen verlassenen orten und fordert 
von den menschen allerlei opfer'. 

Aus den aufzeichnungen Wkhmakns: G kU 'hitziges fie- 
ber; typhus', Bess. /^//' 'fieber, El. Isl. TäJ "pest, seuche, cholera, 
epidemie'. 

Komposita: El. Wichm. sed-kil' 'fieber' (eig. 'schwarzer 
k.'), pes-kil' 'fieber' (eig. 'hitziger kJ), jir-kit 'kopfzerbrechen, 
plage' (eig. 'kopf-Ä;.'), Wied. kuton-kyl' 'kaltes fieber' (eig. 'fan- 
gender Ä-.), MuNK. Kaz. ^pene-kef id. (eig. 'hunde-Ä".) Muxk. 
^k'U'-däj := kij {^däj 'krankheit"). 

Auch in den fällen, wo hl' 'krankheit' bedeutet, wird die 
krankheit doch persönlich aufgefasst, wie dies aus folgenden 
beispielen hervorgeht: kil': ^vUlzä lohlsa Viktäm kll'les, idlzä 
hisijä piräm kWles. miirjo-tusmonles acid uf = "das oben 
befindliche bewahre vor einer krankheit. die fliegend gekom- 
men ist, das unten befindliche bewahre vor einer krankheit, 
welche in das feld hineingekrochen ist, bewahre vor dem im 
Schornstein wohnenden bösen geist' (ein wotj. gebet bei Mun- 
KÄcsi, Votjak nepkölt. gyüjtemeny 153) | kU-dei: ^biisijä phäm 
kl fies -däjles acid ut, azbarä ph-äm kU'les-däjles acid uf, 
Inmarä 'bewahre \'or der ins feld hineinkriechenden krankheit, 
vor der in den hof kommenden krankheit, mein Inmar' (aao. 
158); "^kU-däj med bUtoz 'verderbe dich k.' \ pes-kif "fieber': 
Wichm. El. p.-k. haston fiiket 'das fieber mag dich holen' (eig. 
'ein vom fieber zu holender anteil'). 

Sy rjänisch. 

Das entsprechende syrjänische wort kul' bedeutet nach 
WiEDEMAXx: 'teufel, böser geist, spez. neck, Wassergeist; er hat 



174 E. N. Setälä. 



menschengestalt, lebt von fischen, hat weib, kinder und unter 
dem Wasser vvohnung, küche etc.: er hat lange haare, welche 
er auf dem wasser sitzend kämmt: nur einmal jährlich, am 
abend von Epiphanias verlässt er das wasser; seine neugebo- 
renen kinder sind leblos, ungestalt. rauh und nehmen nur ali- 
mählig leben und gestalt an'; P kul'yslö 'zum teufel', dys kul 
'faulenzer, tagedieb' dys 'faulheit, trägheit; faul, träge'). 

In den handschriftlichen aufzeichnungen von Wichmann 
finde ich über Tcul folgendes: I l.iil' 'böser geist, fluchwort, 
welches besonders von weibern gebraucht wird: Iml's hosteiu 
'der teufel mag dich holen', va-hut 'wassergeist', h.il'-tmn 'be- 
lemnit' (eig. 'kralle des teufeis', russ. qopxoB'L-najieu.'L); V 
Tcul' Schimpfwort, 'teufel', hut med tene boStas 'der teufel mag 
dich holen'; Ud. V hil'-t'Sun 'schimpfwort der weiber für die 
männer'; V hd'-getir 'schimpfwort der männer für weiber' (eig. 
'Jc.s weib'); S hd' "wassergeist (—■ vasä), kul'-fsun = V; P Icul' 
'Wassergeist'. 

Nach Genetz gibt es im ostpermischen kyl' "neck'. 

Wogulis eh. 

Aus dem wogulischen verdanke ich folgende reichliche 
und interessante angaben dem herrn mag. phil. A. Kannisto: 

Sosva: ;^«/-'"^^''r ^ 'herrscher der unterweit', „er ist's der 
die krankheit loslässt", „er ist's, der den menschen tötet"; wird 
auch als schimpfwort benutzt. Ihm wird ein blutigesopfer 
nur in dem fall dargebracht, wenn eine tötende, ansteckende 
krankheit grassiert. Das volk aus mehreren dörfern versam- 
melt sich, um das opfer zu vollziehen. Eine kuh oder ein 
renntier wird geopfert; das fleisch wird wie sonst bei opfern 
gegessen, aber man sammelt die beine in die haut und gräbt sie 
in die erde. Das opfertier muss schwarz sein; von derselben 
färbe ist auch das opfertuch, welches dem geist gegeben wird. 

Pelymka: IciU'n^äiy,'^ 'richter der unterweit, der nach 
dem tod über die bösen taten des menschen richtet', nach einer 
anderen erklärung 'teufel' (russ. 'ai^^bojiT)'). 



1 ttt^'t' 'herr, fürst', ein wort arischen Ursprungs: aind. asura- 
etc, vgl. verf. JSFOu. XVII 4 31. 

^ n^aifr bedeutet eig. 'kaiser'. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 175 

Vagilsk: kul'näier 'unterirdischer gott' (russ. 'seM^rHUOM 
6on,'), "er isst die leiche der toten"; auch Schimpfwort. 

Vagilsk, dorf Kama: ku/'nä/dv: "er wohnt dort, wohin 
die verstorbenen kommen". 

Unter-Lozva, Tansina; kutnäPr "er wohnt in der 
hölle" (russ. „n'h a^y")'- Am gedächtnistage der verstorbenen 
muss man ihn zuerst bewirten. Schon früh am morgen muss 
speise und brantwein für ihn auf den tisch gestellt werden. Denn 
wenn der verstorbene morgens zum /•. sagt: „komm zu uns 
zu gaste!" und das essen nicht gleich fertig ist, wird dieser 
böse und treibt den verstorbenen prügelnd zurück. Beim be- 
wirten wird gesagt: lieber /■., dir der erste teuer! trink, iss! 
gib essen und trank meinem vater, meiner mutter, meinem 
grossvater, meiner grossmutter!" 

Mittel-Konda: h^jlnöaiar 'unreiner geist' (russ. "ne- 
MUCTun ÄyxTb'), auch Schimpfwort. 

Ober- Kon da: kßul'nöäwr "wirt der unterweit', auch 
Schimpfwort. 

Daneben kommt in den nördlichen dialekten ein anderes 
wort vor, welches vordervokalisch ist und statt des anlauten- 
den hinteren h, bezw. y ^'-^ch ein vorderes bezw. un-aspi- 
riertes anlautendes l- zeigt, nämlich in den dialekten, in 
welchen die palatalen reihen nicht zusammengefallen sind: 

Ober-Lozva: A:?//' 'teufel' (russ. äh^äbojh), „lebt in seen"; 
kein opfer wird ihm entrichtet; ßitlcuf 'wasser-Ä-.'. 

Sosva: ktjf 'teufel'; „wenn er nicht wäre, würde der 
mensch nicht stehlen und streiten"; „er versucht den men- 
schen". — Die seen, wo ein kul' ist, sind ohne abfluss und 
haben sehr schwarzes wasser. Auf ihnen fährt man nicht mit 
dem boot, auch nicht gern im winter über das eis, weil unter 
dem eis irgendein gleichsam gehörntes tier dann hörbar das 
eis zu ritzen anfängt. Wenn man in einem boote fährt, wird 
man unter das wasser hinabgerissen. 

Pelymka: hil' 'teufel' (russ. 'yei)T'L'), nach einer an- 
deren erklärung 'waldgeist' (russ. 'jitcHofi'), der u. a. mit 
dem donnerkeil menschen tötet und bäume fällt. Als die weit 
geschaffen wurde, bat der k. gott um die erlaubnis tiere auf 
die erde „losslassen" (d. h. schaffen) zu dürfen. Als er keine 
erlaubnis erhielt, wollte er wenigstens eine Öffnung in die erde 



176 E. N. Setälä. 



machen. Daraus kamen dann die schlangen, die frösche und 
die eidechsen. Der k. hat auch den wolf geschaffen. 

Unter-Konda: Jcijl\ Schimpfwort; (mit einer Ver- 
mischung mit dem oben behandelten wort:) k'nl'najdr id.: 
mötaß, Je. 'teufelsfürst' (russ. 'tiepTOBCKifi napb'). 

Es könnte sich die frage erheben : hat man \1elleicht 
im wügulischen ein wortpaar mit verschiedenem vokalismus 
anzunehmen, etwa wie koljo und kiljo in der von Gaxaxdek 
referierten finnischen loi . Isage? So alte wurzeln hat sicher- 
lich die finnische lokalsage nicht, sondern hier liegt wohl nur 
ein durch lautspiel verhältnismässig spät entstandenes wortpaar 
vor. ^ Sowohl die bedeutung (vorwieg. 'Wassergeist') als die 
Verbreitung des wogulischen Wortes kul', küt w^eist deutlich 
auf das syrjänische hin, und die natürlichste erklärung ist 
auch die, dass dieses wort, wie so viele andere, aus dem syr- 
jänischen entlehnt ist. 2 Das syrj. anlautende Ic entsprach ja 
der wogulischen vorderen serie, weshalb das wort so behandelt 
wurde wie allgemein die Wörter mit einem vorderen Je und vor- 
derem vokalismus im wogulischen. 

\'iele sehr interessante notizen sowohl über x'X als kut 
liefert Munk.äcsi in Vogul nepköltesi gyiijtemeny IIa 0281 f.. 
0297 f.; leider nur sind beide teilweise miteinander vermischt" 
worden. 2 

Ostjakisch. 

Im ostjakischen findet man zwei, vielleicht drei hierher- 
gehörende Wörter. 

In den westlichen dialekten hat man zunächst Karj. Kaz. 
JcoA, O JioJl, (OL 80), Patk. kul id. 'teufel, Wassergeist', pegde 
kul' "schwarzer teufel' (Schimpfwort) ; daneben in derselbem be- 
deutung Karj. DN Ä:q/, Mj. k'oj', Ni. kol- mit unmouillierten l 



1 Zur entstehung des namens kiljo im finnischen hat wohl 
auch ein anderer riesenname küli (kili, siehe verf. FUF X 47) bei- 
getragen. Der name killi stammt wahrscheinlich aus dem nordi- 
schen: killi erscheint in den lokalsagen mit einem anderen riesen 
nalli (Küli kirkkoja tekee, Nalli nauloja takoo 'K. baut kirchen, 
N. schmiedet nägel') zusammen, und diese beiden namen erinnern 
stark an die skandinavischen zwergnamen Kili und Nali (\'oluspä 13). 

2 Vgl. A. Kannisto FUF VIII Anz. 167. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 177 

(OL 80). .Sowohl der lautbestand als die bedeutung machen 
es unzweifelhaft, dass die /'-formen entweder direkt oder über 
das wogulische aus dem S3M-jänischen stammen. Ebendort 
müssen wohl auch die formen mit unmoulliertem l, da ja die 
bedeutung eine ganz übereinstimmende ist, zuhause sein. ^ Nach 
Patkanov ist kul im Volksglauben der Irtysch-ostjaken nur ein 
Wassergeist, der in den grossen düstern seen der 
unterirdischen weit und in den tiefen gewässern der obe- 
ren lebt (Irt.-Ostj. l 103, 151) — ein interessanter zug, welcher 
das ursprüngliche wesen des syrjänisch-ostjakischen ku! er- 
läutert. 

Aus dem wogulischen hinwieder stammt sicherlich das 
ostjl xut; in einer von Patkano\' aufgezeichneten ostjakischen 
sage, in der von einem erschrockenen menschen gesagt wird, 
dass er das antlitz der täran (einer krankheitsgottheit) und des 
Xni gesehen habe ^ (täran-vet', yvd-Yei ujem, Patkano\', Irtysch- 
Ostj. II 62 z. 16). 

Aber es gibt noch ein drittes ostjakisches wort, welches 
sich semasiologisch durchaus mit wog. x'il' deckt: 

N Ahlg. xyT[i 'seuche, pest', xyn-mos 'masern', xY^-ne 
■gespenst"; I Patkaxov K x^in, x^ina 'böser geist, führer der 
heerscharen der bösen, welche die menschen mit krieg (d. h. 
mit Seuchen) überziehen': x^^^^^^ ^^^ t;at;na tum jüxtäi 'da 
kam der engel des todes mit einer grossen heerschar (auf uns) 
gezogen' (vgl. Patkaxov, Irt.-Ostj. I 103, II 86 z. 7, 228 anm. 13). 

Nach Karjalainens genaueren angaben hat das wort fol- 
gende formen und bedeutungen (OL 175): DN xe« 'böser geist'; 
Trj. yin 'krankheit, epidemie'; V Vj. Vin , l/innds {nds <Z 
ttds 'blatter') id.; Ni. x^''^'^^"'P^ 'finster, dunkel (vom wald)'; 
Kaz. xfn-^9''^^\ id.; Kaz. yjnu^^^ 'des teufeis gesicht' (fluch- 
wort). 

Die lautliche gestalt scheint im ersten augenblick abwei- 
chend, da man ja statt des ostj. n ein / erwarten möchte. Wie 
ich aber an einem anderen orte zu zeigen hoffe, ist hier nur 
ein Übergang in eine andere stufenwechselreihe anzunehmen; 



^ Siehe Karjalainen, OL 80. 

2 Siehe Munkäcsi VNGy. II 2 0240 u. 0298. Patkaxovs 
auffassung, dass hier xut; 'tisch' bedeute, ist kaum stichhaltig. 



Finn.-ugr. Forsch. XII. 



178 E. N. Setälä. 

auf diese frage kann ich in diesem Zusammenhang nicht ein- 
gehen. ^ 

Ich lenke schliesslich die aufmerksamkeit besonders auf 
das kompositum /yn-mos 'masern' bei Ahlovist; über das zweite 
glied mos siehe gleich unter „ungarisch". 

Das ostjakische wort ist auch in der form ^x"'i (^«^ X- ^er 
unterirdische x.', pit x- '^er schwarze x-') ins wogulische ein- 
gedrungen, aber es wird immer, nach einer mündlicher mit- 
teilung von Kaxnisto, als ostjakisches wort empfunden und 
in ostjakischen wortgefügen gebraucht. 2 Die aufzeichnungen 
wogulischer folklore geben wertvolle beitrage zur kenntnis des 
ostjakischen X{'^ der einen schwarzen mund hat, in diesen 
den menschen hineinreisst und durch eine berührung seines 
kleiderzipfels oder ärmels den menschen krank macht (ähn- 
liches wird in der wogulischen Volksdichtung vom wog. x«/' 
berichtet). ^ 

Ungarisch. 

Das interessante ungarische wort hagymaz, auf welches 
zuerst SziLASi Nyr. XXVI 145 f. die aufmerksamkeit gelenkt hat, 
ist zum ersten mal in einem brief von 1557 belegt, wo es heisst: 
„Keg:-nek byzony en magam irnek, de megys vgian azon 
elewbely beteksegben wagyok, felek hog az hagymaz ne ess- 
nejek ream, mert hewsegh es zomjwsagh, fe fayas nagy wa- 
gyon rajtam, semyt nem ehetem, es mynden erewm el fogyot" 
= 'ich würde Ihnen gewiss selbst schreiben, aber ich leide noch 
immer an der früheren krankheit, denn hitze und durst, kopf- 
weh liegt gross auf mir, ich kann nichts essen, und alle meine 
kraft ist hin' (MLeveles Tär I 254). In den älteren W()rter- 



1 Die "Verbindungen mit av. haenä, apers. hainä "heerschar ■ 
feindeschar' (Patkaxov, Irt.-Ostj. I 103) oder mit minuss.-tat., alt. 
aina 'böser geist, teufel' (Patkaxov, aao. u. II 228, Irt.-ostj. sz6- 
jegyz. 23) oder mit osttürk. ^klßn, ^kUn 'quäl' (MuNKÄcsi, VNGy. 
II 0304 sind entweder lautlich oder semasiologisch oder in beiden 
hinsichten unbefriedigend. 

'^ Ein Sosvaner hatte herrn Kaxxisto gesagt, dass dieses 
wort ein ostjakisches Schimpfwort sei, welches auch 'krankheit' 
bedeute. 

3 Siehe MuxKÄcsi VNGy. II 2 0297 f. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 179 



büchern seit 1593 (1590?) ist das wort mit 'phrenesis, delirium, 
phrenitis, unsinnigkeit', seit 1708 (Pariz l^äpai) mit Tebris ma- 
ligna' übersetzt. Der ungarische arzt und polyhistor Pariz 
Päpai beschreibt in seiner arbeit Pax corporis (1690) hagymaz 
od. hagymäzi hidegleles folgendermassen: „Diese krankheit ist 
eine art von hitzigen und pestartigen fieberkrankheiten, welche 
die Ungarn Hagymaz oder Hagymäzi Hidegleles nennen. Die 
anderen Völker nennen sie die ungarische krankheit oder unga- 
risches fieber (Morbus Hungaricus, Febris Hungarica), weil sich 
diese krankheit zuerst von Ungarn nach Deutschland verbrei- 
tete: als im j. 1566 der kaiser Maximilian 11. gegen den tür- 
kischen kaiser ins feld gezogen; da fiel diese krankheit zuerst 
in das deutsche lager, von wo sie dann nach Wien und nach 
ganz Deutschland und anderen nachbarländern kam; und sehr 
viel Volk starb daran : deshalb nannte man sie Hadmäs, gleichwie 
Had-masa, 'dem krieg gleiche'; ^ denn an ihr kamen mehr um 
als durch die türken". Als krankheitszeichen nennt er auch 
flecken am körper. Eine andere art dieser krankheit nennt 
Päriz PApai bolond Hagymaz: „Wenn diese krankheit über 
den menschen kommen will, sind ihre zeichen folgende: mit 
Schlaflosigkeit unruhe, aufregende träume, viel reden in fieber- 
traum, eine grosse hitze des kopfes usw.'' Nach fachmännischer 
aussage, die Szilasi herbeigeschafft hat, bedeutet die erste art 
der krankheit 'flecktyphus', 'typhus exanthematicus', der zweite 
name bolond hagymaz ist nur eine laienbezeichnung febriler 
krankheiten, die von phantasieren begleitet sind. 

Aus den heutigen dialekten wird bei Szinnyei MTSsz. 
778 hagymäs-betegseg (Eger), hajmas-betegseg (Göcsej), haj- 
masz (Göcsej), hagymäzat (Hegyalja), hagymäzatban van 'er 
phantasieret' (Tisza-Dob) angeführt. Die heutige bedeutung ist 
nach den Wörterbüchern "typhus, hitziges fieber'. 

Aus dem fehlen des Wortes in den älteren quellen (auch 
in einer nomenklatur von 15v38) wie aus der krankheitshisto- 
rischen mitteilung, dass sich der flecktj^phus zuerst 1542 in dem 
Ofener lager des deutschen heeres gezeigt habe, zieht Szilasi 
den schluss, dass dieser name den 'flecktyphus' bezeichnet 
habe und erst mit der krankheit selbst in der mitte des 16. 



^ »(belehrte Volksetymologie > Päriz Päpais. 



i8o E. N. Setälä. 



Jahrhunderts (nach 1538 und vor 1557 vgl. oben p. 178) ent- 
standen sei. Den ersten teil verbindet er mit der von mir an- 
genommenen sippe von fi. kitua; in dem zweiten glied maz 
sieht er eine entlehnung aus dem deutschen: mase, ahd. mäsa, 
mhd. mase 'wundmal, fleck, cicatrix; muttermal; krankheitszei- 
chen', vgl. blattermasen ; nordfränk. mauss 'herumgehende 
Seuche, epidemie' usw. 

Wie schon MunkAcsi AKE 319 richtig eingesehen hat, 
ist eine solche Zusammensetzung aus einem sonst nicht beleg- 
ten fiugr. hagy- und einem nhd. mase schon an und für sich 
unwahrscheinlich. Munkäcsi seinerseits nimmt hier eine tautolo- 
gische Zusammensetzung von ung. hagy- 'krankheit' und -maz 
'krankheit', usw. an, dessen entsprechungen er aus dem wo- 
gulischen, ostjakischen und tscheremissischen nachweist und 
aus den kaukasischen sprachen herleitet. 

Unzweifelhaft hat Munkäcsi recht, dass das ung. -maz 
(-mas, -masz) mit den finnisch-ugrischen Wörtern (zu welchen 
noch das syrjänisch-wotjakische hinzuzufügen ist) verbunden 
w^erden muss: 

wog. Kann. UK mäs 'loch (z. b. in einem boot); gebre- 
chen, körperverletzung (beim menschen, z. b. durch einen Unfall 
verursacht)'; OK mäs id.; P mosn 'krank'; UL mas "loch (zb. 
in einem boot); äusserer naturfehler (beim menschen, tier zb. 
blindheit, lahmheit)'; OL mö5, S möz 'loch (eines bootes); äus- 
serliches gebrechen (zb. nasenlosigkeit) ; krankheit' (T fehlt wahr- 
scheinlich). 

ostj. K.ARj. Fil. »uCs- in müs-idrjl' "schweiss' (eig. 'krank- 
heitswasser'), Trj. tnots 'eine art krankheit', Ni. muS, Kaz. mos, 
O mcfs 'krankheit', vgl. V mqts 'schuld, vergehen', Trj. mfts, 
V Vj. m,/7.v id. 

syrj. WicHM. m/$, OP Gen. ^mez 'schuld, sünde, ver- 
gehen', mßa 'schuldig', Wied. myzio 'krankheit als strafe (got- 
tes oder der verstorbenen eitern)', P myzäyny 'strafen mit 
krankheit'. 

wotj. WicHM. G m/i 'eine böse, krankheiten und unheil 
bringende kraft, welche durch opfer (eier, brot, graupen, brei) 
zu versöhnen ist', m/z Jcutiz 'm. hält' = 'm. hat die krankheit 
gebracht', mt^o : so mesta mtSo 'dieser ort ist krankheitbrin- 
gend, dort steckt die krankheit an', Uf. mU 'krankheit, welche 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 



Gott gesandt hat, damit der mensch opfere und zu dem geist 
der krankheit bete', El. Isl. m/i 'ein heidnisches wort, welches 
die notwendigkeit des opfers entweder der krankheit wegen oder 
weil ein ganzes dorf von einem unglück betroffen ist, ausdrückt', 
M 7>i/i 'der geist einer krankheit' ; Vasil'ev (Übersicht über die 
heidnischen gebrauche usw. d. wotj. MSFOu. XVIII 73): ..miz 
bedeutet nichts anderes als die personifizierte krankheit, die 
einen Ziegenbock verlangt"; Wassersucht und geschwulst heisst 
l-et'S-miz 'bockkrankheit', „d. h. strafe, die die darbringung eines 
bockes für gott im gefolge hat"; aao. p. 89: „Für die krank- 
heiten haben die wotjaken die benennung miz "krankheit, kränk- 
lichkeit'. Bei den wotjaken werden die krankheiten personifi- 
ziert. Aber miz wird gewöhnlich auf die rechnung der ver- 
storbenen gesetzt. Bei miz beschränkt man sich auf das 
opfer eines Wachtelkönigs, bis man diesen aber gefunden hat, 
begnügt man sich mit einem gelübde." 

tscher. Wichm. KB mdz 'krankheit', ilMd-m. "kaltes fieber' 
(üstd =■ fi. jähty-), U iyiu:B : tiwsU-m. 'kaltes fieber', iM mii-So 
'Schimpfwort für tiere, die boshaft sind', B muSo- 'ein krank- 
heiten sendendes wesen', nwr-muzo: 'pest, seuche'. ^ 

Man erkennt also in dem letzteren glied von hagymäz 
ein altes „heidnisches" wort, welches offenbar ursprünglich 
'schuld mit krankheit als strafe der verstorbenen" bedeutet. Im 
inlaut hat das wort ein fä gehabt (vgl. ostj. und wotjM form), 
wozu am besten ung. s (o: s) in dial. -mas passt (starke stufe); 
im ungarischen sind nicht alle momente klar. 

Der erste teil hagy- stimmt lautlich ganz der erwartung 
gemäss mit fi. koljo und den wotjakischen, syrjänischen, wo- 
gulischen und ostjakischen formen zusammen: das ung. gy ist 
hier aus einem ursprünglicheren spiranti.schen j und dieses wie- 
der aus einem Ij entstanden (vgl. negy "vier' und fi. neljä). 

Die Zusammensetzung hagymäz (hajmas usw.) kann 
schon uralt sein ; wir finden ja nämlich im ostjakischen bei 
Ahlqvist dieselbe Zusammensetzung wie im unga- 
rischen xyn-mos 'masern'; ung. hagy-maz 'typhus, febris ma- 



^ Wegen form und bedeutung ist ganz zu trennen tscher. KB 
mu'ian, U muSa'rj usw. 'Wahrsager', welches Munkäcsi aao. damit 
verbindet. 



i82 E. N. Setälä. 



ligna' kann also nur die fortsetzung eines uralten kompositums 
sein. Die Zusammensetzung ist von anfang an sicher nicht 
tautologisch, sondern sie hat wahrscheinlich "eine von einer 
unteirdischen gottheit [als strafe] gebrachte krank- 
heit' bezeichnet. 

* 

Wenn man die bedeutungen der hier zusammengestellten 
Wörter durchmustert, sieht man neben vielem neueren doch 
recht altertümliche züge. Man sieht, dass man es hier mit 
einem uralten namen einer finnisch-ugrischen gottheit zu tun 
hat, einer gottheit, welche unter der erde (bezw. in den 
seen) wohnte, welche krankheiten brachte (auch im finni- 
schen, wo koljo zunächst ein riesenname geworden, sieht man 
in der oben angeführten zauberrune deutlich die ursprüngliche 
bedeutung des krankheitsbringers) und deren kultus offenbar 
mit dem totenkultus zu tun hat. Da für den ganzen sprach- 
stamm durchgängige mythologische bezeichnungen grosse Sel- 
tenheiten sind, ist dieses wort mithin für die finnisch-ugrische 
religionsgeschichte von grosser bedeutung. 

Welchen Ursprung hat aber das interessante wort? Es 
drängt sich ja unwillkürlich eine gleichung mit got. halja "hölle', 
aisl. hei 'göttin der unterweit' auf. Es ist jedoch sofort klar, 
dass hier keine entlehnung aus dem gotischen, nicht einmal 
aus einem urgerm. */aliö in frage kommen kann; dies verbie- 
tet sowohl schon die Verbreitung als die form des finnisch- 
ugrischen Wortes. In anbetracht seiner form und seiner Ver- 
breitung in beinahe allen finnisch-ugrischen sprachen müsste 
man sich an den Vorgänger des urgerm. *xaliö, an ein vor- 
germ. *koliä wenden; dass eine solche form mit der bedeutung 
'das unterirdische' eine gewisse Verbreitung in den indoeuro- 
päischen sprachen gehabt hat, wird ja durch die altirische ent- 
sprechung des got. halja, vorgerm.-vorkelt. *koliä: air. cuile 
'keller' (in cuile finda "vinaria cella") bewiesen. Aus einem 
*koliä 'das unterirdische' wäre der weg zu fi. koljo usw. ziem- 
lich kurz; noch eher würde das finnisch-ugrische ein mask. 
*kolio- voraussetzen. Wäre es \ielleicht sehr kühn nach dem 
finnisch-ugrischen im indoeuropäischen einen versch\^'undenen 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 183 

namen kolio- 'geist der unterweit' zu folgern? ' Das fi. *koljo 
könnte jedoch auch eine auf finnisch-ugrischem hoden ent- 
standene ableitung sein. 

Got. halja wird allgemein mit der germ. sippe von heh- 
len zu lat. celo 'verbergen' gestellt, wozu wieder zb. aind. 
<?älä 'hütte, haus' gehört. Wenn diese etymologie richtig ist 
— und die e\'entuelle Verbindung mit dem finnisch-ugrischen 
wort spricht nicht dagegen — , so würde das fiugr. Koljo aus 
einer uralten indoeuropäischen spräche mit bewahrtem palatal- 
klusil stammen. War diese x-sprache eine Vorgängerin der 
germanischen und keltischen sprachen — war sie die indoeuro- 
päische Ursprache? Wer kann das entscheiden? 

Aber selbst wenn die gleichung mit dem indoeuropäischen 
wegfiele, behält das wort seinen wert für die finnisch-ugrische 
religionsgeschichte. 

Kouko, kouki. 

Von ganz besonderem Interesse für die religionsgeschichte 
ist wegen seiner bedeutungsentwicklung das finnische wort 
kovLko, welches ausserhalb des finnischen sicher nur im estni- 
schen nachweisbar ist. 

Finnisch. 

Die bedeutungen des fi. kouko (alt. koukoi) gen. kouvon 
od. koukon lassen sich folgendermassen gruppieren: 

1) 'Tod". Diese bedeutung kommt in der ersten beleg- 
stelle des wortes vor: in einem zum ersten mal im j. 1683 ge- 
druckten, später in das gesangbuch der finnischen kirche auf- 
genommenen geistlichen lied von Joh. Cajanus, wo es heisst: 

Etkös ole Jhmis parca Bist du nicht, armer mensch, 
aiwan arca, zu schwach, 

Coscas itket ylen öitä, dass du die nachte hindurch weinst, 

Coscas sufet suuttumata, dass du betrauerst unaufhörlich, 
puuttumata, ohne ende 

Coucon mustan Murha-töitä. die mordtaten des schwarzen todes. 



1 Damit würde natürlich die Personifikation des aisl. fem. hei, 
welche unzweifelhaft neuen datums ist, nicht zusammenhängen. 



184 E. N. Setälä. 



Ebenso singt Juteini in Runon tähteitä (1826, p. 33): 

Maa on tuonen touko, Die erde ist das feld tuonis (des 

todes), 
jossa kuolon kouko wo des todes geist 

nindeleepi raajat rumasti. die glieder schrecklich zerreisst. 

2) 'Gespenst'. Nach Juslenius (1745) bedeutet coucoi 
neben 'fera lanians' (siehe gleich unten) auch 'spectrum', 
schwed. 'spöke'. Dieselbe bedeutung hat nach Gan anders 
handschriftlichem Wörterbuch das \\-ort kouki -kin ..idem qvod 
kouko -won s. spöke, buuse". Nach den REiXHOLMSchen hand- 
schr. Sammlungen (74) schreckt man (in Yläne) die kinder mit 
iso kouki, der aus dem meer kommen soll. 

Damit steht wohl in Zusammenhang koukon tuuli od. 
kouwon tuuli 'der wind k.s.' d. h. prügel, z. b. minä tahdon 
näyttää hänelle koukon tuulen „illa gripa an, lär weta hut" 
'ich werde ihn anschnauzen, prügeln' (G.\nander). ^ Ebenso das 
verbum: kouvottaa (Lönnrot) „bära sig ät som ett obäke", 
'sich wie ein untier gebärden'. 

3) 'Riesenhaftes geschöpf: aika kouko se miäs oli- 
kin 'der mann war ja ein riese' (Orihvesi TavastL, Vspr. 2). 

4) 'Raubtier, bes. bär'. Nach Juslenius bedeutet coucoi 
an erster stelle 'fera lanians', schwed. 'rifwande djur', ebenso 
nach Ganander koukoi -uwon od. koukon sowohl 'raubtier, wolf 
als auch 'bär', zb. kouko tuli karjahan 'der bär kam in die Vieh- 
herde'; koukosammal r:= karhunsammal 'pohtrichum'; kouwon 
päälliset od. kouwon häät "totenschmaus für den baren'; in 
seiner Alyth. fenn. 43 beschreibt Ganander diesen totenschmaus, 
kouwwon-päälliset ausführlich; „der schmaus des baren wurde", 
sagt er, „mit vielen Zeremonien, mit runenmusik und biertrin- 
ken gefeiert, wobei der köpf [pää 'köpf, daraus päälliset] 
des baren an einen bäum gehängt wurde". Auch heute noch 
kennen die älteren leute an gewissen orten Icouvo lieät od. 
Tcouvompeiiaset 'totenschmaus für den baren' (Saarijärvi, Vspr.). 



' Nach den REiNHOLMSchen samml. 74 kommt diese redens- 
art (antaa kouvontuulta) in der gegend von Nj-stad vor. 

- Vspr. = handschrifthche samnihmgen für das Wörterbuch der 
finnischen Volkssprache der Finnischen Literaturgesellschaft. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 185 

In der volkspoesie scheint kouko, soweit ich die sache 
übersehen kann, verhältnismässig selten vorzukommen; in den 
fällen, die ich kenne, liegt die bedeutung 'bär' vor. In einem 
gebet für die Viehherde bei den finnen in VVermland (Suomi II 
11 239, 244) heisst es zb. 

]Minä sulen kouvom suun. Ich schliesse den nuind des Ijären. 



Minä sulen kouvoin pojan suun. Ich schliesse den niund des bären- 
jungen. 

Und in einem andern zauberlied der vvermländischen fin- 
nen (Gottlund 775) wird von dem Ursprung des baren ge- 
sungen : 

Kati kaunis ilnian tyttö Kati, du schönes mädchen, 

kohussais kouvon kannoit du trägst in deiner gebärmutter einen 

hären, 
Pehussais emu in deinem leibe [?] 

Kussa ennen Ohto syntyi etc. wo zuerst der bär geboren wurde usw. 

Von den finnen Wermlands stammt auch ein gebet „Kou- 
voUe" 'an den baren', worin Mareta angefleht wird, dass sie 
eine goldene stange nehmen und eine feder in den mund des 
Wildbrets stossen möchte (Gottlund 790). 

Eine verdorbene form des Wortes kouvo ist wohl koiju 
in folgendem ingermanländischen gebet für die Viehherde: 

Metsän koiju loukuvatsa Koiju des waldes mit schlingendem (?) 

magen, 
mää sinne kuhu käsken geh, wohin ich befehle. 

(Groundstroeni 105). 

5) 'Laus, Ungeziefer'. In diesem sinn wird das wort 
besonders gebraucht, wenn man mit kindern spricht; man 
sagt zb., um die kinder zu erschrecken, dass die kouvot einen 
strick aus dem haare machen und das kind in einen fluss 
führen; diese bedeutung ist auch in den heutigen mundarten 
sehr gewöhnlich (Vspr.: koukoja päässä 'lause auf dem köpf 
Orihvesi, Tottijärvi; sinä niiiähes om^palip l-oiikoia 'viele lause, 
viel Ungeziefer' Vesilahti). 

Dieser wortstamm kommt auch in vielen Ortsnamen so- 
wohl in der schwachstufigen (Kouvo) als in der starkstufigen form 



i86 E. N. Setälä. 

(Kouko) vor. So findet man Kouvo an mehreren orten als 
gehöftname, ebenso Kouvola als name sowohl von gehöften als 
von dörfern (Jääski, Ruokolahti. Lapvesi, \^alkeala, Kymi, Hauho, 
Hattula, Lohja, Pusula, Punkalaidun, Pernio), Kouvon korpi 'K.s 
wald' (Messukylä), Kouvon alusta 'stück land, welches dem K. 
gehört' (?, Tammela), Kouvonoja 'K.s bach' (Punkalaidun), Kou- 
vonpää 'K.s köpf, gehöftname in Messukylä, Kouvoinen (Tai- 
vassalo 1390), Kouvonniemi 'K.s. landspitze' (Kerimäki), Kouko 
eine wiese in Harjavalta und gehöftname in Punkalaidun, Vam 
pula, Koukomäki 'K.-hügel' (Sääksmäki; an dem weg, welcher 
dahin führt, sollen nach Reinholm die zaunstangen mit bären- 
köpfen behängt gewesen sein), Koukkallio 'K.-felsen' (Kurki- 
joki), Koukoola (< *JcouJcoila), gehöftname im kirchspiel Jalas- 
järvi, Koukela (in Laitila). ^ 

Estnisch. 

Aus dem estnischen sind folgende formen und bedeutun- 
gen beizubringen: 

1) 'Ahnherr, gespenst'. In dieser bedeutung kommt 
kouw in GöSEKENs Manuductio ad Linguam Oesthonicam 106, 
wo es meines Wissens zum ersten mal belegt ist, vor: „An- 
herr, wanna kouw, Suur Issa". Damit hängt eng zusammen 
kou, wana kou (o : köu) 'ein sehr alter mann', welches A. 
KxtJPFER, in RosEXPLÄNTERS Beiträgen IX 34 vom strande des 
kirchspiels St. Catharinen anführt. Auch bei Wiedemanx • vana 
köu 'sehr alter mann, ahnherr, altxater'. 

2) 'Donner, donnergott': köu g. köue, köuu; köue g. 
köue, auch köuk g. köugu, köukne g. köukse, köukene g. 
köukese, köuukene g. köuukeze, köuekene g. köuekeze; 
köu müristab, köu hüab 'es donnert', köu paugub od. 
kärgib id. (siehe Löwe-Rei.max, Kalewipoeg 305), köu löi, 
köu löi maha, köu pani pölema 'der blitz traf, erschlug, zün- 
dete' (ib.), köu od. käu (in der poet. spr.) 'name eines der bei- 
den donner-stiere'. Ältere belege: Gösekex, Manuductio 160: 
kouw mürriseb, pouckub 'donnern'; Gutzleff, Kurtzgefasste 



* Finlands AUmänna Tiduing 1S62 Y«. "r- 204. Reixholms samml. 
74 63-6, teilweise auch mündliche auskünfte. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 187 



Anweisung zur Khstnischen Sprache 1732, p. 120: koue mü- 
ristaminne 'das donnern', kouk, kouke donner'; Hl'Pel, Ehst. 
sprach). 1780, p. 190: koue mürristaminne 'das donnern' (Har- 
rien), kouk od. kouke 'donner' (Harrien), p. 169 käü 'donner' 
(p. 355 käü hüab 'es donnert', aus Pernau); Knüpffer in Rosen- 
PLÄNTERS Beitr. IX 34 (1817): koue 'donner'. 

3) ?'Bär'. In zwei liedern aus Pleskau in Kreutzwalds 
und Neus' Mythischen und magischen liedern der Ehsten kom- 
men folgende zeilen \or: 

p. 34-5: Übersetzung v. Krel'Tzwald-Neus: 

Niida aga kuulin kuulutusi, Also deim erkuudt-t' ich die künden 



Köukse nurnie kesalta. von des hären feld der brache. 

p. 38: 
Kaiia käisin Köukse teeda, Wallte lang den weg des hären, 

W'ikkerkaare wihnia teeda. Regenhogens rieselstrasse. 

Die Übersetzung 'bär' gründet sich jedoch nur auf schluss- 
tolgerungen aus dem finnischen (siehe aao. 12-3) und ihr ist 
kaum ein wert beizumessen; an der letztgenannten stelle lesen 
wir ja parallel zu köukse tee 'weg des k.' wikkerkaare wih- 
matee 'der regenweg des regenbogens' (wo wikkerkaar wohl 
= *pikerkaar, piker ^ pitk, pikk 'lang' =: *pitkäri 'donner', 
vgl. Ilmari 'luftgott* -- ilma 'luft'j, und demnach möchte man 
ja auch hier köukse tee als den weg des donnerers auffassen 
(vgl. Kreutzwali) u. Xeus aao. 41). 

Ortsnamen : Kouwkylla (d : Köuküla), früher ein dorf in 
Errastfer im Werroschen kreise, heute zwei bauernhöfe Köo 
talud (Löwe-Reiman 305), Köu möis 'das gut Wolmarshof im 
Fellinschen kreise u. Pillistferschen kirchsp. (Rosenplänters 
Beitr. XX 61); Koukse-möis od. Köuko-möis 'Kauks und Kook 
in Wierland' (Kreutzwald u. Xeus aao. 41, Löwe-Reimax aao.). 



In den anderen finnisch-ugrischen sprachen findet man 
nichts sicher damit zusammenstellbares. Man muss freilich an 
tscher. hißa denken: Wichm. U Icaßa-fümo („so sagen die bei- 
den", der Sprachmeister wusste nicht, welchen gott), B laßa 



E. N. Setälä. 



'der sichtbare himmel', Paas. (KSz. II 36) ^Icugt-j Tcawa „das 
wort Tcawa konnten die tscheremissen nicht recht deuten" ; nach 
SziLASi bedeutet das wort 'himmel, eine gottheit', nach Troickij 
kaba-kugo-jumo 'der grosse gott des Schicksals'. Dieses wort 
stammt jedoch wohl aus dem tschuwassischen: käbä 'Schicksal, 
ein gott, welcher die Schicksale des menschengeschlechts lenkt' 
(siehe Paasoxen, KSz. II 36). 



Die formelle seite bedarf einer näheren erläuterung. 

Wie die form coucoi bei Juslenius bezeugt, hat man es 
hier mit einem ursprünglichen -(-stamm zu tun, und in den 
verschiedenen flexionen des paradigmas im finnischen hat man 
deutliche beweise dafür, dass die -(-stamme ursprünglich 
wie konsonantische stamme flektiert wurden: also *'koiiYoi 
'-^ ^TiouTcoifn ganz wie *ru)'is ^' *rukizen 'roggen', im. heutig, 
fi. ruis ^ rukiin. Im nominativ war die schwache stufe 
ursprünglich: dementsprechend fi. Kouvo (als eigenname), est. 
köu >< ^kottyoi. ^ In den meisten casus obliqui sollte die 
starke stufe auftreten: formen wie gen. koukon (Cajanus 1683 
u. Juslenius 1745 coucon, Ganander 1787 koukon neben kou- 
won, auch in vielen heutigen mundarten koukon) sind also 
Überreste dieses ursprünglichen xerhältnisses. Ein paradigma 
kouvo : koukon hat sich jedoch nirgends erhalten, sondern 
man hat entweder durch \erallgeineinerung der einen oder 
anderen stufe ein paradigma kouko : koukon oder in eigen - 
namen Kouvo : Kouvon gebildet, oder man hat in anlehnung 
an die gewöhnlichen Stufenwechselverhältnisse der vokalstämme 
ein der ursprünglichen fiexion ganz entgegengesetztes paradigma 
kouko : kouvon (wie luku : luvun) geschaffen. ^ 



' Dass die silben auf -/ ursprünglich wie die konsonantisch aus- 
lautenden behandelt wurden, geht aus den formen der älteren Schrift- 
sprache (zb. Agricola oruoi o: orvoi, heute meistens orpo 'waise') 
und der südwestfinuischen dialekte (orvo 'waise', anno "er gab'), wie 
auch aus einigen estnischen und olonezischen formen hervor (siehe 
verf. ÄH 53)- 

- Von der konsonantischen fiexion der ^'-stamme gibt es noch 
einige Überreste in deu jetzigen dialekten. So zb. habe ich in 
Westfinland (im kirchspiel Kauvatsa) bei älteren leuten flexionen wie 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 189 

Im estnischen hat man zuerst zu bemerken, dass neben 
dem Stammvokal u (köuu- mit -u < o) auch e vorkommt: 
köuo- usw. Wir haben hier dieselbe erscheinun.ü" wie in est. 
kukk gen. kukke 'bahn' (vgl. weps. hikoi, ü. A(;r. cuckoi id.), 
est. luik gen. hüge od. luige g. luike 'schwan' (vgl. fi. luiko, 
älter luikoi, zb. in der bibelübersetz, v. j. 1642 Lev. 11, 17 
luicoi, Var. rerum vocabula 1644 luicoj, Juslemus luico -on, 
Ganandkk luiko -kon id.). Hier geht e auf e <C ßi <C ol zurück, 
vgl. wot. ante ^er gab', fi. antoi, wot. hfkJce 'hahn' •< kuJckoi, 
wot. pelp2}e 'küchlein' = fi. peippo 'fringilla' < peippol, pei- 
ponen, peipoisen "fringilla' bei Juslenius (vgl. auch wepsN 
Tcukei — wepsS Tcukol 'hahn', wepsN andei '-^ S andoi 'ergab', 
und die wot. und est. pluralformen wie wot. poike, est. poige 
'die knaben', part. plur.). Hier ist also ol (viell. mit einer ande- 
ren art von 0) zu ei und e geworden, und dieses e wieder mit 
den übrigen e-lauten ausserhalb der hauptbetonten silbe in e 
übergegangen. 1 Am besten spiegelt das est. paradigma luige: 



kuko ~ kukkon 'hahn' < kukoi^ ~ *kukkoifn gehört. In der volkspoesie 
kommt ein genitiv sg. runojen 'des .sängers', nom. runo < runo% vor 
(zb. Tsena "VLR 622 a 20-1: soitantoa V[äinämöi]sen, iloa iki runo- 
jen, Sjögren 419 55-6, Suomi III 15 79: soitantaa Väinämöisen, iloo 
iki runojen 'spiel V:s, freude des ewigen sängers"). Dass hier ein 
sehr altes Verhältnis vorliegt, wird durch das lappische bezeugt, 
wo die ursprünglichen ^"-stamme wie konsonantische stamme flek- 
tiert werden : IpK ^siolaj gen. isilll, IpL nom. suölcöl gen. suölhi, 
IpN suolo gen. suUu; ganz der erwartung gemäss sind auch die essiv- 
formen wie IpL suölcön, N suolon. In den paradigmen mit konsonanti- 
schem stamm wurde nämlich der essiv im lappischen wie im finnischen 
ursprünglich mit der konsonantisch auslautenden Stammform 
gebildet (fi. nuorra, vuonna, rikassa). Vgl. über das lappische auch 
Konrad Nielsen, Die Ouantitätsveyhältnisse im Polmaklappischen 140, 
wo der verf. mit recht der auffassung von Wiklund FUF II 50 ent- 
gegentritt. 

1 Es gibt sogar im finnischen beispiele eines ei, welches 
einem oi gegenübersteht: südösterbottn. korvee 'zuber' (Suomi II 
9 302) <^ *korvei (wie südösterbottn. äitee 'mutter' <^ älteij, vgl. 
korvo <C *korvoi in anderen dialekten; fi. panki 'eimer' <^ *parj- 
Icei (wie in den selben dialekten äiti << äitei; vgl. wot. parjke 
'eimer', est. pang gen. pange od. pangi id. <1 *parikei, zu fi. 
panka 'handgriflf eines eimers'). Natürlich liegt auch den fi. kor- 
vee, panki ^korvei, *paTjkei zugrunde. Vielleicht war das ursprüng- 
liche Verhältnis *korvei : *korvoi^n. — Auch die beiform kouki 



I90 



E. N. Setälä. 



Ixiike das ursprüngliche Verhältnis wider {jHuikoi gen. *liiik- 
Icoifn); demnach hätte man also im estnischen köue (oder 
mit elidiertem schlussvokal köu) : köuke zu erwarten. Durch 
Verallgemeinerung der schwachen stufe hat man paradigmen 
wie köue : köue, köu : köuu und von der starken stufe aus- 
gehend paradigmen köuk : köugu, köukne : köukse od. köu- 
kene : köukese (in anlehnung an deminutivbildungen auf -ke, 
-kene) geschaffen. 



Dieses ostseetinnische wort hat indoeuropäische verwandte : 
ich denke an das lit. kaukas, apreuss. cawx o: kauks. ^ 

Lit. kaükas bedeutet 'ein unterirdisch männchen' (^hELCKE, 
wbuch 1800), 'ein alraun, ein unterirdisches kleines männlein; 
ein ungetauft gestorbenes kind' (Nesselma.\.\, wbuch 1851), 'ein 
zwerghafter geist, kobold, heinzelmännchen. alraun der littauer; 
ein ungetauft gestorbenes kind ; (bei Kelch) zwerg' (Kursch.at), 
'wampyr' (Miezinis). Auch das kompositum kaukspennis (Nes- 
selmann), kaükspenis (Kurschat) Monnerkeil, donnerstein' ispe- 
nys 'zapfen; zäpflein über der kehle; Ohrläppchen; zitze am euter 
der kühe, schaafe u. dgl.', siehe Nesselmann 493 u. Kurschat 
397). Aus älteren quellen mag angeführt werden, dass in dem 
katechismus v. j. 1547 gesagt wird: „Oui ad malas artes adijciunt 
animum Eithuaros et Caucos Deos profitentur suos""^; Ion. Lasicii 



(bei Ganander, neben kouko) i.st wohl auf ähnliche weise zu er- 
klären: <^ *kofilcei. 

' Formell (sotjar seniasiologisch) wäre ein vergleich mit aind. 
kökas 'wolf nicht unmöglich. Das aind. wort wird jedoch als onoma- 
topoetisch anfgefasst (siehe Uhlenbeck, Etym. wbuch der altind. spra- 
che sub voce kokas) und ist unsicheren alters, weshalb dieses wort wohl 
ganz beiseite gelassen werden darf. — J. Krohn, Kirj. hist. 497 hat 
den heldennamen Kauko einerseits mit est. köu, köuke, fi. kouko und 
anderseits mit lit. kaükas verbunden, indem er meint, Kauko sei irgend- 
eine bezeichnung des donnergottes. Thomsen FBB 148 fussu. verwirft 
diese Zusammenstellung mit recht, da ja die bedeutungen des lit. kaü- 
kas keine entsprechung im fi. Kauko finden. Ganz anders Hegt ja aber 
die Sache mit fi. kouko. — Die Zusammenstellung des estnischen und 
finnischen wortes fnidet man schon in der arbeit >M}'th. u. mag. lieder 
der esten» v. Kreutzwald u. Neus 12. 

* Magaz. hrsg. v. d. Lettisch-Literarischen Gesellschaft XIV 131. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 191 

De Diis Samagitarum (lhl5): „Kaukie, suni lemures, quos 
Russi Uboze appellant: barbatuli, altitudine unius palmi extensi: 
ijs qui illos esse credunt, conspicui: aliis minime. bis cibi omnis 
edulii apponuntur. quod nisi fiat, ea sunt opinione, vt ideo 
suas fortunas (id quod accidit) amittant." ^ Matthaeus Prae- 
TORius, Deliciae Prussicae (1676-98): Kaueke (neben dem. akk. 
pL Kaukuczus) sind erdmännlein mit einem roten flecken „wie 
ein mützchen" auf dem köpf, sie „wohnen in scheunen, spei- 
chern, auch wohnhäu-sern", sie sind glückbringende heinzelmänn- 
chen; besondere zauberer, Kaukuczones, wussten sie an bestimmte 
orte zu bannen und standen in grossem ansehen. '- Der glaube 
an kaukai ist bis auf die heutige zeit bewahrt. Bezzknberger, 
Litauische Forschungen 63, vgl. 42 berichtet u. a., dass ein 
kauks aus einer eberhode oder aus dem ei eines siebenjährigen 
hahnes entsteht; die kauke sind kleine wesen in menschen- 
gestalt, oder auch, ein kauks ist ein vogel mit einem sehr lan- 
gen glänzenden schweif; den kauks muss man gut füttern und 
hegen; der kauks bringt seinem besitzer allerlei hab und gut: 
getreide, heu, kartoffeln, butter, schmand, fleisch und brot usw.; 
wo ein kauks sich aufhält, werden die Vorräte nie alle. Nach 
Wolter, KariixosiiCL ^avKuin (84 f.) ist kaükas „diener des 
unreinen geistes"; er erscheint bald in der gestalt einer eule, 
bald als feuriger drache, bisweilen in der gestalt einer katze; 
die kauke bringen geld und Vorräte; sie sind zweierlei, gute 
und böse. 

Aus dem altpreussischen hat man cawx (o: kauks) "teu- 
fel' (diese bedeutung beruht wohl auf christlichem einfluss) und 
Ortsnamen wie cauca-liskis, kawca-liszkis, name eines sumpfes 
(^eig. 'kaukenlager'), kauc-stira, kauc-strin, caustir, name eines 
flüsschens in Samland (siehe ' Ne.sselmaxx, Thesaurus ling. 
pru.ss. 67-8). 

Man sieht also, dass kaükas wesentlich ein hausgeist, 
meistens ein guter geist ist und dass sich die Vorstellungen 
von kaukai im grossen und ganzen mit denjenigen der deut- 
schen von ihren kobolden und alraunen decken. Über den 
Ursprung des baltischen wortes sind verschiedene meinungen 



' Aao. 93 (p. 51 des oriyinals). 
^ Vgl. USENER, Götternanien 92-3. 



192 E. N. Setälä. 

geäussert worden, Th. y. Grienberger (Arch. f. slav. phil. XVIII 
69 f.) glaubt, dass sich in dem lit. vvort kaükas zwei Wörter 
gekreuzt haben, von ^^'elchen das eine zu der sippe von germ. 
got. hauhs 'hoch' (bezw. aisl. haugr) usw. gehört (dazu beson- 
ders lit. kaükas beule, auch die Ortsnamen wie Kaukie'nai und 
Kaukwiecziai, apreuss. Caucaliskis us\\\ u'ill er als 'hochstät- 
ten', 'hochlager' auffassen), das andere hin\^•ieder stellt er zu 
kaiikti 'heulen': kaükas als 'dämon' und 'seele eines ungetauft 
verstorbenen kindes' könnte man also entweder akustisch als 
geisterhafte stimmen oder nach dem Verhältnis von lat. spiritus 
zu spirare als 'seele' gleich dem hauch des atems erklären ; als 
alternative weist er noch auf die möglichkeit hin, *Kaukei als 
'die hohen' im sinne von 'die mächtigen" aufzufassen. Mikkola 
Bezzenbergers Beitr. XXII 241 verbindet lit. kaükas mit germ. 
got. hugs, as. hugi, aisl. hugr 'sinn, seele' (germ. *huyi <C schwach- 
stuf. *JcuTci — - ieur. *'konlco- >> lit. kaükas; nnorw. auch haug 
mit ablaut ou wie im lit.). 

Soweit ich die sache beurteilen kann, ist freilich die ety- 
mologie von Mikkola sowohl formell als semasiologisch ein- 
vv^andsfrei, es liegt aber natürlich in der natur der sache, dass 
eine solche etymologie nicht bindend bewiesen werden kann. 
Das GRiENBERGERSche raisonnement bei der auffassung der 
kauke als "die hohen' ist meines erachtens zu verwerfen. ^ 
Eine Verbindung des lit. kaükas mit der germ. sippe \on got. 
hatihs, aisl. här (vorgerm. *k6ii'kos), bezw. aisl. haugr (vor- 
germ. *'koiiTc6s) wäre, wenn ich darüber eine meinung ausspre- 
chen darf, nur unter der bedingung möglich, dass man — mit 
herbeiziehung auch von lit. kaukarus, kaukarius 'berggott" bei 
MiELCKE und Brodowski, von kaukarei, welche Praetorius 
unter den hausgöttern nennt, und kaiikoras 'alraun', welches 
bei Kurschat in eckigen klammern angeführt wird (alle diese 
zu lit. kaukarä 'hügel') ^ — die kauke als "bergmänner, hügel- 



1 Mau ])raucht wohl nicht einmal bei lit. kaükas 'beule' eine 
bedeutung 'hoch' als (unmittelbaren) ausgangspunkt aufzufassen (viel- 
leicht bedeutet 'beule" nur eine von einer seele des verstorbenen verur- 
sachte krankheit?). 

^ Der Zusammenhang zwischen kaukarus (kaukarius) und kaükas 
wurde von Schleicher, Lituanica, Sitzungsber. der Wiener Akademie 
1853 XI 97 als alternative genannt, aber von Usener, Götternamen 93 
abgelehnt. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 193 

männer' aufzufassen habe: vj^l. aisl. haugbüi 'hügelbewohner' 
('verstorbener, welcher in dem hügel wohnt, wo er begraben 
ist' oder 'der in dem berge wohnt'? ') und die neunord. benen- 
nungen der alraune nnorvv. haugfolk, haugtussar, dän. höjfolk, 
bjergfolk (sing, bjergmand), schwed. berggubbar (Närke); die 
wohnstätten der alraune sind in Island alfhaugar, in Norwegen 
huldre-, vette- od. tussehaugar, in Dänemark elverhöje, in 
Schweden elvekullar (selten). 2 Die bedeutungsentwicklung von 
lit. kaükas wäre dann dieselbe wie bei fi. hüsi, welches wort 
ursprünglich 'berghöhe, hain, opferstätte' (bei Agricola, est. 
hiiz 'hain, gebüsch') und dann auch 'böser geist' bedeutet, oder 
bei wotj. lud 'feld, ackerfeld; der heilige opferhain' (zu fi. lansi 
gen. lärmen 'niedrig gelegenes land', lanto id., est. laaz gen. 
laane 'dichter laubwald auf feuchtem boden'), welches auch 
den "bösen geist, der in einem lud-\\a.\n wohnt', bezeichnet. ^ 

Welche et} mologie das baltische wort aber auch haben 
mag, ist kaum daran zu zweifeln, dass die urvorstellung bei 
diesem worte "seele des verstorbenen' gewesen ist: daraus 
sind ja die verschiedenen bedeutungen am besten abzuleiten. 

Wir kehren nun zu dem finnischen kouko zurück. W^as 
zuerst die form anbelangt, könnte man daran denken, dass das 
wort aus dem baltischen in das finnische entlehnt sei und dass 
man hier einen neuen fall von fi. o gegenüber balt. a hätte 
zu denen, welche Thomsen FBB 89 f., alle möglichkeiten in 
betracht ziehend, behandelt (fi. olut lit. alüs, morsian ^ lit. 
marti, fi. oinas lit. avinas, fi. lohi -- lit. läszis, fi. toe gen. 
tokehen ^ lit. takiszas). Es ist aber auch die möglichkeit 
vorhanden, dass das fi. kouko direkt aus einem vorlitaui- 
schen (indoeuropäischen) *7coiiko- abzuleiten wäre. Das wort 



^ Siehe Uxwerth, Untersuchungen über toteukult und Odinn- 
verehrung, Breslau 1911, p. 7-16: kap. i. »die toten im berge >. 

^ Siehe angaben bei Celandhr, Lokes mytiska Ursprung 28-29. — 
Um eine ganz lose hypothese auszusprechen, erlaube ich mir daran zu 
erinnern, dass ein zwerg in Vgluspä 15, Snorra Edda, Gj-lfaginn. 14 
(Arnamagn. ed. I 66) Här, Harr heisst, welches wort sich formell mit 
einem lit. kaükas decken könnte! (Hier bedeutet wohl jedoch Här, 
Harr eher 'grau'Pi. 

ä Über die bedeutungen des wotj. lud siehe Wichmanx, Suomi 
III 6 16 f. 

Finn.-ugr. Forsch. XII. '3 



194 E. N. Setälä. 



hätte sich dann an die finnischen /-stamme angeschlossen, 
ganz wie orpo 'waise' (Agr. oruoi o : orvoi) aus einem *orbho- 
auf indoeuropäischer seite. 

Die semasiologische entwicklung auf der finnischen seite 
ist sehr interessant: teils sieht man offenbar ältere züge als im 
litauischen, teils ist die entwicklung der bedeutungen von be- 
sonderer Wichtigkeit. Die bedeutung 'seele eines verstorbenen' 
findet man wohl am deutlichsten in der est. bedeutung 'ge- 
spenst, bezw. ahnherr, alter mann' und in der finn. bedeu- 
tung 'tod, der geist des todes'. Dass kouko 'bär bedeutet, 
entspricht den weit verbreiteten Vorstellungen, dass die mensch- 
liche seele den körper verlässt und in tiergestalt, besonders 
gerade als bär oder wolf erscheint (dieses glaubte man ja ua. 
auch von aisl. hugr, vgl. Fritzxer Ordb. II 85). Sehr interes- 
sant ist, dass köu bei den esten zum "donner, donnergott' 
geworden ist. Man sieht, wie sich der seelenglaube zum na- 
turglauben entwickeln kann und wie der schritt von dem erste- 
ren zum letzteren garnicht so gross ist. ^ 



Kurko, kurki. 

Im finnischen kommt als fluch- und Schimpfwort kurko 
vor; es bedeutet nach Lönnrot: 'ein böser geist, teufel' und 
wird auch als Schimpfwort gebraucht: kurko hänen ties 'der 
teufel mag es wissen'. 

Ähnliche belege findet man bei Juteini: kuka kurko j'ön 
aikana nun kovasti huutaa.^ (Jak. Juteinin kirj. IV 117) 'wer 
teufel schreit so laut in der nacht'? Und an einem anderen 
orte (Jak. Juteinin kirj. II 45): 



^ Mau kann freilich dabei auch au uordische muster deuken. Es 
wäre mögUch, dass köu iu der bedeutuug 'alter mauu' zur bezeichnung 
des donners uud dounergottes geworden wäre, wie fi. ukko (siehe verf. 
FUF X 198 f.). Auch von der bedeutung 'bär' liesse es sich ausgehen; 
zu vergleichen wäre, dass auch Thor bei den Skandinaviern als epithet 
Björn "bär' (Snorra-Edda, Skäldskap. 75, Arnamagn. ed. 553) hatte. — 
Ob die alte Vorstellung in den finnischen zauberrunen, dass der bär aus 
dem h i m m e 1 stammte und daraus niedergelassen wurde, irgendetwas 
mit der entstehung der rolle von est. köu zu tun haben könnte, muss 
diesmal dahingestellt bleiben. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 195 

kuka kurko iiosti uaiulat wer teufel hat die kreaturen 

yksin kaksiii yleinmäksi ? höher geholjen (als den tierquälen- 
den menschen) ? 

In einem schlangensegen aus Suomenniemi (Chaiiotta 
Europseus 204) wird zur schlänge gesagt : Pure Kurko poiki- 
jasi 'beisse, teufel, deine eigenen jungen!' Als mythologische 
Persönlichkeit scheint kurko dagegen in der volkspoesie nicht 
aufzutreten. ^ 

In den handschriftlichen Sammlungen für das Wörterbuch 
der finnischen Volkssprache kommt kurko in Ikaalinen in der 
bedeutung 'laus auf dem köpf vor (vgl. oben koll p. 172 und 
kouko p. 185). 

Mit diesem wort gehört ohne zweifei kurki in denselben 
oder ähnlichen bedeutungen zusammen. Nach Juslenius be- 
deutet curki 'spectrum, terriculamentum' (schwed. 'spoke, 
skrämsle'), dieselbe bedeutung hat kurki auch nach Ganaxders 
handschriftlichem Wörterbuch, dazu noch "bär' (unter dem 
wort kouki erläutert er das v\'ort kouko mit ..kurki, metzä 
haaska, karhu, en Björn"). Er nennt besonders das wort- 
gefüge paha kurki "teufel', z. b. Mikas paha kurki sen olis 
■wjenyt 'wer teufel hätte es genommen?'; woi paha kurki 
kuitenni 'es war doch schlecht' (,.vox indignationis"); iso 
kurki, mettän kurki 'bär', 'ursus'. Seine notizen werden von 
Renvall wiederholt (paha kurki 'genius malus et horribilis'). 
Nach LöNNROT ist kurki ein gelindes fluchwort, bedeutet sonst 
auch 'gespenst, böser geist, teufel'; mihin pahan kurjen paik- 
kaan 'an welchen teufelsort'; sonst wiederholt auch er Gaxan- 
DERs angaben. 

Auch die Sammlungen für das Wörterbuch der Volksspra- 
che kennen diese bedeutungen von kurki, zb. voi pahakurki 
kumminkin *ach der teufel' (Pöytyä, Orihvesi). Aus Orihvesi 



' In einer alten aufzeichnung des Ursprungs des eisens (.\rwids- 
son-Chrons II 40) heisst es: 

kuro J[umala], kuro lu[oIja, k. gott, k. schöpfer, 

kyro 6 pergelettä. k. sechs teufel. 

Die verse sind aber so unklar, dass nicht einmal zu ersehen ist, 
ob kuro hier ein nomen oder ein verb ist. 



196 E. N. Setälä. 



ist notiert: ähä! jopa tuli kurki karjaan 'ach, der bär [?] kam 
in die Viehherde!'. 

Wenn man also kurko und kurki zusammennimmt, fin- 
det man beinahe dieselben bedeutungen wie bei kouko: 'ge- 
spenst — teufel — bär — laus', und es kann keineni zweifei 
unterliegen, dass hier ein wort mythologischen inhalts vorliegt. 

Ein wort, mit welchem dieses zusammengehalten werden 
kann, finden wir im altpreussischen Curche, Ciireho "der ernte- 
gott der heidnischen preussen': 1249 „ydolo quem semel in 
anno coUectis frugibus consueuerunt confingere et pro deo 
colere, cui nomen Curche imposuerunt" (Lucas David, Preuss. 
Chronik III 124, siehe Usener, Götternamen 94), bei Simon- 
Grünau, Preuss. Chronik I 96 ist der sechste gott Curcho, als 
gott der speise und des tranks bezeichnet, dem man körn und 
vveizen, mehl, milch und honig u. a. weihte; 'so ist am Hocker- 
lande am habe ein stein genant zum heiligen stein, auff diesem 
ein iglicher fischer im den irsten fisch zur ehren vorbrandte, 
dan er im gerne irgreiff'. Der name erschien und erscheint 
noch auch in vielen Ortsnamen, welche von der Verbreitung 
des kultus zeugen: Kvirken, Kurkau, Kurkowken, Kurkenfeld, 
Korkehnen, Kvurkosadil (wohl 'sitz des curcho') usw. (siehe 
Nesselmann, Thesaurus linguae prussicae 84-5, Usener Götter- 
namen 94). 

Wie Usener aao. bemerkt, ist also Kurche nach dem 
Wortlaut der Urkunde das idol, das man aus den letzten ähren 
der ernte bildete. Nach den finnischen bedeutungen zu schlies- 
sen, ist jedoch die ursprüngliche bedeutung, deren reste im 
finnischen fortzuleben scheinen, 'geist des verstorbenen' ge- 
wesen. Zu der bedeutungsentwicklung vgl. diejenige von 
kouko. In fi. kurko und kurki (stamm kurke-) findet man 
entweder den Wechsel von apreuss. Curcho und Curche wie- 
der oder ist kurki eine ähnliche bildung < *h.(r]cel wie panki 
<1 *2^atjkei (siehe oben 189). 

Es gibt auch einen apreuss. Gurcho (bei Bretkun Gurklius) 
'gott des getreidesegens', welcher nach Praetorius seinen namen 
von gurklo (preuss. = 'kehle') haben soll. Das wort ist mei- 
nes Wissens garnicht aufgeklärt. Nur der Kuriosität halber 
erwähne ich, dass Ganander in seinem handschriftlichen wör- 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 197 

terbuch ein Tulikurkku ^ 'troll ignem \-omens' und Tulikurkii- 
tur (sie 0: -tar) 'igni vomens Dea, eadem ac Syöjätär* nennt, 
welche er sogar mit „Kurkos — Deus Veterum Borussorum" in 

Verbindung bringt („in lingva Prussica occurrunt nomina 

prccsertim Deorum, origine Fennica — ex. gr. kurkos — Deus 
— a F'enn. kurkku gula"). 



Pavannainen. 

Iin gedruckten Kalevala kommt zweimal (18 420 und 
45 14) Pauanne als paralleluort von Ukko vor (Ukkoa rukoe- 
levi, Pauannetta palvoavi 't^ehte nun zu Ukko oben, betet 
also zu dem donnerer'). Lönnrot, welcher das wort als 'don- 
nerer, donnergott' (siehe sein Wörterbuch, vgl. pavikkua 'knal- 
len, schmettern', pauhata 'poltern, lärmen') aufgefasst hat, hat 
dieses wort aus einem lied von dem berühmten sänger Arhippa 
(Latvajärvi), wo es heisst (VLR 54 45-6): 

Ukkoa rukuiloopi, Er fleht zu Ukko, 

Pavan naista palveloo[pi]. er betet Pavaniiaineu an. 

Die Schreibweise Pavan naista (wie wenn es naista part. 
von nainen 'weib' wäre) beruht offenbar auf einem Irrtum des 
aufzeichnenden; eigentümlicherweise hat er dann über die zeile 
Pauahnetta geschrieben und aus diesem Pauahnetta hat er 
sein Pauannetta, was eine auf gelehrter Volksetymologie beru- 
hende korrektur ist. 

Ein anderes mal hat derselbe Arhippa selbst stattdessen 
Palvannetta gesungen (VLR 54 a 9). Und sonst erscheint Pal- 
vanen oder Palvonen als parallelwort zu Ukko (z. b. satoi 
Ukko uutta lunta, Palvanen vitiä viskoi 'Ukko regnete jungen 
Schnee, Palvanen Hess neuen schnee kommen', Lönnrot A II 
6 105), zu Tuuri {= Thor der Skandinavier) und sogar zu 
Piru 'teufel': Tuurin (Pirun) uutehen tupahan, Palvasen laetto- 



' Tulikurkut od. tulikulkut als parallelwort zu noiat 'die zauberer' 
kommt zb. Ijei Topelius, Vanh. ruu. V 13 (Sotkarao), bei Lönnrot A 
II 8 16 vor; als parallelwort zu Pohjan - - musta koira erscheint tuli- 
kulkku zb. bei J. Saksa 2 (Suomussalmi). 



E. N. Setälä. 



mahan '[die biene soll fliegen] in die neue stabe Tuuris, in die 
dachlose des Palvanen', d. h. in die luft (Lönnrot A II 6 91, Karja 
lainen 139). Auch in dem lied von dem grossen ochsen kommt 
Palvanen (Palvani), Palvonen als paralleh^'ort von Virokannas 
(teils auch vikko), als schlachter des ochsen (VLR 892 11-2, 898 
21, 945 151) bezw. als tauf pate des (Christus)kindes (VLR 689 
26) vor. Palvanne, Palvanen, Palvonen lässt sich als 'der an- 
zubetende' 1 auffassen ; es väre in diesem fall eine ableitung 
des finnischen verbums palvon 'anbeten', frequent. palvelen 
'dienen', est. palun 'bitten', mord. palan 'küssen' (urspr. wohl 
'grüssen, anbeten', vgl. weps. t'ervehtan 'küssen' = fi. terveh- 
dän 'grüssen'). Die bildung wäre also von gleicher art wie 
das germ. gott (got. gu|)), welches als auf ieur. *gliuto-m 
'das angerufene wesen' beruhend aufgefasst wird (zu aind. 
hü 'götter anrufen'). Auf der finnischen seite ist jedoch eine 
derartige bildung meines Wissens sonst unbekannt. Vielleicht 
w^äre deshalb die Verbindung mit palvon nur eine volksetymolo- 
gische und palvanne usw. nur eine Verdrehung eines unver- 
ständlich gewordenen namens. Darauf weist auch die form 
Pavannaista, Panahnetta hin ; die beiden formen wie auch die 
auf gelehrter Volksetymologie beruhende auffassung Lönnrots, 
dass in Pavannainen, Pauahne eine zu rekonstruierende don- 
nergottheit zu sehen wäre, bezeugen, dass hier nicht von einem 
Schreibfehler (etwa Pavannaista statt Palvannaista) die rede 
sein kann. 

Im mordwinischen findet sich bekanntlich ein wort M 
pavas 'gott; glück' (Ahloa'ist führt nur die bedeutung 'glück' 
an), E 2^(^^i po.s 'gott', welches aus dem arischen stammt: aind. 
bhagas 'reichtum, glück; glückspender, zuteiler, herr, namc 
eines gottes', ap. baga-, av. baya- m. 'herr; gott', gä^isch-av. baga-, 
jungav. baj'a- n. 'anteil, los'. Das mord. pavas muss ja ein 
sehr altes lehnwort sein — hat sich doch hier sogar das aus- 
lautende -s erhalten — , und es ist sehr eigentümlich, dass 
man dieses wort nur im mordwinischen antrifft. Sonst findet 
man die alten arischen lehnwörter gewöhnlich in mehreren fin- 
nisch-ugrischen sprachen, da sie ja in einer periode eingedrun- 
gen sind, wo die finnisch-ugrischen sprachen eine viel nähere 



' Siehe Krohn, Kai. run. bist. 631. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 199 

einheit, wenigstens eine geographisch-kulturelle einheit bildeten. 
Man kann also gut die frage stellen: könnte man nicht in 
pavannainen (vielleicht auch palvanen usw.) einen nachkom- 
men des Wortes aind. bhagas sehen? Dies ist vorläufig nur 
eine hypothese oder richtiger eine frage, auf die man bei der 
forschung die äugen gerichtet halten muss. 



Rauni. 

In dem bekannten Verzeichnis der heidnischen götter der 
finnen von dem bischof Agricola in der vorrede der finnischen 
psalterübersetzung (1551) wird unter den göttern der karelier 
Rauni als gemahlin Ukkos, des donnergottes, vorgeführt: 

Quin Rauni Vkon Naini härsk}', 

ialosti Wkoi Pohiasti pärsky, 

Se sis annoi Jlman ia Wdhen Tulon. 

Diese \-erse werden von Porthan (oder Lencqvist 1) fol- 
gendermassen übersetzt: 

Cum Rauni I'ckonis uxor streperet, 

Valide Ucko prorsus touabat, 

nie igitur dedit tempestatera (exoptabilem) et novam annouam. - 

Diese Übersetzung ist wohl im wesentlichen richtig, ob- 
gleich einige einzelheiten nicht ganz sicher sind. ^ Für unse- 



1 De superstitioue veterum Fennoruni, diss. quas praes. H. G. 
Porthan examini publ. obtulit Christianus Erici Lencovist (1782), 
Porthan, Op. sei. IV 53-4. 

^ In der lateinischen bearbeiti;ng des AGRicOLAschen gedichtes 
von SiGFRiDUS Aronus Forsiu.S (geb. ca. 1550, gest. 1627) (gedr. in 
der Zeitung »Tidningar utgifue af et Sällskap i Äbo, 1778, p. 113, vgl. 
darüber FUF VII 226) sind die verse von Ukko und Rauni folgender- 
massen frei wiedergegeben: 

Ucko ciet pluvias, metuendaque fulgura vibrat, 
Rauna uiovet ventos, fulmine et ipsa minax. 

3 Das AoRicoi.Asche Wdhen Tulon 'einen neuen ertrag' (Porthan: 
'novam annonam') ist jedoch wahrscheinlich ein druckfehler, wofür Wo- 
dhen Tulon (= vuoden tulon) den Jahresertrag" zu lesen ist. Die dem 
reim zuliebe gewählten ausdrücke härsky und pärsky sind etwas un- 



200 E. N. Setälä. 



ren zweck kommt es jedoch nicht daraut an, wie diese einzel- 
heiten zu verstehen sind ; die hauptsache ist die nachricht, dass 
Rauni Ukkos weib war. 

Der name Baum hat zu verschiedenen Vermutungen an- 
lass gegeben. 

Petrus Bang hatte in seiner „Priscorum Sveo-Gothorum 
ecclesia" (1675), p. 209, die in rede stehenden zeilen folgender- 
massen frei ins schwedische übersetzt: 

När Ragnel Thorinnan begynte Als Ragnel Thorinna zu lärmen be- 

storliuda, gaun, 

bulra Thor och gaff nyt siuda. donnerte Thor und gab neues zu 

sieden. 

Diese verse gingen (offenbar über Gabriel Arctopolita- 
Nus' „Dissertatio historica de origine ac reiigione Fennonum, 
Vpsaliae 1728, p. 39) in das Lexicon Mythologicum von Finn 
Magnusen (anhang zu der Arnamagnaeanischen edition der Sie- 
mundar-Edda, p. 934) über. Obgleich er selbst Rauni mit dem 
nord. Ran (weib ^Egirs) verband, ^ nennt er doch eine schwe- 
dische gottheit Ragnel Thorinna (mit der erläuterung: „Ragn- 
hilda i. e. divina bellona vel nympha, Thori uxor) — alles 
nach den BÄNoschen versen, von welchen er jedoch in einer 
note (p. 935) ausdrücklich sagt: „Sunt tarnen hi versus in Sve- 
cicum sermonem translati e Finnico, ubi Thorus (Finnic^e my- 
tholo^iffi tenore) Ucko sed uxor ejus Rauni dicitur". 



klar, ebenso Pohjasti ('aus dem norden"? oder 'von dem boden'? oder 
gründlich'?). Auch das Verhältnis der verschiedenen sätze, wie auch 
das Subjekt der letzten zeile ist nicht ganz sicher. Man kann also an 
folgende möglichkeiten denken: 'als Rauni, Ukkos weib tobte (?), lärmte 
(spritzte?) Ukko heftig aus dem norden (von dem boden? gründlich?); 
dies (er? sie?) gab (gutes) wetter und Jahresertrag (neuen ertrag?/, oder 
auch (jedoch weniger wahrscheinlich): als Rauni - - - tobte (?), Ukko 
heftig - - - lärmte, gab dies - - - den Jahresertrag'. 

• Lex. Mj'thol. 662: »Sic etiam Rana a Finnorum poetis decan- 
tatur ex istorum priscä relligione, sub nomine Rauni (Septentrionalium 
illi Ran ad ungvem conveniente, cum Raun rite pronuntiari debeat). 
Heec inter eos fuit uxor Dei Ucconis, (aut Taranis) ctelum & mare 
specialiter gubernantis. Qvum ista irasceretur dirae tempestates telluri 
immittebantur. Careli in primis eam coluerunt, sed Sveci posterius ejus 
nonien in Ragnil (sive Ragnild) niutarunt, Thori (Finuici, ut puto) 
uxorem eam appellantes». 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 201 

Obgleich es ganz klar ist, dass Thorinna nur eine Über- 
setzung des AoRicoLASchen Vkon Naini 'IJkkos weih' und 
Ragnel eine auf „gelehrter xolksetymologie*' beruhende nach- 
bildung von Rauni war, hat Ragnel als Thors weib, bezw. mit 
Skaöi identisch, durch E. H. Meyer '' ihren einzug in den ger- 
manischen Olymp gehalten. 

Porthan (od. Lencqvist) ^ hat zögernd eine andere Ver- 
bindung erwähnt: „NuUa hujus Deae occurrit in carminibus 
mentio; neque definire audemus, quam cognationem nomen 
suum vel cum voce Fennica Raunio, acervus lapidum, vel 
cum nominibus propriis hie derivatis habeat, e. gr. Raunistiola 
prope Aboam". 

Ausser der schon früher genannten Zusammenstellung mit 
der nordischen gottheit Rän (welche Finn Magnusen gemacht 
hat) hat neuerdings Mikkola (FUF IV 248) den gedanken aus- 
gesprochen, man könnte vielleicht auf grund von Rauni eine 
alte germanische femininbildung *Frainil zu Frau — wie Freya 
zu Freyr — supponieren. 

Alle diese Verbindungen sind unbefriedigend. Die sup- 
position von Ragnel ist nur ein einfall, eine Zusammenstel- 
lung mit raunio ist durch nichts zu rechtfertigen, die mit Rän 
ist schon lautlich nicht gutzuheissen, und die annähme der 
existenz eines früheren "Fraum ist doch zu hypothetisch. 

Rauni als weib des donnergottes ist eigentlich ein 
cLt«^ Xsyöfisvov. Dieses wort ist jedoch nicht ganz ausge- 
storben: in den zauberrunen finden wir noch Rauna od. Raana 
Pohjolan emäntä 'R., herrin von Pohjola' (in einem Zauber- 
spruch gegen die kälte, Ilamantsi, Lönnrot S 250, vgl. Kantele 
IV 28; vgl. Loitsurun. 183, gebet beim stillen des hundes). 
Hierher gehört auch Raunikko rahojen vanhin, Louhi Pohjo- 
lan emäntä 'R. die älteste gebieterin der fellhäute, L. die 
herrin von Pohjola' (gebet beim fuchsfang, Loitsurun. 227, 
daneben eine Verdrehung: Rammikko rahoin vanhin, Louhi 
Pohjolan emäntä, Kesälahti, Lönnrot S 166, siehe auch Loit- 



1 E. H. Meyer, Indogermanische M3-then II 519, 628: Ragnel 
Thorinna, »wo der beiname Ragnel gleich Skaoi, der sUimiwolke, steht '; 
vgl. E. H. Meyer, Germanische Mythologie (1891) 203. 

- PORTHAX, Op. sei. IV 69. 



202 E. N. SETÄI.Ä. 

surun. ib.). In einer zauberrune von dem Ursprung der kälte 
wird von Raani pakkasen emonen 'R. mutter der kälte' ge- 
sprochen, welche mit dem rücken gegen den wind lag, wobei 
der wind sie schwängerte, und sie gebar drei kinder, u. a. die 
kälte (Loitsurun. 300). Es ist kaum zu bezweifeln, dass man 
hier in diesen benennungen der herrin von Pohjola oder der 
mutter der kälte die letzten spuren von dem weih Ukkos Rauni 
vor sich hat. 

Ausser dem finnischen ^ ist die entsprechende und mit 
dem finnischen ganz übereinstimmende bezeichnung auch bei 
den läppen vorgekommen. In der lappischen mythologie von 
Jacob P'ellman ^ kommt nämlich folgender artikel vor: 

„Ravdna, Ukkos weib, die kinderlose, die nie gebiert. 
Sie wird auch Akko genannt. Die Vogelbeeren waren ihr 
geheiligt. Sie wuchsen auch gewöhnlich reichlich 
bei ihren grotten". ^ 

Es ist nun sehr wohl möglich, dass Ip. Ravdna zunächst 
von den finnen entlehnt ist. Die lappische notiz enthält jedoch 
sehr wichtige beitrage zu den äusserst spärlichen finnischen, 



1 Reiman (Löwe-Reiman, Kalewipoeg 277), sagt, dass Kreutz- 
WAED in seinem aufsatz »Beitrag zur Mythologie der Ehsten», Inland 
1S38, sp. 133 neben dem est. Uku Wanaisa »seine gemahlin Rannj an- 
führt». Kreutzwald sagt jedoch nur, dass »das beliebte Weiberfest 
am Tage Mariä-Verkündigung (vgl. Inland Jhrg. II. Xr. 27) einen Nach- 
hall der dem Ukkon und seiner Gemahlin Rannj zu Ehren gefeierten 
Frühlingsljacchaualien bildet» mit hinweis auf »die von He\rn niitge- 
theilten Finnischen Reime des Sigeridi Aronis». Der hinveis bezieht 
sich auf Thomas Hiärns »Ehst-, Lyf- und Lettlaendische Geschichte 
(hrsg. Mitau 1794, p. 37, und in Riga und Leipzig 1835 in Monum. 
Livon. Antiqu. I, p. 28), wo das finnische götterverzeichnis Agricoeas 
unter dem uamen SigridüS Aronus" vorgeführt wird (- - - »wie man 
solches aus nachfolgenden des Sigeridi Aronis alten finnischen Rei- 
men, so er den ersten in dieser Sprache ausgegangenen Psalmen Davids 
vorgesetzt, bemerken kann»). Hier hegt wohl eine eigentümliche Ver- 
wechslung zwischen dem Verfasser der reime und deren lateinischem 
Übersetzer Sigeridus Aronus vor. Hiärn schreibt sonst Raunj, der 
druckfehler Rannj ist bei Kreutzwald hinzugekommen. — Es geht 
also aus dem obengesagten hervor, dass Kreutzwald wie Hiärn hier 
von einer finnischen, nicht von einer estnischen Rauni spricht. 

2 Anteckningar under min vistelse i Lappmarken II 147. 
* Von mir gesperrt. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 203 



beitrage, die zur auffindung des Ursprungs des wortes Rauni 
füliren. 

Da ja offenbar der ganze ükkokultus seine entvvicklung 
— ob auch seinen Ursprung, soll hier nicht ausgesprochen 
werden — nordischem einfluss v^erdankt, ' ist es schon im vor- 
aus wahrscheinlich, dass auch das weib Ukkos aus dem nor- 
dischen stammt, und da in der notiz von Fellman berichtet 
wird, dass der Ravdna besonders die Vogelbeeren geheiligt 
waren und dass diese reichlich in der nähe ihrer grotten wuch- 
sen, kann man nicht unbeachtet lassen, dass die finnische wort- 
form Rauni ganz genau die ältere form der nordischen Wörter 
für 'vogelbeerbaum, eberesche' widerspiegelt (aisl. reynir, in 
Zusammensetzungen reyni-, <^ *rauniR, akk. *rauni <^ *rauniaz, 
eine erweiterte form von einem einfachen i-stamm *rauni-, wel- 
cher vielleicht zb. in estl. schwed. röun pl. röunar f. vorliegt 2). 

Der hieraus zu ziehende schluss, dass Rauni ursprünglich 
'eberesche' bedeutet, würde zu dem weiteren schluss führen, 
dass die Vorstellung, nach welcher die eberesche das weib 
des donnergottes gewesen ist oder wenigstens mit ihm 
in naher Verbindung gestanden hat, auch der nordi- 
schen mythologie angehört hat. Dass es wirklich so ge- 
wesen ist, dafür gibt es auch deutliche beweise. 

Von diesen ist der wichtigste die aussage der .Snorra- 
Edda, es gebe eine redensart, dass „die eberesche die 
hilfe Thors ist". Es wird nämlich erzählt (in dem Geirrodr- 
mythus, Skäldskap. 18, Snorra-Edda, Arnamagnccan. edition I 
288), wie der fluss Vimur dem in dem fluss watenden Thor 
bis zur Schulter anschwoll und wie dieser die zweige der 
eberesche ergreifend sich hinaufzog, \\'oraus die ebengenannte 



1 Vgl. verf. FUF X 198. 

- Im schwedisclilappischen kommt nach Lixdahl u, Öhrlixg 
raun, raudn, raudna in der bedeutung "vogelbeerbaum' vor, also in 
einer form, welche genau mit derjenigen des götternamens überein- 
stimmt. Es ist jedoch möglich, dass dieses lappische wort (wie auch 
das von WiklüND angeführte IpL räijmi-) aus den neunorwegischen 
dialekten stammt (nnorw. raun), und da der göttername Raudna viel- 
eicht durch das finnische ins lappische gekommen ist, ist hier wohl 
der zusammenfall nur z-ufällig. — Im finnischen erscheint raun(i?) in 
einem inselnamen Raunkari (in der gegend von Rauma); hier ist rauni 
wohl 'eberesche', vgl. den schwed. inselnamen Rönnskär. 



204 E. N. Setälä. 

redensart entstanden sei (— fekk tekit reynirunn ngkkurn, ok 
steig svä (')r änni; J)vi er f)at orötak haft, at reynir er b]qrg 
Ij(5rs"). 1 Es ist anzunehmen, dass „die hilfe Thors" hier 
direkt „das weib Thors" fortsetzt. 

Diese auffassung steht natürlich damit in Zusammenhang, 
dass die eberesche in den religiösen Vorstellungen der Skandi- 
navier und auch anderer germanen eine ganz besondere stelle 
eingenommen hat, wie dies auch aus dem späteren Volksglau- 
ben in den nordischen ländern und in England und Schottland, 
teilweise auch in Deutschland, hervorgeht. An verschiedenen 
orten hat die eberesche besonders als heiliger bäum gegol- 
ten. 2 Sie hatte eine besondere kraft gegen krankheiten, •* hexen 
und Zauberei, ^ war besonders für das v'eh heilbringend, ^ aus 



^ Dass wirklich die Vorstellung von der eberesche als 'hilfe Thors' 
lebendig gewesen ist, beweist auch die poetische Umschreibung des 
weibernamens Pörbjgrg in Grettis saga 52 4 durch eine eberesche, 
welche ihrerseits tveggja handa hjälp Sifjar vers = 'die hilfe der beiden 
bände des manns von Sif — Thors)' genannt wird. 

^ So heisst es zb., dass in Dänemark (in Jütland und auf der 
insel Fühnen) die eberesche bis zur letzten zeit heilig gehalten wurde 
(N. Blicher, Topographie over Vium Prtestekald 1795, p. 213, nach 
FiNN MagnuSen, Lex. myth 897). 

^ Nach dem Volksglauben in Norwegen sollen die ebereschenblät- 
ter die krankheit der Ziegenböcke (welche Thor geheiligt waren) heilen 
(siehe Finn Magnusen aao.). 

* In Schottland hilft »rowaa cross above the door» gegen hexen, 
siehe Mannhardt, Germanische Mythen 14, fussn. 7 und die daselbst 
angeführten zitate. Vgl. Jamieson, A Dictionary of the Scottish lan- 
guage 546: xThe most a])proved charni against cantrips and spells was 
a branch of rowan-tree plaited, and placed over the byre door. 
This sacred tree cannot be removed by uuholy fingers». »Auch im Nor- 
den schreibt man besonders solchen vogelbeerbäumen trollen vertrei- 
bende kraft zu, welche aus einem anderen Ijauni, vermittelst einer hin- 
eingefallenen beere hervorwachsen (flogrogn, flograagn, flouraagn).» Aus 
Schweden wird dies (flogrönn betreffend) von Hylten-Cavallius, Wä- 
rend och Wirdarne I 313-4 u. Dybeck, Runa 1845, p. 63 berichtet. Auch 
bei den inselschweden wird der vogelbeerbaum gegen hexen angewandt. 
Siehe Mannhardt aao., Aasen, Pröver af landsmaalet i Norge 7, Russ- 
wurm, Eibofolke II § 364, 10, p. 219, Afzelius, Svenska folkels sago- 
häfder I^ 20. 

* In Schweden und Dänemark wurden zb. zweige des vogel- 
beerbaumes in der mainacht auf stallen und misthaufen aufgesteckt 
(PONTOPPIDAN, Everriculum fermenti veteris So, siehe Finn Magnusen 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 205 

ihr musste der schiffer in Schweden und Norwegen etwas in 
seinem fahrzeug haben zum schütz gegen stürm und Wasser- 
geister, ^ aus ihr wurden Wünschelruten ^ gemacht. Umgekehrt 
glaubte man, dass die eberesche unheil mit sich bringt; so 
dachten sich zb. die isländer, dass ihr gebrauch für häusliche 
oder nautische zwecke unheilbringend sei. ^ Dies ist wahr- 
scheinlich teils eine folge davon, dass die eberesche für gewisse 
alltägliche dinge als zu heilig angesehen wurde, grösstenteils 
aber eine folge christlichen einflusses; ein bäum, \\'elcher mit 
einer heidnischen gottheit in Verbindung stand, musste für un- 
heilbringend angesehen werden. 

Von einem besonderen Verhältnis der eberesche zu dem 
donnergott scheint zu zeugen, dass man zb. in England glaubte, 
sie werde nicht vom blitz getroffen.'* Dasselbe Verhältnis 
erscheint vielleicht auch in dem estländisch-schwedischen rätsei 



aao., Hylten-Cavai.lius, Wärend och Wirdanie I 314). Ebenso m 
Deutschland (Mannhardt aao. 17). — Aus Schweden wird berichtet: 
wenn das vieh an einem der dem himmelfahrtstage (heUg thorsdag) 
nächst vorangehenden oder folgenden tage in den wald getrieben wurde, 
schlug der liirt das Jungvieh, welches noch keinen namen hatte, mit 
einer rute vom vogelbeerbaum (Dybeck, Runa 1844, maiheft p. 9, 
1845, p. 63, vgl. Mannhardt, Germ, mythen 19, Kuhn, Die herabkunft 
des feuers 185). Ebenso wird in Westphalen das vieh mit einem eber- 
eschenzweig, welchen die sonne beleuchtet hat, geschlagen (Woeste, 
Volksüberlieferungen aus der grafschaft Mark 25 f., siehe Mannhardt 
aao. 19. Kx'HN aao. 183). — Man hatte (bei däneu und norwegern) glück 
beim butterstossen, wenn das stossholz aus dem stamm einer eberesche 
gemacht war (Finn MagnüSEN aao.). 

1 Afzelius, Svenska folkets sagohäfder I' 20; Woeste, Volks- 
überlieferungen aus der grafschaft Mark 25 (nach Kuhn, Herabkunft 
des feuers 185). 

- In' Schweden, aus einem flygrönn 'flugesclie' : Dybeck Runa 
1845, p. 63, Kuhn aao. 205. 

^ Finn Magnusen aao. 898 und die daselbst zitierte literatur. 
Vgl. Sturlungasaga (die dän. übers, von Kälund I 5), wo berichtet 
Avird, dass dem Geirmund Heiskind von seinem land ein tal, wo eine 
einzelne eberesche wuchs und wovon immer ein Schimmer über 
die eberesche in seine äugen kam, besonders widrig war. Als sein vieh 
einmal in dieses tal gekommen war und der hirt es mit einem eber- 
eschenzweige geschlagen hatte, schlug Geirmund den hirten, verbrannte 
die rute und vernichtete die milch des tages. 
■* Kuhn, Die herabkunft des feuers 201. 



2o6 E. N. Setälä. 



(aus Worms) : Twe wärde raunträ = ränboan 'über die weit ein 
vogelbeerbaum = regenbogen'. ^ Dasselbe rätsei kommt auch bei 
den esten — wahrscheinlich als entlehnung von den Schweden 
— vor: SO bei Gutzleff: ,,ülle ilma pühhelgas (pihlakas) über 
die Welt ein Pielbeerbaum d. i. ein Regenbogen". ^ 

Die Vorstellung von der eberesche als einem heiligen bäum 
kommt auch bei den finnen und esten vor. Auch bei den An- 
nen heisst es: 

Pyhät on pihlajat pihalla, Heilig sind die ebereschen auf dem 

liofe, 



pyhät oksat pihlajissa heilig die zweige der ebereschen, 

marjaset sitä pyhenimät. ^ noch heiliger die beeren. 

Auch sonst spielt die eberesche in dem aberglauben der 
finnen und esten eine grosse rolle, wie aus den reichen 
Sammlungen der abergläubischen gebrauche bei den finnen 
und esten hervorgeht. ^ Auch hier kommt dieselbe schützende 
und heilbringende kraft der eberesche zum Vorschein. Andrer- 
seits heisst es in den finnischen zauberrunen von dem Ursprung 
der bäume allgemein, dass die eberesche vom teufel ge- 
macht worden ist (pihlaja on pirun tekemä), was wohl auf 
dem sieg des christlichen einflusses beruht. 

Diese rolle der eberesche bei den finnen und esten kann 
wesentlich auf nordischem und überhaupt germanischem ein- 
fiuss beruhen. Es ist jedoch schwer ohne eingehende ver- 
gleichende Untersuchung aller diesbezüglichen abergläubischen 
gebrauche genau anzugeben, wo die quellen der heilighaltung 
der eberesche zu suchen sind. Dieselben gebrauche kommen 



1 Russwurm, Mannhardts Zs. f. deutsche Mythologie III 350. 

- Anweisung zur Ehst. Spr. 371. Pielbeerbaum = vogelbeerbaum, 
entlehnung aus d. est. Auch bei Wiedemaxx, Aus d. inneren u. äus- 
seren leben d. ehsten 293: »üle ilma pihlakas (über die weit hin ein 
vogelbeerbaum), der regenbogen». 

* Hochzeitsrune aus Archangel-Karelien, Lönnrot A II 3 77 (vgl. 
K. Krohn, Kai. run. hist. 769); vgl. Ilamantsi, EuropEeus H 201. 

* Schon bei Forselius-Boecler wird erzählt, wie man aus eber- 
eschen hirtenstäbe, schutzstäbe machte (karjatse warjo-kepid), siehe 
Kreutzwald-Boecler, Der ehsten abergl. gebr. 116; die eberesche als 
unheilbringend siehe aao. 141. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 207 

nämlich auch bei den russen und hei den Völkern Russlands 
— auch bei den finno-ugriern vor.' 

Die heilighaltung der eberesche und ihr Verhältnis zu dem 
donnergott ist mit ähnlichen Verhältnissen der eiche zu ver- 
gleichen. Ist ja doch aisl. I^orgyn, die mutter Thors, bezw. 
die männliche gottheit Fjorgynn lautlich mit dem litauischen 
donnergott Perkunas zusammenzustellen, und dies hinwieder 
gehört zu lat. quercus 'eiche'. ^ Dies alles weist natürlich auf 
einen uralten baumkultus zurück, was aber die äusserste 
Ursache dieses kultus gewesen — ob sie in dem nahrungswert 
ihrer fruchte, ^ ob in irgendeinem anderen umstände liegt, das 
mag hier dahingestellt bleiben. 



Für die bestimmung der zeit, zu welcher Rauni zu den 
finnen gekommen ist, bietet die sprachliche form einen anhalts- 



' Maj^. phil. Uno Hoi.mberg, der sich bei den wotjaken aufge- 
halten hat, hat aufgezeichnet, dass die ebereschenzweige bei diesem 
volksstamm als mittel gegen die bösen geister angesehen werden. Auch 
in der hteratur findet man, worauf herr Holmberg mich aufmerksam 
gemacht hat, viele belege für die heilighaltung der eberesche und ihre 
Verwendung als Schutzmittel gegen böse geister bei den russen, tsche- 
remissen und wotjaken, siehe zb. über die wotjaken M. M. Chom- 
jAKOv, KpaHioaoriiHecKOMij Tiinii HeüenKuxt bothkobtj 238 (die eberesche 
bei den wotjaken heilig, der vf. stellt auch vergleiche mit dem aber- 
glauben der russen an); über die tscheremissen P. Znamenskij, 
FopHLie nepeMHCbi KasaHCKaro Kpaa, BicxH. Eßp. 1867 IV 37 (die eber- 
esche als hochgeachteter bäum, schützt gegen böse geister, auch bei 
den russen); Rjabinskij, ApAiiHCKifl npiixo;ii. KosbiiOAeMLHHCKaro yfeaja, 
II3B. apx., HCT. H 9TH0rp. XVI 187 (mit eberescheuzweigen werden bei 
den tscheremissen die häuser und tore gepeitscht, um böse geister zu 
verjagen, die sajtane werden mit ebereschen zweigen vertrieben, die 
zweige werden dann vernichtet). 

- Vgl. zb. GoLTHER, Handb. d. germ. mj-thol. 454 f., Richard 
M. Meyer, Altgerm, religionsgeschichte 308. 

* Vgl. Segerstedt, Ekguden i Dodona (Lunds Univ. ärsskr. n. f. 
I, bd. I, nr. i) 30-7, K. Krohn, Kai. run. hist. 769. Bemerke folgende 
von FiNN IMagnusex Lex. mythol. 897 angeführte notiz: »Ast nullibi 
forte tautum commodum sorbus hominibus indulget qvam in Xorvegia, 
ubi ejus bacca; gratis adnumerantur cibariis &c. unde proverbiali hacce 
utuntur phrasi: Rognen föder (sorbus nutrit vel alit). Vide Wille 
Beskr. over Sillefjords Pig. p. loi, Gjelleböl Beskr. o. Hölands Prg. 
p. 222». 



2o8 E. N. Setälä. 

punkt dar: die entlehnung hat vor dem eintreten des i-umlauts 
im nordischen stattgefunden, ^ also vor 900 n. Chr., aber 
wie viel früher, lässt sich nicht bestimmen. Auch der Inhalt 
der entlehnung: die autfassung eines bäum es als das weib 
der donnergottheit scheint für hohes alter zu sprechen. Es ist 
von gewichtigkeit konstatieren zu können, dass so alte mytho- 
logische entlehnungen tatsächlich im finnischen vorkommen: 
dieser umstand kann auch auf die beurteilung anderer entleh- 
nungen einwirken, bei denen man keine sicheren sprachhisto- 
rischen kriterien zur Verfügung hat. 



Noch ein kleiner exkurs. 

In diesem Zusammenhang mag erwähnt werden, dass nach 
Gaa'ander (Myth. fenn. 54) Maan-Emonen 'die mutter der erde" 
das weib Ukkos war, welches den schwachen kraft gab. Er zitiert 
die zeile : nouse maasta maan Emoinen, wäixeni woimaxeni 
'hebe dich von der erde, du mutter der erde, zu meinem bei- 
stand und meiner kraft'. An einer anderen stelle seiner mytho- 
logie (97) erwähnt Ganander die zeilen Ukon woima taiwahasta, 
Maasta Maan Emoisen woima wäixeni woimaxeni aus dem 
himmel Ukkos kraft, aus der erde die kraft der mutter der erde 
zu meinem beistand und zu meiner kraft'. Auch hier ist nor- 
discher einfluss möglich: die erde (iqrb) wird in der Edda- 
mythologie mit dem donnergott als dessen mutter in Zusam- 
menhang gebracht (i<2rö, moöir {)6rs 'die erde ist die mutter 
Thors', Gylfaginn. 36, Skäldskap. 24, Snorra-Edda, Arnamagn. 
ed. I 120 u. 320), und die Verknüpfung der erde und des don- 
ners bei den finnen kann darauf beruhen. Die erde, der 
boden unter den füssen, der ha usb öden als gottheit ist wohl 
jedoch bei den finnen etwas altes. Wir können natürlich in 
diesem Zusammenhang keine Untersuchung darüber anstellen, 
was eigentlich die manteren od. mannun akka 'das weib der 
erde' (akka manteren alainen 'das weib unter der erde', zb. 
Meriläinen II 89), maan tyttö, mannun neiti "das mädchen der 



^ Die ganz jungen au-formen wie estl.-schwed. rauni, unorw. raun 
'sorbus aucuparia' können natürlich bei dieser entlehnung nicht in be- 
tracht kommen. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 209 

erde' (Loitsurun. 230) od. Maan tytti manulan neiti "inädchen der 
erde, die unterirdische (?) Jungfrau' (Marttiiii 362), maan emäntä 
"die herrin der erde' (neben maan isäntä) usw. ist. ^ V.s mag nur 
darauf aufmerksam gemacht werden, dass wir in der läpp. 
Madderakka (nach I.kxxart SiDENirs, 1726, 2 „eine \-on den 
gottheiten der läppen, die auf erden sind''), göttin, welche den 
weibern bei der geburt hilfe leistet, denselben stamm wie im fi. 
mantere, manner "erde" haben, und den gleichen stamm findet 
man ja im wotjakischen wieder: wotjS M ^vüdor. K mudor 'my- 
thischer name, aller Wahrscheinlichkeit nach synonym mit Vor- 
sud; altarsäule des Vorsud in der 'i'A'n-a-hütte, die heilige gebets- 
und opferhütte des dorfes; heiligenbild'. Ursprünglich i.st aber 
mudor sicherlich die gottheit des hausbodens (vgl. syrj. mudör 
'boden, hausboden', vgl. Wichmann, Die tschuw. lehnwörter in 
den perm. sprachen 24); nach gütiger mitteilung von mag. phil. 
U. Holmberg vergraben die wotjaken, wenn sie eine alte opfer- 
hütte zerstören, asche aus ihr an ihrem platze, errichten einen 
pfähl darüber und nennen diese asche mudor — hier zeigt sich 
offenbar eine spur der ursprünglichsten bedeutung des wortes. 
In welchem grade aber hier etwas gemeinsames d. h. fin- 
nisch-ugrisches steckt, kann nicht ohne weitgehende reale \'erglei- 
chung festgestellt werden. Es muss auf alle fälle hervorgehoben 
werden, dass die lappische bezeichnung Madderakka wörtlich 



* Auch Maatar als Personifikation der erde erscheint in den zaxi- 
berrunen (zb. puu ompi Jumalan luoma, vesa Maattaren vetämä 'der 
bäum ist von Gott geschaffen, der sprösshng von Maatar erzogen', 
siehe Loitsurun. 136, vgl. 162). Dazu kommen noch maa und manner 
'erde' allein als Personifikationen vor (zb. terve maa, ter\e manner, terve 
manteren haltia. - - - Maata panen maan luvalla - - 'Heil dir, erde, 
heil dir, schutzgeist der erde; - - ich lege mich mit der erlaubnis der 
erde - -", Topelius, Vanh. run. V 54; hierher gehört sicherlich auch 
maa und manner in den schlangensegen — wie zb. Maa aseta matosi 
manner kätke martahasi 'halte du, erde, deine schlänge, verbirg, o erde, 
deinen toten', Kiimasjärvi, Meriläinen II 2399 — obgleich wohl maa und 
manner hier nicht ursprünglich sind, vgl. JuveliüS, Länsi-Suomen käär- 
meen loitsut 2S). 

^ Siehe Reuterskiöld, Källskrifter tili lapparnes mytologi 57. 
Jens Kild.a.l im -Appendix» zu seinem werk »Afguderiets Dempelse> 
sagt, dass die töchter Maderakkas, Sarakka, Juksakka und Uxakka, i n 
der erde, iinter dem fussboden des lappenzeltes wohnten, 
siehe aao. 88, 96. 

Finn.-ugr. Forsch. XII. 14 



2IO E. N. Setälä. 



ganz genau mit dem schvved. jordgumma, aschw. iordhgomma 
'hebamme" übereinstimmt. Die Übereinstimmung kann keine 
zufällige sein, sondern das lappische wort muss — ganz davon 
abgesehen, ob die bezeichnung auf einheimischem boden mög- 
licherweise alte wu''zeln gehabt hat — eine entsprechung von 
jordgumma darstellen. Aber so liefert auch das lappische wort 
eine erklärung des rätselhaften schwed. jordgumma 'hebamme': 
das wort muss ursprünglich eine unter dem hausboden^ 
wohnende gottheit, welche bei den geburten hilfe 
leistete, bezeichnet haben und sich dann einfach in der be- 
deutung 'hebamme' im schwedischen erhalten haben. '^ 



Louhi und ihre verwandten. 

Die herrin von Pohjola, welche im Kalevala eine so grosse 
rolle spielt, wird in der rein epischen finnischen Volksdichtung 
nur selten Louhi genannt — eigentlich nur in einem 1834 
von Lönnrot in Archangel-Karelien aufgezeichneten lied von 
der fahrt Lemminkäinens nach Luotola (Lonkka, VLR 815). 
Louhi gehört fast ausschliesslich den zauberrunen, bezw. den 
epischen partien der zauberrunen an. Der name Louhi ist 
eine kurzform von Louhiatar (Louhietar); diese form ihrerseits 
ist aus einem älteren Lovehetar — durch „metathese" (voraus- 
nähme der h-artikulation) — entstanden (Lovehetar zu Louhietar 
ganz wie vajehen zu vaiheen, murehen zu murheen usw., 
vgl. verf. ÄH 337 f.). Über den Ursprung von Lovehetar habe 
ich früher die ansieht ausgesprochen, dass der name mit dem 
subst. lovi 'ecstasis magica' in ausdrücken wie langeta loveen 
'in ekstase fallen' und dem verbum lovehtia 'in ekstase 
sein' (?) ^ zu verbinden sei und 'eine in ekstase gefallene hexe' 



^ Die alte ammeurede, dass die neugeborenen kinder unter dem 
liansboden (unter dem boden der badestube) gefunden werden, hat wohl 
dann alte mythologische ahnen. 

- Den hauptinhalt der Studie über Rauni habe ich in einem Vor- 
trag in der Finnisch-ugrischen Gesellschaft 26. 5. 1906 mitgeteilt. 

^ Zb. Uhut, H. Meriläinen II 940 (vgl. Loitsurunot 26) : nouse 
luontoni lovesta, havon alta haltijani luonani lovehtimahan 'erhebe dich, 
meine natur, aus der ekstase, mein genius unter dem umgefallenen bäum, 
um bei mir in ekstase zusein'. Lönnrot wbuch suppl. übersetzt loveh- 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 211 

bedeute. Diese et3'mologie hat auch die Zustimmung anderer 
forscher gefunden ; ^ es sind zwar später zwei andere erklä- 
rungsversuche dargestellt worden, aber beide so wenig begrün- 
det, dass sie kaum ernstlich in betracht gezogen werden kön- 
nen. - 

Die von mir vorgeschlagene etymologie ist jedoch nur 
eine annähme ohne eigentlichen faktischen grund. Ich hoffe 
sie jetzt — von dem überlieferten material ausgehend — durch 
eine neue einleuchtende erklärung ersetzen zu können. 



Die namen Louhi, Loveatar od. Lovehetar sind zum er- 
sten mal in der unter Porth.^ns präsidium veröffentlichten dis- 



tia eigentümlicherweise nur mit i) "heftig angreifen' (er zieht da.s russ. 
jiOBUTb heran) u. 2) 'plaudern'. — Vielleicht ist lovi 'ekstase' nichts an- 
deres als lovi "einschnitt, furche, grube\ also: langeta loveen 'in die 
grübe [d. h. zu den unterirdischen?] fallen", nouse luontoni lovesta "er- 
hebe dich, meine natur, aus der grübe [d. h. von den unterirdischen]' ? 

' Vgl. Kalevala, Selit. 1895, p. 164, K. Krohn, Kai. ruu. bist. 745. 

- K. B. WiKLUND, Vir. 1903, p. 29 spricht die Vermutung aus, 
Louhi sei identisch mit dem anfangsglied lohi- in lohikäärme (bei Agri- 
COL.A. zweimal: louhikermen, -t Weisut 4a Deut. 32, 33, Rucousk. 74 a, 
druckfehler od. Volksetymologie?) 'drache' (lohi < aschw. flogh- in 
flogh-draki, flugh-draki, vgl. aisl. flug-dreki, flug-ormr 'fliegender drache 
od. schlänge'). Diese hj-pothese geht davon aus, dass Louhi, die herrin 
von Pohjola, der von ihr entsandte adler und sampo, als 'fliegender, reich- 
tümer hütender drache' aufgefasst (siehe verf. FUF II 141-64), dasselbe 
seien. Diese Vermutung wird jedoch dadurch hinfällig, dass Louhi in 
den epischeu liedern vom sampo garnicht als herrin von Pohjola, wel- 
che mit dem sampo zu tun hat, auftritt. Eine Verbindung von Louhi 
und louhikärme scheint freilich wenigstens einmal in einer zauberrune 
vorzukommen (»Suuhun Louhi Pohjolaisen, louhi kärmehen kitaan 'in 
den mund der Louhi Pohjolaiuen, in den rächen des drachen', Lönn- 
rot R 243); die alleinstehende Verbindung muss jedoch volksetymolo- 
gisch sein. — J. W. JuvhliuS (Länsi-Suomen käärmeeu loitsut 1906, 
P- 155) vermutet einerseits, dass portto Pohjolan emäntä 'die hure, herrin 
von Pohjola', eine bezeichnung, die oft als parallele der Louhi, Loviatar 
usw. erscheint, vielleicht mit der hure der apokalypse (kap. 17) in Ver- 
bindung stehe, und bemerkt andererseits, das Louhiatar, Loviatar usw. 
an den namen des grossen biblischen drachen (vgl. fi. lohikäärme, 
louhikäärme 'drache') Leviathan erinnere, von welchem auch in der 
apokalypse (kap. 12) die rede ist. Es gibt aber keinen zureichenden 
inneren oder äusseren grund für solche vergleiche. 



212 E. N. Setälä. 



sertation „De superstitione veterum fennorum" von Chr. Lexc- 
QvisT (1782) belegt (Porthan, Op. sei. IV 71); sie werden alle 
als identisch und als bezeichnungen der herrin von Pohjola 
„partim ut matris malorum ac incommodorum, partim ut ea 
avertere et superare potentis" angeführt. Folgende zeilen wer- 
den zitiert: 

Porto Pohjolan Emändä, Meretrix (impudica?) Borealis sedis 

materfaniilias, 
Lowehetar (al. Loweatar) wanha Lovehetar vetula miilier, 
waimo, 

1 

Teki tuuli tiinehexi, Fecit gra\-idam ventus, 

Ahawa kohuUisexi etc. h e. Veutus-acris praegnantem etc. 

Und es wird fortgefahren: „Peperisse porro novem filios 
narratur, omnes deformes et aliqua parte corporis mutilatos; 
quod etiam nomina indicant, quae iis dedisse dicitur Ruho, 
Eamba, Perisokia etc. (tardus prae nimia mole corporis, 
Captus pedibus, Plane coecus etc.): maligna tarnen omnes 
erant indole, ac sagittis homines infestabant. Videtur morbo- 
rum describi genesis. In alio carmine etiam lupi et canes ira- 
cundi ejusdem proles vocantur". 

Dieselbe runenaufzeichnung hat Gaxander in seiner Myth. 
fenn. (51) benutzt; er fügt noch hinzu - was auch von Por- 
than -Lencqvist angedeutet wird — , dass sie auch Suen Emuus. 
*die mutter des wolfs* genannt wurde (er führt die zeilen an: 
kohussansa koiran kandoi, suwen muissa suolissahan, penin 
alla pernohinsa - - - 'sie trug in ihrer gebärmutter einen hund, 
einen wolf in ihren anderen därmen, einen hund unter ihrer 
milz"). Xur drei von ihren söhnen werden mit namen ge- 
nannt: Ruho, Kampa, Perisokia, ausserdem waren ihre söhne 
hunde und andere raubtiere. 

Die heute existierenden reichen Sammlungen finnischer 
volkspoesie bestätigen im einzelnen die richtigkeit der aussage 



1 Die hier ausgelasseneu zeilen sind nach Ganaxder, Myth. 
fenn. 51 (vgl. Suomi III 14 54): 

Selin tuuleheu makasi, sie lag mit dem rücken gegen den 

wind, 

Persehin pahaan säähäu. mit dem arsch gegen das schlechte 

wetter. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 213 

von Porthax-Lkncq\'ist. Der name Louhi, Loviatar usw. fin- 
det sich in einigen gebeten, ' meistens aber in der zauber- 
rune von dem Ursprung aller krankheiten. seltener in den 
Zauberrunen über einige spezielle krankheiten; auch in den zau- 
berrunen über den Ursprung des woIfes oder hundes kommt sie 
vor. Die runen, in welchen dieser und verwandte namen zu 
finden sind, stammen aus dem (KStlichen Finland oder aus Rus- 
sisch-Karelien. Die er\\'ähnten namen der söhne, Ruho, Kampa 
und Perisokia hinwieder treten meistens in der zauberrune 
wider Seitenstechen auf, man begegnet ihnen aber auch in der 
rune von dem Ursprung aller krankheiten und in einigen 
anderen Verbindungen, worüber später mehr. Auch diese na- 
men sind meistens nur in ostfinnischen und russisch-kareli- 
schen aufzeichnungen ianzutreffen ; man findet sie jedoch auch 
auf etwas weiterem gebiete als den namen Loviatar usw., so- 
gar in Nordösterbotten und Lappland (auch bei den finnen im 
nördlichen Schweden) und in Ingermanland. ^ 

Diese verschiedenen zauberrunen bedürften einer speziel- 
len Untersuchung. ^ Wir können im folgenden nicht auf ein- 
zelheiten eingehen, sondern werden hauptsächlich nur die teile 
des Inhalts berühren, welche für die erklärung der namen 
\^■ichüg sind. 

1. Die namen der mutter, welche mit Lcuhi zu- 
sammenhängen, können in folgende gruppen verteilt wer- 
den: a) formen mit x'orausnahme des h: Louhi, Louhiatar, 
Louhietar, Louhetar, Louhutar, Lohiatar, Lohjatar, Lohetar, 
Lohettari; hierher gehört auch die stark korrumpierte form 
Lohja-tartta ( Archangel-Karelien, Borenius I 20); einmal er- 
scheint hier der diphthong au: Lauhiatar (Finnisch-Ostkarelien, 
Polen 7); b) formen mit ov und mit h am anfang der dritten 
silbe: Lovehetar; c) formen mit ov, aber ohne jedes h: Lovea- 
tar, Loviatar od. Lovijatar, Loviotar, Loviitar, Lovetar, Love- 



' Sie wird zb. um Jagdglück angerufen (zb. Ilamantsi, Ahlqvist 
B 134 (vgl. Loitsurun. 171, gebet beim bärenfaug), ai:ch (als mutter des 
hundes) beim hetzen des hundes (Loitsurun. 183) usw. 

* Die mir bekannte Variante (Rääppyvä, Saxbäck 1035) stammt 
aus dem östlichen Ingermanland und ist ziemlich verdorben. 

' Eine kurze behandlung der rune wider Seitenstechen findet sich 
in der arbeit Franssil.^s Iso tammi, Suonii III 18 446 f. 



214 E. N. Setälä. 



tari, Luovatar (mit anschluss an Luovus, siehe unten p. 259, 
Vongerinsaari, Krohn 6735); selten ohne den femininen aus- 
gang -tar: Lovia (lisalmi, S. Snellman 62), Lovin eukko (Eno, 
Rytkönen 719); d) formen mit a in der ersten silbe (ausser dem. 
genannten Lauhiatar): Laviatar (Ganander, Myth. fenn. 48), 
Laviolan luonnotar (Kitee, Savokar. studentenkorpor. 139), Lave- 
kämmen (L. Pohjan eukko 'L. das weib von Pohja' neben: 
Hongas Pohjolan emäntä 'H. die herrin von Pohjola", Ilamantsi, 
Ahlqvist B 173 u. 134; lavokämmen Pohjan eukko, Finnisch- 
Karelien Lönnrot Q 355; Lavekämmen ist eine volksetymologi- 
sche Umbildung mit anschluss an lavea 'breit" und kämmen "die 
flache band", also 'die mit breiten bänden"); Launavatar (Arwids- 
son 17 1, v. Schroter, Finn. Runen 48), Lakeitar (in einem schlan- 
gensegen aus Leppä\'irta, Ahlman 95): ej formen mit k: Lokaha- 
tar (Ilamantsi, Europteus G 668), Louki (Suomussalmi, Saxa, 
Topelius XV 2 = Topelius V^anh. run. IV 7, wenn nicht Schreib- 
fehler) ; von den eben angeführten gehört auch Lakeitar hierher. 

Das gewöhnlichste epitheton der Loviatar usw. ist vaimo 
vanha 'die alte frau", oder vaimo vankka "die kräftige frau", 
aber auch einige andere kommen vor, zb. luonnon vaimo 
'das weib der natur" (Rytkönen, Kontiolahti 659), luonon euko 
o: luonnon eukko id. (Juva, Gottlund 407), auch luoma lem- 
mon 'von dem teufel geschaften* (Lönnrot Q 27), Pohjan akka 
Hütten eukko 'die alte von Pohja, die alte der Hiisis' (Suis- 
tamo, Europaus G 395) usw. Als parallelen findet man bis- 
weilen Äijötär äkeä akka "Ä. die böse frau" (Juva, Gottlund 
570), Ähötäri äkää [?] vaimo (Kuopio, Gottlund 436); mit diesen 
namen gehören Äimätär, Äkäätär, Äkäter zusammen, welche 
weiter unten besprochen werden sollen. Eine von den allge- 
meinsten parallelen ist jedoch portto Pohjolan emäntä 'die 
hure, herrin von Pohjola'. 

Oft wird das, was sonst \'on Loviatar usw . erzählt wird, 
von einer namenlosen heldin berichtet oder die mutter wird mit 
besonderen epitheten oder mit ganz anderen eigennamen be- 
zeichnet: sie wird paha akka "das böse weib", sehr oft portto 
Pohjolan emäntä "die hure, herrin von Pohjola' genannt, oder 
auch Pohjan neiti "die Jungfrau Pohjas", akka vanha rautaham- 
mas 'das alte weib mit eisernen zahnen', Hütten eukko rauta- 
hammas "das weib der Hiisis mit eisernen zahnen", Pohjan 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. ' 215 

akka räämä häntä 'das weib Pohjas mit lumpcnschuanz' (ösll. 
Ingermanland, Saxbäck 1012), akka vanha villikerta 'das alte 
wütende weib', Tahva akka villiä pyörä 'die wirbelnd wütige 
alte Tahva' (Säräisniemi, Krohn 905), Pohjan akka pyörräraivo 
'die wirbelnd wütige alte Pohjas", Viron akka villin vaimo 'die 
wilde alte aus Estland' (Lönnrot S 180), Viron portto viileskinttu 
(Rääkkylä, A. Hyvärinen 54), Metsän eukko 'das weib des 
Waldes', tütt;i Pohjolan sokia 'das blinde mädchen von Poh- 
jola', nman tyttö "das mädchen der luft', Tuulen tytti 'das 
mädchen des \v indes', Punatiltti Pohjan neiti, akka vanha pel- 
lervoinen, Napakatti Nallervoinen, Vihuritar vüjan eukko 'N. N., 
tochter des Sturmwindes, weib des wildprets (od. die kornmut- 
ter?)' (Lönnrot Q 142), Vesi veitto vellervoinen, Häijyn eukko 
Höyryläinen, Riien Eukko hyöryläinen, Maanatar od. Maanotar, 
Väänätär (■< Väinätär), Syöjätär, Syvätär, Kivutar 'die mutter 
der krankheiten". Hiki Tiara, Niko Tiera (mit dem epitheton mie- 
ron huora "die hure der ganzen weit'). Sogar neitsyt Maaria 'die 
Jungfrau Maria' (Finnisch-Ostkarelien, Krohn 5860 u. 5160) 
kommt als mutter vor. Anderseits wird ähnliches, wie wir schon 
früher (p. 202) sahen, bisweilen auch \'on Raani {<^ Rauni) er- 
zählt. Ausser dem Ortsnamen Pohjola findet man in diesem 
Zusammenhang auch Ulappala (in verdorbener form Ulipala 
umpisilmä, Gottlund 475, uullapohja umbisilmä, Omelie Berner 
7) und Untamola (Akk' on Poljolan [sie] sokiji Untamolan umpi 
silmä 'die blmde alte von Poljola, die mit blinden äugen aus 
Untamola', Teiriniemi, Berner 35). 

Bisweilen ist es sogar ein mann, der schwanger wird: 
Ulipala umpi silmä ukko ilmola soke 'der mit blinden äugen 
aus Ulipala, der blinde greis aus Ilmola' (von den finnen in 
Dalarne in Schweden, Gottlund 475), Ukko oli Poitolan sokea, 
Väinölän vähänäkönen 'der blinde greis von Poitola(?), der 
aus Väinölä mit schwachen äugen" (Salmi, Basilier 38), bis- 
weilen sogar der alte Väinämöinen selbst (Pukkila, Frosterus, 
siehe Suomi III 13 25). Es kommt auch vor, dass zwei eitern 
genannt werden : kiikan ukko, kükan akka 'der greis Kiikkas, 
die alte Kiikkas' (Sjögren 199, Suomi III 15 26; kiikka viell. 
= kiikka 'friktion' in kiikkavalkea 'feuer, welches durch reiben 
zustandegebracht wird'), livana metän isäntä Annukka metän 
emäntä 'livana, der herr des waldes, Anna, die herrin des wal- 



2i6 E. N. Setälä. 

des' (heiligennamen) (Pielavesi, Krohn 1469); auch in diesen 
fällen ist jedoch der wind der eigentliche erzeuger. 

Besonders soll hervorgehoben \A-erden, dass es in der 
zauberrune wider Seitenstechen in der regel heisst: kolm' oli 
poikoa pahalla "die böse [könnte natürlich auch 'der böse' 
sein] hatte drei söhne". 

Schon dieser Wechsel der bezeichnungen verrät, dass man 
es hier mit ganz verschiedenen Überlieferungen zu tun hat, 
welche sich miteinander vermischt haben. 

2. Der wind schwängert die heldin. In den mei- 
sten x-arianten wird erzählt, wie der wind Loviatar usw. 
schwanger macht (die Zeilen tuuli teki tüneheksi, ahava ko- 
hulliseksi 'der wind macht sie trächtig, der scharfe frühlings- 
wind schwanger', welche, schon Porthan anführt, sind die 
gewöhnlichsten). Entweder hob der wind die zipfel ihres pel- 
zes, der frühlingswind 4ie zipfel ihres kleides auf (tuvili nosti 
turkin helmat, ahava hamehen helmat), oder : sie lag (auf 
ihrem bette, das sie auf dem wege gemacht hatte, wie oft be- 
richtet wird) mit dem rücken gegen den wind, mit dem. hinte- 
ren gegen norden und \\"urde sch\\'anger. Seltener wird sie 
durch andere umstände schwanger (weil sie eisengraupen isst, 
in mehreren Varianten, zb. llamantsi, Ahlqvist B 94, Soanlahti, 
Riikonen 10, Lubasalmi, Borenius I 33, oder die heldin hat einen 
riesen: Meri Tursas oder Turilas zum mann, oder der mann 
ist veden ukko halliparta "der greis des wassers mit grauem 
hart ■). 

In vielen Varianten der rune vom Ursprung aller krank- 
heiten werden dann die beschwerden der langen (nach einigen 
Varianten unnatürlich, sogar bis 700 jähre langen) Schwanger- 
schaft detailliert beschrieben, auch wie die mutter endlich von 
der leibesfrucht befreit wurde, wo die geburt geschah (in einer 
badestube, auf einem vvassersteine, am strande des üblen flus- 
ses oder in dem Wirbel des üblen flusses, auf einer seerose in 
einem see ohne abfluss). Hier haben wir, wie \\ir später sehen 
werden, eine Vegetation auf legendarischem grund. auf deren 
einzelheiten wir nicht eingehen wollen. 



' Gaxaxder, M3-tli. fenu. 58; Sjögren 393, Suouii III 15 50. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 217 

3. Die k Inder. In den meisten \-arianten wiid erzählt, 
dass Loviatar neun söhne (bisweilen noch dazu eine tochter) 
gebiert, sie sucht einen, der die kinder tauten soll, findet aber 
keinen, weshalb sie sie selbst tauft und ihnen die namen ver- 
schiedener Krankheiten gibt, z. b. ähky "kolik", rüsi 'rachitis', 
luuvalo "rheumatisnius', pistos "Seitenstechen', ammus "drachen- 
schuss", hammasten kipii 'Zahnschmerzen", rupi "grind", raani 
"krebs", paise "beule', rokko "blättern", vilutauti od. horkka 
'wechselfieber", keltatauti "gelbsucht"; bisweilen sind die namen 
von mehr persönlicher form: pään porottaja "peiniger des kop- 
fes', rinnan repijä 'zerreisser der brüst', luihen murtaja 'zer- 
brecher der knochen", polviin polttaja "verbrenner der kniee', 
korviin kolottaja "nager der obren". ^ Die namen variieren sehr, 
obgleich es am anfang heisst, dass es neun söhne waren, 
wird sehr oit nicht darauf geachtet, dass auch mit namen neun 
aufgezählt werden, oder es wird ausdrücklich gesagt, dass 
einige oder wenigstens einer namenlos waren. 

Es kommen jedoch auch andere arten von kindern vor. 
Ausser den krankheiten werden pakkanen oder vilu 'die kälte", 
tuuli 'der wind', Tuuletar 'die tochter des windes", Personifika- 
tion des windes, Vihmatar 'die tochter des regens', personifika- 
tions des regens, Piihurin (Pusurin) poika "söhn des nordwin- 
des' als kinder genannt. - 

Bisweilen werden auch tiere: susi "wolf, korven kontio 
od. salon karhu 'bar des waldes", käärme 'schlänge', tal- 
vikko 'ringelnatter", sisälisko "eidechse" und sammakko 'frosch' 
aufgezählt. Und in den zauberrunen vom Ursprung des wolfes 
oder des hundes wird Loviatar als die mutter des wol- 
tes oder des hundes angegeben, oder wenigstens haben sie 
eine mutter, die der wind geschwängert hat. -* 



* Auch metän nenä 'eine von dem wald.ijeist verursachte krank- 
heit', eig. 'die uase des waldes' (Arwidson u. Crohns 4S6 6 A) kommt 
unter den kindern vor (? volksetymol. entsprechung des schwed. skog- 
snuva 'weibUcher waldgeist', vgl. aisl. nüfa 'bezeichnung des weibes, 
welches mit vertust der uase oder der obren bestraft wird'). 

- Siehe zb. Lönnrot A II 2 4, Akonlaksi, Europaeus K 282, Kent- 
t'ärvi, Borenius II 127, Kylänniemi, Karjalainen 28, Miinoa, Blomstedt 25. 

•■' Siehe die oben p. 212 angeführten zeilen bei Gan.a.nder ; 
sie stammen aus einer zauberruue wider wolfsbiss, welche später in 



2i8 E. N. Setälä. 

Unter den kindern kommen auch Personifikationen des 
bösen vor: paha 'der böse'. Eine entwicklung dieses gedan- 
kens ist, dass Kivutar, kipvijen äiti, Kivutar, die mutter der 
krankheiten, durch den \\'ind geschwängert, ausser den neun 
söhnen, welche die namen verschiedener krankheiten erhielten, 
auch neun tüchter gebiert, welche mit namen belegt wurden 
wie emon kaima 'namensvetter der mutter', tottumaton 'die 
ungewohnte', kova onni 'unglück". narisova 'die unzufriedene', 
vihanen 'die zornige", kehno luonto 'die mit böser natur", paha 
sisu 'die mit argem sinn", kauhea 'die schreckliche", ylön paha 
'die sehr böse' (lisalmi, P. Ruotsalainen 3; diese \'ariante macht 
jedoch einen sehr gekünstelten eindruck). 

Endlich sind es der unheilbringenden söhne nur drei mit 
sehr stabilen namen : ruho yksi, rampa toinen, kolmansi peri- 
sokea 'der krüppelige war der eine, der zweite der lahme, der 
dritte der gänzlich blinde". Diese erscheinen ganz besonders 
in der weitx'erbreiteten rune wider Seitenstechen, und hier 
wird die mutter garnicht mit namen genannt, es heisst nur, 
dass die böse (od. der böse?) die drei söhne hatte (vgl. 
oben p. 216). Ein beträchtlicher teil von runen nennt jedoch 
ausdrücklich Loviatar, Lovehetar usw. als mutter dieser söhne, 
welche dann gewöhnlich als eine dreiheit unter den neun kin- 
dern erscheinen; besonders ist hervorzuheben, dass dies auch 
in den ältesten aufzeichnunsen der fall ist. ' 



ihrem ganzen umfang gefunden worden ist (samml. v. Bcrgh 12, Suomi 

III 14 53»: 

Lafweatar wanha waimo, Loveatar, das alte weib, 

Porto pohjolan äniändä die hure, herrin von Pohjola, 

Kohussa on koiran kando, trug den hund in ihrem schösse, 

Sufwen misa [o: muisa] soHssan den wolf in ihren anderen därmen, 

[o: suoHssahanJ, 
Penin alla permoinsa |o: per- den hund unter ihrer milz. 

nojensa] ; 
TuH [d: tuuh] isäsi tuU Emänsi, Der wind ist dein vater, der wind 

deine mutter. 
Tuli walda wanhembansi usw. der wind ist dein Stammerzeuger usw. 

^ Sehr charakteristisch ist die von Porthan-Lencovist und Ga- 
nander verwendete Variante (siehe oben p. 212), welche später in ihrem 
ganzen umfang bekannt geworden ist (Bergh 14, veröff. in Suomi 
III 14 54 f.). Daselbst — in der zauberrune wider Seitenstechen — 
wird zuerst erzählt, wie Lovehetar, von dem wind geschwängert, n e u n 
söhne gebiert, wie sie sie dann tavifte und mit namen benannte : ruhko 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 219 

Wie schon hervorgehoben, sind die namen der drei söhne 
sehr konstant, nur ganz kleine abweichungen sind in den ver- 
schiedenen runen zu verzeichnen. Der erste \'on den brüdern 
trägt den namen ruho, ruhko, ruhjo, ruhja, rujo, ruijjo; V(5n 
diesen formen sind ruho, welches schon in den ältesten auf- 
zeichnungen vorkommt und in dem weitesten geographischen 
gebiet x'erbreitet ist, und rujo — besonders im osten - — die 
gewöhnlichsten. ^ 

Nach JuSLENius (1745) bedeutet ruho 'moles — stört: obäke', 
nach Porthan 'tardus prae nimia mole corporis'; diese bedeu- 
tung hat wohl Ganander im äuge, wenn er in seiner Myth. fenn. 
(80) und in seinem handschriftlichen Wörterbuch sagt, dass ruho 
'ein ungeheurer riese" („en obäklig Rese", „moles colossus") war; 
in seinem Wörterbuch sagt er jedoch zugleich, dass Ruho als 
nonien proprium in runen 'den verkrüppelten' bedeutet. Auch 
Renvall und Lönnrot geben die beiden bedeutungen an : ruho 
ist nach Ren\'all sowohl "moles corporis major 1. enormis, 
colossus' (Lönnrot: "stör kroppsskapnad, obäke, koloss') als 'ver- 
krüppelt' (Renvall: in runen = rivioin 'membris male fractus' : 
lyön ruhoksi, 'mutilatus', Lönnrot: 'gebrechlich, eingeschrumpft 
z. b. infolge der rachitis", lyödä ruhoksi 'zum krüppel schlagen'). 



yksi ramba toinen, kolmansi pari sokea 'der krüppelige war der eine, 
der lahme der andere, der gänzlich blinde der dritte', aber dann folgt 
unmittelbar in einer ganz anderen konstruktion : mitk on pannut luwa- 
loUen, kutka hammasten kifwuUen, äläiksi räfwaisen [o: eläjiksi raava- 
hisen], puskuiksi imehnisin 'einige hat sie zum rheumatismus, einige 
zum Zahnschmerz, zu Schmarotzern der tiere und zu beschwerden für 
die menschen gemacht'. Man sieht deutlich, wie hier zwei verschie- 
dene erzählungen, die von der geburt der verschiedenen krankheiten 
und die von der geburt der drei brüder, ruho, rampa und perisokea mit- 
einander verschmolzen sind. Bisweilen erzählt man, dass der söhne frei- 
lich neun waren, dass aber drei als feuer in den himmel stiegen, drei als 
steine in das meer fielen und die drei übrigen (rujo usw.) als böse auf 
der erde verblieben (Salmi, Krohn 7816 a, vgl. 8076 u. Mägi, Basilier 220), 
oder: sechs von den söhnen ertranken, drei (ruho, rampa, perisokia) 
bheben zurück (Soanlahti, Riikonen 13), oder nur: es blieben der bö- 
sen (dem bösen) noch drei söhne (ruho usw.) (Suistamo, Krohn 7444, 
Salmi, Basilier 38). 

' Die übrigen formen sind selten, z. b. ruhko, Bergli 14, vSuomi 
III 14 54; ruhjo Sjögren 399. Suonii III 15, 52, ruijo Basilier 220, roju 
(Kuikka, Krohn 7590). 



E. N. Setälä. 



Die letztere bedeutung ist unzweifelhaft diejenige, welche den 
runen zugehört; derselben sind sich auch die sänger stets be- 
wusst, wo eine aufzeichnung über die bedeutung vorliegt; dies 
beweist auch die nebenform rujo, welche nur 'den verkrüppel- 
ten* bedeutet (vgl. est. rudu g. rudu od. ruju 'schwach, matt' 
mit wahrscheinlich unursprünglichem d). Zu ruhjo vgl. ruhjoa, 
ruhjota 'zerbrechen, zermalmen', i 

Der zweite von den brüdern heisst überall rampa — um 
von solchen sehr seltenen Varianten wie rumpa oder ramma 
oder ampu 2 garnicht zu reden. Rampa ist ein in den ostseefinni- 
schen sprachen allgemein verbreitetes wort mit der bedeutung 
'lahm' (schon in der älteren literatur belegt, zb. bibelübers. v. j. 
1642 Apostelg. 3 einl. ramman, Juslexius ramba 'captus pedi- 
bus', kar. ramba, olon. rambu 'hinkend', weps. rcnnb pl. rambad 
id., wot. rampa id., est. ramb g. ramma od. ramm g. ramma 
'schwach', ramb jalust 'schwach auf den füssen, lahm') und 
scheint eigentlich nur eine parallele zu ruho zu bilden. ^ In 
seinem Wörterbuch führt Löxxkot das wortgefüge ruho ja rampa 
'gebrechlich und lahm' als eine einheit an, und im estnischen 
heisst es vana riiju-ramb (ruzu-ramb) "ganz altersschwach'. 

Der name des dritten bruders perisokea 'der gänzlich 
blinde* (peri 'ganz' -\- sokea *blind', auch von den sängern so 
erklärt) ist so allgemein über das ganze runengebiet verbreitet, 
dass man darin unzweifelhaft die urform des namens zu sehen 
hat. Man hat jedoch bisweilen die offenbar für viele gegen- 



' Unzweifelhaft sind hier zwei wörter vorhanden: ruho moles' 
und ruho "verkrüppelt". Das erstere wort bedeutet — ausser 'brustbein 
der vöt^el", was eventuell ein drittes wort ist — auch 'rümpf, zb 
lampaanruho 'schafrumpf" (ist \ielleicht zu einem germ. ^pröhö f. 
'stamm, klotz", welches von E. Liden Uppsalastudier 82-4, nachgewie- 
sen, zu stellen? ^'gl. zu der bedeutung: fi. runko rümpf; stamm eines 
baumes" ~ mordE rurgo. M ror,gu "rümpf, körper, gestalt", verf. JSFOu. 
XIV 3 35). — Fi. ruho, rujo, ruhjo 'verkrüppelt' gehören wohl (mit 
est. ruzu "graus, trümmer", ruzuks lööma "zertrümmern'? vgl. nidsu, 
rutsu 'presse'; rudju- u. rudsu-~ruju- drücken?) entweder zu der .sippe 
von sj-rj. ryz 'zerbrechlich, brüchig' od. auch zu rudzal 'abmagern, 
kraftlos, schwach werden'. 

* Ganaxder, M3-th. fenn. 71: Ambu nuolia asetti 'A. .stellte pfeile". 

'' Zur etymologie von rampa vgl. die (ganz unsichere) Vermutung 
von MiKKOLA FUF I 182. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 



den ungewöhnliche bildung durch etwas geläufigere Zusammen- 
setzungen bezvv. wortgefüge ersetzt: upposokea "ganz blind' 
(neben perisokea, Kajaani, N. Karjalainen 8, Paltamo, A. Här- 
könen 21) und kovin sokea 'sehr blind' (Kärsämäki); dahin 
gehört perätyö sogei (Mägi, Basilier 220). Noch \'iel mehr \er- 
breitet ist eine Verdrehung: verisokea fverisokia, verisokie, 
verisogija usw.), bisweilen auch verin sogia Saarenkylä. Kart- 
tunen 226) "der blutblinde" oder verinen sokia 'der blutige 
blinde', ' veretöi sokei "der blutlose blinde' (Salmi, Krohn 7816 a, 
vgl. perätyö sogei); eine noch mehr verdorbene form ist vesi- 
sokea 'der wasserblinde' (Korpiselkä, 0. Relander 49). 

Über die rolle der drei brüder weiss die rune zu vermel- 
den, dass der dritte bruder, perisokea, mit hilfe der beiden an- 
deren, mit dem pfeil schiesst. Zb. : 

Ruho nuolia tekee. Der krüppelige macht die pfeile, 

rampa jousta jännittä, der lahme spannt den bogen, 

ampuu perisokea. - der gänzlich blinde schiesst. 

Statt der Verfertigung (nuolia tekevi, nuolia vanuvi) 
der pfeile kann das hilfeleisten auch im halten der pfeile 
(ruho piiliä pitävi od. auch rampa piiliä pitävi) bestehen, sel- 
tener im härten (ra[mpa] n[uolet| karkoaa, Repola, Europsus K 
2.3) oder im abholen (rampa nuolten noutaja) derselben oder 
auch im herstellen der stiele (rampa varsia vanuvi). Das 
spannen des bogens ist sehr konstant. Nur die rollen der 
beiden brüder ruho und rampa werden vielfach verwechselt. 
Dagegen heisst es überall, um von ganz verdorbenen Varianten 
nicht zu reden, dass perisokea (verisokea) schiesst. 

Diese epische partie \on der rolle der drei brüder kommt 
in vielen Verbindungen vor. In der zauberrune wider Seiten- 
stechen, wo diese Zeilen am öftesten auftreten, haben sie als 
einleitung oft die epische darstellung über das wachsen und 
fällen der grossen eiche; diese Verbindung wird durch die 
ziemlich allgemeine auffassung motiviert, dass die pfeile, mit 
denen das schiessen stattfindet, von einem grossen märchen- 



' Gan.^nder, Myth. fenn. 8o, ein zitat aus einer zauberrune von 
der geburt, Toholampi, Tömudd 8, Suomi III 14 17. 
- Kiuruvesi, Lönnrot Q 28, Keckman Ali. 



222 E. N. Setälä. 



haften bäume, der grossen eiche herstammen. Als fort- 
setzung zu der darstellung des schiessens folgt sehr oft eine 
genauere beschreibung: der blinde schoss den ersten pfeil 
gegen den himmel — und der himmel war nahe daran zu 
bersten, den zweiten gegen die erde, wobei die erde sich 
öffnete, und den dritten gegen einen felsen, aber dieser pfeil 
prallte von dem steine zurück und traf die haut eines armen 
menschen die krankheit verursachend. Es ist deutlich, dass 
die erzählung von dem schiessen der drei brüder ursprünglich 
nicht mit dieser fortsetzung, welche für die besonderen zwecke 
der zauberrune entstanden ist, zusammengehört. 

Auf ein näheres eingehen auf den inhalt der lieder müs- 
sen wir diesmal verzichten. 



Es gibt hier einen namen, der an die Edda-mythologie 
denken lässt: der name perisokea "der gänzlich blinde'. Inder 
Edda-mythologie erscheint ja Helblindi, und perisokea ist eine 
so genaue entsprechung dieses namens, dass hier unmöglich 
ein Zufall vorliegen kann. Perisokea ist vom finnischen Stand- 
punkt aus eine etwas eigentümliche bildung, sie erhält aber 
eine vollkommen befriedigende erklärung, wenn man sie als 
eine — vielleicht auf missverständnis beruhende — Übersetzung 
von Helblindi betrachtet. Und wenn einmal perisokea mit den 
figuren der Edda-mythologie zusammenhängt, liegt es ja nahe 
die vergleiche auch im übrigen fortzusetzen. 



In der Snorra-Edda (Gylfag. 33, Skäldskap. 16, Arna- 
magn. ed. I 104, 268) wird erzählt, dass Loki oder Loptr, die 
schände aller götter und menschen, zum vater Färbauti und zur 
mutter Laufey oder Wal hatte, dass seine brüder Byleistr 
(Byleiptr) und Helblindi waren, dass er mit Angrboöa in Jo- 
tunheim drei kinder: Fenris-tilfr, Jormungandr d. h. Miö- 
garösormr und Hei zeugte. Byleistr (Byleiptr) als brüder 
Lokis wird auch in den liedern der älteren Edda genannt 
(V(^luspd 51, Hyndlulj(')ö 40). Die notizen sind spärlich — 
eigentlich nur namen — , aber wir werden sehen, dass sich 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 223 

die Züge auf nordischer und finnischer seite vortrefflich er- 
gänzen. 

1. Laufey und Loviatar. Laufey heisst wörtlich 'die 
belaubte insel" und bedeutet, wie heute ziemlich allgemein an- 
genommen wird, 'laubbaum'. Axel Kock (IF X 101) macht 
darauf aufmerksam, dass das neutrale lauf 'biatt", um die mut- 
ter bezeichnen zu können, ein feminines kompositionsglied oder 
(v\enn man sich so ausdrücken will) eine feminine ableitungs- 
silbe erhalten musste: analog mit frauennamen wie |)6rey, 
Biargey bildete man daher Laufey; er erinnert daran, dass in 
der poetischen spräche ey 'insel' besonders oft bei Umschrei- 
bungen für frauen vorkommt: silkiey usw. Laufey ist also 
'laubbaum' als weib aufgefasst. ^ 

Der finnische name Loviatar, Laviatar kann formell gut 
mit Laufey zusammengestellt v\'erden. Die anfangssilbe lov- 
oder lav- würde vollkommen dem nord. latif- entsprechen: die 
formen mit av könnten die ursprünglichen sein und dem alten 
diphthong au entsprechen, und die ov-formen wären in diesem 
fall spätere Umbildungen ; es wäre aber auch möglich, dass die 
ov-formen eine u-umgelautete form des au-diphthongs vertre- 
ten. Der ausgang -tar hinwieder würde als im finnischen ge- 
wöhnlicher femininer ausgang vollkommen der nordischen bil- 
dung mit -ey entsprechen. Aber sachlich ? 

Loviatar würde demnach ursprünglich ein bäum sein. 
Und das ist sie wirklich — entweder ein noch wachsender 
oder ein umgefallener bäum. Die beschreibung ihrer 
Schwängerung passt vortrefflich zu einem bäume : der wind hob 
die zipfel ihres pelzes oder ihres kleides auf, sie hatte ihr bett 
dr aussen, auf dem wege, auf einem schwendenland gemacht, 
die Schwängerung geschieht in der nähe eines baum- 
stumpfes, in ihren geburtswehen erhält sie den rat den 
schleim des kaulbarsches oder einer quabbe zu suchen, um da- 
mit die ritzen und seiten des baumes zu beschmieren, damit 
sie leichter entbunden würde. - 



1 Vielleicht lebt Laufey noch in schwed. Löfviskan, genius gewis- 
ser laubbäunie (HylTEN-Cavallius, Wäreud och Wirdarne I 310) und 
Löfjerskor (Afzelius, Svenska folkets sago-häfder II' 208). 

- JoUa voiat puun lomia, sivelet sivuja myöten, päästät piian pin- 
tehestä usw. Kontiolahti, Rytkönen 664. Bei Tüpelius, \'anh. run. 



2 24 E. N. Setälä. 

Es ist, wie schon gesagt, zu bemerken, dass die zauher- 
rune wider Seitenstechen sehr oft in \-erbindung mit dem lied 
von der grossen eiche gesungen wird. Es wird oft ausdrück- 
lich gesagt, dass die pfeile, womit die drei brüder zusammen 
schiessen, aus den zweigen der eiche gemacht sind (siehe 
unten). 

2. Auch Nal hat eine entsp rechung im finni- 
schen. Nach SxoRRi war die mutter von Loki Laufey oder 
Näl. Das letztere wort bedeutet hier 'die nadel des nadelbau- 
mes', und mithin vertreten Nal und Laufey die beiden haupt- 
arten der bäume, nadel- und laubbäume. i Nun hat Ganander 
(Myth. fenn. 6) einen kleinen artikel : „Äimätär, eine stolze 
Jungfrau, wurde von dem früh lings wind schwan- 
ger; gebar wölfe". Obgleich diese notiz allein steht, ist 
ihre bedeutung doch recht gross. Die identität der Loviatar 
und Äimätär ist nämJich einleuchtend : beide werden auf die- 
selbe weise schwanger, und die wölfe werden ja auch aus- 
drücklich als nachkommen der Loxiatar erwähnt (siehe oben 
p. 217). Das fi. äimä bedeutet gerade 'nadel' = an. nal, wovon 
Äimätär die ge\\'ühnliche femininbildung ist. Eine andere Über- 
setzung von Nal ist Äkäätär ^ : ä'äs g. äkään 'stachele Wenn 
in einigen Varianten Äijötär, Ähötär ■' als parallele der Loveatar 
erscheint, ist Äijötär, Ähötär sicher nur eine Verdrehung von 
Äimätär (od. Äkäätär) mit anschluss an Äijö "der alte, der 



IV lo: joUa voiti luun limiä, in Saxas origiualaufzeichnung (aus Suo- 
mussalmi), worauf sich Topelius gründet: luun lomia "die ritzen der 
knocheu' (Suomi III 13 47). Literarische beeinflussung der aufzeichnuug 
aus Kontiolahti ist nicht ausgeschlossen, doch, glaube ich, kaum anzu- 
nehmen. 

' Siehe Bugge, Studier 76, A. KocK, IF loi. Die bedenken, wel- 
che Olrik, Festskr. t. Feilberg 567 fussn. 3 gegen die BuGGEsche er- 
klärung äussert, sind kaum berechtigt. 

- Kesälahti, Lönurot S 196 (vgl. Kantele IV S): Der wind macht 
Äkäätär schwanger, und sie gebiert neun söhne. Eine etwas verdor- 
bene form ist Äkäter: Äkäter oli äijän neito, Suistamo, Krohn 7442. 

' Äijötär äkeä akka, Loveatar lemmon vaimo selin tuu[u]lehen ma- 
kaisi usw. 'Äijötär, das böse weib, Loveatar, die frau des Lenipo, lag 
mit dem rücken gegen den wind' usw., Kiiopio, Gottlund 570, Ähötäri 
äkää[?] vaimo, Loviatar luono vajmo 'Ähötär, das scharfe weib, Loviatar, 
das weib der natur", Kuopio, i. j. 1816 aufgez., Gottlund 436. Das epi- 
thet äkeä, äkää ist besonders zu beachten (vgl. ä'äs gen. äkään 'stachel'). 



Aus d. g,eb. d. lehnbeziehungen. 225 

teufel'. Vielleicht gehört hierher noch Havulakki 'die mit einer 
mutze von nadelzvveigen', wie die mutter in einer Variante be- 
zeichnet wird (Kivijärvi, Krohn 3822). 

Ich glaube zugleich nicht nur die Übersetzung Äimätär, 
sondern auch die direkte entlehn ung von Nal gefunden zu 
haben. In einer älteren aufzeichnung (von Carle Saxa, aus 
Suomussalmi, Topelius XV 3, gedruckt bei Topelius, Vanh. 
run. IV 9, vgl. auch Suomi III 13 46) steht in der zauberrune 
vom Ursprung der rachitis (Riien synty) Naata statt Loviatar 
(Naata nuorin neitosia teki tiellen vuotehesan, pahnasan pa- 

halle maalle teki tuuli tiineheksi usw. 'Naata, die jüngste 

von den Jungfrauen, machte auf den weg ihr bett - - - der 
wind schwängerte sie'. Diese bezeichnung muss früher eine 
weitere Verbreitung gehabt haben: man findet sie in identi- 
scher form in einer aufzeichnung aus Finnisch-Lappland (Naat 
Ol nuorin neitosista, Kittilä, G. A. Andersson 92) und in der 
form Nätä in Finnisch-Nordkarelien (Nätä nuorin neitosista, 
A. Westerlund 4). Nach dem obengesagten ist kaum ein zwei- 
fei, dass Naata eine Verdrehung statt *Naala •< anord. Nal ist. 

3. Farbauti. Bugge hat in seinen Studier (I 76) den 
namen des vaters von Loki Farbauti als ein kompositum von 
fär 'schaden" und bauta 'schlagen" aufgefasst: Farbauti ist also 
"der gefährliche schläger' ;= 'Sturmwind'. A. Kock, welcher 
sich der BuGGESchen etymolögie anschliesst, fasst 'den gefährli- 
chen schläger' als eine bezeichnung des blitzes auf (IF X 101). 

Die KocKSche auffassung ist jedoch durch seine hypo- 
these, dass Loki ein gott des feuers und des blitzes ist, wofür 
er beweise sucht, beeinflusst. Die finnische rune beweist un- 
widerleglich, dass BuGGE das richtige getroffen hat: hier wird 
ja überall mit klaren Worten ausgesagt, dass es der wind, der 
windstoss war, der Loviatar schwängerte. 

4. Helblindi. Wie schon oben hervorgehoben, ist einer 
von den söhnen der Loviatar, perisokea 'der gänzlich blinde", 
offenbar mit Helblindi identisch. Aisl. Helblindi kann auf 
zweierlei weise verstanden werden: der erste teil des kompo- 
situms kann mit hei 'unter weit' identisch sein, in welchem fall 
Helblindi = "der unterweltsblinde, .der todesblinde', oder hei 
kann aus heil- entstanden sein (da der fortis auf dem zweiten 

Finn.-ugr. Forsch. XII. ' 15 



226 



E. N. Setälä. 



kompositionsglied lag) i und Helblindi also = 'der gänzlich 
blinde' sein. In der letzteren weise hat der finne den namen 
aufgefasst, mag dies nun eine richtige oder eine volkset\'molo- 
gische auffassung sein. Was ursprünglich mit dem vvort hat 
ausgedrückt werden sollen, kann hier nicht untersucht werden. 
Aber auch die auffassung des Helblindi als 'der unter- 
weltsblinde, der todesblinde' scheint vorzukommen. In einer 
aufzeichnung des zahnwurmsegens (Hammasmadon sanat) wird 
die erzählung von den neun kindern (= neun krankheiten) 
der Louhietar so fortgesetzt (Suomi III 16 11): 



Teraxistä tietän jousen, 

Pijliä vaskesta val[a]tan, 

JoUa ammun tuonen toukan, 

Tiikautau luun piirian, 
Haluisesta hambahasta, 
Leveistä Leukaluista. 
Paistukos mato maan alainen, 
Tuonisocko Tuouen Toucka, 
Rautasessa Riehtilässä. 



Aus dem stahl lass' ich einen bogen 

machen, 
aus dem kupfer lass' ich pfeile 

schmieden, 
womit ich den wurm des tuoni [todes, 

der unterweit] schiesse, 
den beisser des knochens ersticke, 
aus dem UebUchen zahn, 
aus den breiten kinnbacken. 
Wird der unterirdische wurm, - 
der todesblinde wurm des todes 
in der eisernen bratpfanne gebraten ? 



Tuonisokko ist ganz wörtlich = Helblindi, wenn Hel- 
= tuoni 'tod, unterweit' usw. ist. Tuonisokko ist hier freilich 
nicht der söhn der Louhiatar, aber man kann kaum bezwei- 
feln, dass hier irgendeine Verschiebung stattgefunden hat: 
während perisokea "der gänzlich blinde' als schiesser er- 
scheint, wird hier Tuonisokko "der todesblinde' geschossen. 
Es ist anzunehmen, dass der in den zahnwurmsegen so allge- 
meine tuonen toukka 'des todes wurm', „der knochenbeisser" 
usw., welcher geschossen werden soll und statt dessen oft 
lukki steht (siehe unten), zum grossen teil eine Weiterbildung 
des tuonisokko ist. 

5. Byleistr od. Byleistr, Bileiztr, Byleiftr, Byleiptr. Dieser 
name wird gewöhnlich so aufgefasst, dass das zweite glied des 



' KocK, IF X loi. 

- oder: wirst du, unterirdischer wurm - - - gebraten werden? 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 227 

kompositums -leiptr mit leiptr "blitz" identisch sei. ' Das erste 
glied wird von Bugge (Norrccn fornkvii,>öi 9) und Wadsteix (aao.) 
mit aisl. bylr 'heftiger windstoss' zusammengestellt, also: By(l)- 
leiptr := "stürm blitz'; A. Kock (aao.) hinwieder glaubt, dass 
sich *Bylleiptr aus *byiileiftr (vgl. neunorw. byiija "lärmen, don- 
nern') entwickelt habe und 'donnerblitz* bedeute. Axel Olrik 
(Festskrift t. H. Feilberg 565), welcher für *Bylleiptr mit 
Bugge und Wadsteix übereinstimmt, bemerkt zugleich, dass, 
wenn man von der nebenform *Bylleistr ausgeht, der name 
dann 'den sturmbefussten' bedeutet (vgl. hyrjar leistum 'mit 
feuerfüssen", Ynglingatal 39). 

In den finnischen runen heissen ja die brüder des peri- 
sokea ruho (rujo) "der krüppelige" und rampa "der lahme". 
Wenn nun die ganze serie Laufey, Näl, Farbauti, Helblindi 
ihre entsprechungen in den finnischen runen hat, wäre da 
nicht schon a priori zu erwarten, dass auch Byleiptr, Byleistr 
im finnischen zu finden ist? 

Bei der erklärung von Byleiptr, Byleistr gehe ich von 
dem epitheton Odins Bileygr aus (Grimnismäl 47; Gylfag. 19 
[20], Snorra-Edda, Arnamagn. ed. I 86) aus. Fixx Magxusen 
(Lex. mythol. 304) sieht auch hier in dem ersten glied des Wortes 
ein bilr, bylr "stürm", indem er bileygr als 'oculis fulminanti- 
bus praeditus" auffas.st. \'on anderen wird bileygr — wie es 
wohl auch richtig ist — so aufgefasst, dass das erste glied 
aisl. bil ist. Aber was bedeutet hier bil? Grimm (Mythol. 4. 
aufl. 310) setzt hier ein bil-, bili- 'lenitas, placiditas' voraus 
(wie in Billich 'aequitas', vgl. ahd. mhd. billich "gemäss, ge- 
ziemend") und übersetzt „mitibus oculis"; ebenso Bugge (Xorroen 
fornkvceßi 86) „cum miti oculo", eine Übersetzung, die jedoch 
Detter Heinzel (Ssemundar-Edda II 190) als unsicher bezeich- 
net. Cleasby-Vigfusson hinwieder hat die deutung: 'of un- 
steady eyes', indem er hier bil als 'twinkling of an e\'e' auf- 
fasst. Bei Cleasby-Vigfussox wird jedoch unter dem wort 
bil daran erinnert, dass „the poetical compds such as biltrauör, 
bilstyggr, bilgrönduör . . ., (all of them epithets of a hero, 



^ Siehe Bugge, Norroen fornkvaeoi 9, Studier I 73; Wadstkiis, 
Ark. f. Nord. Fü. XI 77; MOGK, Grundr. f. Germ. Phil.» III 348; Kock, 
IF X 100. — Bugge. Studier I 72-3 sieht in Byleistr eine umdeutuug 
von Beelzebub (Belzebuth) und in by- aisl. by 'biene'. 



228 E. N. Setälä. 



fearless, dauntless,) point to an obsolete sense of the word, 
failure, fear, giving way, or the like". Und das verbum 
bila bedeutet ja ausser 'nachgeben' und "fehlschlagen' auch 
'fehlen': e-n bilar e-n hlut 'es fehlt einem etwas', bil sterka 
arma 'my streng arms fall", 'robusti lacerti deficiunt' (vgl. 
Egilsson, Lex poet. sub voce Bilsterka). Könnte nicht also 
bileygr 'der, dem das äuge fehlt' bedeuten? Odin war ja 
der 'einäugige", er wurde ja sogar 'der blinde' genannt, ^ und 
in Grimnismäl und bei vSnorri in Gylfaginning, wo er Bileygr 
heisst, kommt auch Helblindi als sein epitheton vor. Und wenn 
einmal ein kompositum bileygr so zu verstehen wäre, wäre es 
da nicht möglich, dass byleistr, bileiztr statt *billeistr steht und 
'der, dem der fuss fehlt', also eben den "krüppeligen' oder 
'den lahmen", wie ruho und rampa in den finnischen runen, 
bedeutet.'' Die letztgenannten bezeichnungen ruho und rampa 
sind natürlich nur Verdoppelungen einer und dersel- 
ben gestalt (vgl. oben p. 220). 

6. Elemente des Baidermythus. Die finnischen 
zauberrunen enthalten oft bruchstücke oder reminiszenzen aus 
den epischen runen oder wenigstens andeutungen und hinweise 
auf diese. Als eine solche partie verdient spezielle aufmerk- 
samkeit die episode von dem gemeinsamen bogenschiessen der 
drei söhne ruho, rampa und perisokea, worüber schon oben be- 
richtet wurde. Diese episode hat eine so offenbare ähnlichkeit mit 
einer partie des Baidermythus, mit der erzählung von dem be- 
schiessen Haiders, dass man nicht umhin kann eine parallele zu 
ziehen. Nach Snorri (Gylfag. 49, Arnam. ed. 174) gab Loki 
dem. blinden Hoör den mistelzw-eig — das einzige, was 
Haiders mutter Frigg nicht vereidigt hatte Balder nicht zu 
schaden — und zeigte ihm die r ichtun g gegen Baldr, 
und nach seinem zeigen („tilvisun Loka") schoss der 
blinde gegen Balder. In der finnischen rune macht der 
eine von den zwei brüdern, entweder der krüppelige oder der 



^ Eineygr iu Porbjorn Hornklofis HaraldskvaeBi 12 2, altero oculo 
orbus, Saxo p. 40, 363, uno semper contentus ocello, Saxo p. 106, 
Gestumblindi 0: gestr hinn blindi in der Hervararsage, vgl. Detter, 
Paul u. Braunes Beitr. XVIII 74, 86; ib. 202 stellt Dbtter sogar Odins 
nameu harr zu got. haihs "einäugig" (lat. caecus); das epitheton här: 
hävi beruhte in diesem fall auf einem niissverständnis. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 229 

lahme, die pfeile oder hält dieselben oder spannt den bogen, 
und der gänzlich blinde schiesst. Hier entspricht also der 
schiesser perisokea, 'der gänzlich blinde', dem blinden H(2()r, 
die rolle aber, welche bei Sxorri von dem söhn Laufeys Loki 
ausgeführt wird, ist hier auf zwei gestalten, auf die söhne der 
Loviatar ruho 'den krüppeligen' und rampa 'den lahmen' ver- 
teilt, welche, wie eben herxorgehoben, nur Verdoppelungen einer 
und derselben gestalt sind. 

Der Balderm^'thus kommt ja, wie schon von M. A. Ca- 
STREN ^ ausgesprochen und von Julius 2 und Kaarle Krohn ^ 
nachgewiesen worden ist, in den finnischen epischen liedern vor. 
Lemminkäinen oder pätöinen poika 'der taugliche söhn' wird 
nach diesen im trinkgelage von Päivölä '.Sonnenheim' getötet. 
Als töter erscheint: 

1 ) Louhi Pohjolan emäntä 'L. die herrin von Pohjola', 
welche aus dem wasser 'einen geschlossenen Stengel' (umpi- 
putki) hervorsang und diesen durch des mannes herz schoss 
(Arch. -Kardien, Lonkka, VLR 815, im auszug mit Übersetzung 
mitget. FUF V 84 f.). Nach einer Variante sang Pohjan akka 
'die alte von Pohja' den Lemminkäinen ins meer hinein (Arch.- 
Karelien- Miinoa. Berner 38, FUF V 94). 

2) Luotolan isäntä 'der herr von Luotola', welcher ganz 
auf die eben beschriebene weise Lemminkäinen tötete (Arch.- 
Karelien, Vuonninen, VLR 801, P'UF II 86; vgl. auch Vuonni- 
nen, VLR 802 b). Diese beiden liederformen stehen einander 
sogar in einzelnen ausdrücken ganz nahe. 

3) Ulappalan ukko vanha, ukko vanha umpisilmä 'der 
alte greis \X)n L-lappala, der alte greis mit blinden äugen", den 
Lemminkäinen unbesungen gelassen hatte. Der blinde greis 
hob aus dem wasser eine natter durch das herz Lemmin poi- 
kas (Arch.-Karelien: Latvajärvi, \'LR 758, FUF V 87). 

4) Väinämöinen, der Lemminkäinen in den schwarzen 
fluss von Tuonela singt (Finn.-Karelien, Ilamantsi, Europaus G 
649, FUF V 96 f.). Es wird auch gesagt, dass Lemminkäinen 
Väinämöinen unbesungen gelassen hatte (Arch.-Karelien: Latva- 
järvi, VLR 766, FUF V 90). 



1 Mythol. 313. 

- Suom. kirj. bist. 517 f. 

•■" FUF V 83-140, Kai. ruu. hist. 573-94. 



230 E. N. Setälä. 

5) Paimoparka 'der arme hirt", märkähattu karjanpaimen 
'der viehhirt mit nassem hut', mannunpoika keltahattu "der 
erde söhn mit gelbem hut". Es wird erzählt, wie der arme 
hirt, den der held (hier Kaukomieli genannt) unbestochen 
gelassen, nach den eisenpfeilen griff und auf den schönen 
Kaukomieli schoss (Arch.-Karelien: Uhut, VLR 828, FUF V 
90). Oder: der viehhirt mit nassem hut sang den muntern 
Lemminkäinen in den fluss von Manala (Finn.-Karelien: Ila- 
mantsi, Ahlqvist B 308, Europseus G 650, vgl. 160, FüF \' 
95) oder er zerschnitt Lemminkäinen mit einem schwert (Ila- 
mantsi, Ahlqvist B 195, FUF V 101); mannun poika kelta- 
hattu heisst der Widersacher Lemminkäinens in einem bruch- 
stück aus Ilamantsi (Europceus G 653, FUF V 100). 

Das bruchstück, worin perisokea 'der gänzlich blinde' als 
schiesser erscheint, setzt unzweifelhaft eine nordische vorläge 
voraus, in welcher dei' schiesser Helblindi dem blinden schiesser 
HQÖr des isländischen Baidermythus entsprochen hat. Hat nun 
dieses bruchstück irgendeinen Zusammenhang mit den finni 
sehen liedern, in denen der töter anders hiess? Es ist ja sehr 
u'ahrscheinlich, dass man es hier mit liedern oder mit resten 
von liedern zu tun hat, die verschiedene nordische Varianten 
zu vorlagen haben. Aber es gibt doch einige kleine andeu- 
tungen einer Verbindung. Sehr allgemein wird in den liedern 
von dem trinkgelage in Päivölä gesungen, dass die krüppe- 
ligen (rujot, ruuhot), die lahmen (rammat) und die blin- 
den oder gänzlich blinden (perisokeat, verisokeat) dahin 
geladen wurden, aber nur nicht Lemminkäinen. J. Krohx ^ 
sieht hier eine erinnerung an das gleichnis Jesu von der hoch- 
zeit des königsohnes (Matth. 22, 2-14), bezw. von dem grossen 
abendmahl (Luk. 14, 16-24), wohin „die armen, und krüppel, und 
lahmen und blinden" geladen wurden (Luk. 14, 21, vgl. 13). 
Dies ist wohl insofern richtig, als der Baidermythus, so wie 
er uns in seiner nordischen und finnischen form vorliegt, christ- 
liche einflüsse empfangen hat, auch wenn man den kern nicht 
so christlich auffasst, wie ihn Bugge und noch mehr Kaarle 
Krohn machen wollen. Aber hier ist jedenfalls auf den aus- 
druck perisokeat (zb. Arch.-Karelien \'LR 707, 724, 757, 808) 



' Kirj. hist. 340, vgl. K. Krohn, Kai. ruu. bist. 5S7. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 231 

und auf das daraus verdrehte verisokeat (zb. Arch.-Karelien 
VLR 702, 703, 704, 706, 708, 711, 712, 716, 856) zu achten — 
dies ist ja kein gewöhnlicher ausdruck, sondern eine — fal- 
sche oder richtige — Übersetzung von Helblindi. Hier liegt 
also unleugbar wenigstens beeinflussung durch eine rune 
vor, in der perisokea als schiesser erscheint; aber wer weiss, 
ob es nicht ursprünglich in der rune geheissen hat, dass bei 
dieser gelegenheit, wo der held erschossen wurde, die drei 
brüder ruho (rujo), rampa und perisokea dawaren? ' 

Auf eine Verbindung mit den Lox'iatarrunen weist auch 
der schiesser Ulappalan ukko - - umpisilmä "der greis \on Ulap- 
pala mit blinden äugen' hin. Der alte greis fragt Lemmin poika, 
warum er ihn nicht besungen habe, und dieser antwortet, 
er habe es deshalb nicht getan, weil der greis einst in seiner 
Jugend einen hund in seinem schoss getragen. Dies hat 
auf die folgende zauberrune bezug (Ilamantsi, Europaus fol. 
III 12): 

Ulappalan umpisilmä Die (der?) blinde von Ulappala, 

Väinölän versokia die (der?) gänzlich blinde von Väinölä 

kohussahan koiran kante trug einen hund in ihrem (seinem?) 

schoss, 
peniu alla pernojeusa einen juugen köter unter der milz, 

makuutteli maksoissaan. schläferte ihn in der leber ein. 

Ulappalan umpisilmä '^ hat hier als parallele gerade veri- 
sokea <C perisokea; hier liegt offenbar eine Vermischung der 
mutter mit dem söhn perisokea vor. Die mutter erscheint 
ja oft als die mutter des hundes (siehe oben p. 217). Auf Ver- 
mischung beruht wohl auch das erscheinen der Louhi als 
töterin; es ist aber wohl kein zufall, dass Louhi, Pohjolan emäntä 
die mutter der unheilbringenden söhne, hier und nur hier im 
epischen lied erscheint. Ihr söhn, der eigentliche töter, muss 



1 Man begegnet bisweilen in der tat einer Verbindung der eiula- 
dung der lahmen, krüppel und der gänzlich blinden mit den namen 
der drei söhne, bezw. mit dem bogenschiesseu (siehe Kiimasjärvi VLR 
442 56 f., Kellovaara, VLR 703 50 f.). Diese Verbindung ist jedoch wohl 
späteren datums. 

- Ulappalan umpisilmä ist eine uicht ganz ungewöhnliche bezeich- 
nung der mutter der kraukheiten usw., siehe oben p. 215. Vgl, auch 
unten p. 233 fussn. 



232 E. N. Setälä. 

nach dieser Variante Luotolan isäntä geheissen haben, wie das 
aus der am nächsten stehenden form dieser Variante hervorgeht 
(siehe oben p. 229). Was Luotola sein kann, darüber gleich 
mehr. 

Aber was ist märkähattu kaijanpaimen, keltahattu man- 
nun poika? J. Krohx (Suom. kirj. hist. 260) nimmt an, dass 
hier eine volksetymologische Verdrehung von H^br vorliege 
(hottr < Hoör); Schullerus (Paul u. Braunes beitr. XII 261) 
glaubt, dass in der nordischen vorläge der schiesser myrkr 
Hoör genannt worden sei, welches dann die finnen volksety- 
mologisch zu märkähattu umwandelten. ^ K. Krohx (FUF V 
115) wiederum meint, dass dieser ausdruck aus dem feurigen 
schlapphut des teufeis in der volk.stümlichen auffassung zu er- 
klären sei (tunge Hiisi hiippoasi, Lempo liekkilakkiasi od. 
lierilakkiasi usw. 'stosse, teufel, deine mutze, böser, deinen flam- 
menhut od. deinen schirmhut'); diese erklärung scheint mir 
jedoch kaum gutzuheissen zu sein: märkähattu trägt ein so 
bestimmtes und eigentümliches gepräge und weicht auch for- 
mell so stark von den \on Krohn genannten ausdrücken ab, 
dass hier etwas ganz spezielles dahinter stecken muss. 

Dass der schütze märkähattu dem reich der unterweit, 
den unterirdischen zugehört, scheint auf alle fälle klar zu sein. 
Die Variante keltahattu hat ja auch das epitheton mannun poika 
'söhn von mantu, söhn der erde'.^ Und im Wechsel mit märkä- 
hattu und keltahattu kommt punahattu "der mit rotem hut', 
der direkt tuonen poika "söhn des todes' genannt wird, in 
den zauberrunen als schiesser der krankheit vor. ^ 

Helbündi ist ja ein beiname Odins — Axel Olrik hat 
sogar geltend gemacht, dass der bruder Lokis Helblindi Odin, 



' Ebenso Comparetti, II Kalevala 1891, p. 147 fussn. 4. 

^ Auch riisi 'rachitis' wird keltahattu «jjenannt (Kitee, Löuiirot 

R 525). 

' LÖNNROT, Kantele III 31: 

Punahattu, Tuonen poika! Tuouis sehn mit rotem hut! 

Jännitä tuUnen jousi spanne einen feurigen bogen 

tulisella jäntehellä; mit einer feurigen sehne; 



ammu halki hampahista schiesse durch die zahne 

luun syöjä, hhan puria usw. den fresser des knochens, den beisser 

des fleisches us\s\ 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 233 

der todesgott, ist. ^ Wenn also in den finnischen runen perisokea 
= Helblindi als schiesser erscheint, wäre es nicht möglich in 
märkähattu nach einem heinamen Odins zu suchen? Wenn man 
das tut, kommt man auf das epitheton Odins siöhottr "mit herab- 
hängendem hut',''^ welches eben wie Helblindi in Grimnismal (46) 
vorkommt: ein nasser hut ist ja ein herabhängender hut, 
weshalb die ausdrücke identisch sein könnten. ^ Die namen, 
welche die färbe des hutes angeben, sind wohl spätere Weiter- 
bildungen. W'arum der schiesser ein karjanpaimen 'viehhirt' 
war, darüber kann ich keine meinung äussern, aber bedeu- 
tungslos ist wohl auch diese einzelheit nicht. * Das auftreten 
Väinämöinens als töter ist wohl etwas späteres, das auf ent- 
lehnung aus dem lied von dem wettgesang beruht. ^ 



' Festskr. t. Feilberg 564. 

- Auch nur H^ttr, Fornald. Sögur II 25. Nach einer norwegischen 
volkssage besucht Odin Olafr Tryggvason als einäugiger greis mit her- 
abhängendem hut (Flateyjarbok I 375) — also die beiden hier genann- 
ten attribute verbunden. 

' Auch diese erklärung wird von J. Krohn (Suom. kirj. hist. 261) 
als erklärung des anfangsgliedes der Zusammensetzung vorgeschlagen, 
indem er das letzte glied aus Hqot erklärt. 

* Man könnte — einmal in zug gekommen — das etymologisie- 
ren weiter fortsetzen und daran erinnern, dass Odin auch Herfaöir, 
Herjafaoir "agminum pater', Heriann hiess, da er ja ein beer der toten 
um sich sammelt (vgl. Kaufmann, Balder 231), und heria- wäre ja fin- 
nisch genau laut für laut karja- (siehe Thomsen, Einfl. 141) — voraus- 
gesetzt, dass man es hier mit einer sehr alten entlehnung zu tun hätte! 
In so alte zeiten kann man jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach hier 
nicht hinaufgehen, sondern eine solche vergleichung niuss als blosses 
irrlicht fallen gelassen werden. 

* Zu bemerken ist jedoch, dass Väinämöinen auch als derjenige 
genannt wird, welcher die söhne gebiert, siehe oben p. 215. — Ich 
kann auch nicht umhin auszusprechen, dass Väinämöinen in einigen 
hinsichten sicherlich züge aus dem Odinglauben der Skandinavier an- 
genommen hat (vgl. J. Krohn, Suom. kirj. hist. 232). Ob der oben- 
genannte name Ulappala (in Ulappalan umpisilmä, vgl. musta Pohjan 
akka, ulomoUen umpisilmä Akonlaksi, VLR 30 210, 276, ulamoihin 
umpisilmä, Akonlaksi VLR 30 a) 34; vgl. auch oben p. 23 ij und die 
epitheta Väinämöinens Uventolainen, Umentolainen, Uvantolainen, Ulan- 
tolainen, Ulontolainen usw. zum teil auch sprachlich mit dem germani- 
schen namen Odins in Verbindung gesetzt werden könnten oder ob sie 
ganz anderen Ursprungs sind — auf diese fragen will ich hier garnicht 
eingehen. 



234 E. N. Setälä. 

Als todeswaffe, womit Lemminkäinen getötet wird, 
erscheint, wo sich diese erhalten hat, vesikyy 'Wassernatter*, 
käärme 'schlänge', vesu, veson (gen. vesomen), vesuma, umpi- 
putki. Wie Kaarle Krohn gezeigt hat (FUF V 109 f.), ist 
hier vesiputki 'cicuta virosa' ursprünglich und ersetzt die den 
finnen unbekannte mistel. Nur in einer Variante kommen die 
eisernen pfeile als todeswaffe vor. In unserer zauberrune wie- 
der ist die Waffe immer ein pfeil, welcher von einem bäume 
stammt, und wie schon erwähnt, ist die auffassung weit ver- 
breitet, dass die pfeile aus der eiche, und zwar besonders aus 
der grossen fabelhaften eiche gemacht worden sind, mag nun 
eine Verbindung mit dem lied von der grossen eiche stattge- 
funden haben oder nicht. ^ Dies steht wohl auch mit der mistel, 
dem Schmarotzergewächs der eiche, in Verbindung. - 



' Die pfeile stammen oksista tulisen tammen, äkähistä puun puna- 
sen "aus den zweigen der feurigen eiche, aus den stacheln des roten 
baumes' Topelius, Vanh. run. II 3, Juuka, INI. A. Castren (1S39) üb 
I p. 8; oxista Rotimo Raijan, pahan Tammen taittumoista "aus den zwei- 
gen der Rotimoraita, aus den zerbrochenen stücken der bösen eiche', 
Sjögren 410, Suonii III 15 67 — um nur ein paar beispiele anzuführen. 

- Es wird freilich nicht mit bestimmtheit gesagt, dass der mistel- 
zweig auf einer eiche wuchs, nur dass der bäum, auf dem er wuchs, 
durch seine ragende höhe ausgezeichnet war ("Vgluspä 32-3: Stö5 um 
vaxinn vgllom hieri miör ok miok fagr mistilteinn. Var3 af peim meifii, er 
mter syndiz harmflaug hsettlig, HgSr nam skiöta 'hoch über der flur 
stand dünn gewachsen und sehr schön ein mistelzweig. Vom bäum 
her stammte der, so dünn er aussah, gefährliche schmerzenspfeil : Hgor 
tat den schuss'). Die eiche ist hier jedoch wohl in erster linie in 
betracht zu ziehen, siehe Grimm, M3'th. 1009, III 353; Kauffmann, 
Balder 254 fussn. i. Diese Voraussetzung wird auch durch die finni- 
schen runen bestätigt. — Die wunderbare eiche wird in den finnischen 
runen Rutimoraita usw. genannt (raita \\eide"). wobei Rutimo unzwei- 
felhaft mit Rotaimo der läppen zusammenhängt — auf welchem wege, 
kann hier nicht untersucht werden. Rotaimo hinwieder ist das heim des 
Rota (= fi. rutto 'pest'), das heim des todes. Rata wird von Unwerth, 
Untersuch, über totenkult und Odinnverehrung bei nordgermanen und 
läppen 191 1, p. 55-79, 153-8 als eine lappische wiedergäbe Odins ge- 
deutet. Lp. Rota und fi. rutto werden von Mikkola (FUF I 182) 
und WiKLUND (siehe Reuterskiöld, Källskrifter tili lapparnas myto- 
logi 115) als nordische lehnwörter betrachtet (vgl. aisl. prütinn 'ge- 
schwollen', got. pruts-fill 'aussatz', aisl. prote 'geschwulst'). Dabei ist 
jedenfalls auch an fi. rutto schnell, geschwind', est. rutt g. rutu 'eile', 
ruttama 'eilen' zu denken (ruttotauti "morbus mortem subito affereus' 



i 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 235 



Das ergebnis dieser auslührun.gen ist, dass die finnische 
zauberrune die bekanntschaft mit einer nordischen Variante des 
Baidermythus \"()raussetzt. in dei' der als blind aufgefasste 
Helblindi schiesst und eine dem Loki entspre- 
chende gestalt (oder zwei gestalten?) dabei behülflich oder 
der anstifter des schiessens ist. 

7. Die geburt des wolfes und der schlänge. 
Wie schon oben angeführt, wird Loviatar als gebärerin des 
wolfes (des h und es) dargestellt. In einer Variante gebiert 
Ulappalan umpisilmä, Väinölän verisokea, wohl also ein nach- 
komme der Loxiatar (verisokea =: perisokea) den hund (siehe 
oben p. 231). Ebenso wurde oben erwähnt, dass Loviatar auch 
die schlänge und die eidechse gebiert. 

Ich kann nicht umhin dies damit zu verbinden, dass Loki, 
Laufeys söhn, in der Edda-mythologie als vater des wolfes 
Fenris-ülfr und Jormungandr d. h. Miögarösormr erscheint. 
Aber dies steht schon mit Loki als Ursprung alles bösen in 
Zusammenhang. 

8. Der Ursprung alles bösen. In den finnischen 
runen wird die mutter selbst als die böse, „die Urheberin alles 
bü.sen" charakterisiert. Zb. (Kontiolahti, Rytkönen 664): 

Lovitar vaimo vanlia Lovitar, das alte weih, 

paliin Tuonen tyttäriä die schlimmste von den töchtern 

Tuonis, 
ilikein ^Nlanattaria die böseste von den töchtern Manas. 

alaku kaikelle pahalle der Ursprung alles bösen, 

tuhansille turmioille. des tausenderlei Unglücks. 

Aber auch unter ihren söhnen kommt „der böse" 1 vor. 



Rknv.\LIv). Einer von den bot^enschiessern hat in den finnischen ru- 
nen das parallelepithetou pikatuoni 'der jähe tod' (zb. Ruho jousta jännit- 
tävi, ratnpa nuolia vanuu\-i, pika tuoni pistämiä, äkähiä Aijön Poika 'der 
krüppelige spannt den bogen, der lahme macht die pfeile, der j äh e tod 
die spitzen, Aijös sehn die stacheln', Sjögren 410, Suomi III 15 66, vgl. Tika 
tuoni ib. 53 u. Pikatoni, Miinoa, M. A. Castren i r b III p. 49), wo derselbe 
gedanke wie 1)ei rutto zum Vorschein zu kommen scheint. Oder ist die 
Verbindung von rutto 'schnell' und rutto 'pest' nur volksetymologisch? 
' Sogar, maan paha "der böse der weit', Impilahti, Krohn 50S3. 
Oder: ein söhn verblieb ohne namen und: se tuli paljon pahembi "er 
wurde viel schlimmer' (Omelie, Berner 7). 



236 E. N. Setälä. 

und ganz besonders wird hervorgehoben, dass ein söhn der 
schlimmste von allen war. So wird von dem letzten namen- 
losen söhn gesungen (Rytkönen 664): 

Jäi yksi nimittämättä es blieb einer ohne namen, 

poika pahnan polijimainen der letzte söhn von allen, 

senpä sitte käski tuonne ihn schickte sie dann dahin, 

työnti velhoksi vesille sandte ihn als zauberer auf die wässer, 

noiiks noro-perille als hexer auf die sümpfe, 

kateheksi kaiken kansan. ' zum Unglück aller menschen. 

Ohne weiteres drängen sich einem da die worte Sxorris 
auf, dass Loki „v(2mm allra go?a ok manna" 'dedecus (flagi- 
tium) omnium deorum hominumque' war. Und in der nordi- 
schen Überlieferung ist ja Loki auch sonst der Ursprung alles 
bösen: er ist der vater der eben genannten untiere und er wird 
sogar selbst auf übernatürliche weise (dadurch, dass er ein 
halbverbranntes herz eines bösen weibes gegessen) schwanger, 
und „daher stammen alle hexen auf der erde" (Hyndluljuö 
41 = V'qluspä hin skamma 11: |)aöan er a foUdu flagö huert 
komit). 

Dass hier etwas gemeinsames, teihveise mit Verwechselung 
der rollen der mutter und des sohnes, steckt, unterliegt meines 
erachtens keinem zweifei. Die auf unnatürliche weise zu- 
standegekommene Schwangerschaft und die bösen nachkom- 
men sind momente, welche sowohl auf nordischer als auf fin- 
nischer Seite verschiedene Stoffe an sich gezogen haben. '^ 
Wenn man die finnischen runen mit den nordischen Überlie- 
ferungen zusammenstellt, scheint es klar zu sein, dass die fin- 



' Vgl. Lönnrot S 196 katehiksi kaitiin paikkoin, urspr. kaikin 
paikoin an allen orten", vgl. die zeile: kateita on kaikin paikoin; Kitee, 
Lonkainen lo: katehiksi kaikin paikoin. Von dem schlimmsten söhn 
(hier wie oft riisi rachitis") wird gesagt, dass er >piian pilkka, naisten 
nauru, häpiä hyvän urohon» = "spott des mädchens, höhn des weilies, 
schände des guten mannes" ist (Ilamantsi, Ahlqvist B 330, Europaeus G 
668. Vgl. auch Kantele III 32). Riisi wird sonst oft mit russ. rpwaja 
— ein etwas unbestimmter krankheitsname — verbunden. 

- Vgl. Über die verschiedenen arten der unnatürlichen Schwan- 
gerschaft in den finnischen runen siehe oben p. 216. Die Edda-erzäh- 
lung wird von Axel Olrik, Festskr. t. Feilberg 556 f. mit einer 
gruppe von wandermotiven zusammengestellt. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 237 

nen in den nordischen vorla^^en folgendes gefunden haben: 
1) die erzählung von den drei sühnen Laufeys =: der Lovia- 
tar; 2) die auffassung, dass einer von den söhnen besonders 
schlimm war und 3) die auffassung, dass die mutter, wenig- 
stens durch ihren söhn, die erzeugerin verschiedener schädlicher 
tiere, des wolfes und der schlänge, und verschiedener arten 
von Unglück war. Dagegen war Loviatar ursprünglich nicht 
die gebärerin der verschiedenen mit namen genannten Krank- 
heiten. 

Man kann nämlich nicht umhin zu schliessen, dass hin- 
ter der finnischen rune vom Ursprung der Krankheiten eine 
legendenhafte Überlieferung stecken muss. In einigen nordfin- 
nischen prosaischen Überlieferungen wird über die entstehung 
der krankheiten erzählt, dass eine hure in Jerusalem (die- 
ser name ist jedoch nur in einer bekannten vaiiante genannt, 
Alatornio, Selma Kuijala 9) einen söhn gebar und unter 
einer Steinplatte oder unter der schwelle der kirche der Jung- 
frau Maria (Tornio, Ehrström 1) begrub, woraus drei böse 
brüder entstanden, oder (Kittilä, Murman .36) die hure gebar 
die kinder unter der treppe der kirche des heiligen Georg (St. 
Yrjänä); die kinder waren rutto 'pest', punatauti 'rühr' und 
kosketus 'ansteckung' oder rupxili 'blättern' oder rupi 'grind'. 
Und in versform wird folgendes erzählt (Alatornio, Meriläinen 
II 1557): 

Salmonin portto vainio Salmons hurenweib 

teki poikoa yheksän gebar neun söhne 

yhelle vesikivelle. auf einem wasserstein. 

Xiniitteli poikiansa Sie benannte ihre söhne, 

nimitteli kasvatteli ' benannte sie, erzog sie, 

sai viimmein vihaisen pojan sie bekam endUch einen bösen söhn, 

sen pisti pistoksiksi ihn machte sie zum Seitenstechen, 

amputauväksi asetti. schuf ihn zum drachenschuss. 

Diese rune stellt schon eine deutliche Variante der rune 
vom Ursprung der krankheiten dar. In dem namen Salmonin 
porttovaimo sehen wir einen namen, welcher sicherlich nichts 
mit dem könig Salomo zu tun hat, sondern ein nachklang 
des namens der tochtei" der Herodias Salome ist. 
Aber in anderen Varianten finden wir noch weitere legendari- 
sche Züge, welche unsere kenntnis von dem Inhalt der zu- 



238 E. N. Setälä. 

grundeliegenden legende wesentlich vervollständigen. Die mut- 
ter, welche so oft als portto 'hure' bezeichnet wird, sucht einen 
täufer (kastajata, ristijätä, pappia parasta 'den täufer', 'den 
besten priester'), es wird sogar gesagt, dass dieser priester 
Johannes (Juhanus, Juhannes, Juhannus) Jumalan (jumalten) 
pappi 'Johannes, der priester Gottes (der götter)' war ^ ; ent- 
weder weigert sich der täufer (da er Christus selbst getauft 
habe und da er nicht die bösen taufen wolle) oder die mutter 
lässt ihn die kinder nicht taufen. Jedenfalls tauft sie die kin- 
der selbst und benennt sie mit den namen der krankheiten. 
Es heisst dazu bisweilen, dass die mutter diejenigen von den 
kindern, welche keine namen erhielten, ins wasser stürzte 
(Pälkjärvi, Riikonen 9; vgl. auch Kitee, Savoi<ar. Studenten- 
korp. 139). 

Auch die nebenbestimmungen verstärken den legendari- 
schen grundton: die geburtstätte in dem Strudel des heiligen 
Stromes (pyhän virran pyörtehessä := Jordan), ^ in dem boden- 



^ Zb. Juhannes Jumalan pappi tuli noita ristimähän, llamantsi, 
Ahlqvist I 194 oder Juhannus Jumalam pappi tuli noida ristimäh, Olo- 
nez, Lubasalmi, Borenius I 26, "Johannes, der priester gottes, kam diese 
zu tiiufeii" (Johanns Jumalan pappi, Himola, Krohn 6595; Johannes ju- 
malten pappi, Ahlqvist B 94), oder Johannes jumalten pappi ristiäksensä 
käkesi "Johannes der priester der götter wollte sie taufen' (llamantsi, 
Europaeus G 668) oder noch: Jumala Juhannuspapin laittoi niitä risti- 
mäh 'Gott schickte den priester Johannes sie zu taufen', Luovutsaari, 
U. Karttuneu 196. "Vgl. Kitee od. Kontiolahti, Lönnrot O 27 (Juhan- 
nes Jumalten pappi); Kaavi, Keckman i (Juhannes Jumalan pappi) Toh- 
majärvi, Hakuliueu 66. Sogar: Juhannes pyhä ritari! Tules risti lap- 
siani 'Johannes, heiliger ritter, komm, taufe meine kinder!' Lönnrot, 
Kantele I"V 9 = Kesälahti, Lönnrot S 196, Impilahti, Basilier 25, lla- 
mantsi, Lönnrot O 347. Einmal heisst der täufer Johannes simanen 
(Kaavi, Krohn 12735). Selten ist der aufgeforderte täufer, wenn er ge- 
nannt wird, ein anderer: pyhä Pietari "der heiUge Petrus' (Kuusjärvi, 
P. Ollilainen 318) oder vanhin juuttahista 'der älteste unter den Juden' 
(Korpiselkä, BasiUer 100, 136, O. Relander 108) oder Christus selbst 
(pyysi Ristuxen ristimään, SchröTkr, Finn. Runen 50, vgl. Arwidsson u. 
Crohns 486 17 1, Suistamo, Krohn 7442; kuhtu Luojan ristimään, Rääk- 
kylä, A. Hyvärinen 45 kutsu Luojoa ristimäh, Jumaloa nimiemäh. Uhut, 
Karjalaineu 116 'sie bat den schöpfer die kinder zu taufen, Gott ihnen 
namen zu geben'. 

- Es heisst freilich : pahan virran partahalla 'am strande des üblen 
flusses' und pahan virran pyörtehessä 'im Strudel des üblen flusses'; 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 239 



losen see (mereen perättömään) oder in dem see ohne austluss 
(umbilammin lumbehella 'auf einer seerose in dem see ohne aus- 
fluss'), bezeichnungen, welche sich auf das Tote meer beziehen. 

Die zugrundeliegende legende muss also ungefähr folgen- 
des enthalten haben: die hure, die herrin Pohjolas — die oft 
als das „wilde weib", das „wütende weib", das „wirbelnd wütige 
weib", einmal auch mit einem namen, welcher der Salome 
entspricht, bezeichnet wird — gebiert viele kinder; die geburt- 
stätte ist in dem fluss Jordan oder in dem Toten meer; die 
mutter bittet Johannes den täufer ihre kinder zu taufen, aber 
er weigert sich; dann tauft die mutter ihre kinder selbst, be- 
nennt sie mit den namen der krankheiten und macht sie zu 
krankheitsgeistern ; wenigstens ein teil der kinder stürzt sich 
ins Wasser. 

Eine legende, welche alle diese züge enthielte, ist meines 
Wissens in den Überlieferungen anderer Völker nicht aufzuzeigen. 
Besonders bemerkenswert ist, dass eine solche legende auf der 
nordischen seite, auf welche man natürlich zunächst den blick 
richtet, nicht zu finden ist. ^ Man kann also fragen, ob man 
denn wirklich eine legende mit diesen Zügen voraussetzen darf 
oder ob sich vielleicht erst in finnischen runen mehrere züge 
ganz zufällig attrahiert haben, sodass man hinter ihnen eine 
legendenhafte erzählung zu finden glaubt. 

Es ist natürlich nicht ganz sicher, dass alle die oben- 
erwähnten nebenbesfimmungen eben dieser legende zugehö- 
ren; besonders sind die Zeilen über den heiligen fluss solche, 



dies sind ohne zweifei nur Varianten von pyhän virran pyörtehessä im 
Strudel des heiligen flusses'. Und was damit gemeint ist, geht zb. aus 
folgenden zeilen hervor: 

tuolta Juortanin joesta, aus dem fluss Jordan 

pyhän virran pyörtehestä aus dem Strudel des heiligen Stromes, 

joUa Ristus ristittynä_ wo Christus getauft wurde, 

kaikkivalta kastettuna. der allmächtige gesegnet wurde. 

(Zauberrune gegen wesimaahinen 'wasserausschlag', Kananaisten 
kj-lä, Meriläinen II loi.) 

^ Prof. Axel Olrik, der ausgezeichnete kenuer der nordischen 
folklore, erklärt auf meine anfrage hin ausdrücklich, dass er keine nor- 
dische legende ähnlichen Inhalts kennt. Besonders sagt er, dass seines 
Wissens die Vorstellungen von der Herodias den Skandinaviern ganz 
fremd sind. 



240 E. N. Setälä. 



die sehr oft auch in anderen Verbindungen wiederkehren. Aber 
andrerseits passen alle diese züge ausgezeichnet zu einer 
Herodiaslegende, und man findet auch — bisweilen in 
ganz entfernten gegenden — entsprechende züge, welche reste 
einer solchen legende darstellen könnten. 

Mag. phil. Uno Holmberg verdanke ich einen hinweis auf 
eine russische legende, welche er selbst (in Pskov) aufgezeich- 
net hat und die nach ihm unter dem volk weit verbreitet ist, 
von den töchtern des königs Herodes (Hpo;i.T>), welche, wegen 
ihrer geburt aus einer verbotenen ehe von gott verdammt, in 
Krankheiten verwandelt wurden und sich ins meer stürzten und 
dorther erscheinen, um die menschen zu peinigen. ^ Soweit 
ich die literatur habe überblicken können, finde ich keine sol- 
che legende als direkt überliefert, aber in den russischen be- 
schwörungen der wechselfieberkrankheiten werden diese krank- 
heiten allgemein als töchter des Herodes bezeichnet. Bisweilen 
wird auch die mutter Salome (Co.ioMiii), „Schwester und die- 
nerin des Herodes" genannt. Die anzahl der töchter ist ge- 
wöhnlich zwölf, aber auch andere zahlen (3, 7, 77, 99) kom- 
men vor; an einigen orten glaubt man, dass sie auch brüder 
haben, die ebenso handeln wie die Schwestern. Sie tragen 
namen, die sich auf die Symptome der krankheiten gründen. ^ 



* Siehe jetzt den aufsatz in Virittäjä 1912, p. 60, welcher mir erst 
während des druckes dieser iintersuchung in die hände kommt. 

- TpacoBima 'die schüttlerin', OiHeHHua 'fieber oder OiHea, Tne- 
Me«, iJHOÖea, OyxoTa usw. Siehe darüber: M. Zabylin, P^-cckIh Hapojti., 
Moskau 1880, p. 269, N. F'. VvsocKij. OnepKti nauieft Hapo;iHon MeanuHHU, 
Moskau 191 1, p. 39, 79, 84 f. (VvsoCKij hat einen hinweis auf M.\x 
Bartels, Die medicin der naturvölker, Leipzig 1897, p. 15, wo erzählt 
wird, dass die zigeuner des südöstlichen Europas glauben, Ana, die 
schöne königin der K e s h a 1 y oder f e e n, vermähle sich wider ihren 
willen mit dem abscheulichen könige Logolico der dämonen und ge- 
bäre ihm neun kinder; das sind die Misege, die bösen, d. h. dämo- 
nen, welche krankheiten bringen). — Russische beschwörungen der wech- 
selfieber siehe zb. bei I. Sacharov, CKasaflia pyccKaro napo^ia, St. Peters- 
burg 1837, I- 72; L. Majkov, Be.THKop3'ccKifl saK-inimHia, St. Petersburg 
1869, p. 45 f.; M. Zabvi.in aao. 353-64; N. Vinogradov, 3aroBopbi, 
oöepern, cnaciiTe.ibHUS MO.iiiTHbi 11 npon., St. Petersburg 1908, I 73-4- Sonst 
ist zu bemerken, dass die kinder des Herodes mit ihren namen (wie 
auch CojiomIh = Salome) auch in anderen beschwörungen (und andere 
krankheiten bezeichnend) erscheinen, siehe Majkov aao. nr. 28, p. 21 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 241 

Ein solcher russischer Volksglaube kann nicht anders 
erklärt werden, als dass diesem glauben, bezw. diesen be- 
schvvörungen wirklich eine legende zugrundeliegt. Und die 
vorauszusetzende finnische legende zeigt einige züge, die offen- 
bar mit russischen zügen verwandt sind. Besonders ist die ähn- 
lichkeit der namen der krankheitsgeister, welche russischerseits 
als töchter des Herodes erscheinen, recht frappierend. Leider 
aber ist die entstehung des russischen Volksglaubens, beson- 
ders die anknüpfung der krankheitsnamen an die kinder des 
Herodes, bei weitem nicht klar — und die klarung der frage 
kann hier nicht in betracht kommen. ^ 



und die von Veselovskij, PaaLiCKanifi B-i oß.iacTii p3CCKaio AVSOBHaro 
CTHxa VI-X, npii.i. k-b XLV:My T0113' 3an. Iliin. Ak. Haj-K X<i 1 429 ange- 
führte literatur. 

' Nach Veselovskij war die quelle der russischen beschwörun- 
gen gegen wechselfieber eine byzantinische halblegende, halbzauber- 
formel, welche sich früh unter den südslaveu verbreitet hatte und auch 
bei den rumänen bekannt war: iii dieser wird von dem hl. Sisinnios 
gesprochen, welcher entweder allein oder mit seinem bruder Sinodoros 
der dämonischen rikf-ä nachstellte. Diese letztere hatte zwölf (und ei- 
nen halben) namen, welche dann in verschiedene wesen verwandelt 
wurden, und unter dem einfluss der auffassung von den töchtern des 
Herodes entstand die russische »synkretistische » beschwörung, welche 
von den T2)flcaBnubi (»schüttlerinnen») spricht. Siehe folgende arbeiten 
und aufsätze von Veselovskij: PaaucKaiiia irb oo.iacTH pj'ccKaro avxob- 
Haro CTnxa VI-X 40-53, 89-96, 222-3, 477-30 (npn.io;i:. Kt XLV:My TOMy 
sanncoK-b PLiri. AKa;i. HayKb .Vj i, 1883); 8aMl;TKU no .inTepaiypt 11 na- 
po^Hoft c.ioKecHOCTii I 87-92 (ibid. Sa 3, 1883); iiaMtiKn K-b iicropi» ano- 
Kpii(|)on'h, /Hypna-i-b MiiHHcrepcTBa Hap. llpocu. CCXLV (18S6), abt. 2, p. 
288-93; PaaLiCKaiÜH B't o6;iacTH pyccKaro iiapoAnaro cxiixa XVI. Vgl. auch 
M. SoKOLOv, Maiepia.iH 11 saMtiKH no ciapuHHofi c.iaBflHCKOfi anTepaiypt, 
Moskau 1888: II. CicinieBLi mo.ihtbbi oi'b Tp5icaBHui> (p. 23-50) und die 
von ihm angeführte literatur. Über AAAw, FUcö, Fvlov, Filov, Ftluv 
siehe B. Schmidt, Das volksieben der neugriechen und das hellenisti- 
sche altertum I 139-40. — Es ist auch ganz unzweifelhaft, dass die le- 
gende von Sisinnios und FtlXa hier wesentlich hineingespielt hat; in 
einigen russischen beschwörungen wird ja der name des hl. Sisinnios 
ausdrücklich genannt; siehe zb. Buslaev, Hapo^Hofi U033in B'b ;ipeßHe- 
pyccKOfi .iHxepaTj-pt : IlcTopimecK. oq. pyccKoö Hapo;iH. cioBecHocxii 11 hc- 
CKycTBa II, St. Pburg 1861, p. 47; Tichonravov, naMATHiiKii oxpeieHHOfi 
pyccKofi ."iiiTepaTj'pu II, St. Pburg 1863, p. 351 (Chchmii); Majkov, Be.iiiKO- 
pyccKiH 3aK.iiinaHiH nr. 103, p. 46, Zabvlix, PyccKiri Hapo;iT> 362 (p. 353 
•Cii.iiiniii statt CnciiHiii). Aber die zwölf namen der FtAAw sind doch 

Finn.-ugr. Forsch. XII. 16 



242 E. N. Setälä. 



Auch ist das stürzen der kinder ins wasser ein gemein- 
samer zug der russischen und finnischen Überlieferung, wie 
auch der name Salome. 

Dagegen fehlt in der russischen legende, soweit mir diese 



von wesentlich anderer art als diejenigen der wechselfieber, und es 
ist sehr unsicher, ob die ersteren mit den letzteren etwas zu tun ha- 
ben. Bemerkenswerter ist meines erachtens die ähnlichkeit der russi- 
schen beschwörungen mit einigen westeuropäischen, in welchen krank- 
heitsbenennungen vorkommen (K. Bartsch, Alt- und mittelhochdeut- 
sches aus Engelberg, Germania XVIII 45-6: - - Tres angeli anibulave- 
runt in monte Synay. Ouibus obviavit Nessia, Nagedo, Stechedo, Trop- 
pho, Crampho, Gigihte, Paralisis. Ad quos angeli dixerunt 'Quo itis?' 
Qui dixerunt "Xos imus ad famulum Dei .N. Caput eius vexare, venas 
eins enervare, medullam evacuare, ossa eius conterere et totam com- 
paginem membrorum eius dissolvere' etc. Steinmeyer, Zs. f. deutsch, 
alt. XVII 560 veröffentlicht eine Variante dieses Zauberspruches vom 
13. Jh., wo zusammen mit diesen kraukheiten [pestilentie] noch ausser 
den obengenannten »crancrum [sicl], Caducus morbus cum suis commi- 
tibus et febris» genannt werden). Die fragen "Quo itis' und die ant- 
wort 'Xos imus - - vexare' etc. sind auch für die russischen formen 
tvpisch. Über die westeuropäischen formein vgl. Veselovskij, /Kypri. 
MiiHiiCT. Hap. IIpocB. CCXLV 2 293; über ihren Ursprung und ihre ent- 
wicklung vgl. auch Mansikka, Über russische Zauberformeln, Ann. 
Acad. Scient. Fenn. I 3 52, 84. 

In einer Sisinnios-legeude hat ausserdem weder der könig Hero- 
des mit weib und töchtern noch Johannes der täufer, welcher letzterer 
auch in den russischen beschwörungen erscheint (siehe zb. Tichonravov 
aao. 352, Zabylin aao. 355), einen platz. Sie müssen also aus einer an- 
deren quelle stammen, aus einer Herodes- bezw. Herodias-legende. welche 
in höherem grade als die Sisinnios-legende den beschwörungen zugrunde- 
liegt. Die töchter des Herodes sind in der legendenliteratur nicht 
unbekannt, obgleich man von ihnen als krankheitsgeistern ausserhalb 
Russlands nichts zu wissen scheint. Eine katalonische Überlieferung 
spricht von den tanzenden töchtern des Herodes: 

Las fillas del rey Herodes 
Ballan que mes ballaran. 

(MiLÄ Y FONTAXALS, Observaciones sobre la poesia populär 95, note 6; 
vgl. Zeitschr. f. deutsche myth. IV 191: De la danza aerea ä que estäu 
coudenadas las Herodiadas por la muerte del bautista; siehe Grimm, 
Myth. III 2S2; Veselovskij, PasucKaHia btj oö;iacTH pyccKaro .ayxoBHaro 
CTiixa XVI 309). Auch in Xorditalieu schreitet Redodesa = Herodias 
mit ihren zwölf Redodesegot einher (Angela Xardo Cibele, Supersti- 
zioni Bellunesi e Cadorine, Archivio per lo studio delle trad. pop. IV 
590, siehe Veselovskij ib. 320). 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 243 

bekannt ist, eine deutliche anspielung darauf, dass die geburt- 
stätte im Jordan oder im Toten meer war, ^ und ebenso 
der wichtige zug, dass die mutter Johannes bittet ihre kinder 
zu taufen und dieser sich weigert; der letztgenannte zug scheint 
jedoch ganz mit dem Inhalt der legende übereinzustimmen und 
muss wohl ein ursprünglicher zug sein. - 

Und schliesslich die mutter selbst. In der finnischen rune 
erscheint sie meistens als Pohjolan emäntä 'herrin von Pohjola', 
also des nordens und der finsternis. ^ Bisweilen wird sie Vihuri- 
tar 'geist des Sturmwindes' genannt. Mehrmals wird sie als 'das 
wilde weib', 'das rasende oder wütende weib' (villi vaimo, villi- 
kerta, raivokerta) bezeichnet; sie heisst auch villiä pyörä oder 
raivopyörä "wirbelnd wütig' (villi 'wild', raivo 'wut; wütend', 
pyörä 'rad; wirbel'). Das bemerkenswerte epitheton raivopyörä 
oder pyöräraivo wird der herrin von Pohjola oft auch in den 

' Nach den griechischen legenden in der schrift von den siebzig 
Jüngern des Herrn, welche Dorotheos, dem bischof von Tvros, zuge- 
schrieben wird (Chronikon paschale ed. Dixdorf: Corpus Script, hist. 
Byzantinae, Bonn 1832, II 138-40, vgl. Veselovskij aao. 30S, wo jedoch 
fälschHch von >'Dositheos> gesprochen wird) und Nikephoros K.\l- 
LiSTOS (Hist. ecclesiastica 1. I c. XX: Migne, Patrol. graec. 145692, vgl. 
Veselovskij ibid.) geht die tochter des Herodes auf der zugefrorenen 
Oberfläche des Genezareth-sees oder eines flusses. Vgl. Zs. f. deutsch, 
alt. XXV 170 f., 244-5, XXVII 96, woraus hervorgeht, dass diese le- 
gende auch in Deutschland bekannt gewesen ist. — Auch nach norditali- 
scher Überlieferung schreitet Redodesa mit ihren zwölf »Redodesegot» 
durch flüsse, wobei das wasser der flüsse stillsteht und ein weg sich in 
ihrer mitte bildet (Archivio per lo studio delle trad. pop. IV 590, Vese- 
lovskij aao. 321). 

- Dass dieser zug der Herodiaslegende zugehört hat, scheint 
aus norditalischen Überlieferungen bestätigung zu finden. In Cadore 
(im venezianischen gebiet) wird erzählt, dass am Vorabend von Epipha- 
nias Redodesa (= Herodias) um mitternacht in der kirche des hl. Jo- 
hannes mit der bitte sie zu taufen erscheint: >Duan, Duan, batezime 
sto an» — 'Johannes, Johannes, taufe mich dieses jähr', und er antwor- 
tet, »Madona, un altro an» 'meine frau, ein anderes jähr' — und so 
soll es bis zum ende der weit gehen (Archivio per lo studio delle trad. 
pop. V 32-3, Veselovskij ib. 321). 

^ Yön tyttö, hämärän neito "die tochter der nacht, die Jungfrau 
der dämmerung' ist auch eine von den frauen Pohjolas; in einer 
rune, welche offenbar Verwandtschaft mit den hier behandelten zeigt 
(die mutter wurde auf unnatürHche weise schwanger) erscheint sie als 
die mutter der ringelnatter (der schlänge): Savonranta, L. Lilius 72. 



244 



E. N. Setälä. 



epischen liedern zugeeignet; so zb. heisst diese, als sie die räu- 
ber des sampo mit besen als flügeln durch die luft verfolgt: ' 

Pohjon akka raivopyürä die wirbelnd -wütige alte Pohjas 

otti vassat siiveksehe, nahm besen als flügel, 

viikattehet kynsiksehe. senseu als nägel. 

Nun spielt aber Herodias in dem mittelalterlichen Volks- 
glauben eine damit vergleichbare rolle. Einige zitate müssen 
hier der grösseren Übersichtlichkeit wegen angeführt werden; 
die Sperrungen stammen von mir. '^ 

Ratherius (bischof zu Verona, ein franke, aus Lobi bei Cam- 
brai gebürtig, 7 974), Praeloquia (Martexe et Durand, Veterum 
scriptorum et monumentorum etc. amplissima collectio IX 798, 
Grimm, Myth. 235): - - -. Herodian illam Baptistae Christi inter- 
fectricem, quasi reginam, immo deam proponant, asserentes ter- 
tiam totius mundi partem illi traditam, quasi haec merces 
fuerit prophetae occisi, cum potius sint daemones, talibus praesti- 
giis infelices mulierculas, hisque multum vituperabiliores viros, quia 
perditissimos decipientes. 

Burchard von Worms (7 1024), Decretorum libri XX, 1. L 
c. i: MiGXE, Patrol. lat. 140 831-2 (Grimm, Myth. III 405); 
- - - Illud etiam non omittendum quod quaedam sceleratae mulie- 
res retro post Satanam conversae, daemonum illusionibus, et phan- 
tasmatibus seductae, credunt se et profitentur nocturnis horis, 
cum Diana Paganorum dea, vel cum Herodiade et innumera 
multitudine mulierum equitare super quasdam bestias, 
et multa terrarum spatia intempestae noctis silentio pertransire 



1 Vnokkiniemi VLR 73 57, vgl. 15, 39, 4^- So auch an vielen 
anderen orten, zb. in dem lied vom schiessen Väinämöinens kommt 
Pohjon akka raivopyörrä (Lyttä VLR 38 a 48, 69) vor; vgl. akka vanha 
raivopyörä (Kivijärvi., Lönnrot R 557- 8 = VLR 755; Pohjon akka püörä- 
raivo, Luvarvi, Borenius II 141. Ebenso in dem Ursprung des eisens 
Pohjan akka raivopyörä, .\rch.-Karelieu, INI. A. Castren 11 b I p. 46: 
vgl. Suomussalmi, J. Saksa 9. 

* Zu den folgenden zitaten siehe: Grimm, Deutsche Mythologie: 
DuCAXGE, Glossarium mediae et mfimae latinitatis, s. v. Diana, Ben- 
sozia, Hera; Veselovskij, PaatiCKaHifl bt> oö.iacTn pyccKaro :iyxoBHaro 
CTHxa XVI. Über noch ältere belege über Diana, bezw. Herodias siehe 
Grimm, Myth. S84, fussn. i; Veselovskij aao. 31 1-2. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 245 

ejusque jussionibus velut dominae obedire et certis noc- 
tibus ad ejus servitium evocari. 

Johannes Saresberiensis (f 1182), Polycraticus II 17: 
MiGNE, Patrol. lat. 199 436 (Grimm, Myth. 235, 884): Quäle est 
quod nocticulam [nocticolam?] quamdam vel Herodiadem, vel 
praesidem noctis dominam concilia et conventus de nocte 
asserunt convocare, varia celebrari convivia, ministeriorum species 
diversis occupationibus exerceri, et nunc istos ad poenam trahi pro 
meritis, nunc illos ad gloriam sublimari. Praeterea infantes exponi 
lamiis, et nunc frustratim discerptos, edaci ingluvie in ventrem tra- 
jectos congeri, nunc praesidentis miseratione rejectos in cunas 
reponi. 

In dem gedieht von Reinardus vulpes I i 151-64 heisst es von 
Pharaildis (nach Grimm, Myth. 236 = frau Hilde od. frau Hvilde), 
der tochter des Her ödes, welche den täufer geliebt hatte, weshalb 
der vater ihn enthaupten liess (Grimm, Myth. 235-6): 

Mollibus allatum stringens caput illa lacertis 

perfundit lacrimis, osculaque addere avet; 
oscula captantem caput aufugit atque resufflat, 

illa per impluvium turbine flantis abit. 
Ex illo nimium memor ira Johann is eandem 

per vacuum coeli flabilis urget iter: 
mortuus infestat miseram nee vivus amarat, 

non tarnen hanc penitus fata perisse sinunt. 
Lenit honor luctum, minuit reverentia poenam, 

pars hominum moestae tertia servit herae. 
Quercubus et corylis a noctis parte secunda 

usque nigri ad galli carmina prima sedet. 
Nunc ea nomen habet Pharaildis, Herodias ante 

saltria, nee subiens nee subeunda pari. ^ 



^ Ähnliches, was bei Ratherius, Bürchard, Johannes Saresbe- 
riensis und im gedieht von Reinardus über Herodias steht, wird auf 
französischem gebiet von einer domina Abundia oder dame Habende er- 
zählt. Ein pariser bischof Güilielmus Alvernus (Guillaume d'Au- 
VERGNE, t 1248) sagt (Opera Par. 1674, fol. I 1066, Grimm, Myth. 238): 
- - dominas nocturnas, et principem earum vocant domi- 
nam Abundiam - - -. Und Le roman de la Rose erzählt: 

18622 qui les eine sens ainsinc degoit 
par les fantosmes, quil re(;oit, 
dont maintes geus par lor folie 
cuident estre par nuit estries 
errans auecques dame Habonde, 
et dient, que par tout le monde 



246 E. N. Setälä. 



AuGERius (episcopus Conseranus a. 1280) (Grimm, Myth. 
235, DuCANGE s. V. Bensozia, Diana): XuUa mulier de nocturnis 
equitare cum Diana Dea paganorum, vel cum Herodiade seu 
Bensozia, et innumera mulierum multitudine profiteatur. 

Aus der Zürcher pap. hs. (Wasserkirchbibl.) B 223 730. 4:0, 
geschrieben 1393 (Grimm, ^Nh'th. III 412): Ovch ist das nüt vnder 
wegen ze lassenne oder ze überseh enne das etlich meintetigü 
wiber, die da nach dem tüvel sathan bekert sint, vnd mit der 
tu vel Verspottung vnd mit fantasien oder trügnüsse sint verwi- 
set. Das die glöbent vnd veriehent das si selber vnd ein grossü 
mengi wiben ritten vnd varen mit der heiden güttinnen, 
du da heisset dyana oder mit herodiade, vf etlichen walt tie- 
fen in der nacht stilli dur vil ertriches oder landes. Vnd das 
si irem gebot gehorsam sien als einer gewaltigen fr<j- 
wen. A'nd das sü du selb güttinne ze benemten nechten 
ruffe zu irem dienst. 

Zu >portto Pohjolan emäntä die hure, herrin von Poh- 
jüla'. Wie schon aus dem obigen hervorgeht, ist der name Hero- 
dias mit der sog. »wilden jagd» verbunden worden: sie erscheint 
als anführerin »der wilden jagd». Oft wird ja im gegenteil eine 
frau (oder mehrere frauen, holzweiblein usw.) von dem männlichen 
wilden Jäger verfolgt, und es ist zu bemerken, dass in mehreren 
Überlieferungen die verfolgte frau als buhle, hure, kellerin, 
concubina sacerdotis, pfaffenköchin bezeichnet wird (Caesarius 
V. Heisterbach, Dialogus miraculorum 12 20, Zimmerische Chro- 
nik II 201, vgl. E. H. Meyer, Germanische Mythologie 247, siehe 
auch Grimm, Myth. 775, Kuhn u. Schwartz, Norddeutsche sagen, 
märchen und gebrauche 481, Laistxer, Nebelsagen 272: ein 
schweizerischer weiblicher sturm.dämon heisst Pfaffengällere, Stal- 
DER, Versuch eines schweizer. Idiotikon II 496; pfaiFe(n)chelleriin) 
erscheint mit kindern in gestalt eines grössern und vieler kleineren 
hunde, in stürmischen nachten durch bestimmte Strassen od. bäche 
ziehend, Schweizer. Idiotikon III 206; auch begegnet die form Gross- 
kellerin, eine der im wilden heer fahrenden frauen, Lütolf, Sagen 
etc. aus den fünf orten Lucern, Uri etc. 464). Dieser zug wird von 
W. Wackernagel (Zs. f. deutsches altertum VI 291), Laistner und 



li tiers enfant de naciou 
simt de ceste condicion. 
1S6S6 Dautre part, qua li tiers du monde 

aille ainsinc avec dame Haboude. - 



Aus d. geb. d. lehnbcziehungen. 247 

E. H. Meyer mythisch erklärt; er erhält aber eine vollkommen 
befriedigende erklärung, wenn man in der hure usw. einfluss 
der Herodiasiegen de sieht. {Moi^fikic 'adultera' ist das 
attribut der Herodias auch in der griechischen legende von 
NiKEPHOROS Kallistos, aao.j — Eine Verbindung der legenden- 
haften demente mit der wilden jagd hat man wohl auch darin, 
dass der wilde Jäger, der sogar Hans Jagenteufel genannt wird, 
ohne köpf erscheint: siehe Grimm, Deutsche sagen nr. 309, vgl. 
Myth. 776, 779-80 u. III 281 (der wilde Jäger reitet ohne köpf im Fich- 
telgebirge, er' geht ohne kopt mittags zwischen 11 u. 12 uhr im 
gehölz in Thüringen usw.), KUH\ u. Schwartz aao. 100 (aus dem 
Havellande u. Mecklenburg: »andere sagen, es sei ein reiter ohne köpf 
- - der die frau gejagt»); der reiter ohne köpf ist wohl schliess- 
lich kein anderer als der enthauptete Johannes der täufer (vgl. 
auch Veselovskij aao. 310). — Auch Herodes erscheint (statt 
Wodan, Wuotan = Obinn, vgl. ahd. wötan 'tyrannus' und das 
epitheton des Herodes gotewuoto 'wütrich gegen Gott'j als der 
wilde Jäger, siehe zb. E. H. Meyer Germ. Myth. 230, 237, vgl. 
Grimm, Myth. 1 10. 

Zu Pohjon akka raivopyörä od. pyöräraivo 'die wirbelnd 
wütige alte Pohjos' vgl. d. Fru Wode, Gode (aus den gegenden 
von Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern), eine weibliche 
Umgestaltung von Wod, God = Wodan (Oöinnj, welcher ja der 
männliche führer der wilden jagd war und dessen name ursprüng- 
lich 'wütend' bedeutet. Siehe zb. Grimm, Myth. iio, 209, 773, 
E. H. Meyer, Germ. myth. 273, Veselovskij aao. 310, Axel 
Olrik, Dania VIII 149, 153 f., 162 f. (Auch bei Nikephoros 
Kallistos aao. heisst Herodias f/aivdg 'maenas et furibunda'). 

Zu Pohjan akka harvahamnias 'die alte von Pohja mit weit 
auseinanderstehenden zahnen' (eines von den gewöhnlichen epithe- 
ten der herrin von Pohjola) vgl., dass Frau Holle, welche in deut- 
schen Überlieferungen als äquivalent der Herodias erscheint (siehe 
Grimm, Myth. 236 f.), als alte hexe mit grossen zahnen geschil- 
dert wird (Grimm, Kinder u. Hausmärchen 24). 

Zu dem besenritt. Ausser in den finnischen zauberrunen 
spielt die herrin von Pohjola eine grosse rolle in den epischen liedern 
von dem sampo (zu bemerken ist, dass sie hier nie Louhi genannt 
wird). Unzweifelhaft ist sie hier dieselbe gestalt wie in den zauber- 
runen, sie erhält auch dieselben attribute wie in diesen (sie ist raivo- 



248 E. N. Setälä. 

pyörä 'wirbelnd wütig', sie ist portto 'hure', zb. VLR 79 a, 88, 93). 
In diesen Hadern verfolgt sie Väinämöinen und die übrigen räuber 
des sampo durch die luft fliegend. Sie macht einen besen 
(vasta) zu ihrem schwänz (VLR 3, 30, 58), den kittel eines- 
mannes zu ihrem flügel (VLR 3), gewöhnlicher jedoch macht 
sie entweder einen besen zu ihrem flügel, die andere hälfte 
davon zu ihrem schwänz (VLR 4, 11) oder nur die besen zu 
ihren flügeln (VLR 15, 17, 54, 63 b, 63 c, 73, 96, 99). Bis- 
weilen wird gesagt, dass sie dadurch ein raubvogel (iskulintu), 
adler (kokko) wird (VLR 30); bisweilen wird gesungen, dass sie 
zugleich mit dem besen als schwänz mit den flügeln einer lerche^ 
eines Singvogels sich erhebt (VLR 58). Aber oft versieht sie sich 
nur mit den krallen und flügeln eines adlers, eines raubvogels (heän 
nousi kokon kynsillä, iskulinuun lentlimillä VLR 61, vgl. 86, 
106) oder mit den flügeln einer lerche, eines Singvogels (nousi 
lievon lentJimillä, sirkun siivillä yleni VLR 58 a, vgl. 77, 77 a, 
83 a, 84, 91). Es ist ja allgemein bekannt, dass die Vorstellung 
im mittelalter weit verbreitet war, dass die hexen auf ihren 
nächtlichen fahrten auf besen oder stecken ritten (siehe zb. 
Grimm, Myth. 880, 906; E. H. Meyer, Germ. myth. 135; Joseph 
Hansen, Zaubervvahn, Inquisition und hexenprozess im mittelalter, 
München u. Leipzig 1900, p. 15; Derselbe, Quellen und Unter- 
suchungen zur geschichte des hexenwahns und der hexenverfol- 
gung im mittelalter, Bonn 1901 : eine abbildung eines besenritts p. 
loi nach einem gedieht von Martin le Franc v. j. 144OJ. Auch 
wurde das herumfliegen der weiber häufig in der form eines vogels, 
der nachteule, gedacht (siehe Hansen, Zaubervvahn aao.). 

Wir sehen also Herodias als eine „moesta hera", die ein 
drittel der weit anbetet, wir sehen sie an der spitze des „wü- 
tenden heers", der nächtlichen hexenfahrten, bezw. -ritte, als 
herrin und königin der nachtfrauen, als herrin der 
nacht (praeses noctis domina), deren befehlen die in der nacht 
reitenden frauen gehorchen wie denjenigen ihrer herrin; sie sitzt 
von der mitternacht bis zum ersten hahnkrat auf eichen und 
haselstauden ; sie wird von dem blasenden Johannishaupte in 
den leeren räum getrieben, wo sie als Wirbelwind auftritt; 1 
sie wird den wilden w e i b e r n des deutschen Volksglaubens 



^ Vgl. Grimm, Myth. 236, 526. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 249 



eingereiht ^ ; auf sie bezielit sich wohl schliesslich die bezeich- 
nung der von dem wilden Jäger verfolgten frau als hure, 
buhle. Unwillkürlich drängen sich vergleiche auf mit der finni- 
schen herrin des nordens, der finsternis, des windes, welche all- 
gemein als „die hure'' bezeichnet wird, mit dem weib der natur, 
mit dem wilden, wütenden, wirbelnd wütigen weibe, welches 
sogar mit den besen fliegt. Wenn nun die rune von der 
geburt der krankheiten eine Herodias-legende voraussetzt, liegt 
es sehr nahe in Pohjolan emäntä die Vertreterin der He- 
rodias zu sehen. 

Ich habe diese parallelen nicht angeführt, um zu behaup- 
ten, dass die finnen direkt aus ihnen entlehnt haben können. 
Es ist selbstverständlich, dass diese Vorstellungen immer auf 
dem nächsten weg, entweder aus dem westen oder aus dem 
Osten, zu den finnen gekommen sind, und wir stehen wohl hier 
wieder — so eigentümlich es auch in diesem fall ist — vor der 
merkwürdigen tatsache, dass die finnen solche traditionen bewahrt 
haben, die bei dem nächsten lehngeber verloren gegangen sind. 

Aber auf welchem weg? Die meisten übereinsümmungen 
zeigt ja die vorauszusetzende russische legende, und dies scheint 
also für einen östlichen Ursprung zu sprechen. Gegen diesen 
Ursprung ist das vorkommen des namens Johannes und des 
Wortes lukkari 'küster' in den finnischen runen nicht entschei- 
dend. Wie ich unten zu zeigen hoffe, gehört lukkari garnicht 
zu der in rede stehenden legende, und was Johannes 2 betrifft, 
bezeugt der in der ersten silbe oft erscheinende vokal o kirch- 
lich-literarischen einfluss (in den volkstümlichen formen ist 
der vokal u vorwaltend: Juhannes usw.). Es wäre wohl also 
nicht ganz unmöglich, dass ein russ. loaniii. bei den finnen. 
unter beeinflussung durch die kirchlichen formen, zu Johannes 
usw. umgeformt worden ist. Zu beachten ist, dass in einer 
'Variante aus Finnisch-Ostkarelien Juones Jumalan poika "J. der 
söhn Gottes' vorkommt (Ilamantsi, Ahlqvist B 194); die form 
Juones kommt ja der russischen namensform sehr nahe. 

Für westlichen Ursprung sprechen jedoch auch wichtige 



1 Vgl. Grimm, Mytli. 35S f., III 121, 140. 

- Prof. Olrik macht darauf aufmerksam, dass Johannes im däni- 
schen keine volkstümliche benennung des täufers ist: als biblische per- 
son heisst er immer Sankt Hans. 



250 E. N. Setälä. 



umstände. Erstens ist ja der legendarische Stoff in den finni- 
sciien Überlieferungen in der regel aus dem vvesten gekom- 
men; wenn dieses motiv auf dem ■ entgegengesetzten weg ge- 
kommen wäre, würde es eine bemerkenswerte ausnähme bil- 
den. Dafür sprechen auch die existenz und der Inhalt der nord- 
österbottnischen Varianten, wie auch die Übereinstimmungen 
zwischen den Vorstellungen über die herrin von Pohjola und 
den westeuropäischen Vorstellungen über Herodias. Aber eine 
grosse Schwierigkeit besteht darin, dass Herodias im norden 
nicht bekannt ist. ^ 

Aber welcher der weg auch gewesen sein mag: die ent- 
stehung der finnischen runengruppe liegt jetzt klar vor uns. 
Auf die rune von Loviatar, der mutter der drei brüder ruho, 
rampa und perisokea, bezw. eines besonders bösen sohnes, 
hat sich ein anderer, offenbar legendarischer, mit heidnischen 
Vorstellungen durchsetzter Stoff aufgelagert. Die beiden Stoffe 
haben sich vermischt: aus den legendenhaften Überlieferungen 
Stammt die hure, die herrin \'on Pohjola, das wütende weib, 
die Personifikation des Wirbelwinds usw., "^ daher stammen 
sicherlich auch die kinder mit den krankheitsnamen. Eine 
assoziation der beiden Überlieferungen war sehr natürlich; die 
namen ruho, rampa und perisokea — ■ wie auch ihre ursprüng- 
liche bedeutung zu erklären ist — , machten natürlich sehr den 
eindruck von namen für die krankheiten. Ausserdem konnte 
sich Loviatar als gebärerin des schlimmen sohnes, des Ur- 
sprungs alles bösen, sehr leicht mit der Pohjolan emäntä, der 
gebärerin der krankheiten vermischen. 

9. Loki. ""Lokr? Wir haben in den finnischen Überlie- 
ferungen eine entsprechung vom Loki des Baidermythus und 



' Eine weibliche führerin der nächtlichen wesen kommt nach 
gütiger mitteilung von prof. Olrik im norden nur im südlichen Xor- 
Avegen vor; siehe seinen artikel Asgaardsrei(dj in Salmousens Konver- 
sationsleksikon; vgl. auch seinen interessanten aufsatz Odinsjoegeren i 
Jylland, Dania VIII 139 f. — Es ist sonst natürlich anzunehmen, dass 
die Verbindung der Herodias mit der wilden jagd> nur auf einer Ver- 
mischung beruht. 

- Auf eine etymologische durchmusterung der vielen namen der 
mutter, wie Nike Tiera usw. (ob man es hier eventuell mit legenden- 
haften namen zu tun hat?) muss ich diesmal verzichten. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 251 



zwar seine entsprechung als Ursprung alles bösen gefunden. 
Nur der name Loki fehlt noch in der finnischen rune — aber 
wir werden ihn finden. 

a. Lukki. In den finnischen zahnwurmsegen wie auch 
in einigen anderen zauberrunen (vgl. unten) wird von einem hund 
der unterweit (Matolan koira usw.) gesprochen. Dieser hund wird 
lukki genannt: umpi lukki umpi lakki uinpi lukki luumpuria 
rakki rauvan karvallinen (Sotkamo, H. R. Aspelin A II l'l) 'ge- 
schlossener lukki, mit geschlossener mutze, geschlossener lukki, 
beisser der knochen, eisenfarbiger hund". ^ Das wort lukki be- 
deutet ja auch 'hund, Spürhund', und allem anschein nach ist 
von einem hund die rede. Aber beim vergleich der ver- 
schiedenen Varianten sieht man, dass das ganze auftreten des 
hundes hier nur auf einer volksetymologischen Verbindung die- 
ses lukki mit dem u'ort lukki 'hund' beruht. ]\Ian findet näm- 
lich folgende Zauberformel, die \'on den kindern rezitiert wird 
(Kivijärvi, Krohn 3961, vgl. 3523): 

He lukki luu-haininas, ninim, lukki, einen knochenzahn, 

auua inulle rautahanimas gib mir einen eisenzahn, 

sekä vaskinen valuta schaffe mir einen kupfernen, 

että kulta kuljettele lirini,^ mir einen goldenen 

rautasille leukaluille auf die eisernen kieferknochen, 

vaskisille ijen lihoUe! auf das kupferne Zahnfleisch! 

Eine solche Zauberformel der kinder beim zahnwechsel ist, 
wie ich auch mündlich habe feststellen können, ziemlich weit ver- 
breitet, bedeutend weiter als die vorläufig verhältnismä.ssig spär- 
lichen aufzeichnungen annehmen lassen. ^ 

Die finnischen verse haben ihre vollständige entsprechung 
in dem schwedischen kinderreim : 

Locke, Locke gif niig en ben- Locke, Locke, gib mir 'neu knocheu- 

tand ! zahn, 

Här har (bi en guldtand! Hier ha.st du 'nen goldzahn. 



' Vgl. Sjögren 395, vSuomi III 15 52. 

- Süd-Österbotten (Laihia), Brandt 84: Tuas on luikki luuham- 
nias; Mittel-Österbotten (Raalie = Brahestad) Hei lukki luuhammas 
(mitgeteilt v. J. M. I\I. T[allgren], Kotiseutu 1910, p. 76 (lukki wird hier 
als 'spinne" aufgefasst, das wort hat nämlich nach dem schwedischen 
auch diese bedeutung). 



2 52 E. N. Setälä. 

Oder 

Locke, Locke Ran Locke, Locke Ran, 

gif mig en bentand för en guld- gib mir "nen knochenzahn für 'nen 
tand. ' goldzahn ! 

Alle forscher scheinen darüber einig zu sein, dass Locke 
hier mit dem urtypus des Loki der Edda-mythologie identisch 
ist, 2 und es ist wiederum ganz klar, dass sich hier fi. lukki 
mit schwed. Locke vollkommen deckt, d. h. daraus stammt. 

Das wort lukki kommt jedoch nicht nur in den zahn- 
wurmsegen und in den Zauberformeln beim zahnwechsel der 
kinder vor. In den runen von den kindern der Lo\'iatar usw. 
(über den Ursprung der krankheiten) wird vor allem riisi "ra- 
chitis' öfters, besonders in den an die zauberrune sich an- 
schliessenden bannungen, lukki angeredet. -^ 

Dieser lukki erscheint bisweilen mit den drei söhnen der 
Loviatar zusammen. In einem zahnwurmsegen aus Akonlaks in 
Archangel-Karelien (Marttini 68) heisst es (in der bannung der 
rachitis) : 

Teitä on viisi veljeänne Ihr seid fünf brüder, 

yksi uutju toini natju, einer ist ein krüppel (?), der zweite 

ist lahm (?), 

1 Hylten-Cavalltus, Wärend och Wirdarne I 233; Rietz, 
Dial. lex. 418: Läkka-ramm, ge mej en ben-tann, i stallet för en 
guU-tann (Smäland) ; vgl. 475 sub voce Näkke. Auch in Finland 
sowohl in Nyland als in Satakunta und Österbotten aufgezeichnet: 
Lok, Lok! ge mä ähn-bäintan, so fartn äiTj-cjuJtan; Lukii. Luku! 
ge mä häintan, so fär-du i gidtaJi (Ahlainen = Hvittisbofjärd), 
siehe Vendell, Ordbok över de östsvenska dialekterna 559, Ny- 
land IV 65, Hembygden 191 1, p. 144 (Vörä), handschr. d. SchM'ed. 
Literaturgesellschaft in Finland 61, Strandberg 111 24 (Lappfjärd). 

- vSiehe A. KOCK, IF X 97, HiLDiXG Cel.a.nder, Lokes mytiska 
Ursprung 21, 47; Axel Olrik, Festskr. t. Feilberg 582. 

3 Zb. Akonlaksi, Europaeus K 82: Ota lukki leukaluisi, hakki 
harvat hampa[hasi] syömästfä] kaluam[asta] 'lass ab, lukki, mit deinen 
kinnkuochen, dii hund mit deinen weit auseinanderstehenden zah- 
nen zu beissen und zu nagen'; Münoa, Yrjö Blomstedt 25: ota hakki 
hampahasi, Hütten lukki leukaluusi 'nimm, hund, deine zahne, lukki 
der hiisi's deinen kinnknochen'; Suomussalmi, J. Saksa 8: mist' on tul- 
lut luiuen lukki, luineu lukki, tuoneu hakki 'woher ist der beinerne 
lukki, tuouis hund gekommen?'). Alliterierend: lekki (otas lekki leuka- 
luusi), Vuokkiniemi, Europteus K 136. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 253 

kolmas 011 peri sokea der dritte ist ganz blind. 

Ota lukki leiikaluusi, Lass ab, lukki, mit deinen kiunknocheu, 

Hiijen hakki liampahasi Hiisis hund, mit deinen zahnen 

syömästä, kaluomasta zu l)eissen und zu naiven, 

leukaluita luistamasta den kinnknochen zu peinigen, 

pääkalluo kavertamasta den schädel zu nagen. 

Tuonne ma sinun manailen usw. Dahin banne ich dich usw. 

Hier entsprechen natürlich nutju und natju unseren alten 
bekannten rujo und rampa. Lukki kann natürlich ganz zu- 
fällig eingedrungen sein; jedenfalls ist ja das zusammentref- 
fen recht merkwürdig. Zu vergleichen ist. was unten über 
nokinen (p. 255) gesagt wird. 

Lukki erscheint auch in anderen Verbindungen; zb. fleht 
man ihn an das blut zu stillen (Paltamo vor 1819, R. v. Becker 
650 a 8): 

Sini lucki lujen vanhin Blauer lukki, du der gebieter über 

die knochen, 
vaski pillinen varusta, schaffe eine kupferne pfeife, 

veri keuhkohin vetele. ziehe das blut in die lungen! 

Sonst kommt lukki sehr oft in der volkspoesie in der be- 
deuiung 'hund' vor; ob diese bedeutung immer ursprünglich 
ist, kann nur durch eingehende vergleichung der Varianten ent- 
schieden werden. 

b. Lokka, lokki, nokinen. In dem liede von dem rich- 
terspruch X'äinämöinens kommt bisweilen als mutter der heldin 
der rune Lokka luopusa emäntä "L. die gefällige [?] herrin* 
vor. Dieses lied zeigt geu-isse anklänge an die Loviatar-runen: 
hier gebiert die mutter der heldin mehrere kinder, ^ die heldin. 
eine Jungfrau, gebiert auf übernatürliche weise einen söhn, für 
welchen dann wie in der legende von den kindern der krankheits- 
mutter auch ein täufer gesucht wird. Es scheint ziemlich deutlich 
zu sein, dass sich diese lieder gegenseitig attrahiert haben; wahr- 
scheinlich stammt Lokka aus der Loviatar-gruppe: nach dem 
oben gesagten ist es garnicht zu verwundern, wenn Lokka 
— als Vertreterin des z\\'itterigen Loki — als weib erscheint. 



^ Europaeus G 402 : Lokka luopusa emäntä Kalevatar vainio kau- 
nis sai monta tytärtä . . . 'Lokka. die gute herrin, Kalevas tochter, das 
schöne weib, bekam viele töchter'. 



254 E- ■'^- Setälä. 

Kaarle Krohn hat freilich die Vermutung ausgesprochen, dass 
Lokka ursprünglich nur lokki 'mowe' gewesen wäre (V^ir. 
1897, p. 10, Kai. run. hist. 476) und dass hier nur ein poeti- 
sches bild von einem vogel, welcher seine jungen erzieht, zu 
sehen sei. Dieses bild scheint mir jedoch etwas fern zu liegen. 
Die umgekehrte auffassung ist meines erachtens natürlicher: 
Lokka ist später mit dem voge) lokki und kajava 'möwe' in 
Verbindung gebracht \\'orden. ^ 

Die annähme, dass Lokka, Lokki aus der Loviatar-gruppe 
stammt, wird durch einige Varianten der rune von dem Ur- 
sprung der krankheiten bestätigt, in welchen lokki unter den 
unglücksbringenden söhnen genannt wird. So heisst 
es in einer rune aus Österbotten (Säräisniemi, Krohn 905) : 

Ähky poika ähmeröinen Der söhn Ahk}- ist ein schnauber, 

toinen poika Tuhmeroinen der zweite söhn ist dumm [?J 



Tahva akka villiä pj-örä Tahva, das wütende weib, 

seli tuulehen manasi [sie] lag mit dem rücken gegen den wind. 

(nach einigen verdorbenen zeilen, welche mitteilen, dass sie ne^ui söhne 
gebar, wird fortgefahren:) 

Älinkäs panet paiseheksi Einen [von den söhnen] machst du 

zur l)eule, 

minkäs ähkyksi ähäsit einen anderen machtest du in deinem 

zorn zur kolik, 

lokki luotoon nia [?sic!] lokki ("die möwe')-- auf eine insel [?], 

kajova vesi kaareen. kajova ('die möwe') in den regen- 

bogen [?]. - 

' Lokka ou luopusa lintu kaiai aina kauuehempi 'die möwe ist 
ein guter [?] vogel, die fischmöwe noch schöner', Veskelys, Europaeus H 
64; lokki luoolla elävi kajajaiuen kallioUa 'die möwe lebt auf einer insel, 
die fischmöwe auf einem felsen', Tulomajärvi, Europaeus H 90; Lokka 
luopusa emäntä, kajavainen v[aimo) k[aunis] - - saisinko 100 tyt[ärtäj 
'Lokka, die gefällige herrin, die möwe\ das schöne weib, wenn ich 
hundert töchter bekäme - - -', Suistamo, Europteus G 405 ; Lokka luo- 
pusa emäntä Kaiovatar vaimo kaunis sai sütä seitsemän tj'tärtä 'L. 

bekam sieben töchter', Sirelius 114, und endlich: Lokka luopusa emäntä 
Kalevatar vaimo kaunis sai monta t^'tärtä 'Lokka, die gefällige herrin, 
Kalevas töchter, das schöne weib, bekam viele töchter', Suistamo, Euro- 
paeus G 402. Hier kann gerade die letzte form die ursprünglichste sein. 

- Zu vergleichen ist die Variante derselben zeilen : lokki luotoon 
munii Kaleva meren kariin 'die möwe legt eier auf eine insel, Kaleva 
auf eine meeresklippe' (Kärsämäki, Keränen 189). 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 255 

Die Zeilen sind durch volkset\-mologische assoziationen 
sehr verdorben, man kann aber nicht bezweifeln, dass lokki 
hier der name eines der bösen brüder gewesen ist. Dies wird 
ganz besonders durch folgende Zeilen bewiesen, welche aus 
einer rune von der entstehung der krankheiten stammen, wo 
die matter Louhiatar und einer der söhne nokinen heisst (Fin- 
nisch-Karelien, Polen 73): 

Ähk' oli poika äiveröinen, der söhn kolik war dumm j? od. 

ein schnauber?!, 
toinen poika toiveroinen, der zweite söhn war ein schläfer [?], 

kolmansi kovan nokinen, der dritte sehr russij^, 

ruhon jouhta jännittävi, er (?) spannt den bogen des krüp- 

pehgen, 
rampon piihä pitävi er hält die pfeile des lahmen [?|, 

ampiii veri sokian. er schiesst den blutblinden. ' 

Wie man sieht, ist auch hier der Zusammenhang sehr 
verdorben, und die zeilen über ruhe, rampa und perisokea 
erscheinen hier in einer veränderten form. Auf alle fälle ist 
es erstens ganz klar, dass nokinen 'russig' hier eine volks- 
etymologische Umbildung desselben Wortes ist, welches wir in 
dem nord. Loki haben. Man braucht diese form jedoch nicht 
aus den mit 1 anlautenden formen abzuleiten, denn im schwe- 
dischen sind die mit n anlautenden sehr häufig: bei Rietz (475) 
finden wir Nakke in dem kinderreim beim wechseln der zahne 
(Nerike, Schonen), und in Finland hat man neck, in besfimmter 
form nockin 'kobold, gespenst', 'hauskobold, welcher auf dem 
ofen wohnt' ^ — formen, welche unzweifelhaft Varianten der 
1-formen sind. Und zweitens hat man zu konstatieren, dass 
nokinen = Loki ganz deutlich als söhn der Louhiatar, Lo- 



^ In einer Variante derselben rune, wo die mntter Lovehetar ge- 
nannt wird (Suojärvi, Europteus H 49), heisst es: 

Ähky poika on äimeröinen, der solin kolik ist ein schnauber [?], 

toinen p[oika] on toimeroinen der zweite söhn ist ein schläfer [?], 

kolmans on kovan nokinen der dritte war sehr russig, 

sysipuista synnytet[ty], aus kohlenholz geboren, 

pantu haavan pakkulasta, aus einem espenknebel gemacht, 

kerätty kekälehistä. aus feuerbränden zusammengebracht. 

- Vendell, Ordbok öfver de östsvenska dialekterna 646, Hilding 
Cel.^nder, Lokes mj-tiska Ursprung 50. 



256 E. N. Setälä. 



vehetar ^= Laufey und mit den b r ü d e r n ruho-rampa =: 
Byleistr und perisokea = Helblindi zusammen erscheint. 
Man müsste natürlich alle belegstellen, worin lokka und 
lokki vorkommen, zusammenstellen, bevor endgültig festgestellt 
werden kann, wo lokki einfach nur 'möwe' bedeutet und wo 
es ein nachklang des Loki ist. Man findet mehrere ganz 
dunkle bruchstücke, in denen Lokka oder eine Verdrehung da- 
von vorliegt, welche nicht ohne genaue Zeilenuntersuchung 
erklärt werden können. Auch die Zeilen mit nokinen poika 
hätte man einer speziellen Untersuchung zu unterwerfen. Ebenso 
müssten die Loki-motive, auch wo der name nicht vorkommt, 
genau vorgenommen werden, worauf natürlich hier verzichtet 
werden muss. ^ 



' Dass die erzähluug von Loki, welcher sich als lachs ins wasser 
stürzte und von den äsen mit dem netz gefangen wurde, und die finni- 
sche rune von dem Ursprung des feuers, nach welcher ein funke ins 
w-asser fiel und von einem schnäpel verschlungen wurde, der schuäpel 
wieder von einem hecht, der hecht von einem lachs (die reihenfolge 
der fische ist in den Varianten etwas verschieden) und der lachs schliess- 
lich mit dem zugnetz gefangen wurde (Kalevala 47-8), miteinander zu 
verbinden sind, kann meines erachtens nicht geleugnet werden, wie 
schon Juuus Krohn, Suom. kirj. hist. 250 u. Leopold v. Schroeder, 
Germanische elben und götter bei dem estenvolke 70 richtig erkannt 
haben, vgl. auch Olrik, Festskr. t. Feilberg 571. Diese frage verdient 
eine spezielle untersuchiing. 

Als beispiele von unklaren lokka- bezw. nokinen-zeilen mögen 
hier nur folgende angeführt werden (Suistamo, Härkünen 15): 

Nouse pois nogiue poiga steig hinauf, russiger knabe, 

nogisella nuotijolla, auf ein russiges stossfeuer, 

havazu havuniajalla: erwache auf der jägerhütte: 

Lokka verkkoset selitti, Lokka hat die netze iu Ordnung ge- 

bracht, 
Kaunonen kalat vedääbi, Kaunonen [der schöne?] zieht die 

■ fische herauf, 
toine morsein kiändelööbi. ein anderes junges weib wendet sie um. 

Wahrscheinlich steckt Lokka in den zeilen: Sokka enneu soita 
kylvi, Sokka soita, pakko maita "S. besäte früher die sümpfe, pakko 
['die kälte'] die lande" (so in der handschrift Lönnrot S 250, in Kantele 
IV 28 kylmi statt kylvi 'liess gefrieren'), wo wohl der alliteration zu- 
liebe Sokka statt Lokka steht. (Hat man an das däu. Lokke sär sin 
havre i dag 'L. sät heute seinen hafer', von der flimmernden luftbewe- 
gung gebraucht, Lokkes havre 'polytrichum commune; avena fatua'; 
Lokes graes "poa", Läkkilaejer 'benennung blühender gewächse" zu denken? 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 257 

c. Lokahatar, Lakeitar. Ich will noch die aufmerksamkeit 
auf die k-formen des namens für die mutter: Lokahatar, La- 
keitar lenken. Loki ist der vater böser wesen, ja er ist sogar 
zwitterig und gebiert selbst kinder: es wäre unter solchen 
umständen recht verständlich, wenn sein name auch in femi- 
niner form erschiene oder auf die formen des namens der mut- 
ter eingewirkt hätte (vgl. Lokka). 

d. Lukkari, lukkara. Auch die Wörter lukkari 'küster' und 
lukkara 'glatt-, Schlichthobel', \\'elche in der rune vom Ursprung 
der krankheiten vorkommen, sind zu beachten. Es wird von der 
mutter der krankheiten erzählt, dass sie \'ergebens uach einem 
täufer sucht und sich dann selbst zum küster macht (zb. jte 
laksen lukariksi, Lönnrot Q 27, ihe loise lukkariksi ihe panise 
papiksi 'selbst machte sie sich zum küster, selbst trat sie als 
priester hin', Finn. -Kardien, Lönnrot S 196, ihe panekse papiksi, 
ihe lukkeetu lukkariks, Kitee, Wallden 4, itseb on panih papikse, 
lubasib on lukkarikse, Korpiselkä, Basilier 146 usw.). Das 
wort ist ja hier recht verständlich; es erregt jedoch ein leises 
bedenken, dass hier lukkari so in den Vordergrund tritt. ^ Aber 
dann heisst es in einer anzahl von Varianten, dass die mutter 
demjenigen von den söhnen, welchen sie zum rheumatismus 
(luuvalo) machte, einen glatthobel (lukkara, Uikkaro ■< aisl. 
lokarr "hoher, siehe Thomsen GSI 130) in die band gab. 2 Und 



Vgl. zb. FiNN Magnusen", Lex. myth. 504; Olrik, Danske studier 1909. 
p. 71 f.; Geländer, Lokes mytiska Ursprung 21, 47, 53; .Olrik, Fest- 
skr. t. Feilberg 5S5. Die auffasstingen sind hier jedenfalls ganz ver- 
schieden.) 

' Lukkari < ascluved. klokkare, klukkare bedeutete bis zum 17. 
l'h. den 'glöckner'. 

^ Zb. Keckman i: Paniin itek papiks, riivasiin ristiaaksi: niinkä 
laati Luun valoksi, sille Luckara kätehen 'sie machte sich selbst zum 
priester, trat in ihrer raserei selbst als täufer auf, welchen sie zum rheu- 
matismus machte, dem gab sie einen hobel in die hand'; Kaavi, Krohn 
13161 : [Loviatar lemmon luoma] - - niitä pani luuvaloksi luu-lukkaran 
käteen 'den sie [Loviatar, von dem teufel geschaffen] zum rheumatis- 
mus machte, dem gab sie einen beinhobel in die hand' ; Kaavi, Roschier 
6: [Loviatar vaimo vanha] - - mink' on pisti pistoksiksi, pisti piiliä 
piioon, kunk' on loati luuvaloksi luisen lukkaron kätehen kuuka äh- 
kyksi äkäsi usw. 'demjenigen, den sie [Loviatar, das alte weib] zum 
.Seitenstechen machte, dem gab sie pfeile in die hand, demjenigen, den 

Finn.-ugr. Forsch. XII. I? 



25! 



E. N. Setälä. 



in einer Variante wird gesagt, dass die mutter einen von 
ihren söhnen lukkari nannte. ^ 

Hier hat also unzweifelhaft ein un\-erständliches wort ge- 
standen, welches die assoziationen wachgerufen hat. Das wort 
lukkari (Lönnrot Q 27 lukari, wenn nicht ein Schreibfehler), 
hat sicherlich ursprünglich garnichts mit lukkari "glöckner — 
küster' zu tun gehabt, sondern ist eine nebenform von lukki. 
Für diese auffassung sprechen auch folgende belege : statt lukki 
heisst es in einer an die rune von den kindern der Lovetar 
sich anschliessenden beschvvörung (Kitee, Lönnbohin 1313-4) 
luukoira 'beinhund', welches der form lukkari (lukari) lautlich 
sehr nahe kommt, und in einem, sonst freilich sehr verdorbenen 
und unverständlichen lied heisst es statt Lukki der einen Va- 
riante (Tulomajärvi, Europseus H 79) in einer anderen Lukeri 
(Finnisch-Karelien, Polen 115). Man fragt sich also: steckt 
hier nicht in lukkari 'küster', lukkara od. lukkaro 'hobel', 
lukari (?), Lukeri, luukoira 'beinhund' eine form von Loki, 
welche über die Loviatar-rune mit den legendarischen teilen 
der runen in Verbindung gekommen ist.'^ Hat nicht dem 
Loki eine nebenform *Lokr zur seite gestanden? Detter (Paul 
u. Braunes Beitr. X\1I1 74) vermutet Loki in Lokerus bei Saxo 
(p. 40-1), welche form ja ein *Lokr voraussetzt. 

10. Loptr? Statt lukki findet man bisweilen luhti in 
beschwörungen der krankheiten (ota luhti leukaluusi Hüsi har- 



sie zum rheuniatismus machte, dem gab sie einen beinernen hobel in 
die band, einen machte sie (in ihrem zom) zur koHk' usw. 

1 Suistamo, O. Relander 26 (die alte benennt ihre kiuder:) ketä 
pani pappiloiksi, ketä lukkariks nimitti, ketä pisti pistoksiksi usw. 'ei- 
nen machte sie zum priester, einen anderen nannte sie lukkari l'küster'), 
einen machte sie zum Seitenstechen' usw. — Noch eine Variante: e.s^ 
wird gesagt, dass riisi 'rachitis' in den kleidern [?j des küsters, in dem 
hemdkragen des priesters hineingekommen sei (lukkarin lupottimessa, 
papin paian kauluksessa, Ruskeala, J. H. Erkko 41, vgl. Soanlahti, J. 
Riikoueu loV Vgl noch: Pakkauen puhurin poika, lumi poika lutte- 
. reinen, ei .sinua papiksi pantu, ei luotu lukkariksi - - 'du kälte, des 
windes söhn, du schnee, ein — (?) söhn, du wurdest nicht zum priester 
gemacht, nicht zum küster geschaffen' (Hyttinen 6). 

- Eine Verwechslung — freilich neuen datunis — von Loka- und 
lokar- scheint auch ani Island vorzukommen: lokaspaenir 'ramenta ligni, 
flammis apta sive destinata', FixN Magnusen, Lex. Myth. 504, < lokar- 
spaenir 'hobelspäne', siehe Olrik, Festskr. t. Feilberg 586 fussn. i. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 25Q 

vat hampahasi "nimm, luhli, deinen l-cinnknoclien, Hiisi, deine 
weit auseinanderstehenden zahne' Russ.-Karelien, Kivijärvi, 
Marttini 245). Am nächsten steht diesen bildungen die au- 
genscheinlich etwas verdorbene form luotto (luovu pois luotto 
juutas eriä pois Emätöin perkele 'gehe ab, du unhold luotto, 
lass ab du mutterloser teufel', Wermland, Gottlund 777). 

Fi. luhti könnte ja lautlich vollkommen einem Loptr ent- 
sprechen (vgl. fi. luhti "pars aedium superior' •< aschvv. aisl. 
lopt "soIarium"). Es ist jedoch wegen der Seltenheit dieser bil- 
dung möglich, dass hier nur eine Verdrehung vorliegt. 

11. Lööurr. Lokka hat das epitheton luopusa emäntä; 
dieses wort wird von Löxnrüt 'nachgiebig; geschickt; lobens- 
wert' übersetzt, deutlich mit anschluss an luopua 'abgehen, 
abstehen', wobei Löxnrot jedoch zugleich an das deutsche lob 
erinnert. Das seltene wort luopusa kommt einige male in 
der \"olkspoesie vor, wie es scheint in der bedeutung "behag- 
lich, gefällig', ' in unseren liedern ist aber luopusa unzweifelhaft 
eine verdrehte wortform, welche miit Luovus, Loaus, Lovas 
in Zusammenhang steht. Schon Gamander (Myth. 51) kennt 
Loaus Pohjolan isäntä, den man um Jagdglück anfleht. ^ In 
einem zahnwurmsegen aus Ilainantsi (Ahlqvist B 303) wird 
Luovus luonnoton pakana -* 'L. dtr unnatürliche beide' be- 
schworen nicht mehr zu beissen und zu nagen, und durch ein 
offenbares missverständnis ist Luovus als verbum 'stehe ab' 
aufgefasst, * während es wohl mit Loaus identisch ist, nur in 
ursprünglicherer form. 



' Es kommt einige male als parallele zu parempi 'besser', kaune- 
hempi schöner" vor (zb. VLR 808 J97, 853 141). 

- Lovas, pohjolan isäntä bei Ch. Europieus 113 aus vSuoniennienii 
(literarisch beeinflusst? 1. 

^ Luo'os luonnoton pakana, Ilamantsi, Europteus G 66S, 678. In 
einer Variante wird — durch einen irrtum — Luovus Luonnotar pakana 
"L., tochter der uatur, die heidin' als die mutter der krankheiten ange- 
führt (Ilamantsi, Ahlqvist B 194). 

* Luovus luonnoton pakana, stehe ab, du unnatürlicher beide, 

häpiä hävitön koira. schäme dich, du schamloser hund, 

raukia manalan rakki, höre auf, du hund INIanalas, 

tunne huuti Hiien hurtta, schäme dich, du hund Hiisis, 

syömästä, kaluaniasta. zu beissen und zu nagen! 

Die entgegengesetzte auffassung, dass der ganze eigenname Luo- 
vus aus dem verbum luovu 'stehe ab' stamme, kommt mir recht un- 
wahrscheinlich vor. 



26o E. N. Setälä. 

Neben Lokka luopusa emäntä heisst es: Lokki luoolla 
elävi (Tulomajär\-i, Europaus H 9(J). Dies gibt freilich auch wört- 
lich einen sinn: 'die möwe lebt auf dem felsen", in dem Zusam- 
menhang aber ist dies eine ziemlich unmotivierte bemerkung. 
Ohne zweifei sind die beiden Zeilen identisch, und in den Wör- 
tern luopusa und luoolla steckt dasselbe uort. 

Das letztgenannte wortgefüge luooUa elävi führt zu dem 
wortgefüge Luotolan emäntä. Der name Luotola kom.mt we- 
sentlich nur in den liedern vor, wo erzählt \^•ird, wie sich Lem- 
minkäinen (oder auch Väinämöinen) nach (zu) Luotola, zu sei- 
nem schw'ager (zu seinen verwandten) begibt, auf eine fahrt, wo 
grosse gefahren drohen. Wie wir schon oben gesehen haben, 
wird sogar gesungen, dass Luotolan isäntä den Lemminkäinen 
mit geschlossenem Stengel tötete (nach anderen Varianten war 
Louhi die töterin, siehe oben 229). Da nun Lemminkäinen 
sicher = Balder und „der geschlossene Stengel'' = mistelteinn, 
womit Balder getötet wird, fragt man sich: ist dann nicht 
Luotola eine blosse namensvariante von Loki: Löburr, freund 
Odins, — natürlich x'olksetymologisch umgeändert? Die gruppe 
Luovus, Loaus, Lovas gehört dann natürlich hierher. ^ 

12. Ursprung der kälte. Die erzählung der finni- 
schen runen, dass auch pakkanen 'kälte' und vilu 'frost', Puhu- 
rin poika 'söhn des nordwindes" unter den kindern der hier 
besprochenen mutter erscheinen, erinnert stark an die nordi- 
sche sage von den nachkommen Forniotrs, des winddämons: 
er hatte drei söhne, das meer (.^gir oder Hlerr), das feuer 
(Logi) und den wind (Kari); Kari ist der vater des Frosti (vgl. 
frost 'frost') oder nach einem anderen bericht des Jokull 
'eisfeld der norwegischen berge', dieser hinwieder des Snser 
'schnee'; unter Snrers kindern sind Funn 'schneehaufe', Drifa 
'schneewirbel" und Miull 'schneestaub' zu bemerken (Forn- 



1 Kaarlk Krohx, Kai. run. hist. 8o5 glaubt, dass Luotola mit 
dem von Agricola in der vorrede zu seiner Übersetzung des neuen 
testaments angeführten Lootolaiset (o: Luotolaiset) zu verbinden sei. 
Luotolaiset ist jedoch ein im westlichen Finland ganz gewöhuUches 
appellativum, welches nur 'i n s elbewohn er" bedeutet (vgl. verf. FUF 
X 82 fussu. 2), und es existiert kein beweis dafür, dass dieses wort 
irgendetwas mit Luotola zu tun habe. 



Aus d. geb. cl. lehnbeziehungen. 261 

aldar sögur Nordrlanda ed. Rak.\ II 3, 17; Flateyjarbt'ik I 219; 
Heimskringla 13; zur erklärung der nord. namen siehe Kock 
IF 103 f.). Gemeinsam scheint den berichten über die kinder 
der Laufe}^ und des F'ärbauti auf der einen seite und des wind- 
dämons Fornickr auf der anderen Logi — Loki zu sein, wenn 
diese formen, wie von vielen forschern angenommen wird, nur 
doppelformen eines und desselben namens sind. 

Die psychologische Verwandtschaft der finnischen und 
nordischen Überlieferungen ist offenbar, es ist jedoch schwer 
mit Sicherheit zu sagen, ob die Verwandtschaft auch genetisch 
ist, da ja solche personifikationsmythen leicht auch vonein- 
ander unabhängig entstehen können. Bei den vielen ähnlich- 
keiten ist jedoch eine Verwandtschaft als nicht unmöglich zu be- 
trachten. Eine Vermischung zwischen den kindern des Forniötr 
und denjenigen der Laufey und des Färbauti kann sehr leicht 
auf finnischem boden stattgefunden haben; eine nordische 
mischform braucht nicht als vorläge vorausgesetzt zu werden. 



Aus den obigen ausführungen scheint mit voller Sicher- 
heit her\orzugehen, dass die gestalten Laufey und ISTal *laub- 
od. nadelbaum', Färbauti 'wind', Byleistr und Helblindi in der 
finnischen volkspoesie ihre entsprechungen haben und dass sie 
alle in gemeinsamem Zusammenhang zu den finnen gelangt 
sind. Etwas unsicherer ist die sache mit Loki. Wahrscheinlich 
ist jedoch auch Loki wenigstens der idee nach gleichzeitig mit 
den brüdern zu den finnen gekommen; doch scheint sich die 
Sache so zu \'erhalten, dass Loki (Lööur) die finnen in mehre- 
ren etappen und Verbindungen erreicht hat. 

Diese gestalten haben sich hauptsächlich in der finnischen 
zauberrune von der Loviatar und ihren kindern erhalten. 
Diese zauberrune, wie sie jetzt vorliegt, hat aber ganz ver- 
schiedene bestandteile in sich aufgenommen und verschmolzen. 
Die legende von der Herodias, welche die krankheiten gebar, 
hat sich über einen älteren epischen bestandteil dieser rune 
gelagert und diese gewaltig verändert — 'die hure, die herrin 
von Pohjola' ist ein epitheton der Herodiasgestalt, nicht aber der 
Loviatar-Louhi. Ob noch eine dritte erzählung, welche der 
nordischen sage von den nachkommen Forniötrs entsprechen 



202 E. N. Setälä. 

würde, sich mit unserer rune berührt hat, musste oben dahin- 
gestellt bleiben. 

Wahrscheinlich hat die zauberrune auch in ihrer ur- 
sprünglichen fassung nie eine vollkommene epische darstel- 
lung, sondern nur hinweise auf eine dem sänger bekannte 
erzählung enthalten. Der Inhalt ihres epischen teiles muss 
ungefähr folgender gewesen zein. Laviatar oder Äimätär =^ 
Laufey oder Näl — wird durch den Sturmwind = Färbauti 
schwanger und gebiert drei söhne: Ruho und Rampa = B\leistr 
und Perisokea = Helblindi. Diese söhne sind bösartig und 
töten einen guten menschen =: Balder. Dabei schaffen 
ruho und rampa die pfeile und halten dieselben, während 
perisokea schiesst. Vielleicht wird noch gesagt, dass einer von 
den söhnen besonders schlimm und ein anstifter zu allem bö- 
sen gewesen ist, ein unglück für alle menschen und erzeuger 
der Untiere, des wolfes und der schlänge. Diese epischen be- 
standteile sind infolge der auffassung, dass das Unglück und 
die krankheiten der menschen durch von bösen geistern ge- 
schossene pfeile verursacht sind, ^ in die zauberrunen gekom- 
men. Diese pfeile werden vom wind aus den bäumen er- 
zeugt, sei es nun so, dass der wind sie herausreisst. oder 
so, dass vielleicht der gedanke dahinter liegt, der wind habe 
die samen eines schmarotzergewächses (der mistel) auf einen 
bäum getragen, wodurch dieser eine pflanze, welche als mate- 
rial zu den pfeilen dient, erzeugt hat. - Diese auffassung ver- 
anlasst den Sänger e'ner beschwörung von krankheiten eine 
erzählung des obieen Inhalts als einleitung vorauszuschicken. 



Über die zeit des eindringens dieses materials bei den 
finnen lässt sich schwer etwas sicheres sagen. Einige um- 



' Vgl. nnorw. alvskot "innere Verletzung bei tieren; Ijeiile", alvskoten 
'von lahmheit ergriffen' (Aasex), .scliwed. Schonen ellaskud "nesselfie- 
her' (RiETz 117); vgl. Unwerth, Untersuch, über totenkult u. (»dinn- 
verehrung 51. Vgl. d. hexenschuss, drachenschuss, schrr. trollskott. 

- Damit ist zu vergleichen, dass nach nordischem Volksglauben 
besonders solche vogelbeerbäume eine Zauberkraft besassen, welche aus 
einem anderen bäum vermittelst einer hineingefallenen beere hervor- 
wachsen. Vgl. oben p. 204; Dvbeck, Runa 1845, p. 63. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 263 

stände, besonders die deutliche autTassung der Loviatar als 
bäum, scheinen jedoch für ein ziemlich hohes alter des kerns 
zu sprechen. Wenn man voraussetzen darf, dass die formen 
mit a (Laviatar, Lavekämmen, Laviola usw.) die ursprünglich- 
sten und die o-formen auf finnischem, boden durch Verdrehung 
entstanden sind, wäre diese entlehnung in die zeit vor der 
Vollziehung des u-umlauts des au-diphthongs anzusetzen. Dar- 
auf kann man indes nicht sehr viel bauen, da ja die o-for- 
men gerade die gewöhnlichsten sind. Es scheint mir jedoch 
nicht unwahrscheinlich, dass Laviatar zu derselben gruppe ge- 
hört wie Ravuii, welche ja auch ein bäum war. Die legenda- 
rischen Stoffe müssen erst später hinzugekommen sein. 

Ich hofte jedenfalls, dass der leser mir beistimmen wird, 
wenn ich auch auf grund des obigen sage, dass die finnischen 
Überlieferungen wichtige beitrage zur nordischen und germani- 
schen mythologie liefern können. Die finnischen Überlieferungen 
ergänzen ja die dürftigen notizen Sxorris über Laufey, Nal, Par- 
bauti, Byleistr und Helblindi in wesentlichen zügen und bewei- 
sen, dtiss auch die drei letztgenannten keine spätskaldischen 
Schöpfungen sein können, sondern auch in der wirklichen 
Volksüberlieferung vorgekommen sein müssen. Über Loki 
scheinen wir auch eine nicht unwichtige bereicherung un- 
seres Wissens zu erhalten; es scheint sich nämlich herauszustel- 
len, dass die auffassung des Loki als Ursprungs des bösen 
ein nicht ganz spät hinzugekommener zug sein dürfte und dass 
Loki im Baidermythus wohl nicht ein ganz neuer eindringling 
ist. Das finnische niaterial fordert vielleicht zu einer erneuer- 
ten betrachtung der Loki- und Baidermythen auf, welche nicht 
endgültig aufgeklärt sind; vielleicht könnte die finnische erzäh- 
lung von dem bogenschiessen der drei brüder eine anregung 
zur erklärung des Baidermythus geben. 

Auf der finnischen seite ist noch viel zu tun. Es ist 
heute überaus schwer die mehreren zehntausend Varianten zu 
überblicken, und ich gestehe gern, dass in dem obigen sehr 
viel hypothetisches sein kann, obgleich, wie ich hoff'e, die haupt- 
sache, die erklärung der Louhi und ihrer kinder, richtig ist. 
Diese Verbindung enthält für den forscher der finnischen Über- 
lieferungen eine kräftige mahnung die äugen immer auch auf 
die Edda-mythologie gerichtet zu halten. Auch enthält sie ein 



264 E. N. Setälä. 

memento dafür, dass die epischen lieder und die zauberrunen 
zusammen beiiandelt werden müssen. 

III. Arica. 
Fi. aivan, aina. 

Das im heutigen finnisch so allgemein gehrauchte adverb 
aivan 'plane' gehört zu einem paradigma aiva, \'on dem fol- 
gende formen belegt sind: 

1) fi. aiva adj. 'lauter, bloss' ist heutzutage obsolet, aber 
in der älteren literatur kommt es öfters vor: Agricola (Rucous- 
kiria 1544, 204 v.): aijua hywuyys 'lauter gute'; HexMmixgs Über- 
setzung von „Piae cantiones" (1614) aeva armoo toevotti 'er 
wünschte lauter gnade (p. 1), armost aevast 'aus lauter gnade'^ 
(p. 42), Jesuxen ansiost aevast 'über die blosse gnade Jesu' 
(p. 48). Das grundwort ist auch bei den lexikographen ge- 
bucht: Ganaxders handschr. wbuch: aiwa schwed. 'bar, blott', 
lat. "merus'; Rexvall (1826): aiva 'merus, purus putus, solus'^ 
aiva armo 'mera gratia'; LöiNNROt: aiva 'bloss, lauter', aivaksi 
autuudeksi 'zu blosser Seligkeit'. Hierher gehört wohl auch 
wot. aima "lauter': aima ahvönia 'lauter barsche' (Mustoxex, 
Vir. I, 1885, p. 167), nach meinen eigenen aufzeichnungen 
aima 'ganz', zb. aima va.il-ea 'ganz weiss'. Das wot. aima 
kann dadurch erklärt werden, dass hier ein ursprüngliches v- 
wort in die m -- v-gruppe übergegangen ist (darüber näheres 
an einem anderen orte). ^ 

2) fi. aivan "plane, valde', "sehr, überaus, ganz, allzu'^ 
aivan nun 'ganz so, recht so'; ajwan paljasta kiiskiä (Gaxaxder) 
'lauter kaulbarsche'; aivankin "in primis'; kar. aivan id.; est. 
aeva, aiva 'nur, bloss; sehr, überaus'. 

3) fi. aivon adv. dial. (Sakkula) = aivan. 

4) fi. aivin =: aivan, aivinki (suppl. d. LöxxROTSchen \\'bu- 
ches) 'auch', kar. aivin 'sehr; immer', olon. aivin 'sehr; immer; 
ausschliesslich, nur' (zb. korves kazvav aivin knustu 'in dem 
wald wachsen ausschliesslich tannen"), aiven id., aivinnu id. 



^ Man könnte sogar so weit gehen fi. aimo "tüchtig' nsw. herbei- 
zuziehen; hier Hegt jedoch wahrscheinUch ein anderes wort vor (vgl. 
Ip. aibmat 'valere, posse'?). 



1 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 265 



5) ti. aivastansa adv. 'r.ur, Iedi,i4lich': GaxaxdkFv": aiwas- 
taan od. aiwastansa "nur, lediglich, allein'; ejkö sitä saa panna 
aiwastaan 'darf man es nicht so anlegen, wie es ist, ohne weite- 
res"; ajattelen ajwastansa 'nur so denke ich'; nijnkuin se ajwas- 
tans olis annettu "wie wenn nur dies gegeben wäre', Renvall: 
aivastansa 'solum', tämä aivastansa 'hie solummodo 1. solus, 
non nisi hie". In den heutigen dialekten aivastee (zb. Juva, 
Jääski) id. 

Aus demselben stamm ist abgeleitet fi. aivina: Juslexius 
aiwina: 'linum: eannabis pura'; Ganaxder: aiwina id., aiwina- 
paita "reinleinenes hemd', aiwinainen 'linteum purum'; Rexx'all: 
aivina 'linum 1. eannabis pura, stupae expers', aivina od. aivina- 
kangas 'linteum ex ejusmodi lino, max. quadrilis". In dem suppl. 
zu LüNXROTs wbueh kommt dazu noch : aivinalauta "ganz rei- 
nes brett" ('bessere od. ebnere bretter, zb. beim dachdecken'), 
aivinapelto 'ein alter wohlbestellter gutsaeker'. 

Wir sehen, dass sich die bedeutungen auf zwei gruppen 
verteilen lassen : auf der einen seite 'solus, purus' ('bloss, nur, 
lauter'), auf der anderen seite 'eximius, valde' ('ganz, allzu, 
vortrefflich'), gruppen, welche ja sehr nahe liegen; zb. bei 
aivina 'reiner, wergfreier flachs' kann es ja zweifelhaft sein, 
welcher von diesen gruppen die bedeutung zuzuweisen ist 
('purus — eximius"). 

Ausser im ostseefinnisehen sind diese Wörter nur im 
lappischen belegt, und wir finden dort sowohl die ostseefinni- 
sehen formen als auch die beiden hauptbedeutungen. Die lap- 
pischen Wörter sind die folgenden: 

I. 1) IpX aive 'solum, modo', L dive 'ganz", cdce l'o 
"gleich wie', Pit. Hal. ^a ive, aieve 'sehr, ganz', Lixd. u. Öhrl. 
aiwe od. aiwa 'valde', I Axd. aive id., Äimä (mündl. mitteil.) 
äjb', eJr' 'nur'. 

2) IpN aivestassi od. -stessi 'modo, tantummodo', I Axd. 
aivestes id. 

3) IpX aibas 'prorsus, plane, omnino', I Axd. äibas, Alma 
üIbus 'ganz'. 

IL IpS Lixd. u. Öhrl. aiwekats 'singulus, singularis'. 

IIL IpN aivan g. aiwan 1) adj. 'selectus', 2) 'selecta lana', 
aiwanest dat Ise dakkum 'das ist aus feinster wolle gemacht', 
L aivan 'guter hanf. 



2 66 E. N. Setälä. 



Die meisten lappischen Wörter, welche ein a = fi. a ent- 
halten, sind im voraus der entlehnung verdächtig; die in rede 
stehenden Wörter stimmen auch meistens so genau mit den fin- 
nischen überein, dass sie als entlehnungen aus dem finnischen 
betrachtet werden müssen. Lp. aive usw. stimmt genau zu fi. 
aivan, Ip. aivesstassi, -stessi ist eine deutliche, auch nicht sehr 
alte entlehnung aus dem fi. aivastansa, Ip. aivan ist mit dem fi. 
aivina identisch, hat aber teilweise ursprünglichere und allgemei- 
nere bedeutungen als das finnische aivina be\\-ahrt (IpN aivan 
'selectus'). .Selbständig ist im IpS die ableitung aiwekats (p: aive- 
kac) 'singulus'. Eigentümlicheres gepräge trägt IpN aibas, I 
üiBus. Das dunkle q der zweiten silbe weist auf einen palata- 
len vokal hin (also etw^a fi. ^aivis); der inlautende konsonant 
würde ein fi. p voraussetzen (""aipa), wenn aber, wie man 
kaum bezweifeln kann, v im finnischen ursprünglich ist. kön- 
nen die lappischen formen nur so erklärt werden, dass im lap- 
pischen ein urspr. iv in die stufenwechselreihe ip ^ iß über- 
gegangen ist (wofür dieser fall einen beweis liefert, darüber 
näheres an einem and. o.). Dieses von Ip. aibas x'orausgesetzte 
*aivis muss die älteste lappische forni gewesen sein; ob dies 
eine entlehnung ist oder zu dem gemeinsamen Wortschatz des 
finnischen und lappischen gehört, kann ja in diesem fall nicht 
sicher entschieden werden. 

Obgleich das wort primär nur im ostseefinnischen vor- 
kommt und im lappischen kaum mehr als eine ostseefinnische 
entlehnung darstellt, unterliegt es meines erachtens keinem 
zweifei, dass wir es hier mit einem arischen wort zu tun 
haben; apers. aiva-, jung- u. gä^isch-aw. aeva 'ein; irgendein*; 
jung- u. gäi^isch-aw. aevä adv. 'so', 'ita", vgl. jungaw. aeva^a 
adv. 'ganz so, ebenso; gleichfalls auch, ingleichen auch'; aind. 
eva, evä 'so, gerade so; allerdings, jawohl, wirklich; gerade, 
eben, kaum, nur, noch, schon' (das unmittelbar vorangehende 
wort mit nachdruck hervorhebend), eväm adv. 'so, auf diese 
weise; so geschehe es, gut'. 

Der form nach entspricht ja fi. aiva vollkommen eiaem 
ar. aiva- (griech. oio-c, kypr. oifo-c 'allein'); fi. aivan könnte 
sogar eine dem skr. evam entsprechende form darstellen, wenn 
es nicht eine finnische bildung ist. Die bedeutungen 'ein' und 
'ganz' stimmen ebenso auf beiden selten völlig überein; die 



I 



I 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 267 

beiden bedeutungen, die leicht voneinander abgeleitet werden 
können, sind wolil schon zugleich mit dem wort ins finnisch- 
ugrische gekommen. 

Das wort aiva, aivan lenkt die gedanken auf fi. aina, das 
nebst seinen entsprechungen teilweise dieselben bedeutungen 
hat. Im finnischen bedeutet aina 1) meistens 'immer' ('semper, 
continuo'), aber auch andere Schattierungen kommen vor: 2) 
'noch', z. b. aina pidempi 'noch länger', aina syvemmä 'noch 
tiefer', 3) 'von — an, bis' (zeitlich und örtlich): aina siitä ajasta 
'von der zeit an', aina sinne asti 'bis dahin', 4) ainakin "in je- 
dem fall, wenigstens', jo ainakin 'doch schon', mikä ainakin 
'was denn eigentlich", ei ainakaan 'haudquaquam', 5) min aina 
'ja eben, so, recht so', ainaki 'ja freilich, ganz", se aina 'das 
wohl eben". Im karelischen hat man aina 'immer' und aina-i 
'wenigstens", aber daneben auch eine andere form ainos, olon. 
ainos 'immer'. Im estnischen sind die formen etwas verschie- 
den: aina, ainu, ainute, ainumeste; sie bedeuten: 1) 'nur, 
bloss', aina-üksi, üksi-aina id.; 2) 'ganz', z. b. aina punane 
'ganz rot', aina paras "ganz passend', a. tark, a. rikas 'über- 
aus klug, reich'. 

Auch dieses wort ist aus dem finnischen ins lappische 
übergegangen : Ip. ain 'porro', L ain 'noch' Lind. u. Öhrl. ain 
'adhuc', I Ai.MÄ avi 'noch', I Axd. Lönnr. ain 'immer", hierher 
gehört wohl noch IpX ainas "necessario, certe', "sicherlich, vor 
allen dingen; wenigstens', I Äimä üinas "sicherlich" (= li. ainakin). 
Das lappische dunkle q setzt im finnischen entweder *ainis oder 
in diesem fall lieber *ainus (vgl. kai'. ainos, olon. ainos) voraus. 
Tho.msen FBB 156 leitet das wort aus dem baltischen her: 
preu.ss. ainat 'allezeit', lit. venat, lett. wen (mit einem unursprüng- 
lichen v) 'bloss, allein', mit der bemerkung, dass das wort auch 
zu dem germanischen aina- stimmen könnte. Wenn aber aiva 
sicher ein arisches wort ist, könnte man auch bei aina ari- 
schen Ursprung für möglich halten: aind. adv. enä hier, da, 
auf diese weise, so, weiterhin'; der stamm dieses Wortes, 
ena-, stimmt ja, ganz wie eva-, mit den bezeichnungen der ein- 
zahl in vielen indoeuropäischen sprachen überein (griech. o/ru-c 
oirt] 'die eins auf dem würfel', lat. oino-s, oeno-s, ünu-s, air. 
oen, germ. got. äin-s usw., lit. vena-s, preuss. akk. aina-n, aksl. 
inü 'alter, alius'. in zusammenstz. 'eins' wie ino-rogü "einhorn'j. 



268 E. N. Setälä. 

Selbstverständlich gibt es jedoch sowohl im finnischen als 
im lappischen mit ain- anlautende Wörter (fi. ainoa 'einzig' 
usw.), die aus dem gernianischen stammen. 

Die finnischen Wörter aiva und aina, von denen fi. aiva 
meines erachtens ganz sicher ist, vertreten also eine arische 
Schicht, welche schon ein a << o (und << e) besass, und zeigen, 
dass man solche auch in den von den sitzen der arischen spra- 
chen heute so weit entfernten ostseefinnischen sprachen findet. 
Ich glaube, dass man sogar mehrere solche nachweisen kann, 
werde mich aber diesmal mit dem hier angeführten begnügen. ^ 



^ Ein sehr interessantes arisches lehnwort aus dieser schicht 
wäre fi. asu- 'wohnen', est. azu- 'sich niederlassen', fi. ase-ma, ase-n 
(g. asemen), kar. azen (g. azemen) 'läge', est. ase g. azeme 'stelle, 
Stätte, statt; lager, Schlafstelle', iiv. aziun 'platz, bett', fi. asu 'stand', 
est. azu 'platz, räum' (aus einer vorauszusetzenden verbalen sippe *ase- 
as-), wenn diese gruppe mit aind. as-, apers. ah- 'sein' zusammen- 
gestellt werden könnte. Ich habe an diese Zusammenstellung, wel- 
che ich jetzt bei JOHS. Neuh.^us, Kleine finnische Sprachlehre, 
Berlin 1908, p. 134, angedeutet finde, lange gedacht, habe mich 
aber nicht dafür entscheiden können, da fi. äsen und asema wohl 
kaum von mordE ezeni. izim, M ezd)h, tiom, jezsm, dem. ezdihne 
'platz, stelle; wandfeste bank in der mordwinischen stube' getrennt 
werden können, und die mord. ^^•örter bestimmt für einen mouil- 
lierten Sibilanten sprechen (siehe verf. JSFOu. XIV 3 29, XVI 
2 6). Wenn die finnischen und arischen Wörter zusammenzustel- 
len sind, muss hier eine viel ältere, ^ur verwandtschaftli- 
che» Verbindung vorliegen, wobei man auf finnischer seite 
von einem stamm es- auszugehen hätte (mit mouilliertem s 
und e-vokalismus, worauf das mordwinische deutlich hinweist; 
zu dem vokalismus vgl. fi. vasara 'hammer' ^ mordE vizir. Ip. 
V8eeer, fi. vaski 'kupfer' •-- mordE HsJHt 'draht', Ip. vseikke, 
fi. ahtera 'güst' ^ md. ä.st'if\ jäsfdi; ung. ester, siehe verf. JSFOu. 
XIV 3 28-9). — Ich überlasse jedoch bezüglich der Verbindung 
von asu- u. ar. as- herrn dr. E. A. Tunkelo das wort, wel- 
cher unabhängig von mir auf diese Zusammenstellung gekoenmen 
ist und diese frage in dieser festschrift behandeln wird. Ich 
bemerke zugleich, dass wir auch bei fi. aiva wenigstens teilweise 
zusammengetroffen sind und dass dr. Tunkelo in derselben sitzung 
der Finnisch-ugrischen Gesellschaft, in welcher ich das obige über 
aiva und aina vortrug (i'' '4. 1910), dieses mitteilte. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 269 

I\' Finno-germanica. 
Fi. marsio. 

In dem vicrsprachigen „Lexicon latino-scondicuni" \'on 
Ericus ScHRODERrs (Stockholm 1637) — dem ersten Wörter- 
verzeichnis, in dem auch das finnische vertreten ist — , dessen 
finnischer Wortschatz \'on dem damaligen hilfspastor in Oulu 
(Uleäborg) Marcus Pauli Björneburgensis stammt, kommt p. 60 
folgender wortartikel voi': 

Reticulum. Kassa, Märsa. der Fischsack. Marsio. 
Wir haben hier also ein finnisches wort marsio, welches 'fisch- 
sack' bedeuten soll. Das wort ist im heutigen finnischen völlig 
unbekannt, so auch in den \ eiwandten sprachen ausser dem 
finnischen. 

Man hat ja aber einen anhaltspunkt in dem schwed. 
märsa, welches Schroderus mit fi. marsio übersetzt — ein 
wort, welches jedoch ebenso verschollen zu sein scheint wie 
das finnische. E. Grip, ^ welcher über züge der uppländischen 
mundart bei Schroderus geschrieben hat, führt das schwed. 
wort märsa an mit der bemerkung: „gehört wohl zu mjärde, 
diai. märde, siehe Rietz 4-1-1, norw. dial. Aas. mser, aschw. 
m8erde'\ Der \-erf. hat das fi. marsio dabei nicht zu \eruer- 
ten gewusst, weiches ja genau die vorauszusetzende germani- 
sche Urform des schwed. märsa : germ^. *marsio" darstellt. Man 
muss folglich in märsa ein i-umgelautetes a sehen, wogegen 
mjärde usw. mit dem gemeinfinnischen merta 'fischreuse' zu- 
sammenhängt (siehe Thomsex GSI 134) und also ein ä << e 
zeigt; auch wenn fi. merta als germanisches wort betrachtet 
\\"erden muss — Thomsex hält auch eine umgekehrte entlehnung 
für möglich - — und auch wenn mjärde und märsa schliess- 



1 Nyare bidr. tili käunedoinen om de sv. landsmäleii, 78. h. (1903), 
p. 24. 

* In der deutscheu ausgäbe von GSI hat Thomsex dieses wort 
fortgelassen. — Vgl. auch Wiklund, När komnio svenskarne tili Finland? 
28. Mein freund prof. Evald Liden, dem ich das hauptergebnis naeiner 
Untersuchung über fi. marsio brieflich mitteilte, schreibt mir, dass er 
an einen Zusammenhang zwischen nschw. mjärde, aschw. miaer})(r)i < 
*mer-I>ra-n-, anorw. maerS (welche er als ieur. werter betrachtet: V mer- 
mer(e)s, mer-(^e)a- 'binden, flechten") und lit. märszka 'dichtes fischnetz' 



270 E. N. Setälä. 



lieh in Wurzelverwandtschaft zu einander ständen, würden sie 
ganz verschiedene bildungen vertreten und wenigstens nicht 
direkt zu verbinden sein. 

Das schwed. märsa kann bei Schroderus aus seinem 
uppländischen heimatsdialekt stammen; man hat ja auch sonst 
uppländische züge in seiner spräche nachgewiesen (siehe Grip 
aao.). Es ist aber natijrlich auch nicht ausgeschlossen, dass 
Schroderus das schwedische wort von seinen finländischen 
ge^vährsmännern erhalten hat. Man findet nämlich das ent- 
sprechende wort in den schwedischen dialekten Finlands und 
Estlands: nyländ. (kirchspiel Pyhtää-Pyttis) iiüir-^o schw. f. 'netz- 
sack für heu', estl. -schwed. mä{n.^ stark, m. (Xargö, Xuckö), 
stark, f. (Rägö-Wichterpal) 'aus kieferspleissen gemachter korb, 
welcher auf dem rücken getragen wird; fischsack'. Aus den 
estländisch-schwedischen dialekten — wenn nicht aus dem nie- 
derdeutschen (siehe unten) — stammt wohl auch est. mäfs g. 
mäfsi od. märre, mäfts g. mäftsi, märts g. märtsu, S mäfz g. 
mäfzi, mefs g. mefsi 'sack, kober (aus hast geflochten oder 
aus einem groben netze, als brotsack, speisekorb, zum tragen 
von fischen etc.)', kassi-mäfsid 'aus birkenrinde geflochtene 
koberchen (ein kinderspielzeug)'. 

Könnte also das wort im schwedischen aus dem finni- 
schen stammen? Man findet jedoch keine verwandten auf der 
finnischen seite, auf der germanischen seite aber glaube ich 
anknüpfungen zu sehen. 

Zuerst findet sich eine entsprechung im dänischen: nach 
Dansk Ordbog, udg. under Videnskabernes Selskabs Bestyrelse 
IV 32 bedeutet dän. maers auch 'korb', wofür ein Sprichwort 
,,det er ondt at faae Heü-e i Msers-' als beleg zitiert wird. 
Dieses Sprichwort findet man in beinahe identischer form bei 
P. P. Syv, Almindelige Danske Ordsproge, Kiobenhafn 1682 
(1 b I\'' Det er ondt, at komme hejre i merss) und bei Pouch, 
Problemata et proverbia moralia, Kiobenhaffn löll (L VI, id. 



I 



(ieur. *mors-ktl), lett. marsns, marsna "ein bündel usw.' gedacht habe; 
die Ht. -lettischen formen würden ja gut zu einem germ. *marso stim- 
men. — Das fi. merta ist sonst ein gemeinostseefiunisches wort und ist 
in der form MopAa auch in das russische (vgl. Thomsex aao.) und 
— wohl über das russische — ins syrjänische eingedrungen (syrj. morda 
"fischreiise, setzkorb"). 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 271 

Üb. 1624 ibid.: Dot er ont at komme Heyre i Mers); zuerst 
ist die form merss in dei- aufläge der dänischen sprichwör- 
tersammlung Pf:der L.Ales von 1515 belegt, wo es heisst; Thet 
aer onth at komme heyrae i merss =: „Ardea transire nequit 
in sportam facili re", gegenüber einem mees in der aufläge 
\-on 1506. 1 

Das dänische W(jrt msers bedeutet ja auch 'mastkorb', 
eine bedeutung, die jedoch in dem Sprichwort garnicht zu pas- 
sen scheint. - Hier ist wohl am ehesten ein zusammenfall von 
zwei Wörtern anzunehmen: eines msers "korb' welches den 
oben erwähnten schwedischen formen direkt entspräche, und 
eines maers 'mastkorb', welches zunächst aus dem mnd. merse 
'mastkorb' entlehnt ist. Das nd. mersiei, mars(e;, mersch 
schw. u. st. f. 'mars, mastkorb', wie auch das nd. mars id. ist 
wieder seinerseits eine entlehnung aus dem niederländischen 
seeterminus mers, mars, mnl. merse, meerse, maerse f. m. 
'mastkorb'. 

Direkt ist natürlich dieser niederländische seeterminus mit 
seinen deutschen und nordischen ablegern für unser wort nicht 
von belang. Auch die erlangung eines indirekten gewinns 
scheint hoffnungslos zu sein, wenn die allgemein angenom- 
mene auffassung von der herkunft des niederländischen Wortes 
richtig ist. Das mittelniederländische wort bedeutet nämlich 
sowohl 'kaufware' als 'korb, rückenkorb, mastkorb', und man 
meint, dass die älteste niederländische bedeutung 'kaufmanns- 
ware' sei, < lat. merce(m) 'wäre', daraus habe sich die bedeu- 
tung 'krämerstand, hökerkorb' und schliesslich 'mastkorb' ent- 
wickelt. 3 

Eine solche bedeutungsentwicklung erscheint jedoch ziem- 
lich unnatürlich. Die sache liesse sich ja viel ungezwungener 



^ Siehe Östuordiska och latiiiska medeltidsordsprak. Peder Läles 
ordsprak och eu niotsvarande svensk samling. I. Texter med inledniiig 
utgiviia av Axel Kock och Carl .a.f Pktersexs, Khavn 18S9-94, p. 10. 

- Dies wird von E. IMau, Dausk ordsprogs-skat I, Khavn 1879 
(unter ur. 3536, p. 399) angenommen, während sich KocK in seinem 
kommentar zu der eben zitierten Sammlung (p. 31-2) mit recht dagegen 
äussert. Über den sinn des Sprichworts siehe Kock aao. 

* Siehe Fr. Kluge, Deutsche seemannsprache sub voce mars, 
Franck-Wijk, Etym. Woordenboek sub voce mars. Vgl. jedoch Falk 
u. TORP, Etym. ordb sub voce mers. 



272 E. N. Setälä. 



erklären, wenn wir das mnl. merse, meerse in der bedeutung 
'wäre' (<1 lat. mercem, merces) als ein ganz anderes wort auf- 
fassen, als mnl. merse 'rückenkorb, mastkorb'. Die ursprüng- 
liche bedeutung des letzteren wertes im niederländischen wäre 
dann 'korb, rückenkorb'; das wort hätte dann den sinn "mast- 
korb' erhalten, ganz wie das d. korb auch in der bedeutung 
'mastkorb' gebraucht worden ist. ^ 

Wenn man noch das dän. msers in der bedeutung 'korb' 
als eine entlehnung aus dem niederländischen (über das nieder- 
deutsche, wo diese bedeutung jedoch nicht belegt ist? 2) betrach- 
tete, wäre es auf alle fälle unmöglich das schwed. märsa bei 
ScHRODERUS Und die hierhergehörigen formiCn in den finlän- 
disch-schvvedischen dialekten, denen das fi. marsio vollkommen 
entspricht, so zu erklären. Es ergibt sich also aus diesen aus- 
führungen, dass fi. marsio aus einem alten germ. fem. *mar- 
siön 'fischsack, korb' entlehnt ist; die sippe dieses germ. Wor- 
tes ist im schwed. (märsa u. a.), wahrscheinlich im dän msers 
'korb' und sicher im niederl. merse 'korb, mastkorb' vorhan- 
den. Die sippe im aussergermanischen zu verfolgen gehört 
nicht zur geschichte des fi. marsio. 



Fi. kalpei, kalve. 

In der älteren finnischen spräche kommt ein heute bei- 
nahe in Vergessenheit geratenes wort kalpei 'juvencus" vor. 
Sehr häufig findet man es in der ältesten finnischen Über- 
setzung der ganzen bibel: nom. calpei carjast (zb. Xum. 7,21, 
63, schwed. „en stwt äff booscapen". Luther: „einen farren aus 
den rindern"), akk. gen. calpein (zb. Xum. 8, 8, 15, 8, 29, 2), 
part. sg. calpeja (zb. Num. 23, 1, 29, 13, 17). Aus die.ser e-- 
sten Übersetzung ist das wort in die späteren gekommen; an 
einigen stellen, wo in der ersten bibelübersetzung mvilli stand, 
ist dieses wort in der \on Lizelius revidierten Übersetzung 
vom jähr 1758 sogar durch calpei ersetzt und in der heutigen 



' Siehe F. Kluge, Zs. f deutsche wortforsch. VIII 35. 

- Wenn nicht das est. mäis usw. (siehe oben p. 270) als nieder- 
deutscher beleg zu betrachten ist; das estnische wort kann jedoch aus 
den estl.-schwedischen ninndarten stammen. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 273 



finnischen kirchenbibel bewahrt worden. In den späteren aus- 
gaben der bibelübersetzung sieht man jedoch eine tendenz statt 
der formen mit -ei- solche ohne -i zu setzen. Die ausgäbe 
von 1685 steht noch ganz auf dem Standpunkt der ausgäbe 
von 1641.*, aber in der revidierten ausgäbe von 1758 findet man 
schon akk. gen. calpen (zb. Num. 8, 8, 15, 8), daneben auch 
calpein (zb. Num. 29, 2), ebenso ist der nom. regelmässig im- 
mer noch calpei (zb. Xum. 7, 21, 63, Jud. 6, 25) und part. sg. 
calpeja (zb. Xum. 23, 1, 29, 13, 17j. Diese Schwankungen 
findet man dann später in den folgenden bibelausgaben: man 
schreibt nom. kalpei, akk. gen. kalpen, aber auch kalpein, 
part. kalpeja. Erst die von A. \V. Ixg.man re\'idiei-te Über- 
setzung vom j. 1859 bringt regelmässig akk. gen. kalpen und 
part. kalpea; der nommativ aber heisst auch hier kalpei. 

Lexikalisch findet man das wort schon bei Schroderus 
(1637) gebucht: „luvencus. Stwt. der junge Ochse. Calpei" 
(bl. 56); ebenso (offenbar von Schroderus unabhängig) in „\'a- 
riarum rerum vocabula'' (1644, p. 85): „\'itulus. Kalff. vng stwt. 
Wasecka, calpei", und in der Nomenclatura von Florinus (1678, 
mir die aufläge von 1683 zugänglich, p. 96): „Juvencus, En ung 
Oxe. Calpei.'" Dagegen nennt Juslenius in seinem Wörterbuch 
eine form ohne -i sowohl im nom. als im gen.: Calpe, en 'juven- 
cus, stut'. In dem handschriftlichen Wörterbuch von Gaxaxder 
(1789) ist die diphthongische form kalpei mit der bezeichnung 
„aboice" versehen, selbst führt er eine form kalpee -een od. kalpet 
mit der Übersetzung 'juvencus, taurus junior' an. Renvall nennt 
die formen : kalpi, Iven od. kalpe od. kalpei, pen "taurus junior 
max. castratus, ju\'encus'; in klammern führt er noch eine form 
kalvet an. LOxxrot hat ausser den schon genannten formen 
(kalpei, welches nach der bibelübersetzung zitiert w ird, kalpe 
gen. kalpen, kalpi gen. kalveni noch kalve gen. kalpeen 
(=: Rexv. kalvet), kalpe gen. kalppeen und kalppi gen. kalpen 
od. kalpin; die bedeutung ist nach ihm 'farren, junger ochs 
(2-5 jähre alt); (ungewöhnlicher) junger stier'. Aus den heuti- 
gen mundarten hat man nur folgende belege, alle aus dem 
südwestlichen Finland (\'spr.): Pernio: kalp gen. kalpi(n) part. 
kalppi 'verschnittener junger stier"; PöN't^'ä: kalpe gen. kalpen 
'junger stier', Taivassalo: kalpe gen. kalpe 'verschnittener jun- 
ger stier'. 

Fiiin.-ugr. Forscli. XII. lö 



274 



E. N. Setälä. 



Es ist schwer zu wissen, woher die LöxxROTSchen anga- 
ben stammen. Es ist wahrscheinlich, dass die formen kalppi 
zu gen. kalpen od. kalpin, wie auch gen. kalppeen zu nom. 
kalpe nur konstruierte formen sind i, da sie ja garnicht in den 
älteren quellen belegt sind. Sicher belegt sind also zwei beu- 
gungstypen. Erstens ein typus auf -ei: kalpei gen. kalpein 
part. kalpeja; dazu kann auch der typus kalpe (gen. kalpen) 
mit verkürztem diphthong und kalp gen. kalpi (Pernio) mit i •< ei, 
(siehe oben p. 189) gehören. Da ja die stamme auf -i-diph- 
thong wie die ursprünglichen konsonantenstämme behandelt 
worden sind, wäre im nominativ die schwache stufe zu erwar- 
ten, also eine beugung *7calvei gen. ^halpei^n >- kalpein; der 
nom. kalpei ist also eine analogieform wie koukoi isiehe oben 
p. 188). Der zweite typus ^^•iederum ist kalve (Rexvall: kalvet, 
auf -t, wie er alle nominative auf urspr. -eh u. -ek schreibt) 
gen. kalpeen; dazu gehört der analogische nominativ kalpee 
bei Gaxaxder (wenn kalpee nicht statt kalpei steht, d. h. aus 
dem südösterbottnischen dialekt mit ee <C ei stammt). Die 
regelmässii^en Vertreter der beiden typen wären also 1) kalve 
gen. kalpein (<^ *'kalvei -^ ^Icalpei^n) und 2) kalve gen. kalpeen 
(<1 *kalveh ^^ ^kalpehen). Man sieht also, dass sich die beiden 
ts'pen lautlich sehr nahe stehen; nur der eine kann ursprünglich 
sein, und der andere muss durch typenmischung entstanden sein. 

Es ist schon ohne weiteres klar, dass \\\r es hier mit einem 
germanischen wort zu tun haben, die ähnlichkeit ist ja so au- 
genscheinlich; schon LöxxROT hat an das schwedische kalf er- 
innert. Es ist jedoch nicht möglich, dass es sich hier um 
ein schwedisches wort handelt. Überhaupt passt die nordi- 
sche form (aisl. kalfr m. <C *kalbaz), wie auch das got. fem. 
kalbö schlecht zu dem finnischen wort. 

Aber die althochdeutschen formen kalb, chalp n. pl. kel- 
bir, chnlpir wie auch die formen anderer ablautsstufe ahd. 
kilburra, mhd. kübere f. "mutterlamm', ags. cilforlomb 'mut- 
terlamm' usw. belehren uns, dass das betreffende wort im ger- 
manischen eigentlich ein neutrum auf -az ^ -iz gewesen ist. 



' vielleicht ist kalppi durch missverstehen von paradigmeu wie 
Pernio kalp: kalpi: kalppi entstanden; der part. kalppi zeigt jedoch 
keine ursprüngliche geminata pp, sondern pp ist nach den lautgeset- 
zen des dialekts wie im nom. pl. lamppa = lampaat zu verstehen. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 275 



Der finnische lypus kalve gen. kalpeen entspricht vortreffiich 
einem germ. *kalbiz; im finnischen steht ja einem germani- 
schen -iz, wie auch einem halt, -is, am öftesten der beugungs- 
typus -eh, -e(h) gegenüber. ^ 

Unter solchen umständen muss also kalve gen. kalpeen 
« ^Tcalveh gen. *kalpelien) <C germ. *kalbiz der ursprüngliche 
heugungstypus gewesen sein; dieses wort ist also dem typtis 
nach dem est. purre 'fussteg' << germ. *biardiz gleichzustellen 
(siehe verf. aao). Der andere typus kalve (kalpei) gen. kal- 
pein ist durch typenmischung entstanden; vielleicht wurde das 
-i auch deshalb angesetzt, weil es als ein deminutives element 
empfunden wurde. 

EstS köblas. 

Zu den germanischen benennungen der ackerbaugeräte 
in den ostseefinnischen sprachen (aura, Thomsen, GSI 113, 
kiiokka 'erdhacke', verf. JSFOu. XXIII 1 37) möchte ich noch 
eine hinzufügen: estS köblas g. köbla od. köblase, auch köbli 
g. köbli 'hohlbeil, erdhacke', verbum köblima "behacken, auf- 
hacken (die erde)'. Das wort gehört unzweifelhaft zu der ger- 
manischen sippe von d. schaufei, weist aber nicht auf eine form 
mit langem vokal in erster silbe hin (wie ahd. scüvala f., mhd. 
schüvel f.), sondern deutet, wie mnd. schuflfel t., ndl. schoffel 
'schaufei', ags. sceofl f., engl, shovel id. auf eine form mit kurzem 
vokal. Das -s im estnischen ist, wie auch aus der flexion des Wor- 
tes hervorgeht, offenbar unursprünglich: man flektiert nicht köb- 
las g. *köpla wie bei einem -s-stamm zu erwarten wäre, son- 
dern köblas g. köbla; die nominativform ist also ursprünglich nur 
*köbla gewesen; die i-form (köbli) stammt wohl aus dem verb 
köbli-, in welchem i ein suffixales element ist. Estn. * köbla 
setzt eine germanische form *skobla f. voraus, welche wegen 
des auslautenden -a gotisch und also eine Vorgängerin einer 
späteren gotischen form *skubla gewesen sein muss. 

Dieses wort scheint für die Chronologie der germanischen 
lautentwicklung sowie der lehnwörter im ostseefinnischen von 



» Thomsen GSI 84, FBB 116-7, verf. JvSFOn. XXIII i 20, vgl. 
ÄH 315 f. 



276 E. N. Setälä. 

bedeutung zu sein. Es ist, wie eben liervorgehoben, ein wort 
mit dem speziell gotischen merkmal -a, zeigt aber ein o in der 
ersten silbe (spiegelt also eine ältere stufe des gotischen wider 
als z. b. fi. multa 'erde') Dieses wort bestätigt also den a- 
umlaut im gotischen, welcher in zweifei gezogen \\'orden ist. 

Auch die bedeutung 'erdhacke' im estnischen ist interes- 
sant. Hier steckt wohl eine ältere bedeutung des germani- 
schen Wortes. Dieses Werkzeug hat natürlich auch zu den 
geraten des „hackbaues" gehört wie fi. kviokka "erdhacke' -«- 
got. höha 'pflüg". 

Fi. riitja, rutjo. 

In dem gesangbuch \'on Jacobus Fixno (1580-82) kommt 
in der paraphrase des 2. psalms des königs David ein ä^a'i 
Xsyoijsvov rutja in der form ruttians in folgendem Zusammen- 
hang vor: 

Poick catkaiskam heidhän sitens, 
Päältäm heittäkäm pois ikens, 
Älkäm heidhän ruttians olcom. ' 
=: 'Lasst Ulis ihre [der heiden] bände zerbrechen, und ihr joch 
abwerfen, lasst uns nicht ihre »rutja ;s sein'. 

Dasselbe lied hat der nächste nachfolger Finnos, Hemmixg 
aus Masku, in sein gesangbuch (1610-14) aufgenommen; die 
zuletzt angeführte zeile heisst daselbst mit einer kleinen sprach- 
lichen änderung: Älkäm heidhän ruttians olvo (bl. 8). ^ 

In dieser form findet man dann das wort in den zunächst 
folgenden finnischen gesangbüchern: in dem gesangbuch. wel- 
ches ini j. 1621 „Wiburin Pispan M. Olouin Elima^uxen tie- 



I 



' Bl. A VI z. 10 in dem uuiken exeniplar dieses gesangbuchs in 
der Universitätsbibliothek zu Upsala = p. 20, z. 5 in dem neuabdruck 
von Cederberg (Bidr. tili känned. om Finlands uatur och folk 52). 

- Von dem gesaugbuch Hemmings hatte ich im j. 1893 das glück 
in der Universitätsbibliothek zu Upsala ein ziemlich vollständiges exem- 
plar zu entdecken. Dadurch konnte auch konstatiert werden, dass ei- 
nige bruchstücke eines druckes vom anfang des 17. Jahrhunderts, wel- 
che die Universitätsbibliothek in Helsingfors besitzt, dem gesaugbuch 
Hemmings angehören; auch dieses defekte exemplar ist ein unicum. 
weil es ein blatt enthält, welches in dem Upsaleuser exemplar fehlt, und 
gerade auf diesem blatt kommt unser wort vor. 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 277 

dhost ja soosiost ('mit wissen und Genehmigung des bischofs 
0. Elima'us von W'iburg") in Stockholm gedruckt wurde (bl. XXI, 
z. 11: Älkäm heidhän ruttians oluo), und in einem gesang- 
buch \on 1630 (bl. 7, z. \9 Aelkäm heidhcän ruttians olvo). ^ 

Später ist dieses wort, welches sicherlich als zu fremd emp- 
funden wurde oder sogar unverständlich war, durch das wort 
orjaus "ihre Sklaven' ersetzt worden: so wenigstens 2 schon in 
dem Manuale Finnonicum. Abo 1646-7 (p. 45, z. 7-8), wo es 
heisst: Älkäm heidän orjans olwo, und diese form erscheint 
dann in allen späteren finnischen gesangbüchern; sogar in 
dem jetzigen gesangbuch der finnischen evangelischen kirche, in 
welches das lied in u ingearbeiteter form aufgenommen worden 
ist, lesen wir (im lied nr. 150): Älkäämme orjat olko. 

L'm die genaue bedeutung des w^ortes rutja feststellen zu 
können, suchte ich nach dem exentuellen original des Fixxo- 
schen liedes. In den neueren finnischen gesang- und choral- 
bijchern, in denen die Verfasser der originallieder angeführt 
werden, ist dieses lied als eine Übersetzung eines gesanges von 
Andreas Knöpken od. Cxophius (f 1539) angegeben. Wenn man 
aber das entsprechende lied von Knöpken (Hilf Gott, wie geht es 
immer zu) und dessen schwedische Übersetzung mit dem finni- 
schen text FiNNos vergleicht, bsmerkt man, dass hier von einer 
Übersetzung nicht die rede sein kann: der finnische text weicht 
von dem KNöPKENSchen erheblich ab, und besonders findet man 
in dem letzteren nichts, was den hier in rede stehenden Zeilen 
entspräche. ^ Auch sonst habe ich kein original ausfindig ma- 



' Unike exemplare von diesen gesangbüchern, die bei uns für 
verloren galten oder unbekannt waren, fand ich 1S93 in der Reichs- 
bibliothek zu Stockholm. 

- Ob die änderung schon in der zweiten aufläge des gesang- 
buches von Hemming (1639) vorgenommen worden ist, kann ich nicht 
sagen, da das exemplar dieser aufläge, welches die hiesige universitäts- 
bibUothek besitzt, an dieser stelle defekt ist, und ich auch auf anderen 
V)ibliotheken kein exemplar davon habe auftreiben können. 

^ Ich will zugleich bemerken, dass das lied von Knöpken, wie 
ich mich in der Reichsinbliothek zu Stockholm habe überzeugen kön- 
nen, nicht in den nächsten schwedischen Vorgängern des FiNNOschen 
gesangbuches zu finden ist (nicht in Then Swenska Psalmebokeu för- 
bätrat. 1572, auch nicht in der aufläge v. 1582); zuerst habe ich die 
schwedische Übersetzung dieses liedes in den >Psalmer och VVijsor» 



278 E. N. Setälä. 

chen können; da sich der finnische text ausserdem ziemlich 
genau, obgleich mit einigen erweiterungen, dem text des psal- 
mes anschliesst, glaube ich annehmen zu dürfen, dass die pa- 
raphrase von Fixxo selbständig nach dem bibeltext gemacht 
worden ist. 

Die betreffende stelle im 2. psalm Davids, auf die sich 
die Paraphrase bezieht, heisst in Luthers Übersetzung: ,. Lasset 
vns zureissen jre Bande, \'nd von vns werffen jre Seile": man 
sieht also, dass auch in diesem text nichts vorhanden ist, was 
dem text der letzten von den angeführten Zeilen Fixxos direkt 
entsprechen würde; man hat es hier also mit einer erweiterung 
FixNos zu tun. Da das wort rutja später durch orja 'sklave' 
ersetzt wurde, muss das wort, wenigstens annähernd, dieselbe 
bedeutung gehabt haben. 

Die bedeutung des Wortes wird auch ganz klar, wenn 
wir es mit seinem germanischen original zusammenstellen: 
aisl. bryti "eig. person, die die speisen verteilt zwischen denen, 
die ihre kost oder ihren unterhalt in einem haushält haben 
sollen' (vgl. ags. brytta 'largitor, dispensator, administrator'); 
dann: 'haus\'Oi"steher', lat. Milieus"; „in ältesten zelten" sagt 
Fritzxer in seinem Ordbog over det gamle norske vSprog (I 203), 
„war bryti wie J)j6nn einer von den vornehmsten Skla- 
ven eines herrn'', aschw. bryti "Verwalter des gutes eines 
anderen'. Die bedeutung muss hier also wohl wirklich 'sklax'e, 
diener" gewesen sein. Formell entspricht das finnische wort 
genau einem älteren germ. *brutjan-. 



vSoweit war ich gekommen, als ich — nachdem ich das 
obige in einem Vortrag in der Finnisch-ugrischen Gesellschaft 
mitgeteilt hatte — sogar von zwei selten darauf aufmerksam 
gemacht wurde, dass dasselbe finnische wort auch in der Über- 
setzung des Landsgesetzes des königs Christopher von Ljuxgo 
Thomae (anf. des 17. jh.) vorkommt. Hier steht sogar zweimal 



vom j. 1614 (von dem fiuländer Sigfr. Aronus FoRSirs, siehe Beck- 
MAN, Svensk psalmhistoria p. 58) gefunden (p. 39, das lied fängt mit 
folgenden werten an: Hjelp Gudh wadh för jämmerligh ting). 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 279 

ruttio dem bryti des altschwedischen Originals entsprechend. 1 
Dies ist natürlich rutjo zu lesen; nur der stammauslautende 
vokal ist ein anderer als in der FiNNOSchen form: statt a ein o 
wie in einigen anderen entsprechungen der germanischen 
-an-stämme (mako 'magen', mato 'wurm', pullo 'blase' usw., 
? verkko 'netz'). ^ 

Das wort muss also noch in der ersten hälfte des 17. 
Jahrhunderts eine ziemlich weite Verbreitung gehabt haben, da 
ja sowohl der westfinne Fixxo als der nordösterbottnier Ljuxgo 
das wort kennen. Dies ist auch wegen der altertümlichen form 
und (bei Fixxoj bedeutung x'orauszusetzen. 

Fi. purilas, parilas. 

Schon bei Juslenius (1745) ist ein finnisches wort pl. 
purilat (wohl purilaat zu lesen, was einen nom. sg. purilas 



1 Surimbaista lagin asioista = Högmselis balker c. X (ausg. vou 
Lagus 177): Xytt ios lanbodi, ruttio, mylläri, vskottu paluelia, eli iou- 
gun uijiinen einändä tappa oikean Jsändäns = in dem schwed. orig. 
(SCHLYTER, Corp. jur. sueo-got. ant. XII 304): Nu seu landbo, bryti, 
mölnare, troskylder swen eller nokors thera hustru drseper sin REetta 
herra eller husbonda 'wenn nun ein pächter, Verwalter, müUer, vertrau- 
ter diener oder die frau irgendeines von den genannten ihren rechten 
herren tötet'. Tapaturman Hauoista = Saaramaal med vaada c. VIII 
(so bei Ljuxgo, Lagus 212): Joca wapahmiehen perehestä, quin on, rut- 
tio, lambodi eli beiden Suennins, eli palka drengi, mylläri eli talon 
poian poica ioca naimata on . . . = im schwed. orig. (Schlyter c. VII, 
p. 365) »Huilkens frelsis manz hion, som Eero brytia, landboa eller thera 
swena, mölnara eller jnnes men, legho drengia eller bonda sj-ni . . . > 
'wer aus der familie eines edelmannes, als da ist Verwalter, pächter oder 
ihr knabe, oder ein mietknecht, müUer oder ein unverheirateter bauern- 
sohn . . .' (übers, nach dem finnischen text. welcher von dem Schlv- 
TERschen etwas abweicht). Herr Märtex, der frühere Übersetzer des- 
selben gesetzes (1548), übersetzt bryti mit Rickonut oria (Monum. lingu. 
feun. II, ed. Setälä-Xvholm 139 15 u. 169 6-7) 'ein sklave, der etw. ver- 
brochen hat'; dies gehört zu seinen ziemlich zahlreichen volksetymolo- 
gischen Übersetzungen fer hat bryti mit schwed. bryta in der bedeu- 
tung 'verbrechen' verbunden). 

- Siehe Thomsex, GSI 92 = Einfl. 107, verf. Zur herkunft und 
Chronologie d. älteren germ. lehnwörter in den ostseefinnischen spra- 
chen JSFOu. XXIII 1 25 (daselbst über die sprachliche bedeutung dieser 
erscheinung). 



2 8o E. N. Setälä. 

voraussetzt) mit der hedeutung 'traha gestatoria', schvved. 'slä- 
por' gebucht; daneben steht purilo 'crates stercoraria', schvved. 
'dyngbär' ('mistbahre'). Ebenso hat Gaxander in seinem hand- 
sciiriftlichen Wörterbuch an erster stelle ein plur. purilat od. 
purilot (= fi. paaret "die bahre*), schwed. 'släpor', lat. 'traha 
gestatoria'; auch er hat daneben ein sg. purilo schwed. 'dyng- 
bär', lat. 'crates stercoraria' (mit der phrase: sonta nawetastakin 
pitää puriloilla ulos wjetämän 'der mist muss auch aus dem 
Viehhof mit mistbahren ausgetragen werden'). Rexvall hat fol- 
gende angaben: purila, an al. purilo, on al. purilas, aan, max. 
pl. purilat 1. purilot 1. purilaat 'traha 1. feretrum gestatorium, 
quo stercus etc. portatur', 'bahre, tragbahre'. LOxnrots ijber- 
setzung stimmt wesentlich mit derjenigen der Vorgänger über- 
ein: purila, purilas od. purilo bedeutet nach ihm 'bar, hand- 
bär, hängbär, dragbär, dyngbär'; er erklärt dabei auch genauer, 
was unter schwed. 'släpor' zu verstehen ist: 'zwei lange Stangen 
auf beiden selten des pferdes, mit den hinteren enden längs 
der erde schleppend und mit einem dazwischen gebundenem 
brett, welches die unterläge für die führe bildet' — also das pri- 
mitive fuhrwerk, welches man noch in gegenden ohne pferde- 
strassen sehen kann. Eine ganz neue bedeutung bei Lönnrot ist 
purilas 'Ijusterjern' (= tuulas), also 'fischgabel', welche bedeu- 
tung er als „prov." (o: mundartlich) bezeichnet. Aus den heutigen 
mundarten habe ich folgende notizen: in Jaakkima (Finn.-Kare- 
lien) ist pl. purilaat in der eben beschriebenen bedeutung von 
'släpor' bekannt; mit einem solchen fuhrwerk fährt man zb. die 
milch aus einer sennhütte nachhause (mündliche mitteilung); 
Heinävesi (Savo): purilas 'stangen aus flehte, welche den pflüg 
bei längeren transporten tragen' (die bed. ist also wesentlich 
mit der zunächst vorherg. identisch) (\'spr.). 

Zugleich mag ein anderes finnisches wort angeführt wer- 
den: parilas, parila. Zuerst finde ich das wort bei Ganander 
in seinem handschr. wbuch: parila 'järnet, hwarpa törrweden 
ligger och brinner, da man liustrar' (mit hinweis auf atrain 
und arila), also = 'eisen, worauf das kienholz (das dürre holz) 
beim fischstechen mit der fischgabel liegt und brennt'. Ebenso 
bei Renvall: parila, an (das wort stammt nach ihm aus der ge- 
gend von Oulu = Uleäborg) 'craticula ferrea 1. ignitabulum, 
fuscina noctu piscantibus solitum", "eiserner feuerhalter beim 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 281 

nächtlichen tischlang'. Und bei Li»nxrot findet man folgen- 
des: „parila od. parilas jernhalster tor Ijusterelden, Ijusterjern 
(tuulas- 1. tulikoura); parilaat eldbär vid Ijustring; plur. parilat 
d\'ngbar (lempiöt); jtV. purilo"; das uort bedeutet also nach 
ihm: 1) „feuerrost" od. „feuerbahre" beim fischstechen; 2) fisch- 
gabel (?) und 3) mistbahre wie purilas. Aus der jetzigen Volks- 
sprache ist das wort sehr spärlich belegt: aus Xakküa (VVest- 
finland) hat man parila in der bedeutung 'heubahre' notiert 
(„selten gebraucht, aber allen verständlich", Vspr.). In der 
volkspoesie begegnet ein hierhergehöriges wort varila, wo das 
anlautende p der alliteration zuliebe v geworden ist: es wird 
von dem baren, der — sicherlich nach einer uralten Vorstel- 
lung — aus dem himmel herniedergelassen wurde, gesungen: 

Missä maahaii laskettiiu? Wo wurde er heruntergelassen? 

Hihuoissa hopeisissa, In silbernen riemen, 

variloissa vaskisissa, in einer kupfernen bahre [?], 

kehon kultaseu sisässä. in einer goldenen wiege. 

(Arwidssou u. Crohns, 4S6 6 E, aus Kiuruvesi in Xord-Savo.) 

Und schliesslich bedeutet parilas nach einem finnischen koch- 
buch vom j. 1849 (von J. F. Graxluxd.") 'bratrost'. 

Man kann nicht umhin in den Wörtern purilas und pari- 
las germanische Wörter zu sehen. Purilas entspricht genau 
einem germanischen *burilaz; sov.'ohl die ablautsstufe als das 
suffix (vgl. das Suffix in ahd. slegil 'schlägel', driscil 'drechsch- 
flegel', auch fem. driscila) sind echt germanisch. Die form 
purila kann ebenso erklärt werden wie die grosse anzahl der 
germanischen maskulinen a-stämme, die im finnischen auf -a 
auslauten, d. h. aus dem germanischen akkusätiv. ^ Ein femini- 
num auf -a (eine gotische form) würde wohl auch als vor- 
läge nicht unmöglich sein; jedenfalls setzt die form purilo eine 
feminine form *burilö voraus. Ebenso setzt das fi. parilas, 
parila ein germ. *barilaz, akk. *barila voraus. 

Die bedeutungen der finnischen Wörter lassen sich alle 
leicht aus einer bedeutung 'mittel zu tragen, bahre' ableiten. 
Die beiden Wörter haben ja die bedeutung "bahre' ('mistbahre', 
'heubahre'). Bei purilas tritt die bedeutung des oben beschrie- 
benen primitiven fuhrwerkes, bei parilas hinwieder die bedeutung 



» Thomsex, GSI 76 = Einfl. 88. 



282 E. N. Setälä. 

'feuerhalter (rost) beim fischstechen', welcher sinn ja auch gut mit 
dem ursprünglichen übereinstimmt, in den Vordergrund. Schliess- 
lich bedeutet sowohl parilas als purilas auch 'die fischgabel'; 
dieser Übergang ist auf dieselbe weise zu erklären, wie wenn 
fi. tuulas — \\'as man aus dem sinn seines baltischen Originals 
(lett. dülajs, dülejs 'eine aus lumpen und stroh gemachte fackel, 
besonders um bienen beim honigausnehmen wegzuscheuchen', 
düle, dülis id. auch 'brennende pergel beim krebsen oder fische- 
stechen', siehe Thomsex FBB 168) schliessen kann — ■ ursprüng- 
lich 'fackel beim fischstechen', aber dann sowohl das 'fisch- 
stechen beim fackelschein mit fischgabel' als die 'fischgabel' 
selbst bedeutet. Bei purilas ist die dazwischen liegende bedeu- 
tung 'feuerhalter beim fischstechen' garnicht belegt, muss aber 
sicher existiert haben. ^ 

Eigentümlicherweise sind die besprochenen Wörter auf 
der germanischen seite sehr schwach belegt. Im germani- 
schen ist nur *berilaz durch asächs. ahd. biril 'korb' (daraus 
mail.-ital. berla Hragkorb', siehe Schade, Altd. wbuch s. v. 
biril) belegt. - Aber ein germ. *burilaz, welches ja eine ganz 



^ Durch einen ähnlichen bedeutungsübergang kann auch das fi. 
arina 'fischgabel' erklärt werden. Thomsen GSI 112 = Einfl. 130, 
FBB 157 glaubt, dass fi. arina 'fischgabel' ganz von arina 'stratum od. 
focus furni' fernzuhalten ist und eine nebenform des fi. ahrain 'fisch- 
gabel" (< russ. 0CTi)0rä) bildet. Eine solche nebenform wäre jedoch 
lautlich sehr schwer zu erklären, aber die sache erhält eine vollkom- 
men befriedigende lösung durch die semasiologischen analogien bei 
parilas und purilas. Nach diesen kann fi. arina 'stratum furni' (< germ. 
aisl. arinn 'feuerstätte', aschw. arin, ärin, nschw, äril id.) und 'fuscina 
piscatorum' gut als dasselbe wort aufgefasst werden. Beim fischstechen 
hat arina offenbar ursprünglich nur die unterläge, »den rost», worauf 
das feuer liegt (also dasselbe wie parilas) bedeutet; G.\nander in sei- 
nem handschriftlichen Wörterbuch führt ja auch faktisch, nachdem er 
die bedeutungen »liuster järn» und >;äril >, lat. -fuscina piscatorum» und 
»Stratum furni» angegeben, folgendes an: »arina rauta liusterjärn, joUa 
tuohustetaan, hwarpä törrweden ligger och briuuer, da det hustras v. 
parila . Durch einen ähnlichen bedeutung.sübergang wie parilas hat 
dann auch das wort arina die bedeutuug 'fischgabel' erhalten. — Unter 
atrain sagt Ganander folgendes: - atrain -imen 1. atra -an liusterjärn 
i. e. arila 1. parila. Järnet, dar weden och elden ligger uppä. Ein 
arila ist sonst nicht belegt. 

^ [Korrekturnote. Prof. E. Liden, an den ich einige fragen 
über das vorkommen von srerni. *burilaz und "^barilaz richtete und von 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 283 

regelrechte bildung ist, ' wird erst jetzt durch das finnische 
beigebracht. 

Ebenso verhält es sich mit dem germ. 'barilaz. Obgleich 
diese form mit hinsieht auf die ablautsstufe - nicht so klar ist 
wie *biirilaz, ist auf alle fälle ein germ. "barilaz durch den 
finnischen beleg über jeden zweifei erhoben. Und ich glaube, 
dass man belege für diese form auch im romanischen autzei- 
gen kann. Ich denke an ital. barella 'trage", ital. barile, afrz., 
prov. baril (>> span., port. barril) 'lass'. ^ Diese Wörter werden 
ja heute als Weiterbildungen eines germanischen Stammes an- 
gesehen (Meyer-Lübke 1038); es scheint mir aber — wenn ich 
darüber eine meinung aussprechen darf — am natürlichsten zu 
sein die romanischen Wörter nicht als ableitungen auf romani- 
schem boden, sondern als direkte fortsetzungen eines germ. 
*barila- — natürlich mit anschluss an romanische ableitungs- 
typen — zu betrachten. 

Sogar ein anderer romanischer beleg des germ. *barila 
scheint vorzukommen, ein beleg, welcher eigentümlicherweise 
auch semasiologisch mit dem finnischen zusammentrifft: span. 
parrüla 'weitbauchiger krug mit engem hals; rost, bratrost, 
rost des dampf kesseis', katal. parrella 'rost'. Das Wörter- 
buch der spanischen akademie (Diccionario de la R. Acad. 



dem mir wälireud des satzes des obigeu eine gütige autwort zugegangen 
ist, nennt auch schwed. dial. (Dalarna) bjärul 'tragbaum', vSv. Landsni. 
IV 2 iS (zu bjära 'tragen' im sell)en dialekt) mit dem suff. -ula-, wel- 
ches ja mit -IIa- wechselt (vgl. isl. skokull 'zugstrang' ua.).] 

' [Prof. LiDEN macht mich darauf aufmerksam, dass der vokal 
(die schwache ablautstufe) ebeu den ältesten Wörtern dieses typus eigen 
ist, siehe "Wollermann, Studien über die deutschen gerätnamen 21-30.] 

- [Prof. LiDEN schreibt mir: -Ich kenne kein nom. instr. oder 
agentis auf -IIa- mit dieser ablautstufe (d. h. a einer e-wurzel). — Viel- 
leicht könnte *barilaz als eine deminutive bildung eines germ. *bara = 
gr. cpoQÖg, skr. bharäs aufgefasst werden; das grundwort *bara würde sich 
zu *beran 'tragen' wie ahd. scar 'pflugschar' zu "skeran 'scheren' ver- 
halten, welches scar zu demselben typus gehört wie cpogog. zQOjiög ua. 
Gegenstücke zu einem so entstandenen *barilaz — obgleich vielleicht 
nicht ganz einwandsfrei — dürften nachgewiesen werden können.] 

^ Dix.axge: barellus 'vas ligneum', barillus 'dolium, amphora' 
(s. V. barile). Mehrere belege aus dem französischen siehe KuRT Gla- 
ser, Die mass- und gewichtbezeichnungen im französischen, Zs. f. fran- 
zösische spräche u. literatur XXV 123-4. 



284 E. N. Setälä. 

Espafiola, 13:a ediciön, 1899) weist bei dem wort parrüla auf 
das wort barra 'stange' hin; dies scheint jedoch wenig über- 
zeugend zu sein. Viel natürlicher scheint es mir das wort 
parrilla -ella als eine germanische — freilich von barella, barile 
usw. unabhängige — entlehnung aufzufassen. Die bedeutung 
'krug mit engem hals' ist ja ohne weiteres aus der bedeutung 
'tragen' abzuleiten ('das zu tragende';; bei 'rost, bratrost' hätte 
man eine ähnliche bedeutungsentwicklung wie bei finn. parilas, 
parila "bratrost, feuerrost beim fischstechen' zu bemerken. ^ Wir 
scheinen also auch hier romanische und finnische, sogar sema- 
siologisch übereinstimmiCnde belege für ein verschollenes germ. 
''barila- zu besitzen. 



Fi. vakahinen. 

In dem LöxxROTSchen Wörterbuch kommt ein wort vaka- 
hainen 'zart' (vom kinde) vor. Das wort scheint jedoch Löxx- 
ROT selbst nicht ganz geläufig gewesen zu sein, da er ja offen- 
bar dasselbe wort in der form vakainen unter dem artikel 
vakainen 'ernst' angeführt bat: vakainen lapsi, welches er 'ein 
nettes, unschuldiges kind' (statt: 'zartes kind') übersetzt, eine 
Übersetzung, welche unzweifelhaft auf Vermischung mit einem 
ganz anderen u'ort vakaa, vakainen 'ernst, aufrichtig' beruht. 2 In 
dem Supplement des LoxxRoischen Wörterbuches kommt noch 
die form vakahinen vor, welches übersetzt wird: "ein kind in der 
wiege' ('barn i vagga'). Die form vakahainen oder vakainen 
kommt auch sehr oft in den ostfinnischen und ingermanländi- 
schen liedern (besonders in den Wiegenliedern) vor; zb. ^ 



• Mein freund dozent dr. Oiva Joh. Tallgrex, dem ich einige 
literaturhinweise auf dem romanischen gebiet verdanke, teilt mir mit, 
dass das anlautende p nicht hindern würde im hispan. parrilla -ella ein 
germanisches lim anschluss an roman. suffixformen umgebildetes) *barila- 
zu sehen. 

- Ebenso in Gaxaxders handschr. wbuch: wakainen lapsi ein 
zartes unschuldiges kind', "infans innocens". 

^ Sortavala, L. Lilius 439. Vgl. zb. Ilaniantsi, Ahlqvist B 248; 
Suistamo, O. Relander 303; Europeeus G 66S. Aus Ingermanland: vaka- 
haist nom. pl., Soikkola, Porkka III 150, vakaista part. sg. Toksova, 
Saxbäck 851 na. 



i 



Aus d. s:eb. d. lehnbeziehungen. 



I'ni uunilta kvsvv: Der schlaf frai{t von dem ofeu: 



oiiko lasta kätkyessä, gibt es ein kind in der wiege, 

pientä peittehen sisässä, ein kleines in der decke, 

vakahaista vaattehessa? ein zartes in dem kleide? 

Das einfache Stammwort kehrt sehr häufig' in den inger- 
manländischen liedern wieder; so wird zb. in den Kullervolie- 
dern * gesungen : 

Leikkoi suuret, leikkoi pienet. Er zerschnitt die grossen, er zerschnitt 

die kleineu, 

leikkoi vanhat i vakkaahat. er zerschnitt die alten und die zarten 

( kinder). 

Die form vakkaahat würde einem fi. *vakahat nom. 
*va'as ■< ^vayas entsprechen, und die bedeutung ist offenbar 
'zart, kraftlos". 

Die Übersetzung 'barn i vagga', welche u'ir in dem Löxx- 
ROTSchen Supplement fanden, zeigt deutlich, dass der verf. dabei 
an eine x'erbindung mit schwed. vagga 'wiege' gedacht hat. 
Dies i.st jedoch nicht annehmbar, \lelmehr hat man in dem 
finnischen wort eine alte germanische form des nhd. schwach, 
mhd. swach, ndd. swak, ndl. zwak 'schwach, kraftlos' zu se- 
hen. Das fi. *va)'as ^ *vakazen ^ vakahan würde also einem 
germ. *svakaz entsprechen; man würde freilich auf finnischem 
boden eher ein *vahas g. *vctk'kaze}i > *vakas *vakka(h)an erwar- 
ten, es gibt aber auch einige beispiele von der behandlung der 
germanischen klusile in der k ^ j'-, t ^ ()-reihe (zb. ti. virka, 
mallas g. maltaan). Das finnische wort ist, wenn die Zusammen- 
stellung richtig ist, in der hinsieht auch für das germanische wert- 
voll, weil es einen älteren beleg darbietet als die, die sonst \'or- 
handen sind. Das wort fehlt ja sogar im althochdeutschen 
und ist in den neunordischen sprachen ein lehnwort aus dem 
niederdeutschen (ins schwed. u. norw. über das dänische). 

Eine ganz andere sippe ist die \'on fi. vaka 'fest, si- 
cher' usw. 



' Soikkola, Porkka III 147, 150, vgl. III 145-55. Hevaa, Porkka 
I 182: tappoi vanhat i vakkaat, vgl. I iSo, 181, 184-6, 188 91. 



286 E. N. Setälä. 

Fi. kavala. 

Fi. kavala 'callidus, astutus, versutus', 'schlau, listig, hin- 
terlistig, arglistig, verschmitzt, heimtückisch, betrügerisch, falsch' 
hat auch in anderen ostseefinnischen sprachen genaue entspre- 
chungen: kar. (Jyvöälaks) kavala := fi.; wot. kavala ;= fi.; est. 
kaval g. kavala 'listig, gewandt, verschlagen, pfiffig, hinter- 
listig, falsch, künstlich gearbeitet oder eingerichtet', kaval übe 
asja peale 'versessen auf etwas, gewandt in etwas' kaval riist 
'ein künstliches instrument, mit dem man nicht recht umzuge- 
hen versteht"; — liv. 'kovcCl "klug, weise, witzig, listig, künst- 
lich', ma ab sä siest Icovä'ldhs 'ich werde nicht klug daraus'; 
auch subst. 'weisheit', zb. äh sä Jcovä'U 'ich bekomme da- 
von keinen begriff', ända iumä'l min'ndn kovä'lt 'gott, gib 
mir Weisheit". Im lappischen findet man dasselbe wort als 
offenbare finnische entlehnung: IpX gawel "callidus, astutus, 
versutus, dolosus", L Tcavvel "listig', I Axd. kävil id., aber sonst 
kenne ich aus den übrigen finnisch-ugrischen sprachen nichts, 
was damit \'erglichen werden könnte. 

Im herbst 1911 erhielt ich von prof. Magxus Olsen in 
Christiania einen Separatabdruck „Hvad betyder oprindelig or- 
det skald?" (jetzt in Festskr. t. Feilberg 221-25 erschienen), 
wo die ansieht geäussert wurde, dass sich au'no. skäld 'dich- 
ter' aus einem *skawalda- *skawadla- entwickelt habe; dies 
wäre eine ableitung \-on *skawa- "einer, der merkt, acht gibt", 
zu d. schauen, ahd. scouwön, asächs. skawönj. Das wort 
*skawadla- wäre eine bezeichnung derjenigen gewesen, die auf 
den willen gottes acht gaben und denselben in einem über die 
tägliche rede sich erhebenden Vortrag verkündeten (vgl. den 
namen der priesterin der brukterer Voleda, Tacitus, Hist. I\' 
61, 65, Germ. 8, und ir. fili g. filed "dichter, weiser mann"; 
aind. kavi 'opferpriester, dichter"). Auf dem finnischen gebiet 
wäre auch fi. tietäjä eig. "wisser, kenner', welches 'seher, Wahr- 
sager, besprecher" bedeutet und oft als parallelwort zu laulaja 
'sänger* steht, zu vergleichen. 

Fi. kavala könnte gut sowohl der form als der bedeutung 
nach einem germ. *skawadla- entsprechen; das finnische wort 
hätte sich dann der gruppe der adjektive auf -la {f\. matala, 
hankala usw.) angeschlossen. Die ursprüngliche bedeutung 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 287 

wäre "der kluge" gewesen, wie noch heute im livischen; auch 
unter den estnischen und finnischen bedeutungsnuancen hat 
man ja solche, die auf eine bedeuiung "klug" hindeuten. Wenn 
diese Zusammenstellung richtig ist, erhält die erklärung von 
Magnus Olsen daraus sowohl für die form als für die bedeu- 
tung eine besondere stütze. 



Aschw. kuLflski, anorw. kulle fiskse. 

In dem altschwedischen gesetzbuch Helsingelagen kommt 
ein wort kulfiski vor (far man i kulfiski watnum annars olo- 
wandis. bötaj .VIII. övsd, Wijjerbo B. XIII pr.), dessen bedeutung, 
unsicher ist. Jon. Kjellstro.m (Hälsingelagen tolkad, Upsala 
1909, p. 80) übersetzt das wort mit storfiske 'grossfischerei",. 
und ScHLYTER sagt, das u'ort bedeute 'piscatura tempore pro- 
pagationis piscium", eine bedeutung, die nach seinen noti- 
zen in Angermanland und in mehreren kirchspielen des nörd- 
lichen Jämtland noch zu seiner zeit allgemein gebräuchlich ge- 
wesen sein soll (siehe Schlyter, Glossarium, sub voce kulfiski; 
Corp. jur. XII p. CVII, Corp. Jur. VII 381). Etymologisch 
verbindet er das anfangsglied des wertes mit kolder, kulder, 
koller, kul 'alle kinder aus derselben ehe'. 

Dasselbe wort kommt in der form kulle fiskae auch in 
einem altnorwegischen dokument vom j. 1482 vor (Diplomata- 
rium Xorvegicum XIV 118: naer kulle fiskae stodh), wie von 
Kjellstro.m nachgewiesen worden ist (aao. 80). Aber „die 
genaue bedeutung von kulfiski ist immer noch unaufgeklärt'% 
sagt darüber Lidex im Ark. f. Xord. Fil. XXVII 271, fussn. 1. 

Es ist mir der gedanke gekommen, dass hier \'ielleicht 
eine entlehnung aus dem finnischen vorliege: fi. kullekalastus 
= das fischen mit einem beutellosen netz in der weise, dass 
das netz meist von zwei booten aus quer über das fahrwas- 
ser gezogen und stromabwärts geführt wird (genauere be- 
schreibungen der verschiedenen arten der kullefischerei siehe 
bei SiRELius, JSFOu. XXIII 32 i). Wie ich schon früher nach- 



* Wenigstens eine art der kulle-fischerei, das fischen mit dem 
spiralnetz, kommt in SchM-eden vor, siehe Ekman, Xorrlands jakt och 
fiske, Uppsala 1910, p. 314-5. 



2 88 E. N. Setälä. 

gewiesen habe, ist kulle gen. knlteen ein altes finnisch-ugrisches 
wort, welches in den meisten sprachen dieser familie anzutreffen 
ist: IpN golda g. golddaga 'verriculum inter ripas portensum, 
quod ad molem flumini oppositam secundo fluctu trahunt piscato- 
res', golddet 'in rete transverso flumine extensum pisces pro- 
pellere'; svrj. koltym, költym 'zugnetz, heutelnetz', koltny, 
költny 'fische fangen, fischen (mit dem zugnetz)'; wotj. lalt- 
'mit dem zugnetz fischen", laltou 'zugnetz'; wog. x?///'- 'das zug- 
netz ziehen', "'xultne-pon 'zugnetz', ostj. kolttä-pon usw. 'klei- 
nes zugnetz' (siehe JSFOu. XXIII 32 15). Wenn das wort 
kulle ins schwedische und norwegische tibergegangen wäre, 
wäre es natürlich über die gegenden nördlich vom Bottnischen 
ibusen eingewandert; dafür würde auch sprechen, dass das 
wort gerade im nördlichen Schweden angetroffen worden ist. 
Die bedeutung im schwedischen wäre wohl 'f ischerei der 
edleren fisch arten, des lachses und des felchens' (die eben 
mit dem kulle gefangen wurden). 

Für den finnischen Übergang von lö >> 11 bietet dieser 
eventuelle beleg keinen sicheren anhaltspunkt, da sich ja der 
Übergang Id > 11 auch auf der nordischen seite vollzogen ha- 
ben kann. 

Gegen diese herleitung spricht, dass in der Helsingelagen in 
demselben kapitel ein fia flski oder stral fiski (in dem. gedruck- 
ten text) als gegensatz von kulfiski \-orkommt. Mein freund 
prof. 0. F. HuLT.MAN hat mündlich die ansieht ausgesprochen, 
dass hier stralfiski die richtige form ist und dass stral- mit 
neunorw. straal n. 'eine kleine schar von fischen, welche von 
einer grösseren ausgeht' (A.\sen 759) zu verbinden sei. Also 
würde stralfiski "fischen in kleiner schar" bedeuten. Wenn 
dem so wäre, wäre es ziemlich natürlich, dass kul- in kulfiski 
'eine grosse schar von fischen' bedeutet, und dann müsste xiei- 
leicht der gedanke an einen Zusammenhang mit fi. kulle auf- 
gegeben \verden. Icli möchte auf alle fälle diese möglichkeit 
zur Prüfung der nordischen fachgelehrten aufwerfen. 



Wir haben hiermit aber schon den boden des unsicheren 
betreten — \'iell eicht nach der ansieht des lesei'S m.ehrmals schon 
früher — , und das wichtigste ist heute doch nicht die grosse 



Aus d. geb. d. lehnbeziehungen. 



anzahl der unsicheren finnisch-germanischen Zusammenstellun- 
gen zu vermehren, sondern es wäre eine viel wichtigere auf- 
gäbe das nach Vilh. Thomsen zusammengebrachte material kri- 
tisch zu sichten und zu revidieren. Als die arbeit Thomsens 
erschien, gab es ja noch nicht einmal das LöNNROTSche Wörter- 
buch, diese fundgrube des finnischen Wortschatzes, und der 
Wortschatz der übrigen ostseefinnischen sprachen ist auch heute 
nur mangelhaft bekannt; es ist also garnicht zu verwundern, 
dass neue Zusammenstellungen gefunden worden sind, und es 
ist anzunehmen, dass noch Zusammenstellungen von bedeutung 
gefunden werden können. Mehr aber ist es zu verwundern, 
dass \'iLH. Thomsex schon damals mit den zu geböte stehenden 
mangelhaften hilfsmitteln so viel gefunden hat und dass die an- 
zahl der wirklich wertvollen neuen Zusammenstellungen, die 
nach Thomsen gemacht worden sind, doch recht klein ist. Auch 
kann ich nicht umhin der ansieht ausdruck zu geben, dass man 
über die herkunft und Chronologie der älteren germanischen 
lehnwörter in den ostseefinnischen sprachen nichts ans licht 
gezogen hat, was die wesentlichen grundlagen der Thomsen- 
schen auffassung erschüttern könnte. 



Doch ich muss diesmal abbrechen. Ich wollte etwas von 
einigen der vielen gebiete darbieten, auf denen \'ilh. Thomsen 
gearbeitet hat, und dabei haben diese Studien einen grossen 
umfang angenommen, sodass es sogar unbescheiden von mir 
aussieht, wenn ich für mich selbst einen so grossen räum in 
dieser festschrift beanspruchte. Aber meine dankbarkeitsschuld 
gegenüber Vilh. Thomsen ist auch grösser als diejenige irgend- 
eines anderen, der sich an dieser festgabe beteiligt hat — viel- 
leicht dient dies zur entschuldigung. ^ 

Helsingfors. E. N. SeTÄLÄ. 



' Herr stud. phil. Toivo Kaukoraxta ist mir beim aufsuchen 
der zitate in den finnischen volkspoesiesammlungen wie auch beim 
korrekturlesen behülflich gewesen, wofür ich ihm meinen aufrichtigen 
dank bezeuge. 



Finn -ugr. Forsch. XII. I9 



290 



HjALMAR ApPELGREN-KiVALO. 



Vogelkopf und hirsch 

als Ornamentsmotive in der vorzeit Sibiriens. 



Die ornamentationssysteme, die in der bronze- und eisen- 
zeit Sibiriens geherrscht haben, sind im allgemeinen sehr we- 
nig erforscht, und doch vermögen sie für altersbestimmungen 
nicht nur der altertümer, sondern auch der grabsteine und an- 
derer archäologischer denkmäler eine wertvolle handhabe zu 




Abb. I. Abb. 2. 



Abb. 



Abb. 4. Abb. 5. Abb. 6. 



bieten. In weiterem umfang kann diese frage hier nicht be- 
handelt werden; ich will nur kurz auf die entwicklung einiger 
besonders interessanter ornamentsmotive eingehen, die seit der 
bronzezeit jahrhundertelang fortgelebt haben und sogar noch 
im anfang der christlichen Zeitrechnung in dieser oder jener 
weise auch in Europa vorkommen, nämlich auf die entwick- 
lung des vogelkopf- und des hirsch motivs. 

Schon in der bronzezeit wurden messer- und dolchgriffe 
mit dem bild eines vogelkopfes verziert. Dieses entstand auf 
sehr einfache art. Am rand des bogenförmigen durchbroche- 
nen messergriftes (abb. 1) wird als äuge ein kleiner ringförmi- 



Vogelkopf und hirsch. 



291 



ger ansatz angebracht, während der übrige teil des griffbogens 
als langer schnabel eines vogels aufgefasst wird (abb. 2). 
Der Schnabel wird gekrümmt (abb. 3) und bildet schliesslich 
einen ähnlichen kreisförmigen ring, wie ihn das äuge darstellt 
(abb. 4). Aus dem einen vogelkopf werden in der weise zwei 
gemacht, dass zuerst von dem gemeinschaftlichen äuge zwei 




Abb. 7. Abb. S. 



Abb. 9. 



Abb. IG. 



Abb. II. 



Schnäbel, einer nach rechts und einer nach links ausgehen 
(abb. 5), dann aber, indem man die köpfe trennt und jedem 
ein eigenes äuge gibt (abb. 6, ~). Auf den dolchgriffen sind 
die vogelköpfe gewöhnlich einander zugekehrt (abb. 8—11). 

Am ältesten sind wahrscheinlich die ebenerwähnten vo- 
gelköpfe mit durchgebohrtem ringförmigem äuge. In der an 





Abb. I- 





.\bb. 15. 



Abb. 16. 



die eisenzeit grenzenden periode, et^^'a im 3. Jahrhundert v. 
Chr., wird das äuge ausgefüllt und konvex dargestellt (abb. 
9 — 12), woneben hinten am kopt ein halbkreis- oder spiralför- 
miges ehr hinzugefügt (abb. 10, 11, 12) und der schnabel kräf- 
tiger, ähnlich dem schnabel eines raubvogels gemacht wird ; in 
dieser gestalt finden wir diesen köpf auch auf den eisernen 
oder den halb aus bronze und halb aus eisen angefertig- 
ten deichen und messergriffen aus dem,gräberfeld von Ana- 
liino u. a. 



292 



HjALMAR APPELGREX-KiVALO. 




Eine andere komposition zeigen die messer in abb. 13 
und 14, wo die vogelköpfe übereinander angebracht sind; auf 
dem ersten sind es zwei, von denen der untere nach links, 
der obere nach rechts gewandt ist, auf dem zweiten ist die 
zahl der köpfe auf drei vermehrt, jeder mit einem besonderen 
äuge und namentlich zwei mit aussergewöhnlich langen und 

krummen schnäbeln verse- 
hen. Diese kompositionen 
scheinen durch pflanzenran- 
ken, wie wir sie auf den 
messern in abb. 15 und 16 
sehen, beeinflusst worden 
zu sein. Pflanzenmotive sind 
wenigstens in China nicht 
Abb. 17. vor dem 4. Jahrhundert v. 

Chr. verwendet worden, ' 
und dasselbe gilt wohl auch von Sibirien, weshalb 
wir auch diese messer an die grenze der bronze- 
und eisenzeit verlegen dürfen. 

Ein zweites sehr beliebtes ornamentsmotiv der 
bronzezeit war der hirsch, sei es in stehender oder 
noch häufiger in liegender Stellung mit untergeschla- 
genen beinen und mit einem vielverzweigten geweih 
am rücken entlang. Dasselbe wurde auf bronze- 
platten (abb. 1 7) als selbständiges Schmuckstück ver- 
wendet (cf. AsPELix, Antiquites, abb. 307, 311, 313-5). 
Auch in der Verwertung dieses motivs beobachten 
wir indes dieselbe tendenz zur Vervielfältigung, die 
in der darstellung des vogelkopfmotivs zum aus- 
druck kam. So finden wir auf dem messer in abb. 
18 vier stehende hirsche untereinander, die die ganze zu orna- 
mentierende fläche ausfüllen, und auf den grabsteinen sind der- 
artige darstellungen ebenfalls nichts ungewöhnliches. Auf dem 
Steinpfeiler von Ujug-Arsan in der Mongolei sieht man auf 
einer fläche gleichfalls vier hirsche untereinander und auf der 
anderen seite des Steines sieben andere tiere (abb. 19). Be- 
merkenswert ist, dass diese bild-r nicht etwa als bericht über 



€2^*_ 



Abb. iS. 



' O. MÜNSTERBERG, Chinesische Kunstgeschichte I 18. 



Vogelkopf und hirsch. 



293 



irgendein ereignis gedacht sind wie 
z. b. die Jagdbilder auf dem felsen von 
Suljek (s. Inscriptions de Tlenissei taf. 
XXXII), zu deren darstellung sowieso 
vieles wild gehört, vielmehr sind sie 
offenbar nur zur Verzierung des Steines 
eingehauen, was schon aus ihrer sym- 
metrischen anordnung auf den flächen 
desselben hervorgeht. 

Auf dem hofe des museums von 
Irkutsk ist ein Steinpfeiler aufgestellt, 
auf dessen seite wir das viermal wie- 
derholte bild eines hirsches sehen (abb. 
20). Auch diese erscheinen bloss als 
Verzierung des Steines, sie zeigen aber 
eine andere technik und eine andere 
behandlung des motivs als die obigen. 
Während die hirsche von Arsan, wie 
die meisten kleinen figuralen darstel- 
lungen auf den steinen der bronzezeit- 
lichen gräber, grubenförmig mit kon- 
kavem grund eingehauen und ziemlich 
naturgetreu wiedergegeben sind, sind 
diese flach mit ebenem grund ange- 
bracht und stark stilisiert: das maul 
ist lang und schmal ausgezogen, die 
schenke! sind x'erkürzt. und die ge- 
weihe erinnern an Ornamente. Der- 
artige hirschbilder sind auf den grab- 
pfeilern der nordwestlichen Mongolei 
ziemlich häufig. ^ Ihre schiefe Stellung 
auf dem stein, der serienmässige Wech- 
sel der regelmässigen endenreihen der 
geweihe und der körper verraten mei- 
nes erachtens hinsichtlich des allgemei- 








Abb. 19, 
vStein von Ujug-Arsan. 



1 Siehe Inscriptious de l'Orkhon, taf 66; J. G. Granö, Archäo- 
logische Beobachtungen von meiner Reise in Südsibirien und der Nord- 
west-Mongolei 1909, taf. XV, XVI, XVIir. fig. I, taf. XIX, fig. 3. Jour- 
nal de la Soc. Finno-ougrienne XXVIII. 



294 



HjALMAR ApPELGREN-KiVALO. 




A1)b. 20. Stein von Irkutsk. 



nen Systems eine gewisse beeinflussung durch das chinesische 
..vvolkenbandmotiv'", wie wir es auf den Steinreliefs des grabes 
der familie \Vu in Schantung vom jähre 147 n. Chr. sehen. ^ 



^ Siehe Münsterberg, a. a. o., fig. 28. 



Vogelkopf und hirsch. 



295 



Die technik des Steins von Irkutsk finden wir aucli in China 
wieder, z. b. auf dem aus dem 1. jh. n. Chr. stammenden 
grabstein von Hiao Tangchan in derselben provinz (Schantung) ' 
sowie auf zahlreichen anderen skulptierten steinen aus der zeit 
der Han-dynastie (206 v. Chr. — 221 n. Chr.) 2, auf denen allen 
die bilder nur ungef. 3 mm tief und mit ebenem schwach kon- 
vexem grund eingehauen sind. Hieraus können wir in bezug 
auf die art der darstellungen des hirsches schliessen, dass das 
streben nach naturtreue einer früheren zeit angehc'irt. während 




Abb. 21. Goldplatte aus Sibirien; wurde im j. 1S44 in Werchne-Udinsr 
(Transbaikalien) gekauft. (Nach Kondakoff-Tolstoi-Reinach.) 



die hier behandelte Stilisierung \iel jünger ist und vielleicht 
etwa aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung .stammt. 

\'on allen Stilisierungsarten des genannten motivs kommt 
für künftige zeiten der Verbindung des vogelkopfes mit dem 
geweih des hirsches. kompositionen, die wir auf den in Sibi- 
rien gefundenen sog. skythischen bildplatten antreffen, die 
grösste bedeutung zu. 

Wie wir oben sahen, wurde der vogelkopf meistens für 
die \-erzierung der vorstehenden spitzen von waffen verwendet, 
und durchweg ist die neigung hervorgetreten ihn zu wieder- 



' MÜXSTERBERG, a. a. o., fig. 25, 27. 

- Cf. Berthold Lai'fer, Chinese grave-sculptures of tlie Han 
period. 191 1. 



296 HjALMAR ApPELGREN-KIVALO. 

holen. Die geweihe der hirschbilder boten die beste gelegen- 
heit zur anwendung dieses prinzips in grösserem massstab, in- 
dem jedes ende des geweihes mit einem vogelkopf versehen 
wurde. An den „skythischen" altertümern sehen wir daher sol- 
che kompositionen wie z. b. die platte in abb. 21, wo die ge- 
weihenden des hirsches in 8 vogelköpfe auslaufen und auch der 
schwänz, welcher schlangenähnlich gebildet, mit einem solchen 
köpf versehen ist. 

Die allerweiteste Verwendung fand jedoch dieses gesetz 
der Wiederholung in der metallindustrie der älteren permischen 
eisenzeit, wo es die bizarrsten schmuckformen geschaffen hat. 
Ich werde an anderem ort hierauf eingehen. Im vorliegenden 
aufsatz sollte nur gezeigt werden, dass das oft erwähnte phä- 
nomen der Wiederholung und Vervielfältigung nichts zufälliges 
ist, sondern dass es sich, in der bronzezeit beginnend, allmäh- 
lich entwickelt und zu einer norm dieses ornamentalen Stiles 
ausgewachsen hat. 

Helsinyfors. HjALMAR ApPELGREX-KiVALO. 



Anton Horger. Ung. parittya. 297 



Ung. parittya. 



Die etymologie des ung. parittya 'funda; Schleuder' ist 
schon seit mehr als hundert jähren halb und halb bekannt, 
ganz befriedigend aber auch heute noch nicht erklärt. Schon 
Gyarmathi (Affin. 1799) ahnte den slav. Ursprung unseres Wor- 
tes; er meinte es durch vermittelung eines ung. paristsa aus 
russ. prasc ableiten zu können. Miklosich (Slav. Elem. im 
Magy.), J.-^Gic (Zur Entst. der kirchensl. Spr. II. 41), ja wie es 
scheint, sogar manche ungarische Sprachforscher glaubten an 
die reale existenz dieses ung. paristsa. Sie wähnten es nur 
latent in der älteren spräche oder in dialekten und folgerten 
auf grund des st darin, es wäre ein ähnlicher beweis bulgari- 
schen eintlusses wie ung. raostoha usw., bis endlich Asb(5th 
(Nyr. XXX 39) den bloss hypothetischen Charakter dieses (nach 
dem gebrauche jener zeit natürlich ohne Sternchen mitgeteilten) 
Gyarmathischen wortes unwiderleglich bewies. Asb(')th hielt 
übrigens das ung. parittya auf grund seines /'-lautes auch 
schon früher für ein serbo-kroatisches lehnwort (A szläv sz()k 
a magyarban 17), und seitdem er den wahren Charakter von 
Gyar.m.athis *paristsa klargelegt hat, ist die richtigkeit dieser 
derivation allgemein anerkannt. Auch ich bezweifle sie natür- 
lich nicht, sondern möchte sie im gegenteil durch erklärung 
des sonderbaren vokalismus und des heute geminierten /"'-lau- 
tes ganz ausser zweifei setzen. 

Serbischem 6 entspricht in lehnwörtern des ungarischen 
(als solche sind bisher in dieser gruppe gatya, kotya-vetye, 
kütya, pötye und szretya erkannt) immer f. und auch in un- 
serem falle findet sich in der älteren spräche (NySz.) paritya. 



Anton Horger. 



Die älteste form des serb. präea muss aber im ungarischen 
^prät'ä gelautet haben. (V'ergl. serb. gäce >> ung. gatya.) Da 
das wort jedoch bereits in der ältesten ung. bibelübersetzung 
(um 1430) paritya lautet, muss es eine ziemlich alte entlehnung 
sein, d. h. wahrscheinlich schon in der Arpadenzeit übernom- 
men worden sein, also in einer zeit, wo nach Szixxyeis über- 
zeugenden beweisen (Xyr. XXIV 153) das lange ä ein ä der 
vorgehenden silbe delabialisierte, wie dies auch heute noch in 
einigen dialekten zu beobachten ist. Damals bestand sonach 
ein grammatischer \\'echsel : nom. *'prc\t'ä -^ akk. prafat. poss. 
suff. *iwat'(lm, verb. *2^rat'äz usw. Solches a ist dann spora- 
disch im ganzen ung. Sprachgebiete, in einzelnen dialekten so- 
gar lautgesetzlich (s. MNy. VI 201), in e übergegangen (vgl. 
z. b. ung. fahüt 'also' >> tehat), und dieses e hin\\'ieder ist 
dann im kreise einer und derselben etym. wortgruppe infolge 
sog. formzwanges oft auch in solche wortformen eingedrun- 
gen, in welchen eigentlich nur das a lautgesetzlich wäre (vgl. 
z. b. ung. akk. derat -- nom. dara 'grütze, griess' > derat 
'~dera AlTsz.). Ich glaube nun auf grund der vielen derarti- 
gen fälle annehmen zu können, dass unter dem einfluss von 
*pretät, *pret'mn, *pret'öz u. ähnl. formen an die stelle von 
lautgesetzlichem *prät'd ebenfalls *pret'ci trat. Ein beweis, dass 
dieses ung. *2J7'eta einmal wirklich existierte, scheint in slov 
preca, fräca, kajkaw precka (demin. \'on *preea) vorzuliegen, 
bei welchem die erklärung des Verhältnisses der e-laute zum 
slav. a sch\\'ierigkeiten bietet (s. MX\'. \^I 396). weshalb diese 
formen wahrscheinlich als entlehnungen aus dem ung. aufzu- 
fassen sein werden. (Zum wandel von ung. f > slov. c vgl. 
ung. kötya-vetye >■ slov. kücaväea, Pavel: A vashidegküti 
szlov. nyelvj. 30.) 

An die stelle der erwähnten (aus a stammenden) ung 
^-laute ist aber dann im weiteren \-erlaufe der ung. lautge- 
schichte oft ein i getreten (vgl. z. b. ung. aränt 'gegen' > 
eränt > iränt; sl. kral'b 'könig' > ung. *korä!' >> keraly > 
kiräly, u. ähnl.). So erklärt sich meines erachtens auch ung. 
*pretä -- pret'ät >• *prit'ä ^ prit'üt. 

Bei auflösung der anlautenden konsonantengruppe in lehn- 
wörtern richtet sich der swa-laut zw&v meistens nach dem vo- 
kale der ersten Stammsilbe (z. b. Krisztus > Kirisztus, gröf 



Ung. parittya. 299 

'graf >» gorof, Brasso > Barassö usw.), wenn aber die vo- 
kale des betreffenden wortes teils palataler, teils velarer natur 
sind, so sind auch solche fälle zu verzeichnen, in welchen sich 
der swa-laut nicht nach der palatalen färbung des nächstfol- 
genden stammvokales, sondern nach dem tieflautenden Charak- 
ter des wortganzen richtet. Z. b. slav. brdica Aveberkämm- 
chen' >> ung. bordica u. beree 'bestandteil des Joches' (MTsz.); 
sla\-. dreki, 'stamm' >• derek -^ akk. derekat u. darek -- 
akk. darekat (MTsz.); altbulg. kletbka 'zelle' >> ung. kalitka 
'käfig'; sla\'. mlinar 'müUer' >- ung. *molinür >■ molnär; slav. 
mrena 'flussbarbe' >■ ung. *murentt >> marna; deutsch grünspann 
> ung. grispan >• gorispän (X\^Sz.); deutsch spritzen > ung. 
preekel > pereckel u. prickol, parickol (MTsz.); rumän. hrisca 
'buchweizen' >> ung. haricska. Ebenso denke ich mir den 
fall: ung. *'prit'ä — prit'äz ^ paritya -^ parityaz. Dass diese 
form direkt auf einer (aus *2)röfa stammenden) form *X)ärüt(i 
~ parataz beruhte, ist darum nicht wahrscheinlich, weil das ü 
auf sämtliche unmittelbar davor stehende (-/-laute delabialisie- 
rend gewirkt hat. Vgl. z. b. solche szekler dialektformen wie: 
loJiadalniüt^ ha az aratäs. hamorähb, Icamarältä und dann Jieme- 
rähh, kemeräbu u. ähnl. 

Die geminierung urspr. kurzer intervokalischer konsonan- 
ten im ung. kann zwar nicht als lautgesetzlich betrachtet wer- 
den, denn sie ist in den meisten fällen nur sporadisch in ein- 
zelnen dialekten zu beobachten, sie ist aber immerhin ziemlich 
häufig, und einzelne solche geminierte formen sind auch in die 
gemeinsprache eingedrungen. So (slav. sitbje >>) szityo > 
szittyo 'juncus; binse", (slav. rakita » reketye >> rekettye 
'siler; bachweide' und paritya >> parittya. 

Budapest. AxTOX HoRGER. 



300 



H. Paasonen. 



Zur geschiclite des finn.-ugr. 5-lautes. 



Die annähme eines finnisch-ugrischen .s-lautes ist nicht 
alten datums. 

BuDENZ wollte den s-laut der jetzigen finnisch-ugrischerk 
sprachen immer als sekundär erklären, siehe MUSz. 326; 213; 
800; Ugr. Sprachstudien I 14 note. Auch von Genetz ist das 
\orhandensein eines besonderen -s'-lautes im finnisch-ugrischen 
noch bezweifelt worden, wie aus seinem im j. 1897 in der 
Finn.-ugr. Gesellschaft gehaltenen Vortrag: „Suomalais-ugrilai- 
set s ja s sanojen alussa", veröffentlicht im JSFOu. XVI,n, 
hervorgeht (siehe p. 3). 

Indessen hatte Setälä schon ein paar jähre früher ein (in- 
lautendes) finn.-ugr. s (resp. auch ein i) angenommen, siehe 
seinen bekannten aufsatz ..Über quantitätswechsel im finnisch- 
ugrischen" --=r JSFOu. XIV 3 16, 17; eine kurze begründung 
seiner ansieht, dass es im finnisch-ugrischen sowohl im an- als 
im inlaut einen -s-laut gegeben habe, hat er in dem aufsatz „Über 
ein mouilliertes .v im finnisch-ugrischen" ^ JSFOu. XVI 2 7 mit- 
geteilt. Als beleg für anl. § wird in erster linie ung. savanyvi 
'sauer' nebst seinen entsprechungen in den übrigen sprachen, 
welche sich schon bei Budexz, MUSz. nr. 341 finden, heran- 
gezogen, für inl. s das fi.-mord.-ungar. wort für 'gelt': ung. 
ester usw. (siehe näher unten). Demnach hätte sich also an- 
lautendes s in den sprachen des ugrischen zweiges unverändert 
bewahrt, wie auch inlautendes S in der lautverbindung -it- im 
ungarischen. 

Eine ähnliche ansieht finden wir inbezug auf anl. .v auch 
in SziNNYEis neuesten lautgeschichtlichen darstellungen vertre- 



I 



Zur gesch. d. fi.-ugr. s-lautes. 301 

ten: dem tl.-ugr. >•- soll in allen sprachen i- entsprechen, nur 
im finnischen h-, ausserdem wog. auch s-, mordw. (mordE; 
auch ts- (Magyar Nyelvhasonlitas* '2h, Finnisch-ugrische Sprach- 
wissenschaft 26). 

Als erstes beispiel dieser lautvertretung wird die oben 
angedeutete Wortsippe, um einen beleg aus dem lappischen 
vermehrt, angeführt: ung. savanyü 'sauer'; ostj. .^om- 'sauer 
werden", wog. seßi, sUiü id.; s^'rj. som, Sem 'sauer', ioincs 
'backtrog', wotj. siivics id.; tscher. iapd, ^ojjd- "sauer"; mordM 
sapama, mordE tkipamo id.; fi. hapan id.; IpS siparet 'gerin- 
nen (v. der milch)'. 

Diese Zusammenstellung hat indessen inbezug auf die 
Vertretung des fi.-ugr. anlautenden s in den ugrischen sprachen 
und das' Vorhandensein eines ^- im finnisch-ugrischen durchaus 
nicht die bevveiskraft, die man ihr beigemessen hat. Es ist nämlich 
zu beachten, dass der bisher immer angeführte ostjakische be- 
leg offenbar aus dem nordostjakischen stammt, wo einem 
{postalveolaren) t-s der südlichen und östlichen dialekte im an- 
laut regelmässig ein (postalveolares) .s\ mundartlich auch s ent- 
spricht, wie zahlreiche beispiele in Karjalaixexs „Zur ostjaki- 
schen lautgeschichte" = MSFOu. XXIII am besten zeigen, ^ 
und in der tat liegt auch der fragliche stamm in den letztge- 
nannten dialekten mit anlaut. ts vor: ümndt- (aus dem südl. 
dial. an der oberen Demjanka) 'stockig werden (mehl)', UmYrnd-y 
(aus dem östl. dial. am Tremjugan) 'säuern (teig)', .^01^- (aus 
dem nördl. dial. am Kaz^-m) 'sauer werden (z. b. teig)", siehe 
Karjalainen 1. c. p. 130. Ostj. anl. f*'- — .s- aber geht unzwei- 
felhaft aul einen finnisch-ugrischen, wahrsch. kakuminalen, c-laut 
zurück, welcher sich in den permischen sprachen sowie im 
osttscheremissischen am besten bewahrt hat und im woguli- 
schen wiederum durch *-, s- vertreten ist. \'gl. z. b. südostj. 
(Konda) tsbsmdm 'giessen, streuen, schütten', nordostj. sösym- 
'giessen, schütten'; wogX ^s-äsi 'giessen, streuen', ^süs/afi 'sich 
ergiessen', wogüL ^jel-sosl-hati 'herabfiiessen', (nach Ahlqvist) 
wog. soasam 'leck sein, lecken' ■-^ tscherO tsilt&ein 'tropfen 
(intr.)' ! südostj. (Demjanka, Konda) tsdtil-, ostostj-. (Tremjugan) 



1 Siehe 3, 5, 11, 16, 49, 60, 65, 70, 80, 88, 97, 99. 107. 
125, 142, 148, 160, 164, 171, 180, 187, 197, 214, 217. 



302 H. Paasonen. 



Udrfk"^ nordostj. särfh" (Kazym), snifTc" (Obdorsk) 'hitze' (Karj. 
180); wogN sürjk 'hitze', vvogML saj 'wärme der sonne"; wotj. 
dzog 'sehr warm, heiss' | ostj. tsii^ (Demj.), tsiux (Tremj.), 
im-j(^ (Vach, Vasjugan), s\i/ (Kazym), siij (Obdorsk) 'nebel' 
(Karj. 214); wogK säyw, wogN serjy^ic, wogML Seyjv (st. Strjkw-)^ 
wogUL ^soyiv 'nebel'; wotj. Uirj, fnu 'rauch', syrjl t$-hi 'rauch, 
dunst, dampf, IpN ciekke, g. cie^'e "aer crassus', IpK "c7A7.- 
'nebel'. ^ 

Offenbar geht also das ostj. -wog. wort auf eine grund- 
form mit anl. ty zurück, und eine solche annähme liegt natür- 
lich auch bei ung. savanyü nahe; es scheint ja auch andere 
fälle zu geben, wo ung. s- (d: .s'-) = ti.-ugr. c-, wie auch 
SzixNYEi 1. c. annimmt. 

Was die formen der übrigen sprachen anbelangt, deu- 
ten die permischen, tscheremissischen und lappischen for- 
men mit s- entschieden auf eine grundform mit s-, während 
mordw. s-, iS-, fi. h- an sich ebenso gut aus einem urspr. c- 
als aus 5- hergeleitet werden könnten, jedoch mit dem perm., 
tscher. und läpp, .v- verglichen aller Wahrscheinlichkeit nach auf 
urspr. s- zurückgehen. Wie man sich diese Verschiedenheit im 
anlaut zwischen der „ugrischen" und „finnischen" grundform 
auch erklären mag, so viel ist sicher, dass man keineswegs einen 
ugrischen lautwandel s- >> f.s- anzunehmen berechtigt ist und 
dass die fragliche Wortsippe somit gar nicht als beweis für ein 
anl. fi.-ugr. .^ herangezogen werden darf. 

Auch dem zweiten belege bei Szixxyei 1. c: ung. soväny 
'mager'; mord. siiva, tsova 'dünn"; fi. hupa 'flüchtig; schlecht'. 
hupene- 'abnehmen' (eine Zusammenstellung, auf die auch Setälä 
im JSFOu. XVI, 2 7 hinweist) fehlt die beweiskraft, da ja auch 
hier die möglichkeit vorhanden ist, dass ung. s- {§-), mordw. 
*'-, ts-, fi. h- auf ein fi.-ugr. c- zurückgehen. - 



1 Die zwei letzten Wortsippen bei Setäl.ä., FUF II 237 f. 
teilweise miteinander vermischt; das syrj.-wotj. wort von Wich- 
mann (Wotj. ehrest. 115) weniger richtig mit fi. savu zusammen- 
gestellt. 

- Aus der Zusammenstellung, welche schon bei Budenz MUSz. 
nr. 379 zu finden ist und sich jetzt bei SziNNYEl, Magy. Nyelvhas.* 
p. 148 wiederholt: ung. zsugorodni 'zusammenschrumpfen, sich 
zusammenziehen', zsugoritani "contrahere', wog. hirjhdt'tayti 'zu- 



Zur gesch. d. fi.-ugr. ^-lautes. 303 

Meinerseits habe ich schon früher (siehe die abhandlung: 
„Über die ursprünglichen Seelenvorstellungen bei den finnisch- 
ugrischen Völkern und die benennungen der seele in ihren 
sprachen" = JSFOu. XXVI,+ 15 f.) mit mehreren beispielen 
zu zeigen versucht, dass ein anl. fi.-ugr. -v-Iaut {= perm. .v, 
mordvv. s, ts, fi. h) in den sprachen des ugrischen zweiges 
(jedenfalls im wog. und ostj.) ähnlich wie der anl. dentale 
(unmouillierte) fi.-ugr. 5-laut vertreten ist, d. h. im wogulischen 
durch /. im ostjakischen (in den verschiedenen mundarten) 
durch t, Maute und /, im ungarischen durch (schwund). Zu 
jenen belegen, von welchen jedenfalls die meisten wohl als 
sicher zu betrachten sind, möchte ich hier noch die beiden 
folgenden hinzufügen, von welchen besonders der erste ein- 
leuchtend ist: 

syrj. syljalny 'fliegen', vgl. sylgyny lebny 'schweben (v. 
\'ögeln)' -^ wogX täidi, wogK '^te°di, (nach Ahlqvist) wog. 
tygiam, teilam "fliegen"; ostj. (Konda) fdyfdm, (Jugan) Ldyldm 
(nach meinen aufzeichnungen) id. 

syrj. 6cdi(i. "lungenmoos', saktar id., IpK sieyter, g. ^sedk- 
iavi, (K.) sea-/_tar, (N.) sü'/iay "weisses moos' ~ ostostj. (Jugan, 
nach meinen aufzeichn.) Lupü 'art moos'. 

Aber auch für den inlautenden fi.-ugr. s-laut lässt sich 
im wogulischen und ostjakischen eine ähnliche Vertretung nach- 
weisen wie für den dentalen 5-laut in derselben Stellung: wog. 
t, ostj. t, D, /-laute. In den nachfolgenden belegen hat der 5-laut 
ursprünglich 1) in intervokalischer Stellung, 2) nach einem 
k-laut und 3) vor einem k-laut gestanden. 

1) südostj. et 'körper', nordostj. el (Päpay), ei (Ahlqvist) 
id., ostostj. (Jugan) äL : äL-piin "milchhaar", finn. 'ihokarva' 



sammenschrumpfen', syrj. s/girtlli 'krümmen, krumm od. schief zie- 
hen, beugen', würde sich eine für die vorliegende frage interes- 
sante lautentsprechung ergeben: syrj. .s'- = ung. zs- (o: :$-), wog. 5-. 
Jedoch die ugrischen Wörter, welche gewiss zusammengehören und 
in anbetracht des wog. S- wahrscheinlich auf eine grundform mit 
anl. e (c) zurückzuführen sind, müssen wohl — so verlockend 
auch jene Zusammenstellung scheint — von dem syrjänischen wort 
mit anl. s getrennt werden und lassen sich mit li. songertua 'zu- 
sammenschrumpfen' (bei Lönnrot: »krympa ihop, stanna i växten, 
bli nödvuxen, aftyna») verbinden, dessen anl. s ebenfalls nicht zum 
^yj- ^' passt, sich aber wohl aus einem finn.-ugr. e- erklären lässt. 



304 H. Paasonen. 



(=: mord. joS-pona) ^ syrj. ei, ei 'die innere seite der haut, 
haut, balg; fleisch'; tscherB imz : iuiz-ßdot (Ramst.) "wasser, das 
sich unter der schwiele sammelt* (also eig. „hautwasser" = fi. 
*ilio-vesi); mordM joi, joki, mordE jo20 : j.pona 'milch- 
haar'; iardojak Jcel'ihe jo:o a sodi (mordE) 'er spürt niemals 
kälte', eig. „\\'eiss niemals von einer kalten haut"; fi. iho 'in- 
nere haut, haut auf dem körper, teint', wot. iho "haut, teint; 
leib', estn. ihu "leib'; IpX ässe 'pars interior cutis', IpL asse 
'fleischseite einer haut'. ^ — Vgl. z. b. südostj. xiit, ostostj. 
1^04. (Tremj.), /.'V)/ (\"ach. V'asjugan). nordostj. yoA (Kazym), 
yol (Obdorsk) 'fichte, abies excelsa' (Karj. 1. c. 141) ^ syrj. 
koz, wotj. Ä:/.i, mord. km, IpX guossa, fi. kuusi id. 

2) südostj. iqyr,3 (Demjanka), id)'t3 (Konda) 'kühl, rauh', 
ostostj. /'/y^i/ (Tremjugan), 1<'iy\i (Jugan, nach m.einen auf- 
zeichn.) id., i.QYl^Yh^t- (^^^sjugan) 'sich frischer fühlen", nord- 
ostj. i2t3 (Nizjam), ijAl (Kazym) 'kühl, rauh' (Karjalainen 1. c. 
193) -— mordE e^-.ye, mordM jfh, eh 'kühl'; tscher. jül'sem, 
tscherB ük'^sem 'kalt werden'; fi. jähtyä 'kühl od. kalt werden'. 
— Vgl. z. b. südostj. müydt, müxdt, ostostj. niü^'dA (Tremj.) 
nordostj. müydf (Xizjam), mo/dd (Kazym) "leber' (Karj. 140) 
'^ mord. )naksa, syv]. musJc, mus, \\'otj. rinis, IpS muökse, 
fi. maksa. 

3) wogX yajf^ "laufen', wogUL ^koxtcdi id., wog. (Ahlqv.) 
qaitam, qa/tam id.; südostj. ^ö^^^w 'laufen; rinnen, fliessen", 
ostostj. kogoiem (Surgut-dial., nach Castren) "laufen", kincldm 
(Jugan-dial., nach meinen aufzeichn.) id., nordostj. yd^ol- (Pä- 
pay) 'laufen*, yoyol- (Ahlqv.) id. -^ wotj. koskini 'weggehen, 
sich entfernen; gehen, laufen; fliessen"; IpK koaskade-, (K.) 
koask%e-, (X.) koa-skfe- 'leck sein, träufeln*. — Vgl. z. b. wogX 
^tauti 'nagen, zernagen', wogUL '^früfanti "kauen', (nach Ahl- 
qvist) wog. taytam 'kauen'; südostj. töyßt- (unt. Demjanka), 
ioxtdm (Konda, nach meinen aufzeichn.), ostostj. .K/^/y^.^i- (Tremj.), 
nordostj. l'jdl- (Obdorsk), Aöyd.i- (Kazym) 'kauen' (Karj. 106) 
~ wotj. ^s°tsk-, ^shk- id., syrj. seskini 'kauen', mord. suskoms, 
suskdms 'beissen, kauen", IpX suoskat 'mandere'. 



1 Das syrj., fi. und läpp, wort zusammengestellt von WlCH- 
:nAKN, FUF Ili 102 f. 



Zur o-esch. d. fi.-ugr. .^-lautes. 305 

Sichere belege für die Vertretung eines fi.-ugr. .v-lautes im 
ungarischen sind schwer zusammenzubringen. Was den inlaut 
betrifft, liegt wenigstens in einem sicheren fall {= finn.-ugr. 
lautxerbindung l's -- yS) h vor, näml. in dem wort für 'biene': 
ung. meh ^ mordE tlieM, tscher. müJcs, rnüy-s, usw. Dage- 
gen erscheint in dem oben erwähnten wort für 'gelt': ung. 
ester = mordM jtst'jr, t^t'^r; fi. ahtera, im ungarischen in 
der lautverbindung st ein s (o: s) = mord. -v, fi. h; es scheint 
also hier ein fi.-ugr. antekonsonantisches ^ im ungarischen be- 
wahrt zu sein. Ohne mich hier auf die schwierige frage nach 
der Vertretung des fi.-ugr. .s'-lautes im ungarischen weiter ein- 
zulassen, will ich nur inbezug auf das zuletztgenannte wort be- 
merken, dass ich dasselbe in dem erzä-dialekt des mordwini- 
schen später in folgenden formen aufgezeichnet habe: ekät'er 
<dorf Atrat, kreis Alatyrj, gouv. Simbirsk), ekst'er, jähster (dorf 
Velikij Vrag, kreis Arzamas, gouv. N.-Novgorod), ^ deren k 
wohl als ursprünglich zu betrachten ist. Umso weniger hat 
also die annähme von Munkacsi (Arja es kaukäzusi elemek a 
finn-magyar nyelvekben I nr. 94) Wahrscheinlichkeit für sich, 
dass das genannte finn.-ugr. wort eine entlehnung aus einer 
iranischen sprachform wäre (vgl. ai. stari- 'unfruchtbar, nicht 
gebärend', npers. satar-van, sutur-van, astar-van "unfrucht- 
bar'). 

Aus dem hier oben und im JSFOu. XX\'I,+ 15 f. an- 
geführten dürfte herx'orgehen, dass es im finnisch-ugrischen 
sowohl im an- als im inlaut einen .s--laut gab, welcher in den ob- 
ugrischen sprachen eine ähnliche Vertretung hat wie der fin 
nisch-ugrische dentale (unmouillierte) s--laut in den entsprechen- 
den Stellungen, was wohl so zu erklären ist, dass s wahr- 
scheinlich schon zu der zeit, als das wogulische und das ost- 
jakische noch eine einheit bildeten, zu s wurde und so an den 
späteren Wandlungen dieses letzteren lautes teilnahm. Auch 
im ungarischen hat der fi.-ugr. Ä-laut im wortanlaut wenigstens 



1 Die erzänische form äsfir (von mir in »Kieleil. lisiä suo- 
malaisten sivistyshistoriaan» p. 7 mitgeteilt) stammt aus dem dorf 
Kazlytka, kreis Spassk, gouv. Tambov und ist wahrscheinlich aus 
der spräche der umwohnenden mokäanen entlehnt, vgl. meine Mord, 
lautl. = MSFOu. XXII 73. 

Finn.-ugr. Forsch. XII. 20 



3o6 H. Paasonen. 



in einem als sicher zu betrachtenden belege eine ähnliche Ver- 
tretung {= Schwund) wie der dentale 5-laut: ung. eger, wog. 
tärjdr, ostj. tet^Gdr, l^'Tjgdr, ioijJcdr usw., syrj.-wotj. sir, mordM 
ießr, mordE tsejer, ü. hiiri, (?) IpL snerra 'maus', was man 
gern so deuten möchte, dass sich der eben erwähnte lautwan- 
del im anlaut schon in gemeinugrischer zeit vollzogen hat. 

Helsingfors. H. PaaSONEN. 



T. E. Karsten. Zur altnord. götterverehr. in Finland. 307 



Einige Zeugnisse zur altnordischen götter- 
verehrung in Finland. 



Der skandinavische kultureinfluss auf die finnen und läp- 
pen tritt ausser in zahlreichen älteren und jüngeren lehnwör- 
tern auch im finnischen und lappischen m\-thus und kultus zu- 
tage. Die genauere erkenntnis dieser tatsache verdankt man 
einigen neueren Untersuchungen der herren Axel Olrik in 
Kopenhagen und Kaarle Krohx in Helsingfors; vgl. die Olrik- 
schen aufsätze „Nordisk og lappisk gudsdyrkelse" und „Tor- 
denguden og hans dreng" in „Danske Studier'" 1905 p. 39-57, 
129-46, 1906 p. 65-9, 1907 p. 62 ff., sowie folgende Veröffentli- 
chungen von prof. Krohx: „Sampsa Pellervoinen <1 Njorör, 
P'reyr?" und „Lappische beitrage zur germanischen mj'thologie'" 
in dieser Zeitschrift hd. 4, 231-48 bezw. bd. 6, 155-80, ,. Germa- 
nische elemente in der finnischen Volksdichtung" (Zeitschrift f.. 
deutsches altertum u. d. lit. bd. 51, 13-22) und „Finnarnas 
hednagudar" in Finlands kulturhistoria, Medeltiden (herausgeg. 
von P. Xordmann und M. G. Schybergson). Vgl. auch Mag- 
xus Olsex, Fra gammelnorsk myte og kultus (Maal og Minne 
1909), p. 26 ff. so^vie E. \. Setalä, FUF X 198-200. 

Die frage nach den Vermittlern der schwedischen bestand - 
teile in der mythologie der läppen bedarf keiner auseinander- 
setzung. Wie sind aber die nicht w-eniger stark hervortreten- 
den skandinavischen züge in dem m\-thus der finnen zu ver- 
stehen? Bewahren sie etwaige reste einer sonst ausgestorbe- 
nen, skandinavisch-finländischen religiösen Volksüberlieferung 
aus denselben vorhistorischen zelten, die in unseren urnor- 
disch-finnischen lehnwörtern so zahlreiche denkmäler hinter- 
lassen haben, oder könnte vielleicht die jetzige schwedische 



3o8 T. E. Karsten. 



bevölkerung in Finland und an den küsten der Ostseeprovin- 
zen — natürlich schon während einer heidnischen oder halb- 
heidnischen Periode ihres daseins — an der Umpflanzung dieser 
germanischen Vorstellungen und gebrauche in finnischen glau 
bensboden einen anteil gehabt haben? 

Unter unseren heutigen schwedischen küstenbewohnern 
wie auch im Innern des landes, in landesteilen, wo in älteren 
Zeiten nachweislich eine schwedisch-finnische mischbevölkerung 
gelebt hat, sind tatsächlich Zeugnisse einer alten schwedischen 
Volksüberlieferung, u. a. zahlreiche oftsnamen anzutreffen, die 
wenigstens scheinbar an heidnisch-nordischen gütterglauben 
erinnern. Von diesem beweismateriale werden die folgenden 
Zeilen nur das wichtigste mitteilen, wie ich mich überhaupt an 
dieser stelle auf blosse andeutungen beschränken muss. 



1. Donner kultus. 

Beeinflussung des donnerkultus der läppen durch die Skan- 
dinavier ist schon längst angenommen worden und sogar erwie- 
sen. Der lappische Horagalles oder Thoragalles ist der Thore- 
karl (-kall) des norwegischen und schwedischen Thor-liedes. Der 
kriegsgott der tavastier heisst bei Agricola Turisas (Tur isä 
oder isänen) = 'Thor vater oder Väterchen", und bei Porthan 
wird der donner Isäinen = *\-äterchen' benannt. In einigen 
finnischen zauberliedern wechselt Tuuri mit Ukko als name 
für den donnergott. Der kriegsruf der öselschen esten bei 
Heinrich dem Letten ist Tar-abita 'Tor hilf (vgl. den Ortsna- 
men Toreida in Livland). In älteren zelten haben die esten 
diesen gott bald Tor bald Tar genannt, z. b. Tar-isa = 'Tor 
vater'. Im jähre 1545 beklagen sich einige bauern in Savo- 
lax darüber, dass ihr Thordns gildhe-trinken mit strafe belegt 
worden war. Auf skandinavischem einfluss beruhen wohl, wie 
man vermutet hat, auch die ausdrücke fi. Ukko =: 'alter' und 
'donnergott', estn. Äio 'zum teufel', fi. (in den runen) Äijön 
poika =: 'söhn des teufeis', schwed.-lapp. Aija = 'grossvater' und 
'donner'. Alit schlagender Übereinstimmung erscheint Tor in 
einer dänischen Variante des Thor-liedes mit dem epithete Vor 
gamle fader, und nach Luxdgrex, Spräkliga int\'g om hednisk 



Zur altnord. götterverehr. in Finland. 30g 

gudatro i Sverge p. 42 ff. (u. das. ang. lit.i trägt derselbe gott 
an vielen orten in Schweden hypokoristische beinamen wie 
Fader Toren, Gofar, Guflfar, Gobonden, Gogubben usw. 

Eins der wichtigsten Zeugnisse für einen älteren skandina- 
vischen Volkskultus des donnergottes ist wohl die weitverbrei- 
tete, in einer menge neunordischer mundarten noch in unseren 
tagen fortlebende, alltägliche Verwendung seines namens. Zu 
den oben angeführten benennungen des gott es kommen einige 
bezeichnungen für den donner selbst, für die naturerschei- 
n u n g : tör, törn = 'donner' in verschiedenen gegenden von 
Schweden, töra vb. = 'donnern', nebst mehreren Zusammen- 
setzungen wie tör-eld =: 'blitz', töre-vär = 'donnerwetter^ 
usw. (s. RiETZ, dialektlex. p. 729 f.). Solche ausdrücke gibt 
es auch in Finland in allen teilen des schwedischen Sprach- 
gebietes; vgl. (nach Vendell, Ordbok över de östsvenska dia- 
lekterna) törin, tourin = 'donner', tor-eld 'blitz', tor-il 'don- 
nerstoss', tor-vigg = 'blitz', tor-väder = 'gewitter', tor-sten 
= 'banennung eines alten Steingerätes, woraus man steinmehl 
zur arznei kratzt', tor-, torenbuller = 'donner', tor-dönst = 
Donnerschlag', tor-gubbe = 'eine art dichter wölken', toren-kil 
-^ tors-hagel =: 'altes, in der erde gefundenes steingerät (das 
dem Volksglauben nach mit dem blitze heruntergefallen)', tor- 
(toren-) pil = 'blitz', tor-(toreu-)regn =: 'donnerregen'. 

Dass dieses finländisch-schwedische tör neben der oben 
bezeugten appellativen bedeutung auch als eigenname des don- 
nergottes verwendet wurde, kann keinem zweifei unterliegen. 
Die begriffe 'donnergott' — 'donner' wechseln nicht selten bei 
einem und demselben worte. So z. b. bei dem lit. Perkünas, 
dem gemeinkeltischen Taranos (ir. toran = 'donner"), dem ahd. 
Dunar : donar. In neuschwedischen redensarten wie Toren 
gär (in Finland, Osterbotten: tourin gär), äker, kör, buldrar 
(in Estland: bisin = 'gubben' (= Tor) b.) schimmert die per- 
sönliche bedeutung noch durch, besonders in den bei Luxd- 
GREN, Sprakliga intyg om hednisk gudatro i Sverge p. 43 anm. 
vom jähre 1721 angeführten synonymen ausdrücken: „Thor- 
gubben, Gogubben, Korngubben aker, gär". 

Erinnerungen an den donnergott — wenn auch vielfach 
nur mittelbare — bewahren, in Finland wie in Schweden, auch 
zahlreiche Ortsnamen. Der hofname Tors hat weite Verbreitung 



3IO T. E. Karsten. 



auf unserem schwedischen Sprachgebiete, mindestens in Öster- 
botten, wo man ihn aus 7 verschiedenen dörfern kennt. Aus 
Nyland und dem Eigentlichen Finland, gegenden, aus denen 
zur zeit keine auch nur annäherungsweise vollständigen namen- 
sammlungen zur Verfügung stehen, ist der name ebenfalls be- 
kannt. Zu gründe liegt hier, wie auch bei den fennicierten 
Tuori, Tuorila und den zusammengesetzten dorfnamen Torby, 
Torsby, Torsböle (Nyl.), nur nicht der göttername, sondern ein 
davon gebildeter personenname, wahrscheinlich Thord. 

Noch zahlreicher sind die entsprechenden naturnamen. 
Allein aus Österbotten kenne ich 13 hierhergehörige namens- 
bildungen : Torsön bei Xykarleby, Torsbaeka in Wetil. Torsund- 
fjärden, Torsviken, Torskatan, Toräng in den schären bei W'örä, 
Torholmen, Torsfladan in Kvevlaks, Torskär mit Torskärsfjär- 
den, Inre und Yttre Torgrund in den schären bei Wasa, 
Torsgrund bei Björkö, Torsholmen bei Närpes. Die übrigen 
schwedischen teile unseres landes sind mit rücksicht auf ihre 
naturnamen noch nicht genauer untersucht. Aus Nyland gehö- 
ren hierher namen wie Torsberg, Torskulla, Torsnäs, Torsvik, 
aus dem Eig. Finland vielleicht Tuorlaksi {= Torvik?), aus Sata- 
kunta Torsnäs = fi. Tuorsniemi, In Tavastland (Janakkala. 
unweit Tavastehus) liegt das dorf Turenki; der name ist von 
H. PiPPixG als schwed. Tür-engi ^ gedeutet worden; vgl. das 
oben genannte Toräng in Österbotten sowie Torsäng schon 
1566 in Jämtland (Schweden) neben Onsänge (■< Odins-) 1543 
in Helsingland. 

An sich könnten auch diese naturnamen den personen- 
namen Tor oder Tord enthalten. Aber im vergleich mit ande- 
ren schwedischen naturnamen in Finland, die sicher aus Per- 
sonennamen gebildet sind, wäre die anzahl dieser Ortsnamen 
auf Tor- doch eine auffallend hohe. Schon aus diesem gründe 
scheint eine andere deutung für manchen fall nötig zu sein. 
Ein Torskär oder Torgrund z. b. könnte seinen namen einfach 
daher bekommen haben, dass der blitz (..tören") an einem 
solchen orte irgend einmal eingeschlagen hätte. In dem volks- 



1 Wegen der form Tur(-engi) vergleiche man die oben er- 
wähnten finnischen namensformen Turisas (gerade bei den tava- 
stiern) und Tuuri = Ukko. 



Zur altnord. götterverehr. in Finland. 311 

glauben älterer zelten war man aber geneigt, hinter solchen 
naturereignissen ein persönliches eingreifen einer gottheit, des 
donnergottes, zu sehen, und für die Zähigkeit dieser mythisch 
gefärbten anschauungsweise im norden sprechen u. a. die oben 
berührten neuschwedischen ausdrücke und redensarten. 

Unter den finländischen orten, die einen Tor-namen tra- 
gen, möchte ich die grosse insel Torsön nordwestlich von Xy- 
karleby besonders hervorgehoben haben. Der name erscheint 
in den Urkunden schon im jähre 1557 — die schriftlichen denk- 
mäler für Österhotten beginnen in der regel erst um die mitte 
dieses Jahrhunderts — und kann sonach recht gut, wie auch 
hinsichtlich der grosse des ortes, aus alter zeit herrühren. We- 
nigstens diese namensbildung dürfte ursprünglich mythisch 
aufgefasst worden sein. Die annähme gewinnt eine wichtige 
stütze durch folgende aus derselben gegend stammenden Zeug- 
nisse für die Verehrung des gottes Frevr. 



2. F'reyrkulius. 

Ungefähr 3 km südwärts vo.m südende der insel Torsön 
liegt die noch etwas grössere, jetzt mit dem festlande zusam- 
mengewachsene insel Frösö, deren name (dial. Fröisö} zu- 
frühst aus dem jähre 1620, aus den Stadtprivilegien der Stadt 
Xykarleby, bekannt ist. Dass dieser inselname mit der ehe- 
mals besonders unter den svear so weit und tief in dem Volks- 
leben verbreiteten Verehrung des gottes der fruchtbarkeit Frö 
(Freyr) — im isl. Flateyjarbok heisst er Svia god und blotgud 
Svia — irgendeinen Zusammenhang hat, scheint mir sicher. Ne- 
ben dem uralten donnergott war Frö am ende der heidnischen 
periode der beliebteste unter den volksgöttern der svear. Be- 
sonders in Svealand, sogar noch in den jüngeren, norrländi- 
schen siedelungen, nördlich bis zum Angermanflusse, tragen die 
Ortsnamen noch heute zahlreiche spuren von der Verehrung 
dieser gottheiten. Ich begnüge mich hier mit einem allgemei- 
nen hin weis auf die materialien und ausführungen bei J. Nord- 
lander, Minnen af heden tro och kult i norrländska ortnamn 
(in „Ymer, tidskrift utgifven af Svenska sällskapet för antro- 
pologi och geografi",, jahrg. 1908, h. 2). 



312 T. E. Karsten. 



In Finland ist der göttername Frö sonst nicht sicher nach- 
gewiesen. Dass der südösterbottnische hofname Prönäs in 
Öfvermark hierher gehöre, ist unwahrscheinlich. Mittelbare er- 
innerungen an den gott Frö leben aber, scheint mir, noch 
fort in den recht zahlreichen finländischen Ortsnamen auf Inge-, 
Ingve-, fi. Inki-; vgl. in Österbotten Ingers, Ingersfolk (Esse). 
Ingo (W'örä, Mustasaari), Ingman (Mustasaari, Kvevlaks), Ingves 
(Lappfjärd), in Satakunta Öfver- und Neder-Inge (Sastmola), 
Ingemari (Norrmark), im Eigentlichen Finland Inger (Letala), 
Ingeris (St. Bertils), Inkoinen (Lemo, Lundo, Resoj, Inkola 
(Wemo), Inginen (Wahto), Inkiniemi (Sagu), usw. Dieser fin- 
ländische namensstamm hängt natürlich, wie der in Schweden 
und ganz besonders in Svealand schon im mittelalter sehr ge- 
wöhnliche Personenname Inge (s. Lundgren, Svenska lands- 
mälen X6 126), mit dem altuppländischen Ingifreyr, Yngve- 
freyr, Ingunarfreyr, dem bekannten beinamen Freyrs, zusam- 
men. 1 

Wichtiger als diese schwedisch-finnischen Ortsnamen ist 
aber, dass gewisse historisch bezeugte, charakteristische züge 
aus dem uppländischen Freyrkult in finländischer volksüber- 
lieferung unleugbare reste hinterlassen haben. Anklänge an 
den Freyrmj^thus finden sich schon im Kalevala. Seitdem 
Julius Krohn in seiner finnischen literaturgeschichte, Kalevala 
I 402, auf einige auffallende ähnlichkeiten zwischen der Ka- 
levalasage von Sampsa-Pellervoinen und dem germanischen 
Njorör-Freyrmj'thus kurz hingewiesen hatte, wurde die rich- 
tigkeit dieser hypothese durch den oben erwähnten aufsatz 
von Kaarle Krohn (in bd. IV dieser Zeitschrift) eingehend be- 
stätigt. 

Die von der Kalevalaforschung behauptete Verwandtschaft 
zwischen dem Freyr- und Sämpsämythus wird umso glaub- 
würdiger, als sich der altschwedische Fro-(Fre3'r-)kultus tat- 
sächlich jetzt auch unter den Schweden in Finland in unver- 
kennbaren spuren nachweisen lässt. Für meine hier verfoch- 
tene ansieht, dass die namen der inseln Torso und Frösö bei 



1 Wegen dieser namensbildungen verweise ich auf A. KoCK, 
Om Ynglingar sasom namn pä en svensk konungaätt (Antikvarisk 
tidskrift VIII, nr. 2), sowie auf H. Schuck, Studier i nordisk lit- 
teratur- och religionshistoria II 296 ff. 



Zur altnord. götterverehr. in Finland. 313 

Nvkarleby im Volksglauben ursprünglich einen mythischen hin- 
tergrund haben, dafür spricht auch eine volKssage aus der 
nahe liegenden küstengemeinde Oravais, die drei meilen süd- 
wärts von X\'karleby gelegen ist. In einer vom häradsgerichts- 
beisitzer Märten Lassus in VVöra (wozu Oravais früher eine 
filialgemeinde gebildet hat) hinterlassenen Sammlung volks- 
sagen vom jähre 1852 handelt die erste besonders von der 
alten kirche in Oravais. Lassus erzählt u. a., da.ss man wäh- 
rend der katholischen zeit in dieser kapeile einen Schutzheiligen 
namens Sankt Märten angebetet hätte. Sein bild stand in der 
kapelle. Wenn man seine äcker, besonders die in der nähe der 
kirche gelegenen, bestellt und besät hatte, nahm man das hei- 
ligenbild aus der kirche und trug es feierlich, unter dem ab- 
singen der litanei, um die äcker herum. Diese Zeremonie 
wurde jährlich beobachtet. Das anrufen dieses heiligen galt 
als eine „notwendige angelegenheit", wodurch eine nützliche, 
fördernde Witterung sowie schliesslich eine reichliche 
ernte erzielt werden konnte. 

Es ist offenbar, dass sich in dieser mittelalterlichen Sankt 
Märtenzeremonie eine erinnerung an die alte, von Tacitus 
(Germania c. 40) beschriebene Nerthusprozession sowie — zu- 
nächst — an das darauf zurückgehende, jüngere Freyrritual ^ 
in Uppsala (Flateyjarbok I 338) verbirgt. Zu beachten ist, 
dass die gegend von Wörä-Oravais sowohl nach ihrer jetzi- 
gen schwedischen volksmundart wie auch nach den dort gemach- 
ten archäologischen funden zu den ältesten schwedischen siede- 
lungsgebieten in dieser landschaft gehören. Erwähnenswert 
ist auch, dass eine in Oravais noch heute fortlebende volks- 
überlieferung in der nähe der betreffenden alten kirche eine 
alte sog. opferquelle („offerkälla") kennt, deren wassei' dem 
Volksglauben nach auf dem alten kirchhof entspringt und des- 
halb früher als heilmittel gegen krankheiten gebraucht wurde. 
Die quelle liegt am Taeksamviken, einem meerbusen, dessen 
name wohl mit der genannten heilquelle in Zusammenhang 
steht. In Schweden liegen alte opferquellen und opferkirchen 
nicht selten nebeneinander. - 



1 Man vergleiche hierüber besonders H. Schuck, Studier i 
nordisk litteratur- och religionshistoria II: Frey-ritualen, p. 248 ft\ 

2 Vgl. z. b. Vestergötlands Fornminnesförenings tidskrift I,. 
h. 6-7, p. 3. 



314 T. E. Karsten. 



Dass dieser alte zug aus der Freyrsage in Oravais auf 
einen heiligen übertragen worden ist, kann keineswegs befrem- 
den, denn die heiligenverehrung des mittelalters war in gewis- 
sem sinne nichts anderes als eine fortsetzung des antiken Poly- 
theismus. Auch in Uppsala, in dem ui'sitze des Freyrkultus, 
wurde der alte Sviagod später ein Sveakönig und schliesslich 
auch hier ein heiliger: Erik der heilige. Wie der (neulich 
verstorbene) schwedische archäolog Knut Stjerna in seiner 
Schrift: Erik den heiige, en sagohistorisk Studie (Lund 1898), 
bes. p. 22 ff., dargetan hat, finden sich mehrere züge aus dem 
heidnischen Freyrkultus in der christlichen Erikslegende wie- 
der, wie sie in Uppland das ganze mittelalter hindurch fortge- 
lebt hat. U. a. ist die allbekannte Eriksgata der Schweden - 
könige eine überbleibsei der alten Nerthus- und Freyrprozes- 
sionen. 

Das berühmte götzenbild von Freyr im alten Uppsala- 
tempel ist in der kapeile von Oravais selbstverständlich durch 
ein heiligenbild vertreten. Dass dieses bild unter dem namen 
des Sankt Martin bekannt war, auch dies ist mit aller Wahr- 
scheinlichkeit kein blosser zufall. Dieser heilige, alias der be- 
kannte bischof Martin von Tours (f 400), spielt seit altersher 
eine bemerkenswerte rolle im Volksglauben des westeuropäi- 
schen kontinents. Sein todestag, der 11. november, wurde 
einer der grösseren christlichen feiertage des mittelalters: Mar- 
tinalia, schwedisch Martensmassa genannt. In Deutschland 
wTe in Skandinavien hat sich der Martinstag, scheint es, zu- 
gleich mit mythischen Vorstellungen, und zwar gerade aus dem 
kreise der vegetationsdämone, verbunden: in Deutschland, wo 
ein Freyrkultus unbekannt war, ruht seine m}-thische rolle we- 
sentlich auf dem alten Wodansglauben. Das nähere hierüber 
z. b. bei E. H. Meyer, Mythologie der germanen 324 ff.. 
389 ff., W. Mannhardt, Wald- und Feldkulte II 186. 

In Schweden war Freyr, \\ ie schon zahlreiche Ortsnamen 
bezeugen (vgl. Lundgren, Hednisk gudatro i Sverge p. 66 ff.), 
auch ausserhalb Upplands gegenständ eifriger Verehrung. 
Aus Vänga, Västergötland, kennt man eine mit der oben wie- 
dergegebenen Sankt Märtensage in Oravais ganz analoge 
Volksüberlieferung. In einem ,,Kornguden i Vänga" betitelten 
aufsatze in \'estergötlands Fornminnesförenings tidskrift I, 3. 



Zur altnord. götterverehr. in Finland. 315 

heft (1877), p. 60 f. erzählt K. Torix u. a. folgendes. Nach 
einem pastorsbericht vom jähre 1828 an das Domkapitel in 
Skara inbetreff der altertümer in Vänga standen in der dorti- 
gen kirche damals zwei alte holzhilder, von denen das eine 
besonders fein gearbeitet war. Später wurden diese bilder 
nach dem museum in Skara gesandt. Ein paar jähre vor 1877 
erzählte ein alter greis, der bei seinem besuche im Skara-mu- 
seum das alte schöne holzbild wiedererkannte, dass dieses frü- 
her in Vänga allgemein den namen „Kornguden" getragen 
hätte. Die bauern pflegten jedes frühjahr das bild aus der 
kirche zu schmuggeln und trugen es bei Sonnenaufgang um 
■die äcker herum, um eine gute ernte zu gewinnen. Die 
richtigkeit dieser erzählung wurde später bestätigt. 

Im skandinavischen Volksglauben standen die götter Tor 
und Freyr geistig einander sehr nahe. Hiervon handelt, auf 
grund norwegischer und schwedischer Ortsnamen, besonders 
Magnus Olsen in seinem aufsatz „H^ernavi, en gammel svensk 
■og norsk gudinde" 10 ff. (Kristiania Videnskabsselskabs For- 
handlinger 1908). Die gegenseitige läge der österbottnischen 
inseln Torso und Frösö (sowie die nähe des alten kultortes in 
Oravais) spricht einigermassen für dasselbe verhalten. 

Meines dafürhaltens kann kaum bezweifelt werden, dass 
■die götter Tor und Frö unter dem jetzigen schwedischen volks- 
stamm in Finland vormals Verehrung genossen haben. Ich 
erinnere in diesem Zusammenhang an zwei schon von früherher 
bekannte urnordische lehnwörter im finnischen, durch die der 
altnordische gottesdienst in unserem lande wohl mittelbar be- 
stätigt wird: fi. lucte 'zaubergesang, weisheitsrunen', pl. luot- 
teet 'Zauber- od. kraftworte', luotattaa 'brummen, murren' aus 
urnord. blöta 1 subst. ntr. (aisl. blot 'opferfest' usw.) sowie fi. 
juhla 'fest' aus urnord. *iuh(u)la, 2 der grundform von aisl. iöl, 



1 Siehe E. A. Tunkelo, FUF I i«6. 

2 Wie ich Idg. Forsch. XXII 298 gezeigt habe, lässt sich li. 
juhla, wenn germanisches lehnwort, nur aus dem urnordischen er- 
klären: urgerm. jeh(w)ula (vgl. ags. gehhol, geohel 'Weihnachten'), 
urnord. (j)eulmla >> iuhula. Evald Uden hat in bd. XI 128 
dieser zeitschr. meine formenherleitung als »in mehrfacher hinsieht 
anfechtbar» bezeichnet. In der hauptsache doch wohl mit unrecht! 
Ich hatte dort *jeuhula, *jiuhula als urnordische grundformen an- 



3i6 T. E. Karsten. 

aschwed. iül .= das heidnische miös vetrar bl6t im norden, 
später das christliche weihnachtsfest (:^ fi. joulu, ein jüngeres 
lehnwort). 

Helsingfors. T. E. KARSTEN. 

Nachtrag zum Freyrkultus. 

Soeben erscheint in „Fästskrift tili H. F. Feilberg" (Sven- 
ska landsmäl 1911) ein beitrag von N. E. Hammerstedt : „Kvar- 
levor av en Frös-ritual i en svensk broUopslek". Diese hoch- 
zeitssitte lebt u. a. unter den Schweden in Süd-Österbotten fort 
(p. 501), bestätigt also ihrerseits meine obigen ausführungen. 

T. E. K. 



gesetzt. Es ist gewiss möglich (wenn auch nicht bewiesen), dass 
das j überall schon vor dem eintritt der brechung von e zu eu, iu ge- 
schwunden war, aber wie Liden selber einräumt, ist der betreffende 
j-schwund für diese frage ohne bedeutung. Fi. juhla aus *juhiüa 
herzuleiten, scheint finnischerseits nicht unmöglich zu sein, aber 
der u-schwund kann in der tat recht gut schon auf germanischem 
boden stattgefunden haben. Urgermanisch bestanden zwei neben- 
formen mit wechselndem akzent: *jehwula und *je(g)wula (vgl. 
z. b. TORP, Wortschatz der germ. Spracheinheit = Vgl. Wbuch 
III*, p. 228); hieraus urnordisch *iuliula (= ags. geohhol) bezw. 
*iula, wozu die j-ableitung aisl. vier — got. jiuleis, ags. gitili 
'weihnachtsmonat'. Aisl. iöl, aschw. iül lassen sich sowohl aus 
*mhula als aus *iula erklären. Fi. juhla vertritt urnord. *mhla, 
das aus *iuhula und *mla kontaminiert sein kann, etwa wie 
aschwed. möghe 'schar' (nach Noreex, Urg. Lautl. p. 179,. 
Aschw. Gramm. § 84, 31 aus *m6e tags, mühai und möghe 
(aisl. müge). 



Kaarle Krohn. Zum schiffe Naglfar. 317 



Zum schiffe Naglfar. 

Nachtrag zur p. 154. 



Oben p. 154 habe ich zu der eddischen erzählung vom 
nagelschifte einige finnische parallelen angeführt, welche ihre 
Entstehung aus dem chi istlichen mittelalterlichen Volksglauben 
bestätigen. 

Dass der noch heute in Nordeuropa fortlebende aber- 
^glaube ins klassische heidentum Südeuropas zurückreicht, be- 
weist eine stelle bei Hesiod, auf welche A.mund Hellaxd (Nord- 
lands amt II 459) hingewiesen hat: .,am feiertage sollst du 
nicht das trockne am bäume mit den fünf ästen abschneiden". 
Ist aber seine annähme einer Wanderung dieses glaubens von 
den klassischen Völkern durch die Vermittlung der romanischen 
und germanischen zu den nordischen richtig? Kann nicht in 
diesem falle ebensogut der mittelalterliche Volksglaube aus dem 
einheimischen heidnischen hergeleitet werden? 

Die skandinavischen und finnischen Varianten stehen ein- 
iinder so nahe, dass von einer unabhängigen entstehung der- 
selben aus selbständigen primitiven Vorstellungen kaum die rede 
sein kann. Die finnischen sind ohne zweifei entlehnungen. 
Die skandinavischen dagegen könnten auch aus einem alleii 
indogermanen gemeinsamen erbgute hergeleitet u'erden. 

Warum man überhaupt beim abschneiden seiner nägel 
vorsichtig sein muss, lässt sich einfach durch das allgemeine 
magische prinzip: pars pro toto erklären; der besitz eines teil- 
chens genügt, um das ganze in seine gewalt zu bringen. 

Warum soll man aber gerade an einem feiertage beson- 
ders vorsichtig sein? Plutarch gibt zu dem erwähnten hesiodi- 



31 8 Kaarle Krohx. 



sehen aussprach folgende erklärung: das trockne am fünfästi- 
gen bäum sind die nägel; diese dürfen nicht an heiligen tagen 
oder Zeiten beschnitten werden, weil der abfall der nägel und 
haare wie alle menschlichen exkremente unrein ist. 

Hellaxd legt auch dem sonntagsverbote den gedanken 
einer entheiligung des göttlichen zu gründe. Zugleich gibt er 
jedoch einer anderen norwegischen form desselben Verbotes: 
„mit am abend beschnittenen nageln fände man nicht seine 
ruhestätte im friedhof", eine treffendere erklärung. Die dunkle 
nacht ist die zeit der bösen mächte; der abfall von nageln be- 
zeichnet nichts unreines, sondern repräsentiert einen teil des" 
menschlichen wesens, welches in gefahr gerät den bösen mäch- 
ten anheimzufallen, wenn zu ihrer zeit die nägel beschnitten 
werden. 

Diese erklärung wird noch deutlicher, wenn wir anstatt 
der bösen mächte die ursprünglicheren totengeister setzen. 
Nach einem ebenfalls norwe.ü-ischen berichte (Germania XX\1 
204) werden die abgeschnittenen und weder \'erbrannten noch 
vergrabenen nägel von den läppen oder auch vom huldrefolk 
aufgefangen. Zwar, meint man, wurden aus den nägelstücken 
geschosse gegen die haustiere gefertigt. Ursprünglich aber ha- 
ben die unterirdischen mit der besitznahme von partikeln der 
erdenmenschen nach ihnen selbst getrachtet. Dieses streben 
der verstorbenen und das widerstreben der lebenden ist ein 
durchgehender zug im seelenkult. 

Dieselbe erklärung lässt sich leicht auf das feiertagsverbot 
übertragen. Die ältesten feierzeiten sind dem gedächtnis und 
der bewirtung der verstorbenen gewidmet, welche an gewissen 
tagen des Jahres in grossen scharen herumziehen und dem 
menschen mehr als sonst gefährlich werden. Dem hesiodi- 
schen feiertage entspricht im christlichen Volksglauben der Sonn- 
tag oder der auch heiliggehaltene freitag. Der donnerstag wird 
selten und \\'idersprechend erwähnt (H. F. Feilberg, Jysk ord- 
bog II 681): in Schweden zuweilen als verbotener, in Däne- 
mark als gebotener tag. Seine örtlich begrenzte Verbindung 
mit dem beschneiden der nägel kann schwerlich ursprünglich 
sein. Dieser umstand scheint somit für die HELLANDSche an- 
nähme einer Wanderung des nordischen Volksglaubens an die 



Zum schiffe Naglfar. 319 



zeitlich gebundene gefährlichkeit des abschneidens der nägel aus 
der fremde zu sprechen. 

Seine annähme wird ferner durch die Verbindung dieses 
N'olksglaubens mit der Vorstellung emes nagelschiffes bestärkt. 
Anstatt des schiffes, welches von Island bis nach Russisch- 
Karelien verbreitet ist, kommt wohl gelegentlich ein schuh 
(dänen, neben dem schiffe), eine wiege (neben dem boote bei 
den finnen: Gummerus & Ranni nr. 688 aus Pihtipudas in Nord- 
Tawastland), eine schaufei (läppen, neben dem boote, s. gleich 
unten), ein hut (esten und litauer) oder ein becher (in Frank- 
reich) vor. Dies sind aber alles lokal begrenzte, aus einer Ver- 
mischung mit anderen abergläubischen Vorstellungen erklärbare 
Varianten. 

Das nagelschift müsste also die ursprüngliche strafe des 
nagelabschneiders enthalten. Was kümmert es aber einen men- 
schen, wenn sich der teufel ein boot macht? Täte er es auch, 
um zum Weltuntergange eilen zu können, so ist dieser straf- 
gedanke für den einzelnen sterblichen doch zu allgemein und 
weitblickend, als dass er auf eine urwüchsige einbildung wir- 
ken könnte. 

Am nächsten steht der ursprünglichen auffassung eine 
von J. QviGSTAD aufgezeichnete und von Helland angeführte 
lappische Variante (Finmarkens Amt II 312). Die läppen in 
Hatfjelddal glauben, dass die abgeschnittenen nägel zerschnit- 
ten, oder verbrannt werden müssen. Wirft sie jemand ohne 
weiteres weg, sammelt der teufel sie und verfertigt sich ein 
boot daraus. Beim tode des betreffenden menschen hat der 
teufel ihn in seiner gewalt und holt ihn im nagelboote. ^ 

Dieser auffassung schliesst sich im neueren isländischen 
\"olksglauben das vom teufel gebaute leichenschiff (naskipid) 
an. Dieselbe scheint auch im eddi=chen berichte die Vermi- 
schung mit einem anderen Volksglauben verursacht zu haben, 
wie man die nägel eines verstorbenen behandeln soll: diese 
müssen beschnitten und dem toten mit in den sarg gegeben 
werden (dänisch Feilberg II 681; jüdisch Germania XXVI 206). 



i In einer russisch-karelischen aufzeichnung (K. F. Karjalainen 
nr. 203) heisst es: »der teufel würde sich ein boot machen, und 
Jesus hätte Ursache zu weinen». 



320 Kaarle Krohx. 



Setzen wir an die stelle des teufeis den griechischen toten- 
fergen Charon, so können wir auf klassischem boden das ver- 
bot des nägelabschneidens folgendermassen verstehen: beim 
abschneiden der nägel muss man überhaupt vorsichtig sein und 
besonders an einem feiertage darf man seine nägel nicht be- 
schneiden, um. zu verhüten, dass dieselben in die gewalt der 
unterirdischen geraten und das material zum eigenen leichen- 
boote vermehren, den eigenen tod somit beschleunigen. 

Die Vorstellung \'on einem totenschiffer ist schwerlich 
nordisch. Die fahrt über den totenfluss im Kalevala ist im 
volksliede erst spät von der Hadesfahrt des Heilands auf die 
taten des alten Wäinämöinen übertragen worden. Für einen 
totenfährmann bei den germanen besitzen ^^•ir, wie E. H. Meyer 
(Völuspa 195) nachweist, ebensowenig ein sicheres zeugnis. 

Das nagelschiff ist somit aus dem klassischen heidentum 
durch das christliche mittelalter, wie so manche andere Vor- 
stellungen, in den nordischen \'o!ksglauben eingedrungen. 

Helsingfors. KaARLE KroHX. 

N. vS. Ohne kenntniss des obigen hat herr E. Viher- 
VAARA folgende aufzeichnungen aus dem volksm.unde eingesandt. 

Aus den am feiertage abgeschnittenen nagelstücken macht 
der teufel: 1) ein schiff, mit welchem er den (betreffen- 
den) menschen in die hölle bringt (aus Somerniemi in 
Südtavastland) ; 2) ein boot, in welches er den menschen 
führt (aus Pöytyä im Eigentlichen Finland, gouv. Abo); 3) 
schaufelschneiden (aus Alastaro in Satakunta, gouv. Abo); 
4) eine schreibfeder (aus Tammela in Südtavastland). 

Die am feiertage abgeschnittenen nagelstücke: 4) sam- 
melt der teufel und bringt sie auf das grab des betreffen- 
den menschen; 5) werden beim jüngsten gericht vorgelegt, und 
nach ihnen wird gerichtet; 6) werden in der hölle auf der 
handfläche des betreffenden menschen verbrannt (alle drei aus 
Pöytyä). 

Wer am feiertage seine nägel beschneidet, wird sie in 
der hölle brennend heiss fühlen (aus Oripää in Satakunta). 



ANZEIGER 



FINNISCH-UGRISCHEN FORSCHUNGEN 

HERAUSGEGEBEN 
\ (IN 

E. N. SETÄLÄ KAARLE KROHN 

YRJÖ WICHMANN 



ZWÖLFTER BAND 



1912 



■RT 



HELSINGFORS LEIPZIG 

RKD. DER ZEITSCHRIFT OTTO HARRASSOWITZ 



HELSINGFORS 

DRUCKEREI DER FINNISCHEN LITTERATFR-CiESELLSCHAFT 
I912 — I914 



fl\ 



Inhalt des Anzeigers. 



Über art, umfang und alter des Stufenwechsels im fin- 
nisch-ugrischen und samojedischen. (Autoreferat 
über zwei öffentliche vortrage von E. N. Setälä: 
I. am 23/1 1909 und 2. 24 '2 u. 23 '3 19 12 in 
der Finnisch-ugrischen Gesellschaft.) l — 12J 



Mitteilungen. 

Vorlesungen und Übungen auf dem gebiete der finnisch- 
ugrischen sprach- und Volkskunde an den Uni- 
versitäten Europas 19123 129-134 

Tätigkeit wissenschaftlicher gesellschaften und institute. 

Literarisches 13 5— '39 

F"orschungsreisen 139 — 146 

f Emilio Teza v. E. N. Setälä 146—147 

f Alfred Ludwig v. E. N. Setäi.ä 148 — 149 

Kleine notizen. Personalien 150 — 152 



Ä\ZEI(JER 



DER 



FINNISCH-UGRISCHEN FORSCHUNGEN 



BAND XII JANUAR-DEZEMBER 1912 HEFT 1-3 



Über art, umfang und alter des Stufenwechsels 
im finnisch-ugrischen und samojedischen. 

(Autoreferat über zwei öffentliche vortrage von E. N. SetäLÄ: 
I. am 23 I 1909 und 2. 24 2 u. 23/3 1912 in der Finnisch-ugri- 
schen Gesellschaft.) 



Die veranlassung zu dem zweiten der genannten vortrage ^ 
war der eben erschienene aufsatz von prof. K. B. Wiklun'D >^Zur 
frage vom Stufenwechsel im finnisch-ugrischen» (Festschrift Vilhelm 
Thomsen zur Vollendung des siebzigsten lebensjahres am 25. januar 
1912 dargebracht '>, p. 88-95), welchen der vortragende zuerst ein- 



* Dieser vertrag, iu welchem der vortragende die erste öffentliche 
mitteilung über seine Studien über den Stufenwechsel im samojedischen 
machte, nahm, auf zwei Sitzungen verteilt, eine zeit von ca. 4 stunden 
in anspruch und wurde von beinahe allen finnougristen in Helsingfors 
angehört. Er wie auch ein früherer, im jähr 1909 gehaltener vertrag 
über die stufenwechselfrage sind nur deshalb nicht gedruckt worden, 
weil der vortragende sie in einer grösseren schrift üVjer die stufenwech- 
selfrage, mit ergänztiugen aus seinen akademischen Vorlesungen, her- 
auszugeben gedachte, zu der zeit aber genötigt war einige andere ar- 
beiten, welche schon unter der presse waren, zum abschluss zu bringen 
sowie auch eine reise zu den liven zu unternehmen; nur eine kurze 
mitteilung der ergebuisse mit einer andeutung der methode ist in FUF 
XI Anz. 14-5 gedruckt worden (ein von dem sekretär der Finnisch- 
ugrischen Gesellschaft abgefasstes kurzes referat der hauptergebnisse 
des zweiten Vortrags wurde in den tageszeitungen abgedruckt, siehe 
Helsingin Sanomat 1912, nr. 71, p. 4, Uusi Suometar 1912, nr. 71, p. 5 
und Hufvudstadsbladet 191 2, nr. 84, p. 8). Da nun also der druck der 
grösseren arbeit leider sehr verzögert worden ist, wird hier der haupt- 
inhalt dieser vortrage mitgeteilt. 

Fiun.-ugr. Forsch. XII, Auz. 



2 E. N. Setälä. 

gehend kritisierte. Während hier der kritische teil des Vortrages 
übergangen wird, umfasst das referat nur den positiven teil. 

Aus dem aufsatz Wiklunds geht hervor, dass er daselbst 
wesentlich denselben Standpunkt einnimmt, auf welchem er in sei- 
ner »Urlappischen lautlehre* (1896) stand. Der vortragende hin- 
wieder hatte seinen Standpunkt während dieser jähre wesentlich 
modifiziert. Während er noch in den jähren 1895-99 annahm, 
dass die klusile (bezw. die Sibilanten) nur einem qualitativen 
Wechsel unterworfen gewesen sind, d. h. dass der Wechsel j) i^' ß^ 
t '-^ d, k ^^^ Y (bezw. s ^-^ Z usw.) dem quantitativen Wech- 
sel der übrigen konsonanten (m ^^ w usw.) äquivalent 
war, gewann er ca. 1 900 die Überzeugung, dass der Stufenwechsel 
der klusile zugleich auch ein quantitativer Wechsel war (p ^ ß, 
t — d, /■ ' — ' y)\ zu diesem ergebnis hatten ihn teilweise die estni- 
schen Verhältnisse, teilweise auch das verhalten der anderen fin- 
nisch-ugrischen sprachen geführt. 

Einige jähre später war er noch weiter geschritten. Einige 
ursprünglich im jähre 1902 gemachten beobachtungen führten ihn 
zu dem gedanken, dass die wechselfälle der nasale sich nicht 
aus einem quantitativen, sondern aus einem qualitativen Wechsel er- 
klärten. Auf grund erneuter durcharbeitung des materials kam er 
dann im j. 1908 zu dem schluss, dass der Stufenwechsel nicht nur 
der klusile, sondern auch der nasale, Spiranten, liquidae und 
halbvokale nicht nur ein quantitativer, sondern zugleich auch 
ein qualitativer Wechsel war. Die ergebnisse dieser Unter- 
suchungen wurden in einem öffentlichen Vortrag in der Finnisch- 
ugrischen Gesellschaft am 23'! 1909 den Helsingforser fachgenos- 
sen zur beurteilung unterbreitet. Da auch dieser Vortrag nicht 
gedruckt worden ist, mag hier zuerst eine kurze übersieht des ge- 
dankengangs desselben gegeben werden. 



Ausblicke avif den finnisch-ugrischen stufenweclisel mit 
besonderer rücksicht auf die nasale. 

Kurzes referat eines öffentlichen Vortrags am 23 i 1909. 

Davon ausgehend, dass der Stufenwechsel der klusile und 
Sibilanten nicht nur ein quantitativer, sondern auch, und sogar 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 3 

wesentlich ein qualitativer Wechsel ist, war der vortragende 
durch verschiedene beobachtungen, besonders betreffend die 
behandlung der nasale, zu der auffassung gelangt, dass auch 
der Stufenwechsel der übrigen konsonanten von derselben art 
gewesen ist. Die methode, welche dabei \'on ihm befolgt war, 
wurde von ihm folgendermassen skizziert. 

I. Obgleich ein paradigmatischer qualitativer Wechsel der 
nasale in sehr geringem grad vorliegt, gibt es doch in allen 
finnisch-ugrischen sprachen beispiele einer nicht-nasalen 
oder Schwundstufe in fällen, wo die anderen sprachen oder 
andere dialekte derselben spräche einen nasal zeigen. 

m-fälle: 

Ungarisch: nev : neve 'name' --^ fi. nimi | le, leves 
'suppe' -- fi. liemi | nyiil 'hase' ^ Ip. njoammel, mdE nu- 
mulo j 6 'alt', meg-avul 'veralten" ^ Ip. oabme, mdE umok, 
fi. ammo- | fü 'gras' — ' wog. pum, ostj. jnim \ hü, hiv- 'glau- 
ben' — ' md. käme-. Daneben aber: eme Temella" ^ fi. emä 
homaly "das dunkel' ^ syrj. kymör 'wölke', fi. kumuri | szomjii, 
szomjas 'durstig' -^ wotj. himal- 'hungrig werden' | homorü 
'hohl' '^ fi. kumara 'krumm' 1 kemeny "hart' .^ md. kemä, 
käme | remül 'moveri' /-- Ip. riebmat 'sich einlas.sen', fi. riemu 
'freude'. — Beispiele mit -Im- od. Im: szem 'äuge' -^' fi. silmä; 
csomo 'knoten' -^ fi. solmu; hamu 'asche' -^ fi. kulmu 'quis- 
quiliae foeni', aber nyelv 'zunge, spräche* r^ Ip. njalbma. 

M o r d w i n i s c h : tov 'nucleus' ^-^ fi. tuma | lov 'schnee' -^ 
fi. lumi I kuvo 'brotrinde' — ■ tscher. kom id., uotj. ^I.nm 'rinde' | 
kovol "wölke* -^ fi. kumuri j sav "geld" ■-^ fi. suomu "schuppe" | 
sovar 'mörser* -^ fi. huumar | su 'nebel' '-^' fi. sumu. Daneben: 
l'om, laimä 'traubenkirsche" -^ fi. tuomi ; läm, läme 'suppe' '^ 
fi. liemi \ komoro 'handvoll' '-- Ip. goabmer, fi. kamahlo | ko- 
mams 'sich bücken' '^ fi. kumartaa | numulo 'hase' ^^ Ip. njoam- 
mel I lem '^ fi. nimi j kemä, käme '^ fi. kämä, kämeä, ung. 
kemeny | kämä, keme ".Stiefel' — tscher. kem, syrj. kom- in 
kom-kot 'schuh u. strumpf | kämems 'glauben" ^ ung. hiv-. 

Tschere missisch: lo 'Zwischenraum' --^ fi. loma | 
suar "mortarium' c^ fi. huumar | ? kowaste "haut, feil, leder' '-- 
tscher. kom "brotrinde, rinde*. Gewöhnlicher jedoch m, zb. lum. 



4 E. N. Setälä. 

/^ fi. lumi; lüm, lim 'name' '^ fi. nimi; lern 'suppe' -- fi. liemi; 
ime 'nadel' ^^ fi. äimä usw. 

Finnisch: lovi 'einschnitt' ~ loma 'Zwischenraum'; juova 
'streif '^ juoma id. | sivaltaa 'hastig schlagen' ---^ simata id. [ 
vivahtaa ^' vimahtaa | kiivas 'heftig' -^^ kiima 'brunst* (vgl. 
ung. hev) | est. kääv 'spule', wot. t'§uvi id. ~ fi. käämi id. || 
kalvas 'blass' ^ kalmea id. ] kulo 'quisqailiae' ^ kulmu id. 
ol. halveh 'abgeschwendetes feld' '^ fi. halme || särvi 'kante', 
kar. särvi id., est. serv, sörv id. ^ särmä, särmi id. ] kärväs- 
tää 'blühen' (von dem roggen) ^' kärmehtiä id. | virva 'feurig, 
schnell' ^ virma id. | hurvio 'Verwirrung' --- hurmos id. | Hu- 
rus « *hurvus) "weibl. genius der biutstillung' '-- hurme "blut' 
hervoton 'schlaff', hervohtua 'schlaff werden" -^ hermo 'nerv' 
irvistää 'grinsen' ^-' irmastaa id. | hirvittää 'schrecken' --- hirmu 
'schreck' | töyrä 'hügel, abhang' '^ törmä, termä id. || ahvatta 
'gefrässig" -^^ ahmatta id. \\ usva 'nebel' — usma id. 

Lappisch: duolwa 'iabes, macula' -^ fi. talma id. |j 
IpL irudsväk 'lüstern' '^ IpN vuosmes, vuosbmas 'avida hujus 
vel illius cibi', fi. ahmatta (auch ahvatta) 'vorax, edax homo' 
goaivvo 'pala' -- mordE koime, tscher. kol'ino. 

Permisch: syrj.-wotj. kyz 'zwanzig' r^ mord. koms, 
vgl. mys 'zehn' im syrj. (syrjü vetymys 'fünfzig' usw.) || wotj. 
kuj 'schaufei, wurfschaufel' '^' mordE koime, tscher. Jcol'mo 
(vgl. Ip. goaiwo; der urspr. inl. konsonant jedoch unsicher). 

Ob-ugrisch: ostj. yüs, kos 'zwanzig' | wog. x^fs, ^Jchüs, 
'^Jchus, ^khös id. '-- mord. kom^ j ostjKaz. pQU 'fischwehr" r^ 
syrj. pomös 'dämm', 
-n- fälle: 

Finnisch: paradigmatische fälle wie ingr. mään 'ich 
gehe', määt 'du gehst' '^ männöö 'er geht' | saon 'ich sag5' 
'-«-' sannoo 'er sagt' | miä 'ich", gen. miun '-^ part. miinnua 
(beispiele von derselben art weit verbreitet in den finn. dialek- 
ten) i wot. nicB 'er geht", päa 'er legt', miä 'ich', siä 'du' '^ 
minua, sinua \ est. dial. mea 'ich', gen. meu, möga 'mit mir' | 
kar. mie, miä, gen. miun usw. 

Mordwinisch: ki 'weg' -- Ip. gseidno id., fi. keino "mittel'. 

Tschere missisch: vi 'hund' -^' (Wichm.) pine'yd usw., 

fi. peni, penikka, Ip. bsena g. bsednaga | iniem, mijem 'gehen, 

kommen" '^ fi. menen | kitjam 'beischlaf üben' — fi. koinaan. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 5 

Ungarisch: dial. mek, mesz 'du gehst', mööget, meeget, 
möjöget '--' dial. menek. 

-n-fälle : 

Tscher emissisch: ni 'hast' --^ syrj.-wotj. /nn id., 
fi. niini. 

Per misch: wotj. ^l-ll'i usw. 'träne' ■^ Ip. ganjal id., 
li. kyynel id. | wotj. ^glr-pum, syrj. gyrdza 'ellenbogen, eile' 
---' mord. Hei'idr, fi. kyynär, Ip. garnjel. 

T|- fälle: 

Finnisch, es existiert kein kurzes r\, sondern dafür in 
der regel v, j oder 0, zb. jää 'eis' -^ Ip. jiegrja I luo- 'werfen, he- 
'oen' ^ IpK lorjrji- 'heben', tscher. lot]am 'getreide worfeln' etc. | 
myö- in myöntää "nachgeben' usw. .^ Ip. mairria- 'das hintere' | 
pü "zahn' ^^ mord. j-je^y' | kuu .-^ mordE Jcoi] | suvi 'sommer' ^- 
ostjDN totj etc. I aivot 'gehirn' --^ Ip. vuolT|amas | väjyä 'lauern' 
-«^ tscher. ßarjem usw. 

Lappisch: avve 'gürtel' ---' syrj. von, von | viwa 'Schwie- 
gersohn' -^ tscher. ßerje | K vujve.hi, vuevesn 'gehirn' '-^ N 
vuoitianias (fi. aivot) | Ipl majemus 'der letzte', majest 'nach' 
^ IpX maTiT|a- | sagjet, sajam 'acuere', vgl. fi. hi(v oa, mordE 
tSovams, M sovanis ^' tscher. Sinncm \ bagje 'superus' — wotj. 
pui]. In der grossen mehrzahl der fälle ist jedoch entweder 

gT] '^^ 7\ od. grx --- gT]. 

Mordwinisch: M jij, tj^ E ej, ev, ij 'eis' ^^ Y. efj \ 
M pej.^ E pej., pev. päj 'zahn' ^ E perj \ E ihejlc, liiäjl'ä, M 
ihels 'später, danach' --- Ip. maTjTia- | E Wied. ni 'frau, weib' 
--- ostjDN ner | M säjor, F. '^'ccjer 'maus' --- wog. tärjor \ kou 
"mond' — E ä:o// | I\I Reg. kavlal, kavel-al 'achselhcihle' -^^ IpK 
^Jcöitjtjel id., tscher. Tiorjla, B Ramst. Ico'rjola, korjga'la \ M pov, 
povä 'busen' ^^ Ip. buogT|a, E potjgo \ E })0u, M puv 'knöpf --^ 
ostjDN pdtj etc. 'knäuel' | M ov 'Schwiegersohn' '^ tscher. ßei]e 
jaSams "mahlen' --^' tscher. yofjozem etc. Daneben, wie schon 
aus den beispielen herv^orgeht, im auslaut auf sehr beächränktem 
gebiet ij ; im inlaut kommt ay nie vor, sondern .stattdessen rjg, 
worüber unten. 

Ts c heremissisch : 7, ej, ij 'eis' ^^ Ip. jiegT|a | pii, 
püj 'zahn" ^ mordE dial. petj . Daneben auch r, zb. ßerje, 
ßirje -^ fi. vävy | ßar^eni '-^' fi. väjyä. Sonst kommen auch m, 
rjg vor; siehe unten. 



6 E. N. Setälä. 

Permisch: wotj. je, jo, '^'s, (lil 'eis', s^TJ. ji, jy id. '^ 
Ip. jiegTia I syrj. syr "maus" ~ wog. täridr \ syrj. nija, nia' lär- 
chenbautn' -*-- wog. ni/, niriq, naT^k id., ostj. na'y^h etc. Dane- 
ben selten rj: wotj. Kaz. M p^'^ "ende' | purj- 'begegnen", vgl. 
mordM jJovdms, E porjgoms 'geraten'. Auch m, n. n (sogar rjg) 
kommen vor, vgl. unten. 

Wogulisch: pnt'i, pfd. pot, pöt "busen" (mit suffixele- 
ment) ^^ Ip. buogTia | fil, ^tüiv, ^tuw, tuj 'sommer" ^^ ostjDX 
to^ I tili, '^to 'hineingehen' '^ ostjDX tärj-, !p. suogTiat | ne, 
m 'weib' ■ — - ostjDX neij. Daneben auch ij (zb. tärj ^^ f\. jää; 
tä}]dr r^ fi. hüri; pot] ■ — fi. pää); r/k, 7//, rjy, vgl. unten. 

Ostjakisch: xi^li 'fnond' (selten, nach gefälliger mittei- 
lung von dr. Karjalaixen) -^ mordE ko^ j Trj. ne, V, Vj. vt, 
Ni, ne, Kaz. ne -^ DN iie^, O nitj 'weib' pvyM etc. 'busen'. 
Daneben teils tj: DX' nerj 'weib' '-^' ung. nö, neri 'Schwieger- 
sohn', ofj 'mündung der flasche" -^ fi. ovi, poijd^ 'seite' -^^ fi. 
puoli, teils r]k zb. j)^^1^ 'zahn', DN ierjk "eis'. 

l'ngarisch: Schwund oder v, j: fö (feje) 'köpf ^^ wotj. 
pur} I nö 'weib' — ostj. Jiet} ' vö 'Schwiegersohn' '-^ ostj. uevj 
tö 'stamm' '--' tscher. tut] : ho 'mond' r^ mordE korj \ av- 'pe- 
netrare' - — - ostj. tay- öv 'gürtel" '•^ syrj. von, von, Ip. awe. 
Daneben gibt es kein kurzes t], wohl aber g, zb. jeg, eg, feg, 
mög-, fogoly, eger, ugat 'bellen' (mordM uvan, E Wied. avan 
'-^ Wied. ongan). szag, sugar, worüber näheres unten. 

Bei dieser ungieichmässigkeit der Vertretung kann man 
keinen dialektischen schwund der nasalität annehmen, sondern 
man muss schliessen, dass die nasalität und der mangel 
des nasalen Clements ursprünglich an gewisse 
stufen gebunden gewesen sind; dann ist die eine 
oder andere stufe verallgemeinert worden. Man 
muss also zb. im urfinnischen paradigmen von folg. aussehen 
voraussetzen: loiui --■ *lOjien (etwa <C *loilen) >> loven, nhhi 
'-^ *nißen (< rüden), mehe- -^ *meden « *meden) > meen, 
*0}]i r^ *OYen (<C oyen) > oven. 

II. Eine ganz besondere stütze erhält dieser schluss durch 
•die grosse mischung der verschiedenen qualitativen reihen. 

Die mischungstypen lassen sich folgend ermassen klassi- 
fizieren. 

1. a. Ein urspr. v ist in die m-reihe übergetreten, zb. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 7 

fi. wot. aima "lauter' •^ fi. aiva (arischen urspr. : apers. aiva-, 
aind. eva) salma, salmo 'ecke am zimmervverk'. kar. salma, 
weps. säum ^ fi. salvaa 'zimmern' ostjO Castr. jem, jemm 
'same* ^ fi. jyvä, wotj. ju^ d'n, d'ii (<< ar. *jeva-). 

1. b. Ein zu erwartendes j (d') ist in die n-reihe überge- 
treten: ung. dial. kenyo 'schlänge' --' kigyo, kejo, kijo, mordE 
kijov [vgl. auch ostj. %en 'böser geist' mit ä statt des zu er- 
wartenden -/, zu fi. koljo, ung. hagy-, siehe FUF XII 177]. 

2. Ein urspr. klusil ist in eine nasalreihe übergetreten, zb. 
est. urm g. urma, orm g. orma 'knospe' ^^ urb od. urv g. 
urva, fi. urpu, Ip. urbbe est. arm, hafm g. -i 'narbe' '-~ afb 
g. afvi, fi. arpi (germ. urspr.: -rw-j. 

3. Ein urspr. nasal ist in eine klusilreihe übergetreten; zb. 
tscher. karme usw. "fiiege' -— ^ mordE karvo, M karu, fi. kärpä- 
nen (Agr. kerueinen o: kärväinen), vgl. est. kärmes, liv. hehni, 
est. taba "schloss, riegel' -- wotj. turjgon, torigon 'schloss, hänge- 
schloss" fi. kapuan 'klettern' ~' ung. hägni fi. sopia 'räum 
od. platz haben' -^ Ip. suogT]at fi. hepo, hevonen ""pferd' -»- 
tscher. tsama 'füllen' | fi. viipyä 'morari' r^ IpK ^vivul- i tscher. 
WiCHM. mo-^dr ^' uioTjfjdr 'leib', wotj. ^migor, syrj. mygör 
ostj. püydC etc. 'busen' ■^ buogT]a. 

4. Ein urspr. nasal ist in eine andere nasalreihe über- 
getreten. 

a. Ein t| in die m-reihe: fi. vaimo \veib", urspr. 'geist', est. 
vaim "geist' ^ Ip. vuoigtia "spiritus" fi. aimu "gehirn' (^ aivo) 
r-^ Ip. vuoiT^amas mordE ojihe, M vajyhs 'atem.zug' — Ip. 
vucigT^a tscher. pomuS usw. 'busen' --^ Ip. buogria tscher. 
iima 'mund" ■^ Ip. vuci^as 'capistrum' tscher. sumetn 'schär- 
fen' -^ Ip. sagjet, fi. hi(v)oa tscher. tumuHem "flicken' -^ Ip. 
duogT]at tscher. tsama 'füllen' ^- fi. hevonen, wotj. t'hini, 
syrj. t'sqn tscher. kurmem 'hinaufklettern' -^ Ip. goargT|ot 
wotjS, J, G j;z(m, syrj. pom '-«-' wotjK, M j^urj 'ende" wotj. 
^Im, syrj. vom 'mund' •^ Ip. vuorias 'capistrum' | wotjG z°im 
■^ ^zei] 'geruch, gestank'. ung. szag syrj. toman 'schloss" -^ 
wotj. üirjgon, torjgon syrj. dömny 'flicken' -^-^ ip. duogriat 
syrj. rymys 'darrscheune, riege' '-- fi. riihi |[ Ip. goarbmot ^ 
goargTjot I cuomo 'crusta nivis' --^ cuotjo. 

b. Ein n in die m-reihe: tscher. humem "die äugen 
schliessen' ~' ung. hüny, fi. kyyny. 



8 E. N. Setälä. 

c. Ein Tj in die n- od. w-reihe: Ip. jiednja 'eis' '^ jiegT|a 
njivnja g. njivdnjaga 'blatta, tinea, lendes, ova pedicularia' '^ ostjl 
niT|k, ung. nyü I vvotj. syrj. pii'i 'zahn' '^ mordE per}' j wotj. 
din 'unterer teil des baumstammes' '^ wotjK dir] syrj. von, 
von 'gürtel' r^ Ip. avve, fi. vyö {[ Ip. badne 'zahn' -^ mordE 
per]' j syrj. von 'bruder', wotj. ^v^n ^■' tscher. ■ierie \ syrj. rynys 
'darrscheune, riege' --^^ rymys, fi. rühi | tscher. sonar zu ung. 
sugar. 

d. Ein m in die t|- oder n-reihe: Ip. duoirna od. duodnja 
'prunus padas' ^^ Ip. duobma, fi. tuomi IpX savdnje, I (Aim.\) 
säih^'^i. K ^sätViie, ^saiViie 'säum, naht' aus an. saumr, (über?) 
fi. sauma tscher. loiju, lorjgo f^ lo 'Zwischenraum', \\. loma,. 
Ip. loabme tscher. tot] -^ toni 'kern', fi. tuma. 

e. Ein n in die ///-reihe: wotjK ^lem, S. G hon 'mittag'' 
f^ wotj., syrj. lun, fi. louna | tscher. '^'kurmoS "rabe' — -' '^kurnoz. 

Ein so grosses schwanken zwischen den reihen kann 
nur so erklärt werden, dass die schwachen stufen der 
verschiedenen reihen beinahe oder ganz zusam- 
mengefallen sind und den Vermischungen einen 
ausgangspunkt dargeboten haben. 

III. Ausser der Vermischung der qualitativen reihen ist 
auch eine Vermischung zwischen den sozusagen quantitati- 
ven reihen desselben artikulationsgebiets zu beobachten. 

Wenn man nämlich die verschiedenen quantitätstufen der 
nasale und der Verbindungen der nasale mit dem homorganen 
klusil zusammennimmt, erhält man die folgenden typen von 
wechselreihen: 1 ) m, n, n, tj; 2) mm, nn, nn, yyxx; 3) mp, nt, Tjk 
u. 4) mpp, ntt, Tikk, In dem vierten t} pus ist der schwund des 
nasals zu bemerken (fi. tuttu <^ *tunttu, kattaa << *kantta-, 
leppeä, vgl. lempeä; typpy 'stumpf -^^ ung. tompa; mord. 
kopilduins 'in wogender bewegung sein' '-^' humholdovis. fi. 
kumpuaa; ung. läp 'sumpfwiese' ^^ vgl. fi. lampi, lamppi; 
fi. pakko 'zwang' -^ vgl. IpL 2^ai]ka, N bagga, baggo); daneben 
gibt es auch formen mit bewahrtem nasal (fi. kontti "saccus 
humeris portandus', aber est. kotJt! "sack*; est. kont 'knochen', 
fi. kontti 'fuss, Schienbein, bein'; est. tömp, tümp, ung. tompa, 
aber fi. typpy; fi. lamppi, aber ung. läp). Dies kann nur so 
aufgefasst werden, dass die formen mit und ohne nasal ver- 
schiedene stufen vertreten. Da nun in der starken 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. g 

stufe in der regel der letzte komponent siegt (vgl. linna < *litna, 
ynnä -< *üknä usw.), * muss man die formen ohne nasal als 
Vertreter der starken stufe ansehen; also zb. urspr. kontti r^ 
*lconHn zu: *kotti -^ g. kontin; est. kot;t! g. koti ist eine Ver- 
allgemeinerung der starken, fi. kontti g. kontin (wie auch est. 
kont 'knochen') eine Verallgemeinerung der schwachen stufe (zu 
\'ergleichen: fi. otsa "stirn" ^^ li\'. ifni-^a. vcntsa). 

Auch der dritte typus (mp, nt, i^k) zeigt in mehreren 
sprachen (im Ip. ausser dem IpK, im syrj.-wotj. und ung., pas- 
sim im tscher., wog., ostj.) schwund des nasals, aber nicht 
ganz konsequent (bemerke zb. ung. domb 'hügel' '-^ wog. tömj) 
'insel, hügel'; wotj. dorjgini 'stossen' ^ ung. dugni; andererseits 
tscher. ludo 'ente, gans' '--' fi. lintu 'vogel', tscherB iiclätj 
'sehne' ~ fi. jänne; vgl. dazu noch ung. lägy 'weich, gelind' 
'--^ langy, langyos 'lau', wog. lai'imme 'lau werden'; ung. 
hangya, hangyal 'ameise', wotj. ^ku^il'i, kuzil'i, syrj. kodzil, 
fi. kusiainen -- ung. hügy 'harn', IpK ^konc, wotj. ^kls, syrj. 
kudz). Obgleich hier auch einige andere möglichkeiten vor- 
liegen, dürften auch die formen ohne nasal auf die starke 
stufe, die formen mit nasal auf die schwache stufe zurück- 
gehen. '- In der schwachen stufe hinwieder muss wenigstens 
die prädisposition zu einer assimilation zwischen 
den komponenten {nun, iin, //ly) uralt sein (vgl. zb. 
mord. sethöä ^' (Reg.) semä 'all', imta 'ackerbeet' ■-^ wotj. uho 
'gartenbeet', kundo 'deckel' -^ sel'v'ie-kuno 'augenlid'). 

Dass schliesslich noch die geminierten und nicht- 
geminierten nasale voneinander geschiedene reihen bildeten, 
wird besonders durch das lappische und finnische bewiesen. 

Zwischen diesen vier reihentypen sieht man aber verschie- 
dene Vermischungen : 

a. X'ermischung zwischen den typen 2. u. 1.: fi. am- 
moin •^ ung. 6. Diese Vermischung ist unter den nasalen 
stark vertreten. 



' In dem Vortrag wurden einige andeutungen über die hedeutung 
des zweiten komponenten der konsonantenverbindungen für den Stufen- 
wechsel gegeben (über kt > tt, pt > tt, pk > kk, tk > kk, ts > ss, ks > ss 
in der starken stufe usw.); sie werden hier der kürze wegen weggelassen. 

[' Über die formen gy - ngy vgl. jetzt jedoch den zweiten Vor- 
trag unter /its.] 



10 E. N. Setälä. 



b. Vermischung zwischen dem 3. u. 1. typus: fi. tynki 
'endchen' ^' tyvi 'wurzelende' j fi. hanki 'gefrorene schneerinde' 
'^ Ip. cuoT^o id. ! fi. köngäs 'Cataracta' -^ Ip. gsevries, gsevnjes 
id. I Ip. baggoi 'tetrao bonasia' -^ fi. pyy id. wotj. totjgov, tiirjgon 
'schloss, hängeschloss' r^ syrj. toman. Hierher gehört auch 
mord. ijg statt ^, tscher. rjQ statt rj, wog. u. ostj. rjh usw. statt 
ly, wie auch ung. g (<< ryg) in jeg, eger usw. 

c. Vermischung der reihen 1.-3. mit 4.: wotj. tipi 'eiche' 
(<; *tBmp2m) .^ fi. tammi, mord. üimo (2. reihe) mord. kopl- 
dums, fi. dial. kuppasoo (4. reihe) --^ mord. kumboldoms, fi. 
kumpuaa (2. typ.) I mordE tiieh^j, ^hekev, thekeif^ M thetci 'zu- 
rück' (4. reihe mit Ick << nkk) ^-^ mordE ihejl'e 'später' (1. reihe). 

IV. Die angedeuteten ausführungen liefern folgendes er- 
gebnis: ebenso wie der Stufenwechsel der klusile (/• ^^ y usw.) 
muss auch der Stufenwechsel der nasale zugleich sowohl quan- 
titaüv als qualitativ gewesen sein. Die nasale enthalten ja 
auch ein klusiles element (die mundsperrung) ; die schwache 
stufe war durch die aufhebung des klusilen elements 
charakterisiert und hat schliesslich auch ihre nasalität ganz 
verloren. 

Das Schema könnte also folgendermassen dargestellt 
werden : 

m -^ ß_> ß [oft > v] 
n ^ />.?(J[> 0] 

n - ^i > ^' [> j\ 

V '^ Y. > Y [>v, j] 

Wie die schwachen stufen brücken zu Vermischungen 
bildeten, ist einleuchtend. 

Die brücken der Vermischungen der verschiedenen quan- 
titativen reihen werden aus folgendem schema ersichtlich: 

mpp -w' vip ntt r^ nl jjl'Jc — - ijk 

mp '■^ mm nt ^-^ nn fjTc ^ lyiy 

mm '-^ ni nn ^^ n /jtj .^ ^ 

m '-^ ß^ n '^ d^ V '^ Y^ 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 1 1 

y. Wenn einmal der Stufenwechsel der klusile und na- 
sale unter anderem darin besteht, dass in der schwachen stufe 
das „klusile" dement aufgehoben wurde, so könnte man im 
voraus annehmen, dass eine ähnliche betrachtungsweise auch 
auf die anderen konsonanten anwendbar ist. Sie sind ja alle 
jedenfalls mundengelautc; in der schwachen stufe wäre also 
eine erweiterung der mundenge (bezw. bei 1 die aufhebung 
des teilweisen mundschlusses) vorauszusetzen. Auf eine nähere 
darstellung dieser umstände wird in dieser kurzen Übersicht 
verzichtet (belege für 1: fi. oon 'ich bin', tuun 'ich komme' -^ 
ölen, tulen in vielen ostseefinn. dialekten, ingr. 6u, ut 'ich bin 
usw."; iüe72, tut 'ich komme usw.' -- tuUd 'er kommt'; wot. cn, 
iutten: ung. vaok 'ich bin'; vielleicht hat weps. u. peim. / > v 
wie auch mordE kavt ^^ kalt 'die fische' (pl.) usw. damit zu 
tun für j: fi. kjry 'schlänge' r-^ mord. Mjov ^^ ung. kigyö 
tscher. muam, moam 'finden' -^ mord. mujems, mujdms, weps. 
muiada 'tasten'; sonst viele j- --^ 0-fälle im tscher.; teilweise 
gehören hierher die j- ---' 0- und v- '^ 0-fälle im finn.). — Bei 
den Sibilanten (wie bei den klusilen) war der konsonant der 
schwachen stufe zum unterschied von der starken stimmhaft 
(.s- ^^ 2, l' .~ i, S -^ i, .§ '^ I) ; ausserdem war wohl jedoch ein 
-unterschied im engegrade vorhanden, wie der Übergang der 
Vertreter der schwachen stufen zu h [z ^ h. wie im fi. lähellä 
'nahe' zu läs-tä) oder zu j (i > j, wie Ipl gen. ä'je ^ lece 
'der vater', vgl. estS ezä; IpL eime 'wir nicht' ^ 3 sg. ittsl 
"er nicht"; mordE ejin [eii'i] "ich nicht' — ez "er nicht'; S >> j, 
wie Ipl vaje 'zorn' mit Verallgemeinerung der schwachen stufe 
.— ' IpN vasse mit Verallgemeinerung der starken stufe) beweist. ^ 



' Die ergebnisse des referierten Vortrags wurden in dem neuen 
Vortrag am 24/2 u. 23/3 1912 kurz rekapituliert. Dabei wurde von dem 
vortragenden ganz besonders hervorgehoben, dass auch im lappi- 
schen niclit nasalierte formen den nasalierten der an- 
deren fiugr. sprachen zur seite stehen (zb. Ip. awe, vivva usw., 
von denen wenigstens das erstere auf keinen fall durch entlehnung aus 
dem finnischen erklärt werden kann). 



T2 E. N. Setälä. 

über den Stufenwechsel im samojedischen. 

Vortrag am 24/2 u. 23/3 191 2. 

Die auf finnisch-ugrischem gebiet gemachten beobach- 
tungen über den qualitativen Stufenwechsel der nasale und 
liquidae gaben den Schlüssel zu einem weiteren ergebnis. Als 
der vortragende im herbst 1910 an der Universität Helsingfors 
ein neues koUeg über die Stufenwechseltheorie mit beachtung 
der neuen ergebnisse begann, wollte er sich überzeugen, wie 
es sich eigentlich mit dem samojedischen konsonantenwechsel 
verhielt. Da die seit alten Zeiten bekannten wechselfälle der 
klusile (und s) im Tawgy-samojedischen nicht überzeugend 
waren, wandte er jetzt in direktem anschluss an seine ergeb- 
nisse auf finnisch-ugrischem boden seine aufmerksamkeit den 
nasalen zu und machte sogleich beim ersten blick die beob- 
achtung, dass im samojedischen ein Wechsel der nasale ganz 
nach demselben prinzip wie im finnisch-ugrischen zu konsta- 
tieren war, mit dem unterschied nur, dass hier alles noch 
deutlicher vorlag. Diese beobachtung führte bei einer näheren 
Untersuchung zu dem ergebnis, dass der Stufenwechsel im 
samojedischen wesentlich von derselben art ge- 
wesen ist wie im finnisch-ugrischen. 

Die methode, welche von dem vortragenden befolgt wurde, 
wird mit anführung der belege im folgenden dargestellt. ^ 



^ Die liauptquellen sind natürlich die beiden arbeiten von M. A. 
Castren gewesen: 

M. Ai,EXANDER Castrkn'.s Wörterverzeichnisse ans den samojedi- 
schen sprachen. Bearbeitet von Anton Schiefner. St. Petersburg 
1855 [die im »Vorwort» referierten Sammlungen \on Middendorff 
w.erden Midd. zitiert); und 

M. Alexander Castren's Grammatik der samojedischen spra- 
chen. Herausgegeben von Anton Schiefner. St. Petersburg 1854. 

Dabei sind jedoch aiich die Originalaufzeichnungen von C.\STREn, 
welche in der bibliothek der Universität Helsingfors aufbewahrt wer- 
den, häufig zurate gezogen worden. 

Ü'ber das jurak-samojedische bietet das Wörterverzeichnis von 
BUDENZ .Jurak-szamojed szöjegj-zek» (NyK XXII 321-76) mit den von 
ihm gesammelten sprachproben (text, Übersetzung und bemerkungen : 



J 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 13 



Die nasale. 

I. Die verschiedenen samojed Ischen sprachen 
zeigen abwechselnd formen mit und oline nasal. 

m- fäl Ic : 

1. Neben fällen wie samJ "ameadm, "ameädm, T nimi- 
rim, ( ) nimarj, nymaT) etc. K nimerrim 'saugen' ' (zu fiugr. 
ostj. em-, ung. em-, ti. ime-, syrjP nim-, Ip. njammat-) samJ 
jämau "anpass, krank sein' (fiugr. Ip. jabmet 'mori", mordE 
jommns, M jamams^ iinams 'umkommen', tscher. jomam 'ver- 
schwinden') samO körn, küm, köm'a "hart", K komderam 

' Vgl. jedoch abgeleitete u. flexionsfoniieii mit einem anderen 
konsonantismns unten. 



»Adalek a juräk-szamojed nyelv ismeretehez->, XyK XXII Sl-i 12) einige 
interessante beitrage [zitiert: Kan. Bud. = die kaninsche mundart, 
nach den aufzeichnungen von Budenz; Reg. = die von Budenz ver- 
öffentlichten aufzeichnungen von Reguly über die muudart am Ural]. 
Die formen dieser aufzeichnungen werden in der regel nur dann ange- 
führt, wenn sie etwas von besonderem interesse enthalten. 

Von den älteren aufzeichnungen über das samojedische sind die 
folgenden benutzt worden : 

NicOLAES WiTSEN, Noord en Oost Tartarye. Amsterdam 1705. 
»Samojeedsche woorden en benaniingen >, p. S91-2 (ein jurakisches Wör- 
terverzeichnis). [Zit. WlTSEN.j 

Philipp Johann von Strahlenberg. Das X^ord- und Östliche 
Tlieil von Eurojia und Asia. Stockholm 1730. Der anhang »Gentium 
Boreo-orientalium vulgo Tatarorum Harmonia linguarum enthält ein 
kleines wörter\'erzeichnis aus verschiedenen samojedensprachen. [Zit. 
Strahlenberg.] 

August Ludwig Schlözer, Allgemeine Xordische Geschichte. 
Halle 1771. "Samojedisches Wörter-Register» p. 297-300 (»Die Wörter 
sind eigentlich von den Mesenischen Samojeden»). [Zit. Schlözer.] 

P. S. Pall.\s, Linguarum totius orbis vocabularia comparativa ; 
Augustissimae cura collecta. Petropoli 1786-9. Besonders wichtig sind 
die notizen über die ausgestorbenen dialekte: das taigische, koibalische 
und motorische. [Zit. Pallas.] 

Petrus Pall.^s, Zoographia Rosso-.Asiatica. I-III. Petropoli 
MDCCCXI. [Zit. Zoogr.] 

Julius Klaproth, Asia Polyglotta. Zweite Auflage. Paris 1831. 
Motorisch-koibalisches Wörterverzeichnis (wurde während des aufent- 
haltes des herausgebers in Sibirien auf befehl des grafen Johann Potocki 



14 E. N. Setälä. 



'härten' (zu ung. kemeny etc.) J lamadäu 'leiden' (zu fiugr. ü. 
lama 'status debilis', IpN labme' 'debilitas') samJ num 'him- 
mel', O nom, nop (p <C -m) 'gott', K num 'donner' (Pallas 
'gott', Atl. 'himmel') Koib., Taigi, Mot. num 'himmer (Pal- 
las Taigi 'gott') (tiugr. ostj. num etc. 'das obere', wog. 7ium. 
entlehnungen aus dem sam.?) | Atl. „Turuchansk" chammara 
'hand' (fiugr. Ip. goabmer 'pugnus', mordE komoro 'handvoll", 
M Reg. komer 'bündel hanf", kurmes 'die hohle hand", tscher. 
^Jcormf)z etc., fi. kamahlo) usw., wo man nur ein m gegen- 
über dem fiugr. -m- findet, gibt es eine grosse anzahl von fäl- 
len, wo einem fiugr. m (-«- ß) in den samojedischen sprachen 
teils m, teils aber v, u, b, entspricht, und zwar in derselben 
samojedischen spräche in einem fall m, in dem anderen v, u, 
b, 0. Beispiele: samJ nim, nim, num, nem 'name', T nim, O 



zusammeugetragen), p. 155-9. Kamassisches Wörterverzeichnis au.s dem 
tagebuch Messerschmidts 172 i p. 160-1. Tawgi-wörter aus dem tage- 
buch Messerschmidts 1723 p. 161-2. Wörter von den »Laak- oder 
Gänse-Ostiaken» nach dem tagebuch Messerschmidts 1723 p. 162-3. 
Ein kleines vergleichendes samojedisches Wörterverzeichnis p. 140-6. 
[Zit. Kl.\pr.] 

Julius Klaproth, Asia polyglotta. Sprachatlas. Zweite Auflage. 
Paris 1831. Besonders bemerkenswert sind die notizen aus den ausge- 
storbenen dialekten der -> Kamaschen >, Koibalen», Taigi», »Motoren . 
[Zit. Atl.] 

Einige vergleiche von fiugr. und sam. sprachgut findet man schon 
bei Klaproth; ausser den von Castren, Lixdström und Donner 
gemachten Zusammenstellungen sind die wichtigsten älteren Verzeich- 
nisse von fiugr.-samoj. wortvergleichungen diejenigen von I. Haläsz 
(»Az ugor-szamojed uyelvrokonsäg kerdese», N\-K XXIII u. XXIV, 
1893-4) und B. MUNKÄCSi (»Adalekok a szamojed-ugor nyelvhasonlitas- 
hoz», NyK XXIII, 1893). Bemerkenswert sind auch die Untersuchung 
von Z. Gombocz »Adalekok az obi-ugor nyelvek szökeszleteuek eredete- 
hez» (NyK XXXII) und der kurz vor meinem Vortrag erschienene auf- 
satz »Zur finnisch-ugrisch-samojedischen lautgeschichte» (Festschrift f. 
Vilhelm Thomsen am 25. jan. 19 12 dargebracht). Un gedruckt sind 
zwei vor meinem Vortrag gehaltene öffentliche vortrage: »Sprachliche 
beitrage zur beleuchtung des Ursprungs der lappischen renntierzucht > 
von Konrad Nielsen (21/5 1910) und »Altaische lehnwörter im samo- 
jedischen; von K. R. Donner (18/3 191 1), welche auch samojedisch- 
finnischugrische Wortzusammenstellungen darboten; diese vortrage 
kenne ich nur durch anhören in den Sitzungen, wo sie gehalten wur- 
den. Die Untersuchungen Heinr. Winklers behandeln nicht die laut- 
geschichte. — Wegen der von mir angewandten latitgeschichtlichen me- 



über art, umfang, u. alter d. Stufenwechsels. 15. 



nem, nime, nim, (X) nep, K nim, Koib. nim, Mot. nummede -^ 
Jn. (Ch.) ni' g. nio', (B) nu* (fiugr. fi. nimi etc.) samT nomu 
'hase', O (Jel, B, Tas., Kar.) noma -- J nawa, O (N) newa, 
(Tsch.) nuo, (K, NP, MO) no, Jn. naba, naba (ttugr. Ip. ujoam- 
mel, ung. nyiil usw.) | samJ (Knd.) simea 'leim', T jimi, O (B) 
Cime, (Tas.) ijme, 1:üme, („Laak" Klapr. 162) dzumm ('fisch- 
leim'), K nimä -- J jibea, jibi, jiwie, Jn. ie, ji, O ceu, ien, 
t;ou, t;euwa (fiugr. fi. tymä usw. mit anlautendem d', siehe NvK 
XXVI 435) samT name "mutter', O (B) ämä, (Jel., Kar.) em, 
(Tas.) eme, Mot. ima- in imam (Pallas I 12 immeda), Koib. 
(Pallas ibid.) imad, Taigi emme, (Pallas) emma, ima- in imam 

thofle habe ich jedoch das ganze saniojedische material, unaljhängig 
von den Vorgängern, von neuem durchnehmen müssen. 

Obgleich mein vertrag, auf zwei Sitzungen verteilt, im ganzen ca. 
vier stunden dauerte, war es doch unmöghch alle belege zu geben; 
nur die typischsten wurden mündlich angeführt. Ich will jedoch be- 
merken, dass die methode selbst in dem Vortrag au.sführlich dargestellt 
wurde. Auch die wichtigeren etymologien wurden ausdrücklich her- 
vorgehoben; ua. Zusammenstellungen folgender Wörter: aivo, ung. all 
'mentum', äimä, enä, Ip. hakse "odor', ung. fei "gefährte', ung. hügy 
'Stella', jälsi, kadota, kainalo, kalma, kantaa, katku, kemeny, .syrj. komi 
'syrjäne', ung. köd, kulkea, kulma, kumpuaa, kurki, kuse-, kusiainen, 
lansi, mätäs, nisä, syrj. med lohn', odottaa, otava, ovi, panka, pivo, povi, 
pää, pohkea, poski, tscher. puckinza^ 'zwirn drillen', sisä, sisilisko, sitoa, 
suksi, syrj. sus 'pinus cembra', Ip. suoskat 'kauen', suvi, ung szög, ung. 
tö, est. tötkes (ung. tat', tymä, unohtaa, vasen, tscher. won^em 'transire', 
tscher. wondo 'stengel'. Es war ursprünglich meine absieht in diesem 
referat meines Vortrags nur diejenigen belege aufzunehmen, welche in 
dem vortrage selbst mündlich angeführt wurden. Nach genauerer Über- 
legung schien es mir jedoch angebracht alle wichtigeren von mir gesam- 
melten belege hier einzureihen und auch sonst das mündlich oft nur 
angedeutete etwas näher auszuführen, auch deswegen, weil eben zwei 
junge forscher auf dem samojedengebiete neues und genaueres material 
.sammeln und es für sie vielleicht von bedeutung ist auch die fragezeicheu 
kennen zu lernen. Besonders habe ich auch die belege aufgenommen, 
die ich für einen Vortrag in der Jahressitzung der Finnisch-ugrischen 
Gesellschaft am 2. dezember 1912 Ȇber den gemeinsamen Wortschatz 
der finnisch-ugrischen und samojedischen sprachen», für welchen ich 
den samojedischen Wortschatz von neuem durchging und in welchem 
auch viele finnischugrisch-samojedische wortvergleichungen angeführt 
wurden, sammelte. — Hier werden die belege nach meinen aufzeich- 
nungeu (kurz ohne nähere semasiologische begründung) augeführt. 

Die abkürzungen sind hauptsächlich dieselben wie bei C.\stren 
und wie sie sonst gebräuchlich sind. E. N. S. 



i6 E. N. Setälä. 

^^ J nebea, niebea, niebea, (Kan. Bud.) nevea (Witsen newee, 
ScHLözER 52 mwä), (N) au, (00, Tschl.) eu, (MO) eu, (NP) 
äwue, Jn. e' g. ea, T (anrede) na'a (fiugr. fi. emä usw.) samT 
kamagu 'liegender baumstamm', ? J hämjü, hämgü 'sich herab- 
lassen, herabkommen, fallen', (Kan. Bud.) hämy-, gämyj-, (Reg.) 
gami- -^^ J hawadau, hauwadäu 'umstürzen', hauha, hauhy lie- 
gendes holz', Jn. köha 'liegender bäum', (Ch.) ka'alabo, (B) 
ka'arabo 'fällen, umwerfen', ka'eo, ka'ebo 'sich herablassen, 
abfahren', (Ch.) ka'ero "fallen' (fiugr. fi. kumoan usw.) samO 
kum, kunie, kup, kop 'mensch' ^^ ? J hüweri, hüberi (od. ? habi 
'ostjake, knecht, diener', Reg. habej, habi "wogule", Kan. Bud. 
habinie, habedne, habidnie, havidne 'weib') (zu fiugr. wog. ynia 
'mensch, mann', syrj. komi "syrjäne", wotj. kum in sara-kum 
'syrjäne') samO (B, Tas.) nimarä, (Jel.) fiinier, (Kar.) nimere 
'eine kleine rnückenart' — ■ samO (MO, K) neure, (Tsch., 00) 
neureä, (NP) rduri, J niberu, (Reg.) nibru (fiugr. ?syrj. nomsrr 
'wurm, made', wotj. ^numlr, ^ nomer id. oder vielleicht zu wog. 
'^('(im-uj, l'äm-ojkir 'mücke', wotj. l'wn 'kleine gelbliche fliege; 
bremse", est. tümm g. tümmi 'grosse mücke', siehe Wichmann 
FUF XII 132) J pamea 'scharf, T fomagä, K phami, phö'mi 
--- Jn. fo'e (fiugr. IpX bubme 'subula' — weist samK auf eine 
konsonantenverbindung hin ?). 

vSamojedische fälle ohne (bekannte) fiugr. entsprechung: 
samT "ameai 'anderer', K ami, äme --^ J näbi etc. O äu 
etc. I samJ "um, (Kan. Bud.) um, um 'gras', .'' Koib. nom — Jn. 
""üo (Atl. „Jurazen" t|uo, „Mangaseja", „Turuchansk" t]Üo) 
samJ hem, yesijn, höm, T kam, O kam, kam, käme, kem, kap 
'blut', K khem, Mot. kem, Koib. kam -^ Jn. ki, ki kämia 
'flachs' '^ käwia (zu kam 'leinwand') samO (Jel, B, Kar.) 
kamil- od. (Tas.) kamel'-porg *hemd" ^^ (Tsch., 00) ka-porgo, 
(N) ka-porg, (NP) kawaima (zu kam 'leinwand') samJ haem 
'kurz", (B, Jel.) kämeee, (Tas., Kar.) kämete, (Tas.) kame£ä, 
K khem- in khemzaga, Jn. (B) kemil'aku id., kemiddeo "kürzer 
machen' ^ J haebit;, haewic 'kurz', T ka'al'iku, Jn. (Ch.) 
ke'el'aiggu, Jn. (Ch.) ke'eddibo 'kürzer machen', kawek, 
kauka etc. samMot. kuma 'ohr' -^ Koib. ku, K ku, O (X) 
kö, (Tschl.) kuo, (Jel., B, Kar.) kü, T kou, J hä, (Reg.) ha, 
(Castr.) häwuta 'eimer", (Kan. Bud.) häuta 'mit obren verse- 
hen' samT koaimu "knochenmark', küm in let-küm, K 
khemä ^^ J haewa, (Kan. Bud.) häuva, Jn. (B) kia, (Ch.) kä | 
^amO (Kar.) nemer, (B, Tas.) nemar 'weich' ^ (MO) näwer, (XP) 
newar { samT nomu'ama 'stossen' ^ Jn. (Ch.) na'abo | samMot. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 17 

num 'söhn', K (All.) nim (Pallas hiim'i.), T (Pallas) numa 
(hjomu), (Atl.) njöma -^ J nu, T nua, Koib. ne [hierher wohl 
auch Jn. (Ch.) nio; (B) nieda, ableit.?] samT faemu 'winter- 
stiefel', (B, Tas.) peme, (Jel.) pem, (Kar.) pime, K hema -^ 
J piwa, O (N) pöu, (NP) pöwa 1 samO (N) huoma, (Jel.) suoma, 
(B, Tas., Kar.) suma 'still' ~ O (MO, K, Tsch.) sü [ samT 
samu 'mutze', J (Knd.) hama — J sawua, sauwa, Jn. soe 
O (Je!., B, Tas., Kar.) soma 'gut' adv. somar] ^^ J sauwa, 
sawa, Jn. sowa, (MO, K, NP) so, adv. söt], (OO, Tschl.) suo, 
adv. suoT], hwa adv. hwak samO (B) sümä, (Pas., Kar.) süma 
'^ (N) söwa, (NP) süwwa, (MO) süwa, „Laak"' (Zoogr. II 57) 
suiwa "auerhenne", K soje, sojä | samO (Jel., B, Tas., Kar.) 
temam 'kaufen' —^ O (N) tawap, (MO) täwau, (K) tawau, (Tsch., 
OO) tewau, (NP) täwam samT tomu 'ratte, maus" (Zoogr. 1 
173 tomüku), Jn. (Ch.) tomake, O (Jel., B, Tas., Kar.) tama, 
K thumu —- O (N) tawa, Jn. (B) tobiku (Zoogr. ib. „Manga- 
seja" towiku) samO (Jel., B, Tas., Kar.) tüme 'lärchenbaum', 
K somi, ^ O (N) töu, (MO, K) tüu, (Tsch., 00) eüu samT 
tiimi 'zahn', O (Jel., B, Tas., Kar.) tim, K thimä, Mot. Koib. 
tyme •-- J tibea, lliwie, t:ew, t:iw, (Kan. Bud.) üveä, (MO) 
teu, (K) tiu, (Tsch.) ceu, Jn. ii I samJ som, so'om 'der grosse 
bär' '^ Jn. (MiDD.) suo. Nach der '2. silbe: samT firimi 'ro- 
gen', O term, tärem, teram, terap, tyrep, K thürümä, Mot. 
Koib. türme kaviar", Taigi türmä, türmüde --^ J tiMbea (hand- 
schr. auch tjü-iwie) 'rogen', (Reg.) tiribe, (Kan. Bud.) tirive, 
Jn. t;ire, iiie. 

Ein besonderes Interesse bieten die \"erbindungen \'on im. 
Im, l'm, rm, tm dar; man findet nämlich hier dieselbe behand- 
lung des z\A'eiten komponenten. Während man in einigen fällen 
stets m tindet — zb. samK kolmu "geist der abgeschiedenen', J 
hälmer, halmer 'toter, leichnam', Jn. kameto, hameto, kamero 
'ein verstorbener, eine leiche" (fiugr. fi. kalma usw.j samJ 
nämi 'zunge' (fiugr. Ip. njalbme, ung. nyelv usw.), — gibt es 
auch hier fälle, wo in den verschiedenen samojedischen spra- 
chen ein V, u, b neben m auftritt; zb. im: samK nimi 'na- 
del', Koib. neme, Mot. ime ^ J nibea, nibea (fiugr. fi. äimä 
etc.) Ij Im: K kama' 'stirn' ■^ O kat, kät (fiugr. fi. kulma etc.) | 
samJ (Knd.) haem "äuge', T ^aime, K sima, Mot. sime, Koib. 
sima, Taigi simeda --' J saeu, Jn. sei, saiji, sai, hai (fiugr. 
fi. sümä, \\otj. sin etc.) fni: samT faemei" "dunkel", ümi'e 

' Russ. arch., perm., sib. iiiiMlJ 'canoni Il.St ().]ei!I>lL\'b KUMhl- 
COB'L', ostj. Patk. pime 'russ. filzstiefel' [?], syrj. pim, pimi 'lange, 
bis zum gürtel reichende Stiefel aus renntierfell' — lehnbeziehungen. 

Finn.-ugr. Forsch. XII. Auz. 2 



i8 E. N. Setälä. 

'es ist abend geworden', (Tschl.) pämna ^^ Jn. fei, feire, 
feide 'dunkel", J paebi id., paewy "es ist dunkel geworden', 
paewuda, -dea 'dunkel' (fiugr. wotj. 'peümU, ''penDiH^ Sar. 
*pel'mlt, syrj. pemyd, fi. pimeä 'dunkel') rm : Jn. (Ch.) komaro", 
(B) komado" "wollen', B kometabo 'lieben' -^' J haruadm, 
haruam 'wollen, \\'ünschen', T karbütum 'wollen' (fiugr. mord. 
karmams 'wollen, willens sein') samJn. jimuiTjaro", -do' 'blin- 
zeln' -^ T jarbutum \ Jn. biomo "fürst' '^ T bärba, J jeru 
etc. Jn. kami, kammu 'lärche' ^- J häru, haru, T karu 
samJ jermiea 'nicht wissen' ^^ T jaru"äma tm: samJ pea- 
mea 'baumschwamm, zunder", K phe'mä "zunder' — T fuu 
'kraut, aus welchem zunder bereitet wird; zunder', Jn. fe'e 
'zunder' (fiugr. Ip. badva od. balbma 'lignum flammeum', fi. 
patvi). Siehe näher unter den konsonantenverbindungen. 

2. Einem fiugr. m ^^ v (0 etc.) entspricht b, auf sa- 
mojedischer seite: samT kaibu 'spaten', K ko, kho 'rüder, spa- 
ten', J hu, hubacea, (Kan. Bud.) huvice 'schüpfgefäss' zu mord. 
koime, tscher. kol'mo, Ip. goaivvo, wotj. kiij, siehe oben p. 4) j 
samO pö, pü "warm' zu fiugr. ostj. j^dvi 'warmes wetier', syrj. 
pym 'heiss, kochend', ung. fö ^-^ fövök 'coqui', mord. pijems 
'kochen', Ip. bivvat 'calorem s^rvare" | J nibi, nibi, nibi 'spinne' 
(fiugr. ostj. idm-, ii(m- in idmsärlii etc., Kaz. nims(/r-'im\, fi. 
hämä- in hämähäkki, mit hämä- <^ *jämä, IpK jeavnai etc., 
tscher. erjeremse etc.) samJ (Reg.) sjau 'schuppe' (fiugr. ostj. söm, 
syrj. -wotj. snn, tscher. Küm, Ip. cuobma '^^ mord. sav). Be- 
merke auch samJ to^ "binnensee', (Kan. Bud.) to, (Reg.) to 
'teich', tu, to 'see; der fluss Tom", (N) tu 'djr fluss Tom', 
tüje-kuaee 'die Stadt Tomsk', K thu 'see; flussarm', Mot. toa^ 
Taigi to (wohl zugleich zu dem eigennamen Tom und zu ung. 
to : tava, syrj. -wotj. ty, wenn hier va. --^ ß ursprünglich ist, ist 
im ostj. Trj. fonx, V, Vj. tux ^' DN tja etc. ein Übergang in 
die k- od. j'-reihe vor sich gegangen; gehört samO (Jel.) täma, 
(B, Tas.) teme, Jel. tim "abfluss, nebenarm" hierher?). 

n- fälle: 

1. Meistens sieht man in den sam. sprachen das n ohne 
Wechsel, zb. samJ "ynab, "iuab 'mann der älteren Schwester, 
Schwiegervater', T "inaba, Jn. inobo (fiugr. fi. anoppi usw.) 
T anie 'gross', ? Mot. ini 'gut' zu fiugr. fi. enä samT meani'em 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 19 

'wachsen', menie "hornstumpf der renntiere im sommer' (Hugr. 
IpN mannit 'emittere, producere', 'skyde ud hörn') | samT manu 
'ei', Jn. mona id., muni "weibliches geschlechtsglied', O mäne, 
man 'männliches geschlechtsglied', K münü', münü'i, munü'i 
'ei' (fiugr. fi. muna etc.) samJn. munabo 'biegen', T muni'ema, 
O mynam, menam, K münübl'äm (fiugr. ostjXi. mendt- etc.) 
J puen- in pueT|au "legen', T fanu'ama, Jn. furjabo (stamm 
fun-), pannam, pannau, pannap etc. legen', ? panannam, panan- 
nau, panannap *\erderben', K phell'im (11 <^ nl') 'legen" zu 
fiugr. ti. pane- etc. | samT fonu'a, fanu'a 'flechte', fonu'ama 
'flechten', J parialiiadm, O (K) pariannau (mit sekund. tj <; n 
+ g) zu fiugr. fi. punon etc. samJ wänajü 'liegen' (fiugr. Ip. 
vädnät, fi. venyä). Jedoch Wechsel in: samJn. manomo 'ham- 
mer" -- J ma, T mea Atl. „Tawgi" njönü "wasserratze", ,,Ka- 
rassen'" nun — „Pustosersk" nio, „Jurazen" noja, „Mangaseja" 
nojä, „Narym", „Ket", „Tymische" nü, Taigi nüie | samJ seana, 
sanu 'spiel', O säna etc., T sanirum 'spielen', Jn. senirjado etc., 
O sänirnaT] etc. '^ K sarläm (vgl. auch unten samJ tean etc. 
'ader, sehne"). 

2. ? Einem fiugr. n entspricht im samoj. 0: samJ hou, 
höti, hombiu, (Kan. Bud.) hö-, ha-, (Reg.) ho- 'finden', Jn. (Ch.) 
koabo, (B) kuabo, (N) koap, (MO) kou, (K) kowau, (Tsch., 
00; kowam, (NP) koggam, (B, Kar., Tas.) koriam, (Jel.) kogam, 
(Tas.) kombam, K ku- in kul'im zu ? Ip. gavdnat | samJ (Reg.) 
puerke "furzen" zu fiugr. ostjKaz. pönsw- etc. id., wog. ''ponhn-, 
? ung. fing. 

Zu bemerken sind die Vermischungen (unter II 2-3) und 
der Wechsel in den Wortfamilien und paradigmen. 

n- fälle: 

1. Sam. n zu einem fiugr. n ? in J täno^ tänu' 'haar- 
flechte', (Reg.) tanu "zopf" zu fi. tanu "vitta mulierum alba'. 

Sam. n mit j, abwechselnd zb. samO (B) öne, (Tas.) 
öna, (Kar.) one, on 'mutterschwester" -— (NP) oije, J nejea, 
niejea, niejea zu fiugr. ostjTrj. ''qndJf'C etc. 'frau des älteren 
bruders; Stiefmutter" etc., wog. an etc. oan etc. 'grossmutter, 
frau des mutterbruders' etc., s\TJP an 'mutter des mannes", 
mordE niz-ana 'Schwiegermutter"; IpK "'vlfjui'te "frau des älteren 
bruders", X oaT^T^je, ung. anya 'mutter; 'Schwiegermutter', bezw. 



20 E. N. Setälä. 

ängy "Schwägerin; die frau des (älteren) bruders od. eines jeden 
älteren verwandten' | samJ nän, (Reg.) nan 'brot', O (N) nan, 
(B, Tas., Kar.) nän, Atl: „Tomsk" njäi (Pallas: hahl, Hbafi) 
„Narym" njäi (Pallas: Yihiin), „Ket", „Tymische" njai (Pallas: 
HL/Mi) (vgl. ostj. nun etc., syrj. /ki/t; lehnbeziehungen) samJ 
tüne, tuna 'Hochzeit' (Pallas Pustozersk tohfo, TKHry 'opaKt") 
—•• K thoi zu Ip. soagi^o 'petitio matrirnonii', est. saja, säj "hoch- 
zeit', fi. saajanainen 'brautjungfer'. 

Ebenso samJ hanea, hane', han^ 'kälte', O 'B, Jel., Tas.) 
käne, (Kar.) kän -- O (X) käi, (NP) käji samO (Kar.) känam 
'bedecken' — (N) käjap, (MO, K) käjau, (00, Tsch.) kajam 
J nineka 'oheim' -^ nieka, nieka samT fainu'am 'aufschwel- 
len' -- Jn. faeHbo', ? K phe- in phezirl'äm samO (Kar., B, 
Tas.) keiie "fischsuppe' -^ (N) kai, (Jel.) kei, J jewaei, (Reg.) 
jeuvai, K mijä, mi (urspr. ? *pfH>5H; im K assimilation des an- 
lauts aus formen, wo der nasal im inlaut stand) samO pöjel, 
päjel, puajel 'brautschatz' '^ (B, Tas., Kar.) pönel samO (B, 
Tas.) Sana 'eberesche' --^ (Tsch., XP) saipa. 

2. Einem fiugr. n (-«- 0) entspricht im samoj. j, 0: samJ 
häjel, haijel, hajal 'träne', K kejel, T käle, Jn. köH, koiri, O 
(X) -gai in sain-gai zu fiugr. fi. kyynel, Ip. ganjal, ung. könny, 
wotj. 'i'Jc'/l'l I J mejea, meje, meajea 'Schwiegertochter', T meai, 
K meji, Jn. me, mi zu fiugr. ostj. diüh' etc., wog. manä, ung. 
meny, syrj. tnon, inuii, u'otj. meh in ^ici-me/t, ken-men, fi. miniä, 
IpL maiine-, K mani'ta, mann. 

T] -fälle: 

1. In einigen fällen entspricht einem anzusetzenden fiugr. 
T] {-^ schw. st. ohne nasal) sam. 'r\ (bezvv. samJ -\ samO -k 
< -rO. samJ na\ (Knd.) narj 'mund', T "äi], är], oar], earj, 
ak, K ari "mund', Koib. ari (Kiapr. 143, an 157, Atl.), Taigi 
äride (Pallas 3nr.i,e) (fiugr. ostj. orj, fi. ovi etc.) ! .samO (MO) 
soTj 'eiskruste', (K, XP) so-na, (Tsch.) sotio, (B) coiia, (X) sok 
(fiugr. Ip. cuoT]0, i\. hanki) samO sai^am 'schmecken' (fiugr. 
wot). ^zi'-rj, ^z>m, ung. szag) samO (Kar.) sut], (B, Tas.) suk 
'nacken', ? K süksüri zu .' ? IpS Lixd tjnw "gula, guttur" samO 
lai^as 'lederbedeckter Schneeschuh', (fiugr..- Ip. doavdnje "invo- 
lucruni" od. ? dnogT|at "fiicken'). 

Meistens erscheint jedoch abwechselnd in einigen samoje- 
densprachen t| (bezvv. ein anderer nasal, vgl. unten), in ande- 



J 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 21 

ren hinwieder j, v, b, 0: samJ na-qu "Icinn, kinniade', Jn. (B) 
naTju 'kinn, backenknochen", K OT|ai 'kinniade', Taigi iiriüsta 
^ J handschr. njaanguh od. njaavuh, pl. njaangu'uh od. njaa- 
vu'uh, Jn. (Ch.) eu, O (N) aol 'hals', (MO, Tschl.) awai, (K) 
awoi (fiugr. ostj. oijdA etc., wotj. at]les, wog. ulS. ung. all, Ip. 
oalol, mord. ulo etc.) { samO (N, NP, Jel.) muiiat "busen', 
(Tschl., B, Tas., Kar.) muTiet -- (Tsch.) müt, J mä', ma', 
K mü\ mü'i (hdschr. mu'i) (fiugr. Ip. buogria etc., vgl. auch 
besonders ostjNi. pfiyjf, Kaz. poy^U etc.) samJ ta' 'sommer', 
tai^y "auf den sommer bezüglich', taT|orT|ädm 'den sommer zu- 
bringen', T taT]a 'sommer', O (B, Kar., Tas.) täty, K theria, 
thaTjarram 'übersommern' ^^ J (Kan. Bud.) tauko, tavuko 'som- 
mer', O (N) tai, Jn. tö, töaro 'den sommer zubringen'; samJ 
tariad, (Re(;.) tarjeta 'sommerstiefel' -^ Jn. töri, tödi (fiugr. ostj. 
tut], ioT) etc., Ip. säT|äs 'liquefactus', fi. suvi) samT biriiT], biTji 
"Schwiegersohn' ^ J (Knd.) wii, jii, (Kan. Bud.) jij (fiugr. ostj. 
tfetj, tscher. ßitje usw.) O (Tsch., 00) küur], (NP) küri 'gehirn' 
-^ J ? "aewaei, T d'ia, Jn. (Ch.) ae, (B) ebe --- ? K huju (fiugr. 
Ip. vuoiT]araas, fi. aivo) samJ 1:uT]udm, tlüriudm 'angehen, kom- 
men, eingehen' ^ 1;üdm, t;üwy 'gekommen' (fiugr. Ip. suogiiat, 
oder viell. eagriat 'einkriechen') samO tarien 'von untßn', tai^el, 
tai^i 'das untere (am fluss)' '^ J ta- in tasi' etc. 'abwärts", 
(Kan. Bud.) tasi, (Rag.) täsi, K the- in theze 'hinunter' etc. (? fiugr. 
wotj. diT], din 'unterer teil, des baumstammes; flussmündung', 
syrj. d'yn etc. id., ung. tö : töve, fi. tyvi) | samK sir] 'zeltwand 
der tür gegenüber' -- J si' (.' fiugr. Ip. eagtia g. caT^a 'unus 
quisque quinque asserum, quibus in interiore parte januae affixis 
linteum januae distenditur', ? ? fi. sivu) samO seäT^ä 'ecke' ~ 
J siejea (fiugr. ostj. sirt] etc., una,'. szög, szeg). Dazu noch J 
peai^, pieri, pe', pie' "die fiache band', T fearj, K pherj ^ Jn. 
(Ch.j feo, (B) fe, pe zu fi. pivo 'die hohle band", wovon auf 
fiugr. Seite keine form mit nasal vorkommt. 

Einen ähnlichen Wechsel findet man oft auch in Wörtern, 
bei denen eine fiugr. entsprechung fehlt oder wenigstens nicht 
bekannt ist: samT ji-ni "knoten' -- Jn. (Ch.) jü, (B) ju samO 
kÜT^e 'reissende stelle im fluss', küurinan 'es fliesst reissend", 
kÜT|nan id. --^ küu, köu 'reissende stelle im fluss' | samJ hari 
'donner', K khäii, Taigi kar^ (Pallas KanrL), Mot. (Pallas) 
Kl HFL (Klapr. numgaTja 'blitz') --^ J hae, T kajuat], Jn. ke* g. 



2 2 E. N. Setälä. 



keo\ gen. kän zb. in kän-nom 'donner' T kiT^ 'nabel', K 
SETI '--' J sun, (B, Tas.) sön, (Kar.) sün -^ J su, Jn. sü', 
O süi, söi ^' O (X) sör samJ naT[ota 'dick' ■^ näwota samJ 
natiahaei 'taimen', (Zoogr. III 359) nengahai "salmo fluviatilis" 
^ nehai | sam. (ib. I 115) ssink "phoca canina" -^ „ad Jeni- 
seam" sje, si | samO (00, MO) taT| 'berg' — O tä O („Laak" 
Klapr. 163) tyT| 'taimen' '^ K teji J wätiu" 'verstand' /~ J 
(Kan. BuD.) väu- in väusi "ohne verstand' J parei^öda 'kaiser' 
• — J (Kan. BuD.) päruvada-gabedne 'kaiserin'. 

2. Einem fiugr. t| {'~^) gegenüber findet man im sam. 
nur formen ohne nasal: samT kal'iT] 'armhöhle', K kälarj (fiugr. 
tscher. Jcotjla etc.) samK khi 'mond', Koib. kuii (kyii 'monat'), 
Taigi kistin (Pallas khuitiihl), Mot. kistit (Pallas KiiuiTüTb), 
O (Kar. Pallas) KiicinTt, KuuiTHTb (fiugr. mord. kotj, ung. ho 
'^ hava, fi. kuu) | samJ nie, ne 'weib", T ne, Jn. ne, neä 
Trau', nei-kum "weib, frau", K ne, ne 'weib' (zu fiugr. ostj. 
netj etc., ung. nö etc.) samT feai, feae 'ende, gipfel, äus- 
serstes', ?J peau 'anfangen' (zu wotj. puT|, fi. pää etc.) samK 
pi- in pize 'Haselhuhn' (fiugr. ostj. pengh etc., ung. fogoly, Ip. 
baggoi, fi. P5^) samT bie, bia 'wind', J pyu 'frühlingswind" 
(fiugr. IpK pJrjk) samO kuei, kuai, kuaji 'seele". kuejamaT], 
-nak 'atmen', T bat;u', bait;u", K mäje 'seele, dunst, kind' 
« urspr. ^ßnirjü, mit assimilation des anlauts in K) (fiugr. Ip. 
vuoigT|a 'spiritus, anima' etc.) samO si, sibo-kare 'schäum', 
si, sibon-gare zu fi. tscher. &ori. 'schäum", ^sowo 'kofent", mord, 
sov, tsov. tso)j, fi. hiiva) samJ si 'loch', puije si^ "nasenloch", 
T sie, Jn. sie, K si, O sot;er (t; <C j) (fiugr. ostj. sut] : noi-s. 
'nasenloch', Ip. sieT|Tja : njunne-s., fi. sierain). Postkonsonan- 
tisch: siehe unter den konso-nantenverbindungen. 

Die angeführten belege weisen deutlich darauf hin, dass 
ursprünglich ein Wechsel zwischen den nasalen und 
nicht nasalen formen stattgefunden und dann die 
eine oder die andere form durch ausgleichung ge- 
siegt hat. 

II. Auch im samojedischen, wie im fiugr., ist, wenn man 
die sam. sprachen unter sich oder mit den fiugr. vergleicht, 
eine grosse \' e r m i s c h u n g der qualitativen reihen zu 
konstatieren. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 23 

1. Vermischung zwischen der r[- und m-reihe: samJ 
nemaei, niemaei "gehirn' (vgl. 'aewaei id., wenn dies nicht 
eine ableitung \on "aewa 'köpf ist), O küm -— (NP) küT] 
etc. (fiugr. Ip. vuoiTiamas etc. siehe oben p. 5); t| ist wahrsch. 
hier urspr.) i samK (hdschr.) omoi, omoide 'kinn', T maemuadä 
— J, Jn. naT]u, K OT\ai etc. (siehe oben p. L'l; hier wohl tj ur- 
spr.) I samO (Je!., B, Tas., Kar.) sime, Koib. simo 'asche' -^ 
K sÜTiö --- O (X) siu, (MO, Tsch., 00) siu, (XP siwa) samJ 
narievi, (Rkg.) naT|emta- 'gähnen', O (Jel., B, Tas., Kar.) ätiarj 
'^' O ämak, ämbak, ämmaTi (gehört hier -m- zum stamm oder 
nicht.?), K ämoiram zu IpK üiymneze, ^rumse- 'gähnen', tscherB 
onie'stäni) | samO naT\a 'ton, lehm' zu IpK namii, I njaja id. 

2. Vermischung zwischen der t^-, n- u. n-reihe: samJ 
jinea, jinea 'riemen', (Kan. Bud.) jine, ine, T bene "riemen', 
Jn. bine, ün, üne, ünö, K minä 'riemen, halfter' -^ J (Knd.) 
"wijä' zu syrj. von, Ip. awe etc. (etwa t] urspr.?) samO kuenek, 
kuenerj 'Schwiegersohn, schwestermann' --' T biriiri 'Schwie- 
gersohn' zu fiugr. tscher. ßerje usw., urspr. t)) samO nene, 
nin .^ neu, nei, näi "angelwurm' zu fiugr. o.stjI niTjk, ung. nyü, 
Ip. .' njivdnja, urspr. t[ oder etwa n ?) samJ hyno'adm etc. 
"singen", Jn. kunu'aro ~ T kaiT|itnm samK man 'hund', 
(Pallas auch uf.ihl), Mot., Taigi bun, Koib. mian (Atl. bän), J 
wueno, Jn. bü' g. buno (Atl. „Obdorsk" uen, „Jurazen"' we- 
neku, weneka, „Pustosersk"' wynjuko, ,.Mangaseja" bünike, 
„Turuchansk" bynö) ^ T bäri, J wueri, Koib. (Zoogr. I 57) 
? maeng zu fiugr. peni usw. (urspr. n; hier eig. nur ein -n >> -tj) ! 
samK then "sehne', J tean, tön, tea", te", ti', dem. teanaku, 
Jn. (Ch.) ti', (B) ti g. tino' --' J teaT|, T täT\ zu fiugr. ung. in, 
fi. suoni etc. (urspr. n, eig. nur -n > t]) samJ t'eneu etc. 
'denken', Jn. teni 'verstand', (X, B) tän, (Tsch.) tanä, (Jel.) 
ten, (Tas.) tene, (X) tänuap 'wissen", tenerbai^ 'gedenken, glau- 
ben', (B) tänerbaiq etc., Mot. tenymgam "ich weiss' — O (X) 
tärbak, (K, XP) terbai] ~ (MO, K) tei, (NP) teiji 'verstand'. 
\aelleicht auch: samO panai, pannai ^' J päje, päi, pai "schief, 
schräg', T fajä, Jn. foijo (poijo), O (X) paceridal, (B, Tas.. Kar.) 
packalebel (über c vgl. p. 37-8), K phuidarj zu ? IpK pauAa 
'schräg, schief (adv.) | postkonsonantisch: samJ harona, harna 
.— hari^a, harrjaes 'rabe' zu fiugr. syrj.-vvotj. kyrnys etc., fi. 
kaarne(h). 



24 E. N. Setälä. 



3. Vermischungen zwischen der m-, n- (t|-) und n-reihe: 
samT "ana'btai'ema "vergessen" -^^ O emelsam -^ auol^ap zu 
fiugr. fi. unohtaa, syrj. vunny, vunödny 'vergessen' (FÜF X 64; 
urspr. n) | samT simi 'kohle' -^ J sibea in tüsibea, tunzibea, 
(Kan.) iJüsiwea, (Bud.) tüzive, Jn. sio in tüsio (fiugr. ung. szen, 
Ip. cidna, fi. siintyä) samJ 'amnaly, "amnily 'süss', K nemga 
'^ O nünä etc. ^ nui, nujidi etc. (? fiugr. syrj. jumol, jumyd 
's.üsslich', wotj. jumalo 'schmackhaft', fi. imelä 'süsslich') : samJ 
"äni, "äni etc. 'anderer' ~ T ^ameai, (B, Tas.) äme, K ami 
'^' Jn. (Ch.) eT\au -^ O (Tschl.) oau etc. 

Die belege weisen deutlich daraufhin, dass die nicht- 
nasalen stufen zusammengefallen sind und die Ver- 
mischung veranlasst haben. 

III. Man findet aber auch gegenüber der base mit 
nasal oft abgeleitete formen ohne nasal: 

m-fälle: samO (N) nemnap 'saugen' ^^ (N) neurap 'säu- 
gen', (NP) liewaram, neuwaram (vgl. Je!., B, Tas. nemamaTi, 
Tas., Kar. nimarnaT|) ' samJ "amadm 'essen' ^ ""awar 'essen' 
(subst.), "^awarriädm 'ich esse', vgl. auch '^öri^am 'essen", (N) 
amnak "essen' ^ auarnak id. (zu fi. eväs "speise, reisekost') 
samJ hem, yesun, hörn "blut" -^ hewotäu, ^ewotau 'mit blut 
beschmieren'. 

n-fälle: samJ min- in mirja-, miTje-, mindän, T men- in 
mendem 'gehen', men- od. man- in (K) mendat], (MO) 
mändat] etc. "vorbeigehen", K min- in mirjäm ^ T meajendem 
'zu fuss gehen', meajeseam (fiugr. ung. men-, fi. mene- etc. 
samJ puen- in puei^au 'legen' -- pueibt!eu, puejiblJeu "ein we- 
nig legen' (fiugr. fi. pane- etc.) | samJ (Knd.) paTjar-rim "flech- 
ten", T fonurum ^ O (X) parnap, (B, Tas., Kar.) parnam. 

11-tälle: [J hall 'donner", K khät)] ^^ samO (B) käl-nop, 
-nom, -lom 'donner'. 

IV. Aber sogar innerhalb e i n u n d d e s s e 1 b e ii p a r a- 
digmas kommen formen mit und ohne nasal vor. 
Dies geht teilweise schon aus der Grammatik Castrens, aber 
noch mehr aus seinen aufzeichnungen hervor. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 25 

-m-fälle : 
samJ nim 'name' ^ niu [handschr.] 
um 'halm' g. uu, pl. nu' „ 
Xem 'blut' g. xeu „ 

num 'gott' g. nü', akk. nüm 
jam 'meer' g. jau'. akk. jaum, jaurjaei 'ufer' 
'amadm (1. pers. sg. 1. zeit 1.) 'essen' -- imper. 2. pers. 
sg. 'au' 
samJn. omabo 'ich ass' ^' ö-T|aro (1. pers. 1. zeit. 1.) 

samO nach Castrens handschr.: 

(K) nim 'name' g. niun, pl. niula 

kum (kub) 'mensch' g. kuun, akk. kum pl. kuula 

kam "leinwand' g. kaun 

kam 'blut' g. keun 

lem 'brett' g. leun 

nom 'gott' g. nuun 

orm 'kraft' g. orn 

term 'rogen' g. tern pl. terula 
(NP) kuma 'mensch' g. kuan 

nom 'gott' g. nuan 

käma 'blut' g. keiwan 

liem 'brett" g. liewan 
■ teram 'rogen' g. teruun 
(B) nop 'gott' g. nuun 

tirep (tirem) g. tirin 

(aber: kup 'mensch' g. kumen, pl. kumet, kern 'blut' 
g. kemen, lem 'brett' g. liemen, orm "kiaft' g. ormn, 
cim 'leim' g. cimen) 
(Tas.) nom "kirche' g. nuun 

tirem g. tirin 'rogen' 

(aber: lem 'brett' g. lernen, kern 'blut' ^. kemen, kum 
'mensch' g. kumen) 
(Kar.) nop 'gott' g. nuun 

tirep 'rogen' g. tirin 

(aber: kup 'mensch* g. kumen, lim 'brett' g. limen) 
(Tschl.) lom 'gott' g. luun 

liem 'brett' g. lieun 



26 E. N. Setälä. 

orm 'kraft' g. oruun 
tärem 'rogen" g. täruun 
(N) köp 'mensch' g. kuun pl. kut 

käp "biut' g. kaun 
nöp 'gott' g. nuun 
örp "kraft" g. oruun 
terap 'rogen' g. teruun 

Aus der gedruckten grammatik und den Wörterverzeich- 
nissen : 

samO (Gr. 539-40) 1. zeit 1. pers. sg. amnak —^ imp. 2. sing, 
auk 'iss' 

samO (N) nün-äte 'wildes renntier" (eig. 'gottes renntier', zu 
nop 'gott') nün-koja 'weit' (eig. 'himmelskreis') | (B, 
Tas., Kar.) kam 'leinwand' -^ (MO, K) kaunpi etc. 

n- fälle: 
samJ (Gr. 432-3) imper. man 'sage' '^ 1. zeit 1. pers. sg. madm, 

mädm (fiugr. tscher. moneni 'sagen', IpS muonet "nomi- 

nare", ti. bei Agricola ma 'inquit') 
samJ (Gr. 413-5) puen- in 1. zeit 1. pers. sg. puetiadm (vgl. 

T fanu'ama) --^ imper. puei 'lege' 

n-fälle: 
samJ (Gr. 431-2) imper. han 'komme" -- 1. zeit. sg. 1. pers. 
hajeadm od. hajeam 

Ti-fälle: 
samJ na^ 'mund', g. na\ akk. nam (vgl. lok. naana etc.) 

samO nach Castrens handschriften: 

(K) aang "mund' g. aan, pl. aala ^ aangala 

oong 'kragen' g. oon 

kyng 'auerhuhn' g. kyun 

pong 'netz' g. poon 
(NP) ong 'kragen' g. oon 

kyyng 'auerhahn' g. kyyan 
(Tschl.) ong 'kragen' g. o'on 

aang "mund" g. a'an 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 27 

kong 'herr' g. ko'on 

kyng 'auerhahn' g. kyun 
(Tas.) kuuk 'fürst' g. kuu'un 

(aber: kyyk "auerhahn' g. kjrygen) 
(Kar.) kunk 'fürst' g. ku'un 

titer^ 'pinus cembra' g. titin 

(aber: äk, ang 'mund' g. angn) 
<B) titeng 'pinus cembra' g. titin 

(N) äk 'mund' g. an 

kok 'befehlshaber' g. köon 

ok 'kragen' g. oon. 

Die von dem vortragenden schon in dem Vortrag von 
1909 für das finnische vorausgesetzten wecliselformen nimi .^^ 
*niven (etwa *ninii -^ *nißen), *oT\i -^ oven C^oiji --^ oyeii) 
haben sich also im samojedischen völlig bewährt. 

V. Es unterliegt keinem zweifei, dass auch im samojedi- 
schen geminierte nasale vorgekommen sind; es ist ja nicht 
unmöglich, dass einige von den fällen, in welchen der nasal 
ohne Wechsel auftritt, zu den geminatenreihen gehören. Das 
ist — nach dem finnischen und lappischen zu urteilen — ge- 
wiss mit folgendem beleg der fall: (X, B, Jel., Tas., Kar.j 
ima 'altes weib', (B, Tas., Kar.) imeljä 'altes verwandtes weib', 
Koib. nemyka 'altes weib' zu fiugr. ostj. imi etc. 'altes weib', 
wog. ^ai)icil'em 'mein mütterchen', Ip. aebmoi, aebmo 'grandis', 
f\. ämmä "altes weib" etc. 

VI. Auch die Vermischungen zwischen den sozusagen 
quantitativen reihen findet man im samojedischen wie im 
fiugr. Man kann auch hier vier reihen oder reihentypen unter- 
scheiden : 

1) m ,^' V etc., Ti -^ V, j etc. (etwa m ^^ ß, rj ^' /); 
2) m ->^ m, T^ .^ T] {mm •^ in, tjti '^17); 3) [b, bb] ■-^ mb, m, 
g> gg ~ '^S, 11 {ynp -^ mb, mm, ijh ^^ t/g, tjtj); 4) k, kk --' 
■ng ('^kk -^ tjlc). Belege: 

1. Ein m-fall (Vermischung zwischen den reihentypen 
1., 2. u. 3.): samJ hawa, haua, hauwa 'bröckeliger schnee •^ 
K kamu 'schneekruste', O kämba (zu ung. ho — hawa 'schnee'). 



28 E. N. Setälä. 

2. 'ri-('r]k-)fälle : samMot. ag- in agma "mund", Koib. agnet 
'zäum' -^' K ar] 'mund\ aT^nu'd ^ 'zäum' etc. (siehe oben p. 20) [ 
samO (N) tagi, (NP) tagge 'sommer', Mot. da'gan, Koib. ta'ga — 
O (B, Tas., Kar.) tär[ etc. ~ (N) tai etc. samO (Jel.) kagar 
Teuse' >-^ (B) kariar — (N) kär (? ? zu fiugr. IpL küdfjar "spant', 
fi. kaari) samO (NP) lagge, (Jel. laga ~ (B, Tas.) läi^a, (Kar.) 
laria, („Laak" Klapr. 163) lanTie "rotfeder" ^ (N) lä, (Tsch.) 
loa, (00) lea 'plötze' [ samJn. muggeo "klumppfeil' '^ T munka 
g. muT|a -^ J muT], mueTj 'pfeif -- K mö "pfeiF zu tiugr. ostj. 
mun;i^ "axtrücken' etc. (siehe unter i^k) j samO (X) pagi, (Jel.) 
pag, (Atl. „Narym", „Ket", „Tymische") pägge •^ (MO, K, 
NP) pä, (Tsch.) poa, (00) pua 'messer' (hängt vielleicht mit 
samO pari etc. =: fi. panka, siehe unten p. 85. zusammen) | 
samT sankagä 'schwer' ^ J saTjowo, (Reg.) sar^ua --- Jn. se'ire, 
se'ide samO (K, B, Jel.) äka, (Tschl., 00) äkai, (NP) äkku, (Tas., 
Kar.) äkal-li 'kinn' ~' J naT\u etc. -- O (N) aol', (K) awoi etc. 
samO (B, Tas., Kar.) nak 'ton, lehm", (Tas.) nakka 'schlämm' 
(IpK »lam/'i, I njaja) samO (N) sekak, (B) säkari, (Tas., Kar.) 
säkkaTj 'übernachten' -- O (Tsch.) säi^aT), (K, 00) sear^ari, J 
seaTiam etc. '-^ K sä- in sälam samO (N) häkuap schmecken' 
— ' (B) saT|am, (Tas.) saTiaT^am, saT|ainbaTj, sarjatiani etc. (vgl. 
oben p. 20). 

3. Quantitative Vermischung mit Vermischung der m- u. 
T|-reihe: samO ät], äi^u etc., (Tas.) änke, (Kar.) anke 'schlaf 
— ' T 'ambu ^ Jn. (Ch.) ema, (B) noma, J nema — K alma 
(fiugr. tscher. oino, wotj. wn, un, syrj. un, on, st. -nm-, ung. 
älom etc. mit -Im- <_ dm; im sam. ist wohl ein m << Im der 
ausgangspunkt der Vermischung gewesen). Vgl. auch unter 
Im^ u. mk. 

4. Quantitative Vermischung init Vermischung der T[k-, tj- 
und n-reihe: samJn. foga, fuga "netz" ^ J porja 'netz, reuse', 
(N, Jel., B, Tas.) pok, (MO) pot], (K, NP) poT]a, (Tsch., 00) 
poiio [handschr.: samO (K) pong g. poon, aber (Nj pok g. 
pokon, pokkon], K pharja zu fiugr. ostj. piin 'reuse', wog. 
pon 'garnnetz'. 



1 Handschr. angnu'd; Wörterv. 177 druckfehler: arj na'd. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 29 



VII. Es ist noch darauf aufmerksam zu machen, dass in 
einigen fällen im sam. ein nasal (bezw. nasal mit der nicht- 
nasälen stufen abwechselnd) erscheint, wo das fiugr. keinen 
nasal zeigt, sondern entweder ein v, einen klusil oder sogar 
einen l-laut. 

1. m-fälle: samJ 'amau "essen", T ^amu'ama, Jn. omabo, 
O amnap, K amnam, amorlam, Koib. amlam (für die nicht- 
nasale stufe siehe beispiele oben p. 24), samT "amsu "speise", 
( ) aps, af, zu fi. eväs 'speise, reisekost' samO tümäktä, ttimiekt 

lunge" -- J tiwuak, tiwuak, t'iwok, t'iwy, iKan. BuD.) tivika, 
(Reg.) t!iuka, Jn. t'iji, K thu zu fiugr. fi. tävy (unzweifelhaft 
sekundär täky, täty) 'lunge", est. tävi id., liv. tän id., mordE 
tevil'av, AI tevlal, syrj.-wotj. ty samK themetöi 'ruhig (vom 
fluss. wetter)' ? ? zu fi. tyven samO tem-, tem- in temba, 
temba, tembadi "sauer" -^ J tiibeai, (Reg.) tibej, (Kan. Bud.) 
tiviej, Jn. tibä, K thebi (im T liinea gehört wohl hierher nur 
1;i- ?) zu ? fiugr. ung. savanyii etc., [\. hapan etc. samK thima 
'schwänz' ^^ J taewa, taeuwa ? ? zu fi. sapa. 

2. n-, bezw. n-fälle: samT nunu "quappe". () („Laak" 
Klapr. 163) mT|e id. ^ (Jel., B., Tas., Kar.) nüne, J nöjea, 
O nü, nuiju, K nuja, Koib. (Zoogr. III 202) nujä zu fiugr. IpX 
njäkka "Iota \ulgaris; brosmius vulgaris". 

3. T|-fälle: samJ peaii etc. "die flache band", T feari, 
K phet) ^ Jn. feo, fe, pe zu fi. pivo 'die hohle band", est. 
pihu, peo, pego (mit sekundärem g) 'handfiäche' samJ nyT|äu 

'rupfen (\ögel)', K nirieräm, J (Kan. Bud.) nygba fiugr. ung. 

nyö, nyü "raufen, rupfen", fi. nykiä "rupfen, pfiücken' samJ 
häTiau, händau (nd <; r^d) "fordern, verlangen, rufen', (Kan. 
Bud.) häTja-, härie- 'rufen, bitten, wünschen', Jn. (B) karjabo 
-^^ J (Kan. Bud.) haj, abl. häla- "rufen' (? U kue- in kuerap 
etc., ??K kastel'im etc.) zu ung. hiv- 'rufen' J (Reg.) jerja 
'bach' zu ostj. ieys etc. "kleiner fiuss', ? tscher. erjer 'bach" 
K khÜTjö 'entfernt", (hand.schr.) kunga 'weithin'. Koib. kuria 
"weit' zu ? ? fiugr. ostj. x^^ etc., mord. Icuvatca, fi. kauka. 

4. Ein 1-fall: samT timi klafter' -- J tiwie, Jn. übe, 
ixe, O ti zu fiugr. ostjKaz. .i'/.i. Xi. fj'if. wog. taL teil, ung. öl, 
fi. syli etc. 

In einem fall wie pivo ist der nasal unzweifelhaft ur- 
sprünglich; bei hapan, ung. savanyu ist wohl die p-reihe ur- 



30 E. N. Setälä. 

sprünglich, und wenn also im sam. ein Übergang in die m-reihe ^ 
stattgefunden hat, ist der Übergang sicherlich durch die schwa- 
che stufe vermittelt worden, und dadurch wird bewiesen, 'dass 
auch der klusil p einem qualitativen Wechsel unter- 
worfen gewesen ist. Und wenn einmal der nasal in die- 
sem fall unursprünglich ist, kann er es auch in anderen fällen 
gewesen sein. — Bei fi. syli ist wohl 1 urspr.; im sam. ist der 
Übergang in die m-reihe durch die schwache stufe vermittelt 
worden. 

Schliesslich könnte man in folgenden fällen an einen 
Übergang in die p-reihe denken: samT tofi g. tobi 'baumstamm', 
Jn. (B) tabu, täbe, täba, tabu, täpe, K täwu; bemerke Jn. 
(Ch.) taima mit m! (? das wort könnte vielleicht zu tiugr. fi. 
tyvi, ung. tö — ' töve, wotj. dirj etc. gestellt werden; vgl. jedoch 
einen anderen verschlag oben p. 21) | samT kufu g. kubu, 
samJ höba rinde, haut', kob, köb, köba, kop, koppa, K 
kuwa, Koib. kuba, Mot. kö ? zu fiugr. wotj. ^Tcom 'rinde', tscher. 
kom, mordE kuvo, M kuva (vgl. jedoch unten p. 43). 

Die angezogenen belege führen zu dem schluss, dass die 
nasale im samojedischen mit einer qualitativ ver- 
schiedenen stufe gewechselt haben. Die Vermischun- 
gen zwischen den nasal- und klusil- (auch 1-) reihen wei- 
sen darauf hin, dass auch diese laute einem Wechsel 
unterworfen gewesen sind, wobei die schwachen stu- 
fen ganz oder beinahe ganz zusammengefallen sind. 

Die liquidae. 

Die 1-laute. 

Dass es ursprünglich wenigstens zwei 1-laute, etwa / und 
/' gegeben hat, scheint besonders aus den permischen sprachen 
einerseits und dem ostjakischen andererseits hervorzugehen. 
Im sam. sieht man jedoch kaum spuren dieser Zweiteilung, 
weshalb die beiden 1-laute hier zusammen behandelt werden 
können. 



1 In einem lehnwort sieht man einen ebensolchen Übergang 
in samO (N ua.) ärma 'gerste' — ' Tschl. oarba etc. (tüik. alt. etc. 
arba, mong. arbai). 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 31 

I. In \ielen fällen entspricht den fiugr. inter\'okalischen 
l-lauten im sam. ein 1 (JnCh. 1:, I^ r): samJ "yl 'boden, grund', 
T "ilea 'das untere', Jn. ito, iro 'boden', O yl, yl id., K il in 
ilgän 'unten' etc. zu fiugr. ostj. it, U, il usw., wog. jel etc., 
syrj.-wotj. uJ- ung. al, fi. ala etc. samJ jileadm 'leben', T 
niletem, Jn. iHro", elak etc., K tlili 'lebend', (Atl. ) d^ile 'leben- 
dig", Taigi ilinde zu fiugr. ung. el, syrj. olny, wotj. w/-, tscher. 
Wem, fi. elää, IpKjieUe- \ samJ jiläu, jyläu 'aufheben', T jil'i'ema, 
Jn. ilabo, jirabo, O ilau etc. zu fiugr. ost. andia-, 'gAcm- '^ 
'r.uitJYfd- 'heben, aufheben', wog. ähni- 'heben', ung. emel 
(mit m < ////) j samJ jälea, jäle', jäl'e 'tag, licht, hell", T jale 
'tag', Jn. jele, jere, iel, iiel, cel zu fiugr. Ip. jalakas 'sere- 
nus", ? ung. jelen 'offenbar' | samJ hälea, häle', häl'e 'fisch', 
T kole, Jn. kale, kare, kuel, kuele, K kola, Mot. kele 
(Pallas rajiJie), Koib. kola (Pallas xoj.ia), Taigi kallä (Pal- 
las KyejiJc) zu fiugr. ostj. Kaz. ^/)m, Ni. pdf usw., wog. 
pil, ung. hal, fi. kala, Ip. guölle samT boluaT) 'böse', Jn. 
(Ch.) baH, (B) bari zu ? ung. bal 'laevus, sinister; malignus',, 
?wotj. pal'l'an 'link' ' samT sealut], saluT| "männer zweier 
Schwestern', Jn. (Ch.) seh, (B) seri zu fiugr. ostjKaz. JcUl. 
etc. 'Schwägerin', .syrj. kel, wotj. Icoli, mordM Hei, fi. käly, 
Ip. gallojsedne 'fratria (mariti)' ^ samJ sealä, selä 'abnutzen, 
reinigen' (zb. ty selä "das renntier reinigt sein hörn') zu Ip. 
cäDat 'de rangiferis dicitur, dum fruticibus et arboribus cornua 
adfricunt autumno" (fi. keloa ■< Ip.) , samJ nalriau 'verschlucken', 
T naltami'ema, (Jn. noddoabo, vgl. unter It) zu fiugr. ostj. 
Kaz. ÜP^Ä-, Ni. nct-, wog. naliji, nalfi, ung. nyel, syrj. nilalny 
(o: n-), wotj. ■'■m/7-, tscher. nelam. mord. /lifeiiis, fi. niele-, Ip. 
njiellat j samT fealea 'verwandt", Jn. feie, ferie id., O (K, 
NP) päl, pälle kamerad', K phele zu fiugr. ostjN pü 'ge- 
sellschaft; freund', I pit 'freund, gefährte', ung. fei '-- feie 
'proximus', feleseg 'gattin' | samJ täl'eu, tälieu, täleu 'stehlen', 
T tolarum, Jn. (Ch.) tahbo, (B) tarebo, tuelap etc., K tho- 
lerrim, Mot. telernym zu fiugr. ostj Kaz. d^'.iam, Ni. t/'t^m-, 
wog. tüli, fi. sala etc. samT sela 'geschmolzenes fett (von 
fischen'), O (NP) sile 'fett', K sü, Koib. syl zu ? fiugr. syrj. 

1 Dass im samojedischen ein sibilant einem ursprünglichen pala- 
taleu k entsprechen kann, wurde von K. R. Donner in dem öffenthcheu 
Vortrag in der Finnisch-ugrischen Gesellschaft am 18/3 1911 nachgewiesen. 



32 E. N. Setälä. 



WiCHM. Sil, siv, si 'fett, speck', fi. silava id., Ip. salgga 'mica 
carnis vel pinguetudinis' (vgl. jedoch auch samT iu\ i\x 'talg', 
Jn. (Ch.) tu, (B) tu). — Ebenso in einigen fällen, wo das ostj. 
ein / zeigt: samJ pealea, peal'ea 'hälfte', T fealea, Jn. feie, 
ferie, O peleri, pälek, K phiel zu fiugr. ostjKaz. p^h)k\ Ni. 
pelslc etc. "hälfte', wog. pUJ, pdl etc., syrj. pöl, wotj. pal 
samT kula 'rabe', Jn. kuluke, kureke, O kule, kulä, kulli etc., 
K khüli, Koib. (Zoogr. I 380) kvillae zu fiugr. ostj. V, Vj. k'oldlf, 
Ni. x^'^l^X etc., wog. '^khölex etc., ung. hollö. — Bemerke noch 
(teilweise mit 1', wog. /'): samJ naliedm "haare lassen (von ei- 
ner haut), schwitzen", (Kan. Bud.) nälena- "haare lassen', O 
(MO) näleari, (N) nälgak, (B) nel^aT], (Tas.) neHiaTj, (Kar.) nel- 
iar] etc. 'schwitzen' zu wog. /nfi od. lUl'mi "haare lassen", syrj. 
nilol (üilov) munny, niloltny (nilovtny) 'schwitzen, bähen", 
nilalny (nilavny) id., wotj. nulal- schwitzen', ? ? Ip. nawalet 
'pilos amittere" (vgl. jedoch auch unter k) || (teilweise mit 1', 
syrj. !:) samJ haleu "möve', samO (B, Tas., Kar.) kare-n, kalek, 
{00) kal'ak (Zoogr. IT 333 chalewü 'sterna saspia', II 318 „Sa- 
mojedis ad Tunguskam" challyk 'larus cachinnans') zu (> .'') 
ostj. x^leu 'sterna caspia", wog. laleu, ^x^^^^^'^^v 'larus canus', 
syrj. Ical'a, lal'l'a id. 

II. In einigen fällen sieht man aber in gewissen samo- 
jedensprachen 1, in anderen wieder die Schwundstufe: 

samJn. siolo, sioro 'zunge' — ' T sieja, se, si, se, sie, 
K sikä, Koib. seka zu fiugr. ostj. Kaz. TceA 'wort, nachricht', 
wog. Ictl id., syrj. wotj. kyl 'zunge; rede', fi. kieli etc., Ip. 
giella g. giela samT filimi'a, fil'imi'a 'stückchen, bissen' ^^ Jn. 
fl- in fibi'i, fibi'e zu fiugr. ostjN pul 'bissen, stück", wog. pul, 
ung. falat, fi. pala etc. { samJ piru"u 'sich fürchten', T fllitima r^ 
Jn. fiebo" 'sich fürchten', K phi- in phimnäm 'fürchten' zu 
fiugr. ostjX paliem, wog. ^peli, pili, ung. fei, syrj. polny, wotj. 
pulyny, mord. peXems, IpN bäUat, fi. pelkää- etc. [| samJ (Kan. 
BuD.) hyle 'hode' ^-^ K khi, khy (Atl. ky) 'männliches geschlechts- 
glied' zu fiugr. syrjP köl "männl. geschlechtsteile', wotj. ^koCan 
'hode', estS koli g. koli 'hode', IpN guolla g. guola 'testiculus' j 
samK sili 'zobel', Koib. sile (Zoogr. I 83 ssillae) --' (B, Tas.) 
si, (N) si, Taigi ki | samT fala 'stein', Atl. „am Tas", „Laak" 
pyl - J pae, Jn. (Ch.) fü, (B) fu, O (N) pö, (K, Tsch., 00, 
NP) pü, (Jel., B, Tas., Kar.) pü, K phi. — Ebenso in urspr. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 33 

antekonsonantischer Stellung: samJ püly, pule 'knie', O püle, 
püla saiji, pülsai ^-' T fua- in fuagai, Jn. fo-, fua- in fose, 
fuase, Mot. hua (urspr. Iv, vgl. fmgr. fi. polvi, Ip. buolvva etc., 
oder mit Im ? ? : mordAI polman^a, p9lm(cn''^e. siehe unter Iv). 
III. In anderen fällen hinwieder hat man im sam. die 
Schwundstufe gegenüber einem fiugr. 1: samJ "adm 'sein', 
Jn. aro", eak zu fiugr. ostj. Kaz. u(/a-, Ni. uf, wog. öli etc., 
ung. vala, vol-, li. de- etc. samJ hädm 'sterben', Jn. käro', 
kädo', T kü'am, kuak etc., K khü- in khüläm zu fiugr. ostj. 
Kaz. X'f'^'^ ^'i- X"t- 6tc., wog. ^kh<jli, ung. hal, hol-, syrj.-wotj. 
kul-, tscher. kulem, mord. huloms, fi. kuole- etc. K nä 'kugel, 
tlintenkugel", (Atl.) nie 'pfeil', Koib. ne, ? Taigi ne- in neimä, 
J na- in nami 'doppelpfeil' zu fiugr. ostjKaz. w«\i, Ni. ii'^f. 
wog. nül etc., ung. nyil, syrj.-wotj. nöl, mord. nal, IpN njuolla, 
fi. nuoli samK nü- in nül'äni 'lecken' zu fiugr. ostj Kaz. iwa-, 
Ni. n<'t-, wog. Ahlo. nalam, ung. nyal, syrj.-wotj. nul-, fi. 
nuole-, IpN njoallot etc. | J tu 'feuer', T tui, Jn. tu, O tu, iü, 
K (Klapr. 160) thui, Taigi tui, Mot. tüek 'teuer', tuy 'feuer- 
stahl' zu fiugr. syrj.-wotj. tyl, fi. tuli etc. samJ tödm, töm 
'kommen', (Kan. Bud.) tö-, tä-, (Reg.) tö-, toä-, (Kan. Bud.) tu-, 
frequ. türria-, (Castr.) türT^adm, T tü'am, Jn. tu- in tüaro, 
to'aro", to'ado, O töak, tüarj, K thu- in thulam 'wohin gelan- 
gen' etc. zu fiugr. tscher. tolain, fi. tule-. — Man findet die 
Schwundstufe auch in antekonsonantischer Stellung: samJ tu, 
to 'feder', (? T 1;u, t;ua 'flügel'), Jn. tua 'flügel', tu, tu 
'feder; flügel' zu fiugr. ostjKaz. ^oydA etc., wog. ^tgul etc., syrj. 
tu, wotj. Uli, fi. sulka samO (N) cuap, (K) füwau, (00) 1:ü- 
wam "zuschliessen' zu .??mord. solgo- etc., fi. sulke-. — Ebenso 
hat man die Schwundstufe in der schwachen stufe der Im- und 
/'m-fälle (samJ saeu 'äuge' etc. siehe p. 17, Jn. fei 'dunkel' 
ibid.). Siehe näher unter den konsonantenverbindungen. 

I\'. Schliesslich findet man auch solche fälle, wo in einer 
bestimmten ableitung derselben base ein 1 steht, dies in einer 
anderen aber fehlt: samO (N) tuelap 'stehlen' '^ (N) tuernak 
id., vgl. (NP) tuelirnari samJ pil'u'u 'sich fürchten' — J pinädm, 
pinam id., T ülitima 'fürchten' — feme'am "zu fürchten an- 
fangen' I tül- in tülde 'flinte', („Laak" Klapr. 162) tyldis 
-^ tu '/euer'; Zoogr. H 282 „Samojedis" saau-tula (i. e. oculi 
ignei) 'anas clypeata' (-^ J tu "feuer"). 

Finn.-ugr. Forsch. XII. Anz. 3 



34 E. N. Setälä. 

V. In einem fall ist ein 1-wort in die m-reihe übertreten: 
samT t;imi 'klafter', J tiwie, (Kan. Bud.) tivie, Jn. iibe, t'ie, O 
ti zu fiugr. ostj. Kaz. aha etc., wog. teil. ung. öl, syrj. .5//, wotj. 
sul, inordE sei', tscher. sülö, fi. syli, ipN salla (siehe oben p. 29). 

Man hat also im samojedischen deutliche spuren 
eines qualitativen Stufenwechsels der 1-laute zu 
sehen. Die schwache stufe erscheint als schwund-, bezw\ 
halbvokalische stufe. Durch den zusammenfall der schwachen 
stufen hat ein Übergang eines 1 in die m-reihe stattfinden 
können. 

Der r- 1 a u t. 

Über eine eventuelle Zweiteilung der r-laute ist vorläufig 
nichts sicheres zu ermitteln. Auch über das verhalten des r- 
lautes zu dem Stufenwechsel wissen wir nichts, weshalb dieser 
laut von dem vortragenden übergangen wurde ; es werden hier 
nur die von ihm gesammelten belege verzeichnet: samO (Kar.) 
koromd, (Tas.) koromsa, (B) koromge, (X) kornge 'korb aus 
birkenrinde' zu ?.'?fiu,ür. fi. korento "tragbaum", (wohl jedoch 
sam. <C türk.) | samK kuro "reif zu fi. kuura id. J har (auch 
Kan. Bud. u. Reg.) 'messer', Jn. (Midd.) koru, kolu, Atl. „Pusto- 
sersk", „Obdorsk", „Jurazen" char, ,.iMangaseja" koru, „Turu- 
chansk" choru, Mot. kura (Klapr. 157 kuro), Taigi kurru zu 
fiugr. fi. kuras 'instrumentum tundendi 1. caedendi', wot. huraz 
'messer', est. kürask id., fi. kurikka 'keule' samO (NP) mor- 
nam 'zerschlagen, zerbrechen', morru "stück, bissen', Jn. (B) 
morei "zerbrechen" (itr.), more"ebo (tr.), (Ch.) motei' (itr.), mo- 
Ire'ibo" (tr.), T marü'am (itr.), maru'ama (tr.) zu fiugr. ostjKaz. 
morl- "bersten, zerbrechen' (itr.) etc., ung. mar 'mordere", fi, 
muru 'stück", murtaa 'zerbrechen', IpN moarrat 'comminuere', 
K ^mUirrl- 'brechen', muirte- id. | samJ marai^a 'schellbeere', 
T mura'ka, Jn. (B) moragga, (Ch.) motagga zu fiugr. ostjTrj. 
tnurdij k\ Kaz. »lördX: Ni. mUr^x, wog. morax, syrj. myr-pon, 
fi. muura, muurain, muu^ram.o ' samO (B, Tas.) narä-pu treib- 
stock" zu wog. iiär-j/ir "schiebstange", • samO nar "moor", zu 
fiugr. ostjNi. nur' 'laubholzhain' etc., wog. nur 'sumpf etc., syrj.- 
wotj. nur 'sumpf, fi. noro | samJ pare", pare'e 'bohrer', O pur 
zu fiugr. ostKaz. j9ar' , Ni. jO'V, ung. für "bohren', fi. pura "bohrer'; 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 35 



vgl. samO pariTj, parik "eishaue' zu ostjKaz. por.i'i. Si. p'-rfj, Trj. 
pärH' id., fi. puras id. | samO pör 'i<reis, rund', (K, B, Tas., 
Kar.) pur 'ring" etc. zu fi. piiri 'kreislinie', Ip. birra 'circum' 
samT fursi'em 'zurückkehren', parannak etc.. K phärlam zu 
.' ung. forog "drehen, kreisen' od. ung. pereg "voKor, rotor", 
.' wog. pari 'rollen', ostj. pertlem "wenden, drehen" etc., fi. pyörä 
"rotundum quid', pyörtää "circumdare; retrovertere' etc. samK 
phürä (Atl. pfjurja, Kl.apr. 160 hora), Mot. chura, Taigi hüra 
(Pallas rypa) 'sand' zu fiugr. ung. per '.staub', fi. poro samJ 
wuara 'rand', war 'rand, das äusserste', (Kan. Bud.) var, T bära, 
bara, Jn. (B) baro, (Ch.) balo, K mara zu fiugr. ostj. pir, p'ir 
etc. 'hinter etw. befindlich; räum hinter etwas', syrj. her, her 
'hinterraum* etc.. \\'otj. her, her 'hinteres' etc., fi. perä 'postre- 
mum 1. extremum 1. infimum rei' (urspr. anl. ß-}) sainO (NP) 
püria, (MO, K, 00, Tsch.) pufa 'anas clangula", (B) piir-kul^a 
("das Weibchen'), K phürü 'mergus merganser" zu (> .'') ostjN 
pyra 'anas crecca', piri 'anas querquedula' | J tyrädm, tjrra- 
T^udm, tyranädm 'trocken werden', tyrabt;äu "trocken machen', 
(Kan. Bud.) tyrybaj, tyryvaj, tirvai 'trocken", (Reg.) tirabaj 'ge- 
trocknet' (vgl. auch J töra, törik, törawaei "seicht', T tera, K 
thur- in thurzuga) zu fiugr. ostj. sörym 'trocken', wog. ^sfirem, 
ung. szäraz, Ip. soarvve 'pinus arida' samJ (Kan. Bud.) ser 'die 
weise', sir : husir 'wie", (Reg.) ser, sir, (Castr.) sier: hunsier 
etc. (viell. entl. << ostj. sh- etc. 'art', wog. sir etc., vgl. ung. 
szer, syrj. ser, tscher. .sdr, }lp. cserdda) sar, sär, sär 'meer- 
schwalbe* (sterna hirundo) zu fiugr. ostjKaz. sor'/, Ni. surs etc., 
wog. i-ird, t'Sara\ Ip. cserreg etc., fi. tiira samJ täro 'das ringen', 
T torätum, Jn. taruriaro", taruTiado , O t!är 'streit' (.'K tJa'bdoll'ani 
"ringen") zu tiugr. ung. dorgäl "reprehendere', Ip. doarro "pugna" 
etc , fi. tora "jurgium, rixa' samJ täräu 'sich stützen' ? ? zu fiugr. 
ostjKaz. tqr^mi , Ni. tärdm" 'stark, kräftig', ? fi. tarmo "vis, robur' 
samO tir 'gefüllt, voll' zu fiugr. syrj. tjrr 'fülle', wotj. '^Dr 'voll, 
reichlich', fi. tyrtyä 'satiari' etc. | samO tarelnari etc. 'zittern' zu 
fiugr. ostjl toreT] 'zitternd', N torilem 'zittern", wog. ^tarri id. [ 
sam. (Zoogr. I 187) „ejus [samoj.] sürpis monticolis sajanensibus 
orop 'sciurus striatus' zu ? fiugr. syrj. ur 'eichhorn' (gehören sjTJ. 
orda "sciurus striatus', wotj. iirdo hierher oder ableit. von syrj. 
ord "seite", wotj. w'd 'rippe"?), tscher. ur 'eichhorn', mordE uro, 
M (Reg.) ur, fi. orava, liv. unrühdz, Ip. oarre. — Nach einem 



36 E. N. Setälä. 

urspr. /-diphthong: samJ höra 'renntierochs', T kuru 'nicht ver- 
schnittenes renntier', Jn. (Ch.) kula, (B) kxtra, O kor 'stier, 
hengst' etc., K kura "ochs' zu fiugr. fi. koiras 'mas' etc. — 
Siehe näher unter den konsonantenverbindungen. 

Die halbvokale (bezw. d-, ;'-laute). 

Der v-Iaut. 

Die belege eines ursprünglichen inlautenden v (bezw. ii, ß}) 
sind wenig zahlreich. Ein teilweise erhaltenes, teilweise ge- 
schwundenes intervokalisches v hat man in: samJ t!ewo^e', 
tiutiei (Zoogr. I 269 tiwuitei, tjute 'rosmarus arcticus') "wall- 
ross' zu Ip. dsBvok 'phoca barbata'. — Auch in postkonsonanti- 
scher Stellung, bezw. nach einem /-diphthong hat man beide 
Vertretungen: erhaltenes w (bezw. b), zb. in samJ '"aewa 'köpf, 
T 'aewua, "aiwua, Jn. (Ch.) abuh, (B) eba zu fiugr. ostj. yäi 
'stiel, heft', tscher. ^ivuj 'köpf, Ip. oaivve 'caput', fi. oiva' egre- 
gius'. Die Schwundstufe hinwieder hat man zb. in samK küjü 
'birke', J hö, ho, T kua, Jn. kua, O kä, ka, köe, kwe etc. zu 
fiugr. \\. koivu etc. in versch. fiugr. sprachen samJ püly, püle 
'knie', püle. püla saiji, pülsai -- T fuagai, Jn. fose, fuase 
zu fiugr. fi. polvi, Ip. buolwa, mordM polmansa (siehe oben 
p. 32-3). Siehe unter den konsonantenverbindungen. 

Die zweifache Vertretung hängt wohl mit dem Stufenwech- 
sel zusammen, sodass in einigen fällen die starke, in den ande- 
ren die schwache stufe verallgemeinert worden ist. 

Der j-laut. 

Auch die Vertreter der j-lauts sind wenig zahlreich, und 
auch hier scheint eine zweifache Vertretung vorzukommen: er- 
haltenes j in: samK leji 'baumsaff zu syrj. li | samJ puijea, 
(Kan. BuD.) puija, (Reg.) puja, pujä "nase', Jn. fuija (puija), K 
phijä (Atl. „Pustosersk" pue, also ohne j, Pallas schreibt jedoch 
nLiK), „Obdorsk" npüie = Pallas niJe, unTt, „Jurazen" puija, 
„Mangaseja" puija, „Kamaschen" pija), Koib. pija (Pallas nüi), 
Mot. (Pallas) riü (o: hija) -^ Atl. „Tomsk" pidju- in pidjunoll 
(Pallas: niiAioHOJi'L), Taigi hüde (wohl -d- zu lesen, vgl. Pallas: 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 37 

piÖAe), ? „Karassinski" (Pallas) riHAe (d: hüd'e) --^ O (MO) pöt;, 
(Tsch.) put;ö, (00) pu1;o, (K) puttJe, (N) poc zu fi. pujo 'lang- 
sam schmaler werdend, spitzig" (mit vielen ableitungen); ge- 
schwundenes j in samO sü, sü 'schlänge' zu fiugr. ung. kigyo, 
mord. liijov, fi. kyy samJ (Kan. Bud.) mue- 'in die hand 
nehmen, tragen, gebrauchen", (Castr.) mu'eu 'halten, gebrau- 
chen, pflegen', mu'embiu 'erhalten', muetau 'halten, brauchen" 
zu fiugr. ostjDN moidpls etc. "rätsel', tscher. nmdm, moain 
'finden', mordE niujems, M mujdms id., weps. vinlada 'probie- 
ren, tasten (mit den bänden, den füssen, mit der zunge)', aiöin 
liäzimuiegü "ich ging mit den bänden tastend' samJ pieu 
'weidenrinde', (B) py, (N, K) pe 'baumrinde', (Tas.) pe, 
(Tsch., 00) pye zu syrj.-wotj. bad'-pu 'weide', fi. pajti (dage- 
gen J paju, paiju 'schwarze weide* lehnwort aus dem karel.) | 
samO pi, pi (etc. mit ableit.) "espe", K phi- in phini zu fiugr. 
ostj. jioi etc., -syrj. pi, pi-pu, wotj. pi-pu, mordAI poju, E poi ! 
samJ pui "das hinten befindliche', püna (lok.) 'hinten, später, 
darauf, T fua 'das hinten belegene', fuaT] 'hintenhin' (mit suff. 
-71, welches man im fiugr.: mord., fi., Ip. wiederfindet), Jn. 
fuone 'hinten' etc., O pün, püt 'später, nach, hinten' zu fiugr. 
ostjKaz., Ni. p/ni' etc. 'hinterteil', wog. ^piij, ^poj, fi. puo 'po- 
dex' samJ tu "ärmel", K thü, tö- in tönak etc. '-^' T 1;ija 
(vgl. jedoch auch tu, t;ua 'flügel"), Jn. (Ch.) tiojo, (B) tieijo 
zu fiugr. ung. üjj 'ärmel*, syrj. soi 'oberarm', wotj. suj 'arm', 
Ip. soagje 'flügel, ärmel" samJ tae 'birkenrinde', (Kan. Bud.) 
ta-, (Reg.) täe (taju 'schale aus birkenrinde") T 1;ie, Jn. te, te, 
O (N) twe, (NP) tue, t'üe, (B, Tas.) tö, (Kar.) to zu fiugr. syrj. 
tiijes etc., wotj. tuijis, tujis \ samO (X) te, (B, Tas.) tö "fäul- 
nis', K the'bl'äm *faulen" zu fiugr. ostjKaz. au etc. 'eiter', 
tscher. si'(i etc., mord. sij^ Ip. siegja, ung. ev etc. | samJ oülim, 
ölym "schwimmen", O (N) ürnak, (K, 00, XP, Jel., B, Tas.) 
ürnaTj, (Tas.) ürrjaT], (Kar.) urnaii zu fiugr. wog. uji, mörd. 
ujems, Ip. vuogjat, weps. iiiiula etc. 

Beachtenswert ist die entwicklung des erhaltenen j zu d' 
(nach MiDD. auch im samJ, Jn. u. T, siehe Vorw. xiv, xvi u. 
xvii), i od. c, 1 welche entwicklung einen stark spirantischen 



1 Vgl. auch zb. samJ tyjea, tyjek, tyjeak, tyjerka, (Kan. 
Bud.) tyjiko, tyjik 'eng, schmal', Jn. tija ^ O (Tsch., OO) tetleka. 



38 E. N. Setälä. 



j-laut voraussetzt; ein ebensolcher Übergang (O t;, c, K t', 
Koib., Taigi, Mot. dz, c) ist auch im anlaut zu finden.^ An- 
drerseits deutet der schwund des j-lautes auf einen j-laut mit 
reduziertem geräusch. Diese erscheinungen, für welche paral- 
lelen auf fiugr. seite vorkommen, erhalten durch die annähme 
eines Stufenwechsels j ~^' i eine natürliche erklärung. 

Die {)"- laute [d und d'). 

Die Vertretung des fiugr. -d- gestaltet sich im sam. etwas 
verschiedenartig. Ein sam. r findet man in folgenden belegen: 
O kurap, kuram, kvirram 'flechten, zb. eine reuse' zu fiugr. Ip. 
goddet, fi. kutoa, ^ j samJ nir- 'schaft' in nirtea 'mit einem schaft 
versehen', T nir 'messerschaft", Jn. (Ch.) ni* g. nilo*, O ner, 
nir, nire, ner, K nir- in nirze 'schaft' zu fiugr. Ip. nadda, fi. 
lysi etc. samJ searau, sarau anbinden', Jn. serabo, setabo, 
O särau, säram, searam etc., (N) härap, K särl'im 'knüpfen' zu 
fiugr. ung. szalag, fi. sitoa. 

In antekonsonantischer Stellung scheint sogar 1 vorzu- 
kommen: samK alma 'schlaf ('— ' J nema 'schlaf, Jn. ema, 
noma etc. siehe oben p. 00) zu ostjKaz. nüA^in, N ü^^mi 
'träum', wog. "^idem 'schlaf, ung. dlom, mord. udomo, Ip. 
oaddet. \^gl. auch unter Im. 

In zwei belegen findet man aber j, (im samO 1;, ^ < 
Spirant j): samJ seai, siei, (Kan. Bud.) siej, (Reg.) sej 'herz', 
T soa, sa, Jn. (Ch.) seo, (B) seijo, (00) setje o: setJe, (Tschl.) 
setjeä o: seieä (Castrens handschr.), Atl. „Tas" suc, „Tomsk" 
sudz, „Narym", „Ket", „Ty mische" sidze, „Karassen" sidza, 
K si, Koib. sei, Mot. kejem, Taigi keim zu fiugr. ostKaz., Ni. 
sam, DN sdm etc., wog. sim etc., ung. szü, tscher. süin, syrj. 



1 Zb. samT jenti 'bogensehne', Jn. jeddi, J jien, Jen ~ O (N) 
cend, (B, Kar.) t:ind, (Jel. Tas.) ijnd', J ja, jea 'erde', Jn. (Ch.) 
ja ^ Jn. (B) da, O (MO, K, OO) 1:u, (N) cu, K 1;u, (Atl.) dza, 
Koib. dzia, Taigi dza, Mot. cia. Nach Midd. auch im J, Jn., T, 
siehe aao. 

'^ Man könnte aber auch an fi. kuroa 'zusammenflicken' den- 
ken. — Ung. hälo mit wog. und ostj. entsprechungen hat der 
vortragende früher zweifelnd mit kutoa zusammengestellt (NyK 
XXVI 380), dies ist jedoch vielleicht nicht richtig, sondern das 
inl. 1 kann ursprünglich sein vgl. samjn. kuolese', kuorese 'netz'. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 39 

sölöm, mordE sed'ej, sed'eij^ M sed'i, Ip. eada 'per', fi. sydän 
'herz; inneres' [ samO (K, NP, B) sid'e, (00) sel!e, (Tsch.) 
seieä, (Jel., B, Tas.. Kar.) sU, (N) si^, (MO) Mg 'kohle', K si' 
zu fiugr. Ip. eadda, mord. sed', säd', fi. sysi (syte-), tscher. Sü. 
Ebenso \ielleicht noch in samO katia, (B) keca, (Tas.) keca, 
(Kar.) kecat "schwestersoFin' zu ostjKaz. Jvl.ü etc. 'mann der 
jüngeren Schwester der frau', wog. kü 'schwager', mord. kefta 
"mannesbruder', fi. kyty id. , samJ sijedm "lügen', (Kan. Bud.) 
sije-, (Rk(;.) siek 'falsch", O (MO) sid'aptaTj, (Tsch., OO) sitJep- 
ta,r\, (K) sittieptari, (XP) sitt:iptaT\, (X) si^eptak zu weps. side- 
l'en 'lügen' | } } samMot. mui 'mark' zu fiugr. ostjKaz. we.iam', 
wog. ßtbm, ung. velö, .syrj. veni, wotj. vijim, vhn, tscher. 
ßh)i, mord. ud'hhe, fi. ydin, Ip. äda (äddäm). 

In einigen fällen, wenn die Zusammenstellungen richtig 
sind, scheint aber im sam. die geu'öhnliche Vertretung des t-lau- 
tes vorzukommen: samJ. "ödeaj'odea 'empetrum nigrum ; beere', 
(Reg.) lynde 'beere", T "uta g. "uda 'beere', Jn. (Ch.) ore, (B) ode, 
O (N) kod, (MO) kot, (B, Tas., Kar.) kote, (NP) kotte 'sumpf- 
heidelbeere' ? ? zu fiugr. ostjDN ?/o7 'preisselbeere ; beere', V mV" 
'preisselbeere", \'j. if(' 'beere', Xi. iW, Kaz. noA^ Kond. i<7 
'preisselbeere" ^ | samJ jied'u, jed'u, (Kan. Bud. jiedu), (Knd.) 
wetlu darm', T beatur^, Jn. bere, bede, O käd, käte, kättu, 
kätä, kete, ket', K bedü, Taigi bedüktä "eingeweide' .^ zu ung. 
bei "eingeweide, darm' - , samT kidu'am "erwachen' (vgl. kiti- 
jiema "aufwecken"), Jn. (Ch.) kiri'aro', (B) kide'ado' 'aufwachen', 
? J sidedam id., O (Tsch., 00) sededai^, (K) sittaTi, sideld'aTi 
zu ostjKaz. Jeu-, Ni. JcU- etc. "aufsteigen', wog. ^kirüli, Mit 
etc. 'aufstehen', ung. kel 1 samT kotara"a 'es ist Schneegestö- 
ber", köduT] "Schneegestöber', J häda, häd, Jn. (B) kadu, (Ch.) 
karu, (X) k03, (00) köc, (Tschl.) köce, (XP) kocu zu Ip. god- 
dalak "ningor'. Leider sind aber die Zusammenstellungen un- 
sicher und das 1 auf fiugr. seite zweideutig. 

Wie der vortragende im j. 1896 in XyK XXVI 397-401, 
417-8 nachgewiesen, hat man im fiugr. auch ein urspr. d'; 
im sam. gibt es dafür folgende belege: samJ häjeu, haijeu 



^ Das ostj. wort könnte eventuell auch mit wog. JJM^, ^?/ etc., 
fi. puola, ol. buolu etc., (mit anl. ß-l) zusammengestellt werden? 
2 [Vgl. jedoch Ramstedt FUF XII 156.] 



40 E. N. Setälä. 

'zurücklassen', hajydm 'zurückbleiben', T koae'ema 'nachlassen', 
köu'am 'nachbleiben', Jn. kaibo 'zurücklassen', kaijaro", kaijado" 
'zurückbleiben', O kue^ap, (MO) kued'au, (Tsch., 00, Tas., 
Kar.) kuetJam, (K) kuettiam, (NP) kuettam, K kojolam zurück- 
bleiben' zu fiugr. ostjKaz. xqi-, Ni. yXk- etc., wog. yüti etc., 
syrj. Tiol'ni, Ip. guöddet, tt. katoan samO pijea 'hermelin', 
dem. pijeku, (Kan. Bud.) pijeku '-^ T fieda, (Klapr. 161 phiera), 
Jn. (B) fid'u, Mot. (Zoogr. I 91) hudja ^ (ib.) „ad Turuchansk" 
pydshu, „ad Jeniseam" pütsehu zu Ip. buoida, syrj. pal, ung. 
*pegy- {Wichmann FUF XI 218 f.) ' samJ "ae, (Kan. Bud.) 
ae, a, (Reg.) r\e 'fuss', T "^oai, Jn. ~ä, K üjü, ujü, Mot. hoi 
(Pallas rön) zu ostjDN öf)3. Trj. 'rt .-i', Ni. <■>(, Kaz. n\i' "schlit- 
tenkufe'. Man dürfte annehmen können, dass hier überall j 
entweder stark spirantisch (starke stufe, auch für Jn. -d- in 
fid'u und ? T -d- in fieda — wenn dies richtig ist) i oder 
schwach spirantisch den ausgangspunkt bildet, bezw. den Über- 
gang in die j-reihe vermittelt hat. 

Etwas unsicher ist samJ mir 'preis', O mer, mir, mire, 
mär, K mir 'brautschatz" zu syrj.-wotj. med 'lohn' O ostj. rmt 
etc.), wo das perm. ein d zeigt (urspr. d od. d?). 

Die buntscheckigkeit ist so zu erklären, dass auch ö und 
d' einem qualitativen Stufenwechsel unterworfen gewe- 
sen sind. Im fiugr. sieht man deutliche spuren davon, dass 
sowohl bei dem urspr. d als bei d' zwei qualitativ verschiede- 
nen stufen zu unterscheiden sind (zb. tscher. hol in '^oUnn-bal 
'bank an der wand' zu syrj. pöl, \\o\]. puL wog. pal. fi. pöytä, 
aber tscher. süm "herz' zu syrj. sölöm, fi. sydän j ung. alom 
'schlaf, wog. ^ülein, ostj. 1104^^1" zu Ip. oaddet ---- ung. szü, sziv 
'herz', wog. sim etc., ostj. sdm etc. \ ostj. nidä etc. in ujrnidA' 
'ribes rubrum*, wog. mel' in vyrmel 'rote Johannisbeere', syrj. 
mol' "perle, beere', wotj. muH. mol'i "beere', tscher. miröd etc. 'hei- 
delbeere" ^' ung. bogyo 'bacca'; aber ostj. ;^«/-, x^i- ='- fi- kadota, 
ostj. x^l- ßt:c. = fi. kutea). Im sam. scheint r die starke stufe 
des d, ein stark spirantisches j dieselbe stufe des d' zu vertreten 



' In einem anderen fall findet man in samT ein d einem j 
der anderen dialekte gegenüber: samT feadä 'stirn' ^^' J puajea, 
(Tas.) peajea, (Kan. Bud.) puäje 'stirn', Jn. (B) feija, (Ch.) fea. 
Welches hier der inlautende konsonant gewesen ist (etwa j?), ist 
vorläufig nicht zu ermitteln. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 41 

(oder m(),i;']ichcr\veise ist bei d' der ganze Wechsel \'on der 
schwachen stufe ausgegangen). Die schwache stufe sowohl 
bei d als bei d' ist vielleicht eine Schwundstufe (oder schwaches 
i) gewesen, was also die Vermischung der d- und d'-reihe hat 
veranlassen können. ' Was schliesslich die t-, d-fälle betrifft, 
sind sie ganz wie im finnischen pato -^ padon statt pado ^-' 
padon, d. h. als analogiebildungen (reihenübergänge) zu erklären. 

Die )'-laute. 

Schon ungefähr aus derselben zeit wie der nachweis der 
fiugr. d-laute (d und d') stammt der schluss des vortragenden, 
dass im fiugr. auch 7-laute (welche wohl nach den umgeben- 
den lauten in zwei hauptgruppen verteilt waren : */ und r 
od. /) vorgekommen sind, d. h. y-laute, welche nicht zu der 
k-reihe {k -^ y) gehörten, freilich aber oft in diese reihe über- 
getreten sind; zb. fi. juo- 'trinken' (vgl. Ip. jukkat, syrj. juk- 
talny 'tränken', ung. iv-, itat 'tränken' mit t << kt) | fi. sou- 
in soutaa 'rudern' (Ip. sukkat) | fi. jää 'bleiben' (fi. jättää mit 
-tt- < kt; ung. jöv- 'kommen') | fi. vie- 'führen' (IpK ^vlJcl-}-, 
ung. viv-) I fi. myö- 'verkaufen' (IpK ^7m]cM-) \ fi. luu "kno- 
chen' (ostjTrj. -w'-'x, V, Vj. (ux) | fi. lyö- "schlagen" (wog. ^Ih/-, 
läj- etc. "werfen, schiessen', syrj. lyjny "schiessen', tscher. läem, 
ung. löv- I fi. maa "erde' (ostj. ma/ etc.) [ fi. saa- 'erhalten' 
(IpK ^säll-/-. mord. saje-, savJ-) \ ? fi. syy "fiber" (ostjTrj. i^?/;^, 
V, Vj. s'Xx. Kaz. se// etc. 'haarflechte", wog. ^säl\ adj. f<aYip 
etc., ung. szöv- "texere', syrj. st 'faser, haar") | } ung. 16 "pferd", 
ostjTrj. Af/Ux, y, Vj. /(/;(, wog. In, ^lüic, ^Igy- \ ? fi. tue- 'bringen' 
(mord. fuje-). In der starken stufe ist wahrscheinlich ein y' mit 
stärkerem geräusch vorgekommen, in der schwachen y mit sehr 
schwachem geräusch, welches von der Schwundstufe vertreten 
wird. Von diesen fällen sind folgende im sam. vertreten : samJ 
mi'idm, mi'iu, (Kan. BuD.) mia- 'geben', T miji'ema, raeap 
'zurückgeben" zu fiugr. ostjKaz. mii-, mä- etc. 'geben', wog. 
^maj-, niäj-, ^m°iy-, mord. ihijdms, )injems, fi. myö, IpK ^viikki- 



^ Bei samO sid'e 'kohle' etc. ist der inlautende konsonant aut 
fiugr. Seite zweideutig, da entscheidende belege fehlen ; hier ist ein 
urspr. inl. d' ebenso möglich wie ein d. 



42 E. N. Setälä. 

mit Übergang in die k-reihe) samO (N) tuak, (MO) tuari, (K, 
Tsch., 00) tuwari, (NP) tu- in tuggai^, tu- in (B, Tas., Kar.) 
tüT|aT| u. (Jel.) tügai^ 'rudern*, K thu'- in thu'bl'am, Koib. 
tukbla-am (? Mot. tialiamam) zu fiugr. ostjDN pij-, V wyäl- 
etc, wog. ^tcnci, töyi etc., tscher. suem, Ip. sukkat (mit Über- 
gang in die k-reihe), syrj. syn- (mit Übergang in die n-reilie), fi. 
sou- in soutaa | samJ ly, le' "knochen", (N) li, (NP) le, (00) 
lä, (B, Kar.) ly, (Pallas Turucliansk Jivü), K le, Mot., Koib. le 
zu fiugr. ostj. siehe oben, Kaz. Apß etc., wog. In (luw-), syrj.- 
vvotj. ly, mord. lovaza, tscher. In, fi. luu, ? ung. -lok in hom- 
lok 1 samT mou "erde' zu ostj. nidx etc., wog. ma. fi. maa 
? sam. tau 'bringen, geben', (Kan. Bud.) tä- (? ableitungen in 
den übrigen sam. sprachen, siehe Castren, Verz. 210 unter 
"bringen") zu fiugr. li. tuo-, mord. tuje- | ? .^ samJ l;i" st. tid- 
(ableitung?) 'holzader", T ti, Jn. (Ch.) ii, (B) t'i, O tu ? ? zu 
fiugr. syy usw. siehe oben ; der anlaut stimmt jedoch nicht gut 
zu dem fiugr.). Im sam. ist also in allen fällen die Schwund- 
stufe \ ertreten. 

Die klusile. 

Bei den klusilen kann man zwei quantitativ verschiedene 
reihengruppen beobachten : die gruppe der einfachen reihen, 
welche teilweise mit den eben behandelten v- (ß-), d-, d'-, y- 
reihen — durch die schwache stufe — in Verbindung steht 
(die x-reihen), und die gruppe der geminatenreihen (die xx- 
reihen). 

Schon die Vermischung der klusil- mit den nasalreihen 
spricht im voraus für einen früheren Stufenwechsel der klusile 
i.Ti sam. Dagegen hat der heutige paradigmatische Stufen- 
wechsel im samT wie auch in einigen dialekten des samO für 
die entscheidung der frage nur einen bedingten wert, zb. samT 
toü g. tobi 'baumstamm', g. futarari, nom. fudar 'joch', g. 
bikäTi .->^ nom. bigai "fluss'; ^ samO: (Ket) nach den handschrif- 
ten Castrens: toppa ~- g. tooban 'fuss'; utta ^ udan, uden 
"hand': konsonantenverbindungen : lembba ->^ g. lemben "adler', 
amdda g aamdan (aamden) 'hörn", endda, endde g. enden 



' Vgl. auch konj. i. feabemtefeam (feabente am 'ich wärmte') 
konj. I. kitibeam (kidiem 'ich weckte'). 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 43 

'bogen", optta "haar' „mit doppeltem t im nom." koattsa od. 
koatca "stadt" g. koacen, kottje "leibeigen", gen. kocJjen, kunddje 
'tuchkittel', g. kundjen usw.; ähnliches findet man nach Castrkns 
handschriften auch in dem dialekt \on Xatskopumpo'Koisk (ütte 
"band" ~ gen. utan etc.). Wie aus dem folgenden mit Sicher- 
heit hervorgehen dürfte, können diese wech sei Verhält- 
nisse nur sekundär sein; nur das prinzip deutet auf 
•einen uralten quantitativen Wechsel hin, ebenso wie im lappi- 
schen das alte stufenvvechselsystem vielfach durch ein neueres, 
aber nach dem alten prinzip, ersetzt worden ist. 

Die art des alten qualitativen Stufenwechsels geht aus fol- 
genden, freilich etwas spärlichen sam. belegen hervor: 

I. Belege 1. p- fälle: samJ labea, labe", (Kan. Bro.) 
labie, (Reg.) labe "rüder', T labari, Jn. (Ch.) loba, (B) lobi, 
O (N, Jel., B) lab, (Tsch.) laba, (Tas., Kar.) lap, (K, XP) lappu --- 
Mot. lia zu fi. lapa 'blatt (zb. eines ruders)' samT tofijuam 
'hängen bleiben' ^- tobitatana, J täbjü, Jn. (Ch.) tabuere", (B) 
tabuedo zu Ip. doppat pr. dobam od. dovam "haerere, resi- 
dere' samT kufu g. kubu 'haut', J höba, (Kan. Bud.) hebe, 
habe, (Reg.) hobo, Jn. koba, O fX) kob, (MO) köb, (Tschl.j 
köba, (00) köbe, (K, XP) koppa, koppe, (B, Tas.) kop, (Jel.) 
küp, K kuba, kuwa, Koib. kuba, Mot. kö, samT kofll'i'ema 
'schinden", Jn. (Ch.) kobulabo, (B) koburabo, J habbarpiu, 
hawwarpiu, (Kan.) habarT|au, (Kan. Bud.) habart-, habeart- zu 
fiugr. tscher. koicafite, B Raimst. kaßa'sti 'leder, feil', est. köba 
'kieferrinde' (über einen anderen Vorschlag siehe oben p. 3, 30 
Atl. ..Tawgi" kufu 'bett', „Obdorsk" choba, „Jurazen" chowa, 
„Mangaseja" kowa, „Turuchansk" kawa zu fl. kupo "bund (stroh, 
heu)" I samJ taewa, taeuwa, (Re(;.) teuva 'schwänz' zu ?fi. sapa 
samJ sibi, sibif, sibic ^^ dem. sibit'eku, (Kan. Bud.) sivie, 
(Reg.) subicäku 'leicht', Jn. (B) sebide, (Ch.) sebi, sebire, 
(MO, K, Tsch.) sepka, (00) seäpka, (XP) seppa, sepukka, (X) 
säbek, (B) säpek, (Tas.) säpeka, (Kar.) säpek (Pallas: Ket. 
sebuka) zu Ip. gseppad 'levis', fi. kepeä ^ samJ tJebädm 'schla- 
gen, treffen', (Reg.) t'eeba- "treffen', (Kan. Bud.) tieva-, K tho'b- 
dölam (vgl. auch J taewäu 'erreichen', Kan. Bud. teu- 'hinzu- 



^ Beachtenswert ist jedoch K süinkä 'leicht' — reihen- 
übergang? 



44 E. N. Setälä. 

kommen, ankommen'. Reg. teui 'gekommen', Jn. (Ch.) taebo, 
(B) toebo 'erreichen') zu fi. tapaan inf. tavata "treffen, erreichen', 
tavoitella, weps. tabeife.ida 'nach etvv. greifen' J (Rkg.) tobo 
(toboda) 'huf (beim renntier)', (Kan. Bud.) tovo (tovoda), () (N) 
tob, (Tsch.) töba, (00) tobe, (B) tobe, (Tas.) tope, (Kar.) tup, 
(K) toppa, (NP) toppe 'fuss' zu (> ?) ostjX toba, tupa "huf. 
Dieselben kennzeichen findet man auch in fällen, die im 
fiugr. nicht belegt sind: samT ~ufu ^^ "uba'ku 'handschuh', J 
"öba, (Kan. Bud.) öba, äba, Jn. obe, (N) nob, (Tsch., 00) 
loba, (MO) nop, (K, NP) noppa, -e, (B, Tas.) nope, (Kar.) nup, 
K uwa, uba samT "ufou, Jn. (Ch.) üboe, (B) t;ubae 'Zeige- 
finger' [ samT "afu, "aba 'ältere schuester', J nabako, nabuko, 
(Kan. Bud.) nabuko, (Reg.) nabko, Jn. oba, (N) apa, (K) appa, 
(NP) oppe samO (K, Tschl., 00, Jel., B. Tas., Kar.) ipparj, (N) 
eppak "liegen", K ibüm samJ jäba, jäb, (Knd.) weab glück', 
Jn. jabo samJ juba, jyba, (Reg.) jubä, (Kan. Bud.) juvä 'warm', 
Jn. juba, jubaku, Atl. „Pustosersk" juba (Pallas uöa), „Obdorsk" 
jubö, ..Jurazen' jüwo, „Mangas-^ja" djüwo, „Turuchansk" juwa 
'warm', Mot. dzobuka, Koib. dzibide 'hitze' T tefa, tafa 'na- 
gel', J t;eab, (Kan. Bud.) ^eäu, Jn. tebo | samJ näby, naby 
"ente", O (N) nib, näp, K na'b, na'm, Koib. (Zoogr. II 256) 
nap 'anas boschas' | samJ (Tas.) piebea 'jüngerer bruder', Jn. 
febe 'jüngerer bruder, jüngere schvvester", K phebi (Atl. „Tu- 
ruchansk" pefeo 'jüngerer bruder', ,.Obdorsk" pebeii, „Jura- 
zen" pewe, „Mangaseja" päwja) | samO (N) cäb, (K) t;äba, 
(NP, 00) iahe (Tschl.) tioaba, (B, Tas., Kar.) täb "blatt", J 
wueba, uaba, (Reg.) veba, (Kan. Bud.) vuäba, vuava, K t'awa , 
J wa'u, wau, wäu, (Reg.) vau 'schlafsteile, ruhelager', T boba, 
Jn. ba'a, K baphu. 

II. t-fälle. 

a. [samT t ~ d-", J d", d, t, tt, -t, Jn. (B) d, (Ch.) r, 
K d:] samT joturum 'wandern, gehen", J jädam, Jn. jadado", 
jararo" 'gehen" zu fiugr. Ip. jottet, fi. jutaa- | samJ nädo, nado, 
nadu 'bruder der frau, namentlich der jüngere', K nado "schvva- 
ger, des mannes bruder' zu fiugr. tscher. nudo 'seh wägerin 
(jüngere schvvester des mannes oder der frau)', fi. nato 'soror 
mariti 1. uxoris, uxorpatris, glos' | samO peda, (Tsch., 00) 
pätä, (K) pitta, (NP) pitte 'irdener topf zu fiugr. ostj. 2^1' t etc., 
wog. püt etc., ung. fazek, fi. pata samJ wadäu, wädäu 'zie- 
hen, schleppen', wädaltau 'führen, (Kan. Bud.) vuadalta- zu 
fiugr. fi. vetä-, ung. vezet | samJ mea", T ma", O (N) mät, 
mat, (00, Tsch.) muat, K ma'd zu tscherB ^mat 'familie, haus". 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 45 

b. I überall: r, bezw. d -^ r] samJ parädm 'verbrannt 
sein", paranädm 'ich brenne', paradäu 'anzünden', (Kan. Bud.) 
para-, (Rkg.) porra-, O (Tsch., 00) pornat], pormbaT^ 'bren- 
nen', (XP) porruaTj etc. zu ostjX pötiem etc. 'frieren', ung. 
fäzik 1 saniT fadi'ema "zum kochen bringen", Jn. (B) fedi'abo, 
(Ch.) feri'abo, Koib. padlam — J piriu, pirieu, pifeu 'kochen" 
zu fiugr. wog. pltem 'gekocht', ung. föz, syrj. ^puni, mord. 
pi(i/'ems, /tid'd))is (siehe NyK XXVI 409-10) || samJ nada 'moos', 
(Kan. Bud.) nadaj, (Reg.) nadej 'renntiermoos', Jn. (B) nada, 
(Ch.) nara ^^ K nor zu (» ostjX nöta. 

c. [-t, -', -0, bezw. -d- (JnCh. r ^ (r??), bezw. -0- :] 
samJ ji', (Kan. Bud.) ji (jid), (Reg.) ji "wasser", (Knd.) wit, T 
be g. bedat), Jn. bi' g. (B) bido', (Ch.) biro', samO üt, öt, 
K bü, Mot. bu, Koib. bu, (Atl.) by (Pallas öli), Taigi bu zu 
fiugr. ü. vesi (vete-) etc.; dazu samJ jiderT|ädm 'trinken', T 
bede'am, Jn. (B) bidibo, (Ch.) biribo, üternaT| etc., (Tschl., 
00) üduari, üdumbari, (K, XP) üttuari "nass werden", K bitl'äm, 
Koib. bitüa, (Atl.) bitlja; daneben (MO, K, 00, Tsch.) yrari 
'trinken (branntwein, hier etc.)', (K) yrcau, (00, Tsch.) yrttam 
'tränken', Taigi örsu (Pallas apcy) 'trinken', Alot. urniam, 
welches jedoch wahrscheinlich garnicht zu diesem stamme 
gehört I samJ po, (Kan. Bud.) po, puo 'jähr', T fua, Jn. (Ch.) 
fua, (B) pua, O (X) po, (XP) pe, (B, Tas., Kar.) pü, K phie, 
Koib. pe, Mot. chaa — Atl. O „Xarym" p6de, „Ket" puode, 
„Tymische" pöde, „Karassen"' bod zu ? fiugr. vuosi (vuote-), 
syrj. VC, u 'jähr", Ip. -vuotta (wobei jedoch der urspr. in- 
lautende kons, etwas unsicher ist, siehe XyK XXVI 407-8) | 
in antekonsonantischer Stellung: neben K phe'mä (-tm-) 'zun- 
der', Koib. piadmia, J peamea (mit m <^ mm. <^ f'^") findet 
man T fuu, Jn. fe'e zu Ip. balbma, badva, fi. patvi (urspr. 
tni -^^ df, (J,j) (vgl. oben p. 18 u. unttr tm). 

Ähnliche lautverhältnisse kommen auch in Wörtern vor, die 
nur aus dem sam. belegt sind. zb. a. samT jutu -- dem. judaku 

1 Der vortragende dachte dabei auch an J härad, (Kan.) 
yarad "haus, hütte', T koru zu ? ? fiugr. fi. kota u. verw.; zu 
beachten ist aber Jn. (,Ch.) käraoro, (Bj kamodo, wo m <1 riii 
stehen kann (in T koru kann ru die schwache stufe des rm. ver- 
treten) zu ? ? fi. kormu 'der mit losen brettern bedeckte räum zwi- 
schen den krummhölzern im boote', auch gutsnafne. J härad 
könnte jedoch auch zu trennen und zu fi. kota zu stellen sein. 



46 E. N. Setälä. 

'hancf, (Jel., B, Tas., Kar.) ut, (K, XP) utte, (Tschl.) utö, (X) 
ud, (00) ude, J "uda, Jn. (B) uda, (Gh.) ura, K uda, Alot. vida-m, 
Koib. oda, Taigi hutte (Pallas ryxTe) samT bätu g. badu 'ha- 
kenangel', (MO) kot, (B, Tas., Kar.) kote, (XP) kotte "haken', 
J wäda, wada 'angel', Jn. (B) boda, (Ch.) bora 'haken, angel' 
(könnte zu einem fi. ota < *p'ota "aculeus, cuspis' gestellt wer- 
den; für dieses fi. wort bieten sich aber auch andere etymolo- 
gien dar) ; J häda, hada, (Kan. Bud.) häda 'grossmutter", T 
kodu'a, Jn. (B) kada'a, (Ch.) kara'a samT feterema 'eine renn- 
tierhaut mit dem gerbeisen streichen', fede'äma id., J pideltiau 
'gerben', Jn. (B) fideriebo, (Ch.) fireT]ebo 'schaben, gerben', 
K phiTäm 'gerben' samJ pidäu 'zeichen machen', Jn. (B) 
üdi'abo, (Ch.) firi'abo samJ wädau 'füttern', T bada'ama, Jn. 
(B) badabo, (Ch.) barabo, K budel'am, budl'am i samT fatajea 
"stern", Jn. (B) fadesei, ((Jh.) foreseo (Atl. „Mangaseja" pode- 
gerre, „Turuchansk" parose) ] samJ töd 'speien' (subst.), J töd- 
norT[adm 'speien', Jn. (B) tudado', (Ch.) turaro' samJ sea', 
sa' 'gesicht', (Kan. Bud.) sea' 'gesicht', Jn. (B) se' g. sedo', 
(Ch.) se g. sero' b. samO (Kar.) tytebe, tytebelgum, (B, Tas.) 
cue^ebel-gum schaman', J tädibea, Jn. (B) tädebe, (Ch.) tärebe 
■^ K thärbu samT juitJetem träumen', (K) küderbar] etc., 
(NP) kütarbaT], (Tas.) kütäptaT] etc., J judeau etc., K 1;odürräm 
-^ Jn. (B) jure'edo', (Ch.) jure'ero' samJ päd 'sack", T foa- 
dai ^ K bera c. samO (X, B, Tas.) tit, (K, Tsch., 00, XP) 
tittä, (B, Tas.) titte, (Kar.) tit -^ T üedua 'bewölkt' '— T t;iru, 
J tir, t;ir -^ samO (Kar.) g. tin- in tin-ol 'wölke' (ol 'haupt') 
zu nom. tit, K (Atl.) ti 'wölke', Taigi di d. samT netä 'kes- 
sel', J jead, jied, (Reg.) jäda, Jn. (B) jide, (Ch.) iri --■ O (X) 
ci, (B, Kar.) ii, (K) t;e | samT mada 'karawane', Jn. (B) miedo, 
(Ch.) muoro ^ J myu samT fatau 'schreiber', fadu'ama 
'schreiben'. J pädäu, pädau 'bunt machen, schreiben', (Kan. 
BuD.) päda- 'schreiben', pädar 'brief, (Kan. Bud.) pader 'buch', 
(Reg.) päder, pader 'papier', Jn. (B) fadabo, (Ch.) farabo 'schrei- 
ben' ^ K phiäT]deräm etc. samJ (Kan. Bud.) pydar 'du' ^^ 
pjrr, pure samT satu 'lehm, ton', J saed — ' O (Tas.) so, 
(MO, K) süe, (B, Kar.) sü, Koib. se j samTaigi njada (Pallas 
HbiöÄa) 'tür' '--' Mot. no, Koib. ai, K äje, Jn. (Ch.) "ia, (B) no, 
nu, T ""oa, J no J samJ "u' g. ud "weg', ""udau, 'folgen'- (Kan. 
Bud.) u' 'weg', (Reg.) rjun : jalii^un 'tagereise' (wohl Ver- 
mischung mit den n-stämmen), Jn. (B) u', (Ch.) uri, O (X) 
watt, watte, (Jel., Tas., Kar.) wuette, (B) muette --- T "oajä, 
K äd'e samT badatüa 'überflüssig', Jn. (B) bodadde, (Ch.) 
boradde, J wa' stamm wat 'stark, überflüssig', wata 'überflüs- 
sig', watie 'zuviel', (Reg.) voe 'überflüssig' — (Castr.) wa'adm 
'ich bin stark', (Kan. Bud.) va'a 'überflüssig' '— (X, B, Tas.) 
kue, kuei, (MO, 00, Tschl.) kua, kuai, (Kar.) ky (vgl. jedoch 
auch samO koc etc. 'viel'). Da man jedoch die fiugr. entspre- 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 47 



chungen nicht kennt, kann man nicht immer sicher sein, zu 
welcher reihe der inlautende konsonant urspr. ^ehr»rt (die t-, 
d-, d'-reihe, sogar die Sibilanten- oder affrikatenreihe ' können 
möglich sein); in einigen fällen können auch verschiedene ab- 
leitungen vorliegen. Hier müssen die gegenseitigen Verhältnisse 
der samojedensprachen noch genauer untersucht werden. 

111. k- fälle. 

a. [samT k ^ g, O g, k, kk, Jn. h, J h:] samT jaka- 
l'i'ema 'schneiden" '^ jagi"ema 'zerschneiden', Jn. (Ch.) johibo, 
(B) johebo, O (N) eakap, (B) eakam, (Tas., Kar.) £akara, (Tsch., 
00) 1:agam, (K) tJakkau, (NP) t;akkam, K t^egärlim ? zu fiugr. fi. 
jakaa, Ip. juökket samT nika'am 'schwitzen', 1\ nogo 'schweiss', 
Koib. nogo, Mot. niuguguT|bin, J nohädm "schwitzen', Jn. 
noha'aro', nuha'edo' zu fi. hiki 'schweiss' <C *jiki samJ nahar, 
nahal, nohol 'schmutz', Jn. nohi, T nager pl. nakerä ? zu fi. 
noki 'russ" samO (N) eagak etc. 'austrocknen', (K) eakkaT\, 
(NP) cekarj etc. zu fiugr. Ip. coakke g. coage "vadum, brevia'. 

b. [Dieselbe Vertretung -- O : | .' samT bigai g. bikä 'fiuss', 
Iv faga, d'aga, (Castr. hdschr. djaga 'fluss'), Mot. eaga (Pallas 
üHÄJKera), Taigi (Pallas) lära, ? Koib. jagat 'ausfluss, mündung', 
J jaha, Jn. jaha ^^ O ky, ke, ke in dem. (X) kege, K kekke 
'kleiner tluss" (viell. auch K t;a-, da- in t;aga, d'aga "kiemer fluss'. % 
Atl. „Obdorsk" ja, Pallas ara, a) zu fiugr. fi. joki etc. j samT 
lok. takanu "hinten", abl. takada 'von hinten', lat. tagat^ (mit 
dem lativsuft". -t| = fiugr. -rx), tagan, takkan (lok., abl.), K 
lok. takkan (o: tak-kanj, abl. takka' (o: tak-ka') 'von hinten', 

1 Im samO findet man in einigen ganz sicheren t-fällen ein 
^' 3' ^5 3 usw. (vgl. unten unter nt samO pon3 usw. 'beinling' 
zu Ip. biddo, unter It samO sal3e etc. 'pfosten, pfahP zu Ip. 
euoldda; ebenso kommt c, 3 in einigen s- und s-fällen vor, wel- 
che reihen mit der t-reihe zusammengefallen sind, vgl. unter s, & 
und TjS). Folglich ist c, 3, bezw. c, 3 im samO kein kennzeichen 
der tv-reihe; fälle wie oben eue3ebel-guni 'zauberer', unten matcau 
etc. 'schneiden', oder fälle wie samJ "ydeau, 'ideau, (Kan. BuD.) 
ydy-, idi- 'aufhängen', T "idi ema, Jn. (B) idi abo, (Ch.) iri abo, 
K adel'im, adlim, O (Nj edap, (MOj etau, (K) yttau, (NP) yttam, 
(B, Tas., Kar.) itam — • (OO) yeani usw. können also gut t-fälle 
sein. Im samO kann in diesen fällen von einem Übergang eines 
t in c keine rede sein, sondern das erscheinen des e beruht sicher 
auf einem Übergang eines t in die ^.v-reihe (durch den Wechsel 
ti '^^ t <C z veranlasst, siehe unter ti). 



48 E. N. Setälä. 

J lok. tJahana etc., Jn. lok. tahone, tehone, abl. tahodo, tehoro 
-^' J prosek. £auna 'hinten entlang', (Kan. Bud.) £ana 'über' 
(Castr. tahanä), O lat. tä, lok., abl. tan zu fiugr. fi. taka, Ip. 
duökke samO (Tas., Kar.) i, (N, B) i 'söhn', Atl. „Kef i, 
„Tymische" iga, Taigi tigeci (Pallas: TiireqH) zu ? fiugr. tscher. 
iye 'junges (von tieren), kind', pi-i)'d, piueyd 'hündchen' (kommt 
auch in dem Ip. ausgang -a -- -ag in bsena g. bsednag, fi. -ikka 
in penikka vor) J leajo, leju, (Kan. Bud., Reg.) leju 'flamme" 
zu fi. ? ? fi. liekki J nyhi 'kraft', Jn. niho, T nika g. niga — 
Pallas „Obdorsk" hu ? ? zu fiugr. fi. väki 'kraft" etc. 

c. Zu bemerken sind noch folgende Zusammenstellungen, 
obgleich man nicht sicher wissen kann, ob der inlautende kon- 
sonant urspr. der h- od. eventuell der y-reihe angehört hat. 

samJ nom. puhulrjau ^ pu'ü 'blasen', T fua- in fuaruma, 
Jn. fue-, fua- in (Ch.) fueriabo, fueddabo, O pua-, pu- in (N) 
puap, puau, (K) püwau etc., K phübräm zu fiugr. ostjTrj. 
P{''^Y-j V, Vj. poy-, wog. püivi, pfd (st. pfiy), ung. fuj 'blasen', 
fuvall 'schwach blasen', mordE puvams samO (K) cuk, (N) 
euk, (Kar.) tuk, (B, Tas.) tuk 'wurm', J tuhu 'made in ver- 
dorbenen speisen, fischen usw.' ^' tu 'wurm in verfaulten 
fischen', K thü" 'wurm' zu (? fiugr. ostjTrj. säitj^, V, Vj. sqx, DN 
säu etc. 'baumwurm', wog. sou. sau, ung. szü) | samJ jie 'fichte, 
kiefer', (Reg.) jiä 'cocna' O (MO, 00) küe, (XP) tue, (N) cwe, 
(Jel., B) ^o, (Kar.) in, (Jel., B, Tas.) iö- in töl-pu, (Kar.) t;ü- in 
1;ül-pu 'führe, fichte', K t'o', to 'föhre' (Atl. dzu 'fichte'), Koib., 
Taigi dzä 'fichte', Mot tcia zu fiugr. ostj. mx ^tc. 'bäum; holz', 
wog. jiw. 

Auch in Wörtern, die im fiugr. nicht belegt sind, findet 
man eine ähnliche Vertretung, zb.: a. samT makä "stammelnd', 
J maha, Jn. maha j samT jaka 'zwilling', J jahä', Jn. jeho 
samT koika 'götterbild', J hahe, (Kan. Bud.) hähä, (Atl. ..Jura- 
zen" kähä 'donner'), Jn. (B) kiho, (Ch.) kaha, haha | samT 
jukü'am 'sich \erirren", J juhydm, juhym, (Kan. Bud., Reg.) juhu-, 
Jn. (B) johuado, (Ch.) johuaro | samT nigutm "beten", J noho'adm, 
Jn. (B) nihu'ado, nihutado, (Ch.) nuhu'aro', nuhutaro' | samJ 
jahadiei 'renntierkuh', Jn. (B) johodi, (Ch.) johori | samT 
siku' 'handwurzel', Jn. siha | samT nakaU'ema, nakal'i'ama 
'nehmen', Jn. (Ch.) nehibo, (B) jedoch: nekorebo b. samJ 
nahar .^^ när 'drei' (vgl. T nagur) lahanädm --^ länam 'spre- 
chen, antworten' ; sahalau, sälau 'schöpfen" ^uhuli^au ^ inläu 
'herausziehen' pihi 'das äussere': lok. pihine, abl. pihid, lat. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 49 



pihin --' pin (Castren, Gramm. 587, nr. 6), (Kan. Bud., Reg.) 
pihirie "aussen' -- pin 'hinaus' "ahaku" ^-^ "äku" 'weit' lok. 
"ahana ^ "äna, (Kan. Bud.) ädna, ädne 'procul' | hohoraei, 
hohorai, huhoraei, hoharaei schvvan', (Rkc.) hohorey, (Atl. „Pu- 
stüsersk") chucharei ^ („Obdorsk") chorei (Zoogr. II 212 cho- 
roi) I samJ nuhil'ieu '^ nu'u 'ziehen' (vgl. O nakkannap etc., 
K ne'bl'äm) samJn. lok. flohone 'aussen', abl. fiohoro ^ lat. 
fionö "hinaus" (vgl. samJ pihi) süabo "schöpfen', vgl. J sahalau 
^' sälau (Ch.) bahuo -^ } (B) bü- in büse "alt", \gl. T baika'a, 
J puhy, puhul'ie etc. ? tube" "leinwanci" ^ T tuge', J tohe' 
etc. saniO nägur, noagur -—^ när, noar 'drei' (K) sogonnau, 
sogolbau '-«- (B, Tas., Kar.) sönnam 'schöpfen', vgl. J sahalau 
^ sälau (K) kuagan, (N, B) kuegar, (Kar.) kuogar, (Tas.) 
kuekär ^^^ (Tsch., 00) kuana, vgl. T bakunu, Jn. behana, J 
jehana, (Knd.) wehana "stör' ---' Atl. „Obdorsk" Jena T äü- in 
süjii'äma, süsuama 'schöpfen', vgl. J sahalau ^ sälau || samK 
Atl. tägö "renntier', Taigi (Zoogr. I 207) tagoe ^ J ty, te, tö, 
T tä, Jn. tia (Zoogr. 1 207 „Mangaseae tyjae"), K tho, Taigi 
to (oder ist tägö ein deminutivum.") | samK phigije "falke" -^ 
Koib. (Zoogr. I 327) pyae 'falco peregrinus" j| samJ hufoho, 
hufuhu 'larus parasiticus' '^ hufau (Zoogr. II 324, 331) chur- 
juo, churjuo "larus atricilla, larus minutus". Es ist natürlich 
nicht sicher, dass man es in allen diesen fällen mit der k-reihe 
zu tun hat. 

Das angeführte — mit den Vermischungen der nasal- und 
klusilreihen zusammengenommen — dürfte mit Sicherheit für 
einen ursprünglichen Stufenwechsel der klusile im sam. sprechen. 

In der p-reihe hat man wohl in samJ b (eig. spirant. ß, 
siehe Ca.strens Gramm, i; 42), w, ebenso in K w, Mot. O die 
schwache stufe zu sehen; T f --- b ist wohl von der starken 
stufe ausgegangen, ebenso O p, pp, und wohl auch Jn. b (?), 
K, Koib., Mot. b. 

In der t-reihe ist die buntscheckigkeit, offenbar infolge 
der Vermischungen mit der S- und d'-reihe recht gross; diese 
Vermischungen aber setzen unbedingt einen alten Wechsel vor- 
aus, denn sie können nicht ohne irgendeinen berührungspunkt 
zwischen den reihen zustandegekommen sein. Man könnte 
sich das Verhältnis etwa folgendermassen denken: 

t-reihe: urspr. l >> sam. t, d ^ urspr. d >> sam. r 



()"-reihe: „ ö >> sam. r -^ „ d >> sam.O 

Finn.-ugr. Forsch. XII. Anz. 4 



50 E. N. Setälä. 



Es gibt aber verschiedene umstände, welche dafür zu 
sprechen scheinen, dass die schwache stufe der t-reihe im sam. 
eine Schwundstufe gewesen ist; dann wäre das Verhältnis fol- 
gendermassen zu veranschaulichen: 

t-reihe: urspr. l > sam. t, d '^ urspr. d >> sam. 
J-reihe: „ ^ > sam. r ~ „ <| > sam. 

In beiden fällen sind die brücken der reihenübergänge vollkom- 
men ersichtlich. 

In der k-reihe repräsentiert der schwund offenbar die 
schwache stufe, die übrigen Vertretungen wohl die starke stufe. 

II. Da.ss es neben den x-reihen der klusile auch xx-rei- 
hen gegeben hat, wird durch folgende umstände bewiesen: 

a. Dem samT f steht ein J -p-, Jn. -f- zurseite (statt b, 
w, wie in der x-reihe): samJ jiparäu 'losflechten', T jufada'ama, 
Jn. jüforabo, O t;äp, 1;ep in (MO) t!äpsau, (K) fepsau, (Tschl.) 
iJäpsam sainJ jiepada, jiepedea, jepada, jipi, (Kan. Bud.) jepie, 
jieppi, (Reg.) ippi 'heiss', Jn. (B) jeü, jeüde, (Ch.j eü, eure -^ 
K tibd'i, fibegä | samJ taparriau, tapparrjau 'mit dem fusse stos- 
sen, hinten ausschlagen', taphalr^au 'einmal ausschlagen', (Kan. 
Bud.) tapahalT^a- | samT fufa 'vulva', Atl. „Turuchansk" VYP- 

b. Dem samT -t- steht in gewissen fällen in J, Jn. -t- 
zurseite (nicht -d- wie in der x-reihe), zb. samT latu 'salmo 
pelet", Jn. latu samT totur^ 'funke', J täto, tätu, Jn. tatu 
samT t;ata vier', J tet, t;iet, tiet, Jn. teto, O tet, tetta, tiet, 
tietta, K the'de (Atl. tjätti), Mot. deite, Koib. tade, Taigi 
deide (\gl. dagegen T jutu 'band', J "uda, Jn. uda, ura, O ud, 
ut etc., K uda). Sam. t kann freilich aus verschiedenen quel- 
len stammen, aber wo sam. t aus einer konsonantenverbindung 
(pt, kt) entstanden ist, vertritt -t- zunächst auch ein tt. 

c. Dem samT -k- steht in gewissen fällen ein J, Jn. -k- 
und nicht -h- zurseite, zb. samJ jäkudm "jucken", T jokutm, 
Jn. (B) jakuado, (Ch.) jakuaro samJ jiekau, jekäu, jekau los- 
binden', T jika'ama, Jn. jikabo, O (N) eekap, (MO) £ekkau, 
(K) £ikkau, (Tsch., 00, NP, Kar., Tas.) te-kkam, (Tas.) tiekal- 
gam, (B) ciegalsam, K tikil'im samT jiika 'holzscheit', Jn. 
jüko samJ "cka 'viel', T "öka, Jn. öka, K igö (bemerke: hier 
K -g-, nicht -k-, wie im 2. beleg; reihenübergang?) ; samT bakä 
'Schabeisen', Jn. (Ch.) bakö | ebenso: samJ jäke, (Knd.) jako 
"rauch', Jn. jaki , samJ jikar 'nicht wissen', Jn. (B) jekari, 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 51 



(Ch.) jikaH id. 'unbekannt' ^ samJ makabtäu "aufstellen', Jn. 
mokatabo | J jik, jik (Reg.) ik 'hals', O (Pallas) „Karasinski" 
ÖLifiKniH, Mut. 6ynK3, Koib. öaurre, welche drei letztgenannten 
fälle im samT nicht belegt sind. Ein inten'ok. -k- kann im 
sam. auch \'on einer konsonantenverbindung herstammen (pk, 
vgl. unten), aber selbst in diesen fällen \'ertritt ja -k- zunächst 
ein kk. 

d. Im samT, in welchem ein paradigmatischer Stufen- 
wechsel der x-reihen der klusile vorkommt, gibt es „verschie- 
dene Wörter, bei denen der konsonant gar keine Veränderung 
erleidet" (Castren, Gramm. 160, anm.); unter diesen findet man 
die eben erwähnten fufa 'vulva', latu 'salmo pelet', jüka 'holz- 
scheit'; dies kann freilich teilweise auch auf dem bau des wer- 
tes beruhen (hierher gehört zb. auch T koika 'götterbild', wel- 
ches zu der x-reihe zu stellen ist, siehe oben p. 48), aber wahr- 
scheinlich doch nicht zb. gerade in fufa, latu, jüka. 

Jedoch scheinen auch reihenübergänge vorzuliegen (vgl. 
zb. c, beisp. 4); vgl. auch konsonantenverbindungen, bes. 
kt u. pt. 

Es ist schwer sichere flugr.-sam.oj. belege für die Ver- 
tretung der xx-reihen der klusile zu finden; einige, an welche 
man denken könnte, mögen angeführt werden: a. samJ sap'au 
hauen', (Kan. Bud.) sappa-, (Reg.) sopiT\u-, ? (Castr.) sappadau 
'antreffen' zu fiugr. ung. csap 'schlagen, hauen', Ip. cuoppat 
caedere, secare', weps. (Sapan 'schneiden' b. samJ näd 'rotz', 
nädoTjorTjadiri, nädoworTjadin sich schnauzen', T noudi'em, 
noudirum, Jn. (B) nadiriado, nadiuT)ado, (C h.) nariTjaro, nariu- 
T\aro samO (X, B, Tas., Kar.) tut 'unrat', T 1;i, t'i', K thü'd 
zu fiugr. syrj. sit, wotj. sif, fi. sitta 'stercus' samJ leatau, 
leadau 'bewachen, hüten' .' zu ung. lat 'sehen, schauen' | samT 
mata'ama 'schneiden', J madau 'hauen, schneiden', (Kan. Bud.) 
mada- 'schneiden', (Reg.) madaTju-, (Kan. Bud.) madara- 'einen 
fluss überschreiten', Jn. motabo "schneiden", O (Kar.) matam, 
(K) matcau, (XP) matcam, (Tschl., B, Tas.) macam, (N) ma^ap 
zu ung. met- "secare', ??fi. mättää, mätätä 'werfen, pflücken' 
c. samJ päkalr|äu, pakalrjau, pakkalT|au 'stechen (zb. mit dem 
messer, holz'), T fakal'i'ema 'hineinstossen', Jn. (B) fokoddebo, 
(Ch.) fokoddibo zu fi. pukkaan, pukata 'cornibus petere' etc. | 



^ Vgl. jedoch J jiherau 'nicht wissen', Jn. (Bj joharabo, 
(Ch.) jahulabo. 



52 E. N. Setälä. 



samJ leakabtadm 'schneiden', l'ekabtäu 'spalten, teilen', (Kan. 
BuD.) leakaj- 'bersten", l'äkapta- 'spalten' zu fi. leikkaan inf. 
leikata 'schneiden' | samÜ (X) lagak 'sich rühren", (B) lagaT], 
(Tas., Kar.) lakar), (Kj lakkari "arbeiten (grobe arbeit)", (K) 
lakkarau 'in bewegung setzen', (N) lageptap, (K) laigeptau 
[o: lageptau ?] etc zu fi. liikkua 'sich rühren, sich bewegen" 
(vgl. auch lykkään inf. lykätä "stossen, schieben') | samO (MO, 
B, Tas., Kar.) loka, (Tas.) lokä, (K) lokka, (N, Tschl.) loga 
'fuchs' zu ? ung. röka samO (N) cakap, (B) cakam, (Tas., 
Kar.) 1;akam, (K) ^akkau, (NP) t^akkam, (Tsch., 00) t;agam 
'zerstückeln' ? zu fiugr. mord. tsukams, skams 'anklopfen, 
stampfen', ti. hakkaan 'hauen, hacken' samO (N) cokonnap, 
(Tsch., 00) -m, (XP) cokkunnam, (B, Tas.) cokkolnam, (MO, 
K) tiokonnau, (Kar.) fokkolnam, (MO, 00) sägennau, (K) säk- 
kennau, (XP) säkkennam, (Tas.) «akalnam 'hineinstossen" zu 
? ? fi. tokkaan 'stecken' (für das fi. wort gibt es auch andere 
etymologien) | samO (X) cagagap 'einschliessen, x'erschliessen', 
(Tas.) eakacam, takatam, (Kar.) takateriam zuschliessen' zu 
ung. csuk 'einsperren', wotj. Uoktani etc., kar. cokkoa- 'hin- 
einstecken' (siehe PXIF XI 198) ' samO (Jel., B, Tas., Kar.) 
sok 'Vorgebirge, landzunge', (X) hok 'vorgebirge' ? zu fiugr. 
ostjl tiak 'landspitze", syrj. tsuk 'bergkegel', tscher. t'svlcd 'klei- 
ner häufen', Ip. eokka "cacumen, Vertex montis', fi. sukki 
'spitzfindig' samT sikuda'ama 'erwürgen" J sihidäu, (Tas.) 
sohomdau, (Kan. Bud.) suhomta-, suhomda-, Jn. (B) sihidabo, 
(Ch.) sihirabo, (B) cakasam "würgen", K siktelim "erdros- 
seln' zu fiugr. wog. sslitp-, Sak^p- etc. 'ersticken', ostj. tmGdptd- 
id., fi. tikahtua id. (vgl. WichmaNx\ FUF XI 177). Zusammen- 
zustellen ist noch das sam. deminutivsuffix samJ -ko, -ku, T 
-ku, -ku, Jn. -ku, -ke, Jn. -ke, -kke, -ge etc. mit fiugr. fi. -kka 
(zb. vasikka zu vasa 'kalb') usw. 

Von diesen belegen sind die samO meistens, was die 
reihe anbetrifft, ohne belang; die belege a und c 1. (2., 3.) 
zeigen deutlich die merkmale der xx-reihen, dagegen die belege 
b 1., 2., 3., teilw. 4. ', c 9. die kennzeichen der x-reihe. Wenn 



1 T u. Jn. weisen die kennzeichen der xx-reihe, J die der 
x-reihe auf; O c, c, 3 beruht auf Vermischung mit der f.v-reihe, 
vgl. p. 47. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 53 

also die Zusammenstellungen oder einige derselben richtig sind, 
müssen Übergänge zwischen den xx- und x-reihen angenom- 
men werden, welche ebensogut auf dem sam. als auf dem 
fiugr. Sprachgebiet stattgefunden haben kiinnen. Die reihen- 
übergänge sprechen dafür, dass der Stufenwechsel sicher auch 
ein quantitativer Wechsel gewesen ist; bei den formein' 

XX '^ x' 

x' '^ y 

haben die schwachen stufen der xx-reihe und die starken stu- 
fen der x-reihe, welche identisch wurden, den reihenübergang 
vermittelt. 

Die Sibilanten. '^ 

I. s-fälle: samT kutädandum husten', J hödombidm, 
hödambiu, (Reg.) hodorT\a-, Jn. (B) koduriado, (Ch.) koruTjaro, 
(NP) kotnarj, (B, Tas.) konnat], (Tas., Kar.) kotarnat) etc., 
(N) kacaT], K kn'l'am; J hö', ho' 'husten' (subst.), Jn. (B) ko' g. 
kodo', (Ch.) ku' g. kuro', (N, B, Tas., Kar.) kot, (Jel.) kut, 
K ku'd, ku'n zu ostjDN x^^t 'husten' (subst.) etc., syrj. kyzny, 
wotj. ^IcU-. Tcu-, mord. kozan. Ip. gossat ; samJ Mdy, (Reg.) 
hadi 'tanne', Jn. (B) kadi, (Ch.) kari, O (N) käde, (K, NP, B, 
Tas., Kar.) küt, (00, Tsch.) kütö, (B, Tas., Kar.) kütil-pu, K 
ko'd, ko'n, (Atl. kotu.?), Taigi kat ^- T ku'a zu fiugr. ostjKaz. X'/'^i 
Xi. xut ^t^c., wog. ^X'^fut etc., syrj. koz, wotj. ^kh etc., tscher. L02, 
mord. km, fi. kuusi, Ip. guossa samJ hade, häde "harz' zu fiugr. 
Ip. gasse, tscher. kis, fi. kesyen-, kesviin-, kesytkanto 'stamm- 
ende des teerholzes' | samJ pidea "nest", Jn. (B) üde, (Ch.) Are, 
O (N) ped, (MO) pet, (K) pitta, (00) pötä, (Tschl.) pätä, (B, Tas., 



^ Hier bezeichnet x den betreffenden konsonanten mit der 
quahtät der starken, y denjenigen mit der qualität der schwachen 
stufe. 

2 Zur geschichte der Sibilanten ist der kurz vor dem Vortrag 
erschienene interessante und wertvolle aufsatz von Zoltän Gom- 
BOCZ »Zur finnischugrisch-samojedischen lautgeschichte» (Festschrift 
Vilhelm Thomsen zur Vollendung des siebzigsten lebensjahres am 
25. Januar 1912 dargebracht, p. 8-14) zu beachten. 



54 E. N. Setälä. 

Kar.) pite, (Jel.) pit, K phidä zu wog. pit'i. jnf. Kond. pis, ung. 
feszek, syrj. poz 'nest', wotj. pm, ^pez 'hode, ei', tscher. piiäs 
etc., mordAI jjizä, E piif. fi. pesä, Ip. bsesse samJ wädisei, 
wädi^ei 'link', T badi'e, Jn. (B) badi'o, (Ch.) bari'o, (N) 
kuedagi, (K) kuedägi, (NP) kueteki, (Jel.) kuedäge, '(Tas.) kue- 
tege, (Bj kedege, (Kar.) kydege zu fi. vasen 'link'. — Vgl. 
auch konsonantenverbindungen: postkons. ks, antekons. sk. 

In der regel ist also die Vertretung des s ganz dieselbe 
wie diejenige des t (vgl. oben p. 44 u. f.; leider ist T nur 
zweimal belegt und teils durch t, teils durch ' vertreten); man 
denkt dabei unwillkürlich an das t im wog. und in gewissen 
ostj. dialekten. Der vortragende hoffte in seiner grösseren arbeit 
über den Stufenwechsel im fiugr. und sam. zeigen zu können, 
dass man im wog. t < z (wog. y/'^i^i 'tanne', pit'i, p)it' 'nest') die 
Vertretung der schwachen stufe, im wog. s, s (wogKond. pis id., 
2jäsi, ^püse 'waschen') diejenige der starken stufe zu sehen hat; 
ebenso vertritt in ostj. x'?\\, yut 'fichte', yut 'husten' etc. a, t 
die schwache stufe, s in pos- 'waschen' etc. die starke stufe; 
im ung. s in feszek die starke, 0, j in tön 'er machte', im suff. 
des imper. -jon, -jen etc. die schwache stufe, vgl. auch die 
konsonantenverbindungen zb. in mäj 'leber', fi. maksa, ij, iv 'bo- 
gen', fi. jotisi, urspr. mit -rjs-). Es ergibt sich also der schluss, 
dass im sam. das t ein urspr. z der schu'achen stufe ver- 
tritt. — Über c in einigen fällen vgl. oben p. 47, fussnote u. 
unter U\ 

In einem fall scheint freilich sam. s (T s -- j) ein fiugr. 
s zu vertreten : samJ ^esu' (Kan. Bud.) eso 'glied", T "ajui pl. 
asua', Jn. usu' zu fiugr. syrj. jöz- in jözvi 'knoten, gelenk', 
wotj. joz 'gelenk', mordM äznä, E ezne, fi. jäsen, Ip. jsesan. 
Zweifelhaft ist, ob man samK bezel'äm, bezl'äm 'waschen' 
zu fiugr. Ip. bassat, fi. pesen ua. zu stellen hat, oder ob es mit 
samJ mäsau 'waschen" ua. (vgl. unter sk) zusammengehört. 
Bemerke noch: Koib. niausa (Pallas HHysa) 'weib', (Pallas 
Tomsk) iiHUia zu ? ? Ip. niso g. nisson. 

Das material ist jedoch zu klein, um den schluss wagen 
zu lassen, dass hier s etwa ein Vertreter der starken stufe sei; 
vgl. gleich unten. 

Zu bemerken ist, dass auch im wortanlaut meistens t, 
wohl <^ z, steht; man scheint jedoch einzelne fälle mit s zu 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 55 

haben (samT sela "fett', O sile, K sil zu syrj. sil usw., siehe 
p. 00, wenn die Zusammenstellung richtig ist; \'gl. jedoch auch 
samJ tu' 'talg', Jn. tu, tu, T t:u', ino etc.); ob dieses s <^ s 
zu erklären ist, mag diesmal dahingestellt bleiben. 

II. s- fälle. 

Die fälle mit inter\"okalischem urspr. -s- sind sehr wenig 
zahlreich; folgendes mag bemerkt werden: samJ nisea, nisea 
'vater', T jase, Jn. ese, O (00, Tschl., Kar.) es, (MO, B, Tas.) 
es, (NP) ässe, (K) as, ? (N) a^a ^' T gen. jaje zu jase, ija'a 
'vater in der anrede', Jn. ija'a id. zu fi. isä, estS ezä, IpK \jiecce 
etc. Hier erscheint also s, im T mit j paradigmatisch wechselnd, 
als Vertreter des s; dieselbe Vertretung findet man auch in kon- 
sonantenverbindungen, sowohl was das antekonsonantische als 
was das postkonsonantische s betrifft. Belege für denselben 
typus ohne (bekannte) fiugr. entsprechung gibt es viele, zb. 
samJ pisoTiadm 'lachen', Jn. (B) fisiriedo', (Ch.) fisii^ero', 
<Tsch., 00) pesenaTj, (K) pisenai^, (XP) pisannat] etc., K biste- 
l'äm, bisträm, bisterläm, Mot. biznergam, T fisil'i'em -^ T 
fijitim samJ häsawa 'mann', Jn. käsa, K kuza in thibe-kuza 
(handschr. tibe-guza) 'mann', ne-kuza (hand.schr. ne-guza) 'weib,' 
Koib. kasa "mensch", Taigi ehäsa, Mot. chasy (Pallas Kasa) -^ 
T kuajumu (Atl. ..Tawgi" kajürima 'mann', Pallas koh^hp'B 
'mensch'. Ad. ,.Obdorsk" chajoau 'mann') samJ jeas' 'schlinge', 
Jn. jesi, kesen, käsen, kesan, t;esen, ^asen, casen, (XP) eesan 
'schuhband", K) cesen, K tJazen "schlinge" ■ — T jajet] ua. 

Was den Wechsel s -^ j im T betrifft, vertritt hier j ohne 
zweifei ein älteres z; der Übergang z > j scheint nicht einmal 
alt zu sein, da er ja in einem verhältnismässig jungen lehnwort 
T kaja'ka 'kosak' (< russ. KasaKi.) zu finden ist. Dieser Wechsel 
s -^ j <; z muss ohne zweifei den wechselfällen f .--' b, t ^ d, 
k -^ g zurseite gestellt werden und dürfte — in qualitativer hin- 
sieht — kaum ursprünglicher sein als diese. Hier muss jedoch 
etwas altes zu gründe liegen — wenigstens ein altes prinzip, und 
man fragt sich, ob man nicht etwa in entsprechungen wie: samJ 
passi (Reg.) posi (Atl. „Obdorsk" pasy "weibliches glied' ^ .^ K 
pia, pja, ?0 (Tas.) pa, Atl. „Tomsk" pije, „Narym", ..Ket", 
„Tymische" pi, „Karassen" pä (zu ? Ip. buocea 'membrum virile', 
ung. fasz) ^ Jn. (B) kasuedo", (Ch.) kasuaro' "trocknen' --' T 



56 E. N. Setälä. 



kojn"am, K köl'am (zu fiugr. zb. mord. IcosHe 'trocken', vgl. unter 
äk) [ Jn. (B) jäsa 'mehl' ^ (Ch.) jauja, T ja, ja, J jea', (Kan. Bud., 
Reg.) ja spuren eines ursprünglicheren Stufenwechsels sehen darf. 
In dem narymschen dialekt des samO scheint man in 
gewissen fällen im inlaut — ganz wie im anlaut ^ ein h statt 
s zu finden, zb. kaha 'barsch' '^ (MO, Tsch., 00, B, Jel., Tas., 
Kar.) käsa, (K) kässa eeher 'schlinge' zu (B) casen etc. (siehe 
gleich oben) loh, luoh 'geist' ^-^ (MO, K) los, (Tsch.) luosö, 
(00, Tas.) luos, (XP) lösi, (Jel., B, Kar.) lüs. Das material 
ist jedoch zu spärlich um Schlüsse ziehen zu lassen. Und 
es ist zu bemerken, dass sam. s verschiedenen Ursprungs ist; 
viele Untersuchungen sind noch nötig, bevor das entscheidende 
wort über diese Verhältnisse gesagt werden kann. Der Stufen- 
wechsel hat wohl urspr. die form .s' — ' z gehabt (vgl. auch 
unter den konsonantenverbindungen); z ^ j wäre ein ganz 
natürlicher Übergang, sodass samT s -^ j eine regelrechte ent- 
sprechung des alten Verhältnisses sein könnte. Der umfang der 
erscheinung im samT scheint jedoch, dafür zu sprechen, dass 
s -^ j nur einen quantitativen Wechsel fortsetzt und dass also 
das alte Verhältnis hier zufällig restituiert worden ist (vgl. das 
wotische wiederhergestellte 5 ■^ z). 

III. s- fälle: 

samJ padea, (Kan. BuD.) pad'e "galle", T fate g. fade, Jn. 
(B) fode', (Ch.) fore', (X) päd, (K. XP) patte, (B, Tas., Kar.) 
pate '^ (Tsch.) pace, (00) pae, K phada; O (B) patenega 'es ist 
bitter', J paderaha 'blau" (Midd. 'grün'), (Reg.) podjerraha 'gelb', 
(X) padal, (XP) patai, (B, Tas., Kar.) patel, (Tsch., 00) 
pacel grün', Taigi (Pallas) naTTanrö (Pallas Xarym, Ket, 
„Timskago roda" pate grün", „Tomskago okruga" padza) zu 
fiugr. mord. fAze- 'grün'. In postkonsonantischer Stellung vgl. 
unter ks samO (00) paktur 'wade" zu mord. pukso etc. 

Die Vertretung ist dieselbe wie bei -s-; über die bedeutung 
des e im samO vgl. oben p. 47, fussnote und unter ts. Xach 



^ Zb. hai (anderswo sai) 'äuge' zu fiugr. fi. silniä usw., hal^ 
(anderswo sal3, sal3e usw.) 'pfosten, pfähl' zu fiugr. Ip. cuoldda 
— beide sicher mit fiugr. s — ; häkuap (B sarjam) 'schmecken' 
zu ung. szag; härap (anderswo säram, särau usw.) 'anbinden' zu 
fiugr. fi. sitoa usw.; heban^a 'schwein' <^ russ. CBUBta usw. 



über art, umtang u. alter d. Stufenwechsels. 57 



der auffassung des vortragenden ist t hier eine fortsetzung des 
urspr. i der schwachen stufe, und das Verhältnis ist demjenigen 
der fiugr. sprachen ähnlich, wo im obugr. einem urspr. i ein 
ostj. j, t usw. (wog. t) entspricht (vgl. zb. fi. iho 'haut', mord. 
jo3 etc.: ostjKaz. .f.i. Ni. et etc.; dagegen die starke stufe mit 
s zb. in ostj. ustem "untergehen', syrj. vosny, fi. vahinko 'scha- 
den'). — Von der Zweiteilung der s-laute sieht man bei der 
dürftigkeit des materials keine spur. 

Konsonantenverbindungen. 

Wenn der Stufenwechsel zugleich sow^ohl ein quantitativer 
als ein qualitativer Wechsel gewesen ist, ist die frage, welchen 
teil einer konsonantenverbindung der w'echsel betroffen hat. 
Wenn wir mit x und z die komponenten einer konsonantenver- 
bindung bezeichnen und mit y und w die qualitativ verschiede- 
nen schwachen entsprechungen, so wären theoretisch folgende 
formein möglich: in der starken stufe x'z\ x'z od. xz\ in der 
schwachen stufe yw, yz, xvv oder sogar xz. Der vortragende 
hatte bei der ersten darstellung der theorie die sache so aufge- 
fasst, dass die regelrechte formel diese sei: x'z ^- xz, bei klu- 
silen und Sibilanten xz '^ yz (zb. Im '--- Im, kt .^ j't). Er 
hatte jedoch diese seine ansieht wesentlich verändert und glaubte 
durch das fiugr. beweisen zu können, dass die formel so ausge- 
drückt werden müsste: xz' (> zz) — yz od. sogar xz' (> zz) 
'^ yw, in einigen fällen xz" (>» zz) ^^ xw; also: Jet (>> tt) ■^ yt 
od. yd, tih (>» mm) -^ dm od. dß od. dß: jedoch meistens mp 
^ mß_ (^ mm). Eine Verbindung nasal -\- geminierter klusil ist 
folgendermassen vertreten: xzz (> zz) — xz\ also mpp ^ J^P 
■~^ mp (>> rhp). Im grossen und ganzen findet man dieselben 
Verhältnisse im sam. wieder; nur bei tk und sk, sk haben sich 
die Verhältnisse anders gestaltet. 



Klusü + klusü. 
I. pt-fälle: 

a. samJ üöbta, eäbt, eabt, "öbt (Kan. Bud.) uöpte, (Reg.) 
Tiäpt "haar', T 'äbta, "abta, (,X) opt, (K) optte, (00, Tsch., 
JeL, B, Tas.) opte, (Tsch.) optä, (Kar.) upte, K äbde, (Atl. 



E. N. Setälä. 



apty), Koib. abde, Taigi öbdetä, Mot. ipti -- Atl. „Mangaseja" 
ütto, „Türuchansk" üto zu ostj. üBrit etc., wog. ät, üi, IpL 
vüdpta-, f\. hapsi « *apti), hahtu samJ wäbtäu 'ausstreuen, 
ausgiessen', T bo'bta'ama — Jn. batäbo zu ? Ip. oakte, oafte, g. 
oavte 'pluvia vel tempestas repentina', K ^vlokte etc. 'Schneefall, 
regenschauer', tscherB Ramst. ßa-ktas 'tropfen' i | samO kuopt, 
kopt, kuopte, küpt 'platz, stelle zum sitzen od. liegen" ? zu fi. 
kohta samT kubtu'am 'ans land schwimmen, landen', O (NP) 
kupta-n 'landen', Jn. kutaro", kutado, ? (00, Tsch.) kodari 'lan- 
den', (Tsch.) koeari, (N) koeak, (K) kötcaTj zu Ip. govddot 
'natare, supra fluere', syrj. kyptyny 'sich erheben', vays k. 
'auftauchen aus dem wasser' samJ öbtarem 'ebenso', "öbta- 
ri£ea 'ebensolch' etc., (Reg.) tiobte 'zusamm.en', (Kan. Bud.) 
äpte id., opte 'nur' etc., vgl. Mot. obdenasa 'neun', Taigi 
optinjasto; \'gl. noch K ophtelim 'sammeln', Koib. oplam zu 
fiugr. IpK alt, L alda- etc. 'eins', aJctu od. a2)tu 'allein' etc., 
fi. yksi etc., vgl. auch ostj. Patk. ektem, oktem 'sammeln", 
wog. axtam, ätam etc., syrj. öktyny, vvotj. okt-. fi. yhtää (.^) 
'vereinigen' (vgl. yhtyä 'sich vereinigen') : samK säbdeH'im 
'verstecken' zu ??syrj. siptyny "zumachen' (viell. jedoch nur 
eine rein sam. bildung, vgl. samK sebläm "sich verbergen"). 

Hierher gehört auch das kausative suffix -pt- zb. J jideb- 
1;eu, jidibtieu 'tränken', T bede'bte'ama, O (Tas.) üdeptalsam 
•'--' Jn. (B) bidetebo, (Ch.) biretibo (vgl. J jiderriädm 'trinken', 
T bede'am, O (B) ütam, (Tas.) üterbam) samJ makabtän 'auf- 
recht stellen" <-«- Jn. mokatabo | Mot. tciagaptam 'ich hänge' 
€tc. zu fiugr. -kt-, -pt-, -vt-, -tt-, -t-, zb. tscher. estekt- 'faciendum 
curare', wog. pilept- 'erschrecken' (trans.), inli 'fürchten', ostj. 
kerypt"- 'fällen' (kery- 'fallen'), mord. udovtoms 'einschläfern' 
(udo- 'schlafen') ^' teettää 'machen lassen', Ip. dagatet, ung. 
forgat 'drehen' (forog 'sich drehen'). 

b. Mit kennzeichen der tt-reihe : samJ lata 'brett; fuss- 
boden; breite', Jn. lata \'gl. J (Kan. Bud.) lätta 'breit', (Reg.) 
latta id., sabu latta 'der boden um den feuerherd' zu ostjKaz. 
A'^'ptdx 'platt, flach', Ni. t''pt>x id., DN tqptdx (veraltetes wort) 



1 Oder vielleicht zu tscher. oiHem 'legen, giessen, schöpfen'; 
oder gehört das letztgenannte zu tscher. oiAos. '•oktNä 'schlinge', 
syrj. oktyny 'eine falle aufstellen', wotj. okt- 'in die tenne brin- 
gen', mord. aftan, fi. ahtaa, IpS vuoktinje? 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 59 

'eine art teller', Tij. itap^fd// gn^x 'teetasse', V, Vj. Idtvtdh 
"geneigt, nicht steif, ? li. lattvi 'niedergedrückte läge', lattea "platt, 
flach' (mit tt < pt?). 

c. Mit kennzeichen der t-reihe: sam'I" mutarum "bellen", 
j mädarT]adm, (Kan. Bud. maderT|a-), (Reg.) mäderTjä- "bellen', 
(Castr.) mäd "gebeli', Jn. (B) maduT[ado', (Ch.) marvariaro' "bel- 
len", (N) mudak, (MO) müdai], (K. NF) müttaT], (Tsxhl.) 
mücaTi, Iv ma'dl'am zu fiugr. tscher. optem '-^ vvotj.-syrj. ut-, 
wog. üti, liv. uüXb (im sam. assimilation de.s anlautenden an 
das inlautende p). 

Sam. pt-fälle ohne bekannte tlugr. entsprechung: samJ 
häbdau 'verschneiden", häbtariau, 1" kubtü'ama, O koptap, 
kuoptaT[nani etc. — ' Jn. kattuT|abo, kattOTjabo; vgl. samJ häbta, 
habt, häbt'e, häbtJi'e (Kan. Bud.) haptie, (Rf:g.) hapt 'verschnit- 
tenes j'enntier" -- Jn. (B) kate'e, (C'h.) käte'o samJ jäbta "dünn, 
fein", (Reg.) japta "eng", japtaku 'dünn', (Kan. Bud.) japtJik, T 
juobtal'iku ^- Jn. jata samJ jabto, jabtu (Kan. Bud.) japto, 
(Reg.) japtu 'gans' (Atl. „Pustosersk'' japto, „Obdorsk" jäptu, 
„Jurazen" jeptu) --^ T jabtuT], jabtu' (Atl. djöptun) -- Jn. jotu 
(Atl. „Mangaseja" djotto, „'l'uruchansk" jöttu) samT kuob- 
ttiati 'mädchen', K kobdo (Atl. koptu "tochter"), Taigi chöptu 
'tochter" -^' Jn. kati j samJ labte', labtea', labti' 'kästen, kiste" 
— Jn. lote samT nibta'ara 'ausruhen' -- Jn. (B) netei, (Ch.) 
nidebo' samT nibtä -^ nitä 'oberkleid der weiber' | samO 
(X) kapte, (MO) käpte, (XP> kepti, (B) kepte, (Kar., Tas.) 
keptä "Johannisbeere", K khä'bde 'beere' samJ tJebta', tJiebta', 
(Reg.) t'epta 'morgen', Atl. „Pustosersk" tepta, „Obdorsk'" tep- 
tan, ..Jurazen'" tepta -^ „Mangaseja"' teta, „Turuchansk" tieto 
samJ libt', liebt, l'ebt, (Kan. Bud.) lipta, (Reg.) l'iepta 'strumpf- 
J heabt 'sauerklee' samJ hübt' "blei", (Kan. Bud.) hupt, (Reg.) 
hupte (Atl. „Jurazen" kubt, „Pustosersk" chupt, „Obdorsk" 
ehuptej I samJ jiebtau "leiden" | samO (N) koptar 'schwelle'. 

In der regel ist also die Vertretung: J bt (bd), T bt, pt, 
K bd (Koib. bd, Mot. Taigi bd, pt) ^^' Jn. t. Der umstand, dass 
im T einmal t neben bt vorkommt (^nibtä ^ nitä) und dass in 
einem fall ein Übergang in die tt-reihe, einmal in die t-reihe 
stattgefunden hat, beweist, dass t -< tt <C i?^ d. h. die starke 
stufe in allen sam. sprachen vorgekommen ist; bt, bd, pt ist 
von der schwachen stufe ((j^. ? : ßd) ausgegangen. ^ (Ebenso auf 



1 Zu bemerken ist, dass in einem sam. lelmwort des ostj. 
teilweise ivt, ßt vorkommt: ostjV, Vj. k'o'wti, O xcCßtl 'verschnit- 
tenes renntier' (Kaz. y/'^ptT). 



6o E. N. Setälä. 



fiugr. boden: wog. ät 'haar' -^ ostj. üB9f, syrj.-wotj. ut- "bel- 
len' ^' tscher. optem). Die Vermischung zwischen der pt- und 
der kt-reihe, welche auf fiugr. seite sehr gewöhnlich ist (beson- 
ders im Ip., auch im tscher.), beruht darauf, dass die starken 
stufen der beiden reihen zusammengefallen sind und dass so- 
wohl kt als pt von der schwachen stufe, welche in den bei- 
den reihen ursprünglich sehr ähnlich gewesen {ßt, yt >■ vt ?), 
ausgegangen ist; ob in solchen fällen pt od. kt (zb. bei dem 
kausativsuffix od. samJ wäbtäu od. sam. 'öbta- 'eins' etc. p. 58) 
ursprünglich gewesen, ist schwer zu entscheiden. Formel des 
Stufenwechsels: xz' >• zz >> z -^ yz (? .- y w). 

II. pk -fälle: samJ tubka 'axt', (Kan. Bud., Reg.) tupka 
(Atl. „Obdorsk", „Jurazen" tupka, T tobakä (Atl. towoka) -- 
Jn. tuka zu fi. tukka in kirvestukka od. kirveentukka "axt- 
hammer' | Zoogr. I 29: ,.Caragassis tschopkon; Motoris dsho- 
kom" 'felis lynx* zu fi. hukka \\olf'. Unsicherer fall: samJ 
(Kan. Bud.) sakkata, sakkada, säkata- 'schlagen zu ? fiugr. ung. 
csap, syrj. t'kiphini. 

Im fiugr. nicht belegte fälle: samT sobki 'schuhband' — 
Jn. (Ch.) saki samJ "öbkana 'auf einmal', "öbkad 'oft' — O 
öker, okur, okkar (die „wurzel" hängt natürlich mit der be- 
zeichnung für 'eins' mit -pt- zusammen, siehe oben p. 58) } 
samJ sabkau 'graben', (Kan. Bud.) sapka-, O (X) hepkaimap 
'verbergen' (vgl. aao. unter pt K sebläm etc.). 

Die Vertretung: J, T bk, (pk), Jn., k (kk) (Mot. kr); 
bk ist von der schwachen stufe [ßk), k (<< kk << jjh) von der 
starken stufe ausgegangen. F'ormel des Stufenwechsels: xz' ^ 
zz >> z ^^ yz. 

III. kt- fälle. 

a. samO mäkt 'häufen', pol-mäkt 'holzhaufen', (NP) miekt 
'häufen', (Tas.) mekt, K bäkte 'kleiner erdhügel" zu fiugr. ip. 
miekta, fi. mätäs, tscher. rimdö in müdö-ivi(j 'erdhöcker" 
samK boktu 'niedrig' ? zu fi. matala. Ebenso ein im fiugr. 
nicht belegter fall samO muktet, mukte, mukteTi, muktut 
'sechs', K muktu'd, muktu'n (Atl., Pallas müktutn), Koib. 
muktut, Taigi müktun, Mot. muktun (Pallas MyKTyxb) -^ J 
mat', (Kan. Bud.) matte (ord. madamdaj-de), (Reg.) matta, T 
matu', Jn. motu'. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 6i 

b. samO (Tschl.) ütö, (Kar.) üte, (K, NP, B, Tas.) üde, 
(N) üd 'abend', K nöd'i (Pallas „Narym" tLieiF., „Ket" ujmTb, 
toAMMÖii, „Tymische" UAcxt, „Karassen" ruieHb, mj'Ae, Taigi 
HHj;i,e, K Hviue) zu ti. ehtoo, ostj. t^an etc. 'abend', wog. it' 
etc. "nacht", tscher. jüt "nacht' samJ sidea, (Kan. Bud.) sidi, 
{Ri;(..) sidje "zwei", T siti g. sidi, Jn. side, sire, O sede, sede, 
Site, Sitte, K side (Atl. sidja, Pallas iiji)J,;i.l>i), Koib. syda (Pallas 
,i:Kii,i,in. Tai^i kidde, Mot. kydy (Pallas KHJtÄ^) etc. zu fiugr. 
ung. ket, ti. kaksi etc. samO (N) cädap, cadap, cädambap, 
(MO) tiädau, (B) tädam, (Tas., Kar.) tätam, (^XP) tättam, (K) 
t'ättau, (00) t;äeain, (Tsch.) tJoacam "anzünden; \erbrennen' zu 
? ? fiugr. tscherO ^cüktem. fi. syttyä. 

Vertretung: a) kt, K, Koib., Taigi, Mot. kt ^^ J, T, 
Jn. t; b) Übergang in die t-reihe; t ist von der starken « tt 
< l-}), kt von der schwachen stufe ausgegangen « /f, ebenso 
auf fiugr. boden, vgl. zb. wotj. ^kot 'bauch' zu fi. kohtu, est. 
köht -^ '^klliäii 'der zweite', mehrere beispiele in versch. spra- 
chen). Formel des Stufenwechsels: xz' >> zz >» z -^ yz. 

I\'. tk- fälle: samO (X) tod, (MO) totö, (Tsch., 00) 
töto, (K) tutto, (NP) tuttu, (B, Tas., Kar.) tut 'karausche' 
(Klapr. 163 „Laak" tuth 'karausche", Zoogr. III 297 „ad Xarym 
et Ket fl. tüdo" "cyprinus carassius') zu est. tötkes 'schleie 
(cyprinus tinca)', mord. tutka id. — wog. tayj 'c\'prinus tinca', 
ung. tat- in tat-hal 'tinca vulgaris' samT jutea 'mitte", judebtä 
'der mittelste', Jn. (Ch.) jore, jure, (B) jode, samO kode 'Zwi- 
schenraum", K todä (fiugr. wog. jot, ^jöt, jät, ^jet 'mitte', 
mordM jotka "Zwischenraum', Ip. joatka 'adjectio, junctura', 
fi. jatko "fuge"). — Möglicherweise noch: samO (XPj kattari 
'jucken" zu ? fi. kutkuta etc.; die Zusammenstellung ist jedoch 
sehr unsicher. 

Man sieht also hier im sam. wie auf fiugr. seite im wog. 
und ung. dieselbe Vertretung wie bei -kt- (wobei t die starke 
stufe vertritt); in dem einen der wog. lalle {^t'jyt) deutet die 
form unzweifelhaft auf eine metathese (auf eine von der 
schwachen stufe des kt ausgegangene form) hin. Vielleicht 
hat man es also auch im sam. hier mit metathetischen 
-kt-formen statt -tk-formen zu tun. Vgl. jedoch die Vertretung 
von -sk- und -sk- unten. — Auf fiugr. seite ist die starke 



62 E. N. Setälä. 

stufe von -tk- ganz regelmässig durch -kk- \'ertreten (zb. wotj. 
'^kokl 'tragkorb für Säuglinge' zu fi. kätkyt, Ip. gietka -- 
wotj. ^ketkl- 'das pferd einspannen' zu ti. kytkeä; Ip. mokke 
'sinus' zu fi. mutka ^^ Ip. gotka 'ameise' zu mord. kotkodov 
etc.; im ostseefi. gibt es eine menge von belegen m.it -kk- = 
der starken u. -tk- = der schwachen stufe nebeneinander, zb. 
fi. mukka, lakkia, estS pik, liv. rek 'weg' neben fi. mutka^ 
latkia, pitkä, est. pitk, fi. retki etc.). 

In einem fall kommt vielleicht eine Vertretung der schwa- 
chen stufe von tk vor (urspr. formel des stufenv\'echsels : th ^' 
dk: samO (N, B) pärg, (K, Tsch., 00, NP) pärgä, (Tas., Kar.) 
perge 'das innere, die eingeweide, der magen des tieres' zu 
Ip. bierggo 'caro', bierggo-bawa 'adstrictior alvus', garja-bierggo 
'moUes ungulae equinae partes, quae in calceando desecantur" 
-^ fi. päkkä 'caro crassior e. c. sub pede, est. päkk (päkel, 
päkli, pökk) 'ballen an der hand, am fuss, im pferdehuf, 
mordE pet-e, M peti-'f 'magen, bauch', syrj. pök 'rogen, kaviar", 
kok-pök 'wade'. Hier wäre wohl auch ein urspr. bk denkbar 
(mit Stufenwechsel nach der gew. formel dj,- — 6k und mit 
Übergang in die reihe tk ^ dk im fiugr.). 

Klusü -|- Sibilant. 

I. ps-, ps-fälle. 

samJ "äbta, "äbt, abta (Kan. Bud.) ap£e, aptie 'geruch', 
T 'obta, Jn. obto, (N, NP, Kar.) apt, apta (00, Tschl., B, 
Tas.) apte, aptä, K phuptu zu fiugr. ostjKaz. fs^^i, Ni. e])df^ 
etc., wog. at, ät, syrj. is, tscher. ups etc.,' IpK aps, ^hjjs, L 
hopsa, N hakse g. havse | samJ habtäu 'auslöschen', T kab- 
ta'ama, (N) kaptap, (MO, K) kaptau, (00, Tsch., NP, Jel., 
B, Kar.) kaptam, (N) kaptesak (itr.) etc., K kubderlim (tr.), 
kubdölam (itr.) -^ Jn. kötabo, kotiaro' (itr.) zu IpK kopse- 
'löschen, erlöschen' (tr. u. itr.), syrj. kusny 'auslöschen (itr.); 
erlöschen', wotj. ^k°ts-, ^kes- 'auslöschen' (tr. u. itr.), est. kus-, 
kis- in kustuma, kistuma 'auslöschen' (itr.) j samJ pib^e', pibti' 
'lippe'. T feabteri, (K) peptei 'kinn', (00) peaptäi, (NP) 
pepti, (B, Kar., Jel., Tas.) peptei', Taigi haptende i ^ Jn. (B) 



1 AÜ. »Jurazen» pyptä, »Tawgi» föptitj, »Karassen» päptel 
'kinn' -^ »Obdorsk» pitte, »Mangaseja» püte 'lippe'. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 63 

pite', (Ch.) fite' g. -teo', zu ostjl C'astr. petem, peieti 'lippe\ 
Karj. (nach gefälliger mitteilung) D pdndin. K pdtdm^ V, Vj. 
pd/ani, Trj. j/d.ldm : Aii^-ji (selten), Nl. päpvi (nicht in Kaz., 
0), wog. pit'mi, pit'nie, pifem, Ahlq. pittim, pixtem, IpK poys, 
jjoJis g. ^-Jcsl,ge. ^povs g. poxsem, N bovsa od. bävsa g. bok- 
sama, bafsama, L pakshn samJ jabta 'tau', (Kan. Bud.) japtu- 
"feucht werden", T jobtuari, (X) capt, capte, (XP) captu, 
(K) tJaptu, (00) 1;apte, (B, MO) t;apt, Mot. ciptal, Koib. dzibda 
zu tscher. lups^ ^liins. lups, luhs, ^Iwros id., mordE l'aks 'reif, 
raufrost', M les 'reif, reiffrost', Ip. Lind, lapse 'ros', N lakse g. 
lavse (mit urspr. anl. /' od. d'?). 

Man kann nicht immer sicher wissen, ob ps oder ps die 
ursprüngliche lautverbindung ist, da ja die nichtmouillierten s 
und s sowohl in den sam. als in vielen fiugr. sprachen zu- 
sammengefallen sind. Sam. habtäu usw. ist jedoch sicher ein 
ps-fall, ebenso \^•ohl 'abta (Genetz JSFOu. XXIII 1 1 verbindet 
mit dem. Ip., tscher., ostj. — bezw. ung. üz, iz — das fi. ihvi 
'nidor', in welchem falle man an eine form *ipsi zu denken 
hätte, dagegen spricht jedoch das syrj.; oder wäre ihvi < *izßi- 
statt ^ißzi-?). Bei sam. pib1;e" ist der inlaut unsicher, bei jabta 
ist offenbar ps urspr. (bemerke jedoch mordE Wied. l'aks). 

Die sam. -bt-, -pt-formen gehen sicher von der schwa- 
chen stufe (ß:: od. ßz) aus. Jn. t ist wohl so zu erklären, dass 
die in rede stehende konsonantenverbindung — durch den Über- 
gang des urspr. ^ > t in der schwachen stufe — ganz in die 
pt-reihe getreten ist und ihren Stufenwechsel nach der analogie 
dieser reihe gestaltet hat. 

11. ps- fälle. 

Ein urspr. ps od. pfs (jJt'S) lässt sich im folgenden beleg 
vermuten : sam J jiebcu, jiebc', jiebsu, jiebs" 'wiege', O tops, 
t'opse, cof, K t'epsü zu fiugr. tscher. leps. letcs, Ups, mordE 
lavs. ? wotj. lecMt (c <i 23fS} ?). Hierher könnten folgende fälle 
gehören: samJ jabso 'fischschwanz', (Kan. Bud.) jäpco 'schwänz^ 
zu ? ? Ip. vaekse 'flösse' (das Ip. deutet nicht auf ein s hin) 
J jibtli 'bitter' ^- Jn. d'itli samJ labtieu, labtJeu, labt'ieu, labcieu, 
labsieu 'haften" | samT bobsüdu 'kreuz, gürtelstelle' ^ Jn. (B) 
bat'ado, (Ch.) bataro | samJ jäbsau, jäbcäii 'backen, braten', 
K tapselim, tapslim ] samT jebsiT|, jebsi, jebsi 'augenbraue'. 
Was ist Tawgi .laiicaKa "kind" bei Pallas.-' 



64 E. N. Setälä. 

Die Verbindungen -bc-, -bs-, -ps- (f ■< ps) gehen von der 
schwachen stufe aus; die -s-, bezw. -t;-formen sind entweder 
unmittelbare Vertretungen der starken stufe (s) oder wenigstens 
bildungen nach dem muster der allgemeinen formel der starken 
stufen. . 

III. ks- fälle. 

T mita g. mida, J mued, muid, (Kan.) myd (Reg.) mud' 
(mudh') 'leber', Jn. (B) mudo, (Ch.) muro, O (N) myd, (K, NP, 
OO, B) mide, (Tschl.) mydä, (Jel., Kar.) mid, (Tas.) mite, K 
mit zu fiugr. ostjKaz. maydA, Ni. mUyaf etc., wog. ^majt, ^mot 
etc., ung. maj, syrj. mus, wotj. imts, tscher. moks, moxs, mordE 
makso, M maksä, fi. maksa, IpS muekse samT tuta g. tuda 
'Schneeschuh', Jn. (B) tudo, (Ch.) turo zu fiugr. ostj. lox, to/, 
iJöx, wog. tout, mord. soJcs, fi. suksi | samJ tydy', tede 'zeder', 
O (N) tädäk, (xMO) tädik, (K, 00) tete^i, (B, Tas., Kar.) tyteri, 
(Tas.) tytel'-pu, (Kar.) tytel-pu, (Tschl.) täbeix, K thedet), Atl. : 
„Obdorsk" tiddi, „Jurazen" tiddi, „Mangaseja" tiddi, „Turu- 
chansk" tyri, „Narym", „Ket", „Tymische" tiddek, „Karassen" 
töttek, „Tomsk" tüdzing, ..Kamaschen" tjadyri, Taigi tiderj 
zu ostjTrj. 4fd4, DN tcpt, w-og. tet, tyt, syrj. sus. 

Die sam. formen vertreten alle offenbar die schwache 
stufe Y^ (ganz wie ung. mäj, ostj. moyÖA, 4]^'d4, wog. majt, 
tet, tout etc.; wogegen die starke stufe in syrj. -wotj. mus, sjTJ. 
sus etc. zu sehen ist; von der schwachen stufe auch die 
tscher. -/s-, -/i5-formen und die mord., fi., Ip. -ks-formen, von 
der starken die -ss-formen im est., wot., weps.) Urspr. for- 
mel des stufen^^'echsels: xz' > zz '^ yw (bew. yz). 

Unsicher ist der Ursprung des inlautenden konsonantismus 
in samO (Tas., Kar.) käsera "nusshäher', nach Zoogr. I 397 
„Motoro-Samojedis kaisrae; Caragassis gaeschira" "corvus ca- 
ryocatactes'; sam.ojedisch ist wohl auch ib. chäsan id., welches 
bei den „Ostiacis ad Narym" vorkommen soll. Das wort ist 
wohl mit fiugr. fi. kuusanka, kuussanka, kuuskilainen, kuuk- 
keli, kuvikso, kuuksiainen "garrulus infaustus", ol. kuuksa 
od. kuuksoi, IpN guovsak, S kuöksek 'pica silvatica", tscher. 
Troick. kupsüle-kaik "corvus glandarius', ^hipcps^i'^ 'eichel- 
häher', syrj. kuksa 'eichenhäher (garrulus)' zu verbinden, wel- 
che ein inlautendes -ks- od. -ps- (od. auch etwa .^?-z/s-) voraus- 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 65 



zusetzen scheinen. Wäre es denkbar, dass in den sam. for- 
men die starke stufe von ks od. ps vorläge? 

I\'. ks-fälle. 

samO (00, Tsch.) paktur 'vvade' zu fiugr. mordE puJcSo, 
M jmkää 'das dicke fleisch; Schenkel', fi. pohkio, Ip. boaske, 
zu beachten ist, dass es in den übrigen samO dialekten formen 
von folgendem typus gibt : (K) purog, (N) purog, (NP) purruo^i, 
(Jel., R) purag, (Tas.) puraset, (Kar.) puradet. Es ist sehr 
zweifelhaft, ob diese formen hierher gehören (in diesem fall 
wären sie nach dem Übergang von 2 ^ t durch reihenüber- 
gänge entstanden). Nach dem obigen muss das kt in paktur 
von der schwachen stufe ausgehen. 

V. «-fälle: 

a. samO (K) äcau, (MO) ecau, (XP) ätcam, (X) äcap, 
{Jel., B) äcam ^^ (Tas.) etermam etc. 'wachen', ^ K äde'bl'äm 
'abwarten' zu fiugr. tscherO ^fiucem etc., mord. ucan 'warten", 
Ip. oaecot 'quietum fieri' (FüF II 228) | samO (Tas., B, Kar.) 
kyc, kyt, (Jel.) kyt 'moos' zu fiugr. wog. xasii] 'moosig', x^s/i 
'moos' (wog. s, zwar mehrdeutig, kann ein urspr. fs vertre- 
ten) 1 samO (K) putco 'biber', (XP) putcu, (Jel., B) puce, puc, 
(Tas.) püc, (N) P03 id., posel-tawa ratte" ^ (Kar.) put 'biber', 
pütel-tama 'ratte', J (Zoogr. I 170) puddo, „Turuchansk" 
-(ib.) purru 'mus amphibius' zu mordM (Reg.) paca : ved p,, 
E (Wied.) patsa, ved patsa 'otter, flussotter' [ samO (K) pöcau, 
pocembaT], (Tschl.) puocam, (N) pöcelgam, (Tas.) pöcäl^am, 
(B) pöcälnam ^^ (Tas.) potalnam, (Kar.) pötalnam, pötalgerjam 
"auftrennen", K phudurim, phudl'im zu syrj. putsödny 'auf- 
lösen, auftrennen, losflechten' (vgl. auch syrj. putskyny 'dre- 
hen, flechten', siehe unter tsk) \ samO (K) potceld'au, (MO) 
poce^au, (B, Tas.) pöcam 'hindurchgehen" zu fiugr. movd. jjatsl' 
'hindurch', patskod'ems 'anlangen', Pvvotj. ^puc 'das innere'. 



^ Daneben gibt es im samO ein anderes wort: (K, NP) ettam, 
(MO) etau, (N) adap, (Jel., B, Tas., Kar.) etam, etam, (Tas.) ette- 
^ara 'warten' welches wahrscheinlich zu einem wort mit tt: Jn. 
(Ch.) otibo, (.B) otebo, T "ata'tum, J "atlieu, "atieu, (Kan. Bud.) 
al;e-, (Reg.) riettie- 'warten' gehört. K äde'bräm kann auch hier- 
her gehören. 



Finn.-ugr. Forsch. XII. .\tiz. 



66 E. N. Setälä. 

^puökhi 'in, zwischen', ^pu^kUi 'durch', syrj. pytskös 'inneres' | 
samO (K) sätcau, (XP) satcam, (Tsch.) säcam, (00) seacam, 
(B, Tas.) sägam, (MO) säsau, (N) hä^ap, hacejap, hacegap 
'beissen', (Tas.) sä^embam 'ich halte mit den zahnen' zu wog. 
Ahlq. säsimem 'anbeissen, etwas zubeissen' | samO (K) cäcari, 
(NP) cäcari, (Tschl.) täcat], (N) cäsak ^^ (00) tädaT] 'fahren' 
zu fiugr. ostjl cu3em, cucem 'gehen, schreiten', X sosiem etc. 
wog. m5i in sup-s. 'durchwaten' etc., sositi 'herumstreichen' | 
samO (K) citca, (MO) ceca, (XP) cice, (X) dem. cesega, fTsch.) 
teceä 'oheim, mutterbruder' zu fiugr. Ip. esecce, fi. setä etc. 
(FUF II 222) samO (K) kuatce, (X) koac, (MO) kuae, (Tsch., 
00) kuaee, (XP) kuece, (Jel., B) küee, (Tas.) kuee, (Kar.) kuet 
'Stadt, bürg', J wä', uä" 'zäun' zu ostj. voe, vos etc. "stadf, 
wog. üs, vüs, vös, mord. os id., v'gl. ostjDX ?/o7.v-, Kaz. v/"^-^- 
'fische mit dem uo^pfdin ['eine art fischgerät'] fangen', syrj. 
vod$, Ip. oaces, fi. otava 'eine art fischgerät', wog. üs, ös, üs 
'zäun', Ip. oacce 'saepes invalida' (FÜF II 221-2). 

b. samO (K) koce, (X, Tas.) köc, (Tschl.) kuoce, (XP) 
köcu, (B) küc r^ (Kar.) küte 'ohrring' zu fiugr. syrj. kiU- 'ring, 
reifen, kreis; schlinge', wotj. H',\c 'schlinge', ostjJugan k(}ts 'ring' 
in einigen spezialbedeutungen (siehe FUF VI 239), tscherO 
T^eise 'sonne, tag', mord. tsi, si. 

c. samT kita g. kida 'schöpfgefäss', Jn. (B) kide 'trog- 
ähnliches gefäss', J hidea, hidi, hydea schale, tasse' zu fiugr. 
ung. köcsög, köcsök etc. "art milchtopf od. krug', mord. ^Jcece 
'Schöpfkelle' | samT fotujuam, foda'am "durchnässt werden', 
J pödädm 'nass werden', Jn. (B) fodädo', (Ch.) foräro' 'durch 
und durch nass werden' zu fiugr. ostjX (Ahlo.) posiem 'nass 
werden', posym, pogym 'durch und durch nass', wog. posem, 
poasem '(vom wasser) durchtränkt', j^osrn^^^ 'nass werden', wotj. 
^p\cal- 'eingesaugt werden' | samJ pudajü 'sich ergiessen', 
pudabtäu, pudatäu, pudobtäu 'ausschütten, ausgiessen' zu fiugr. 
tscher. "'poi-kem 'schütteln', mord. ^pocadoms 'schütten', fi. 
pudistaa 'quassare', pudota 'cadere' etc. (FUF II 228-9, IX 
1 16) I samKoib. (Zoogr. I 220) pooto "cervus capreolus' zu } 
fiugr. Ip. boaeo 'rennfier', tscherO ^pücö etc. (FUF II 223). 

Xur im samO findet man affrikaten als entsprechung 
eines fiugr. tS, und zwar entspricht in einigen ganz sicheren 
fällen im Ket-dial. dem fiugr. tS ein c, (tc, 3) gegenüber einem 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 67 

c (tc, 5) der anderen dialekte'. In den übrigen samojedenspra- 
chen findet man in den betreffenden fällen dieselben entspre- 
chungen wie in der t-reihe: T t --^ d, J d (im ausl. 'j, Jn. 
(B) d, (Gh.) r, i\ d. Aber man begegnet t sogar im samO: 
beinahe regelmässig im Kar., im 00 einmal d (t, ttj, ein paar- 
mal im Tas., einmal im Jel, daneben jedoch auch im Kar. ein- 
mal c, im Tas. meistens c (^), einmal in ableitungen derselben 
base t und c, im 00 sonst c. 

Das nebeneinander von tc '^ c im samO (K) gehört zu den- 
selben sekundären vvechselverhältnissen, von welchen oben p. 
43-4 gesprochen wurde (zb. Castren handschr.: koattsa od. koatca 
gen. koacen); ebenso ist der Wechsel tc '^' c in anderen dialek- 
ten (besonders XP) sekundär und mit den quantitativen wechsel- 
fällen der klusile in denselben dialekten gleichzustellen. Welche 
bedeutung den Schreibungen 3, 3 neben c, c beizumessen ist, 
ist ohne erneute phonetische Untersuchung an ort und stelle 
unmöglich zu entscheiden. Mit dem Stufenwechsel haben sie 
wahrscheinlich nichts gemein. 

Umso grösseres gewicht hat der Wechsel c, c ^ t. Es 
ist zu beachten, 1) dass im samO sogar in demselben dia- 
lekt und sogar in den ableitungen einer und derselben 
base sowohl eine affricata als t erscheint und 2) dass in ur- 
sprünglichen t-fällen (oder in den mit diesen identisch behan- 
delten s-, s-fällen) oft eine affricata erscheint (siehe unter den t- 
und s-, s-fällen p. 47, 53, 56 und besonders unter den mt-, nt-, It- 
und T\s-fällen unten p. 80, 81-3, 105, 95). Dies kann nur so erklärt 
werden, dass c, c --- t ein altes Wechselverhältnis vertritt: 
bezw. in gewissen fällen ist c, c, in gewissen t verallgemeinert 
worden, in gewissen fällen hinwieder hat — durch den Wech- 
sel c, c -^ t veranlasst — ein Übergang aus der t- (d-) bezw. s-, 
s-reihe in die c-reihe stattgefunden. Schwieriger ist die frage, 
welche stufe durch c, c und welche durch t vertreten -wird. 
Mit bezugnahme darauf, dass im sam. ein z, z zu t geworden 
ist, scheint es am natürlichsten zu sein einen ursprünglicheren 



^ In dem fall b steht ein c, vielleicht ungenaue Schreibung. 
Nach der Gramm, von Castren § 176 soll ja im Ket-dial. immer 
ein e, 3 dem e, ^ der übrigen dialekte entsprechen. — Selten fin- 
det man c in den anderen dialekten (MO); ob das richtig ist? 



68 E. N. Setälä. 



Wechsel ^.v -^' i anzunehmen; z ist dann zu t geworden. Man 
könnte jedoch auch auf anderen wegen zu t gelangen, da ja 
t in gewissen dialekten im anlaut der regelmässige Vertreter 
eines urspr. U ist. Vgl. auch unter den Verbindungen von 
nasal + c. 

Man findet auch im fiugr. nicht belegte fälle, welche die- 
selbe Vertretung aufweisen, zb. samO (MO) eg, (N) e^, (B, Tas., 
Kar.) es, (NP) egi, (Tschl.) yece — ■ (OO) yete, (Kar.)^ it \vort', 
J wäda, wada, T buadu, Jn. (B) bada j samO (K) fatcau, 
(Tsch.) 1;acain, (MO) liäcap, tiäcau, (B, Tas.) tläcam, (X) cacau 
r^ (Kar.) tJättam, (Tas.) tlättesam 'werfen, schiessen' '-^ J jadau, 
T jeda'ama, Jn. (B) jodabo, (Ch.) jerabo | samO (K) kueg, 
(N, B, Tas , Kar.) kueg, (MO) kuee, (XP) kuaeu ~ (Tschl.) 
kuetä 'flussarni' ] samO (K) sätcem, (XP) sätcam, (MO, Tschl., 
B, Tas.) säcem, (Jel.) sacep, (X) hacep, (00) sattöm, (Kar.) 
sättep 'schwer', K sedem | samO (K) säcu 'brennnessel', (MO) 
säe, (NP) säcu, (Jel., B, Tas.) säe, (Tsch.) soace, (N) hac /--■ 
(Kar.) sat, (00) seatte 'brennnessel, hanf. ^ Xach dem obi- 
gen kann man aber, wenn der Ursprung des Wortes nicht be- 
kannt ist, nie sicher sein, ob man es wirklich mit einem f.v-fall 
ZU tun hat. 

Im fiugr. lässt sich — besonders auf grund des lappischen 
und der behandlung der Verbindungen von nasal + affricata — 
eine Scheidung zwischen einer urspr. Av- und /f.y-reihe durch- 
führen. Im sam. ist das material so spärlich und sind die 
Schreibungen so ungenau, dass in intervokalischer Stellung 
keine solche Scheidung zu erkennen ist. 

VI. fMt'§-)Vä\\e. 

a. 1. samO (K) kuesedi 'hungrig', (MO, Tsch., 00) kue- 
sendi, -ndie, (XP) kuesendie, (MO, 00, Tsch.) kuesaii 'hungrig 
sein', (X) kuesak, (B, Tas., Kar.) kuesai] zu mordE vatSo, vaUä, 
M vatsä 'hungrig', tscherB ^ßicsa 'mager' | samO (K) missannap 
'schinden', (N) mesennam 'fortnehmen, aufräumen', (NP) misan- 
nam, (B) misalnam, (X) misannap 'schinden", (Tsch.) mäsannam, 



1 Man könnte dabei an syrj. södz, sodz 'faser, faden, hede, 
werg' denken. Die lautverhältnisse stimmen jedoch nicht ganz 
gut; ist das syrj. vvort vielleicht nur mit syrj. södz, sodi 'rein, 
klar, ungemischt' (vgl. semasiologisch fi. aiva 'merus, purus, putus, 
solus' u. aivina 'linum 1. cannabis pura', IpL aivan 'guter hanf) 
identisch? 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 69 

(B, Tas., K'ar.) misalnam, misaT|am 'ausziehen, ausreissen" zu 
IpL Dieoce- "entlegen', meocete- "beiseite führen", ung. messze 
"fern, entlegen'. 

Nach demselben tx'pus zb. 

samO (X, H, Tas.) rus "russe', T l'yiasa, Jn. (B) rusa, .1 
lüca, lüsa, lusa, (Kan. Bud.) lüca, (Heg.) luca ~ Jn. (Ch.) l'uota 
<C syrj. rots, rotts "russisch', vgl. wotj. 5«c, ^uc, ;^nc, r/üs, 
.^ii^ 'russe, russisch' < osfi. ruotsi etc. 'schwede' •< nord. 
aschw. roJ)s-m8en usw. (Thomsen, Relations between ancient 
Russia and Scandinavia 94-8) | san:iT kasa'am 'ich — kaum', 
J haceau | samO (NP, MO) kues, (K, dem.) kuassaka, (N, B, Tas., 
Kar.) kues 'hälfte". Jn. (B) basi | samO (K, XP) sessan, T sä- 
ser[ 'Vorratshaus' -- Jn. sötJe' | .saniO (MO) kuaskannari, (X) 
kueskannak, (B) kuespat] 'ausruhen" | samO (X) tesse, (K) 
tisse, (XP) tissi, (OO) tesseä, (Tsch.) tisseä, (B) tiseä, (Tas., 
Kar.) tisä 'pfeil' jl samT "anasari 'mensch (samojede)'. J nie- 
necea, nienece', nienec*, nenet'e', (Kan. Bud.) nenece, nenec 
'mensch', Jn. ennete. 

a. 2. samO (Jel., B) tasagal, (MO, K, Tsch.) tassundi, 
(X) täsedal "kalt. K sisigä, sistii, Koib. syste, ? Taigi dekte 
(? dekse) ^ T t'asiti, t'asagä (.All. tiessajä, Pallas Tieccai'ä), J 
tici (dici) ^-- 1;it;i, tieeidea -- t;iet;edea, (Kan. Bud.) tieci, t;iet;i, 
(Reg.) diöi, Jn. (Ch.) te^i, tetlire, (B) tetide (Atl. „Pustosersk" 
tice, „Obdorsk" tiee, „Mangaseja'" teci, ..Turuchansk" teis = 
Pallas xeniueHi). „Jurazen" titi) -^-^ Mot. tiujuka. 

b. 1. samO (N) üßak, (B, Jel.) üear], (MO, 00, Tsch.) 
üt;a'ri, (Tas.) nihr[, (K, NP) ut^äri, (Kar.) u^eriaT], ut^enda-q 'ar- 
beiten' ^ T usejeam ^ "ujetem zu fiugr. syrj. udzial-, wotj. 
K2al- id. samMot. iidzjumbai 'klein', Taigi ucumbai, Köib. 
udziuga, K (Atl.) udzgä ~ (Castr.) üd'ügä; vgl. auch ? J nuocko 
zu fiugr. tscherO ize, wotj. ^ic?, ^ici 'wenig', syrj. i/^et, ufset 
"klein", wog. vis 'klein', nsJcÜix 'ein wenig', IpX ucce 'parvus" j 
samO (MO) koe, (B) kec, (Tas.) kece, (X) ka§ -^ (K) kette, 
(00) kotie, (Tsch.) kot;ö, (XP) kot 'arbeiter, leibeigener, diener* 
zu O ?) wog. x'is, t'isi 'diener' | samO (B) mäcä 'schwänz', 
(Tas.) mät;ä, (Kar.) melJä 'renntierschwanz' zu O>?)ostj. mehx 

stutzschwanz', Ip. bieea g. bieccara 'cauda (cervi, caprae, 
quibus curta est cauda)', bseeek 'cauda piscis', ? fi. pätkä (FUF 
II 235) samO (X) peca, (B) picä, (Jel.) pica, (Tas.) pit;ä, 
picä, (MO) pit;, (00) pett'ä, (Tsch.) pett'eä, (Kar.) pit!e 'hecht' 



1 Pallas I 227 nr. 131 ist vielleicht ;i,eKUie statt .3,eKTe zu 
lesen. 



70 E. N. Setälä. 

zu O) ostj. pa^a, poga 'getrockneter und gereinigter liecht' samK 
ad'a 'älterer bruder; ältere Schwester' ? ? zu ostj. izi 'jüngerer 
bruder', Castr. OS icex 'jüngere Schwester', wog. ts 'jüngere 
Schwester', ung. öcs, öcse 'jüngerer bruder', dial. auch 'jün- 
gere Schwester', wotj. uzi 'jüngere Schwester meines mannes'. 
est. öde 'jüngere Schwester'. 

Nach demselben typus: 

samO (NP) pacatnam, (N) pasennap, pa^elbap -^ (Tsch.. 
B, Tas., Kar.) pa£ennain, (Tsch., 00) pat'elbam, (K) patt;annau, 
patt'albau 'hauen', samT fai^u'ama, faisujeama 'zuhauen" samO 
(B, Tas.) päee 'plötze (c^'prinus rutilus)', (Tas.) päcä, (X) päge 
'barbe (cyprinus lacustris)', (Kar.) pe^ä 'plötze', (MO) pet', 
(Tschl.) päteä 'barbe', (K) pette samO (Jel., B) pic, (N) peg, 
(MO) pel:, (00) pet!e, (Tsch.) pet;eä, (Tas., Kar.) pit'e, (K) pitte, 
(NP) pitlii 'axt'. 

b. 2. samO (K) ütcei, (NP) ütcie, (N) üee, üceße, Ü3e^el, 
(Jel.) ücel etc. 'jung' '-^ K esi 'kind' (Pall.-\s: yMrä-aiiiun), Koib. 
ase 'kinder' ^^ O (Tsch., 00) üt1;ei, üt^üd'ei ^ Taigi (Pallas) 
iiTH, Jn. (B) eie, (Ch.) e^i, J ^ätieky ^^ ^äceky, (Kan.) acea, 
(Kan. BuD.) aciky, aceky, atliky 'jung, kind', (Knd.) asky. 

b. 3. samO (Kar.) kuee, (B, Tas.) kueg r^ (Tschl.) kuedä 
'schritt' (vgl. Kar: kueekalnaii, Tas. kueckal^ai^ — kuetkal^ai^ 
\-ermischung zwischen der f.<- und f'.^-reihe) •~ K bäd'i zu 
? ? wotj. utskyl "schritt'. 

a-b. samO (MO, Tsch., 00) wasar], (K. NP) wassar], 
(N) wasak, (Kar., Tas.) wuesari, (B) muesaT] 'aufstehen' ~ 
(N). wacap, (Jel., B) muecam, (NP) watcam -^ (MO) walJau, 
(Tas., Kar.) wuetiam, (K) watfau "aufheben' zu fiugr. ? ? ung. 
vigyaz 'wachen', syrj. vidzny 'sehen, behüten', asja v. "früh 
aufstehen'. 

c. 1. samO (N) köskuak ^^ kodar], (B, Tas.) kuearnari 
->- (Kar.) kuttarnaT) 'gehen, fahren' '^ ?J hajeadm, haijeadm, 
hajem ^ zu mordM ^Jcucan 'klettern, steigen', E huian, tscher. 
^l-ncein, O lüzcm etc., Ip. guoccat 'currere' (FUF II 229), ung. 
küsz-ik 'klettern*. 

c. 2. samO (NP) kuecal 'klar, heiter', (Kar.) kuecelt- 
ireäd, kieel-ireäd 'der juni monat' -~ (00) kuefe 'hitze', (Jel, 
B, Tas., Kar.) kuet;, (Tschl.) kxielieä, (NP) küet;, (B, Tas., Kar.) 



* Inl. j wechselt hier jedoch mit n (siehe oben p. 26) 
ob das n ursprünglich oder sekundär ist, ist schwer zu wissen. 



über art, umfang u. alter d. Stutenwechsels. 71 

kue1;el 'heiss, klar'. Jn. kaija 'sonne', J häjer, haijer, hajar, 
K kuja, Koib. kuja, Taigi chaja, Mot. koje ^^ T kou, adj. 
kouru' pl. kouruda' 'hell', Jn. (B) klare, (Ch.) kiale ^ zu fiugr. 
wotj. ^k/ras, ^kivaz 'wetter, gott', kiv. zar potä 'es tagt'. 2 

Die belege — auch solche, die nur durch alle samojeden- 
sprachen hindurchgehen — sind spärlich. Soviel ist sicher, 
dass im J ein c, s, t; (silbenausl. s) einem ursprünglicheren ^.s- 
(f'S) entspricht [vgl. auch russ. lehnwörter wie J (Kan. Bud.) 
huce 'hauten' << russ. Kvua, pecalvajse- 'trauern' << russ. ne- 
^BJiOBaTfcCii, mästa 'mast' ■< russ. Manila : vgl. das zunächst aus 
dem syrj. entlehnte lüca etc. 'russe'| usw. Ebenso sicher ist 
es, dass im samO ein s, (X, B, Tas., Kar. — auch anderswo, 
die aufzeichnungen scheinen nicht ganz sicher zu sein) s ein 
urspr. fs, fS vertritt. Andererseits sieht man im samO c, 3 ^ 
1!, t^ (sehr verschieden auf die \-erschiedenen samO dialekte 
verteilt), ^ in dem beleg a-b, wenn die Wörter zusammengehö- 
ren, die beiden \-ertretungstypen in den abkömmlingen dersel- 
ben base. Im samK findet man teils d! (einmal iMot. j in a 2), 
teils (einmal nach Atl.) dz (auch Taigi, Koib, Mot. d^, c), teils 
aber auch s (auch Koib. s). Und schliesslich, wenn die letzten 
Zusammenstellungen (c) richtig sind, hat man in diesen fällen 
in allen übrigen samojedensprachen, ausser dem O, ein j ge- 
genüber einem urspr. t's. 

Die bunte Vertretung kann etwa folgendermassen erklärt 
werden. Der ursprüngliche Wechsel ist t's ^^ z gewesen: J c. 



1 Bei Jn. kaija usw. könnte man auch an samO koja 'kreis' 
denken (vgl. semasiol. oben p. 66 tscher. ke^tse etc.); hier scheint 
aber ein inl. I ursprünglich zu sein (vgl. B, Tas., Kar. kol'a id.). 

2 Vgl. semasiologisch: syrj. goz 'hitze, heisses wetter' (^ ostj. 
yd^d^din 'heiss') goz vodiö 'in die sonne', gozja 'warm, sonnig, 
heiter, klar'. 

^ Der Ket-dialekt scheint in verwandten fällen (auch in hier 
nicht angeführten) meistens ein tt zu zeigen; in einem fall (b 2) 
steht jedoch tc wie in den ^.v-fällen. Genauere aufzeichnungen 
wären hier unbedingt nötig, bevor man es wagen könnte eine an- 
sieht über diese lautverhältnisse auszusprechen. Es ist möglich, 
dass K c, te, 3 keine besondere entsprechung des f.v-lautes ist 
<vgl. oben p. 66), sondern dass hier ein c-laut — gleichviel wie er 
entstanden ist — in c usw. übergegangen ist (vgl. das s im Ket- 
dial. als entsprechung des t's-, ^'^-lautes). 



72 E. N. Setälä. 

s, T s, (3 s, s, K s, (Koib. s) vertreten die starke stufe (xz'; bezw. 
xz >> zz >> z). Tn der schwachen stufe ist z zu j geworden. 
Ob und in welchem grade samO c, Taigi, Koib. Mot. dz (e) 
unmittelbar ein urspr. U vertreten, ist fraglich; ein j ist ja auch 
im wortanlaut im O c, t, Koib. Taigi, Mot. dz (e) geworden 
(spir. j ^ d' ^ d'i usw.), und ebenso ist das inlautende j 
(von der starken stufe ausgehend) behandelt worden (siehe oben 
p. 38-40). ^ Folglich können die Vertretungen c, t', dz das j 
der schwachen stufe repräsentieren oder wenigstens hat das j 
der schwachen stufe einen Übergang in die j-reihe veranlasst. 
Ob J ^ <C ts oder etwa <C j ist, mag dahingestellt bleiben. 

VII. kU-VäWt: 

? samO (K) lakeau, (00, Tsch., B, Tas.) lakcam, (X) lak- 
cau -^ (Tas.) laktetam 'zerbrechen, zerreissen' zu fiugr. ? IpN 
luokcat pr. luoveam od. luokcot pr. luovcom 'perforare'. 

Der beleg ist zu unsicher und vereinzelt, um irgendweiche 
Schlüsse zu gestatten. 

Klusil + nasal. 

Während im fiugr. (osfi. u. Ip.) sehr viele Verbindungen 
von klusil -f nasal vertreten sind (tm, km, pn, tn, kn, t-q mit 
der formel des Stufenwechsels xz' > zz -- yz, selten yw), ist 
vorläufig aus dem sam. nur ein beleg von fiugr.-sam. tm be- 
kannt: J peamea 'baumschwamm, zunder' --• J (Kan. Bud.) 
piebme — Koib. piadmia 'feuerschwamm', K phe'mä "zunder' 
-^ T fuu 'kraut, aus welchem zunder bereitet wird; zunder', 
Jn. fe'e 'zunder' zu fiugr. Ip. badva od. balbma 'lignum flam- 
meum', fi. patvi, palvi id. Die fi.-lp. formen gehen von der 
schwachen stufe aus (entweder yz wie Ip. balbma od. yw wie 
Ip. badva, fi. palvi, patvi 2); im sam. sind beide stufen vertre- 
ten: die starke stufe in J bm, m (xz' o: tm > hm od. mm > m), 
die schwache stufe in T- und Jn. -formen (yw). Etwas unsicher 
ist, ob in Koib. piadmia, K phe'mä eine unmittelbare fortsetzung 



1 In fällen, die nur im samO belegt sind, kann man nie wis- 
sen, ob man es mit einem urspr. j- oder f.'J-fall zu tun hat. 

2 In est. pomm, pommi 'auswuchs, knollen (an bäumen und 
lebenden wesen), bubone' hat man die starke stufe mm <^ im. 
wenn es hierher gehört. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 73 



der starken stufe xz' (o: tni) oder vielleicht eine von der schwa- 
chen stufe yz (o: dm) ausgegangene bildung zu sehen ist. 

Ein anderer beleg von sam. tm ist im fiugr. nicht be- 
kannt: samJ (Kan. Bun.) pimie, (Reg.) pime 'hosen' (Wit.sen 
piemeetsa 'een broek'), Atl. „Pustosersk" pime, „Obdorsk" 
pimjä, „Tawgi" fonia (sie! wohl "fomia zu lesen), „Tomsk" 
pjümma, „Narym", ,.Ket", „Tymische" pümma, ..Karassen" 
pimma -^ „Jurazen" pibmi — ■ K phi'mä (Atl. pitmjä) -- „Man- 
gaseja", ..Turuchansk" pi. Hier findet man im gro.ssen und 
ganzen dieselben entsprechungen wie in dem vorhergehenden 
fall und sogar in mehreren sprachen, obgleich das wort eigen- 
tümlicherweise bei Castren nur aus dem saniK belegt ist: die 
starke stufe bm, mm, m hat man im. samJ und O und sogar 
im T (gegenüber der schwachen stufe im vorigen fall), die 
schwache stufe yu- in den Mangaseja- u. Turuchansk-formen; 
samK 'm, bezw. tm ist wie in dem \orhergehenden fall zu 
beurteilen. 

In dem beleg J pamea 'scharf", T fomagä, K phami — K 
phö'mi -^ Jn. fo'e (zu Ip. bubme "subula') weist die K-form 
phö'mi auf eine Verbindung von klusil + nasal hin; vorläufig 
ist darüber nichts sicheres zu ermitteln. 



Klusil -)- liquida. 

Von den urspr. \erbindungen klusil -f liquida ist nur ein fall 
im sam. belegt: samJ (Kan. Bud.) nahar 'zapfenfrucht' : naharn- 
seu (seu 'äuge') 'op^xn' = 'nuss' zu ostjDX nüyär 'zedernuss', 
Trj. wFdf 'zederzapfen', V, Vj. näydr" 'zedernuss', Xi. ly'jisr", 
Kaz. m'ydr , O nüydr 'zederzapfen', Ahlo. nögor 'zederzapfen', 
nögor-sem 'zedernuss', fi. nauris, kar. nagris etc. 'rübe', liv. 
niä-nct<)rd(J. 'kartoffeln', ' IpK ^nägros, nairas, N navras etc. 
(<< f\. ?). Das samJ wort ist wohl eine entlehnung aus dem 
ostj., und in diesem fall ist also im sam. nicht einmal von 
einer Verbindung von klusil + liquida auszugehen. 

Ein kl könnte vorkommen in: samK pha- in pha'l'am, 
phal'am 'sich baden' zu fiugr. ostjX", V'j. pO-pl-, Kaz. peijdA- 
etc. 'schwimmen, baden', wog. "^pälli, ^poili, pfdi 'baden', 



1 Zur bedeutung vgl. fi. peruna 'kartoffel', eig. 'birne', est. 
öun 'apfel -^^ kartoflfel'; zu bemerken ist, dass im liv. die kartof- 
feln mä-nä'(/rdd (mä- 'erde') genannt werden. 



74 E. N. Setälä. 

^püyehie Icwol 'badehaus', syrj. pylsiny 'sich baden', pylsan, 
pjrvsan 'bad, dampfbad', wot]. '^pllaslmil i^plachhü) 'sich baden' 
« ^pnlcU- od. auch ""pülkfi-, siehe NyK XXVI 4i0). 

Sibilant (bezw. aflfricata) + klusil. 

I. sk- fälle. 

samJ pädu, pädy, padu 'vvange', T fatua, Jn. (B) faede, 
paede, (Ch.) faru, O (X) pudal, (Tsch., 00) pudöl, (XP) pütal, 
(Jel., B, Tas., Kar.) pütel, K pü'ma, Koib. putmo zu ostjKaz. 
poyßA, popAma. V, Vj. piiy/dm, Xi. puxfdin etc., wog. ^pajt, 
^pöt etc., fi. poski samO (X) tudap, tudonnap, tutolnam, (K) 
tudernau, tuttonnau, (00) tuttar], (XP) tuttuwam, tututnam, 
(B, Tas., Kar.) tutäm, (Tsch., 00) tudörnau, (Tsch.) tucari etc. 
'kauen', K thudöl'am, Jn. (B) tu'abo, tutabo, (Ch.) to'abo, totabo 
zu fiugr. ostjKaz. Aoydd-^ Xj. tüfd- etc., wog. ^tguti, wotj. ^slsl'-. 
^seJcs-, syrj. seskini, mord. siisJcoms, Ip. suoskat | samK kot 
'rippe, Seite' zu ?? fiugr. syrj. kos, kosk 'kreuz am leibe', Ip. 
gäska, fi. keski. 

In den konsonantenverbindungen sibilant -f klusil beob- 
achtet man in der starken stufe nie Unterdrückung des ersten 
Komponenten ; die formel war also xz' (oder xielleicht x'z ? ?) 
-^ yz od. yw (bemerke zb. IpX vuosko g. vuskun 'perca', 
IpK ^vuf)sk g. -kan '^ IpK ^vwzvan, fi. ahven «< *aS-yen od. 
^a^yen). 

Xach dem früher gesagten scheint im sam. von sk über- 
all die fortsetzung .der schwachen stufe (yw d: zy) vorzu- 
kommen. 

SamJ (Kan. Bud.) rieska 'gebäck, piroge' ist ein lehnwort 
aus fi., kar. rieska, rieska (<< halt.). 

II. sk- fälle. 

samO äselnam 'überschreiten' zu fiugr. syrj. voskol, vosköl 
'schritt, tritt', syrjP osköl, tscher. ^oskol, mord. askdl'ams 'schrei- 
ten', fi. askel 'schritt' | samJ häsui, hasui 'trocken', T kosua 
Jn. (Ch.) käsua, (B) kasue, kaso 'seicht', O (K) küska — 
T koju'am 'trocken werden', K kölam zu fiugr. syrj. kos- in 
kosmyny 'trocknen', wotj. ^kwas 'seichtes (wasser)', ^ktvaSrni- 
'trocknen', tscher. koSkem, mordE koske, M koske 'trocken'. IpK 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 75 

lo5h etc., N goikes | samJ mäsau 'waschen', Jn. masuabo, O mu- 
sau, (K) musam, (B) musel3aTj 1- K bezeräm) zu syrj. miJkmi, 
wotj. ^mlsk, viisJc-, mordE inui/fems, M miiskdDis, ung. mos, est. 
möskma | samJ jesea, jese', (Kan. Bud.) jesi, (Reg.) jezä 'eisen', 
jezä 'geld (kupfer od. papier)', (Knd.) wese 'eisen', T bäsa g. 
baja 'eisen, metall', Jn. bese "eisen', O (N, Tas., B, Kar.) kues 
'eisen, metall', K baza 'eisen', Talgi beise zu fiugr. ostjKaz. 
i(ox, DN unx etc. 'eisen, metall', wog. ^vax 'kupfer', ung. vas 
'eisen', mord. fdsM etc. 'draht', IpK vieske, N vseikke 'kupfer', 
fi. vaski id. 

In den vier belegen vertritt sam. s ein urspr. sk. Auf 
fiugr. Seite ist die formel des Stufenwechsels xz (xz' ?) — yz 
(Ip. sk < sk ^ Ipk < zk, siehe zuletzt FUF IX 123). Wie 
die sam. formen zu erklären sind, ist etwas unsicher; vielleicht 
ist s jedoch eine Vertretung der starken stufe, während man 
etwa in K kö- in kölam 'trocken werden' die fortsetzung der 
schwachen stufe zu sehen hat (oder ist die K-form eine analo- 
giebildung nach dem muster von s ••^ i?). 

III. ^vÄ;- fälle. 

samO (N) kacka, (MO) kacko, (1\, Tsch., 00) kacko 
'rauch' zu fiugr. syrj. koj-sis 'brandgeruch', mordE katsamo, 
katsani 'rauch', fi. katkvi, kar. kacku, estS katsk 'pest, seuche' ] 
samO (Kar.) packalnam 'flechten, zwirnen' |.^ vgl. (Kar.) pat- 
kalnam 'umwickeln'] zu fiugr. syrj. putskpii 'drehen, flechten, 
zwirnen', tscher. ^pfickinzas 'zwirn drillen'. 

IV. f'sk-{f§k-) fälle: 

samO käs 'baumrinde', T kasu g. kaju, K kaza .' ? zu 
S3TJ. kats 'rinde, bast, splint', Wichm. kafs 'kieferrinde, brot 
aus kieferrinde', fi. kosku, koskus 'dicke baumrinde', koskut, 
koskue 'fichtenrinde'. 

In den fällen unter III hat man die Vertretung eines urspr. 
iäk — eigentümlich, wie samO kacka und kar. kacku sich noch 
heute ähnlich sind! Was für eine stufe hier anzunehmen ist, 
ist etwas unsicher. 

In dem fall IV, wenn die Zusammenstellung richtig ist, 
erscheint die Vertretung des urspr. t'sk od. t'Sk. Offenbar hat 
hier ein zusammenfall von sk und t'sk stattgefunden (etwa von 
der ähnlichen schwachen stufe ausgehend?). 



76 E. N. Setälä. 

Nasal -j- klusil. 
I. mp- fälle. 

samO (Tas.) omba, (Kar.) ombeä 'sehr' zu ? ? IpK ^ompl 
'ganz und gar', IpN obba 'totus, plenus', fi. umpi (oder gehört 
das sam. wort mit orm 'stärke" zusammen?) | samJ hämba, 
hamba 'welle', O (N, Tas.) komb, kömb, (K) komba, (Tschl., 
00) kuomba, (Jel., B, Kar.) kümb, T koT^fu g. kombu — Jn. 
kaba zu fiugr. ostj. ;fit'wi^, Jciimp etc., wog. ymnp, l-Jmmp-, 
ung. hab, mordE himholdoms 'in wogender bewegung sein', 
kopHdwns id. (mit Übergang in die nip2}-Teihe), fi. kumpuaa 
'hervorquellen', dial. kuppasoo id. (mit Übergang in die mpp- 
reihe) | samO (B, Tas., Kar.) kämba "schneekruste", K kamu zu 
ung. ho -- hava 'schnee' (oben p. 27). 

Im fiugr. nicht belegte fälle: samJ jämb, (Knd.i jämboi 
'lang", (Reg.) jamp, O (N) cumb, (MO) inm.h, (K, Tsch., 00) 
tumba, (Jel., B, Tas., Kar.) £umbe, • Mot. nanbu (wohl = Mot. 
nambo 'hoch' ^' J (Kan. Bud.) jäm, K numu, Koib. numo --^ 
Jn. jabu 1 samJ jiembä'au, jiembäu 'ankleiden', jiembatajü 'sich 
ankleiden', jiembyt, jimbuit 'hemd', (Kan. Bud.) jiembutaj- "sich 
ankleiden', O (N) cambannap, (B ) tiambennari, tambennaTj 'sich 
ausputzen, ein gutes kleid anziehen', (K) ^embennau, (Tas.) tem- 
bennaT] 'sich umgürten' | samT kaT\fa 'frühling', adj. kambäga, 
O kamba, kämba | samJ humband'i" 'vergebens', humbahand'i, 
humbänd'i, humbänzi, htimbä'ci "weglos, öde; lüderlich", (Rk(..) 
humpansi 'umsonst' -^ (Kan. Brn.) hubasi [ samT lurife g. 
lumbe 'adler', J limbea, limbea, (Kan. Bud., Reg.) limbe, O 
(X) lemb, (00, Tsch.) lembä, (Ki lemba, (XP) limba, (B. Tas., 
Kar.) limb, (Jel.) lymb ^^ J (Kan. Bud.) libie "vogel', Jn. übe 
"adler' | samJ leambara "brüst'. (Kan. Bud.) lymbara, Atl. 
„Pustosersk" lymbura, „Obdorsk" limbara -- „Jurazen" lia- 
barra | samJ (Tas.) lembilu 'Schmetterling' ^^ J liberäbso, 
liberäbcu, (Knd.) leberu, (Kan. Bud.) libü*i | samJ (Reg.) Tjumbie 
'fingerhut', O (Tas.) raumbel' -^ J (Kan. Bud.) umie vgl. J 
'umbijea 'fingerglied', "umbija "daumen" ~ (Kan. Bud.) ubija, 
ubeja 'Zeigefinger' | samT sar(faranka 'fünf, J samraT|, sambl'aTi, 
sambel'ank, (Reg.) sambel'aTi, (Kan. Bud.) samlak, somblaTj, 
sombelaT], somble, sombele, homplah, hombalah, K iKlapr. 
160) sümbulan (Strahlexberg ssoumbulang), Mot. sumblia 
(Pallas uiyMÖbija), Taigi sümbüla (Pallas miÖMßiö.ifl ) -^ K 



1 Vgl. auch: samO (Nj eumbane, (Jel., B) llumbene, (Tas.) 
t!umbenä ^' (Kar.) tuinen"a 'wolf (ob et\-moIogisch zusammen- 
gehörend?); O (Kar.) m ist zu beachten. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 77 

sumna, suniula, (Atl. sümulan), Koib. svimula ^^ Jn. sobor- 
leggo, soboreggo, saborga (Atl. „Jurazen" säbljäk, „Manga- 
seja" säbba-i-eggo, „Turuchansk" soboriggo) j saniJ (Ri:c..) sam- 
bedarju "hexen', (B, Tas., Kar.) sumbai^, (K, Tsch.) som- 
bernarj "zaubern, singen' -^ K sämal'am ^-^ Jn. (B) sabuderjado, 
(C'h.j sabviriT|aro | samJ sumboT( 'muksun (fisch)' ^' Jn. sü- 
boggo I samT suTifa 'axt', J sumba, O (K, Isch., 00) surnba, 
(NP) sümba | samJ teambarau 'betrügen' -^ Jn. tubotabo. 

Die Vertretung im sam.: J mb (aber nach Buijf:xz' auf- 
zeichnungen aus dem kaninschen dialekt teils b, teils m, \'gi. 
auch sonst bisweilen b: bei ,.Jurazen", J Knd.), mb (einmalm). 
Mot.. Taigi mb, T r\f '^ mb, K (in der regel) m, Koib. m, Jn. b. 
Jn., auch J (Kan.) b \ertritt die starke stufe, K m, J (Kan.) 
m (O m) die schwache stufe; alle mb-formen wie auch T r^f 
■^ mb sind von der schwachen stufe ausgegangen. Von be- 
deutung ist das nebeneinander von b ~ m im kaninschen dial. 
des J. Auch ist — für das fiugr. — bemerkenswert der Über- 
gang in die x-reihe im ung. hö — hava. 

II. mt-fälle. 

a. samJ tumdäu 'erfahren', T tumtu'ama 'erraten' — K 
thümnäm '\\'issen, sich erinnern', thiinnel'im 'erkennen", Koib. 
tymnemyn 'ich weiss' -^ Jn. tuddabo, tuddodabo 'erfahren, 
erraten' zu IpK '^tomto-, Sü. Hal. iamatet, L toh^to-, fi. tuntea, 
wotj. tod-, syrj. tödny, ung. tud- ] samJ lamdo, lamdu, lamdik 
'niedrig', (Reg.) lamd'ik, (Kan. Bud.) lämtika id., lomtikie 'tal, 
niederung', (X) lamdek, (K) lamduka, (Tsch.) lamdeka, (00) 
lamdi, (NP) lamdukka, (Kar.) lamtak --^ J labtahy, (Tas.) labt 
'niederung', (Reg.) loptejje 'ebene', (Pallas „Jurackago ber." 
jonia 'nojie'), Mot. lapta 'niedrig' zu fiugr. fi. lansi (-nte-) 
'niedrig" etc., lamiistua 'niedergedrückt werden' etc., Ip. luovd- 
det "decumbere", mordM land'an 'sich niedersetzen', E landams 
'sich ducken', wotj. /;((/ 'feld, ackerfeld; opferhain', syrj. lud 
'wiese' j samJ nimdieu, nimdieu 'nennen', (Kan. Bud.) nimte-, 
T nimti"ema, nimtijiema, O (Tas.) nimderjam, nimnembam, ? K 
nim.eü'äm ^ Jn. (B) niddebo, (Ch.) niddibo zu fiugr. tscher. 
lümdein ^ 'nennen', IpX navddet 'nominare'. \'om sam. stand- 



1 Dagegen gehört mordE l'eind'ems, M l'eihd'dms 'benennen' 
nicht hierher; hier ist näml. md später nach dem Wegfall des vo- 
kals entstanden (im mord. mt ^ nd -^ n : mordE l'undo, M TiUndci 



78 E. N. Setälä. 



punkt betrachtet hat man mt auch im folg. beleg (wo es nicht 
ausgeschlossen ist, dass mt auf ein früheres ms, bezw. mz zu- 
rückgeht): samJ "ämdydm, "ämdym 'sitzen', (Kan. Bud.) ämdy-, 
(Reg.) Tiamtada-, T 'omtu'am 'sich setzen', "^omtutum 'sitzen', 
O (N, MO, 00, Tsch., NP, Tas., Kar.) omtaii, omdar] 'sich 
setzen', (N) ämdak 'sitzen', (MO, K, XP, Jel., B) ämdari, (Tas., 
Kar.) ämtaT], (00) eamdaT], dem. (NP) ämdüd'aT], (Tas.) ämnem- 
baT], K amnam 'sitzen', amnolam 'sich setzen' -^ Jn. addeo 
'sich setzen', (Ch.) adduaro' 'sitzen', (B) ad'ido zu fiugr. ostjKaz. 
'~m^5-, DN ömds- etc. 'sitzen'. — Einige im fiugr. nicht belegte 
fälle: samT (Atl.) -niimti 'blatt' (Pallas nrysiTH) ^ Jn. oddi g. 
(B) -do', (Ch.) -ro (vgl. auch bei Castrex ? T 'amti, 'ämti *\vei- 
denblatt', J 'amde) | ? samK (Zoogr. III 365) kämme (Koib. ib. 
kane in kanegiilla?) "salmo thymallus" '^ „monticolis" (ib.) 
kapteda | samO (X) komde, (Tsch.) komdeä, (XP) komdi, (Jel., 
Bj kümde, (Tas.) komdä, (Kar.) kumde kopeken', Atl. „Tas" 
sama-komde 'silber', „Tomsk" kömde, „Xarym", „Ket" „Tymi- 
sche" komde, „Karassen" chomde | sam. Atl. ..Obdorsk'" chumdu 
„knechf -^ „Tomsk" kodi ] samJ seamdaräii "räuchern" --^ 
O (NP) sümde 'rauch' | samJ teamdäu 'kaufen', (Kan. Bud.) 
teamda-, temda-, (Reg.) tiemderiu-, T tamtüju'ama — ' Jn. tid- 
de'abo, tiddetabo | samT t'imti"ema 'sauer machen', J timd'ieu 
'^ Jn. (Ch.) t:iddibo | samJ nebta "Stiefmutter", vgl. nebea 
"mutter", T name, O eme. — Auch im folgenden falle hat man 
sam. mt, wogegen auf fiugr. seite rjt, nt vorliegt: samT "amta 
'hörn', J nämd, namd, (Kan. Bud.) nämta, (Reg.) namta-ta, O (X) 
ämd, (Jel., B, Tas.. Kar.) ämde, (K, NP) ämdde, (Tsch.) oamdä, 
(00) eamde, Mot. amde ~- K amnu, Koib. amna '-^ Jn. (Ch.) 
eddo, (B) naddo, v'gl. ostjKaz. ''oßf, DN ö/idt etc. 'hörn", wog. 
ünt 'hörn' (sind die obugr. formen etwa entlehnungen.'). 

b. samJ hamdäu, hamdau 'ausgiessen', (Reg.) hamtu-nu- 
'schütten', O (Tas., 00, Tsch.) kamdam, (Kar.) kamtte£eTiam, 
(Tas.) kamtte^am, (X) kam^ap, ( XP) kamdam, (K) kamßau, (B, Tas.) 



'deckel', E .^el'fhi-Jcimda 'augenlid' -^ E setihe-Tcuno. M selmd-lcuna 
id. zu tscher. ^komdos 'deckel', ^§in,^a-k. 'augenlid', IpK ^klmnte 
'äussere fläche', '^Jchnndes g. koamtazl 'zaubertrommel', N govdes, 
gobdes id., vgl. N govcas 'deckel', fi. kansi 'deckel', kannus 
'zaubertrommel', S3TJ. kud in sin-kud 'augenlid'). 



über art, umfang; u. alter d. Stufenwechsels. 79 

kamsejam ausgiessen, ausschütten', K kamnalim, kamnalugurim 

"ausgiessen, ausstreuen' zu fiugr. ostjV, Vj. Ifvmtdl , O ;^»j^h- 
da/ 'giessform für kugeln' (vgl. DN ^bmdtts etc.), ? tscher. 
himda 'breit, weit', IpK komi g. +-%e etc. 'breit', komtane- 
'breiter nnachen', X govdag 'latus', govddat 'effervere, exundare'. 
— In dem suff. der Ordinalzahlen trifft man im sam. -mt- einem 
fiugr. nt gegenüber: samT matamtea 'der sechste', J matum- 
daei, O muktemdel, rnuktemgel etc. '^' Jn. motodde, matodde, 
vgl. IpK hudant. X gadad, fi. kuudente-, ung. hatodik etc. 

c. samJ jemnau, jemneiiü 'flicken', (Kan. Bud.) jemne-, 
jemnegu-, (Reg.) jemniTiu-, (C.^str.) jemnimea, jenimea, jemea 
'flick', T jemni'ema "flicken", K nemnei "flick", Jn. jeni'e zu 
fiugr. wog. jonti, jünti 'nähen' (von derselben wurzel wohl 
auch ostjKaz. ioA, Xi. i'^' etc. 'naht, säum", Kaz. io.i^ptl, Ni. 
//•t^pts etc. 'flecken, flicken'). 

Die regelmässige Vertretung: samJ md — bt (pt). U md 
(mt, mdd), T mt, K mn, (Koib. mn, Mot. pt). Im Jn. sind 
wahrscheinlich mt und nt (wie in den meisten fiugr. sprachen) 
zusammengefallen; Jn. dd vertritt jedenfalls offenbar die starke 
stufe. J bt (pt, Mot. pt) kann wohl nur als die fortsetzung 
der starken stufe aufgefasst werden: bt ist dem b (bb), dd, g 
(gg): mp, nt, r^k gleichwertig, statt der vollständigen assi- 
milaüon des nasals an den homorganen klu.sil ist bei mt eine 
partielle zu sehen, da ja der nasal und der klusil nicht ho- 
morgan sind. Ähnliches scheint auf fiugr. seite im Ip. vorzu- 
kommen: im Xotozero-dialekt des IpK findet man formen wie 
köpt, g. -tiy 'breit' (sonst im IpK komt, kämt), denen formen 
wie öpp 'ganz' (in anderen dial.: omp, fi. umpi), ^lodt 'vogel' 
(in and. dial. ^lomte. fi. lintu) entsprechen; und in den westli- 
chen dialekten kommt bd, bt (~ pt) mit vd, ijt wechselnd 
vor: X dobdat, dovddät, L tob"to- : tohtou u. foptou. X vuobda, 
vuovdda 'cavum', L viiduHa- (fi. onsi); Ip. pt, ht, bd wären 
also xz'-fälle mit partieller assimilation (wogegen vd-, nt- die 
schwache stufe vertreten: sie sind yz-fälle, statt xvv im sam., 
vgl. gleich unten). 

Die schwache stufe hat man unzweifelhaft in K mn, Koib. 
mn (also nach der formel xvv). Aber von besonderer Wichtig- 
keit ist, dass man in einem beleg (c) diese Vertretung (mn, 



8o E. N. Setälä. 



mn \ beachte Jn. n ' mit zusammenfall der mt-reihe mit der 
nt-reihe) in allen samoj edensprachen findet,, welcher 
umstand stark für das einstmalige \orkommen des Stufenwech- 
sels sowohl in der mt-reihe als in den Verbindungen von nasal 
-{- klusil überhaupt spricht. Die md-, mt-fälle im J, T, O müs- 
sen, wenn auch nicht direkte Vertretungen der schwachen stufe, 
doch von der schwachen stufe ausgegangen sein. 

In einigen fällen im (b) finden wir ^, 3 statt des zu 
erwartenden t, d; über diese sekundäre erscheinung vgl. oben 
p. 47, fussn. u. 67. 

III. mk- fälle. 

samJ nuTi 'weich' (handschr. Tas. njungetja), nuiiubtiamdäu 
'weich machen' -^ O (B, Tas., Kar.) nämgalgam "erweichen" 
-- Jn. (Ch.) uggo, (B) nuggo 'weich', vgl. T namati, namagä, 
O (B, Tas., Kar.) nämagel, (Kar.) nämagel ^-' (K, XP) neukka 
zu (» ostjDN namdh 'mild (vom wetter)", Trj. nqni9Jc, V, Vj. 
ndmdk\ Ni. namdJc, Kaz. ngnvjl' 'weich, zottig (zb. von den 
haaren)', wogX ^'/lämek "weich', K ^nnrjkein. 

Die gewiss zusammengehörenden sam. formen könnten 
so erklärt werden, dass im J- und Jn. -formen ein T]k <; mk 
— mit derselben behandlung wie r^k (siehe unten) — vorliegt 
(Jn. gg die starke, J -t\ die schwache stufe). 

Es ist jedoch möglich, dass man es hier mit reihenüber- 
gängen zu tun hat, dies umsomehr, als es einen sicheren fall 
von mk — freilich ohne bekannte fiugr. entsprechung — gibt, 
wo die Vertretung ein etwas abweichendes bild zeigt: samJ 
numgy 'stern' (Kan. Bud., Reg.) numgy -^ Atl. „Pustosersk" 
numei -- „Jurazen'" nübge. Man sieht hier die starke stufe 
bg (mit partieller angleichung an den zweiten komponenten, 
vgl. die behandlung von mt), die schwache stufe m (wohl •< 
mm «< mT|?) und das von der schwachen stufe ausgegangene 
J mg. — Vereinzelt stehen: Mot. nomkajam 'ich verschliesse' 
samO (K) tämga "korb aus birkenrinde". 

Man fragt sich, ob K memni 'prunus padus' vielleicht 
auf eine mri (^-' mk)-form zurückgeht. Das wort gehört zu 



^ Ob der mouillierung gewicht beizumessen ist, bleibe dahin- 
gestellt. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 



fiugr. li. tuomi etc. (mit anl. d\ siehe N\i\ XW'I 434-5, im 
sam. der anl. konsonant an den inlautenden assimiliert); im 
inlaut findet man in den fiugr. sprachen m (mit Schwankungen 
nur in IpX: neben duobma gibt es duoT]T]a und duodnja). Die 
samO formen (X) mvige, (Tsch.) mugo, (M()) muko, (B, Kar.) 
miike, (Tas.) müke, mükel'-pu, (K) mukko, (XI^j mukku gehen 
zunächst auf eine tik- (durch einen weiteren reihenübergang 
T^kk-) form zurück. Die anlautsa.ssimilation d' >» m scheint auch 
hier für ein früheres mk zu sprechen; hier liegt jedenfalls ein 
recht kombinierter fall mit mehreren reihenübergängen \-or. 
Bemerke noch J (Reg.) rie-nndje 'prunus padus', wo nur lie- 
hierher gehören kann f-i^ude, -Tjudja 'beere'), also ein y-fall. 

IV. nt- fälle. 

a. samT jenti 'bogensehne', O (B. Kar.) t;ind, (Jel.. Tas.) 
1:ynd, (X) cend, (MC) kend, (K) kendde, (00) ken^e --' J jien, 
(Kan. BuD.) jen : yn-j., (Reg.) jen, K nene ---- Jn. jeddi zu fiugr. 
OStjDN ,{d)iP3, V, Vj. iönhx stc, wog. iäuoeß^ ung. ideg, tscher. 
iiöäij. fi. jänne | samT kuanda'ama 'forttragen', O (X) kuendap, 
(MO, K, 00) kuandau, (XP) kuendam, (Tschl.) kuansam, (Kar.) 
kuenneT|am, (Tas.) kuennembam ^^ J hänau, K kuH'im (mit U' 
<C nl) ^ Jn. kaddabo', [Ch.) haddabo' zu fiugr. tscher. kondeju 
'tragen, bringen', mord. handoms. fi. kantaa, IpK ^kmte- etc., 
? ostjDX yo'v.Ddm- "auf den rücken heben" | samT kantejeam 
'erfrieren", kantil'i'e 'zufrieren' -~ kande'am 'erfrieren', O (X) 
kandak, kand'ak, (MO, K, NP) kandat^, (B) kandejaT], (Tas.) kan- 
detari, ((30) kan^ar] 'erfrieren" ^ J hanemeadm, hanimeadm, 
K kanalam, kannam ^^ Jn. (B) koddido", (Ch.) koddiro" zu fi. 
kontaantua 'frigore rigescere', konta 'rigor ex frigore' | samT 
kinta 'rauch' zu ung. köd, w'otj. ''Md 'nebel, dunst' [ samT fantu 
'beinling', (Kar.) pünd '-^ püns, (K) pon3, (X) pon^, Tsch. 
ponsö, (00) pon^e, (XP) pen^e, (B) pung, (Tas.) puons ~ J 
peana, K phana zu fiugr. Ip. biddo 'braccae muliebres ex pelli- 
.bus tarandorum confectae', mord. \^oriks 'hosenbein' pl. por^kst 
« *poy2doks? vgl. M uriks < tmdoks 'wurzel'), ? syrj. pod 'fuss', 
wotj. ^pld etc. j samJ jäne 'freiwerber', K muno ~ Jn. maddu 
zu fiugr. IpK ^vlnthn, vüiüem. vuntam, Not. '^vufjtfeui j samJn. 
taddu'abo 'treten' -^ J tänäu, (Kan. Bud.) tana-, täna-, K thö- 
no'lam ? zu fi. tanner 'gestampfter boden' (es bieten sich jedoch 

F'inn.-ugr Forsch. XII. Anz. o 



82 E. N. Setälä. 

für das fi. wort auch andere etymologien dar) | samT bantu, 
bäntu 'würze!', O (Kar.) kond, Taigi mondo ^-^ (N, B, Tas.) 
kon^, (K) kondse, (NP, Tsch.) kon^e, (MO) konc -- J wäna, 
wäno, wänu, (Kan. Bud.) väna, vuäna, (Reg.) vuanu, K muna, 
Koib. myma (sie! wohl druck- oder Schreibfehler statt *myna) 
--^ Jn. baddu zu fiugr. IpK ^vtemdes g. ^oantazi, ^uomdes g. 
oantes etc., L öttes (öddäse-) 'dickste wurzel eines baumes', 
mordE (NyK V 165) undoks 'wurzel', M uT|ks, tscher. ^wondo 
'stiel, Stengel', wotj. body 'stock, stab; Stengel" (urform *ßmids-), 
? ung. bot 'stock, stab" (mit t «< ntt?). 

b. samO (Kar.) tandalderjari 'sich gewöhnen, lernen' -^ 
(B, Tas.) tänanit;aTi, (Tas.) tanamdari, (Kar.) tanamdaldeT\am 
'lehren', (Tas.) tanamdal^am ^^ Jn. (Ch.) taddabo 'lehren' zu 
fi. tottu- « *tonttu-) 'sich gewöhnen', mord. tonadoms 'lernen, 
sich gewöhnen', tonavhms 'lehren, gewöhnen', ung. tanül 'ler- 
nen', tanft 'lehren' [die samO-formen mit n könnten auch 
von -n-, statt \on -nt-stämmen herrührenj. 

c. samK phandär 'säum' -^ O (N) pon^ar 'säum (der 
untere)' '^ J pän 'säum am samojedenpelz', nü pän (eig. 'him- 
melssaum'} 'regenbogen', (Reg.) nü-bän ■-- Jn. (B) padde, (Ch.) 
faddi 'pelzsaum' -^^ T fera (etwa zu fi. piennar g. pientaren 
'-^ penger g. penkeren 'margo terrae' ? ? ?). 

Im fiugr. nicht belegte fälle: 

a. .samT jentajea 'Jenissei', (XP) nandesi -^' Jn. jed- 
dosi I samT jontagä "langsam" '--' O (Tsch., 00) tlonnerj r^ 
Jn. (Ch.) jaddu"a, jadu'a, (B) jaddu"o, jadu'o 'langsam, faul", 
J jano^, janoö spät', (Kan., Bud.) jänoc | samT jintirima "fra- 
gen' -^ J junaram, junarrjäu (daneben: jundarriam, Kan. Bud. 
jundyrga-, jundyrTja-, junderr^a-, jundaly-) | samT (Mldd.) Junta 
'pferd", O (MO) könd, (Tschl., OO) kündö, (XP) kündü, X) 
cönd, eünd, (Jel., B, Kar.) £ünd, K (Klapr. 160) nunda, Mot. 
nundo (Pall.as hohaü) --► J juna, junna, K inä ^ Jn. (^Midd.) juda, 
(Atl. „Jurazen" jiida, „Mangaseja" djtida) | samT juntejeama 
.^' junde'ama '(ein ziel) treffen', J juonau 'treffen (nach hause, 
ins ziel)', Jn. ("B) joddebo, (Ch.) joddibo, juddibo 'treffen' | 
samT kunta 'lang', O (X, B, Tas., Kar.) kund etc. 'weit, lange', 
(00) künde, (00, XP) kundök 'ferne', Mot. kundugu "weit, ent- 
fernt' r-^ Jn. ((_^"h.) kuddahä, (B) kuddahae 'weit' | samT lentagä 
'eben' '^' Jn. liddo j sam F mantiniu, niendu', mendui' recht' -^ 
K mäna -^ Jn. (Ch.) müddoro | samMot. mundo "Ziegenbock' 
.-^ Koib. muno | samT funtura"am 'glauben" ^-- J punrajü. 



über ar't, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 83 

punrejü, punrydm ^^ (Kau. I^>ii).) puneri-, (l^Ji-.o.) punerej- -^ 
Jn. (Ch.) fuddilebo, (R) fuddorei j sam'l'ai^i kündo ' rauch", 
Mot. kiundu ^ ^ J ^un "rauch (aufsteigende!)" (All. ..Obdorsk" 
sjun), K (Atl.) sunju, Koib. siunö ■^' Jn. suddo "rauch (auf- 
steigender)" (Atl. „Mangaseja" sttddu, „Turuchansk" südo). 

b. samJ junui, (Knd.) winu 'frühling' ^ K büdü, Koib. 
biudiun. 

c. saniT natebea 'nass', nade'am 'feucht werden', Jn. 
(Ch.) nudabä, dem. (B) nudarai, (Ch.) nudal-ai 'feucht", (B) 
nudädo, (Ch.) nudäro 'feucht werden" '^ Iv nimölam. 

d. samJ hanadm, hanädm, (Kan. Run.) hane- 'fangen', 
^ Jn. (B) kad'ado", (Ch.) kad'äro" | samT mintutia ^^ J (Kan.) 
päny 'voll', (Bl'D.) pana, päny, Reg. pana -- (Ca.stk.) pän'ädm 
'voll sein' -^ Jn. faddi'aro | samT tunte 'fuchs' -^ J thöna -^ 
Jn. todde, tudde 'fuchs' (Atl. „Tawgi" tünte ^' .,Pustosersk" 
tjunjuko, „Obdorsk" tjüne, „Jurazen" tööna ^^ „Mangaseja" 
töde; Zoogr. I 46 ua. „Samojedis ad Petschoram tunke"?) j| 
samMot. mandira 'wolf, Taigi mandera (Zoogr. I 36 „monti- 
colis Sajanensibus manderaa") ^^ K mä'ne (Atl. madne, Zoogr. 
ib. „Camaschis et Coibalis madne"), Koib. makne. 

Regelmässige Vertretung; T nt -^ nd, () nd (n3, ng ^), 
Mot., Taigi nd, J n, K n, Koib. n, Jn. dd. Die starke stufe 
hat man in Jn. dd, die schwache in J n, K n, Koib. n; T nt 
-- nd, wie auch O, Mot., Taigi nd sind \(>n der schwachen 
stufe ausgegangen. Von bedeutung ist, dass man in diesem, 
fall (in gewissem gegensatz zu den übrigen Verbindungen von 
nasal + klusil) im sam J n hat ; in einem beleg (b in der ersten 
Serie) könnte man auch im samO ein n sehen. Ebenso ist 
wichtig K (Koib.) büdü 'frühjahr' (b der zweiten serie); da 
man sonst im K (Koib.) ein n (die schwache stufe) findet, ist 
das erscheinen des d (dei- starken stufe) hier \"on besonderem 
gewicht. 

Der beleg c der zweiten serie gehört im samK zu der 
nt-reihe; die formen der anderen sprachen sind wohl durch 
reihenübergang (in die t-reihe durch ntt > t?) entstanden. 

Ein recht schwer zu beurteilender fall ist c der ersten 



^ Mit sekundärem anl. k, vgl. samTaigi keim, Mot. kejem 
'herz' mit urspr. s-; Taigi kidde 'zwei', Mot. kydy, mit ursam. 
anl. Sibilanten; Mot. keibe 'stute' zu K süimü, Koib. sjuima etc. 

2 Über 3, 3 siehe oben p. 67. 



S4 E. N. Setälä. 

Serie; hier kann die Vertretung sonst gut zu nt stimmen, aber 
T fera ist nicht leicht zu verstehen (ist hier eine base mit -r\- 
vorauszusetzen, v^gl. samO peaTia, peaiq etc. säum ? ?). 

Welche bedeutung den d-fällen der zv.eiten serie beizu- 
messen ist, ist ohne genauere Untersuchungen des sam. schwer 
zu entscheiden (ist hier odei- in einigen von diesen fällen etwa 
von einem nt auszugehen?). 

Schliesslich ist zu bemerken, dass man in fällen, die in 
fiugr. sprachen nicht belegt sind oder deren quelle sonst nicht 
bekannt ist, nie sicher sein kann, ob man es mit einem nt- 
oder emem nU-faW zu tun hat (vgl. oben. p. 67). 

IV. Tit-fälle. 

samT bintisi 'vielfrass' -^ K müiini (Zoogr. I 74 mine), 
J jieT|nei, jiegnei, (Knd.) wegne (handschr.: Dud. jiengnjei, Tb. 
jiengniej, Kan. jignjei, Knd. wegnjej, (Reg.) jiririej, O (K) 
ü'nen3e, (N) ürians, (MO) üiien^, (Jel, B, Tas., Kar.) ÜT]un^, 
(00, Tsch.) ÜT^tinde (Messerschmidt 1723 ,,Laak" jin^gunc; 
Zoogr. I 74 „Tomskiensibus" jungendä, „monticolis" dshibke 
uengönd, „Coibalis" muengenae) '^ Jn. (Ch.) biggoddi, (B) 
biggodd'i. 

Die sam. formen sind kaum anders zusammenzubringen 
als so, dass man .ein urspr. rjt annimmt (stamm *ßär]ta-) mit der 
Vertretung: T nt, K i^n, J T|n, gn, tj. Alle formen ausser T 
zeigen den xw-typus; auch T nt «< "nt ist offenbar von der 
schwachen stufe ausgegangen. Die grosse Verbreitung des xw- 
typus beweist, dass gerade dieser typus allen \-erbindungen von 
nasal + klusil zugehört hat. 

In einigen anderen fällen ist vielleicht auch von Tryt auszu- 
gehen: samO (N, Kar.) äT^d, (K) äT)dde, (XP, Jel., Tas.) aiide, 
(Tschl.) oaiide, (00) eai^de 'schneide* -- J nänd, nand ~ Jn. 
(Ch.) eddo, ß) naddo | samO (K, Tschl.) küridi, (MO, NP) 
kÜTidal "reissend' -- J jiend', jient', (Kan. Bud.) jenta, (Reg.) 
jentä "schnell (fluss)' ~' Jn. (B) beddu', (Ch.) bieddu' g. -ro' 
'reissende stelle' [die base selbst — nicht rit? — liegt wohl in 
O (B, Kar.) küiie 'reissende stelle' — (X) küu, köu (vgl. oben 
p. 21-2) vor?] I samJ jind 'seele, luft, dampf -^ Jn. beddu' 
(eine ableitung von einer ii-form: O kuei etc.. T bat;u', bait'u'. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 85 

urfi. *ß8iija- siehe oben p. 22)- ' In diesen fällen findet man 
im Jn. die starke stufe dd (mit zusammenfall der r^t- und nt- 
reihe, vgl. oben unter mt), im O und J die von der schwa- 
chen stufe ausgegangenen Verbindungen T|d, bezw. J nd (< T]d). 

VI. Tik- f ä 1 1 e. 

samJ "äT|ii 'kleine ente', (Kan.) är^u (Zoogr. II 276 sam. 
angu "anas glacialis\ ib. II 242 Koib. angat 'anas rutila', ib. 
II 64 ? „Caragassis" onho 'tetrao lagopus") -- (Kan. Bud.) ägu, 
ä'u zu ? fiugr. wog. ä/iyß 'schneehuhn', ostjTrj. "(/rj/f 'eine en- 
tenart" etc., ? fi. hankelas, hankelo, hankilas (volksetymol. zu 
hanki 'crusta ni\is" ?) 'fuligula glacialis; anas boschas" | samJ 
jieria 'schritt', jieT|alT|äu etc. 'schreiten' (hdschr. jienkah mit 
einem ausgestrichenen g über k, Tas. jienga — ein urspr. k 
zu g berichtigt — , Dud. jienga) -- J (Kan. Bud.) jiega, O (N) 
ciegannap 'schreiten', ciegalgak, (K) tJegalgarj zu fiugr. ostjKaz., 
Trj. liiy'-, DX iqx- etc. 'gehen, wandern', wog. ^j'jriy^i, ^jönkhi 
etc. 'herumgehen', rnord. jakams 'gehen, herumgehen' (im mord. 
T^kk-reihe) | samT fönka 'schaft', fuTiubsaT\, furiüsaTi 'eiserner 
handgriff am kessel', O (Tsch., 00) paTia, (MO, K) par], (N, B, 
Tas., Kar.) pak (mit -k < -t|) ~ Jn. (B) poggo, (Ch.) foggo zu 
fi. panka 'griff', ? ung. fog 'greifen' | samT munka g. muria 
'klumppfeil', J mut), mueii 'pfeil' (handschr. mung', müeng, Dud. 
mung, Tas. munk), (Reg.) munk (.Atl. „Pustosersk'', „Obdorsk"' 
munk) ^ Mot. eharia (Atl. changa) [^' K mö 'pfeil' (mit Über- 
gang in die T[-reihe)] -^ Jn. (Ch.) muggeo 'klumppfeil', (Atl. „Ju- 
razen" mug) -^ J (Kan. Bud.) müka, O (K) makka 'hammer' 
(mit Übergang in die rikk-reihe?) zu fiugr. ostj. muri/, munkla 
'a.xtrücken, hammer, axthammer', wog. mäi]yjv, ^nw^khic 'axt- 
helm, keule", ? ung. bunko 'keule, kolben', fi. *mukka od. *mukki 
in mukkia, mukkiloida etc. 'mit einer stumpfen waffe schlagen' 
(t^kk-reihe) | .samJ poria 'netz, reuse' (handschr. pongah, mit g 
über k, Dud. punga, Tas. punka) -- O poT|, pok (mit -k < -ry), 
poTia etc. (siehe p. 28, teils mit den kennzeichen der t\-, teils 
mit denjenigen der T|kk-reihe), K phar|a ^ J (Kan. Bud.) pöga, 

1 Gehört hierher etwa: Zoogr. I 174 Inbazkiensibus Samo- 
jedae stirpis;> bungdilse 'myodes oeconomus', ib. I 173 . Samoje- 
dis> wink 'myodes torquatus' /-^ »Motoris > migaede 'myodes 
oeconomus'? 



86 E. N. Setälä. 



Jn. foga, fuga ( samT banka 'grübe', bariubala, baT^ntna 'grubig', 
J wäT] 'grübe' (handschr. waankah, waang', Dud. waang', 
Tas. waank mit aus g verbessertem k), (Reg.) vaT\ '-«- Jn. baggo, 
J (Kan. BuD.j väk, ? O (K, 00, Tsch.) kokku 'kleine grübe' 
(dem.) zu fiugr. ostjDN uö'rjx 'grübe, lager des baren'. Kaz. 
or[Tc etc. 'höhle, grübe (eines tieres)', wog. ^väviyä 'grübe' etc., 
IpK ^vwr/Jca, viwrjJc 'höhle des fuchses', N vuoggo 'antrium, in 
quo mus sylvestris tegit', fi. onkalo 'höhle', vinkalo 'spalte', 
vuoren v. 'bergschlucht' j samT l'unkajuania --' ruT\n'ama [l'uka- 
nandutuma mit Übergang in die T\kk-reiheJ 'nagen', J lui^au 
zu ? fiugr. ung. rag 'nagen, kauen' | samT feanka 'schwarz', 
fearie'a 'sehr schwarz' zu ung. fekete (nach der rjkk-reihe), 
ostjDN pdyts, O puti etc., wog. pit, piti \ samT läT\ü"am 'auf- 
brennen' zu ? ung. läng 'flamme'. 

Besonders zu beachten ist folgender beleg: samT moku 
(Atl. maku) "rücken", O (MO) mok, (K, NP) mokka, mokkol, 
(B, Tas., Kar.) mokal, J, Jn. maha (Atl. „Jurazen", „Mangaseja'" 
macha, „Turuchansk" machä), O (N) mog, (N) mogor, (K) moger, 
K begel (Atl. bagyn), Taigi bagada, Mot. baggada '^ Atl. „Ob- 
dorsk" ma. Wenn das wort mit tscher. ynorjgdr r^ maydr, wotj. 
^m°igor^ syrj. mygör ^ mordE muhoro, M mdkdr 'steiss, after' 
[od. ev. mit Ip. mariTia- 'das hintere', mord. }hej- '^ iheh-e-, tscher. 
möijgö ? ? ?] zusammenzustellen ist, ist hier ein Übergang in die 
l- ^ y- reihe vorauszusetzen (vgl. oben p. 28). 

Im fiugr. nicht belegte fälle: a. samT jonku 'wuhne', J 
ja-Tia, O (handschr. Tas. jänga), (Tsch., XP) cuaria, tuaiia -- 
Jn. jagga | samT janku 'es gibt nicht', J jaT|u, (Reg.) jai^u 'nein", 
O caryn, cariuan 'negatives zeitwort', ca-nuati 'ich — nicht', 
(K, MO) tiäTiuaii "ich — nicht', ceäTiari 'nicht", (Tas.) cäria, 
liäTiaT], (Tas., Kar.) 1;äTja '^ (00, Tsch.j ^ekiiat] "ich — nicht" — 
(Kan. BuD.) jägu 'es gibt nicht', Jn. jaggua, jiggvia | samJ jai^arie 
'fremd' --' Jn. joggodde | samJ jaT|o in jese-jarjo "falleisen', 
O (N) ^ariu 'tierfalle, hasenfalle', (Tas., B, Kar.) ^arje ; samT 
kinkale 'schienbein' ^--' Jn. (Ch.) kuggoH, (B) kuggori | samT lin- 
kara'am 'sich verstecken' ->" J (Kan. Bud.) lygaraj- 'sich verber- 
gen' I samJ mäTi 'not', mäi]oda 'arm' (handschr. maangoda, 
Tob. maangobi 'arm', Tas. maangobiedm, Dud. maangembndm ) 
r«^ J (Kan. Bud.) mägobi 'arm sein', mägobada 'arm', Jn. (Ch.) 
maggö, ? K muxan | samT mimku 'föhrenwald, wald', Jn. (B) 
mugga, (Ch.) mogga 'föhrenwald, schwarzer wald' ( samJ pöTjana 
'zwischen' — J (Kan. Bud.) pogna, puogna | samT sanku 'glocke', 
J seai^a, sieT]a (handschr. versch. formen mit ng) -^ J (Kan. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 87 

BuD.) siaga, Jn. segga j samO (K) pearj, (X, Jel.) peak, (Tschl.) 
peäT^a, (OO, XI^) piärja -^ (B, Kar., Tas.) peäka 'elcnliei' (T|kk- 
reihe); dieser beleg kann auch zu der Tj-reihe gehören | samJ 
seai^am, seariadm, sieT|ädin 'übernachten' (handschr. sienkam'ah 
mit g über k, siengakumah, Tas. seängodm, Dud. siengaadm). 
O (Tsch.) säTjarj, (K. 00) seaT^aT] etc. ■-^ J (Kan. Buü.) siega- 
[--- (X) sekak etc. Tjkk-reihe; K sälam (ri-reihe), siehe oben p. 2''^|. 

b. saml" jankagä "grau" -- Jn. (Ch.) jegoi, (I)) jugudadde, 
jogudadde "weiss", O (MO) cag, t!eg, (K) t'egä, (Tsch., ()( )) £äg, 
(Kar.) 1;ecäg, (B) ceäg, (Tas.) cak 1 samTaigi tanga 'stein' ~ 
Mot. dagiä | samK dugul 'lilienzwiebel (lilium martagon)', vgl. 
wog. '^tgrjghel 'iilie'. ' 

Es fällt etwas schwer auf grund der zu geböte stehenden 
aufzeichnungen ein klares bild von den wirklichen lautverhält- 
nissen zu gewinnen. C'astrex hat in seinen ursprünglichen 
aufzeichnungen T^g und t| nicht streng geschieden, sondern für 
beide meistens ng geschrieben; Schiefner hat, offenbar falsch, 
überall t\ normalisiert. Was das J betrifft, scheint aus Castrens 
Schreibweisen (vgl. auch Reguly oben) deutlich herx'orzugehen, 
dass hier nicht tj, sondern r[g od. T^k (oder etwas zwischen 
beiden: rjo) steht; was Castren damit bezweckt, dass er in 
seinem ersten entwurf zu der sam. grammatik pönga g. pooria, 
pl. pooTja' (ein anderes mal aber: jienkah in jiengah verbessert, 
jienkä, jienga 'schritt' pl. jienkä, -ga'a) schreibt, wird natürlich 
durch die neuen Untersuchungen an ort und stelle klargelegt 
\\erden. Wenn man die parallelen mp-, mt- und nt-reihen 
ins äuge fasst, möchte man auch in T t| (der sekundären 
schwachen stufe von T\k) und t[ ein rig sehen; dagegen 
führt der parallelismus mit diesen reihen dahin, dass man im 
K ein t] vorauszusetzen zu haben scheint (\'gl. m in der mp- 
reihe, n in der nt-reihe, mn in der mt-reihe). 

Die regelmässige Vertretung wäre also: T i^k -^ t| [0: rig], 
J T| [0: r\g] ^ (Kan. Bud.) g, O ^ [rig], K t] (Mot. t] od. Tjg?, 
Taigi T^g). Jn. gg. Man findet jedoch im samO auch fälle mit 
g, gg (siehe den zweiten beleg der ersten serie: jici^a etc., wie 
auch b der zweiten serie), ebenso im K und Mot.; zu beachten 
ist auch das g (gg) im samO, Mot., Koib. in den belegen der 
urspr. T^-reihe (oben p. 28), welches g nur so zu verstehen ist. 



1 Was ist samK thaT|ma 'erythroniiim dens canis' ('Hunds- 
zahn. Wurzelgewächs') aus der t'amilie >liliaceae»? 



E. N. Setälä. 



dass es zunächst (durch reihenübergang) ein Vertreter der 
(unursprünglichen) T|k-reihe ist. Die vielen reihenübergänge 
der T^k- in die T\kk-reihe einerseits und in die T|-reihe anderer- 
seits, wie auch diejenigen der rj-reihe in die i^k-reihe, beweisen 
klar, dass hier ein Stufenwechsel existiert (nach der formel 
xz' '^ xw) hat. J (Kan.) g, i Jn. gg (0, K, Mot. g) vertritt 
die starke stufe, K (Mot.?) t^ die schwache, die t^g- formen sind 
von der schwachen stufe ausgegangen. 

VII. Nasal Vermischungen: samO (N) und, (Jel., B, 
Kar.) unde 'hart", T mundui^aT), Mot. (Klapr.) munducen, (Pal- 
las MyH^yAiKflHi)) — ' J munafe, munace, munac', munabt' (Kan. 
BuD.) munaci, (Reg.) munuc ^ -^ O (MO) umd, (00, NP) umde, 
(K) umdde [? K müi'zen, Pallas My.iaeHi., Klapr. 140 u. Atl. 
mulsen, mulsen] zu ? fi. untuva etc. "lana mollior' etc. | 
samO (N) ändalbak, (MO, K, Tschl.) ändalbari, (00) eandalbar;, 
(B, Tas., Kar.) äntalbari 'sich freuen', (N) ändannarj, (B, 
Tas., Kar.) äntabaaii 'froh werden' --- Jn. edde 'freude', (B) 
eddemado, eddebido, (Ch.) eddemaro, eddebiro 'sich freuen' 
^-' .^^ K aTiaU'am zu fiugr. syrj. ed 'hitze, feuchte wärme, kraft, 
eile', fi. into 'geistesantrieb' etc. (FUF II 165) || samT tantagä 
breit', O (Kar., Tas.) tände, (OO) tänge, (B, Tas.) cänge - 
K thänu — Jn. tedde -^ O (N) cäm^e. Vgl. auch IV c. 

Man findet bisweilen Vermischungen zwischen den ver- 
schiedenen reihen von Verbindungen von nasal + klusil (vgl. 
auch unter Verbindungen von nasal + sibilant, bezw. affricata). 
Dies scheint darauf hinzudeuten, dass in der einen oder ande- 
ren stufe eine ähnlichkeit vorhanden gewesen ist, welche die 
Vermischung veranlasst hat (etwa in der starken stufe?; der 
zweite beleg gehört vielleicht zu den p. 22 f., 27 f. behandelten 
reihenübergängen). Ob der dritte beleg hierher oder zu dea 
Verbindungen \on nasal + affrikata zu stellen ist, ist unsicher. 

1 Man könnte sich freilich denken, dass man es hier mit einem 
späten Übergang von ryg ^g zu tun habe (vgl. zb. Kan. BUD. 
jaugau, jaugäu 'meer; ufer' — Castr. J jauT(aeu \ifer', eig. 'meer- 
seite': jaun -\- haeu; andrerseits aber: Kan. BuD. jar[g5ra 'mammut' 
— Castr. jaT|öra 'erde-renntierochs' : jan -|- höra). Die parallelen 
erscheinungen machen jedoch eine solche Voraussetzung unan- 
nehmbar. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 89 

\'III. Die Verbindungen des nasals mit geminiertem 
kl US iL Beispiele: 

a. samO (B) mükol 'knoten' zu ostjKaz. ininjn'o/'. Trj. 
nui^rjk'jf id. I samT kakuTj 'nebel', Jn. (Ch.) koki, (B; kokileggo 
zu 6 (MO, K, Tsch., 00, NP, B, Tas.) kur^a [ samO (B, Tas.) 
cäkos, (Kar.) takos, cäkkoas, (Tas.) täkkoas 'schlafsteile', (B) 
cäkkam "unterbreiten", (Kar., Tas.) täkkam zu (XP) cäi^os, (K) 
öäT^au "unterbreiten", (NP) cäi^am, (Tsch., 00) täT]am ~ Jn. teg- 
gabo "betten" | samO (B, Tas., Kar.) takap "fortfahren" -- tarj- 
nam, (K) tlT|aii, (Tsch., 00) täriam | samO (Tas.) seakkal-täT\ 
'nadelholzwald, schwarzer bergrücken' ~ (00) seanka 'föhren- 
vvald, nadelholzwald' ■-- (NP) siarja, (Tschl.) särja | samJ (Kan. 
BuD.) huka 'kehle' zu J huT[o, huT]u 'kehle (ungeniessbare)" | 
samJ (Kan. Bud.) müka 'pfeil' zu J muT] etc. i samJ (Kan. 
BuD.) väk 'grübe' zu J wäT) (siehe oben p. 85-6, (vgl. auch 
die belege p. 28). 

b. samO (Kar.) kota, (K) kotca, (NP) kotca, (AIO, 00, 
Tschl, Jel., B) koea, (N) kosa "sack" zu ? fiugr. fi. kontti "ran- 
zen von birkenrinde", est. kot;£ "sack", Ip. gonte, konte 'corbis' 
(= fi. kontti), ostjTrj. k'h/f etc. "korb aus birkenrinde'. 

c. samJ udu-poj 'mit der hand' ^-^ pmjimboj 'mit der 
nase' Kan. Bud. NyK XXII 365, Castr. sprachprob. 375 tub- 
kampohon 'mit meinem beil', siehe ibid. 

Aus den teils oben (p. 28, 81, 87), teils hier angeführten 
belegen geht hervor, dass die xzz-reihe den nasal in gewissen 
fällen ganz eingebüsst hat, ganz wie auf fiugr. seite. Die 
vielen reihenübergänge zwischen der xzz-, xz-, xx- und x-reihe 
zeigen deutlich, dass dies jedoch nur in einer stufe der fall 
gewesen ist, unzweifelhaft in der starken (vgl. oben p. 8-9 das 
Verhältnis fi. kontti -- est. kot:t, welches auf einen Stufenwech- 
sel *Jcontti > koiti ^ lonlin zurückweist). 

IX. Die form ein des Stufenwechsels der Verbindungen von 
nasal + klusil können also im sam. foigendermassen dargestellt 
werden: 

xzz >> zz ~ xz' 

xz' >> zz^ '^^ xw >> XX 

^ Oder mit partieller assimilation, vgl. oben p. 79, 80. 



90 . E. N. Setälä. 

Dazu kommen diejenigen des nasals ohne klusil 



XX '^ X 

x' '-^ y 



wobei die brücken der reihenübergänge offenbar sind. 



Nasal -f Sibilant (affricata). 

I. m^.y- fälle. 

samO (K) cämge, (X) cäm^e, (B, Tas.) cäm^e "frosch' ^ 
O (Kar.) tamtek od. tamteri, (Tsch., 00) tämdeä, J £ainde', 
Mot. tamde (Zoogr. III 10 „Caragassis" demdi) ^ K thamnu'd, 
Koib. tamne (vgl. ? ? fiugr. IpK ^clomhaj g. '^ehnpl etc., X cuobo 
g. cubbu, fi. sammakko, vgl. jedoch FUF II 147, 159; nur die 
„Wurzel" könnte gemeinsam sein). 

Da das Wort — wenigstens mit der inl. konsonantenver- 
bindung — im fiugr. nicht belegt ist, kann man nicht genau 
wissen, ob hier urspr. ein infs- od. ein mt-fall vorliegt vgl. oben 
p. 67. 

II. w/.v- fälle. 

samO (Tschl.) an^e 'boot' ~ O (X) and, (XPj andu, (00, 
Jel., B, Tas., Kar.) ande, (K) anddu, T "andui, Mot. ondoi, 
Taigi andai 'schiff' (Pallas ohaoh) — J 'ano, (Kan. Bud.) ano, 
(Reg.) Tianno, K ani --^ Jn. oddu (Atl. „Jurazen" rjaddu, „Man- 
gaseja" oddu, „Turuchansk" oddü 'schiff') zu } fiugr. ostjDX 
un0-, Ni. itls- etc. 'überschreiten (ein wasser)', wog. ünsi 'wa- 
ten; dielen', S3'rj. vwlSnt 'übersetzen, überfahren', wotj. vidz-, 
viz- id., tscherO ^luon^eni etc. 'über ein wasser gehen', IpK 
väince-, N vagget 'gehen' ^ | samO (Tschl.) oansam 'zeigen' 
--- O (00) eandam zu fiugr. tscherO ^07isem 'blicken' (vgl. un- 
ter III) I samO (Tsch., KP) wan^e, (Tas., Kar.) wuen^, (B) 
muen^ 'njelma (fisch)' (Klapr. 163 „Laak" gons) ^^ T jintu ^^ 
Jn. (Ch.) jiddu, (B) adde zu ostjDX t/nts, Ni. hU\ O h^s, us, 



1 Der anlaut — nach dem fiugr. v (ß) — macht Schwierig- 
keiten. Zu beachten ist samO (B, Tas.) kuenßarj 'gehen, fahren' 
welches lautHch zu dem fiuafr. stimmen könnte. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 91 



{uns-) etc., wog. m (stamm uns-), syrj. udÄ, uts [ ? ? samO (K) 
kondse, (X, B, Tas.) kons, (NP, Tsch.) kon^e, (MO) konc ^ 
< ) ( l\ar.) kond, T bäntu, toantu, Taigi mondö ^-' J wäna etc., 
K muna, Koib. *myna? (vgl. oben p. 82) -^ Jn. baddu könnte 
auch zu fiugr. .syrj. vuzi, wotj. ^vl.^,!, t.scher. ^icoz gestellt wer- 
den (vgl. oben p. 82, wo eine wahrscheinlichere etymologie 
dargestellt worden ist) | ? samO (N) nans, (K, Tsch., 00) nanse, 
(B, Tas.) nän3 -^ (Kar.) nand 'magen", Mot. ende (Pallas 
3H;i.e), Taigi ende (Pallas eHiie) -^' J nän, nan 'tiermagen', I\ 
näna (Atl. nanja), Koib. nana (viell. zu Ip. occa 'sinus' welches 
dann zur iiffs-re'ihe gehört; der anlautende nasal im sam. scheint 
trotz der grossen Verbreitung sekundär zu sein, beachte die 
Mot.- u. Taigi-formen). 

b. samT santii" 'vogelschwanz' ^ J sana', sane' 'schwänz', 
(Kan. BuD.) sane, (Reg.) sai^ ^^ Jn. soddaki 'vogelschwanz' 
zu fiugr. ostjDX tSdnU^ Kaz. .w.y (-^ sqn$-) 'rücken', wog. sis. 
sis, fi. häntä 'cauda' | samK sini 'knie' ? zu ostjDN tSants. 
Ni. SäS, wog. Sans, sans, ääns etc. | samJ jenad 'ferse' — Jn. 
(B) jeddede (eigentümlich ist der anlaut in JnCh. leddori, 
ledori id.) zu Ip. jo3a g. jossaga 'calx (calceamenti)". 

Für folgende Wörter zb. ist eine fiugr. Vertretung nicht be- 
kannt: samO (K) cansar], (NP, MO) can^ari, (X) cansak, (Tschl. 
00) tansari ^ (Tschl. OO) tandari, (Tas.) tandari "ausgehen' | 
samO (K) cangonnaTi 'kriechen' ^ samT tantäjua, tantirnm 
'laufen', (Tsch., OO) tandönnarj, tandolbari ^ K thanarl'am 
-- Jn. (B) todde'edo, (Ch.) todde'ero, (B) toddoriado, (Ch.i 
toddOT|aro 'laufen' | samO (X) kans, (K, Tsch., XP) kanse, 
(MO) kanc 'hundeschlitten" ^^ T kanta g. kanda 'schütten' ^ 
J han -~ Jn. koddo (Atl. „Jurazen" ehadde) [etwa zu fi. kin- 
nata präs. kinnaan statt: *kintaan?] | samO (X) pen^ak 'abwärts 
schiffen', (Tsch., 00, B, Tas.) pängarj, (XP) pen^ari, (MO) 
pencaT] -^ (Kar.) pendai^ --> K pheniläm 'stromabwärts fahren'. 
Wegen der allgemeinen Verbreitung des affricataelements, ist 
wohl die affricata als ursprünglich anzunehmen. Aus dem- 
selben grund m.öchte man auch folgendes wort hierher zie- 
hen: samO (Tsch., 00) kon^aT\ 'schlafen' '-- (X) kondak, (K, 
XP, ß, Tas., Kar.) kondai), (Tas.) kondernari 'viel .schlafen'. 
T kunduatum, Taigi chonda 'schlafen", Mot. chondastam -- 
J hönym etc., K kunoll'am, Koib. konollam -^ J (B) kodduado, 
(Ch.) kodduaro"; neben diesen formen stehen nämlich solche 
aus der ?i//.>'-reihe: samO [K) kutcannar], kutcalbari, (XP) kut- 
cannari, kutcalbarj, (MO, 00, Tsch.) kucannari 'schlafen gehen'. 



92 E. N. SetäLÄ. 

Wie aus den belegen hervorgeht, hat in allen übrigen 
samojedensprachen — ausser dem samO — ein vollständiger 
zusammenfall der iiLs-reihe mit der nt-reihe stattgefunden; die 
regelmässige Vertretung der Mf.v-reihe ist: T nt '^ nd, Mot.^ 
Taigi nd, J, K, Koib. n. Alle diese Vertretungen gehen von 
der schwachen stufe, vom x\v-typus aus (urspr. Stufenwechsel: 
nly -^ nz. worauf nz > nt). Im Jn. ist dd nach dem zusam- 
menfall der nfS- und nt-reihe nach dem muster von nt-fällen 
entstanden. — Im .samO findet man teils (K) ng, bezw. n^, nc, 
teils aber nd (im Ket-dial. infolge des sekundären quantitativen 
Stufenwechsels auch ndd) und zwar in denselben dialekten, in 
Vielehen man auch n -t- affricata antrifft. Auch hier bildet 
offenbar die schwache stufe den ursprünglichen ausgangspunkt. 

III. Verbindungen von n mit Is- oder US-. 

samÜ (Jel.) aca-n 'sichtbar sein' --' (B, Tas., Kar.) atari, (K, 
XP) attuarj, (N) adak id., (B) atelgam 'zeigen', (Tas.) atelgelsam, 
(Kar.) ateldam, (N) adelgap, (K) adulgau, (NP) adulgam, j 'adi 
'sichtbar', "adimd'eu 'zeigen', ~odarT]au 'sehen', T "adi'ema id., 
Jn. (B) odi, (Ch.) ori 'sichtbar' -^ (Tschl.) oangam 'zeigen', 
(00) eandam zu fiugr. tscher. ^onsem 'blicken, nachsehen', 
^onsf>kteiii 'zeigen', wotj. ^vo^mat-, vozmat 'zeigen', fi. osoittaa 
[wotj. u. fi. •< litt'] I samO (Tsch., 00) kace 'fingernagel' ^ 
(Tas.) kate, (MO, Jel., B, Kar.) kat, (NP, K) katte, (N) kad, 
T katu, J hada, Jn. (B) koda, (Ch.) köra, K kata, Mot. kadam, 
Koib. koda zu fiugr. ostjDN l'önfs, Kaz. Ms- (-^ Jcönz-), wotj. 
^Jc/ions, syrj. gyz, wotj. ^gUl, tscherO ^Mc, mord. kengä etc., 
fi. kynsi, IpK *kanc etc., X gagga | samO (X) kega, (MO, Tsch.) 
keca, (00, B, Tas.) kyca, (XP) kytca, (K) ketca 'ameise' -^ K 
khädemgä, Koib. kaduma zu fiugr. ostjV, Vj. k'otsrjH\ Kaz. 
X^)->'ü'-'\ wog. khüsyi etc., welche wohl kaum von syrj. kodzil, 
wotj. ^kuoil'i, kuzi/'i, ung. hangya, hangyal id., fi. kusiainen — 
trotz der Verschiedenheit der inl. affricata — getrennt werden 
können, und durch das ung. wird die existenz eines n bewie- 
sen I samT batn'a 'schwänz', Jn. batu'o ^ J panco (handschr. 
pantso) zu fiugr. ostj. po'^i id., wog. pons- etc., syrj. böz, 
wotj. byz, tscherO ^poc, IpK ponc 'feder', fi. ponsi 'capitulum 
in manubrio' etc. (FUF II 225) | samO (K) caceak "nah- 
belegen', (MO) cag 'geschlecht', (Tsch., 00) tä^e, (MO) cageak, 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 93 

caceak 'nahbele^en', (Nl^) catceak, (B) cegijeä, (Tas.) cece£ä, 
cecejä, (Tsch., OO) täteak, (Tas.) tete£ä ^ J teans, teanz 
(handschr. teänse, teäns) 'geschlecht', T tansa pl. tand'a' --■ 
Jn. (C'h.) tid'o, (B) tiso zu fiugr. ostjKond. .w.Avf^, D isqjizt, 
Kaz. .svi| 'geburt.sort', wog. ^sgssä etc., syrj. fMiSni etc. 'gebo- 
ren werden', wotj. tsiSi- in f.-viH 'geschlecht, stamm', tscher. 
sat-^-ani etc. 'geboren werden', mord. tsat-^oms, .sufsoms. \\. sato 
jahreswuchs', ? ung. sajät 'eigen' (FUF II 221', 240-1. XI 174); 
für die frühere existenz eines n vor der affricata sprechen die 
J- und T-formen || samO (N) eo^, (XP) 6036, (B) cü3e, (Tas.) 
cuo^e, (Kar.) tue 'stange', (K) cö^e 'brücke' --' O (Tas.) töte, 
tot 'stange' zu fiugr. wotj. dza.d^i etc. ' Wandbrett, regal', syrj. 
dzadi etc., IpX cäg'ßä 'absatz' etc., ? fi. töntö 'stange zum stützen' 
(Wichmann FUF XI 250; die frühere existenz des n wird beson- 
ders durch das Ip. bewiesen) | samO (X) cuec 'platz, erde', (XP) 
cuece, (B, Tas.) 1;uec, (K) euece ^ (Kar.) tuet, (Tsch.) tuettä, 
(B, Tas.) tJuet zu fiugr. ? ostjTrj. tmU, Kaz. Sm$- "als schlaf- 
pritsche dienender erdwall', syrj. dSodz etc. 'fussboden', wotj. 
dSjz in dS/zol etc. 'räum unter der schlafpritze' (die syrj. form 
spricht am ehesten für die existenz des n, auch in dem fall, dass 
das wort nicht mit fi. tanner zu verbinden ist, wie Wichmann 
FUF XI 245-6 will) | samO (K) nug 'gras', (X, Jel, B, Tas.) 
nu3, (XP, Tsch.) nüge, (00) nüge -^ (Kar.) nüt, T nota, not 
(Atl. njoata), K no'd, no'n (Atl.) notn, (Taigi Pallas I 400 nr. 
131 HOTHh) könnte vielleicht zu fiugr. ostjX vangi 'gras', J 
vanca, van3a, wog. vänsi)] 'mit gras bewachsen', syrj. ez 'jun- 
ges gras', wotj. oxl$o, ozo 'rasen', Ip. vuoece 'ager gramino- 
sus' (Wichmann FUF III 102-3) gestellt u'erden unter der \or- 
aussetzung, da.ss sowohl im fiugr. als im sam. vokalischer anlaut 
anzusetzen ist, was jedoch für das fiugr. mit Schwierigkeiten 
verbunden ist. Hierher gehört wohl noch folgender beleg (trotz 
des — etwa fehlerhaften? — ^ im Ketdial. und des »~ im 
tscherO): samO (K, MO) konsernau, (X) konsernap, (XP) kon-. 
^urnam 'sehen' (Pallas „Ket" KoHHinna 'ap'l^nie', 'visus') ^ (Tas., 
Kar.) kondernam, (Tas.) konderbam, (Tsch., 00) kondörnam, 
(Pallas KaiuapMa 'sphiiie' 'visus' — Jn. (B) kuddabo, (Ch.) 
koddabo zu tscherO koi't.';em 'sich zeigen, erscheinen'. Und 
schliesslich: samO pucai, (K) putcai, (XP) putcai -- (X) podal "ru- 
hig, weich', T featagä, feadaliku "ruhig" -^ O (Tas., Kar.) pyntes. 



94 E. N. Setälä. 

Im tiugr. gibt es zwei kategorien von nts-fällen, bei de- 
nen der nasal geschwunden ist. Die erste kategorie besteht 
in den fällen der starken stufe der nfs- reihe (nlS)', hierher 
gehören Ip. 33 --■ 3 (in allen dialekten ausser dem IpK), 
zb. Ip. ga33a 'unguis' zu fi. kynsi etc., siehe FUF II 224; Ip. 
bo33a 'feder' zu fi. ponsi etc., ib. 225; IpS puo30tet 'nudare' 
zu mord. pansan 'öffnen', ib.; ebenso syrj. wotj. fis. z (zb. 
syrj. vufjSni. wotj. vidi-, vß- 'überschreiten' zu tscherO ^won- 
gem etc. ib. 226), andere beisp. siehe ib. 224-5. Diese fälle 
sind mit Ip. bb, dd, gg, syrj., wotj., ung. b, d, g der mp-, nt-, 
Tik-reihe gleichwertig. Die zweite kategorie bilden die fälle 
der starken stufe der nff^-reihe; hierher gehört sicher Ip. cc in 
fällen wie vuocce 'ager gramineus' zu ostj. van^i, vanca, wotj. 
o.ä;io (die letztgenannten belege sind aus der ?i^.y-reihe) ; perm. fs : 
syrj. gafs "auf den rücken', wotj. gafs id. zu ostj. yon^a. etc. id., 
ebenso osfi. tt in metto 'auerhahn' (1478 mettäi, siehe ÄH 178), 
est. mötus, liv. m/tirks^ zu wog. mansin, ostj. mansiTj id. 
(ebenso uttu ib. 223, sattaa ib., mettinen ib. 233, puuttua ib.); 
wahrscheinlich ebenso zu erklären ist auch tscher. c in fällen wie 
^küc zu fi. kynsi, ^poc zu fi. ponsi, pocam 'öffnen' zu mord. 
pansan (vgl. tscherO "^wonsem 'über ein wasser gehen' FUF II 
ua. 226), wie auch ostj. is; .s- in fällen wie Kond. xöf$'-. Kaz. 
%nUi- -- %ri'S- (zu wog. qan^am 'wissen', fi. kunto, FUF II 
224), Kaz. Tcm (^ kpni-). Diese fälle sind mit den pp, tt, kk 
« mpp, ntt, Tikk) der mpp-, ntt- und rikk-reihe gleichwertig 
(vgl. oben p. 8, 89). 2 

Es ist schwer zu sagen, mit welcher von diesen katego- 
rien die sam. fälle ohne nasal gleichzustellen sind; wahrschein- 
lich gibt es unter den angeführten belegen formen von beiden 
kategorien: die 3-, 3-formen gehören wohl zu der ersten, die 
tc-, tc-formen (oft durch reihenübergang) zu der letzteren 
kategorie, insofern sie nicht nur spätere verlängungen — wie 
sie auch bei den klusilen vorkommen — darstellen. Wenn die 



1 Fi. metso usw. ist eine volkset^-mologie zu metsä 'wald', 
siehe ÄH 178-9. 

2 [Es ist jedoch klar, dass es schwer ist zu wissen, in wel- 
chem grad man es mit n^S-, in welchem mit nffs-iormen zu tun 
hat. Darüber wie über fi. petäjä, sato, in welchen der inl. kon- 
sonant auf ??/.v zurückzugehen scheint, anderswo mehr. E. N. S.] 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 95 

t-fornien der n/.v-reihe die schwache stufe vertreten, sind die 
t-formen ohne nasal wohl als eine art kompromissformen zu 
erklären. ^ 

Zu beachten sind die Schwankungen zwischen der nfä- 
und der nt'S-ve\he in dem 4. u. 5. beleg (J panco, teans etc., 
T tansa, Jn. tid'o etc. bieten die kennzeichen der nf^- bezw. 
n^'.^-reihe). 

IV. ;yAv- fälle. 

samO (K) pÖTjserau, (N) pö-n^erap, (XP) pÖTj3eram, (B) 
pyncal^am, pyncalseTiam, (Tas.) pynkcal^am, (Kar.) pynkcal- 
deTjam 'zeigen' '^' (Tsch., 00) pöTjderam ^-^ Jn. (B) fiddetebo, 
(Ch.) fiddetibo ^ T fe^e'bte'ama, K phierl'im. 

In dem vorhergehenden beleg scheint ein jy^.v-fall vorzulie- 
gen; im Jn. ist offenbar ein zusammenfall m.it der nU--, bezw. der 
nt-reihe Zustandekommen; die T- u. K-formen sind vom t\^pus y\v. 

V. i-js- fälle. 

samT jinta 'bogen', O (N) end, (K) endde, (XP, 00, Jel., 
Tas., Kar., B) ynde, (XP) yndi 'selbstschuss', --■ (Tschl.) ynze 
'bogen', yn^ea 'selbstschuss'. Mf»t. myndi, (Atl.) mynde 'bogen', 
Taigi mmde ---• J ~yn, "en, "in, (Kan. BuD.) yn, (Reg.) riin, 
Koib. yne -^' Jn. iddo (Atl. ..Jurazen" ngidde, „Mangaseja" 
üddo, „Turuchansk" uddo) zu fiugr. mord. joT\ks, tscher. jorjeS, 
yotjoz 'pfeilbogen', IpK jüxs, jilcs, L judksa-, fi. jousi etc. | samO 
(Kar.) mandam — (X) män^ap, (MO, K) man^aii, (Tsch.) moan- 
3am, (NP, B) mängam 'messen'; (XP) män^i, (00) moanse "mass' 
zu fiugr. mordE onks 'mass', onkstams, onkslems "wägen, 
messen', M (Reg.) unkstan, (Ahlq.) ungstan "messen', .' Ip. 
vuoksot 'satis esse, pertinere ad, attingere, den boden errei- 
chen' etc. (die Urform ist wohl *ßvfjsa; im sam. assimil. des 
anlautenden konsonanten an den inlautenden; im Ip. in'j bei- 
den belegen ein eingeschobener klusil mit nasalschwund in der 
starken stufe). 



1 Auf eine weitere möglichkeit soll aufmerksam gemacht wer- 
den: man kann nicht wissen, ob man es in gewissen fällen etwa 
mit urspr. ns und nicht mit urspr. nf5 zu tun hat (d. h. t kann 
später eingeschoben sein) und ob etwa der unterschied zwischen 
nf.^ und 7J.V sich gewissermassen in der verschiedener Vertretung 
wiederspiegelt. 



96 E. N. Setälä. 

Nach dem fiugr. zu schliessen liegen hier T|s-fälle vor; 
die Tis-reihe ist vollkommen mit der nt-, bezw. der n^-v-reihe 
zusammengefallen. 

VI. Vermischungen zwischen den nasalen in 
den Verbindungen mfs und nts. 

samO (K) undge, (N) un^, (00, B, Tas.) unge, (Tschl.) 
un^ö, (NP) un^u 'laus', Mot. ind2ii ^ '-^ K ünü, nnü, Koib. une 
— T "omtuTj, "omttuT] -^ Jn. addu ? zu fiugr. mordE Wied. 
un^a 'käfer' (Reg. unza 'spinne', vgl. dazu M Ahlq. in^ä, Reg. 
in^a 'spinne'; vgl. zu dem letztgenannten auch samO ige 
'spinne' ! ?) \ samO (B, Tas.) öän^e, (00) tätige 'breit' '-^ (Kar.) 
tände, T tantagä r^ K thänu ^ Jn. tedde ^^ O (X) cämge \ 
samO cag, tage etc. "geschlecht", T tansa, J teans etc. (siehe 
oben p. 92-3) -^ O (B, Tas., Kar.) tamder \ samK könu 'bär' 
zu ? fiugr. IpK ^klmc, N guovcca, fi. kontio. 

VII. ms (mts-, mt'S-) fälle. 

a. samJ "amsa, (Kan. Bitd.) omsa, amsa, (Reg.) riomsa 
'fleisch', T "amsu (Atl. Tiomsu) -^ Atl. „Jurazen" ngabsa, 
Möt. apsa, Taigi apsa ^^ Jn. (B) osa -^ (Ch.) ud'a, (MO) 
wat;, (00) wat;e, (Tschl.) watleä, (Tas., Kar.) wueti, (B) muet, 
(K, NP) wat£e, (N) wae, K uja (Atl. ujä), Koib. uja, vgl. 
Jn. "aijebaei, "öjebaei, "äibaei, "aijebai, (Kan. Bud.) äjvaj 'roh, 
ungekocht', Jn. (Ch.) aijobä, (B) aijiba, aijibe, T "öbua, O 
(MO, 00) waliebi, (Tas., Kar.) wuetiebel, (B) muetebel, (K, 
NP) wattlebi, (N) wagebel [durch die 0-formen wird es klar, 
dass das betr. wort mit wat: 'fleisch' zusammenhängt] zu fiugr. 
IpK ^vionce, ^uoiuc, Ip. oagge, wot. esa, estS oza, liv. nr>za. 

b, 1. samO (MO, JeL, B) neps, (K, NP, Tsch., Tas.) nepse, 
(00) nepsä, (Kar.) nips, (N) nef 'brustwarze' -^ K nüjü 'euter' 
zu fiugr. IpK ^niiice, K ^iiinc. N njigge 'über, mamma', fi. nisä, 

b. 2. samT tibsit] "kämm", O (MO, 00) tepsen, (K, B, 
Tas., Kar.) tipsen, (00) tapsen, (NP) tipsin, K thipsin, (N) 
tifl [^^ ?Jn. (Ch.) t'iod'e", (B) ded'i'- könnte auch eventuell mit J 
tirce', t'irce', 1;irte' zusammenhängen] zu samT timi, O (JeL, 
B, Tas., Kar.) tim, K thimä etc. zahn". 

1 Mot. dz deutet viell. auf die nt's-, iit'S-raihel 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 97 

c. samT 'amsu 'essen' (subst.), O (1\, Tschl.. X[\ Jel., B, 
Tas., Kar.) aps, (N) af (ableitun,^ von ama- etc. 'essen', vgl. 
oben 29). 

d. 1. samJ (Kan. Bud.) samce 'speichel'. samcegu- 'speien' 
'-^ J sabce", sabc', (Knd.) habs Speichel" -- J sab£e", sabt;' ^-' 
O (B, Kar.) süs, (Tas.) sös, süs, K suzu —^ Jn. ((h.) sot:i, (B) su£i. 

d. 2. samJ wamsaei, wamsei 'schlecht' (auch; wanza, 
wanzek) -^ Jn. (Ch.) obt;i | samJ juomze, juomd'e Schneefall'. 

VIII. ns- (nf's-, nt'S-, bezw. n§- etc.) fälle. 

a. samK khinziräm 'pissen', Mot. kundzim 'harn', Koib. 
kynse zu fiugr. ostjKaz. x^^- ^^c. 'harnen', wog. ;»^i<».s etc.. 
^IcJiKS-iriW 'urin', ung. hügy, syrj. kudz, wotj. ^Id.§, ^^"1.^, hiz 
etc., fi. kusi, IpK ^konc. N go^ga | samMot. tcundÄiacha 'vo- 
gel", O (MO) sündeka, (Tsch., 00) sündaka, (NP) sünd'ika, 
(B, Tas.) sündaka, (N) sünseka 'vöglein', J sinsieu 'haselhuhn' 
^ ..Laak" (Klapr. 163) dzogdzog 'schnepfe' zu fiugr. syrj. 
d^odzög 'gans', Ip. euöi^ja, ? wog. särjsi 'spatz ; vöglein', .'' mordE 
sens "ante', M (Reg.) senks 'reiher (wasservogel)". 

b. samK khinzigäi 'stern', Mot. kindzikei, (Pallas khh- 
Hum), Koib. kynsygei, (Atl.) kynsygai, Taigi kinsiki, (Pallas 
„Karassinski" raHÄatuKii, KüHjtiKHrfl, statt Taigi?), O (K, Tsch., 
NP) kesaT]ka, (00) kasaT[ka, (K) kesakassai, (N) keska, keska- 
liai, (Jel., B, Tas., Kar.) kueska zu o.stjKaz. Xi^^'^j Ni. ;^h.<) etc., 
wog. y/js, ^kliöns etc., ung. hügy, syrj. kodzul, wotj. ^ki^il'i. 
Jiizil'i 1 samMot. mundzö "ameise" zu ostj. musi "ameise' (/.<•- 
reihe), ? est. mutik "kleines fliegendes insekt" etc. 

c. samT kunse 'das innere' -- kunderj 'hinein', kund'ebtä 
'der innere', Taigi künsum 'brüst' --' K khüjü (Atl. kuju) 'brüst' 
zu mordE Jcuntska, kunska, M knUka' "mitte'. 

d. samK kunzu 'läiige', kunzu 'längs", kundu 'lange', 
Koib. kondzii^an 'längst, lange' zu ? ? fiugr. wog. ^XQSä etc. 
'lang, lange zeit", khuost "entlang' etc., ung. hosszü 'lang', syrj. 
kuz 'lang, hoch', wotj. kuS, küz, tsch. kuzo 'lang' [wenn die 
Zusammenstellung richtig ist, wäre auf fiugr. seite event. von 
nss auszugehen]. 

e. samJ sonzea, sondea 'magen, eingeweide', (Reg.) sunza 
'bauch', T sinsa 'brüst', O (MO) sünd 'inneres, magen', (K) 
sündde, (NP) sünd'e, (Tsch., 00) sündö, (N) sün^, O synd'ea- 
gan, syn^eagan, syndögan 'in, innerhalb, von innen', syndend 

Finn.-ugrr. Forsch. XII. Anz. 7 



98 E. N. Setälä. 

"^ syneng, synend 'hinein' — K söjö 'das innere', söjöme 
'nach innen' --^ Jn. (B) snse ^^ (Ch.) sud'e (sod'e) 'inneres', lat. 
(B) suse' -^ (Ch.) sud'e 'nach innen'. (Atl. ..Mangaseja") sjuso 
'brüst', J (Kan. Bud.) sozynd'äre, sozend'eäre 'bauch' zu fiugr. 
fi. sisä 'das innere', sisälö 'das innere, eingeweide; busen', Kar. 
sisälö, sizeli 'busen', weps. sizal'(-i-), snzl{-ä), ? Ip. cig^e, eicce, 
L "^cis^c- 'weiberbrust', ? mordM suzal, E sezal, sizal 'einge- 
weidewurm', ostjl (Castr.) susta, Kond. sust-). 

f. 1. samJ tans 'eidechse'. K thenze, Mot. tanze, Koib. 
tansa — O (MO) tös, (Tschl.) tösö, (K) tüssü, (NP) tüssü, 
tüsuT^a, (N) tös 'kleine eidechse' zu fiugr. ostjKaz. sosaa, V, Vj. 
sosdl' etc., wog. ^sossrH, syrj. d'zoM'zuv, t'soM'zul, wotj. ^hen^aM. 
tscher. sdijscr/d etc., Ip. dsecalages, L Ue^^uladka- 'eidechse', 
fi. sisilisko, sisalisko, est. sizalik, weps. Sizl'ik. 

f. 2. samJ mansarädm, mansadädm 'sich rühren, bewe- 
gen', mansaräna 'arbeiter', (Reg.) manzera- 'arbeiten', manserana 
'arbeiter' (Pallas „Pustozersk" Mc4Haan, ..Obdorsk" MaH.saparica 
'pauoTa'), K mai^zerram 'sich beeilen' -^ ? Pallas ,.Ket" Me^tiHL 
-- Jn. (Ch.) mod'otaro' -^ (B) mosorädo', J (Kan. Bud.) mäsara-, 
masara- 'arbeiten', maseräna 'knecht' •^' T "usirim 'sich rühren". 

g. samO eger, easeroi 'der erste' zu fiugr. syrj. vodz 
'vorderes, vorderraum', wotj. ^ao, ^a-^, az 'Vorderteil', tscher. 
on^ol 'anticus', tscherO oi'i:^f)l id. etc., fi. ensi g. ennen 'pri- 
mus, prior', ? ung. eggy. 

h. samJ nensa, niensa 'gerade', nenzadä 'glatt', (B) 
nin^e gerade" -^ J nesadä, (Kan. Büd.) niesimda-' 'glätten, aus- 
breiten' zu fiugr. ostjDN i'iints-, Trj., V, Vj. nlnU- etc. 'sich 
dehnen', wog. nonsi 'dehnen' etc., ung. nyüjt | samJ pansie» 
panze, pand'e, pand'i'e, (Reg.) panze 'laus' — ' J (Kan. Bud.) 
pasie zu ? mord. (Ahlo., Reg.) pangam 'ameise' \ samJ täns 
'angelwurm, köder', T tansü pl. tand'u' 'neunauge' -^ Jn. (B) 
tasu, (Ch.) tad'u zu wog. iaüs 'erdwurm' etc. (>> sam.? Zu 
trennen ist wohl K nänze 'schlänge', Koib. nansy, Zoogr. III 
35 naanse | samJ nans 'daunen', T nansa ^^ nänd'ibeala "dau- 
nig' '^ Jn. nod'o vielleicht zu fi. untuva (über einen anderen 
Vorschlag vgl. oben p. 88). 

i. samJ "änsädm 'pissen', (Reg.) i^anci-, TjanciT|u — - (Kan. 
Bud.) äsie 'harn', äsa- 'pissen' | samJ lynzermea, (Reg.) lin- 
zerme -- (Castr.) lynd'ermea (i limdermea) ->- lyserma 'rausch- 
beere' j samJ munsim 'schweigen', (Reg.) muüsi, munsu 'lang- 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 99 

sam. leise' — ■ mund'idm, munt;idin 'schweigen' -^ Jn. (B) mu- 
d'ido' — J (k'an. Bud.) müse-, müsealma (inch.), ? ? Jn. (Ch.) 
näsiro | samJ tänser, tänzier, tänzer ~- tänder, tänt;er 'schnee- 
ü-estöber ohne Schneefall, treibschnee' | samT tänsar], J tynse, 
tynd'e', tind'e' 'renntierschlinge' ^ Jn. (B) £iese, (Ch.) t;iod'e j 
samJ seans, sans 'gesund' ^' Jn. (Ch.) sed'o, (B) seso | samJ 
(Reg.) hanzibej 'lau', (Castr.) hansibteu -- hand'ibteu 'kalt 
machen' | samJ (Reg.) hanzari 'ring' -- (Castr.) handari, han- 
teri 'ring, li'i-o.sser ring (am gurt)' (>■ w"g. kanfitri etc. NyK 
XXXII 193) I samJ jiensidei, (Reg.) jensidej ^ (Castr.) jien- 
d'ldei 'preisselbeere' | samT "unse g. "undeT) 'rauchloch'. 

j. 1. samO kunzati -- kussat], kusak Avie viel' zu ung. 
hogyan, vvotj. "^klj;!, "'"^'/.V? '''k/z°i, syrj. h' d'z, ki ä'zi, tscherO 
knie, küze, B '''hxtse (zur sam. bildung vgl. samO nanzari --' 
nassaT), nasak soviel'). 

j. 2. samO (00, Tsch.) kunzer ^ (MO) kusser, (Xj 
kuser 'schlammreiche stelle". 

j. 3. samJ niensarTjadm, niensadarTjadm 'herabfahren', 
T nansurnm, K nänzerlain ^ Jn. (Ch.) eduiTjaro ^ (B) esui- 
Tjado", esuei, () (Tsch., UO) näsenna-q, (K, Tsch., ( )Ü) näser- 
nat], (XP) näsarnaT[, näsannarj, (B, las., Kar.) näsernaTj, (X) 
näsernak | samJ seanso, (Reg.) sansu ^ seand'u, sand'u 'talg' 
-- O (MO, K, Tas.) t;os, (Tsch.) t'uos, (B, Tas.) tuos, (Kar.) 
tus, (MO, K) cos I samT tanda'a 'arbeiter' -^ Jn. (Ch.) tido'o, 
tiduaro' '-- (B) tisuado "arbeiter sein". 

k. samT mundu'ka 'lahm' -- (MO) möt:endi, (Tsch., 
00 ) mötei, (las., Kar.) mötael, (B) möcal, Jn. (Ch.) modoggu, 
moduggo ^ Jn. (B) mösoggu | samT nandnmu 'schlittenkufe' 
^ Jn. edua, ?() (MO) köed'ec, (B, Kar.) kälten, (Tas.) kwätien, 
koäcen, (X) kweser. 

1. samJ ninze', "ynze' nindi' 'gaumen' --' K neni '-^ J 
(Knd.) nesiku, (Kan. Bud.) nizim | samO (K, 00, Kar., Tas.) 
künde 'tuchkittel; tuch', (K) kunden-pi 'tuch'. (Tschl.) kündö, 
(MO) kunt, (X) kung 'tuchkittel', kunget-pi 'tuch' ~ MO kunen-pi 
'tuch" j samO (Tas., Kar.) t'ondeka "ruhig', adv. tondekäri, 
(Tsch., OC)) t'ongeka, (X) cön^eka ^- J Jana, (Kan. Bud.) janekä, 
Jn. Jona, jona'eku. 

m. samT mendetema "tragen' -^ J mineu, minerT]au, 
minerT\au — Jn. (Ch.) middiT|ebo, (B) midii^ebo ^^ K mizeräm. 

n. samT tanduT] 'tropfen (subst.)', tandatu (vb.) -- O 
(Kar.) liyn^eTia (vb.), cynceT]a, (X) cingek, (B) cyngä, (Tas.) 
cyn^a -^ Jn. (Ch.) tiddi (sub.st.), tiddä (vb.) ^ (B) tiso (subst.), 
tisa (vb.), J teas dem. teasaku, -ko (subst.), (Kan. Bud.) teasak, 
(Castr.) teasädm, teasahal'i (vb.), Mot. tisista 'tröpfeln' zu ? fiugr. 
tscherO ^cücem 'tropfen'. 



loo E. N. Setälä. 



Die Verbindungen von m oder n (n) mit dem mouillierten 
Sibilanten, bezw. mit der mouillierten affricata {fs, t'S) — es 
lässt sich nicht annähernd entscheiden, in welchem grade oder 
in welchen fällen das dentale klusilelement ursprünglich oder 
eingeschoben ist — zeigen im sam. ein sehr buntes bild, von 
dem sich nur sehr schwer eine klare Vorstellung gewin- 
nen lässt. 

Das fiugr. zuhilfe nehmend findet man in der ms-, ns-, 
/is-(bezw. mt's-, nt's-)Teihe folgende Vertretungen: A) mit be- 
wahrtem Sibilant ohne nasal: 1) ung. facsar 'obtorquere' zu 
tscher. imncalmn: ung. aesarkodik 'mit den zahnen knirschen' 
zu wog. anser 'hauer'; syrj. leU 'schlinge' zu fi. lämsä; syr). 
pytsödny "auspressen" '-^ pi,d'zirtni: tscherB ^Lvtse "wie" zu 
ung. hogyan (siehe j 1.) || 2) Ip. gosga 'urina' zu IpK ^kotic, 
i^jisge 'mamma' zu K ^nince. oa^se 'caro' zu IpK *v°tonce. wot. 
esa, liv. tiozir \ Ip. euo^got zu K ^clonca- | Ip. loasge 'lenis* zu 
K ^Uonc I Ip. guovcca 'ursus' zu K Jchnc, Ip. govcas 'opercu- 
lum', vgl. tscher. ^Jcomdas etc. || wotj. ^li"/.^, ^M.^, kiz 'urin', 
syrj. kudz; wotj. ^kii^iti. ^hi,^ili. kuiil'i 'ameise', syrj. kodzil 
zu ung. hangya, hangyal; wotj. ^ki^iä, ^Jci^^i/'i, kiziCi 'stern', 
syrj. kodziil zu wog. ^khons: wotj. lug, luz 'bremse', syrj. lödi; 
wotj. 3cisäg, .ia-^äg, ,^azäg 'gans', syrj. diodzög zu Ip. cuörija; 
wotj. vadzer, uazer, vazer 'hauer', syrj. vodzir (o: vod'zir) zu 
wog. anser; wotj. ^pl^irt-, ^plzhi- 'auspressen', syrj. pi^'zirtni 
etc.; wotj. ^kl^u ^klgi, ^k°/zl 'wie', sjTJ. ku4'z etc. zu ung. hogyan | 
fi. kusi 'urina'; kusiainen 'ameise'; nisä 'mamma'; wot. esa etc. 
'fleisch", pusertaa 'auspressen'; lesiäinen 'cerambyx' zu wotj. 
■•■/uj etc. II tscher. pizirem etc. 'auspressen, drücken'; ^kuS-wüt 
'urin'; O kiize, küze 'wie' zu ung. hogyan || wog. ^khos- neben yuns 
'urin', xüs 'stern' neben ^khöns \\ ostjKaz. /oä- etc. 'harnen'.. xos 
'stern', pqzdrt- 'auswinden'; B) mit bewahrtem Sibilanten nebst 
nasal IpK ^koiic 'urin', ^Ihmc 'schwach', fiince 'euter', ^vUnce 
'fleisch', khnc 'bär', lamca 'zügel' || fi. lonsa 'häufen' zu tscher. 
^lonco I fi. lämsä 'vvurfschlinge' || tscher. "^lonco, lanco, B la'W^za 
'schiebt', ^pundalain 'winden', ^sin_^em 'stillstehen' zu fi. sei- 
soa, tscherB lan^z^ra 'morsch' etc. zu Ip. ^llonc \\ wotj. ^kcn- 
Sal'i, ken^al'i. kenial'i 'eidechse' siehe oben VIII f || wog. 
^khunsi 'urinieren', khuhs etc. 'stern', lansnme 'lau werden', 
tünsi, txu'iH 'stehen' || ostjKaz. A''ns- 'stellen', [Kond. kenfs, 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. loi 



Kaz. Icen}- ^ l'e-<- 'lederstrumpf, im ostj. ein Av-fair| 'stellen' I| 
ung. alt. lit. rontzos, ronczoskodik, ronczossag, siehe NySz. II 
1459 zu rongyos 'zerlumpt', tscher. ^ronf;em, fi. riisua; C) mit 
erhaltenem Sibilanten nebst „diphthongbildendem dement" statt 
des nasals: fi. seisoa 'stehen' zu IpK clouca-; fi. riisua zu 
tscher. ^ronf^evi; die fi. konditionale auf -ißi- zu IpK ^-nca-; 

D) mit verändertem Sibilanten ohne nasal: ung. hügy 'urina', 
hügy 'Stella', legy 'fliege' zu fi. lesiäinen etc., agyar 'hauer'; 
ägyek 'lende' zu wog. uns 'arsch'; ung. hogyan zu vvotj. ^klsl 
etc., ung. igy, ügy 'so' etc.; [magyar 'ungar' zu wog. manSi 
'wogule'] II ostjDN pdr/'drt-, Kond. pdfdrt- zu fi. piisertaa l| IpK 
^säiinelaj 'der läppe', stamm -^Jancl-, I leem ^ [Iseg], potentialis 
zu Isede 'sein'; E) mit verändertem (geschwundenen) Sibilanten 
nebst bewahrtem nasal: Ip. euönje g. cuodnjaga, cuöT|ja g. 
cuögT]jaga zu wotj. ^oCi.^äg etc.; Ip. lädnja g. länja 'tabulatum, 
strues' zu fi. lonsa; Ip. ludnjat 'lamentari' zu wog. l'ünsi 'wei- 
nen'; Ip. bodnjat pr. bonjam 'torquere' zu tscher. ^puncalam \\ 
ung. hangya, hangyal 'ameise', langy, langyos 'lau', rongyos 
"zerfetzt', kengyel 'Steigbügel' zu wog. ktns 'lederstrumpf, 
ingyen 'umsonst', vgl. igy 'so' i| est. lont 'schlaff' zu IpK lUjnc; 
fi. ryntää, rynnätä 'sich anstrengen, bestürmen' zu Ip. Utsj. 
radsat (rä^3at) 'sich anstrengen' | fi. kontio 'ursus' zu IpK 
Viinc. Das ursprüngliche Verhältnis hat man wohl in A) ^ und 

E) (urspr. /it's > fs, bezw. iis >. s -^ nz > nj); man hätte 
also im ung. etwa facsar und *fangyar, acsar- und ""angyar, 
*rocs- und *rongy-, im Ip. cuonja ^ ^cuog^aga etc. zu erwar- 
ten. Die formen des tvpus Bj (IpK "^Icoüc, ung. roncsos) sind 
offenbar kontaminationsformen, welche den nasal aus der 
schwachen stufe haben. Die C)-formen könnten wohl am be- 
sten die schwache stufe yz darstellen. Endlich sind die for- 
men vom typus D) (ung. hügy etc.) entweder aus der schwa- 
chen stufe des typus yw hervorgegangen, oder sie können (im 
ung.) eine neuentstandene stufenwechselreihe gy -^ ngy nach 
dem muster d (dd) ■— nd darstellen. 

Dieselbe betrachtungsweise scheint auf das samojedische 
anwendbar zu sein. Die formen ohne nasal, aber mit bewahr- 
tem Sibilanten (-s-, s-formen in \'III b, e, f, g, h, i, j, k, 1, m, n, 



^ A) 1) könnte freilich auch die n/V^^-reihe vertreten. 



I02 . E. N. Setälä. 

die ps-, pe-formen in MI a, b, c, d) sind als formen der star- 
ken stufe aufzufassen; die -s-formen in VII a, d beruhen wohl 
auf einem zusammenfall der ms- und ns-reihe. Die -j-formen 
(in VII a, b 1., VlII c, e) sind wohl formen der schwachen stufe 
vom typus yw. Dieses -j- ist dann nach dem muster anderer stu- 
fenwechselverhältnisse in neue reihen getreten (siehe VIII k, etwa 
jiach dem muster von urspr. j, vgl. oben p. 37, oder auch nach 
dem muster von fs ^ z ^ j). Die nd'-formen sind wie die fiugr. 
E)-formen (Ip. euörija, ung. hangya) zu beurteilen; ob samO 
formen mit 113 den flugr. B)-formen gleichzustellen sind, ist 
unsicher, es ist sehr möglich, dass 2 (statt j) sekundär ist. ^ Ist 
Jn. (Ch.) d' <C^ <C i'- Die samK und J -n-formen (neni, Jana 
VIII l) "gehören wohl der rzf.v-reihe an; mischungen mit dieser 
reihe sieht man auch im beleg n (vgl. auch oben p. 95). ^ 

IX. Ti^- {rjt's-, riä-) fälle. 

a. samT jankuä 'schwan", O (MO, NP) ier[, (Kar.) ivi\, 
(B, Jel.) iyrx, (K, Tsch., 00) ^ei^a, (N) cer], (Tas.) cyn (Atl. 
„Karassen" cii^k, ,,Nar3aTi", ,.Ket", „Tymische" cyrik) '~^' Jn. 
jed'u, K neji (Zoogr. II 212 „Coibalis leje"?) zu fiugr. Ip. njukca 
g. nuvca, tscher. jüksö, jüksö etc., syrj. juä, jusk (statt: -ks), 
wotj. jus. I Zoogr. II 212 „Vogulis quibusdam josehwoi" ? ?], 
fi. joeksin, joeksen g. -men, joutsen. 

b. samJ seansea, (Reg.) sensa — seand'e 'auerhahn' '^• 
O (MO, Jel., B, Tas., Kar.) ser], (X) hat), (K, XP) serie, (Tsch., 
00) searja -^^ K seje zu fiugr. Ip. cukca g. cuvca, syrj. f'suht'si, 
tscher. sir^r) etc., Troick. subuzo (o: sußuzo), mordE siivozej, 
suvozerj, M suvdzi^ suzi. 

c. samJ peand'er, peanser, peanzer, (Reg.) penzer 'zau- 
bertrommel', T feand'ir (Klapr. 162 phendjir "schaman') -- O 
(K. Tsch., 00) pÖTjer -^ Jn. fed'i ^--^ K phiri --^ J (Kan. Bud.) 
piäzer (> ostj. Kaz. penzqr"^ O penpr). 

d. samJ jinsileadm 'hciren" -^ jind'ileadm, jind'iliedm, 
T jindi'ema, O (X) ünde^ap, önde^ap, (K) ünded'au, (l^schl.) 



^ Vgl. 113 <1 nj in einem russ. lehnwort: samO (N) hebansa 
'^ (MO) sebend'a, (K) seband'a, (B) sibend'ä 'schwein' <; russ. 

CBHHtH. 

. 2 Beachte jedoch besonders das mouillierte n in MIX 1, m. Das 
n könnte die schwache stufe vom typus xw (also etwa iii) darstel- 
len, wozu nd', 113 eine neuentstandene starke stufe bilden würde. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 103 

ündüd'am, (NP) ündüt!am, (B. Tas.) ündetJam, (Kar.) ündeteTjam 
'^ (N) ÜTialgembak, (1\') ÜTialgembaT], (00, Tschl.) ÜT^uldambari, 
(B, Ta.s., Kar.) ÜTiulgembari /-^ K nünüräm, nünnäm ^ Jn. 
(B| ud'ediro' — ■ (Ch.) juseredo'. 

In den stark voneinander abweichenden sam. formen ist 
auf alle fälle eine regelmässigkeit in der Vertretung zu ver- 
zeichnen — leider sind die beiden ersten belege nur nicht 
in allen sam. sprachen bewahrt: J (b, c, d) ns ^^ nd', O (a, b, 
c. d) Ti (T(g?), T (a) nk (o: rik), bezw. nd, nd (c, d), Jn. 
(a, c) d, K (a, b) j (c: O, d: n — reihenübergänge). Die sam. 
und fiugr. foi'men sind etwa derart zusammenzubringen, dass 
man von einem ly.s {ijf's) ausgeht; dadurch würde man bei a 
auch eine erklärung für das Ip. anl. n gewinnen: es wäre 
durch eine von dem urspr. inlautenden nasal bewirkte assimila- 
tion des anlauts entstanden. Auf fiugr. seite wäre meistens von 
einem '^kf's (ijkks) ' >> kt's, Jcs auszugehen (fi. joutsen wohl doch 
<C schw. stuf. V. rit'L vgl. joutsi, jousi zu -iis-; ebenso wohl 
auch mord. siivozej, tscher. svibuzo). Die samO-formen mit r\ 
vertreten eine stufe, w'elche mit dem in der nt-, bezw. nf-s- 
reihe erscheinenden n gleichv\'ertig ist; vgl. auch \'III m und 
p. 102, fussn. 2; vgl. ebenso unter rs. Die T-form mit nk wäre 
von einer ri-form durch reihenübergang ausgegangen. Die fälle c 
und d zeigen so viele reihenmischungen (mit den \erbindungen 
von n + klus., sibil. od. affricata), dass es schwer ist den ur- 
sprünglichen inlaut festzustellen. Die Jn.- und K-formen (mit 
-d-, -j-) wären mit den unter hs (nt's. nt'S) besprochenen Jn.- 
und K-formen mit -d- und -j- gleichzustellen. 



Nasal -f- liquida. 

Die belege von nasal -f liquida sind im fiugr. spärlich 
vertreten; jedoch gibt es so viele belege, dass nian ersehen 
kann, da.ss die formein des Stufenwechsels dieselben wie sonst 
bei konsonantenverbindungen sind: ml in fi. kuula 'fischblase' 
zu ostjV, Vj. J/omldif id., tscherB ^kaiial 'Wasserblase'; im fi., 
tscher. also die schwache stufe yz | ung. öl 'töten' etc. (vgl. 
sam. unten) mit der starken stufe xz << zz f nl in fi. pellava 



1 Mit eingeschobenem k? Vgl. mord. J0T]ks 'bogen'. 



I04 E. N. Setälä. 



"flachs', ? estS pännül g. pänülä (pällün etc.) 'artemisia absin- 
thium' zu wog. ponla, panla etc. 'hanf, nessel' (im ostj. wahr- 
scheinlich metathetische formen pöiyn etc.); also im fi. die 
starke stufe j t]! in ung. all 'kinn', wog. uU. mord. ulo. IpK 
oala- etc. — alle mit der starken stufe xz' >> zz — zu tscher. 
OYilas, wotj. ariläs, ostjV, Vj. oipf . Aus dem sam. ist vorläufig nur 
ml bekannt (in den entsprechungen von fiugr. *ü'rjh 'kinn' kommt 
im sam. nicht die lautverbindung t|1 vor, siehe oben p. 21). 

ml-fälle. 

samT "amlabä 'getötet :Vom renntier)', "amla'am 'getötet 
werden' -^ J 'ablaei, "albaei 'getötet', Jn. ole'ei, olasei, (B) 
oledo', (Ch.) olero' 'getötet werden' [zu ? ? fiugr. ostjKaz. «e'j, 
Ni. net- 'töten, fangen', wog. ali etc.. ung. öl 'interficere' unter 
der Voraussetzung, dass das ugr. 1 <C ml ist] | samK (Atl.) 
samlak, (Castr.) samnak löffel", Taigi sömolukma — (NP) 
sollaT], (Jel., B, Tas., Kar.) solaT], (N) holak, Atl. „Narym" 
söllak, „Ket", „Tymische" sollak, „Karassen" solla, „Tonisk" 
solar] (? vgl. türk. alt. cabala, sabala id.). 

Die starke stufe hat man in Jn. 1, 1 od. 11 < ml', 
ebenso wohl im J bl (Ib ist eine metathetische bildung); vgl. 
mt > bt (p. 79); T, K ml ist wahrscheinlich als eine von der 
schwachen stufe ausgehende Vertretung aufzufassen. 



Liquida -j- klusil (^bezw. spirant), 

I. rp- fälle. 

samO (Tsch., 00) küram, (XP) kürram 'sengen (holz)' 
zu ? fiugr. IpX guorbbat 'igne, sole aduri', fi. korpean inf. kor- 
veta 'sengen', mordE kurvazams 'brennen, lodern' etc. 

In diesem einzigen (natürlich etwas unsicheren) beleg 
steht im samO nur -r- (schwache stufe xw). 

II. It-fälle. 

a. samJ Vly in hö-'yly 'birkensaft' (vgl. auch ho-nylu id., 
wohl < *hön-yru), O (XP) üUu, (Jel.) ül, (B) üle, (Tas., Kar.) 
ül zu fiugr. ostjDX dh, Xi. als, Kaz. ^//' 'baumsplint', wog. 
Ahlq. ü, syrj. jöl 'milch', wotj. '^jd, tscher. ^ivete, "^wol'o "innere 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 105 

baumrinde", "''/riVw 'fruchtsaft', B Ra.mst. ßrlo "saft der bäume 
unter der rinde', fi. jälsi (jälte-) 'baumsplint'. 

b. sam'r salta 'pfähl, türpfosten', O (Kar.) sald --^ (K) 
salße, (XP) salse, (X) hal^ 'pfosten, pfähl' -- J sal, salik 'pfähl, 
pfosten, Säule', (Kan. Bud.) salyka 'baumstumpf , (Reg.) säl'ik 
'stamm', Jn. (B) sore'e 'pfosten, pfähl' ^ Jn. (Ch.) sodde'i zu 
Ip. cuoldda 'palus. stipes'. 

Hier liegt im .samJ und Jn. (B), wie im ostj., perm., tscher., 
die schwache stufe der It-reihe (xw) vor. Die starke stufe er- 
scheint in Jn. (Ch.). Über T It, O Id, bezw. sekund. I3, I3 ist 
hier mutatis mutandis das oben über mt und nt gesagte zu 
wiederholen: den ausgangspunkt bildet die schwache stufe, und 
die affricata ist analogisch (p. 80, 83). Also ist It ganz nach 
demselben prinzip wie die Verbindungen von nasal + klusil 
behandelt. 

Ähnliches findet man auch in einigen mit suftixelement 
gebildeten Wörtern, zb. samT naltami'ema 'schlucken' ~ Jn. 
noddoabo (vgl. oben p. 31) | samJ nültäu, (Kan. Bud.) nülta-, 
nultagu- 'aufstellen, zum stehen bringen', O (Tsch., 00) nildam 
— K nuldel'im, nuldrim --- (K) nilgau, (X) nil^ap, (XP) nilsam, 
(B, Kar.) nilsam -- Jn. (Ch.) nötotabo", (B) nörotabo' (vgl. die 
base J nüdm 'stehen', Jn. nöaro", nöado', O nyi^ari etc.); zu 
beachten ist die schwache stufe im Jn. (zu J It vgl. die Schrei- 
bungen "nk, rk, oder ein anderes suffix?). 

III. Ik- fälle. 

a. samJ (Reg.) nalk 'edeltanne', (X, B, Tas., Kar.) 
nulg, (MO) nolg, (K, XP) nulge, (Tsch., 00) nulgo 'weisstanne', 
K nelga zu ostjKaz. noA)% V, Vj. n))U/''i etc. 'Silbertanne', wog. 
nuli etc., syrj. nyl, wotj. '^nd- in ndjm, tscher. nolgo koz ^ 
nölugaz 'weisstanne". 

Xach demselben typus: sam. Atl. ..am Tas", „Tomsk", 
.,Xarym", „Ket", ulgo, „Tymische" ulgu, „Kamaschen" ulgo, 
.,Laak" uhlgo, „Karassen" buluk, Mot. polok, buluk 'eis'. 

b. samJ hülydm, hurodadm, hülariü 'schiffen, schwim- 
men, stromabwärts fahren', (Kan. Bud.) hülurga- 'schiffen', 

1 Vielleicht zu wotj. ^nel 'baumrinde', mord. nola 'splint', 
fi. nila id., Ip. njallat 'sejungere'; zu trennen: tscher. ^nolgo 'ulmus 
campestris', wotj. nido id., fi. jalava id. 



io6 E. N. Setälä. 

(Reg.) hulaT|u- zu fiugr. ostjKaz. ;ff>;'9.i-, Ni- X^'Y-^t- ß^c. 'lau- 
fen, schreiten', ung. halad-, syrj. kylalny 'treiben (auf dem 
wasser)', mord. A'otgdins, koügetus 'triefen, rinnen', f\. kulkea 
'progredi', Ip. golggat 'fluere, vagari' { samO (N, B, Kar.) kyl, 
kyln-ol 'brüst', (XP) kyle zu ? ? fi. kylki 'latus', kylki-luu 
'costa', IpN gilgga (■< fi.?) | samO (N) kelemnak, kelembak, 
(K, Tsch., 00) kelemnaT] 'fehlen, mangeln' zu .- fiugr. IpX 
gälggat 'dehere, necesse esse', tscher. kiil'-. h'il- 'nötig sein", 
wotj. kid- : iig hui 'es ist nicht nötig', syrj. kolny 'nötig, not- 
wendig sein', .' wog. kalen 'gebührend', ung. kell, köll 'müssen, 
sollen, nötig sein' j samJ pul, (Kan. Bud., Reg.) puU 'brücke", 
T füll, Jn. (Ch.) fülu g. -ro', (B) füru' g. fürudo', O (N) pel, 
(Tsch.) päl, (B, Tas.) pyle, (Kar.) pyl, (NP) pelli zu ? fiugr. 
ostjV^, Vj. poyöl" 'aus erde od. schnee gestampftes wehr', O pöydl- 
'stossen, stechen', fi. polkea 'treten', polku, polko 'semita' etc., 
Ip. balges 'semita, via'. 

c. samJ (Pustozersk Pallas \'oc. II 87) tyly, (Klapk. 141) 
t'ly ~ J tu, to, (Kan. Bud.) tö, tuo, (Reg.) tu "feder", samO (N, 
Kar.) tu, (Jel., B, Tas.) tu, Mot. tu zu fiugr. ostjKaz. töydA. Ni. 
^''y^jf etc. 'feder. flügel', wog. '^taul, ^täivel etc. 'flügel', ung. toll 
'feder', syrj. tyl, tyv 'feder, flügel', wotj. ^tlll 'feder', mord. 
tolga. tscher. tf^d, IpN dolgge etc., fi. sulka | samJ "u 'stange, 
leiste (am zeit)', (Reg.) tiu 'dachstange', (Kan. Bud.) ü 'Zelt- 
stange', Jn. (Ch.) "ü (B ""udo ist wohl eine ableitung?) zu fiugr. 
fi. uiku 'Stange', IpK olk, mord. olgä, wog. ^ulq. 

Dass unter den drei Vertretungen b und c die schwache 
stufe vom typus xw, yw darstellen, ist klar; der schwund in 
den c-fällen könnte auch auf einem Übergang in die 1-reihe 
beruhen; zu vergleichen sind jedoch die Verbindungen von 
liquida + nasal. Leider gibt es kein Jn.-beispiel; in diesem 
dialekt würde man in dem a-fall eine Vertretung der starken 
stufe gg erwarten ; dagegen m.uss dahingestellt bleiben, ob lg 
(J Reg. Ik) eine unmittelbare Vertretung der starken stufe oder 
eine von der schwachen stufe ausgegangene entwicklung i.st 
(vgl. md, nd usw.). 

IV. rk- fälle. 

a. samO (X, B, Tas., Kar.) narg, (K, Tsch., 00, XP) 
liarga 'weidengebüsch', K narga, Taigi nerge, T (Atl.) nerki '\\^ei- 



über art, umfang u. alter d. Stutenwechsels. 107 



denbaum' -^ J nero, neru 'rote weide", (K'an. Evu.) neru, nero, 
nieru, niero 'rute', (Reg.) neru 'rutenbaum' '^ Jn. nigga (Atl. 
„Mangaseja" niggi, „Turuchansk" nügga) zu fiugr. ostjl nerem 
'rute', wog. nir, sxTJ.-wotj. nör, "^/njr. ung. nyir 'betula', (? fi. 
näre 'kleinere flehte') j| samO (Jel., B, Tas., Kar.) purga 'rauch' 
(Atl. „Karassen" piirrucha) •— ? ? K ber zu fiugr. [<< ?J ostjS 
(PAP.) ^purJce 'rauch', 'p.-icat 'Sturmwind', wog. Ahlo. pärq, 
poarqa 'Schneesturm', [syrj. purga 'Schneegestöber' ? >< russ. 
<< osfi.], tscher. ^2nirg^)& : hmi-piirgeSrnn [kuze lonöeri] 'wie (der 
wind) den schnee anhäufend [mit sich bringt]', "^pf/rgoSmas 
'wirbelv\'ind', fi. purku 'Schneegestöber', IpN borggat 'fumare, 
per aerem agitari', L por^ko- 'Schneegestöber' etc. | samJ juorka 
'biegung (karawanenwinkel)' zu ? Ip. jorggot 'vertere' | samlv 
phärgalam 'hobeln' zu ? ? ung. forgacs 'span, holzspan, splitter', 
farag 'schnitzen, meisseln'. 

Nach demselben typus: samO (X) närg, (B, Tas.,) narg, 
(Kar.) närg rot' ^^' J näfä, närijä, Jn. (B) naredadde, ((h.) 
naggoraddo | samMot. narge 'tanne' ^ K nuro 'tannenwald' 
samJ (Reg.) parka 'kleidungstück aus dem feil der jungen renn- 
tiere', O (N, B, Tas., Kar.) porg, (K, NP) porga, porge, (Tsch., 
00) porgo 'kleidung', K parga 'pelz', (Atl.) pforgä 'kleid', Jn. 
fägge (Atl. ,. Mangaseja" page, „Turuchansk" pägge) [daneben 
jedoch Atl. „Tomsk" porlaga, „Karassen" porocho] (>> ostjKaz. 
P''n-ya\ Ni. p^ry^i, Ahlq. parxa, porxa 'pelz aus leichten renn- 
tierfellen', wog. Reg. parkä) | samO (X, Kar.) warg, (K, Tsch., 
00, XP) warga, (Tas.) wuerg, (B) muerge 'gross', K urgo, 
Mot. orga, Koib. urga, Taigi argo ^' J "ärka, 'arka -^ Jn. (B) 
agga, (Atl. „Mangaseja" agge, „Turuchansk" agga) | samJ work, 
wark 'schwarzer bär', (Kan. Bud.) vark 'bär (weisser bär)', Atl. 
„Pustosersk" wark, „Obdorsk" uark, „Jurazen" wark, O (Jel., 
B, Tas., Kar.) korg, (MO) kuerg, (NP) kuerge, (Tsch., 00) 
kiTerga (Atl. ..Tomsk" korga, ..Narym", „Tymische" korgo, 
„Ket" kuorgo, „Karassen" korrocha, „Laak" chorogh; Zoogr. 
I 64 „ad Jeniseam" ngarka ^ Jn. (Ch.) boggo (Atl. ..Mangaseja" 
boggo, „Turuchansk" bogo) | samT furkal'i'ema 'mischen'. K 
bulgerl'am -^ Jn. foggolabo, foggorabo. 

b. samJ hafo, hafu (auch Kan. Bud. hafo) 'kranich', 
(N, Jel., B, Tas., Kar.) kara, (NP) karra, K kuro zu mordE kargo, 
M karga, Ip. guorgga | samT niriri, Jn. (B) jire, (Ch.) ilre 'reihe' 
zu ? est. jäfg g. järje 'abteilung, reihe', fi. järki 'reihe' : järjes- 
tänsä 'nach der reihe', IpS Lind, järga 'quod subsequitur', 
I tscher. jerge 'reihe, Ordnung' << tschuw. jerGt] \ samJ ner, 



io8 E. N. Setälä. 

nier 'das vordere', nery 'der frühere, vorderste', T narä, narabtä 
"das. der vordere', O (K. Tsch., 00) narnei, (NP) närauni 'der 
vordere', K ner spitze', Mot. jeryda 'ende', Koib. nerde zu 
fiugr. Ip. njargga 'Promontorium', fi. nirkko 'cuspis' | samJ nerr 
'knorpel' zu fiugr. IpS njorga "cartilago', tscher. nörgö, wog. 
fulrl, ostj. nor \ samK öro 'tiefe grübe' zu ? fi. orko 'niederung, 
Vertiefung', est. org g. oru 'tal, vvaldschlucht', IpS Lind, argo 
'locus areno.sus consitus arboribus, herbis autem carens', \'gl. 
li\'. Urga 'bach, flussbett', est. urg g. uru 'Vertiefung, höhle', 
wotj. ur, ^or 'flussbett; graben', [tscher. Pallas opi. 'poBt'J. 

Die Zusammenstellungen sind hier etwas unsicher. Das 
palatale element auf fiugr. seite in den zwei letzten b-fällen 
könnte ja auch ein suffixelement sein; auch die a-zusammen- 
stellungen sind nicht über jeden zweifei eihaben. Das prinzip 
scheint jedoch deutlich hervorzutreten: die schwache stufe ist 
durch den Schwund des palatalen Clements gekennzeichnet (xw), 
die starke stufe bildet sich im Jn. nach dem allgemeinen prin- 
zip: assimilation mit Unterdrückung des ersten elements, welches 
prinzip also hier konsequenter als im fiugr. durchgeführt ist. 
Ob die formen mit bewahrter liquida (rg) unmittelbar die starke 
stufe darstellen, muss dahingestellt bleiben. 

\^ Liquida mit einem geminierten klusil (xzz) 
scheint im folgenden fall vorzuliegen: samO (Tas.) telka, 
£elkael-mün, (Kar.) t;elkanel-mün 'der kleine finger' zu fiugr. 
IpN celkis, I fselhisx. K ^cielkesn. ^c?e,Jgesnhrj. syrj. f'ml' etc., 
wotj. f.ie/'/ etc. (FUF XI 254-5). Auch die Ip. formen deuten 
auf Ikk (d: l'l-k) hin: im sam. wäre etwa Ik als die schwache 
stufe der Ikk-reihe aufzufassen. Von demselben typus: samJ palka, 
palkka, (Kan. Bud.) palka 'kot', (Reg.) polkinku- 'scheissen". ^ 

Schwer zu beurteilen ist folgender fall: samJpil£et;ea,pikicea, 
(Kan. Bud.) pikca 'daumen' -<-' T feaja, 2 Jn. (Ch.) fitiu, (B) fid'u, 

1 Wohl türk., vgl. türk. Tel., Kmd., Alt. palkas 'schmutz, 
schlämm, erde, lehm' > samK baigas 'schmutz', Atl. 'ton', Mot. 
kyr-balgas 'ton' (Klapr. 158 druckfehler lyr-balgas; Mot. kyr = 
Taigi kyrr, Koib. syry, K siri, OTas. ser, JnCh. siloi, T sera'a, 
J sear 'weiss'). 

2 Nach Atl. >Tawgi» fjäaka 'finger'; ist hier -ka eine ablei- 
tungselement oder ist es = J pike-? 



über art, unifans; u. alter d. Stufenwechsels. 109 



K phidi, welches wort wohl nicht xon tiugr. IpX bselgge g. 
baelge, K piedke, piedk, moid. pälhkä, pel'ka, wotj. ^poH, Kaz. 
'^püfe, syrj. pel (pev) einerseits und von os(i. kar. ol. peigalo, 
weps. jjeV^ö g. pelg.ion, liv. pegal, est. peial g. peigla, pöigel, 
pöial, peiel, peil, pegl, ol. peigoi, wot. pe/ko andererseits getrennt 
werden kann. Die sam. form, bei der wohl nur pike-, pik-, feaj-, 
fi- zu dem stamm gehört, scheint sich am besten an die osti. 
formen anzuschliessen (-k- aus der -kk-reihe, sonst Schwund- 
stufe), in welchem fall das wort gar nicht hierher gehört, oder 
ist -k- < Ikk, und sind die schwundfälle formen der schwachen 
stufe vom yw-typus? ' 



Liquida + Sibilant (afiricata). 

I. Vorläufig kann man keine sicheren lU-fäl\e anführen, 
da die fälle, in welchen 1^, (K) I3 im samO vorkommt, ebenso 
gut urspr. It-fälle sein können; siehe oben p. 105). 

Als //.y-fall ist vielleicht jedoch folgender zu betrachten: 
(B) kal^ 'flussarm, fiussbusen, schlammige stelle", kälß (NP) 
'eine feuchte, schlammreiche .stelle", (Tas.) "schmale, na.sse tun- 
dra mit wald auf beiden seiten' -^ (Tsch., 00) kalde, käldel 
'klebrig, schlammig"; das ins ostj. entlehnte käl "morast" setzt 
eine sonst nicht belegte 1-form voraus. Die Vermischungen mit 
der I(t')s-Teihe: samO (Tas., Kar.) kals, (Tas.) kalsse scheinen 
darauf hinzudeuten, dass hier von einer mit der l{t')s-re[hQ 
sich vermischenden Z^A^-reihe und nicht von der It-veihe die rede 
ist. Das 1 in käl ist mit dem 1 der It-reihe gleichwertig (rei- 
henübergang?). 

Hängt folgendes mit dem obenerwähnten zusammen: kueg 
(B, Tas.) 'flüsschen', (B, Tas., Kar.) "abfluss, nebenfluss", (MO) 
kuec, (NP) kuacu, (K) kues ^^ (Tschl.) kuetä? Wenn die 
Wörter zusammengehören, deutet das 1^ ^' e, ^, bezw. 3 dar- 
auf hin, dass auch in dieser reihe eine starke stufe mit einer 
assimilierten liquida (mit dd der It- od. gg der rk-reihe etc. 
gleichwertig) vorgekommen ist. 



^ Eigentümlich ist estS päkk 'daumen', wenn es hierher 
gehört. 



I 



I lo E. N. Setälä. 

II. Is- (If.^-. If'S-) fälle. 

a. 1. samJ (Dud.) halco, halsu "ang-elwurm, köder', T 
kol^u'a, kalsua -^ Jn. (Ch.) kod'uluo, kod'oluo, (B) kod'ulue | 
samü (X, Jel., B, Tas.) kolga ".schuld'. (K, NP, OU, Kar.) 
kold'a I samJ jilsitam, jüeetadm 'zaubern' ^^ jilte 'ein holz, 
auf dessen ende der schamane erde legt und die bewegungen 
derselben erforscht', jilt'etädm 'zaubern'. (Reg.) jylteT]u- 'wahr- 
sagen' (>• wogN jolfi) I samJ juolce', jviolc "mass, Zeitpunkt, 
beispiel', (Kan. Bud.) juol'ce, (Reg.) jolsi, joIceTju- 'messen' ---' 
J (Castr.) juolte 'mass' j samJ hnleau, hulsu'ou "mischen". 

a. 2. samO (N, B) il^a ^ (K, Tsch., 00, XP, Jel., Tas., 
Kar.) ild'a 'oheim' ^-^ Jn. (B) il'a '^' (Ch.) ise, T isi ^ augm. 
iji'a II samO (X) palga, (MO) pald'a 'Schwiegermutter" -- (K, 
Tsch., 00) passa. 

b. samO (X, Jel., B, Tas., Kar.) tiildo -^ tulgo "kästen". 

III. rs-{rfs-, rt'.^-) fälle. 

a. samT jarsädetetema Mieben' -- Jn. (Ch.) jed'oribo [ samJ 
(Reg.) joeree, joerca 'netz', (Castr.) juorc' ^ juorte | samJ 
nirci", (Kan. BuD.) niercea 'augenbraue' — - J mrt;e" -^ Jn. (Ch.) 
niod'e', (B) nid'e' | samJ marci, mars', (Kan. Bud.) marco 
(marcon) 'schulter', (Reg.) marcitä 'flügel' -- J marti, marte 
'schulter' 1 samJ (Tas.) narso 'moos (isländisches)', (Reg.) narsu 
'moos', (Kan. Bud.) narco | samJ jidursea, (Reg.) jidureä 'tschir 
(salmo nasus)' -- J jidurt^ea. 

b. .samK berzi (Atl. bärsi) 'wind", Koib. bursy (Pallas 
Bapcce), J mearcea, mereea, merce, (Reg.) merce (Atl. „Pusto- 
sersk" merz, Pallas Mlipu'b, Jiepye; ..Obdorsk" merce, Pallas 
MiipMe, JU^pne; „Jurazen" merse, Pallas MÖpse) ^ mertea, 
mer^a, (Kan. Bud.) miertie ^^ Jn. (Ch.) med'e (Atl. „Turuchansk" 
medze) — ■ (B) mese (Atl. „Mangaseja" mäsi) -^ (Jel.) merg, 
(X, B, Tas., Kar.) märg, (K, XP, Tsch.) märge, märgä (Atl. 
„am Tas", „ Karassen '• merk, ,.Laak" mark, ..Xar3'm", „Ket", 
„Tymische" merke, ..Tomsk"' merg), Mot. merga, merga, Taigi 
mergö [ samK phirze (Atl. pyrsä) 'hoch', Koib. prize (Atl. 
pryze, etwa statt *pirze, *pyrze). J pircea (Atl. „Jurazen" pirze, 
„Obdorsk'' pirrice) —- J pirtea ^ Jn. (Ch.) fld'e ^-- (B) flse 
(Atl. „Mangaseja" pize) ■- ~ O (N) perg, (K, XP) pirge, (Tsch., 
00) pergä, (Jel., B, Tas., Kar.) pirgä (Atl. „am Tas" pirii, 
„Tomsk" pirga, „Ket" pyrge, ..Xarym", „Tymische" pyrgek, 
„Karassen" pirrik), Taigi hürgi. ^ 



i Die base selbst erscheint wohl in J pii' 'hoch', pir 'hoch, 
höhe', (Kan. Bud.) pir, zb. seam-bir 'wie viel', (Reg.) per, T flra 
(Atl. »Turuchansk» pyrro) ; eine andere ableitung in T üragä 'hoch' 
(Atl. fürregä). 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 1 1 1 

Die behandlun.ü," der Verbindungen von 1 od. r + s {fs. t%) 
stimmt mit derjenigen der nasale -f s {t^, l^ gut überein. und 
die tälle sind auch ebenso zu beurteilen: die seltenen s-fälle ^ 
sind die sichersten Vertreter der starken stufe, die Jn. d'-fälle, 
T Is, rs, J Ic, Ic, Is, bezw. rc, rc, rs ^ rt sind ganz ebenso 
wie die entsprechenden d, ns, ns, nc, nc -^^ nd' aufzufassen. 
V^gl. oben p. 102. Das I in il'a ist wohl ebenso zu erklären 
wie n in dem fall \'III m (vgl. auch IX) unter .,na.sal -f Sibi- 
lant" ; siehe noch I in diesem abschnitt. 

Eigentümlich ist in den b-fä!len : im samO 2 das rg gegen- 
über dem r + sibil. (bezw. lg -^ Id). Dies ist wohl ein beweis 
dafür, dass m.an in der schwachen stufe der rs-reihe ein rj 
(<C ri) gehabt und dass ein Übergang in die rk-reihe nach 
einem muster rh r^ ry [rj) stattgefunden hat; dies gilt mutatis 
mutandis auch von Is. * 



^ Sogar im samO gibt es ja vom s ein beleg. Andererseits 
findet man ein nebeneinander: kal^ 'Schienbein' -^ ko^i 'hand- 
wurzel, Schienbein', (NP, Jel., B, Tas., Kar.) kuec, kuet, (Tsch., 
OO) kuo^eä, welches auch, wenn die formen wirklich zusammen- 
gehören, auf eine starke stufe mit assimilierter liquida hindeutet. 
Worauf das s in einem fall, das ^ in dem anderen beruht (reihen- 
mischungen? neuentstandene Stufenwechselverhältnisse?) muss bei 
der spärlichkeit des materials dahingestellt bleiben. 

'^ Zu beachten ist auch das. oben p. 106-7 besprochene samO 
narg, narga, in welchem fall sogar samjn. ein gg und auch J und 
T ein rk zeigen [oder sind J nerka 'weide', (Kan. BuD.) nerko 
'rute', nierka 'weide', (Reg.) nerka, Atl. >Pustosersk» norka, 
»Obdorsk» njarka 'weidenbaum' etwa nur deminutive?] gegenüber 
dem fiugr. ostjDN nar'-^S etc. 'eine art weide', wog. nors etc. 
'salix caprea', ? ung. nyars 'spiess'. 

•^ Man denkt dabei auch an i^ (ilg?) in den T]t;s-fällen, siehe 
LX unter »nasal -J- sibilant». Man scheint sogar in intervokalischer 
Stellung ähnliches zu finden: samO (N) tweg, (MO) tüego, (Tsch., 
OOj cüögo, (Jel., B, Tas., Kar.) toko, (Ki tüokko, (XP) tökku 
'gans', K täze (Zoogr. II 223 »Coibalis taose»). \'ielleicht gehört 
noch folgender fall hierher: im samK gibt es pize 'haselhuhn', 
welches oben p. 22 so aufgefasst worden ist, dass -ze ein ablei- 
tungselement ist; zu beachten ist jedoch die angäbe Zoogr. II 7^» 
dass 'tetrao bonasia' >Ostiacis — ad Narym > pekke und >ad Ket fl.» 
pege heisst, welche formen wohl nicht ostjakisch, sondern samo- 
jedisch sind. Diese formen wären also Vertreter einer urform mit 
T], bezw. Tjk, und samK pize könnte eine nach dem wechselver- 
hältnis z — g entstandene analogiebildung sein. 



E. N. Setälä. 



Liquida -{- nasal. 

I. Im-fälle. 

samJn. (B) kamero, (Ch.) kamelo, hamelo 'ein verstor- 
bener, eine leiche' (Zoogr. III 229 ,.Samojedis chamer-chall 
i. e. piscis mortuus" "gasteracanthus aculeatus")" ^ samJ hal- 
mer, hälmer, (Kan. Bud.) hälmyr (Atl. ..Pustosersk", .,0b- 
dorsk" chalmer, chalmer) 'toter, leichnam", K kolmu 'die 
geister der abgeschiedenen' zu fiugr. mordE kahno, \l kahnä 
'grab', fi. kalma 'leiche; leichengeruch; leichenbleich; tod; grab' 
etc. (vgl. FUF II 93) | samK kama' 'stirn' ^ (Kar., NP) kat, 
(B, Tas.) kät zu fiugr. syrj. kym in sinkym 'augenbraue', 
kymös 'stirn', wotj. ^klmäs 'stirn', .' ung. hom- in homlok id. 
-— IpN gulbme g. gulme 'locus superciliorum super oculos'. 
IpK kuilme 'augenbraue' etc., fi. ktilma 'angulus, mago', sümä- 
kulma 'tempus capitis', ostjN Ahlo. /uiym 'augenbraue', Pap. 
"^sem'khulem 'augenbraue', Karj. Kaz. xm/i'9''i\ ^^i- X"'^'^"*' ^-C. 
(mit mouill. i\ /', /', //, f) | samJ nämi 'zunge' (Reg.) nämi-u, 
Atl. ,, Pustosersk" näme, „Obdorsk" njämi, „Jurazen" njäama) 
zu fiugr. ostjKaz. Hg.unn', Ni. näpm etc. 'zunge; spräche', vvog. 
nehn usw. 'zunge', tscher. ^jolme, jilme, ^Aolme 'zunge; spräche', 
IpN njalbme etc. 'os, ostium', ung. nyelv 'zunge, spräche', 
? est. nälp 'spitze' | samT saime 'äuge' (Atl. seme), J (Knd.) 
haem, K sima (Schlöz. saima, Atl. saimö), Mot. sime, Koib. 
sima, Taigi simedä (Pallas ..Karassen" ciiiMiUii) -^ J saeu, 
(Kan. Bud.) seu, säu, (Reg.) seu (Witsex sajew, Schlöz. sajwa, 
Atl. „Pustosersk" saiwa, „Obdorsk" seu, ..Jurazen" säau), Jn. 
sei, O (N) hai, (K, Jel., B, Tas., Kar.) sai, (Tsch., 00) sei, 
(XP) saiji zu fiugr. ostjKaz. sfm\ Ni. sein etc., wog. säm. sam 
etc., ung. szem, wotj. sim. tscher. ^shioa etc. '^ Ip. calbme, 
fi. sümä, mordE sehhe, M sehUf 'äuge', syrj. sin, wotj. sin. 

II. Im-fälle. 

samT faemei" 'dunkel", fimi'e, ümsie 'es ist abend gewor- 
den', O (Tschl.) pämna "es ist dunkel geuorden" -- J paebi 
'dunkel, finster', (Reg.) paibi, (Kan. Bud.) paeve, paivi 'dunke!', 
paewy 'es ist dunkel geworden', paewuda -dea "dunkel', paeu- 
semboi 'abend', (Kan. Bud.) päuseme, päusem, (Re»;.) peusäme, 
pajusem, Jn. fei 'dunkel' (B) feide, (Ch.) feire, (B) feosume 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 113 



'abend', (Ch.) feosuduo zu ti. pimeä "dunkel', s\rj. pemyd, 
wotj. ^pefimlt, ^penrnei, Sar. ^pel'mlt, Wichm. G, U peimft. 

Beachte noch : samO (B) kormä, (Tas.) kolma ~ (00) 
koime ^ (NPj konnu 'gesang' | samO (N, B, Tas., Kar.) kal- 
mel 'heiter, klar' -^ (MO, K, 00, Tsch.) kaimel, kaimei. 

Besonders durch die permischen sprachen wird darge- 
legt, dass man im fiugr. sowohl Im- als Im-fälle anzunehmen 
hat; einige fälle sind ganz sicher, bisweilen sieht man aber 
Schwankungen in der mouillierung. Auf fiugr. Seite findet man 
beinahe in jeder spräche eine zweifache Vertretung der Im- od. 
Im-reihe; m -^ Im (bezw. nm, nm <; Im, l'm; zb. ostj. sein 
— nqddin; wog. säm '^ nelm; ung. szem ^^ nyelv; ung. bämul 
"staunen' -^ baul, bavol, bavul (siehe N\'Sz. I 167j zu wotj. 
^pal'nvi-, ^pajmi- id.; syrj.-wotj. kym, ^Muiäs, wotj. Sim '^ sjtJ.- 
wotj. sinm-; tscher. ^.Hn§a <C *sim-, kuni "drei' ^^ jilme, ^kelme 
'gefroren'; mordE tomhanio 'herd', pumaza 'knie' -^ M tohna 
'herd', p9lma'n'^$s 'knie', sel'tite 'äuge'; fi. pimeä -^ silmä; ? fi. 
tomu 'staub' r^ fi. tolma, est. tolm g. tolmu; wot. he'in "drei" 
-^ keAmeo; fi. ammentaa 'schöpfen', weps. amn.idan, mord. 
amul'ams, wog. amertalam, ostj. äin^r- etc., ung. mer- etc. -^ 
Ip. al'bmot; Ip. ama, ammä "ja. denn, uohl" ^^ älmä id., äl'bmä 
"wirklich' etc. (fi. ilmi) usw.; unzweifelhaft vertritt m (J)h >> m))i 
> w, vom t^'pus xz') die starke stufe; eine schwache stufe vom 
typus XU- hat man im ung. Iv in nyelv (bisweilen auch in an- 
deren fiugr. sprachen; beachte zb. fi. kalvas 'blass' zu kalma, 
Ip. duolTva 'macula' zu fi. talma id.), eine schwache stufe vom 
typus yw in bavul, und auch Im (nm, nm) ist als \'on der schwa- 
chen stufe ausgegangen aufzufassen. Ebenso ist das sam. zu 
beurteilen: m ist die Vertretung der starken stufe sowohl \'on 
Im als von Im; die schwundfälle vertreten die schwache stufe 
vom typus yw, ^ und die Im- (Im- jfälle sind formen mit der 
schwachen stufe als ausgangspunkt. 

In zwei fällen scheint sam. Im ein urspr. diu. bezw. dm 
zu vertreten: samK alma 'schlaf --- Jn. (Ch.) ema, (B) noma, J 



1 Ob samj pil'o, pil'vi, (Kan. Bud.) pilu", (Reg.i pilu 'bremse' 
zu ? ostjl pedem, petem, wog. palem id., pahn 'bremsenschwarm' 
eine schwache stufe xw darstellen könnte, ist sehr unsicher; die 
T-form filtJi id. ist schwer zu erklären. — Vgl. auch samj jiläu 
etc. 'aufheben', p. 31. 



Finn.-ugr. Forsch. XII. Anz. 



I 



114 E. N. Setälä. 

nema -- (N) äT|, (K, MO, XP) äT]u, (Tsch.) o&r\a, (00) eai^u, 
(B) äTie, (Tas.) änke, (Kar.) anke zu fiugr. ostjKaz. ~'A^in. 
V, Vj. ä/din etc. 'schlaf, Kaz. uo.pjtn, V. Vj. w/äm' etc. 'träum', 
wog. ^öUm, ^ülem 'schlaf, ung. alom 'somnus, somnium', st. 
älmo-, syrj. un, on, (n < nm < Im < Öih) 'schlaf, wotj. iin 
^ um (m <C Im) 'schlaf, träum', tscher. omo (m < h)i) etc. 
'schlaf ~ ? olom-, ^oUnn in o.-hal 'bank längs der wand', mord. 
udomo 'schlaf || samJ halmirta, halmirta 'marder' zu ? ? fiugr. 
Ip. gadfe "mustela erminea femina", ung. hölgy 'mustela ermi- 
nea femina; weib', wog. ^Zr/jo/' etc. 'weibchen' etc., ostjKaz. 
kel^, V lc7ßdr[ etc. 'weibchen (bes. vom zobel; fuchs)' (Wich- 
mann FUF XI 207). 

Wenn die Zusammenstellungen richtig sind, ist (Jw2, b'm 
offenbar mit Im zusammengefallen, in dem ersten beleg ent- 
spricht m zunächst einem mm << Iin: m ist dann reihenüber- 
gängen untei-worfen worden. 

Unbekannten Ursprungs : samK malmi "der jüngere 
Schwager". 

III. rm- fälle. 

samJn. (B) komado", (Ch.) kömaro" "wollen', (B) kometabo 
'lieben' ^»-^ T karbütum 'wollen', J haruadm, haruam, haroam 
'wollen, wünschen' (Büd., Reg. harua-), Mot. choryndzörgam 
zu mordE karmams 'wollen, willens sein, beginnen, unterneh- 
men', M karman 'beginnen, anfangen' ] samJn. (B) kamodo, 
(Ch.) kämoro "haus, hütte" -- T koru" [über härad siehe oben 
p. 45] zu ? fi. kormu 'der gedeckte räum zwischen den krumm- 
hölzern in einem boot' (als eigenname auch gütername) | samJ 
siraei (Kan. Bud., Reg.) sirej 'jähriges renntierkalb' zu IpX 
csermak g. -maka, L ''cürmake- id. ^ 



^ Ob die sam. Wörter für 'regen' — beachte zb. samO (X) 
htiromg, (B, Tas.) sorom^, (Kar.) soromd, Atl. »Narym» hormc, 
»Tymische» sormc, »Karassen > s6rm.ee — - (Castr.) (MO, Tsch.) 
soro, Jn. sare, sale, T soruat], J säfu, (Reg.j sariu etc. — oder 
'hageP — bemerke Pallas »Obdorskago okruga > capaJI.Mä 'rpa,'!,!.'? 
— in irgendeiner beziehung zu Ip. euormas 'hageP. mordM Ahlq. 
cerahm.an, Reg. cerafman, Pallas carahmän, E (Wied.) tsarak- 
man, Reg. sarakma stehen und ob also hier im sam. ein rm. an- 
gesetzt werden könnte, mag wegen des grossen auseinandergehens 
der formen dahingestellt bleiben. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 115 

Denselben typen begegnet man zb. in: samJn. umu 'nüi\l' ^^ 
T 'armuT|, J üörm, "örm, eärm, "erm, (Reg.) tiärm, (Kan. Bud.) 
örm 'kalt' | samJn. (B) jimui'qado', (Ch.) jimuiT|aro' -«-' T jar- 
butum 'blinzeln' | samJn. biomo 'fürst' (Atl. „Mangaseja" bemo) 
^ T bärba, J jieru, jeru, jierwu 'wirt, Herr, richter, fürst', 
(Kan. Bud.) jeru 'herr' | .samJ jermiea 'nicht wissen' --- T ja- 
ru'ama j samJn. (Ch.) kami, (B) kammu (Atl. .,.Mangaseja" kämu, 
..Turuchansk" chämmi) 'lärche' -^ J häru, haru | samJn. säme 
(Atl. ,.Mangaseja" säme, „Turuchansk" same) 'woIf ^ J sar- 
mik, särmik, särmink, (Kan.) särmiTj (Bud.) särmik, (Reg.) sar- 
mik, Atl. „Pustosersk" sarmin, „Obdorsk" sermyk), O (MO, K, 
Tsch.) sürm, sürum, sürem 'wildes tier", (Kar.) sürm, (NP) 
süram, (Tas.) sürem, (Jel., B) sGrup, (N) hürup i samJ "är- 
mädm, 'ärmam 'wachsen' (Bud. ärma-. Reg. i^arma-) -^ O (N) 
ormnak, ormbak ^ orwespak, \gl. auch samO (Tas.) omba, 
(Kar.) ombeä 'sehr' ^ .' (N) uruk, uruT] etc. (siehe einen ande- 
ren Vorschlag oben p. 76). 

Man begegnet im sam. vollkommen denselben typen wie 
bei Im, Im : m << mm <C rm im Jn. — ein typus, welcher auf 
fiugr. Seite wenigstens vorläufig nicht wiederzufinden ist — und 
andererseits rw, r (xw-typus); diese beiden sind die Vertretun- 
gen der starken und der schwachen stufe; rm ist von der 
schwachen stufe ausgegangen. Zu beachten ist, dass man in 
einem fall m auch im 0, nicht nur im Jn. zu haben scheint 
und dass rm --- rw, r sogar im selben dialekt vorkommt. 

IV. rn- fälle. 

samJ harona, harna -«- hari^a, hartjaes 'rabe', (Kan. Bud.) 
hartia, x^riia -^ Mot. ehärgoi (Zoogr. I 380 „Motoris et mon- 
ticolis ejus affinitatis kargui" 'corvus corax", ? „Caragassis kar- 
hiil) zu fiugr. syrj. kymys, wotj. +Ä;?rn/i, klrnis etc., tscher. 
Jcurnos etc., mord. Icrandss etc., IpK kärnas etc., fi. kaarne etc. 

Das ursprüngliche ist wohl hier, auch für das samojedi- 
sche, rn, wogegen rt] auf einem reihenübergang, welcher auf 
Stufenwechsel hindeutet, beruht. ? Mot. rg weiterer reihenüber- 
gang. 

V. li^- fälle. 

samO (N) ol 'köpf, (Jel., B, Kar.) ul, (K, NP) oUe, (Atl. 
= Pallas: „Tomsk" olol, „Narym", „Kef, „Tymische" oUo, 
„Karassen" hollad), K ulu, Koib. ulu zu ostjTrj. 'ä4drf, V, Vj. 
äldrf 'anfang; ende", wog. aul etc., fi. alkaa 'anfangen', Ip. 
algget « fi.). 



1 1 6 E. N. Setälä. 

Wenn die Zusammenstellung richtig ist. hat man im 
sam. hier die schwache stufe vom typus xw. Im fi. ist ein 
(\^on der schwachen stufe ausgehender) Übergang in die k-reihe 
zu sehen (alka- st. *alT|a-). 

VI. TT]- fälle. 

a. samJ warT]a, wan^e 'krähe', (Kan. Bud.) vori^a, (Reg.) 
vorT]e '-^ O (N) kuere, (Tschl., Tas.) kuereä, (Kar.) kuerä, (B) 
kereä, K bäri, Koib. bare 'rahe' zu fiugr. ostjKaz. ijortja. DX 
liärrjäi etc. 'krähe', wog. urinehv^, ung. varjü, mordE varaka. 
varkej, M var.H, f\. varis, vares, Ip. vuoras g. vuorraca etc. 
[Vielleicht sekundäre beeinflussung im samJ ■< ostj.]. 

b. samJ hara 'schief (mit fragezeichen), (Reg.) harra 
'krumm', (Kan. Bud.) harjoj 'krumm, gebogen", (NP) karui, 
(K, Tsch.) karukkai, (N) kareT|dal 'schief zu ? ? Ip. garg-rjo 
'obliquus, proclivis". 

Hier scheint rr] die urspr. lautverbindung gewesen zu 
sein; belegt ist die schwache stufe r und das wohl von der 
schwachen stufe ausgegangene rr\. 



Liquida -f halbvokal. 

I. Iv-fälle. 

samJ püly, püle 'knie', (Kan. Bud.) püly, (Reg.) pule(-u), 
O (B, Tas.) püle, (N) pulhai, (K) pulsai, (Tsch., 00) pulsei, 
(NP) püla saiji, (Kar.) pülsai [kompositum mit -sai usw. 'äuge'] 
-- Jn. (Ch.) fuase, (B) fose, T fuagai, Mot. (Klapr. 143) hua 
(Pallas röii), Taigi (Pallas I 128, nr. 131) py- in ntiseii» 
(falsch statt nMseM'B) zu fiugr. fi. polvi, Ip. buolvva, tscher. x>ul 
in pul-'^/ruj, mordE pul'aza, pul'za (bemerke: M polmansa, E 
pumaza, pdlman^zf). 

Die zuletzt genannten mord. formen machen es unsicher, 
ob man es vielleicht mit einem Im-fall zu tun hat. Wenn mord. 
m ^ Im sekundär ist (ableitung? reihenübergang?), hat man 
im sam. die schwachen stufen des Iv vom typus xw und yw. 

II. rv- fälle. 

samJ sira, sire, sira, sire 'schnee', (Kan. Bud.) sira, sire, 
syre 'schnee, v\'inter', (Reg.) sirä 'schnee', T stru, Jn. (B) sira. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 117 



(Ch.) sila, O (N) ser, her, (Jel., B, Tas., Kar.) syr, (XI^) syrre, 
K sirä (Ali. syrja, Pallas cui)i>>i), Mot. syre (Atl. syra), Koib. 
syra, Taigi sirrä (Pallas Mot., Koih., Taigi ciippa) zu IpL ^car"ua- 
'so hart gefrorener schnee, dass man darüber gehen kann'. 

Wenn die Zusammenstellung i'ichtig ist, erscheint in die- 
sem fall die schwache stufe vom typus x\v. 

[II. Ij-fälle. 

samJ täi, tai 'kopfhaut', T tuaja 'stirnhaut unter dem 
haar', Jn. (Ch.) täjo, (B) taijo 'kopfhaut', O (K) tuja, (NP) 
tuija 'haar' -- (Kan. Bud.) tajl 'stirn' zu fiugr. f\. talja 'pellis 
pilosa', Ip. dnöllje 'pellis', ? wog. ^tanel', ^Ujul'. toul' 'leder, pelz'. 

Wenn diese Zusammenstellung richtig ist und das sam. 
wort zu dem fi.-lp. stimmt, hat man hier im sam. einen beleg 
der im fiugr. ziemlich oft vorkommenden Verbindung von 1 + j 
(fi. neljä; koljo; paljas; pieli 'ohr' <C *pelji, in der volkspoesie 
pielipanka 'ohrgehänge' ; pieli •< *pelji 'stange'; nicht zu ver- 
wechseln mit urspr. I). Der Stufenwechsel spiegelt sich im ung. 
ab: gy « jj < Ij: negy, hagy-) stellt die starke stule, 1 (fei, 
fül) die schwache stufe dar. Demnach ist wohl auch das sam. 
j, jj als die starke stufe vom typus xz' > zz aufzufassen; 
eine metathetische starke (?) stufe liegt in J tajl vor. 



Halbvokal + konsonant. 

Die halbvokale in silbenauslautender Stellung bilden ja 
immer einen diphthong mit dem vorhergehenden vokal; die 
auf einen halbvokal folgenden konsonanten sind im vorher- 
gehenden teilweise zusammen mit den intervokalischen behan- 
delt worden. Die fälle, die oft nur durch das fiugr. zu bestim- 
men sind, mögen hier rekapituliert werden. 

I. /Ä;-fälle. 

samJ paiha 'peljedka' (salmo pelet), (Kan. Bud.) pajha 
'(salmo vimba)', Jn. (B) faeha --- J paja (Zoogr. III 409 „Sa- 
mojedis paja, pai" 'salmo wimba"). 

Die behandlung des klusils ist dieselbe wie zwischen 
vokalen. 



Ii8 E. N. Setälä. 



II. hn- fälle. 

samK nimi 'nadel'. Koib. neme 'nähnadel', Mot. ime -^ 
J nibea, nibea (Kan. Bud.) nive 'nadel', (Reg.) nibe zu fiugr. 
fi. äimä 'grosse nähnadel', Ip. aibme 'dreikantige nähnadel', 
tscher. ime 'nadel', B Ramst. im 'nadel; Stachel, dorn', sj'rj. 
jem 'nadel, tangel, dorn'. 

Die m-fälle vertreten die starke stufe (xz' > zz >> z?), die 
v-(b-)fälle die schwache stufe x\v (oder y\v?). Vgl. auch samT 
koaimu "knochenmark' etc., siehe p. 16, mit einer starken stufe 
xz' >> zz >> z und mit einer schwachen xw, y\v). 

Dagegen ist es unsicher, ob im folg. fall urspr. ein im 
oder vielleicht / + irgendein anderer nasal vorgelegen hat: 
samT kaibu 'spaten', T kni, dem. küku 'löffel', J hu, hubacea 
'schöpfgefäss aus holz, löffel' (Reg. hu id.; Kan. Bud. ku in 
lucu-ku id. eig. 'russischer Schöpflöffel'; JnB kude, Ch. küri 
ist wohl eine ableitung), K ko, kho 'rüder; spaten' zu fiugr. 
mordE koime, tscher. kol'mo. lol'ma, kolm'^ 'spaten, schaufei, rü- 
der', IpN goaiwo 'pala', goaivan id., IpK ^koajva, ^Jcoajv 'spacen', 
L köi^vii- 'schaufer, Ip. goaiwot 'haurire; egerere', K ^koajva-. 
^koajve-, ^koajvo-. ^kojvf-)- 'schöpfen', L köi'vu- 'graben, schau- 
feln', fi. kaivaa 'graben', kaivo 'brunnen', wotj. ^huj 'schaufei, 
wurfschaufel', kuj- 'schaufeln', ? svrj. kojny 'ausschütten, aus- 
giessen'. ? ung. hany 'werfen', sohanyo-lapat 'salzschaufel' (so 
hanyo lapat 1643), kenyerhanyö-lapät "brodschaufel' etc., wog. 
%imi^ ^khüni 'mit dem löffel schöpfen', ostjDX ;tfe w-, Trj. k'hi- 
etc. 'graben'. Jedenfalls hat man hier wohl von einem *k'aima- 
od. *k'slnn auszugehen und nicht nur verschiedene ableitungen 
einer „wurzeh' *ä;'ö/- vorauszusetzen. Meistens ist hier die 
schwache stufe yw vertreten (xw in den T-form,en). 

III. /> fälle. 

a. samO kuei, kuai, kuaji 'seele', kuejarnari 'atmen', (N) 
kuejarnak, (N) kuett;el-gum 'ein atmender", K mäje 'seele, 
dunst; kind", T hain, bait'u" "seele". baii;u"a 'dampf, dunst" (vgl. 
p. 22; ableitungen: J jind, Jn. beddu', sieben oben p. 84) zu 
fiugr. Ip. vuoigTja "spiritus, anima", est. vaim "geist, seele'. fi. 
vaimo 'weib", mordE oJ>/>. M vajths 'atem, atemzug; lebendes 
Wesen". 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 119 

b. samJ "aewaei '-^ nemaei, niemaei gehirn" --- Jn. (Ch.) 
ae -^ (B) ebe --^ O (N) köü, küu, (K) küu, (Tsch., ()0) küuT] 
'^' (NP) kÜT] ^ (B, Tas., Kar.) küm '^ T d'ia --^ ? K huju zu 
fiugr. Ip. vuoiTiamas, fi. aivo (vgl. oben p. 21, 23). 

Die reihenmischungen erschweren einigermassen die beur- 
teilung der fälle. Die formen ohne den Vertreter des /-elements 
repräsentieren die starke stufe (xz' >» zz >> z); die formen ohne 
nasal abei- mit dem Vertreter des /-elements (T bai£u mit i <C j', 
O kuaji etc.) die schwache stufe x\v; die schwache stufe yw 
hat man wohl in fällen O köu etc. 

IV. />-fälle. 

samJ höra 'renntierochs', (Reg.) hörie 'renntier (mann)', 
horä id., höre sarmik 'bär (mann)', T kuru 'nicht verschnitte- 
nes renntier', Jn. (B) kura, (Ch.) kula, O (Jel, B, Tas., Kar.) 
kor 'stier, hengst', (N) kor-hyr, (K) kor-syr, (B) kor-kulga 'en- 
terich', (N) korai-äti 'unkastriertes renntier', K kura 'ochs', kura- 
tiüjÜTi 'auerhahn' zu fiugr. fi. koiras "mas', koira 'hund', syrj. 
klr, ki7'-pon 'männlicher hund', ung. here 'dröhne', wog. yßr 
'renntierochs', ostjKaz. xoV\ Ni. y/'T 'renntierochs, männchen'. 

Im sam. nur r — etwa die starke stufe \'om typus xz' >> 
zz >■ z? 

V. /v-fälle. 

a. samJ "aewa 'köpf, (Kan. Bud.) aeva (Witsex najewa). 
T "aewua, "aiwua ^^ J (Reg.) T\evua, Jn. (Ch.) äbuH, (B) eba 
(Atl. „Pustosersk" aipa = Pallas ainui, aiinä, „Obdorsk" T|aiwä, 
„Tawgi" riaibüa, Pallas Karass. aii6aj,a ^ „Jurazen" r^äwau, 
..Turuchansk'' awari, „Mangaseja'" ewa) zu fiugr. ostj. nai "stiel, 
hsft', tscher. ^tviij 'köpf", Ip. oaivve 'caput', fi. oiva "egregius". 
oivaltaa 'intelligere'. 

b. samJ wajeleliko, waijiliko "arm", (Reg.) vojile, (Kan. 
BuD.) ojiliko — J waewo 'schlecht, arm', (Kan. Bud.) vaeva 
'schlecht, toll", (Reg.) voevo, voevu 'schlecht, mager' ^^ (X) 
awoi, (MO, K, Tsch., 00) awai zu ? ? li. vaivainen 'arm, elend", 
est. vaene (vielleicht liegt hier eine von dem germ. lehnu'ort 
vaiva "plage, mühe" verschiedene base vor?). 

c. samK küjü 'birke', Koib. kuju, Atl. T küie ^ Mot. 
ku (Atl. ka?), J hö, ho, (Reg. ho), T kaa, Jn. kua, (X) kwe, 



I20 E. N. Setälä. 

(Tas., Kar.) kwä, (MO, K, Tsch., Jel.) köe, (Oü, NP) küe, (B, 
Kar.) kä, (Kar.) ka, (Tas., Kar.) kwäl-pu, (B, Kar.) käl-pu, 
(Jel.) köel-pu — (Atl. „Jurazen") kouo zu fiugr. fi. koivu "birke', 
mordM kujg9r, E kivger 'birkenrinde', E kiUej, Jiil'eri, M Uelu 
'birke", tscher. hue, kogi 'birke', wog. x«^5 ''^k}u)l' etc., wotj. 
^k^'3-pif' od. ^k°i^-pl etc., syrj. kydz. 

d. samJ tuijo'odm, tuijo'am, tijo'adm, tiju'am 'sich ver- 
neigen, beten', (Kan. Bud.) tuju'o-, tuju'a- 'beten, sich betend 
niederwerfen', (Reg.) tujutta- "grüssen', tijutta- 'opfern' zu fi. 
toivoa 'wünschen', toivottaa 'wünschen, versprechen', kar. toi- 
votta- 'versprechen', est. töutama (dial. tövotama, töwotama 
etc., bei Georg Müller zb. part. pass. toiwutut) 'verheissen, 
versprechen, gelübde tun' (Ip. doaiwot, doaivotet "wünschen' 
< fi.). 

Die etwas verschiedenartige behandlung der laute in den 
verschiedenen fällen (schwund, bezw. erhaltung des v) ist wohl 
teilweise durch einzelsprachliche Stellungsgesetze, teilweise aber 
auch durch den Stufenwechsel bedingt. Es ist etwas unsicher, 
ob die formen ohne j, aber mit bewahrtem v (a: äbuH, eba, 
Tjäwau etc.; b: awoi, awai; c: „Jurazen'' kouo) die starke stufe 
(b, V •< w >< iv) darstellen. Die meisten formen gehen wohl 
auf die schwache stufe zurück, entweder den t\'pus xw oder 
sogar yw (siehe besonders unter c) vertretend. 



Der heute erscheinende paradigmatische Stufenwechsel in 
dem Ket-dialekt des samO ist zum grossen teil von quantita- 
tiver art (siehe oben p. 42-3); von nur quantitativer art ist 
dieselbe erscheinung in der natskopumpokolskschen mundart des 
samO (bemerke besonders zb. fälle wie awe "mutter" gen. ävan, 
saiji 'äuge' g. säen, sain, oije 'tante" g. ojan, olle köpf g. olan, 
in welchen mit der schwachen stufe als ausgangspunkt ein 
quantitatives Wechselverhältnis besteht; vgl. das lappische). Ob 
der umstand, dass Middekdorff in seinen aufzeichnungen über 
das samJ, T und Jn. sehr oft doppelte konsonantenzeichen 
geschrieben hat, wo Castren nur em zeichen schreibt (siehe 
Castrexs Wörterverz. vorw. xiv, xv, xvii) nur auf mangelhaf- 
ter transskription beruht oder auf einem quantitativen stufen- 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. I2r 



Wechsel hindeutet, muss x'orläufig dahin<^estellt bleiben. Der 
paradigmatische qualitative Stufenwechsel der klusile und des s 
im samT (f ^^ b, t -^-^ d, k — g, s ^^ j) scheint jedenfalls auf 
einen quantitativen Wechsel zurückzugehen (f, t, k, s = pp, tt, 
kk, SS od. p, ^, I-, s: b, d, g, j = p, t, k, z; vgl. p. 50-1). 

Dass dieser Stufenwechsel in dem sinn sekundär ist, dass 
dabei der ursprüngliche qualitative .Stufenwechsel (zugleich) 
nicht zum \'orschein kommt, ist unzweifelhaft; jedoch enthält 
auch dieser Wechsel etwas ebenso altes wie der qualitative. Die 
hervorgehobenen tatsachen bezeugen, dass der Stufenwechsel im 
sam. zugleich quantitativ und qualitativ gewesen ist; bei 
den heute erscheinenden quantitati\'-paradigmatischen wechsel- 
verhältnissen ist nur die quantitatixe seite bewahrt, der urspr. 
qualitative Wechsel aber ausgeglichen worden. 



Der eventuelle Stufenwechsel der sam. vokale wurde von 
dem vortragenden nicht berührt, da ja auf diesem gebiet neue 
daten dringend nötig sind, bevor man etwas mehr als lose 
Vermutungen aussprechen kann. 



Wenn man einen blick auf das obengesagte zurückwirft, 
sieht man, dass gerade die neue auffassung des Stufenwech- 
sels der nasale, liquidae und halb vokale im finnisch- 
ugrischen den weg zu der konstatierung des Stufenwechsels im 
samojedischen gebahnt hat. 

Was die art des Stufenwechsels im tiugr. und sam. be- 
trifft, bemerkt man, dass in qualitativer hinsieht die starke stufe 
sich überhaupt durch eine mundsperrung oder wenigstens 
eine mehr markierte mundenge, zugleich auch oft durch 
stimmlosigkeit kennzeichnet. Für die schwache stufe hin- 
wieder ist eine aufbebung der mundsperrung, bezw. die 
vergrösserung der mundenge charakteristisch, zugleich 
auch oft Stirn mhaftigkeit gegenüber der stimmlosigkeit 
der starken stufe. Aber der Stufenwechsel ist auch ein quan- 
titativer Wechsel: bei den geminaten sieht man es am besten, 



E. N. Setälä. 



dass die starke stufe auch quantitativ stärker ist als die schwa- 
che, aber es kann durch viele tatsachen bewiesen werden, dass 
es sich überall zugleich auch um einen quantitativen Wechsel 
handelt. 

Dass dem so ist, geht mit grosser klarheit aus der behand- 
lung der konsonanten Verbindungen hervor: man sieht in 
der starken stufe der konsonantenverbindungen überall die ten- 
denz, dass der zweite komponent siegt und den ersten 
komponenten unterdrückt (total oder partiell assimiliert) — eine 
tendenz, welche im sam. noch klarer zum ausdruck kommt als 
im fiugr. Dies kann kaum anders erklärt werden als so, dass 
in der starken stufe der zweite komponent der quan- 
titativ stärkere gewesen ist. In der schwachen stufe ist 
in gewissen fällen der erste, in anderen der zweite, in wieder 
anderen sind beide komponenten qualitativ ergriffen worden; 
auch scheint hier der zweite komponent quantitativ kürzer 
gewesen zu sein, wofür der vortragende an einem anderen orte 
nähere beweise vorzubringen hofft. 

Den umfang des Stufenwechsels betreffend geht aus dem 
gesagten hervor, dass der Stufenwechsel sowohl quantita- 
tiv als qualitativ den ganzen konsonantismus um- 
fasst hat. 

Und was schliesslich das alter des Stufenwechsels anbe- 
langt, sind die erscheinungen im samojedischen und finnisch- 
ugrischen einander so ähnlich, dass man nicht umhin kann zu 
schliessen, dass die wurzeln dieser merkwürdigen erscheinung 
in der „uralischen" Ursprache, d. h. in der spräche, von wel- 
cher die finnisch-ugrischen und samojedischen stammen, vor- 
handen gewesen sind. 

Die ergebnisse der beiden vortrage können also folgen- 
dermassen zusammengefasst werden : ^ 

Diejenigen des ersten Vortrags: 

1. Der Stufenwechsel des konsonantismus im finnisch- 
ugrischen ist ein zugleich qualitativer und quantitativer 
Wechsel, welcher den ganzen finnisch-ugrischen konso- 
nantismus umfasst hat. 

2. Bei dem Stufenwechsel der konsonanten verbin- 



1 Siehe die vorläufige mitteilung in FUF XI Anz. 14-5. 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 123 



düngen ist nicht nur auf den ersten laut (die ersten laute) 
achtzugeben, sondern auch der zweite (letzte) konsonant 
ist dabei miteinbegriffen. 

In der starken stufe ist in der regel der letzte kompo- 
nent der quantitativ stärkere gewesen, welcher oft den ersten 
unterdrückt hat. In der schwachen stufe sieht man die quali- 
tativen eigenschaften der schwachen stufe oft bei dem zweiten, 
oft bei dem ersten, oft sogar bei beiden komponenten der Ver- 
bindung. 

Die ergebnisse des zweiten Vortrags: 

1. Es lässt sich im samojedischen ein Stufen- 
wechsel konstatieren, welcher prinzipiell dem finnisch- 
ugri.schen ähnlich ist. Der qualitati\'e Stufenwechsel tritt bis- 
weilen sogar paradigmatisch auf. Das ist besonders bei 
den nasalen m und r[ der fall. Dagegen muss der heutige Stu- 
fenwechsel im Tawgysamojedischen und in einigen dialekten 
des ostjaksamojedischen in dem sinn als unursprünglich be- 
trachtet werden, dass dabei der ursprüngliche qualitative Wech- 
sel ausgeglichen worden ist. 

2. Der Stufenwechsel muss ein gemeinschaftliches 
erbgut der finnisch-ugrischen und samojedischen 
sprachen sein. 

3. Die samojedischen sprach-en werden dadurch 
sehr nah an die finnisch-ugrischen gerückt; eine Un- 
tersuchung der finnisch-ugrischen lautgeschichte muss den blick 
stets auf das samojedische gerichtet halten. 

Diese ergebnisse, welche natürlich durch das zu erwartende 
neue material über das samojedische — vielleicht sogar we- 
sentlich — modifiziert werden können, gedenkt der vortragende 
in einer arbeit über das problem des Stutenwechsels, \'on wel- 
cher dieser \-ortrag ein referat bildet, zu berücksichtigen. 



Bei der lektüre der äusserst interessanten und höchst wert- 
vollen .Schrift von dr. G. J. Ramstedt „Zur verbstammbildungs- 
lehre der mongolisch-türki.schen sprachen" (J.SFÜU. XXVIII) 
war der \ortragende darauf aufmerksam geworden, dass im 
türkisch-mongolischen in der behandlung der nasale ganz eben- 



124 E. N. Setälä. 

solche erscheinungen vorkommen wie im fiugr. und sam. Des- 
halb wandte er sich an dr. Ramstedt mit der bitte eine etwas 
vollständigere liste von belegen dieser art zu erhalten. Dr. 
Ramstedt hat im briefe vom 15. märz 1912 auf die liebens- 
würdigste weise dieser bitte folge geleistet ^ ; von den von ihm 
mitgeteilten belegen werden hier einige als typische beispiele 
angeführt. 

Die entsprechung ist im allgemeinen die folgende: 





*-VQ- 


*-#- 


*-¥r *-W- 


*-r 


mong. 


-y\q- 


-T|k- 


-713- -'ng- 


-r\- 


türk. 


-Tiq- 


-T|k- 


-r[- od. -Tig- 


-Tl- 



Daneben findet man jedoch auch in vielen fällen andere 
Vertretungen, welche nach dr. Ra.mstedt schwer zu erklären 
sind. Der vortragende möchte die von dr. R. mitgeteilten be- 
lege folgendermassen kategorisieren. 

I. Einem rjq, i^k entspricht türk. r[ (rig); zb. m.ong. 
qari'qai, khalkha x^^VX"^ (^dj.) 'ein grosser wagen mit hohen 
rädern; ein grösserer lastsattel', uig. qa-ri 'wagen', kuman. qaria 
'brett', kaz. qariga 'holzrahmen des satteis'. 

II. Einem tj od. ^g entspricht y: zb. mong. oiigan 'hei- 
lig, gott, götzenbild' --'uig., tschag. oyan 'gott' | mong. moTigul 
'mongole' '--■ tschag. mo^'ul (urjanchai möl) \ mong. soTjgina 
'lauch" .-- nog., osm., tschag. soj'an id., alt. soyono, tel. o^'ono. 

III. a. mong. T^g ^ mong. O: khalkha iifjg:osv 'baum- 
wolle' (Juancao: nuTiga'sun id. .^ kalm. nösn 'wolle' (vgl. türk. 
alt. juT| 'wolle, daunen' etc. j mong. khalkha x'^W«*''" 'krummes 
messer' -- kalm. klr id. (vgl. türk. tschag. qiriir 'krumm', kirg. 
qynyj^ il mong. tj .^ mong. in demselben dialekt: kalm. 
daijgjjrä 'lärm' '-^ kalm. du 'schall, gesang' (schriftspr. dagii), 
dürän 'echo, schall'. 

b. türk. T] /^ mong. (langer vokal) -^ zb. jak. möT|ü- 
rüö, alt. mÖTjür-, alttürk. böiiür- ^^ kalm. 7nor-. 'brüllen'. 

c. türk. r{ ^ türk. 0, zb.: türk. qüi^ur "braun' -^ koib.. 



^ [Später hat dr. Ramstedt hierhergehörige belege in einem 
aufsatz »Az t] hang a mongolban es a törökben>, N3^K XLII (19 13) 
229-38 veröffenthcht.] 



über art, umfano- u. alter d. Stufenwechsels. 125 



sag. qör id. (\gl. iiiohl;. qorigur 'gelbbraun'). Der lange \'okal 
stammt wohl zunächst aus -j'- (vgl. tung. tiiiän, tygen "brüst', 
man. tungen ^^ mong. cige^i, cegezi, khalkha tseuSi, kalm. 
tsedzi. burj. seH etc.). 

IV. mong. m -^ mong. 0, zb.: mong. schrittspr. kümün 
'mensch' ^ Juancao kü-ün -^ kalm. kfin. 

y . a. mong. m -^ ^ -->- türk. 17 -^ 0, zb.: mong. qamar, 
qabar, mogh. qahar 'nase', khalkha, burj. yamm\ kalm. xami- 
id. '^ x^'^'Y^^'^'J 'nasenknorpel' (vgl. mong. qarj'sijar etc.) — -^ 
tel. qariyryq id. '--^ koib. qäraq, qaraq id. 

b. türk. m (bisw. n) r^ t] ^ 0: jak. xomur'duos 'käfer', 
tschuw. xurt-xd)n9r 'biene', osm., kar. qomuz 'käfer, wurm' --^ 
tschag., kirg. qoriuz 'käfer', tel. qorjys ^ alt., koib. qös (\'gl. 
mong. c^aur 'wurm', khalkha qür, burj. (jMr id., \gl. noch tung. 
kalter id.) | osm. domuz, donuz 'schwein' ---^ türk. (kirg. etc.) 
toT|uz ] tschuw. l^omdl "herz' ^' gemeintürk. köT|ül, [Krim. gÖTiül] 
osm. gönül [aderb, göjülj | tschuw. mal 'richtung' -- kaz. yn^ai 
id. I tschuw. yähhir 'braun' ^ gemeintürk. qoriur vgl. oben III c). 

c. In antekonsonantischer Stellung: mong. t) ^-^ türk. m 
(neben t]), mong. r[ -^ mong. m zb. mong. garisa 'pfeife', türk. 
alt. qa-T^sa -- jak. /amsa j mong. tai^sug 'wundernd' -- khalkha 
t'amsük id. 

VI. Im türk. tritt, wie es scheint, ein unui'spr. t] statt 
Y (g) auf: tel. jaT^albai 'zeisig' — kür. jayalbai 'ein vogel', mong. 
^agalmai id. | kirg. sai^arak 'holzring des rauchloches der jurte' 
'-- mong. cagari^. 

Im mong. auslautendes t^ x'ielleicht statt g, k, g, q?: mong. 
celeT] 'eimer' ~ osm. eäläk | mong. qalbar] 'hut", kalm. yahi^ll 
'^ osm. qalabaq, krm., kaz., kirg., tel., osm. qalpaq u. a. 

Man kann nicht umhin die grosse ähnlich keit zu 
bemerken, welche in der behandlung der nasale in 
den finnischugrisch-samojedischen sprachen einer- 
seits und in den mongolisch-türkischen andererseits 
obwaltet. 

Aber die ähnlichkeit erscheint nicht nur in der behand- 
lung der nasale, sondern auch in derjenigen der klusile, 
bezw. der den klusilen entsprechenden Spiranten: 

VII. a. 9 '^ / ->- (langer vokal), zb. mong. bogci > 
kalm. hoMs>- 'die füsse des pferdes binden' -^ mong. bogu- >> 



126 E. N. Setälä. 

kalm. hö- 'binden, einwickeln' -- türk. *boy-, koib. j;ö-, poy-, 
kirg. bü- (Ramstedt aao. 21) | mong. tugul 'kalb, tierjunges' >» 
kalm. iuY"l id. ■^ mong. tugurbi-, tuurbi- >■ kalm. tür>n 'ma- 
chen, schaffen'; atürk. toj'-, tny- 'geboren werden, gebären', 
tschuw. tu-, tdv- 'machen', kirg. koib. tür- 'geboren werden, 
gebären' ^ (aao. 69, 25). 

b. g (türk. auch k) '^ y ^ 0, zb. mong. söge-, güge- > 
kalm. zo, khalkha dz^"»- 'aufladen, mit karren od. lasttieren etwas 
transportieren' -^ türk. tschag. jük- 'beladen, belasten' (Ram- 
stedt aao. 15) j mong. jügü- > kalm. jfi- 'giessen' — tschag. 
jük- 'regnen' | mong. ^egü- >• kalm. z/1- 'sich anziehen, tra- 
gen' ^ türk. jäk- 'anspannen'. 

VIII. b (türk. auch p) ~ [ß] -^ 0, zb. mong. (geschr.) 
daga-, burj., kalm. da-, khalkha du 'ertragen etc.' ^^ türk. jap 'ma- 
chen' etc., alttürk. jab^u | mong. (geschrieb.) taga-, kalm., burj. 
tä-, khalkha t'ä- (<< *taßa-) "erraten', tagamag Vätsel' -^ türk. 
tap- 'finden', kaz. taqmaq <I tapmaq, tel. tapqaq 'rätsel' ^ j 
mong. qagul- '(die rinde) abziehen, abschälen' — osm. qapyq 
'rinde' — ■ qav-laq 'entrindeter bäum" (siehe Ramstedt, Festschr. 
f. Vilh. Thomsen 182-7). 

Dazu kommt noch 

IX. der Wechsel s ^ r (<< z) in den altaischen sprachen 
(einem türk. z entspricht im tschuwassischen, mongolischen u. 
mandschu-tungusischen r) ; sowie auch : 

X. der Wechsel s '^' 1 (<< z?) in den altaischen sprachen 
(einem türk. z entspricht im tschuw., mong. und mandschu- 
tung. 1). 

Mit dem hinweis auf die literatur (Radloff, Phonetik 189, 
Wichmann FUF I 107-8, Ramstedt, Konjug. in Khalkha-mong. 
77, 97, Setälä FUF II 273 und Gombocz XvK XXXV 240-677) 
hob der der vortragende hervor, dass z und ä bezw. die Ver- 
tretungen derselben mit einer solchen Unregelmässigkeit 
mit den urspr. stimmlosen Sibilanten wechseln, dass 
man unwillkürlich an einen ursprünglich paradig- 
matischen w^echsel, welcher auf verschiedene weise 
ausgeglichen worden ist, denken muss. 



1 Fiugr. teke- "machen' ! I ! 

2 Fi. tapaan 'finden', tapaus 'rätsel', liv. tabänddks id. ! ! ! 



über art, umfang u. alter d. Stufenwechsels. 127 

Bei der grossen ähnlichkeit der erscheinungcn auf urali- 
scher und altaischer seite drängt sich die frage in den Vorder- 
grund: haben wir es hier mit einem ural-altaischen Stufen- 
wechsel zu tun oder nur mit erscheinungen, die auf ähnlichen 
grundursachen beruhen? 

Es wäre zu kühn diese frage ohne eingehende Unter- 
suchung der ganzen altaischen lautgeschichte beantworten zu 
wollen. Die eventuellen verwandtschaftlichen Verhältnisse der 
altaischen sprachen einerseits — wenn man es als bewie- 
sen ansieht, dass die altaischen sprachen wirklich zusammen- 
gehören — und der uralischen sprachen andererseits sind ja 
vorläufig noch nicht klar. Es muss sogar als unsicher bezeich- 
net werden, ob wirklich die altaischen sprachen den uralischen 
näher stehen als die indoeuropäischen. Ein „ural-altaischer" 
Stufenwechsel würde den blick auch auf das indoeuropäische 
richten müssen. In diesen sprachen wissen wir ja aber 
nichts von erscheinungen, welche dem Stufenwechsel gleich- 
zustellen wären; man hat dort nur den sog. grammatischen 
Wechsel nach dem Vernerschen gesetz, aber vorderhand weiss 
man nichts davon, dass dieser Wechsel, dessen wurzeln freilich 
in uralten akzentuationsverhältnissen liegen, über das germani- 
sche hinausragte. Ein „ural-altaischer" Stufenwechsel — wenn 
er sich wirklich feststellen liesse, würde allerdings für eine ural- 
altaische Urverwandtschaft — welche ja noch immer wissen- 
schaftlich unbewiesen ist — eine mächtige stütze liefern. Aber 
es muss noch viel methodische arbeit getan werden, bevor man 
es wagen kann sich über diese grosse frage zu äussern. 



Die zeit wurde zu kurz, um. über die äussersten gründe 
der Stufenwechselerscheinungen zu sprechen. Der vortragende 
wies nur in aller kürze darauf hin, dass die starke und schwa- 
che stufe verschiedene intensitäts- und tonalitätsformen 
zu vertreten scheinen, welche paradigmatisch beweglich gewe- 
sen sind. 

Wenn es heute recht schwer ist die Ursachen der ent- 
stehung des Stufenwechsels zu erkennen, so ist es viel leichter 
die Ursachen des verschwindens desselben einzusehen. Der 



128 E. N. Setälä. 

weg des v^erschwindens ist überall derselbe gewesen: der weg 
der ausgleichung. Es ist ganz natürlich, dass ein Wechsel 
dieser art verschwunden ist, nachdem die grundursachen schon 
seit langer zeit verschwunden waren. Die überlieferten wech- 
selformen blieben freilich auch nach dem verschwinden der 
grundursachen bestehen, aber dann hat die stoffliche, formale 
und proportionsausgleichung ihre arbeit in angriff genommen. 
Entweder erfolgte eine ausgleichung innerhalb einunddesselben 
Paradigmas oder auch wurden zugleich nach dem muster der 
alten Stufenwechselverhältnisse und mit der einen oder anderen 
stufe als ausgangspunkt neue reihen geschaffen, wie im lappi- 
schen, estnischen und wotischen oder auf samojedischer seite 
im Tawgysamojedischen und in einigen dialekten des Ostjak- 
samojedischen. Teilweise sind auch die verschiedenen stufen- 
wechselfälle zu trägem besonderer bedeutungsfunktionen gewor- 
den (im est. zb. part. und ill. ilma '^ gen. ibnä, söda 'krieg" ^-' 
gen. söa ^- ill. sötta), ganz wie in den indoeuropäischen spra- 
chen die verschiedenen ablautstufen. Wo man heute einen 
paradigmatischen Wechsel findet, muss man schon im vor- 
aus darauf gefasst sein, dass er mit grosser Wahrscheinlichkeit 
unursprünglich ist. 

Und erstens und letztens: wie man auch die verschiede- 
nen fragen auffassen will : das problem des Stufenwechsels ist 
zum zentralen problem der finnisch-ugrischen und auch der 
uralischen lautgeschichte geworden, und wenn diese erschei- 
nung einmal völlig aufgeklärt werden kann, werden ihre strah- 
len ihr licht vielleicht noch viel weiter verbreiten, als man 
heute ermessen oder vermuten kann. 



Mitteilungen. 129 



Mitteilungfcn. 



Vorlesungen und Übungen 

auf dem gebiete der tinnisch-ugrischen sprach- und Volkskunde 
an den Universitäten Europas 191 2/3. 



Berlin, Deutschland. 

Friedrich-Wilhelms-Universität. 

Xeuhaus, Johs., lektor der neunordischen sprachen. W.-S. 
19 1.2-3 u. S.-S. 191 3: finnisch für anfänger (nach seiner gramma- 
tiki, I St. 

Budapest, Ungarn. 

Beöthy, Zsolt, ö. o. prof. d. ästhetik. H.-S. 1912: ung. 
schullektüre, 2 st. — F.-S. 19 13: ung. schuUektüre, 2 st. 

Ballagi, Aladär, ö. o. prof. d. neueren geschichte, stell- 
vertr. prof. d. ung. kulturgeschichte. F.-S. 19 13: ung. kultur- 
geschichte, 4 st. 

SiMOXYl, ZsiGMOND, i). o. prof. d. ung. Sprachwissenschaft. 
H.-S. 191 2: kurzgefasste ung. grammatik, 3 st.; geschichte d. ung. 
gramm. literatur, 2 st.; philologische gesellsch., 2 st. — F.-S. 1913: 
kurzgefasste ung. grammatik, 3 st.; richtige.s ungarisch, 2 st.; phi- 
lologische gesellsch., 2 st. 

SziNNYEl, JözSEF, ö. o. prof. d. altaischen sprachen. H.-S. 
191 2: vergl. formenlehre der fiugr. sprachen, 3 st.; finnisch, 2 st.; 
flexionslehre der fiugr. sprachen, l st.; fiugr. sprachwiss. Übungen, 
I St. — F.-S. 191 3: vergl. formenlehre der fiugr. sprachen, 3 st.; 
finnische lektüre, 2 st.; wogulisch, i st.; fiugr. sprachwiss. Übun- 
gen, I St. 

;Marczali, Henrik, ü. o. prof. d. ung. geschichte. H.-S. 
1912; Zeitalter d. Arpaden, 4 st.; gesch. d. bürgertums in Ungarn, 
I St.; die quellen der ung. Verfassungsgeschichte, 2 st. — F.-S. 
1913: Zeitalter der entwicklung der Ständeverfassung, 4 st.; das 
bürgertum im 16. -17. jh., i st.; die quellen der ung. verfassungs- 
geschichte (17. -18. jh.), 2 st. 

Fiiiu.-ugr. Forsch XII, Aiiz. Q 



130 Mitteilungen. 



Fejerpataky, Läszlö, ö. o. prof. d. diplomatik u. Heraldik. 
H.-S. 191 2: paläographie, 3 st.; Urkundenlehre, 2 st.; erläuterung 
von Originalurkunden (nur für fortgeschrittenere), 2 st. — F.-S. 
19 13: paläographie, 3 st.; erläuterung von Urkunden (für anfängerj, 
2 St.; erläuterung von Originalurkunden (wie vorher), 2 st. 

RiEDL, Frigyes, ö. o. prof. d. ung. literatur. H.-S. 191 2: 

gesch. d. ung. literatur im Zeitalter Aranys, 4 st.; literaturhist. 

Übungen, i st. — F.-S. 1913: glanzzeit der ung. lit., 4 st.; litera- 
turhist. Übungen, i st. 

Angyal, David, ö. o. prof. d. ung. geschichte. H.-S. 191 2: 
gesch. des reformzeitalters (1825-48), 4 st.; quellenkritische Übun- 
gen, I St.; gesch. d. ung. geschichtschreibung (16.- 17. jh.), i st. 
— F.-S. 1913: gesch. Ungarns unter Ferdinand V., 4 st.; quel- 
lenkritische Übungen über Ungarns neuere gesch., 1 st.: die ung. 
geschichtschreibung im 17. jh., i st. 

Negyesy, Laszlö, ö. o. prof. d. ung. literatur. H.-S. 191 2: 
gesch. d. ung. epik (18. -19. jh.), 4 st.; Balassi u. seine nachfolger, 
I St.; kurzgefasste gesch. d. ung. lit., 2 st.; ung. stilübungen (für 
hürer d. phil.-hist. bezw. d. math.-naturw. Sektion), 2 st. — F.-S. 
1913: gesch. d. ung. epik (von Vörösmarty an), 4 st.: die lyriker 
des 18. Jh., I St.; kurzgef. gesch. d. ung. lit., 2 st.; ung. stil- 
übungen (wie vorher), 2 st. 

Melich, Jänos, ö. a. o. tit.-prof. d. ung. Wortforschung. 
H.-S. 1912: die lesung der ältesten ung. Sprachdenkmäler, i st.; 
lautlehre der slav. lehnwörter im ung., i st. — F.-S. 1913: wie 
vorher. 

CSUDAY, Jexö, p'rivatdozent d. gesch. Ungarns im 16.-17.jh. 
H.-S. 191 2: Ungarn und der dreissigjährige krieg, 4 st. — F.-S. 
1913: Gabriel Bethlen und d. dreissigjährige krieg, 4 st. 

HoRVÄTH, Cyrill, privatdoz. d. ung. literatur. H.-S. 191 2: 
die ung. h-rische dichtung im 16. jh., 2 st. — F.-S. 19 13: fort- 
setzung. 

GOMBOCZ, ZOLTÄN, privatdoz. der allg. phonetik u. d. liugr. 
lautgeschichte. H.-S. 191 2: einführung in das Studium der fiugr. 
sprachen (fiugr. -sam., fiugr. -indoeurop., fiugr.-türk. Sprachenverhält- 
nis), I st. — F.-S. 19 13: Kalevala, i st. 

TüTH-SzABö, PÄl, privatdoz. d. gesch. Ungarns von 1301- 
1526. H.-S. 191 2: Ungarn unter Ludwig d. Grossen, 4 st. — 
F.-S. 1913: Zeitalter der Hunyadys, 4 st. 

SziNNVEl, Ferexcz, privatdoz. d. ung. literatur. H.-S. 191 2: 
gesch. d. ung. lit. im 19. jh., 2 st. — F.-S. 19 13: Johann 
Arany, 2 st. 



Vorlesungen u. Übungen. 131 



Erdelyi, Lajos, privatdoz. d. ung. mundarten und der Syn- 
tax. H.-S. 191 2: methodologie d. ung. mundartenforschung, i st.; 
ausgew. kapitel aus tler ung. syntax, i st. — F.-S. 1913: wie 
vorher. 

CsÄSZÄR, Elkmek, privatdoz. d. ung. literaturgeschichte. H.-S. 
191 2: die ung. lyrische dichtung im 19. jh., 2 st. — F.-S. 19 13: 
wie vorher. 

DOMANOVSZKY, S.vNDOR, privatdoz. d. geschichte Ungarns in 
der Arpadenzeit. H.-S. 191 2: die äussere poIitik d. Arpaden, 2 st. 
— F.-S. 1913: das Zeitalter der entstehung der ständeverfas- 
sung, 2 st. 

Pap, Kärolv, privatdoz. d. ung. literaturgesch. H.-S. 191 2: 
gesch. des ung. volksschauspieles, 2 st. 

Kiss, ISTVÄN, privatdoz. d. ung. geschichte. H.-S. 191 2: 
gesch. d. palatinats unter den Jagellonen, 2 st. 

SzABü, Dezsi'i, privatdoz. d. ung. geschichte. H.-S. 191 2: 
gesch. Ungarns unter den Jagelionen, 2 st. — F.-S. 19 13: gesch. 
des ständigen heeres, 2 st. 

Christiania, Norwegen. 

Nielsen, Konrad, prof. d. liugr. sprachen. H.-S. 191 2: fin- 
nisch, 2 St.; lappisch, 8 st. — F.-S. 1913: finnisch, 3 bezw. (von 
ostern an) 5 st.; lappische Sprechübungen (für fortgeschrittene), 2 
st. (bis ostern I. 

Debreczen, Ungarn. 

Akademische hochschule. 

Pap, Kärolv, 0. o. prof. d. ung. literaturgeschichte. H.-S. 
191 2: gesch. d. ung. volksschauspiels, 2 st.; gesch. d. ung. lyrik, 
4 St.; Seminarübungen, 2 st. — F.-S. 191 3: gesch. d. ung. lyrik, 
4 St.; Seminarübungen, 2 st. 

P.4.PAV, JözSEF, ö. o. prof. d. ung. Sprachwissenschaft u. d. vergl. 
riugr. linguistik. H.-S. 1912: einleitung in d. fiugr. Sprachwissen- 
schaft, 2 St.; vergl. ung. grammatik, 2 st.; finn. grammatik u. lek- 
türe, 2 St.; seminarübungen (ungarisch), 2 st. — F.-S. 19 13: Die 
fiugr. Völker u. sprachen, 2 st.; vergl. ung. grammatik, 2 st.; finn. 
syntax u. lektüre, 2 st.; die lehnwörter der ung. spräche, i st.; 
seminarübungen (ungarisch), l st. 

Kiss, Istvan, ö. o. prof. d. ung. geschichte. H.-S. 191 2: 
die quellen d. ung. geschichte, i st.; geschichte Ungarns in 13. u. 



132 Mitteilungen. 

14. Jh., 4 St.; Urkundenlehre nebst Übungen, i st.; seminarübun- 
gen, 2 st. — F.-S. 19 13: die geschichtlichen quellen der Anjou- 
zeit in Ungarn, i st.; gesch. Ungarns zur Anjouzeit, 4 st.; urkun- 
denlehre nebst Übungen, l st.; seminarübungen, 2 st. 



Dorpat (Jurjev), Russland. 

JöGEWEK, Jaan, lektor d. estnischen spräche: Estn. gramma- 
tik (phonetik), 2 st.; geschichte der estn. literatur im 17. u. 18. jh., 
I St.; praktische Übungen im estnischen, i st. 



Helsingfors (Helsinki), Finland. 

Setälä, Emil Nestor, o. prof. d. finn. spräche u. literatur: 
der Sprachbau des finnischen vom gesichtspunkte der Sprach- 
geschichte u. der allg. grammatik, 2 st.; über d. Kalevala nebst 
Übungen, i st.; seminarübungen (ctymologien), 2 st. 

Paasonen, Heikki, o. prof. d. fiugr. Sprachforschung. H.-S. 
1912: fiugr. lautlehre, 2 st.; seminarübungen, 4 st. 

Krohn, Kaarlk Leopold, o. prof. d. finn. u. vergl. folklori- 
stik. H.-S. 19 12: seminarübungen, 4 st. — F.-S. 19 13: finnische 
mythologie, 2 st., seminarübungen, 4 st. 

VON BoxSDORFF, Carl GABRIEL, a. o. prof. d. nord. ge- 
schichte: politische gesch. Schwedens u. Finlands 171S-1792, 2 st.; 
geschichtliche Übungen, 2 st. 

Grotenfelt, Kustavi, a. o. prof. d. finn., russ. u. nord. ge- 
schichte: geschichte d. nord. länder von d. ältesten Zeiten an, 2 st.: 
seminarübungen. 

Wichmann, Yrjö Jooseppi, a. o. prof. d. fiugr. Sprachwis- 
senschaft: wotisch nebst Übungen, 2 st.; ungarisch nebst Übun- 
gen, 2 st. 

OjANSUü, Heikki August, dozent d. finn. spräche u. litera- 
tur. H.-S. 191 2: estnisch, 2 st. — F.-S. 19 13: die südwestfinn. 
dialekte, 2 st. 

VoiONMAA, Kaarle Väinö, dozent d. nord. geschichte. H.-S. 
1912: die ältere soziale u. ökonomische gesch. Finlands, 2 st. 

Kakjalainen, Kustaa Fredrik, dozent d. fiugr. Sprachfor- 
schung (stellvertr. lektor d. finn. spräche). H.-S. 1912: phonetik, 
2 st. — F.-S. 1913: ugrische mythologie, 2 st. 



Vorlesungen u. Übungen. 133 



SlKKi.ius, Uuxo Taavi, (lozent d. tiugr. Volkskunde. H.-S. 
191-J: ethnographie der ostjaken u. wogulen, 2 st. — F.-S. 19 13: 
liugr. ethnographie, 2 st. 

TuNKELO, Eemil AuKisTi, dozent (1. rinn, spräche. H.-S. 
1912: karelisch-olonetzische lautlehre (Übungen), 2 st. — F.-S. 
191 3: wepsische lautlehre (Übungen), 2 st. 

AiLio, Julius Edvard, dozent d. archäologie. H.-S. 19 12: 
das vorgeschichtliche leben in Finland, 2 st. 

Aarne, Antti, dozent d. rinn. u. vergl. foJkloristik. F.-S. 
1913: über märchentorschung, 2 st. 

Kannisto, Artturi, a. o. lehrcr d. rinn, spräche in d. jur. 
fakultät. Schriftliche (i st.) u. mündliche (5 st.) Übungen in d. 
rinn, spräche für Juristen. 

Klausenburg (Kolozsvar), Ungarn. 

Sz.4deczkv, Lajos, ö. o. prof. d. ung. geschichte ; die land- 
nahme und das Zeitalter der fürsten, 4 st.; die quellen des Zeit- 
alters der landnahme, i st.; urkundenlehre nebst Übungen, 2 st. 

ZOLNAI, Gyula, (■■). o. prof. d. ung. Sprachwissenschaft u. d. 
vergl. fiugr. linguistik. H.-S. 191 2: ung. lautlehre, 3 st.: die ung. 
Volkssprache u. ihre dialekte, i st.; finn. lektüre, i st.; sprach- 
wiss. Übungen. 2 st. — F.-S. 1913: ung. bedeutungslehre, 3 st.; 
finn. lektüre (Erkkos »Aino»),.2 st.; sprachwiss. Übungen, 2 st. 

Dezsi, Lajos, 0. o. prof. d. ung. literaturgeschichte. H.-S. 
191 2: gesch. d. ung. mittelalterl. literatur, 4 st.; literaturgesch. 
Übungen, 2 st. — F.-S. 1913: gesch. d. ung. literatur im 16. jh., 
5 St.; literaturgesch. Übungen, 2 st. 

Cholnoky, Jenü, ö. o. prof. d. allgem. u. vergl. geographie: 
geographie Ungarns, 2 st.; geographische Übungen, 2 st. 

Erdelyi, LÄSZLö, ö. o. prof. d. ung. kulturgeschichte : die 
ung. gesellschaft u. kultur, 4 st.; zusammenfassende ung. kultur- 
geschichte: religion u. unterrichtswesen, i st.; kulturgesch. Übun- 
gen, 2 st. 

Herrmanx, Antal, privatdozent d. ethnographie. H.-S. 1912: 
ethnographie und volksliteratur der ungarischen deutschen, i st.; 
die ung. literatur über die zigeuner, l st. 

LUKINICH, Imre, privatdozent d. gesch. d. nationalen sieben- 
bürgischen fürsten. H.-S. 191 2: gesch. d. territorialen Veränderun- 
gen Siebenbürgens 1540-71, 2 st. 



134 Mitteilungen. 



Kopenhagen, Dänemark. 

Thomsex, Vilhelm, o. prof. d. vergl. Sprachwissenschaft: 
ungarisch, 2 st. 

Paris, France. 
Faculte des lettres de l'Universite. 

KoxT, Ignace, Charge de cours pour la langue et la littera- 
ture liongroises: J. Arany et son temps, 2 h. Cours de hongrois, 
3 h. Exercices. 

Ecole speciale des Langues orientales Vivantes. 
KONT, Ignace: Cours libre de langue hongroise. 

Prag, Österreich (Böhmen). 

Bräbek, Frantisek, lektor d. ung. spräche u. literatur. W.-S. 
1912-3: gramm. d. ung. spräche mit praktischen Übungen (für an- 
fangen, 2 St.; lektüre ung. prosa mit erklärungen (für fortgeschrit- 
tene), I st. — S.-S. 1913: gramm. d. ung. spräche mit prakti- 
schen Übungen, 2 st.; lektüre u. interpretation von proben aus 
Mikszäths prosa. i st. 

Upsala, Schweden. 

WiKLUND, Karl Bernhard, prof. d. liugr. Sprachwissenschaft: 
finnisch. 2 st.; lappisch, 2 st. 



Wien, Österreich. 

Nachrichten fehlen. 



Tätigkeit wissenschaftl. gesellschaften. Literarisches. 135 



Tätigkeit wissenschaftlicher gesellschaften und 
Institute. Literarisches. 

— Preisaufgaben der Ung. Akademie der Wissenschaften. 
Der Samuel-preis» wurde lierrn M. Kertesz für seine abhainllung 
über den Ursprung des ung. refl. pron. maga ( 'Maga>), der >.S. 
VigA'äzö-preis» herrn I. Lukinich für seine »geschichte der terri- 
torialen Veränderungen Siebenbürgens von 1540-1711» zugespro- 
chen. — Eine ehrenvolle erwähnung wurde zuteil D. FoKOS' ab- 
handlung ^über die objektive konjugation im wogulischen u. ost- 
jakischen». 

— \'on den in der I. klasse der Ung. Akademie der Wis- 
senschaften im j. 191 2 gehaltenen vortragen seien erwähnt: B. 
Vikar: »Über die Volksdichtung der szekler» 8/,; Gy. Gyomlai: 
»Über den gebrauch des lat. u. ung. sog. praesens imperfectum» 
^/o; J. Melich: »Alte ung. drucke aus d. j. 1527» ß/-; Zs. SlMO- 
NYl: -Über das attribut» 3'^; E. CsÄSZÄr: >>Der einfluss der deut- 
schen dichtung auf die ungarische im 18. jh.» 2/^^. 

— \'orträge in der Ung. Sprachwissenschafthchen Gesell- 
schaft im j. 191 2: Z. GOMBOCZ: »Zur geschichte der ung. vo- 
kale» "-■*/',; G. Meszöly: »Über unsere älteste bibelübersetzung» 
20/2; Ö. SiMAi: »Gottsched und Bartzafalvi > 20/^. p Kräuter: 
»Über die verba auf v und das bildungssufhx -tjü, -tyü» 20 Z^; 
M. Prikkel: »Etymologien» 21'^. \ Klemm: »Beiträge zur fiugr. 
Satzlehre» 21 .^- z. GoMBOCz: »Barsony» 2^;^; J. Melich: »Die 
herkunft des volksnamens jasz» ; »Zur geschichte der ung. e-laute» 
23^; J. Melich: »»Über die herkunft des ung. namens Tatra»; 
»Über Superlative vom typus najnagyobb»' ^^'iq: Z. Gombocz: 
>Baka und boka. Boszu v 22 j^; k. Szily: »Suhancz und suhan- 

czar > 22'j^j; F. Kr.äuter: »Über das suffi.x -va, -ve ^Vu? ^ 

Paizs : »Die komposita mit dem zweiten glied aszo '^/u: M- 

Prikkel: »lila berek» ^'^/n', A. Horger: »Csalän, boqü und 
gyapjü !"/;._,. 

— Vorträge in der Ung. Ethnographischen Gesellschaft 
im j. 1912: B. Heller: »Das schwert Gottes. ^Vi • B- Szivos: 
»Die Schatzgräber von Hajdüszoboszlü» ^^/j; L. Kälmäxy: Die 



136 Mitteilungen. 



schatten der verstorbenen in unsrer Volksdichtung» ^^j^'- K. Lam- 
brecht: »Die alte ung. mühle» 20 \j; G. Röheim : »Der Ursprung 
des begriffes vom jenseits» 2^,3; G. Szixte: »Die hölzernen kir- 
chen im kom. Kolozs» ^"/n ; G. Sebestyen: »Anthropologie und 
ethnographie» -^/n; G. BirkäS: »Das Verhältnis der Toldi-sage zu 
den Rainouart-sagen» -~ \-^\ L. Bartucz: »Anthropologisches aus 
Göcsej> i«/i2. 

— \'orträge in den Versammlungen der Estnischen Litera- 
turgeseUschaft (Dorpat-Jurjev) während des jahres 1912: M. Sui- 
gusaar: »Persönliche erinnerungen an C. R. Jakobson und seine 
zeit», 28y. a gt. (Pernau); W. Reimax: »Wie die Völker sterben > 
25 /e (Narwa); L. Neumann: Ȇber das sammeln der volksmelodien 
und der folklore» 2-^^ (Narwa); A. JCrgenstein: »Über die frei- 
sinnigkeit Kreutzwalds» ^ly^- y. Grüxthal: »Über das estnische 
Volkslied -> ^i/^; O. Kallas: über das sammeln der est. volksmelodien 
21/g; J. Löo : »Die benennungen unserer haustiere» 23'^ (Werro) ; 
V. Grünthal: »Über die rassenfrage 23 /^ (Narwa); W. Reiman: 

>Über die estnische sprachliche kultur» ^/j,^ (Reval); H. POld ; 
»Über das bild der fremdwörter im estnischen» */,2 (Reval). 

— Vorträge und mitteilungen in der Finnisch-ugrischen 
Gesellschaft während des jahres 191 2: U. T. SiRELlus: Primi- 
tive konstruktionsteile an prähistorischen schiffen» ^'Vi ■ ^- ^- ^^' 
TÄLÄ: »Zu dem alter des fiugr. Stufenwechsels, bezw. über den 
Stufenwechsel im samojedischen» (der Vortrag war auf zwei Sitzun- 
gen verteilt) ^^/^ u. 23/^; u. T. Sirelius: »Über einige traggeräte 
und Umschlagetücher bei den fiugr. Völkern» 2"/^; E. N. Setälä: 

Etymologisches: rutja; purila, parila, vakahinen; kavala und 
kulfiski » ^^/s; »Über die wissenschaftliche tätigkeit und bedeutung 
Vilhelm Thomsens» 23 /g. y Thomsen: »Über die randinschrift 
einer goldschale aus dem funde von Nagy-Szent-Miklös» -'^.l,: E. N. 
Setälä: »Über seine forschungsreise zu den liven» ^"/n; »Über den 
gemeinsamen Wortschatz der fiugr. u, samojedischen sprachen» 2 ^^ 

— Vorträge und mitteilungen in der Finnischen Altertums- 
gesellschaft im j. 191 2: 1 2- J- Rin'NE: Ȇber die kirche von 
Mustasaari bei ^'asa (aus dem 14. jh.)>; J. Lukkarixen: Ȇber 
die schäftung von geraten mit durchlochtem schaft in der Stein- 
zeit» ; '/s- S. Pälsi: »Über die Steinzeit im ksp. Kaukola;; R. 
Saxex: »Etvmologie des Wortes hiisi» ; * ,: Hj. Appelgrex-Kivalo : 



Tätigkeit wissenschaftl. gesellschaften. Literarisches. 137 



Ȇber karelische Ornamentik an den eisenzeitlichen t'undcn aus 
Kalvola» ; U. T. Sirelius: aCber mit teuer ausgehöhlte einbäume»; 
'' I r,: J. R. ASPELIN : »Finnische genealogie und vergleichende alter- 
tumskunde > ; A. Hackman: »Über die funde aus der ältesten eisen- 
zeit in Finland» : S. PÄLSl: »Beobachtungen von einer reise nach 
der Nordmongolei im j. 1909»; -'/jq: A. M. Tallgren: »Über ein 
mit einem tierkopf endendes bronzegerät aus Ostrussland»; J. LuK- 
karixkn: Über die behandlung des kinderschädels in Finland»; 
" jj: J. Rinne: »Über Zeichnungen finnischer gebäude im archiv 
der Oberintendantur zu Stockholm» ; Hj. Appelürkn-Kivalo: ;>Über 
erzeugermarken an Schwertern aus der wikingerzeit ^ ; '*/i2: Hj. 
Appelgrex-Kivalo : Ȇber die geschichte der finnischen alter- 
tumskunde /. 

— ^'orträge in der Finnischen Literaturgesellschaft im j. 
191 2: E. N. Setälä: »Louhi und ihre verwandten» '■ j; A. 
K0SKENJAAKKO: »Das rechtsleben behandelnde finn. u. estn. Sprich- 
wörter» ^l^\ K. Krohx : »Tiera, der Waffenbruder Lemminkäinens», 
'^|^\ E. A. TuNKELO: »Palvoa: - m; O. A. Väisänen: über seine 
reise nach Estland zwecks einsammlung von volksmelodien ''/,,. 

— \'orträge in der Finnischen Akademie der Wissen- 
schaften während des jahres 1912: H. Ojansuu : »Die estnischen 
ansiedelungen im gebiet der letten, ihre ausgangspunkte und ihr 
alter» '"/.,; A. Sot.avalta: »Über den Stufenwechsel in den samo- 
jedischen sprachen» ^Z^; K. Krohx; »Das schiff Xaglfar» ^/g; \'. 
Tarkiainex : »Über das Volkslied: 'Jos mun tuttuni tulisi'» ^'/-; 
J. AiLio: »Über die kunst der Steinzeit» '^/lo- ^- ^H. Christian- 
sen: »Die skandinavischen und westfinnischen zaul)ersprüche gegen 
Verstauchung» "'/ji^ K- Grotenfelt: »Die wikingerzüge der alten 
Skandinavier auf der Ostsee» ""/j] ; H. Ojansuu: »Das lied 'Elinan 
surma'» '/i2^ ^- Krohx: »Lapaüeto Syöjätär» ~'jy.^. 

— \'orträge in den Versammlungen der Kotikielen Seura 
im j. 1912: Tyyne Salmixen: Ȇber die postilh; Sorolainens in 
sprachlicher und kulturgeschichtlicher hinsieht» '^'^\ E. A. Tux- 
KELO: »Über einen leitfaden der Sprachrichtigkeit» ^'/2i E- ^'- Se- 
tälä: »Ukko und seine gattin Rauni» ^ ,; L. Merikallio: »Kaarlo 
Kramsus Studentenjahre» ■'''/^ ; E. X. Setälä: »Über das alter des 
namens hölmöläiset» ^^f^', U. Holmkerg : Metsännenä, vesi- 
hiisi, kalma» '',4: E. N. Setälä: »Kalpei. Marsio '• ^; J. Jaak- 



138 Mitteilungen. 

KOLA: x^Über Metelin väki» ^j^: L. Kettunen: »Über die arbeit 
M. AlRiLAs: 'Äännehistoriallinen tutkimus Tornion murteesta'» ^/,q; 
E. N. Setälä: .Pohjolan emäntä- : »Über die namen hämäläiset 
und hölmöläiset, sysmäläiset, est. küplased» ^^ lo- 

— Zwecks einsam mlung von material für das grosse wörter- 
bvicli der finnischen Volkssprache hat die Finnische Literatur- 
gesellschaft 1 9 1 2 an neun personen Stipendien verteilt, insgesamt 
1250 mk. Im laufe des jahres wurde das Vokabular von Kymi 
abgeschlo.ssen. Ende 1912 belief sich die zettelzahl der Sammlun- 
gen auf ca. 645,000. [Vgl. FUF XI Anz. 28.] 

Das Estnische Nationalmuseum (Eesti rahva museum) 
in Dorpat hat 19 12 und 1913 sein systematisches sammeln ethno- 
graphischer gegenstände, das i. j. 1909 begonnen wurde, mit be- 
stem erfolge fortgesetzt. Bis 19 12 bestand die Sammlung aus ca. 
5,000 nummern: 191 2 wurden 45 sammler ausgeschickt, die die 
Sammlung mit ca. 5,000 neuen nummern bereicherten; 1913 ar- 
lieiteten 50 Stipendiaten und über lOO freiwillige sammler, darunter 
einige vereine in ihrer Umgebung, wodurch die Sammlung auf ca. 
16-17,000 nummern stieg. Das Museum besitzt ausserdem eine 
l)ibliothek von ca. 15,000 estnischen büchern und 1,000 baltica in 
anderen sprachen. An ethnographischen postkarten hat das Mu- 
seum ca. 100 nummern verötfentlicht. — Vgl. FCF XI Anz. 28. 

— Eesti üUöplaste selts in Dorpat hat sein systematisches 
sammeln von estnischen volksmelodien und deren texten auch 
im sommer 191 2 fortgesetzt und zu dem zweck 13 sammler (dar- 
unter einer, der phonographisch arbeitete) ausgeschickt. Die Samm- 
lungen haben sich vom 27 /^ 1912-20/3 191 3 um 895 melodien ver- 
mehrt, sodass sie am letztgenannten tage 10,903 melodien um- 
fassten. An texten wurden 19 12 über i6,000 runenzeilen aufge- 
zeichnet. 

— Aus den zinsen des Ahlqvistfonds hat eine von der Fin- 
nisch-ugrischen Gesellschaft und Kotikielen Seura gemeinschaftlich 
eingesetzte kommission herrn mag. phil. J. Kalima. einen preis von 
300 mk. für seine arbeit .-)Die russischen lehnwörter im syrjäni- 
schen» (= MSFOu. XXIX 1 zugesprochen. 

— Eine Stiftung in höhe von 100,000 krönen machte durch 
letztwillige Verfügung der bruder von Maurus Wahrmann, Josef, 
mit der bestimmung, dass aus den zinsen derselben in vierjährigem 



Forschungsreisen. 139 



turnus preise an je einen gelehrten, Schriftsteller, l)ildentlen künst- 
1er und komponisten verteilt werden. Der vollziehende ausschuss 
ist seinerzeit dahin übereingekommen den grossen preis erst dann 
zu liquidieren, wenn die zinsen soweit angewachsen sind, dass jähr- 
lich rund 10.000 krcmen verteilt werden können. Da dieses ziel 
schon im j. 1912 erreicht wurde, hat der unter dem vorsitz des 
kultus- und Unterrichtsministers arbeitende ausschuss den ersten 
preis von zehntausend krönen Ott« Hermax, dem bekannten un- 
garischen ethnographen, zugesprochen. 



Forschungsreisen. 

— Auf kosten der Finnischen Literaturgesellschaft hat det 
amanuensis J. Lukkarinex im sommer 19 12 alte hochzeits- und 
heiratsgebräuche in Satakunta und Tavastland studiert. 

— Von der Finnischen Literaturgesellschaft erhielt mag. phil. 
E. ^^ Ahtia ein Stipendium zwecks einsammlung des Wortschatzes 
des karelischen dialekts von Suojärvi, den herr A. schon früher 
studiert hat. Das ergebnis dieser reise bestand in ca. 4,500 wort- 
zetteln, sodass die im besitz der Finnischen Literaturgesellschaft 
befindliche, von herrn A. gelieferte Wörtersammlung aus Suojärvi 
jetzt ca. 17,000 Wortzettel umfasst und zwar vom anfang des 
alphabets bis zum schluss des buchstaben K reichend. 

— Mag. phil. J. KujOLA hat im sommer 191 2 als Stipendiat 
der Finnischen Literaturgesellschaft seine linguistischen Studien 
über karelische dialekte fortgesetzt (s. FUF XI Anz. 34), diesmal 
in sieben kirchspielen des tverschen Kardien. Seine aufzeichnun- 
gen umfassen ca. 2,800 wortzettel, welche die ausspräche und 
beugung der vom gesichtspunkt der lautgeschichte ausgewählten 
Wörter in den verschiedenen kirchspielen veranschaulichen. 

— Stud. phil. O. A. \'ÄISÄNEN unternahm im sommer 19 12 
als Stipendiat der Finnischen Literaturgesellschaft und der »Eesti 
ylioplaste selts» eine reise in die südöstlichen teile des Wohngebiets 
der esten, um volksmelodien zu sammeln. Herr V. brachte 447 
melodien zusammen (von 104 sängern, ziegenhorn-, pfeifen- oder 
hirtenhornbläsern, harten-, geigen- oder harmonikaspielern). 



140 Mitteilungen. 

— Professor E. X. Setälä reiste mit herrn mag. phil. E. A. 
Saarimaa und seinem söhn, stud. math. Vilho Setälä, zu den 
liven ; die reise dauerte einen monat: von anfang juli bis anfang 
august 1912. Der zweck der reise war eine Übersicht der hvi- 
schen dialekte zu gewinnen und zugleich proben der folklore, aber- 
gläubische gebrauche usw. zu sammeln und photographische auf- 
nahmen von typen und ethnographischen gegenständen zu machen, 
und für diese zwecke wurde ein jedes livische dorf besucht. Es 
ergab sich, dass die lettisierung seit dem jähr 1888, wo prof. 
Setälä zuletzt die liven besucht hatte, besonders durch einwanderung 
und mischehen weiter vorgeschritten war: in einigen famihen konn- 
ten die kinder nicht mehr oder nur schlecht livisch; das letzte 
hvendorf an der östlichen küste Kurlands Melsillen (liv. niustä'niim) 
war fast ganz lettisch geworden. Schon auf seiner ersten reise 
hatte prof. Setälä die existenz dreier hauptdialekte, bezw. dialekt- 
gruppen konstatiert: der östliche dialekt, welcher im gebiet des 
gutes Dondangen gesprochen wird, der westliche in den dörfern 
Pisen (liv. 2ji~('i) '^^"d Luschen (liv. lü'z), und der vermittelnde dia- 
lekt im dorf Gross-Irben (liv. Ira), die drei letztgenannten dörfer 
im gebiet des gutes Popen. Da prof. Setälä bei den woten die 
erfahrung gemacht hatte, dass die mundarten der verschiedenen 
dörfer, oft sogar nachbardörfer, recht bedeutend voneinander ab- 
weichen, wollte er jetzt untersuchen, ob im livischen dasselbe 
der fall war. Es erwies sich aber, dass es sich nicht so verhielt. 
Es gab freilich unterschiede : besonders war die mundart in den 
östlichsten livendörfern, Kolken (liv. Icuf^llca) und Melsillen (liv. 
milstä^nuiTi), deutlich von den dialektschattierungen der anderen 
dörfer des östlichen gebiets verschieden, und auch sonst konnte 
man in der spräche der verschiedenen dörfer und auch der ver- 
schiedenen altersklassen gewisse unterschiede konstatieren, im gros- 
sen und ganzen aber waren diese unterschiede doch unerheblich. 
Stud. math. Vilho Setälä hatte besonders das photographieren 
zur aufgäbe: er machte im ganzen über 150 aufnahmen, welche 
die verschiedensten selten des livischen lebens sowie auch eine 
menge von typen und landschaften darstellen. Auch handhabte 
stud. Setälä den mitgenommenen parlographen : auf mehr als 60 
langen walzen wurden eine grosse anzahl volksmelodien, lieder, mär- 
chen, einzelne sätze und Wörter zwecks phonetischer Untersuchung 
aufgenommen. Herr mag. phil. E. A. Saarimaa sammelte orts- 



Forschungsreisen . 141 



namen wie auch abergläuljische geljräuche etc.; auf diesem gebiet 
waren die erinnerungen infolge der aufklärung recht spärhch; doch 
gUickte es ihm eine ansehnliche Sammlung zusammenzubringen. 

— Stud. phil. I. Itkonen, der im frühjahr 1909 von der 
Finnischen Literaturgesellschaft ein Stipendium für ethnographische 
Studien in seiner heimat Inarilappland erhielt, hat als ergebnis sei- 
ner forschungen eine beschreibung der dortigen älteren jagdarten 
und gebäude an die gesellschaft eingeliefert. 

— Mit einem von der Finnisch-ugrischen Gesellschaft und 
der Antellschen Delegation gewährten reisestipendium unternahm 
stud. phil. T. Itkonen eine ethnographische sammelreise nach 
Skoltelappland. Er brach zu johanni von Inari auf und befand 
sich schon drei tage später im gebiet der skoltelappen. Diese 
wohnen zerstreut an den zahlreichen gewässern zwischen den Aus- 
sen Pats- und Luttojoki und leben im sommer ausschliesslich von 
fischfang. Hier durchstreifte herr I. über 3 wochenlang kreuz und 
quer die weiten waldgebiete zwischen den seen Masas-, Tsukli-, 
Alkas- und Karnjaur und begegnete etwa zwanzig familiengenos- 
senschaften. Diese wohnen in sehr primitiven blockhütten, aber 
überall gibt es auch 3-, 6- und 8-eckige zelte. Das volk ist rus- 
sisch-orthodoxen glaubens. Alte gegenstände waren recht zahlreich 
zu haben. Die sachen, die erworben wurden — darunter genähte 
boote, lappenschlitten, gegenstände aus hörn und kleidungsstücke 
— wurden an besonderen lagerplätzen niedergelegt, von wo sie 
im winter bei günstiger Schlittenbahn leicht nach Inari und von da 
weiterbefördert werden können. Neben dem aufkauf von gegen- 
ständen hat herr I. auch ethnographische und linguistische Studien 
getrieben und sich vor allem auf gebäude und technik gelegt. 
Photographische aufnahmen machte er etwa 50. Über mythologi- 
sches war schwer etwas in erfahrung zu Ijringen, da die leute — 
wegen der kurzen bekanntschaft — nur widerwillig von ihren alten 
gebrauchen und Vorstellungen erzählten. Nach Inari kehrte herr I. 
ende juli zurück. 

— Auf kosten der Finnisch-ugrischen Gesellschaft hat der 
mordwine R. UcAEV auch im sommer 191 2 mordwinische volks- 
poesie gesammelt. — Mit Unterstützung derselben gesellschaft hat 
der tscheremissische lehrer T. Ev.sevev volkskundliche beschreibun- 



142 Mitteilungen. 



gen, Zeichnungen von gebäuden und Photographien von ethnogra- 
phischen gegenständen geh'efert. 

— Der tscheremissische bauer V. T. Jakmanov (aus dem 
kreise Jaransk im gouv. Vjatka) hielt sich den sommer 191 2 als 
linguistisches Studienobjekt in Finland auf. Nachdem prof. Set.\lä 
und dr. PoiROT experimentalphonetische Untersuchungen über sei- 
nen dialekt im phonetischen laboratorium der Universität Helsing- 
fors angestellt hatten, reiste J. nach der Sommerwohnung von prof. 
Wichmann, wo er dann den grössten teil des sommers weilte. 
Während dieser zeit ging prof. W. den wertschätz und die tormen- 
lehre des dialekts J.s an der hand seiner früheren lexikalischen 
und grammatischen Sammlungen durch und zeichnete eine anzahl 
sprachproben und daten über die interessante tscheremissische sekte 
kujoi-sorta auf, zu der sich J. bekannte. — Die reiseunkosten des 
tscheremissischen sprachmeisters bestritt die Finnisch-ugrische Ge- 
sellschaft. 

— Cand. phil. K. R. Donner reiste nach einem aufenthalt 
in Tomsk während des herbstes 191 i (s. FUF XI Anz. 35) von 
hier, um seine ostjaksamoj edischen forschungen fortzusetzen, 
weiter über den Narym nach dem dorfe Tvmskoe, in dessen Um- 
gebungen er für den anfang arbeitete. Später siedelte er nach 
der jurte des Kolgujak über und unternahm im frühjahr 19 12 eine 
längere exkursion nach dem Tymfluss bis Napäs. Weiter drang 
er diesmal nicht vor, denn während des juni kommen alle an die- 
sem flusse wohnenden samojeden auf dem mark von T\-mskoe zu- 
sammen, wo man sich mit ihnen bekannt machen kann. Nachdem 
herr D. anfang august seine arbeit am Tym abgeschlossen hatte 
und schon vorher. mit den Narj-m- und Vasj ugansamojeden be- 
kannt geworden war, reiste er nach Tomsk und von da nach 
Krasnojarsk, um u. a. nachrichten über die kamassinzischen 
samojeden einzuziehen. Dort wusste man jedoch nicht viel über 
diese; es hiess allerdings, dass es ihrer im kreise Kansk noch ein 
paar ulusse gebe, doch hielt man sie für tataren. Um der sache 
auf den grund zu gehen, reiste herr D. von dem kirchdorf Rybin- 
skoe ca. 200 werst geradenwegs nach S und gelangte zu dem 
uluss Ugumakova, wo jedoch alles tatarisch sprach. Hier wussten 
jedoch die bewohner von einem anderen, kleinen uluss namens 
Abalakova zu erzählen, dessen bewohner eine fremde spräche 



Forschungsreisen. 143 



sprechen sollten, und zwar eine spräche, die auch ihre väter ge- 
sprochen hatten. Herr D. reiste daher ca. 75 werst nach S und 
stiess in einem walde, am fusse hoher berge auf ein kleines dort", 
dessen bewohner sich karjinüSdkuza nannten. In dem dorfe wohn- 
ten ca. 30 Seelen, aber nur etwa ein dutzend alte leute konnten 
noch ihre muttensprache, ilas kamassinzische, sprechen. Von hier 
kehrte herr D. nach Krasnojarsk und Tomsk zurück, von wo er 
«eine reise mit dem schiff nach Tögur und weiter nach dem kirch- 
dorf Maksimkin-jar am Ketflusse fortsetzte. Auf dieser reise 
ergab es sich, dass nach dem Ob zu ein dialekt gesprochen wird, 
den Castrex untersucht hat, weiter weg aber eine einigermassen 
abweichende spräche. In grösserem ab.stand von dort, oberhalb 
Maksimkin-jar, sind die samojeden noch aussergewöhnlich wenig 
russifiziert. Hier und jenseits der grenze arbeitete herr D. denn 
auch zwei monate, den fluss entlang von jurte zu jurte nach dem 
kirchdorf Makovskoe reisend, wo er sich einige zeit mit den sog. 
natsko-pumpokolskschen samojeden beschäftigte. Auf seiner 
reise gewann er gewissheit darüber, dass am Ket drei verschiedene 
dialekte gesprochen werden, von denen der mittlere den anschluss 
an den natsko-pumpokolskischen dialekt vermittelt. — Im dialekt- 
gebiet des Tym sammelte herr D. ein ziemhch vollständiges Voka- 
bular und eine reiche menge volkspoesie. Für die dialekte am 
Narym und Vasjugan sind die Sammlungen nicht so gross, aber 
umso umfangreicher für die am Ket. Die gegenden am oberen 
Ket werden w-ahrscheinlich sowohl in sprachlicher als in volkskund- 
licher hinsieht ausserordentlich ergiebig sein. »Je besser man die 
spräche der ostjaksamojeden kennen lernt •>, sagt herr D. in seinem 
reisebericht (14. XI. 1912), .umso deutlicher erkennt man, wie 
eng sich diese spräche und wahrscheinlich auch die übrigen samo- 
jedischen sprachen an die finnisch-ugrischen anschliessen. Lässt 
man auch den am Ket vorkommenden Stufenwechsel, über dessen 
alter es noch verfrüht ist eine ansieht zu äussern, unberücksichtigt, 
so ist man doch überrascht zu sehen, wie deutlich und leicht un- 
terscheidbar die spuren des Stufenwechsels der uralischen Ursprache 
sich in diesen dialekten erhalten haben.» Vom ethnographischen 
Standpunkt ist es sehr interessant, dass der totemismus noch heute in 
grösserem oder geringerem umfang bei den ostjaksamojeden herrscht 
und dass in ihrer volkspoesie eine grosse menge erzählungen von 
dem helden It't'e und dem riesen Pfmegitsse vorkommen, die ein 



144 Mitteilungen. 

ganzes bilden, das herr D. als ein »ostjaksamojedisches volksepos» 
bezeichnen möchte. Die meisten zu diesem epos gehörigen sagen 
fanden sich in der gegend des oberen Ket. Herrn D.s ethnogra- 
phische Sammlungen sind ziemlich reich und die auf schamanismus 
und religion bezüglichen materialien sehr stattlich, ^'on archäolo- 
gischem aus der stein- und bronzezeit ist gleichfalls einiges vor- 
handen. Photographien hat herr D. einige hundert aufgenommen. 
Anthropometrische messungen hat er nur etwa lo machen können, 
weil die samojeden sich ihnen nur ungern unterzogen. Mit dem 
Phonographen wurden zauberlieder, gewöhnliche lieder, märchen 
u. a. gesammelt. 

Mitte november reiste herr D. von Jenisseisk nach Turuchansk; 
von da versucht er sich nach dem Tas und weiter nach dem Na- 
rym oder Vach zu begeben. 

— Mag. phil. T. V. Lehtisalo hat seine samojedischen Stu- 
dien in Obdorsk fortgesetzt (s. FUF XI Anz. 34-5), wo er den 
ganzen winter 191 1-2 arbeitete. Am 7. mai reiste er nach Europa 
hinüber, in das gouvernement Archangel. Hier arbeitete er kurze 
zeit an verschiedenen orten, am S'oidafluss, im samojedendorfe 
Kolva, in den russischen dörfern Ust-C3'lma, Uste (in der nähe von 
Pustozersk) und Oksino. So hatte er die in der Umgebung des 
Ural, in den kreisen Obdorsk, Petsora und Timan gesprochenen 
samojedischen dialekte kennen gelernt, deren wort- und formen- 
vorrat sich durchweg als identisch erwiesen, die aber in lautlicher 
hinsieht geringe unterschiede aufweisen. Am 13. okt. reiste herr 
L. über Archangel nach Mezen, wo er noch bis Januar arbeitete. 
Zu Weihnachten kehrte er nach Finland zurück. — Von den er- 
gebnissen sind die aus Obdorsk am reichlichsten. Von dort liegen 
vor ein Vokabular, eine umfangreiche Sammlung volkspoesie, m\-- 
thologisches material, mit dem phonographen aufgenommene melo- 
dien und eine anzahl Photographien. In den übrigen genannten 
gebieten hat sich herr L. hauptsächlich damit begnügt dialekti- 
sche unterschiede festzvistellen und ethnographisches material zu 
sammeln. 

— Ethnographische forschungen der beamten der finl. 
Archäologischen Kommission im j. 19 12. Herr intendant Th. 
ScHViNDT hat zwecks trachtenstudien das archiv der Finländischen 
Ökonomischen Gesellschaft in Abo durchforscht und Satakunta, 



Forschungsreisen. 145 

Österbotten, das Eigentliche Finhintl und Aland bereist. — Herr 
amanut nsis U. T. SiRELiis hat gebäude, beförderungsmittel, fang- 
geräte, renntierzucht u. a. in Südkarelien, Savolax und Nordöster- 
botten studiert. — Herr intendant A. O. Heikel hat kircliliche 
altertünier tiir das freilichtinuseuni gesammelt und zu diesem zweck 
di«; kirchspiele Ylitornio, Kemi, Pihtipudas, Raahe, Vihanti, Oulai- 
nen, Piippola, Kantsila, Pulkkila, Kokkola und Kronobv besucht. — 
Herr amanuensis ]. LUKKARINKN hat die hochzeits- und heirats- 
gebräuche des Volkes in Savola.x, Karelien, Österbotten, Nyland 
und Satakunta .studiert und die einsamrnlung von volkssitten seitens 
der Finnischen Altertumsgesellschaft geleitet. 

— Archäologische Untersuchungen im j. 191 2. Herr 
amanuensis J. AiLio hat untersucht die reste von drei vielleicht 
bronzezeitlichen grabhügeln in Nakkila und einen ebensolchen in 
Pernio, 3 leichengräber aus der jüngeren eisenzeit in den hügeln 
Osman- und Käräjämäki im kirchspiel Eura, einen steinzeitlichen 
wohnplatz in Hinnerjoki, den fundplatz von 2 hammeräxten in Kare- 
lien, eine mutmassliche »riesenburg> in Jyväskylä und den fundplatz 
eines steinzeitlichen skulptierten holzlötfels in Laukaa. — Herr ama- 
nuensis A. Hackman hat ausgrabungen ausgeführt auf eisenzeitli- 
chen grabfeldern im ksp. Nakkila und in Kaukola, ksp. Tyrvää, 
sowie auf grabfeldern aus der zeit der Völkerwanderung in Tiihala, 
ksp. Kangasala, Värilä, ksp. Pälkäne, und Vattula, ksp. Hauho; 
ferner hat er topographische Untersuchungen in Tyrväntö und 
Messukylä gemacht. — Herr amanuensis B. Cederhvarf hat hü- 
gelgrabfelder in Saltvik, Finström und Jomala auf Aland studiert. 
— Der ao. amanuensis herr A. M. Tallgren hat steinzeitliche 
wohnplätze in Järkälä und Merikarvia, ksp. Maaria, steinschüttgrä- 
ber in Uskela, Merikarvia, Sideby, Lappfjärd, Närpiö und Pirtti- 
kylä, eisenzeitliche grabfelder in Laitila und Uusikirkko und einen 
opferplatz aus der zeit der Völkerwanderung in Levänlahti, ksp. 
Isokyrö, untersucht. — Der ao. amanuensis herr Kaarle Soikkeli 
hat ausgrabungen auf einem steinzeitlichen wohnplatz bei Viipuri 
angestellt und fundplätze in Muolaa, Metsäpirtti und Kurkijoki topo- 
graphisch untersucht. — Der ao. amanuensis herr S. P.VLSI hat an 
steinzeitlichen fundplätzen in Kaukola und Räisälä nachgegraben. 

— Kunsthistorische forschungen im j. 191 2. Herr inten- 
dant K. K. Meinandek hat finnische fahnen in St. Petersburg stu- 

Fiun.-ngr. Forsch. XII. Auz. lO 



146 Mitteilungen. 

diert, die kirchen in Halikko, Lapträsk, Elimäki, Kalvola, Vasa, 
Koivulahti, Vähäkyro, Hattula, Kärkölä und Jämsä inspiziert und 
Studien in den museen zu Viipuri, Hämeenlinna, Abo und Marie- 
hamn getrieben. — Herr Intendant Juham Rinne hat restaurie- 
rungsarbeiten inspiziert und iiljerwacht sowie neue in Raseborg, 
im Aboer schloss, in Kuusisto, Kastelholm, Savonlinna, an den 
wällen zu Lappeenranta und in der kirche von M3'nämäki bean- 
tragt. — Herr architekt A. Tavaststjerna hat museumseinrichtun- 
gen in St. Petersburg, Stockholm und Norwegen studiert, Unter- 
suchungen in den kirchen zu Sakkola, Dragsljärd, Eckerö, Ham- 
marland und Borgä ausgeführt und die reparaturen in der kirche 
zu Tornio überwacht; ferner hat er die kirche und den glocken- 
turm von Karuna in das freilichtmuseum auf Seurasaari (Fölisöni 
bei Helsingfors übergeführt, in Isokyrö und Eckerö angehende 
architekten beim ausmessen und abzeichnen von kirchen angeleitet 
und alte beförderungsmittel und fuhrwerke in Oulu abgezeichnet 
und katalogisiert. 



t 



Emilio Teza. 

(1831—1912.) 

Am 30. märz 191 2 starb im hohen alter von So jähren der 
professor des sanskrit und der vergleichenden geschichte der klas- 
sischen sprachen an der Universität Padua Emilio Teza. 

Teza war in der landschaft Venezien am 14. September 1831 
geboren. Er studierte hauptsächlich in Wien, wo er sich beson- 
ders mit dem griechischen, den slavischen sprachen und dem un- 
garischen beschäftigte. Er wurde professor des sanskrit und der 
vergleichenden Sprachwissenschaft zuerst in Bologna, dann in Pisa 
und schliesslich in Padua, und als professor an dieser alten Uni- 
versität verharrte er bis zu seinem tod. 

Emilio Teza war ein grosser praktischer sprachkenner; unter 
den vielen und verschiedenartigen sprachen, welche er kannte, war 



f Emilio Teza. 147 

auch (las finnische, welches er ungehindert zu lesen verstand. 
Seine rege literarische tätigkeit enthält eigentlich kein »Haupt- 
werk», sondern eine ungeheure masse von meistens kleinen schrit- 
ten über sehr verschiedene wissenschaftliche gegenstände, teilweise 
sogar schönliterarischen Inhalts: er hat nämlich mehrere Über- 
setzungen verschiedener gedichtwerke ins italienische geliefert. 

Emilio Tezas Untersuchungen hatten auch das finnische zum 
gegenständ: er schrieb über die sternennamen l Xoini di stelle. 
Nota») irn finnischen, über den entdecker der finnisch-ungarischen 
Sprachverwandtschaft Martin Vogel (»Del 'Nomenciator finnicus' 
mandato da Martino Fogel in Italia») und über das Kalevala, wel- 
ches er in seiner antrittsvorlesung (»Discorso inaugurale») 1880 
behandelte und wovon er im jähre 1894 die 16. rune in italieni- 
scher Übersetzung unter dem titel »Mancano tre parole. 11 canto 
XVI del Calevala» veröffentlichte. Die letztere schrift erschien als 
Sonderabdruck aus den Verhandlungen des »Instituts der Wissen- 
schaft, literatur und kunst> CR. Istituto Veneto di scienze, lettere 
ed arti) in Venedig und enthielt einige bemerkungen über das fin- 
nische metrum und über einige literaturgeschichtliche parallelen. ' 

Der unterzeichnete, welcher Emilio Teza im jähre 1899 in 
Padua persönlich kennen lernte, bewahrt von dieser begegnung 
eine angenehme erinnerung an seine selbständige und intelligente 
persönlichkeit, welche sich auch in seinem originellen, etwas schwer 
lesbaren stil abspiegelt. In seinen schritten findet man immer 
interessante gesichtspunkte und gedanken, welche geeignet sind 
den leser zu fesseln. 

E. N. Setälä. 



' Es mögen noch folgende Schriften erwähnt werden: >Canzoni 
Magiare» (IVIodena 1893, enthält zwei uug. Volkslieder in ital. Übersetzung 
nebst konimentar) und »Dalle canzoni di popolo in Hngua Estoua. 
Nota-» (Venezia 1901). 



1 48 Mitteilungen. 



t 



Alfred Ludwig. 

(1832—1912.) 

In Alfred Ludwig hat die Sprachwissenschaft einen ihrer 
berühmtesten mitarbeiter verloren. Wegen seines interesses für die 
finnisch-ugrische Sprachforschung soll ihm auch seitens unserer Zeit- 
schrift ein kurzer nachruf gewidmet werden. 

Alfred Ludwig war am 9. Oktober 1832 in Wien geboren, 
habilitierte sich 1858 an der Wiener Universität als dozent für 
klassische philologie, wurde 1860 als ausserordentlicher professor 
nach Prag für das lehrfach der klassischen philologie und der ver- 
gleichenden Sprachwissenschaft berufen, 1871 wurde er ordentlicher 
professor der vergleichenden Sprachenkunde an der Prager Univer- 
sität, und in dieser Stellung blieb er — nach der Zweiteilung der 
Prager hochschule als professor der k.k. deutschen Universität — 
bis zum I. Oktober 1901, wo er in den ruhestand trat. Er starb 
am 12. juni 191 2. 

Ludwig war in erster Hnie sanskritforscher; sein hauptwerk 
»Der Rigveda oder die heiligen hymnen der Brähmana» (^Übersetzung 
und korrimentar in 6 bänden, 1876-88) hat seinen namen in der 
gelehrten weit rühmlichst bekannt gemacht. Mit einer seltenen 
Vielseitigkeit arbeitete er aber auch auf anderen gebieten der phi- 
lologie und Sprachwissenschaft; besonders hat er mehrere Unter- 
suchungen zur griechischen philologie und auch zur indoeuropäi- 
schen formen- und wortgeschichte geliefert. Sein interesse er- 
streckte sich auch auf nicht-indoeuropäische sprachen : er hat Stu- 
dien über die semitische philologie, die dravida-sprachen und sogar 
über das finnische — worüber gleich mehr — veröft'entlicht. Und 
bei dieser tätigkeit hat er auch an der klärung der allgemeinen 
prinzipiellen fragen der Sprachwissenschaft teilgenommen. Ganz 
besondere aufmerksamkeit hat seine »Streitschrift» »Agglutination 
oder adaptation» (1873) hervorgerufen, welche zunächst