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Full text of "Florence Nightingale"

THE LIBRARY 

OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

LOS ANGELES 



GIFT OF 

DR. AND URS. ELMER BELT 



FLORENCE 
NIGHTINGALE 



FLORENCE 

NIGHTINGALE 

VON 

LAURA ORVIETO 



,Ich bin Deine Magd 
und Du bist mein Herr*. 



VERLAG OPRECHT Z O RIC H / N E W-YOR K 



Berechtigte Übersetzung aus dem Italienischen 
von Lola Lorme, Florenz 



Alle Rechte in deutscher Sprache vorbehalten 
Copyright 1943 by Europa Verlag A. G. Zürich 
Umschlag: Rob. S. Gessner. Druck-' Heliographia S. A. Lausanne 
Printed in Switzerland 



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Aus der Jugendzeit 

Vier Uhr morgens. Es ist noch dunkel. Nicht einmal ein heller 
Schimmer zeigt sich am Horizont und die Sterne glänzen klar. 
Florence erhebt sich von ihrem Lager, weil sie während des 
Schlummers eine Stimme zu vernehmen gemeint hatte : 

« Nicht schlafen ! Dich erwartet das Leben, dich erwartet die 
Arbeit! » 

Welche Lust, aufzustehen, jung zu sein, fähig etwas Tüchtiges 
zu leisten ! Florence springt aus dem Bett und gleich ist jede 
Spur von Schläfrigkeit verschwunden. Sie zündet die Lampe an 
und denkt an den Tag, der vor ihr liegt. 

Das Haus ist ganz still. Doch dort auf dem Tische liegen die 
unbeendeten Aufgaben, sie mahnen wie das Läutwerk einer 
Weckeruhr. Rasch hat sie sich angezogen und sitzt schon vor 
ihrem Schreibtisch. Sie sieht ihre Hefte durch. 

« Die Lateinaufgabe ist für heute. Doch auf morgen muss ich 
den « Phaedon » übersetzen. Ja, ich erinnere mich genau an die 
Stelle. Fangen wir mit Latein an. » 

Aus den musterhaft geordneten Schubladen entnimmt das 
junge Mädchen Lehrbuch, Hefte und Wörterbuch. Nun widmet 
sie sich aufmerksam und intensiv der Arbeit, vom roten Licht der 
Lampe beleuchtet, das ihrem Haare goldene Reflexe entlockt. 

Alles um sie her ist in Schweigen versunken. Für Florence 
existiert jetzt gar nichts ausserhalb des lateinischen Textes der 
« Zweiten Tuskulanischen Disputation », die sie zu übersetzen hat : 

« Ihr habt mir immerhin genug gewährt, als Ihr mir die Ant- 
wort gegeben habt, Unehre schiene Euch ein grösseres Übel als 
Schmerz. » 

Die Aufgabe ist schwer. Doch es ist nicht Florencens Art, sich 
von Schwierigkeiten abschrecken zu lassen. Bei den schwersten 

1 



Stellen liest sie den Urtext noch einmal durch, überprüft die 
Übersetzung, schlägt im Wörterbuche nach, sucht Subjekt und 
Verb, konzentriert ihre volle Aufmerksamkeit, konstruiert mühe- 
voll die Zeitform von neuem und schreibt den ganzen Satz erst 
nieder, wenn sie ihn verstanden und richtig übersetzt hat. 

Die Dunkelheit ist nicht mehr so tief. Das rote Licht der 
Lampe kämpft gegen die Tageshelle. Die Kanadareben vor dem 
Fenster heben sich schattenhaft vom Himmel ab, der in weissem 
Schimmer aufglänzt. Schnell wird das zarte Dämmern vom Mor- 
genrot überwunden. In ihre Arbeit versunken, merkt die kleine 
Studentin kaum, dass es schon Tag ist. Sie liest, denkt nach und 
schreibt. 

Endlich ein langer, tiefer Seufzer. Sie ist fertig, blickt um 
sich, löscht die Lampe aus und sieht zum Himmel empor. Ihr 
feines Antlitz mit den regelmässigen Zügen ist rosig und heiter. 
Nochmals durchliest sie ihre Übersetzung und kopiert die Arbeit. 
Dann schliesst sie Bücher und Hefte und legt sie sorgfältig, ohne 
jede Hast, an ihren Platz. Während sie das tut, lauscht sie dem 
Rauschen ihres geliebten Flusses Derwent, der im Hintergrund 
des Parkes dahinfliesst und ihr von Gottes Grösse und Güte 
erzählt. 

Der Fluss ruft sie. Ja, der Fluss ruft sie wirklich und be- 
gleitet mit seinem Rauschen ihre Träume, ihre Zweifel und ihr 
Sinnen, 

Warum ist so viel Leid auf der Welt ? Warum existieren so 
viele armselige Geschöpfe, so viele Unglückliche, so viele Kranke ? 
Warum denken die Menschen, die Gesundheit, Kraft und Reichtum 
besitzen, nicht an jene, die leiden ? Warum gibt es Menschen, 
die immer nur entbehren und andere, die nur geniessen und sich 
des Genusses erfreuen ? Und warum hat uns Gott das wunderbare 
Ding gegeben, das « Leben » heisst ? 

Wahrlich ein wunderbares Geschenk — gebrauchen wir es 
aber auch nach seinem Willen ? Warum gibt es so wenige, die 



Gott ihr Leben weihen. Warum ersehnen alle bloss Reichtum 
und irdische Güter ? 

Reichtum erscheint Florence geradezu als Hindernis, wenn 
man ein höheres Leben erstreben möchte. In dem schönen Hause, 
in dem grossen Park ihrer Eltern, fühlt sie sich, die doch Vater 
und Mutter zärtlich liebt, fast wie eine Fremde. 

Von Zeit zu Zeit vernimmt sie eine Stimme, die sie mahnt, 
dass Gott sie zu seinem Dienste bestimmt hat. Aber zu welchem 
Dienste und auf welche Art ? Sind die lateinischen und griechi- 
schen Aufgaben, das Studium der Mathematik und Geschichte 
auch Wege Gottes ? Florence weiss es nicht. Eines ist ihr aber 
bewusst : wenn sie sich mit Ernst und Aufmerksamkeit diesen 
Aufgaben und Studien hingibt, so findet ihre Seele Frieden und 
ihr unruhiger Geist besänftigt sich. Der Wege Gottes gibt es so 
viele und welcher Mensch darf sich vermessen, sie alle zu kennen ? 



Die alte Peggy 

Florence schreitet sinnend durch den Park, fast ohne zu wissen, 
wohin der Weg sie führt. Da zuckt sie zusammen, denn sie hat 
ein wohlbekanntes Wiehern gehört. Ein Mal, dann noch ein 
zweites Mal wiederholt sich das Wiehern, das so freundlich klingt 
wie ein Gruss. Deutlich erkennt sie die Stimmen der beiden 
Pferde ; sie sind ganz verschieden voneinander. Die alte Peggy, 
eine ausgediente Stute, die man hatte töten wollen, weil sie zu 
nichts mehr taugte — nur auf die inständige Bitte des jungen 
Mädchens hatte man das gute Tier am Leben gelassen — und 
Dear, ihr weisses Füllen. Beide grüssen die junge Herrin. 

Sie tritt in den Stall und geht zuerst zur alten Peggy, die ihr 
so anhänglich ist. 

« Willst Du ein Stückchen Zucker, Peggy ? — Sie führen sie 
heute in die Sonne hinaus, Robert. Nicht wahr ? » 



Robert, der Stallbursche striegelt behutsam das feine, weisse 
Fell von Dear, dass es ordentlich leuchtet. Das junge Mädchen 
liebkost die zarten Nüstern ihres Füllens und klopft ihm liebevoll 
die glänzenden Flanken. Dear erwidert ihre Liebkosungen auf 
seine Art. Augen, Nüstern und Schweif, ja der ganze junge Leib 
des Tieres zeigen an, wie sehr sich das Füllen der lieben Nähe 
freut. 

« Gelt, Du willst wissen, ob ich heute ausreite ? Ja, aber zuerst 
müssen wir Peggy ins Freie führen. » 

Peggy wird nun auf die grosse Wiese gebracht, um dort zu 
grasen. Ihr alter Körper geniesst die Sonnenwärme. 

Jetzt schwingt sich Florence in den Sattel, zu einem flotten 
Galopp in der Sonne. Die frische Morgenluft bläst ihr ins Gesicht, 
wie die kräftige Liebkosung eines gigantischen Freundes. Die 
tauschimmernden grünen Wiesen fliegen vorüber und die blühen- 
den Bäume gleichen leuchtenden Opferkerzen, die die Erde zum 
Himmel emporreicht. Der eilig dahinfliessende Derwent raunt 
seine geheimnisvolle Sprache weiter. Die ganze Natur atmet Gott 
und singt sein Lob. 

Haben sich heute Rogers Ziegen alle verlaufen ? Wie ist das 
geschehen ? Ah, dort unten steht ja Roger und plagt sich, die 
Ausreisser wieder einzufangen. Aber es will ihm nicht recht 
gelingen. Ist denn der Hund nicht da ? « Cap, wo bist Du ? " 
Florence hat den Hund des Hirten so gem. Das Tier ist brav 
und hält die ganze Herde zusammen. Er lief ihr sonst mit freudigem 
Gebell wedelnd entgegen und beutelte lustig die Ohren, wenn er 
sie von weitem erblickte. Doch heute ist Cap nicht da ? Warum 
nur ? 

Florence fragt den Hirten Roger nach seinem Hund. Aber 
Roger ist selbst so bekümmert, dass er nur ganz mechanisch 
seine verlaufenen Ziegen zusammentreibt. Ach, seinem Hund 
geht es ja so schlecht. Ein böser Junge hat ihn mit Steinen beworfen 
und am Bein getroffen. Cap kann nicht auf den Füssen stehen. 



jammert fortwährend und das verwundete Bein ist ganz geschwollen 
und blutunterlaufen. « Er wird nicht mehr gesund, nein, er kann 
nicht mehr gesund werden. » 

« Wenn ich heute abend nach Hause komme, werde ich ihn 
töten. Besser man bringt ihn gleich um, als dass man ihn so 
jammern hört. » 

« Umbringen, Roger ! Nein, der arme Cap ! Ich will nicht, 
dass er stirbt und bin überzeugt, dass man ihn kurieren kann. 
Nicht wahr. Hochwürden ? » 

Florence wendet sich mit dieser Frage an den Reverend 
J. Giffard, der sie auf ihrem Spaziergang begleitet. Sie ist seiner 
Hilfe gewiss. So gehen sie miteinander zur Hütte, wo der arme 
Hund zusammengekauert am Boden liegt und unaufhörlich seme 
herzzerreissende Klage ausstösst, während seine klugen Augen 
mit dem sprechenden Blick um Hilfe flehen. Nein, nein, man 
darf ihn nicht sterben lassen ! 

Nur bei den Puppen ihrer Schwester Parthenope hat Florence 
bisher als Pflegerin geamtet. Das waren freilich kleine Patientinnen, 
die nicht einmal klagten, wenn ihnen, was manchmal vorkam, 
alle beiden Beine gebrochen waren. Einen wirklichen, lebendigen 
gebrochenen Fuss hatte Florence noch nie zu Gesicht bekommen. 
Dennoch ist sie fest davon überzeugt, dass Cap gesund werden 
müsse. 

« Nicht wahr, er wird ganz gesund », wiederholt sie fort- 
während, schon um sich selbst zu beruhigen. Sie zwingt sich, 
das entsetzlich geschwollene Bein genau anzusehen : Welch furcht- 
barer Anblick ! Sie will es aber um jeden Preis heilen. So versucht 
sie ihren Begleiter zu bestimmen, alles zu tun, um Cap zu retten. 
Reverend Giffard untersucht sachgemäss den gebrochenen Fuss 
und die eiternde Wunde. Er hat wenig Hoffnung, Cap helfen zu 
können ; aber wie kann man es übers Herz bringen, für den armen 
Hund nicht sein möglichstes zu tun, wenn man die Betrübnis 
des bittenden Mädchens vor Augen hat ? Florence und der hoch- 
würdige Herr teilen sich in die Arbeit : er als Arzt und sie als 



Pflegerin. Das Bein muss unbeweglich gemacht, die Wunde 
gereinigt, die Geschwulst durch Umschläge zum Schwinden 
gebracht werden. Diese heissen Umschläge sind stündlich zu 
erneuern. 

Der Reverend beginnt die Behandlung und Florence soll sie 
fortsetzen. Dann geht er fort und die freiwillige Pflegerin bleibt. 
Nun stöhnt und winselt der Hund nicht mehr so jammervoll 
und unaufhörlich. Cap sieht Florence dankbar an. Auch die 
Wunde ist nicht mehr so schrecklich, wie am Anfang, und das 
Bein gleicht fast wieder einem normalen Hundebein. 

Wie spät es geworden ist ! Aber es ist doch unmöglich, Cap 
allein zu lassen, um sich nach Hause zum Mittagessen zu begeben. 

« Johnnie, bitte, gehen Sie in die Villa hinüber und sagen 
Sie Mama, dass ich hier bin. Erklären Sie ihr genau, warum ich 
noch nicht zurückkommen kann. Sagen Sie ihr, dass ich hier zu 
Mittag esse ! » 

Trockenes Brot, Ziegenkäse und eine gute Tasse Milch bilden 
das Mittagessen von Florence. Aber Cap hat aufgehört zu jammern. 
Gegen Abend findet sich der hochvmrdige Herr wieder em und 
hat seine helle Freude an der Besserung seines Patienten. Später 
kommt Roger und ist ganz selig. Sein Hund ist wieder auferstanden. 
Ja, Roger glaubt, Cap könne sich schon auf seinen vier Beinen 
halten ! Dazu ist es noch zu früh. Es werden noch Tage vergehen, 
ehe das gute Tier sich wird bewegen können. Aber endlich wird 
es auch so weit sein. 

Nun ist es wirklich soweit. Florence kann sich der Weide 
nicht nähern, ohne dass Cap seine Retterin begrüsst und ihr für 
die Güte dankt, die sie ihm erwiesen. Er freut sich des Lebens 
und ist glücklich, Rogers Ziegen bewachen zu dürfen. Ja, er hat 
seine Aufgabe. 



Reise in der Postkutsche 

Schauplatz der Handlung ist nicht mehr England mit seinen 
grünen Weiden und den grauen Nebeln, das Land, das den Herzen 
der beiden Schwestern so teuer ist. Sie sind auf Reisen. Die 
kleine, in Florenz geborene und nach dieser Stadt benannte 
Engländerin Florence und ihre jüngere Schwester, die in Neapel 
zur Welt kam und davon ihren Namen Parthenope herleitet. 
Beide fahren sie nun durch ihr Geburtsland. Sie können sich 
nicht mehr an Italien erinnern, weil sie im zartesten Kindesalter 
nach ihrer Heimat England gebracht wurden. 

Nach Neapel sind sie auf dieser Fahrt überhaupt nicht ge- 
kommen, wohl aber nach Florenz. Was waren das doch für 
köstliche Reisen ! Wenn man in der alten Postkutsche die Land- 
schaft sich allmählich vor dem entzückten Auge ausbreiten sieht, 
mit den Dörfern, die wie trauliche Nester der Menschenkinder 
im grünen Hag versteckt sind, mit den hochragenden Glocken- 
türmen, die in der Feme auftauchen und immer höher in den 
Himmel wachsen, wenn man näher kommt. Die besinnliche und 
umständliche Zeremonie der Abreise, der Wechsel der Pferde 
und der dadurch bedingte gemütliche Aufenthalt. Und erst die 
Ankunft bei anbrechender Dunkelheit, die schwankenden Lichter 
der Laternen im Hofe der Herbergen, in denen man die Nacht 
verbringen soll. Und man hat so viel Zeit, um zu träumen ! 
Umso weniger Zeit hat man aber zum Niederschreiben der Ein- 
drücke, zum Erzählen, was man gesehen, empfunden und be- 
wundert hat. 

Denn Florence interessiert sich für alles. Für die Landschaft 
ebenso wie für die Bebauung des Bodens, für die Kunstwerke, 
die Gesetzgebung, die sozialen und humanitären Einrichtungen 



des Volkes, in dessen Land man sich befindet. Ganz besonderes 
Gewicht legt sie dabei auf die Wohltätigkeitsanstalten. 

Sie nimmt von allem Notiz, mit derselben Genauigkeit und 
Aufmerksamkeit, mit der sie früher die lateinischen und griechi- 
schen Klassiker übersetzt hat. So macht sie sich die vielfältigsten 
Erkenntnisse zu eigen : die allgemeinen Richtlinien eines Vortrags 
und die Berichterstattung über einen Gesellschaftsabend, die 
politischen Ereignisse und die Aufführung italienischer Werke 
gewinnen in ihrer Schilderung neue Seiten. Wie viele Vergnügun- 
gen gibt es doch ! Jedes Fest bringt Einladungen zu neuen Festen 
mit sich. Konzerte, Bälle, Picknicks und Aufführungen von Schau- 
spielen und Opern folgen einander wie eine Kette von Tönen 
und Farben. 

Wie erhaben ist der italienische Gesang ! Kann man sich 
köstlichere Abende denken, als die, an denen man Rubini oder 
die Grisi, die Malibran und Tamburini singen hört ? Auf der 
weiten Reise kommt man von Florenz nach Genua und bis nach 
Paris : überall ein einziges Fest, ein Aufglänzen zahlloser Lichter, 
ein ewiges Hin und Her von vornehmen, eleganten, heiteren und 
geistreichen Leuten, in deren Mitte Florence und Parthenope 
sich anerkannt, gefeiert und willkommen fühlen. 

Wer denkt noch der geheimnisvollen Stimmen, welche sich 
im Rauschen des Derwent vernehmen Hessen ? Tanz, Musik und 
Gesang lösen einander in froher Harmonie ab. Es bleibt keine 
Zeit, an andere Dinge zu denken. Die Mahnungen, die aus fernen 
Tiefen aufgestiegen sind, um die Seele von Florence zu beun- 
ruhigen, sie werden von dem fröhlichen Treiben festlicher Gesellig- 
keit übertönt. 

In den Prunksälen lächeln liebenswürdige Kavaliere während 
des schwebenden Tanzes. In den Opern von Rossini und Donizetti 
trillern und glänzen die berühmtesten Sänger. Florence ist trunken 
von Musik, taucht in die Wellen der zauberhaften Töne, die sie 
begeistern. 

Trunken von Musik... doch unter Tönen, Tänzen und Ge- 

8 



sängen kann man auch krank sein und sterben !... In Florenz, der 
Stadt, in der sie geboren ist, und deren Namen « so süss wie 
Maienduft'» sie trägt, just in dem Hause, das sie gastlich aufge- 
nommen hat. Hegt ein junges englisches Mädchen an schwerer 
Krankheit darnieder. Wie furchtbar : gezwungen zu sein, in 
Schmerzen schweigend in fremden Betten krank zu liegen ! 

Florence vergisst darüber Musik und Tanz. Sie sitzt in dem 
halbdunklen Zimmer neben der jungen Kranken, die sie nur 
ganz flüchtig kennt. Freudig bringt sie ihr das Opfer ihrer glück- 
lichsten Lebenszeit, weil sie keinen grösseren Wunsch hegt als 
den, das Mädchen möge gesunden. 

Galante Kavaliere und anmutige Damen tanzen in den weiten 
Sälen an den Ufern des Arno. Im Theater der Pergola bringt 
die Grisi wunderbare Modulationen zustande, versprüht die 
Triller und die girrenden Kehllaute ihrer goldenen Stimme. 

Doch nicht für Florence, die an einem Krankenlager wacht. 



In Lea Hurst 

Inzwischen ist der Bau des Landhauses, das die ganze Familie 
in England aufnehmen soll, vollendet worden. Durch eine Erbschaft 
von Seiten alter reicher Verwandten, ist der Besitz der Nightingales 
noch mehr angewachsen. Nachdem sie die Schönheiten Italiens, 
den mondänen Glanz von Paris hinter sich gelassen, betritt die 
neue Herrschaft voll Bewunderung ihr Haus. Um wie viel grossar- 
tiger und schöner ist dieses Gebäude als das alte ! Ein weiträumiger, 
edler Bau mit emer Flucht von eleganten Salons im Erdgeschoss, 
sowie zahlreichen Gastzimmern im obersten Stockwerk. Ein 
prächtiger Wohnsitz, in dem man alle Freuden geniessen kann, 
welche Reichtum und Bildung vereint zu bieten wissen. 

Auf der grünen Wiese liegen unzählige farbige Kissen. In 
diesen Kissen ruhen die beiden Schwestern. Bücher, Hefte und 
Mappen sind um sie verstreut. Nachtigallen singen, der heisse 



Hauch des Juni weht ermattend. Parthenope ist sehr glücklich. 
Es scheint ihr, als lebe sie in einem irdischen Paradies im Geiste 
Dante's. Rhododendron, Rosen und Azaleen stehen im Bluste ; 
Düfte, Farben und Klänge wiegen das junge Mädchen in holde 
Gedanken, und sie dünkt sich eine Waldfee, eine Nymphe, 
geschaffen für Glück und für reinstes Licht, in das sie tief auf- 
atmend eintaucht. Der Schöpfer hat all diese göttlichen Dinge 
werden lassen : die Blumen, des Himmels Azur, singende Vögel 
und grüne Wiesen, als wahren Segen für die Menschheit. 

Wie schade, dass man nur zu zweit sich dieser Wunder erfreuen 
soll ! Es müssten Menschen kommen, um sie mitzugeniessen ! 
Wen soll man einladen ? Florence ist auch von Bewunderung 
hingerissen. Ja, alles ist Glanz und Schönheit. Alles spricht von 
der Grösse und von der Güte Gottes. Der unablässig tönende 
Gesang der Vögel scheint ein Engelschor, der die Menschen 
auf erhabenere Gedanken hinweist, ein lebendiger Chor, der 
vom Himmel herabsteigt, um die Erde zu beseligen. 

Aber wer hört, wer versteht auf Erden diesen Chor ? Die 
Menschen sind entweder vom Reichtum oder von Armut bedrückt. 
Sie haben Augen und sehen nicht ; sie haben Ohren und hören 
nicht. Das Weinen der leidenden Menschheit vermischt sich 
für Florence mit den göttlichen Himmelsliedem und verschmilzt 
mit ihnen zu untrennbarer Einheit. 

Parthenope vernimmt das Weinen nicht und unterbricht das 
Schweigen. 

« Florence, ich bitte Hilaria, gleich zu uns zu kommen ! 
Glaubst Du, dass die Tante sie fortlässt ? Hier in Embley scheint 
mir alles viel zu schön und es dünkt mich krasser Egoismus, 
dass wir beide ganz allein diese Herrlichkeit geniessen. Meinst Du 
nicht auch, wir würden zusammen mit unserer kleinen blonden 
Kusine noch viel glücklicher sein ? Welcher Frieden und welche 
Harmonie ! Glaubst Du, dass Hilaria kommen wird ? » 

« Es ist sehr schön », antwortet Florence. Ihre Stimme klingt 
so seltsam ernst, und wenn Parthenope imstande wäre, klarer zu 

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verstehen, würde sie in dem Klang das Echo einer fernen und 
leidvollen Klage hören : des Weinens der schmerzbedrückten 
Menschheit. Nein, für Florence ist kein Frieden gekommen. Und 
auch die Freude nicht. 

« Frieden, Freude ? Wünsche ich mir denn diese Freude 
Parthenope's ? Sie freut sich, weil sie nicht sieht, sie findet Frieden, 
weil sie nicht hört. Sie kann das Leid der anderen vergessen. 
Nein, diesen Frieden begehre ich nicht », denkt Florence. 

« Florence, warum bist Du traurig ? Warum willst Du un- 
g'ücklich sein ? Du besitzest alles, was man sich auf Erden nur 
wünschen kann, und Du marterst Dich selbst ? Was fehlt Dir ? » 
forscht die Schwester besorgt. 

Parthenope kennt Florence. Parthenope weiss, dass Florence 
nicht glücklich ist, wenn sie still vor sich hinsinnt und träumt 
und so weit entfernt von ihr ist, wo sie ihr doch zur Seite sitzt, 

« Nichts, Liebling. Es sind Wolken, die vorüberziehen. Es 
fehlt mir ja wirklich nichts, gar nichts. » 



Ungeduld 

Frohes Leben durchpulst die grosse Villa, die von so vielen 
Gästen erfüllt ist, von Onkeln, Tanten, Vettern und Freunden ! 
Blaue und schwarze Augen, blondes und braunes Haar, silberhelle 
Stimmen, Kindergeplauder und Lieder der Jugend. Der Lieb- 
lingsvetter William und die liebste der Basen, Hilaria, dann 
Sven, Frederick, Marie, John, Richard, Juliet, Louise und 
Gerard — und viele andere noch. Sie gehen in fröhlicher 
Gemeinschaft spazieren, sie finden sich zum Picknick auf einem 
lauschigen Plätzchen im Walde ein. Chöre und Einzelgesang, 
Tanz und muntere Geselligkeit unterhalten und zerstreuen sie. 
Es gibt nur wenige Stunden der Einsamkeit und unsomehr der 
heiteren Zusammenkünfte. Freudig erregte Knaben und Mädchen 

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dringen in das stille Wohnzimmer von Florence ein, die wie der 
Barbier von Sevilla auf allen Seiten und von allen Leuten gerufen 
wird. Florence hier und Florence dort, Florence, Florence, so tönt 
es überall. Es gibt keinen Ausflug, keine Unterhaltung, bei denen 
man sich nicht an Florence wenden vnirde, die ein Organisations- 
talent hat, wie niemand anderer und auch imstande ist, alles aus 
eigener Initiative durchzuführen. Sie ist bei allen Unternehmun- 
gen von gross und klein einfach unentbehrlich. 

Eben soll etwas Grossartiges unternommen werden : die 
Aufführung von Shakespeare's « Kaufmann von Venedig ». 

Wie merkwürdig steht es mit Florence ! Sie kann nicht das 
geringste beginnen, ohne sich der Sache voll hinzugeben und 
ehrlich danach zu streben, dass sie auch gelinge. Für den « Kauf- 
mann von Venedig » übernimmt sie die Verteilung der Rollen 
und deren Einstudierung. Sie beschwichtigt die Ungeduldigen, 
schlichtet die kleinen Streitigkeiten, beruhigt die Rivalen, über- 
redet die Darsteller von Nebenrollen, sich zufrieden zu geben, 
leitet die Proben, fordert Ordnung, Pünktlichkeit, Disziplin und 
führt sie auch durch. 

Wer hat sie gelehrt, zu befehlen ? Niemand. Und doch gehor- 
chen ihr alle. So wird der « Kaufmann von Venedig » tatsächlich 
ein Erfolg. Sogar dem guten Antonio gelingt es, während der 
pathetischsten Stelle seiner Rolle ernst zu bleiben. Florence 
wird von den Darstellern wie von den Zuschauem mit Beifall 
überschüttet. 

Aber in dem entferntesten Zimmer des Hauses, wo sie sich 
aufhält, um den alten Vater ihrer Mutter zu pflegen, der von 
Paralyse bedroht ist, hört man das Lachen und den Lärm nicht. 
Täglich, stündlich müht man sich hier, den Zerstörungskampf der 
Krankheit aufzuhalten. Hier führen Geist und Seele ein gestei- 
gertes Leben. 

« Ich bin sehr zufrieden, so wie jetzt im unmittelbaren Schatten 
des Todes zu schreiten ; in seiner Ruhe und seinem Schweigen 
liegt etwas, was mit der Plage und der Ungleichheit der Menschen 

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versöhnt. Gott lässt unsere Flügel in die Gewässer jener Schatten 
tauchen. Seit langer Zeit habe ich mich nicht mehr so glücklich 
gefühlt, seit langer Zeit empfand ich so tiefe Dankbarkeit gegen 
Gott nicht mehr ». 

Zwei geräumige Landhäuser dienen zum Aufenthalt während 
des grössten Teiles des Jahres. Die « Season » wird in London 
verbracht. 

Florence findet das zu viel. Sie gedenkt der Worte des Evan- 
geliums : « Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass 
ein Reicher Eingang im Reiche Gottes findet. » 

Florence macht sich die Zerstreuungen ihres Lebens zum 
Vorwurf. Florence unterhält sich und quält sich, weil sie sich 
unterhält. Sie wünscht etwas Ernstes zu beginnen, eine wirkliche 
Arbeit zu vollbnngen, ein klar vorgezeichnetes Ziel zu haben. 
Eis gibt so viel Verlassene, Einsame, Elende und sie muss mit denen 
leben, die alles Notwendige und soviel Überfluss besitzen. Sie 
muss denen das Dasein leichter und heiterer gestalten, für die es 
doch ohnehin so leicht und heiter ist. Für sie soll sie sorgen ? 
Menschen, die ihr teuer sind, die ihr durch die Bande des Blutes 
und des Geistes nahestehen, aber überhäuft sind von allen erdenk- 
lichen Gütern und in der Lage, immer und auf jede Weise 
geniessen zu können ! 

* Ich bete und kämpfe und finde den Weg 
doch nicht» 

Florence fragt sich, ob nicht alle viel glücklicher wären, wenn 
es so grosse Reichtümer einzelner überhaupt nicht gäbe. Sind die 
materiellen Güter nicht am Ende ein Unding, welches uns am 
Aufstieg hindert ? Florence, die sich so reich weiss, ist davon 
überzeugt und schreibt es ihrer Freundin Mary. 

« Bis zu den Augen stecke ich in wirtschaftlichen Dingen. 
Es gefällt mir ja recht gut, die Hausfrau zu spielen. In dieser 

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Welt überfeinerter Erziehung und geringer Tätigkeit bedeutet 
solche Arbeit zumindest die praktische Anwendung unserer 
Theorien. Trotz alledem, inmitten meiner unzähligen Listen der 
Garderobe, der Küche, der Lebensmittel, kann ich nicht umhin 
mich zu fragen, ob vernünftige Leute so viel Dinge notwendig 
haben ! Ob eine Unzahl von Glaswaren, Wäsche, Küchengeschirr 
wirklich nötig ist, um den Menschen zu einem Tier zu machen, 
das den Weg des Fortschritts wandelt 1 Ob es schliesslich ein 
gutes System der Nationalökonomie ist, Bedürfnisse zu erfinden, 
um die Möglichkeit zu schaffen, den Menschen Arbeit geben zu 
können ! ? » 

Florence ist weder mit sich noch mit den andern zufrieden. 
Sie ist davon überzeugt, etwas Besseres leisten zu können, lebte 
sie nicht in einer so luxuriösen Umgebung. Sie fühlt einen 
Arbeitseifer und sie ist gezwungen, ein so bequemes Dasein zu 
führen. Ja manchmal muss sie sogar dasitzen und müssig sein, 
nur um anderen Freude zu machen. 

Jemanden gut vorlesen hören, ist ja zuweilen sehr angenehm. 
Muss man aber alle Vormittage damit verbringen, zuzuhören, 
wie man die « Times » vorliest ? Parthenope kann dabei wenigstens 
malen, während sie zuhört. Florence hört auch zu und arbeitet 
dabei anscheinend ruhig und heiter. Innerlich aber fiebern alle 
ihre lahmgelegten Energien. 

Für das bequeme Leben ist Florence nicht geschaffen. Lesen 
hören ist wahrhaftig eine armselige Arbeit. Arbeit ? Es ist als 
läge man auf dem Rücken, mit gebundenen Händen und jemand 
versuchte uns einen Trank einzuflössen, der uns als Nahrung 
zu dienen hätte. Was für ein Leben ! 

Wann immer sie kann, entschlüpft Florence aus ihrem Hause. 
Sie geht mit der Mutter ins Dorf, um Kranke zu besuchen. Der 
Unterschied ist, dass die Mutter nur kurze Besuche macht, sie aber 
umso längere. 

« Wo ist das Fräulein ? Suchen Sie sie im Dorf bei der Nancy, 
der es heute schlechter geht. Sie ist sicher bei ihr geblieben. Sagen 

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Sie ihr, sie möge sich beeilen und zu rechter Zeit zum Essen 
kommen und nicht vergessen, dass Gäste emgeladen sind ! » 

Arme Florence ! Nancy hat sie ja so nötig und sie soll nach 
Hause zurück und die Gäste empfangen, die alle so angenehm, 
h flieh, geistvoll, so elegant und lustig sind. Sie möchte doch so 
unendlich gern etwas viel Schwereres vollbringen : ein grosses, 
ernstes, zusammenhängendes Werk. 

Sie möchte so gerne ihren eigenen Weg finden ! Wer hilft ihr, 
ihn zu suchen ? Wenn man den Drang nach höherem hat und 
nicht fähig ist, dafür zu leben — welch unseliges Los ! 

« Ich bete und kämpfe und finde den Weg doch nicht. Inmitten 
der Ärmsten, Unglücklichsten, Siechsten des Landes, in den 
niedrigen, schwarzen Hütten, ja nur dort finde ich ein wenig 
Frieden. Ja, das ist es, den Leuten helfen, die mein Kommen 
als einen Trost erwarten, zu diesen täglich wiederkehren, ihnen 
Freundin sein und sie lehren... » 

« Aber der Herbst ist bald zu Ende. Ich muss Embley verlassen 
und alle Kranken, die ich zu pflegen begonnen hatte. Ich muss sie 
verlassen — manche von ihnen werde ich wohl nie mehr wieder- 
sehen und man hätte doch noch so viel für sie tun können. Es ist 
schrecklich. Wenn ich nur bleiben könnte ! » 

Nein, es ist unmöglich. Sie muss nach London mit. In kurzer 
Zeit beginnt ja die « Season » und es ist « dringend », sich dafür 
vorzubereiten. Neue Kleider für den Tag und den Abend, weiche, 
warme Mäntel, helle Stöckelschuhe, Gazeschleier und Haar- 
schmuck... 



Englische Krankenhäuser 

« Wenn ich den Entschluss fassen würde, mich zur Pflegerin 
auszubilden und mein Leben den Kranken zu widmen, würde 
Ihnen das gar so schrecklich scheinen ? » — Florence ist bleich 
und beklommen. Welche Qual hat es für sie bedeutet, diese Frage 



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zu stellen, ihren innersten Wunsch zum Ausdruck zu bringen, 
selbst dem guten Doktor Howe gegenüber, den sie bewundert 
und der ihr und ihrer Familie so zugetan ist. 

Die Antwort lässt auf sich warten. — Doktor Howe forscht genau 
in dem Antlitz von Florence, fixiert sie mit seinen durchdringenden 
Augen, als wol'te er auf dem Grunde der Seele seiner jungen 
Freundin lesen. Sie fühlt einen wahren Aufruhr im innersten 
Herzen. Florence dünkt sich beinahe eine Schuldige vor ihrem 
Richter ! Aber seine Antwort, ach, diese Antwort ist wie ein 
Balsam, der den Tumult beruhigt ! 

« Es würde mir in keiner Weise als etwas Schreckliches erschei- 
nen. Ich glaube sogar, dass es ein grosses Glück wäre. » 

Florence fühlt tiefsten Frieden in ihre Seele einziehen. Sie 
hat diese Worte niemals vergessen und auch nicht die Wohltat, 
die sie ihr bedeutet haben. 

Florence hat einen Plan. Sie sagt niemandem das geringste 
davon, aber sie entwickelt ihn in ihrem Herzen mit wahrer Leiden- 
schaft. Hilaria hat ihr doch gesagt, dass man die versteckten 
Schätze nur langsam, unentwegt und in tiefem Schweigen aus- 
graben muss, wenn man sie entdecken will. Florence gräbt langsam, 
schweigend und unentwegt. 

Sie hat im Dorfe eine Frau sterben sehen, weil niemand in 
ihrer Umgebung imstande war, ihr beizustehen. Sie war ver- 
zweifelt, der Unglücklichen nicht helfen zu können. Sie will es 
lernen. Um es zu lernen, will sie in ein Krankenhaus gehen. 

Das Krankenhaus ! Keines der jungen Mädchen, die sie kennt, 
hat je den Fuss über die Schwelle eines Krankenhauses gesetzt. 
Das Spital ist ein düsterer, geheimnisvoller und entsetzlicher 
Ort, wo man sich alle Krankheiten holen kann, wo alle leiden und 
jammern und sich betrinken, wo nur Frauen aus den untersten 
sozialen Schichten eintreten, um zu arbeiten. Florence hat 
immer von den Krankenpflegerinnen in den Spitälern als von 
gemeinen Geschöpfen sprechen gehört, denen man sich nicht 
nähern dürfe. Eine ihrer Schützlinge, die Beschäftigung suchte, 

16 



hatte ihr einmal gesagt : « Man hat mir gestern einen Posten als 
SäugHngsschwester angeboten, aber Sie begreifen ja, Fräulein, 
dass ich in eine solche Umgebung nicht gehen kann... » 

Haus des Elends, Haus der Schmerzen ! Gerade deshalb will 
ja Florence in ein Spital ! Es liegt ihr nichts daran, in einem 
bequemen und schönen Hause zu leben, sich aller Güter zu 
erfreuen, die einem der Reichtum zu geben vermag, elegant und 
in Gesellschaft gefeiert zu sein. Hier, wo sie lebt, ist alles so leicht, 
alles lächelt. Gegen wen soll man kämpfen und wem dienen ? 

Aber dort besteht wirklich Elend, dort ist es möglich, einen 
Kampf zu führen. Was kann Florence zu Hause noch lernen, als 
ein wenig Weltlichkeit, ein wenig Literatur und Politik ? Alles 
sehr interessante und schöne Dinge, aber Florencens Herz schlägt 
nicht für sie. Und sie schreibt Doktor Richard Fowler, der ein 
so treuer Freund ihres Hauses ist, ihr Näheres über die Spitalfrage 
mitzuteilen. Dabei denkt sie : « Wenn die anständigen Frauen sich 
mehr mit der Hilfstätigkeit beschäftigen und in Spitäler eintreten 
würden, so müsste sich die Atmosphäre darin bald verändern. 
Man könnte einen Orden von Schwestern ohne bindendes Gelübde 
für die Frauen von höherer Bildung gründen. » Man könnte... Aber 
keiner unterstützt sie, alle sind gegen sie, ja die Mutter ist ausser 
sich, dass ihre Tochter an eine solch grauenhafte Sache nur zu 
denken wagte, geschweige denn, so etwas vorschlagen konnte. 
Sie erklärt und betont, dass sie nie, nie ihre Zustimmung geben 
würde. Das einzige versöhnende Moment bei dieser tollen Idee 
sei, dass Florence keine Ahnung hätte. Keine Ahnung davon, was 
Spitäler in Wirklichkeit wären ; sie hätte nicht die entfernteste 
Vorstellung von der Verderbtheit, die dort herrsche. Die abscheuer- 
regendsten physischen Übel seien nichts im Vergleich zu den 
moralischen Misständen. Florence ist niedergeschlagen und bleibt 
doch fest, sie versucht einen neuen, letzten Weg, 

« Fragen wir Frau Fowler. Sie ist Deine Freundin und die 
Frau eines Spitalarztes. Sie geht immer dorthin und wird uns 
etwas Genaues sagen können. » 

17 



Aber nicht einmal Frau Fowler hat ihr etwas Günstiges zu 
berichten. 

« Es ist eine zu schwere Aufgabe. Ich kann darum die Ver- 
antwortung nicht übernehmen, ein Mädchen in ein Spital ein- 
treten zu lassen. Ich gehe gewiss regelmässig hin, aber ich bin 
jetzt schon eine ältere Frau und Florence ist noch so jung. » 

So jung ! Florence wünscht so sehr, nicht mehr jung zu sein. 
Ja, sie möchte am liebsten nicht mehr leben. Alles scheint in 
ihr wie abgestorben. Bleich und unbeweglich hört sie ihr Urteil 
an, ohne ein Wort zu reden, ohne Tränen. Aber wie sie allein ist 
und niemand sie sehen kann, bricht sie in verzweifeltes Schluch- 
zen aus. 

Sie wird niemals etwas Rechtes vollbringen können, nie, nie. 
Ihr Dasein wird immer unnütz, leer und iwec' los sein, Asche und 
Staub, schlimmer als nichts. « Gott, Gott, warum hast Du mich 
so hart gestraft ? » Warum sind alle so grausam, warum will niemand 
verstehen ? Was will Florence denn anderes, als ihr Leben Gott 
darbringen, den elendesten seiner Kinder dienen ? Warum ge- 
stattet Gott, dass sie dieses Leben der Lüge, der Eitelkeit und 
des Betruges fortsetzt ? 

Sie ist ohne Zuversicht, verzweifelt, von den Menschen, die 
sie am innigsten liebt, durch eine tiefe Kluft getrennt. Florence 
schluchzt noch immer trostlos, in ihrem kleinen Zimmer, ganz 
allein. Ach, sie ist ja so allein, allein, allein ! Ihr Leben ist eine Ruine 
und alles Licht in ihrer Seele ist ausgelöscht. 



Kämpfe 

«Quäle Dich nicht, liebe Florence. Sei nicht ungeduldig. 
Der Tag wird kommen, da Du alles ausführen kannst, was Du 
an guten Vorsätzen und Ideen in Dir trägst. Lehne Dich nicht 
gegen den göttlichen Willen auf ! Man muss warten können. Auch 
das ist eine Tugend. Das bescheidenste Werk ist ein Opfer vor 

18 



Gott, wenn es im Geist der Liebe vollbracht wird. Begnüge Dich 
inzwischen nur das zu tun, was Gott Dir zu leisten gewährt. Je 
femer Gott Dir scheint, desto näher ist er Dir vielleicht. Die Wege 
Gottes sind unbekannt, Florence. » 

So liebevoll besänftigt Anna Nicholson das verzagte Wesen. 
Anna Nicholson kennt die Möglichkeiten zu trösten und zu seg- 
nen. Sie bleibt ihr immer nahe, verlässt sie nie. Wenn Florence 
ihre Stimme hört oder einen ihrer Briefe liest, scheint sie sich aus 
der Starre des Todes zur Lebenswärme zurückzufinden. Und 
sie denkt bei sich, dass Anna Nicholson ihr sicherlich von Gott 
gesandt worden sei. Gott hat sie diese Seele erkennen lassen, die 
immer zu verstehen, zu lieben imstande ist, die stets das Wort 
des Friedens für ihren gequälten unruhvollen Geist zu sagen 
weiss. Eben lesen Florence und Anna gemeinsam die Botschaft 
des Apostel Paulus an die Korinther : 

« Darum werden wir nicht müde ; sondern, ob unser äusser- 
licher Mensch verdirbt, so wird doch der innerliche von Tag zu 
Tag erneuert. 

« Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine 
ewige und über alle Massen wichtige Herrlichkeit, uns, die wir 
nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn 
was sichtbar ist, das ist zeitlich ; was aber unsichtbar ist, das 
ist ewig. » 

Die unsichtbare Welt ! Diese ist es, die Florence ruft, jetzt 
da der schönere, wünschenswertere und erwünschte Weg ihr viel- 
leicht für immer verschlossen ist ; jetzt, da die sichtbare Welt 
ihr völlig feindlich gegenüberzustehen scheint. Ja gewiss, Florence 
hebt die unsichtbare Welt, die sie lebendig um sich fühlt, belebt 
von Geistern der Liebe, die sich den in Liebe erglühenden See'en 
kundtun. Ja gewiss, Florence empfindet mit den Aposteln und 
den Heiligen, dass die Religion nichts ist, wenn sie nicht in uns 
lebt. Florence erstrebt mit allen ihren Kräften, die Religion Jesu 
Christi zu dem Besitztum ihrer Seele zu machen, alles nur um 
der Liebe Gottes willen zu tun. Arbeiten, arbeiten ! Der Wunsch 

19 



zu wirken, so und nicht anders zu wirken, kehrt unaufhörlich 
wieder. Florence ist nicht für das beschauliche Leben geschaffen. 
Ihre Religiosität will in Leistungen ihren Ausdruck finden. Sie 
muss durch ihre Werke beten. 

Der Wunsch Florence Nightingales, ihr Leben der Kranken- 
pflege in Spitälern zu widmen, ist für niemanden ein Geheimnis 
geblieben. Die Freunde wissen es, sprechen davon, urteilen darüber 
und billigen es nicht. Die Freunde sind der Meinung, dass man 
die Gegengründe in jeder Weise diesem eigensinnigen und eigen- 
artigen Köpfchen einprägen müsse. «Man muss sie überzeugen, 
dass ihre Idee nicht zu verwirklichen ist, eine Utopie, exaltierter 
und lebensfremder Phantasie entsprungen. Florence, die einer 
der angesehensten englischen Familien angehört, die mit der vor- 
nehmsten Gesellschaft verkehrt und sogar zu den Hofbällen 
eingeladen wird, sollte mit den gemeinsten und verrufensten 
Frauen von London zusammentreffen, die den niedrigsten sozialen 
Schichten entstammen — in einer Umgebung von unglaublicher 
körperlicher und sittlicher Verderbnis ? ! » 

Wäre Florence Katholikin gewesen, dann hätte sie sich vielleicht 
entschlossen, den Schleier zu nehmen. Denn nur die katholischen 
Ordensschwestern jener Zeit pflegten die Kranken aus innerer 
Berufung und ohne den Antrieb, dadurch ihr Brot zu verdienen. 

Aber Florence war nicht katholisch und die Nonnenorden 
konnten sie nicht recht überzeugen. Die Idee gefiel ihr wenig, 
durch ein Gelübde gezwungen zu sein, dem Weg zu folgen, den 
man für den rechten hält. Es schien ihr, die Hingabe an eine 
Sache müsste an sich stärker sein, als jedes Gelübde. Da sie nun 
verhindert war, praktisch den Weg zu beschreiten, den ihre Seele 
schon längst durcheilte, wappnete sich Florence ohne Zaudern 
für solches Ringen und für solchen Kampf. Ihre Bibliothek wurde 
täglich reicher an medizinischen und chirurgischen Werken. In 
ihrer Korrespondenz kehrte das Thema der Spitäler, Kliniken 
und der Krankenhilfe immer wieder. Sie erbat und erhielt Berichte 
über die Spitalseinrichtungen in England, Frankreich und Deutsch- 

20 



land. Unklare und spärliche Berichte über das wenige, das dazumal 
auf diesem Gebiet in der Welt geleistet wurde — Berichte, die 
einander widersprachen und immer entmutigend waren. 

« Ein junges Mädchen, das in Paris Medizin studieren wollte, 
musste sich das Haar abschneiden und Männerkleider anziehen, 
weil es das einzige Mittel war, um ruhig inmitten der Studenten 
arbeiten zu können. » 

«Alle Laienschwestem sind dem Trunk ergeben und wenn 
sie betrunken sind, kann man sich denken, wie es in einem Kran- 
kensaal aussieht. » 

« Keine Frau, die Selbstachtung besitzt, würde sich herbei- 
lassen, die gemeinen und obszönen Vorfälle mit anzusehen und 
zu hören, die in einem Spital etwas Alltägliches sind.» 



« Du weisst ja, Florence, wie glücklich ich wäre. Dich gewähren 
zu lassen. Aber es ist unmöglich. Du kannst Dir nicht vorstellen, 
welchen Gefahren Du ausgesetzt wärest. Aber ich weiss es und 
habe die Pflicht, Dich davor zu bewahren. Wärest Du an meiner 
Stelle, so würdest Du dasselbe tun. » 

Florence ist völlig davon überzeugt, dass ihr Vater sie liebt 
und dass er tut, was er für ihr Wohl geeignet glaubt. Sie muss 
auch zugeben, dass er von seinem Standpunkt aus recht hat. 
Wenn aber die Einrichtungen für die armen Kranken so entsetzlich 
sind, wenn das Krankenhaus ein Milieu vorstellt, das sogar für 
eine gesunde, energische Frau wie sie, im Schutz von massgebenden 
Persönlichkeiten, als gefährlich angesehen wird, wäre es doch 
umso notwendiger, sich damit zu beschäftigen, sich mit eigenen 
Augen von dem Stande der Dinge zu überzeugen, frische Luft 
und gesunde Anschauungen hineinzutragen ? Ist es nicht dringend, 
da Wandel zu schaffen ? Wollen wir warten, bis die schwärende 
Wunde brandig wird ? 

Florence martert sich mit solchen Fragen ohne Unterlass. 
Die Besuche bei lieben Freunden der Familie, Feste, Konzerte, 

21 



Unterhaltungen mit berühmten und interessanten Persönlich- 
keiten können sie nur für Augenblicke ihrer Idee entrücken. Sie 
welkt wie eine Blume ohne Wasser. Sie quält sich derart, dass 
ihre Gesundheit darunter leidet und nun ist sie erst recht ver- 
zweifelt, sich nicht mehr so kräftig zu fühlen, wie früher, weil sie 
fürchtet, dass die körperliche Schwäche ein neues Hindernis 
für sie bilden könnte. Deshalb stimmt sie mit wahrer Begeiste- 
rung dem Vorschlag ihrer Eltern bei, einen Winter in Rom mit 
befreundeten Familien zu verbringen. So wird sie neue Kräfte 
und neue Energie gewinnen, um ihren Weg wieder aufzunehmen. 



Vater und Mutter vninschen, dass der Aufenthalt in Rom 
dazu dienen möchte, ihre Tochter von ihrer fixen Idee abzulenken, 
und sie völlig ihrer Liebe zurückzuerobern. Florence, die ja die 
Eltern zärtlich liebt, macht ihnen soviel Kummer und sie wären 
um ihretwillen zu jedem Opfer bereit. Trotzdem müssen sie ihr 
den Herzenswunsch versagen, sie verhindern, ihre Pläne auszu- 
führen, in dieser Hinsicht hart und grausam gegen sie sein... 



Winter in Rom 

Rom, die wundersame Stadt, Gipfelpunkt aller Schönheit 
und Macht ! Florence erlebt Rom, in dem ihr alles von Grösse 
spricht und das ihrem eigenen unüberwindlichen Willen neue 
Kräfte leiht. Die vollkommensten Bildwerke der Antike, Jupiter- 
Jovis, der Apoll vom Belvedere, sind sie nicht alle der Ausdruck 
eines von der Materie befreiten Willens zur Schönheit ? 

Der vmndervolle Tag des 15. Dezember, der für Florence 
glücklichste aller Tage in Rom, da ihr in der Sixtinischen Kapelle 
Propheten und Sybillen das wahre Königreich Gottes offenbaren, 
die Worte des Herrn verkünden, sie mahnen, dass es die Pflicht 

22 



eines jeglichen Geschöpfes ist, auf Seine Befehle zu achten, und 
sich nicht vom Weg abbringen zu lassen, den Er uns weist ! 
Gesegnete Tage der Selbstbesinnung im Kloster von Santa Trinitä 
dei Monti bei den Damen vom Sacre Coeur ! Da Madre Santa 
Colomba und die übrigen Schwestern Florence das Geheimnis 
jener Hingebung erkennen lassen, deren Fehlen wohl das grösste 
Hindernis für allen geistigen Fortschritt der Menschheit bedeutet. 
Sie lehren sie, dass jeder sich den Geist dieser Hingabe zu eigen 
machen kann, wenn er fähig ist, sich regelmässig geistige Exerzitien, 
strenge Pflichten und Gewissenserforschungen aufzuerlegen. 

Tage und Wochen vergehen, während ein ganzes Volk um 
seine Freiheit kämpft, Pius IX. die Konstitution gewährt und 
die Patrioten jubeln ! Auch Florence jubelt mit der begeisterten 
Menge, als die Fahne vorüberzieht, für die ein jeder Italiener 
zu kämpfen, zu sterben oder zu siegen weiss. 

In Rom hat sie einen neuen Freund gewonnen, Sidney Herbert. 
Er spricht mit Florence von einem Plan, der sie ähnlich erbeben 
lässt wie die griechischen Statuen, die Sybillen und Propheten, 
wie die Kongregation der frommen Schwestern, die alle dem 
gleichen Ziele zuzustreben scheinen. Er will ein kleines, vorbild- 
liches Krankenhaus und ein Rekonvaleszentenheim für seine 
Armen auf dem Lande gründen. Sidney Herbert, dessen Frau 
und Florence treffen nun oft zusammen, bei gemeinsamen Freun- 
den, bei grossen Gesellschaften und Festen, in den Galerien und 
Museen. Aber es verbindet sie noch ein anderes, festeres Band : 
das noch nicht verwirklichte Krankenhaus, das Rekonvaleszenten- 
heim, die fast den Anschein einer Utopie haben. Nein, Florence 
wird sich niemals mit blossen gesellschaftlichen Siegen zufrieden 
geben, sich nie mit ihrem Gewissen einig fühlen, wenn sie nicht 
den Weg einschlägt, den Gott ihr vorgezeichnet hat. Ein Weg, 
der steil zwischen Elend und Leiden emporführt und zu Höhen 
geleitet, wo alles gewährt und nichts gefordert wird. Wo man 
die vollkommene Freude verspürt, die einzige Freude, die Florence 
erstrebt. 

23 



Wieder in London 

Traurige Heimkehr, denn Vater, Mutter und Parthenope 
merken wohl, dass Florence ihnen noch mehr entrückt ist, dass 
ihre Wünsche, Ziele und Gedanken immer deutlicher eigene 
Wege gehen. Traurige Rückkehr in das luxuriöse Londoner Haus, 
in die heitere, blumenumrankte Villa in Embley. Wird Florence 
denn keine Entscheidung treffen, die sie beglücken könnte, ohne 
bei ihren Eltern und Freunden unüberwindliche Ablehnung zu 
erregen ? Sie, die im höchsten Masse befähigt ist, sich für alle 
schönen und edlen Ausdrucksformen des Lebens zu interessieren, 
die in der Gesellschaft so bewundert und gefeiert wird und die 
so begabt ist, die Künste, die Literatur, die Religionswissenschaft 
und die sozialen Erkenntnisse zu erfassen. 

Nein, sie kann nicht bei ihrer Familie bleiben. Und sie geht 
wieder auf Reisen. Diesmal schliesst sie sich ihren Freunden 
Bracebridge an und besucht mit ihnen auf einer langen Fahrt 
Ägypten und Griechenland. Sie wird die Gräber der Könige 
sehen, die Felsentempel bewundem, die den alten Göttern errichtet 
wurden. Es wird ihr vergönnt sein, sich für die vollkommene 
Harmonie des Parthenons, für die unsterbliche Schönheit grie- 
chischer Kunst zu begeistern. Trunken von Sonne und Himmel 
wird sie angesichts des unermesslich weiten Horizontes und 
seiner unwandelbaren Klarheit das Hässliche vergessen, das der 
leidenden Menschheit anhaftet und den Qualen entrinnen, welche 
die Erdenkinder in Staub verwandeln... 

Nein ! Die tiefe Not der Menschen erscheint auch in der 
strahlenden Wärme des sonnendurchglühten Ägyptens und 
zwischen den Wunderwerken aus griechischem Marmor. Eine 
Hütte am Weg, auf deren Schwelle eine Frau mit einem Knaben, 
in Lumpen gehüllt, vermögen Florencens Seele in heissem Mit- 

24 



gefühl zu erschüttern. In ihrem Herzen lebt unverändert der 
Wille, sich dem Dienste des Herrn und der Sache der Leidenden 
und Geplagten zu weihen, ebenso heftig aber auch die Abneigung, 
ja der Abscheu davor, ein Leben des Genusses zu führen. 

Auf dem Rückweg von Ägypten nach England erlebt Florence 
einen gesegneten Aufenthalt ! Vierzehn Tage glaubt sie im Para- 
dies zu verbringen ! Ein Traum, der lange Jahre vorausgeahnt 
und nun verwirklicht ist. Tage, an denen die eiserne Pforte, welche 
sie von der Strasse des Lebens trennte, sich der gequälten Seele 
zu öffnen schien. 

In Kaiserswerth am Rhein hat ein Seelenhirt eine Reihe von 
Anstalten geschaffen, in denen Diakonissinnen wirken und dienen. 
Um den Pastor haben sich Menschen geschart, deren Seelen nach 
dem Ideal dürsten und die wie die Damen vom Sacre Coeur im 
Kloster von Trinitä dei Monti das Geheimnis der Hingebung 
kennen. Ein Kindergarten, eine Besserungsanstalt, ein Waisenasyl, 
ein Krankenhaus arbeiteten schon wundervoll. Florence ver- 
bringt die vierzehn Tage in Kaiserswerth bei dem Pfarrer und 
seiner Frau, studiert die Vorschriften des Mutterhauses und der 
Anstalten, die ihm angegliedert sind. In diesem stillen Erden- 
winkel, wo das Leben so einfach ist, dass es beinahe armselig 
erscheint und wo alle von morgens früh bis abends spät arbei- 
ten, fühlt sie sich vollkommen glücklich. Ja, sie glaubt in ein 
Geschöpf von himmlischer Heiterkeit verwandelt zu sein, das 
nichts auf Erden jemals wieder unsicher machen kann. 

Sie schreibt die Eindrücke ihres Besuches nieder und ver- 
öffentlicht sie. Niemand soll erfahren, wer die kleine Schrift 
verfasst hat, aber in allen Herzen soll der glühende Appell einen 
Nachhall finden, der Aufruf einer englischen Frau an alle englischen 
Frauen. Und in irgend einem englischen Erdenwinkel werden 
vielleicht jene, die guten Willens sind, einen Sammelpunkt finden ; 
jene, die arbeiten wollen, um keines anderen Lohnes willen als 
um Gotteslohn... 

« Hast Du die Korrektur durchgesehen, Florence ? » 

25 



Es ist nicht die Rede von der Broschüre über die Wohlfahrts- 
einrichtungen von Kaiserswerth, sondern von den Reisebriefen 
aus Ägypten und Griechenland. Parthenope hat sie so schön 
gefunden, dass sie sie Freunden zu lesen gab. Dann hat sie Florence 
um die Erlaubnis gebeten, die Briefe drucken zu lassen. Parthenope 
empfindet grenzenlose Bevsoinderung für das schriftstellerische 
Talent ihrer Schv/ester und ist glücklich, sie v^ieder zu haben, 
noch glücklicher darüber, sie allen Ernstes aufzumuntern, sich 
mit Literatur zu beschäftigen, statt mit Utopien über soziale Arbeit. 
Um zu schreiben braucht man ja nicht das Haus zu verlassen, und 
man hat es nicht nötig, mit Frauen in Berührung zu kommen, 
die so tief gesunken sind, dass sie sich betrinken. Man braucht 
auch nicht eiternde Wunden zu verbinden... Parthenope ist davon 
überzeugt, dass ihre Schwester berühmt w^erden könnte, wenn 
sie sich dem Schreiben widmete. Dann wäre sie auch befriedigt 
und die bedrückenden Meinungsverschiedenheiten in der Familie 
hätten ein Ende. 

« Ja, ich habe sie schon durchgesehen. Du kannst sie in die 
Druckerei zurückschicken. » 

« Wie ausgezeichnet Du schreibst, Florence ! Niemand von 
unseren Bekannten kann so gut schreiben, wie Du. Keiner von 
ihnen geht bis auf den Grund der Dinge und entwickelt aus den 
Tatsachen die Idee, die sie Zustandekommen Hess. » 

Während Parthenope mit Florence spricht, blättert sie in den 
Korrekturbogen. 

« Sieh nur diesen Brief ! Einer von denen aus Athen, wo Du 
von den griechischen Stilen schreibst. Was Du vom dorischen, 
jonischen und korinthischen Stil sagst, hat noch niemand zum 
Ausdruck gebracht. Es ist eine wahre Sünde, dass Du nur Briefe 
schreibst. Wenn Du Dich ernstlich der Dichtkunst widmen 
würdest, welch herrliche Werke könntest Du schaffen ! » 

Bücher schreiben ? ! Die Versuchung ist sehr gross. Ihren 
Gedanken eine literarische, ja eine dichterische Ausdrucksform 
zu geben, bedeutet für Florence eine grosse Freude. Sie weiss, 

26 



dass alle, ihr Vater, ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Freunde 
Vertrauen in ihr Talent setzen und sie selbst tut es nicht minder. 

Es wäre auch so interessant, zu schreiben... so viel leichter 
für sie, Erfolg zu ernten, leichter als für andere, denn ihr ganzes 
Milieu ist künstlerischem Streben günstig gesinnt. 

Ist das aber auch Arbeit ? Ist es die Arbeit, zu der Gott sie 
erkoren hat ? 

Nein, es genügt nicht, zu schreiben, man muss handeln. Muss 
schaffen. Solange es auf Erden Elend gibt, dessen Qualen und 
Leiden die menschliche Brüderlichkeit zu lindern imstande wäre, 
kann der Wunsch nach Studium und literarischer Arbeit für 
Florence nichts bedeuten ; nichts als... eine Versuchung ! Ein 
Hindernis, das zu überwinden ist. 



Entmutigung 

Es ist sieben Uhr morgens. Die Sonne schickt ihre goldenen 
Fäden durch die Ritzen der Fensterläden ins dunkle Zimmer. Im 
Hause werden die ersten Geräusche der täglichen Geschäftigkeit 
hörbar. Doch in Florencens Zimmer bleibt alles still. 

Florence ist krank, sehr krank. Ihre Seele ist kraftlos und 
lässt sie auf ihrem Lager im Finstern hingestreckt leiden, während 
draussen die Sonne glänzt. Wozu sollte sie sich auch erheben ? 
Welche Arbeit erwartet sie ? Es sind Gäste da und man sollte zu 
ihrer Unterhaltung beitragen... Das kann sehr gut ohne sie ge- 
schehen. Soll sie dem Vater zuhören, der aus den « Times » vorliest ? 
Irgend jemand wird wohl im Salon sein und zuhören. Soll sie die 
Dienerschaft überwachen ? Das wird die Mutter allein zustande- 
bringen. Wozu braucht man überhaupt ein so grosses, reich aus- 
gestattetes Haus, mit unzähligen Nippes, die staubig werden und 
so viel Angestellte, die sie abstauben müssen ? 

Der Tag soll erst beginnen und schon erscheint er Florence 
von unerträglicher Länge. Endlos der heutige Tag, endlos der 

27 



morgige, endlos die Wochen, die folgen werden, die Monate, die 
Jahre... « Warum lebe ich ? Warum soll ich aufstehen, mich 
anziehen, frühstücken, zu Mittag essen, Spazierengehen, mich 
in Gesellschaft bis zehn Uhr unterhalten, um mich dann wieder 
zu Bett zu begeben ? Seit wie vielen Jahren lebe ich so — wie 
viele Jahre soll ich weiter so vegetieren ? Gibt es einen Tod, der 
schlimmer ist, als dieses Leben ? Und Gott weiss, dass ich nichts 
für mich begehre ! Er weiss, dass ich für die anderen arbeiten will. 
Nicht um meine Eitelkeit zu befriedigen, nicht um Ruhm zu 
erlangen, nicht um gelobt zu werden. Niemand braucht etwas 
davon zu wissen, niemand soll von mir reden — ich will nichts 
anderes, als für den etwas tun, der eine gütige Seele nötig hat. 
Nur etwas tun, um nicht jede Stunde die vergeht, zu sterben. » 

Die Sonne steht schon hoch und Florence liegt immer noch 
unbeweglich auf ihrem Lager und die Fenster in ihrem Zimmer 
bleiben geschlossen. 

« Kann ich eintreten ? » fragt eine silberhelle Stimme. 

Es ist Parthenope. Sie öffnet die Türe, macht die Fenster auf 
und erfüllt das Gemach mit ihrer Heiterkeit. 

« Florence, Faulpelz, es ist ja schon spät, weisst Du's denn 
nicht ? Hast Du vergessen, dass wir Gäste zum Lunch haben 
und vorher noch in den Park müssen, um Ginster zu pflücken, 
um den Tisch und das Zimmer damit zu zieren ? Wenn die leuch- 
tenden Blüten eng aneinander gereiht sind, wird der Speisesaal 
erstrahlen wie die Sonne ! » 

Ginster, Speisesaal, Sonne... in der Tat, Florence hat alle 
diese Dinge vergessen. Sie hat gar keine Lust, sich den ganzen 
Vormittag zu bemühen, um das Mahl fröhlicher zu gestalten. 
Die sonst so liebevolle Florence kann und will nicht länger den 
täglichen Wünschen derer gefällig sein, die ihre Umgebung bilden 
und ein Recht zu haben glauben, über ihr Leben auf ihre Art 
bestimmen zu dürfen. Sie versteht sie nicht und wird von ihnen 
nicht verstanden. Sie ist ebenso unzufrieden wie ihre Angehörigen 
es sind. Seit Jahren haben sie versucht, einander zu verstehen 

28 



und es ist ihnen nicht gelungen. Florence erkennt klarer als je 
zuvor, welcher Abgrund sie von einander scheidet. Wer hat recht, 
wer unrecht ? Florence urteilt und verurteilt nicht, sie weiss, dass 
ihre Wege verschieden sind. Seit Jahren hat sie versucht, sich 
zu beugen, sich ihrer Art anzupassen, und jeder Tag, der vorüber- 
geht, macht sie ungeeigneter, unfähiger ihre Gründe zu verstehen, 
die Ideale ihrer Welt- und Lebensanschauungen zu teilen. — 
Während Parthenope voraus eilt, um goldenen Ginster zu pflücken 
und über die « Faulheit » der Schwester spottet, denkt Florence 
an die unerbittliche und unwandelbare Zukunft : « Drei Wochen 
hier in Embley die Gäste, dann vielleicht vierzehn Tage Einsamkeit, 
später eine Reise auf den Kontment, hierauf wieder Gäste, viel- 
leicht ein paar Wochen des glänzenden gesellschaftlichen Lebens 
in London, hierauf wieder auf dem Lande, wieder Gäste, wieder, 
ewig das mondäne Leben... Inzwischen vergehen die Jahre, vergeht 
die Jugend, vergeht das Leben und ich verzehre mich macht- 
und kraftlos, bin nicht imstande, das Geringste zu leisten... » 

Unbeweglich auf ihrem Lager, hört Florence die Stimme des 
Gärtners, der singend die Blumen begiesst, und sie vernimmt 
die emsige, heiter-geräuschvolle Tätigkeit der Dienerschaft unten 
im Erdgeschoss. Die Sonne dringt nun in vollem Glanz durch die 
geöffneten Fenster bis zu ihrem Bett. Gibt es wirklich die Sonne 
noch ? Gibt es grüne Wiesen und goldene Ginsterbüsche ? 

Florence ist kränk. Wie war doch das Aufstehen am frühen 
Morgen heiter, als sie noch ein Kind war und eine Lateinaufgabe 
sie wachrief. Wie freudig war das Erwachen in Kaiserswerth, da 
ein Tag voll Arbeit und Pflichten sie erwartete. 

Jetzt gibt es nichts, das sie veranlassen könnte vom Lager 
aufzuspringen ! Viel später, da Florence sich endlich zusammenrafft 
und erhebt, fühlt sie ihre ungenützte Energie in tödliche Müdigkeit 
verwandelt : eine Art Lethargie, fast Schlafsucht, hat sich ihrer 
bemächtigt. 

In dieser seltsamen Mutlosigkeit taucht eine sanfte, mutige 
Frau auf, die ein starkes Mitgefühl für Florence hegt. 

29 



Es ist Tante May. Die Schwester ihres Vaters. Die einzige 
unter allen ihren Verwandten, die ihr sagt : ich stehe zu Dir, ich 
begreife und schätze Dich. 

Tante May ist ihre einzige Freundin, die sie nicht als ein 
wahres Kreuz der Familie betrachtet, vielleicht auch ihr Vater. 
Aber der Vater wagt es nicht zu sagen, was er denkt. Tante May 
ist schon etwas mutiger, manchmal, ganz sacht und leise, weil sie 
gegen die Ansicht aller allein steht. Tante May hat Zivilcourage. 



Die Werbung 

Was geschieht ? Florence ist viel zu anmutig, zu liebenswürdig 
und geistvoll, um inmitten von so vielen Vettern und Freunden 
nicht manche lebhafte Sympathie und Zuneigung wachzurufen. 
Viele sehen sie bewundernd an, manche denken daran, wünschen, 
hoffen, sie zur Lebensgefährtin zu gewinnen. 

Obwohl ihre Züge nicht von klassischer Regelmässigkeit sind, 
ist Florence doch mehr als hübsch. Hochgewachsen und schlank, 
mit ausdrucksvollen, tiefen Augen, einem wundervoll geschwun- 
genen Mund, goldbraunem Haar, einer Haut wie zarte, rosaschim- 
memde Perlen und unsagbarem Reiz, der sie wie Zauber um- 
schwebt. Vettern und Freunde sind beeindruckt von diesem 
Zauber. 

Aber Florence ist so wenig glücklich in ihrer Familie. Sie 
fühlt sich als Fremde, sie macht sich die bittersten Vorwürfe, 
nicht eine gute Tochter und liebevolle Schwester zu sein. Das 
Elternhaus mit einem Manne verlassen, der sie versteht und sie 
lieb hat, mit ihm gemeinsam denselben Weg zu gehen, mit den- 
selben Ideen, den gleichen Zielen, so eins mit ihm, dass jedes 
nur will, was das andere will... Gibt es einen Mann, der sie so 
liebt und den sie lieben könnte ? 

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Ein Mann bewirbt sich um Florence ; er bietet ihr seine Liebe, 
seinen Reichtum, sein Leben an. Er kennt keinen andern Wunsch, 
keinen andern Traum als nur sie. Florence bewundert die hohe 
Begabung, das Genie des jungen Mannes, fühlt sich von seiner 
Sympathie angezogen. Mit ihm zu sein, ist Seligkeit, ist hohe 
Freude. 

Der Liebende erwartet in angstvoller Spannung die Antwort 
der Angebeteten. 

« Nein », sagt Florence. « Ich kann nicht. Ich weiss, dass es 
eine Grausamkeit gegen Sie — und gegen mich bedeutet. Ich 
weiss, dass Sie alle Eigenschaften besitzen, um eine Frau glücklich 
zu machen. Auch weiss ich genau, dass ich nichts gegen Sie ein- 
tauschen könnte. Wenn ich Sie zurückweise, habe ich gar nichts 
mehr. Wäre ich weniger gequält und weniger die Quälerin der 
anderen, so würde ich mich entschliessen und sagen : Ich gehe 
m t Ihnen ! Aber — ich kann es nicht. Sagen Sie nicht, dass ich 
unrecht habe, Sie abzuweisen. Ich bin lange mit mir zu Rate 
gegangen, ehe ich Ihnen geantwortet habe. Aber in meiner Seele 
lebt etwas Stärkeres als irdische Liebe. Was werde ich auf Erden 
beginnen ? Vielleicht nie etwas Rechtes. Vielleicht aber doch 
etwas, um dessentwillen mein Liebestraum unerfüllt bleiben 
muss... Ich bin eine geistige Natur, die sich ausleben möchte 
und mit Ihnen würde sie das. Ich habe Sehnsucht nach Liebe, 
die ihr Recht an das Leben fordert und mit Ihnen würde mir 
ein Dasein voll Glück und Seligkeit beschieden sein. Doch 
ich habe auch den Drang nach tätigem Leben, den Sie nicht 
verstehen, den keiner versteht und der noch in mir steckt, ohne 
zu vollem Ausdruck zu kommen. Es ist der lebendigste Teil meiner 
Seele. Ich vermag es nicht, ihn zu unterdrücken, will ich nicht 
mich selbst betrügen. In das heitere, glückliche Leben voll Reiz 
und Anmut einzutreten, das Sie mir bieten, würde den Verzicht 
auf jenes andere Sein bedeuten. Ich kann nicht. Sie geben mir ihr 
ganzes Selbst und ich müsste Ihnen ebenso mein ganzes Ich 
geben. Ein Teil meines Wesens ist aber für Sie ohne Bedeutung 

31 



und gerade den könnte ich Ihnen niemals geben. Darum wäre 
es unehrlich von mir, Ihnen zu sagen : Ich liebe Sie von ganzer 
Seele. » 

Aber der junge Mann versteht noch immer nicht. Er glaubt 
die grosse Seele von Florence genau zu kennen und meint, was 
ihm noch darin unbekannt ist, seien nur Träume. Durch lange 
Jahre bleibt er seinem Traume treu und lange Jahre hindurch 
weiss sie, dass eine treue Seele ihr nahe ist. 

Wird sie von der Unruhe befreit werden, die sie martert, 
wird sie ein neues Leben beginnen, Hand in Hand mit dem 
Freund, der zuversichtlich auf sie wartet ? 

« Einen Mann heiraten, der ein hohes und edles Lebensideal 
besitzt, und diesem mit ihm gemeinsam nachstreben, ist der 
Gipfelpunkt des Glückes. » 

« Die wahre und die höchste Liebe ist, wenn zwei Menschen, 
die einander lieben, sich in einem Leben voll Arbeit im Dienste 
der Menschheit und Gottes vereinen. » 

Nein, Florence wird niemals heiraten, die Liebe ist ihr ver- 
schlossen. 

« Ich bin dreissig Jahre alt : das Alter, in dem Christus seine 
Sendung auf sich genommen hat. Keine jugendlichen Scherze 
mehr, keine weltlichen Eitelkeiten, keine Liebe, keine Heirat. 
Jetzt, o Gott, lass es geschehen, dass ich nur Deinem Willen 
allein lebe. » 



Kaiserswerth 

Wo sind die berühmten Gäste, die mit auserlesenem Ge- 
schmack servierten Diners ? Die musikalischen Abende, die 
prächtigen Ausflüge in fröhlicher Gesellschaft, wo sind sie ? 

Es bleibt nicht einmal der « Luxus », lange im Bett aus- 
zuschlafen. Um fünf Uhr läutet der Wecker und um fünf ein 
Viertel Uhr wird gefrühstückt. Um elf Uhr wird den Kranken 



32 



das Mittagessen gereicht, um zwölf Uhr speisen die Diakonissinnen 
und Florence. Von zwei bis drei Uhr ist Erholungspause, eine 
Tasse Tee dient als Erfrischung. Um sieben Uhr reicht man 
das Abendessen. Die ganze übrige Zeit ist Arbeitszeit. Es gibt 
nur Tee- und Kaffee-Ersatz, Zichorie und Pfefferminz. Die 
Speisenfolge besteht mittags und abends aus Suppe, Gemüse 
und Brot, Wasser dient als Tischgetränk, sonst nichts. Ein ein- 
faches, ja armseliges Leben und doch unsagbar beglückend. 
Mehr als je fühlt Florence, dass Müssiggang und Reichtum für 
die geistige Freiheit nur Hindemisse sind. 

In Kaiserswerth beginnt Florence sich Kenntnisse durch 
praktische Erfahrung anzueignen. Die Kranken zu pflegen, die 
Kinder zu erziehen, die Armen in ihren Wohnstätten aufzu- 
suchen und so gut als möglich ihre Lebensverhältnisse zu ver- 
bessern, die Verirrten wieder aufzurichten, das ist ihre Aufgabe. 
Sie erkennt ihre Fähigkeiten und Neigungen zur Arbeit, übt und 
stärkt sie. Jeden Tag erkennt sie deutlicher, dass für ein Ziel zu 
leben und sich mühsam in der Richtung dieses ersehnten Zieles 
durchzukämpfen, die einzige wahre Freude auf Erden ist. Nun 
ist sie glücklich, wahrhaft glücklich. 

Doch das Glück ist nicht vollkommen. Der Gedanke, die 
Ihrigen betrübt zu haben, martert sie. 

« Ich könnte von früh bis spät selig sein, liebe Mama, wenn 
ich hoffen dürfte. Dein Lächeln, Dein Verständnis, Deinen Segen 
zu erlangen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen. Dir Kummer 
bereitet zu haben. Ich weiss, dass Du mich liebst, dass Du so 
viel für mich getan hast und alles für mich tun würdest. Aber 
Du ahnst nicht, wie ich nach Erfüllung dürste. Du kannst die 
Quellen nicht sehen, die allein mich laben können. » 

Wenn ihre Mutter nur verstehen könnte ! Aber sie kann es 
nicht. « Was wird die Welt dazu sagen ? » Was werden die Freunde 
über Florencens neues Leben denken ? Die Mutter hat Angst 
vor Kritik, vor übler Nachrede. Für ihre Töchter hat sie das 
warme, weiche, behagliche Nest einer neuen Familie ersehnt. Ja, 

33 



sie gibt ihre Hoffnung nicht auf, dass Florence auf ihrem Lebens- 
weg noch einem Manne begegnen könnte, den sie imstande wäre 
zu Heben und der ihr Stütze und Führer würde. Alle Freundinnen 
von Florence, weniger schön und weniger intelligent als sie, die 
niemals so bewundert wurden, sind schon verheiratet. Warum 
ihre Tochter nicht ? 

Doch Florence denkt nicht mehr an Liebe. Für sich und die 
Frauen, die ihr folgen werden, fordert sie andere Wege, die edel 
genug, doch weniger leicht und bequem sind. Wege, die den 
jungen Mädchen gestatten sollen, einer Lebenslinie treu zu bleiben, 
die jener anderen überlegen ist, welche eine unvollkommene 
Liebe gewährt. 

Mit ihren von schwerer Krankheit genesenden Pflegekindern 
macht sie lange Spaziergänge am Rheinufer. Der breite Strom 
fliesst langsam und ruhig dem Meere zu. Sicher und majestätisch 
strömt er dahin, wie die Gedanken einer höheren Menschheit, 
welche die Grenzen ihres Horizonts weitete, indem sie das 
schwerste Hindernis, den Egoismus, überwand und ruhig, aber 
unüberwindlich dem Frieden Gottes zustrebt. 

Der Sommer geht zu Ende — für die Mutter und Parthenope 
die Kur in Karlsbad, für Florence das Paradies von Kaiserswerth. 

« Was wird die Welt über den Aufenthalt Fräulein Nightingale's 
unter Krankenschwestern und Patienten sagen ? Es ist besser, 
dass niemand davon erfährt. Wer weiss, ob nicht Florence selbst, 
da sie auf die Probe gestellt wurde, dieses entsetzliche, eintönige 
Leben quälend findet, weder im Einklang mit ihren Gewohn- 
heiten, noch ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechend ?... » 

Die Mutter und Parthenope hoffen das von ganzem Herzen, 
während die Postkutsche sie immer näher zur Nordsee führt. 

Sie finden eine ruhige, heitere Florence, die sehr wenig von 
ihrem Aufenthalt in Kaiserswerth berichtet. Gewiss hat sich 
Florence die Sache überlegt ! Sie ist endlich zur Vernunft ge- 
kommen, gibt sich darüber Rechenschaft, dass das Leben der 
Krankenpflegerin für ein empfindliches und verwöhntes Mädchen 

34 



ungeeignet ist ; dass gewisse Berührungspunkte mit einer ihr 
fremden Welt unerträglich wären... 

Florence widerspricht nicht. Erwiderungen, blosse Worte 
scheinen ihr jetzt unnütz, und sie weiss aus Erfahrung, dass 
Worte nicht überzeugen. 

Es braucht Tatsachen. Und dann, wozu ohne Notwendigkeit 
die Harmonie der Familie stören ? Der Vater ist krank und hat 
ihre Pflege nötig. Sie kann warten, nun, da sie den sicheren Weg 
gefunden hat. So wartet sie denn, umsomehr, als sie fähig ist, 
mit aller Liebe und den erworbenen Kenntnissen ihrem Vater 
Erleichterung zu schaffen, sie kann auch schreiben... 

Schreiben ? Florence hat mit einer Art Abscheu die Ver- 
suchung von sich gewiesen, literarisch zu arbeiten. Schreiben, 
gewiss. Aber nur nichts Literarisches. 



Gedanken über Religion 

« Guten Morgen, Fräulein ! » 

Die Buchhändlerin von St. John empfängt die anmutige 
Unbekannte stets mit einem Ausruf der Freude. Die junge Dame 
erkundigt sich mit soviel Interesse nach ihrer Arbeit, ihren per- 
sönlichen Angelegenheiten und nach ihren Kunden. Eine seltsame 
Frau, diese Bibliothekarin von St. John und ganz verschieden 
von anderen Berufsgenossinnen. Ihr Mann hält nicht das geringste 
von der Obrigkeit und ebensowenig von hergebrachten Anschauun- 
gen. Sie ist ganz seiner Ansicht : Ihr Gatte verachtet auch alle 
Schriftsteller, welche dem grossen Publikum zu Gefallen schreiben. 
Er liebt neuen Gedankenflug, selbst wenn er revolutionär ist und 
auch hienn ist die Buchhändlerin mit ihrem Manne einig. Natür- 
lich gehen ihre Geschäfte nicht gerade glänzend und die Besucher 
dieser Leihbibliothek sind von denen anderer Unternehmungen 

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wesentlich verschieden. Es sind fast lauter ungewöhnliche Leute ; 
Studenten und intelligente Handwerker, Männer aus dem Volk, 
die sich mit herkömmlichen Meinungen und Anschauungen nicht 
zufrieden geben. 

Die unbekannte Besucherin, hochgewachsen und vornehm, mit 
ernsten Augen, langen Wimpern, einem fein gezeichneten Mund, 
nimmt im Laden neben der Besitzerin Platz, unterhält sich mit 
ihr, die sich von Zeit zu Zeit erhebt, um einen Kunden zu 
bedienen. Sie kauft fast immer ein Buch. — Sie will wissen, 
welche Bücher am besten gehen, welche notwendig wären, aber 
noch nicht geschrieben sind und nach welchen das Volk Ver- 
langen hat. Und sie entdeckt etwas sehr Bedeutsames : Die 
Arbeiter, die am meisten denken, glauben in religiöser Beziehung 
am wenigsten. 

Auf diese Weise befriedigt der Protestantismus, so wie er ist, 
gerade die Besten nicht ? Darum ist es sicherlich notwendig, 
etwas für sie zu tun. 

Was soll man aber tun ? Florence weiss es nicht. Aber sie 
beginnt, das Problem eifrig zu studieren. In ihrem Arbeitszimmer 
reihen sich Werke über Religion und Philosophie in musterhafter 
Ordnung neben den medizinischen Büchern. 

Sie arbeitet und schreibt. Die Gedanken sind ihr alle klar 
und das Studium hilft sie entwickeln und ausreifen. 

« Die vollkommene Güte — Gott — will, dass der Mensch, 
durch eigene Erfahrungen befähigt, unaufhörlich bemüht sei, eine 
höhere und bessere Menschheit hervorzubringen. » 

Florence hat ihre Betrachtung über die Religion vollendet. 
Heisst das literarisch arbeiten ? Nein. Was Florence schreibt, ist 
eine Art von Hilfstätigkeit für jene, die Kälte, Hunger und Ent- 
behrungen leiden. 

Florence begibt sich auf einige Tage zu Tante May, der 
Schwester ihres Vaters. Sie verehrt diese Tante, die so klug und 
fein ist, mit ihr sympathisiert, ihr Mut und Ruhe einflösst, und 

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endlich vollständig für sie Partei genommen hat und ihr eine 
unschätzbare Verbündete geworden ist. 

«Tante May, liebe Tante May, ich wollte, alle verstünden 
mich so wie Du. Mama und Parthenope sagen ja nichts, aber im 
Grunde ihres Herzens halten sie mich für eine schlechte Tochter. 
Ach, ich möchte, sie fühlten, wie lieb ich sie habe. Wenn ich 
unentwegt für die Gedanken lebe, die sie betrüben und beun- 
ruhigen, so ist es, weil ich diese Ideen als eine höhere Pflicht 
betrachte, die mich in ein anderes Leben drängt, als jenes Dasein, 
das sie für mich erträumen... Was sagt Mama zu Dir, liebe Tante 
May ? » 

« Die arme Mama ! Nach und nach muss sie sich ja doch 
überzeugen lassen. Es ist ja auch gar nicht so leicht, Florence, 
Deine Mutter zu sein ! Das musst auch Du begreifen ; Wir 
Mütter wünschen allesamt für unsere Kinder einen bequemen, 
blumenübersäten Lebensweg. Du wünschest Dir Deinen Weg 
viel steiler und von Disteln und Domen eingefasst. Es ist ganz 
natürlich, dass Deine Mutter Dich davon abbringen will und 
nur dann nachgibt, wenn sie überzeugt ist, dass jeder weitere 
Widerstand vergebens wäre. Ja, sie hat sogar gemeint, dass Du 
in einigen Jahren ganz nach Deiner Anschauung leben könntest, 
so, als wärest Du verheiratet. Inzwischen gibt sie Dir jedes Jahr 
ein paar Monate zu freier Verfügung. Das ist doch schon sehr 
viel, nicht wahr ? Wie sehr sie mit sich kämpfen musste, um zu 
diesem Entschluss zu gelangen, das weiss ich allein. Nur um 
ihrer grossen Liebe willen, die sie für Dich hegt, hat sie sich über- 
wunden. Es ist ja auch schwer für Deine Mutter, Dich allein 
in die weite Welt ziehen zu lassen, da sie doch weiss, dass es 
einen Mann gibt, der überglücklich wäre. Dein Gefährte zu sein 
und für Dich leben zu dürfen. » 

Florence hat die tiefste Bewunderung für Tante May. Wie 
reizend und verständnisvoll sie ist, wie klug und tapfer ! Leise 
und langsam tut sie Schritt für Schritt, ohne jemand zu ver- 
letzen, und doch aufrecht und unbeugsam. So erobert sie der 

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Nichte die Freiheit des Handelns, nachdem sie ihr längst Gedan- 
kenfreiheit zugesprochen. 

Von Tante May unterstützt, kann Florence nun zuversichthch 
dem Kommenden entgegensehen und sich darauf vorbereiten. 
Die Bücher über Medizin werden in ihren Büchergestellen immer 
zahlreicher und ihr Wissen wächst. Jede Stunde, die vergeht, 
ist eine Stunde der Vorbereitung. 



Bei den « Barmherzigen Schwestern » in Paris 

Paris, Stadt der Träume, Stadt der Vergnügungen ! — Flo- 
rence träumt jetzt nur von Paris. Ihre elegante Freundin Maria, 
die in der mondän-intellektuellen Welt als Königin der Mode 
bekannt und beliebt ist, lädt sie immer wieder ein. Abbe de 
Genettes, eine höchst einflussreiche Pariser Persönlichkeit, erwirkt, 
dass die « Barmherzigen Schwestern » die junge Engländerin in 
ihrem Kloster aufnehmen und dass sich ihr auch die Pforten 
der Spitäler auftun, sowie auch die der bedeutendsten Wohl- 
fahrtsanstalten. Tante May überredet die Familie, Florence 
gewähren zu lassen. 

Alles ist geordnet. Florence packt ihre Koffer. 

Ach, eine ganze Schar von Gästen hat sich angesagt. Wird 
Florence so kühn sein, Mutter und Schwester die Aufgabe, die 
Freunde zu empfangen, allein zu überlassen ? Die Mutter würde 
darüber verzweifeln und Parthenope ganz bestimmt einen ihrer 
hysterischen Anfälle bekommen... 

Florence verzichtet auf die Reise. Vater und Mutter schliessen 
sie tiefbewegt in die Arme und die Ruhe der Familie ist wieder- 
hergestellt. 

Letzte Hindernisse, letzte Versuchungen. Nach mannigfachen 
Beratungen entwerfen die Eltern und Parthenope einen Plan, 
dessen Gelingen alle zufrieden stellen könnte und Florence gestatten 

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würde, ihren Neigungen zu folgen, ohne sich von ihrer Familie 
zu trennen. 

An der Brücke von Cromford, in der Nachbarschaft der Villa 
von Lea Hurst, steht ein leeres Haus. Man könnte darin ein 
kleines Krankenhaus einrichten und es Florence für ihre Armen 
zur Verfügung stellen... 

Zu spät. Der Vorschlag, der vor einigen Jahren Florencens 
Herz vor Freude hätte erzittern lassen, findet sie jetzt kalt und 
gleichgültig. Sie weiss jetzt genau, welches Hindernis für die 
ernste Arbeit das gesellschaftliche Leben bildet, der fröhliche 
Empfang der zahlreichen Freunde in der gastfreien Villa ihres 
Vaters. Sie weiss, dass man nicht zwei Herren dienen kann. Ihre 
Leistung würde unter diesen Verhältnissen immer die einer 
Dilettantin sein, die der Pflicht nur jene Zeitabschnitte gönnen 
kann, welche ihr übrig bleiben. In Cromford wäre sie immer 
noch Miss Florence von Lea Hurst. 

Nein ! Jetzt ersehnt sie sich für ihre Arbeit stärker als je zuvor 
die gerade, strenge Linie des berufsmässigen Schaffens. Jetzt 
ist sie mehr als je entschlossen das Leben der eleganten Welt- 
dame endgültig aufzugeben. 

Zu spät ! 

« Wenn Du wüsstest, wie es meinem Herzen wohltäte, würden 
meine Lieben mir einen Segenswunsch oder einen Gruss auf 
den Weg mitgeben. Der Vorschlag von Cromford lässt mich 
glauben, dass sie geneigt sind, es zu tun. Wo immer ich mich 
befinde, in Frankreich oder in England, mein Herz ist bei Euch... » 

Noch einmal versucht sie es mit Paris. Dieses Mal fährt sie 
wirklich. Sie kommt in der französischen Hauptstadt an und lebt 
dort als Gast bei ihrer geistreichen und entzückenden Freundin 
Maria, in deren Salon sich die Blüte der Pariser Intelligenz und 
Eleganz zu versammeln pflegt. 

Des abends in Gesellschaft, tagsüber strenge Arbeit. Mit 
einem Passierschein der Administration für öffentliche Wohlfahrt 

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versehen, besucht Florence die Spitäler, die Krankenasyle der 
religiösen Orden, die Wohltätigkeitsanstalten und hält sich lange 
Zeit dort auf. Sie studiert die Tätigkeitsberichte, aufklärende 
Broschüren, Statuten jeder Art, macht genaue Aufzeichnungen 
über dieselben, vergleicht sie mit den Resultaten ihrer täglichen 
Erfahrungen. Täglich sieht sie in Kliniken und Operationssälen 
die berühmtesten Ärzte und Chirurgen von Paris am Werk. Sie 
beobachtet, notiert. Dann, als sie alles gesehen und soviel gelernt 
hat, als es ihr als Aussenstehende möglich war, begibt sie sich 
zur Äbtissin der « Barmherzigen Schwestern ». 

Sie ist so demutvoll und glühend vor tiefer Begeisterung, 
dass ihr die ehrwürdige Mutter mit tausend Freuden das Kloster 
auftut, wo man um Gotteslohn schafft. 

Für Florencens Eintritt bei den Schwestern wird alles verein- 
bart. Vereinbart... doch da wird sie plötzlich nach England zurück- 
berufen. Die hochbetagte Grossmutter ist schwer erkrankt und 
liegt im Sterben. 

Florence verlässt Paris in grösster Hast. Sie ist wieder in 
England, bei ihrer Familie. Hart sind die Hindemisse, doch 
härter noch ist der Wille, sie zu überwinden. 



Heim für kranke Gouvernanten 

Ein neuer Vorschlag : in London hat sich ein Komitee von 
frommen und vornehmen Damen gebildet, um ein Heim für alte 
kranke Erzieherinnen zu gründen. Das Komitee besteht aus der 
Präsidentin, der Vizepräsidentin, der Schriftführerin, der Schatz- 
meisterin, der Wirtschaftsberaterin und den Vorstandsmitgliedern. 
Alle diese Damen sind versammelt und besprechen die Tages- 
ordnung. Es handelt sich um die Wahl der Leiterin des Heimes. 
Ein Komiteemitglied nennt den Namen von Florence Nightingale. 

« Fräulein Nightingale ? Ach, die ist viel zu jung, ich wünsche 
eine reifere Frau. » 

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« Aber ich kenne sie sehr gut. Sie hat einen gesunden Menschen- 
verstand und viel Energie. » 

« Wird sie am Ende alles nur nach ihrem Kopf gestalten wollen ? 
Ob die Eltern es ihr überhaupt erlauben ? » 

« Was die Eltern betrifft, so kann man ja immerhin den Ver- 
such machen. Wegen der Besorgnis um die Kompetenzfrage 
haben wir ja den Beirat zur Überwachung der Wirtschaftsführung 
geschaffen. Überdies sind Statuten und eine Hausordnung vor- 
handen. » 

« Ich glaube wohl, dass das Fräulein geeignet wäre. Dazu 
kommt noch, dass das Heim mit ihrer Wahl eine grosse Ersparnis 
verzeichnen könnte, weil sie gewiss kein Honorar für ihre Arbeit 
annehmen wird. Ja ich meine sogar, dass sie ihren Beitrag zu den 
Ausgaben spenden würde. » 

Aus allen diesen guten und stichhaltigen Gründen bieten die 
Damen des Komitees Fräulem Nightmgale die Leitung des 
Gouvemantenheimes an. 

Komitee ? Florence verabscheut Komitees. Sie verabscheut 
die Liste « freiwilliger » Spenden mit den grossen oder gross- 
sprecherischen Namen und Titeln, verabscheut die Aufsicht einer 
Präsidentin, einer Schriftführerin, einer Wirtschaftsberaterin, die 
nicht wissen, was Arbeit heisst und die einzig nur deshalb die 
Ehrenstellen innehaben, weil sie der vornehmen Gesellschaft 
angehören. 

Aber das wichtigste ist, endlich ans Werk zu gehen. Wenn 
sich Arbeit bietet, haben wir das Recht uns die sophistische Frage 
zu gestatten, ob es auch wirklich die Arbeit ist, die wir uns ge- 
wünscht haben und ob die sie begleitenden Umstände auch die 
von uns gewollten sind ? ! 

Florence entschliesst sich also, guten Mutes die Damen und 
Herren des Komitees zu nehmen, wie sie sind. Die Eltern und 
Parthenope entschliessen sich ihrerseits, sich damit zufrieden- 
zugeben, in der Annahme, dass dieses Krankenhaus « sui generis » 
keine widerlichen und bösen Krankheiten beherbergen würde. 

41 



Ebensowenig würden darin Operationen nötig sein, die Anstoss 
erregen könnten und auch keine Studenten, die unter dem schüt- 
zenden Mantel der « Praxis » den Krankenpflegerinnen den Hof 
machen. 

So wird Florence zur Direktorin des Kranken- und Erholungs- 
heimes für Gouvernanten ernannt. 

Doch vorher wünscht sie nach Paris zurückzukehren, um ihre 
Studien zu vollenden. 

Sie reist auch wirklich ab. Nun beginnen die Besuche in den 
Spitälern von neuem und sie ist stets inmitten von Kranken- 
schwestern, Ärzten und Chirurgen. Stösse von Statuten, Berichten 
und Statistiken beschäftigen sie. Einen Monat dauert der Aufent- 
halt. Dann... 

Ist denn alles gegen sie verschworen ? Masern in ihrem 
Alter ? ! Wie irgend ein törichtes kleines Mädel plötzlich im 
Kloster zu erkranken ! Sollten die recht behalten, die ihr alle 
ihre Pläne ausreden wollen ? Muss sie mit ihrer unzeitgemässen 
Erkrankung gerade die armen Schwestern plagen, ihre liebens- 
würdigen Pariser Freunde, die sie während ihrer langsam fort- 
schreitenden Rekonvaleszenz so liebevoll in ihrem Hause auf- 
nehmen ? Muss sie noch immer die Fieberglut fühlen, da sie 
so dringend ihre volle Gesundheit nötig hätte, kräftig sein und 
sich kräftig zeigen sollte ! 

Die Masern ! Zu einem andern Zeitpunkt wären sie lächerlich 
genug gewesen, jetzt sind sie aufreizend, unerträglich. Am Ende 
eine Mahnung... 

Kaum kehren ihr die Kräfte wieder, so begibt sich Florence 
auf ihren Posten. 



Das « Heim für kranke Gouvernanten », das Florence zu leiten 
hat, wird von einem Aufsichtsrat, von einem Damenkomitee und 
von einem Herrenkomitee überwacht. Zuviel der Ehren ! 

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In dem Gebäude, welches die « kranken Damen » — englisch 
« sick gentlewomen » — aufnehmen soll, gibt es weder Betten, 
noch Sessel, noch Tische. Es ist überhaupt noch gar nichts vor- 
handen und in zehn Tagen sollen die Damen eintreffen. Es ist 
notwendig, alles herbeizuschaffen. 

Eine ganze Schar von Tischlern, Schlossern, Maurern, Malern 
und Tapezierern sind an der Arbeit. Es heisst in die Stadt eilen, 
um Stühle, Lehnsessel, Kommoden, Bettdecken, Leintücher 
einzukaufen. Endlose Debatten mit der Wirtschaftsberaterin, die 
bei allem und jedem sparen will. 

« Die Betten sind schon da ! Wo sollen wir sie abladen, 
Fräulein ? » 

« In den zwei Zimmern, wo die Maler gerade den letzten 
Anstrich gemacht haben. So, nur alles in die beiden Zimmer ! » 

Wo sind die Decken ? Die Schränke sind auch noch nicht 
zusammengestellt. In der Garderobe ist Platz für alles. Florence 
lässt ein Leintuch auf den Boden breiten, darauf werden die 
Decken geschichtet und zuoberst wieder ein schützendes Tuch. 

« Fräulein, auf dem Fussboden des Zimmers Nummer 4 haben 
die Arbeiter ein Brett zu legen vergessen. Soll man den Bau- 
meister rufen lassen ? » 

« Bitte, Fräulein, die Fensterläden sind schon trocken, wollen 
Sie nicht nachsehen kommen, ob sie so richtig sind ? » 

Florence kommt und geht, inspiziert alles, stimmt zu oder 
schlägt Änderungen vor. Inmitten dieses wahren Chaos ist sie 
geschäftig und heiter. Lächelnd erscheint eine Dame in all dieser 
Verwirrung. Es ist die Schriftführerin. Höchst elegant in graue 
Seide gekleidet, mit einem grauen Hütchen, das ihr frisches 
rosiges Gesicht entzückend einrahmt und zwei grossen Brillant- 
boutons in den zarten Ohrläppchen. 

« Wie steht es mit der Arbeit ? Sind wir noch sehr im Rück- 
stand ? Ich habe wirklich Angst ! » 

Florence muss mit freundlichem Lächeln die Tischler sich 
selbst überlassen, die noch nicht begriffen haben, wie der grösste 

43 



Schrank zusammenzufügen ist. Sie muss der liebenswürdigen 
Besucherin die Honneurs machen und glücklicherweise zeigt sich 
diese von allem befriedigt, ohne das geringste begriffen zu haben, 
genau so wie sie sich früher ohne eine Ahnung von der Sache zu 
haben, unzufrieden über Florencens Verfügungen äusserte. 

« Werden wir nächsten Montag fertig sein können ? Es scheint 
wirklich ganz unmöglich ! ! » 

Aber selbst das Unmögliche wird für Florence möglich, und 
wie durch Zauber werden nach ihren präzisen und sachgemässen 
Befehlen die Betten in den Krankensälen aufgestellt, daneben 
die Nachtkästchen. Die Leintücher sind schon bereit. 

« Sind die Matratzen schon da ? » 

« Noch nicht. » 

« Pauline, nehmen Sie einen Wagen und fahren Sie ins Geschäft. 
Sagen Sie, man möge Ihnen sofort die Matratzen mitgeben, die 
fertig sind. Es macht nichts, wenn es noch nicht alle sind. Halt, 
die Tapezierer müssen doch im Salon schon fertig sein. Sagen 
Sie ihnen, dass sie nicht fortgehen und mich erwarten sollen. 
Ich sehe selbst nach den Matratzen. » 

Die Arbeiter sind noch immer dabei, die letzten Einzelheiten 
zu vollenden. Das Dienstpersonal kehrt die Räume noch einmal 
gründlich, bevor das Haus eröffnet wird. Die Betten werden 
gemacht. Auf den Nachtkästchen glänzen Wasserflasche und 
Wasserglas blitzblank. Alles atmet Licht, blendendes Weiss und 
leuchtende Sauberkeit. 

Die ersten kranken Erzieherinnen halten ihren Einzug in 
Begleitung der Damen vom Komitee. Die Ordnung ist voll- 
kommen und man fühlt die Disziplin, die sie aufrecht erhält. 
Ohne sich über die Gründe Rechenschaft zu geben, hat das Damen- 
komitee ebenso wie das Herrenkomitee den Eindruck, dass der 
Anfang sehr gut vor sich geht. 

« Aber, Fräulein, glauben Sie wirklich, dass wir auch Katho- 
likinnen aufnehmen müssen ? » 

44 



« Gewiss, gnädige Frau. Täten wir es nicht, so würde das 
Heim einen konfessionellen Anstrich bekommen. Und Sie werden 
doch nicht gleich zu Beginn einem armen kranken Wesen die Tür 
vor der Nase zuschlagen wollen, bloss weil es keine Protestantin ist ?» 

Florence siegt. Sie siegt immer. Sie siegt bei den Damen und 
Herren des Komitees, den Krankenpflegerinnen und Patientinnen. 
Sie erlangt die Erlaubnis, die Diät der Kranken zu ändern, sie 
hygienischer zu gestalten. Sie setzt es durch, dass die geheilten 
Schützlinge das Heim verlassen, um neuen Patientinnen Platz 
zu machen. Sie darf einen alten Pfarrer mit der geistlichen Beratung 
des Heimes betrauen, statt den vom Aufsichtsrat in Vorschlag 
gebrachten jungen Geistlichen zu wählen. 

Im Hause ist Florence unermüdlich und allgegenwärtig. Alle 
sehen sie überall auftauchen und stets im richtigen Augenblick. 
Vom Keller eilt sie in den Operationssaal, von der Apotheke in 
die Garderobe. In den Krankensälen wacht sie über alle und 
alles, tröstet, beruhigt, eifert an. Sie ist bereitwillig im Lob, 
zögert aber nicht mit Tadel, wo er nötig erscheint und zeigt 
sich dann sehr streng. Sie ist bereit, die bescheidensten Dienste 
auszuführen, aber auch die ernsteste und schwerste Verant- 
wortung auf sich zu nehmen. Was andere nicht tun wollen oder 
können, das macht das Fräulein. Ihr Eifer steckt an, ihre Energie 
weckt die noch schlummernden Kräfte und Fähigkeiten ihrer 
Mitarbeiter. Eine Atmosphäre des Vertrauens, des Wohlbefindens, 
der Heiterkeit verbreitet sich in ihrer ganzen Umgebung. Die 
Kranken fühlen sich sicher und beschützt, die Untergebenen 
richtig geleitet von einer Vorgesetzten, die es versteht, ihre Ver- 
dienste anzuerkennen und die geringste Nachlässigkeit zu ent- 
decken. Wenn die Patientinnen mit Bedauern das Haus verlassen, 
nehmen sie eine schöne Erinnerung mit sich. Sie haben sich 
auf einer Insel des Friedens aufgehalten und kehren oft in Ge- 
danken dahin zurück, schreiben in unwandelbarer Dankbarkeit 
Briefe an die Frau, welche die Seele dieser Insel ist und die sie 
« geliebte Mutter» nennen oder gute, treue, einzigartige Freundin... 

45 



Unsere Sendung 

Wie schön ist der Neujahrstag 1854, schön und ernst für 
Florence. 

« Unsere Sendung ist eine ungemein schwierige, Sie wissen 
das ja, meine Liebe. Wenn sie auch hohe Freuden mit sich bringt, 
so sind die Enttäuschungen oft so gross, dass wir unsere volle 
Kraft und unseren ganzen Glauben nötig haben... » 

« Aber ich habe es nie bereut und keinen Augenblick daran 
gedacht, einen Blick zurück zu tun. So beginne ich das Neue 
Jahr mit dem aufrichtigen Gefühl, noch niemals einen so glück- 
lichen Neujahrstag erlebt zu haben. » 

Die Ärzte und Komiteedamen, Gläubige und Ungläubige, 
kommen nicht aus dem Staunen heraus. Im Gouvernanten-Heim 
betrinken sich die Krankenpflegerinnen nicht, empfangen in den 
Krankensälen nie ihre Freunde und stehlen nicht. Die ärztlichen 
Vorschriften werden pünktlich und mit unverkennbarer Intelligenz 
durchgeführt. Während der Visite erklärt die Oberschwester, die 
den Arzt auf seinem Rundgang begleitet, den Zustand der Pati- 
entinnen und was seit dem letzten Arztbesuch an ihnen beobachtet 
worden ist, mit solcher Klarheit, dass der Oberarzt eine wert- 
volle Stütze in ihr erkennt. Er fühlt, dass eine Pflegeschwester 
wie Fräulein Nightingale eine unschätzbare Mitarbeiterin ist. 
Er wünschte, in jedem Krankenhaus eine solche Frau vorzufinden... 
Warum sollte Fräulein Nightingale keine Pflegerinnenschule grün- 
den ? Welche Voraussetzung für die Volksgesundheit wären 
Frauen, die imstande sind, Spitäler derart zu leiten. Kranke auf 
solche Weise zu pflegen ! 

Monate vergehen. Ein Missionar schreibt an Florence aus 
Paris und bittet sie, ihm zwei Krankenschwestern zur Verfügung 

46 



zu stellen, die ihr in Wesen und Bildung entsprächen. Beim besten 
Willen kann sie seinen Wunsch nicht erfüllen : es gibt keine solchen 
Pflegerinnen. 



Eine kurze Ruhe- und Erholungspause. Nach einem vollen 
Arbeitsjahr fühlt Florence, dass sie ein wenig ausruhen muss. 
Sie hat das Recht darauf und geniesst den Urlaub. Die Villa 
mit ihren Wiesen und Wäldern ist so ganz anders, voll Heiterkeit 
und Helligkeit ! Ein starkes Gefühl der Freude überkommt sie, 
tiefer Frieden erfüllt die Natur und ihr Herz... 

Wieder eine Unterbrechung. Eine Cholera-Epidemie, die in 
London ausgebrochen ist, fordert die Dienste der besten Pflege- 
schwester in England. Sie bleibt nicht im eigenen sauberen 
Krankenhaus bei ihren aristokratischen Patientinnen, die alle 
aus vornehmen Häusern kommen. Sie begibt sich in die Frauen- 
Abteilung eines Cholera-Spitals, wo unaufhörlich, Tag und Nacht, 
aus den am dichtesten bevölkerten, schmutzigsten Elendsvierteln 
die armen, verwahrlosten, von der Seuche befallenen Frauen 
eingeliefert werden. Tag und Nacht nimmt Florence zu Hunderten 
die Frauen auf, hilft sie entkleiden, betten und pflegen. 

Die Epidemie flaut ab, verschwindet, wie sie gekommen. Und 
Florence kehrt zu ihren Gouvernanten zurück. 

Im Spital des Königlichen Kollegiums, das neu erbaut und 
eingerichtet ist, braucht man eine Oberschwester. 

Neue Horizonte öffnen sich für Florence. 

Jetzt ist vielleicht der so erwünschte Augenblick gekommen, 
da sie eine wirkliche und praktische Schule gründen könnte ? 
Vermöchte sie endlich zum Wohle der Menschheit das Niveau 
der gesamten Krankenhilfe und Krankenpflege zu heben, diese 
den Händen der niedrigen und entwürdigten Klassen zu ent- 
ziehen, welche ihnen die Kennzeichen der Trunksucht und des 

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Lasters aufgeprägt haben. Es würde darauf ankommen, die Töchter 
der Bauern heranzuziehen, um aus ihnen tüchtige Krankenpflegerin- 
nen zu machen, die an Leib und Seele gesund sind und die in das 
heiHge Bereich der Leiden die kraftvolle Reinheit von Menschen- 
kindern tragen würden ; die unter Bäumen und inmitten von 
Feldern aufgewachsen waren, weit entfernt vom Pesthauch der 
Städte, weit entfernt von hoffnungsloser Sittenverderbnis. 



Unten in der Krim 

« Da ist die Zeitung, Fräulein ! » 

Florence nimmt die « Times » und entfaltet sie ungeduldig. 
Noch nie hat sie die Zeitung mit so viel Beklommenheit durch- 
blättert. Es gab freilich kaum eine englische Frau, die ohne 
Besorgnis diese Seiten aufgeschlagen hätte, auf denen die Nach- 
richten von den fernen Kämpfen verzeichnet stehen... Unten in 
der Krim wichen die englischen Soldaten keinen Zoll vor dem 
Feinde, sie hielten das Panier des Vaterlandes hoch. So ist denn 
auch das Herz der Frau mit ihnen. 

Das Herz und das Mitleid — es kommen so merkwürdige 
Nachrichten aus dem Osten. Nachrichten voll Jammer, Ver- 
lassenheit und Mangel an Voraussicht. 

In dem stillen Wohnzimmer des Heimes für erkrankte Er- 
zieherinnen liest Florence die « Times ». Und da steht es : « Es 
ist noch nicht das schlimmste, dass die Soldaten vergebens wochen- 
lang warten müssen, ohne dass ein Arzt ihre Wunden untersucht ; 
es ist noch nicht das schlimmste, dass sie unter fürchterlichen 
Qualen sterben, von einem Ort zum andern auf primitiven Fahr- 
zeugen geschleppt, ohne dass sich jemand um sie kümmert, ohne 
dass der so sehr ersehnte Arzt bei seiner Runde in dem schmutzigen 
Krankensaal imstande wäre, sich bei ihrer menschenunwürdigen 
Lagerstatt aufzuhalten. Das schlimmste ist : wenn sie im Lazarett 

48 



mit der Erwartung angekommen sind, dass etwas zu ihrer Pflege 
vorbereitet wäre, das allemötigste Material, das sich im primi- 
tivsten Krankenzimmer eines Armenspitals vorfindet, hier vollstän- 
dig fehlt und dass die Verwundeten nur deshalb zugrunde gehen, 
weil die Ärzte des englischen Heeres nicht daran gedacht haben, 
dass man zum Verbinden von Wundjen Leinen und Muli braucht. 
Die Franzosen sind uns in dieser Hinsicht weit überlegen. Ihre 
sanitäre Organisation ist vortrefflich und ihren zahlreichen Chi- 
rurgen mangelt niemals die Unterstützung der « Barmherzigen 
Schwestern », welche die Expedition begleiten. Diese frommen 
Frauen sind ausgezeichnete Krankenpflegerinnen. Will also wirklich 
keine englische Frau sich auf die Fahrt begeben, um ihre leidenden 
Brüder zu pflegen, will sie sie sterben lassen, weil sie solcher 
Pflege entbehren ? » 

Florence weiss wirklich nicht mehr, ob sie diese Worte in der 
Zeitung gelesen hat oder ob sie ihrem Herzen eingegraben sind. 
Sie weiss nur das eine, dass sie nach Konstantinopel reisen wird. 
— Wie ? Wann ? 

Sie sammelt sich, um nachzudenken, sobald die Ergriffenheit 
und der stürmische Entschluss des ersten Augenblicks etwas 
abgeklungen sind. 

Soll sie allein gehen ? Besser wäre es mit einer anderen Pflege rin 
gemeinsam, aber wenn es notwendig ist, auch ganz allein. Wen 
kann sie denn bitten, mitzukommen ? 

Florence lässt im Geiste die Gestalten der Pflegerinnen die sie 
kennt an sich vorüberziehen. Ein Name drängt sich ihr auf, eine 
Erscheinung: Joan. Rasch entschlossen schreibt sie ein paar Zeilen, 
läutet dem Diener. 

« Nehmen Sie einen Wagen und bringen Sie diesen Brief 
dem Fräulein, das mit Ihnen herkommen soll. » 

Es ist die Stunde der Abendvisite. Florence begleitet den 
Arzt wie gewöhnlich, berichtet ihm ruhig, was während seiner 
Abwesenheit im Krankenhaus vorgefallen ist. Übrigens ist jetzt 

49 



nur eine einzige schwerkranke Patientin vorhanden. Die anderen 
Kranken fühlen sich recht wohl und die Visite geht rasch vor 
sich. Kaum hat sich der Arzt verabschiedet, kommt auch schon 
der Diener zu Florence. 

« Das Fräulein ist schon da. Sie wartet im Vorsaal. Aber oben 
im Salon ist Lady Mary Forester. Ich habe ihr gesagt, dass Sie 
mit dem Herrn Primarius in den Krankenzimmern sind. Sie 
meinte, ich sollte Sie ja nicht stören, denn sie könne schon warten. » 

Lady Mary Forester ! Florence kennt sie kaum. Im Geiste 
sieht sie blitzhaft die hochgewachsene elegante Gestalt vor sich, 
die hellblonden Haare, die feinen, regelmässigen Züge, das 
lächelnde Antlitz der schönen und gefeierten Frau. 

« Sie haben mich gerufen, Fräulein ? » 

« Ja, liebe Joan. Ich kenne Ihren Ernst und Ihren Mut genau. 
Darum mache ich Ihnen einen Vorschlag. Man braucht tüchtige 
Krankenpflegerinnen für unsere Soldaten unten in der Krim. 
Sie sterben, ohne dass jemand ihre Qualen hndert. Wenn ich die 
Erlaubnis bekomme, zu reisen, möchten Sie mich begleiten ? 
Überlegen Sie sich das bis morgen. Die Sache ist höchst dringend. » 

« Ich brauche nichts zu überlegen, Fräulein. Ich entscheide 
mich sofort. Wenn Sie mich haben wollen, komme ich mit. Umso 
eher, als ich ja keine Familienpflichten habe. Sie wissen ja, da 
unten steht der jüngere Sohn meiner Schwester, mein Patenkind. 
Sagen Sie mir nur, was ich zu tun habe. » 

Da erinnert sich Florence, dass Lady Mary oben noch immer 
wartet. 

« Bleiben Sie hier, Joan. Ich komme gleich zurück. Ich weiss 
ja selbst noch nicht, was wir tun müssen. Sie sind ja jetzt frei, 
nicht wahr ? » 

« Glücklicherweise bin ich frei ! Meine letzte Patientin hat 
mich gestern verabschiedet. Anfragen habe ich ja genug, aber 
ich habe mich noch nirgends verpflichtet. » 

Im Salon geht Lady Mary auf und ab, sie scheint etwas nervös 
und erregt. 

50 



« Fräulein Nightingale, haben Sie die « Times » gelesen ? » 

« Ja, Lady Mary. » 

« Dann wissen Sie, warum ich gekommen bin. Ich würde 
sofort abreisen, wenn ich wüsste, dass ich von irgendwelchem 
Nutzen sein könnte. Aber ich weiss, dass ich's nicht bin. Ich 
tauge zu nichts. Sie aber... 

« Ich reise, Lady Mary ! » Die Stimme von Florence klingt 
ruhig und sicher. 

« Sie reisen ? Haben Sie sich schon entschlossen ? Wann 
reisen Sie ? Mit wem ? Wohin ? » 

« Ich weiss noch gar nichts, Lady Mary. Nur eines, dass ich 
reise. Wenn Sie mir helfen wollen, tun Sie es ! Ich nehme eine 
Krankenpflegerin mit, deren Kosten ich bestreiten werde. » 

« Ich kann noch weitere zwei Krankenpflegerinnen aus meinen 
Mitteln bestreiten. Sind 200 Pfund Sterling genug ? Sagen Sie 
mir, wieviel Sie brauchen. » 

« Ich glaube, der Betrag wird ausreichen. Genau kann ich 
es nicht sagen. Aber es ist ein Erlaubnisschein der Sanitären 
Verwaltung nötig. Wer ist der Chef des Sanitätsdepartements für 
das Heer ? » 

Florence hat rasch ihre Pläne organisiert. Lady Mary ist ihr 
bei deren Ausführung behilflich. Die Abreise, die schon beschlos- 
sene Sache war, ist in wenigen Tagen möglich geworden. Sie 
schreibt an ihre alte Bekannte und liebe Freundin, Lady Elisa- 
beth Herbert, Gemahlin des Staatssekretärs im Kriegsministerium : 

« Liebste ! 

Heute früh kam ich zu Ihnen und hoffte Sie oder Ihren Gemahl 
anzutreffen. Leider war niemand zu Hause. 

Wir haben eine kleine Expedition von Krankenpflegerinnen 
nach Skutari organisiert und man hat mich ersucht, die Leitung 
zu übernehmen. 

Für meine Verpflegung und die einer weiteren Kranken- 
pflegerin sorge ich selbst. Lady Mary Forester hat 200 Pfund 

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Sterling gespendet, um noch drei Krankenpflegerinnen mitnehmen 
zu können. Wir werden für die Spesen von Wohnung und Ver- 
pflegung aufkommen und der Regierung keine Ausgaben machen. 

Doktor Andrew Smith vom Sanitätsdepartement des Heeres, 
mit dem ich gesprochen habe, hat mir die Erlaubnis zur Abreise 
erteilt und gibt uns einen Empfehlungsbrief an den Chefarzt 
von Skutari mit. 

Ich will nicht alles glauben, was in den « Times » steht, aber 
ich bin überzeugt, dass wir etwas Gutes für unsere armen ver- 
wundeten Jungens tun können. 

Nun zu dem Geschäftlichen : 

1. Wenn die Damen vom Komitee nicht begreifen wollen, 
dass die Sache eine Pflicht ist, und mir ihr Einverständnis ver- 
weigern — eine gewöhnliche Zustimmung genügt mir nicht — 
kann ich meinem Ehrbegriff gemäss meine Verpflichtung nicht 
willkürlich lösen. Ich schreibe an Sie, um dies den Damen 
begreiflich zu machen. 

2. Was denkt Ihr Gatte über diesen Plan ? Glaubt er, dass 
die Behörden irgendwie Schwierigkeiten machen werden ? Wird 
er uns Ratschläge und Empfehlungsbriefe geben ? Meint er, deiss 
es nützlich wäre, Verbandsmaterial und Medikamente oder andere 
Erfordernisse für die Lazarette mitzunehmen ? Doktor Smith 
meint, es sei nichts dergleichen nötig. 

Wir reisen Dienstag, wenn es möglich ist, um in Marseille das 
Schiff zu erreichen, das am 21. nach Konstantinopel in See geht. 
Dort will ich zunächst meine Pflegerinnen zurücklassen, damit 
ich das Sanitätskorps von Skutari mit dieser neuen Methode 
eines weiblichen Bombardements nicht zu sehr erschrecke. Ich 
will den Bosporus in Begleitung eines Mitgliedes der englischen 
Botschaft überqueren, die Beglaubigungsschreiben überreichen, 
die uns Dr. Smith ausgestellt hat, und uns dem Sanitätskorps 
zur Verfügung stellen. Wenn Sie oder jemand anderer vom Komitee 
an Lady Stratford schreiben und ihr Auskunft über mich geben 
wollten : « Das ist keine Dame, sondern eine richtige Spital- 

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pflegerin und in ihrer Arbeit praktisch erfahren ! » — Mein Onkel 
ist heute früh zu meinen Eltern gegangen, um ihre Zustimmung 
ni bekommen. — Wäre es ratsam, dass ich um die Protektion des 
Herzogs von Newcastle ersuchte ? 

Ich grüsse Sie, Liebste, in höchster Eile. 

Stets die Ihre, 

Florence NiGHTINGALE. » 

In höchster Eile — aber ohne das Geringste zu vergessen ! 
Florence hat tatsächlich an alles gedacht, für sich und ihre Kranken- 
pflegerinnen. 

Und jetzt heisst es warten. Warten auf die Antwort von Lady 
Herbert, die ihr die Erlaubnis des Komitees vom Heim für Gou- 
vernanten bringen soll, sowie auf den Bericht ihres Onkels, den 
sie die Zustimmung ihrer Eltern zu erwirken, gebeten hat. Und 
warten endlich auf die Lösung der vielen Formalitäten, deren 
Überwindung schliesslich über Erfolg oder Misserfolg ihres Unter- 
nehmens bestimmen wird. 



Ein Brief von Sidney Herbert 

In den Krankensälen geht inzwischen das Leben unverändert 
weiter. Florence assistiert bei der Operation der kleinen blonden 
Gouvernante und hilft mit, sie nach vollzogenem Eingriff in das 
vorgewärmte Bett zu legen. Sie spricht der dicken alten Kinder- 
frau, die vor dem Tode Angst hat, neuen Mut zu. 

Sie beschafft neue Vorräte für die Küche, gibt dem behan- 
delnden Arzt Auskunft und den Krankenpflegerinnen ihre Auf- 
träge. Niemand merkt, dass « das Fräulein » an etwas anderes 
denkt. Aber sie weiss es und fühlt es, besonders, als ein Brief 
von Sidney Herbert eintrifft, nur wenige Stunden nachdem ihr 
Brief an ihn abgegangen ist... 

53 



Es kann also keine Antwort darauf sein. Die Briefe haben sich 
gekreuzt. 

Ein langer Brief. Florence ist in ihrem Wohnzimmer allein, 
während sie ihn liest und das Herz pocht ihr dabei zum Zerspringen. 

Liebes Fräulein Nightingale ! 

Aus den Zeitungen werden Sie entnommen haben, dass in 
den Lazaretten von Skutari ein grosser Mangel an Kranken- 
pflegerinnen sich geltend macht. Dem beklagenswerten Mangel 
an Ärzten, Verbandsstoffen, Bettwäsche usw., wenn sie tatsächlich 
bestanden haben, dürfte schon früher abgeholfen worden sein, 
weil die Anzahl der Regimentsärzte, die mit dem Heer abgegangen 
sind, 1 : 95, das heisst ein Regimentsarzt für je 95 Mann beträgt, 
fast das doppelte also, wie wir es früher hatten. Dreissig Chirurgen 
sind überdies vor drei Wochen abgereist, die natürlich schon in 
Konstantinopel angelangt sind. Weitere Ärzte sind letzten Dienstag 
abgereist, und nächste Woche sollen ihnen andere folgen. 

Was das Sanitätsmaterial betrifft, so haben wir davon unge- 
heure Quantitäten abgesandt. Ganze Tonnen Verbandsmaterial, 
15 000 Paar Bettücher, Medikamente, Wein und Mehl im Ver- 
hältnis zum Bedarf. Bedauerlich ist nur, dass all diese so dringend 
notwendigen Dinge nicht mit dem Heer in die Krim weiterexpediert 
worden sind, sondern immer noch im Hafen von Varna liegen. 
In vier Tagereisen kann man vielleicht das gesamte Material in 
die Hand bekommen und inzwischen müssen eben neue Vorräte 
expediert werden. 

Aber der Mangel an Krankenpflegerinnen ist unleugbar, weil 
es nur Männern gestattet wurde, die Soldaten in den Militärlaza- 
retten zu pflegen. 

Es wäre unmöglich, eine grosse Anzahl von Pflegerinnen mit 
dem vorrückenden Heer mitzuführen. Da aber in Skutari ein 
Spital vorhanden ist, sehe ich nicht ein, warum es Frauen ver- 
wehrt bleiben sollte, in dieses einzutreten. Ich bin davon über- 
zeugt, dass ihre Anwesenheit äusserst wohltätig sein würde, da 

54 



die Krankenpfleger der Militärspitäler sehr roh und der grösste 
Teil dazu noch höchst unwissend sind. 

Ich bekomme fortwährend Angebote von sehr vielen Frauen, 
die an den Kriegsschauplatz abgehen wollen, aber es sind grössten- 
teils solche, die keine blasse Ahnung davon haben, was ein Kriegs- 
lazarett ist und wie das Leben in einem solchen aussieht. Frauen, 
die im Ernstfall völlig unnütz wären, ja beinahe mit Sicherheit 
zur Last fallen würden. Keine von ihnen dürfte vermutlich die 
Notwendigkeit der bedingungslosen Unterwerfung gegenüber den 
Disziplinarvorschriften begreifen, Disziplin, die in einem Militär- 
spital erste Bedingung ist. Lady Mary Forester, die Tochter 
von Lord Rhodes, hat dem Chef des Sanitäts-Departements, 
Doktor Smith, Vorschläge unterbreitet. Ich weiss nicht recht, 
ob sie selbst hinunterzureisen beabsichtigt oder Krankenpflege- 
rinnen schicken will. Reverend Hume, der frühere Kaplan des 
Allgemeinen Krankenhauses von Birmingham, hat sich angeboten, 
mit seinen zwei Töchtern und zwölf Krankenpflegerinnen als 
Feldkaplan zum Heer zu gehen. Er war schon sieben Jahre in der 
Armee tätig, hat Spitalpraxis und sein Brief ist das Schreiben 
eines ernsten Mannes. Ich glaube wohl, dass diese beiden Angebote 
zu praktischen Ergebnissen führen könnten. Aber vermutlich 
ahnt Herr Hume nicht, wie schwierig es ist, Krankenpflegerinnen 
ausfindig zu machen, die zu etwas taugen. Selbst wenn Lady 
Mary Forester ihrerseits Anmeldungen von wirklichen Kranken- 
pflegerinnen entgegengenommen hat, so wird sie doch nicht 
fähig sein, dieselben zu leiten. 

Ich kenne nur eine Person in England.die imsta nde wäre, 
eine derartige Expedition zu organisieren und zu leiten! Mehr 
als einmal war ich im Begriff, Sie zu bitten, die Leitung zu 
übernehmen, falls ein solcher Versuch gemacht würde. 

Die Wahl der Krankenpflegerinnen wird ungeheuer schwierig 
sein : niemand weiss das besser als Sie. Es ist an sich schon sehr 
schwer, Frauen zu finden, die fähig sind, eine solche Mission zu 
übernehmen, die ebensoviele Mühen als grauenvolle Erlebnisse 

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mit sich bringen dürfte. Noch schwieriger dürfte es sein, diese 
Frauen zu beherrschen, Ihnen die nötige Disziplin beizubringen 
und sie auch aufrecht zu erhalten. Nicht weniger heikel ist es, 
mit den Sanitäts- und Militärbehörden zu verhandeln, ohne ihre 
Empfindlichkeiten zu verletzen. Deshalb wäre es so wichtig, dass 
die Expedition von jemandem geleitet würde, der, wie Sie, Er- 
fahrung und administratives Talent besitzt. Viele enthusiastische 
und sentimentale Frauen würden, wenn sie die Erlaubnis erhielten, 
die Spitäler von Skutari zu betreten, nach wenigen Tagen von 
den Offizieren an die Luft gesetzt werden, weil diese sich in ihrer 
Arbeit gestört und ihre Autorität bedroht fühlten. 

Meine Frage an Sie ist ganz einfach die folgende : Wollen Sie 
die Expedition leiten ? Natürlich würden Sie unbeschränkte 
Autorität über die Krankenpflegerinnen erhalten. Ich meine sogar, 
dass ich Ihnen die volle Mitarbeit des Sanitätskorps zusichern 
könnte, und Sie würden von der Regierung alle Unterlagen erhal- 
ten, die Ihnen zum Erfolg notwendig erscheinen. Über diesen 
Punkt sind Einzelheiten für einen Brief zu weitschweifend, und 
ich behalte mir diese vor, bis wir uns sehen, denn ich bin mir 
dessen vollkommen bewusst : welche Entscheidung Sie auch 
treffen sollten, werden Sie mir doch jeden Rat und jede Hilfe 
gewähren die Ihnen möglich sind. 

Ich dränge Sie in keiner Weise. Nur Sie allein vermögen zu 
urteilen, welche die dringlichste und höchste Ihrer Pflichten ist. 
Aber ich will Ihnen auch nicht verhehlen, dass von Ihrem Ent- 
schluss der Erfolg oder das Scheitern dieses Planes abhängen, 
Ihre persönlichen Qualitäten, die Spitalpraxis und administrative 
Eignung, die Sie besitzen, nicht minder der Rang und die gesell- 
schaftliche Stellung Ihrer Familie gewähren Ihnen für diese 
Tätigkeit Vorteile, die niemand anderer aufweist. 

Wenn die Sache gelingt, werden wir nicht nur denen, die 
unsere Unterstützung verdienen, einen grossen Dienst erweisen, 
sondern wir werden auch ein Vorurteil besiegen, und einen Präze- 
denzfall schaffen, der sich als dauerhaften Vorteil erweisen wird. 

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Ich will Sie im Hinblick auf Ihre Antwort nicht zu sehr be- 
einflussen. Ist sie ein « Ja », so bin ich überzeugt, dass unsere 
Freunde Bracebridge Sie begleiten werden und dass Ihnen alle 
Hilfe zuteil wird, die einzig und allein deren Gesellschaft und 
Sympathie Ihnen gewähren kann. Ich habe einen so ausführlichen 
und langen Brief geschrieben, weil die Sache mir nahegeht. Meine 
Frau schreibt an Frau Bracebridge. Morgen abend bin ich wieder 
in der Stadt. Kann ich zwischen drei und fünf Uhr zu Ihnen 
kommen ? Wollen Sie mir diesbezüglich eine Karte ins Kriegs- 
ministerium schreiben ? 

Es ist da noch ein Punkt, auf den hinzuweisen ich vielleicht 
nicht das Recht habe, aber ich weiss, dass Sie es mir verzeihen. 
Wenn Sie geneigt wären, diese grosse Mission zu übernehmen, 
glauben Sie, dass Herr und Frau Nightingale ihre Zustimmung 
erteilen würden ? Die Arbeit wäre so patriotisch und die Auffor- 
derung einer Regierung, welche die Nation repräsentiert, kommt 
in einem so bedeutungsvollen Augenblick, dass ich an ihrer Ein- 
willigung nicht zweifle... 

Da die Autorisation ja unmittelbar von der Regierung ausgeht, 
würden Ihnen alle Instanzen höchste Achtung entgegenbringen 
in einer Arbeit, wo die offizielle Stellung soviel bedeutet. Sie 
würden Gegenstand grösster Rücksichtnahme und aller Auf- 
merksamkeit sein. Auch können Sie überzeugt sein, dass Ihre 
Befehle sowohl während der Überfahrt als dort unten aufs voll- 
kommenste befolgt würden. 

Ich weiss, dass Ihnen diese Dinge gleichgültig sind, insoweit 
sie nicht ein Mittel bedeuten, um die Arbeit zu erleichtem. Aber 
darüber hinaus, dass sie eine gewisse Bedeutung an sich besitzen, 
sind sie auch für jene nicht bedeutungslos, die das Recht haben, 
sich um Ihres persönlichen Wohles willen Sorgen zu machen. 

Ich weiss, dass Ihr Entschluss wohlüberlegt sein wird. Gott 
gebe, dass er so ausfallen möge, wie ich es mir wünsche ! 

Liebes Fräulein Nightingale, ich verbleibe in diesem Sinn 
stets der Ihre, Sidney Herbert. 

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Im Wohnzimmer des Erzieherinnen-Heimes hest Florence 
den Brief und ihr Herz pocht, dass sie kaum atmen kann. Der 
Augenblick für die wahre, grosse Arbeit ist da, wirkHcher, gewaltiger, 
als sie jemals geträumt, mit der weiten Perspektive unermesslicher 
Wohltat, mit einer Verantwortung von so ungemeiner Tragweite, 
dass sie sich fast ängstigt. 

Aber Florence kennt keine Angst. Von klein auf hat sie gelernt, 
zu kämpfen. Sie hat auch gelernt, die Menschen zu überzeugen 
und sich selbst zu überwinden. Ist die Aufgabe ernst, umso grösser 
wird ihr Wille sein, umso glühender ihr Eifer ! 

In dem stillen Gemach sitzt eine Frau voll Energie und Selbst- 
beherrschung, die sich zum Appell gemeldet hat, noch ehe sie 
gerufen ward. Vielleicht war es der Ruf, der ehemals im Grunde 
ihres Herzens vernehmlich vmrde, der sie hiess, jenen Weg zu 
gehen, der den andern als Weg in die Verdammnis erschienen 
war... 



Acht Tage intensiver Arbeit. Es heisst die Krankenpflege- 
rinnen auswählen, für ihre Ausrüstung sorgen, die notwendigen 
Abmachungen mit dem Sanitäts-Departement und dem Mini- 
sterium treten, die Stellung der Pflegerinnen regeln, die Arbeits- 
weise, den Reiseweg, die nötige Protektion vorbereiten. 

Zuerst die Wahl der Pflegerinnen, schwer genug ! 

« Ich wünschte, dass die Leute, die sich über die von uns 
getroffene Wahl beklagen wollten, Kenntnis davon hätten, wie 
die Frauen beschaffen waren, die wir zurückgewiesen ! Das waren 
tatsächlich Frauen, mit denen unterm gleichen Dach zu leben 
man sich geschämt hätte. Nur eine einzige unter ihnen konnte einen 
stichhaltigen Grund nennen, um dessentwillen sie die Reise mit- 
machen wollte. Für die übrigen bildete der Erwerb den einzigen 
Anziehungspunkt. » 

Nun sind die Krankenpflegerinnen reisefertig. Zehn katho- 
lische Ordensschwestern, acht anglikanische Schwestern, sechs 

58 



Lalenschwestem vom St. John's Hospital und vierzehn von 
anderen Krankenhäusern. 

Florence ist mit ihnen tief bewegt und doch ruhig und heiter, 
alle haben sich im Hause von Sidney Herbert zusammengefunden. 
Der Staatssekretär spricht zu ihnen : 

« Sie machen sich zu einer langen Reise und zu einer heiligen 
Pflicht auf. Gehören Sie auch verschiedenen Konfessionen an, so 
einigt Sie eine höhere Religion. Jeder Soldat ist einzig um seiner 
Leiden willen Ihr Bruder in Gott. Wenn eine unter Ihnen ihrer 
eigenen Kräfte nicht sicher wäre, so ist es noch Zeit für sie, 
zurückzutreten. Diejenige aber, die auf die Reise geht, muss sich da- 
rüber Rechenschaft ablegen, dass sie sich voll und ganz der Sache 
hingibt, dass sie sich zur strengsten Disziplin und zum unbe- 
dingten Gehorsam gegenüber der Oberschwester verpflichtet, 
dass sie sich Entbehrungen unterwerfen und anstrengende Arbeit 
leisten muss. Taten der Barmherzigkeit, Taten der Liebe, Taten 
des unbezwinglichen Mutes — das ist Ihre Sendung !» 

« Bereut keine ihren Entschluss ? Bleibt niemand zurück ? » 

« Niemand.» 

« So reisen Sie denn und der Segen Gottes sei mit Ihnen ! » 

Die achtunddreissig Krankenpflegerinnen unter der Führung 
von Florence reisen ab. 

Es begeben sich auf diese lange Seereise die ersten freiwilligen 
Krankenpflegerinnen, die nicht aus religiöser Pflicht, sondern aus 
reiner schwesterlicher Liebe über die Schranken jeder konfessio- 
nellen Bindung hinweg sich entschlossen haben, ihr Leben denen 
zu weihen, die leiden und sterben. 

Florence leitet sie. Sie hat drei Briefe mit, die ihrem Frauen- 
herzen über alles wertvoll und teuer sind. Einer der Briefe ent- 
hält den Segen ihrer Mutter. Der zweite Brief ist von dem Pfarrer, 
der sie von jeher verstanden und sie in ihren geheimen inneren 
Kämpfen ermutigt hat. Den dritten Brief hat ihr der Mann ge- 
schrieben, den sie nicht zum Gefährten ihres Lebens gewählt 

59 



hat und der mit seinem grossmütigen Herzen doch stets ihrer 
gedenkt und ihr in ernster Stunde seinen Gruss und seine Segens- 
wünsche sendet. 

« Gott segne Sie, liebe Freundin, wo immer Sie seien. >• 



Überfahrt 

Begeisterung des Volkes, des ganzen Landes — Schwierig- 
keiten bei der Ankunft, Unterkunft zu finden. — Abmachungen 
mit Behörden aller Art, Unterredungen mit Journalisten, Konsuln, 
Lieferanten. Es gilt die Harmonie unter den Krankenpflegerinnen 
zu sichern : es sind ja Frauen, die aus ganz verschiedenem Milieu 
stammen. Ein grosser Teil der Laienschwestem hat die schlech- 
testen Manieren. Die Ordensschwestern sind kultivierter, aber 
alle sind etwas erregt und unsicher. Es gilt sie in Bezug auf Mahl- 
zeiten und Zuweisung der Zimmer zufriedenzustellen, sie so 
zu behandeln, dass weder die persönliche noch die allgemeine 
Empfindlichkeit verletzt wird. Es gibt wenig Zeit zum Schlaf; 
es ist nötig, immer Ruhe zu bewahren, zu lächeln, sich optimistisch 
zu zeigen und Mut einzuflössen. 

Florence vermag alle diese Bedingungen zu erfüllen, umsomehr, 
als die anderen weniger dazu imstande sind ! Die mit ihr eng befreun- 
dete Familie Bracebridge, die sie begleitet hat, kann sie nur bewun- 
dem. Die Pflegerinnen sind von ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer 
Begabung tief gerührt, sie müssen ihre Überlegenheit uneinge- 
schränkt anerkennen. 

« Niemand hat sich jemals um unser Wohlergehen bekümmert, 
auf uns Rücksicht genommen, uns auf solche Art behandelt. 
Wir hatten nie gedacht, dass das Fräulein sich mit uns so einge- 
hend beschäftigen würde. » 

Die verrohten Laienschwestern fühlen in ihrem Herzen neue, 
liebevolle Empfindungen sich regen und allmählich erwacht tiefe 

60 



Ergebenheit zu der Frau, die sie mit so milder Hand zu führen 
weiss. 

Die finanziellen Unterstützungen treffen ein. Horence kann 
nicht nur auf die von der Regierung bewilligten Fonds, sondern 
auch auf viele fortgesetzte und reichliche Spenden von Privaten 
rechnen. 

Für den Fall, dass eine zweite Expedition abgehen sollte — 
wenn weitere Pflegerinnen unten benötigt würden — bieten sich 
Frauen aller Kreise und Schichten an, und viele Damen beginnen 
die Krankenhäuser zu besuchen, um bereit zu sein für den Fall, 
dass man sie rufen sollte. 

Auf der Überfahrt nach Konstantinopel überprüft Florence 
die Schwierigkeiten, die sie und ihre 38 Pflegerinnen schon bei 
der Ankunft erwarten werden, sie macht sich zum voraus ein 
Bild von den Hindernissen, die sie vorzufinden fast sicher ist. 
Das Unternehmen an sich ist ja gewaltig, und noch gewaltiger 
ist dessen Bedeutung und Einfluss, den es ausüben kann, nicht 
so sehr auf das Problem der Krankenpflege als auf die künftige 
Erschliessung neuer Wege für die Frauen. 

Die Militärbehörden werden sich sicherlich feindselig zeigen. 
Aus Tradition und von Natur frauenfeindlich, fordern diese 
militärischen Instanzen den blinden und nicht immer vernunft- 
gemässen Gehorsam. Jede Veränderung bedeutet für sie etwas 
Unbekanntes, das fernzuhalten ist, eine Störung der bestehenden 
Ordnung, die vermieden werden muss. Besonders zu fürchten und 
geradezu verheerend ist natürlich der weibliche Einfluss... 

Von einer noch tiefer eingewurzelten Feindseligkeit sind die 
Sanitätsbehörden. Die Zulassung der Frauen in die Spitäler 
bedeutet für sie nicht nur eine Hemmung der Arbeit und der 
Disziplin, sondern wird ihnen auch als mögliche Kontrolle ihrer 
eigenen Tätigkeit erscheinen : ein unausgesprochener Vorwurf 
für sie, die nicht imstande gewesen sind, allein fertig zu werden. 
Sie werden alle möglichen und unmöglichen Hindemisse kon- 
struieren, angefangen mit dem Widerspruchsgeist. 

61 



Von allen Seiten also Misstrauen ? Wie dasselbe besiegen ? 

Wäre es klug, sich der Vorrechte zu bedienen, welche den 
Pflegerinnen in England bewilligt worden sind ? Gilt es sich mit 
Eifer, Schwung und Willenskraft die Position zu erringen ? Sollte 
man die Hindemisse überrennen, sie mit einem Schlag niederwerfen ? 

Nein. Florence sieht die Gefahren eines solchen Vorgehens 
deutlich. Es wird nötig sein, sich den Gewohnheiten anzupassen, 
der Bürokratie, der Langsamkeit, mit der die Militärbehörden 
arbeiten. Man wird sich mit Geduld wappnen müssen. Die 
strengste und einschneidendste Disziplin ist zu befolgen. So 
wird man ein Stück des militärischen Mechanismus im Geiste 
der militärischen Disziplin. 

Einzig auf diesem Weg lässt sich die gute Sache gewinnen. 

Und inzwischen offenbaren sich schon auf dem Dampfer die 
ersten Symptome jener anderen Schwierigkeit, die so mühevoll 
zu überwinden ist, weil sie rein innerlich in ihrem Wesen und 
seit Jahrhunderten mit der menschlichen Seele verwurzelt er- 
scheint : die religiöse Unduldsamkeit. 

Jede einzelne der Krankenpflegerinnen die Florence über das 
Meer zu den tausenden verwundeter Brüder geleitet, glaubt 
für sich die Wahrheit zu kennen. Jede einzelne glaubt, dass ihre 
Religion der einzige Weg zum Heile ist. Und auf diesen Weg 
will sie die Brüder führen, die ihrer Auffassung nach auf Irrwegen 
wandeln. Und sie will, dass ihre Wahrheit auch die Wahrheit 
jedes einzelnen werde, in dessen Nähe sie kommt. 

Doch Florence lebt und wirkt im Geiste einer höheren Religion, 
der Religion der Liebe, welche die Menschen vereint, statt sie 
zu trennen, und in deren Bereich die Nächstenliebe höher steht, 
als jede Konfession. Ihre Religion hat keinen Namen, aber sie 
vermag alle anderen aufzunehmen und zu verstehen. 

Welche ihrer Gefährtinnen aber lebt wie sie, in jener Religion 
ohne Namen ? 



62 



Militär-Spitäler 

Die Krankenpflegerinnen gehen an Land, Sie werden mit 
grösster Höflichkeit vom Chef des Sanitäts-Departements empfan- 
gen. Dann geleitet man sie bis zu ihrem Bestimmungsort. Sie 
erhalten ihre Wohnung im Militärspital, einem ungeheuren, vier- 
eckigen Gebäude mit vier Türmen. 

Das Lazarett ist überfüllt, man weiss nicht wohin mit den 
Verwundeten, und es ist kein Platz da für die Krankenpflegerinnen. 
Sie müssen, so gut es geht, in einigen kleinen, finstem Zimmern 
untergebracht werden, wo man auf keinen Fall Patienten pflegen 
könnte. 

Die Offiziere sind den Neuangekommenen gegenüber voll 
Höflichkeit und Feindseligkeit. Höflich sind sie ja nur zum Schein, 
feindselig aber auf Schritt und Tritt. Obstruktion und passive 
Resistenz sind an der Tagesordnung. 

Das Spital wimmelt von Verwundeten, von Ratten, Ungeziefer 
und schmutziger Wäsche. In manchen Krankensälen ist der 
Gestank so arg, dass beim blossen Offnen der Türe der Eintretende 
sich von einem wahren Pesthauch zurückgeworfen fühlt. 

Natürlich besuchen die Ärzte gerade diese Krankenzimmer 
so selten als möglich, halten sich darin nur so lange als unbedingt 
notwendig auf, und manchmal nicht einmal so lange... 

Die Bettücher kommen von der Wäsche fast noch schmutziger 
zurück, als sie vorher gewesen sind, und es ist so viel Ungeziefer 
darin, dass sie, wie der Volksmund sagt, « von selber gehen 
könnten ». 

Im ganzen Spital hat man bei einem Krankenbestand von 
1000 Patienten in einem Monat sechs Hemden gewaschen. 

Ohne den Mut zu verlieren, sieht sich Florence erst einmal 
um. Sie beobachtet, was getan und was nicht getan wird. 

63 



Waschen zum Beispiel, gehört zu dem, was man nicht tut. 
Alles wird in kaltem Wasser gewaschen — es gibt kein heisses 
und auch keine Möglichkeit, es zu beschaffen. 

Es sind keine Besen, keine Bürsten, keine Aufwaschlappen da, 
um den Boden zu reinigen. 

Man muss die Soldaten sterben lassen, welche durch die 
erlittenen Entbehrungen und die Wunden so erschöpft sind, 
dass sie eine reichliche, kräftigende Kost benötigten ; denn die 
Küchen liegen alle in einem Seitenflügel des Gebäudes, wodurch es 
unmöglich wird, in den entlegenen Krankensälen warme Speisen 
zu bekommen. Um alle Rationen zu verteilen, sind mehrere 
Stunden notwendig und Gott weiss es, in welchem Zustand die 
Speisen bei den letzten Soldaten ankommen. 

Diese Unzulänglichkeiten, diese verheerenden Misstände müs- 
sen ja auch den Regimentsärzten in die Augen fallen ; wie könnte 
man sie denn übersehen ? Aber sie erheben dagegen keinen Ein- 
spruch. Ihrer Meinung nach sind das zwangsläufige Erscheinungen 
des Krieges. 

Ist es denn etwas neues, dass es im Kriege Verwundete gibt, 
dass man leidet, dass man stirbt ? 

Welcher Mensch vermöchte jemals ein Heilmittel gegen solche 
Leiden zu finden ? 

Und dennoch erhebt Florence Einspruch dagegen, weil ihre 
ganze Seele rebelliert und erzittert. Der Krieg ist etwas Furcht- 
bares. Der Krieg bringt unzählige grauenvolle Leiden mit sich, 
denen niemand je wird ausweichen können. Doch hier, wo man 
so viel für diese armen Menschen tun könnte, jenen Leben 
einzuhauchen vermöchte, in denen noch Leben ist, andern die 
Qualen zu mindern, um Leib und Seele zu erheben — warum 
geschieht hier nicht das geringste ? 

Florence bittet und erhält vom englischen Botschafter Bettücher 
und Hemden zur sofortigen Verteilung, bis die Sendungen der 
Regierung eingetroffen sind. 

Sie verlangt zweihundert Aufreibbürsten und Aufwaschlappen. 

64 



Dann fordert sie amerikanische Öfen um besondere Speisen für 
die Schwerkranken so schnell als möglich zubereiten zu können. 
Sie mietet ein türkisches Haus, verschafft sich vom Genie-Korps 
grosse Kessel, ruft mehrere Engländerinnen zu sich, die sich 
auch in Skutari befinden, Soldatenfrauen, gute Wäscherinnen, 
und errichtet eine Wäscherei, damit sie die Verwundeten mit reiner 
Wäsche versorgen kann. 

All das vollzieht sich in wenigen Wochen, in grösster Ruhe. 
Und noch mehr : alles geschieht, ohne dass es sie auch nur einen 
Augenblick von dem Verhalten ablenkt, das sie sich vorgenommen 
hat: vollkommenste Subordination, Ihre Krankenpflegerinnen arbei- 
ten tatsächlich nur in den Krankensälen, in welche die Primärärzte 
sie gewiesen haben und in der Pflege halten sie sich auch strikte 
an die empfangenen Instruktionen : und es gibt ja so ungeheuer 
viel Arbeit für sie ! 

« Aus Balaklava kommen 5 1 Verwundete. Bereiten Sie sich 
auf deren Unterbringung vor. » 

Auf deren Unterbringung ? Es ist ja nichts bereit, nicht ein- 
mal eine Matratze ! 

Aber in der Zeit von ein Uhr mittags bis neun Uhr abends 
ist es gelungen die Matratzen zu füllen, zu nähen und in den 
rasch freigemachten Sälen auf den Boden zu legen. Nun werden 
die angekommenen Verwundeten gewaschen, zu Bett gebracht 
und frisch verbunden. 

Blutungen, Amputationen, Tote und Sterbende — Rotlauf, 
Gangrän, Dysenterie, Typhus- und Cholera-Epidemien. 4000 
Betten, und der Raum, um sich zwischen den Betten zu bewegen, 
ist namenlos eng. Es ist ein Leben zwischen Blut und Ratten, 
zwischen Schmutz und Infektion, ein Grauen, das schlimmer ist, 
als der Tod. 

Florence sieht und beobachtet. Ihre inneren Kräfte steigern 
sich ins Gigantische. Sie ist tätig, ordnet an und es wird ihr ge- 
horcht ; sie führt durch, was sie will, was sie muss. 

65 



« Das kann man nicht machen », sagen die Ärzte. 

« Das muss man machen », antwortet Florence mit ihrer ruhigen, 
sanften Stimme. 

Dieser Stimme kann niemand widerstehen. Florence gehorcht 
ja immer, aber dort wo keiner mehr befehlen will, ist sie es, die 
Befehle erteilt. Und sie ist es auch, die die schlimmsten Schäden 
der militärischen Organisation entdeckt und ihre Behebung 
erwirkt. Sie hat solche Schäden sofort aufgezeigt, ebenso wie sie 
die Ratten auf den Balken der Krankensäle huschen sah, das 
Ungeziefer in allen Fugen entdeckte. 

Der ärgste dieser Schäden ist die Furcht vor der Verantwortung. 
Von dieser Angst beherrscht, werden die Menschen zu Automaten. 
Sie führen nur Befehle aus, die man ihnen aufs deutlichste erklärt 
hat. Sie sehen das Übel, ohne ihm abzuhelfen, weil sie überzeugt 
sind, dass eine Reklamation oder eine Handlung aus eigener 
Initiative sie Gott weiss wohin versetzen oder schweren Strafen 
aussetzen könnte, wenn sie ihrem unmittelbaren Vorgesetzten 
missfallen sollten. Es genügte ihnen darum « gedeckt » zu sein, 
wie der militärische Ausdruck lautet. 

Florence nimmt die Verantwortung auf sich, die niemand 
anderer übernehmen will. Die Ärzte schauen zu, ohne sich zu 
rühren und ohne ihr zu helfen. Sie sehen das Besenregiment in 
das Spital eindringen, die Hilfsküchen ankommen, reine Wäsche 
auftauchen. Die Intelligentesten fangen an zu begreifen und sich 
weniger feindselig zu zeigen. Es ist schon ein gewisser Fortschritt 
in das Wirken des Spitals gekommen. Und nun bemerkt mancher 
Primärarzt, dass seine Krankensäle ganz verändert sind, dass es 
den Verwundeten besser geht und dass weniger von ihnen sterben. 

Aber es fehlt noch sehr viel, ungemein viel. Es fehlt noch fast 
alles. 



66 



Oberschwester Florence Nightingale 

In den « Times » mehren sich die Namen über freiwillige 
Gaben, Der Korrespondent in Konstantinopel, der in seinen 
Briefen die Tatsachen enthüllte, erweckte in England auch den 
Impuls zu spenden und richtet jetzt an den englischen Botschafter 
die Frage, was die Militärspitäler benötigten. 

« Sie benötigen nicht das geringste », antwortet Lord Stratford, 
der englische Botschafter. « Die Regierung hat für alles gesorgt. 
Vielleicht könnte man die gesammelten Gelder zur Errichtung 
einer anglikanischen Kirche verwenden. » 

« Nichts ? » Mr. Macdonald, der Korrespondent der « Times » 
ist geradezu entsetzt. Wozu hat er sich soviel Mühe gegeben, 
um Geld zusammenzubringen ? Um eine Kirche zu bauen ? 
Was werden die Leser der « Times » dazu sagen ? 

Doch bevor ein Entschluss gefasst wird, hält Mr. Macdonald 
es für ratsam, Florence Nightingale zu befragen. Florence — nein, 
Florence kann freilich nicht dazu raten, eine Kirche zu bauen... 
Sie führt den Korrespondenten der « Times » in das Spital und 
zeigt ihm, was dort noch mangelt. Sie lässt ihn selbst entdecken, 
dass Socken, Hemden, Löffel, Gabeln, Pfannen, Tische, Hand- 
tücher, Seife, Besen, Scheren, Kissen, Badewannen, Bettücher, 
Töpfe, Hosen und Insektenpulver fehlen. Alles. Mr. Macdonald 
fühlt sich getröstet und wird alle diese Dinge anschaffen, und 
auch noch viele andere, die er dann der Oberschwester übergibt. 
So ist Florence mit einem Schlag Besitzerin eines grossen Material- 
Magazins geworden, zu dem alle ihre Zuflucht nehmen. Wenn 
man die benötigten Sachen nicht von der Regierung bekommen 
kann, so erhält man sie sofort von Fräulein Nightingale. Freilich 

67 



wird da nichts ohne einen regelrechten Gutschein ausgegeben 
und überdies ist die Anforderung des Abteilungsvorstandes vor- 
zuweisen. In diesem babylonischen Turm der Krankenschwestern, 
dem Generaldepot der Frau Direktor, herrscht mustergültige 
Ordnung. Es ist wahrhaftig ein babylonischer Turm, in dem 
ausser den genannten Gegenständen auch noch Tee, Zucker, 
Tapioca, Reis, Gelatine, Fleischextrakt und Zitronen vorrätig 
sind und wo alle kommen und gehen : Laienpflegerinnen, Ordens- 
schwestern, Infanterie-Offiziere, türkische, griechische, französi- 
sche, italienische Ordonnanzen, jeder seine eigene Sprache spre- 
chend, jeder mit einer Mitteilung an die Oberschwester. 

Florence bleibt inmitten dieses fortwährenden Kommens und 
Gehens ruhig, bestimmt und fest ; freundlich hört sie jeden an, 
einen nach dem andern. Sie hilft allen Übeln ab, verhindert gar 
manche, sieht viele voraus und sorgt vor. 

Es sind 27 000 Hemden angekommen und die Ärzte fordern 
sie für ihre Patienten. Aber der Magaziner kann die Pakete nicht 
ohne schriftliche Erlaubnis der höchsten Instanz öffnen. Auf diese 
Erlaubnis muss drei Wochen gewartet werden und die Soldaten 
hätten während dieser Zeit eben ohne Hemden bleiben müssen. 
In solcher Not hilft das Magazin der Oberpflegerin aus. Die Ober- 
schwester erhält, kauft und verteilt. Dank der vorsorgenden, uner- 
müdlichen Tatkraft und Hilfe der englischen Freunde, im beson- 
deren des Korrespondenten der « Times », Mr. Macdonald, der 
ihr Freund und Bewunderer geworden und bereit ist, auszuführen, 
was sie von ihm verlangt, wird ihr Magazin immer wieder neu 
aufgefüllt. Es beliefert ständig die englischen Militärspitäler und 
in dringenden Fällen manchmal sogar noch die französischen, 
preussischen und italienischen. 

« Es muss für neue Verwundete Platz geschaffen werden, 
Fräulein. Auf höheren Befehl. » 

« Sollen noch mehr hinein als bisher ? Wohin sollen wir sie 
betten ? » 

68 



« Ich weiss nicht, Fräulein. Die Order ist ganz klar : mindestens 
500 neue Betten. In kurzer Frist findet eine Schlacht statt. » 

« Was ist mit den Sälen im Hintertrakt, die noch leer sind, 
meine ich ? Warum richten wir sie nicht als Krankenzimmer 
ein ? » 

« Gewiss, das wäre vortrefflich. Aber Sie wissen ja, in welchem 
Zustande sie sich befinden. Der Kalk fällt von den Wänden, es 
fehlen Ziegel im Dach und Fenster sind überhaupt keine da. 
Die Kosten für die Instandsetzung wären zu hoch. Und man 
müsste ja erst die Erlaubnis haben, sie einzurichten... 

Florence besteht nicht darauf. Sie weiss, dass niemand die 
Aufgabe übernehmen wird, das Spital zu erweitem. Die Verwun- 
deten würden auf das primitivste untergebracht — Gott weiss wo. 
Sie denkt an die armen gebrochenen Beine, an die armen schmerz- 
durchzuckten Leiber. Im Geiste sieht sie jene fünfhundert 
Schmerzgepeinigten, die ankommen werden und hoffen, am Ende 
ihrer Leidenswege angelangt zu sein — und von denen niemand 
weiss, wohin sie gebettet werden sollen... 

Sie trifft einen jener Entschlüsse, die ihr selbst ganz selbst- 
verständlich erscheinen, die sie aber in den Augen der Soldaten 
und Offiziere als ein Ausnahmegeschöpf erscheinen lassen, wun- 
derbar und irgendwie Furcht erweckend. 

« Die Instandsetzung der verfallenen Säle wird durchgeführt 
werden. Es wird schon jemand da sein, der die Kosten trägt. Wir 
haben Ende November. Bis Anfang Dezember müssen die ver- 
wahrlosten Räume zu verwendbaren Krankensälen umgewandelt 
sein. » 

Doktor Mac Grigor, von dem Eifer der Oberschwester an- 
gesteckt, übernimmt es, sie bei den nötigen Schritten zu unter- 
stützen. Er und Florence tragen den Fall Lady Stratford, der 
Gemahlin des englischen Botschafters vor. Die Dringlichkeit wird 
anerkannt : die Arbeiten können beginnen. 

Ein Streik bricht aus. Die 125 Arbeiter, die der Chefingenieur 
geschickt hat, weigern sich, die Arbeit fortzusetzen. 

69 



Florence will nun von niemandem mehr etwas verlangen. Sie 
will die kostbare Zeit nicht verlieren. Es gelingt ihr, sich zwei- 
hundert neue Arbeiter zu verschaffen und die Arbeiten weiter- 
führen zu lassen. 

Lady Stratford lehnt jede Verantwortung ab. Florence soll 
selber die Kosten tragen. 

Am 19. Dezember kommen fünfhundert Verwundete an. 
Florence und Doktor Mac Grigor empfangen sie in den neuen 
Krankensälen, die vollkommen eingerichtet sind. Das Magazin 
der Oberschwester hat für alles vorgesorgt : von den Betten bis 
zu den Gabeln, von den Hemden bis zur Seife. 

Als der Minister über das Geschehene informiert wird, erklärt 
er sein Einverständnis und begleicht die Kosten. Die Oberschwester 
gilt immer mehr als allmächtiges, ja übermenschliches Wesen. 
Keine Militärbehörde hätte jemals gewagt, hätte jemals durch- 
gesetzt, was Florence, die Frau, allein gewagt und vollbracht hat. 

Um Florence Nightingale entsteht ein Kranz von Legenden. 
Hat man sie nicht zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten 
erblickt ? Ist es nicht sie gewesen, durch deren Willen ein Schiff 
unbeschädigt in den Hafen gelangt ist, als man es schon verloren 
glaubte — weil es ja mit Geschenken für die Soldaten beladen 
war ?... Warum kommen alle Dinge an, die an sie gesandt werden 
und was an die anderen geschickt wird, nicht ? Warum weiss 
sie immer alles und kann alles ? Ja, sogar die Toten macht sie 
wieder lebendig. Wahrhaftig, das tut sie ! Der Soldat John war 
bestimmt schon tot, ganz starr und kalt und hat nicht mehr geatmet. 
Sie hat ihn wieder ins Leben zurück gerufen. — So redet man von 
Florence Nightingale. 

Wenn die Königin Viktoria Berichte über ihre Soldaten in 
den Militärspitälern haben will, wendet sie sich an die Ober- 
schwester. Ihr schickt sie die Geschenke, die zu verteilen sind. 

Auf Anregung und Mahnung von Fräulein Nightingale kommt 
unmittelbar an ihre Adresse Material aller Art, kommen Tischler 

70 



und Arbeiter für das Spital, trifft endlich sogar ein Koch ein. 
Alexander Soyer, der berühmte Soyer, früherer Küchenchef des 
Reform-Club, hat aus den « Times » erfahren, was es in Skutari 
noch zu tun gibt. Er fährt als Freiwilliger auf eigene Kosten hin, 
hat eine Unterredung mit der Oberschwester, übernimmt mit 
seinen geschickten Händen die Organisation der Spitalküchen 
und gestaltet aus dem Chaos ein wahres Meisterwerk. 

Nachdem Alexander Soyer angekommen ist und seine Aufgabe 
übernommen hat, trifft auch eine Regierungskommission ein. Ja, 
die Oberschwester übt eine unerbittliche Macht aus — sie hat 
auch das durchgesetzt ! 

An der Spitze der Kommission steht Dr. John Sutherland, 
der, mit exekutiver Vollmacht ausgestattet, damit betraut ist, die 
Lage genau zu untersuchen. 

Jetzt wird es nicht mehr notwendig sein, sich in England die 
Erlaubnisscheine zu beschaffen, was zumindest einen Zeitverlust 
von einem Monat bedeutet und rasche EntSchliessungen verun- 
möglicht, denn gewöhnlich treffen die Scheine erst ein, wenn die 
Notwendigkeit zu handeln vorüber und die Gelegenheit einzu- 
greifen verpasst ist. 

Doktor Sutherland und seine beiden Begleiter besuchen 
Spitäler, Kasernen, Magazine. Sie geben sich Rechenschaft darüber, 
was getan worden ist und was zu tun noch übrig bleibt. 

Es erwachen in ihnen Hochachtung, Bewunderung und Vereh- 
rung für Florence Nightingale. Ihre Überraschung ist gross. Sie 
hat nicht nur die Einrichtungen des Krankenhauses verbessert, 
sondern auch sonst überall deutliche Spuren ihres wohltätigen 
Wirkens hinterlassen. Sie hat Sichtbares und Verborgenes erfasst, 
hat die offensichtlichen Schäden behoben und die unsichtbaren 
Übel gerade durch die Klarheit ihres Vorgehens bekämpft. Durch 
ihr Verdienst sind die Spitäler in völliger Umwandlung begriffen. 
Ihr ist es zu danken, dass alle Soldaten besser ausgerüstet und 
wärmer gekleidet sind, nicht mehr erfroren und halbnackt aus 
dem Schützengraben kommen. Ihr ist es zu danken, dass die 

71 



Toten, die für das Vaterland gefallen sind, in der Erde eines 
englischen Friedhofes bestattet werden, gleichsam in einem Stück 
Vaterland, das in die ferne Türkei gezaubert wurde. 

Unbeugsam im Gehorchen, hartnäckig in ihrem Ziel, eine 
straffere Organisation und bessere Lebensverhältnisse für die 
gesunden und kranken Soldaten zu fordern und zu erlangen, 
bleibt Florence zärtlich, liebevoll und hingebend in ihrer Tätigkeit 
als Pflegerin und als mütterliche Beschützerin. 



Die Dame mit der Lampe 

Fünf Soldaten die man als verzweifelte Fälle betrachtet, sind 
in ein separates Krankenzimmer gebracht worden. Sie sind so 
blutleer, dass man sie schon für tot halten könnte, und man denkt 
nicht einmal daran, sie zu operieren zumal der Arzt von Arbeit 
überlastet ist. 

Florence will sich nicht damit abfinden und sie sterben lassen. 
Sie verlangt, dass man die fünf Todeskandidaten ihr anvertraue. 

Von einer treuen Gefährtin unterstützt, pflegt Florence die 
fünf Todwunden, verhindert, dass die eisige Kälte über ihre 
Körper völlig Macht gewinnt, hält sie warm, belebt sie, flösst 
ihnen in kurzen Zwischenräumen Nahrung ein. 

Am nächsten Morgen hat sich ihr Befinden so sehr gebessert, 
dass ein chirurgischer Eingriff möglich erscheint und die fünf 
Soldaten gerettet werden können. 

« Geduld, Mut, mein Junge ! Du wirst noch Schmerzen haben, 
aber dann kommen gute Tage. Wenn du dich nicht operieren 
lässt, so wirst du viel mehr zu leiden haben, glaube mir das ! » 

Der bleiche Soldat blickt Florence mit jammervollem Aus- 
druck an. In ihren Augen sieht er aber eine so ungemeine Kraft 
des Mitgefühls, dass er schon dadurch allein überzeugt wird. 

72 



« Ja, Fräulein, ich will tun, was sie mir raten... wenn Sie nur 
bei mir bleiben. » 

«Wenn Sie nur bei mir bleiben...» Das ist der Wunsch aller 
Verwundeten, aller Kranken. Sie leiden weniger, wenn sie dieses 
holde Antlitz sehen, diese Augen voll Verständnis und Mitgefühl. 
Die Oberschwester begleitet die Soldaten in den Operationssaal, 
ist Zeugin ihrer Qualen, leidet mit Ihnen, tröstet sie. Stunde um 
Stunde. 

Dann kehrt sie in die Krankenzimmer zurück, um bei den 
ernstesten Fällen zu wachen, bei denen, die verzagen und verzwei- 
feln wollen. Immer gelingt es ihr, selbst der traurigsten Lage eine 
gute Seite abzugewinnen, die komische und heitere Wendung 
der Dinge hervorzukehren. Wenn die Soldaten sie sehen, fühlen 
sie sich wie neugeboren. Alle, denen etwas Gutes, etwas Lustiges, 
etwas Hoffnungsvolles in den Sinn kommt, erzählen es ihr. 
Die Atmosphäre wandelt sich wie durch Zauberei. 

Bevor sie gekommen ist, hörte man im Spital nichts anderes 
als Schelten und Fluchen, aber jetzt ist es hier still, wie in einer 
Kirche. 

Es ist tiefe Nacht. Florence hat ihre Korrespondenzen erledigt. 
Briefe aller Art, die an Ministerien aber auch an die armseligsten 
Hütten gerichtet sind. Die einen um neue Vorräte zu fordern 
und Vorschläge zu weiteren Reformen zu machen, die andern 
um fernen Soldaten-Müttern und -Frauen Auskünfte auf ihre 
bangen Nachfragen zu erteilen. Ach, es sind auch viele Briefe 
dabei, welche den Familien die letzten Grüsse ihrer Lieben 
bringen... Alles ist ruhig und still. Die Pflegerinnen die für einen 
regelmässigen Nachtdienst nicht zahlreich genug sind, schlafen. 
Auch die Verwundeten schlummern, ruhen oder stöhnen leise. 

Florence entzündet eine kleine Laterne und betritt die Kran- 
kensäle. 

Wie sie leicht und schweigend vorüberschwebt, erschemt sie wie 
ein wandelndes Flämmchen. Die Soldaten erblicken dieses Licht 

73 



von weitem und sie fühlen sich nicht mehr einsam und allein. 
Das winzige Licht wirft einen riesigen Schatten und dieser Schatten 
breitet sich aus wie ein Segen, Wenn der Schatten auf die Betten 
fällt, geschieht es, dass einer der Soldaten ihn küsst, wie ein 
Heiligenbild, 

Jetzt steht das wandelnde Licht still. Ein leises Klagen, das 
aus dem Bett eines der Schwerkranken gedrungen war, Hess die 
Erscheinung auf ihrem Wege einhalten. 

Die Lampe wird auf den Boden gestellt : die Pflegerin neigt 
sich über den Patienten. — Dann hebt sie ihre Lampe wieder 
auf, setzt ihren Weg fort. Bald ist der riesige Schatten in der 
Feme verschwunden, doch es bleiben Segen und Friede in den 
Herzen zurück. 



Meinungsverschiedenheiten, Angriffe drüben in der Heimat 
und im Ausland. Viele der Pflegerinnen sind katholisch. Manche 
der Ordensschwestern machen religiöse Propaganda. Die Prote- 
stantinnen wehren sich dagegen. Sie klagen die Oberschwester an, 
mit den Katholiken zu sympathisieren. Das sind Erbärmlichkeiten, 
die Florence nicht berühren, aber sie gleichwohl erregen, weil die 
ohnehin nicht leichte Arbeit dadurch noch erschwert wird und 
der Same der Zwietracht fruchtbaren Boden findet. Es wird 
nötig, mehrere Pflegerinnen heimzuschicken. 

« Man berichtet mir, dass in den « Times » ein Religionskrieg 
gegen mich Unglückliche entfesselt worden ist und dass Frau 
Herbert mich grossmütig verteidigt hat. Was ich verbrochen 
haben mag, um auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu 
werden, weiss ich nicht. Aber ich bin sehr zufrieden, dass mein 
Gott weder der Gott der Hochkirche noch der der Niederen 
Kirche, dass er weder römisch noch anglikanisch oder unitarisch 
ist. Er ist auch kein Russe, wenn seine Macht im Augenblick 
auch gegen uns gerichtet erscheint. » 

Die Belagerung von Sebastopol war in der Tat sehr hart für 

74 



die armen englischen Truppen, die schon einen eisigen Winter 
in den Schützengräben hatten verbringen müssen. Aber die ersten 
Anzeichen des Frühhngs sind da : Knospen an Bäumen und 
Sträuchem und weniger Verwundetentransporte für die Spitäler. 
Die Krankensäle leeren sich. In dem grossen Lazarett befinden 
sich kaum 1 1 00 Soldaten und fast alle sind im Begriff, das Bett 
zu verlassen. Es gibt jetzt nur wenig Arbeit. Was an Verbesserun- 
gen geleistet werden konnte, ist getan. Für den Augenblick ist 
nichts Neues zu unternehmen. 

Florence fühlt deutlich, dass sie anderwärts von grösserem 
Nutzen sein könnte. 

Die Lazarette in der Krim, die bei Beginn der Kampfhand- 
lungen überfüllt sein würden, leiden grossen Mangel an Hilfs- 
küchen und Wäschereien. 

Wenn auch eine Anzahl von Pflegerinnen dort das sanfte 
Licht der tätigen Barmherzigkeit entzündet hat, so ist der gesamte 
Krankendienst doch noch sehr mangelhaft, muss dringend ver- 
stärkt und besser organisiert werden. 

Sobald Florence eine neue Arbeitsmöglichkeit auftauchen sieht, 
denkt sie nicht mehr an Ruhe. Ihre Liebe gilt nicht allein ihrem 
Spital und ihren Soldaten, sondern allen Soldaten, allen Spitälern. 
Sie überträgt ihrer Freundin Bracebridge, der treuen Selma, die 
in Skutari zurückbleibt, ihren Posten. Und sie reist ab. Sie reist 
in Gesellschaft von Alexander Soyer, dem berühmten Koch. 

Als sie auf ihrem galoppierenden Pferd in Balaklava erscheint, 
klingt ihr frenetischer Jubel entgegen. Ihr Besuch an der Front 
gleicht einem Triumphzug und führt sie in unmittelbare Nähe 
von Sebastopol, wo die feindlichen Kugeln so oft herüberfliegen 
und einschlagen, wo die Soldaten sie kennen, sie verehren, während 
andere von ihr soviel sprechen gehört haben. Sie begrüssen sie 
mit dreifachem «Hurra!». Worte können die gegenwärtige Hilfs- 
bereitschaft nicht ausdrücken. Die Oberschwester ist für die Solda- 
ten, die Soldaten sind für die Oberschwester zu jedem Opfer bereit. 

75 



Die Arbeit beginnt. Es werden Baracken für den Spitaldienst 
und für die Küchen errichtet. Für die neuen Pflegerinnen werden 
Abmachungen getroffen, es wird den an Infektionen Erkrankten 
Hilfe geleistet. Denn es herrscht eine wirkhche Epidemie an 
Fiebererkrankungen. Wer fürchtet sich hier vor Infektionen und 
Mühsal ? Florence gewiss nicht. Weder jetzt noch überhaupt 
jemals ! 



Fieber 

Und dann kommt der furchtbare Anfall. 

In einer Baracke, die unmittelbar hinter dem Absonderungshaus 
der verwundeten Soldaten gelegen ist, deliriert die Oberschwester, 
vom glühenden Fieber erfasst, schon hart am Tod. 

« Ich habe aus eigenem Antrieb meine Pflicht vollbracht. Ich 
habe mein Geschick mit dem der toten Helden geteilt. » 

In den Spitälern drehen die Soldaten ihre Köpfe zur Wand 
und weinen. Das Vaterland weint, weil die tapferste und beste 
seiner Frauen ihm entrissen werden soll. — Doch sie übersteht 
die Krise. Am 24. Mai kann Lord Raglan, der Generalissimus 
des Heeres nach dem angstvoll harrenden England eine beruhigende 
Kabeldepesche senden : « Fräulein Nightingale ist ausser Gefahr ! » 
Von der Königin Viktoria bis zur einfachsten Frau aus dem Volk 
beten alle in England und danken dem lieben Herrgott. 

Ein Reiter hält vor der Baracke. Er steigt vom Pferd, bindet 
es an den nächsten Baum und bittet, zu Florence Nightingale 
geführt zu werden. 

« Wer sind Sie ? » fragt Frau Roberts, die Pflegerin. 

« Ich bin ein einfacher Soldat, aber ich komme von weit her, 
um Ihre Patientin zu sehen, die mich gut kennt. » 

Im Inneren der Baracke hört ihn Florence sprechen : sie erinnert 
sich dieser Stimme. 

76 



« Lassen Sie ihn nicht herein, Frau Roberts ! Ich habe eine 
ansteckende Krankheit, Lord Raglan ! » 

Der Oberkommandierende tritt ein. Weder Florence, noch er 
haben das Fürchten gelernt. 

Florence erholt sich. Das Fieber verlässt sie, aber sie ist so 
schwach, dass ihre Worte nur ein Gestammel sind. Ihre Ernährung 
ist ungemein schwierig geworden. Sie muss nach Skutari gebracht 
werden. Die Yacht einer befreundeten Familie fährt sie übers 
Meer. Doch sobald sie auf dem Festland sind, tragen sie die 
Soldaten. In tiefem Schweigen geht es dahin. Die so glücklich 
sind, die Tragbahre auf die Schultern heben zu dürfen, tun das 
mit heiliger Scheu. Die anderen folgen in langem Zug und beten 
still. 

Florence fällt es nicht ein, dem Rate der Ärzte zu folgen und 
in die Heimat zurückzukehren. Solange im Orient noch englische 
Verwundete und Kranke sind, wird sie im Orient bleiben. Sie 
weiss genau, was die Soldaten denken, auch wenn sie es nicht 
aussprechen. 

« Wie werden wir uns je von ihr trennen können ? Was werden 
wir ohne sie anfangen ? Alle unsere Hoffnungen ruhen in ihr ! » 

In England besingen Dichter, Studenten, Komponisten und 
Improvisatoren Florence Nightingale. In den Schaufenstern aller 
Läden sind ihre Photographien und die Bilder ihres Geburtshauses 
ausgestellt. Kinder, Bälle, Strassen und Schiffe werden nach 
ihr benannt. Das Pferd « Florence Nightingale » gewinnt einen 
Preis beim Derby. Das Volk auf der Strasse stimmt ihr zu Ehren 
Lieder an : 

«Voran, Jungens, voran, das Herz nur hochgemut. 

Wir haben ja die Blume und die Liebe — das ist gut ! » 



77 



Meine Soldaten 

Fem vom Strassenlärm hört Florence während ihrer Rekon- 
valeszenz das Echo solcher Gesänge. Seit ihrer frühesten Jugend 
hat sie gesellschaftliche Triumphe als Hindemisse für richtige 
und tüchtige Arbeit betrachtet. Und jetzt, da die richtige Arbeit 
den Beweis dafür erbracht hat, scheint ihr der Ruhm mehr als 
je eine leere und gefährliche Sache. 

« Die Eitelkeit und die Frivolität, die der Lärm hervorgerufen, 
der sich über die Sache erhoben hat, haben uns sehr viel Kummer 
bereitet. Sie haben einem Werk, das so vielversprechend war, 
ungemein geschadet. Unsere alte Gmppe, die begonnen hat, 
bescheiden und in der Stille, unter Schwierigkeiten und Kämpfen 
aller Art zu arbeiten, ist die beste gewesen.» 

Aber vielleicht ist ihr der Brief ihrer Mutter, die stolz ist, 
eine solche Tochter zu besitzen, doch wertvoll ? 

Der Brief wurde am Abend des 29. November geschrieben, 
nachdem die öffentliche Versammlung stattgefunden hatte, in 
welcher der Dank des englischen Volkes für die Dienste Fräulein 
Nightingales in den Spitälem des Orients zum Ausdmck gebracht 
worden war. 

Der Saal war überfüllt, alles bebte vor Erregung. Auf dem 
Ehrenplatz vertrat die Herzogin von Cambridge die Königin. 
Hochgemute Worte von bedeutenden Männern, begeisterter Jubel 
des hingerissenen Volkes. 

Die Mutter schreibt der Tochter : 

« Ich weiss, dass Dich Dein Ruhm gleichgültiger lässt, als 
uns. Aber es wird Dir vielleicht Vergnügen machen, dass das 
heutige Ereignis für uns eine Freude war. Etwas Ahnliches hat 
sich noch nie zugetragen. Aber es wird sich hoffentlich in der 

78 



Zukunft wiederholen, weil andere Frauen Deinem Beispiele 
folgen werden. Und die Herzen der künftigen Mütter werden 
sich darüber freuen. » 

Ja, Florence ist ihrem Ruhme gegenüber vollkommen gleich- 
gültig. Etwas viel Erhabeneres lässt ihr Herz stürmisch klopfen. 
Sie will die Arbeit um der Arbeit willen, das Gute um des Guten 
willen, und will sich selbst um der andern willen vergessen. 
Was ist Ruhm ? 

Sie antwortet den Eltern in voller Aufrichtigkeit : 

« Wenn mein Streben, das zu vollbringen, was ich für Gott 
und für die Menschen zu leisten vermag. Euch eine Freude 
bedeutet, so bin ich auch zufrieden. Für meine Arbeit ist dieser 
Ruhm wertlos, doch wenn er für Euch mehr bedeutet, so soll 
mich dies freuen. Ich werde meinen Namen jetzt lieben, weil 
es Euch Freude macht, dass er bekannt ist und Sympathien 
weckt : Das wird vielleicht eine Belohnung für das sein, was 
Ihr für mich getan habt. Das Leben ist doch schön. » 

Aber die öffentliche Versammlung hat nicht allein Applaus 
und Begeisterung eingetragen. Unter dem Namen « Florence 
Nightingale » ist ein Fonds gestiftet worden, aus dessen Mitteln 
ein Pflegerinnenheim gegründet werden soll, um Krankenpflege- 
rinnen auszubilden, sie zu unterrichten und zu beschützen. 

Das gefällt und erfreut Florence. Es ist die Verwirklichung 
ihres längst gehegten Planes. Es ist das Ziel aller ihrer Bemü- 
hungen. Hier liegt die Möglichkeit, ihre Ideen in der Zukunft 
ausführen zu können. 

Aber wie ist es möglich, jetzt daran zu denken, da die Leiden 
so vieler um sie sind, da sich der Jammer stets erneut, dem sich 
all ihre wiedererwachte Energie widmen muss ? Die lieben 
Menschen in England sind ihr ja so herzlich gut. Gewiss. Doch 
sie verstehen leider noch immer so wenig von der Sache. In 
diesem Augenblick wollen sie einen Plan für die Zukunft von 
ihr... 

Eines muss man ihnen freilich jetzt schon sagen ; 

79 



«Sie verlangen ein Projelct von mir. Die Leute glauben, ich 
hätte nichts anderes zu tun, als hier zu bleiben und Pläne zu 
machen ! Wenn es dem Publikum wirklich gerecht erscheint, 
meine Dienste und meine Erfahrungen anzuerkennen, ist es auch 
notwendig, dass sie mir in meinem Wirken volle Freiheit lassen. » 

Freiheit und jetzt keinerlei Pläne ! 

Jetzt muss sie an die Soldaten denken. 

Sie hat mit ihnen gelebt, kennt ihren Wert, liebt sie. Kein 
Applaus des Publikums, keine Ehrung der Regierenden ist ihr 
so kostbar, wie die Sympathie ihrer lieben, leidenden, unendlich 
dankbaren Soldaten. — Nicht einmal der Brief der Königin, den 
das Ordenskreuz von St. Georg in rotem Email begleitet, über 
dem die Krone in Diamanten eingelegt ist ! 

Nein, nein, alle diese Dinge zählen nicht. 

Die Liebe ihrer Soldaten, das Gute, das sie ihnen erweisen 
kann, das ist alles. 

Ihre Soldaten ! Die so verkannten und so niedrig eingeschätzten 
englischen Soldaten. Wenn Florence mit den Offizieren von 
Massnahmen spricht, die zu treffen wären, um den Alkohol- 
missbrauch zu verhindern, sehen sie diese Herren mitleidig an. 
Auch wenn sie davon redet, Lehrer kommen zu lassen, die den 
Soldaten viel nützliche Dinge beibringen könnten, sagen sie ihr 
mit etwas verächtlicher Ruhe : « Sie verwöhnen diese Bestien». 

Ausdrücke wie man sie im militärischen Leben von anno 
dazumal aussprechen konnte. Je weniger Intelligenz em Mensch 
besass, um so besser taugte er zum Soldaten. Die Offiziere nannten 
sie « Bestien », diese Soldaten, die Florence so gut kannte, 
deren Heldentum aus Geduld, Begeisterung und Standhaftigkeit 
bestand. Sie waren jeder Grossmut fähig und sahen sich jeder 
Erniedrigung preisgegeben ! Sinnlichkeit, Trunksucht, Verschwen- 
dung und Schmutz herrschten, während die Offiziere gleich- 
gültig und apathisch zusahen. Mancher Rekonvaleszent war wieder 
alkoholisiert ins Spital zurückgekommen, so betrunken, dass er 

80 



daran starb. Florence weiss, welcher hohen Tugenden der arme 
Junge fähig war, der nun in einem der Krankensäle an Alkohol- 
vergiftung zugrundeging. 

Nein, nein, so dürfen die Dinge nicht weitergehen. 

Florence eröffnet einen Lesesaal für die Rekonvaleszenten. 
Es ist nicht leicht, Vertrauen und Mut zu bewahren in einer 
Umgebung voll Unglauben und Skepsis. Unmittelbar darauf 
gründet sie eine Art Bank und ist darin gleichzeitig Kassierin 
und Direktorin. Während vier Nachmittagen im Monat nimmt 
sie hier das Geld entgegen, das die Soldaten nach Hause schicken 
wollen. Dann eröffnet sie ein Kaffeehaus, das sich von der Kantine 
der Soldaten wesentlich unterscheidet. 

Das Unwahrscheinliche wird wahr. In sechs Monaten schicken 
die Soldaten tausend Pfund Sterling heim. Sie besuchen das neue 
Kaffeehaus und sind immer zahlreicher im Lesesaal zu treffen. 

« Gebt den Soldaten die Möglichkeit, Geld heimzuschicken, 
so werden sie es tun. Gebt ihnen Schulen und Vorträge, und 
sie werden sie besuchen. Gebt ihnen Bücher, Spiele und Zer- 
streuung, und sie werden sich nicht mehr betrinken. Gebt ihnen 
Leiden und sie werden sie ertragen. Gebt ihnen Arbeit und sie 
werden arbeiten. » 

So denkt Florence, die Freundin der Soldaten. 

So schreibt sie an ihre Schwester, die ihr jetzt zur wertvollen 
Mitarbeiterin geworden ist und ihr Kiste um Kiste unschätzbarer 
Dinge schickt : Hefte, Federn, Tinte, Bücher mit Illustrationen, 
Druckschriften, Zeitungen, den Vorläufer des Films, die « Latema 
magica », Schachspiele, Spielbälle, Landkarten. 

Schulen, Banken, Erholungsheime für die Soldaten... In 
Skutari hat man von allem ein wenig. Aber in der Krim ist noch 
nichts davon vorhanden. 

Wie lange wird der Krieg noch dauern ? Im Frühling wird 
wiederum die Offensive gegen Sebastopol beginnen, und es fehlt 
noch so unendlich viel in den Spitälern. Kriegsfrühling, Frühling 
der Sorge, der Kümmernis und der Arbeit. 

81 



Wie viele Tote ! Das infektiöse Fieber hat nicht allein unter 
den Soldaten, sondern auch unter den Ärzten und Pflegerinnen 
Opfer gefordert. Auch der Generalissimus Lord Raglan, der 
einst die erkrankte Florence mit so freundschaftlicher Liebens- 
würdigkeit besucht hat, ist vom Fieber niedergeworfen worden. 
Florence verhundertfacht ihre Energie : die Notwendigkeit zu 
handeln lässt sie vergessen, dass ihre Kräfte noch nicht wieder- 
gekehrt sind. 

Nun ist sie in der Krim, Sie hat diesmal nicht zu befürchten, 
dass sie aus einem Hinterhalt von dem bösen Fieber überfallen 
wird, aus dem Boden spriesst das erste Grün und die ersten weissen 
Blumen. Doch in den Herzen der Menschen regt sich nur Zwie- 
tracht, Hass und Grausamkeit. 

Ist es möglich, dass die begeisterten Kundgebungen in der 
Heimat auch den Neid auf dem Felde der Arbeit aufkeimen 
Hessen ? Man hat in England zu viel Wesens vom Guten gemacht, 
das die Oberschwester vollbrachte ; man hat ihr Werk allzusehr 
hervorgehoben gegenüber der Tätigkeit der Ärzte, als dass nicht 
rings um die Gefeierte eine Atmosphäre der Feindseligkeit ent- 
standen wäre. Der Grossteil der Sanitätsoffiziere, angefangen 
beim Generalinspektor Dr. Hall bis hinunter zum letzten Unter- 
leutnant beargwöhnt sie, misstrauisch und feindselig. 

Ja, das ist die bitterste Zeit. 

Kleinliche, niederträchtige Verfolgungen jeden Tag und zu 
jeder Stunde. Die Arbeit wird bei jedem Schritt erschwert, und 
alles geschieht aus dem Hinterhalt. Manchmal wagen die Gegner 
den offenen Kampf. Traurige Zeit anstrengender Plage mit 
wundem Herzen. 

Aber die Soldaten müssen gepflegt werden, man muss ihnen 
helfen — nur das allein zählt für Florence ! 

Letzter harter Kriegsfrühling, in dem sie nicht die Feinde 
auf dem Schlachtfelde zu bekämpfen hat, sondern die Vorurteile, 
die Lässigkeit, die Gewohnheiten, das Misstrauen, den bösen 

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Willen : alles Gegner, die nicht weniger gewaltig, nicht weniger 
verbissen sind. 

« Warum wünscht Fräulein Nightingale so viele Neuerungen ? 
Wir stehen nicht das erste Mal im Feld ! Es ist immer so gemacht 
worden und es ist nicht notwendig, soviel Änderungen durch- 
zuführen ! » 

So raisonnieren die Sanitätsbeamten, während Florence fort- 
während Tag und Nacht, Stunde für Stunde die Zeugin von 
Leiden wird, die man leicht hätte vermeiden können. 

« Warum will sie immer kommandieren ? Angenommen, die 
Pflegerinnen wären wirklich nützliche Elemente in der Kranken- 
pflege, so sollte sie sich damit zufriedengeben, dass ihre Zöglinge 
der militärischen Autorität unterstellt sind. Was braucht sie dann 
noch weiter einzugreifen ? » 

Florence weiss aber genau, dass sie die Pflegerinnen der engli- 
schen Militärautorität nicht anvertrauen darf. Sie weiss, wenn 
sie nicht unaufhörliche Wachsamkeit über ihre Schützlinge übte, 
diese aus eigenem oder fremdem Verschulden vom erreichten 
Stand herabgleiten würden. Sie weiss auch, dass die Pflegerinnen, 
die in der Krim arbeiten, einzig und allein ihr anvertraut worden 
sind und dass nur sie für dieselben die Verantwortung trägt. 
Darum gibt sie nicht nach. 

Tag für Tag reitet oder fährt sie in einer primitiven, schad- 
haften Kalesche auf den steilen Strassen der Krim. Wenn sie weder 
Pferd noch Wagen haben kann, um zum Spital zu gelangen, so 
macht sie die endlosen Wege zu Fuss, ohne je auszuruhen. Tag 
für Tag unsagbare Arbeit der Vorsorge für die Spitäler, die der 
Feuerlinie am nächsten liegen, für jene, die in der weiten Land- 
schaft verstreut sind, für Lazarette, die nicht mehr sind als Barak- 
ken, Zelte, über vier Pfählen errichtet, eine halb verfallene Kaserne 
— während immer noch mehr Verwundete eintreffen, die zusam- 
mengepfercht, mit offenen, blutenden Wunden in andere Spitäler 
weiter transportiert werden... 

83 



Tag für Tag geopfert einer Arbeit, die der heilige Franziskus 
von Assisi gesegnet haben würde. 

Zwölf Stunden des Harrens auf der Schwelle eines Lazaretts. 
Es schneit. Doch niemand öffnet die Tür, so dringend die Frau 
auch pocht und fleht, um Gottes willen zu helfen. 

Zehn Tage vergehen, und den Pflegerinnen wird keine Speise 
gereicht. Man ignoriert ihre Anwesenheit. 

Florence stellt ihre eigenen Lebensmittelvorräte zur Ver- 
fügung. Tage und Nächte vergehen, in denen die Intensität der 
Arbeit nur von ihrer Bitterkeit übertroffen wird und von der 
Freundlichkeit und dem Gleichmut, mit dem Florence sie 
hinnimmt. 

Wenn die Soldaten den Hufschlag ihres Pferdes oder das 
Räderrollen ihrer Kalesche vernehmen, wenn sie wissen, dass sie 
im Spital ist, dann glüht ein Strahl der Freude, der Hoffnung 
und der Ruhe in ihren Herzen auf. 



Frieden 

Frieden ! 

Er ist da. Endlich, endlich ! 

Der Friede, die Freude, die Befreiung von dem entsetzlichen 
Alpdruck, dem höllischen Streiten in Blut und Tod ! Rückkehr ins 
Leben, Heimkehr der Soldaten ins Vaterland ! 

Nicht mehr die schmerzverzerrten, blutenden, stöhnenden, 
verstümmelten, verzweifelten, sterbenden, todbleichen Jungens 
kommen sehen und nicht mehr in die unnatürlich erweiterten 
Augen schauen zu müssen, die fragen « warum ? », die um Barm- 
herzigkeit flehen, die beschwören, ihnen nicht so viel Pein zuzu- 
fügen ! Nicht mehr das wunde Fleisch sehen zu müssen, diese 
verrenkten und zuckenden Leiber. Nicht mehr bei der Abfahrt 
von Männern zugegen sein zu müssen, die verstümmelt nach 
Hause zurückkehren, die ihre Jugend verloren haben ! 

84 



Die Pflicht der Soldaten ist vollbracht : sie verlassen den Boden 
des Orients. 

Aber Florence bleibt. Solange die Spitäler noch in Betrieb 
sind, solange noch eine einzige Pflegerin der Heimat fem ist, 
wird auch Florence nicht zurückkehren. 

Endlich ist alles abgeschlossen. Die letzte Pflegerin ist fort. 
Aus Florencens Seele erhebt sich ein inbrünstiges Gebet, ein 
Hymnus des Dankes an Gott. Ihr Herz ist übervoll, ihre Dank- 
barkeit namenlos. Der Herr hat das Feuer gesehen, das in ihr 
glühte. Der Herr hat ihr gewährt, Seine Magd zu sein. 

In Skutari am Meeresstrand steht ein blendend weisses, hohes 
Kreuz. Es ist die Opfergabe von Florence Nightingale, die sie 
dem Allmächtigen dargebracht hat, und sein weisses Leuchten 
beschützt die englischen Soldaten, die fern der Heimat für England 
gefallen sind. 

Mit Ungeduld erwartet England die Frau, die zum Segen 
der Soldaten geworden ist. Es jubelt ihr entgegen und fordert 
für sie Ehren und Triumph, 

Ehren, Musik, Festlichkeiten, Triumph ? Für wen ? 

Wer darf hier von Opfern sprechen ? 

Es ist ja kein Opfer, wenn man den Gesetzen seiner edlen 
Natur nachlebt ! Nein, Florence hat sich keineswegs geopfert. 

Ist denn ihre Mission schon vollbracht ? Ach nein ! Ihre 
Mission hat erst begonnen, die Mission, der zuliebe sie von klein 
auf so harte Kämpfe geführt... 

Es beginnt erst der schwierigste Teil ihres Werkes. 

Still. Jubelt ihr nicht zu ! Die Frau, die ihr im Triumph 
durch die Strassen tragen wollt, ist fem von Gedanken an Ehren 
und Ruhm. Sie hat Ruhe nötig — denn sie ist müde ! 

Man will, dass sie auf einem Kriegsschiff in die Heimat zurück- 
kehre, will sie mit flatternden Fahnen und klingenden Fanfaren 
im Hafen empfangen. 

85 



Nein. Das will und kann sie nicht annehmen. Sie braucht 
vollständige Einsamkeit, um sich von diesen ersten schweren 
Mühen zu erholen. 

Und in aller Stille kommt sie an, ohne irgend jemand zu 
benachrichtigen. Nur Tante May, die ihr in den Orient nach- 
gereist ist, als ihre Freunde Bracebridge nach England zurück- 
kehrten, nur sie allein ist ihre Gefährtin gewesen, die sie in trüben 
Stunden aufgerichtet hat. Nach einem kurzen Erholungsaufenthalt 
bei den Schwestern von Bermondsey — ein Aufenthalt der 
Sammlung, Erhebung und frommer Meditation — kommt sie 
zu Hause an. 

In der kleinen Kirche droben auf dem Hügel ertönt die Glocke 
als sie ankommt, und am nächsten Tage ist die ganze Familie 
in der Kapelle vereint, betet und dankt voll Inbrunst dem Herrn. 



Statistik der Sterblichkeit 

Wird Florence die 4500 Soldaten, die sie sterben sah, je 
vergessen können ? 

Nicht alle haben ihr Leben der Grösse des Vaterlandes hin- 
gegeben. Viele wären noch frisch und gesund, würden heute 
mehr als je eine Quelle der Kraft für die Heimat bedeuten, wären 
die Militärspitäler nicht so grauenhaft verwahrlost und mangelhaft 
ausgerüstet gewesen, hätte nicht eine völlige Nichtbeachtung der 
grundlegendsten Gesetze der Hygiene vorgeherrscht. Die Toten 
— nicht die, welche ihr Leben mit Freuden auf dem Schlachtfeld 
im Kampf für eine Idee dahingaben — wohl aber jene, die von 
Spital zu Spital geschleppt worden waren und vergebens um das 
Leben baten und flehten, das ihnen hätte erhalten werden müssen, 
diese Toten geben ihrer Pflegerin keine Ruhe. 

Florence will ihr Recht für sie durchsetzen. Hat sie doch den 
Soldaten unten in der Krim ihr eigenes Leben dargeboten. Warum 

86 



vernimmt man die Stimmen dieser Soldaten nicht — sie, die sie 
überlebt hat, muss ihr Gelübde halten. Immer wieder kommt 
die Frage: warum sind so viele Soldaten gestorben, ohne Sinn 
und Notwendigkeit ? Ist es unvermeidlich, muss die Organisation 
der Militärspitäler in Kriegszeiten so grauenvoll sein, wie Florence 
sie vorgefunden ? Warum sind alle Militärärzte so untätig, fata- 
listisch und gleichgültig ? 

Und es kommt die schwerwiegende Frage : 
Was sind denn eigentlich die Militärspitäler im Frieden ? 
Jetzt ist Florence mit einer Tätigkeit beschäftigt, die niemand 
vor ihr in irgend einer Form auszuüben versucht hat, sie vergleicht 
die Statistik der Sterblichkeit der Zivilbevölkerung mit der 
Sterblichkeit des Militärs in Friedenszeiten. 
Und dieser Vergleich ist eine Erkenntnis. 
Zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr ist die Sterblichkeit 
der Zivilbevölkerung elf zu Tausend, die des Militärs aber 
siebzehn bis zwanzig zu Tausend. 

Was ist der Grund dafür ? Die Soldaten müssten ja der 
gesündeste Teil der Bevölkerung sein, werden sie doch aus den 
Kräftigsten der Nation rekrutiert. Warum ist also der Prozentsatz 
der Sterblichkeit unter ihnen so hoch ? Florence fühlt intuitiv 
die Wahrheit. 

In den Militärspitälem bestehen schon in Friedenszeiten 
Mängel und Nachteile, die während eines Krieges zu jenen furcht- 
baren Ergebnissen führen, deren Zeugin sie geworden ist. 

Es ist darum notwendig, die Militärspitäler von Grund auf 
umzuwandeln. 

« Wir hören voll Entsetzen, dass 400 Mann in Birkenhead 
umkamen, weil die Bewachung des Meeres keine ausreichende 
war. Was würden wir aber gesagt haben, wenn wir gewusst hätten, 
dass 1 1 00 Mann unseres Heeres in unserem Lande aus Gründen 
die hätten vermieden werden können, den Tod fanden ? » 

Die Militärspitäler reformieren ? Eine solche Kühnheit in 
einem bequemen, gewohnheitsmässigen, bürokratischen Milieu 

87 



versuchen zu wollen, wo jede Reform Feindseligkeit, Misstrauen 
und hartnäckigen Widerstand hervorruft ? 

Florence Nightingale, Du weisst noch nicht, was das englische 
Militärsanitätswesen bedeutet... 

Doch sie weiss es wenigstens in grossen Umrissen. Aber die 
Toten mahnen sie, damit sie die Lebenden mahne. 

Es sind viele, die bereit sind, sie zu umjubeln. Doch nur wenige 
sind entschlossen, ihr zu folgen. Um die vielen kümmert sie sich 
wenig — nur die wenigen sind ihre Freunde. 

Alle loben sie — was ist das Lob anderes als Eitelkeit ? Ihre 
Arbeit in der Krim hat ihr bestätigt, was sie schon wusste : man 
lebt, um zu dienen. Ihre Soldaten mit ihren Briefen, jene Zu- 
stimmung der Demütigen dringt unmittelbar in ihr Herz. Alles 
übrige ist Schall und Rauch. Was ist der Ruhm, den Menschen 
gewinnen können ? 

« Ruhm hat die Farbe des Grases, 

das kommt und vergeht, und jene rauben ihm die Farbe, 

für die es aus der starren Erde sprosst. » 

Aber es gilt ja das Leben der 1100 Soldaten zu bewahren, 
die das Vaterland alljährlich sterben lässt. 



Florence macht während ihrer Erholung keine völlige Arbeits- 
pause. Sie forscht nach den Ursachen jener Übel, die sie erkannt 
hat und von denen die bitteren Erfahrungen in der Krim ihr ein 
so deutliches Bild hinterlassen haben. Sie studiert die in Frage 
kommenden Reformen. Sie setzt sich mit allen Menschen, die guten 
Willens sind und die sie kennt, in Verbindung : Mit Sidney 
Herbert, der sie in den Orient entsandte, und mit den anderen 
wenigen aber treuen Freunden, die dort unten die militärische 
Organisation und ihre eigene Seele klar erkannt haben. Es sind 

88 



Oberst Tulloch, Sir John Mac Neill, Oberst Lefroy und Dr. John 
Sutherland. Dr. John Sutherland gehört zu den bekanntesten 
Ärzten von London. Er nimmt an allen offiziellen medizinischen 
Kommissionen teil. Er ist ein Ehrenmann und Florence fühlt, 
dass man ihm vertrauen kann. Wie alle anderen Freunde, hat 
er den Mut, die einzigartige Pflichttreue von Florence in der 
Krim zu bewundern ; ebenso wie die anderen, ist er bereit, mit 
ihr und für sie zu arbeiten, die gute Sache zu verteidigen. Unabläs- 
sige und stille Vorbereitungen in Lea Hurst, ihr Verlauf ist heiter, 
sicher, ohne die Fieberhaftigkeit, die ehemals das tapfere Mädchen 
quälte, als sie sich vor verschlossenen Pforten sah. Jetzt sind 
die Anforderungen viel grösser, die Aufgabe viel schwieriger, 
aber Florence sieht einen Weg und nicht mehr eine Mauer vor 
sich. 

Ein Domenweg ! Wird es je gelingen die mächtige Gegnerschaft 
einer trägen, konservativen Bürokratie zu überwmden, die sich 
nie hartnäckiger zeigt, als wenn es gilt, unbequeme Neuerungen 
zu sabotieren ? 

Florence hält ihre Waffen zum ehrlichen Kampf für die Militär- 
reform bereit. Sie studiert und denkt. Sie prüft Bogen um Bogen 
der Spitalstatistik, der sanitären Rechenschaftsberichte. Und 
inmitten ihrer Arbeit, in der Stille von Lea Hurst, erreicht sie 
ein Brief, der so segensreich ist, wie jener, den sie im Gouver- 
nantenheim erhielt und der sie in die Krim schickte. Vielleicht 
ist auch dieser eine Hilfe, ein Wink Gottes. 

Der Brief ist von dem Freunde Sir James Clarke, dem Leibarzt 
der Königin Viktoria, und bringt eine einfache, warmherzige 
Einladung. 

« Kommen Sie nächsten Monat zu mir aufs Land nach Birk 
Hall. Die frische Luft von Schottland wird Ihnen wohl tun. 
Und dann kommt ja auch der Hof bald nach Balmoral. Sie werden 
ohne Zweifel zur Königin gerufen werden und ausser dem offi- 
ziellen Besuch in Balmoral werden Sie ruhige und private Unter- 
redungen in Birk Hall führen können. » 

89 



Auge in Auge mit jenen sprechen können, die das Land regieren ! 

Die Gelegenheit haben, die Königin Viktoria, den Prinzen 
Albert und vielleicht auch den Kriegsminister Mr. Panmure zu 
informieren. Ihnen unverblümt zu sagen, wie die Dinge stehen. 

Florence Nightingale fühlt die volle Bedeutung und den Ernst 
der Stunde. Sie hat die Aufmunterung der Freunde nicht nötig, 
die in diesen Unterredungen eine grosse Chance für das Gelingen 
ihrer Pläne erblicken. Sie hat den Entschluss gefasst, nach Birk 
Hall zu gehen. Sie ist sich klar, dass nun Sieg und Niederlage in 
ihrer Hand liegen und dass sie mit ganzer Seele wirken muss. 

Wird es ihr gelingen, die Königin und den Prinzgemahl von 
den zahllosen Irrtümern und Untaten zu überzeugen, die Tag 
für Tag in ihrem Namen von den höchsten und treusten zivilen 
und militärischen Würdenträgem vollbracht werden ? 

Wird es glücken, Lord Panmure zu überzeugen ? Jenen Lord 
Panmure, den seine Feinde, aber auch seine Freunde den « Büffel » 
nennen, weil er so langsam, bärtig und störrisch ist, so misstrauisch 
gegen alles und alle und ganz besonders gegen die Frauen, wenn 
diese sich mit Dingen beschäftigen, die sie nichts angehen ? 

Florence fährt nach Birk Hall und die Freunde harren voll 
Sorge des Kommenden. 

In den zahlreichen Unterredungen in Birk Hall und Balmoral 
stellt Florence den genauen Stand der Dinge dar, überzeugt die 
Königin und den Prinzgemahl und erweckt in ihnen den Wunsch, 
die erträumten Reformen möchten zur Wirklichkeit werden. 

Inzwischen werden die Freunde unruhig. Die Königin, den 
Prinzgemahl zu überzeugen und zu erobern ist verhältnismässig 
leicht — aber den Kriegsminister ? Wem ist es je gelungen, seine 
eigenen Ideen in den harten Schädel dieses intelligenten, aber 
rückständigen Eigenbrötlers eindringen zu lassen ? 

Aber Florence hat weder Theorien vorzutragen noch die Lust 
zu langwierigen Diskussionen. Florence erzählt, mit ihrem Mit- 
gefühl für die leidenden Soldaten, scharfsichtig die Quellen der 
Schäden aufdeckend, die gewagtesten Reformen auf das klarste 

90 



darlegend. Florence verschwindet demütig und bescheiden hinter 
dem Feuerbrand des Ideals, der sie belebt. 

Was verlangt sie für sich ? Nichts 1 Für die Soldaten alles ! 
Für diese Soldaten, ihre Kinder, die Kinder der englischen Frauen, 
bewundemsv^^ert durch ihre Kraft zu leiden und zu sterben, ohne 
zu klagen. Und auch er, der alte Büffel, wird von solcher Inbrunst 
und von solcher Demut besiegt. 

Nein, niemals wird Florence Nightingale etwas für sich ver- 
langen. Der Kriegsminister, der es gewohnt ist, sich jeden Tag 
gegen Leute zu verteidigen, die ihn aus persönlichen Motiven auf- 
suchen, weiss und fühlt das. Er fühlt, dass die Oberschwester 
richtig gesehen hat, dass die Übel tatsächlich bestehen und eme 
Besserung möglich ist. 

Er betraut Florence damit, einen Rechenschaftsbericht über 
ihre Eindrücke in der Krim abzufassen und eine Darlegung der 
Militär-Reform zu geben, wie sie sie für notwendig hält. Er stimmt, 
vorläufig theoretisch, der Ernennung einer königlichen exekutiven 
Kommission und der Gründung eines militärischen Instituts für 
Medizin zu. 



Die Regierungskommission 

Grosser Jubel herrscht in dem kleinen Freundeskreis als 
Florence zurückkehrt und von ihren Unterredungen und Aufgaben 
erzählt. Es geht an ein eifriges Suchen neuer Anhänger, um den 
Kreis der Apostel, der Mitarbeiter zu erweitem. 

Ist die Opposition auch überwunden ? Zählen Promemorien 
und Projekte überhaupt in der Welt des Militarismus ? Der eine 
bemüht sich darum und tausend andere lassen die Pläne liegen, 
ohne sich darum zu kümmern. Wer hat Sehnsucht nach Reformen ? 
Wer ist so töricht, sich Mühen und unnötige Anstrengungen 
aufzubürden, die er sich ersparen kann ? Diese menschlichen 
Maschinen, die heute so denken wie gestern und gestern wie 

91 



vorgestern, sollen in Bewegung gesetzt werden... Es ist notwendig, 
sich mit dem Kriegsminister über die neuen Persönlichkeiten zu 
verständigen, welche an der Regierungskommission für die Refor- 
men teilnehmen sollen. Die Baupläne für das neue Militärspital 
in Netley, dessen Grundmauern schon fertig sind, müssen geän- 
dert werden. Denn diese Pläne sind genau, wie die der bisher 
errichteten Spitäler, auf ein einziges, ungeheures Gebäude ein- 
gestellt und nicht, wie Fräulein Nightingale es wünscht — wie 
überspannt, sagen die Leute — in einzelne Pavillons abgeteilt. 
Warum soll man nicht, wie dies bisher immer der Fall war, in 
einem Riesenbauwerk alle Patienten vereinigen ? Das sind geradezu 
« wirkliche Revolutionen » — wer soll das begreifen ? Die Gründe 
dafür werden von so wenigen verstanden, dass das neue Spital 
so gebaut wird, wie es die « Vernünftigen » wollen, also nicht 
in Pavillonform, sondern als Riesengebäude... 

Darob allgemeine Genugtuung. Das gute Fräulein hat das 
Spital verloren... 

Verloren ? Das Spital von Netley ist das letzte englische 
Krankenhaus, das nach altem System erbaut wurde, und von da 
an werden die Patienten in Pavillons untergebracht, die rings um 
das Mittelgebäude gruppiert sind, in dem sich der allgemeine 
Dienst abwickelt. Auf diese Art werden alle Teile des Kranken- 
hauses rasch und unmittelbar mit den Speisen und allem Nötigen 
versorgt, können aber auch augenblicklich voneinander isoliert 
werden, wenn je eine Infektionskrankheit, eine Epidemie sich 
entwickeln sollte. 

Von November bis Mai — sechs Monate sind erforderlich, bis 
es zur Ernennung der Regierungskommission kommt. Diese 
Kommission wird allen zur Plage werden, den Schlaf von so viel 
bequemen Funktionären stören und Gott weiss wie viele extra- 
vagante neue Systeme einführen, die gewiss schlechter sind als 
die früheren. Diese übereifrigen jungen Menschen, die es sich in 
den Kopf setzen, die Welt umzugestalten, ohne sich davon Rechen- 
schaft abzulegen, dass die Erfahrung der grösste Meister ist ! 

92 



Auch der « Büffel », der damber nachgedacht hat, fühlt wenig 
Sympathie für die Regierungskommission, die wahrscheinHch 
keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken und einen Berg von 
Unannehmlichkeiten schaffen wird. Wenn er Zeit hat und sich wohl 
befindet, freut es ihn, auf seinen Gütern zu jagen — Sorgen und 
Kopfzerbrechen hat er im Überfluss — dazu fesseln ihn immer 
häufiger Gichtanfälle an seinen Lehnstuhl, ebenso wie eine tüchtige 
Dosis Apathie, die seine Untergebenen kennen und aus der sie ihren 
Vorteil ziehen. All dies lässt ihn den «Status quo» zurückwünschen. 

Aber das gibt es nicht ! Hinter der Langsamkeit und Apathie 
des Kriegsministers steht ein unbezwinglicher Arbeitswille, den 
niemand sieht, der aber ohne Unterlass wacht und drängt. Es 
ist die Pflegerin der Soldaten in der Krim, es ist das Versprechen, 
das sie ihren Toten gegeben hat. Kein englischer Soldat wird 
künftig ohne Notwendigkeit geopfert werden. 

Zwei Kämpfer : Der eine ist der mächtige und massige Minister, 
der will und doch nicht will, an der Spitze eines gewaltigen kom- 
pakten Heeres von hohen und niederen Offizieren, die insgesamt 
nicht wollen ; der andere ist eine zarte, erschöpfte Frau, um die 
sich eine kleine Gruppe glühender Anhänger schart... 

Florence gedenkt immer wieder der vergangenen Kämpfe, die 
ihren Charakter gestählt und ihren Widerstandswillen gestärkt 
haben. Gestern handelte es sich darum, die Konvention und die 
Vorurteile zu überwinden, welche einer Familie das Recht gaben, 
ihrer persönlichen Ruhe das Interesse einer Nation zu opfern ! 
Heute handelt es sich darum, die Konventionen, die Vorurteile 
zu besiegen, die dem Kommando des englischen Heeres das Recht 
geben, der eigenen schlechten Organisation das Leben ihrer 
Volksgenossen zu opfern. 

Ohne dem Kriegsminister Ruhe zu geben, der noch immer 
zögert, die Mitglieder der königlichen Kommission für die Refor- 
men zu ernennen, Tag für Tag ihre Getreuen anfeuernd, überzeugt 
sie die Unsicheren, gewinnt sie für ihre Sache neue Freunde. 
Florence schreibt das Promemoria, jenes Buch, das niemals 

93 



veröffentlicht, dennoch der Ausgangspunkt des Ministeriums für 
alle Reformen wurde, die darauf abzielten, den englischen Soldaten 
zu ihrem Rechte zu verhelfen, einem Recht, das sie niemals forder- 
ten, noch zu fordern gedachten. 

Sie wissen es nicht und werden darum der Schöpferin aller 
Reformen nicht dankbar sein. Aber es ist einzig ihr Verdienst, 
wenn in Zukunft die Spitäler so gebaut werden, dass den Patienten 
überflüssige Leiden und Unzukömmlichkeiten erspart bleiben ; 
wenn die Pflegerinnen erkennen, wie ungeheuer wichtig die 
Kranken- und Verwundetenpflege ist, und wenn die Ärzte ge- 
wissenhafter und menschlicher ihrer Aufgabe gegenübertreten. 

Bestärkt durch ihre Erfahrung, durch die durchgemachten 
Leiden, so viele leiden gesehen zu haben, durch ihre Hellsichtig- 
keit in der Untersuchung und der Zusammenfassung der Ursachen 
aller Übel, schreibt Florence ihr denkwürdiges Buch, das nur 
wenigen zu lesen vergönnt sein wird, aber das zum Instrument 
wird, die Sterblichkeit im englischen Heere zu vermindern und 
dieses selbst nach neuen Grundsätzen zu organisieren. Es sind 
830 Seiten geworden, die sich in ihrem klaren Stil vortrefflich 
lesen lassen und auf denen Tatsachen, Folgerungen, Schlüsse und 
Ziffern vorherrschen. 

Die Reformen, die von allen Gesichtspunkten aus studiert 
und geprüft sind, nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Spitaler- 
fordemisse, sondern auch unter jenem der Erziehung, der Beschäf- 
tigung und der Karriere der Regimentsärzte, unter dem Gesichts- 
punkt der Küchenbetriebe und der Diättabellen, dem des Kom- 
missariats, der Wäschereien, der Militärkantinen, der Beschäfti- 
gung der Soldatenfrauen. In Aussicht genommen war darin auch 
das höchst notwendige statistische Büro, das den Prozentsatz der 
Sterblichkeit in den verschiedenen Schichten der Zivil- und 
Militärbevölkerung zusammenstellt und untersucht, worauf sich 
die Verbesserungspläne der Zukunft zu stützen haben. 

Endlich ist die Kommission ernannt und sie beginnt mit 
ihren Arbeiten. 

94 



Und man muss zugeben, dass die Offiziere und Ministerial- 
beamten etwas besorgt über die Sachlage nachzudenken beginnen. 

«Doch wie viele königliche Kommissionen sind ernannt worden, 
haben getagt und wieder getagt und haben trotzdem nichts voll- 
bracht... Wird das auch diesmal so sein ? Wir müssen das beste 
hoffen... » 



Die Arbeit ruhen lassen 

Welch seltsames Gefühl, sich gleichsam in einem leeren Raum 
zu wähnen, wenn eine schwere Müdigkeit den ganzen Körper 
erfasst und jeden Atemzug erschwert ! 

Florence will auf ihr Befinden keine Rücksicht nehmen. Aber 
das Gefühl kehrt jeden Tag wieder, verhindert sie am schla- 
fen, nimmt ihre Nerven in Anspruch, die Knochen, die Lunge. 
Das Herz pocht zum Zerspringen, es hämmert in den Schläfen ; 
Schultern und Hals erstarren zu Eis. 

Der ganze Köper zieht sich schmerzhaft zusammen, tausend 
Nadeln scheinen den Kopf zu durchbohren, den Rücken, die 
Seiten. Jede Bewegung wird namenlose Pein. 

Die zarte Gestalt wird völlig unkörperlich, die azurblauen 
Augen werden übergross in dem abgezehrten Antlitz... 

Die Freunde sind voll Angst. 

« Florence, kannst Du denn nicht ein wenig ausruhen ? Du 
hast so ungemein viel gearbeitet. Alle ruhen sich nach der Arbeit 
aus. Es ist notwendig eine Pause zu machen — die Arbeit etwas 
liegen zu lassen. » 

Die Arbeit liegen lassen ? Wie wäre das möglich ? 

Die Arbeit liegen lassen, heisst aufgeben, was sie unternommen 
hat, das Versprechen brechen, das sie ihren Toten gegeben hat. 
Es heisst die vielen Mühen vergebens, die bis heute errungenen 
Siege nutzlos machen. 

95 



Ach, Florence weiss genau, dass im Lager der Feinde, in den 
Büros des Kriegsministeriums alle bereit sind, zu vergessen, zu 
schweigen, die Spitäler und das Heer wie bisher weiterexistieren 
zu lassen, die Soldaten wie bisher sterben zu lassen ; wie bisher, 
ohne dass irgend jemand es merkte ! 

Das weiss Florence — wie könnte sie ruhen und rasten ? 

Ihre Ziffern, die furchtbaren Ziffern, welche die Sterblichkeit 
im Heere darlegen und aufzeigen, um wieviel grösser sie ist, als 
die der Zivilbevölkerung, diese Ziffern, die sie nach so mühseligem 
Forschen zusammengestellt hat, wem erscheinen sie tränenschwerer 
und brennender als ihr, wer trägt sie tiefer in Seele und Körper 
eingegraben, als sie ? 

Sie sieht diese Ziffern stets vor sich und vernimmt das Röcheln 
der Sterbenden. 

Vielleicht ist auch sie dem Tode nah ? 

Kann sie aber rasten, solange nicht auch die anderen die dro- 
hende Mahnung der Ziffern erkannt haben ?... 

Allein, auf ihrem Ruhebett am Fenster scheint Florence, die 
bei geschlossenen Augenlidern qualvoll Atem holt, in ihrer unsäg- 
lichen Müdigkeit nur noch ein Schatten, ihr Antlitz ist totenbleich. 

Eine seltsame Krankheit, die niemand recht erkennt. Fiebernd 
und erschöpft, isst und schläft Florence überhaupt nicht mehr. 
Ihr Herz pocht unerträglich ; und immer diese Todeskälte in 
Schultern und Nacken. 

Die Eltern sind verzweifelt, die Freunde beunruhigt. Das ist 
ja kein lebendes Wesen mehr : es ist eine glühende Seele, in einem 
Körper, der abstirbt. 

Dr. John Sutherland, der ein leidenschaftlicher Verehrer von 
Florence geworden ist, seit er Zeuge ihrer wundervollen Arbeit 
in der Krim war, ist jetzt auch Mitglied der Kommission für die 
Reformen. Auch er bittet sie, sich zu schonen. 

« Ich will Ihr Leben und Ihre Arbeit. Sie aber wollen arbeiten 
und sterben, und das ist keineswegs vernünftig. Von ganzem 
Herzen bewundere ich Ihren Heroismus und Ihre Hingebung. 

96 



Aber ach I ich kann nicht vergessen, dass all das in einem schwachen, 
sterbHchen Leib eingeschlossen ist. Darf ich Sie darum ermutigen, 
diesen Leib zu zerstören, in dem unnützen Versuch, nicht nur 
die Menschen, sondern auch die Zeit zu überwinden ? Sie können 
sich meine Pein nicht vorstellen, die ich empfinde, wenn ich Sie 
dahinschwinden sehe ob einer Anstrengung, die nur ein sehr 
kräftiger Organismus ertragen könnte... » 

Nicht einmal Dr. Sutherland zuliebe vermag Florence nach- 
zugeben. Alles, was der gute Arzt und treue Freund erreichen 
kann ist, sich persönlich nach Malvern zu seiner Patientin zu 
begeben, um ihr bei ihrer Arbeit zu helfen. Sie werden dann 
gemeinsam die in Vorbereitung befindlichen Memoranden vollen- 
den, ebenso die Vorschläge, welche sie mit Sidney Herbert zu 
besprechen hat, wenn dieser nach London zurückkommt. 

Ja, der gute und ergebene Sutherland kommt nach Malvern 
und dann nach London, um sich ihr zu widmen. 

Von diesem Augenblick an bis zum Ende seines Lebens bleibt 
John Sutherland der treue Sekretär, der intelligente, unschätzbare 
Mitarbeiter von Florence Nightingale. 

Tante May pflegt die Kranke. Sie kennt Florence und die 
tiefsten Beweggründe ihrer Seele. Sie weiss, dass Florence das 
Sterben nicht fürchtet, dass sie aber, wenn es möglich ist, vor 
ihrem Tod das begonnene Werk zu vollbringen wünscht. Sie 
hilft ihr, in den Arbeitspausen Ruhe und Erholung zu finden. 

Florence spricht nicht mehr, regt sich nicht mehr, empfängt 
keinen Menschen, mit Ausnahme ihrer Arbeitsgenossen. 

Es sind Sidney Herbert, John Sutherland, Dr. Farr und einige 
andere. Einer nach dem anderen, manchmal auch alle gemeinsam, 
haben Unterredungen mit den Mitgliedern der königlichen Kom- 
mission. Ihre Bemerkungen und Diskussionen, die Ergebnisse 
der verschiedenen Umfragen, die Reformvorschläge und die Art, 
sie auszuführen, werden Florence vorgelegt. Sie fügt hinzu, berät, 
verbessert, ändert, entwickelt aus den Tatsachen die Notwendigkeit 
neuer Anordnungen. Ihr Geist ist klarer und hellsichtiger denn je. 

97 



Sie erinnert sich an vieles mit Genauigkeit, und wenn ihr etwas 
entfallen ist, so weiss sie, wo sie es finden kann. 

So vergehen drei, vier, fünf Arbeitsstunden. Dann wieder Stille, 
vollkommene Apathie, fast der Tod — um am nächsten Tag von 
neuem zu beginnen. 

Vielleicht wird es ihr nicht mehr vergönnt sein, ihr Werk selbst 
zu vollenden ; vielleicht ruft sie Gott zu einem anderen Dienst. 
Ach, die armen Jungens ! 

Florence schreibt dem treuesten ihrer Kameraden, Sidney 
Herbert, der sie zuallererst verstanden, der sie in die Krim entsandt 
hat : 

1) Ich weiss, dass Sie die Art meines Todes nicht beklagen 
werden. Aber ich weiss auch, dass Sie so gütig sein werden, ihn 
als Tatsache an sich zu beklagen. Manchmal haben Sie mir gesagt, 
dass Sie es fast bedauern, mich an die Arbeit geschickt zu haben. 
Ich gebe Ihnen die Versicherung, dass nur die Arbeit mich auf- 
recht gehalten hat. Es tut mir leid, nicht weiterleben zu dürfen, 
um die Pflegerinnenschule zu gründen. Aber es ist nicht meine 
Schuld, « Hier bin ich, mein Gott, sende mich, wohm Du willst », 
war immer mein Glaubenssatz. 

Ich muss bereit sein, jetzt wegzugehen, wie ich bereit war, 
in den Orient zu fahren. Sie wissen, dass ich immer gedacht habe, 
Ihre grosse Güte hätte mich dorthin entsendet. Vielleicht braucht 
Gott einen Sanitätsoffizier für seine Soldaten in der anderen Welt, 
wo man mich erwartet. 

2) Ich hege jetzt keine Befürchtungen mehr für das Heer. 
Sie sind immer unser « Cid » gewesen, der echte ritterliche Mann, 
der Beschützer der Schwachen, Leidenden und vom Leben Benach- 
teiligten — und sie werden auch jetzt mehr als je unser Ritter sein. 
« Wir » bedeutet in meiner Sprache die Soldaten und ich. 

3. Ich hoffe, dass Sie keine ritterlichen Gefühle dafür hegen 
werden, was man meinem Andenken schuldig ist. Das einzige, 
was man mir schuldig sein könnte, ist das Wohl der Soldaten. 
Ich habe, solange ich lebe, so gedacht. Es ist nicht wahrscheinlich, 

98 



dass ich jetzt wo ich tot bin anders denke. Die Ideen, die Sie 
übernommen haben, werden Sie kräftiger und lebendiger in sich 
selbst wiederfinden. Die Ideen, die Sie sich nicht zu eigen gemacht 
haben, besitzen keine Kraft, woher sie auch kämen. 

4) Das, was man aber tun muss, ist ja von Ihnen längst 
gebilligt worden : a) der Ärzterat für das Heer, die medizinische 
Schule, der allgemeine Plan für die Spitäler, die gymnastischen 
Übungen ; h) die Forderungen Dr. Sutherlands für sanitäre 
Zwecke ; c) die Kasernen in den Kolonien, in Kanada, im Mittel- 
meer und in Indien. 

5) Es schmerzt mich, den Plan mit den Pflegerinnen nicht 
ausführen zu sollen. Ich lasse ihn in einem bösen Augenblick 
zurück. Frau Shaw-Stewart ist die einzige Frau, die ich kenne, die 
imstande wäre, die Pflegerinnen des Heeres zu leiten. 

Seien Sie stets überzeugt, dass ich, solange ich noch « Gott 
segne Sie » zu sagen imstande bin, 
verbleiben werde Ihre dankbare 

Florence Nightmgale. 

Es ist getan. Jetzt ist sie ruhig. Wenn sie tot ist, wird Sidney 
Herbert den Brief lesen und die Arbeit nicht liegen lassen können. 

Ausgestreckt, wachsbleich und unbeweglich ruht Florence, 
nachdem sie den Brief vollendet hat. 

Jetzt empfindet sie nur noch wenige Wünsche. 

Den Wunsch, ihren Freunden ein paar Andenken zu hinter- 
lassen, den Wunsch aus dem Kapital des Nightingale-Fonds eine 
Musterkaseme zu errichten. 

Und noch eine Bitte : 

« Die Sorge um meine Soldaten lässt in mir ein Gefühl erwa- 
chen, das ich nie zu empfinden erwartet hätte. Ein Aberglauben, 
der mir töricht scheint und der mich trotzdem wünschen lässt, 
m der Krim bestattet zu werden. Sinnlos gewiss, denn sie sind 
nicht mehr in der Krim ! » 

99 



Die furchtbaren Ziffern 

Der 11. Mai 1858. Erster Sieg. 

Auf Grund von Florence Nightingales Statistik hat Lord 
Ebrington im Unterhaus eine Anfrage betreffend die sanitären 
Verhältnisse in den Kasernen gestellt, und als diese auf die Tages- 
ordnung kommt, fordert er, vom Beifall der Kammer unterstützt, 
Verbesserungen und Reformen. 

In ihrer tödlichen Einsamkeit, ungev^riss ob sie den kommenden 
Tag noch erleben wird, fühlt die Freundin der Soldaten, dass 
eine Broschüre nötig ist, die auf den ersten Blick genau darlegt, 
wie dringend die geforderten Reformen sind. 

An der Schwelle des Todes, unter Mitarbeit ihres Freundes 
Dr. Farr, beginnt Florence Nightingale diese Arbeit. Sie setzt sie 
Tag für Tag fort. Und sie vollendet sie. 

Ihr Titel lautet « Die Sterblichkeit im englischen Heere ». 
Auf wenigen Seiten, durch gezeichnete Pläne, Quadrate, schraffierte 
und kolorierte Kreise erläutert, werden die furchtbaren Ziffern 
erklärt, der erschreckende Prozentsatz von Sterbefällen der ihr 
zum Alpdruck geworden ist, durch Florence errechnet. Es sind die 
Ziffern, welche die Zahl der im Krim-Krieg verstorbenen Soldaten 
nennen, derer, die nicht hätten sterben müssen, wenn nicht Ursa- 
chen vorgelegen hätten, die zu vermeiden gewesen wären. Ferner 
nennt die Schrift die Anzahl jener Soldaten, die in England sterben, 
gleichfalls aus Ursachen, die nicht zu entschuldigen sind. 

Wenn nur sehr wenige das grosse Memorandum mit seinen 
830 Seiten gelesen haben, das ja für die Funktionäre des Mini- 
steriums bestimmt war, müssten alle diese kleine Schrift lesen, die 
anonym erschienen ist und so vieles enthüllt ; sie müssten darüber 
nachdenken, sich eine Meinung bilden und in kompakter Masse 

100 



die Reformen fordern. Alle ! Von der Königin bis zum Handwerker, 
von den obersten Spitzen des Reiches bis zum letzten Sanitäts- 
unteroffizier, von den Ministem bis zu den Türstehem, alle müssen 
diese Ziffern kennen, damit in allen zugleich mit dem Gewissen 
auch die Entrüstung erwache, die uns vorwärts treibt, das Gute 
um des Guten willen zu tun. 

Die kleinen Hefte mit ihren roten, grünen und gelben Um- 
schlägen, nennt Florence ihre « Clowns » und sie entsendet sie 
rings um die Welt, um ihre Mission zu vollbringen. 

Nun sind die bunten « Clowns », welche alle Blicke auf sich 
lenken und Aufmerksamkeit erregen, auf ihrer Weltreise begriffen. 
Sie dringen in alle Häuser, erscheinen im königlichen Schloss 
und in den Büros der Ministerien. Ihr äusseres buntes Gewand 
bringt der Königin und den Hofleuten einen gar ernsten Mahnruf ! 

Darüber stürzt das Ministerium. Gott sei gelobt, noch zu 
rechter Zeit. Denn es ist nicht möglich, dass ein anderer Minister 
so langsam ist, wie der « Büffel ». 

Aber die Arbeit ist übermenschlich. In den Spitälern, in den 
Kasernen, in Küchen und Wäschereien muss das ganze System 
und fast immer auch die Baulichkeit an sich von Grund auf um- 
gewandelt werden. 

Florence wird indessen der Tatsache inne, dass trotz voll- 
ständiger Erneuerung des Ministeriums dieses nur sehr wenig 
zu leisten gedenkt. Um durchzudringen, ist es notwendig, die 
öffentliche Meinung anzurufen und sie dazu zu bringen, das zu 
wollen, was geschehen muss. 

So gehen denn aus der Einsamkeit des Krankenzimmers unzäh- 
lige Artikel und Briefe hervor, an alle jene gerichtet, die in irgend 
einer Form die gute Sache zu unterstützen vermöchten. 

Eines ist erreicht : Die Kasernen werden mit Heizung und 
Ventilation ausgestattet. 

Noch eine Errungenschaft : die Wasserleitungen werden ein- 
gebaut. Ingenieure und Arbeiter führen Röhren durch die Kasernen, 
verbessern die Kanalisation und organisieren die Müllabfuhr. 

101 



Statt verbrannter, fettiger Gerichte kommen jetzt aus den 
gänzlich erneuerten Küchen appetitHche und bekömmhche Speisen. 

Neue Fenster werden eingesetzt. Die Soldaten entdecken 
überrascht, dass sie sich in der Kaserne mit etwas Besserem 
beschäftigen können, als bloss mit Trinken und Rauchen. 

Florencens Herz klopft heftig. Aber es ist nicht Krankheit, 
die es diesmal erregt, sondern es pocht vor Freude, als ihr Freund, 
der hochherzige und geniale Sidney Herbert, zum Kriegsminister 
ernannt wird. 

Jetzt sind die Regierungskommissionen wirklich in der Lage, 
die Zustände im Heer grundlegend zu erneuem und sie unter- 
stellen sich dabei den Anordnungen der Oberschwester. Diese 
hat ihr Versprechen gehalten, jenes Versprechen, das sie den toten 
Soldaten gab. 

Es entsteht auch eine Kochschule, in der den Köchen der 
einzelnen Regimenter die Kunst gelehrt wird, für eine grosse 
Anzahl von Personen gut und nahrhaft zu kochen. 

Auch das statistische Büro des englischen Heeres wird ge- 
gründet. 

Fast gleichzeitig bildet sich die Sanitätsschule des Heeres, 
die nicht gestatten wird, dass England seine Männer, seine Sol- 
daten sterben lässt, wenn es möglich ist, sie zu retten. 

Bibliotheken, Lesesäle, Gesellschaftsräume entstehen, die Flo- 
rence zuerst in der Krim eröffnet hatte und die in Italien sogar 
erst durch den Willen des Duce geschaffen wurden. In der Krim, 
1855, als Florence sich an diese Gründung wagte, hatte man ja 
noch allgemein geglaubt, dass die Soldaten ausserhalb ihres Dien- 
stes zu nichts fähig seien, als sich zu betrinken. Damals hat sie in 
einem finsteren, fensterlosen Raum, der mehr einem Gefängnis 
als einem Bibliotheksaal glich, mit ein paar Heften und wenigen 
Bänden, ein paar Bogen Papier und Bleistiften bewiesen, was 
Feindseligkeit, Spott und sogar Verachtung ihr abstreiten wollten : 
dass der Soldat wie jeder andere arbeitende Mensch erziehungs- 
und bildungsfähig ist. 

102 



Und die Soldaten führten nun ein menschenwürdiges Dasein. 
Jahr für Jahr ging der Prozentsatz der Sterbhchkeit zurück. 

Trotzdem musste man noch mehr tun. Es galt, sicher zu 
sein, dass all diese Massnahmen auch dann fortgesetzt würden, 
wenn Sidney Herbert und sie nicht mehr in der Lage wären, 
Aufsicht und Kontrolle zu üben, darüber zu wachen, dass ihre 
Anordnungen auch treulichst ausgeführt würden. Man musste 
sicher sein, dass all dies nicht durch die negative Kraft der Apathie 
nach und nach zu den ursprünglichen Zuständen zurückkehrte... 
Die Jahre vergehen, die Reformen werden im Heere durchgeführt, 
aber die Büros im Ministerium bleiben sich immer gleich : passiv, 
apathisch, überlastet und andere belastend, von bürokratischen 
Flausen aller Art gehemmt. Hier liegt die ständige Gefahr. Florence 
erkennt das deutlicher als früher. 

Sie versucht ihren letzten und härtesten Kampf. Sie versucht 
just diese Büros des Ministeriums zu reorganisieren. 

Nun da Sidney Herbert Minister ist, scheint die Sache nicht 
undurchführbar. Sidney Herbert wird hierin wie in allem und 
jedem ihre grosse Stütze sein. 



Sidney Herbert stirbt 

Aber eine schlimme Nachricht — Sidney Herbert, der Schutz- 
geist von Florence Nightingale, der Vorkämpfer für lauterstes 
Streben zum Wohle leidender Menschen, der Mann, dem sie, 
vom Hauch des Todes eisig angerührt, die heilige Sache der 
Soldaten ans Herz gelegt hat, Sidney Herbert geht jetzt von seinem 
Posten ab. 

Eine traurige Unterredung an einem düstem Dezembertag, 
da Sidney Herbert der Arbeitsgefährtin bekennt, dass er nicht 
mehr der gleiche Mann wie früher ist, dass ihm ein böses Leiden, 

103 



wie ein unsichtbarer Feind, die Kräfte und die Ausdauer raubt, 
und dass es mit seiner alten Energie fast zu Ende ist. 

Wahrlich eine traurige Unterredung, in der die beiden Freunde 
überlegen, welcher Teil des Werkes anderen Händen anvertraut 
werden könnte, ohne der ganzen Sache Schaden zu bringen. Sie 
suchen den Punkt, wo einzugreifen wäre, aber sie finden ihn 
nicht, und müssen sich voll Schmerz für das entscheiden, was am 
wenigsten gefährlich scheint : in ihrer Arbeit fortzufahren, so 
lange es geht. 

Es ist ein tief trauriger Brief, den Sidney Herbert einige Monate 
später an Florence Nightingale schreibt. 

Er sagt darin, dass es Tage gebe, an denen « ich den Morgen 
damit verbringe, auf dem Sofa zu liegen und ein Paar Schlucke 
Kognak zu mir nehme, nur damit ich imstande bin, ins Ministe- 
rium zu gehen ; dort angekommen bin ich aber völlig ohne Energie ». 

Und der traurigste Tag für Florence ist jener, an dem sie 
ihren Gefährten im Streben, Wollen und Wirken verliert... 

Warum ist sie selbst von der Schwelle des Todes zurück- 
gekehrt in das Leben ? 

Warum hat die Todesstarre, die vor vier Jahren ihr nahes 
Ende zu verkünden schien, gerade sie wieder erwachen und sich 
aufraffen lassen, sie die schwache, kranke, vielleicht für immer 
dahinsiechende, aber doch atmende, lebende Frau — und statt 
ihrer wurde der grossmütigste, edelste der Menschen dahin- 
gerafft ? 

« Niemand bleibt von denen übrig, mit denen ich vor nunmehr 
fünf Jahren zu arbeiten begonnen habe. Und ich allein, elend 
und trostlos, überlebe sie alle. Ich bin überzeugt, dass ich hätte 
sterben sollen. » 

Ihr Geist ist dem verlorenen Freunde zugewandt. Ihr Herz 
wird von brennender Reue verzehrt, dass sie ihn angeeifert, ge- 
drängt hat, den steilen Weg fortzusetzen, als seine Kräfte schon 
anfingen zu ermatten — und Florence verbringt Stunde um 

104 



Stunde mit umdüsterter Seele in namenloser Einsamkeit, in einem 
Schmerz, der keinen Trost findet. 

Was kann Gladstone, der Finanzminister von ihr wollen ? Er 
wünscht mit ihr zu sprechen. 

« Sagen Sie ihm, dass ich ihn nicht empfangen kann. Ich bin 
zu leidend. » 

Statt Gladstone kommt ein Brief von ihm. Nachdem Florence 
den Brief gelesen hat, ist ihr Geist wieder kräftig und ihr Wille 
stark. Sie fühlt keine Müdigkeit, keine Schmerzen mehr. So wird 
es ihr also gewährt sein, etwas für Sidney Herbert zu tun, in 
seinem Namen von dem zu sprechen, was er gewollt, von dem, 
was er vollbracht hat ! Es wird ihr gewährt sein, seine Persönlich- 
keit zu schildern. Sie, die ihn kennt, wird das besser können, 
als die Zeitungen, die keine Ahnung von ihm haben, die ihn 
falsch verstanden haben, die ihn nicht lieben, die ihm vielleicht 
sogar feind sind. Der unermüdlich Schaffende, der Freund der 
Soldaten, der nie etwas für sich gefordert, alles für die anderen 
verlangte und das Beste für das Wohl seines Landes wollte und 
gab. Er, der hinter seinem Werk zurücktrat und an ihm weiter- 
schuf bis zur Stunde seines Todes — nun lebt er durch Florencens 
Feder wieder auf, wiedererstanden durch die edelste Freund- 
schaft, durch die tiefste Sympathie, die je zwei Menschen vereinen 
konnte, die einzig der Liebe zur Menschheit und der Liebe zu 
Gott ihr Dasein gewidmet hatten. 

Gladstone las tiefbewegt diese Wiedererweckung der unver- 
gesslichen Persönlichkeit Sidney Herberts und verbreitete die 
Gedenkschrift im ganzen Lande. Der Name des Arbeitsgefährten 
von Florence Nightingale, der Frau, die von ganz England verehrt 
ward, ist nun dem englischen Volke bekannt, wird von ihm ge- 
priesen, gesegnet. 

Jetzt kann Florence nicht mehr innehalten. Es ist jetzt ihr 
Werk, ihr und Sidney Herberts gemeinsames Werk, das sie ver- 

105 



kündet. Da sind die Direktoren der zu errichtenden und der zu 
erneuernden Spitäler, die von allen Teilen des Landes um ihren 
Rat kommen. Die « Notizen über Spitäler », die schon vor zwei 
Jahren erschienen sind, haben ihr den Ruf einer unbestrittenen 
Autorität auf diesem Gebiete erobert und sie erhält Briefe und 
Anfragen aus allen Ländern der Erde. Aus Belgien, Deutschland, 
Portugal, aus allen englischen Städten schreibt man ihr. Aus 
Madras sendet ihr Major Horsley, der mit der Errichtung des 
Allgemeinen Krankenhauses betraut ist, die Baupläne, nachdem 
er mit ihr in Briefwechsel gestanden hatte. 

In die Spitäler der ganzen Welt dringen Luft und Licht, 
es werden eiserne Betten, Glasgeräte, hygienische Wäsche ange- 
schafft, alles Dinge, die uns heute selbstverständlich und unent- 
behrlich erscheinen, deren Notwendigkeit aber damals niemand 
erkannt hat. In allen Spitälern wird auch als unbestechlicher 
Gradmesser ihrer guten oder schlechten Betriebsführung das 
statistische Büro eingerichtet. 

Ja, die Statistik ! Florence liebt sie jetzt, wie sie sie stets ge- 
schätzt hat, als sie als junges Mädchen in Italien, in Frankreich 
und in der Schweiz reiste und die Landessitten und die soziale 
Fürsorge studierte, deren Bedeutung und Leistung sie sich gerade 
durch Ziffern klar machte. Ist ja die Statistik jene Wissenschaft, 
die uns hilft, die göttlichen Gesetze zu erfassen. Diese unabänder- 
lichen ewigen Gesetze, die jede Wirkung auf ihre Ursache zurück- 
führen — wie vermöchten wir sie jemals zu erkennen, wenn wir 
die Wirkungen der verschiedenen Ursachen nicht studieren und 
untereinander vergleichen würden, um dann jene Wege zu gehen, 
die von der wissenschaftlichen Erfahrung als die besten anerkannt 
sind ? 

Florence, die ihre Kräfte zum Teil wiedergewonnen hat, ist 
imstande, auf dem Kongress für Statistik und Sanitätswesen her- 
vorzutreten, ja sogar eine Reihe von Empfängen und Diners bei 
sich zu veranstalten. Der Höhepunkt dieser Geselligkeit in ihrem 
Hause ist ein Festabend. Die illustren Gäste haben immer höhere 

106 



Achtung für die Statistik, wenn sie bei der berühmten InvaHdin 
des Krieges empfangen werden, die ja so felsenfest auf ihre Ziffern 
baut. 

Während sie die liebenswürdige Gastlichkeit geniessen, sind 
sie immer mehr geneigt, der Frau — die man die « Vorsehung 
des englischen Heeres » nennt — darin beizustimmen, dass man 
einen bedeutsamen Schritt auf dem Wege des Fortschritts machen 
würde, wenn man die Spitalleiter überzeugen könnte, ein gemein- 
sames und einheitliches System für die Registrierung der Patienten 
2X1 verwenden und alljährlich Rechenschaftsberichte der augeübten 
Tätigkeit herauszugeben. 



Diese Freude des ganzen Volkes, diese Begeisterung einer 
ganzen Nation ! 

Die leidenschaftlich verehrte Frau lebt — sie hat ein Buch 
geschrieben, das allen zugänglich ist. Seit langer Zeit hatte man 
ihre Stimme nicht mehr vernommen, da sie gänzlich zurück- 
gezogen lebte, sie, die grosse Pflegerin der Soldaten. All ihre Arbeit 
war so einsam und schweigsam und ihr Leben schien dem Tode 
nahe... 

Jetzt hat sie ihr neues Buch geschrieben und veröffentlicht. 
In diesem Buche erlebt man wieder die Frau, die fern von der 
Heimat, allein im Schatten der Nacht sanft und still durch die 
endlosen Krankensäle geschritten ist, um die Verwundeten zu 
trösten. 

Wer wünschte nicht diese ihre Botschaft im eigenen Heim 
zu besitzen ? Welche Mutter, Schwester, Frau, Freundin oder 
Tochter eines Soldaten hätte verzichten mögen, diese Blätter zu 
lesen, die einen so schlichten Titel tragen, so einfach geschrieben 
sind und so viel Leid, so viel Hingebung und so viel Trost 
wachrufen ? 

Die « Notizen über Krankenpflege » finden ihren Weg über- 
allhin, in Paläste, Fabriken, in die Häuser von Bauern und Arbeitern. 

107 



Man spricht von ihnen, denkt an sie in Städten und Dörfern, in 
Tälern und im Bergland. 

Die Freundin des Volkes ist es, die angebetete Frau, die 
leichten schwebenden Schrittes, mit sanftem Wort und holdem 
Lächeln eintritt, wie in die Spitäler der Krim, wo die verwundeten 
Soldaten der Schlacht bei Balaklava ihren Schatten küssten. 
Diesmal sind Jahre vergangen, lange Jahre des Schweigens, in 
denen sie gearbeitet hat — wieviel, ist ihr selbst kaum bewusst 
— für ihre Schützlinge gearbeitet hat, und nun sind die Soldaten 
schon glücklich, wenn sie das Buch küssen : ihre Worte, in denen 
ihr reiner edler Geist wundersam ersteht. 

Durch den Zauber ihrer Worte öffnen sich die Fenster. 

Die Fenster der Menschenbehausungen öffnen sich und lassen 
Luft und Sonne herein, weil sie es sagt und immer wiederholt, 
dass Luft und Sonne Freunde sind, die man freudig einlassen 
und empfangen soll. Aber auch die Fenster der Seele, des Geistes, 
des Verstandes öffnen sich und nehmen dankbar ihre Lehre ent- 
gegen, dass alle Krankenpflege eine schwere und heikle Kunst ist, 
die geübt sein will. Das Volk fängt an, für die Pflegerinnen der 
Spitäler eine vormals noch nie empfundene Achtung zu hegen, und 
beginnt auch zu begreifen, wie diese Pflegerinnen beschaffen sein 
müssen, wenn sie ihrer hohen Aufgabe genügen sollen. 

Das Buch ist ein Triumph. 

Genügt das aber für Florence ? 

Die sanitären Gesetze sind für sie göttliche Gesetze. Mit 
ihrer Hilfe weist Gott den Menschen den Weg zum Heile und 
zum Guten : Wenn sie andere Wege gehen, werden sie sicher 
Leid erfahren. Wer auch nur ein einziges dieser ewigen Gesetze 
zu entdecken vermag, hat die Pflicht, es den Brüdern darzulegen. 



108 



Die Pflegerinnenschule wird eröffnet 

Florence hat in ihrer Jugend davon geträumt, eine Pflege- 
rinnenschule zu gründen. Sie hat auch davon geträumt, dieselbe 
zu leiten. 

Nun wird ihr Traum zur schönen Wirklichkeit. In der Stille 
des Krankenzimmers hat Florence den Plan dafür mit leichter, 
sicherer Hand entworfen. 

Übrigens ist das ja nur ihre Pflicht. Der Nightingale-Fonds 
wartet seit Jahren darauf, für ein Werk der Fürsorge verwendet 
zu werden. 

Bis zur Stunde hat Florence den Gedanken an diese Schule 
etwas beiseitegeschoben, ohne ihn je ganz aufzugeben. Denn sie 
war vertieft in die Reformen, welche ihr durch die Erfahrungen 
in der Krim als notwendig erschienen waren ; ihre geistige Ge- 
meinschaft mit Sidney Herbert, der ihr ein tatkräftiger Ver- 
bündeter und in gewissem Sinne auch ihr Lehrer ward, nahm 
sie völlig in Anspruch. Sein Einfluss war so nachhaltig, dass 
Florence zeitlebens den Freund in Gedanken wie auch in ihren 
Briefen « meinen lieben Lehrer » genannt hat. 

Jetzt kehrt sie zu der Idee der Pflegerinnenschule zurück. 

Freilich ist es ihr nicht vergönnt, wie sie es erträumt hatte, der 
Schule als Leiterin vorzustehen. Es wird ihr nicht möglich sein, 
inmitten der Pflegerinnen zu leben, sie zu erziehen, zu ermuntern, 
sie mit ihrer Leidenschaft anzufeuern, ihren Beruf zur lautersten 
Mission zu wandeln. 

Aber in ihrer Einsamkeit erdenkt, erschafft sie sich ihre 
Pflegerinnen, die soviel Heilvolles in die Welt tragen sollen. 

Sie prüft die Spitäler eines nach dem andern, um jenes aus- 
zuwählen, das würdig ist, Sitz der Schule zu werden. Denn alle 
Krankenhäuser von London wetteifern um die Ehre, die Pflege- 

109 



rinnen der Nightingale-Schule aufzunehmen. Sie entscheidet sich 
für das Saint Thomas-Hospital, dessen Direktorin Mrs. Wardroper 
ihr als ein seltenes Wesen erscheint, von wundervollem Tempera- 
ment, die geborene Pflegerin. 

Frau Wardroper hat alles aus eigener Erfahrung erlernt, zu 
einer Zeit, da niemand auf den Einfall kam, Krankenpflege zu 
unterrichten. Ihre Begabung für Organisation und Administra- 
tion, ihr Mut, ihre Fähigkeit, ihre Untergebenen zu verstehen 
und zu beherrschen, sind seltene Eigenschaften. Sie ist auf- 
richtig, gerecht, liebenswürdig und verständnisvoll. Ihre Charak- 
terstärke ist ausserordentlich. Sie weiss, welchen Weg sie zu 
gehen hat und schreitet ungehemmt fort. Sie hält auf strengste 
Disziplin, Sie opfert alle eigenen Mittel für das Spital. Ihr Wort 
ist Gesetz. 

Eine echte Edelfrau, grossherzig, ehrlich, grossmütig. 

So ist die Persönlichkeit beschaffen, mit der Florence den 
Aufbau der neuen Schule studiert. Die Statuten, die Regelung 
der Disziplin, die Gesichtspunkte zur Wahl der Pflegerinnen, der 
Stundenplan, das Arbeitsprogramm und der Dienst, selbst die 
Farbe und die Einzelheiten der Uniform, alles kommt zur Sprache. 

Ihr vertraut Florence beruhigt ihre Krankenpflegerinnen an. 

Die Schule ist eröffnet, die Schülerinnen sind untergebracht 
und beginnen ihre Lehrzeit. 

Ohne das Spital zu besuchen, kennt Florence dasselbe auf 
das genaueste. Ohne die jungen Schülerinnen zu sehen, kann sie 
in ihren Herzen lesen, hat Kenntnis von ihren Gefühlen, von 
ihrer Begabung, von ihren Fähigkeiten, von ihrem geistigen Niveau, 
weil sie all das aus ihrem Dienst-Tagebuch erfährt, aus wieder- 
holten Spital-Rapporten, aus Unterredungen mit der Direktorin. 
Die Pflegerinnen in ihrer kastanienbraunen Tracht, mit den weissen 
Hauben und weissen Schürzen, die behend und leichtfüssig 
von Bett zu Bett eilen, um die Speisen zu verteilen, aufmerksam 
und zu den nötigen Handgriffen bereit, bei einer Operation 
assistieren, Reinigungsarbeiten vornehmen, Medikamente ver- 

110 ' 



abreichen, sie sind ihr lebendig und gegenwärtig, als existierten 
ihr Krankensessel, ihr gebrechlicher bresthafter Körper nicht, 
und ihr befreiter Geist schwebt unsichtbar durch das Kranken- 
haus von St. Thomas. 

Unsichtbar ? Nein. Blumen, Bücher, Stiche werden den 
Elevinnen häufig übermittelt ; es kommen Aufträge, Anfragen, 
Weisungen und Ratschläge. Sie gibt Winke über interessante 
Themen von Vorlesungen und Vorträgen. Vom Krankenhaus 
gehen Rapporte und Auskünfte über die Führung, die Begabung, 
den Charakter der Pflegerinnen an sie. 

Es sind nur fünfzehn Elevinnen in der Schule. Florence war 
immer der Auffassung, man müsse mit wenigen beginnen, und 
vielleicht auch nur ein einziges, aber dafür ein gutes Samenkorn 
in das Erdreich des Lebens ausstreuen, 

Florence will aus diesen fünfzehn Aspirantinnen nicht Pflege- 
rinnen mit technischer Gewandtheit machen, sondern solche, die 
moralisch befähigt sind, den Ärmsten der Armen, den Patienten 
eines allgemeinen Krankenhauses beizustehen und sie zu trösten. 

Bloss fünfzehn, doch wahrhaft gute, hilfreiche Geschöpfe, 
die von einem hohen Geist der Liebe erfüllt sind. 

Denn der Laienorden der Nightingale-Pflegerinnen, der be- 
stimmt ist, soviel Gutes in die Welt hinauszutragen und den 
Ausgangspunkt für die Gründung unzähliger anderer Fürsorge- 
Schulen zu bilden, ist nicht nur die Verwirklichung des Jugend- 
traumes von Florence. Er ist auch das Ergebnis ihrer religiösen 
Meditationen. 



Meditationen 

Lang und tiefgründig sind diese Meditationen von Florence 
gewesen. Sie hatten sie schon in ihrer frühen Jugend häufig in 
Anspruch genommen, wenn ihr der Segen der Arbeit hartnäckig 
versagt wurde. Am häufigsten aber versenkte sie sich darin in 



II 



ihrer Krankeneinsamkeit, nachdem ihr die Arbeit wohl den Leib, 
nicht aber die Seele geschwächt hatte. 

Damals und später hatten ihre Gedanken eindringlich und 
anhaltend die Wege Gottes gesucht. In der Grösse des Weltalls 
hatte sie die Gesetze des Herrn studiert, sie hatte sie zu erforschen 
gesucht, um das zu begreifen, was Er von seinen Geschöpfen 
fordert. Und durch all die Meditationen bis zur leidenschaftlichen 
Lektüre der Philosophen und Heiligen, war sie stets auf der Suche 
nach jenem Guten, das ihr sichtbar wurde und wieder entschwand, 
und es schien ihr zumindest, als verstünde sie etwas davon. 

Sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie den halbwegs kon- 
kreten Teil ihrer Gedanken zusammenfasste, die soviel Zeit in 
ihrem Leben beanspruchten. Sie weiss nicht, ob sie sich jemals 
dazu entschliessen wird, dieses Buch herauszugeben. Aber sie 
schickt Auszüge daraus an ihre Freunde, an ihren teuren Vater, 
der so wenig sieht und dessen Herz doch so voll Liebe ist. 

« Da wir in der ganzen Welt die Anzeichen des Weltgesetzes 
sehen, das heisst Ursachen und Grundsätze, die unaufhörlich die 
gleichen Wirkungen in moralischen, geistigen und körperlichen 
Phänomen hervorrufen, so müssen wir demnach in diesen Welten- 
oder Universalgesetzen die Spuren eines Wesens finden, das 
sie geschaffen hat, und, was noch mehr bedeutet : des Willens 
dieses schöpferischen Wesens. Wenn wir uns nur auf die Ober- 
fläche beschränken, so mag es uns manchmal scheinen, dass dieses 
Wesen von unerbittlicher Grausamkeit wäre... » 

« Gehen wir aber weiter, erweitern wir unseren Horizont, so 
werden wir merken, dass der Plan dieses Weltgesetzes der einzige 
ist, durch den ein gutes Wesen seine Geschöpfe lehren kann, 
zu ihrem Wohl wie dem der anderen zu verstehen, welcher Weg 
zur universellen Vollkommenheit führt... » 

Diesen unwandelbaren Gesetzesaufriss findet Florence in den 
bitteren Folgen aller Schuld und aller Unwissenheit. Sie findet 
ihn durch die Statistik, die Aufschluss über alle guten und 
schlechten Resultate jedes menschlichen Systems gibt. 

112 



Diese göttlichen Gesetze will Florence kennen, um sie zu 
befolgen und sie den Menschen zu weisen. Nach dem Willen 
Gottes zu handeln ist ihr einziger Wunsch. 

Wie schwer ist das geworden. Man muss ohne sich aufzulehnen 
den Verlust so lieber Freunde hinnehmen, wie von Sidney Herbert 
und Hugh Clough, die ideale Arbeitsgefährten gewesen sind. 
Man muss den Weg fortsetzen, der durch das Entschwinden so 
lieber Menschen nur noch mühseliger geworden ist. 

In dem kleinen Londoner Haus, wo sie seit so vielen Jahren 
wohnt, und das Sidney Herbert fast täglich aufsuchte, um ihr 
über die seit dem vorhergegangenen Tage geleistete Arbeit zu 
berichten und sich über die zu leistende mit ihr zu beraten, 
kann Florence es nicht mehr aushalten. Das Haus birgt zu viel 
Erinnerungen und es bleibt für sie ein Schrein, den sie nicht 
mehr aufschliessen wird. 

Wie eine gequälte Seele sucht sie das Leben wieder von vom 
anzufangen. Die Zeit vergeht, die ruhige Heiterkeit will nicht 
zurückkehren. 

Ach, wie allein und einsam fühlt sie sich ! 

Nicht einmal einer Zeitung lässt sie den Zutritt in ihre Ere- 
mitenklause. Denn wenn sie die Blätter überfliegt, könnte sie die 
Namen derer lesen, die nicht mehr auf Erden sind. Davor hat 
sie Angst. 

Fast täglich kommt Dr. Sutherland, Arzt, Freund, geduldiger 
Sekretär, alles in einer Person. Er, der unermüdliche, leiden- 
schaftliche Hygieniker und seine feingebildete Frau finden immer 
Zeit, Florence einige Stunden der Arbeit und der Anspannung 
zu widmen. Aber das genügt nicht, um die Leere in ihrem Dasein 
auszufüllen. 

Sie ist allein. Ganz England hegt innigste Liebe für sie und 
unzählige ihrer Verehrer wären bereit, sie aufzurichten, zu trösten, 
ihr beizustehen, in Hingebung und Anbetung. Aber was liegt 
Florence an der Ergebenheit derer, die stolz wären, sich für sie 
opfern zu dürfen ? 

113 



Um sie zu lieben, wie sie geliebt werden möchte, ist es nötig, 
sein eigenes Ich zu vergessen und mit ihr — wie es Sidney Herbert 
getan hat — einen von den Wegen des Herrn zu suchen. 

Sie ist allein. Allein und einsam. 

Wer hat den Damm des Schweigens niedergerissen, den sie 
zwischen der lebendigen Welt und sich aufgerichtet hatte ? 

Die englische Regierung, von einem neuen Kriege bedroht, 
bereitet eine Sendung von Material für Spitäler nach Kanada 
vor. Die Mitarbeit von Personen, welche die Organisation von 
Spitälern kennen und die Fähigkeit besitzen, für das Voraussehbare 
vorzusorgen, ist erforderlich. Florence wirft sich in die Bresche. 
Für kurze Zeit. Dann verkapselt sie sich wieder in ihr Schweigen, 
in ihren Schmerz, in ihre Meditationen und ihre Erinnerungen. 

« Gott, warum hast Du das gewollt ? » 

« Alles, was Du tust, ist gut. Die verlorenen Freunde leben 
gewiss in einem schöneren Frühling als es der unsere ist. Dass 
ich aber noch einen Frühling ohne sie erleben muss ! Glück- 
licherweise kann auch mein Tod nicht fern sein. Ich fühle ihn 
in jedem Augenblick neben mir. Mein Leben ist eine schwache 
Flamme. Ich habe das vierzigste Jahr überschritten. Aber warum 
kann ich nicht sterben ? » 

« Ich fühle mich so froh am Ende eines Tages, der nicht 
wiederkehren wird, und noch viel freudiger am Ende einer Nacht, 
am freudigsten, wenn ein Monat zu Ende gegangen ist. Diese 
unüberwindliche Schwäche, diese unerträglichen Schmerzen. Es 
ist der Tod, ja, der Tod ! » 

Nein, der Tod kommt noch nicht zu Dir. Er bleibt Dir fem, 
Florence. Gott hat Dir noch viel Arbeit auferlegt, ehe er Dich 
zu sich ruft. Du musst noch viele Menschen retten, junge Söhne 
des alten Englands. Sie vor bitterem Tode retten, ehe Dich ein 
sanftes Sterben zur Ruhe bringt. 

114 



Sechzig von Tausend 

Das Land des Britischen Imperiums ist ein Traumland, in 
das sich die englischen Soldaten nun begeben, um dahingerafft 
zu werden. 

Schon seit mehreren Jahren hat Florence im Laufe ihrer 
Forschungen über den Prozentsatz der Sterblichkeit unter der 
zivilen und der militärischen Bevölkerung den Finger auf eine 
grauenvolle Ziffer deuten gesehen. 

Von tausend Soldaten, die nach Indien gehen, sterben alljähr- 
lich sechzig. 

Das ist ein Mord, den das Vaterland an ihnen begeht ! 

Florence hatte ja beim Ministerium die Ernennung einer 
Kommission durchgesetzt, die für die Soldaten in Indien die- 
selben Massnahmen zu treffen hatte, welche in England so gute 
Früchte getragen ; — damals war Sidney Herbert damit betraut, 
die Arbeiten zu leiten. Darnach hatte Florence Nightingale an 
die militärischen Formationen in Indien ein Rundschreiben 
gerichtet, in dem sie die genauesten Auskünfte über die sanitären 
und hygienischen Verhältnisse verlangte, ebenso über die Sterb- 
lichkeit der Soldaten. Und nun, da Sidney Herbert nicht mehr 
lebte, kamen aus allen Provinzen Indiens die Antworten auf die 
Anfrage. 

Diese Antworten bildeten eine ausführliche Beschreibung des 
Lebens da unten, sowohl der englischen wie der indischen Lebens- 
weise und zeigten Misstände auf, die man nicht vernehmen konnte, 
ohne sich zu empören, und die die krasse Erklärung für die grosse 
Sterblichkeit unter den Soldaten lieferten. Es waren die gleichen 
Misstände, die in der Krim und in der Heimat die Soldaten 
umbrachten und die dann auch in Indien die Vaterlands Ver- 
teidiger töteten. 

115 



Schlechtes Wasser, schlechte oder gar keine Kanahsation, 
Schmutz, Mangel an reiner Luft, übermässige Ansammlung von 
Menschen in den überfüllten Kasernen und Spitälern, wo die 
Soldaten dem Alkohol, dem Laster und dem Müssiggang über- 
lassen waren. 

Alles genau wie in der Krim. 

Florence sieht die entsetzlich düsteren und schwülen Kasernen 
wieder vor sich, die halbberauschten und vertierten Soldaten, 
die völlige Unmöglichkeit, ein hochgemutes und gesundes Leben 
zu führen, auch für solche, welche dazu die besten Absichten hatten. 

Alljährlich 60 Mann von 1000 geopfert... 

Sidney Herbert ist nicht mehr, doch seine Arbeit lebt für 
sie wieder auf, für sie, die am Leben ist und gegenwärtig. Es 
ist ihre Aufgabe für zwei zu arbeiten. 



«Randbemerkungen von Fräulein Nightingale» 

Wahrhaftig eine namenlos schwierige Arbeit. Es sind Berge 
von Blättern zu lesen, zu prüfen, zu studieren, um das wesentliche 
daraus zu ziehen. 

Soviel verschiedene Fragen, die sich kreuzen, sich ballen, 
noch ungeklärt sind und sich verwirren. Es scheinen tausend 
und lassen sich auf eine einzige zurückführen, die ihrerseits 
tausend Lösungsmöglichkeiten anzeigt. 

Es ist dringend, klar zu sehen, alles unter einen Nenner zu 
bringen, zu vereinfachen, die Quellen aufzudecken, die Ursachen 
des Übels freizulegen und in Beziehung zu ihren mittelbaren 
und unmittelbaren Wirkungen zu setzen. 

Immer neue Berichte, weitschweifige Beschreibungen, ein- 
gehende Erklärungen laufen ein. 

Das Leben in Indien mit Myriaden von Aberglauben, mit 
seinen hundert Kasten, seiner Wildheit, seinem Schmutz ; das 

116 



quälende, unwissende, zermürbende und vielfarbige Leben, das 
aus diesen Blättern in das Zimmer der verzagten, einsamen Frau 
hereinströmt und mit mächtiger Stimme seinen Ruf ertönen lässt. 

2028 Seiten Berichte sind das Ergebnis der Umfrage. 

Und als Folgerungen und Zusammenfassung erscheinen die 
« Randbemerkungen von Fräulein Nightingale », die gewiss Bemer- 
kungen sind, aber auch einfache, klare, präzise Vorschläge. 

Genau, wahrhaftig genau derselbe Weg wie früher, genau 
wie in dem Feldzug für die Reform des englischen Heeres. Doch 
um wieviel schwieriger ! 

Jetzt heisst es nicht eine, sondern drei bürokratische Maschinen 
in Bewegung setzen : die des Kriegsministeriums, die des Indien- 
amtes und die der indischen Regierung. Und Florence kann sich 
nicht mehr vom Bette erheben, in dem sie Wochen und Wochen 
verbringen muss. Nur Dr. Sutherland vermag es, sie wirksam 
zu unterstützen, da doch Sidney Herbert, der im Geiste stets 
gegenwärtige, dahin ist. 

Mehr denn je ist sie allein mit ihrer Arbeit, mit sich selbst, 
ihren Erinnerungen und mit Gott. 

Derselbe Weg, den sie schon kennt. 

Vielleicht hat Gott sie nur deshalb am Leben gelassen ; denn 
kein anderer hätte diesen Weg gehen können als sie. Und 
niemand ausser ihr hat diese Ziffern von Feuer und Blut so 
erschaut und gedeutet. 

Jedes Jahr sechzig von tausend. 

Florence weiss, was ein englischer Soldat ist. Sie hat ihre 
Toten nicht vergessen. 

Darum geht sie den Weg von neuem. Schritt für Schritt, 
Hindernis um Hindernis überwindend, die vorauszusehenden 
Schwierigkeiten durch Vorsorge abschwächend und die zahllosen 
unerwarteten Mühen besiegend. 

Soll man die Berichte in Druck geben, ein so ungeheures 
Buch ? Sie sind ja auch noch mit Bildern versehen. Daran ist 

117 



nicht zu denken. Der Finanzminister wird sich die Kosten 
dafür sicher nicht aufbürden wollen. 

Florence lässt das Buch auf eigene Kosten drucken. Sie schickt 
es dann als Resultat der Regierungs-Enquete an verschiedene 
bedeutende Presseorgane und das geschieht so schnell und gleich- 
zeitig, dass jeder sich für den ersten hält, der die wichtige 
Mitteilung empfangen hat, die so reich ist an interessantem und 
sensationellem Tatbestand. Alle schreiben ausführlich darüber, 
bringen es zu allgemeiner Kenntnis. Die indische Frage wird 
das Problem des Tages : man spricht davon, man debattiert 
darüber und man tritt leidenschaftlich dafür ein. In ganz England 
kann niemand diese Frage ignorieren. Alle fühlen, dass ihre 
Lösung dringend ist. 

Florence schickt das Buch auch an alle, die in irgendeiner 
Form der Sache nützen könnten, an die möglichen Freunde der 
Reform und an solche, die durch ihre Stellung in der Lage 
sind, auf die Entwicklung der Dinge in Indien Einfluss zu 
nehmen. 

Sie studiert die Menschen und ihre Einstellung. Sie regt sie 
an, sie klärt sie auf, sie gewinnt sie zu Freunden, sie veranlasst 
das Zusammentreffen untereinander, wo es ihnen erwünscht und 
der Sache zuträglich ist. Sie lenkt sie, wie ein Schachspieler 
seine Figuren. 

Dieser Schachspieler ist eine dahinsiechende Frau, allein in 
ihrem Krankenzimmer. Aber Ziel und Zweck dieser Schachpartie 
sind eine ungeheure Anzahl von Menschenleben... 

Florence bewegt ihre Figuren. Eine der mächtigsten wird ihr 
allerdings vom Tod entrissen : Sie George Lewis, der Staats- 
sekretär des Kriegsministeriums. Wer wird sein Nachfolger ? 

Unter den zwei zur Nachfolge bestimmten Staatsmännern 
kennt Florence den einen nur zu genau ; den alten, langsamen 
Lord Panmure mit dem Spitznamen « Büffel ». 

Der andere, der junge Lord De Grey, war Sekretär von 
Sidney Herbert, hat Verständnis und Willenskraft. Er wünscht 

118 



seit langem die Reformen verwirklicht zu sehen, von deren Not- 
wendigkeit ihn Florence überzeugt hat. 

Wie dringend ist es, dass De Grey Erfolg hat. Mit grosser 
Gewandtheit und Klugheit setzt Florence die Ernennung von 
De Grey durch. 

Ein ungeheures Schachbrett, auf dem der Tod Ernte hält. 

Lord Elgin, Gouverneur von Indien, wird plötzlich dahin- 
gerafft. Die Gedanken aller an der Indien-Reform Beteiligten 
richten sich auf die Person von Sir John Lawrence, den Helden 
der Kraft und der Barmherzigkeit. 

Auch das Wort von Florence ist zu seinen Gunsten in die 
Wagschale gefallen. 

Sir John Lawrence, der Mann von rauher Redlichkeit, mit 
tiefem Mitgefühl für das menschliche Leid, voll ehrlicher Über- 
zeugung, dass die weitgehendsten sanitären Reformen dringend 
sind, wird zum Gouverneur von Indien ernannt. 

Ist es die Hilfe Gottes ? 

Vielleicht... 



Um Indien 

« Oh, könnte ich mich nur bewegen ! Könnte ich mich auf 
meinen Posten begeben, mich selbst nach dem Rechten umsehen, 
handeln, dort unten arbeiten. Nichts. Gott will es nicht. Gewiss 
weiss Er, dass ich in dieser Stille hier Seine Stimme deutlicher 
vernehme... » 

Florence Nightingale wird nie nach Indien kommen. Aber die 
Vizekönige von Indien kommen, einer nach dem andern zu ihr. 

Sir John Lawrence macht den Anfang. 

Er erblickt ein wachsbleiches Antlitz auf dem weissen Kissen, 
zwei brennende Augen, eine Seele von wundersamer Lebenskraft ! 

Es wird eine lange Zwiesprache, wie zwischen Generälen, die 
den Plan einer Schlacht entwerfen. 

119 



Sir John reist nach Indien und Florence bleibt zurück. Könnte 
man nur einen, nur einen einzigen Tag so wie in vergangenen 
Zeiten leben, unter den Soldaten, ihnen helfend, sie anfeuernd, 
tröstend, erhebend, noch einmal deren gute Mutter sein ! 

Sie muss zu Hause bleiben. Sie muss die anderen zur Arbeit 
aneifern, Pläne, Projekte, Hausordnungen verfassen und fort- 
schicken. Sie muss nach London schreiben, vor allem und immer 
wieder nach Indien, belehren, zusammenfassen, wünschen und 
erwarten, dass die anderen, die auf dem umkämpften Boden 
sich befinden, ihre Aufgaben vollbringen und ihr über die erzielten 
Ergebnisse berichten. 

« Sich in Regierungsangelegenheiten einmengen zu müssen : 
der Kapitän meines Schiffes, ohne den ich mich nie auf die hohe 
See gewagt hätte, ist tot und hat mich, eine Frau, auf der Kom- 
mandobrücke zurückgelassen. 

Glaubt man denn, ich mache eine Arbeit, die mich freut, 
unter Verhältnissen, die mir angenehm sind ? 

Ich bin überzeugt, dass auf der ganzen Welt kein Mensch 
existiert, der weniger als ich geeignet wäre, zu schreiben und eine 
schwierige Aufgabe vorwärts zu bringen. Und doch tue ich seit 
sieben Jahren nichts anderes, als regelmässig schreiben. » 

In Indien kommt es rasch zu wirklichen Fortschritten. Die 
« Anregungen », die Sir John von Florence erbeten, und die sie 
gemeinsam mit Dr. Farr und Dr. Sutherland abgefasst hat, werden 
von den Kommissionen für die Verbesserung der Kasernen und 
der Spitäler angenommen. 

Diese Sanitätskommissionen, die damit betraut sind, in allen 
Fragen, die sich auf die Gesundheitsverhältnisse des Heeres 
beziehen, Ratschläge und Unterstützung zu gewähren, über- 
wachen die allmähliche Einführung der sanitären Verbesserungen 
in Kasernen, Spitälern, Militärstationen und Städten in der 
Nachbarschaft der militärischen Garnisonen. Florence wird von 
jeder ausgeführten Massnahme verständigt. 

120 



Und die Soldaten ? 

Und die Soldaten ? 

Wann hätte Florence je eine Sache verlangt, ohne sie durch- 
zusetzen ? 

Sie ist stolz auf ihre Soldaten. 

« Die Soldaten haben angefangen zu verstehen, dass es selbst 
während den grossen Hitzeperioden besser ist, zu arbeiten als 
immer nur zu trinken und zu schlafen. Ein Regiment, das in eine 
Garnison kam, in der die Cholera seit zwei Jahren wütete, hörte 
von dem abmarschierenden Regiment, dass man dort nicht leben 
könne. Die neu Angekommenen antworteten : « Man wird ja sehen. 
Wir wollen keine Cholera!» Und sie bearbeiteten mit so grossem 
Eifer den Boden, der ihnen zugewiesen war, dass sie bald daran 
Geschmack fanden, das Gemüse zu essen, das sie selbst ausgesät 
hatten. Auch war es ihnen ein Vergnügen, dass ihnen ein Kommis- 
sariat das Gemüse abkaufte. All das auf einem Boden, den bisher 
niemand bebaut hatte. So gelang es den braven Jungens, die 
Choleragefahr mutig auszutreiben. » 

Sie blieben die Sieger. Was hätten die guten Jungens nicht 
alles überwinden können, wenn sie nur unter richtiger Führung 
gewesen wären ! Krankheit, Müssiggang, Unwissenheit, Trunk- 
sucht — sie überwanden alles. 

Und ihre unsichtbar ferne und trotzdem stets gegenwärtige 
Vorsehung blieb immer nur sie. 

Ihr Haus in London wurde wieder das Generalquartier der 
sanitären Reform. Hier trafen die Freunde zusammen, denen die 
Reform am Herzen lag. 

Hier verfasste sie auch ein kurzes Memorandum, die Syn- 
these ihrer langwierigen Arbeit. 

121 



Es sind elf Seiten : « Wie man in Indien leben — nicht sterben 
— kann. » 

Als das Memorandum auf dem Kongress für Sozialwissenschaf- 
ten, der in Edinburgh tagt, zur Verlesung kommt, wird ihm eine 
allgemeine Beifallskundgebung gezollt, ganz ähnlich derjenigen, 
die ihr die Soldaten der Krim darbrachten : 

« Hurra ! hurra ! hurra ! für Florence Nightingale ! » 

Und ihr neuer Jünger und Mitarbeiter in der Ferne, der 
vielleicht nicht den vollen Eifer von Sidney Herbert besitzt, aber 
davon überzeugt ist, dass man in der gemeinsamen Arbeit mit ihr 
die Menschen retten kann, der Gouverneur von Indien, lässt 
nach und nach all das ausführen, was Florence für die Soldaten 
fordert. Und er vollbringt es trotz aller Schwierigkeiten, trotz 
der Trägheit, der Unzufriedenheit und der Opposition der Reform- 
gegner. 

«Alles ist Ihnen zu verdanken, Ihnen allein », schreibt er ihr, der 
Kranken, und jeder Brief von Florence an ihn erscheint ihm wie 
ein Trompetenstoss, ein Aufruf zur sanitären Frage, eine schmerz- 
liche Klage, zu Hause bleiben zu müssen, nichts tun zu können, 
während die anderen da unten nur allzuviel zu leisten haben. 

Ihr Herz ist mit ihnen, in Indien. 

Aber sie vergisst dabei nicht die Reform des Ministeriums, wel- 
che zu vollbringen Sidney Herbert der Tod verhindert hat, und 
welche jedem einzelnen Beamten eine bestimmte, scharfumrissene 
Aufgabe zuweisen soll, statt wie bisher die Verantwortlichkeit 
des einzelnen unbestimmt zu lassen... Sie vergisst nichts von 
dem, was die Soldaten betrifft, und da sich alle an sie wenden, 
so werden die Pläne der zu erbauenden oder umzubauenden 
Spitäler zuerst ihr vorgelegt, ehe sie zur Ausführung gelangen. 

Täglich kommt Dr. Sutherland, sobald seine Arbeit im Amte 
der Sanitätskommission für das Heer vollbracht ist. Er stellt 
seine grossen ärztlichen Kenntnisse und eine nimmermüde, 
unvergleichliche Arbeitsfähigkeit in ihre Dienste. Nicht einmal 
ihm ist es jedoch vergönnt, die Kranke regelmässig in ihrem stillen 

122 



Gemach zu sehen. Oft wird der Meinungsaustausch nur schriftHch 
geführt. Aber er gewährt gegenseitig genaue Kenntnis der Leistun- 
gen und der vodiegenden Arbeiten : Projekte für neue Kasernen, 
Lesesäle, Spitäler, Aufstellungen von allgemeinen sanitären 
Weisungen und persönlichen Instruktionen über die schon fest- 
gestellten Epidemien, über die Speisen der Kantine, die Vorräte 
für Spitäler. All das dringt in die Einsamkeit des Krankenzimmers, 
um es wieder zu verlassen, versehen mit dem Stempel des Geistes 
der Liebe der seherischen Weisheit einer wunderbaren Frau. 

« Gott hat mich zuerst zur Arbeit in Spitälern gerufen — 
damals dachte ich mit Freuden, es wäre für mein ganzes Leben. 
Später rief er mich zur Arbeit für das Heer und da hoffte ich 
immer, noch einmal ins Spital zurückkehren zu können. Ich hoffte 
das als Pflegerin zu tun, würde ich jetzt dahin zurückkehren — 
so wäre es als Patientin... » 

Vor ihren Fenstern ziehen die Soldaten Englands vorüber : 
Die Veteranen, mit Medaillen und Ordenskreuzen geziert. Das 
Herz der Kranken fliegt ihnen zu, mit welcher Liebe, welcher 
Treue und Hingabe ! 

« — Ich sehe die Schlachtfelder der Krim vor mir, ich lausche 
den Berichten der Tapferen, die noch von heldischem Schwung 
durchpulst sind, ich lebe das herrliche Leben von einst, als ich 
nicht Pläne, Regeln, Projekte auf der Bettdecke liegen hatte, 
sondern in lebendiger Arbeit dort unten unter lebendigen Menschen 
stand. » 

Ach, die vergangene schöne Zeit ! Wie trocken ist diese Arbeit, 
die in der Ferne zu leisten ist, mit Zuhilfenahme von vollge- 
schriebenen Bogen und Zetteln, voll Anregungen, voll Ratschläge, 
voll strategischen Eingebungen. 



123 



Auf hoher Warte 

Ein Freund ist in ihr Leben getreten. Ein grosser, guter Freund, 
ein Priester. Eine hochgemute und bewegte Seele. 

Reverend Benjamin Jowett. 

Ihm als ihrem geistigen Mentor, den Herz und Seele sich nicht 
gleichgestimmter wünschen können, darf sie ihr Leid bekennen, 
die Einsamkeit ihres Lebens, das ja in mancher Hinsicht so 
bedrängt von Freunden und Verehrern ist, die sich ihr widmen 
wollen. 

Wer könnte ihr ergebener und treuer sein im Wunsche, ihr 
zu dienen, als ihr lieber alter Sutherland ? Ohne seine hingebende 
tägliche Mitarbeit, die ja jetzt schon seit Jahren besteht, wäre 
ihre Arbeit ganz unmöglich. Er ist Sekretär aus freiem Willen und 
in jeder Weise unbezahlbar, ein diskreter und unersetzlicher 
Arbeitskamerad. Aber in ihm loht die Flamme nicht wie in ihr, 
wie sie in Sidney Herbert entbrannt war, die unauslöschliche 
Flamme, die Leidenschaft, vorwärts zu eilen, vorwärts für den 
heiligen Kreuzzug. 

Der neue Freund von Florence versteht das gewiss, schätzt, 
tröstet, bewomdert sie. Aber er befindet sich nicht in einem fort- 
währenden Zustand der Anbetung, wie alle anderen in ihrer 
Umgebung. Er versteht es, ihr Ratschläge zu erteilen, die ihr Ruhe 
und Heiterkeit wiedergeben. Ihm darf sie ihre Zweifel, ihr Ver- 
zagen, ihr Streben nach hoher Religiosität gestehen, ihre geheime 
Gegnerschaft im Hinblick auf orthodoxe Religionstheorien. Am Ende 
ihrer Bekenntnisse, die sie bisher noch niemandem eröffnet hatte, 
fügt Florence noch eine beklommene, schüchterne Frage hinzu : 

« Nun da Sie alles von mir wissen. Hochwürden, können Sie 
mir an Stelle meines armen alten Pfarrers das Heilige Abend- 
mahl darreichen ? » 

124 



« Ich freue mich von Herzen, Ihnen das Abendmahl reichen 
zu können und bin überzeugt, dass nicht nur ich, sondern viele 
andere Priester hier in London Ihnen dasselbe gerne gewähren 
wöirden. » 

Florence hört diese Worte des hochwürdigen Herrn und ihre 
Seele ist von wundersamem Frieden erfüllt. Wenn Gott es ihr 
auch versagt hat, ihren Dienst in den Spitälern weiter zu versehen, 
so war es, damit sie fähiger würde, seinem Willen zu genügen. 
Hätte der Spitalbetrieb mit seinen fortgesetzten und notwendigen 
Anforderungen ihr denn erlaubt, das grosse Unternehmen der 
sanitären Militärreformen zu planen und auszuführen ? Wenn 
sie inmitten der Menschen gelebt hätte, wer weiss, ob sie den 
unwiderstehlichen Reiz hätte bewahren können, der jeden ge- 
fangen nahm, der in ihr einsames Zimmer trat ? Dieser eigenartige 
Reiz eines Wesens, das unendlich fem vom Weltgetümmel war 
und das gleichsam auf hoher Warte stand, erhaben über dem 
Staub und dem Geröll der Strasse. 

Gerade ihre Krankheit macht sie für die ihr auferlegte Arbeit 
fähiger. Nichts vermag sie von ihrer hohen Idee zu entfernen : 
Das Wohl der Soldaten bleibt ihr Ziel. Nicht einmal die ausser- 
ordentliche Bewunderung kann sie aus ihrem magischen Kreise 
ziehen. 



Giuseppe Garibaldi 

Alle wünschen die Oberschwester kennen zu lernen : von 
der Königin von Holland bis zur einfachen Arbeiterin. 

Florence empfängt die Königin von Holland nicht. An ihrer 
Stelle erhält ein anderer Zeitgenosse den Zutritt in ihr Haus, ein 
berühmter Greis, ein Führer des Volkes. 

Giuseppe Garibaldi. 

Seit ihrer Kindheit hat Florencens Herz begeistert für ihn 
geschlagen. Damals war er ein junger, strahlend schöner Con- 

125 



dottiere, dem die Jünglinge bis in den Tod und zum Martyrium 
folgten. Heute ist er ein müder Greis, mit weissem Haar und klaren 
Kinderaugen. Seine Seele ist von der Jugend seines Volkes erfüllt. 
Er spricht von Gerechtigkeit, von Güte, von hohen Idealen. Wie 
er Italien an Italien zurückgegeben, so hätte er ihm auch eine 
Regierung wie die englische geben mögen, die es gegen die äusseren 
und inneren Feinde zu leiten, zu stützen und zu verteidigen 
vermöchte. 

Er hat mit eigenen Augen Wunder sich ereignen sehen und hat 
selbst Wunder vollbracht. Hat er Italien an Italien zurückgegeben, 
so wünscht er jetzt seinem Lande auch die Italiener geben zu können. 

Aber die Frau, die seit langer Zeit das steinharte Material 
bearbeitet hat, eines Landes, das seit Jahrhunderten feste Gestalt 
besitzt, weiss, wieviel Mühe es kosten wird, für Italien die Italiener 
zu erziehen. 

Sie möchte ihm so gerne sagen : 

« General, in 5 Jahren haben Sie die Arbeit von 5 Jahrhun- 
derten vollbracht. Aber nicht einmal Sie, mein General, können 
im Handumdrehen den Mechanismus einer grossen, mächtigen 
Maschine aufbauen und in Bewegung setzen. Italien muss eine 
widerstandsfähige, herrliche Maschine werden, mit vollkommenem, 
mächtigem, unzerstörbarem Räderwerk. » 

Sie sagt es nicht. Sie blickt ihn an, von den herrlichen blauen 
Augen bis in die Tiefe des Herzens bewegt, sie sieht mit Rührung 
das schneeweisse Haar, fühlt den Adel dieses unsagbar wehmütigen 
und grossen Herzens... 



Ja, alle wollen die « Dame mit der Lampe » kennen lernen. 
Gross und klein redet von ihr mit einer Verehrung, die fast 
Anbetung ist. Aber sie denkt an andere Dinge... 

Wird man in England niemals durchsetzen können, dass ein 
Gesundheitsamt geschaffen wird, das alles vorsieht und bereithält, 
was für die Volksgesundheit vonnöten ist ? 



126 



Florence steht gleichsam im Hinterhalt, bekehrt die Anhänger 
der gegensätzHchsten poHtischen Parteien zu ihrer Sache. Aber 
wieviel Beharrlichkeit ist dazu nötig, wieviel Mühe, um auch 
nur das geringste Resultat zu erreichen. 

In England und im Ausland entsinnt man sich gewiss der 
Helden des Krim-Krieges, zumal jetzt, wo neuer Kriegslärm 
in Europa vernehmlich wird. Es ist ein heisser Freiheitsdrang 
vorhanden und Italien regt sich, um sein Joch abzuschütteln, 
um die ersehnte Unabhängigkeit zu erobern. 

Spitäler werden eröffnet, man beschwört Florence Nightin- 
gale : 

« Nur einen einzigen Tag schenken Sie uns Ihre Gegenwart. » 

« Wenn das Opfer meines Lebens den Sieg Ihrer Sache auch 
nur um eine halbe Stunde beschleunigen könnte, würde ich 
freudig mein Leben darbieten. Aber ich bin ein armer Krüppel. 
(« Nazione », Juni 1866.) 

Das Land, das sich zum Kampf bereitete, um seine Freiheit 
zu ernngen, weiss nicht, dass Florence Nightingale auch ihren 
eigenen Krieg zu führen hat, einen harten Kampf gegen die 
Unwissenheit und die Finsternis, um der Welt das Licht und 
das Heil zu bringen. 



Agnes Jones 

Ist alles noch im Dunkel ? Nein. Hie und da sieht man eine 
Flamme auflodern und Lichter glänzen. Es ist als würden in 
der Nacht Leuchtkäfer und Sterne sichtbar. 

Florence hat Mr. Rathbone noch nie gesehen und von ihm 
niemals gehört. Er schreibt ihr einen Brief. 

Herr Rathbone ist ein Philantrop. Er wohnt in Liverpool 
und kennt das dortige Armenhaus. In diesem wie in allen Armen- 

127 



häusem und Asylen von ganz England werden die Kranken von 
den unwissendsten, den armseligsten unter allen armseligen 
Frauen gepflegt. Es sind Geschöpfe, die das Elend und das Laster 
von Asyl zu Asyl gejagt hat, bis sie die letzte Zuflucht in dem 
so gefürchteten Armenhause fanden. Elend und Laster zwingen 
sie, darin zu verharren : schmutzig, zerlumpt, widerlich, unfähig. 

Wie die namenlos unglücklichen Patienten von solchen Frauen 
in solchen Spitälern gepflegt werden, das weiss Herr Rathbone 
genau, und er empfindet für die Unseligen das tiefste Mitgefühl. 
Darüber schreibt er an Florence Nightingale. Man müsse sofort 
ein Experiment machen, ohne die Entscheidungen von Ministerien 
und Kommissionen abzuwarten. Ein Aufatmen freudiger Erleich- 
terung 1 Welche Wonne für die Seele der Frau, die nichts anderes 
will, als schaffen und die immer warten muss. 

Im Einverständnis mit ihr, wird der Philantrop von Liverpool 
von keiner Seite etwas verlangen. Alle Kosten wird er selbst 
decken. 

Nun bereitet Florence ihre kleine und doch so bedeutsame 
Expedition vor. Es sind zwölf Pflegerinnen erforderlich. Aber es 
ist noch wichtiger, eine Frau zu finden, die sie leitet und zügelt. 
Die Direktorin ist hier alles. 

Florence schreibt : « Fräulein Agnes Jones, können Sie zu 
mir kommen ? » 

Florence Nightingale kennt Miss Jones seit langer Zeit. Zart 
und blond, mit feinen vergeistigten Zügen und frischem rosigem 
Teint gleicht Agnes Jones einer Schäferin auf einem Gemälde 
des 18. Jahrhunderts. Sie hat die Krankenpflege erlernt, als sie 
hoffte, sich in der Krim den Kriegspflegerinnen anschliessen zu 
können. Später hat sie auf Anraten von Florence zur Vervoll- 
kommnung ihrer Kenntnisse noch ein Jahr im St. Thomas Hospital 
gearbeitet. Sie ist die Nichte des Gouverneurs von Indien, ist 
jung, schön, reich und von feinster Bildung. Eine Kranken- 
pflegerin ersten Ranges. 

128 



Wird sie aber auch imstande sein, die unvermeidlichen Härten 
zu überwinden, wenn sie sich einverstanden erklärt, nach Liver- 
pool zu gehen ? 

Wie der italienische Condottiere seinen Anhängern, so hat 
auch Florence Nightingale ihrer Gefolgschaft nur Mühen, Bürden, 
Plagen und vielleicht den Tod zu bieten — wie die Freiwilligen 
von Garibaldi, so nehmen auch ihre Freiwilligen mit Stolz und 
Mut alle Mühen und Plagen auf sich und sehen dem Tode kühn 
ins Auge. 

Aber Garibaldi stürmt in lebensvoller Kraft den anderen 
voran, ist der erste, Leiden zu ertragen und jeder Gefahr zu 
trotzen — sie aber, sie... 



Wie durch ein Wunder fühlt Agnes Jones in Liverpool immer 
die Nähe von Florence Nightingale. 

Wie ist es möglich, dass in Momenten des Zweifels, der 
Schwierigkeit, der Unsicherheit unfehlbar ein Brief, ein Wort, 
ein Ratschlag eintrifft, der ihr Mut und Glauben wiedergibt ? 
Nicht nur geistige Hilfe, sondern auch technische, praktische 
Unterstützung. 

In ihrer Einsamkeit hat Florence Nightingale tatsächlich die 
klare, deutliche Vision all der Schrecken, in deren Atmosphäre 
Agnes Jones ihre Tage und Nächte verbringt. Die Zusammen- 
pferchung von Kindern, Greisen, Irrsinnigen, Trunkenbolden 
im Spital ; Geschrei, Gestöhn, Fluchen, Seufzer, Weinen und 
andere Grauen : eine wahre Hölle. Und alles fehlt : von den 
Matratzen bis zu den Desinfektionsmitteln. 

Wenn Florence an Agnes schreibt, so ist es, als sähe sie alles. 
In ihren Briefen an Rathbone deutet sie die zu treffenden Mass- 
nahmen gerade in dem Augenblick an, wo es geraten ist, sie vor- 
zunehmen. Deshalb wenden sich Miss Jones und Mr. Rathbone 
an sie als ihre treueste Freundin. 

Unter dem Einfluss der von ihr ausgesandten Pflegerinnen 

129 



sieht Florence wie der Höllenkreis allmählich weniger düster 
und grausam wird, etwas Menschliches zeigt. 

Wie viele Schwierigkeiten sind noch für die Pflegerinnen und 
für die Direktorin vorhanden ! Aber die Krankensäle scheinen 
nicht mehr dieselben zu sein, welche sie bei ihrer Ankunft vor- 
gefunden und auch die Menschen im Krankenhaus machen den 
Eindruck, als wären sie verwandelt. 

Jetzt ist es soweit, dass die Arzte verlangen, die Pflege der 
Nightingale-Krankenschwestem möge von der Abteilung für 
männliche Patienten auch auf die Abteilung der weiblichen 
Patientinnen ausgedehnt werden. Der Verwaltungsrat des Armen- 
hauses findet es höchst ungerecht, dass die ganze finanzielle Last 
für die Erhaltung der neuen Krankenpflegerinnen gänzlich von 
Herrn Rathbone getragen wird. 

Drei Jahre sind vergangen. Die Krankensäle sind umgewandelt 
und nicht mehr zu erkennen. Die Patienten des Krankenhauses 
sind menschliche Wesen geworden, die ihren Krankenpflegerinnen 
leidenschaftlich dankbar sind und wie Kinder an ihnen hängen. 

Aber die arme, kleine, holde, unvergessliche Agnes Jones fand 
mitten in ihrer Arbeit den Tod, wie ein Soldat auf dem Schlacht- 
feld ! Ein infektiöses Fieber hat sie dahingerafft und ihre letzten 
Augenblicke waren von dem Glücksgefühl beseligt, die Mission 
erfüllt zu haben, die Gott und Florence Nightingale ihr anvertraut 
hatten. 

Wieder hat Florence eine Freundin verloren. In der Fülle 
ihrer Jugendkraft ward sie ihr entrissen. Und wieder stellt sich 
Florence die Frage, warum sie, die Kranke, die Gesunden alle 
überleben muss. 

In dem stillen, sonnendurchfluteten Zimmer, das von fernen 
lebenden Freunden und von nahen toten Kameraden geheimnis- 
voll bevölkert ist, das vergangene, gegenwärtige und künftige 

130 



Leiden erfüllen, Mahnungen, Bitten, Beschwörungen aus allen 
Landern der Erde enthält, schreibt Florence. Ihr Antlitz ist nicht 
traurig. Je länger sie lebt, desto fester und heiterer wird ihr 
Glaube. Ihr Glaube an Gott, an Seine Grösse und unendliche 
Güte. 

« Ich bin Deine Magd und Du bist mein Herr. » 

Würde Er sie weiterleben lassen, wäre es nicht, um ihre Arbeit 
vollenden zu können ? 

Florence schreibt von Agnes Jones, von ihrem lieben ent- 
schwundenen Wahlkind. 

« Das, was sie im Armenasyl erduldet hat, weiss nur Gott 
und ein oder zwei Menschen. Und trotzdem sagte sie, dass sie 
in ihrem ganzen Leben noch nie so glücklich war. Im vergangenen 
Winter hatte sie die Verantwortung für 50 Pflegerinnen und 
Aspirantinnen, mehr als 150 geistig gestörte Pfleglinge, einen 
Krankenstand, der von 1290 bis 1350 wechselte, während 200 bis 
300 Betten fehlten. 

Dies alles musste sie versorgen, ständig ohne Vorankündigung 
neue Eingänge an Patienten empfangen. Diese Patienten zu bestim- 
men zu dritt und zu viert in je zwei Betten zu schlafen. Manchmal 
mussten sechs und sogar acht Kinder in einem einzigen Bett unter- 
gebracht werden, und wenn man sie fragte, ob sie sich nicht gegen- 
seitig gestört hätten, antworteten sie : « nein, wir haben uns 
so wohl gefühlt. » — Arme Geschöpfe, sie konnten sich nicht 
erinnern, überhaupt jemals in einem Bett geschlafen zu haben. 
Ist das nicht ein Fall, der sich im Asyl immer wiederholt ? Wenn 
jemand die tiefsten Niederungen des Lasters und des menschli- 
chen Elends kennen lernen möchte, die lebendigen Massen von 
Seelen und menschlichen Körpern förmlich in Verwesung sähe 
und dann die Erkenntnis gewänne, wie es eine liebende Seele, 
vom Geiste Gottes erfüllt, zuwegebringen kann, das Licht Gottes 
in diese widerliche Kloake eindringen zu lassen, Schmerzen zu 

131 



lindem, gebrochene Herzen zu heilen, Sklaven zu befreien — dann 
möge er den Pfad suchen und den Schritten dieser zarten Frau 
nachgehen, die ihr Leben hingab um uns den Weg zu weisen : 
gesegnet in ihrem Tode wie in ihrem Leben. » 

Das Werk muss fortgesetzt werden, das Agnes Jones begonnen 
hat. Das Krankenhaus von Liverpool muss ein so leuchtendes 
Beispiel werden, dass der Gedanke unerträglich wird, es könnten 
noch Spitäler bestehen, wie früher. 

Aus der Feme gewährt Florence den jungen Pflegerinnen, die 
ohne Fühmng geblieben sind, Trost und mütterlichen Zuspmch. 
Sie leitet sie, sorgt dafür, dass ihre Arbeit nicht unterbrochen 
wird, bis eine neue Direktorin gefunden ist und die Verantwortung 
übemimmt. 



Indien, Indien und nochmals Indien 

Indien, Indien und nochmals Indien ! Das Land, das sie 
nie gesehen hat und das ihr doch so teuer war, weil die Menschen 
dort in noch grösserer Zahl litten und starben, als andemorts. 

Minister, Gouverneure, Staatssekretäre steigen zu dem kleinen 
Haus hinan, in dem die Kriegsinvalidin sich mühsam von ihrem 
Lager erhebt und sie mit wunderbarer heiterer Ruhe empfängt. 
Auch gänzlich Unbekannte, die sich ihr nähern, hören ihr wie 
gebannt zu, verstehen sie und werden ihre Freunde. 

Das kleine Haus birgt eine ganze Sammlung von gmndlegenden 
Dokumenten, welche auf die sanitäre Reform des Heeres, auf die 
hygienischen Reformen in Indien sich beziehen, auf die Vorteile, 
welche die neue Bauart und Betriebsform der Spitäler zu verzeich- 
nen hat, auf die Reform der Krankenpflege in Spitälern, Obdach- 
losenheimen und Armenasylen — und in diesem kleinen Haus 
lebt die Frau, die diese Dokumente gesammelt und geordnet hat, 
die sie mit Kopf und Herz zur praktischen Anwendung bringt. 

132 



Ja, in diesem kleinen Haus verkörpert eine einzige Person die 
Verwirklichung des ersten Gesundheitsamtes, das jemals auf der 
Welt bestanden hat. 

« Wenn ich aber tot bin... » 

Das ist der quälende Gedanke, der Florence bedrängt und 
verfolgt. 

Es muss ein unbedingt in jeder Hinsicht vollkommenes Gesund- 
heitsamt gegründet werden. 

Es muss im Herzen und im Hirn von England bestehen, 
unabhängig vom Leben und Tod einzelner Personen : damit es 
jetzt und immerdar seine Söhne in Nähe und Feme überwache 
und Vorsorge für deren physische und moralische Gesundheit 
treffe. 

Ein Amt oder richtiger gesagt, drei Ämter, die sich gegenseitig 
unterstützen und kontrollieren : 

Ein exekutives Sanitätsdepartement in Indien ; 

Ein leitendes Sanitätsdepartement in England ; 

Ein Zentralamt, das die eingehenden Jahresberichte bezüglich 

der geleisteten Arbeit in Empfang nimmt und vergleicht. 

Sir Bartle Frere hat seine Würde als Gouverneur von Indien 
zurückgelegt und kehrt in die Heimat wieder, weil er in das Direk- 
torium für Indien berufen wurde. 

Wieviel hat er Florence in ihren gemeinsamen Unterredungen zu 
berichten ! Sie erfährt durch ihn zahllose Einzelheiten des indischen 
Lebens. Er wird für sie und ihre Sache der mächtigste Verbündete. 

Die beiden sind dazu geschaffen, einander zu verstehen. 

Das geht soweit, dass Sir Bartle Frere der erste Chef des von 
Florence geschaffenen Amtes wird. 

Es trägt den Namen « Büro der allgemeinen zivilen und mili- 
tärischen Sanität für Indien » und wird in Zukunft eine der reinsten 
Freuden, einen der grössten Siege der Reformatorin bedeuten. 

Einer der Siege, die in diesem langen und mühevollen Leben 
wie ein Aufatmen voll neuen Mutes sind für die Magd Gottes. 

133 



Aber es gibt auch viele, nur zu viele Niederlagen. Von diesen 
Niederlagen erholt sie sich nur sehr schwer und manchmal bleibt 
eine grosse Verbitterung zurück. Ja manchmal ist sie so enttäuscht 
und mutlos, dass sie lange braucht, um von vorne zu beginnen. 

Besiegt ist sie niemals... 



Das neue Indienamt 

Die Arbeit zur Schaffung des neuen Amtes für zivile und 
militärische Sanität in Indien geht verhältnismässig rasch von- 
statten. Es ist dringend, ja lebenswichtig seine Exzellenz Strafford 
Northcote, den Minister für Indien zu überzeugen. Alle not- 
wendigen Dokumente zu seiner Aufklärung müssen in seine 
Hände gelegt werden, um einerseits auch für ihn eine Deckung 
zu bilden, andererseits, um die hartnäckige Opposition zu über- 
winden und die unzähligen Gegner zu besiegen, die sich gegen 
das Werk erheben. Es muss geradezu ein in jedem Detail durch- 
gearbeiteter, wirksamer, strategischer Plan vorgezeichnet werden. 

Zwei, drei, zehn Monate der Arbeit vergehen, bevor aus dem 
erträumten, ein wirkliches Amt wird. 

Florence hat nie gedacht, dass eine Mühe zu gross sei, wenn 
sie etwas durchführen wollte. 

Die erste Leistung des neuen Amtes : ein Stück Papier, das 
Ergebnis dieser mühevollen zehn Monate genauester und zäher 
Vorbereitung. Bereitschaft für neue Kämpfe, für neue Anspannung 
aller Willenskräfte zur Erreichung des Zieles. 

Die Verwirklichung einer Idee, die dem Land an sich neue 
Kräfte zuführen soll. 

Florence weiss, was es heisst, eine Idee zu verwirklichen. 
Sie weiss, wieviel Anstrengung es braucht, um einen Gedanken 
in das Hirn der Menschen eindringen zu lassen, ihn in die Tat 
umzusetzen. Auch jetzt, da das Amt schon existiert, weiss sie, 

134 



dass ohne ihre energische und beständige Wachsamkeit, weder 
dessen Arbeit noch dessen Einfluss von Dauer sein würden. 

Schwer ist der Weg für den, der die Idee des Guten unter den 
Menschen zum Siege führen will. Für ihn gibt es keine Pause. 

Trotzdem gönnt sich Florence zu diesem Zeitpunkt nach so 
vielen Jahren ununterbrochenen Schaffens einen Moment der 
Erholung. Ihr treuer Freund und Seelenhirt, Hochwürden Ben- 
jamin Jowett bringt bei ihr zuwege, was noch niemand durch- 
gesetzt hat. 

« Sie haben recht, Florence Nightingale. Ich fühle es auch, 
dass ich müde bin und Erholung brauche. Aber ich werde mich 
keine Minute ausruhen, wenn Sie nicht mit dem Beispiel voran- 
gehen. » 

Mit dieser Kriegslist gelingt es dem guten Priester, Florence 
nach Lea Hurst, in die schöne Besitzung ihres Vaters zu bringen. 



Erholung in Lea Hurst 

Das alte Haus in Lea Hurst, Zeuge so eifrigen Strebens, so 
vieler Kämpfe, so tiefer Verzagtheit. Es war Zeuge der gedanken- 
vollen Jugend des wunderschönen Mädchens, das der weltlichen 
Güter nicht achtete und nur darauf bedacht war, um der Barm- 
herzigkeit Gottes willen den ärmsten seiner Geschöpfe zu dienen. 
Nun öffneten sich seine Pforten, um die nicht mehr junge Frau 
aufzunehmen, die verblüht und müde heimkehrte, nach so viel 
Plage und ungemeinen Anstrengungen. Nein, sie ist längst der 
Jugend entrückt, nicht mehr imstande, auf ihrem Schimmel über 
Stock und Stein zu galoppieren, über Wiesen und Hügel, längs 
des silberschimmernden Flusses. Eine Kranke kehrt wieder, die 
starke Arme in das Vaterhaus tragen. Aber ihr Herz ist kräftig, 
ihre Seele ist heiter, der Geist ist frisch und lebendig. Sie ist 

135 



bereit wie immer, der Sache Gottes zu dienen — genau wie 
ehemals. 

« Ich bin Deine Magd und Du bist mein Herr. » 

Eine alte Frau ist bei ihr, die früher, im alten Hause ihrem Weg 
Hindernisse gemacht hatte. Ihre Mutter. Nun fühlt sie nur Stolz 
über ihre Tochter und demütigt sich vor ihr. 

« Du hast richtig gesehen. Hättest Du auf mich gehört, hättest 
Du mir keinen Widerstand geleistet, so wäre nichts von Deinem 
grossen Werk geschaffen worden. Du hast den rechten Weg gewählt. » 

« Sprich nicht von der Vergangenheit, liebe Mutter. Alles 
kam wie es kommen musste. In jenen Jahren lernte ich wollen, 
was unmöglich schien. » 

Ja, Hochwürden Jowett hat guten Rat gegeben. Es ist so 
schön, in das alte Haus zurückzukehren, zu den greisen Eltern, 
die sie lieben, und es ist schön bei ihnen neue Kräfte für neue 
Wege zu sammeln. Es ist schön, in Frieden mit seinen Lieben 
zu sein und im eigenen Herzen den letzten Rest einer insgeheim 
noch vorhandenen Vergrämung besiegt zu haben. 

Und herrlich ist es, am Ende des Erholungsurlaubs, kurz 
nach der Rückkehr nach London von dem Chef « ihres » Indien- 
amtes einen Brief zu bekommen : 

« Ich glaube, dass Lord Mayo, der Sie sehr gerne sehen möchte, 
Sie ersuchen wird, ihm in der nächsten Woche eine Unterredung 
zu gewähren. Sie könnten inzwischen für ihn eine Übersicht 
zusammenstellen (wie Sie das schon vor mehreren Wochen für 
mich getan haben, als Sie mir davon sprachen, dass man der 
sanitären Arbeit in Indien die Richtung weisen müsse) — den 
Punkten folgend, denen er in erster Linie seine Aufmerksamkeit 
zuwenden sollte. Lord Mayo ist sehr sympathisch und ist nicht 
so anspruchsvoll, alles wissen zu wollen, wenn er auch über manche 
Fragen auf dem Gebiete der sanitären Reform viel besser beschla- 
gen ist, als andere, die behaupten, genau informiert zu sein. » 

Lord Mayo ist der neue Vizekönig von Indien und bevor 
er in das Land seiner Bestimmung abreist, wünscht er die Ideen 

136 



der Frau kennenzulernen, die, insoweit es sich uni sanitäre Pro- 
bleme handelt, ohne Zweifel auf der ganzen Welt die kompetenteste 
Persönlichkeit ist. 

Florence hat eine Unterredung mit dem Vizekönig. Sie schreibt 
für ihn ein Memorandum, das den Weg, der zu befolgen ist, 
genau darlegt, ebenso die dringenden Fragen, die eine sofortige 
Lösung erfordern. 



Unermüdlich 

Freund Jowett hat ihr folgende Ehrentitel verliehen : 

« Florence I. Kaiserin der Strassenkehrer ; 

Königin der Krankenpflegerinnen; 

Ehrwürdige Oberin der britischen Armee; 

Wirtschafterin des Vizekönigs von Indien. » 

Aber Florence zieht diesen Titeln einen andern vor, und zwar : 

« Magd für jede Schmutzarbeit 

oder 

Treibende Kraft, zur Beseitigung allen Unrates. » 

« Das bin ich », schreibt sie. 

Kehren, waschen, den Schmutz forträumen... Ja, diese Tätig- 
keit setzt nun in der ganzen englischen Welt ein, weil die « Magd 
für jede Schmutzarbeit » immer weiter dringt und keine Ruhe 
lässt. 

Neue Spitäler, neue Gefängnisse werden gebaut, i:m die schon 
bestehenden zu entlasten. Man macht sich daran, die armseligen 
und schmutzigen Polikliniken in Indien zu verbessern. Auch in 
den Krankenhäusern für Frauen beginnt man die an bestimmten 
ansteckenden Übeln Erkrankten von der allgemeinen Abteilung 
zu isolieren. Auf die Abwicklung der Pilgerfahrten und Jahrmärkte 
wird besonderes Augenmerk gelegt, denn diese Quellen von 
infektiösen Krankheiten und Epidemien haben eine musterhafte 

137 



Ordnung nötig. Ein allgemeiner Entwurf für Gemeindesteuern 
wird studiert, um aus ihrem Ertrag die Volksschulen bestreiten 
zu können, zur Verbesserung der Strassen beizutragen, ebenso 
zur Bewässerung, zum Bau neuer Brunnen und zur Kanali- 
sierung. 

« Ich glaube, dass die Steuern zuerst sehr unpopulär sein 
werden, weil die breite Masse hier gar keine Fürsorge will und 
ihr nichts daran liegt, etwas zu lernen. Aber im grossen ganzen 
bin ich davon überzeugt, dass es gut ist, sie gewissermassen dazu 
zu zwingen... » 

So schreibt einer ihrer Jünger an Florence : Lord Napier, 
der Gouverneur von Madras. 

Aber die « Magd für jede Schmutzarbeit » gibt sich noch 
immer nicht zufrieden. Sie will noch viel mehr. Vor allem wünscht 
sie, dass die Untersuchungen über die Choleraepidemien zu Ende 
geführt werden, dass die Instruktionen für die Bevölkerung beim 
ersten Auftauchen einer Infektionskrankheit ebenso knapp als 
klar und allgemein verbreitet seien. 

« Glauben Sie denn, dass man das Volk nicht unterweisen 
kann ? Überzeugen Sie sich : der Stadtrat von Bombay schreibt 
mir, dass die Massen der Eingeborenen sehr nachdrücklich die 
Hilfe des Amtes für Hygiene anrufen, sobald auch nur ein einziger 
Fall von Cholera oder schwarzen Blattern nachgewiesen ist. Früher 
dagegen war es anders : wenn die eine Hälfte der Bevölkerung 
von dem Übel hinweggerafft war, hat es die andere Hälfte untätig 
mitangesehen und gedacht, dass alles in bester Ordnung sei... » 

Florence Nightingale darf wirklich zufrieden sein. 

Doch sie will immer noch mehr. Dieses ruhige Antlitz, dieser 
so schwer bewegliche Körper, diese blitzenden blauen Augen 
sind von dem grenzenlosen Ehrgeiz erfüllt, der kein Mass, kerne 
Pause und keine Beschränkung in Raum und Zeit zur Kenntnis 
nehmen will. Florence will die Welt reinigen und umwandeln. 

Das ist nur ein kleiner, kurzer Satz, aber ein ungeheuer grosser 
Inhalt. 

138 



Vorwärts! Niemals ermangelt es ihr an Jüngern. Sie drängen 
sich um die Frau, die es zuwegebringt, in stiller Stube ihren Idealen 
zu leben. 

Dr. Sutherland empfängt die neuen Schüler, die Anhänger, 
teilt sie in zwei Gruppen, nachdem er sie studiert, gleichsam auf 
Herz und Nieren geprüft hat : 

die erste Kategorie braucht Belehrung ; 

die zweite aber gehört zu der Gruppe, der Florence Fragen 
stellt, um aus deren Beantwortung selbst Belehrung zu schöpfen. 

Florence hat seit langem darauf verzichtet, das Land ihrer 
Träume zu sehen, eine Reise nach Indien zu machen und sich 
selbst Rechenschaft vom Stand der Dinge zu geben. Aber ihr 
heiliger Wahn hat Berge in Bewegung gebracht. 

Nicht sie ist es, die nach Indien geht. — Indien kommt zu 
ihr. Indien, so gross wie Europa und so alt wie die Welt. Das 
Indien des heiligen Ganges, der von Schlangen und Tigern be- 
völkerten Dschungeln. Das Indien der furchtbaren Pest- und 
Cholera-Epidemien, die die Menschen zu vielen Tausenden 
niedermähen, mit den zahllosen Kasten, die voneinander durch 
unüberwindliche Mauern getrennt sind, von Millionen Menschen, 
die sich bei Pilgerfahrten und Jahrmärkten zusammendrängen. 
Dieses Land in seiner übervölkerten, hierarchischen und vielfar- 
bigen Gesamtheit beginnt sich langsam in Bewegung zu setzen. 
Vornehme Parsen von uraltem Adel steigen die Stufen hinan, die zu 
dem Gemach führen, in welchem die unermüdliche Kämpferin 
ruht. Sie kommen, um sie um Hilfe und Rat zu bitten, um ihre 
eigenen Kräfte und den Einfluss, den sie auf ihre Landsleute 
besitzen, m den Dienst von Florence Nightingale zu stellen. 

Die Bengali-Gesellschaft für Sozialwissenschaften, die zum 
grössten Teil aus Indem besteht, wählt sie zu ihrem Ehrenmitglied. 

Indien regt sich. Schmutz und Unrat werden nach und nach 
aus den Häusern und den Strassen entfernt. 

Die Kanalisierung wird eingeleitet. 

139 



Brunnen werden gereinigt, vor schädlichen und gefährlichen 
Keimen geschützt. 

Man beginnt überall Bäume zu pflanzen. 

In den kleinen indischen Hütten und Häusern liest man den 
in Bengali-Dialekt übersetzten Aufruf von Florence an das indische 
Volk. 

Da unten in den armseligen Wohnstätten des erträumten und 
nie erschauten Landes wirken die Worte der Reformatorin als 
wären es unzählige Lichter, um die neuen Wege zu erhellen, 
um gesündere und menschenwürdigere Lebensformen zu weisen, 
um zu lehren, dass Hygiene nichts Geringeres bedeutet als Gesund- 
heit, dass alle Gesundheit an sich das Leben ist, Geld und Gut, 
moralischer und materieller Wohlstand. 

Vollkommen neue Ideen sind es, die von weither kommen, 
in ein Land, wo noch niemand daran gedacht hat, dass man sich 
unmittelbar an die Bevölkerung wenden kann, und nicht nur an 
Gouverneure und die Obrigkeit. 

Lautere Ideen, wie kristallklares Wasser, die so einfach zum 
Ausdruck gelangen, wie von einer älteren Schwester, die zu ihren 
jüngeren Brüdern redet, aber trotzdem die Überlegenheit eines 
Priesters besitzt, dem das Heil der Menschenkinder anvertraut ist. 

Die neuen Worte kommen von der Höhe, steigen in die Tiefen 
hinab, dringen in die Seelen ein, in die Herzen, finden ihren 
deutlichsten Ausdruck in den Werken selbst und befruchten 
das neue Indien. Jahre und Jahrzehnte werden darüber noch 
vergehen, bis das ungeheure Land umgewandelt ist. — Auch 
heute ist das Werk noch nicht vollendet. 

Denn Ideen sind wie Blitze in ihrem göttlichen Entstehen, 
doch ihre Verwirklichung durch die Menschen dauert lange. 

Florence ist sich dessen bewusst und zögert trotzdem nicht, 
jeden Weg zu beschreiten, der einen Fortschritt in Aussicht stellt. 
Alle Berichte, die sie aus Indien bekommt, liest und prüft sie 
genau, entnimmt ihnen die lebendige Essenz, schreibt ihr Urteil, 
ordnet sie, erweitert ihre überlegene Erfahrung und ihre Kenntnis 

140 



dessen, was sich täglich ereignet. Das erlaubt ihr, dem Vizekönig 
von Indien, den Gouverneuren, den Kommandanten und Sanitäts- 
kommissären sowie Privatpersonen wertvolle Ratschläge zu geben. 

Das gestattet ihr vor allem, zu diesem Zeitpunkt — es sind 
zehn Jahre vergangen, seit sie das berühmt gewordene « Wie 
man in Indien leben kann und nicht sterben muss » geschrieben 
hat — die Berichte über die seit zehn Jahren errungenen Erfolge 
zu veröffentlichen. 

« Wie es manchen gelungen ist, in Indien zu leben und nicht 
zu sterben » bezeichnet ei-nen Endpunkt, der seinerseits wieder zu 
einem Ausgangspunkt wird. Ist das nicht das Schicksal einer 
jeden menschlichen Errungenschaft ? 

In Indien, in England, in Australien, in Deutschland, überall 
ist Florence lebendig und gegenwärtig. Sie hat die Prinzessin 
Viktoria von Preussen in ihrer Untersuchung der Zustände in den 
Spitälern aufs tatkräftigste unterstützt. Sie begleitet im Geist die 
Zöglinge der Pflegerinnenschule in allen ihren Unternehmungen. 
Sie überwacht und ändert, wenn es nötig ist, die allgemeinen 
Grundlagen der geringfügigsten Arbeit, folgt dieser bis in die 
kleinsten Einzelheiten und bleibt in stetigem und engstem Kontakt 
mit den Gruppenleiterinnen. Das sind die Offiziere ihres Heeres, 
während die Pflegerinnen die Soldaten sind. Ein Heer, das den 
tiefen, reinen Atem der Gesundheit in die Welt zu bringen bestimmt 
ist, eine neue Deutung der Gesetze des Lebens. 

Florence sieht fast keinen ihrer Freunde und Anhänger. Immer 
häufiger geht der Meinungsaustausch zwischen ihr und Dr. Suther- 
land nicht persönlich vor sich, sondern mit Zuhilfenahme kleiner, 
dichtbeschriebener Papierblättchen. Nur dann, wenn sich die 
Pflegerinnen auf eine Missionsreise begeben, dürfen sie, ehe sie 
London verlassen, Abschied von ihrer geistigen Mutter, ihrer 
Herrscherin nehmen. Sie spricht zu ihnen mit ihrer sanften 
Stimme, ruhig und wie von überirdischer Freude bewegt. Sie 
redet zu ihnen von dem göttlichen Grundzug des Lebens, das 

141 



sie sich erwählt haben, des Dienstes, der im höchsten Sinne 
Erleuchtung bedeutet, wenn die, die ihn vollbringen, vom Geiste 
der Liebe durchdrungen und durchglüht sind. 

Eine neue Erkenntnis höchster Glaubensstärke dringt in die 
Seelen der jungen Pflegerinnen, die nach unbekannten Ländern 
ziehen. Wie ein Segen ruht in ihnen eine geheime seelische Macht, 
die ihre Kräfte vervielfacht, ihnen Schwingen wachsen lässt, um 
zu siegen, sie hoch über die Gefahr zu erheben, das Böse mit 
Bösem zu vergelten. 

« Glauben Sie, dass mir je etwas gelungen wäre, wenn ich 
jemandem etwas nachgetragen und mich aufgelehnt hätte ? Wäre 
solches der Befehl des Herrn ? Man hat mich in ein Spital nicht 
eingelassen, trotzdem ich die Order des Oberkommandierenden 
empfangen hatte, dort zu arbeiten — ich war gezwungen, draussen 
vor der Türe, im Schnee bis zum Einbruch der Nacht auszuharren. 
Man hat mir zehn Tage lang die Verpflegung meiner Kranken- 
pflegerinnen verweigert, die ich auf höheren Befehl dorthin gebracht 
hatte. Und am Tage darauf stand ich doch auf bestem Fusse 
mit dem Offizier, der mich auf solche Weise behandelt hatte. 
Ich habe in voller Absicht alle Dinge ignoriert, welche nicht von 
Bedeutung sein dürfen, weil das, was wirklich zählt, einzig und 
allein die Arbeit ist. « 

So schreibt Florence an eine ihrer Pflegerinnen, die nicht so 
viel ertragen zu können glaubt. Aber im allgemeinen spricht und 
schreibt sie ihnen nicht von sich, sondern von ihnen und dem, 
was sie berührt. 

Und ist nicht Florence Nightingale an der Spitze aller frei- 
willigen Pflegerinnen in den Spitälern von Deutschland und 
Frankreich, während des drohenden neuen Krieges ? 

1 870. Ein neuer Krieg ist in Europa zum Ausbruch gekommen. 

Wieder stürzen Menschen aufeinander los und das Leid 

wird neuerdings ins Unbegrenzte vervielfacht, das Leid, dessen 

142 



sie nicht satt zu werden scheinen und das sie für sich und für die 
anderen jeden Tag neu erschaffen, für alle Geschöpfe Gottes, die 
einander lieben sollten und die nur hassen. 

Florencens Herz blutet. Wer wüsste es besser, als sie, was 
das heisst : Krieg... 

Sie sieht die entsetzlichen Leiden wieder vor sich, die sie in 
der Krim zu erleichtern suchte. Sie hört das Schreien und Stöhnen, 
die noch furchtbarere Stille auf den Schlachtfeldern, in den 
Spitälern und Krankensälen. Ja, sie hört diese Stille... 

Wieder möchte sie fort, die Schmerzen in den Feldlazaretten 
mitleiden und sie zu mildern suchen. Sie möchte fort, statt das 
Echo dieses namenlosen, grenzenlosen Leides zu hören, das von 
überall auf sie einstürmt und dem sie nicht abzuhelfen vermag... 

Ein neuer Krieg ist draussen in der Welt zum Ausbruch ge- 
kommen... 

Und in Genf glänzt ein kleines Lichtlein auf, das dereinst 
wie eine Sonne erstrahlen wird... 



Rotes Kreuz 

Doch es lebt noch die Barmherzigkeit, das unendliche Mit- 
gefühl für die Kriegsverwundeten, gleichgültig welcher Nation 
sie angehören. Alle kämpfen für eine Idee. Alle kämpfen im 
Frühling ihrer Jugend für ein Ideal. Wer von ihnen in der 
Schlacht niedersinkt, wird vom Roten Kreuz in sorgende Obhut 
genommen. 

An jenem schicksalsvollen Tage ward die internationale Gesell- 
schaft vom Roten Kreuz gegründet. 

Der Hass unterliegt — es siegt die Liebe. 

Wer hat die wundersame Macht ins Leben gerufen ? 

143 



Ein Schweizer, Henry Dunant, den die Kenntnis von Florence 
Nightingale's Arbeit in der Krim während des Krieges im Jahre 
1859 in Italien zur eigenen Initiative gedrängt hat. 

Noch besass die Gesellschaft vom Roten Kreuz keine inter- 
nationale Machtvollkommenheit. Aber die englische «Gesellschaft 
für Kranken- und Verwundeten-Fürsorge » entsandte bereits ihre 
freiwilligen Helfer, um die Soldaten der kriegführenden Länder 
zu pflegen. 

Florence kann sich nicht wegrühren. Aber ihr Wort und ihr 
Geist eifern die besten englischen Frauen zur Tätigkeit an, begei- 
stern sie dazu, ihren Beruf als Schwestern und Mütter auszuüben : 
sich mit ihm zu befassen, um ihn kennen zu lernen und sich mit 
Kraft zu wappnen. 

« Die Frauen, die das Werk der Krankenpflege auf sich nehmen, 
dürfen keine sentimentalen Enthusiastinnen sein ; sie müssen ihre 
aufrichtige Liebe der harten Arbeit weihen. Wenn es eine Tätigkeit 
gibt, die eine einfache und strenge Notwendigkeit bedeutet, so 
ist es die Kranken- und Verwundetenpflege nach einer Schlacht, 
der Dienst in den Kriegsspitälern, die Beachtung und Durch- 
führung der hundert und tausend ermüdenden Handgriffe, die 
unwichtig scheinen, aber die Entscheidung über Leben und Tod 
ihres Patienten bringen können. » 

Die englischen Krankenpflegerinnen reisen ab, den Namen 
und das Beispiel ihrer Mutter in Herz und Sinn. Sie begeben sich 
in die Spitäler von Frankreich und Deutschland. Von Frankreich 
und Deutschland kommen hunderte von Briefen, die Hilfe, Rat, 
Anregungen, Nachrichten verlangen. Von dem kleinen Hause in 
London gehen die Antworten, Ratschläge, Unterstützung und 
Nachrichten in die Welt hinaus. Der gute Dr. Sutherland verdoppelt 
seine Arbeitsstunden, strengt seine Kräfte an, damit dieses Haus als 
Brennpunkt des Lichtes und der Wärme erscheine. Die tausend 
Botschaften, die hinausgesandt werden sind Friedensbringer, tragen 
Segen in leidvolle Herzen. Sie überzeugen, dass Wissen, Verzeihung 
und Liebe mächtiger sind als jeder Hass, jede Rache, jeder Krieg. 

144 



Florence fühlt diese Wahrheit zutiefst. Sie fühlt sie von Natur 
aus, von der Arbeit, von geistiger Ergriffenheit her. Sie ist in- 
zwischen den Philosophen der Antike nähergerückt und folgt 
ihrem alten Freunde Jowett bei seiner Platoübersetzung, kommen- 
tiert seine Kommentare. 

« Sind die grossen Wahrheiten, die v^ir im « Gorgias » finden 
am Ende nicht wahr ? » 

1. «Es ist ein grösseres Übel, eine Ungerechtigkeit zu üben, 
als sie zu erdulden!» — «Wenn Ihnen das als Paradox erscheint, 
warum erscheint dann das 53. Kapitel von Jesaias nicht auch als 
Paradox ? Ist es nicht vielmehr die erhabenste aller Wahrheiten ? » 

2. « Es ist ein grösseres Übel für unsere Irrtümer keine Strafe 
zu erleiden, als dafür bestraft zu werden. » — « Ich verstehe nicht, 
warum Sie auch das ein Paradox nennen. Die erhabensten Er- 
fahrungen in unserem Leben beweisen es. In den Familien sehen 
wir es tagtäglich. Ich sehe, wie das verzärtelte Kind ein unseliges 
Geschöpf wird, das auch in reiferen Jahren und selbst im Alter 
die anderen unglücklich macht. » 

Florence Nightingale, die sich in Reglemente, Berichte, Spital- 
und Sanitätsfragen vertieft, verzichtet darum doch keineswegs 
auf den Umgang mit hohen, lebendigen Geistern. Plato, die Heilige 
Schrift, alle Kundgebungen erhabener, göttlicher und mensch- 
licher Natur sind ihr bevmsst. Sie beraten sie und stehen ihr in 
ihren Plänen der hygienischen Verbesserungen bei, und sie ver- 
leihen ihr neue Sicherheit bei den Vorschriften und Hausordnun- 
gen der Pflegeschwestem, den kühnen Sanitätsreformen, bei den 
Aufrufen an Völker und Fürsten, in ihrem kunstvollen Gewebe, 
das Liebe und Gesundung miteinander verbindet, und das sie 
wie ein wundersames Goldnetz über die leidende Menschheit 
gleiten lässt. 



145 

10 



Die Stimmen 

Sie ist 53 Jahre alt. Eine Pause, ein langes Atemholen in ihrer 
Arbeit. 

Ist es die Arbeit, die sich von der Schaffenden entfernt oder 
die Schaffende von ihrer Arbeit ? Das ist nicht klar. Doch gerade 
zu diesem Zeitpunkt verlässt der neue Vizekönig von Indien Lon- 
don nicht, ehe er sie aufgesucht hat. Als er ihr in seinem Brief 
versichert, dass er mit Freude bereit ist, ihre Anregungen und 
ihre Ratschläge für die Arbeit entgegenzunehmen, ist sie es, die 
den Faden fallen lässt. 

Vielleicht ist sie müde ? Vielleicht muss sie sich sammeln, um 
jene Stimmen von Gott besser zu hören, denen sie ihr ganzes 
Leben gelauscht hat, auch mitten in angestrengtester Arbeit. 

Es sind die Stimmen, denen Heilige, Mystiker, Denker und 
Philosophen lauschen. Von Plato zu Franz von Assisi, von dem 
Verfasser der Imitatio, von Thomas von Aquin zur heiligen 
Katharina von Siena. 

In dem sonnenerhellten Zimmer, in das seit Jahren nie mehr 
als eine Person eingelassen wurde, lebt sie ihr emsames, selt- 
sames Arbeitsleben im Zusammenhang mit der ganzen Welt. 
Unermüdlich das Gute mitten ins Herz des tätigen Lebens zu 
tragen ; unter dem Ameisengewimmel der Armsehgen und 
Bedrängten, hat sie jene Stimmen öfter als einmal m der Stille 
der Nacht, in oft wiederkehrenden Stunden der Schlaflosigkeit 
vernommen. 

Die Stimmen sagten ihr, dass das Paradies räum- und zeitlos 
ist — dass es auch auf Erden bestehen könne, für jeden von uns, 
zu jeder Stunde, heute, in diesem Augenblick Wirklichkeit wird, 
wenn wir guten Willens sind. 

146 



Wir können es für uns, können es für die anderen schaffen, 
wenn wir mit ganzer Seele und in völligem Vergessen um unser 
Ich darangehen und den Gesetzen unseres Herrn folgen. 

Pause in der intensiven Arbeit. Die Stimmen werden zahl- 
reicher : nur in der Stille lassen sie sich vernehmen und ihnen 
wendet sich die inbrünstige Seele zu, die stets in Gedanken und 
Taten die Wege Gottes gesucht hat. Jetzt auf der Schwelle des Alters, 
wie in ihrer ersten Jugend erbittet die glühende Seele vom Herrn 
ein Wort, einen Befehl, um Ihm in Leben und Sterben zu dienen. 

« Ich bin Deine Magd und Du bist mein Herr. » 

Rings um sie verschwinden die liebsten Menschen. 

Der Vater geht dahin, der sie verstanden hat, verstanden hat 
auch damals da sie als junges Mädchen sich gegen das Joch 
engstirniger Erzieher auflehnte, ohne noch die Kraft zu finden, 
sich von den Ketten zu befreien. 

Auch ihre Freunde Bracebridge werden ihr entrissen, sie, die 
Florence nach Italien, nach Griechenland, nach Ägypten, in die 
Krim begleitet haben, die lieben Freunde, die ihr mehr waren 
als Vater und Mutter und ohne deren Hilfe sie die Mission, welche 
Gott in ihr Herz gelegt, nie hätte vollbringen können. 

In ihrem Gemach allein, sieht Florence die herrlichen Kunst- 
werke Italiens und Griechenlands im Geiste wieder : die Sixti- 
nische Kapelle, den Parthenon. Die Sphinx erscheint in der 
ägyptischen Ebene und sie hört die Mahnung von einst. 

« Nichts wird vollbracht ohne Anstrengung, ohne festen Willen 
und harte Mühe. » 

« Jede grosse menschliche Tat ist ein religiöser Akt. » 

Sie erlebt die hingebende Arbeit in der Krim wieder von 
neuem, und wieder sieht sie die geliebten Freunde um sich, bereit, 

147 



ihr zu helfen, sie zu unterstützen, ihr die Aufgabe möglich und 
weniger schwierig zu machen. Ihre Liebe zu den einstigen Ge- 
fährten erneuert sich leidvoll durch den Schmerz, sie verloren 
zu haben. 

Pause. Die Seele erhebt sich in stummem Aufschrei zu den 
göttlichen Mächten, den Lenkern menschlicher Geschicke. Jeder 
grosse Gedanke führt zu einer grossen Tat. Davon ist Florence 
tief überzeugt. Hat sie doch alle Kräfte des sie beherrschenden 
Gedankens angespannt, um würdig zu sein, sich die Magd des 
Herrn zu nennen. 

Nun, da sie unter christlichen Mystikern weilt, die ihr soviel 
Trost und Erhebung gewähren, wünscht Florence, dass alle Men- 
schen die Freuden solcher Gemeinschaft erkennen möchten. Sie 
sammelt und übersetzt die Stellen, die ihrer Seele am meisten 
Licht gegeben haben und fasst sie in einem Buch zusammen : 

« Gedanken frommer Autoren des Mittelalters », ausgewählt 
und frei übersetzt von Florence Nightingale. 

Florence gibt sich der Meditation hin. Sie verliert sich in dem 
Ozean der Frömmigkeit, in der Liebe des Geschöpfes zum Schöpfer» 
in dem Geiste der Demut, von dem ihr ganzes Leben soviel 
Selbstentäusserung und soviel Hingebungsfähigkeit für die anderen 
herleitet. Mit Eifer sucht sie sich in die schwerwiegendste Resigna- 
tion zu fügen : ihre Tätigkeit auf ihre menschlichen Möglichkeiten 
zu beschränken. Mehr leisten, immer noch mehr um der Liebe 
Gottes und der Menschen willen, ist ihr einziges, tiefstes Streben. 
Warum hat ihr der Herr nicht Kräfte gewährt, die ihrem Wollen 
entsprechen ? 

Traurig sich damit abfinden zu müssen, das wenige zu leisten, 
wenn wir so viel vor uns sehen, das zu bewältigen wäre, und wenn 
unser ganzes Sein nach Unbegrenztem drängt ! 

Aber das wenige, das, Florence leistet, würde unendlich viel 
für andere bedeuten, die nicht wie sie, zur indirekten Leistung 

148 



gezwungen, sondern frei sind, zu handeln, sich zu bewegen, Men- 
schen und Dinge mit eigenen Augen zu sehen. Wer könnte be- 
haupten, dass Florence nicht unbegrenzt ist in Tat und Leistung ? 
Gewiss nicht die Pflegerinnen ihrer Schule, von denen sie jede 
einzelne kennt, die sie modelt und vertrauensvoll, gläubig und 
heiter ihrer Bestimmung zuführt. 

Nun kehrt Florence Nightingale mit gesteigerter Hingebung 
und dem Willen voller Verwirklichung zu dem Traum ihrer 
Jugendzeit zurück. Sie wollte doch den englischen Frauen einen 
Weg bahnen, der gleichzeitig eine Mission bedeutet. Sie wollte 
mit der Hilfe der englischen Frauen der Unwissenheit in England 
steuern, dem Laster, der Krankheit und der Armut. Sie wollte 
ihren Gefährtinnen, ihren Geschlechtsgenossinnen die Möglichkeit 
geben, einem starren, müssigen und leichtfertigen Leben zu 
entgehen. 

Die Pflegerinnen der Nightingale-Schule sind die Verkör- 
perung dieses Traumes. 

Alle kommen sie, eine nach der anderen, ihre Mutter zu 
besuchen. 

Sie sieht sie forschend an, prüft sie auf Herz und Nieren, 
bis auf den Grund der Seele. Es sind manche unter ihnen, die 
in ihrem früheren Leben Befriedigung finden könnten und viel- 
leicht zurückkehren. Aber viele sind, die in derselben Glut erglühen, 
wie Florence selbst, in denen sie sich zu neuem Leben wiederer- 
standen wähnt, und die sie ohne Besorgnis in die Feme hinaus- 
senden kann, um anderen die unauslöschliche Flamme zu über- 
tragen. 

Sie ziehen dahin, diese Zöglinge von Florence Nightingale, 
ziehen nach Indien, nach Schweden, nach Deutschland, in die 
Vereinigten Staaten. Sie zerstreuen sich in der Welt, nachdem 
sie eine genaue und weitreichende technische Unterweisung 
erhalten haben, eine moralische Erziehung, die es ihnen ermöglicht, 
die volle Verantwortung und die Grösse des von ihnen auszu- 
übenden Amtes zu empfinden. 

149 



Wo sind die betrunkenen, gewöhnlichen Pflegerinnen von einst ? 
Diese Neuen haben nichts von jenen übernommen, sie haben nichts 
mit ihnen gemein : Diese Neuen hat Florence Nightingale geschaffen. 

Die Pflegerinnen wissen, dass ein ihrer Sorge anvertrauter 
Kranker ihr Bruder ist, dem Hilfe dargebracht, ein Bruder, dem 
Trost gespendet werden muss. Sie wissen, dass Leben und Tod 
in ihre Hände gelegt sind, und dass eine einzige Ungenauigkeit, 
ein Irrtum unheilvoll sein können. Sie wissen, dass die Befehle 
der Vorgesetzten auf das pünktlichste zu befolgen sind, ohne 
Widerspruch und Anmassung. 

Sie begeben sich nach ihren oft sehr weit entfernten Bestim- 
mungsorten und kehren nach langer Arbeitszeit ermüdet, er- 
schöpft zurück. Sie erholen sich in einem friedlichen Heim in 
einer schönen Landschaft, geniessen mit dem Frohsinn der Jugend 
die Zeit der Ferien. Eine angenehme Zeit, in der Bücher, Blumen, 
gesunde und sorgfältig zubereitete Gerichte die die grosse Einsame 
ihnen sendet, niemals fehlen. 

Der Kreis erweitert sich : es sind schon eine grosse Zahl 
Pflegerinnen vorhanden, deren Wesen sehr verschieden ist. Aber 
der Geist ist und bleibt einheitlich. 

Den Geist, der die Pflegerinnen beseelen soll, wie klar und 
bis ins Kleinste ausführlich hat Florence ihn doch in ihren be- 
schwingten Botschaften, Spiegeln ihrer Seele, dargelegt. 

« Eine Frau, die in der Krankenpflege nichts anderes sieht, 
als die sentimentale Seite, ist schlimmer als unnütz ; eine, die 
daran denkt, sich zu opfern, dient zu nichts und eine, die es unter 
ihrer Würde findet, den demütigsten Dienst der Krankenpflege 
zu leisten, wird immer nur eine Bürde sein. » 

« Wenn wir kein wirkliches Gefühl und religiösen Aufschwung 
haben, so wird das Leben im Krankenhause — das erhabenste 
von allen, wenn wir in der dazu erforderlichen Geistesverfassung 
sind — eine mechanische und gewohnheitsmässige Arbeit, voll 
Mühe und Plage. » 

150 



Sendung gehört gewiss dazu, Berufenheit und religiöses Gefühl. 
Genügt das aber auch ? Nein, es genügt nicht. Eine grosse und 
seltene Tugend ist dazu nötig : Demut. 

« Jene, die sich denkt : Jetzt bin ich eine echte Pflegerin, eine 
tüchtige Pflegerin, die alles gelernt hat, was zu lernen war — seid 
davon überzeugt, was ich Euch sage, eine solche Frau weiss nicht, 
was es heisst, eine Pflegerin zu sein und wird es niemals erfahren. 
In ihrem Leben macht sie schon Schritte nach rückwärts. » 

Aber wenn eine Frau vollkommen, technisch und moralisch 
eine Pflegerin zu sein versteht, wie wundersam, ja zauberhaft 
ist dann ihr Einfluss. 

« Die Krankenhaus-Pflegerinnen haben wie keine andere Frau 
die Kranken, die sie pflegen, in ihrer Macht. Niemand hat über 
Menschen eine so unbegrenzte Machtvollkommenheit. Noch mehr : 
die Spitalspflegerin übt ihren Einfluss über die Patienten aus, 
wenn diese äusseren Eindrücken gegenüber besonders empfänglich 
sind ; auch ohne es zu wollen, prägt sie ihnen ihren Stempel 
auf. » 



Die Zöglinge der Schule von St. Thomas 

Feierliche, festliche Tage für die Zöglinge der Schule von 
St. Thomas. 

Sir Henry Vemey, Rorencens Schwager und Präsident des 
Verwaltungsrates für den Nightingale-Fonds, verliest die neue 
Botschaft der Stifterin. Fast alljährlich schickt sie ihren lieben 
geistigen Töchtern Worte des Zuspruchs, die für sie Fanfaren- 
klang bedeuten, der sie zusammenruft, um gemeinsam eine höhere 
Warte zu erreichen. 

151 



Stumm und unbeweglich lauschen die Pflegerinnen. 

« Der grösste Teil von Euch hier Anwesenden wird in wenigen 
Jahren eine hohe Verantwortung auf sich nehmen. Ihr befindet 
Euch alle auf der Schwelle des tätigen Lebens. In diesem tätigen 
Leben wird Euer Charakter auf die Probe gestellt werden, sei 
es im Gehorchen oder Befehlen oder in beidem zugleich. Werden 
wir der übernommenen Aufgabe unfähig erklärt werden ? 

Unfähig uns selbst und daher die anderen zu beherrschen ? Viel- 
leicht mit vielen guten Eigenschaften versehen, doch durch Egois- 
mus, Anmassung, ein wenig Indolenz, ein wenig Oberflächlichkeit, 
Eitelkeit, Reizbarkeit, durch die Gewohnheit, sich selbst zu leicht 
zu verzeihen oder durch den Mangel an Entäusserung zum Lebens- 
kampf ungeeignet. 

Könnten wir uns doch vorstellen, dass wir in dreissig Jahren 
uns wieder hier versammeln und imstande wären über uns zu 
urteilen, und uns aufrichtig zu sagen, warum einer von uns der 
Erfolg beschieden war und einer anderen nicht, warum das Leben 
der einen wahren Segen für ihre Patienten bedeutet hat und eine 
zweite von einem Ziel zum anderen geirrt ist, die eigene Befriedi- 
gung gesucht hat und nichts zu vollbringen fähig war... » 

Die Pflegerinnen lauschen und in ihren Herzen erwacht 
ein Gelübde : Ihrer würdig zu werden. Sie, die fern ist und 
einsam, weilt ihnen näher, als hätte sie heute ihren Platz unter 
den Spitzen der Behörden und der Gesellschaft. Sie ist ihnen 
näher, als wenn sie in eigener Person die Worte vorlesen würde, 
die sie für ihre Zöglinge gedacht und niedergeschrieben hat. 
So sind diese Worte die Seele ihrer Seele, das Wollen ihres 
Wollens. 

Für sie, in ihrem Geiste wirkend, ist Agnes Jones in die Bresche 
gesprungen, ohne Pause, ohne Ruhe bis in den Tod. 

« Wir sind Soldaten und wollen, dass unser General mit uns 
zufrieden sei. » 

152 



Auf ihren Wegen wandelnd pflegte Anna Hill unermüdlich 
und von allen gesegnet die Kranken ihres Spitals, niemals daran 
denkend oder sich dessen erinnernd, was sie geleistet hatte, sondern 
ihren Geist auf das gerichtet, was noch zu leisten blieb. 

Die ihrer Aufgabe bewussten jungen Mädchen werden die 
Pflegerinnenschule des St. Thomas-Spitals verlassen. In ihrem 
Herzen widerhallt das Echo jener Stimme. Und Florence wird 
unbeweglich zurückbleiben, wie ein Symbol, wie ein Pol, dem 
alle sich zuwenden müssen und den alle Stimmen erreichen. 



Das hungernde Indien 

Ja, alle Stimmen, auch die Stimme des hungernden Indiens. 

Die Einsame konnte ihre Gedanken nicht mehr von den 
Gestalten befreien, die sie im Wachen und Träumen verfolgten : 
indische Kinder, die zu hunderttausenden dahinstarben, Bilder 
von der Hungersnot, von entsetzlichstem Jammer. 

Sie sieht sie körperlich vor sich, diese Bilder. Sie hört die 
Klagen, die bis zu ihr dringen, über Berge und Meere. 

Was tun ? 

Jahr für Jahr hat sie gearbeitet, damit dieses Volk ein gesundes 
Leben führen könne. Jetzt quält sie die Vorstellung unsagbar, 
dass die Menschen dort in Massen hinsterben, aus Mangel an 
Nahrung. 

Sie weiss, dass eines zu vermeiden wäre : die Hungersnot. 

« Hätten wir ihnen rechtzeitig Wasser gegeben, so wären 
wir jetzt nicht gezwungen, ein Stück Brot für sie zu suchen, ohne 
es zu finden. » 

Ihnen Wasser geben. Wer könnte das ? Wer will das bezahlen? 
Wer versteht denn, dass Wasser an sich Brot bedeutet ? Wer 
kennt den Wert des bewässerten Bodens ? Die Masse sicherlich 
nicht, die unwissend stirbt. 

153 



Florence sieht klarer denn je, dass alle Fragen des Menschen- 
lebens, der Fürsorge wie der Existenz, der Produktion und des 
Elends, des Überflusses und der Hungersnot nur Fragen der 
Erziehung sind, 

Erziehung ist notwendig. Es ist notwendig, dass die Massen 
es verstehen, den von ihnen mit eigener Kraft bearbeiteten Boden 
zum Ertrag zu bringen. Es ist notwendig, dass sie Arbeitswillen 
besitzen, dass sie der Hungersnot genau so wirksam entgegen- 
arbeiten, wie der Cholera. Es ist notwendig, dass sie ungeheure 
Flächen unbebauten Landes bearbeiten und fruchtbar machen. 

Ist das möglich ? Auf welche Art ? Wie kann man es anpacken, 
da doch unter denen, welche diese Fragen erforschen, viele von 
ganz entgegengesetzter Meinung sind und verschiedene Gesichts- 
punkte vertreten ? Hat Florence Nightingale sich wieder einmal 
zu wuchtige und zu weitläufige Probleme aufgebürdet, die ein 
schwacher Mensch nicht zu enträtseln vermag ? Probleme, die 
Jahre unablässigen Studiums und mühevoller Arbeit, vielleicht 
Dezennien, vielleicht Jahrhunderte erfordern, ehe sie gelöst sind. 

Vielleicht. Doch Florence Nightingale ist daran gewöhnt, 
durch ihre Arbeit auch solche Unternehmungen siegen zu sehen, 
die man für undurchführbar erklärt hatte. Und sie wendet sich 
neuerlich an ihre grosse Freundin, die Statistik. 

Mit beklommenem Herzen (das Indienamt meldet eine Million 
zweihundertfünfzigtausend Tote, aber Florence weiss, dass es 
noch viel mehr sind) schreibt sie an ihre unzähligen Vertrauten, 
Offiziere und Beamten, an die Zivil- und Militärbehörden, die 
über ganz Indien verstreut sind. 

Soviel Zahlen, soviel Schmerz ! 

Sind die Zahlen so trocken, die Statistik eine strenge Wissen- 
schaft ? 

Für sie sind sie das nicht, weil sie in den Zahlen die Menschen 
erkennt, die leben und sterben. Männer, Frauen, zu Skeletten 
abgemagerte Kinder, die irgendwelche von der Sonnenglut 
versengten Grashalme saugen und mit ihren grossen, glänzenden 

154 



schwarzen Augen, die tief in den Höhlen liegen, vergebens um 
ein Stück Brot bitten, um die Martern des Hungers zu lindem, 

Zahlen, Zahlen und wieder Zahlen. Es sind nun schon vier 
Millionen Tote, nur die Landstriche, in denen der Boden durch 
das Wasser fruchtbar gemacht wurde, sind von der Hungersnot 
verschont geblieben. 

Zahlen, Zahlen, Zahlen, mehr als vier Millionen Tote und 
die Finanzleute verhandeln über die Möglichkeiten, Geld zu 
beschaffen, und die Ingenieure über die besten Methoden, den 
Boden zu bewässern. 

« Es ist die Pflicht der Regierung, die Bewässerung auf jede 
Weise zu fördern : mit grossen wie mit kleinen Arbeiten, indem 
sie Brunnen, Zisternen, grosse und kleine Kanäle bauen lässt, 
indem das Privatkapital ermutigt wird, Anleihen und Bürgschaften 
zu gewähren. » 

« Die Inder », ein Artikel, der im « Neunzehnten Jahrhundert », 
der Zeitschrift für ernste Leser, erscheint, bedeutet einen Alarmruf. 
Er beunruhigt das bürokratische Gewissen, begeistert einen alten 
Apostel der Wasserversorgung, Sir Arthur Cotton. 

« Wenn 50 Jahre harter und wenig geachteter Arbeit mir keine 
andere Belohnung, als den Ihres Briefes gewährt hätten, würde 
ich mich schon sehr geehrt fühlen. Aber Ihre Anteilnahme an 
diesem grossen Problem wird das Zünglein an der Wage sein», 
schreibt ihr Sir Cotton. 

Staatssekretäre, Vizekönige, Gouverneure, bekannte und un- 
bekannte Persönlichkeiten wachen auf, regen sich. Ja, aber das 
geht alles so langsam, verglichen mit der Ungeduld der grossen 
Einsamen, die im Geiste schon ein Indien sieht, wie es noch 
nicht existiert und wie es doch werden kann und muss ! Sie will 
für das ihr so teure Land, das so sehr gelitten hat und noch 
leidet, all das Gute verwirklicht sehen, das die Menschen ihm 

155 



nur mühsam, unendlich langsam und in angestrengtester Arbeit 
erringen. 

Die Gedanken haben Flügel, doch die Materie hat bleierne 
Füsse. Wenn eine Wahrheit dem Geiste eines Menschen erkennbar 
geworden ist, so scheint es, als hätte sich ein Funke in der Finsternis 
entzündet. Doch ehe nicht viele solcher Funken sich zeigen, 
wird das Licht noch nicht leuchten. 

« Könnte ich nur etwas für Indien tun ! » ruft Florence Nightin- 
gale in ihrer Verzweiflung. Es scheint ihr, dass alle die für das 
unglückliche Land ertragenen schweren Mühen vergebens seien. 
Alles kommt ihr unnütz vor : die Artikel, die in den Zeitungen 
veröffentlicht wurden und das niemals veröffentlichte Buch — 
das Referat der Regierung, das die sanitäre Frage aufgeworfen 
und in Gang gebracht hatte, die Briefe an die Machthaber und die 
Aufrufe an das Volk — war das alles unnütz ? 

Die Arbeit ist niemals unnütz und ein Funke nach dem 
anderen ist erglommen, bis es Licht ward. 

Die Jahre vergehen und Florence wird sterben. Ihr Freund, 
der sie in der Indien-Frage so tatkräftig unterstützte, Lord 
Lawrence, ist schon dahin. Doch immer neue Fackeln flammen em- 
por, um mehr Licht für eine schönere Zukunft zu schenken. Die 
indische Frage wird ihren Weg machen, mit der Zeit wird sie 
ihre Lösung finden. 



Allein 

Allein ! 

Und doch lebt in ihrer Nähe, nur wenige Häuser entfernt, 
ihre Schwester Parthenope mit ihrem Gatten Sir Henry Vemey. 
Diese beiden sind ja auch in gewissem Sinn ihre Schüler und ihr 
sehr ans Herz gewachsen. Und in London, in England, in der 
ganzen Welt leben unzählige ihrer Freunde, die sie bewundem 

156 



und lieben, für die eine Stunde in ihrer Gesellschaft eine Freude 
ohne gleichen bedeutet. 

Trotzdem verzichtet Florence nicht auf ihre Einsamkeit, die 
sie davor bewahrt, ihre Kräfte an die vielen Kleinigkeiten des 
täglichen Lebens zu verschwenden. Gerade weil sie so viele 
Freunde hat, muss sie sich davor hüten, dass ihre Zeit zu sehr in 
Anspruch genommen wird. So lädt sie nur selten, einmal die und 
das andere Mal jene ein, die sie zu sehen imstande ist — vor allem 
die Pflegerinnen. 

Zur festgesetzten Stunde begeben sich die Freunde in das 
helle, mit duftenden Blumen geschmückte Zimmer, wo Florence 
auf ihrem Lager ruht oder, an guten Tagen, in ihrem Lehnstuhl 
sitzt. Sie sehen eine alte Dame vor sich, mit freundlichem, 
klugen Antlitz, klaren durchdringenden Augen, kleinem Mund, 
der von Festigkeit und Entschlossenheit zeugt, hoher, feinumris- 
sener Stirne und zarten, weissen Händen. 

Sie beginnt zu sprechen ; in dem stillen Gemach scheinen 
die Gedanken zu vibrieren, und die Besucher fühlen sich in eine 
höhere Atmosphäre versetzt. Nichts ist mehr grau, banal, kon- 
ventionell. Menschen und Dinge — die kranken Kinder und 
die siechen Greise, das ferne Indien mit seinen wilden Auf- 
ständen, die Tatsachen des täglichen Lebens, die Wünsche und 
das Streben des Gastes, die politische Situation — alles erscheint 
in neuem Lichte, im Lichte der Liebe, in einem von Liebe 
erfüllten geistigen Licht. 

Wie in ein Heiligtum sind Besucher und Besucherinnen 
lautlos eingetreten. Wie nach einem tiefen, religiösen Erlebnis 
entfernen sie sich wieder still, im Herzen auf lange, vielleicht 
auf immer, das Gedenken dieser Stunde bewahrend. 

Das Fenster ist offen. Florence blickt in den Garten hinaus. 
Auf dem riesigen Baum haben sich unzählige grosse und kleine 
Vögel versammelt, deren Gefieder in allen Farben des Regen- 
bogens schillern. 

157 



Temperance, die treue Kammerzofe tritt ins Zimmer und 
bringt das Vogelfutter, das sie auf dem Fensterbrette ausstreut. 
Da kommen auch schon die gefiederten Gottesgeschöpfe herbei 
und drängen sich auf dem Fensterbrett. Die alte Dame sieht 
liebevoll zu : noch immer schreibt sie ihre täglichen Beobachtungen 
mit derselben Aufmerksamkeit nieder, wie sie einst als kleines 
Mädchen ihre Lateinaufgabe gemacht hat. « Vögel » ist ein Brief 
betitelt, der im « Bulletin der Gesellschaft zum Schutz der ge- 
flügelten Freunde » abgedruckt wird und von der Fütterung der 
kleinen Gäste am Fenster berichtet. 



Sie kehrt nach Lea Hurst zurück. Die Mutter steht nun im 
Greisenalter, und ihre Tochter ist ja auch schon eine alte Frau. 
Aber die Mutter ist ungemein liebevoll gegen ihre Florence und 
so glücklich, sie bei sich zu haben. Die Tochter ist viel ruhiger 
geworden, kann sich vielen Freunden ihrer Mutter und dem 
Haus widmen. In voller Ungestörtheit vermag sie hier Gutes 
und Nützliches für die Familien der Umgebung zu schaffen : 
Mütterversammlungen, Gründung von Bibliotheken, Kranken- 
fürsorge für die Armen. Die grosse Aufgabe ihres Lebens, die ihr 
soviel Pein, Sorge, namenlose Unruhe gebracht hat, ist nun voll- 
bracht. Vielleicht hat sie das Recht erworben, sich auszuruhen, 
einen ruhigen Überblick ihres Lebens zu gewinnen. 

Gewiss ist ihre grosse Seele von der Arbeit innig befriedigt, 
von der Erholungspause erquickt. 



Auf ihre eigene Weise 

Neujahrstag 1879. Unter den vielen Briefen ist auch einer 
von Freund Jowett. Einer von seinen warmen, herzlichen Briefen, 
ein Schreiben, das so wie der Händedruck eines Menschen ist, 
der versteht und erkennt. 

158 



« Ich kann für Sie nur eines wünschen : dass Sie fortfahren 
zu leben, wie Sie bis jetzt gelebt haben, auf Ihre eigene Weise. 
Das menschliche Elend lindernd und das Wort für jene ergreifend, 
die nicht imstande sind, sich vernehmlich zu machen. Dadurch 
werden Sie etwas weniger leiden, wenn nicht, wie ich beinahe 
fürchte, gerade diese Ihre Leiden eine notwendige Voraussetzung 
für den Weg wären, den Sie sich gewählt haben. Vor 25 Jahren, 
als Sie aus der Krim zurückkehrten, da waren Sie von einer 
Atmosphäre grosser Romantik umgeben, und ich glaube wohl, 
dass Sie damals hätten Herzogin werden können, wenn Sie nur 
gewollt hätten ! Jetzt arbeiten Sie in der Stille. Und keiner hat 
davon eine Ahnung, wieviele Menschenleben täglich von Ihren 
Krankenpflegerinnen gerettet werden, wieviele Soldaten dem 
Leben wiedergeschenkt worden sind, die ohne Sie als Opfer der 
Luft und des Wassers zugrunde gegangen wären, wieviele ein- 
geborene Inder — sicherlich hunderttausende von Menschen — 
der gegenwärtigen wie der künftigen Generationen zwischen 
sich und der Hungersnot, zwischen sich und dem grauenvollen 
Elend plötzlich einen Schutzwall aufgerichtet sahen : dank Ihnen 
allein. Dank einer kranken Frau, die nur selten ihr Bett zu verlassen 
imstande ist... Aber ich weiss es und denke daran und will, dass 
auch Sie dessen eingedenk wären, damit Sie dessen gewiss sind, 
dass Ihr Leben ein Segen gewesen ist und bleiben wird... » 

Florence liest den Brief und eine Woge tiefer Gemütsruhe, 
der Dankbarkeit, der Demut erfüllt ihr Herz. 

Sie blickt zum Himmel empor, vernimmt die Stimmen von 
ehedem, die sie so oft gerufen, und sie dankt Gott. Ihre Seele 
ist von Gott erfüllt. 

Sie gedenkt auch ihres lieben Arbeitsgefährten Sidney Herbert. 
Vor achtzehn Jahren hat er das Leben verlassen, jetzt ist er bei 
Gott in der ewigen Gewissheit. Mit ihm sind andere Freunde 
dahingegangen. Viele, so viele. 

Florence hofft, sie bald wiederzusehen, bald, im grossen Licht 
der Erkenntnis. 

159 



Die Wurzeln des irdischen Lebens lösen sich eine nach der 
anderen. Auch die Hebe Mutter — ist es nicht einer der schönsten 
Siege von Florence gewesen, auch sie ihren Idealen erobert zu 
haben — schlummert ein. 

Florence ist ihr zur Seite. Sie spricht ihr die liebsten Psalmen 
und Gebete vor. Sie sieht sie lächeln, als wollte sie sagen : « Ich 
sterbe und alles ist gut. » Sie sieht sie die Hände falten und die 
Augen schliessen : sie fühlt, dass sie zu einer grösseren Liebe 
dahingegangen ist. 

Sechzig Lebensjahre. Ein langer Weg und schwere Mühen. 

Jetzt kann Florence den Wunsch erfüllt sehen, den sie so viele 
Jahre vergebens gehegt hat : endlich kann sie ihr Krankenhaus 
betreten. Endlich kann sie ihre Krankenpflegerinnen an der 
Arbeit sehen. 

Eine jede von ihnen steht zitternd auf ihrem Posten, einfach 
und jugendlich, hold in ihrer weissen Tracht. Manche von ihnen 
würgt es in der Kehle vor tiefer Rührung. 

Seit zwanzig Jahren besteht die Pflegerinnenschule mit ihrem 
Schulspital und niemals hatte die Unsichtbare, Vielgeliebte und 
stets Gegenwärtige die Schwelle betreten. Jetzt tritt sie ein. Jetzt 
sieht sie sie in ihrem Hause versammelt, ihre Töchter, die Ge- 
schöpfe ihres Herzens. Sie, die sie erträumt und gewollt hat, 
um den Menschen Frieden und Gesundheit zu bringen. Wie 
müde und ernst ist die Träumerin. Aber die jungen Schwestern 
sind leichtfüssig und flink an den weissen Betten des Kranken- 
hauses, das ein Juwel der Ordnung und blitzblanker Reinlich- 
keit ist. 

Sie sieht im Geiste die Spitäler des Ostens aus jenen Tagen 
wieder, von Ungeziefer, Ratten, Mäusen und wer weiss was noch 
allem bevölkert. Die Kranken beschmutzt, verlaust, kraftlos, halb 
verdurstet und verhungert, sich selbst überlassen. Ein Licht der 
Liebe leuchtet in ihren Augen : ihre Töchter werden es nie 
vergessen. 

160 



Sie haben es auch nicht vergessen, als sie 1 882 den Ruf 
erhielten, die Kämpfer in den Feldzug von Ägypten an den Kriegs- 
schauplatz zu begleiten. Die von Florence sorglich ausgewählten 
und gewissenhaft vorbereiteten Pflegerinnen könnten es ja gar 
nicht vergessen. Denn sie hilft ihnen durch ihre Briefe, Ratschläge 
und Liebesgaben. Auch ihre Soldaten vergessen sie nicht : sie 
schicken ihr aus Ägypten eine Arbeit, die sie während ihrer Rekon- 
valeszenz im Spital angefertigt haben. Nach Abschluss des Feld- 
zuges sieht sie die Soldaten vorüberziehen, die Uniform mit- 
genommen, abgemagert, welk, aber willensstark, schweigend, 
sauber und ihrer Manneswürde bewusst. 

Sie sieht sie vorüberziehen und ihre Augen füllen sich mit 
Tränen. Ist auch wirklich alles für diese Söhne, diese Kinder 
des Vaterlandes getan worden ? 

Nein, nicht alles ist für sie getan worden. 

Und Florence ist wieder am Werk, wie in ihren schönen 
Kampfzeiten neben Sidney Herbert. Wieder hat sie zu kämpfen, 
den guten Krieg der Soldatenfürsorge. Den guten Krieg, der nie 
aufgegeben werden darf, den die edelsten der Geister täglich 
notwendig und gegenwärtig fühlen. 

« Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern 
das Schwert. » 

Diese Worte Christi erlebt sie heute, stärker denn je. 

Vorwärts, vorwärts ! Die Mängel sind stets dieselben, wenn 
auch in geringerem Grade als während des Krim-Krieges. Un- 
vollständige Ausrüstung, unvollkommene Organisation der Küchen, 
Lücken in der Erziehung und der Bildung bei denen, die mit 
der Pflege und Fürsorge betraut sind. 

Florence setzt ihre alten, gesunden Kräfte, ihre volle Energie 
für die Reorganisation, für die stufenweise Verbesserung ein. 

Auch das königliche Ehrenzeichen vom Roten Kreuz, das 
ihr die Regierung verleiht, wird ihr nur Mittel zum Zweck. 

Als die grosse Pflegerin zu Hof geladen wird, um das Kreuz 
entgegenzunehmen, « für ihre besonderen Verdienste um die 

161 

n 



Pflege der kranken und verwundeten Soldaten und Matrosen », 
denkt Florence, dass dieses königliche Rote Kreuz auch zu etwas 
dienen könnte. Da sie nicht imstande ist, zu Hof zu gehen, erbittet 
sie sich die Gunst, an die Königin schreiben zu dürfen. 

Briefe von so leuchtender Klarheit und Überzeugungskraft, 
von selbstloser Liebe für ihre Soldaten und Matrosen erfüllt. 

Die Königin wird jetzt mehr als e zuvor, Schülerin von Flo- 
rence, eine Mitarbeiterin ihrer guten Sache... 



Wer ist jetzt der neue Vizekönig von Indien ? 

Lord Ripon. Auch er ein alter Schüler, der in den vergangenen 
Tagen als untergeordnete Hilfskraft mit Sidney Herbert und 
Florence gearbeitet und deren Ziele und Bestrebungen zu den 
seinen gemacht hat. 

Von dem gleichen Geiste bewegt, der in ihrer Seele glüht, 
schreitet er mutig und aufrecht auf ihrer Bahn, ein eifriger Kämpfer 
gegen alle jene — und es sind deren Legion ! — die ein elendes und 
unwissendes Indien wollen, um es besser beherrschen zu können... 

Er schafft eine Kommission zur Erziehung der Inder, ein 
Amt, das die Agrarfragen und die verschiedenen Systeme der 
Bodenbebauung studiert. Er wird zum Verteidiger eines Gesetzes, 
das eine Horde von Feinden gegen ihn anstürmen lässt. 

Es ist ein sehr einfaches Gesetz, das Florence als nichts anderes, 
denn ein Akt reinster Gerechtigkeit erscheint. Aber fast niemand 
denkt wie sie und wie Lord Ripon. 

Ein einfaches Gesetz, das Florence mit grösster Klarheit in 
einem Briefe an die Königin Viktoria darlegt und sie überzeugt. 
Lord Ripon will nichts anderes, als dass indische Richter von 
gleichem Rang und mit denselben Titeln wie die englischen 
Richter nicht nur für die Eingeborenen, sondern auch den Euro- 
päern gegenüber ihre richterliche Gewalt ausüben sollten. 

Die Europäer ! Sie sind alle in Aufruhr ! Sie kämpfen in geschlos- 
sener Masse, Mann an Mann, mit allen Mitteln bis zum äussersten. 

162 



Aber das Gesetz wird von einem gewaltigen Kämpfer ver- 
teidigt, der an harte Siege gewöhnt ist. So dringt es auch tatsächlich 
durch, mit der Änderung, dass die Europäer, über die ein ein- 
geborener Inder Recht gesprochen hat, gegebenenfalls an eine 
Jury appellieren können. 

Das Gesetz ist nur nach ungemein schweren Kämpfen 
durchgegangen, nach Kämpfen, die einen der Streiter erschöpft 
haben. Lord Ripon fühlt sich der Lage nicht mehr gewachsen, 
verzichtet auf das Amt des Gouverneurs und verlässt Indien. 

Wer wird sein Nachfolger ? Ein Freund — ein Feind ? 

Ein anderer Jünger. Er sucht Florence Nightingale in ihrem 
entlegenen Gemach auf. Er will sich von ihr Informationen über 
die Lage, die Verhältnisse in Indien holen, über die notwendigsten 
Reformen auf dem Gebiet des Ackerbaues, der Güterverwaltung, 
der sanitären Einrichtungen. 

« Davon weiss ich so gut wie gar nichts. Geben Sie mir Instruk- 
tionen und ich werde Ihnen gehorchen. Verschaffen Sie mir die 
dringendsten Memoranden. Ich werde sie während der Seereise 
studieren. » 

Sehr viel Studienmaterial hat der neue Vizekönig von Indien 
während der langen Überfahrt durchzuarbeiten ! 

Und eine grosse Anzahl von Krankenschwestern geht nach 
Ägypten ab, um die Soldaten zu pflegen. 

Es sind durchwegs Nightingale-Pflegerinnen, jede einzelne 
trägt em Lächeln, einen Gruss, ein Andenken mit sich fort, in 
die Florence ihre ganze Seele gelegt hat. Es ist, als ginge sie wieder 
nach dem Orient, wo die Soldaten voll Bangen die Worte, die 
Stimme, die Pflege und Fürsorge der englischen Frau erflehen... 



163 



Vor der Abreise 

Das Dampfschiff wird um 1 1 Uhr in See stechen. Doch in 
dem stillen Gemach sind zwei Frauen allein am Frühstückstisch. 

Eine alte Dame mit weissem Haar, mit durchdringenden 
blauen Augen in dem energischen und friedvollen Antlitz ruht 
in ihrem Lehnstuhl von weissen Kissen gestützt. Neben ihr eine 
junge, schlanke Krankenschwester im dunklen Reisekleid. 

In den wenigen Tagen der Vorbereitung ist die Arbeit von 
grösster Intensität gewesen. Jetzt in der Ruhepause dieses letzten 
Besuches bei Florence Nightingale fühlt Schwester Philippa nur 
den tiefen Frieden, die starke Woge beschützender und sorgender 
Liebe, den grenzenlosen Willen zum Guten... 

« Nehmen Sie doch noch eine Schnitte Brot und Honig, liebe 
Schwester ! Das ist ein echtes englisches Frühstück, und es freut 
mich, zu wissen, dass Sie ihr nächstes Frühstück hier bei mir 
redlich verdient haben werden, wenn Sie nach England zurück- 
kehren. » 

Schwester Philippa ist sehr nachdenklich geworden. 

« Am Ende kehre ich nicht mehr zurück und werde kein 
Frühstück mehr bekommen », sagt sie halb lächelnd, halb nach- 
denklich. 

« Mein liebes Kind, glauben Sie mir, Sie werden sich's verdient 
haben. » 

Schwester Philippa hört auf die tiefe Bedeutung der so ruhig 
ausgesprochenen Worte. 

Ja ihre Reise, ihre Arbeit werden gut ausfallen, was auch 
geschehe. Die lieben Worte werden ihr unvergessen sein, wie die 
Blumen, die sie in ihrer Schiffskabine findet mit den guten 
Wünschen von Ihr, die zurückbleibt. 

164 



Wer bleibt zurück ? Nur der Körper ! 

Herz, Geist und Seele von Florence Nightingale sind ja dort 
unten. 

« Liebes Fräulein Williams ! 

Wie wünschte ich Ihnen bei der Pflege Ihrer armen Typhus- 
kranken helfen zu können ! Die schlimme Unvorsichtigkeit der 
Infanteristen ist mir nur zu gut bekannt. Aber die blosse Tatsache, 
dass sie selber wissen, ihre Gedankenlosigkeit werde von Ihnen 
als ein Verbrechen angesehen, gibt den Dingen ein besseres 
Gesicht. Könnte ich doch wieder eine Magd des Herrn werden, 
wie Sie es sind ! Mit Gott ! Und der Herr segne Sie ! » 

Wenn Schwester Sibille ihr schreibt und ihr von ihrem Nacht- 
dienst berichtet, ist es, als poche Florence Nightingale's Herz 
in jenen Krankensälen, die in der Stille der Nacht so feierlich 
und unermesslich weit erscheinen. Sie sieht sie vor sich, von 
kleinen Flämmchen matt erhellt, mit den riesigen Schatten an den 
Wänden. Sie tritt an die Betten, weilt bei den Rekonvaleszenten, 
die kaum den Typhus überstanden haben, diese grossen, hungrigen 
Kinder, die gierig den Mund aufsperren, gleich aus dem Nest 
gefallenen Sperlingen, wenn sie mit den Suppentellern in der 
Hand zu ihnen kommt. 



Immerdar Deine Magd... 

Briefe und wieder Briefe treffen ein und werden beantwortet. 
Ein ständiger, starker und inniger Kontakt ist zwischen ihr und 
den Pflegerinnen. 

Weihnachten 1885. Florence ist Gott zugewandt, fast mehr 
als sonst, wenn das noch möglich ist, sie ist in Ihn versunken und 
spricht in stiller, frommer Ergebenheit zu Ihm. 

165 



« Bis zum Ende gewähre es der armen, alten Frau, sich Dir zu 
weihen, o Herr ! Die als junges Mädchen nichts war als Deine 
Magd, wird immerdar Deine Magd bleiben. » 

Es ist eine Zeit der Freude für England gekommen. Fünfzig 
Jahre sind vergangen, seit Viktoria, Königin von England und 
Kaiserin von Indien, den Thron bestiegen hat. An den Festlich- 
keiten des Jubiläums nimmt die ganze englische Welt teil, und die 
englischen Frauen stiften für ihre Königin einen National-Fonds. 

Und die Königin, stets die getreue Schülerin von Florence 
Nightingale, bestimmt diesen National-Fonds für die Pflege 
mittelloser Kranken durch beruflich ausgebildete, tüchtige Pflege- 
rinnen. Das alte Schulspital von St. Thomas muss einer grösseren, 
vollkommeneren Spitalschule weichen, die zu diesem Zwecke 
aus den reichen Mitteln des National-Fonds errichtet wird. 

Das frühe Streben von Florence erfährt in ihrem Alter volle 
Verwirklichung. 

« Wir sind jetzt Mode : Vorsicht ! Wir dürfen vom Wege nicht 
abirren ! » 

« Könige schenken uns ihr Lächeln : Vorsicht ! » 

Wer hätte es dem jungen Mädchen Florence prophezeien 
wollen, dass sie einen ihrer Kämpfe, und zwar den grimmigsten 
von allen, gegen den Verband der englischen Pflegerinnen zu 
führen haben würde ? 

Stand die Schöpferin gegen ihre Schöpfung ? 

Nein. Der Verband der englischen Pflegerinnen ist nicht 
jene Gemeinschaft von Frauen, wie sie Florence Nightingale 
erträumt hatte. Es sind nicht mehr Arbeiterinnen, die nur danach 
streben, dem Herrn zu dienen, den Übeln vorzubeugen und sie 
zu heilen, die Leidenden aufzurichten. Es sind nur Berufsange- 
hörige : Frauen also, die in der Krankenpflege nichts anderes 
erblicken, als den Beruf, nicht die Sendung und Berufung, 

166 



Die so humane Idee von Florence wird 2x1 einer sehr materiellen 
Angelegenheit. Und der Verband der englischen Pflegerinnen, 
an dessen Spitze die königliche Prinzessin Christine als Präsidentin 
steht, erscheint der Ersten Pflegerin etwas unendlich Wesensfremdes. 
Die Ziele dieses Verbandes sind den Zielen entgegengesetzt, für 
die Florence ihr Leben dargebracht hat : Ziele von rein beruflicher 
Prägung, einzig darauf gerichtet, die Lage der Pflegerinnen durch 
ausschliesslich materielle Forderungen zu verbessern. 

In der Stille der Nacht, in den schlaflosen Nächten, während 
welchen das Empfinden vertieft und vermannigfacht wird, quält 
sich Florence mit Vorwürfen und Selbstanklagen. 

« Die Schuld ist mein. Ich habe es nicht verstanden, den 
Pflegerinnen mein Ideal einzuprägen. Ich habe Prinzessin Christine 
nicht im richtigen Moment gerufen. Ich bin eine schlechte Magd 
und tauge zu nichts. » 

Florence Nightingale, weisst Du denn nicht, dass es keinem 
auf der Welt gelingt zu verhindern, dass ein menschliches Ideal er- 
niedrigt und erdenhaft wird, sobald es, von der Menge anerkannt und 
aufgenommen, selbst irdischer Bestandteil, Leben geworden ist ? 

Harter, langer Kampf. Im Jahre 1888 hat er begonnen und 
ist bis zum heutigen Tage noch nicht zu seinem Abschluss und 
zur Lösung gelangt. Noch heute gibt es in England Meinungsver- 
schiedenheiten darüber, ob es vmnschenswert wäre, wenn die 
Pflegerinnen nach abgelegter Prüfung öffentlich anerkannt würden, 
wie es der Pflegerinnenverband fordert, oder ob sie durch ihre 
Leistungen sich ihren Weg bahnen sollen, wie es Florence sich 
vorgestellt hat. Nach deren Meinung bildet der Charakter, der 
in einer Prüfung nicht festzustellen ist, weit mehr als das tech- 
nische Geschick die Voraussetzung für eine gute Pflegerin. Nach 
ihrer Meinung wird eine wahrhaft berufene Pflegerin immer 
ihren ansteigenden Weg fortsetzen, ohne jemals stillezustehen, 
und gerade die öffentliche Anerkennung als Folgeerscheinung 
des Examens könnte die Gefahr des Stillstandes mit sich bringen. 

167 



Pflege für Kranke und Gesunde 

« Pflege für Kranke und Gesunde. » — Die Schrift, die Flo- 
rence Nightingale dem Frauenkongress in Chicago zugesandt hat, 
ist heute und wird für lange Zeit — vielleicht für immer — eines 
der klassischen Werke bilden, die von den notwendigen Vorbe- 
dingungen für eine gute Pflegerinnenschule handeln und die 
Gefahren aufzeigen, welche eine solche Schule schädigen könnten. 

« Der Beruf, wie sie es nennen — die Berufung, wie wir es 
nennen. » 

Weil für die Schöpferin und Gestalterin der Krankenpfle- 
gerinnenschule die Pflege der Kranken von einem warmen, leben- 
digen Geist religiösen Glaubens nicht zu lösen ist, muss sie so 
urteilen. Nicht ein Beruf, nicht das Mittel zum Zweck, eines 
höheren oder germgeren Verdienstes sind für sie ausschlaggebend, 
sondern allein jener religiöse Geist, der sich nicht gewinnen lässt, 
wenn man nicht gute Werke übt. 

Für diese Frauen, einzig für diese, hat Florence ihre Kämpfe 
durchgerungen und nur sie sind ihre Pflegerinnen. 

Der 6. August 1887. 

Ein Brief des Höchstkommandierenden meldet, dass die 
indische Regierung die Verwendung von Pflegerinnen in den 
Militärspitälem zulässt. 

Er hat einen Kameradschaftsbund zur Unterhaltung in den 
Mussestunden in jedem englischen Regiment, jeder Batterie 
gegründet. 

Er hat femer die Schliessung der Kantinen angeordnet. 

Endlich hat er einen militärischen Verband für Massigkeit 
im Alkoholgenuss gebildet. 

Er lässt für die Soldaten Kaffeestuben eröffnen. 

168 



Er hat die Gründung eines Sanitätsamtes in jeder indischen 
Provinz vorgesehen. Diese Ämter haben den lokalen Behörden 
und der Regierung nicht allein die zu ergreifenden hygienischen 
Massnahmen aufzuzeigen, sondern sie werden mit exekutiver 
Gewalt ausgestattet sein. 

Das sind alles Kämpfe, die siegreich bestanden sind. 



Und Florence beginnt von neuem 

Ist nun Florence endlich mit sich und ihrem Leben zufrieden ? 

Noch immer nicht. 

Kann man vom Volke einen stufenweisen, sicheren Fortschritt 
fordern und erwarten, wenn man es nicht gelehrt hat, sich selbst 
an dem Entstehen, an der Entwicklung zu beteiligen, mit den 
Reformatoren gemeinsam zu arbeiten ? ! 

Florence Nightingale erlangt die immer stärker werdende 
Gewissheit von der Notwendigkeit, nach den Reformatoren auch 
die grosse Masse zu überzeugen. 

Und Florence Nightingale, alt und müde, wie sie ist, die 
ihre treuen Freunde, die Arbeitskameraden einen nach dem 
andern hinsinken, verschwinden sieht, beginnt von neuem, beginnt 
immer von vom. 

Erziehen, unterrichten, lehren. Es ist notwendig, die Kinder 
in den Volksschulen zu erziehen. Es ist notwendig, leicht fassliche 
und gesunde Broschüren für Männer und Frauen, für die auf- 
wachsende Jugend allgemein zu verbreiten. Es ist notwendig, 
das indische Volk zu erziehen, die Gebote der Reinlichkeit, der 
Hygiene und Moral zu beachten. 

Das indische Volk — aber wie steht es mit dem englischen ? 

169 



Nun da Parthenope tot ist und Florence sich auf die Güter 
ihres alten Schwagers begibt, um diesem die Einsamkeit tragen 
zu helfen, erfährt sie, dass auch das englische Volk von Rein- 
lichkeit, von Hygiene und Moral viel zu wenig weiss. 

Sie organisiert eine Reihe von Unterrichtsstunden, von Vor- 
trägen, von Leseabenden für die gebildeteren Frauen, damit diese 
ihrerseits imstande sind, weiter zu verbreiten, was sie gelernt 
haben ; dass sie ihr neues Wissen bei ihren Besuchen bei den 
Müttern aus dem Volk praktisch anwenden können. 

Es ist nichts als ein kleines Experiment : klein wie alle früher 
versuchten und schliesslich geglückten Experimente. Dazu ist 
es das letzte Experiment ihres Lebens. Sie wird bei den Ergeb- 
nissen nicht mehr anwesend sein, bei dem Resultat, das dieser 
Versuch vielleicht mit der Zeit zu bieten vermag. Die Bahn 
ihres irdischen Daseins neigt sich dem Ende zu. 

Sie hat das 63. Jahr vollendet. Florence Nightingale wendet 
den Blick rückwärts, um ihr Leben zu betrachten. 

« Vor neununddreissig Jahren bin ich in Skutari angekommen. 
Es ist mir unermesslicher Segen gewährt worden. Die glühendsten 
Wünsche meines Herzens wurden mir erfüllt. 

Und wie viele Schwierigkeiten und Enttäuschungen, wie viele ! 

Ich komme jetzt zu Dir ! Ich lenke den Schritt heim ! Schon 
habe ich den Fuss auf die Schwelle gesetzt. » 

Und wieder sind drei Freunde heimgegangen. 

Benjamin Jowett, der liebe, ehrwürdige geistliche Berater, der 
— man weiss es nicht — sie vielleicht auch lehren wird, den Weg 
ins Jenseits zu wandeln — er ist dahin. 

Und der alte, liebenswürdige, ritterliche Schwager Henry 
Vemey. Auch Vetter William noch unvergessen aus der Jugend- 
zeit. Sie hat ihn so geliebt, wie eine junge Mutter ihren Knaben. 
Er ist alt geworden und ist fort, wie alle anderen. 

Solange Florence auf Erden ist, wird sie nie darauf verzichten 

170 



zu arbeiten, so schwer die Jahre auch auf ihr lasten und trotzdem 
die Sehkraft und das Gedächtnis stetig abnehmen. 

Vorwärts ! Vorwärts ! 

Die Jahre vergehen. 

Diese Pflegerinnen ! Alle wollen heiraten. In Buenos Aires ist 
in einem Jahre von allen Pflegerinnen nur eine zurückgeblieben. 
Das Krankenhaus will neue Krankenschwestern anstellen. Aber 
Florence ist verärgert. Sie will keine neuen Pflegerinnen mehr 
hinschicken, nie wieder. 

Ach — sie wurden viel zu schnell reme Berufspflegerinnen, 
diese verwünschten Mädchen. Gewiss will Florence, dass sie 
energisch, tätig und organisatorisch gewandt seien. Aber sie will 
auch, wie sie es stets gewollt, dass sie echte Mütterlichkeit besitzen, 
dass sie im wahren Sinne des Wortes Schwestern, Frauen seien. 

« Ein armes, kleines Krankenschwesterchen weint verzweifelt, 
den Kopf in die Schürze versteckt, weil ein bresthaftes Kind 
gestorben ist. Das Kind hat seiner Pflegerin nichts als Mühe 
und Sorgen bereitet, diese Schwester ist ein Engel ! Aber die 
im Beruf erstarrte Pflegerin, die seelenruhig durch die Kranken- 
zimmer schreitet und aufnotiert, wie viele Kinder seit ihrem 
letzten Rundgang gestorben sind, die ist auf keinen Fall ein 
Engel. » 

Florence Nightingale, unverbesserliche, greise Träumerin. 
Nicht einmal die 75 Jahre ihres Lebens haben sie zähmen 
können ! Sie hat immer noch Mut und Lust, neue Versuche zu 
wagen. Die Enttäuschung, die ihr der indische Grosskhan schafft 
wird nicht die letzte sein. 

« Ein sehr interessanter Mann, aber es ist unmöglich, ihn 
Hygiene zu lehren. Ich habe bis jetzt auch nie begriffen, wie 

171 



schwer es für einen Orientalen ist, sich mit materiellen Dingen 
zu befassen. Ich erklärte ihm, so gut ich es vermochte, die Verän- 
derungen, die während meines Lebens sowohl in den Städten, wie 
auf dem Lande vor sich gegangen sind. 

« Glauben Sie, dass Sie etwas verbessert haben ? » fragte er 
mich. 

« Verbessert zu haben » bedeutet für ihn, einen stärkeren, 
gefestigteren Glauben an Gott zu erlangen. Für ihn ist die 
Hygiene voll Unwirklichkeit und Aberglauben, Religion dagegen 
und Geistigkeit, das sind die einzigen Realitäten. » 



Ausklang 

In London findet die Ausstellung der viktorianischen Epoche 
statt. Es ist eine grosse Ausstellung mit zahlreichen Abteilungen 
und eine der bedeutendsten und wichtigsten davon ist der Kranken- 
pflege und Fürsorgetätigkeit gewidmet. 

Die Gedanken der englischen Frauen wenden sich Florence 
Nightingale zu. Sie bitten sie um Photographien, Autogramme, 
Reliquien und Andenken des Krim-Krieges. 

Florence Nightingale zählt 77 Jahre. Doch sie ist jünger als 
die jüngsten. Sie will sich nicht als Idol vergöttern lassen. Sie 
will nicht, dass Wert auf das Irdische gelegt werde. 

« 0, welche Torheit und Kleinlichkeit der Leute ! Reliquien, 
Andenken aus dem Krim-Krieg ! Wie sind sie beschaffen ? In 
erster Linie sind es die furchtbaren Lehren, die wir aus seinen 
Irrtümern und aus der Unwissenheit haben ziehen müssen. Es 
sind femer die Hygiene und die Pflegerinnen. Das sind die Erin- 
nerungen, die Andenken des Krim-Krieges. Und ich werde weder 
mein dummes Porträt — ich besitze übrigens gar keines — noch 
irgend etwas anderes als « Reliquie der Krim » herausgeben. Es 
ist zu lächerlich ! » 

172 



Vielleicht ist es lächerlich. Aber die Leute haben von 
jeher die Notwendigkeit empfunden, etwas zu verehren, anzu- 
beten, sie haben immer eine Verkörperung des Idols nötig, eine 
Materialisation, der sie ihre eigenen Gedanken leichter zuwenden 
können. Und in der Ausstellung tritt ein alter Soldat von Balaklava 
zu der Kalesche, die dort zu sehen ist, und küsst sie inbrünstig. 
Es ist die alte, unförmige Kalesche, welche die Oberschwester in 
der Krim von einem Spital zum andern geführt hat. 

Hat Florence dem alten Soldaten wohl verziehen ? 

Ich weiss es nicht. Aber den anderen Leuten, die an jenem 
Tage ihre marmorne Büste mit Blumen schmückten, hat sie gewiss 
niemals verzeihen können. 

Ihre Gedanken erheben ihren Flug zu Gott, ihrem einzigen 
Herrn. Ihm bringt sie ihren Dank dar. 

« Wie armselig waren meine Möglichkeiten, etwas in der Krim 
zu leisten. Doch war dort der Ursprung, aus dem Er die Pflege- 
rinnen hat werden lassen. » 

Die Pflegerinnen sind Florencens Ideal bis zu ihrem Todestag. 

Es sind Engel. 

« Nicht die sind Engel, die herumgehen und Blumen streuen. 
Auch ein launenhafter Knabe bringt das zuwege und selbst solche, 
die noch Schlimmeres sind. Engel sind jene, die als Pflegerinnen, 
als Schwerarbeiter und Strassenkehrer eine widerwärtige Arbeit 
vollbringen, die Folgen der Krankheiten und die Hindemisse der 
Wiedergenesung forträumen, die Kübel mit Schmutzwasser 
ausleeren, die Kranken waschen und anderes mehr — alles Dinge, 
für die sie nicht einmal einen Dank erhalten. Ja das sind Engel.» 

Leben, intensivstes Leben. Nicht mondäner Lärm und nicht 
äussere Ehrungen. Doch arbeiten, handeln, wirken, für das Wohl 
der Menschheit, im Dienste Gottes ! 

Im Dienste Gottes, in Ihm und für Ihn. So ist es im Leben 
gewesen und so wird es im Tode sein. 

173 



Jetzt ruht Florence Nightingale sich aus. 

1907, als sie eben ihr 87, Jahr vollendet hat, verleiht ihr der 
König den Orden für hohe Verdienste, « in Anerkennung der 
unzähligen Dienste, die sie dem Vaterlande und der Menschheit 
geleistet hat. » 

1908 bei Vollendung ihres 88. Jahres ernennt sie die Stadt 
London zur Ehrenbürgerin. 

Und ihre nahen und fernen Freunde, die auf der ganzen Erde 
verstreut sind, und die tausende von amerikanischen Pflegerin- 
nenschulen und die Rotkreuz-Schwestem aller europäischen, 
asiatischen und amerikanischen Länder ; die Pflegerinnen Englands 
und der Dominions, alle guten Frauen und alle Einrichtungen 
zum Wohle der Menschen in der ganzen Welt senden ihr ehr- 
furchtsvolle Grüsse. 

Florenz, die Stadt, die sie zur Welt kommen sah, ist stolz 
darauf, ihr die florentinischen Bürgerrechte zuerkennen zu dürfen. 

Aber sie bleibt fem. Nur der Körper ist noch gegenwärtig, 
der Geist ist abwesend. 

In ihrem Herzen sind die Toten lebendig und sie ruft sie 
herbei : Leben und Tod sind für sie eins geworden. 

Vielleicht weilt sie selbst schon bei Gott. 

« Herr, wie glücklich wären wir, vermöchten wir alle uns Dir 
ganz und gar hinzugeben. Unser Ich verlassen und in Dir ruhen. » 



In Ihm ruht sie und Er hat ihr ein sanftes Ende gewährt : 
Er hat sie hinüberschlummem lassen in Seinen Schlaf, der das 
Erwachen ist. 

Denn sie hat Ihm treu gedient. Denn sie hat in ihrem ganzen 
Leben ihren Herrn niemals vergessen. 



174 



I nhaltsverzeichnis 

Aus der Jugendzeit 1 

Die alte Peggy 3 

Reise in der Postkutsche 7 

In Lea Hurst 9 

Ungeduld n 

« Ich bete und kämpfe und finde den Weg doch nicht » . 13 

Enghsche Krankenhäuser 15 

Kämpfe 18 

Winter in Rom 22 

Wieder in London 24 

Entmutigung 27 

Die Werbung 30 

Kaiserswerth 32 

Gedanken über Religion 35 

Bei den « Barmherzigen Schwestern » in Paris 38 

Heim für kranke Gouvernanten 40 

Unsere Sendung 46 

Unten in der Krim . 48 

Ein Brief von Sidney Herbert 53 

Überfahrt 60 

Militär-Spitäler 63 

Oberschwester Florence Nightingale 67 

Die Dame mit der Lampe 72 

Fieber 76 

Meine Soldaten 78 

Frieden 84 

Statistik der Sterblichkeit 86 

Die Regierungskommission 91 

Die Arbeit ruhen lassen 95 

175 



Die furchtbaren Ziffern 100 

Sidney Herbert stirbt 103 

Die Pflegerinnenschule wird eröffnet 109 

Meditationen III 

Sechzig von tausend 115 

« Randbemerkungen von Fräulein Nightingale » 116 

Um Indien 119 

Und die Soldaten ? 121 

Auf hoher Warte 124 

Giuseppe Garibaldi 125 

Agnes Jones 127 

Indien, Indien und nochmals Indien 132 

Das neue Indien-Amt 134 

Erholung in Lea Hurst 135 

Unermüdlich 137 

Rotes Kreuz 143 

Die Stimmen 146 

Die Zöglinge der Schule von St. Thomas 151 

Das hungernde Indien 153 

Allein 156 

Auf ihre eigene Weise 158 

Vor der Abreise 164 

Immerdar Deine Magd 165 

Pflege für Kranke und Gesunde 168 

Und Florence beginnt von neuem 169 

Ausklang 172 



176