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THE LIBRARY 

OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

RIVERSIDE 



B H. BLaCKWEIX Ltd , 

Book Seilers, 
50 and öl Bboab Strket, 



y-D^ Zl L(ot>\% , 



FORSCHUNGEN 



J 



■/A\i 



ALTEN GESCHICHTP] 



VON' 



EDUARD MEYER. 



ERSTER BAND. 
'/AM ÄLTEKEX GKIECHISCHEN GESCHICHTE. 



IIAI.LK A.S. 
MAX NIEMEYER 

i>>y2. 



Vorwort. 



Die in diesem Baude vereinig'teii Aufsätze bilden eine 
EvgTiuzuug zum zweiten Baude meiner „Geschichte des Alter- 
thums"'); sie behandeln Fragen, die eine eingehendere Unter- 
suchung- erforderten, als sie im Rahmen des grösseren Werks 
iiK'iglicli war. Mit Ausnahme der letzten tragen alle diese 
Abhandlungen — von denen die über die lonier und die 
über Lj^kurg- bereits früher veröifentlicht sind; letztere liat 
Jetzt umfaugreiche Zusätze erhalten — in ihren Ergebnisscui 
den negativen Charakter, der kritischen Vorarbeiten auf dem 
Gebiete der älteren griechischen Geschichte stets anhaften 
wird. Wer die Denkmäler der Urzeit kenneu lernen will, 
muss in die Tiefe graben und den Schutt schichtenweise ab- 
tragen. Dem wird mancher hübsche Anbau späterer Zeit zum 
Opfer fallen, manches pittoreske Landschaftsbild wird gestört 
und umgestaltet werden. Von ästhetischem Gesichtspunkt aus 
mag mau darüber klagen; aber wissenschaftlich kann gegen 
die Männer kein Vorwurf erhoben werden, welche das römische 
Forum oder die Akropolis oder den Palast von Tiryns aus- 
gegraben haben, wenn sie methodisch verftihren sind und die 
weggeräumten Trümmer sorgfältig in\entarisirt haben, es sei 

I) Der Druck liat bereits begonnen, ich hoffe dass er im Laufe des 
uächsteu Jahres erscheinen wird. Icli liabe daiier nieliriacli bereits auf die 
l*arafi;rapheii dt-sselben verwiesen. 



IV 

denn, dass der antiquarischen Forscliuns,- zu Liebe Denkmäler 
einer S])äteren Zeit zerstört werden, deren Erhaltung das histo- 
rische Interesse verlangt. Nicht anders hat die Erforschung 
der griechischen, römischen, hebräischen, germanischen Urzeit 
zu verfahren; und hier ergibt sich noch der Vortheil. dass die 
Legenden, die sie beseitigt, nicht vernichtet werden, sondern 
intakt erhalten bleiben. Wen es danacli gelüstet, der kann 
sich nach wie vor an ilinen rrbanen. Der Vorwurf destructiver 
Kritik, der gegen dies Verfahren nicht selten erhoben wird, 
ist durchaus unberechtigt. Wer die Geschichte der Vergangen- 
heit wieder aufbauen will, muss zunächst sichere Fundamente 
gewinnen, sonst steht sein Haus auf Sand, und jeder Wind- 
stoss wirft es um. 

Halle a. S. im October 1892. 

Eduard Mever. 



Inhalt. 



Seite 

Die Pelasg-er l 

Vorbemerk ungeu :^ 

Erstes Kapitel. Die Pelasger in Attilva uiul auf 

Lemnos fi 

Zweites Kapitel. Die Pelasger iu Thessalien, Do- 

d o n a u n d K r e t a 2!) 

1. Die Pelasger in Thessalien 29 

2. Der pelasgische Zeus von Dodona 'M 

3. Die Pelasger auf Kreta 47 

Die Quellen der Angaben über Dodona bei Strabo, Stephauus 

von Byzanz und in den Homersoholieu hu 

Drittes Kai)itel. Pelasgos in Arkadien. Die Lykaon- 

sageu ö3 

A-'iertes Kapitel. Pela.sgos in Argos. lo und die Da- 

naiden. D er argivische Stammbaum (iT 

Beilage. Pron und llaliaia in Argos lol 

F iinftes Kapite 1. Pelasgos in Thessalien Ki.i 

Sechstes Kapitel. Ergebnisse. Geschichte der Pe- 

lasgerfrage 112 

Die Herkunft der lonier und die lonsage 12.^ 

Ilerodots Chronologie der grieeliisehen Sagengeschiehte. 
Mit Excurseu zur Geschichte der griechischen Chronographie 

und nistoriograi)liie l.il 

Anhänge. I. Ist Ilerodots Gesehichtswerk vollendet? . . . . IJ>U 

2. Herodots Sprachkeuutnisse i;i2 

:<. Ilerodot von Thurii \'m; 

4. Sardauapals firabschrift 20:? 



VI 

Seite 

Lykurgos von Sparta 211 

Vorbemerkungen 2i:i 

I. Die Darstellung des Ephoros und Pausanias" Schrift über 

Lykurg 215 

IL Der Ursprung des Ephorats und die lykurgische Landauf- 

theilung 244 

III. Die lykurgischen Ehetren 261 

TV. Die Ausbildung der Lykurglegende 269 

Anhang. Die Stauimbäume der lakoui.<cheu Königshäuser . . . 283 

Drei lokrische Gesetze 2ST 

Vorbemerkungen 2S9 

I. Gesetz über eine Colonie nach Xaupaktos 291 

Excurs: Athen und Attika 3o5 

IIA. Eechtsvertrag zwischen Oianthea und Chaleion .... 307 

IIB. Satzungen des Fremdenrechts .312 

Nachträge und Berichtigungen 317 

Index 319 



Die Pelasger. 



MujLT. KurMrliiiiii,'!-!! zur Alten Uu8c)iiuhtL-. 1. 



Vorbemerkungen. 



Die Ansicht über die Pelasger, welche das Resultat der 
folg'onden Untersuchungen bildet, steht mir im wesentlichen 
fest, seit ich im Wintersemester 1879/80 zum ersten Male grie- 
chische Geschichte vorgetragen habe. Seitdem bin ich oft auf 
den Gegenstand zurückgekommen und habe die Untersuchung- 
erweitert und vertieft. Den Plan, sie schriftlich auszuarbeiten, 
habe ich erst im Herbst 1888, bei den Vorarbeiten zum zweiten 
Bande meiner Geschichte des Alterthums, ausführen können: 
damals ist die Abhandlung im wesentlichen so wie sie hier 
vorliegt niedergeschrieben. ') 

Dass die Pelasgerfrage nur durch eine literarhistorische 
Untersuchung gelöst werden könne, ist in neuerer Zeit wieder- 
holt ausgesprochen worden, und Anläufe zu einer derartigen 
Behandlung sind ja auch gemacht worden. Aber gefördert 
haben sie die Erkenntniss nicht: denn sie beginnen da wo sie 
aufhören sollten. Sie referiren und discutiren noch einmal 
wieder die Ansichten des Herodot und Hellanikos und gar 
des Dionys und Strabo, als ol) damit auch nur ein Schritt vor- 
wärts zu kommen wäre. Nicht darum handelt es sich, wie 
man in Griechenland seit dem fünften Jahrhundert über die 
Frage gedacht hat, sondern wie die Logographeu und die Tra- 
giker zu ihrer Ansicht gekommen sind, wie beschaffen das 
Material gewesen ist, welches sie benutzten. Die Darstellung 
der Epen, der homerischen wie der genealogischen Poesie, gilt 
es wiederzugewinnen, ihre Entstehung und die wahre Bedeu- 

1) Das erste Capitel habe ich damals iiu I'liilolo{i:iis N. K. 11 Ibbü 
publicirt. 



tung- ihrer Aiigabeu zn ermitteln. Das g-leiehe gilt überhaupt 
von der ganzen sagengesehiehtlieheu Uel ) erlief er nng: wer nicht 
versucht hat, der literarischen Eutwickeluug. welche dieselbe 
bis zum Anfang des fünften Jahrhunderts durchgemacht hat, 
bis ins kleinste nachzugehen, wird immer Gefahr laufen, zu 
irren, und wem nicht wenigstens die Grundzüge lebendig sind, 
der kann ein richtiges Urtheil über griechische Mythologie und 
älteste griechische Geschichte überhaupt nicht gewinnen. 

Die Anschauung, welche ich mir von dieser Entwickelung 
gebildet habe, weicht von den herrschenden Ansichten beträcht- 
lich ab. Meiner Meinung nach ist der Bestand an wirklich 
volksthümlicher Tradition weit geringer, an individueller Er- 
findung und Umgestaltung weit grösser, als man gewöhnlich 
glaubt.') Vor allem aber unterschätzt man in verhängnissvoller 
Weise die gelehrte Arbeit, welche das ganze ^laterial wieder 
und wieder umgestaltet und zum Theil erst geschaffen hat. 
Die genealogischen Dichter sind nicht anders zu beurtheilen 
als die Logographen und E])horos. Die neuere Forschung hält 
ihre Angaben in der Regel entweder für uralte Volksüberlie- 
ferung oder für dreiste Fälschung. Beide Schlagwörter sind 
falsch: es sind Resultate umfassender gelehrter Arbeit. Ganz 
besonders gilt das von den Genealogien, mit denen von alten 
und neueren Forschern viel Unheil angerichtet ist. Dem Volke 
als solchen, d. h. jedem Mitglied der Gesammtheit in gleicher 
Weise, gehört nur die alle Lebensverhältnisse beherrschende 
Anschauung, dass jede einheitliche Menschengruppe von eineiu. 
eponymen Ahnherrn stammt, und volksthümlich und im Volke 
entstanden sind die Genealogien daher, soweit sie einem ge- 
gebenen Verhältniss. seinen für diese Anschauung naturnoth- 
wendigen Ausdruck geben, bei dem eine andere Auffassung 
für alle Betheiligten ausgeschlossen war, also im allgemeinen 
grade nur da, wo sie uns etwas lehren, was wir sonst auch 
schon wissen — wie z. B. die Angabe, dass die Stammväter 
der vier ionischen Phylen Söhne Ions waren. Alles weitere 
aber hat mit der „Volkstradition-' nicht viel mehr zu thuu 



1) Ich stehe damit noch nicht auf Niese's Standptmct ; deuu Niese 
läuguet überhaupt, dass dem Epos populäre Erzählungen zu Grunde liegen, 
dass neben dem Dichter eine Sage existirt habe, während ich glaube eine 
fortwährende Wechselwirkung zwischen beiden annehmen zu müssen. 



als in den mittelalterlichen Chroniken die Anknüpfung- der 
Völker und Städte an das classisehe oder hebräische Alter- 
thum.') Das gleiche gilt auch von den älteren und lebens^ 
Avärmeren Bestandtheilen der Sage, nur dass hier nicht die 
Bestrebungen einer in den Anfängen stehenden Forschung, son- 
dern auf der einen Seite poetische, auf der anderen politische 
und persönliche Einflüsse und daneben der fortschreitende 
Wandel der Anschauungen umgestaltend und umbildend ge- 
wirkt haben. Auf diesem Gebiete ist das auch in manchen 
neueren Untersuchungen anerkannt und im einzelnen durchge- 
führt, namentlich von Robert und Wilamowitz. 

Die Gelegenheit, welche die Pelasgerfrage bot, umfang- 
reiche und für die späteren Anschauungen g;rundlegende Stamm- 
bäume zu analysiren, habe ich daher nicht vorübergehen lassen 
mögen, so ermüdend die Eiuzeluntersuchung auch war. Die 
literarischen und religionsgeschichtlichen Ergebnisse, zu denen 
ich gelangt bin. lohnen, denke ich. die aufgewandte Mühe. 
Durch manche derselben bin ich selbst nicht wenig überrascht 
worden: sie zeigen, wie viel hier noch zu linden ist, zugleich 
aber auch, wie dringend nothwendig es ist, das gesammte sagen- 
geschichtliche Material sorgfältig im einzelnen durchzuarbeiten: 
nur so können wir aus dem Tappen im Blinden endlich heraus- 
kommen und die Irrwege vermeiden, die l)ei jedem Schritt 
verlockend vom Hauptpfade ablenken.-j 

Halle den 25. November 1889. 

1) Z.B. ist der berühmte Starambamn der troisclien Fürsten i' "2 15 ff. 
Zeus — Dardaiios — KriclitlioniüS — 'l'ros Ilos AssaraUos ((Jauymcdes) 
weder volkstliiiiulielie Ueberlieferiiug — wie sollte das „Volk" darauf 
k(Mumen, .sich eine derartij!;e Nauiensreilie zusaninienzustellenV dagegen 
ist volksthündicli wahrsclieiiilich der schöne Troerknabe (Tanyuiedes — , 
noch dichterische Erfindung (das sind dagegen die anscliliessendeu Glieder 
Laoniedon — Prianios und vielleicht Kapys — Anchises — Aeneas), son- 
dern ein Product individuellen Nachdenkens, das wir seiner Tendenz jiaeli 
nur als wissensehattliche Thätigkeit bezeichnen können. 

2) Bei der Drucklegung habe ich in den drei .lahre vorher abge- 
schlossenen Autsatz ausser stilistischen Aenderungen nur wenige Zusätze 
eingefügt, die meist diircii eckige Klaniuiern bezeichnet sind. 



Erstes Kapitel. 
Die Pelasger in Attika und auf Lomnos. 

[Zuerst gedruckt Philologus N. F. II lSb9.J 



JJie Angabe, dass in Attika vor Alters Pelasger ansässig 
waren, welche die Burgmauer Athens erbaut haben, ist 
scharf zu sondern von der von Herodot vertretenen Meinung, 
die Vorfahren der späteren ionischen Athener seien Pelasger 
gewesen. Diese Annahme ist lediglich eine Folgerung, die 
] Herodot daraus gezogen hat. dass es lonier erst gab, seitdem 
Ion der Sohn des Xuthos nach Athen gekommen war (VII 94. 
VIII 44); vorher, unter Kranaos, Kekrops und Erechtheus, 
konnten die Bewohner weder lonier noch Hellenen sein, sie 
mussten also nach Herodots Anschauung Pelasger und Barbaren 
. gewesen sein (I 56 ff.). ') 

In weit späterer Zeit, „als die Athener schon zu den Hel- 
lenen zählten",-) haben sich, so berichtet Herodot, bei ihnen 
Pelasger angesiedelt (II 51 'Ad^rivaioioi yuQ i'jd?] xyjvLxavxa ic 
"EXXtjvaq rsXeovöi IltXaöyol ovroixoi lytvovxo tv rf] yrngu — 
Sd^evjiSQ xal "EXXi]vaQ i'iQ^avTo vofiiad^fjvca fügt er noch hinzu, 
da er weiss, dass seine Theorie von dem Barbarenthum der 
Pelasger mit den gangbaren Ansichten im Widerspruch steht). 
Sie sind nach Attika gekommen, um den Athenern die Mauer 

1) Vgl. Kap. 6; aus Herodot schöpft Scymuus .5G(i. 

2) Vgl. VI 53 „die Vorfahren der dorischen Könige bis auf Perseus 
waren Hellenen — ijötj yuQ xrjvixavia ec'EXhjvag ovroi artleov — wäh- 
rend die Ahnen der Danae der Mutter des Perseus echte Aegypter ge- 
wesen sind". 



um die Akropolis zu bauen, und haben zum Lohn dafür das? 
Land am Fuss des Hy mettos zum Wohnsitz erhalten. Dann 
werden sie von den Athenern verjag-t. nach Hekataeos, Aveil 
diese sahen, dass die Pelasger das früher werthlose Land gut 
bebaut hatten und es jetzt wieder haben wollten — wie da- 
gegen die Athener erzählen, weil die Pelasger ihren Töchtern 
nachstellten, wenn sie zur Enneakrunos Wasser schöpfen gingen. 
Die Pelasger suchen sieh neue Wohnsitze und besetzen vor 
allem Lemnos (aXXa rt öytlv xo^Qia xal öij xcd Arjfivov — die 
„anderen Orte" sind vor allem Samothrake, dessen Bewohner 
nach Her. II 51 eben dieselben Pelasger aus Attika sind,') und 
Imbros-)). Von hier aus überfallen sie die attischen Jungfrauen 
bei einem Fest der brauronischen Artemis. Was weiter erzählt 
wird, wie die Pelasger diese Frauen und die von ihnen er- 
zeugten Kinder tödten und das Orakel ihnen befiehlt den 
Athenern dafür Genugthuung zu geben, und wie in Folge 
dieses uralten Orakelspruchs sehr lange Zeit nachher {htöL 
xaQTa jiolXouu vortgoi' tovtcov) Lemnos von Miltiades ge- 
nommen wird, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden.-') 
An einer anderen Stelle erfahren wir, dass die Auswanderung 
der Pelasger nach Lemnos in die Zeit der Eroberung Lako- 
niens durch die Dorer fällt, und dass sie von hier die Minyer, 
Enkelkinder der Argonauten, vertreiben. Diese wenden sieh 
dann nach Si)arta und besetzen von hier aus Thera (IV 145).') 
Schon diese Zeitbestimmung zeigt, dass ^yir uns hier nicht 
auf historischem, sondern auf mythischem Boden befinden. Die 
Kluft zwischen Sage und geschichtlicher Erinnerung ist in 
der Erzählung Herodots deutlich erkennbar und scharf be- 
zeichnet. Im Uebrigen sind in ihr zwei verschiedene Ele- 
mente verbunden. Der zweite Theil soll den Ursprung der 
Bevölkerung von Lemnos erklären und die Eroberung der Insel 
durch die Athener rechtfertigen; der erste Theil erzählt von 
Pelasgern in Attika und steht in untrennbarem Zusammenhang 

1) IltTodttt heuiitzt diese Aunahine, tun den Cultus des ithyi)lKilk'n 
Ilennes in Attika und Samothrake zu erklären. 

2) Her. V 2(;. 

M) Her. VI 137 ff., vgl. I .t7: „die Pelasger, welche IMakia und Skylake 
am llellespout besiedelt haben, oi ovvoncoi tylvono \\'inrai<itar. 
4) Daraus entlehnt Pausan. VII 2, 2. 



jmit der Mauer der Akropolis. Wir ha])en ef* fürs erste nur 
mit diesem ersten Theile zu thun. 

Die Erzählung von den Pelasgern in Attika gehört weder 
Idem einheimischen Sagenbestande an. noch dem was die älteren 
Dichter als attische Urgeschichte erzählten. Weder in der ge- 
nealogischen Poesie ist von ihnen die Piede. noch im attischen 
Drama, noch in der traditionellen Stadtgeschichte, auf der 
Thuk. II 15 fusst, noch z. B. bei Aristophanes oder Plato oder 
wo man sonst Spuren alter und ächter einheimischer Tradition 
.suchen könnte. Und doch fliesst grade hier die Ueb erlief erung 
sonst reichlich und zusammenhängend genug, so dass wir diese 
Erscheinung nicht durch unser lückenhaftes Material erklären 
dürfen. Vielmehr steht der Charakter der Pelasgererzählung 
mit dieser Thatsache in Uebereinstimmung. Zum Wesen einer | 
lachten Sage gehören durchaus und in erster Linie Persönlich- 
'keiten: in der Pelasgererzählung begegnet uns kein einziger, 
Name. Der Ursprung der Burgmauer gehört nothweudig in' 
die Geschichte von der Gründung und Entwickelung der Stadt. , 
Wäre die Erzählung von dem Mauerbau der Pelasger acht, so 
müsste sie unter einen der stadtgründendeu Könige gesetzt 
werden, wie die von dem ^lauerbau der Kyklopen in Tiryns 
unter Proitos. Statt dessen hinkt sie kläglich nach, nachdem 
alles vorbei ist; nach den Thaten des Kekrops Erechtheus 
Theseus kommen die Pelasger, unter welchem Herrscher wissen 
wir nicht. Ihre Vertreibung ist ebenso zeitlos, aber jedenfalls 
fällt sie nach dem Tode des Kodros. wo doch die Sage zu 
Ende ist und die völlige Leere beginnt. Sehr deutlich sieht 
man, dass wir es mit einer späteren Einlage zu thun haben. 
Wegen des Alters der Burg ma uer musste ma n sie m öglichst 
hoch hinaufsetzen, aber Jn_der eigentlichen Sagengesc hicht e 
war nirgend mehr Platz Jiir sie; so hat man sie ans Ende 
derselben angeflickt. 

Und nun geht ja aus Herodot deutlich hervor, dass diel 
j ganze Erzählung den Athenern erst durch Hekataeos bekannt 
'geworden ist. Was Herodot als attische Version giebt, ist nicht 
etwa ächte einheimische Ti-adition. sondern deutlich CoiTectur 
des hekataeischen Berichtes. Dass Pelasger in Attika gesessen 
und die Burgmauer gebaut hätten, glaubte man dem Schrift- 
steller; aber dass die Athener gegen alles Recht über die 



Fremden hergefallen seien und ihnen ihr Land ahgenommen 
hätten, das konnte man unmöglich auf sich sitzen lassen. Ein 
gerechter Grund Hess sich leicht finden; das geAvählte Motiv 
ist offenbar aus der Sage von Boreas und Oreithyia entnom- 
men.') Die Sache liegt hier genau wie bei den Erzählungen j 
über den Ursprung des spartanischen Doppelkönigthums.'-) und 
wie dort haben auch hier die modernen Interpreten die secun- 
däre Correctur für das Ursprüngliche gehalten. 

Ob Hekataeos der erste gewesen ist. welcher die Pelasger 
nach Attika brachte, oder ob er darin Vorgänger in der Poesie 
gehabt hat, wissen wir nicht. Das ist auch irrelevant; evident 
ist dagegen, wie man zu der Ansicht gekommen ist. Sie soll 
den Namen der Burgmauer erklären, di e bekan ntlich gewöhn- 
lich (so bei Herodot V 64) x6 ne/LaOyixov rtr/oc genannt wird. ^f^'^T" 
Was unter demselben zu verstehen ist, kann gegenwärtig nicht 
mehr zweifelhaft sein. Es ist die alte, aus unbehauenen (sog. 
kyklopischen) Blöcken aufgeführte Kingmauer der Akropolis. 
die auf der West- und Südwestseite auf halber Höhe des Fel- 
sens lief und daher hier eine unterhalb des Gipfels und der 
späteren Propylaeen liegende Terrasse mit umfasste.^) 

Aber diese Mauer, welche den Pisistratiden noch als Boll- 
werk diente und von den Persern genommen wurde, dann aber 
bei der gänzlichen Umgestaltung der Akropolis durch Kimon 
und Perikles bis auf wenige Reste verschwand (längere Zeit 
hindurch diente sie als Steinbruch, bis auf Grund des Pse- 
phisma"s des Lanipon CL\ 1 27 b die Reste geschützt wurden), 
hat in Athen selbst niemals Pelasgikon geheissen, sondern 
immer nur Pelargikon. Seitdem in der grossen 1880 gefun- 
denen elensinisclicn Inschrift (jetzt CIA 1 27b) die Schreibung 

1) WiLAMowiTZ, Kydatheii l.}(i gibt die l^cutuug: „die Pelasger. 

welche die Mädchen von der Kallirrhoe rauben, sind die Kiesen 

des Berglaudes im Kampfe mit der Stadt Athen". Das wäre möglich, 
wenn hier wirklich eine Sage vorläge. Aber auch liier wieder geht die 
physische l)eutuiig des angeblichen Mytlios viel zu tief; in Wirklichkeit 
haben wir es nur mit einem geläutigen .Alärchenzug zu thun, der um einer 
bcstinnnten Tendenz willen zur Ausmalung einer auf literarischem AVege 
entstandeneu Erzählung verwerthet ist. 

2) S. unten die Abhandlung über Lykurg. 

3) S. jetzt vor allem Lolling in seiner Topographie von Athen 
(Handbuch der classischen Alterthuniswisseuschaft III S. 'VM). 



10 

UiXaQYixov 7.\\ Tage getreten ist. ist diese Thatsaehe allge- 
mein bekannt und anerkannt. Bei Tliukydides II 17 schreibt 
die beste Handschrift ( Laurentianiis Cj beidemale Il(:)MQyiy.öv\ 
dieselbe Form bieten Kleidemos fr. 22 ' ). Aristophanes Aves 832 
(vgl. 869) und der in den Schollen dazu citirte Vers des Kalli- 
machos, Aristoteles pol. Athen. 19. Dion. Hai. I 28 u. a. Diesen 
Zeugnissen gegenüber hat es gar keinen Wert, wenn spätere 
Schriftsteller und schlechtere Handschriften die ihnen aus der 
nichtattischen Literatur geläufigere Form lli/MOyiy.öv geben. 

Dass der Name Pelargikon mit den Pelasgeru gar nichts 
zu thun liat. braucht nun. sollte ich denken, nur einmal aus- 
gesprochen zu werden, um allgemeine Anerkennung zu finden. 
Bedeutete der Name wirklich „die Pelasgerburg". so müssten 
wir eben auch alte und ächte Spuren der Pelasger in Athen 
finden, sie müssten unter Kekrops oder Erechtheus. den Grün- 
dern der ältesten Stadt, ihren Mauerbau ausführen — ganz 
abgesehen davon, dass dann der völlig isolirte Lautwandel zu 
erklären wäre.2) Rhotaeismus (noch dazu vor folgendem Con- 
sonanten) ist im Attischen unerhört, und es widerspricht aller 
gesunden Methode, um einer problematischen Erklärung eines 
Eigennamens willen ein neues Lautgesetz zu statuiren. 

Warum die Athener ihre Burgmauer Pelargikon. d. h. ver- 
muthlich das ..Storchnest", genannt haben, wissen wir nicht; 
wahrscheinlich wird es einen rein äusserlichen Grund geliabt 
haben. Als aber die gelehrte Forschung begann — auf diese 



1) y.al 7'j7tidi^or rrjv uxqotiomv, TttQitßa'/.'/.ov dl tvviani'/.ov xo Ilf- 
XaQyixöv. bei Bekker anecd. I S. 419, 27; .Suidas gibt dafür Tlf'/.uoyiy.öv 
(s. V. untdu). Die richtige Lesung findet sich auch z. B. bei Photios 
lex. j}. 407. 

2) Bechtel, Inschriften des ionischen Dialekts (Abb. Gott. Ges. d. 
W. 1887) 8. 1.3 sucht nachzuweisen, dass der Rhotaeismus des eretrischen 
Dialekts von Pelasgern stamme, die von Thessalien nach Euboea gekom- 
men seien. Als Beleg dafür wird der angebliche Ehotacismus im attischen 
Pelargikon angeführt. Also in diesem einzigen Wort, das noch dazu von 
ihrem eigenen Volksnamen abgeleitet wäre, hätte sich der Einfluss des 
Pelasgischeii auf den attischen Dialekt bewahrt. Aber warum heisseu denn 
die Pelasger sonst nirgends Pelarger, wenn sie doch, wie Bechtel an- 
nehmen muss, sich selbst so sprachen V Wenn an der ganzen Sache etwas 
wäre, so müsste man ja gerade umgekehrt folgern, dass die Athener den 
Namen des fremden Volk rhotacistisch umgewandelt hätten, während der 
Khotaci.smus dem „Pelasgischen- fremd wäre. 



11 

Bezeichnung erhebt ja Hekataeos sehr ernstlich Anspruch — 
suchte sie auch diesen Namen historisch zu erklären. Dass 
man da aus dem Pelargikon einen Pelasgerbau machte, ist 
sehr begreiflich. Daraus ergab sich das Uebrige von selbst; 
wenn man die Pelasger ins Land gebracht hatte, musste man 
sie auch wieder hinausschaffen. Von der Verbindung mit Lemnos 
wird später zu reden sein. Im Uebrigen ging Hekataeos — 
oder wer etwa sein Vorgänger gewesen sein mag — sehr ehr- 
lich zu Werke. Die Thatsache stand ihm durch den Namen 
unzweifelhaft fest, aber er hat weder einen König genannt, 
noch sonst die Begebenheit weiter ausgemalt.') Das Einzige, 
was er hinzugefügt hat, ist eigentlich, dass die Athener den 
Pelasgern das Lan d am Hjmettos zuweisen — ob für diese 
Combination irgend ein Anlass vorlag, wissen wir nicht. Wo- 
her die Pelasger gekommen sind, gibt Herodot nicht au; soweit 
wir sehen können hat das erst Ephoros ermittelt: sie waren 
von den Boeotern um die Zeit der äolischen Wanderung ver- 
jagt worden, nachdem vorher umgekehrt die Pelasger und 
Thraker die Boeoter verjagt hatten.'^) Zu Pausanias' Zeit 
wusste man natürlich noch besser Bescheid: jivvDavöfitvoj: dt 
ohirsg rjöav ovdh^ aXXo sdvräf^f/v ftaf^irli' i] 2!ixtXov^ xo s§, 
ttQ'/fic ovrag eq AyMQvaviav fitroixtjoai. Nach einer Angabe 
bei Strabo V 2, 8 waren sie dagegen unter Führung des Maleas 
des Sohnes des Pelasgos aus Regisvilla bei Graviscae in Etrurien 
gekommen.*) Hier ist also die Auswanderung der Pelasger 
nach Etrurien einmal in das Gegentheil umgesetzt. 



1) Das ist erst in der spätesten Ueberlieferuug geschehen, bei Pausan. 
I 28, 3 7ifQißa).elv xo komov läyexai tov Xfixovq (der Akropolismauer, 
aitsser der kinionischcn) Üe/Mayoig oixijoavräg nore vno r?)v dxQÖnohv. 
(faol yuQ l\yQ(>).uv xui 'y;rf (>,^/or . . . das Weitere ist ausgefallen. Vgl. 
Pliu. VIT lit4 hitcrarias ac domos constitucnuit prinii Eiiri/dlus et Hijjnr- 
bios fratrca Athenia. 

2) Bei Strabo IX 2, ;j (dass Ephoros hier wie im Vorhergehenden 
und Folgenden die Quelle ist, ist evident). Das Datum [die gleiche Zeit- 
angabe bei Velleius I 3| stimmt genau zu Herodot, dcim Penthilos" Aus- 
zug fällt nach Htrabi» XIII 1, :< sechzig .Tahre nach den Tqwixü. — Nach 
Diod. XIX b.S werden die Boeoter zur Zeit des troischen Krieges von den 
Pela.sgeru verjagt. 

:») [WiLAMOWiTZ, Isyllos von Kpidauros S. 1(I0, .jl will ^kO.tvhov 
Tlflaayov lesen; aber der Artikel kann schwerlich fehlen. Dagegen hat 



12 

Die Athener Imben die von Hekataeos gegebeiie Erzälilung 
in_ der Weise modifieirt, wie Herodot angibt, sonst aber ein- 
fech recipirt ') bis anf zwei wichtige Modificationen. Einmal 
konnten sie den Namen Pelasgikon nicht annehmen, da er 
eben falsch war, und erklärten nun das Pelargikon daraus, 
die Pelasger seien wegen ihres vielen Wanderns von den Athe- 
nern „Störche" Us^.aQyol genannt worden, daraus sei dann der 
Name Pelasger entstanden: Strabo V 2, 4 (ebenso IX 1, 18): 
xcd Ol zrjv 'Axf^iÖa avy/QÜipavTsg lOroQovOi jt^q] tcöv IJsXaöymv 
roq yMi AOijvriOi yei'O/Jtvcov, dja 6\ rö :-rXävrjTag eivai xal Öixtjv 
q^i'sojv tjnffoixäv t(f) ovq stv/b tojcovc Ue^MQyovc vjto xmv 
'AxTix cöv 7:Xrj(hrivaL. Gewiss erzählte so Philochoros, den wohl 
Strabo auch zunächst im Auge hat (wie IX 1, 6): fr. 7 bei Ser- 
vius ad Aeu. VIII 600 Fhilochorus alt Ideo nominatos Pdasgos, 
quod velis et renio tempore advenire visi sunt iit aves. Zweitens 
aber hat man durchweg die attischen Pelasger als Tyrsener 
bezeichnet. So gleich Thukydides IV 109: „auf der Atlios- 
halbinsel wohnt eine zahlreiche pelasgische Bevölkerung, von 
denen welche einst als Tyrsener Lemnos und Athen bewohnt 
hatten".-) „Der Tyrsener Mauer, das Pelargikon" {TcQOtji'oj}' 
Ttixiofia n^/MQyixop) lautet ein Fragment des Kallimachos.-*) 
Kleidemos' Erzählung „sie ebneten die Akropolis [was in Wirk- 
lichkeit Kimon und Perikles gethan haben; so rasch verliert 

er den Maleas richtig mit dem Tyrsener Maleas oder Maleotas identificirt, 
der als Vater der Aletis genannt wird, der zu Ehren man in Athen das 
dionj'sische Fest uh'iriQ oder uuoQa feierte (Etym. magn. d?.7]Tig, Hesych. 
aiwQu, dort Malfwxov rot- Tiq^i,vov, hier Ma/Jco. TvQiJtjvov geschrieben). 
Ckush'S, riiilol. N. F. II 206 f., der weitere Belege zusammenstellt, erkennt 
in ihm im Auschluss an 0. Müller mit Recht den Eponymus des Vgb. Malca. 
Es ist also ein tyrsenischer Räuber, der hier hanst und mit den Fest- 
bräuchen des Dionysoscults in Verbindung gesetzt wird. Mit dem asklepios- 
artigen Daemon IMaleatas hat er, direct wenigstens, nichts zu thuu.] 

I) Philochoros fr. 5. erzählt die Vertreibung der Pelasger, ihre An- 
siedelung auf Lemnos und Imbros, den Ueberfall der Jungfrauen bei 
Brauron fast genau ebenso wie Herodot. — Die Fragmente sind selbst- 
verständlich bei Müller viel zu früh gesetzt; sie gehören ans Ende des 
zweiten Buchs. 

■i) Von dieser Thukydidesstelle ist Strabo VII fr. 35 abhängig, der 
die fünf Städte, welche nach Thuk. gemischte Bevölkerung haben, vcm 
Icmnischen Pelasgern bewohnt sein lässt. 

3) Fr. 2b3 Schneider, bei schol. Arist. aves 832. 



13 

sich in solehen Ding-en die Tradition! — Kleideuios schrieb 
bekanntlich zu Anfang des vierten Jahrhunderts] und umwall- 
ten sie mit einer neunthorigen Mauer, dem Pelargikon" (fr. 22, 
s. S. 10, 1) wird auch die Tyrseuer genannt haben. Wenn deri 
Pelasgername erst in Attika entstanden war. so war Tyrsener < 
eben der Name, den sie bis dahin führten. So hat Philochoros 
die Sache anfgefasst, der fr. 5 von den Tyrrhenern in Attika 
erzählt, was Herodot von den Pelasgern, und daran offenbar 
die eben angeführte Auseinandersetzung über den Namen Pe- 
larger geknüpft hat.') Ebenso Myrsilos von Lesbos-) bei Dion. 
Hai. I 28: xovg TvQQr/vovg q:tjOiv, tJieiör) ri^v eccvrcöv lc,tXi- 
jtor, kv ry Jiläv^ ,fi£rovofiao9ijvai IltXaQyovq, rcöv oqvecoj^ 
TOig yMkovfjivoiq jcEXaQyoTg flxaod-tvxaq, coq xar ayiXaq Icfoi- 
row Hg TS xijV "EXXäda xal t?)v ßägßaQOV. Kai xolg 'Aih/- 
raioig ro TtT/oc rö jcsqI ttjv ccxqojioXiv ro IIslaQyixdv xaXov- 
(itvov rovTovg jtfQißaXüv}) Um dies Auftreten des Tyrsener- 
namens zu erklären, müssen wir die Nachrichten über die 
lemnischeu Pelasger genauer untersuchen. 

Wir gehen aus von der Eroberung von Lemnos — und 
Imbros, das gleichzeitig attisch geworden ist, aber in unserer 
Ueberlieferung an dieser Stelle nie genannt wird — durch 
Miltiades. Was uns über den Hergang erzählt wird, bietet 
dem historischen Verständniss mancherlei Schwierigkeiten. He- 
rodot gibt den Bericht darüber nicht im Zusammenhang mit 
der älteren Geschichte des Miltiades, die er in zwei Partien 
(VT 34 ff. 103 f.) ziemlich ausführlich erzählt hat, sondern als 
Nachtrag zur Geschichte seines Processes im J. 489: dass Mil- 
tiades den Athenern Lemnos gewonnen hat, fällt zu seinen 



1) Von der Gewaltthätigkeit dieser T^rrheuer leitete er das Wort 
Tv()f(vv(>i; ab, das sonst gewöhnlicli für lydiscli erkliirt wird. (Ebenso 
Siiidas s. V. xvQuvvoq; argnni. Sophocl. Oedipus Tyr.). 

2) Um 25ü v.Chr., s. Müllenhof, Deutsche Alterthumskuude I45(i; 
WiLAMOwiTZ, Antig. V. Karystos 24. 

;{) A'gl. aueh Photios lex. ne?.u(jyixov zd vno növ ri(jüvrn>y (leg. 
Tv (jt)tjvojr) xuTuoxtvuoülv T/'/q dx()ano).eioi Tttyoq' TovTovq ya(j xXtj- 
Ih'ivui nt?.a(>y(tvg oiov Iltkaayovc. (die Vorlage ist ollenbar sehr zusannneu 
gezogen) wq Ti).üviiTUi xivuq' i] özi iöövieq uviovg nfJcOzflr oi Aih/vatot 
liivAnvfx^ ).u/J7i()uq 7if()ißtßkTj(xivovq, nekuf/yolq hxuouv. llesych. Ut- 
f.uayixnv ztr/ioy o'vziu iv 'At^r'/vaiq xakovfxepor Tv(j(ji^iwy xnaöizujy. 
Ebenso Eustath. ad Dion. 347. 



14 

Gunsten in die Wagsehale. Die Erzählimo: gehört mithin offen- 
bar einer andern Traditionissehieht an. als jene Geschichten 
über Miltiades' Herrschaft auf der Chersones und seine Flucht 
vor den Persern. Nun ist unbestreitbar, wenn auch lange nicht 
immer genügend beachtet, dass wir in dieser Zeit noch keines- 
wegs auf einem Boden stehn. wo sich die einzelnen Berichte 
einfach in einander schieben und zu einem Ganzen verbinden 
lassen. Dieselben stehn vielmehr isolirt neben einander und 
kein einziger von ihnen kann als völlig authentisch betrachtet 
werden, am wenigsten natürlich in chronologischer Beziehung. 
Wenn daher Herodot an einer andern Stelle berichtet, nach 
Darios' Skythenzug habe Otanes die damals noch von Pelasgern 
bewohnten Inseln Lemnos und Imbros genommen (um 510), 
Lemnos habe sich tapfer aber vergeblich vertheidigt, und die 
Perser hätten hier als Statthalter Lykaretos, den Bruder des 
Maiandrios von Samos eingesetzt, der auch auf Lemnos als 
Herrseher gestorben sei (Her. V 27) — so haben wir noch 
keineswegs das Recht, diese Erzählung mit der über Miltiades 
zu verbinden und zu folgern. Miltiades habe die Inseln erst 
nach dem Bruch mit Persien, während des ionischen Auf- 
standes, erobern können.') Dass diese Annahme falsch ist, 
lässt sich sicher nachweisen. Denn ]\Iiltiades hat die Ein- 
wohner der Inseln verjagt 2) und Athener auf ihnen angesiedelt. 
Seitdem sind die Inseln griechisch '■') und von attischen Colo- 
uisten besetzt, die in den Todtenlisten auf dem Kerameikos 
nach den attischen Phylen aufgezählt werden.^) Weil die Ver- 
triebenen Barbaren waren, wie die später von Kimon vertrie- 
benen Doloper von Skyros, sind Lemnos, Imbros und Skyros 



1) So folgern die Neueren durchweg. Nepos Milt. 2 setzt dagegen 
die Einnahme von Lemnos vor Darius' Skj^thenzug. gewiss nicht auf Grund 
einer abweichenden Tradition, aber historisch wahrscheinlich correcter. 
Wenn es bei Nepos noch heisst pari felicitate ceteras insulas, quae Cy- 
ciades nominantur, in Äthenieusium redegit potestatem. so mag die Quelle 
dabei an Imbros gedacht haben. 

2) Das sagen alle Quellen übereinstimmend ; die Zweifel von Duxckek 
G. d. Alt. YII 6.5 entbehren jeder Grundlage. 

3) Her. VIII 11. Artemidoros von Lemnos, der bei Artemision zu 
den Griechen übergeht, muss also attischen Ursprungs gewesen sein. Da- 
her weisen ihm die Athener Land auf Salamis an. 

4) Thuk. VII 57. Vgl. III 5 IV 2S V S. CIA I 443. 444. 



15 

zu allen Zeiten als rechtmässiger attischer Besitz anerkannt 
worden, der selbst durch die vom Königsfi'ieden proclamirte 
„Autonomie aller Hellenen" nicht angetastet und nach dem 
Perseuskriege noch einmal von den Römern restaurirt vnrd. 
Sehr mit Unrecht hat Kirchhoff ' ) diese Thatsache zu ver- 



1) in seinem Aufsatze „Die Tributpflichtigkeit der attischen Kle- 
ruchen" Abh. Berl. Ak. 1873 S. 30 ff. Kirchhoff nimmt an, die Entsendung 
der attischen Kleruchie falle erst um Ol. S4, 2 (443 2 v. Chr.) und auch 
damals sei noch eine selbständige einheimische Bevölkerung auf der Insel 
geblieben. Die Neueren sind ihm darin durchweg gefolgt (z. B. Duncker 
imd BusoLT, letzterer allerdings nur mit Reserve); ja Köhler hält es für 
denkbar, dass Philipp V im J. 200 die attischen Klerucheu vertrieben 
und die Regierung der alteinheimischen Bevölkerung überlassen habe, 
welcher dann auch von den Römern die Autonomie geschenkt worden 
sei. (Mitth. Arch. Inst. Athen. I 263 f.). Damals befanden sich aber die 
attischen Kleruchen bereits seit mehr als 300 Jahren im ungestörten Be- 
sitz der Insel, und trotz aller Schwankungen der politischen Verhältnisse 
hatte Niemand daran gedacht, sie zu vertreiben (auch Ljsimachus nicht, 
Phylarch fr. 28), so oft auch die politische Abhängigkeit der Kleruchen- 
gemeinde von Athen aufgehoben war. Das ist nicht aus zarter Rücksicht 
auf die .Kleruchen geschehen, sondern ganz einfach deshalb, weil Niemand 
anders da war, der ein Recht auf die Inseln hatte. Hätte Philipp V die 
Kleruchen verjagen wollen, so musste er die Nachkommen der alten Tjt- 
sener aus Plakia und Skylake und der Athoshalbinsel zusammensuchen 
um der Insel eine Bevölkerung zu geben. Köhler meint freilicli im An- 
schluss an Kirchhoff, aber im Widerspruch mit aller üeberlieforung, es 
habe in Hephaestias und Myrina unterthänige Gemeinden einheimischer 
Bevölkerung mit beschränktem Münzrechte gegeben (Mitth. Arch. Inst. 
IV 263). Die ganze Hypothese beruht auf Kirchhoffs Annahme, diel 
attischen Kleruchen hätten keinen Phoros gezahlt — eine Annahme, der! 
ich so wenig beistimmen kann , wie den zahlreichen anderen Hypothesen, 
durch die Kirchhoff die Ueberliefcrung über die Geschichte des fünften 
Jahrliundorts umzugestalten gesucht hat. Mit Recht hat Beloch Rhein. 
Mus. XXXIX 46 und Bevölkerung der griech.-röm. Welt 81 gegen Kirch- 
hoffs Kleruchenhypothese protestirt und die Ueberliefenmg wieder in 
ihr Recht eingesetzt. Während dessen hat freilich die KiRCHiiOFFsche 
Hypothese noch abenteuerlichere Früchte getrieben: Wilamowitz Hermes 
XX 11 243 meint, die alten Einwohner von Lemnos und Imbros seien 388 
v.Chr. vertrieben worden! Dann sind also Herodot. der ilire Vertreibung 
eraählt, und Thukydides, der ihre neuen Wohnsitze am Athos kennt, Pro- 
pheten gewesen. Hoffentlich weist man demnäclist nach, dass die be- 
treffenden Stellen interpolirt sind, und rettet dadurcli auch hier die von 
KiucHHOFF erkannte Wahrheit gegenüber den Irrthümern der Alten. Es 
ist leider nicht das erste Mal, dass Wilamowitz sich durch blendende i 
Hj piitlu'S(Mi hat verleiten lassen, aller Ueberliefenuig ins Gesicht zu schlagen. " 



16 

sehleieru gesucht imd eine spätere Colonisatiou von Leninos 
und Imbros in der perikleischen Zeit angeDommeii. von der die 
Quellen nichts wissen. 

Es ist nun evide nt, dass e ine derartige Besitzergreifung 
der beiden In seln nicht in d e n w irren Jahren d.es ionischen 
Aufstandes stattgefunden haben kann. Damals hätte die Zeit 
kaum gereicht um die Inseln zu erobern und die Colonie ein- 
zurichten. Vor Allem aber hätten die Perser, als sie im J. 493 
die Chersones unterwarfen und Miltiades beinahe bei Imbros 
abfingen, zweifellos die Colouisirung rückgängig gemacht und 
die alten Bewohner zurückgeführt, wenn dieselben eben erst 
verjagt waren. Lag doch damals Athen mit dem Perserreich 
in offenem Kriege. Offeuljar muss damals die Occupation der 
Inseln schon s eit g eraumer Zeit vollzogen gewesen sein. Will 

jman an Herodot'g Angabe V 27 festhalten, so muss man an- 
nehmen, dass Lykaretos nur sehr kurze Zeit auf Lemnos ge- 
boten und Miltiades bald nach 510 die Insel occupirt hat. Viel 
wahrscheinlicher aber ist mir, dass Herrodot sieh geirrt hat 
und dass Otaues die damals schon von den Athenern besetzten 
Inseln an Persien brachte und einem den Persern ergebenen 

1 Herrscher unterstellte.') Dann gehört die Eroberung der Inseln 
in beträchtlich frühere Zeit, vielleicht schon unter den älteren 
Miltiades — wie leicht kann die Ueberlieferung hier eine Ver- 
w^echslung begangen haben ;'^) hat doch Nepos die beiden Mil- 
tiades zu einer Person verschmolzen — , und je denfalls in die 
Zeit der Pisistratidenherrschaft. 

Eine allgemeine Erwägung der politischen Verhältnisse 
dürfte das letztere noch besser begründen als eine Argumen- 
tation mit Detailangaben, die alle ihrem Wesen nach unzuver- 
lässig sind. Mau hat durchweg die Festsetzung der Philaideu 
auf der Chersones nach sehr einseitigen Gesichtspunkten be- 
urtheilt und im Anschluss an Herodot fast ausschliesslich die 



1 ) Es kommt hinzu, dass MUtiades nach seinem Auftreten bei Darius' 
Skythenfeldzug und nach dem Sturz der Pisistratiden schwerlich in der 
Lage war. noch Eroberungen zu machen. Vgl, auch Herodot VI 40. Mil- 
tiades" Flucht vor den Sk}theu, die von Herodot ins Jahr 4!t5 gesetzt wird. 

2) Es ist hier zu beachten, dass die Einnahme von Lemnos bei He- 
rodot nur als Nachtrag und zur Motiviruug der günstigen Stimmung, die 
in Athen für Miltiades herrschte, berichtet wird. 



17 

persönlichen Verhältnisse berücksichtigt. Di'' neueren Unter- 
suchungen haben immer deutlicher gezeigt, wie die Pisistra- 
tiden überall die Grundlage der späteren Stellung Athens ge- 
schaffen haben, und so ist es auch hier gewesen. Mag die 
erste Besetzung von Sigeon schon früher fallen, definitiv athe- 
nisch ist es erst durch Pisistratos geworden. Damit steht die 
Aussendung einer Colonie nach der Chersoues und die Be- 
setzung der Inseln im engsten Zusammenhang: es galt die 



grosse hellespontische Handelsstrasse in die Hände Athens zu_ 



bringen.' ) Und dies Ziel hat Pisistratos wirklich erreicht. 
Wenn man dadurch, dass man das Haupt der Philaiden an 
die Spitze der Auswanderer stellte,-) einen politischen Rivalen 
los wurde, um so besser. Daran dass derselbe sich der Ober- 
hoheit der Pisistratiden entziehen könnte, war ja nicht zu 
denken; im Gegentheil. die Stellung Kimons und die Aus- 
senduug des jüngeren Miltiades zeigen deutlich, wie völlig 
sieh das Geschlecht der Philaiden in die Abhängigkeit von 
den Tyrannen fügen musste. Man hat gemeint, es sei eine 
besondere Connivenz des Miltiades gegen Athen gewesen, dass 
er die von ihm eroberten Inseln seiner Mutterstadt übergab 
und von ihr besetzen Hess. Die Sache liegt gerade umgekehrt: 
die Philaiden konnten sich auf der Chersones nur behaupten, 
geschweige denn Eroberungen unternehmen, so lange sie an 
Athen einen Rückhalt hatten. Und woher in aller Welt hätten 
sie denn die Colouisten für Lemnos und Imbros sonst nehmen 
sollen, wenn nicht von Athen V Die Griechen auf der Cher- 
sones, die während des ganzen Verlaufs der griechischen Ge- 



1) Ebenso hat Pisistratos einen Tlieil der tlirakisclien Goldbergwerko 
besessen (Herod. I 04) nnd mit Makedonion Beziehungen angeknüpft (Her. 
V 94). [Aus Aristoteles pol. Athen. 15 wissen wir Jetzt, dass Pisistratos 
während seiner zweiten Verbannung Khaikelos am thermaeiselien Golf be- 
siedelte; ebenso bezeugt er die Festsetzung am Pangaion.| 

2) Gewöhnlich setzt man die Auswanderung des Miltiades 1. gleich 
ins .lahr bW, ob mit Kecht, ist fraglich. Sicher ist nur, dass Miltiades 
vor Kroesos* Sturz bereits auf der ("hersones herrschte und mit Lanip.sakos 
Krieg führte (Her. VI:i7); otVenliar strebten die Lampsakencr nach der 
Suprematie über den gegenüberliegenden Theil der Chersones. Dadurch 
rückt die spätere Verschwägerung der Pisistratiden mit den Tyrannen 
von Lampsakos (Thuk. VI 59), die dem Tiiukydides als eine Erniedrigung 
erscheint, erst ins rechte Licht. 

Meyei-, Korscliuiigeii zur AUeu (ieMcliirlitu. I. 2 



18 

sehielite bis auf die Römerzeiteu hiuab uielit einmal ihr eigenes 
Land gegen die Thraker schützen konnten, waren doch wahr- 
lich nicht im Stande. Colonisten auszuschicken. Ist diese Auf- 
fassung aber richtig, so dürfte es nicht zweifelhaft sein, dass 
die Besetzung der Inseln geraume Zeit vor dem Sturze der 
Pisistratiden erfolgt ist. 

Die Colonisatiou von Lemnos — welches das weniger wich- 
tige Imbros mit zu vertreten hat — hat nun zu der Sage Ver- 
anlassung gegeben, die Herodot und im Wesentlichen ebenso 
wohl schon Hekataeos aufgezeichnet haben. Die Vertreibung 
der Bewohner erscheint als die von der Gottheit befohlene 
Sühne für den Frauenraub in Brauron und die frevelhafte Er- 
mordung der Geraubten und ihrer Kinder. Die Lemnier selbst 
haben die Berechtigung des attischen Anspruchs anerkannt und 
nur hinzugefügt, sie wollten die Insel erst dann übergeben, 
wenn ein attisches Schiff bei Nordwind an einem Tage vom 
eigenen Lande nach Lemnos komme. So haben sie sich selbst 
eine Falle gegraben; Miltiades erfüllt die Bedingung, und so 
vollzieht sich nach lauger Frist das Geschick. Die Bewohner 
von Hephaestias fügen sich freiwillig, Myrina wird mit Gewalt 
bezwungen.') Die Pelasger müssen die Insel räumen. 

Entstehungsart und Tendenz dieser Erzählung ist klar. Sie | 
! genügt allein schon, um die Unhaltbarkeit der Ansicht von 
iKiKCHHOFF und DuNCKEii ZU erwciscu, dass die Einwohner 
nicht vertrieben seien. Das Orakel kann erst entstanden sein, j 
^Is es erfüllt war. Es musste durch eine Verschuldung der 
,Lemnier gegen Athen motivirt werden. [Dazu hat man wahr- 
scheinlich eine Cultlegende gewählt, welche die Festbräuche 
der brauronischen Artemis erklären sollte und von einem Frauen- 
raube erzählte-) — genau wie die Festbräuche der Thesmo- 
phorien von Halimus zur Ausschmückung der Kriege des Pi- 
sistratos mit IMegara verwendet und dadurch zugleich ätiologisch 
erklärt worden sind (Aeneas tact. 4, 8. Plut. Solou 8. 9 u. s. w.).j 

Herodot erzählt die Sage, wie sie ihm überliefert Avar, 
ohne weitere Zusätze. So konnten sie die Späteren nicht 
brauchen, und wie gewöhnlich haben sie Ephoros und sein 



1) Herod. VI 140. Diese Angaben werden wohl richtig sein. 

2) vgl. Crusius Philol. N. F. II 212, 40. 



19 

moderner Naohfolger Max Duncker in prag-mntische Geschichte 
umgesezt. In wie naiver Weise der letztere aus der Sage Ge- 
schichte gemacht hat, mag mau bei ihm selbst nachlesen.') 
Ephoros hat erzählt, das Orakel sei nur Vorwaud gewesen, iu 
Wirklichkeit hätten die Lemnier sich aus Furcht vor den Per- 
sern (deren Vasall ja Miltiades war) ergeben. Zur weitereu 
Illustration verwerthet er hier wie an anderen Stellen seines 
Werkes ein Sprichwort, welches erzwungene Geschenke 'Eq[ixx)- 
vtioL yc'iQixt^ nannte: Hermou sei der Herrscher der Lemnier 
gewesen, welcher die Insel dem Miltiades Ubergab.-j 

Ephoros (Diodor) nennt nun die Bewohner von Leniuqs 
Tyrrhener, und diese Bezeichnung ist auch sonst die gebräuch- 
liche. Apollonius Khod. IV 1700 lässt die Miuyer von Lemnos, 
welche nach Sparta gehn und Thera gründen, durch Tyrsener 
vertrieben werden. Plut. de virt. mul. 8 (= Polyaen. VII 49) 
21 und (juaest. gr. lä- nennt die Bewohner von Lemnos und Imbros, 
die er im übrigen mit den Minyern zusammenwirft, ebenfalls 

1) Bd. VII S. r,4— 66. 

2) Diodor X 19. Dass nicht Domoii, wie Crusius, Beiträge zur griecli. 
Mythol. (Progr. Leipzig 1886) S. 4 meint, sondern Ephoros hier wie über- 
all die Quelle Diodors ist, kann nicht zweifelhaft sein. Demon hat viel- 
mehr die Erläuterung des Sprichworts aus Ephoros entlehnt. Ebenso ver- 
weiulet Ephoros die sprich\\örtliche Gestalt des Verräthers Eurybates in 
der (leschichte des Kroesos (Diod. IX 32); hier ist der Ursprung aus 
Ephoros durch dessen Fragment 100 (bei Ilarpokration) bewiesen, und 
aucli hier folgen die Paroemiographeu u. s. w. seiner Erzählung. Vgl. auch 
Diod. X 25, 1 mit Demon fr. lu. [Auch Herodot bezieht sich in der lem- 
nischen Geschichte auf das Sprichwort vom Ai'iuviov xuxöv VI 13S.] Zu 
Diodor stimmt im wesentlichen Suidas s.v. 'E(i/icürsioc. '//(.Qic,, Zenobios 3, 85. 
Bei liesj'ch. s.v. tritt die Furcht vor den Athenern an die Stelle der vor 
den Persern: ähnlicli Nepos Miit. 2, der nicht aus P^phoros geschöpft hat. 
Cliara.x bei Steph. hyz. s.v/Hcpaiariäc: hat Ephoros und Herodot mit ein- 
ander \erschmolzen und maciit daher llermou speciell zum 'J'yrannen von 
llephaestias; ferner cntleluit er aus Herodot die Pelasger. — [Eiu weiteres 
Beispiel ist die aus dem sprichwörtlichen Gebrauch von dra7ia(_)iäL,eiv 
„nach parischer Art handeln'', d. h. einen Vertrag brechen, von Ephoros 
construirte Geschichte der Expedition des Miltiades gegen Faros, fr. 107 
bei Stcpli. Byz. nä(joc, in der alle Neueren sehr mit Unrecht eine von 
Herodot iinabliängigc Ucberlieferung gesucht haben. Auch hier ist Ephoros' 
Erzäidiing in die Paroemiographeu übergegangen (Diogenian II 35 Zenob. 
II 21). Ebenso haben die Paroeuiiographen das sprichwörtliche Orakel 
u ifi).ir/oijii((Tiu ül'nü()Tay t?.tL, a).).u (Vi oiiSh' aus Ephoros iibernomuu'n.] 

2* 



20 

Tyrrbener. Nach Aristoxeuüs fr. 1 bei Dioi;-. Laert. VIII, 1 (vgl. 
Clem. Alex. Strom. I 14. 62, der aueb Tbeopomp nennt) war 
Pytbag'oras TvQQ)i)og djio fuäg tojv rt'jömv, aq y.artoyor l4ßfj- 
vatoL TvQQrjVovq ly.(iaXövxtg. Kleantbes bei Porpbyrius vita 
Pytb. 2 sagt: äXXovg tirai, oi zor jrartQa avrov (des P.) Tvq- 
Q?jvdi> ajtoffaivovrai rcöv r/jv Afj/Ji'OJ' ajroixtjoäi'TcorJ) Pe- 
lasger beissen die Bewobuer von Lemnos ausser bei Herodot 
nur bei dem von ibm abbängigen Cbarax (s. S. 19 Anm. 2) und 
bei Suidas und Zenobios s. v. 'Egficöriog yaQig (ib.). 

Wir seben nun deutlieb, wie die attiseben Sebriftsteller 
dazu gekommen sind, von Tyrsenern in Attika und tyrseniseben 
Pelasgern zu reden. Die Bezeichnung ist ein versteckter Pro- 
test gegen die Pelasger. Namentlicb in dem Ausdruck des 
Tbukydides IV 109 ro (Vt jiXtiOTov (der Bewobner der Atbos- 
balbinsel) ntXaoyiy.ov tojv :<cä Arjuvör Jiort y.ai 'A&rjvag Tvq- 
0)ivcÖ7> 01X7] ('(VT cor tritt derselbe sebr deutlicb bervor. Dass 
Pelasger in Attika gewesen und nacb Lemnos ausgewandert 
waren, musste man den angegebenen Literaturwerken, die es 
bezeugten, scbon glauben — scbien es docb überdies durch 
den Namen Pelargikon bestätigt zu werden. Abei^ nifin wusste, 
dass die von den Athenern vertriebenen Bewohner von Lemnos 
nicht Pelasger sondern Tyrseuer gewesen waren. Man setzte 
also beide Namen gleich und redete von tyrseniseben Pelasgern, 
eine Bezeichnung, die Sophokles einmal auf die argivischen 
Pelasger des luachos angewendet hat,-) die aber sonst von 
den Pelasgern im übrigen Griechenland nicht gebraucht wdrd, 
sondern auf die Pelasger in Athen und Lemnos beschränkt blieb. 

Das Verfahren des Hekataeos oder eventuell seines poeti- 
schen Gewährsmannes ist jetzt klar. Die attischen Pelasger' 
Imussten irgendwo untergebracht werden, da sie im Lande nun 
einmal nicht ansässig waren. Ebenso war zu ermitteln, woher 
die Bewohner von Lemnos gekommen waren; denn nach allge- 
meiner Tradition hatten seit der Argonautenzeit Minyer auf der 



1) ebenso der späte Diogenes tv zoig vnl() 6ovXi]v dniaiotq ib. 10: 
(pnal dl) Mvi]r>ui)yov TvQQyp'ov vvra xara yevog xüiv Afj/tvov xal T/^tßfJov 
xttl ^xvQov olxyjoävTujv Tv(j()fjViöi> etc. Pj^thagoras erhält auch eiueu 
Bruder Tyrrheuos (ib. 2. lü Diog. Laert. VIII 1, 2). 

2) Iraye yevväxoQ . . . fxtya nQeoßeviov "A^yovg re yvuig "tlQaq tf 
Tidyoig xal TvQaijvoiai Utküayolg, bei Dion. Hai. I 28. 



21 

Insel gewohnt, die dann nach Sparta und Thera gewandert 
waren;') die späteren Bewohner konnten also erst nach dieser 
Zeit hingekommen sein. So löste man zwei Schwierigkeiten 
auf einmal, wenn man die attischen Pelasger nach Lemnos 
wandern liess. Dass die Lemnier dann wieder von den Athe- 
nern vertrieben wurden, hat offenbar bei der Bildung dieser 
Ansicht noch wesentlich mitgewirkt. 

Auf diesem Wege sind die barbarischen Bewohner derj 
Inseln im Norden des ägäischen Meeres — Lemnos Imbros 
Samothrake nennt Herodot — zu Pelasgern geworden. Yon 
liier hat sich der Name noch weiter ausgebreitet: Ephoros 
(Diodor XI GO) nennt die Bewohner von Skyros, welche Kimon 
vertrieb, Pelasger und Doloper,^) während sie sonst nur Doloper 
heissen. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch aber hielt sich der 
Ausdruck Tyrsener ') und wurde nun auch auf die attischen 
Pelasger angewandt. 

Herodot kennt Tyrsener im Bereiche des ägäischen Mee- 
res nicht, TvQOfjroi sind bei ihm ausschliesslich die italischen 
Etrusker. Es hat das seinen guten Grund; er leitet die letz- 
teren aus Lydien ab, und konnte sie daher unmöglich mit 
den Pelasgern in Verbindung bringen. Ueberhaupt geht Hero- 
dot in diesen Dingen selir radical vor, zweifellos im Auschluss 
an ältere Schriftsteller, vielleicht an Hekataeos. Die Leleger, 
über deren Bedeutung kaum weniger Zweifel herrschten wie 
über die Pelasger, erklärt er sclilechtweg und ohne weitere 
Begründung für einen älteren Namen der Karer (I 171), die 
Stad t Antandros, welche Alkaeos (Strabo XIII 1, 51) in Uebeij^ 



1) Piiidar I'ytli. 4 setzt in allem wesentlichen dieselbe Erzählung vor- 
aus, welche Tlcrudot gibt, und die jedenfalls schon in den Eoeen erzählt 
war (vgl. KiKCiiHOFF Odyssee S. iCilff.). 

2) Nach Skymnos v. 584, der ja von Ephoros abliäugig ist, wohnen 
auf Skyros und Skiathos Pelasger ix ß^uxt/c 6iu{iävifq loq knyoq. A^on 
Ephoros ist auch Xlkolaos von Damaskos (bei Steph. Byz. s. v. SxvQiy^) 
bceinflusst, der die Einwohner von Skyros Pelasger und Karer nennt, 
vgl. unten S. 22 Anni. :». Aehnlich lässt Diogenes (oben S. 20 Anm. 1) die 
Tyrrhencr Lemnos, Imbros und Skyros besiedeln. 

li) Wenn Ephoros die Bewohner von Lemnos in seinem historischen 
Bericht Tyrrheuer genannt hat, so hat er damit ihre Identität mit den 
attischen Pelasgern natürlich nicht bestreiten wollen. 



22 

eiustimmunj^' mit den Andeiitungi'H der lli^ü k'lügiseli uaiinTe. 
ist ihm eine Pelasgerstadt (VII 42).') 

Spätere freilich haben zu \ erbinden gesucht, was Herodot 
schied. Der Mythograph Autikleides lässt die Pelasger Lemnos 
und Imbros besiedehi. und dann einen Theil von ihnen sich 
dem Tyrrhenos dem Sohn des Atj^s auf dem Zug nach Italien 
ansehliessen.2) Umgekehrt ist der Schriftsteller, aus dem Kepos 
Milt. "2 schöpfte — leider wissen Avir nicht. Aver es ist — ebenso 
radical vorgegangen wie Herodot und hat die Bewohner von 
Lemnos zu Karern gemacht, wie die der Kykladen.-^) Ausser- 
dem aber konnte nocli ein anderes Volk Anspruch auf Lemnos 
erheben, die Sintier. In der Erzälihmg von Hephaestos" Fall! 
lll. A 594 heissen die Bewohner von Lemnos Sintier, ebenso! 
jOd. i9- 294 im Liede von Ares und Aphrodite ^Ivzitz dygio-l 
\^covoi.^) Nach Strabo sind diese Sintier oder 2lii-toi identisch 
mit den Saiern des Archilochos und den Sapaeern der späteren 
Zeit, die bei Abdera sitzen (X 2, 17. XIII 3. 20); Philochoros 
dagegen ideutificirte sie mit den Pelasgern und Tyrrhenern, 
und wie er von diesen das Wort xvQa.vvoj: ableitete, so er- 
klärte er ^ivTiEc für einen denselben wegen ihres Raubzuges 
nach Brauron gegebenen Beinamen, von oh'soO-ai (fr. 6 Schol. 
II. A 594. Ebenso Schol. Ap. Rhod. I 608). Aehnlich hatte schon 
Hellanikos den Namen erklärt: die Lemnier seien die ersten 
"Waffenschmiede gewesen. Er hielt sie al)er für Thraker, die 
lu^tÄhiViQ geworden seien (fr. 112. 118). Geschichtlich ist esj 
jwohl das wahrscheinlichste, dass die Sintier ein thrakischer 
'stamm sind, welcher mit den Tyrsenern nichts zu thuu hat. 
sondern vor ihnen die Insel bewohnte. 

Es ist nie bezweifelt worden, dass die Tyrsener von Lem- 
nos identisch sind mit den tyrse_nischen SeeTäuberu, welche 
ans d er Geschichte von de m Raub des Dio ny sos und ihrer 



1) ebenso Konon 41. 

2) Strabo Y 2, 4. Woher hat Strabo diese Notiz, die zwischen Ephoros 
und den Atthidographen (Philochoros) in der Mitte steht? 

:\) Die Einwirkung dieser Darstellung zeigt sich auch bei Nie. Dam., 
oben S. 21 Anm. 2. 

4) II. if 468. Z 230. <?> 46. *f 745 setzen dagegen die aus der Argo- 
nantensage bekannten Verhältnisse voraus. 



23 

Bestrafimg (hynin. hom. 5 u. s. w.) am bekanutesteu siud.^ Eplio- 
ros lässt sie als Seeräuber von deu Kretern (die nach ihm erst 
lange nach Minos verwildern und Piraten werden) abgelöst 
werden (Strabo X 4, 9: //er« /«() rovg TvQQfjvovg, oV fiähöra 
tdijcooav xi]V xa»9^' ////«i," d^äXaööav); Kastor nahm sie unter dem 
Namen Pelasger in seine Liste der Seeherrscher auf und liess 
ihre Thalassokratie auf Grund der S. 11 Anm. 2 besprochenen 
Ansätze 93 Jahre nach dem troischen Kriege beginnen und 
85 Jahre dauern, worauf ihnen die Thraker folgen (Diodor bei 
Euseb. ed. Sciioene I 225). Bei Homer erscheinen diese Tyr- 
sener nicht, ebenso wenig in den Ueberresten der hesiodeischen 
Poesie. AVir dürfen daher vielleicht annehmen, dass sie ihre 
Seeräubereien in den griechischen Gewässern erst in späterer 
Zeit, im siebenten und sechsten Jahrhundert, getrieben haben, 
ibis ihnen Miltiades ein Ende machte. 

Die von Lennios und Imbros vertriebenen Tyrsener — von 
der ärmeren Bevölkerung mögen ja manche als Tagelöhner und 
Pächter der attischen Colonisten zurückgeblieben sein, die dann 
ihre Nationalität verloren — wohnten nach Thukydides später 
auf der Athoslialbinsel. Herodots Angabe I 57: „die Pelasger, 
welche Plakia und Skylake am Hellespont [östlich von Kyzikos] 
besiedelt haben und ehemals mit den Athenern zusammen- 
wohnten, und was es sonst noch für Pelasgerstädte gibt, die 
ihren Namen geändert haben [d. h. die sich nicht mehr Pelas- 
ger nennen]" steht damit nicht im Widerspruch. Unter den 
letzteren m()gen die Athosstädte gemeint sein, die Angabe über 
Plakia und Skylake erklärt sich am einfachsten doch so, dass 



1) Eine andere Erziihluiig, die au den Ciilt der Ilera von Sainos an- 
knüpft, bewahrt Menodotos bei Atlien XV 12. — Auch in der zu dem 
Spricliwort Ihxüvii ti/il bewahrten Erzähhinj? des llelhuiikos (fr. 115 bei 
.Snidas s.v. Zenoblos 5, (il), die Stadt Titane sei von Tehisj^ern geknechtet, 
von Erythraecrn befreit worden, durften die Pelasger wohl tyrsenisclie 
Seeräuber sein. Wenn nicht erst die Taroemiographen deu Pelasgernaiueu 
eingesetzt iiaben, so hat Hellanikos den Sprachgebrauch Herodots befolgt 
und den Tyrsi'iiernanien anf Italien beschränkt (was zu seiner Darstellung 
bei Dioii. Ilal. I 2S sehr gut stimmen würde). [Allerdings keimt Hella- 
nikos auch Tyrsener auf Lesbos: Stepli. liyz. Mlxuov, nöh^ Jtoßov, 
"(V Mtzuq TiQ(>tivoq wxtotv, ujq ''Elkävnatq (fr. 121). Vielleicht hat er 
hier auch die Tyrsener mit den Pelasgeru auf Lesbos (unten S. 35) ideii- 
tificirt. I 



24 

[ein Tlicil der vertriebenen T.emnicr dorthin i:ewandert sei') 
— dann liätten die Perser ihnen Aufnahme gewährt. 

Von diesen Pelasgern. d. h. den Tvrsenen. sagt nun llcro- 
dot. sie sprächen dieselbe S}traehe. wie ..diejenigen Pehisger. 
welche oberhalb der Etriisker die Stadt Cortona bewohnen, 
die ehemals j^achbarn der Dorer waren; sie wohnten aber da- 
mals in dem jetzt Thessaliotis genannten Lande" T 57: [wenn 
man über die Sprache der Pelasger urtheilen darf nach] roloi 
vvv tri ioiöi ntXaoyixtv rcöv vjceq Tvqoijvcov KQOxcova üiÖ7av 
olxtövTcoi', Ol of/ovQoi xoTE ?'jOav ToiGi VVV /icoQiivöL y.aXto- 
f/ii'oiOi {o'iy.iov Ö\ ryjViy.cvTct yrjV t))v vir OiOOa/.uÖTiv xaXi^o- 
fiivtii-) . . . und nachher xcu yccQ ö?) nvrt oc KQOTcovijJTai ovöa- 
fioioi Tvjv 7'vv Off tag jhqioixeovtco)' eioi oiiöyXcoöooi ovre ol 
nXaxujVoi, orfloi de ofiöyXcoöOoi. So hat Dionys von Halikar- 
nass (I 29) die Stelle gelesen, während unsere Handschriften 
KQf]OT<äva und Kgr/ormvifJTai^hieten. Dass Dionys' Lesung die 
einzig mögliche ist. haben XiEiirnR. Kiepert. Stein und neuer- 
dings nuchninls Hildebkandt -| erwiesen. Da indessen die 
Lesung Kreston noch immer wieder Vertheidiger findet, muss 
ich die Argumente noch einmal wiederholen. 

Wer Kreston und Krestoniaten liest, hält dieselben für 
den thrakisclien Volksstamm der Krestonen oder Krestonaeer, 
und erklärt Herodots Angabe durch die wiederholt angeführte 
Thukydidesstelle IV 109. nAch der auf der Athoshalbiusel tyr- 
senische Pelasger mit Bisalten. Krestonen und Hedonen zu- 



1) Bei den Späteren erscheinen Pelasger in der >'ähe von Kyzikos 
als Feinde der Dolionen lAp. Ehud. I in24 mit den Schollen, vgl. ib. 9ST 
schol.. Apollod. 19. IS. Steph. Byz. Bioßixoz). Sie sollen zwar von Euboea 
(oder nach Deilochos aus Thessalien) gekommen sein, werden aber doch 
wohl nichts anderes sein als die Pelasger oder vielmehr Tyrsener von 
Plakia und Skylake. Konon narr. 4 1 macht sogar den Kyzikos selbst zu 
einem von den Aeolern aus Thessalien vertriebenen Pelasger. lässt dann 
die Tyrsener nach Kyzikos hinkommen imd diese von den Milesiern be- 
siegt werden. Die Elemente, aus denen diese Geschichte componirt ist, 
sind leicht zu erkennen. Werth hat sie so wenig wie das meiste was 
Konon erzählt. 

2) NiEBUHR Rom. Gesch. I* S. 37 Anm. S'.t. Kiepert Lehrbuch der 
alten Geogr. § 34S, 6. Stein zu der Stelle. Hildebrandt, de itinerihus 
Herodoti, diss. Leipz. 1&S3. S. 41flF. Stein hätte Kqoxwvu in seinen Text 
aufnehmen müssen. 



25 

garamen wohnen. Offenbar haben aber beide Stellen gar nichts 
mit einander zu thiin. Nach Thukydides wohnen tyrsenisehe j "' ' 
jPelasger und Krestonen durch einander; nach Herodot wären 
die Krestionaten Pelasger (wovon sonst niemand etwas Aveiss) j 
[und wohnten oberhalb der Tyrsener, die sonst nach allgemeiner, 
lAnnahrae gerade selbst die Pelasger sind. Sodann aber existirt - 
eine Stadt Kreston überhaupt nicht.') Drittens heisst der^, 
thrakische Volksstamm niemals Krestoniaten, Avird aber bei 
Herodot wiederholt KQijOrcovaloL (das Land JiQtjönoi'ix//) ge- 
nannt. Endlich, welcher Leser wird bei dem Namen Tyrsener 
an die Athoshalbinsel denken? Wie kann also Herodot durch 
die Bezeichnung ..oberhalb der Tyrsener" die Lage von Kreston 
näher zu bestimmen suchen, wenn er einen Ort der Athos- 
halbinsel meint? 

Nun sind bei Herodot, wie schon erwähnt, TvQO/jt'oi inmier 
die Etrusker Italiens; andere Tyrsener kennt er überhaupt nicht. 
„Oberhalb der Tyrsener"' aber liegt die Stadt Cortona, welche 
bei den Griechen vielfach, so gleich bei Hellanikos, Kroton 
genannt wird (vgl. Dion. Hai. T 2(5 Steph. Byz. s. v.). Wollte 
Herodot von dieser Stadt reden, so musste er einen erklärenden 
Zusatz beifügen, um sie von dem seinen Lesern weit bekann- 
teren Kroton in Grossgriechenland — das bei ihm nie einen 
Zusatz erhält — zu unterscheiden, und dieser Zusatz konnte 
wieder nur von den Etruskern hergenommen werden. Endlich 
ist das regelrechte und ausnahmslos gebrauchte Id^vixov von 
KqÖtcov eben Kgorcoviärrj^ {-/jTfjo). 

So steht die Lesung KqÖtcov bei Herodot absolut fest.-) 
Es kommt noch hinzu, dass Hellanikos genau mit ihm überein- 



n Steph. Byz. s. v. ist nur Fulgcrnng aus Herodot, s. Aiim. 2. |Wila- 
MowiTZ Homer. Unters. 19(» behauptet „uuu wohneu nach Herodot Tyrsener 
bekanntlich (!) zwischen Axios und Strynion, im inneren Makedonien". Bei 
Herodot steht kein Wort davon. Wenn die Lesunj; Kritjorojia richtig 
wäre, so würden die Tyrsener unterlialb der Krestonaeer, d. li. an der 
Küste oder etwa im Norden der Chalkidikc zu suchen sein.] 

2) Kreston ist bei Herodot, wie auch Kiepert und Hildehrandt 
hj^rvorheben, nicht Verschreibung, sondern gelehrte Correctur auf Grund 
der 'J'hukydidesstelle, die ein Erklärer offenbar zur Auslegung des Herodot- 
textes herangezogen hat. Aus der Discussion über diese Frage erklärt 
sich Steph. Byz.: A'(*//«;rw»'. nnXic ß^t/cxt/^' tmxf- dt tivui r) h\>rjOToji- 
naif' 'Hqoööim. - Wir liaben es liier mit derselben gelehrten Redaction 



26 

stimmt. „Unter König Nauas, erzählte er in der Phoronis 
(Dion. Hai. I 28), wurden die Pelasger von den Hellenen (das 
sind die Dorer Herodots) verjagt [aus Thessalien], nnd nach- 
dem sie ihre Schiffe am Flusse Spines am ionischen Meerbusen 
gelassen hatten, nahmen sie die Stadt Kroton im Binnenlande, 
und von hier aus besiedelten sie das jetzt Tyrsenien genannte 
Land [Hellanikos lässt sie in Italien den Pelasgernamen in 
Tyrsener umwandeln]." Hellanikos, der auch hier offenbar 
später sehreibt als Herodot, unterscheidet sich von ihm nur 
dadurch, dass ihm Pelasger und Etrusker identisch sind; in 
diesem Puncte hat er Herodot bericlitigt, sonst gehen beide 
offenbar auf dieselbe Grundlage zurück. 

Die Angabe Herodots, dass die Bewohner von Cortona einel 
[ganz andere Sprache redeten als die Etrusker, steht völlig i 
isolirt; sonst gilt Cortona immer als eine Etruskerstadt, und) 
Hellanikos hat denn auch Herodots Angabe corrigirt. Uns fehlt; 
ijedes Mittel, um Herodots Glaubwürdigkeit zu prüfen. Dass 
eine dialektische Verschiedenheit zwischen Cortona und dem 
übrigen Etrurien vorhanden war, ist ja denkbar; weiter zu gehn 
wird man sich schwerlich entschliessen können.') Wie dem aber 
auch sei, immer bleibt noch die sehr positive Angabe Herodots 
bestehen, dass die Plakiener und die Krotoniaten, d.h. die Be- 
wohner Cortonas, dieselbe Sprache sprachen. Wie die meisten 
habe auch ich diese Angabe bisher für falsch gehalten. Aber 
irgend welchen Grund haben wir dafür nicht. Und wenn wir 
Herodot glauben, müssen wir oben folgern, dass die Tyrsener von 
Lemnos, Plakia u. s. w. etruskisch redeten, wie ihr Name sagt. 

Seitdem im Jahre 1886 auf Lemnos eine Inschrift zu Tage 
gekommen ist, die jedenfalls spätestens der ersten Hälfte des 



unseres Herodottextes zu tliun, welche im Prooemimu ^ihxuQvtjuoioQ für 
QovqIov eingesetzt hat, uud von der sich wohl auch sonst noch Spuren 
finden werden. [Schwartz, Eostocker index lect. S.S. 1S90 sucht die 
Lesung KQi^onjJvu durch Annahme einer Interpolation bei Herodot zu 
retten. Erwünschter kann die Lesung Kqozwvu nicht bestätigt werden, 
als durch eine derartige Bankerotterkliirung der (xegner. Nach dem jetzi- 
gen Stande der Philologie ist allerdings zu erwarten, dass die Interpola- 
tion in den nächsten Herodotausgaben anerkannt werden wird.] 

1) vgl. Herodots Aeusserung über die vier xQÖnot des ionischen Dia- 
lekts I 142, besonders die Worte: amai 61 ai nöXuq rf^oi iiQÖxfifov ?.ex0^ei- 
ayoL öfiokoyioioi xaia yXwaoav ovötv, a<piat 6e bfxoXoyiovoi. 



27 

sechsten Jahrhunderts angehört und in einer nicht griechischen 
Sprache abgefasst ist, welche die stärksten Anklänge an das 
Etruskische aufweist und Avohl jedenfalls als ein etruskischer 
Dialekt betrachtet werden kann,') scheint nun diese Annahme 
als sicher erwiesen zu sein. Dass die Bewohner von Lenmos 
Tyrsener heissen wie die Etrusker Italiens — die beiden 
Nameusformen sind echt italische Gentilicia von dem Stamme 
Turs, Trus (E-trur-ia), die eine mit dem Suftix -anus 
(Turs-anus), die andere mit dem Suffix -cus (Turs-eus = Tus- 
cus, E-trus-cus) — darf nicht mehr durch eine zufällge Homo- 
nymie erklärt werden; beide gehören demselben Volk au. Die 
älteste, suffixlose Form ihres Namens findet sich wahrschein- 
lich in den Turscha (oder Turuscha) der Aegypter, einem Pi- 
ratenvolk, das unter Mernei)tah und Ramses III mit anderen 
Seevölkern verbunden das Nilland heimsuchte. 

Auf die Frage nach der Herkunft der Etrusker wirft frei-l 
llich dies Resultat gar kein Licht; vor allem ist es methodisch' 
unzulässig, die herodotische Erzählung von ihrem lydischen 
Ursprung'-) mit der etruskischen Ansiedlung auf Lemnos und; 
Iden Nachbarinseln in Verbindung zu setzen. An sich ist es 
ebenso zulässig, in ihnen Ueberreste einer etruskischen Wan- 
derung von Osten nach Westen zu sehen, wie etruskische An- 
siedler, welche auf Kaubfahrten ins ägäische IVleer gekommen 
sind und hier die von der griechischen Colonisation nicht be- 
setzten Inseln occupirt haben. Bis jetzt erscheint mir die 
letztere Annahme als die bei w-eitem wahrscheinlichere; und 
sie scheint eine Bestätigimg dadurch zu gewinnen, dass die 
älteste griechische Literatur Tyrsener im ägäischen Meere noch 
nicht kennt, — 



1) {gefunden von Cousin und DruuHACn, Bull. corr. hell. X 1 ff. 
V'};!. l'Ai'Li, eine vorf^Tlecliisclic Inschrift von Lemnos lsS(>. Die Inschrift 
ist bekanntlich auch sonst vielfach besprochen. 

2^ Dieselbe ist überall, wo sie erwähnt wir*l, direct oder indirect 
aus Herodot entlehnt. Xanthos wusste bekanntlich nichts davon, und 
Diouys von lialikarnass hat llerodots An<;abe wohl mit Recht dadurch 
erklärt, da.ss derselbe aus dem lydischen Volksstamme der Torrheber die 
Tyrsener K<^macht habe. — Da.ss ich PAiiLfs Combinationen nicht bei- 
stimmen kann, ergibt sich schon daraus. Ueberdics fusst derselbe zum 
Theil auf Angaben, deren Werthlosigkeit ich im vorstehenden nachge- 
wiesen zu haben glaube. 



28 

Wie man dazu j;ekonimen ist, die Etrusker zu Pelasgern 
zu mac'heu und somit die Telasger auch nach Italien zu bringen, 
dürfte jetzt ohne weiteres klar sein. Systematisch ausgeführt 
und in pragmatische Geschichte umgesetzt ist diese Ansicht 
bekanntlich zuerst von Hellanikos. Ebenso hinfällig sind die 
phantastischen Vorstellungen von pelasgischen Mauerbauteu, 
welche in den neueren Kunstgeschichten eine so grosse Rolle 
spielen: sie sind lediglich aus dem Pelargikon abstrahirt. Die 
eigentliche Pelasgerfrage dagegen bleibt von dieser Untersuchung 
völlig unberührt. Wir haben nur eine durch falsche Combi- 
nation in dieselbe hineingerathene Traditionsmasse, welche so 
viele Forsclier irre geführt hat, aus ihr wieder ausgeschieden. 
Und so dürfen wir wohl auch hoffen, dass das Volk der Pe- 
la>ger. welches sich bei den Alten verschämt verborgen hielt, 
in neuester Zeit aber in mehr als einem Werk kühn aus Tages- 
licht hervorgewagt hat. recht bald wieder völlig im Schosse 
der Nacht versinkt — bis es vielleicht nacli Jahrtausenden, 
wenn auch von unseren Arbeiten nur in Lexiconartikeln und 
Scholiennotizen dürftige Reste zu finden sein werden, von einem 
grundgelehrten Forscher aufs neue hervorgezogen wird. 



Zweites Kapitel. 
Die Pelasger in Thessalien, Dodona und Kreta. 



Nach Eliminierung der attischen und tyrsenisclieu Pelasger 
können wir uns der Untersuchung der wahren und echten Pe- 
lasger zuwenden. Es gibt kaum eine Landschaft Griechen- 
lands, in der uns ihr Name nicht gelegentlich begegnete. 
Sofort aber tritt uns ein tiefgreifender Unterschied entgegen: 
in den meisten griechischen Landschaften, so z. B. in Arkadien 
und Argos, sind die Pelasger ein Volk der Urzeit, das in der 
Überlieferung nur durch seinen Eponymos, den König Pelasgos, 
vertreten ist; als rea les Volk finden wir sie nur in Thessalien 
midjn einer Stelle der Odyssee auf Kreta. Diese Pelasger 
haben wir daher zunächst zu behandeln; an sie reiht sich die 
Verbindung, in welcher in der Patroklie der Pelasgername 
mit Dodona erscheint. 

1. Die Pelasger in Thessalien. 

Wie bekannt trägt eine der thessalischen Tetrarchien bis! 
in die späteste Zeit den Namen Pelasgiotis. Es ist die grossei 
Ebene des inneren Thessaliens, mit der Hauptstadt Larisa 
am Peneos. ,.Larisa. Mutter der pelasgischen Ahnfrauen" 
lautete der Anfang von Sophokh^s Larissäern. ') llieronymos, 
sei CS der Kardianer, sei es der jüngere llhodier (um 250 v.Chr.), 
b(.'Zt'i('bii('t das Land als .,das wir jetzt die i)elasgische Ebene 
nennen" (ro ivi' y.iü.ovntrov UtXaöyixov jifMov Strabo IX 
5, 22); in älterer Zeit sagte man dafür IJtlaoyixov Aqyoc. 
In cinciii alten berühmten ()nikels])rucb lieisst es das beste 

Ilt}.uayiduj}', uvii vov nitoYÖvun- Apolludor in dcu schol. (jeiiev. zu </' 31'.). 



30 

(Acker)land der Welt ' ) und ähulich wird das Gebiet von La- 
risa noch bei Strabo bezeichnet; nur hat es am nessonischen 
See von Überschwemmungen zu leiden, doch haben dem Deich- 
bauten der Larisäer abgeholfen (Strabo IX 5. 19j. 

Die späteren kannten den Xamen nt'/Möfiy.öv liQyog eigent- 
lich nur. weil er im Schiffskatalog in der Schilderung des 
Gebiets des Achilleus vorkam \B 681 ff. » : 

Ol ö'^Aq'/oz t" iiyov ro n&/.aoYiy.di\ ov^o.q dgovQjjj:. (so Zenodot, 
f/i r' ^Zov Ol T A/Jjjrtjr oi rt l\)riylr tviuovTo, s.u.) 

Ol T 'ciyov <P8^ir/r i^ö' E/./MÖa y.iü.'M'/viaiyM, 
MvQ^idövtz de xaXivi'xo xai 'EXhp'tz xai l4/aioi, 
TÖtv av :rtvT?jy.orTa vtcoi' 7)i' i'Qyoz Ayü.'/.tvz. 
[Hier wird das pelasgische Argos mit den südthessalischen 
Landschaften Phthia und Hellas (die unterschieden werden 
wie y ol'ö [= /. 496]. 478 f.) zum Gebiet des Achilleus gerechnet 
und wie es scheint alle drei als Städtenamen betrachtet. Das 
ist freilich geographisch unmöglich. Aber die Alten waren von 
der Authenticität dieser Angaben für die Urzeit überzeugt und 
mussten daher zu verzweifelten Auswegen greifen. Die Frage 
ob Phthia und Hellas Städte oder Landschaften seien, war 
viel imistritten.-i Aristarch hat wenigstens Hellas als Stadt 



') raii]z //£»■ naGijQ zu Ilt'/.aoyixlv Qyoz 'Aa/neirov, 
'iTiTioi StTta}.ixai, Aaxeöaifjiöriai re yvvalxez, 
uvSqsz d'vi Tiivovoiv vÖojq xa/.fjz 'AQfS^ovoijz. 
a?J.' izi xai t(Lv eiaiv dfieiroi-tg, oV rö fifooijyv 
Tirjvvi^og i'aiovoi xai 'A(jxadhjz 7io).iui]).ov , 
AQytloi /.troO^oJQTjxeg. xivxQa nro/.tfioio. 

ifitlg Ö'.Aiyiefg (oder Ö'oi MtyaQtT:), ovxf T(jitoi oire xiiaiJTOi 
ovTf dvüjdtxuzoi, ovz' ir /.öyoj ovz' iv uQii^/inp. 

Anthol. paL XIV 73. Suidas und Photios s.v. vfielc, schol. Theokr. 14. -IS 
Der Spruch, auf den Ion von Chios (fr. 15 Bergki und dann Theokrit 
1. c. und Kallimaclios epigr. 27 Schneider anspielen, mag noch in.s 
siebeute Jahrhmidert hinaufrageu; schon in der Mitte des secLsten Jahr- 
hundert,s war es kaum mehr möglich, die Argiver und Chalkidier (vgl. 
Strabo X I, 13) als die besten Krieger zu pjreisen. Auch trägt er ja durch- 
aus das Gepräge der Blüthezeit der kleinen aristokratischen Gemeinwesen 
(vgl. WiL.^MO^saxz Hermes IX 327). — Übrigens ist das Orakel auch das 
Vorbild des Spruchs xo Ile/.uQyixoi- uQyor uufivor Thuk. II 17. 

-) s. Strabo IX b, b. natürlich aus Aijollodor; seine Angaben bilden 
zu den von Lehr.s Aristiirch 3 225 zusammengestellten Scholiennotizen die 
nothwendige Ergänzung. 



31 

anerkannt: ') mehr als eine geeignete Localität Hess sieh ja 
leieht finden (s. Strabo). Aber auch das pelasgisehe Argos für 
eine Stadt zu erklären, wie manche forderten (to y^/p/oc to 
IJtX. Ol //fr y.ai jiöXiv dtyorrai &trxaXixijV JxiQi Aägioav 
idQVfih'ijV Jtort, vvv d' ovxtri ovöai'' oi öe ov jtoXiv alXa xo 
rcöv OtrraXSv jiEÖiov etc. Strabo 1. c). erschien doch auch ihm 
unmöglich; er sah sich gezwungen, seinem Princip. Homer nur 
aus sieh selbst zu erklären, untreu zu werden und zu den 
gewaltsamsten Interpretationskünsten zu greifen. Den Eiu- 
gangsvers las er abweichend von Zeuodot 

rvr av roic, oöoot to UeXaoyixdv 'Agyog tvaiov. 

und erklärte, dieser Vers bezöge sich nicht auf das Gebiet 
des Achill, sondern bilde den Eingang zu dem ganzen folgen- 
den Abschnitt über Thessalien : 2) ov yaQ fiövoi to Ihlaoyixor 
y4(r/og xaToixovow ol vsr' A/iXXtl XEtayfjtPOL (Ven. A). Freilich 
wird uns dabei zugemuthet das sinnlose vvv av und einen ganz 
in der Luft schwebenden Accusativ rovg in den Kauf zu nehmen, 
zu dem von irgend woher tojitzE oder tQto) ergänzt werden muss, 
und ausserdem am Schluss des Verses eine starke Interpuuction 
zu machen, damit man merkt, dass erst mit dem folgenden Vers 
die Aufzählung der Unterthanen des Achill beginnt (s. Ven. A.). 
lUud all diese Gewaltsamkeiten führen schliesslich doch nicht] 
zum Ziel, denn Aristarch muss jetzt die Behauptung aufstellen, 
JhX. "Aqyoq sei der homerische Name Thessaliens, =*) während 
les doch nur der Name der Ebene von Larisa ist. Ganz deutlich 
ergibt sich, dass Zenodots Lesung die einzig richtige ist — 



') schol. A zu // 52'.t. 1 447: Hellas ist nicht Grioclieulaiid , soudem 
(xia nöhq OsaoaXiuQ, i/g zovg oixi]TOQag"E?.X7]vaq ?Jyfi. Die Angabe des 
schol. ii zu B 0^3 '' EXXäÖa oi fttv 7iö?.iv f^iav, oi öt näaav <PS^t(ÖTiv o 
xul ßikriov ist wohl Correctur eines Späteren, der hier bessere Einsicht 
zeigt als Aristarch. vielleicht des Apollodor, der sich nach Strabo I.e. 
nicht entschieden zu haben scheint: i> /dr oi v notijTyg t)vo noit'i {Ti/r Tf 
'/'/>/'«»■ y{cd TA/r ^Ek}.ü(Sa), 7i('nf-(J0v dt 7i<)?.f-tq t] xufiAuq ov ä7i?.oL 

'-') Tor (Jftr'jQov ipiXoiiyvüjq woneQ npooif-nai^ofzirov cha rö fitxa- 
ßuivui' unu Tiüv vr'iowv xai xt,c Ilflonovt'/jaov ini xa xaxu &toau?.iai' 
schol. A, ähnlich in B und bei Eustath. 

■') vgl schul. Z 152. / 111. 7' 11.^). o- 2U1. Eltenso Stralx) VIII (i, 5; 
dagegen beschränkt er IX .'>, i; den Namen mit Reelit ;uif in nöi- HtTTulwr 
ntöiov. 



32 

or»9-«() aQ0VQ7]c ist ja völlig- eorreet ') — . die aristarcliische da- 
gegeu eine recht schlechte Correctur. welche die g-eog-raphischen 
Bedenken heben soll. Natürlich stammt sie nicht von Aristarch 
selbst, sondern von frühereu :"-') in unseren Texten hat sie die 
Alleinherrschaft gewonnen. Im übrigen lernen wir aus der 
j ganzen Discussion nichts, als dass T/e/. A. wirklieh der alte 
' Name der Pelasgiotis ist und der Verfasser des Schiffskatalogs 
zwar guten Quellen folgte, aber von Thessalien nur eine sehr 
unklare Vorstellung besass — was sich ja auch sonst an vielen 
Stellen zeigt. •^) 

Der Beiname ,,das pelasgische Argos" unterscheidet die 
thessalische Ebene von den gleichnamigen Landschaften, dem 
orestischen. amphilochischen. peloponnesischen. UtÄaoyixov ah' 
Appellativ zu erklären wird wohl unmöglich sein;^) das Ad- 
jectiv muss von einem Volksnamen herstammen. An^er Existenz 
von Pelasgern in Thessalien ist somit nicht zu zwejfeln. In 
historischen Zeiten begegnen sie uns hier freilich nicht mehr. 
!Die Sage lässt sie auswandern: wir dürfen aber wohl anneh- 
men, dass sie einen Hauptbestandtheil der Penesten gebildet 
haben, der leibeigenen Bauern, welche für die thessalischen 
Herren das alte Pelasgerland bestellten. 

Der Blüthezeit des Epos dagegen ist auch der Volksname 
Pelasger in Thessalien noch lebendig. Ich will kein Gewicht 
darauf legen, dass bei Antoninus Liberalis Metamorph. 23, der 
zunächst Nikander excerpirt. unter den Quellen aber auch 
Hesiods Eoeen nennt, in der Geschichte vom Rinderraube des 
I Hermes dieser die Rinder Ajiolls aus ^lagnesia durchs Pelasger- 
land (öia neXaGycöi') und das phthiotische Achaia nach Lokris 
«und weiter führt: denn wie weit sich hier noch Hesiods Sehil- 



1) "Weniger passend steht es /14I. 2S3 vom achäisehen Argos der 
Heiniath Agamemuons. 

2) [vgl. meLne Bemerkmigen Hermes XXVI :iü9ff.] 

3) S. Niese, der homerische Sehiffskatalog Ö. 39 ft'. — Eine andere 
Frage, die an den thessalischen Katalog anknüpft, wie es komme dass 
Phoenix und seine Doloper (/-Ibl) nicht genannt werden, ist bei Jitrabo 
IX 0, 5 in sehr instnictiver Weise behandelt. 

4) Eine Untersuchung über die Etymologie des Namens ns).aay6g 
erlässt man mir hofleutlich. Nur das will ich erwähnen, dass es nahe 
liegt, die gleiche Wurzel in Tliluyüjr und in IltXoxp, das ja auch ein 
Ethnikon ist, zu suchen. Auch Tib'/lu u. ä. gehören vielleicht hierher. 



33 

derung gerettet haben mag, ist fraglieh. Aber in der Patroklie 
sind unter die Bundesgenossen der Troer auch die Pelasger 
Thessaliens aufgenommen. 

^er Dichter der Patroklie gehört der Zeit der vollendeten 
epischen Routine an.') Seine poetische Ertiudungskraft ist nicht 
allzu gross, aber die Technik beherrscht er vollkommen. Er 
erzählt breit und ausführlich, mit behaglich ausgemalten Gleich- 
nissen und Schilderungen, in denen ein fester, auf die Dauer 
ermüdender Schematismus nicht zu verkennen ist. Besonders 
zeigt er ein grosses Talent in der Verwendimg der Massen, 
die bei ihm überall den bewegten Hintergrund der Einzel- 
kämpfe bilden.-) Auf ihn geht denn auch wesentlich die An- 
schauung zurück, dass den Troern ein gewaltiger Haufe von 
Bundesgenossen (fJVQia cpvla jcsqixtiovcov tJiixoiQcov P 220) 
zur Seite steht. Er ist der einzige, bei dem Kikonen (P73) 
und Phryger (77 717) im troischen Heere erscheinen;^) auch 
die Paeoner hat er 77 287 P 350 wohl zuerst eingeführt.^) Aus 
der Liste der Führer troischer Bundesgenossen 7^210 ff. hat 
dann der Schiftskatalog reichlich geschöpft,^) und ebenso wie 



1) Dass das Gedicht relativ recht jung ist, wird wohl allgemeiu zu- 
gegeben. In der Darstellung von Patroklos' Tod tritt das besonders deut- ■ 
lieh hervor: Hektor wird seines Euhines beraubt, Patroklos" Tod ist über- 
haupt nur durch ganz directes Eingreifen Apollos möglich, und daneben 
muss ihm noch Euphorbos [nach einer anderen Version?] den entschei- 
denden Stoss versetzen. Das ist ganz secundär. Zweifellos hat in der 
älteren Ilias Patroklos nur eine Nebenrolle gespielt; sein Tod war nur 
das Motiv für Achills Versöhnung mit Agameumou. Vgl. die bekannten 
Varianten (i:^ ff. 2" 450 ff. 

2) So gehört ihm die berühmte Schilderung der geschlossenen Pha- 
lanx an /7 2 12 ff. (entlehnt iV 1,^1). 

'6) Beidemale verkleidet sicli ein (iott in die Gestalt des entsprechen- 
den Heerführers, ein P322 nochmals von demselben Dichter angewandtes 
Motiv. PhS'd dagegen gehört einer Eindichtung an. 

4) Asteropaio.s' 'J'dd 140 ff. ist jünger als die Patroklie. Freilich 
wird Asteropaiiis P217. ^öl olVenbar nur genannt, weil er dem Hörer be- 
reits anderweitig als Paeonerführer l>ekannt ist. - Auch die Plioker haben 
es der Patroklie /' ',W1 zu danken, da.ss sie in der Ilias vorkommen. Denn 
O.'iKl, wo derselbe Phokerfürst Schedios (mit anderem Vater) gleichfalls 
von Hektor erlegt wird, ist offenbar von P307 abhängig. 

.')) Die Namen für die Führer der Myser Chromis d. i. Ghromios (vgl. 
P494. 5;J4) und Ennomos oituvtan'/i;, der Phryger Phorkys (/';il2 ohne An- 
gabe der Ileimatli) und der Maeoner Mesthles bat tler Katalog von hier 

Meytir, KorHchuiigen zur Alteu (iuHcbichte. 1. 3 



34 

die Dolonie K 428 ff. die g-euanuteu Völkerseliaften den Buudes- 
genossen der Troer eingereiht. 

Unter den von Aias Ersclilag-euen wird P 288 ff. Hippo- 
thoos der Sohn des Lethos genannt, der rrjX' ajio AaQiarjg 8qi- 
ßcoXaxoq gekommen ist. Daraus schöpft der Katalog B 840, 
der den Hippothoos und Pylaios, Söhne des Teutamiden Lethos, 
als Führer der (pvXa TlsXaöycöv ly/iGmcÖQOiv , ran' oi AaQiOav 
tQißcöXaxa vaitzdaoxov nennt; ebenso nennt die Dolonie AT 429 
idie Pelasger auf Seiten der Troer. Die Alten haben die Heimaih 
dieser Pelasger natürlich nach Kleinasien gesetzt; wie hätten 
sie bei troischen Bundesgenossen aii die thessalisehen Pelasger 
denken können? Das Schlimme war^ nur, dass sich_ nicht er- 
mitteln Hess, wo in Kleinasien sie zu suchen sden. Larisen 
gab es hier allerdings drei statt einer: eins an der Westküste 
von Troas, eins bei Kyme (das phrikonische). und ein Dorf 
bei Ephesos mit einem Heiligthum Apollos (vgl. Strabo XIV 
1, 42). Aus Strabo XIII 3, 2, d. i. Demetrios von Skepsis, ler- 
nen wir die Argumente kennen, mit denen die Frage diseutirt 
wurde: das troische lag zu nahe bei Ilion, während Hippothoos 
aus der Ferne (ttjX' ccjio Aagiot/g) gekommen war, der mile- 
sische Ort lag im Lyderlande und ob er alt war, wusste man 
nicht. So entscheidet sich Strabo für Larisa Phrikonis bei 
Kyme. Andere freilich haben trotzdem in alter und neuer 
Zeit das troische Larisa gewählt (so Steph. Byz. s. v.), offenbar 
weil die Pelasger im Katalog gleich hinter den troischen Stäm- 
men genannt sind. Auch in den sehr dürftigen Homerseholien 
finden wir ein Schwanken: schol. A zu ^49 ntXaöyol ol zo 
jragäXiov fitgog t?^c Kagiac iyovxtq' äf/tivov dh Xtytiv avzo 
ytvog ZI jio).vjtXavtQ, olxTJoav tv zfj Aoia xal EvqcÖjiij, vvv 
de xo z/jg Tgfoaöog [= AI. Troas] jiXrjOlov oixr/om^ [o (paoi 
TgäXXeig^)]; zu jP 301 sagt er Aagioi]' tztga toz\v avz?/ 7] 



entlehnt. Auch der Boeoter Peneleos 1?494 stammt aus P597. — Maeoner 
und Karer werden ausser im Katalog und in der Dolonie in der Ilias nie als 
Bundesgenossen der Troer genannt. Manche derartige Erweiterungen hat 
der Katalog wohl hier wie sonst aus den k^klischen Epen geschöpft. 

1) wo auch ein Larisa lag, Strabo IX 5, 19. Otfenbar ist die Vorlage 
sehr gekürzt; die Ausdrücke khngen an Strabo XIII 3, 3 an. — Nach einem 
Scholion im A'^en. B und besser bei Eustath. zu ß S 1 1 sind die Pelasger 
von den Aeolern [= Boeotern] aus Thessalien nach Kleiuasieu gejagt. 



35 

jiöXi(z jiaQo. rijv &iOöaXiy.r,v: seliol. T nennt hier Larisa Pliri- 
konis. 

Das Unglück war eb en, das s man Pe lasger an der klein- 
asiatischen Küste nirgends nachweisen konnte und aufs rathen 
angewiesen wai". Denn die bei Strabo XIII 3. 3 erhaltenen 
Angaben, dass die Lesbier unter Berufung auf ein oqoq TlvXcaov 
auf der Insel Uuterthanen des im Katalog genannten Pelasgers 
Pylaios gewesen sein wollten.') dass Menekrates von Elea (um 
300 V. Chr.) die Pelasger au die Stelle der sonst immer als 
Urbevölkerung loniens genannten Leleger setzte.-) dass Chios 
von thessalischen Pelasgern l)esiedelt sein sollte, sind hand- 
greiflich aus den homerischen Angaben herausgesponnen. ■^) 
Das wird denn auch zum Schluss ganz direct eingestanden: 



1) In (Ut That mao- der Katalog den Namen von dem Berge ent- 
lehnt haben. Nach Lesbos hat schon Ephoros (Strabo V 2, 4 xai yuQ rriv 
Aio(i()v nt).uayiav tifjtjxuai, xui xolq. iv xf/ TquiÜ^i KiXiSir ÜßrjQoq 
ti(}7jxf Toic o/wQovg ne?.a(jyov^; Lesbos nf?.atjyic( auch Diod. Vsl. Plin. 
V 139, ebenso die Stadt Issa auf Lesbos Steph. Byz. s. v.) die Pelasger ge- 
bracht. [Tümpel Philol. XLIX 707 ft". mag darin Eecht haben, dass er 
Hellanikos als Vorgänger des Ephoros betrachtet, vgl. u. cap. 5 über Teu- 
tamides; aber die Rückführung der Angaben Dion. Hai. I 18 auf Hellanikos 
ist falsch, denn Dionys folgt dem Mjrsilos von Lesbos (I 23). Auch seine 
Behandlung von Strabo XHI 3, 3 S. 709 fi". ist verkehrt; von einer Stadt 
Larisa auf Lesbos ist weder bei Strabo noch in seiner Vorlage die Rede 
gewesen. Dass ich Tümpel's Folgerungen nicht zustimmen kann, bedarf 
keiner Bemerkung.] 

2) wie Ilerodot die Lelegerstadt Antandros zu einer Pelasgerstadt 
machte. Vgl. auch Strabo XIV 2, 27 Ai'/.eyt^ xul nf?Mayoi an der Küste. 
Steph. Byz. NivÖjj [Aphrodisias in Karlen]- xziod^eioa ind xüjv ne)Moyiüv 
^li).iyo}V xal ix).rj{^tj At/Jyujv nölti. 

'6) Dementsprechend wird bei Strabo XIII 3, 3 (die Quelle ist Epho- 
ros, vgl. Ilerodots Homervita [so auch TümpelJ) die Besicdelungsgeschichte 
von Aeolis gestaltet: die Aeoler kommen vom Phrikiongebirge in Lokris 
herüber (vgl. XIII 1, 3), landen bei Kyme, finden die Pelasger in Folge 
des troischen Krieges geschwächt (!). aber doch noch im Pjcsitz von Larisa, 
setzten sich daher in Neon Teichos [so findet der Name seine Erklärung; 
gegründet *> Jahre nach Kyme Herod. vit. liom. 9] 30 Stadien von Larisa 
fest, nehmen dies schliesslich, und dann erst folgt die eigentliche (iriin- 
dung von Kyme. — XIII 3, 4 wird der in Larisa verehrte Heros Piasos, 
von dessen Liebschaft mit seiner Tochter Larisa man erzählte (vgl. Eui)iio- 
rion Schol. Ap. Rh. I l()(i3, Parthen. 2*5, Nie. Dam. 19), zum Herrscher der 
Pelasger gemacht. Auch die Pelasger in Pitaue bei Hellanikos (oben S. 23, 1) 
gehören vicUciclit hierher. [Ebensu waren nach den Scholien zu /? 397 



36 

„das Volk war aber weit umlierg-etrieben niid raseli zu Wande- 
rungen bereit; es nahm g-rossen Aufsebwung und verscbwand 
dann völlig, vor allem bei dem Uebergang der Aeoler und 
lonier nach Asien". 

Für unser Urtheil können nur die Angaben der Ilias mass- 
gebend sein. Wo liegt ihre Heimath, das weit von Troja ent- 
fernte „grosssehollige" d. h. sehr fruchtbare LarisaV Sicher 
nicht in dem Hügelland der troischen Westküste oder in der 
inneren Kaysterebeue „näher am Tmolos als an Ephesos" 
(Strabo XIII 3, 2). Eher Hesse sich allerdings an das phriko- 
nische am Nordrande der Mündungsebene des Hermos denken. 
lAber wirklich passend ist die Bezeichnung kQißmXa$, doch nur| 
'für die Hauptstadt des pelasgischen Argos. Und daran zu 
denken hindert nichts, sobald wir uns nur von den traditio-, 
nellen Vorstellungen vom troischen Krieg losmachen, wie siel 
für die Alten wie für uns wesentlich durch den Schiffskatalog 
geschaifen sind. Ein Dichter, der Kikonen und Paeoner den 
Troern zu Hülfe ziehen lässt, konnte ihnen auch die Pelasger 
aus Thessalien zuführen. Auf Seiten der Griechen, des Achil- 
leus, konnten sie nicht stehen: der Gegensatz zwischen Pelas- 
gern und Hellenen war offenbar schon für den Dichter der 
Patroklie gegeben. . In der That ist denn auch bei Homer 
zwar von allen andern Gebieten Thessaliens, aber nie von dem 
Pelasgerlande ') und seiner Hauptstadt Larisa die Rede — 
ausser eben an unseren Stellen. Unser Larisa ist das einzige,j 
das bei Homer genannt wird; an welches andere konnten die 
Hörer denken als an das thessalischeV^). So erklärt es sicji , 
einfach, dass von Pelasgern in Kleinasien trotz allen Suehensi 
eine ächte Spur nicht zu finden war. 

Zweifelhaft kann erscheinen, wohin der Katalog die Pe- 
lasger gesetzt hat. Sie stehen nach den Troern, vor Thrakern, 



Adramys der Eponym von Adramytion und seine Tochter Thebe Pelasger, 
vgl. TÜMPEi. 1. c. 118, (!!». Geschichte des Pelasgers Antandros: Conon 41.] 

1) denn das pelasgische Argos unter Achills Besitzungen im Katalog 
kommt hierfür nicht in Betracht. 

2) Ein von Eustathios zu BH4\ angeführter Erklärer hat denn auch, 
uuter Berufung auf die Anordnung des Katalogs, Larisa nach Europa ver- 
legt (o tincov 0iTTakixjjv rtjv roiavxT^v AuQioav). Doch wäre es denk- 
bar, dass dabei die Unwissenheit byzantinischer Zeit mitgespielt hätte. 



37 

Kikonen und Paeonern. Da also die europäischen Völker von 
Ost nach West fortschreiten — die asiatischen beginnen dann 
im fernen Osten mit den Paphlagonen — ist schAverlich noch 
an die thessalischen Pelasger gedacht; das pelasgische Argos 
ist vielmehr dem Achill zugewiesen (zu beachten ist freilieh, 
dass Larisa hier nicht genannt ist, so wenig wie Krannon 
und Pharsalos), die troischen Bundesgenossen hat sieh der Ver- 
fasser in der Nachbarschaft der Troer in Troas oder Aeolis 
gedacht und vielleicht schon ihre Herrschaft über Lesbos aus- 1 
gedehnt und deshalb den Pylaios eingeführt. Mit ihm be- \ 
ginnt also die Ueberführung des Volks nach Asien. Für die 
Späteren war, schon um des Achill unterthänigen pelasgischen 
Argos willen, jeder Gedanke an Thessalien ausgeschlossen. So 
musste man auf die Suche gehen; mit welchem Resultate, haben 
wir bereits gesehen. 

Wenn der Dichter der Patroklie Pelasger aus Larisa den 
Troern zu Hülfe ziehen lässt, so folgt daraus natürlich nicht 
mit Sicherheit, dass es zu seiner Zeit in Thessalien noch ein 
selbständiges Volk der Pelasger gab, sondern nur dass sie 
nach seiner Anschauung zur Zeit des troischen Krieges noch 
existirt hatten. 

2. Der pelasgische Zeus von Dodoiia. 

In der Patroklie erscheinen die Pelasger noch ein zweites 
Mal in ganz anderem Zusammenhang, in dem berühmten Ge- 
het des Achill an den i)elasgischen Zeus von Dodona //233: 

Ztv ava Jcoöcovan IhXaoytxt TtjXöd^i va'uor 
/l(odo'jr?]Q fndtcoi' dvö/ttfitgov ufiffi de o EXXoi 
ool vaiovo' vjTOCfTJzai avijtrojioösg yafiauvvai. 
7jfier ötj üroT tf/ov e'jroc exXiisg tv^afievoio, 
rifiTjOa^ fitr tfit cet. 

Es entspricht dem Charakter der Patroklie, dass der Dichter] 
('S Iit"l)t. seine Gelehrsamkeit, die Kenntnisse die er von seinen' 
Kleistern gelernt und auf der Wanderschaft erweitert hat. zurl 
Schau zu stellen. Wie er die Kikonen Pae(»ner Plirvger Pe- 
lasger Phoker in den K:mipf eingeführt hat, so nennt er den 
AxidS und die Stadt Amydou (//28S). die Städte Budeion in 
Phokis (■.-', /7 r,72j und Lyktos auf Kreta (/Millj; er weiss, 



38 

class Sar}ic(I(iii sein (irabiiial in I.ykieii hat ( // 4.')4 ff'. G<)G ff".).') 
dass der Lykier Amisodaros? die Chimaira aufgezog-en liat 
(/7 288).-) Denselben Charakter trägt auch unsere Stelle. Der 
Dichter weiss, dass der dcxlunäische Zeus in Achills Heimath 
verehrt \\m\. und ])enutzt die Gelegenheit, über die Form seines 
Cults einige zwar in das Gebet absolut nicht hineingehörende 
aber die Hörer interessirende Bemerkungen anzufügen. Dass 
bestehende Zustände geschildert werden, ist evident; wir kön- 
nen also auch nicht zweifeln, dass der Zeus von Dodona den 
Beina men nekaoyiy.ö:: geführt liat. Noch deutlicher besagt das 
ein Hesiodfragment (225 Kinkel 236 Rzach bei Strabo VII 7, 10) 
AcodwDjV (ftjYov Tfc, ntXaoycöv tdQavov, fiti>. Hier heisst Do- 
dona geradezu Sitz der Pelasger. Dass Hesiod von /i 233_ab-^. 
hängig wäre, ist schwerlieh anzunehnien. 

A\'eitere Zeugnisse für Pelasger in Dodona besitzen wir 
nicht. Der Schiff'skatalog hat zwar B 750 wieder einmal die 
Patroklie benutzt und entlehnt ihr das Beiwort Amdfövriv dv- 
oyHii'cQov. Aber er weist die Stadt nicht den Pelasgern son- 1 
dem den Aenianen (Evir/vtg) zu. die mit den Perrhaebern zu- 
jSammen unter Gouneus von Kyphos stehen.^) Diese Angabe 



1) Gewölmlich hält man rtioso Stellen für eine Einlage, doch kann 
ich das so 'oenig für berechtigt halten wie Robert Bild und Lied 114. 
Jedenfalls aber ist die Meinung verkehrt, dass ISarpedons Tod der l'atro- 
klie ursprünglich fremd war: ein Gedicht, welches Patroklos zum ^Mittel- 
punct macht, muss seinem Tode als Gegenstück eine grosse Hauptthat 
voraufgehen lassen. 

2) Die Schilderung des Myrmidonen und ihrer Heerführer 77 |tis—19i) 
ist allerdings wohl eine Einlage, aber im Stile des Gedichts. 

:<) Der Ort Kyphos war nur aus dieser Stelle bekannt, s. Steph. Byz. 
(der durch ein bei ihm so häufiges Versehen ein perrhaebisches und ein 
thessalisches Kyphos unterscheidet), der einen Fluss, und Strabo IX b, 22, 
der einen Berg Kyphos neben der Stadt nennt. Auch Lykophron 897 mit 
den Scholien kennt nur den Schit^skatalog. Der Name Povrevc dagegen 
ist ein richtiges Ethnikon von Gonnoi {Forrfv^ neben rorrtv; [auf Münzen 
rovveoji] roviioc rövviog rovaxäq, s. Steph. Byz.), tmd das ist otfenbar 
auch gemeint; Gonnoi liegt ja in Perrhaebien. Der Katalog wird aus einer 
Quelle geschöpft haben, in der Ki<fio^ oder Kvtfalog rovr^rg stand, und 
hat Eigennamen und Ethnikon verwechselt [dass der Peplos 32 eine Grab- 
schrift des Guneus kennt, ist natürlich ohne Bedeutimg]. Freilicli weist 
der Katalog alle Gonnoi benachbarten Städte, die Hauptorte Perrhaebiens, 
dem Polypoites zu. Das ist nur ein Beleg mehr für die arge geographische 
Verwirrung, die im thessalischen Katalog herrscht. 



39 

steht völlig isolirt da; Aeniaueu finden wir sonst nur am Oeta. 
Schwerlich ist die Autorität des Katalogs gross genug, um sie 
in der Urzeit nach Dodona zu versetzen:') ist doch gerade in 
Thessalien alles in ärgster Verwirrung. Oifenbar hat der Ver- 1 
fasser nur eine Gelegenheit gesucht um Dodona irgendwie 
unterzubringen; den Pelasgern aber konnte er es^ unmöglich 
zuw eisen, weil es d ann ja n icht griechisch gew esen w äre. 

So wenig w ie von Aenianen finden wir^ in historischer 
Zeit von Pelasgern in Dodona eine Spur. Die Odyssee, in der 
erzählt wird, dass Odysseus aus dem Thesproterlande nach 
Dodona geht ,,um aus der hochbelaubten Eiche Zeus' Willen 
zu hören" (t 296, g 327). gibt überhau])t keine ethnograi)hische 
Angabe. Die S päteren setzen^ nach Dodona meist Thesproter 
(so Herod. II 56 und viele andere, namentlich die Dichter). 
[Auch dies ist vielleiclit nicht richtig; später wenigstens gehörte] 
'Dodona den ^lolossern, und die Thesproter sind wohl nur des- 
ihalb mit Dodona in Verbindung gebracht worden, weil sie als 
Küstenstamm bekannt waren und der Weg zum Orakel durch 
jihrGel)iet ging. Auch konnte ein flüchtiger Leser der Odyssee 
annehuK'n. dass Dodona in ihr zu den Thesprotern gerech- 
net werde.-) 

Die Geschiclitstorschung dagegen hat durchweg an denj 
Pelasgern in Dodona festgehalten — sie ist ja nichts anderes! 
als eine Verarbeitung des in den Epen gegebenen Materials.) 
Sie half sich damit, dass sie die späteren epirotischen Be- 
wohner von Dodona für einen pelasgischen Stannn erkUirte. So 
Herodot, der diese Ansicht auf die gesammte ältere Bevölkerung 
Griechenlands ausdehnt. Die ägyptische Sklavin, welche er aus 

1) wie Niese liouier. Schirtskataleg 4'S annimmt. Ueber die von 
einigen versiiehten Auswege s u. S. 4t). 

2) \'gl- Strabo Vll 7, II: „Dodona war also vor Alters den Thes- 
protern unterthan (i'.t»') htonniuiol^ t,v) . . . sowohl die Tragiker wie Pindar 
nennen es thesprotiscli: später aber kam es unter die ^lolosser". Das ist 
eine naheliegende aber nieht nothwendige Folgerung. — Ilekataeos fr. TS 
Mohxiowv 7i(>uq ufarjfißQiij^ oixiDvoi Jcuöujvaioi beweist nach keiner 
Richtung etwas. Bei Ae.schyhis Prom. S29 flf. liegt Dodona im Molosser- 
lande und ist der Sitz des thesprotischen Zeus; letzteres ist die diehte- 
rische, ersteres die liistorische (ieograidiie. — Naeh Skylax gehören den 
Molossern 4<» Stadien der Küste des aiuiktorisehen Meerbusens zwischen 
den Kassopen und Ambrakia. 



40 

der dodoiiaeischen Taube, die das Orakel gründete, gemacht hat, 
wird ,.in das jetzt Hellas, ehemals aber Pelasgien genannte 
Land, und zAvar zu den Thesprotern verkauft und gründet 
hier als Sklavin unter einer Eiche das Heiligtimm des Zeus"' 
(U 56); in dem ganzen zugehörigen Abschnitt nennt er diej 

i Begründer des dodonaeischen Cults Pelasger. Nebenbei bemerke 

ich gleich hier, dass er ausdrücklich ang;ibt, dass die pelas- 

ri ä gischen Thesproter griechisch sprachen {rrjv W.Xäöa yXmooctv 

n 56), ebenso wie er IV 83 in der Erzählung von den Hyper-, 

jboreern die Dodonaeer Hellenen nennt. Die übrigen Logo- 
graphen werden die Dinge ganz ähnlich aufgefasst haben 
wie Herodot. „Viele haben auch die epirotischen Stämme 
pelasgisch genannt, in der Meinung, dass die Macht der Pe- 
lasger sich bis hierher erstreckte" sagt Ephoros bei Strabo 
V 2, 4. Die Neueren haben vielfach ganz ähnlich gefolgert 
und nur darin geirrt, dass sie meinten, es stehe ihnen dafür 
irgend welche „Ueberlieferung" zur Seite: die anti ke H ypo- 
these is t nicht mehr und nicht weniger werth^ als die^ moderne. 
Ephoros selbst schliesst sich seinen Vorgängern an und citirt 
Homer und Hesiod zum Beweise, dass Dodona eine pelasgische 
Gründung sei (bei Strabo VII 7, 10 '), vgl. auch IX 2, 4), und 
Strabo meint, aus der Schilderung der Ilias von den Seilen 
gehe deutlich hervor, dass die Bewohner Barbaren waren. Dion. 

JHal. I 18, der dem Myrsilos von Lesbos folgt, lässt die Pelas- 
ger, als sie von Deukalion aus Thessalien verjagt Averden, zu 
ihren Verwandten nach Dodona ziehen, die sie weil sie heilig 
sind nicht anzugreifen wagen: von hier aus gehen sie weiter 
.nach Italien. Eine Erzählung bei Plutarch Pyrrhus 1 lässt nach 
der Fluth den Phaethon „einen von denen die mit Pelasgos 
nach Epiros gekommen waren", als ersten über die Thes- 
proter und Molosser (d. i. in Dodona) herrschen.-) Kalli- 
machos, der im Hymnos auf Delos die Hyperboreergeschichte 
nach Herodot erzählt, nennt natürlich gleichfalls die Pe- 
lasger: a (den heiligen Weizen) Amömvr^d^L (codd. -&■(:) Ilt- 

1) Aus Ephoros schöpft Scymn. 450: Dodona <'(J(>t;/<a ion d' ovr III:- 
7Moyix6v. 

2) Ueber die Fhith s. u. Dass Thesproter und Molosser zusammen 
genannt werden, ist ein Versuch die vorhin angeführten widersprechenden 
Nachrichten auszugleichen. 



41 

XaOyoi Tfjlod-tv lößatrovra jtoIv jincöriOTcc öbxorrat, y?]Xe- 
Xhq {^tQä.-tnvre^ döiYTjXoio Xeßrjxo^. Hier ist das Epitheton 
j.aiif der Erde lag-ernd" der Ilias entnommen und von den 
Hellen auf die Pelasger übertragen, jioXv jrQfoziGTa aus He- 
rodot IV 33 (vom Adrias jtgog fitorifißQbjV jTQOJtifijTOfitra jiqco- 
Tovc /Imöcovaiovg 'EXX/jVcov 6ty.so9-ai) entstellt, das Becken 
stammt aus dem Cult.') Es ist unnötliig noch weiter werth-j 
lose Citate zu häufen; ein anderes Material als was uns noch 
heute zu Gebote steht, haben ja auch Herodot und Ephorosl 
für d iese Frage nicht besessen. 

Wie mit den J'elasgern steht es auch mit den Seilen oder 
Hellen; dieh^elben kamen nicht einmal bei Hesiod vor — wenn 
sie vor Pindar irgend wo genannt wären, würde die Stelle in 
dem reichen uns erhaltenen Material citirt werden — sondern 
waren den Alten wie uns nur aus Homer bekannt. Sie schwank- 
ten ob än(f\ 61 '^EX/.oi oder a^Kpl dh ^tXXoi zu le sen sei. 
Pindar hat 'EXloi gelesen und leitete sie von einem Holzhacker 
Helios ab, dem die dodonäische Taube das Orakel gezeigt habe 
(fr. 59 Kekgk, schol. A zu /7 234). Sophokles dagegen Trach. 
11(36 las 2itX)Mi\ seine Ausdrücke (« xcov oqs'iojv xal la^iai- 
xoiTcöv b/co [Herakles] 2i^tXlmv tosXd-cov äXoog dö£yQu\pa(ii]V 
jtQo^ tFjj: jiaTQomg xal jcoXvyXcöoGov öqvoS) zeigen, dass er 
aus Homer schöpft so gut wie Kallimachos in dem oben au- 
geführten Vers. Aristareh (Aristonikos in Yen. A) hat sich für 
2£tXXoi entschieden, indem er sich auf den Fluss Selleeis bei 
Ephyra (O 531 und daraus B (359) berief, und seine Ansicht 
ist die herrschende geworden. Auch Apollodor folgte ihm 
darin, indem er die wie es sciicint bessere Ansicht des De- 
metrios von Skepsis verwarf, dass an den angeführten Stellen 
das elische, nicht das thesprotische Ephyra gemeint und in 
Epiros ein Fluss Selleeis nicht nachweisbar sei (Strabo VH 7. 10. 
VHl 3. «)). Ein anderes Argument gegen Aristareh bringt ein 
Scholion des Townl.: lav ös siJtcofitv ^sXXo), eoovzai :reQi 
jifxöav TijV /koÖcörtiv oixovvreg, ov jci^qI t6 rtftti'og tov }hnv. 
Dies Argument scheint mir richtig;; ,,um Dich herum wohnen 
die Hellen, Deine Propheten" scheint naturgemässer, als „rings- 
um wohnen die Seilen"; erst durch die Anrede „um Dich 

1) s. tUü Beilage S. öl. 



42 

lirruin" wird eine Verbindung' zwiseheu der beschreibenden 
Notiz und dem Gebete hergestellt. Jedenfalls ist der muder- 
neu Ansieht gegenüber zu betonen, dass es sieh hier nieht um 
eine ältere und eine jüngere Form handelt, sondern nur um 
zwei verschiedene Lesungen. 

Die Hellen. ..die sich ihre Füsse nicht waschen und auf 

jder Erde schlafen", sind kein V(dk sondern die ..Verkttnder 
des göttlichen Willens^' {öol vjiog)fiTai). die Priester des dodo- 

jUischen Zeus. Nur durch Flüchtigkeit können die meisten 
neueren Forscher zu dem Glauben verführt sein, Hesiod fr. 150 
(156 Rzach) stehe dem entgegen und mache die Hellen zu 
einem Volk. Hesiod schildert den Wf»hlstand der Landschaft 
Hellopien. an deren Rande Dodona liegt: einen Namen der 
Bewohner idie bei ihm wohl Thesproter waren) nennt er 
überhaupt nicht. Der pindarische Mythos, welcher dem Holz- 
hacker Helios, dem ?]ponymen des Geschlechts, das Orakel 
geoffenbart werden lässt. ist daher vollständig correet.'i 

Die Hesiodstelle mit dem Namen Hellopien -) hat Philocho- 
ros zur Erläuterung der Hellen herangezogen (Strabn VII 7. 10); 
sonst ist Helhtpia l)ekauntlich ein Name Nordeubfias.M In der 
That wird ein Zusammenhang der Namen 'EXXoi, "FJ.Xrjvti;, 
'EXXäi:, "EXkojTtg nicht zu leugnen sein: 'E/./.ovr ist ein Volks- 
name wie Jo'/.o?/" JqvoiI' AXiicji]^ Jtvoion- Kaööoj.tcdo^ u. s. w.. 
eine Bildung, die auf Epirus hinweist (vgl. meine G. d. A. II). 
Der Gleichklang zwischen '^E/./.oi und "EÄ/j/vr-: hat zu wei-j 

iteren Combinationen geführt: vermuthlich hat besonders die 

jdodonäische Priestersehaft ihn aufgegriffen und dadurch ihr 



1 ) Das ist Schol. B T zu 11 234 weiter ausgesponueu : „das Geschlecht 
(ytvoc, nicht f>roc) stammt von Sellos (oder Helios) dem Thessaler (oder 
dem Sohne des Thessalos. natürlich um der Pelasger willen) imd von ihm 
stammen die erblichen Priester des Zeus". Dagegen machte Androu (vgl. 
u. S. 49) die Seilen zu einem abgeharteten kriegerischen Vulk, Alexander 
von Pleuron zu einem tjTihenischen Stamme, bei dem der Zeusdienst 
heimisch sei (Ven. A). 

2) vgl. Plin. IV 2. — Apollodur leitete den Xamen von den Sümpfen 
bei Dodona ab. 

3) Herodot VllI 23. Doch gibt es einen Ort Hellopion in Aetolien 
Polyb XI 7. 4 bei Steph. Byz., derselbe wird mit 'E/./.onia nf/i Jo/.oniav bei 
Steph. identisch sein. Niese hat daher schwerlich Kecht, wenn er Hermes 
XII S. 413 meint, Hesiod habe einfach eine Verwechselung begangen. 



43 

I thatsächlich ja auch unbestrittenes Grieclieuthum im Gegen- 1 
satz zu den epirotischen Barbaren weiter gestützt. Auf diese 
Weise kamen neben den Pelasgern auch noch die Urhellenen 
nach Do dona, Deukalion und mit ihm seine Fluth wurde aus 
Thessalien nach Epiros versetzt. Bei Plutarch Pyrrh. 1 erschei- 
nen beide Traditionen neben einander: einige nennen als ersten 
König der Molosser und Thesproter nach der Fluth den Pe- 
lasger Phaethon (oben S. 40), nach anderen lassen sich Deukalion 
und Pyrrha nach Gründung des Heiligthums in Dodona unter 
den Molossern nieder. Ueber weitere Combinationen, die uns 
aus Epaphroditos bewahrt sind, s. u. S. 52. Als die Ansicht 
aufkam, die Hellenen hätten vor Deukalions Sohn Hellen den 
Is'amen Graiker geführt,') wurden auch diese aus Thessalien 
nach Dodona versetzt. Daher lässt Aristoteles meteor. I 14 zur 
Zeit der deukalionischen Fluth „die Seilen und das damals 
Graiker, jetzt Hellenen genannte Volk'' in Dodona und am 
Acheloos „im alten Hellas" wohnen. 

D[e^^e8chichtliche Zeit kannte die Hellen von Dodona 
nicht mehr; die llias dagegen Aveiss nichts von den drei Prie- 
sterin nen.-) welche in geschichtlicher Zeit dem Orakel vor- 
standen und ihre J^unst auf die schwarze Taube zurückführten, 
die auf der Eiche des Zeus die Stätte des Orakels verkündet 
hatte.'*) Freilich standen diesen Pro})hetinnen auch Propheten 
zur Seite, für die der Name to^iovqoi überliefert wird.') Aus 

1) Apollofl. I 7, 8. Cliroii. icir. (i. Pliii. IV 28. Steph. Byz. /V«'-^'»^'- 
8. die Ausfiilirungoii von Niksk Ilornu's XU. mit dciu'ii ich im wosent- 
lichi'ii iibcrcinstimmo. Ai'lmlich l'Ndr.K Hellas In 'riicssalicii .S. ti92 ff. (riiilol., 
II. Siii)pl.). 

2) bei Sitph. Tracli. 172 zwei Pcleiaden ((y/(;<;wi' ix Titktiä^iov); Eiiri- 
pides nanute nach den Scliolieu drei. 

3) Jlerod. II h\ ff., der die Namen der drei Priesteriunen nennt. Be- 
kanntlich macht er aus der Taube eine ägyptische Sklavin und berlditet, 
da.ss die Priesteriimen vun Dodona dem libyschen Amonsorakel, das zu 
seiner Zeit im höchsten Anseilen stand, den gleichen Ursprung beigelegt 
hätten. - Andere reden von drei Tauben (Strabo VII fr. 1 a). Nach Paus. 
X 12, 10 (vgl. Vll 21, 2) sind die Peleiaden Dodonas die ältesten Projjhe- 
tinneu, noch älter als Phemouoe aus Delphi. Anus Felias als Name der 
Prophetin Serv. ad Aen. III 4(l(i. 

4) Strabo VII 7, 11, der ihn von dem Berge Tomaros. an dem Dodona 
lag, ableitet. Kinige lasen Od. n 40;! Iio^: /(f-yä/.oio Kiiiiiit^xu für i}ii(i(U^^, 
vgl. die Schollen. Das Wort r<JjUui(>r>s' gebraucht Lyki>phrou 22:i für Prophet. 



44 

Ephoros erfahren wir. dass den Boeotern allein zu Dodona die 
Orakel von Männern verkündet werden (Boimrolc fioi'oic cwÖQag 
jtQO&^iOJTiZtiv tv Jcodcövij). Ephoros erklärt das durch eine 
Geschichte aus der Zeit der Kämpfe zAvischen Boeotern und 
Pelasgeru. hei denen sich jene an der .-TQ0(f7/Tig von Dodona 
vergriffen hätten. Also auch nach seiner Anschauung gehören 
die Prophetinnen schon der Urzeit an. was übrigens aus der 
Tauhenlegende von selbst folgte. Die Schwierigkeit, welche 
sieh hieraus ergibt, hat Apollodor (bei 8trabo VII 7, 12) zu 
lösen gesucht: ..Ursprünglich waren die Propheten Männer; 
und das hat vielleicht auch Homer im Sinn, wenn er die 
Seilen vjcocfPjTai nennt, zu denen wohl auch die .tQocfriTcu 
gerechnet werden können. Dann wurden drei alte Weiber 
(ygalai) ') ernannt, als auch dem Zeus die Dione als Genossin 
im Cult hinzugefügt wurde" — natürlich, denn wenn Homer 
nur den Zeus von Dodona kennt, so muss nach stricter Inter- 
pretation Dione erst später hinzugekommen sein. 

Im übrigen werden auch wir nicht viel weiter kommen 
können. AVir stehen vor der Alternative: entweder hat sich 
!der dodonaeische Cult allmählich geändert, wie der Name der 
Hellen verschwunden ist. sind die Propheten gegen die Pro- 
phetinnen zurückgetreten: oder aber die Hellen standen schon 
zur Zeit der Patroklie zu den Prophetinnen in demselben Ver-, 
hältniss wie die delphische Priesterschaft zur Pythia. und der 
Dichter hat. vielleicht aus Unkenntniss. von den Frauen ge- 
schwiegen. Möglich sind beide Erklärungen, wahrscheinlicher 
•ist mir die letztere. Es ist zu beachten, dass die Patroklie 
von den sonstigen Einrichtungen des dodonäischen Cultus. na- 
mentlich von der Eiche, die doch die Odyssee und Hesiod 
fr. 225 nennen, nichts erwähnt. In seiner Beschreibung Hel- 
lopiens und Dodonas (fr. 150) redet Hesiod von der Art. wie 
das Orakel ertheilt wird, überhaupt nicht. 



1) Ist der Ausdruck um der Graiken wüleu (die bei Strabo aller- 
dings nicht vorkommen) gewählt? Im übrigen erzählt Strabo auch, dass 
nach einer Ansicht die alten Weiber ..im Molossischeu und Thesprotischen"' 
7ie?.icu, die alten Männer Ti^hoi hiessen; daraus sei die Legende von den 
Ile/.fiadec entstanden; nach einer anderen Ansicht hätten die Priesteriuneu 
aus dem Taubenflug prophezeit (Strabo A'II fr. 1 a. 2). Mit Unrecht hat 
man diese Einfälle für die öchildenmg des dodonaeischen Cults verwerthet. 



45 

Es erübrig-t noeli. einen Ausweg zu besprechen, der von 
den Gelehrten der Zeit nach Ephoros') mehrfach betreten ist. 
Um den Schwierigkeiten zu entgehen, welche die Pelasger 
in Dodona und seine Nennung im thessalischen Katalog boten, 
griff man zu einem sehr oft angewendeten Auskunftsmittel und 
fingirte zwei Dodonas, das epirotische und ein thessalisches; 
letzteres meine Homer. Der bekannte thessalische Alterthums- 
forscher Suidas, von dem wir auch sonst rationalistische Kunst- 
stücke kennen — er machte Thetis die Mutter Achills zu einer 
Tochter Chirons, um so die Göttin zu beseitigen und Achills 
P^rziehung durch Chiron zu erklären (fr. 6) — entdeckte das 
thessalische Dodona in der pelasgiotischen Stadt Skotussa bei 
den Kynoskephalai (vgl. Strabo IX 5, 20). Von hier sei das 
Orakel später nach Epiros verlegt worden und bei der Ge- 
legenheit seien namentlich die Weiber ausgewandert. So fanden 
zugleich auch der ..pelasgische*' Zeus und die Thatsache ihre 
Erklärung, dass in sjjäterer Zeit Weiber das Orakel verkiin- 
deten.2) Aehnlich erzählte der Thessaler Kineas, wahrschein- 
lich der Vertraute des Pyrrhos: als^ die Orakeleiche in der 
thessalischen Stadt verbrannte, wurde das Orakel nach einem 
Ausspruch Ai)olls nach Epiros verlegt. Beide Erzählungen ver- 
danken wir Ai)ollodor (bei Strabo VII 7, 12 und Epaphroditos 
bei Steph. Byz.), der sich indessen ablehnend gegen diesen Ver- 
such verhalten zu haben scheint. Die Späteren schwanken: 
Philoxenos z. B. meinte, in der Odyssee sei das thes])rotisch(', 
in der llias das thessalische Dodona gemeint,-') Epaphroditos 
entschied sieh für das thessalische. Man^ieht, wie geringen 
Werth die Angaben über das doppelte Dodona besitzen, w elch e 



1) Kpliitros weiss von cinciii doppclteu Duddiia otVcnhiir nocli nichts, 
sonst wiirilcn wir davon erfahren. 

2) .Siiidas his II l'.Y.i Ztv uru 'I'ijyojiuit (von der (ftjyö^), worin ihm 
Zenodot folgte (Epapliroditos bei .Stepli. Byz.). Kür antlieiitiscli wird die 
Lesung 'l'tiyojvuit wie die anah>ge Hio^torrdt (s. ii.) wohl Niemand halten; 
es sind deutliche Verlegeuheitsauswegc. 

'■i) Ebenso schol. Od. ^ H'iT. — Achill rief nach dieser Annahme den 
Gott seiner lleiniatli an. Freilich bezeichnet er durch Ti/Xölh vaiiur deut- 
lich geling den (iott. der A^rn iiuierhalb der epirotisclien (iel)irge zu Hanse 
ist. Aber aucli dafür wu.sste man Hatli: r//A/I.'>/ vaicur l»ezeiclme Zeus als 
den (iott der im Actlier fliront (Scliul. NCii. A. F.nstatli). Ncncrc Heraus- 
geber liabeu das nachgeschrieben! 



46 

die Neueren so oft genarrt liabeD. Ganz gleichartig ist es, 
dass andere (Namen werden nicht genannt) Jaöcoi'aa in BojÖco- 
valB corrigirteu und auf einen perrhäbischen Ort Bodoue be- 
zogen.'; Aehnlich suchten andere die Angabe des Katalogs 
über Dodona im Gebiet der Aenianen dadurch zu beseitigen, 
dass sie für 'Ertr/vta den Namen "]co?.oi einsetzten, der von 
einem perrhäbischen Berge lolon abgeleitet wird.2) Endlich hat 
man auch die Aenianen in der Nähe von Dodona -Skotussa 
untergebracht: sie hätten ursprünglich hier im dotischen P^'elde 
gewohnt und seien von den Lapithen nach ihren späteren 
Wohnsitzen am Oeta verdrängt worden.-') Die noch spätere 
Version bei Plutarch qu. gr. 13. 26 lässt sie sogar nach Epiros 
auswandern, zunächst ins Aethikerland. dann nach Molossis 
und Kassopien. wo die Parauaeer aus ihnen hervorgehen. Von 
hier gelangen sie endlich über Kirrha in ihre späteren Wohn- 
sitze. So ist das harmlose Völkchen glücklich bei beiden Do- 
donas untergebracht und zu einem der vom Schicksal am meisten 
umhergetriebenen Stämme geworden. 

Es ist sehr lehrreich, dass die antike Gelehrsamkeit zur 
Aufhellung der homerischen Räthsel so garnichts zu ermitteln 
vermochte; für analoge Fälle ist dies rein negative Ergebniss 
nicht ausser Acht zu lassen. Die grosse Kluft, welche trotz aller 
Zusammenhänge doch zwischen der Blüthezeit des Ejjos und der 
historischen Zeit klafft, tritt auch darin deutlich zu Tage. — 

Die Patroklie nennt den dodonäischen Zeus pelasgisch, 
Hesiod das Orakel einen Sitz der Pelasger: die Patroklie nennt 
die Priester Dodonas Hellen. Hesiod die Landschaft Hellopia. 
Namen, deren Zusammenhang mit den Hellenen nicht abgewiesen 
werden kann. Beide Angaben weisen auf eine Verbindung 
zwischen der Bevölkerung Thessaliens und Dodona hin. die ja 
auch in so manchen anderen Indieien zu Tage tritt. SoUenj 
wir annehmen, dass die Hellenen von Phthiotis wie die Pe- 
lasger einstmals in der dodonäischen Hochebene gesessen haben, 
und sich Ueberreste davon bis in spätere Zeit erhielten? Oder 



1) Auch diese Deutung kannte ApoUodor: Steph. Byz. s. v. BwAujitj' 
7i6?.ig n^QQaißixrj, ojz li:io/.?.ödojQOQ, o'i d' ooi^dJz 6tTzu).iu^, arco Baiiiu- 
vov riQwoz. o 7io?.n7jg Bcjdwvuloz. Ob der Ort wirklicli existirt hat oder 
nur fingirt ist, weiss ich nicht. 

2j Steph. Byz. s. v. "/w/.or. .S) Strabo IX .=>, 22 vgl. 1 '6, 21. 



47 

ist der Name "EXh/rtc und '^EXXäc bei den Aehäern von Phthia i 
secundär und irgendwie aus dem Namen der dodonäischeu 
Priesterscliaft gebildet? Und beweist der ..pelasg-iselie Zeus" 
nur, dass die Pelasger der thessalischeu Ebene den Gott des 
berühmten Orakels eifrig- verehrten V Diese Fragen lassen sich 
wohl aufwerfen aber nicht beantworten. Sicher ist nur, dass 
die Bevölkerung von Dodona eine griechische war wie diel 
Gottheiten die hier verehrt wurden, Zeus Naios und Dione. 
Und wenn der Dichter der Patroklie den Achill zum pelas- 1 
gischen Zeus beten lässt, so war dieser für ihn ein nationaler, = 
nicht ein ausländischer Gott. Daraus können wir folgern, dass 
die Pelasgei^ den Griechen^ ni cht s tammfr emd , dass si e ein 
griechischer Stamm gewes en sin d, und das ist ja auch den 
geogra})liischen Verhältnissen nach das einzig wahrscheinliche. 
Ebenso natürlich ist es aber, dass zwischen ihnen, den Bauern! 
der Ebene, und den benachbarten Bergstämmen, speciell den! 
Hellenen oder Aehäern von Phthia, ein fortdauernder altererb- 
ter Gegensatz bestand, etwa wie zwischen Kana'anäern und 
Hebräern. Daher ist es dem Dichter der Patroklie unmöglich, 
die Pelasger auf vSeiten Achills kämpfen zu lassen, wie die 
Phoker und die Boeoter; er hat sie vielmehr unter die Bundes- 
genossen der Troer eingereiht. 

3. Die Pel.tsger auf Kreta. 

Die letzte Homerstelle, in der die Pelasger vorkommen, 
ist ein Vers der Odyssee, x 177. Odysseus gibt sich hier für 
einen Kreter aus, den Bruder des Idomeneus; er schildert der 
Penelo})e die Insel mit ihren 90 Städten und ihren zahlreichen 
Bewohnern verschiedenen Stammes: 

ilXXrj 6' äXXcov yXcÖGoa fiefir/jjtvfj' Iv fthr l4/aioi, 
tv d ETSöxQTjrtg lityaXriroQta, Iv de Kvöcöveg, 
AcoQittq xt XQixc'uxtg öiol xt ntXaoyoi.^) 

1) Diese Verse eriimern zunächst an die gelehrten Bemerkungen in 
(Ur Patroklie; aber sie sind ganz anders motivirt, wie denn überhaupt der 
Dichter dieser Stelle der Odyssee weit höher steht als der der Patroklie. 
Odysseus will der Penelope seine angeblichen Schicksale erzählen und 
lnTichtet ihr zunächst von seinem lleimatliland. Da ist eine ausgcfiilirte 
SdiikliTung völlig an iiircm Platze, zumal da der Erzähler ja garnicht 
voraus.setzen darf, dass Penelope irgend etu;us genaueres über die Insel 



48 

Diese Verse ^ehöi'en zu einem der ältesten Bestandtheile 
unserer Odyssee, wie sieh aus Wilamowitz' glänzender Ana- 
lyse dieses Absehnitts (Hom. Unters. 50 ff.) ergibt. Dass sie die 
lauf Kreta zur Zeit des Dichters, also etwa im achten Jahr- 
hundert, bestehenden Verhältnisse schildern, ist allgemein an- 
erkannt. Dass also damals Pelasger auf Kreta sassen. kann 
nicht bezweifelt werden, wenn wir auch tiber sie aus anderen 
Quellen so wenig etwas erfahren wie über die Kydonen. die 
kretischen Achaeer und die Eteokreter. Wissen wir doch über- 
haupt über die Zustände Kretas so gut wie garnichts. 

Im übrigen hat mau in unserer Stelle mit Recht ein Zeug- 
Jniss gesehen aus der Zeit, als die Dorer — die bekanntlich 
bei Homer nur an dieser Stelle vorkommen — sich auf der 
Insel festzusetzen begannen. Dass neben ihnen auch Achaeer 
j und Pelasger hinübergekonimen sind, enthält nichts auffälliges; 
finden wir doch Spuren thessalischer Siedelungen in dem ganzen 
später von Dorern besetzten Gebiet des ägäischen Meeres, na- 
mentlich auf Kos und Rhodos. Aber weiteres darüber zu 
eraiitteln ist unmöglich. -i 

Die Alten freilich konnten so nicht folgern. Ihnen bot die 
Erwähnung der Dorer auf Kreta in den Zeiten des troischen 
Krieges, vor der Rückkehr des Herakliden und der Besiedelung 
Kretas durch die Dorer von Argos grosse Schwierigkeiten :-'j sie 



weiss. So beginnt er vüUig correct K^i'/Zr/ ng yuV ean, utaw f 17 oI'votii 
TifjvTw, xu'/.ii y.ul nifiQa, 7ie(ji(jQvTog u. s. w. Ei ne Angabe über d ie B e- 
W()liner ist hier völlig am Pla tze und d arf daher nicht etwa als spätere 
Interpolation verworfen werden. Dann nennt Odysseus Knossos und seinen 
sagenberiihmten Herrscher Minos (der Vers erd^a ze Mivco:; ii'vlcjQog ßa- 
oü.tvt Jiög u^yü'/.ov uuQioTtj^ ist natürlich dem Dichter bereits an.s älterer 
Poesie überliefert; Odysseus dürfte eigeutlich so nicht reden, da Penelope 
die Worte unmöglich verstehen kann, wie sie denn auch den Interpreten 
Schwierigkeiten genug gemacht haben); seine Enkel sind Idomeueus und 
der Erzähler selbst (Aithon). 

2) Wenn die zur bembinaeischen Phyle gehörige pelasgische Chilyastys 
{Ih?MayTjoc) in Ephesos (HiCKS, anc. Greek inscr. in the Brit. Mus. III 
p. 70) irgend etwas mit den Pelasgern zu thun hat. wird sie auf gleiche 
Weise zu erklären sein. Vermuthlich aber hat man bei Schöpfung der 
Eintheilung lediglich nach passenden Namen gesucht. 

3) Eine ähnliche Schwierigkeit, die schon Ephoros zu lösen gesucht 
hat (Strabo X 4, 15), bot bekanntlich die Nennung von 90 Städten auf 
Kreta, während der Katalog der Insel 100 zuschreibt. 



49 

mussten eiue ältere dorische Wanderiiug- nach Kreta annehmen. 
So hat Andron [von Halikarnass?] — ein Mythenhistoriker, 
dessen Fragmente grade keinen günstigen Eindruck hervorrufen, 
der aber von Apollodor mehrfach benutzt worden ist — erzählt. 
Tektaphos der Sohn des Doros sei aus Hestiaeotis [wo ja die 
Dorer ursprünglich zu Hause waren, Herod. I 56] mit Doreru, 
Achaeeru und denjenigen Pelasgern, die [beim Einbruch der 
Hellenen] nicht nach Etrurien ausgewandert waren, nach Kreta 
gekommen •) — sassen doch alle drei Stämme in der Urzeit in 
Thessalien bei einander. Etwas anders erzählt Diodor V 80. 
der zwei Wanderungen statuirt: die ältesten Bewohner der 
Insel seien die Eteokreter; dann seien wandernde Pelasger dort- 
hin verschlagen, dann-) Dorer unter Tektamos, Doros' Sohn, 
die vom Olymp kamen, aber auch Achaeer aus Lakonien mit- 
brachten. Noch später kommen ßr/äötq ßcxQßaQoi [das sind 
offenbar die Kydonen]. Durch Minos und Rhadamanthys wer- 
den all diese Stämme verschmolzen, schliesslich kommen die 
heraklidischen Dorer aus Argos und Sparta. Die Odyssee- 
scholien endlich lassen die Achaeer für sich allein durch Tal- 
thybios kurz nach dem troischen Krieg, also immer noch vor 
Odysseus' Rückkehr nach Ithaka, von Mykenae nach Kreta 
geführt werden. Ueber die Pelasger ist in ihnen nichts er- 
halten. — Die Wohnsitze der verschiedenen Stämme auf der 
Insel hat Staphylos von Naukratis (bei Strabo X 4, 6) zu be- 
stimmen gesucht, wie es scheint, ziemlich willkürlich. Die 
Eteokreter hat man immer, die Kydonen meist für Autochthouen 
gehalten. Man lernt aus diesen Constructionen nur, dass diel 
gelehrte Forschung hier so wenig wie bei Dodona irgendwelche i 
Nachrichten zur Erläuterung der homerischen Angabe aufzu- 
finden im Stande war. Das ist indesse n kein Grund, um an 
der Realität der letzteren zu zweifeln. 



1) AndroDS Angaben sind crlialten bei Strabo X 4, (; und Stepli. Byz. 
s. V. dwQiov, die beide offenbar aus Apollodor schöpfen. 

2) Nach Diod. IV (10 geht dagegen Tektamos der Sohn des Doros 
ziLsauimen mit Aeoleru und Peliistferii nach Kreta. 



Meyer, Korscliiiugeu /.ur Alteu (ieacliiclite. I. 



50 

Die Quellen der Angaben über Dodona bei Strabo, Stephanus 
von Byzanz und in den Homerseholien. 

^Vas die antike Gelehrsamkeit zur Auflielluug der au die Homer- 
stellen über Dodoua aukuüpfendeu Probleme ermittelt hat, erfahreu wir 
im wesentlichen aus drei Quellen: Strabo's ausführlicher Besprechung von 
Dodona (YII 7, JO ff., der Schluss ist nur im Auszuge erhalten): dem im Ori- 
ginal erhaltenen Artikel des Steph. Byz. s. v. JwSwvfj; und den Iliasscholien 
zu n 233. die. wie gewöhnlich wo es sich um die reale Seite der Homer- 
phihjlogie handelt, sehr dürftig sind — aus ihnen allein würden wir nur 
ein ganz unzureichendes Bild der Sachlage gewinnen. Die Schollen zum 
Schitfskatalog bieten an unserer Stelle überhaupt nichts.*) Der werth- 
vollste Theil der Nachrichten geht bei allen drei auf Apollodors Com- 
mentar zum Schiffskatalog zurück. Apollodors Angaben sind ziemlieh voll- 
ständig bei Strabo erhalten, der ihn auch citirt; Strabo selbst hat ihm ein 
Citat aus Ephoros vcjrgeschobeu und die abweichende Ansicht des Deme- 
trios von Skepsis über die Lage des Flusses Seileeis eingefügt.-). Alles 
weitere dürfen wir für einen Auszug aus Apollodor halten; die Citate des 
Suidas und Kineas in § 12 kehren bei Steph. Byz. wieder.^) 

Bei Stephanus wie in den Schollen liegen dagegen Apollodors An- 
gaben nur durch spätere Vermittelimg und mit Zusätzen erweitert vor; 
sein Name wird nicht genannt.*) In dem Artikel des Stephanos sind 



1) Eustathius in den Commeutaren zu Homer wie zu Dionys. perieg. 42"5 
schöpft nur aus diesen auch tms erhaltenen Quellen. Einzelne gleichlau- 
tende Angaben sind auch ins etym. magn. u. a. übergegangen. 

2) Demetrios handelte hiervon natürlich bei Besprechung der mit den 
Troern verbündeten Pelasger. — Dass Strabo den Skepsier selbst benutzt 
und das Citat nicht aus Apollodor entlehnt hat, geht auch daraus hervor, 
dass die Iliasscholien des Yen. A die apollodorische Ansicht genau so 
geben wie Strabo, aber Demetrios" Auffassung nicht erwähnen. — Das 
Citat aus Philochoros, in dem die Stelle Hesiods über Hellopia herange- 
zogen wird, hat Strabo aus Apollodor übernommen. Es stammt gewiss 
nicht aus der Atthis, die Strabo kennt, sondern wohl aus den Büchern 
TTfpt nuvxLxf(q [die Schrift 'Hthiqojxlxü, der Müller das Fragment (IST) 
einreiht, ist von ihm erfunden und hat nie existirt]. 

3) vgl. Niese Rhein. Mus. 32, 2SS. 

4) Ob Stephanus das Citat aus Apollodor hv a necji Ö^fdJv S. 249, 1 
direct dieser Schrift oder einer Sammlung entlehnt hat, ist zweifelhaft und 
für uns irrelevant. Er erklärt hier die Beinamen des Zeus JojötavuToz oxi 
6[6woiv Tjixlv xa dyada, Ile).aayixbq 6a oxi xfjq yijq ne/.aq ioxiv. Aehn- 
liche Spielereien, die übrigens zum Theil auf recht alte etymologische 
Kunststücke zurückgehen werden, enthalten auch die Schollen (hierher 
gehört auch die Lesung Ztv uvudojöatvale. TtuQu xrjv uvüdojoiv xt'jv uya- 
itojv). aus denen wir auch erfahren, dass einige ne?Mi>yixe (natürlich zu- 
nächst wegen des Pelargikonj oder IIe).aarixi {ov Tii/.ag ioxiv o ut'jQ) 
lasen. Ebenso Eustath. Die Epitheta der Seilen geben zu weiteren der- 



51 

S. 247, 13 {fixng dt ano /luj(korog nora/AOv)^) — 248, 15 {duiScovaloq) der 
MEiNEKEschen Ausgabe aus Ilerodian entnommen und handeln über die 
verschiedenen Formen des Namens Dodona. Daran schliessen sieh die 
Belege für das iQ^viy.öv aus Hekataeos, Homer, Kratinos, ApoUonios, So- 
phokles und ein Citat aus Apollodor thqI &ecöv. Den Beschluss bildete 
ein grosses Citat aus der Sprichwörtersammlung des Lucius von Tarra 
(vgl. s. V. Tüqqu), das ebenso iu die Paroemiographen und Suidas über- 
gegangen ist und auch in den lutermargiiialscholien des 'N'enetus ß wieder- 
kehrt. Es wird das Sprichwort /IwiSutvalov yuXy.iov erklärt, eine Deutung 
Demons verworfen, die von Polemo gegebene nach Aristides '''), der ihn 
ausschreibt, mitgetheilt — es bezieht sich auf eine Metallscheibe, an die eine 
eherne Peitsche, welche die Statue eines Knaben iu der Hand hält, anschlägt 
und dadurch ein tausendfaches Echo hervorruft. Lucius von Tarra fügt 
eine Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes und ein Citat aus Meuander 
hinzu. Von diesem Kunstwerk ist, wie wir aus Strabo sehen, schon bei 
den älteren Schriftstellern in demselben Zusammenhange die Rede ge- 
wesen. Strabo's Schilderung weicht von der bei Stephanos nur wenig 
ab und fügt hinzu, das Denkmal sei ein korkyräisches Weihgeschenk. 
Es ist wohl sehr wahrscheinlich, dass die Schilderung bei Strabo auf 
Polemo zurückgeht, aus dem sie zunächst Apollodor entlehnt hat. 

Was bei Stephanus übrig bleibt (S. 246, 8 — 247, 13), entstammt einem 
Homercommeutar; was im Folgenden gesperrt gedruckt ist, kehrt in der- 



artigen Absurditäten Veranlassung. Auch dass Zenodot noXvniöaxoq für 
6voyfi/ui()ov las (schol. T), sei hier erwähnt. — Folgt übrigens aus der 
Deutung ApoUodors, dass er keine Pclasger in Dodona annahm, sondern 
sich durch die angeführte Etymologie half? In dem was uns aus Apol- 
lodor erhalten ist, ist in der That von Pelasgern in Dodona nicht die 
Rede. — Schol. Ven. A enthalten die ganz verstümmelte Angabe IltXaayia 
TCQÖzfQov Tj 0eooaXia ixaXeno, i§ oh &uv(j.aaxoq xa\ vno UtXaoyiZv 
ri/uojfitvog. snsl Ue).aoyol xarwxovv rijv JcoScövrjv, exßhj&tPteg dno 
Botwriug vno AioXivjv (gemeint ist: von den Aeolern, die aus ßoeotien 
in Thessalien einbrachen (und später als Boeoter nach Boeotien zurück- 
kehrten]), mit der ich weiter nichts anzufangen weiss. 

1) Dass der Einschnitt an der angegebenen Stelle ist, hat Meineke 
verkannt; die Beweise sind 1) was vorangeht, kehrt in den Scholien 
wieder, was folgt nicht; 2) im vorhergehenden Abschnitt leitet Epaphro- 
ditos den Namen Dodona von mythischen Persönlichkeiten ab, Stephanus 
aber erklärt sich für die Ableitung llerodians von einem angeblichen 
Flusse Dodon; 3) im Vorhergehenden wird gegen die Unterscheidung von 
zwei Dodonas polemisirt, S. 247, 15 aber heisst es Sirrai 6' tial Jwöwvai, 
avxr] xal ij iv (itxruXla, xaS^cinfQ oD.oi xai Mvaaiaq; ein deutlicher Beleg 
dafür, dass ein Quellenweclisel stattgefunden hat. Aus Mnaseas hat Ile- 
rodian auch bei Steph. Byz. s.v. hortov die mythische Ableituujf des 
Namens von Dotos Sohn des Pelasgos entnonunen, vgl. S. 2.')7, 1 mit ZI. 10. 

2) Dafür lesen die lliasscliolien, Suidas und die Sprichwörter des 
cod. Cüisl. Aristoteles. 



52 

selben Folge im schal. B. T zu 1/23.^ wieder. Wir erfahren, dass Pliilo- 
xenos im Odysseecommentar ein thesprotisches und ein thessalischesDodona 
unterscheidet; letzteres meint Achill. Dagegen polemisirt Epaphroditos 
im Commentar zum 73: Achill ruft den seiner Heimath benach- 
barten Gott an, ähnlich wie Pandaros und Chryses. Der Zeus 
von Dodona heisst Näiog.'^) Zenodot las 4>riyu)vaL^, Suidas sagt, 
es gebe in Thessalien ein Heiligthum des Zfvc 4>riyujvaioq 
[auf einem 15 Stadien von Skotussa entfernten Hügel, schol. T], und dieser 
sei gemeint. Andere schreiben BwdcuvaTs, nach einer Stadt 
Bodon(e) in Thessalien, wo Zeus verehrt wird. Es folgen die An- 
gaben aus Kineas über das thessalische Dodona und schliesslich folgendes 
Citat aus Epaphroditos' Commentar zu Kallimachos' Al'tia II: ujvöf/aazai 
dl xarci 0(}aovßovXov uno Jcodojvrj^ fiiäq. xwv ^^xeaviöojv vvfi- 
<f) w v.^) 'AxsoTÖSiOQog 6l cctco Awöiuvoq r ov J i o q x u\ E v q iö n rj q. 

Es ist klar, dass die Quelle dieses ganzen Abschnittes nur der von 
Stephanus so viel benutzte Epaphroditos sein kann, der zum Schluss seinen 
Commentar zu den aina selbst citirt. Aus derselben Quelle haben (in- 
direct) auch die Scholien geschöpft. Epaphroditos aber hat das von 
Apollodor zusammengetragene Material benutzt, wenn auch nur sehr ver- 
stümmelt: bei Strabo werden Suidas und Kineas ebenso citirt wie bei 
Stephanus. 

In den Scholien stecken noch eine Reihe von Notizen, die auf die- 
selbe oder eine ähnliche Quelle und jedenfalls in letzter Instanz auf Apol- 
lodor zurückgehen, namentlich die Discussion über die Seilen, für die wie 
bei Strabo Pindar citirt wird (eine Bemerkung, die an die Diple zu 234 
anknüpft, stammt natürUch aus Aristarch [Aristonikos]) und die Citate aus 
Andron und Alexander von Pleuren über die Seilen (beides Ven. A). Der 
allen Scholien gemeinsame Satz AwSwvui 6t 6vo, rj filv 0aooa)daq, ?/ 61 
MoXoaaiaq. XLVtq 6h /1co6wvtjv t?jv yrjV, 7ia(>öoüv Tiüvra 6i6ojaiv 6voy8i- 
/iis^ov 6h, OTi Ttäyoiq xal xQv/uoIq vno xov ovquvov avvii^xui stammt 
nicht aus Epaphroditos, weil dieser die Unterscheidung der beiden Dodona 
verwirft; Philoxenos nennt Dodona thesprotisch , nicht molossisch. Die 
Etymologie klingt an Apollodor an und dürfte aus ihm abgeleitet sein. 
Endlich nennt der Ven. A zu 77 233 wie zu B 750 Dodona ein ;(w(>/ov iv 
''YneQßoQioiq (B 750 mit dem Zusatz xf/q 0ea7i()ioxiaq), natürlich um der 
Hyperboreererzählung bei Herodot willen. — 

Die Odysseescholien zu 1 327 bieten nichts als die Unterscheidung 
der beiden Dodona und eine auf Proxenos, den Zeitgenossen des Pj^rrhos, 
zurückgehenden Legende über den Ursprung des Orakels. 



1) vö^TjXu yuQ XU exfl x^^Qia fügen die Scholien hinzu. Apollodor 
leitete den Namen Hellopia von den Ihj bei Dodona ab (Strabo). 

2) die den Deukaliou heirathet, schol. T. In schol. A kehren diese 
Angaben sehr verstümmelt wieder. 



Drittes Kapitel. 
Pelasg'os in Arkadien. Die Lykaonsagen. 



Nach der seit dem fünften Jahrhundert in der g-riechischen 
I Literatur allgemein herrschenden Ansicht haben die Pelasger 
klie Urbevölkerung fast ganz Griechenlands gebildet. i\ran sollte 
daher erwarten, ihnen in der epischeu Literatur, die ja die 
ältesten Zustände Griechenlands schildert, auf Schritt und Tritt 
,zu begegnen. Aber genau das Gegentheil ist der Fall. Die 
Stellen, an dienen die Pelasger als reales Volk vorkommen, 
haben wir sämmtlich bereits kennen gelernt. Sie spielen in 
Ilias und Odyssee und eben S'o bei Tlesiod nur eine ganz unter- 
geordnete Hülle, kaum dass sie ein oder zweimal genannt 
werden. 

Wo sonst der Pelasgeruarae vorkommt, ist von einem wirk- 
lichen Volk überhaupt nicht die Rede; sie werden nur durch 
ihren Eponymen, den uralten König Pclasgos, vertreten. Der- 
selbe hat allerdings nach älterer Auffassung seinen Nachkommen, 
nach späterer seinen Untcrthanen seinen Namen vererbt; aber 
schon in den Zeiten, in deneu das Epos spielt, hiessen dieselben 
längst nicht mehr so, sie haben ihren Namen in einzelnen Fällen 
Fällen sogar wiederholt geweciiselt, Arkader und Argiver 
(Danaer), ferner nach der Anschauuug der Historiker Epiroten 
Etrusker Oenotrer Peuketier lonier Aeoler sind aus ihnen her- 
vorgegangen. 

Pelasgos' Name hat die (irnndl age a bgegeben für di(^ ganze 
spätere Pelas ge rthe orie , soweit nicht die Tyrsencr hinein- 
sj^itden. Aber auch er ist im Epos keine häufige Erscheinung. 
Von den homerischen Epen kenneu ihn nur (lie späk'Sten, — 



54 

dass er in Ilias und Odyssee nicht genannt wird, ist bekannt — 
etwas häufiger kommt er in der hesiodeisehen oder genealogischen 
Poes i e vor . Es gilt derselbe als erdgeboren, als der älteste 
(Mensch, der Stammvater des Menschengeschlechts; seine Heimath ' 
ist in der Regel wenigstens Arkadien. 

Am lebendigsten tritt uns diese Anschauung in einem Frag- 
ment des Asios entgegen: 

AvTideov ÖS JJtXaoyov av vipixSiiotöiv OQtoötv 
yata fi£?Miv avedmxw, 'Iva &VTjrwi' yevog dt]. 
Der Zusammenhang bei Pausanias (VIII 1, 4), der diese Verse 
bewahrt hat, lehrt dass Pelasgos nach Asios in Arkadien er- 
zeugt ist. Eben so er zählte Hesiod: Pelasgos ist ein Autoch- 
thone, den die Erde in Arkadien erzeugt hat. >) Er ist bei 
Hesiod Vater des Lykaon, und an diesen schloss Hesiod ein 
ausf ührliches Verzeichniss seiner fünfzig Söhne an: 

vhtg s^eysvovTO Avxaovoq avxi&toio, 

ov noTt TixTS UsXaöyög^) 

i Einen dieser Söhne, Pallas, von dem die arkadische Stadt 
Pallantion den Namen hat, nennt ein Hesiodcitat bei Steph Byz.3) 
Danach können wir nicht zw^eifeln, dass auch die übrigen Söhne 
mit Namen genannt waren ; sie waren die Eponymen arkadischer 
Gaue und Ortschaften. Aus Pherekydes , der sich in der 
Regel eng an Hesiod anschliesst, bewahrt Dion. Hai. I, 13 fol- 
gendes Bruchstück (fr. 85 Ml ller) : „ütXaOyov xal ArjiavdQiig 
yivtxaL Avxämv. ovrog yafist EvXXtp'rjv, vrjiöa rvficfTjv, dcp' 
rjg x6 OQog ?) KvXX?jvtj xaXeirca". ejisira zovg ex rovzcov ysrv?j- 
O^lvxag öi£§icov xcd zivag txoOzoi zojiovg coxrjOav, Olvcozgov 
xal Ilsvxeziov (auf die es Dionys ankommt) f/t/JVf'/axtzaL liycov 
codi ■ „y.ai OlvcozQog, acf.^ ov OIvcozqol xa/Jovrat oi Iv 7zaXii] 
oixiovztg, xal Usvxäziog^ d(f' ov ütvxtzioi xa?Jovzcu oi er zco 
'lovLG) xoÄJto)". Aehnlich mag das hesiodeische Verzeichniss 



1) Apollodor II 1, 1 = ms, l 'Hoioiioq dl rar ne/.aoybv airö/i^orcc 
(frioir Hvui. Senilis ad Aen. II S3 Pelasgi a Pelasgo Terrae iilio, qui iu 
Arcadia genitus dieitur, nt Hesiodus tradit. Strabo V 2, 4 zw ö" 'Etfi'iooj 
Tov e§ liQxuSiaq eiiui zo <pikov rovro (die Pelasger) i'jQSep '^Hoiodoq. 

2) fr. CS bei Strabo 1. c. 

3) HuXXÜvTLOV Ti6).iq'AQxu6iUQ, uTio nä/.kuvzog, evoq zojv Avacovog 
nuidujv, (ig '^Hoioöoq. 



55 

ausgesehen haben; möglieli ist allerdings auch, class die Kata- 
loge sich auf ein Namensverzeichniss beschränkten, wie Apollo- 
dor ITT, 8, 1 ; was Namen, wie Haimon (Eponymos von ITaimo- 
niai bei Megalopolis), Alipheros, Pallas, Mantinus, Mainalos zu 
bedeuten hatten, war ja auch ohne Erläuterung klar. Im ei n- 
zelnen w ar hier der Variation der weiteste Spielraum ge- 
lassen, und Namen wie Peuketios und Oinotros hat Hesiod 
gewiss noch nicht genannt. ') Auch die Frauen des Pelasgos 
und Lykaon sind verschieden benannt worden: nach Pherekydes 
(Dion. Hai. I 13) heirathet Pelasgos die Deianeira^), Lykaon 
die Najade Kyllene. Nach anderen ist diese die Gemalin des 
Pelasgos und Mutter des Lykaon '■^), nach einer dritten Version 
ist Pelasgos mit der Okeanostochter Meliboia vermalt.^) Hesiod 
dagegen hat wahrscheinlich die Meliboia zu Lykaons Gemalin 
gemacht, da Herodian aus ihm den Vers anführt (fr. 70 K. 73 R) 
4>i/J.ov ti\uf{e?Jtjv rty.t{ro xXeijxf'j MsXißota^), der sich schwer- 



1 ) Aus Aijollodor (bei dem vier Nameu ausgefallen sind), Paiisan. VIII 3, 
und Stepli. Byz. (der einen Theil der Namen aus Pausanias entnommen hat) 
finden sich zusammen schon 70 Namen. Nur ein Theil ist zwei Quellen 
gemeinsam, in allen drei finden sich nur Haimon, Alipheros, Mainalos und 
Pallas. Dagegen ist nach Hellanikos fr. ßo Mainalos ein Sohn der Arkas. 
Kleitor ist bei Apollodor ein Sohn des Lykaon, bei Pausau. VIII 4 ein Sohn 
des Azan. Enkel des Arkas ; ähnliches findet sich mehrfach. — Auch nicht- 
arkadische Eponymen wurden von den Späteren vielfach zu Söhnen des 
Lykaon gemacht, so Thesprotos (Apoll. Steph. Byz. "E<pvQa, natürlich wegen 
der Pelasger von Dodona) , Lyktos (Steph. Byz. s. v. , bei Apollod. ver- 
schrieben Avxioc, wegen der kretischen Pelasger), Phthios und Teleboas 
(Apollodor), Makedou oder Makednos (Apoll. Steph. Byz. ^ÜQCDTiög — da- 
durch werden die Makedonen zu Pelasgern Justin VII 1 ; daher herrscht 
bei Aesch}los suppl. Pelasgos über alles Land bis zum Strymon. Ver- 
mutlilich ist das eine Erweiterung der Pelasger in Ejiiros ; die älteren wissen 
nichts davon. Bei Ilesiod sind Makedon und Magues Sühne des Zeus, bei 
Hellanikos Makedon ein Sohn des Ainlos: Stepli. Byz. Mu^edovia). 

2) Dieselbe ist wolil eine Variation von Arkas' Gemalin ^ItüieiQU 
oder Mfyuvfifta (Ai)()llnd. HI ii, 1 schol. Eurip. Orest. 1646). 

'S) Apollodor 111 S. I, wo Lykaon zahlreiche namenlose Frauen hat, 
schol. Eurip. Orest. 164(1, mit ganz anderer (ienealogie des Pelasgos, s. u. 
Lykaon iicirathet hier die Urthosie. Nach Pausan. VIII 17,6 ist Nonakris 
(der Ort an der Sty.x) Lykaons Gemalin. 

4) Apollod. 1. c. 

5) So IIkumann, cod. Ttxe i/} il/fA. 



56 

lieh irgendwo anders einreihen lässt. Phellos kann bei Hesiod 
unmöglieli der Eponym der lykisehen Stadt sein, dagegen ist 
vielleicht au Phellos bei Aigeira in Aehaia (Paus. VII 26. 10) 
zu denken; hat doch auch das benachbarte Hyperesia einen 
Eponymen Hyperes unter Lykaons Söhnen (Steph. Byz.). Pe- 
lasgos kann bei Hesiod nicht Meliboias Gemal sein, da er nie 
einen anderen Sohn hat als Lykaon. 

Hesi ods Genealogie ist in den Hauptzügen von allen Spä- 
t^'en adoptirt worden. Dass sie volksthümlich und in Arkadien 
einheimisch wäre, folgt daraus aber noch nicht. Um sie zu 
beurtheilen, müssen wir ihre einzelnen Elemente analysiren, 
und dazu ist vor allem eine Untersuchung der Lykaonsage 
und die Ermittelung der Gestalt erforderlich, in welcher Hesiod 
sie erzählt hat. ' ) 

Lykaons Bedeutung besteht darin, dass er der Gründer 
[des Zeuscults auf dem Lykaion in Parrhasien ist. des ange- 
sehensten aller arkadischen Culte.-j Zu diesem gehört ein 
I Menschenopfer — wie es scheint das Opfer eines kleinen Kindes, 
idenn in den Erzählungen von Lykaon wird durchweg ein solches 
(genannt {ßQttfoc. u. ä.). Dieses blutige Opfer stand im vierten 
Jahrhundert noch in regelmässiger Uebung^) — verrauthlich 
wurde es allerdings nur in bestimmten Jahren und bei beson- 
deren Veranlassungen (vgl. das athamantidische ]\renschenopfer 
Herod. VII 197) dargebracht. Es knüpft sich daran der Glaube,| 
Idass wer von den menschliehen Eiugeweiden, die unter die; 



1) [Seitdem dies geschrieben ist, hat Immerwahr, Kulte und Mythen 
Arkadiens I 1S91 den Zeus Lykaios behandelt. Ich gehe auf seine An- 
sichten so wenig ein wie auf die zahlreichen älteren Untersuchungen, z. B. 
die H. D. Müller's. Ich wüsste nicht, was eine Polemik hier nützen könnte.] 

2) Pansan. VIII 2 AvxÜmv o Tlf/Moyov AneöaovQav rf nöhv 
wxiotv iv Tiö 6()ft 10) AvxaiM, xui lUa wrö/naae Avxuloy. xul uywvcc 
t&t]Xf Avxaiu. Lykosura ist von Lykaon um des Namens willen gegründet 
und daher die älteste Stadt (Paus. VIII 38). Die lykaeischeu Spiele werden 
bekanntlich bei Piudar oft genannt. Vgl. auch die parische Chronik ep. 17, 
wo der Ursprung der eleusiuischen Spiele und der Lykaeeu in dasselbe 
Jahr, unter Paudion IL, gesetzt wird. Lykaon ist hier also in viel spätere 
Zeit gesetzt als sonst. 

3) Plato Minos 31.5, der die Menschenopfer der Athamantiden und 
Karthager vergleicht; rep.VIII 565. Theophrast bei PorphjT. de abstin. 1127. 



57 

j gleichzeitig dargebrachten thierischen gemengt werden.') kostet,! 
dadurch zum Wolf wird. Natürlich wird daher auch als Be- 
gründer des Kultus. Lykaon. von dieser Verwandlung betroffen. 
Der volksthümlichen Anschauung der Zeit Piatos (rep. VIII 565) 
gilt diese Verwandlung als göttliche Strafe für das wenn auch 
zu heiligen Zwecken vergossene Menschenblut, und ist auf eine 
bestimmte Zeitdauer (neun Jahre) befristet : wenn der Wolf 
während dieser Zeit kein Meuschenfleisch frisst. wird er wieder 
zum Menschen. Das ist bei dem Parrhasier Demainetos that- 
sächlich eingetreten, der nach seiner Rückverwandlung noch 
olympische Siege erfochten hat.-) Vermuthlich wurde aus den 
Theilnehmern am Opfer irgendwie (durch das LoosV) einer 
bestimmt, der als der Schuldige galt und neun Jahre land- 
flüchtig werden musste. Das ist eine Uebertragung der Sühne 
für unfreilligen Mord auf das Menschenopfer. 

In der diesem Glauben entsprechenden Gestalt erzählt 1 
noch Pausanias die Geschichte Lykaons, nur dass ihm natürlich ' 
Lykaon's Opfer eine Verkennung des Wesens der Gottheit ist. 
Zu seiner Zeit muss indessen das Mensclienopfer längst abge- 
schafft gewesen sein, wenngleich er mit einer aus llerodot ge-, 

1 ) !Sü schildert ApoUodor 111 h, 1 das Opfer Lykaons. Pausanias 
VIII 2, 3 weicht etwas ab : Jrxäiov enl zbv ßw/aor xov Avxaiov Jibg ß(j^(fog 
ijvfyxfv av&()w7ioi', xul f^voe xo ßQh(foc, xal 'eaneioev inl xov ßiofini 
xo atfAU • xai avxbv avxixa ini xy O^vaüf yeviod^ai Xvxov (paaiv uvxl 
uv^Qiönov. Dass wir den Hergang beim Opfer nicht genau kennen, ist 
begreiflich genug; er war Mysterium (^Paus. VIII 38, 7 enl xuviov xov 
ßojfiov XO) Avxuiü) .hl V-i'ovotr er dnoQ())]xo)) wie alle analogen Cultus- 
handlungen. 

2) SkopasbeiPlin. VIII82. Varro bei Augustin civ. de! 18, IT. Pausan. 
VIII 2, 6 u. a. — Euanthes bei Pliu. VIII 81 (der Name steht durch das 
Autorenverzeichuiss Ib. I fest und ist daher nicht wie vermuthet in Neanthes 
zu ändern) erzählt abweichend : Arcadas scribere ex genere Anthi cuiusdam 
Sorte fainiliae leetiim ad .stagnum ((uoddam regionis eins duci vestitiuiue 
in queren suspenso tranare at(|ue abire in deserta traustiguraricjue in lupuni 
et cum cetcris ciusdem geueris (der Wölfe) eonjugari per annos novem, 
quo in tempore si houiine se abstinuerit, reverti ad idem stagnum, et cum 
tranaverit, effigiem reciperc ad pristinum habitum, addito novem annorum 
senio (id quoque fabulosius [?, codd. fabius], eandem reciperare vestem). 
Danach wäre die Verbannung (Verwandlung in einen Wolf) ein auf einem 
bestimmten (ieschh>cht ruhender Fliu-h (ähnlich wie bei den Athamantiden) 
und ursprünglich wohl ein Ersatz des Menschenopfers. Imuc anderweitige 
Hestätigung dieses Berichts findet sich nicht. 



58 

borgten Phrase darüber weggeht.') Denn wenn die Kaiser bis 
auf Hadrian hinab die Unterdrückung der Mensehenopfer sogar 
bei Druiden und Hemiten durchsetzten (Porphyr, de abstin. 11 56), 
so waren dieselben im Centrum Griechenlands von der fortge- 
schrittenen Humanität schon weit früher beseitigt worden. 
Lange vorher aber hatten die weiteren Anschauungen zu einer 
gründlichen Umwandlung der Sage geführt. War Lykaon 
ursprünglich der fromme Stifter des bestehenden und daher 
legitimen Kultus,-) so Avird er jetzt ein Frevler an der Gottheit, 
der sie durch das vorgesetzte Menschenfleisch aufs schwerste 
beleidigt und dafür mit seinem ganzen Geschlechte (bis auf 
Nyktimos) vernichtet wird. Die Verwandlung in den Wolf ist 
nicht mehr eine Folge des vergossenen Bluts, sondern die Strafe 
für den ärgsten Frevel.-') 

Diese Auffassung entstammt einer Zeit, in der die Forderung, 
dass die Götter moralische Wesen sein sollten, sich geltend 
machte und zu der tiefgreifenden Umwandlung der Mythen 
führte, die wir vor allem bei Stesichoros und Pindar kennen 
lernen. Es sind denn auch alle einzelnen Züge dieser Erzählung 
Entlehnungen aus älteren Sagen — die Versuchung der Gottheit 
durch das Menschenopfer aus der Pelopssage, die Vernichtung 
der Schuldigen durch Blitze, bis die Erde ihre Arme ausstreckt 



1) VIII 38, 7 7io/.v7i(jayfj.orFGai dl ov noi xa ig Tfjv itvaiuv r/öv tjv, 
eyjxüj 61 de iyfi xui a»c io/ev iS uQy/ic. Auch VIII 44. 6 wird auf den 
Charakter des Opfers angespielt. Zu Plinius Zeit und vielleicht schon zur 
Zeit seiner Quelle Skopas war es abgeschafft : A'III 82 Scopas qui Olym- 
pionicas scripsit narrat ... in sacrificio fiuod Arcades Jovi Lycaeo humana 
etiamtum hostia faciebant. 

2) In später Zeit klingt diese Auffassung bei Xik. Dam. fr. 43 nach: 
L) kaon ist wie sein Vater Pelasgos ein gerechter Herrscher, der um seine 
Unterthanen zur Gesetzmässigkeit zu erziehen vorgiebt. dass ihn Zeus in 
Menschengestalt regelmässig besuche. Seine fünfzig Söhne wollen die 
Wahrheit der Behauptung erproben und veranstalten das Menschenopfer. 
Dafür trifft sie die Strafe des dmuöviov. Hier ist die ephorische Auf- 
fassung von Rhadamanthys, Minos. Lykurg auf Lykaon übertragen. — Auch 
nach schol. Lyk. 4SI sind Lykaons Söhne die Frevler. 

:<) So muss sie natürlich auch Pausanias auffassen, obwohl er sonst 
die ältere Version der Sage giebt. — Das Detail wird vielfach variirt, 
namentlich betreffs des Nyktimos (s. u.). Gelegentlich wird auch erzählt, 
das geopferte Kind sei Arkas gewesen, Zeus habe ihn wieder zusammen- 
gesetzt wie den Pelops (Erratosth. Catast. 8. Egbert). 



59 

und Zeus um Schonung- fleht, aus der Gigantensag-e.') ferner 
die Aukuüi)fung der deukalionischen Fluth au Lykaons Frevel 
— oder recht armselige Erfindungen, wie die Erklärung des 
Namens der benachbarten Stadt Trapezus.-) 

Dass d ie hesiodeischen Gedichte diese ethische Version 
nicht gekaimt haben könner^ jst klar. Wir haben dafür , ob- 
wohl jede directe Angabe fehlt, doch noch einen äusseren 
untrüglichen Beweis. Den Söhnen Lykaons ergeht es in den 
späteren Berichten, z. B. dem Apollodors, wie dem Jabal Jubal 
und Tubalkaiu in der Genesis. Die drei Söhne Lamechs sind 
die ^'äter aller Hirten, Musiker und Schmiede; aber trotzdem 
ersaufen ihre Nachkommen sämmtlich in der Sündfluth. Ebenso 
sind Lykaons Söhne die Eponymen und Stammyäter der ar- 
kadischen Städte, aber bis auf einen oder einige wenige werden 
sie von Zeus erschlagen — ganz abgesehen davon, dass nach 
einigen (so bekanntlich auch Ovid)'^) auch hier die Sündfluth 
dahinter kommt. Wie in der Genesis sind also hier zwei Ei*- 
zjihlungen verbunden, die nichts mit einander zu thun haben. 
Wenn für Hesiod Lykaons Söhne die Väter der Stämme und 
Gemeinden Arkadiens waren, so können sie keine ruchlosen 
Frevler, so müssen sie göttergeliebte Heroen gewesen sein. Es 
kommt hinzu, dass der Kinderreichthum Lykaons für die Er- 
zählung, welche in dem Menscheuoi)fer einen Frevel sieht, gar 
keine Bedeutung hat; sie kennt vielmehr seine fünfzig Söhne 
schon aus der Ueberlieferung- und muss sie zu Frevlern machen, 
um ihre Tendenz durchzuführen. 



1) Dazu gehört Pausau. VIII 29, 1 '/.iyoiatv oi A(ty.ädfq riiv ?.eyof(ev7jv 
riyüvxuiv inü/jjv xui O^ewv hvruv^u (bei Trapezus) . . . ytrlnO^ai xcd 
x^vnvod' uax(>a7ialQ uvrdUi y.al 3^vi/.)Mt^ re xal ßf>ovTul^. 

2) der davon abgeleitet wird, dass Zeus den Opfertisch {TQunfZa) 
umgestusseu habe. Robert (bei Preller gr. Myth.* 128, 1) sollte das 
nicht als Gründungssage von Trapezus bezeichnen. Nach älterer correc- 
terer Auffassung hat Trapezus seinen Namen von einem Sohne Lykaons. 

3) Ebenso z.B. schol. Eurip. Orest. 164<>: Lykaon gründet das Zeus- 
heiligthura xal Tialda lo/rjxujq f| 'üij'hooiug Mixiinuy rl/V uQ/jir uvtcö 
xniui.tinfi, h^f ov o xuTux?.ro/i('ig syttf-rn. Hier ist von Lykaons Frevel 
nielit die Tvcde ; beruht die Ansetzuug der Flutli unter Nyktimos vielleicht 
ursiirünglich lediglich auf chronohigischen Schlüssen? Nach der parischen 
Chronik freilich ist die deukalionische Fluth viel älter als Lykaon; aber 
hier sind attische Gesichtspunkte massgebend. 



60 

Somit hcat Hesiods Erzälilimg ungefähr ebenso ausgesehen 
Iwie die des Pausanias, ') der zwar Lykaons Verwandlung als 
Strafe für sein Opfer, aber nieht das Gerieht über Lykaons 
Söhne kennt. Aber auch diese Darstellung kann nicht die 
I ursprüngliche sein. Das Opfer ist ja eine heilige Handlung, 
der blutige Dienst, der Jahrhunderte lang geübt wird, kann 
ursprünglich nicht für ein wenn auch nur unfreiwilliges Ver- 
brechen gegolten haben. Vielmehr nimmt die Gottheit das 
Opfer auf dem Berge, wo sie geboren ist 2) und ihren Wohnsitz 
hat, wohlgefällig entgegen und kostet davon — wie im Alten 
Testament so vielfach Jahwe (oder, was dasselbe sagt, sein 
„Abgesandter'') das Opfer entgegennimmt und dadurch den 
CUütus sanktiouirt. Nur so erklärt sich der Zug, den auch die 
spätere Darstellung festhält, dass Zeus zu Lykaon zu Gast 
kommt und von dem geschlachteten Kinde isst. Ursjirünglich 
also kann die Verwandlung in einen Wolf nur eine Folgej;^ nicht 
eine Sühne des Menschenopfers gcAveseu sein. 

Nun ist längst anerkannt, dass Lyk aon Niemand anders) 

[ist als Zeus Lykaios selbst. Sein Name ist aus dem des Gottes 

.gebildet wie der des Lykurgos; beide sind Heroen, die sich 

! von dem Gotte losgelöst und zu Sonderwesen entwickelt haben. | 

Dadurch erklärt sich auch die Verwandlung in einen Wolf:, 

Zeus Lykaios wurde in Wolfsgestalt vorgestellt , wie Artemis 

Kalliste, aus der sich Kallisto die Stammmutter der Arkader 

abgezweigt hat, eine Bärin,^) Zeus selbst in anderen Culten ein 



1) Damit ist keineswegs gesagt, dass Pausanias" Erzählung direct 
aus Hesiod oder einer mythograpliischen Bearbeitung Hesiods entnommen 
sei. Vielmehr lehrt seine ganze Erzählung deutlieh, dass er, wie er selbst 
sagt, die arkadischen Traditionen wiedergibt, d. h. das, was die arkadische 
Jugend lernte und die arkadischen priesterlichen und profanen Localge- 
lehrten mündlich und schriftlich erzählten. Diese Localtradition ist aber, 
wie überall, in ihren Grundlagen durchaus von dem hesiodeischen Corpus 
abhängig. — Dass im übrigen Pausanias selbst aus einem Literaturwerk 
geschöpft hat (vgl. v. Wilamowitz, Isyllos S. S4 über analoge epidaurische 
Traditionen), ist sehr wahrscheinlich, aber kein Vorwurf; woher kommen 
denn in unsere Reisehandbücher die Localtraditionen? 

2) Pausan. VIII 3S, 2, vgl. Callim. hymn. in Jov. 

3) Wie der Lykaonmythus unter dem Einfluss der Pelopssage, so 
ist der von Kallisto unter dem Einfluss der lo umgebildet (die Ueberein- 
stimmiing bemerkt schon Pausan. I 25, 1), nur dass noch die Verwandlung 



61 

Stier oder ein Adler ist.') Der älteste Glaube also war, dassl 
Zeus in Wolfsgestalt das Meuscbenopfer entgegen nimmt. Daraus j 
bildet sich der Mythus, dass Lykaon, der Gründer des Cults,' 
ein Wolf ist oder wird, d. h. dass er durch das Opfer des Wesens < 
der Gottheit theilhaftig wird. Das gleiche gilt von allen, die 
nach ihm das Opfer richtig vollziehen; auch sie werden zu 
Wölfen, d. h. sie werden göttergleich.-) Das Ojjfer bildet das 
Band zwischen dem Schutzgott und seinen Verehrern. Alles 
weitere ist später moralisirende Umbildung. 

Bei der Verwandlung in den Wolf hat man später jeden- 
falls an den Gleichklang mit Xvxog gedacht. Aber Avxaloq 
bezeichnet den Zeus als Lichtgott wie Ävxtjy&v/jg.^) Möglich I 
wäre es, dass aus diesem Gleichklang die ganze Anschauung' 
erwachsen wäre; aber viel wahrscheinlicher ist es, dass wiri 
es hier mit einem der vielen Reste des Thiercultus bei den 
Griechen zu thun haben, dass ein in Wolfsgestalt verehrter 
Gott zum Lichtgott Zeus geworden ist.^) Als Lichtgott tritt 
er uns auch darin entgegen, dass in seinem heiligen Hain auf 
dem Lykaon, den bei Todesstrafe ■^) kein Mensch betreten darf, 
kein Gegenstand Schatten wirft.'') Als Gott des Lichthimmels 

in ein Sternbild hinzukam, das natürlich längst den Namen der Bärin trug, 
ehe es mit Ivallisto ideutiticirt wurde. 

1) vgl. die vergoldeten Adler auf zwei xiortq am Altar des Zeus 
Lykaios Paus. VIII 38, 7. 

2) Ethnologen werden darin natürlich Totemismus erkeiiueu , das ist 
ja nach modernem Glauben die Wurzel aller Eeligion. 

3) Xvxa-ioq, Xvxu-wv, }.vxi]-yevTjc, Ivxu-l-iaq sind Ableitungen von 
dem verscholleneu nomen Xvxa {).vx7j) „Licht (Tag?)", und haben mit Xvxo-q 
(von dem z. B. Ivxo-oifytx; stammt) nichts zu thun. Mit UiU'echt meint 
KonEUT bei Prei.lek \* 127, 2, Lykaion könne „Wolfsberg' bedeuten. — 
Xvxu-wv wie ßuy^a-iüv u. a. 

4) Man mag dabei immerhin das helle Fell des Wolfs heranziehen, 
obwohl ich von diesen in der Mythologie lauge Zeit so beliebten Spielereien 
nicht viel halte: das Studium der ägyptischen und semitischen Keligioiieii 
hat mich gründlich davon curirt. — Weiteres S. 09. 

5) So in der Kallistoerzählung bei Ilesiod (Astronomie?): Eratosth. 
Catast. 1 RoiJEUT. Nach I'ausau. VIII .HS, (> Igoöoq ovx hortv tq airo 
(ro xinivnq) fxvf^QoJnoiq' vne(Jid6vTa 6t tov v('>fj.oi' xai eaf).ihöyTa äväyxtj 
nüaa avtov tviavioi tiqÖooj fuj ßnüvai. Auch hier die Umsetzung der 
alten Anschauung. 

(I) Pausan. 1. c 'IhcKponip wird dafür, dass er das nacherzählt hat, 
von Polyb. XVI 12, 7 heftig getadelt. — Die Uebertragung der kreti.scheu 



62 

ist Zeus Lykaios auch der Regenspender (Pausan. 1. e.), wie 
Zeus Laphystios. 

Von der Liehtnatur des Gottes hat auch Lykaon eine 
Spur bewahrt. Von seinen 50 Söhnen sind aUe anderen Epo- 
nymeu, aber der älteste,') der ihm in der Herrschaft folgt, 
trägt den Namen Nyktimos. Er nimmt also eine scharf her- 
vortretende Sonderstellung ein. Aüxrifioi ist eine correcte 
Bildung von ivS, (vgl. voor-ifiog, (fv$,-tjiog u. a.) : der „Nächtige" 
ist der Sohn des ,.Lichten". Beide Gestalten kehren mit wenig 
veränderten Namen wieder in dem boeotischen Brüderpaar 
Nykteus und Lykos.-) In Arkadien haben wir den seltenen 
Fall, dass nicht die Nacht „sich den Tag gebiert" oder sein 
Bruder ist, sondern als Sohn des Tages gilt. Das ist eine 
Umkehr der naturgemässen Anschauung und nur dadurch zu 
erklären, dass für die zu Grunde liegenden Gestalten das Ver- 
wandschaftsverhältniss bereits anderweitig feststand, d. h. Nyk- 
timos ist das Beiwort eines Gottes, der für den Sohn des Zeus 
Lykaios galt. Das kann in Arkadien Niemand besser sein als' 
iHermes,3) für den ja das Beiwort rvxrifiog trefflich passt. So: 



Zeussage sowie des Nameus Olyiiipos auf das Lykaion (Kallim. Paiisau.) 
braucht liier wohl uicht weiter besprochen zu werden. 

1) So Pausan. Da seine Nachfolge feststand, lag es der späteren 
Auffassung nahe, ihn gerade zum jüngsten Sohn Lykaons zu machen, der 
allein am Frevel uicht Theil nimmt und daher allein verschont wird (so 
Apollodor). Nach Nik. Dam. ist er dagegen der Hauptanstifter des Opfers 
(bei Apollodor ist das der älteste, Mainalos). Andere machen aus Nyktimos 
das von Lykaon geopferte Kind (schol. Lykoph. 4SI. Clem. AI. protr. 2, 36). 
Auch das ist spätere Erfindung; ein Opfer des eigenen Kindes, wie es der 
phoenikische Cult fordert, ist dem lykaeischen Dienst durchaus fremd. 
Daher sind die Deutungen, welche dies zum Ausgang nehmen, verfehlt 
(z. B. die von Welzel, de Jove et Pane diis arcadicis Breslau 1879, die 
überdies das Opfer aus dem Mythus erklärt, während der wahre Hergang 
der umgekehrte ist). 

2) Nach Apollodor HI 5, 5 sind sie die Söhne des Chthonios (eines 
Sparten nach HI 3, 4, 5). Der Name passt ganz gut. Eine Variante III 10, I 
macht sie zu Söhnen der Hyrieus, nach III 5, 5 gründen sie Hyrie Chalkis 
gegenüber. — Nykteus ist bekanntlich der Vater der Antiope. 

3) Allerdings ist derselbe am Lykaion nicht nachweisbar; man muss 
also an den kylleuischen denken. Darf hierher gezogen werden, dass nach 
schol. Theokrit 1, 122 Hermes der Vater Lykaons ist? Die Angabe ist 
allerdings ganz isolirt und kann leicht ein Fehler sein. — Eventuell könnte 



63 

i erklären sich auch die fünfzig- [correct allerdings 49] d.h. sehr 
vielen , namenlosen Brüder desselben : es sind die Sterne des I 
Naehthinimels. Denn dass nicht ihre Namen, aber ihre Existenz 
und Zahl der ursprünglichen Sage angehören, ist klar; hätte 
die genealogische Poesie in der Ueberlieferung nur Lykaon 
und Nyktimos vorgefunden, so wäre man nie darauf verfallen, 
die Eponymen der arkadischen Gemeinden an Lykaon anzu- 
knüpfen. Schliesslich erwähne ich noch, dass Nyktimos offen- 
bar identisch ist mit Nykteus, den Asios als Vater der Kallisto 
nannte.') 

Die Grundlage des Mythus ist also der Glaube, dass derj 
in Wolfsgestalt auf dem Lykaion verehrte Zeus Lykaon hier 
den Opfercult begründet und das ihm dargebrachte Kind ver- 
zehrt, und dass er einen Sohn (Hermes?) Nyktimos hat. Daraus, 
erwächst die älteste Gestalt der Sage: „Lykaon war ein uralter 
Herrscher am Lykaion, der das Menschenopfer des Zeuscults 
begründet hat. Durch den Genuss der Opferspeise wurde er 
zum Wolf. In der Herrschaft folgte ihm Nyktimos, der älteste 
seiner fünfzig Söhne""' Diese fünfzig Söhne boten der Dichtung 
eine willkommene Gelegenheit zur Uuterbringiing;^ zahlreicher 
arkadischer Gemeinden, Bergnamen etc. Dadurch wurde^ aber 
der Charakter Lykaons verschoben: der aus der Götterwelt 
stammende Stifter eines Cults wurde zum Stammvater der 
Arka der,^) gewissermassen zum Rivalen des Arkas, des Sohnes 
des Zeus und der Kallisto (Artemis). Nach correctem genea- 
logischen Schema müssten alle arkadischen Gaue Arkas' Söhnen 
und Enkel sein und Azan, Apheidas, Kleitor, Aleos, Stymphalos, 
Gortys u. a. stammen denn auch von ihm ab (einige von ihnen 
werden gelegentlich auch Söhne Lykaons genannt) ; aber durch 
Lykaon ist er in den Hintergrund gedrängt.-^) 



vvxxtfiog auch eiu Beiwort des Pau, des Doppelgängers des Heriues, ge- 
wesen sein. 

I) ApoUodor III 8, 2. Ort'eiibar hat Asios die arkadischen Genealogien 
eingehend behandelt. 

'2) Es ist daher ganz correct, wemi Thcrck^dcs ilun Kylleue zur 
Geuialin gab. 

II) Die fortsc-iireitende genealogische Forschung hat daher Ansglcichs- 
versuche unternonnuen. 15ci llcsiod, d. h. in den Katalogen, war Kallisto 
eine Nymiihi', (Apollod. 111 S, 2), aber ein anderes hesiodeisclies (Jediclit, 
wahrscheinlicl) die Astronomie, machte sie zur Tochter Lykaons (Erastosth. 



64 

Dass dadurch ein fremdes Element in die Lykaonsa^e 
eingefügt ist, liegt auf der Hand. Lykaon ist keine genealo- 
gische Figur — daher setzt sieh auch sein Geschlecht nicht 
weiter fort, weder Nyktimos noch einer seiner Brüder hat 
Nachkommen;') — daraus folgt zugleich, dass er^ ursprünglich 
auch keine genealogische Figur zum Vater gehabt hat, mit 
anderen Worten, dass auch Pelasgos ihm erst von Hesiod vor- 
fi 3 geschoben ist. Seinem Wesen nach kann Lykaon nur entweder 
ein Autoehthon^) oder ein Sohn des Gottes sein, von dem er 
sich abgezweigt hat. Aber auch hier hat die hesiodeische Ge- 
nealogie das Ursprüngliche verdrängt. Die einzige Spur einer 
abweichenden Genealogie, die ich finde, ist bei Dion. Hai. 111, 
wo ein Lykaon Sohn des Aizeios erscheint, dessen Tochter 
Deianeira von Pelasgos dem Enkel des Phoronens (s. Kap. 4) 
einen zweiten Lykaon, den Vater von 22 Söhnen, gebiert. ') Die 
Statuiruug von zwei Lykaons ist natürlich nur harmonisirende 
Ausflucht; leider ist aber mit dem Vater Aizeios gar nichts 
anzufangen. Doch wird er wohl mit der Landschaft Azania, 
deren Eponym sonst Azan ist. zusammenhängen. 

Wie ist aber Hesiod dazu gekommen, dem Lykaon den 
Pelasgos vorzuschieben? Pelasgos ist der Urmensch, den, wie 
Agios sagt, die Erde aus sich hervorgab, auf dass das Geschlecht 



Catast. 1), und später ist diese Aiisiciit, die auch Eumelos vertrat, die ge- 
wühuliche. Asios naimte Kallisto eine Tocliter des Nykteus (S. (i.H, 1), 
Pherekydes des Keteus (Apollod. 1. c). Das kehrt bei schol. Eurip. 
Orest. 1646 wieder, wo wohl Pherekydes zu Grunde liegt [allerdings weicht 
er vorher von l'her. ab, indem er Kylieue zur (Temalin des Pelasgos macht]. 
— Nach Charon Lamps. bei Tzetzes ad Lyc. 480 ist Kallisto Lykaons Tochter 
die Geliebte Apollos ; nach Duris bei schol. Apoll. Rhod. IV 264 ist Arkas 
Sohn des Orchomenos. 

1 ) Nur eine Genealogie bei Pausan. VII 24 führt Nyktimos' Nachkommen 
bis auf Psophis hinab; daneben stehen aber ganz andere Ableitungen. 

2) Ich lege kein Gewicht darauf, dass nach Nikander bei Antoninus 
Liberalis ai Lykaon Autochthon ist; hier kann einfach der Name seines 
Vaters Pelasgos ausgefallen sein. 

3) Die Angabe geht zunächst wahrscheinlich auf Myrsilos, indirect 
vielleicht auf Pherekydes zurück, der Pelasgos Gemalin Deianeira nannte 
(Dion. Ilal. I 13). Stammt die sehr auffallende Angabe über die Zahl der 
Söhne Lykaon's II. daher, dass die Quelle nur 22 mit Namen zu nennen 
wusste? Oder ist sie eine rationalistische Correctur, ähnlich der, die He- 
kataeos au der Zahl der Sühne des Aigyptos vornahm? 



65 

der Sterblichen entstehe. Auf der anderen Seite gelten die 
Arkader allgemein für uralt; sie sind jiQoösXyraiot „älter als 
der Mond" ') und haben, anders als die umwohnenden Völker, 
ihre Heimath nie verlassen. War das richtig, so mussten sie 
direct vom Urmenschen abstammen, und wenn sie nie gewandert 
waren, musste dieser in Arkadien geboren sein. War also 
Lykaon ein uralter König und Stammvater der meisten Gaue! 
Arkadiens, so bedurfte es nur einer einfachen Sclilussfolgerung, ! 
um ihn zum Sohne des Pelasgos zu machen 2) und Pelasgos: 
nach Arkadien zu versetzen. Es ist das durchaus keine Will- 
kühr, sondern bei den Voraussetzungen, von denen Hesiod und 
die ganze genealogische Dichtung — ich möchte lieber sagen 
Forschung — beherrscht wird, ein völlig correcter Schluss. 
dessen Ergebniss mit gutem Gewissen als völlig feststehend 
betrachtet werden konnte. 

Uns freilich bindet dieser Schluss nicht mehr, und so müssen 
w[r wieder lösen, was Hesiod zusammengefügt hat. Pelasgos 
hat mit Lykaon nichts zu thun, und damit fällt alle Verbindung 
zwischen Pelasgern und Arkadern dahin.^) Die Arkader sind 
niemals Pelasger gewesen, und noch weniger ist hier eine ältere 



1) Lykophron 4S2. Hippys Eheg. bei Steph. Byz. liQxaöia. schol. Arist. 
iiiib. 397. Ap. Rh. IV 2(i4 mit zahlreicheu Belegen dazu in den Scholien 
(aus Eudoxos 11. a.), ferner in dem Lyrikerfragment Beugk III adesp. bi, 
welches die verschiedenen Urmenschen aufzählt und unter ihnen den 7i()o- 
otXuvuloq nekaayog in Arkadien nennt. — Spätere haben auch hier ratio- 
nalistische Deutungen aufgestellt, so Aristoteles, Mnaseas (der einen König 
Proselenos statuirt) u. a. 

2) Wir können daraus vielleicht zugleich folgern, dass in den Tra-| 
ditionen, aus denen Hesiod schöpfte, sei es nun die Volkssage selbst, sei! 
es, was mir viel wahrscheinlicher ist, eine literarische Ueberlieferung, ein! 
Vater des Lykaon nicht genannt war. 

3) Ich brauche wohl nicht auszuführen, dass die Angaben über Pe- 
lasgos als Urheber der ältesten Cultur in Arkadien (Iliittenbau, Eichel- 
essen u. s. w.) und die weitere Entw ickelung derselben unter Lykaon und 
Arkas nichts weiter sind als Versuche, die fortschreitende Entwickelung 
aus dem Urzustände auszumalen (s. namentlich Pausan. VIII 2 flf. , schol. 
Eurip. Orest. H)4ü, Nie. Dam. fr. 4.'J ; nach Hygin fab. 225 baut Pelasgos den 
ersten Tempel des ulympischen Zeus in Arkadien, sein S(»hn Lykaon den 
des kyllenischen Hermes), (ianz analoge Dinge werden von Phoroneus 
und Inachos erzählt. Es giebt freilieh neuere Forsclier, weleiie diese An- 
gaben üIkt Pelasgos für authentische Ueberlieferung halten I 

Muyur, l'oracliiingen /.ur iiltuu riuauliiclite. I. 5 



66 

pplasgisehe Bovölkoruug' von einer S])ätereu gTieehisehen ver- 
drängt worden. Das sind Folgerungen aus dem Stammbaum, 
wie sie seit Hekataeos und Herodot schon oft gezogen sind, 
aber den Urhebern desselben noch völlig fern lagen. 

Für Pelasgos ist das Resultat unserer Untersuchung, dassl 
Ider genealogischen Poesie die Anschauung, dass Pelasg-os der 
Urmensch sei, überkommen war. Wo seine Heimatli ist, darüber ^ 
lehrt uns seine Verbindung mit Lykaon gar nichts. Daher 
haben wir das Recht dieselbe eben da zu suchen, wo die Pe- 
lasger zu Hause sind. d. h. in Thessalien. Eine S])ur dieses 
Ursprungs hat sich in dem Namen der Okeauostochter JVleliboia 
erhalten, die bei Apollodor seine Gemalin, bei Hesiod (s.S. 55) 
vielleicht die des Lykaon war. Urmenschen heirathen entweder 
Nymphen oder Okeauostochter. A))er nach dem arkadischen 
Berglande passt eine Meerestochter schlecht, und Meliboia ist 
bekanntlich der llauptort der magnesischen Küste. Gemalin 
des Pelasgos kann sie nur sein, wenn dieser der Urmensch in 
Thessalien ist.') Von hier ist sie wie dieser in die arkadische 
Genealog:ie übertragen worden. 



3) nach scbol. II. Ji 756 (ebenso Eiistatli.) ist Meliboia gauz correct 
Gemalin des Magnes, eines Sohnes des Aiolos. 



Viertes Kapitel. 
Pelasgos in Ar^os. 

lo und die Daiiaideu. Der argivische Staiiiinbauin. 



In Argos tritt uns Pelasgus zwar nicht als Urmeuseli, aber 
als ein alter König des Landes in der erhaltenen Literatur 
zuerst in den Sehutzfleheuden des Aesehylos, und hier noch 
dazu leibhaftig auf der Bühne entgegen. Er ist der Sohn des 
erdgeborenen Palaiehthon, Nachfolger des Apis, und regiert 
über ganz Griechenland bis zum Strymon'), als Danaos und 
die Danaiden in Argos landen. 

Um über den Werth dieser Angaben ein Urtheil zu ge- 
winnen, ist es noth wendig auf die Entwickelung der Sage von 
lo und den Danaiden näher einzugehen. Die Untersuchung 
ist um so wichtiger, da es sich hier den berühmtesten aller 
Sageustammbäume handelt, denjenigen, dem Perseus, Herakles 
und die Könige der Dorer (iutstammen. Dem entspricht es, 
dass d(;rselbe in der alten Literatur unendlich oft behandelt 
worden ist. Bereits Phrynichos und Aesehylos haben ihm Tra- 
gödien entnommen."'') Pherekydes, Akusilaos, Hellanikos ihn ein- 
gehend bearbeitet. Ilerodot verschmäht sich näher auf ihn ein- 
zulassen, weil er zur Genüge von anderen behandelt ist (VI 55 
(uXokji yccQ jrt(n avrwv t'iQ/jrai). Aus der e})ischen Literatur 
heschäftigten sich mit ihm das homerische (kyklische) Epos 

1) wegen der Pelasger in 'I'lu'.ssalien, Epiros und Makedonien, s.o. 
S. '»b Anni. I. 

2) Das aus Mclanippidcs J«»«/!);^ erhaltene Fragment (Bekok, Lyr. 
111 .'<MJ) gewährt keine weiteren Anfsrhliisse. 



Aava'iötq von 6500 Versen ' ) imd das g-enealog'isclie Epos Plio- 
ronis-). Im Aigimios^) wie in den hesiodeisclien Katalogen'') 
nahm die Geschichte der lo nud der Danaiden einen breiten 
Kaum ein. 

Unsere wichtigste Quelle ist Aeschylos. Bekanntlich ist 
von seiner Dauaidentrilogie nur das erste Stück (dass es das 
erste ist. bezweifelt jetzt wohl Niemand mehr) erhalten, das 
inhaltlich recht dürftig ist. Vom zweiten Stück, das nach 
G. Hermann s von Welcker angenommener Vermuthung OaXa- 
fwjiotoi (= AiyvjtTtoi'}) geheissen haben wird, ist kein sicheres, 
vom dritten, den Aavaidtq, und von dem Satyrdrama Amymone 
sind ganz wenige Fragmente erhalten;'^) doch lässt sich ihr In- 
halt ungefähr errathen. Eine wesentliche Ergänzung bietet die 
lo- Episode des Prometheus, deren Angaben sich mit denen 
der Schutzflehenden genau decken, und in denen der Dichter 



1) Jahn -Michaelis Bilderchronikeii K 2. Juvuidfq lautet der Titel 
auf der BoRGiA'scheii Tafel, und das ist oti'eubar correcter als Jaruig in 
den Scbriftstellercitateu. 

2) Von den wenigen erhaltenen Fragmenten handelt fr. 1 Kinkel vun 
Phoroneus, fr. 4 von der ersten Herapriesterin Kallithoe, fr. 2 und .'5 von 
den idäischen Daktylen und Kureteu (bei der Wanderung Io"s; an Apol- 
lodors Erzählung II 1, ii, 7 dass die Kureten den Epaphos unsichtbar 
machen, kann nicht gedacht werden, s. u. S. bO. Auch in den Danaides 
war nach Philodom. de piet. p. 42 bei Kinkel fr. epic. p. 313 von den 
Kureten die Eede), fr. .5 von Hermes. Die Fortsetzung des Stammbaumes 
wird nicht gefehlt haben. 

3) Hierher gehören fr. 5 (Argos navÖTTTtjg) und fr. 3 (lo's Irrfahrt 
nach Euboea), dagegen nicht fr. 4 (über Zeus" Meineid), das Apollodor 
II 1, 3 unter Hesiods Namen citirt; denn wie Kirchhofe mit Recht be- 
merkt (Odyssee 328), citirt Apollodor II 1, 3, 3 und 5, 14 den Aigimios 
unter dem Namen des Kerkops, so dass ein Hesiodcitat sich bei ihm auf 
die Kataloge beziehen muss. 

4) Apollodor III 1,3 über lo's Vater, fr. 4 über Zeus' Meineid (in den 
Fragmeutsammlungen talschlich dem Aigimios zugeschrieben, s. Anm. 3), 
fr. 47. 4S Kinkel (49. 50 Ezach) über Danaos und Aigyptos. Wie es 
scheint geht der Grundstock der Erzählung Apollodors durchweg auf 
Hesiod zurück. 

5) Die Angabe, dass in den AiyvnTioi Pluto als Zagreus bezeichnet 
werde (fr. 5 Nauck), ist von unsicherer Beglaubigung und für uns lässt 
sich aus ihr so wenig gewinnen wie aus den beiden aus den ßaXafxonoioi 
erhaltenen Versen (fr. 78). Die Fragmente äer Javaiäeg bei Nauck 43 — 45, 
der Amymone fr. 13 — 15. 



69 

offenbar derselben Quelle, bez. seinem älteren Drama. g:efolg-t 
ist. Die Quelle des Aesehylos kann nun nicht Hesiod sein, da 
dieser den Pelasgos in Argos und seinen Vater Palaichthon 
nielit kannte und lo's Vater bei ihm Peiren hiess.') Ebenso 
ist der Aigimios ausgeschlossen, da in ihm Argos jiavöjir/jq 
Sohn des Argos und der Ismene ist und vier Augen hat; bei 
Aesehylos ist er y/j'/tr/j^ und /ivquojtÖc (Suppl. 30,5 Prom. 568. 
677). Dass die Phoronis ausgeschlossen ist werden wir später 
sehen. Somit kann Aesehylos nur aus dem Danaidenepos ge- 
schöi)ft haben, wie auch seit Weiaker allgemein angenommen ist. 
lo die Priesterin der Hera (x/^/cioi/o-; 'Hqcc^ Aesehylos 
suppl. 291), die Tochter des Inaehos, welche in Kuhgestalt von 
Zeus geliebt und begattet wird, ist ursprünglich niemand anders 
als die Hera ßocörru von Argos selbst. Wie bei Lykaon und 
Kallisto hat sich aus der thiergestaltigen Gottheit eine my- 
thische Gestalt entwickelt, die in ihrem Dienste steht.-) Aufs 
neue tindeu wir hier eine Spur altgriechischen Thierdienstes.-') 
Dersellu' kehrt ja wie der Stein- und Raumcultus in allen 
naturwüchsigen Religionen wieder. Nur ist er in den meisten, 
und so auch in Griechenland, allmählich abgestorben, wäh- 
rend er in Aegyi)ten umgekehrt eine immer steigende Bedeu- 
tung und Ausbildung erfahren hat. 



1) Inaehos wird als Vater des lu in den Schutzflehendeu niclit, aber 
wii'derholt im Pronietliens j^enanut. 

2) Im wesentlichen zu denselben Anschauungen ist auch Kobert in 
iler Neubearbeitung von Preller's Mythologie I 305 gelangt, ohne in- 
dessen im Artikel Hera die Consequeuzen daraus zu ziehen. Sonst herrscht 
wohl noch jetzt allgemein die aus dem Altertluim überkommene Deutung 
der b) als Mond, der zu Liebe alte (Grammatiker ein aegyptisches Wort 
icj ,.M<)nd' erfunden und neuere das ki)iitische Wort iöh (altiig. geschrieben 
r"s) herangezogen haben. Kojjert 1. c. erklärt lo als hypokoristischen 
Fraucunameu, vielleicht mit Kecht. 

3) Ich haben mich lange dagegen gesträubt, in Hera ßotönig eine 
kuhgestaltige Göttin zu erkennen, doch wird man sich der Anah>gie nicht 
entziehen können. Dass die zahllosen rohen Frauenfiguren von Thon aus 
den Scliuttschichten v(»n 'l'iryns und .Mykenae, in denen Schliemann selt- 
.samcr Weise eine Frau mit einem Kuhkoiif zu erkennen glaubte, danüt 
nichts zu tliuu haben, ist allbekannt. Eher darf man den schiinen mit 
einer Rosette geschmückten Kuhkopf von Silber mit goldenen Hörnern 
.Mykenae S. 250 und die entsprechenden Figuren von Gold und von Thon 
heranziehen. 



70 

Die Ersetzung- der Herakuh durch ihre Dienerin lo. der 
Artemisbärin dureli die Nymphe Kallisto, des Zeuswolfes durch 
seinen Diener Lykaon wird eingetreten sein, als die Anschau- 
ungen, aus denen der Thierdienst erwachsen ist. ihre Lebens- 
kraft verloren hatten und die Reste desselben nur noch als 
unverständliche Reliquien fortlebten. Doch mag auch die in 
der Literatur (d. h. im Epos) sich vollziehende Ausbildung einer 
allgemein griechischen Religion, welche die localen Anschau- 
ungen und Cultusformen nur theilweise gebrauchen konnte, aber 
doch erklären musste, wesentlich dabei mitgewirkt haben; 
wissen wir doch garnicht. ob argivische oder gar arkadische 
Einflüsse bei der Ausbildung der literarischen Sage irgendwie 
mitgewirkt haben, ob diese nicht vielmehr den Landschaften 
einfach durch die Literatur octroyirt worden ist. 

Mit der Kuhgestalt erbte lo die Liebe des Zeus.') Dadurch 
entstand die Aufgabe ihre Gestalt zu erklären. Als Lösung 
bot sich die Eifersucht der Hera, ein in der Poesie schon lange 
lebendiges Motiv.^) Entweder Hera verwandelt die lo — so 
erzählt Aeschylos suppl. 299,^) d. i. die Danaides, worauf der dem 
ächten Mythus entstammende Zug folgt, dass Zeus alsdann erst 
in Stiergestalt die lo begattet. Oder Zeus selbst verwandelt die 
Ig, als er von Hera entdeckt wird, um sie dem Zorne seiner Gattin 
zu entziehen, und schwört dann, sie nie berührt zu haben [hier 



1) Ebenso muss die arkadische Sage ursprünglich gelautet haben, 
dass die Bärin Artemis die Geliebte oder Gattin des Zeus ist. Nach Epi- 
nienides (fr. 6 Kern 12 Kinkel bei schul. Theokrit 13 und 121, schol. 
Eurip. Rhes. 36) ist Kallisto vom Zeus Mutter nicht nur des Arkas. son- 
dern auch des Pan, gewiss eine ächtarkadische Anschauung, die auch ur- 
sprünglich auf die Artemis zu beziehen sein wird [vgl. jetzt auch R. Fr.\xz, 
de Callistus fabula, Leipz. Studien XII 1890]. 

2) Bei der Kallisto war das nicht brauchbar, da Zeus nach gemein- 
griechischer Anschauung nicht Gemal der Artemis war; hier wird die 
Entrüstung der keuschen Göttin über die Preisgebung ihrer Dienerin als 
Motiv gewählt. 

3) ebenso Hygin fab. 145. Mit grossem Takte ist der Vorgang im 
Prometheus behandelt, wo lo selbst ihn zu erzählen hat. Zeus" Lockung 
im Traume erzählt sie, aber den Umgang mit ihm verschweigt sie. Ebenso 
kann sie nur die Thatsache ihrer Verwandlung und der unerwarteten Er- 
lösung von Argos berichten; wer sie verwandelt imd wer Argos getödtet 
hat. weiss sie nicht. Dass Hera's Zorn die Ursache ihres Unglückes ist 
(601), darf sie allerdings mit Recht muthmassen. 



71 

hat er also schon vorher mit ihr Umgang- gepflogen] — seitdem 
wird dem Liebenden der Meineid verziehen (sx xov 6' Öqxov 
e'hixev ajtrifiova av&Qcöjcotoi vooqidicov tQycov jtsQi KvjTQiÖog 
Hesiod fr. 4)S) So erzählte Hesiod.-) Unabhängig von einander 
sind die beiden Darstellungen nicht, da das Grundmotiv das 
gleiche ist. Hesiod's Erzählung ist dramatischer; aber eben 
deshalb ist sie jünger. Dass Hera sich der Geliebten des Zeus 
bemächtigt und sie straft, ohne dass dieser etwas für sie thut, 
konnte Anstoss erregen; dieser Anstoss ist von Hesiod sehr ge- 
schickt beseitigt. Zeus verwandelt die lo um sie zu retten, wird 
aber von der Hera in seinen eigenen Netzen gefangen, indem er 
ihr die Bitte, ihr die schöne Kuh zu schenken, nicht abschlagen 
kann — denn nur so kann Hesiod's Erzählung weiter gegangen 
sein (s. Ai)ollodor und Ovid). 

Mit der losage ist die von Argos und seiner Tödtung 
durch Hermes verbunden. Dass dieselbe uralt ist, bezeugt das 
bei Homer schon an recht alten Stellen (^103) vorkommende 
Ei)itheton ccQyi«p6vTr]g. Aber wenn wir auch Aristarchos' 
künstliche Etymologie nicht billigen werden, darin hat er 
recht, dass bei demselben an die S])ätere losage nicht gedacht 
werden kann.'j Dass auf lo und alles was dazu gehört in 
Dias Odyssee Theogonie sich nirgends eine Anspielung findet, 
ist ein ausreichendes Argumentum ex silentio. Das Beiwort 
ist viel zu stereotyp, als dass es aus der Episode einer Sage, 
bei der H(n-mes doch nur eine recht untergeordnete Rolle spielt, 
herausgesi)()nn('n sein könnte. Die Sage von der Tödtung des 
x\rgos durch Hermes muss ursprünglich selbständig und weit 
gewichtiger, etwa der von der Tödtung des Pytho durch 
A])oll(i analog gewesen sein. Roheut meint, das Argos rrav- 
ojitf/g von dem Eponymos der griechischen Landschaft, der in 
den Stammbäumen als Sohn des Zeus und der Niobe erscheint, 

1) Plato .syinpos. 183 mit den Sdiolien. Apollodor II ],'i. Hosych. 
u<fi>u(SioLoq 01JX04. 

2) In Ovids gi-wandtiT Umarbeitung .scliinnnert die liesiodeische Er- 
zählung als (Grundlage noch dureh (Met. I h^'.\ ti'.). 

3) Schul. BT zu li lO.J ÜQyfiifövzij u^yw (pövov (Ven. A «(>/<;5 xal 
xuifuQij) <pövov) . . . Tov dt Yorc tQcora ovx oidsv o noiijTt'j^, ninXuoTUi 
St Toig vtMztQOiQ TU Tii-Qi "A()yov. zu a, 24 ccQysKfövTtjv ov/ nxi y.axu 
Tohq ^Haiodov fivO^oig tov (iovxt't).ov ^lovq iifövtvatv, «AP.' f-.7f/f5// /</« 
nuxiog ).öyoi- ifiaiq, ix<puiviiv tvui}yän; iv vooviitvov. 



72 

sowie von Argos dem Erbauer der Argo. iirsprüng-lieh nicht 
verschieden sei.') Richtiger wäre zu sagen, dass Apollonios 
von Ehod(»s den Argos .T«i*ojrr//.- zum Erbauer der Argo ge- 
macht hat.-i während ursprünglich der Baumeister des Schiffes 
eine durchaus secundäre. aus dem Xamen der Argo abgeleitete 
Gestalt ist. Argos panoptes aber wird ursprünglich mit der 
peloponnesischen Landschaft garnichts zu thun haben, sondern 
eine dem Hermesmythus angehörige Gestalt sein. Dann dürfte 
er in Arkadien heimisch sein, und dafür liegen selbst in unse- 
rem dürftigen Material noch Zeugnisse vor. In dem bekannten 
euhemeristischen Abschnitt bei Cicero de nat. deor. 111 56 wird 
unter den verschiedenen Mcrcnrii als fünfter derjenige ge- 
nannt, quem colunt Fheneatae, qui Argnm dicitiir interemisse. 
Er soll mit dem ägyptischen Thoth identisch sein, wird da- 
gegen vom Sohne der Maia geschieden. Nach Apollodor 11 1. 2 
tödtet Argos die Echidna. die Tochter des Tartaros und der 
Ge. im Schlafe: nach Epimenides bei Pausan. VIII 18.2 (fr. 3 
Kern) ist Echidna die Tochter der Styx und des Peiras^): die 
Styx aber fliesst bekanntlich in nächster Xälie von Pheneos. 
Auch Argos' sonstige Thaten. die Erlegung eines gewaltigen 

1) In Prellers gr. Mj-th. I* 3i)ii, ]. Zur Erklärung der fielen Angen 
des Argos verweist er auf das alte Zeusbild auf der Larisa mit einem 
dritten Ange in der Stirn (Pausan. II 24, 3). Aber die Schilderungen des 
Argos stimmen dazu nicht: nach Aeschylos hat er unzählige Augen, nach 
dem Aigimios vier, nach Pherekydes eins im Hinterkopfe. Und wenn 
Argos der Sohn des Zeus sich aus diesem abgezweigt haben kann, wie 
soll man es erklären, dass er, also ursprünglich Zeus, von Hermes er- 
schlagen wird? Die vielen Augen haben zu der in alter und neuer Zeit 
gangbaren Deutung des Argos als des Nachthimmels geführt. 

2) Denn er ist bei ihm Sohn des Arestor und trägt ein Stierfell 
(I 324), wie sonst Argos TtuvÖTirrig Apollodor II 1, 2, 2, Dionysios Kyklo- 
graphos bei Schol. Eurip. Phoen. 1116. Die vielen Augen erwähnt Apollo- 
nios allerdings nicht. Bei Pherek\'des ist wie bei Hesiod der Panoptes 
ein Sohn des Arestor, Argos der Erbauer der Argo dagegen ein Sohn des 
Phrixos (schol. Ap. Rhod. I 4; ApoUod. I it, 16), und das ist offenbar das 
ursprünglichere. Bei Hygin fab. 14 p. 48, 3. 49,8 Schmidt ist Argos der 
Erbauer der Argo ein Sohn des Danaos, nach anderen Sohn des Polybos 
und der Argeie. Also auch hier wird die Anknüpfung an das peloponne- 
sische Argos gesucht. 

3) Desselben, der bei Hesiod imd anderen der Vater der lo ist. 
Auch hier ist ein, wenn auch für ims nicht mehr erkeimbarer, Zu- 
sammenhang. 



73 

Stieres, dessen Fell er trägt, imd die Bestrafung des Rinder- 
diebes Satyros, spielen in Arkadien.') So mag die Sage von 
der Tödtung des Argos durch Hermes ursprünglich in Pheneos 
zu Hause sein, dessen Hauptgott ja Hermes ist; vielleicht ist 
sie aus den eigenartigen Bewässerungsverhältnissen des phenea- 
tischen Beckens erwachsen.^) Dasselbe mag" einmal wie andere 
Thäler den Namen Argos getragen haben. Wie alle ähnlichen 
Gestalten ist Argos urs]»riinglich erdgeboren.-^j 

Der Name gal) dann die Veranlassung, den Argos nach 
Argolis zu versetzen. Die Hebertragung wird aber nicht älter 
sein, als die poetische Ausbildung der losage überhaupt, so 
dass Argos in dieser sogleich seine feste Stelle erhielt. Neben 
ihm steht die rein genealogische Gestalt des Argos des Sohnes 
der Niobe, von deren Ursprung später zu handeln ist. 

Wie von der Kallisto Arkas abstammt, so von lo Danaos, 
der Ei)onymos der Danaer. Dass dieser Name ehemals als 
Stammname in der argivischen Ebene wirklich lebendig ge- 
wesen ist, wird niemand bezweifeln,^) wenn er auch selbst in 
der homerischen Zeit nur noch in der Poesie gebräuchlich war. 
Dass der Name einen Eponymos forderte, w^ar für die Zeit der 
ausgebildeten g-enealogischen Poesie selbstverständlich; derselbe 
ist dem Geschlechte des Perseus vorangeschickt worden, wobei 
die w^eit ältere Gestalt der Danae — der Name ist nicht epo- 
uym, sondern bezeichnet die Mutter des Perseus einfjich als 
ein ..Danaermädchcn" — mitgewirkt haben mag. Sie und ihr 
Vater Akrisios waren längst feststehende Figuren, als Danaos 
entstand; über die weiteren Mittelglieder s. u. 

Danaos ist dazu da. dem Volke von Argos seinen Namen 
zu geben: weiter hat er keine Bedeutung. Dagegen ist an 
seinen Namen eine Sage angeknüpft worden, die aller genea- 



1) Apollodor II 1,2. Ausserdem soll er die Mörder des Apis ge- 
tödtet haben. 

2) Dass ein aus den arkadisclieii Bergen stainmeudes Epithetttn des 
Hermes der epischeu Poesie seit Alters geläufig ist, ist nicht auffallender, 
als dass sie ro y.uzei^iöntvov Zivyvq l'Jwp kennt (O lUi = f iSö). Vgl. 
auch '/i(>/</J»' Kilh'fVtDV lloytnpörTt/v hymn. hom. IT, 1. 

:») So Aeschylos, d.i. die Danaiden, und Akusilaos (Apollodor III 
I, :t. :<)• 

4) Die Identität der Danaer mit den Danauna der At'gypter halte 
ich nach wie vor für höchst wahrscheinlich. 



74 

logischen Monieute entbehrt und aus den loealen Verhältnissen 
von Ai'gos erwachsen ist: die von seinen männermordenden 
Töchtera. Der ungewöhnliche Wasserreichthum der .Sttdwest- 
ecke von Argos im Gegensatz zu der Dürre des nur durch 
künstliche Brunnen bewässerten Haupttheils der Ebene mit 
ihren zahlreichen fast immer trockenen Giessbächen ') hat eine 
ganze Reihe von 8agen hervorgerufen. Die in reicher Fülle 
aus dem Felsen hervorbrechenden Quellen von Lernai, bei 
denen, wenn eine Oeffnung verstopft wird, an ihrer Stelle 
zwei andere hervorbrechen, hat in der Sage von der Hydra 
ihren Ausdruck gefunden, die in den Heraklesepen weiter aus- 
gesponnen isf-i — auch in Stymphalos und Pheneos ist Hera- 
kles ja der Bewältiger der Wasserfluthen. Eine andere Er- 
zählung lautet, dass die schöne Amymone — das ist der Name 
der Hauptquelle — . als sie AYasser holen ging, dem Poseidon 
begegnet und seine Liebe gewinnt. Zum Lohne stösst der Gott 
den Dreizack in den Fels und schenkt ihr die Quellen.^; Im 
Zusammenhang damit steht die (vielleicht übrigens erst der 



1) Die Natur der argivischen Landscliaft hat sich in historischen Zeiten 
absolut nicht geändert, wenn auch flüchtige neuere Forscher gelegentlich 
das Oegeatheil behauptet haben. Als ich Anfang Mai 18S4 und dann 
wieder Ende März ISSS in Argos war, enthielt das Inachosbett keinen 
Tropfen Wasser, geschweige denn die übrigen Flussläufe. Das gleiche 
bezeugt für seine Zeit Pau.san. II 1-5, ö. für die Sagenzeit der Name no/.v- 
öiv'iov "ÄQ-yo^ und die zugehörigen Mythen. Die lernäische Quelle und 
der Erasinos dagegen sind auch jetzt noch eben so wasserreich wie vor 
Alters. 

2) Pausanias II 37, 4 citirt für das Abenteuer den Peisandros, d. h. das 
berühmteste Heraklesepos. Die Deutung der Bewältigung der Hydra 
durch Feuer auf Ausrodung des sumpflgen Urwaldes ist vielleicht rich- 
tiger, als auf die Oluth des Hochsommers. Denn die Quellen versiegen 
auch dann nicht. 

3) Der Satyr, der Amymone überfällt und vor dem sie Poseidon 
rettet, ist in die Fabel wohl erst durch Aeschylos' Satyrdrama gekom- 
men. — Das Kind von Amymone und Poseidon ist Naüplios, der Eponym 
von Nauplia und Vater des Palamedes. Ihn kennen schon die Nosten 
und der Aigimios TKerkops beiApoUod. II 1, .5, 14, ebenso Pherekydes fr. 13 
bei schul. Ap. Rh. IV WM)), aber auch hier sehen wir, dass die genea- 
logische Figur an eine einigermassen geeignete Gestalt der Volk.ssage an- 
geknüpft wird, weil man sie irgendwo unterbringen niuss. Dass Naüplios 
Sohn der Amymone ist, hat mit der Amymonesage gamichts zu thun, ja 
steht eigentlich im Widersprach mit ihr. Also ist auch hier die eponyme 



75 

attischen Sage nachgebildete) ') Erzählung-, dass Poseidon und 
Hera um das Land streiten und Inachos (mit anderen zu- 
sammen) zu CTunsten der Hera entscheidet, worauf Poseidon 
den Flüssen das Wasser entzieht (Pausan. H 15, 5. Apollodor 
II 1, 4, 8). Durch Amymone wird dann sein Zorn besänftigt. 

Nördlich von den lernäischen Quellen entspringt dem Chaon- 
gebirge die mächtige Quelle des Erasinos, der unterirdische Ab- 
fluss des stymphalischen Sees, der wie der Bach von Lerna 
nach ganz kurzem Lauf ins Meer mündet. Das übrige Argos 
erhält sein Wasser ausschliesslich durch zahlreiche künstliche 
Brunnen"^) (nur bei Mykenae im Gebirge hnden sich wieder 
Quellen, vor allem die berühmte Perseia, aus der die Sagen- 
gestalt des Perseus hervorgegangen ist). Diese Verhältnisse 
haben zu der Sage Veranlassung gegeben, dass die Flüsse von 
Argos um die Quellnymphen freien, aber diese schlagen ihnen 
die Köpfe ab und werfen sie in den lernäischen Sumpf-') — 
d. h. die vom Gebirge herabstürmenden und um die Quellen 

Gestalt eine jüngere und vor allem eine küiistliehe Sehitpfuug. — Ueber 
(He Seliwierigkeiteii, in welche die Sagenchronologie dadurch geräth, s. 
Strabo VIII 6, 2. 

1) Oder ist die attische Sage der argivischen nachgebildet? Das wäre 
vielleicht an sieh wahrscheinlicher. Die Geschichte vom Streit des Posei- 
don und der Hera könnte schon im Hesiod gestanden haben. 

2) Vgl. Strabo VIII (>, 7 (wo die Wasserarmxith fälschlich für eine 
Fabel erklärt wird): xal rrj^ nöXtojq (Argos) fvjioQovfievtj^ vöuoi <f()fcc- 
Tiov 71o'A)mv xui t7ii7io?Micov. ib. S: T?/v f.tiv ovv x^Qav (jvy/ojQovaiv 
j^r(fV(>f 11^ (wegen der Lerna U.S. w.). uvxijv 61 zrjv nöhv ev avv6i>M •/^(o^io) 
xfioi}ai, (pQtätojv ()' svTioQtlv, u zul^ Juvuioiv uvuntovatv, w^ ixehojv 
i§fVQOvoüJv, d(p^ ov xal xb 'inog finelv tovxo' ^"Jpyoc uvvöqov iov da- 
vuui Otaar "A(>yog tvv6(J0v". Diesen Vers schreibt Eustath. zu 11. J 171 
dem Hesiod zu (mit der Variante Juvabg rcobjoiv fviiSQov; bei Kinkel 
fr. 47), der danach wohl von Brniinenanhigen des Danaos und seiner Töchter 
erzälilt iiaben muss — falls der Vers wirkiicli bei Ile.siod stand, wofür die 
Kustathiosstelle kaum genügende Gewähr bietet. Den Späteren gilt daher 
1 »anaos als Erfinder der Brumienanlage, deren Keimtniss er aus Aegypten 
mitbringt: Polyb. bei Strabo I 2, 15. Plin. VII 195. 

3) Nacli Apollodor (II I, l>) sind die Kt)pfe in der Lerna begraben, die 
Leiber in Argos tcqI) zfj; 7iö).nog, naeli l'ausan. II 2'!, 2 die KöjitV am Auf- 
gang zur AkroiMtlis, die Leiber in der Lerna. — Ob die Demetermysterien 
von Lerna (l'ausan. II 'j(l. 'M. Strabo VI II (i, 8, ;^« '>«/<//<»/) mit der Ausbil- 
dung der Sage etwas zu tlniii liabeii, weiss ich niclit, da mir die Formen 
derselben unbekannt sind. 



76 

der Ebene werbenden GiesBbäche versiegen (verlieren ihre 
Köpfe) nach kurzem Bestände, und so hat die Ehe keine 
Dauer. Die Wassermassen aber, welche die Berge sammeln 
(speciell der Pontinos. vgl. Taus. II 36, 8), kommen in den 1er- 
näischen Quellen zum Vorschein: hier liegen also die Köpfe 
der ungestümen Freier. 

Die Nymphen') wie ihre Freier, beide 50 an Zahl, sind 
ursprünglicli namenlos. Das ist ein bezeichnender Hinweis 
darauf, dass diese Sage in alter Zeit keinen Eingang in die 
epische Literatur gefunden hat. Wenn die Bräute Danaiden 
heissen, so sollen sie damit wohl zunächst als Danaermädchen 
bezeichnet werden, braucht doch Hesiod Auvaal für Aavai6Ec\ 
als solche aber werden sie zu Töchtern des Danaos. und so 
wird der Name in der uns erhaltenen Literatur immer ver- 
standen. Dass auch Amymone unter sie Aufnahme gefunden 
hat, ist nur natürlich. Nur eine von ihnen verschont ihren 
Freier, Hypermnestra (der Name ist secuudär, wie alle Da- 
naidennamen ausser Amymone), die Braut und spätere Gattin 
des Lynkeus: von ihr gewarnt entflieht er nach Lyrkeia.^) 
Dieser Ort liegt im Quellgebiet des Inachos, und so ist der 
Sinn der Sage wohl, daes dieser Fluss wenigstens in seinem 
Oberlauf noch etwas Wasser be^yahrt. Für die Genealogie 
dienen Lynkeus und Hypermnestra dazu, den Stammbaum des 
Danaos weiter fortzuführen.3j 



1) Als Quelbiyniphen schöpfen die Danaiden bekanntlieh auch olme 
Unterlass Wasser in ein (durchlöchertes) Fass. Diese Anschauung ist durch 
ihre Versetzung in die Unterwelt (auf der archaischen Miinchener Vase 
neben Sisyphos in Baumeister's Denkmälern 1924, woselbst auch weiteres 
Material; ebenso in der Lesche des Polygnot Pausan. X 31, 11, beidemale 
ohne den Namen) gründlich umgestaltet und gilt schliesslich als Strafe für 
den Gattenmord ([Plato] Axiochos 371 und in der römischen Poesie). Ich 
kann aber doch nicht glauben, dass Wilamowitz (homer. Unters. 202) mit 
der Annahme Recht hat, dass der Name auf die Gruppe erst im dritten 
Jahrhundert übertragen sei. 

2) Dass Lj-nkeus Eponymos dieses Ortes ist, ist wulil nicht zu be- 
zweifeln; nach Pausanias II 2. 3 hätte derselbe ursprünglich Lynkeia ge- 
heissen, und sei dann nach Lyrkeus, einem Bastard des Abas, umgenannt 
worden. 

3) Wie ihr Sohn zu dem Namen Abas kommt (daher Pindar Pyth. 
8, 77 "Aßuvzoq evQV/oQOvq uyviaq als Bezeichnung von Argos, vgl. die 
Schol.), weiss ich nicht. Derselbe ist Eponymos der Phokerstadt Abai 



77 

In den uns erhaltenen Stammbäumen — in dieser Partie 
stimmen sie alle tiberein — ist Danaos von lo durch drei 
Zwischenglieder getrennt. ' Aber diese gehören einem ganz 
anderen Gebiete an und sind erst bei der Bearbeitung der 
Sage hineingekommen. Ursprünglich wird Danaos der Sohn 
lo's gewesen sein, wie Arkas der der Kallisto. 

Im siebenten Jahrhundert sind die bisher besprochenen 
Sagen — von denen sich im übrigen nicht bestimmen lässt, 
ob sie damals überhaupt schon weiter ausgeführt und in Ver- 
bindung mit einander gesetzt waren — zusammengefasst und 
durch ein neueingeführtes Element von Grund aus umgestaltet 
worden. Den Anstoss dazu hat die neu eröffnete Bekannt- 
schaft mit Aegyi)ten gegeben, und die spätere Gestalt der 
Sage von lo und den Danaiden ist einer der interessantesten 
Belege für den tiefen Eindruck, deu die Erschliessung des 
wuuderreichen alten Culturlandes am Nil auf den griechischen 
Geist geübt hat. 

In Aegypten fanden die Griechen den bei ihnen verschol- 
lenen Thierdienst in vollster Blüthe. Zu allen Zeiten hatte 
man hier die Kühe und Stiere für besonders heilig gehalten; 
aber grade damals — etwa seit dem neunten Jahrhundert — 
war das Ansehen des heiligen Apisstieres von Mem})his in ganz 
IInterägy])ten ständig gewachsen und war eine der kuhgestal- 
tigen Göttinnen, die Isis, zu der angesehensten und am eifrig- 
sten verehrten Gottheit Aegy})tens geworden.') Von allen ägyp- 
tischen (jöttern mussten \\ns und Isis deu Griechen zuerst 
bekannt werden. Kein Wunder, dass m:in liier eine schlagende 
Bestätigung der einheimischen Traditionen zu finden glaubte. 
Die lo von Argos, welche Zeus geliebt und in eine Kuh ver- 
wandelt hatte, hier in Aegypten wurde sie als Göttin verehrt, 



(Pausan. X 35, 1) und der euböisdien Al)aiitcn (nach schol. Pindar Pyth. 8, 74 
soll er daher von Argos nach Kuboea, nach Stralio IX 5, (i nach dem pe- 
lasgischcii Argos in Thessalien gewandert sein; schol. 11. /i 53G nennen 
einen euböisclien Abas, der auf Erechtheus zurückgeführt wird; noch 
anders Stcph. Byz. 'AßavTig). Er war jedenfalls bereits der Ahnherr des 
l'ersidengeschlechts, Vater des Proitos, Cirossvater des Akrlsios, ehe er 
zum Sohn des Lynkeus wurde. 

1) Vgl. über das KniporUoninieii dieser Cuite meine (Jescli. Aegyp- 
tens S. 3S7 f. 



78 

der ApisHtier von Memphis — wie aus dem ägyptischen liapi 
das griechische 'Ejia(foc geworden ist, weiss ich nicht — war 
offi^ubar ihr Sohn. Kein Zweifel, dass beide identisch waren ;^) 
daht-r stellt man die lo fortan nach dem Cultbikle der Isis als 
eine Jungfrau mit Kuhhörneru dar.-) 

Zu Herndnts Zeit würde man gefolgert haben, dass die 
Griechen oder vielmehr die Pelasger vor Alters die ägyptische 
Isis kennen gelernt und daraus ihre lo gemacht hätten. Aber 
im siebenten Jahrhundert glaubte man noch an die heimische 
Götterwelt und die heiligen Mythen; da konnten die fremden 
Götter nur für Entlehnungen aus Griechenland gelten — ähn- 
lich wie den gläubigen Juden und Christen die Religion und 
Weisheit der Heiden für eine Entstellung der alttestamentlichen 
Offenbarung galt. Man folgerte also, lo müsse nach Aegypten 
gekommen sein. Als Motiv dafür bot sich der Zorn der Hera, 
der sie aus ihrem Heimathlande vertrieb. War freilich lo die 
Stammmutter des Danaos und andererseit der ägvjjtische Epa- 
phos das Kind, welches sie dem Zeus geboren hatte, so mussteu 
die Nachomrnen des letzteren irgendwit- wieder nach Argos 
zurückgebracht werden. 



1) Dass daneben Isis als Göttin der Demeter gleichgesetzt wird 
(Herod. II 59 u. a.), ist völlig in der Ordnung: die grosse Göttin Aegyptens 
musste einer griechischen Hauptgottheit entsprechen. Auch decken sich 
die Functionen beider Göttinnen einigermassen. 

2) Aesch. suppl. ößb heisst es von den Aegyptern. sie erschracken über 
eine u\^iv djjS^r], ßozbv iaoQoivTeq ävo/f^ti; f/igo/uß^orov, ruv fitv ßobz, 
xuv d' av yivaixöc; also ist sie hier als Weib mit Kuhkopf gedacht, wie 
ja Isis oft genug dargestellt wird. Gewöhnlicher aber ist die Darstellung 
in Menschengestalt mit Kuhhörnern, als ßovy.tQujq TiÜQii^evoq (Aesch. Prom. 
5S8, vgl. G74), wie auch Isis meist gebildet wird. Völlig mit Eecht sagt 
HerodotIl4l xo ya^ xriq'loioq 6ya?.iia iov yvvaiy.i'iiov ßovy.i(Jvjv hax\, 
xuxu 7if(j "E'/J.rfveQ xf/V 'lovv yQÜifovoi. Dem entspricht die gewöhnliche 
Darstellung der Bildwerke (vgl. z.B. bei Baumeister Denkm. Art. lo). Ver- 
einzelt hat sich auch später die ursprüngliche Darstellung als Kuh erhalten, 
wie sie der amjkUiische Thron zeigte CHqu 61 urfofjü tcqoq 'Td> T/)r 
'ivü/ov ßovv ovour rjdt Paus. III 18, Ib). Absurd ist die Behauptung von 
ExGELMAXN in EoscHEii's Mvth. Lex. II 27], die Darstellung als gehörnte 
Jungfrau gehe auf den Einfluss der Tragiker zurück, welche eine Kuh 
nicht auf die Bühne bringen konnten. Berücksichtigung ägyptischer Denk- 
mäler darf man von einem Archäologen natürlich nicht verlangen. 



79 

Dies Problem zu lösen hat der Dichter') des Danaiden- 
epos unternommen. Er hat zugleich die bisher höchstens locker 
verbundenen Sagen von lo, Argos. den Dauaiden. Amymone zu 
einem einheitlichen Gedicht verarbeitet.-) Mit grosser Ausführ- 
lichkeit hat er den Stoff behandelt, wie die Ueberlieferung über 
die Verszahl lehrt; aber die Zeiten schöpferischer Sagengestal- 
tung waren vorbei, und unter allen ausführlich bearbeiteten 
griechischen Sagen ist wohl keine inhaltlich dürftiger als diese. 
Selbst ein Aeschylos hat ihr wahres Leben nicht einzuhauchen 
vermocht. Dafür ist dasDanaidene])OS nach anderer Seite literar- 
geschichtlich um so interessanter. Wir sind, und mit Recht, 
gewohnt, die ..hesiodeische" Poesie als unmittelbare Vorgängerin 
der Log(»graphen /u betrachten; aber die Dauaiden stehen den 
letzteren mindestens ebenso nahe — wie sie denn auch durch 
das starke Hervortreten des genealogischen Elements mit He- 
siod sich eng berühren — und zeigen, dass auch die „home- 
rische" Poesie der allgemeinen Strömung Rechnung getragen 
liat. Das Interesse an Ländern und Völkern, an der Erweite- 
rung der geogra])hischen Kenntnisse, an Urgeschichte und 
Wanderungen bildet den Inhalt der Dauaiden wie der Schrift- 
stellerei des Hekatat'os; ihm verdankt das E})os die grosse 
Wirkung, die es nicht formell aber durch seinen Inhalt erzielt 
hat. Gleich zu Anfang boten die Schicksale der lo die Ge- 
legenheit dazu, lo konnte von Argos nach Aegypten nur auf 
dem Landwege gekommen sein, musste also so ziemlich die 
ganze im siebenten Jaiirhundert den Helleneu bekannte Welt 
(mit Ausnahme Italiens) durchwandert haben. So konnte das 
Epos gewissermassen einen Abriss der Geographie ge])en. Zu- 
gleich boten einige dürftige und gesuchte, aber di'iu Geschmacke 
dieser und noch einer weit si)äteren Zeit behagende Etyuio- 



1) Bt'sässen wir das Epos, so würden wir wahrschcinlicii auch liier 
eine .Schichtuii}; früherer und späterer Bestandtheile erkennen, wie z. B. 
die Einfü-^anji; der Libye einem anderen Dichter angeliören kann als die 
Schiipfiint:: des Bruderpaares Danaos und Ai};yptos. In der Haui)tsaehe 
würde indessen eine derartifje feinere Analyse sehwerlieli viel ändern. 

2) Ueber die formelle Behandlung des Stoffes lässt sieh garniehts 
sagen. Ks wäre z. B. sehr niöglieh, dass die älteren Erzählungen, wie die 
Abenteuer der lo, episodisch in die concentrirte Haupthaiidlung einge- 
legt waren, die sich, wie der Titel deutlicji sagt, um die Dauaiden ge- 
dreht hat. 



80 

logieu — Aeseliylos bat sie g-eflisseutlieli reprodueirt — den 
Beleg dafür, dass lo wirklieh in den betreffenden Ländern 
gewesen war. lieber Dodoua kommt sie an das Westmeer, 
das nach ihr das ionische genannt wird.'j Dann wird sie durch 
die Riudsfurth. den thrakischen (Apollodor) oder den kimme- 
rischeu (Aeschylos) Bosporos-) nach Asien geführt. An aus- 
führlichen geographischen Schilderungen wird es hier so wenig 
gefehlt haben wie bei Aeschylos (vgl. S. 68 Anm. 2); sehr wahr- 
scheinlich ist auch Kirchhoff's Yermuthung (Odyssee 329), dass 
auch Hesiod die Schilderung der Makrokephalen. Hyperboreer, 
Greifen, Pygmaeen bei Gelegenheit der Irrfahrten der lo ge- 
geben hat. Endlich gelangt sie nach Aegypten, und hier heilt 
sie Zeus, indem er sie mit der Hand berührt und dadurch be- 
fruchtet. Von dei' lizai^i] erhält das Kind, das sie dem Zeus 
gebiert, den Namen Epaphos.^) 



1) '/qÖvov 6h xov nhXXovxa uovxloq iJ-V/hq, au(fojq aniorao', 'lüvioq 
y.fx)aiaerai, Tr,g o^g noQsLaq fivijua zolg näoiv ßgöroiq sagt Prometheus 
zur lo bei Aeschylos 839. Gewiss hat die Quelle die Nameugebung in 
ganz gleicherweise berichtet (vgl. Apollodor); man sieht wie der Dichter 
systematisch nach Belegen für die Irrfahrt suchte und froh war, wenn er 
einen fand. — Der Aigimios fügt noch Euboea hinzu, das früher Abautis 
hiess, aber von Zeus nacli der Kuh seinen Namen erhielt (fr. 3 Steph. Byz. 
lAßavxiq). Dabei hat der Gleichklang mit dem Namen des Berges Euboia, 
au dessen Fuss das argivische Heraiou liegt, mitgewirkt. Aeschylos kennt 
diesen Zug so wenig wie Apollodor. Dagegen erwähnt Strabo X 1, 3, dass 
lo auf Euboea den Epaphos geboren habe, und nach Steph. Byz. "ÄQyovQu 
tödtet Hermes den Argos in Argura auf Euboea. [Ohne Werth ist die 
Uebertragung der lo nach Gaza, das '/wVr/ geheissen haben soll: Steph. 
Byz. s. V. jT«^« und 'lövwv TiäXayog.] 

2) Dass Aeschylos suppl. 544 öi/j] d' uvxitioqov yuluv tv uiocc 6lu- 
xaf^vovGa, nÖQOv xt\uaxiav oQitfi (d. h. sie gibt ihm den Namen) besagen 
soU, sie habe zweimal die Meerfurth durchschwömmen, d. h. beide Bospo- 
ros passirt, wie Welcker u.a. annehmen, ist mir wenig walirscheinlich; 
(h/fj ist wohl nur Ausführung des diuxii^ivovau. Wie Aeschylos sich aller- 
dings im Prometheus die Configuration der sk} thischen und kaukasischen 
Lande gedacht hat, ist mir ganz unklar. 

3) Die Eymologie bringt Aeschylos bei jeder Gelegenheit an: Prom. 850 
Suppl. IS. 46. 314. 535. 1066. Ohne Zweifel fand er sie schon in seiner 
Quelle. — Den weiteren Angaben Apollodors über Epaphos' Verschwin- 
den und sein Aufsuchen und Wiederfinden in Byblos durch lo liegt offen- 
bar derOsirismythos zu Grunde, der auf Epaphos übertragen ist; Aeschylos' 
Darstellunu; schliesst eine derartige Erzüliluns: aus. — Zu beachten ist die 



81 

Als Motiv für die Irrfahrt gilt der Zorn der Hera, der bei 
der Aukunft lo's in Aeg-yi)ten erlischt, ohne dass ein Grund 
angegeben wird, weder weshalb ihre Rachsucht hier befriedigt 
ist noch was sie davon hat die Nebenbuhlerin über die ganze 
Erde zu jagen. Auch darin spricht sieh deutlich aus, dass 
diese ganze Erzählung secundär ist: man sucht die Thatsache, 
dass lo von Argos nach Aegypten gekommen war, zu erkären 
so gut es geht. Zeus' Wege sind dunkel, aber er macht seine 
geheimen Gedanken zur That, ist die Lösung des Aeschylns. 
Auch das recht prosaische Mittel, welches Hera gegen lo an- 
w^endet, die grosse 8techfliege, verräth die gesunkene poetische 
►Schöpfuugskraft. Aeschylos nennt daneben das Gespenst des 
Argos, das aus der Erde aufsteigt (Prom. 567 ff.); stand das 
auch in seiner Quelle V 

Durch ihre Verpflanzung nach Aegypten wird lo die Stamm- 
niuttcr nicht nur des Danaos sondern auch des Aigyptos, d. h. 
die Ahnfrau, von der die beiden Völker Danaer und Aegy])ter 
abstammen. Dazwischen aber haben sich noch einige andere 
Gestalten festgesetzt. E])aphos als Sohn der Isis ist der ägyp- 
tischen Religion entnommen.') Seine Tochter (nach A])ollodor 
von der Niltochter Memphis) ist Libye, die sich mit Posei- 
don vermalt. Das weist auf Kyrene hin; denn nur hier ist 
Poseidon (^llerod. II 50) und der Name Libyen zu Hause.-) 
Libye's Sohn ist Belos, der Gott der Aramaeer,^) der aber in 

Hervorhebung vou Kanobos bei Aeschylos (Prom. 840. Suppl. :j| 1); am 
kauobischon Nilarm laj? Naiikratis. 

1) Er gilt als Grüuder der Städte Aegypteus: Piudar Nem. 10, S, 
speciell vou Memphis (Apollodor). 

2) Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass die Bemerkung 
ruKi.LEu's Myth. ir-.5() „Libye, das ist das libysche Festland am Mittel 
luei-re, nach älterem Sprachgebrauch mit InbegritV des Nildelta" den wahren 
Sachverhalt geradezu umkehrt. Von dem Volksstamme der Libyer, die bei 
Kyrene sassen und uns durch die ägyptischen Denkmäler genau bekannt 
sind, ist der Name allmählich auf den ('ontinent übertragen worden, zuerst 
wohl vou den iouischeu Geographen. — Auch Telegonos Gemal der lo 
bei Apollod. U 1, :< weist auf Kyrene. Nach Herod. IV 4.") ist Libye eine 

;^) [Da.ss liip.og nicht aus dem pliönikischen Baal entstanden sein 
kann, habe ich bereits im Art. Baal bei IJosciiicu Myth. Le.\. I 2S7 1 er- 
kannt, indessen den Namen nicht zu deuten vermocht. Der babylonisch - 
assyrisclie (>ott Bei kaim oft'enbar nicht gemeiut sein, wohl aber der 

.Meyer, KorHc'liuugeii zur Alteu Geschichte. I. 6 



82 

dieser Genealogie als Gott Aegyptens erscheint, wo ja syrische 
Kaufleute in Menge sassen. Neben ihm wird meist Agenor 
genannt, der Ke])räsentant der Phoeniker; andere machen ihn 
zum Sohne des Belos.'j Belos' Söhne, nach Apollodor von der 
Niltochter Anchirrhoe, sind Aigyptos und Danaos. Offenbar 
hatten sieh alle diese Gestalten au lo schon angeschlossen, 
ehe die Sage zusammenhängend bearbeitet wurde. Dem Dichter 
der Danaideu waren sie gegeben, und auch von den zahlreichen 
anderen Bearbeitern hat keiner an dieser Genealogie gerüttelt. 
Sie zeigt aber, dass die Danaiden. and ebenso die entsprechen- 
den Theile der anderen Epen, keinesfalls älter, vielleicht aber 
selbst beträchtlich jünger sind als 600 v. Chr. 

Um Danaos nach Argos zurückzubringen, benutzte der 
Dichter den ^lythus von den Danaiden und ihren ungestümen 
Freiern, die jetzt zu Söhnen des Aigyptos werden und so einen 
Namen erhalten.-) Danaos hat fünfzig Töchter. Aigy])tos fünf- 
zig Söhne; jene fliehen vor den ungestümen Werbern mit ihrem 
Vater übers Meer in die alte Heimath ihres Geschlechts^) und 



aramaeische Gott 6*^0*1 (das ist die aramaeisclie J'urm von Ba'^al). Ara- 
niaeisch ist in der Perserzeit die Schriftsprache der in Aegypten ansässi- 
gen Semiten, vermuthlich aber auch schon unter der 2fi. Dyn. hier ganz 
geläufig gewesen. Wir sehen aber auch hier, wie spät die Ausbildung 
des lo - Danaosstammbaumes ist.] 

1) Die dadurch geschaffene Verbindung der Stammbäume des Kad- 
mos und des Danaos kann hier nicht beriicksichtigt werden. 

2) Woher der Name Aigyptos stammt, wissen wir nicht. Er ist von 
den Griechen auf den Jyilstrom und das von ihm durchfiossene Land über- 
tragen. Das kann aber nicht erst in Folge der Dauaidensage geschehen 
sein, da diese Uebertragung weit älter ist als die Ausbildung der Dauaiden- 
sage. Den Ausführungen Tümpels, Aithiopenländer des Andromeda- 
mythus, Fl. Jahrbb., 1 ti. Suppl.-Bd. S. Kil vermag hier ich so wenig wie 
sonst zu folgen. 

;<) Aeschylos weiss nichts davon, dass sie unterwegs in Liudos an- 
legen und den Tempel der Athene gründen. Diese viel erwähnte Erzäh- 
lung (Herod. II 1^2, Chron. par. 9, StraboXIV2, II, Diod. V5S, Apollod. u.a.; 
Athene unterweist daher den Danaos im Schiffsbau Apollod. Hygin. KiS. 
277) stammt vielleicht aus Uesiod, und wirft dann auf die Entstehung 
des betreffenden Gedichtes einiges Licht. — Von einem Kampfe in Aegypten 
vor der Flucht, den z. E. Apollodor statuirt, wissen die älteren Darstel- 
lungen nichts, auch Aeschylos nicht, für den die Modernen vielfach einen 
den „Schutztleheuden ' vorausgehenden Kampf angenommen haben. Die 
von Clem. AI. Strom. IV 120 bewahrten Verse der Juraidfi, die einzigen 



83 

finden hier gastlielie Aufnahme. Die Freier eilen ihnen 
nach. Wie es scheint werden die Argiver im Kampfe be- 
zwungen,') jedenfalls müssen die Danaiden nachgeben und in 
die Ehe willigen; die Paare werden durchs Loos bestimmt. 
Aber in der Brautnacht ermorden die Danaiden ihre Vettern; 
nur Lynkeus wird von Hypermnestra verschont, aus ihrer Ver- 
bindung entspriesst das neue Herrschergeschlecht von Argos.^) 
Aus der ursprünglichen Gestalt der Sage erklärt es sich, 
dass Danaos und Aigyptos in der epischen Bearbeitung völlig 
zurücktreten. Die Danaiden und ihre Vettern müssen nach 
Argos, weil hier der Mord spielt; Danaos ist auch bei Aeschylos 
nur im Ajipendix seiner Töchter, 3) wenn er auch um seines 
Namens willen mit nach Argos muss. Aigyptos dagegen blieb 
nach den meisten Darstellungen zu Hause, als seine Söhne 
auszogen; nur Phrynichos hat ihn mit diesen zusammengehen 
lassen.') Die Aegyptier fordern die Hand ihrer Basen auf 
(Jrund des Rechtes, das ihnen die Verwaudschaft gibt (Suppl. 
387 ff.). Das war in der ursprünglichen Sage ganz correet, da 
das Geschlecht in Argos ansässig und Danaos jedenfalls be- 

aiis diesem P'pos erhaltenen {llyet dt xui o r//v Javaida rifrcoirixujQ inl 
Tojv duvaov ii^vyazeQüJV ojöf „xai tot' ap' u>n?.lt,ovTo Q-oöJg iavaolo 
(h'Yf'aQfg ngäoO-fv evQQfZog noTafxoii NeiXoio ävaxzng'^, xal tu fl'/c), 
beziehen sich wohl nicht auf einen Kampf, sondern auf die Ausrüstung 
zur Abfahrt. 

1) Dass es zum Kampfe kommt, scheinen die Andeutungen in den 
Schiitztlehenden und überhaupt die ganze Stimmung des Stückes zu lehren. 

2) nach Aesch. Prom. 85.'{ ff. 

y,) Das hebt Wilamowitz, Hermes XXII 2.58 hervor, ohne eine Er- 
klärung zu versuchen. 

•I) schol. Eurip. Orest. 872. Dem sind dann andere gefolgt, dalier 
Enrip. fr. 84t) (Aristoph. Frösche r2ii(;) Ai'yvnTog, cwc o nkelozoQ 8ana()Tai 
?.(')y<>g. ^vv nutal nfVD'ixoviu vavTtXto 7rA«rj/ "A()yog xuxüayojv. Bei 
Aeschylos ist er schwerlich nach Argos gekommen. — Stammt aus Phry- 
nichos die Darstellung, dass der Streit zwischen Danaos und Aigyptos 
nach der Ermordung der Aegypter auf Lynkeus" Rath durch ein aus Aegyp- 
tern und Argiverii zusammengesetztes (Jericht. das auf der Burg tagt, ent- 
schieden wird (Kurii». Orest. s7l tV. mit den Seholien)':' Jedenfalls ist dieser 
Process eine Variante zu dem der llypirmnestra, neben einander können 
licide niciit bestanden haben. Auch die Stätte ist beidemale dieselbe (s. die 
Beihige S. KU). Nach einer späterenSage bei Pausan. V'Il 21, i:t flieiit Aigyp- 
tos schliesslich nach Aroe, d. i. Patrae. 

6* 



84 

reits toclt war: wenn aber letzterer noch It^lit und mit seiiitni 
Töchtern zusammeu dit- Fluelit erg-reift. wird die Forderung 
widersinnig-, wie Wilamowitz mit Recht bemerkt. — Zugk-ich 
erhellt, wie Unrecht ich hatte, wenn ich (GdA. I 264j in der 
Erzählung- von Danaos" Einwanderung aus Aegypteu eine Er- 
innerung au uralte Vülkerbewegungen gesucht habe: Danaos' 
Einwanderung aus Aegypteu ist nur die Folge der Auswande- 
rung der lo und nicht älter als das siebente Jahrhundert. 

Die Ankunft der Aegyptier und wohl auch noch die Mord- 
that der Danaiden ' ) hat Aesehylos in dem zweiten Stücke der 
Trilogie. den Thalamopoioi. behandelt. Den Gegenstand des 
dritten, der Danaiden, bildeten die Folgen, welche die Rettung 
des Lynkeus für Hypermnestra herbeiführte.-) Sie wird von 
ihrem Vater als Verrätherin des Vaterlandes verklagt und vor 
ein Volksgericht gestellt, vor dem sie Aphrodite durch di-n 
Hinweis auf die Allmacht der Lie])e vertheidigte: ein Bruch- 
stück ihrer Rede hat Athenaeus XIII GOO bewahrt. Die Frei- 
sprechung der Hypermnestra, die der Aphrodite Nikephoros 
und der Artemis Peitho zum Dank Heiligthümer weiht (Paus. 
II l'.U3. 21, 1). und die Begründung des ruhmreichen agivischen 
Königshauses durch ihre Ehe mit Lynkeus schliesst das Stück. 
Das Abenteuer der Amymone mit Poseidon bildet das zuge- 
hörige Satyrdrama. Der Kern der Erzählung von dem Pro- 
eess oder vielmehr der Rettung der Hypermnestra vor dem 
Zorne ihres Vaters ist vielleicht älter, aber ihre Ausbilduug 
ist gewiss das Werk des Aesehylos. Die Analogie mit den 
Eumeniden fällt in die Augen: sie ist meiner Meinung nach 
bei den bisherigen Reconstructionsversuchen nicht genügend 
betont worden. Vorbereitet ist das Volksgericht durch die selb- 
stäydige Stellung, die Aesehylos von Anfang an dem Demos 
neben dem König zuweist 3): das Volk hat die Danaiden auf- 



O Wo der Einschnitt zwischen dem zweiten und dritten Stück an- 
ziusetzen ist. kann fraglich erscheinen. Der Inhalt ero:ibt sich aus Pro- 
metheus 850 flf. 

2) Ob der Zug, dass Lynkeus die Jungfränlichkeit seiner Braut 
schont und deshalb von ihr geliebt und gerettet wird, alt ist. wissen 
wir nicht. 

3j Dem entspreclieu die in Argos bestehenden Zustände. Denn Argos 
hat bekanntlich trotz der Demokratie, welche angeblich unter Medon dem 



85 

genommen und ist daher verpflichtet sie zu schützen, wie sie 
verpflichtet sind für das Wohl von Argos zu handeln. Das 
Gericht über Hypermnestra ist das Vorbild für das s]>ätere 
Volksg-ericht, das dadurch begründet wird — nach Pausanias 
(II 20, 7) fand der Process auf der Kichtstätte der /lixaoz/jQia 
(= IlQoJr) in der Nähe des Theaters, am Abhang der Larisa 
statt,') und diese Localität hat jedenfalls schon Aeschylos 
bezeichnet. 

Von Danaos und seinen Töchtern stammt das Volk der 
Danaer ab. Eine Erzählung — ob die der Danaiden oder 
eines anderen Epos, wissen wir nicht — berichtet, dass Danaos 
die 48 Töchter, die ihm geblieben waren (Hypermnestra und 
Amymone waren versorgt), in der Rennbahn als Preis des Wett- 
laufs ausstellt und so an einem Morgen sie sämmtlich vermalt.^) 
In der Folgezeit sind dann noch manche secundäre und ter- 
tiäre Züge hier angeknüpft worden, z. B. dass Lynkcus den 
Danaos und die Danaiden tödtet.-') Darauf brauchen wir el)enso 
wenig einzugehen wie es irgendwelche Bedeutung hat, dass bei 
Pausanias Thron uud Grab des Danaos^) neben anderen Monu- 
menten der Urzeit, z. B. dem Grabe des Phoroneus und des 
Argos, gezeigt werden. 

Danaos ist in Folge seines Namens natürlich König von 
Argos. War er aus Aegypten eingewandert, so muss er also 



Enkel des Teraenos zur Herrschaft gelaugt ist (Pausan. II lii, 2), noch in 
Aeschylos" Zeit einen König, der im Felde das Heer führt: Ilerod.VlI 14'.). 

1) S. die Beilage S. IUI. — Dass zu Tansanias" Zeit die äschyleische 
Darstelluug in Argos adoptirt ist, kann nicht Wunder uehmeu; citirt doch 
Pausanias kurz vorher deu Aeschylos auch für den Kampf der .Sieben 
gegen Thebeu, deren Gräber in Argos gezeigt werden (II 20, h). 

2) Pindar Pyth. 9, 196 ff.; in späterer Entstellung Pausan. III 12,2. 
Vgl. llygin. lab. 177 a. K. 27:i. — Pindar erwähnt auch die That der Hyper- 
mnestra, Nem. in. In. 

^) «Sehr bezeichnend ist, dass nach Pausan. VII 1, ti zwei Söhne des 
Achaios, der in Phthiotis herrscht, Töchter des Danaos heirathen: so 
kommt der Aphaeername in den Peloponues. Freilich schlägt das aller 
Sagenchronologie ins (Besicht. Allerdings scheint auch Ilerodot VII 94 Da- 
naos und Xuthos (den Vater des Achaios und Ion) für Zeitgenossen zu 
halten: die lonier Tt(jii> i] iuvaöv rt xui Znvd^nv unixtoi^ui fV Ih'/.onov- 
i'ijiior, ixu'/.iDVTo Ih/.uoytil Aiyiu/Ji-^. 

4) Letzteres auch Strabo VIII u, 9, wonach Danaos auch der (Jründcr 
der Burg von Argos ist. 



86 

das Königthum nach seiuer Ankunft erworben haben, am ein- 
fachsten, indem ihm der liis dahin in Argos regierende Herr- 
scher seine AYürde abtrat (ApoHodor II 1. 4 u. a.). So scheint 
auch Aeschvlos die Hache dargestellt zu haben, bei dem in- 
dessen genauere Andeutungen nicht erhalten sind. Eine andere 
Version erzählt, in Folge eines Wunderzeicheus (ein Stier wird 
von einem "Wolf zerrissen) habe das Volk dem Danaos, der als 
Prätendent auftrat, die Herrschaft übertragen.') Wie die Da- 
naides den Hergang erzählten, wissen wir nicht. Jedenfalls 
aber war es nothweudig, Argos für die Zeit von drei Genera- 
tionen (Epaphos, Libye und Belos), während deren das Haus 
des Inachos in Aegypten war. mit Königen zu versehen. Es 
ist ungemein bezeichnend, wie der Dichter der Dauaiden sich 
geholfen hat. Aus einem Beiwort, das in der llias zweimal 
dem Peloponnes gegeben wird {rijXödtv tg cutirjc yair/c „weit- 
her aus fernem Lande'' A270 r49-}), machte er, oder hatte 
man vielleicht schon vor ihm einen Namen Apia gemacht, und 
für diesen wurde ein Eponymos Apis erfunden, der zu einem 
laTQOfiävTu und Sohn Apollos gemacht wird und nach Inachos ') 
über Argos herrscht. Ein zweiter Herrscher wurde durch eine 
analoge Missdeutung gewonnen, indem man den Xamen des 
pelasgischen Argos und mit ihm den Pelasgos auf das pelo- 
ponnesische übertrug.^) Die Sage, welche Pelasgos zum Auto- 



1) Pausan. II 19, '6. Plut. Pyrrh. M. Das Wimderzeicben in anderem 
Zusammenhange Serv. ad Aen. lY 377. 

2) In der Odyssee // 25 n \b beziehen sich diese Worte nicht auf den 
Peloponnes. Mit Recht polemisiren die alexandrinischen Pliilologen gegen 
die in der si^äteren Zeit allgemein recipirte Missdeutung der rttottfjot 
(schol. Ä 270. r 4'.). Tj 25. Strabo YIII G, 9. Steph. Byz. liTiiu). 

3) das sagt Aeschylos zwar nicht, aber es ergibt sich aus der Sach- 
lage mit Nothwendigkeit. 

4) Diese Uebertragung des >'uuiens auf das berühmte Argos ist bei 
den Tragikern bekanntlich ganz gewühnlich. Auf den ganzen Peloponnes 
wird er z. B. in der berühmten "Weihinschrift des kyprischen Königs Niko- 
kreon in Argos (Lebas, inscr. II 122) übertragen: ii]aT(j[o7io]?ug [loi yßwv 
Ilt/.OTio:; xo IIi/.u'C,yixov Aq'/oz, IIvvTayo^ag de tiuttjq Aiuxov ex yeveac, 
si/xi de NixoxQewv cet. Waddington bei Lebas, expl. des inscr. I. c. hat 
den Sinn des Eingangs missverstanden, wenn er meint, Nikokreon's Mutter 
sei eine Argiverin gewesen (dagegen auch Eoss Arch. Z. 1844, .348). Der 
Stammvater der Könige von Salamis ist Teukros der Aiakide; mütter- 
licherseits aber stammen sie aus Arkadien, von Agapenor, dem Gründer 



87 

chthon macht, kannte der Dichter, und daher konnte Pelasgos 
nicht Sohn des Apis werden, sondern dieser musste kinderlos 
sterben.') Um aber die drei Generationen herauszubekommen, 
wurde dem Pehisg'os ein Vater Palaichthou der Erdgeborene 
gegeben, bei dessen Namen die Fiction gleichfalls völlig durch- 
sichtig ist. So wusste man zugleich auch, wie die Bewohner 
von Argos geheissen hatten, ehe Danaos hinkam und ihuen 
seinen Namen gab. 

Wir sehen jetzt wie die Pelasger nach Argos gekommen 
sind, und wie verkehrt es ist, von uralten Traditionen zu 
sprechen, die bei Aeschylos vorlägen. Der allgemeine Glaube, 
die Urbewohner von Argos seien Pelasger, beruht nicht im 
mindesten auf geschichtlicher Erinnerung oder auch nur auf 
griechischer Sage, sondern auf sehr dürftigen und durchsich- 
tigen Combinationeu. die für die Erkcnntniss der älteren Ver- 
hältnisse schlechterdings keine Bedeutung liaben. 

lo ist im Dauaidenepos die Tochter des Inachos, des 
Ilauptflusscs des Landes, der den Namen für den ersten König 
hergeben muss. und wie es sich gebührt ein Sohn des Okeanos 
ist.-) Weitere Figuren braucht das Epos nicht. So ergibt sich 
ein sehr einfacbes Schema, das Ac^chylos ungetrübt bewahrt 
hat (die Zahlen bezeichnen die Herrscherfoige) : 



von Paphos. Uin den Argivern ein Compliment zu uiacheu, sagte Niko- 
kreon nicht Arkadien, sondern das pelasgische Argus, erklärt dies aber 
als den Peloponncs, da sein Stammbaum eben nicht auf die Stadt Argos 
zurückgeht. Dieser Sachverhalt wird durch Pausan. I 3, 2 bestätigt: 
Euagoras der König von Salamis ytvfukoyüiv ig Tifjoyövovc dväßaive 
TtvxQov xul A'nr/uu' xtiyaTe(ja. Vermuthlich hat Kinyras' Tochter den 
Agapenor gehciratliet; Kinyras ist ja Zeitgenosse Agamemnons (11. ./2(t). 
Dass wir dafür anderweitige Belege nicht haben, ist kein Gegenbeweis. 
[Vgl. auch Kinyras, Vater der Laodike, in der arkadischen Genealogie 
Apollod. 111 !), 1 mit Laodike der Tochter des Agapenor Pausan. VI II 
5, 3. b'6, 7.] 

1) So Apollodor und alle anderen Genealogien mit Ausnahme der 
sikyonischen (bei Pausan. II 5, 7 und Kastor). Daher stirbt Apis auch 
eines gewaltsamen Todes, durch Aitolos (Ai)oll()d. I 7, (i. Pausan. V I , *>, 
wo er Sohn des lason [=^ lasos?| ist und nacli Pallantion versetzt wird; 
auch erhält er hier um der Blutrache willen namenlose Kinder) oder durch 
Thelxion und Telchin (Apollod. 11 1, 1), zu deren Solni resp. Vater ilin da- 
gegen die sikyuuische Genealogie macht. 

2) Die Okeaniden sind xaaiyvi}zui nuzQÖq der lo, Aesch. Prom. 036. 



i57-2. 



Okeanos 

I 
1. Inachos 

I 
Argos lo, Gem. Zeus 

Epaphos 2. Apis 

Libye, Gem. Poseidon 3. Palaichthon 

1 I 

Belos 4. Pelasgos 



Aigyptos 5. Danaos 



50 Aigyptiden 50 Danaiden, daninter 

darunter (i. Lynkens = Hypermnestra 

1 
7. Abas 

I 

8. Proitos 

u. s. w. 

Damit ist das Danaidenepos erledigt.') Die Dürftigkeit 
seines poetischen Gehalts spricht sich auch darin aus, dass in 
ihm die genealogischen Gestalten wuchern wie wohl nirgends 
sonst. Zu wirklichen Gestalten von Fleisch und Blut sind die- 
selben nie geworden; auch bei Aeschylos sind Pelasgos und 
Danaos nur geflickte Lumpenkönige. Um so werthvoller waren 
sie für die pseudohistorische Bearbeitung der Sagengeschichte; 
jeder folgende Schriftsteller hat mehr von ihnen zu erzählen 
gewusst. 

Wir wenden uns jetzt zu den übrigen Bearbeitungen. He- 
siod und der Aigimios haben, soweit wir sehen können, die 
Schicksale der lo, des Danaos und der Danaiden in allem 
wesentlichen ebenso erzählt wie das Danaidenepos; die uns 
bekannten Varianten sind bereits besprochen. Auch der Stamm- 
baum wird von lo abwärts von allen gleichmässig gegeben. 
Um so stärker sind dagegen die Varianten in den älteren 
Partien. Die Motive derselben sind deutlich erkennl)ar. Wer 
wie Hesiod den Pelasgos nach Arkadien setzte und zum Vater 
des Lykaon machte, konnte ihn in Argos nicht brauchen. An 
seiner Stelle erscheint bei den Späteren als Danaos' Zeitgenosse 



1) In welchem Zusammenhang es von Erichthonios und Hephaestos 
gesprochen hat (Harpokr. s. v. avröyßoveq), ist nicht zu erkennen. — Ent- 
standen ist das Epos gewiss nicht in Argos, das keine nähereu Bezie- 
hungen zu AegjT)ten hatte, und schwerlich in Aegypten selbst, sondern 
weit eher in den kleinasiatischen Handelsstädten. 



Uebersicht argivischer Stammbäume. 



[Zu S. b'J.J 



Pausanias 11 ir. Pberckydes fr. 22 

lii,. y.Mvu hezeicUncn die KunigsfnlKe.] (Scliol, Elirip. PhoCn. I I Ifi) 



Apollodor 



Schill. Eurip. Orest !i:i2. 



Hygin fall. 14.5 (p. 21 Schmidt) 



Inaclios 
I 
1 Phoronous [Gem. Kerdo II 21, 1] 

[Europs [Kar Niobe, Gem. Zeus Zeus Okeanos 

I in Megara 1 [II 22, 5] | | 

Hermion I 3i),ö] 2 Argos Argo.s, Gem. Peitho 

1134,4] I I 



Okeanos 
Inachos Melia 



Phoroneus Aigialeus 
Gem. Teledike 



Apis Niobe, Gem. Zeus 

Argos [Pelasgos 

Gem. Euadne nach 
T. d. Strymon Akusilaos] 



Inachus, erster Herrscher nach der Fluth 
Gem. Melia 

Phoruueus, Gem. Peitho Phegeus 

Aigialeus Apis Europs Niobe 
Argos 



luachus, Gem. s. Schwester Argia 
Phoroneus, Gem. Cinna 



Apis Nu)be, Gem. Juppiter 
Argus, Gem. Eiiaduc 



3 Peirasos 4 Phorbas | Epidauros 

j II 2(),2 nach 

1 den Eoeen] 
5 'Priopas 



Kriasos 



Ekbasos Peiras Epidau- Kriasos Kriasos Ekbasos Peirasos Epidau- 'I'iryns Criasus Pirauthus Kcbasiis 
I ros Gem. Melantho ros 1 



Ereutlialion, l'horbas Agenor 
Epomyne von 1 



6 lasos Agenor [Pelasgos (Messcni! Frciithalia . . ^ 

I I 1122,1] IV 1,2] in Areölis ^re-stor Argos panoptes, Gem. Ismcue 

lo 7 Krotopos I 

Argos 



Phorbas Klcoboia Callithoe Argus [Arestorides| Triopas 

Gem. Euboia [Eponyme des Berges am [s. S. 9l),3. | | 

Heraion] 



Tri(jpas Messene 
(iem. Sosis 



Epaphüs 8 Sthenelas [Psamathe, 
I j Gem. Apollo 

J I 1 

Libve 9 Gelanor Linos 

I I 4:(,7. II PI, 71 

Behis 
I 
10 Danaos 



panoptes 



lasos 



lo 
u. s. w. 



Pelasgos lasos Agenor Xanthos 

i 
lo 



[XJanthus Pelasgus Agenor 
Das weitere ist ganz corrupt. 



Einzelne Varianten finden sich noch mehrfach. Bei Syncell. p. 2.'?7 u. 2SS 
werden zwei lo unterschieden. Mit Pausanias ist die Königsliste Kastors 
(Euseb. 1 177) nahe verwandt; Inachos Phoroneus Apis Argos Kriasos 
Phorbas Triopas Krotopos Sthenclos Danaos. Die Grundlage ist Jedenfalls 



Hellanikos (vgl. S. !>7 f.), den aber jeder neue Bearbeiter moilifieirt hat. Kastor 
machte lo zur Tochter des Inachos (ApoUod, II 1, :i, I). Seine Liste folgt 
auch Clem. Alex. Strom. I 21, lu.H. 



89 

gewönlich der König Gelanor,') oh schon hei Hesiod, wissen 
wir nicht. Vielleicht stammt auch er aus der Quelle, auf die 
wir die tihrigen Varianten des Stammbaumes zurückführen 
können, aus der Phoronis. 

Die Phoronis führt ihren Namen nach Phoroneus, der ihr 
als der erste Mensch und Herrscher in Argos galt. Sie nannte 
ihn jiarsQa d^ir/rcöv dvd-Qcöjtcov (Clem. Alex. Strom. I 21, 102); 
ebenso heisst er bei Akusilaos (ibid.) und Plato (Timaeos p. 22: 
Solon erzählt den ägyptischen Priestern von den ältesten grie- 
chischen Dingen, jc£q\ (pcoQfovüoa xs xov jtQcövov kt/ßtvroq 
xal Ntoßrjg). Wenn also in den Stammbäumen Phoroneus ein 
Sohn des Inachos genannt wird, so ist das falsch; die richtige 
Nachricht bewahrt Pausanias II 15, 5, Phoroneus sei in Argolis 
der erste Mensch, Inachos nicht der Mensch sondern der Fluss 
sei sein Vater; demnach ist er vom Fluss geboren, wie Pelas- 
gos von der Erde.-) Sein Name haftet am äorv fPoQcovixöv 
in Argos (Pausan. II 15, 5. Steph. Byz. '^p/oc), er hat also für 
Argos dieselbe Bedeutung wie Kekrops für Athen. Dass er 
wie andere Urmenschen (z. B. Lykaon) der Urheber der Cul- 
tur und der Gesetze und der Erfinder des Feuers ist,'') ist 
natürlich. Die Ausmalung dieser Verhältnisse, so einfach sie 
ist. ist ja für derartige Epen wie die Phoronis etwas ganz 
wesentliches; in ihr liegt das Neue, was die Forschung des 
Dichters ermittelt hat: die Aufhellung der Urzeit und der all- 
mählichen Entwickelung des Menschengeschlechts. 

Seine Tochter ist Niobe, von der Zeus den Argos, den 
I^ponymen des Landes, erzeugt. Dass Niobe die erste sterb- 
liclic Geliebte des Zeus ist, folgt von selbst, wenn Phoroneus 
der erste Mensch ist. Niobe ist der Name einer Quelle in 



1) T'ausan. II Hi, 1. Plut. Pyrrh. :V2. Aijollodor II 1, 1. Synccll j). 28S. 
Zur Oriciitiriiii};- s. die ZiisaiiiimMistclliiiig der Staiiiinbäuim' in der Beilage. 

'!) Vielleielit aber ist aiieli das mir ein Aiisgleichsversiieli und Pho- 
runens nrspriinj:;!ic]i j^leiclifalls erdji^eboren. Pansanias erziildt weiter dass 
l'lioronens mit Kei)liis()s [(iuell in Argos II 20, »1], Asterion und dem Flusse 
inachos das Sehiedsgerielit im Streit zwischen Poseidon und Hern über 
(b'u Besitz von Argos (S. 75) gebildet habe. 

:i) Pausan. II 1.5,5. l'.l, 5. Tatian ad Graec. ;JU, (lo. Syneell p. 2:»6. Vgl. 
Ilygin fab. 14:». 225. 274, wonach er der Erbauer des Ileraheiligthums ist. 



90 

Argos,') deren Lage uns leider nicht bekannt ist (Plin. IV 17); 
Argos ist eine rein genealogische Gestalt, die mit dem Panoptes 
garnichts zu tlnin liat, sondern von dem Urheber des Stamm- 
baumes erfunden ist; das Land musste ja einen Eponymos 
haben. Die Phoronis gab also eine ganz correcte schematische 
Genealogie. An Argos mag sie eine ganze Reihe weiterer 
Eponymeu angeschlossen haben; genaueres feststellen können 
wir nur über den wichtigsten Punkt, die Gestalt, die sie der 
losage gab. 

Soweit wir sehen können, kam lo überhaupt in der Pho- 
ronis nicht vor. Ihre Stelle als erste Priesterin der Hera von 
Argos nahm Kallithoe ein: 

KaXXidoTj xXtiöovyoc Y)?.vf/jciädog (iaöiXiootjc 
HQtjg 'AQjtbjQ, 7j öttiitiaoi xai i9vodi'oioi 
jiQcörrj x6ofi?j08v jcsQi xiova fiaxQOV aväöörjq 

(fr. 4 bei Clem. AI. Strom. I K34). Unabhängig von einander 
sind lo und Kallithoe nicht; Aeseh. suppl. 291 nennt lo xhj- 
doCyog "Hoag genau wie hier Kallithoe heisst. Aber sie sind 
Doppelgängerinnen, sie haben dieselben Functionen. Welche 
von beiden die ältere ist, ist nicht zu entscheiden; möglich 
wäre ja, dass die Phoronis älter ist als die Danaiden. Dass 
die Phoronis To's Schicksale auf Kallithoe (auch Kallithyia ge- 
nannt) übertrug, ist sehr unwahrscheinlich; die Begründung des 
Heracults füllt ihr Wesen völlig aus.-) Kallithoe heisst nun 
allgemein eine Tochter des Peiras, und von diesem wird er- 
zählt, dass er aus einem Birnbaum in Tiryns das erste Hera- 
bild schnitzte.-') Diese Angaben gehen jedenfalls auf die Pho- 



1) Dass auch die Sage von der sipyleuischen Niobe hier ihre Wurzel 
hat, ist mir nicht zweifelhaft. Für die Sageugescliichte aber sind die 
Tochter des Tantalos und die des Phoroneus zwei ganz gesonderte Wesen. 

2) Allerdings bezieht man fr. 2 und 3 der Phoronis, wo die Wohn- 
sitze der Kureten und Dakt}'len in Phrygien geschildert werden, auf die 
Darstellung von Io"s Wanderungen. Aber dass lo neben Kallithoe in 
der Phoronis vorkam, ist kaum denkbar. Direct identificirt werden beide 
von Hesych. 'loj KuV.iS^veaaa und von allen Neueren. Die ursprüngliche 
Namensform ist wohl Ka).?.i&via (vom Opfercultus entlehnt), die, weil sie 
im Hexameter unmöglich ist. verschieden modificirt wird. 

3) Plutarch bei Euseb. pracp. ev. III S. Africanus bei Sync. p. 2S3. 
Ilierou. a Abr. 3T(i. Hygin fab. IJö ex Pirantho [et, von .Scaliger getilgt] 
Callirhoe (leg. Callithoe), Argus Arestorides [das Patronymikon stammt aus 



91 

roüis zurück, und auch in ihr wird, wie ausnahmslos in allen 
späteren Stammbäumen, Peiras ein Sohn des Argos gewesen 
sein. Der Name erscheint auch in den Varianten Peiren (He- 
siod) oder Peirasos (Pausan.; schol. Eurip. Orest. 932; bei Hygin 
Piranthus): Er hängt zusammen mit dem Namen der Quelle 
Peirene in Korinth und des Baches Peiros bei Dyme in Achaia 
(Pausan. VII 18, 1. 22, 1); in Argolis lässt sich ein entsprechen- 
der Name allerdings nicht nachweisen, und überhaupt fehlt 
uns jede weitere Angabe,') durch die sich die Bedeutung des 
Peiras genau bestimmen Hesse. 

Nun erfahren wir, dass Hesiod, und ihm folgend Akusilaos, 
die lo eine Tochter des Peiren genannt hat (Apollod. I 1, 3). 
Dadurch gewinnen wir ein höchst interessantes Ergebniss: 
Hesiod hat die Erzählung des Danaidenepos mit dem 
Stammbaum der Phoronis contaminirt. Das ist durch- 
aus kein willkührliches Verfahren und noch weniger eine 
poetische Schöpfung, sondern erhebt den Anspruch auf 
streng wissenschaftliche Methode. Hesiod fjind in den 
Danaiden eine ausführliche und, wie wir wohl annehmen 
dürfen, weithin bekannte und recipirte Darstellung, au deren 
Realität zu zweifeln für ihn kein Grund vorlag und die er 
daher seiner Darstellung zu Grunde legte. Daneben bot die 
Phoronis einen Stamml)aum, der mindestens ebenso authentisch 
erschien, von dem aber die Danaiden nichts wussten. Wie 
sollte mau sich da eutscheidenV Offenbar bot jedes der beiden 
Epen nur einen Theil der Wahrheit, durch Verbindung ihrer 
Angaben Hess sich der richtige Sachverhalt gewinnen. So hat 
gewiss schon Hesiod aus dem Danaidenepos den Urkönig 



Ovid], Triopas. Audi raiisaii. 11 IT, 5 keimt die Verfertigiuig des Bildes 
durch Peirasos 8. d. Argos, uennt aber seine Tochter nicht ; später sei das 
Bild aus Tiryns ins Ileraion überführt worden. Clem. AI. protr. 1, 47 nennt 
nach Denietriu.s' 'A()yithxü den Verfertiger Argos, vielleicht aus Flüchtig- 
keit, Aristides or. 40, '■'> erwähnt neben anderen Urmenschen KaU.uiihtuv 
UQiariiv yvvaixviv (Xfxu xul üriSiiojv ytvufitviiv. 

1) Vielleicht gehört hierher, dass nach Epimenides bei Pausan. VIII 
IS, 2 die Okcanostochtcr Styx mit Peiras, öaxic Aii o Tleinrcc inri, ver- 
malt ist und von ihm die Kchidna gebiert (s. o. 8. 72). — Nach Apollod. 
II :h, I tödtet Belicropiion w.- nru <funi den Peiras (seinen Brutlery). Das 
ist ursprünglich gewiss dieselbe (iestalt. 



92 

luachoB übernommen;') aber dass lo seine Tochter hiesf? war 
falsch. Vielmehr musste an ihn der Stammbaum der Phoronis 
ansetzen. So ist Phoroneus zum Sohn des Inachos geworden. 
während ihrer Bedeutung nach die beiden sich ausschliessen: 
sie sind ja beide Urkönige.^j Kallithoe die erste Priesterin 
der Hera war dann offenbar identisch mit lo; hier konnte also 
die Darstellung der Danaiden wieder einsetzen, aber lo's Vater 
wird Peiras oder Peiren. 

Wir haben also folgende Stammbäume: 

Phoronis Hesiod 

Inachos 

I 
Phoroneus Phoroneus 

I I 

l^iube, Gem. Zeus Niobe, Gem. Zeus 

Argos Argos 

I I 

Peiras Peiren 

i I 

Kallithoe lo, Gem. Zeus 

I 

Epaphos 

u. s. w. 

Nachdem die Contamination, welche Hesiod vorgenommen 
hat, erwiesen ist, können wir unbedenklich von den übrigen 
Namen, die im argivischen Stammbaum erscheinen, wie Arestor, 
Kriasos, Ekbasos, Krotopos, wenigstens einen Theil der Pho- 
ronis zuweisen. So z. B. den Krotopos. dessen Tochter Psa- 
mathe (Name einer Quelle Plin. IV 17j von Apollo den Linos 
gebiert, um dessen Tod das Klagefest in Argos gefeiert wird 
(Pausan. I 43, 7. II 19, 7. Conon fab. 19. Kallim. fr. 315 u. a.j. 'j 



1) Syncell. p. 119 Bonn, erwähnt, dass Akusilaos, der ja meist dem 
Hesiod folgt, den Inachos den Vater des Phoroneus als ersten König von 
Argos nannte. Der anschliessende .Satz toixov ihvyar?j(/ 'iw, rjv laiv ati- 
ovonüouvii^ oißovoi stammt aber nicht mehr aus Akusilaos. 

2) An Phoroneus schliessen die späteren Genealogien direct den Apis 
an, als schien Sohn, der kinderlos stirbt. Das ist ganz correct, denn Apia 
ist der Name den das Land trug ehe es Argos hiess, Apis muss also älter 
sein als Argos. Pausanias kennt den Apis in Argos nicht, sondern mir 
im sikyonischen .Stammbanm. 

b) Einige der angeführten Namen sind allerdings offenbar Varianten, 
die erst später und auch nur zum Theil in den Stammbäumen mit ein- 



93 

Diese Verwerthimg- einheimischer Institutionen und Namen 
scheint darauf hinzuweisen, dass die Phoronis in Arg-os selbst 
entstanden ist. Wenn man eine kühne Hypothese nicht scheut, 
könnte man vermutheu, dass die Phoronis den Stammbaum von 
Kallithoe, oder, wenn diese einfach als erste Priesterin erwähnt 
war, von Peiras über Krotopos und Gelanor direct auf Danaos 
weiterführte. Unzweifelhaft ist dagegen, dass sie von einem 
Pelasgos in Argos nichts g-ewusst hat. 

Da Hesiod das Danaidenepos und die Phoronis contaminirt 
hat, so ergibt sich, dass die betreffenden Partien des unter 
seinem Namen gehenden Sammelwerkes erst tief im sechsten 
Jahrhundert entstanden sein können. Das lehrt auch der wei- 
t(n*e Fortgang. Hesiod ist, soweit wir sehen können, im wesent- 
lichen den Danaiden gefolgt, indem er ihre Angaben, wo sie 
Anstoss erregten ') oder wo die Kenntnisse sich erweitert hatten, 
umgestaltete oder ergänzte. So hat Hesiod dem Belos eine 
Tochter Thronie gegeben, die vom Hermaou (d.i. Hermes) den 
Arabos gebiert (fr. 43. Strabo I 2, 34). In einer Zeit, in der 
Alkaeos' Bruder in Nebukadnezars Heere diente, wird den 
(»riechen auch der Name der Araber bekannt geworden sein; 
aber über das sechste Jahrhundert reicht ihre Kunde von dem 
Wüstenvolk gewiss nicht hinaus. 

Wie Hesiod ist auch der Aigimios von der Phoronis ab- 
hängig, da er den eponymen Argos kennt: er macht den 
Panoptes zu seinem Sohne von der Ismene.^) Hesiods An- 



iiiider verbunden sind. - Gehört liierlier aueli die nur verstiininielt erlial- 
tene Angal)e Hesiods (fr. 42 bei .Stnibo X .'!, 1!)), dass die N\nii)lien, Sat3rn 
und Kureten von Plioroneus' Toeliter abstammen? 

1) S. o. S. 71. Aueli diese Aeuderuug i.st trotz ihres poetischen 
Wertlies keine dichterische Erfindung sondern eine Hypothese, so gut wie 
die Aeuderungen, die Stesiciioros, IMndar, Hekataeos aus rationalistischen 
oder ethischen (i runden an der Hage vorgenommen haben. 

2) ApoUod. 11 1, ."{, :{. Das ist in Apollodors Htainnibaiim in der 
Weise übergegangen, dass Ismene zur (Jemalin des Panoptes, iMutter des 
lasos wird. Hei Hherekydes ist der Panoptes ein Sohn des Arestor (fr. 22, 
aus .schol. Kurij). Phoeniss lllC), ebenso Ovid. Met. I 624 u.a., vgl. S. it4,3; 
nach Oharax beim Anou. de incred. 15 pag. .S24 in Westkkmann's Mytho- 
graphi ist lo die Tochter des Arestor, Argos ihr Mutterbruder). Apidiodor 
neiuit ihn Sohn des Agenor, Asklepiades (bei ApoUodor 1 c.) niaclit iiin zum 
Sjuhu des luachos Dass der Aigimios eiu ziemlich spätes Epos ist, dürfeu wir 



94 

Setzung' der lo ist nicht clurchgc^drung-en; verbreiteter ist die 
Ausielit, vvelclie ihr den lasos zum Vater gibt. lasos ist aus 
dem in der Poesie offenbar mehrfach gebrauchten, aber den 
Alten wie uns in seiner Bedeutung dunklen Namen "laoov 
"Agyac ') gebiklet und ein treffliches Seitenstück zum argivi- 
sclien Pelasgos. Für die populäre Anschauung ist freilich lo 
immer die Inachostochter geblieben.-) 

Zu den besprochenen Bearbeitungen der argivisehen Sagen- 
geschichte kommen noch die freilich nicht recht greifbaren 
Epen, die als 'AQyoXixa unter Agias' und Telesarchos' Namen 
genannt werden.^) Auch sie werden weitere Namen und Va- 
riationen gebracht haben. So erklärt es sich, dass der argi- 
vische Stammbaum bei jedem Schriftsteller anders aussieht: 
in der Gestalt, welche ihm Hesiod und der Aigimios gaben, 
ist er nirgends erhalten. Auch haben noch zwei Gestalten in 
ihm Aufnahme gefunden, welche ursprünglich mit Argos gar- 
nichts zu thun haben: Phorbas und Triopas. 

Phorbas ist eine Sagengestalt, die in der Blüthezeit des 
Epos viel besungen ist. Die kyklischen Epen schilderten ihn 



wohl auch aus der bei den .Späteren gangbaren Zuweisung an Kerkops 
folgern; derselbe erscheint sonst als Orphiker und Pythagoreer. 

1) Für uns ist er allerdings nur Od. c< 246 erhalten. Die Scholien 
sowie Strabo VIII 6, 5 und Steph Byz. s. v. 'jigyoQ bieten nichts von Werth. 
Da die betreffende Episode der Odyssee, in der Eurymachos zur Penelope 
sagt „fi nävzeg os i'doitv dv' "laoov "A^yog 'A'/uioi, würdest du noch mehr 
Freier haben", jedenfalls sehr spät ist (vgl. Wilamowitz Ilom. Unters. 2'.) ff.), 
steht wohl nichts im Wege, 'laoov "A()yoq direct durch „lonierland" zu 
übersetzen. Jedenfalls kann nicht, wie man gewöhnhch erklärt, der Pelo- 
ponnes gemeint sein, den zu nennen ja gar keine Veranlassung vorlag. 
Dass "Jaao? wirklich zu ^läwv gehört, lehrt II. 337 verglichen mit iV685. 

2) Herodot I 1, die Tragiker, Kastor bei Apollod. II 1, 3. Ebenso 
z. B. Diodor V (10 (III 74 wird als zweiter Dionys ein Sohn der lo, Toch- 
ter des Inachos, König von Aegypten, genannt; natürlich ist Osiris ge- 
meint). Bezeichnend ist auch, dass Eusebius (nach Kastor?) lo's Vater 
Inachos nennt (a. Abr. 479. Syncell. p. 237 Bonn), der gelehrte Hieronyuuis 
aber (a. Abr. 488) sie zur Tochter des lasos macht. 

3) Wilamowitz, hom. Unters. S. 180. 334. — Auch ein unbekanntes 
kyklisches P^pos gehört liierher, in dem Argos der Sohn des Arestor und 
der Mykene, der Tochter des Inachos und der Melia war (schob Od. /?r20, 
WC fi' Ttö xvxXw (fiQfxni — etwa in den Nosten? vgl. indessen S. 9^, 1). 
Von hier stammt Arestor, Vater des Argos panoptes (S. 93, 2). 



95 

alB g-ewaltig*en Faustkämpfer, der jeden Wanderer zum Kampfe 
zwang- und tödtete, bis ihn Apoll bewältigte und erschlug.*) 
Als auf etwas allbekanntes spielt der Hymnns auf Apoll auch 
diese .Sage an.-j Pliorbas ist ein rhodischer Heros, der Gründer 
von lalysos; er hat dasselbe von einer Sehlangenplage befreit 
und geniesst hier heroische Ehren.^) Die Sage von seinem 
Kampf mit Apoll wird also wohl den Kampf zweier Culte, das 
Eindringen des Apollodienstes bedeuten. Ganz naturgemäss ist 
Phorbas ein Sohn des Triopas, des Eponymen des triopischen 
Vorgebirges,'') der ja für die Genealogien der dorischen Hexa- 
})olis den geeignetsten Stammvater abgab. Wie so viele Ge- 
stalten desselben Gebiets •'•) ist dann Phorbas nach Thessalien 
versetzt worden, wo es angeblich eine Achaeerstadt gleichen 
Namens gegeben haben soll.'') Hier erhält er den Lapithes 
zum Vater, und die Späteren lassen ihn dann nach Olenos in 
Elis auswandern und knü])feu verschiedene elische Eponymen an 
ihn an') — hier liegt also die so häufige Uebertraguug thessa- 
lischer Gestalten nach Elis vor. Weit besser ist offenbar die Er- 
zählung des Dieuchidas, dass Triopas aus dem dotischen Gefilde 
in Thessalien auswandert und bei dem nach ihm benannten „drei- 
seitigen" Vorgebirge stirbt. Unter seinen Mannen bricht Zwist 



1) Schol. 11. f (]6ö // laioQiu nuQu xolq xvxhxoTq, ulme Angaben 
über seine Abstammung und über die Localität. 

2) V. 211. Leider ist der Text hier sehr corrupt. 

3) Dieuchidas bei Athen. VI 2(12 e, wo derOpferritns durch eine hübsche 
aber selir liarmlose Erzählung ätiologisch erklärt wird. Diod. V öS. — In 
den Eueen (fr. Ifi4) war uacli scliol. ApoUod. Rhod. IV S2S Phorbas der 
Vater der Sl^ylla; hier ist er wohl durch ein Versehen an Phorkys' Stelle 
getreten. — Gehört der von Hermes beschirmte Troer <I*('i(jfiag no?.i'i(tj?.og, 
Vater des Ilioneus (i4iio), hierher? 

4) liymn. ApoUod. 2il. Dieuchidas 1. c. Dass Pliorbas in den elischen 
(iencalogien bei Steph. Byz. s. v. Ji-c.u/tivai, schol. Apoll. Khod. I 172, vgl. 
Apoilod. II .'>, h ein Sohn des Helios ist, gehört vielleicht auch ursprüng- 
lich nach Khodos. 

5) vgl. WiLAMOWiTZ, Isyllos S. .')(l IV. 
(i) Steph. Hyz '/'(»c/V«,'. 

7) Diod. IV (iü. Paus. V 1 , II . Zenodot bei Athen. X 4 1 2 a und die Anm. 4 
angeführten Stellen. — Manche (ienealogien versetzen auch den Trioijas 
allein nach Thessalien und machen ihn zum Enkel des Aiolos (Diod. Vlil. 
Apollodor I 7, 4, 2) oder an Stelle des Phorbas zum Sohn des Lapithes 
(Diod. 1. c.). 



9ß 

aus, ein Theil kolirt in die lleiniath zurliek. seine beiden Söhne 
Phorbas und Periergos trennen sieb.') jener gründet lalysos, 
dieser Kameiros.'-j Die zu Tirnude liegende Ansehauuug. dass 
ein Theil der Bevölkerung der Hexapolis aus Thessalien stamme, 
wird wohl richtig sein. 

Dass Phorbas" Kiugkamiif mit Apoll gelegentlich auf die 
Sti'asse nach Delphi gesetzt und er zum König der räube- 
rischen Phlegyer gemacht wird 3). ist offenbar nichts als späte 
Willkühr. Aelter dagegen ist seine Uebertragung in die argi- 
vische Genealogie. Die meisten Stammbäume nennen seinen 
Xamen.^j so schon Pherekydes (s. die Tabelle^; von seinen Thateu 
wird hier nie etwas berichtet. Schwerlich hat man dabei 
daran gedacht, dass die dorische Hexapolis von Argos aus ge- 
gründet ist^): Phorbas ist hier vielmehr der Eponymos des 
Gebirges Phorbantion bei Troezen.^j In einzelnen Fällen ist 
ihm dann Triopas gefolgt, der in Argos der Sohn, nicht der 
Vater, des Phorbas ist.') Walirscheinlich ist er. wie wir gleich 
sehen werden, zuerst durch Hellanikos nach Argos versetzt 
worden. Jedenfalls aber ist es klar, wie verkehrt die ^Feinung 



1) bei den ,, Fluchinseln'- {'Afjuiui) zwischen Kuidos und Syme ver- 
llucht Periergos den Phorbas. Auch die Griindungsgeschichte von lalj'sos 
ist in ähnlicher Weise ausgemalt. 

2) Ganz spät und werthlos wie fast alles, was Diodor gibt, ist die 
diodorische Geschichte des Heliadcu Triopas V .50. 57. (»1, der von Rhodos 
über Knidos nach Thessalien und dann wieder nach der knidischeu Cher- 
sones zurückwandert. V 53 ist Triopas Gründer von S)'nie. 

■.i) Ovid. met. 11, 414. Philostrat. imag. 2, 19. 

4) Daher erklären die Argiver bei Pausan. VII 20, 1 2 seinen Sohn 
Peilen, den Eponymos Pellenes, für einen Argiver. 

5) eher könnte man derartiges in der Landung der Danaiden auf 
Rhodos suchen (vgl. auch die Geschichte des KjTnos Diod. V OOj. 

0) Steph. Byz. s. v. fpoQßuz. 

7) PaiLsau., schol. Eurip. Orest. 932, Hygin. Seine Tochter ist nach 
Pausan. IV 1 Messeue. Ihm schliesst sich mehrfach (schol. Orest. 1. c. Diod. 
V>5l. Hygin) sein Sohn Xanthos an, der Ep(jnymos des lykischeu Flusses. 
Nach Diod. VSI wandert Xanthos, Sohn des Triopas, König der argi- 
vischen Pelasger, erst nach Lykien, dann nach Lesbos, das er Pelas- 
gia nennt; so wird zugleich das Pelasgerthum von Lesbos (S. 35, \) erklärt. 
Es ist sshr charakteristisch , dass umgekehrt bei Diod. IV .'>%, 7 Triopas, 
Phorbas" Sohn, der von Thes.salien nach liliodos wandert, der erste helle- 
nische Besiedler von Rhodos ist. — TijiÖtiuc o "AßavTog Gründer des 
Triopious schol. 'Iheokr. 17, 09. 



97 

ist, der Epouym des triopischen Vorgebirges sei eine alt- 
argivisehe Gestalt und aus dem dreiäugigen Bild des Zeus 
Larisaios in Argos (oben S. 72, 1) hervorgegangen.') 

Auf die Eiureihuug des Pelasgos in den argivisehen Stamm- 
baum haben wie Hesiod — dem er ja in Arkadien entstanden 
war — auch die meisten anderen Genealogen verzichtet. Und 
doch entbehrte man den Namen nur ungern; es war sehr ver- 
lockend einen Ausgleich zu versuchen. Den einfachsten Aus- 
weg betrat Akusilaos:-) er gab die Geburt des Pelasgos aus 
der Erde auf und machte ihn zum Bruder des Argos und Sohn 
des Zeus und der Niobe. Sonst schloss er sich ganz an Hesiod 
an; Pelasgos' Sohn bleibt bei ihm Lykaon. Weit tiefer hat Hel- 
lanikos (in der Phoronis) eingegriifen. Er führte den Trioi)as 
als Sohn des Phorbas ein und gab ihm, offenbar mit Rücksicht 
auf seinen Namen, drei Söhne, Pelasgos, Jasos [Vater der loj. 
lind Agenctr [Stammvater der Königslinie, die vor Danaos in 
Argos herrscht].-') Von demselben erhält Pelasgos das Gebiet 
der argivisehen Larisa und nennt es nüMoyixov "AQyoc., lasos 
Elis. das daher "laoov "A^yo^ lieisst, während Agenor nach dem 
Tode seiner Brüder ihr Gebiet mit zahlreicher Reiterei be- 
kriegt: daher der Name ijrjcößorov "Agyac.*) So waren die 



1) Dag-eg:eü auch EoiiERT in Preller's Mythol. I* ir)5 Aiim. 1. 

2) Apullodor II 1,1. III S, 1. Was Mülleii und die ihm folg-en als 
i'irtcs Fragment des Akusilaos aus Tzet/.es zu Lykophron 177 anführen, 
ist ledi}i;Iicli ein Exccrpt aus ApoUodor. 

.{) Der Name Agenor, den auch Pausan., schul. Orest. 1. c , Ilygiu in 
Argcis nennen, i.st hier offenltar ein reiner Fülluame ohne Inhalt. \'ielleicht 
ist auch er zunächst dureii llellanikos in den argivisehen Stammbaum 
eingetlihrt 

1) sehol. II. /'7.^. Dass Eustathios zu der Stelle den Phoroneus als 
Vater der drei Hrüder nennt statt Triopas, widerspricht allen sonstigen 
Angaben. — Peldugoa Triopae filius Erbauer des arkadischen Zeustempels 
ll\giM 225. — Einen anderen Aiisgleichsversuch geben die nahe ver- 
wandten Stammbäume des Chara.\ (Steph. Byz. IJu(j()aaiu) und das schol. 
Eiirip. Orest. KiKl, nach denen Pehusgos, Arestors Sohn, Eukel des lasos 
oder Ekbasos, aus Argos nach Parrhasien wandert. Eine etwas andere 
l'olge gibt Nie. Dam. fr. 32, wonach in Argos nach Apis dem .Sohne des 
i'lioroneus der Autoehtlion Pehusgos herrscht, dann Argus, schliesslich 
i'eiops. — Schliesslich liemerke ich, dass Kastor den Pelasgos auch in 
die sikyoni.seiie Köiiigsliste (als 2.")Steii Herrscher, Euseb. i 17^) aufge- 
nomn)eu hat; Pausauias, der sonst zu Kastor stimmt, nennt ihn nicht. 

Meyer, Forsctiun^eii zur uUeu Cieachlchte. 1. 7 



Pehisgei" für Argos gerettet: nach Pausaii. II 22, 1 hat Pelasgos, 
Triopas' Sohn, hier sein C4ral) in der Nähe des von ihm er- 
bauten Heiligthums der Demeter TJilaoyu (s. u. S. 101, 2). 

Der Stammbaum des Hellanikos hat mithin ungefähr ebenso 
ausgesehen wie der des Pausanias und der Orestesscholien. Nur 
verwarf er den Inaehos als Urköuig und setzte Phoroneus wieder 
an die ihm gebührende Stelle: er sehrieb ja eine (pogooric. Da- 
her wird in den indireet auf Hellanikos zurüekgehenden Stamm- 
bäumen bei Dion. Hai. I 11. 17 Inaehos nicht genannt (ebenso 
wenig kennt ihn z. B. Plin. VII 193). und auch Pausanias ver- 
wirft die Nachricht über sein Königthum. Weiteres über Hel- 
lanikos' Combinationen werden uns die thessalisehen Genea- 
logien lehren. 

Zum Schluss erwähne ich noch einige Genealogien, die in 
den verschiedeneu lleberlieferungen an den Stamml)aum ange- 
knü}»ft werden und zum Theil vielleicht auf die Phoronis zu- 
rückgehen. In den Eoeen war Inaehos' Tochter Mykene ge- 
nannt, die Gemalin Arestors (Pausan. TI 1(3. 4).') ebenso Argos' 
Sohn Epidauros (Pausan. II 26, 2; ebenso AjxtUodor); schob Eurip. 
Ort'st. 932 nennt daneben Tiryns. Akusilaos (Pausan. II 16, 4) 
machte dagegen in ganz bezeichnender Weise Mykeneus zum 
Sohne des Sparten (des Eponyms von S])arta). kehrte also die 
Verhältnisse der Sagenzeit auf Grund der gegenwärtigen Zu- 
stände um. Spartou war ihm ein Sohn des Phoroneus. Ein 
anderer machte Hermiou zum Sohne des Europs des Sohnes 
des Phoroneus.'-) An Inaehos werden Aigialeus uud die Ahnen 
der Sikyouier angeknüpft. Dass Nauplios ein Sohn der Da- 
uaide Amymone ist, ward schon erwähnt. Eine andere Danaide, 
Polydora. vermalt sich mit dem Spercheios und zeugt den 
Dryops;-') denn die Dryoper sassen ursprünglich am Spercheios, 



1) Ebenso ein Citat aus dem Kyklos oben S. 94. ;}, das dadurch ver- 
dächtig wird. 

2) Pausan. II :U, 4. Da auf Phuruueiis sein Enkel Argos tulgt, sehloss 
lierophanes von Troezen logisch sehr richtig, Europs sei ein Bastard ge- 
wesen. — Hierher gehört auch Kar, Sohn des Phoroneus (Pausan. I 4(i, (!)» 
der Eponymos der Akropolis von Megara, die so für die Urzeit von Argos 
aunektirt wird. 

:^) Pherekydos fr. 2.! bei Schol. Apull. Khod. I 1212 (wo fälschlich 
Peneios steht). Autoniuus Liberalis 32. Bei Aristoteles (Strabo VIll 0, 13) 
ist Dryops dagegen ein .Sohn des Arkas. 



09 

später aber auf der arg•i^isehen Akte. Das alles sind völlig 
eorreete Genealogien, deren Bedeutung auf den ersten Blick 
klar ist; ihre Zahl würde sieh vermuthlich bei einigem Suchen 
noch vermehren lassen. 

Wenn der argivische Stammbaum, dessen Analyse wir 
jetzt beendet haben.') sieh durchweg als ein spätes und jedes 
historischen Gehalts entbehrendes Machwerk erweist, so ist 
seine Wirkung um so grösser gewesen. Die Dürftigkeit der 
Erzählung hat dieselbe nur erhöht; wie kaum ein anderer 
Stammbaum trug der argivische das Gepräge eines rein histo- 
rischen Dokuments. Die Folge der Geschlechter reichte hier 
in eine so hohe Zeit hinauf wie nirgends sonst in Griechen- 
land."-) und die eponymen Namen der Könige schienen die 
grossen völkergeschichtlichen Bewegungen der Urzeit zu be- 
wahren. Aus den Danaiden ergab sich, dass die Bewohner 
von ganz Hellas ehemals Pelasger geheisseu hatten; denn im 
übrigen Griechenland war ja ein selbständiges Leben damals 
noch nicht erwacht, und so muss Pelasgos' Reich das ganze 
spätere Hellas umfasst haben.'*) Durch Danaos' Einwanderung 
entsteht ein neues Volk und ein neues kräftiges Leben. Für 
Acschylos, dem die Ueberlieferung eine heilige Geschichte ist 



1) Gauz isolirt steht die Angabe bei Pausau. VIII 22, 2, Stymphalos 
sei von Temenos dem Sohne des Pelasgos gegründet, der Hera auferzogen 
und ilireu Cult eingeführt habe. Hier ist der Ahne der dorischen Könige 
von Argos an den Ötauimvater der Arkader (oder an den argivischen Pe- 
lasgos?) angeknüpft. Hängt das damit zusammen, dass die Stymphalier 
zu Pausanias' Zeiten nicht zu Arkadien sondern zum 'Aoya/.ixöy gehörten ? 
|vgl. jetzt meine Gesch. d. Alt. II 170|. 

2) Dass der Stammbaum von Sikyou, den Pausanias und Kastor (bei 
Euseb.) im wesentlichen gleichmässig geben, noch höher hinaufgeführt ist, 
ist eine Absurdität. 

.'<) iMitgewirkt iiat dabei natürlich selir wesentlicli, dass die Pelasger 
an den verschiedensten Stellen (iriechenlands, in Arkadien. Attika, Thes- 
saüen. ansässig gewesen sein sollten. ^ Ihren classischcn Ausdruck liat 
diese Anschauung in den bekannten Versen des euripideischen Archclaos 
(fr 22s) gefunden: irxruoq o nfvzi'ixovru ii^vyuTtQior tiutiiij NfiXov hnufv 
xü).}.intor tx yaiac vSwq . . . ikf^ujv ec "ipyoc oixia' 'ivci^ov nö?.iv, Ile- 
/MuyiwTft^ (S' iovojtuafthvow; r<> 7H)ir iavuo'iQ xakfiaO^ai yt'ii<or txhix uv 
'E).).Hi\(( Sophokles in seiiu'ni Inachos hat dann, wie früher (S 20, 2) 

erwäiuit, auf die Argiver des Inachos sogar den Namen der tyrsenischeu 
Pelasger übertragen (L)ion. Hai. I 2:»). 

7* 



101 > 

imcl der sich den alten naiven Glauben an ihre Wunder be- 
wahren möchte — obwohl der Versuch, die Dinge, welche das 
E])os einfach erzählt, real und gegenwärtig vorzustellen, den 
Keim des Kationalismus ])ereits mit Xaturnothweudigkeit in 
sich enthält 'j — ist es der geheimnissvolle Plan des Zeus, 
der auf diese Weise zur Durchführung kommt, und durch den 
das unendliche Weh. welches Zeus der lo zugefügt hat, ge- 
rechtfertigt wird. Für den Rationalisten, welcher die Wunder 
verwarf,-) ergaben sich noch bedeutendere Folgerungen. Ihm 
war lo eine geraubte argivische P]incessin, welche von irgend 
einem beliebigen Orientalen ein Kind bekommen hatte (Herod. 
I 1). Ihre Nachkommen sind rechte Aegypter,"^j und so ist 
Danaos" Köuigthum in Argos eine FremdheiTschaft so gut wie 
das des Kadmus und Pelo])S. Diese Anschauung ist im vierten 
Jahrhundert Allgemeingut geworden: ,.Die Athener" sagt Plato 
in der Leichenrede des Menexenos 245 ..sind reine Griechen 
und nicht mit Barbaren vermischt; denn kein Pelops oder 



1) Ungemein bezeichnend dafür ist die Art, wie er von der Verbin- 
dung zwischen h) und Zeus redet (suppl. 295 fragt der König //// }<ui 
h'iyoz Ttq Zlvu iti/J)^TJrui ß^oTvj; 5b<i sagt der Chur von lo ?.ußovau «)' 
toiiu Um- uxi'fviSH /.rt/w yeivuTo rcalfi^ üfiSf/ipfj). Aeschylos ist nicht 
mehr im Stande, das Verhältniss, an das er glauljt. in nackter Wirklich- 
keit vorzuführen: er empfindet den Widerspruch, in dem es zu dem ge- 
läuterten üottesbegriff steht. So bleibt es für ihn eine Art Mjsterium 
und er geht mit einer zarten Andeutung darüber hinweg, indem er zu- 
gleich die Zuverlässigkeit der Ueberliefening scharf betont. Man sieht 
daraus zugleich, wie vielfach diese Fragen (die ja für den Adelsstand eine 
gro.sse praktische Bedeutung hatten) in jener Zeit discutirt sind; und das 
wird durch die zahlreichen Stellen, an denen Herodot davon spricht, in 
drastischer Weise bestätigt Aus Herod. II 1 45 ergibt sich auch, dass 
schon Hekataeos die Ueberlieferung einfach verworfen hat. 

2) In wie reizender Weise Hekataeos die ihm unwahrscheinliche Zahl 
von fünfzig SiHmen des Aigyptos beseitigt hat, haben Weil (rev. de philol. 
nouv. ser. II 84) und Wilamowitz (Kydathen '.)4) erkannt: o dt Ai'yvnzog 
uvTog fxtv ovx 7,/.Utv eig "ÄQyog, nuIAeg dt, ojg fttv ^Hoiuöoq inoh/Of, 
nfvzqxovxu, vjg dt iyut Ätyvj, ovdt Hxoai. Vgl. dagegen Syucell. p. 2'^b: 

ovx UTllOTOV dt iv ßuQßÜQOlQ Jj 7l0).VXfXviu dlU Tf) 7l).JiHoi TWV nu).'/M- 

xwv, die natürlich auf ältere Schriftsteller zurückgeht. 

'.i) l)aher sind denn auch die Herakliden ägyptischen Ursprungs, 
AiyvTiTiot if}ay^ittj Herod. VI 5:j. Das ist längst vor Herodot nachge- 
wiesen, so dass er nicht mehr darauf eingehen mag VI .J5. Danaos" und 
Ljnkeus" Heimath in Chemmis II 91. 



101 

Kadmos oder Aig-yptos oder Danaos oder sonst einer von den 
vielen geborenen Barbaren, die hellenisches Bürgerrecht er- 
langt haben (ovds aXXoi jtoXXo\ c/vösi (ilv ßc'cQßaQOi ö'rrfc, 
vö/jo) dl "EXh/rtc), hat sich bei uns angesiedelt." Ebenso Iso- 
krates 10, (38. 12, 80.0 Für Herodot ist diese Anschauung eine 
Hauptstütze seiner Ansicht, dass die griechische Cultur und 
Religion aus Aegypten stammt, und so meint er denn auch, 
dass die Danaiden die Mysterien der Thesmophorien aus 
Aegypten nach Griechenland gebracht und die pelasgischen 
Weiber darin unterwiesen hätten (II 171); die Neueren halten 
das für uralte Ueberlieferung und glauben allen Ernstes, die 
Thesmophorien seien ein pelasgisches Fesf^) 



Beilage. 
Proii und Haliaia in Argos. 

(Philologus N. F. II ISS«) S. lS.5ff.) 

Euripides schildert im Orestes 872 ff., wie das Volk von 
Argos, um über Orestes zu Gericht zu sitzen, zur Ikirg hinan- 
steigt an die Stätte, wo zuerst Danaos im Process mit Aigyptos 
das Volk versammelt haben soll (oqoj d' oylov öTHyjwra xal 
IhäoöovT äxQtiv, ov (faOi JtQOixor Auvaöv Alyvjtxo) dixaq diÖorr' 
a&QOlöai Xaöv de. xoivag tÖQag). Zu v. 872 bemerken die 
Scholien unter anderem («) Xtyetai dt riq Iv "Agyei Uqcov, 
ojiov dixd^ovoii' 'A()y£toi.'^) Es wird dann eine Stelle des 
Deinias citirt, der erzählt, die Gräber des Melacharis (V) und 
der Kleometra (V) liegen vjitQÜvo) xov xaXovfih'oi^ ÜQcovög * 
ycöfta navT tXdbq , ov övf/ßaivei touc 'Agy^iovc, öixd^tiv. Die 



1) Vgl. die Anekdote von Isokrates' Tod. Bekanntlich hat man in 
licllenistischer Zeit nacli der Analogie des Danaos auch den Kekrops aus 
Aegypten einwandisrn lassen. 

2) Daran knüpft I'au.sanias" Erzählung von der Aufnahme der Demeter 
durch Pelasgos vou Argos (1 14, 2) und der Erbauung des lieiligtliums 
der Demeter Pelasgis (oben S. 9S). Neuere Forscher haben darin wirklich 
einen alten und geschichtlich wcrthvollen Ik'inauu'u der argiviscluii De- 
meter gesehen. 

'.)) Ob die darauf folgenden c(trrui)ti'n Worte von (.'oukt, dem 
SciiWAUTZ in seiner Ausgabe folgt, oder von Wu.AMowrrz Kydatlien !i:i 
richtig cmendirt sind, ist für uns gleichgültig. 



102 

Lage dieser Gerichtsstätte Pron' i bestimnit Pausanias genau: sie 
liegt hinter dem Heiligthiuii df^r Quelle Kephisos in nächster 
Nähe des Theaters.-) Pausanias verlegt den oben besprochenen 
Process des Hypermnesti'a hierher; zugleich zeigen seine Worte, 
dass die Gerichtsstätte zu seiner Zeit nicht mehr benutzt wurde. 
Das Theater ist am Abhang des langgestreckten Rückens der 
Larisa in den Felsen eingeschnitten, wenig nördlich davon (der 
Rücken des Larisa läuft von N. nach 8.) befindet sich die 
polygonale Stützmauer einer Terrasse und ein Brunnenhaus aus 
späterer Zeit') — offenbar das Kephisosheiligthum. Danach 
lässt sich die Lage der Richtstätte genau bestimmen, und zu- 
gleich zeigt sich deutlich, dass Euripides dieselbe Localität im 
Auge hat. 

Xun sagen die Schollen zu V. 871 (b) tdv I]Qon\: /.tytf 
ivxavü^ä cfuiji rovc 'ÄQytiovL txxh/oiüZtiv, bezeichnen also den 
Pron als Stätte der Volksversammlung. Das könnte eine ein- 
fache Flüchtigkeit sein. Aber eine weitere Bemerkung zu V. 872 
lautet (c) 7] dixrj (zwischen Danaos und Aigyptosj ovn'jyjhj jihji 
T?)^• fityior7jV axQav, tv&a xal "iva/oc äXiocn: xov Xtojv övv- 
i^jOvX'ctotv oixiZeiv ro Jitdiov o dfc xojioq tS. ixtivov Aha'ia 
xaXtlxai:^) Hier wird Euripides' Angabe auf die Volksver- 
sammlung bezogen: aber dass die gemeinte Localität die- 
selbe ist. wie die Richtstätte Pron. ist evident'): der Name 
der Haliaia wird davon abgeleitet, dass Inachos hier an der 
grössten Burg (im Gegensatz zu der zweiten kleineren Akro- 
polisj d. h. am Abhang der Larisa das Volk versammelte. Das 



1 ) Pausanias kennt diesen Namen nicht, wolil aber einen Berg Pron 
bei Hermione 11 :i4, 11. 36, 1. 2. 

2) II 20, 7 TiaQu dl xh ifQov xov Ktjtfioov MtdoiG7,i 'üboi n^Tioir/- 
nivTj y.f(fa).ri . . . xo dh yojgiov xo oTiioSev xul ig xödt xqixiIqiov övo- 

(lÜCoVOlV . . . XOVXOV r)e ioXlV OV TCOQQÜ) d^bUXQOV. 

3) Nach Lollixg"s Angaben bei Bädeker. Die Localität des Pron 
hat bereits Curtius im Peloponnesus erkannt, den Bursian Geogr. von 
Griechenland II .51 mit Unrecht bekämpft. Ich bedaure bei meiner An- 
wesenheit in Argos mich um diese Dinge gamicht gekümmert zu haben. 

\) Dass die Interlinearglosse xr^v "^H/.irxiuv <ftjol und die Bemerkung 
In B zu imserer Stelle // vvv tjkiaia i.eyonivii daraus entstellt und werth- 
los sind, bemerkt Wilamowitz 1. c. mit Recht. 

o) Das hat Wilamowitz verkannt. 



103 

ist aber eben auf dem Pron; denn zwei derartige ganz gleiehge- 
legene Versammlungsstätten anzunehmen wäre baare Willkühr. 

Nun weist die Angabe über Inachos auf gute argivisehe 
Tradition hin; und sie setzt die Volksversammlung am Ab- 
hang der Burg, im Gegensatz zu der Besiedelung der Ebene, 
voraus; denn sie will ja grade den Xamen o.Xiaia erklären. Es 
bleibt also nichts übrig, als gegen Wilamuwitz Kydathen 93 f. 
zu der alten Ansicht zurückzukehren, dass Volksgericht ' ) und 
Volksversammlung an derselben Stätte, auf dem Pron. zu- 
sammentraten oder wenigstens ursprünglich zusammengetreten 
sind. Das Scholion h ist also völlig correct. Eine spätere Ver- 
legung der Volksversammlung in die ebenen Theile der Stadt 
wäre allerdings denkbar, ist aber w^enig wahrscheinlich, da ja 
gerade der Bergabhang diesem Zweck vortreiflich dient, weil 
er unbebaut ist und die Vorrichtungen für die Versammlung 
hier viel leichter getroffen werden können als in der El)eue, 
vgl. die Pnyx. 

Wenn nun auch Pron und Haliaia identisch sind, so folgt 
daraus freilich noch nicht, dass das Volksgericht den letzteren 
Namen gehabt hätte. Haliaia mag trotz der Angabe des Schol. c 
nur der Name der auf dem Pron tagenden Versammlung, nicht 
der Localität gewesen sein. Wilamowitz hat a])er im An- 
schluss an Cobet weiter vermuthet, dass Haliaia nur ein Irr- 
thum und durch den sonst bei den Dorern überlieferten Namen 
der \'olksversammlung aXia zu ersetzen sei. Das schien recht 
l)robabel. Aber eine der beiden vor kurzem von Tsuxtas ent- 
deckten mykenäischen Inschriften-) zeigt, dass auch hier die 
Angabe des Scholion vollkommen correct ist. 

Bekanntlich ist Mykenae zur Zeit des dritten messenischen 
Kriegs, um 460 v. Chr.,'') von den Argivern zerstört worden; 



1) Wie Aeschylos suppl. und Euripicles lehren, war dieses in Artjos 
niiudcstcns ebenso ausgebildet wie in Athen und vielleicht älter. 

•1) 'E(p]n. nQyuio).. Ib87, \hhS. [Wie Swoboda Pliilol. N. F. II Ti.2 
bemerkt, findet sieh alauai x\fXfiut\ aiich auf dem Bruchstück eines 
BCII IX '.SWl ven'UVentlieliteii Dekrets, das vielleielit aus Arjjjos selbst 
stammt.] 

'X) Diod. XI 65 die Argiver oitiüvztq xoiq Aaxtdcaiioriovg Tfranei- 
rio/uirovc y.ul fii} diyu/atvoi\: zol^ MvxTjvaioiq (ioiti>tlv greifeu Mykenae 
an. Das vorangehende Kapitel erzählt die Geschichte des messenischen 



104 

aber in hellenistischer Zeit ist auf den Trümmern der alten 
Stadt eine Dorfgemeinde') entstanden, von der uns zwei Be- 
schlüsse ziemlich vollständig erhalten sind. Der eine derselben, 
der aus der Zeit des Nabis stammt, beginnt mit den Worten 
i9toic ayaO^ai rv/ai aXuaai tdo§t rtXticu Mvxartoyv. 

Demnach werden wir nicht zweifeln dürfen, dass auch die 
argivische Volksversammlung aXiaia hiess. Das AYort ist jeden- 
falls eine Weiterbildung von aXla. Die Frage ob der Name 
auch das Yolksgericht bezeichnen konnte und ob weiter die 
athenische iiha'iu rcöv fHofiofhtrojv irgend etwas damit zu 
thuu hat. l)leibt davon unberührt. Wilamowitz bestreitet es 
mit beachtenswertheu Gründen; doch bleibt die nahe Berüh- 
rung der beiden Worte immerhin auffallend. Wäre die Ver- 
muthung zu gewagt dass die Athener mit der Institution das 
Wort aus Arges entlehnt und falsch ionisirt haben? 



Kriegs. Dass Diodor die Zerstörung von Mykenae unter dem Jahre 4^8/7 
erzählt, beweist nichts. 

1) Beide Inschriften bezeichnen Mykenae als Korne. An der Spitze 
der Verwaltung steht ein Dauiiorgos; die Bezeichnung J«/'^ovrM'.\ welche 
dieselben tragen, lehrt uns, wie Tsuntas bemerkt, eine daiphoutische 
Phyle kennen, die in der h\ rnethischeu ihr Gegenstück hat. 



Fünftes Kapitel. 



Pelasg'os in Thessalien. 



In Thessalien, wo der Pelasgername allezeit lebendig ge- 
blieben ist, hat es natürlich aneh an einem Eponymen Pelasgos 
nicht gefehlt. Eine epische Ueberlieferung über ihn besitzen 
wir freilich nicht,') vielmehr sind wir fast ausschliesslich auf 
Hellanikos angewiesen. Dieser hat in seiner Phoronis (fr. 1 
bei Dion. Hai. I 28) folgenden Stammbaum gegeben : 

Pelasgos Gem. Menippe Tochter 

König der Pelasger des Peneios 



[Larisa 


Phrastor 


fr. 29 bei schol. 


1 


Apoll. Rh. I 40, 

Eponyme 
der thessalischen 


Amyntor 
Teutamides^) 


Stadt.] 


Nanas 



1) Schol. Apoll. Rhod. IV 2(>t) ._l8vxa?.ld>^ian'] oi unn hixaliiovoi zo 
yävog t/orteg ißao(?.evov &toaaXiac, wg <py}Oiv 'Exaralog (fr. 3,H4) xai 
^Haiodog- tj Osoaakia fit IleXaayia ixaXnxo dno Uekaayov rov ßaaikfv- 
auvrnq ist zu allgemein gehalten, um als Zcugniss venverthet werden zu 
können. Freilich ist niclit zu zweifeln, dass llesiod und Hekataeos die 
Dinge ebenso berichteten wie die Späteren. — Die hcrrsclieiide Ueber- 
liefernng forniulirt kurz l'lin. IV 28: sequitur nuitatis saepe noniinibus llae- 
monia, eadem Pelasgis et Pcilasgicon Argos, Hellas, eadem Thessalia et 
Dryopis, semper a regibus CKgnoniinata . ibi genitns rex nomine (iraecus. 
a quo Graecia, ibi Hellen, a quo Ilellenes. 

2) [Tümpels Vcrmuthung Piniol. NF. III 713, für TeiTafU(hjg sei Tei- 
za/uitjg zu lesen und dieser sei aus II. B 843 entnommen, wo ül)er die Pe- 
lasger Ilippotlioos und Pylaio.s herrschen, vit rft'w» Arj'hüo IIi?.aoyov Ttr- 
la/iddao, ist in ihrem zweiten Tlieil evident. Dagegen hat Hellanikos wahr- 



106 

Unter dem letztern werden die Pelasger von den Hellenen 
verjagt und wandern nach Italien aus. üass der WolinBitz 
dieser Pelasger l)ei Hellanikos TliessalitMi ist. lehrt der Zu- 
sammenhang hei Dionys und die A})stanimung der Gemalin 
des Pelasgos. Im Uhrigen kennt auch Herodot diese Er/iihlung: 
die Pelasger, welche zu seiner Zeit in Cortona in Etrurien 
wohnten, hahen ehemals in Thessaliotis als Nachharn der 
Hestiaeotis bewohnenden Dorer gesessen (I 57). Es kann daher 
der von Hellanikos hier genannte Pelasgos nicht mit dem 
Pelasgos, Öohn des Triopas, identisch sein, den Hellanikos im 
peloponnesischen Argos herrschen und dort auch sterben Hess 
(s. 0. S. 97). Vielmehr hat Hellanikos zu dem beliebten Mittel 
gegriffen, die Differenzen der Stammbäume durch Statuirung 
zweier gleichnamiger Persönlichkeiten auszugleichen. So konnte 
der argivische Pelasgos neben dem thessalischen bestehen; es 
ist ein Wunder, dass Hellanikos nicht noch einen dritten, ar- 
kadischen, Pelasgos daneben genannt hat.') Als Heimath der 
Pelasger betrachtete Hellanikos den Peloponnes, von hier ist 
ein Theil des Volkes nach Thessalien gewandert, vermuthlich 
wie bei Dionys I 17 (s. u.) eben unter Führung des Pelasgos II.-) 

Dass der von Hellanikos gegebene Stammbaum von ihm 
im Epos vorgefunden, wenn auch vielleicht im einzelnen rec- 
tificirt und erweitert worden ist, wird Niemand bezweifeln. 
Einer der aufgeführten Herrscher, Teutamides, wird von Apol- 
lodor 11 4, 4 als der thessalische König genannt, zu dem Akrisios 
flieht, um dem ihm von Perseus drohenden Unheil zu entgehen, 
das ihn dann doch gerade hier ereilt.-*) Diese Erzählung hat 



scheinlich den Eigenuameu wirklich Tevzu/jidij^ gebildet, nicht Ttvta/^iiag; 
denn bei Apollodor II 4, 4 steht zwar in den Handscliriften Ttvra/xiov. 
aber sowohl bei Tzetzes ad Lycophr. 8:^8 wie in der Epitome Vaticana 
Tevta/Aiöflv.] 

1) Welche Stellung Hellanikos dem Lykaon gab, wissen wir leider 
nicht ; aber höchst wahrscheinlich ist es doch , dass er bei ihm Sohn des 
Pelasgos I., Enkel der Triopas, gewesen ist. — Nach Harpokratiun s. v. 
ahtöyßoveq bezeichnete er die Arkader als Autochthonen. 

2) Ebenso Staphylos von Naukratis (drittes Jhdt.) bei schol. Apoll, 
ßh. 1580: J^täcpvXog 6 N. üekaoyöv (pt/aiv lAi^^ytlov zo yivog /nfToi/crjoai 
eig 0eaaakiav xai an' avrov UvXaayiav tijv dioauXiav xkrjii^Tivai. 

3) Ebenso ohne Nennimg des Pelasgerkönigs Pherekydes fr. 26 (Schol. 
Apoll. .Rhod. IV 1091) u. a. Vgl. Steph. Byz. AÜQiau 6tooa?.iag, )]r 



107 

ursprünglich mit dem Pelasgerkönig- gar nichts zu thun: sie 
benutzt vielmehr die Akrisiossage. um die Gleichnamigkeit der 
thessalischen Stadt mit der Burg von Argos zu erklären. 
Wer aber diese JLrzählung historisch ausmalen wollte, suchte 
im Stammbaum den Zeitgenossen des Akrisios. Wir werden 
das Verfahren umkehren dürfen : dann gewinnen wir für Hella- 
nikos unter Heranziehung des oben gewonnenen den S. 108 auf- 
gestellten Stammbaum, dem ich gleich das Geschlecht des Deu- 
kalion und die attischen Könige ') beifüge. 

Dieser Stammbaum lehrt uns sogleich den ganzen Aufriss 
der älteren griechischen Geschichte kennen, den Hellanikos 
gegeben hat. Herakles Neleus Pelias Jason Theseus sind der 
Ueberlieferung nach Zeitgenossen und stehen denn auch in 
dem aufgestellten Schema auf gleicher Linie. ■^) Fand nun 
Hellanikos die Angabe vor, dass Nanas der letzte König der 
thessalischen Pelasger vor dem Einl)ruch der Hellenen gewesen 
sei, so ergab sich die Zahl der Generationen, um die er von 
Pelasgos und Triopas abstand, durch eine einfache Rechnung. 
Zugleich zeigt sich, dass die Stelle, welche Pelasgos II. erhielt, 
mit gutem Bedacht bestimmt ist. Er steht auf einer Stufe mit 



AxQioioQ txTiae. vgl. schol. Ap. Ehod. I 40 Aä^ioav rijv 6taouXiaQ keyti, 
i]v txTiofv AxQiaio^, i'/Tt^ wrouaox^)/ en'i AaoiaijQ xijC IleÄaoyov. wc (ftjoiv 
'^EU.f'atxo^ (fr. 2!l); aus Hellanikos stammt nur die letzte Bemerkung, welche 
mit der Gründung durch Akrisios im Widerspruch steht. — Nach Strabo 
IX 5, ü geht bereits Abas von Argos nach Thessalien und bringt den Namen 
ne?.aaYixöv 'Ä(jyo:: mit. 

1) Ich halte es trotz Kirchhoff Hermes YIIl, lüii für sicher, dass 
IIellaniko.s bereits Kekrops II. und Pandion II. gekannt hat, so gut wie 
die parisclie Chronik. Dagegen hat auch bei ihm Pandion nach [niclit wie 
ScHÄFEK, Quellenkunde P Is annimmt vorj Erechtheus regiert; er war der 
Vater des Aegeus, wie bei Herodot l 173. 

2) Herakles und seine Zeitgenossen (zu denen ja auch Priamos" Vater 
Laomcdon gehurt) repräsentircu die Generation von den Tfjojtxu; das gibt 
für Pelasgos I. die 15, für seinen Sohn Lykaon die 14 Gen. vor Troja. 
Dion. Hai. 1 II setzt Lykaon's Söhne, speciell den nach Italien auswan- 
dernden (»inotros inTuxrxidma yfvtaig ii()ÖTi-()ov tcüv stiI Tiiinav oTiia- 
Tf-vaävTüJV. Das beruht darauf, da-ss Dionys' Quelle den Pelasgos l. zum 
Sohn der Niobe und Bruder des Argos macht; zwischen diesem und lo 
haben dann bei ihm noch drei oder vier Zwischenglieder (etwa Kriasos, 
Agenor, lasos oder ähnl.) gestanden; dadurch rücken Lykaon und seine 
Söhne bei ihm um eben so viele Generationen hinauf. 



108 



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109 

den Danaideu, und wenn er bei Hellanikos, was doch sehr 
wahrscheinlich ist, der Führer der Auswanderung nach Thessa- 
lien war. so haben die Pelasger den Peloponnes verlassen, als 
hier das Danaervolk entstand. Die Zwischenglieder mussteu 
dann, soweit die Ueberlieferung- nicht reichte,') durch Combi- 
nationen ergänzt Averden: vielleicht hat Hellanikos auch einige 
Stellen leer gelassen. 

Ein anderes und älteres Schema für die thessalischen 
Kponvnicn l)ietet der in den Commeutareu zu II. />*G81-) er- 
halt(me Stammbaum : 

Thessalos 

I 
Haimon Gem. Larisa vou Ar^os 



Pelasgos Pbtliios Achaios 

Hier sind dem Thessalos und seinem Sohne Haimon — Thes- 
salien soll bekanntlich früher Haimonia geheissen lialnni. woher 
der Name stammt weiss ich nicht — die Eponymen einiger 
der Hauptstämme des Landes untergeordnet. Später kommen 
dann Deukalion und die Hellenen ins Land. Schliesslich macht 
eine dritte Version den Pelasgos zum Sohne des Poseidon und 
der Larisa,^) wobei unentschieden bleibt, ob ursprünglich die 
thessalische oder die argivische gemeint ist. 

Diesen Stammbaum hat wie es scheint Myrsilos von Lesbos 
um 250 v. Chr. ^) mit dem des Hellanikos contaminirt und zu- 
gleich au Stelle des argivischen Stammbaums des letzteren einen 
andern gesetzt, welcher mit Akiisilaos Pelasgos zum Sohne 

1) Der Name Amyiitor ist dem bek;iniiteu Vater des Plioinix. der ja 
iu Tliessalieü zu Hause ist, eutlelmt. 

2) Im A'en. B und im allgemeinen besser bei Eustath. (zu (>^4), der 
zwischen 'J'hessalos und Haimon noch einen Aigon einschiebt. Einen um- 
gekehrten Stammbaum gibt Hteph Byz. Ai/toria: A'liiwr v'iöc. fttr A'lwfjov 
rov lh/.ur,yi>i. 7iuc)j() i)l (itnoa/.ov, (wc 'Piarn^ xui aX).ot. Bei Strabo 
IX 5, T:', ist Haimon Sohn des Thessalos, bei schol. Apoll. Rh. 11 r)()4 Sohn 
des Ares, bei Eustatli. ad 11. // T.id (in den Seholion verkürzt) ein Enkel 
des Aeolidcn Magnes. 

;i) Schol. Apoll. Rhod. 1 5Sii. Dion. Hai. 1 17. 

4) .Müllenhof Deutsche Alterthskde 1 AM. WiLAiMOVvrrz, Antig. 
V. Kar. 24. Dass er Dionys' Hauptiiuelle für die Geschichte der l'elasger 
(die .Myrsilos Tyrseuer nannte c. 2S) ist, sagt Dionys selbst c. 2;{. Danach 
ist wohl auch der Stammbaum in c. II. 17 aus ihm eutuommeu. 



HO 

des Zeus und der Niobe maelit. So ist die Genealogie ent- 
standen, welche Dionys. Hai. I 11. 17. niittheilt: 

Phoroiieus Aizeios | 

I I s. o. S. 04 

Niübe Gem. Zeus Lykaon I. | 

I 



Arj^os Pelasgüs I. Gem. Deianeira 

Lykaoii II. 



[17 (ien. vor I 22 Söhne [daniuter Oiuotros und Peuketios] 
Troja J I nach Pherekj'des 

X. 

I 

X. 

Larisa dem. Poseidon 



V ti yfvhrd. 



Achaios Plithu>s Pelasfi:;os II. 

Pelasgos IL und seine Brüder wandern aus dem Peloponnes nach 
Hainiunien (== Thessalien) und hier l)leiben die Pelasger fünf 
Generationen lang- sitzen, bis sie in der sechsten von den 
Kureten (^ Aetolern) und Lelegern (= Lokrern) ') unter Deu- 
kalion verjagt werden. Die Namen der Nachfolgen" des Pe- 
lasgos IL werden woiil im wesentlichen mit den von Hellanikos 
gegebenen übereingestimmt haben, obwohl Dionys eine Gene- 
ration mehr zählt als dieser. 

Alle Angaben über die Geschichte der thessalischen Pe- 
lasger lassen dieselben den Hellenen erliegen, 2) und zwar 
gleich den Stammvätern der letzteren, dem Deukalion und 
Hellen. Dadurch werden die Pelasger zu einer vorhellenischen 
Bevölkerung, und daraus erklärt sich ohne Aveiteres, dass der 
Mythus den Pelasgos als den ersten Menschen betrachtet. 
Wir haben gesehen, dass diese Anschauung in Thessalien ent- 
staiulen ist. 

Den Gegensatz zwischen Pelasgern und Hellenen kennt 
bereits die Ilias; er hat den Dichter der Patroklie veranlasst, 



1) Diese Gleichung beruht auf dem bekannten Ilesiodfragment i:i(i 
Kinkel, 141 Rzach bei Strabo VII 7, 2. 

2) vgl. auch Diod. XIV 1 18. Nur Ilieronymos (oben 8. 2U) bei Strabo 
IX 5, 22 sagt, sie seien von den Lapithcu nacli Italien verjagt worden. 
Nach schol B und Eustath zu II U ■sW sind die Pelasger von den Aio)Aihq 
d. i. den Boeotern aus Thessalien nach Asien gedrängt; hier werden sie 
zugleich für Griechen erklärt. 



111 

die Pelasg-er unter die Bimdesg-enossen der Troer aufzunehmen. 
Die Sage, welche Deukalion oder seinen Sohn Hellen als Be- 
sieger der Pelasger nennt, hat damit die Hellenen im engeren 
Sinne im Auge, die BeAvohner des phthiotisehen Hellas. Wie 
weit dieser feststehende Gegensatz eine historische Thatsache 
enthält, würde sich höchstens ermitteln lassen, wenn die 
thessalischen Genealogien und die noch ganz unaufgeklärte 
Geschichte der Verbeitung des Hellenenuamens ') systematisch 
untersucht wären. Sehr denkbar ist z. B., dass wir den Ein- 
bruch der Thessaler in viel zu frühe Zeit setzen und dass 
etwa im achten Jahrhundert Pelasger und Phthioten noch 
selbständig waren und in fortwährender Grenzfehde lagen — 
bei der ja die Hellenen (Phthioten) das Uebergewicht gehabt 
haben können. Bei einer derartigen Annahme würde sich die 
Sage sehr einfach erklären; doch ist sehr möglich, dass ihr 
historischer Gehalt noch weit geringer ist. Jedenfalls sind die 
Pelasger nicht den Hellenen Deukalions erlegen, sondern den 
Thessalern. die ja auch die Hellenen von Phthia, die Lands- 
leute Achills, zwar nicht zu Knechten wie die Pelasger aber 
zu Unterthanen gemacht lial)en. Freilich gehören auch die 
Thessaler zu den Hellenen im späteren, umfassenden Sinne; 
es sclieint aber nicht, dass der Pelasgersage diese Auffassung 
ursprünglich bereits zu Grunde liegt. 



1) Sicher ist nur, dass der Name Hellas und Hclleues mit dem \'olks- 
stanime derAchaeer (in Thessalien und Acliaia) in en^er Verbiudiuiü- stellt; 
denn das T^and der j)htliiotisclien \sie der nnteritalisehen Achaeer trügt den 
Ei.n-iMinameii Hellas, letzteres mit dem unterseheidendeu Zusatz „das gmsse". 
Die Uebersetzunji- ..GrossiiTieelienland" ist sehr unglüeklieli. Das Aehaeer- 
land in Unteritalien führt den Namen nieht im Gegensatz zu dem eigent- 
lichen Griechenland auf der Balkanhalbinsel — das wäre sachlich absurd 
und sprachlich unmöglich, da der Name Hellas in der classischen Zeit 
niemals diesen beschränkten Sinn hat, sondern alles Hellenenland von 
Massalia bis zum Phasis bezeichnet — sondern im Gegensatz zu der Ur- 
heimath der Achaeer, dem thessalisclu'n Hellas. Damit verglichen ist es 
allerdings ..das grosse Hellas". Ist der Hellenenname in dersellten Weise 
wie der Acliaeername und wie so viele Sagenstotfe von Thessalien nach 
Kleinasien gekommen und hier durch die l'oesie zur (icsammtbezeichnung 
der Nation geworden V Das ist freilich einstweilen nur eine ganz unbe- 
wiesene Hypttthese: uns fehlen die Mittelglieder, um sein Aufkommen in 
der Literatur zu verfolgen - wie sie schon den Alten gefehlt haben. 



Sechstes Kapitel. 



Ergebnisse. Geschichte der Pelas«>'(n^frao'e. 



Wir haben jetzt alle Berielite. die uns über Pelasgos imd 
die Pelasger überkommen sind, analysirt.') und können daher 
unsere Ergebnisse zusammenfassen. 

Die Pelasger sind ein grieehischer Volksstamm .-j de r in 
der tbe ssalisehen Ebene^ dem ,.])elasgisebeu Argos'' . ansässig 



1) Einige sporadische Notizen seien hier noch zusammengestellt. 
Dion. Hai. I IS sagt, von den Pelasgern sei nach ihrer Zersprengnng durch 
die Hellenen der Haupttheil über Dodona nach Spina gezogen, ein Theil 
dagegen nach Kreta (oben S. 49), andere nach den Kykladen, nach He- 
stiaeotis am Fuss des Olymp und Oeta (vgl. Herod. I 5(5. h'), andere nach 
Boeotien, Phokis, Euboea, andere an den Hellespont (resp. nach Kyzikos 
nach Deilochos beim schol. Apoll. Rhod. I OST) imd nach Lesbos (oben 
.S. 3ö, 1). Aehnlich hat offenbar schon P^phoros erzählt (Strabo IX 2, .H); die 
nach Boeotien gewanderten Pelasger lässt er dann von den Boeotern nach 
Attika gedrängt werden (oben S. 11 ). Delos soll nach Öteph. Byz. s. v. 
früher luiter anderen Namen auch den Namen Pelasgia geführt haben. 
Aehnliche Angaben mögen sich auch sonst noch finden, die ich übersehen 
habe. Irgend welchen Werth wird ihnen niemand beilegen, (^anz spät 
und werthlos ist auch der Stammbaum Diod. IV 72, wonach Pelasgos und 
Ismenos nebst zwölf Schwestern die Kinder des Asopos und der Metope, 
der Tochter des Ladon, sind. 

2) Dah er finden sich d|e NamenJ^arisa und Argos wie bei den thes- 
sdischen Pelasgern auch^onst mehrfach in der griechischen^ W^lt; Ueberein- 
stimmung in Ortsnamen findet sich ja überall innerhalb eines einheitlichen 
Volks»ebJets. Die Frage, ob in diesem Falle ein historischer Zusammen- 
hang besteht, kann man aufwerfen und dabei auf d:us Vorkommen des 
Namens Larisa an der Westküste Kleinasiens (Gewicht legen (vgl. die Zu- 
sammenstellung bei Strabo IX .3, 1 9). Aber mit den Pelasgern hat diese 



113 

war. Mit den übrigen nordgrieehisehen Stämmen waren sie; 
vermuthlieh aufs nächste verwandt, wie denn die Verbindung, 
in der ihr Name mit dem dodouäisohen Zeus steht, auf einen 
Zusammenhang mit den e]iirotisehen C4ebirgsstämmen hinweist. 
Aber der Keichthum der P^bene bekte die Nachbarn, und einem, 
von ihnen, den Thessalern, sind sie erlegen. Ein alter Bestand- 
theil der Odyssee kennt Pelasger in Kreta: dorhin mag also 
eine Schaar von ihnen beim Einbruch der Thessaler geflüchtet 
oder schon vorher gewandert sein. Die Mehrzahl blieb jeden- 
fjills im Lande und wurde zu Leibeigenen der Eroberer: aus 
ihr ist der Kern des Peuesteustandes hervorgegangen. 

Aber wenn so die Pelasger aus der Zahl der griechischen 
Stämme verschwanden, so blieb doch die Erinnerung lebendig.] 
dass die Vorfahren der Bauern, welche jetzt für ihre thessa- 
lisehen Herreu die reichste Ebene Griechenlands pflügten, das! 
älteste Volk Thessaliens gewesen seien. Ihren Ahnen, den 
Pelasgos, hatte die schwarze Erde geboren, damit ein Ge- 
schlecht sterblicher Mensehen vorhanden sei, und seine Nach- 
kommen hatten als mächtige Könige in Larisa geboten, bis sie 
dem neuen Volk der Hellenen erlagen. 

In dieser Gestalt haben die Dichter die ^age überno mmen . 
Alles, was weiter von den Pelasgern erzählt wird, ist das Er- 
gebn iss eines langen literarischen Processes. Hesiod versetzte 
den Pelasgos nach Arkadien, weil auch die Arkader für die 
ältesten Menschen galten, und machte ihn zum Vater des Ly- 
kaon. Der Dichter der Dauaiden übertrug, wie das wohl schon .^ 
in seiner Zeit nicht selten geschah, den Namen des pelas- 
gischen Argos auf die peloponnesische Stadt, und erfand für 
diese einen König Pelasgos den Sohn Palaichthons. Heka- ; 
taeos deutete den Namen Pelargikon. den die athenische Burg- 
niaiK r trug, als „Pelasgermauer" und Hess die Pelasger nach 
Athen kommen und von hier wieder nach Lemnos und Imbros 
verjagt werden, deren tyrsenische lievölkeruug er für Pelasger 
erklärte. Wahrscheinlich schon der Schiffskatalog und jeden- .jj 
falls die Späteren versetzten die Pelasger von Larisa. wehdie 
die Patroklie auf Seiten der Troer fechten Hess, nach Kh'in- 

Inij^c f^ariiiclits zu tliiiii; sie ist aiicli von den AltiMi nii-lit in dio l'chisger- 
fnvge biufingi'zojjt'ii worden. 

Mi'yur. l'orarhuiiKen zur Alteu (iuschirliti-. I. 8 



114 

asien, und nun snohte man hier ihre Spuren an der äolischen 
Küste, auf Lesbos und bei Kyzikos. Die Verbindung des Pe- 
lasgernamens mit Dodona gab Veranlassung, auch in Epirus 
Pelasger hausen zu lassen. So^ ist es gekommen, dass der 
Pelasgeruame üljerall in der griechischen Welt zu linden war. 

Und nun kam die Zeit der beginnenden Geschichtsforschung. 
Diesel])e ist daraus hervorgegangen, dass die üeberlieferung 
über die Urzeit und die Aufäuge der einzelnen Gemeinwesen, 
wie sie das Epos bot, den fortgeschrittenen Anschauungen nach 
keiner Richtung mehr genügte. Man ergriff mit Eifer die Auf- 
jgabe, durch rationalistische Kritik und methodische Combinatiou 
den wirklichen Verlauf der Dinge zu ermitteln und die „Wahr- 
heit" an die Stelle der Lügen und der lächerlichen Erfindungen 
.der Dichter zu setzen.') Unter den Problemen, die hier vor- 
lagen, hat von Anfang an die Frage nach der Nationalität der 
ältesten Bevölkerung Griechenlands und dem Ursprung des 
Hellenenthums einen wichtigen Platz eingenommen, und im 
Rahmen derselben ist auch die Pelasgerfrage nach allen Seiten 
eingehend discutirt worden. Hellenen sind die Nachkommen 
des Hellen; vor Hellen dem Sohne Deukalions kann es mithin 
keine Hellenen gegeben haben; was sind dann also die Volks- 
stämme und Herrscherhäuser gewesen, welche in Arkadien, in 
Argos, in Attika u. s. w. vor Hellen existirtenV Da bot sich, 
Iwo nicht die Üeberlieferung von fremden Einwanderern sprach, 
'wie bei Danaos, Kadmos, Pelops, oder wo nicht ein coneurri- 
render Name vorhanden war, wie der der Leleger. der Pe- 
lasgername von selbst. Dass die älteste Bev ölkeru ng Griechen- 
lands aus Pelasgern bestanden hat, ist e in im fünfte n Jahr- 
hundert allgemein anerkannter Satz. 

Welcher Nationalität waren die Pelasger V Hekataeosj 

Ihat den einfachen und bündigen Schluss gezogen: da sie 

keine Hellenen waren, so waren sie Barbaren. ,.Den Pelo-j 

,pounes haben vor den Hellenen Barbaren bewohnt"' sagt er^ 

(Strabo VII 7, 1 Exaraloc fitv ovv 6 MiXrjOiog jt^qI rrjg Tlf- 

Xojiovvi'jOov (prjOiv diöri jtqo xcöv EXXiivojv ('j^tjOai' avT?)r 



\)''Exuxaloz Mih[oiog ojde /AvS-eirar rüde y(>ä(fuj wq fioi ühjxi^ia 
doxtsi fivui. oi y uQ '^E/.'/.i'jVOjv Xöyoi noXXoi zs xul yt).oloi, ujq i/jol fui- 
voyraij flajv. Das ist die Grundstimm ung der g esammten Logo graphie 
bis auf Herodot und Hellanikos. 



115 

ßagßaQoi)] den liauitttheil der vordorisehen Bevölkevung des 
Peloponiies bildeten aber die Pelasg-er (vgl. Herod. II 171). die 
somit nach Hekataeos Barbaren gewesen sind. 

Au ch dem A escliylos sind die Pelasgei^lie älteste Bevöl- 
keniug Griechenlands. Zur Zeit des Königs Pelasgos gab es 
ja all die zahlreichen Stämme der späteren Zeit noch nicht, da 
die Geschichte der einzelnen Landschaften überall erst beträcht- 
lich später beginnt. Tngetheilt gebietet er über das ganze] 
Land bis an den Strymon und nach Perrhaebien und über den , 
Pindos hinaus bis zu den dodonäischen Bergen; die Bewohner 
heissen nach ihm Pelasger. Auch das ist durchaus rationa- 
listisch, obwohl das Epos die Dinge schon ebenso aufgefasst 
haben wird. Der Eponymos ist seinem Begriff nach der Ahn-j 
herr seines Volkes, dies also kann zu seiner Zeit noch nicht 
existirt haben; aber sobald man sich die Dinge anschaulich i 
machen will, setzt sich der Stannnvater in einen Herrscher j 
des nach ihm benannten Volkes um. Adam und seinen Nach- 
kommen ist es bekanntlich ganz ähnlich gegangen. 

Die weitere Consequenz, dass die Pelasger Barbaren seien, 
hat Ae scliylos nicht gezogen. Pelasgos selbst nennt mit argem 
Anachronismus sein Land Hellas, die Danaiden einen „un- 
hellcnischen. mit l)arbarischen Gewändern bekleideten Haufen" 
fSiippl. 284 if.). Offenbar widersprach es der griechischen Volks- 
anscliauung durchaus, dass die Bewohner Griechenlands, die; 
eigenen Ahnen, Nichtgriechen gewesen sollten; Herodot sagt! 
uns ausdrücklich, dass die Pelasger [speciell die Erbauer d(^s! 
PclasgikonJ für Hellenen gehalten würden, und erklärt das 
dadurch, dass sie unter Hellenen wohnten (II 51 öt^ev jchQ xm 
'/iVJ.z/j'fc /'jQ^ai'TO vofiiofhyvai [oi IJsXaöyoiJ). 

Il('r()d(»t dagegen verfährt in der Pelasgerfrage cqnse(i[uent 
wie imm er. Ihm sind die Dorer die einzigen reinen Hellenen 
— vJillig correct. denn einzig bei ihnen gibt es keinen Stanim- 
l^aum. der über Doros den Sohn des Hellen hinaufragte. Bei 
allen anderen griccliischen Stämmen finden wir dagegen vor- 
hcllcnische Abnlicrrcn. wie etwa Tiiaches und Phoreneus in 
Argos. l'elasg<ts und Lykaon in Arkadien. Kranaos. Kekrops. 
Erechtlieus in Athen u. s. w. All diese Stämme sind daher iir- 
Hpriinglicli Pelasger gewesen, und ausdrücklieli werden die 
Athener (I öti. \'lll \\) und die lonier im allgemeinen i^\ II Üf. !>5j, 

8* 



116 

Idie Aeoler Kk'inasicus (VII 95), die Arkader (I 14G, vgl. 11 171), 
ferner die Bewohner Dodonas (II 52. 56)') als Pelasger bezeich- 
net, ebenso wie die Frauen von Argos zur Zeit des Danaos 
1 Pelasg:erinnen waren (II 171). Also ganz Griechenland, mit ge- 
ringen Ausnahmen, war ursprünglich Pelasgerland (II 56 ryyc 
vvv EXXaÖoc,, jiqotsqov öe IhXaöyb]c xaXevfitvijg rijg avrrJQ 
TavT7jc. VIII 44 'Af^tjvaloi tJil //er fleXaöyföv työvrcov z?])' vvv 
'^EXXäda xaXtvfitvijr ijOar IJtXaoyoi , üvof/aL,6fitvoi JiQavaoL). 
Als danri^ Hellens Söhne zu den einzelnen Stämmen kamen, 
wurden diesell)en in Hellenen umgewandelt, so speciell die 
Athener und die übrigen lonier durch Ion (VII 94. VllI 44, 
vgl. II 57 und I 57). Das hellenische Volk ist aus kleinem An- 
fang zu einer grossen Menge von Stämmen erwachsen, weil die 
Pelasger-) und zahlreiche andere barbarische Stännne in das- 
1 selbe aufgingen, während die Pelasger als Barbaren nie sehr 
I angewachsen sind (I 58). 

Die Nationalität der Pelasger sucht llerodot durch eine 
Schlussfolgerung zu bestimmen, die früher bereits besprochen 
ist. Da die jetzt noch vorhandenen Reste der Pelasger [in 
[Wirklichkeit der Tyrsener] in Cortona, Plakia und Skylake die 
'gleiche barbarische Sprache reden, so haben, wenn man sich 
lauf diese als Beweis berufen darf, die Pelasger eine barbarische 
! Sprache gesprochen. Dei^ Schluss ist unanfechtbar, aber die 
Prämisse^ dass die Tyrsener Pelasger sind, ist falsch, wie vnr 
gesehen haben. Der Ausdruck zeigt denn auch, wie grosse] 
I Bedenken Herodot bei seinem Resultat hat ; er wird dadurch zu i 
der abenteuerlichen Annahme gezwungen, dass grosse Stämme,; 
wie Arkader und lonier, ihre Sprache umgelernt haben (I 57): 
„wenn wirklich alle Pelasger eine barbarische Sprache ge- 
sprochen haben, so hat das attische Volk, da es ein pelasgisches 
ist, bei der Umwandlung in Hellenen auch die Sprache umge- 
lernt". Zugleich sehen wir aus Herodots Worten, wie viel über 
diese Dinge zu seiner Zeit discutirt worden ist. 3) 

1) Dass Herodot auch die Lclegerstadt Antandros zu einer pelas- 
^•isclieu raaclit (VII 42), weil für ihn Leleger nur ein alter Name der Karer 
sind (I 171), ward schon erwähnt. 

2) Nach Sauppe's Conjectur (IleXaiTydJv fnr noXXwv der Hdschrr.). 

3) Gewiss haben auch Akusilaos und Pherekj^des und ebenso jeder 
der Horographen, wo ihnen die Pelasger in den Weg kamen, darüber ge- 
redet; doch wissen wir von ihren Ansichten nichts genaueres. 



117 

Waren die PelaBger die älteste Bevölkerung Griechenlands, ) 
so mussten bei ihnen die primitivsten Zustände geherrscht j 
haben, so mussten andererseits auf sie die Anfänge der Cultur, 
zurückgehen. „Die Pelasger beteten früher beim Opfer zu den 
Göttern,') aber hatten noch für keinen von ihnen einen Namen, 
denn sie hatten dieselben noch nicht gehört", hat man dem 
Herodot in Dodona erzählt (II 52j. Herodot meint — so wenig 
weiss er von der ägyptischen Sprache — sie hätten die Namen 
der meisten Götter von den Aegy])tern (vgl. II 171), den des 
Poseidon von den Libyern gelernt, einige andere (wie Dioskuren, 
Hera, Histia etc. II 50) selbst hinzugefügt, von den Pelasgern 
hätten sie die Griechen übernommen. Es macht einen selt- 
samen Eindruck, dass neuere Gelehrte diese und älinliche 
Dinge-) ganz ernsthaft als uralte Tradition behandelt und in 
demselben Stil und zum Theil in noch kindlicherer Weise 
weiter ausgesponnen hal)en. Alles was in den neueren Werken 
von pelasgischer Einfachheit, pelasgischen Götterdiensten, pe- 
lasgischer Cultur, pelasgischen Älauern (einer aus dem Pelar- 
gikon herausgesponnenen modernen Erfindung 0) zu lesen ist, 
trägt diesen Charakter, und es verlohnt sich wirklich nicht, 
sieh auch nur einen Augenblick dabei aufzuhalten. 

Nach Herodot kam Hellanikos. Er hatte sich zur Auf- 
gabe gestellt, die gewaltige Masse der Nachrichten, welche 
die Ueberlieferung über die Urgeschichte Griechenlands bot, 
zu einer wohlgeordneten und in sich zusammenhängenden Ge- 
schichte zu verarbeiten und den Verlauf derselben bis in die 
Gegenwart hinabzuführen. Die Stammbäume des Phoroneus 
und des Deukalion. die attische Königsliste, vor allem aber 
das Verzeichniss der argivischen Herapriesterinnen mit ihren 
Jahrzahlen boten ihm den Faden, auf den die einzelnen Be- 

1) Daran kiiüi)tt Herodot seine Etymologie von Utol (ön xöa/iupl^ 
\l^f:vztq TU nüviu 7i(^>tjy/uau xai nuouc, vo/iUQ ii/or), die er den Pelasj^ern 
Iznsclireibt, indem er dabei vergisst, dass dieselben nach seiner Ansieht' 
leine barbarisclie Sprache redeten. 

2) I»azii ^eliürt, dass die Pelasger von den Phöiiikern die Schrift . 
id)ernoninien haben (l)iod. III CT); sie haben sie dann weiter nacli Latiuni 
gebracht (Plin. VU l'M',). 

:t) Die Alten wissen nur von kyklopischen und von tyrsenischen 
Mauern, welche letzteren aus dt'ui Worte tv^xjic hcrausetymologisirt sind 
(Dion. Ilal. I itl. schol. Lykophr. 717). 



118 

gebenheiten nach kritischer (d. h. rationalistischer) Sichtung 
aufgereiht wurden. Er hat seine Aufgabe, wenn wir uns ein- 
mal auf den Standpunkt seiner Zeit stellen, nicht ohne grosses 
Geschick durchgeführt. Freilich gehörte dazu vor allem eine 
für unseren Geschmack entsetzliche Nüchternheit, bei der alle 
Poesie aus den alten Erzählungen systematisch ausgetrieben 
wurde.') Jedes Wunder wurde sorgfältig gestrichen, die alten 
Heroen und Eponymen wurden zu langweiligen Königen, die 
sich benahmen wie die Machthaber der Gegenwart, nur natür- 
lich ein gut Theil kindischer. Wo Widersprüche vorlagen, wo 
Idas System nicht stimmte, musste oft energisch eingegriffen 
'werden; durch Statuirung mehrerer gleichnamiger Persönlich- 
keiten, durch Combiuirung neuer Stammbäume, durch gründ- 
liche Umwandlung alter Erzählungen hat Hellanikos sich ge- 
holfen. Mit Unrecht hat man ihm in neuerer Zeit daraus einen 
Vorwurf gemacht; wie konnte er anders handeln? Aber das 
ist richtig, dass alle Nachrichten, die durch ihn hindurch 
gegangen sind, — und das ist weit mehr als die Fragmente 
lehren oder als sich in jedem einzelnen Falle mit Sicherheit 
beweisen lässt — für uns aufs ärgste entstellt sind. Besässen 
wir nur seine Darstellung, so würden wir dem griechischen 
Mythus ungefähr ebenso rathlos gegenüberstehen wie dem 
hebräischen, wenn uns hier nur die Bücher der Chronik er- 
halten wären. 

Aber durch seine nüchterne Gelehrsamkeit hat Hellanikos 
einen ausserordentlichen Erfolg erzielt. Sein Werk entsprach 
so recht den Bedürfnissen der Zeit und brachte die Forschung 
auf diesem Gebiet in allem wesentlichen zum Abschluss. An 
sein chronologisches System hat Thukydides angeknüpft, und 
die Wirkung desselben reicht bis in die mythologischen Wand- 
tafeln der Kaiserzeit. Auf die Auffassung der Späteren von| 
der Mythenzeit hat Hellanikos direct und indirect mindestens i 
den gleichen Einfluss geübt, wie Ephoros für die historische 
Zeit. Auch wo man von ihm abwich, basirte man auf seinen 
Annahmen. 

H ell anikos ist nun auch in der Pelasgergeschichte für die 



1) Man vgl. z.B. die Geschichte von den drei Sühnen des Triopas 
oben S. 97. 



119 

Später en massgebend gew esen. Sie sind ihm wie dem Herodot 1 
ein von den Hellenen völlig gesondertes Volk. Seine Heimatli' 
ist der Peloponnes, wo der Pelasgername nach ihm zuerst in; 
Argos entsteht. Von hier wandern sie. als aus der Verschmel- 
zung der Urbevölkerung mit den Aegypteru die neue Nation | 
der Danaer hervorgeht, unter Pelasgos II. nach Thessalien und 
gründen ein mächtiges Reich. Dasselbe wird durch Deukalion 
und die Hellenen zersprengt, und nun zerstreuen sich die Pe- 
lasger in alle Winde.') Der Haupttheil aber geht nach Italien 
hinüber; aus ihm geht die tyrseuische (etruskische) Nation, 
hervor. „Unter König Nanas wurden die Pelasger von den 
Hellenen verjagt. Hessen am Flusse Spines am ionischen Meer- 
busen ihre Schiffe zurück und nahmen die Stadt Kroton (Cor- 
tona) im ßinnenlande. Von hier aus haben sie das jetzt Tyr- 
senien (Etrurien) benannte Land besiedelt" (Hellauikos bei 
Dion. Hai. I 'IS). Dass diese Erzählung nicht unabhängig ist 
von Herodots Angabe „die Pelasger, welche oberhalb der Tyr- 
sener die Stadt Kroton bewohnen und ehemals Nachbarn der 
Dorer waren — damals aber bewohnten sie das Land, das 
jetzt Thessaliotis heisst" (I 57), liegt auf der Hand, und ebenso 
dass Herodot auch hier älter ist als Hellanikos. Dieser macht' 
alle Etrusker, nicht blos die von Cortona, zu Pelasgern, wäh-, 
rend Herodot die Pelasger von den aus Lydieu abgeleiteten I 
Etruskern scharf sonderte. Hätte Herodot die Ansicht des 
Hellanikos gekannt, so müsste er nothwendig gegen dieselbe 
polemisiren.-) Hellanikos ist derjenige, welcher zuerst aus der 
Identificirung der attisch -lemuisclien Tyrsener mit den Pelas- 
gern die Consequenz gezogen und die Etrusker insgesammt f ür 
Pelasger erklärt hat. Durch ihn sind die Pelasger in die ita- 
lische Ethnographie eingeführt worden — denn die zahme 
Ansetzung von Pelasgern in Cortona bei Herodot, die noch dazu 
von den Späteren aus seinem Text herauscorrigirt ist, will 



1) Im einzelnen hat Hellanikos dies gewiss in ganz analoger Welse 
ausgcfiilirt wie die Späteren. So kommen die Pelasger nach Athen, Kreta, 
Kleinasien u. s. w. 

2) Die meines Wissens zuerst von Wilamowitz erkannte Tliatsache, 
dass IJellanikos jünger ist als Herodot, bestätigt sieh immer aufs neue. 
Von dem historischeu Sys tem des^ Hellanikos finde t sich bei Herodot 
ebenso wenig eine Spur wie von seiner Zeitrechnung. 



120 

nicht viel besagen. Wie die Pelasger in Italien weiter ge- 
wuchert haben, das im einzelnen zu verfolgen wird man mir 
hoffentlieh erlassen'!; irgend ein besonderes Resultat (ausser 
für die Geschichte der späteren Historiographie j ist ja dabei 
nicht zu gewinnen. Nur das sei noch erwähnt, ^ass um ^ie- 
[selbe Zeit die Pelasger auch von anderer »Seite nach Italien 
eingeführt sind: Pherekydes hat (ob im Anschluss an einen 
Vorgänger, wissen wir nicht) unter Lykaons Söhne den Oino- 
tros und den Peuketios aufgenommen und sie nach Unteritalien 
auswandern lassen (Dion. Hai. I 13), und so sind auch Oenotrer 
und Peuketier zu Pelasgern geworden.^) 

Dass Hellanikos die Pelasger als Barbaren betrachtete so 
gut wie Herodot, ist unzweifelhaft. Dagegen ist Thukydid^s 
zu der von Aeschylos vertretenen Ansicht zurückgekehrt. Seine 
tiefdringende geschichtliehe Auffassung offenbart sich auch 
darin, dass er Bevölkerung und Namen zu trennen weiss: ..Die 
Geschichte lehrt, dass vor dem troischen Krieg Hellas kein 
gemeinsames Unternehmen ausgeführt hat; ja selbst dieser 
Name, so meine ich. umfasste damals noch nicht die Gesammt- 
heit, sondern vor Hellen dem Sohne Deukalions existirte diese 
Bezeichnung überhaupt noch nicht, vielmehr hiessen sie nach 
Stämmen und vor allem war der Pelasgername weit verbreitet; 
als aber Hellen und seine Söhne in Phthiotis zu ]\lacht gelangt 
waren und man sie um bestimmter Vortheile willen in die 
übrigen Gemeinden herl)eirief. da gewann durch die Berührung 
mit denselben bei den einzelnen Gemeinden der Hellenenname 
immer mehr die Ueberhand. Und doch dauerte es noch lange, 
bis er bei allen herrschend wurde. Das beweist vor allem 
Homer" u. s. w. (I 3j. Thukydides glaubt also wie Herodot — 
und wie konnte er anders den Zeugnissen des Epos und der 



1) Ich will Eur uoch erwähnen, dass nach einer Versi(jn bei T'lutarch 
Rom. 1 die Pelasger auch die (4rüuder Eoms sind. 

2) Den Oinotros kennt auch Pausan. VIII 8, 5. Vgl. Plin. III 71 ager 
Jjucanus Bruttiusque . . . tenuerunt eum Felasgi, Oenotri, Itali, Morycfcs. 
Siculi etc. Antiochos von Syrakus (bei Dion. Hai. I 1 2) kannte diese Com- 
bination offenbar noch nicht. An dieselbe schliesst die Angabe bei Steph. 
Byz. s. V. Xloc, dass bei den Italioten (d. h. den unteritalischen Griechen) 
die Pelasger (d. h. die einheimische oenotrische Bevölkerung) eine die- 
nende Stellung eingenommen hätten, wie die Heloten bei den Sparta- 
nern u. s. w. — eine Notiz, auf die Niebuhr so kühne Schlüsse gebaut hat. 



121 

Stammbäume gegenüber — , dass der Pelasgername in Griechen- j 
lland weithin verbreitet war; aber sie sind ihm von den Hei-: 
lenen nicht verschieden, nur den Namen hat die Bevölkerung. 
, gewechselt. 

Damit ist die Geschichte der Pelasgerfrage eigentlich be- 
endigt; denn zwischen den Ansichten des Herodot und Hella- 
nikos auf der einen, des Aeschylos und Thukydides auf der 
anderen Seite haben alle späteren Forscher alter und neuer 
Zeit hin- und hergeschwankt, so viel sie auch das Detail 
modificirt haben. Nur Ephoros erfordert noch ein kurzes Wort. 

Zwar nicht die historische Darstellung, aber die historische 
Kritik hat in Thukydides einen Höhe])unkt erreicht, zu dem sie 
im Alterthum nie wieder und auch in neuerer Zeit seit Nie- 
BUHR, der die Geschichtsforschung wieder auf Thukydides' 
Standpunkt zurückgeführt hat, nur bei ganz vereinzelten For- 
schern gelangt ist.') Die grosse Erkenntniss, dass sich auf 
mündliche Ueberlieferungen und epische Erzählungen eine ge- 
schichtliche Darstellung schlechterdings nicht aufbauen lässt 
und dass uns einzig übrig bleibt, unter Verzicht auf die Er- 
mittelung des Einzelherganges ein allgemeines Bild der Ent- 
wickelung und namentlich ihrer culturgeschichtlichen Seite zu 
gewinnen, diese Erkenntniss steht dem Thukydides völlig fest. 
Wäre er ein Gelehrter gewesen wie Hellanikos. hätte er seine 
ganze Kraft der Erforschung der Vergangenheit zugewendet, 
so würde er auch im einzelnen vielfach die Ergebnisse der 
modernen Kritik vorweg genommen haben. Sn entnimmt er 
das äussere Gerippe der Hergänge dem Hellanikos und anderen 

1) Dass wir durch die angestrengte Arbeit Vieler bei den eiuzehien 
Resultaten oft weiter gelangt sind als Thukydides oder Nieiuihr oder 
Ottfuied Müller, ist kein Wunder. Aber wer glaubt Thukydides über- 
legen zu sein, weil er gelernt luit, dass die naive Art der Sagenbehand- 
lung, wie sie z. B. I !l enthält, nicht haltbar ist, oder weil er auf homerische 
Zeugnisse {ti' to) 'ixavtK Tf-xidjf^nojoai setzt Th. hinzu) weniger Gewidit 
legt oder wenigstens sich einbildet weniger Gewicht zu legen als Th., der 
zeigt nur, wie wenig er Thuk3dides zu verstehen und zu würdigen im 
Stande ist. In der That finden sich in den ersten zwanzig Kapiteln des 
ersten Buches bereits alle die (Jrundsiitze und Methoden angewendet, nach 
denen wir verfahren oder wenigstens zu verfahren suchen — wobei wir 
uns im einzelnen dem Banne der Ueberlieferung oft genug ebenso wenig 
entziehen können wie Thukydides. 



122 

Vorgängern und gibt aus sich selbst heraus nur eine kurze 
Skizze des allgemeinen Herganges der Entwickelung, die für 
alle Zeiten ihrem Inhalt nach — formell ist Thukydides hier 
wie so vielfach der Sache nicht völlig Herr geworden, weil 
er keine dem Stoff entsprechende Form gefunden hat, um das, 
was er auf dem Herzen hat, im Rahmen seines AVerkes zu 
sagen ') — zu den grossartigsten Schöpfungen der Geschichts- 
schreibung gehört. 

Thukydides hat keinen Nachfolger gefunden, der seine 
Gesichtspunkte sich anzueignen fähig gewesen wäre. Aber die 
von ihm so scharf betonte Unzuverlässigkeit der älteren Ueber- 
lieferung empfand man doch allgemein und stellte auch ganz 
richtige kritische Grundsätze auf (Ephoros fr. 2. 3). Nur ver-1 
suchte man garnicht, dieselben auf den einzelnen Fall anzu-i 

j wenden, worauf doch bei historischer Forschung alles ankommt,! 

I sondern begann sofort, aus den willkührlich und rationalistisch 
zurechtgemodelten und unkritisch mit einander combinirten 

j Bestandtheilen der Ueberlieferung einen Neubau aufzuführen, 
der den späteren Generationen sehr im))onirt hat, für uns aber 

, völlig unbrauch))ar ist.-) Freilich Hess sich diese Methode niu* auf 
die der authentisch überlieferten Geschichte zunächst liegende 
eigentlich historische Zeit anwenden. Ephoros hat dieselbe 
von der dorischen Wanderung, mit der die zu seiner Zeit be- 
stehende Gestaltung der Dinge beginnt, Eratosthenes und die ihm 
folgen, vom troischen Kriege datirt. In der Kaiserzeit ist sogar 

1) Jeder neuere und jeder spätere antike Schriftsteller würde das 
Werk mit einer kurzen Skizze der älteren Entwickelung begonnen haben, 
von den Perserkriegen an ausführlicher geworden sein und so den Ueber- 
gang zu den Ursachen des peloponnesischen Krieges gefunden haben. 
Aber Thukydides fühlt sich verpflichtet gleich mit seinem Gegenstand zu 
beginnen; und so findet er für das, was er über die ältere Geschichte zu 
sagen hat, nur Raum, indem er es zu dem Nachweis benutzt, die alten 
Kriege seien von kleineren Dimensionen gewesen als der pcloponnesischc. 
In Wirklichkeit ist das nur ein Vorwand, und zwar ein recht ungeschickter; 
denn er bietet doch nur für einen kleinen Theil des Inhalts der ersten 
zwanzig Kapitel die Motivirung und führt zu einer wenig glücklichen Dis- 
])Osition des Materials. In gleicher Weise erklärt es sich, dass die I'ente- 
koutaetie als Episode nach den kerkyräischen und potidäatischen Händeln 
eingelegt ist. Ganz ebenso ist auch V 26 zu beurtheilen. 

2) Neuere Gelehrte sind vielfach ganz ebenso verfahren. Typisch 
für diese Art smd z. B. Curtius und Lange. 



123 

eine Richtung aufgekommen, welche als Vorgängerin Grote's 
den Beginn der historischen Zeit bis auf die erste Olympiade 
hinabrüekte. Was über den jedesmaligen Ausgangspunkt hin- 
auslag, also den Haupttheil dessen, was Hellanikos so ein- 
gehend verarbeitet hatte, gab man Preis, an die Stelle der 
von Thukydides geforderten Kritik trat wie gewöhnlich eine 
unfruchtbare Skepsis. 

Diesen! Standpunkt entspricht es, dass für Ephoros die 
Pelasgerfrage geringe Bedeutung hat; sie liegt jenseits seines 
Ausgangspunktes, und wenn er auch auf die Dinge vor der 
dorischen Wanderung in Excursen vielfach eingegangen ist. so 
hat er doch auf eine zusammenhängende einheitliche Darstellung 
derselben verzichtet. Daher hat er denn auch von den J?elas- 
gern nur kurz gehandelt. M allgemeinen schliesst ^r^sich a^ 
Hellanikos aji. Ihre Heimath ist ihm der Peloponnes, aller- 1 
dings nicht Argos, sondern auf Grund des hesiodeischen Zeug- 
nisses Arkadien; aber auch die ganze Halbinsel hiess Pelasgia.i 
Sie waren ein kriegerisches Volk und haben grosse Züge unter- 
nommen und dadurch ihr Ansehen und ihren Namen weithin 
verbreitet, nach Kreta, Thessalien, Dodona. Viele halten auch 
die epirotisehen Stämme für Pelasger, und geben einer ganzen 
Anzahl von Heroen den Namen Pelasgos, nach denen viele' 
Stämme den Namen Pelasger erhalten haben (jroXXol dh xcu 
Tti 'HjieiQcoTixa sd-rtj IhXaoyixä tiQ/jxaoiv . . . IltXaoyovc zs 
jioX?.ovc xal Tchv ijQo'jojv ovof/a xaktoavzt^, oi vortgov ctjc 
ixeivoji' jioXXa rcöv li>vojv tJtcovvfiu jitjioirjxaoi), SO die Be- 
wohner von Lesbos und die kleinasiatischen Pelasger (Strabo 
V 2, 4; vgl. oben S. 35. 1). Was Ei)horos von den Pelasgern in 
Boeotien und Attika berichtete, ward schon erwähnt; an der 
Zcrsprengung in Thessalien durch die Hellenen wird auch er 
fcstgclialten haben. Leider wissen wir nicht, wie er über das 
I Vcrliältniss der Pelasger zu den Etruskern dachte, und ebenso 
wenig ob er die Pelasger wie Strabo für Barbaren oder für 
einen griechisclien Stamm gehalten hat. 

Die Ansichten der Späteren aufzuzählen ist zwecklos; wir 
mttssten dann an Diouys von llalikarnass und Strabo gleich die 
modernen Hypothesen anschliessen. Sie alle gelien dav(»n aus, 
dass sie die Angaben des Aescliylos, des llerodot. des Tluiky- 
dides als authentische Ueberlieferung betrachten und dieselben 



124 

aeeeptiren. verwerfen oder so lange hin- und herzerren, bis 
etwas herauskoiiimt. was zu dem jeweiligen System passt, dass 
sie die wirren Nachrichten über die Pelasger. welche die alte 
Literatur anfüllen, zusammentragen und bald so bald so com- 
l)iniren. dass sie aus allgemeinen Erwägungen, aus Etymo- 
logien, religiösen und ethnographischen Hypothesen neues Ma- 
terial hinzuzugewinnen suchen. Es war die Hauptaufgabe 
unserer Untersuchung, zu zeigen, dass alle diese Versuche, 
mögen sie noch so geistreich sein, methodisch falsch sind, dass 
ihre ganze C4rundlage unbrauchbar ist. Aeschylos und Herodot, 
Hellanikos und Thukydides wussten über die Pelasger nicht 
mehr als wir. Wir kennen, von Kleinigkeiten abgesehen, das 
igesammte Material, das ihnen zur Beurtheiluug der Pelasger- 
frage zur Verfügung stand. Ihre Ansichten, weit entfernt da- 
von, Ueberlieferung zu sein, sind Hypothesen, Lösungsversuche 
des Problems, die genau so viel oder so wenig werth sind wie 
die Hypothesen moderner Forscher. Zu ermitteln, welches 
Material ihnen vorlag, und dieses auf seinen Werth zu prüfen, 
ist die Aufgabe, die eine wirklich brauchbare Untersuchung 
über die Pelasger zu lösen hat. Ob die Resultate stichhaltig 
sind, zu denen uns diese Untersuchung geführt hat, müssen 
andere prüfen. Aber das darf gefordert werden, dass manj 
denselben Weg einschlage, den wir gegangen sind, dass manj 
an die wahren Quellen herangehe und uns nicht Herodot oder ; 
Aeschylos als Autorität vorhalte, wo es sich um Homer und 
Hesiod handelt. Ethnologische, historische, philologische Di- 
lettanten werden auch in Zukunft ebenso viele wilde Com- 
binationen über die Pelasger vortragen wie bisher; sollte aber 
die Hoffnung zu kühn sein, dass für den engen Kreis wissen- 
schaftlicher Forscher die Pelasgerfrage eine einfache Gestalt 
angenommen hat, ja dass in Zukunft dies Problem, welches 
länger als zwei Jahrtausende hindurch die wissenschaftliche 
Welt gequält hat, als ein Phantom anerkannt wird? 



Die Herkunft der loiüer und die lonsime. 



Die HerkiiTiPt der Toiiicr mid dir Timsau'e.'J 



llis gibt wohl wenige Schriftsteller, deren Erklärung so 
vielen Missverständnisson ausgesetzt ist. wie Herodot. Nicht 
dass seine Darstellung turniell oder inhaltlich grössere Schwie- 
rigkeiten böte: aber es wird dem modernen Leser schwer, sich 
in eine Auffassungsweise und in einen sprachlichen Ausdruck 
hineinzuleben, die noch nicht unter dem Einfluss der nu)deruen 
Denkweise und der ausgebildeten Kunstsi)rache stehen, welche 
die S(»]ihisten geschaffen haben. Eine Fülle von seltsamen 
Irrtliiimern pflanzt sich aus einem Werk ins andere fort, ohne 
dass die gelegentlichen Widerlegungen sie zu beseitigen ver- 
mögen. Dass Herodot den Pythagoras ''KXXijrcor ov rov /uh'hf- 
rioxuroi' oocfior/))' nennt (IV 95), soll eine Geringschätzung 
des Pythagoras ausdrücken, während man schon aus I. 29, wo 
Herodot die sieben Weisen und unter ihnen den Solon als 
Oorpiorai bezeichnet, hätte lernen können, dass ihm aocpiory^ 
nichts anderes ist als oorpö^. Nannten sich doch die Vertreter 
tU^r „Erkenntniss" im fünften Jahrhundert selbst so.^) Erst 



1) Zuerst gedruckt in Philolegus N. F. II l•^b9, 2(>s tt'., unter dem Titel 
„Herodot über die lonier". 

2) Sehr bezeichnend ist der Wandel, den der Begrilt" der o()(fif< vom 
sechsten Jahrhundert zum fünften durchgemacht hat. Im sechsten Jahr- 
hundert fasste der X'olksnuuul diejenigen Staatsmänner (ein einsichtsvoller 
Staatsmann war nach Herod. I 170 auch 'I'hales, trotz der Anekdoten bei 
Plato und Aristoteles), welche sich durch Einsicht vor allen andern aus- 
zeichneten, unter dem Namen der sieben on<poi zusammen; im fünften, 
dem Zeitalter der Sophistik, wurde der Begriff der ooifi'u auf die theore- 
tischf Krkenntniss beschränkt und so ist es gekouuuen, dass die alten 
Staatsmänner, wie Pittakos. l)ia.s, 'riiaies. in weltfliichtige Forscher umge- 
wandelt wurden (Plato, llippias maior 2^1). 



128 

die Sokratiker haben den Ausdruck in Misseredit g-ebraelit: 
sie mlimten sieh eben nicht mehr, im Besitze der Erkeuntniss 
zu sein, sondern nur, nach ihr zu streben. Ebenso hat mau 
darin eine Gering-sehätzung- gesehen, dass Herodot den Heka- 
'taeos ständig- Xoyojioiög nennt, weil dies Wort oder das damit 
identische XoyoyQäffoc. in späterer Zeit im Gegensatz zum 
eigentlichen Historiker gebraucht worden ist. Aber zu Hero- 
dots Zeit ist es der ganz correcte, allgemein übliche Ausdruck 
für jeden, der Xöyovq noiei, auch für Aesop (II 134). Herodot 
hat sich zweifellos selbst so genannt, wie denn Thukydides 
(11 21 XoyoyQiufoi) und Ktesias (Phot. cod. 72 init. Xoyojroioc)^) 
ihn so nennen. Und welchen Missbrauch hat man mit dem] 
Worte h'r/og bei Herodot getrieben. Namentlich von (luelhm-^ 
kritischer Seite aus hat man ihm willktihrlich eine engbegrenzte 
Bedeutung- aufzuzwingen gesucht, während es nie etwas anderes • 
heisst als „Erzählung"-), wobei genau wie bei dem deutschen 
Wort je nach Umständen der Gedanke an den Inlialt der Erzäh- 
lung, die Ueberlieferung, oder an die Form, die Darstellung, mehr 
in den Vordergrund tritt. Ein anderes Missverständniss ist. 
dass Herodot durch die Bemerkung, Thaies sei seiner Abstam- 
mung nach ein Phöniker {dvtocaf^ev yivoq Imv (Polvic. I 170), 
diesen habe herabsetzen wollen. Dann müsste er auch mit der 
Behauptung, dass die dorisclien Könige ägyptischen Ursi)ruugs 
seien (VI 53 ff.), den Herakliden einen Hieb versetzen. In Wirk- 
lichkeit haben wir es nur mit Folgerungen zu thun, die jeder- 
mann aus den Stammbäumen ziehen musste und gezogen hat. 
Die Herakliden sind Aegy])ter, weil Danaos aus Aegypteu kam, 
Thaies ist phönikischen Ursprungs, weil er einem der kad-| 
meischen Adelsgeschlechter entstammte, die bei der Besiede- ^ 
lung loniens nach Kleinasien ausgewandert waren (Her. I 14G; 
Thaies war ein Thelide, deren kadmeischen Ursprung auch' 
Diog. Laert. I 22 bezeugt).'*) Die Angabe ist mithin grade um- 
gekehrt eine Anerkennung der adligen Abstammung des Thaies. 



1) Phütios meiut allerdings, der Ausdruck enthalte einen Tadel; das 
ist aber offenbar nur ein Missverständniss. 

•2) Au die Ungeheuerlichkeit, dass Sayce bei Herodot II. \\ '.'> und 
sonst h'tyioq durch Prosaiker übersetzt, sei hier nur kurz erinnert. 

3) Neuerdings hat Diels Archiv f. Gesch. der Philosophie 11 165 ff. 
den Thatbestand richtig klar gelegt. Au ch d arin hat er Becht, dass de r 



129 

Ein jinaloges Missvcrstäuduiss ist es, wemi mau aus Herod. 
I 143 ganz allgemein gefolgert hat, es habe im fünften Jahr- ■ 
huudert für eine Behaude gegolten, ein lonier zu sein. Beciitel 
meint sogar, Herodot nenne Halikarnass eine dorische Stadt, 
während mau in ihr doch nach Ausweis der Inschriften ionisch 
sprach,') weil er nicht Gefahr laufen wollte, als lonier zu gelten, 
da er I 143 schreibt: xat vvv (pairovral ^uoi ol jioXXol avxöJv 
\rwv 'icovojv] tJiaioivvtod-ai reo ovofiari.'^) Aber ist es nicht! 
ein geradezu ungeheuerlicher Gedanke, dass im fünften Jahr-: 
hundert die lonier sich ihres Namens geschämt hätten, in einer ' 
Zeit, wo das louierthum auf allen Gebieten die Führerschaft in 
der griechischen Welt behauptete und sich zum entscheidenden 
Kampf gegen die Dorer anschickte? Haben denn die Athener j 
sich der Abstammung von Ion geschämtV Haben sie nicht' 
vielmehr bei jeder Gelegenheit ihr lonierthum betontV Es ist 
wirklich unnöthig, weitere Worte darüber zu verlieren. Im 
viertMi .Jahrhundert, nach dem Siege Spartas, könnte man ein 
derartiges Urtheil allenfalls begreifen, doch in der Zeit liudet 
sich davon keine Sjjur. Aber l)ei Herodot, dem Parteigänger 
Athens, müsste man geradezu cdnen Anfall von Geistesabwesen- 
heit annehmen, wenn die Stelle wirklich das enthielte, was 
man sie besagen lässt. 

Das besagt sie denn auch in keiner Weise. Herodot be- 
richtet „die übrigen lonier und [besonders] die Athener haben 

Njime von Thaies' Vater, Examj^es, karisch Ist. Dagegen sucht aucli er 
uocli in llerodots Angabe viel zu viel, wenn er meint, die Zeitgenossen 
und Herodot liiitten in Tliule.s' I.eliren einen Eintluss der orientaliselien 
Cultur erkannt, und deshalb um so eher an seine phönikische Abstammung 
geglaubt. — Die weitere Angabe des Diog. Laert. b7iohzoy(ja(p)'i{h/ dt iv 
MtXi'iTu). örf //A.'lf avr Nei?.toj sxtisoovzi <Poivlx}jc, die Diels nicht er- 
klären kann, nniss in der (Quelle folgendermassen gelautet haben: „Thaies' 
(leschleclit stannnte von einem Ahnherrn, der mit Kudmos Phoenikien 
verlassen hatte; ein Nachkonune desselben nahm mit Neileus, dem Oekisten 
Milets, an der ioniselieii Wanderung Theil und gewann so das nnlesische 
Bürgerrecht". Die weitere Angabe cug ()' oi nkfiovg (paotv, iO^ay^rlj^ Mi- 
Xi]rnt>(; t]v y.a\ yivovq kufi7i(tov ist völlig correct, steht aber nicht etwa mit 
der kaduHiischen Abstammung in Widerspruch, wie Diogenes meint. 

1) In Wirklichkeit ist der (Jrund einfach der, dass Halikarnass trotz 
seiner ionisciien Sprache docli keine lonierstadt war. 

2) Die Inschriften des ionischen Dialekts (.\h]i. (ÜUt. (ies. der W. 
XXX IV l^!5T) S. 1 J(i. 

Meyer, KorscIiiiiiK«'" zur AUeii (JeHcliiclito. I. 9 



130 

den Namen vermieden (icfvyo)') und wollen nielit lonier ge- 
nannt sein, sondern aueb jetzt noch sclieiueu mir die meisten 
von ihnen sieh des Namens zu sehämen;') die zwölf Städte 
aber, von denen ich rede, waren stolz auf den Namen und 
gründeten sich ein eigenes lleiligtbum, das sie Panionion 
nannten, und beschlossen an ihm keinem von den anderen 
loniern Theilnahme zu geAvähren (auch hat ausser den Smyr- 
naeern Niemand darum gebeten); ähnlieh wie die [asiatischen] 
Dorer u. s. w. . . . Zwölf Städte aber haben die lonier meiner 
Meinung nach angelegt und mehr nicht aufnehmen wollen, weil 
sie auch, als sie im Peloponnes wohnten, in zwölf Theile zer- 
tieleu. . . . Deshalb haben die lonier zwölf Städte angelegt. 
Denn zu behaupten, dass sie mehr Tonier seien als die übrigen 
lonier oder etwas besseres seien, wäre grosse Thorheit. Denn 
unter ihnen bilden Abanten aus Euboea nicht den geringsten 
Bestandtheil, die mit lonien nicht einmal dem Namen nach 
etwas zu tliun haben, und Minyer aus Orchomenos sind unter 
sie gemischt und Kadmeer und Dryoper und versprengte Phoker 
und Molosser und arkadische Pelasger und Dorer von Ei)idauros 
und viele andere Stämme sind unter sie gemischt; und die 
unter ihnen, die vom Prytaneion in Athen gekommen sind und 
sich für die ächtesten (/frratoraro/) der lonier halten, diese 
haben ihre Frauen in die Ansiedlung nicht mitgenommen son- 
dern sich karische Weiber genommen. . . . Und sie haben sich 
Könige gesetzt, die einen Lykier, die von Glaukos dem Sohne 
des Hippolochos abstammen, die anderen Kaukonen aus Pylos 
von Kodros, Melanth(»s' Sohn, einige auch beide zusammen. 
Aber da sie nun einmal an dem Namen mehr festhalten als 
die anderen lonier, so mögen sie meinetwegen auch die reinen 
lonier (0/ xaOaQcö^ ytyoroTi^c 7forfc) sein. Es sind aber lonier 
alle die, welche aus Athen stammen und das Apaturienfest 
feiern, und das thun alle ausser den Ephesiern und K()lo))ho- 
niern, die allein von den loniern die A})aturien nieht feiern, 
und zwar um eines Mordes willen." 

Das Problem, welches Ib'rodot zu lösen sucht, ist folgen- 
des, „lonier sind die Nachkommen Ions" (Arist. meta])h. IV 28). 

1) Besser noch würde der Sinn von tfaivovTui fioi inrao/vri^od^ai 
wiedergegeben durch die Uebersetzuug „benehmen sicli die meisten, als 
üb sie sich des Namens schämten". 



131 

In erster Linie müssten mithin die Athener sieh lonier nennen, 
bei denen Ion lebte (und die denn aneli nach der theoretischen 
Geschichtsconstruction in der Urzeit einmal diesen Namen g-e- 
fithrt haben Her. YIII 44 u. s. w.) und von denen die übrigen 
lonier ausgegangen sind. In Wirklichkeit aber erkennen sie 
und ebenso die InselbeAvohner wohl an, dass sie zu den loniern 
gehören, aber als Ethnika führen sie ganz andere Namen: 
Niemand bezeichnet im gewöhnlichen Leben einen Mann aus 
Athen als lonier. Dagegen bei den Colonisten in Kleinasien 
ist dieser Name lebendig, ihr Land heisst lonien; und doch 
sind gerade unter ihnen zahlreiche Geschlechter (wie z. B. das j 
des Thaies), die ihren Stammbaum nicht auf Ion und Athen i 
zurückführen, sondern auf ganz andere, nicht ionische Stämme. \ 
Und nicht einmal die, welche von Vaterseite her wirkliche] 
lonier sind, haben reines Blut. Wie kommt es also, dass gerade 
hier der loniername so fest haftet, während die anderen, die 
so viel besseren Anspruch darauf haben, ihn nicht führenV 

Herodot weiss keine andere Antwort darauf zu geben, als 
dass die Athener und die Uebrigen den Namen aus irgend 
einer Idiosynkrasie verschmähen,') dass sie sich seiner schämen, 
während die lonier der zwölf Städte ihn fast widerrechtlich 
!usur])irt haben. Selbst in der Gegenw<art, wo durch den Auf- 
schwung Athens der ionische Stamm zu so grossem Ansehen 
gelangt ist und der loniername weit öfter genannt wird als 
früher fwo z. H. die kleinasiatischen Aeoler im ofticiellen Si)rach- 
gebrauch Athens von ihm völlig mitverschlungen werden), will 
er doch ausserhalb loniens nicht recht Wurzel schlagen: „aber 
auch jetzt noch — im Gegensatz zu der Zeit des Kyros, von 
der eben vorher die Kede war, und von der Herodot sagt, 
dass ,.damals, in einer Zeit allgemeiner Schwäche des Hellenen- 
thums, die lonier unter allen Hellenen die schwächsten gewesen 
seien, da es ausser Athen keine ionische Stadt von (politischer) 
Bedeutung gab" — schämen sich offenbar die meisten von 

1) I»;ilicr niciiit llcrddut aucli ^■ ti'.i, Klcistlifiies liubo in Atlioii die 
vier ii.uli Ions Siiliiifii heiiaiiiitcMi IMiyleii abgesciuifi't und die zehn neuen 
rii} len eint^erüiirt ,:uis AbiK'if:;un};: gcg^en die lonier, damit Athener und 
lonier nicht dieselben l'hylen hätten" {(U)xlfir tixoi xal ovro,; |niit Küek- 
sicht auf I 14IJ| v7in>i<Sv)v "liorug. ii« utj i'xfici m nviui tiuoi ifv?.ai 
xut lojoi). 

9* 



132 

ihnen des Namens" (nXXa y.al ? rr qairorTai uoi oi jro)iXo) 
avTföv tjraioyvino&ai reo ovröftaTi) — natllrlicli. denn die 
Athener heissen nach wie vor Athener, nielit lonier. Man sieht, 
der Satz besag't genau das Gegentheil von dem. was man all- 
gemein aus ihm herausliest. 

Herodot konnte eine andere Lösung nicht gehen: er steht 
im Baime der genealogischen reherlieferung. dir für ihn. wenn 
man die Wuudergeschiehten herausstreicht oder vielmehr rich- 
tig, d. h. rationalistisch, deutet, unverbrüchliche Wahrheit ist. 
I Wir werden uns seiner Erklärung nicht anschliessen. Aber das 
Problem existirt in der That: es ist die Frage nach dem Ur- 
sprung des loniernamens und des lonierthums. Es zeugt für 
den historischen Sinn Herodots, dass er es aufgeworfen hat. 

Unsere Antwort wird genau umgekehrt ausfallen müssen, 
wie die Herodots. Der loniername ist da aufgekommen, wo 
er zu allen Zeiten allein lebendig gewesen ist, in lonien.') A'or 
der Besiedelung der lydischen und karischen Küsten durch die 
Griechen hat es auch keine lonier gegeben. Die ..ionische 
I Wanderung" beruht auf dem Vordringen der mittelgriechisehen 
I Bevölkerung über das ägäische Meer. Einzelne grosse Be- 
wegungen mögen dazu den Anstoss gegeben, mögen die ersten; 
und wichtigsten Ansiedelungen veranlasst haben; aber in der 
Hauptsache hat sich die Bewegung gewiss ebenso allmählich 
und gleichmässig fortschreitend vollzogen, wie etwa die Be- 
setzung Unteritaliens durch die Achaeer oder Neuenglands 
durch die Engländer. Die überschüssige Bevölkerung, für 
welche die enge Heimath nicht ausreichte, suchte sich einen 
Abfluss und eine neue Heimath. Daher ist es^ewiss rictitig, 
wenn Attika als der Ausgangspunkt der ionischen Colonien 
gilt-) (wie Boeotien und Thessalien als der der äolischenj, 
aber nicht in dem Sinne als seien nun alle oder auch nur die 
Mehrzahl der Auswanderer hier heimisch gewesen. Von den 
Angaben Herodots über die nicht attischen Elemente unter 



1) Dieselbe Ansieht hat auch v. Wilamowitz Hermes XXI lOS aus- 
gesprochen: „lunisch und Aeolisch sind erst Productc der Völkerwan- 
derung". 

2) Daher sind die Namen der Phyleu die gleichen in Attika, Milet, 
Teosund vermuthlich auch in ande ren iun i scheu Städten, dah e r ist da s 
Agaturienfest fast allen gemeinsam u. s. w . 



133 

den louieru oder a ielmelir von den ihnen zu Grunde liegenden 
Stammbäumen der ionischen Adelsfamilien mag- mau so wenig 
halten wie man will: dass an der Bildung der lonier die ver- 
schiedenartigsten Elemente Theil genonimen Jiaben , ist nicht 
zu bezweifeln. Tn der neuen Heimath sind sie zu einer Ein- 
heit verschmolzen, und dem neuerstandenen Volksstamm ent- j 
spricht der neue Name. Die Frage nach dem Wohnsitz der ' 
lonier vor der Wanderung ist gegenstandslos'): vorher hat esj 
eben in dem Sinne, in welchem wir den Namen allein kennen,, 
keine lonier gegeben. 

Auch der ionische Dialekt ist erst in lonien entstanden; 
denn die Heimath eines Lautwandels (in diesem Fall die Um- 
wandlung des ä in offenes c und der Verlust des ran) ist da 
zu suchen, wo derselbe am stärksten und consequentesten auf- 
tritt. Von lonien hat sich die Spracherscheinung auf die Inseln 
und schwächer und durch Gegenströmungen gehemmt nach ' 
Attika verbreitet. Dies ganze Gebiet, das Mittelstück des ij, 
ägäischen Meeres, bildete sprachlich, commerciell, culturell| 
eine eng zusammengehörige Gruppe, deren Einheit in der 
grossen Messe von Delos ihren deutlichsten Ausdruck fand.. 
Das leitende Element waren die lonier. So ist es begreiflich 
genug, dass ihr Name auf den ganzen Kreis ausgedehnt ward; 
i^t er doch bei den Asiaten der Name für alle Hellenen ge- 
worden. Die genealogische Poesie ordnet daher alle Gemein- 
den dieses Kreises dem Ion dem Enkel des Hellen unter, be- 
trachtet sie alle als seine Nachkommen. Wenn, was ja recht 
wahrscheinlich ist, der Hellenenstammbaum in lonien entstan- 
den ist, so war eine derartige Auffassung garnicht zu vermei- 
den. Auf dem Stanunbaum aber beruht es in erster Linie, j 
dass die xVtheuer und die übrigen lonier der p()i)ulären An-j 
schauung als lonier gelten. Aber die „reinen" oder „ächten" 
lonier sind darum doch immer die kleinasiatischen geblieben, 
wenn auch, wer wie Herodot an die Genealogie glaubte, ihren 
Ansprucii folgerecht bestreiten musste. 

1) Damit s(»ll ii.iliirlioli nicht liestrittoii wordon, dass sollen veriu-r ' 
lirj^eudwo ein Stamm i-xistirt lialten m:ig, der sicii lonier nannte und nun 
dem ucucn Volk den Namen gab; uur wissen wir davon nichts. 



134 

Ein Augritf, den Eüxst CLiiTiL>; im llennes XX\' >S. lU ff. 
(,.wie die Athener lonier wurden") gegen vorstehenden Aufsatz 
gerichtet hat. uöthigt mich zu eiiiigeu Worten der Erwiderung.') 
Cuinius vertheidigt seine bekannte Hypothese, louien sei die 
Heimath der lonier, Attika sei erst im Lauf der Geschichte 
durch Zuwanderung von Osten ionisch geworden. Gegen die 
einzelnen Beweise, die er hierfür vorbringt, hätte ich mancher- 
lei einzuwenden; aber gesetzt sie seien alle richtig und zwin- 
gend, die aufgestellte Behauptung sei erwiesen — was folgt 
daraus für die Heimath der lonier? Dass in den Jahrhunderten, 
in denen der Erbadel herrschte, in denen der Pontus und Italien 
besiedelt wurden, in der Blüthezeit des Heldengesangs und bis 
ins sechste Jahrhundert hinab der Schwerpunkt der griechi- 
schen Eutwickeluug in Kleiuasien liegt, dass die lonier auf 
allen Gebieten die Führung haben, ihre Cultur, ihre Sprache, 
ihre i)olitische Entwickelung massgebend wird, das ist ja all- 
bekannt — was ist also auffallendes dabei, wenn in dieser 
Zeit ionische Geschlechter und ionische Culte ins griechische 
Mutterland hinübergewaudert sind? Eben in dieser Zeit hat 
sich meiner Meinung nach die ionische Gruppe des Griechen- 
' Volks zii einer (relativen) Einheit ausgebildet im Gegensatz zu 
den Dorern im Süden wie zu den Xordstämmen. in dieser Zeit 
hat sich die Anschauung entwickelt, dass Athener, Euboeer, 
Inselgriechen lonier seien, hat sich der Name der kleinasia- 
tischen Zwölfstädte wenigstens in der Theorie auf das ganze 
Gebiet ausgedehnt. Aber ergibt sich daraus irgend etwas, was 
über die Frage, wo die Bewohner der ionischen Zwölfstädte 
ursprünglich zu Hause waren, Aufschluss gäbe? 

Um zu beweisen, dass die lonier und überhaupt alle 
Griechen in Kleinasien über das Meer gekommene Colonisten 
sind, dazu bedarf es garnicht der Thatsache, dass sie sich zu 
allen Zeiten als solche betrachtet haben, dass das Bewusst- 
sein, nicht heimisch zu sein auf dem Boden den sie bewohnten, 



1) Dieselbe ist unter dem Titel „Die Ileimath der lonier, eine Re- 
plik" im Philologus N. F. III 1S9(), 479 ff. erschienen. Da es mir dringend 
nothwendig erscheint, dass über die hier berührten Fragen, über die meist 
sehr verschwommene Anschauungen herrsclien. völlige Klarheit erreicht 
wird, habe ich den Aufsatz fast wörtlich wieder abdrucken lassen und 
nur einige polemische Wendungen gestrichen. 



135 

ihnen inmuT in uoeli weit hölierem CTrade lel)endii^' gewesen 
ist als den Israeliten in Palaestina/) dass sie ihre Heimath 
drüben in Europa suchten. Gesetzt, dies Bewusstsein wäre 
ihnen im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen — frei- 
lich war das unmöglich , da sie mitten unter fremden Völkern, 
Karern. Lydern. Teuthranten, sassen — . so wäre darum doch 
die Thatsache nicht minder zweifellos als die, dass die Griechen 
in Uiiteritalien. die Phöniker in Africa und Spanien, die Hol- 
länder im Kapland übers Meer gekommene Colonisten sind. 
Kine Bevölkerung, welche auf einen schmalen Küstensaum | *^""J^;_ 
beschränkt ist — und nicht einmal dieser ist vollständig be-| ''■9 <f<of<^a'i 
setzt — . dagegen in die weiten Ebenen des Inneren, die Tliäler 
des Kaikos, Hermos, Kayster, Maeander, nirgends-) einzudringen j 
vermocht hat, kann nicht im Lande heimisch, sonder muss überl 
See gekommen sein. 

Aber^- und das ist das Problem um d.as es sich handelt 
— lonier vor der „ionischen Wanderung'' sind nirgends nach- 
weisbar. Das hat Cuurius mit vollem Recht betont, ebenso 
wie er mit Recht die aus dem Alterthum überkommene An- 
schauung bekämpft, als sei die Wanderung über See eine ein- 
malige, plötzlich sich vollziehende grosse Yölkerbewegung. Er 
folgert daraus, dass die lonier von Alters her da gesessen 
hätten, wo wir sie später tinden, an der Küste Kleinasiens. 
Dem gegenüber bin ich der Meinung, dass es lonier vor der 
Besiedelung Kleinasiens überhaupt nicht gegeben hat. Sie sind 
dadurch entstanden, dass hier Einwanderer aus den verschie- 
densten Theilen Griechenlands zu einer neuen Einheit ver- 
schmolzen sind, dass aus verschiedenen Elementen ein neues 
Volk entstanden ist. das dementsprechend auch einen neuen i 
Namen trägt. Kennten wir die Zustände der griechischen Welt 

1) Bei diesen werdi'ii die Sraiiiinväter des Volkes, Israel, .lakol», 
ls;uik, (Abraham), eben da wohnend -i-edaeht, wo ihre Naehkomnien soss- 
haft .sind, Israels Söhne niiisseu erst aus Kana'an lierausgebraeht werden, 
damit di-ren Nachkommen das Land wieder erobern kömien. Soweit sind 
die Aeoler und lonier nie j,^ekomuun : ihre Ahnen und Heroen sind im 
europäischen Mutterlande zu Hause. Eine interessante Ausnahme bilden 
allerdings die Tantaliden. 

2) Abgesehen von zwei vorgeschobenen und daher auch isolirt ge- 
bliebenen Tosten, den beiden Magnesia. Unsere Karten pHegen das von 
Griechen besetzte Gebiet in Klciuasien viel zu weit auszudehnen. 



136 

etwa im zwölften oder fünfzehnten Jahrhundert v. Chr. — die 
Zeitangabe ist natürlich ganz vag — so würden wir vielleicht 
sagen können, wo der Name herstammt. Sehr möglich, dass 
j irgend ein Volksstamm, der ganz oder theilweise nach Klein- 
asien hinüberzog, den Namen la woner auch schon vorher ge- 
tragen hat, in Boeotien oder in Elis oder in irgend einer Ge- 
gend Attikas oder Euboeas.') Ebenso möglich ist es aber, dass 
der Name erst in Kleinasien gebildet ist. Doch wenn auch die 
erstere Annahme erwiesen wäre, so wäre nicht viel damit ge- 
wonnen; für die Oeschichte kommen nur die Tonier Kleinasiens 
in B etracht, und erst hier sind dieselben entstanden. 

Diese Auffassung glaubt Curtius energisch abweisen zu 
müssen. Er sagt: „Territorien, meine ich, haben sich zu allen 
Zeiten in Folge von Kriegen gebildet, aber Volksstämme sollen 
auf Aulass kriegerischer Begebenheiten gelegentlich neu ent- 
standen sein? Ich denke, sie sind das Volk selbst in seinen 
natürlichen Zweigen, die ursprünglichen, die geborenen Träger 
aller Volksgeschichte. Wir suchen bei den C4otheu, Burgun- 
dern. Frauken soweit hinauf wie möglich der geschichtlichen 
Bewegung nachzuspüren, aber ihre Geburtszeit zu bestimmen, 
wer unternähme dasV" (S. 149). 

^lich hat die Untersuchung der Entstehung von Völkern 
und Stämmen überall das Gegentheil gelehrt. Für den Augen- 
blick erscheinen sie streng geschlossen, so sehr, dass alle Zu- 
gehörigen sich als eine erweiterte Familie, als Nachkommen 
eines einzigen Ahnherrn beti'achten, auch wenn manche von 
ihnen sehr wohl wissen, dass sie oder ihre Vorfahren anders- 
woher stammen und durch Adoption, durch Vertrag, durch 
anderweitige die Unterschiede allmählich ausgleichende Ver- 
mischung in die Volksgemeinschaft gekommen sind, der sie 



1 1 Möglich ist es ja, dass die 'Iwviaösq vv^npai bei Olympia, au die 
WiLAMOAViTz Herakles I 261 deukt (vgl. Töpffer, attische Genealogie 
26S f.), oder die Flüsse Ion in Thessalien (Strabo VII 7, li) und Arkadien 
(Kallimachos 1, 22) hierhergehören — wie man den Aeolernamen mit der 
Phokerstadt Aloh^ilz (Her. YIII 35) in Zusammenhang bringen könnte. 
Doch glaube ich, dass gegen derartige Combinationen die äusserste Zu- 
rückhaltung geboten ist — es handelt sich ja um Verhältnisse, die viele 
Jahrhunderte vor der historischen Zeit liegen, und man weiss, eine wie 
grosse Rolle der Zufall in solchen Dingen spielt. 



137 

jetzt ang-ehöveu. ' ) Aber der Forselumg zerrinnen sie rückwärts 
wie vorwärts unter den Händen. Sobald wir nicht einen eng- 
begrenzten Zeitraum, sondern Jahrhunderte zusammenfassend 
überblicken, erseheint der Stamm als ein absolut flüssiges Ele- 
ment; fortwährend sondert er zugehörige Bestandtheile aus, 
zieht fremde an sich heran, schliesslich verschwindet er völlig, 
seine Bestandtheile verwachsen mit anderen vielleicht ganz 
fernstehenden Stämmen oder Stammtheilen zu einer neuen Ein- 
heit, die für den Augenblick fest und dauerhaft erscheint wie 
Eis, um über kurz oder lang aufs neue zu zerschellen oder zu 
zerschmelzen. Das von Curtius als Beweis für das Gegeutheil 
angeführte Beispiel ist sehr unglücklich gewählt. Wo sind 
denn die lugaevonen und Istaevonen, die Markomannen und 
Cherusker zur Zeit der Völkerwanderung, wo die Franken, 
Alamannen, Sachsen, Bajuvaren, Gothen in der Zeit des Caesar 
und TacitusV Und wenn sich ja irgendwo Spuren von ihnen 
linden, so erscheinen sie als kleine Volksstämme ohne grössere 
Bedeutung, genau wie wir von den loniern angenommen haben. 
Das gleiche lehrt die Geschichte der kana'anaeischen und noch 
mehr der arabischen Stämme von den ältesten Zeiten bis auf 
den heutigen Tag. Dass es in Griechenland genau so gegangen 
ist, würde allein schon die Gestalt der griechischen Religion 
beweisen, auch wenn jede sonstige Kunde verloren wäre. Erst 
wenn eine hiUiere Culturentwickelung eingetreten und die 
Lel)ensforni vollständig sesshaft geworden ist. Avird das dauernde 
Moment der Stannnesbildung niäclitiger als das zersetzende, und 
so erhalten die Stämme, welche ins volle Leben der Geschichte 
eintreten, eine längere und festere Dauer. Freilich geht dabei 
die ursprüngliche IJedeutung, des eigentliche Wesen des Stannn- 
verbandes zu Gruiule und macht neuen Lebensformen Platz. 
Sehliesslich wird die Stammesangeiiörigkeit, endlich in der 
alten Geschichte wenigstens sogar die Nationalität etwas neben- 



I) So sind alle loiiior Nachkominen Ions, alle Aeoler Nachkommen 1 
des Aeolos, obwohl ihre Königs- und Adelsgeschlechter keineswegs auf! 
diese Ahnherren zurückgehen. Das vertrügt sich für die volksthiindichcj 
Anschauung, die nicht riisonnirt. sondern glaubt, ebenso gut mit einander l 
wie hundert ähnliche Widersprüche z. 1>. auf religiösem Gebiete. Krsti 
die erwachende rorschung, die nothwendig rationalistisch ist, nimmt hier 
Anstoss. 



138 

säfhliehes. ja g-leiflit^-iiltiges den treibenden Kräften des Lebens 
gegenüber. Und für die Ewigkeit haben die gvichisclien Stämme 
aneli in der abgeblasstesten Form nicht ausgedauert, so wenig 
wie es die deutschen thuu werden. 

Im Anschluss an diese allgemeinen Betrachtungen muss 
ich mehrere Behauptungen l)erichtigen. die Cuktius aufgestellt 
hat. S. 151 sagt er: „Wenn der Verfasser des Aufsatzes 
'Herodot über die lonier' sich darüber wundert, dass die Athener, 
die so viel von den loniern empfangen, sich dennoch geschämt 
hätten, lonier zu heissen (Her. 1,143), so ...". Es ist klar, 
dass damit meine Ansicht auf den Kopf gestellt wird. Nicht 
darüber wundere ich mich, dass die Athener nicht lonier 
heissen wollen — das finde ich vielmehr durchaus naturge- 
mäss — , sondern darüber, dass einsichtige ]\länner und sogar 
Historiker alles Ernstes glauben können, der loniername sei 
im fünften Jahrhundert in Verruf gewesen; und den Anstoss, 
den Herodot daran nahm, dass Athener und Nesioten, obwohl 
echte Nachkommen Ions, sich nicht lonier nennen, und die von 
ihm dafür gegebene Erklärung suche ich durch Darlegung 
seines Gedankengangs ins richtige Licht zu setzen. ') 

In derselben Weise werden mehrere Angaben Herodots in 
ihr Gegentheil verkehrt. Cuktius „fühlt sich in seineu ge- 
schichtlichen Anschauungen mit Herodot in vollem Einklänge"' 
(S. 151), und interpretirt daher, so unglaublich das klingt, seine 
Hypothese von dem Ursitz der lonier in Kleinasien und der 
Ionisierung Attikas in den Herodot hinein, obwohl doch 
gerade Herodot ausführlich auseinander setzt, dass die lonier 
ursprünglich an der Nordküste des Peloponnes gewohnt 
hätten und von hier von den Achaeern vertrieben seien, 
obwohl Herodot die ionische Wanderung vom Prytaneion in 
Athen ausgehen und im übrigen alle möglichen Stämme sich 
mit ihnen mischen lässt (I 145 fif. VII 94, vgl auch VIII 46 



1) Wie sehr das an der Zeit war, lehrt eine noch vor meiuem Aufsatz 
erschienene, mir erst jetzt zu Gesicht gekommene Arbeit von Hauvette, 
Herodote et les loniens, in der revue des etudes g-recques I 18SS S. 257 flf., 
in der der Nachweis versucht wird, dass bei Herodot durchweg ein ionier- 
feindliclier Standpunct hervortrete. IIal'vktte glaubt alles Ernstes, im 
fünften Jahrhundert sei jeder lonier erriJthct, wenn mau ihn nach seiner 
Herkunft gefragt habe. 



139 

UlxT die Besiedelulli;' der Kykladen). Aber durch gesehiekte 
Interpretation lässt sieh bekanntlich manches Kunststück fertig 
bringen; und wenn mau vor einiger Gewaltsamkeit nicht zu- 
rückschreckt, so Avird sich ja wohl nicht nur der Geist (das 
was ..Niemand tiefer und iiersönlicher empfunden hat als He- 
rodot*' und ..was er uns in seiner schlichten Weise lehrt"), 
sondern selbst der Buchstabe retten lassen. 

Bekanntlich erzählt Herodot I 56, zu Kroesos' Zeit hätten 
„unter den Dorern die Lakedaemonier, unter den loniern die 
Athener den ersten Kang eingenommen, von denen letztere ur- 
sprünglich Pelasger. erstere Hellenen waren, xal x6 ^Iv (tih'oc) 
ovdaaij xco i^t'/cÖQijüt, rö ()s JioXvjcXä)'?jToi' xägra". Dass He- 
rodot mit dem Volksstamm, der nie seine Heimath verlassen 
habe, nur die Athener meint, in schönster Uebereinstimmung; 
mit lliuk. 1 2. daran hat nie jemand gezweifelt und kann nie; 
jemand zweifeln. ') Denn, ganz abgesehen davon dass Herodot 
nachher nur von Athen spricht (tu 'Attixüv ytvog sov FhXaoyi- 
x()r äfia Ti'j i^ti:Ta(ioX7i i^ 'EXhjvag xal rrjV yXoyooav }j£Ti(iaß^t), 
für die Urzeit sind ja nach der eonventiouellen Geschichte die 
Athener die einzigen Repräsentanten der lonier, und dass die 
Athener s]>äter Colonisten nach lonien geschickt haben, kommt 
für die Urzeit so wenig in Betracht, wie die attischen Colonien 
auf Lemnos und in Thurii. Aber Cuirnus setzt an Stelle der 
Athener oder Urionier die kleinasiatischen lonier und bezieht 
den Satz. ..sie haben niemals ihre Heimath verlassen", auf diese, 
auf einen Vulksstamm , dessen Wanderungen Herodot selbst 
ausführlich berichtet. Man liöre: ..Auch dort, wo er [Herodot] 
das dorische und das i<»nisclie Völkergeschlecht (t« .TQoxtxQi- 
iitva loixa To aoyaioiy '-} I 5()) in Betreif der Wohnuiigsver- 



1) [vgl. VII IUI, wo die AtliL'Hcr sich dagegeii wehren, den !Syrakus;uierii 
die Hegemonie zu iiberhissen : ti Si()axoaiotai iovieg lid^ijvaloi oiyyioQi'i- 
oniitv r?yu ))yf/t(>yirj^, uttyuiöiaxov filv ii^voq naQi:/ö[.itvoi , fiovroi dl 
hövTiq Ol /iteruräoTui 'E/J.tjvcuv. Ebenso Thuk. I 2 vijv yovv IIttixi/v ix 
Tdv f.Tf nkflotor <)iu lo If-nröytioi' üaTuoiaarov ovauv uvS^Qojnoi loxovv 
tii uvioi uti. II 'M\ in Perikles" Leichenrede: zifV yuQ /wquv an o'i uvToi 
oiitnivrtq ihfxdoyf/ tvjv ijuyiyvo/nrtov. Die Arkader, die den gleichen 
Kiihm haben, hat Herodot vergessen, wälircnd Thuk. I 2 sie erwähnt.] 

2) Diese Deutung der Worte xuvra yu() ?jv r« 7iQ03<ox()inhvu hövxa 
lii üit/alov ri) nlv Ilthxoyixov zo dl 'E?.kTjrixov t'hoQ ist zwar niehrfacli 
vertreten (so bei Baeiiu), aber nicht richtig, wie schon das bei dieser Auf- 



140 

hältni8se einander g-egenli))erstellt. hat er vollkommen Recht. 
Denn das ionische Volk hat niemals, wie die Dorier, massen- 
weise seine Heimath verlassen (ovfkcfjfj xoj tsf/coQtjOe); Chics 
lind Umgegend 'j ist immer ionisches Land gewesen und ge- 
blieben". Kanu mau die Meinung eines Schriftstellers ärger 
verdrehen? 

Nicht besser steht es mit dem was Herodot nach Cuirrirs 
..über die Entwickehiug der Athener von den Krauaern bis zu 
den loniern in seiner schlichten Weise lehrt'' (S. 151 1 und wor- 
über ..wir an unserm Büchertisch nicht hinaus können". ,.Die 
Hauptepoche, heisst es S. 147 f.. bleibt immer diejenige, welche 
Herodot meint, wenn er uns sagt, dass in der älteren Zeit nur 
die Dynastengeschlechter gewechselt hätten, durch Ion aber 
die Athener ein anderes Volk. d. li. louier geworden seien; und 
diese Umänderung;, welche die Alten nach ihrer Weise durch 
einen neuen Xamen 1)ezeichneten. fällt wesentlich mit dem 
A])ollodienste zusammen". Bei Herodot steht von dem, was 
CuRTius ihn sagen lässt. kein Wort. Herodot nennt Ion drei 
Mal : V 0(5. wo er berichtet, dass die vier alten attischen Phylen 
nach Ions Söhnen benannt sind, V 94, wo er erzählt, die lonier 
hätten als sie im späteren Achaia wohnten, „ehe Dauaos und 
Xuthos-) nach dem Peloponnes kamen, nach hellenischer Ueber- 
lieferung Pelasgische Aigialeer geheissen, tjrl di 'kovoq rov 
iEiovi^ov "Icove^". Die dritte Stelle ist VIII 44, und diese hat 
CuRTius offenbar im Auge. Sie lautet ..als die Pelasger das 
jetzt Hellas benannte Land iune hatten, waren die Athener 
Pelasger und hiessen Kranaer. unter König Kekrops wurden 
sie Kekropiden genannt {lxh}f>tiOia') , als dann Erechtheus in 
der Herrschaft folgte, wurden sie Athener umgenannt (fitrcovo- 



fassung imerträgliche iovia beweist. Es ist mit Bekker, Stein u. a. zu 
interpuugireu tuitu yuQ i]v za hq. (.Si)arta und Athen waren zu Kroesos' 
Zeit die beiden hervorragenden griechischen Staaten ; Herodot nimmt, wie 
so häufig, den vorhergehenden Satz lazoQhwv dt ^vQiaxe (Kroesos) Aaxeö. 
xai lid^rjvaioig TiQoi/nvxaq rovg fitv rov JcuQixov yevov: vovg öh zov 
Ivjvixov wieder auf), eövra xb uQ/alov tb filv Ilsk. etc. 

1) Wamm gerade Chiosy Nach der Ueberlieferung, der doch Cur- 
Tius sonst mehr Werth beimisst als wir Jüngeren, wohnen hier Abanten 
und Karer (Ion von Chios bei Pausau. VII 4, S f.). 

2) vgl. oben S. S5, 3. 



141 

f/äo&/j<jC(v) , und als Ion der Sohn des Xuthos Heerführer 
(oTQaTdQ'/j/g) der Athener wurde, wurden sie nach ihm lonier 
genannt (tx?.ijf>iiOary'. Also d er Name wechselt je nach dem 
Oberhaupt, die Einführung- der Namen Kekropiden, Athenaier, 
loner wird mit genau denselben Worten berichtet; aber uachj 
Ciirnus erzählt Herodot. dass ,.in der älteren Zeit nur die 
Dyuastengeschlechter gewechselt hätten, durch Ion aber die. 
Athener ein anderes Volk geworden seien". 

Eine Umwandlung der Athener muss Herodot allerdings 
annehmen, da sie nach ihm ursprünglich Pelasger waren und 
er nachweisen zu können glaubt, dass die Pelasger eine barba- 
rische Sprache redeten: die U mwandlung in Hellenen. Die se 
muss stattgefunden haben , als Ion nach Athen kam (vgl. 
Thuk. I 3) , denn erst seit Hellen und seinen Söhnen gibt es 
Hellenen. Aber auch bei dieser Umwandlung verbleiben die 
Athener dasselbe Volk : ..wenn wirklich alle Pelasger eine bar- 
barische Sprache gesprochen haben, so haben die Athener, da 
sie ein pelasgisches Volk waren, zugleich mit der Umwandlung 
in Hellenen auch die Sprache umgelernt"' (I 57, vgl. II 51 
AfhrjvcdoLOi yliQ /jd?/ T/jviy.avra Ic^EXhivag reXiovöL etc.). Man 
sieht, Herodot drückt sich so vorsichtig als möglich aus, und 
was er behauptet, ist seine eigene Hypothese, die ihm selbst 
sehr bedenklich vorkommt. Davon dass die Athener ein anderes 
Volk geworden seien und nun gar durch Zuwanderung von 
Osten, wie Cuirrirs will, davon ist mit keiner Silbe die Rede. 
Ion kommt von Phthiotis [oder vielmehr aus dem Peloponnes, 
s. u.], wird attischer Feldhaui)tmann, und gibt dem Volke seinen 
Namen — wobei dasselbe gleichzeitig, wenn Herodots Hypo- 
these richtig ist, seine Sprache umlernte.') Wer wie Thuky-' 
|dides (und Aeschylos) die Pelasger für Griechen hielt, bedurfte 
dieser Hypothese nicht, sondern hatte nur einen einfachen 
Namenswechsel zu statuiren. 

CriiTirs hat aus Herodots Angaben über Ion noch weitere 
Folgerungen gezogen (S. 14B). Dass Ion nicht König sondern 
Feldherr ist, bedeutet ..die durch kriegerische Ueberlegenheit 
erworbene Machtstellung" der eingewanderten ionischen Ge- 



1) Aiif(.'rKTirs' Ansicht von den rdasojt'rn, auf dit> er S. 147 zu reden 
kommt, einzugdien, wird man mir wold erlassen. 



142 

schleeliter, und eine ..wohl l)eo;rnndete Ueberliofonms: ben Pau- 
sauias VII 1, 8". dass mau iu Athen die aus Achaia fiüchtenden 
lonier „um Ions willen und weg-en der Thaton die er als atti- 
scher Polemareh verrichtet hatte'' aufnahm — wie gut . dass 
die „Ueberlieferung" die geheimen Motive des Königs Melanthos 
des Sohnes des Andropompos bewahrt hat! — muss dem als 
Stütze dienen.') In Wirklichkeit haben diese Angaben einen 
ganz anderen, völlig durchsichtigen Grund. Die Gestalt des 
Ion, des Eponymos der louier, kann nur in lonien entstanden 
sein. Seine Söhne sind die Stammväter der vier Phylen, die 
in Athen, IMilet, Teos und vermuthlich auch in anderen ionischen 
Städten die gleichen Namen tragen — genau wie Israel der 
Vater der Eponymen der israelitischen Stämme ist. -) Dass der 



1) Eine weitere Stütze soll die Thatsache bieten, „dass der Amtssitz 
der attischen Polemarchen beim Lykeion, dem Heiligthum des Apollon war" 
(nach Suidas s. v. äfj/ojr). Dass dies nur dann von einiger Bedeutung 
sein könnte, wenn der ionische Ursprung sowohl des Apollon Lykeios wie 
des Polemarchats iu Athen anderweitig erwiesen wäre, liegt auf der Hand. 
[Jetzt wissen wir aus Aristoteles pol. Ath. 3, dass das Amtslokal p4jilykeion 
hiess. Die Ableitung des Namens von einen Polemarchen Epilykos, der 
es neu gebaut habe, ist natürlich ein unhistorischer AutoschediasmaJ. Da-| 

I gegen zur Erklärung der weiter aufgeführten Thatsache, dass den Pole-' 
marchen die lurisdiction über die Fremden zusteht, brauchen wir dielonier; 
wahrlich nicht. Dass der Fremde und der Feind den gleichen Beamten: 

i angehn, ist das einzig natürliche. 

2) Wenn wir eine römische Ueberlieferung aus der Zeit hätten, in der 
der Geschlechterstaat noch lebendig und der Erbadel der leitende Factor 
des Staats war, d. h. aus dem fünften Jahrhundert, so würde vuis hier 
zweifeüos Eomulus {= Romanus) als Vater der Epouj'men der drei Tribus 
entgegentreten. Dass in der römischen Urgeschichte genealogische Sagen- 
gestalten fehlen (abgesehen von Eomulus und den von den Griechen über- 
nommenen Figuren wie Latinus u. a.), liegt nicht wie man meint au der 
Poesielosigkeit der Köuier und mangelnder Begabung, sondern daran, dass 
die römische Urgeschichte literarisch erst fixirt ist in einer Zeit, für die 
eine genealogische Erklärung des Ursprungs der Staatsgemeinschaft ebenso 
absurd gewesen wäre wie etwa in unserer Zeit. Das wird gewöhnlich ganz 
übersehen. Nicht der Unterschied der Begabung sondern der Unterschied 
zweier ganz verschiedener Staatsformen spiegelt sich wieder in dem Unter- 
schied zwischen den griechischen und den römisclien Ursprungssagen. An 
sich enthalten die Aborigines, die von Eomulus zusammengerufenen Ban- 
diten, der Eaub der Sabinerinnen xi. s. w. ebenso viel und ebenso wenig 
Poesie und Phantasie wie Ion und seine Söhne oder Pelasgos und die 
erdgeboreuen Urahnen, oder wie Jakob und Esau. Beides sind naive Con- 



143 

Ahnherr des Volks ein Sohu Apolls ist, ist dm-chaus natürlich. 
Seine Mutter ist eine attische Prinzessin Kreusa, die Tochter 
dos Urköuig-s Erechtheus. Denn dass die louier ans Athen! 
kamen, stand mindestens dem 7. Jahrhundert bereits fest:' 
II. iV 685 ff. sind die Y«or/c tlxt/iTcov^g die Athener, das Heer 
des Menestheus, i) und dem entsprechend finden wir O 387 einen 
"/«öoc als aQ/os l4fh)ji'aion\'^) Beide Stellen sind freilich für 
die llias jung, aber für unsere Untersuchung recht alte Zeug- 
nisse. Sie genügen allein schon um die gegenwärtig weit ver- 
breitete Ansicht, die Ableitung der lonier aus Athen sei ein 
Reflex der späteren Machtstellung Athens, als falsch zu er- 
weisen. Sie ist in der That äusserst unbedacht; denn für 
Herodot ist es eine feststehende und allgemein bekannte That- 
sache, dass alle „ächten lonier" vom Prytaneion in Athen aus- 

stnictionen des Ursprungs des cigeneu Staatslebeus. Für deu Rümer des 
dritten Jahrhunderts wäre es ein lächerlicher Gedanke gewesen, seinen 
Staat als eine erweiterte Familie aufzufassen — während die Griechen diese 
Anscliaunng aus dem achten und siebenten Jahrhundert ererbt haben und 
ilire spätere Theorie ebenso wie die moderne wissentlich und unwissentlich 
von der griechischen abhängige bis auf den heutigen Tag daran krankt. 
I'iir den Römer ist der Staat vielmehr die Gesammtheit freier aber dem 
iuiperium des Beamten (Königs) unterworfener Krieger. Wer sich dies 
Verhältnis einmal wirklich klar gemacht hat, wird auf immer von dem 
Glauben geheilt sein, als könnten wir aus der römischen Sagengeschichte 
über die Zustände der Köuigszeit auch nur das Geringste lernen — auch 
ganz abgesehen von Triebeu's glänzender Entdeckung (Rh. Mus. XLIII, 5(59), 
dass die Romulusfabel aus der sophokleischen Tyro entnommen ist, wo- 
durch eine Fülle von Hj-potheseii rettungslos in sich zusannnenstürzt. — 
Die römischen Adelsgeschlechter haben wie es sich gehört zu allen Zeiten 
ihre eponymen Heroen gehabt so gut wie die griechischen (lullus, Pompo, 
Anton u. s. w.). Wie lebendig diese Anschauung war, hat Niemand deut- 
licIuT ausgesprochen als Caesar in der Leichenrede auf seine 'l'ante: Amitae 
nicae luliae maternum genus ab regibus ortum, paternum cum diis inunor- 
talibus coniunctum est. Nam ab Anco Martio sunt Marcii Reges, quo 
nomine fuit mater: a Venere Inlii, ciiius gentis familia est nostra . Est ergo 
in genere et sanctitas regum, qui plurimum inter homines pollent, et caere- 
monia Deoriun, quorum i[)si in potestate sunt reges (Sueton. Caes. (5). 

1) Dass die Sciiolien diese lonier im späteren Achaia wohnen lassen, 
ist eine durch die Sagenclironologie nalie gelegte Deutung, sdilägt aber 
dem ^Vo^tiaut der Stcik' ins (icsicht. Die richtige Auffassung gibt 
Stralto IX I, ."). 

2) Denn der Name "l((iu>^ wird \'on den loiiiern niclit getri'nnt werden 
können. 



144 

geg:aDgeu siud (I 14G vgl. IX loG sowie fUr die Inseln VIII 46). 
Das hätten sich die lonier im fünften Jahrhundert nimmermehr 
octroviren lassen. ') 

Ions älterer Bruder ist Achaios. Auch das gehört der älteren 
Funn des Stammbaumes an, ehe derselbe in den bekannten 
Hellenenstammbaum äberging. wie deutlich daraus hervorgeht, 
dass Achaios hier Ion"s Schicksal theilt. Wäre er erst vom 
Verfasser des Hellenenstammliaumes erfunden, so müsste er, 
wenn er überhaupt genannt werden sollte, der erstgeborene 
Sohn Hellen's sein. Den Sinn dieser Verbindung kann man 
auf verschiedene Weise deuten : wahrscheinlich ist aber doch 
gemeint, dass die Achaeer des E})Os die älteren Brüder, die 
Vorgänger der louier siud. Auf der anderen Seite ist es un- 
möglich, diese Verbindung von der uns zuerst bei Herodot 
entgegentretenden Aljleitung der lonier aus dem peloponne- 
sischen Achaia — gewiss aber haben Ilekataeos und Pherekydes 
im wesentlichen ebenso erzählt; der Schiifskatalog dagegc-n, 

!der den A igialos zum Reich Agamemnons rechnet, weiss n och 
nichts davon — zu trennen, sei es, dass diese Sage vom Stamm- 
baum bereits vorausgesetzt wird, sei es dass umgekehrt der 
Stammbaum zu ihrer Ausbildung mitgewirkt hat. 

In dieser Gestalt-) hat der Verfasser des Hellenenstamm- 

ibaumes. den das Alterthum Hesiod nennt.'') den Stammbaum 
des Ion übernommen. Er konnte Ajjollo als Vater des Achaios 
und Ion nicht brauchen, da er dieselben von Hellen ableiten 



1) [ Dazu stimmt, dass Solon Attika „ das ältes te Land loniens'', d. b. 
das^Mutterland der lonier (TiQeGßvrüriiv yulav '[aortag, Ar ist. pol. Ath. 51 
nennt. Es ist bezeichnend für die Macht des Vorurtheils, dass Kaibel 
und KiESSLiNG das durch „edelster Zweig ionischen Stammes" über- 
setzen.] 

2) Wie das Epos hiess, in dem die Sage in dieser Gestalt fonuulirt 
war , wissen wir nicht. Das ist auch gleichgültig. Namen stehen genug 
zur Auswahl. 

'S) Icli^ kenne keinen Beweis dafür, dass die Kataloge und Eoeenjn 
Europa und gar in Boeotien entstanden seien^ wie man allgemein annimmt, 
wohl aber scheinen mir nicht wenige Indicien nach Kleinasien zu weisen. 
Die herrschende Ansicht beruht, so weit ich sehe, nur darauf, dass die 
Kataloge direct an die hesiodeische Theogouie angeknüpft sind. Leider 
i.st ja eine gründliche Untersuchung über Hesiod, eines der dringendsten 
Bedürfnisse der Alterthumsforschimg , nocli immer nicht in Angriff ge- 
nommen. 



145 

musste. So ersetzte er ihn durch einen menschlichen Vater, 
Xuthos, der neben Doros und Aiolos ') zum Sohne Hellen's 
werden konnte. Es ist zwar nicht erweisbar, aber doch sehr 
wahrscheinlich, dass, wie 0. Müller vermuthet hat, Xuthos seinen 
Namen einem Epithet Apollos verdankt. Jedenjalls ist er keine 
geuealog-ische Gestalt , und auch das erweist ihn mitten unter 
lauter E])onymen als sekundär, als Product eines Compromisses 
zwischen verschiedenen zunächst unvereinbaren Anschauungen. 
lAuch hier wieder zeigt sich, dass die genealogischen Mytheu,| 
'welche die Modernen für Volkssagen halten, nichts anderes' 
sind als gelehrte Combinationen. 

In der historischen und mythographischen Litteratur hat] 
der hesiodeische Stammbaum (im Wortlaut theilweise erhalten i 
fr. 25 Kinkel 27 Rzacii) die Alleinherrschaft gewonnen, daneben 
aber [ist die ältere Fassung für das Volksbewusstsein in Athen 
immer lebendig geblieben. Denn sie beruht darauf, dass A2)ollon 
jua{}(i)OQ der Schutzgott ist, von dem jede ])ürgerliche Familie 
— nicht etwa die Ad.ligen, die ihre gesonderten Stammbäume 
haben — abstammt (Plato Euthydem 302 D). Ist also Ion der 
Ahnlujrr der Athener und der Stammvater der Phylen. so muss 
er ein Sohn Apollo's sein. 2)] Euripides' Ion ist ein Versuch, 



1) Aiicli Aiolos hat lange eine Sünderexistenz gehabt, ehe er zum 
Soliue Hellens wurde; Siov<poq Aioki6i]q Z \h\ und KQtjf^fic AioXiöijq 
l 237 sind für die Dichter dieser Partien scliwerlich schon Enkel des Hellen 
gewesen. Wahrscheinlich war er ein Sohn des Zeus, wie bei Kuriitides im 
Ion (s.u.; ist die Angabe bei Konon narr. 27, dass Hellen nach „Einigen" 
ein Sohn des Zeus sei, wirklich ein liest alter UeberlieferungV)- Im Aiolos 
fr. 14 und in der Melanippe fr. 481 folgt Euripides dagegen dem Stamm- 
baum Hesiods. Aiolos ist der Stammvater der aeolischen Helden (Atha- 
nias, l'clias, Sisyphos u. s. w.), und da diese in Thessalien heimisch sind, 
niuss er erst recht hier gelebt haben. So ist der Aeolername nach Thessa- 
lien gekommen und auch Name der Urboeoter geworden. Es ist sehr 
seltsam, dass sich immer noch (belehrte finden, die die.se sehr durchsichtige 
Fi(;ti()n für historisch halten, [vgl. (J. d. A. II 151.] 

2) Ebenso Aristot. pol. Ath. fr. I WiL. rov 'AnöXXwva xoivwq nuxt}(üov 
ii/iiüoiv 'AUtjvuloi ann ^'Iwvoq' rovxov yuQ oixtfaavxoq rijv Arrixijv, tug 
'Aqiotot^Xtjq <p7]oi, Tovg AB?]Vttiovg "iwvag xXri&7jvui xul AnokXoj naxQwov 
avxoig (ivo/uuod^jjiui (Harpokr. An. nax.). Ebenso schol. Arist. Av. L")27 
nf<T()iöov xi/iwai Anök/.ujru Aihjvaloi, tml^Iuiv o no).inu(>/i>4 '.ll}>/rutajv 
l^ A7iök).ujy()g xul l\i>t<}voiiq rijg ior.'/oc |das ist ein Versehen des Scho- 
liasten; schol. Euthydem 1. c. »uid Bekiceu Anecd. 1 292 haben richtig 

Meyer, Für8cbuugou zur AUen Uesuhicbte. 1. 10 



146 

beide Versionen zu vereinigen. ') Mau hat daraus meist gefol- 
gert, dass die Version, welche Ion zum Sohn Apollos macht, 
attischen Ursprungs und Ion in Athen heimisch sei. Anderer- 
seits betrachtet Tüpfer (Att. Geneal. 25(3. 267) den Ion und 
seinen Vater Xuthos als Ahnherrn des attischen Geschlechts 
der loniden. Xuthos ist ihm der Repräsentant der maratho- 
nischen Tetrapolis, weil er sich nach der bei Strabo VIII 7, 1 
und Konon narr. 27 vorliegenden Tradition hier augesiedelt 
haben soll; er hält also auch Xuthos für eine in Attika hei- 
mische Gestalt. 

Ich halte diese Ansichten für grundfalsch. Ion und Xuthos I 
Isind den Athenern vollständig fremd, in ihrer Sagengeschichte, 
zwischen den einheimischen Gestalten des Krauaos Kekrops 
Erechtheus Pandion ist für sie gar kein Platz. Das ist voll- 
ständig in der Ordnung, denn der loniername ist ja in Attika 
nicht heimisch, sondern aus der Fremde importirt. Erst durch! 
Idie Autorität der im Epos verarbeiteten Sagengeschichte sind 
'lon und Xuthos nach Athen gekommen, er ist den Athenern' 
joctroyirt sogut wie den Dorern im Pelopounes ihre heraklidi-, 
'scheu Ahnen und den Römern Aeneas und seine Troer. Wie 



'E()f/&f:ü)q] iytvero. Vgl. z. B. auch Diod. XVI 57, 4 l4S-r]vaioi . . fxyö- 
ßfvoi rbv lAnöXXwru nuxQivov uvrdjv eirui xul Tt{>öyovov. Steph. Byz. 
"itDviw ovzwQy 'Attix?/ 7i()6TeQOv, U710 "lojvoqroi: linn).).on'OQ xrä KQtoiarjQ 
rTjC 'EQf/ßto)Q. 

\) Euripides gibt folgeudeu Stammbaum: 
Zeus 

Aiolos Erechtheus 

I I 

Xuthos Gem. Kreusa (iem. ApoUon 

I I 

Ion 



Doros Aehaios 



Die Epouymen der vier Fhylen. 
Dafür, dass dem Stammbaum in der That alte Elemente zu Grimde liegen, 
ist besonders auch das Fehlen Hellens beweisend; aber so wie er vorliegt, 
kann er nicht ursprünglich sein. Die Ableitung des Doros von Xuthos, 
des Xuthos von Aioh)s, die Zerreissung der zusammengehörigen Eponymen 
sind widersinnig. Vermuthlich hat Euripides selbst die älteren Genealogien 
des Aiolos und Ion mit dem hesiodeischeu Stammbaum contamiuirt, wenn 
er nicht auch darin schon einen Vorgänger gehabt hat. Ilellanikos ist in 
zahlreichen Fällen in ganz gleicher Weise vorgegangen. Leider wissen wir 
vom Inhalt der sophokleischen Dramen Ion und Kreusa garuichts. 



147 

der König Meuestheus, den die llias als Feldherrn der Athener 
vor Troia nannte, ') und die pylischen Könige, von denen sieh 
die ionischen Köuigsgesehlechter ableiteten, nur mit vieler Mühe 
in der attischen Königsgeschichte untergebracht sind, so war 
es auch nicht leicht, für Ion und Xuthos Platz zu schaffen. 
Ihre Zeit war durch Erechtheus bestimmt, daher war es un-j 
möglich, sie als attische Könige zu betrachten ; 2) andererseits 
mussten sie eine hervorragende Rolle gespielt haben, da Ion 
dem Volke seinen Namen gibt. Daher wird er oder Xuthos I 
GTQaTi'tQyjiQ^ Heerführer, und tritt als solcher au die Spitze des, 
Volks, dessen Verhältnisse er ordnet.-') Die Gelegenheit dafür 
Hess sich leicht finden; nach der gewöhnlichen Ansicht steht 
Ion dem Erechtheus im Kriege gegen Eumolpos bei — Philo- 
choros fr. 33 und wohl schon andere vor ihm gewannen dadurch 
eine willkommene Gelegenheit den Namen des Festes der 
..Ilülfsleistung'', der Boedromia, zu erklären — , Euripides er- 
findet einen Krieg mit Euboea, bei dem Xuthos Hülfe leistet, 
wodurch er sich die Hand der Kreusa erwirbt. Thukydides I 3 



1) lasos, der au seiner .Stelle wie schon erwähnt WM genannt und 
v(jn Aeneas getüdtet wird, ist neben ihm nicht zur Entwicklung gelaugt; 
sonst würden wir vielleicht von einem attischen Doppelkönigthum hören. 
Den Commentatoren ist er natürlich ein Heerführer des Meuestheus. — Die 
einzige llouier bekannte Gestalt, die attischen Ursprungs ist, ist Erechtheus, 
von dem mau in louien wusste, weil er im attischen Cult eine so hervor- 
ragende Rolle spielte. Daher war er auch für den Ioustamml)auui die ge- 
gebene und wahrscheinlich alleiu iu Betracht kommende Figur. 

2) Als später aus chronoh)gischen (üründen die attische Künigsliste 
erweitert werden musste (durch Kekrops II. und Pandion IL), hätten sie als 
Füllfiguren sehr willkommen sein können. Aber damals war ihre Rolle 
sshon anderweitig bestimmt. 

ei) Strabo \\\\ 7, I, wohl im Anschluss an Philochoros. [Ebenso Arist. 
|iol. Atli. ."'., 2, wo das Polemarchat dadurch begründet wird, dass einige 
Könige unkriegerisch sind; 7i{^tuJrov iM rov "koru ntzinimpavro yQfiaq 
irdTu'/.ußovotj^. Absurd ist es freilicli, sich neben Theseus, Meuestheus, 
Kodros einen Polemarchen zu denken, und ebenso absurd, dass Ion, den 
Aristoteles zum Begründer der ersten staatlichen Ordnung, der tiqwti] 
/ruTÜoTuoic. machen muss, weil die Plijleu tuid Phylenkönigc von ihm lier- 
staunnen (pol. Ath. 41, 2. Ileraklid. pol. 1), erst luich den ältesten Königen 
ins Land kunimt. Aber diese Widersprüche, in welche die historische Be- 
liaridliuig der Sage mit Nothweiidigkeit verwickelt, hat Aristoteles liier so 
wenig wie soust beachtet; sie sind eben von seinem Standpunkte aus un- 
lösbar.] 

10* 



148 

hat diese Er/iililung-en verallgemeinert, indem er die Ausbreitung 
des Hellenennamens in Griechenland dadurch erklärt, dass man, 
als Hellen und seine Söhne mächtig in Phtiotis geworden waren, 
sie überall um Hülfe anging. — Ausser den Athenern musste 
Ion auch noch den 2Jeloponnesischen loniern den Namen geljeu 
(wie Achaios den peloponnesischen und phtiotischen Achaeern 
Pausan. VII 1. Konon 27. Apollodor I 7. 3). Es ist sehr begreif- 1 
lieh, dass jede der beiden Möglichkeiten, dies zu bewerkstelligen, 
auch ergriffen ist : nach Strabo VIII 7, 1 sind die lonier im 
Aigialos attische Colonisten, nach Pausan. VII 1 herrscht Lai 
lerst im Aigialos und zieht von hier den Athenern zu Hülfe. 

Unsere moderne Forschung, die doch sonst mit den Ueber- 
lieferungen recht frei schaltet und z. B. den Hektor zu einem 
Thebaner macht, hat eine heilige Scheu vor Grabhügeln und 
den ihnen anhaftenden Namen. So basirt denn auch Töpffek 
seine Ansicht. Ion sei in Attika heimisch, vor allem darauf, 
dass das Grab des Ion — ,.bei dem er heroisch verehrt wurde" 
setzt er hinzu, wovon Pausanias, unsere einzige Quelle, nichts 
berichtet, (I 31. 3. VII 1, 5) — „in Potamoi an der Seeküste 
lag, etwas nördlich von Thorikos, wo zur Zeit der Kleisthe- 
nischen Demenreform ein Zweig des Geschlechts [der loniden] 
ansässig war, das in ihm seinen Ahnherrn verehrte". Der ein- 
zige lonide, den wir kennen, war allerdings örjLiojv Soq'ixioq 
fschol. Plat. Apol. 23) ; und dass dies Geschlecht sich auf einen 
Eponymen Ion zurückführte, ist nicht zu Ijezweifeln. Dass es 
denselben aber mit dem Stammvater der lonier idenficirte, ist 
sehr unwahrscheinlich und würde jeder Analogie entbehren, 'j 
Weiter wissen wir ül)er diese Dinge und über dies Geschlecht 
gar nichts. Dass man , als Ion einmal in die attische Sage 
Eingang gefundsujiat_te, auch sein Grab zeigte, scheint mir das 
natürlichste von der Wel t. Grabhügel gab es ja in A ttika wie 



1) Dass die iüni(a)dischen Nymphen in Elis nach Ion dem Sohne des 
üargettos, des Eponymen des attischen Demos, benannt sein sollen (Pau- 
san VI 22, 7), bemerkt Töpffer selbst. Man kannte also in Attika jeden- 
falls zwei lon's, den Sohn des Xutho.s und den des Gargettos; der Epo- 
uymos der loniden, des (Geschlechts und des Demos, mag ein dritter gewesen 
sein. — Dass die loniden ein eingewandertes „loniergeschlecht" waren, 
ist möglich, doch mag die Homonymie auch auf irgend einem andern Wege 
entstanden sein. 



149 

in ganz Grieeheulancl genug'. Dass man gerade einen bei Po- 
tamoi gelegenen als Grab des Ion bezeichnete, würde sich leicht 
erklären, wenn das lonidengeschleeht in dieser Gegend ansässig 
war und der Demos, der seinen Namen trägt, hier zu suchen 
ist — leider ist aber seine Lage bis jetzt nicht ermittelt.^) 

Auch Xuthos ist in Attika ansässig geworden; nach Strabo 
und Konon (s. S. 146) hat er die marathonische Tetrapolis be- 
siedelt. In Thessalien bei seinem Vater Hellen hatte er nichts 
zu thun, dass man ihn also in Attika irgendwo wohnen Hess 
— warum grade bei Marathon, weiss ich nicht — ist sehr be- 
greiflich."^) Aber eine alte Ueberlieferung, die auf den Ursprung 
der Sage Licht werfen könnte, ist darin nicht zu suchen. 
Euripides, der doch sonst an solchen Dingen nicht vorübergeht 
und bei dem es an Gelegenheit dazu nicht fehlte, namentlich 
bei Xuthos' Einführung V 290 ff., macht nicht die leiseste An- 
deutung, dass er von Xuthos' Beziehungen zu Marathon irgend 
etwas wusste. 

Nach TöPFFEK 1. c. wäre Euripides' Ion „ein politisches 
Zweckdrama", und hätte der Dichter „den ursprünglichen Mythos 
tendenziös variirt". Ich vermag davon in dem Htück nichts zu 
entdecken. Euripides behandelt hier wie in so vielen andern 
Dramen die zahllosen Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten, 
welche die Sage bietet, so))ald man sich die überlieferte Be- 
gebenheit in ihrem ganzen Verlauf real und auf Grund der 
Verhältnisse und Anschauungen der Gegenwart vorzustellen ver- 
sucht.''; Er hat seine Aufgabe meisterhaft gelöst, wenn auch 
einzelne Missstände nicht zu beseitigen waren — so namentlich 
die unvermeidliche aber widersinnige Apathie, in die Xuthos 
in der zweiten Hälfte des Stücks versinkt, und der fast komisch 



1) [MiLCiiHÖFEK Unters, über die Demenordming des Kleisthenes, 
Abh. 15erl. Ak. 1S92 S. IB suclit ihn in der Nähe von Gargettos, also im 
liinnenlande. | 

2) Andere Hessen ihn naeh dem Peloponnes (in den x\.igialos) gc-lien 
und liier lierrsehen, so llerod. V !M. Pausan. VII I. Apollodor I 7, .-t. \oi\ 
liier kommt dann sein Sohn Ion nach Athen. 

:<) Dass der Schauplatz nach Delphi verlegt ist vor die Wohnung des 
Gottes, der die ganze Lage verschuldet hat und nun lösen muss, war 
durchaus naturgemäss. Die ursjjriingliehi' Sage hatte allerdings unter Apollo 
nicht den (leli)hisciien (lott verstanden, aber in Euripides" Zeit konnten man 
an einen anderen garnicht denken. 



150 

wirkende Befehl Athenes, ihm die Lösimg- des Räthsels zu ver- 
heimlichen. 

Ich hoffe gezeigt zu haben, dass aijs der lonsage für die 
ältere griechische Geschichte nicht der mindeste Aufschluss zu^ 
gewinnen ist. ') Das Prohlem um das es sich handelt, ist hier 
wie immer ein literarisches, und nur als solches für die Ge- 
schichtsforschung von Bedeutung. 

Zum Schluss möchte ich, vorläufig ohne weitere Begründung, 
noch eine These aufstellen: Die Besiedelung der Westküste 
Kleinasiens ist nicht, wie man gegenwärtig glaubt — die Alten 
wissen nichts davon — , eine Folge des Einbruchs der Gebirgs- 
stämme in die Culturländer Griechenlands. Sie steht mit der 
I dorischen Wanderung und allem was dazu gehört in gar keinem 
{Zusammenhang und ist recht eigentlich ein Produkt der „my- 
kenäischen" Zeit. Die überschüssige Bevölkerung des engbe- 
grenzten Mutterlandes sucht sich zu allen Zeiten eine neue 
Heimath zu gewinnen — das ist ja der treibende Faktor aller 
griechischen Volksgeschichte bis in die hellenistische Zeit 
hinein — und so hat die älteste Blüthezeit Griechenlands auch 
'die erste grosse Colonisation geschaffen: das Vordringen über 
das ägäische Meer und die Besetzung der Küsten Kleinasiens, 
einschliesslich Pamphyliens und Cyperns. 



1) In den Angaben bei Velleius I 4 und Vitruv IV 1 , dass Ion der 
Führer der Colonisation loniens gewesen sei, ist scliwerlicli ein Nacliklaug 
der ältesten Sagenform, sondern einfach Flüchtigkeit zu suchen. 



Herodots Chronologie 
der griecliischeii 8agengescliichte. 

Mit pjxoiirsen zur Geschichte der c,Tiechischen 
ChrünogTa])hie und Historiog-vaphie. 



Herodots Chronologie 
der griechischen Sagengeschichte. 

Mit Excurseu zur Geschichte der grieclnschen 
Clirouographie iiiid Historiographie. 



Jjekanntlich nimmt Herodot an mehreren Stellen seines 
Werkes auf ein festes chronolog-isches System der griechischen 
Sagengeschichte Bezug. Zum Theil in Generationsrechnungen 
tritt es uns entgegen, für die er den Grundsatz aufstellt: yivtal 
rgeig dvögcüv exarov arta iori II 142, zum Theil in festen 
Daten, die von Herodots Zeit rückwärts gerechnet werden: 
X Jahre ig Ifit. Diese Daten sind mit Absicht in runden 
Zahlen gegeben; es kommt nur darauf an, im allgemeinen den 
Abstand der Ereignisse, z. B. der Zeit des Herakles, von der 
Gegenwart zu bestinmien; beides aber sind allgemeine Begriffe, 
die sich nicht auf ein bestimmtes Jahr stellen lassen. Zu ge- 
nauen Daten gelangte man erst, als man daran ging die Lebens- 
dauer oder bei Königen die Begierungszeit der einzelnen Per- 
sonen genau festzusetzen, d. b. die Gesammtsumme in Einzel- 
jyosten aufzulösen und diese ziemlich willkührlicb unter die 
Einzelnen zu vertheilen. Derartige Oi)eratioueu sind zwar auch 
schon vor und zur Zeit Herodots vorgenommen, z. B. an den 
lydischen und medischen Dynastien, aber für die griechische 
Geschichte otfenbar noch nicht durchgeführt — oder falls es 
hier schon derartige Daten gab, hat Herodot verschmäht sie 
zu verwerthen. Auf alh- Fälle waren solche bestinnnte Zahlen 
erst auf Grund ein<'r allgemeinen Generationenrechnung zu ge- 
winnen, durch welche die Zeit, in die ein jeder gehörte, im 



154 

allgemeinen festgelegt war. Und eben diese allgemeinen An- 
sätze liegen bei Herodot vor. 

Es ist daher klar, dass Herodots Ansätze nicht zu sehr 
urgirt werden dürfen; sie sind mit Absieht nicht auf feste 
Ephoren- oder Archontenjahre nach Art der parischen Chronik 
gestellt. Und so dürfen wir. wenn wir sie in Daten unserer 
Zeitrechnung umsetzen wollen, nicht etwa fragen, in welchem 
Jahre das betreffende Kapitel geschrieben ist. Das würde zu 
der absurden Annahme führen, dass der Schriftsteller mit 
jedem neuen Jahre seine Epoche verschoben hätte und die 
Zahlen hätte ändern müssen. Vielmehr hat Herodot seine 
Daten auf seine Epoche ganz im allgemeinen gestellt. Herodots 
Blüthezeit. seine öffentliche und literarische Wirksamkeit wie 
seine geistigen und politischen Anschauungen, fallen mit der 
Regierungszeit des spartanischen Königs Archidamos (468—427) 
und der Staatsverwaltung des Perikles (ca. 459 — 429) zusam- 
men, d. h. er gehört der Generation an, welche in den ersten 
Jahren des peloponnesischen Krieges abstirbt. All die zahl- 
reichen und meist recht unfruchtbaren Untersuchungen über 
die Entstehungszeit des herodotischen Geschichtswerkes haben 
nur ein sicheres Resultat ergeben: dass die letzten Bücher in 
der Form, wie wir sie haben, in den ersten Jahiu^n des pelo- 
ponnesischen Krieges niedergeschrieben sind. Nichts hindert, 
dies Ergebniss auf das ganze Werk auszudehnen, ja für das 
zweite Buch lässt sich das, wie wir gleich sehen werden, direct 
erweisen. Damit verträgt sich natürlich vollkommen, dass 
Herodot einzelne Partien weit früher, vielleicht Jahrzehnte 
vorher, zum Zwecke von Vorträgen oder auch lediglich zur 
Stütze seines Gedächtnisses aufgezeichnet und diese älteren 
Manuscripte bei der Schlussredaction benutzt hat — genau 
wie Thukydides nach seiner eigenen Aussage verfahren ist 
und l)is auf den heutigen Tag jeder Schriftsteller in gleicher 
Lage, z. B. auch der Schreiber dieser Zeilen, verfährt. 

Herodots Generation entspricht also im allgemeinen etwa 
den Jahren 460 — 427 v. Chr. Eine Stelle des zweiten Buches 
aber zeigt, dass ihm, wie es natürlich ist, bei seinen Ansätzen 
zunächst das Ende dieses Zeitraumes, d. h. die Gegenwart in 
der er schrieb, vorgeschwebt hat. Um sie richtig zu verstehen, 
müssen wir zunächst die Zeit seiner ägyptischen Reise bestimmen. 



155 

Herodot erzählt III 12, dass er auf dem 8elilaelitfeld von 
Papremis, wo das Perserheer unter Achaemenes von Inaros 
besieg-t wurde, die Schädel der Aegypter hart gefunden habe, 
während die persischen Schädel so weich waren, dass man sie 
mit einem Kieselstein zertrümmern konnte. Der Aufstand des 
Inaros und die Schlacht bei Papremis fallen ins J. 4(30 v. Chr.: 
sie gaben bekanntlich den Anlass zu der grossen athenischen 
Expedition nach Aegypten (459—454). Daraus ergibt sich, 
dass Herodots ägyptische Reise lange nach 460 anzusetzen ist 
— es ist mir ganz unverständlich und ein handgreiflicher Be- 
weis, wie sehr in Vorurtheilen befangen man meist an diese 
Fragen herangeht, dass Herodots Reise in Aegypten fast all- 
gemein vor 450 angesetzt wird.') Es ist ja klar, dass Herodot 
sehr viel später, etwa um 440, in Papremis gewesen ist. 

Auf denselben Zeitpunkt weisen alle anderen Angaben. 
Es ist schon von Bauer hervorgehoben worden, dass zur Zeit von 
Herodots Reise Aegypten in persischem Besitz war (II. 30. 99). 
Seine Reise wäre aber überhaupt unmöglich gewesen, ehe die 
Herrschaft der Perser in Aegypten wieder hergestellt war. 
Denn es ist ein Irrthum zu glauben, dass der Aufstand des 
Inaros jemals das ganze Land ergriffen habe. In der Citadelle 
von Memphis haben sich die Perser xal Alyvjiriojv oi ftt) §vv- 
ajtoordvTtg immer behauptet (Thuk. I 104), davon dass Ober- 
ägypten in die Hände der Aufständischen gefallen sei, kann 
gar keine Rede sein; ein beträchtlicher Theil namentlich der 
Priesterschaft ist immer den Persern ti-eu geblieben (meine 
Gesch. Aegyptens S. 391 ff.). Herodot hat aber ganz Aegypten 
bis Elephantiue hinauf bereist. Er hätte also, wenn er zur 
Zeit des Aufstandes reiste, von dem Gebiet der von Athen 
unterstützten Rebellen auf persisches Gebiet übertreten müssen, 
was unmöglich ist. Andererseits war der Aufstand mit der 

1) Ad. Bauer, Entstehuug des herod. Geschichtswerks 33, der die 
äf^yptische Reise am weitesten hinabrückt, cutscheidet sieh für die Zeit 
zwisclien 44'.) und 444, weil llerudut 11 14S unter den bedeuteudsteu Bauten 
der Griechen, die mit den Pyramiden verglichen werden, die Tempel auf 
der Akropolis nicht erwälme. Der moderne Gelehrte wird allerdings zuerst 
an diese denken. Herodot aber hatte nicht die mindeste Veranlassung, 
die in ihren Dimensionen keineswegs selir bedeutenden (überdies auch 440 
noch ganz unfertigen; Bauten zu nennen. 



156 

Niederlage der Athener 454 und der Gefang-ennahme des Inaros 
keineswegs zu Ende. Amyrtaeos hielt sieh noeh lange (Thuk. 
I 110 vgl. Herod. III 15), und 449 unterstützten ihn die Athener 
aufs neue. Erst nach dem sog. kimonischen Frieden von 448, 7 

— an dessen Realität ich niemals gezweifelt habe ') — kann 
Herodot Aegypten bereist haben. Und überhaupt sollte es doch 
selbstverständlich sein, dass Herodot Reisen innerhalb des 
persischen Reiches, nach Babylon (SusaV) und Tyros, nicht 
ausgeführt haben kann, ehe zwischen dem attischen und 
dem persischen Reich Friede war. Wie hätte sonst ein ange- 
sehener Bürger einer abtrünnigen persischen Stadt, der mit 
Athen in enger, vermuthlich auch diplomatischer Verbindung 
stand, ungestraft das Reich des Grosskönigs bereisen können V 
Wenn dem so ist, so wird es aber im höchsten Grade wahr- 
scheinlich, dass Herodot seine grossen Reisen, mit Ausnahme 
der skythischen, überhaupt erst ausgeführt hat, als er Thurii 
verlassen hatte und wieder dauernd nach Athen übergesiedelt 
war,-) d. h. in dem Decennium 440 — 430. — Diese Annahme 
wird durch die Schilderung Aegypteus bei Herodot lediglich 
bestätigt. Ueberall tritt deutlich hervor, dass der Schriftsteller 
das Land zu einer Zeit bereiste, als es vollständig paciticirt 
war und die grosse Rebellion bereits der Vergangenheit an- 
gehörte. 

Nun sagt Herodot II 13, wo er von dem — von ihm un- 
geheuer überschätzten — Fortschreiten der Ablagerungen des 
Nil redet, dass nach Aussage der Priester zur Zeit des Moeris 
eine Anschwellung des Nil um 8 Ellen genügt hätte um Unter- 
ägypten unter Wasser zu setzen, während er zu seiner Zeit 
noch nicht über die Ufer trat, wenn er 15 bis 16 Ellen hoch 
anschwoll. Dazu bemerkt er: xca Molqi ovxco i]v szea dva- 
xooia r8Ttlivrj]x6rL, Ort tcöv iQicov ravra tyco ijxovov. „Als 
ich dies von den Priestern hörte, d. h. als ich in Aegypten 
war, waren seit jVIoeris' Tod noch nicht 900 Jahre verflossen" 

— das hat nur Sinn, wenn die 900 Jahre jetzt voll geworden 
sind, mit anderen Worten wenn von Moeris' Tod xara uva- 
xöoia Ixta toxi tg tf/t. War Herodot um 440 in Aegypten, 

1) Zu meiner Freude tritt jetzt auch Köhler Hermes XXVII 75 für 
die Realität des Kalliasfrledens ein. 

2) vgl. Anhang 3. 



157 

so kann diese Stelle nicht vor rund 430 gesehrieben sein. Wir 
können daher als die Epoche, in der er sein Werk schrieb und 
auf die er seine Rechnungen u tfii gestellt hat. das Jahr 
430 V. Chr. ansetzen — wobei ich nochmals l)emerke. dass 
nichts verkehrter wäre, als dies Jahr urgiren zu wollen und 
die Rechnungen mit absoluter Exaetheit durchzuführen. Es 
handelt sich nur um runde Zahlen, weder der Anfangs- noch 
der Endtermin sind feste Daten, und so bedeutet auch das 
Jahr 430 im folgenden nichts anderes als das Jahrzehnt, inner- 
halb dessen Herodot geschrieben hat und in dessen Mitte 430 
ungefähr liegt. 

Die Grundlage der Ansätze Herodots, wie aller Sagen- 
chronologie, bilden die durch Argouautenzug, thebisehen und 
troischen Krieg gegebenen Synchronismen der Hauptgeschlech- 
ter, nach denen Herakles Telamon Tydeus Oedipus Laomedon 
Xeleus lason Atreus Laertes Theseus im wesentlichen die 
(n'ucratiou vor den TQcoixa vertreten.') Dem entspricht es, 
dass V 59 Herakles' Vater Amphitryon ausdrücklich als Zeit- 
genosse des Laios. Vaters des Oedipus. bezeichnet wird. Im 
üljrigen genügt für uns die folgende Zusanuneustcdlung. 

IV. 



1, 


I. 

Kadmos 


II. 

Poikiles 

1 

Membliaros, 

pliönikischer 

Oekist voll 

Thera 


III. 


J. 
f). 


Poljdoros 

1 
Labdakos 

LaiüS 

1 
Oedipus 


Semele'i) 

1 
Dionjsos 


Ampllitr^■oll 

1 
Herakles 

1 



tl. Polyneikes Eteokles'') Hyllos Peueloi)i' Tuujixa. 

I I I (Gem. Üdysseus) 

II II 
7. Thersandros Laodaiuas (Zerstiirun^ Kleodaios Paii 

I Tlit'bens) | 

'i. Tisamenos Aristomaehos 



9. Autesion Aristodoiiios Kresplioutes Temeuos 

IM 'i~\ '^Z — Ä — • verm. mit Arj^eie 

10. I heras Argeie 



Oekist von Eurystlieues Prokies. 

Thera 

1) DaiiiT z.B. auch VII 171 toit), yutt, /(f-ra Mirwv r^Xtir i'/ouitu 
•/fviof^ui TU Tt>wiy.ü. Minos' Tochter Ariadue ist die (lemaliu des Theseus, 
sein Sohu Deukalion der Vater des Idomeueus (A l.jl. r ISU). 



158 

Belege. I 1—4: Y5<); (>— 10: IV 147. VI 52. — I a: II 145. — 
Ib: Vfil. 

II: IV 147 Kadmos lässt bei der Suche nach Europa auf Thera 
akXovg re zöJv 4>oivixü)v xui d?/ y.ui zojv eojvtov ovyytrtuiv M^fz- 
ßkiuQov zurück. Mau wird deihselben eiue Generation tiefer stellen diirfeu 
als Kadmos. Dann ist die folgende Angabe obroi (Membliaros und die 
Seiuen) evt/novro xi]v KaXkiaxijv xuXsofxtvrjv inl y^vtäq,, itQlv ?} ßt'/ijav 
tXiyüv £x AaxeSaifiovog, oxtoj uvöqwv, völlig exact. 

III: VI 52, wo auch die Vermälung des Aristodemos mit Argeie; 
Theras' Vormundschaft über seine Neffen IV 147. 

IV: II 145. 

Dasselbe Schema wird auch II 44 vorausgesetzt: von der 
Gründimg des Heraklesheiligthums auf Thasos durch die Phoe- 
niker ot xar EvQCOjrjjg C/jt/jöh' txjiXo'jöavrhQ (-Jaoor txTiOav, 
heisst es: xal ravza xcd jrti'Tc jf-vifjOi /o-dQcöj^ jigoT^Qa torl 
i] rar Ufig)iTQvcoi'og 'liQax?.ta tr rij I'JXXuöi ytrtOlhci Von 
Kadmos bis Herakles sind, beide eingeschlossen, fünf Genera- 
tionen. Im übrigen sind natürlich kleine Discrepanzeu, wie 
sie im wirklichen Leben fortwährend vorkommen, auch in 
diesen Stammbäumen nicht zu vermeiden. So fällt die Zer- 
störung Thebens durch die Epigonen vor den troischen Krieg, 
während König Laodamas eine Generation tiefer steht; so 
stehen Theras und Argeie, die Altersgenossen des Aristodemos, 
gleichfalls eine Generation tiefer als dieser. Die Hauptschwierig- 
keit, die aber hier nicht in Betracht kommt, bildet die Ord- 
nung der mykenischen Geschichte von Eurystheus bis Aga- 
memnon; hier ist ein vollständiger Ausgleich niemals möglich 
gewesen.') Für uns ist nur zu beachten, dass wer Herakles 
allein, nicht im Zusammenhang des ganzen Systems, betrachtet, 
ihn etwas weiter hinaufrücken wird: Nestor und Priamos, die 
er als Kinder auf den Thron setzt, sind im troischen Krieg- 
uralte Männer, ihre Söhne (Hektor, Antilochos etc.) werden als 
die eigentlichen Repräsentanten der Generation der Tqcoixü zu 
gelten haben — während andererseits Herakles von Telamon 
und Theseus, deren Söhne vor Troja kämpfen, nicht zu trennen 
ist, und ebenso sein eigener Sohn Tlepolemos gegen Troja zieht. 



1) Agamemnon ist Vetter des Eurystheus (vgl. Thuk. I 9) und der 
Aithra, der Mutter des Theseus. Das ist ein Resultat der combinatorischen 
Ausgleichung der Traditionen, aber an sich widersinnig. 



159 

Man wird ihn daher an den Anfang der einen, den troischen 
Krieg- an das Ende der nächsten Generation zu setzen haben, 
so dass er, wenn sieh das im Schema darstellen Hesse, etwa 
anderthalb Generationen vor den Helden des troischen Krieges 
stehen würde. 

Auf diesem Schema beruhen Herodots Angaben II 145: 
Aiovvocp nkv VW Tcö ix ^tfithjg T7/g Eccöfiov Xsyof/tvqj y&rt- 
öd-ai xaxä \lS,ax(}Oiu\ txtu \xca\ yiXicc (icuuöTa torl ag efis, 
^HquxXü öb xq) AXxiiyvtjg xaxa uvaxöoia sxta, IlavX ds x<5 
fcx IJ7/V£X67C7]g (ex ravxfjc yccQ xal EQfitco Xtysxai ytViOd^ai 
vjro 'KXXiivow o Iläi') iXäöoco axea toxi xcov Tgcoixmv, xaxa 
oxxaxöoia fiäXiüxa ig tfie. Die Zeit des Dionysos, des Hera- 
kles und des troischen Krieges sind für Herodot offenbar ge- 
gebene Daten, die er nicht weiter zu begründen braucht, wäh- 
rend er die Epoche des Pan aus der des troischen Krieges erst 
nach ungefährer Abschätzung berechnet. Pan ist von Peuelo})e 
am Ende ihres Lebens geboren, nachdem Odysseus sie nach 
seiner Rückkehr Verstössen und zum Ikarios nach Arkadien 
geschickt hat (A})ollodor Ilhein. Mus. XLVI 181 vgl. Pausan. 
VIII 12, G u. a.); seine Geburt fällt also etwa 15 — 20 Jahre 
nach der Zerstörung Trojas. Wir dürfen mithin als Epoche 
der Tgcoixd etwa 820 Jahre vor Herodot ansetzen. Daraus er- 
gibt sich aber, dass diese Ansätze nicht zu Herodots Definition 
II 142, drei Generationen seien gleich hundert Jahren, stimmen. 
Es ist dabei in Betracht zu ziehen, dass der Begriff der Ge- 
neration nichts genau bestimmbares ist. Im allgemeinen wird 
man sie der axfj/) eines Mannes gleichsetzen; aber ebenso gut 
kann sie auf die Geburt gestellt werden, und diese hat Hero- 
dot II 145 vor allem im Auge, da er anders als bei Herakles 
ein geschichtliches Leben des Dionysos und Pan ausdrücklich 
läugnct und meint, die Griechen hätten die Geburt dieser 
beiden Götter in die Zeit gesetzt, wo sie ihre Namen zuerst 
kennen lernten.') Doch selbst wenn wir darauf kein Gewicht 



1) li;»' <\t .liövroöv rs ).tyovai oi"li?.?.?jyeQ wq avxixa yeröfifvov ig 
zör fitjQov ive(f(jürpaTo Zsvg . . . xui llavöq ys nifJi ov;< i'/ovoi eineiv 
öxii tTfjänfTO yevn/ifvog. öt'ikc /tot ciji- yiyove, ort voTfQov inv&ovro 
Ol "EXXrfVfq xovrwv zu ovvö^aru i] zu xwv aXkwv &ed)V ein' oi- 61 
tTivDorTo j^(jüyoc, unu zovzov ytviuXoyiovoi uizujr z>)r yiveotv. 



160 

legen, steht Pau immer nur zwei Generationen tiefer als Hera- 
kles; und nach dem vorher bemerkten kann, wenn Herakles' 
Generation 900 vor Herodot l)eginnt, die Zerstörung Trojas 
höchstens ans Ende der nächsten Generation gesetzt werden, 
müsste also nach Herodots Rechnung auf 833 vor seiner Zeit, 
nicht auf 820 fallen. Wir erkennen also schon hier, dass He- 
rodot seine Ansätze nicht selbst gefunden sondern einem Vor- 
gänger entnommen hat, der die Generationen nach (ünem 
anderen System berechnete. 

Das für den troischen Krieg gefundene Datum wird durch 
die schon besprochene Angalie bestätigt, dass Moeris 900 Jahre 
vor Herodot, d. h. vor 430 v. Chr., gestorben sei. Moeris ist 
der dritte Vorgänger des Proteus, des Zeitgenossen des troi- 
schen Krieges und der Irrfahrten des Menelaos (II 101 fif. Moeris, 
Sesostris, Pheros, Proteus). Wir haben also nach Herodots 
Generationenrechnung anzusetzen: Moeris f 900, Sesostris 900 
bis 8G6, Pheros 800—833, Proteus 833—800. Auch von hier 
aus erhalten wir also für den troischen Krieg rund 830 — 820 
vor Herodot.') 

Dagegen ergibt sieh, dass das handschriftliehe Datum für 
Dionysos, 1600 J. sg tf/t, nicht richtig sein sein. Dionysos steht 
zwei Generationen vor Herakles, Pan zwei nach ihm. Ent- 
weder sind also, wie ich im Text angenommen habe, die 
600 Jahre zu streichen, und von Dionysos bis Herakles ist, 
wie das bei runder Rechnung wohl zulässig war, ein Jahr- 
hundert angesetzt, oder es ist fcg//'xorr« tTf« xdi dvay.ooia zu 
lesen, was zu Herodots Generationsrechnuug völlig stimmen 
würde. 

Wir erhalten also: 
Dionysos 1000 (960) J. v. Her. = 1430 (1390) v. Chr. 

Herakles 900 „ „ = 1330 v. Chr. (Tod 

des Moeris). 
troischer Krieg ca. 830—820 „ „ = ca. 1260—1250 v. Chr. 
Pan 800 ,. „ = 1230 v. Chr. 



1) Menelaos wäre dann 812 J. vor Herodot nach Aegypteu gekoiuuieu. 
Wenu wir berücksichtigen wollen, dass scbou Paris mit der geraubten 
Helena zum Proteus kommt (II 113 ff.), zehn Jabre vor dem troisclieu 
Kriege, so konnte man die Epoche der Zerstörung Trojas noch etwas 



161 

Dass Herodots äg•ypti^^che nironologie diese Ansätze be- 
rücksichtigt und mit ihnen übereinstimmt, haben wir gesehen. 
Das gleiche gilt von der lydischen und der assyrischen Ge- 
schichte. Bekanntlich regieren nach Herodot die fünf Mer- 
mnaden über Lydien 170 Jahre 14 Tage = 716 — 546 v. Chr., 
und vor ihnen die Herakliden in 22 Generationen 505 Jahre 
= 1221 — 717 V. Chr.') Diese Dynastie ist begründet von Agron 
S. d. Ninos S. d. Belos S. d. Alkaios S. d. Herakles (I 7). Ninos 
der Vater des Agron ist unzweifelhaft identisch mit dem Be- 
gründer des assyrischen Reichs. Das assyrische Reich besteht 
nach Herodot I 96 520 Jahre bis zum Al)fall der Meder; die 
j\Ieder herrschen nach I 130 r^g aiwj AXvoq xoraiiov 'Aoirjq 
tji srta TQn'jy.orra y.ai Ixarov dvolv dtovra jic(Q8§ )} ooov oi 
2!xvd-ai ijQxov.'-) Der erste medische König, der Eroberungen 
unternimmt, ist Phraortes, während sein Vater Deiokes to 
Mfjdixoi' t'h'oq öv}eoTQtrp& fiuvvop y.al rovrov //()^f. Die 
128 Jahre der Mederherrschaft-'j werden, wie Zumpt und 
G. Rawlinson zuerst gesehen haben, dadurch gewonnen, dass 

weiter, auf 815 — SlO v. Her., herabrücken. Das verträgt sich mit dem 
Datum für Pan's Geburt 80U v. Her. vollkommen. 

1) Das herodotische Datum findet sich auch bei Pliuius XXXV Hb 
duodevicesima ulympiade intcriit Candaules (7üS 5, das ist das aus Xanthos 
abgeleitete Datum für Gyges, Archilochos und die Gründung von Thiisos, 
das auch Euphoricm gab: Clem. Alex. Strom. I 1 1 7. 131), aut ut quidam 
tradant eodem anno quo Romulus, d. i. nach der von Plinius befolgten 
varrouischen Rechnung 717 v.Chr. In Ol. 15 (720/17) setzte im Anschluss 
au llerodut auch Diouys |von Halikarnass] die (Gründung von Thasos Clem. 
Ale.K. Strom. 1 131. 

2) Die vielumstrittene Stelle kann vernünftiger Weise nur heissen: 
Die Zeit der Mederherrschaft von Phraortes bis Astj^ages beträgt 128 J., 
innerhalb dieses Zeitraums aber haben eine Zeitlaug (28 .1. nach I 104) 
niclit die Meder sondern die Skythen die wirkliche Herrschaft ausgeübt. 

3) Gewonnen sind dieselben wohl zweifellos so, dass man auf die 
drei Mederkouige Phraortes Kyaxares Astjages ein Jahrhundert rechnete 
und dazu 28 Jahre der Skythenherrschaft (1 1 Ofi) zählte, deren Ursprung 
dunkel bleibt. Diese Rechnung ist aber nicht etwa von Herodot oder 
seinen unmittelbaren (Jewührsmäunern, sondern schon vorher gemacht, 
denn bei Herodot sind die 12^ Jahre bereits willkiihrlich und ziemlich 
unbedacht (denn da die Skythenlierrschal't in die 4'» .lalire des Kyaxares 
fällt, bleiben für ihn nur 12 Jahre der selbständigen Ilerrsciiaft, was ab- 
surd ist) auf die drei Künigc vertheilt. 

Meyer, Forschungen zur AUeu Geschichte. I. JJ 



1ß2 

man e. 102 eine Vertausehung- der Jahre des Deiok(>s (r>H) und 
des Phraortes (22) vornimmt; dann erhalten wir 

Phraortes 53 -\- Kyaxares 40 (rsootQdxovra Ix^a ovv toTöl 
y:xvd^aL riQ^av T 107) + Astyages 35 = 128 J. 
Herodot lässt, geschichtlich falsch (G. d. A. I 413. 461. 480), die 
Mederherrschaft mit Kyros' Regierungsantritt in Persien 558 
V. Chr. zu Ende gehen, rechnet die 128 Jahre also = 686 — 559 
V. Chr. Vorher liegen die 22 Jahre, die von Phraortes auf 
Dejokes zu übertragen sind, so dass Dejokes 708 beginnt; dazu 
kommen vielleicht noch einige Jahre der Anarchie (I 96) ') — 
doch ist es möglich, dass diese bei der Chronologie nicht be- 
rücksichtigt sind. Das Ende der Assyrerherrschaft fällt also 
entweder 709 oder einige Jahre früher, ihr Anfang, d. h. der 
Antritt des Ninos, entweder 1228 v. Chr. oder etwas vorher, 
also etwa rund 1240. 

Rechnen wir nun von Herakles = 900 Jalire vor Herodot 
= 1330 V. Chr. abwärts 3 Generationen auf ein Jahrhundert, 
so erhalten wir: 

Herakles 

Alkaios 

Belos 

Ninos 

Gründung des assyrischen Reiches [1240 oder] 

Agron 

Gründung der lydischen Dynastie der Herakliden 1221 „ 
Wie wir sehen stimmt die Rechnung für Ninos vollkommen. 
Dem Ansatz für Agron's Regierungsantritt aber liegt vielleicht 
die Annahme zu Grunde, dass Ninos ihn schon wenige Jahre 
nach seiner Thronbesteigung auf den lydischen Thron gesetzt 
hat, ehe seine eigene Generation begann. Indessen vielleicht 
wird man einen anderen Ausweg vorziehen. Es wäre nämlich 
denkbar, dass Herodot seinen Ansatz der Heraklidendynastie 
auf 505 Jahre einem Gewährsmann [keinenfalls Xanthos, s. u. 
S. 167 f.] verdankt, der für die Mermnaden eine andere Chrono- 
logie befolgte als Herodot (über den Ursprung seiner Daten 



1330 V, 


.Chr 


1296 


r 


1263 


?? 


1230 


11 


1228 


11 


1196 


11 



1) Man küuute aimehmeu, dass hierfür die 28 Jalire, die Dejokes 
regiert, auf eine volle Generation von 33 Jahren (oder abgerundet ao oder 
•lu Jahre) zu ergänzen wären. 



163 

s. u. S. 100, 1). Die S. 1(>1 Anm. 1 crwälinte Rechnung des Xan- 
thos, welche Gyges ins Jahr 708/5 setzt, würde den Anfang- der 
Herakliden um 8—11 Jahre herabbriugen auf 1213—1210 v.Chr., 
der Ansatz der christlichen Chronographen für Gyges" Antritt, 
698 V. Chr., vollends um 28 Jahre auf 1203 v. Chr. — ein Da- 
tum, das den Forderungen der obigen Tabelle fast völlig ent- 
sprechen würde. AYenn diese Annahme richtig wäre, so erhiel- 
ten wir einen sehr interessanten Einl)lick in Herodots Quellen; 
doch wird sie sich nie streng beweisen lassen. Immerhin will 
ich auch noch erwähnen, dass das oben für Dejokes gewonnene 
Datum 708 und der eventuell etwas früher um 720 anzusetzende 
Abfall der Meder von den Assyrern vielleiclit in Zusammenhang 
steht mit dem Datum für Gyges, mag man ihn nun mit Hero- 
dot ins Jahr 710 setzen oder annehmen, dass seine Quelle das 
Datum 708 — 5 oder 696 gehabt hat. l]s wäre denkbar, dass 
der ursprüngliche Bericht, dem Herodot folgt, die Herakliden 
in Lydien als assyrische Vasallenkönige betrachtete, und Gyges 
wie Dejokes als die Begründer der Selbständigkeit ihrer Völker; 
vgl. I 90 ..nachdem die Assyrer 520 Jahre über das obere Asien 
geherrscht hatten, fielen zuerst die Meder von ihnen ab . . . 
nach ihnen thaten auch die übrigen Völker das gleiche". In 
der That hat ja die neuere Geschichtsforschung vor der Ent- 
zitferung der assyrischen Inschriften vielfach so gefolgert, und 
auch nach derselben bleibt es richtig, dass sich Gyges gegen 
die allerdings nur vorübergehende assyrische Oberhoheit auf- 
leimte. Nur ist seine Zeit um rund ein halbes Jahrhundert, 
bis auf ca. 660, herabzurücken, während Dejokes allerdings um 
715 lebte, aber in diesem Jahre von den Assyrern besiegt und 
gefangen wurde (G. d. A. I 87-1. 402). 

Doch genug der Hypothesen. Die sicheren Daten sind 
wichtig genug und reichen zu weiteren Schlüssen vollständig 
aus. Es gilt die Frage zu beantworten, wie Herakles /u seinen 
Ansätzen Herakles 1330 v.Chr., Zerstörung Trojas ca. 125») u. s.w. 
gekommen und wie der offenkundige Zusammenhang zwischen 
seinen Daten für die griechische Sagengeschichte und d'w orien- 
talisciie (ieschiciite zu erklären ist. 

Dass di<' Daten nicht von iierudtit selbst gefunden sind, 
haben wir sch(»n gesellen. Das wird dadurch bestätigt, dass 
er nirgends für sie einen Beweis gil)t, sie nirgends als seine 

11* 



164 

Vermuthimg' bezeichnet — ganz anders lautet seine Behaup- 
tung über das Alter Homers und Hesiods II 53: ijXixirjV rtxQa- 
xooioioi IrtGi doxtco ftev jrQtoßvrtQovj^ yei^tod^ca y.ai ov 
jc/.tooi; das ist seine subjective Meinung. Ueberdies besteht 
die Abweichung von Herodots (Tenerationsrechnung nicht nur 
zwischen den Daten für Herakles und für Troja, sie tritt noch 
greller hervor, wenn wir weiter hinabgehen. Von Leonidas 
t 480 bis zu Herakles hinauf enthält der Agiadenstammbaum 
(vgl. u. S. 170), beide eingeschlossen, 21 Generationen. Wer 
wie Herodot drei Generationen auf ein Jahrhundert rechnet, 
würde also für Herakles etwa auf 1180 v. Chr., eventuell, wenn 
man den Tod des Kleomenes um die Zeit der Schlacht bei 
]\[arathon zum Ausgangspunkt nähme, auf 1190 v.Chr. kommen, 
ihn also l'/o Jahrhunderte niedriger ansetzen müssen als He- 
rodot. 

Noch weniger stimmt der Ansatz zu Herodots ägyptischer 
Geschichte. Herodot kennt in Aegypten von Menes bis auf 
Asychis. den Vorgänger der Dodekarchie. nach den Angaben 
der Priester 341 Könige in ebenso vielen Generationen (II 142). 
Dieselben sind, mit den sonst über sie gegebenen Daten: 

1. Menes (Min), 

2 — 331. 330 Könige, von denen der letzte 

331. Moeris (c. 100. 101) f um 900 v. Her.. 1330 v. Chr. 

(II 13, oben S. 160), 

332. Sesostris (c. 102), 

333. Pheros fc. 111). 

334. Proteus (c. 112), regiert zur Zeit des troischi-n Krieges 

um 1250 V. Chr., 

335. Rhampsinit fc. 121). 

33C. Cheops, reg. 50 Jahre (c. 124 ff.), 

337. Chephren, reg. 56 Jahre (c. 127), 

338. Mykerinos, reg. 6 Jahre (c. 129. 133), 

339. Asychis. 

340. Anysis, unter dem der Aethiope Sabako 50 Jahre lang 

Aegypten beherrschte. 

341. Sethos. Zeitgenosse des Sauacharibos. 

Es folgt die Dodekarchie. die frühestens etwa auf 700 v. Chr. 
anzusetzen wäre, und seit 663. oder nach Herodots Zahlen 
seit Ü7U. Psammetich I. 



165 

Wie man sieht, gibt Herodot für die o'/o Jahrhunderte von 
Proteus bis zur Dodekarehie (excl.) nur 7 Könige. Er hat also 
garnieht beachtet, in wie schreiendem Widerspruch sein Ansatz 
für Moeris und Proteus mit seiner eigenen Geschichtserzählung 
steht, nach der Proteus' Tod nicht weniger als drei Jahrhun- 
derte später (etwa 980 v. Chr.) anzusetzen wäre. Wo er 11 142 
die Gesammtdauer der ägyptischen Geschichte von Menes l)is 

Sethos berechnet, bestimmt er sie auf 341 x ^ =11340 

(richtig 118662/.() Jahre, kümmert sich also auch hier um seinen 
Ansatz für Moeris nicht — zugleich ein evidentes Beispiel da- 
für, wie wenig man in solchen Dingen Consequenz verlangen 
kann.') 

Hieraus ergibt sich sowohl, dass Herodot von den ägyp- 
tischen Priestern überhaupt keine chronologischen Daten (ausser 
den Zahlen für Cheops und seine Nachfolger) erhalten hat,-) 
wie dass die Gleichung 

Proteus^) = Tqcoixc'. = 1250 v. Chr. 
für ihn ein fester, aus der griechischen Geschichte gegebener 
Punkt war. aus dem das Datum für Moeris in der oben ange- 
gebenen Weise berechnet ist. 

1) Ganz unmöglich ist dagegen die Angabe II 140, von Auysis bis 
auf Amyrtaios (um 450) seien mehr als 700 Jahre verflossen, wodurch 
Anysis" Tod auf ca. 1 160 v. Chr. käme Allgemein hält man daher die Zahl 
für verschrieben. Rechnen wir von Proteus abwärts drei Generationen auf 
ein Jahrhundert, so wäre Anysis um lO.'iO gestorben. Doch kann Herodot 
aucli ganz anders gerechnet haben, etwa von Psammeticli aufwärts. Es 
i.st daher unmöglich die Stelle zu emeudiren. 

2) In Wirklichkeit ist Ilerodots Köuigsliste keine zu.samnienhängende, 
sondern besteht 1) aus einer Liste von S.si Namen ohne historische Daten; 
2) aus einzelnen halb oder ganz historischen Königsgruppen, die vermuth- 
lich ursprünglich in der Liste der 331 ihren Platz hatten und nur durch 
Missverständniss hinter sie gerückt sind, nämlich: a) Könige des Neuen 
Reichs, 8esostri^t bis Rhampsinit; b) Pyramidenerbauer des Alten Reichs, 
Clieops bis Asychis; c) Aethiopen- und Assyrerzeit. Anysis und 8ethos, 
die an ihrer riclitigen Stelle steluii als unmittelbare Vorgänger der Dodck- 
archie und Psammetichs. 

3) oder vielmehr die (jleichsetzung des ägyptischen Königs, der auf 
Pheros folgte und dessen Namen in der Sage wir nicht kennen [bei Dio- 
dor Ketes], mit dem Proteus der Odyssee (II 112 roviov ixdi^aai^ui tjjv 
^^uaiktjirjv tktyuv updi*u ^hfiipiii/r, nö xuiu xiiv ^E).h'iviov y).cöoouv 



166 

Vielfach hat man angenommen (Niebuhr, Lepsius, Brax- 
Dis u. a.), Heroclots Ansätze stammten aus der lydisehen 
Chrouolog'ie. Hier habe er zuverlässige oder ihm zuverlässig 
erscheinende Daten erhalten, auf deren Grund er die Zeit der 
älteren griechischen und ägyptischen Geschichte bestimmt habe. 
Aber die Sache liegt vielmehr umgekehrt, die lydisehen Zahlen 
sind aus dem griechischen Ansatz für Herakles berechnet. Denn 
eine wirkliehe lydische Chronologie hat es überhaupt nicht ge- 
geben. Die drei aus dem Alterthum für Gyges überlieferten 
Ansätze (71iJ Herodot, 708/5 Xanthos, 698 Africanus und Euse- 
bius) sind sämmtlich den assyrischen Daten gegenüber unhalt- 
bar. Herodots Zahl für die Mermnaden rechnet einfach 5 Könige 
= 5 yertcd = rund 170 Jahre und vertheilt dann diese Jahre 
willkührlich unter die einzelnen Könige.') Selbst für Alyattes 
haben wir noch keine zuverlässigen Angaben (reg. nach Hero- 
dot 617 — 560, nach den Chronographen 609 — 561, nach der 
parischen Chronik seit 605); lediglich die 14 (Chronogr. 15) Jahre 
des Kroesos mögen geschichtlich sein. Wenn es so um die 
Mermnaden steht wie kann da das Datum für die Herakliden 
historisch seinV Es ist vielmehr aus dem feststehenden Ansatz 
Herakles = 1330 v. Chr. abgeleitet. Daher erklärt es sich auch, 
dass das Datum zur Generationenrechnung absolut nicht stimmt 
und auch historisch zweifellos viel zu niedrig ist. 'HQaxhidai 
. . . aQ^avTtq snl Ovo rt y.al ttxoöi ytvtag dvÖQcTjv erta Jitvit 
Tfc xal JievTaxöoia, jicdg jtaQo. srargög ixdtxofiti'og t))v (iQ'//ji' 
(I 7). 22 Generationen würden nach Herodots Rechnung 733 '/a J. 
ergeben. Es liegt hier der umgekehrte Fall vor wie bei Pro- 
teus. Beidemale sind die Ansätze für die orientalische Ge- 
schichte nach dem griechischen Datum bestimmt: Proteus wird 

1) Auch hier haben Herodots Angaben eine längere Vorgeschichte. 
Aus den 170 Jahren (+ 14 Tagen) folgerte man, dass die Mermnadeu- 
dynastie, der für Gyges' Usurpation die zioiq e^i rov 7ii:f.mTov unöyovov 
riyfo) bestimmt war (I 13), durch Apollos Gunst drei Jahre über die 
ntJiiiWfiivri, d.h. die den 5 yevtcd zustehenden 1(57 Jahre, hinaus regiert 
habe (I DI, s. Schoene Hermes IX 49ti)- In Wirklichkeit ist das ein Zirkel- 
schluss [G. d. A. 1413 hatte ich das noch nicht erkanntj. Es stimmt voll- 
ständig zu dem bekannten Charakter des herodoteischen Werkes, dass er 
diese religiös gefärbte Chronologie aufnahm und vielleicht um ihretwillen 
die Daten derjenigen Quelle, die er für die Herakliden benutzte, verwarf, 
s. o. S. 162 f. 



167 

dadurch viel zu lioeh, der Heraklide Agron viel zu niedrig- 
angesetzt. 

Von hier aus ergibt sich zugleich, dass der Rahmen von 
Herodots älterer Geschichte Lydiens nicht lydischen sondern 
griechischen Ursprungs ist. Nicht aus einheimischer Ueber- 
lieferung stammt das lydische Königshaus der Herakliden (aus 
dem DuNCKEK Saudoniden gemacht hat — dass Sandon in 
Lydien nichts zu thun hat, sondern lediglich nach Kilikien 
gehört, babe ich ZDMG. XXXI 736 ff. gezeigt), sondern aus der 
griechischen Sage, welche Herakles zur Omidiale führt: Alkaios 
ist der Sohn des Herakles und einer Sklavin der Omphale 
(Her. I 7; vgl. Hellauikos fr. 102 bei Steph. Byz. UxtX7]c- jioXiq 
Avöiac . . . toixt dt Xiytöxhat aito 'AxtXov, rov 'üQaxÄtov^ 
xal MäXtöog Jtaidoj:, öot/a/j: ttjc 'OiKfccXidoi;, coc EXXäiixoa). 
Jetzt wo wir sehen, zu wie grossen chronologischen Uuzuträg- 
lichkeiten die Anknüpfung der lydischen Könige an Herakles 
führt, werden wir kein Bedenken mehr tragen, Herakles (oder 
einen ihm entsprechenden lydischen Gott) aus der einheimi- 
schen lydischen Ueberlieferung zu streichen. Damit fallen auch 
die zwei Dynastien, Atyaden und Herakliden, welche bei He- 
rodot auffallender Weise der historischen Dynastie der Mer- 
muaden vorausgehen. Die Lyder selbst wussten vor den Mer- 
mnaden nur von einem Geschlecht von 22 Königen, das bis in 
die Urzeit hinaufragte und auf Atys und seinen Sohn Lydos, 
die Begründer des Volks (Herod. I 7. Xanthos fr. 1 bei Dion. 
Hai. I 28), zurückging. Durch die Einführung der griechischen 
Heraklessage ist diese Dynastie bei Herodot — natürlich nicht 
von ihm sondern schon vor ihm — in zwei zerrissen worden. 
Die einheimische Ueberlieferung hat offenbar Xanthos gegeben; 
den Atys und Lydos kennt er. aber keine Spur weist darauf hin, 
dass er von den den Herakliden etwas wusste. Bei Nikolaos 
Dam., der im wesentlichen dem Xanthos folgt, aber ihn mit 
Herodot contaminirt hat (so notorisch in der Kroesosgcschichte), 
finden sich die Herakliden allerdings fr. 49, 00 Müllek. aber 
in einer fast wörtlich aus Herodot I 13 entnommenen Einlage 
über den S])ruch des delphischen Orakels, der Gyges' Thron- 
besteigung zulässt (ort rote 'llQaxXhi()aii: sie jTtf/jiTfj)' ytrtav 
ijxoi rioij; jtaQa rcTiv yifQiti'adiö)'). Auch hier zeigt sich ül)ri- 
gens deutlich, dass Herodot den Xanthos nicht gekannt oder 



168 

benutzt hat. Diese weit verbreitete und immer wieder neu 
auftauchende Meinung entbehrt jedes Schattens von Begrün- 
dung: wo beide Schriftsteller dieselben Ereignisse berichten, 
weichen sie durchweg aufs stärkste von einander ab. Z. B. heisst 
Gyges' Vorgänger, Herodots Kandaules, bei Xanthos Sadyattes 
(Nie. Dam. 49). Offenbar hat Xanthos frühestens gleichzeitig 
mit Herodot (fr. 3 aus Eratosthenes bei Strabo I 3, 4), vermuth- 
lich aber noch etwas später, um 420 v. Chr., geschrieben.^) 

Wie mit den Lydern verhält es sich auch mit den Assyrern. 
Die 520 Jahre des assyrischen Reiches sind durchaus unhisto- 
risch, und können gleichfalls nur aus der Anknüpfung des 
Mnos an Herakles entstanden sein. Dass es um die Jahre der 
Meder, welche den Schlusstermin der Assyrerherrschaft bilden, 
nicht anders bestellt ist, als um die der Mermnaden, haben 
wir bereits gesehen. Im übrigen ist es wohl schwerlich Zufall, 
dass Agron von Herakles um ebenso viele Generationen ab- 
steht, wie die Söhne des Aristomachos, so dass die Begrün- 
dung der Herrschaft der Herakliden im Peloponnes und in 
Lydien in dieselbe Zeit fallen würde. 

Ziehen wir die Summe der bisher gewonnenen Resultate, 
so ergibt sich: 

1. Die Daten Herodots für die griechische Sagengeschichte 
sind nicht der orientalischen Chronologie entnommen, sondern 
müssen aus der griechischen Ueberlieferung erklärt werden. 

2. Sie sind nicht von Herodot aufgestellt, mit dessen Grund- 
sätzen sie vielmehr in Widerspruch stehen, sondern von ihm 

1) Ich benutze diese Gelegenheit, um ein anderes augeblich auf 
Lydien bezügliches Fragment des Nikolaos, das Mijller auch unter die 
Ueberreste des Xanthos aufgenommen hat (zu fr. S), richtig zu stellen. Ich 
meine fr. 71 Müller, 7(» Dindorf, aus Const. porphyr. de themat. I ."5, 
eine Geschichte von Alyattes und mysischen Colonisten in Kleinasien. Es 
ist die Geschichte, welche Ilerod. Vl2 von Darius und den Paeonern er- 
zählt. Hier liegt nicht etwa eine Uebortraguug vor, sondern einfach eine 
Flüchtigkeit Coustantins. Das wird nicht nur durch die wörtliche Ueber- 
einstimmung mit Herodot bewiesen, sondern vor allem dadurch, dass Con- 
stantin das IS. Buch des Nikolaos citirt — die Emendation 8 ist verkehrt. 
Die lydische Geschichte des Nikolaos endete im 7. Buch, aber dass er im 
18. erst bei Darius und dem ionischen Aufstaude war, ist nach der weit- 
schweifigen Oekonomie seines Werkes sehr begreiflich. Auch Thraemer 
Pergamon H25, 1 hat auffallender Weise diesen Zusammenhang nicht rich- 
tig erkannt. 



169 

aus einem älteren Schriftsteller ohne weitere Begründung: ent- 
nommen. Sie müssen also auf eine anerkannte Autorität zu- 
rückgehen. 

3. Sie sind bereits vor Herodot benutzt worden, um die 
Dauer des assyrischen Reiches und der Herrschaft der Hera- 
kliden in Lydien zu bestimmen, und zwar indem man mittels 
der Rechnung von drei Generationen auf ein Jahrhundert von 
dem Datum Herakles = 1330 v. Chr. aus ihren Anfang, aus 
der Königsreihe der Mermnadeu und der Meder ihren End- 
}tunkt bestimmte.') Der Urheber der Daten muss also geraume 
Zeit vor Herodot gelebt haben. In derselben Weise hat dann 
Herodot selbst von dem Datum Fall Trojas = 1250 aus die 
Zeit der ägyptischen Könige Proteus und Moeris bestimmt. 

Fragen wir nun, wer die Daten aufgestellt hat, so lässt 
sich völlige Sicherheit allerdings nicht gewinnen; aber mit 
grösster Wahrscheinlichkeit wird man sie auf Hekataeos zu- 
rückführen dürfen. Herodot's unmittelbare Vorgänger und Zeit- 
genossen, wie Pherekydes, Akusilaos u.a., sind durch die unter 
3. aufgeführte Erwägung ausgeschlossen; auch findet sich keine 
Spur, dass sie auf Herodot irgend welchen Einfluss geübt 
hätten. Dagegen steht Herodot noch ganz unter dem Einfluss 
des Hekataeos. Wo er mehr weiss als dieser oder ein anderes 
Weltbild gewonnen hat, wie in der Geographie, polemisirt er 
gegen ihn; dadurch wird es nur um so wahrscheinlicher, dass 
er in anderen Fällen sich ihm anschliesst, namentlich wenn er 
für den Gegenstand weder Sinn 2) noch inneres Interesse hat. 



1) Dass diese Rechnuiigeu uiclit von Herudüt selbst augestellt seiu 
können [etwa in seineu 'Ao(Jv<jini ?.öyoi], ergibt ihre oben gegebene Ana- 
lyse. Ueberdies würde Herodot sich ganz anders ausdrücken, wenn er 
sie selbst berechnet hätte — gauz abgeselien davon, dass das garuicht zu 
seiner Arbeitsweise stiniuien würde. Die öt\b resp. 520 Jahre hat er oft'en- 
bar als feste Überkommen und ihrem Ursprung nicht weiter nachgespürt. 

2) Das beweist sowohl die verkehrte Abruuduug der 341 Generationen 
auf 11340 Jahre 11141, wie die falsche Berechnung der Tagezahl vou 
70 Jahren 1 'M und die falsclie Angabe über das ägyptische Jalir II 1. 
Das Wesen des Kah'udcrs ist Herodot nft"cnbar völlig dunkel geblieben. 
Das stimmt vcirtretVlich zu seinem Erdbild und seiner Tlieorie über die 
Sonnenbahn und die Wirkung der Winde II 24 ft". Alle Fortsciiritte der 
Naturwissenschaft lassen ihn kalt; die Lehre von der Kugelgestalt der 
Krde, die er gelegentlich gehört haben muss, wird ihm als Einfall eines 



170 

wie bei der Chronologie. Dass Hekataeos in seinen Genea- 
logien ein allgemeines chronologisches System aufgestellt haben 
muss, ist ja zweifellos; und es wäre seltsam, wenn dasselbe 
ganz ohne Wirkung geblieben wäre. 

Hekataeos — man gestatte mir. fortan diesen Namen zu 
gebrauchen — hat wie alle Chronologen seine Daten mittels 
der griechischen Stammbäume gefunden. Aber er hat die 
Generation nicht zu 33'/:. sondern zu 4U Jahren gerechnet. Das 
wird sofort klar, wenn wir den Stammbaum der spartanischen 
Agiaden (Herod. VIl 204) von dem Datum Herakles = 1330 
aus mit den entsprechenden Zahlen versehen. 'j 

1330 v.Chr. 1. Herakles. 

1 290 ,, 2. Hyllos [am Ende seiner Generation 1250 Zer- 
störung Trojas], 

1250 ,. 3. Kleodaios, 

1210 ,, 4. Aristomaehos, 

117(> .. 5. Aristodamos [dorische Wanderung], 

1130 ,, 0. Eurysthenes, 
1090 
1050 
1010 

970 

930 

890 „ 12. Archelaos, 

850 „ 13. Telekles, 

810 „ 14. Alkamenes, 

770 .. 15. Polydoros (1. messen. Krieg ca. 735 — 715 

730 „ 16. Eurykrates. 



7. 

8. 
9. 


Agis. 

Echestratos, 

Labotas, 


10. 
11. 


Doryssos, 
Agesilaos. 



Verrückten erschienen sein. — Nach all diesen Proben ist es übrigens 
j^arnicht unmöglich, dass Herodot selbst sich bei der Bestimmung der Zeit 
des Auysis verrechnet hat (oben S. Ui.ö, 1). 

1) Der Eurypontideustammbaum (Herod. VIII Ibl) hat, da Öoos noch 
nicht zwischen Prokies und Eurypon eingefügt ist, eine Glied weniger. 
Das würde sich aber bei Archidamos S. d. Zeuxidamos reg. -im)-427 aus- 
gleichen, da sein Vater nicht zur Eegierung gekommen ist. Er steht mit 
seinem Mitkönig Pleistoanax nach Herodots Stammbaum auf gleicher Linie, 
nach den späteren, die Soos eingeschoben haben, um für die ältere Zeit 
die zeitgenössischen Könige der beiden Häuser auf dieselbe Linie zu 
bringen, um eine Stufe tiefer. 



171 

090 V. Chr. 17. Anaxandros, 

G50 „ 18. Eui-ykratidas, 

610 „ 19. Leon, 

570 „ 20. Anaxandridas, Zeit des Kroesos ca. 5(30-520, 

530 „ 21. Kleomenes f ca. 488, Leonidas f 480, 

490 „ 22. Pleistarehos 480—458, Pausanias j 469/8, 

450 „ 28. Pleistoanax 458—408.') 

Je weiter wir hinabg-ehen , desto mehr nähern sich die 
gewonnenen Ansätze der Wirklichkeit. Der einzige ältere König, 
dessen Zeit wir annähernd bestimmen können. Polydoros. steht 
noch beträchtlich zu hoch; bei Anaxandridas ist nahezu, bei 
Kleomenes vollständig das richtige Datum gewonnen. Aller- 
dings hat sein Bruder Leonidas noch 10 Jahre über den sup- 
ponirten Endtermin der Generation 490 hinaus gelebt; auch 
ist zu beachten, dass die vier Brüder Kleomenes Dorieus Leo- 
nidas Kleombrotos sämmtlich im besten Mannesalter gestorben 
sind, diese Generation also ihr normales Ende nicht erreicht 
hat. Andererseits empfiehlt sich der Einschnitt um 490 auch 
durch den gleichzeitigen Regierungswechsel im Eurypontiden- 
hause (Demarat wird 490 abgesetzt, sein Nachfolger Leotychi- 
des steht eine Generation tiefer). Für die folgenden Genera- 
tionen dagegen, Pleistarchos und Pleistoanax, passt der Ein- 
schnitt 450 bereits nicht mehr. Pleistarchos stirbt schon acht 
Jahre vorher — das gleicht sich dann allerdings durch Plei- 
stoanax' lange Regierung wieder aus — die eigentlich für diese 
Generation massgebenden Männer. Pausanias und Leotychides, 
werden noch um weitere 10 Jahre vorher (469 8) der eine ge- 
tödtet, der andere abgesetzt. Demnach ist es weitaus das 
wahrscheiidichste. dass die Ansätze von einem »Schriftsteller 
herrühren, der um 500 v. Chr. lebte und mit dem Tod des 
Kleomenes und der Absetzung Demarats eine Generation ab- 
schloss. Wie vortretflicli das für Ilckataeos passt, bedarf keiner 
Jk'inerkung; sein Auftn^teii beim ionischen Aufstand (llerod. V 
36. 125) lehrt Ja, dass seine Generation in die Jahre 530 — 490, 
eben in die Zeit des Kleomenes. zu setzen ist. Dies Resultat 
wird auch nicht geändert, wenn wir in Betracht ziehen, dass 

1) Dass Pleistoanax nicht der .Soliii des Pleistarclios sondern der 
seines Vetters Tansanias ist, ist für die Geueratiuneululge gleichgültig. 



172 

der Ausgangspunkt unserer Rechnung- (Herodot = 430 v. Chr.) 
nur ein aproximatives, kein absolutes Datum ist, und in Folge 
dessen alle Ansätze aufwärts wie abwärts um ein paar Jahre 
verschoben werden können. 

Dagegen lässt sich allerdings nicht mit Sicherheit be- 
haupten, dass Hekataeos gerade den Heraklidenstammbaum in 
erster Linie seiner Rechnung zu Grunde gelegt hat. Derselbe 
war zwar auch im Jahre 500 schon der wichtigste aller grie- 
chischen Stammbäume — wäe es der einzige uns vollständig 
erhaltene und im Detail controllirbare ist — , aber neben ihm 
standen dem Schriftsteller zahlreiche andere zur Verfügung. 
Zunächst, wenn er von Adel war, wie Hekataeos und Hero- 
dot,') der eigene. Von Hekataeos wissen wir, dass er sich im 
1(3. Gliede auf einen Gott zurückführte (Herod. II 143); der 
Heros, von dem sein Geschlecht abstammte, stand also 15 Ge- 
nerationen vor ihm (beide eingeschlossen), wäre mithin bei 
40jähriger Generationsdauer auf 1090 — 1050 anzusetzen.-) Das 
wäre die Epoche der ionischen Wanderung; denn diese fällt 
zwei Generationen nach der dorischen Wanderung 1170 v.Chr. 
Denn durch die Dorer wird Melanthos aus Pylos verjagt und 
gewinnt in Athen das Königthum (Herod. V 65. Paus. II 18,8); 
nach dem Tode seines Sohnes Kodros aber ziehen die lonier 
unter Neileus nach Milet (Herod. IX 97. Paus. VII 2) :^). Der 
Einwand, der erhoben werden könnte, es sei unwahrscheinlich, 
dass der gottentsprossene Stammvater eines Adelsgeschlechts 



1) s. Anhang 2 S. 193. 

2) Nach Herodots Eechnungsweise käme er auf 1000 v. Chr. zu stehen, 
also auf alle Fälle beträchtlich nach der ionischen Wanderung, welches 
Datum man auch für dieselbe annehmen mag. 

3) Diese Erwägung hat auch zu dem uns in der Literatur allein erhal- 
tenen Ansatz der ionischen Wanderung 60 .Jahre nach der dorischen geführt. 
(;o Jahre sind oftenbar 2 Generationen zu .io anstatt 33\:j Jahren. Daher 
erhalten Melanthos 37, Kodros 21 Jahre, zusammen 58 (Kastor bei Euseb. 
chron. I lb^l exe. Barb. p. 40b). Dieselbe Generationsrechuung führt aber 
auch dazu, den Abstand von der Einnahme Trojas bis zum Herakliden- 
zug auf ()0 Jahre zu verkürzen, und so rechnet denn auch die attische 
Königsliste. Die Einnahme Ilions fällt nach der Sagengeschichte ins vor- 
letzte (chron. par.) oder letzte Jahr des Meuestheus oder in das erste des 
Demophon (Clem. Alex. Strom. 1 lO-J, gewöhnlich als fr. 143 des Hellanikos 
bei MÜLLER benutzt, wo aber die Stelle ganz verstümmelt abgedruckt ist). 
Die folgenden Könige bis auf Melanthos regiereu 



173 

in m späte Zeit, ans äusserste Ende der mythischen Epoche, 
gesetzt worden sei, wird dadurch hinfällig, dass nach officiellem 
Zeugiiiss der Ahnherr der Poseidonpriester von Halikarnass, 
Telamon Sohn des Poseidon, zur Zeit der Gründung- der Stadt 
lel)te: diese aber kann frühestens der ionischen Wanderung 
gleichzeitig angesetzt werden.') Wie Hekataeos oder die Priester 



nach Kastor 


bei Eusebius 


nach Africanus 


Demoplion 


33 Jahre. 


85 Jahre, 


Oxyntas 


12 „ 


14 „ 


Apheidas 


1 ,, 


1 . 


Tliymoites 


8 r 


9 „ 



54 Jahre. 59 Jahre. 

[Die Differenz gleicht sich dadurch aus, dass Menestheus nach Eusebius 
wie nach der par. Chronik 23 Jalire, nach Africanus nur 10 Jahre regiert. | 
Deutlicli liegt hier die Annahme zu Grunde, dass von der Einnahme 
Ilions bis zum lleraklidenzug r.o Jalire verlaufen seien, wie Strabo MII 1, 3, 
offenbar nacli Ephoros, auch angibt: bci'iy.ovTu fXfoi xdJv T(jioix(ür vazf- 
(jor, i'7r' uvT))r Ti,v rdjv ^H{iUxXtiiSujv tig Ilekonövrijoov xä&oöov. In der 
l)arischen Chronik sind diese Ansätze wahrscheinlich nur ganz wenig mo- 
diticirt. Sie setzt den Fall Trojas 1209, die ionische Wanderung entweder 
li»77 (so alle älteren) oder 1087 v.Chr. (so Gutschmid bei Flach chron. 
l)ar. 15; erhalten ist nur Jjll, das zu 813 oder 823 ergänzt werden kann, 
die Datirung nach dem attischen König ist durch ein Abschweifen in ZI. 39 
verschrieben, ßuGiXfvovxoc. 'AQ-rjvwv Mtvead^ujc. ziteioxaidexürov irovq 
statt ßuo. !li>. MiöovToc. . . . trovg). Letzteres Datum ist viel wahrschein- 
licher. Dann beträgt der Abstand beider Ereignisse 122 Jahre, eine ge- 
ringfügige pragraatisirende Correctur von 120. Jedenfalls ist die alte An- 
nahme, dass das der Clironik zu Grunde liegende System die dorische 
Wanderung (Kl Jahre nach Trojas Fall ins J. 1149 ansetzte, richtig, so pro- 
l)leniatisch auch manche weitere Folgerungen von Boeckh und Brandis 
sind. — Da Kastor den Daten des Eratosthenes folgt, welcher die (5U Jahre 
von der dorischen zur ionischen Wanderung festliiell, aber jene 80 Jahre 
nach Trojas Fall ansetzte, haben sich bei ihm alle Ereignisse uiu eine Re- 
gierung verschoben: der lleraklidenzug steht unter Melanthos, die Auf- 
nahme der aus Achaia vertriebenen lonier unter Kodros (Pausan. VH 1,9 
richtig unter Melanthos), die ionische Wanderung unter Akastos dem Sohne 
Medons. Dadiircli darf man sich nicht auf eine falsche Führte locken lassen. 
1) CJ(i. 2(i55 = DiTTEXBKKüKK syllogc 372. Mit l\ec'ht verwirft 
DiTTKNüKiiGEK BoECKirs Ansätze. Anthas Sohn des Alkyoneus, der im 
Stammbaum vorkommt, ist von .\ntlias dem Gründer von Halikarnass, Sohn 
des Poseidon, verschieden. Die Gründung von Halikarnass durch die 
l>orer von Troezen (Kallimachos bei Steph. B\z. "li'.'>//.' tx TiJOi'C,r/voq 
ninüxiiot '/.ußwv Ttji' Jvftuirar <(v).>,y) kann frühestens in die Zeit der 
Enkel des Temeuus gesetzt werden. Denn Argos wird von Temenos' 



174 

von Halikarnass liaheu uatürlicli auch andere angesehene Atlels- 
gesclileehtei' loniens ihren Nollständigen Stammbaum gehabt, 
der oft in weit höhere Zeit hinaufragte, z. B. der des Thaies, der 
auf Kadmos zurückging; ebenso die Neliden von Milet u. s. w. 
Aber auch die übrige griechische Welt bot Stammbäume in 
Fülle. Der Stammbaum der Philaiden von Athen ist uns aus 
Pherekydes erhalten (fr. 20. bei Marcellin. vit. Thue. 3), aber 
leider nur in verstümmelter Gestalt, so dass wir ihn nicht zur 
Vergleichung heranziehen können. i) Dagegen kennen wir den 
Stammbaum der Könige von Kyrene. Battos, der Gründer 
Kyrenes, vertrat die 17. Generation nach dem Argonauten 
Euphemos, dem Eurypylos am Triton die Erdscholle als Sym- 
bol der Herrschaft seiner Nachkommen an dieser Küste über- 



Solm Keisüs, die übrigen Städte der Laudschal't von dessen Brüdern und 
ilirem Schwager Deiphontes gegründet; erst die nächste Generation konnte 
Colonien gründen. Daher ist Althainienes der Oekist von Kreta ein Sohn 
des Keisos. Dass Telamou Sohn des Poseidon zur Zeit der Gründung 
der Stadt lebte, sagt die Inschrift ausdrücklich: roig yeyfrrjfjtivovc dno 
ZTJq xTiaewq xaru yiiog iSQeig rov Tloofidwvog xov itur nSQvi^ Ivx og 
vnb T(üv zi]v ÜTioi/iiav tx T(joit,fjvo g uyayövrojv Uofittödivi xai 
lAnollvjvi. Vor der Gründung des Heiligthums kann es keine Priester 
gegeben haben. Allerdings erzählen andere auch von einer vordorischen 
Gründung von Halikarnass durch Anthes (Strabo VIII 6, 14. XIV 2, IG. 
Pausan. II W, !)). Doch dass diese hier nicht in Betracht kommen kann, 
lehrt die Inschrift selbst. Die uQyuiu orrilrj. aus der die Inschrift abge- 
schrieben ist, nennt 27 Namen in (wahrscheinlich) 15 Generationen und gibt 
ihnen zusammen 5U4 Jahre. Setzen wir die Gründung von Halikarnass mit 
der ionischen Wanderung gleichzeitig um 1090 — 1030. so wäre der letzte 
genannte Priester, nach dessen Tode spätestens das Original aufgestellt 
sein muss, um 590 - 530 gestorben. Ueber den Anfang des sechsten Jahr- 
hunderts wird man aber schwerlich die Abfassung eines derartigen Docu- 
meuts hinaufrücken können, geschweige denn mit Boeckh bis 691 v.Chr. 
]) Zwischen Hippokieides archun öci; und seinem Vater Tisandros 
(Herod. VI 128) ist fälschlich Miltiades eingeschoben; aber es fragt sich 
ob nicht dafür Namen ausgefallen sind; auch Kypselos, der Vater des 
Miltiades des Oekisten der Chersones, fehlt. Denkbar wäre z. B. dass der 
Name Tisandros sich wiederholte. Wenn der Stammbaum so reconstruirt 
werden darf, wie Müller und Töpffer Att. Geneal. 27S annehmen, so 
wäre Hippokieides der 12. Nachkomme des Philaios, Sohnes des Aias 
(nach unserer Zählweise, mit Ausschluss des Philaio.s). Aias würde dann 
sehr tief hiuabgerückt, bei 40jäliriger Generatiousrechuung auf l(i40 v.Chr. 
Es ist möglich, dass der Stammbaum des attischen Adelsgeschlechts so 
rechnete: dann war er für den Historiker nicht zu verwerthen. 



175 

geben hatte (Pindar Pytli. 4, 1(3;. Wie immer sind aueli hier 
bei der Zählung beide mitgerechnet. — Wir erhalten also: 

1. Der Argonaute Euphemos. 

17. Battos I., gründet Kyrene um 631. regiert 40 Jahre 

(Herod. IV 159), 

18. Arkesilaos L. regiert 1(5 Jahre (ib.), 

19. Battos IL o tvdaiftmr um 570, 

20. Arkesilaos II., 

21. Battos III. o ynXög, Gem. Pheretime (f ca. 510), 

22. Arkesilaos III., t ca. 520, 

23. Battos IV., 

24. Arkesilaos IV., siegt in Delphi 462 (Pindar Pyth. IV). 

Euphemos ist Zeitgenosse des Herakles; in seineu späteren 
Gliedern ist dieser Stammbaum also dem der Agiaden um eine 
Stelle voraus. Gehen wir dagegen von dem wenn nicht ab- 
solut so doch approximativ sicheren Datum der Besied(4nng 
Kyrenes aus. so steht Battos I. um ein Glied tiefer als seine 
Zeitgenossen; eine 40jährige Generationenrechnung von 630 
aufwärts würde für Euphemos und den Argonautenzug 1270 
V. Chr. ergeben. 

Aehnliche Discrepanzen zwischen den Stammbäumen wer- 
den häufig vorgekommen sein. Im allgemeinen aber hat offen- 
Itar zwischen ihnen eine weitgehende Uebereinstimmung ge- 
herrscht.') nicht etwa weil sie historisch oder weil sie nach 
demselben chronologischen System angefertigt wären — dav(»n 



1) Allerdings gibt es niauclio weit kürzere Stauimbäiime. .So vielleicht 
der der Pliilaiden (S. 174), sieher der der molossisehcn Könige von Epiros. 
Zwlseheii Künig Tharj pas, der im Jahre 429 noch ein Knabe war (Thnk. 
11 SO), und l'yrrhos dem Solme des Aehilleus lagen nur l.i Generationen 
Hiiel. oder excl.":') Pausan. I 11. Nach der Analogie des Agiadi'iistanim- 
l)aumcs niüssten es mindestens 20 oder 21 sein. Der Stammbaum der 
Moldsserkünige ist aber jedenialls auch weit später gemacht als der der 
altgriechischen (ieschleehter. — Erwähnung verdient in diesem Zusamuien- 
hang(r auch, dass der Zakynthier Agathon, dem die dodonäische Weih- 
inschrift Cakapanos Dodone pl. 22 gehört, sich im .«O. Geschlecht von Ka.s- 
saudra ableitete ('.I /«.'>(«»• 'li/Hf v?.(n- xai yfveu, Tifjöceroi Moloaowr tv 
Totnxinru yi-VKei^ ix T(j()if(^ (sie) lücouäiuSf/Ui:, yi-yf-ä(i) ZtonvOtoi). 
Leider lässt sich die Zeit der Inschrift nicht genauer bestimmen. 



176 

kauu zur Zt'it ihrer Entstellung- noch keine Rede sein — son- 
dern weil man in den einzelnen Theilen Griechenlands im 
wesentlichen um dieselbe Zeit begann sie aufzuzeichnen — die 
geschichtlichen Namen l)eginuen überall ungefähr im 9. Jahr- 
hundert (G. d. A. II 20oj — und weil ihre Ergänzung nach oben 
bis zum Eponvmeu und eventuell ihre Anknüpfung an ein 
Heroengesehlecht der Sage überall nach denselben Principien 
erfolgte. 

Die Möglichkeit ist also vorhanden, dass Hekataeos neben 
und vor dem Agiadenstammbaum andere Stammbäume be- 
nutzte. Doch würde dadurch unser Ergebniss nicht verschoben, 
sondern nur bewiesen, dass diese mit jenem in der Hauptsache 
genau übereinstimmten. 

Wer der Schriftsteller ist. der Hekataeos" Daten zur Be- 
rechnung der Regierungszeit der lydischen Herakliden und der 
Assyrer verwerthete. muss ganz unbestimmt bleiben. Am näch- 
sten läge es an Dionysios von Milet zu denken, auf den wohl 
auch sonst manche Trümmer der Ueberlieferung über orienta- 
lische Geschichte, die weder aus Herodot noch aus Ktesias 
oder Xenophon stammen, zurückzuführen sind, z. B. die werth- 
volleu in Justins Geschichte des falschen Smerdis I 9 versprengten 
Nachrichten') oder der Bericht über Sardanapars Grabschrift, 
den Kallisthenes aus einem ionischen Schriftsteller aufnahm.'-^) 
Doch können auch andere alte Historiker bis auf Charon herab 
herangezogen werden. Jedenfalls haben sowohl diese Histo- 
riker wie Herodot die Ansätze des Hekataeos beibehalten, aber 
die Grundlage seines Systems, die Rechnung der Generation 
zu 40 Jahren, aufgegeben; sie sind also auf halbem Wege 
stehen geblieben. Nur um so deutlicher tritt dadurch hervor, 
welche Autorität den Ansätzen inne wohnte; ihre Rückführung 
auf Hekataeos wird dadurch um so wahrscheinlicher. 

Unmittelbar nach Herodot hat Hellanikos das System des 
Hekataeos endgültig umgestossen; unter den späteren Daten 
wüsste ich keins, das auf seine Ansätze zurückgeführt werden 
könnte. Aber Nachwirkungen seines Einflusses haben sich 



1 ) Ich habe früher verinuthet, dass sie aus Deiuou staiuuien, nud 
das wird auch richtig seiu; aber Üeiuou muss sie einer weit ältereu Quelle 
entnommen haben. 

2) S. Anhang 4. 



177 

erlialten. vor allem hat sieh die Bestimrauug- des Intervalls 
vom Falle Trojas bis zur Heraklidenwandernne; auf 80 Jahre 
(= 2 g'en.) dem kürzeren Ansätze g-eg'enüber behauptet und ist 
wahrscheinlich wie von Eratosthenes so schon von Hellanikos 
beibehalten worden.') Im übrigen sind im fünften Jahrhundert 
offenbar zahlreiche Versuche vorgenommen worden, die Chro- 
nologie der Urzeit zu bestimmen, welche theils in der An- 
nahme der Dauer der Generation, theils in den zu CTrunde 
gelegten Stammbäumen von dem hekatäischen abweichen. 
\Yeder die Mythenhistoriker, wie Akusilaos und Pherekydes, 
noch die zahlreichen Localhistoriker konnten an dieser Frage 
vorbeigehen ; ebenso setzte z. B. Demokrit die Zerstörung Trqjas 
730 Jahre vor seine Zeit (Diog. Laert. IX 41). Namentlich 
verlangte die ältere attische und die auf ihr beruhende ionische 
Geschichte Berücksichtigung. Die attische Ueberlieferung bot 
eine zwar durchaus secundäre aber eben deshalb um so län- 
gere Königsliste: von Menestheus und Demophon, den Helden 
des troisehen Kriegs, bis auf den letzten lebenslänglichen 
König Alkmaeon. dessen Sturz man ins J. 753 2 setzte, zählt 
sie nicht weniger als 17 Generationen.^) Das führte natur- 
gemäss zur Annahme einer kürzeren Generationsdauer etwa 
von 30 Jahren, die uns denn auch in mehreren Ansätzen deut- 

1) Die seit Brandis herrsehende Ansicht ist, dass Hellanikos nach 
attischer Rechnung- (S. 17.S) den Fall Trojas 1209, die dorische Wanderung? 
1149 gesetzt habe Aber bezeugt ist das nirgends; wir wissen nur, dass 
Hellanikos den Fall Trojas auf den 1 2. Thargelion setzte, nicht einmal ob 
unter Menestheus oder Demophou (Clem. AI. Strom. I 104). Nun setzt 
Thukydides I 12 ausdriicklich die boeotische Wanderung 60, die dorische 
*50 J. iiezu 'U.iov u).(i)Giv. Da er zweifellos unter Hellanikos' Einfluss steht 
und nach der von diesem eingeführten Aera der Priesterinnen von Argos 
datirt (112, IV 133: nur aus chronologischen Gründen wird der Brand des 
Heratcmpels, die Absetzung des Chrysis und die Einsetziuig des Phaeinis 
erwähnt), halte ich es für weitaus das wahrscheinlichste, dass er auch in 
diesen Daten dem Hellanikos gefolgt ist. 

1) Dieselben sind 1) Menestheus und Demophon, 2) Oxyutas, .1) dessen 
Söhne Apheidas und Thynioites und ihr Zeitgenosse Melanthos, 4) Kodros, 
.■>) Mcdon. 6-17) 12 Medontiden von Akastos bis Alkmaion. Das Datum 
T')!! 2 ist übrigens nichts weniger als historisch, wie man meist uu'int; 
man hat vielmehr angen(mimen, dass die 7 zehnjährigen Archonten auch 
wirklich jeder 10 Jahre regiert hätten, was historisch im liöchsten (irade 
unwahrscheinlich ist. 

Meyer, Foräcbiint;eii zur alten rieBchlcbte. I. 12 



178 

lieh entgegentritt (vgl. S. 1 72, 3). Die uns erhaltenen Daten für 
die Regierungszeit der attischen Könige, der sog. lebensläng- 
lichen Archonten, sind freilich noch weiter reducirt; das zu 
Grunde liegende Prinzip vermag ich nicht mit »Sicherheit zu 
erkennen. ') 

Hellanikos hat nun otfenbar zwischen den verschiedenen 
Systemen einen Compromiss zu gewinnen gesucht, auch ist es 
ja möglich, dass ihm wirklich eine mit Jahrzahlen versehene 
Liste der argivischen Herapriesterinnen vorlag, nach Art der 
Poseidonspriester von Halikarnass (S. 173, 1). Leider vermögen 
wir sein System nicht im einzelnen zu reconstruiren. Sein 
durchschlagender Erfolg tritt am deutlichsten darin hervor, 
dass Thukydides sich ihm anschliesst ; bis in die Bilderchro- 
niken der Kaiserzeit können wir seine Wirkung verfolgen. 
Den Gelehrten des vierten Jahrhunderts freilich konnte sein 
künstlicher Bau nicht mehr genügen; damals begann man ja 
überhaupt an der Möglichkeit geschichtlicher Erkenntniss der 
Sagenzeit zu verzweifeln (S. 122). So ist es sehr begrei flieh, 
dass man zu ganz runden Daten griff: Duris und Timaeos 
setzen Trojas Fall auf 1000 Jahre vor Alexanders Uebergang 
nach Asien.-) Genauer zu bestimmen suchte man meist nur 
noch die Heraklidenwauderung, für die denn z. B. Timaeos 
im Anschluss an Klitarch das Datum 1154 v. Chr., 820 J. 
vor Alexander (Clem. AI. ström. I 139) gegeben hat.-') Am 
consequentesten scheint Ephoros gewesen zu sein, indem er 
einfach nach dem Ansatz 8 Generationen auf ein Jahrhundert 
rechnete. Er setzte die Heraklidenwauderung 735 Jahre vor 
Alexanders Uebergang nach Asien, also 1069 v. Chr. (Clem. AI. 
1. c; ungenau Diodor XVI 76). Von Pausanias f 469 v. Chr. bis 
auf Aristodemos und seine Brüder, die Führer der dorischen 
Wanderung, sind, beide eingeschlossen, im Heraklidenstamm- 
baum 18 Generationen = 600 J. Es ist wohl zweifellos, dass 



1) vgl. BusoLT, griecli Gesch. I 404 f. 

2) Duris: Clem. Alex. I 139. Für Timaeos ergibt sich das Datum (im 
Widerspruch mit der verwirrten Angabe Ceiisorin d. nat. 21) aus fr. b'A und (Wi. 

,H) Zu den zahlreichen und stark von einander abweichenden Daten, 
die diese Zeit hervorgebracht hat, gehört wohl auch der Ansatz von Trojas 
Zerstörung auf 1270 iu der herodotischen Homervita üS , in dem mau mit 
Unrecht eine Einwirkung des ächten Uerodot gesucht hat. 



179 

Ephoros so g-ereelmet hat. Daher setzt er auch den Fall Trojas 
60 Jahre oder ein wenig mehr vor die Heraklidenwanderung — 
denn das Datum Sti'abo XIII 1. 2 geht auf ihn zurück. 

Neben diesen verschiedenen Ausätzen, die im einzelnen 
zu verfolgen nicht unsere Aufgabe' ist, hat sich für den spar- 
tanischen Heraklideustammbaum immer die alte Generations- 
rechnung zu 40 Jahren behau])tet, und sie liegt auch den uns 
erhaltenen Daten für die einzelnen Könige zu Grunde. Nur 
hat man bei ihrer Ausbildung- der Tradition in grösserem Um- 
fange Rechnung getragen, als das bei einem allgemeinen 
Ueberschlag, wie ihn die älteren vornahmen, möglich war, und 
nameutlicli hat man diejenigen Glieder des Stammbaumes, die 
nicht zur Regierung gekommen sind, auch nicht mitgerechnet. 
Daher fällt bei diesen Ansätzen auch Aristodemos fort; die 
s])artanische Königsliste beginnt naturgemäss mit Eurysthenes 
und Prokies. 

Der Beweis dieser These ist für Sosibios mit Sicherheit 
zu führen. Aus Clem. AI. Strom. I 117 (fr. 2) wissen wir, dass 
er nach den Eurypontiden rechnete; er setzte Homer als Zeit- 
genossen des L}kurgos ins achte Jahr seines Mündels Charilaos 
und gab diesem 64 Jahre. Seinem Sohn Nikandros gab er 
80 Jahre und setzte in sein 34stes Jahr die erste Olympiade. 
Dazu kommt die bei Censorin 21 erhaltene Angabe, dass er 
Trojas Fall 895 J. vor Ol. 1, also 1171/0, setzte.«) Die Hera- 
klidenwanderung hat er also, da wir ihm ein SOjähriges Inter- 
\all zweifellos zuschreiben dürfen, auf 1091/0 gesetzt. Nun 
regieren von Prokies bis auf den 491/0 gestürzten Demarat. 
den ersten König, dessen Zeit genau bestimmbar war, und mit 
(lern zugleich die ältere Linie ausgeht, aus dem Eurypontiden- 
hause 15 Könige — Archidamos S. d. Theopompos ist nicht 
zur Regierung gekuniinen — ; 15 x 40 sind 600: nach Sosibios 
beginnt l'rokles (ido .iahre vor Deinarats Sturz. 

Es Idliiit sicli seine Daten noch etwas genauer zu be- 
traclitcn und mit der ihnen zu Grunde liegenden Generations- 
rechnung sowie mit den Daten des Eratosthenes zu ver- 
gleichen. 



1) Sic stellt alli'nling.s iu vinlürlitigi-r Uiugebiiiig, wird alter ilurcli 
die Uebereiiistluiuiiuig mit deu anderen Dateu geseiiützt. 

12* 



180 

Epoche Sosibios Eratostiienesi) 

1090 1. Prokies seit 1091/0 seit 1104/3 

Lykurg Regent 885'4 
850 T.Ctiarilaos64J. seit873/2 60 J. seit 884/3 

810 8.Nikandros39J. „ 809/8 38 J. „ 824/3 

sein 34. J. = Ol. 1 = 776/5 
770 9. Theopompos seit 770/69 47 J. „ 786/5 

sein 1 ü. J. = dem Jahr vor Ol. 1=777/6 
530 15. Demaratos bis 491/0 bis 491/0 

Wie man sieht, steht Theopompos genau auf seiner Epoche. 
Nikandros ist um 1 Jahr gekürzt, Charilaos dagegen erhält 



1) Die Liste des Eratosthenes liegt uns allerdings nur in argeutstellter 
(lestalt bei Euseb. I 223 f. ausDiodor vor; Diodor schöpft aus Apollodor, 
der den Polydektes ausgelassen zu haben scheint. Doch stehen die Daten, 
auf die es luis allein ankommt, völlig fest. Eratosthenes setzte Lykurg's 
anizQonla T08 Jahre vor xb HQorjyovjxevov sxoq räJv uqwcujv ^Okv^niwv, 
vor 777/6 (Clem. AI. Strom. I 138: das Datum ist in alter und neuer Zeit 
vielfach dahin missverstanden worden, dass Lykurg 108 Jahre vor Ol. 1, 
also 884/3, gesetzt sei), also ins Jahr S85/4. Die Einsetzung der Olympien, 
d.h. eben das letzte Jahr vor Ol. 1, 777/6 v.Chr., fällt ins 10. Jahr des 
Alkamenes und Theopompos (Euseb. 1 225 u. a.); 60 J. des Cliarilaos + 3s 
des Nikandros + 10 des Theopompos =^ 108 J. Lykurgs intTQunia be- 
ginnt in dem Jahre vor Charilaos' Geburt, das chronograplüsch oft'enbar 
noch dem Polydektes zugerechnet wurde, d. i. in S85/4. Es ist daher falsch, 
wenn Brandis p. 27 die Regieruugszeit des Nikandros auf 39 Jahre er- 
höhen will. Die Zahl 38 wird auch durch die Daten bei Suidas Avxovf)- 
yoQ d bestätigt. Hier und in dem gleichlautenden schol. Plato rep. X 599 
werden allerdings die 60 J. des Charilaos in 18 der Regentschaft des Ly- 
kurg und 42 der Eigenregiernug des Charilaos zerlegt. Gelzeu Rli. Mus. 
XXVIII 10 führt diese Daten wohl mit Recht auf Apollodor zurück. — 
Ich bemerke noch, dass die Daten des Eratosthenes fast regelmässig falsch 
reducirt werden (so z. B. bei Brandis S.27, in Schäfers Quellenkunde I 107, 
bei Gelzer Africanus I 42 u.a.) Sein Schema Clem. AI. Strom. I 13s ist 
folgendes : 

TQoiaq uXwgl<; 1184/3 

von da bis zum ^H^axleidcüv xä&odog 80 J. = 1183/2 — 1104/3 
„ „ „ zur 'lüjv lag xTia ig 60 J. = 1103/2 — 10-14/3 

„ „ „ zur tTiixQoniu AvxovQyov 159 J. = 1043/2 — 885/4 
„ „ „ zum Jahr vor Ol. 1 108 J.-- 884/3— 777/6 

von Ol. 1 bis ZtQ^ov öiäßaoig 297 J. = 776/5 — 480/79 

Das Ereigniss, welches Epoche macht, fällt jedesmal in das Endjahr des 
angegebeneu Zeitabschnittes. Da es aber für die Rechnung nothwendig 
war, Ol. 1, 1 uiclit als End- sondern als Aufaugstermiu zu rechnen, ist mit 
vollem Recht das Jahr vor Ol. 1 als Ende der vurhergeheuden Epoche 
bezeichnet. 



181 

anderthalb Generationen — mit vollem Recht, denn sein Vater 
ist früh gestorben und er erst nach dessen Tode geboren; er 
mnss mithin lange regiert haben. — Die eratosthenisehen An- 
sätze lassen sieh nicht in gleicher Weise controlliren. Es ist 
aber klar, dass die Differenz wesentlich darauf beruht, dass 
.^osibios die Eurypontiden. Eratosthenes die Agiaden zu Grunde 
legte. Von Eurysthenes bis auf Leonidas f 480 sind IG Ge- 
nerationen. Würden wir dieselben zu 40 Jahren rechnen, so 
käme die dorische Wanderung auf 1 120 v. Chr. Eine Ver- 
kürzung hat also stattgefunden, aus welchen Gründen, wüsste 
ich nicht anzugeben. Doch will ich hier auf die arg zerrüttete 
Ueberlieferung der Daten der Agiaden nicht weiter eingehen.') 
Die Hinaufrückung der dorischen Wanderung bei Eratosthenes 
hatte zur Folge, dass die Daten der Nachfolger Theopomps 
erhöht werden mussten ; dagegen sind die Ansätze für Charilaos 
und Nikandros gegen Sosibios verkürzt — aus welchem Grunde, 
ist nicht zu erkennen 

Dieser Thatbestand lässt nun auf den Werth der sparta- 
nischen Königslisten, welche Eratosthenes zum Fundament der 
älteren griechischen Chronologie machte, ein grelles Licht fallen. 
Es ist ja möglich, dass man in Sparta schon in IVtther Zeit den 
Königsnamen Zahlen beigeschrieben hat; aber wahrscheinlich 
ist diese Annahme nicht, und jedenfalls haben diese Zahlen, 
wenn sie existirten, niemals auch nur die geringste Autorität 
gehabt. Denn jeder Chronolog gibt für die spartanischen 
Könige andere Ansätze, fortwährend werden die Daten hin 
und her geschoben. Die uns tiberlieferten Zahlen sind das 
Ergebniss eines langen literarischen Processes, nicht Reste alter 

1) Mit Recht heben Brandis p. 28 und Rohde Rh. Mus. XXXVI 351 
hervor, dass die Daten der diodorischcu ]>iste bei Eusebius durch die An- 
gabe Clcni. AI. I 117 bestätigt worden, nach Apollodor habe Homer lOii J. 
nacli der ionischen Wanderung, also 944,3 gelebt, 'iyijOi/.ädv tov Joifiooaiov 
Auy.i:<)a(n()iiv>r ßur, il fiovro^. Nach Diodor regiert Agesilaos (wenn Kche- 
stratos 35 J. statt der verschriebenen 31 rcsp. 3" erhält) 960, 5(» — !) 17/(1 v.Chr. 
Dadurch steht fest, dass die Liste um 30.1. zu kurz ist, und so wird man 
in der That versucht, mit Brandis und Gelzer Africanus I 142 zur Liste 
der exe. Barbari p. 42 b zu greifen. Doch kann ich micli nicht entschliessen, 
den dort eingeschobenen König Menelaos für recht zu halten. Ein der- 
artiges Schwanken der Iviinigsliste scheint mir undenkbar; bei Ilerodot 
und Pausanias findet sicli von ihm keine Spur. 



182 

Urkunden. — Dazu kommt die völlig äusserliclie Art. in der 
diese Zahlen festgestellt sind. Die Listen der beiden Häuser 
laufen neben einander her. ohne die zwischen ihnen bestehenden 
•Synchronismen zu berücksichtigen. So kommt es. dass König 
Theopompos nicht nur um ein halbes Jahrhundert zu hoch an- 
gesetzt, sondern auch durch eine rein äusserliche Nebeneinander- 
legung der beiden Stammbäume zum Zeitgenossen des Agiaden 
Alkamenes gemacht wird — beide haben nach Eratosthenes 
und ApoUodor die Regierung in demselben Jahre angetreten — 
während doch daran nicht zu zweifeln ist, dass er in Wirk- 
lichkeit mit Alkamenes" Sohn Polydoros zusammen regierte. 



Es ist nicht meine Absicht, mich tiefer in die Geschichte 
der griechischen Chronologie einzulassen. "Wohl aber möchte 
ich noch kurz auf die Ergebnisse unserer Untersuchung für 
die Beurtheilung Herodots und die Geschichte der griechischen 
Historiographie eingehen, eine Aufgabe, die weit wichtiger ist 
als die Untersuchung chimärischer Zahlensysteme . und auch 
zu dieser den eigentlichen Anlass gegeben hat. 

Zunächst ist, denke ich, die Thatsache, dass Herodot in 
der Behandlung der ältesten Geschichte nicht nur von einem 
sondern von zwei Vorgängern abhängig ist und ihre Daten 
kritiklos übernommen hat, klar erwiesen. Er hat die von 
Hekataeos aufgestellten Daten für Herakles, den ti'oischen 
Krieg u. s. w. ohne Bedenken übernommen ; er hat für die Ge- 
schichte der orientalischen Reiche Zahlen verwerthet, die von 
einem jüngeren Schriftsteller auf Grund der hekataeischen An- 
sätze, aber nach einem anderen Priucip berechnet sind. Ein 
eigenes System hat er nicht; an den paar Stellen, w^o er 
selbständig Daten berechnet, folgt er wie diese jüngere Quelle 
der Generationsrechnung von 33' ^ Jahren, ohne zu beachten, 
dass dieselbe sich mit seinen grundlegenden Daten absolut 
nicht verträgt. 

Denjenigen modernen Gelehrten, welche Herodot als einen 
oberflächlichen Skribenten und elenden Plagiator l)etrachten. 
mit dem sich ernstlich zu befassen kaum lohnt, wird dies Er- 
gebniss vermuthlieh willkommen sein und als neue Bestätigung 
ihrer Auffassung erscheinen. Ich brauche w^ohl nicht erst zu 



183 

sagen, dass ich diese Ansicht nicht theile. Dass Herodots 
Werk eine der reizvollsten und bedeutendsten Erscheinungen 
der Weltliteratur ist. wird abgesehen von einigen sehr fort- 
geschrittenen philologischen Kreisen und einigen orientalistisehen 
Fanatikern kein Mensch läugnen; und ein solches Werk er- 
schliesst sich dem Verständniss nur. wenn man den Gedanken 
seines Verfassers sorgsam nachgeht, nicht wenn man es im 
Bewusstsein einer weit überlegenen Bildung benutzt um an 
ihm seine Sporen zu verdienen. 

Dass Herodot seine Vorgänger kennt und benutzt, ist selbst- 
verständlich ; es würde ein schwerer Vorwurf sein , wenn er 
sie nicht kennte — oder vielmehr, es wäre überhaupt undenkbar. 
Er verhält sich aber zu ihnen nicht anders wie alle Zeit bis 
auf den heutigen Tag ein späterer Forscher sich zu früheren 
verhält — wie denn überhaupt die viel verbreitete Meinung, 
die Schriftsteller des Alterthums hätten anders gearbeitet als 
die modernen, eben so verkehrt wie verhängnissvoll ist. Auch 
wenn Herodot die jüngsten literarischen Erscheinungen ignorirt 
haben sollte, so ist das ein Vorgang, den jeder aus der mo- 
dernen wissenschaftlichen Literatur tausendfach belegen kann 

— es genüge hier daran zu erinnern, dass Ranke die gelehrte 
Arbeit der letzten Jahrzehnte, ja bei der Abfassung der Welt- 
geschichte die eines halben Jahrhunderts, fast durchweg un- 
berücksichtigt gelassen hat, aus dem einfachen Grunde, weil 
er mit seinen Anschauungen fertig war und aus sich selbst 
schöpfte. Gesetzt dass Xanthos Avdiaxä oder die ersten Ar- 
beiten des Hellanikos vor Herodots Werk erschienen sind — 
eine Annahme, die sich weder beweisen noch widerlegen lässt 

— welchen Anlass hatte er, sich um diese Detailarbeiten junger 
Leute zu l)ekümmeru, wo er seit Jahrzehnten das ^laterial ge- 
sammelt und ein historisches Gesammtbild gewonnen hatte V 
Dagegen die älteren Schriftsteller berücksichtigt er, vor allem 
den Hekataeos, bei dem allein wir die Bezi(;hungen genauer 
nachweisen können.') AVo er glaubt ihm überlegen zu sein, 

1) vgl. DiELS HerodDt imd Ik'kataios. Ilernios Bd. XXII. .Seiuc that- 
siichliclicn Krgchni.ssc lialte ich meist für richti};-, alxT nicht seine Tolge- 
ningeii. Wie man vnii l'higiat reden kann, verstehe icli nicht, und ebenso 
wenig kann ich die S. 42Ü tf. vorgetragenen Ansichten billigen. Wo gäbe 
es einen uiodernen Autor, der nicht aus einem älteren Schriftsteller von 



184 

wie iD den geogTaphischen Dingen, poleniisirt er gegen ihn 
nicht ohne geringschätzige Aeusserungen, doch ohne seinen 
Namen zu nennen — wusste doch jeder wen er meinte, genau 
wie dreissig Jahre später bei den Angriffen des Thukydides 
auf Herodot — , wo er seiner Meinung nach Recht hat, schliesst 
er sich ihm an. So übernimmt er aus ihm (fr. 279 bei Arrian anab. 
V 6) die Bezeichnung Aegyptens als dcÖQor rov jcotafiov [diiXa 
yuQ örj xdi (irj jigoaxovOavxi, iöovri 6t — also hat Herodot es 
vorher gehört i)], so schliesst er sich ihm in der Beschreibung 
der Krokodiljagd, des Nilpferdes und des Phönix eng an (Por- 
phyr, bei Euseb. praep. ev. X 3, 16 xaxä Xt^iv f/tT7]veyxtv 
ßQCiXta jiaQajion'ioai;), und ähnliche Stellen wird Pollio wohl 
noch mehrere angeführt haben (ib. X 3, 23). Er hatte eben bei 
der Ausarbeitung der Beschreibung Aegyptens den Hekataeos 
zur Hand, genau wie das jeder moderne Schriftsteller auch 
thun würde; trotzdem bleibt es nicht weniger wahr, dass seine 
Schilderungen auf Autopsie beruhen und dass Hekataeos und 
Herodot sich zu einander verhalten wie zwei moderne Ent- 
deckungsreisende, von denen der ältere eine kurze Skizze, der 
jüngere eine ausführliche Schilderung geliefert hat. 

In demselben Sinne hat Herodot auch das chronologische 
System des Hekataeos und die orientalischen Daten seines 
Nachfolgers übernommen. Könnte man ihm die Widersprüche 
klar machen, in die er sich verwickelt — das möchte aller- 
dings bei einem so ganz und garnicht für derartige Dinge 
veranlagten Kopfe schAver genug gewesen sein — , so würde 
er sich irgendwie selbständig zu behelfen gesucht haben, wäre 
Hekataeos schon durch ein neues System verdrängt gewesen, 
so hätte er sich diesem angeschlossen. Aber näher eingegangen 



Bedeutung, gegen den er vielfach poleniisirt, daneben wissentlicli und un- 
wissentlich vieles übernommen hätte, ohne ihn zu citirenV Und ist es bei 
uns Brauch den Namen des bekämpften Schriftstellers stets zu nennen — 
gerade gegenwärtig sind ja Allusionen, die nur dem ganz Eingeweihten 
verständlich sind, allen anderen aber völlige Räthsel bleiben, wieder sehr 
Mode — oder jeder Erzählung allbekannter Dinge ein Citat beizufügen? 
1) Diese [Stelle hat Diels S. 423 sehr richtig beurtheilt. — Citirt 
wird Hekataeos nnr VI 137, wo sein Bericht über die Pelasger in Attika 
gegeben und ihm die attische Variation gegenüber gestellt wird. II 143 
ist kein Citat im eigentlichen Sinne. 



185 

wäre er auf diese Dinge niemals*; er hat dafür nicht das min- 
deste Interesse: — äXXoiöi yaQ jiiqI avtcöv H()//rai, täöofiiv 
ravra (VI 55). Die Geschichte der Sagenzeit ist erschöpfend 
behandelt, hier und da ist wohl noch einmal eine Kleinigkeit 
nachzutragen, wie über die Eroberung Lakomiens oder über die 
Pelasger, aber im übrigen lohnt es sich nicht, das so oft Ge- 
sagte noch einmal zu wiederholen. ') Nur ein Punct interessirt 
ihn hier : die Abhängigkeit der ältesten griechischen Cultur und 
Religion vom Orient, speciell von Aegypten: das ist die grosse 
P^ntdeckung, die er auf seinen Keisen gemacht hat. Aber im 
übrigen ist sein Sinn durchaus den wirklich historischen Ueber- 
lieferungen und den realen Verhältnissen zugewandt : nicht was 
über den Stammbaum der spartanischen Könige zu sagen ist, 
wiederholt er, er erzählt die Hechte, die ihnen zustehen. Von 
den grossen und wunderbaren Begebenheiten der griechischen 
und orientalischen Geschichte will er erzählen, damit sie nicht 
der Vergessenheit anheimfallen — das ist buchstäblich wahr, 
denn was wüssten wir, was hätte das Alterthum ohne Herodot 
davon gewusst ? Darin liegt seine Bedeutung, mit Recht trägt 
er den Beinamen des Vaters der Geschichte. 

Es kann nun nicht genug betont werden, an welchem 
Puncte bei ihm die griechische Geschichte beginnt. Es sind 
die letzten Jahrzehnte des siebenten Jahrhunderts, die Zeit der 
Tyrannen und der Kriege der Lyder gegen die lonier. Darüber 
hinaus führt keine Ueberlieferung. zwischen der historischeu 
Zeit und der Sagengeschichte liegen die dunklen Jahrhunderte 
(nach Herodots Chronologie rund 500 Jahre), aus denen es gar 
nichts zu erzählen gibt. "-) Wie im Epos und bei den auf seinen 

1 ) Selbst in rationalistischer Kritik hatte er seine Vorgänger schwer- 
lich noch viel überbieten können, daher nimmt er auch nur ganz vereinzelt 
Anlass sie zu üben. 

2) Sehr deutlich tritt das (Gefühl dieser Kluft und die unbestinunte 
Empfindung, dass die mythischen Ueberliefeningen wesentlich anderer Art 
sind als die historischen, in der Angabc hervor, Polykrates sei der erste 
(irieche, der nach einer Öeeherrschat't gestrebt habe, abgesehen von Minos 
von Knossos und wer sonst etwa vor diesem die See beherrschte; von 
der sogenannten menschlichen Generation aber war Poly- 
krates der erste (t»7c 6t uvi}(Jco7it/iTjg ?.(yofävtjc ytitz/c nolvxQaxriq 
:rov)T04, III 122). Trotz aller Ilistorisirung der Mythen sind eben Minos 
und Polykrates doch nicht homogen. 



186 

Spuren wandernden älteren Logographen schliefst die alte Ueber- 
lieferung mit der dorischen Wanderung und der ztIöic lojviac 
ab; daneben steht ganz unvermittelt die von der Gegenv^'art 
um ein paar Generationen zurück reichende Erinnerung. Die 
älteren Logographen haben jene, Herodot zum ersten ]\Iale') 
diese zum Gegenstande der Darstellung gemacht. 

Die Kluft ist überbrückt worden zunächst in dürftiger 
Weise durch die Localchroniken, die coqoi , welche mit Hülfe 
der Stammbäume und der Beamtenlisten einen ganz dürftigen 
von der Urzeit bis zur Gegenwart reichenden Faden herstellten. 
Dann kam Hellanikos. Nachdem er die Sagengeschichte noch 
einmal systematisch durchgearbeitet hatte, hat er in seinen 
Priesterinnen der Hera, in beschränkterem Umfange auch in 
seiner Atthis, zum ersten Male eine zusammenhängende, chro- 
nologisch geordnete Geschichte der Griechen von der Urzeit 
bis zur Gegenwart geschaffen. 

Thukydides hat diese ganze ßehandlungsweise verworfen; 
indem er im Gegensatz zur rationalistischen die historische 
Kritik schuf, wies er auch den Weg, auf dem allein die ältere 
Geschichte Griechenlands erkannt und dargestellt werden kann. 
Aber er fand keinen Nachfolger. Der Rationalismus und seine 
Tochter, der Skepticismus, behielten die Herrschaft. Ihnen ist 
es zu verdanken, dass die noch im fünften Jahrhundert so klar 
vor Augen liegende Kluft zwischen der mythischen und der 
historischen Epoche im vierten so vollständig verschleiert 
worden ist, dass sie vor dem neunzehnten Jahrhundert n. Chr., 
vor NiEBUHR und seineu Zeitgenossen. Niemand wieder zum 
Bewusstsein kam. Massgebend war hier der Einfluss des 
Ephoros. Wenn Herodot auf die Sagengeschichte nicht ein- 
ging, weil sie so oft erzählt war, Thukydides sie kritisch be- 
handelte, um aus ihr die Grundzüge der Culturentwickelung 
zu gewinnen, so Hess Ephoros sie als unzuverlässig und un- 
historisch bei Seite. '^j De Gedanke freilich, nun etwa erst da 



1) wenigstens iu umfassenderer Weise. AVie weit hier etwa Charon 
als sein Vorgänger gelten kann, wissen wir nicht. — Die Schriften über 
(ieschichte des Orients sind anderer Art. und viel mehr den geographischen 
und ethnographischen Schilderungen verwandt, welche seit Hekataeos neben 
den Genealogien stehen und wie diese schon im Epos vorgebildet sind. 
2) Er spricht dabei einen völligen richtigen kritischen Grundsatz aus 



187 

zu beginnen, wo Herodot anfängt, lag ihm fern ; es wäre ja in 
der That ebenso unmöglich wie historisch verkehrt gewesen, 
die griechische Geschichte so jung zu machen. Also setzte er 
da ein. wo die Mythengeschichte aufhört und die gegenwärtige 
Gestaltung der Dinge l)egiuut, bei der dorischen Wanderung. 
Von hier an glaubte er festen Boden unter den Füssen zu 
haben, von hier aus überbrückte er die grosse Kluft ])is zum 
siebenten Jahrhundert. Er konnte das nur auf Grund der zu 
seiner Zeit bestehenden historischen Verhältnisse. Und so 
stellte er den Peloponnes in den Mittelpunct nicht der Ge- 
schichte der Urzeit — das wäre richtig — sondern der Ge- 
schichte von der Wanderung ab, und datirte die Hegemonie 
Spartas von da an. Dass er damit den wahren Verlauf der 
griechischen Geschichte geradezu auf den Kopf stellte, ist ihm 
so wenig ins Bewusstsein gekommen wie allen, die ihm ge- 
folgt sind. 

Dabei ist es denn im wesentlichen geblieben. ') Zwar kam 
eine Zeit, wo der Skepticismus noch einen Schritt weiter that 
und den Anfang der griechischen Geschichte bis auf das erste 
chronologisch beglaubigte Datum, den olympischen Sieg des 
Koroibos, hinabrückte. Doch ist das nur eine Verschiebung 
des Ausgangspunktes, nicht der Methode. Es ist ziemlich gleich- 
gültig, ob man mit .Apollodor sagt, die beglaubigte griechische 
Geschichte beginnt 1184 oder mit Ephoros 1069 oder mit 
Phlegon und Grote 776 v. Chr.; von der historischen Wahrheit 
sind alle drei Ansätze gleich weit entfernt, weil die ihnen zu 
Grunde liegende Anschauungsweise unhistorisch ist. Ja Ephoros 



(fr. 2): TifQi fitv yu(/ iiüv xui^' i/^täc yf-yfvrjftivcov rovg uxfJißioicau 
Xtyovzaq TiiGTOxäzovi iiyov/jfS-a, TitQi (U rtür nakaicöi> tovq ovtvj (hf^iovrac 
aniUavojTÜrovg: fivai vofu'Qo/uev, v7io)M/Ji-iävovTfQnvT^ Tagn()ä§e(c anäoa,: 
nvTf Tiijv }.öyv)v TOVQ nXeiOTovq elititc. fivui nv7]fiovfvtoihti <Siu loaovriur; 
\^\. auch fr. 8. Nur ist in der (Tescliiclitst'or.scluing die richtige Durch- 
l'üiiruug der liritisclieu Grundsätze die llauptsache; und zu der fehlte 
Ephoros die Methode durchaus, die ducli bereits Thukydides praktisch 
entwickelt hatte; vgl. o. S. 122. 

1) Dass die Chronographie des Eratosthenes und Ai)()lhid<)r und aUer, 
die ihnen folgten, so z. H. Diodor, etwas früher anfängt, bei <leni Falle llions, 
ist nur eine ganz unwesentliche Verschiebung. Eigentlich ist ja schon mit 
dem troischen Kriege und der IJiickkelir der Helden die Sagen/.eit zu Knde. 
Kastor hat dann wieder die Urzeit in seine Chronik mit aufgenommen. 



188 

steht entschieden über den Skeptikern, insofern er -wirklich 
eonsequeut ist und mit der dorischen Wanderung einsetzt; was 
vorher lieg-t lässt er bei Seite. Dagegen wirklich erst mit Ol. 1. 
die griechische Geschichte zu beginnen ist so gut wie unmög- 
lich und führt zu solchen Tragelaphen wie Grote's Griechischer 
Geschichte. Und im Grunde ist doch auch hier der zweite 
Theil, Historical Greece. nichts anderes als ein etwas umge- 
stalteter Ephoros, in dem die Untersuchungen über Pelasger 
und Leleger, die dorische AA^inderung und Lykurgos den Ein- 
gang l)ildeu, während Homer und Hesiod, d. h. alles das was 
wir wirklich von jener Zeit wissen, ins Schattenland des Legen- 
dary Greece verbannt sind. 

Ephoros' Behandlung der älteren Griechischen Geschichte 
ist bis auf den heutigen Tag massgebend geblieben bei denen 
die ihm folgen wie bei denen die ihn verwerfen; einzig Dunckek 
hat selbständig den Gang der älteren griechischen Geschichte 
aufzubauen gesucht. Aber Cuirnus schliesst sein erstes Buch 
mit der dorischen Wanderung und lässt dann erst die pelopon- 
nesische. dann die attische Geschichte folgen, darauf erst die 
Geschichte der Colonisation; bei Bu.solt, der wieder einmal die 
vordorische Geschichte so gut wie völlig gestrichen hat, steht 
die Geschichte des Peloponnes bis zu den messenischeu Kriegen 
vor der der kleinasiatischen Griechen. Grote endlich, der 
scheinbar ganz selbständige, was giebt er anders als die ver- 
schlechterte ephorische Anordnung? Nach einem Kapitel über 
die Griechen nördlich vom Isthmos, über die nicht viel zu sagen 
ist, folgt die peloponnesische Geschichte bis ca. 550, dann Athen 
bis auf Pisistratos, darauf die kleinasiatischen Griechen, endlich 
ein Blick auf die orientalischen Culturvölker. Der Ruhm muss 
dieser Anordnung bleiben, dass eine gründlichere Verkehrung 
der historischen Ordnung der Dinge schw erlich erfunden werden 
könnte. Ganz so schlimm ist doch Ephoros nicht verfahren, 
bei dem von Homer und Hesiod da gesprochen wnirde, wo sie 
nach Ephoros' Chronologie ihren Platz hatten, und auch sonst 
die kleinasiatischen Griechen viel mehr zu ihrem E echte kamen, 
als bei den Neueren. 



Anhänge. 



1. Ist Herodots Geseliichtswerk volloiKlot? 

(Rheiu. Mus. XLII. I^ST, 8. 1 Ifi f.) 

1. Ilorcidot erziihlt VII 213, Epliialtcs, der Vornltlior dev 
Tlieriuo})vl('ii, sei von den Amydiiktyonen geächtet, und als er 
später nach Antikyra zurückkehrte, von Athenadas aus Trachis 
.2,"et()dtet worden : o öi l4&?jvaö?]g ovtoc ajTtxTf^ivf: fjsr 'EjriaXrta 
(h' l'iXXiii' airbjv, t?)v tyco tv roiOi 6jtia&£ XoyoiOi 07jfia}'t(o, 
tTif/r'iO-rj fisvToi vjto Aaxiöaifiovion> ovöh' ?/oöor. Bekanntlich 
ist dies Versprechen in Herodots Werk, wie es uns vorlieget, 
nicht erfüllt, und wir wissen daher auch nicht, bei welcher 
Gelegenheit Ephialtes seinen Tod fand. Kirchhoff (Sitzungsber. 
der Berl. Akad. 1885, 8. 301 ff.) hat vermuthet, es sei zur Zeit 
der th(!ssalischen Expedition des Spartauerkönigs Leotychides 
(nach KiiiciiiioFFS Ansicht 476/5 v. Chr., nach der von mir für 
riclitig gehaltenen 469) geschehen, und Herodot verweise auf 
die; Darstellung, die er in späteren Partien seines Werkes von 
diesem Zuge zu geben beal)sichtigt habe. Dass letztere Ver- 
niuthung nicht richtig ist, lässt sich indessen nachweisen. 
Denn Herodot spricht von Leotychides' Zug nach Thessalien, 
seiner Bestechung bei demselben, seiner Verurtheilung und 
seinem Tode in der Verbannung in Tegea eingehend bereits 
im sechsten Buche c. 72. Er fügt hinzu ravta (ilv 6t) iyivtro 
/jy>roj vdttQov. Hätte er die Absicht gehabt, in einem spä- 
teren Abschnitt ausführlich von diesen Dingen zu reden, so 
würde (sr im sechstem Buch sich mit einer ganz kurzem Be- 
merkung begnügt und vor allem am Schlüsse gesagt haben: 
ruvra f^tv tv toIol ojiiüco /.oyoiOi djT/jy/oofiat oder oij^avtoi, 



190 

wie 1 75. II 38. II 161. VI 39 und in der angeführten Stelle 
Vn 213. Bei welcher Gelegenheit Herodot auf Athenadas* 
That zuriiekzukommen Ijeahsichtigte. Ideiht demnach nach wie 
vor unbekannt. 

2. Wie VI 72 spricht Herodot auch an zahlreichen andern 
Stellen seines Werkes von Begebenheiten, die später als das 
Jahr 479 v. Chr. fallen. So erwähnt er III 160 Megabyzos" 
Kämpfe in Aegypten mit den Athenern (455 v. Chr.) ; V 32 die 
beabsichtigte Veimählung des Tansanias mit der Tochter des 
Megabates: VII 106 f. erzählt er ausführlich die Eroberung 
der thrakischen Castelle. speciell Eions. durch Kimon im Jahre 
470 (nach andern 476j; VII 151 erwähnt er die Gesandtschaft 
des Kallias und die gleichzeitige der Argiver nach Susa im 
J. 448 ; VIII 3 die Uebertragung der Hegemonie auf die Athener 
477; VIII 109 Themistokles Flucht nach Asien (465j; IX 35 die 
Käm])fe der Spartaner bei Tegea. Dipaia. Ithome und Tauagra: 
IX <J4 den messenischen Aufstand; IX 105 die Kämpfe der 
Athener gegen Karvstos. An keiner einzigen dieser Stellen 
sagt er. dass er später von diesen Dingen reden werde: und 
doch wäre dieser Zusatz wenigstens bei einigen gar nicht zu 
entbehren, wenn Herodot wirklich die Absieht hatte, dieselben 
Begebenheiten später ausfnhrlich zu erzählen. Wo er erwähnt, 
dass in Folge der vßou des Pausanias die Hegemonie zur See 
auf die Athener übertragen sei . fügt er (VlII 3 ) hinzu : «/./« 
Tatra utv vortQor lyivhxo, nicht etwa 'ciQy'iß'cxai oder etwas 
ähnliches, was im letzteren Falle das einzig naturgemässe war. 
Und wie konnte er VII 107 ganz ausführlich die heroische Ver- 
theidiguug Eions durch Boges erzählen, wenn er die Absicht 
hatte, dasselbe Ereigniss im historischen Zusammenhange zu be- 
richten? An dieser Stelle liegt nichts weniger vor, als eine 
beiläufige oder durch den Zusammenhang geforderte Erwähnung 
eines späteren Ereignisses zur Orientirung des Lesers, wie etwa 
an den bereits genannten Stellen VII 151, IX 35. 64. 105 oder 
VII 137 (Schicksal der 430 gefangenen Gesandten der Spartaner 
nach Persieuj, VII 233 (Ueberfall von Plataeae durch die The- 
banerj, IX 75 (Expedition der Athener gegen die Edoner ). IX 73 
(Verschonung von Dekelea durch die Spartaner j; die Erzählung 
über Eion ist vielmehr eine ausgeführte Episode. Denselben 
Charakter träirt auch der Abschnitt über Leutvchides. 



191 

3. Während kein einziges Zeugniss dafür \'ürhanden ist, 
dass Herodot sein Gesehielitswerk über das Jabr 479 hinaus 
fortführen wollte. widers])reehen die angeführten Stellen dieser 
von Dahlmann zuerst aufgestellten und neuerdings namentlich 
von Kirchhoff vertheidigten Hypothese auf das entschiedenste. 
Es liegt aber auch in allgemeinen Erwägungen kein Grund, 
durch den dieselbe wahrscheinlich oder gar nothwendig gemacht 
werden könnte. Man hat gemeint, die Schlacht bei Mykale 
und die Einnahme von Sestos sei kein Abschluss, weil die 
Perserkriege weiter fortgingen. Gewiss ist letzteres richtig; 
aber eben so sieher ist, dass für die Anschauung der Griechen 
mit der Zeit nach 479 in gleichem Masse und mit demselben 
Rechte eine neue Zeit anhebt, wie für uns mit dem Jahre 1815, 
Die Angriffskriege gegen die Persermacht welche 478 beginnen, 
tragen einen ganz anderen Charakter, als der grosse Kampf 
um die Existenz in den Jahren 490, 480 und 479. Herodot 

VIII 3 unterscheidet beide Perioden scharf; wo er vom Hege- 
moniewechsel spricht, sagt er: cog yag ör/ ojcdf/evoi xor IJtQOtp' 
jttQL TTJiz txEivov Tjörj tov cr/(öva tTTOuvrro; nur das erstere 
ist Gegenstand seiner Darstellung. Die Begebenheiten seit 478 
sind daher auch nie mehr zu den Mrjdixa gerechnet worden: 

IX 64 bezeichnet Herodot ein Ereigniss des messenischen Auf- 
stands durch '/iQ('>y(o voztQov {/ttä ra M?]öixd — und doch war 
gerade damals der Krieg Athens gegen Persien in vollem Gange. 
Nicht anders redet Thukydides : I 23 bezeichnet er als den 
grössten der früheren Kriege to M7]öix6v {Igyov), von dem er 
sagt; xcä tovto öftcug dvotv vav^iaxicuv xai jie^ofiayiair Tic/tho' 
T/ji' xQioiv toyt. Ebenso sind 118 und 97 tu Mijöixä nur die 
Ereignisse der Jahre 480 und 479 ; die Begebenheiten fitra^v 
TovAt Tor :iToXt/jov xai tov MqÖixoii will Thukydides erzählen, 
die früheren Schriftsteller haben nur ;} ti\ .iq6 tcöv M/jdixott' 
'/w.Ä/ji'ixii erziUilt ?/ avT('. rd M/jdixä. Dass unter letzterer Be- 
zeichnung etwa auch die Schlacht am Eurymedon mitbegriffeu 
werden könnte, ist ibni nicbt in den Sinn gekommen. Bekannt- 
lieh hat der Terminus rd M/jdixd diese begränzte Bedeutung 
alle Zeit behalten, so gut wie unser Ausdruck „die Perserkriege". 

Die vorstehenden Argumente hat grösstentheils sehen Otto 
NiTZScJi in seinem Programm über Herodot, Bielefeld 1873, 
beigebracht. Da sie aber in den neueren Diseussioneu nicht 



192 

die Berüeksiehtig'ung- gefunden haben, die sie verdienen, dürfte 
es nicht ohne Nutzen sein, sie hier noch einmal in Kürze 
wiederholt zu haljen. 



2. Herodots Sprachkeimtuisse. 

Dass Herodot die Sprachen der Völker, welche er auf 
seinen Reisen besucht hat. nicht kannte, ist zwar schon öfter 
hervorgehoben; doch lohnt es sich, die entscheidenden Belege 
dafür zusammenzustellen und etwas eingehender zu besprechen, 

1. Aegyp tisch. Zwar gibt Herodot mehrere aegyptische 
Wörter einigermassen correct wieder ; so II 69 yafjipat = ocqo- 
y.oÖEiXoi ägypt. gesehrieben mshu, ') wo wohl bei der griechi- 
schen Wiedergabe die Aspirata durch eine Art Metathesis an 
den Anfang des Wortes gerathen ist ; 11 30 'Ao(.ttt.x — so die 
codd. der Classe des Romanus II und des Sancroftianus, Citat 
bei Steph. Byz. Avtö^wIol mit der unwesentlichen Variante 
yiöfid/7]v ; die codd. der anderen Classe (A B C) haben 'Aoyäfi — 
Ol IS, ccQiOreQiJQ x^iQoc. JiuQiöxäfitvoL ßaOiXH, äg. snihi „links". 
Diese Wörter hat er durch die Dollmetscher richtig kennen ge- 
lernt. Dagegen übersetzt er 11 143 eins der allergewöhulichsten 
ägyptischen Wörter falsch. Er sagt jclgco/ng toxi xaxa 'EXXdda 
yXcöoöav y,aloz xäyad-oc ; das ägyptische Wort pi römi aber 
bedeutet einfach „der Mensch" '^) Und erst dadurch wird He- 
rodots Erzählung wirklich verständlich. Er berichtet, dass 
„die Priester mit dem Historiker Hekataeos, als er in Theben 
seinen Stammbaum im 16. Gliede auf einen Gott zurückführte, 
dasselbe thaten wie mit mir, obwohl ich meinen Stammbaum 



1) Vocale schreibt die hieroglyphische Schrift im allgemeinen nicht. 

2) j;i ist Artikel. Das Wort Mensch wird hierogl. einmal rmt [sprich 
romet] , sonst mit Auslassimg des Nasals rt, in späterer Zeit auch rm ge- 
schrieben. Auslautendes t ist im Aegyptischen schon in sehr früher Zeit in 
der Aussprache abgefallen. Die Vocalisation steht durch das koptische 
rome fest. Wenn A. Wiedemanx in dem werthlosen Buch „Herodots 
zweites Buch mit sachl. Erläuterungen" lSi)n S. 50;) diese Thatsache leugnet 
und lieber zu deu absurdesten Erklärungen seine Zuflucht nimmt, so ist 
dass nur ein Beweis von vielen dafür, dass alle Errungenschaften, welche 
die Aegyptologie seit anderthalb Jahrzehnten gemacht hat, spurlos an ihm 



193 

nicht aufzählte".') Sie zeigten ihm die hölzernen Colossal- 
statuen der Oberpriester von den Zeiten des Menes an und 
erklärten, jeder sei der Sohn seines Vorgängers. [In der ganzen 
Zeit sei kein Gott in Menschengestalt auf Erden erschienen 
c. 142.] „Und als Hekataeos seinen Stammbaum anführte und 
im sechzehnten Glied an einen Gott anknüpfte, zählten sie da- 
gegen ihre Genealogie auf und wollten seine Behauptung, dass 
ein Mensch Sohn eines Gottes sei, nicht anerkennen; sie er- 
klärten aber bei der genealogischen Rechnung, jeder der Co- 
losse sei jiiqoj^iv Ix jriQco/jiog ytyovtrca, bis sie alle 345 Colosse 
durchgegangen waren, wobei sie jeden jitgcofiig nannten, und 
knüpften sie weder an einen Gott noch an einen Heros au. 
TtigcofiiQ aber heisst auf griechisch -xakog xdya&OQ d. h. ein 
Adliger." Man sieht Herodot hat seine Uebersetzung aus He- 
kataeos entnommen, der mithin eben so wenig ägyptisch konnte, 
wie er. Mit der Uebersetzung, jeder der Priester sei ein Adliger 
Sohn eines Adligen, lassen Herodot und Hekataeos die Aegypter 
Unsinn reden; denn ob die Priester adlig waren oder nicht, 
ist für die vorliegende Frage gleichgültig. Setzen wir die 
richtige Uebersetzung „Mensch" ein, so ist alles in Ordnung; 
dem Griechen, der über das hohe Alter der ägyptischen Cultur 
verblüfft ist, weil nach seiner Anschauung noch vor wenig 
Generationen die Götter auf Erden wandelten, erwidern die 
Prieser auf sein ungläubiges Kopfschütteln, alle diese Statuen 
stellten Menschen dar, „Mensch von Mensch gezeugt". Man 
sieht, das Gespräch hat wirklich stattgefunden und ist nicht 
erst von Hekataeos tingirt. Dass sich dem auf seine Abstam- 
mung von den Göttern stolzen Mann der Begriff des Adligen 
unterschob, ist l)egreiflich genug; noch deutlicher als in den 
directeu Angaben Herodots S})richt sich darin der Eindruck aus, 
^velchen das Bekanntwerden mit dem Alter der ägyi)tisehen 
Geschichte auf die Griechen gemacht hat. Es hat ihren Ka- 
tionalismus nicht erzeugt aber wesentlich bestärkt. 



1) Diese Stelle beweist, dass Ilerodut so gut wie Hekat.aeos seine 
Yfvfukoyla hatte, d. h. einer adligen Familie angehörte. Wäre das uieht 
der Fall, so würde Herodots Aeiisserung ihn nur liicherlich machen. Aber 
litTodot ist bereits über die .Standesvorurtheile hinaus; und daher versetzt 
er seinem Vorgänger aueh liier einen Hieb. [leh bemerke, dass ich diese 
Notiz und die über pirömi scbou rhüol. NF. II S. 270, ö publicirt habe.] 

Meyer, Forscbiuigeu zur Alten Geschichte. I. ^-^ 



194 

Bei dieser völligen Unkeinitiiiss des Aeo:yp tischen wird es 
yerständlicli , dass Herodot allen Ernstes behaupten kann . die 
Namen der meisten griechischen Götter stammten aus Aegypten 
und seien hier zu allen Zeiten gebräuchlich gewesen (IT 43. 50). 
Er hat eben die meisten einheimischen Namen (ausser Isis Osiris 
Horos Buto Amnion u. a.j von seinen Führern nie gehört, son- 
dern nur ihre seit langem gangbaren griechischen Ae([uivalente. 

II. Persisch. Ueber die persische Sprache glaubt He- 
rodot eine Entdeckung gemaclit zu haben, auf die er nicht 
wenig stolz ist (I 139): alle ihre P%eunaniem gingen auf .s aus. 
Mit Kecht bemerkt er, dass die Perser selbst davon nichts 
wtissten; die Entdeckung zeigt uns, dass Herodot kein Wort 
persisch kannte. Denn sie ist von den griechischen Formen 
der Eigennamen abstrahirt ; im persischen haben nur die /- und 
?(-stämme im Nominativ ein .s, aber nicht die unter den Eigen- 
namen weit überwiegenden «-stamme, bei denen der Nominativ 
vielmehr vocalisch ausgeht. 

Neuerdings hat Lagarde (Mittheilungen IV S. 872) Hero- 
dots Angabe mittels des Alten Testamentes retten wollen; hier 
zeige der Name Ahasiveros = Xerxes pers. Khsajdrsä den 
Auslaut auf s, wie Kores = Kurus KvQog und Uarjatves = 
BärajauaJins. Diese Behauptung beruht lediglich auf einer 
seltsamen Flüchtigkeit; Lagarde hat sich durch die absurde 
masoretische Yocalisation irre führen lassen. Der Auslaut s 
ist nicht die Nominativendung, sondern der letzte Consonant 
des Stammes; das hebräische 'hsicrs, zu sprechen etwa 'acJisaivars, 
entspricht abgesehen von dem wohl verschriebenen ir für j ge- 
nau dem Persischen Khsajärsä äg. Klisjarsa, babyl. Hisi'arsi 
(resp. -SU, -sa'). 

Die gleiche Unkenutniss der Sprache verräth die Angabe 
VI 98, ') die Namen der drei Perserkönige Dareios Xerxes und 
Artaxerxes bedeuteten ag^tir/g, aQt'jioz und /Jkyac dof'/iog. Offen- 
bar liegt dieser Deutung die Annahme zu Grunde, Artaxerxes 
sei ein Compositum von Xerxes. Die griechischen Namen sehen 
in der That so aus. aber die persischen Formen Khsajärsä und 
Artakhsatra haben, wie man sieht, nicht das mindeste mit ein- 



1) Die Stelle mit Wesseling für eine Interpolation zu erklären liegt 
kein Grand vor. 



195 

ander zu tliun. Von den gegebenen Uebersetzmigen ist die 
von Dareios „der Halter" vielleicht richtig, auch die Wieder- 
gabe von Xerxes Khsajdrsä. etwa „der mächtige", durch d{n]ioQ 
kann man vertheidigen, aber Artal'Jikiini heisst nicht fityca: 
d{}i\ioz, sondern „der dessen Eeich (oder Herrschaft) vollkonmien 
ist". — Mit diesen Irrthümern steht die Behauptung I 131, 
Mitlira sei eine persische Göttin, auf gleicher Linie. 

III. Skythisch. Hier genügt der Verweis auf Müllen- 
iiOFS Untersuchungen Ber. Berl. Ak. 1866. Ich erwähne nur 
dass dgiuäojioi IV 27 nicht (loi-öcpdaXfwi heisst, sondern einer 
der vielen mit asjja „Pferd" zusammengesetzten Stammnamen 
ist, wahrsch. arjamäspa „folgsame Pferde habend"; ebenso be- 
deutet oiÖQjxaxa , der skythische Name der Amazonen , nicht 
uvdQoxToroL IV 110, sondern „Männerherrinnen" vhapatujä. 
Dem gegenüber können einzelne richtige Uebersetzungen nichts 
beweisen. 

Herodot ist zu beurtheilen wie die zahlreichen modernen 
Orientreisenden, welche ihre totale Unkenutniss der einheimi- 
schen Sprache gleich am Eingang ilirer Werke durch die Be- 
hau])tung verrathen, das muslimische Glaubensbekenutniss laute 
allah ill allah, was sie womöglich noch durch die unsinnige 
„llebersetzung" (lOtt ist Gott wiedergeben. Wie kein beson- 
nenerer Forscher den Angaben dieser Schriftsteller über das 
Keligionssystem des Islam und den Zusammenhang seiner Lehre, 
oder ül)er historische Nachrichten, die selbständige Forschung 
verlangen, irgend welclien Werth beilegen wird, so wenig ist 
das bei Herodot gestattet; wie sie ist auch er hier völlig von 
ungebildeten Dragomännern und von seinen im Lande ansässigen 
Landsleuten abhängig, die ihm nicht weniger Absurditäten und 
Fabeln aufgebunden haben, wie jenen. Aber wie jene dahei 
vortreffliche Beobacliter sein, Land und Leute, Sitten und Ge- 
bräuche ausgezeichnet schildern können — soweit dafür nicht 
Kenntniss der inneren geistigen Zusammenhänge erfordt'rlich 
ist — so auch Herodot. Soweit seine Autopsie reicht, gibt es 
bei ihm kaum eine Angabe die sich nicht bestätigt hätte: seine 
Scliihlcrungen z. P>. der ägyjjtischeu Feste oder der persisdicn 
Sitten und ihrer Keligionsttbung sind völlig correct und vom 
höchsten Werthe. obwohl oder vielmehr gerade weil er von 
dem zu Grunde liegenden religiösen System keine Ahnung hat. 

13* 



196 

3. Herodot von Thiirii.i) 

Aristoteles Rhet. III 9 citirt eleu Eingang- von Herodots 
Werk in der Form "^Hgodörov SovqIov rjd' ioroQitjg djT6dfi$,ig. 
Ebenso liat offenbar Duris gelesen: Aovqiq dl llavvaöiv 
/itoyJJovg Tf jialöa drtyQaipe xcd ^dftioi^, onoicoq, cog xal 
'^Hgödorov Govqiov (Suidas s. v. Ilavvaoig); er bezeichnete 
die beiden Halikarnassier Panyassis und Herodot nicht nach 
ihrer ursprünglichen sondern nach ihrer Adoptivheimath. Auch 
Avien or, mar. 49, der ja alten Quellen folgt, sagt Herodotns 
Thurius. In der hellenistischen Literatur stehen dann beide 
Lesungen fyovQiov und 'A/jxaQi-fjOoiog neben einander, doch so, 
dass von den Schriftstellern, die sie eitiren, die letztere bereits 
bevorzugt vrird. So Strabo XIV 2, 16 „aus Halikarnass stammt 
der Historiker Herodot, ov voregoi' Sovqiov IxäXtoav 6id xo 
xoivmvtjocu ri^g dg OovQiovg djroixlag; und deutlicher noch 
Plutareh de exil. 13 xo 6h ,,Hqoö6xov "AXr/caQvaootcog löxoQirjg 
ajrodtt^ig 7]öt" jiolXol fiexayndrfovOiv „"^IIqoÖoxov ßovQiov". 
fitxory.rjOt yccg £c &ovQiovg y.ai xijg djtoixiag txslvrjg fisxeGxs 
und de mal. Her. 35 „Herodot sollte den medisch gesinnten 
Griechen keine so starken Vorwürfe machen; denn während 
ihn die übrigen Griechen für einen Thurier hielten, rechnet er 
sich selbst zu den Halikarnassiern , die als Dorer unter jener 
Weiberherrschaft gegen die Griechen zu Felde zogen" (xal 
xavxa OovQiov f/hv ijio xmv dXlow vof/iC6f/£i'Ov, avxov öh 
'AXixaoraoton' jcsQir/oiiisvov). Deutlich sieht man aus diesen 
Zeugnissen, wie die kritisch für richtig geltende Lesart jiXixag- 
rriootog in die Texte eindringt und das ältere Oovq'iov ver- 
drängt. In unseren Handschriften ist das letztere völlig ver- 
schwunden. 

Schon diese Darlegung zeigt, dass die Lesung (-Jovq'lov im 
Prooemium Herodots die ältere ist. mit andern AVorten, dass 
Herodot selbst so gesehrieben hat. Hätte Herodot sich selbst 
als Halikarnassier bezeichnet, so wäre gar nicht zu verstehen, 
wie die Variante entstanden wäre, ja schwerlich hätte sich 



1) Ein Eingehen auf die älteren durcliweg überholten Arbeiten über 
Herodots Leben (darunter den verfehlten Aufsatz von Ad. Bauer Ber. 
Wien. Ak. Bd. S9, 1878) wird man mir wohl erlassen. Wirkliehen Werth 
hat jetzt noch, so weit ich die Literatur übersehe, einzig der Aufsatz von 
RÜHL, Herodotisches, Philol. XLI, 1 882, 54 ff. 



197 

Uberhau[)t ivg-end welche Kunde davon erhalten, dass er au 
der Gründung- der Colonie Theil genommen hat. Umgekehrt 
aber ist es sehr wohl begreif lieh, dass in hellenistischer Zeit, 
als der Stolz der einzelnen Städte auf ihre literarischen Grössen 
sieh entwickelte, die Halikarnassier sich ihren berühmten Lands- 
mann nicht entgehen lassen wollten, und dass ihr Anspruch 
von der literarischen Kritik anerkannt und durch sie zur Herr- 
schaft gelangt ist. Dass Herodot von Geburt Halikarnassier 
war, wird man wenigstens in seiner Heimath immer gewusst 
haben, ja er mag hier in jüngeren Jahren eine politische, 
literarisch oder urkundlich fixirte Kolle gespielt haben — ge- 
hörte er doch zum Adel der Stadt (oben S. 193, 1 ; daher richtig 
bei Suidas: Hq. AXixaQvaoötvQ, xcov £jng)avcöv). Auch seine 
Verwandtschaft mit Panyassis ist gewiss geschichtlich [nur 
Av i e sie verwandt waren, ob von Vaters oder von Mutters Seite, 
war zweifelhaft , s. Suidas Uavvaoig] , und ebenso der Name 
seines Vaters Lyxes und seines Bruders Theodoros — man 
sieht nicht ein, aus welchem Grunde letzterer erfunden sein 
sollte. Dass Panyassis. doch wohl wegen der Tyrannis, auf 
Samos gelebt hat und hier das Bürgerrecht erwarb, steht durch 
Duris' Zeugniss fest. Auch dass er durch Lygdamis ermordet 
ist (Suidas), mag richtig sein. Dagegen ist die Betheiligung 
llerodots am Sturze des Tyrannen von Halikarnass, die Suidas 
behauptet, recht problematisch ; Herodot war Avohl damals noch 
zu jung um eine politische Kolle zu spielen. Doch fehlt uns 
alles Material um zu einer sicheren Entscheidung zu gelangen. ') 
Dass Herodot so gut wie Panyassis sieh lange auf Samos 
aufgehalten hat — freilich nicht um hier ionisch zu lernen, 
wie die Fabel meint; das sprach er von Kindesbeinen auf — 
lehrt sein Werk. Dann ist er nach Athen gekommen, und hier 
mit Sophokles und Perikles in nahe Beziehungen getreten, wie 
das für einen angesehenen Bürger aus einer wichtigen Bundes- 



1) Ueber die fälsclilicli hierher gezogene luschrift von Halikarnass 
vgl. RÜHL Philol. 41. llerodots Erzählungen von Artemisia sprechen nicht 
gerade dafiir, dass seine Familie von Anfang an im Gegensatz zu den Ty- 
rannen stand; der Confiict (falls er vorhanden war) mag erst nach ihrem 
Tode entstanden sein und zur Flucht des Panyassis und seiner Verwandten 
nacii Samos geführt haben. I)och ist das nicht mehr als eine vage Ver- 
muthung. 



198 

Stadt, der sieh ganz der attisehen Eeiehspolitik ang-esehlossen 
hat. natürlich ist. ') Denn als ein begeisterter Anhänger der 
attisehen Herrsehaft und der perikleischen Ideale erweist sieh 
Herodot auf jeder Seite seines Werks; um Perikles' und seines 
Hauses willen verfolgt er das Andenken des Themistokles 
und sucht den grössten attischen Staatsmann herabzusetzen wo 
er kann ; um seinetwillen hat er au zwei Stellen seines Werkes 
versucht, die Alkmeoniden von den Makeln freizuwaschen, die 
an ihrer Geschichte hafteten, einmal indireet in der Geschichte 
des kylonisehen Frevels, einmal in einer ausführlichen Apologie, 
die sie von dem Vorwurf des Medismos zur Zeit der Schlacht 
bei Marathon befreien soll. Beide Versuche sind freilich gründ- 
lieh missglückt: Herodots Darstellung des kylonisehen Frevels 
widerlegt Thukydides; und seine Vertheidigung gegen den 
Medismos ist so schief und gekünstelt, dass sie die Richtigkeit 
der Beschuldigung nur in um so helleres Lieht stellt.^) 



1 ) Ich mache darauf aufmerksam, dass Sophokles als erster Helleno- 
tamias im J. 443/2 nach dem Siege des Perikles über Thukydides die Neu- 
organisation des attischen Bundes und seine Eintheilung in fünf Quartiere 
durchgeführt hat: CIA. I 237. 

2) Davon wissen die meisten Darstellungen der griechisclien Geschichte 
nichts; auch Delbrück in seiner trefflichen Kritik der Schlacht bei Ma- 
rathon hält den Bericht über den Verrath der Alkmeoniden für thörichtes 
Gerede (Perserkriege und Burgunderkriege tio ff.). Aber Altweibergerede 
hält sich nicht fJü Jahre lang lebendig; Herodot VI 121 ff. zeigt, wie ein- 
gehend diese Dinge beim Ausbruch des peloponnesischeu Krieges, als die 
Angriffe auf Perikles begannen, discutirt wurden. Seine Vertheidigung ist 
so schwach wie nur möglich. Wer wirklich ein lebendiges Bild der da- 
maligen Verhältnisse Athens gewonnen hat, wird an der Richtigkeit der 
Beschuldigung nicht zweifeln. Seit der Katastrophe ■\Iilets hatten die 
Alkmeoniden allen Einfluss verloren und sahen sich zwischen Themistokles 
auf der einen, Miltiades auf der andern Seite, die um die politische Leitung 
Athens mit einander rangen, erdrückt. Da ist es durchaus natürlich, dass 
sie mit Hülfe der Emigranten und der Perser in die Höhe zu kommen 
suchten, genau wie die die Aleuaden in Thessalien, oder wie der Alkmeo- 
nide Megakles um 555 mit Hülfe des Pisistratos, der Alkmeonide Klei- 
sthenes um 50ti mit Hülfe der Perser die Macht zu gewinnen versucht hatten. 
Dadurch, dass sie den Miltiades, den Themistokles, den Kimou bis in den 
Tod verfolgten, haben die Alkmeoniden, resp. ihre Erben Xanthippos und 
Perikles die Herrschaft über Athen gewonnen. — Ueber Herodots Bericht 
über Kylon s. G. d. A. IL Es ist seltsam , dass Nissen Hist. Ztschr. NF. 
XXVII lS&i>, 419 f. diese Zusammenhänge völlig verkannt hat. 



199 

Die ^'el•bindunJi: mit Perikles hat oflfeiibar den Anlas?« ge- 
geben, dass Herodot mit so vielen anderen hervorragenden 
Männern an der Griindnng der panhellenischen Colonie Thurii 
Theil nahm, die ja den Höhepunkt der perikleiseheu Politik 
bilden sollte. Die Thatsache stand dadurch fest, dass Herodot 
selbst sieh in seinem Werke als Thurier bezeichnete; sie ist 
daher von den Alten benutzt worden um llerodots Lebenszeit 
zu datiren (Plin. XII 18. Pamphila bei GelliusXV23, Diels 
Rhein. Mus. XXXI 48). Hier lässt mau ihn daher auch ge- 
storben und begraben sein (Suid.; Steph. Byz. (3ovqioi) und 
verfasste ihm eine (Irabschrift mit der thöriehten Motivirung, 
er habe seiue Heimath Halikarnass verlassen vor dem ärhjTOj: 
(jojfjog seiner ^litbürger fiieheud. ' ) Andere haben ihn nach 
Analogie des Hellanikos, Thukydides, Agathon, Euripides an 
den makedonischen Hof gebracht und lassen ihn in Pella sterben 
(Suidas s. v. 'Ilgödorog und 'EXXavixog). Beide Annahmen sind 
falsch ; denn wie sein Werk lehrt und seit Kirchhoffs Nach- 
weisen unbestritten ist, ist Herodot alsbald nach Athen zurück- 
gekehrt und hat hier bis in den Anfang des peloponnesischen 
Krieges gelebt. In diese Zeit fallen seine Reisen in Asien und 
Aegypten (S. 156j und dann die Verarbeitung des seit langem 
von ihm gesammelten und zu Vorträgen benutzten Materials 
zu einem planmässigen einheitliehen Geschichtswerke. Was 
seine weiteren Schicksale gewesen sind, wird sieh nie ermitteln 
lassen; mit dem Erscheinen des Werkes versiegt die Quelle 
für die Erkenntniss des Lebens des Autors. 

Der Grund, weshalb Herodot Thurii verlassen hat, ist offen- 
bar in den politischen Wirren des neugegründeteu Gemein- 
wesens zu suchen ; es ist ihm ergangen wie später dem Lysias 
und Polemarehos und dem Euthydemos und Dionysodoros 
(Plato Euthydem 271 ovroi x6 ^ttv ylvoc, coc byw^ai, evxtvfhiv 
jiodtr tloiv [da die lonier aus Athen stammen] kx. Xiov, 
uJiröxtjOav fjfc ig (-JovQiovg' (pEvyorztg ()e iy.tlihtv JioX)' rjötj 
fT// jiiQi Tovodt Totv TiKTOvg öiax{)iriüvoiv). Natürlich aber 
hat er damit seine Ansi)rüche auf das Bürgerrecht in der neuen 



1) Dieselbe Motiviniu}? fiudct sicli, wohl auf (iriind des Epigrauiuis, 
bei Suidas: tntl voit(>ov titStv tuinov if ihnoviitrov vnn iiöv noknujv. 
Der Gedanke lag nahe genug; historisclie Kealität hat er natiirlieh nicht. 



200 

Heiniatli nicht aufgegebeu ; er ])]eibt Thurier. nicht Halikar- 
nassier. auch wenn er aus Thurii verbannt ist, genau wie die 
beiden letztgenannten (ib. 2SS (o avÖQhi; Oovgioi dn Xiot fl'ö-' 
ojiöd^tv y.cd öjiri yaLQbTOV ovofiaCof/ti'oi)] dass er sich Hgödo- 
Tog OovQioq nennt, ist das einzig correcte. 

Dass Herodot historische Vorlesungen gehalten hat. lehren 
Thukydides I 21. 22 und einzelne Andeutungen seines Werkes 
selbst. Ob er dafür Preise erhalten hat. wie die Alten meinen, 
wissen wir nicht. Wohl aber hat er vom athenischen Staate 
eine grosse Belohnung erhalten; das Zeugniss des Diyllos 
darüber ist offenbar aus den Urkunden geschöpft (Plut. de mal. 
Her. 26 otl fitvroi dtxa xalavxa dcoQtäv sXaßev sc, A&rjiww 
'Avvtov rö \pri(fLO[ia yQaxpavroc, avijQ ji^rjvaiog ov rcöv jcag?]- 
fitXrjfitvmv Iv lOxogiu, AlvlXo^, HQrjy.av). Die Alten lassen ihm 
diese Belohnung für eine öffentliche Vorlesung seines Werkes 
ertheilt werden und setzen sie daher vor die Auswanderung 
nach Thurii (Euseb. arm. Ol. 83.3 = 446/5, bei Hierou. 83,4 = 
445/4 resp. im cod. Eegius 84,1 = 444/3 '^Hgodorog loTOQixog 
STifiTjd^r] jiaga rr/c 'Ad^rjvaicov (iov/Sig Ijiava'/vovg avroig rag 
ßißÄovg). Das ist eine falsche Coml)iuation. i) Denn der An- 
tragsteller Anytos ist offenbar kein anderer als der Ankläger 
des Sokrates, der bekannte Staatsmann der Zeit des Thrasybul; 
Plato schildert ihn als eifrigen Verehrer der guten alten Zeit, 
und dazu passt die Bewunderung für Herodot vortrefflich, sie 
ist das Gegenstück zur Anklage des Sokrates. Anytos" poli- 
tische Thätigkeit kann aber unmöglich über die letzten Jahre 
des Perikles und den Beginn des peloponnesischen Krirges 
hinaufreichen. In dieser Zeit wäre es vielleicht begreiflieh, 
dass dem Herodot als Belohnung für den Muth, mit dem er 
in glänzender Darstellung Athens Verdienste vor ganz Hellas 
verkündete, die ungeheure Summe von zehn Talenten geschenkt 
wäre. Ueberliefert ist das freilich nicht; und sehr möglich 
wäre, dass die Belohnung für ganz andere Verdienste, die 
vielleicht mit grossen jetzt wiedererstatteten Auslagen im Zu- 
sammenhang standen, ertheilt ist ; in dem Psephisma wird dann, 

1) Dass dies von Kirchhoff wie von Bauer gleiclimUssig zum Aus- 
gangspunkt ihrer Uutersucliungen gemachte Datum lediglich auf einer durch- 
sichtigen Combination beruht, hat bereits Rühl Philol. XLI 71 erkannt 
und weit früher schon Niebuhr Kl. Sehr. I IIb A. angedeutet. 



201 

wie das Usus ist, daneben die atheuerfreundlielie Haltung; 
Herodots im allgemeinen gerühmt worden sein. Denkbar wäre 
z. B., dass Herodot in diplomatischen Diensten, etwa bei Ver- 
handlungen mit Persien, für Athen thätig gewesen wäre. Dass 
über den Grund der Belohnung in der auf uns gekommenen 
Notiz nichts enthalten ist, kann nicht befremden. — Der mehr- 
fach betretene Ausweg, an dem Psephisma des Anytos festzu- 
halten, aber die zehn Talente für Ausschmückung zu erklären, 
ist zwar sehr verlockend, aber methodisch schwerlich zulässig. 
Ich schliesse mit einer Bemerkung über die Entdeckung, 
durch welche Maass unsere Kenntniss Herodots bereichert 
haben will: dass die Discussionen der sieben Perser über die 
beste Staatsform nach der Ermordung des Magiers,') deren 
historische Realität Herodot zweimal mit grosser Emphase den 
ihm geäusserten Zweifeln gegenüber versichert (III 80. VI 43), 
aus einer sophistischen Schrift ül)er die Vorzüge der drei 
Staatsformen geschöpft seien, die darauf hinauslief, die Frage 
unentschieden zu lassen; wahrscheinlich sei eine Schrift des 
Protagoras. den Herodot ja in Thurii kennen lernte, die Quelle.^) 
Ich will dagegen garnicht polemisiren, sondern nur meinen 



1) Was WiLAMOWiTZ Hermes XII 331 über diese Stelle behauptet hat, 
um Kirchhoff's Ansicht zu retten, Herodot habe diese Partie 445 in 
Athen vorgelesen, glaubt er hoffentlich schon lange selbst nicht mehr. 
Jedenfalls scheint eine Polemik dagegen überflüssig. 

2) Maass zur Geschichte der griech. Prosa, 2. Herodot und Isokrates, 
Hermes XXII .5S1 ff. Das von der Uebereinstinnnung einzelner Wendungen 
in Isokrates' Nikokles (i; Uff.) mit Herodot hergenommene Argument ist 
ganz hinfällig; wie wäre es denn denkbar, dass bei einem so unendlich 
viel behandelten Thema Anklänge vermieden wären? Der Gedanke, dass 
Isokrates für diese Ausfülirungen den Protagoras aufgeschlagen hätte, ist 
geradezu absurd; so scliwachköpfig war der angesehenste Literat seiner 
Zeit doch nicht, um nicht über dies Thema stundenlang aus eigenen 
.Mitteln reden zu können. Ucberdies hat Maass die Anklänge maasslos 
übertrieben; sie sind ganz geringfügiger und äusserlicher Natur. Isokrates' 
ilehauptung z. !>., in der Demokratie schwimme der einzelne in der 
.Masse {(fiijtoUui iittu zov nXr'jO^ovq), ohne dass seine individuellen Fähig- 
keiten erkannt würden, hat doch wirklich mit Herodots Worten, die 
unwissende Masse handle ohne Einsicht und stosse die politischen Ange- 
legenheiten, auf die sie gerathe, ohne Verstand vorwärts wie ein Giess- 
bach {(fj'Ht Tf- t/intaiuv tu Tt^n'iynaru ui'tv 7-(')ov ynnaQQV) nozufnö ixt- 
/.ii'i), nicht das mindeste zu thuu. 



202 

vollsten Dissensus constatireii. Denn die Voraussetziing-en. von 
denen Maass ausgeht, sind von meinen Ansichten so verschie- 
den, dass ich mir von einer Polemik nicht nur keinerlei Er- 
g-ebuiss verspreche, sondern in der That garnicht wüsste wie 
ich sie beginnen soll, da dafür jeder gemeinsame Boden fehlt, 
von dem man ausgehen könnte. Dass Herodot die Erzählung 
einem älteren Historiker entnommen hat, wäre möglich — wenn 
ich auch meine, dass man nur Angaben von Persern, denen er 
Vertrauen schenkte, als seine Quelle betrachten darf; derartige 
Discussionen so gut wie die I 1 — 5 berichteten müssen an 
den kleinasiatischen Satrapenhöfen i^chr oft geführt worden 
sein — ; wenn er sie frei erfunden hat, so war er ein Lügner, 
und dieser Vorwurf ist ihm wenigstens oft genug gemacht 
worden, so unbegründet er ist. Aber Maass macht ihn zu- 
gleich zu einem Dummkopf, der sich einbildet, Erfindungen 
seines guten Freundes Protagoras dem Publicum als geschicht- 
liche Thatsachen aufbinden zu können — vielleicht meinte 
er sogar ihm damit eine Schmeichelei zu erweisen, wie sie 
nach KiKciiHOFF Sophokles dem Herodot erwies, indem er 
durch Aufnahme der Intaphernesepisode seine Antigone ver- 
darb. Oder sollte Herodot gar so dumm gewesen sein gar- 
nicht zu merken, dass die Discussion am Perserhofe bei Pro- 
tagoras, oder wer sonst der Sophist war, nur Einkleidung war? 
Das ist doch mehr als bisher irgend jemand dem Herodot 
zugetraut hat. Und gesetzt auch, es wäre so, so wäre ihm 
auch damit nichts geholfen. Denn sein Publicum wäre so 
dumm nicht gewesen, da hätte es mindestens den einen oder 
den anderen gescheiten Mann gegeben, der ihn des Plagiats an 
dem Sophisten tiberführte oder im anderen Falle tiber den 
Sinn der Schrift aufklärte — und dann wäre ihm doch nichts 
übrig geblieben, als die Erzählung zurückzuziehen. 

Es bleibt dabei: von Einflüssen der Sophistik [und sophi- 
stischer Khetorik] kann bei Herodot so wenig die Rede sein, 
wie etwa in der Beredsamkeit des Perikles. 



203 ^ 
4. Sardaiiapals Orabselirift. 

(Zu S. ITti.) 

Ich benutze die Erwähnung der Grabsehrift Sardanapals, 
um die sehr interessante Ueberlieferung über dieselbe noch 
weiter klar zu stellen, als das von Niese in einem treff- 
lichen Rreslauer Programm (de Sardanapalli epitai»hio. Sonnner- 
semester 1880) geschehen ist — Niese hat namentlich Arrians 
Bericht falsch verstanden und sehr mit Unrecht an dem Vor- 
handensein des Denkmals gezweifelt — . und um zugleich den 
von mir zweimal (in Ersch und Gkuber's Encycl. Art. Kalli- 
sthenes und G. d. A. I 386 Anm.) gegen Kallisthenes erhobene- 
neu Vorwurf, er habe leichtfertig eine Erzählung erfunden, 
zurückzunehmen. 

Wir gehen aus von dem Fragment 32 des Kallisthenes 
(bei Suidas und Photios s. v. ^aQd.): 2!aQÖarc(:^äX).ov4 tv 6t v- 
TtQO) ITiQüixcöv ovo (ftjOl ytyortj'ai KaXhod^ti'tji;, tva ftev öga- 
oxriQiov y.fä ytvratov, aXXov ds (lalaxöv. tv Nivco d Lt) 
Tov nvrjuaxoq avtov rovt Ijt lytyQa.irai' ,,^aQ6avi - 
jcaXXoc 'Araxvi'öaQa^iOJ (Suid. Phot. -ov) Jiaic TccqoÖv 
rt xa] l4yyiäXi]V tötifisv ijfiSQrj (iiFj' eofhis .lirt ox^ve, 
cog rä ye aXXa oi'fls tovtov Loxiv a^ia", rovTtOTiv 
TOV xcov öaxxv X(DV ajtoxQOT?'ifiaxoc. x6 /«(> scfSOxog 
xcö [iv/jfiaxi ayaX^a Vji\q t;/.- xf^ß^./Jc l.yov xag ytigag 
jrejioitjxai , cog dv djioX/jxovv xolg öaxxv Xoig. xavxo 
xccl tv l4yytccX7j xfi JiQog TaQOfö tjTiytyQajixai [r/xig i>vv xa- 
Xtixcu ZaffV(tiov — dieser Zusatz ist unrichtig, Anchiale liegt 
bei Ze]»hyrion]. 

Dass die gesperrt gedruckten Worte von Kallisthenes aus 
einem älteren ionisch schreibenden Schriftsteller entlehnt sind, 
hat Niese erkannt; er denkt an Hellanikos, ich würde eher 
an Dionysios von Milet denken. Der Sardanapal, von dem 
dieser erzählte, kann nicht der des Ktesias gewesen sein; denn 
er hat an einem Tage zwei grosse Städte erbaut, und er ist 
in seiner IIaui)tstadt begraben, also nicht wie der ktesianische 
mit ihr zugleicli verbrannt.') Wir haben hier noch einen Rest 



1) Diese Beobachtiinfr bat Klitaroli t'r. 2 bei Atlien. XII ;^!i zu dem 
originelleu Ausweg veranlasst, Sardanapal habe seineu Sturz überlebt uud 



204 

der ecliten vorktesianiselien Assyrorgesehielite; wir dürfoii mit 
diesem Bruelistüek den herodotischen Sardanapal eombiniren, 
den scliätzereiclien König, den die Diebe bestelilen (II 150).*) 
Bekanntlich ist die Sagengestalt Sardanapals aus dem letzten 
mächtigen Assyrerkönig Assurbanipal erwachsen, der in der 
Sage seine ohnmächtigen Nachfolger, unter denen Reich und 
Stadt vernichtet wurden, mit umschliesst. So ist die Doppel- 
gestalt Sardanapals zu erklären — als Typus eines Weichlings 
kennt ihn schon Aristophanes av. 1021. Bereits Hellanikos hat 
hier Anstoss genommen und zwei Sardanapale unterschieden 
(schol. Arist. av. 1021, bei Müller fr. 158 falsch citirt: o Öh 
'EXXdvixog sv to/c UiQOixoia dvo cf7jol ^aQÖavajtäXovg ytyo- 
vh'cu); ihm hat sich, wie wir sehen, sodann Kallisthenes an- 
geschlossen. 

jVIit dem sachlichen Charakter des ersten Theils der Grab- 
schrift, in dem wirklich geschichtliehe Thatsachen durchschim- 
mern (G.d. A. I 386. 40Gj, steht der zweite in auffallendem Wider- 
spruch. Eins ist aber klar, obwohl es Niese verkannt hat: die 
Inschrift mit dem Bilde ist nicht auf Grund der Sage von 
Sardanapals Weichlichkeit erfunden — wie sollte Jemand auf 
eine so absurde Erfindung kommen? — , sondern sie ist der 
Versuch, einen den Griechen räthselhaften Gestus des Bildes 
zu erklären, und hat weit eher umgekehrt zur Bildung oder 
doch Weiterbildung der Erzählung von Sardanajials Weichlich- 
keit Anlass gegeben. Sie setzt also ein wirkliches Denkmal 
voraus. Es ist ja kein Zweifel, dass assyrische Königsdenk- 
mäler auf den Trümmern der Hauptstädte Assyriens im sechsten 
und fünften Jahrhundert noch vielfach sichtbar waren und auch 
griechischen Reisenden bekannt wnirden. Wie das Denkmal aus- 
gesehen hat, zeigt die nebenstehende einer Stele Samsira- 
män's IV. entnommene Abbildung (Perrot et Chipiez bist, de 
l'art II 621 no. 306). Gleichartige assyrische Sculpturen sind 
ganz gewöhnlich; es ist begreiflich genug, dass die eigen- 
artige Haltung des Armes — ein Gestus der Anrufung der 



sei in hohem Alter als Privatmauu gestorben {yt'j^fc rekfvTTjaai uezä i)]v 
unoTiTioaiv ttjc Svqcüv uq-/'!')- 

1) Ebenso weiss Herodot bekanntlich nichts von der ktesianischeu 
Semirauiis. Seine Semiramis (I 1S4) ist die babylonische Gemalin des 
Assyrerkönigs Ramänniräri III. (811 — 782). 



205 



Götter — voD dem Scharfsinn der Griechen eine Erklärung 
forderte. Dabei hat man die echt assyrische schematische 
Darstellung der geschlossenen Hand als Schnalzen mit den 
Fingern bezeichnet. 

Kallisthenes erwähnt das Monument in Ninive, weil Alexan- 
der auf seinem kilikischeu Feldzuge in Anchiale ein gleich- 
artiges Denkmal fand'); dadurch wurde die Angabe der Grab- 




inschrift bestätigt, und Kallisthenes excerpirte sie daher aus 
dem alten Autor. Dem Kallisthenes sind dann wie immer die 
übrigen Geschichtsschreiber Alexanders gefolgt. Vor allem 
I)rachte sie Ohoirilos, der bekannte Jammerpoet, der Alexanders 
Thaten besang (Horaz ei)ist. 11 1,283. art. poet. 358. Curt. VIII 
5, 8), in Verse (mit Weglassung ihres geschichtlichen Inhalts) 



1) Niese's Anmerkung auf S. " mit dem merkwürdigen Satz: nee 
verisimile est Callisthenem conscripsissc Alexandri res, quippe qui in 
mediis Alexandri rebus dian suprcmmn ohierit ist mir völlig rätliselhaft 
geblieben. Daran dass Kallisthenes eine Oeschiclite der Meder und Perser 
geschrieben hätte, ist nicht zu denken; Ihfujtxü ist der naturgemässo 
Titel der (ieschichte der Perserkriejje Alexanders. 



206 

— diese 7 Verse sind wie zu Porphyrio's Zeiten (zu Horaz 1. 1.) 
so jetzt die einzigen von Choirilos erhaltenen. 8ie werden un- 
endlieh oft citirt, meist ohne Nennung- ihres Verfassers, so z. B. 
Üiodor II 23 in der Geschiehte Sardanapals (j/tfhQfnp'tvd-hv 
vör^QOP vjTo tivoc."EXXi]voc)^)j Chrysippos bei Athen. VIII 336a, 
der sie auch parodirt hat so gut wie schon vor ihm Choirilos' 
Zeitgenosse, der Kyniker Krates (Diog. Laert. VI 86). Die 
Autorschaft des Choirilos bezeugt Amyntas, der Verfasser eines 
Itinerars Alexanders (Athen. XII 529 e): in Ninive befinde sich 
ein hoher aufgeschütteter Hügel, den Kyros bei der Belage- 
rung der Stadt zerstört habe (es ist die Ruine des Terrassen- 
tempels gemeint; die Darstellung ist von der bei Xenophon 
Anab. III 4, 7 ff. vorliegenden Tradition beeinflusst); er soll das 
Grab Sardanapals sein, k(p' ov xal tjriyi^yQdcpO-ai tv Orrjhj )a- 
»Uvij XaXdaixoic yQccfifiaöiv, ö f/ersreyxtli' Xo'iQtXov sf^fi^rgov 
jioirjOavTa, worauf eine Paraphrase des Gedichts folgt.-) Dass 
auch Klitarch das Denkmal erwähnt hat, haben wir gesehen; 
seine Fassung der Inschrift ist nicht erhalten. Der Urheber der 
Vulgata über Alexander übergeht den Aufenthalt in Anchiale 
ganz, nicht nur bei Justin und Diodor — das würde nichts be- 
weisen — sondern auch bei Curtius ist er ausgelassen. Plut. de 
Alex. virt. II 3 gibt Kallisthenes' Darstellung etwas gemildert 
{ä(pQoöioiaL,t). Genau an Kallisthenes hat sich Apollodor an- 
geschlossen (schol. Arist. Av. 1021, womit Suidas J^uqÖ. Art. d 
übereinstimmt), etw^as abweichend Klearch von Soli (Athen. 
XII 529 d), der den Gestus erwähnt, aber als Grabschrift citirt: 
^üQiS. Avax. 'Ay/iähjV sÖEifis xal Tagoov jiifi f]f/tQ7j, äkXa 
vvv riHrr/xsv. Etwas weiter geht Aristobul. Einmal hat er 
das gemeine Wort oytvt durch jralCe ersetzt (Amyntas sagte 
i'j(f'Qo6ioiaoa) — die lonismen behält auch er bei — , sodann 
lässt er das Bild nicht wie Kallisthenes beide Hände über den 
Kopf ausstrecken, sondern nur mit den Fingern der rechten 



1 ) Dass Diodor die Verse des Choirilos anführt, ist ein weiterer Be- 
weis dafür, dass seine Assyrergeschichte nicht direct aus Ktesias ge- 
schöpft ist. 

2) bei Strabo XIV ö, 9, dem Steph. Byz. s. v. 'AyyiäXrj folgt, wird 
durch ein begreifliches Verseheu Choirilos von dem Gedicht getrennt: 
fiefxvijxai dt xai XoiQi?.og xoivojv xal d// xal nf(Ji<fii:()tTai xa e7i?j xavxi, 
xavx^ ty^oj ooo^ ttpuyov etc. 



207 

Hand selinalzeu (tvjtov ?.ithro)' cv^ßäXXorra ror-' ^'7-^ dt^iäq. 
ysiQoq ÖaxrvXovc coc ar äjioxQorovtna), wodurch die Ueber- 
ciustiminiing mit dem oben abgebildeten Denkmal vollständig; 
wird, drittens redet er von dem Denkmal in Ninive überbaui)t 
nicht, sondern nur von dem Monument und der Inschrift in 
Anchiale (fr. 6 bei 8trabo XIV 5, 9 und Athen. XII 530 b). 

Wesentlich anders berichtet Arrian. II 5. Die Inschrift 
hat zwar jratu wie Aristobul und dazu die Andeutung, dass 
,,im assyrischen Original*' ein stärkerer Ausdruck stehe {xai 
t6 jTcdC^t (tadiovQyörtQOv tyy&ygätp&^ai tffaoav reo AöOvQiop 
öröfzaTc), aber alle bisher conse(iuent bewahrten lonismen sind 
beseitigt,') und die metrische Fassung, die Choirilos der Grab- 
schrift gegeben hatte, wird hier dem Urtext zugeschrieben 
{ol fihi' 'AoovQiOL y.cd fitxgov scpaGxov Ijtüvca Tfo ajir/gaf/ficiTt, 
6 di vovj: i]V avrcö ov l^QaZ,t xä Ejti], ort ^agö. 6 Arax. etc.). 
Soweit gibt also Arrian eine jüngere Ueberarbeitung der ari- 
stobulischen Fassung. Voran aber geht eine kurze treffliche 
Schilderung der Ruinen von Anchiale, oder wie Arrian durch- 
weg sagt, 'Ay/iaXoc, und eine wesentlich abweichende Be- 
schreibung des Denkmals: TavT?/v de ^aQÖaräjtalor xvioai 
Tor AoovQiov Xoyog' xal t<~) jii{)i(i(')Xoi dt xal rou i^t^ieXunc 
xo)V Tiiycöv 6)]lt] Iqx\ ^tyühj xs jtoXic xxiofhloa xai tjxi fitya 
tXihwoa dvi'äf/tojc. xal x6 fii'ijija xov ^JagöavajiäXov tyyvc 
7jV xcör xtr/cöv xdn> Ay/iaXov xal avxog IffkiöXT^xti f-jt avx<p 
iLagöaväjxaXoq üvfjßeß Xtjxojg xag ytigag aXXi'jXaiq mg 
liüXiaxa tg xgöxov oi\Ut^dXXovxai. Also das Bild hat die 
Hände zusammengelegt wie beim Beifallklatschen (so wird denn 
auch die Inschrift erklärt). Dass das nicht, wie Niese meint, 
eine dem Arrian vorzuwerfende Entstellung der älteren Dar- 
stellung ist. sondern eine vortreffliche J^eschreibung des assy- 
rischen Denkmals, zeigen zahlreiche Königsstatuen, z. B. die 
umstehend abgebildete eines altbabylonischen Königs (Peukot 
et Ciiii'iKZ II PI. VI). Die Haltung der Hände zeigt den König 
im (liebet zur Gottheit; sie bezeichnet sonst häufig die Diener, 
welche sich ehrfurchtsvoll dem Herrscher nahen.^) Gerade die 

1) aucli die Sclilu.ssworte sind verändert: wg ru).).u tu dvd^ifu - 
mvfx ovx i'tvxa xovxov u^ia. 

2) z.B. Perrot et Cuipiez 11 S. (i31. Es wäre daher niöfrlieli, dass 
das Monument von Anchiale keine Küuigsstatue, sondern ein Bruciistüeli 



208 

Abweichung von allen anderen Berichten zeigt den hohen 
Werth der Beschreibung- Arrian's, die durch die Monumente 
glänzend bestätigt wird: während alle anderen einfach die 
Schilderung des niuivitischen Denkmals aus dem alten Chro- 
nisten auf das Denkmal in Anchiale übertrugen, hat Arrian's 
Quelle das letztere selbständig uiid genau geschildert. Da 
Arrian seine Beschreibung nicht aus Aristobul entnommen haben 
kann, kann sie nur aus Ptolemaeos stammen; und dafür spricht 
ja auch die Genauigkeit der Angaben. Man kann nur schwan- 
ken, ob Ptolemaeos selbst den angefügten Bericht über die 
Inschrift aus Aristobul hertibergenommen und ein wenig modi- 
ficirt hat, oder ob Arrian hier einer anderen Quelle folgt. Doch 
ist ersteres wohl weit wahrscheinlicher; im anderen Falle blie- 
ben die Abweichungen von Aristobul unerklärt. 




Das Kesultat unserer Untersuchung ist, dass beide Monu- 
mente, das in Ninive und das in Anchiale, wirklich existirt 
haben, aber verschieden gewesen sind. Das Monument von 
Ninive hat der alte griechische Schriftsteller auf Sardanapal 
bezogen und gute Avenn auch möglicherweise nicht völlig histo- 
rische Nachrichten damit verbunden. Aber wenigstens die 
Möglichkeit, dass auf dem Denkmal von der [Eroberung und] 
Gründung, d. h. dem Neubau von Tarsos und Anchiale die 
Rede war, wird man nicht bestreiten können; und dass die 
Assyrer in Anchiale Monumente errichtet haben, steht jetzt 
völlig fest. Von eigenem hat der Logograph nur die Deutung 



einer grössereu Sculptur gewesen ist und einen Beamten des Herrschers 
darstellte. 



209 

des Gestns hiiizugeftig't; dass er dieselbe direct in die Inschrift 
aufnahm , wird man ihm gern verzeihen.') Dass er selbst die 
Ruinen von Ninive besucht hat, ist nicht zu bezweifeln. 
Man wird die Angaben des Amyntas und Aristobul zur Her- 
stellung des ursprünglichen Berichts verwerthen dürfen; oifen- 
bar haben beide die von Kallisthenes benutzte Quelle ein- 
gesehen und seine Erzählung danach corrigirt. Auch den 
seltsamen Namen Anakyndaraxes hat mau nicht ohne Wahr- 
scheinlichkeit aus dem Eingangswort der Inschrift andln ..ich" 
zu erklären gesucht. 

Noch wichtiger aber scheint mir auch hier das methodo- 
h>gische Ergebniss. Man sieht aufs neue, wie falsch es ist, 
Vdrschnell den Vorwurf der Erfindung und des Betruges gegen 
alte Autoren zu erheben. Angaben, die uns als handgreifliche 
l'n Wahrheiten erscheinen, erklären sich oft ganz ungezwungen, 
wenn wir im Stande sind, den literarischen Process, durch den 
sie auf uns gekonnuen sind, genau zu verfolgen. Wie selten 
sind aber die Fälle, wo uns das auch nur in den HauptzUgen 
mciglich ist! 



1) In ähnlicher Weise ist gewiss die von Aristobul gegebene (Jrab- 
sehrift des Kyros (Strai)o XV 'A. 7. Arr. VI 2iij zu erklären. Die Inschrift 
Uelirt ebenso bei Plutarch Alex. (W) wieder, .obwohl dessen Quelle von der 
(Jestalt des Grabes keine Ahnung hat und es sieh in der Erde denkt. 
IJekanntlich stiuimt Aristobuls Schilderung vortretflich zu dem (irabbau 
des Kyros in Murghab. — ünesikritos dagegen (bei Strabo 1. c.) hat ge- 
sehwindelt wie gewöhnlich. 



Meyer, Forschungen zur Alteo Uesvhiohte. 1. |4 



Lykurg'os von Sparta. 

Zuerst ü't'driickt Klieiii. Mus. Bd. XTJ issi; und XLII ISbT; die wiclitig;erL'u 
Zusiitzi' sind durch ocki,H:o Klaunnern hezeiclniet. 

Irli licuierkc nocli, dass Aristoteles' Politik naeli den Kapiteln und 
l'arafi:rai)lien der SusEMiiiLschen Ausj>-abe eitirt ist. 



14^ 



VorbeiiHTkuiigeu. 

Lieber die Geschichte der spartanischen Verfassung- und 
die Ueberlieferung von Lykurgos sind in neuerer Zeit so viele 
Untersuchungen augestellt worden, dass eine neue Behandlung 
der zahlreichen Probleme, vrelche uns hier entgegentreten, 
kaum auf eine günstige Aufnahme wird rechnen dürfen, zumal 
wenn sie sich von Anfang an als eine Quellenuntersuchung 
ankündigt. Es herrscht gegen derartige Abhandlungen eine 
nur zu berechtigte Abneigung, und speciell bei unserem Thema 
wird die Annahme weit verbreitet sein, das Material sei be- 
reits mehr als genügend nach allen Seiten hin durchgearlieitet 
und ein sicheres Ergebniss sei eben nicht zu gewinnen. 80 
liegt die Sache aber keineswegs; gerade für die Ueberlieferung 
über Lykurg lässt sich aus dem reichen uns erhaltenen Mate- 
rial für alle wichtigeren Fragen ein völlig befriedigendes Ke- 
sultat gewinnen, und es zeigt sich zugleich, dass die bisherigen 
Untersuchungen trotz mancher ganz richtigen Ergebnisse doch 
das Hauptproblem methodisch falsch angefasst haben. 

Es kann als bekannt vorausgesetzt werden,^ dass im ga nze n 
ftinften Jahrhundert die Ueberlieferung über Lykurg eine sehr 
unbestimmte und schwankende gewesen ist. Nach Simonides 
soll Lykurg ein Sohn des Eurypontiden Prytanis gewesen sein, 
nach Herodot war er ein Sohn des Agis, Xenophon (pol. Lak. 
10, 8 j setzt ihn in die Zeit der Herakliden, d.h.. wie Plutarch 
(Lyc. 1) richtig erklärt, unmittelbar nach der dorischen Wan- 
derung. Nach Herodot stammt die gesammte bestehende Ver- 
fassung von ihm. und zwar hat er sie nach spartanischer 
L'eberlieferung aus Kreta, nach anderen Angaben aus Dclplii 
geholt. Sein jüngerer Zeitgenosse Hellanikos dagegen wusste 
von Lykurg üborhau])t nichts und bezeichnete die spartnnische 
Verfassung als Wvrk des Eurysthenes und Prokies. 



214 

Im vierten Jahrhimdeit dagegen stehen die Hauptpunkte 
der Ueberlieferung über Lykn rg fest; die F olgezeit hat wenig 
melir daran geändert. Gleichzeitig finden Avir Ansätze zu einer 
spartanischen Verfassungsgesehichte, welche Zusätze und Er- 
weiterungen der lykurgisehen Verfassung kennt. Die erste! 
Frage, die wir zu stellen haben, ist also: wie hat sich 
diese ausgeführte Ueberlieferung. welche uns im vier-, 
ten Jahrhundert entgegentritt, gebildet? 

Für die literarhistorische Untersuchung, welche wir unter- 
nehmen wollen, besitzen wir ein für griechische Dinge unge- 
wöhnlich reichhaltiges Material, weit mehr z. B. als für eine 
Untersuchung über Solon. Ein besonderer Glücksfall ist es, 
dass sich der Bericht, welchen Ephuros gegeben hat. in seinen 
Grundzügen fast völlig herstellen lässt. Mit einer Analyse 
seiner Darstellung wird unsere Untersuchung zu beginnen haben. 
In den Anmerkungen habe ich die Angaben der Späteren, so- 
weit sie sich mit Ephoros berühren, gleich beigefügt. Es wird 
sich ergeben, dass. wie es sich erwarten liess, Ephoros zwar 
nicht für die Darstellung der Verfassung, wohl aber für den 
geschichtlichen oder biographischen Theil die Grundlage aller 
nachfolgenden Bearbeitungen geworden ist, so viel auch im 
einzelnen geändert und erweitert sein mag. und so wenig be- 
hauptet werden kann, dass jeder einzelne der späteren Schrift- 
steller den Ephoros auch nur eingesehen habe; Plutarch z. B. 
hat ihn sicher nicht selbst benutzt. Ueber einen Gegenstand 
wie die lykurgische Verfassung ist in der hellenistischen und 
noch in der römischen Zeit zahllose Male gehandelt worden, 
von allbekannten Schriftstellern ebenso gut wie von kaum ein- 
oder zweimal genannten und von völlig verschollenen. Es ist 
daher ein völlig aussichtsloses Unternehmen, jede Einzelangabe 
der Späteren auf ihre Quelle zurückführen zu wollen, aber es 
ist in der Regel auch ziemlich irrelevant, wer diese durchaus 
secundären Nachrichten zuerst in Umlauf gesetzt hat.'j — Ge- 



1) Dass für Plutarch im Lykurg wie im .Solou eiue Hauptquelle Her- 
mippos ist. liegt auf der Hand ; doch ist es übertrieben , ihn aus einer 
Hauptqnelle zu der HauptqueUe zu macheu. Im allgemeinen gilt für Plu- 

Itarch. dass bei ihm das biographische Material (mit gewissen Einschrän- 
kungen) in letzter Linie auf Ephoros, die Darstellung der Institutionen 

I auf Aristoteles (und Xenophon) ziulickgeht. [Weiteres s. lU.j Die Hypo- 



215 

lesen und berücksichtigt ist Ephoros schon von Aristoteles, wie 
bereits Triebkr') nachgewiesen hat. Ich weiss nicht, warum 
man sich sträubt diese Thatsache. für die die Belege bei den 
betreffenden Stellen folgen, anzuerkennen. Es wäre doch im 
Gegeutheil ganz unbegreiflich, wenn Aristoteles das grosse 
Werk seines älteren Zeitgenossen, in dem die gesammte ge- 
schichtliche Ueberlieferung systematisch verarbeitet war, nicht 
berücksichtigt haben sollte, zumal das Werk zweifellos rasch 
in die Hände aller Gebildeten gekommen ist.-) Natürlich ist 
aber darum Ephoros noch nicht „Quelle" des Aristoteles in' 
dem modernen Sinne des Wortes: Aristoteles kennt und ver- 
werthet vielmehr so ziemlich die ganze bis auf seine Zeit er- 
schienene Literatur, und weicht wie wir sehen werden in sehrl 
wichtigen Punkten von Ephoros ab. 



I. Die l)ars<ellinig des Ephoros und Paiisaiiias' Schrift 

über Lykurg. 

Wir gehen aus von dem grossen Excerpt. welches Strabo 
X 4, 16 — 22 aus Ephoros' Darstellung der kretischen Verfassung 
bewahrt hat. Dieselbe gilt ihm als Werk des Minos. der sei- 
nen Anordnungen dadurch Anerkennung verschaffte, dass er in 

these, welche Plutarch zum Ausschreiber fies zweimal mit ziemlicher Ge- 
ringschätzunj? genannten Spartiaten Aristokrates (nach I S(^ v. Chr.) macht, 
bedarf wohl keiner Widerlc}i-ung melir; oder glaubt man, dass derselbe 
bei seinen Erfindungen (Plut. c. 4. 31) die abweichenden Ansichten aller 
anderen Schriftsteller ausführlich dargelegt hat? — Ganz so selbstständig 
wie die Biographien der attischen Staatsmänner des fünften Jahrhunderts 
sind die des Lykurg und .Solon allerdings nicht gearbeitet. 

1) Triebkr, Forschungen zur spartanischen Verfassungsgesch. 1871. 

2) [Die selbstverständliche Voraussetzung dabei ist, dass das grosse 
dreissigbäudige Werk, das der Verfasser selbst nicht mehr vollenden 
konnte, partienweise veröft'entlicht ist. Die ersten Theile mögen etwa um 
.■<.Ml erschienen sein, zur (Jeschichte lMiilii)ps ist E. gewiss erst unter 
Alexander, ja vielleicht erst nach dessen Tode gelangt. Aristoteles" liisto- 
rische Arbeiten fallen sämmtlich erst in die Zeit seiner Lehrtliätigkeit in 
Athen; das beweist sowoiil die Politik (z. B. II 7, 8) wie die pol. Ath., die 
bekanntlich wenige Jahre vor Alexanders Tod geschrieben ist. Damals 
stand Ephoros offenbar bereits im höchsten Ansehen.] 



216 

Nachahmung: des uralten Rhadamanthys ') vorgab, sie direct 
vom Zeus empfangen zu haben und sieh deshalb neun Jahre 
lang- in der „Höhle des Zeus*' aufhielt.-) Als höchstes Gut 
betrachtete der Gesetzgeber die Freiheit (iXtv&tQia), die durch 
Eintracht {ofiovoia) und Tapferkeit (avögsia) gesichert wird. 
Jene wird durch Aufhebung der Habsucht und des Luxus, 
durch das gemeinsame Leben der Knaben und Männer in den 
dyskai und dvögsla, diese durch Abhärtung und Waffenübungen ') 
erreicht. 

Manche haben nun behauptet, die kretischen Institutionen 
stammten aus Sparta. In Wirklichkeit aber haben die Kreter 
sie erfunden, die Spartaner nur weiter ausgebildet, während 
sie in Kreta verfielen. Nach Widerlegung der Argumente der 
Gegner führt Ephoros seine Beweise auf: 1) Lykurg ist fünf 
Generationen jünger als Althaimenes, der Gründer der dori- 
schen Colonien auf Kreta; 2) die Lakedämonier selbst bezeich- 
nen den bei ihnen üblichen Tanz sowie manche Rhythmen und 
Melodien als kretisch; 3) von den Institutionen haben die Ge- 
ronten und Hippeis in beiden Staaten dieselben Namen, den 
Ephoren entsprechen die kretischen Kosmen, und die Syssitien 
wurden in Sparta früher drögua genannt, wie alle Zeit auf 
Kreta. Ferner ist nach kretischer Tradition Lykurgos nach 
Kreta gekommen, nachdem er die Vormundschaft über seinen 
Neffen Charilaos niedergelegt hatte, weil Jemand ihn beschul- 
digte demselben nach dem Leben zu trachten. \) Auf Kreta 



1) Ephoros unterschied von dem Bnider des Minos ein uralten Rha- 
damanthys, einen dixaiörazog uv/,q, der zuerst auf Kreta Städte jrründete 
und Gesetze gab : Strabo X 4, 8. 

2) Ephoros bei Strabo X 4. b. Zu diesem in der griechischen Historio- 
graphie seit Hekataeos und Herodot herrschenden Rationalismus weitere 
Parallelen aus Ephoros anzuführen ist wohl überflüssig. 

3) Zu denselben gehören die von Eures und Pyrrhichos (dieser Name 
ist in Strabo's Text ausgefallen) erfundenen Tänze der Kureten und Pyr- 
rhichisten, luid die von Thaies (oder Thaletas) erfundene kretische Musik. 
Vgl. Nie. Dam. fr. 115 Müller, Schol. Pind. Pyth. 2, 127 [wo das sparta- 
nische vTTOQ/tjf^ia, das Pindar Kuotöqsiov nennt, aus Kreta abgeleitet und 
auf Thaies zurückgeführt wird], Plin. VII 204. 

4) Ebenso erzählt Plut. Lyc. 3, nur nennt er als Verläumder Leoni- 
das, den Bruder der Gemaliu des Polydektes. Es ist sehr begreiflich, 
dass ein Späterer an die Stelle des unbekannten „Jemand" eine geeignet 
erscheinende Persönlichkeit gesetzt hat. Im übrigen scheint der Wortlaut 



217 

trifft er mit Thalef« zusammen') und erfährt von ihm den 
Kunstgriff des Rhadamanthys und IMinos. Darauf reist er nach 
Aeg-ypten, um auch die dortigen Gesetze kenneu zu lernen.-) 
Dann trifft er, wie einige sagen, den Homer auf Chics •') und 



des Ephoros auch bei Plutarch noch durch. Ephoros: XoidnQovßf-voQ d;/ 
Tiq avxtö aa(piöq einev fiöevui diort ßaaüeiaoi' ).aß(hv 6^ vrcövoiav exeivog 
i'jq i/c Tov y.öyov xovxov öiaßüXkono enißovXti eS uvvov rov naidog etc.; 
Plutarch: AsojviSug ... tvj AvxovQyw XoiöoQtj&fig vnflTc^v, ujc eidei?^/ 
iiatpcüg ße?.kovTa ßaoiXfveiv avrov, vnovoiav di6org etc. Ganz anders 
erzählt dagegen Justin, der hier Herodot folgt. 

1) Darauf spielt auch Aristoteles Pol. II 9, 5 an: 'Ovoi^mx()ixov yfvt- 
ab^ai Sä?.rjxu txuiQov, Oäkrjxog (f uxQoÜTrjv ^IvxoiQyov xai Zälsvxor, 
Za?.fixov ()l XaQ(üv6ui\ was chronologisch unmöglich sei. Daher Deme- 
trius Magnes bei Diog. Laert. I 38 ßäkrjg . . . xgixog uQ/alog näw, xaxa 
''Hoioöov xuL 'üfx7jQov xai AvxovQyov. Bei Plutarch Lyc. 4 wird Thaies 
von Lykurg nach Sparta geschickt, um durch seine Musik erziehend zu 
wirken. Andere dagegen setzten ihn in eine weit spätere Zeit, und Hessen 
iliu wegen einer Pest nach Sparta kommen oder wie Terpander und Tyr- 
taeos durch seine Lieder eine oxüoiq bewältigen: Plut. de mus. (). 42 nach 
Pratinas. cum princ. philos. 4 (p. 770). Pausan. I 14, 4. [Alle diese Erzäh- 
lungen sind Erweiterungen und Umbildungen der Verbindung mit Lykurg. 
Eine historisch greifbare Gestalt ist der kretische Musiker und Dichter 
nicht, sondern ein Seitenstück zu Olympos, Marsyas, Orpheus u. s. w. und 
zu Daedalos, der Heros der kretischen Musik, wie Ephoros bei Strabo 
X 4, Hl ja auch geradezu sagt. Ob er Paeane gedichtet habe, war um- 
stritten (Plut. de mus. lo); existirt haben gewiss keine. Aus unseren Lite- 
raturgeschichten .sollte er als Persönlichkeit verschwinden.] 

2) Nach Plut. Lyc. 4 ist dies ägyptische Ueberlieferung; ebenso Diod. 
I 9»). 9b. Man sieht, welchen Werth derartige angeblich einheimische Tra- 
ditionen haben. Plutarch setzt naiv hinzu: xaixa lidv ovv Aiyimxioig evtoi 
xai Tvjv '^EXhjvixcüv ovyyQU(fiiov ixu(>xv(Jovotr. Aristokrates lässt den 
Lykurg dann noch wie es sich gehört zu Libyern, Iberern und P>rahmanen 
rei.sen, wofür er hoffentlich auch einheimische Traditionen beigebracht hat. 
Aus Aegypten holt Lykurg nach Plutarch die Scheidung der Stände. |Die 
Soiiderung der Krieger und Gewerbtreibenden bei Griechen und Barbaren 
haben schon Herodot II Iü7 und Aristoteles pol. IV 9 mit den angeblichen 
ägyptischen Kasten in Verbindung gebracht, ohne sich über die Frage, ob 
Entlehnung stattgefunden hat, zu entscheiden. Ebenso setzt Aristoteles die 
Syssitien des Minos auf Kreta und des Italos in Oenotrien in Parallele. 
Vgl. Diod. 1 2^, wo die älteste Eintheilung der attischen Bevölkerung aus 
Aegypten abgeleitet wird.] 

:?) An seine Stelle setzen, wie bekannt, Heraklides Pont. Lac. pol. 3, 
d. i. Aristoteles, und Plutarch Lyc. 4 die Nachkommen des Kreophylos auf 
Samus aus chronologischen Gründen, während Timaeos sich damit half 



218 

kehrt Dach Hause zurück, um seine Gesetze zu geben.') Zu 
dem Zwecke geht er Aviederliolt nach Delphi {(poiToji'ra oj^ 
TOI' ihdr To/' t'r JtXffoTc) und holt von dort die Gebote, wie 
^linos aus der Höhle des Zeus.-) Ephoros behandelte das 
delphisehe Orakel mit einem gewissen Respect (Strabo IX 3. 11) 
und Avird es an demselben auch hier nicht haben fehlen lassen, 
aber seine eigentliche Meinung ist zweifellos, dass Lykurg sich 



einen älteren Zeitgenossen des Homer und einen jiiuü-eren Lykurg zur 
Zeit der ersten Olj'uipiade zu scheiden. 

1) Diese ganze Argumentation ist von Aristoteles adoptirt. mit di- 
rectem Hinweis auf Ephoros. Es heisst pol. II 7, 1: xul ynQ toixe (d.h. es 
ergibt sich aus angestellten Untersuchungen, nämlich denen des Ephoros) 
xul '/.hyixuL 61 (d. h. es ist Tradition, z.B. bei Herodot) tu 7i?.eiaTa fxs- 
i.ti/Arja&ui TTju JiQTjzixtjv 7io).izeiuv rj tcöv Auxwviov, tu öl Ti/.eiOTU twv 
uQ/uiojv ijTTov öiijfjS-QojTui Tojv vfioThQtov (cbeuso wic Ephoros urtheilt). 
Dann folgt die Geschichte von Lykurgs Auswanderung wie bei Ephoros, 
nur dass Aristoteles ihn nach der lakonischen Colonie Lyktos gehen lässt. 
Die kretischen Gesetze stammen von Minos und sind von den Einwan- 
derern adoptirt worden. [Das hat Susemihl nicht verstanden und nimmt 
daher eine Interpolation an, während Spengel das wichtigste Wort des 
Beweises, o'i KeQwixoi, streichen will. r)er Gedankengang ist: dass die 
kretischen Institutionen nicht nur von der herrschenden Bevölkerung son- 
dern auch von den Perioeken, den Leibeigenen, befolgt werden, beweist, 
dass sie nicht von den dorischen Eroberern, sondern von dem einheimi- 
schen König Minos stammen. Das Argument ist von Aristoteles denen 
des Ephoros hinzugefügt und ist völlig richtig; nur ist der Gegensatz 
lediglich ein künstlicher und durch die Sagengeschichte geschaft'en. In 
Wirklichkeit ist Minos der Repräsentant des historischen, d. i. dorischen, 
Kreta, s. G. d. A. II 178. — Wie Aristoteles es liebt, hat er eine historische 
Hypothese daran angeschlossen, die nicht streng zur Sache gehört, aber 
parenthetisch mit vorgetragen wird (ähnliches findet sich auch bei Thu- 
kydides mehrfach, und ist bei einer so lockeren, als Grundlage für Vor- 
lesungen dienenden Composition, wie in der Politik, ganz natürlich): Kreta 
ist durch seine Lage zur Seeherrschaft vorzüglich geeignet (das sagt auch 
Ephoros), bei dem Versuche dieselbe auch auf Sicilien auszudehnen hat 
Minos seinen Tod gefunden. Diese pragmatische Erklärung der Sage von 
Minos und Daedalos ist Aristoteles" Eigeuthum.J Dann folgen die Ueber- 
eiustimmungen der Verfassung: den Heloten entsprechen die kretischen 
Perioeken, die Syssitien, welche früher in Sparta uydi)tlu hiessen, wie auf 
Kreta, sind beiden gemeinsam, ebenso die Geronten ; auch Könige gab es 
früher bei beiden. Den Ephoren entsprechen die Kosmen. Man sieht 
die Uebereinstimmuug mit Ephoros ist vollkommen. 

2) Ebenso Clem. Alex. Strom. I 26, i7u unter Berufung auf Plato, 
Aristoteles und Ephoros. 



219 

mit der Pythia ins Einvernehmen setzte und sie veranlasste, 
seinen Gedanken in Orakelform Ausdruck zu geben (direct so 
formulirt wird diese Ansicht bei Polyb. X 2. Polyaen. I 16. 1. 
VIII 4). 

Weiteres erfahren wir aus Ötrabo VIII 5, 4. 5. Strabo gibt 
hier zunächst ausführlich Ephoros' Bericht über die Einrich- 
tungen der ersten Könige Spartas, den wir hier übergehen 
können, und schliesst daran einen kurzen Abriss der Geschichte 
von der Achäerzeit bis auf die dorische Eroberung. Darauf 
heisst es: „die Eroberer Lakoniens w^aren gleich zu Anfang- 
verständige Leute {xax ag^uq (ili> lacoffjQÖrovv, vgl. S. 221), 
nachdem sie aber dem Lykurg die Staatsordnung überlassen 
hatten, übertrafen sie alle anderen so sehr, dass sie allein von 
allen Hellenen sowohl zu Lande wie zur See geherrscht und 
ihre Herrschaft bis auf die Zeit der Thebaner und Makedoner 
behauptet haben''. Dass auch dieser Satz auf Ephoros zurück- 
geht, liegt auf der Hand'); Strabo hat ihm einen Excurs über 
die Zustände der Römerzeit angefügt. Dann kehrt er zu 
Ephoros zurück. Derselbe bekämpfe den Hellanikos, welcher' 
die Staatsordnung dem Eurysthenes und Prokies zuschrieb und 
i>ykurg garnicht erwähnte. Ephoros widerlegt ihn mit dem 
Hinweis auf den Cult des Lykurg und auf eine Schrift des 
Pausanias, von der später ausführlicher zu handeln sein wird., 

Ergänzt wird Strabo's Excerpt durch Polybios, der VI 45. 
46 gegen die landläutige Ansicht der älteren Schriftsteller po- 
lemisirt. dass die kretische Verfassung treiflich und der spar- 
tanischen ähnlich sei; als Hauptinstitutionen der letzteren nennt 
er die Gleichheit des Grundbesitzes, die Werthlosigkeit des 
Geldbesitzes, die Aemter der Könige und Geronten (vgl. auch 
VI 48, 3). Als Vertreter der bekämpften Ansicht nennt er 
Ephoros. Xenophon, Kallisthenes und Plato. Dass Polybios 
iiutcr diesen den von ihm so hoch verehrten Ephoros in erster 
Linie im Auge hat, ist an sich klar,-) folgt aber auch daraus, 

1) Wir wissfii auch sonst, dass Ephoros über die ältere Geschichte 
des Peloi)oniies so vüUi^ iiii unkhireii war, dass er die Ilej^emonie der 
Spartaner schon vor der Zeit des I'heidoii bestellen Hess: Strabo VIll H. '^'^. 
Diod.VIII I. 

2) Erkannt hat es bekanntlich zuerst C. Wachsmutii, (Jütt. (!el. Anz. 
IbTU, 1814 fi". 



220 

dass, was er des weiteren anführt, bei Xenophon und Plato 
nicht, wohl aber bei Ephoros steht. Es heisst nämlich, die 
erwähnten Schriftsteller hätten ihrer Darstellung noch eine 
lange Digression angefügt, in der sie darlegten, dass Lykurg 
allein den Kernpunkt der Staatsentwickelung erkannt habe 
{jcoXvr dl] zira Xöyov tv tJcifitrQco ÖiarlihevxaL, (fäoxovrtc 
xov AvxovQyoi' fiövor rojv ytyovörcov xa owt^ovra rtd^tcoQTj- 
xivca), und nun folgt die oben nach Strabo gegebene Ausfüh- 
rung ttljer (crdQtia und ofiöroui als Grundlagen des Staats. 
Daran schliesst sich die Angabe, Ephoros, der hier direct ge- 
nannt wird, habe diese Ausführung in dem Abschnitt über 
Sparta und dem über Kreta, abgesehen von den Eigennamen, 
mit denselben Worten gegeben, so dass man. wenn man auf 
die Namen nicht achte, gar nicht wissen könne, von welchem 
der beiden Staaten er rede. 

Dass das richtig ist, können wir heute noch beweisen: 
denn der Abschnitt über Kreta ist bei Strabo, der über Sparta 
bei-Diodor erhalten, und beide stimmen Satz für Satz mit ein- 
ander überein. Es heisst bei Diodor VIT 14. 3 Dixdohf, 12, o 
Vogel (exe. JttQi yrmnojv): zo dh xtcpaXaiov [der dem Lykurg 
gegebenen Orakel] t/v öri f/tyiazrjv jigöroiar jionizbov toriv 
o/iovoiag xal ai^ÖQk'iaq, C04 öia [lövojv zovzcov zyc, tXtv- 
ihtQtac (pvXdxrtoi^cu öwafiivf/c , ?jg yf^Q^i ovÖsv öf/i/Loc ovd' 
aXXo zoJv jiagu zotq JioXXoig vjttihiH(iirojv ayad-ov txtiv tri- 
Qou vm'ixoov övxa' jiävza yag za xoiavza zcöv rjyovfit- 
vojv, ov zmv vjcozezayfievcov toziv, äoz' ujctg xiq tavzoi 
ßovXtzai xal (irj zolg aXXoia xz?']Gaodai za ayad-ä, JtQcözöv 
SOZI xazaoxsvaoziov zrjv IXtv&tQiav. Auch nütze eine der 
beiden Eigenschaften allein nichts, sondern nur beide ver- 
einigt. — Damit vergleiche man den Auszug Strabo's über 
Kreta: doxtl 61, (f/job' (Eph.), o vo(iod-ezt]q fityiazov vjto- 
i9tüf)^cu zeug jiüXiOLV äyad^ov zfjr tXtv&tgiav fiövfjv yag 
zavzfjV 'löia jiolüv zcjv xztjOafih'ojv za äyaii^ä, za 6 Iv 
dorXtin zcöv ag/övzov aXX ov/i z 6j v agyof/trojv 
tii'af zolg ö' eyovOi zavzfjv (fvXaxrjg Öüv z?)v i/er orr 
of/övocav u. s. w.; nachher folgt als zweites Schutzmittel die 
drdgtla. Inhaltlich decken sich beide Stellen vollkommen; 
zugleich aber sieht man. wie sehr sich die ephorische Dar- 
stellung in den unfähigen Händen Diodors formell verschlech- 



221 

tert hat.') Der stilistischen Seite des Werks und überhaupt 
der schriftstellerischen Befähigung des Ephoros gerecht zu 
werden ist uns ftist unmöglich gemacht, da wir ihn ja vor- 
wiegend nur aus Diodor kennen. 

Wenn es im allgemeinen völlig feststeht, dass Diodor die 
ältere griechische Geschichte ausschliesslich aus Ephoros ge- 
schöpft hat, so bietet unsere Stelle den Beweis, dass er sich 
in der Darstellung der lykurgischen Verfassung bis ins kleinste 
genau an seine Vorlage angeschlossen, wenn auch natürlich 
bedeutend gekürzt hat. Auch der Schlusspassus Diodors über 
die lykurgische Verfassung (exe. de virt. et vit. VII 14, 7 D. 
12, 8 V.) deckt sich mit dem früher auf Ephoros zurückgeführten 
Abschnitt Strabo VIII 5, 5. Er lautet: ol Aaxsdaifiörtoi rolq 
xov AvxovQyov ygiiGafievoi vöfioiq ex raxsivcöv'^) öwaxcöraroi 
kyti'ovro Tcöv EXXrjVOJV, t?)i' de /lyEfiovua' öcetfvXa^ar im STt] 
jrXtUo Töjv V '■''). Dann fallen sie von den Gesetzen ab, führen 
Luxus und Geld ein, sammeln Reichthümer und verlieren da- 
her (durch die Schlacht bei Leuktra) die Hegemonie. Wenn 
die Hegemonie 400 Jahre ungetrübt bis zum Eintritt des Ver- 
falls, d. h. bis zum Ende des peloponnesischeu Kriegs, bestan- 



1) Besonders lehrreich nach dieser Richtung ist der Vergleich der 
diodorischen Auszüge aus Polybios mit dem Original. Die Gedauken- 
armuth und Trivialität Diodors tritt dabei fast in jedem Satze hervor. 

2) Dass es bei Strabo hiess, sie seien schon vor Lykurg aoj<p(joyFg 
gewesen (oben S. 219), steht damit nicht im Widerspruch ; die Hegemonie 
beginnt erst in Folge der lykurgischen Gesetze. 

H) Wesseling setzt dafür tp ein, eine harmonistische Correctur, die 
jetzt niemand mehr für berechtigt halten wird. Plutarch Lyc. 29 und 
Nikolaos Dam. fr. .i" .Miller (ebenso Plut. inst. lac. 42) und ebenso Diod. 
XV I. 50 geben allerdings ,5i)0 Jahre auf Grund der alexandriuischeu Chrono- 
logie. Aber jene sind selbständig denkende Arbeiter, nicht wie Diodor 
Ausschreiber; Diodor hat sich nie darum gekümmert, ob die chronologi- 
schen Daten in seinem Texte mit den von ihm gegebenen Ansätzen irgend- 
wie übereinstimmten. — Im übrigen liegt auch bei Plutarch und Nikolaos 
Dam. der eplujrische 'l'ext zu Grunde; bei letzterem heisst es: oi dt nsi- 
oitivreg ov rwv nefjioixwv /lövov ukku xai nüvrwv 'ü'/.A//v'cw>' afJuJToi 
iyivovio, ifytf^tövtg re ovvy/ujg f| otov 7ia{jede§uvTo zovg vö/iovg ini 
hiij ntvtaxöaiu, xai ov 7io?.X()v xifdvov im /xeya i/^oj^rjoav örvä/ntwg. 
Das gleiche liaisonnemeut hat Plut. Lyc. 29. 30, bei dem aucli als Haupt- 
vorwurf die KiutVdirung von Geld und lieichthum unter Agis dem Suliu 
des Archidamos erscheint, genau wie bei Diodor. Ebenso Aelian. v. h. 
13, b. 14, 29 u. a. 



222 

den hat, so hat Ephoros den Lykurg ebenso wie Thukydides 
gegen 800 v. Chr. angesetzt. Daher erklärt es sich , dass er 
auch seinen Zeitgenossen Homer spät ansetzen und jünger als 
Hesiod machen musste. 

Was uns sonst aus Diodors Darstellung erhalten ist (die 
Fragmente stammen ausser einem werthlosen Bruchstück in den 
exe. de virt. et vit. sämmtlich aus den exe. de sentent.), besteht 
in einer Reihe von Orakeln, die mit der Sentenz abgeschlossen 
werden Bri rovq fi?) (hagyvXärrovvag rr/r jiqoc to d^slov evot- 
ß&iap JioÄv fiä?.Xoi' f/Tj rtjQtZv ra jtqou tovq avd-QcoxovQ öiy.aia, 
womit das Motiv gegeben wird, weshalb Lykurg seine Gesetz- 
gebung in eine religiöse Form eingekleidet hat. Im übrigen 
stimmen diese Orakel bei Diodor völlig zu der Angabe Strabos, 
dass nach Ephoros Lykurg in fortwährendem Verkehr mit dem 
Orakel gestanden habe (oben S. 218). Dasselbe sagt Polybios 
X 2, 11 AvxovQyog atl XQOoXaf/ßarofitvog rate löiaig tJtißoXalg 
rr^v 8'/. rrjg Ilvd-iaq qy'jfj/jV svjraQadi-xTOT^Qac xcu jnöxoriQaa 
sjioiti rag iölag tJiivoiac. 

Von den Sprüchen Diodors kehren zwei unter den Orakeln 
wieder, welche Oinomaos von Gadara in seiner yor(zcov ffcoQa 
verhöhnt, von der uns Eusebius praep. ev. V 18 if. grosse Bruch- 
stücke bewahrt hat. Vermuthlich hat Oinomaos sie, wenn nich 
aus Ephoros selbst, so direct aus Diodor entnommen, in dessen 
Fragmenten sich auch sonst noch mehrere andere der hier 
vorgeführten Orakel wieder finden.') Wir dürfen daher auch 

1) [RoHDE, Psyche 137, 1 sagt: ..Oinomaos entlehnt sie (wie alle 
Orakel, die er in seiner /"oz/rwr (puj(iu verarbeitet) einer Sammluuo- von 
Orakelsprüchen, gewiss nicht dem Ephoros, wie E. Meyer annimmt (um 
von dem König Tansanias ganz zu schweigen)." Wenn diese Behauptung 
richtig ist, was sehr gerne möglich ist, so bleibt die Frage, woher diese 
•Sammlung sie genommen hat; die Quellenfrage wird nicht aufgehoben, 
sondern nur um ein völlig untergeordnetes Moment verschoben. Nun steht 
das eine Kroesosorakel Euseb. V 20, S bei Diod. IX 3 1 Vogel, das andere 

V 24, S bei Diod. IX 31, 2, das eine Orakel über den messenischen Krieg 

V 27, 1 bei Diod. VIII 13, 2, das andere V 27, 4 wenigstens dem Inhalte 
nach bei Diod. VIII 8; dass Ephoros sich die zahlreichen Orakel bei He- 
rodot über die Perserkriege u. a., die Oinomaos anführt, nicht hat ent- 
gehen lassen, lehren zahlreiche Belege bei Diodor. Dazu kommen dann 
die Lykurgorakel. Dass also Oinomaos oder seine Quelle entweder den 
Ephoros selbst oder seinen Ausschreiber Diodor oder meinetwegen noch 
eine andere Mittelquelle benutzt hat, scheint mir unbestreitbar.] 



223 

einen dritten Sprucli. der sich nur hier findet, auf dieselbe 
Quelle zurückführen. 

Den Anfang macht der aus Herodot I 65 bekannte Spruch 
der Pythia, in dem sie den Lykurg zögernd als Gott anerkennt. 
In der Diodorhandschrift ist nur der Schluss erhalten, dagegen 
finden sich hier wie bei Eusebius zwei Verse mehr. Derjenige 
welcher in hellenistischer Zeit das Orakel in Delphi auf einen 
Inschriftenstein setzte,') kannte diesen Zusatz nicht oder hat 
ihn verworfen. Der Text lautet bei Eusebius und Diodor: 

A iiy.uc, CO AvxoeQyt'^) sfiov jtorl Jilova vrjov 

Ztjvl (fiXoq xal jtäöiv 'OXvftJTia öcöfcar s^ovor 
di^o) 7] ot d-Eov {mvTtvOofiai rj ävi)^Qcojcov 
d?.X £Ti xal f/äXXoi' d^tov sXjiofica cb Ävxöegyt^). 
5 [rjxiic. rl' tvvofiiav alrtvfisvoc' avrag tycoye 
öcooco, r?)v ovx aXXrj tjriyßovb] jiöXig t§ti^).] 

In dieser Gestalt kennt auch Plutarch das Orakel (Lyc. 5), 
da es aber allbekannt ist, gibt er es nur in prosaischer Um- 
schreibung: rar diaßö)/TOV yQt/Ofioi', co ^tocfiXrj jiev avrov ij 
Ilvlhia JTQOoeiJct xal »V-for iiäXXov i] avd^gcojiov, 8vvof/tac M 
yQ7}^ovTi öiöopai xa) xaraivtlv ecftj xov d^iov, i] jioXv xqcc- 
riorrj tcov aXXcov törai jioXirsion'.^) Herodot dagegen kennt 



• 1) FOUCART im Bull. corr. hell. ^' 4:< nach einer Abschrift des Cyriacus 
von Ancona. 

2) So Eusel). und die Inschrift. Die correcte Form, welche bei He- 
rodot und ebenso II. Z l.'id. //142ff. vorlic}>:t, ist bekanntlich .hxnofjyo^. 
Bei Diodor steht in v. -1 Ai;iov(jyf [ebenso schol. Aristot. p. 7». l'i'^ ed. 
Berlin.], was die Herausgeber schwerlich mit Recht in Avx6n()ye ver- 
wandeln |so auch noch Vogel, der die Lesung der Handschrift niclit 
einmal anführt]. — Für i^xf-n; hat die Inschrift tiXiB^ec. in v. 2 sclireibt sie 
f/ovaiv, in v. ."i ui für ij und am Schluss ?/f xui urdQu. 

:<) So Herodot und Euseb. In der Inschrift: fm?.}.(n- zoi O^eor fkno- 
(xui f-fXfitvui oj ^ivyof-(j\ye\. Bei Diodor ist erhalten: tt'' oiofAai uj ./r- 
xovQye. 

4) So Diodor; bei Euseb. '/ixtig evvofiiTjv ri/^7j,«fvrtc" avTU() ^ycü toi 
()waui, xfil tu TovToig avvtniktyöfxfva. 

h) Nach Plut. adv. Coloten IT soll das Orakel (mit oder ohne den 
Zusatz?) in den na)Mti\xaxai uvuyQutfui der Lakedaemonier gestanden 
haben — wie die (ieschichteu von König Romuliis in den aunales maximi 
nicht gefehlt haben werden. 



224 

die Zusatzverse noch nicht.') wohl aber ihren Inhalt. Er be- 
merkt im Ausehluss an das Orakel: oi (jev di/ xivtg üiqoz 
Tovroioi ?.iyovOi xai (fQÜoca avrcö rrjv Uv^h/i' rov vvv xar- 
tatimxa y.öofiov ^xaQTu'irriGi. Also was Herodot als Tradition 
Einzel ner gib t, i st bei Ephoros in Verse gebracht und dem 
alten Orak el d iree t angeh ängt. Zu dem ursprünglichen Sinn 
des Orakels passt dieser Anhang allerdings schlecht genug, 
da in ihm von der Gesetzgebung garnicht, sondern nur vou 
der Frage die Eede ist, ob Lykurg ein Mensch oder ein Gott 
sei.-) Aber diese Verse waren nun einmal gegeben, und wer 
auf Grund der bei Herodot mitgetheilteu Tradition die ganze 
Gesetzgebung in Orakelform einkleiden wollte, wie das Epho- 
ros, oder vielmehr die Quelle aus der er schöpft, gethan hat. 
konnte dieselben nicht gut umgehen. So werden sie denn 
hier zur einfachen Begrüssungsformel . von der durch die Zu- 
satzverse der Uebergang zu der Offenbarung der Grundprinci- 
pien der neuen Staatsordnung, der tvj^of/ia, gemacht wird.') 

Nach der ßegrüssung fragt Lykurg, welche Gesetze den 
Spartiaten am nützlichsten sein würden. Die Pythia antwortet: 
B tav Tovc uhv xaXmg ?/yti69-ai, rovg öl jitidag/ilr 

VOf/od^l:T)'jijti, 

und auf die Frage, wie das zu machen sei. folgt das auch Ixn 
Eusebius erhaltene Orakel: 
C noiv 6do\ ovo jcküörov ajc a)J.i]7.G)v a.jtif0v6ai , 
rj uev bXEVt)^BQiaq. tc rifiiov oixov äyovoa, 

1) Ebenso keunt Xenophou, Apol. Socr. 15 das Orakel nur iu der 
herodotischen Fassimg: (foovzi'^oj Tiöre^u S^tüv os htioj r] üv&(jcu7ioy. 

2) [Dieser Anstoss hat zu der Antliol. pal. XIV 77 bewahrten Um- 
wandlung des Orakels geführt: olßioq ovxoc uvijQ og vvv xuru h'tivnr 
ovdbv <Poißov 'AnöV.mvoq ■/jjrjorr/Qiov tlaavaßaivei ' )j?.r9^fv fvvouüji- i\i- 
L,f'i(xivoq etc. So hätte das Orakel allerdings lauten müssen, wenn es Sinn 
haben sollte.] 

3) [Oinomaos redet in seinen Ausführungen zu dem Spruch den py- 
thischen Gott an: älla ov rov TvQzuiov (so cod. A, Dindorf -ov) 7i{to- 
^{uOrjysiuöru xai oxonov IXbövxu noxh ojg oi r/xsiv 'e(pjjg ix xoihjc 
Aaxtdaif^iovug Zrjvl (piXov etc. Die richtige Lesung und den Sinn der 
Stelle hat Saakmann im Dortmimder Gymuasialprogr. 1ü89, 29 erkannt: 
Lycuryum qui yli^sv evvuuiur airtjocuv scite Oenoniaus Tv^ruiov {sie 
rede unus A) nfJoxaS^Tjyofiivu appellat propter celeberrimi carminis titic- 
lum qui fuit siroula.] 



225 

7] ö tJil dovilsiaq cfsvxtdr dof^ov fjfisQioiOi' 
xal TTjv fiev öia x avd()00vv7]g ff ()^? ') t9'' ofiovoiac 
5 £OTi xsQav, Tjv Öt) Xaolg fjyttod-e-) xtXsvd^ov, 
T7}r 6s öia OTvysQrjg egiÖog xal avdXxiöog aTf]g 
ddcafixäi'ovoiv n)}' Ö?) jC£g)vXa§o''') fiäXiOra. 
Daran schliesst sieh die S. 220 angeführte Ausführung ro 61 
xtqiuaiov /jv\ man sieht Ephoros hat seine Auseinandersetzung- 1 
über die Tendenz der Verfassung an das Orakelwort ange-' 
schlössen und seine Theorie überdies nicht selbst erfunden,! 
sondern nur weiter ausgeführt; der Grundgedanke, der ja auch 
nichts weniger als originell ist, ist schon in dem übrigens an 
sich recht trivialen Orakel enthalten. 

Es folgt der nur bei Eusebius erhaltene Spruch^): 
D (og av i^iavTtbjOiv vjtooyeoiag xt xal oQxovg (?) 
xal 6ixag a?.X/jXoioi xal aXXo6ajiol(jL öi6cöxs, 
ayvmg xai xaüaQcög XQEößrjysvtag xificövxtg, 
Tvv6aQl6ag 6 tJiojiiCöfi^i'oi, MertXav xt xal aXXovg 
5 adavaxovg rjQcoag, ot Iv Aax£6ai{^wvi ö'u], 
ovxco öf) / vjjcöv üi8Qi(fsl6oLx' tvQvojta Zevg. 

Das Alter dieses Spruchs hat jetzt durch die Gedichte des 
Isyllos von Epidauros (Wilamowitz philol. Unters. IX) eine 
höchst willkommene Bestätigung erhalten, die zugleich beweist, 
dass zu f^nde des vierten^ Jahrhunderts ^) die Ansicht, Lykurg 



1) So Euseb. Bei Diodor «^fr/yc, was Dindorf in e(}aTijg äudert. 

2) Diod. ^ysloQui. 

3) Euseb. St netf^iXü/jyui. 

4) Es geht dort dem Orakel C voran. Der erste Vers ist zweifel- 
los corrupt, aber eine Heilung noch nicht gelungen. 

5) [Im Gegensatz zu Wilamowitz setzt Blass Jahrbb. f. Phil. 1885, 
822 IV. (vgl. CoLLiTZ Dialektiuschr. 3342) Isyllos an den Anfang des zweiten 
Jahrhunderts. Isyllos berichtet, wie Asklepios Sparta geschützt habe öxa 
Atj otqÜtov ijye 'PiXinnog fig SnÜQTTjV, i&ek(av ävekelv ßaoiXriiSa zifAt'jv. 
Blass bezieht das auf den Zug Philipp's Y. gegen Sparta im Bundes- 
genossenkrieg 218 V. Chr. (Polyb. V 18). Aber damals hatte ja Sparta eben 
die grossen Bevolutionen hinter sich, das Königthum war Jahre lang nicht 
besetzt gewesen, und die Stelle des einen Hauses bekleidete ein durchaus 
illegitiuuT König (I'olyb. IV 35); wie passen da Isyllos' Aeusserungen, dass 
die Spartaner den Geboten des Lykurgos getreu seien? Auch ist es höchst 
iiiuvalirscheinlich, dass Philipp 21b daran dachte das Köuigthum in Sparta 
zu beseitigen. Dazu kommt, dass die Oligarchie in Epidauros hergestellt 

Meyer, Forschungou zur Altea Geschichte. I. J5 



22C 

hjibe seine Gesetze einzeln in Orakelform erlialten, allgemein 
anej;kannt war. In der Vision, die berichtet wird, sagt Askle- 
pios dem Knaben Isyllos „er wolle Sparta vor Philipps An- 
g'riif retten o{;rfÄ;« rovg ^oißov XQr]0(iohQ Oco^oi'rc dixauog, 
ovg {.tai'TSvoä/isvoq jraQ£Ta$,£ Ji6h]i AvxovQyoc!''' . Isyllos 
selbst ahmt diese Orakel nach, speeiell eben dies Orakel D; 
sein Gedieht über den von ihm gegebenen laQog r6(/og schliesst 
mit den Worten: ovrco rol x' afzcäv jiEQiqtiöoLr tvQvoTca 
Zsvg. Ebenso kennt er, wie wir sehen werden, die prosaischen 
Ehetren. 

Wie dies Orakel Detailvorschriften gibt, so auch das bei 
Diodor folgende, welches das Verbot des Geldes bezweckt. Es 
ist der bekannte Vers 

E a rfiiXoxQfjfiatia ^jictQxav %Xol ^), liXXo 61 ovötv. 

Man möchte den Ephoros gerne von der Gedankenlosigkeit 
freisprechen, er habe diesen Vers, der, wie Diodor selbst be- 
merkt, zum Sprichwort geworden ist und denn auch bei den 
Paroemiographen steht (die hier wie so vielfach ephorische 



wurde, als Isyllos bereits alt war; also nacli Blass' Annalime im zweiten 
Jahrhundert, als Epidauros zum achäischen Bunde gehörte und die römische 
Suprematie in Griechenland bestand. Dass das unmöglich ist, liegt auf 
der Hand. Auch weist der ganze Geist der Inschrift in eine weit frühere 
Zeit, in die Epoche der Wirren, Tyrannenherrschaften und Eestaurations- 
versuche nach Demetrios' Sturz und in der Zeit der Antigonos Gonatas. 
Sie passt etwa in die Zeit von Areus" Zug 280. Es bleibt also dabei, dass 
mit Philipp der Vater Alexanders und sein Zug gegen Sparta 337 gemeint 
ist. — Wie es zu gehen pflegt, hat Blass' Ansatz trotz seiner Uuhaltbar- 
keit allgemeinen Anklang gefunden. Er veranlasst Eohde Psyche 137 Anm. 
zu der Bemerkung: „die Orakelverse aus Oenomaos sind wohl recht jung 
. . . wiewohl älter als das 2. Jahrhundert (vgl. Isyllos v. 26)". Das wäre 
verkehrt, aucli wenn der Ansatz für Isyllos richtig wäre. Rohde muss 
die von mir nachgewiesenen Thatsachen anerkennen, aber da sie ihm un- 
bequem sind, suclit er ihre Tragweite möglichst einzuschränken. — In 
derselben Anmerkung stellt Rohde die erstaunliche Behauptung auf: „Mit 
der Entrückung des Menelaos nach Elysiou (Odyss. d) hat sein Cult in 
Therapne nichts zu thun". Das ist allerdings von seinem Staudpunkt aus 
consequent; aber ich verstehe nicht, wie man an einem Standpunkt fest- 
halten kann, der durch solche Consequenzen ad absurdum geführt wird.] 

1) Ebenso die Paroemiographen; bei Plutarch inst. lac. 42 diu. Als 
Orakel wird der Spruch citirt bei Plut. Agis 9, Cicero de off. II 77. Schol. 
Aristoph. Pac. 622 = Suid. Öi£iQ(i)v6^ivoi. 



227 

Nachrichten aufg-enommeu haben, vgl. oben S. 19), für ein 
Prodiiet der lykurgischen Zeit gehalten, während er doch erst 
in Lysanders Zeit entstanden sein kann.i) Und doch hat 
Ei)horos so berichtet, denn auch Aristoteles kennt den Vers 
als Orakelspruch (Zenob. II 24), offenbar weil er dem Ephoros 
folg'te.2) Auch erhält ja so erst das Schlusswort des Ephoros 
zur lykurgischen Verfassung seine rechte Beziehung, in dem, 
wie wir sahen, den Spartanern die Einführung des Geldes 
zum schlimmsten Vorwurf gemacht wird. 

Es folgen bei Diodor Verse wesentlich verschiedener Art.^) 
Distichen, von denen v. 3 — 6 mit einem anderen Eingang auch 
bei Plutarch Lyc. 6 als Verse des Tyrtaeos augeführt werden. 
Sie lauten: 

F 07] yciQ aQyvQOTO^og avaS, txdsQyog 'AjcoXXcov 
/Qvooxofir/g £XQV ^i^ovoz s§ dövrov, 
ciQyeip [isv ßovX}]^) d^sorii^rjTOvg ßaöiXrjag, 
otoi fitXti ^JiccQT7]g^) ifieQÖeaoa jcöXig, 
5 jiQtoßvyevüg^) rs') ytQOVxag, sjttiza de ör/fiöxag avögag, 
tvß-eiaig^) QrjXQcag avrajtafieißofitvovg. 
[fiv&siod-ai Ö8 rä xaXd y.ai eQÖeiv jtävxa öixaia, 

Hrjdtxi IjiißovXtvtLV rfjöe jtöXn^). 
dijfiov x£ jtX?'/{)^£i vixr/v xai xägxog tjito&ai' 
10 fpoißog yccQ jTtQi xcöv cod avegjrjvs jtÖXh.] 



1) Bergk nimmt ihn unter die Fragmente des Tyrtaeos auf! 
, 2) Andere wollten auch hier wieder klüger sein als ihre Quellen, von 
denen sie doch total abhängig waren, und machten den Vers zu einem 
dem Alkamenes und Theopomp gegebeneu Orakel (Plut. iust. lac. 42) — 
wobei nur übersehen ist, dass diese beiden Könige wohl in den Listen 
der Alexandriner, aber nicht in Wirklichkeit Zeitgenossen waren. 

b) Am Rande der Handschrift stehen die Worte ^ Ili&ia txQJjoe xw 
AvxovQyo) n6(jl riDv Tio).ixix(üv ovrwq, die vor den betr. Versen einzu- 
schalten sind, vgl. Herwerden Spicil. Vat. 3. 15. 

4) Plut. ßovhjg. 

5) Plut. ^^TiÜQvag. Diod. ia/£(j6eaaa. 

6) Plut. n(}f-oßvxuq. 

7) Diod. dl, was keinen Sinn gibt. 

8) Diod. ivO^tirjq (so nach Herwerden; Mai las fälschlich -?/r) (i/jzfjug. 

9) WiLAMOWiTZ hom. Unters. S. 282 Anm. nimmt wohl mit Recht an, 
dass hier keine Corruptel vorliegt, sondern der Text gekürzt und deshalb 
Prosa geworden ist. 

15* 



228 

Die beiden ersten Verse lauten bei Plutarch: 

4>olßov axovoavzeq Ilv&ojvö&ev oixaö' h'tiy.ar 
fiavzeiag rs d-tov xal rsXtEvr' Ijtta, 

weichen also wobl im Ausdruck, alier nicht im Inhalt von 
Diodor ab. 

Von den Herausgebern wird nach y. 6 nicht interpungirt 
und V. 7 T£ in ds geändert, so dass /.ivd^tlod^ai Prädicat zu 
d7]fi6rag arÖQag wäre. Dass das falsch ist, lehrt schon der 
Umstand, dass Plutarch mit y. 6 schliesst und doch sein Oitat 
als ein vollständiges gibt; also muss mit fiv&tiaO-ar ein neuer 
Satz beginnen, in Uebereinstimmung mit der handschriftlichen 
Ueberlieferuug. ..Ziemlich zu reden und recht zu handeln" 
wird nicht nur dem Demos, sondern allen Spartanern befohlen. 
Zu öf/iJOTCfg ävÖQag ist aus dem vorhergehenden aQytir ein 
Yerbum wie \'.-ii:0{}-at zu suppliren. ..Vorangehen im Käthe 
sollen die Könige und Geronten, alsdann [folgen] die Männer 
des Volks, den richtigen Ehetren erwiedernd" [d. h. der Demos 
soll durch seinen zustimmenden Ruf die Pihetren (Anträge, s. u.), 
wenn sie richtig (gerade) sind, annehmen. So hat Plutarch 
die Verse verstanden, denn er findet in ihnen, nicht etwa in 
dem ihm unbekannten Schluss. der ja auch ganz anderes be- 
sagt, die Unterordnung des Demos unter die Entscheidung der 
Könige und der Geronten ausgedrückt; wenn krumme (unge- 
rechte) Ehetren vom Demos angenommen werden, haben die 
Könige und Geronten das Eecht, die Entscheidung des Volks 
zu verwerfen und die Versammlung aufzulösen. Diese Be- 
stimmung, die auf eine Ehetra der Könige Polydor und Theo- 
pomp zurückgeführt wird, ist nach Plutarch (resp. natürlich 
nach der Auffassung seiner Quelle) in den Versen 1 — 6 ent- 
halten, und er folgert aus denselben weiter, dass die Könige 
sie ebenso wie Lykurg auf einen Spruch des Orakels zurück- 
geführt hatten itjthLOav 6e y.cu avrdi xrjV jtöXii' wc: rov ß^tov 
ravza jTQOorc.ooorzoc, Sg jrov TvQzalog fxi'fir?jzca dia xovzojv). 

Die Zusatzverse bei Diodor sind nun offenbar nicht eine 
weitere Ausführung der Verse 3 — 6. Die herrschende Meinung, 
dass Plutarch von demselben Gedicht einige Verse weniger, 
Diodor einige mehr citire, ist falsch. Vielmehr enthalten die 
Zusatzverse bei Diodor deutlich eine Polemik gegen die bei 



220 

Plutarc'li vorgetragene Auffassung. Von einer Unterordnung 
des Demos unter die Könige und Geronten wollen sie nichts 
wissen. Sie betonen vielmehr so scharf wie möglich die Sou- 
veränetät des Demos: Öynov de Jtlrj&ei rlxtjv y.ai xägrog tjit- 
oO^ai, das ist es was Phoebos angeordnet hat. Nach den 
Diodorversen haben Könige und C4eronten durchaus nicht das 
Recht, einen missliebigen Volksschluss zu verwerfen. Die dio - 
dorische Fassung ist also jüng-er als die plutarchische; sie 
rectificirt die ältere Ueberlieferung, und führt uns hinein in 
t'ine Polemik über die Grundlagen der spartanischen Staats- 
ordnung, die mit tendenziös fabricirten Gedichten als Be- 
weisstücken operirt und in sehr fundamentalen Fragen scharf 
entgegengesetzte Auffassungen erkennen lässt. Da zu der An- 
nah me. D iodor habe hier aus einer anderen Qu elle ei ne Ein- 
lage^ gemacht, nicht der mindeste Gr und vo rliegt, ist diese 
Polemik älter als Ej>horos.] 

Wie die Distichen in dem Diodorexcerpt stehen, scheinen 
sie als Orakel bezeichnet zu werden. Es ist indessen kaum 
denkbar, dass Diodor, unmöglich, dass Ephoros sie so aufge- 
fasst hat: vielmehr sind sie offenbar citirt worden zum Beleg, 
dass auch die einzelnen Grundinstitutionen der Verfassung auf 
Aussprüchen Apollos beruhen. Plutarch schreibt sie dem Tyr- 
taeos zu, mit der sehr unbestimmten Wendung cog xov Tvq- 
ralog l7a[it{iv)jxai 6ia rorrcor.') Die Neueren haben ihm 
Glniiben geschenkt, auch v. Wilamowitz hom. Unters. S. 282, 
der doch mit Keeht gegen die herkömmliche Ausgleichung der 
Varianten protestirt. Xun wäre es zwar möglich, dass in den 
Auszügen aus Diodor der Name Tyrtaeos ausgefallen wäre, 
aber wahrscheinlich ist das nicht gerade. Vielmehr sind sie 
ursprünglich anonym überliefert. Dass man, wenn man den Ver- 
fasser der Verse nennen wollte, Tyrtaeos wählte, ist nur natür- 
lidi; er ist ja der einzige, der überhaupt in Betracht kommt. 

Dass die Verse nicht von Tyrtaeos stammen j steht, ganz 
abges ehen von ihrer verschiedenen Fassung, durch ihren Inhalt 

1) Also haben die Neuereujoiit doppeltem Unrecht das Bruchstück 
der livvojiiia zugewiesen: dies Gedicht war dem Aristoteles wie der Quelle 
Strabu's (VIII J, Ki) uoeh vollständig bekannt, und wenn die Verse daher 
stammten, würde es bei Plutarch nicht nov, sondern er t(/ Evro/a'cc xa- 
kovi-ävi^/ hcissen. 



230 

vollkommen fest. Denn nocli im fünften Jahrhundert 
wusste man in Sparta nichts davon, dass die Verfas- 
sung aus Delphi stamme. Ausdrücklich sagt Herodot 1 65 
„einige sagen, die Pythia habe dem Lykurg die hei den Spar- 
tiaten bestehende Ordnung geoffenbart; wie aber die Lake- 
daemonier selbst sagen, hat Lykurg . . . diese Dinge aus 
Kreta geholt". Die Neueren sind dieser Stelle meist so viel 
wie möglich aus dem Wege gegangen. Und doch konnte He- 
rodot so nicht schreiben, wenn zu seiner Zeit die Ableitung 
von Delphi in Sparta längst in der Weise, wie in dem angeb- 
lichen Tyrtaeosfragment, als sichere Thatsache anerkannt war, 
und ebenso wenig konnte dann Hellanikos die vom Gott offen- 
barten {jcvd-d/QrjOTOi) Gesetze einfach als Werk der ersten 
Könige bezeichnen. Man pflegt sich wohl auf die enge Ver- 
bindung des historischen Sparta mit Delphi, auf die von den 
Pythiern bewahrten Orakel (Herod. VI 57) zu berufen. Aber 
daraus folgt nur das Gegentheil: trotz dieser Verbindung dachte 
man zu Herodots Zeiten in Sparta garnicht daran, die Ver- 
fassung aus Delphi abzuleiten. Man holte sich fleissig beim 
delphischen Apoll Rath, ebenso gut wie beim Zeus von Olympia 
(Plut. Ages. 11); aber die Schutzgötter des Staats waren viel- 
mehr Zeus und Athene (s. u.).i) Die Verfassung galt den Spar- 
tiaten als etwas naturwüchsiges, nicht wie den Fremden für 
ein seltsames Kunstproduct, zu dessen Erzeugung es des Orakel- 
apparats bedurft hätte. Dass auf Kreta ähnliche Institutionen 
l)estanden, wie bei ihnen, wussten sie; und so mögen sie dazu 
gekommen sein, dieselbe aus Kreta holen zu lassen. Diese 
ältere Ansicht erscheint auch in dem unter Piatos Schriften 
stehenden Dialog Minos p. 318 ohne Verquickung mit dem del- 
phischen Orakel. Der Dialog muss seinem ganzen Inhalt nach 
recht alt sein; auch wenn er nicht von Plato geschrieben ist, 
stammt er jedenfalls aus den ersten Jahrzehnten des vierten 
Jahrhunderts, so gut wie der Hipparchos und der meiner Mei- 
nung nach zweifellos platonische Ion. 2) 



1) Erwähnt werden mag immerhin, dass auch in der allerdings ab- 
sichtlich alles Details entkleideten Angabe des Thukydides I 18 über die 
spartanische Verfassung von der Ableitung aus Delphi so wenig die Rede 
ist wie von Lykurg. 

2) Bekanntlich wird im Minos Lykurgs Zeit ^300 Jahre oder etwas 



231 

Herodots Werk ist erschienen in den ersten Jahren des 
peloponnesischen Kriegs, Hellanikos' literarische Thätig-keit — 
in welcher Schrift er von Lykurg gehandelt oder vielmehr 
nicht gehandelt hat, lässt sich nicht sicher erkennen, am näch- 
sten liegt es, mit Niese Hermes XXIII 89 an die Heraprieste- 
rinnen zu denken — fällt im allgemeinen etwas später. Wenige 
Jahre darauf, zu Antang des vierten Jahrhunderts, ist die Ab- 
leitung aus Delphi mit einem Male allgemein anerkannt und 
in .Sparta selbst officiell recipirt. König Pausanias theilt die 
dem Lykurg gegebenen Orakelsprüche mit, Xenophon, der um 
375 V, Chr. schreibt, bezeichnet es als einen besonders feinen 
Kunstgriff des Lykurg, dass er die Gesetze nicht eher erliess,' 
als bis er sie vom Orakel hatte sanctioniren lassen: jioXXcöv 
de xal aXXiav övxcov (itjyavfjfiäzcov xaXcöv zcö AvxovQyo) 
siq TO Jisid^so&ai. KUXelv rovg jioXixaq, sv rolc, xaXXloroiq xal 
tovtÖ fiOL doxü slvai, Öxl ov jrQÖrtoov djtsdcoxe xm jtXtjO-sl 
xoig vofiovq, jiQU' iXQ^ojv ovv xolc. xgaxiöxoig ug /ieXcpovg 
sjCfJQtxo xov &sdv d Xcöov xal afisivov thj xy ^jiÜqxi] jc£id-o- 
fisvi] oig avxog EQ^rjxt v6(/oig. kxu de avetXe xco Jiavxl afieirov 
dvai, xoxt ccjitöcoxtv, ov fiovov civofiov aXXu xal dv6- 
OLOV ihhlg x6 jcvd^O'/QTiOxoig vofioig fu) jieiß-eod-ai (rep. 
Lac. 8). Man sieht, seine Darstellung ist ganz rationalistisch 
gefärbt, wie es sich gehört, da er für die gebildete Welt 
schreibt; sie berührt sieh zum Theil fast wörtlich mit den Aus- 
führungen des Ephoros. Bei Plato in den Gesetzen gilt es als 
feststehend und von den Lakedämonieru selbst anerkannt, dass 
die Gesetze von Apoll stammen, wie die kretischen von Zeus 
(I p. 624 „der Urheber der Gesetze ist die Gottheit, jiaga [iev 
rinlv [in Kreta] Zti-g, jcuQa de AaxtöaifioiHoig, od-tv 66b [Me- 
gillos] tOx'iv, oifjai ffuvai xovxovg ÄnöXXmva, was Megillos 
bestätigt"). Lykurg wird gewissermassen zum Projiheten der 
Gottheit: ff^voig xig dvdQoajiivrj fiifiijfiti'r/ iHia xivl övvccfiti 
(III 691 E). Plato setzt also dieselbe Darstellung voraus, welche 
Ephoros gegei)en, aber rationalistisch eingekleidet hat. 

Es ste ht also fest, die Legende von dem delphischeu Ur- 



mehr" vor die Gegenwart, d. h. die Zeit des Sokrates, angesetzt. — Einen 
sicheren Beweis für die Unächtlieit des Dialogs kenne ich nicht. Dass 
er über Lykurg eine andt^rc Ansicht Iiat als die weit späteren (xcsetze, 
kann jedenfalls uicht.'i entscheiden. 



232 

Sprung der Verfassung' ist den Spartanern von aussen oetroyirt ') 
und um das Jahr 400 v. Chr., in der Zeit des Lysander, offieiell 
recipirt worden. Es war das eine Epoche der tiefsten poli- 
tischen Bewegung, in der der spartanische Staat gerade in 
Folge seiner gewaltigen Siege innerlieh überall aus den Fugen 
ging. Nicht nur dass es in den Unterthanen und Halbbürgern 
gährte und die alte Bürgerschaft durch den Krieg decimirt 
war: weit schlimmer erschien, dass alle Grundlagen des über- 
lieferten xoOfiog angetastet wurden. Grosse Schätze flössen in 
Sparta zusammen, Luxus und Habsucht rissen ein, eine neue 
Politik kam auf, welche den alten ehrenhaften Grundsätzen 
zuwider auf krummen Wegen wandelte und vor List und Ge- 
walt, ja vor Verbrechen nicht zurückscheute, um die Macht 
Spartas und seines Adels zu sichern. Die Seele dieser Neue- 
rungen war Lysander, der gewissenlose aber unentbehrliche 
Feldherr, der damit umging die alte Verfassung zu stürzen 
und die Vorrechte der Königsgeschlechter zu beseitigen. Wir 
wissen wie vielfach die besseren Elemente der Bürgerschaft 
sich gegen dies neue Treiben gesträubt haben: Kallikratidas 
wird hunderte von Gesinnungsgenossen gehabt haben. König 
Pausanias hat es durchgesetzt, dass Lysanders Plan, Athen 
dauernd zu knechten, vereitelt wurde, dass man seine Zwing- 
herrschaften in den griechischen Gemeinden slirzte — die Folge 
war allerdings, dass eine neue Erhebung Griechenlands, die sich 
auf Persien stützte, die Nothwendigkeit der lysandrischen Po- 
litik nur zu schlagend bewies. Man sieht aber dai'aus, Avie 
thätig die conservativen Elemente Spartas gewesen sein müs sen. 
Es ist ja nicht angeborene Bösartigkeit und moralische Ver- 
stocktheit, was die Spartaner zu der Politik trieb, welche in 
den Zeiten des Lysander und Agesilaos herrschte, sondern der 
Zwang der Verhältnisse, der mächtiger war als die reinen 
Absichten, mit denen der bessere Theil Spartas den Krieg 
gegen Athen zu Ende geführt hatte. Bei solcher Lage war 
jes begreiflich, dass man nach jedem Mittel griff, welches ge- 
eignet erscheinen konnte, die wankende Ordnung zu stützen. 
So erklärt es sich, dass jetzt der delphische Ursi)rung der- 
selben anerkannt wurde, um so eine göttliche Sanction für sie 



1) Ueber ihre Eutsteliuug s. u. IV, 



233 

zu gewinnen. In dieser Zeit also sind die angeblichen Tyr- 1 
taeosverse entstanden; sie stehen mit Recht neben dem Spruch, ^ 
der vor der ffiXoxQri^iaria warnt und direct gegen Lysander, 
iGylippos und ihre Genossen gerichtet ist. 

Wenn die Distichen einen kurzen Abriss der spartanischen 
Institutionen geben und auf das Orakel zurückfuhren, so sehen 
wir aus Ephoros (und auch Plato weist ja darauf hin, wäh- 
rend bei Xenophon nur von einer einmaligen Sanction der 
lykurgischen Ordnungen in Bausch und Bogen die Eede ist). 
dass daneben die Orakel auch im einzelnen ausgeführt worden 
sind. Dass das in derselben Zeit geschehen ist, liegt auf der 
Hand. Wir können aber auch noch nachweisen, woher Ephoros 
die Orakel genommen hat. 

In seiner Polemik gegen Hellanikos' Behauptung, die Ver- 
fassung stamme von Eurysthenes und Prokies, bringt Ephoros 
zwei Argumente vor: erstlich werden diese beiden Könige in 
Sparta so wenig geehrt, dass sie nicht einmal ihren Geschlech- 
tern den Xamen gegeben haben, Lykurg dagegen hat Tempel 
und Opfer. Zweitens hat Pausanias in seiner Verbannung eine 
Schrift über Lykurg geschrieben, in der er die Orakel mit- 
theilt. 

Die Stelle über Pausanias ist bei Strabo VIII 5, 5 nur in 
der Pariser Handschrift A erhalten und auch da nur mit einer 
Lücke von etwa 15 Buchstaben in jeder Zeile. Da ich die 
Richtigkeit der von Kokats. Kwameu und Meineke gegebeneu 
Ergänzungen, auf denen auch die Darstellung bei Wilamüwitz, 
Hom. Unters. 272 beruht, zum Theil entschieden bestreiten 
iiiuss. setze ich zunächst den linndschriftlich erhaltenen Text 
hierher und füge nur diejenigen Ergänzungen bei, die für 
sicher gelten können. 

[Hierfür hat mir Herr Dr. Tuieheu- freundlichst eine noch- 
malige Collation der betreffenden Stelle überlassen, die er 
1 lerrn Jacob, Professeur a Teeole des hautes etudes, verdankt. 
Sie zeigt, dass der Text, welchen Krämer in der praefatio 
zu Bd. 1 p. 62 mitgetheilt hat. völlig correet ist, während die 
von ihm im Contexte gegebene und die von Mefneke befolgte 
Lesung einzelne Fehler enthält:] 

1 nav\oarlav xt rcöv EvQVJtojvriÖcöv txjTEO()v[Ta . . . 

2 oixiaq Iv ry (fvyf} öwrä^cu X6y[ov Avxovq^ 



234 

3 yov vofimv ovtoj. rtjq txßaX?.uv07j[g . . . ., ev o) xai] 

4 Tovq ;(()?yo|Mov^ X^ysi zovg 6o&tVT[aq avro) jtegl zcöv] 

5 jrXeiöTcov. 

ZI. 1 cod. Ert)V7iO(kdy. 7A. 2 oiyJuq cod., oixsici^ KiiAMER, ^SIeinbke. 
ZI. ■'} ixßaXkovo7j[q] cod. Krämer, ixßa?.ova)j^ Korais, Meineke. ZI. 4 
Atj'f/ cod., ).lyeiv Kramer, Meixeke. 

In diesen Worten ist offenbar von dem vorhin erwähnten 
I Könige Pausanias die Kede, der nach der Schlacht bei Haliar- 
tos 395 nach Tegea in die Verbannung- geben miisste — denn 
der Sieger von Plataeae ist sicher nicht literarisch thätig ge- 
wesen. Pausanias aber war Agiade, und daher ist es unmög- 
lich, mit den bisherigen Herausgebern Ilavöaviav te rcöv Ev()V- 
jiovriÖcör Ixjttoovza . . . rf,q olxtiag zu lesen. Die Ergänzung 
txjt8o6v[za freilich w4rd durch das folgende erfordert; der Sinn 
aber kann nur gewesen sein, dass Pausanias durch den Hass 
und die Intriguen des rivalisirenden Hauses verbannt sei. Da- 
her ist mit Trieber zu ergänzen: Ilavöaviav zs zcov Evqv- 
xovzlöcöv txjisoöv\za fiioti (oder tiB^ti), zijg tzegag] olxiag, 
8v zf] cpvyf] etc.i) — Die folgenden Zeilen ergänzen Kramer 
und Meineke ovi'za^ai X6y[ov xaza zov AvxovQ]yov, voficov 
övzog zrjg lxßaXovarj[g (Krämer IxßaXX.) avzov alziov, xaY] etc., 
wobei ich bekennen muss, dass mir die letzten Worte dunkel 
geblieben sind; soll zu zijg exßaXov67jg einfach üiöXtojg ergänzt 
werden? Das wäre doch eine unerträgliche Härte. Indessen 
die Annahme, Pausanias habe eine Schrift gegen Lykurg ge- 
schrieben, kann nicht richtig sein. Ephoros will die Eealität 
der lykurgischen Gesetzgebung beweisen; wie kann er da eine 
„Schmähschrift" brauchen, die „den heiligen Trug, der die 
Oligarchie sicherte, ans Licht zog", wie Wila^mowitz meint. 
Und wie stimmt eine derartige Schrift zu dem Charakter des 
Pausanias, des Hauptgegners des Lysander, des Vertreters einer 
ehrenhaften Politik, welche das feierlich verpfändete Wort 
Spartas, es sei gekommen, die Hellenen zu befreien, wahr 
machen wollte, des Königs, der die Vergewaltigung Athens 
hinderte und noch in der Verbannung durch seine Verwendung 



1) Meine frühere Verinuthung, es sei vor rdv EvQvn. ein vnh eiu- 
zuscliieben, die dem Sinne nach auf dasselbe hinauskam, ziehe ich dem 
gegenüber natürlich zurück; sie ist kritisch nicht haltbar. 



235 

bei seinem Soliu und Nachfolger die mantineisclieu Demokraten 
vom Tode und Sparta von der Sehmach rettete (Xen. Hell. 
V 2, 6)? Dieser Pausanias soll eine Schmähschrift gegen Lykurg 
geschrieben haben, gegen den Urheber der weisen Ordnung, 
welche Ehrenhaftigkeit und Pflichtgefühl zum obersten Gebot 
machte, auf dessen Gesetzen auch die Machtstellung der Könige 
ruhte, welche die Neuerer zu untergraben strebten? Nicht 
eine Schrift gegen, sondern eine über Lykurg hat Pausanias 
geschrieben: von der Stadt, welche ihn in die Verbannung ge- 
jagt und die alte Ordnung mit Füssen getreten hatte, appellirte 
er an den Gesetzgeber, dem sie ihre Grösse verdankte. Eine 
mir genügende Ergänzung der Lücke habe ich nicht finden 
können; als Kern des Satzes aber ergibt sich: owtö^cu }.n[yov 
jc£q\ rmv AvxovQ]yov vöficov,^) ...[.. Iv co xcä] rovg /qtj- 
öfiovg XtysL rovg öo9^tVTa[g avx<ö JitQi tcöj'] JiXdoxcüV. 

Die letzte Bemerkung ist die, um derentwillen Ephoros 
überhaupt von Pausanias redet: in seiner Schrift waren die 
Orakel mitgetheilt, auf denen die lykurgische Gesetzgebung 
beruhte, die authentischen Urkunden, welche Hellanikos' An- 
sicht widerlegten. Damit ist zugleich gesagt, dass dieselben 
vor Pausanias noch nicht publicirt waren, und dass Ephoros 
sie aus Pausanias entlehnt hat. 

Wir sehen, wie sich jetzt alles zusammenfügt. Wir be- 
greifen, wie Ephoros dazu gekommen ist, die Orakel des Lykurg 
mitzutheilen, die seinem kritischen Scharfsinne so wenig Ehre 
machen, und diese erscheinen nicht mehr als literarische Spie- 
lerei oder antiquarische Fälschung, sondern als Produkt einer 
politischen Bewegung mit sehr realen Tendenzen. Dadurch 
gewinnen sie trotz ihrer Trivialität für uns ein hohes Interesse; 
sie sind ein Versuch die Grundlagen der altererbten Staats- 
form und Lebensordnung in idealem Gewände zu codificiren 
und als göttliche Offenbarung hinzustellen, um dadurch die 
(Jegenwart zum rechten und gottwohlgefälligen Leben zurück- 
zuführen. Daher die Warnung vor der (fiXoxQr/fucria (K), da- 
lier die Betonung der Eintracht neben der Tai)ferkeit (C), da- 

1) Im folgenden ist vielleicht zu lesen: orroq rT/q exßa?.Xova[?]g 
oly.iuq. ]>ykur}^ war ja nach der schon zu Tansanias' Zeit herrschenden 
Ansicht Eiir\ ixmtidc. Dann würde er hier seinen entarteten Nachkoinnien 
(Agesilaos) gegenüber gestellt. 



236 

her die Ermahuuiig- zum Oebor^^am gegen die recht erzogeneu 
Führer (Bi. daher die Verpflichtung den Orakeln zu gehorchen, 
zu reden wie es sich geziemt und Gerechtigkeit zu üben unter 
einander wie g:egen die Fremden fD 1. 2. F 7). Sind das doch 
alles Dinge, au denen die Moderneu. Lysander und seine Ge- 
nossen, sieh tagtäglich versündigten. Im ^Mittelpunkt der Be- 
wegung, aus der die S]irüche hervorgegangen sind, steht König 
Tansanias, der gewiss an ihrer Abfassung direct oder indirect 
betheiligt gewesen ist. 

[Die Ausbildung der lykurgisehen Gesetzgebung in derl 
Form von Orakelsprüchen in der Absicht, damit politische Wir-i 
kungen zu erzielen, erinnert lebhaft an die Gesetzbücher der| 
Juden und der Perser. Auch hier tritt das Programm für die 
Zukunft, durch das die Gott wohlgefällige Ordnung hergestellt 
werden soll, auf in der Form einer göttlichen Offenbarung an 
den uralten Propheten; auch hier treten wie in Sparta ver- 
schiedene Strömungen und Redactionen hervor. Xur ist das 
Werk hier völlig durchgeführt und zu grösster historischer 
Wirkung gelangt, während man in Sparta historisch und poli- 
tisch nicht über die ersten Ansätze hinausgelaugt ist. Auch 
die Gesetzbücher des Numa, welche im Jahre 181 v. Chr. ans 
Tageslicht traten, in einer Zeit, da in Rom das Alte ins 
Schwanken gerieth und eine neue weiten Kreisen unheilvoll 
erscheinende Politik aufkam, haben gewiss ähnliche Tendenzen 
verfolgt: der Senat hat ihre Wirkung durch Verbrennung des 
apokryphen Machwerks vereitelt. Auch auf griechischem Boden 
fehlt es nicht an Analogien. Das ..Gesetzbuch des Zaleukos", 
von dem Diodor XII 20 f. einen Auszug bewahrt, berührt sich 
eng mit den lykurgischen Orakeln. Es beginnt mit religiös - 
politischen Speculationen. mit .der Ermahnung zur tvatßtia 
und (kyMioövvjj als den Grundlagen jeder guten Staatsordnung, 
und knüpft daran eine Reihe ethischer Bestimmungen. Nur 
fehlt hier die Anknüpfung an die Gottheit, und die politische 
Tendenz, die gewiss vorhanden war, ist für uns nicht mehr 
erkennbar. Noch augenfälliger ist die Analogie der ..Gesetze 
des Drakon". Dass die überraschenden Mittheilungen, welche 
Aristoteles pol. Ath. 4 über dieselben macht, nicht geschicht- 
lieh sein können, sondern Aristoteles sich durch ein apokryphes 
Product hat täuschen lassen, ist alsbald nach Auffindung der 



237 

Selirift von eleu verschiedensten Seiten ausgesproclieu worden, 
so dass ich die Beweise hier nur kurz zu skizziren brauche. 
Die wichtigsten sind: 1) Das Vorkommen der solouischen Classeu. 
2) Die Geklsätze in Minen und Drachmen für das Vermögen 
und die Strafen, während noch die solonische Ordnung das 
Vermögen nach dem Ertrage schätzt und Solon vielleicht noch 
Strafen in Vieh angesetzt hat (Plut. Sol. 23). Man hat ange- 
nommen, die drakontischen Sätze seien später in Geld umge- 
rechnet worden; aber wie wäre das bei diesen ephemeren Be- 
stimmungen denkbar, wenn selbst die Sätze für die solouischen 
Classeu. die doch noch im vierten Jahrhundert zu Recht be- 
standen, niemals in Geld umgesetzt sind? 3) Solon reservirt die 
Bekleidung der höheren Aemter den Pentakosiomedimnen, die 
übrigen politischen Rechte [ausser der Theilnahme au Volks- 
^ ersammlung und Gericht] den drei ersten Classeu. Drakon 
berücksichtigt für seine Staatsordnung diese Classeu, die doch 
unter ihm existirt haben sollen, garnicht. sondern verlangt für 
die Archonten und Sehatzmeister ein Vermögen von 10. für die 
Strategen und Hipparchen eins von 100 Minen, die niedrigen 
Aemter lässt er Ix tcLv ojiXa jtaQtyontvcov besetzen. Das setzt 
die Zustände des capitalistisch entwickelten Staats der peri- 
kleischen Zeit und des vierten Jahrhunderts voraus, wo die 
solouischen Classeu als eine praktisch bedeutungslose Anti- 
quität') fortbestanden auch noch als durch die Schätzung unter 
Kausinikos und die Symmorien das Steuerwesen auf ganz andere 
Grundlagen gestellt war, ist aber absurd für das siebente Jahr- 
hundert. 4) Auch der vorsolonische Rath der 400 oder viel- 
mehr 401 gibt zu starken Bedenken Anlass. 5) Völlig durch- 
schlagend ist die Thatsache, dass die Strategen (und Hipparehen) 
als die ersten Beamten erscheinen, für die zehnmal mehr Ver- 
mögen verlangt wird als für die Archonten. Dieser Zustand 
besteht in Athen seit den Reformen von 487 und 457. durch 
die das Archontat alle politische Bedeutung verloren hat, ist 
aber undenkbar im siebenten Jahrhundert, wo der Arehon noch 
im Volllx'sit/ der ki»niglichen Machtlx'funiiisse war and die 



1) z. 15. pol. Ath. 7, 4 (Si(> y.ai rvv ineidav tQtjTUi r/u- itt/./.orTu 
y.hlQovol^ui xtv f'.o/J,y, nolnr tI/ak re'/.H, oi'ii' ur i-ig thoi UrjTixöv. 
c. 2(), 3. -17, 1. 



238 

Strategen, wenn sie überhaupt scliuu existirteu, Uutergebeue 
des Obercommandanten, des Polemarchen, waren. 

Aristoteles' Erzählung- ist denn auch von seinen Nachfol- 
gern sofort als unhaltbar erkannt worden. Die eigene Schule 
hat sie fallen lassen; nur so kann jetzt die Bemerkung in dem 
Anhang zum zweiten Buch der Politik verstanden werden (9, 9): 
jQaxoi'Tog öh vöfwi f/h' tlö'i, jtoXnsia d vjiagyovo}] rovc v6- 
fiovg 8ß-rjy.£. Die Späteren wissen von der drakontischen Ver- 
fassung nichts mehr. Bei Plutarch Solon 19 wird die Frage, 
ob zu Drakons Zeit der Areopag bestand, eingehend discutirt; 
von Aristoteles' Bericht, der ihn nennt, ist nicht die Rede. 
Also haben schon Plutarchs Gewährsmänner Aristoteles' Bericht 
entweder nicht mehr gekannt oder als unhaltbar nicht in die 
Discussion gezogen. Die Stelle ist zugleich nicht der einzige] 
aber der zwingendste Beweis dafür, dass Plutarch die Schrift: 
j des Aristoteles nicht benutzt hat, sondern nur aus zweiter . 
I Hand kennt. 

Aristoteles' Erzählung über Drakon ist eine Einlage in 
seinem Hau])tbericht — leider sind dadurch authentische Nach- 
richten über Drakons Rechtsordnung, die in der Quelle gewiss 
standen,!) verdrängt worden. Die Erzählung über Solon weiss 
von der Verfassung Drakons, die ja auch mit Solons Ordnungen 
im schärfsten Widerspruch steht, nichts mehr. Die Dissonanz 
hat Aristoteles gefühlt; mit einer verlegenen Wendung gleitet 
er darüber hinweg: c. 7 Solon rifjrjfiara öitlltv de, xhxaQa 
xilT], xai9djctQ diijQyj^ro xal jigöxtgov.'^) Dass er damit 
einen absoluten Widerspruch ausspricht, hat er nicht empfunden. 
Einen zu schweren Vorwurf darf man ihm daraus nicht machen; 
nicht nur in populären Broschüren, sondern auch in streng wissen- 
schaftlichen Geschichtswerken von der ältesten bis zur neuesten 
Zeit finden sich derartige missglückte Compromisse oft genug. — 
Wer Aristoteles' Quelle war, wird sich nicht ermitteln lassen. 
Möglicherweise eine Atthis, freilich nicht die, der er vorwiegend 
folgte; vielleicht aber auch eine selbständige Schrift. In Bro- 

1) Aristoteles erwäbnt sie nur bei ihrer Aufhebung c. 7 rolq 61 Jqü- 
xovxoQ xfeGfxoIq bTcavouvxo /qüjixevol nlrjv zdJv (povtxüJv. In der Quelle 
muss darüber mehr berichtet sein. 

2) ebenso sagt er c. 8, 4 ganz ruhig ßovlrjv d' inoirjos xfXQaxooiovq. 
Dass dieser Rath schon unter Drakon bestand, wird einfach ignorirt. 



239 

sehüreu uaeh Art des Areopagitikos und Panatlienaikos des 
Isokrates liesse sich eine derartige Ausführung sehr gut denken. 
Ihre Tendenz aber ist völlig klar: es gilt ein Idealbild einer 
Verfassung zu entwerfen, welche die corrupte attische Demo- 
kratie ersetzen soll und deshalb älter sein muss als der Vater 
der Demokratie. Da bot sich Drakons Gestalt als Gegenbild 
zu Solon ganz von selbst.') Dass dies Idealbild im Zusammen- 
hang steht mit den Versuchen, die radicale Demokratie zu 
stürzen, mit Bestrebungen wie sie 411, 404, 322 zum Siege 
gelangten und in der Zwischenzeit niemals völlig verschwan- 
den, ist evident; dass Aristoteles, dessen Gesinnungen es so 
völlig entsprach, sich dadurch täuschen liess, ist sehr be- 
greiflich.] 

[Von den theils zustimmenden, theils polemischen Be- 
sprechungen, welche sich an meinen Aufsatz angeschlossen 
haben, erfordern die leider bisher nur auszugsweise vorliegen- 
den Ausführungen Thiehers^) eine eingehendere Berücksichti- 
gung. Während er im übrigen dem Kern meiner Ausführungen 
zustimmt und auf die völlig richtige Thatsache hinweist, dass 
die Abstracta, die in den Orakeln vorkommen „Worte wie 
kXsvdtQia, öovXda, ofiovoia, alle jungen Ursprungs sind",'0 
bestreitet er die Zurückführung auf Pausanias und setzt an 
seine Stelle den Hippias von Elis. In seinen Olympioniken 
habe derselbe die Gründung der olympischen Spiele durch 
Lykurg und Iphitos vorgetragen; auf ihn gehen die Orakel 
zurück, welche in die Geschichte der Spiele bei Phlegon und 
Eusebios (Africanus) verwoben sind; er habe bei dieser Ge- 
legenheit auch von Lykurgs Gesetzgebung gesprochen und die 
Orakel verfertigt, deren 'J'eudenz im übrigen nicht bestritten 
wird. 

1) .Mail könnte sicli sehr ^nit (k'iike'ii, dass das Idealbild, welches 
Isiikrates von den Zuständen der attischen Köni^-szeit entwirft, in gleiclier 
Weise zu einem vollständit:;eu Verfassuugseutwurf ausgemalt worden wäre. 

•2) Berichte des freien Deutschen Hochstifts, 18S9 Heft 2, .'^. Abth. 
fiir Sprachwissenschaft S. 133 ff. 

:<) Seine Angabe, ö/invoiu sei sonst vor Plato nicht nachweisbar, 
ist, wie er mir mittheilt, nicht richtig. Es findet sich schon bei Thuk. 
VIII 75. 93 und bei Lysias. 



240 

Von Hippias wissen wir, dass er der erste war, der die 
I Olympionikenliste behandelt hat.i) und dabei wird er natürlich 
auch über die Einsetzung der Spiele gesprochen haben. Anderer- 
,seits stand er zu Sparta in nahen Beziehungen; vielfach ist er 
in wichtigen Angelegenheiten als eliseher Gesandter nach Sparta 
gegangen (Plato Hipp. mal. 281). Hier hat er, wie. bekannt, 
auch Vorträge über die Urgeschichte gehalten, die bei den 
Spartanern lebhaften Anklang fanden (jt^qI tojv ysrcöv tojv ts 
ijQCOCOV xid TOJV av&QCOjro}}' xai reo)' xazoixiotcov, cog ro ctQ- 
yaiüv ixTiOi^/^öav al jtoXtig, xcu ov/J..i],^df]i' jcdöfjg rrjc. UQyaio- 
Xoyiac: rjÖLOra axQorövrcu , cöox '^ycoyt 61' avrovg ?jvccyxa<jfxai 
£X[i£fia&^?]xtraL n xal txfaiahjTfjXii'ai jxärTa ra xoiavTa-) 
ib. 285). Es wäre also sehr wohl möglich, dass Hi}»pias das 
historische Verhältniss zwischen Elis und Sparta in die Urzeit 
projicirt und die olympischen Spiele als das gemeinsame Werk 
des Iphitos und Lykurgos dargestellt hätte — wenn nur irgend 
ein Beweis dafür vorhanden wäre. Aber das Gegentheil ist 
der Fall; denn noch Ephoros weiss nichts von einer Einsetzung 
der Spiele durch Iphitos und Lykurg, sondern führt sie ledig-- 
lich auf Ip hitos zu rück (Str abo VIII 3, 33). Erst Aristoteles 



1) Pliit. Numa 1. Plutarch bespricht das Verliältuiss Niimas zu Py- 
thag'oras und die vielfach vorgebrachte Vermuthuug, der Lehrer Numas 
sei der Lakoue Pythagoras, der in der Iti. Ol. im Stadion siegte. Er hat 
hier wie sonst wenig Neigung sich auf chronologische Fragen einzulassen 
und behauptet daher tov: f.ilv ovv /QÖvovg iiaxQißojoai /aXtnöv iari, 
xal fxähoxa rovg ix tüjv 'Okv/uTCiovixwv dvayofxevovc, wv ttjv a.vayQa(prjv 
Olpe (puGi '^Innittv ixöovvai xbv 'H?.elov an ovösvbq oQ^<v(.ievov avayxalov 
TiQOQ niaiiv. Der Zweifel richtet sich hier nicht sowohl gegen Hippias 
wie gegen die Glaubwürdigkeit der Olympionikenliste und hat lediglich 
den Werth einer Yerlegenheitsphrase; mit Unrecht hat Trieber darauf 
Gewicht gelegt. 

2) Trieber meint „dass die Wissbegierde der Spartaner von Piaton 
nur ironisch gemeint sein kann, dürfte niemandem entgehen". Ich bin 
dieser Niemand; im Gegentheil, die Angabe ist durchaus ernst gemeint 
und völlig correct. Von sophistischen Vorträgen wollten die Spartaner 
nichts wissen, aber an der Sagengeschichte, wie sie die genealogischen 
Dichter und die Logographen behandelten, hatten sie natürlich sehr leb- 
haftes Interesse. Das ist ja die Literatur des Adels. — Sehr mit Unrecht 
hat NiTZSCH Herodots Quellen der Perserkriege Rhein. Mus. XXVII lb72 
S. 231 die Stelle auch auf Vorträge über geschichtliche Ereignisse, z. B. über 
die Perserkriege, bezogen. 



241 

schreibt nicht etwa die Einrichtimg der Spiele, sondern spe- 
ciell die Einsetzung- der Ekecheirie dem Iphitos und Lykurgos 
gemeinsam zu. nicht auf Grund einer Tradition oder der Berichte 
des Hippias, sondern weil die Diskosinschrift den Namen Ly- 
kurgs nannte (Plut. Lyk. 1), und erst durch ihn ist diese That- 
sache in die Literatur eingeführt. Das hat Tkiebek verkannt, 
nach dem schon Ephoros von Lykurgs Verbindung mit Iphitos 
erzählt hätte. 

Nicht anders ist es auch um die Orakelsprüche bestellt. 
Dass Hippias die Einrichtungen der Spiele und die Anerken- 
nung des Gottesfriedens im Peloponnes auf den Rath des del- 
phischen Gottes zurückführte, ist sehr möglich; und die Orakel, 
welche bei Phlegon und Eusebius erhalten sind, stammen jeden- 
falls aus derselben Zeit und zeigen die gleiche Mache wie die 
Lykurgorakel und die zahlreichen Orakel über Coloniegrün- 
dungen ') und die über die messenischen Kriege, welche Ephoros 
aufgenommen hat. Aber von Hippias können die den Eliern 
gegebenen Sprüche nicht stammen; denn sie zeigen antisparta- 
nische Tendenzen. Als die Spartaner bald nach Ol. 1 Helos 
belagern und die Elier anfragen, ob sie ihnen helfen sollten, 
verweist sie der Gott zur Ruhe: 

T/yy avrmv (>u£öt9f jtäxQar, jtoXtfiov Ö' «jrt/£ö{/-f, 
xoivodixov (f:iXbjg r/yovfiivoi ^EIXi'iveöOlv, 
eOT av xtVTasTTjg sX&i;i (piXöfpgmv kviavroq. '^) 

1) die allerdings zum Theil älter sind. 

2) Damit verbindet Trieber den bisher ganz unverständlich geblie- 
benen Spruch an die Könige Charilaos und Archelaos, den Oinomaos bei 
Euseb. praep. ev. V .32 bewahrt hat 

H XEv inixTrjTov fzoiQtjg küxog linökXüJvi 
Tj/^iov öäaawvtai, noXv ktöiov taastai avroig. 
Trieber meint, hier sei von der Eroberung von Helos die Rede, die vom 
Gott gemissbilligt werde. Allerdings setzt das den Eleern gegebene 
Orakel den Krieg gegen Helos nach 01.1. Aber dass es von Cliarilaos 
und Archelaos erobert sei, wird nirgends berichtet. Die ältere Ueberliefe- 
rung, der Ephoros folgt (Strabo Vlll 5, 4), setzt die Einnahme von Helos 
untere Agis, die jüngere bei l'ausan. III 2, 7 unter Alkamenes, der nach 
der alexandrinischen Chronologie zur Zeit von Ol. 1 regierte. Dagegen 
fällt eben nach Tansanias III 2, 5. 7, 3 unter Archelaos und Charilaos die 
Eroberung der Aigytis und der unglückliche Krieg gegen Tegea, wo die 
Siiartaner, durch das bei Herodot I (iti mitgetheilte Orakel getäuscht, das 
zu erobernde Land auftheileu wollen, aber schmählich geschlagen werden. 

Mey«r, Forschungen zur Alten Goscliichle. 1. J(J 



242 

Das stimmt in der Teucleuz g-anz gut zu der Darstellung-, die 
Eplioros von der älteren Geseliiclite von Elis gab.') wenn auch 
nicht zu seinem Ansatz der Eroberung- von Helos unter Ag-is. 
aber unmöglich kann der S])artanerfreuud Hi])pias eine der- 
artige Tendenz verfolgt haben. 

Ebenso steht es mit der Annahme, Hippias sei der Autor 
der Lykurg-Orakel. Wir wissen, dass Hi])pias behauptete Av- 
xovQyov jToXtfiiy.cöraTOi' jevtCfhai xal jiolXdw tfjjreiQor orga- 
TEicöi' (Plut. Lyc. 23). Das ist der alte Lykurg, der bei He- 
rodot erkennbar ist, wo die Ordnung des Heerwesens sein 
! wichtigstes Werk ist, aber nicht der philosophische Gesetzgeber 
ider Orakel. Hippias steht auf Seiten des officiellen Spartas, 
nicht auf Seiten der Reformpartei. 

Somit wird es also doch beim König- Pausanias bleiben. 

Und ich sehe nicht, wie man Ephoros' Zeugniss in der Art, 

wie es Trieber thut, bei Seite schieben kann: „Zudem besagen 

jene Worte des Ephoros nur das eine, dass Pausanias in seinem 

Werke jene unechten Orakel verwerthet habe. Demnach fand 

ler sie schon vor". Ephoros beruft sich, um die Eealität der 

'lykurgischen Gesetzgebung zu erweisen — und das ist, was 

nicht g:enug betont werden kann, der einzige positive 

[Beweis, den er beibringt — auf die Schrift des Pausanias, 

|in der die Orakel mitgetheilt seien. Wie können dieselben 

also^schon vor Pausanias in einer anderen Schrift publicirt sein? 

Mit Recht sagt Trieber, Pausanias als Agiade könne nicht 
den Lykurg zum Eurypontiden gemacht haben. Das habe ich 
aber auch nicht behauptet; vielmehr folgt Pausanias hierin nur 
der zu seiner Zeit herrschenden Meinung. Schon bei Simonides 
(unten S. 276) ist Lykurg- ein Eurypontide. Derselbe Stamm- 
baum, den Ei)horos gibt, hat bereits seinem älteren Zeitgenossen 



Ebeu diese verunglückte Expedition wird in dem Oralcel bei Oiuomaos 
gemeint sein: ^wenu sie die Hälfte des eroberten Landes dem Apollo zu- 
theilten, wird es ihnen besser gehen". 

1) Eher mag die in die Zeit nach Pheidon gesetzte Verbindung 
zwischen Sparta und Elis (Strabo VIII 3, :*3. Diod. Villi) und die Be- 
hauptung, Elis sei als heiliges Land anerkannt und daher von der Ver- 
pflichtung zur Theilnahme an Kriegen (auch am Perserkrieg!) entbunden, 
auf Hippias zurückgehen. Eine derartige Stellung mochte ein spartaner- 
freundlicher elischer Patriot nach dem peloponnesischen Kriege für seine 
Heimath erstreben. 



243 

Dieuehidas von Megara vorgelegen (Plut. Lye. 1). denn dieser 
hat nielit etwa den später reeipirten Stammbaum erfunden, 
sondern ihn durch den Zusatz erweitert. Polydektes sei der 
Sohn des Eunomos aus erster Ehe, Lykurg aus zweiter Ehe, 
mit Diouassa. gewesen.') Ephoros sagt daher ausdrücklich: 
AvxoiQyov ofio/.oytlOi)^ai tcciqu jtävrcov (das ist allerdings 
nicht richtig) txTor djro IJQoy.Xtovz ytyovtvca (Strabo X 4. 18). 
Also ist Thiehek's Behauptung. Ephoros ..gebe die Genealogie 
des Lykurg in einer so eigenthümlichen. von allen seinen Vor- 
gängern abweichenden Form . . ., dass derjenige, bei dem sich 
dieselbe auffällige Bezeichnung der Abstammung und viel- 
leicht gar dasselbe Zusammenwirken mit Iphitos nachweisen 
Hesse, unbedingt der Gewährsmann des Ephoros sein mtisste". 
nicht richtig, und die Annahme, dieser Stammbaum sei von 
Hippias erfunden, schwebt vollends in der Luft. Sie wird da- 
mit begründet, dass derselbe Stammbaum sich in der Geschichte 
der olympischen Spiele bei Eusebius angedeutet findet (Phlegon 
gibt den Stammbaum des Simonides). Aber die Annahme, dass 
diese aus Hippias stamme, ist. wie wir gesehen haben, un- 
haltbar; höchstens ihre Urwurzeln gehen auf Hippias zurück. 

Im übrigen hebe ich noch hervor, dass ich nicht behaup- 
tet habe. Tansanias selbst habe die Orakel verfasst. Ich halte 
das ka um für wahrscheinlich; derartige Dinge pflegen Könige 
und Staatsmänner selten zu verfassen, wohl aber zu benutzen.'^) 
Und dass die Lykurgorakel in ihrer Tendenz genau mit den 
politischen Zielen des Königs Pausanias übereinstimmen, in 
dessen Zeit sie entstanden, in dessen Schrift sie veröffentlicht 
sind, wird, wer die damaligen Verhältnisse Spartas sich wirk- 

1) Das ist der Grund, weshalb Dieuchidas bei Phit. Lyc. 1 citirt 
wird, nicht etAva als Autorität für den Stauimbaum im allgemeiueu. Plu- 
tarch gibt die Genealogie des Simonides und fährt dann fort: oi 7i).hotoi 
oyjöuv ov'i oiTü) yerealoyovoiv, dV.u ÜQOxkiovq (xlv yevead-ai ^wov . . . 
Evvönov 6h Ilo?.v6ti<TTjv ix TCQOxiQu:; yvvaixog, AvxovQynv 6t vecüre^ov 
ix JiujväaGTjc, wq diev[Tv\/i6aQ laxujQrjxsv. Der Schluss hxxov /utv dnu 
nQOx).eovg. ty6ixaTov 6' (}.(f'^H()ux).iovq (= Ephoros) gehört nicht mehr 
dem Dieuchidas siieciell, sondern der reeipirten Genealogie im allge- 
meinen an. 

2) Dass aucli die Distichen (V) von Pausanias niitgetlieilt waren, ist 
möglich , aber durchaus nicht nothwendig. .Jedenfalls entspricht seinen 
Tendenzen die ältere plutarchische Fassung, nicht die diodorische. 

16* 



244 

lieh lebendig o:emaeht hat. nicht bestreiten können. Das ist 
im folgenden genauer darzulegen. — 

Schliesslich verdanke ich einer mündlichen Mittheilung 
Trieber"s den Hinweis darauf, dass die Art. wie Lysander 
seine Umstur7.})läne durchzusetzen versuchte, welche die Be- 
seitigung der Ijeiden Königshäuser und die Erwählung der 
Könige aus allen Herakliden. oder nach anderen aus allen 
Sjjartiaten. erstrebten, das genaue Gegenstück zu unseren Ly- 
kurgorakeln bietet. Nach Ephoros' Bericht, der uns ausführ- 
lich erhalten ist^) liess er sich zuerst eine Rede von Kleon 
von Halikarnass ausarbeiten, versuchte dann die Orakel von 
Delphi. Dodona, Ammonion zu seinem Zwecke zu benutzen, 
und trieb schliesslich einen angeblichen Sohn Apollos Namens 
Silenos auf, dem nach einem von Lysander in Umlauf ge- 
setzten Orakelspruch das Recht zustehen sollte, die iv '/Qa^i- 
fiaoiv ujioQQriTOiQ bewahrten naiiüia/.aioL '/qjiOuo'i zu unter- 
suchen. Unter diese hatte Lysander einen Spruch einge- 
schwärzt coq, aiitLvov eh] xal Icoiov ^jtaQTLÜxaig tx rcöv aQL- 
OTcov jioXirmv aiQovf/tvoig rovc ßaoi/.tag. Man sieht wie stark 
damals mit Orakelsprüchen operirt wurde. Dass die Gegen- 
partei dasselbe Mittel benutzte, ist nur natürlich. Schliesslich 
versagten Lysanders Werkzeuge und die ganze weit angelegte , 
Maschinerie führte nicht zum Ziel.] 



IL Der Ursprung des Ephorats und die lykurgische 
Laudauftheilung. 

Ueber die politische Stellung des Königs Tansanias haben 
wir. abgesehen von dem was sich aus seinem Verhalten im 
Jahre 403 ergibt', zwei sehr werthvoUe Angaben in Aristoteles' 
Politik. IV 13. 13 heisst es. die Lakonen werfen ihm vor, er 
habe sich, nicht zufrieden damit, dass er König war. auch 
zum Herrscher über Sparta machen wollen; und VIII 1. 5. er 
habe die Ephoren stürzen wollen wie Lysander das König- 
thum. Beide Angaben decken sich offenbar: eben durch den 
Sturz des übermächtig gewordenen Ephorats wollte er die alte 



1) Plut. Lys. 25 f. 30, vgl. 20 fin. Diod. XIV 1.3. Xepos Lys. 3. 



245 

Maelitstelhmg des König-thums wieder gewinnen. Den bisher 
entwickelten Tendenzen widerspricht das keineswegs: sind 
doch die Ephoren die Leiter der modernen Politik, und über- 
dies der Bestechung- und dem Luxus zugänglich, i) 

Daher ist denn auch in den Sprüchen vom Ephorat nir- { 
Igends mit einer Silbe die Rede, während der Gehorsam gegen 
das Königthum und die Geronten {jigto^h^ytrHc) besonders ein- 
geschäft wird (B. F 3 — 5). Denn auch die Geronten sind durch 
das Ephorat aus ihrem Ansehen verdrängt (vgl. Xenophons 
Schilderung der Macht der Ephoren und Aristoteles' Bemer- 
kungen über die Geronten); der König mochte daher hoffen 
im Rathe der Alten eine Stütze für seine Pläne zu finden. 
Auch in Orakel D w^ird befohlen die Geronten zu ehren, wäh- 
rend anstatt der Könige ihr mythischer Vorgänger Menelaos, 
der neben der Helena in Therapne als Gott verehrt wird (Isokr. 
Hei. 63). und ihre Schutgötter, die Tyndariden. erscheinen. 
Denn das ist die Bedeutung der Dioskuren im sparta- 
nischen Staat, wie Herodot ausdrücklich berichtet (V75):! 
mit jedem der beiden Könige zieht einer der beiden Zwillings- 1 
götter ins Feld.^) 

Wenn es gewiss nicht Zufall ist, dass an diesen Stellen 



1) Arist. pol. II 6, 14 noX'/Mxiq ifininrovoiv avii^QüjnoL o<p66Qa nt- 
vtjzeg eiq x6 uQ/flov (das Ephorat), o'i 6ia rtjv unogiav üivioi ^aav. iötj- 
/.loaav öl Tio/.}.üxu fitv xal tcqoxsqov (also jedenfalls znr Zeit des Pau- 
sanias), y-ui viv 6i etc. — Ferner II ti, Ui tart 61 y.ul >/ diuixa t(üv i(fö- 
üujv . . . dvft/xevt] )Uav. 

2) Ich halte es für evident, dass die Dioskuren aus dem spartani- 
schen Doppelkünigthum erwachsen und lediglich sein Abbild in der C4ötter- 
welt sind. Die Mythen, weldie an sie anknüpfen, sind secundärer Natur; 
es sind Deutungen, nicht Voraussetzungen des Cultus. — Bei Homer er- 
scheinen sie nur an den vcriiältnissmässig reclit späten Stellen /'2.'i7. X .'500. 
[Ich würde das jetzt etwas anders fassen: die seit uralter Zeit in Sparta 
verehrten Zwillingsgütter sind durch die Dorer in Schutzgütter des Doppel- 
künigthums umgewandelt. Dass der schon / 301 erwähnte Mythus von 
ihrem abwechselnden Leben und Sterben {dl xal vi^d^tv yTJg ziu7)v ngog 
Zijvoi fryovxtq aX/.oxe f/tv 'C,cüova' lxtfjf'j/uf()oi, ukXoxe <)' avxe xsS^väatv, 
xifiiiv dt y.fXöy/ucti ioa i^tolaiv) daraus erwachsen i.st und garkeine phy- 
sisclie Bedeutung hat, ist klar: offenbar hat in Sparta ebenso wie bei den 
riimisclien ("onsuln ursprünglifh , so lange beide Könige zusammen aus- 
zogen, das (.'ommaiido tagtiiglich gewechselt, und das ist denn auf die 
Scliutzgötter übertragen. I 



246 

vun den Epliurcn vuUstäudig gescliwieg-eu wird, su wird damit 
die WandeluDg zusammenliängen. welche sieh eben in der Zeit 
des Pausanias iu den Anschauungen über den Ursprung des 
Ephorats vollzieht. Bei Herodot sind die Ephoren so gut von 
Lykurg eingesetzt wie die Geronten und überhaupt alle anderen 
Institutionen mit Ausnahme des Königthums. das naturgemäss 
über den Ursprung der Verfassung hinaufragt. Ebenso führt 
Isokrates Panath. 153 die Ephoren (das sind die aQya\ aiQtxal) 
auf Lykurg zurück. Vereinzelt findet sich das noch in spä- 
terer Zeit, so bei lustin. III 3: Lycurgus ref/ihus potestatem 
bellorum, maglstratihus (das sind die Ephoren i iudicia et annuos 
suecessores, senatui (den Geronten) custodiam legum, populo 
sublegendi senatum vel creandi quos vellet magistratus (auch 
Aristoteles bezeugt, dass die Ephoren vom Volke tj u.-iävrcov 
gewählt werden) potestatem permisit. Auch Satyros (bei Diog. 
Laert. I 68j hat die Ephoren auf Lykurg zurückgeführt. 

Dagegen uach^Plato de legg. III 692 A hat Lykurg dem 
Königthum nur die Geronten beigeordnet, ein Späterer (rgizog 
qcoTrjQ) die Ephoren hinzugefügt. Einen Namen nennt Plato 
nicht, doch hat er an derselben Stelle auch Lykurg nicht mit 
Namen genannt, so dass es wohl nicht zweifelhaft ist, dass er 
denselben meint, den alle Späteren') nennen, nämlich Krjnig 
Theopomp. Die Massregel wird als eine heilsame Mässigung 
der absoluten Königsgewalt betrachtet, durch die dem König- 
thum zwar ein Theil seiner Macht geraubt, aber eben da- 
durch lange Dauer verliehen wird — eine Auffassung, die 
schon Plato ausspricht, während sie sonst mehrfach im Ge- 
wände einer Anekdote erscheint: die Frau des Theopomp 
habe ihn gefragt, ob er sich nicht schäme, das Königthum 
seinen Söhnen in geschmälerterer Gestalt zu hinterlassen, als 
er es von seinem Vater erhalten habe, er aber habe geant- 
wortet: nein, denn ich lasse es ihnen dauerhafter. 2) Nach den 



1) Denn Sosikrates bei Diog. Laert. I 68 xui tiowtov i(fOQov '/tvb-\ 
\G9^ai (Xeü.covu) ini EvS^vÖrj^ov, d.i. 556,5 v.Chr.. sagt nicht, wie Dio- 

! genes und O.Müller Dorier II 108 die Stelle auffassen, er sei der erste,! 
I sondern er sei in diesem Jahre zum ersten Male Ephor gewesen. 

2) Aristot. pol. VIII 9. 1. Plut. Lyc. 7. Val. Max. IV 1 ext. S in fast 
gleichlautender Fassung. Plutarch im Lykurg nimmt auf Angaben der 
aristotelischen Politik auch sonst Eücksicht (c. 14 ^ pol. II G, 8), doch ver- 



247 

alexaudrinisc'hen Clironülogen Eratostheues, ApoUodor und ihren 
Nachfolgern ist das Ephorat Ol. 6, 2 = 755/4 1) eingesetzt. DasI 
Datum ist unzweifelhaft historiseh, d.h. die Ephorenliste. welche! 
den Alexandrinern vorlag- und welche schon Timaeos zu chrono- 
logischen Zwecken herangezogen hatte (Polyb. XTI 11), begann i 
mit diesem Jahre. Denn die Angabe des Eusebius (Anm. 1), 
dass mit Alkamenes das Königthum in Sparta aufgehört habe, 
besagt, in* die Auffassung seiner Quelle zurückübersetzt, nichts 
anderes, als dass es von jetzt an nicht mehr nöthig war in 
der spartanischen Chronologie nach den immer unsicheren 
Königsjahreu zu rechnen, sondern die Liste der jährlich wech- 
selnden und darum chronologisch weit werthvolleren Ephoren 
an ihre Stelle treten konnte.2) Auch hat es ja nichts auf- 
fallendes, dass man damals, zwanzig Jahre nach dem Beginn 
der Olympionikenliste, anling die Namen der eponymen Be- 



muthlicli nur scheinbar, weil sie auch in der von ihm vielbenutzten tioXi- 
Tfiu Aaxfdaiunviojv gestanden haben werden. — Cic. de rep. II 59. de 
les:. III Ifi, bei dem wir ja Angaben der Peripatetiker erwarten dürfen, 
erwähnt gleichfalls die spätere Einsetzung der Ephoren und vergleicht sie 
mit den Tribunen, worin ihm Val. Max. folgt. 

1) Die Handschriften des Eusebius und Hierouymus geben allerdings 
Ol. ö, 3 oder 4 (welches Datum der cod. K gibt, ist aus Schöne's Bemer- 
kungen I p. 127 leider nicht zu ersehen); aber zwei von einander ganz 
unabhängige Zeugnisse führen übereinstimmend auf das oben gegebene 
Datum. P'iumal sagt Plut. Lyc. 7, die Einsetzung der Ephoren durch 
Theopomp falle treoi nov fiäf.tara TQiäxovTa xal ixcaov /.itTu Av- 
xovQyov, d. i. da Lykurg von Eratosthenes und Apollodor ins Jahr 8S5/4 
gesetzt wird, ins Jahr 7.5.5,4. Zweitens bemerkt Eusebius bei 01.1, wo 
in Folge der heillosen Verwirrung seiner lakonischen Köuigsliste die Re- 
gierung des Alkamenes zu Ende geht (ebenso Hieron. bei der Einsetzung 
der Ephoren und die exe. I.arbari in der Künigsliste p. 42 a. b), die sparta- 
nischen Könige hätten 35U Jahre regiert, das wäre von der dorischen 
Wanderung 1104/3 wieder bis 755,4. 

2) [Das hat Gelzer Africanus I 142 übersehen. Er meint man liabe 
die spartanischen Königslisten mit dem Beginn der Olympiadenrechnung 
abgebroclien. I)as wäre ein sehr unverständiges Verfahren gewesen, da 
zwischen den Olympiaden und der spartanischen Chronologie keine Ijezie- 
hungen vorlagen. Dagegen konnte man die Ephorenliste mit den attischen 
Archonten und den Olympioniken gleichen, wie das schon Timaeos ge- 
than hat. Ich kann daher den chronologischen Folgerungen Gelzer's so 
wenig zustimmen, wie denen Busoi/r's Griech. Gesch. I 14G, (i.] 



248 

amten ') aufzuzeichnen. Aber dat^s damals die Eplioren zuerst 
eingesetzt seien, folgt daraus noch nicht; sie können schon 
Jahrhunderte bestanden haben, ehe man ihre Namen aufzu- 
zeichnen beg;ann. Nach der alexandrinischen Chronologie stimmt 
das Jahr 755/4 vortrefflich zu der Einsetzung der Ephoren 
durch Theopomp; nach Apollodor (Diodor bei Euseb. I 223) 
fällt die erste Olympienfeier ins zehnte Jahr Theopomps, 775 4 
ist also sein 31. Jahr. In Wirklichkeit folgt eben daraus, dass 
[die Ephoren nicht von Theopomp eingesetzt sein können, da 
dieser frühestens erst etwa zwanzig Jahre später, um 735 v. Chr., 
zur Regierung kam 2) — für den viel zu hohen Ansatz seines 
Regierungsantritts ist vielleicht auch die Ephorenliste von 
. Einfluss gewesen. 

[Auch Xenophon steht nicht mehr auf dem naiven Stand- 
punkt Herodots, sondern kennt die neue Auffassung Lykurgs. 
Die Angabe, dass er seine Gesetze durch den delphischen Gott 
habe sanctioniren lassen, hat er recipirt {Ye\\ Lac. 8, 5), die An- 
sicht von dem secundären Ursprueg des Ephorats dagegen ver- 
worfen. Seine Ausdrücke zeigen aber deutlich, dass die Frage 
damals vielfach discutirt wurde: tlxoc öe yuä Tf)v rtjq Icpo- 
Qeiaq övvufiiv rovg avrovg tovtovq (die Genossen des Lykurg) 
övyxaraoxevaöai, ajieiJceQ tyvcoöav to xsid-fOi^-aL ftsyiorop cr/a- 
d-or tivca xal sv JtoXei xal kv örgccTiä xal iv otxco. „Es ist 
wahrscheinlich (oder begreiflich), dass Lykurg und seine Ge- 
nossen die Ephorenmacht begründet haben"' — so würde er 
nicht reden, wenn die Einsetzung der Ephoren durch Lykurg 
unbestrittene Ueberlieferung wäre. In der Motivirung stellt er 
sie, die den Gegnern als Usurpatoren gelten, als die rechten 
Zuchtmeister Spartas, als die wichtigsten Träger der lykur- 
gischen Ordnung hin. IIb ist das für Xenophon sehr charakte- 
ristisch. Seine Schrift trägt ja einen gewissermassen officiellen 

1) Im fünften Jahrhundert wird bei den Schriftstellern wie in den 
Urkunden (Inscr. Gr. Ant. 83 ff.) bekanntlich nach den Ephoren datirt. 
Freilich haben wir noch im sechsten Jahrhundert für Cheilons Ephorat 
verschiedene Ansätze: doch hat wenigstens Sosikrates ein ganz bestimm- 
tes Jahr genannt, Ol. 56, 1, das auch von der Pamphlla adoptirt ist (Diog. 
Laert. I 68) und sich bei Hieronymus wenigstens in den cod. M und A 
findet — die anderen Handschriften geben abweichende Daten. 

2) Seine Zeit ist durch den ersten messenischen Krieg bestimmt. Im 
übrigen vgl. oben S. 171. 180 ff. 



249 

Charakter, sie verherrlicht alle spartanischen Institutionen und 
stellt sie vom Standpunkt des Agesilaos aus dar, nicht von 
dem der Eeformpartei. Nur die Aussehreitun2:en der letzten 
Jahrzehnte nach dem peloponnesiseheu Kriege und dem Antal- 
kidasfrieden kann er nicht mehr ganz billigen (c. 14 „wenn 
man mich fragt, ob Lykurgs Gesetze noch jetzt unverändert 
bestehen, toiro fta AI' ovx av In {^Qaoäa)^ s'iJioifii") — 
denn die Wagschale beginnt sich zu Ungunsten Spartas zu 
senken, und wenn irgendjemand, so ist Xenophon ein durchaus 
naiver und gläubiger Anbeter des Erfolgs. Zugleich aber ge-j 
winuen wir durch Xenophon ein sehr willkommenes chrono- 
logisches Datum; denn seine Schrift ist um 375 geschrieben, 
nach der Erhebung Thebens und der Neugründung des attischen 
Seehundes und vor der Schlacht bei Leuktra.') Vor diesem 
Termin ist also die neue Ansicht über das Ephorat aufgekom-j 
men. d. h. eben in der Zeit des Pausanias.] 

Die Auffassung der Einsetzung der Ephoren, welche den 
angeführten Berichten (auch bei Plato) zu Grunde liegt, gibt 
sich selbst deutlich als secundär: es ist eine durchaus gekün- 
stelte Reflexion, dass König Theopomp in der Voraussicht, die 
Stellung des Königthums dadurch für die Zukunft zu sichern, 
sich eines Theils seiner Rechte-) freiwillig entäussert habe. 
Vielmehr ist diese Erzählung nur die Berichtigung einer älte- 
ren Auffassung, welche in der Anekdote der Frau in den Mund 
gelegt wird. Ursprünglich ist erzählt Avorden. dass die Könige 
sich dadurch, dass sie das EphorencoUegium sich zur Seite 
setzten, schweren Schaden zugefügt haben. Eine derartige 
Darstellung vom Ursprung des Ephorats hat bekanntlich König 



1) [denn nach dieser gingen keine Spartaner mehr als Harmosteu 
in die Städte, was sie nach c. 14. 2. 4 gegenwärtig noch thun. Die früher 
von mir geäusserte Meinung, dies Kapitel sei ein späterer Zusatz, „der 
mit der Tendenz der übrigen Schritt und namentlich ihren Eingangsworten 
in schroffem Widersprucli steht", war wenig überlegt und ist ganz im- 
lialtbar.] 

2) f-JfOTcüfXTiov fitTQiüaavTo^ {ti/v ßaoikfiuv) roig TS ukXot^ xcd 
TTjv Tcüv a<p6QCDv uQytjv iTriKaTaavt'joavTOQ heisst es bei Aristoteles VIII 
ü, 1. Was für andere Dinge das sind, wissen wir nicht, denn an die sog. 
Zusatzrhetra kann doch liier nicht gedacht werden. Sehr glaublich ist es 
aber, da.ss die Urheber dieser Version das weise Verfahren des alten 
Königs, sich selbst zu beschränken, noch weiter illustrirt haben. 



250 

Kleomeues 111. jicgebou. als er sieh wegen der Beseitig-img 
dieser Behörde rechtfertigte"'): Lykurg habe deu Königen nur 
die Geronten zur Seite gesetzt, und erst weit später, als im 
messenisehen Kriege die Könige (d. i. Theopomp und sein Col- 
lege) lange im Felde standen und keine Zeit hatten Recht zu 
sprechen, hätten sie die Ephoren als ihre Stellvertreter er-, 
nannt. Ganz allmählich und namentlich durch Asteropos habe 
sich dann das Collegium zu einer selbständigen Behörde ent- 
wickelt, die selbst das Königsthum unter- ihre Macht zwang. 
Die^e Darstellung gibt sich selbst nicht als allbekannt e Uebe r- 
lieferung. sondern als Reconstruction, und operirt daher mit 
Beweisstücken (05^1?«): der König erscheint vor dem Richter- 
stuhl der Ei)horen erst Avenn er dreimal geladen ist. Ich will 
durchaus nicht behaupten, dass diese Version direct auf Pau- 
sanias zurückgeht: aber dass derselbe den Ursprung der Epho- 
ren ähnlich erzählt haben muss. wie sein Nachkomme, der seine 
I Pläne ausführte, dürfte klar sein. Pausanias" Behauptung, die 
Ephoren stammten erst von Theopomp, ist von seinen Nach- 
folgern -1 adoptirt — wurde sie doch durch die angeblieh ur- 
alten Orakel gestützt — aber in dem Sinne, den wir bei Plato 
und Aristoteles finden, umgeändert worden. Wer der Urheber 
dieser Berichtigung ist. lässt sich nicht sagen: es liegt ja nahe 
auf Thibron zu rathen, an den v. Wilamowitz Hom. Unters. 273 
als Quelle Piatos denkt.-^) Doch wer sieh von der literarischen 
I Bew^egung des vierten Jahrhunderts eine klare Anschauung ge- 
' macht hat. wird nicht in Zweifel sein, dass in der Zeit zwischen 
Thukydides und Aristoteles wie über jeden andern Gegenstand 
von allgemeinem Interesse so auch über die lakonische Ver- 
fassung eine ganze Reihe von Schriften erschienen sind, von 
denen nicht einmal der Xame auf ims gekommen ist.^) Die 



1) Flut. Cleomenes 10, d. i. Phjlarch. Wir können nicht zweifeln, 
dass lins die von Kleomenes gegebene Darlegimg der Hauptsache nach 
in authentischer Gestalt erhalten ist. 

2) d.h. vor allem in der Literatur; in Sparta selbst wird sie schwer- 
lich je völlig officiell anerkannt worden sein. 

3) Wir wissen von Thibron nur, dass er den Lykurg besonders als 
Urheber der militärischen Ausbildung verherrlicht hat, auf der die Vor- 
herrschaft Spartas beruhte: Arist. pol. IV 13, 11. 

4) Vgl. SteUen wie Isokr. panathen. 177. Arist. pol. IV 13, 11 OißQcav 
. . . xul T(öv uiJ.wv txuaioq zwv y(ju<füvxa)v TitQi xfjq noXixeiaq uvxdJv, 



251 

Darstellimg- des Isokrates panath. 177 ff. (vgl. 153 fl\) geht auf 
Quellen zurück, die für uns völlig verschollen sind. Auch von 
Pausanias' und Thibrons Schriften erfahren wir nur durch je 
eine ganz gelegentliche Xotiz; und was wissen wir z. B. über 
Inhalt, Abfassungszeit und Tendenz von Dioskorides' Aaxcovcov 
jtoÄiTsia [falls sie in diese Zeit gehört, s. u. S. 280. 2]? Auch 
von dem ]\Iegarer Dieuchidas, den AVilamowitz zum Urheber der 
Lykurglegende machen möchte, ist uns weiter nichts bekannt, 
als dass er von Lykurgs Genealogie handelte (Plut. Lyc. 1) und 
dass er [im Widerspruch mit der Generationenrechnung] seine 
Zeit auf 200 Jahre nach dem Fall Trojas bestimmte (Clem. 
Alex. Strom. I 119), also ihn jedenfalls beträchtlich früher an- 
setzte als Thukydides und Ephoros oder gar Piatos Minos. 

Leider fehlt uns eine positive Angabe darüber, was Epho- 
ros über den Ursprung des Ephorats berichtet hat. Man könnte 
daraus, dass er die Ei)horen den Kosmen gleichsetzt, also für 
eins der Stücke erklärt, welche die spartanische Verfassung 
aus Kreta entnommen hat, folgern, dass er ihre Einsetzung 
dem Lykurg zusehrieb, und eine weitere Spur davon darin 
erkennen, dass Aristoteles in seiner Kritik der spartanischen 
Verfassung II 6, 15 ausdrücklich die Ephoren als ein Werk 
des vo^oQ-srrii bezeichnet, im Widerspruch mit VIII 9, 1. Dann 
wäre Ephoros in diesem Punkte von Pausanias abgewichen 
und hätte sich der älteren, auch von Isokrates vertretenen 
Ansicht angeschlossen. Indessen können diese Stellen wenig 
beweisen: ist es doch allgemein griechische Anschauung, die 
Verfassung als eine Einheit anzusehen, so dass selbst Plutarch 
Ages, 5 in einer Betrachtung, die nicht entlehnt sein kann, den 
Hader zwischen Königen und Ephoren als Werk des Aaxcovi/.oq 
vofio9^£Tr]q betrachtet. Den angeführten Gründen steht gegen- j 
ül)er. dass Polybios. wo er von der lykurgischen Verfassung 
spricht (VI 10 und 45j, nur die Könige und Geronten, aber 
nicht die Ephoren nennt,*) sowie die Erwägung, dass die all-l 



vgl. kurz vorlier tv)v LOTt(jüi' [im (iegeusatz zu den alten Gesetzgebern] 
Tiveq yQ<x\pä.vx(ov. Ephoros bei Strabo X 4, 17: Xiyiad^ai rf' imü riviov wg 
Attxuivixu f-hj TU no).).u zwv vu/iiCofieviov Kijijtixcöv u. s. w. Uns ist kein 
einziger Vertreter dieser Ansicht bekannt. 

1) Justin resp. Trogus, auf den man sich hier etwa nocli berufen 
könnte, da er sonst vielfach Ephoros folgt, hat in dem Abschnitt Über 



252 

I gemeine Reeeptiou der Annahme, die Eplnn-en seien von Tlieo- 
pomp eingeführt, kaum begreiflieh wäre, wenn Ephoros anders 
erzählt hätte; mindestens dürften wir dann erwarten, die ab- 
weichende Angabe des Ephoros irgendwo erwähnt zu tinden. 

Die Behauptung des Pausanias und seiner Nachfolger über 
den Ursprung des Ephorats beruht auf der Thatsache, dass 
das Königthum von Generation zu Generation immer mehr unter 
die Herrschaft der Ephoren gezwängt worden ist, und auf der 
ganz richtigen Annahme, dass das Königthum einst in Sparta 
das gewesen ist, was sein Name besagt, die höchstgebietende 
staatliche Macht. Aber irgend welchen andern Werth für die 
1 Erkenntniss des älteren Zustandes als den einer auf ihre Wahr- 
scheinlichkeit hin zu prüfenden Hypothese hat sie nicht: über- 
liefert ist nur, dass die Ephoren eben so gut auf Lykurg zu- 
rückgehen wie alle anderen Institutionen Spartas. Und formell 
hat die Ueberlieferung zweifellos recht: die Ephoren, eine Be- 
hörde, der wir, wie 0. MCli:eh mit Recht hervorhebt, in einer 
ganzen Reihe dorischer Staaten begegnen, werden auch in 
Sparta bereits der ältesten Zeit des Staates angehören. S^ie 
sind die Richter in allen Civilsachen, ' entsprechen also ur- 



Lykurg Ephoros höchstens nebenbei benutzt, da er über die Zeit der Ge- 
setzgebung — Lykurg habe dieselbe während seiner Vormundschaft er- 
lassen — wie über Lykurgs Tod abweichend von ihm berichtet. 

1) Gegenüber den verschiedenen und zum Theil recht abenteuerlichen I 
I Theorien über den Ursprung des Ephorats ist daran festzuhalten, dass die , 
jlurisdiction in Civilsachen zu allen Zeiten der Beruf der Ephoren gewesen i 
iist. Ihre politische Rolle ist daraus erst abgeleitet. Mit vollem Rechte 
jsucht datier die angeführte Speculation bei Plut. Kleom. 10 in der richter-i 
llichen Fimction den Ursprung des Ephorats. Die Processe wurden unter 
die einzelnen Ephoren vertheilt, wie in Athen unter die Archonten : Arist. 
pol. III 1,7 (tvtoi) Tca; ölyuq öixuQovol zaxu ßl^og, oiov ev Aaxföai/novi 
zag xdjv ovfißokaiwv dixaCei zwv ecpoQwv uXkog aXXag, oi dh yeQovzeg 
zag (fovixäg, ezf^a rf' i'aojg ä.Q/J] zag aze^ag. vgl. II 8, 4 uQiozoxQazixöv 
. . . z6 rag Sixag vnb z(öv aQXfiav öixä^toO^ai nüoag, xal //?/ aXXag vn'' 
u).}.(üv, xa&änsQ ev Aaxtdalfwvi. Plut. Apophth. lac. Eurykratidas : nv&o- 
/iievov xivbq 6ia zi tu ti^qI zwv ov/jßoXaiojv dixaia exaozrjg rj/xe()ag x^i- 
vovai oi ecpoQOi. Es ist seltsam, dass Gilbert in seinem sonst so brauch- 
baren Handbuche diese Thätigkeit der Ephoren, welche bei weitem den 
grössten Theil ihrer Amtszeit in Anspruch genommen haben wird, nur 
ganz anhangsweise erwähnt. Die Rechtsprechung geschah natürlich nach 
Gewolmheitsrecht , daher die angebliche Rhetra, keine geschriebenen Ge- 



253 

sjirtinglieli genau den attischen Tliesmotheten ; und dass in 
einem Staate, der sieh nicht auf eine einzige jtöXiq beschränkte, 
sondern eine ziemlich ausgedehnte Landschaft umfasste. die 
Könige jemals allein die Gerichtsbarkeit geübt haben sollten, 
ist recht unwahrscheinlich. 

Dadurch, dass die Ephoren dann auch politische Angelegen- 
heiten vor ihren Kiehterstuhl zu ziehen begannen, ist ihre Macht 
allmählich zu der einer Staatsinquisition erwachsen, gegen die 
das Königthum in derselben Weise zurücktreten musste, wie 
das Herzogthum in Venedig gegen den Rath der Zehn. Die 
Criminalgerichtsbarkeit haben die Ephoren immer nur über 
Perioeken und Heloten ausgeübt, mit denen kurzer Process 
gemacht wird (Isokr. panath. 181); Leib und Leben des Voll- 
btirgers können sie nicht antasten, aber sie eignen sich das 
Recht zu, ihn vor dem Rath der Alten auf den Tod zu ver-l 
klagen. Wenn sie weiter die Beamten vor ihren Richterstuhl 
ziehen, von ihnen Rechenschaft fordern, ihnen Busse auferlegen 
und sie vom Amte suspendiren (Xen. rep. Lac. 8), so wird dabei 1 
gewiss irgend eine legale Fiction angewandt worden sein. ') 
Schliesslich wird auch der König geladen, und wenn er auch 
nicht will, der dritten Ladung muss er Folge leisten — man 
sieht deutlich, dass ein bestimmtes geschichtliches Ereigniss 
zu einem Conflict geführt hat, der damit endete, dass der 
König es nicht wagte sich der Forderung der Ephoren zu 
entziehen; 2) dieser Hergang ist dann als Präcedenzfall be- 
trachtet worden. Die Gerichtsbarkeit der Könige wird auf 
wenige Fälle beschränkt: Wegebau, Adoption, Entscheidung 
beim Streit über eine Erbtochter (Herod. VI 57). Dann wird 
auch die Selbständigkeit des Königs im Felde beseitigt: ,. da- 
mit keine Ungebührlichkeiten vorkommen und die Bürger sich 



setze zu haben, vgl. Arist. pol. 11 6, 16 in öl xal XQtafcüv dai (isyaXmv 
xvQtoi, öioniiQ ovx avroyiojfxoruq ßiXriov xoivftv u).).u xuxu zu yQÜu- 
(xaza xal rovg v6/iovq. 

1) Vgl Arist. pol. II 6, 18 öö^eis d' äv t) xwv tcpoQojir aQ/Ji nüaaq\ 
tvQ^vveiv xaq aQ/üq (auch die Geronten). rovxo Sl xf/ itpogein ^eya' 
).iav XU övjQov , xul xbv xqÖtcov ov lovxov kfyoi<ev ötöövai (hlr xuqi 
sv&vvuq. 

2) Wenn man will, mag man (la.s Ephorat des Asteropos, von dem 
Kleomcnes spriclit, auf diesen Vorgang beziehen. 



254 

im Lager vurulinftig benehmen", begleiten den König seit dem 
fünften Jahrhundert zwei E])horeu in den Krieg, die im übrigen, 
wie uns Xeuophon Aersichert. ganz artig sind und sieh um 
nichts kümmern, wenn es ihnen nicht der König I)etiehlt. ' i 
80 ist das Königthum völlig geknebelt, und sollte es ja noch 
Zeichen von Eigenwillen zeigen, so gibt es in der staatsrecht- 
lichen Rumpelkammer noch ein religiöses Mittelchen, den un- 
bequemen Herrscher durch Sternschuupi)enbeobachtung zu be- 
seitigen (Plut. Agis 11 ) — ein Mittel um das Bibulus die Ejjhoren 
hätte beneiden können. In der Regel geht alles friedlich zu. 
wie es sich für einen Idealstaat gehört : allmonatlich schwören 
Könige und Ephoren. die gegenseitigen Rechte-) gewissenhaft 
zu achten. 'j — Wenn Pausanias und Kleomenes behaupteten, 
dass das Ephorat nichts ursprüngliches sei. sondern auf Usur- 
pation beruhe, so hatten sie vollständig recht : es ist das Pro- 
dukt einer langsamen aber stetigen Entwickelung. die sich im 
sechsten und fünften Jahrhundert vollzogen hat.^i Nur haben 
sie, indem sie dies Ephorat aus dem dem Lykurg zugeschrie- 
benen Idealbilde beseitigten, gerade das Element weggeschnitten, 
auf dem dasjenige ruht, was man lykurgische Verfassung nannte 
und was in Wirklichkeit die Organisation des spartanischen 
Adelsstaates gewesen ist: ohne Ephorat existirt au ch die ser 
Adelsstaat nicht.'') 



1) Xen. rep. Lac. 13 nÜQfiai dt (bei dem Auszugsopfer des Königs, 
um den Glanz des Stabes zu erhöhen) xal zcüv htfoQcav ovo, 0^1 no).v- 
TiQuyuovoioi fxiv oidtv, tjv utj 6 ßaaii.evq TtQooxa).^, ogdjvzeg 6a ön 
Tioiel tauoro: TiüvTaz otD(fQovi'Z.oioiv, d>: zo fixih. Es ist einer der 
naivsten Sätze, welche Xenophon je geschrieben hat. 

3) Bei den Ephoren heisst das die Eechte der ttö/j;, d. i. in Sparta 
der dorischen Herreu. 

3) Xen. rep. Lac. 15, T. Bei Nie. Dam. fr. 114. Iß ist daraus eüi Eid 
vor dem Amtsantritt der Könige gemacht. 

4) Völlig richtig erkannt und mit klarem Yerstäudniss dargelegt ist 
diese Entwickelimg von Duxcker, der auch darin Recht haben wird, dass 
er den weissen Cheilon als einen der Hauptgestalter dieser Entwickelung, 
als den eigentlich geschichtlichen Lykurg betrachtet. Nur entziehen sich 
die einzelnen Vorgänge fast völlig tmserer Kenntnisse. 

5) Die lykurgische Idealverfassung ohne Ephorat, wie sie bei Plutarch 
geschildert ^vi^d und schon Ephoros sie dargestellt haben wird , ist ge- 
schichtlich ein Unding und hat nie existirt. 



255 

Wenn ich für die Auualime. dass der spätere Bericht üher 
das Ephorat seinem Kerne nach auf Pausanias zurückg-eht, auf 
Zustimmung- hoffe, so trage ich eine weitere Vermuthung nur 
mit aller Reserve vor. In Si)arta hat zu allen Zeiten der 
Reiehthum in Ehren gestanden so gut wie in Rom. das inj 
dieser wie in so vielen anderen Beziehungen das vollständige 
Analogon zu Sparta ist. Es ist das. wie Aristoteles mit Recht 
bemerkt, eine bei kriegerischen und erobernden Stämmen ganz 
natürliche Erscheinung, ') die zu vertuschen den späteren Lob- 
rednern nie völlig gelungen ist. Hat doch ein Spartaner, Aristo- j 
damos, den Ausspruch gethan, dass die Habe den Mann macht:/ 
■/griiiaT arr/Q . kein Armer kann edel sein. 2) Nur sind die 
Formen des Staatslebens frühzeitig so erstarrt, dass als die 
lydische Erfindung des geprägten Geldes sich über das grie- 
chische Mutterland verbreitete, Sparta dieselbe nicht wie die 
übrigen Staaten adoptirte, sondern bei dem altern Tauschver- 
kehr stehen blieb, in dem besonders Eisenbarren als Werth- 
messer verwendet worden waren. Man betrachtete die neuen 

1) woz' dvayxulov ir t[/ roiavT/j noXix^Uj. Tif.iäo&ai xuv nlovrov. 

2) Alkaios fr. 40. yQt'inuTu ist hier, zu Ende des siebenten Jahrhun- 
derts, noch nicht mit Geki zu übersetzen. Nach Pindar, Isthm. '1, 15, 
stammte der Ausspruch von einem Argiver. Darauf kommt wenig an ; das 
maassgebeude ist, dass man ihn überhaupt einem Spartaner in den Muud 
legen konnte. Im übrigen vergleiche die Zusammenstellung der zahlreichen 
hierher gehörigen Belegstellen bei Gilbert, Handbuch der Staatsalt. I 12 
Anm. 2, der nur darin vollständig fehl gegriffen hat, dass er einen Geburts- 
adel innerhalb der dorischen Spartiaten annimmt, von dem sich in unserer 
Ueberlieferung nirgends eine Spur findet. Ausnahmslos berichten die Alten, 
dass alle Spartiaten, soweit sie nicht die bürgerlichen Ehrenrechte verloren 
haben , einander rechtlich gleich stehen : daher ist ja Sparta eine Demo- 
kratie. Die xaXol xuyad-oi, aus denen nach Aristoteles II 9 die Gerusie 
gewählt wird, sind hier so wenig wie sonst irgendwo bei Aristoteles der' 
Geburtsadel, sondern die „Besten", d. h. die welche sich ausgezeichnet haben 
und zur Leitung der Staatsgeschäfte befähigt sind, wie er an der ange-j 
führten Stelle selbst sagt: üi}?.of yÜQ t) ä^i/i/ avr?] (die Gerusie) tt'ig 
d^Qfztjg taxiv; vgl. Aeschines c. Tim. 173, die Lak. xaOcoxäai aiTovg (die 
Geronten) tx xvjv ix naiddg eig yi'iQug auxffjüifov. Ihnen .steht die grosse 
Masse der ihrem Werthe nach indifferenten Vollbürger (oi tv/,övtsq) als 
dTi/iing gegenüber. — Gleichzeitig bemerke ich, dass aQiaxivÖTjv (Polyb. 
VI 10, 9. 24, I Arist. pol. II 8, 5 ebenso in den Urkunden IGA. 322 CIA. I 61 
Leba.s II 17) .seinem Wortsinne nach niemals „nach dem Adel" bedeutet, 
soodcru soviel wie xux' u(JiT?jv, wie nlovxüdtiv identisch istmit;««r« 7i).oviov. 



256 

Mtiuzeu und die auf ihnen l)ei'uhende Umwandlung des Besitzes 
als eine staatsverderbende Neuerung-, und so wurde nicht nur 
kein Geld geprägt, sondern auch der Besitz desselben verboten 
(Xen. rep. Lac. 7). Die reichen Leute, welche auf dasselbe 
jdoeli nicht verzichten wollten oder konnten, halfen sich be- 
kanntlich damit, dass sie ihr Geld ausser Landes, namentlich, 
in Tegea . deponirten (IGA 68. Posidon. fr. 48. i ) So konnten 
diejenigen, welche aus politischem oder idealem Interesse, wie 
Xenophou und Ephoros, den spartanischen Staat als vollendeten 
Musterstaat darstellen wollten, behaupten, die bewegliche Habe 
spiele in Sparta gar keine Rolle.-) wenn auch selbst noch die 
Urheber des ganz verzerrten Bildes, welches bei Plutarch im 
Lykurg gegeben wird, zugeben mussten. dass eine wirkliche 
Gleichheit des beweglichen Vermögens in Sparta selbst in der 
idealen Urzeit nicht hergestellt worden sei. Lykurg habe es 
zwar gewollt, aber nicht durchführen können, und daher auf 
Umwegen, durch Verbot des Gold- und Silbergeldes und Ein- 
führung der eiserneu Münzen, sein Ziel zu erreichen gesucht 
(Plut. Lyc. 9). 

Wir müssen uns hüten, diesen idealen Schilderungen irgend- 
wie zu glauben, und am wenigsten der Behaui)tung, man habe 
mit dem Reichthum in Sjiarta nichts anfangen können. Wenn 
Xenophon c. 7 behaupten möchte, selbst bei den Syssitieu 
könnten die Wohlhabenden ihren Besitz nicht verwerthen, so 
lernen wir aus c. 5, dass die Reichen hier sehr wohl für bessere 
Kost sorgten: ol de jrÄovoioi eoriv ots xal ccqtov avTLüiaga- 



1) Xuthias hat im ganzen lu Talente in Tegea deponirt. Auch Mo- 
lobros und der Sohn des Lyreidas , die IGA. 69 dem Staate grosse Geld- 
summen schenken, also Geld besitzen, sind doch offenbar Spartiaten. 

2) Xen. rep. Lac. 7. Polyb. VI 45, 4, im wesentlichen nach Ephoros : 
ri]q Aaxedatfxoviwv TtoÄizeiag idtov sivai (paoi (Ephoros, Xenophon etc.) 
. . . devT^QOv zu neQi zr]v zov öiacpoQOv xrijaiv, ijg sig ziXog aöoxijxov 
7ta(f avzolq inaQ^ovar/g aQÖtjv ix zijg itoXizeiag dvtjQfjGS^ai avfißaivfi 
ztjv nsQL zb TtXsZov xal zov?.azTov (pi?.oztiuiuv. Vgl. Plut. Lys. 17, wo die 
nach Lysanders Siegen beschlossene Erlaubniss der Einführimg des Geldes 
für Staatszwecke nach Theopomp und Ephoros erzählt wird. Danach 
scheint auch Ephoros wie Xenophon dem Lykurg das Verbot von Gold- 
und Silbergeld zugeschrieben zu haben; hatte er dabei vergessen, dass 
dasselbe nach seiner eigenen , freilich auch nicht richtigen , Darstellung 
(bei Strabo VIII 3, 33) erst von Pheidon erfunden sein soll? 



257 

ßäXXovöiv\ überhaupt wird iu Sparta geg-eu die vorgeschriebene 
eiulache Kost — die übrigens weiter nichts ist als eine Be- 
wahrung roher Zustände und ihrem Ursprung nach durchaus 
keine asketische Tendenz hat •) — eben so viel gesündigt sein, 
wie im Islam gegen das Weinverbot und die Fasten der Ra- 
madan (vgl. Aristot. II 6. 16 ..die Ephoreu leben übermässig 
luxuriös, für die übrigen sind die diätarischeu Vorschriften zu 
streng, so dass sie sich ihnen heimlich entziehen und sich ver- 
botene Genüsse verschaffen"). Auf die Bedeutung, welche die 
Rossezucht in Sparta hatte, macht Gilbert mit Recht auf- 
merksam, und überhaupt ist die Pflege der einheimischen wie 
der Nationalspiele zu allen Zeiten nur recht Wohlhabenden 
möglich gewesen. Auch renommirte man ganz gerne mit seinem 
Reichthum : Lichas ist in ganz Hellas berühmt geworden, weil 
er bei den Gymnopaedien alle Fremden zu Gaste lud (Xen. 
Memorab. I 2, 61). Endlich ist der politische Einfluss der Fa- 
milien wie der Einzelnen in Sparta — ebenso wie in Rom und 
schliesslich überall auf Erden — ganz wesentlich vom Reich- 
thum abhängig gewesen. 2) 

Diesen Thatsachen entspricht es, dass auch die Grundlage 
des Lebens der Spartiaten, der Grundbesitz, keineswegs gleich- 
massig vertheilt war.'') Indessen bei einem durch Eroberung 
gegründeten Staat, in dem der Stand der Eroberer sich gegen 
die Unterworfenen streng abgesondert hielt, ist es natürlich, dass 
jeder Vollbürger einen Antheil an dem occupirten feindlichen 



1) [Wie sich die spartanischen Zustände erst allmählicli consolidirt 
Iiaben und die greisenhafte Erstarrung und Ablehnung aller natürlichen 
Lebensverhältnisse der älteren Zeit noch durchaus fremd ist, zeigen na- 
mentlich die Fragmente des Alkman. Alkman isst denn auch „die gemeine 
Kost üaniQ dä/noq" fr. 33 und klagt, dass es im Frühjahr nicht genug 
zu essen gibt fr. 7ü. Er war zwar kein .Spartiate, aber deutlich sieht man, 
dass auch für diese die starre Syssitienordnung damals nocli nicht bestand.] 

2) [vgl. auch l'lato Alkib. I 122 f. Auch nach Plato liippias mal. 283 D 
haben die Spartaner „Geld genug".] 

3) [Die anschliessenden Fragen sind in grüsserem Zusammenhang iu 
meiner G. d. A. II 194 f. 210 f. behandelt; namentlich ist dort nachgewiesen, 
wie sich in den Angaben über die (irössc und ursi)rüiigliche (ileichlieit des 
Landlooses älteste Zustände bewahrt haben. liier hal)e ich daher die alte 
Darstellung bis auf formelle Aendcrungcii uii\ eriindcrt gelassen und nur 
dircctc Fehler bericiitigt.j 

Meyer, ForscUuugeii zur alten Gcschiclite. 1. 17 



258 

Laude besitzt : und umgekehrt, uur wer g-rössereu Gruudbesiitz 
hat. kauu Yollbürger seiu. da es sieh für dieseu uieht ziemt, 
von seiuer Hände Arbeit zu lebeu. souderu er seine ganze Per- 
sönlichkeit dem Staate widmen soll. Daher ist das Erbgut 
die Grundlage des Bestehens einer Familie, und nach einer 
auch sonst, z. ß. bei den Lokrern und in Leukas. i) vorkom- 
menden Anschauung gilt es für schimpflich, dasselbe zu Aer- 
äussern. - 1 Indessen wurde diese Satzung durch eine juristische 
Fiction. au denen Sparta eben so reich gewesen sein wird Avie 
Rom. umgangen: die Grundstücke, welche man officiell nicht 
verkaufen durfte, verschenkte man oder vermachte man testa- 
mentarisch. 3) Dazu kam. dass die Töchter eine beliebig grosse 



1) Arist. pol. II 4, 5 ofxoiüJi di y.ul Tr,v ovaiuv nw/.flv oi vöinoi xiu- 
/.iovGiv, üoTiiQ iv AoxqoTq v6/Jog eovl fxij 7iüj?.eip; eav fiij (pavfQuv arv- 
yluv ösiqt^j ovfxßeßr/xvZav. 'sti dt rovg na/.aiovg x).!] qov z 6iaawL,eiv. 
TovTO de kvO^h' y.ui 7ie()i Aevxüda dij/uoTini/v inoir/GS ).iav zijr nohrfiav 
uvTöJv. Ebenso in Philolaos" Gesetzgebimg in Theben: o.twc 6 aQi&f/bg 
oüVCtitui Ttüv xh'jQCJv II 9, 7. Vgl. in der uäclisteu Abb. das Gesetz über 
Naupaktos. 

2) Arist. pol. II 6, 10 ojvHOx^ui yuQ t] TTcu'/.elv tijv vnuQ/ovouv 
(/(vQav) moir^aev ov aaXbv; Heracl. pol. 2, 7 (d. i. Aristoteles) hwXhv 
dt yrjv Auxtöuijxovioiq ala/QOV vtvöfxiarai' TTJq {dt) ÜQyuiuq ^loiQug 
ovdt eceoxiv. Dieser „alte Tlieil"' [d. h. der Autheil an der :To//r<;?// /ojqu 
(unten S. 26u, S) im Gegensatz wahrscheinlich vor allem zu dem in Messenien 
eroberten Gebiet] ist nichts anderes als das von Lykurg zugewiesene Land- 
loos : Plut. inst. lac. 22 tvioi d' iifuoav, ori y.ul tüjv Stvwv oc av iTCOLtelvtj 
TavT?jv Tt'jv uaxTfOiV rfjc 7io?uzeiac (vgl. Xen. HeU. V 8, 9), xaxä t6 ßov?.r/uu 
xov AvxovQyov /listh/e ttjq c/.Q/ij&iv dl uz tr aya tvij g uoiQug. 
7ioj?.eZv d' ovx eStji: 

3) Diese Umgehung der alten .Satzung — dass es sich dabei in "Wirk- 
lichkeit um einen Kauf handelt . liegt auf der Hand — kennt Aristoteles 
II 6, li> und macht dem Gesetzgeber daraus schwere, indessen diesmal 
wirklich ganz unberechtigte Vorwürfe. Nach Plutarch Agis 5 (Phylarch), 
dem die Neueren folgen, ginge die Form der Umgehung auf eine Ehetra 
des bösen Ephoren Epitadeus zurück, der sich mit seinem Sohne über- 
worfeu hatte und denselben zu enterben wünschte. Ich würde gerne 
glaubeu, dass diesmal die spätere detaillirte Angabe wirklich auf einer 
Erweiterung der antiquarischen Kenntnisse beruhe; indessen die Erzählung 
trägt handgreiflich den Charakter einer ätiologischen Anekdote . wie uns 
deren in der römischen Ueberlieferung so viele begegnen; ihre ganze Be- 
deutung beruht auf der individuellen Motivirimg, die sie der Institution 
gibt. Völlig entscheidend ist, dass die Ehetra ganz unnöthig ist; wir 
haben es ja mit einer legalen Fiction zu thun , deren Wesen eben darin 



259 

Mitg'ift erhalten konnten und um eines reichen oder einfluss- 
reichen Schwiegersohnes willen gewiss oft genug erhalten 
haben. ') und dass namentlich in Folge der Kriege die Familien 
sehr oft bis auf eine Erbtochter ausstarben. In letzterem Falle 
hatte ursprünglich der König zu entscheiden, wer sie zu hei- 
ratheu hatte und dadurch das Erbgut gewann (Herod. VI 57); 2) 
zu Aristoteles Zeit verfügte der nächste Verwandte über ihre 
Hand und vergab sie gewiss oft genug nicht an einen armen 
Verwandten, der dadurch die Familie erhalten konnte, sondern 
an einen reichen Mann, der seinen Plänen passte. 

Auf diese Weise ist der Herrenstand von Sparta noch weit 
mehr als durch die fortwährenden Kriege decimirt worden: 
wer zu wenig besass, um seineu Beitrag zu den Syssitieu noch 
zahlen zu können, schied damit aus der Zahl der Vollbttrger. 
Zu Aristoteles Zeit gab es keine 1000 Spartiaten mehr, und 
unter ihnen bildeten die Armen vielleicht schon die IVIehrzahl. 
Jeder Weiterdenkende musste sehen, dass dadurch nicht nur 
die Machtstellung, sondern selbst die Existenz des Staates ge- 
fährdet war. wie denn auch schon im fünften Jahrhundert kein 
Moment für die si)artanische Politik so massgebend gewesen 
ist, wie die Rücksicht auf die geringe Zahl der Vollbürger. ^) 
Es lag nahe, auch hier mit Peformideen hervorzutreten. Das 
ist denn a uch geschehen; aus ihnen ist die Traditi on v on der 



besteht, dass das alte Gesetz der Form nach beobachtet, also gerade nicht 
abgeändert wird. fUeberdies ist Epitadeus' Gesetz nach Phitarch erst ge- 
raume Zeit nach dem Ende des pelojjonnesischen Kriegs erlassen; wie wäre 
es aber müglich , dass es dann zu Aristoteles' Zeit schon in dem Umfang 
gewirkt hätte, wie aus dessen Schilderungen hervorgeht'?] 

1) Auch in Gortyn wird die Höhe der Mitgift erst durch das „Gesetz 
von Gortyn" begrenzt, nämlich auf die Hälfte des Autheils eines Sohns. 
lustin III 8 erzählt freilich von Lykurg: virgines sine dote nubere iussit; 
ebenso Plut. apoplith. Lac. Lyc. 15. Auch hier sind die idealen l'hantasien 
in unseren Berichten einfach an die .stelle der realen Verhältnisse gesetzt. 

2) Vgl. die ausführlichen Bestimmungen über die Verheirathung der 
Erbtochter im Gesetz von Gortyn. 

'A) vgl. Xen. pol. Lac. 1, 1 // ^nuQxri röiv ohyavf^(}V)norf/.T(jt}V nöXewv 
uvaa. Isokrates pauath. 255 sagt von den Spartanern zur Zeit der Be- 
gründung des Staates örzi-g ov nXtiovq röze (Sia/tXiojv. Dem stehen He- 
rodots 7000 Spartiaten (VII 234), von denen 50ü0 bei Plataeac kämpfen 
(IX 10. 28), imd Aristoteles Angabe II (i, 12 xui (funn- tivui noxt xolq 2^na(j- 
xiäxuii; xul nvitUnq gegenüber. 

17* 



260 

lykurgischeu Laudauftheilung- erwachsen, deren vorbildlichen 
Charakter Grote mit Recht betont hat. 

[Bekanntlich gehen die Nachrichten über dieselbe nicht 
weniger stark auseinander, als über den Ursprung des Ephorats. 
Grote's Ansicht, sie sei eine Erfindung des dritten Jahrhun- 
derts, ist längst aufgegeben ; es steht durch Polybios fest, dass 
Ephoros sie gekannt hat. i) Aber Herodot, der die von Lykurg 
eingeführten Neuerungen aufzählen will (jitreorrjoe xä vofiif^a 
jiävta etc.), erwähnt sie nicht, Xenophon redet nicht von ihr, 
Aristoteles, der doch die spartanischen Grundbesitzverhält- 
nisse einer scharfen Kritik unterzieht, eben so wenig. Auch 
Isokrates panath. 178 bespricht zwar die spartanischen Grund- 
besitzverhältnisse — alles beste Land nehmen die Spartiaten 
für sich, und zwar soviel, wie sonst niemand in Hellas besitzt, 
die Masse der Perioeken erhält das dürftigste Land, von dem 
sie eben leben können — aber von einer gleichmässigen Ver- 
theiluug des Besitzes ist auch hier nicht die Rede. 2) Bei 
Plato de legg. III 684 (vgl. V 736 C) ist sie direct ausgeschlossen: 
die Gesetzgeber der Dorer haben keine Laudauftheilung und 
Schuldentilgung nöthig gehabt, weil durch die Eroberung der 
Besitz gleichmässig vertheilt war. Dagegen nach Polybios, 
der dem Ephoros folgt, ist die Landauftheiluug das wichtigste 
Werk des Lykurg. Auf ihn geht /) jitQl rag xTrjOtig ioörtjq 
xal jt£Ql zijv öiaixav affiilua xai xoivöri]q zurück, welche sie 
zu ocöqjQovtQ und ihren Staat doraotaaroc macht (VI 48); t« 
jt£()l rag syyaiovg XTr/osig, cbv ovösvl f/ireori JtXüov, akla 
jiävxag rovg JcoXirag iöov tyuv 6ü zrjg Jiohtixrjg y^cögag,^) 
daneben die Werthlosigkeit des Geldes, und die Stellung der 
Könige und Geronten — das sind die Grundztige der sparta- 
nischen Staatsordnung (VI 45). Die späteren haben Ephoros 



1) Wachsmuth Gott. Gel. Auz. 1870, 1814 ff. 

2) Isokr. Pauath. 259 {ov6l noXtzeiag fxexaßoXr^v ovdi /qsojv dnoxo- 
Tiag ovöi yfjg uvuöao^ov kann man bei den Spartiaten uacliweiseu) be- 
weist uacli keiner Seite hin etwas, da hier nur von der historischen Zeit 
die Rede ist, nicht von der Urzeit. Im übrigen führt auch Leouidas gegen 
Agis Reformen au, dass Lykurg keine Schuldentilgung vorgenommen habe 
(Plut. Agis 10). 

3) [d. i. von dem Stadtgebiet von Sparta, dem Eurotasthai, im Gegen- 
satz sowohl zu dem Ackerland der Perioekenstädte wie zu den ausserhalb 
Lakoniens eroberten Gebieten. Die Stelle habe ich früher missverstanden.J 



261 

Erzählung- aufgenommeu imd weitergebildet; mit mehreren 
Varianten liegt sie bei Justin und Plutareh vor.] Als einfache 
historische Legende hat eine derartige Erzählung keinen Sinn ; 
auch hier besteht ihr Werth lediglich darin, dass sie den Zeit- 
genossen im Spiegel der idealisirten Vergangenheit vorhält, 
was sie zu thun haben. So hat sie denn auch im dritten Jahr- 
hundert auf Agis und Kleomenes gewirkt. Sollte es zu kühn 
sein, auch hier wieder an den König Pausanias zu denken? 
Dann wäre die Speculation. welche Plato in den Gesetzen 
vorträgt, nichts anderes als wieder eine Eectification der An- 
sicht des Pausanias. Ausdrücklich hebt Plato hervor, dass 
dem Gesetzgeber durch diese bei der Eroberung selbst ge- 
schaffene Gleichheit die gehässige Aufgabe, die Vermögens- 
verhältnisse umzugestalten, erspart geblieben sei. Aristoteles 
hat dann die Landauftheilung ebenso verworfen oder vielleicht 
einfach ignorirt. wie er, wie wir gleich sehen werden, die 
Orakel bei Ephoros verworfen hat. 



III. Die lykurgischeu Rlietreii. 

Von der Darstellung des Ejdioros weicht die bei Plutareh 
gegebene in einem wesentlichen Punkte ab. lieber die Insti- 
tutionen hat er in der Hauptsache die gleichen Anschauungen: 
das Ephorat ist S})ätern Ursprungs. Lykurgs Hauptwerke sind 
die Einsetzung der Geronten und die Landvertheilung. daneben 
steht als rglrov jto/LiTsvfta xai xr.XXiorov die Einsetzung der 
Syssitien. Auch nach Plutareh lernt Lykurg die kretischen 
Institutionen kennen und holt sich die Bekräftigung seiner 
Pläne aus Delphi. Ferner kennt er den Spruch rixtiQ co ylx>- 
xooQyt nebst dem Zusatz. Die weiteren Orakel des E})horos 
dagegen sind ihm nicht bekannt. An ihre Stelle treten pro- 
saische S])rüclie . die sogenannten Khetren. Ausdrücklich be- 
merkt Plutareh in der Untersuchung, weshalb die Pythia jetzt 
nicht mehr in Versen weissage (de Pyth. orac. 19), die Khetren 
seien dem Lykurg vom Orakel in Prosa gegeben worden') — 

I) «i ör^TQUi, dl' wv ixi'io/iTjijt rijr ^iu/tt^uuinvion' zfohTtinr Av- 
KOVQ-yoq, idö&rjauv avxu) xaxu}.oyü6iiv. 



262 

/Jigleieli eiu Beweis, dass Plutareh den Ei)liüV()S selbst uienials 
eingesehen hat, wenn er ihm auch indirect sehr viel Material 
verdankt. 

Diese abweichende Darstellung Plutarchs geht nun aller 
Wahrscheinlichkeit nach auf Aristoteles zurück, aus dem ja 
überhaupt ein grosser Theil der plutarehischen Lykurgbiographie 
stammt (c. 1. 5. G. 14. 28 bis. 31). ') Im cap. G citirt Plutarch 
nämlich eine erklärende Bemerkung des Aristoteles zu der 
ersten und wichtigsten dieser Rhetren. AVir dürfen also an-[ 
! nehmen, dass Aristoteles in diesem Punkte dem Bericht des 
Ephoros nicht gefolgt ist — vielleicht erkannte er den spä- 
teren Ursprung seiner Orakel — , dass er dagegen in den Rhetren 
ein authentisches Docuraent aus der Zeit Lykurgs zu besitzen 
.glaubte. Wir haben uns zunächst mit der ersten Rhetra zu 
beschäftigen, die allgemein ausser von Tkiekek^) als ein 
authentisches und uraltes Document anerkannt wird. Jetzt 
steht durch die Gedichte des Isyllos fest, dass sie zu Anfang 
des dritten Jahrhunderts allbekannt war, denn Isyllos entlehnt 
aus ihr in demselben Gedicht über den iagog voiiog, das mit 
der Nachahmung des Orakels D schliesst, die Worte Sgatg 
s§, coQäv vo^iov an rövöe osßovrac. 

[Nach Plutarch sind die Rhetren „Sprüche"' der Gottheit, 
die dem Gesetzgeber als Normen dienen (cöort ^amdav tx 
AeX^cöv xo^ulöat jisql avrijg [die Gerusia], tjv q/jtqup xaXovOiv 
Lyc. 6). Dem gegenüber meinen Gilbert 3) und Wilamowitz,*) 
das Wort bedeute „Vertrag", und es liege uns hier ein uraltes 



1) [ferner ist die ErzäWung von Theopomps Einsetziiug des Epliorats 
c. 7 aus Aristoteles entnommen, i\nd die Begegnung mit Kreopbylos stimmt 
zu llerakl. pout. (oben 8. 217, 3). Seit wir wissen, dass Plutarch die pol. 
Athen, des Aristoteles nicht selbst benutzt hat, sondern nur durch spätere 
Vermittelung kennt — eine Thatsache,. die mich sehr überrascht hat — ist 
das gleiche natürlich auch für das Verhältniss von Plutarchs Lykurg zur 
noXireia Aaxtöuinoviujv anzunehmen.] 

2) Trieber (Forschungen zur spart. Verfassimgsgesch.) war durch 
Kose's Aristoteles pseudopigraphus verführt worden, die Ehetra nebst 
Aristoles' Commeutar dazu als das Werk eines späteren Fälschers zu be- 
trachten. Er hat diese Meinung längst zurückgenommen : Gott. Gel. Anz. 
1872, 828. 

3) Studien zur altspart. Gesch. Gr. Staatsalt. I 8. 

4) Homer. Unters. 280, 



263 

Documciit vor. welches die dureli eiueu \'ertrag". sei es zwisehen 
den verschiedenen Gemeinden oder Staaten, aus denen nach 
dieser Ansieht Sparta erwachsen wäre (Gilber r). sei es zwischen 
Königen und Adel (Wila:müwitz) geschaffene Neuordnung des 
spartanischen Staates enthalte. Es gilt daher zunächst die 
wirkliche Bedeutung des Wortes festzustellen. 

qIjtqcc ist eins der zahlreichen homerischen Worte, die der 
elassischen Sprache verloren, dagegen dialektisch lebendig ge- 
blieben sind. Wir finden es auf Cypern, in Elis und in Sparta 
— sprachliche Berührungen zwischen Elis und Sparta finden 
sich ja vielfach. In der Odyssee ^' 393 bezeichnet es eiueu 
Vertrag, ein Abkommen zwischen Odysseus und Eumaios, die 
grosse Tafel von Idalion (Collitz 60, 28. 29) enthält xaa /Qtj- 
xaq. ,.die Verträge , Abmachungen", welche Stasikypros und 
die Idalier mit dem Arzt Onasilos geschlossen haben {EvfQi]xa- 
oaxv ■■iaoiXtvq xaa a jio?ug (ZI. 4. 14). Die olympische Bronze 
IGA. 110 enthält die fQccxQa d. h. den Vertrag zwischen Eliern 
und Heraeern; IGA. 118 die fgarga zwischen Anaitern und 
Metapiern. Aber IGA. 112 a fgcaga xoig faXtioig heisst „Ge- 
setz für die Elier", IGA. 112, 2 a fgaxQa a öafioöia „das Volks- 
gesetz", und auch IGA. 113 a fgaxga xoiq XaXaÖQioQ xai Atv- 
xuXiovi sollte man fgaxQa nicht mit Vertrag übersetzen, denn 
von Gegenseitigkeit ist hier keine Kede ; es ist ein Gemeinde- 
schluss, durch den dem Deukalion das Bürgerrecht und wei- 
tere Privilegien verliehen werden. Bei Xenophon anab. VI 6, 28 
iva . . . öiaüojötie xolq Xajoxalg jiaga xf)r (n^xgav xä ;f();)jW«r« 
bezeichnet das AVort einen Beschluss des Heeres {d xic xojgu 
ciJctX&cov XdßoL XI, örii^iöoiov t6o§,tv tivai VI 6, 2) 2). Mithin be- 
deutet das Wort sowohl ..Vertrag", wie „Gesetz", oder viel- 
mehr ganz im allgemeinen ..Si)ruch" in dem Sinne einer recht- 
lich bindenden „ Satzung" ?) 

1) Das zweite (j ist im Kyprischeii ausgestussen. 

2) AViLAMOWiTZ 1. c. behauptet, es bedeute aueli hier „Vortrag", und 
zwar „im Munde eines Spartiaten". Aber was eiu Heer über sich bcschliesst, 
ist kein Vertrag, sondern eine Satzung, ein Gesetz, und der Redner bei 
Xenophon ist kein Spartiate, sondern ein gemeiner Soldat aus dem ).ö'/oi 
des Styniphaliers Agasias. 

IJ) Im übrigen vgl. l'liutius s. v. (iiixiyuf ovr'h'ixrct. köyot, o^ioluyUii. 
Tu()uvTivni dl vüftov xai oiov iptjtpiimuiu. 7ia()ü .ifodi^aiiiorloic (iijtqcc 
Av>cov(jyüv XHifxuq, wq ix /QTja/iiöv Ti{}i:ßtvoq. 



264 

lu Sparta wird (n'jXQu im dritten Jahrhundert zur Bezeich- 
nung eines regeh-echt zu Stande gekommenen Gesetzes, ja auch 
zur Bezeichnung des an die Volksversammlung gebrachten Ge- 
setzesantrags gebraucht. Das angebliche Gesetz des Epitadeus 
(S. 258, 3) heisst eine (tijXQa (Plut. Agis 5), ebenso wird Agis' 
Landvertheilungsbill genannt (Plut. Agis 8. 9). Wir haben nicht 
den mindesten Grund anzunehmen, dass Plutarch oder vielmehr 
Phylarch das Wort lediglich einer anti(|uarisehen Schrulle zu 
Liebe gebraucht habe: Agis hat offenbar seinen Antrag selbst 
als Rhetra bezeichnet. Dieselbe Bedeutung hat das Wort be- 
reits in den oben besi)rocheneu Distichon F. v. „tvd^tlaig 
QtJTQatg drrajiafitißoffti'ovg''' d. h. der Demos soll den Rhetren, 
den Gesetzesanträgen, wenn sie richtig sind, zustimmen (oben 
S. 228). Wir können daher nicht zweifeln, dass Q/jTQa in Sparta I 

I selbst weder die Bedeutung „Vertrag" noch die ihm von Plutarch 
zugeschriebene Bedeutung eines von der Gottheit gegebenen 
Spruchs gehabt hat, sondern einfach „Gesetz"' und „Gesetzes- 
antrag" (vielleicht mit Beschränkung auf constitutive Ord-, 

Inungen) bedeutete.] 

Indessen sehen wir uns die lykurgische Rhetra selbst näher 
an. Sie lautet in den Handschriften: 

Jiog ^vXXav'iov xal 'Ad^rjväq ^vlXaviag^) hgov lÖQvöafitvog 
(leg. -or), g)vXaQ q)vXd§avTa xal coßdg c6ßäsCf.vra , TQidxovra 
yf:QO volar övv ÜQxaytxuig xaraörtjOavTa, mgag i^ ägag ajitX- 
Xä^eiv (leg. -^su^) ^lera^v Baßvxag rt xal Kvaxicövog,^) ovrog 
döfftQtLV T£ xal ätpiöraOß^aL' yaficodav yoQiavrjfirjV^) xal xQa- 

1) Man pflegt die Beinamen in 'EU.ävtoq (-«) zu lindern. Wilamo- 
wiTZ, Hom. Unters. 94 Anm., bezieht darauf Herod. V 49, wo Aristagoras 
den Kleomenes als TCQoorüxrjq rrjg '^EXXüdoq beschwürt: Tiijoq Q^eoJv xiüv 
'^Ekltjiiojv Qvaao&e "Icovaq etc. Möglich ist das, aber uöthig nicht; es kann 
auch einfach soviel heissen wie „bei den Göttern von Hellas". Ebenso 
sagen die Athener Herod. IX 7 rj/ielq rft Jm rs "^ElXrjviov alösG&ivzeg etc. 
[Zu dem Beinamen SvlXüviog vgl. Se?J.ävvov als Name einer Oertlichkeit 
zwischen Epidauros und Korinth in dem megarischen Schiedsspruch 'E<f. 
UQX. 18S7, 11 = CoLLiTZ 3025 ZI. 4.] 

2) Ueber die Frage, was das für Localitäten waren, sind, wie Plutarch 
bemerkt, Aristoteles und andere alte Ausleger verschiedener Meiiiuug ge- 
wesen. Es ist daher völlig unmöglich , dass wir darüber etwas aussagen 
können. 

3) Die Stelle ist ganz corrupt. Man pflegt zu emendiren: (J«/<w 6h 

XUV /CVQiaV 7jfA.8V. 



265 

XOQ' dl de oxoXiav o öä^/og tgotro,^) zovg jcgeoßvyevsag xdi 
aQyayixag djcoCTazTJQag i^fitv. Dieser letzte Satz ist nach 
Plutareli ein Zusatz des Polydor und Theopomp, das übrige 
ist der dem Lykurg- gewordene Göttersprueh. Nach Gilbert 
dagegen wäre es ein Vertrag zwischen den drei Gemeinden der 
Agiaden. Eurvpontiden und Aigideu, aus denen nach ihm Sparta 
synoekisirt sein soll, nach Wilamowitz ein Vertrag zwischen 
König und Demos d. h. der Adelskaste, nach allgemeiner An- 
nahme das Grundgesetz des spartanischen Staates. Ich muss 
offen bekennen, dass ich nicht verstehe, wie man irgend eine 
dieser Auffassungen für richtig halten kann. „Theile das Land 
in Provinzen und Kreise — die Bedeutung des Staatsheilig- 
thums lässt sich in modernen Verhältnissen nicht wiedergeben 
— berufe einen Reichrath von 30 Männern mit Einschluss des 
Königs, halte jeden Monat {o'jquq e§ Sqüc) eine Parlament- 
sitzung in Berlin ab und bringe da deine Anträge ein — oder 
was ovTcog dorfeQsiv re xcd acpioraod^ai sonst bedeuten mag 2) — ; 
das Parlament aber soll die Entscheidung haben [falls die 
Correctur der verstümmelten Stelle das richtige trifft]". Ist 
denn das ein Gesetz oder ein Vertrag, durch den beispiels- 
weise der preussische Staat oder das deutsche Reich begründet 
oder geordnet werden könnte? Bei keiner einzigen der Vor- 
schriften steht ja irgend etwas über den Modus der Austührung 
darin. Plutarch"s Anschauung ist wenigstens insofern conse- 
quent. als bei ihm die Rhetra nur eine dem Lykurg von der 
Gottheit gegebene Directive ist, die er ins Detail ausführt. 
Aber die Neueren sehen in der Formel einen constitutionellen 
Act. bei dem ja gerade das Detail, die Abgrenzung der Rechte 
der einzelnen Factoren das maasgebende ist. Wie viele Phylen 
und Oben sollen eingerichtet werden? •') welche Functionen 

1) So die Handschriften: gewöhnlich liest man ;').ono, Kkiske uiqüIto. 

2) Ueber die liedeutuiii;- der Worte ist viel gestritten worden. Plu- 
tareli erklärt den Sclihisspassus: roü dl 7T?.rjS^ovQ d{}()oi(ji}tvToi; thtlv 
jilv ovösvi yvoj/u7]v xwv ü}.).(ov ecpeiro, ri)v fj' vno rujv yf()oj'rwr xcd tiöv 
(iaatki(i)v n<)oxti}Hauv inixQivai xvQioq i]v n dfj/nog. In der Zusatzrhctra 
erklärt l'lntarch das unoaxaxi'iQaq t'/i^tv durch /<// xi(_torv «AA' okiog 
aipioruoUat yul ()tfx).vtiv rnr öF/fior. Danach heisst uifioiaoihui „weg- 
treten lassen", „auflösen". 

3) Wir wissen denn auch in der That gar nichts über die sparta- 
nischen Phylen und Oben. 



266 

stehen ihnen im Staatsk'lieu zuV Wie werden die aehtund- 
zwanzig Alten gewählt, was haben sie zu thun, wie stehen sie 
dem König- gegenüber V wer hat die Initiative der Gesetz- 
gebungV nur die Könige oder auch der Rath oder auch noch 
andere Beamte oder jeder BürgerV Einzig die Rechte des 
Demos scheinen genauer bestimmt und doch vermissen wir 
auch hier gar manches. Wie stimmt der Demos abV als Ge- 
sammtheit oder klassenweise, etwa nach Phylen und Oben 
geordnet y Welche Dinge gehören zu seiner CompetenzV jede 
Verwaltungsmassregel oder nur ein Theil derselben oder nur 
die eigentliche Gesetzgebung oder was sonst für Möglichkeiten 
sindV Genug, wohin wir blicken, überall treten uns Fragen 
in blasse entgegen, aber nirgends erhalten wir eine Antw^ort. 
Auf die lykurgische Rhetra lässt sich ein Staat so wenig 
gründen wie etwa auf die Menschenrechte Lafayette's. Und 
liegt es denn im übrigen nicht auf der Hand, dass dieser Rhetra 
die zwar dem ganzen Alterthum allein geläutige aber völlig 
unhistorische Anschauung zu Grunde liegt, eine Staatsordnung 
entstehe durch den Willen eines Gesetzgebers, der sie aus dem 
Nichts oder dem Chaos hervorzaubert V Wer glaubt, dass in 
[Sparta die Eintheilung des Volks in Phylen und Oben, der 
Rath der Alten und das Recht der Volksversammlung durch 
einen einmaligen Akt ins Leben gerufen seien, der muss auch 
glauben, dass König Romulus in Folge einer Eingebung seines 
souverainen Willens das Volk in Tribas und Curien, in Patricier 
lund Plebeier getheilt hat. 

Auf alle die Fragen, welche wir eben aufgew^orfen haben, 
bedurfte nur derjenige keiner Antwort, w elcher im spartanischen 
Staate lebte und die Functionen der einzelnen Factoren von 
Jugend auf tagtäglich sich vollziehen sah. Für ihn war die 
Bedeutung der Phylen und Oben, die Competenz der Alten 
und der Könige etwas selbstverständliches, von der Natur ge- 
gebenes. Mit anderen Worten, die Rhetra ist nichts anderes 
|als eine Formulirung der im spartanischen Staate bestehenden 
Ordnung, aber nicht etwa die Grundlage, auf der diese letztere 
aufgebaut ist. Sie hat ihr Analogon in den Gesetzesformeln, 
w^elche Cicero in den leges gibt und mit denen auch kein 
Mensch etwas anfangen kann, der die Institutionen des römi- 
schen Staates nicht kennt. Sie ist ein secundäres Producta 



267 

eine Prosaredaetiuu der Grimdzüge der Verfassimg-, welche der^ 
oben besprochenen poetischen, namentlich den angeblichen 
Tyrtaeosversen. die denselben Inhalt haben, gleich werthig zur 
Seite steht. Aelter als diese Verse ist sie denn auch auf 
keinen Fall. Sie stimmt inhaltlich genau zu den Versen agy^siv 
fisv ßovhj etc. und sehliesst das Ephorat von den lykurgischen 
Einrichtungen aus. Hätte es zu Herodots Zeit schon eine der- 
artige Formulirung gegeben, so würde in ihr das IcpÖQovq 
xaTCiOryoccvTcc ebenso g'ut stehen wie in Herodots Bericht (jr()oc 
öh TOtTO/c tovj: hffÖQOv;; xcd jtQOvvag eortjOf: AvxovQyog). 
Es mögen vielleicht ältere Formulirungeu zu Grunde liegen, | 
aber so wie Aristoteles sie aufzeichnete, war die Khetr a höeh-l 
stens etwa fünfzig- Jahre alt. 

[Ferner aber setzt die Rhetra die Ansicht voraus, dass 
die Verfassung von Apoll stammt; die Plutarchische Erklärung, 
sie sei der dem Lykurg gegebene Spruch, die allgemeine Di- 
rective, nach der er die Verfassung ordnen sollte, bleibt die 
einzig haltbare. Sie wird bestätigt durch den Dialekt; denn 
dieser ist keineswegs der spartanische, sondern der spätere 
delphische, den wir aus den zahlreichen delphischen Urkunden 
kennen. ') Daraus erhellt zugleich, dass die Khetra nicht etwa, 
wie ich früher glaubte, spartanischen Ursprungs, sondern ein 
Erzeuguiss der Literatur ist, genau so gut wie die Orakel. 
Und damit fallt endlich auch auf die eigenthümliche Bedeu- 
tung, in der das AVort (n'jTQa hier verwendet wird, ein helles 
Licht. Der Verfasser wusste. dass man in Sparta die Gesetze 
als or/TQtti bezeichnete, verstand aber das ihm unbekannte Wort 
fälschlich als „Spruch". Das konnte natürlich für jemanden, 
der an die Ableitung aus Delphi glaubte, nur ein Spruch des 
Gottes an Lykurg sein. Damit ist das Machwerk völlig ent- 
larvt;'-) und es ist zugleich klar, dass in Sparta selbst das AVort 
nt'iTQcc niemals den Sinn gehabt hat, der ihm hier untergelegt 
wird — ebenso wenig wie sonst irgendwo in Griechenland.] 



1) Diese evidente Entdeckung, dii- ich Ib^T iiberselien liutte, stannut 
von Bergk (Lyrici II* p. Ki). 

2) Trotzdem Ix'liält es für uns als l^it;llo für die Kenntuiss der in 
liistorischer Zeit in Sparta bestellenden Verhältnisse bei der I )ürfti};keit 
unseres sonstigen Materials einen gewissen Werth. 



268 

Mit dem Haupttheil der Ehetru fällt auch der angebliche 
Zusatz des Polydor und Theopomp, die Bestimmung, welche 
den Königen und dem Kath der Alten das Recht gibt, die Be- 
schlüsse des Demos zu confisciren. "Wie sich ihre Zurückfüh- 
ruug auf Theopomp zu der Ansicht verhält, der letztere habe 
die Ephoren eingesetzt, ist völlig unklar. Nur sollten wir uns 
nicht einbilden, über die spartanische Verfassungsgeschichte 
im achten Jahrhundert eine ächte Ueberlieferung zu haben, 
wo uns selbst aus dem fünften und vierten Jahrhundert keine 
Spur derselben vorliegt.') 

Bestätigt wird das hier ausgesprochene Urtheil über die 
Rhetra dadurch, dass neben ihr noch drei andere tiberliefert 
Averden. welche eben so gut bezeugt sind wie die besprochene. 
Es sind die drei Sätze, keine geschriebenen Gesetze zu haben 
(d. h. nicht nach einem Gesetzbuch, sondern nach Herkommen 
Recht zu sprechen), das Dach des Hauses nur mit dem Beil. 
die Thür nur mit der Säge zu verfertigen, und nicht wieder- 
holt gegen dieselben Feinde zu kämpfen (Plut. Lyc. 12. Ages. 26, 
de esu carnis 2, 6, 6 u. sonst). Diese drei kleinen Rhetren sind| 
luns ebenso gut wie die grosse nur aus Plutarch bekannt; ^vir 
dürfen also, wie Goettlixü und Tkiehek mit Recht hervor- 
heben, die grosse nicht als echt anerkennen, wenn wir die, 
kleinen verwerfen. Und umgekehrt wird Aristoteles die letz- 



1) Es ist seltsam, dass Pausanias" Angabe III 11, 10, das Ötaatssiegel 
der spartauisehen Beamten, d.i. der Ephoren. sei das Bild Polydors ge- 
wesen, noch immer auf Treu und Glauben angenommen und zur Stütze 
dieser verfassung.sgeschichtlichen Angaben verwerthet wird. Wie spät 
kommt selbst in streng monarchischen Staaten der Brauch auf, den Kopf 
des Königs auf die Münzen zu setzen I Und gab es im achten Jahrhundert 
in dem recht wenig cultivirten Sparta Steinschneider, welche ein Portrait 
zu graviren die Fertigkeit und die Gelegenheit gehabt hätten? Eine] 
I menschliche Figur — die natürlich einen Gott darstellen sollte — wird auf 
dem Siegel wohl gewesen sein, und ein späterer Antiquar hat sie dann 
für das Bild des guten Königs Polydoros ausgegeben, der trotz all seiner 
Güte und Volksfreundlichkeit (^al y.axa yvtöuriv Auy.eduiuoviojv nä'uoxu 
ovxi Tüj d)if(oj heisst es bei Pausanias — diese Quelle weiss also von der 
Zusatzrhetra nichts) dennoch von dem bösen Polemarchos ermordet wird, 
der freilich auch sein Grabmonument in Sparta hat (Pausan. III 3). Man 
sollte doch endlich aufhören, aus solcher Afterweisheit die ältere grie- 
chische Geschichte zu „reconstruiren". 



269 

tereu eben so gut augeführt habeu wie die erstere. Bei den 
kleinen Rhetreu lehrt aber der erste Blick, dass sie nichts 
weiter sind als kuai»]>e Formulirungeu herkömmlicher Bräuche 
und Grundsätze, welche dem Gesetzgeber resp. dem Orakel in 
den Mund gelegt werden. ') \on Lykurg stammen alle vier 
Rhetreu ebensowenig wie z. B. das Verbot des Geldes, das es 
zu Lykurg's Zeit noch gar nicht gab. 



IV. Die Aiisbildiin;? der Lykiirglegeude. 

Durch die vorausgehenden Untersuchungen haben wir, wie 
ich glaube, über die Entstehung- der detaillirten Berichte über 
das Werk des Lykurgos eine in den Grundzügen gesicherte 
Einsicht gewonnen. Wie Ephoros' Darstellung entstanden ist, 
liegt klar vor Augen. Auf der einen Seite fand er die schon 
zu Herodots Zeit in Sparta herrschende Ansicht, die Gesetz- 
gebung stamme aus Kreta, die sich inzwischen weit über 
Griechenland (vgl. Plato's Minos) und auch nach Kreta selbst 
verbreitet hatte. Auf der anderen Seite war die Ableitung 
von Delphi jetzt in Sparta officiell anerkannt und die authen- 
tische Fassung der Orakel lag in Pausanias' Schrift vor. Ephoros 
combinirte die beiden sich ursprünglich ausschliessenden Mei- 
nungen durch seine rationalistische Deutung. Hierin sind ihm 
alle Späteren gefolgt; dagegen ersetzte Aristoteles die Orakel- 
verse durch die ])rosaischen Rhetreu. Daher sind die Spä- 
teren über die Frage, wieviel von Lykurgs Gesetzen im 
einzelnen auf Delphi zurückgeht, verschiedener Ansicht: 
Diodor folgt dem Ephoros, Plutarch dem Aristoteles, aber 
Trogus '^) begnügt sich mit der von Xenophon ausgesprochenen 
Ansicht, dass Lykurg den Apoll für den Urheber seiner Ge- 

1) Plutarch keimt weitere Rhetren als die grosse und die drei kleinen 
nicht, sei es dass man überhaupt nicht mehr verfertigt hat, sei es dass 
seine (Quellen — das ist in letzter Linie Aristoteles — weitere nicht aut- 
genommen haben. 

2) In Justins Geschichte des Ljkurg zeigt sich durchweg, dass 
Trogus nichts weniger als ein Ausschreiber war, sondern die verschieden- 
sten (Quellen mit grosser Umsicht in einander gearbeitet hat. ebenso wie 
in der persischen Geschichte. Vgl. Ö. 273. 



270 

setze ausgeg'ebeu habe, ohne im eiuzehien die Orakel auszu- 
führen (III 3. 10). Im Ubrig-en ist es sehr bezeichnend, dass 
Aristoteles in der äusseren Geschichte der Verfassung-, die für 
ihn mehr nebensächlich ist, sich in den wesentlichen Punkten 
an Ephoros angeschlossen, dagegen die Darstellung der In- 
stitutionen \öllig selbständig und abweichend von ihm ge- 
geben hat. 

Während die ältere Auffassung die bestehende Verfassung 
als eine Einheit betrachtet, haben die politischen Bewegungen 
der Zeit des Pausanias zur Folge gehabt, dass mau ältere und 
jüngere Institutionen, angeblich echt lykurgische Satzungen und 
spätere Neuerungen zu scheiden begann. So kam man zu den 
Grundzügen einer Verfassungsgeschichte, von der die Aelteren 
nichts gewusst hatten. Wie vielfach diese Dinge im vierten 
Jahrhundert discutirt wurden, lehrt der Eingang des Heraklides 
Ponticus: r/yr Aaxtöcafwriojv jtoXittlav rivh^ AvxovQyo) jtqo- 
aäjirovOL jiäöav, ein Satz, der aus der Einleitung von Aristo- 
teles jcohxtia Aaxtöaifiovicov excerpirt ist. ') 

Ueber die Gesetzgebung sind wir mithin im reinen. 
Die Aelteren führten einfach die zu ihrer Zeit bestehenden 
Institutionen auf Lykurg — oder wie Hellanikos auf die ersten 
Könige — zurück, die Späteren folgen einer ausgeführten Be-j 
I arbeitung der Gesetzgebung, welche sehr bestimmte praktische i 
Ziele verfolgt und in Wirklichkeit mit Lykurg gar nichts zu ' 
jthun hat. Eine Ueberlieferung über die spartanische 
IVerfassungsgeschichte gibt es nicht. 

Wie steht es aber mit der Person des Gesetzgebers? 
Ziehen wir zunächst alles ab, was sich als Combination erweist. 
Lykurg holt seine Gesetze von Kreta; mithin ergab sich von 
selbst, dass er gereist war, und dass er bei der Gelegenheit 
sich auch die Institutionen des uralten Culturstaates Aegypten 
ansah, war nur natürlich. Ebenso entspringt die persönliche 
Begegnung mit Homer — die dann von den Späteren entweder 
aus chronologischen Bedenken rectificirt oder zu Combinationen 
über die Schicksale der homerischen Poesie verwerthet wird — 
demselben Triebe, der die sieben Weisen an den Hof des 



1) Dass die Politien des sogeuanuten Heraklides nichts sind als ein 
sehr tiiichtiges Excerpt nus Aristoteles, ist jetzt durch die pol. Ath. erwiesen. 



271 

Kroesos geführt oder Lykurg und Zaleukos zu Seliülern des 
Kreters Thaies (Arist. i»ol. IT. 9. 5) gemacht hat. ') 

Von der Art, wie l^vkurg seine Gesetze durchgeführt habe, 
ein klares Bild zu entwerfen ist keinem der Alten gelungen, 
wie es denn ja auch eine ungeheuerliche Vorstellung ist, dass 
ein Mann durch weise Vorschriften die ganze Lebensweise 
eines Volksstannnes umgestaltet. Doch war es natürlich, dass 
man. als man die Gesetzgebungsgeschichte weiter ausl)ildete, 
auch einige Anschaulichkeit in dieselbe hineinzutragen ver- 
suchte. So meint Xenophon. Lykurg könne unmöglich auch 
nur versucht haben, seine Ordnung durchzuführen, ohne sich 
I vorher mit den angesehensten Männern verständigt zu haben 
(8, 1 Ejco (.dvtoi ovo" ayyjiQ/jOca oifmi jiqoteqov röv Avxovqjov 
zavTtjV T?jV tvra^iav y.ad^iOTärai jtqIv ofjoyvmfiovag IjtoujOaro 
tovj: xQariöTovg rcov kv rij ji6).ti). Diese Vermuthung haben 
die folgenden aufgegriffen, um damit zugleich die Zahl der 
Geronteu zu erklären: Aristoteles meinte, es seien dreissig Ge- 
nossen gewesen, von denen zwei zurücktraten, während Sphairos 
es von Anfang an nur 28 sein Hess. Wie es sich gehörte, 
wusste Hermippos zwanzig von ihnen bei Namen zu nennen, 
darunter als wichtigsten Arthmiadas (Plut. Lyc. 5). ') Dass 



1 ) Die persönliche Bewegung des Homer und Lykurg ist dem Ephoros 
überliefert: ivw/ihia d' ojq (fuoi nveq yai 'O/io'jQip öiuTQißovxi iv Ä'ioj. 
Dass er bei dieser Gelegenheit die hümerischen Gedichte kenneu lernt und 
auch mitnimmt, wird Ephoros wohl schon erzählt haben; aber dahinter 
mit WiLAMOWiTz Hom. Unters. 2S(l irgend etwas weiteres zu suchen, sehe 
ich keinen Grund. Dass Homer in Sparta bekannt und angesehen war, 
sagt Megillos in den platonischen Gesetzen HI (iSu c t)/^i8Tg ö' rxv /gaifie&a 
fitv CO/it>'ii^no) xai 'loixh yt y.{>uxtiv röjv roiovrcor (der auswärtigen) 
TinirjTiüv und wird überdies durch die systematische Anknüpfung an die 
homerischen (iedichte bewiesen (Ucberfühning der Leiche des Orestes, 
Geschlcclit der Talthybiaden, Ilerod. VII l.'.'J u. a.)- Aber dass hier irgend- 
wie »'in (iegensatz gegen die attische liedaction und Interpolation des 
Solon uiul Pisistratos beabsichtigt sei, ist durch nichts angedeutet, eben- 
sowenig dass die Nachricht auf I )icuchidas zurückgehe, was Wilamowitz 
voraussetzt. — [Wie mit Homer und dem Kreter Thaies haben andere 
den Lykurg mit Terpander in Verbindung gebracht, dessen Zeit ja aucii 
stark schwankte: nach dem Peripatetiker Ilierouymos (Athen. XIV (üiS f) 
sind beide Zeitgenossen.] 

1 ) Auch in diesem Capitel zeigt sich wieder Aristoteles als letzte 
(irundhige der [)lutarchischen Version, während Ephoros auch liier nicht 



272 

diese ätiologische ErzäliluDg zum Institut des Gerusia sehr 
schlecht stimmte, hat Aristoteles übersehen : die Geronten sind i 
Greise, die Genossen des Lykurg- müssen als kräftige INIänner 
gedacht werden — zur Einschüchterung der lUtrger lässt man 
sie bewaffnet den Markt besetzen. 

In ähnlicher Weise erzählt Aristoteles pol. II 6, 8 eine Ge- 
schichte, Lykurg habe auch die Frauen zur Zucht bringen 
woUen, habe das aber in Folge ihres Widerspruchs aufgeben 
müssen — eine Erzählung, die bei den spätem Lykurgenthusiasteu 
argen Austoss erregte (Plut. Lyc. 14). Ebenso ist es nur eine Com- 
bination. wenn Hippias (Plut. Lyc. 23. oben S. 242) behau])tete. 
Lykurg sei sehr kriegerisch gewesen und ha1)e viele Feldzüge 
mitgemacht : entsprach das doch dem Charakter der von ihm 
gebildeten Spartaner. Die Späteren, denen Lykurg der weise 
Gesetzgeber ist, der des rohen Kriegs nicht bedarf,') wollten 
auch davon nichts wissen, so schon Demetrios von Phaleron 
(Plut. Lyc. 23 j. Gewiss spielt dabei die Thatsache mit, dass 
man in der Ueberlieferung keine Kriege fand, in denen Lykurg 
gekämpft hatte. Auf Tradition beruhen alle diese Dinge so 
wenig wie der kindische Gedanke, den die Eitelkeit dem alten 
Isokrates eingab, Lykurg habe seine Institutionen denen der 
Athener nachgeahmt (Panathen. L53). 

Auch über Lykurgs Tod hat es keine Ueberlieferung ge- 
geben, sonst würde nicht ein jeder anders erzählen. Herodot 
nimmt offenbar an, er sei in Sparta gestorben, sonst könnte er 
nicht einfach erzählen. ..nach seinem Tode (reo dh Avxovgycp 
TS?.tvtrjOai'Ti) bauten sie ihm ein Heiligthum". Die verschie- 
deneu Ansichten der Späteren über seinen Tod zählt Ptutarch 
c. 31 auf: nach „einigen" starb er in Kirra. nach Apollothemis 



erwähnt wird. Ebenso ist er die Quelle des Berichts über die Krypteia, 
welche Plutarch so gern von Lykurg abwälzen milchte (Lj'c. 2S; vergl. 
Heraklides pol. 2, 4). 

1) Es ist sehr charakteristisch, wie in diesem Punkte die Darstellung 
I völlig gewechselt hat: bei Herodot stehen die militärischen Einrichtungen 
im Vordergrund , bei Xenophon werden sie eingehend dargelegt , Plato 
macht dem Lykurg den Vorwurf, die ganze Staatsordnung einseitig auf 
den Krieg zugespitzt zu haben, wie ihn Thibron deswegen lobt (Arist. 
pol. IV 13, 11). Bei Plutarch dagegen ist von der militärischen Ordnung 
kaum irgendwo die Rede. 



273 

in Elif?. naeli Timaeos und Aristoxenos auf Kreta: Aristokraten. 
Hipparclis Soliu. eleu wir als Ertiuder müssig-er Geschichten 
schon keimen (oben S. 217. 2). hat die Leg-eude von Solous Tod 
auf ihn übertragen: man habe seine Asche auf Kreta ins Meer 
gestreut, damit nicht einmal seine Ueberreste nach der Heimath 
zurückkehren und die S])artaner von ihrem Schwur, den Ge- 
setzen zu gehorchen, befreien könnten (ebenso Justin III 3: 
Trog-US hat also hier direkt oder indirekt aus dieser späten 
Quelle geschöpft. ') Diese Zusammenstellung ist bei Plutarch 
aber nur ein Nachtrag zu der ausführlichen Erzähluug von 
Lykurgs Ende, welche er c. 29 ohne Austand gegeben hat. 
Nach derselben hat er erklärt, den Gott noch über einen 
Hauptpunkt befragen zu müssen, und Könige. Geronten und 
Volk schwören lassen, nichts an den Gesetzen zu ändern, bis 
er aus Delphi zurückgekehrt sei. Als dann Apoll erklärte, die 
Verfassung sei gut. habe Lykurg beschlossen, seinem Leben 
freiwillig- ein Ende zu machen, damit die Spartaner für immer 
durch ihren Eid gebunden wären, und sich der Nahrung- ent- 
halten. Dies ist die Erzählung- des Ephoros gewesen, wie wir 
aus Aelian var. bist. 13, 23 erfahren: /t'/ti de "E(fOQog avruv 
ÄLuot diaxaQTtQijoavTCi Iv f/vyfi [das ist ein entstellender Aus- 
druck Aelians. der aus der Tendenz der an dieser Stelle zu- 
sammengestellten Geschichteu hervorgegangen ist] djio{}^artlv. 
Ferner berichtet Nie. Dam. fr. 57 Müller genau wie Plutarch, 
und Nikolaos hat die ältere griechische Geschichte durchweg 
aus Ephoros geschöpft. -) Ueberdies schliesst bei Plutarch wie 
bei Nikolaos der Abschnitt über die Wirkung und Dauer der 
lykurgischen Verfassung, der, wie wir oben S. 221. 3 sahen, aus 
Ei)horos stammt, unmittelbar an diese Erzählung. Nikolaos 
nennt als Ort seines Todes Krisa (= Kirra); was bei Plutarch 
c. 31 als Angabe der ol filv angeführt wird, Lykurg sei in 
Kirra gestorben, ist mithin die Darstellung- des Ephoros, die 



1) Stein (Kritik der Ueberliefeniug über Lykurg, Progr. Glatz 1S82) 
und WiLAMOWiTZ S. '271 möchten die ganze Lykurgbiographie für einen 
Abklatsch der solouischen erklären. Nachweisbar ist das nirgends ausser 
in diesem Punkte ; aber da ist die Krfinduug auch nicht älter als das zweite 
Jahrhundert v. Chr. 

2) Vgl. fr. :-5(i über den Verräther I'hilononios ; fr. 'Ml 4i» über die Ein- 
tlieilung Messeniens in fünf Districte. 

Meyer, Forschungen zur Altcu (ieschicbte. I. ]^g 



274 

auch hier wieder zur Vuigata g-eworden ist und daher l)ei 
Plutareh ausführlieh geg-ebeu wird. leh denke nun es liegt 
lauf der Hand, dass auch diese Erzählung des Ephoros auf 
Tansanias zurüekgeht. P>st dadurch erklärt sie Werth und 
Beziehung: der Eid eii^trur xal xQ/jOEOfhca rf/ y.aihOTo-Mj)] jro- 
Xirtia (it'/Qic ar kJiavtXd-ij o Avxovqjoq, die Verpflichtung 
f/?/dei' r.XXäöitv iDjiTi: laTaxii'ilr [also auch die Ephoren nicht 
zur Macht gelangen zu lassen] besteht noch für die Zeitgenossen 
des Pausanias in voller Kraft, obwohl sie ihren Schwur mein- 
eidig Tag für Tag brechen und dadurch die Verheissung des 
Orakels ziji^ nöXn' li'do^orärjjv diaf/tfHi> ti] AvxovQyov xQoj- 
(livrjv jcoXtrsia zu Schanden machen. ') 

Aus der Lykurglegende ist des weiteren auszuscheiden die 
Erzählung von seiner Betheiligung an der Stiftung der olym- 
pischen Sjjiele. Seit Aristoteles den Namen des Lykurgos 
[neben dem des Iphitos?] auf dem Diskos in Olympia entdeckt 
hatte, der die Satzungen des Festfriedens enthielt-) ist diese 
Thätigkeit allgemein anerkannt worden'*), und Ilermippos. der 
Meister im Erfinden thörichter Geschichten, hat sich die Ge- 
legenheit nicht entgehen lassen, noch eine Geschichte dazu zu 
erfinden, wie Lykurg durch eine geheimnissvolle Stimme zu 
dem Werk aufgefordert wird (Plut. Lyc. 23). Die älteren wissen 
von der Sache gar nichts, auch Ephoros nicht. Ihm gilt viel- 
mehr Iphitos als der alleinige Stifter, die Lakedaemonier ver- 
binden sich mit den Eliern erst um Pheidon von Argos zu 
stürzen und die Elier für sich unschädlich zu machen. *) Eine 
Sage oder Tradition, welche Lykurg mit Olympia in Verbindung 
brachte, gab es mithin nicht. Ebenso wenig aber kann die 
Diskosiuschrift eine aus dem Streben, die späteren Beziehungen 
zwischen Sparta und 01ym])ia durch eine Urkunde als uralt 



1) Man vergleiche zu dieser Erzähhing die letzte Eede des Josiia 
im Buch Josua c. 24, die eine ganz ähnliche Tendenz hat; vgl. Zeitschr. 
f. alttestamentl. Wissensch. 1 S. 144. 

2) Plut. Lyc. 1. Der „Diskos des Iphitos" wurde noch zu Pausanias' 
Zeit gezeigt (V -'^ '); die Inschrift wird nach seiner Beschreibung etwa 
ausgesehen haben wie die des Bybon IGA. ."JTO. 

3) .So von Timaeos. Vgl. auch Herakl. Pont, i, 3 ^vl y.onov dyaO^dr 
zag ixsyeiQiag xareoTijaf. 

4) Ephoros bei Strabo VIII .H, 3', vgl. Diod. VIII 1. 



275 

naehzuweisen. liervorg'eo:aDg'e Fälsehiing sein. Denn an einer 
derartig-en Fälseliimg- hatte in der Zeit, wo die Urkunde ans 
Licht gezog;en wurde. Niemand Interesse mehr. Ist die In- 
schrift also, was ja auch ihre Form lehrt, alt und authentisch, 
so steht doch fest, dass Aristoteles sich in ihrer Deutung- g-eirrt 
hat. Denn vor der Unterwerfung Messeniens hat Sparta mit 1 
Oh'mpia keine Berührungen gehaht: in Ol. 15 erscheint zum 
ersten Male eine Lakone unter den Olympioniken, und seitdem 
begegnen sie uns dann fast bei jeder Feier. Der Lykurg, von 
dem die Inschrift redete, kann also nicht der spartanische. 
Gesetzgeber sein. Hier scheint mir Wila.aiowitz" Deutung 
recht wahrscheinlich, dass die Inschrift die Satzungen der Fest- 
feier an Gestalten der Heroenzeit anknüpfen wollte, dass der 
Lykurg des Diskos kein anderer ist als der arkadische Heros 
Lykoorgos. 

Was wir bisher kennen gelernt haben, sind geschichtlich 
werthlose Combinatiouen, die über das vierte Jahrhundert nicht 
hinausreichen. Zwar etwas älter, aber um nichts werthvoUer 
sind die Versuche, Lykurgs Stellung in der Königsliste zu be- 
stimmen. Im vierten Jahrhundert gilt er allgemein als Mitglied 
des Eurypontidengesehlechts , Sohn des Eunomos, Bruder des 
Polydektes, Oheim des Charilaos; Dieuchidas (oben S. 243, 1) 
nannte auch seine Mutter Dionassa. Diese Ansicht gilt dem 
Ephoros als allgemein anerkannt; da zu seiner Zeit die Ein- 
schiebuug des Soos in den Stammbaum zwischen dem Eponymos 
des Geschlechts Eurypon und seinem angeblichen Ahnherrn 
Prokies bereits stattgefunden hatte, ') war ihm Lykurg der 
sechste von Prokies und der elfte von Herakles: AvxovQyov Ö' 
onoXoyüoO-ai jiaQo. jiävrmv txTOV ajto llQoy.Xtovg ytyorkvaL 

1) Der spätere Stammbaum ist Prokies, Soos, Eurypon, Prytanis, 
Euaomos, Polydektes. Dass Ephoros denselbeu so kenut, lehrt die an- 
geführte Stelle; mithin beruht ano EvQvnöivioq xov IlQoxliovq bei 
Strabo VIII 5, 5 auf einer Flüchtigkeit. Dagegen kennt Ilerodot den Soos 
bekanntlich noch nicht (VIII 131), und da im Stammbaum Agis ein Sohn 
des Eurysthenes ist, hat Soos keine Berechtigung. Er ist lediglich zur 
Ausgleichung der Stammbäume eingeschoben. Da.ss die Späteren auch ] 
Ivon seinen Thaten (gegen Kleitorl) v.w erzählen wissen (Plut. Lyc. 2; 
anders Pausan. III 7;, ist nicht wunderbar, wohl aber, dass sehr angesehene 
neuere Historiker diese Geschichten als brauchbares Material verwerthet. 
I haben. 

18* 



276 

Strabo X 4, 18 = Plut. Lyc. 1. Freilich ist diese Angabe mir 
eine Correetur der älteren, dass Lykurg Sohn des Prytanis 
und Bruder des Eunomos sei, einer Angabe, die Plutarch auf 
Simouides zurückführt ') und die später bei Phlegon fr. 1 wie- 
der auftaucht; die Correetur geht wohl darauf zurück, dass 
man um des Namens willen den Gesetzgeber zum Sohn des 
Eunomos machen wollte. Denn dass nicht, wie so oft behauptet 
wird, der Name Eunomos aus dem Umstand gebildet ist, dassi 
für den Gesetzgeber ein passender Vater gesucht wurde, geht 
daraus hervor, dass diese Verbindung den älteren Quellen 
noch unbekannt ist und sie doch den Namen des Eunomos 
kennen. Die Namen der ersten Eurypontiden, des Prytanis 
und Eunomos, sind zwar schwerlieh historisch, aber doch weit 
älter als die Einreihung des Lykurg in ihren Stammbaum. 

Wenn Simonides wirklich so berichtet hat, wie Plutarch 
erzählt, so hat er doch zu seiner Zeit mit seiner Ansieht sehr 
allein gestanden. Denn Hellanikos weiss von Lykurg garnichts, 
Xenophon macht ihn zum Zeitgenossen der Herakliden, d. h. der 
dorischen Wanderung (o yaQ ylvxovQyog y.ara tovc 'HQuxldöag 
liytxai ytVcG^at 10, 8j, und nach Herodot war er der Oheim 
und Vormund des Leobotes (Labotas), also Bruder des Eche- 
stratos und Sohn des Agis. Letzteres ist otfenbar das, worauf 
es bei dieser Version eigentlich ankommt: der Gesetzgeber ist 
der Sohn des Ahnherrn des angeseheneren der beiden Königs- 
geschlechter, des Herrsehers, auf den nach der bei Ephoros 
(Strabo VIII 5, 4) vorliegenden Erzählung die eigentliche Grün- 
dung des spartanischen Staates, die Unterordnung der Perioeken 
und Heloten unter die dorischen Herren, zurückgeht. 2) 



1) Schol. Platü rep. V 50!>, wo dieselbe Ansicht cangefiilirt wird, ist 
aus Plutarch und einer Chronik combinirt. Sollte die Angabe wirklich auf 
den Dichter Simonides zurückgehen? Plutarch nennt ihn allerdings aus- 
drücklich (^. o TioajT/jg); aber sehr naheliegend ist es doch, eine Ver- 
wechselung mit dem jüngeren Genealogen anzunehmen, der etwa um 440 
geschrieben haben mag (Müller F. H. G. II 42). — Beachtenswerth ist, 
dass bei Herodot VIII 131 Polydektes und Eimomos in umgekehrter 
Eeihenfolge erscheinen wie bei den Späteren. Das ist indessen bei SimO- 
nides nach Plutarchs Angabe nicht der Fall gewesen. 

2) Daher erzählt Plut. Lyc. 2 von Agis' Zeitgenossen Soos: c'^" ov 
xal TOVC E'i/.wzag BTcoir'jOavxo öovXovc 01 'EnuQXiürui. — Beruht der Sieg 
der Ansicht, Lykurg sei ein Eurypontide, auf der leitenden Stellung, 



277 

Wir Bellen, eine gesehielitliclie Ueberlieferung bat es aueli 
über Lykurgs Stammbaum nicht gegeben; der einzige Punkt, 
den alle Darstellungen gleichmcässig festhalten, ist, dass er als 
Oheim und Vormund eines regierenden Königs seine Gesetze 
gab.') Der Grund dafür dürfte einfach der sein, dass einem! 
Gesetzgeber nach spartanischer Anschauung die königliche 
Machtstellung ebenso ^yeuig fehlen konnte, wie nach römischer. 
Die Königslisten aber waren, als die Erzählung von Lykurg 
aufkam, längst fixirt, sein Name Hess sich darin nicht mebr 
unterbringen: so blieb nichts übrig, als ihm wenigstens die 
königliche Machtbefugniss in der Stellung eines Vormunds 
zu geben. 

Wenn die Ordnung des spartanischen Staates auf Lykurg 
ziirückging, so muss vorher Unordnung geherrscht haben. So 
berich ten denn auch Herodo t und Thukydides I 18. Nur wei- 
tere Ausspinnung dieses Motivs ist es, wenn bei Aristoteles 
(pol. VIII 10, 3) Charilaos zum Tyrannen.'-^) umgekehrt bei Plu- 
tarch zum Schwächling, der keine Ordnung halten kann, ge- 
macht wird. Ephoros hat dies ]\lotiv nicht benutzt; nach ihm 
wandelt, wie wir oben sahen, Sparta schon vor Lykurg auf 
verständigen Bahnen. Aehnlich ist die Auffassung in Piatos 
Gesetzen; bei Plutarch dagegen (Lyc. 2) ist die alte Auf- 
fassung wieder aufgenommen.'') 



welche die Eurypontiden Arcliidanios . Agis , Agesilaos eingeuoiimien 
haben ? Zu ihrer Zeit war das Agiadengeschlecht durchaus in den Hinter- 
grund gedrängt. 

1) Im Detail variiren auch hier die Angaben: nach Herodot gibt er 
die Gesetze gleich beim Antritt der Vormundschaft, und diese Darstellung, 
die natürlich das ursprüngliche ist, hat auch Justins Quelle wieder auf- 
genommen. Ephoros dagegen, resp. die bei ihm vorliegende Version, be- 
niU/f die Ueberlieferung von der \'ormundschaft, um Lykurgs Uneigen- 
niitzigkcit ins Liclit zu stellen und zugleich ein Motiv für die Keisc nach 
Kreta zu gewinnen, und liisst die Oesetzgebung erst nach der Rückkehr 
eintreten. 

2) Ebenso Heracl. polit. 2, 4. 

.3) In einer eigenartigen Umgestaltung erscheint dieselbe bei Isokrates 
panath. 177 if. Danacli herrschten bei den Lakedaemoniern zu Anfang die 
grössten Wirren (oratiäoui (xiv (fuoiv uizovq ot z uxsivwv dx()t- 
jiovvTfq WC ovSivaq u/./.ovq xvjv 'EXh'irojv), bis die fiHC,ov rnv nh'ji^ovq 
ifnorofiTiQ sich selbst zu Herren, die übrigen zu Perioeken und Heloten 
machen. Das ist also ungefähr dasselbe, was Ephoros berichtet hat, 



278 

Es gibt mithin eine alte üeberlieferuug- lieber jlen 
Gesetzgeber ebenso wenig wie über sein Werk. Plii- 
tarch hat völlig Recht, wenn er seine Biographie mit den 
Worten beginnt: „Betreffs Lykurgs gibt es keinen Punkt der 
Ueberlieferung, der unbestritten wäre"; aber er hat nicht ge- 
wusst, die Consequenz aus dieser Thatsache zu ziehen. Das] 
Ergebniss kann uns nicht befremden; denn in Sparta gibt es 
überhaupt keine Ueberlieferung, die über den Anfang des 
\ sechsten Jahrhunderts, die Zeit der Könige Leon und Agesi- 1 
kies (Her. I 65), hinaufragte. Dass Messenien unterworfen war, 
lehrte der Augenschein; dass das aber unter König Theopomp 
stattgefunden hatte, wusste man nicht aus der Ueberlieferung, 
sondern aus Tyrtaeos' Liedern. Denn vom zweiten Krieg, 
dessen Eealität wiederum Tyrtaeos bezeugte, wusste man nicht 
einmal so viel; unter welche Könige er fiel, war gänzlich un- 
bekannt, da ihre Namen bei Tytaeos nicht vorkamen. So ist} 
1 Theopomp der einzige König der älteren Zeit, von dem man 
' überhaupt etwas zu erzählen wusste *) — daher wird er wohl 
auch zum Urheber des Ephorats und der Zusatzrhetra gemacht , 
,sein. Es ist also schon a priori unmöglich, dass über die Ver- 
fassungsgeschichte des neunten Jahrhunderts irgend welche 
Ueberlieferung existiren könnte. Nur von der Urzeit des Staates, 
der Gründungsgeschichte und dem was damit zusammenhing, 
erzählte man wie überall so auch in Sparta gern (Plato Hippias 
maior 285, s. o. S. 240), und darauf bezügliche Sagen und Ge- 
schichten sind uns denn auch von Herodot an genug erhalten. 

Ueber den Ursprung ihrer Staatsordnung sich den Kopf 
zu zerbrechen hatten dagegen die Spartiaten wenig Veran- 
lassung.-) Ihnen war dieselbe ja nicht, wie sie den übrigen 
erschien, etwas Seltsames und Fremdartiges, sondern etwas 



Eurysthenes und Prokies hätten den Unterworfenen das Biirgerreclit ge- 
geben, Agis habe diese Massregel wieder rückgängig gemacht. 

1) Dass in der spätesten Ueberlieferiingsschicht, bei Pausanias, auch] 
jdie meisten der älteren Könige mit einzelnen Thaten ausstaffirt sind, istt 
j nur in der Ordnung. — Die Partheniergeschichte beruht nicht auf sparta- 
[nischer Ueberlieferung, sondern ist die Griindungssage von Tareut. 

?.) Auch Kritias hat, nach den Fragmenten zu urtheilen. in seiner 
no/.. Aax. davon nicht gehandelt, sondern die Sitten und Institutionen dar- 
gestellt. Wenn er von Lykurg etwas besonderes erzählt hätte, würden 
wir wohl davon erfahren. 



270 

diireliaus Naturwüchsiges, welches sie von den Vätern und 
diese wieder von den Ahnen tiberkommen hatten. Man lebte 
in Sparta getreu den Satzungen des Aigimios, des alten dori- 
schen Urkönigs, von dessen drei Söhnen ') alle Dorer ab- 
stammten-); die Ordnung des Staates geht zurück auf die Zeit 
seiner Gründung, auf König Agis, oder auch auf Eurysthenes 
und Prokies, welche die Dichter als die Ahnen der beiden 
Königshäuser nennen."*) Die Schirmherren des Staats sind Zeus 
und Athene, die Götter, denen der König das feierliche Oi)fer 
darbringt, ehe er auf einem Kriegszug die Grenze überschreitet 
(Xen. rep. Lac. 13, 2). und die im Mittelpunkt des Landes als 
..syllanisehe" Götter — oder was sonst für ein uns nicht mehr 
deutbares Beiwort in der Namensform der Ehetra stecken 
mag — ihr Heiligthum haben. Daneben kommt dann allmäh- j 
lieh, und vermuthlich erst als man sich seit den Perserkriegen 
der Eigenart der heimischen Ordnung mehr bewusst wurde, 
der Glaube auf, dieselbe sei eine Schöpfung des Lykurgos, 
dieser habe seine Ordnungen aus dem stammverwandten Kreta 
geholt, wo man nach den Satzungen des Minos, die von Zeus 
stammten, in ähnlicher Organisation lebte, wie in Sparta. ^lit 
diesem Glauben war zugleich die Aufgabe gegeben, den Ly-j 
kurg irgendwo in der Geschichte unterzubringen. 

Wer ist denn nun dieser Lykurgos? Das einzige, was wir 
sicher von ihm wissen, ist, dass er ein Gott war, der in Sparta 
hoch verehrt wurde, ein hoör und ein jährliches Opferfest 
hatte. ^) Ein alter Spruch des delphischen Orakels, weitaus das 



1) Dass in unserer Ueberlieferung Hyllus niclit Sohn, sondern Adoptiv- 
sohn des Aigimios ist. ist handj^reiflicli ein harmouistiselier Ausweg der 
genealogischen Poesie, welche die Aufgabe hatte, die Nachkommen des 
argivischen Herakles zu den Dorern zu bringen. Für die Dorer selbst ist 
Herakles natürlich kein Argiver oder Thebauer, sondern eben ein Dorer 
gewesen, der Ahnherr ihrer angestammten Könige. 

2) Piudar Pyth. I 120: O-ty.ovzi öt na/mpiXov xul [.luv ~Hi)CC/(/.ti<ka' 
fxyovoi qyi^ut^ vno Tuvytiov ruiovifq aiel f^itreiv rtO^fwloir fr Aiyi/uov 
.]w()telg. Im vierten Jahrhundert hätte mau gesagt: tp TfO^fwioi ^Iv- 
xovQyov. 

'S) Vgl. den Anhang. 

■1) Ilerod. I 06 rw Avxov()yu) it'/.tiTi]ouvi( h<)i>y eioä/i^voi oh^-ioviui 
/(}-yü?.aj^. Ephoros bei Strabo VIII 5, 5 ^Ivxoiijyio h(j(n- iö(}i<i0^ui (roiv" 
Aax.) xul i}vta'J-ui xur tc<K. Aristoteles bei Plut. Lyc. 31 itfjuv zt yü(} 



280 

älteste Zeug-uiss, das wir über ilm haben, erkauntc ihn zögernd 
als Gott an; dadurch soll, wie es scheint, sein Cult legitimirt 
werden. Davon, dass der Gott zugleich der Gesetzgeber Spartas 
ist, erwähnt dieser Spruch noch nichts. Auf diese mythische 
Gestalt bezieht sich denn auch die einzige Erzählung der Ly- 
kurglegende, welche wir noch zu besprechen haben: Lykurg 
sei auf Widerstand gestossen und Alkaudros habe ihm mit 
dem Stocke ein Auge ausgeschlagen. ..Daher tragen die Spar- 
taner in der Volksversammlung keine Stöcke bis auf diesen 
Tag" heisst es, wie im Alten Testament. Zur Erinnerung an 
den Vorfall baute Lykurg einen Tempel der Athena Optilitis, 
der „Augengöttin''. 1) Eine abgeschw^ächte Version der Ge- 
schichte gab Dioskorides-): das Auge sei verletzt, aber wieder 
geheilt worden. Dass sie nicht aus der Kolle des Gesetzgebers 
I herausgesponnen ist, liegt auf der Hand; offenbar ist sie my- 
thisch. Ein einäugiger Zeus Lykurg-os ist ja ebenso gut denk- 
ibar. wie der einäugige Wotan. Im übrigen ist es bezeichnend, 
dass Lykurg hier in Verbindung mit Athene erscheint, die ja 
mit Zeus zusammen die Schutzgöttin des Staates ist. Es ist 
das ein Fingerzeig dafür, auf welchem Wege aus dem Schutz- 
gott Zeus der Gesetzgeber Lykurgos geworden ist. 

Zu dem Cult des Gottes Lykurgos werden auch die Fest- 
versammlungen an den ^IvxovQyidtj: g'euannteu Tagen gehört 
haben. Nach Plutarchs Ausdruck (Lyc. 31) scheint es ein gen- 
tilicisches Fest gewesen zu sein: „Lykurgs Geschlecht ist mit 
seinem Sohne Antioros ausgestorben, ol d' tralgoi y.ai oixttot 
öiaöo/jjV riva xcä övvoöov tjt\ jxoIXovq /Qovovq öiafitb'aOav 



eorir avrov icai i}ioiai xrcO-' 'Ixuorov hviavihv ok O^fw. Ein intin^hjTiji; 
... 0-eov AvxovQyov CIG. i;i4l. Erst Nie. Daiu. fr. 57 Müller hat aus 
dem Gotte einen Heros gemacht. 

1) Plut. Lyc. 11. Pausan. III IS, 2. Auch Aelian v. hist. XIII 23 er- 
wähnt sie (mit der Bemerkung, dass er nach einigen das Auge durch einen 
Steinwurf verlor), und schliesst daran Ephoros' Angabe über Lykurgs Tod. 
Also ist Ephoros vielleicht auch hier Quelle. 

2) [Dass Dioskorides der A^erfasser der Au^. txoI nicht der Isokrateer 
ist, wie man bisher annahm, sondern der um 100 v.Chr. lebende Gramma- 
tiker, hat R. Weber de Dioscoridis tcbqI xdJv naQ '^Ou.^qo) vöfuov, Leipz. 
Stud. XI p. 190 erwiesen. Nach den Citaten bei Athen. IV 14u b. f ist er 
jünger als Persaios.] 



281 

xaTtOT/jOav xid rag /jfitQCcg ti' au OvvfjQ/orro AvxovQylöag 
jtQoOr/yoQtvOav'^ . 

[Die iirsprüug-lielie. reiu religiöse Gestalt des Lyknrgos ist 
mm noch ganz \Yohl fassbar. Schon AVilamowitz (Hom. Unters. 
284 f.) hat mit dem spartanischen Gott den arkadischen und 
attischen Heros identiticirt und auf diese Weise auch die Iden- 
tität des spartanischen Lvkurgos mit dem olympischen gerettet. 
Auch dieser ist so wenig eine historische Gestalt wie Iphitos 
der Begründer der Spiele, mit dem zusammen er die Satzungen 
der Ekecheirie feststellt: beide sind ursprünglich nichts anderes 
als die aus dem Epos wohlbekannten Heroen. Iphitos der Sohn 
des Eurytos von Oichalia, den zahlreiche Sagen schon bei 
Homer nach Messenien versetzen {<p 14 if., vgl. B 506). Lykurgos 
dei^ arkadische Heros, von dessen Thaten Nestor II 142 if. er- 
zählt. Lykurgos erscheint als Sohn des Arkaders Aleos und 
König von Lepreon in Triphylien.i) Ein anderer Lykurgos ist 
König von Nemea. seinem Sohne Opheltes Archemoros zu Ehren 
begründen die Sieben auf dem Zuge gegen Theben die ne- 
meischen Spiele.^) In letzter Linie wird dieser peloponnesische 
Lykurgos auch von dem Gegner des Dionysos, dem wilden 
Edonenkönig, den Zeus zur Strafe blendet (Z139), nicht ge- 
trennt werden können. Doch können wir das hier nicht 
weiter verfolgen.'') 

Lykoorgos heisst ..Wolfsmuth". wie Wilamuwitz richtig 
übersetzt. Der arkadische Heros ist von dem arkadischen Wolfs- 
gott Zeus nicht zu trennen; er tritt einer anderen Abzweigung 
desselben, dem „Lichten", Lykaon. gleichberechtigt zur Seite. 
Und gerade in dem für uns wesentlichsten Zuge decken sich 
beide vollständig. Lykaon ist der Begründer des Lykaeischen 
Zeuscults und der mit demselben verbundenen Festspiele (oben 
S. 56, 2). Ebenso begründet Lykurgos mit Iphitos zusammen 
die olympischen Sjjiele, in Xemea werden unter seiner Kegie- 



1) Pausan. V 5, 5. VIU 4, S. 10. ApoUod. III !•, 1. -'. 

2) Argum. Find. nem. Paiisau. II 15, 3. Apoll. I 9, 14. III H, i. Walir- 
scheinlich ist er, wie Wilamowitz annimmt, mit dem von Asklepios 
wiederbeloV)teii Sohn des Pronax (Stesicli. fr. 16), der in die thebauisclie 
Sage verwebt ist, ideutiseh (Apollod. I 9, \H. III Kt, 3. Pausan. III Ib, 12). 

3) vgl. jetzt Wide Beni. zu der spart. Lykiirglegendc, Skandinav. 
Archiv I Ibül. 



282 

riiii<;' und urs})ruiig'licli dot-li ^v()hl vini ilnii die iiciufij-L'lu'U 
Spiele eingesetzt. Alle drei sind Zeusfeste, und wenigstens 
in Olympia wird daneben Zeus selbst als Begründer der 
Spiele genannt ( l'ausan. V 7. 10. V^III 2, 2).'; Dazu itasst es 
] aufs beste, dass in Sparta der Gott Lykurgos als Begründer 
der religiijsen und ixditischen Ordnung des Staats betrachtet 
' wird. AVir erkennen also eine gemeinsame i)eloponnesiselie 
Anschauung, welche den aus dem Wolfszeus abgezweigten Gott 
joder Heros und ursprünglich den höchsten Gott, den Wolfs- 
! zeus selbst, als Begründer der bestehenden Ordnugen verehrt. 
^Daraus können wir zugleich folgern, da^ss^ dies e A nschauung 
:in ihren Wurzeln v ordorisch ist. Die Dorer von Sparta haben 
den Lykurgos von der älteren BevCdkerung des Landes über- 
nommen und ihren Anschauungen angepasst. so gut wie den 
Gült der Helena und ihrer Brüder und Retter, der Dioskuren 
und des Agamemnon und ^lenelaos. 

Die weitere Entwickelung liegt klar vor Augen. Seitdem 
Lykurg in Sparta als Urheber der einheimischen Ordnungen 
galt, lag es für den Fremden nahe genug, den ihm gewordenen 
Orakelspruch dahin umzudeuten, er habe sich seine Weisheit 
von dem delphischen Gotte geholt.-) Zu Ende des peloponne- 
Isischen Krieges ist diese Ansicht in Sparta recipirt und für 
I politische Reformbestrebungen verwerthet worden; Ephoros hat 
I sie mit der älteren Tradition, welche die spartanischen Ord- 
nungen aus Kreta ableitet.^) durch eine rationalistische Umdeu- 
tung verbunden. In derselben Zeit hat die herrschende Stellung 
Spartas und die sich entwickelnde politische Doctrin, welche 
die Misere der Gegenwart durch eine Idealverfassung zu heilen 
suchte, zahlreiche Schriften über Sparta und seine Verfassung 
hervorgerufen. Damals ist die neuerdings durch Niese ^) re- 
pristinirte Ansicht aufgekommen, Sparta sei eine ausgebildete 

1 ) In Olympia uud Nemea wird daneben unter anderen Concurrenteu 
Herakles als Begründer der Spiele genannt. Das ist vielleicht dorischer 
Kiufluss. 

2) Anzunehmen, dass die delphische Priesterschaft bei der Bildung 
dieser Erzählung mitgewirkt habe, ist nicht einmal nüthig. 

3) Ich mache noch darauf aufmerksam, dass Xenophon, der die Ab- 
leitung von Delphi anerkennt, eben desshalb die von Kreta nicht erwähnt. 
Damals vertrug sich beides noch nicht mit einander. 

4) Zur Verfassungsgeschichte Lakedaemous, Eist. Ztschr. NF. XXVI. 



283 

Demokratie, wälivend andere seine Verfassung- für oligareliiseh 
erklärten.') Den meisten Beifall fand die Ansieht, welelie die 
Vortrefflielikit der s})artaniselien Verfassung daraus erklärte, 
dass sie eine Mischung aus Königthum. Aristokratie und Demo- 
kratie sei-) — eine Theorie, die dann sjjäter von Polybios 
auf Eom übertragen und aus ihm wieder von Cicero ent- 
nommen ist.] 



A n h a n g. 

Die Stammbäume der lakouischen Königshäuser.') 

Ich habe oben angedeutet, dass ich die Könige Eurysthenes 
und Prokies weder für geschichtliche Herrscher noch für Ge- 
stalten der Volkssage halte. Zu einer ausführlichen Begrün- 
dung ist an dieser Stelle kein Raum: die Voraussetzung einer 
gründlichen Kritik der Ueberlieferungen über die dorische 
Wanderung ist auch hier die Reconstruction des Berichts des 
Ephoros, die unter anderem vor solchen Missgriffen bewahren 
wird, wie dem, dass die Eurysthiden bei Polyaen I 10 mit 
dem Geschlechte des Eurysthenes identisch wären und dass 
man überhaupt aus dieser vStelle für die ältere spartanische 
Geschichte irgend etwas lernen könnte. Hier möchte ich nur 
auf die Thatsache aufmerksam machen, dass mit Ausnahme 
der Temeniden von Argos keines der Heraklidengeschlechter 
nach dem N amen bezeichnet wird, welchen die Ueb erlieferung 



1) Arist. pol. VI 7, 5 TiokXoi yuQ ByysiQOVGi Xiyfiv wq Si]fioxQaxiaq 
ovoiiQ öiti zu ötj/LioxQUTixa 710/./.U T/^r lägiv tyjiv, oiov ... oi 6' oXiyaQ- 
yiav 6ia rö noXlu tyirtv ö?.iya(jyixc'(, vgl. Isokr. pauath. 178 ^naQuaicöv 
rnrc vovv f-yovxuq (im (Gegensatz zu dem in Argos und Messeue gegeu 
die Untorworfencn eiiigeschlageaen Verfahren) ... naQo. a<piai fitv avToiq 
irxno/tiar yccTaarfjoat xul drjuoxQUTi'av toiuvti/v. oiäv ticq yQij Tovg julX- 
'/.nviaq änuviu zov yjjovov o/novor'joeiv, xbv öl dfjfwv ni-(Jioixoi\: :ioi>'iOa- 
oihai u. s. w. 

2) Aristot. 1. c. uud II 'S, M. Vgl. Isokrates pauath. 153 Avxov^yov 
... TTjv ÖTjßoxQuriar xuTaot/jaavToq tikq' uixoTq T9j afjioroxfjuziu jn-fiiy- 
nevtjv in Naelialimuug der Verfassung der attischen Köuigszeit. Polyb. 
VI 10, •;. 

.'{) An diesem Abschnitt, der die (irundlage weitergeliender Aus- 
führungen in meiner G.d. A. II bildet, habe ich eben darum ausser einer 
Streichung nichts geändert. 



284 

an seine .Spitze stellt. In Sparta lierrsehen die Agiaden und 
Eurypontiden. deren Eponymen Söhne des Eurystlienes und 
Prokies sind; in Messenien die Aii)ytiden, die nach dem Sohne 
des Kresphontes benannt sind, in Korinth die Bakehiaden, die 
sieh von Bakehis ableiten, dem vierten Nachkommen des Hera- 
kliden Aletes. der Korinth eroberte. Ebenso heissen die atti- 
schen Könige ^ledontideu nach dem Sohne des Kodros. die 
von Lesbos Penthilideu nach dem Sohne des Orestes, die von 
Makedonien Argeaden wahrscheinlich nach Argaios dem Sohne 
des Perdikkas. [die ionischen Xeliden nach dem Sohne des 
Kodros]. Diese Erscheinung kann nicht Zufall sein: vielmehr 
sehen wir hier sehr deutlich die Fuge, welche Mythus und 
Geschichte verbindet. Jedes Geschlecht leitet nach antiker 
Anschauung seinen Namen her von einem eponymen Ahnherrn, 
der im Stammbaum den ältesten in der Erinnerung bewahrten 
Namen, sei es direct, sei es, was von den Eurypontiden wahr- 
scheinlich ist, nach Einschiebung mehrerer Mittelglieder vor- 
geordnet wird, aber im allgemeinen nicht historisch ist.i) Die - 
sen Eponymen sind nun in den griechischen Stammbäumen 
durchweg mythische Gestalten vorangestellt. Das ist nicht das 
Werk einer spontanen Thätigkeit des Volksgeistes, sondern 
einer durchaus künstlichen Thätigkeit, welche mit vollem Be- 
wusstsein versucht, die Herrschergeschlechter der Gegenwart 
mit den Gestalten der Sage zu verbinden, genau gleichartig 
der Art wie die mittelalterlichen und modernen Genealogen 
den Ursprung der modernen Völker au die Heroen des Alter- 
thums anknüpfen. Diese künstliche Verknüpfung ist in Griechen- 
jland das Werk der Dichter, vor allem der sogenannten hesio- 
deischeu oder genealogischen Poesie. Wer volksthümliche Ueber- 
, lieferung darin sucht, verkennt die Entwickelung vollkommen. 
Für Sparta können wir direct beweisen, dass die traditio- 
nelle Urgeschichte des Staates das Werk fremder Dichter ist, 
welche die bestehenden Zustände in ihrer AVeise zu erklären 
versuchten; die einheimische Ueberlieferung hat auf die Ge- 
staltung der Sage gar keinen Einfluss ausgeübt. Von Eury- 



1) Ebenso bezeichnet z. B. bei den Persern der Name Achaemenes 
keine historische Persönlichkeit und wird daher auch von Darius nicht als 
König gerechnet: Gesch. des Alterth. I 466. 



285 

stheues imd Prokies wusste man^ in Si)arta garuieht s : als 
BegTüuder des Staates galt Agis (S. 276). Was unsere Ueber- 
lieferung von dem Zwillingspaar erzählt, ist handgreiflich 
weiter nichts als ein Versuch zu erklären, warum ihr Andenken 
in Sparta versehollen war: sie hätten, berichtete Ephoros, den 
Unterworfenen gleiche Rechte mit den Dorern verliehen, Agis 
habe das rückgängig gemacht.') Dass man unter der Führung 
zweier Säuglinge die neue Heimath erobert habe, wie die 
Dichter erzählten, erschien den Spartanern undenkbar: die 
Namen und den allgemeinen Gang der Ereignisse adoptirte 
man aus der poetischen Darstellung, denn diese trat mit der 
gewaltigen Autorität eines Literaturwerks dem noch ungebil- 
deten Volke entgegen; aber mau corrigirte sie dahin, dass der 
Vater der Zwillinge das Land erobert habe und dann erst ge- 
storben sei.2j Die Herleitung der beiden Königshäuser von 
den Zwillingskindern ist ein naiver Versuch, die auffallende 
Erscheinung des Doppelkönigthums zu erklären, der aber mit 
den realen Verhältnissen schlecht stimmte: denn die beiden 
Häuser waren keineswegs, wie diese Erzählung annahm, gleich- 
berechtigt, sondern die Agiaden die angeseheneren. Auch hier 
wagte man nicht der Autorität der Dichter direct zu wider- 
sprechen: man hat, so erzählten die Spartaner dem Herodot, 
durch genaue Beobachtung der Mutter herausgefunden, dass 
Eurysthenes, der Ahnherr der Agiaden, früher geboren war als 
sein Bruder und ihm daher grössere Ehren erwiesen.'*) 

Diese Dinge erzählten die Lakedämonier, wie Herodot uns 
mittheilt, „abweichend von allen Dichtern" (VI 52 Aaxeöaif/6- 



1) [Anders Plut. apophth. lac. Pleistarclios 1 „die ersten Könige woll- 
ten lieber fiyi-ty als ßaailivfiv, deshalb sind sie niclit Eponymen ge- 
worden''.] 

2) So ausser Herodot auch Xt'noi)iion Ages. 8, 7. — Charakteristisch 
ist auch, dass Aristodemos vor seinem Tode noch die Zwillinge als Kinder 
anerkennen uuiss: tuvtiiv 61 (Argeie) xbXHv diihfia, f.T/tidrr« dt tov 

'ifJCOTÖÖTjfiOV TU Ttava VOVatO Xt).(VTÜV. 

3) Bei Ephoros wird dies VerhUltniss uuigekohrt: Prokles gilt bei 
hm für den tüchtigeren der beiden Zwillinge, der Sparta gründet (daher 
auch Polyaen I H)), während Eurysthenes nichts geleistet hat (Strabo 
X 4, IS. Cicero de div. II IJÜ). Mau sieht wie im vierten Jahrhundert die 
Eurypontiden in den Vordergrund gedrängt werden, fast wie Jakob dem 
Esau den Kaiii; abläuft. 



286 

i'ioi yuo ojwXoytovTi^ ovdtv\ STOif^Ti) Xtyovoi . . . xavxa (ibv 
AaxsÖaifiöj'ioi liyovoi novvoi KX'/.i^vow). Es ist mir iiube- 
greiflieli. wie man allgemein hat annehmen können, der lako- 
nische Berieht sei der ältere und volksthiimliehe. der poetische 
Ixn-uhe auf Entstellung'. Es liegt doch auf der Hand, dass die 
lakonische nur eine nachträgliche Correctur der dichterischen 
Version ist und nie entstanden wäre, wenn die letztere nicht 

I vorgelegen hätte. 

Für die Geschichte ist das Resultat, dass im günstig- 
sten Falle die Söhne des Agis und Eurypon die ältesten ge- 
schichtlichen Könige Spartas sind. Chronologisch bestimmbar 
sind zuerst Polydoros und Theopomp, die in die Zeit des ersten 
messenischen Krieges um 720 fallen; über diese reicht der 
Stammbaum der Agiaden im besten Falle um sieben, der eury- 
pontidische um fünf (wahrscheinlich nur um drei) Glieder hin- 
auf. Das heisst mit anderen Worten: die historische Erinne- 

I rung in dürftigster, genealogischer Form reichte in dem ange- 

: seheneren der beiden Königshäuser bis etwa zum Anfang des 
neunten Jahrhunderts hinauf — eine Thatsaehe, die zu allem 
was wir sonst von der ältesten griechischen Geschichte wissen, 

I vollständig stimmt. Wie viele Generationen von Königen be- 
reits vorher auf dem Thron gesessen haben mögen und in 
welche Zeit die Eroberung des hohlen Lakedaemon durch die 
Derer zu setzen ist — darauf vermag der Stammbaum weder 
positiv noch negativ irgend eine Antwort zu gewähren. 



Drei lokrlsche Gesetze. 



Vorl)emerkuugeii. 

J ür die Erkenntniss des ältesten griechischen Staates sind 
die beiden lokrisehen Bronzen IGA. 821. 322 von höchster Be- 
deutung. Zustände, die sich anderswo nur in Rudimenten erhalten 
liaben, treten uns hier noch im fünften Jahrhundert in vollem 
Leben entgegen, daneben sehen wir, wie unter dem Einfluss eines 
regeren Verkehrs die alten unbeholfenen Verhältnisse sich um- 
zuwandeln beginnen und wie neue Rechtsordnungen sich ent- 
wickeln.') Beide Texte sind vollständig erhalten und über die 
Lesung der Buchstaben herrscht nirgends Zweifel; aber sprach- 
lich wie sachlich bieten sie dem Verständniss sehr grosse 
Schwierigkeiten. Nicht wenige derselben sind durch das Ver- 
dienst der hervorragenden Gelehrten gehoben worden, welche, 
wie Visc'iiER und Kirciihoff, die Inschriften zusammenhängend 
commentirt oder einzelne Stellen kürzer oder ausführlicher be- 
s])rochen haben; vor allem aber sind die zahlreichen Schwierig- 
kfitiüi, welche sich aus der primitiven Schreibweise ergeben, 
durch die Fortschritte der Dialektforschung wohl überall be- 
seitigt. Trotzdem sind, wie ich glaube, noch manche wichtige 
Punkte nicht oder nur theilweise richtig verstanden. Es kommt 
hinzu, dass die Bearbeitung und Uebersetzung der beiden In- 
schriften durch Rüi[i> in den Tnscr. Gr. ant. trotz einiger rich- 
tiger Bemerkungen ungenügend ist; auch vor zehn Jahren schein 
war eine bessere Erklärung der Texte möglich. Daher wird 
eine Neubearbeitung derselben nicht unzeitgemäss sein. 

\) Auch ,si)nichlicb sind diu 'Pextf liüchst interessant. Sie gehören 
zu den wenif^cn grüs.scrt'n Texten, die uns einen griecliiselieii Dialekt in 
unverfüLscliter (iestalt zeigen. Die grosse Masse der Dialektinsehriften, 
die der Zeit seit dem vierten Jaiirliundert entstammt, zeigt in Wahrheit 
attiselies <irieehiseli, das in die Dialekte zurückübersetzt ist. 

Meyer, I'^orachunguu zur Alteu Oeschichte. I. 19 



290 

Ich seliieke einige Bemerkungen über die Schrift voraus. 
Die Zeichen rj und co kennt keine der beiden Tafeln; das ge- 
dehnte 6 und o dagegen ist auf der ersten, wie in der ionisclien 
Sclirift, durch ll und ov bezeichnet. Die erste Tafel schreibt vor 
dumpfem Vokal noch das Qoppa. die zweite nicht mehr. Das 
h wird durch H geschrieben. Beide Tafeln haben, wie die 
meisten altgriechischen Inschriften, Worttrennung, die auf I 
und IIA durch drei, auf IIB durch zwei Punkte bezeichnet 
wird; doch ist sie wie überall so auch hier nur unregelmässig 
gesetzt. Elision und Krasis werden durchweg l)eobachtet. Die 
Worte hoöcixu und /aoorog [ausser einmal II B 2, 2] werden 
mit doppeltem o geschrieben, sonst dagegen wird die Doppel- 
setzung eines Oonsonannten hier so gut wie in anderen grie- 
chischen Inschriften und wie in der ägyptischen, phönikischen, 
altlateinischen Schrift durchaus vermieden, nicht nur in der 
Mitte des Wortes, z. B. B-nlaoac, sondern auch wo eine Par- 
tikel auf denselben Consonanten endigt, mit dem das folgende 
Wort beginnt, z. B. xarovöe = xar rcövöf^, airiovloi = ai ric 
OvXcöi, selbst hojto^tvov = ojccog S^troi'] nur 11 B 2, 2 steht 
xaraoovvßoXac, = x«t rac. ovvßo?Mg und durchweg wird tr 
NavjtaxTOP geschrieben. In diesen Fällen habe ich den betr. 
Consonanten in ( ) ergänzt. Auch den Apostroph habe ich ein- 
gesetzt und die Worttrennung durchgeführt. Weiter zu gehen 
kann ich mich nicht entschliesson. S])iritu8 und Accente ge- 
hören nicht in die Transcription einer alten Inschrift,') und die 
Einsetzung von ti und rj resp. ov und co für t und o des Textes 
trägt vollends die Interpretation in die Ueberlieferung hinein 
und stört dem Leser das eigene Urtheil. 

Die zweite Inschrift habe ich in Paragraphen getheilt und 
in beiden bei längeren Paragraphen um der Bequemlichkeit 
des Citirens willen die einzelnen Sätze durch Ziffern bezeich- 
net. Sonst gebe ich den Text wie er auf den Tafeln steht, 
nur in Minuskeln. Das Heta transcribire ich mit Ji. Nur das 
Qoppa habe ich aus typographischen Gründen durch x wieder- 
gegeben; hier ist ja jedes Missverständniss ausgeschlossen. 

An Stellen, die besondere Schwierigkeiten bieten, habe 

1) Der Missbrauch, eiu Iota subscriptum zu schreiben, wo es im Text 
als vollwerthiger Buchstabe steht, wird hoffentlicli aus uusereu Insclirifteu- 
werkeu allmählich vüIHh- verschwinden. 



291 

ich die Lesung iu g-ewülmlieher Schrift in Khxmmern beigefügt. 
Zur Orientiruug über den Dialekt bemerke ich noch, dass das 
Lokrische die Präposition eh nicht kennt, sondern dafür ev 
c. acc. braucht (daher auch svte = eörf „bis"), und dass tx 
immer (ausser I § 2) in der Form t erscheint. 

Schreiljfehler finden sich mehrfach namentlich in I. Sehr 
oft ist xa nach ai ausgelassen, wo es die Grammatik erfordert, 
so oft. dass man fast glauben könnte, das Lokrische habe cd 
xa = ta}- und cd promiscue mit dem Conjunctiv construirt (vgl. 
1 1 A 3j. An einer Stelle (I 7) scheinen unheilbare Verschrei- 
bungen vorzuliegen. Im übrigen kann man mit der Annahme 
von Fehlern in inschriftlich vorliegenden Texten nicht vor- 
sichtig genug sein. Die Art. wie Röhl diese und andere In- 
schriften behandelt, zeigt, dass er aus den Missgriffen, welche 
BoECKH — quem honoris causa nomino — bei der Behandlung 
der älteren Inschriften begangen hat und welche man sich auch 
bei attischen Inschriften des fünften Jahrhunderts sprachlich 
und sachlich nicht selten erlaubt hat,') bis neue Funde die 
Kiclitigkeit des überlieferten Textes sicher stellten, nichts ge- 
lernt hat. 



I. Gesetz über eiue Colonie nach Naupaktos. 

Die grössere der beiden Bronzen (IGA. 321) enthält ein 
Gesetz der hypoknemidischeu (östlichen) Lokrer über die 
Rechtsverhältnisse, welche zwischen dem Mutterlande und den 
von ihnen nach Naupaktos im Gebiet der westlichen Lokrer 
entsandten Ansiedlern bestehen sollen. Gefunden ist sie in 
Galaxidi, dem alten Oianthea. am krisäischeu Golf,-) und ge- 



1) Ein scliliiiinies Beispiel bietet CIA. I 27a, 52 0"., wo der durchaus 
tadellose, aber acht griechische Text vou mehr als einem Conmicnrator aufs 
scidininiste niisshandelt ist. 

2) zuerst publicirt von Oikono.mides Ibfiit. dann mit tretriichem Com- 
mentar von W. Vischer Rhein. Mus. XXVI = Kl. Sehr. II, ferner G. Cuu- 
Tiu.s, Studien II, Cauer delectus '.II, HiCKS Manual ofGreek luscr. p. 117 
(ohne IJedeutung), Koberts Introd. in Greek Epigraphy no. 231 und p..{4r)fF. 
und die Notizen von Kieuenaiek Hermes \'II 111 und Bueal Rev. arch. 
XXXU IsTfi, 11."). Werthvoll sind auch die kurzen Notizen vou Beohtee 
in der Sammliuig der griccli. liiaicktinsclir. 11 14Tb, nebst dem Nach- 
trag S. yit. 

19* 



202 

sehrieben nieht in der Schrift der östlichen, sondern in der 
der westlichen Lokrer, die sich von jener durch die Form des 
1 nnd des ö unterscheidet (Kirchhopf Alphabet ^ 143 ff.). Das 
erklärt sich wahrscheinlich dnrch die Bestimmunji-. welche den 
Schluss der Inschrift bildet: 

'/.ai xo d^ird^niov . xoic. livjioxraiiiöioiq AoxQOig . ravra 

TtXtov tintr . XaXiieoig . roig övv AvxKfcaai . foixercag. 
„Und die Satzung für die hypoknemidischen Lokrer soll 

in gleicher Weise {ravTa) gültig sein für die Chaleier, welche 

sich unter Führung des Antiphates angesiedelt haben (foi- 

x?]raiy\ 

Naupaktos war eine Gemeinde der westlichen Lokrer, die 
lange vor der Entsendung der Colonisten bestanden hat. Eben 
darum heisst die Ansiedlung niemals djioixia, sondern Ijrtloixia, 
die Ansiedler Ijrifoixof, sie treten zu den älteren Bewohnern 
hinzu.') Wie die östlichen Lokrer hat offenbar auch die zu den 
westlichen Lokrern gehörige Gemeinde Chaleion, die gleichfalls 
am krisäischen Meerbusen liegt, Ansiedler nach Naupaktos 
gesandt, unter Führung des Antiphates, und diese haben für 
ihr Verhältniss zur Muttergemeinde die Bestimmungen der 
hypoknemidischen Lokrer in Bausch und Bogen angenommen, 
so dass sie an dem Wortlaut des Gesetzes nichts änderten, 
sondern nur die Schlussklausel hinzufügten. 2) Jede Bestimmung, 
die nach dem Wortlaut des Gesetzes für die hypoknemidischen 
Lokrer in ihrem Verhältniss zur Heimath gilt, gilt daher auch 
für die Chaleier in Naupaktos in Beziehung zu Chaleion.'') 
Mithin stammt unser Text entweder aus Naupaktos oder aus 
Chaleion, und daraus erklärt sich die Anwendung der ozolischen 
Schrift. Wenn sie wirklich in Galaxidi gefunden nnd nicht 
blos hier in den Handel gekommen ist, muss sie dorthin ver- 
schleppt sein. 



1) Für die Bedeutung von enoixoq vgl. z. B. Charou fr. 0. Ephoros fr. 73. 

2) RÖHL meint, die hypoknemidischen Lokrer hätten auch nach 
Clialeion eine Colouie entsandt, und diese habe das fi esetz über Naupaktos 
auch für sich angenommen. Dem widerspricht der Wortlaut. XaXfiton; 
ro/,' ovi' AvzKparui FoixtjZuiQ kann nicht heisseu „für die nach Chaleion 
entsandten Colonisten", sondern nur „für die Ansiedler ans Chaleion" — 
natürlich in Naupaktos. 

\\) Nur § 4 wird vermuthlich keine Anwendung haben tindeu können. 



293 

Naupaktos ist ein gegen die Aetoler vorgeschobener Posten 
der westlichen, ozolischen Lokrer.') Es ist daher begreiflich, 
dass die dort ansässige Bevölkerung sich nicht stark genug 
fühlte und Zuzug erhielt nicht nur aus einer heimischen Ge- 
meinde (Chaleion), sondern auch von den stammverwandten 
Lokrern am euböischen Meer. Auch jetzt noch mag die Lage 
precär genug gewesen sein; daher nimmt das Gesetz ausdrück- 
lich auf den Fall Bezug, dass die Ansiedler mit Gewalt ver- 
trieben werden (pr. 4). Die Ansiedler treten in den neuen 
Gemeindeverbaud ein. sie werden Naupaktier (pr. 1), sie sind 
den Gesetzen der westlichen Lokrer unterthan und zahlen 
hier ihre Steuern (pr. 5. § 2). Die ozolischen Lokrer bilden 
trotz der freien Bewegung der einzelnen Gemeinden einen ein- 
heitlichen Stammstaat (Thuk. ITI 95. Xen. Hell. IV 2, 17 u. a., 
vgl. G. d. A. II 214). Zwischen den beiden Gruppen der Lokrer 
besteht offenbar ein Bundesverhältniss. die Stamm Verwandt- 
schaft (und vermuthlich der gemeinsame Gegensatz gegen die 
Phoker) findet auch politisch ihren Ausdruck. Daher die Be- 
stimmung des § 2. dass, wer Xaupaktos verlässt, ohne seine 
Steuern bezahlt zu haben, aufhört, überhaupt ein Lokrer zu 
sein [ajtöXoxQor tiftav), d. h. bei beiden Gruppen der Lokrer 
seine })olitischen Rechte verliert; vgl. auch § 3. In der äusseren 
Stellung von Xaupaktos liat sich daher durch die Ansiedlung 
nichts geändert: bis zur Einnahme durch die Athener bald 
nach 460. die dann 454 hier die Messenier ansiedeln, gehört 
es zum Gebiet der ozolischen Lokrer (Thuk. I 103 Aavjraxrov, 
7jv trv/oi' ijQrjXÖrtq vtojori Aoxqcüv x<x)v Ol^oXmv hyövxmv). 
Dass unsere Inschrift geraume Zeit älter sein muss als dieses 
Ereigniss, ist jetzt (gegen Visciiekj allgemein anerkannt; ver- 
muthlich gehört sie noch der Zeit vor den Perserkriegen an. 

Wenn die Muttergemeinde über die Verhältnisse der An- 
siedler in ihrer neuen Heimath nichts zu sagen hat, so hat sie 
dagegen ihre Beziehungen (Pflichten und Rechte) zur alten 
Ib'iinath genau zu regeln. Das und nichts anderes ist der 
Inhalt unseres Gesetzes. Es ist ganz vollständig: das Thema 
ist erschö])fend behandelt. Dadurch wird die aus einem un- 

I) (tfticiell lit'i.sseii sie, wie es sclieiut, iuiuu-r A. hnnii>(*u. so anch 
liier pr. j, '0^(>;.«/ ist der Name, deu ihuen die iibrigeu Griechen gabeu. 



294 

berechtigten formellen Anstosise (b. u.) entnommene Behauptung 
KiRCHHOFF's'j, die erhaltene Tafel enthalte nur den Sehlus8 
der Urkunde, der erste Theil habe auf einer anderen verlore- 
nen Tafel gestanden, hinfällig. 

Die Muttergemeinde wird bald als Aoy.fjo\ toI '}jTOxva- 
fiidioi, bald als 'OjcÖvxiol (oder 'Ojc.)-) bezeichnet. Dass beide 
Ausdrücke die Gesammtheit der Lokrer am euböisehen Meer 
bezeichnen, die trotz der ( zeitweiligen V) Zerreissung ihres Ge- 
biets durch die Phoker von Daphnus immer nur einen Staat 
gebildet haben, hat Vis( hek eingehend erwiesen. Aber die 
allgemeine Annahme, beide Bezeichnungen seien identisch, ist 
falsch und liat eine sehr wichtige Thatsache der Erkenntniss 
verschlossen. Schon an sich ist es ja undenkbar, dass ein Volk 
sich in einer rechtlichen Urkunde promiscue mit zwei ver- 
schiedenen Namen bezeichne, und thatsächlich sind denn auch 
beide Ausdrücke scharf geschieden. Sie verhalten sich zu ein- 
ander wie Romani zu Latini, wie 'Ad^iivalOL zu 'ATTiy.oi, 2!jra(^>- 
Tiäzai zu Aaxtöaifiorioi, Or/ßatoi zu Boiojxoi fG. d. A. II 218, 
vgl. den Excurs S. 305j. Das Volk heisst Ao-Ano\ toi 'j>o- 
xi'afiidioi, und überall, wo es nur auf die Volksangehörigkeit 
ankommt, wird ausschliesslich dieser Ausdruck gebraucht.-') 
Aber die Herrschaft, die politische Leitung des Volks gehört 
der „Gemeide der Tausend in Opus" (S 9, 1); die Hauptstadt 
herrscht hier wie in den meisten altgriechischen Städten mit 
Ausschluss des "Westens (Elis, Achaia, Phoker, ozolische Lokrer^), 
Dorer, Aetoler, Akarnanen u. a.) über das flache Land und über 
die Landgemeinden (jro/.tig § 4. 5), deren Bewohner zwar persön- 
lich fi*ei sind und ihr eigenes Localrecht haben (§ 5), vielleicht 
auch ihre Gemeiudeangelegenheiten selbst regeln, aber von allen 
staatlichen Rechten ausg-eschlossen. Unterthanen des Vororts sind. 



1) Alphabet* 1-Jh, ]. Sit- wird aucL von Röhl venvorfeu. 

2) So, nicht 'Onvjvzioi oderOnoviTtoi, richtig Bechtel I.e. Ebenso 
schreiben die Münzen des vierten Jahrhunderts, während die Späteren 
()7iovvTiüJv haben. 

3) Später ist Auxrjol oi 'Onovrzioi der gewöhnliche Name des Volks 
geworden, so bei den Historikern und in der Olympionikenliste Ol. 70. 

4) Bei den ozolischen Lokrem gibt es keine herrschende Gemeinde; 
Träger der politischen Souveränetät war offenbar eine Stammesversamm- 
Iting. Daher nehmen hier, wie überall wo dieselbe Verfassung herrscht, 
die einzelnen Gemeinden eine sehr selbständige Stellimg ein. 



295 

Daher steht ausscbliesslieh 'Ojtörrioi, wo von politischen Ver- 
hältnissen oder von der Judicatur die Rede ist (§ 1. 7. 9). Durch 
die Revolutionen des fünften und vierten Jahrhunderts ist die 
alte Ordnung in den meisten griechischen Städten gebrochen 
und mit der Demokratie auch das Land zu politischen Rechten 
gelangt. Wenn ein Kassander von dem xoivor Aoxqcöv rcöv 
'Hoiojv einen Kranz erhält (Dittenberger Sylloge 211, 7), wenn 
Inschriften der hellenistischen Zeit Beschlüsse der 'OjiovrrioL 
xai AoxQOi Ol fitra 'Ojiovvtuov enthalten (Gr. Dialektinsehr. 
II 1504 ff.), wenn in der augusteischen Amphiktyonie die bei- 
den lokrischen Stimmen auf die AoxqoI 'EontQioL und die Jo- 
xQoi 'yjioxvrj/iidioi vertheilt sind, so beweist dies, dass diese 
Entwickelung auch bei den östlichen Lokrern eingetreten ist. — 

Wir können jetzt zur Einzelerklärung übergehen. Die 
Formulirung der Gesetze, Beschlüsse u. ä. in älterer Zeit unter- 
scheidet sich von der später üblichen in Griechenland wie über- 
all vor allem dadurch, dass alles, was für das Gemeindemit- 
glied selbstverständlich ist oder sich aus dem Zusammenhang 
mit Nothwendigkeit ergibt, nicht erst ausdrücklich gesagt wird 
— der Möglichkeit von Missverständnissen oder Zweideutig- 
keiten in Reehtssätzen wird dagegen durch ganz genaue, vor 
keiner Wiederholung zurückschreckende Formulirung vorge- 
beugt. Vor allem geht man gleich in medias res: si in ins 
vocat, ito; ni it, antestamino beginnen die zwölf Tafeln. Öc 
x" tÄtv&tQOJi ?j öovÄcoi (itXei avjnno'/SiV, .tqu Sixa^; /.{/] aytiv 
das Recht von Gortyn. Die später so sorgfältig — in Athen 
seit dem vierten Jahrhundert in abschreckender Breite — ent- 
wickelten Präscrii)te fehlen gänzlich oder sind ganz kurz ge- 
halten; dass es sich um ein Gesetz der Opuntier handelt, weiss 
ja jeder den es angeht, ohne dass es ihm ausdrücklich gesagt 
wird. Audi selbstverständliche Verba lässt man weg. Die 
(von K(»iii> arg misshandeltej elische Bronze IGA. 118 = Griech. 
Dialektinsehr. I 1150 a /(tarQa ro{i)^ Avaixo{ic) xui xo{iq) Mtra- 
:nLo{i)q . qiXiar Jttrxaxovra ftxta (sc. fjftsi') ■ ■ ■ (d xo{v) oqxov 
jTagßaivoiav, yvo}iav (d. i. yvcö^fjV, sc. etwa öofitv) xoq /((f(>)o- 
(jaoc xoXvvjciai (d. i. xovc itQOfiüovq xovc, O'Av^jtia) bietet 
dafür ein charakteristisches Beis})iel. 

Dementsprechend lautet das Präscrijjt unseres Textes: 
tv Aavjtaxxoi' . xa(x) xordt . hajtiJoixia. 



296 

„Die Ansiedlimg nach Naupaktos soll nach folgenden 
Restimmuug-en stattfinden", oder einfacher „Bestimmungen 
für die Colonie nach Naupaktos". 

Kirchhoff (s. o. S. 294) und Röhl, der sich durch eine 
lange Auslassung des Schreibers helfen will, halten den Text 
für unvollständig. Dazu liegt kein Anlass vor; die Auslassung 
des Verbums ist durch die angeführten Analogien geschützt. 
Dass xccT rmrde zu lesen ist, hat Dittenberger im index lect. 
Halle 1885/6 S. 11 erwiesen. 

Der Text des Gesetzes ist in Paragraphen getheilt, die 
durch liegende Buchstaben bezeichnet sind. Das erste Para- 
graphenzeichen steht am Schluss des ersten Abschnittes. Auch 
das ist bisher falsch aufgefasst; ein Blick ins Corpus iuris 
lehrt, wie es zu verstehen ist. Bekanntlich werden hier die 
Paragraphen nicht vom Anfang des einzelnen Gesetzes, sondern 
vom ersten Einschnitt ab gezählt. Den Eingang bezeichnet 
man als principium, § 1 ist, was wir § 2 nennen würden. Genau 
ebenso sind die Lokrer verfahren; daher werde ich auch hier 
den Terminus principium (pr.) zur Bezeichnung des ersten Ab- 
schnittes verwenden. Wo ein Paragraph mehrere Sätze enthält, 
habe ich sie durch Ziifern bezeichnet. 

pr. 1. AoKQor top . Jivjioxvafiiöiov . sjrtt xa Aavjraxrioc. 
ytritai . Navjtaxriov tovra . ]ioJto{g) ^tvoi^ . oöia Xavyavtiv. 
xai i^vtiv . e^tifitv . EJTirvxovra . cu xa dsiXerai . ai xa dti- 
Xtzai . d^vtiv xai Xavyavuv . xt (= xal ix) öa^uo xt (= xal 
ix) xoLvavov . avTov xai xo ytvoq, . xax aiftL. 

„1, Dem hypokn. Lokrer steht es, wenn er Naupaktier 
geworden ist, frei, wenn er zu Besuch kommt, wie ein Frem- 
der die Gastgaben zu erhalten und zu opfern, falls er will; 
falls er aber will, zu opfern und Gaben zu erhalten inner- 
halb der Demos und der Genossen, ihm und seinem Geschlecht 
alle Zeit." 

Dieser Satz ist nie richtig verstanden und von Röhl aufs 
ärgste misshandelt. Wer nach Naupaktos zieht, scheidet damit 
für sich und seine Nachkommen aus der Muttergemeinde aus. 
Aber wenn er in die Heimath zurückkehrt, leben die alten 
Bande wieder auf; er will nicht von den Seinen geschieden 
sein, an den Festen und Opfern in dem Kreise theil nehmen, 
dem er ehemals angehörte. Das wird ihm und seinen Nach- 



297 

kommen auf alle Zeit frei gestellt. Mancher mag es allerdings 
vorziehen, lieber die Ehren zu geniessen, die dem von den 
Göttern geschützten Fremden zustehen und den Antheil zu 
empfangen, den dieser bei Festen und Opfern enthält. Auch 
das wird ihm frei gestellt. Dass die Entscheidung darüber aus- 
schliesslich im Belieben des Colouisten liegt, wird so scharf 
wie möglich betont. Deshalb ist „Avenn er will" zweimal ge- 
setzt. Natürlich gehört es das eine mal zu der ersten, das 
andere mal zu der zweiten Hälfte des Satzes.') — Ein ana- 
loges Yerhältniss besteht bekanntlich zAvischeu Rom und den- 
jenigen seiner Kinder, die als Bürger neuer selbständiger Ge- 
meinden in die latinischen Colonien deducirt sind. Nur hat 
Rom, in Sachen des Bürgerrechts der liberalste Staat, den die 
Geschichte gesehen hat, seinen ausgeschiedenen Angehörigen 
gestattet, beim Besuch der Heimath auch ihre politischen Rechte 
wieder aufzunehmen. 

Dass 'öoiog der Gegensatz zu h{)6Q ist und O^vtiv sich 
auf die religiösen, ooia Aay/ccvaiv auf die übrigen dem Frem- 
den zustehenden Rechte bezieht (es zu übersetzen, ist für uns 
unmöglich ). würde ich nicht ausdrücklich bemerken, wenn nicht 
ViscHER es auffallender Weise verkannt hätte, obwohl er selbst 
aus kretischen Inschriften eine Reihe von Parallelen anführt, 
in denen zwei Staaten ihren Angehörigen gegenseitig fjtroxciv 
d^tivcov xal avd-gmjiivcov jiävrwv zusichern (GIG. 2551, 26, 
255G, 13. 2557. 16 u. a.). Auch xfj däfiov xr/ xon-avcov ist kaum 
zu übersetzen. Es heisst, „er erhält seinen Antheil aus dem, 
was bei Opfern, Gastmählern, Vertheilung von jGemeindeein- 
nahmen u. a. dem dt/fto^ oder den xoiräroi zufällt.*' xoiräroi 
sind offenbar ein religiös -geschlechtlicher ^'erband nach Art 
der Phratrien. 

pr. 2. rtXoj. rov^ . tjrtfoixovc Aoxqov . rar Jivjcoxvafii- 
dior . f/i (fjUQtiv . tv Aoxqoij: tovj: JivjTOXVccfudiou . (fQii' x 
((VTi<i ^loxoog ytvtrai tov JivjToxrafiiöiov. 



I) KÖHL will es im Aiisclihiss an Wilamowitz (Ztschr. f. Gymu.- 
Weseu XXXI (i37) einmal streichen, ebenso wie er öniog ^Ivov [zuerst 
von Cauer erkannt] in onw x' j/ Aoxqwv, ^tva»j' verwandelt hat. Die alte 
Rt'fjel, »las.s wer einen Text corrigirt, iliii nicht versteht, bewährt sieh 
auch hier. 



298 

3. Cd <y.a) dtiXtr' arxoQcii' y.araXciJiov.Ta^) bv rv.i lo- 
Tiai jtcuöa litßtcTü}- t6t).(ftor (cl. i. i) udtX<ftur) . t^tif/tv ccnv 

tVcTtQlOJV. 

4. ac xa Jivji' arai'y.ag ajteXaovrai . t yav.iaxtu . Aoy.i^toi 
roi hvjtoxi>af/iöioi . t^tifiev avyoQtiv . hojco (= ojioj) ftxacxoc 
tv (= //r) avtv svtTEQiov. 

5. TiXoq fit (pagtiv fxtdtv . hon /Jt fxtra-j Aoxqov tot 
ßtojraQiov. 

..2. Abgaben sollen die Colonisten der \\\\\. L. unter den 
h. L. nicht zahlen, ehe er wieder ein Lokrer von den hypokne- 
midischen wird. 3. Wenn er dauernd in die Heimath zu- 
rückkehren will, steht es ihm. wenn er an seinem Herde 
einen erwachsenen Sohn oder Bruder zurücklässt. ohne i^in- 
trittsgeld frei. 4. Wenn aber die hyp. L. mit Gewalt aus 
Naupaktos vertrieben werden, können sie dahin, woher ein 
Jeder stammt, ohne Eintrittsgeld zurückkehren. 5. Sie sollen 
[alsdann] keine Abgaben zahlen, die sie nicht bei den Avest- 
lichen Lokrern [gezahlt haben]". 

pr. 2. der Wechsel im Numerus ist absichtlich, damit man 
sieht . dass die Bestimmung sich auf die Einzelneu. nicht auf 
die Gesammtheit bezieht. Die Abgaben bestehen natürlich hier 
und im folgenden nicht aus einer doffogä, einer Vermögens- 
oder Einkommensteuer, sondern aus Zöllen. Verkaufssteuern. 
Gerichtsgeldern, und vielleicht Leistungen nach Art der attischen 
Leiturgieu. 

pr. 1 und 2 regeln die Verhältnisse des Einzelnen bei vor- 
übergehendem Aufenthalte in der Heimath : die folgenden Sätze 
beziehen sich auf die dauernde Eückkehr. sie sei freiwillig 
(pr. 3) oder gezwungen (pr. 4). Danach bleilit für pr. 5 nur die 
von mir gegebene Uebersetzung möglich ; dass sie vor dauernder 
Rückkehr in die Heimath keine Abgaben zahlen sollten, war 
schon pr. 2 gesagt. Röhls Uebersetzung: Vertigal ne pendunto 
(sc. Naupactij nisi id quod ipsi Locri occidentales pendunt ist 
unmöglich; die Abgaben in Xaupaktos gehen die Opuntier 
garnichts an. — Die Bestimmung pr. 3 entspricht den römi- 

1) sie. 

2) verschrieben vtzu. 



299 

sehen über die latinisclien Colouisten; der Bestand wehrfähig'er 
Männer soll der Colonie erhalten bleiben. 

§ 1. (A) iVOQKOv Tou eJiifoixoLq sv Navjcaxrov . ,«t- 
jioorafitv (= f/?) ccji.) . ajt iOji)oi'Tiov^) xsxvaL xai ficr/avai . 
litÖtiiiai . ftxovxac xov hoQxov i$,Eiiai' . ai xa chiXotnai . 
tjrcr/tiv iura XQiaxorxa Hrta . ajto xo hoQxo htxaxov avÖQaq 
0:xorxioiq . Xai\-xuxxiov xai yavjraxxioiq fJJtovxLOvq. 

..Die Colouisten nach Xaupaktos schwören, von den 
Opimtiern auf keinerlei Weise freiwillig- abzufallen. Den 
Eid können, wenn sie wollen, dreissig* Jahre nach dem 
[jetzigen] Schwur hundert Männer von den Xaupaktiern den 
Opuntiern und die Opuntier den Naupaktiern auferlegen". 
Die Colonisten sollen dem Mutterlande treu bleiben und 
keinen Krieg gegen dasselbe führen. Mehr besagt ,</;} «.to- 
oxäfii:]' nicht, denn weitere Rechte auf Xaupaktos. etwa das 
der politischen Oberleitung, haben die Opuntier nicht. Viel- 
mehr werden die Beziehungen durch die Verträge zwischen 
den westlichen Lokrern und den Opuntiern geregelt sein. Auch 
die Xaupaktier haben Anrecht auf die Treue des Mutterlandes : 
daher kann der Eid von beiden Seiten erneuert werden. Dass 
hier die Opuntier. nicht die hyp. L. genannt sind, zeigt klar 
die politische Verschiedenheit der beiden Namen. 

§ 2. (B) hoooxic xa Xijtoxthei ty Aavjraxxo . xov tjriJoi- 
xov . ajioXoxQor niitv . f:rxt x (croxtioei . xa vofiia ^av- 
Jtaxxiocc. 

„Wer von den Colonisten mit Hinterlassung von Abgaben 
aus Xaupaktos fortgeht, verliert sein lokrisches Bürgerrecht, 
bis er den Xaupaktiern ihre Gebühren bezahlt hat''. 

Vgl. S. 293. Xur hier ist die Präi)osition ex mit dem End- 
coDSonanten geschriel)en. wohl um jede Verwechselung mit tv zu 
vermeiden. Die Ergänzung des Vordersatzes, dass der SchuhbuT 
den Versuch macht, in die lleimath zurückzukehren, verstellt 
sich von selbst. 

sj 3. (/') ai xa lit ytrog sv xai lOxiai . n (= //) tx^^a- 
fiov . xov ejrtJoixov . [ti] ') et' Navjraxxoi Aoxqov . xov Jiv- 
jioxvaiiiöiov . xov tjiavxioxov . xgaxtiv Aoxqov hojto x ei 



1) Schreibfehler. 



300 

(= Öjcco x' )j) . avxov igvtu o.i x' avtQ ti t Jiatc . XfjLor (H- 
i'ov . ai de f/t roig Navjraxrioi^ . vofiLoiq yQ&crai. 

„Wenu am Hansherde kein erbberechtigtes Geschlecht 
da ist nnter den Colonisten der hvp. L. in Naupaktos, soll 
der näehstverwaudte Lokrer. woher er aueli stamme, die 
Erbschaft erhalten unter der Bedingung, dass er selbst, sei 
]\rann oder Knabe, hingeht innerhalb dreier Monate. Wenn 
aber nicht, soll man die naupaktischen Reclitsstätze anwenden." 
Wenn der Colonist an seinem Herde keinen berechtigten 
Erben hinterlässt. tritt das Erbrecht des nächsten lokrischen 
Geschlechtsverwandten — ganz allgemein, sei er Hypoknemidier 
oder Ozoler') — ein, falls er binnen drei Monaten persönlich 
sein Erbe antritt. Diese Bestimmung wahrt das Erbrecht der 
Angehörigen des Mutterlandes in der Colonie. wie umgekehrt 
§ 6 das Erbrecht der Colonisten in der Heimath. Was zu ge- 
schehen hat, wenn die Bedingung nicht gehalten wird, können 
die Opuntier nicht festsetzen: da tritt das naupaktische 
Kecht ein. 

§ 4 (J) t j\c(vjraxTO avyoQ'corra . ev AoxQOva rovc liv- 
jioxvu[iLÖiov2 . 'cV NavjraxTOi . xagv^ai ev rayogat (= rä 
ayoga) . xtv (= xcä Iv) Aoxgoig . roiic)'^) Jivjtoxi'afiidioig . 
£V rat jioXi ho x ti (==== cb x ij) . xagv^ai tv xayogai. 

„Wer aus Naupaktos fortzieht in das Gebiet der hyp. L.. 
soll es in Naupaktos auf dem ^Markt durch Heroldsruf be- 
kannt machen und ebenso bei den hyp. L. in der Stadt, aus 
der er stammt" [und in die er selbstverständlich zurückkehrt]. 
§ 5. (£') 1. ntgxofyagiav . xai Mvouytor . tjrei xa Nav- 
jtaxTL'og Ti)g .^) ytvtxaL . avxoc xcu xa ygtfiaxa . xtv (= xa 
Iv) Aavjraxxoi . xoic tv NavJiaxxoi •*) ygeoxai . xa d ti^ Ao- 
xgoig xotc Jivjroxvafiiöioig . ygtfiaxa xoig hvjroxvafiiÖioig . 
rofiioig ygtOxai . hojiog a Jiolig ftxaoxov i'OfuZn ■ Aoxgov 
rov hvjioxva^iÖiov . 2. at{xa) xig hv:jo xov jof/iov xov tjti- 



1) oTioj = onöO^tr M'ie pr. 4 und w = ö'v^fr § 4, nicht ^='fjnov, wie 
RÖHL übersetzt (ubicuuique). der die Stelle sonst richtig verstanden hat. 
Bechtel iuterpungirt falsch. 

2) Schreibfehler. 

.* ) Die allgemeine Annahme, hier sei vo^xioic vum Schreiber ausge- 
lassen, scheint mir uunüthig; das folgende vo/xioig genügt für beide. 



301 

f 01X01' . lajoQiti U'cQxoQ^aQiar xai Mvöax^or . roi^ avroi' 
roiiioig . /Qtorcu . xara :7Tohr fsxaörovq. 

„1. Wenn einer von den Perkotharieru und ^lysaeheern 
Naui>aktier wird, soll er selbst und der Besitz, den er in 
Xaupaktos hat, dem Naupaktischen Recht unterstehen, sein 
Besitz bei den hyp. L. aber dem hypoknemidisehen Recht, 
wie es in der Heimathsg-emeinde eines Jeden bei den h. L. 
gültig- ist. 2. Wenn aber einer der Perkotharier oder My- 
sacheer zurückkehrt heraus aus dem Bereiche des Rechts 
der Colonisten {vjio xcöv vo/jicor rmv tjnfoixcov),^) soll er 
dem eigenen Recht {rou avrcdr rofiioig) unterstehen, ein 
jeder nach seiner Heimathgemeinde." 

Dass die Perkotharier und Mysacheer Adels- oder Priester- 
geschlechter I ..Reiniger" und ..Schuldheiler" V) sein müssen, ist 
allgemein anerkannt. Sie haben grosse Besitzungen und für 
dieselben ein besonderes Recht. Wenn sie nach Naupaktos 
übersiedeln, bestimmt über ihre dortigen Verhältnisse das nau- 
paktische Recht, aber über den zurückgelassenen Besitz das 
heimathliche. Das hypoknemidische Recht ist nicht einheitlich, 
sondern jede Gemeinde hat unbeschadet der politischen und 
Stammeseinheit ihren l)esonderen coutumes vor allem auf dem 
Gebiete des Erb- und Familienrechts, ganz analog z. B. den 
d<'Utschen Zuständen. El)enso herrscht in Xaupaktos eine locale 
Form des ozolischen Rechts: und auch in Attika. Lakonieu 
und sonst werden ursprünglich die Landgemeinden ein beson- 
deres von dem der Hauptstadt in einzelnen Bestimmungen ver- 
schiedenes Landrecht gehabt haben. 

4? 6. (/) ai x aöeXcftoi tom . ro v {= tov et') yavjiax- 

TOV foiXtOVZOQ . Ao.TO-' XCU AOXQOV . TOV ](VJlOXriiLu6lQV . 

ftxaoror i'Ofiog ton . tu x a.^od^avti xoi- -/{ttfxaTov xQuitiv . 

TOV tJllfOlXOV XO XaXlXOfltVOV XQUTSIV. 

„Wenn der Ansiedler nach Naupaktos [in der Heimath] 
lirüder hat, so soll, wie es bei den einzelnen hyp. Lokrern 
Kecht ist, wenn er [d. h. einer der Brüder] stirbt, der Colo- 
uist das Vermögen erben, [d. h.] er soll den ihm zustehenden 
Theil erben." 

I) So richtig scboD Vischek. 



B02 

Dem Colonisten wird sein Erbrecht in der Heimath ge- 
wahrt, je nach den Satzungen seiner Gemeinde. Die Unbe- 
holfenheit der alten Sprache und dem gegenüber das Streben, 
jedes Missverständuiss unmöglich zu machen, treten in diesem 
Paragraphen besonders bezeichnend hervor. Damit man nicht 
etwa glaube, dem Colonisten werde ein Anspruch auf das ge- 
sammte Vermögen des Erblassers mit Ausschluss der übrigen 
Erbberechtigten zugesprochen, wird noch ausdrücklich ange- 
fügt: To ■AaTiy.ö[itvor xQartiv. RöHL. der das zweite -Agarhlv 
streichen will, verwischt damit einen charakteristischen Zug 
des Textes. Genau ebenso wird 7. 1 und 9, 2 das Verbum 
wiederholt; Kohl hat es wirklich fertig gebracht, es auch an 
diesen Stellen zu streichen. 

i? 7. (Z) 1. xovQ ^jiifoixovg . tv Navjtaxrov . rav dixav 
jtQodiy.ov . hagtOrai jio[r) rovg dixaorsQuc . littQiOxcu xai 
öofitv . tv OjiotvxL 'xata ftoq avrafiaQov. 2. Aoxqov tov 
hvjroxvafiLÖiov . jiQoorarav xaraoraöai . tov Aoxqov to- 

JtlfOlXOL (== TO) tJl.) . Xai TOV tJllfOlXOV TOI AOXQOI . /lOlTtVig 

xajtiaTsg evTifioc sc. 

„1. Die Colonisten nach Naupaktos sollen für ihre Pro- 
cesse Vorzugsrecht haben bei den Richtern. Sie sollen (Rechtj 
nehmen und geben in Opus xaTa ftoq gleich an demselben 
Tage. 2. Aus den hypokn. Lokrern (Aoxgcöv tcöv vjt.) soll 
man einen Gerichtsvorstand einsetzen der Lokrer dem Colo- 
nisten und der Colonist dem Lokrer, welche xajiiaxtg unbe- 
scholten fC." 

Dieser Paragraph ist der schwierigste von allen, da hier 
zweifellose Verschreibungeu vorliegen, die trotz alles darauf 
verwandten Scharfsinnes zu beseitigen nicht gelungen ist. Die 
richtige Interpretation gibt im wesentlichen schon Vischeu. 
während Röhl ganz in die Irre geht. 

Wir beginnen mit § 7. 2. Hier tritt uns die Exclusivität 
des griechischen Particularismus drastisch entgegen. Auf privat- 
rechtlichem und religiösem Gebiete bleiben den Colonisten ihre 
alten Rechte gewahrt, aber .politische Rechte können sie nicht 
mehr ausüben, da sie einer fremden Gemeinde angehören. Sie 
können daher nicht selbst einen Process führen — wozu doch 
oft genug, namentlich in den in diesem Gesetze geregelten 



303 

Erhscliaftssachen, Anlass sein wird. Der gewöhnliehe Fremde 
wird vor Gericht durch seinen :iTQ6^8vog vertreten; den Stamm- 
verwandten wird die Coucession gemacht, daBS sie wie Metoeken 
behandelt werden, und daher einen Vertreter. rrQOürca/jg (Röhl 
übersetzt das Wort mit praetor!), erhalten. Das gleiche gilt 
von den Hvpoknemidieru, wenn sie nach Naupaktos kommen. 
In beiden Fällen soll aber dieser Vertreter aus den Lands- 
leuten, aus Hypoknemidiern, genommen werden. Die jtqo- 
araTcu (der Wechsel des Numerus ist ganz naturgemäss) sollen 
natürlich unbescholtene Leute sein. Das ist in den h-rifioi des 
Nebensatzes deutlich erkennbar. Das Wort kann hier nicht, 
wie ViscHEK annimmt, heissen ..welche in den Tiiic.i ( Aemtern) 
sind", denn aus den Beamten werden die :rQoöräTcu nicht ge- 
nommen, auch würde das anders (durch rtXii) ausgedrückt 
werden; sondern Ivriito^ ist einfach der Gegensatz von ([rif/og. 
Dadurch fällt auch die Deutung des vorhergehenden yMJiiaTt^ 
als xa Lnitttg, ganz abgesehen von dem unzulässigen Ausfall 
des f. X oder xa ist natürlich die Partikel. jriaTtc oder ajnaTtg 
mus8 eine nähere Bestimmung von Ivriiioi enthalten. Es liegt 
nahe an «t?/ zu denken, das in der Bedeutung „Verschuldung" 
bei den Lokrern lebendig war, wie die folgende Urkunde lehrt. 
Aber die Annahme einer starken Verschreibung bleibt unum- 
gänglich. In dem E2l am Schluss muss eine Verbalform von 
dvai stecken. Der Sinn ist jedenfalls „welche fleckenlos und 
im Besitz der bürgerlichen Rechte sind". 

Dieser Satz zeigt, dass hier nicht von der Ordnung der 
Rechtsverhältnisse der Colonisten vor ihrem Auszug die Rede 
ist, wie RöHi> meint, sondern wie in allen anderen Paragraphen 
von dem zukünftigen Verhältniss zwischen Colonisten und Mutter- 
land. Danach ist auch v^ 7. 1 zu interpretiren. Nicht für die 
Zeit vor dem Auszug, sondern für die Zukunft wird den Colo- 
nisten zugesichert, dass ihre Processe den Vorrag haben sollen 
— eine Bestimmung, die oft gegeben wird und für den Fremdeu, 
der kommt um eine Klage zu erheben, ja nur billig ist. Er 
kann nicht so lange warten wie der Einheimische. Der Gerichts- 
ort ist 0i)us; was aber sonst in dem Satze ugiorai x<ä dö^ar 
t)' 'Onötrxi xaxn ftog uvTf'cfiaQov steckt, ist nicht zu ermitteln. 
da fiog iaftnc'i) jedenfalls versehrieben ist. Die Correctur 
Hrog liegt nahe, aber ich vermag ihr keinen erträglichen Sinn 



301 

abzug'ewiimen. Sicher ist nur. dass auch hier rasche Erledi- 
gung- der Klagen für und gegen Colonisten zugesichert wird. 

§ 8 (//) hoöOtig X aüioliüiti . xaraga xai ro f/eQog . 
xov xQtfiaxoi^ rot jiaxQi . tjrti x ajioyeverai . s^sifisv ajto- 
la/Eiv . xov tJiifoixov . iv Aavjtaxxov. 

,,Wenn einer einen Vater und bei dem Vater sein Ver- 
mögenstheil zurückgelassen hat, so darf, wenn er (der Vater) 
heimgeht, der Colonist nach Naupaktos das Erbe antreten." 

Die Colonisten mit Ausnahme der Mysaeheer und Perko- 
tharier nehmen ihren Besitz mit sieh. Wenn aber der Vater 
noch lebt, wird der Sohn ihm in der Regel sein Erbtheil lassen. 
Dann darf er dasselbe nach dem Tode des Vaters erheben. 
x6 fitQog xcöv yQrKiäxcov heisst nicht „einen Theil seiner Habe", 
sondern „sein Erbtheil": ßigog ist bei den Lokrern ein recht- 
licher Terminus ungefähr wie xXrjQoq, s. >? 9, 3. 

§ 9 {(■)) 1. hoooxig . xa xa ftfadtxoxa . ÖiaqOtiQti . xty- 
vai xai fiaxavai . xai (iiai . Jioxi xa (is avffOxagoLc . doxtti . 
HojtovTioi' . xi /iXiov . jcXtd^ai xai Nafjiaxxiov (sie) . xov 
ijiifoLxov . jiXkdai . axifiov sifiev . xai /QSfjaxa jiafiaxo(/a- 
ytioxai. 2. xövxaXti/JSVoi (= to3 syxaXsifJti^co) . xav dixav . 
6oiitv xov UQyov . tv xgiaxovx' a^agaiq . Öof/sv . ai xa xQia- 
xopx' ufiagai . Xtijiovxai xac. agyaq. 3. ai xa //£ didoi . xoi 
wxaXLiiitvoi . xav dixav . axif/ov nfitv . xai yQEfjaxa jia^a- 
xo(pay8iOxai . xo f/egog fxtxa foixiaxav. 4. diofiooai Jiogxov . 
xov vof/iov . 8V vÖQiav . xav y:a(fi^[^]iv^) tifitv. 

„1. Wer diesen Beschluss zerstört auf irgend eine Weise, 
wenn nicht beide einverstanden sind, die Versammlung der 
Tausend in Opus und die Versammlung der naupaktischen Co- 
lonisten, soll in Atimie verfallen und sein Vermögen contiscirt 
werden. 2. Dem Beklagten soll der Beamte den Process geben, 
binnen dreissig Tagen soll er ihn geben, wenn noch dreissig 
Tage von seiner Amtsführung übrig sind. 3. Wenn er (der 
Beamte) dem Beklagten den Process nicht gibt, soll er in 
Atimie verfallen und sein Vermögen contiscirt werden, das 
Erbtheil mit den Sklaven. 4. Man soll den gesetzlichen Eid 
schwören, die Abstimmung soll in einen Krug stattfinden." 

l) verscliriebeu. 



305 

Bestimmungen über die Bestrafung dessen, der den Ver- 
trag verletzt. Wie in allen solchen Fällen wird aueh hier dem 
Beamten, welcher die Klage verschleitpt oder niederschlägt, 
dieselbe Strafe augedroht, die den Schuldigen tritft. § 9, 4 
handelt ganz kurz über das Processverfahren . da der Gang 
desselben im allgemeinen längst anderweitig feststeht. Nur 
dass die Richter vereidigt werden und die Abstimmung ge- 
heim ist, wird besonders festgesetzt. Dass ro fitQoc fitta foi- 
xiaxar nicht zu 9, 4, sondern zum vorhergehenden gehört, hat 
RüHL gegen Vischek. dem Bechtel folgt, richtig erkannt. 
Ueber die Bedeutung von iuqoc s. i? 8. — tyxaXsifiEroc: ist 
wohl mit ViscHER passiv „der Beklagte*', nicht medial „der 
Kläger" (so Röhl) zu verstehen. Öixai' öof/tv heisst hier „den 
Process geben", d. h. die Gerichtsverhandlung ansetzen, ohen 
ij 7 dagegen wird es von dem Beklagten gebraucht (im Gegen- 
satz zu di-xav agtorai „Recht oder Process nehmen"), der sich 
dem Kläger vor Gericht stellt. — jiXr'jO^a in 9, 1 ist wohl nicht 
die „Majorität" (Vischer, Röhl; II B 2. 8 hat jtZrjüvg aller- 
dings diese Bedeutung), sondern „die Menge", d. h. die Volks- 
versammlung. Wir lernen hier, dass dieselbe in Opus wie in 
manchen anderen Staaten aus tausend Mitgliedern bestand. Es 
ist wenig bedacht, wenn man das eine „Oligarchie" nennt 
(Gilbert, Staatsalt. II 39); wie viele Einwohner hatte denn 
0i)us':' Es ist vielmehr die altberechtigte erbgesessene Bürger- 
scliaft der Haui)tstadt der hypoknemidischen Lokrer. — 

Die Schlussclausel über die Chaleier ist schon oben be- 
sprochen. 



Athen und Attika. 

(Excurs zu S. 2!I4.) 

Wie sich ^\i((OTi('iT7jc und Aaxcur oder Aaxtdat^ürio^ 
unterscheiden, weiss Jeder; jenes bezeichnet die Bürger der 
herrschenden Gemeinde Sparta, dies sämmtliche Einwohner 
des Landes Lakedaimon ohne Rücksicht auf ihre politische 
St(;llung. Daher wird von Fremden und den Fremden gegen- 
ül)er ausschliesslich yiaxff)«/,</or/oj oder Aäxojv gesagt, so in der 
Olympionikenliste, so im Sprachgebrauch aller Schriftstelh'r. 
die exact reden, wie Thukydides und Xenophon: daher heissen 

Moyer, Foracliiiimuii zur Alton (ieschiclitc. I. 2ü 



806 

die Könige ßaoÜHz Aaxtduiuor'uor — sie beherrschen das 
ganze Land, nicht nur die Haujjtstadt. Der Unterschied zwi- 
schen Spartiaten und Perioeken ist ein innerer, der die Aus- 
wärtigen zunächst nichts angeht. 

Dass derselbe Unterschied ursprünglich zwischen ji&rjvaloi 
und 'Attixoi bestand, dürfte dagegen ganz unbekannt sein. 
Und doch ist er für das Verständniss der älteren attischen 
Geschichte von fundamentaler Bedeutung. Es ist ja sehr auf- 
fallend und aller Analogie widersprechend, dass die Bewohner 
einer einheitlichen Landschaft nicht nach dieser, sondern nach 
der Hauptstadt benannt werden. Das ist denn auch ursprüng- 
licli nicht der Fall gewesen. Die Sprache der Athener heisst 
immer attisch, genau wie die Kömer lateinisch reden. 'i Erst 
allmählich hat sich der Name l4{)^/^iaioi statt 'Axrixoi bei den 
Fremden eingebürgert. Noch in Piatos Gesetzen sagt der 
Kreter, er wolle den Fremdling nicht [irrixäz nennen, sondern 
'AH^rivaloc nach der Göttin (I 626 d co gtvt 'Ad^z/vcdt — ov yccg 
OS 'ArTiy.6v td-tXoifi av jcQOOayogsvtir' Öoxtu jag f/oi tfjQ 
ihov b:roji't\uiac «c^Ow tivai (läXXov tjroi'ot/dCso&ai). Vor der 
solonischen Gesetzgebung hat man denn auch die Bewohner 
des Landes, des Gesammtstaates, 'AttixüI genannt ^j: Alkaeos 
klagt, seinen Schild hätten die Attiker — nicht die Athener — 
im Tempel der Glaukopis aufgehängt (fi-. 32 bei Strabo XIII L 38: 
artxQifiaoav 'AxrLxoi). Ganz scharf tritt der Unterschied in der 
solonischen Elegie Salamis hervor: 

siriv dr/ tot' ayco (poXtydvÖQioc r/ 2!iy.iviirrjq 
dvrl y lid-r/vaiov, jcargid' äfitiipäfitvoa' 

aiipa yuQ (päxiq ijöt f/sr' dv&Qomoioi ytvoiro' 
jixTLXoz ovxoq dviiQ xcöv 2^a?.af/u'af/ ix(üi'. 



1) Der Unterschied zwiscbeu Israeliten und Hebraeern ist ähulicli, 
aber nicht identisch. Das Vulk selbst nennt sich Israel, die Nachbarn 
aber nennen es „die von drüben-, Hebraeer. .Jenes ist daher der Name 
des Staats, dies die gewöhnliche Bezeichnung der Nationalität und daher 
auch der Sprache. 

2) Allerdings sagt die Ilias durchweg 'J^?^i«ro/ (j;r2S. i\' 196. 6'59. 
337 und im Katalog). Das beruht darauf, dass die Kleinasiaten nur den 
engbegreuzten Stadtstaat kennen, nicht die Einheit der Landschaft. Die 
Ilias verwerthet auch Auxtiuinujr als Stadtuameu und als gleichbedeu- 
tend mit 2'rr«(>r//. 



807 

Der Wechsel der Bezeichnung' ist nicht etwa poetische Varia- 
tion, sondern staatsrechtlich völlig- correct: Solon selbst nennt 
sich einen Athener, denn er ist Bürger der herrschenden Stadt; 
aber im Munde der Fremden lässt er sich als Attiker be- 
zeichnen. 

Dem entspricht die Schilderung der Zustände des Landes, 
welche Solon in seiner grossen vor seinem Archotat gedichteten 
Elegie fr. 4 (jetzt zu ergänzen durch Arist. pol. Ath. 5) entwirft. 
Hier stehen sich gegenüber die doroi mit den dt'iiov tjytfiövtc 
au der Spitze (v. 5 — 23) und die jrtvr/Qoi auf dem Lande 
(v. 23 — 27). Die letzteren haben keine politischen Rechte, sie 
gehören nicht zum 6r/fxog. Der Gegensatz wird ganz scharf 
bezeichnet: xavxa ^tv Lv örjiim GrQt(fi:xai xaxa' rmv dl 
Jihvi'/Qcüv Ixvovvzai Jio).).ol yalav Iq aXXoöajtijV jiQad^ävTEc 
heisst es v. 23. Solons Gesetzgebung- hat diesen Unterschied 
aufgehoben. Seine i)olitisch bedeutendste That ist es gewesen, 
dass er die 'AttixoI zu liihivaloi, die Bauern der Landgemeinde 
zu Bürgern der Hauptstadt gemacht hat. 



IIA. Keclitsvertrai;' zwischen Oiauthea und ClialtHou. 

Die zweite lokrische Bronzetafel, früher gefunden als die 
erste, stammt gleichfalls aus (4alaxidi (Oianthea).') Die Fonnen 
der Buchstaben sind etwas jünger als auf dem Gesetz über 
Nauj)aktos, das Qoppa wird nicht mehr gebraucht; danach 
wird die Urkunde etwa aus der Mitte des fünften Jahrhun- 
derts stammen.-) Im Unterschiede von jenem wird aber das 
aus langem £ und o hervorgegangene ti und ov auf die- 
ser Tafel nicht bezeichnet, sondern durch t und o wieder- 
gege])en. 

Die Tafel zeigt zwei verschiedene Hände, die sich nament- 
lich in den Formen des /, //, r und in der Interpunction unter- 
scheiden. Die erste verwendet drei, die zweite zwei Punkte 

1) publicirt von Oekonomides 1850 und danach von Ross. Grund- 
lcf?cndc Bearbeitung von Kirciihoff Philol. XIII 1 ff. Ferner Cauer di'l. 
HO. ••!. IGA. 'ATI. IliCKs no '.VI. Kobert.s no. Tä'l und p. ;i.54 ff. Bechtei. 
in der Sauindun}; f^ricch. Dialektiiisclir. II 147'.t und S. 90. 

2) Ui'l)er die Schritt s. Kikcmhoff Alphabet^ 144 ff. 

•21)* 



808 

zur Worttreniiuug. Dass dieser Unterschied nicht nur äusser- 
lich ist, sondern zwei ganz verschiedene Urkunden auf der 
Tafel vereinigt sind, werden wir später sehen. Die erste Hand 
hat die Vorderseite g-esehrieben; die zweite hat auf dem freien 
Raum am Ende der Vorderseite noch eine Bestinmnmg ange- 
fügt und die Kückseite beschrieben. 

Das von der ersten Hand geschriebene Gesetz ist ein 
Rechtsvertrag (ovfjßoXov) zwischen den ozolischen Gemeinden 
Oianthea und Chaleion. Kirchhoff, dem alle Neueren folgen, 
meint, aucli hier läge uns nur der Schluss der Urkunde vor, 
der Haupttheil habe auf anderen ergänzenden Tafeln gestanden. 
Diese Annahme, schon an sich höchst unwahrscheinlich, zumal 
angesichts der Kleinheit der Tafel, ist durch den Inhalt aus- 
geschlossen, der nirgends etwas vermissen lässt. Dass ein 
Präscri])t fehlt, kann nichts beweisen; dass es sich um einen 
Vertrag zwischen den beiden Gemeinden handelt, lehrt ja der 
erste Blick. 

Das Gesetz lautet (auch am Anfang steht ein Interpunctions- 
zeiehen): 

(1) . Tov ^tvov fi£ hayev . t xaq XaXsidog . xov Oiavfhta 
fisÖE TOV XaXtisa . t rag Oiav&idog . fiede y^Qtjiara ai ti{q) 
OvXoi . X07' dt övXovra avaTo(c) ovXbv (2) tu $,i:iuxa s 
i)a)Möag haysr . aovXov . icXav t lifjtvoq . zo xara jioXiv. 

(3) ai y' aÖiy.oio) ovXoi .') rtroQtg ÖQayjiui . ai dt JiXtov 
öex afiagav tyoi ro Ov?mv htfiioXov ocpXtxo fori ovXaaai. 

(4) ai {itrafoixhoi JcXtov ftevog f o XaXtitvg tv Oiavd^tca 
£ (o) Oiavd^tvg tv XaXeioi rai ejiidaftiai öixai yQtoxo. 

„1. Den Fremden soll der Oiantheer nicht aus dem Ge- 
biet von Chaleion und der Chaleier nicht aus dem von 
Oianthea fortführen, noch seine Habe, wenn er auf Pfänden 
auszieht; den Pfändenden aber darf er ohne Verschuldung 
pfänden. 2. Aus dem Meer darf man fremde Waaren weg- 
führen ohne der Pfändung zu verfallen, ausser aus dem Stadt- 
hafen. 3. Wer widerrechtlich pfändet, vier Drachmen; be- 
hält er aber das Pfand länger als zehn Tage, soll er andert- 
halb mal den Betrag dessen schulden, was er in Pfandbesitz 

I) Ob hier ein Schreibfehler vorliegt oder ul xu wirklich im Lokri- 
scheu auch deu Optativ regiert hat, ist uicht zu eutsclieideu. 



309 

genommen hat. 4. Wenn der Chaleiev sieh länger als einen 
Monat in Oianthea oder der Oiantheer in Chaleion nieder- 
lässt, soll er dem einheimischen Rechte (des Ortes, au dem 
er wohnt) unterstehen." 

Worum es sich handelt, hat Kikchhoff klar dargelegt. 
Bei Streitigkeiten um Mein und Dein zwischen Bürgern ent- 
scheiden die Gerichte; will aber Jemand einen Rechtsanspruch 
gegen den Angehörigen eines fremden Staats geltend macheu, 
so bleibt ihm nur der Weg, sich durch seinen eigenen oder 
den staatlichen Gastfreund (idtoc. i,tvoc und jutögtvoc, s. u.) an 
die dortigen Gerichte zu wenden, ein Verfahren, das sehr um- 
ständlich und bei der Parteilichkeit der Richter für ihre Lands- 
leute sehr problematisch ist. Es ist begreiflich, dass man 
andere Hülfe sucht; man sucht sich in den Besitz eines dem 
Gegner gehörigen Werthobjectes zu setzen (Waaren, Vieh, Skla- 
ven) und dadurch ein Aequivalent zu gewinnen, oder man be- 
mächtigt sich auch seiner Person selbst. Dadurch wird der 
Geguer gezwungen, sich jetzt an die Gerichte des Pfänden- 
den zu wenden oder ein Abkommen mit dem Gegner zu 
schliessen; die Rolle der beiden Parteien wird also umgekehrt. 
Dies Verfahren heisst ovkäv, ein Begriff", den wir nur seiir 
imvollkommen durch ..pfänden, ein Pfand gewinnen" aus- 
drücken können,') die Wegführung der Habe zu diesem Zwecke 
wird als (fiQtir, die von Vieh und Menschen als ayuv be- 
zeichnet. Natürlich führt das Verfahren zu den schwersten 
Störungen von Handel und Verkehr, zu vollständiger Unsicher- 
heit der Land- und Wasserstrassen. Nicht selten wird es den 
Anlass zu Kriegen gegeben haben, ^lan sucht ihm daher ent- 
gegen zu wirken durch Verträge {oviJ^-ioXa), welche ein ge- 
richtliches Verfahren regeln und in der Regel den Process vor 
das Forum des RcklagtiMi verweisen, zugleich aber den betr. 
Staat verptiichten, die Klage anzunehmen.^; Indessen ist man 

1) vgl. in den l)oli)liisflu'n Fri'ilassnngsurkuuden : „wenn jemand 
die Freigelassene zur Sklavin niaclien will, rjr///rw o TiaituTV/wv wg ^Itt- 
'yiifuv iniaav Griech. Dialektinsehr. 1705; ofioiwg Si xal oi naQUTvyya- 
rovTfi xvQioi idvzoji' avktovxig 'A(}/xo6ixav wo, ilevS^s^av tovaai' n'C,('</tioi 
invTig xal uvvnödixoL naauq öixaq xal 'QafxLaq ib. 1685 tt". Hier hat ovXäv 
ganz die Bedeutung des rüniisehen vindicare, wie ayttv auf Kreta. 

1) Der erste \'ertrag zwischen Rom und Karthago fordert für jedes 



310 

erst spät dazu gekommen, derartige Verträge zu sehliessen; 
kein Staat wollte ein Tüttelchen seiner Souveränetät opfern. 
In Tonien haben erst die Perser im Jahre 493 eine derartige 
Ordnung gesehaifen: Her. VI 42 Artaphernes lässt Gesandte aus 
den Städten zu sich kommen und ovi'&yxug o<fioi avxoioi rovg 
'imvaq t'ji'uyxaot JtodeOihca, 'i'va dooidixoi titv y.al fit) aXh'ilovq 
fftQotti' T£ xal äyoitv. Zahlreiche derartige Verträge hat dann 
Athen mit den von ihm abhängigen Gemeinden geschlossen, 
nur dass es hier durchweg die Judicatur in den ^vf/ßöXuiai 
dixar an sich nahm (Thuk. 177, vgl. [Xen.] pol. Ath. 1,16). Der- 
selben Zeit gehört auch unser Vertrag an. Von Parallelen aus 
späterer Zeit führe ich die Bestimmungen eines Vertrags zwi- 
schen den kretischen Gemeinden Lyttos und Malla an (Bull, 
corr. Hell. IX S. 10 = Mus. ital. III 636): .«/; t^toroj de ovXn^ 
[jjfjTi] xov AvTTiov tv rai tcop MaXXaimv fit]T8 t\ov MaX\Xaiov 
tv xuL Tcov AvTTicav . cu dt rig xa öf[-ißo/yt], ajtornvvxco xo 
T£ XQ£og o xa 6vXa0tj[i xcu orartj^Qac txaxov . o dt xoOfiog 
XQa^avTcov (sie) [trroc dtx] ') a^/tQcw xov bXovd^tQor, aXXo 
ö' ai x[ig ovXaOci]i er afiegaig cxaxi . ai öe fitj jTQa^attt^ oi 
[xoo//ot], ajcoxeiöavxcov txaoxog z. xoöfw (V, wohl verschrieben 
für xiov xooficov) OTa[xr]QaQ'\ jrevxaxaxioc xcu jtoXi, ojtvj xa 
övXao[tji] (d. i. „der Stadt, aus der er gepfändet hat"). 

Zwischen Oianthea und Chaleion bedarf es eines derartigen 
Vertrages nicht. Die beiden Gemeinden haben zwar locale 
Autonomie, eigene Beamte und eigenes Recht, aber sie sind, 
wie schon früher erwähnt, doch nur Glieder eines grösseren, 
politisch organisirten Stammverbandes, innerhalb dessen Land- 
friede und geregeltes Kechtsverfahren entweder durch ältere 
Verträge gesehaifen ist oder, was w^eit wahrscheinlicher ist, 
von Anfang an bestanden hat. Aber der Fremde, z. B. der 
korinthische oder attische Kaufmann, der auf dem Gebiete der 
einen Stadt verweilt oder an ihrer Küste anlegt, ist gegen die 
Angriffe der Bürger der Nachbargemeiude schutzlos, ihrem 

Handelsgeschäft die Gegenwart eines xjjqv^ oder y(ju,u/nuzevg, garantirt 
aber alsdann die Schuld ötj/xogüc niozei. Auf Sicilien werden die Römer 
und ebenso wohl alle fremden Kaufleute den Karthagern völlig gleich- 
gestellt, ebenso im zweiten Vertrag aucli in Kartliago selbst. Das ist die 
Politik eines grossen Haudelsstaats. 

1) oder mit IIalbherr täv dsx' a{xt(/äi'. 



311 

ör/«r ohne Hülfe preisgegeben. Diesem Zustaud will unser 
Vertrag abhelfen; es ist ein Beleg dafür, wie die Satzungen 
eines geregelten ^'erkehrslebens auch in diese bisher von den 
Fortschritten der Cultur fast unberührten Gebiete (Thuk. I 5) 
einzudringen beginnen. Der Vertrag verbietet dem, der auf 
ovXäv auszieht, einen Fremden oder seine Habe aus dem Ge- 
biete einer der beiden Städte wegzuführen. Die folgenden 
Worte haben Schwierigkeiten bereitet. Die ältere, auch von 
Bechtel beibehaltene Lesung ist tor ob ovXüJvxa ava rd 
OvXtjv ra §8Pi.xa s d-aXäöouq, äytiv aovXov „Wer pfändet, darf 
beim Pfänden die Waaren aus dem Meer straflos {äovXo:^) 
wegführen". Diese Interpretation kann nicht richtig sein; denn 
1) ist alsdann ava ro ovX/'jV ganz überflüssig, weil schon in 
dem Tov de ovXaJvxa enthalten; 2) ist bei dieser Deutung das 
ds. unerträglich; 3) würde „wer pfändet" heissen ai' Ttu; ot'Aröf; 
4) bleibt bei dieser Auffassung aovXov unerklärt. Die richtige 
Lesung gefunden zu haben ist Röhl's Verdienst'): rov 61 ov- 
Xcövra ai'ä.Tojj: ovXfjv „den Pfändenden darf man ohne ar//, 
ohne Verschuldung (vgl. I § 7j pfänden*', d. h. wer die vorher- 
gehende Bestimmung übertritt, wird damit selbst dem Pfand- 
recht freigegeben. Daran schliesst sich die folgende Bestim- 
mung „wer aber fremde Waaren vom Meer fortführt, ist aovXoj, 
gegen ihn darf keine Pfändung geübt werden". Kur das Land 
ist geschützt, auf dem Meer bis zum Strand gilt mit Ausschluss 
des Stadthafens nach wie vor das Recht des ouXär. 

Die übrigen Bestimmungen bieten keine Schwierigkeiten. 
Der Chaleier. der vorübergehend nach Oianthea kommt, behält 
sein Ileimathsrecht, d. h. er kann nur vor dem Gericht in 
Chaleion belaugt werden, und umgekehrt; hält er sieh aber 
länger als einen Monat in dem anderen Ort auf. so wird an- 
genommen, dass er dorthin übergesiedelt, dass er zum ]\Ietoeken 
geworden ist, und so untersteht er von da an dem Rechte des 
Orts, an dem er Jetzt wohnt, er muss hier der Ladung vor 
Gericht folgen. 



1) Dass nacli r,v)j^v keiiK' Interpunctioii steht, beweist bei der iiacli- 
lässi}?en Setzung derselben nichts. Ebeuso fehlt sie I i; I nach F^xorzru. 



312 



IIB. Satziing:fii des FreiiideiirecMs. 

Die von zweiter Hand auf der Tafel eingetragenen Keelitp- 
8ätze sind nicht nur jünger als der Vertrag, sondern sie haben 
auch mit diesem nichts mehr zu thun. Es sind nicht Satzungen 
eines Vertrags zwischen zwei, sondern Gesetze einer Gemeinde. 
Dass die Gemeinde, welche sie erlassen hat. nur eine der 
beiden in dem vorigen Vertrage genannten sein kann, ist klar; 
da die Tafel in Oianthea gefunden ist. werden sie dieser Stadt 
angehören. Auf der Tafel, welche den Vertrag enthält, sind 
sie aufgezeichnet, weil sie diesem inhaltlich verwandt sind. 
Sie enthalten gleichfalls Satzungen des Fremdenrechts, aber 
Satzungen, welche nicht nur die Nachbargemeinde, sondern 
die Fremden ganz im allgemeinen angehen. 

Auf der Vorderseite hat noch folgende Bestimmung Platz 
gefunden: 

(1) rov jiQO^erov . ai xptvöta jigostveoi. ÖLiXtioi O-ottOTo. 

„Wenn der Proxenos sein Amt unrecht ausüljt. soll er 
um das doppelte gestraft werden." 

Die Schlussworte sind, wie Dittenbergek ind. lect. Halle 
1885/G S. 12 erwiesen hat. im Auschluss an Röhl zu lesen 
dtJtÄtico i^coi'jOTco (= attisch d-cpäoi^oj). Den Sinn können wir 
nur durch eine Umschreibung wiedergeben: ..wenn ein Pro- 
xenos, der Vertreter der Bürger eines fremden Staats, die 
ihm anvertraute Aufgabe wider besseres Wissen (das liegt 
in iptvdia) vernachlässigt und die Interessen seines Clienten 
schädigt, soll er als Strafe den doppelten Betrag zahlen, 
um den der Client geschädigt ist". Wie mächtig in primi- 
tiven Verhältnissen innerhalb der Bürgerschaft das Gefühl 
der Zusammengehörigkeit dem Fremden gegenüber ist. wie 
schwer es oft dem einzelnen verargt wird, wenn er auch 
in der gerechtesten Sache für den Fremden Partei ergreift, 
wie gross endlich die Versuchung ist, den Fremden zu be- 
trügen, ist bekannt. Dem soll diese Bestimmung entgegen- 
treten. ') Es ist klar, dass sie sich nicht lediglich auf den 

1) In mehreren westgriecliischeu Staaten scheint mau. um diesem 
Uebelstand vorzubeugen luid zugleich jedem Fremden, \\üher er auch 
stamme, eine Vertretung vor Gericht zu schaffen, die Proxenie als Ge- 



Proxenos der Chaleier bezieht — es ist sehr fraglieh . ob diese 
überhaupt einen Proxenos in Oianthea hatten, da l)eides 
lokrisehe Gemeinden sind — sondern auf den Proxenos eines 
jeden Staats, der in Oianthea vertreten ist. 

Die Rückseite enthält nicht, wie bisher angenommen, zwei 
verschiedene Gesetze, sondern nur ein einziges, das aus drei 
Sätzen besteht: 

(2. 1) ai •/! cadtyaCovTi . toi ^hvodixai . tMOf-iora^ . Iit- 
ÄiOTO . o Q,tvoc . ojtuyov (= o küiäymv) . xav öixav . ty^fhoa 
(= Ixtoq) jTQO^tPo xai flow ^tro agioxirdav . sjii f/ti^ raic 
(ivaiaiaig . xal jiXtov . xtvrtxaidtxa avögaq . i^jn xaic. f^ieio- 
roig . trre avögag. (2, 2) ai x o faoorog jtoi ' ) ror faoxov 
dixaCtxai xa{x) xag ovrßoZag . daf/iOQjog {= daf^ioQyovg) 
litXtOxaL . xog JioQxofioxag uQiOxivöav xav jiunoQXiav ofto- 
öavxaq. (2, 3) xog hoQxof/oxag xov avxov hoQxoi' ofjrvtv . 
jiXtii^vv de vixtv 

„(2, 1) Wenn die Fremdenrichter verschiedener Meinung 
sind, soll der Fremde, der den Process anstrengt. Zusatz- 
geschworene wählen mit Ausschluss seines Proxenos und 
seines eigenen Gastfreundes, nach der Tüchtigkeit, bei Pro- 
cessen um eine Mine und mehr fünfzehn Männer, bei ge- 
ringeren neun Männer. (2, 2) Wenn der Bürger gegen den 
Bürger einen Process führt nach den Rechtsverträgen, sollen 
die Damiurgen die Geschworenen nach der Tüchtigkeit 
wählen, nachdem sie vorher den Fünfeid geschworen haben. 
(2, 3) Die Geschworenen sollen denselben Eid schwören, die 
Mehrzahl soll siegen." 

Aus 2, 1 lernen wir. dass es wie in Rom einen praetor 
inter cives et ]»eregrinos, so in Oianthea Itrodixai gab. welche 
die Klagen der Fremden gegen Bürger zu entscheiden haben — 
die Klagen der Bürger gegen Fremde gehen vor das regel- 
mässige Beamtengericbt. Vermuthlich waren es zwei, jeden- 

nifindfiinit eingcricliti't und jiiliiiicli diircli Wahl ])csotzt zu liabon. Nur 
so erklärt sich, dass in Klis (HiA. 11 ;i. 11h) und Untcrilalien (KrotonV 
IGA. .')44) TiQÖ^tvn^ als Hcanitentitel erscheint; ebenso worden sie in 
Sparta vom König ernannt Her. VI 57. 

1) jio'i = noxt; TJöhl's Correctur .tot ist unmöglich, da .tt rny 
Fuin!>r jiur nornv geschrieben sein könnte. 



314 

falls ein C'ollegium von gerader Zahl. Sie sind natürlich nicht 
erst durch dies Gcjsetz geschaffen, sondern bestehen schon lange. 
Stimmen sie überein, so ist die Sache entschieden; sind sie 
verschiedener Meinung so giebt dies Gesetz dem fremden Kläger 
das Recht, sich die besten Männer ' ) als Htilfsgeschworene aus- 
zusuchen. Nur seinen ^t'roc und seinen jrQÖ^troc darf er nicht 
wählen, da diese verpflichtet sind, für ihn Partei zu nehmen. 
Der beklagte Kläger ist schon durch den Parteigeist seiner 
Mitbürger, die für den Fremden nur höchst ungern entscheiden 
werden, gegen Uebervortheilung geschützt. 

>? 2, 2, vielleicht der merkwürdigste Satz beider Tafeln, 
ist bisher allgemein missverstanden. Von dem Glauben aus- 
gehend, es handle sich auch hier noch um einen Vertrag 
zwischen Oianthea und Chaleion, übersetzt man die Worte al 
X o /«oTOc JTol TOI' faOTOV ÖixäCtjTcu xarrag ovfißo?.äg durch 
„wenn ein Bürger einer der beiden Gemeinden gegen den der 
anderen auf Grund der Rechtsverträge einen Process führt". 
Aber das müsste heissen at x o Xahitvg Jtol rov Oiavi>ia ?} 
ö Oiarf^^tvg jiol rov XaXtita öixäujtai. faoxöc heisst Bürger 
und nichts anderes; wie kann man in Oianthea den Chaleier 
faöTÖ^ nennen und umgekehrt? Man denke sich eine römische 
Rechtsbestimmung si civis cum civi litigat; kann das heissen 
„wenn ein Römer mit einem Praenestiner Process führt"? Auch 
sachlich ist die recipirte Deutung nicht minder unmöglich. 
Entweder ist der Chaleier in Oianthea ein c,tvog, dann gehört 
er vor die sti-odixui; oder er nimmt eine Sonderstellung ähnlich 
dem Bürger ein, dann gehört die Bestimmung über die s^ro- 
öixcu nicht in den Vertrag; denn wie man in Oianthea mit 
Fremden aus Korinth oder Delphi verfährt, geht die Chaleier 
gar nichts an. Ueberdies kann der Chaleier mit den Bürger- 
meistern von Oianthea. den öafiioQyoi, auf keinen Fall etwas 
zu thun haben. Mithin ist die Auffassung, welche hier noch 
Vertragsbestimmungen sucht, unhaltbar; Jaorog bedeutet beide- 



1) Dass die Uebersetzuug ex optimatibus falsch ist, liegt auf der 
Hand Nicht nach dem Stammbaum, sondern nach der Tüchtigkeit sucht 
sich der Fremde seine Eicliter aus. Dass beides in aristokratischen Staaten 
thatsächlich vielfach zusammenfällt, ist selbstverständlich, aber hier 
handelt es sich um einen rechtlichen Ausdruck. Vgl. oben S. 255, 2. 



315 

male Bürger deri«elben Gemeinde, also wenn das Gesetz aus 
Oianthea stammt, Bürg-er dieser Stadt. 

Dann kann al)er die Bestimmung- „wenn ein Bürger gegen 
einen andern nach den Reehtsverträgen processirt" nur besagen, 
dass es den Bürgern freigestellt ist, ihre Processe unter ein- 
ander nicht nach dem alten Landrecht, sondern nach dem 
Recht der Handelsverträge {öixcu xarraq owßoXäc sind was 
man in Athen öixai äjio ov/jßöXcov nennt) zu führen. Das ist 
eine Entwickelung. wie sie sich in Rom vollzogen hat, wo die 
starren Formeln des Legisactionen - Processes und die Strenge 
des alten Rechts durch die Entwickelung eines freien Verkehrs- 
rechts überwunden werden, die wesentlich durch die Judicatur 
des Peregrineupraetors herbeigeführt ist. Die Erscheinung 
an sich ist also nicht wunderbar ; höchst überraschend aber ist 
es, ihr hier bei den Lokrern zu begegnen. Aber wer bedenkt, 
zu welchen Absurditäten das Formelwesen des altrömischen 
Civilprocesses geführt hat, oder erwägt, dass in Kyme im 
Criminalprocess die Zahl der Zeugen die Entscheidung gab,') 
wird nicht zweifeln, dass es im lokrischeu Process eine Fülle 
von Formalitäten und Bestimmungen gegeben hat, welche dem 
fortgeschrittenen Verkehrsleben unerträgliche Fesseln anlegten. 
Durch Einsetzung der ^svoöixai und damit des Fremdenpro- 
cesses wurde zugleich ein freies Verkehrsrecht geschaffen, 
welches die Formalitäten bei Seite warf und lediglich die 
Rechtsfrage selbst ins Auge fasste. So waren die Fremden 
besser gestellt als die Bürger. Es ist begreiflich, dass diese 
die Vortheile des neuen Verfahrens sich anzueignen suchten. 
So entstand die Gesetzesbestinnnung. welche ihnen freistellt 
xarräg ovftßokä^ zu processiren. Wir gewinnen hier einen 
Einblick in die griechische Hechtsgeschichte, dessen Bedeutung 
kaum überschätzt werden kann. Was in Rom die Forschung 
mühevoll als wichtigste Trieltfeder der Entwickelung erkannt 
hat, tritt uns liier in einer lokrischen Stadt in Gesetzesform 
entgegen. 

An die §tvoöixia freilich konnte man die Bürger nicht 



Ij tr h'iftf) ntfji tu (ftn-ixa. vöixoq ioxiv, uv 7i/.tjd^ög it nuQua/iiiui 
HU(}ivQujv n (hvjxtov Tov (ft'tvnv Tcöv uvrov aiyytvwv, f-voy^ov tivai nö 
(pöv(j} TOV (ffvyovTu Arist. pol. 11 5, 12. Vgl. die deutschen Eideshelfer. 



316 

verweisen; i<ie unterstehen vielniehr der Conipetenz der da- 
fifO(}-/oi Daher werden hier auch keine Zusatzgesehworenen 
(tjtojnötui) gewählt, sondern einfach Geschworene (oQxojiiorm) 
— ohne Zweifel in derselben Zahl wie heim Fremdenprocess. 
die Bestinmumgen 2, 1 nnd 2, 2 gehören eng zusammen. Aber 
dem Kläger kann man hier ihre Wahl nicht überlassen, wie 
l)eim Fremden; das würde zur ärgsten Parteilichkeit führen. 
Daher werden die Damiurgen angewiesen, nach feierlichem 
Eidschwur (vermuthlich war die jitvroQ-Aa ein Eid bei fünf 
Göttern) die Auswahl nach der Tüchtigkeit — nicht nach dem 
Adel! — zu treffen. 

2, 3 regelt das Proeessverfahren ; die Geschworenen werden 
vereidigt, die Majorität entscheidet. Es ist klar, dass diese 
Bestimmung für 2, 1 und 2, 2 gilt, dass hier unter den „Ge- 
schworenen" die „Zusatzgeschworenen" mit zu verstehen sind; 
sonst wäre über das Verfahren der LTrcofiotui des Fremden- 
processes garnichts gesagt, das Gesetz also lückenhaft. 



Nacliträec uiul B«Michtic:uns:en. 



Zu S. II (12), .■<. Nach den Paroemiographeu (Zeiiob. V 74 etcj erliiilt 
Maleas der Pelasger auf eine Anfrage ns^l oim^oeujg vom Orakel als Ant- 
wort das Sprichwort näoa yt] naxQiq (nach Diouysios von ChalUis und 
Mnascas). Das ist auch eine Lösung der Pelasgerfrage. 

S. 20, 2 1. Dion. Hai. I 25 (Aeschylos fr. 248 Nauck). 

Zu S. 24, I. Eplioros fr. 104 (schol. Apoll. Ehod. I loH7) macht die 
Dolionen zu aus Thessalien vertriebenen Pelasgern; daher seien sie gegen 
dii' Argonauten feindlich aufgetreten. 

S. 32, 2 1. Hermes XXVII. 

S. 58 ZI. 6 1. reineren Anschauungen. 

S. 83 ZI. 12 1. ein Appendix. 

S. 167 Z. 11 1. eine Sklavin des lardanos, des Vaters der Omphale. 

S. 167 Z. 31 ff. habe ich übersehen, dass Nikolaos auch fr. 40, 28 und 41 
die Herakliden erwähnt. Die Vermuthung, dass er sie aus Ilerodot entnom- 
men und in den Bericht des Xanthos eingefügt hat, wird dadurch aber 
nicht berührt. Vielleicht ist hierfür 7a\ beachten, dass nach schol. Plato Ti- 
maeos 25 Agron, bei Herodot der Begründer der Heraklidendynastie, als 
Sohn des Atys S. d. Lydos und ^■ater des Tyrrhenos erscheint. Xanthos' 
Bericht ist das freilich nicht; nach ihm sind Lydos und Torrhebos die 
Söhne des Atys (Dion. Hai. I 28) ; aber vielleicht liegt auch in der Scholien- 
notiz der Nachklang eines Ausgleichsversuchs vor. 

S. 178, 2. Geffcken, Timaios" Geographie des Westens (Philolog. 
Unters. XIII 1892) S. 13, 4 und 48, 4 bemerkt mit Eecht, dass Timaeos fr. (iO 
(Tzetzes ad Lycophr. 1141) eine Contamiuation der Scholiennotiz über Ti- 
' maeos mit Apollodors Erzählung (epit. Vat. p. 75 Wagner) ist und für 
seine Chronologie nicht in Betracht kommt. Trotzdem bleibt Censorins 
Angabe c 21, Timaeos setze den Fall Trojas 417.1. vor Ol. 1 (1193 v.Chr.), 
unmöglich und nmss darauf beruhen, dass die ganze Stelle corrupt über- 
liefert ist. Denn nach fr. 53 (schol. Apoll. Ehod. IV 121 (>) setzte Timaeos 
die (iründung Korkyras durch Chersikrates von Korintli 6(i(t .Jahre nach 
Trojas Fall. Das führt für Trojas Fall jedenfalls auf rund 1340 v.Chr.; 
setzen wir die Gründung von Korkyra nach Timaeos ins .lahr 734, das 
gangbare (Jründungsdatum von Syrakus — nach Ephoros bei Strabo VI 2, 4 
läast Archias auf der Fahrt nach Syrakus den Chersikrates in Kürkyra 



818 

zurück — , so fällt Trojas Zerstrining 18H4. genau Uiimi Jahre vor Alexanders 
Uebergang nach Asien. Das kann nicht Zufall sein; es ist dasselbe Datum, 
welches nach Cleiu. Alex, ström. I 1 ;iV( Duris gab. Bestätigt wird dies Re- 
sultat dadurch, dass Timaeos nach Clemens 1. c. von der Herakliden- 
wanderung bis auf Alexanders Uebergang nach Asien S20 Jahre (das sind 
vielleicht 20^ ... 40jährige (ienerationen, denn Alexander ist der 21ste von 
Temenos) rechnete, jene also 11.54 v.Chr. setzte, das i.st ISO Jahre nach 
Trojas Fall. Unmittelbar vorher sagt Clemens, einige rechneten von 
Trojas Fall bis zur Heraklidenwandenmg ezr/ ixarbv hxooi »/ hxuxov 
dydo>j;{ovza; letzteres ist der Ansatz des Timaeos. Dass Timaeos diesen 
Zwischenraum auf 4<) Jahre angesetzt hätte, wie wir annehmen müssten, 
wenn Censorius Datum richtig wäre, halte ich trotz Geffckex's Hinweis 
auf Diod. IV 5'^ für imdenkbar. 

S. ISl, 1 Z. 3 v.u. 1. acht für recht. 

Zu S. 291. Nach Drucklegung dieses Bogens erhalte ich die Be- 
sprechung des Gesetzes über Naupaktos im Recueil des iuscriptions juri- 
diques grecques von Dareste, Haussoullier und Reixach, fasc. 2. Auch 
hier kehren lediglich die traditionellen Erklärungen wieder, so dass ich 
nichts nachzutragen habe. Nur der Schlusspassus über Chaleion ist hier 
richtig erklärt. 



Index. 



Abas 7fi, 3. 

Achaeer 111,1; auf Kreta -in. 

Achaeos bö, '6. N4. 

Aegj'pteu, Aufstand gegen die Perser 
im 5. Jhdt. 155. Aeg. Chronologie 
Ilerodots KiO. 164 f. Aeg. Spracli- 
keuntuisse Herodots l'.i"2. I-ykurg 
in Aeg. 217, 2. 

Aenianen 38. 4(). 

Aeoler, Heimath 136,1. 145, 1. 

Aeschylos Scbntzflelieude (JT ff. &fx- 
).uf/oTioioi und /lavaiiSf;: 84. Amy- 
mone 74. si. lo-Episode des Pro- 
metheus 68. 70, 3. 8(». Auffassung 
der Sage 99. 115. 

aysiv xal <p£Qeiv 309 f. 

Agenor in Argos 97. 

Agiaden, Stammbaum und Chrono- 
logie 180 f. 283 ff. 

Agis, Begründer des spart. Staats 276. 

Aigimios, dorischer König 279. Epos 
68,3. 74,3. 8(1, 1. 8b. 93. 

Aigyptüs und s. Sühne 81 ff. Name 
82, 2. 

Aiolos 145, 1. 

Aizeios 64. 

Akrisios in Thessalien loii. 

Akusilaos, Logograpli b\K 91. 92, 1. 
97. 98. 

Alkmecjnidon. ilirr Politik 198. 

Alkman 257, 1. 

Amymone, Quelle 74. 

Amyntas über Sardanapal 20G. 209. 

Auchiale, Denkmal Sardauapuls 205 ff. 



Andren 42, 1. 49. 
Antandros pelasgisch 21. 35,2. 
Antikleides, Mytliograph 22. 
Auytos, athen. Staatsmann 20(i. 
Apis, ag. Gott 77. Kg. von Argos, 

'ATihj yaöj 86. 87, 1. 92,2. 
Apollo 7r«r()woc, Vater Ions 143. 145. 

Kampf mit Phorbas 95. 
ApoUodor, spart. Chronologie 1 80, 1 . 

181,1. über Sardanapal 206. Com- 

meutar zum Schiffskatalog 3o ff. 

passim. 50 f. 
Arabos, Araber bei He-siod 93. 
Aramaeer in Aegypten 81 f. 
Arestor 92. 93, 2. 94, 2. 98. 
Argos navönxrjc 69. 71 f 93. S. d. 

Zeus und der Niobe 89 f 
Argos,Verbreitung des Namens 1 1 2, 2. 

pelasgisches s. das. Demokratie in 

Argos 84,3. Volksgericht 85. loiiff. 

Analogie argivischer und attischer 

Sagen 75. 
'AqY'^^-^'^'^1 Epos 94. 
Aristarch 31 f 41. 71. 
UQioxivötjv 255, 1. 313,2. 
Aristobul über Sardanapal 206f. 2o9. 

über Kyros" Grab 209, 1. 
Aristokrates von Sparta 21.'t, 1 . 217, 2. 

273. 
Aristoteles benutzt Ephoros 215. 

218,1. noX. A». über das Pole- 

marchat 147,3. überDrakon 236 ff. 

über Ion und Apollo 145,2. nn/.. 

Aux. 269 f. über die lykurg. KUe- 



320 



tren 262. über die rieronteu 271. 
über die Ephoreu 246. 251. 252.1. 
Erziehung der Frauen 272. Land- 
besitz 260 f. über den olympi- 
schen Diskus 241. 274 f. über 
Miuos (pol. II 7. Ij 21s, 1. über 
die Syssitien 217, 2. 

Arrian über Sardanapal 207 f. 

Arkas 55, 1. >'<'-^. Arkader TiQooe/.jj- 
vttioi 65. 

Artemis von Brauron IS. Ku/JÄoni 
60. 

Asios, Epiker 54. 6.'i. 

Assyrische Chronologie Herodots 
161 ff. KiS. ass. Geschichte vor 
Ktesias 204. 

Asteropos, Ephor 250. 253, 2. 

Athene und Zeus Schutzgötter Spartas 
270. A. optilitis 2s0. 

Athener Autochthonen 139,1. !4Ör/- 
vuloi und [\zxiy.oi 306 f. 

Attische Chronologie 172. 3. 177. 
Königsstammbaum 107, 1. 147. 

Azan 55, 1. 64. 

Belos = B'^el, (Tutt der Aramaeer 

Slf. 
Boedromia 147. 
Bosporus si). 

Chaleiou 292. 3(iSf. 
Charax von Pergamou 1 9, 2. 
Cliaron von Lampsakos 1 86, 1 . 
Cheilou 254, 1. Ephorat 24S, 1. 
Chios, Pelasger auf 35. 
Choirilos, Dichter 205 f. 
Cortona, Pelasger in 24 ff. 

Danae 73. 

Danaer, Danauna 73. 

Dauaiden 75 f. 82 f. Vermälung in 

der Kenubahn 85. 
Javfxiöeq, Epos 6S ff". 79 ff. 
Danaos 73. 83. 86. 
Daiphontische Phyle lu4, 1. 
Deiaueira, Gem. d. Pelasgos 55. 64, 3. 
Deiuou, pers. Geschichte 176, 1. 



Delos pelasgisch 112.1. 
Demainetos der Parrhasier 57. 
Demeter TlthxGyk 98. 101,2. 
Demetrios von Skepsis 34. 41. 50. 
Demoü, Sprichwörtersammluiig 19,2. 
Deiikalion in Dodona 43. 
Dieucliidas von Megara 95. 243. 251. 
Diodors Assyr. Geschichte 206, I. 

über Lykurg 22ii ff. 
Dionysios von Milet ThQoixü 178. 
Dionysios von Halikarnass über die 

Pelasger loOf. 
Dionysos. Geburtsdatum bei Hero- 

dot 1.59 f. 
Dioskuren, Bedeutung 245. 
Dioskorides über Sparta 28o, 2. 
Diyllos von Athen 2o0. 
Dodoua 37 ff'. 

Doliouen und Pelasger 24, 1. 317. 
Dorer auf Kreta 48 f. 
Dotos S. d. Pelasgos 51, 1. 
Drakon, Verfassimg nach Aristoteles 

unhistorisch 236 ff". 
Dryops 98. 
Duris von Samos 178. 196. 

Echidna 72. 

Ekbasos 92. 

Epaphos 78. 80 f. 

Epaphrodites, Homercommentar 51 f. 

Ephesos, pelasgische Chiliastys 48,3. 

Ephialtes' Tod 189. 

Ephoren 244 ff". Richterliche Func- 
tionen 252, 1 . Beginn der Ephoreu- 
liste 247. 

Ephoros' Behandlung der ältesten 
Geschichte 122. 186 f. Benutzung 
von Sprüchwörtern 19, 2. Chrono- 
logie 172(173), 3. 178. Ueber die 
Pelasger 11, 2. 21. 35, 1. 112, I. 
123.317. über die Tyrsener 19. 23. 
über Lykurg 21 4 ff'. 243. 269. sein 
Tod und göttl. Verehrung 273. 
279, 1. s. Stammbaum 275. Laud- 
auftheiluug 260. Ephorat 251. Geld 
in Sparta 256, 1. über älteste pelop. 
Geschichte 219, I. über Elis 242. 1. 



321 



Eroberung vou Lemuos durch Mil- 

tiades 19. 
Epidauros, Eponymos 9S. Im :l. Jhdt. 

225, 5. 
Epimenides, Geuealogien 72. 91.1. 
Epirus, Pelasger in E. 40. 
Epitadeus, angebl. Rhetra des E. 

25S, 3. 
Erasinos, Fluss 75. 
Eratosthenes, chronol. System ISO f. 
Ereehtheus, Vater der Kreusa 143. 

147, 1. 
Etrusker 21. auf Lemnos 26 f., vgl. 

Tyrsener. 
Euboia, lo auf 80, 1. 
Eunomos, spart. König 2Tfi. 
Euripides Archelaos 94, 3. Orestes 

V. S72if. 101. Ion 145 f. 149 f. 
Eurypoutiden, Stellung 276, 2. 

Stammbaum 179 ff. 275,1. 2S3 ff. 
Eurysthenes und Prokies 2S3 ff. 

Premdenrecht 297. 313 ff. 

Gaza, lo in SO, ). 

Gelanor, Kg. v. Argos 89. 

(Genealogische Poesie und Sage 4. 
C.ö. 13P.f. 142,2. 284 f. 

(Tenerationeureclmung, zu 40.1. 17o. 
1 79. zu 3 Uen. auf das Jahrhundert 
153 ff. 178. zu 30 J. 172,3. 177. 

Gonnoi 38, 3. 

Graiker in Dodona 43. 

Grote 1 87 f. 

Guueus von Kyphos 38,3. 



in Thes- 



Haimon in Arkadien 55 
salien 109. 

Haliaia in Argos 101 ff. 

llalikarnass, Stammbaum der Posei- 
donspriester 173 f. Griindungs- 
datum 173, 1. zur Geschichte im 
5. .Ihdt. 197. dorisch 129. 

Handelsverträge 308 f. 

liekataeos, Chronologie 109 ff. über 
die Pelasger 1! . 20. 100. 114. Le- 
benszeit 171. Stammbaum 172. in 

Meyer, Kumcliiiugcii zur uUc-u GusuliicUle. 



Aegypteu 192 f. Verhältniss zu 
Herodot 169. 183 f. 

Heliaia in Athen 104. 

Hellanikos' Arbeitsweise 1 1 7 ff. ! 86. 
genealog. System 105 ff. chronol. 
System 176 ff", über die Pelasger 
26. 97 ff'. I05ft'. TjTsener 22. 23,1. 
26. über die spartan. Verf. 213. 
219. 231. 

Hellas, Name 111,1. in Thessalien 30. 

Helleuenstammbaum 144f. Helleneu 
und Pelasger 36. 46 f. 110 f. in 
Phthiotis 46 f. 

'Ekloi {i:£).loi) 41 ff. Helios, epou. 
41. 42. 

Hellopien 42. 

Helos, Eroberung durch die Spar- 
taner 241. 

Hera ßoäiniz 69. Cult und Bild in 
Argos 89, 3. 90. 

Herakles, Zeit 158 f. bei den Doreru 
279, 1. 

Heraklideu, in Lydien 161 f. 166 f. 
316. spartanische H., Stammbaum 
170 f. 179 f. 2S3f. 

Heraklides, Politien 270, 1. 

Hermes in Arkadien 62. Argeiphon- 
tes 71 f. 

Hermippos, Quelle Plutarchs 214, 1. 
271. 274. 

Hermion, epon. 98. 

'^EQficövfioi x^Qi^^? 19. 

Herodian bei Steph. Byz. 51. 

Herodot, Leben 196 ff. adlig 193,1. 
Reisen 155 f. Sprachkeuutnisse 
192 ff'. Verhältniss zu den exacten 
Wissensch. 169,2. 184. zu s. Vor- 
gängern 182 ff. Vollendung des 
Werks 189 ff. Redaction des Tex- 
tes 2i, 2. 196 f. Standpunkt und 
Beurtheilung 100. 115 ff". 127 f. 
182 ff. Chronologie 153 ff. Ueber 
die Pelasger 21. l(»o. 115 11". über 
dieEtnisker 21. 27,2. über Lykurg 
213. 272. über III soff. 20l. 

Hesiod, Zeit der Kataloge 93. Ort 
111,3. contamiuirt Danaiden und 
»■ 21 



322 



Pliorouis 1) 1 f. Pelasger in Dodona 

38. Hellopien 42. Pelasgos und 

Lykaon .54 f. 64 f. Kallisto 63, 3. 

Argiv. Sagen 6S. 88 ff. losage TOf. 

91 f. Hellenenstammbaum 144. 

Astronomie 63, 3. 
Hippias von Elis, geueal. Vorträge 

240. Olympioniken 239 ff. über 

Lykurg 272. 
Homer und Lykurg 217.3. 27(i. 271,1. 

in Sparta bekannt 271. I. 
Hyllos bei den Dorern 279, l . 
Hyperboreer 4it. -52. 
Hypermnestra 76. 

lasos, "laoov 'A^yog 94. 97. Athen. 

Heerführer 143. 147,1. 
Imbros s. Lemnos. 
Inachos, Fluss 74, I. 75. König, 

Vater der lo 87. S9. 92. 94. 98. 

102 f. 
lo 69 ff. 7Sft". fehlt in der Phoronis 

90. bei Hesiod 91 f. 
'iwXoi 46. 
Ion 140. 141 ff. 146fi'. Heimath in 

Athen 143 f. inAchaia 143, 1. 148. 

in lonien 1.50, 1. 
loniden, Geschlecht und Demos in 

Attika 148 f. 
lonier 129 ff. Urheimath 136, 1. 

Phylen 5. 131, 1. Epoche der 

Wanderung 172. 
Ionisches Meer nach lo benannt SO. 
Iphitos von Elis 274. 281. 
Isis und lo 77 f. 
Isokrates über Lykurg und Sparta 

260. 272. 277,3. 283,2. Idealbild 

der attischen Urgeschichte 239. 

Nikokles 201,2. 
Israelitische Stammbäume 135.1. 142. 
Isyllos von Epidauros, Zeit 225. 5. 

benutzt die lykurgischen Orakel 

226, die Rhetren 262. 
Italioten und pelasgische Sklaven 

120,2. 
Justin über Sparta 246. 251,1. 259, 1 . 

269,1. 273. 



Kadmeischer Urspnmg des Thaies 

128. 
Kallimachos über die Tyrsener 12, 

über die Hyperboreer 40. 
Kallisthenes über Sardanapal 203 ff 
Kallisto 6(». 61, 5. 63. 70, 1. 
Kallithoe, Kallithyia in Arges 90. 
Kar S. d. Phoroneus 98, 2. 
Kastor, Chronograph 23. 97,4. 172 

(173), 3. 187,1. 
Kerkops, Verf. des Aigimios 68, 3. 
Kimonischer oder Kalliasfriede 156. 
Kiueas. thessal. Gesch. -15. 
Kim ras von Paphos 86, 4. 
Klearchos v. Soli über Sardanapal 2(i6. 
Kleidemos Atthis 121 
Kleitarchos über Sardanapal 2o3, I. 

206. Chronologie 178. 
Kleomeues III. über dieEphoren 25ti. 
Kleruchen auf Lemnos imd Imbros, 

Tributpflichtigkeit 1 4 f. 
Krestonaeer 24 f. 
Kreta, Pelasger auf K. 48 f. 
Kriasos 92. 

Kritias über Sparta 278, 2. 
Kroton s. Cortona. 
Krotopos 92. 
Kures. Epon. der Kureten 216, 3. 

Kureten 68, 2. 90, 2. 
Kyme, Criminalrecht 315. 
Kyphos, angebl. thessal. Stadt 38, 3. 
Kyrene, Stammbaum der Könige 

1 74 f. Einfluss auf das Danaiden- 

epos 81. 
K}Tos" Grab 2o9, 1. 
Kyzikos, Pelasger in 24, 1 . 

Lapithes 95. 

Larisa 29. 34 ff. lo7. Verbreitung 

des Namens 1 1 2, 2. 
Leleger 21. 

Lemnos und Imbros 1 4 ff'. 
Leotychides in The.ssalieu \'^\K 
Lesbos, pelasgisch 23.1. 35. 96,7. 

112,1. 
Lernai, Quellen 74. 
Libye 81. 



323 



Lindos, Danaiden in 82, 3. 

Linos in Argos 92. 

Logographeu, Name 128. Logogra- 

graphie 4. 11-1. 186. 
Lokrer 293 ff. 
Lydische Chronologie und Dynastien 

bei Herodot 161. 1.56 ff. .317. 
Lykaeen. Spiele 56,2. 281. 
Lykaon 54 fi'. 281 f. 
Lykos in Boeotien 62. 
Lykurgos, Name 223, 2. Gott 279. 

Identität mit den gleichnamigen 

Gestalten und Lykaon 281. Yor- 

dorischer Ursprung 282. 
Lynkeus, Lyrkeia 76. 
Lysander 232. 244. 

Makedoner Pelasger, Makednos 55, 1 . 

Maleas, Tyrsener 11,3. 317. 

Medische Chronologie Herodots 1 6 1 f. 

Megarara, Sagen über Pisistratos" 
Krieg gegen M. 18. 

Meliboia, Gem. d. Pelasgos oder Ly- 
kaon 55. 66. 

Menschenopfer 56 ff. 

Messenische Kriege 278. 

Metoeken 303. 311. 

]Miltiades auf der Chersones und 
Lemnos 13 ff. gegen Paros 19,2. 

Minos 218, 1. 

Minyer auf Lemnos 7. 19. 20. 

Mnaseus bei Herodian (Steph. Byz.) 
51, 1. 

Molosser in Dodona 39. Königs- 
stammbaum 175,1. 

Mykene, epon. 98. Königsstamm- 
bäume 158. Zerstörung und spä- 
tere Schicksale 103 f. 

Myrsilos von Lesbos über die Pe- 
lasger 13. 35, 1. 40. 109. 

Nanas, Pulasgerkönig 1 o5 f. 

Niiupaktos 292. 

Nauplios 74, 3. 

Neileus, Oekist von Milet 128,3. 

Nemeische Spiele, Gründung 2*^l f. 

Nepos" Miltiades 19,2. 22. 



I Niebuhr 121. 156. 
Nikokreon von Kypros, Inschrift des 

86,4. 
Nikolaos von Damaskos über Lykaon 
58, 2. lydische Geschichte 167. 
168, 1. 317. Von Ephoros abhängig 
I 21,2. 221,3. 273. 279, 1. 
i Niobe 89 f. 

, Numa, Gesetzbücher des 236. 
Nyktimos, Nykteus 62 f. 

Oenotrer, Oinotros 54, 120. 

Oianthea 291. .307 ff. 

Oinomaos von Gadara, yorirwv (pwqa 
222 f 241, 1. 
! Olympische Spiele, Geschichte 24o ff. 
I durch Lykurg gegründet 274 i. 
I 281 f. 

I Opuntier 294. Volksvers, der Tau- 
' send 305. 

Palaichthon 87. 
Pan S. d. Penelope, Zeit 159 f. 
Panyassis 1 96 f. 
Parische Chronik 172,3. 
Paroemiographen 19,2. 23, 1. 51. 226. 
I Patroklie 33 f. 37 f 
Pausanias König von Sparta 232. 

234 f 244. Schrift über Lykurg 

233 ff". 242 f. 261. 272. 
Pausanias über Lykaon, Quelle 60, 1 . 
Peiras, Peiren 72. 90 f. 
Pelargikon lof. 30, 1. Pelargerl2. 2^. 
Pelasger, Name 32, 4. Nationalität 

47. 110 f. 112 f. Schicksale 32. 

U 2 f. vor Troja 34 ff. in Italien 

119 f. in Rom 120, 1, vgl. 117,2. 

Mauerbauten 28. 117. Ziegel 11,1. 

Cultur und Religion 6), 3. KU. 

1 17. Pelasgos I und II 106. 
' Pelasgiotis 29. Pel. Argos 29 ff. 86. 
Perikles 198. 
Perseia, Quelle 75. 
Persische Sprachkeuntnisse Herodots 

194. 
Peuketios, Peuketier 51. lio. 
I Phaethou, Pelasger 4(i. 43. 
21* 



824 



Phellos S. d. Meliboia 55 f. 
Pheneos in Arkadien 72. 
Pherekydes 54. 63,2.3. 96. 120. 
Philaiden, Stammbaum 174, 1. auf 

der Cliersones 17. 
Philochoros 12. 13. 22. 50,2. 
Phorbas 94 ff. 

Phoroneus S9. Phoronis, Epos 6S,2. 
89 ff. — des Hellanikos 97. 105 ff. 
Phrynichos' Danaiden 83. 
Phtbia, Stadt oder Land? 30. 
Phylarch 250,1. 264. 
niQco/Jiig 192 f. 
Pisistratos, Politik 1 6 f. Krieg mit 

Megara 18. 
Pitane pelasgisch 23, 1. 35,3. 
Plakia pelasgisch 23. 
Plato Minos 230. Hippias maior 240. 
Menexenos 100. Euthydem p. 271: 
199, über Apollo Trarpwoc; 145. Ge- 
setze, über die spartanische Ver- 
fassung 231. 246. 260 f. 
Plutarch's Lykurg benutzt Aristo- 
teles nicht direct 238. 262, 1 . Ab- 
hängigkeit von Aristoteles 246, 2. 
271,2. Sonstige Quellen 214,1. 
261 f. 
Polemarch in Athen 142, 1. 147. 
Polydoros Kg. von Sparta, Zeit 1 82. 
Rhetra 228. 265. 268. Erzählungen 
über ihn 268, 2. 
Poseidon, Streit mit Hera über Argos 

75. 
Pron in Argos 101 ff. 
Protagoras, angebl. Quelle Herodots 

201. 
nQÖ^svoQ 303. 309. 312. 31 3 f. als 

Amtstitel 312, 1. 
Ptolemaios bei Arriau über Sardana- 

pal 208. 
Pylaios, Pelasger 34. 35. 37. 
Pythagoras, Tyrsener 20. 
Pyrrhichos 216, 3. 

Ranke 183. 

Rationalismus lud. 114. 
Rechtsverträge 308 f. 



Ql^TQCC 262 ff. 

Rhadamanthys 216. 
Rhodische Sagen 95 f., vgl. 82, 3. 
Römische Ursprungssagen 142,2. 
Romulus 142,2. 

Salamis auf Cypern, Stammbaum der 

Könige 86,4. 
Sardanapal 203 ff. 
Schiffskatalog 30 ff. 
Seilen 41 ff'. 
Sikyonische Stammbäume 87,1. 98. 

99, 2. 
Simouides über Lykurg 213. 276. 
Sintier 22. 

Skepticismus in der späteren Ge- 
schichtsschreibung 186 f. 
Skotussa in Thessalien 45. 
Skythische Sprachkenntuisse Hero- 
dots 195. 
Solon 307. 
! Soos im Eurypontidenstammbaum 
1 eingeschoben 275. 

O0(piOTai 127. 
; Sophokles Hellenotamias 198, I. 
j Sosibios, Chronograph 179 f. 
Spartanische Chronologie 170 f. 179 ff. 
Stammbäume 283 ff. Verfassung 
demokratisch oder aristokratisch? 
j 282 f. Spartiaten und Lakedai- 
j monier 305. 
Sparton, Epon. 98. 
Spercheios, Epon. 98. 
Stammesleben 1 36 f 
i Staphylos von Naukratis 49. 106,2. 

Suidas der Thessaler 45. 
; Gvkäv 309 f. 
ovßßoXov,öixai unb avßßöliov'i^ih^. 
315. 

Temenos S. d. Pelasgos in Stym- 

phalos 99, 1 . 
Terpander und Lykurg 271, 1. 
Teutamides, Pelasger 105,2. 106. 
Thaies von Milet 127,2. 128. von 

Kreta (Thaletas) 216,3. 217,1. 
Theopomp, Kg. v. Sparta, Zeit 180 ff. 

227, 2. Zusatzrhetra 228. 265. 268. 



325 



setzt die Ephoren ein 246 ff. er- 
obert Messenien 278. 

Thesmophorien pelasgisch li»l. 

Thesproter in Dodona 39. Thespro- 
tos 55, 1. 

Thessalien, Thessalos 105,1. 109. 111. 

Thiercult in Griechenland 60 f. 69 f. 

Thibron über spart. Verf. 250. 272, 1. 

Thukydides, seine Behandlung der 
älteren Geschichte 120. 121 f. 186. 
Ueber Hellen und s. Söhne 147 f. 
tyrsen. Pelasger 12. Abhängigkeit 
von Ilellanikos 17", 1. 178. 

Thurii, Gründung 199. 

Timaeos, Chronologie 178. 247. '.Ulf. 
über Lykurg 217,3. 273. 

Tiryns, Epon. 98. 

Torrheber 27, 1. 

Trapezus in Arkadien 59, 2. 

Triopas 95 if. 

Troerstanimbaum 5. 

Trogus Pompeiiis s. Justin. 

Turuscha 27. 

Tyrsener, Name 27. auf Lemnos, 



tyrs. Pelasger I3if. 19flf. 116.119. 
Seeräuber 22 f. 
Tyrtaeos, evvo/ua 224,3. 229, 1. An- 
gebliches Gedicht über die spart. 
Verf. 227 ft". 

Xanthüs in der argiv. Genealogie 

96, 7. 
Xanthos der Ly der 161,1. 167f. 317. 

Angebl. Fragm. 8: 168, 1. 
^evoöixui 313. 
Xenophon noX. Aua. Abfassungszeit 

249,1. über Lykurg 213. 224,1. 

231. kennt die Ableitung und 

Kreta nicht 282, 3. Ephoren 248. 

254, 1. Geronten 271. 
Xuthos 85,3. 145 ff. 149. 

Zaleukos, Gesetzbuch des 236. 

Zenodots Lesung ß 681 gerechtfer- 
tigt 30 f. 

Zeus Lykaios 56 ff. 6o f. 63. Zeus 
und Lykurgos 280 ff. Zeus und 
Athene Schutzgötter Spartas 279 f. 



Druck von Ebrhardt KarrM Halle a. S. 



Aus dem Verlag von MAX NIEMEYER iu Halle a. S. 

AnemüUer, E., Geschichte der Verfassung Mailands in den Jah- 
ren 1075 — 1117. Nebst einem Anhang: üeber das Consulat 
zu Cremona. 1881. gr. 8. Ji>. 1,60 

Brandes, H., Abhandlungen zur Geschichte, des Orients im 
Alterthum. (Der Assyrische Eponymenkanon. — Die Chro- 
nologie der beiden Hebräischen Königsreihen. — Die Aegypt. 
Apokatastasenjahre.) 1874. gr. 8. jH) 4,00 

Denicke, H., Die Hansestädte, Dänemark und Norwegen von 
1369 — 1376. 1880. 8. .^.7,00 

Goldziher, J., Muhamedanische Studien. Th.I. 1889. 8. ^8,00 

— Theil IL 1890. J6 12,0Q 
Güldenpenning, A., Geschichte des Oströmischen Reiches unter 

den Kaisern Arcadius u. Theodosius IL 1885. gr. 8. J6. 10,00 

— Die Kirchengeschichte des Theodoret von Kyrrhos. Eine 
Untersuchung ihrer Quellen. 1889. gr. 8. ^^.2,00 

Güldenpenning, A., u. J. Ifland, Der Kaiser Theodosius d. Gr. 

Ein Beitrag z. römischen Kaisergeschichte. 1878. gr. 8. .^.7,00 
Hartwig, 0., Quellen und Forschungen zur ältesten Geschichte 

der Stadt Florenz. 1880. 4. 2 Bde. Ji. 23,20 

Heidenhain, Arthur, Die Unionspolitik Landgraf Philipps von 

Hessen 1557 — 1562. 1890. 8. ^.16,00 

Henke, E. L. Th., Neuere Kirchengeschichte. Nachgelassene 
Vorlesungen für den Druck bearbeitet und herausgegeben von 
Dr. W. Gass. 3 Bde. 1874—1880. gr. 8. .^.12,00. 

Jacobi, R., Die Quellen der Langobardengeschichte des Paulus 
Diaconus. Ein Beitrag zur Geschichte deutscher Historio- 
graphie. 1877. gr. 8. J6. 2,80 

Kawerau, W., Culturbilder aus dem Zeitalter der Aufklärung. 

Bd. L II 1886-88. J^. 12,00 

I. Aus Magdeburgs Vergangenheit. 1886. Jk 0,00 

II. Aus Halles Litteraturleben. 1888. Ji 6,00 

Kurth, 0., Landulf der Aeltere von Mailand. Ein Beitrag zur 
Kritik italienischer Geschichtsschreiber. 1885. 8. Jk 1,20 

Löning, E., Die Gemeindeverfassung des Urchristenthums. Eine 
kirchenrechtliche Untersuchung. 1889. 8. J6. 4,00 

Materialien zur neueren Geschichte. Herausgegeben von 
G. Droysen. Heft 1—6. 1880 — 85. kl. 8. 

Heft I. Gedruckte Relationen über die Schlacht bei Lützen 1632. 

1880. Ji 1,20 
Heft 2. Zeitgenössische Berichte über die Eroberung von Rom 1527. 

1881. Ji 1,20 
Heft 3. Peter Haarers Beschreibung des Bauernkrieges 1525. Nebst 

einem Anhange: Zeitgenössisches über die Schlacht bei 

Frankenhausen. 1881. Ji 1,20 

Heft 4. Gedruckte Relationen über die Schlacht bei Nördlingen 1634. 

1885. Ji 1,20 

Heft 5/6. Thomas Carve's Itinerarium. Eine Quellenschrift des 

30jährigen Krieges. 1885. Ji 2,40 



Perlbach, M., Preussisch-polnische Studien zur Geschichte des 
Mittelalters. 2 Hefte. Mit 6 Schrifttafeln. 1886. gr.8. J^ 10,00 

Heft 1. Zur Kritik der ältesten preussischeu Urliunden. Mit 4 
Schrifttafeln. einzeln Ji 7,00 

Heft 2. Das Urkundenweaen Herzogs Mestwin II. von Pomiuerellen. — 
Die grosspoln. Annalen. — Die ältesten preuss. Annalen. — 
Zu Peter von Dusburg. Mit 2 Schrifttfln. einzeln Ji 7,00 

— Die Statuten des deutschen Ordens nach den ältesten Hand- 
schriften herausgegeben. 1890. 4. Ji. 30.00 

Rodeii)3erg, Carl, Innocenz IV und das Königreich Sicilien 
1245 — 1254. 1892. 8. Jk. 6,00 

Sackur, Ernst, Die Cluniacenser in ihrer kirchlichen und all- 
gemeingeschichtlichen Wirksamkeit bis zur Mitte des elften 
Jahrhunderts. Bd. 1. 1892. 8. Ji 10,00 

Schlomka, Ernst, Kurfürst Moritz und Heinrich H. von Frank- 
reich von 1550—1552. 1884. 8. J(o. 1,20 

Schneider, Joh., Die kirchliche und politische Wirksamkeit des 
Legaten Raimund Peraudi (1486 — 1505). Unter Benutzung 
ungedruckter Quellen bearbeitet. 1882. 8. Jk 3,00 

Schneider, Paulus, Die Siedelungen an Meerbusen in ihrer Ab- 
hängigkeit von den geograph. Bedingungen. 1883. 8. Ji. 1,60 

Täglichsheck, 0., Die Fahnen des Infanterie -Regiments von 
Treskow (Nr. 17) im Gefecht bei Halle a. S. am 17. Oktober 
1806. Ein kriegsgeschichtlicher Beitrag zur Geschichte des 
Jahres 1800 und zur Lokalgeschichte von Halle a. S. Unter 
Benutzung der Akten des Königl. Kriegsarchivs in Berlin. 
Mit 2 Uniformsbildern, 1 Plane u. 2 Anlagen. 1886. 8. Ji. 3,60 

Tollin, H. , Geschichte der französischen Colonie von Magde- 
burg. Jubiläumsschrift. Bd. LH. HI 2. 1887/89.8. ^.28,00 
Band III Heft 1 erscheint später. 

Urkunden, lombardische, des XL Jahrh. aus der Sammlung 
Morbio auf der Königl. Univ.-Bibliothek zu Halle. Herausg. 
von A. Hortzschansky u. M. Perlbach. 1890. 8. Ji. 2,80 

Voss, M. von, Zur Geschichte der Autonomie der Stadt Halle. 
1873. 8. Ji. 1,50 

Weise, J., Italien und die Langobardenherrscher von 568 bis 
628. 1887. 8. Ji. 6,00 

Wenck, Dr. Carl, Die Entstehung der Reinhardsbrunner Ge- 
schichtsbücher. Im Anhang: Eine Reinhardsbrunner Chro- 
nik des XIII. Jahrhunderts und Schedel's Excerpte der 
Miinchener Handschrift. 1878. gr. 8. Ji. 3,60 

— Clemens V. und Heinrich VII. Die Anfänge des französi- 
schen Papstthums. Ein Beitrag zur Geschichte des XIV. 
Jahrhunderts. 1882. 8. .M. 5,00 

Wülcker, R., Fünfzig Feldpostbriefe eines Frankfurters aus 
den Jahren 1870 und 1871. 2. Aufl. 1876. 8. .J^. 2,00 





A 000 596 375 6 






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