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Full text of "Franz Brentano : zur Kenntnis seines Lebens und seiner Lehre"

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OSKÄR KRAUS 

FRANZ BRENTANO 

MIT BEITRÄGEN VON CARL STUMPF 
UND EDMUND HUSSERL 




C. H. BECK MÜNCHEN 



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FRANZ BRENTANO 



Digitized by the Internet Archive 

in 2008 with funding from 

IVlicrosoft Corporation 



littp://www.archive.org/details/franzbrentanozurOOkrauuoft 



FRANZ BRENTANO 



ZUR KENNTNIS SEINES LEBENS 
UND SEINER LEHRE 

VON 

OSKAR KRAUS 

PROFESSOR DER PHILOSOPHIE AN DER UNIVERSITÄT PRAG 



MIT BEITRÄGEN 

VON 

CARL STUMPF und EDMUND HUSSERL 

PROFESSOR DER PHILOSOPHIE PROFESSOR DER PHILOSOPHIE 

AN DER UNIVERSITÄT BERLIN AN DER UNIVERSITÄT FREIBURG 1. B. 




^ 



C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK MÜNCHEN 1919 



FRAU EMILIE BRENTANO 

IN VEREHRUNG 
UND DANKBARKEIT 



■MH 



VORWORT 

IVToch läfst der tobende Krieg keine" Antwort auf 
die Frage zu, wann es möglich sein wird, den 
gesamten wissenschaftlichen Nachlaß Franz Bren- 
tanos und eine ausführliche Geschichte seines 
Lebens zu veröffentlichen. Darum möchten die 
nachfolgenden Blätter wenigstens einen vorläufigen 
Beitrag liefern zur Kenntnis seines Wirkens und 
seiner Philosophie. In einer Hinsicht werden sie 
ihren Zweck nicht verfehlen: die Erinnerungen, 
die Carl Stumpf und Edmund Husserl dem 
Andenken ihres Lehrers widmen, legen beredtes 
Zeugnis ab ftir die Ersprießlichkeit der Lehr- 
methode Brentanos und für die sokratische Kraft 
seiner Persönlichkeit. Geheimrat Stumpf weist 
auch auf andere bedeutende Forscher hin, die 
von Brentano entscheidende Einflüsse erfahren 
haben, so insbesondere auf Anton Marty, dessen 
Verhältnis zu Brentano ich in einer besonderen 
Schrift besprochen habe. Wenn Brentano nichts 
anderes geleistet hätte, als solche Männer für 
die Philosophie gewonnen und herangezogen zu 
haben, er würde in der Geschichte der Philosophie 
einen hervorragenden Platz einnehmen. Obgleich 
er jedoch durch seine Bücher, durch seine Vor- 
lesungen, durch Briefe und Gespräche dem philo- 
sophischen Leihen der Gegenwart in mannigfaltiger, 
bisher noch allzuwenig gewürdigter Weise seine 



VJ VOKWOKT 

S|iiiirii ;iiil'L;«'(iriickt li;il. sIjiimI doch die ^'(Mlnahnie, 
die iii.-iii x'iiifii Scliid'tcii ('Ii1i4('^('iil)i-;icli1('. weit 
liiiitrr jciici' /iiiiick. «Iic iiKiii iiiiiidci- bedeutenden 
l\i/,riimii-<>cii i;ri;viiiil»ci- .iii dcii Tii,!;- legte. Dies 
(•i-kl;irt /.um Teil .--(■iim' puMi/istisclie Zui-ückhaltung 
lind dic^c wirdciiiiii das iiiitnnte]' lant gewordene 
Vnriiiicil. did), DiciilaiMj dci- Gegenwart nichts 
iiiclir zii saiicii lialx'. Die Absicht der vorliegenden 
Schrift i^t CS. /um Slii(hiim Dreiitanos aiiziuegen. 
soi'eiii der khMiici-e 'l'eil seines Lebenswerkes vor- 
hegt, und s(d'ciii der weitans größere Teil in 
hoffenllicli nicht all/uferner Z(Mt der Öffentlich- 
keit übersehen werden wird. Demi Bi'entano ist 
niclil ein Autor der Vergangenheit, sondern der 
Zukunft. In meiner ISkizze habe ich darum vor- 
nehirilich auf die Fortbildungen und Neueiimgen hin- 
gewi(\sen, die Brentano an veröffentlichten Lehren 
vorgenommen hat. und auf einige besonders inter- 
essante Probleme, die ihn l)is in sein höchstes 
Alter beschäftigt haben. Der ästhetische Reiz der 
früheren Schriften Brentanos: der Aufbau scharf- 
sinnig ersonnener. in ihrer Schwierigkeit sich inmier 
steigernder Einwendungen und ihre Abwehr, die 
seine Erörterungen auch in ihrer künstlerischen 
Gestaltung als die modernen Sprossen Platonischer 
Dialoge erscheinen lassen, ist in seinen Alters- 
schriften zurfickgetreten. Seine Diktate, wechsel- 
seitig aufeinander bezugnehmend, tragen vielfach 



Vorwort VII 

den Charakter von Entwürfen und Zusammen- 
fassungen von größter Gedrängtheit mit Rück- 
verweisungen und andeutenden Schlagworten. Die 
vollständige Veröffentlichung dieser Diktate wird 
von einer fortlaufenden Reihe erklärender An- 
merkungen und darstellender Ausführungen be- 
gleitet sein müssen. Brentano war der Meinung, 
den Herausgebern seines Nachlasses werde eine 
ähnliche Aufgabe zufallen, wie sie Etienne Dumont 
und andere gegenüber Bentham erfüllt halx^n. Im 
Gegensatze hierzu läßt die durch die Zeitumstänch^ 
auferlegte Kürze meine Skizze, so sehr sie auf 
die Treue des Referates bedacht ist, oft über 
bloße Andeutungen nicht hinauskommen. Möge 
sie wenigstens verständlich genug sein, um die 
Problemstellungen und die Richtung der Lösungs- 
versuche ahnen zu lassen. 

Es ist mir eine liebe Pflicht, den beiden ()l)en- 
genannten Forschern dafür zu danken, daß sie ihre 
Erinnerungen mit meiner Abhandlung zu einem 
Buche vereinigt haben, das hoffentlich manche 
irrige Meinung und manche gehässige Unwahrheit 
über unseren gemeinsamen großen liChrer be- 
seitigen wird. Nicht mindern Dank schulde ich 
Herrn Dr. Johannes Brentano für den Einblick 
in die letzten Arbeiten seines Vaters. 



Prag, im Sommer 1918. 



OSKAR KRxVUS 



INHALT 

Seitp 
1 Hrciitniios puljli/isti.srln' /uiiicklialluii^. Allgeniein«8 zur 

( 'liniTiktfrisicnin/; sciiifts Korsclicr- und Ivchrdrange.s ... 1 
2. .lugciid \iiiil erste SclirifttMi. Aristotclfs ;il,s L-rstor Lehrer. 

Hr(^lltall().s Al>lclmuii>< lU^r zeitgfnüs.sisclicji Philoisophic. Seine 

Stellung /.ur pliilü.'^ophiegescliiclitliclien Methode 3 

:{. Schrittwci.sc p]niiuizipution von Aristoteles fj 

4. lieaciitung der cngliselien Piiiloso[)hie. ^jcin aiigchliclier 

„Positivisnuis" 7 

ö. Loblüsung von der Kirche. Stvunpi und .Vhuty. Berufung iiach 

Wien « 

'••V 

t\. Engere und weitere vSchuie. (Anmerkung über Höflers Er- 
innerungen an „Brentano in Wien") 10 

7. Weiter reichender Einfluß als Hegründei- einer l'liiinunieno- 
logie des Bewußtseins (^ l'syciiognosie"J und 17 

8. als erfolgreicher Widersacher mystisch-spekulativer l'liilo- 
sophie lind Erneuerer empirischer Methode. Die J^ehre vr.n 
lien vier Phasen ]H 

".I. .'\ng(>bl icher „ l'sychologi.smus". Scheidung in deskriptive 
und genetische Psychologie. Erstere als \'orausset/.ung einer 
characteristica universalis 20 

10. Die „P.sychologie vom empirischen Standpunkte" 1874 und ihre 
gekürzte Neuauflage („Klassifikation der psychischen Phäno- 
mene") sammt den elf neuen Kapiteln des „Anhanges" 1911 21 

11. Herichtigungen der lnt(*nsitäts- und UrteiL-^lehre. Martys 
Artikel über „subjektlose Sätze" 22 

12. Ausbau der Lehre von der intentionalen Beziehung. Leugnung 
der „mentalen Inexistcnz". Einführung der Vor.stellungsmodi 25 

lli. Erkenntni.stheoretische und logische Bedeutung dieser Neue- 
rungen. Die Dreiteihmg der psychischen Beziehungen . . -27 

14. „ Nichts anderes als Dinge (Reales) kann zum Objekte gemacht 
werden". Bolzanos „Sätze an sich", Meinongs „Objektive", 
Martys „Inhalte" als Fiktionen 29 

15. Erläuterungen zum Vorigen aus Briefen. Der Begriff des 
richtigen Trteils und der richtigen Gemütsbewegung. Ver- 
änderungen in Brentanos Syllogistik 'dl 

Ui. Anschauung und Begriff. Die Anschauung als die \'or.stellung 
von gering.ster Allgemcinlieit. Weder die innere noch die 
äußere Anschauung zeigt uns jemals Individuelles. Uuan- 
schaulichkeit der absoluten (individuellen) Ortsbestimmungen. 
Relativität der temporalen Modi 34 



Inhalt TX 



Seite 

17. Die Unmöglichkeit der Existenz von Universellem. Die Er- 
kenntnis der Individualität. Innere Beobachtung und innere 
Wahrnehmung '. 37 

18. Das Zeitproblem als eines der Zentralprobleme Brentano- 
scher Forschung. Die temporalen Yorstellungsmodi als modi 
obliqui. Leugnung temporaler Objektsdifferenzen. Deren 
Transzendenz. Das Zeitliche und seine Kontinualrelation . 39 

19. Die neue Relationslehre. Das Eelative ausnahmslos ein 
Reale. Die komparativen Relationen als denominationes mere 
extrinsecae 43 

20. Der Begriff des Kontinuums. Die Begriffe der Plerose, 
Teleiose, des primären und sekundären Kontinuums ... 45 

21. Weitere Andeutungen über Brentanos Kontinuitätslehre. 
Der Begriff des Zeitlichen zusammenfallend mit dem Begriff 
des Dinges 49 

22. Das kontinuierlich Viele und das kontinuierlich Vielfache. 
Tragweite dieser Unterscheidung für die Psychologie; Zu- 
sammenhang mit der Frage nach der Geistigkeit der psych- 
ischen Substanz 51 

23. Substanz und Akzidenz. Substanzielle Bestimmungen . . 53 

24. Die Natur der physischen transzendenten Substanz . . . .54 

25. Umgestaltung der Kategorienlehre 56 

26. Brentanos Axiomatik. Die Frage der Rückführbarkeit aller 
Axiome auf das Kontradiktionsgesetz. Beispiele aus der Fülle 
apriorisch-apodiktischer Einsichten 58 

27. Die Wertaxiomatik fußend auf Brentanos „Ursprung sittlicher 
Erkenntnis". Spätere Ausbildung der Lehre. Die als richtig- 
charakterisierten Akte des Liebens, Hassens und Bevorzugens 
entspringen aus den Begriffen. Die Ausdrücke „Werte", 
„Güter", „Wertverhalte" als sprachliche Fiktionen analog den 
„Inhalten", „Objektiven" 61 

28. Das höchste praktische Prinzip. Andeutungen über Brentanos 
politische Gedanken. Ethik und Metaphysik 64 

29. Brentanos Metaphysik. Ablehnung Kants 65 

30. Das Gesetz der universellen Notwendigkeit und das Kausaii- 
tätsgesetz. Verwendung des Wahrscheinlichkeitskalkuls. Un- 
abhängigkeit der Wahrschoiniichkeitsreciinung von dem prin- 
cipium rationis sufficientis. Rückfülirung des letzteren auf das 
Kontradiktionsgesetz 69 

31. Die unmittelbar notwendige erste Ursache. Kontinuierlicher 
Verlauf des Urprinzips. Seine Göttlichkeit 73 

32. Ausdehnung des Entwicklungsgedankens auf das Universum. 



X Inualt 

Seite 
Das Gesetz der fortschroitendcn unendlichen Entwicklung 
des Geistes in dem ]ioreichc von Mannigfaltigkeiten höherer 

Ordnung ^6 

33. Hinweis auf ]kentano.s juristisch-politische Exkurse. Die Holle 

der Freundschaft in seinem Leben 78 



ANHANG I: 

Erinnerungen an Franz Brentano 

von 
Carl Stumpf 

1. llahilitation 1866. Brentano als Lehrer. Unser "Verkehr in 
^Vü^zbu^g und Aschaffenburg 87 

2. Vorlesungen, Leben und Wirken 1866 bis 1870 97 

3. 1870: Umwandlung seiner religiösen Überzeugungen . . . 108 

4. Erlebnisse in Würzburg Herbst 1870 bis Sommer 1873 . . 118 

5. Vorlesungen 1870 bis 1873 131 

(). Unsere Begegnungen und Beziehungen nach 1873 .... 137 

7. Verhältnis Brentanos zu seinen Schülern 143 

8. Brentanos dedviktive Gedanken rieh tung und sein Gegensatz 

zur Spekulation 1-46 



ANHANG II: 

Erinnerungen an Franz Brentano 

von 
Edmund Husserl 



1. „Wer mich aus meinen veröffentlichten Werken kennt, 
der kennt mich nicht" so hätte Brentano mit dem ihm in 
so mancher anderen Beziehimg verwandten Leibniz von sich 
sagen können. Daher geben alle Nekrologe, i die auf Grund 
bloßer Literaturkenntnis geschrieben wurden, kaum einen 
Schatten dessen, was Brentano gewesen und geleistet. Daher 
gibt es keine Darstellung der zeitgenössischen Philosophie,* 

1 Mir sind folgende Naciirufe und Nekrologe größeren Um- 
fange« bekannt: Vossische Zeitung, 19. März 1917, gezeichnet R. S. 
Neue Freie Presse, 20. März, gezeichnet St - - g (Sternberg). Beilage der 
Vossischen Zeitung vom 25. März 1917 von Dr. Emil Utitz, Professor 
in Eostock. Derselbe hat auch einen ausführlichen Artikel in den 
Kantstudien XXIl. Bd. veröffentlicht. Das Neue Wiener Journal 
brachte: Persönliche Erinnerungen an Franz Brentano von Max Foges 
am 20. März. Im Feuilleton der Leipziger Volkszeitung erschien am 

5. xVpril (Nr. 80) ein warmer Nachruf von 1. „Dem Andenken Franz 

Brentanos" widmete Hermine Cloeter zwei interessante Feuilletons 
in der Neuen Freien Presse vom 20. April und 21. April 1917. Für 
die „Internationale Rundschau" in Zürich 3,6 schrieb Prof. Dr. E. Mandl 
einen Artikel „Aus meinen Erinnerungen an Franz Brentano", worin 
uns Brentano in seinem letzten Lebensjahre entgegentritt. Im Almanach 
der Wiener Universität (Die feierliche Inauguration des Rektors der 
Wiener Universität für das Studienjahr 1917/18, Wien 1917) ist ein 
Nekrolog aus der Feder des Philosophieprofessors Adolf Stöhr ent- 
halten. Von den Auslassungen, die sich Professor Höf 1er unter dem 
Titel „Brentano in Wien" (Süddeutsche Monatshefte Mai 1917) ge- 
leistet hat, wird noch die Rede sein. — Den umfangreichsten Nachruf 
hat bisher Rudolf Steiner in seinem Buche „Von Seelen rätsein" 
Berlin 1917 S. 117 — 196 geschrieben. Steiner ist sich bewußt, daß 
Brentano gegen diese Art der Ausbeutung seiner Lehren protestiert 
hätte ; von den Mißverständnissen und Entstellungen ganz zu schweigen. 
— Eine Brentanonummer der Pädagogischen Monatshefte, 68. Jahrgang, 
1918, herausgegeben von Prof. Burger Innsbruck, enthält eine Würdi- 
gung Brentanos von Michael Freih. v. Pidoll und die Grabrede 
Fr.W. Foersters, die der Größe Brentanos durchaus gerecht werden. 
Die „Lebensläufe aus Franken", herausgegebeii von der „Gesellschaft 
für fränkische Geschichte", werden im 11. Band eine biographische 
Darstellung von Prof. Oarl Stumpf bringen. 

- Immerhin sind die erschienenen Schriften Brentanos zahlreicii 
genug und von so bedeutendem Einflüsse, daß es aus seiner publi- 
Krau8, Franz Breutanu. 1 



die auch nur dio wcscntlirhstcn Zü^o wieder^^bt. Brentano 
ist dem grossen Publikum als Philosopli nahezu gar niclit, 
der weiteren wissenschaftHchen Welt nur zum geringsten 
Teile und seiner Scliule nur so weit bekannt, als sie mit 
ihm bis zu seinem Tode in innigem Kontakt gebheben ist. 
I'rcilicli lialicn wir in eben dieser Tatsache zugleich 
einen jener Züge vor uns, die für I>rciirano als Menschen 
und als Philosophen gleich charakteristisch sind. Trotz glänzen- 
der sciiriftstellerischor (Jaben, für Avelclie seine formvoll- 
endeten Vorträge über das „Schlechte als Gegenstand dichte- 
rischer Darstellung", über „das Genie", über Sinnespsychologie 
nicht minder zeugen als sein entzückendes liätselbuch Anig- 
matias, hat er allzeit nicht nach dem Lorbeer eines viel- 
gefeierten Autors verlangt, sondern nach der Wahrheit iim 
der Wahrheit willen. Wie Demokritos schätzte er eine 
einzige Entdeckung höher als die Krone des Perserreiches 
und wie Plato war es seiner unverwüstlichen Lehrfreudig- 
keit ein gar oft schmerzlich entbehrtes Lebenselement, in 
wahrheitsdürstenden Gemütern durch freundschaftliches Zwie- 



zistischen Zurückhaltung^ allein nicht erklärt werden kann, warum 
die verschiedenen Darstellungen der deutschen Philosophie, was 
Brentano anlangt, sämtlich durcliaus unzureichend sind. Schon der 
Brentano zugemessene Raum steht in schreiendem Mißverhältnis 
zu dem Ausmaße, der anderen Denkern, ja vielen seiner Schüler ge- 
widmet ist. Es gibt Bücher, wclclie die „Philosophie der Gegenwart" 
behandeln und es docli wagen, Brentano totzuscliweigen. Messer, in 
seiner „Geschichte der Pliilosophie von Beginn des 19. Jahrhunderts 
bis zur Gegenwart", bemerkt nicht einmal dort, wo er Schell und 
Husserl behandelt, daß sie Schüler Brentanos waren, obgleich sich 
diese Denker auch durch Widmungen ihrer Werke als solche bekannt 
haben! Külpe, in seiner „Pliilosopliie der Gegenwart in Deutschland", 
erwähnt Brentano einmal als Lehrer Husserls und eingangs zugleich 
mit Martj', als Vertreter einer Art Positivismus und dies darum, weil 
sie angeblich die Philosophie als Psychologie auffassen ! ! In Wahrheit 
hat Brentano als Philosophie im höchsten Sinne stets nur die Metaphysik 
gelten lassen und die Psychologie nur als jene philosophische Disziplin 
betrachtet, welche die fundamentalste Stellung inne hat. 



gespräch — diaXeyeiv nannten es die Griechen — die kostbare 
Frucht der Erkenntnis zu erzeugen. ^ Was die ursprüngliche 
Bedeutung, der erste Sinn des Wortes Philosopliie gewesen 
ist, WeisheitsHebe, das ist es, was für Brentano dem eigenen 
rieben Sinn und Bedeutung verheh. Sie war von Anbeginn 
der Leitstern seines Tuns und Lassens. 

2. Franz Brentano entstammt einer der edelsten 
Familien Deutschlands;* ihr Name klingt jedem Deutschen 
vertraut; aus Goethes Wahrheit und Dichtung kennt jeder 
die schöne Maximiliane Laroche, die Freundin Goethes, 
deren Gatte Peter Brentano der Großvater des Philosophen 
werden sollte, und Groß und Klein liebt Clemens Brentano, 
seinen Oheim, auf dessen Knien er den holdesten Märchen 
lauschen durfte, die deutsche Poesie ersonnen. Weniger in 
weiten Kreisen bekannt als diese Namen und jener seiner 



' T'berblickcn wir Brentanos philosophische Schriften, so handelt 
es sich außer bei den ersten philosophiegeschichtlichen Arbeiten, der 
I'sychologie vom empirischen Standpunkte 1874 und der, durch die 
italienische Übersetzung veranlaßten Neuauflage einiger Kapitel 1911 
last durchweg um Vorträge bezw. Vortragssammlungen, also um 
Gelegenheitsveröffentlichungen. Auch die in Zeitschriften erschienenen 
Abhandlungen und Aufsätze verdanken fast durchweg irgendeiner 
Aufforderung, einer Kritik, einem Festtage ihre Entstehung. Bei 
solcher Gelegenheit griff Brentano aus dem aufgehäuften Stoffe ein 
Problem heraus, dessen Lösung ihm gänzlich oder in der Hauptsache 
feststand, um nunmehr vornehmlich der Darstellung seine Sorgfalt zu 
widmen. Es ist verkehrt, mit Steiner, nach einem anderen Grunde der 
schriftstellerischen Zurückhaltung zu suchen, als dem, der einerseits in 
der Forscherbegierde, andererseits in der geringen Aufmunterung, die 
in der Aufnahme des Gebotenen lag, genügend deutlich offenbar ist. 

^ Über den Stammbaum der Brentano vgl. Genealogisches Taschen- 
buch der adeligen Häuser 12. Jahrgang 1887, Brunn, und ^.Die Gesamt- 
nachkommenscliaft des kurtrierschen Geheimrats PeterAnton Bren- 
tano" zusammengestellt von Karl 'Kiefer, Frankfurter Blätter für 
Familiengeschichte, Frankfurt a. M. 1909. Vgl. auch den offenen Brief 
von Geheimrat Lujo Brentano an Chamberlain in der Frankfurter 
Zeitung v. 15. November 1916 (auch Vossische Zeitung v. 16. November 
1916 Beilage). 

1* 



Tanto lirtliiin von Arnim istdcr seines Vaters Cli ristian, 
fler als ScIiriftstoUcr in dor katiioliscluin Welt in liolicni An- 
solwii stellt. Dieser iiatte in junj^en Jahren die lebhaftesten 
piiiiosopiuschen Interessen, und war, wie er in seiner Selbst- 
biogra[)hie berichtet, bereits v<jr seinem 17. Lebensjahre zn 
oinom System des vollkommenen J3eterminismus ja „Materia- 
lismus" <^elan_i;i. ' Freilicli wich diese Aiiscliauun<^ sj)äter 
einer durchaus religiösen und katholischen und so wurden 
denn auch seine Kinder in diesem (jeiste erzogen. Nach 
dem liiilicn Tode des geistvollen Mannes war es seine 
Gattin lilmilio, die alles aufbot, \un ihre Kinder in gleichem 
Sinne zu leiten.- Merkwürdigerweise wiederholte sich die 
Krise des Vaters bei dem Sohne. Um sein 17. Lebensjahr 
tauchten die ersten Glaubenszweifel auf. Wie beim Vater 
waren sie auch bei ihm durch die Determinismusfrage ver- 
ursacht. Er suchte sein Heil in der zeitgenössischen 
Philosophie, aber unbefriedigt und abgestoßen, ward er, 
gewiß vor allem durch den Einfluß seiner Mutter und katholi- 
scher Freunde, dor Kirche gewonnen, der er sich alsbald 
mit Begeistening zuwandte und aus freien Stücken als 
Priester bestimmte. 

Doch .sein philosophischer Forschertrieb war weiter in 
ihm lebendig. Konnte er unter den Lebenden keinen Lehrer 
finden, der seinen Ansprüchen genügte, so suchte er ihn 
in der Vergangenheit und fand ihn in Aristoteles, der 
ihm anfänglicli Führer wurde und in dessen Werke er sich 
mit k-ongenialem Geiste vertiefte. Gleich in seinem ersten 
Buche „Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach 
Aristoteles" Freibiu-g i. B. 1862 gelang ihm unter dem 13ei- 



1 Nach_irelassone roligiüso Scliriftcn von Christian Hreiitano. 
MiinclKMi 18Ö4: 1. Bd. p. TX. vgl. 'al lg. deutsche Biographie. 

2 Heizvollc Einblicke in diese Jahre, in Brentanos vielseitige; 
glänzende Begabung und sein gütiges Her/ g;nviihren die Jugend- 
erinnerungen, die seine jüngste Schwester in ilcr obenerwähnten 
Brentanfiiiumiiior dor Pädairo<rischeii MonatsheftL" veröfttMitlicht iiut. 



falle Trendelen burgs, dem diese Erstlingsschrü't gewidmet 
war, die Ableitung der aristotelischen Kategorienlehre. Damals 
schon, wie bei Abfassung der zweiten Schrift „Die Psycho- 
logie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre vom vovg 
.To»/T<j<os" beherrschte er die aristotelischen Texte in so 
vollkommener Weise, daß die Belegstellen ungesucht seiner 
Erinnerung zuströmten. Die Methode, die er bei diesen 
historischen Arbeiten befolgte, hat er später in eigenen, 
noch ungedruckten Abhandlungen dargelegt. Wie der Künstler 
einen Torso im Stile und im Geiste seines Meisters ergänzt, 
wie Cuvier aus dem Bruchstücke eines Gerippes die Be- 
schaffenheit des Tieres abzuleiten vermochte, so betrachtete 
Brentano die Teile im Licht des Ganzen, wobei die Voraus- 
setzung leitend wurde, daß die Erzeugnisse eines und des- 
selben Geistes, wenn auch nicht immer eine logische, so 
doch eine psychologische Einheitlichkeit aufweisen müssen. 
Um diese Eigentümlichkeiten eines Autors kennen zu lernen, 
hielt er es für geboten, sämtliche Leistungen des Betreffen- 
den zu studieren, also auch solche, die anderen Gebieten 
als den philosophischen angehören. Man habe sich gleichsam 
vom Geiste des Autors durchtränken zu lassen. Freilich ist 
es auch nötig ihm in seinem Sinne philosophierend entgegen- 
zukommen, weshalb nur jemand, der die Probleme und ihre 
Behandlungsweise kennt, Geschichte der Philosophie zu 
schreiben vermag. Das Studium dessen, was sich bei Vor- 
gängern und Nachfolgern findet, ist zur f]rgänzung von 
Lücken und zum Verständnis unerläßlich. Indem man sich 
aber den Stand des Wissens zur Zeit der Abfassung des 
jeweils behandelten Werkes vor Augen hält, wird man die 
AVürdigung des Verdienstes eines Schriftstellers und die 
Wertung des Wahrheitsgehaltes scharf auseinander zu lialton 
1 laben. 

Nach diesen Grundsätzen sind nicht nur die eigenen 
aristotelischen Schriften Brentanos gearbeitet, auch manche 
Werke seiner Schüler sind durch sie charakterisiert. So 



Stniii{)fs .lu^^ondschrift.: „Das Vorhältnis dos Platonischon 
Gottos zur Ideo des Gutüii" Hallo 1861), die ersten Arboiton 
V. Hertlings und andoror.' 

H. Es ist nur natürlich, daß Brentano zu der Zeit, 
wo er dein Stagiriten als Schülor gegenüberstand, die Kritik 
zurückHrängto. Damals war sein ganzer Scharfsinn aufzu- 
bieten, Hill <l»>r Schwierigkeiten Herr zu werden, die das 
Verständnis boreitoto. Daß ihm hierbei Thomas von Aquino 
bedeutende Dienste leistete, liat Brentano nie geleugnet. 
Allmählich aber ward sein Auge für die Mängel des aristo- 
telischen Systems geschärft und seine Verelirung für den 
großen Mann hinderte ihn nicht, dessen unnachsichtlicher 
Kritiker zu werden. 

Während daher die einen Brentano wegen seiner Be- 
wunderung und Dankbarkeit für Aristoteles als Scholastiker 
darzustellen lieben, machen ihm andere seine weitgehenden 
Abweichungen von diesem, besonders seine reformierte 
ürteilslehre und Logik zum Vorwurfe. In der Tat ist es 
sonderbar, Brentano als Scholastiker oder Aristoteliker zu 
bezeichnen, wo schon die allgemein bekannte Trennung der 
Vorstellungsklasse von der Klasse der Urteile, die Feststellung, 
daß es neben prädikativen auch einfach thetische („Existential- 
urteile") gibt, die entschiedene Verwerfung der halbmateria- 
listischen Seelenlehre des Aristoteles, die Lehre von den 
obhquen Vorstellungsmodis, die Leugnung der mentalen In- 
existenz des Objektes, die Ablehnung der aristotelischen 
Formenlehre als einer Fiktion, der Nachweis gewisser Fehler 
seiner Syllogistik, und anderes, was bereits in den vor- 
liegenden l^ublikationen ausgesprochen ist, jedermann zeigen 

1 V. Hertling, De Aristotelis Notione ünius 1864. Materie und 
Form und die Definition der Seele bei Aristoteles, 1871. — Arbeiten 
der Enkolschüler: Alfred Kastil, Die Frage nach der Erkenntnis 
des Guten bei Aristoteles und Thomas von Aquin. ISJÜU. Km i 1 A riet li . 
Die metaphysischen Grundlagen der aristotelischen Ethik. VM'.), und 
anderes. Oskar Kraus, 'N'euc Stuilion zur aristotelisclien Rhetorik, 
insbesondere über das yifo,- sjiibfixuy.öy, Halle 1907. 



könnte, daß Brentano sich oft weiter von Aristoteles ent- 
fernt, als jene „Modernen", die seine Pliilosaphie als „scho- 
lastisch" brandmarken. Noch mehr wird das Lächerliche 
dieser Etikettierimg hervortreten, wenn die Abhandlungen 
seiner letzten Jahre der Öffentlichkeit vorliegen werden. 
Seine wahre Meinung hat Brentano in dem Vorwort zu 
seinem 1911 erschienenen Buche „Aristoteles und seine 
Weltanschauung" ausgesprochen: „Gewiß ist die Weisheits- 
lehre des Aristoteles heute als Ganzes unhaltbar, und manche 
Teile erscheinen als vollständig überlebt. Dennoch bin ich 
überzeugt, daß man, wenn man sie richtig auffaßt, noch 
gegenwärtig durch ihr Studium wahrhaft gefördert werden 
kann". — Aus dieser Überzeugung heraus hat sich Brentano 
entschlossen, im selben Jahre die Schrift „Aristoteles Lehre 
vom Ursprung des menschlichen Geistes" erscheinen zu lassen, 
in welcher er eine neue, freilich um mehr als das Dreifache 
erweiterte Ausgabe seiner längst vergriffenen Broschüre 
„Über den Creatianismus des Aristoteles" darbot. Es war 
ihm hierbei hauptsächlich darum zu tun, die seit Zell er 
üblichen Entstellungen der aristotelischen Metaphysik und 
Gotteslehre noch einmal und mit neuen Argumenten zu be- 
kämpfen. Sein wunderbares Gedächtnis, vereint mit der auf- 
opferungsvollen Bemühung seiner Gattin ermöglichte es dem 
nahezu Erblindeten, diese außerordentliche Arbeit zu leisten. 

Mit Brentano ist zweifellos der vollkommenste Kenner 
des Aristoteles dahingegangen. 

4. Ist es aber verkehrt, Brentano einfach unter die 
Aristoteliker einzureihen, so ist es womöglich noch törichter, 
ihn zu den „Positivisten" zu zählen. Es ist wohl wahr, daß 
Brentano durch Comte und die englischen Philosophen wert- 
volle Anregungen erhalten hat. Im Jahre 1869 ließ er im 
„Chilianeum" eine Abhandlung über „Auguste Comte und die 
positive Philosophie" ei'scheinen. Aber unter „positivem 
Geiste" verstand er liierbei nichts anderes als die Nüchtern- 
heit besonnener Forschung, die er der entarteten Philoso[)hie 



der Scli(;lliii;^'scli<ri iiml I Ic^clsolicn S|)cl^iil;il lorKm cntgegen- 
sot/lc, die niic\\ seiner Meinun«^- „iill(;s ül)(;rl)Otcn, was die 
aniilo<^cn Stadien einer verkommenen Philosophie im Altertum 
und Mittelalter erzeugt haben". Mit J. Stuart Mill stand 
P.roiitano eine Zeitlang (187.'^) in reger Korrespondenz üb(;r die 
I 'rtfiilsichrei und nur der Tod Mills vereitelte eine Zusammen- 
kmifi, zu der ihn der englische Denker nach Avignon ein- 
geladen hatt(\ Noch in seinem letzten Lebensjahre studierte 
iirentano mit größtem Interesse Thomas Reid und diktierte 
berichtende und berichtigende Abhandlungen über seine 
Lehre, sowie Darlegungen seines und Clark es Zusammen- 
hangs mit Kant. Die nationale Unbefangenheit, ein Erbstück 
seiner Familie, hat ihn davor bewahrt, wie Lotze in der 
Berücksichtigung ausländischer Philosophie eine Schädigung 
deutsclien Denkens zu erblicken. Brentano hat sich eben in 
seinem ungestümen Wahrheits- und Freiheitsdrang niemals 
in andere Fesseln schlagen lassen als jene, die sein eigenes 
Gewissen als Mensch nnd Wahrheitssucher ihm auferlegten. 
Keinerlei Autorität vermochte ihn dauernd zu binden. 

5. Im Jahre 1870 trat die bedeutendste Wendung in 
seinem Leben ein. Sclion früher aufgeta\ichte Zweifel an 
gewissen Glaubenssätzen brachen hemnumgslos hervor, als 
das vatikanische Konzil das Unfeldbarkeitsdogma verkündete. 
Denn in diesem Falle glaubte Brentano auf Grund seiner 
Kenntnis der Kirchengeschichte mit aller Sicherheit zu er: 
kennen, daß wenigstens ein kirchlicher Glaubenssatz der 
W'ahrlieit widerspreche. Nunmehr hielten sich diese Zweifel 
für berechtigt, die Schranken der unbedingten Glaubens- 
pflicht zu durcldirechen und sich auf alle Fragen zu werfen, 
deren Prüfung sie sich bisher versagt hatten. ^ 



1 Vgl. J\ychologic S. 288. 

^ Schon im .Jahre 18G!) hatte Brentano über Auftrag des Hischols 
Kette Icr die Denkschrift der deutschen Biscliüfe gegen das Unfehl- 
barkeitsdogma verfaßt. Vgl. Vegener, Ketteier und das Vaticanuni. 
.leriH 11115. 



_ • 9 

Das Ergebnis, zu dem Brentano gelangte, ist bekannt. 
Er legte 1873 das geistliche Gewand ab und trat zugleich 
von dem Extraordinariat zurück, das ihm 1872 verlieben 
worden war.i 

Auch für seine beiden jungen Schüler bedeutete jener 
Wandel den Wendepunkt ihres Lebens: Carl Stumpf verließ 
1870 das Seminar und wurde alsbald, 25 Jahre alt, der Nach- 
folger seines Lehrers auf dem Würzburger Katheder. Anton 
Marty, der bereits die höheren Weihen empfangen hatte, 
entschloß sich erst nach einiger Zeit — und ohne jede 
persönliche Beeinflussung seitens Brentanos — , der Kirche 
und seiner Stellung am Lyceum in Schwyz zu entsagen. 
Am 22. Januar 1874 wurde Brentano durch den Minister 
Stremayr nach Wien berid^en, wo mit ihm ein neues philo- 
sophisches Leben einzog. 

Am 22. April 1874 hielt er seine Antrittsvorlesung 
an der Wiener Universität „über die Gründe der Entmuti- 
gung auf philosophischem Gebiete". Mit Mißtrauen hatten 



* Höfler schreibt in seinen „Erinnerun<^en*' (Süddeutsche Monats- 
hefte, Mai 1917): „Aus dem Dominikanerorden, in dem er seine philo- 
sophische Schulung empfangen hatte, war er aus Anlaß des L'n- 
fehlbarkeitsdogmas ausgetreten." Diese Blütenlose von Unrichtig- 
keiten ist bezeichnend für die Gewissenhaftigkeit Höflerscher Bericht- 
erstattung. Um ähnliche Legenden über den Entwicklungsgang Bren- 
tanos zu zerstören, sei noch angemerkt: Nachdeni Brentano 1855 das 
kgl. bayerische Gymnasium in Aschaffenburg absolviert und nachher 
zwei Semester am dortigen Lyceum gehört hatte, studierte er drcn 
Semester an der Universität in München, wo Ernst von Lasaulx Imh- 
druck auf ihn machte, hernach je ein Semester an den Universitäten 
Würzburg, Berlin (Trendelenburg) und zwei Semester an der Akademie 
in Münster, wo or durch Clemens mit der Scholastik bekannt wurde. 
Kr promovierte in abscntia in Tübingen am 17. Juli 1862. Nur ganz 
kurze Zeit, im Herbst 1862, iiat Brentano im Dominikanerkloster in 
Graz geweilt. Erst nach dieser klösterlichen Episode (Verkehr mit 
l)enifl(^) .studierte er Tlieologie in Münclien (l)r)llint,'er) und am theo- 
logischen Seminar in Würzburg. Am 6. August 1864 wurde er zum 
J'riester tjeweiht. 



10 ______________ 

die \\ iciK I iiiiil hutto l)üson(](;rs flio Wiener Studentenschaft 
(lif l'.tiiirtiii^ l'rcntanos }iuf<^nnoiiiinon. Man sali in ilim nur 
den chcniuli;^en Tlieologcn und lioffte nichts weniger als 
fortschrittliche Anschauungen durch ihn vertreten zu sehen. Die 
Stud<'iitcns(h;d'1 rüstete sich zu einem wenig freundlichen 
Miiipfaugc. Aber die befürchteten Demonstrationen blieben 
aus. Machte schon die äußere ^Erscheinung des Philosophen 
«■iiu-n uiigcw (")linlich(ii und bedeutenden Eindruck, so verstand 
er es gleich nach den ersten Worten, die Hörer zu fesseln, 
und als er geendet hatte durchwogte stürmischer Beifall den 
Saal. Kr hatte über die Gründe gesprochen, aus welchen 
man in so weiten Kreisen der Philosophie mit Mißtrauen 
begegnet, und gezeigt, daß und warum dieses Mißtrauen 
unberechtigt ist, und indem er das Mißtrauen gegen die 
Philosophie in seine Grenze wies, wandelte er das Mißtrauen 
gegen den Philosophen alsbald in sein Gegenteil. Und 
20 Jahre lang, während welcher er unter wechselnden Um- 
ständen, zuerst als ordentlicher Professor und später als 
Privatdozent an der AYiener Universität lehrte, bis zu seinem 
Scheiden von Wien im Jahre 1895 blieb ihm das Vertrauen 
seiner Hörerscliaft bewahrt. Stets las er vor dichtgedrängtem 
Auditorium. Es ist allgemein bekannt und jeder kann es 
in Brentanos „letzten Wünschen für Österreich" nachlesen, 
daß und wie seine rückläufige Karriere mit seiner Ver- 
ehelichung zusammenliing, die erst acht Jahre nach seinem 
Austritt aus dem Priesterstand erfolgte und von ihm als 
Konfessionslosen in Sachsen vollgültig geschlossen worden 
\\ar. Dasselbe gilt von den Gründen, die ihn endlich nach 
dem Tode der geliebten Gattin bewogen, seiner Lehrtätigkeit 
vollständig zu entsagen und aus Osterreich zu scheiden. 
M''elchen Verlust dies bedeutete, welche Erfolge Brentano 
insbesondere als Lehrer aufzuweisen hatte, geht am klarsten 
aus der Zahl und dem Ansehen seiner Schüler hervor. 

6. Ähnlich wie von Hegel kann man von seinem Wider- 
sacher Brentano sagen, daß unter seinen Schülern alle 



11 

Schattierungen von der äußersten Rechten bis zur äußersten 
Linken vertreten sind: aus seiner katholischen Zeit ragt 
sein Vetter, Graf Hertling, der deutsche Reichskanzler, als 
konservative Säule hervor und in die Gegenwart herüber; 
vergebHch mühte sich dagegen der edle Hermann Schell, 
dessen erste philosophische Werke gleichfalls unter seinem Ein- 
flüsse standen,! eine vermittelnde Stellung einzunehmen und 
den inneren Zwiespalt durch Anschluß an den Modernismus 
zu überwinden; desto folgerichtiger schlössen sich Carl 
Stumpf und Anton Marty^ ihrem Lehrer an. Der "Wiener 
Periode entstammt Franz Hillebrand, dessen experimentelle 
Arbeiten zur Sinnespsychologie rühmlichst bekannt sind und 
der in früheren Jahren die logischen Reformen Brentanos treff- 
lich ausgebaut hat. ^ Freimütig anerkennt EdmundHusserl, 
einer der erfolgreichsten akademischen Lehrer Deutschlands, 
wie viel er Brentanos Kollegien zu danken habe, imd un- 
verkennbar reichlich hat Alexius Meinong, das bekannte 
Haupt der Grazer Schule, und sein Anhänger Alois Höfler, 
Professor der Pädagogik in Wien, aus diesen geschöpft. Wie 
Hillebrand verfügt auch Meinong über ein Institut für 
experimentelle Psychologie, das Brentano schon 1874 ver- 
geblich für die Wiener Lehrkanzel verlangt hatte. Auch 
Christian Freiherr von Ehrenfels, Professor in Prag, 
ist hier zu nennen, der allerdings in seinen werttheoretischen 
Untersuchungen von Meinong beeinflußt ist und auch bei 
seinen Spekulationen über die Weltschüpfung sicli in ent- 



* Hermann Schell: Die Einheit des Seelenlebens aus den Prin- 
zipien der aristotelischen Philosophie entwickelt, Freiburg i. B. 1873: 
vgl. über Schell Schnitzer, Der katholische Modernismus in Zeit- 
schrift für Politik V. Band 1912 und von kirchlicher Seite Kiefl: 
Die Stellung der Kirche zur Theologie von Hermann Schell. 

2 Oskar Kraus: Anton Marty, sein Leben und seine Werke, 
Ealle 1916 (auch als Einleitung au den Gesammelten Schriften Martys, 
I. Bd., erscliicnen). 

'Franz Hillebrand: Die neuen Theorien der kategorischen 
Schlüsse, Wien 18Ü1. 



Mii 



12 

sfliicdcnstcin (Je^ensatze zu iicv von Brentano vertretenen 
Lehre bewegt. DiesQ leiste ist übri^rens weit davon ent- 
fernt, vollstündi<( zu s<'in. Männer, wie Sektionschef Michael 
Freiherr von J'idoll, J'rofessor Carl Clemens Kreibig, 
Professor Emil Arleth, Xor])ert Seliwaiger, Professor 
Twardowski in Lemberg, Alfred Berger imd viele andere 
haben mehr oder minder dauernde Einflüsse von Brentanos 
Lehrtätigkeit erfahren. Durch Marty sind von Prag aus eine 
Reihe jüngerer akademischer Lehrer der })hiloso[)hischen Rich- 
tung l^rentanos zugeführt worden, wie die Professoren Alfred 
Kastil in Innsbruck, Josef Eisenmeier in Prag, Emil 
(titz in Rostock und andere, die als Privatgelehrtei wirken. 

Wie angedeutet sind von den Genannten gar manche, 
die einen früher, die andern später von lirentano abgezweigt 
und haben die einen mehr, die andern weniger versucht, 
auf eigenen Wegen vorzudringen. Niemals aber haben sach- 
hche Differenzen Brentanos Freundscliaft und wohlwollendes 
Interesse herabzumindern vermocht ; in unermüdlicher Geduld 
war er stets bei-eit, mündlich und schriftlich Einwendungen 
zu berücksichtigen, Fragen zu beantworten, freilich auch 
seinerseits scharfe Kritik' zu üben. Mit gar wenigen Aus- 
nalimen — ich meine vornehmlich Meinong und Hofier — 
standen daher die ehemaligen Schüler bis zu seinem Tode 
in freundschaftlichem Verkehr mit dem Meister. 

In dem oben erwähnten Artikel hat denn auch Hofier die GelegenT 
heit ergriffen, an Stelle eines guten Nachrufes eine üble Nachrede zu 
.s('tzen. Die Tatsache, „daß in zahlreichen Nachrufen auf Brentano nur 
die Lichtseiten seines Wesens zum Aufleuchten kommen-, sclireibt er 
teils dem zurückhaltenden Einflüsse des Satzes „de mortuis nil nisi bene" 
zu, teils einem Glänze der Persönlichkeit, der so blendete, daß er ,ein 
positives, nicht nur (!) ein negatives Nachbild hinterließ". Daß ein wohl- 

1 So z. B. Hugo Bergmann: L'ntersuchungen zum Problem 
der Kvidenz der innorn Wahrnelimung. Halle 1908. Das philosophische 
Work Bernard Bolzanos, Hallo 1909. Benno Urbach: Leibnizens 
Uechtfertigung des Übels in der besten Welt, Prag 1901. Oskar 
Lngläuder: Die Erkenntnis des sittlich Riclitigon und die National- 
ökonomie. vSchmollers Jahrb. 1914. 



13 

gebildetes geistiges Auge, wenn es lange an einer so hervorleuclitenden 
Erscheinung, wie die Brentanos, gehaftet hat, die .„negativen Nach- 
bilder" im Wettstreite mit den positiven verschwinden läßt, zu dieser 
Erfahrung scheint Professor Hüflers „Psycliologie" noch nicht vor- 
gedrungen zu sein und das seine jedenfalls hat die abnorme Neigung, 
das negative Nachbild selbst bei einem Manne zu bevorzugen, dem 
er als seinem ersten Lehrer in philosophischen Dingen „aufrichtige 
und bis heute nicht geschwundene Dankbarkeit*, ja „ewige Dankbar- 
keit" zu schxddon bekennt. So zum Beispiel gesteht er wolü. daß es 
leicht wurde, „über dem inhaltlichen Reichtum" der Vorlesungen 
Brentanos kleine Äußerlichkeiten der Vortragsweise, „die manche 
blendeten, andere abstießen", einfach zu vergessen, aber Höflers 
geistigem Auge drängt sich die Erinnerung an sie auch noch nach 
einem Menschenalter unvergessen auf. Oder er rühmt wohl die 
intellektuelle Befriedigung, welche die einleuchtende Lösung der 
„auf das feimste zugespitzten Schwierigkeiten" philosophischer Pro- 
bleme ihm und anderen Seminarmitgliedern gewährte, er kann aber 
doch nicht umhin, bei der witzelnden Kritik irgend eines „stud. phil.", 
der Lehrer „gehe den Problemen hinterrücks zuleibe", mit Behagen 
zu verweilen. Bei der Schilderung des Eindrucks, den Brentanos 
Erscheinung und Gehaben auf die Wiener Gesellschaft gemacht hat, 
wird eine Novelle Adolf Wilbrandts ausgegraben; nicht etwa, um 
dagegen zu protestieren, daß jemand in dem sonderbaren „Helden- 
jener Geschichte auch nur einen wesentlichen Charakterzug Bren- 
tanos dargestellt sehen wollte, vielmehr im Gegenteil, um die bos- 
hafte Unwahrheit zu wagen, „daß Wilbrandt im Namen der ganzen 
Wiener Gesellschaft gesprochen habe". Ich verzichte darauf, micli 
auf Erhebungen zu berufen, die ich in dieser Sache gepflogen habe, 
sondern begnüge mich hier mit den folgenden Bemerkungen. 

Der „Gast vom Abendstern" — nicht „aus dem Abendstern-, 
wie Höfler zitiert, denn er gleicht einem Fremdling, der vom 
wirklichen Abendstern herabkommt und nicht aus dem Wirtshaus 
„Zum Abendstern" -— wird von Wilbrandt geschildert „als der schmal- 
gewordene Schatten eines edlen Uhristus", als der „Versuch eines 
schönen ]\lannes", der, aus einer fremden Welt stammend, der irdisciien 
abgekehrt bleibt und daher unfähig ist, eine schöne, edle, dem Leben 
zugewandte Frau, die den Philosophieprofessor und ehemaligen Gei.st- 
liclien Hamann mehr aus Mitleid und Herzensgüte als aus Zuneigung 
heiratet, zu beglücken. Von einem anderen schon frülicr geliebt, dcMi 
.sie in dieser unglücklichen Ehe selbst lieben lernt, versinkt .sit> in 
den Wellen des Meeres, während sie dcMi ungeliot)teu Mann tü<li's 
freudig vom Frtrinkungstode rettet. — 



14 ____________ 

Nicht ein riri/.i;^cr w csr n t I i c li c r Zu^^ 'iiT lOr/.iililim^ iiml der 
('liiirakt(>r/.t'icliMuii^' ist dotn li('b(>n Hrontanos eiitiionirncri. Jch will 
riiclit l)('i <lor Symhidik vcrwcilon, die Hiunann als farlxuiblind dar- 
st(dlt, williriMid lirentnno das ciiij)fän^liclist(' und rarhonlioudigste 
Maloraugo bcs(\ss('n hat uiui auch das Loben selbst und die Welt 
durchaus nicht griiii in grau, sondern als die künstlerische Offenbarung 
dos göttliciu'ii 1 )iiniiirgon zu sehen gewohnt war. Wilbrandt schildert 
seinen erdfrcnnlcn (last als Schwächling. Er lälit ihn seinen L'berrock 
[icliincri und ^orgfültig/uknüjifcii. um s(;ine zarte (J estalt gegen den Wind 
zu schützen, im Winter des. Jahres lH74ging Brentano nacli übe rstandenen 
scliw.irzcn Hlatterii in dem l'.elvederegarten spazieren, mit offenem 
l'elze. unter dem er nichts als Hose und Hemd trug. Als Sechziger 
durchöchwamiii er die hcmau lui Sclnhihiilicl. Ich selb.st sah ihn im 
hohem Alter, auf das dürftigste bekleidet, im Ciarten arbeiten. Weit 
entfernt, zaghaft zu sein, liebte Brentano kühne, ]a waghalsige Unter- 
nehmungen: auf einer solchen hätte er beinahe im Jahre 1890 durch 
nächtliches Kentern seines Fahrzeuges, eines einfachen Fischerkahnes, 
auf der Fahrt Schönbühel — Wien, sein Leben eingebüßt. Wie das 
Gegenteil (üiu^s körperlichen Schwächlings war Brentano auch aller 
mystischen Philosophie abgeneigt. Wilbrandt drückt aber schon durch 
den Namen Hamann aus, daß sein Held der Mystik huldigt. Für 
Brentano war die; Philosophie der Mystik der tiefste A'erfall des 
philosophischen Denkens. Nicht nur sein Vortrag über Plotin beweist 
dies. Wilbrandt spricht von Hamanns „poetisierender, nicht rein 
wissenschaftlicher Richtung" als einer viel bespöttelten. Aber Brentano 
hat den Grundsatz naturwissenschaftlicher Methode schon im Jahre 1866 
verkündet und von Höfler selbst hören wir, daß er in Brentano den 
ersten Lehrer gefunden habe, der ihn im philosophischen Denken ebenso 
strenge Maßstäbe anzulegen anwies, wie in mathematischen und 
physikalischen Wissenschaften. Höfler erzählt uns von den „vielen- 
Dozenten, Lehrern und in anderen Berufen »Stc^licnden", die „neben 
Hunderten von Schülern" sich um Brentanos Katheder schaarten. Ist 
es also nicht eine offenkundige Unwahrheit, daß Wilbrandt „im Namen 
der ganzen Wiener Gesellschaft" gesprochen habe? Wahr ist nur das 
eine, daß Wilbrandt äußerliche Züge aus dem Leben und der Gestalt 
Brentanos entlehnte, um über sie ebenso hemmungslos zu phantasieren, 
wie über jene Fraucngestalt, die den Widerpart Hamanns bildet. In 
jenem Teil der „Wiener Gesellschaft", den man den Wiener Salon 
zu nennen pflegte und der nichts als solche Äußerlichkeiten erfassen 
konnte, mochte dieses Verfahren jenes pseudoästhetische Vergnügen 
ausgelöst haben, das Ari.stoteles als die Freud(> des Wiedererkcnnens 
ÖTi ovTog sHstroi bezeichnet. 



15 

In dieser Welt allerdings war Brentano ein Fremdling, da ihre 
diesseitige Lebensauffassung der seinen durcliaus entgegengesetzt war. 
Wie sehr übrigens Brentanos erste Frau ihn liebte, ja vergötterte, wissen 
alle, die sie kannten. Ihre Briefe an Marty, den Freund ihres Gatten, 
sind in unseren Händen. Und seine zweite Frau schrieb mir, Witwe 
geworden: „Was wir verloren haben, war ein Schatz an Güte, Menschen- 
liebe, Tugend und Weissen, fast zu groß für diese Welt." Und wie 
spiegelt sich dieser Mann in Wilbrandts Novelle? „Ein Schatten ist 
er; alles, was er sagt, alles, was er tut, alles nur ein Schatten." — 
In Wahrheit ist nicht ein Schatten von Brentanos Wesen in diesem 
blutleeren Gespenst wiederzufinden. Wohl aber zeigt sich das wahre 
Antlitz des „wehmutvollen, dankbaren" Schülers, der dieses Phantom 
als wohlgelungenes Porträt ausgibt. 

Aber nicht genug! AVo Höfler Brentanos Lehre vom Göttlichen 
berührt, in deren wissenschaftlicher Begründung Brentano mit 
Leibniz das höchste Ziel der Metaphysik erblickte und deren Verkennung 
ihm niclit nur ein Zeichen mangelnden philosopiiisclien Sinnes zu 
sein schien, sondern stets ein Gefülil mitleidigen Bedauerns für den 
dieser höchsten Erkenntnisse Beraubten hervorrief, da berichtet der 
„dankbare Schüler", daß jeder Gedanke an Schopenliauer, „diesen 
Leugner des maker, bei Brentano Zeichen des Absehens erweckt habe, 
die uns schier an gewisse lustige Zeichnungen des Wilhelm Busch er- 
innerten". Nachdem Höfler auf diese Weise die Gestalt des toten 
Lehrers zur Karikatur herabgewürdigt hat, gelobt er, wenn die Leser 
es so wünschen sollten, „übers Jahr", „wenn die Wehmut (!) verschmerzt 
ist", „wenn das Grab nicht mehr dunkel, sondern wieder begrünt ist" — 
dem Lichtbilde den Schatten beizufügen. Übers Jalir also wird die 
traurige Gestalt Höflers, dessen Auge nicht imstande ist, ein Lichte 
bild von einer Karikatur zu unterscheiden, wieder auftauchen, um 
in „ewiger Dankbarkeit" den frisch begrünten Rasen mit noch grünerem 
Gifte zu besprengen. „Wodurch Brentano so viel Bewunderung und 
so viel Haß erregt hat", das soll der Leser erst dann vollständig er- 
fahren. Wodurch er sich aber den Ingrimm Höflers zugezogen hat, 
das wird uns jetzt schon verraten: ein amtliches Gutachten Martys 
über die unter Mitwirkung Meinongs von Höfler verfaßte Logik habe 
das Tischtuch zwischen diesen beiden und Brentano zerschnitten. 
Brentano wird also für ein Schriftstück verantwortlich gemacht, das 
nicht er, sondern Marty verfaßt hat und das er für den Gebrauch der 
Unterrichtsbehörde, keinesfalls aber für den Mißbrauch durch Höfler 
bestimmt glaubte. Hierbei soll das „seltsame Wort" : „Höfler hat sicli. 
«lurch Meinong verführt, eines Abfalles von der richtigen Lehre 
schuldig gemacht" der Stein des Anstoßes gewesen sein. — 



Hi _ __ 

I i.i ich im NiicIihiHsc Miirt ys jcin'S Scliiiftstück vort^ofiinilcMi habe, 
•so kann ich vcr.sichurn. diiU von ,,\'crl'üliriMif;'* und „vorsfhiilchitoni 
Ahl'alle" darin nicht die lieilc ist. Wold ahcr bemängelt Marty, ^daU 
di(' Verfasser dos Ijelirbuche.s von l ntcrsuchungen Brentanos Gebrauch 
machen. di(' bishor bloß CIcgcnstand mündlicher Vorlesungen gowosen 
od(>r privater Mitteilung waren, obwolil das iiehrbuch eine solclie 
C^)nelle nirgends angibt". 

Niclit nur also, wer an ilem „zerschnittenen Tischtuch'* vordem 
als freigebiger Wirt und wer als Kcstgänger gesessen hat, sehen wir 
ileutlich, snndcrn auch, daß jene Hand es zerschnitten hat, die soeben 
niK'li von ilciii Aufgetischten reichlich davongetragen hatte. 

Wie es aber mit der Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Behauptung 
bestellt ist. Brentano habe last alle reifgewordenen Schüler eines Ab- 
falK's von <ler richtigen Lehre „sclmldig" befunden und wohl auch 
über persönlichen l'iidank klagen zu müssen geglaubt, ist aus der 
Tatsache zu erseht'ii, dalj nahezu sämtliche Schüler mit Ausnahme 
von Meinong und Hijfler mit Brentano im Verkehre blieben, obgleich 
sie sich in maimigfachem Gegensatz zu diesen oder jenen Lehrsätzen 
Brentanos befanden und ernste Auseijiandersetzungen hierüber nicht aus- 
geblieben sind. Es ist aber eine maßlose und gehässige Übertreibung, 
ihn als einen Großinquisitor hinzustellen, der jeden, der nicht ziir 
„C>rthodoxie'' gehörte, in Acht und Bann tat. und unwürdig ist es, 
auch andere dazu zu verführen, ihn „orthodoxer Ketzerrichterei" zu 
beschuldigen, wiedies dem Grazer Kreise bei Dr.Österreichgelungen 
ist, der in der Deutschen Literaturzeitung vom 26. Juli 1913 in einer 
Anzeige Meinongscher Schriften diesen Vorwurf erhebt, ohne auch 
nur den geringsten Beweis hierfür zur Verfügung zu haben und 
haben zu können. 

W^ahr ist, daß Brentano an einer Stelle seines LFrsprungs sitt- 
licher Erkenntnis (S. 8-lr), ohne Meinong zu nennen, dessen Lehre von ' 
den „evidenten Vermutungen** für widersinnig erklärt und das Be- 
dauern ausgesprochen hat. daß Vorlesungen aus der Zeit, da er noch 
Überzeugungsgrade für ürteilsintensitäten hielt, zu solchen Ver- 
irrungen den Anlaß gegeben zu haben scheinen. Meinong benützte 
hierauf eine Rezension über Kries in den Göttinger Gelehrten An- 
zeigen 1890 zu lnihnischen .Ausfällen gegen Brentano, dem er die Grund- 
lagen seiner Stellung und seines geistigen Besitzes zu danken hatte. 

So tiefgehend mitunter die Verschiedenheiten sind, die 
zwischen Brentanos Lehren und jenen seiner Schüler be- 
stehen, so ist die Kigenart des Brentanoschen Denkens 
dennoch so staik, daß jedem, der durch seine Schule ge- 



17 

gangen ist, ein unauslöschlicher Zug aufgeprägt ist, der es 
dem Kenner Brentanos ermöglicht, diesen" character in- 
delebili.s auch in Arbeiten solcher Schüler wiederzuerkennen, 
die das übernommene Lehrgut mannigfaclien Umgestaltungen 
unterzogen liaben. Noch leichter ist dies selbstverständlich 
bei jenen der Fall, die selbst an Lehren festhalten, die 
Brentano inzwischen als irrig erkannt und in unablässiger 
Selbstkritik verlassen hat, was nicht selten und in höchst 
wichtigen Fragen geschehen ist. 

7. Mit dem Einflüsse Brentanos auf seine engere und 
weitere Schule ist jedoch seine Einwirkung auf die philo- 
sophische Forschung und das Geistesleben der Gegenwart 
bei weitem nicht erschöpft. Die Grundgedanken seiner 
deskriptiven Psychologie, das ist einer Phänomenologie des 
Bewußtseins, haben alle Psychologen und Erkenntnistheo- 
retiker gen()tigt, zu Brentano Stellung zu nehmen, sie mögen 
seinen Namen nennen oder nicht. Seine Forschungen zur 
Philosophiegeschichte gehören zu den klassischen Erzeug- 
nissen der Literatur. Eine ersprießUche Untersuchung auf 
irgendeinem dieser Gebiete ohne sorgfältige Berücksichtigung 
der Arbeiten Brentanos ist schlecliterdings ausgeschlossen. 
Dabei müssen wir sagen, daß seine Leistungen ihrem 
vollen Einflüsse und Werte nach einfach aus dem Grunde 
noch nicht geschätzt werden konnten, weil sie, wie erwähnt, 
nur zum geringsten Teile veröffentlicht sind, und Brentanos 
Anteil an den Publikationen seiner Schüler bisher 
nicht kontrolliert werden konnte. In Florenz, in Zürich, in 
Schönbühel ruhen ungezählte Manuskrijjte und Kollegien- 
hefte, mit deren Herausgabe erst ein Überblick über die 
schriftstellerische Tätigkeit Brentanos wird gewonnen werden 
können. Und die Zeit wird immer reifer werden, den 
Wert dieser Philosopliie zu würdigen, je deuthcher sich 
die Fruchtbarkeit dessen erweisen wird, was heute schon 
von Brentanoschem J^ehrgute unter seiner oder luiter 
falscher Flagge segelt und je mein- die Hochflut unserer 

Kraus Franz. Brentaiii) '— 



18 __=___- 

philosophisciien Ubergangsperiodo sic-li verlaufen haben 
wird. 

K. Ks war Ijiciitanos Überzeugung, dal.» wir in einer 
Übergangszeit leben. In .seinem bei (Jotta erscliienencn Yoj- 
trage „Die vier Pliasen der Pliilosophic und ihr augenbhck- 
licher Stand", mit welchem Brentano im Jahre 1895 von 
seinen Wienern Abschied nahm, hat der Philosoph dargelegt, 
wie nicht nur im Altertum und Mittelalter, sondern auch in 
der Neuzeit eine aufstrebende Blütezeit philosophischen 
Forscheus durch drei absteigende Stufen verfallender Pro- 
duktion ahgelrist wurde: das erste Yerfallsstadium ist ge- 
kennzeichnet durch Abnahme des theoretischen Interesses 
und Vorwiegen ])raktischer, meist populär aufklärerischer 
Bestrebungen: so die Epikuräer und Stoiker im Altertum, 
die auf Plato und Aristoteles, die Aufklärungsphilosophie 
des 18. Jahrhunderts, die auf Locke, Cartesius und Leibniz 
folgte. Das zweite Stadium des Niedergangs ist jenes, in 
welchem der Zweifel als natürliche seelische Reaktion den 
doirmatischen Schhunmer stört, in der Neuzeit besonders 
energisch vertreten durch David Hume. Endlich ein drittes, 
mystisches Stadium, in welchem der durch die Skepsis un- 
befriedigte Menschengeist zu willkürlichen imd unnatürlichen 
Mitteln greift, um in den Besitz der erhabensten Ws.hr- 
heiten zu gelangen; im Altertum folgte auf die Skepsis die 
mystische Schule der Neupythagoräer und Neu})latoniker, 
die sich mit dem mystischen Geiste des Judentums ver- 
mählte, im Mittelalter zogen nominal istische Tendenzen eine 
ausgesprochen mystische Phase nach sich, in der Neuzeit 
wui'de Hume durch die spekulative Epoche abgelöst, die mit 
Kants Willkürlichkeiten anhebt, um in Hegel, Fichte und 
Schelling ihren Höhepunkt oder vielmehr ihren wissenschaft- 
lichen Tiefstand zu erreichen. i Durch sie wurde die Philo- 

> Einige naheliegende Einwendungen gegen diese Anschauung 
hat Marty im Anhange zu seinen Untersuchungen zur Grundlegung 
der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie I abgewehrt. 



19 

Sophie zum Gespötte der Naturwissenschaft. Ihrer Uninethode 
setzte Brentano bereits anläßlich seiner Habilitation im Jahre 
1866 die damals höchst anstößige These entgegen: vera philo- 
sopliiae methodus nulla alia nisi scientiae naturalis est. Die 
wahre Methode der Philosophie ist keine andere als die der 
Naturwissenschaften. „Diese These und was damit zusammen- 
hängt", schrieb im Jahre 1892 Stmnpf an Brentano, „war 
es auch, die Marty imd mich mit Begeisterimg an Ihre 
Fahne fesselte." — Um diese Fahne werden sich allmählich 
alle jene scharen, welche die Philosopliie aus einem Tummel- 
l)latz phantastischer Spekulation zu einer Stätte wissenschaft- 
licher Forschung machen wollen. Dieses Verdienst Brentanos 
allgemein anzuerkennen ist man freilich auch heute noch 
in eben dem Maße entfernt, als man in der spekiilativen 
Epoche die klassische Zeit der deutschen Philosophie zu er- 
blicken gewohnt ist, ja als man überall in germanischen 
und romanischen Landen eine Nachblüte jener Pseudo- 
wissenschaft als Neuhegelianismus, Neufichteanismus vmd 
dergleichen üppig \\-uchern sieht. 

So gering schätzt Brentano die wissenschaftliche Be- 
deutung dieser Männer ein — von ihrer kulturhistorischen und 
nationalen ist hier nicht die Rede — , daß er es als methodischen 
Grundsatz empfiehlt, beim Studium und bei der Darstelhmg der 
Philosophiegeschichte, die vor allem Problemge schichte 
zu sein hat, von Erscheinungen dieser Art möglichst zu ab- 
strahieren. In seinem nngedruckten Vortrage „Zur Methode 
der historischen Forschung auf philosophischem Gebiete" 
(April 1888) erklärt er das Interesse an Systembildern dieser 
Ai-t als ein vorwiegend pathologisches. Der Historiker habe bei 
der Wahl des zu behandelnden Stoffes die Pflicht, Erzeug- 
nisse solcher Art, die eine Förderung der Wissenschaft nicht 
zeitigen konnten, beiseite zu lassen, mögen sie auch von 
Berufspliilosophen stammen, während ihm andererseits ob- 
liegt, vieles aufzunelimen, Avas philosophisch Bedeutsames 
von Nichtphilosophen geleistet wurde, ^^■ie die l^aralipomena 



20 -=======.============_.-= 

von l'ascal, Kermat, Hernouilli. Laplace, Franklin, 
Joh. Müller, Darwill, Thomson, Helniholtz, Hcringu.a. 

!). Im .Inlm- WSA sah sich lirentano in seinem Vortrage 
üher die Zukunft der Philosophie ah(;rmals genötigt, die 
wahrt' Metli()(k' der l'iiilosophie gegen Angriffe zu ver- 
teidigen. Daran niciit genug, mußte er neuerdings, im 
Jahre 15)11, iui Anhange zu seiner Schrift über die 
Klassifikation der psychischen Phänomene, den gegen ihn 
erhobenen Vorwurf „psychologistischer" Methode abwehren 
und sich das Recht wahren, Begriffsdichtungen und Fik- 
tionen als Undinge zu entlarven, ohne deswegen als Sub- 
jektivist verdächtigt werden zu dürfen. 

Wollte man freilich mit dem Namen „Psychologismus" 
nichts weitei- verstehen als jene Auffassung, welche die 
Psychologie als eine der wiclitigsten Nährquellen philo- 
sophischer Forschung und neben der Metapliysik als die 
in sich wertvollste Disziplin erklärt, so würde diese Be- 
zeichnung, weit entfernt, einen Tadel auszusprechen, das Lob 
enthalten, daß Brentano der Philosophie jenen wissenschaft- 
lichen Charakter erhalten bezw. wiedererwerben will, den 
sie zu den Zeiten der aufsteigenden Blütestadien besessen 
hat, zu Zeiten eines Plato und Aristoteles, eines Des- 
cartes, Locke und Leibniz. Denn indem Brentano zeigt, 
wie die andern philosophischen Disziplinen mit der Psycho- 
logie verbunden sind und von ihr nicht losgetrennt werden 
können, ohne ihrer vorzüglichsten Nährquelle beraubt zu 
werden, wahrt er der Philosophie ihren wissenschaftKchen 
Charakter. 

FreiHch muß die Psychologie selbst nach einer an- 
gemessenen Methode getrieben werden. Diese Methode hat 
Brentano nun dadurch außerordentlich gefördert, daß er 
größten Nachdruck legte auf die Scheidung der sogenannten 
deskriptiven Psychologie („Psychognosie"), von der gene- 
tischen Psychologie. Es handelt sich hierbei um nichts 
anderes als darum, eine A'erwirrung der Fragestellung zu 



_^ 21 

verhüten: die genetische (großenteils physiologische) Psycho- 
logie fragt nach der Entstehung der Bewußtseinszustände; 
die deskriptive hat sozusagen das seelische Inventar auf- 
zunehmen, zu beschreiben und zu klassifizieren. Diese Frage 
nach dem "Was? muß erledigt sein, ehe die Frage nach dem 
Wodurch? mit Erfolg in Angriff genommen werden kann. 
Die deskriptive Psychologie oder Psychognosie weist die sämt- 
lichen letzten psychischen Bestandteile auf, aus deren Zu- 
sammensetzung die Gesamtheit des jeweiligen Bewußtseins- 
zustandes sich anolog ergibt, wie die Gesamtheit der Worte 
aus den Buchstaben. Was uns die Wahrnehmung unserer 
psychischen Zustände in evidenter aber konfuser Weise zeigt, 
das hat die psychologische Analyse und Reflexion zur Klar- 
heit und Deutlichkeit zu erheben. Wenn es einmal fest- 
gestellt ist, daß alle Elemente unserer Denkgegenstände An- 
schauungen entnommen sind, so kann zu einer vollständigen 
Übersicht über dieselben geschritten werden, väe sie schon 
Früheren vorgeschwebt hat. Ein gewisser Hochstand des 
deskriptiven psychologischen Wissens ist Vorbedingung für 
eine gedeihliche Inangriffnahme der genetischen Psychologie. 
Dies hat man vor Brentano und auch heute noch nicht ge- 
nügend erkannt. Er selbst kam erst in der Wiener Zeit zui- 
l<laren Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Trennung. 

10. In der Psychologie vom empirischen Standpunkte 
hatte Brentano diese Scheidung noch nicht durchgeführt. 
Mit der erkannten Notwendigkeit einer solchen Trennung 
deskriptive!- und genetischer Fragen hängt es zusammen, 
daß der 1. Band der Psychologie keine Fortsetzung gefunden 
hat. Brentano scheute vor einer vollständigen Umarbeitung 
zurück und zog es vor, Einzehmtersuchiingen zu veröffent- 
lichen. Von diesen behandeln wolil nur der Vortrag über 
das Genie und die Abhandlung über das ojitische Paradoxon 
genetische Fragen, jener Probleme dei- Assoziationslehre, 
diese die Ursachen der betreffenden Urteilstäuschungen. 
Übrigens war schon der weitaus überwiegende Teil der 



22 

P.sy(:h()l()<;ie deskriptiver, „psychopfnostischer" Natur. Ihren 
Kern biklote ja die neut> „Klassifikation der psychischen 
l^hänomone" und ihre Sclieidun;,' in \'()rste]IunLi;en, Urteile 
nrifl (iemiitstäti^^keiten, iiisltesonden; die retorniierte Urteils- 
iehic. Als r>r(>ntan(> dalier 1!)11 vor die Fra<^e ihrer Nen- 
aiifhi^^e gestolh unrchi, entschied er sieh fiii- den Neudruck 
dieser zentralen Kapiteh \Vichti(,re ^^cnetische rntersnchuni^en 
schieden dadurch aus, s(^ insbesondere seine treffende Kritik 
des psyehopliNsischeii Grundgesetzes, in welcher er als erster 
i>>d' den \()ii Kechiier (In Sachen der Psychopliysik, S. 45) 
soll)8t als gewichtigste Einwendung bezeichneten Umstand 
hingewiesen hatte, daß eben merkliche Zuwüchse nicht 
gleich merklich zu sein l)rauchen.i Auch das \vicl\tige 
Kapitel id)er di(> Einheit des i>evvußtseins und die Evidenz 
der innern Walirnehmung ist leider weggefallen. — Bei dem 
Reste entschied sich P>rentano für den unveränderten Ab- 
druck-, ol)gleich er in manchem fundamentalen Punkte in 
mehi- als dreißigjähriger Forscherarbeit zu Fortbildungen, ja 
zu wesentlichen Berichtigungen geführt worden war. Sie 
sind teils in Fußnoten, gi-ößtenteils aber im Anhange nieder- 
gelegt. P)rcntano sagt selbst von diesem Nachtrage: „Ich 
weiß wohl, daß die (ledrängtheit der Darstellung das Ver- 
ständnis nicht erleichtert, um so mehr habe ich mich großer 
Präzision im Ausdruck beflissen." Trotz dieser Genauigkeit 
und trotz der Fülle neuer Gesichtsj)unkte ist das Buch 
samt Anhang vollständig unbeachtet geblieben. Nur Marty 
hat es wiederholt ausführlich berücksichtigt, jedoch auch 
ihm sind bei der Deutung diesei- allzu aphoristischen Be- 
merkungen Mißverständnisse unterlaufen, die selbst durch 
die mit Brentano geführte Korrespondenz nicht beseitigt 
wurden. 

11. Berichtigungen seiner Psychologie vom empirischen 
Standjtunkte hatte Brentano jedoch schon vor dem Jahre 

' llicriil)(>r NähtM-("^ in iiiimiht Scliril't „Zur 'J'lii"<)rie des \Vert(\s", 
Halle lUOl, S. 48. 



^^^^^ 2?> 

1911 mehrfach vorgenommen. So erkannte er es bald als 
einen Irrtum, wenn die herrschende Lehre jeder psychischen 
Beziehung- ausnahmslos Intensität zuspricht und insbesondere 
der Grad der Überzeugung und Bevorzugung als Unter- 
schiede der Intensität gefaßt zu werden pflegt. Im „Ursprung 
sittlicher Erkenntnis" S. 57 und S. 84 weist er auf diesen 
Fehler hin. In der „Klassifikation" S. 139 kommt er darauf 
zm-ück. Seine berichtigte Intensitätslehre trägt er in den 
„Untersuchungen zur Sinnespsychologie" vor, wo Intensität 
als Dichtigkeit der Erscheinung im Sinnesfelde gefaßt wird. 
In demselben Werke erfährt die Lehre vom primären und 
sekundären Objekt eine erhebliche Veränderung, auf die er 
in der „Klassifikation" S. 128 zurückkommt. Auf die in den 
„Untersuchungen" enthaltene Abhandlung „Von der psycho- 
logischen Analyse der Tonqualitäten in ihre eigentlich ersten 
Elemente" haben neuerdings Stumpf und Revesz hin- 
gewiesen. Auch die nicht minder bedeutenden Vorträge 
„über Individuation, multiple Quahtät und Intensität sinn- 
licher Erscheinungen", sowie die „vom phänomenalen Grün" 
sind jüngst durch Stumpf eingehender berücksichtigt worden. ^ 
Die Fachliteratur wird daher diese Schriften wohl nicht 
länger ignorieren; 2 die konzise Fassung dieser Abhandlungen 
läßt im Rahmen der vorliegenden Publikation nicht einmal 
eine Andeutung ilu-es Inhaltes zu; sie enthalten die haupt- 
säclüichsten Ergebnisse der sinnespsychologischen For- 
schungen Brentanos bis zum Jahr 1907. 

Eine weitere Fortbildung erfuhr die Urteilslehre. Im 
ersten Bande der Psychologie hatte Brentano noch nicht 
erkannt, daß es zusammengesetzte Urteile gibt, die prädika- 
tiven nämlicli, bei denen das Prädikatsurteil auf das Subjekts- 

' „Die Attribute der Gefühlsempfindungen" und „Empf'indun»^ 
und Vorstellung". Abh. d. k. pr. Akad. d. Wiss., .Jahrg. 1917 u. 191S, 
l'hil.Hist. Kl. 

^ Vgl. Eisenmeier „Die Empfindungslehre Brentanos" im Brentano- 
hefte der Pädag. Monatshefte und Marty Ges. Schriften, I. 2. S. 78. 



42 

urteil aufißt 'haut ist. So ■/a-\<^\ /.. \'>. die .Analyse der Kornu;! Sist ]\ 
(laU (las Sulijektsurteil in der Aiierkenuun<;' des Subjekts S be- 
steht, und (ii(!scs der ( iiiindhestandt(jil di^s I)o|)j)ehirtoil.s 
ist, d<n dei- zweite Teil in der Art zur Voraussetzuni^ hat, 
dalJ er-, indem er darauf IJezu^^ nininit, daxun imabtrennbar 
ist. Im „Ursprung sittliclui Kikenntnis" (weiterliin zitiert 
als „rrsprim^") S. 'ü und S. lli) wird diese Neuerun<r er- 
wähnt; in deiu Aidiau^ zur „Klassifikation" 8. 151 kommt 
Brentano ausluhrlich auf ilire Konsequenzen für die Logik zu 
spn.'c-hen. bis hän<^t nämlicli mit dieser Modifikaticm eine 
weitere Anderunir zusammen. Klie Brentano die Natur des 
Doppelurteils entdeckt hatte, mul.5te er glauben, daß jedes 
['rteil, möge es in kategorischer, hypothetischer oder dis- 
junktiver Form ausgesprochen werden, oime die geringste 
Änderung des Sinnes in der Form eines Existentialsatzes 
sich ausdrücken lasse. „Irgend ein Mensch ist krank" war 
ihm synonym mit „ein kranker Mensch ist" (= „es gibt 
einen kranken Menschen"). — Nun aber mußte er leliren, 
bei Sätzen, die der Ausdruck von Doppelurteilen sind, sei 
die existenziale Formel nicht synonym, sondern bloß logisch 
äquivalent. Die Formel „S ist P" drückt eben nicht, 
wie die Logik gewöhnhch fingiert, ein einfaches Urteil aus, 
sondern ein zusammengesetztes; „ein Mensch ist krank" 
kann daher nicht synonym sein mit „ein kranker Mensch 
ist", weil „kranker Mensch" eine Verbindung ist, die sich 
vollständig im A'orstellungsgebiete, nicht im Bereiche des 
Urteils, abspielt (S. 1H4 der „Klassifikation"). — Die 
Urteilslehre Brentanos hat bekanntlich in Marty ihren 
vorzüglichsten Verteidiger und Interpreten gefunden. Zu 
ihrem Verständnis wird die eben erschienene Austrabe der 

O 

Artilvcl Martys über die subjektlosen Sätze im ersten Teile 
des zweiten Bandes seiner Gesammelten Schriften dienlich 
sein. Professor Kastil hat diesem Bande eine instrukti\'e 
Einleitung vorangeschickt, in welcher auf die "Weiter- 
entwicklung der Brentanoschen Lehre Rücksicht genommen 



25 

ist. Auch in den Anmerkungen finden sich Hinweise und 
Vergleiche. ^ 

12. Den bei der Klassifikation der psychischen Tätig- 
keiten leitenden Gesichtspunkt, der wohl schon Aristoteles 
und Späteren mitunter vorschwebte, den aber vor Brentano 
kein Psychologe klar ausgesprochen hat, die Beziehung zu 
etwas als Objekt, sowie die Einteilung in Vorstellungs-, 
Urteils- und Gemütsbeziehungen hat Brentano unverändert 
beibehalten und im Anhang zur „Klassifikation" (weiterhin 
zitiert als „Anhang") durch neue Gründe und Abwehr von 
Einwendungen gestützt. Vorübergehend allerdings glaubte 
er die Klasse der „Vorstellungen" fallen lassen zu müssen. 
In den Jahren 1902 — 1905 erwog er diese Fragen. Schließ- 
Hch schrieb er an Marty: „Ich muß bemerken, daß, wenn 
ich von Aristoteles zu mir selbst mich zurückbekehrend die 
Vorstellung als besondere Grundklasse statuiere, ich dieser 
Klasse schon 1. die Modi der Zeit als Vorstelhmgsweisen, 
2. auch das Attribuieren (ähnlich wie das phantastische 
Umbilden) zuerkenne. Das bejahende und verneinende Urteil, 
wie auch Lieben und Hassen inhärieren dem Vorstellen, so- 
wohl dem einfachen als attribuierenden." Über dieses attri- 
buierende synthetische Vorstellen ist im „Anhang", S. 134, 
Einiges gesagt. — Die Dreiteilung der seelischen Beziehungen 
ist wohl jene Lehre Brentanos, die auch in wissenschaftlichen 
Kreisen als die für ihn charakteristischeste gilt; sie ist, wenn 
man von vereinzelten Äußerungen bei Cartesius absieht, auf 
die Brentano übrigens selbst im „Ursprung", S. 51, hin- 
gewiesen hat, sowolil ihm durchaus eigentümlich, als auch 
von einschneidendster Bedeutung für die Psychologie und 
für die Philosophie überhaupt. Die Stellungnahme zu ihr 
hängt vor allem von dem Standpunkte ab, den man seiner 
VerdeutHchung des Bewußtseins gegenüber einnimmt. 

' Anton Marty, Gesammelte Schriften, II. lid., I.Abt., herau.s- 
gegeben von Jo.sef Eisenmeier, Alfred Kastil, Oskar Kraus, Halle a. iS. 
1918 bei Max Niemeyer. 



L'i; _..^,,,^^^3,^,,,,,,,,^^ 

Das Wesentliche jedes „psj-'chi sehen LMiiinumens'* sah er, 
wir olx'ii LciiKM-Ut, schon als ov die „Psychologie" schrieb, 
in (l.i- Richtung auf ein „()t)icki", in der sog. intentionalen 
rx'/.iciiung, die er jodoeli damals noch als „mentale In- 
<'xisten/ des 01)jcktes", als „immanente (Jegenständlichkeit" 
auffaßte. Diese Lehre von der Einwohnung des Objektes 
<>rkannte (>r jedoeli etwa zur selben Zeit, als er die Vor- 
stellungsmodi einführte, als eine verfohlte Deutung des 
wahren Sachverhaltes, als eine Fiktion. Das freilich bleibt 
wahr, daß jedes psychisch Tätige sich auf etwas bezieht, 
und zwar bezieht es sich nach Brentanos definitiver Lehre 
ausnahmslos auf Dinge (Reales). Stelle ich etwas vor, so 
mache ich ein Ding zu meinem Objekte, oder ich beziehe 
mich seelisch auf ein J)ing.i Doch wie immer der Umstand, 
daß sich die psychische Tätigkeit auf etwas als ihr Objekt 
bezieht, für sie charakteristisch ist, ist doch der Begriff der 
„psycliischen Tätigkeit" und jener der „Beziehung z\i etwas 
als Objekt" zu unterscheiden. Das zeigt sich schon darin, 
daß jedes ])sychisch Tätige sich auf sich selbst als Objekt 
bezieht, abei- niclit })rimär, sondern sekundär, wie Aristoteles 
sagt, ,Jy jrwnnycr. Bei einheitlicher psychischer Tätigkeit 
ist also allemal eine Mehrheit von Beziehungen und Ob- 
jekten gegeben. Nicht die Scheidung nach der Verschieden- 
heit der Objekte aber, sondern die nach der Differenz der 
Beziehungsweisen ist, wie schon die „Psychologie" lehrte, 
die fundamentalste. Man hat sich nur davor zu hüten, die 
Rede von dem gegenständlichen Innewohnen für mehr zu 
nehmen, als was Marty eine „innere S})rachform" genannt hat. 
Von der „Psychologie" unterscheidet sich die spätere 
„Klassifikation" nun noch dadurch, daß auch die Be- 
ziehungsweise; des Vorstellens sich noch in weitere Unter- 
abteiluniren differenziert. Es kann nicht nur bald eine an- 



* Vgl. hierüber <len Anliaiiii: zu Ikentanos Klassifikation der 
psychischen i'liänomene un(i Kastils p]inleitung zu Martys Gesammelten 
Schriften, II. Bd., 1. Abt., Halle 1918. 



erkennende, bald eine verwerfende Urteilsbeziehung, bald 
eine liebende, bald eine hassende Gemütsbeziehung dasselbe 
Ding zum Gegenstande (Objekte) machen, sondern es können 
auch zwei Vorstellungen trotz Gleichheit des Objektes modal 
verschieden sein. Die Lehre von den Modis des Vorstellens 
nimmt nun in der fortgeschrittensten Psychologie Brentanos 
einen breiten Raum ein und dringt bis in die feinsten Ver- 
zweigungen der Erkenntnistheorie. Im Vordergrunde steht 
hierbei die Scheidung in einen modus rectus und einen 
modus obli(juus. Der Gedanlve ist sehr einfach: Jeder z. B., 
der etwas Relatives vorstellt, denkt zwei Dinge, wovon er 
das eine (das Fundament) modo recto, das andere (den 
Terminus) modo obli(juo vorstellt. Dies gilt vor allem von 
jedem, der etwa eine psychische Beziehung vorstellt, i Denke 
ich einen Blumenliebenden, so stelle ich den Blumen- 
liebenden in recto, die Blumen in obliquo vor. Ähnlich 
auch bei anderen relativen Bestimmungen: denke ich eine 
Menschenmenge, Meiner als 1000 Trillionen, so denke ich 
die „Menschenmenge" modo recto „1000 Trillionen" modo 
()bli({uo. Auf einige Konsequenzen dieser Lehre werden wir 
hinzuweisen mehrfach Gelegenheit haben. 

13. Erkenntnistheoretisch bedeutsam ist unleugbar schon 
die neue Deutung des „gegenständlichen Innewolmens", die 
Leugnung der mentalen Liexistenz des Objektes. Nicht davon 
will ich reden, daß sie von vornherein jedem ontologischen 
Gottesbeweise nach Art der Anselmschen Argumentation 
den Boden entzieht, ^ sondern auch jener Spielart des Phäno- 

' Entstanden ist diese Moduslehre etwa um das Jahr 190.5. 
Marty polemisierte gegen sie sowohl brieflicli, als auch in seinen 
ünt(?rsuchiingen zur Crruiidicgung der allgemeinen Grammatik und 
vSprachi)hilosophie 1908 und in den (/asustheorien 1911. Ergeht hierbei 
von der irrigen Vorausset/.ung aus, daß, wo modi vorhanden sind, aucn 
der Unterschied von richtig und unrichtig sich finden müsse. 

* Darüber handelt Marty, Untersuchungen zur Crrundlegung diu- 
aligemeinen Grammatik und Sprachphilosopliie, S. 880. 



28 

monalisnius, wir sif xon Kant odei- Scliopcnhanor ver- 
treten wird. Man \('ri^c^en\värtif,re sich nnr, dalJ bei 
der psNcliiscliei) I 'eseliiiftii^iinf.^ mit einem Ding — gleich- 
gültig oh es sich um eine anschauliche oder begriff- 
lich(> V'orstelhing handelt -- xon einer Hxistenzweise des 
()hjektes im N'erstande, (leiste oder Bewußtsein nicht die 
I\ede sein kann. „Als Pliänomen sein" heißt „als YorgestellteH 
sein", nnd daß etwas als „Vorgestelltes" sei, besagt nichts 
weiter, als daß ein es Vorstellender ist. "Wenn Kant lehrte, 
daß wii- bloß |»hänomenaIer Wahrheit fähig seien, so erklärt 
I'nmtaiio dies für geradezu absurd. „Denn was versteht 
man unter einem Phänomen? Etwas, was einem erscheint. 
hie i;ehaii|itiing, es bestehe etwas als Phänomen, es bestehe 
alter nicht etwas das Phänomen Habende als Ding an sich, 
ist also ein greifbarer A\'iders{)ruch. A\'ollte einer sagen, 
auch der das Phänomen Habende bestehe nur als Phänomen, 
so müßte er sagen, daß etwas anderes, das ihn zmn Phä- 
nomen hat, an sich sei, und als an sich seiend erkannt 
werde. Das an erster Stelle genannte Phänomen bestünde 
dann nicht in recto, sondern in obhquo. "Wollte aber einer 
noch weiter gelien, so wih-de auch das zweitgenannte Phä- 
nomen in obhcpio werden usw. ins Unendliche. Bei aller 
solcher Verschiebung bliebe aber immer die Anerkennung 
eines ein Phänomen in recto Habenden, als an sich seiend, 
nicht zu umgehen. So geht denn auch im Gegensatz zu dem, 
was Kant lehrt, jede Wissenschaft nicht auf die Erforschung 
einer sog. phänomenalen Wahrheit, sondern dei- A\'ahrheit 
an sich aus" (aus dem P]ntwurfe einer Metaphvsik v. 2:1 Mai 
1916). — 

Da Brentanos Psychologie in der intentionalen Be- 
zielnmg das Wesentliclie jeden Bewußtseins sieht, so ist 
nach ilmi selbstverständlich jedes Bewußtsein ein Gegenstands- 
l'e wußtsein. Niemals fehlt etwas, worauf wir uns seelisch 
beziehen, auch nicht dort, wo manche ein Zustandsbewußt- 
sein ohne Objekt annehmen zu müssen glauben. In seinen 



29 

„Untersuchungen zur Sinnespsychologie" S. 122 f . zeigt er, 
wie der Schein objektloser Gefühle bei den Affekten da- 
durch entsteht, daß dasjenige, worauf sich diese Lust- oder 
Unlustgefühle luimittelbar richten, das sekundäre Objekt, d. i. 
der Empfindungsakt, ist und nicht die räumlich ausgebreitete« 
Qualität, welche das primäre Objekt der Empfindung bildet. 

Eine Psychologie, die, wie etwa jene Maclis und seiner 
Anhänger, die Scheidung von Fundament der psychischen 
Beziehung und Terminus derselben grundsätzlich aufhebt, 
steht, wie man schon aus diesen Andeutungen sieht, zu 
allem, was Brentano als fundamentalste Voraussetzung psycho- 
logischer Analyse betrachtet, in unüberbrückbarem Gegensatz. 

Freilich haben auch solche, die die verschiedenen Weisen 
der intentionalen Beziehung als Klassifikationsprinzip an- 
erkennen, die Dreiteilung Brentanos mitunter verlassen. 
UnVollständigkeit ist es nicht, was man ihr vorwerfen kann; 
denn was Kant und andere als Denken zusammenfassen, 
zerlegt Brentano in Vorstellen und Urteilen, und was diese 
als Fühlen und Wollen trennen, faßt er als Gemütsbeziehungen 
zusammen. Es ist also offenbar die Richtigkeit der Einordnung, 
die in Zweifel gezogen wird. 

Brentano hat im „Anhang" Gelegenheit genommen, auf 
einige dieser Bedenlvcn zu entgegnen. 

14. Wohl der auffälHgste Punkt der jüngsten Lehren Bren- 
tanos ist die Behauptung, daß wir nichts anderes als Dingo 
(Reales) zu Objekten haben können. Xach seiner früheren 
Ansicht gab es auch Vorstellungen von Nicht-Realem ; seine 
Altersphilosophie kennt nur Reales. Nur Reales kann vor- 
gestellt werden. Er argumentiert folgendermaßen: „Der 
Begriff desVorstellens ist ein einheitlicher; der Name univok 
niclit acquivok. In diesem Begriffe liegt qs, daß jedes Vor- 
stellen etwas vorstellt und es könnte, wenn dieses Etwas 
nicht selbst eindeutig wäre, auch der Name .»Vorstellen" nicht 
eindeutig sein. Ist dies gewiß, so ist es auch unmöglich, 
daß unter dem Etwas bakl ein Ding, bald ein Niclit-Reales 



30 _=__= 

zu verstellen ist. Denn es gibt keiiK^ii JJegriff, der Realem 
und Nicht-Roalom gemeinsam sein könnte." Als ein niclit- 
nalcs cns rationis, das gleichwohl vorgestellt werden könne, 
giih ihm \(.i(l(iii(l,isiiiiinanenteOb]ekt. Doch daß er dem Objekt 
als Objekt nunmehr keine Existenz ZAierkennt, haben wir 
schon gehört; es gibt keine im Geiste seienden Dinge: vor- 
gestellte, anerkannte, geleugnete, geliebte, gehaßte Dinge 
sind als solche in keiner Weise; sowenig als die Objekte 
aber läßt Brentano irgendwelche Inhalte dem Denkenden 
immanent sein. AVenn ich urteile „ein Zentaur ist nicht", 
so j)l'legcn manche zu sagen, das Objekt sei Zentaur, der 
Inhalt des Urteils aber sei, daß ein Zentaur nicht sei oder 
auch das Nichtsein eines Zentauren. Sagt man, dieser Inhalt 
sei in dem psychisch Tätigen, so gebraucht man wieder das 
„sein" in einem uneigentlichen Sinn und sagt nichts anderes, 
als was man beim Gebrauch des „seins" im eigenthchen 
Sinn in den Worten ausspricht: „ein psychiscli Tätiges ver- 
neint in dem Modus praesens einen Zentauren". — Manche 
Erkenntnistheoretiker lassen in allen Fällen, wo ein Urteil 
lichtig ist, nicht nur einen immanenten Inhalt bestehen, 
sondern sprechen da von „Sätzen an sich", Inhalten, Sach- 
verhalten, Objektiven, die in Wirklichkeit sind. So z. B. da 
der, welcher einen Zentauren leugnet, richtig urteilt, sagt 
man, das Nichtsein des Zentauren sei wirklich, während 
das Sein des Zentauren nicht wirklich sei. Und umgekehrt, 
weü es wahr ist, daß es einen» Bamn gibt, so sagt man 
nicht bloß, es sei ein Baum, sondern auch, es sei das Sein 
eines Baumes iind. es sei nicht sein Nichtsein. Nach Brentano 
handelt es sich bei dieser Ausdrucks weise um Fiktionen. 
Wer sich so ausdrückt wiU nichts anderes sagen, als daß 
er den Zentauren mit dem Modus praesens leugne und als 
Folge davon auch glaube, daß jeder, der einen Zentauren 
leugne, richtig leugne. In dem „Anhang" macht Bren- 
tano auf die unendlichen Komplikationen aufmerksam, zu 
denen die Lehre von den Objektiven und Inhalten führen 



31 

muß, indem es dann außer einem A[)fcl aucli das Sein eines 
Apfels, das Nichtsein des Nichtseins eines Apfels, das Sein 
des Nichtseins des Nichtseins eines Apfels usw. usw. in 
infinitum gäbe. 

15. Es ist nicht möglich, an dieser Stelle alles anzu- 
führen, was Brentano zur Widerlegung der „Inhalte" bezw. 
„Objektive", „Sachverhalte" oder wie sonst diese von ihm 
sog. „Undinge" bezeichnet werden mögen, vorbringt. Doch 
wenigstens Stellen aus zweien seiner an mich gerichteten 
Briefe möchte ich hier mitteilen, weil vorzüglich diese es 
gewesen sind, die mich von der Unrichtigkeit jener Lehre 
überzeugt haben, die ich, Marty folgend, selbst lange Zeit 
für* zutreffend hielt und noch in meiner Einleitung zum ersten 
Bande von Martys Gesammelten Schi'iften vertreten habe. 

Brentano schreibt am 21. März 1916: „Ich habe Ihnen 
schon gesagt, daß mir klar voj- Augen liegi, auf welchem 
Wege ich einst dazu gekommen bin, so Irriges zu lehren. 
Ich hatte mich zunächst als Lehrling an einen Meister an- 
zuschließen und konnte, in einer Zeit kläglichsten Verfalles 
der Philosophie geboren, keinen besseren als den alten 
Aristoteles finden, zu dessen nicht immer leichtem Ver- 
ständnis mir oft Thomas v. A. dienen mußte. Da geschah 
es denn u. a., daß ich mich verführen ließ, das ,ist' in den 
Sätzen ,ein Baum ist' und ,daß ein Baum ist, ist' für gleich- 
mäßig funktionierend zu halten. Der Anfang der zweiten 
Analytilcen scheint dafür zu sprechen und Thomas v. A. er- 
klärt ausdrücklich in dem Satz ,deus est' das ,est' im Sinne 
von ,ist wahr'. Soll ich mich schämen, wenn ich, der ich 
ein Neuling war und schon viel Mühe aufw^enden mußte, 
um mir das von den Vorfahren hinterlassene Erbe zu sichern, 
den Irrtum, der hierin lag, nicht sofort erkannte, vielmehr 
mich zunächst noch zu anderen Irrtümern führen ließ, welche 
konsequent damit zusammenhängen? A'^ielleicht darf ich hier 
auf einige Nachsicht Ans[)ruch inachen, würde aber schwer zu 
tadeln sein, wenn ich es für immer unterlassen hätte, diesen 



82 

I>clir|Mmkt ciiifi- ;_rcii;iiicii I'n'ifiiriL; /.u iint d'/iclicii, /iiinal 
cirii' ucsiindc l*sv(;li()l()<ri(,' damit «ratiz uiv\ 'S.iv nnverträirlicli 
isi. Ai-ist()t(.'I<'s soll)st wußte, (lal.i rine Mtigliciikoit, eine IJn- 
iiiüffliclikoit, oin Nichtsein usw. schlechterdings niclit Objekt 
nncf V()rst('Ihin<j; werden kiinnen. Das GegentciJ aber wäre 
(blich die Meinung, die liier in Frage steht, gefordert. . . . 
Sie halten J'ür eine unbeantwprtete Frage ,Was heißt das, 
ein Urteil, eine Gemütsbeziehung ist richtig?'. Die Erkenntnis 
dei- adaequatio i-ei et intellectus und der adaequatio rei et 
aiiioi-is soll naeli lluicii das Erfassen dieser Richtigkeit sein. 
Mir aber sebcmt nichts leichter, als (Hes zu widerlegen. Bei 
dei' Forderung der Erkenntnis der adaequatio rei et intellectus 
kommt man zu einem regressus in infinitumi, denn wie 
soll ich die adaecjuatio erkennen, ohne als Vorbedingung 
sowohl die Erkenntnis der res als auch die des intellectus 
zu besitzen? — Die wahre Antw^ort ist längst gegeben und 
ganz konform der Weise, wie andere Begriffe aufgehellt 
werden. Man blickt auf eine Mehrlieit von Objekten, deren 
jedes dem Begriffe entspricht, und achtet auf das, was ihnen 
gemeinsam ist. So oft ich wahrnehme, daß ich mit Evidenz 
uT'teile, erkenne ich mich als richtig Urteilenden. Und so 
oft ich erkenne, daß ein Anderer, wenn auch vielleicht ganz 
willkürlich, sich eine Meinung gebildet hat, die mit meinem 
e\ddent gefällten Urteile übereinstimmt, während ein Anderer 
der entgegengesetzten Meinung ist, dient mir die Evidenz 
d(^s eigenen Urteils dazu, auch von diesen Urteilen das eine 
im Gegensatz zmn andern als richtig zu erkennen. Was die 
Richtigkeit einer Gemütsbeziehung anlangt, so verhält sich 
die Sache ganz analog. "Wie wir in gewissen Fällen ein 
Urteil mit unmittelbarer Evidenz als i-ichtig erfassen, so er- 
fassen wir in gewissen Fällen auch eine Gemütsbeziehung 
mit unmittclljai-er fividenz als richtig. Wir vergleichen dann 
die betroffenden Objekte miteinander und kommen so zix 
dem Begriffe einer richtigen Gemütsbeziehung im all- 

• A'i^!. sclioi) „Psychologie" S. 183. 



33 

gemeinen. Auch da kann es dann geschehen, daß wir finden, 
daß andere mit uns in bezug auf eine Gemütsbeziehung, 
und wäre es auch nur aus gewohnheitsmäßigem Drang oder 
instinktiv, übereinstimmen, und wir werden dann bei ihnen 
vielleicht von einer richtigen, aber nicht als richtig charakteri- 
sierten Gemütsbeziehung zu sprechen haben. Wie hier nur 
das mindeste Bedenken zui-ückbleiben sollte, ist mir un- 
erfindlich. Nie kann das Kriterium in einer adaequatio rei 
et intellectus vel amoris, sondern nur in einer mit unmittel- 
barer Evidenz als richtig erkannten psychischen Beziehung 
gefunden werden. Sie dient sowohl zm- Beurteilung der 
Richtigkeit der Gedanl^en und Gemütsbeziehungen Anderer 
als auch zur mittelbaren Erkenntnis der Richtigkeit anderer 
eigener Urteile und Gemütsbeziehungen, wie wenn wir etwas 
theoretisch als wahr und praktisch als nützlich erschließen." 

Die Aufdeckung des fiktiven Charakters aller Reflexiva, 
Negativa und Privativa haben den Wert der Brentano- 
schen Neuerungen für die Vereinfachung und selbst 
Berichtigung der Syllogistik nicht beeinträchtigt-, wenn nun 
auch Brentano manches im einzelnen anders darstellen 
wüi-de, und im „Anhang" zur Klassifikation anders dargestellt 
hat, als es in Hillebrands „Neuen Theorien der kate- 
gorischen Schlüsse" folgerichtig ausgeführt wurde. Dies 
nachzuweisen muß, wie so vieles andere, späteren Einzel- 
untersuchungen vorbehalten bleiben. Einiges hierüber ist in 
Kastils obenerwähnter Einleitung zum ersten Teile des 
zweiten Bandes von Martys Gesammelten Schriften zu 
finden. Auch die Anmerkungen der Herausgeber berühren 
hie und da die fraglichen Punkte. 

Die vorliegenden Mitteilungen über Brentanos Stellung 
zu den entia rationis können nicht ausreichen, mu als Grund- 
lage einer abschließenden Beurteilung zu dienen. Sie haben 
ihren Zweck erreicht, wenn die Formulierung des Problems 
und seiner Lösung verständlich genug herausgearbeitet er- 
scheint, um das Interesse für diese letzten Forschungen 

Kraus, Franz Hrcntano. 3 



34 -================================^=^=_ 

Brentanos zu erwecken, und vor dem Erscheinen der dies- 
bc/ü.!^liclion Abliandlun^on zum Studium des „Anhangs" der 
Khissifikation anzuregen. 

16. In unmittelbarem Zusammenhange mit den eben 
berührten Fragen stehen die Umbihlungen, die Brentano in 
seinem letzten Lebensjahre an der Lehre von Anschauung 
und Begriff vorgenommen hat. 

Mit der herrschenden Lehre hatte Brentano lange 
Zeit gelehrt, daß unsere Anschauung uns Individuelles zeige. ^ 
In letzter Zeit kam er zu dem Ergebnis, daß keine unserer 
Anschauungen, weder die äußere noch die innere "Wahr- 
nehmung, uns jemals etwas anderes als Univei'selles biete 
und daß alle unsere Anschauungen nur als Vorstellungen 
von geringster Allgemeinheit, nicht aber als „indi^T^- 
duelle" Vorstellungen bezeichnet werden können. Diese 
höchst überraschende Behauptung ist jedoch ohne besondere 
Schwierigkeit in ihrem Kerne zu verstehen: Bis vor kurzem 
hat die Psychologie an der aristotelischen Lehre festgehalten, 
daß kein allgemeiner Begriff gedacht werden könne, ohne 
daß das „Phantasma" mitvorgestellt wtirde, so daß z. B. 
der Begiiff Farbiges auch niemals erneuert werden könnte, 
ohne Farbiges irgendwie anschaulich zu haben. In jüngster 
Zeit ist dies melirfach bezweifelt worden. Martj hat in 
seinen „Untersuchungen" die Erneuerung der allgemeinen 
Begriffe nicht mehr an die Erneuerung der Anschauung 
(Phantasma) gebunden, und experimentelle Forschungen 
der „Denkpsychologie" scheinen ihm liierin recht zu geben. 
— Brentano geht weiter. Der Charakter der Allgemein- 
heit eignet nach ihm nicht erst den durch Abstraktion aus 
Anschauungen gewonnenen Begriffen, sondern den An- 
schauungen selbst. Vor allem der inneren Wahrnehmung. 
Würden wir unsere Substanz in ihrer indi\dduellen Besonder- 
heit wahrnehmen, wie wäre der Streit zwischen Materialisten 
und Spiritualisten so lange ungeschlichtet? — Wir nehmen 

^ Vgl. z. B. Untersuchungen zur Sinnespsychologie S. 57. 



35 

wolil unser Denken — die Akzidentien — als unkörperlich 
wahr, aber das Subjekt des Denkens wird nur in höchster 
Allgemeinheit erfaßt. Nicht einmal die Spezifikation als 
Körperliches oder als Geistiges wird angeschaut. Wenn wir 
uns daher auch nicht als körperlich wahrnehmen, so ist 
doch die bloße innere Erfahrung nicht imstande, uns unserer 
Geistigkeit zu versichern! AVir nehmen uns wahr als 
denkende Dinge. Was dieses Ding individualisiert, wird 
nicht wahrgenommen und was wir daher wahrnehmen, wenn 
wir unsere psychischen Tätigkeiten wahi-nehmen, ist genau 
so wie bei uns bei jedem andern auch möglich. Ein anderer 
kann empfinden, wa-s ich empfinde, m'teilen, was ich nrteile, 
begehren, was ich begehre usw. Dieser universelle Charakter 
unserer Innern Wahrnehmung verleiht der Psj^chologie von 
vornherein den Charakter einer allgemeinen Wissenschaft. 
Yei:wunderlicher als diese Lehre erscheint es manchem viel- 
leicht, wenn Brentano nun ganz ebenso von der äußeren 
sinnlichen Anschauung behauptet, daß sie niemals Indivi- 
duelles zeige. Bestimmt man doch meistens mit Kant den 
Gegensatz zwischen Anschauung und Begriff dahin, daß 
dieser universell, jene aber individuell sei! 

Aber andererseits wird von vielen und angesehenen 
Denkern die Lehre vertreten, daß unsere räumlichen An- 
schauungen alle relativ seien. Diese Behauptimg wäre aber 
doch wohl unmöglich, wenn wir in der Anschauung ebenso 
absolute d. h. letzte spezifische Ortsdifferenzen gegeben 
hätten, wie wir letzte- spezifische Ton- und Farbendifferenzen 
anschauen! — So wird denn Avohl die nativistische Lehre 
insofern einer Berichtigung bedürfen, als gelehrt werden 
muß, daß uns örtliche Bestimmimgen nur als relative Be- 
stimmungen von räumlich Abstehendem, verschieden nach 
Richtung und Grad des Abstandes zur Anschauung kommen. 
Der Ort des Gesehenen erscheint uns in seiner Tiefen- 
diraension ohne alle absolute spezifische Bestimmtheit und 
daher kann ilrni eine solche auch nach Breite und Höhe 

3* 



36 

nicht zukommen. Jeder einzelne Punkt ist durch nichts 
spezialisiert, allein in seiner Hinordnun«^ zu einem andern 
(jrschcint jeder von jedem und in anderer Richtung ab- 
stehend. Ks ist nicht gefordert, daß wir außer diesen sie 
unterschoidcn(h-n relativen Bestiimnungcn noch absolute 
anzugeben vermögen. Erkennen wir doch auch auf anderen 
Gebieten Größenverhältnisse, ohne die absoluten Größen zu 
erkennen, wie z. B. wenn wir erfahren, daß ein Mann dopi)elt 
so reich ist wie ein anderer. — Nach Brentano schauen 
wir Farbig-Qualifiziertes an als abstehend von einem in 
recto vorgestellten unqualifizierten Zentrum. Die verwandte 
Darstellung Stumpfs in seinem Buche über den Ursprung 
der Raumvorstollungen ist nach seinen Mitteilungen nicht 
ohne Einfluß mündlicher Unterredungen mit Brentano ent- 
standen. Die spezifischen substanziellen Bestimmungen, 
d. h. die absoluten Orte, sind uns nicht anschaulich und 
somit ist unsere Raumanschauung nicht individuell, sondern, 
weil relativ, von gewisser Allgemeinheit. Von den übrigen 
Sinnesgebieten, dem Tonsinn und den von Brentano zu 
einem dritten Sinne zusammengefaßten Spürqualitäten i gilt 
Älmliches. Nur daß die Tonqualitäten auch hinsichtlich ihrer 
Abstände ungleich unbestimmter und konfuser lokalisiert 
erscheinen. Ist dem so, so kommt keiner sinnlichen An- 
schauung indi^dduelle Bestimmtheit zu, denn sie erscheint 
notwendig hinsichtlich eines zu ihrem Wesen gehörigen 
Charakterzuges unvollständig bestimmt. Wie die äußere 
Anschauung niemals ohne räumliche . Bestimmung, so ist 
nach Brentano weder die äußere noch die innere Anschauung 
jemals ohne Zeitlichkeit. Doch handelt es sich bei der Zeit- 
anschauung nicht um eine Objektsdifferenz, sondern um einen 
modalen Unterschied. Wir können nichts vorstellen, ohne 
es mit irgendeinem zeitlichen Modus vorzustellen. Hier laufen 
alle speziellen Bestimmungen auf ein gegenwärtig, mehr 
oder minder lang vor dem Gegenwärtigen Gewesenes oder 
' Vgl. Untersuchungen zur Sinnespsychologie. 



37 

nacli dem Gegenwärtigen sein Werdendes hinaus. Spezifische 
Zeitpositionen — wie etwa Martyi dies lehrt — schauen wir 
nicht an, auch hier fehlt also jeghche individuelle Bestimmung. 2 

17. Unter den vielen Fragen, die sich dem Leser dieser 
dürftigen Mitteilungen aufdrängen, dürfte wohl keine dring- 
Hcher sein als die, auf welche AYeise wir, nach Brentano, 
zur Erkenntnis, daß es nur Individuelles geben könne, kommen, 
wenn nicht bloß unsere Abstraktionen, sondern auch unsere 
Anschauungen Allgemein Vorstellungen sind? Brentano hat 
diese Frage wiederholt, so noch in dem letzten Diktate 
am 9. März 1917, beantwortet; er zeigt zuerst, wie wir auf 
dem Wege des attribuierenden (identifizierenden, syn- 
thetischen) Vorstellens zu dem Begriff des Individuellen als 
desjenigen, wofür eine weitere Differenzierung nicht mög- 
lich ist, gelangen. Wollte man nun annehmen, daß es etwas 
anderes als Individuelles geben könne, so hieße dies so 
^del, als wir dächten etwas vollständig allen seinen ihm 
zukommenden Bestimmungen nach und dächten etwas ihm 
in allen diesen Bestimmimgen Gleiches, also in gar nichts 
Verschiedenes, und doch sei dieses nicht jenes, was wider- 
spricht, da die sämthchen Teilbestimmungen die Gesamt- 
bestimmung ausmachen. 

Noch eine andere Aufldärung scheint gegenüber diesen 
neuen Lehren hier nötig. BekanntHch nimmt Brentano 
mit Leibniz zwei Erkenntnisquellen an: apodiktische, 
apriorisch-evidente Wahrheiten, die aus den Begriffen ein- 
leuchten, und verites de fait, das ist die \inmittelbare tat- 
sächliche Evidenz der Innern Wahrnehmung. Da erhebt 
sich die Frage, wie wir trotz dem — soeben dargelegten — 
Mangel individuahsierender Bestimmungen bei der Selbst- 
wahrnehmung zu erkennen vermögen, daß nur ein In- 
dividuum nicht aber viele von uns erfaßt >verden? Die 
Antwort darauf ist, daß nur eines mit dem Wahrnehmenden 

1 Raum und Zeit, Halle 1916. 

2 Vgl. weiter unten. 



38 

identiscli sein kann und nur was mit ihm identisch ist, von 
ihm mit Evidenz erfaßt werden kann. — Gewiß werden 
unsere psychisclien Tätigkeiten nicht als absolut notwendig 
\()n uns erkannt; wäre aber die psychische Tätigkeit, die 
ich in diesem Augenblicke wahrnehme, nicht einmal relativ 
zu mir alsWahrnt.'hmcndcm notwendig, könnte vielmehr mein 
Anerkennen auch sein, währcnfl das Anerkannte nicht ist, 
so mangelte jede Sicherheit des Urteils. Relativ zu mir als 
Denkenden ist aber das Gedachte jedenfalls dann notwendig, 
wenn es mit dem Denkenden identisch ist. Wären das An- 
erkennende und das Anerkannte zwei voneinander ver- 
schiedene Dinge, so wäre nicht einzusehen, wie eine evidente 
Erkenntnis möglich sein sollte; kausale Abhängigkeit des 
Subjektes von dem zum Objekte gemachten Dinge v/ürde 
nicht genügen, da jede sekundäre Ursache durch eine andere, 
allenfalls — wie schon Cartesius lehrte — durch die primäre 
ersetzt werden kann. Nur bei vollständiger Identität besteht 
die Sicherheit, daß das Erkennende nicht sein kann, ohne 
daß das Erkannte ist.^ — Aus analogen Gründen ffibt es 
kein e^ndentes assertorisches verneinendes Urteil. — 

Schließlich sei in diesem Zusammenhange noch darauf 
hingewiesen, daß Brentano seine in der „Psychologie" auf- 
gestellte Behauptung, daß die innere Wahrnehmung nicht 
zur innern Beobachtung werden könne, bis zuletzt aufrecht 
erhalten hat. Nicht nur im „Anhang" S. 130 wiederholt er 
diese Lehre, noch am 17. Februar 1917 schrieb er auf meine 
Anfrage, daß nach seiner Meinung die innere Wahrnehmimg 
wohl in keinem Falle innere Beobachtung genannt zu werden 
verdiene. Sie sei ja ohne jedes dauernde Verweilen und 
gestatte so kein Experimentieren und vergleichendes Be- 
trachten und Überlegen. Verstehe man also unter Beobachten 
ein vergleichendes Erforschen, so könne die innere Wahr- 
nehmung nicht zur innern Beobachtung werden. Wohl aber 
könne früher Wahrgenommenes im Gedächtnis zum primären 

1 Vgl. Psychologie S. 183 f. 



39 

Objekte gemacht und dann so studiert werden, wie man die 
Objekte des primären Be\\aißtseins z. B. eine Farbe studieren 
kann. Allerdings ist diese Beobachtung primärer Objekte 
kein evidentes Wahrnehmen. Was die evidente innere Wahr- 
nehmung selbst anlangt, gilt von ihr, was mit jeder evidenten 
Erkenntnis vereinbar ist, ncämlich, daß sie konfus ist. Schon 
der „Anhang" weist darauf hin, wie dieser Umstand, der 
zu manchen Irrungen Anlaß gibt, dazu geführt hat, die 
E\^denz der inneren Wahrnehmung in Zweifel zu zielien. 
Auch in den hinterlassenen Aufzeichnungen kommt Bren- 
tano auf diese Zweifel und ihre Abwehr zurück. Er zeigt 
z. B., wie wir manches klar imd deutlich, manches aber Mar 
und konfus perzipieren, wie z. B. manche kompHzierte Mehr- 
klänge imd die sog. Klangfarbe von Instrumenten, Stimmen, 
Vokalen. Hier liegt ein Minus an Erkenntnis vor, aber nicht 
ein Irrtum. Wir haben nicht etwas falsch innerlich wahr- 
genommen. Auch wenn einer die zusammengesetzten Töne 
falsch bestimmt, dürfen wir nicht von einer falschen Innern 
Wahrnehmung sprechen, wie ja auch nicht, wenn emer, 
weil „Ei" mit E-i geschrieben wird, verkennt, daß wir beim 
Sprechen ein A-i aufeinander folgen lassen. 

18. Das Zeitproblem hat Brentano seit jeher auf das 
lebhafteste beschäftigt. Ungezählte Abhandlungen suchen den 
Weg zu seiner Lösung. In den neunziger Jahren glaubte 
er ihn nun mit Hilfe der Annahme besonderer Urteilsmodi 
gefunden zu haben. Hier knüpfte Marty an, indem er 
neben dem Aktualitätsmodus der Gegenwart einen In- 
aktuaUtätsmodus annahm und außerdem zeitliche Positionen 
von uns vorgestellt wähnte. Brentano verwirft diese Lehre. 
Eine Reihe von kritischen Untersuchungen beschäftigt sich 
mit der Theorie Martys von Raum und Zeit und eine noch 
weit größere Anzahl kleinerer und größerer Monograpliien 
nimmt das Zeitproblem von verschiedensten Seiten her in 
Angriff. Das Gottesproblem ausgenommen ist Brentano wohl 
zu keiner Frage öfter und mit unbesiegbarerer Geduld zurück- 



40 

gokohrt als v.u der Fra^j^e nach dem Ursprung unserer Zeit- 
vorstolluii^f 1111(1 /.um Kontinuitätsproblom überliau])t. Gewiß 
auch danmi, weil .sii; mit jcmcii luiclistcn metaphysischen 
Fragcui unal)tronnl)ar vcrknü[)rt sind. Das P]igentümUche 
seiner i\lothodo, besonders sein aporctisches Verfahren, seine 
wissenschaftliche Phantasie, die ihm freieste Beweglichkeit 
bei der Hypothosenbildung ermöglichte, sein wissenschaft- 
licher Takt, der jene in den nötigen Schranken liielt, um 
sie nicht ins Grund- und Bodenlose geraten, vielmehr nie- 
mals allzuweit vom Ziele abirren zu lassen, sein analytisches 
Vermögen, alle diese Vorzüge treten bei diesen Studien zu- 
tage. Es ist darum besonders mißhch, über die Ergebnisse 
dieser viele Jalu-zehnte zurückreichenden Forscherarbeiten 
dürftige Andeutungen zu machen. Docli hat Brentano 
selbst nicht davor zurückgescheut, in dem „Anhang" auf 
rund zwei Seiten seine neue Lehre vorzutragen, wonach die 
temporalen Differenzen als verschiedene Modi des Vorstellens 
zu bezeichnen sind (S. 131 u. 132). Er schließt mit den 
Worten: „Wie ein Qualitätsmodus keinem Urteil felilen kann 
und wir dies zuversichtlich für alle urteilenden Wesen zu be- 
haupten vermögen, so ist auch ein Temporalmodus schlechter- 
dings für jedes Vorstellen erforderlich und es kann dies 
ohne Kühnheit nicht bloß für Mensch und Tier, sondern 
für jedes vorstellende Wesen überhaupt gesagt werden. Es 
gilt mit derselben Sicherheit wie der Satz, daß es keine Vor- 
stellung gibt ohne Objekt. Dieser Punkt ist von höchster 
Wichtigkeit, hat die weittragendsten Konsequenzen, und ich 
behalte mir vor, ein anderes Mal eingehender bei ihm zii 
verweilen." 

Um aus der Fülle der hier verwerteten Gedanken den 
wichtigsten hervorzuheben, so sei bemerkt, daß die Lehre 
von den temporalen Modis im wesentlichen nichts anderes 
ist als eine Anwendung der Theorie vom modus rectus 
und modus obliquus. Wer eine Tonfolge hört, z. B. c d e, dem 
erscheint in ihr, so sagt man, spezifisch derselbe Ton, z. B. 



^__^^^^^^^^_^^^^__^___^___^ 41 

der Ton c, also dasselbe Objekt, zuerst als gegenwärtig, 
dann mehr und mehr als vergangen. Nach Brentano ist 
dieser Vorgang so zu begreifen, daß vom ersten Auftreten 
des Tones bis zu seinem Verschwinden immer etwas als 
gegenwärtig von uns vorgestellt Avird, zuerst der Ton selbst, 
dann etwas, was als später, als ferner und ferner in derAVeise 
des Späteren von eben jenem Tone absteht. Und selbst 
wenn wir etwa während einer Pause die Erscheinung des 
,, vergangenen Tones" haben, stellen wir zugleich uns selbst 
vor, als gegenwärtig diese Erscheinung Habende und so 
haben wir immer etwas als gegenwärtig, wenn wir etwas 
als vergangen vorstellen. Die ganze Sukzession bei der 
äußern Anschauung besteht nicht in einer kontinuierlichen 
Änderung des Objektes, sondern in einer kontinuierlichen 
Änderung des Temporahnodus, mit welchem es vorgestellt 
wird. Freilich ist die Mannigfaltigkeit dieser Modi bei unserer 
sinnlichen Anschauung eine eng begrenzte, allein dies hindert 
uns nicht, ähnHch vde wir bei den eng begrenzten räimi- 
lichen Sinnesfeldern es tun, durch Analogie begrifflich ins 
Unendliche über das unmittelbar Gegebene hinaus zu p-ehen. 
Als Objekt angeschaut wird unsere auf die primären Objekte 
mit einer Kontinuität von temporalen Modis sich richtende 
psycliische Tätigkeit. Immer aber denken wir irgendetwas 
modo recto als gegenwärtig und als Späteres abstehend 
von jenem früher Gewesenen, das modo obliquo vorgestellt 
ist. AVenn man nun aber anerkennt, daß etwas auf diese 
AVeise nach einem andern sei, so erkennt man nur von 
ihm selbst an, daß es sei, von dem andern nicht. Man 
glaubt nur, es sei gewesen. Die Art, wie wir zeitliche 
Relationen denken, erinnert an die Art, wie wir psychische 
Beziehungen denken. Anerkenne ich z. B. einen Gespenster- 
gläubigen, so anerkenne ich wahrhaft nur das Fundament, 
den Gespenstergläubigen, nicht aber den Terminus, d. i. 
die Gespenster, von denen man zu sagen pflegt, sie seien 
als geglaubte. Das in modo recto Vorgestellte wird wahr- 



42 

haft anerkannt, das in modo ol)]i(iuo Vorgestellte unterliegt 
einer modifizierten Anerkennung. Ahnlich bei der Zeit- 
relation: das mit dem modus ])racsens Vorgestellte ist als 
Fundament der ik'zi('hung modo n^fto wahrhaft anerkannt,, 
das mit dem Präteritalmodus, modo obhquo Vorgestellte 
und Anerkannte ist modifiziert anerkannt, nicht als seiend, 
sondern als gewesen seiend. Das oblique Vorstellen also 
infiziert das darauf gebaute Anerkennen und bewirkt, daß 
wohl das Fundament der Beziehung, nicht aber der Terminus 
wahrhaft anerkannt wird. Dennoch ist aber der Terminus 
von jener Anerkennung in einer Weise mitbetroffen, die 
bewirkt, daß wir das Gewesensein und Zukünftigsein von 
schlechthinigem Nichtsein recht wohl unterscheiden. Alles 
zeitliche Nacheinander denken wir somit in einer kontinuier- 
lichen Mannigfaltigkeit von solchen Vorstellungsmodis, die, 
wenn auch anschaulich nur in beschränkter Ausdehnung 
gegeben, doch einer begrifflichen Erweiterung über jede 
Grenze hinaus fähig ist. 

Diese Variation von Vergangenheit, Gegenwart und Zu- 
kunft ist, wie schon bemerkt, keinesfalls eine Variation der 
Objekte, da \nolmehr jedes Ding, das wir zum Objekte haben, 
sowohl als vergangen, Avie als gegenwärtig und zukünftig 
gedacht werden kann. Sie weist aber auf einen, uns in seinen 
spezifischen Differenzen nicht anschaulichen, dinglichen und. 
substanziellen Wechsel hin, der sich gleichmäßig kontinuier- 
lich bei allen Substanzen vollzieht, da jede Dauer eine Länge 
oder Größe und jede Größe Teile aufweist, die voneinander 
verschieden sind. Was die innere Wahrnehmung anlangt, so 
erfaßt sie mit Evidenz nur ein einziges Jetzt, die Gegen- 
Avart als Grenze, zu deren Natur es gehört, daß sie 
Grenze eines A"on ihr begrenzten Kontinuums ist, 
Avelches, als ein Früheres oder als ein Späteres, aber auch 
soAvohl Früheres als Späteres gedacht Averden kann. Trotz 
der Beschränkung der innern Wahrnehmung auf den einen 
Punkt wird also in ihr nicht nur der Punkt in recto vor- 



4? 

gestellt lind anerkannt, sondern auch in obliquo eine Zeit- 
strecke, für welche der Punkt eine Grenze ist. Daß diese 
Zeitstrecke keine bestimmte Länge aufweist, paßt voll- 
kommen zu der schon hervorgehobenen Tatsache, daß wir 
uns in der innern Wahrnehmung nicht in individueller Be- 
stimmtheit, sondern bloß allgemein als psychisch tätige Dinge- 
erfassen. „Wir erfassen nicht mehr, als daß wir Substanzen 
sind, welche gewisse Denktätigkeiten als Akzidentien an 
sich haben und einem substanziellen zeitlichen Kontinuum 
angehören. Diese Zugehörigkeit ist aber nichts, was nicht 
ebenso von jeder andern Substanz, ja, man kann es nach- 
weisen, auch von der Gottheit gesagt werden kann" (Manu- 
skript V. 13. Februar 1915). Alles Zeitliche, das ist, ist also- 
ein Gegenwärtiges, aber nicht ein Isoliertes, vielmehr ist es 
fortbestehend oder endigend oder beginnend. Ohne Kontinual- 
relation zu Früherem oder Späterem kann es nicht sein, es 
gehört zum Begriff des Gegenwärtigen, daß es in einem 
beliebig kleinen aber immer endlichen Zusammenhang mit 
solchem steht, ivas A'On ihm mehr oder minder absteht und 
stets nur in obliquo gedacht werden kann, während das 
gegenwärtige Element des zeitlich Fortbestehenden nur in 
recto vorstellbar ist. 

19. Es ist selbstverständlich, daß schon der in diesen 
Betrachtungen verwertete Begriff der Kontinualrelation 
Brentano veranlassen mußte, sowohl den Begriff des Kon- 
tinuums, als den der Relation auf das genaueste zu unter- 
suchen. Ist ja die zeitliche Relation nur eine besondere oder 
vielmehr die fundamentalste Kontinualrelation. Auch diese 
Untersuchungen reichen weit zurück. Wie anregend in dieser 
Beziehung bereits Brentanos Wiener Vorlesungen gewirkt 
haben, das beweisen u. a. die Humestudien Meinongs,. 
dessen Relationstheorie von dem Gehörten mannigfachen 
Gebrauch macht. Man würde jedoch fehlgehen, sie etwa 
als Quelle für die Kenntnis des damaligen Standes Bren- 
tanoscher Lehren benutzen zu wollen, da Meinonjr es 



44 

vermieden hat, seine eigenen Zutaten und Abweichungen 
von dem übernommenen Lehrguto erkennbar zu scheiden. 
Der Hauptdifferenzpunkt der späteren Lelire Brentanos 
von der früheren hängt auch hier mit der Leugnung der 
Irrealen zusammen. Ehemals anerkannte er auch irreale 
Relationen. Ja, die wiclitigsten Beispiele vQn Nicht-Realem 
wurden neben dem Bereiche der Negativa und Privativa 
dem der Komparativa entnommen: Gleichheit, Älinlichkeit, 
Verschiedenheit. — Nach seiner neuen Auffassung fällt alles 
Relative unter den Begriff des Realen. Das Denken des 
Relativen hat die schon erwähnte Eigentümlichkeit, daß, wer 
das Fundament eines Relativen in modo recto vorstellt, den 
Terminus in modo oblique vorstellen muß. 

Die ge'\\'öhnliche Meinung ist nun die, daß die relativen 
Attribute durchwegs die Existenz von etwas, worauf sie 
sich beziehen, verlangen; z.B. Cajus ist größer als Titus, wo 
die Existenz von Cajus als des Größern die von Titus als des 
Kleinern fordert. Hierbei ergibt sich aber die Sonderbarkeit, 
daß scheinbar das relative Attribut des Cajus verloren gehen 
Ivann, ohne daß sich das Subjekt (Cajus) in der fraglichen Be- 
ziehung irgendwie real ändert, z. B. indem Titus ihn über- 
wächst und Cajus niin dadm'ch kleiner wird, ohne daß sich seine 
Größe vermindert hat. Man muß sich jedoch hüten. Aus- 
sagen über solches, was ganz außerhalb des Subjektes liegt, 
für ein relatives Prädikat zu nehmen, statt für eine deno- 
minatio mere extrinseca. Sage ich, die lebenden Menschen 
seien weniger als 1000 Milliarden, so anerkenne ich w^ohl 
die lebenden Menschen, nicht aber die 1000 Milliarden. 
Letztere stelle ich bloß vor und vergleiche das Avirldich An- 
erkannte mit dem bloß Vorgestellten und mit dem Namen 
„1000 Milliarden" Assoziierten. Das relative Attribut ist hier 
■ein reales Prädikat von gewisser Allgemeinheit, nicht wesent- 
lich anders, als wenn ich etwa sagen würde: die lebenden 
Menschen sind ungefähr 4 Milliarden. Wenn ich dagegen 
«age: die Einwohner Prags sind weniger an Zahl als jene 



45. 

Wiens, so habe icli zwei Aussagen gemacht, indem ich nicht 
nur die Einwohner Prags, sondern auch jene Wiens an- 
erkannt habe; der sprachhche Ausdruck verschmilzt hier 
ein relatives Attribut mit der Anerkennung von etwas, was 
ganz außerhalb des Subjektes liegt. — Schält man das, was 
relatives Attribut ist, rein heraus, so unterliegt man auch 
nicht mehr der Versuchung zu lehren, daß bei den kom- 
parativen Relationen ohne diesbezügliche Änderung des 
Subjektes das relative Attribut verloren gehen könne (indem 
z. B. die Einwohnerzahl der einen Stadt wächst, während 
die andere unverändert bleibt und dennoch das relative 
Attribut dieser andern unverminderten Menge sich scheinbar 
verändert hätte!). Mit dieser Versuchung aber entfällt auch 
der Schein, als ob es sich bei den relativen Bestimmungen 
um irreale Prädikate handle, deren Verlust und Gewinn 
ohne reale Änderung des Subjektes man für möghch hielt. 
So wird denn die Meinung, daß jegliches Relativum außer 
der Existenz des Fundaments die Existenz des korrelativen 
Terminus verlange, aufzugeben sein, was schon die Betrach- 
tung der psychischen Relation und der Kontinualrelätion 
des Gegenwärtigen zum Vergangenen und Zukünftigen 
nahe legt. 

20. Was das Kontinuitätsproblem anlangt, so vertrat er 
gegenüber den modernen Versuchen der Mathematiker, den 
Begriff des Kontinuierlichen durch Konstruktion zu ge- 
winnen, die Lehre, daß er durch Abstraktion aus der An- 
schauung gewonnen sei. Sowohl die äußere, als die innere 
Erfahrung bietet uns nach Brentano — Avir hörten es 
schon — unmittelbar Kontinualrelationen. Beim räumlichen 
Kontinuum können wir, das ist zuzugeben, die einzelnen 
Punkte und Grenzen gewiß nicht unterscheiden. Es gibt 
zweifellos Grenzen der Merklichkeit. Auch wer eine violette 
Fläche anschaut, vermag — wie schon die „Untersuchungen 
zur Sinnespsychologie" ausführten — die blauen und roten 
Elemente in ihrer örtlichen Position nicht voneinander zu unter- 



46 

scheiden; wir können aber mit aller Sicherheit die allgemeine 
Bestimmung von dem Sinnesfelde aussagen, daß in ihm rot 
und blau enthalten sei, — den allgemeinen Charakter des 
IV-illiabens am Koten und Blauen erfassen wir. So auch beim 
Kontinuum: wir erfassen mit aller Sicherheit, daß in dem 
Ganzen Grenzen enthalten sind und eine Koinzidenz von 
Grenzen statthat, sowenig wir auch die Punkte und Grenzen 
im Einzelnen unterscheiden.^ In dem Gedanken des Punktes 
liegt die Zugehörigkeit zu einem Kontinuum von irgend- 
welcher bestimmten Ausdehnung beschlossen und diese kann 
beliebig klein, muß aber immer als endlich angenommen 
werden. So klein auch im-mer, kann sie nicht unendlichmal 
in dem Kontinuum, dem als bestehenden der Punkt zu- 
gehörig erscheint, enthalten sein, und so kommen wir nie 
dazu, das Kontinuum wegen der in beliebiger Menge in ihm 
zu unterscheidenden Punkte als etw^as, was aktuell unend- 
lich viele Punkte unterscheiden lasse und als Gesamtheit 
von unendlich \delen Punkten, die sich zueinander addieren 
ließen, zu fassen. Man kommt wohl dazu, die Punkte Avie 
dem Ganzen, so auch Teilen und ins Unendliche kleinem 
imd kleinern Teilen des Kontinuums unmittelbar zugehörig 
zu denken. Einem unendlich kleinen Teil aber kann man 
ihn nicht zugehörig denken und keinem, zu dem er aus- 
schließlich gehört, so daß eine Kreuzung der zugehörigen 
Sphären ganz unvermeidlich wird. Eine Addition bedarf 
aber der totalen Neuheit jedes einzelnen Addenden. 2 
Wie das Zeitliche das Reale oder Ding als solches ist, so ist das 
Räumliche das Körperliche als solches. Weder das eine noch 

^ Brentano tadelt an der Dcdekind- und Poincareschen Kon- 
struktion, daß sie den wesentlichen Charakter des Kontinuums, näm- 
lich, daß es Grenzen enthalte, welche für sich nichts sind, aber doch 
in Vereinigung mit anderen einen Beitrag zum Kontiniuim liefern, 
verkenne. 

* Dagegen fehlen auch jene, welche aus zwei Äpfeln und aus 
dem von diesen gebildeten Paare als drittem Dinge eine Vierheit 
bilden, die mit jenen zusammen fünf ergibt xisf. ins Unendliche. 



47 

das andere kann olme Kontinualrelation sein, oder, selbst 
ganz im allgemeinen, gedacht werden, wobei sowohl das 
Maß als die Richtung der kontinualen Relation ganz un- 
bestimmt bleiben kann. 

Brentanos Kontinuitätstheorie fußt auf seiner Lehre 
Ton der Plerose und Teleiose und der Unterscheidung 
primärer und sekundärer Kontinua. Es gibt multiple 
Ivontinua, wie z. B. solche, wo das räumliche Kontinuum als 
das primäre, das Farbenkontinuum als das sekundäre 
erscheint. Im Falle einer Bewegung von Ort zu Ort läßt 
sich ein Doppellvontinuum nachweisen, bei welchem das 
zeitliche Kontinuum das primäre, der zeitlich konstante oder 
variierende Ort das sekundäre Kontinuum ist. Auch jede 
Linie stellt sich als ein Doppelkontinuum dar, in welcher 
die Mannigfaltigkeit der Ortsdifferenzen als das primäre, das 
Richtungskontinuum als das sekundäre zu bezeichnen ist. 
Was die Unterschiede der Plerose anlangt, so nennt Brentano 
so die Unterscliiede der Fülle oder Vollkommenheit, in welcher 
z. B. ein Punkt, nach jeder der Richtungen, in welcher er 
Grenze sein kann, tatsächlich Grenze ist. So besteht ein 
Punkt im Linern einer Kugel in voller (indefinit vielseitiger) 
Plerose im Unterschied etwa zum Scheitelpunkt eines Kegels ; 
oder einem Lebenden kommt im Zeitpunlct, in dem sein Leben 
beginnt oder endet die halbe Plerose, dagegen jedem dazwischen 
liegenden Zeitpunlvte seines Lebens die ganze (hier zweiseitige) 
Plerose zu. Mit diesem Unterschied der Plerose hängt der 
Unterschied von innerer und äußerer Grenze zusammen, und 
alles, was sich liier ergibt, ist Folge der kontinualen Relativität 
und der wesentlichen Zugehörigkeit des Punlvtes zu einem 
Kontinuum: Bei einem eindimensionalen Kontinuum können 
die Grenzen nach den zwei entgegengesetzten Richtungen 
Grenzen sein und sind dann innere Grenzen. Sie können 
aber auch nach einer Richtung des Begrenzten innere sein, 
nach der andern äußere, dann sind es scheidende Grenz- 
pimkte. Eigentlicli nicht einer, sondern zwei in lialber Plerose, 



48 

wflclir k()iiizi<li<.Tcn. Damit z.B. zwei Küipcr in einem Punkte 
sich nicht Mol.} hcrüliren, sondern miteinander zusammen- 
hängen, nuilj der J'unkt, in dem sie sich berühren, für beide 
ein innerer Punkt sein, während, wo es sich um bloße 
äiißcre Berührung liandelt, eigentlich zwei Punkte von un- 
vollkomniener Plerose koinzidieren, von denen je einer einem 
der beiden sicli berührenden Kontinua innerlich, der andere 
ihm äußerlich ist. Und wiederum kann es, wie im Falle des 
Lebensbeginncs oder Lebensendes, geschehen, daß eine 
Grenze einseitig begrenzt, daß aber ein anderer einseitig 
begrenzender Punkt, der mit ihm koinzidiert, nicht vorhanden 
ist. Nach dem Gesagten stellt sich also jede innere Grenze 
als eine Mehrheit dar. Ein Punkt in voller Plerose er- 
scheint noch in Teile, ja vielleicht in indefinit viele Teile 
zerlegbar, und kann nach jedem von ihnen als individuell 
derselbe noch fortbestehen, wenn die andern entfallen sind, 
nur für sich, während er vorher diesem Teil nach nicht für 
sich bestanden hat. 

Was Brentano Teleiose nennt, ist nichts anderes als 
der Yariationsgrad, der Grad — Brentano spricht auch 
von „Geschwindigkeit" bezw. einem Analogen der gewöhn- 
lich so o;enannten Geschwindigkeit — des Wechsels. So 
zeigt der zeitliche Verlauf einen Wechsel, der als solcher 
ohne jedes Wachstum und ohne jede Minderung des Yaria- 
tionsgrades ist. Die zeitliche Variation ist nicht variabel. Auch 
das Örtliche als solches variiert ausnahmslos gleich. Diese 
Regelmäßigkeit oder Gleichmäßigkeit der Variation ist allen 
primären Kontinuis gemeinsam. Bei den sekundären Kon- 
tinuen dagegen kann der Verlauf bald schneller, bald lang- 
samer sein. Das Rot als Anfang einer langsamem oder 
schnellern A^ariation zum Blau liin, kann nicht in gleicher 
Vollkommenheit rot sein, \md noch weniger so vollkommen 
rot, wie in dem Falle, wo es als Grenze zu einer vollkommen 
gleichmäßig roten Fläche gehört. Der Geometer faßt das 
Örtliche, den Körper, in Abstraktion A'on seinem Bestände 



49 

in der Zeit und betrachtet ihn daher als primäres Kontinnum. 
Doch sofern dem Örtlichen auch die zeitliche Bestimmung 
zukommt, ist die örtliche Variation der zeitlichen gegenüber 
sekundär, indem die Zeit in ihrem Verlaufe das primäre 
Kontinuum für die Ausdehnung des Körpers vom Anfang 
bis zum Ende der Zeit als ruhenden oder mehr oder minder 
bewegten abgibt. 

Besonders bemerkenswert ist, daß sohin das Räum- 
liche, in Rücksicht darauf, daß es zeitlich ausgedehnt ist, 
am Charakter des sekundären Kontinuums teilhat, mag es 
bewegt oder ruhend gedacht werden, AVenn es ruht, so er- 
scheint es nach seiner zeitlichen Dimension in voller Teleiose, 
wenn es sich bewegt, in unvollkommener, und bald in gleich- 
mäßiger, bald in ungleichmäßiger nach Richtung und Ge- 
scliAvindigkeit und in bezug auf einige oder alle seine Teile. 
In bezug auf die Dimensionen, die dem Körperlichen in der 
Gegenwart zukommen, ist zu sagen, daß der Körper drei- 
dimensional ausgedehnt ist, obwohl, weil zeitlich, einem 
zeitlich ausgedehnten Vierdimensionalen als dreidimensionale 
Grenze zugehörig. Nach jeder seiner drei Dimensionen hat 
er den Charakter eines primären Kontinuums. 

21. Wir hörten schon, daß nach Brentano das Zeitliche 
nichts anderes sei, als das Reale oder Ding als solches. Es ist 
daher, ihm zufolge, weder richtig, daß es nur eine Zeit, genauer 
gesagt ein Zeitliches, gibt, noch richtig, daß alle Zeiten, genauer 
gesagt alle Zeitlichen, nur einen Zeitpunkt als Grenze haben, 
nach der sie bestehen. Es gibt vielmehr so viel Zeiten, d. h. 
Zeitliche, als es Dinge gibt. Jene Zeitlichen, die Körper 
sind, sind vierdimensionale Kontinua, welche einer drei- 
dimensionalen Grenze nach bestehen. Diese Kontinua sind 
substanzielle Kontinua. Lagrange hatte schon gesagt, 
daß der Mechaniker die Zeit wie eine vierte Dimension des 
Raumes betrachten könne. In neuester Zeit hat man mit 
der Behauptung, Raum und Zeit bildeten zusammen ein Vier- 
dimensionales, viel Aufhebens gemacht. Das Wahre an der 

Kraus, Frnns Brentano. -i 



50 

Sache ist dies: es (j^il)t so viele Zeiten als Zeitliche und wie 
ein Geist, der eine Substanz ohne Ausdehnung ist, eben 
darum unausgedehnte Grenze innerhalb des zeitlichen 
Kontinuums ist, dem er, insofern er wirklich ist, als Grenze 
angehört, so ist ein K(')rper, flu er, soweit er in Wirklich- 
keit besteht, dreidiinensiona] ist, die dreidimensionale 
Grenze, nach welcher das zeitliche Kontinuum besteht, 
welchem der Körper als Grenze zugehört. Es begreift sich 
nun, warum für Brentano das Kontinuitäts- und Zeitproblem 
im Mittelpunkte seines Denkens gestanden ist: fällt doch 
der Begriff des Zeitlichen mit dem des Dinges oder Realen, 
insofern es substanziell determiniert ist, zusammen ! Jede Sub- 
stanz besteht als Grenze eines eindimensionalen })rimären 
Kontinuums, welches keiner andern seiner Grenzen nach 
ist und dem sie docli wahrhaft zugehört und von dessen 
sämtlichen anderen Grenzen sie als spätere oder frühere 
oder als spätere und frühere absteht. 

Allen Kontinuis kommt gemeinsam zu, daß mit ihnen 
gedanklich ins Unendliche Teilungen vollzogen werden können, 
und indem man so zu kleinern und kleinern Teilen gelangt, 
findet man, daß das ganze Kontinuum und jeder Teil von 
ihm mit indefinit kleinen Teilen abschließt. Die Grenze 
verlangt wohl die Zugehörigkeit zu einem Kontinuum, aber 
nicht zu einem Kontinuum von einer bestimmten, wenn 
auch nocli so klein angegebenen Größe. Daß dieses Kon- 
tinuum trotz seiner indefiniten Kleinheit ins Unendliche 
teilbar zu denken sei, folgt aus dem Gedanken des Kon- 
tinuums überhaupt, aber doch ist keine einzige zweite 
Grenze anzugeben, die zu seinem Bestände gefordert wäre. 
In dieser unbestimmten Kleinheit zum Bestände der Grenze 
erforderlich, bedingt es auch die Natur derselben: Jeder 
innere Grenzpunlct einer geraden Linie, eines Kreisbogens, 
einer Parabel u. dgl. ist infolge der Zugehörigkeit zu einer 
Linie dieser Ai't eigentümhch anders charakterisiert und 
unter Umständen, z. B. bei einer ungleichmäßig gekrümmten 



51 

Linie, vielleicht beträchtlich anders nach der einen und 
anderen Seite. 

22. Wir können diese x4.ndeutmigen über Brentanos 
Kontinuitätslehre nicht verlassen, ohne einer besonders wich- 
tigen Unterscheidung zu gedenken: der von kontinuierlich 
Vielem und von kontinuierlich Vielfachem. Jeder Körper 
ist ein Beispiel für das erstere; der Körper ist eine Einheit, 
die sich in eine Vielheit zerlegen läßt, ja es könnte nach 
Vernichtung des einen Teiles der andere ganz als das, was 
er war, fortbestehen. Man könnte ihn darum ebensogut eine 
Zweiheit als eine Einheit nennen, ja sagen, daß er eine 
beliebig große Zahl von Körpern sei. Jeder von den bei 
einer solchen Zerlegung unterschiedenen Teile hat mit den 
anderen nichts gemein. 

Anders der ein kontinuierlich Vieles Anschauende. 
Einer, der ein räumlich Ausgedehntes anschaut, ist nichts 
Einfaches, sondern etwas A'ielfaches, insofern er nicht bloß 
einen, sondern viele Teile eines Kontinuums anschaut und 
fortfahren könnte, den einen zu schauen, während er den 
andern zu schauen aufhört, aber er stellt sich, insofern er 
den einen Teil anschaut, nicht als etwas total anderes dar, 
als insofern er den anderen Teü anschaut. Wir haben nicht 
eine Zweiheit vor uns, wie in dem Falle, wo es ein anderer 
wäre, welcher diesen, und ein anderer, welcher jenen Teil 
anschaut. Wir haben es nicht mit einer Addition von Ein- 
heiten zu tun,i sondern mit der Vielfachheit eines Einheit- 
lichen. Diese Bemerkung ist für die Psychologie von großer 
Tragweite. Aristoteles ist durch Verkennung dieses Unter- 
schiedes zu seiner halbmaterialistischen Seelenlehre gekommen, 
indem er aus der räumlichen Ausdehnung der Sinnesobjekte 
auf eine räumUche Ausdehnung des Empfindenden schloß. 
Der Blick auf das, was bei dem, der im gleichen Moment 
ein zeitliches Kontinuum vorstellt, gegeben ist, hätte ihm 
zeigen kömien, daß nicht jeder Teil eines angeschauten 
" i^VETlToben S. 46. 



52 ■ 

Koiitiiiiiunis von cinciii ;ni(lfrn Teil eines anschauenden 
Kontinuums angeschaut werden muß. Auch einem un- 
ausgcdchnten Ding kann wie eine Vielfachheit verschiedener 
Ak/idonzion auch ein kontinuierlich vielfacher Modus (Ak- 
zidenz) zukoniiiicn. .l;i iiiil der Einheit des Bewußtseins ist 
es schlechterdings unverträglich, die sinnlichen Tätigkeiten 
Teil für Teil verschiedenen Teilen eines Subjektes zu- 
kommen zu lassen und ebenso ist die Lehre von der teil- 
weisen geistigen, teilweise körperlichen Seele mit der Ein- 
heit des Bewußtseins nicht zu vereinbaren. — Dagegen 
erklärt es Brentano nicht als unmittelbar durch die innere 
Erfahrung gesichert, daß das Subjekt unseres psychischen 
Lebens geistig sei; i das denkende Ding, .als das wir uns 
wahrnehmen, könnte etwas körperlich Ausgedehntes sein, 
dem das Denken in der "Weise zukäme, wie das Rote einer 
Fläche über die es gleichmäßig ausgebreitet ist, wo das Rot 
Punkt für Punkt sich wiederholt, so daß das ganze einheitliche 
Bewußtsein jedem Teil und Punkt des Körperücben wieder 
und wieder zukommen würde. Die Zerfällungserscheinungen 
bei niederen Tieren verleihen der Hypothese einer solchen 
indefiniten Vielheit von punktuellen Subjekten zunächst einen 
o-ewissen Grad von Wahrscheinlichkeit und es bedarf be- 
sonderer Überlegungen und sorgfältiger Berücksichtigung 
physiologischer Forschungen, um die Frage hinsichtlich 
des hochdifforenzierten menscldichen und höheren tierischen 
Gehirns zu verneinen. Spricht alles dafür, daß bei unserem 
Denken verschiedene Teile des Gehirns unserem Denken 
verscliiedene Dienste leisten, so ist darin ein Beweis dafür 



» Über die Frage der Immateiialität der Seele und die Wechsel- 
wirkung handeln mehrere Manuskripte; eine Abhandlung „Zur Wür- 
digung der Puntini del corso obbligatorio d" anatomia" mit zwei Nach- 
trägen, in Florenz verfaßt, und ein Entwurf für einen Vorlesungs- 
zyklus, den Brentano in Zürich vor mehreren Freunden 1915 
gehalten hat, dürften, von den Kollegien abgesehen, hier besonders 
in Betracht kouunen. 



53 

zu erbKcken, daß ihr Dienst nicht darin besteht, daß sie 
selbst das Subjekt des Denkens sind, sondern es in einem 
anderen unkörperlichen Subjekte bedingen. — Es hängt mit 
der Täuschung über die indi\äduelle Unbestimmtheit des 
innerlich Wahrgenommenen 1 zusammen, daß manche sich den 
BoAveis der Unkörperlichkeit als etwas ganz Leichtes vor- 
stellten, so Cicero, wenn er darauf hinwies, daß kein Urteil 
rund oder ^äerecldg sei oder Pascal, wenn er fragt: Was 
denkt in uns, der Daumen oder irgendwelches andere GKed? 

— Erst nachdem die Frage nach der Unkörperlichkeit des 
seelischen Subjektes beantwortet ist, wird die Frage nach 
deren Unzerstörbarkeit und, von dieser gesondert, die nach 
dem Wiedererwachen der seehschen Tätigkeit, die mit dem 
Tode erlischt, in Angriff genommen. Die daran geknüpften 
Hoffnungen auf einen unendlichen Fortschritt können freilich 
nur im Zusammenhang mit der Gottes- und Optimismus- 
hypothese zur Erörterung gelangen. 

23. Daß der Substanzbegriff, mit dem wir im Vor- 
stehenden bereits wiederholt operiert haben, nach Brentano 
aus der Erfahrung geschöpft ist, bedarf keiner weiteren 
Auseinandersetzung. Es ist kein anderer als der des letzten 
Subjektes, wie ihn sowohl die äußere als die innere Erfahrung 
bietet. Substanz ist, was kein weiteres Subjekt hat. Und 
das Verhältnis von Substanz und Akzidenz ist ein wahres 
Verhältnis von Teil und Ganzem. Die Substanz ist in dem 
Akzidenz als Teil enthalten. Beachtenswert ist hierbei, daß 
dieser Teil sich zum Ganzen erweitert ohne Addition ^ eines 
zweiten Teiles! Danach wird es auch klar, wie man zwischen 
substanzieller und akzidenteller Bestimmunp; zu scheiden 
habe: zu den substanziellen Bestimmungen gehört jede, 
ohne welche eine Substanz schlechterdings nicht sein könnte 

— die also nicht ohne jeden Ersatz entfallen kann. Und 
so ist es denn, so gewiß eine körperliche Substanz nicht 

1 Vgl. oben S. 34 f. 

2 Vt?!. oben S. 51 u. 46. 



54 =____ 

ohne AusdcliiiuiiL^, licknlisrition und Gestalt sein kann, sicher, 
(laß (licsü l>cstiimmingcn — zu denen noch die zeitliche 
kommt — substanzielle Bestimmungen des Körperlichen sind. 
Die substanziellon Bestimmungen, die zur Natur des Körpers 
gehören, sind durch die Raum- und Zeitbestimmungen voll- 
ständig erschöpft. Betrachten wir das pliänomenal Gegebene, 
so sind also Farben, Töne, Spürqualitäten (das Farbige, das 
Tönende, kurz das (Qualitative als solches) Akzidentien, da- 
SOfren sind die llauinbcstiminungen substanziell. In der 
transzendenten wirklichen Körperwelt, bei den körperlichen 
Dingen, würden sich danach die physikalischen und chemi- 
schen Eigenschaften usw. sämtlich als Alvzidentien erweisen. 

Was die innere Erfahrung anlangt, so treten uns bei 
jeglichem Bewußtsein akzidentelle Bestimmungen entgegen: 
sie können ohne Ersatz entfallen. Wenn einer, der sieht 
und hört, aufhört zu sehen, so verliert er dadurch nicht alle 
Individuation, er wird nicht zu einem Universale, wie es 
geschehen müßte, wenn das Sehen zur logischen Be- 
stimmuno; des Individuums gehören würde. Er bleibt nach 
diesem Entfall, als Hörender individuell derselbe. Und ähn- 
lich ist es umgekehrt. Dabei ist es aber doch offenbar, daß 
dieser Sehende zu diesem Hörenden in einer anderen Be- 
ziehung steht, als zu einem anderen Hörenden, und dieser 
Unterschied besteht darin, daß dort der Sehende und 
Hörende nicht ganz verschieden, sondern nur teilweise ver- 
schiedene Reale sind, — sie sind nicht eigentlich zwei 
Akzidentien, sondern ein zweifaches Akzidenz — während 
man es im anderen Fall mit zwei total verschiedenen Realen 
zu tun hat. Der den ersteren gemeinsame Teil ist nun aber 
das Subjekt, d. h. die Substanz. 

24. Brentano ist der Überzeugung, daß alle physi- 
kalischen und chemischen Erfahrungen sich ebenso leicht 
unter der Hypothese begreifen ließen, daß es sich bei alle- 
dem um bloße alczidentelle Verhältnisse und Umwandlungen 
handle. In einer kloinen Abhandlung: zur Lorenz-Einstein- 



55 

Frage weist Brentano auch auf die Vorteile hin, welche 
sich aus dieser Auffassung ergäben. Setzte seinerzeit Lord 
Kelvin an die Stelle von Atomen Wirbel, die in einem voll- 
kommenem Fluidum statthätten, so denkt Brentano alle 
ponderable Materie, Atome und die Elektronen als Modi 
(Akzidentien, Qualitäten) einer einheitlichen, ruhenden Sub- 
stanz, die an die Stelle des Äthers zu treten hätte. Diese Modi 
oder Akzidentien (Eigenschaften), die in sehr kleine Parzellen 
geteilt gedacht werden können, wären also als dasjenige 
anzusehen, was man bisher als Substanz der körperlichen 
Materie betrachtet hat, während sie nunmehr an der zu- 
grundeliegenden Substanz haftend, von einem Teil auf einen 
anderen übergingen und selbst wieder Eigenschaften unter- 
liegen würden (Akzidentien von Akzidentien). Auf ihren 
Stellenwechsel und auf ihr ruliiges Beharren bezögen sich 
die Gesetze der Mechanik. Es stände nichts im Wege, zwischen 
ihnen an der Substanz Stellen anzunehmen, wo sie von jedem 
Akzidenz frei wäre. Auch Undurchdringlichkeit käme ihnen 
zu. Sie wäre als Inkompatibilität verschiedener Q,ualitäten 
an der gleichen Stelle der Substanz zu fassen usw. Licht- 
strahlen und elektrische Strahlen wären also gleichfalls als 
Modi zu begreifen, die von einem Teil des Äthers — wenn 
man diese ruhende Substanz so nennen will — zum anderen 
sich fortpflanzten und auch von andern Strahlen, welche 
die Gravitation erklären sollen, würde dies gelten. Die 
Substanz, die als die einzige zurückbhebe, wäre von den 
mechanischen Gesetzen gar nicht getroffen. „Wenn ein System 
von (Qualitäten in seinem Schwerpunkte ruht, oder sich gerad- 
linig fortbewegt, so ändert der Umstand, daß die Substanz 
in beiden Fällen gleichmäßig ruht, nichts, was eine Ver- 
änderung des relativen Verlaufs der qualitativen Verschie- 
bungen an ihr zur Folge haben könnte. Sie selbst zählt ja 
nicht mit unter die qualitativen Komponenten, welche allein 
das sind, wofür die physikalischen Gesetze und insbesondere 
die Gesetze der rationellen Mechanik gelten." 



56 

Aber noch andere und eminentere Vorteile verspricht 
sicli Brentano von dieser Auffassung: die Dispersion der 
Eneigie Avürde infolge der Begrenzung der den 'Qualitäten 
zugrundeliegenden Substanz vermieden, die Gravitation könnte 
auf Stöße zurückgeführt Averdcn, die Reversion der Entropie 
Wcäre denkbar, während die Entrüi)ie sonst, wenn nicht in 
andei'er Weise doch in einer fortschreitenden Dispersion un- 
\'ermeidlich Aväre, olme fortwährende neue transzendente 
Eingriffe an der AVeltgrenze. 

25. Die neuen Wege seines Forschens mußten Brentano 
zu einer Kategorienlehre führen, die der aristotelischen in 
fundamentalen Punkten widers[)richt. Nachdem er erklärt, 
daß alles, was wir zum Objekte des Denkens machen, in 
gleichem Sinne ein Reales zu nennen sei, entfällt die Möglich- 
keit, mit Aristoteles von Kategorien, als höchsten Gattungen 
des Realen zu sprechen, deren jede uns ein Reales in anderem 
Sinne zeige. ^ Dagegen bleibt wahr, daß das, was von einer 
einfachen Substanz ausgesagt wird (was ihr als Prädikat 
beigelegt wird), nicht alles in demselben Verhältnis 
zu ihr steht. Das eine Mal ist es selbst eine substanzielle 
Bestimmung und bezeichnet ein Reales, welches mit der 
einfachen Substanz, von der es prädiziert wird, identisch 
ist. Das andere Mal bezeichnet es ein Akzidenz, welches 
die einfache Substanz als Teil in sich beschließt. Dieses 
Insich-Beschließen ist — wie wir oben sahen — ein anderes 
als bei einem Kollektiv von Substanzen, welches eine ein- 
fache als Element enthält. Wir sagen, es enthalte das Ak- 
zidenz die Substanz als sein Subjekt. Aber auch zwischen 
Akzidenz und Akzidenz kann in bezug auf die Weise, wie 
sie die Substanz als Teil enthalten, noch ein Unterschied 
bestehen und ein solcher scheint da anzunehmen, wo Avir 
es mit einer Beschaffenheit (Qualität) und wo wir es mit 

^ Vgl. hierüber die aristotelischen Schriften Brentanos ins- 
besondere „Von der mannigfaclien Bedeutung des Seienden nach 
Aristoteles" und „Aristoteles und seine Weltanschauung". 



57 

einer Passion zu tun haben, da bei der letzteren — neben 
dem Einfluß des Subjektes zur Erhaltung des Akzidenz — 
eine fortwährende Abhängigkeit von dem sich zeigt, Avas 
wirkend das Akzidenz erhält. Die Beschaffenheit, z. B. eine 
tugendhafte Eigenschaft, hört durch Umwandlung von 
Akzidenz zu Akzidenz auf, die Passion nicht. Selbst wenn 
Passion auf Passion folgt, entsteht die Nachfolge nicht durch 
Umwandlung aus der vorhergehenden, diese hat nichts zu 
ihrem Entstehen beigetragen, AA-ie z. B. bei einer Tonfolge 
das nachfolgende Hören durch Reizung der Gehörnerven 
geradeso eingetreten wäre, wenn vorher Stille geherrscht 
hätte. Von den Relationen haben wir schon gesagt, daß 
sie nach Brentano reale und zwar teils substanzielle, teils 
akzidentelle Bestimmungen sind. Auch daß er — im Gegen- 
satz zu Aristoteles • — Akzidentien von Akzidentien lehrt, 
ist schon bemerkt worden. Auch die Leugnung des aristote- 
lischen Grundsatzes, es könne eine rämnlich ausgedehnte 
Substanz keine Teile haben, die in Wirklichkeit etwas Reales 
sind, haben wir schon hervorgehoben. ^ 

Unter die Kategorien fallen nach Brentano alle Gegen- 
stände unserer Anschauung, mag dieselbe eine äußere, auf 
Nicht-Psychisches bezügliche oder eine auf Psychisches bezüg- 
liche sein, wozu außer den Innern Anschauungen auch die Ge- 
dächtnisanschauungen und andere primäre, welche dieselben 
Elemente wie die inneren Anschauungen aufweisen, gehören. 
— Und in den innern und äußern Anschauungen sind die 
Elemente gegeben, welche das ganze Material unserer Denk- 
objekte ausmachen. Daher irrt Kant, wenn er dazu noch 
gewisse andere Elemente rechnet, welche nicht den An- 
schauungen entnommen seien, wie die sog. Stammbegriffe 
des reinen Verstandes. Vielfach handelt es sich dabei um 
nichts als Ausdrücke für entia rationis. Ja, man kann sagen, 
bei allen sei es so, insofern er sich abstrakter Ausdi'ücke, 
wie z. B. Subsistenz und. Inhärenz und nicht Substanz \md 

' Vgl. „Aristoteles und seine Weltanscliauung" S. 26 u. 36, 



58 ____________^__^____^_ 

Akzidenz bedient. Wenn es einmal festgestellt ist, daß alle 
Elemente unserer üenkgegenstände aus Anschauungen ent- 
nommen sind, so kann an eine vollständige Ubersiclit über 
dieselben gedacht werden, wie sie schon Locke und Leibniz 
verdienstvoll in Angriff genommen haben. Daß man Bren- 
tano aus dieser seiner Lehre vom Ursprung aller unserer 
Begriffe den Vorwurf eines methodischen Fehlers macht 
(Psychologismus) ist merkwürdig genug, um hier noch einmal 
angemerkt zu werden. 

20. Zur Klärung der herrschenden Meinung über Bren- 
tanos „Psychologismvis" wird die Veröffentlichung seiner 
Axiomatik beitragen. Auch hier liegen eine ganze Reihe 
von Entwürfen und Redaktionen vor. Die Natur der apo- 
diktischen („apriorischen") Erkenntnis, die man eine un- 
mittelbare ex terminis nennt, wird eingehender untersucht, 
als dies bisher in der Psychologie und Erkenntnistheorie 
der Fall war. 

Seiner Lehre getreu macht Brentano darauf aufmerksam, 
daß, wer glaubt ein Axiom zum Objekte zu haben, stets nur 
einen axiomatisch Urteilenden zum Objekt haben kann. 
„Sätze an Sich", „Gesetze", „ewdge AVahrheiten" sind keine 
Realitäten und sind überhaupt nicht. Jeder axiomatisch 
Urteilende urteilt, sofern er dies tut, negativ, apodiktisch, 
evident und zugleich aiif Grund evidenter innerer Wahr-' 
nehmung gewisser Vorstellungen von zusammengesetzten 
Objekten. So z. B. muß derjenige, welcher das Kontradiktions- 
gesetz urteilt, wahrnelimen, daß er einen kontradiktorisch 
richtig Urteilenden vorstellt und dies *fülirt ihn dazu, ihn 
apodiktiscli zu verwerfen. Daß uns irgendeine affirmative 
apodiktische Erkenntnis zuteil werde, leugnet Brentano. 
Lange verweilt er bei der Frage, ob alle Axiome den Cha- 
rakter des Kontradiktionsgesetzes tragen, oder ob es auch 
andere Ty])en gebe? Er neigte schließlich ganz entschieden 
zur Verneinung dieser Frage, d. h.*er glaubte, daß es sich 
in allen Fällen, wo wir ein allgemeines Prinzip a priori auf- 



^^ 59 

stellen können, um nichts als eine Vereinigung von unter- 
scheidender Analyse und Applikation des Kontra- 
diktionsgesetzes handle. Von diesem Gesichtspunkte aus 
prüft er auch Martys Einteilung in Axiome des Aus- 
schlusses, der notwendigen Verknüpf ung und der Äquivalenz, 
wie sie in dessen Buche über Raum und Zeit vorgetragen 
wird. Aus den wiederholten Formulierungen des Kontra- 
diktionsgesetzes sei eine der letzten hier angeführt: „Es ist 
unmöglich, daß einer, der etwas leugnet, was einer richtig 
anerkennt, es richtig leugnet, sowie auch, daß einer, der 
etwas anerkennt, was einer richtig leugnet, es richtig an- 
erkennt, vorausgesetzt, daß beide es mit demselben Modus 
des Vorstellens und mit demselben Modus des Urteilens 
beurteilen." 

Analog formuliert Brentano ein Gesetz des Antagonis- 
mus (Widerstreites) auf dem Gebiete der Gemütstätigkeiten: 
„Es ist unmöglich, daß einer, der etwas liebt, was einer 
richtig haßt, es richtig liebt, sowie auch, daß einer, der 
etwas haßt, was einer richtig liebt, es richtig haßt, voraus- 
gesetzt, daß beide es mit demselben Modus des Vorstellens 
und demselben Modus der Gemütstätigkeit zum Objekte 
haben." Aus diesen beiden Sätzen erhellt, daß nach Brentano 
sowohl die Allgemeingültigkeit, die „Objektivität" unserer 
Erkenntnisse, als auch unserer in sich gerechtfertigten 
"Wertungen a priori gesichert ist. 

In einer Reihe von Aufsätzen gibt Brentano eine 
Zusammenstellung der wichtigsten Axiome und apriorischen 
Thesen (Konklusionen aus lauter Axiomen). Es finden sich 
unter ihnen sowohl solche, die das Physische, als auch solche, 
die das Psychische betreffen, in großer Menge. Nicht wenige 
von ilmen wurden bisher niemals formuliert. Da Brentano 
Sätze wie: Kein Vorstellen ohne Temporalmodus, keine 
Gemütsbeziehung und kein Urteilen ohneVorstellen, kein Urteil 
ohne Qualität, keine Gemütsbeziehung ohne Lieben oder 
Hassen, kein primäres Bewußtsein ohne sekundäres, nichts 



60 

kann /um r)l)je]<t <j;cma('lif worden, was nicht real ist, keine. 
Liehe zur p]rkcnntnis, die niclit gerechtfertigt wäre, keine 
richtige Freude, die nicht zu lieben gerechtfertigt wäre, 
kein ex terminis evidentes Erkennen, das nicht negativ 
wäto usw . nsw. nls Axiome erklärt, so ergibt sich, daß er 
nunmehr k-einosfalls die „deskriptive Psychologie" (Psycho- 
gnosie) in dem Sinne für empirisch gehalten hat, daß alle 
ihre Gesetze durch Induktion gefunden Avürden. Die Er- 
kenntnis solcher Gesetze entspringt vielmehr aus Pjcgriffen, 
denen allerdings die Empirie der betreffenden Erlebnisse 
zugrunde liegt. Hierbei aber können die Methoden der 
induktiven Forschung, z. B. das Experimentieren, die er- 
sprießlichsten Dienste leisten, schon wenn es gilt die kon- 
fuse Perzeption zur distinkten Apperzeption zu erheben, 
was besonders auf dem Gebiete der Sinnespsychologie der 
Fall ist. Ohne weiteres ist ferner aus dem Gesagten zu er- 
sehen, daß Brentano auch eine Wertaxiomatik kennt, d. i. 
eine Reihe von apodikitschen unmittelbaren Erkenntnissen 
über unmittelbar als gerechtfertigt (richtig, normgebend) 
charakterisierte Wertungen. 

"VTie die arithmetischen so erklärt Brentano auch die 
geometrischen Axiome für apriorische Sätze, die den Charakter 
des Kontradiktionsgesetzes tragen. Brentaiio ist der Ansicht, 
daß aus der Vorstellung von etAvas Rämnlichen, wie es jedem 
als vorgestellt gegeben ist, der auch nur die Vorstellung einer 
räumlichen Grenze, eines räumlichen Punktes hat, analytisch 
die sämtlichen Axiome und Postulate gewonnen werden 
können. Die Lehre Kants Avird hierbei im einzelnen be- 
rücksichtigt und kritisiert. Was die Kontinuitätsaxiomatik 
im allgemeinen anlangt, so spricht Brentano auf Grund 
seiner Untersuchungen und Begriffsbestimmungen auch hier 
eine ganze Reihe A^on Axiomen bezAV. apriorischer Thesen 
aus, AV'ie z. B.: Kein Teil eines Kontinuums, Avelches ein 
einheitliches Ding ist, ist ein Ding für sich, Keine Grenze 
ist ein Ding für sich, auch dann nicht, wenn das, dem es 



61 

als Grenze angehört, nur dieser Grenze nach existiert. Jede 
Grenze hat eine vollkommene oder unvollkommene Plerose. 
Jede Grenze hat eine Teleiose. Jedes primäre Kontinuum 
hat eine unvollkommene, aber konstante Teleiose; in jeder 
Gattung sekundärer Kontinua ist eine vollkommene Teleiose, 
sowie auch jeder Grad unvollkommener Teleiose denkbar. 
Alle Körper sind undurchdringlich. Zwischen zwei Punkten 
sind nur einfache Punkte möglich. Zwischen zwei Qualitäten 
wie rot imd blau, warm und kalt, wie auch zwischen solchen 
heterogenen Qualitäten ist keine mittlere Qualität möglich. Von 
einem Punkt können in der Richtung, in welcher ein anderer 
von ihm absteht, noch Aveitere in beliebig größerer Entfernung 
abstehen. Keine räumliche Ausdehnung ohne Differenzierung 
der Teile als Dinge, die nicht für sich sind. Es kann nichts ohne 
irgendwelche reale Differenziermig fortdauern, selbst den Fall 
vollkommener Ruhe nicht ausgenommen. Es könnte sonst 
von einer zeitlichen Länge nicht die Rede sein usw. usw. 
27. Wiederholt haben wir Brentanos Wertaxiomatik 
gestreift. Es ist die „Schrift vom Ursprung sittlicher Er- 
kenntnis" aus dem Jahre 1889, auf die hier alles zurück- 
geht. Obgleich dieses kleine Buch bis heute keine zweite 
Auflage aufzuweisen hat, sind doch mächtige Impulse von 
ihm ausgegangen. Aus meinem Sammelreferate über „Die 
Grundlagen der Werttheorie" in den „Jahrbüchern der Philo- 
sophie" 1914 ist der bedeutende Einfluß der Brentanoschen 
Lehre auf die moderne .Wertliteratur zu ersehen. Auch 
diese Publikation, wie die meisten Brentanos, war eine Ge- 
legenheitsschrif t : In einem kurzen Vortrage nebst einigen 
Anmerkungen hat er hier die Ergebnisse jahrelangen 
Nachdenkens zusammengefaßt, wie er selbst sagt „als das 
gereifteste Erzeugnis" unter allem, was er bisher veröffent- 
licht hatte. In diesem Rahmen konnte nur das Prinzipiellste 
geboten werden, der Ausbau, die Abwehr von Einwendungen, 
die Ableitung der sekundären ethischen Normen und der 
Rechtspflichten war darin eben nur angedeutet. Spätere 



62 .=_================.======^ 

Forschungen J>rcntanos haben den Kern der Untersuchung 
unberührt gelassen. Eine Korrektur der Lehre von der als 
richtig charakterisierten Bevorzugung ist in der biographischen 
Skizze, die Marty der englischen Übersetzung des Buches 
beigegeben hat, mitgeteilt. In Marty s Gesammelten Schriften, 
l>d. T, Abteilung 1, S. 100 ist sie verdeutscht enthalten: um 
zu der Erkenntnis der Vorzüglichkeit der Summe gegenüber 
dem Summanden zu gelangen, muß, was Brentano anfangs 
verkannte, die Erfahrung einer als richtig charakterisierten 
Bevorzugung uns den Weg erschließen. Ebenso hat Bren- 
tano erst nach der Veröffentlichung des „Ursprungs sitt- 
licher Erkenntnis" ausdrücklich herv^orgehoben, daß die als 
richtig charakterisierten Akte von Liebe und Haß denjenigen 
unter den als richtig charakterisierten unmittelbaren Urteils- 
akten vergleichbar sind, die als Vernunftwahrheiten apo- 
diktisch einleuchten. Nicht die unmittelbar evidenten 
Wahrnehmungen, sondern nur die Axiome sind aus den 
Begriffen einleuchtend, werden somit von den Begriffen 
(d. i. von den die Begriffe Denkenden als solchen) bewirkt, 
und ähnlich wie sie entspringen die unmittelbar als richtig 
charakterisierten Gemütsakte aus den Begriffen. Nur weil 
es sich um Akte handelt, die durch die Vorstellungen moti- 
viert sind, haben auch die Prinzipien athischer Erkenntnis 
apodiktischen Charakter. Eine Liebe, die zu einem psychischeil 
Akte gehörig, auf ihn als sekundäres Objekt gerichtet ist, 
ist nie als richtig charakterisiert. Ihre Eichtigkeit ist 
nur durch ihre Übereinstimmung mit primären Beziehungen 
erkennbar. Aus dem Begriffe des Erkennenden, des lustvoll 
Affizierten, des in rechter Weise Fühlenden oder Wollenden 
also, entspringt die als richtig charakterisierte Liebe, aus 
den Begriffen des Schmerzempfindenden, des intellektuell 
Irrenden und des emotionell unrichtig sich Verhaltenden 
entspringt das in sich berechtigte Hassen dieser seelischen 
Tätigkeiten. Und ganz so ist zu sagen, daß die berechtigte 
Bevorzugung des Erkennenden vor dem Irrenden, der richtigen 



63 

Wertung vor der unri(5htigen, der größeren Gütersumme vor 
der Ideineren — bezw., avo es sich um „Übel" handelt, um- 
gekehrt — durch die diesbezüglichen Begriffe motiviert AAärd. 
Die Enthüllung der „"Werte", „Wertverhalte", „Güter", 
„Übel" und dergleichen als sprachliche Fiktionen ändert 
nichts an dem Grundgedanken, sondern nur an deren Formu- 
lierung. FreiHch tritt nun klar hervor, daß es sich bei Wert 
und Unwert nicht um Eigenschaften oder relative Bestim- 
mungen der Dinge handelt, ebensowenig wie bei Existenz 
(dem „Bejaht- oder Anerkannt-zu-werden-verdienen"). Ich 
erkenne ein Ding als gut oder wertvoll, ich erkenne den 
Wert eines Dinges heißt nichts anderes als ich erfasse meine 
AVertung dieses Dinges als „wie sie sein soll", als richtig 
oder gerechtfertigt. Sage ich allgemein, ein Ding sei gut, 
so will ich sagen, es sei unmöghch, daß ein es Liebender 
(Wertender) es unrichtig werte. Es handelt sich also um 
apodiktische, allgemein gültige Erkenntnisse, zu denen ich 
auf Grund von Begriffen gelange, die aus der Erfahrung 
gewisser als berechtigt charakterisierter AYertungen und 
Bevorzugungen geschöpft sind. So wird z. B. die Begriffs- 
kombination: „Erkenntnis-Liebender, der unrichtig wertet" 
ex terminis verworfen. Ein rein intellektuelles Wesen könnte 
zu diesen Axiomen nie gelangen. — Mit den Worten „als 
richtig charakterisiert" wollte Brentano nichts anderes zum 
Ausdrucke bringen, als daß es sich um solche Akte handelt, 
die als ideal, normgebend, „wie sie sein sollen", keiner 
Rechtfertigung bedürfen, vielmehr Kriterium, Maßstab für 
die anderen sind. Gleichwie ein Urteil als irrig erkannt 
wird, wenn es einem einsichtigen, d. i. normativen, wider- 
spricht, so wird eine Gemütstätigkeit als verkehrt oder un- 
richtig erkannt, wenn sie einer „als richtig charakterisierten", 
d. i. normativen, entgegengesetzt ist, also liebt, Avas jene 
haßt, bevorzugt, was jene nachsetzt und umgekehrt. i 

^ Es ist eine groteske Verballhornung der Brontanoschen Lehre, 
wenn Höfler an dem erwähnten Orte ihr zuschreibt, sie kenne auch 



04 ____^,__,___,_======__= 

28. Unscliwer ist es nun /.u wlvonnen, wie man von 
dieser Grundla^^c zum höchsten jjraktischen Prinzipe auf- 
steigt. Es bedarf hierzu nur noch der Erfalirung von der 
Zweck Wirksamkeit des eigenen Verlangens — der Macht, 
das Gewünschte zu verwirklichen — um erkennen zu lassen, 
daß unmöglich einer, der das Vorzüglichste unter dem Er- 
reichbaren (den größten Hoffnungswert) wählt, unrichtig 
wählt. — AN'cr also das Erreichbar-Beste sich zum Ziele 
setzt, ents])richt dem wahren kategorischen Imperativ — 
oder besser gesagt: dem höchsten apodiktischen praktischen 
Prinzipe. 

In die Einzelheiten der ethischen und politischen Vor- 
lesungen und Doktrinen Brentanos kann hier unmöglich ein- 
o-egano-en werden. In der Innern PoHtik bekundete Brentano 
die entschiedene Neigung, die Aufgabe des Staates auf den 

als „nichtrichtig charakterisierte" Gemütsakte. Warum denn nicht aucli 
„als unrichtig charakterisierte Urteile", also einsichtige Irrtümer? 
Höfler bemerkt weiter, er habe sich mit dieser Lehre Brentanos darum 
nie befreunden können, weil man doch jemanden, der schlechthin den 
Irrtum der Erkenntnis vorzöge, noch nicht unsittlich oder unethisch 
nennen würde. Das hat Brentano auch nicht behauptet; wohl aber 
liegt es in der Konsequenz seiner Gedanken, daß jemand, der den 
Wert der Erkenntnis, ihren Vorzug vor dem Irrtum, dann weiter die 
Vorzüge der anderen seelischen Güter und insbesondere den Vorzug 
ihrer Summierung und Ausbreitung schlechthin nicht zu erkennen 
imstande ist, also jede Wert- und Vorzugserkenntnis entbehrt, als 
mit moral insanity behaftet, aus der Eeihe der Zurechnungsfähigen 
ausscheide. Unethisch ist das Wollen desjenigen, der, obgleich er das 
praktisch Bessere erkennt, sich — in unentschuldbarer Weise — nicht 
von dieser Erkenntnis in seinen Entschlüssen bestimmen läßt. Näheres 
hierüber findet der Leser in meinem Buche „Das Hecht zu strafen", 
Stuttgart 1911, in meinem Aufsatze „Der Begriff der Schuld" in der 
Monatsschrift für Kriminalpsychol'ogie IX. Jahrg. und in dem Artikel 
„Die Grundlagen der Werttheorie" in den Jahrbüchern der Philo- 
sophie 1914. Allerdings habe ich damals den fiktiven Charakter der 
„Inhalte", „Wertverhalte", „Objektive" noch nicht erkannt. Eine kurze 
Skizze der Brentanoschen Lehre nach ihrem fortgeschrittensten Stande 
habe ich zum Brentanoheft der pädagogischen Monatshefte beigesteuert. 



65 

Rechtsschutz im engsten Sinne dieses "Wortes einzuschränken 
und alles andere der freien föderativen Vereinigung der 
Staatsbürger zu überlassen; so insbesondere auch die Schule. 
Ihm zufolge sollten andere Organisationen entstehen, die 
sich mit der staathchen kreuzend, die höchsten Menschheits- 
aufgaben vollkommener erfüllen können. Einige seiner 
politischen Gedanken sind in seiner — leider zu wenig be- 
kannten — Entgegnung auf Adolf Exners Rektoratsrede 
„Über politische Bildung" zu finden. i Auch in seinen ver- 
schiedenen Schriften zui- eherechtlichen Frage in Osterreich. 
Selbst in dem Buche „ Ai'istoteles und seine Weltanschauung" 
verrät sich seine Stellungnahme zu den wichtigsten Staats- 
problemen. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß 
er mit Plato und Aristoteles nur einerlei ethisches Maß 
für den Einzelnen wie für den Staat gelten Keß, und den 
Grundsatz „right or wrong — my country" verabscheute. 
Das Ethik-Kolleg Brentanos — mir nur zum Teile aus un- 
vollkommenen Nachschriften bekannt — ist mit großer Liebe 
und Sorgfalt ausgearbeitet. Er hat es in Wien oft, ins- 
besondere auch für Juristen, gelesen und so enthält es denn 
auch ausführliche rechtsphilosophische Kapitel. Auch das 
Gottesproblem pflegte er diesen Vorlesungen an- und ein- 
zugliedern. Denn obgleich er, wie wohl keiner vor ihm, die 
Grundlagen einer natürlichen, von jeder Autorität freien 
Moral sichergestellt hat, so erkannte er doch, — wie ja 
auch Schopenhauer — daß die metaphysische Grundüber- 
zeugung für die praktische Frage der Lebensbejahung oder 
-Verneinung von ausschlaggebender Bedeutung sei. Ob 
das menschliche Leben Teil eines sinnlosen Geschehens ist, 
oder ob es mit dem Ganzen der Weltentwicklvmg einem 
Prozesse angehört, an dessen unendlichem Aufstieg es teil- 
zunehmen determiniert ist, kann nicht ohne Einfluß auf die 
Gemüts- und Willensrichtung bleiben. 

29. Auch ihrem theoretischen Werte nach ist aber Meta- 

' „Über die Zukunft der Phüosophic", Wien 1893. 
Kraus, Franz Brentano. 5 



66 

physik für I>r()nt;uio die Ixichststehende Wissenschaft; ja 
sie ist „Weisheit", sofern sie die erklärende Wissenschaft 
xnT t^oyj'jv ist. Dies aber ist sie, sofern sie Erkenntnis des 
unmittelbar Notwendigen ist und Erklärung aller Dinge durch 
Rückführung auf ihre erste Ursache. Gar manches, was zur 
Grundlegung einer Metaphysik im Sinne Brentanos gestört, 
ist im Vorstehenden zur Sprache gekommen. Die Gefahr, 
durch die Kürze und Unvollständigkeit Mißverständliches 
zu sagen, begleitete mich hierbei auf Schritt und Tritt. Sie 
ist aber nirgends bedrohlicher als hier, wo die Schwierig- 
keiten des Problems sich mit eingewurzelten Vorurteilen 
verbünden. Ich meine das Kausalitätsgesetz und das Gesetz 
der universellen Notwendigkeit. Diese Fragen hauptsächlich 
waren es, welche die Zweifel Humes geweckt und diese 
wiederum, die den dogmatischen Schlummer Kants gestört 
haben. Wer aber die Art und Weise, in welcher dessen Kritik 
dem Skeptizismus die Spitze bot, mißbilhgt, ist bei der un- 
gemessenen Autorität, die Kant genießt, genötigt, Lehrsatz 
für Lehrsatz zu untersuchen und zu widerlegen. Brentano 
hat dies wiederholt getan; in der Wiener Zeit und früher 
und in seinem letzten Lebensjahre, wo er manche Partien 
der „Kritik" mit fortlaufenden Randglossen begleitete. Seine 
ablehnende Haltung blieb ungemindert. Manches hat er 
mit gewohnter Prägnanz und Kürze da und dort bereits 
ausgesprochen. Ich könnte auf die Psychologie, auf den 
„Ursprung sittlicher Erkenntnis", insbesondere auf die „vier 
Phasen der Philosophie" verweisen. — Dort hat Brentano 
Kants „kopernikanische Wendung", wonach nicht luisere 
Erkenntnis nach den Dingen, sondern die Dinge sich nach 
unserer Erkenntnis richten, „als eine widernatürhch kecke 
Behauptung" bezeichnet. Erwägt man, daß diese „Dinge", 
sofern sie nach Kant Gegenstände unsrer Erfahrung, also 
unsere „Phänomene'' sind, bloß phänomenale oder intentio- 
nale, mentale Existenz haben, das heißt, wie wir oben sahen, 
überhaupt nicht existieren und das einzig dabei Existierende 



67 

wir selbst als diese Phänomene-Hab ende sind, so erweist 
sich jeder weitere Schritt auf dem Boden des Kantschen 
Phänomenalismus als ein Fehlschritt. In Brentanos Lehre 
von Raum und Zeit ist eine immanente Kritik der Kantschen 
enthalten; sie kommt ihrer völligen Verwerfung gleich, ^"enn 
sich die „synthetischen Urteile a priori" auf die Dinge oder 
Gegenstände beziehen sollen, sofern sie Phänomene von uns 
sind, so beziehen sie sich auf etwas, dem in keinem Sinne 
des Wortes Realität zukommt. Abgesehen davon sind es 
Urteile, denen man nach Kants ausdrücklicher Lehre ^ ilire 
Richtigkeit nicht ansieht. Sie sind nicht evident. Sind sie 
aber dies nicht, so sind sie, wie schon Überweg sagte, 
„Yorurteile", die als blind und einsichtslos den Namen Er- 
kenntnis ohne Berechtigung sich anmaßen. In den „vier 
Phasen" bemerkte Brentano: „Sind die synthetischen Urteile 
a priori etwas, was wir blind glauben müssen, so ist das 
Dasein Gottes, so ist die Unsterblichkeit der Seele, so ist 
die Freiheit des Willens etwas, was wir bhnd glauben sollen. 
Sie sind Postulate der praktischen Vernunft; Einsicht in 
ihre Wahrheit besitzen wir keine. Aber wenn Nikolaus 
Cusanus seinem „Intellectus" ein unbegreifHches Begi'eifen 
zuschrieb, so, scheint es mir, können wir sagen, daß Kant 
seiner „praktischen Vernunft" ein unglaubliches Glauben 
zumutet. Alles was bei ihm von Mitteln gegen den Skepti- 
zismus in Anwendung gebracht wird, ist so widernatürlich 
verschroben, wie es jedesmal in der Zeit der Reaktion gegen 
das zweite Stadium des Verfalles zu sein pflegt." — Das 
Erkenntnissurrogat eines logisch nicht zu rechtfertigenden 
Glaubens anzunehmen, ist einer Philosophie, die Wissen- 
schaft sein will, im Innersten zuwider, und Brentano hatte 
sich nicht von dem Offenbarungsglauben losgesagt, um sich 
einem Postulatenglauben zu verschreiben. Das mystische 
Verfallsstadium der deutschen Philosophie hebt mit den 

1 Vgl. Kritik der reinen Vernunft, Kehrbachsche Ausgabe (bei 
Eeclam) S. 153. 

5* 



68 

Si>.kiilationcn Kants an; denn nicht nur dio Postulate der 
praktischen Vernunft sind keine Erkenntnisquellen, auch 
die synthetischen Urteile a priori, als einsichtslose Urteile, 
können es niclit sein. Wenn AVindelband in einer Anzeige 
des eben genannten vSchriftchens erklärt, jedes Wort zu Bren- 
tanos Charakteristik des transzendentalen Idealismus sei 
überflüssig, und Ausrufungszeichen an die Stelle einer Wider- 
legung setzt, so legt er wohl für die festwurzelnde Autorität 
der Kantschen Lehre, nicht aber für ihre Eichtigkeit Zeugnis 
ab. Brentano erklärt schon die Unterscheidung von Er- 
weiterungs- und Erläuterungsurteilen als verfehlt. Denn jede 
Erläuterung ist Verdeutlichung von etwas Undeutlichem; 
so verdeutlicht z. B. die Helmholtzsche Klanganalyse das 
Wesen des Vokals a und durch solche Analyse wird unsre 
Erkenntnis erweitert. Wichtiger aber ist, daß Kant ganz 
mit Unrecht annahm, daß, wo Subjekt und Prädikat identisch 
seien, der Satz a priori als walir einleuchte. Nimmt man 
„A ist A" affirmativ, so leuchtet er nicht von vornherein 
ein. Er ist von der Existenz von A und nicht von dem 
bloßen Begriff von A bedingt. Der Satz „Ein Pferd ist ein 
Pferd" schließt den Satz ein „Es gibt ein Pferd" — und 
dieser Satz ist — nach Kant selbst — synthetisch, i Nimmt 
man aber den Satz „A ist A" negativ, so fällt er mit dem 
Kontradiktionsgesetz zusammen und enthält weder Subjekt 
noch Prädikat. Die Grimdfrage der Kritik der reinen Ver- 
nunft: „Wie sind synthetische Urteile a priori möghch?" 
saüt in deutliche Worte übersetzt nur dies: Unter welcher 
Voraussetzung ist es ohne die äußerste Unwahrscheinlich- 
keit denkbar, daß gewisse blinde Vorurteile sich bei der 
Anwendimg auf das Erfahrungsgebiet (bezAv. auf das, was 
Kant als solches bezeichnet, und Avas, sofern es sich um 
die sogenannte äußere Erfahrung handelt, keine echte 
Wahrnehmung ist), nicht als falsch erweisen? Setzt man 

1 Vgl. A. Marty Gesammelte Schriften IT.. 1 S. 189. Humes und 
Kants Lehre vom Existentialsatz. 



69 

an die Stelle blinder Yorurteile Urteile, welche im wahren 
Sinne des Wortes Erkenntnisse sind, d.h. evidente Urteile 
a priori, so wäre es abgeschmackt zu fragen, unter welchen 
Voraussetzungen sie sich, aiif irgendwelches Gebiet an- 
gewandt, ohne äußerste Unwahrscheinlichkeit als wahr er- 
weisen werden, da sie ja, wenn evident, eo ipso unter 
allen Bedingungen wahr sein müssen. Mit jener Voraus- 
setzung aber — mit der „kopernikanischen Wendung" — , 
die Kant für seine synthetischen Urteile a priori macht, 
hat er gar nichts erreicht. Sie kann ihnen die ihnen als 
blinden mangelnde Sicherheit nicht geben, da sie ja selbst 
weder unmittelbar einleuchtet, noch als wahr erwiesen ist. 
Sie erscheint als eine willkürliche Forderung, welche die 
Skepsis mit Recht verurteilt. Es ist also durch die Ver- 
kündigung des Kausalgesetzes als eines synthetischen Urteils 
a priori gegen die Zweifel Humes nicht das geringste 
gOAVonnen — vielmehr ist durch die Einschränkung seiner 
Kompetenz von den „Dingen an sich" auf die sog. Phänomene, 
d. h. auf die Dinge, sofern wir sie zu unsern Objekten 
machen — also auf das Erscheinende, Vorgestellte, Gedachte 
als solches — alles verloren. 

30. Darin allerdings stimmt Brentano mit Kant voll- 
kommen überein, daß es zu wahrhaft allgemeinen Sätzen 
niemals durch bloße Erfahrung per enumerationem simplicem^ 
kommen könne. Das Kausalitätsgesetz, wenn wahrhaft all- 
gemein gültig, muß eine apriorische Erkenntnis, d. h. aus 
den Begriffen evident sein. 

FreiHch kann nicht geleugnet werden, daß seine Ein- 
sichtigkeit hinter der des Kontradiktionsgesetzes in gewisser 
Weise zurücksteht, sei es, daß die Einsicht aus den Begriffen 
bei ihm gewisser Vorbereitungen bedarf, die dort nicht nötig 
sind, sei es, daß wir leichter an ihm irre werden, oder sei 
es, daß beides der Fall ist. Ist doch Plato an der Wahrheit 

^ Vgl. Kant a. a. 0. S. 186 u. 648, u. Logik, herausgegeben von 
Jäsche, S. 208. 



70 

(]('s Satzes, daß os niclits Unbestimmtes, Universelles geben 
könne, irre geworden, obgleicli ein jeder auf die Frage, 
ob OS einen Hund geben könne, der weder ein Pudel, noch 
eine Dogge, noch ein Itattler, noch sonst in irgendwelclier 
andrer Art differenziert sei, mit nein antworten wird. In 
der Tat haben wir an früherer Stelle i gesehen, daß dieser 
Satz durch Rückführung auf den Satz des Widerspruchs als 
a priori einleuchtend dargetan werden kann. So glaubt 
Brentano denn auch, das Kausalitätsgesetz und den Satz 
vom ausgeschlossenen Zufall schlechthin auf Grund des 
Kontradiktionsgesetzes dartun zu können, obgleich er nicht 
leugnen möchte, w^as manche behaupten, daß er auch viel- 
leicht unmittelbar mit Evidenz erkennbar sei. Seiner 
Methode getreu hat er es nicht verabsäumt, vorerst den 
Begriff der Ursache zu klären und seinen Ursprung auf- 
zuweisen, indem er das Beginnen David Humes, die „im- 
pression" aufzuweisen, aus welcher er geschöpft ist, wieder 
aufnimmt und dort fortsetzt, w^o jener es, an dem Gelingen 
verzweifelnd, aufgegeben hat. Aus den Kollegien Brentanos 
ist diese Lehre in Meinongs Humestudien 1877 S. 118, S. 122 
übergegangen, um dort ohne Namensnennung polemisch 
behandelt zu werden. Vollständiger ist der Ursprung des 
KausaHtätsbegriffes nach Brentanos Lehre wiedergegeben in 
Martys „Raum und Zeit" S. 105 f. Brentano selbst hat das 
"Wesentliche mitgeteilt im Ursprung sittlicher Erkenntnis 
S. 51. Brentano glaubt — hierbei auf Aristoteles und Thomas 
als seine Yorgängcr verweisend 2 — daß wir den Begi'iff aus 
gewissen Akten bewußter Motivation schöpfen (Verursachung 
des Mittelwollens durch den Zweckwillen, des Denkens der 
Konklusion durch das Denken der Prämissen, des Einleuchtens 
der apriorischen Axiome ex terminis). — Trotz der von den 
genannten Schülern erhobenen Einwendungen hat Brentano 
sich nicht veranlaßt gesehen, diese Lehre zu modifizieren, 

1 S. 37. 

2 Vgl. Aristoteles und seine Weltanschauung, S. 48. 



^^^___^^_^___^^^^^^ 71 

indem er auch, jede Mitursache als wahre Ursache zu be- 
trachten sich berechtigt glaubt. 

Ist nun gegen David Hume festgestellt, daß wir es bei 
dem Begriffe der Ursache nicht mit einer Fiktion zu tun 
haben, so dient uns diese Konstatierung, um die von Kant 
in Verwirrung gebrachte Unterscheidung von ursächlicher 
Bedingung und Notwendigkeit wieder in ihr Recht ein- 
zusetzen: der Begriff der Notwendigkeit schließt ebenso- 
wenig jenen der Bedingung ein, wie der der Unmöglichkeit. 
Wie apodiktisch verneinende Urteile uns veranlassen^ von 
„unmöglich" zu reden, so sprechen wir, indem wir uns den 
analogen Begriff des apodiktisch Bejahenden synthetisch 
bilden, von Notwendigkeit, und das „unmittelbar Notwendige" 
ist das „unbedingt Notwendige". Das „bedingt notwendig" 
steht daher dem „unbedingt notwendig" gegenüber wie eine 
negative Erkenntnis einer affirmativen. Es ist nicht derselbe 
Gegensatz wie zwischen „relativ notwendig" und „absolut 
notwendig". Das relativ Notwendige, aber nicht absolut 
Notwendige wäre etwas, was, indem es ist, in der Existenz 
eines anderen seine Ursache hat, wälu-end dieses ebensogut 
sein als nicht sein könnte. 

Bei der Untersuchung des Satzes vom zureichenden 
Grunde scheidet nun Brentano die Frage, ob ein zufälliges 
Entstehen und Vergehen möglich sei, von der Frage nach 
der Möglichkeit eines anfanglosen Zufalls; falls ein solcher 
bestände, wäre die Frage nach dem letzten Warum ohne 
Antwort. Brentano ist jedoch mit Leibniz der Überzeugung, 
daß, wer das eine oder das andere behaupten wollte, einen 
Verstoß gegen das Gesetz des Widerspruchs begeht, und 
bemüht sich, was Leibniz unterlassen hat, dies auch zu 
zeigen. Obgleich er für diesen Zweck als genügend ansieht, 
daß, wer in sensu diviso Entgegengesetztes unter denselben 
Umständen für möglich hielte, es auch in sensu composito 
für möglich halten müßte, so legt er doch den größeren 
Nachdruck auf gewisse Betrachtungen, die er auf Grund 



72 

des Wahrscheinlichkeitskalkuls anstellt. Während er aber in 
früherer Zeit auf diese Weise bloß die unendliche Un- 
wahrschoinlichkeit zufälligen Entstehens, Vergehens und 
Bestehens aufwies, dient ilnn diese Methode nun dazu, um 
die Unmöglichkeit des Zufalls a priori zu erweisen. Die 
mannigfachen Einwendungen, die einer solchen Verwendung 
der Walirschcinliclikoitsrcchnung entgegengesetzt werden 
können, nötigen ilm zu besonderen Untersuchungen des 
Wahrscheinliclikeitsbegriffs und wiederholter minutiösester 
Erörterung gewisser Schwierigkeiten des Probabilitätskalkuls. 
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat Brentano in ihrer nicht 
zu überschätzenden Bedeutung für die induktive Logik 
früh erkannt und die Bemerkungan von Leibniz in ihrem 
Werte wohl gew^ürdigt. Er hat auch seine Schüler zur Be- 
schäftigung mit diesen Fragen angeregt; Stumpfs in der 
bayerischen Akademie der Wissenschaft erschienene Ab- 
handlungen zeugen hiervon. Th. Garrigue Masaryks Schrift 
„Dav. Humes Skepsis und die Wahrscheinlichkeitsrechnung" 
trägt die Spuren Bx-entanos. Auch die Übersetzung von 
Laplacens philosophischem Versuch über die Wahrscheinlich- 
keit von Norbert Schw^aiger verdankt dem Seminar Brentanos 
ihre Entstehung. Auch Hillebrands Abhandlung zur Hypo- 
thesenbildung kann in diesem Zusammenhang genannt werden, 
wie denn auch Meinongs diesbezügliche Ai-beiten hier ihre 
ersten Impulse empfangen haben. 

Nach Erledigimg der Einwürfe betrachtet Brentano die 
Frage, ob absolut zufälliges Entstehen und Vergehen möglich 
sei. Wäre dem so, so müßte in jedem beliebigen einzelnen 
Augenblicke eben so leicht oder jedenfalls nicht minder 
leicht ein abrupter Wechsel zwischen Sein und Nichtsein 
oder Nichtsein und Sein als ein Fortbestand des Seins 
oder Nichtseins eintreten können. Die Walirscheinlichkeit 
solchen Wechsels wäre somit für den einzelnen Moment 
mindestens einhalb. Allein, nichtsdestoweniger wäre es 
notwendig, daß ein abrupter Wechsel zwischen Sein und 



____^^__^^^^^^^^__^ 73 

Nichtsein unendlich seltener wäre als der Fall des Fort^ 
bestandes von Sein oder Nichtsein, denn jeder abrupte Wechsel 
findet in einem Zeitpunkte statt und keine zwei Zeitpunkte 
können unmittelbar einander folgen; sie müssen durch eine 
Zeitlänge getrennt sein. Nun ist es aber widersprechend, 
daß in jedem einzelnen Punkt die Wahrscheinlichkeit des 
abrupten Wechsels mindestens einhalb ist und doch von 
der Gesamtheit der Punkte notwendig unendlich mehr 
ohne abrupten Wechsel als mit abruptem Wechsel vorkommen, 
also sehen wir uns durch die Annahme zufälligen Entstehens 
oder Vergehens zu einem AViderspruch geführt. 

Die Frage nach der Möglichkeit eines anfangslosen 
Zufalls wird von Brentano in analoger Weise behandelt: es 
werden die aus solcher Hypothese sich ergebenden Folge- 
rungen für die Wahrscheinlichkeiten der Erfüllung oder 
Nichtei'füUung von E-äumen untersucht und gezeigt, daß sie 
zu Widersprüchen führen. Nach umsichtiger Erwägung ver- 
scliiedener Einwendungen, die ihm von befreundeter Seite 
brieflich mitgeteilt worden waren, oder die Brentano selbst 
in unermüdlicher Aufspürung von Aporien erhoben hatte, 
glaubte er das geleistet zu haben, was er bei Leibniz ver- 
mißte: die Zurückführung des principium rationis sufficientis 
auf den Satz des AViderspruchs. Der Satz : nichts kann sein, 
ohne, sei es mittelbar oder unmittelbar, notwendig zu sein, 
schien ihm gesichert. 

31. Da sich nun leicht zeigen läßt, daß nichts von dem, 
was in unsere Erfahrung fällt, unmittelbar notwendig ist, 
so ist der Schluß auf etwas Transzendentes, das unmittelbar 
notwendig ist, unausweichlich. Hierbei nimmt er Gelegenheit, 
die Art und Weise, Avie Kant die Gedankengänge des kosmo- 
logischen Argumentes darstellt, als unzutreffend zu kenn- 
zeichnen. Insbesondere habe er auf Leibniz nicht die ge- 
botene Rücksicht genommen. Nicht von der Existenz von 
Dingen sclilechthin, sondern von solchen, die nicht unmittelbar 
notwendig („kontingent") sind, nimmt Leibniz seinen Aus- 



74 

gan^% und indem das unmittelbar notwendige "Wesen als Ur- 
sacho solcher Dinge erschlossen wird, von denen eine be- 
liebig große Zalil und eine beliebig verschiedene Ordnung 
gleich möglich^ ist, während eine derselben mit der anderen 
sich nicht verträgt, kommt die Hypothese eines mit 
Verstand bevorzugenden unmittelbar notwendigen "Wesens 
gegenüber einem blind wirkenden in unermesslichen Vorteil. 
Denn alles, was blind Avirkt, scheint eine gewisse aus- 
schließliche Beziehung zu dem, was wirklich aus ihm resul- 
tiert, haben zu müssen. Bei dem Aveiteren Fortgange dieser 
Erwägungen gelangt man, nach Brentanos Darlegungen, von 
dem Schluß auf ein unmittelbar notwendiges Wesen nicht 
nur zu dem eines Verstandes, sondern eines unendlichen 
Verstandes, ja eines unendlich vollkommenen Ur-Dinges. Wohl 
handelt es sich bei all dem um AVahrscheinlichkeiten, aber 
Brentano zeigt, daß wir es nicht mit einem Argument von 
bloß endlicher Wahrscheinlichkeit zu tun haben. Obgleich 
Brentano hier vieles von jener philosophischen Tradition 
wieder aufnimmt, die durch Kants Kritik unterbrochen wurde, 
so wahrt er sich doch auch jener gegenüber die Selbständig- 
keit des Denkens. Da nichts, was uns in der Erfahrung 
vorliegt, ohne zeitliclien Wechsel ist, so ist es schlechterdings 
unmcicrlich, daß etwas, was selbst ohne allen Wechsel ist, 
Ursache eines Wechsels werde. In diesem Sinne gibt er 
Trendelenburg recht, der ganz richtig gesagt habe, es sei 
denkbar, daß Bewegung zur Ruhe, nicht aber daß Ruhe zur 
Bewegung führe. Die Lehre von dem schlechthin veränderungs- 
losen ersten Beweger ist nicht aufrecht zu erhalten. 

Das was wir oben über den allgemeinen Begriff des 
Dings als Grenze, die einem primären zeitlichen Kontinuum 
zugehöre, gesagt haben, weist auf einen Charakterzug des 
ersten Prinzipes hin, jenes Ur-Dinges, durch das alle anderen 
sind und verharren. Auch bei ihm muß das Sein in einem 
kontinuierlichen Verlauf bestehen, der in Richtung und Ver- 
lauf vollkommen gleichmäßig eindimensional und unmittelbar 



75 

notwendig ist. Er ist dies aber nur einer seiner Grenzen 
nach, welche von jeder andern als später oder früher und 
als seiende von nichtseiender, ja als notwendige von un- 
möglicher absteht. Dieser "Wechsel aber, weit davon entfernt, 
das Frühere 'ind Spätere in Gegensatz zu zeigen, ist gerade 
darum verlangt, um jeden Gegensatz zwischen Früherem und 
Späterem in dem ersten Prinzip auszuschließen. Nur dann 
bleibt es vollkommen mit sich selbst in Einklang, wenn es 
entsprechend dem Wechsel in dem Sein der von ihm gewirkten 
Dinge eines in ebendemselben Maße wechselndenWissens teil- 
haft ist, und nicht etwas, was es jetzt als in hundert Jahren 
seiend erkennt, nach hundert Jahren unverändert als in 
hundert Jahren seiend erwarten würde. Was wäre das für 
ein Gott, der zwar den ganzen Weltlauf kennte, aber nicht 
wüßte, bis zu welchem Moment der Entwicklung er gelangt 
sei! Unter den Gegnern des Gottesgedankens ist es David 
Hume, dessen Einwürfe Brentano als die scharfsinnigsten 
und beachtenswertesten hervorhebt. So ist es z. B. gewiß 
eine Bemerkung, die Aufmerksamkeit verdient, wenn Hume 
geltend macht, es sei nichts erklärt, wenn man die Ordnung 
der Welt aus dem göttlichen Verstände erklären wolle, denn 
das hieße eine Ordnung durch eine andere erldären, nämlich 
durch die im Verstände Gottes vorbestehende. Brentano er- 
widert, es könne, wenn eine gewisse Ordnung erklärungs- 
bedürftig sei, weil sie nicht in sich selbst notwendig ist, 
wie z. B. die in einem Organismus bestehende, durch Zurück- 
f ührung auf eine andere homogene Ordnung keine Erklärung 
geliefert werden, weil diese Ursache ebensowenig unmittelbar 
notwendig sein kann wie die homogene Wirkung. Ganz 
anders, wenn wir einen ordnenden Verstand annehmen; dieser 
ist dem geordneten Körperlichen nicht homogen. Man hat 
nur die Wahl zwischen unbewußtem und bewußtem Prinzip. 
Das Unbewußte kann nicht unmittelbar notwendig sein, eben 
weil es dem Gewirkten homogen ist. Wenn das Bedingende 
dem Bedingten homogen ist, kann, wenn das letztere auch 



76 

das erstero nicht in sich notwendig sein. Auch ist der Ver- 
stand nicht im selben Sinne eine Ordnung wie die Welt. 
Denn das von ihm Gedachte als solches, welches geordnet 
erschiene, wenn es wäre, ist ja nicht, sondern das Denken 
ist und dieses ist eine Einheit. 

32. Ohne den Entwicklungsgedanken zu bestreiten, der 
vielmehr nach Brentano auf das ganze Universum als welt- 
beherrschendes Gesetz auszudehnen ist, hat Brentano doch 
den spezifisch Darwinschen Erklärungsversuch der all- 
gemeinen Umbildung niemals anerkannt und ihn für nicht 
minder unannehmbar bezeichnet als den von Lamarck. Es 
ist sehr bedauerlich, daß die betreffenden Teile seiner Vor- 
lesung nicht veröffentlicht worden sind. So konnte es ge- 
schehen, daß viele seiner kritischen Bemerkungen inzwischen 
von anderen gemacht wurden. Hat Darwin selbst bei dem 
Gedanken, wie die Bildung neuer Organe und ihre Ent- 
wicklung bis zur ersten Brauchbarkeit sich erklären solle, 
einen gelinden Schauer empfunden, so hat Brentano darauf 
verwiesen, daß zufällige Variation und natürliche Auslese bei 
der Vervollkomnmung schon hoch entwickelter, sozusagen 
exquisiter Organe neue Eätsel aufgibt, weil in solchen 
Fällen das Zahlenverhältnis der möglichen günstigen und 
imgünstigen zufälligen Abweichungen die letzteren in stets 
wachsender Majorität erscheinen läßt. Boltzmanns Lehre von 
der Destruktion der Ordnung durch sich häufende Zu- 
fälle steht zu dieser Behauptung Darwins, nach welcher, 
auf organischem Gebiete wenigstens, die sich häufenden 
Zufälligkeiten mit höchster Wahrscheinlichkeit zum Aufbau 
einer immer vollkommeneren Ordnung führen würden, in 
bemerkenswertem Gegensatz. Der AVahrscheinlichkeitsbruch 
für die Frage, ob der Schein der Teleologie als wirkliche 
Teleologie zu begreifen sei, ergibt sich aus dem Vergleich 
der Zahl der gleich denkbaren Fälle, welche eine so aus- 
gezeichnete Ordnung zeigen, mit jenen, die sie nicht zeigen. 
Forscht man danach, so ergibt sich eine unendliche Majorität 



^____ 77 

der Fälle der Unordnung. Nur durch Anwendung dieses 
Gedanlvens konnte Boltzmann es unternehmen, die Entropie 
verständlich machen zu wollen. Und Brentano erklärt es 
für höchst sonderbar, daß man in gleicher Weise Darwin 
und Boltzmann. Beifall zolle. 

Wie Leibniz, so glaubte auch Brentano eine opti- 
mistische AA^eltanschauung rechtfertigen zu können. Auch 
für ihn ist der Weltprozess nichts anderes als ein unendlicher 
Entwicklungsprozeß. Hat Leibniz den modernen Entwicklungs- 
gedanken vorausgedacht, so denkt ihn Brentano zu Ende. 
In einem unendlichen Aufstieg sieht er das Endziel oder 
richtiger gesagt das Ziel ohne Ende, das teleologische Welt- 
gesetz, das mit dem kausalen vereint alles Geschehen durch- 
waltet. Das Universum kann nach einem aristotelischen Wort 
nicht, einer schlechten Tragödie gleich, in lauter Episoden 
zerfallen. Gibt es außer unserer dreidimensionalen Welt etwa 
noch anders gestaltete Topoide von vier und mehr Dimen- 
sionen — und was sollte uns hindern dies anzunehmen ^ — 
so ist es der Strom des geistigen Lebens, der, von unserer 
räumlichen Erfahrungswelt in jene Überräume hinüberflutend, 
die Einheithchkeit des Kosmos aufrecht erhält. Denn wie mit 
einem dreidimensionalen Gehirne, so kann die seelische, un- 
ausgedehnte Substanz auch mit einem Organe höherer Mannig- 
faltigkeit in Wechselwirkung treten. So eröffnen sich un- 
endliche Perspektiven, wie sie sich in gleicher Großartigkeit 
kaum noch einem anderen Denker aufgetan haben, wollte 
man nicht etwa Spinoza ausnehmen, der, indem er neben 
den beiden empirischen Attributen seiner Gott-Natur noch 
unendlich viele unbekannte lehrt, an einen ähnlichen Ge- 
danken rührt. Doch durch den Pantheismus Spinozas ab- 
gestoßen, fühlt sich Brentano vielmehr zu Aristoteles und 
Leibniz hingezogen. Und diesen großen Lehrern der Mensch- 
heit ebenbürtig wird ihn — daran zweifle ich nicht — die 
Zukunft erweisen. 

' Vgl. Die vier Phasen der Philosophie, Anmerkung 62. 



78 

33. So liabcn wir denn einiges aus dem gewaltigen Fragen- 
komplexe gestreift, dem Brentano sein vorzüglichstes Nach- 
denken zugewendet hat. Der Inhalt seiner großen historischen 
Arbeiten blieb hierbei — um diese Schrift nicht allzusehr 
anschwellen zu lassen — vollständig außer Betracht. Was 
seine Veröffenthchungen zur systematischen Philosophie an- 
langt, so haben wir uns aus dem gleichen Grunde in wesent- 
lichen Punkten mit dem eindringhchen Hinweis auf sie be- 
gnügt. Zur Rechtfertigung seiner Dreiteilung der ])sychischen 
Beziehungen in Vorstellungen, Urteile imd Gemüts- 
fcätigkeiten ist von ihm und andern so eingehend ge- 
handelt, die Verankerung der drei praktischen Diszij)linen: 
der Ästhetik, Logik und Ethik in jeder dieser drei Grund- 
klassen wiederholt! so im einzelnen dargelegt worden, daß 
wir in diesem Augenblicke nichts Neues hätten hinzufügen 
können. Mit Recht hat auch Freiherr von Pidoll in seinen 
erwähnten „Erinnerungen" auf die außerordentUche Be- 
deutung aufmerksam gemacht, die gewisse Schriften Brentanos 
für den Juristen und Politiker besitzen. Die Polemik gegen 
Rudolf Jhering über den Begriff des Rechtes im „Ursprung 
sittlicher Erkenntnis", seine Ausführungen über die Aufgabe 
der innern und äußern Politik in der „Zukunft der Philo- 
sophie", seine weit ausgreifenden Arbeiten über das Ehe- 
hindemis der höheren AN'eihen nach österreichischem Recht 
seien darum auch hier besonders hervorgehoben. Brentanos 
„letzte Wünsche füi' Österreich", jener Aufsehen erregende 
Mahnruf, den er 1894, anläßlich seines Scheidens von Wien, 
an die österreichische Regierung richtete, waren es, in denen 
er unter anderem eine freiheitliche Auslegung des § 63 des 

» Vgl. A. Marty, „AVas ist Philosophie?" (Eektoratsvortrag), Ge- 
sammelte Schriften I, 1, Halle 1916. J. Eisenmeier „Die Psychologie 
und ihre zentrale Stellung in der Philosophie", Halle 1914. 

* Er lautot: „Geistliche, welche schon höhere Weihen emp- 
fangen; sowie auch Ordenspersonen von beiden Geschlechtem, welche 
feierliche Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt haben, können keine 
gültigen Eheverträge schließen." 



79 

allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches 2 als jene nachwies, 
die dem Buchstaben, der Entstehungsgeschichte und dem 
Geiste des Gesetzes entspricht. Der eifervolle Widerspruch 
des Prager Universitätsprofessors Horaz Krasnopolski nötigte 
ihn zu einer Reihe weiterer zeitraubender Studien und 
Arbeiten, die im unten folgenden Schriftenverzeichnis an- 
gegeben sind. Die Auffassungen, die in diesen Meisterwerken 
juristischer Methodik verfochten werden, hat der größte 
österreichische Jurist Josef Unger in der Festschrift zur 
Jahrhimdertfeier des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches 
als die richtigen erklärt. 1 In unserer Zeit, wo das Interesse 
für eine Rechtsmethodik in weitesten Kreisen erwacht ist, 
kommt diesen klassischen Untersuchungen erhöhte Bedeu- 
tung zu. 2 

Die eben erwähnte literarische Fehde und die daran 
sich knüpfende Abwehr persönlicher Angriffe, auf die ich 
in anderem Zusammenhang zurückkommen möchte, ist das 
letzte Ereignis gewesen, das Brentano für längere Zeit von 
der Philosophie abzog. Von da ab verlief sein äußeres Leben 
in gleichmäßig ruhigen Bahnen. Nach kurzer Wanderzeit 
ließ er sich in Florenz nieder, vertauschte es wohl zeitweilig 
aus Gesundheitsrücksichten mit Palermo, aber alljährlich 
führte ihn der Sommer nach der Wachau in das hebliche 
Donautal zurück, wo das gastfreie Schönbüliler Haus seine 
Freunde und Schüler um ihn versammelte. 

Zeitlebens hat sich Brentano den hohen Sinn für das 
Gut der Freundschaft in jener edelsten Form gewahrt, wie 
sie Plato verherrlicht und Aristoteles preist. Gern gedachte 
er seines Jugendfreundes, des Dominikanerpriors Adler, der, 

' Vgl. auch die Sonderausgabe „Priesterehen und Mönchselien" 
von Josef Unger, Jena 1910. Schon früher hatten die Rechtsgelehrten 
Glaser und Maassen, letzterer auch literarisch, die gleiche Ansicht 
vertreten. Der Zentrumsabgeordnete Lieber stimmte brieflich zu. 

2 Vgl. meinen Artikel : „Die leitenden Grundsätze der Gosetzes- 
interpretation" in der Zeitsclirift für das Privat- und öffentliche Recht 
der Gegenwart, XXXII. Ed., 1905. 



80 

jüdischer Abstammung, durch ihn dem Christentum zugeführt 
worden war, und der noch in seiner Sterbestunde den Freund 
in sein Gebet einschloß; rühmend sprach er von den Tugenden 
seines Jugendgenossen, des berülimten Pjildhaucrs Kaspar 
Zumbusch, den ein ähnlicher Lebensweg nach Wien geführt 
hatte, und von den sympathischen Charaktereigenschaften 
des kunstsinnigen Herz von Hertenried. In freundlichem 
Andenken behielt er von seinen Wiener Fakultätsgenossen 
den angesehenen Slavisten Miklosich und den greisen Zoo- 
loo-en Claus. Mit Ehrfurcht hörte ich ihn die Namen älterer 
Freunde und Berater nennen: den seines Erziehers, des Lyzeal- 
professors und Hofbibliothekars Josef Merkel, dem er dankbar 
die „Psychologie des Aristoteles" ge\\admet hatte, des ihm 
väterlich gesinnten, weisen Benediktinerabtes Haneberg, der 
ihm Avährend seiner Glaubenskrise Zuflucht und Beistand 
gewährt hatte, und des vornehm denkenden Ignaz von Plener. 

Kindliche Pietät und Dankbarkeit sprechen aus manchen 
seiner formvollendeten Gedichte, die er seiner edlen Mutter 
widmete. Ein starker Familiensinn beseelte ihn bis in sein 
höchstes Greisenalter. Mit gleichem Interesse verfolgte er 
das Los seiner Geschwister, die das Schicksal über ganz 
Europa zerstreut hat. Hatte ihn sein künstlerischer Hang 
nach Italien gelockt, so fand ihn der Ausbruch des italieni- 
schen Krieges in Zürich, die eine Schwester — die Witwe 
nach Peter le Page Renouf , dem berühmten Ägyptologen — 
in London, die andere — die Gattin des Professors Theophil 
Funck — in Paris, den Bruder Lujo und die jüngste Schwester 
in und bei München. So fühlte er, dessen Gattin aus Öster- 
reich stammte, — obgleich er die Sache der Mittelmächte 
in ihrem Ursprung als eine gerechte imd reine erldärte — 
die eanze Trajjik des brudermörderischen yölkerz\%-istes in 
tiefstem Herzen. 

Manche edle Frauengestalt hatte ?u seinem Freundes- 
kreise gezählt. Dem Verkehr mit der dichterisch begabten 
Dora Freifrau von Gagern verdankte die erste Auflage seines 



81 

Rätselbuches ihre Entstehung; auch die befreundete Ebner- 
Eschenbach schätzte seine poetischen Erzeugnisse und 
wünschte dringend ihre Veröffentlichung. In Florenz kam 
er mit Isolde Kurz und deren Mutter in Berührung, während 
die Begegnung mit Waldwiga v. Meysenbug in Rom flüch- 
tiger gewesen zu sein scheint. Aus der Aschaffenburger Zeit 
blieb er in dauernder Beziehung zu der Familie seiner Jugend- 
freundin Karoline Hauser-Edel, deren Tochter ihm längere Zeit 
als Seki'etärin zur Seite stand. In Wien hatte er sich häufig in 
der literarischen Zentrale der Verlegersgattin Rosa Gerold 
eingefunden. Die Damen Wertheimstein, Mutter und Tochter, 
letztere einst die gefeierteste Schönheit Wiens, standen seinem 
Herzen besonders nahe. Ida Lieben, die er sich zur Gattin 
gewählt, rühmt jeder, der sie kannte und er selbst als Ver- 
körperung der Klugheit, Hingebung und Güte. Nach ihrem 
Tode fand er im Jahre 1897 in Emilie Rueprecht, seiner 
Nachbarin von Schönbühel her, die zweite Lebensgefährtin, 
die nicht nur seinem jungen Söhnchen die zärtlichste Mutter 
werden sollte, sondern auch mit unermüdlicher Liebe ihn selbst 
betreute und der Sorglosigkeit steuerte, mit der ihr Gatte 
den Gefährdungen seiner Gesvmdheit Trotz zu bieten pflegte. 
Ein treuer Anhänger entstand Brentano in Mario PugUsi, 
den er in Florenz kennen lernte und der späterhin die 
„Klassifikation der psychischen Phänomene", mit einer 
biographischen Einleitung und Einführung versehen, ins 
Italienische übersetzte. Innige Sympathie verband Brentano 
mit seinem Nachbarn, dem russischen General Zoubow, dessen 
berühmter Garten bei der Villa dell' ombrellino (BeUosguardo) 
mit seinen Wandelgängen und Loggien ihm jederzeit offen- 
stand. Nicht minder herzlich gestalteten sich die Be'ziehungen 
zu Stalle, dem Verfasser des bekannten Werkes: „Die Begriffe 
und Theorien der modernen Physik", das Brentano mit großem 
Interesse kritisch glossierte. Ebenso hat E. Boltzmann, der 
geniale Physiker, in seinen letzten Lebensjahren Anschluß 
an Brentano gesucht und gefunden. Im .Tahr U)08 reiste er 

Kraus, Franz Brentano. 6 



82 

nach l-'loronz uml wurde l);il(l als willkommener Gast im 
Hause Brentanos heimisch. In Italien hatte Brentano eine 
o-anze Reihe philosophischer Freunde gewonnen; in Palermo 
wurde er der Mittelpunkt eines philosophischen Kreises, aus 
demDr. Amato hervorragte. Die Verehrung, die ihm dort ent- 
<Tegengebracht wurde, nahm mitunter enthusiastisclie Formen 
an. Eine Anzalil jüngerer Forscher, darunter Professor Vailati 
und andere, suchten ihn auf, und freigebig wie immer, er- 
schloß Brentano ihnen seinen geistigen Reichtum. Mehrere Ab- 
handlungen in Briefform an die Philosophen Professor Faggi, 
Guastala, Amato sind auf diese Anregungen zurückzufilliren. 
Überhaupt bildet der Briefwechsel Brentanos eine dei- 
wichtigsten Quellen für die Kenntnis seiner T^ehre. Der 
briefliche Verkehr mußte ihm oft Ersatz bieten für die un- 
mittelbare persönHcho Einwirkung und Lehrtätigkeit, nach 
der er sich sehnte, und besonders die schriftliche Auseinander- 
setzung mit verständnisvollen, in die Eigenart seines Denkens 
eingelebten Schülern und Enkelschülern w^urde von Italien 
aus eifrig gepflegt. Die Kontroversen mit Marty z. B. sind 
Fundgruben ersten Ranges für die Kenntnis gewisser Ent- 
wicklungsphasen seiner Philosophie; wertvolle psychologische 
Erörterungen finden sich unter anderem in Briefen an Hille- 
brand, Stumpf und manche seiner Hörer; metaphysische und 
religionsphilosophische Fragen kommen in Briefen an Her- 
mann Schell zur Besprechung und eingehende briefliche 
Kritik übte er an den polygamischen Reformideen und 
kosmogonischen Spekulationen des Freiherrn von Ehrenfels; 
mit Gelehrten wde Boltzmann, Mach, Enriques, mit Luto- 
slavski, Eugen Reifes, Gustav Schneider wurden wissenschaft- 
liche Briefe gewechselt. Mit dem Neurologen Doktor Josef 
Breuer, seinem bewährten Hausarzte, führte er lange schrift- 
liche Diskussionen über die Darwinsche Hypothese und 
daran anknüpfende Fragen. Auch seinen Enkelschülern 
widmete er ausführHche Schreiben, w^ann immer sie sich 
mit Fraj^en oder mit Einwürfen an ihn wandten. Viele von 



^__ 83 

ihnen und gar mancher seiner ehemaligen Hörer pilgerten 
nach Florenz und jene, welche die weite Reise scheuten, 
konnten sicher sein, zur Sommerzeit in Schönbühel auf das 
herzlichste willkommen geheißen zu werden. Oft beherbergte 
auch Kellergeschoß und Mansarde die Freunde, die das 
Gastzimmer nicht mehr aufnehmen konnte. Diesen Verkehr 
mit philosophisch interessierten Männern und Wahrheits- 
suchern hat Brentano niemals missen wollen. Er war ihm 
— ich hob es schon hervor — unabweisliches Bedürfnis. 
Darum entlud sich sein Mitteilungs- und Lehrdrang ge- 
eigneten, mitunter auch ungeeigneten, Persönlichkeiten 
gegenüber geradezu eruptiv; er überschüttete den Hörer, 
mochte er auch von langer Reise noch so erijiüdet 
und noch so wenig aufnahmsfähig sein, mit einer über- 
quellenden Fülle von Gedanken, i die zu erfassen selbst für 
den Lernbegierigsten kaum möglich war. Nur wer gleich 
oder unmittelbar darauf das Gehörte aufzeichnete, war im- 
stande, es zu verarbeiten und zu bewahren, so z. B. enthält 
Martys Nachlaß Hunderte Blätter, gefüllt mit Notizen, die 
seinen jährlichen Ferialbesuchen entstammen. 

Für den Schreiber dieser Zeilen bedeuteten die Wochen, 
die er in Schönbühel oder Florenz im Verkehr mit Brentano 
verleben durfte, Tage des Glückes und der reinsten geistigen 
und sittlichen Erhebung. Kaum vermochte das Bewußtsein, 
einem des Augenlichtes Beraubten gegenüberzustehen, dieses 
Hochgefühl zu trüben. Ja die klaglose Heiterkeit des Blinden 
sprach imi so ergreifender für die Ki-aft und Tiefe seiner 
philosophischen Überzeugung. Zu spät hatte Brentano die 
Abnahme seiner Sehkraft den Ärzten offenbart; zwei pflück- 
lieh verlaufende Operationen hatten seine nahezu völlige 
Erblindung nur noch zu verzögern vermocht. Aber seine 
Energie blieb ungebrochen. x41s 1914 Anton Marty starb, 
hielt ihn nichts zurück, seiner Freundespflicht Genüge zu 
tun; von seiner Gattin geleitet, reiste er nach Prag, um an 

' Vgl. Professor Utitz" Nachruf in den Kantstudion, XXII. Bd. 

6* 



84 ______ 

(lor Stiitto, wo dieser ^rrcnesto der '^rreuon sein Grab ge- 
fiiii(l(Mi li;ittc, den D.uik für Ifljcnslang bowalirte Liebe und 
Freundschaft zu zoJlen. 

Im Herbst IDKi, nach zweijähriger Trennung, trieb die 
Sehnsucht meinen Freund Kastil und mich nach Zürich. 
IJrentano hatte auf dem Zürichb(!rg(! Wohnung genommen. 
Einige Freunde der Philosophie pflegten sich auch dort um 
ihn zu versammeln; mehrere Stunden täglich widmete ei- 
der Niederschrift eines religionsphilosophischen Werkes, das 
abgeschlossen vorliegt und seine Stellung zum Christentum 
in fesselndster Weise darlegt, und diktierte jene knap[)en 
Entwürfe seiner Weltanschauung und Erkenntnistheorie, 
denen die vorstehende Skizze einige Grundzüge und Kapitel - 
stellen entnommen hat; unter jenen Diktaten findet sich 
auch eine Vorlesung über die Geistigkeit der Seele, die er 
in unverminderter Lehrfreudigkeit vor wenigen Gästen seines 
Hauses hielt. 

AVir trafen den Meister womöglich noch vergeistigter 
als früher: das Auge völlig erloschen, die hohe Gestalt un- 
gebeugt, vom Adel seiner Persönlichkeit umflossen; ab- 
gezogen von der Sinneswelt, in die tiefsten ]-*robleme ver- 
senkt. Fhffürclitig fühlten wir einem ganz Vollendeten nalie 
zu sein. Noch während meiner Anwesenheit erkrankte er 
an einer Blinddarmentzündung; er überstand den Anfall 
glücklich und ich konnte ihn als Genesenden verlassen. Im 
März des nächsten Jahres wurde er rückfällig. Ein unauf- 
haltsamer Kräfteverfall setzte am 17. März seinem Leben ein 
Ende, das mit dem 16. Januar die Schwelle des 80. Jahres 
überschritten hatte. Nicht einen Augenblick hatte ihn, selbst 
während der qualvollsten Schmerzen, sein Gottesbewußtsein 
verlassen. An dem Grabe des Konfessionslosen, das nur 
wenige Freunde umstanden, sprach Fr. W. Foerster, sein 
Nachbar auf dem Zürichberg, einige der Weihe der Stunde 
angemessen^ Worte des Abschiedes. Auf dem Friedhof Sihl- 
feld ruht, was sterblich an ihm war. 



ANHANG I: 

ERINNERUNGEN AN FRANZ BRENTANO 



VON 

CARL STUMPF 



Was der Leser hier von mir erwartet, ist Tatsächliches 
über Brentanos Leben und seine Persönhchkeit, sowie über 
die Entstehungsgeschichte seiner philosophischen Lehre. "Was 
ich aber in erster Linie zum Ausdruck zu bringen wünsche, 
das ist die Liebe und Dankbarkeit, die ich meinem großen 
Lehrer schulde und bis zum letzten Atemzuge bewahren 
werde. Zum Bestand seines inneren Lebens gehörten mehr 
als bei vielen anderen Forschern die innigen Beziehungen, 
die ihn mit Schülern verknüpften und auf deren Pflege er 
selbst in höchstem Maße bedacht war. Daß die Berliner 
Unrast und Überlastung mich verhinderten, die in den Jugend- 
jahren begründete enge Fühlung in gleicher Weise aufrecht 
zu erhalten, empfand ich immer schmerzlich. Mein Freund 
Martv und seine Schüler waren darin glücklicher. Aber über 
die wichtigsten Entwicklungsjahre Brentanos, über seine 
Würzburger Zeit zu berichten, ist gegenwärtig keiner so 
wie ich in der Lage, und darum unterziehe ich mich gern 
dieser Aufgabe und freue mich, diese auch für mich ent- 
scheidende Zeit nach einem halben Jahrhundert im Fluge 
der Erinnerung noch einmal zu durchleben. 

1. Habilitation 1866. Brentano als Lehrer. Unser 
Verkehr in AVürzburg und Aschaffenburg. 
Ich sah und hörte Brentano zuerst am 14. Juli 1866 bei 
■der sehr besuchten öffentlichen Disputation zum Zwecke 
der Habilitation in Würzburg. Es war eine unruhige Zeit. 
An demselben Tage tobte die Schlacht bei Aschaffenburg, 
unserer gemeinschaftlichen Heimat. Ich war ihm dort, da 
meine Eltern erst 1868 dahin gezogen waren • und er das 
(lymnasium längst verlassen hatte, bisher nicht begegnet 
und hatte wohl auch nichts von ihm gehört. Es ist ein 
Spiel des Zufalls, daß ein bekannter österreichischer Ge- 
schichtsforscher, Karl Friedrich Stumpf-Brentano, nicht nur 
die beiden Namen verband, sondern aiich mit mir die gleichen 
Vornamen trug. Dieser war durch seine Heirat mit einer 



88 

PVcUikfiirtor Jjrentano (derselben, an di«- ein aus dec Müncliener 
»Studienzeit stammendes hübsches kleines Gedicht Brentanos 
gerichtet ist) ein Verwandter des iirentanoschen Hauses ge- 
worden. Meine Familie stand aber in keinerlei Beziehung 
weder zu der Brentanos, noch zu der des österreichischen 
Stumpf. In meinen ersten Studiensemestern, Winter 65 und 
Sommer 66, hatte ich in Würzburg, wie es in Bayern vor- 
geschrieben war, allgemeinere Vorlesungen gehört, darunter 
auch philosophische bei dem Baader-Schüler Franz Hoffmann, 
dessen geschwätzigbreite Art niemand anziehen konnte, und 
bei dem Philologen Urlichs, der in elegantem, aber philo- 
sophisch nicht tiefer eindringendem Vortrag Ästhetik untf-r 
Anlehnung an Kants Kritik der üi-teilskraft \'ortrug. Im 
Sommer 66 hatte ich aber auch schon mit einem Fachstudium, 
dem der Rechtswissenschaft, begonnen und dabei namentüch 
an den Pandekten Köppens, an seiner sorgfältigen und scharf- 
sinnigen Durchführung der Kontroversen Gefallen gefunden. 
Die Anzeige von J3rentanos Disputation lockte mich und 
meinen älteren Bruder, dem Turnier beizuwohnen. Brentano 
hatte nicht weniger als fünfundzwanzig lateinische Thes(;n 
über sämtliche Gebiete der Philosophie aufgestellt, über die 
aber in deutscher Sprache disputiert wurde. Hoffmann und 
Urlichs opi)oniertcn, violleicht auch noch andere. Die Art^ 
wie Brentano seine Thesen verteidigte und erläuterte, offen- 
barte eine solche Überlegenheit über die Angreifer, daß ich 
mir den Besuch seiner Vorlesimgen für den Winter vornahm. 
Hinter jeder dieser Thesen stand, das zeigte sich teils bei 
der Disputation selbst, teils später in den Vorlesungen, eine 
gründlich durchdachte Theorie. Besonders freuten wir uns, 
daß er für die Philosophie keine andere Methode als für 
die Naturwissenschaft in Anspruch nahm und darauf seine 
Hoffnungen für eine Wiedergeburt der Philosophie begründete. 
Es war eine neue, eine unvergleichlich tiefere und ernstere 
Auffassung der Philosophie. 

Daß nicht nur grüne Studenten, sondern auch die an- 



89 

wesenden Fakultäts- und Senatsmitglieder einen großen Ein- 
druck von Brentano hatten, zeigt der mir kürzlich durch 
Herrn Professor Chroust in Würzburg aus den Akten mit- 
geteilte Bericht der Senatskommission an den Senat vom 
15. Juli. Er rühmt „den Scharfsinn seines Geistes, die Klar- 
heit und Präzision seiner Begriffe, die Leichtigkeit in der 
Auffassung fremder Ideen, die Sicherheit seiner Entwick- 
lungen, den echt wissenschaftlichen Charakter seiner Methode 
sowie nicht minder die Vielseitigkeit seines Wissens auf den 
Gebieten der Philosophie und exakten Forschung". „Mit der 
Kraft der Überzeugung verbinden sich in ihm geziemende 
Formen, mit der Würde des Mannes der Wissenschaft ist 
eine wohltuende Bescheidenheit gepaart. Ruhe, Klarheit, 
Präzision und Gründlichkeit müssen wir als den wesent- 
Hchen Charakter seiner Erörterungen bezeichnen." Von der 
Habilitationsschrift (Psychologie des Aristoteles) sagt der 
Dekan, sie nehme unter allen im Laufe eines halben Jahr- 
hunderts an hiesiger philosophischen Fakultät eingereichten 
Arbeiten den ersten Rang ein. Das Thema des Probevortrags 
am 15. Juli war ein Brentano äußerst fernliegendes gewesen, 
das er sicher nicht selbst gewählt, sondern Hoffmann gegeben 
hatte: „Über die Hauptentwicklungsstufen der Philosophie 
Schellings und den wissenschaftlichen Wert der letzten Phase 
ihrer Gestaltiing". 

Vierzehn Tage darauf wurde Würzburg, und nicht nur 
die Festung, von dem preußischen Belagei'ungskorps be- 
schossen, und die Universität schloß ihre Pforten. Brentano 
soll zu Fuß durch den Spessart nach Hause gewandert 
und dabei einmal als der Spionage verdächtig festgehalten 
worden sein. 

Im Herbst also hörte ich seine erste Vorlesung über 
Geschichte der Philosophie. Eine längere Einleitung 
über den Begriff und die Methode der Philosophie ging 
voraus. Auch die Lehre von den vier Phasen wurde schon 
damals vorgetragen. Diese Idee war Pn-entano, wie er mir 



90 

s|)ätcr sa^te, zuerst während der Rekonvaleszenz von einer 
schweren Erkrankung; (Ostern IHdO) aufgegangen, nachdem 
er, an der Philos()i)liio fast irre geworden, lange Zeit 
darüber nachgedacht liatte, was es eigentlich mit den so 
liolie Ansprüche stellenden und zeitweilig so allgemein 
lii-wunderten, dann wieder gänzlich verworfenen Systemen 
(h'i- sj)ekulativen Philosophie auf sich habe. Da sei ihm 
die Analogie im Verlaufe der philosophischen Bewegung 
innerhalb jeder der drei Hauptperioden (die er natürlich 
nicht als unbedingt gültig für alle Z^ikunft ansah) als ein 
erleuchtender und rettender Gedanke gekommen. In der 
Darstellune: selbst verweilte Brentano sehr ausführlich bei 
der griechischen Philosophie. Jedes einzelne System der 
älteren und jüngeren Naturphilosophie gestaltete sich bei 
aller Gewissenhaftigkeit in der Ausdeutung der erhaltenen 
Bruchstücke zu einem Kunstwerk, jedes Fragment wurde 
mit dem Ganzen in Ziisammenhang gebracht und der stetige 
Fortschritt aufgezeigt. Statt der trockenen Aneinanderreihung 
der Lehrsätze trat uns eine lebendige Entwicklung vor Augen. 
Die geistreiche Darstellung des Heraklit, die Lösung schein- 
barer Widersprüche zwischen den Fragmenten und den 
Referaten bei Xenophanes, wodurch zugleich der Übergang 
von den alten Joniern zu den Floaten verständlich wurde, 
die Schilderung der Sokratischen Persönlichkeit, die Wieder- 
gabe des aristotelischen Systems von seinem genauesten 
Kenner — kurz alles erfüllte mich mit Bewunderung. Dazu 
kam der persönliche Eindruck des Lehrers, der ganz vom 
Bewußtsein einer hohen Mission getragen war, ganz in der 
großen Sache eines Neubaues der Philosophie aufging, dessen 
Denken und Fühlen in dem einen Brenn])unkt zusammenlief 
und von ihm wieder ausstrahlte. Dazu noch die äußere Er- 
scheinung der großen asketischen Gestalt im geistlichen 
Gewände mit dem überaus feingeschnittenen prachtvollen 
Denkerkopf, der hohen schönen Stirne, den unter hoch- 
geschwungenen Brauen und etwas gesenkten Lidern ver- 



91 

borgenen scharfen Augen, die jede Miene des Zweifels oder 
Fragens auf dem Gesicht eines Hörers bemerkten, der im 
ganzen leisen, aber sehr deutlichen und wohlformulierten 
Sprechweise, die ohne besondere Künste als etwa gelegent- 
lich einer eingefügten Anekdote (ich erinnere mich, wie er 
das „möghche Sein" des Aristoteles durch die in den Reli- 
böcken und Wildschweinen schlummernden Möglichkeiten 
nach Clemens Brentanos „Mehreren Wehmüllern" erläuterte) 
durch die Kraft des logisch festgefügten Gedankenbaues die 
Zuhörer während der abstraktesten Untersuchungen zu atem- 
loser Stille und gespannter Aufmerksamkeit zwang. Welcher 
Gegensatz zum alten Hoff mann! Die Vorlesung war und 
blieb denn auch bis zum letzten Platze gefüllt, allerdings 
nicht bloß von Eingeschriebenen. Die mir von der Würz- 
burger Quästur übersandten Zahlen bleiben, wie es auch 
bei Lotze der Fall war, weit unter der wirklichen Hörer- 
zahl zurück. 

Welche Gewalt so Brentano über empfängliche Studierende 
gewann, davon zeugt die Umwandlung, die er in mir hervor- 
rief. Nach wenigen Wochen begann ich in der Jurisprudenz 
flau zu werden, und noch vor Weihnachten suchte ich ihn 
auf, um ihm die Absicht vorzutragen, Philosophie und Theo- 
logie zum Lebensberuf zu wählen. Ja, ich wollte ihm auch 
in den geisthchen Stand folgen, so sehr hatte mir's sein 
Beispiel angetan. Ich war zwar von Kindheit an religiös 
gestimmt, aber eine jederzeit nach Möglichkeit vergnügte 
Natur und hatte niemals daran gedacht, der Welt zu ent- 
sagen, wie auch in der Familie seit Menschengedenken kein 
solcher Fall vorgekommen war. Der Vater, als Arzt, hielt 
am meisten auf Naturwissenschaft und Medizin. Das Rechts- 
studium hatte ich gewählt, weil mir eine Stelliuig in der 
Verwaltungs- oder Justizpraxis nach getaner Bureauarbeit 
die beste Muße für die geliebte Musik zu gewähren schien. 
Daneben w^ar meine Hauptpassion das Wandern über Borg 
und Tal. Und nun wollte ich mich auf Jahre hinter enpe 



02 

Mauern zurückziehen und für Lebenszeit die (empfindlichsten 
äußeren und inneren ]-5e.schränkungen auf inicli nehmen, um 
den inneren Frieden der Seele dafür zu gewinnen. Brentano 
iiet, wie es seine Pflicht war, zu längerer Überlegung und 
Prüfung, Er kannte mich ja auch noch gar nicht. Aber von 
(hi ab begleitete icli ihn immer öfter auf seinen Spazier- 
gängen in Würzburg und Asciiaffenburg und erfreute mich 
seiner persönlichsten Anteilnahme und Fürsorge auf jedem 
weiteren Schritte meiner geistigen Ausbildung. Niemals 
ist mir ein akademischer Lehrer begegnet, weder in der 
Studenten- noch in der Professorenzeit, der sich in solchem 
Maße mündlich und schriftlich dieser erzieherischen Tätig- 
keit gewidmet hätte. Er folgte auch darin dem Vorbild 
der großen griechischen Denker, die er über alle anderen 
stellte. Das FreundschaftsA^erhältnis zu den Schülern, auf 
gleicher unbedingter Hingabe an die höchsten Ziele be- 
i'uhend, war eines der stärksten Bedürfnisse seines Lebens. 
Noch aus seinem letzten Brief an mich, wenige Wochen 
vor seinem. Tode, spricht dieses Bedürfnis in rührender 
Weise, indem er die Abnahme unserer wissenschaftlichen 
Füldung und Korrespondenz beklagt. 

Den Wert, den die logische Schulung durch einen 
Denker von solcher Schärfe und Strenge für den Anfänger 
li^tte, haben später Tausende ebenso wie ich empfunden. 
Wie er selbst bei den größten Meistern der Syllogistik, 
Aristoteles und Thomas, in die Schule gegangen war, so 
gewcihnto er aiicli seine Schüler vor allem an Selbstzucht 
und kritisches \'erhalten in Hinsicht der logischen Erforder- 
nisse des Denkens. Lange Reden schnitt er ab und drängte 
auf straffe Zusammenfassung des Gedankenganges in syl- 
logistischen Formen, die dann unnachsichtlicher Pi'üfung 
der Vordersätze und der Schlußkraft unterlaufen. Concedo 
majorem, distinguo majorem, nego minorem, probo minorem — 
wurden auch diese alten Formeln nicht gebraucht, die 
Formen waren es doch, und ich erachte auch heute noch 



9:^ 

dies als Gewinn, wie ja aucli selbst J. St, Mill Übungen 
darin für die Gegenwart wieder herbeiwünschte. Im zweiten 
Semester, Winter 67, führte Brentano auch l^esondere öffent- 
liche Übungen ein, wobei Einwände gegen die Ausführungen 
seiner metaphysischen Vorlesung formuliert und geprüft 
wurden. Unter den auch da sehr zahlreichen Hörern wagten 
sich freihch nur wenige öfter vor, da es nicht angenehm 
war, logischer Schnitzer überführt zu werden, wenn es auch 
stets rücksichtsvoll geschah. Mit dunklen Gefühlsmotiven 
durfte man nicht kommen. Ich erinnere mich, daß einer 
die Wendung gebrauchte, er könne sich mit einer gewissen 
Tliese nicht befreunden, und die Antwort erhielt, daß es 
darauf auch gar nicht ankomme. 

Gleichzeitig mit der philosophischen Ausbildung lag 
Brentano die religiöse Vertiefung seines Schülers am Herzen. 
Er legte außerordentliches Gewicht auf die Meditation, d. h. 
die ruhige nachdenkliche Vertiefung in die Geheimnisse und 
überheferten Begebenheiten der Religion, wie sie von der 
mittelalterUchen Asketik und Mystik gepflegt wurde. Diese 
bildet bis zur Gegenwart einen Bestandteil der Erziehung 
der katholischen Geistlichkeit. Wie Maria und Martha, so 
sollen das betrachtende und das tätige Leben einander er- 
gänzen, aber das betrachtende hat insofern noch höheres 
Gewicht, als es sich dem letzten jenseitigen Ziel der seligen 
Anschauung Gottes nähert. „Wer nicht betrachtet," schrieb 
mir Brentano nach Göttingen Silvester 67, • „scheint mir 
kaum zu leben, und ein Philosoph, der die Betj-achtung 
nicht pflegt und übt, verdient den Namen nicht, er ist kein 
Philosoph, sondern ein wissenschaftlicher Handwerker und 
unter den Philistei-n der philiströseste. Lassen Sie sicli um 
Gottes willen durch nichts in Ihrem Entschlüsse wankend 
machen, täglich eine kleine Zeit der Betrachtung zu weihen. 
Die Untreue gegen die Vorsätze, die Ihnen Gott einflößt, 
würde sich hittei' rächen. Für immer würrh^ llinen viellciclit 
die schönste Blüte des Lebens, erst halb erschlossen, ver- 



94 

welken. Könnte icli Ihnen nur aussprechen, wie unermeßlich 
dieser Verlust sein würde! Icli kann es nicht, aber das eine 
sage ich mit Wahrheit, daß ich lieber allen meinen gelehrten 
Kram in den Wind streuen, ja daß ich lieber sterben würde, 
als daß ich auf die Betrachtung verzichtete." 

Man muß aber nicht übersehen, daß auch dieses be- 
schauliche Denken seine Wurzeln in der griechischen Philo- 
sophie hat: in Piatons Lehre von der Anschauung der Idee 
des Guten als dem höchsten Ziele des Menschen und be- 
sonders des Philosophen, der in diesem Lichte wandelnd 
für die niederen Dinge der Welt wie geblendet ist, und in 
dem Preise des theoretischen Lebens bei Aristoteles. 

Bei der Abreise nach Göttingen schenkte er mir ein 
kleines griechisches Neues Testament der Bibelgesellschaft, 
in das er das Motto geschrieben hatte: „d dnpwv EhJera) xal 
6 '&elojv XajußaveTO) t6 vÖcoo C(ofjg dcogedv'^ (Apoc. 22, 17). 
Das Aussehen des Büchleins bezeugt, wie der Dürstende, 
dem er's schenkte, getrunken. Unter den Grundlagen der 
Meditation, die Brentano außer dem Evangelium schätzte, 
erinnere ich mich noch eines mit rührender Naivität in der 
Ausmalung geschriebenen Lebens Jesu von Bonaventura in 
deutscher Ausgabe. 

Zu philosophischen Spaziergängen waren die schönen 
Frankenorte Würzburg und Aschaffenburg 1 lochst geeignet. 
In Würzburg wohnte Brentano in einem großen Mietshause 
am oberen Mainkai gegenüber der Festung. Von da waren 
nur wenige Schritte zum „Glacis", der schönen, baumreichen 
Anlage, die sich an Stelle der früheren Festungswälle um 
die Stadt zog. Das war der gegebene Akademusgarten, in 
dem ich sein Begleiter sein durfte, ohne daß wir freiUch 
auf die äußeren Schönheiten achteten, die uns von den 
subtilen Abstraktionen hätten abstrahieren können. Die 
Gestalt des mit langen Schritten und holier Haltung in der 
schwarzen Klerik dahinschreitenden, in sich konzentrierten 
Denkers war bald in Würzbui-g allgemein bekannt, und es 



95 

wurde mir später erzählt, daß man in seiner Gesellschaft 
sehr regelmäßig einen ebenso blassen und mageren Studenten 
gesehen habe, mit dem er auch öfters längere Zeit ins Ge- 
spräch versunken auf einem Flecke stehen blieb. 

Noch besser war der Boden in Aschaffenburg. Das 
Haus der Familie Brentano lag in einer einsamen Seiten- 
gasse auf dem hügeligen Mainufer. Man trat durch eine in 
ein altes Tor eingefügte Türe zunächst in einen mit Mauern 
umgebenen, ziemHch urwüchsigen, mit einzelnen Bäumen 
bestandenen Hof, in dem das Gras zwischen den Steinen 
wachsen durfte, wie es wollte. Dann kam man in ein alt- 
modisches behagliches Haus mit geräumigen Zimmern und 
Gängen. Die Wohn- und Besuchszimmer lagen über eine 
Treppe. Von einem Balkon hatte man lieblichen Ausbhck 
auf den Main, der in einem konvexen Bogen das malerische 
Städtchen von der Fischergasse bis zum Schloß und zum 
„pompejanischen Hause" hin umzieht, und auf die gegenüber- 
liegende Ebene nach dem "Westen zu. Als ich später Bren- 
tano in Schönbühel an der Donau besuchte, fiel mir sofort 
eine gewisse Familienähnhchkeit seines Hauses und der Um- 
gebung mit der Aschaffenburger Heimat auf, und ich zweifle 
nicht, daß er bei der Wahl und dem Ausbau des Hauses 
auch wirkHch darauf "bedacht gewesen ist. AYie ich nach- 
träglich sehe, nennt' er es selbst in einer Postkarte sein 
„Neu-Aschaffenburg"', das er sich dort erbaut habe. Und 
wie man dort durch einen romantischen Tunnel und Fuß- 
pfad zur Donau hinunterstieg und an ihrem Ufer entlang 
pliilosophierend wandelte, so führte auch in Aschaffenburg 
vom Hofe ein Ausgang zu den Anlagen am Main und über 
die Brücke auf das jenseitige freie Ufer, wo man in einer 
guten halben Stunde durch eine geradlinige Pappelallee zum 
„Schönen Busch", einer großen Parkanlage aus der kurfürst- 
lichen Zeit gelangte. Das war der richtige Philosophenweg. 
Außerdem konnte man in wenigen Schritten vom Hause 
zum Schloßgarten gelangen, der sich um das prächtige und 



96 _ _ _ 

inassi\(', aus rotem Saiidstejn erbaute E-enaissanceschloB 
zi.'lit und den J Ionorati()r-(;ii dnr Stadt zu einsamen Spazier- 
gängen zur Verfügung stand. Von da kam man in das „Scheine 
Tal", wieder eine (ilacisanlagc, von der aus eine J-*latancn- 
allee weiter zur ausgedehnten Waldung der „Fasanerie" 
führte. Das alles mag jetzt durch die industrielle Entwick- 
lung des Ortes etwas anders geworden sein; damals war es 
ideal schön. Für philosoj)liische Studien war übrigens in 
Aschaffenburg auch die Königliche Schlofibibliothek eine 
gute Hilfe, deren Vorstand, bis 1866 der gute alte Lyzeal- 
professor Merkel, Hausfreund der Brentanoschen Familie, 
später der meiner Familie befreundete Gymnasialprofessor 
Knglert, gern auch gelegentliche Wünsche nach Neuanschaf- 
fungen erfüllte. Den Grundstock an Philosophicis verdankte 
sie dem Umstände, daß im Anfang des Jahrhunderts Aschaffen- 
bnrg, die Winterresidenz der Mainzer Kurfürsten, auch die 
Mainzer Universität bis zur Vereinigung der Stadt mit Bayern 
(1814) beherbergte und daß der l)ekannto Mediziner-Philosoph 
WiiuLischmann als Bibliothekar in einoi- j)hilosophisch sehr 
angeregten Zeit für die Vermehrung der Bücherschätze ge- 
sorgt hatte. Aus Asciiaffenburg ließ sich Schelling Schriften 
von Plotin, G. Bruno, Kepler, Lamarck nach Würzburg 
kommen. 1 

Das Brentanosche Haus, worin Clemens und sein Bruder 
Christian, der Vater des Philosophen, gestorben und die 
fünf Kinder aufgewachsen waren, war jetzt still geworden. 
Es war nur noch von der verehrungswürdigen Mutter be- 
wohnt, die ich nun auch kennen lernte und die mir und 
meinem Elternhause bis zu ihrem Tode (1882) in treuer 
Freundschaft verbunden blieb. Auch sie war eine auffallende 
EIrscheinung, eine schöne, dunkeläugige alte Frau mit aus- 
drucksvollen Zügen, im Umgange liebenswürdig, teilnehmend, 
lebendig und niclit unempfänglich für das Schöne der Welt, 

* Siclie A. Dyroff. ('. .] . Win>lischmunn und sfin Kreis. 1916, 
8. 19 ff., S. 71. 



97 

aber bis zum innersten Kern von kirchlicher Gesinnung und 
kirchlichen Interessen durchdrungen. Winters und Sommers 
konnte man sie Tag für Tag früh um 6 Uhr zur Messe in 
die nicht ganz nahe Kapuzinerkirche Avandeln sehen. Sie 
war der Mittelpunkt aller katholischen "Wohltätigkeitsbestre- 
bimgen der Stadt, aber auch von auswärts liefen manche 
Fäden hier zusammen. Oft hörte ich die Namen der Mainzer 
Domherren Moufang und Heinrich; besonders der letztere 
stand dem Hause Brentano nahe. Wieviel Freiheit die Kinder 
aber trotz der religiösen Traditionen des Hauses genossen haben 
müssen, sieht man an ihrer verschiedenen Entwicklung, be- 
sonders der des Nationalökonomen Lujo, den sein Naturell schon 
sehr früh auf ganz andere imd weltlichere Bahnen lenkte. 
Brentano kam nun auch öfters in unsere Familie. Er 
fühlte sich da wohl und war ein ausgezeichneter Gesell- 
schafter. Das Erzählerblut regte sich, er Avußte die schnur- 
rigsten Geschichten, bei denen er selbst aufs herzlichste 
lachen und in der Ausmalung komisclier Situationen schwelgen 
konnte, und sang mit eigentümlich pathetischem, aber ab- 
wechslungsreichem Vortrag und guter Tenorstimme schaurige 
Balladen, wie die von der Großmutter Schlangenköchin aus 
des Knaben Wunderhorn, die Jung und Alt gruseln machte. 

2. Vorlesungen, Leben und Wirken 1866 bis 1870. 
Kehren wir nun zu seiner Würzburger Lehrtätigkeit zu- 
rück. Auf die Geschichte der Philosophie folgte im Sommer 
1867 Metaphj^sik, Winter 1867 Geschichte der Philosophie, 
Sommer 1868 Metaphysik (fünfstündig), Winter 1868 Ge- 
schichte der Philosophie, Metaphysik I. Teil (Transzendental- 
philosophio und Ontologie), Sommer 1869 Metaphysik IL Teil 
■(Theologie und Kosmologie) und öffentlich über A. Comte 
und den Positivismus im heutigen Frankreish, Winter 1869 
deduktive und induktive Logik, Geschichte der Philosophie I 
(alte Zeit), Sommer 1870 Metaphysik, Geschichte der Philo- 
sophie II (mittlere und neuere Zeit). 

Kraus, Franz Brentano. 7 



98 

Man sieht schon aus diesem Überblick, wie verkehrt 
es wäre, Psychologie als den Ausgangspunkt seines syste- 
matischen rhilosophiercns anzusehen. Metaphysik war 
Anfang und Ende seines Denkens. Dies würde allerdings 
nicht hindern, daß die Psychologie zeitweihg in den Vorder- 
grund der Arbeit getreten wäre, und tatsäclilich war es auch 
so. Aber im Innersten seiner Seele überwog doch das meta- 
physische Interesse alles andere. „Ich bin augenblicklich 
ganz Metaphysiker", schrieb er mir 1886 aus Wien. „Ich 
muß gestehen, nachdem ich ein paar Jahre ganz Psychologe 
o-ewesen bin, freut mich der Wechsel." Von der ersten 
Metaphysik habe ich noch ein gutes stenographiertes Heft. 
Hier sind nicht die Scholastiker, etwa Thomas, sein Ausgangs- 
punkt gcAvesen, sondern Aristoteles, den er auch in seiner 
Habilitationsschrift mit Dante als den Meister derer, die da 
wissen, preist. So hoch er Thomas achtete und so gut er 
auch andere Scholastiker kannte, sie waren ihm doch nur 
Mitschüler, deren Meinung für ihn kein autoritatives Gewicht 
hatte. Aristoteles gegenüber war es anders. Er wußte wolil 
und betätigte auch ihm gegenüber, daß in der Philosophie 
Autorität als solche keine RoUe spielen dürfe. Aber in 
aristotelischen Lehren hatte er soviel Wahrheit und Tiefe 
gefunden, daß er ihnen eine gewisse vorgängige Walirr 
scheinhchkeit, ein gewisses Vorrecht, gehört zu werden, zu- 
erkannte, was natürlich eine Prüfung und Verwerfung nicht 
ausschloß. So stellen sich ja heute \iele etwa zu Kant. In 
diesem und nur in diesem Sinne war der Stagirite seine 
vornehmste Autorität, und seine Bewunderung für ihn wurde 
im Laufe der Zeit, obgleich er sich immer Aveiter von seinen 
Lehren entfernte, nicht geringer, sondern eher größer, wie 
man ja auch an seinen letzten Schriften erkennt. 

Der Anschluß und die Loslösung läßt sich nun in seiner 
ersten Metaphysik- Vorlesung aufs genaueste verfolgen. Der 
Anfang, Definition, Wert, Stellung unter den Wissenschaften 
ist wie ein Kommentar zu den ersten Kapiteln der aristo- 



99 

telischen Metaphysik. Kurz spricht er auch über das Ver- 
hältnis zum Glauben. Die übernatürliche Theologie wird als 
Stella rectrix, aber nicht als unentbehrliche Voraussetzung 
und Hilfe der Metaphysik bezeichnet. Eine Neuschöpfung 
Brentanos ist dann aber sogleich der erste Teil, die Trans- 
zendentalphilosophie. Der Name und die allgemeinste Ten- 
denz erinnern an Kant, aber Brentano selbst dachte auch 
liier an Aristoteles' Verteidigung der Vernunftprinzipien 
Met. IV, 3ff. anzuknüpfen. Er stellte zunächst die schärfsten, 
von ihm noch verschärften Einwendungen des Skeptizismus 
gegen die äußere und die innere Wahrnehmung, die Axiome, 
die abgeleitete Erkenntnis und die Erkenntnis überhaupt 
zusammmen, zeigte dann die innere Unmöglichkeit des 
absoluten Skeptizismus, stellte die positive Grundlage des 
Erkennens fest und gab endhch die Lösung der Einwände. 
Diese Form des Vorgehens, die er mehr oder weniger bei 
allen größeren Untersuchungen dui'chführte, erinnert zu- 
nächst an die des Thomas, wenn dieser in jedem Artikel 
zuerst die Einwendungen, dann das „Sed contra", dann die 
positive Darstellung im Corpus articuli, endlich die Lösung 
der Objektionen bringt. Aber die Hochscholastilver ahmten 
ja eben auch nur das Beispiel des Aristoteles nach, der bei 
ausgeführteren Untersuchungen von Aporien ausgeht, dann 
das Fimdament festlegt {jiqmxov juev ovv), die Theorie ent- 
wickelt und mit der Beantwortung der Aporien schließt. 
Li der Tat hat dieses Vorgehen, wenn es nicht so stereoty]3 
wie bei den Scholastikern, sondern nur gelegentlich, bei 
größeren Untersuchungen und immer mit Abänderungen 
je nach dem Stoff und den Erfordernissen des augenblick- 
lichen Zusammenhanges angewandt wird, viel Empfehlens- 
wertes für die Forschung wie für die Darstellung. Durch 
die kräftige Vergegenwärtigung der Schwierigkeiten wird 
das Literesse angestachelt, der Boden umgepflügt, und das 
Ganze gewinnt eine dramatische Spannung, die denn auch 
die Hörer Brentanos stets empfanden. 

7* 



100 

\ 

Die innerliche Spannung war aber bei der ersten Meta- 
physik Brentanos nicht bloß auf selten der Hörer, sondern 
auch des Lehrers selbst. Brentano hat mir noch in den 
AVürzburger Jahren gestanden, daß er die Vorlesung so- 
zusagen ganz aus der Hand in den Mund gearbeitet und 
seine Nerven dabei in einer kolossalen Weise angestrengt 
habe. Er habe die schärfsten Einwürfe gegen die Möglich- 
keit des Erkennens vorgetragen, ohne noch genau zu wissen, 
wie er sie beantworten werde, nur im Vertrauen darauf , daß 
es gelingen müsse. 

Von Interesse für seinen erkenntnistheoretischen Stand- 
punkt ist besonders die allgemeinste Erkenntnis- Aporie und 
deren Lösung. Sie lautet: „Meiner Erkenntnisfälligkeit kann 
ich wieder blind vertrauen, noch kann ich sie prüfen. Um sie zu 
prüfen, müßte ich mich derselben Erkenntnisfähigkeit bedienen, 
deren Zuverlässigkeit ich prüfen wdll. Also kann ich niemals 
einer Erkenntnis mit Zuverlässigkeit gewiß sein." Die Antwort 
lautet: „Ich kann auch sehend A^ertrauen. Ist ein Satz un- 
mittelbar evident, so bedarf es zu seiner Erkenntnis keiner 
Prüfung, auch nicht der der Erkenntniskräfte. Wir stützen 
uns allerdings in gewissem Sinne auf die Zuverlässigkeit 
imserer Erkenntniskräfte, indem wir uns ihrer bedienen; 
aber nicht bedienen wir uns ihrer als Prämisse. Somit 
kann von einem Zirkelschluß keine Rede sein." 

Als unmittelbar evidente Erkenntnisse bezeiclinet Bren- 
tano die logischen Axiome und die Tatsachen der inneren 
Wahrnehmung. Die Notwendigkeit, ihnen zuzustimmen, 
wurzelt nicht in einem blinden psychologischen Zwang, 
sondern in ihrer inneren, selbstleuchtenden Evidenz. Zu 
sagen: „Ich könnte so eingerichtet sein, daß ich gerade 
dem zustimmen muß, w^as falsch ist" heißt soviel als: „Ich 
bin ungewiß, ob niclit das falsch ist, wovon ich gewdß bin, 
daß es wahr ist." In der großen Metaphysik 1869 ist dies 
noch etwas erläutert: „Wir können keck sagen, daß uns 
weder die Natur noch Gott hier täuschen. Selbst Gott kann 



101 

nicht bewirken, daß uns e%'ident wäre, ßot sei ein Ton, 
2 -(- 1 sei = 4. Sein Wille würde damit sich selbst wider- 
sprechen. Wer ihm also diese Macht abspricht, leugnet nicht 
seine Vollkommenheit, sondern seine Un Vollkommenheit." 
Brentano spielt hiermit auf eine bekannte Streitfrage der 
Scholastiker an, zu welcher noch Descartes in bejahendem, 
Leibniz aber in verneinendem Sinne Stellung nahmen. IVIit 
Leibniz also stimmt Brentano überein. Er folgerte weiter, 
daß das Evidente nicht nur für unseren Verstand, sondern 
für jeden möglichen Verstand wahr sei, weil es eben nur 
das eigene Licht der Sache selbst sei. Vom Psychologismus 
also, der die logische Notwendigkeit aus einer psychologischen 
herleiten will, war er himmelweit entfernt. 

Eingehend rechtfertigte Brentano dann in der Ontologie 
seine Abweichuno;en von Ai'istoteles betreffs der Kateo-orien- 
lehre, der Unterscheidung ven Materie und Form u. a. Überall 
löst er sich nur schrittweise, auf Grund zwingender Über- 
legungen von seinem Ausgangspunkte. Den Gottesbeweisen 
widmete er besondere Aufmerksamkeit, um trotz Kants 
Verdikt, das ja schon seine nächsten Nachfolger, das auch 
Lotze und Fecliner unbeachtet ließen, die Schlüssigkeit der 
Zurückführung aller Erscheinungen auf einen göttlichen 
Ursprung logisch zwingend zu gestalten. 

Da ich mich während der ersten Hälfte des Jahres 1867 
mit der größten Intensität auf Philosophie und Naturwissen- 
schaften gestürzt hatte, hielt mich Brentano bereits für reif 
genug, um auch andere bedeutende Philosophen kennen zu 
lernen, imd empfahl mir nach Göttingen zu Lotze zu gehen, 
dort auch naturwissenschaftHche Studien weiter zu treiben 
und zu promovieren. Dies führte ich auch aus und kam im 
August 1868 als Doktor zurück. Ein höherer Gewinn noch 
war die persönHche Freundschaft Lotzes. Mit Brentano blieb 
ich inzwischen durch Briefwechsel verbunden. Die leitende 
Hand, das beobachtende Auge, das fürsorgende Herz des 
Lehrers fehlten auch dem Entfernten nicht. Einen Belee 



102 

haben wir schon angeführt. Einen Hauptgegenstand des wissen- 
schaftliclien Scliriftwcchscls bildeten Lotzcs Anscliauungen, 
mit denen Brentano nur sehr teilweise übereinstimmt. Er 
berichtet aber auch über Weiterbildungen seiner eigenen 
metaphysischen Vorlesungen, besonders in Hinsicht des 
Raumes und der Kausalität. Ausführlicheres enthalten aber 
die Briefe hierüber nicht. Dagegen liegen mir die Vor- 
lesungen von 1868 bis 1870, denen ich wieder persönlich 
beiwohnte, in ausführlichen Nachschriften vor. 

Bevor ich diese Vorlesungen charakterisiere, sei einiger 
Schüler gedacht, die sich in diesen und den folgenden Würz- 
burger Jahren näher an Brentano anschlössen. Im Herbst 
1868 fand sich Marty aus Schwyz unter seinen Zuhörern 
ein, und es entspann sich das enge Freundschaftsverhältnis, 
das uns untereinander und mit dem gemeinsamen Lehrer 
zeitlebens verbunden hielt. Ein Dritter im Bunde war da- 
mals der Rheinländer van Endert, ein kluger Mensch mit 
angenehmem trockenem Humor. Er ist später, glaube ich, 
Domherr in Köln geworden, aber die Verbindung wurde 
nicht fortgesetzt. Da wir drei in der zweisemestrigen Meta- 
phj^sikvorlesung (wo die Teilnehmer im übrigen bei der un- 
erhörten Ausdehnung der schwierigen Detailuntersuchungen 
lange nicht so gut aushielten wie früher) immer zusammeri- 
saßen, nannte uns Brentano die heiligen drei Könige. Er 
liebte es, gelegentlich solche gutmütigen Scherzworte zu 
erfinden. So stellte er mir später in Wien einen für die 
Evidenz des Selbstbewußtseins besonders begeisterten Schüler 
als „Seine E^ndenz die innere Wahrnehmung" vor. 

Erst einige Jahre nach mir, wohl 1870, kam Hermann 
Schell, der spätere Führer des deutschen Modernismus, ein 
ernster und gründlicher Kopf, zu Brentano, dem er seine 
philosophische Aiisbildung und seine freie, wenn auch nicht 
bis zum Ende gehende Denkweise verdankte, dem er auch 
sein Buch über die Einheit der Seele bei Aristoteles widmete 
imd später persönlich und brieflich verbunden bHeb. 



103 

Auch Johannes Wolff gesellte sich anfangs der siebziger 
Jahre zu Brentano und wurde von ihm nach Göttino^en p^e- 
sandt, als ich dort bereits dozierte. Er schrieb unter meiner 
Leitung die Ai'beit über Platonische Dialektik und ver- 
öffentlichte später ein nicht unverdienstliches psychologisches 
Werk „Das Bewußtsein und sein Objekt", erhielt eine An- 
stellung als Lehrer der Philosophie in Trier, später in Frei- 
burg (Schweiz). Mehrere Briefe Brentanos an mich über 
Wolff bezeugen, in welchem Maß und Umfang sich Bren- 
tano die Weiterbildung seiner jungen Freunde angelegen 
sein ließ. Bis in alle Einzelheiten hinein erkundigt er sich 
und gibt Ratschläge. 

Andere Schüler Brentanos aus jener Zeit, die später 
als Schriftsteller und Lehrer bekannt wurden, waren Schütz 
(Trier), Kirschkamp (Bonn) mid Commer (Wien), der An- 
kläger Schell's. 

Unser siebenter E-eichskanzler, Graf Hertling, gehörte 
gleichfalls damals zu Brentanos Schülern und Avurde von 
ihm stets als solcher angesehen; doch Aveiß ich nicht, ob er 
Vorlesungen bei ihm gehört hat. Er ist ein Vetter Brentanos, 
kam in jener Zeit öfters nach Aschaffenburg, avo auch eine 
Linie v. Hertling Avohnte, und hatte da und in Wüi'zburg 
\äel Verkehr mit Brentano. Er machte zwei bis drei Jahre 
nach ihm, ganz wie Brentano selbst, in Münster, München 
und Berlin bei Trendelenburg seine philosophischen Studien, 
promovierte mit einer Dissertation aus Aristoteles' Ontologie 
(De notione unius) und veröffentlichte 1871 ein gründliches 
Buch über „Materie und Form und die Definition der Seele 
bei Aristoteles", das unmittelbar an Brentanos „Psychologie 
des Aristoteles" anknüpft und darauf ruht. Daß Brentanos 
Vorbild und Geistesarbeit Avährend seiner kirchlichen Zeit 
im höchsten Maße auf v. Hertling eingoAvirkt hat, ist außer 
Zweifel. Die Unfehlbarkeitserklärung 1870 stellte aber 
V. Hertling A^or eine schwere Wahl, und seine Wege trennten 
sich seitdem A'on denen Brentanos. Wie das persönliche 



104 

Verhältnis sich später gestaltet hat, davon habe ich nur 
fragmentarische Kenntnis imd bin nicht berechtigt, darüber 
zu sprechen. 

Im Winter 1868/69 las Brentano wieder Geschichte der 
Philosophie, worin namentlich sehr ausführliche Ergänzimgen 
zu Aristoteles und den Scholastikern mir wertvoll waren. 
Brentano wagte da weit tiefer in die subtilsten Einzelnheiten 
dieser ohnedies so subtilen Systeme einzudringen, als es sonst 
in Vorlesungen üblich ist. Vor allem aber fesselte uns die 
stark ausgearbeitete Metaphysik, die er jetzt zum dritten 
Male las. Er verteilte den Stoff auf zwei Semester und las 
jedesmal fünfstündig. Meine Niederschrift umfaßt einen steno- 
graphierten Quartband von 822 Seiten. Die Gelehrsamkeit und 
der Scharfsinn der Ausführungen setzen mich auch jetzt noch 
immer wieder in Erstaunen. Das Ganze mit baumeisterlicher 
Kunst entworfen und gegliedeit, jedes Einzelne sich wieder 
zu einem abgerundeten Ganzen erweiternd; hierin in der 
Tat an die großen scholastischen Summen und mit ihnen 
an die mittelalterlichen Meisterwerke der Baukunst erinnernd. 
Als wichtigste Untersuchungen seien nur erwähnt die über 
Raum, Zeit und Bewegung, besonders die musterhaften Aus- 
führungen über die zenonischen Schwierigkeiten ; die Theorie 
des euklidischen Parallelensatzes, ein den damaligen Pliilo- 
sophen noch nicht so wie den heutigen geläufiges Thema; 
die Erörterungen über physische, metaphysische, logische 
Teile; die originelle Begründung des Kausalgesetzes durch 
„immanente Induktion" (aus dem Veränderungsbegriff ab- 
geleitete unendliche Wahrscheinlichkeit); ferner die äußerst 
"sorgfältige Ausarbeitung des teleologischen Gedankenganges, 
wo zwischen dem rein Tatsächlichen, d. h. dem Anschein 
einer alles durchdringenden Zweckmäßigkeit, und den Er- 
klärungsversuchen scharf geschieden, die Dysteleologien 
unter vernichtender Kritik der Vogt'schen Oberflächlich- 
keiten in Hinsicht des Auges und der Lange'schen in Hin- 
sicht der Keimverschwendung diskutiert, dann zm- Ent- 



105 

wicklungslehre, im Prinzip zustimmend, in der darwinistischen 
Form aber ablehnend Stellung genommen, und für die posi- 
tive Formulierung und Schlußziehung dieWahrscheinlichkeits- 
prinzipien in \"iel ausgiebigerer "Weise herangezogen wurden, 
als es schon in der ersten Metaphysik der Fall Avar. Von 
dieser Zeit datiert die einschneidende Bedeutung, die Bren- 
tano den mathematischen Wahrscheinlichkeitsgesetzen bei- 
mißt, denen er dann auch in der Logik eine wichtige 
Stellung einräumt. 

Gelegentlich des Realitätsbegriffes wirft Brentano Seiten- 
blicke auf die theologischen Probleme der Trinität und In- 
karnation und sucht zu zeigen, Avie man ohne direkte innere 
Widersprüche damit fertig werden könne; aber es geht doch 
schon sehr nahe daran vorbei. 

Was Brentano veranlaßte, im Sommer 1869 auch eine 
öffentliche Vorlesung über Comte und den Positivismus 
zu halten, weiß ich nicht. Vielleicht hat der englische 
Empirismus — daß er sich mit Mills Logik eingehend be- 
schäftigt hatte, zeigt die Metaphjsikvorlesung — und hat Mills 
Schrift über Comte ihn dazu geführt. Die Annäherung an 
die ausländischen Bestrebungen bereitet sich vor, die bald 
noch weiter greifen sollte. Im übrigen verdienten ja auch 
Comtes Persönlichkeit und ihre Entwicklungsgeschichte sowie 
die in Deutschland noch nicht so bekannten Lehren des 
Positivismus eine solche Aufmerksamkeit. Selbstverständlich 
fehlte nicht die kritische Stellungnahme. 

Im Oktober 1869 trat ich nun wirldich ins Würzburger 
Priesterserainar und begann theologische Studien, h()rte aber 
zugleich Brentanos Vorlesungen weiter. Er las im Winter 
1869/70 zum ersten Male Logik und daneben den ersten 
Teil der Geschichte der Philosophie, die nun auch in zwei 
große Vorlesungen zerlegt wurde. Die angekündigte Logik 
begann aber erst nach Weihnachten; in den Monaten vorher 
behandelte er in 28 Vorlesungsstunden die Unsterblich- 
keit der Seele. Er argumentierte da (auch darüber habe 



106 

ich fast wörtliche Nachschriften) zuerst auf der Grundlage 
des Atomismus, aber nur ad hominem, da er diese Grund- 
lage nicht teilte; dann ging er zu einer Vergleichung der 
menschlichen und tierischen Funktionen über, die ihn zum 
■erstenmal in den Vorlesungen auf ausgedehntere psycho- 
logisclie Untersuchungen führte, und folgerte schließlich, 
daß die menschliche Seele einem Teile nach als etwas 
Geistiges anzusehen sei, ähnlich wie es Aristoteles vertreten 
hatte. Gerade aus der wesentlichen Gleichheit des Gehirn- 
baues beim Menschen und den Anthropoiden, worauf die 
Materialisten sich stützen, zog er den Schluß, daß die un- 
leugbaren mächtiofen Unterschiede des Seelenlebens, deren 
"Wurzel er mit Aristoteles im begrifflichen Denken suchte 
einen immateriellen Träger haben müssen. 

Es war eine schön abgerundete Darstellung, deren 
Standpunkt er aber später in mehreren wesentlichen Punkten 
verlassen hat, indem er die sensitiven Funktionen nicht 
mehr dem Körper als Subjekt zuschrieb und indem er anderer- 
seits von dem hier noch vertretenen Indeterminismus zum 
Determinismus überging. Beides düi'fte schon in den ersten 
Wiener Jahren geschehen sein. Bemerkenswert ist, daß die 
Absonderung des Zustimmens vom bloßen Vorstellen und 
die Dreiteilung der psychischen Funktionen in Vorstellen,- 
Urteilen und Begehren (wie er damals nach Aristoteles die 
emotionelle Grundklasse nannte) bereits hier vorgetragen 
wurde. Wahrscheinlich war sie bereits 1866/67 seine Über- 
zeugung, als er in der Geschichtsvorlesung Wilhelm von 
Occam wegen der Scheidung der actus judicandi von den 
actus apprehendendi besonders lobte. 

Nun folofte die Loo-ik: und hier stürzte sich Brentano 
mit A^oller Kraft auf eine vollständige Revision der alten 
Überheferungen. Er nimmt den Ausgang von Betrachtungen 
über die Gedanken und ihren Ausdruck in der Sprache vmd 
unterscheidet sowohl bei den Namen wie bei den Aussagen 
das, was sie ausdrücken (die psychischen Funktionen, die 



107 

sich, in ihnen kundgeben) von dem, was sie bedeuten. Eine 
Aussage bedeutet, daß etwas anzuerkennen oder zu ver- 
werfen sei. Dies nannte Brentano den Urteilsinhalt. Er 
kann spraclilich in infinitivischer Form oder in Daß-Sätzen 
ausgedi'ückt werden. Dieser (von mir später als „Sachverhalt" 
bezeichnete) Begriff ist u. a. darum wichtig, weil die ganze 
Klasse der indirekten Urteile (Es ist möglich, notwendig, 
wahrscheinlich, wahr, falsch, daß . . . .) sich nach seiner da- 
mahgen Darstellung auf Eigenschaften solcher Urteilsinhalte 
bezieht. Urteils materie nannte Brentano die Gesamtheit 
der dem Urteil zugrundeliegenden Yorstellungen. Die Form 
oder Qualität des Urteils endlich ist Bejahung oder Yer- 
neinung, d. h. Behauptung oder Verwerfung der Urteils- 
materie. Hierauf gründete Brentano seine Lehre vom 
Existentialsatz als der einfachsten Aussageform, auf die 
sich die kategorische wie alle übrigen zui'üclvfüliren lassen. 
Man erhält dann nur allgemein verneinende und partil^ular 
bejahende Urteile, es gibt auch keinen anderen Gegensatz 
zA^-ischen Urteilen als diesen kontradiktorischen, und es 
lassen sich alle Urteile, richtig ausgedi'ückt (also z. B. die 
sog. allgemeinbejahenden als allgemeinverneinende), einfach 
konvertieren. So sah sich Brentano zu einem Umsturz und 
einer außerordentlichen Vereinfachung der gesamten Urteils- 
lehre geführt, die wir Zuhörer mit wachsendem Erstaunen 
und mit Bewunderung der unerbittlichen Konsequenz der 
Darstellung vernalimen.i Weiter kam er diesmal nicht, 
da das Semester zu Ende Avar. 



* Es liegt hier ein merkwürdiges, bereits von W. Freytag (Arch. 
f. d. ges. Psychologie Bd. 33 S. 140) bemerktes Zusammentreffen mit 
Leibniz vor, der 1686 in seinen „Generales inquisitiones de analysi 
notionum et veritatum" § 113—121 bereits die Cberführbarkeit aller 
kategorischen Aussagen in Existentialsätze in genau derselben Weise 
aufgezeigt hat. Diese erst von Couturat ans Licht gezogene und 1903 
veröffentlichte Sclirift, zu der Leibniz selbst die Bemerkung setzte: 
„hie cgregie progressus sum", war Brentano unbekannt. Er würde 
bei seiner Verehrung für Leibniz ihn sicherlich zur Stütze seiner 



108 

3. 1870: Umwandlung seiner religiösen Über- 
zeugungen. 

Aber dieses Frülijalir ISTO hraclite in ilirn selbst noch 
eine andere und für sein Leben folgenreichere llevolution 
zustande: die Um wandhing seiner religiösen Überzeugungen. 

^lan iiml.) in ilicscr llinsiclit auseinanderhalten die Er- 
eignisse im kirclihchen Leben und die logisch-metaphysischen 
Überlegungen, die ihn auf die inneren Unmöglichkeiten der 
Glaubenslehren führten und ihn sicherlich über kurz oder lang 
auch ohne jede äußeren Veranlassung dahin geführt hätten. 

l'rentano war niemals ein Freund der jesuitischen Rich- 
tung in der Kirche gewesen, weder im Theoretisclien noch 
im Praktisclien. Die so])histischen Deutungen des „Pro- 
babilismus" in moralischen Angelegenheiten, wie sie bereits 
Pascal in den Lettres Provinci ales gegeißelt hatte, fanden 
ebensowenig seinen Beifall wie die Vermittlungsversuche 
in den theologischen Streitfragen über das göttliche Wissen 
und AVirken. Vor allem aber erschien ihm die Herrschsucht 
des Ordens verwerflich. Nun war schon im Spätsommer 18(59 
die Frage der Unfehlbarkeitserklärnng des Papstes eine 
brennende geAvoixlen. Die Jesuiten drängten mit aller Macht 
auf die feierliche Erklärung hin. In Deutschland war starker 
Widerstand, und nicht bloß von Döllinger und den Seinen, 
sondern auch von den Bischöfen, Avie Ketteier in Mainz und 
Hefele in Rottenburg, sowie dem gelehrten Benediktinerabt 
Haneberg in München. Nicht minder opponierten auswärtige 
hervorragende Katholiken, Montalembert, Gratrj, Bischof 
Stroßmajer in Ungarn, Lord Acten u. a. Die deutschen 



kühnen Lehre herangezogen haben, ebenso wie er für seine Lehre 
vom L'rteilen als Grundfunktion neben Vorstellen und Fühlen auf 
Descartes" Vorgang hinwies. Mit Unrecht schreibt aber Couturat (La 
Logique de Leibniz, p. 19, 350) die Wiederentdeckung dieser Lehre, 
sowie die Ungültigkeitserklärung der Modi Darapti, Felapton, Bra- 
mantip und Fesapo dem Mac Coli 1878 zu; beides ist von Brentano 
bereits vorher gelehrt und 1874 auch veröffentlicht worden. 



109 

Bischöfe hielten in Fulda eine Konferenz. Brentano wurde 
durch den Mainzer Bischof Ketteier veranlaßt, dafür eine 
Denkschrift in der Sache auszuarbeiten. Er hat mir diese 
Denkschrift, zu der er eingehende historische Studien ge- 
macht hatte, in den Sommerferien 1869 in Aschaffenburg 
auf dem Buschwege vorgelesen. Sie behandelte in knapper, 
aber eindrucksvoller Weise die Fehlgriffe der ex cathedra 
sprechenden Päpste früherer Zeiten und die sonstigen gegen 
die Unfehlbarkeitslehre vorzubringenden Argumente. Sie 
soll denn auch von großer Wirkung gewesen sein. Selbst- 
verständlich erregte diese kirchliche Angelegenheit Brentano 
wie alle an den Schicksalen der Kirche teilnehmenden Katho- 
liken sehr, und die Nachrichten über die Zwischenfälle des 
Konzils in Rom (Ketteier soll sogar einen Fußfall getan 
haben) wurden mit größter Spannung aufgenommen. 

Gewiß lag nun in diesen äußeren Umständen für Bren- 
tano eine psychologische Veranlassung, sich aufs neue in 
die logischen Schwierigkeiten der kirchlichen Mysterien, 
an denen er, wie wir erwähnten, schon in der letzten Meta- 
physik nur etwas knapp vorbeigekommen war, zu vertiefen. 
Eigentlich ist es dem gläubigen Katholiken überhaupt unter- 
sagt, ernstlich zu zweifeln, und die Sündhaftigkeit eines 
solchen ernsthaften Zweifels, der nicht sofort aus der Seele 
gescheucht wird, bildet eines der stärksten Festungswerke, 
mit denen sich die Kirchenlehre umgeben hat. Aber irgend 
einmal ringt sich, wenn die innere Not zu groß Avird, der 
Entschluß, der Vernunft ihren Lauf zu lassen, doch von der 
Seele. Und dies muß bei Brentano im Frühjahr 1870 ein- 
getreten sein. Von diesen Kämpfen mit sich selbst erhielt 
ich, hinter den Mauern des Seminars lebend und nur ge- 
legentlich von ihm besucht, zunächst keine Kenntnis. Sicher 
wollte er mich auch nicht einAveihen, um meine eigene 
Gemütsruhe zu schonen. Am 15. März erhielt ich allerdings 
aus Aschaffenburg einen merkwürdigen Bi-ief, worin er mir 
den Austritt nahelegte, indem er mir vorstellte, daß ich bei 



110 

den jetzt eingetretenen Umständen auf eine staatliche Pro- 
fessur nicht zu reclmen haben würde, wenn ich Priester 
würde. Aber dies machte mir gar keinen Eindruck. Es ist 
mir jetzt nicht unwahrsclieinhch, daß Brentano in diesem 
Zeitpunkt in seiner inneren Krisis schon so weit war, daß 
er mich für alle Fälle von dem entscheidenden Schritt ab- 
halten woUte. Aber zum Bruche mit dem Glauben war er 
noch nicht gekommen, das zeigt der sonstige Inhalt des 
Briefes. 

Dagegen am 29. April trug er mir, aus dem Aschaffen- 
burger Ferienaufenthalt zurückgekommen, bei einem Besuch© 
Bedenken gegen die Dogmen der Trinität und Inkarnation 
vor, die ihm trotz all der üblichen Distinktionen von Sub- 
stanz, Subsistenz, Suppositum, Natur, Person, Hypostase 
unlösbar schienen. Am 3. Mai folgten weitere Bedenken 
gegen den Begriff des Glaubens selbst, wie er von der 
Kirche gefaßt wird. Ich wußte sie auch nicht zu lösen. 
"Wie mir zu Mute war, als ich sah, daß es diesmal Ernst 
wurde, und was ich in den folgenden Tagen und Nächten 
erlebte, gehört nicht hierher. Aber ich kann seinen eigenen 
Zustand in diesen Zeiten verstehen; Avar er doch von Kind- 
heit an noch fester mit den kirchlichen Überzeugungen ver- 
wachsen, die Hoffnung und der Stolz seiner strenggläubigen 
Mutter, und Träger jenes furchtbaren „character indelebihs", 
der ihm noch so viele Kämpfe kosten sollte. Um füi- ihn 
und mich selbst den Übergang zu erleichtern, verließ ich 
erst am 18. Juli 1870 das Seminar und gab als Grund nur 
an, nicht mehr den Beruf zum Priester zu fülilen, Avas mir 
schheßlich niemand verdenken konnte. Zum Glück hatte 
ich noch keinerlei "Weihen empfangen und konnte gehen^ 
wie ich gekommen war. Da Lotze, der von allem unter- 
richtet war, die Absicht einer Habilitation in Göttingen 
freundlich begrüßte, arbeitete ich in den Ferien in München 
eine Habilitationsschrift über die mathematischen Axiome aus 
und konnte mich bereits im Oktober als Dozent niederlassen. 



^ 111 

Es sind später, als Brentanos Abfall ruchbar wurde, aUe= 
möglichen Vermutungen oder Behauptungen über seine 
Motive aufgestellt worden. Die kirchliche Fama ist in solchen 
Fällen sehr geschäftig, da nach kirchlicher Auffassung der 
Verlust der göttlichen Gnade, die dem Zustande des Glaubens 
zugrunde liegt, irgendwie doch in der Gesinnimg und Lebens- 
führung wurzeln muß. Er sollte Heiratsgelüste haben, was 
ja auch in manchen Fällen dieser Ai-t unleugbar zutraf, er 
sollte ehrgeizige Pläne verfolgen, sich bei den Staatsgewalten 
lieb Kind machen wollen usw. Andere sprengten aus, er sei 
irrsinnig geworden, und dieses Gerücht kam auch in die 
Zeitungen. Irgendwie sollte das Äi-gernis gemildert Averden. 

In Wahrheit ging es aber so zu, wie hier geschildert 
wurde. Brentanos Motive waren ausschließlich theoretischer 
Natur, sie lao-en schlechthin in nichts anderem als in den 
inneren "Widersprüchen der Kirchenlehre, für deren Lösung; 
auch sein scharfsinniger Geist nach jahrelangem Ringen, 
keine Möglichkeit mehr fand. Noch eine gute Weile nachher 
wurde er nicht müde, immer aufs neue die Schlußfolgerungen 
zu überprüfen, die ihn dazu gefülirt hatten, und alle 
nur irgend ersinnlichen Möglichkeiten eines Ausweges zu 
versuchen. Noch am 19. November schrieb er mir nach 
Göttingen von einem Enneakilemma, einer neungliedrigen. 
Disjunktion, in die er jetzt die Widersprüche im Trinitäts- 
dogma zusammengefaßt habe. Er hat es mir später auch 
vorgetragen. Mir selbst waren diese vielgipfligen Erwägungen 
nicht so überzeugend wie die einfacheren in Hinsicht des 
Glaubensbegriffes, da die beständigen Anstrengungen, die für 
den Glaubenszustand beanspruchte absolute Gewißheit auch 
in bezug auf geschichtliche Ereignisse längst vergangener 
Zeiten gegenüber den Mängeln und Widersprüchen der Über- 
lieferung in sich aufrecht zu erhalten, ein psychologisches- 
Erlebnis darstellten, das mich wie so viele Gläubige immer 
wieder bedrückt hatte. Aber Brentano war eine durchaus 
intellektuell verankerte Natur. Anlage und Selbsterziehung 



112 

hatten sein ganzes Gefülils- und "Willensleben vollkommen 
der Herrschaft des Verstandes unterworfen. Ich liabo nie- 
mals einen Menschen gekannt, bei dem dies auch nur an- 
nähernd in solchem Maße der Fall war. Es fehlte ihm 
keineswegs an Zartheit und Stärke des Fühlens, im Gegen- 
teil, wir alle, die mit ihm verkehrten, kannten sein weiches 
Herz. Was er Einzelnen, was er ganzen Familien gewesen 
ist, wie er sich für Not- oder Unrechtleidende mit ganzer 
Kraft einsetzte, davon ließe sich manches sagen, wenn es 
nicht in seinem Sinne wäre, es zu verschweigen. Und so 
hatte vor allem die Religion von seinem Gemüte Besitz 
ergriffen. Aber er ließ, so sehr er ihre Geheimnisse auf 
sich wirken ließ, niemals die Zügel des „Logistikon", das 
bestimmt ist, den Wagen der Seele zu lenken, aus der Hand. 
Er blieb auch darin der Nachfolger Sokrates', Piatons und 
Aristoteles', deren Vorbild ilin nicht minder wie das der 
christlichen Heiligen leitete. 

Alles, was Tausende schon in früher Jugend der Kirche, 
A-iele auch der ßeligion überhaupt, entfremdet, von dem 
tädichen Anblick der Welthchkeiten und Menschlichkeiten 
der Kleriker bis zu den Greueln der Ketzerverfolgvmgen 
und den päpstlichen Schandtaten früherer Jahrhunderte — 
alles dieses würde nichts über ihn vermocht haben. Da- 
^esen Heß sich noch zur Not mit Unterscheidungen auf- 
kommen, wie sie in der Schule gebräuchlich sind. Ebenso 
waren es aber auch nicht in erster Linie die historischen 
Schwierigkeiten des drohenden Unfehlbarkeitsdogmas, die 
ihn zum Abfall brachten. Sie hatten für ihn nicht das 
ausschlaggebende GcAvicht wie für viele denkende Katho- 
liken jener Zeit; er würde doch sonst aucli mit seiner 
inneren Entscheidung gewartet haben, bis das Dogma wirk- 
lich als solches erldärt wui'de, was erst am 2. August der 
Fall war. Während aber mehr historisch als philosophisch 
gerichtete Geister dadurcli eben auch nur zur Lossagung 
vom Papste, zum Altkatholizismus geführt Avurden, im übrigen 



- 113 

aber auf christlicliem und katholischem Boden stehen blieben, 
führten Brentanos Überlegungen zum inneren Bruche mit 
dem Katholizismus, ja mit dem Christentum überhaupt. Man 
hat ihm im folgenden Jahre nahegelegt, die Adresse an 
DrJlinger zu unterschreiben und der Reformbewegung bei- 
zutreten. Er leimte es ab. Auch der Protestantismus erschien 
ihm nur als eine Halbheit; er hat, soviel ich weiß, nie 
daran gedacht, überzutreten. Füi- ihn gab es nur ein Ent- 
weder-Oder. 

Auch Döllinger war zwar eine theoretische Natur, ja 
man kann wohl geradezu sagen, ein Verstandesmensch. 
Aber fü]- ihn verteilten sich die Gewichte der Überlegung 
in umgekehrtem Sinne. Er hatte keine philosophische Ader, 
sondern ausscliließKch Historikerblut. Im Falle des Alt- 
katholizismus liat allerdings sogar in historischen Dingen 
der Philosoph gegen den Historiker Recht behalten: die 
Nebenkirche hat sich nicht erhalten können, ihre Lebens- 
kraft ließ nach mit dem Nachlassen des Kulturkampfes und 
dei- staatliclien Gunst. Ein katholisches Kirchenwesen ohne 
die einheitliche Spitze des Papsttums scheint nun einmal 
nicht möglich. 

Brentano brachte die Ferien 1870 in München zu, wo 
er sich dem edlen Haneberg eröffnete, den ich durch ihn 
auch kennen lernte. Dieser redete ihm zu, vorläufig noch 
nicht mit seinen veränderten Überzeugungen an die Öffentlich- 
keit zu treten, wie es auch geschah. Döllinger, den Brentano 
als Student gehört und auch persönlich kennengelernt hatte, 
hat er meines Wissens damals nicht aufgesucht. 

Der große Krieg, die Kämpfe und Siege unserer Truppen 
in Frankreich während dieser Monate lösten in uns, das 
muß icli offen gestehen, nicht das patriotische Hochgefühl 
aus wie in dem größten Teile des Volkes. Es gab in Süd- 
deutschland damals doch manclie, die das Jahr 1806 noch 
nicht vergessen konnten. Auch mein Vater und ich gehörten 
dazu. Bewunderten wir auch die Stoßkraft unserer Truppen 

Kraus. Kran/. Hn-ntano. 8 



unter preußischer FühruD^, so bedauerten wir doch das 
pohtische Übergewicht Preußens und brachten Bismarck 
nichts weniger als Zuneigung entgegen. Erst später begann ich 
allmählich umzudenken. Brentano aber betrachtete Bismarck 
fortdauernd als den bösen Geist Deutschlands. Er war und 
blieb ein Großdeutscher. Er konnte den Ausschluß Öster- 
reichs nicht verwinden und sah in Bismarck nur den Träger 
einer verwerflichen Machtpolitik. Die Erinnerung an die 
Behandlung seines Vaters durch die preußische Regierung 
im Kölner Bischofsstreite (worüber mir Näheres übrigens 
nicht bekannt ist) mochte dabei wohl auch mitspielen; denn 
er hatte eine sehr lebendige Empfindung für die Geschichte 
und Tradition seiner Famihe. Daß sein Vetter und Schüler 
V. Hertling einmal Bismarcks Amt in schwerster Zeit weiter- 
führen sollte, hätte man sich damals freilich nicht träumen lassen. 
Nach den kirchlichen Gesetzen konnte Brentano seine 
geistliche Würde nicht ablegen, ohne zugleich aus der 
Kirche in aller Form auszutreten. Diese förmliche Nieder- 
legung und Austrittserklärung verschob er volle drei Jahre. 
Erst im Frühjahr 1873 hat er sie in Würzburg vollzogen. 
Bis dahin trug er das geistliche Gewand und hielt sich 
längere Zeit auch noch äußerlich an die ihm vorgeschriebenen 
Handlimgen. Er las an Orten, wo es nicht anders ging, die 
Messe, bei deren Zeremonien er sich eben in ähnlicher Weise, 
wie es freiere protestantische Prediger bei den überlieferten 
kirchlichen Formeln tun, innerlich zur Anbetung des Höchsten 
im Geist und in der Wahrheit erhob, ohne sich viel um das 
gesprochene Wort zu kümmern. Ja er zwang sich eine Zeit- 
lang sogar noch zmn vorgeschriebenen täglichen Brevierbeten, 
obgleich er dieses ohne äußeres Aufsehen hätte unterlassen 
können. Elr hatte das Brevier immer als eine harte Auflage 
empfunden und betrachtete es als eine der stärksten Fesseln, 
mit denen die Kirche die Geistlichen an sich bindet, indem 
sie sie schwer verpflichtet, Tag für Tag ohne Rücksicht auf 
Stimm\mg imd äußere Hindemisse sich in vorgeschriebene 



115 

Materien zu versenken oder gar unter Festhaltimg einer all- 
gemeinen frommen Intention die Zeit durch bloße Mund- 
bewegungen auszufüllen. Um sich nun sagen zu können, 
daß er das Loskommen von dieser Fessel nicht ohne weiteres 
als Lohn seiner Umwandlung in Empfang nehme und daß 
dies in keiner Weise imter den Motiven mitspiele, trug 
er sie freiwillig noch geraume Zeit weiter. 

Was ihn veranlaßte, so lange mit der förmlichen Austritts- 
erklärimg zu warten, waren hauptsächlich zwei Gründe: die 
Rücksicht auf seine Mutter imd die auf s^ine geisthche 
Mutter, die Kirche. Wie furchtbar der Schritt auf seine 
Mutter wirken mußte, braucht nicht gesagt zu werden, am 
wenigsten denen, die die streng kathohschen Anschauungen 
über Apostaten kennen. Dazu kam aber die Bitte befreundeter 
kirchlich gesinnter Männer, denen er sich eröffnet hatte, wie 
Hanebergs, die das öffentliche Ärgernis, den Schaden für 
die Kirche fürchteten, die in dieser Zeit ohnedies dm'ch 
den Unfehlbarkeitsstreit und seine Folgen so starke Einbuße 
an Ansehen und Mitghedern erlitt. Was es aber Brentano 
erleichterte und überhaupt ermöglichte, in dieser Lage aus- 
zuharren und sich auch mit den kirchlichen Gebräuchen 
einigermaßen abzufinden, das war das Gemeinsame, das 
doch geblieben war. Er blieb bis zum Lebensende tief 
religiös und ganz erfüllt von Gottvertrauen. Aber auch 
dem Christentima und speziell der katholischen Kirche be- 
wahrte er ständig hohe Achtung im Hinblick auf die Ver- 
dienste, die sich ihre Listitutionen und Lehren trotz aller 
Mißbräuche und alles Aberglaubens um die Erziehung des 
Charakters erworben haben. Er ist darum auch später nie- 
mals aggressiv oder gar höhnend gegen sie aufgetreten, und 
die kirchlichen Behörden ihrerseits vermieden es schon aus 
Politik, ihn durch feierliche Exkommunikation oder sonstige 
Maßregeln zum Kampfe zu rufen, den er sonst zweifellos 
ohne Furcht und mit aller Kraft aufgenommen liätte. Denn 
nichts lag ihm ferner als Menschenfurcht. 



1 16 

Mit dieser gemeinsamen Üborzeugiing hängt auch das 
anßerordontliclie Gewicht zusammen, das Brentano der 
Ausarbeitung des philosophisohcn Gottesbegriffes und dem 
Nachweise seiner Realität bis zuletzt beilegte, während 
mir angesichts der ungeheuren Verschiedenheit der Gottes- 
anschauungen, innerhalb deren doch die Menschen gut und 
sogar fromm sein können, die Einigung über diese letzten 
Fragen des Erkennens später nicht bloß immer schwerer, 
sondern auch nicht mehr im gleichen Maße notwendig er- 
scheinen wollte. Damit will icli nicht sagen, daß nicht eine 
möglichst scharfe Durchbildung der Begriffe bis zur aller- 
äußersten erreichbaren Grenze vom wissenschaftlichen Stand- 
punkt als holies Ziel erscheinen müßte. Wie weit sein un- 
ermüdliches Nachdenken in dieser Richtung gekommen ist, 
werden ims die hinterlassenen metaphysischen Abhandlungen 
lehren. 

Die Vorstellungen Brentanos von dem hohen Berufe der 
Philosophie für die Erziehung der Menschheit wurden durch 
das Aufgeben des positiven Glaubens noch gesteigert. Wenn 
nicht geradezu eine neue Religion, so doch eine Erneue- 
rung des religiösen Bewußtseins ohne statutarische und 
konfessionelle Beimischung erhoffte er, wie seinerzeit Cicero, 
von der Entwicldung der Philosophie, von dem Eindringen 
ihrer Erkenntnisse in das Bewußtsein der Gebildeten und, 
durch sie vermittelt, in das Bewußtsein der großen Masse. 
Wir waren beide noch jahrelang überzeugt, daß dem Philo- 
sophen, dessen ganzes Denken, Fühlen und Wollen von 
dieser Aufgabe erfüllt sei, sogar der Gedanke an Ver- 
heiratuiig fern bleiben müsse. Brentano war der erste, der 
auch mit diesem selbstgemachten Dogma, zunächst theo- 
retisch, brach. Ich erinnere mich, daß er auf einem Ausflug 
in die Bergstraße 1874 oder 1875 bekannte, darin wankend 
geworden zu sein, kann aber diesmal nicht sagen, daß es 
mir Schmerz bereitet hätte, ihm zuzustimmen. 

Aus dem Schiffbruche seines Glaubens rettete sich 



^ 117 

Brentano in das innere Leben auch jene Gewohnheit der 
Betrachtung, von der wir ihn sagen liörten, daß er ohne 
sie lieber sterben m()chte. Nur waren es nicht mehr die 
spezifiscli christlichen Ideen und Begebenheiten, sondern 
das weite Gebiet religiöser, großer und edler Gedanken und 
Taten in der Menschheit überhaupt, auf das sie sich er- 
streckte. Dabei legte er gleichwohl gern die ihm vertrauten 
Schriften eines Thomas von Kempen (der auch ein Liebling 
Paulsens und seine letzte Lektüre war), eines Pascal und 
Fenelon, auch selbst Lebensbeschreibungen von Heiligen, 
wie des Yinzenz von Paul, zugrunde und empfahl auch mir 
angelegentlicli die Fortsetzung dieser Übungen. „An Fenelons 
einfach schönen Betrachtungen erquicke ich mich täglich. 
Heute haben mir seine Erwägungen ,De l'emploi du temps' 
wieder recht meinen Leichtsinn klargemacht" (8. 11. 1871). 
Mir waren Augustins Cohfessiones und Soliloe|uia, Epiktet 
und Piaton liebe Weggefährten ; doch wurden die Stunden 
der Betrachtung bald durcli die allgemeine Geistesverfassung 
abgelöst, in der jeder im ernsten Sinne Philosophierende 
zu jeder Stunde des Tages sich finden muß. Und ähnlich 
wird es auch wohl ihm ergangen sein. 

Schwierig erschien Brentano die Frage, ob auch Marty, 
der Ostern 1870 nach seiner Heimat Schwyz zurückgekelirt 
war, um dort gleichfalls, wie es seinen, seiner Familie und 
seines Bischofs Wünschen entsprach, in den Priesterstand 
zu treten, in die Wandlung seiner Anschauungen eingeweiht 
werden sollte. Wii' liaben oft darüber gesprochen, und mir 
erschien es als das Kichtige, alles zu sagen; aber Brentano 
trug Bedenken, da es bei Marty nicht so unauffällig wie 
bei mir bleiben konnte und seine Zukunft ganz in Frage 
gestellt wurde (er war bereits Lyzealprofessor in Schwyz 
geworden), überdies die Möglichkeit bestand, daß es nicht 
gelingen wih-de, den Entfernten brieflicli zu den neuen 
Überzeugungen herüberzuziehen, und nur furclitbare Ge- 
wissensnöte entständen. Dies waren wenigstens nach meiner 



118 

Erinnerung mitwirkende Erwägungen. Erst 1873 sah sich 
Marty — ich weiß nicht genau, ob mit oder ohne An- 
deutungen von Seiten Brentanos, jedenfalls aber, nachdem 
er von dessen Wandlung erfahren — selbst zu Zweifeln 
und zum Aufgeben seines religiösen Standpunktes geführt, 
kam einige Zeit nach Aschaffenburg, wo ihn aber Brentanos 
Mutter nicht sehen durfte, machte in Göttingen 1875 die 
Doktorprüfung und wurde in demselben Jahre nach Czemo- 
witz berufen. Die Zurückhaltung Brentanos gegenüber Marty 
ist mir auch heute noch nicht ganz verständlich, und sicherlich 
würde er, hätte er vorausgesehen, was Marty ihm selbst iind 
unserer Wissenschaft später werden würde, nicht gezögert 
haben, ihm die gewaltige Erschwerung seines ganzen Lebens 
durch den Eintritt in den Priesterstand zu ersparen. Wie 
schwer Marty darunter gelitten, wie heldenhaft er die damit 
verbundenen Entsagungen und äußeren Hemmnisse getragen 
hat, das wissen seine Freunde. Er selbst hat wohl das 
Gewicht der praktischen Überlegungen Brentanos anerkannt, 
jedenfalls ihm niemals Vorwürfe gemacht. 

4. Erlebnisse in Würzburg Herbst 1870 
bis Sommer 1873. 

Verfolgen wir nun Brentanos Würzburger Leben 1870 
bis 73. Ich kann darüber nicht mehr als Augen- und Ohren«- 
zeuge berichten, da ich in diesen Jahren in Göttingen 
dozierte. Aber ein lebhafter Briefwechsel und häufiges 
Wiedersehen in den Ferien erhielten die Verbindung auf- 
recht. Es sei zunächst, um seine Stellung und deren 
SchA\ierigkeiten verständlicher zu machen, einiges über die 
Zusammensetzung des Würzburger Lehr- und Lernkörpers 
jener Zeit eingeschaltet, wie ich ihn auch selbst von 1878 
an als Würzburger Professor kennen lernte. 

Würzburg wurde besonders besucht von Medizinern untl 
katholischen Theologen. In den philosophischen Vorlesungen 
bildeten die letzteren einen starken Bestandteil, da man 



_^_________ 119 

seitens der katholischen Theologie auch auf philosophische 
Vorbildung immer großen Wert legte, freüich nur, wenn 
sie nicht mit der Kirchenlehre in Widerspruch stand. Es 
kam aber auch die schon erwähnte staatliche Vorschrift all- 
gemeiner Studien im ersten Uni versitäts jähre dem Besuche 
zugute. Mediziner pflegten allerdings auch damals nur 
selten Philosophie im engeren Sinne zu hören, sondern 
zogen Naturwissenschaften vor. Aber Brentano verstand es 
doch, damals wie später, auch Medizinstudierende gelegentlich 
heranzulocken, und betrachtete es als besonders wünschens- 
werten Erfolg, sie für seine Überzeugungen zu gewinnen. 
Unter den Lehrkräften fand er ein freundliches Interesse 
bei dem Physiologen Fick, einem liebenswürdigen Charakter 
und philosophischen Kopf, der zwar vor allem Schopenhauer 
und Kant verehrte, aber für jede mensclilich und Wissenschaft- » 
lieh bedeutende Erscheinung Teilnahme hatte. Ahnliches gilt 
von dem Chemiker Wislicenus, dem wundervollen, religiös und 
doch frei denkenden Menschen, meinem späteren Dutzf reunde, 
der aber erst seit 1872 in Würzburg wirkte. Auch der Germanist 
Lexer, der Jurist Risch, der das Verwaltungswesen der 
Universität unter sich hatte, und der Mathematiker Prym 
stellten sich objektiv und wohlwollend zu Brentano. Kölliker, 
der die medizinische Fakultät beherrschte, aber auch im 
Senat und im Ministerium besonders maßgebend war, dürfte 
sich wesentlich zuwartend verhalten haben; er war eine külil 
abwägende Natur und olme inneres Verhältnis zur Philosophie. 
In der theologischen Fakultät hatte Brentano einen warmen 
Freund in dem ehrwürdigen, milden Exegeten Schegg, der 
auch später nach seinem öffentlichen Abfall ihm seine 
Achtung und sein Vertrauen nicht entzog. Der stattliche 
Apologet Hettinger, päpstlicher Prälat, der auch etwas von 
einem weltgewandten Abbe hatte, hätte wohl gern vermittelt. 
Er wußte die Schwierigkeiten der Dogmen zu w^ürdigen, 
wenn er sich auch seinerseits mit mehr Eleganz und litera- 
rischem Aufputz als Gründlichkeit darüber hinweghalf. Aber 



120 . 

natürlich konnte das p^te Werk nicht gelingen. Im übrigen 
war die theologische Fakultät, zu der auch der nachmalige 
Kardinal und Leiter der Vatikanischen Bibliothek, der 
hagere, grundgelohrte Herg(mröther gehörte, wesentlich durch 
die römisch-jesuitische lüchtung beeinflußt. Als Freunde 
Brentanos erwähne ich noch den Geschichtsprofessor Ludwig, 
den Hibliotheksvorstand Ruland, einen charaktervollen, wenn 
auch klerikal gesinnten Mann, und ganz besonders den 
Staatsrechtslehrer Edel, den bekannten Parlamentarier, der 
Jahrzehnte hindurch den grüßten l-^infhiß auf das inner- 
politische Leben Bayerns hatte. Ihm stand l^>rentano persön- 
lich nahe, w^as wohl auf Ascliaffenburger BezieJuingen 
zurückging. Einer Tochter Edels, I'rau Hauser, und ihrer 
ganzen Familie ist er zeitlebens ein treuer und fürsorgender 
Freund geblieben. 

Die Mehrzahl der Würzburger J'rofessoren stand aljer 
Brentano sicherlich entw^eder feindselig oder mißtrauisch 
gegenüber. In ausgeprägt katholischen Städten Deutsclilands 
gibt es in der Regel eine protestantische und eine radikale 
antireligiöse Partei, die beide durch den Gegensatz gegen 
die herrschende Majorität zu kräftiger Betätigung angespornt 
sind. Diese Parteien hetrachteten P)rentano zunäclist als 
Scholastiker, der zu bekämpfen war. Als ich bei deni Botaniker 
Schenk 1867 ein Stipendienexamen ablegte, warnte er mich in 
wohlwollender Weise vor Brentano, dem Scholastiker. Später, 
als Brentanos veränderte Anschauungen ruchbar wurden, 
blieb doch ein mehr oder minder starkes Mißtrauen gegen 
ihn in diesen liberalen Kreisen wach, und da er nur mit 
wenigen verkehrte und sich noch wenigeren eröffnete, so 
konnte es auch nicht anders sein. Hoffmann, der sehr anti- 
idtramontan war („Blitzstrahlen wider den Vatikan"), hielt 
ihn eben doch für eine Art von verkapptem Jesuiten. 

Der Würzburger Bischof Stahl war kein Fanatikei- und 
verhielt sich meines Wissens durchaus zurückhaltend. In 
Aschaffenburg fand Brentano freundschaftliche Teilnahme, 



^ 121 

wenn aucli nicht Zustimmiuig, bei dem Seminarpräfekten 
Hessler und dem Religionslehrer Schlör, der später Bischof 
in Würzburg wurde; während der treffliche Kaplan Hulm, 
eine durchaus praktische Natur, später Stadtpfarrer in München, 
nicht einsehen wollte, wie man seinen Verstand so quälen 
könne, da docli die segensreiche Wirksamkeit der Kirche, 
ihr alle Stürme überdauernder Bestand und so viele in die 
Augen fallende Tatsachen ihre Göttlichkeit bezeugten. 

Man empfand nun an der Würzburger Universität an- 
gesichts der großen Lehrerfolge Brentanos um so mehr, daß 
Hoff mann, dessen Wirksamkeit fast oder ganz auf Null herab- 
sank, als einziger angestellter Vertreter der Philosophie nicht 
mehi- genüge, und beschäftigte sich mit Vorschlägen. Lotze, 
nach ihm Überweg imd F. A. Lange wurden als Ordinarii 
»in Aussicht genommen, über Brentanos Ernennung zum Extra- 
ordinarius wurde lebhaft verhandelt, i Lotze selbst empfahl 
warm seine Anstellung. Aber zum Ordinarius der Philosophie 
wollte man doch einen Geistlichen nicht vorschlagen. Bren^ 
tano denkt in den Briefen bereits Ende des Winters 1870/71 

' Ich entnehme diese und di(^ folgenden Angaben über die Be- 
setzungsfrage Brentanos Briefen. Sie sind aber durch eine Vergleichung 
mit den Fakultäts- und Senatsakten, die Herr Professor Chroust auf 
meine Bitte freundlichst vornalim, bestätigt. Die Interna dieser Ver- 
handlungen scheinen merkwürdig genug, sollen aber hier unberührt 
bleiben. Denn derartiges findet sich auch sonst in Universitätsakten 
nicht so ganz selten. Nur eine Äußerung der Fakultät sei erwähnt, 
die ein seltsames Gegenstück zu dem oben mitgeteilten begeisterten 
Lobe Brentanos bildet. Die Fakultät erklärt am 20. Dezember 1870, 
mit 6 Stimmen unter 11, Brentanos Gesucii um Anstellung als Extra- 
ordinarius nicht befürworten zu können, „weil er weder einen Ruf er- 
halten noch hervorragende wissenschaftliche oder praktische Leistungen 
aufzuweisen habe". Fünf Fakultätsmitglieder reichten aber Separatvota 
zu seinen Gunsten ein. Die Senatsmehrheit stellte sich auf den Stand- 
punkt eines dieser Vota, hatte zwar wegen des geistlichen Standes 
bedenken, betonte aber seine „von mehreren Seiten bezeugte un- 
abhängige, den ultramontanen Tendenzen abgeneigte Gesinnung". 
Sie wolle seine Ernennung befürworten, wenn erst ein neuer Ordi- 
narius berufen sei. 



122 

daran, WürzLur^ zu vorlassen, wenn man ihm nicht eine 
Professur vorleihe. Um Ostern sah er Döllinger, der ihm 
mehr, als er erwartet hatte, gefiel und traf bei ihm auch 
Lord Act(m. „V<m den gleichzeitig anwesenden Antünfallibi- 
listen blieb ich fern. Natürlich wissen Sie, wie unendlich 
weit ich vom Jnfallibilismus bin. Aber auf diese Männer 
habe ich kein Vertrauen. Und ebenso ärgert mich der Staats- 
despotismus, der dem kirchlichen nicht nachsteht." Man 
benützt aber gerade seine Zurückhaltung gegenüber der 
Antünfallibilitätsadresse an Döllinger, ihn des Unfehlbarkeits- 
glaubens zu verdächtigen. Er findet freilich, selbst wenn 
der Verdacht richtig wäre, könne das kein Hindernis seiner 
Anstellung sein. „Wenn ich an den Dalai Lama glaubte, 
hätten sie nichts dagegen" (23. 6. 71). 

Aus einem Brief vom 14. Juli 1871 geht hervor, daß- 
wir eine gemeinschaftliche Schweizerreise für die Sommer- 
ferien vorhatten, wobei Marty besucht werden sollte, der 
zu Ostern eine schwere Krankheit durchgemacht hatte. Sie 
ist aber unterblieben. Im November 1871 treibt Brentano 
Englisch und freut sich, Ostern nach England zu gehen, 
namentlich um Mill kennen zu lernen. Die Verbergung seiner 
ITberzeugungen fällt ihm immer schwerer. „Fenelon ist fort 
und fort mein treuer Freund. Ich könnte zufrieden sein, 
wenn nicht von Zeit zu Zeit mächtige Sehnsucht nach dem 
Bekenntnis der Wahrheit mir das Herz schwer machte" 
(f). 1. 72). 

Er bittet um Urlaub für den Sommer zu einer Reise 
nach England. Man interpelliert die Regierung, da die 
Universität dadurch in die größte Verlegenheit gebracht 
werde, zumal da auch Hoffmann erklärt hatte, er werde 
gesundheitshalber nicht lesen. Der Senat ist einstimmig für 
seine Anstellung. Aber ein freundlicher Kollege ruft in aller 
Eile eine Gegenkraft herbei, indem er einen Dr. L. . . ., von 
dem die l^hilosophiegescliichte bis heute gänzbch schweigt, 
veranla(3t, sich schnellstens für Philosophie zu habilitieren. 



^_^^^^^^_^_^___^ . 123 

Brentano berichtet mir am 25. Februar 1872 ausführlich, 
über seine Beteiligung an der Disputation; und da der 
Bericht ein anschauliches Bild von seiner außerordentlichen 
Überlegenheit in dialogischen "Waffengängen gibt, möge er 
wörtlich hier stehen. Das lebhafte Gefülil des Triumphes 
wird man dem Sieger zugute halten. Die Wirkung war, daß 
das beklagenswerte Werkzeug der Intrigue abgewiesen wurde. 
„In aller Geschwindigkeit, mit Umgehvmg aller Ante- 
zedentien, wurde auf gestern seine Habilitation angekündigt. 
Mir machte er keinen Besuch, ja er schickte mir nicht 
einmal seine Thesen. In Folge dessen dachte ich zuerst 
gar nicht hineinzugehen. Doch besann ich mich anders. 
Das Pubükum, das nichts von der vorausgegangenen 
UnhöfKchkeit wußte, hätte mein Ausbleiben als Feind- 
seligkeit deuten können. Ich entschloß mich zu opponieren. 
Zwei Thesen griff ich an, eine über die Aufgabe der Logik, 
die andere über die Anwendbarkeit der Mathematik auf 
die Psychologie, die der Habilitand in jeder AVeise und 
für alle Zukunft zu negieren suchte. Obwohl ich — wie 
ich auch später von allen Seiten anerkennen hörte — in 
keiner Weise leidenschaftlich oder mißgünstig mich zeigte, 
Avar das Ergebnis seine vollständigste Niederlage und icli 
feierte einen glänzenderen Triumph, als ich ahnen oder 
wünschen konnte. Die gesamte Studentenschaft, die ziem- 
lich zahlreich erschienen war, kam während der Disputation 
allmälig in Bewegung und brach bald in geräuschvollen 
Applaus bald in Lachen aus. Ja noch mehr. Die Professoren 
und Dozenten selbst (und auch von ihnen waren namentlich 
von Vertretern der Naturwissenschaften aus der philo- 
sophischen und medizinischen Fakultät eine ziemliche 
Anzahl zugegen) vergaßen soweit des Anstands, daß sie 
die deutlichsten Zeichen des Beifalls gaben. Der etwas 
lebhafte Fick rief dem Physiker Kundt über die Bank 
zu: „famos" mit so wenig gedämpfter Stimme, daß es 
selbst die Studenten im Hintergrunde der Aula hörten 



124 • 

und (lieser erwiderte mit elxmso lebliaften Zeichen. Ahnlich 
HoJrat A\'agner. Die niedizinisclien Privatdozenten schauten 
anfangs ganz verduzt drein. Halte man doch genugsam 
auszustreuen gesnclit, daß icli ein Mystiker, daß ich ein 
Schohistikor, daß icli ein einseitiger Aristoteliker und 
Äimliclies sei, und die beiden Thesen waren von der 
Art, daß sie mir Gelegenlieit boten, ihr Vorurteil so recht 
in der Wurzel zu zerstören. Es war als wenn alle, die 
sonst mich als einen Gegner anfeindeten, plötzlich in sehr 
wesentlichen Beziehungen in mir einen Bundesgenossen 
erkannten und mit der unverhohlensten Freude an meinem 
Siege sich weideten. Hoff mann selbst, der mitten unter 
den Beifallbezeugenden saß, fing an beifälhg zu nicken 

und zu lächeln Nach beendetem Akt kam Fick zu 

mir, machte mir die sehn] eichelhaftesten Komplimente, 
während der arme Habilitand von den seinigen verlassen 
wie ein armer Sünder auf dem Katheder stand und so 
den Kopf verloren hatte, daß er sich nicht von der Stelle 
rührte. Ich hatte Mitleid mit ihm, und wäre ich nicht 
durcli Fick okkupiert imd so gehindert worden, so wäre 
ich trotz seiner vorausgegangenen Unfreundlichkeit zu 
ihm gegangen, um ein paar freundliche AVorte mit ihm 
zu sprechen. Hoffmann hatte in seiner Beurteilung der 
A'on ihm eingereichten Abhandlung ihm überschwengliches 
Lob gespendet. Aber nach dem Eindruck, den der öffent- 
liche Habilitationsakt gemacht hat, ist es nach dem, was 
ich höre, wahrscheinlich, daß er dennoch abgewiesen 
werden wird." 

Als ich einige Wochen später in den Osterferien nach 
AV'^ürzburg kam, war noch alles voll von dem Eindruck dieser 
Disputation. Brentano hatte sich wirklich damit die hohe 
Anerkennung selbst seiner Feinde errungen. Aber für einen 
ganz schwarzen Ultramontanen hielten sie ihn nach wie vor. 
Brentano setzte nun in dei- Tat seine Vorlesungen im 
Sommer 1872 aus. Er reiste um Ostern nach London. Während 



^ Ud 

seiner Abwesenheit, am 13. Mai 1872, erfolgte seine Er- 
nennunof zum außerordentlichen Professor. 

Die Briefe von London reichen vom 22, xVpril bis 5. .Juni. 
Er vervollständigt zunächst seine Kenntnis der Sprache 
und der philosophischen Literatur Englands. Er verkehrt 
auch mit antiinfalliblen Kathohken. Empfehlungen durch 
meinen Göttinger Freund William Robertson Smith, den 
später so berühmt gewordenen freien Theologen, der auch 
in Mathematik und Philosophie fachmännisch zu Hause war, 
führen zu weiteren Bekanntschaften. Auch Newman, den 
geistvollen Führer der englisclien Katholiken, will er auf- 
suchen; ob es geschehen ist, geht aus den Briefen nicht 
hervor. Herbert Spencer liat er angetroffen vmd später mit 
ihm Briefe gewechselt. Bekannt wurde er noch mit Mivart' 
dem bedeutenden Antidarwinisten, mit dem er sich in einem 
der Haupteinwände (daß die ersten Anfänge eines Organs 
noch keinen Nützlichkeitswert haben können) begegnete. 
Dieser erzählte ihm Darwins Äußerung, daß sein Buch ihm 
schlaflose Nächte bereitet habe und daß er selbst seine 
Hypothese in ihrer Ausschließlichkeit für ungenügend halte 
(ähnhches findet man auch in den Schriften und Briefen des 
geradezu vorbildHch ehrlichen großen Forschers). Anderes 
verspart er sich für eine zweite englische Reise. 

Er denkt jetzt an die Möglichkeit, daß ich nach Würz- 
burg berufen würde und wir da zusammenwirkten. Dilthey 
war im Sommer berufen worden, hatte aber abgelehnt. Mit 
dem inzwischen ausgebrochenen Kulturkampf und der Aus- 
treibung der Jesuiten ist Brentano trotz seines Gegensatzes 
zu diesen nicht einverstanden. 

Mitte Juni 1872 reiste er nach Aschaffenburg zurück, 
wobei er in Göttingen kurzen Aufenthalt machte imd Lotze 
und Baumann besuchte. Wir waren in beiden Häusern zu- 
sammen eingeladen Lotze war freundlich, aber schweigsam, 
wie so oft. In Aschaffenburg hört Brentano Pmde Juni, daß 
dort wie in Würzburg und München von seiner ablehnenden 



126 

Stellung jiiclit nur zum Ultramontanismus, sondern auch zu 
Kirche und ( 'liristentum gemunkelt werde. Der Minister 
liat zu einem Bekannten ü^oiiußort, Brentano sei voll Haß 
gegen Paj)st, Kirche und Christentum. Er sieht nun ein, 
daß auf die Dauer seines Bleibens niclit in Würzburg sein 
könne, und beginnt dort für meine ]5erufung zu wirken. 
Ich hatte Ende April 1872 die Arbeit über den psycho- 
logischen Ursprung der Raumvorstellung angefangen und 
war damit bei der äußersten Konzentration, die mir damals 
vergönnt war, so schnell vorwärts gekommen, daß ich im 
August schon mitten im Drucke stand. Aber während der 
erste Teil gedruckt wurde, wurde der zweite noch geschrieben 
und vieles mit Brentano wälirend seines Asch äff enburi^er 
Ferienaufenthaltes im September durchgesprochen. Anfang 
November war das Ganze fertig. 

Brentanos innerlicher Al)fall ist jetzt in engeren Kreisen 
allmählich doch bekannt. Der theologische Privatdozent Stahl, 
ein Neffe des Bischofs, hält philosophisclie Vorlesungen imd 
agitiert gegen Brentano, den ei' als Atheisten hinstellt, ob- 
gleich der Bischof selbst nichts gegen ihn tut und auch 
den Theologen seine Vorlesungen nicht gesperrt hat. Hettinger 
und dem Mainzer Heinrich hat er seine Gründe vorgelegt, ' 
ohne daß sie sie zu widerlegen wußten. Andererseits trauen 
ihm aber die Liberalen auch nicht. 

Das Ministerium verlangt neue Vorschläge für das 
Ordinariat. Man ist in Wien, wo gleichfalls eine Besetzung 
notwendig wurde, auf Brentano aufmerksam gemacht, und 
es sind bereits private Verhandlungen im Gange. „Nach 
wie vor wünsche ich mich weit von Würzburg weg, und 
nur Ihr Hierherkommen könnte es mir, der ich mich jetzt 
mehr noch als früher innerhalb meiner vier Wände einspinne, 
etwas erträghcher machen" (19. 11. 72). Nachschrift: „Meine 
Sozietät zählt 13 Studenten, darunter Philosophen, Juristen, 
Mediziner und Theologen." 30. November 1872: „Augen- 
blicklich ist es auch ganz erträglich hier, doch schweben 



127 

immer die Gewitterwolken über meinem Haupte. Dann 
wissen Sie selbst, wie viele Ultramontane in dem Wahne 
leben, ich habe einen ultramontanen Posten usurpiert, und 
endhch würde die Berufung nach Gießen [wovon ebenfalls 
die Rede war] ein Schritt weiter zur Emanzipation und 
vielleicht auch die Anbahnung einer anderen Berufung sein. 
Solange ich hier lebe und, wie ich es hier nicht anders darf, 
mit meinen Ansichten nicht laut hervortrete, wird man mich 
anderwärts, wenn nicht für einen Ultramontanen, doch immer 
noch für einen Schwarzen halten." 

Um Weihnachten hatte Sigwart einen Ruf nach Würz- 
burg erhalten, aber abgelehnt. Später wurde noch Lassen 
aus Berlin vorgeschlagen, aber vom Ministerium abgelehnt. 
In der KJreuzzeitung erschien ein pietistischer Klageruf über 
Brentano, auch ultramontane Zeitungen (Yolksfreund, Bonner 
Reichszeitung) polemisierten gegen seinen „Deismus". 

Wir korrespondieren inzwischen über Raumfragen, über 
die Beobachtungen an Schielenden, die Nageische Theorie, 
die Kraft der Phantasie gegenüber der Raumvorstellung. 
Brentano teilt mit, daß er iinverkennbar binokulare Farben- 
mischung gesehen, beschreibt das Einzelne, denkt an eine 
Art psychischer Chemie. Er kommt in mehreren Briefen 
darauf zurück. So früh also beginnen auch schon seine 
Farbenstudien und Experimente. Ende Januar kommt mein 
Buch heraus. 

Er erwägt, Ostern niederzulegen und förmlich mit der 
Kärche zu brechen. Aber manches spreche dagegen ; so könne 
das Gerücht, daß er irrsinnig geworden, dadurch Nahrang 
erhalten. Am 6. Februar 1873 hat er aber den Entschluß 
definitiv gefaßt und teilt ihn bereits Lotze mit. In Gießen 
wie in Wien sind wir gewissermaßen Konkurrenten, aber 
der Leser kann sich denken, in welchem Sinne wir selbst 
dies auffassen und behandeln. Im Februar bespricht Bren- 
tano im Münchener Ministerium die Sachlage, teilt seinen 
Entschluß mit, von dem man ilin mit Hoffnungen auf ein 



128 _==_==___= 

Ordinariat ab/ubringen versucht, weist auf mich hin. Das 
Ministerium vorlangt Gutachten vom Senat, der im Laufe 
des Sommers meine ]>erufung, für die namenthcli Lotze 
sich warm eingesetzt hatte, befürwortet. 

Anfang März 1873 erbat Brentano die Entliebung von 
seiner Stolhing. Nach dem Senatsbericht vom 17. März er- 
gciben mehrere Unterredungen mit ihm die Unwiderruflich- 
keit „seines schon lange gehegten Entschlusses, welchen 
näher zu motivieren derselbe absichtlich unterlassen hat". 

Der zwingende Grund lag für ihn zweifellos darin, daß 
er kurz darauf seinen Austritt aus der Kirche zu erklären 
gedachte und daß danach unter den in Würzburg gegebenen 
Verhältnissen seines Bleibens an dieser Stelle, wo er als 
Stolz und Hoffnung kirchhch gesinnter Kreise eingezogen 
war, nicht mehr sein konnte. Obgleich er die Professur 
keineswegs diesen Kreisen verdankte, wollte er jeden Vor- 
vvand zu noch so ungerechtfertigten Vorhaltungen in dieser 
Hinsicht abschneiden. Vor allem aber lag ihm daran, sein 
wissenschaftliches Lebensziel in positiver Arbeit weiter zu ver- 
folgen und sich nicht in einen beständigen Kampf mit der kirch- 
lichen Richtung verwickelt zu sehen, der nach allen Voraus- 
setzungen in Würzburg nicht zu vermeiden gewesen wäre; 

Daß man ihm einen Ordinarius zur Seite setzen wollte, 
hat nicht, jedenfalls nicht maßgebend, mitgewirkt. Denn 
abgesehen davon, daß ihm selbst Hoffnungen auf das 
Ordinariat bei dieser Gelegenheit gemacht wurden, hätte bei 
seiner Lehrbegabung der Ordinarius, wer er auch sein mochte, 
eher für seine Wirksamkeit zu fürchten gehabt als Brentano. 
Ebensowenig spielte gekränktes Selbstbewußtsein eine Rolle, 
denn er wäre es ja sogar zufrieden gewesen, als Extra- 
ordinarius seinem Schüler als Ordinarius nachgestellt zu 
werden, wenn es nur der Sache diente. 

Am 24. März erfolgte die Enthebimg „unter wohl- 
gefälliger Anerkennung seiner ausgezeiclmeten Leistungen 
auf dem Gebiete der Wissenschaft wie als Lehrer". 



129 

Am Karfreitag, dem 11. April 1873, trat Brentano aus 
der Kirche aus. Über die näheren Umstände dieses ent- 
scheidenden Schrittes bin ich nicht unterrichtet. Er scheint 
in aller Stille, nur vor dem Bischof, erfolgt und der Öffentlich- 
keit zunächst nicht bekannt geworden zu sein. Das Datum 
ist mir auch nur indirekt, durch Prof. Kraus nach Brentanos 
mündlicher Mitteilung, bekannt. 

Der nächste Brief datiert vom 9. Mai aus Paris. Teils 
der Wunsch, nach der großen "Wendung seines Schicksals 
zunächst in der Heimat unsichtbar zu bleiben, teils aber 
auch das noch lebhafter gewordene Bedürfnis, die geistigen 
Strömungen im Auslände kennen zu lernen, und mit be- 
deutenden Denkern der Zeit in Verbindung zu treten, werden 
diese Reise veranlaßt haben. An Mill hatte er am 29. No- 
vember 1872 einen langen Brief über die ürteilstheorie ge- 
schrieben, auf den Mill am 6. Februar 1873 antwortete (eine 
Stelle aus der Antwort teilt Brentano, Ps^^chologie S. 288, 
mit). Mill lud ihn ein, im Frühsommer mit ihm in Avignon 
zusammenzutreffen, wohin Brentano von Paris aus reisen 
wollte. Leider wurde diese Zusammenkunft durch Mills Tod 
vereitelt. Aus Paris schreibt Brentano zunächst fast nur 
Günstiges. Das Familienleben, die Redlichkeit des Publikums, 
die freie und doch tolerante Stellung gegen den Glauben 
werden gelobt. Von den Sammlungen für Kunst und Wissen- 
schaft ist er entzückt. Am 9. Juni aber schreibt er, er habe 
nun Paris ziemlich von allen Seiten kennen gelernt und 
müsse sein erstes günstiges Urteil um* ein Bedeutendes herab- 
stiramen. Der Ort zum ruhigen Studium sei es jedenfalls 
nicht; auch sei die Bibliotheksbenutziing erschwert. Er weiß 
noch nicht, wohin er für die nächste Zeit gehen soll, Aschaffen- 
burg sei für ihn kein geeigneter Aufenthalt. „Was macht 
der neue altkatholische Bischof? Wird er bald gewählt und 
wo will er seinen Sitz aufschlagen? Von Gottes und Bis- 
marcks Gnaden ist ein geradezu kontradiktorischer Titel, 
und doch dem letzten Teile nach jedenfalls hier am Orte." 

Kr all 9, Franz Brentano. 9 



130 

Am 2M. Juni ist er in Roodt, Luxemburg. Aus Paris 
hat ihn auch die Hitze vertrieben. Er sehnt sich, in Lei{)zig 
oder einem ähnbchen Orte zu arbeiten. Von Marty hat er 
Nachriclit, wonach dieser in seinen religiösen Ajisichten 
bereits wankend geworden. 8. Juli beglückwünscht er mich 
aus Aschaffenburg zu der Würzburger Berufung und hat 
seinerseits gute Nachricliten über Wien. Lotze war dort 
nachdrücklich für seine Berufung eingetreten. Der Kardinal 
Rauscher protestierte (später soll er den Protest zurück- 
genommen haben), andererseits hatte Brentano eine persön- 
liche Stütze an dem befreundeten v. Gagern, der die Be- 
denken des Kaisers beschwichtigte. Im Juli 1873 war Bren- 
tano selbst in AVien. Die Fakultät hatte an erster Stelle 
Lange, an zweiter Stumpf genannt; der Minister drückte 
gegen Zimmermann sein Befremden aus, daß Brentano 
übergangen sei. November 1873 brachte er einige Zeit 
in Leipzig zu, wo er Rechner, Drobisch, E. H. Weber 
und den jungen Philosophen Schuster besuchte, wohl 
auch Strümpell und Windelband kennen lernte; aber die 
Bibliotheksverhältnisse enttäuschten ihn sehr, die enghsche 
Literatur fehle ganz, die deutsche sei äußerst lückenhaft 
vertreten. Wegen der Abfassung seiner Psychologie ist ilim 
dies schmerzlich. Er ließ sich dann durch mich aus Würz- 
burg Bücher nach Aschaffenburg senden. Er freut sich auf 
mein Kommen zu Weihnachten. „Denn der Mangel jeder 
wissenschaftlichen Ansprache und jedes Gedankenaustausches 
über das, was uns beschäftigt, ist für meine Natirr nicht 
bloß fühlbar, sondern auch ein wahres Hindernis." Ebenso 
in einem anderen Briefe: „Der Mangel an ansprechendem 
Umgang ist bei einer zur Freundschaft geneigten Natur 
wie der meinigon immer fühlbar. Jetzt, wo so manche 
wissenschaftliche Frage Stoff zur Besprechung gäbe, noch 
mehr." Er beschäftigt sich mit der Frage angeborener Assozia- 
tionen, zweifelt am psychophysischen Gesetz aus den in 
seinem Buche angegebenen Gründen. 



131 

Am 22. Januar 1874 wurde Brentano zum Ordinarius 
der Philosopliie in Wien ernannt. Der Sektionschef teilte es 
ihm in einem schmeichelhaften Schreiben mit. 

Die Vorrede zu seinem Buche datiert vom 7. März 1874. 
Während des Druckes hatte ich mit ihm viele Besprechungen 
über Formf ragen. Er war darin zu jener Zeit bis zum Übermaß 
gewissenhaft. Die Korrektur bereitete ihm daher geradezu 
Pein. Die stilistische Fügung, die Wahl eines Ausdruckes 
auch in ziemlich gleichgültigen Fällen, die Setzung eines 
Komma riefen lange Erwägungen hervor. Doch erstreckte 
sich dies nur auf an sich gleichgültige Äußerlichkeiten. 
Sonst saß das Kleid der Gedanken bei Brentano immer 
„wie angegossen", die Form entsprang im wesentlichen 
unmittelbar und ohne Ausprobieren dem Gedanken. Und 
ist sie oft etwas umständlich und nicht so elegant oder 
bilderreich wie bei manchen philosophischen Stilkünstlern, 
so liegt dies durchaus an der Art des Denkens selbst. Wie 
ihm da jede Mehrdeutigkeit und Undeutlichkeit unerträglich 
war, so galten ihm auch schöne Bildlichkeit, Witz und 
Schmuck der Rede, die dem Verfasser des Eätselbüchleins 
sonst recht wohl zu Gebote standen, in den schweren Fragen 
der Philosophie gar nichts, vielmehr hielt er jeden, der auf 
solche Weise durchzukommen suchte, an und zwang ihn, 
sich rein sachlich auszudrücken. Und so war auch Selbst- 
zucht in dieser Hinsicht ihm zur zweiten Natur geworden. 

5. Vorlesungen 1870 bis 1873. 
Es sei nun über Brentanos Vorlesungen 1870 bis 1873 
berichtet, soweit ich informiert bin, d. i. hauptsächlich aus 
Teilen seiner mir im September 1873 (s. u.) mitgeteilten 
Vorlesungshefte. Diese Aufzeichnungen, die Brentano in 
den Vorlesungen benützte, bestanden nur aus Stichwörtern 
oder kurzen Wendungen, waren aber aufs Sorgfältigste 
disponiert, und der Gedankengang war durch Nummern, 
lateinische und griechische Buchstaben so übersichtlich 

9* 



132 ^ 

wiedergegeben, daß der mit Brentanos Ideen im all- 
gemeinen Vertraute sich darin zumeist recht gut orientieren 
konnte. Die hinterlassenon Hefte werden darum für alle 
künftigen Darsteller seiner Lehren ein unschätzbares Hilfs- 
mittel sein. 

Die Gegenstände der Vorlesungen in dieser Zeit waren: 
Winter 1870 Deduktive und induktive Logik (fünfstündig); 
Sommer 1871 Psychologie; Winter 1871 Geschichte der 
Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart (fünf- 
stündig), Sozietät über ausgewählte philosophische Schriften; 
Winter 1872 Psychologie, Über das Dasein Gottes (zwei- 
stündig), Sozietät. Für den Sommer 1872 war Metaphysik 
(fünfstündig), für den Sommer 1873 Deduktive und in- 
duktive Logik mit erläuternden Anwendungen auf die 
Geschichte der Natur- und Geisteswissenschaften (fünf- 
stündig) angekündigt. 

In der Logik 1870/71 — dem besuchtesten Kolleg der 
Universität, wie er mir schrieb — baute Brentano die Urteils- 
lehre noch weiter aus, und hier war es u. a. die Lehre von der 
Modalität, die er ganz neu gestaltete. Er unterschied scharf 
die Begriffe der Evidenz, Sicherheit, (Tcwißheit und Genauig- 
keit, die man alle in dem „apodiktischen" Urteil mehr oder 
weniger zusammengeworfen hatte. Die Unterscheidung der 
Sicherheit (einschließlich der Wahrscheinlichkeitsgrade) als 
einer in der Urteils materie wurzelnden Eigenschaft von 
der Gewißheit oder Zuversicht als einer subjektiven, auch 
von Gefühlsmotiven abhängigen Eigenschaft des Urteils 
war u. a. wichtig für die Theorie des religiösen Glaubens. 
Es folgte dann die ausgeführte Theorie des Schließens, ins- 
besondere der kategorischen Syllogismen, wie man sie aus 
den kurzen Mitteilungen in der Psychologie von 1874 und 
aus dem Buche von Hillebrand kennt. Brentano hat sie in 
der Aschaffenburger Zurückgezogenheit geschaffen. Es ist 
mir noch in Erinnerung, wie er ganz und gar von diesen 
logischen Forschungen hingenommen war »und täglich zu 



J 133 

neuen Folgerungen aus seinen Grundannahmen gelangte. 
Er lebte da in seinem allereigensten Element. In der Tat 
erscheint mir auch heute noch diese Schlußlehre, die Zurück- 
führung aller sog. einfachen kategorischen Schlüsse auf die 
zwei existentialen Grundformen, eine für die affirmativen, 
eine für die negativen Schlüsse, unter Zugrundelegung des 
Satzes, daß man bei affirmativen Urteilen die Materie ohne 
Schaden für die Wahrheit beliebig vermindern, bei nega- 
tiven beliebig vermehren dürfe, und die Ableitung dreier 
Schlußregeln an Stelle der verwickelten, alten Moduslehre 
als eine grandiose Leistung. Die Strenge der Ableitungen 
und die Einfachheit und ausnahmslose innere Harmonie der 
Ergebnisse sind bewunderungswürdig. Für das letzte AVort 
in dieser Sache kann ich sie freilich nicht mehr halten, da 
mir ihre Grundlagen in der Urteilslehre, namentlich die 
Deutung der allgemein bejahenden Aussagen auf negative 
oder Negationen enthaltende Urteile, seit lange nicht mehr 
richtig scheinen. Modifiziert hat sie später ja auch Brentano 
selbst durch die Anerkennung sogenannter Doppelurteile, 
die zugleich prädikative Urteile sind, u. a. 

Bei der Würdigung der viel umstrittenen Urteilslehre Brentanos, 
durch die er am meisten auf die zeitgenössische Philosophie ein- 
gewirkt hat, muß man immer beachten, wie ungeheuer viel all- 
gemeiner er den Ausdruck „Urteil" gegenüber dem Sprachgebrauche 
der meisten faßt. Man braucht nur daran zu denken, daß ihm jede 
Wahrnehmung, innere wie äußere, ein Urteil ist, daß ex darin schon 
eine elementare Bejahung, Setzung findet, und daß ihm mit jedem 
beliebigen psychischen Akte von den ersten Anfängen an eine evi- 
dente Selbstbcjahung, also ein Urteil in diesem weitesten Sinne, ver- 
bunden scheint. Von dem Standpunkt, der nur sprachlich formulierte 
Urteile (Aussagen), und zwar mit Subjekt und Prädikat, kennt, ist 
dies alles natürlich himmelweit entfernt. 

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens hat Brentano, immer fort-- 
schreitend, die Urteilslehre noch durch die These ergänzt und modi- 
fiziert, daß zum Gegenstand eines VorsteJlens und Urteilens nur ein 
Reales, ein Ding gemacht werden könne, wodurcli auch die oben- 
erwähnten „indirekten Urteile" eine Umdeutung erfahren. Über diese 
Wendung, die er nur kurz in tler Sciirift: „Von der Klassifikation der 



134 

psychischen Phänomene" skizzi(^rt, liabcn Marty und die EnkelschüJor 
Kraus und Kastü Genaueres berichtet (Kraus s. o. Kastil im Vorwort 
zu A. Marty s Gesammelten Schriften II. Bd. 1. Abt. 1918). Wird die 
Ausdeutung der Aussagen dadurcli erlieblich komplizierter, so ist 
andererseits nicht zu verkennen, daß die ganze ürteilslehre so noch 
an straffer Einheitlichkeit gewinnt. Von einer sachlichen Stellung- 
nahme muß natürlich hier abgesehen werden. 

Ein weiterer folgenreicher Schritt der neuen Logik wai- 
die Einfügung der mathematisch-philosophischen Wahrschein- 
lichkeitslehre, wobei Brentano die Laplace'sche Definition 

zugrunde legte und die sieben ersten Kegeln aus dessen 

I -| 

Essai T)hilosoi)hi("|ue anführte, für die Formel — -T— « ©ine 

n -]- 2 

elementare Ableitung gab und die unvollständige Induktion teil- 
weise auf (unendliche) Wahrscheinlichkeit zurückführte. Einige 
Jahre darauf, 1874, erschienen Stanley Jevons' Principles of 
Science, worin die Theorie der Induktion und Kausalgesetzlich- 
keit wesentlich auf die mathematischen Wahrscheinlichkeits- 
gesetze begründet wurde. Brentano selbst hat leider nichts 
darüber veröffentlicht. Die Wurzeln der Theorie liegen für 
beide Denker in Laplace' sechstem Prinzip und weiter zurück 
in der Bayes'schen Hegel. Meine eigene spätere Arbeit über 
den Begriff der mathematischen WahrscheinKchkeit (1892) 
w^ar hauptsächlich durch die Frage veranlaßt, ob solche An- 
wendungen selbst logisch fehlerfrei sind. Denn wenn die weit- 
verbreitete Auffassung richtig wäre, wonach umgekehrt Kausal - 
Verhältnisse oder Induktionen die Voraussetzung von Wahr- 
scheinlichkeitsansätzen bilden sollen, so würde man sich im 
schönsten Kreise di-ehen. Außerdem hatte v. Kries bestimmte 
materielle Voraussetzungen (Spielräume) für nötig erachtet. 
Daher erschien eine eingehende Untersuchung erforderlich, 
ob der mathematische Wahrscheinlichkeitsbegriff an irgend- 
welche in Laplace' Definiton nicht genannte Einschränkungen 
oder Voraussetzungen gebunden sei. Brentano schickte mir 
nach Empfang der Abhandlung eine Anzahl kritischer Be- 
merkungen, von denen ich einige auch als berechtigt 



135 

anerkennen mußte, aber im wesentlichen stimmte er 
natürlich zu. 

Psychologie tritt zum erstenmal im Sommer 1871 unter 
den Vorlesungsgegenständen auf. Brentano teilte sie damals 
in zwei Hauptabschnitte: 1. von den psychischen Phänomenen 
lind ihren Gesetzen, 2. vom Substrat der psychischen Phäno- 
mene und der Unsterblichkeit der Seele. Näheres weiß ich 
nur über die Wiederholung der Vorlesung im Winter 1872/73 
aus Bruchstücken seiner Hefte, da ich Psychologie niemals 
bei ihm gehört habe. Im ersten Abschnitt wurde über die 
Dreiteilung der Grundfunktionen und ihr gegenseitiges Ver- 
hältnis gesprochen. Eingehend behandelte er die Assoziations- 
lehre, wobei die Arbeiten der englischen Psychologen aus- 
giebig berücksichtigt wurden. Er erkannte nur ein Grund- 
gesetz an, das er etwa so formulierte: „Jede Vorstellung 
liinterläßt eine Disposition zum Auftreten einer ähnhchen 
Vorstellung unter ähnlichen psychischen Umständen." Aus 
dieser Formel, die die neuerdings so genannte Tatsache der 
Substitution bereits berücksichtigt, sind zugleich alle Fälle 
der sogen. Ahnlichkeitsreproduktion zu verstehen. Ich halte 
sie noch heute für die korrekteste und umfassendste. Auch 
manche Ergebnisse der späteren experimentellen Gedächtnis- 
forschung hat Brentano antizipiert, so das Jost'sche Gesetz 
(womit ich natürlich nicht sagen wül, daß die experimentelle 
Begründung überflüssig gewesen). Er verglich die Art, wie 
sicli ältere, stark begründete Assoziationen gegenüber neueren, 
wenn sie beide dem Zeitverlauf überlassen werden, durch- 
setzen, mit dem Verhalten zweier Lichtquellen von ver- 
schiedener objektiver Lichtstärke, von denen die schwächere 
dem Auge näher liegt und darum zunächst subjektiv heller 
erscheint: wenn sie sich nun beide mehr und mehr entfernen, 
ohne ihren gegenseitigen Abstand zu verändern, so muß ein 
Punkt kommen, wo die stärkere subjektiv heller wird. Auch 
die abnormen und pathologischen Erscheinungen, wie das 
„doppelte Bewußtsein" und die Hypermnesien, wurden 



136 

besprochen und mit deii) Grundgesetz in Verbindung 
gebracht. 

Der Frage nach dem Ursprung der Raumvorstellung 
widmete Brentano im Januar und Februar 1878 nicht 
weniger als 20 Yorlesungsstünden. Sie hat ihn seit unseren 
Diskussionen aus Anlaß meines Buches stets in hohem 
Maße beschäftigt. 

Das Zeitbewußtsein beschrieb Brentano damals so, daß 
in jedem Moment einer (äußeren oder inneren) Wahrnehmung 
von dem AVahrnehmungsinhalt eine ihm qualitativ gleiche^ 
aber sich zeitlich bis zu einer gewissen Grenze zurück- 
schiebende Vorstellung ausgelöst werde. Das Zeitmerkmal 
galt ihm dabei als eine inhaltliche Bestimmtheit, deren 
gleichmäßige Veränderung eben dieser, dem Bewußtsein 
eigenen Gesetzlichkeit unterliegt. Er nannte den Prozeß 
eine „ursprüngliche Assoziation" gegenüber den „erworbenen 
Assoziationen" des Gedächtnisses. Folgen mehrere Eindrücke 
a, b, c, d aufeinander, so ist beim Eintritte des zweiten der 
erste bereits in solcher Weise zeitlich vertieft usf. Bren- 
tano versinnlichte dies durch beistehendes Schema, worin 
, die Horizontale dem obiektiven Zeit- 
verlauf, die Vertikalen an jedem Punkt 
die jeweiligen Vorstellungen bedeuten. 
Später hat er diese zunächst so ein- 
leuchtende Beschreibung des Sachver- 
haltes im wörtlichsten Sinne „modifiziert", 
indem er die Umwandlung nicht als eine 
' inhaltliche, sondern als eine des Vor- 
stellungsmodus definierte. Der Grund lag für ihn darin, 
daß Vergangenes nicht real ist, Nichtreales aber auch nicht 
Vorstellungsinhalt sein kann. 

Mit jener ersten Zeittheorie hing auch die logische 
Lehre zusammen, daß die zeitlichen Unterschiede in unseren 
Aussagen, wie sie in den Zeitformen des Verbums vor- 
liegen, nichts mit der Urteilsfunktion zu tun haben (J. St. Mill), 



137 

sondern nur die Materie des Urteils angehen. Sage ich: 
„Gestern wütete ein Sturm", so ist hiernach nicht meine 
Bejahung eine andere als beim Praesens, sondern nur das 
Bejahte, ähnlich wie wenn das Urteil einmal einen räumlich 
entfernten, einmal einen nahen Gegenstand betrifft. 

Die Ethik hat Brentano in den Würzburger Vorlesungen 
noch nicht behandelt. Aber ich möchte in Hinsicht der Ent- 
wicklung seiner Gedanken in dieser Richtung bemerken, 
daß er damals wesentlich den Standpunkt. der größten Güter- 
summe vertrat und die Einsicht, daß die Summe des Besten 
aller Einzelnen erstrebenswerter sei als jeder ihrer Bestand- 
teile, für eine genügende Grundlage hielt, wenn er auch 
die Mill'sche Begründung dieses Satzes als einen Felilschluß 
erkannte. Die Übertragung des Unterschiedes zwischen 
blinden und einsichtigen Urteilen auf das emotionelle Leben, 
die Formulierung des Begriffes eines „als richtig charakteri- 
sierten Liebens und Hassens", auch eines so charakterisierten 
Vorziehens, das uns unter anderem das Summierungsprinzip 
gewährleistet, ist erst ein Ergebnis der Wiener Zeit. 

6. Unsere Begegnungen und Beziehungen nach 1873. 
Wann und wo wir uns im späteren Leben wieder- 
gesehen haben, läßt sich leider in kurzen Worten angeben. 
Im Sommer 1874 kam Brentano nach Schluß seiner Wiener 
Vorlesungen nach Franken zurück. Da er Würzburg zu ver- 
meiden wünschte, trafen wir uns in einer Station vorher, 
Rottendorf. Er war stark ermüdet und angegriffen von dem 
Wiener Sommerklima und klagte über die staubige Luft. 
Mit dem Lehrerfolg war er zufrieden. Wir waren dann im 
September zwei Wochen in dem belgischen Seebade Heyst 
und weitere zwei Wochen in Klausen bei Luxemburg als 
Gäste seines Schwagers Theophil Funck-Brentano (sixiter 
in Paris) zusammen. Nach Heyst hatte er mir Teile seiner 
Vorlesiingshefte über Logik und Psychologie mitgebracht. 
Funck-Brentano war ein allgemeingebildeter, auch philo- 



138 

sophisch belesener Mann und eleganter Schriftsteller, die 
ganze Familie liebenswürdig und sehr gastfreundlich. 1875 
besuchte ich Brentano nach der Grazer Naturforscherversamm- 
lung Ende September in Wien, Erdbergstraße 19. Er hatte 
schon einen angenehmen gesellschaftlichen Verkehr und 
führte mich in das Haus des Buchhändlers Gerold ein, 
dessen Gattin Rosa gern Schriftsteller und Künstler bei 
sich sah. Auch seinen nahen Freund Zumbusch, den Bild- 
hauer, der gerade an dem mächtigen Maria Theresia- 
Denkmal arbeitete, lernte ich kennen und war in seinem 
gemütlichen Hause geladen. 1876 besuchte ich ihn wieder 
im September auf acht Tage in Wien in derselben Wohnung ; 
dann wieder einige Tage 1879 anläßlich meiner Berufung 
nach Prag. 

Im Herbst 1889 erfolgte Brentanos Verheiratung. Ich 
hatte bereits ein Jahr vorher geheiratet, diesmal also das 
Beispiel gegeben. Weihnachten dieses Jahres war das Ehe- 
f)aar bei uns in Prag. 1881 war ich zu Ostern acht Tage 
in Wien bei Brentano's, Oppolzer Gasse 6, zu Gaste und 
konnte mich von seinem Glück, auch von dem großen 
gesellschaftlichen Kreise, in dem er lebte, überzeugen. 
Mehrere seiner damaligen Schüler lernte icli bei dieser 
Gelegenheit kennen, so v. Meinong und Masaryk, der bald 
darauf an die neugegründete tschechische Universität in 
Prag kam. 

Von Prag aus korrespondierte ich zeitweilig viel mit 
Brentano über die tonpsychologische Frage der Einheit oder 
Mehrheit gleichzeitiger Töne. Er vertrat damals noch den 
Standpunkt der Einheitslehre, den ich als mit dem musi- 
kalischen Bewußtsein unverträglich verlassen hatte. Ich 
darf vermuten, daß seine spätere Anschauung nicht ohne 
den Einfluß dieses Briefwechsels entstanden ist. 

Der April 1884 brachte ein kurzes Wiedersehen, als 
Brentano auf einer Reise nach Paris Prag berührte. Daß ich 
im Herbste dieses Jahres dem Rufe nach Halle folgte, war 



139 

nicht im Sinne Brentanos. Er fand darin eine gewisse Un- 
dankbarkeit gegen Österreich, wo ich von der Regierung 
gut behandelt worden sei. Ich glaubte indessen auch meine 
Pflichten gegen den Staat redlich erfüllt zu haben und war 
von dem Leben in Prag physisch und psychisch so mit- 
genommen, daß ich die Rückkehr in geordnete und ruhige 
Verhältnisse als eine Erlösung begrüßte. Man hatte eben doch 
in Wien ebenso wie bei uns im Reiche damals keine rechte 
Vorstellung, wie den Deutschen in Prag zumute war. Auch 
kann ich nicht leugnen, daß mir gerade die Berufung an 
die Universität Halle- Wittenberg, deren Statuten nicht- 
protestantische Lehrkräfte prinzipiell ausschließen, nach 
früheren Erfahrungen, über die ich hier schweigen will, 
eine besondere Genugtuung und Freude bereitete. 

1885 suchte ich Brentano in St. Gilgen auf. Das waren 
Tage angeregten freundschaftlichen Zusammenseins mit 
ihm und der lebensfrohen Frau in schöner Umgebung. 
Zu seinem dortigen Umgange gehörten sein Schüler Fr. Hille- 
brand, der Physiologe v. Fleischl und der Psychiater Meynert. 
Im Herbst 1886 kam, von Brentano empfohlen, Husserl 
behufs Habilitation nach Halle und wurde mein Hörer 
und Freimd. Nachdem ich 1888 nach München über- 
gesiedelt war, sahen wir dort im Frühjahr 1891 Brentano 
und Frau auf einige Zeit, dann trat wieder eine große Pause 
ein. Ich kam 1894 nach Berlin; in demselben Jahre starb 
Frau Brentano. 1896 war ich mit ihm auf dem Münchener 
internationalen Psychologenkongreß zusammen, zu dem er 
auf mein Bitten einen Vortrag („Zur Lehre von der Emp- 
findung") beigesteuert hatte. Er hatte wenig Gesclimack 
an solchen Veranstaltungen, bei denen notwendig über 
prinzipielle Dinge kurz hinweggegangen werden muß. Daß 
meine eigene Einleitimgsrede über Leib und Seele ihm Be- 
denken erregte, erfuhr ich erst später. Sie schien ihm nicht 
genügend dem Materialismus entgegenzutreten. 

Es folgten schwere Arbeitsjahre für mich, aber aucli 



140 

.laliic, in (k'iun imsci- iiuiij^cs \'<'i-]iält]ns zweimal eine 
vorübergehende Trübung erfiilir, besonders 1903. Dies war 
die Wirkung der langen |)crsr)nlichen Trennung und der un- 
genügenden Korrespondenz! ahigkeit meinerseits. Es hatten 
sicli infolge meiner Veröffentlichungen, besonders aber falscher 
j)ersönlicher Informationen, die ihm zugekommen waren (er war 
darin etwas leichtgläubig) scliwarze Vorstellungen über mein 
ganzes inneres und äußeresVerlialtenbei ihm festgesetzt, denen 
er in kräftigen Worten Ausdruck gab, und ich konnte nicht 
anders als kräftig erwidern. Aber der erste Augenblick des 
Wiedersehens, der erste Händedruck auf dem Bahnhofe in 
Melk verscheuchte alle bösen Geister mit einem Schlage, 
und wir waren beide do])|)e]t glücklich, uns als die alten 
wiederzufinden. Ich bin iü)erzeugt, es wäre anderen ebenso 
gegangen, wenn sie sich zu einer persönlichen AVieder- 
begegnung hätten entschließen können. 

Im September 1905 war ich zum erstenmal acht Tage 
sein und seiner zweiten Gattin Gast in Schönbühel, dann 
im Herbst 1911 und 1913. Es ist mir jetzt schwer faßbar, 
daß 18 .Jahre verstreichen konnten, ehe ich Brentano in 
seinem „Neu-Aschaffenburg" aufsuchte. Aber Jahr für Jahr 
brachte neue Abhaltungen. An jeden dieser Aufenthalte 
kann ich nur mit herzlichstem Dankesgefühl zurückdenken. 
Brentano pflegte seine Gäste in Melk abzuholen und mit 
ihnen auf dem Dampfschiff die Donau hinunter bis zu dem 
Dorfe Schönbühel zu fahren, von wo noch eine Viertelstunde 
Weges bis zu seiner Behausung war. Die unablässige Sorg- 
falt, mit der Frau Emilie den diirch sein Augenleiden immer 
uielij- auf ihre Hilfe angewiesenen Gatten umgab, hinderte 
sie nicht, auch für das Wohl ihrer Gäste in musterhafter 
Weise besorgt zu sein. P]s war eine Form der Gastlichkeit, 
wie man sie sich nicht wohltuender vorstellen kann. Bei 
aller Aufmerksamkeit und Fürsor^re herrschte volle Be- 
Avegungsfreiheit. Bei gutem Wetter nahm man Frühstück 
und „Jause" in dem baumreichen Vorgarten im Anblicke 



141 

der Donau. Mit Brentano odei- dem Sohne durchstreifte 
ich auch die schöne Gegend, und viele philosophische 
»Spaziergänge wie in alter Zeit wurden ausgeführt auf dei' 
Waldstraße nach Aggsbach oder unten am Donauufer. 

Die Gegenstände unserer Unterhaltungen waren vorzugs- 
weise die ihn gerade beschäftigenden metaphysischen Fragen 
über Raum und Zeit, über den UnendHchkeitsbegriff, speziell 
die aktuell-unendlichen Zahlen nach Cantor, die er verwarf, 
dann über Kontingenz und Notwendigkeit und die Folge- 
rungen füi- den Gottesbegriff, über den Optimismus, die 
Laplaceschen und Darwinschen Entwicklungslehren, das 
Wahrscheinlichkeitsproblem (u. a. das Bertrandsche Para- 
doxon), die sogen. Megethologie, Phänomenologisches, zumal 
die Farbentheorie, wie er sie später veröffentlicht hat, und 
Psychologisches, wie die Vorstellungslehre, die in der neuen 
Auflage der „Klassifikation" veröffenthcht wurde. Den Inhalt 
aller dieser Gespräche habe ich aufgezeichnet, muß aber 
gestehen, daß es mir in manchen Punkten schwerer als 
früher wurde, seinen Entwicklungen zu folgen, da unsere 
Gedankenwelt, ja zum Teil selbst unsere Denkgewohnheiten, 
sich im Laufe der Jahre doch nach verschiedenen Richtungen 
weitergebildet hatten. Und so kam es auch meist nicht zur 
Überzeugung der Gegenseite. Aber mir war es von hohem 
Wert, wieder einmal seine weitausholende, tiefgründige Art 
zu genießen und die Ergebnisse seines nimmermüden Denkens 
kennen zu lernen. 

Am meisten lag ihm mir gegenüber, seitdem unsere 
Wege äußerlich auseinandergegangen waren, daran, die 
resignierten und Spinozistischer Auffassung zuneigenden 
Gedanken, die sich mir angesichts der unlösbaren Rätsel 
des Weltlaufes schon früh aufgedrängt hatten, wieder 
seinem unbedingten Optimismus anzunähern. Er blieb darin 
dem Leibnizischen Standpunkte treu, den er noch tiefer zu 
fassen und zu begründen suchte. P^inmal aber entschied ei-, 
man könne die Welt ebenso die schlechtestmögliche wie die 



142 

bestmögliche nennen, Ha es eben zufolge der absoluten 
Notwendigkeitslehre, zu der er sich jetzt bekannte, nur eine 
und nur diese geben könne: und darin konnte ich ihm zu- 
stimmen. Übrigens war auch sein Gottesbcgriff nicht mehr 
der frühere, namentlich gerade darin, daß er die absolute 
Notwendigkeit und zugleich eine beständige Umwandlung 
Gottes in den Begriff aufnahm. Man konnte vielleicht sagen, 
es sei dadurch ein pantheistischer Zug hineingekommen, 
wenn er diese Bezeichnung auch wolil nicht selbst zugegeben 
hätte. Die Intensität und alles durchdringende AVärme seines 
religiösen Fühlens war aber dieselbe geblieben, dasselbe 
alte, unbeirrbare Gottvertrauen. Und wenn er in den Nächten 
regelmäßig für einige schlaflose Stunden aufstand und auf 
dem Balkon, zii seinen Füßen die breitrauschende Donau, 
einsamer Meditation sich hingab, dann mag das mystisch 
beseligende Gefühl der Gottesnähe ihm auch jetzt als Lohn 
lebenslanger, harter und scharfer Gedankenarbeit zuteil ge- 
worden sein. Unter seinen hinterlassenen Gedichten ist die 
Übersetzung eines englischen Kirchenliedes „Näher zu Dir, 
mein Gott'', das die auf dem Titanic 1913 Untergegangenen 
vor dem Sinken des Scliiffes gesungen haben sollen. Sicher 
gibt er damit seinen eigenen Gefühlen Ausdruck. 

Nur mit tiefer Rührung kann wohl jeder, der Brentano 
in diesen späteren Jahren gesehen hat, an die abgeklärte 
Milde und G üte seines Wesens denken und an die khiglose 
Geduld, mit der er die zunehmende Verfinsterung und die 
volle Nacht trug, die sein Augenleiden um ihn breitete. 
Nur moralische Schlechtigkeit, zumal die Ungerechtigkeit 
im Großen, im Verhalten der Völker gegeneinander, wie der 
vom Zaune gebrochene tripolitanische Raubzug seines neuen 
italienischen Heimatlandes und später dessen Verrat an den 
Bundesgenossen, riefen nach wie vor Empörung und schärfste 
Verurteilung hervor. 

So steht das Bild dieses Mannes vor meinen Augen, 
den — mit Aristoteles zu sprechen — „auch nur zu rühmen 



143 

die Schlechten nicht das Recht haben". Seine Schwächen 
hatte auch er, das wissen auch seine Freunde. Wer hätte 
sie nicht? Mögen Sillographen von Beruf danach suchen. 
Für mich, der ich länger als sie alle ihm vertraut war, ist 
keine Frage, daß ihm unter den großen Erscheinungen 
unserer Zeit ein Ehrenplatz gebührt. 



7. Verhältnis Brentanos zu seinen Schülern, 
Anhangsweise möchte ich einige Punkte besprechen, die 
sich nicht auf einen bestimmten Zeitabschnitt seines Lebens, 
sondern auf sein ganzes Verhalten zu den Schülern imd 
seine philosophische Denkweise beziehen, und deren Ein- 
fügung in die chronologische Darstellung diese allzusehr 
unterbrochen hätte. 

Zunächst das Verhältnis Brentanos zu den literarischeu 
Arbeiten seiner Schüler. Er ging in deren Unterstützung 
außerordentlich weit. Mehr oder weniger ist dies zwar all- 
gemeine deutsche Sitte. Wir akademischen Lehrer stellen 
unsere Erfahrungen und Ideen den Schülern zur Verfügung, 
ohne ängstlich um Eigentumsrechte besorgt zu sein. Dis- 
sertationen sind, wenn man dies in Rücksicht zieht, oft 
mehr vom Lehrer als vom Schüler gearbeitet, wobei der 
Verfasser immer noch versichern kann, sie ohne fremde 
Hilfe angefertigt zu haben, da man diese Hilfe nicht rechnet. 
Brentano konnte sich aber, wenn ihn ein Thema besonders 
interessierte, dermaßen darein vertiefen, daß er dem mit 
ihm verkehrenden Schüler die Zügel fast aus der Hand 
nahm. Ich erfuhr dies besonders im zweiten Teile meiner 
Schrift über die Raumvorstellung, den er, wie erwähnt, im 
September 1872 mit mir durchgesprochen hat. Während 
der erste schon gedruckt wurde, stand ich bezüglich der 
Tiefendimension noch auf empiristischem Standpunkte, was 
man dem Buche glückhcher weise nicht anmerkt. Daß ich 
in dem folgenden Teil auch dafüi* nativistische Grundlagen 



14 4_ __ 

annahm, <^osch<'ih unter dem Kinflusse Brentanos. Und so 
sind mich wesentliche Einzelheiten in Hinsicht des bin- 
okularen Sehens seiner Anregung entsprungen. Freilich war 
es wohl ein Nehmen und Geben von beiden Seiten, denn 
ich war durch meine Studien tiefer in das physiologische 
Gebiet geführt worden. Am ersten Teil, den grundlegenden 
Ausführungen über die Flächenvorstellung, war Brentano 
imbeteiligt, ausgenommen den allgemeinsten Gedanken der 
Untrennbarkeit von Farbe und Ausdehnung, worin er aber 
selbst nur ältere Lehren erneuerte. 

Aber wie ließe sich darin fortfahren, wo sollte ich über- 
haupt anfangen und endigen, wollte ich Brentanos Einfluß 
auf mein Denken, meine akademischen Vorträge und lite- 
rarischen Produktionen genügend schildern? Meine ganze 
Auffassung der Philosophie, der wahren und verkehrten 
Methoden des Philosophierens, grundwesentliche Lehren in 
Logik und Erkenntnistheorie, Psychologie, Ethik, Metaphysik, 
die ich heute noch vertrete, sind seine Lehren. In anderen 
Punkten freilich glaubte ich mich von ihm trennen zu 
müssen. Oft geschah dies aber auch so langsam, daß mir 
die Abweichung selbst verborgen blieb. Im allgemeinen 
vermögen Dritte besser solche Eigentumsfragen zu beurteilen, 
da man bekanntlich Familienähnlichkeiten leichter bemerkt, 
wenn man nicht der Familie angehört. Dies mögen auch 
andere Schüler Brentanos in Betracht ziehen, die vielleicht 
mehr, als es der Wirklichkeit entspricht, ihre eigenen Schöpfer 
zu sein glauben. Doch Aveiß ich, daß wenigstens Husserl, 
der sich in seinen späteren Arbeiten sehr weit von Brentanos 
Ideen über die Zukunft und das Heil der Philosophie ent- 
fernt hat, noch weiter davon entfernt ist, die Kraft und 
Fülle der von seinem Lehrer ausgestreuten Keime zu unter- 
schätzen. 

Ein zweiter Punkt, der hier zu besprechen wäre, betrifft 
umgekehrt die Hindernisse der literarischen Produktion der 
Schüler infolge der eigenen Zurückhaltung Brentanos in 



■ 145 

der Veröffentlichung- seiner Untersuchungen. Es ist äußerst 
mißKch, sich immer nur auf Vorlesungen oder gar Gespräche 
berid'en zu müssen, um dem Lesor die Voraussetzungen, 
von denen man ausgeht, zu erklären; nocli mißlicher, vom 
Lehrer überkommene Anschauungen, die man niclit mehr 
teilen kann, zu bekämpfen, wenn diese Anschauungen nicht 
gedruckt vorliegen. AVie leiclit sind da Mißverständnisse und 
Ungenauigkeiten möglich! Wie weit geht überhaupt das 
Recht, Anschauungen eines anderen zu zitieren, die ihr Ur- 
heber nicht selbst ^^eröff entlicht hat, von denen er sich 
möglicherweise selbst schon halb oder ganz losgesagt hat? 
Jahrelange persönliche Trennung muß notwendig auf beiden 
Seiten Umbildungen der Gedankenwelt hervorrufen, die ein 
volles gegenseitiges Verstehen erschweren. Und so sind mir, 
aber auch ihm, in den Veröffentlichungen der letzten Jahr- 
zehnte tatsächhch Mißverständnisse begegnet, die zu Be- 
richtigimgen nötigten. Als ältester Schüler habe ich mir im 
Bewußtsein, auch im Namen andei-er zn sprechen, des öfteren 
erlaubt, den Lelirer briefHch an unsere A\^ünsche in Hinsicht 
weiterer, besonders zusammenfassender Veröffentlichungen 
zu erinnern. Abei' dei- Drang des Untersuchens und eigenen 
Fojtschreitens war in ihm weit stärker als der, sich gedruckt 
zu sehen: an sich ein großer Vorzug, dessen Gewicht und 
Reiz jeder nachempfinden kann, dem die letzte Feile, die 
Nachfüllung literarischer und sachlicher Kleinigkeiten, das 
Fertigstellen für den Dinck und das Korrigieren der Druck- 
bogen auch keine Freude machen; aber eben eine < Quelle 
von Unbequemlichkeiten für die näheren wissenschaftlichen 
Freunde und Schüler. Ich bekennt^, (1;iß hierin für mich 
eines dei' Motive lag, das Gebiet der '^onps^ chologie und 
doi" akustischen Beobachtungen in weitgehendem Maße zu 
[)flegen. Konnte icli da doch hoffen, J^)i-auclibares zu leisten, 
ohne allzuvieb; nicht ^■or^)l■fentlichte Anschauungen desLolirers, 
znstimnKmd odei- ablolmend, heranzuziehen. Ahnlich ging es 
Maity mit der S[)rach- und Kraus mit der Rechts})hilosoi)hie. 

Kraus, t'ruii/ Bii-iitaiio. 10 



^46 • 

Xcicli ein drittel' l'iinki (■ndlicli ist zu berüliren: eine 
«ijewisse EmpfindJiclikeit Bi-entanos gegenüber Abweichungen, 
die er für unbegründet hielt. Er war zwar prinzipiell und 
mit vollem Hechte gegen die i^ildung einer anl's Wort 
schwörenden „Schule", worin so manche Philosophen das 
Hauptziel ihres Ehrgeizes und den Haui)ttitel ihres Ruhmes 
erblicken. In der AViener Zeit erzählte er mir einmal, daß 
man dort schon anfange, von „Brentanianern" zu sprechen, 
und daß iliin dies äußerst widerwärtig sei. Mit Vorliebe 
führte er dagegen das Wort des Aristoteles an, Plato sei 
iiun Freund, mehr aber Freund die Wahrheit. Und doch: 
traten ihm in den A^'eröffentlichungen der Schüler Grund- 
anschauungen entgegen, die sich erheblich von den seinigen 
entfernten, ohne daß sie an Ort und Stelle eingehend gerecht- 
fertigt und verteidigt wurden, so war er geneigt, sie zunächst 
für unmotivierte, willkürliche Aufstellungen zu halten, ob- 
gleich sie möglicherweise durch lange Jahre nach Kräften 
geprüft, manchmal Avohl auch unmerkhch herangereift waren, 
ohne daß man sich dessen ausdrücklich bewußt geworden 
war. Gelegentliche Verstimmungen waren infolgedessen un- 
ausbleiblich, wie sie ja zwischen Lehrern und Schülern auch 
anderwärts, ich denke z. B. an das spätere Verhältnis Müllen- 
hoffs zu Wilhelm Scherer, nicht fehlen. Aber bei offener 
Aussprache und unverbrüchlichem Festhalten an den letzten 
(Jrundlagen der Freundschaft konnten sie zu längerem oder 
bleibenden) Zerwürfnis nicht führen. 

S. Brentanos deduktive Gedankenrichtung und sein 
Gegensatz zur Spekulation. 
Brentanos größter Vorzug als Denker war die äußerste 
Konsequenz und das weitblickende Überschauen der Gedanken- 
linien nach oben imd unten, der Voraussetzungen wie der 
Folgen ; ich möchte sagen : das Denken in der vertikalen Linie. 
Erfahrung galt ihm als die Grundlage der Philosopliie ; 
aber wir wissen ja, daß P]rfahrungswissenschaften der De- 



_^ 147 

diiktion nicht entbeliren können imd in immer \^■eitel•em 
Umfange deduktiv werden, je Aveiter sie fortschreiten. Seine 
Stärke lag nun gerade in dem deduktiven Teil der Methode, 
in der Konzeption allgemeinster Gesichtspunkte und der 
Ableitung aller daraus fließenden Folgerungen für die 
Deutung der Erscheinungen. Das war es auch, was ihn vor 
allem interessierte und fesselte. Man sieht dies am deut- 
lichsten in dem Buch über sinnespsychologische Fragen, wo 
ihn das „Gesetz der Undurchdringiichkeit'' zu sehr kühnen, 
wenn auch gewiß nicht unmöglichen Deutungen der Wahr- 
nehmungstatsachen führt. Diese seine eminent deduktiv© 
Veranlagung ermöglichte es ihm, ganz entfernte Kon- 
sequenzen einer Aufstellung rasch zu übersehen und bei 
Diskussionen Widersprüche mit anderen Anschauungen des 
Gegners, die diesem selbst noch entgingen, sofort zu er- 
kennen. 

Demgegenüber gibt es aber auch ein mehi' horizontal 
gerichtetes Denken, eine vorherrschende Neigung, der Breite 
des Tatsächlichen und seinen mannigfachen Unterschieden 
gerecht zu werden, auf die Gefahr hin, daß sich zwischen 
den einzelnen Tatsachengebieten verschiedene Gesetzlich- 
keiten herausstellen, die zunächst nicht auf gemeinsame 
J'rinzipien zurückgeführt werden können, ja sich sogar 
widersprechen. So geht vielfach der Naturforscher vor, wenn 
er, wie Lotze einmal humoristisch rühmt, „mit logisch nicht 
ganz rein gewaschenen Tatzen und plum[) zugreifend die 
Kerne der Erkenntnis aus den stachlichen Hülsen der Tat- 
sachen (juetscht". Wird nun die Philosophie als Erfahrungs- 
wissenschaft betrieben, und tritt ein Teil von ihr, die Psycho- 
logie, in immer engere Fühlung mit den Naturwissenschaften, 
so ist auch hier eine besondere Behandlimg einzelner Gebiete 
nicht zu vermeiden, und es können sich dabei Gesetzlich- 
keiten herausstellen, die zunächst unvennubar scheinen. 

Kein Zweifel, daß die A'crtikale zuk^tzt siegen muß, 
und (laß diese Denkriclitung, die alles widerspruchslos auf 

10* 



1 IS 

;^i'iii('iiis;uii<' <^n»ti(.- I 'ii])/,i|)icii /iii-ii(,'l<zufüliron strel)t, pliilo- 
s(i|ilii.s(lie (leister in erster Linie Icennzeichnet. Kinlieitlicli- 
Ueir, Strenge und Fol<^erichti<;^keit des Denkens sind in der 
Philosopliie nicht minder wie in der .Mathematik Bedingungen 
wahrhafter rrnWje. Die (lefahr ist nur, früher zu unifonnieren, 
als es die unvollkcmnnenc Kenntnis der Einzelheiten gestattet. 
Auch Brentano hatte darin die i'^eliler seiner Vorzüge ; z. !>. 
eine gewisse Neigung, bei Diskussionen dem GeAvicht der 
Gründe nocli dnrch Anah)gien nachzulielfen, die einen 
kritisclien (Tegnei- eJiei- mißtrauisch machen konnten. Aber 
w enn auch niclit alle A(jn ihm formulierten Begriffe und 
Aufstellungen in dieser Fassung sich dauernd halten lassen: 
jeder scharf lunrissene, tief dmc^hdachte Bauplan großer 
Architekten bleibt wertvoll für die Nachwelt. 

Hill iinM-rsrilinlicher Gegensatz bleibt nur zwischen 
seiner Denkweise und der der spekulativen SA'steme der 
deutschen Philosophie und früherer Zeiten ähnlichen Cha- 
rakters, die er wohl auch unter dem Namen des philo- 
sophischen Mystizismus zusammenfaßte. Ihr großes Wollen 
hat Brentano so wenig wie die hohe Begabung ihrer Ur- 
heber verkannt, und einen wesentlichen Zug teilt er sogar 
mit ihnen: die imablässige Richtung auf die höchsten und • 
letzten Dinge. Aber für ihn gibt es ijegriffe nur auf Grund der 
Anschauung imd ist volle Klarheit das erste und unbedingte 
Erfordernis. Hier liegt ein unüberbrückbarer Gegensatz. In 
der- Abkehr von den Anschauungen, von der geduldig immer 
wieder erneuerten Analyse des Gegebenen, liegt die Wurzel 
jener vieldeutigen Verwaschenheit der J^egriffe, die wir an 
den sogenannten idealistischen Systemen beklagen, und die 
weit verwerflicher ist als die klaren Widersprüclie, die 
zwischen verschicsdenen Erfahrungspebieten zeitweilii: auf- 
tauchen und durch neue noch präzisere Aufstellungen be- 
seitigt werden. Hier gibt es keine Wald: entweder die Philo- 
sophie muß auf den Nanum einer Wissenschaft verzichten, 
oder .sie gewinnt und belegt ihre Begriffe durch gewissenhafte 



149 

Zergliederung des Einzelnen. Hiei' gibt es auch kein Zurück, 
weder zu Hegel noch zu Kant, sondern muß diu'chaus wieder 
^•on unten auf gebaut A\"erden. Diesen Weg liat Brentano 
lieschritten, und ich kann nicht umhin, ihm hierin wie 
ehemals aus voller Überzeugung beizustimmen. Freilich ist 
die Klarlieit der Begriffe durch den Ausgang von der Er- 
l'ahnmg auch nicht ohne weiteres gewährleistet, wie berühmte 
IJeispiele pliilosophierender oder zur Philosopliie über- 
gegangener Natui"forscher beweisen. Aber das Prinzip darf 
nicht in Frage gestellt werden. Immer wieder bewährt sich 
ßacons goldener Satz, daß die Wahrheit eher aus der Falscli- 
lieit hervorgehe als aus der Konfusion. Die Luft ist scharf 
und schneidend um uns her, imd es nützt nichts, sich zu 
verweicldichen; auch tut man nicht gut, sich kunstvoll ein- 
zunebeln, wenn man selbst freie Sicht behalten will. 

Die aufs Sorgfältigste durchdachten Leliren Franz 
l>j-entanos sind einer gleich sorgfältigen Erwägung der 
Xachfahren weit. Aber mehr noch als in allen sachhchen 
Ergebnissen seiner Forschimg erblicke ich in diesen metho- 
dischen Forderungen sein Vermächtnis an die kommenden 
Geschlechter deutsche)" Philosophen. 



ANHANG II: 

ERINNERUNGEN AN FRANZ BRENTANO 

VON 

EDMUND HUSSERL 



Ich hatte nur zwei Jahre das (iliick, Brentanos \or- 
lesnnt;en zn hören. Vollständige Semester Avareu davcm nur 
die A\'intersemester 1884/85 und 1885/86. Beide Male las er 
fünfstündig über ,,i)raktische Philosophie" und dazu neben 
dvn |»hil<)so[)hischen Übungen noch ein- oder z^^■eistündig 
über ausgewählte i)hilosophische Fragen. In den ent- 
sprec-lienden Sonimersemestern gab er Fortsetzungen dieser 
ausschließlicli für Fortgeschrittene bestimmten kleineren 
•Kollegien, schloß abei- schon in der ersten Juniwoche. 
Unter dem Titel „Die elementare Logik und die in ihr 
nötigen liefonnen" behandelte das erste dieser Kollegien 
systematisch verknüpfte Grundstücke einer deskriptiven 
]^sychologie des Intellekts, wobei aber auch den Parallelen 
in der Gemütssphäre in einem eigenen Kapitel nachgegangen 
wurde. Das andere über „Ausgewählte psychologische und 
ästhetische Fragen" bot in der Hauptsache deskriptive 
Fundamentalanalysen über das Wesen der Phantasievor- 
stellungen. Etwa Mitte Juni ging er an den von ihm 
damals so sehr geliebten Wolfgangsee, und dahin (nach 
St. Gilgen) begleitete ich ihn auf seine freundliche Auf- 
forderung. Kben in diesen Sommermonaten, in denen es 
mir jederzeit freistand, sein gastliches Haus zu besuchen 
und an seinen kleinen Spaziergängen und Bootsfahrten teil- 
zunehmen (auch an dem einzigen größeren Ausflug der 
beiden Jahre), durfte ich ihm ein wenig nähertreten, soweit 
es der oroße Unterschied des Alters und der Keife zidieß. 

O 

Ich hatte damals gerade meine UniA'ersitätsstudien absolviert 
und war in der Philosophie (meinem Nebenfach im mathe- 
matischen Doktor) noch Anfänger. 

In einer Zeit des Anschwellens meiner philosophischen 
Interessen und des Schwankens, ob ich bei der Mathematik 
als Lebensberuf bleiben oder mich ganz der Philosophie 
widmen sollte, gaben Brentanos Vorlesungen den Ausschlag. 
Ich besuchte sie zuerst aus bloßer Neugierde, um einmal 
den Mann zu hören, der im dairuiligen Wien soviel von sich 



1 54 

icilcii iiiiicliif. il<'i- \-()n den fin(.'ii aiiFs höchste verehi-t iiud 
l)c\suii(l<Tt, von (h-i) aiidcrii (und nicht i;aii/. wnnii^en) als 
vcrkapptt-r Jesuit, als Schünrodnür, als Faiseur, Sopliist, 
Sciiolastikcr grscholten wurde. Von dem ersten Kindnick 
war ich nicht wenii^ betroffen. Diese hagere Gestalt mit 
dem mächtigen, von lockigen Haar umrahmten Hau[jt, (h;i- 
enei-gischen, kühn geschwungenen Nase, den ausdrucksvollen 
Gesichtslinien, die nicht nur von Geistesarbeit, sondern von 
tiefen Seelenkämpfen sprachen, fiel ganz, aus (hin liahmen 
des gemeinen Lebens heraus. In jedem Zug, in jeder Be- 
wegung, in dem aufwärts- und innengewandten Blick der 
seelenvollen Augen, in der ganzen Art sich zu geb^n, drückte 
sich das Bewußtsein einer großen Mission aus. Die S[)raclie 
der Vorlesungen, vollendet in der Form, frei von allen künst- 
lichen Wendungen, von allem geistreichen Aufputz, aller 
rhetorischen Phrase, war doch nichts weniger als die der 
nüchternen Avissenschaftlichen Rede. Sie hatte durchaus einen 
gehobenen und künstlerischen Stil, der dieser Persönlichkeit 
den ihr völlip- gemäßen und natürlichen Ausdruck bot. Wenn 
VA- so sprach, in dem eigentümlich weichen, halblauten, vei- 
schleierten Ton, die Rede mit priesterlichen Gesten beglei- 
tend, stand er wie ein Seher ewiger Wahrheiten und M^ie 
ein Künder einer überhimmlischen Welt \ or dein jugend- 
lichen Studenten. 

Xiclit lange wehrte ich mich, ti'ot/ aller \'orurteile, 
gegen die Macht dieser Persönlichkeit-. Bald packten )xiich 
die Sachen, bald war ich von der ganz einzigen Klarheit 
und dialektischen Schärfe seiner Ausführimgen, von der so- 
zusagen katalei)tischen Kraft seiner T^-oblementwicklungen 
und Theorien bezwungen. Zuerst aus seinen Vorlesungen 
schijpfte icli die Überzeugung, die mir den Mut gab, die 
Philosophie als Lebensberuf zu Avählen, nämlich, daß auch 
Philosoy)hie ein Feld ernstei- Arbeit sei, daß aueli sie im 
Geiste strengster Wissejischaft behandelt werden könne und 
somit auch müsse. Die reine Sachlichkeit, mit der er allen 



155 

Problemen zu Leibe ging, ihre Behandlungsweise nach 
Aporien, die feine, dialektische Abwägung der verschiedenen 
möglichen Argumente, die Scheidung von Äquivokationen, 
die Zurückführung aller philosophischen Begriffe auf ihre 
Urquellen in der Anschauung — all das erfüllte mich 
mit Bewunderung und mit sicherem Vertrauen. Der Ton 
heiligen Ernstes und reinster Sachhingegebenheit verbot ihm 
im Vortrag alle bilHgen Kathederwitze und Scherze. Er ver- 
mied selbst jede Art geistreicher Antithesen, deren sprachliche 
Zuspitzimg mit gewaltsamen gedanklichen Vereinfachungen 
erkauft zu sein pflegt. Im freien Gespräch und bei guter 
Laune war er darum doch höchst geistreich und konnte von 
Witz und Humor übersprudeln. Am eindringlichsten war 
seine Wirksamkeit in den imvergeßHchen philosophischen 
Übimgen. (Ich erinnere mich an folgende Themen: Humes 
„Essay über den menschlichen Verstand" und „über die Prin- 
zipien der Moral" ; Helmholtz' Rede „Die Tatsachen der Wahr- 
nehmung"; Dubois-Reymonds „Grenzen des Naturerkennens".) 
Brentano Avar Meister in der sokratischen Mäeutik. Wie ver- 
stand er durch Fragen und Einwürfe den unsicher tappen- 
den Anfänger zu leiten, dem ernst Strebenden Mut einzu- 
flößen, unklare Ansätze gefühlter Wahrheit sich in klare Ge- 
danken und Einsichten wandeln zu lassen; und andererseits: 
wie überlegen konnte er die leeren Schwätzer, ohne je be- 
leidigend zu werden, außer Spiel setzen. Nach den Übungen 
pflegte er den Referenten und noch drei odei- vier der eif- 
rigsten Teilnehmer mit nach Hause zu nehmen, wo Frau 
Ida Brentano ein Abendessen vorbereitet hatte. Zu Alltags- 
gesprächen kam es dabei nicht. Die Themen der Seminar- 
stunde wurden fortgeführt, unermüdlich sprach Brentano 
weiter, neue Fragen stellend oder in ganzen V'orträgeu große 
Perspektiven eröffnend. Sehr l)ald, sowie das Lsson vorübei- 
war, verschwand Frau Ida, die so rührend darum beuuiht 
gewesen wai-, den schüchternen Studenten /um freien Zu- 
langen zu nötigen, wofür Brentano selbst gar kein Auge hatte. 



15« 

Minnial sclnicitc /.iirülli;^^ der Itri'iiiinitc Politiker K. \. l'l(;iicr, 
ein naher l-'rcuM(l cli-s Hauses, in diese Gesellsdiaft liincin: 
iib(;r l^)rentano war nielit abzulenken, an diesem Abend »>e- 
li()rte er ganz seinen Sehiilern iincl dem ihn l)eschäf>i<j^enden 
Disk'ussionsthema. 

I''iii- seine Seliiiler war r>rentan(» leielil zu spreelien. 
(lern Jufl er dann zu einem ^gemeinsamen S])aziergang ein, 
auf dem er vorgelegter philosojjliische h'ragen gänzlich iin- 
iMiirt duicli den Straßenlärm ilcv (^roßstadt beantwortete. 
In auf()|)rerungsvoller Weise nahm er sich seiner Schüler 
aber nicht nur in wissenschaftlichen sondern auch in ])ersön- 
lichen Nöten an und ward ihr gütigster Berater und Erzieher. 
Zu denen, die er als seine vei'läßliclien Freunde ansah, spi'ach 
er sieli auch über seine j)oIitischen und religiösen TbiM-zeu- 
gungen und über seine j)ersönlichen Schicksale aus. Der 
Tagespolitik blieb er fern, aber eine Herzenssache war ihm 
die großdeutsche Idee im Sinn der alten süddeutschen An- 
scha\ningen, in denen er erwachsen war und an denen er, 
wie an seiner Antipathie gegen Preußen, dauernd festhielt. 
In dieser J^eziehung konnte ich mit ihm nie einig werden. 
Die j)reußische Ait war ihm offenbar nie in bedeutenden 
persönlichen und m den wertvollen sozialen Ausprägungen 
anscliaulich geworden, während ich selbst, darin glücklicher, 
sie in hohem Maße schätzen gelernt hatte. Uementsju-echend 
fehlte ihm aiu'h jode Em[)fänglichkeit für die eigentümliche 
Größe dei- [ireuüischen Geschichte. Ahnlich verhielt es sich mit 
dem Pi-otestantismus, dem ei-sich mitdem Anstritt ausder katho- 
lischen Kirche keineswegs angenähert hat. Vom katholischen 
Dogma hatte er sich als Philosojih befreit; eine Beziehung 
zum Ideenkieis des Protestantismus sj)ielt(; dabei keine Rolle, 
und nachfühlendes historisch-politisches Verstehen und daraus 
entsj)iingende Schätzung historischer "Werte lag hier und 
wohl auch sonst nicht in P)rentanos Art. \'om Katholizismus 
selbst hörte i(;li ihn nie anders als im Ton großer Hoch- 
achtung sprechen. Die durch diesen in die Breite wirken- 



157 

den religiös-ethischen Kräfte verteidigte er geleg<.Mitlich mit 
Lebendigkeit gegen vmverständige geringschätzige Eeden. 
In philosophischer Beziehung verband ihn übrigens mit der 
alten Kirche die theistische Weltanschauung, die ihm so 
sehr ans Herz ging, daß ev auf Gottes- und Unsterblichkeits- 
fragen gern zu sprechen kam. Sein zweistündiges Kollog 
über Gottesbeweise (ein Stück des größeren Kollegs über 
Metaphysik, das er in früheren Jahren wie in Wiirzburg 
so auch in Wien gelesen hatte) war mit grr)ßter Sorgfalt 
durchdacht, und an den einschlägigen Problemen begann 
er, grade als ich vonA\'ien fortging, von neuem zu arbeiten. 
Sie folgten ihm, wie ich weiß, bis in sein spätestes Alter. 
Vornehmlich beschäftigten ihn aber in diesen Jahren 
teils jene deskriptiv-psychologischen Fragen, die das Thema 
der oben genannten Vorlesungen waren, teils die sinnes- 
psvchologischen Untersuchungen, die erst vor wenigen Jahren 
veröffenthcht wurden und deren Inhalt mir aus Wiener und 
St. Gilgener Gesprächen (wenigstens den Hauptlinien nach) 
in Erinnerung blieb. In den Vorlesungen über elementare 
Logik behandelte er besonders ausführlich und offenbar in 
schöpferischer Neugestaltung die deskriptive Psychologie der 
Coutinvia mit eingehender Rücksichtnahme auf Bolzanos 
„Paradoxien des Unendlichen" ; desgleichen die Unterschiede 
der „anschaulichen und unanschaulichen", „khiren und un- 
klaren", „deutlichen und undeiUlichen", „eigentlichen und 
uneigentlichen", „konkreten und abstrakten" Vorstellungen, 
und machte im anschließenden Sommer den Versuch einer radi- 
kalen DurcliCorschung aller hinter den traditionellen Urteils- 
unto'scheirlungen liegentlcn deskriptiven, im immanenten 
\\'fsen des Urteils selbst aufweisbaren IMomente, Intensiv 
beschäftigten ihn unmittelbar daran I" (und als Tliema in 
einem eigenen KoJIeg, wie schon ol)en erwähnt) dcskiiptive 
Probleme der Phantasie, und zwar besonders das X'erhältnis 
von Phantasievorst(dlung und W'ahrnehmungsvorstelluug. 
Diese Vorlesungen waren ganz besonders anregend, weil sie 



ir)S 

die Probleme im Fluß rler T'ntorsucliun<2; zeigten, wälirend 
Vorlcsimgen wie die ülx r ])raktische Philosophie (oder auch 
über Jjogik und Metaj)hysik, v(m denen ich knappe Nach- 
schrift<!ii Ixmützen konnte) trotz der kritisch-dialektischen 
Darstellung — in gcAvissem Sinne — dogmatischen Charakter 
hatten, d. h. den Eindruck fest erreichter Wahrheiten und 
enduidti<>er Theorien erweckten und erwecken sollten. In 
d(^r Tat als Schöpfer einer philosophia perennis fühlte 
sich r)rentano durchaus, so war immer mein Eindruck 
damals und später. Der Methode völlig sicher und be- 
ständig bestrebt, höchsten Anforderungen einer gleichsam 
mathematischen Strenge zu genügen, glaubte er in seinen 
scharf geschliffenen Begriffen, in seinen festgefügten und 
systematisch geordneten Theorien und in seiner allseitigen 
aporetischen Widerlegung gegnerischer Auffassungen die 
befriedigende Wahrheit gewonnen zu haben. Freilich, wie 
entschieden er auch für seine Lehren eintrat, er hielt nicht, 
wie ich langehin glaubte, starr an ihnen fest. vSo manche 
der Liebhngsthesen jüngerer Jahre hat er später wieder auf- 
gegeben. Er ist nie stehen geblieben. Aber tief eindringend 
und oft genial in der intuitiven Analyse, ging er doch relativ 
schnell von der Intuition zur Theorie über: zur Festlegung 
scharfer Begriffe, ziu* theoretischen Fonimlierung dei- Arbeits- 
])robleme, zur Konstruktion eines systematischen Inbegriffes 
der Lösungsmöglichkeiten, zwischen denen durch Kritik die 
Auswahl zu treffen sei. So hatte er, wenn ich seine philo- 
so]>hische Art richtig beurteile, in jeder Phase seiner 
Entwicklung in gleicher Weise seine festgeschlossenen 
Theorien, armiert mit einer Phalanx durchdachter Argumente, 
mit denen er sich allen fremden Lehren gewachsen fühlen 
konnte. Für Denker wie Kant und die nachkantischen deut- 
schen Idealisten, bei denen die Werte ursprünglicher In- 
tuition und vorschauender Ahnung so ungleich höher stehen 
als diejenigen der logischen Methode und der wissenschaft- 
lichen Theorie, hatte er wenig Schätzung. Daß ein philo- 



159 

sophischer Denker als gi-oß eingeschätzt werden könne, 
auch wenn alle seine Theorien streng genommen unA\issen- 
schaftlich sind, und sogar seine Grundbegriffe an ,Jvlarheit 
und Deutlichkeit" fast alles zu wünschen übrig lassen; daß 
seine Größe statt in der logischen Vollkommenheit seiner 
Theorien auch liegen könne in der Originalität höchst bedeut- 
samer, obschon vager, ^yemg geklärter Grundanschauungen, 
und damit eins in vorlogischen auf den Logos allererst 
hindrängenden Zielstrebigkeiten — kurzum in völlig neu- 
artigen und für die Ziele aller philosopliischen Arbeit letzt- 
entscheidenden Denkmotiven, die noch fern sind, sich in 
theoretisch strengen Einsichten auszuwirken: das hätte 
Brentano kaum zugestanden. Er, der so ganz dem herben 
Ideal strengster philosophischer Wissenschaft hingegeben 
war (das sich ihm in der exakten Naturwissenschaft re- 
präsentierte), sah die Systeme des deutschen Idealismus nur 
unter dem Gesichtspunkt der Entartimg. In meinen An- 
fängen von Brentano ganz geleitet, kam ich selbst erst 
spät zu der Überzeugung, die in der Gegenwart so manche 
der auf eine streng wissenschaftliche Philosophie bedachten 
Forscher teilen: daß die idealistischen Systeme — im Grunde 
nicht anders wie alle vorangegangenen Philosophien der von 
Descartes inaugurierten Epoche — vielmehr unter dem Ge- 
sichtspunkt einer jugendlichen Unreife angesehen und dann 
aber auch aufs Höchste gewertet w-erden müssen. Mochten 
Kant und die weiteren deutschen Idealisten für eine wissen- 
schaftlich strenge Verarbeitung der sie machtvoll bewegenden 
Problemmotive auch wenig Befriedigendes und Haltbares 
bieten: die diese Motive wirklich nachzuverstehen und sich 
in ihren intuitiven Gehalt einzuleben vermögen, sind dessen 
sicher, daß in den idealistischen Systemen xüWig neue und 
die allerradikalsten Problemdimensionen der I'hilosophie 
zutage drängen, und daß erst mit ihrer Klärung und mit 
der Ausbildung der durch ihre Eigenart geforderten Methode 
der Philosophie ihre letzten und höchsten Ziele sich eröffnen. 



ICO , 

Sil sehr ül)i-i<jj<'ns r)i'<'ntaii()s vofzüs^lichr iiml bcwiin- 
(IcMiiinswünliuje Stär]<i' in (U'v logischen Tli(:(jretisierunt^ 
lau, ^" IxTulit«' die aul.M'r()r(li'n1 llilrc und noch lange 
iiiclit al)i;csclil()sscnf Wirkung suiiicr (;igfnen Philosophie 
l(M/.t('n Kndes doch darauf, dalJ er selbst, als originaler 
Denker, aus ursprünglichen (Quellen der Intuition schöpfte, 
nnd so der unproduktiv gOAVordenen deutschen Philosophie 
(\r\- TOei' Jahre neue IvcMinkräftige Motive zuführte. Wie 
weit seine Methoden und Tlicofien sich erhalten werden, 
ist hier nicht zu entscheiden. Im Nährboden anderer 
Geister haben jene Motive jedenfalls einen andern Wuchs 
angenommen als in dem seinen, aber damit ihre ursprüng- 
liclio k'oimkräftige Lebendigkeit von neuem bewiesen. Aller- 
dings nicht zu seinei- Freude, da er, wie gesagt, seiner 
Philosophie sicher war. In der Tat, sein Selbstvertrauen war 
vollkoninien. Die innere (lewißheit, auf dem rechten Wege 
zu sein und die allein wissenschaftliche Philosopliie zu be- 
gründen, war ohne jedes Schwanken. Diese Plu]oso[)hie 
innerhalb dei* systematischen Grundlehren, die ilnu schon 
als gesichert galten, näher auszugestalten, dazu fühlte er 
sich von innen und von oben her berufen. Ich möchte diese 
schlechthin zweifelsfreie Überzeugung von seiner Mission 
gei-adezu als die [^rtatsache seines Thebens bezeichnen. Ohne 
sie kann man Brentanos Persönlichkeit nicht verstehen und 
daher auch nicht billig beurteilen. 

So i)egreift sicli A^or allem, dal.) ihm so viel an einer 
ti''l'(lringenden Lehrwirksamkeit, ja in einem guten Sinne 
an einer Schule gelegen war: niclit nur zui- Verbreitung der 
errungenen Einsichten, sondei'n auch zur Fortarbeit an seinen 
Gedanken. Freilich war er gegen jede Abweichung von den 
ihm feststehenden Überzeugungen empfindlich, bei dies- 
bezüglichen Einwänden wurde er lel)liaft, bliel) etwas starr 
bei den längst abgewogenen FormuHerungen und aporetischen 
Pegründungen und behau[)tete sich siegreich dank seiner 
meisterhaften Dialektik, die doch, wo der Einwendende auf 



161 

entgegenstehenden ursprünglichen Anschauungen fußte, Un- 
befriedigung zurücklassen konnte. Niemand erzog mehr zu 
selbsttätig freiem Denken, vertrug es aber auch schwerer, 
wenn es sich gegen seine eigenen festeingewurzelten IJber- 
zeuofungen richtete. 

Mit der Überzeugung, Bahnbrecher einer neuen Philo- 
sophie zu sein, hing zweifellos der große (und für mich 
damals wenig verständliche) Wert zusammen, den Brentano 
auf die Wiedererlangung seiner ordentlichen Professur in 
Wien legte. Viel sprach er von den Hoffnungen, die ihm 
stets von neuem eröffnet, von den Versprechungen, die ihm 
gemacht und die nie gehalten wurden. Es war für ihn eben 
schwer erträglich, nicht mein Doktorarbeiten leiten und in 
der Fakultät vertreten zu können, und erst recht, passiv der 
Habilitation ihm wenig genehmer Privatdozenten zusehen zu 
müssen. Mit Bitterkeit sprach er sich oft darüber aus. Seine 
Lehrtätigkeit litt freilich unter diesen Verhältnissen nicht (ab- 
gesehen von der freiwilligen Einschränkung seiner Sommer- 
vorlesungen), nach wie vor übte er nicht nur in Wien, 
sondern in ganz Österreich den bestimmenden Einfluß. 
Seine schöne, ja klassisch vollendete Vorlesung über prak- 
tische Philosophie wurde jeden Winter von Hunderten Juristen 
der ersten Semester und Hörern aller Fakultäten besucht — 
allerdings schrumpfte die große Zahl nach einigen AVochen 
sehr zusammen, da die regelmäßige Mitarbeit, die hier er- 
forderlich war, nicht jedermanns Sache sein konnte. Aus 
dieser Vorlesung kamen übrigens immer wieder begabte 
junge Leute in seine Übungen und bezeugten, daß seine 
Mühen Avohl angewendet gewesen waren. 

Viel klagte er in diesen Jahren über seine schwachen 
Nerven, auch in St. Gilgen, das ihnen Stärkung bringen 
sollte. Seine Erholung von intensiver Geistesarbeit suchte 
er allzeit in andern nicht minder intensiven, mit nicht min- 
derem Eifer vollzogenen Betätigungen. Er galt im Wiener 
Schachklub als ein besonders geistreicher Schachspieler (zu 

Kraus, Franz Brentano. 11 



162 ______^_______ 

geistreich, sagte man inii-, und zu sclir auf Verfolgung eines 
leitenden Gedankens gerichtet, nni oft siegreich sein zu 
können) und konnte zeitweise ganz in leidenschaftlichem 
Spiel aufgellen. Zu andern Zeiten machte er Schnitzarbeiten 
oder malte und zeichnete, immer dem, was er tat, leiden- 
schaftlich hingegeben. Irgendwie selbsttätig sein, mußte er 
eben immer. Auf der gemeinsamen Reise nach St. Gilgen 
zog er bald sein praktisches selbstgesclinitztes Schachspiel 
heraus, und nun wurde die ganze lange Fahrt hindurch 
eifrig gespielt. Jn St. Gilgen beteihgte er sich gerne an den 
Porträtbildern seiner Frau, die eine tüchtige Malerin w'ar, 
hinoinbessernd, odei- ihre Bilder im AVerden ganz über- 
nehmend: aber freilicli mußte sie dann wieder nachhelfen 
und manches wieder gut machen. So hat er mich im Jahre 
1886 gemeinsam mit seiner Frau gemalt: „ein liebens- 
würdiges Bild", wie Theodor Vischer, der feinsinnige 
Kimsthistoriker, urteilte. Mit eben demselben Eifer betrieb 
&r in St. Gilgen nachmittags das Boggiaspiel (im „Garten", 
einem Stückchen Wiese hinter dem gemieteten Häuschen 
nahe am See). Für Bergtouren war er gar nicht eingenommen, 
er liebte nur mäßige Wanderungen. Sehr einfach war in 
St. Gilgen, aber auch Wien, seine Lebensweise. Man brauchte 
übrigens nicht lange mit ihm bekannt zu sein und seine 
Lebensgewohnheiten zu beobachten, um die LächerUchkeit 
der umlauienden Rede zu empfinden, daß er seine erste 
Frau um ihres Reichtums willen geheiratet habe. Für die 
Genüsse der Reichen, für Luxus, gutes Essen, üppiges Leben 
jeder Art hatte er überhaupt kein Organ. Er rauchte nicht, 
aß und trank sehr mäßig, ohne darin irgendwelche Unter- 
scliiede zu beachten. Ich, der ich doch oft im Haus bei 
Mahlzeiten zugegen war, habe nie eine Äußerung über 
Speisen und Getränke von ihm gehört oder bemerkt, daß 
er dabei mit besonderer Lust genoß. Als wir einige Zeit 
vor seiner Frau in St. Gilgen eintrafen und in einem ziem- 
lich schlechten Gasthof essen mußten, da war er der immer 



163 

Zufriedene, der eben den Unterschied sich gar nicht zum 
Bewußtsein brachte, immer mit seinen Gedanken oder den 
Gesprächen beschäftigt. Er Heß sich auch nur die ein- 
fachsten Speisen geben, wie er auch auf der Bahn, wenn 
er allein fuhr, sich mit der niedersten Klasse begnügte. Und 
ebenso stand es mit seiner Kleidung, die übereinfach und 
oft abgetragen war. In allen diesen Beziehungen sparsam, 
soweit eben seine eigene Person in Frage kam, Avar er doch 
p-enerös, wo er andern ein Gutes damit tun konnte. In 
seinem persönlichen Gehaben gegen Jüngere Avar er einer-, 
seits zwar würdevoll, andererseits überaus gütig und lieb- 
reich, immerfort um die Förderung ihrer wissenschaftlichen 
Bildung, aber auch um ihre ethische Persönlichkeit besorgt. 
Man konnte nicht anders, als sich dieser höheren Leitimg 
ganz hinzugeben und ihre veredelnde Kraft beständig, auch 
wenn man ihm räumlich fern war, zu fühlen. Selbst in seinen 
Torlesungen wurde, wer sich ihm einmal gegeben hatte, 
nicht nur theoretisch von den Sachen, sondern von dem 
reinen Ethos seiner Persönlichkeit aufs tiefste ergriffen. 
Und wie konnte er sich selbst persönlich geben! Unvergeß- 
lich sind mir die stillen, sommerabendlichen Wanderungen 
am WoKgangsee, auf denen er sich oft in freier Aussprache 
über sich selbst gehen ließ. Er war von einer kindlichen 
Offenheit, wie er denn überhaupt die Kindlichkeit des 
Genies hatte. 

Ich habe mit Brentano nicht sehr viel Briefe gewechselt. 
Auf meinen Brief, in dem ich ihn bat, die Widmung meiner 
PJiilosophie der Arithmetik (meiner philosophischen Erst- 
lingssc'lirift) anzunehmen, schrieb er mir warm dankend, aber 
€rnst abmalinend: ich solle mir nicht den Groll seiner Feinde 
auf den Hals laden. Ich widmete -ihm die Schrift dennoch, 
erhielt aber auf die Übersendung des Widmungsexemplars 
keine weitere Antwort. Erst nach 14 Jahren bemei-kte Bren- 
tano überhaupt, daß ich ihm die Schrift wirklich gewidmet 
hatte, und dankte nun in herzlich gütigen Worten ; er hatte 

11* 



164 

sie offenbar nicht näher angesehen oder darin nur nach 
seiner Art „quer gelesen". Er stand mir natürhch zu hoch, 
und ich verstand ihn zu gut, um dadurch empfindlich be- 
rührt zu werden. 

Daß sich kein reger Briefwechsel entwickelte, hatte 
tiefere Gründe. Zu Anfang sein begeisterter Schüler, hörte 
ich zwar nie auf, ihn als Lehrer hoch zu verehren, aber 
es war mir nicht gegeben, Mitglied seiner Schule zu 
bleiben. Icli wußte aber, wie sehr es ihn erregte, wenn 
man eigene, obschon von den seinen auslaufende Wege ging. 
Er konnte dann leicht ungerecht werden und ist es auch 
mir gegenüber geworden, und das war schmerzlich. Auch 
wird, wer von innen her von ungeklärten und doch über- 
mächtigen Gedankenmotiven getrieben ist, oder begrifflich 
noch unfaßbaren Anscliauungen genugzutun sucht, mit denen 
die gegebenen Theorien nicht stimmen wollen, sich dem in 
seinen Theorien beruhigten — und gar einem logischen 
Meister wie Brentano — nicht gerne eröffnen. Man hat 
genug an der Pein der eigenen Unklarheit und braucht für 
sein logisches Unvermögen, das eben die Triebkraft zum. 
forschenden Denken ist, keine neuen Beweise und keine 
dialektischen Widerlegungen. Was sie voraussetzen, Me- 
thoden, Begriffe, Sätze, muß leider verdächtigt und als 
zweifelhaft zunächst ausgeschaltet werden, und daß man 
nicht klar widerlegen und auch selbst nichts liinreichend 
klar und bestimmt aufstellen kann, ist ja gerade das Un- 
glück. So war es in meinem Werden, und so erklärt sich 
eine gewisse Entfernung, Avenn auch nicht persönliche Ent- 
fremdimg von meinem Lehrer, die auch späterhin eine wissen- 
schaftliche Fühlungnahme so schwer machte. An ihm fehlte 
es, wie ich frei gestehen muß, nie. Er gab sich wiederholt 
Mühe, wissenschaftliche Beziehungen wieder anzuknüpfen. 
Er fühlte wohl, daß meine große Verehrung für ilm in diesen 
Jahrzehnten sich nie vermindert hatte. Im Gegenteil, sie 
hat sich nur gesteigert. Ich lernte eben im Fortschreiten 



165 

meiner Entwicklung die Kraft und den Wert der von ihm 
empfangenen Impulse immer höher einschätzen. 

Als Privatdozent besuchte ich ilin einmal in den 
Sommerferien in Schönbülil an der Donau; er hatte kurz 
vorher die „Taverne" gekauft, die nun für Wohnzwecke 
umgebaut werden sollte. Unvergeßhch ist mir die Situa- 
tion, in der ich ihn vorfand. An das Haus herankommend, 
sah ich eine Gruppe Maurer, darunter einen hageren, 
langen Mann mit offenem Hemd, kalkbesprengten Bein- 
kleidern und Schlapphut, die Kelle ebenso wie die andern 
gebrauchend: ein italienischer Arbeiter, wie man sie auf 
Straßen und Gassen damals überall sah. Es war Brentano. 
Freundlich kam er mir entgegen, zeigte mir seine Entwürfe 
zum Umbau, klagte über die unfähigen Baumeister und 
Maurer, die ihn genötigt hätten, alles selbst in die Hand 
zu nehmen und selbst mitzuarbeiten. Nicht lange und wir 
waren mitten in philosophischen Gesprächen, er immer in 
diesem Aufzuge. 

Ich sah ihn wohl erst im Jahre 1908 in Florenz wieder, 
in seiner herrlich gelegenen Wohnung in der Yia Bellos- 
guardo. Dieser Tage kann ich nur mit größter Rührung ge- 
denken. Wie ergriff es mich, als er, der nahezu Erblindete, 
von dem Balkon die unvergleichliche Aussicht auf Florenz 
und die Landschaft erklärte oder mich und meine Frau in 
die beiden dereinst von Galilei bewohnten Villen auf schön- 
sten Wegen führte. In seiner äußern Erscheinung fand ich 
ihn eigentlich w^enig verändert, nur die Haare waren er- 
graut und das Auge hatte seinen Glanz und früheren 
Ausdruck verloren. Und doch, wie viel sprach auch jetzt 
aus diesem Auge, welche Verklärung und Gotteshoffnimg. 
Natürüch wurde gar viel von Philosophie gesprochen. Auch 
das war schmerzHch. Wie ging ihm das Herz auf, wieder 
einmal sich [)hilosophisch aussprechen zu können; er, dem 
die große Wirkung als Lehrer ein Lebensbedürfnis war, 
mußte in Florenz einsam dahinleben, außerstande, dort eine 



166 

persönliclio A\'irksamkeit zu entfalten, und schon beglückt, 
wenn einmal vom Norden jemand kam, der ilm hören und 
verstehen konnte. Es war mir in diesen Tagen, als wären 
die Jahrzehnte seit meiner "Wiener Studienzeit zu kraftlosem 
Traum geworden. Ich fühlte mich ihm, dem Überragenden 
und Geistesmächtigen gegenüber wieder wie ein schüchterner 
Anfänger. Ich hürte lieber, als daß ich selbst sprach. Und 
wie groß, schön gegliedert, und in allen Gliederungen fest 
gestaltet, floß seine Rede dahin. Einmal aber wollte er 
selbst hören und ließ sich, ohne mich mit Einwendungen 
zu unterbrechen, den Sinn der phänomenologischen For- 
schungsweise und meines ehemaligen Kampfes gegen den 
Psychologismus zusammenhängend berichten. Zu einer Ver- 
ständigung kam es nicht. Vielleicht lag ein wenig auch die 
Schuld an mir. Mich lähmte die innerliche Überzeugung, 
daß er in dem fest gewordenen Stil seiner Betrachtungs- 
weise, mit dem festen Gefüge seiner Begriffe und Ai-gu- 
mente nicht mehr anpassungsfähig genug sei, um die Not- 
Avendigkeit der Umbildungen seiner Grundanschauungen, zu 
denen ich mich gedrängt gesehen hatte, nachverstehen zu 
können. 

Nicht der geringste Mißton trübte diese schönen Tage, 
in denen auch seine zweite Gemahlin Emilie uns alle erdenk- 
liche Freundlichkeit erwies, sie, die in so wohltuender und 
liebevoller "Weise für seine Altersjahre sorgte und sich daher 
dem Bilde seines damaligen Lebens aufs schönste einfügte. 
Er wollte möglichst viel mit mir zusammen sein, er fülilte 
selbst, daß mein Dank für das, was er mir durch seine 
Persönlickeit und durch die lebendige Ivi-aft seiner Lehren 
gewesen, unauslöschlich war. Er war im Alter noch liebe- 
voller und milder geworden, ich fand in ihm nicht den 
verbitterten Greis, dem seine erste und zweite Heimat 
allzuwenig Förderung hatte angedeihen lassen und seine 
großen Gaben mit Undank gelohnt hatte. Immei'fort lebte 
er in seiner Ideenwelt und in der Vollendvmg seiner 



^ 167 

Philosophie, die, Avie er sagte, im Lauf der Jahrzehnte eine 
^roße Entwicklung genommen hatte. Es lag über ihm ein 
Hauch der Yerklärung, als gehörte er nicht mehr dieser 
"Welt an und als lebte er halb und halb schon in jener höheren 
Welt, an die er so fest glaubte, und deren philosophische 
Deutung in theistischen Theorien ihn auch in dieser späten 
Zeit so viel beschäftigte. Das letzte Bild, das ich damals in 
Elorenz von ihm gewonnen, hat sich in meine Seele am 
tiefsten eingesenkt: so lebt er nun immer fort in mir, ein 
Dild aus einer höhern "VVelt. 



DIE WICHTIGSTEN DATEN 
AUS BRENTANOS LEBEN 

16. Januar 1838 geboren zu Marienberg bei Boppard. Im gleichen Jahre 

Übersiedlung der Familie nach Aschaffenburg. 
26. Oktober 1851 Tod des Vaters. 
Herbst 1856 Immatrikulation an der philosophischen Fakultät der 

Universität München. 

17. Juli 1862 Promotion in Tübingen. 
6. August 1864 Priesterweihe. 

15. Juli 1866 Habilitation an der philosophischen Fakultät der Uni- 
versität Würzburg. 

Frühjahr 1870 Innerer Brucli mit der Kirche. 

13. Mai 1872 Ernennung zum a.o. Professor in Würzburg. 

März 1873 Niederlegung der Professur. 

11. April 1873 Formeller Austritt aus der Kirche. 

22. Januar 1874 Ernennung zum ordentlichen Professor in Wien. 

1880 Verlobung mit Ida Lieben; Niederlegung der Professur; Ehe- 
schließung als sächsischer Staatsbürger am 16. September in Leipzig; 
Habilitation in Wien als Privatdozent. ' 

30. September 1882 Tod seiner Mutter Emilie geb. Genger. 

1887 Ankauf seines Sommersitzes in. Schönbühel a. D. 

1888 Geburt eines Sohnes (Michael Johannes). 

18. März 1894 Tod seiner Gattin. 

8. April 1895 verläßt er Wien und geht über Zürich und Lausanne 
nach Italien. 

1896 läßt er sich in Florenz nieder. 

1897 Verlobung mit Emilie Eueprecht; Trauung in Florenz am 
30. Dezember. 

1903 Operation an beiden Augen (Wien). 
Mai 1915 Übersiedlung nach Zürich. 
17. März 1917 Todestag. 



SCHRIFTENVERZEICHNIS 

Die seihständig erschienenen Schriften sind mit * bezeichnet 

l.*Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach 
Aristoteles. Freiburg i. Br. 1862, Herder. (Trendelenburg ge- 
widmet.) 

2. G-eschichte der mittelalterlichen Philosophie inMöhlers 
Kirchengeschichte (herausgegeben von Garns) 2. Bd. S. 328 — 484, 
„nach Vorlagen Möhlers**, aber unter Zugrundelegung seiner 
eigenen Theorie von den vier Phasen der Philosophie. 

3.* Ad Disputationem qua theses .... defendet ... invitat 
Franciscus Brentano. 1866. 

4.'^' Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine 
Lehre vom vov; jioirjziHÖg. Mainz 1867, Kirchheim. (Vergriffen.) 

5. August Comte und die positive Philosophie. Ohilianeum. 
Blätter für katholische Philosophie, Kunst und Leben. (Neue 
Folge 2. Bd.) 1869. 

6. Die Erkenntnistheorie des Aristoteles von Dr. Friedrich 
Kampe. Zeitschrift für Pliilosophie und philosophische Kritik 
59. Bd., ülrici 1872. 

7. Psychologie vom empirischen Standpunkt 1. Bd., Leipzig 
1874. (Vergriffen.) 

8.* Über die Gründe der Entmutigung auf philosophischem 

Gebiete. Wien 1874, Braumüller. (Vergriffen.) 
9. Herr Horwicz als Rezensent. Ein Beitrag zur Orientierung 
über unsere wissenschaftlichen Kulturzustände. Philosophische 
Monatshefte 4. Bd., 1875. 

10.* Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht. Wien, 
Pest und Leipzig 1876, Hartleben. 

11.* Neue Rätsel von Aenigmatias. Wien 1879, Gerold. (Vergriffen.) 

12.* Über den Creatianismus des Aristoteles. W^ien 1882, 
Tempsky. (Vergriffen.) 

13.* Offener Brief an Herrn Professor Eduard Zeller aus 
Anlaß seiner Schrift über die Lehre des Aristoteles von der 
f^wigkeit des Geistes. Leipzig 1883, Duncker & Humblot. 

14. Rezension von Miklosichs „Subjektlose Sätze" in der Wiener 
Allgemeinen Zeitung v. 18. und 14. November 1883 (wieder ab- 
gedruckt in Nr. 15). 

15.* Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. Leipzig 1889, Duncker 
& Humblot. Dasselbe in englischer Übersetzung unter dem Titel: 
The Origin of thc Knowledge of Right and Wrong (translation 
by Cecil Hague). Westminster 1902, Constable. 



I'JO SniRIPTÜfKVERZBICHNIS 



If).* Das Genie. Vortrag, gehalten im Saale des Ingenieur- und 
Archilektcnvcrcins in Wien. Leipzig 18132, Duncker & Humblot. 

17.* Das Schlechte als Gegenstand dichterischer Darstel- 
lung. Vortrag, gciialten in der Gesell.schaft der Literaturfreunde 
zu Wien. Leipzig 1S'.J2, Duncker & Humblot. 

18.* Über die Zukunft der Philosophie. Wien 1893, Alfred Holder. 

19. Über ein optisches Paradoxon. Zeitschrift für Psjchologie 
und Phj'siologie der Sinnesorgane (Bd. 3, 1892, und Bd. 5, 1893). 

20. Zur Lehre von den optischen Täuschungen. Ebendaselb.st 
Bil. 6, 1893. (Über dasselbe Thema erschien ein Artikel von Bren- 
tano in der Ilevue scientifique.) 

21.* Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblick- 
licher Stand. Stuttgart 1895, Cotta. 
22.* MeineletztenWünsche für Ost er reich. Stuttgart 1895, Cotta. 

23. Vorwort zu A. Herzens Broschüre „Wissenschaft und Sittlichkeit". 
1895. Lausanne, Verlag Payot; neu aufgelegt vom Vereine Jugend- 
schutz, Berlin 190-i. 

24. Zur Lehre von der Empfindung. Dritter internationaler 
Kongreß für Psjxhologie in München vom 4. bis 7. August 1896. 
München 1897, Lehmann, S. 110 ff. Abgedruckt unter dem Titel: 
Ü ber Individuation, multiple Qualität und Intensität 
sinnlicher Erscheinungen in Nr. 30. 

25.* Zur eherechtlichen Frage in Österreich. Stuttgart 1895, 

Cotta. 
26.* Krasnopolskis letzter Versuch. Leipzig 1896, in Kommission 

bei J.J.Arndt. (Sonderabdruck aus der Wochenschrift „Die Zeit" 

v. 17. u. 24. Oktober 1896.) 
27.* Neue Verteidigung der spanischen Partie. Wien 1900, 

Verlag der Wiener Schachzeitung. Ein zweiter und dritter Artikel 

ebendaselbst. 

28. „Über voraussetzungslose Forschung". Anonj-m in den 
Münchner Neuesten Nachrichten Nr. 573 v. 13. Dezember 1901. 
(Ein Epilog zur Diskussion Mommsen — Hertling in Nr. 530, 538, 540.) 

29. Von der psychologischen Analyse der Tonqualitäten in 
ihre eigentlich ersten Elemente. (Atti del V. Congresso 
Internazionale di Psicologia, Roma 1906.) Wieder abgedruckt in 
Nr. 30. 

30.* Untersuchungen zur Sinnespsychologie. Leipzig 1907, 
Duncker & Humblot. (Enthält außer den Abhandlungen Nr. 24 
und 29 die Untersuchung „Vom phänomenalen Grün".) 

31. Thomas von Aquin (geschrieben am Todestage d. 7. März). Neue 
Freie Presse v. 18. Aprü 1908. 



Schriftenverzeichnis 171 



32* Aenigmatias. Neue Eätsel. Zweite stark vermehrte Auflage, 
München 1909, Oskar Beck. (Vergriffen. S.Auflage in Vorbereitung.) 

33.* Aristoteles in v. Asters Sammelwerk „Große Denker" 1. Bd., 
1911. 

34.* Ar istoteles' Lehre vom Ursprung des menschlichen 
Geistes. Leipzig 1911, Veit & Comp. 

35.* Aristoteles und seine Weltanschauung. Leipzig 1911^ 
Quelle & Meyer. 

36.* Von der Klassifikation der psychischen Phänomene. Neue^ 
durch Nachträge stark vermehrte Ausgabe der betreffenden Kapitel 
der Psychologie vom empirischen Standpunkte. Leipzig 1911, 
Duncker & Humblot.* Italienische Ausgabe mit einer Vorrede 
von M. Puglisi, Lanciano 1913, Carabba. 

37. Epikur und der Krieg. Internationale Rundschau 1916, Zürich. 



Nachtrag: 

Der Atheismus und die "Wissenschaft. Historisch-politische Blätter 
f. d. katholische Deutschland 1873. 72. Band S. 852 u. 916. 



^ Der Anhang entliält folgende, für die "Weiterentwicklung der 
Brentanoschen Psychologie und Erkenntnistheorie überaus bedeutsame 
Kapitel : 

I. Die psychische Beziehung im L'nterschied von der Eelation im 

eigentlichen Sinne. 
H. Von der psychischen Beziehung auf etwas als sekundäres Objekte 
m. Von den Modis des Vorstellens. 
IV. Von der attributiven Vorstellungsverbindung in recto und in. 

obliquo. 
V. Von der Modifikation der L'rteile und Gemütsbewegungen durch 

die Modi des Vorstellens. 
\T. Von der Unmöglichkeit, Jeder psychischen Beziehung eine In- 
tensität zuzuerkennen und insbesondere die Grade der Über- 
zeugung und Bevorzugung als Unterschiede der Intensität zu 
fassen . 
"VII. Von der Unmöglichkeit, L'rteil und Gemütsbeziehung in einer 
Grundklasse zu vereinigen. 
"VIII. Von der Unmöglichkeit, für Gefülü und Wille in Analogie zu. 
Vorstellung und Urteil verschiedene Grundklassen anzunehmen. 
IX. Von wahren und fiktiven Objekten. 
X. Von den Versuclien, die Logik zu miathematisieren. 
XI. Vom Psychologismus. 



Von Professor Dr. Oskar Kraus sind ferner erschienen: 

Anton Marty. Sein Leben und seine Werke. Eine 
Skizze. Mit einem Bildnis. YIII, 68 S. gr. 8. 
Hallo 1916, Max Niemeyer. Ji 1.50 

Jeremy Benthams Grundsätze für ein künftiges Völker- 
recht und einen dauernden Frieden. (Principles 
of international laAv) in erstmaliger deutscher Über- 
setzung des Dr. Concile Klatscher. Mit einer 
Einleitung über Bentham, Kant und Wundt 
herausg. von Dr. Oskar Kraus. YII, 153 S. Max 
Niemeyer, Halle. Ji 4.80 



C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck München 
Februar 1919 wird erscheinen: 

Franz Brentano 

Aenigmatias. Neue Rätsel 

Dritte Auflage Gebunden etwa M 5.— 

,Versformen und Rätseltechniken sind nur Hülle des intimer Menschlichen: ohne Ab- 
sichtlichkeit oder historische Maskerade erweckt das Büchlein den Geist guter Gesellig- 
keit des 18. Jahrhunderts." Münchener Neueste Nachrichten. — „In den zwölf 
Bogen des .Aenigmatias' ist kein leeres Blatt, und mit jeder neuen Auflage wird deut- 
licher werden, daß sie nach Gehalt und Gestalt eine auf ihrem Gebiete klassische 
Leistung sind." Dr. A. Bettelheim (Vossische Zeitung). 

Soeben ist erschienen: 

Festschrift Johannes Volkelt 

zum 70. Geburtstag dargebracht 

VII, 428 Seiten Lex. 8° Geheftet M 25.— 

Inhalt: Vorwort — Wilhelm Wundt, Die Zeichnungen des Kindes und 
die zeichnende Kunst der Naturvölker — JonasCohn, Das Tragische und 
die Dialektil< des Handelns — Bruno Bauch, Wahrheit und Richtigkeit 
(Ein Beitrag zur Erkenntnislehre) — Albert Köster, Von der kritischen 
Dichtkunst zur Hamburgischen Dramaturgie (Ein Kapitel aus größerem Zu- 
sammenhang) — Georg Witkowski, Das Tragische als Grundgesetz des 
Lebens und der Kunst, im Anschluß an Hebbels Denken und Dichtung — 
Hermann Schwarz, Von unanschaulichem Wissen — Walther Schmied- 
Kowarzik, Gotteserlebnis und Welterkenntnis — Max Frischeisen- 
Köhler, Herbarts Begründung des Realismus — Otto Klemm, Die 
Heterogonie der Zwecke — Hermann Schneider, Der Gegenstand der 
Metaphysik. Eine einführende Vorlesung — Richard Falckenberg, Über 
den Stil unserer Philosophen — Max Dessoir, Philosophie als Lehr- 
gegenstand — Ernst Bergmann, Das Leben und die Wunder Johann 
Winckelmanns. Eine Studie — Felix Krueger, Die Tiefendimension und 
die Gegensätzlichkeit des Gefühlslebens — Wilhelm Wirth, Zur Orien- 
tierung der Philosophie am Bewußtseinsbegriff — Friedrich Reinhard 
L i p s i u s , Johannes Volkelt als Religionsphilosoph — EduardSpranger, 
Zur Theorie des Verstehens und zur geisteswissenschaftlichen Psychologie — 
Paul Barth, Dramaturgie und Pädagogik — Hans Volkelt, Biblio- 
graphie Johannes Volkelt 



C. 11. Bcck'schc Vcrla.^sbuchhandlung Oskar Beck München 



Johannes Volkelt 

Gewißheit und Wahrheit 

Untersuchung der Geltuni^^sfragen als Grundlegung 

der Erkenntnistheorie 

Soeben erschienen! • Geheftet M 18.50, in Halbfranz gebunden M 25. — 

System der Ästhetik 

Drei Bände in Leinwand gebunden je 12 Mark 

Ästhetik des Tragischen 

Dritte, neubearbeitete Auflage In Leinwand gebunden M 12.50 

.Nicht bloß der Forschung im engeren Sinn, auch der Kritik und vor allem dem Unter- 
richt hat Volkells Werk unschätzbare Dienste geleistet, hat Unzähligen für die feinsten 
.■\bschatlungen tragischen Krlebens und Gesialtens die Augen geöffnet und uns klärend 
und vertiefend zu den letzten f-ragen hingeleitet." Prof. Dr Rober t Petsch (Neue Jahr- 
bücher für das klassische Altertum). 

Karl Marbe 

Die Gleichförmigkeit in der Welt 

Untersuchungen zur Philosophie und positiven Wissenschaft 

I. Band. Geheftet M 12.—, gebunden M 13.50 

II. Band. Soeben erschienen. Geheftet M 12. — 

Nachtrag: Mathematische Bemerkungen zu meinem Buche 

„Die Gleichförmigkeit in der Welt". Geheftet M l.— 

Qrundzüge der forensischen Psychologie 

Vorlesungen gehalten im Auftrag des K. B. Staatsniinisteriums der Justiz 
während des ersten bayerischen Fortbildungskurses für höhere Justizbeamte 

zu München im Mai 1913 
Mit 8 Textabbildungen und einem Vierfarbendruck :: Gebunden M 4. — 

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1. Band: Piatons Leben und Persönlichkeit. Philosophie nach 

den Schriften der ersten sprachlichen Periode 

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3212 

Z7K7 



Kraus, Oskar 

Franz Brentano 



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