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Full text of "Franz Kormendi Versuchung In Budapest Roman"

FRANZ KORMENDI 



Versuchung in Budapest 



ROMAN 




DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT 

G. M. B. H. 
BERLIN 



Einbandentwurf von Werner Beucke 



Aus dem Ungarischen iibertragen von 
Mirza v. Schuching 

Originaltitel: ,,A Budapest! Kaland" 



Nachdruck verboten Printed in Germany 



Erster Tell 
DER GEDANKE 



GEGEN 2chn Uht versammelten sich die Jungens im Cafe. 
Die Jungens, das waren Budapester junge Leute von zwei- 
unddreiBig bis dreiunddreiBig Jahren, Altersgenossen, die 
zusammen das Gymnasium absolviert batten und nun 
bestand ihre Beziehung zueinander hauptsachlich darin, daB 
sie sich die Jungens nannten. In der Klasse seinerzeit bilde- 
ten sie eine Qique; die meisten wenigstens, die zu diesen 
Zusammenkiinften im Cafe crschienen, gehorten zu einer 
Gruppe. In der Schule batten sie die Platze, gleiche Inter- 
essen, ahnliche Veranlagungen und gcwisse Familien- und 
Vermogensverhaltnisse zusammengebracht, wie ver- 
schieden sie gewesen oder geworden warcn, bemerkten sie 
erst, als an die Stelle der Schulbank der runde Marmortisch, 
an die Stelle des Tintenfasses die Kaffcetasse, der Angst vor 
dem An-die-Rcihe-Kommcn die Angst vor der Verantwor- 
tung getreten war. Von der Cafegesellschaft blieben mit der 
Zeit einige weg, dafiir aber schlossen sich ihr ein paar 
Fernerstehende an; diese wurden vom Stamm anfangs mit 
einem mild nachsichtigcn MiBtrauen aufgenommen, dann 
gewohnte man sich allmahlich auch an sie. Wahrscheinlich 
ficl es keincm von ihnen auf, daB die Zeit ihre cinstmaligc 
Zusammengehorigkeit langst hinweggeschwemmt hatte, 
daB dieses Aneinandergewohntsein auf den cingefleischten 
kleinen Dingen des Alltags beruhte und eigendich keinen 
inneren Sinn hatte. Es fillt mif immer vor cin und demselben 
Schaufensterspiegel ein, daB ich mir einen ncucn Hut kaufcn 

5 



mtiBte; an einer bestimmten StraBenbahnhaltestelle denkc 
ich daran, daB es sich lohntc, ein Abonnement zu nehmen; 
vor eincm bestimmten Haus in der inneren Stadt geht mir 
todsicher der Gedanke dutch den Kopf, ich muBtc doch 
endlich einmal ins Nationaltheatcr zu einer Shakespeare- 
Vorstellung gehen. Genau so gab es ein Cafe auf dem Ring, 
vor dem zehn bis zwolf jungen Leuten einfiel: Gymnasium 
in der , . . -StraBe, einfiel, daB es eine Jungensgesellschaft 
gab mit einem Kelemen, einem Zatony, zwei Lewys und 
noch mit diesem und jenem, und daB es in der Woche, 
spater alle zwei Wochen, dann nur noch jeden Monat einen 
Tag gab, an dem sich die Jungens abends in diesem Cafe 
versammelten, So trafen sich diese jungen Leute eine 
lange Reihe von Jahren hindurch, wie sicb Schulkameraden 
ebcn zu treffen pflegen. Ein bis zwei Stunden zusammcn- 
sitzen, um etwas voneinander zu horen, um zu erfahren, wie 
es den einzelnen geht, was sie machen, wer Erfolg hat und 
womit, wer Pech hat und worin, ein biBchen plaudern, 
ein biBchen lachen: das waren die ungeschriebenen Statuten 
dieser Gesellschaft. Und wichtig war in diesem Programm 
eigentlich nur der letzte Punkt: denn dem armen Weiner 
kann ich ja auch dann nicht helfen, wenn ich wicder hore, 
daB er Not leidet; und von Varga kann ich hochstens er- 
fahren, daB er weiter avanciert ist in der Bank, wo der alte 
Varga Generaldirektor ist ... nein, nicht das ist wichtig. 
Wichtig ist: lachen. Wichtig ist, daB der kleinc Lcwy auf 
einmal sagt: ,,Na, ratet mal, wen ich vorigen Dienstag auf 
der Rdk6czi-Stra8e getroffen habe? den Marczinka." 
,,Wirklich? den Marczinka? also, der lebt noch? ist er alt 
geworden? die Pfeife hat er natiirlich im Mund gehabt, 
was? seid ihr stehengeblieben? hat er gesagt, na Lewy, Sie 
Strolch?" und so. Der kleinc Lewy steckt sich eine 
Zigarette an, winkt mit einer Handbewegung das Stimmen- 
gewirr ab und antwortet ordentlich, der Reihe nach auf die 
Fragen. ,,Ja, wirklich, den Marczinka. Was heiBt, der lebt 
noch? was heiBt, ist er alt geworden? strammer ist er 



derm jc. Die Pfeifc hat er natvirlich im Mund gehabt, abcr 
gcklagt hat er, daB seine Pension nicht mal fur Tabak rcicht. 
Wie er mich sah, hat er mich erkannt und mich angehalten, 
bloB an meinen Namen hat er sich nicht erinnert, also, 
ich schlag die Hacken zusammen und sag briillend: Herr 
Professor, ich bin Lewy, der Strolch!" Gelachter. Und in 
diesem Augenblick lost sich schon irgendwo die Frage: 
,JDu, Lewy, wie war das noch, als du den Pipo", das 
war Marczinkas Spitzname ,,zum Osterkonzert cin- 
geladen hast?" ,,Das? ach ja", sagt der kleine Lewy und 
zieht den Rauch in die Lunge, ,,das, ja, das war so . . ." 
und da sehen die Jungens alle die Klasse vor sich, in dop- 
pelter Reihe im Turnsaal auf dem Sagemehl, vor der Reihe 
Marczinka, genannt Pipo, den schwerhorigen Turnlehrer; 
Pipo klatscht in die Hande und briillt: ,,stillgestanden!" 
und da springt der kleine Lewy aus der Reihe vor, zieht in 
Parademarsch-Schritten vor Pipo auf, schlagt die Hacken 
zusammen und sagt mit seiner singenden, jiidischen Nasal- 
stimme: ,,Herr Professor! Im Namen unserer Klasse . . ." 
und da stockt der Klasse der Atem, und der Klasse dreht 
sich der Magen, und es fangt der Klasse leise in der Kehlc 
an zu kitzeln, bis schlieBlich am Ende der Rede Lewys das 
losbrechende, nicht auszuhaltende, unerstickbare und tod- 
lich grofie Gelachter kam. Der kleine Lewy redet, und 
schon wirft das Erinnern die Goldbrocken des sorglosen, 
von allem losgelosten, leichten, von Verantwortung freien, 
wohltuenden Lachens unter die Jungens. Der kleine Lewy 
ist gerade so weit gekommen: 9 ,das Kunstmusikkonzert . . ." 
und der schwerhorige Pipo versteht ihn nicht und schreit 
den krummen kleinen Bengel an: ,,waas machste?!" 
worauf der kleine Lewy seinen linken Arm ausstreckt und 
mit dem rechten wie mit einem Violinbogen dariiber sagt, 
dann reiBt er beide Fauste an den Mund und trompetet 
hinein: trara-traral! ,,Tss! Kinder", prustet der dicke, 
bebrillte Laci Rona, und auch die andern krummen sich 
vor hcrzhaftcm, jungem Lachen, ,,tss, Kinder! und was 



hast du dann bckommen? cine Riige vom Direktor, was? 
und deincn alten Herrn haben sic hinzitiert, was?" 
Manchmal ist es einfach zum Tollwerden. Die Geschichte 
mit Sztcpanics und Hermann und Dorothea, oder der Muki 
Hamvas als physikalische Einheit . . . Kinder, nie mehr 
werden wir solchen SpaB haben wie in denjahrcn, nicht wahr ? 
,Ja, das ist sicher", sagte der kleine Lewy, ,,nie mehr. So 
wirds nie wieder. Jetzt sitz ich hier und lache, dabei ist 
morgen eine Zahlung fallig, und es fehlen mir noch drei- 
hundertsechzig Pengo . . .", aber indem er das sagt, ist der 
kleine Lewy verschwunden, und an seiner Stelle sitzt 
Wilhelm Lewy da, Manufaktur- und Wirkwaren-Handler, 
gegenwartiger Chef der Firma I. Isidor Lewy. Da wird es 
fur einen Augenblick eisig still, nur fur einen Augen- 
blick, dann bricht der eigentliche Sinn dieser abendlichen 
Zusammenkiinfte wieder durch: ,,Ach, fallig", sagt einer, 
,,ich bin froh, daB ich morgen nicht bei Kristof in Latein 
fallig bin . . . wiBt ihr noch, wie der sein Notizbuch heraus- 
zog und " und der dicke Rona reiBt wieder den Mund 
bis an die Ohren auf. 

Diese Gesellschaft hatte sich nach dem Kriege zusammen- 
gefunden. Zuerst trafen sich bloB zwei oder drei, zufallig, 
im Laufe der wirren, besinnungslosen Tage und ver- 
angstigten Abende. Spater tauchten hier und dort bekannte 
Kopfe auf, die Gesellschaft vergroBerte sich. Es kam vor, 
daB einer sich in aller Stille ein paar Kronen von dem andern 
pumpte, dann wieder fuhr an cinem Abend einer in cincm 
nagclncucn Auto vor dem Caf6 vor. Ein Mobelhandler 
heiratete jung und brachte einmal auch seine junge Frau mit. 
Im geheimen besah sich jeder die neugebackene Frau sehr 
genau; sie warfen sich heimlich Blicke zu, schnalzten leise 
und kicherten; spater taxierten sie allerdings mit zu- 
sammcngesteckten Kopfen, aber ohne jedc Zuriickhaltung 
die korpcrlichen Qualitaten der kleincn Frau. Sie war 
anfangs verwirrt und fand ihren Platz nicht, dann wurde sie 
etwas warmer, lachte liber die Witze und Geschichten aus 

8 



dcr Schule und rakelte sich heimisch an der Seite ihres 
zweiundzwanzigjahrigen Bengels von Ehcmann im Kreuz- 
feuer dcr gierigen Blicke der andcrn zweiundzwanzig- 
jahrigen Bengels. Einer sprach in irgendeinem Zusammen- 
hang das gefahrliche Wort Hochzeitsnacht aus, und in 
diesem Augenblick war zu befurchten, daB das Gesprach 
nun eine sanfte, aber eindeutig schliipfrige Wendung neh- 
men wiirde, da stand der Mobelhandler auf, und das 
junge Paar verabschiedete sich von der Tischgesellschaft. 
Die Jungens sprachen einstimmig ihr Urteil aus: primal 
Damit war aber auch die Sache aus: der Mobelhandler 
brachte seine Frau nicht mehr mit, spater blieb er auch 
selbst fort. An seiner Stelle kam ein anderer: Suhajda. Er 
trug eine Studentenmutze, benahm sich zwar ziemlich an- 
standig, aber es war zu bemerken, daB er sich mit gewissen 
Mitgliedern der Gesellschaft nicht einlieB. In den Zeitungen 
konnte man manchmal seinen Namen lesen, im Zusammen- 
hang mit den Geschichten an der Universitat, manche 
glaubten sogar, allerhand von ihm zu wissen, aber da 
Suhajda im ersten Jahr kaum zweimal im Caf6 erschien, 
sich auch sonst still auffuhrte, kiimmerten sich die iibrigen 
nicht viel um ihn. Wieder blieb einer wcg, und wieder 
tauchte das eine und andere altbekannte Gesicht auf. 
Kiirschner kam aus der russischen Gefangenschaft zuriick, 
Tiszay trug an Stelle des linken Beines eine Prothese, Schwarz 
iiber dem rechten Auge standig eine schwarze Binde. Ja, 
die meisten von ihnen waren nach dem Abiturium ein- 
geriickt; es gab wohl einige, die zusammen dienten, 
eigentlich aber wurden sie schon nach dem Abituriums- 
kommers in alle vier Winde zcrstreut und fingen erst jetzt 
wieder an, irgendwie zusammenzukommen an dem Tisch 
im Cafe. Gut waren diesc Abende; mal ein Ton, ein Wort 
verirrte sich wohl hie und da zu den Flammenwerfern in 
Flandern, den verlausten Schiitzengraben in Wolhynien, 
den Drahtverhauen in Krasnojarsk, zur stinkigen Gcrste 
der Kommune und zu irgendwelchen StraBcnaktioncn 



schlimmen Angedenkens, die den roten Tagen f olgten, aber 
der unwillkommene Ton wurde sofort verscheucht von 
einem leichten Abwinken: ,,wie war das doch gleich, als der 
Pepi Polgdr wahrend einer Mathematikstunde drauBen auf 
dem Gang . . ." 

Das ging so drei bis vier Jahre. Es gab leere Abende, 
und es gab besuchte Abende. Es gab ein halbes Jahr, da 
ihre Zahl auf funfundzwanzig gestiegen war. Damals 
belegten sie fur den wochentlichen Abend ein Extrazimmer 
im Cafe. Als aber einzelne anfingen wegzubleiben, wurden 
aus den wochentlichen Zusammenkiinften zweiwochent- 
liche, und nach dem zehnjahrigen Abituriententag kamen 
sie iiberein, sich von nun an jeden letzten Donnerstag im 
Monat im Cafe zu treflen. Damals waren sie kaum noch 
funfzehn. 

Die zehnjahrige Zusammenkunft war iibrigens sehr 
besucht, es fehlten nur die paar Jungens, die ins Ausland 
gegangen waren. Cseh, der Oberingenieur in einer che- 
mischen Fabrik in Frankfurt war; Bortko, der 1920 als 
Austauschgefangener nach RuBland transportiert wurde; 
Kadar, den man 1919 zuletzt in Budapest gesehen hatte und 
von dem man seitdem nicht wufite, wo er war; Szalagh, der 
Sekretar an der Gesandtschaft in Paris war; Bamberger, der 
in Hollywood bei einem Onkel, einem Filmkonig, lebte. 
Cseh und Szalagh batten iibrigens dem Direktor zum 
Abituriententag geschrieben. An diesem Abend waren sie 
das letztemal in grofier Menge versammelt. Siebenundvierzig 
an der Zahl. Sie besahen sich gegenseitig die Anziigc, 
fragten einander: ,,wie gehts dir?" nahmen die allzu 
unverhiillten Klagen oder die vornehm gedampften, be- 
scheiden tuenden Prahlereien zur Kenntnis. Hielten Tisch- 
reden, erzahltcn Witze, lachten, batten einander gern, 
batten nichts miteinander 2u tun, und nach Mitternacht 
standen die meisten mit dem beruhigten Gefiihl vom Tisch 
auf, jetzt brauchten sie fiinf Jahre lang, bis 2ur n^chsten 
Zusammenkunft, nichts von den andern zu horen. Aber 

10 



diese zehn bis funfzehn jungcn Leutc hielten aneinander 
fest, aus Gewohnheit und um cincs sorglos gedachten 
Abends willen. Es gab Wohlhabende untcr ihnen und 
Arme, cs gab Verheiratcte und Junggesellen, es gab 
Christen und Juden, es gab lustige SpaBmacher und ernste 
Naturen. Budapester junge Leute waren sie, kein einziger 
hatte Karriere gemacht. Alle wuBten das, aber keiner sprach 
davon. Bei einem zeigten sich graue Faden an den Schlafen, 
bei dem andern fing der Schadel an, diskret sich zu lichten. 
Die Jahre gingen iiber sie dahin, und sie sahen monatlich 
an einem Abend nichts voneinander als: die Jungens sitzen 
um einen Tisch im Cafe und lachen. 



ANFANG November geschah es, daB Kelemen im Warte- 
zimmer des Zahnarztes eine englische illustrierte Zeitschrift 
in die Hand nahm und in diesem Magazin ein Bild ent- 
deckte. Auf dem Bild war im Hintergrund ein prunkvolles 
Gittertor zu sehen und davor etwas wie ein Zelt. Vor dem 
Zelt stand ein junger Mann in dunklem Anzug, ihm gegen- 
iiber eine Menge Menschen, einige in schmucker Uniform. 
Unter dem Bild stand folgender Text: 

PORT ELIZABETH. CAPELAND 

Mr. A. T. Color (1), der beruhmte Architect ungarischer Abstammung* be- 
grufit die BehSrden bei der Erdffnung seiner aus achthundert Einhdten bestehenden 
neaen Villen-Stadt. Die entzUckende Kolonie, der wafer in der Vorstettung nock 
in der Verwirklichung eine andere oaf der Erdc verglichen itierden (arm, street sich, 
sieben Kilometer van der Stadt entfemt, am Meerestffer hin, und viele rdche BSrger 
Britisch-Sudafrikas beeilten sich, au/ diesem herrlichen Fleckchen Erde etne Villa 
zu fyotujcn oder zu micten t ton den tbononerurlaub Oder das Weekend dort zu 
verbringen. Die Villen-Stadt 1st mil ihren Gebauden im modemsten Stil, ihren 
blendenden Sportpldtzen, ihrem Klub und Kino eine wahre Zierde und Spezialitdt 
des ganzen Britischen Rriches. In Anbetracht dessen, dafi Mr. Cadar ein mdchtiges 
Kindererholungsheun und cine wdtere ganze Reihe Don Institoten, die den 

II 



Interessen der Allgemeinheit dtencn, erbaut and dem Stoat gestiftet hat, bcf&rwortete 
die Regienmg, daft die Kolonic nach Mr. Cadan Gemahlin Helena-Village ge- 
nannt werde. und lief sick Id ihrer Erdffnmg vertreten. Die Letter des Ubcr* 
nahme-Komitees smd General L. G. Baldwin (2), Sir Robert Hall Biirgermeister 
von Port Elizabeth (3) und Mrs. Eliza Bdtner-Dirk. Bezirksvorstcherin far 
Gesmdhdtspflege (4). Neben ihr steht Mrs. Helen Cadar (5). 

Kelemen besah sich das Bild und den Text, und da er 
nicht Englisch konnte, blatterte er weiter; dann, ak ihm 
das unwillkiirlich ins Auge gesprungene Wort Hungarian 
einfiel, blatterte er zuriick. Noch einmal las er den Text, 
soweit er ihn verstand: Mr. A. T. Cadar, the famous 
architect of Hungarian origin, und er hob das Blatt 
naher an die Augen. Betrachtete den vor dem Zelt stehenden 
Mann, dann lieB er das Magazin sinken. Meinen Kopf geb 
ich dafur, daB der Laffe hier mit dem Blatt Papier der Toni 
Kddar ist. Wieder sah er sich die Schrift an und versuchte, 
die englischen Worte zu verstehen, was ihm nicht gelang. 
Dennoch buchstabierte er sorgfaltig bis zu der Stelle: 
Neben ihr steht Mrs. Helen Cadar (5). Mrs. Cadar, das heiBt 
so vicl wie Frau Kadar, anscheinend hat er geheiratet. Dann 
sieht er sich wieder das Bild an, versucht, die Figur der 
Frau in Augenschein zu nehmen, aber auf dem etwas zer- 
kniillten, abgegrifFcnen Blatt ist nur cine mittelgroBc 
Frauengestalt in schwarzem Kleid zu seben, das Gesicht 
ist ubcrhaupt nicht zu erkennen. Wer konnte den Laffen 
schon heiraten? denkt er und legt nun das Magazin auf den 
Tisch. Im Wartezimmcr des Zahnarztes sitzt ihm gegen- 
liber auf einem niedrigen Sessel cine alte Frau, sie hilt cin 
Taschentuch an ihre rechte Backe und schnauft manchmal 
schmerzlich auf. Kelemen betrachtete die alte Frau, ihre 
schwarze, mit Spitzen verzierte Bluse, ihren schief hingen- 
den schwarzen Rock, ihre ausgetrctcnen, runzligen hohen 
Knopfschuhc mit flachen Absatzen. Dann blickte er nach 
der Wand, an der zwischen zwei flachen Faycnccschiisseln 
cine Sammlung von Familicnfotografien hing. Sebr gut 
scheints dem auch nicht zu gehen, dachte er, schabige Auf- 

12 



machung, und nahm wieder die englische illustrierte 
Zeitung in die Hand. Er schlug sofort das Bild von vorhin 
auf, heftete den Blick auf die Figur des famous architect 
und versuchte, das Bild zu erkennen. Auch diese Figur war 
nicht sehr gut zu sehen, aber wie er sie so betrachtete, 
bemerkte er plotzlich, daB der abgebildete Mann seinen 
linken Arm im Ellenbogen geknickt an den Korper preCte 
und die Hand vor der Brust hangen lieB. Todsicher ist das 
der Kddar. Ich erkenne seine Handhaltung gam: genau, 
und da sah er Antal Kadar auf dem Schulkorridor vor einem 
Fenster stehen, in der Rechten ein Buch, aus dem er auch 
wahrend der Pause ochste, den linken Arm und die Hand 
halt er genau so wie hier auf dem Bild, und die Jungens urn 
ihn herum singen im Chor: Pin-guin! Pin-guin! denn 
wirklich, die Armhaltung Kadars erinnerte irgendwie daran, 
wie sich der Fliigelstumpf dieser Vogel an ihren Leib 
krampft. Todsicher ist das der Kadar. Aber warum zum 
Teufel ist der hier abgebildet? in einer englischen Zeit- 
schrift? Es scheint, es ist ein groBer Mann aus ihm ge- 
worden, sogar seinen Namen schreiben sie A. T. Cadar. 
Besonders dieses A. T. imponierte Kelemen, verdroB ihn 
sogar ein biBchen. A. T. So ein Affe. Wie unter den Bildern 
Edisons, T. A. Edison. Oder: G. B. Shaw. Erstens hieB er 
meines Wissens bloB Antal. Na ja, kommt ins Ausland, 
kommt zu Geld, da kann er sich gleich einen zweiten Namen 
leisten. Was fur eine Null der Junge in der Schule war. Mit 
lautem Geraschel stieB er die Zeitung auf den Tisch und 
begann, die alte Frau aggressiv zu mustern. Diese Alte 
kommt noch vor mir dran, dreiviertel vier, ich komme zu 
spat ins Biiro. Die alte Frau seufzte und sah zu ihm auf. 
Kelemen wandte schnell den Blick ab, sah zur Decke, 
stohnte laut und ging mit groBen Schritten im Wartezimmer 
auf und ab. Sicher ist ein groBes Tier aus ihm geworden, 
sonst ware er nicht in dem Blatt abgebildet. Gemeinheit, 
seit zwanzig Minuten ist einer drin, mich schickt er nach 
zwei Minuten fort, riihrt meinen Zahn kaum an. Wenn er . 

13 



noch die einzelnen Besuche berechncn wiirde, schon, dann 
konnte ichs verstehn. Aber der Preis 1st doch ausgemacht fur 
beide Plomben. Als er an den kleinen runden Tisch kam, 
griff er plotzlich nach dem Magazin und sah das Titelblatt 
an. Eine Hautcreme-Schonheit war auf dem Titelblatt, 
darunter stand: MiB Corrine Benet, the Winder's Colosseum 
Star, Capetown. Dariiber der Titel des Blattes: World's 
Sunday Pictures. Colonial Edition, 5th May, 1928. Wie 
kommt dieses Blatt hierher? Er hielt es in der Hand, drehte 
es hin und her und blickte sich uber die Schulter um. Die 
alte Frau saB da, den Kopf in die Hand gestiitzt. Da hustete 
Kelemen zerstreut, trat ans Fenster, riB mit einer plotzlichen 
Bewegung das Blatt mit Kadars Bild heraus und hustete 
noch einmal, laut. Das herausgerissene Blatt faltete er vor- 
sichtig zwischen den Fingern zusammen und lieB es in die 
Tasche gleiten, das Magazin legte er nun endgiiltig auf den 
Tisch zuriick. 

Es war halb fiinf voriiber, als er im Biiro ankam. Zuerst 
entschuldigte er sich bei dem Abteilungschef wegen der 
Verspatung. Herr Czilek nahm die Sache mit einer unfreund- 
lichen Handbewegung zur Kenntnis, dann setzte er sich 
an seinen Schreibtisch und nahm die Inkassoliste vor, die 
er mittags in die Schublade gestopft hatte. Er besah sich 
den Bogen. Ein schandliches Inkasso, keine sechzig Prozent 
diesen Monat, der Alte wird toben. Er lehnte sich auf seinem 
Stuhl zuriick, ziindete eine Zigarette an und zog das Bild aus 
der Tasche hervor. Am Tisch gegeniiber saB ein kleiner, 
bebrillter Jiingling mit Sommersprossen, zu dem sagte er: 
,,H6ren Sic mal, Kramer, konnen Sie Englisch?" 
,,Ich?" der Angeredete blickte auf, ,,nein. Warum?" 
,,Wer kann hier im Biiro Englisch?" 
,,Wer? Na, die Nusi aus der Korrespondenz." 
Richtig, die Nusi aus der Korrespondenz, die kann gut 
Englisch. Er legt seine Zigarette hin, nimmt aus der 
Schublade noch ein paar Bogen, schiebt das Bild zwischen 
sie und steht auf. 



,,Was wollen Sic englisch?" fragt Kramer hinter dem 
andern Tisch. 

Er rauspert sich. ,,Ein Freund schickte mir einen eng- 
lischen Artikel, der iiber ihn geschrieben wordcn ist; den 
mochte ich . . ." und geht aus dem Zimmer. 

Nusi aus der Korrespondenz war eine alte Person, trug 
einen Kneifer, war hysterisch und schwitzte. Sie saB an der 
Schreibmaschine, unter ihren Fingern knatterten die Tasten 
wie ein Maschinengewehr. 

,,Was wollen Sie, was wollen Sie?!" schnauzte sie, als 
Kelemen sich neben sie stellte, ,,was wollen Sie, storen 
Sie mich nicht ! Lieber Gott, ich werde verriickt, so viel hab 
ich 2u tun!" 

Mit leisem Abscheu betrachtete Kelemen einen Augen- 
blick ihr olig glanzendes Haar und die Rundung ihres 
Riickens, wie sie da vor der Maschine saB. ,,Liebste Nusi", 
sagte er dann, ,,bloB keine Aufregung. Ich mochte Sie um 
eine kleine Gefalligkeit bitten. Ubersetzen Sie mir die paar 
Zeilen hier", und er zog das Bild aus den Papierbogen. 

,,Was ist das, was ist das?" sie griff nach dem Blatt, 
,,lieber Gott, mit solchen Blodheiten pisacken Sie einen, 
wenn man so schon verriickt wird " 

,,Na, Nusichen, das bedeutet fur Sie doch bloB eine 
Minute", besanftigte er sie, ,,wollen Sie zwischendurch 
eine Zigarette? bitte." Sie greift grob in die hingehaltene 
Papierschachtel, ziindet an und blast den Rauch in einem 
geraden, harten Streifen aus. 

,,BloB lesen, oder auch schreiben?" fragt sie und setzt 
schon ihren Bleistift auf den Block: 

Mr. A. T. Cadar, der beriihmte Architekt ungarischer 
Abstammung, begruBt die Behorde . . . 

,,So, fertig, aber jetzt lassen Sie mich in Ruh, danke fiir 
die Zigarette", rasselte sie, als sie ihm das Blatt in die Hand 
druckte und sich neben der Maschine iiber das offene 
Stenogrammheft beugte. 

,,Danke, Sie sind ein Engel", sagte Kelemen, trat ein 

15 



wenig von der Maschine zuriick und flag an, den Text zu 
lesen. 

Also Kdddr, das ist dieser A. T. Cadar, der hervor- 
ragende ungarische Architekt, nicht schlecht, seine 
ftus achthundert Einheiten bestehende Villenkolonie, 
du lieber Gott, was kann denn das sein? Achthundert Ein- 
heiten? Villenkolonie? seine Villenkolonie? . . . Kinder- 
crholungsheim? Wohlfahrtsinstitutionen? die er dem Staat 
gestiftet hat ... also ja, dieser ganze Kram ist sein Eigen- 
tum, namlich die iibrigen Einheiten . . . und nach seiner 
Frau ist es benannt worden? da schlag doch einer lang 
hinl Was muB der fur Geld haben! 

,,Was ist los, was ist los, was brummen Sie?" knurrt 
Nusi und dreht sich mit einer eckigen Bewegung um, ,,und 
iiberhaupt, warum sind Sie noch immer hier? was soil denn 
dieser ganze Blodsinn?" 

,,Das ist Blodsinn, meine Liebe? Sie konnten sich freuen, 
wenn Sie seine Sekretarin waren. Wissen Sie, was das ist? 
ein Freund hat mir dieses Bild geschickt, ein Schulkamerad 
von mir, ein Budapester Junge, Antal Kaddr, was soil ich 
sagen, eine ganze Stadt hat er in Dings . . ." er griff nach 
dem Bild und suchte nach dem Namen der Stadt, ,,ah ... in 
*ort Elizabeth." 

>.,Schon, schon, ich habs ja gelesen, aber wo ist denn 
dieses< p or t Elizabeth?" 

kn Indien, in Australien, was weiB ich, iibrigens 
steht ,das auch hier, da steht . . . Britisch-Siidafrika, also 



7as fiir ein Speditor sind Sie, wenn Sie das nicht mal 
wissen?" 

/ ,,Was fiir ein Speditor, groBartig, Nusi, als ob das In- 

/kasso damit was zu tun hatte, wo Port Arthur oder Port 

' Elizabeth oder Port WasweiBich liegt?! Was glauben Sie, 

der Cohn und der Lewy zahlt in Port Moritz nicht und zahlt 

in Port Budapest nicht! Nicht das Port ist das Wichtige, 

meine Liebe, sondern dafi mein Freund es so dick hatl 

16 



Na, adieu, Musi, und nochmals schonen Dank", damit blies 
er ihr den Rauch bin und ging. 

In der Tarifabteilung suchte er Herrn Kalmdr, der Ober- 
tarifor war jedoch nicht im Biiro. ,,Haben Sie nicht einen 
Weltatlas oder einen Handatlas?" fragte er einen Kollegen. 
Sie suchten herum, in Kalmars Schublade fanden sie einen 
deutschen Atlas. Er schlug das Register auf. Port . . . Port 
Arthur, Port . . . Port-de-Paix, Port-de-Salau, Port Eliza- 
beth, K 66 C 2, das wars. Er suchte die Karte Nr. 66. 
Na also, in Afrika liegts, in Siidafrika . . . C 2, wie tief, 
ganz unten, na, natiirlich, Kap-Kolonie, englische Kolonie 
oder Dings . . . jedenfalls ist es rosa, und das bedeutet 
englisch. Den Atlas nahm er sich gegen Quittung bis 
morgen mit und ging in sein Zimmer. Neben dem Tisch 
stand der Abteilungscbef. 

,,Herr Kelemen, haben Sie Zahnschmerzen?" fragte erin 
bosartigemTonfall, mit einer Stimme wie ein Reibeisen. ,,Ich 
denke mir das ; denn kaum sind Sie mit Verspatung ins Biiro 
gekommen, da sehe ich Sie schon wieder nicht arbeiten." 

,,Entschuldigen Sie, Herr Czilek", sagte Kelemen, erst 
mit einem kleinen aggressiven Anspringen in der Stimme, 
dann aber gleich ruhiger werdend, ,,erstens habe ich wirk- 
lich Zahnschmerzen. Zweitens aber bin ich einer sehr 
wichtigen, halb und halb amtlichen Angelegenheit nach- 
gegangen", und er nahm den Atlas vor, ,,ein Freund von 
mir hat namlich aus Port Elizabeth in Siidafrika geschrieben, 
er . . . wolle nach Budapest kommen, und ich mochte ihm 
die Reiseroute zusammenstellen " 

Er brach plotzlich ab, da Herr Czilek ganz unverschamt 
den Kopf nach oben gewandt hatte und die Decke betrach- 
tete, mit dem rechten FuB im Takt klopfte und mit den 
Fingern auf dem Schreibtisch trommelte. 

,,Port Elizabeth . . ." sagte er gedehnt, ,,und ausge- 
rechnet Ihnen hat er geschrieben?" 

,,Aber bitte", ein wenig verlegen und ein wenig gereizt 
war seine Stimme, ,,wenn mein Freund . . ." 

2 KOrmendi, Budapest IJ 



,,Gut, gut tc , winkte der andere ab, heute schon zum 
zweitenmal und mit dem Von-oben-Herab des Chefs, das 
dem nachlassigen Angestellten zukam, ,,gut, und wie stehts 
mit dem Inkasso?" 

Hoi dich der Teufel, dachte Kelemen und sah auf den 
Bogen in seiner Hand. 

,,Ich bin noch nicht ganz fertig damit", sagte er leise, 
,,bisher sind in der Gruppe A F sechzig erste, zwolf 
zweite Mahnungen, sechzehn Aufforderungen durch den 
Rechtsanwalt, sechs Prozesse, und Berger, Fischer & Co. 
wiirde ich auch ruhig verklagen." 

,,So", sagte der Abteilungschef, ,,Sie wiirden sic ruhig 
verklagen? Also bitte, Herr Kelemen, das miissen Sie schon 
mir iiberlassen, ob ich sie ruhig verklage oder unruhig, 
aber morgen wiinsche ich die ganze Inkassoliste fertig zu 
sehen, denn . . ." 

Er sprach nicht weiter, sah aber wieder nach der Decke. 
Kelemen setzte sich. Wenn der Kerl doch ersticken mochte, 
wiinschte er und breitete seine Bogen vor sich aus. Der 
andere ging vom Tisch weg. 

Eine sonderbare Unruhe hatte er in sich, als er nach acht 
Uhr das Biiro verlieB. Es war regnerisches, schmieriges 
Herbstwetter, er fror und spannte einen baufalligen Regen- 
schirm auf. Der schabige Seideniiberzug war auch schon 
zerfetzt und lieB an mehreren Stellen das Wasser durch. 
Hols der Kuckuck. Ein solcher . . . Affe baut sich in Siid- 
afrika cine eigene Stadt, und ich muB mir hier fur drei- 
hundertzwanzig Pengo das Geknurre von dem gemeinen 
Czilek anhoren. Da soil einen doch die Wut packen! 

Einfaltiger, gestaltloser Arger wiirgte ihm die Kehle, als 
er iiber die matschige StraBe ging. Fast hatte er eine alte, 
dicke Frau angeschrien, die ihren Schirm steif iiber ihren 
Kopf hielt und im Vorbeigehen den seinen scheuerte. Die 
dumme Kuh kann auch ihren Schirm nicht ein biBchen 
hoher hebenl Er ging schnell; als er bei einer QuerstraBe 
vom Biirgersteig hinuntertrat, patschte er in eine Pfutze, 

18 



und das Wasser spritzte ihm an die Striimpfe. Zum Teufel! 
Dann kehrte er im ,,Biirgerlichen Restaurant" ein, wo er 
Monats-Kostganger war; den Schirm haute er in die Ecke, 
kroch aus seinem Mantel, und noch auf dem Weg zu seinem 
Tisch schrie er die Kellnerin mit der fleckigen Schiirze an: 

,,Los, Mariska, zwei Eier, Pariser in Essig, mit Zwiebel, 
NuBkipfel, los, ich bin hungrig." 

Das Essen schmeckte ihm gar nicht. An den Eiern roch 
er so lange herum, bis Frau Tauber hinzukam und beleidigt 
versicherte, es seien die allerfrischsten durchleuchteten Tee- 
Eier, die brauche man, bitte, nicht zu beriechen, die konne 
man, bitte, ruhig essen. Da aB er sie auf, aUerdings mit Ekel. 
An der Pariser Wurst in Essig waren zuviel Zwiebeln, und 
im NuBkipfel knirschte ihm ein Kriimchen NuBschale 
zwischen den Zahnen. Schmierige Garkiiche, zum Dormer- 
wetter Dann nahm er den Atlas hervor. Port Eliza- 
beth . . . liegt in Siidafrika. Rechts, vielmehr an der ostlichen 
Kiiste. Warm wirds da sein, das ist sicher. Aber damit weiB 
ich noch nicht viel. Er blatterte den Textteil auf. Afrika 
Siidafrikanischer Staatenbund, das wirds sein. Buren, 
Englander, Deutsche, Hollander . . . Hauptstadt Pretoria, 
Diamanten, Gold, Zink, Urprodukte, wichtigere Hafen- 
stadte Cape Town, Port Elizabeth . . . na. Kann ein hiibsch 
kleines Nest sein, sechzigtausend Einwohner. Aber sicher 
lauter reiche Leute. Wo sich ein Antal Kddar achthundert 
Villen leisten kann. Und wenns bloB Negerhiitten sind? 
Blodsinn, wegen Negerhiitten werden sie doch nicht so viel 
Radau machen wie auf dem Bild hier. Na gut, also jetzt weiB 
ich: Siidafrika und Port Elizabeth, und der A. T. Cadar ist 
ein beriihmter Architekt und Millionar, nun wenn schon, 
was kauf ich mir dafiir. Am andern Tag gab er Herrn 
Kalmdr den Atlas zuriick. 

Diese Kddargeschichte lieB ihm indessen keine Ruhe. Ein 
paar Tage dachte er nicht daran, dann fand er in der Tasche 
des blauen Anzugs das herausgerissene Blatt aus dem 
englischen Magazin wieder. Er betrachtete es, drehte es hin 



und her, den Text konnte er schon auswendig. Was so ein 
Ochse fiir Gluck hat ! Der grofite Affe war er in der Schule, 
natiirlich, der macht Karriere. Millionen muB er haben! 
Achthundert Villen . . . iiberhaupt, ich versteh die Sache 
nicht. Vermietet er die, oder verkauft er sie? Gehort ihm der 
Grand und Boden, oder hat er bloB die Kolonie gebaut? 

Und ich hier mit meinen dreihundertzwanzig Pengo 

Das kam ihm immer in den Sinn, und er war in diesen Tagen 
sehr schlechter Laune. Andor Kelemen, der Budapester 
junge Mann mit seinen glatt nach hinten gekammten Haaren, 
seinem bleichen Biiro-Gesicht, mit der etwas nachlassigen, 
miiden Haltung in der hohen, breiten Gestalt, mit dem 
Spiegelbild dieser Haltung, dem sauerlich verzerrten Zug 
um den Mund, mit seinen zwemnddreiBig Jahren, Andor 
Kelemen stand dieser ihm zufallig zu Ohren gekommenen 
Karriere unsicher und fremd gegeniiber. Dieser Toni Kaddr 
ist nach der Schule gewiB ins Ausland gekommen. Andor 
Kelemen aber . . . na ja, jedenfalls hat das Leben damit an- 
gefangen, daB cr 1916 bei der Musterung mit der Be- 
griindung: allgemeine Korperschwache nicht zum Militar 
genommen wurde, und so war es das Gescheiteste, nach dem 
Abitur sofort zu seinem Vater in die Rohleder-Agentur 
einzutreten. Das Geschaft ging damals sehr gut, zwar gab es 
Zwangswirtschaft und Lederzentrale, auch eine kleine Un- 
annehmlichkeit mit dem Militar- Arar wegen irgendwelcher 
verdachtiger Leder, die Hauptsache aber war, daB das 
Geschaft ging, und Kelemen dachte eigentlich erst dann 
daran, daB es sich gelohnt hatte, sogar notwendig gewesen 
w&re, alle Kniffe, Moglichkeiten, die ganze Technik dieser 
Branche griindlich zu erlernen, als nach dem Kriege der Alte 
von einem Tag auf den andern pleite war. Zum Gliick gings 
noch eine geraume Zeit vom Geld der Mama, und so hatten 
sie keine momentanen Sorgen; und dann, wahrend der 
Kommune unterkommen? ach nein, das war iiberflussig, fiir 
die paar Tage, die das Ganze noch dauern wird. Nach der 
Diktatur des Proletariats veranderte sich die Welt sofort. 



20 



Der Fricden brach aus. Es kam cine kleinc Konjunktut 
Bank, da ging die Sache ganz gut. In dem groCcn Rummd 
war weder Fachkenntnis noch Befahigung notig, um zu 
Geld zu kommen, hochstens der gute Budapester Blick und 
die gute Nase. Na, und das hatte man ja. Nicht das Gehalt 
war das Wesentliche, sondern daB man gleichsam von 
Berufs wegen mit allerhand Papieren und Valuten mani- 
pulieren konnte, ganz ansehnliche Summchen gingen 
damals durch seine Hand, da gabs Theater, Plattensee, ein 
ganz anstandiges mobliertes Zimmer in der Aradi-StraBe fur 
Extrazwecke und Frauen von leichterer und billigerer Sorte, 
aber hiibsch und dekorativ. Die Sache dauerte einige Jahre, 
dann krachte die kleine schmierige Bank nach Strich und 
Faden ein, und nicht einmal das war das groBte Gliick, daB 
er nicht mit der sogenannten Geschaftsfuhrung zusammen 
ins Gefangnis wandern muBte, sondern daB er sogar ein 
biBchen Geld rettete. Um die Zeit starb jedoch der alte Herr, 
der iiber seinen Ledergeschichten melancholisch geworden 
war, und da saB nun die Mama und die Sari und die Joly. 
Sari machte zum Gliick nicht viel Umstande, sondern 
heiratete einen Delikatessenhandler auf dem Ring. In der 
ersten Zeit irritierte es ihn ein wenig, daB sein Schwager 
selbst hinter der Theke stand und Wiirstchen verkaufte, 
und den Bekannten gegeniiber sprach er durch das Mega- 
phon der Budapester GroBtuerei von Fleischkommissions- 
geschaft, ja sogar Wurstwarenfabrik. Egal. Das Wichtige 
war, daB Karoly ein anstandiger, guter Mensch war und 
Sari anbetete; Sari hatte es gut, zwar muBte auch sic sich 
von morgens bis abends plagen, aber sic konnte doch die 
Mama noch angemessen unterstiitzen. Joly war damals noch 
cine kleine Gohre, die auBer ihrem Stiick Brot und den 
Schulbiichern keine Sorgen verursachte. Solange das 
Geld reichte, hatte er ein ziemlich angenehmes und freies 
Leben. Er lungerte um die B6rse herum, mal ein Pferde- 
rcnnen, mal Caft, allerhand zweifelhafte, sonst aber un- 
schuldige und unbedeutende Geschaftchen, geringfiigige 

21 



Vermittlungen; kurz, er hatte nichts Richtiges zu tun. Die 
Tagc vergchcn auch so, und plotzlich ist er so weit: 
weder Stellung noch Geld noch Hoffnung, irgendwo untcr- 
zukommen. Natiirlich folgt nun das verzweifelte Sich-an- 
den-Kopf-Fassen. Dauernd sind an die 2ehn Moglichkeiten 
da, bloB, es gelingt nichts. Ein Wunder? In diesen 
Zeiten? Gerade hatte cr den letzten Hunderttausender ge- 
wechselt, den er sich vom Schwager geborgt hatte, als ein 
alter Freund seines Vaters ihn in einer groBen Speditionsfirma 
unterbrachte. Sechsundzwanzig Jahre war er damals, wuBte 
nichts und verstand alles, schmachtete nach geordnetem, 
reichem Leben und hatte es fiirchterlich satt, daB er wieder 
etwas anfangen muBte, mit streng eingeteilter Zeit, mit 
Gebastel an einem Schreibtisch und in der Phantasielosigkeit 
von monatlich zwei Millionen. Aber man muBte in den 
sauren Apfel beiBen. SchlieBlich war die Sache ja cine feste 
Anstellung, eine beginnende Existenz, und wenn er auch 
nach Verlauf von Monaten immer mehr fuhlte, daB die Erde 
der Sonne naher war als cr an diesem Schreibtisch der 
Moglichkeit, Karriere zu machen: so sah er dennoch am 
Endc eines jeden Tages mehr und mehr, was heutzutage ein 
sicherer Schreibtisch bedeutete. Seine Arbeit? die war ihm 
langweilig und verhaBt, und da er leicht auch das Dreifache 
bewaltigt hatte, vernachlassigte er sie. BloB, um der Sache 
den Anschein zu wahren, bloB so viel arbeitete er, wie zur 
Verteidigung dieses Schreibtisches notwendig war. Das ist 
natiirlich entsetzlich und zweifellos einc Hauptursache der 
standig und still bohrenden Unzufriedenheit, die ihn seit 
Jahren noch keine Minute verlassen hat. Sechs Jahre, mein 
Gott, sechs Jahre. Was hatte er erwartet? Eine neue Kon- 
junktur, die die Moglichkeit gibt, diese ganze sinnlose, aus- 
sichtslose Beschaftigung hinzuschmeiBen einem unbekann- 
ten, unsicheren, aber wenigstens hofFnungsvoll scheinenden 
Versuch zuliebe? Oder daB die Tochter des General- 
direktors sich im Strandbad in ihn vergucke, und dann 
natiirlich konne er hier raus ? Oder daB er im Euro plotzlich 

ll 



cine groBe Gaunerci cntdeckc und dann jcmandem den Hals 
brechen und sich an dessen Stelle setzen konne? Budapester 
Phantastereicn. Was hattc er erreicht? Nach sechs Jahren 
dreihundertzwanzig Pengo, einen unzufriedenen, brum- 
migen, bosartigen Abteilungschef, einen langweiligen 
Wirkungskreis ohne Perspektive; fur sechzig Pengo ein 
Monatszimmer mit Friihstiick, fur neunzig Kost im ,,Biirger- 
lichen Restaurant", fiir achtzig die er der Mama gab 
die sorgenschwere Pose und Reizbarkeit des Familien- 
erhalters und schlieBlich neunzig Pengo im Monat, die ihm 
fiir Zigaretten, Elektrische, Frauen, Kino, Cafe und Radio- 
teilzahlung iibrigblieben. Budapester Wirklichkeiten. Das 
Haar ging ihm schon stark aus, er trug eine groBe Horn- 
brille, noch aus seiner Bankierszeit, von den Menschen er- 
wartete er nichts, die Dinge interessierten ihn nicht, und er 
war schon iiber so vielerlei hinaus, daB er es iiberhaupt 
nicht fiir der Miihc wert hielt, an das, was kommen wiirde, 
zu denken. Andor Kelemen war zweiunddreiBig Jahre alt, 
aber unter dem fiinfundzwanzigjahrigen AuBeren hatte sich 
Langeweile und Miidigkeit fiir fiinfzig Jahre in ihm ange- 
sammelt; und als er nach acht oder zehn Tagen wieder das 
Bild in die Hand bckam, sah er den Pinguin vor dem prunk- 
vollen Tor an und dachte: du lieber Gott, was fur ein armer 
Schlucker ist aus mir geworden. 



3 

DER Sechsundzwanzigste, der vierte Donncrstag im Monat : 
heute abend ist die Zusammenkunft im Cafe fallig. 

Kelemen ging aus dem ,,Biirgerlichen Restaurant" zuerst 
nach Hause, warf den Biiroanzug ab, nahm einen reinen 
Kragen und zog den guten blauen Anzug an. Das gehort 
zwar nicht zur obligaten Ungezwungenheit, aber an dem 
grauen Anzug ist der Hosenboden schon so glanzend, und 
am Ellenbogen fangt er an, fadenscheinig zu werdea. Witwe 



Hunka, seine Wittin, btachte ihm die Schuhbiirste, damit 
siuberte er seine Schuhe, dann polierte er sie mit der hcr- 
untcrhangendcn Ecke der alten, zerschlisscnen Chaiselonguc- 
decke. Neun Uhr, noch zu friih, vor zehn werden die 
Jungens nicht dort sein. Er setzte sich an den Tisch mit 
der Wachstuchdecke, der zwischen zwei ungliickseligen 
Stiihlen linkisch in der Mitte des Zimmers stand. Na, auch 
dieser November geht vorbei, in ein paar Wochen ist 
Mamas Geburtstag. Was soil ich ihr kaufen? was? I Wofiir 
werde ich Geld haben? Ich werde ihr zehn Pengo geben, 
und dafur bezahle ich von der Bucherrate und der Hemden- 
rate bloB die Halfte und kaufe die neue Radiorohre nachsten 
Monat. Die Biicherschulden machen noch zweiund- 
zwanzig Pengo, na, auch das lauft langsam ab. Irgendwann. 
Vielleicht gibts auch zu Weihnachten im Biiro ein paar 
Extra-Moneten, obgleich das nicht wahrscheinlich ist. Das 
Geschaft geht schlecht. Die Kerls zahlen immer schwerer, 
und dafur macht der Czilek, der Ochse, mich verantwortlich. 
Als ob sie meinetwcgcn nicht zahlten. Als ob ich dem . . . zum 
Beispiel dcmBerger & Fischer, nicht oft gcnug gesagt hatte 
mein Herr, geben Sie mir Geld und kein Pfandrecht auf Ihren 
Pfcffer, dcnn ich kann mit PfefTcr keincn KarTee verzollcn. 
Und was ist das Rcsultat? Berger-Fischer gibt mir kein Geld, 
well er keins hat, also verzolle ich seinen KafTee nicht, also 
geht seine Kundschaft ihren KafFce bei einem anstandigen 
Grossistcn kaufen, SchluB, der Umsatz geht zuriick, zahlen 
kann er doch nicht, kann froh sein, wenn icb ihn nicht gleich 
verklage. Feine Gcschaftspolitik. Na ja, aber man mufi doch 
einsehen, die Transcontincntalc kann nicht mit PfefFer und 
KafTee handeln. Hochstens versteigern lassen kann sie 
PfefFer und Kaffec. Das tut sie auch. Allc lassen versteigern. 
Auch Sari sagt, es sei wieder wegen meiner Steuer bei ihnen 
gcpfandct worden. Eine sechs Jahre alte Geschichte, lachcr- 
lichl Wo von zum Kuckuck soil ich heute bezahlen, was ich 
damals nicht bezahlen konnte? Zum SchluB wird noch ein 
Skandal aus der Sachc, ich mufi heute wieder dem Szende 



sagen, cr sollc die Geschichtc nicht ganz und gar vernach- 
lassigen. Szende war mal in Sari verliebt, damals gings uns 
noch gut, wieviel hat er bei uns gehocktl Der Idiot, mir hat 
er beim Latcin geholfen, aber fortwahrend nach der Sari 
geschnuffelt. Wie gehts deinem Schwesterchen? das fragt 
er auch jetzt noch, aber wie es meiner Steuerangelegenheit 
geht, dariiber schweigt er. Hingegen die Joly, die gefallt mir 
in der letzten Zeit nicht, die lauft zuviel mit diesen griinen 
Jungens herum, wirklich ein Skandal, wenn ich bedenke, 
zum Beispiel das ewige Geweekende . . . wenn man sie 
wenigstens in einem Biiro unterbringen konnte, damit sie 
verdient, was sie an Schuhen verbraucht, aber heute? 
jemanden in einem Biiro unterbringen? wo man nichts 
anderes hort, als : die Unkosten reduzieren, mehr arbeiten, 
bitte, meine Herren, setzen Sie sich an die Schreibmaschine, 
bitte, meine Herren, sichern Sie sich Ihren Schreibtisch 
durch Produktionsplus . . . Produktionsplus, Produktions- 
plus, ich werde mich hiiten, ihnen neben dem Inkasso auch 
noch das Biiro auszufegen! Herr Gott, was fur ein Horn- 
ochse war ich, daB ich sechsundzwanzig nicht die Radiosache 
mit dem Vertes gemacht habel Wer weiB, wie weit ichs 
hcute gebracht hattc. Das einzige, womit man heutc noch 
Geld vcrdicnen kann. Und wer ist dafiir verantwortlich? 
Kdroly, natiirlich. Freu dich, daB Onkel Laci dich bei der 
Transcont untergebracht hat! Gib Ruhel Hast du cine 
Ahnung, was es heiBt, heutzutage selbstandig zu sein? Wirst 
schon sehen, nach zwei Jahren haben die Menschen diesen 
ganzen Unsinn satt, Rohrc und Antenne und Welle, aber 
ich kann dir dann auch mit Krokodilstranen nicht zur 
Transcont zuruckhclfcn! Ja, ja, das ist Kirolys bequemcr 
Standpunkt, er hats leicht, nicht er vcrschimmclt bei diescr 
mistigen Firma. Und andere kaufen sich Villen von den 
Rdhren und den Wellen 

Es klopfte. ,,Herein", sagte cr und stand vom Tisch auf. 
Frau Hunkas Dienstmadchen stand in der Tiir. 

,,Gnidiger Hcrr, der Herr Lcwy ruft unten, daB er die 



drei Treppen nicht herauf klettcrt, weil er gesehen hat, daB 
im Zimmcr Licht brennt, und cr laBt sagen, ob Sie zu Hause 
sind und ob Sie ins Cafe gehen." 

,,Gut", antwortete er, ,,rufen Sie nur runter, ich kame 
gleich." 

Das kleine Bauernmadel ging und lieB die Tike auf; 
Kelemen sah ihr nach. Seit ungefahr zwei Monaten dient sie 
hier, nach Frau Hunkas Angaben ist sie achtzehn Jahre alt, 
ganz hiibsch ist sie, hat gute, gerade Beine, und auch ihr 
Wuchs ist nicht baurisch, ganz brauchbares Frauenzimmer; 
neulich, als Frau Hunka eines Sonntagmorgens auf den 
Friedhof gegangen war, wartete er ab, bis das Madchen sein 
Zimmer aufraumen kam. Sie war zerzaust, auch unge- 
waschen, roch nach Kiiche, dennoch trat er plotzlich hin zu 
ihr, griff, ohne ein Wort zu sagen, an ihre Brust. Aber das 
Madchen riB sich los, brummte halblaut etwas und lief aus 
dem Zimmer. Vielleicht ist sie noch unberiihrt. Ach, die 
wird ausgerechnet unberiihrt sein. Wahrscheinlich hat sie 
jemanden und wagt nicht, mit einem andern anzufangen, 
oder sie war gerade . . . Er nahm seinen Mantel vom Haken 
und zog ihn auf dem Wege zum Flur an. Also, ein ganz 
brauchbares kleines Frauenzimmer, diese Julie; aber als sie 
ihn neulich Sonntag einfach stehenlieB, verging ihm plotz- 
lich die Lust nach ibr. Doch ganz gut, daB ich nicht mit ihr 
angefangen habe. Sein Zimmer fiihrte auf einen dunklen, 
engen Flur; als er am Ende des Flurs angekommen war, fiel 
ihm ctwas ein, er tastete sich zuriick in sein Zimmer und 
drehte das Licht an. Er suchte jenes Bild, zuerst in den 
Taschen des braunen Anzugs, dann auf dem Regal zwischen 
den Buchern, er fand es nicht. Er dachte nach, wohin mochte 
er es getan haben? Er hatte keine Ahnung. Verflixt, schade. 
Das Wort, das ist nur Gewasch, das Bild ist Beweis. Viel- 
leicht habe ich es im Biiro liegen lassen. 

Er war wieder im Flur, die Kuchentiir stand ofFen, das 
Madchen saB auf dem Hocker und mahlte Kaffee. 

,,H6ren Sie mal, mein Kind", er steckte den Schliissel ins 

26 



SchloB der Eingangstiire, ,,haben Sie nicht zufallig ein Bild 
in meinem Zimmer gesehen?" 

Das Madchen hielt im Mahlen inne und kam an die Tiire. 

,,Was fur ein Bild?" sagte sic, und ihrc Stimme zitterte 
ein wenig. 

,,Na, ein Bild mit Menschen drauf." 

,,Doch, ja, gnadiger Herr, aber ich dachte, Sie batten es 
weggeworfen " 

Das Biest, hats womoglich weggeschmissen. 

,,Und wo haben Sie es hingetan ?" fuhr er das Madchen an. 

,,Ich habs im Madchenzimmer an die Wand genagelt, ich 
wuBte nicht, daB der gnadige Herr es noch brauchen." 

,,Hopp", sagte er, ,,dann ists ja gut. Nehmen wirs schnell 
wieder runter, vorwarts! Natiirlich brauch ich es", und ein 
leises Lachen kitzelte ihm die Kehle: Mr. A. T. Cadar mit 
achthundert Villen hangt in Julies Zimmer an der Wand. 

Er ging hinter dem Madchen her, das Bild hing iiber dem 
niedrigen Eisenbett. 

,,Ich hoi ein Messer, fur die ReiBnagel", tat das Madchen 
eifrig und drehte sich um. 

,,Nicht notig", er hielt den Atem an, um den sauren 
Geruch des Madchenzimmers nicht zu spiiren, und mit einer 
knappen Bewegung riB er das Bild unter dem Nagel weg. 

,,Entschuldigen bitte", fing das Madchen wieder an, er 
unterbrach sie: 

,,Schon gut, schon gut, dieses Bild brauch ich, ich werde 
Ihnen ein anderes dafiir geben, eine Ansichtskarte", und 
damit ging er. 

Im Hausflur fuhr ihn der kleine Lewy an: 

,,Du denkst wohl, ich komme dich abholen, damit du 
mich stundenlang warten laBt. Fallt mir nicht ein. Oder 
hattest du etwa gerade mit der Dame, die vorhin runter- 
rief " 

,,Dame du Laffe. Obrigens, damit dus weiBt, ein sehr 
brauchbares Frauenzimmer. Dienstmadchen, aber sehr 
brauchbar. Aber ich brauch sie nicht" 



,,Du GroBmogul", sagte Lcwy. ,,Na, was gibts sonst?" 

,,Nichts, man lebt", antwortete Kelemen, dann nach 
einer kleinen Pause: ,,oder cigentlich, wenn du nicht ge- 
mault hattest, wiirde ich es dir jetzt extra sagen, so aber " 

,,Unerhort", tat der andere, ,,kannst dir gar nicht vor- 
stellen, wie neugierig ich bin." 

,,Denk mal an, du bist wirklich neugierig." 

Der kleine Lewy war es tatsachlich, doch gab er seine 
Position nicht auf. 

,,Und wenn schon, was wirst du schon fur Neuigkeiten 
wissen. Bist du abgebaut worden?" 

,,Wasser." 

,,Haupttreffer von dreiBig Pengo gemacht?" 

,,Ausnahmsweise nein." 

5 ,Willst du heiraten?" 

,,Dringendst." 

Kleine Pause, an der StraBcnecke blciben sic stehen, ein 
Auto saust vorbei und spritzt den StraBendreck in die 
Gegend. Lewy tritt zuriick und besieht sich seine Hosen- 
beine. 

,,Sagst dus, oder sagst dus nicht?" 

Kelemcn lachte. ,,Also, du bist neugierig. Gestehs, dann 
sage ichs, gestehst dus nicht, dann erst im Cafe*." 

,,Kannst mir kreuzweise " sagte der kleine Lewy und 
schritt beleidigt weiter. 

Nach wenigen Minuten batten sie das Cafe erreicht. 
Einige von den Jungens soBen schon im oberen Raum um 
den groBen Tisch herum. Schwarzc Kaffecs standen auf dem 
Tisch, nur Pista Marton, der von seinem Vater ein schlecht 
gehendcs Rechtsanwaltsbiiro und angcblich einen Herz- 
fehler geerbt hattc, aB ein Apfelkompott. ,,Servus, servus", 
der groBe Lcwy fiihrte gerade das Wort: 

. . * wic gesagt, ich wollte meincn Augen nicht trauen. 
Als ich ihn namlich vor sechs, sage und schreibc, sechs 
Jahren auf dem Bahnhof in Szolnok traf, war er auch schon 
Oberleutnant, dcnk mal", wendete er sich an Kelemen, 

28 



,,gerade erzahle ich hier, es sind noch keine drei Tage, daB 
ich dem Fandler begegnete, du weiBt, der aus der Sechsten 
auf die Militar-Akademie iiberging, kannst du dich er- 
innern? Nun, ich komme eben auf dem Josefsring aus dem 
Haus Nummer sechzig, da steht Fandler an der StraBenbahn- 
haltestelle. Ich geh auf ihn zu, natiirlich erkannte er mich 
auch gleich, servus, Fandler, sag ich, er salutiert, guten 
Abend, sagt er. Guten Abend ist gut, denk ich mir. Na, 
erkennst du mich nicht? sag ich. Er sieht sich mit einem 
Blick um, es stand niemand da, es regnete; ach, macht er, 
servus, jetzt erkenn ich dich erst. Ich sage, wie gehts dir, 
Fandler? wohin gehst du? Zum Westbahnhof, sagt er, ich 
gehe nach Hause nach Vac, ich diene da. So, sag ich, du hast 
dich also von Szolnok versetzen lassen? Na, und wie bist du 
zufrieden? So, so, antwortet er, ein Nest, aber es gibt ein- 
zwei hubsche Frauen, und der Dienst ist ganz angenehm. 
Und was bist du, wenn ich fragen darf, sag ich, denn unter 
dem Mantel konnte ich den Kragen nicht sehen. Fandler 
sieht zu Boden, schweigt eine Weile, dann sagt er tonlos: 
Oberleutnant. Mir fiel gleich die Geschichte von Szolnok 
ein, die von vor sechs Jahren, gerade wollte ich sagen, du 
groBer Gott, immer noch! aber ich habs zum Gliick nicht 
gesagt. Da kam die Vier, wir stiegen auf. Wir blieben vorn 
beim Fahrer stehen, er wollte nicht reingehen in den Wagen, 
obschon es in Stromen regnete und reinspritzte. Na schon, 
ich versteh schon, mir kann man ansehn, daB ich kein 
Bischof bin, ich versteh schon. Wahrend der Fahrt guckt 
Fandler mich auf einmal an und sagt: jetzt warte ich auf 
meine Beforderung, vielleicht kommt sie zu Neujahr. Na, 
was soil ich euch sagen, es war keine Lustreise bis zum 
Westbahnhof. Fandler sprach kaum ein Wort, fragen tat er 
noch weniger, dieses Schweigen brachte mich geradezu in 
Verlegenheit, ich wuBte nicht, wohin ich meinen Kopf 
drehen sollte. Aussteigen wollte ich nicht, ich hatte in Buda 
zu tun und war sowieso schon verspatet. Ja, ja, sag ich in 
meiner Qual ganz blode, so lebt man. Fandler schweigt, 

29 



sieht mich an, dann spricht er cndlich: ja, ja, bei uns gehts 
eben langsam; und was machst du, was ist aus dlr geworden, 
seitdem wir uns nicht gesehen haben? Also bitte, was hatte 
ich ihm darauf antworten konnen? Sollte ich ihm sagen, 
in sechs Jahren war ich Borsenmakler, Getreidehandler, 
Grundstiickvermittler, Biicheragent, Mitinhaber eines Cafes, 
Autoagent, Radioagent und so waiter? Er hatte das gar nicht 
verstanden. Ich sag ibm; na, ich lebe so hin, ich mache, 
weiBt du, so ... in allerhand. Er schweigt, dann sagt er: 
schwere Sache. Schwer, sag ich. Dabei, sagt er plotzlich, 
und ein Zucken geht durch sein Gesicht, mein Fiihrungs- 
zeugnis ist prima, und ich bin Rangaltester. Dann bricht er 
ab. War auch gerade genug, was? Am Westbahnhof haben 
wir uns verabschiedet, und er stieg aus. Seitdem muB ich in 
einem fort dran denken, daB er auf diese Weise genau 
hundertsechsundvierzig Jahre alt sein muB, wenn er 
General wird." Er schwieg und sah sich um. 

,,Schon", sagte der kleine Lewy, ,,ein schallendes Ge- 
lachter iiber diesen Witz zuerst, dann wollen wir Kelemen 
horen, der eine interessante Neuigkeit weiB." 

Kelemen hiistelte. 

,,Tja, wirklich traurig", sagte er. 

,,Was denn?" drangte Lewy. 

,,Na, die Sache mit Fandler." 

,,Nicht wahr?" beeilt sich der groBe Lewy dankbar zu 
bemerken, ,,bedenke doch mal . . ." 

,,Da ist nichts zu bedenken", klafft jetzt mit seiner diinnen 
Kinderstimme Zatony dazwischen, der elegante, zuriick- 
haltende, im iibrigen hofFnungslose kleine Angestellte der 
vornehmen, exklusiven Bank. ,,Da ist nichts zu bedenken, 
und lassen wir lieber die Sache Fandler. SchlieBlich, ent- 
schuldige, aber du muBt schon selbst zugeben, daB du, 
lieber Lewy, davon gar nichts verstehst. Das Militar ist 
schlieBlich weder Grundstiick noch Borse noch Radio. 
Nun, Kelemen", wendet er sich diesem zu, ,,was gibt es 
also?" 



Kelemen riihrt in seinem schwarzen Kaffee. Auf dem 
Tablett von Szende sieht er ein iiberfliissiges Stiick Zucker, 
er langt danach, ,,du gestattest ..." dann schaukelt er 
mit dem Stuhl: 

,,Also, Jungens, erinnert ihr euch noch an den Kadar?" 

,,Kadar?" 

,,Antal Kddar?" 

,,Toni Kadar?" 

,,Den Pinguin?" 

,,Aber natiirlich, wie sollte ich nicht?" 

,,Was ist mit dem? ich hab ihn nie wieder gesehen." 

,,Nun, also", sagt Kelemen, jedes Wort wichtigtuerisch 
einzeln durch die Lippen siebend, ,,was wiirdet ihr dazu 
sagen, wenn ich euch mitteilen wiirde, daB er es von uns 
alien am weitesten gebracht hat?" 

Einen kurzen Augenblick Stille. 

,,Da er immer der groBte Hornochse von uns war", gibt 
der groBe Lewy seine Meinung ab, wiirde ich mich gar 
nicht dariiber wundern. Nu?" 

,,Nu?" nimmt Kroh das Wort auf, ,,ist er ein Filmkonig 
geworden?" 

,,Das wohl nicht", sagt Doktor Marton, ,,sonst hatte ihn 
unser Simon schon langst aufgeschnuppert und ihm unter- 
tanigst ein Denkmal in der Kinozeitung gesetzt, nicht wahr, 
Simonchen?" und er blickte den Journalisten an. 

,,Mund halten", sagte Simon leise, ,,da ware es ihm 
immer noch besser ergangen, als wenn er seine Strafsache 
dir anvertraut hatte." Der Hieb saB; Marton hatte namlich 
vor kurzem irgendeinen kleinen Defraudanten verteidigt, 
den das Gericht, das war die Meinung der Jungens, haupt- 
sachlich wegen des unsympathischen und ungeschickten 
Auftretens des Verteidigers streng verurteilte. Mdrtons 
Kneifer blitzte auf, er dachte iiber cine kurze, aber wiirdige 
Entgegnung nach. 

,,Na, schon gut", warf Amman dazwischen, der vor- 
nehme, kiihle, immer iiberlegene Ministerialsekretar. 

31 



,,Ergebnis eins zu eins; fahren wit fort, was ist mit dem 
Pinguin?" wandte er sich an Kelemen. 

,,LaB horen", sagt auch Rona, ,,das Marchen von 
Kadar." 

Kelemen meinte, das Interesse sei noch nicht hoch genug 
gespannt. 

,,Was wiirdet ihr davon halten, wenn ich so sagte: acht- 
hundert Villen an der Meereskiiste?" 

,,Eine so groBe Meereskiiste gibt es gar nicht", sagte 
Szende. ,,Hallo, Zigarren! Geben Sic mir eine Palatinus und 
cine Papierspitze." 

,,'s wird doch Hollywood sein", auBerte der groBe Lewy. 

,,I wo", sagt der kleine Lewy aus Rache, ,,aufm Mond!" 

,,Nicht in Hollywood und nicht auf dem Mond, laBt doch 
den Blodsinn", setzt Kelemen fort. ,,Das ist eine ganz ernste 
Sache." 

,,Vor allem, woher weiBt dus?" fragte Kroh und 
zwinkerte miBtrauisch hinter seinen drahtumranderten 
Brillenglasern. 

,,Von hier", antwortete Kelemen; aus der Tasche nahm 
er das Magazinblatt, legte es auf den Tisch, glattete es und 
legte die Faust drauf. 

,,Wasistdas?" 

,,Die Sache war so" : er beugte sich vor, ,,neulich war ich 
bei meinem Zahnarzt, muBte warten, blatterte in allerlei 
Zeitschriften . . ." 

. . . und riB aus einem dieses Blatt heraus", setzte Simon 
in Kelemens Ton fort. 

,,Was denn sonst? natiirlich hab ichs herausgerissen, ich 
werde doch nicht das ganze Blatt schleppen", er bemiihte 
sich, dies zynisch hinzuwerfen, aber ein biBchen Wut schien 
in seiner Stimme zu zittern, ,,aber wenn ihr mich in einem 
fort unterbrecht, kann ich ja auch aufhoren." 

,,Na schon", der kleine Lewy ist neugierig, ,,man muB 
nicht gleich beleidigt sein. Hort, hortl" 

,,Also bitte", sagt Kelemen unlustig, ,,hier ist das Blatt, 

3* 



seht es euch an." Er nimmt die Faust vom Papier, dann 
iiberlegt er es sich und nimmt das Blatt in die Hand. ,,Antal 
Kadar", sagt er sehr betont, ,,der Pinguin, hat in Port 
Elizabeth ein Millionenvermogen erworben, ist ein groBer 
Mann geworden, besitzt eine regelrechte Stadt, die Re- 
gierung begriiBt ihn, na, ich werde den Text vorlesen", fiigt 
er hinzu und beginnt in amtlichem Ton : ,,Port Elizabeth 
Capeland. A. T. Cadar, der beriihmte Architekt ungarischer 
Abstammung . . ." 

Er sprach den Text zu Ende und blickte dabei auf das 
Blatt. 

,,So gut kannst du Englisch?" fragte Zatony, ,,du iiber- 
setzt ex abrupto?" 

,,Ja", antwortete er schleppend, ,,ich kann ein wenig; 
kannst du?" 

,,Yes", tat Zatony kiihl und vornehm, ,,nein, ich kann 
nicht, hab keine Angst, ich werde dich nicht priifen. Zeig", 
und streckte die Hand aus. 

Kelemen gab ihm das Bktt; das Bild Toni Kddars machte 
die Runde um den Tisch. Jeder einzelne nahm es in die 
Hand, jeder einzelne erkannte ihn an der Armhaltung, und 
jeder hatte etwas zu bemerken. Einstimmig stellten sie in- 
dessen fest, daB das unbedingt eine auBerst ernste Sache sei 
und daB Gott es mit dem Antal Kadar gut gemeint habe. 

,,Hopp!" sagte Simon plotzlich, ,,gib doch das Blatt 
noch mal her!" Er nahm es in die Hand, drehte und wendete 
es, hielt es dicht an die Augen. ,,Also, erstens ist das natiir- 
lich ein Reklameartikel, zeilenvcise bezahlt, aber das macht 
nichts. Aber ... ich sehe kein Datum auf dem Blatt, wann 
ist das denn erschienen?" 

Kelemen sah plotzlich den Schonheitscreme-Reklame- 
kopf mit den Aufschriften vor sich. 

,,Wann das erschienen ist?" suchte er in seinem Ge- 
dachtnis auf dem Titelblatt, ,,wenn ich mich recht erinnere, 
im Mai achtundzwanzig, also vor ungefahr anderthalb 
Jahren." 

3 K6rmendi, Budapest 33 



,,Ach so", sagte der grofie Lewy miBtrauisch und ver- 
achtlich, ,,dann geb ich auf das Ganze nicht viel. Inzwischen 
kann er langst wieder pleite sein." 

,,Bloder Kerl", meinte Marton, ,,du denkst wohl, es ist 
iiberall so wie hier? Die da driiben, mein Lieber, sind keine 
so schwindsiichtigen Existenzen, dafi sie beim ersten Wind- 
stoB gleich anfangen zu husten." 

,,Was heiBt Existenz?" warf jetzt Rona dazwischen, der 
cin altes gutrenommiertes Porzellan-Engrosgeschaft in der 
inneren Stadt von seinem Vater iibernommen hatte, ,,woher 
willst du wissen, was der fur eine Existenz ist? Aus der 
illustrierten Rcklamezeitung hier? Gut, ich will zugeben, 
Existenz", und er zog ein riesengroBes goldenes Zigaretten- 
etui aus seiner Westentasche, ,,aber hast du denn einen 
Begriffdavon, was fur Vermogen es driiben gibt? WeiBt du 
denn, was fur ein Niemand eine solche industrielle Existenz, 
ein solcher Unternehmer ist im Vergleich dazu, was zum 
Beispiel ein ... ein Reisplantagenbesitzer . . ." 

,,In Port Elizabeth", unterbrach Kroh inn streng, ,,gibts 
keine Reisplantagen." 

,,Doch gibts", antwortete R6na unbeirrt, ,,und wenns 
keine gibt, na, dann eben KafFeeplantagen oder Baumwoll- 
plantagen . . ." 

,,Aber bitte, ich verstehe gar nicht, was du eigentlich 
willst", sagte Kelemen nervos, der anfing, sich gleichsam in 
Kddars Namen beleidigt zu fuhlen, ,,KafFee hin, Baumwolle 
her, du wirst doch nicht bezweifeln wollen, daB er viel Geld 
hat?" 

,,Viel Geld, viel Geld, fragt sich, was du viel Geld 
nennst? Relativ . . ." 

,,Relativ, Blodsinn!" schnaubte cincr, ,,wenn wir bloB 
annehmen, eine solche Villa ist zehntausend Pengo wert, 
dann sinds schon acht Millionen . . . vorausgesetzt, daB sie 
wirklich ihm gehoren . . ." 

,,Was? zehntausend Pcngo? ich kauf sie dir fur funfzehn 
abl" sagt ein anderer, und nun ging das Stimmengewirr 

34 



iiber dem Tisch los, Alle warfen sic zugleich ihrc Mcinung 
auf den Tisch; knarrende, singende, verherrlichende, be- 
sanftigende und prahlerische, skeptische und terrorisicrende, 
iiberlegene und gierigc, unglaubige und hungrige Laute 
flogen da umher, zehntausend, zehn Millioncn, Pengo, 
Pfund, Karriere, Existenz, Immobilien, Iccres Gcwasch, 
Faiseur, Spekulant, Massel, derartigc Worte wurden 
laut, ,,seine Steuern, bloB seine Steuern, lieber Freundl" 
der kiihle, elegante Amman schlug aufgeregt auf den Tisch, 
Kelemen kippte mit dem Stuhl nach hinten, besah sich 
den Wirbel, den er herauf beschworen hatte, und ein leichter 
Schauer lief ihm iiber den Riicken, weil ihm seine drei- 
hundertzwanzig Pengo eingefallen waren. 

Langsam beruhigte sich die sturmische Versammlung. 
Es hatte sich ungefahr die Meinung herausgebildet, daB es 
Kadar, vorausgesetzt, daB die Information, das heiBt das 
Bild glaubwiirdig sei, sehr gut gehen miisse, daB aber die 
ganze Angelegenheit doch keine so auBergewohnliche 
Sache sei, will heiBen, am MaBstab von driiben gemessen. 
Immerhin sei es beachtenswert, daB ein armer Budapester 
Junge, ein Mitschuler, es verhaltnismaBig sehr weit gebracht 
hatte . . . na, ja, man braucht eben bloB aus dieser elenden 
Stadt herauszukommen, dann kann man, wenn man auch 
noch so arm ist . . . 

,,Halt, ich weiB gar nicht mal, ob er wirklich so arm war? 
Er war immer ganz anstandig angezogen . . ." 

,,An solche Einzelheiten kann man sich doch heute 
nicht mehr erinnern, wer weiB, was das fur alter Kram 
war, was dir heute im Gedachtnis als guter Anzug vor- 
schwebt." 

,,Nein, nein, ich erinnere mich ganz bestimmt, er stammte 
aus Siebenbiirgen und wohnte bei irgendwelchen ganz 
ordentlichen Verwandten . . ." 

,>Das kann ja sein, mein Lieber, aber sicher ist, daB er 
Biicher vom Hilfsverein benutzte und vom Schulgeld be- 
freit war . . ." 



J5 



,,Erinncrt ihr euch", sagt Szende, ,,bei den Schul- 
biichern fallt mir ein, als . . . in der Sechsten, Klivenyi 
den Pinguin aufrief, kurz vor den Zeugnissen, und sagte, 
er solle . . ." 

,,Das 1st gar nichts!" springt der kleine Lewy mit seiner 
Stimme dazwischen, ,,aber als Klivenyi mir auf der Bank 
seinen langen Stock in die Hand gab, ich solle auf dem Brett 
zeigen, welches das Quarzkristall ..." 

. . . und unterdessen driickte der Mungo cine halbe Tube 
Syndetikon auf die Stockspitze . . ." 

. . . und der Lewy hats nicht erraten, welches das Quarz- 
kristall . . ." 

,,Lewy, Sie Schaf ! Wie wollen Sie mal auf eigenen FviBen 
stehen im Leben, wenn Sie nicht einmal ein einfaches 
Quarzkristall ..." 

. . . und rifi dir den mit Syndetikon beschmierten Stock 
aus der Hand . . ." 

In stiirmischem Gelachter erstickte dieser Pentalog. 

,,Herr Professor, ich hab ja gar kein Gummiarabikum!" 
meckert einer mit der erschrockenen Gymnasiastenstimme 
des kleinen Lewy. 

,,Pferdediebe ihr, Brigantis!" tobt Rona, wobei er 
Professor Klivenyis Stimme markiert, ,,von eins bis zwei 
sitzt die ganze Klasse nach!" 

,,Lewy raus ! Takdcs raus ! Eggert raus 1 Kroh 
raus!" ubernimmt Simon die Stimme des Lehrers, ,,nach der 
Stunde im Lehrerzimmer melden!" 

,,Das ist noch gar nichts ! Aber wie der Lajtha sein Notiz- 
buch vornahm: Abonyi Amman Barta Bienen- 
feld andieTafel!" 

,,Na, und wie der Hampel in Szab6s Physikbuch das 
pikante Witzblatt fand . . ." 

Natiirlich waren im Laufe von dreizehn Jahren alle diese 
lustigcn Erinnerungen wohl schon hundertmal wachgerufen 
worden; und doch wird einem das nie iiber, und jeder 
einzelne von ihnen kramte wieder sein Lieblingserlebnis 



hervor; jeder hatte eine Geschichte, die begann: das ist noch 
gar nichts, aber wie . . . Die Geschichten, die Erinnerungs- 
brocken und was im Laufe der Zeiten dazugedichtet worden 
war, die Stimmen flossen in einer einzigen juchzenden, 
lachenden Fuge zusammen, und iiber dem Tisch dammerte 
in wohltatigem Glanz, weitab von jedem Alltag, die 
Gymnasiastenzeit. 

Kelemen lachte nicht. Er zeigte zwar ein grinscndes 
Gesicht, weil er nicht von den andern abstechen wollte, aber 
eine Unzufriedenheit nagte ihm im Kopf. Er hatte das 
Gefuhl, er habe nicht den richtigen Erfolg. Er hatte das 
Gefiihl, das Interesse fur die Kadar-Angelegenheit nehme 
zu schnell ab, die Kadar-Sache hatte keine solche 
Sensation hervorgerufen, wie er erwartet hatte. Diese Laffen 
verstehen ja gar nicht . . . was verstehen sie nicht? 

Aus der oberen Westentasche zog er eine verbogene 
Zigarette, steckte sie an, und als er, den Rauch tief in die 
Lunge ziehend, in die Luft blickte, wuBte er deutlich und 
gewiB, was diese Laffen nicht verstanden. 

In dieser Kddar-Geschichte steckte kaufmannische 
Phantasie. 

Er schloB die Augen, schaukelte mit dem Stuhl nach 
hinten und lieB den Rauch langsam durch die Nase. Und 
iiber dem Stimmengewirr horte er plotzlich eine gedehnte, 
hohe, scharfe Stimme: 

Im Leder steckt Phantasie, mein Junge, im Leder! Das 
Heer braucht Schuhe, Schuhe, Gewehrriemen, Giirtel, 
Sattel, Schuhe, Schuhe! Polnische Mark, lieber Freund, 
polnische Mark! darin steckt die Phantasie, Sie werden 
sehen, was daraus wird! Na, und die Kohlenpapiere, 
Kelemen, die Kohlenpapiere!? haben Sie eine Ahnung, was 
fur Phantasie in den Kohlenpapieren steckt?! Franken 
geben, Franken geben, bis zur Erschopfung Franken geben, 
noch nie war in einer Kontremine eine solche Phantasie wie 
in der Frank-Kontremine, das konnen Sie sich merken, 
Herr Direktor! Das Geschaft auf Abzahlung, mcin Lieber, 

37 



das Monatsratengesch&ft mit Kreditvetsicherung, spuren 
Sie die Phantasie nicht darin? Das Radio, das Radio! 
Wcnn Sie ahnten, was fur Phantasie im Radio steckt, 
dann wiirden Sie nicht mit mir streiten! Es lohnt sich 
nicht, viel zu erklaren; das einzige, worin heute noch 
Phantasie steckt, ist eine feste Stellung, ein sicherer, ru- 
higer Schreibtisch . . . 

Sachte, sachte. 

Geschickt, tiichtig und schlau muB man die Sache an- 
packen und dann . . . 

Macbt nichts, daB die da es nicht verstehen. Hauptsache, 
daB ich weiB, daB diese Kadar-Sache ein Geschaft ist, aus 
dem . . . 

Er offnete die Augen, eine Sekunde lang betrachtete er 
den wirren, lachenden Tisch, dann klimperte er mit seinem 
goldenen Siegelring, den er nach dem Abiturium von seinem 
alten Herrn bekommen hatte, an ein Tablett. 

,,Kinder", sagte er leichthin, ,,wurde es euch nicht an- 
genehm beriihren, wenn ihr irgendwo in wilder Fremde 
plotzlich Nachricht von Zuhause bekamet?" 

,,Ist die Frage . . ." beginnt Amman, doch Kroh wirft 
rauh dazwischen: 

,,Also, du willst an Kadar schreiben?" er nimmt seine 
Brille ab und blinzelt Kelemen etwas blode ins Gesicht. 

,Jawohl", antwortet der ruhig, ,,warum denn nicht?" 

,,Warum denn ja?" sagt Kroh kiihl, ,,standest du etwa so 
gut mit ihm?" 

,,Ich? nein", antwortete er, ,,aber du auch nicht", 
fiigt er plotzlich hinzu, und rote Glut durchstromt ihn 
innerlich; denn fast hatte er gesagt: aber das kann noch 
kommen. 

,,Ich auch nicht, das stimmt", wiederholt Kroh, ,,und du, 
Szende?" 

,,Ich? Ich auch nicht." 

,,Und du, Amman?" 

,,Eigentlich . . . auch nicht sehr . . ," 



,,Und du, Mdrton?" 

,,Mir war er immer verhaBt." 

,,Simon, Kempner, Rona, Zatony, und ihr?" 

Alle vier winken sic ncin, und der kleine Lewy fugt 
spontan hinzu : 

,,Der Pinguin? ein Ekel war er." 

,,Na, seht ihr", sagt Kroh boshaft und mit Genug- 
tuung, ,,da also keiner gut mit ihm stand, 1st es doch ganz 
logisch, daB wir ihm einen GruB nach Port Elizabeth 
schreiben." 

,,Du Idiot", klafft einer. 

Die Tischrunde gibt zweifelsohne Kroh recht. 

Sachte, sachte. 

,,Sieh mal, Kroh", beginnt Kelemen mit nachdenklichem 
Gesicht, ,,ich versteh dich nicht. Du tust, als ob von weiB 
Gott welcher groBen Sache die Rede ware. Und faBt die 
Geschichte gleich so feindselig auf, als griffe jemand deine 
Ehrenhaftigkeit oder dein Geld oder deine Prinzipien an, 
oder als ob es sich darum handelte, daB . . . Sieh mal, will ich 
denn was von Kadar? Oder willst du, oder will Szende oder 
Amman was von ihm? Wenn ich etwas von ihm wollte, 
dann hatte ich ihm ja langst schreiben konnen, extra, allein, 
und du wxiBtest gar nichts davon. Na, siehst du. Aber wenn 
du dir vorstellst, du schreibst jetzt zwei Zeilen, Servus 
Kadar, wie gehts dir, wir denken noch an dich, Gott be- 
fohlen, glaubst du nicht, daB sich selbst ein wildes Tier 
dariiber freuen wiirde? Ich pfeife auf die Sentimentalitat, 
das weiBt du sehr gut, aber wenn ich bedenke, daB er 
die Karte gerade zu Weihnachten bekommen konnte . . . 
aber wenn du aus allem eine solche Sauce machst, dann 
wage ich dich nachstens nicht mehr zu griiBen auf der 
StraBe; denn es konnte dir vielleicht einfallen, daB ich dich 
in der Dritten mal geohrfeigt habe, und daB du seitdem 
eigentlich nicht so extra gut mit mir stehst . . . hab ich 
nicht recht?" 

Doch, er hatte unbedingt recht. Diese ruhige, einfache, 

39 



resolute Rede zog die Meinung des Tisches auf Kelcmcns 
Seite. Kelemen beeilte sich, seinen Sieg zu befestigen: 

,,Wenn dir indessen deine Sozi-Moral oder dein Selbst- 
gefuhl verbieten zu unterschreiben . . . c< 

Jetzt war die Sache iiberhaupt keinc Fragc mehr. 

Rona zog seinen dicken Fiillfederhalter hervor und 
klopfte damit an die Tasse. 

,,Herr Ober, Briefpapier und Kuvert." 

In einer Minute war das Papier da. Rona schraubte die 
Feder heraus : 

,,Zunachst mal . . . wollen wir ihm witzig schreiben oder 
ernst?" 

,,Zunachst mal . . . schreibst nicht du, sondern Kelemen", 
sagte Amman und nahm Rona die Feder weg in der Er- 
wartung, Kelemen wiirde aus Hof lichkeit die Aufgabe ihm 
zuschieben. Kelemen indessen blickte einen Augenblick 
nachdenklich in die Luft, dann langte er nach Amman bin: 

,,Gut . . . birte die Feder." 

Als Amman sie ihm ein wenig enttauscht gab, sah 
Kelemen sich um in der Runde. 

,,Also . . . was sollen wir schreiben?" 

,,Macht doch nicht soviel Geschichten", sagte Marton, 
,,schreib, was du vorhin gesagt hast, hochstens ein biBchen 
bcsser formuliert. Schreib: Lieber Kadar, wir haben 
Kenntnis erhalten, daB . . ." 

,,Du massenhaft Moneten hast", spottete Kroh; einer 
sagte leise ,Ochse', dann kiimmerten sic sich nicht weiter 
um ihn. 

,,Schreiben wir so", sagte Kelemen: ,,Lieber Kadar, hier 
sitzen wir zusammen in einem Cafe in Budapest und haben 
dich nicht vergessen; wie wir horen, geht es dir sehr 
gut..." 

,,Und haben dich nicht vergessen, ist nicht gut", wirft 
Zatony dazwischen, ,,schreib stattdessen . . ." 

Nach einigen Minuten schrieb Kelemen, auf den dritten 
Briefbogen, folgenden endgiiltigen Text; 

40 



Lteber Kdforl 

Die herzlichsten Weihnachtsgrtifie sendet Dir cine 
Gruppc Deiner friiheren Mitschuler, die darch einen Zufall Kcnntnb doom 
erhalten hat, daft Da Karriere gemacht, gehdratet hast und an bertihmtcr, 
rcichcr Mann geworden bist. Wir alle denken gem an die einst heiter verbrachte 
gandnsame Schulzcit zuriick und wunxhen Dir ouch toeiterhin alia Gute. 

,,Na", sagte er, als er damit fertig war, ,,unterschreibt", 
und er hielt die Feder hin. 

,,Zuerst du", sagte Rona, griff aber trotzdem nach der 
Feder. 

Kelemen unterschrieb seinen Namen und gab Papier und 
Feder weiter. 

,,Leserlich, bitte", spottete Kroh, aber keiner beachtete 
ihn. 

,,So", sagte Kelemen, als der Brief wieder bei ihm an- 
gelangt war, ,,zwei vier elf ... na, Kroh, mach keine 
Witze, unterschreib auch." 

,,Nein", weist Kroh eigensinnig die Feder zuriick, 
,,ich pfeif auf Kadar und seine Villen, laBt mich in 
Frieden." 

,,Bitte . . ." Kelemen zieht die Hand mit der Feder zuriick 
und sieht Kroh dann scharf ins Gesicht, ,,weiBt du, was du 
bist? ein Spiel verderber, ein Blodian." 

,,Stimmt", antwortet Kroh brummig, ,,und ausgerechnet 
du, Kelemen, kannst mich nicht beleidigen. Aber ich bin 
nicht geneigt, mich auf den Bauch zu schmeiBen . . ." 

,,Gut, gut", unterbrach Rona ihn nervos; Rona konnte 
schon in der Schule Kroh nicht ausstehen und hatte Angst 
vor ihm, und diese kindische Angst hatte er bis heute nicht 
iiberwinden konnen; gesteigert wurde seine Abneigung 
noch dadurch, daB Kroh Mitarbeiter der sozialistischen 
Zeitung war und weder verheimlichte noch sich schamte, 
daB er arm war und gewohnlich cine scharfe Sondermeinung 
von den Dingen hatte. ,,Lassen wir das jetzt, schreib die 
Adresse." 



Auf das Kuvert schrieb Kelemen: 

Mr. A. T. Cadar, Architect, Port Elizabeth, Africa. 

Ein wenig stritten sie noch dariiber, wer als Absender 
fungieren sollte, das Richtigste ware, zu schreiben: Die 
Donnerstagtischgesellschaft, und die Adresse des Cafe's, 
aber dann einigten sie sich dahin, daB Kelemen der Ab- 
sender sein sollte, und da steckte Kelemen den Brief in 
die Tasche. 

,,Ich laB ihn morgen vom Euro aus aufgeben, wir expe- 
dieren sowieso von der Hauptpost." 

Dann wurde vom Brief nicht mehr gesprochen. Die 
Unterhaltung und das Genecke gingen in den gewohnten 
Bahnen weiter; hie und da stahl sich ein klagender Ton 
hindurch, hie und da flog ein dickes Kinderlachen auf, 
gegen 2wolf fingen sie an, sich zu verabschieden. 

,,Du, sollte vielleicht Antwort kommen, dann sags uns 
gleich", mahnte Szende beim Handereichen. 

,,Wieso, sollte vielleicht?" ist Rona entriistet, ,,so'n 
Bauer wird er doch nicht sein, daB er nicht antwortet?!" 

Dann stehen sie auf der StraBe, vor dem Cafe. 

,,Es ist ja noch friih", sagt Simon, ,,wer kommt mit ins 
Kasino?" 

Es fanden sich ein-zwei Partner. 

,,Also, Servus, Jungens, spatestens im Dezember, am 
letzten Donnerstag . . ." verabschieden sie sich und gehen. 
R6na winkt mit seinem Regenschirm einer Taxe. Die 
beiden Lewys gehen auf die StraBenbahnhaltestelle zu. 
Amman und Zatony machen sich unter einem Schirm auf 
den Weg. Es regnet; die Bogenlampen, von einem Hof 
umgeben, leuchten matt; auf der kalten, feuchten StraBe 
sind nur vereinzelte nachtliche FuBganger. 

Gahnend dreht Kelemen in seinem Zimmer das Licht an. 
Es ist kalt, der Kuckuck soil diese sparsame Person holen, 
hat wieder kaum nachlegen lassen am Abend. Er wirft den 
Brief auf den Tisch, das Blatt mit dem Bild legt er ins 
oberste Fach im Schrank unter die Kragenschachtel. Vor 

4* 



dem Tisch bleibt er stehen, sieht sich den Brief an. Dumm- 
heit ... so hat das nicht viel Sinn. Leerer Quatsch ist das so, 
WeihnachtsgriiBe, das ist doch nichts. Darauf wird er gar 
nicht antworten ich wiirde auch nicht drauf antworten, 
und wenn ich auf dem Mond saBe und sie mir vom Mars 
schrieben . . . Er starrt die Decke an. Irgend etwas Person- 
liches muBte es sein . . . oder etwas, was ihn interessiert . . . 

Er zog seinen Rock aus, seine Weste, seinen Kragen, 
warf das ganze Zeug auf einen Stuhl. Wenn ich wiiBte, 
ob er hier irgend jemanden hat, oder wenn man ihn durch 
irgend etwas 

Da fiel ihm etwas ein, er zog den Brief aus dem Kuvert 
und las ihn durch. Dann kramte er auf dem Biicherregal 
eine alte, eingetrocknete Feder hervor und suchte Tintc. 
Im Zimmer war keine, aber es war ihm, als hatte er kiirzlich 
einmal im Flur oben auf dem Schrank Waschblau gesehen. 
Er zog die Schuhe aus und schlich auf den Zehen hinaus. 
Licht wollte er nicht machen, so stieB er im Dunkeln gegen 
den Schrank. Er blieb stehen. Wenn ich viel hier im 
Dunkeln herummurkse, wacht die Hunka auf und denkt 
noch, ich schleiche mich zu der Magd. Wenn schon. Er 
tastete auf dem Schrank herum, an dem trockenen, dumpfen 
Anprall der Finger fiihlte er, wie er dicken Staub fegte, 
dann stieB seine Hand gegen etwas Glasernes. Wenn das das 
Waschblau ist, dann ists gut, wenn nicht, schreib ich morgen 
im Biiro. Es war das Waschblau. Ins Zimmer zuriick- 
gekehrt, tauchte er die Feder ein; auf dem Tisch lag eine 
alte Zeitung, auf deren Rand kritzelte er seinen Namen. 
Die Fliissigkeit schrieb zwar ziemlich blaB, aber sie schrieb 
immerhin. Dann setzte er sich barfuB, in Hemdarmeln an 
den Tisch und schob sich den Brief zurecht. 

LieberKdddrl 

Ich schreibe Dir noch extra, ich war es namlich, der im World's 
Sunday Pictures Dein Bild und Ddne Adresse entdeckt hatte. Ich habe mich aufrichtig 
gefreut, etwas von Dir zu htircn, sind es doch schon vierzehn John, daft ich 
Dich nicht gesehen habe. Und Du famst . . . 

43 



Er Ciberlegte, was nun folgen sollte 

Und Du ktmnsl Dir dock gcwif denken, dafl, warn wir ouch seinerzeit in der 
Schule nicht besonders eng mitdnander befreundet waren, mich das Schicksal 
ones frtiheren Kamcraden intercssiert, der so weit von Budapest verschlagen 
warden ist. Die Jungens t die diesen Brief unterschrieben haben, waren alls lehr 
uberrascht . . . dnige haben sich mit mir gefreut, dnige haben Dich beneidet . . . 
atte aber waren wir Verblufft fiber Deine Karriere. Naturlich kpnnen wir unsgar 
nicht Vorstdlen, was Du alia erlebt hast, bis Du in Port Elizabeth gelandet bist. 
Ich wurde mich sehr freuen t ouch privat bzw. direct etwas von Dir zu hdren, 
und ganz besonders. Dich etnmal wiederzusehen. Vielleicht?! 

Er iiberlegte, ob er noch etwas schreiben sollte. Dann 
schrieb er bloB noch: 

Dir und Deiner verehrien Frau vide Gruflc von 

Dcinem getreuen 

und seinen Namen schrieb er so: , , 

Bandi Kelemen. 

Schnell klebte er den Brief zu und steckte ihn in seine 
Mappe. Morgen eingeschrieben von der Hauptpost . . . 
natiirlich kann man ihn nicht mit den Briefen der Firma 
eintragen lassen, allerdings habe ich ja dem Czilek schon zu 
verstehen gegeben, daB er halb und halb amtlich . . . 

Er zog aus, was er noch anhatte, schliipfte in das zer- 
driickte, kalte Nachthemd, legte sich bin und drehte das 
Licht aus. 

Eigentlich eine Gemeinheit . . . und der Kroh hat recht. 
Wenigstens hatte ich nicht an denselben Brief anschreiben 
sollcn ... ah, was, Detailfrage, nicht wichtig. Wenn er 
zuriickkommt, kommt er doch bloB an mich zuriick, 
niemand braucht davon zu wissen. Er schloB die Augen. 

Du lieber Gott . . . Wenn dieser Brief nicht zuriick- 
kommt, sondern ihn erreicht . , . und wenn . . . wenn ich 
diesen Haupttreffer mache . . . 

Phantasie . . . Kddar-Phantasie . . . nur geschickt, nur 
gescheit. 

Nur sachte, was kann derm passieren? 

Bis jetzt kostet mich die Sache bloB eine Briefmarke, 



Zwiter Teil 
DER FREMDE 



ANTAL Kadar war Ende November 1918 nach Budapest 
zuriickgekommen, zerlumpt, verkommen, ausgehungert. 
An dem Frontabschnitt, wo er zuletzt gelegen hatte, 
unter Tschechen, Bosniern und aus russischer Gefangen- 
schaft zuriickgekehrten Ungarn, war die Sache schon 
Mitte Oktober nicht mehr in Ordnung. Er sagte das einfach 
so ganz kurz, die Sache ist nicht in Ordnung, und das 
hieB so viel, daB einmal fiinf Tage lang kein Proviant kam, 
gut, man afi eben Schokolade, wer welche hatte, und 
solange sie reichte; das war schon ofters vorgekommen, 
daB die Kuche zuriickblieb und daB es ein, zwei Tage 
nichts zu futtern gab, aber funf Tage? Und dann die 
italienischen Flieger. Auch fruher war es schon passiert, 
daB statt Bomben und Stahlpfeilen Tausende von Flug- 
schriften, in tadellosem Deutsch und ziemlich gutem 
Ungarisch, von den feindlichen Flugzeugen herunter- 
rieselten; einmal beehrte d'Annunzios Flugapparat den 
Abschnitt mit einem derartigen Propagandabesuch, fast 
hatte Oberleutnant Szab6 ihn abgeschossen. Jetzt indessen 
fielen Schriftstiicke anderer Art vom Himmel: ,Legt die 
Waffen nieder, macht euch auf in cure Heimat, der bul- 
garische Verbiindete hat den hoffhungslosen Kampf schon 
aufgegeben, die siegreiche Armee der verbiindeten Staaten 
nahert sich den Grenzen eurer Heimat!' Das ungefahr 
stand in den Flugschriften, und da war noch cine, die 
sprach sogar davon, daB zu Hause die Revolution aus- 

45 



gebrochen sei: ,zieht heimwarts, verweigcrt den Gehorsam 
denen, die euch auf die Schlachtbank gefiihrt haben.' 
Das waren schon ziemlich beunruhigende Dinge; und 
UngewiBheit und Unruhe wurdcn noch dadurch gesteigert, 
daB in der zweiten Stellung unerwartet Generalmajor 
Basch auftauchte, der Bluthund, und daB Oberleutnant 
Kauser einen tschechischen Korporal namens Trfcka, bei 
dem man vier oder fiinf Flugschriften gefunden hatte, ohne 
besondere Faxen hinter den Stellungen erschieBen HeB. 
Diese Hinrichtung elektrisierte den gan2en Frontabschnitt, 
groBerer Radau entstand nur darum nicht aus der Sache, 
weil TrSka allgemein verhaBt war, er war ein gemeiner, 
durchtriebener, verschlossener und intriganter Kerl, der 
Arme. In den letzten Oktobertagen stiirzte dann die 
ganze Schweinerei zusammen, und zwar von einer Stunde 
auf die andere; auch er marschierte heimwarts. Siebzig oder 
achtzig Mann mochten sie gewesen sein, die von seinem 
Abschnitt den Abmarsch begannen, in einer Gruppe und, 
wie sie beschlossen batten: moglichst in militarischer 
Disziplin, auf jeden Fall aber sehr eilig; denn die vom 
weiter siidlich liegenden Abschnitt zuriickstromenden ver- 
kommenen Horden erzahlten, die vordringenden italieni- 
schen Truppen nahmen ganze Truppenkorper gefangen, 
und jetzt noch in Gefangenschaft zu geraten, jetzt zum 
SchluB, das ware doch eine zu blode Kiste. Die zur Gruppe 
gehorenden Ungarn hielten natiirlich zusammen, das 
Resultat davon war vor alien Dingen, daB, als sie schon im 
Hinterland herumirrten und J6ska Szilas in einem Wachter- 
haus bei Innichen ein paar Dutzend versteckte und noch 
nicht ganz ungenieBbare Brote entdeckte, die Tschechen 
und Bosnier sie umzingelten, sich vorschriftsmaBig in ent- 
wickelter Linie aufstellten und sie zweifellos nieder- 
geschossen batten, ware ihnen nicht rechtzeitig eingefallen, 
daB es noch immer besser sei, Luft zu schlucken, als ins 
Gras zu beiBen. Er versuchte zwar, mit dem Fiihrer der 
Tschechen, einem Leutnant namens Mari^ek verniinftig zu 

46 



reden, Marigek aber sagte bloB: ,,Dreck den Saumagyaren", 
wogegen es in Anbetracht der Zahl der tschechischen Ge- 
wehre kein Appellieren gab. Hinter Innichen war cine 
fiirchterliche Waggonstauung; sich in den Zug zu setzen 
war sinnlos, dagegen wurde von Stunde zu Stunde die 
Gefahr drohender, von den Italienern eingeholt zu werden. 
Viel zu iiberlegen war da nicht, also los. Auf den Wiesen 
im Tauerntal fand sich zum Gliick hie und da ein ver- 
gessener Kiirbis, manchmal sogar in der GroBe eines 
kleinen Passes, den man braten konnte, aber auch roh 
schmeckte er nicht schlecht. Bei Ossiach waren sic bloB 
noch siebzehn; auf der LandstraBe erschlugen sic zwei 
Bauern, die Schwierigkeiten machten, und von da an ging 
der Weg ein Stiickchen ganz vornehm weiter, auf zwei zum 
Transport von Holzstammen bestimmten Achsen mit vier 
Pferden davor. Gabor, Altmann und Heczefalvy blieben in 
Villach zuriick, ein Wunder, daB sie sich bis dorthin 
geschleppt hatten, von dem rohen Kiirbis rann das Blut 
nur so aus ihren Gedarmen. Es war zum Gotterbarmen 
kalt, in Villach kummerte sich keine Katze um sie, alles 
erwartete den Einbruch der Svidslawen. Dann gelangten sie 
auf ganz unverstandliche Weise auf cinen eben abfahrenden 
Zug und fuhren acht oder zehn Tage mit der Eisenbahn. 
Einmal nachts, sie hatten keine Ahnung, in welcher 
Gegend sie sein mochten, begann den Bahndamm ent- 
lang eine SchieBerei, auch in ihren Waggon trafen ein paar 
Kugeln, und obschon beim ersten Knall die Mechanik der 
Gewohnheit sie in die verhaltnismaBig bestgeschiitzte 
Stellung warf, den einen auf die Holzbank, den andern 
auf den Boden des Waggons, fangt dennoch der kleine 
Feledy mit gelbem Gesicht Gott und die Welt an zu ver- 
fluchen, und an seiner linken Hand stehen an der Stelle von 
zwei Fingern zwei blutige Stiimpfe hervor. Die Wunde 
blutete wahnsinnig, und sein Gesicht wurde ganz gelb. 
Einer turnte durch den wackelnden Zug und suchte einen 
Arzt, auch die iibrigen rannten nach so vielen Richtungcn, 

47 



wic sic waren, das war keinc Schiitzengrabengeste mchr, 
das war schon die Ratlosigkeit der Zivilwelt, der Friedens- 
welt und dcs Glaubcns an die Ordnung und das System 
dieser Welten. Einen Arzt fanden sie indessen nicht, und 
als sich die erste zappelige Aufregung gelegt hatte, ver- 
banden sie die Wunde mit allerhand schmierigen Fetzen, 
Resten von Taschentiichern und FuBlappen, kauerten sich 
in noch unmoglichere Posituren zusammen und legten den 
kleinen Feledy auf die eine Bank des Abteils. Am dritten 
Abend war aber sein Gesicht schon schwarz; morgens hielt 
dann der Zug in einem Dorf, dort reichten sie die in den 
Mantel gewickclte Leiche durchs Fenster hinaus. Zoltan 
Szilasi nahm seine Uhr, sein Taschenmesser, sein Etui und 
seine Erkennungsmarke an sich. Eine Stimmung war jetzt 
im Kupee, erbarmlich. Na, der 1st schnell in der Heimat 
gelandet, sagte einer, als der Zug weiterfuhr. Es regnete. 
Nach Tagen sah einer von ihnen zum Fenster hinaus und 
sagte: du, guck mal, eine ungarische Fahne. Tatsachlich, 
auf dem Gebaude, vor dem gerade ihr Waggon stehenblieb, 
flatterte eine ungarische Fahne, und an der Fassade stand: 
Kotor. Sie stiegen erst dann aus, als man ihnen sagte, der 
Zug fahre nicht weiter. Als aber die ganze Gruppe vor der 
Station stand, kamen Gendarmen und fiihrten sie aufs 
Gemeindehaus. Hier im Gemeindehaus war irgendein 
Komitee, aber sie muBten gut einen halben Tag warten, 
bis sich endlich jemand mit ihnen befaBte, dann lieB man 
sie nach wenigen Minuten wieder laufen. Sie sahen sich 
urn, na, was nun? Einige bliebcn im Dorf, einige gingen 
an den Bahnhof zuriick: irgendwann wiirde schon wieder 
ein Zug abfahren. Istvan Dobos Nagy aus Kanizsa, der die 
russische Gefangenschaft schon hinter sich hatte, umarmt 
sie der Reihe nach und macht sich noch an demselben 
Abend zu FuB auf den Weg, Kanizsa kann doch nicht 
weit sein. Mit den iibrigen stromerte er zwischen dem Dorf 
und dem Bahnhof herum, vielleicht wiirde ihnen jemand 
einen Rat geben, etwas sagen konnen, irgendwer wiirde 

48 



ihnen schon den Weg weisen. Er hatte noch sein Zehn- 
kronen-Goldstiick, das ihm die Mutter 1916 in D6va, in 
ein Leinensackchen genaht, um den Hals gehangt hatte. 
Dieses Goldstiick kam ihm jetzt sehr zustatten. Verdammt 
lang war dcr Weg durch die herbstlichen Pfiitzen bis 
Murakcresztur, hier wurden sic indessen doch von an- 
standigerem Volk empfangen. Das Goldstiick wechselte er 
an der Bahn; im Dorf trank er eine Menge Milch und preBte, 
zwei in Zeitungspapier gewickelte, ganze Brote und ein 
Pfund Schaf kase unter die Achsel. Hier in Murakeresztur 
waren die Soldaten von der Front schon nach Hause 
gckommcn; ein Bauer, der seine beiden Sohne noch er- 
wartetc, erlaubte ihm, auf dem Boden zu schlafen. Das ging 
also glatt. Nach ein- bis zweitagigem Umherirren wurde er 
in einen Waggon gestopft, der Wachtkommandant, ein 
Gendarmerie-Oberleutnant, jedenfalls ohne Offiziers- 
rang, driickte ihm einen griinen Zettel in die Hand, auf 
den er zwischen die gedruckten Zeilen mit Kopierstift 
gcschrieben hatte: Budapest, Siidbahnhof. Der Zug fuhr 
und fuhr, der Plattensee war giftiggrun, und unerbittlich 
platschte der Regen hinein. Auch Zivilleute reisten im Zug, 
in seinem Abteil saBen drei. Im Kupee stank es, Zigaretten- 
rauch, Zigarrenrauch, Pfeifenrauch, Menschengeruch. Ihm 
gegeniiber saB ein alter Mann, der einen kleinen Jungen 
von zwci oder drei Jahren auf dem SchoB hielt; das Kind 
schlief, und der Altc zupfte alle Augenblicke irgend 
etwas an ihm zurecht, einmal legte er seinen herunter- 
hangenden FuB schon in den SchoB, einmal zog er ihm die 
rotkarierte Decke ganz bis an die Nase; der kleine Junge 
brummte greinend und schlief weiter. In Feh6rvr 
erlebte er eine groBe Uberraschung: am Bahnhof 
wurden, ebenfalls unter Gendarmerieassistenz und 
warum, wuBtc man nicht, die Wagen geleert, an langen 
Tischen bekamen alle, die in Uniform waren, ziemlich gute 
Suppe, ein Stuck weichgekochtes Rindfleisch und schwarzen 
Kaffee, und am Ende des Perrons spielte die Zigeuncrbandc 

4 K&rmendi, Budapest 49 



in einem fort die Marseillaise. Auf dem weiBen Feld einer 
groBen, in den Nationalfarben angestrichenen Tafcl stand: 

Eslebe 
die Ungariscbt Volks-Jiepublik! 

and fiinf oder sechs kleinere Tafeln mahnten: Heirn- 
kehrende Soldaten! Meldet euch sofort beim Soldatenrat 
am Ort! Kein Wort davon verstand er, aber er fragte 
niemanden, und auch um ihn kiimmerte sich keine Scele, 
was gut war, denn da drehte sich ihm schon alles grau vor 
den Augen, und bleierne Miidigkeit hing ihm in alien 
Gliedern. Gegen Abend kletterte er in einen hin und her 
rangierenden Waggon und setzte sich in ein dunkles, 
samtgepolstertes Abteil. Der Schaf kase, den er noch immer 
mit sich schleppte, war schon stinkig geworden, er warf ihn 
aus dem Fenster und aB von dem vertrocknenden Brot. 
Spater kam ein Eisenbahnbeamter und wollte ihn aus dem 
Kupee vertreiben. ,,Ich geh nicht", sagte er. ,,Das ist 
aber " ,,Ich geh nicht 1" worauf der Eisenbahner die 
Achsel zuckte und ihn allein lieB. Der Zug wurde dann in den 
Bahnhof geschoben, und im Nu fiillten sich alle Wagen. 
Ein Herr in schwarzem Winterpaletot kam mit demselben 
Eisenbahner vor das Abteil. Der Tiirriegel schnappte leise, 
jetzt erst bemerkte er, daB der Mann ihn eingesperrt hatte. 
,,Ich bitte gehorsamst, Herr Oberinspektor", sprach der 
Eisenbahner, ,,der Soldat da will nicht rausgehen. Wic er 
reingekommen ist, weiB ich nicht. Sein's mal vernunftig, 
Freundl", wandte er sich dann an ihn, es gemutlich 
versuchend, aber der im Winterpaletot winkte ab, ,,lassen 
Sic, werden wir halt zu zweit reisen, in der heutigen 
Welt." Kdr hob den Finger an die Miitze und verzog 
sich in die Ecke. Dieses ruhige und bescheidene Benehmen 
gefiel dem im Winterpaletot; als der Zug abfuhr, steckte er 
sich cine Zigarre an und hot auch ihm eine an. Er rauchte, 
sic sprachen zwischendurch ein paar Worte, dann schlief 
er ein. Es war finster, als er crwachte, die Menschcn 

50 



stiirzten auf den Gang, sie waren in Budapest angekommen. 
1st das Budapest? Ja, richtig, der Bahnsteig des Siidbahn- 
hofs, obschon im Dunkeln kaum zu er kennen. Die Menge 
stromte aus dem Zug, es fiel gar nicht auf, daB der Bahnhof 
sonst leer war, nirgends eine Seele. Die Angekommenen 
standen eine Weile in kleinen Gruppen auf der StraBe, dann 
zerstreuten sie sich. Das gewohnte Bild von den Platzen 
vor Bahnhofen, wimmelnde Menge, Trager, Hand- 
wagen, StraBenbahnen, Equipagen, was ist das? Was 
bedeutet diese kalte Finsternis, die langsam, geradezu 
erschrocken sich verziehenden kleinen Gruppen, die 
Menschen, die sich angstlich davonschleichen? Das war 
doch sonst nicht so? 

Eine Weile geht er hinter einer kleinen Gruppe her, 
dann bleibt er stehen. Budapest . . . wo gehe ich hin? Die 
Frage ist nicht schlecht, wo ich hingehe. Die Garnison ist 
in Gyulafehrvir, die Eltern sind in Dva, in Budapest? 
Budapest? Er sprach dieses Wort in fragendem Tonfall 
wohl zehnmal in Gedanken und einige Male auch laut, als 
erwartete er, daB in seinem Kopf eine Antwort widerhalle. 
Sein Kopf aber drohnte hohl, und er fiihlte bloB einen 
dumpfen Druck um beide Schlafen. Er stand in der Stille, 
die plotzlich iiber ihn hereingebrochen war, und bemerkte 
auf einmal, daB er allein mitten auf der StraBe stand. 
Oder . . . bin ich nicht in Budapest? Er griff sich an den 
Kopf, denn jetzt fuhr ein scharfer Schmerz hindurch, 
irgendwo im Hinterkopf. Nach Kolozsvir fahrt der Zug 
vom Ostbahnhof wenn das wirklich Budapest ist. 
Da bemerkt er gegeniiber eine Firmentafel: Cajt Pozsony. 
Pozsony . . . Cafe* Pozsony. Da konnte man wohl hinein- 
gehen. Die Fenster des Cafes sind dunkel, und auf der 
StraBe blinzelt auch hochstens jede dritte bis vierte Gas- 
laternc. Dafiir glimmeA iiber den Haustoren elcktrische 
Gliihlampen wie schlafrige Zyklopenaugen in der feuchten, 
nebclcrstickten StraBe. Sonderbar, friiher gabs keine 
elektrischen Lampcn an den Haustoren. Dann fallt ihm auf, 



daB die ganze Strafie cntlang kein lebendes Wesen zu sehen 
1st. Was ist das? dachtc er, was 1st hier los? Er machte ein 
paar Schritte vorwarts, dann stand er wieder still. Er 
versuchte sich zu erinnern, mit wem er in den letzten 
Tagen gesprochen hatte und wovon; aber er konnte sich 
bloB an konfuse Stimmen erinnern: Revolution, Zu- 
sammenbruch, Rcpublik, Nationalrat, Soldatenrat, Demar- 
kation, Hungersnot . . . das waren aber leere Tone, er 
wuBte nichts mit ihnen anzufangen, und das Ganze wurde 
von der Marseillaise der Zigeunerkapelle in Fehrvdr iiber- 
drohnt. Das heiBt, der Herr, der ihm die Zigarre gab, hatte 
inn gefragt, bevor er den Zigarrenstummel 2um Fenster 
hinauswarf, wie er heiBe. Kdar, Antal Kaddr. Was fur ein 
Kadar, aus welcher Gegend? Aus Deva. Aha, und vorher? 
Vorher? Na, ob das ein magyarisierter Name sei? oder . . . 
,,Ja, magyarisiert; mein GroBvater hat noch Kantner 
geheiBen, als er noch in Hermannstadt lebte." ,,Aha, 
also ein Siebenbiirger Sachse. Und welchen Rang batten 
Sie in der Armee?" ,,Fahnrich." ,,Aha, Fahnrich." 
Dann beugte sich der Herr im Winterpaletot zu ihm hin 
und sagte: ,,Herr Fahnrich, aushalten, der ganze Revo- 
lutions-Fasching dauert nicht langer als zwei Monate." 
Das hatte er zwar nicht vcrstanden, aber ihm fehlte die 
Kraft, urn nachzufragen, und er schlief ein. 

Immer noch stand er vor dem Caf Pozsony allein. Dann 
kamen plotzlich vier Schutzleute mit Sabeln, Karabinern 
und Revolvertaschen mitten auf dem Fahrdamm auf ihn 
zu. Na, wenigstens was Lebendes. Er geht auf sie zu, die 
Patrouille macht aber miBtrauisch in geschlossencr Gruppe 
halt. Falsch, dachte er sich, sie batten sofort auseinander 
gehen miissen, auf mindestens zehn Schritt Abstand. 
,,Was gibts?" wirft der cine Schutzmann mit dem groBen 
Schnurrbart hin, ,,was treiben Si sich da herum?" 
,,Bitte sehr, ich bin cben angekommen und . . ." Der 
Schutzmann unterbricht ihn: und es wird ratsam sein, 
sich schleunigst von hier zu verziehen, die Russen kommen, 



sie sind aus dcm Gefangenenlagcr ausgebrochen." Er gab 
sich einen Ruck und setzte seinen Patrouillengang fort. Na, 
und nun? Die Russen kommen ? Stille. Kreuzhimmel- 
donncrwetter! Da steh ich rum, als hatt mich ciner aus- 
gespuckt Wicder blickte er zum Firmenschild iiber 
den dunkeln Fenstern des Cafts auf, Cafi Po^sony . . . 
hm . . . natiirlich gehe ich auf die Pozsonyer StraBe, dort 
wohnt Tante Anna, sie wird nicht bosc sein, daB ich so 
spat Auf dem Szna-Platz bcgegnet er wieder einer 
Patrouille, die halt ihn nicht an, er geht weiter. Die Haus- 
tore sind geschlossen, hinter ganz vereinzelten Fenstern 
brennt Licht. Seine Absatze knallen auf dem Pilaster, von 
den Hausern drohnt das Echo zuriick. An der Biegung des 
Rings Polizistenpatrouille, vor der Briicke Polizisten- 
patrouille, driiben am Pester Bruckenkopf Militarpatrouillc, 
ihn beachten sie gar nicht, die sechs-acht Menschen, die 
ihm unterwegs entgegenkamen, wichen ihm im Bogen aus. 
Auf der Pester Seitc eine elektrische Uhr: sie zeigt die 
neuntc Stunde. Oder geht sie nicht? Bis zum Westbahnhof 
ist die StraBe leer. Na, weiter, egal, ob es neun Uhr ist 
oder . . . Das groBe Mietshaus auf der Pozsonyer StraBe; 
interessant, das ist auch neu, das kleine Fenster da an dem 
schweren Tor, das war friiher nicht. Er klingelt, klingelt, 
klopft, bummst. Zum Kuckuck noch mal, einen guten 
Schlaf hat der Hausmeister. Dann offnet sich das kleine 
Fenster: ,,wer ist da, was wollen Sie, wohin wollen Sie, 
kommen Sie doch morgens", nach langem Handeln tut 
sich dann ein schmaler Spalt des Haustors auf. Das ist nicht 
der alte Hausmeister: eine vicrschrotige Gestalt steht unter 
dem Torbogen, mustert ihn miBtrauisch, sieht, daB er 
keine Waffe bei sich hat, und sagt: ,,na, gehn Sie nur rauf, 
der Lift funktioniert nicht." 

An der Entreetiir 2er kleinen Wohnung des vierten 
Stocks ein Zettel: Die Klingel lautet nicht, bitte klopfen. 
Er klopft, noch einmal, noch einmal. Ein erschrockener, 
zerzauster Madchenkopf fur einen Augenblick im auf- 

53 



and zugehcnden Fenster. Stille, Schlurfcn. ,,Wcr 1st 
da?" ,,Onkcl Rudi, bist dus?" ,,Wcr ist da?!" 
,,Ich bins, der Toni, bittc, laB mich rein!" Licht, plotzlich 
oflhet sich die Tiire, dahinter steht in Untcrhoscn und im 
Wintermantel Onkel Rudi. ,,KuB die Ha ..." ,,Um 
Gottes willen, du bists! Wie siehst du denn aus!" Die 
Gliihlampe streut gcizig schlafriges, gelbes Licht auf den 
kalten, nach Gas riechenden Flur. Onkel Rudi weicht ent- 
setzt zuriick. Er hat sich nicht verandert . . . aber was 
heifit das, ,,wie siehst du denn aus?" Er macht zwei lang- 
same Schritte an die Flurbank, iiber der der kleine, runde 
Spiegel hangt, sieht hinein, und fahles, stoBweises 
Lichen fallt aus seinem Munde. ,,Ich komme aus Asiago, 
scit dem 26. Oktober . . ." sagt er in den Spiegel und dreht 
sich um. Die Zimmertiir steht offen, aber Onkel Rudi ist 
verschwunden. Und dann kurz darauf weint etwas weiBes, 
nach Schlaf riechendes Warmes an seinem Hals, ,,Tonichen, 
mein Junge, Tonichcn, bist du endlich wieder da, Kind" 
Tante Anna. Durch die 2erdriickte Nachtjacke fiihlt seine 
schmutzige Hand den warmen Riicken der alten Frau, an 
seinem struppigen Gesicht Kiisse und Trinen, die zer- 
wiihlten alten Haare kitzeln ihm die Augen, und da 
drangt sich ein leiser, blokender, keuchender, abgerissener, 
weinender Ton auf seine Lippen, und aus scincn Lidern 
flieBen Tranen. Dann erinnert er sich noch an Tiiren- 
schlagen, das zrrzauste Madchen, das er zuerst hier durchs 
Tiirfenster gesdnen hat, schleppt Holz und Zcitungspapier; 
er sitzt auf der Bank, und ihm gegeniiber stehen die beiden 
Alten im Nachtgewand; dann ist warmes Wasser in der 
Wanne und Seife, und das ist so sonderbar . . . so im 
warmen Wasser zu liegen; dann ein Nachthemd und cine 
Unterhose von Onkel Rudi und ein nach Naphtalin riechen- 
der hellbrauner Friihjahrsmantel, in den man ihn hincin- 
steckt; dann sitzt er ein wenig zitternd im kalt gewordenen 
EBzimmer am Tisch, trinkt Kaffce und iBt leicht an- 
gebrannte KartofFelnudeln. Die beiden Alten, sein Onkel 

54 



und seine Tante, stehen dabei und sehen zu, wie er die 
Speiscn verschlingt, und beim letzten Bissen geht das 
Fragen los, Fragen, Fragen, Fragen. Woher? wo? wann? 
was? mit wem? wie? wie lange? und er versucht zu 
antworten, aber als er wieder sagt, ich komme aus Asiago 
seit dem sechsundzw . . . wird er plotzlich bleich, und cs 
kommt ihm so vor, als ob der Kaffec und die KartofFel- 
nudeln sich in einer sauren Masse zuriickbegeben wollten, 
nach obcn, nach der Kehle zu. ,,LaB ihn, Rudolf", hort er 
Tante Annas Stimme, ,,er kann ja gar nicht sprechen, 
siehst du nicht, so miide ist er, der arme Junge, Boske! 
schieb das Eisenbett rein, hier sind Laken und Kissenbezug, 
nimm die braune Decke . . . das Eisenbett, Kind, in dem du 
friiher geschlafen hast . . ." Dann legt er sich im EBzimmer 
in der Ecke am Fenster in das ake Eisenbett, blickt starr 
nach der Decke, und da beginnt das Bett langsam den 
ratternden Rhythmus des Zuges und fahrt und fahrt, und 
irgend etwas drohnt ihm im Kopf, und das Drohnen wird 
von dichten, zuckenden Blitzen unterbrochen; dann hort 
er auf einmal das rochelnde, schwere Atmen des kleinen 
Feledy, du, Szilasi, der will noch was, verstehst du nicht, 
was er sagt, du, Szilasi, sagt er nicht . . . etwas von seiner 
Uhr? Dann, als pfiffen Fliigelschlage um seine Ohren, 
er horcht auf, er strengt sich an; das ist ganz anders als das 
Pfeifen der Schrapnells ... als pfiffen diese Fliigel irgendwie 
im Kreise . . . Kreise zittern auf dem glatten Wasserspiegel 
von dem hineingeworfenen Stein, dann fangt das ganze 
Bett an, sich zu drehen, und die Welt stiirzt in einem heiBen 
Wirbel summend um ihn auseinander. 



ZEHN bis zwolf Tage dauerte seine Krankhcit. Was ihm 
eigentlich gefehlt hatte, erfuhren sic niemals genau; wahr- 
scheinlich war es cine Kombination von allgemciner 

55 



Erschopfung und Influenza. Am Tagc nach seiner Ankunft 
schlief er, als sie zu ihm hineingingcn, mit offcnem Munde, 
rochelnd-schnarchend. Nur mit Miihe konntcn sie ihn 
aufwecken; er trank wicder KafFee, fiel dann zuriick aufs 
Kissen und konnte nicht aufstchen. ,,Wir wollen ihn 
lassen", sagte Onkel Rudi, ,,er ist miide." Gegen Abend 
wurde sein Gesicht lilarot, Tante Anna kramte entsetzt 
das Thermometer hervor: neununddreiBig-sechs. ,,Er- 
schopfung", sagte Onkel Rudi, ,,cr muB sich ausschlafcn." 
Am nachsten Morgen warcn Hals, Arme, Brust voller 
kleiner roter Ausschlage. Die Alten erschraken zu Tode: 
sicher hat er Flccktyphus. Doktor Webler, Onkel Rudis 
alter Freund, tapperte ratios urns Bert herum. Sie maBen 
wieder das Fieber: die Quecksilbersaulc kroch kaum iiber 
siebenunddreiBig. ,,Das kann kein Flecktyphus sein", sagte 
der alte Arzt, ,,er hat ja kaum Fieber." Die Nacht schlief 
er ruhig, am Morgen war der Ausschlag verschwunden. 
,,Ncsselausschlag wars", meinte Doktor Webler, ,,wahr- 
scheinlich hat er sich in der letzten Zeit nicht ordentlich 
ernahrt, und durch die veranderte Kost ist das jetzt raus- 
gckommen." Immer noch schlief er sechzehn bis achtzehn 
Stunden tiglich, und die Zeit des Wachseins verbrachte er 
auch in einem halbschlafartigen Dammerzustand. Er nahrn 
kaum etwas anderes zu sich als KafFee, dann fing er an 
zu husten und bekam wieder hohes Fieber, aber da war man 
schon davon iiberzeugt, es sei Grippe. ,,Wenn keine 
Komplikation eintritt, wird die Sache nicht schlimm", 
beruhigte der Arzt die Alten. In der zweiten Woche iiber- 
wand dann der zwanzigjahrige Organismus die Krankheit. 
Mitte Dezember begann er frisch und gesund in der Stadt 
Umschau zu halten. Bekannte Gesichter tauchten auf ; er 
begegnete einem Hauptmann, der schickte ihn aufs Rathaus 
zur Abriistung. Er wurde abgeriistet, bekam cine Be- 
scheinigung und wurde weggeschickt. Er mcldete sich in 
einigen Kasernen, auf der Stadtkommandantur und beim 
Soldatenrat, wo er angeblich Geld bekommcn sollte, das 



stimmtc jcdoch nicht. Was nun tun? Was soil mit mir 
werden? Die Zcit, die cr der Orientierung zugedacht hatte, 
flog blind und taub iiber ihn hinweg: das Sich-Haufen der 
Dinge lieB ihn nicht dazu kommen, die Ereignisse in seinem 
Innern zu ordnen und zu verarbeiten. Was damals in Buda- 
pest vor sich ging, war weder aus der Perspektive der 
Schulbank, noch der des Schiitzengrabens zu verstehen. 
Onkel Rudi sagte kopfschiittelnd : wir stiirzen nach links. 
In der Zeitung las er von einer Institution, die die Be- 
nennung hatte : Priesterrat. In der Stadt waren Bewegungen, 
Arbeiterumziige, Demonstrationen demobilisierter Sol- 
daten, auf dem groBen leeren Platz hinter der Stefania- 
StraBe exerzierte franzosisches und farbiges Militar. Auf 
den StraBen gab es am Tage immer Auf lauf und Schlange- 
stehen, auf den Elektrischen Gedrange und Auf-dem-Tritt- 
brett-Hangen, und keineswegs konnte man das Gefiihl 
haben, daB jetzt Frieden sei. Oder sieht der Frieden so aus? 
Das Wichtigste indessen war, daB er keinen Heller besaB, 
und wenn er auch bei seinen Verwandten ruhig leben 
konnte, so stieg doch tagtaglich die Frage in ihm auf: was 
wird jetzt mit mir? was soil ich machen? denn nach 
irgend etwas muBte er sich doch umsehen, das stand fest. 
Tante Anna gab ihm zwar gelegentlich ein paar Kronen, 
und Onkel Rudi schenkte ihm seinen alten Cut, den trug 
er und dazu die gelben Offiziersstiefel. Was soil ich 
anfangen, dachte er manchmal, wenn er iiber die winter- 
lichen StraBen schlenderte, und er blieb nur darum nicht 
zu Hause, weil er sich davor furchtete, die Alten, die den 
ganzen lichen Tag zu Hause hocktcn, konnten ihn doch 
einmal fragen: was wirst du anfangen? Dariiber nachzu- 
denken, war unangenehm, aber auf die aufgeworfene 
Frage antworten zu miissen, odcr vielmehr nicht antworten 
zu konnen: das ware fiirchterlich gewesen. Unbeholfen bin 
ich, dachte er, und einmal, bei diesem Gedanken, muBte 
er lachen. Bei Simp ieto, im Herbst siebzehn, nach den 
ublichen . . . den iiblichen Artillerievorbereitungen 

57 



vcrsuchten die Italicncr cincn Sturmangriff, und als cr 
es war in dcr Morgcndamtnerung die sich von links 
binunterziehenden italienischen Infanteristen mit den 
Handgranaten sah . . . wie war das gleich gewesen? Eine 
fiirchterliche Verknauelung gab cs, und der erste Graben 
war im Handumdrehcn leer, leider. Da aber stelltcn er und 
Szilasi und Altmann und noch eincr das halb auf die Seite 
gekippte Maschincngewehr ein . . . na ja, natiirlich, nicht 
gerade daran lags, aber es hatte doch viel dazu beigetragen, 
daB der italienische AngrifF vereitelt wurde. Komisch, 
da ... war ich nicht unbeholfen, und er lachte wieder. Was 
soil ich anfangen? Mich auf der Universitat immatrikulieren 
lassen, das hab ich verpaBt, und iiberhaupt, wovon? 
Was verstehe ich, was kann ich? Gymnasium, Abitur, 
Reifezeugnis, wird fur reif erklart . . . eine Bins in Mathe- 
matik, zwei Zweien, zwei Geniigend. Zwei Jahre Front- 
dienst, SchulterschuB, drei Medaillen . . . Was soil ich 
anfangen? Er stand Schlange beim Backer, vor dem 
Grvinkramladen, er ging die Fleisch- und die Zuckerrationcn 
holen und fiir Onkel Rudi aus der Tabak-Trafik, was man 
eben bekam; so bemiihte er sich, den Alten zu helfen. 
Einmal sah er auf dem Ring zwei Manner in Offiziers- 
uniform, aber ohne Chargenabzeichen : von einer groBen 
Gruppe von Gaffenden umringt, saBen sie auf Schemeln an 
der Mauer und putzten Schuhe. Irgend etwas daran ergriff 
ihn tief, und entsetzt packte er sich fort von diesem Schau- 
spiel. Immer haufiger tauchten die bekannten Gesichter 
auf, und wem immer er begegncte, der versah ihn mit einem 
Rat. Dcr eine schickte ihn ins Kriegsministerium, der andere 
zum Soldatenrat, der dritte in die Redaktion eines kommu- 
nistischen Wochenblattes, uberall ging er hin, und iiberall 
ging er wieder weg. Als er gefragt wurde, was er wolle, 
konnte er nicht kurz und biindig mit einem Wort antworten: 
mit langen Umschreibungen probierte er herum, Geld, 
Stellung, Beschaftigung : darauf hatte er gern hinaus- 
gewollt, aber was sollte er mit solchen Worten anfangen 

58 



wie Agitation im Interesse der Befestigung der Rcpublik, 
vcrtraulichcs Mandat fur ProvinzstSdte, Propaganda-Tour, 
Organisation der Provinz, geistige Vorarbcit? Wie, wo? 
Auf Onkcl Rudis Stirn gruben sich dustere Falten ein, als 
er ihm diese Dinge erzahlte. ,,Heute habe ich da und da mit 
dem und dcm gesprochen, aber ich verstehe nicht ganz, 
was ..." ,,Du bist ungeschicktl" antwortete der Alte, 
,,andere junge Leute kommen in leitende Stellungcn oder 
erwerben sich ein Vermogen in diesen Zeiten!" Dann fiigte 
er leise, nachdenklich hinzu: ,,iibrigens wundere ich mich 
nicht. Das ist nichts fur uns . . ." Er erkundigte sich nicht, 
wie er das meinte, aber verstehen konnte er es nicht. Fur 
wen war das nichts? Fur die Ungarn? Fur die Budapester? 
Fur die pensionierten Eisenbahn-Jnspektoren? Oder speziell 
nichts fur Rudolf Bayer und Antal Kadar? Die Tage 
vergingen, es war barter Winter. Die ganze Welt wurde 
grauer und greulicher, und nichts schritt vorwarts. Geld 
muBte man verdienen. Womit kann man Geld verdienen? 
Geschafte machen? Dazu gehort Geld, Anfangskapital, 
wenn auch noch so klein, das hatte ein junger Mann 
namens Robert gesagt, mit dem er in einem Wartezimmer 
des Kriegsministeriums bekannt geworden war und der 
eincm der Herren vom Ministerium auslandische Zigarren 
lieferte. Geld muB man verdienen. Man muB sich be- 
schaftigen . . . Er ging in zwei-drei Geschafte und meldete 
sich als Verkaufer. In den Geschaften wurde er meist mit 
einem einzigen glatten Wort erledigt, ein Kaufmann in 
der Rakoczi-StraBe wies mit aufgebauschter, theatralischer 
Geste auf seine Regale: ,,Eine Stellung, mein Herr? Sehen 
Sie dorthin, bald habe ich mehr Verkaufer als Warel" 
Er schrieb auch Gesuche an einige Banken und Fabriken, 
die Gesuche iibergab er personlich dem einen oder andern 
hoflichen Herrn, der schriftliche Antwort in Aussicht 
stellte. Nur cine einzige Bank teilte ihm in zwei Zeilen mit, 
wir bedauern und so weiter, von den ubrigen bekam er nicht 
cinmal Antwort. Geld verdienen. Vielleicht als Arbciter 



59 



gehen? Er meldetc sich in einer Kartonfabrik; das 1st doch 
keine Arbeit, die ich nicht machen konnte . . . Der Inhaber, 
ein angsdicher, dicker Jude, lieB sich feige und fortwihrend 
blinzclnd mit ihm ein und fragte ihn, was er konnc, und vor 
allem, was seine Anspriiche seien. ,,Pardon, Herr Herz", 
sagte ein kleiner junger Mann mit einem Kneifer, ,,bei 
kollektiven Lohnvertragen und fachgenossenschafdicher 
Lohnskala fragen Sie doch bitte nicht, was seine Anspriiche 
sind", und damit nahm er den Zwicker ab und wandte 
sich an ihn: ,,Sind Sie Facharbeiter?" ,,Nein, abgeriisteter 
Fahnrich." ,,Mitglied irgendeiner Fachgewerkschaft ?" 
,,Nein." ,,Danke", sagte der junge Mann mit Betonung; 
,,ich bedaure", sagte Herr Herz und sah auf die Erde. Er 
ging weiter. Betrachtete die Firmenschilder. Biiro Rechts- 
anwalt Ix Ypsilon, Ix Ypsilon, Arzt, Ix Ypsilon, Ingenieur. 
Die haben eine Beschaftigung. Und die Leute auf der 
StraBe, auch die leben von irgend etwas. Geld miiBte man 
verdienen. Einmal in Innsbruck, als meine Schulter schon 
wieder gut war, hat mich ein Jager-Oberleutnant zum 
Spielen verleitet, wie hieB er doch gleich . . . na, egal; drei 
Tage hindurch haben wir gemauschelt, er nannte das: 
Angehn, fast dreihundert Kronen hab ich gewonnen. Ich 
hatte auch ruhig verlieren konnen, zu essen hatte ich, 
zu wohnen . . . wie sagte noch Peter Sebok? Kost, Quartier 
und Apotheke, ja, darum brauchen wir uns nicht zu sorgen. 
Eigentlich sehe ich gar nicht ein, weshalb ich mich nicht mit 

Schuhputzen besch Mathcmatik eins, Physik und 

Geschichte gut, Latein und Ungarisch geniigend, das 

Geniigend in Ungarisch war peinlich ungerecht, und das 

Ganze stammte blofi von dem Zank vor Ostern, als ich in 

dem Aufsatz: Die religiose und patriotische Lyrik im 

XVIIL Jahrhundert schrieb . . . Auf der StraBe sah er ein 

Plakat, eine Frau mit wirrem Haar und entsetztem Gesicht, 

beide Arme in die Hohe gestreckt: 

Arbeitet, denn 

das 'Brot gebt ^ttr Nciffl 

60 



Gut, sagte er, vor dem Plakat stehenbleibend, arbeitet. 
Aber was sollt ihr arbeiten? Wo sollt ihr arbeiten? Bitte . . . 
bei tausendsechs 1st cine Veranderung zu bemerken, Fahnrich 
Kddr und vier Mann als Auf klarungspatrouille um halb zwei 
. . . wer meldet sichfreiwillig ? Das 1st gute Arbeit, die kannman 
anstandig ausfiihren, man gab uns auch reichlich davon; 
oder: der gegeniiberliegende Grabenabschnitt muB aus- 
gehoben werden. Fahnrich Kadar mit zwei Maschinen- 
gewehren . . . jawohl, der Grabenabschnitt der Andrassy- 
StraBe vom Cafe Abbazia bis zum Cafe Palermo muB aus- 
gehoben werden, Fahnrich Kadar mit zwei Maschinen- 
gewehren . . . Von Tante Anna kann ich wieder ein paar 
Kronen bekommen. Ich brauche zwei Paar Strumpfe, und 

einmal mochte ich ins Orpheum gehen Ein junges 

Madchen in dunkelblauem Wintermantel und hohen 
Stiefeln kam ihm entgegen. Er wandte sich ein wenig zur 
Seite und betrachtete sie scharf ; auch das Madchen sah ihm 
in die Augen. Er ging ihr nach und sah, daB sie vor einem 
Schaufenster stehenblieb, wahrend sie tat, als betrachte 
sie die Auslage, warf sie ihm scharfe Blicke und feiles 
Lacheln zu. Ich gefalle ihr, dachte er, oder vielleicht lacht 
sie dariiber, daB mir der Schwanz vom Cut unter dem 
Fruhjahrsuberzieher hervorguckt und daB ich gelbe 
Militarstiefel trage. Das Madchen, als hatte sie das Schau- 
fenster satt, ruckte mit dem Kopf und ging weiter. Einen 
Augenblick iiberlegte er, ob er ihr folgen solle, dann 
ging er ein wenig zogernd auf die andere Seite. Geld 
muBte man verdienen. 



Es wurde Januar, und bis heute hatte er von Zuhause, 
von den Eltern, keine Nachricht. Zuletzt war Ende Juli 
oder Anfang August ein Brief aus DeVi gekommcn: von 
Anfang bis Ende vorsichtiges Klagen. Kein Mensch kauft 

61 



Bucher, auch das Papier geht kaum, das Geschaft 1st 
sozusagen vollkommen tot, von den drei Zimmern haben 
wir eins vermietet mit voller Verpflegung an einen an- 
gehenden Rechtsanwalt namens Kormos. Dem Vater geht 
es nicht besonders gut, seit Beginn des Sommers spiirt er 
wieder seinen Rheumatismus. Gott segne dich, Gott 
schiitze dich, so wie es am SchluB eines jeden Briefes 
stand. Seitdem keine Nachricht. Was jeder wufite: 
rumanische Besetzung, kein Postverkehr, zwei Briefe 
hatte er nach Hause geschrieben, Antwort war nicht 
gekommen, wer weiB, wo diese Briefe verloren gegangen 
waren, der Eisenbahnverkehr ist eingestellt. Tage hin- 
durch waren ihm seine Eltern nicht in den Sinn gekommen, 
das war auch fruher so gewesen, als er acht Jahre als 
Gymnasiast in Budapest verbracht hatte, fern von den 
Eltern; manchmal waren Monate vergangen, ohne daB er 
nach Hause geschrieben hatte; allerdings, damals wufite 
man, daB zu Hause alles in Ordnung war, dann gab es 
Tage, da die Unruhe in ihm brannte, und unter dem Ein- 
druck der einen oder andern verworrenen Nachricht, des 
einen oder andern beangstigenden Zeitungsartikels sah er 
Schreckensbilder. 

Eines Abends trat er dann vor die Alten: ,,ich geh nach 
Hause, nach Deva." Sic sind entsetzt, sie jammern. ,,Um 
Gottes willen, liebes Kind, es fahren ja nicht einmal 
Ziige ..." ,,Ich werde schon irgendwie hinkommen." 
,,Aber du hast ja keinen PaB." ,,Werdc ich mich eben 
(iber die Grenze schmuggeln." ,,Und Geld fur die Reise 
konnen wir dir auch nicht geben . . ." Er zieht vier Zehn- 
kronenscheine aus der Tasche. ,,Wo hast du denn die 
her?" ,,Meine Uhr", sagt er, ,,wozu die Uhr? die brauch 
ich nicht." Er lafit sich die Sache nicht ausreden: Tante 
Anna weint, der alte Herr will energisch sein, bringt es 
aber bloB bis zum Schmollcn, kein Wort, kein Argument 
hilft, in einen Rucksack stopfen sie ihm etwas altc Waschc, 
fiber den Cut zieht cr den Offiziersmantel und geht los. 

62 



Der Zug fahrt bloB bis Gyula. Dort lungert er zwei Tage 
herum, versucht, mit Mcnschen ins Gesprach zu kommen 
und ctwas dariiber zu erfahren, wie es mit dem Verkehr iiber 
die Grenze steht. Die Menschen sind miBtrauisch und 
wissen nichts. Zwei Nachtc verbringt er in einer Kneipe, 
schlaft auf der Bank neben dem Tisch, und der Gastwirt ist 
iiberzeugt, daB er etwas im Schilde fiihrt. Der glaubt, ich 
sei ein Dieb oder Deserteur, denkt er und sagt dem Bauer, 
der ihm nie in die Augen blickt und aussieht, als seien auch 
seine Ohren, sein Schnurrbart und seine weinbliihende 
Nase zu Boden gesenkt, daB er iiber die Grenze wolle. Der 
Gastwirt nimmt die auf die Erde gestemmte Pfeife aus dem 
Mund, sieht ihn an, spuckt aus und sagt kein Wort. 
Am Nachmittag kauft er ein rundes Roggenbrot und cine 
diinne Stange Paprikaspeck und macht sich gegen Abend 
auf den Weg. Schneeiger Bleiregen fallt, seine gelben 
Stiefel patschen bis an die Knochel durch den Matsch, daran 
bin ich schon gewohnt, denkt er. Uber winterliche, kahle 
Felder schreitet er im Dunkeln mit dem lockeren, vor- 
sichtigen Schfitt, aus dem er sich jeden Augenblick auf die 
Erde werfen kann, und seine Augen, auch das hat er 
gelernt, im Dunkeln nicht blind zu sein, passen auf die 
gerade Chaussee auf, damit er nicht mehr als zwanzig 
Schritt von ihr abweiche. Urns Morgengrauen stand er 
dann plotzlich einem Trupp Soldaten in fremden Uniformen 
gegeniiber. Er packt das Brot zwischen die Knie und hebt 
bcide Arme hoch. Die rumanische Patrouille ergreift ihn, 
zwei Infanteristen mit Bajonetten begleiten ihn wohl zwei 
Stunden lang iiber die schneeig-dreckige LandstraBe, dann 
kommen sie an einen Schuppen, da stoBen sie ihn hinein. 
In dem scheunenartigen Raum sind schon an die zwanzig, 
liegen auf Stroh, schlafen, brummen, weinen, stinken. Er 
bleibt an die Wand gelehnt stehen und sieht sich um. Ein 
Jude mit Bart, Peies und schwarzem rundem Hut richtet 
sich auf dem Stroh auf, blickt ihn mit erschrockenen Augen 
an, steht auf und tritt zu ihm bin. ,,Sind Sie Ungar?" fragt 

63 



er in seincm singenden Tonfall. Er nickt: ,,ja." Aiweh", 
sagt der andere, ,,mein Name 1st Spitzer, aiweh. Ich wollte 
einen so kleinen Sack gerosteten Kaffee Gott iibcr die 
Welt, glauben Sie, sie werden mich erschieBen?" Kadlr sinkt 
auf das Stroh, der Gestank will ihn ersticken, er starrt ins 
Dunkle, es lohnt sich nicht nachzudenken. Sein Taschen- 
messer, seine Papiere, das halbc Brot, seinen Rucksack und 
seine sechsundzwanzig Kronen hat ihm die Patrouillc 
abgenommen. Na . . . das ist nicht gerade gelungen, ich 
hatte mir das denken konnen. Warum? warum hatt ich mir 
das denken konnen? hatte ich mir denken konnen, der 
nachtliche SturmangrifF bei Asterra wiirde gelingen oder 
nicht gelingen? MuB man denn iiber alles griibeln? alles 
vorher ausrechnen? Er liegt auf dem Stroh, das leise 
Murren, Weinen, Krachzen und das Schnaufen der Schlafer 
rieselt durchs Dunkel, der Gestank ist unertraglich. Manch- 
mal geht die Tiire auf, fur einen Augenblick stiirzt graue 
Helligkeit in die Finsternis, es kommt jemand an. Der 
Ankommling bleibt an der Wand stehen, forscht durch das 
Dunkel, versucht, sich zu orientieren; der kleine Jude 
richtet sich im Stroh auf. ,,Mein Name ist Spitzer . . . 
aiweh . . . so ein kleiner Sack Kaffee . . . erschieBen ..." Ein 
Tag, zwei Tage, drei Tage? Am harten, blauen Himmel 
strahlt die Sonne, als sie ihn aus der Scheune herausfiihren. 
An Schienen gehen sie entlang, wohl zu zehnt, werden in 
ein weiBgetiinchtes Haus gelenkt, und dort steht cr in einem 
leeren Zimmer. Eine Stunde, zwci Stunden, drei Stunden? 
Dann steht er vor einem langen Tisch, der vollgepackt ist 
mit Papieren, Tintenfassern, Federhaltern. Am Tisch sitzen 
eine Menge rumanische Offiziere, rauchen Zigaretten, 
Zigarren. Unter den RumSnen sitzt auch eine andere 
Uniform, kein Rumane, ein fremder Offizier muB das sein. 
Dann sagt der eine etwas auf ruminisch, er versteht ihn 
nicht, aber plotzlich blitzt ihm ein Gedanke durch den Kopf, 
und mit zwei Schritten steht er dem mit der fremden 
Uniform gegeniibcr vor dem Tisch* Ein jugendlkhes 



Gcsicht, nach den Seiten geglattetes blondes Haar, klare 
hellblaue Augen. Ein englischer Offizier. Ich glaube nicht, 
daB er alter 1st als ich. Kadar faBt den Rand des Schreibtisches 
und sagt: ,,Mister . . . Kamerad! I am . . . ein armer 
Student . . ." er strengt sich an, er qualt sich nach brauch- 
baren Fremdwortern ab, ,,ich muB zu den Eltern", hilft 
er sich auf deutsch aus . . . ,,Eltern, parentes, pere et 
mere . . ." In den blauen Augen erscheint ein Lacheln und 
versteckt sich sofort in einer schmalen Falte auf der Stirn. 
,,Ah, you want to see your parents?" ,,Ja . . . Yes, yes !" 
,,And your parents are living in Roumania?" fragt der Eng- 
lander weiter. Er antwortet aufs Geratewohl: ,,Yes, 
Romania, Deva!" ,,Ah, in Deva. And you wanted to 
get there?" Er versteht die Frage nicht, verlaBt sich aber 
auf den Fragenden: ,,Yes, yes", antwortet er. Die Offiziere 
reden rumanisch, englisch, franzosisch dazwischen, schnell 
und laut, und er versteht kein Wort. Den englischen 
Offizier aber hat er schon liebgewonnen und ist ihm 
dankbar, wenn auch nur darum, weil er sich bemiiht, lang- 
sam zu sprechen und sich wenigstens durch die Betonung 
und durch Gesten verstandlich zu machen. Der Englander 
wendet sich wieder an ihn: ,,You were officer in the army 
of the Monarchy, weren't you?" und mit seinem Bleistift 
fahrt er an seinen Militarmantel und zeigt auf den Kragen. 
,,Yes, Officier! Leutnant!" liigt er plotzlich. Wieder lautes 
Gerede; aufgeregte Worte fllegen. Dann wieder der Eng- 
lander: ,,Impossible, my young friend! You can't pass the 
line of demarcation without official leave on the part of the 
Roumanians and certainly not without any papers! Go back 
immediately . . ." Stimmengewirr, Widersprechen. Er 
versteht den Streit nicht, weiB aber, davon ist die Rede, 
daB der englische Offizier ihn zuriickschicken will und die 
Rumanen ihn nicht lassen wollen. Lange Minuten dauert 
das Gestreite; ein dicker rumanischer Offizier schlagt auf 
den Tisch und briillt aus voller Kehle: ,,I know the like of 
them I He is a professional spyl A professional spy! Sure!" 

5 Kflrmendi. Budapest 6j 



Auch dcr Engender haut auf den Tisch: ,,I don't think so! 
He merely wants to get to his parents ! A spy wouldn't try 
to steal across the frontier in this manner!" Jetzt weiB er 
schon, er gelangt nicht heim und kann sich freuen, wenn er 
mit heiler Haut nach Ungarn zuriickkommt. Streit, Auf- 
den-Tisch-Schlagen, aber er hort nicht mehr hin, bemiiht 
sich nicht mehr, die Worte zu verstehen. Die Stimme des 
kleinen englischen Offiziers kreischt: ,,I want it! I insist on 
it!" Dann wird er in die Scheune zuruckgefiihrt und bleibt 
bis zum nachsten Morgen da. Jetzt ist es schon ganz gleich- 
gultig, was passieren wird. Moglich, sie lassen mich frei, 
dann, wenn ich zehn Schritte gegangen bin, wird man mich 
von hinten Am Morgen holen drei Infanteristen mit 
Bajonnetten ihn und noch funf-sechs andere aus der Scheune. 
Sie setzen sich auf einen Wagen, der Wagen fahrt los, 
zuriick, denselben Weg, den sie ihn vor Tagen zu FuB 
herbegleitet hatten. Sein Rucksack, sein Kram ist dort 
geblieben. Spitzer ist auch auf dem Wagen. ,,Du allmachti- 
ger Gott", sagt er, ,,wegen eines so kleinen Sackes Kaffee 
hatten sie mich doch auch nicht erschieBen lassen konnen, 
hat man je sowas gehort?!" Spater muBten sie vom Wagen 
steigen, der eine Infanterist wies ihnen mit der Hand die 
Richtung, ,,marsch-marsch", sagte er, und als sie losgingen, 
schoB er in die Luft. In Gyula ging er zunachst in die 
Kneipe; der Bauer erkannte ihn und empfing ihn sofort 
damit, ob er Geld habe. Nein, er hatte keins. ,,Hinsetzen 
kdnnen Sie sich", sagte er da, ,,abeir zu essen gebe ich bloB 
gegen Geld." Er ging zu dem Backer, bei dem er vor ein 
paar Tagen das Brot gekauft hatte, und bat um Quartier, 
sagte aber gleich, daB er kein Geld habe. Der Backer warf 
ihn hinaus. Er versuchte es noch in ein paar Bauernhausern 
am Ende der Stadt, uberall wurde er weggeschickt. Es 
sauste ihm in den Ohren, es flimmerte ihm vor den Augen 
vor Hunger. Zuletzt hatte er nach dem Verhor gegessen, 
Suppe und irgendeine klitschige Masse, die nach Hirse 
schmeckte, aus einer klebrigen EBschale. Auf dem Haupt- 

66 



plate setzt er sich auf cine Bank: ich will wenigstens nicht 
gerade mitten auf der StraBe umfallen. Er sitzt und sitzt, 
am groBen, grauen Himmel hiipfen bunte Ringe; 
gegeniiber ist ein zweistockiges Haus, ein Fenster im zwei- 
ten Stock ist offen und bis 2um Kreu2 mit Bettzeug voll- 
gestopft. Ganz angenehm ware so ein rotbezogenes Feder- 
bett. Wenn ich darin meinen Kopf vergriibe, wiirde das 
Ohrensausen aufhoren. Neben dem Haustor eine grofie 
ovale Tafel, man kann sie auch von hier aus ganz gut lesen : 
Borbala Kovik, dipl. Geburtshelferin, auf die Tafel ist 
auch ein Storch gepinselt, der ein Wickelkind im Schnabel 
halt. Der Miihe wert . . . geboren zu werden. Oder so 
geboren zu werden, daB man nichts hat. ,,Ach, sieh mal 
einer an, Kadar, du?" hort er auf einmal; er blickt auf, 
blinzelt ein paarmal: eine feldgraue Gestalt steht vor ihm, 
in Breeches, tadellosen braunen Ledergamaschen, mit roter 
Kokarde. Er erkennt ihn sofort: Lechner, eine Zeitlang 
waren sie zusammen an der Front gewesen, in Albanien. 
,,Wie kommst du denn hierher?" ,,Na, und du?" 
Fragen und Antworten, gemeinsame Erinnerungen und 
fremde Schicksalswendungen finden Worte hier auf der 
Bank, angesichts der Federbetten und des Hebammen- 
schildes. Lechner ist in Gyula beheimatet, ist nach Hause 
gekommen, es geht ihm einigermaBen, man kann nicht 
klagen, augenblicklich ist er Vorsitzender des Soldatenrats 
am Ort. ,,WeiBt du, die Sozis und auch die Burschuis 
haben Vertrauen zu mir. WeiBt du, mein alter Herr ist 
Schlachter, es geht ihm, Gott sei Dank, ziemlich gut, und 
als ich nach Hause kam, habe ich ihm gesagt, iiberlaB die 
Sache nur mir, Papa. Na, da habe ich den Mund aufgerissen, 
hab Reden gehalten, hab geschrien, ganz fein hab ich den 
Krempel geschmissen." Dann nimmt Lechner ihn mit zu 
sich nach Hause; vom Alten bekommt er Blut- und Leber- 
wurst. Vicl kiimmern sie sich nicht um ihn; in einer leer- 
geraumten Kiiche schlaft er sich groBartig aus, niemanden 
start er, man sieht ihn kaum. Am dritten Tag weist Lechner 

5 67 



ihm im Rathaus funfzig Kronen an, Frau Lechner packt ihm 
eincn zerrissenen Rucksack voll Mettwurst und Speck, auch 
ein Topfchen Scbmalz tut sie hinein, an dem Tage fahrt 
gerade ein Zug nach Budapest, ,,na, Gott mit dir", sagt 
Lechner, ,,und wenn ich mal nach Pest komme, machen wir 
zusammcn einen groBen Bummel!" 

Die Alten trauen ihren Augen nicht, als er vor ihnen 
steht. ,,Na, bist du wieder da I 1st dir also nichts passiert?! 
Warst du in Ddva? Du lieber Himmel, wo hast du denn 
all das Schweinezeugs her? Und das Topfchen Schmalz?" 
An dem Schmalz riecht auch Onkel Rudi, ,,prima", 
sagt er. 

Dann vergehen die Tage wieder in Budapest. Ziemlich 
schnell sogar. Man sitzt tagelang im EBzimmer und stiert 
zum Fenster hinaus, aber das ist unwichtig. Man hat Ruhe, 
und die paar ubriggebliebenen Kronen reichen lange Zeit. 
Man hat Ruhe, das ist die Hauptsache. Der Lechner ist ein 
ordentlicher Junge, auch der englische Offizier war ein 
ordcntlicher Mensch. Der kleine Feledy auch, und Altmann 
und die beiden andern auch, die auf dem Heimweg Ruhr 
bckommen haben. Uberhaupt sind die Menschen ziemlich 
gut . . . und man muB moglichst von niemandem etwas 
wollen. Ruhe, Ruhe, die ist gut. Ich bin am Leben, das ist 
gut. SchlieBlich hatte ich ja auch dort bleiben konnen . . . 
sagen wir ... am 9. Oktober 17, als die Italiener elfmal 
nacheinander versuchten oder auch jetzt, an der 
Detnarkationslinie, wenn sie mich zum Beispiel, als sie mich 

freigelassen batten, nach zehn Schritten von hinten 

reiner Zufall. Jetzt wird der Winter bald zu Ende sein, 
und Frieden ist auch. Im Herbst werde ich mich an der 
Technischen Hochschule immatrikulieren lassen, um Be- 
freiung vom Kolleggeld muB ich einkommen. Wohnen 
kann ich hier bei Onkcl Rudi . . . vorher, vielleicht im 
Sommer, gehe ich doch mal nach Hause, nach Dva. 



ElNES Abends kommt Onkel Rudi mit stiirmischer 
Freudc nach Hause. ,,Na, Junge, ich glaube, ich hab dcin 
Gliick gemacht! Ich hab einen altcn Freund, Maxi Huber, 
der 1st Biirochef bci der Metallzentrale; heute treffe ich ihn 
im Cafe Zentral, auf einmal fallts mir ein, und ich sage zu 
ihm : du, hor mal zu, Maxi, ich hab einen Neffen, abgeriiste- 
ter Offizier ist er, hat das Gymnasium absolviert, cin an- 

standiger, braver Junge, sag ich " 

Am i. Marz bekam er gegen einen hellblauen Schein an 
der Hauptkasse achtzig Kronen ausgezahlt und wurde in 
der Metallzentrale an einen Schreibtisch gesetzt. Diese vier 
Zwanzigkronenscheine, die ihm in die Hand gedriickt 
wurden, riefen eine sonderbare Veranderung in ihm hervor. 
Dieses Geld habe ich richtig verdient, beziehungsweise 
werde ich verdienen, ging es ihm durch den Kopf, und er 
fiihlte, daB dies eine andere Art Geld sei als jenes, das friiher 
jeden Ersten im Monat aus Deva ankam und fur das er 
eine Aufgabe zu leisten hatte, namlich zu lernen. Das ist 
eine andere Art Geld als die paar Kronen, die er als Gym- 
nasiast der hoheren Klassen bekam und fur die er einen 
Pennaler aus der Dritten mit Arithmetik und Geometric 
qualen muBte. Anders als das Geld, das man Lohnung 
nannte und fur das man Lause bekommen, im Graben liegen 
und dorthin schieBen muBte, wo man wuBte, da sind lebende 
Menschen, und fur das man vor allem auch krepieren konnte. 
Das ist kein Geld wie die in Innsbruck beim Mauscheln 
gewonnenen dreihundert Kronen oder die vicrzig, die der 
Juwelier auf dem Ring ihm fur seine Uhr gab, oder die 
fiinfzig Kronen, die Lechnerschen. Fur dieses Geld hier 
muB man regelrecht anstandig arbeiten, ein Handwcrk 
erlernen, einen Beruf ausiiben . . . ,,Ehrliche, produktive 
Arbeit erwarte ich von Ihnen, junger Freund", hatte Herr 
Huber gesagt, als er ihm seinen Schreibtisch anwies, und 
am ersten Abend, als er vom Biiio nach Hause ging in die 

69 



Pozsonyer StraBc, sagte cr zu Onkcl Rudi: ,,Ich glaube, 
hicr werdc ich Gclcgcnhcit habcn zn chrlichcr, produktiver 
Arbeit . . ." 

Im Biiro wurdc cr mit den Kollegen bekannt, und still 
und langsam fing cr an, die Sprache der Zeit und der 
Mcnschen zu vcrstehen und zu sprechen. Den ganzcn Tag 
saB er vor bunten Zetteln, Rubrikbogen, Zahlcnkolonncn, 
und wenn er auch das Gefuhl hatte, irgendwo in der Mitte 
der Dinge zu sein, von wo aus man weder den Anfang noch 
den SchluB sehen konnte: so fiihlte er auch, daB diese vielen 
Zahlen, die vielen Rubriken nur einen einzigen Sinn 
hatten, eine Zahl, die irgendeiner irgendwo in die 
Rubrik ,,Reingewinn" eintragt. Und nach wenigen Tagen 
formulierte er, driickte er das Gefuhl, das der erste regel- 
rechte Erwerb in ihm ausgelost hatte, in Worten aus : viel 
Geld muB man verdienen, man muB reich sein und gut 
leben. Naturlich ist es die Frage, ob . . . es an diesem 
Schreibtisch moglich sein wird. Er sah sich seine Kollegen 
an. Der eine trug einen dunkelgrauen Liisterrock mit 
zerrissenen Ellenbogen, das war Herr Demjen, fiinfzig, 
funfundfunfzig Jahre mochte er alt sein; und da ist der 
hinkende, bleiche Herr Hegyi in seinem braunen Arbeits- 
rock mit viel zu kurzen Armeln, auch der ist nicht mehr 
jung; Herrn Zoller fallt das ergrauende Haar wellig in die 
machtige Stirn, und gewohnlich riecht er nach Bier; na, 
und Herr Huber, sein Protektor, der Biirochef, der hat am 
Schuh an der Seite einen aufgesteppten groBen Fleck. Diese 
Herren . . . denen ist es nicht gelungen, von der ehrlichen, 
produktiven Arbeit reich zu werden? Oder ist das vielleicht 
keine ehrliche, keine produktive 

Am 21. Marz sprangen rote Fahnen in die Fenster und 
an die Stangen, Menschen und Dinge veranderten ihr 
Gesicht innerhalb von Stunden, Schauer fegte durch die 
Stadt, und es lag in der Luft: jetzt folge eine ganz neue 
Lektion. Im Biiro sagte einer: ,,Kadar ist schon am 
Ersten mit einem Auftrag hergekommen." Er schwieg, und 



so hatte niemand Grund, daran zu zweifeln. Eines Tagcs 
wurde er dann cinstimmig zum politischen Vertraucnsmann 
dcr Abtcilung gewahlt, cr hatte keinc Ahnung, was das 
eigcntlich war, und wehrte sich nicht; die Wahl wurde 
jedoch von einer Zentrale oder Behorde nicht akzeptiert, 
wcil ihn dort niemand kannte und weil man nicht wuBte, 
ob er ein zuverlassiger Kommunist sci oder nicht. Auch 
damit fand er sich ab, voll Freude sogar, denn wahrend der 
zwei Tage seiner neuen Wiirde furchtete er standig, jemand 
konne ihn um etwas bitten oder etwas fragen, worauf er 
keine Antwort wiifke. Er ging ins Biiro wie die iibrigen, 
arbeitete nicht, weil er nichts zu arbeiten hatte; der neue 
politische Vertrauensmann, ein Externer und der neue 
Abteilungschef, der Herrn Huber abgelost hatte, hielten 
Versammlungen und Reden; fur die Arbeit erwarteten sic 
Weisungen, die jedoch nicht kamen. Er merkte auf die 
Reden und Gesprache, die wie eine Fruhjahrsuberschwem- 
mung sich in die Biiros ergossen. Er horte und nahm Dinge 
zur Kenntnis, von denen er keinen Begriif hatte und die sich 
anhorten wie Ausdriicke einer bekannt klingenden fremden 
Sprache. Ideologic, proletarische Gesinnung, Klassen- 
herrschaft, orthodoxer Marxismus, Republik der Sowjets, 
Genosse Lenin, Genosse Bucharin, Spartakismus, aus- 
beutendes Kapital, produktive Arbeit, soziale Produktion, 
geistiges Produkt, Revolutionsgericht, idealer kommunisti- 
scher Staat, Gegenrevolution, kapitalistischer Patriotismus, 
Internationalismus der Gegenrevolution, selbstbewuBter 
Proletarier, Verrater der Diktatur . . . aber diese Worte 
nahmen keine Gestalt in seinem Gehirn an, und am SchluB 
der einen oder andern Rede hatte er das Gefiihl, wenn ich 
jetzt diesen Genossen Blau oder Genossen Lehotay bate, 
mir extra, ganz ohne Verantwortung zu erklaren, was er 
mit sozialer Produktion meint, dann kame Genosse Blau 
oder Genosse Lehotay genau so in Verlegenheit wie, 
nehmen wir an, sic wiirden iiber die Tangenten der Hy- 
perbel befragt werden . . . Er bemiihte sich, an nichts 

71 



teilzunehmen, cr war viclleicht der einzige, der sich auch von 
den Disputcn im Biiro fernhiclt und der in keiner Frage 
einen Standpunkt hatte. Worte, Worte, weit entfernt von 
der Wirklichkeit und von jenem Tcil der Wirklichkeit, der 
Reichtum heifit und gutes Lcben. Was ihm an freicr Zcit 
zur Verfiigung stand, verbrachte er mit Onkcl und Tante; 
erzahlte vom Biiro, von den Leuten, vom leeren Rede- 
schwall und versuchte durch Scherze die vcrzweifelten 
Alten in bessere Laune zu versetzen. Im April bekam 
er schon zweihundcrt Kronen, im Mai funfhundert, aber in 
weiBem Geld, wofiir man nichts kaufen konnte. Da wuBte 
er bestimmt, die Sache wiirde nicht so bleiben, konnte nicht 
so bleiben; denn so hatte das Lcben iiberhaupt keinen 
Sinn. Ich werde einmal einen Arbciter fragcn, ob er es jetzt 
besser hat, dachte er, abcr natiirlich tat er es nicht. Ich kann 
jetzt nur dasselbe fortsetzen, was ich im Winter gemacht 
habe, als ich in der Pozsonyer StraBe am Fenster saB. 
Warten muB ich ... Denken ist uberfliissig. 

Ende Mai es war ein strahlender Friihsommcrtag 
kommt er eines Nachmittags nach Hause : Onkel Rudl sitzt 
mit diisterem Gesicht am Tisch, Tante Anna hat verweinte 
Augen. Schweigen. ,,Ist ein Ungliick passiert?" ,,Toni, 
ach Kind, etwas Schreckliches." ,,Was denn, um Gottes 
willen?!" >,Ach, Toni, heute mittag war die Mariska 
Gazda aus Deva hier, ihr Mann ist ein italienischcr Offizier, 
sie sind in einer amtlichen Angelegenheit hier in Budapest, 
etwas bei der Mission ..." ,,Mariska Gazda aus Deva?" 
sagt er und f lihlt in der Kehle cine kalte, beklemmende Angst, 
,,und was ist denn Schreckliches ?" ,,Vater und Mutter " 
,,Sic sind gestorben", sagt er; er fragt es nicht, er stellt es 
hin. ,,Noch im November, an der Grippe, zuerst deine 
Mutter, zwei Tage darauf dein armer Vater . . ." Tante 
Anna lehnt sich an den Fensterrahmen und weint. Onkel 
Rudi biegt den Kopf auf die Seite und kaut an den Finger- 
nageln. Kddar steht in der Mitte des Zimmers. Vater und 
Mutter sind tot plotzlich dringt ihm diinnes Kinder- 



weinen durch die Kehle, mit groBer Anstrengung ver- 
schluckt cr cs und preBt die Lippen zusammen. Die Augen 
brennen ihm rot und trocken. Er steht da im Zimmer, 
dann dreht er sich um und geht hinaus. Im Flur setzt er sich 
auf die Bank unter dem Spiegel und stiitzt den Kopf in 
die Hand. Jetzt bricht sich das diinne Kinderweinen Bahn, 
die Tranen flieBen, er schluchzt. Dann kommen die Alten 
aus dem Zimmer, trosten ihn weinend, besanftigen ihn. 
Sic setzen sich wieder an den EBzimmertisch und schweigen. 
Tante Anna stohnt ein paarmal auf. Onkel Rudi blinzelt ihm 
verstohlen ins Gesicht. Er weint nicht mehr, mit zusammen- 
gepreBtem Mund sitzt er am Tisch. Spater beginnt er ein- 
mal: ,,wie war es derm?" und erst da bemerkt er, daB 
er allein im Zimmer ist. Es wird Abend, Boske beginnt, 
mit dem Bett zu hantieren. Sowie sie damit fertig ist, legt 
er sich hin. Wirre Bilder scheuchen ihn aus dem Schlaf auf: 
dauernd sieht er Vater und Mutter vor sich, sie sprechen 
auch, er hort Stimmen und sieht den kleinen Papierladen, 
der Vater rechnet hinter der Theke und schreibt etwas in 
ein Buch, und die kleine schwarze Miitze hat er auf dem 
Kopf. Mit der Mutter geht er Hand in Hand auf den Markt, 
sie kaufen Fisch, und der Fisch springt auf dem Brett, wie 
der Verkaufer ihn aus dem Behalter hinwirft. Er sitzt auf 
einem kleinen Stuhl im Wohnzimmer unter dem Fenster 
und hat ein groBes Marmeladenbrot in der Hand, Vater 
und Mutter schreien sich schrecklich an, aber er weiB nicht 
mehr, worum es sich handelt. Es ist Sonntagmorgen, er geht 
mit der Mutter in die Kirche, und den Bettlern gibt er 
Kreuzer. Einmal, er war noch ein ganz kleiner Junge, 
nahm der Vater die Mutter um die Taille, das war noch 
im alten Haus, im Garten, zog sie an sich und kuBte sie ins 
Gesicht. HeiBer Schreck und Arger flammte in ihm auf, 
und mit einer kleinen Kinderharke, die er in der Hand 
hatte, warf er nach der griinschillernden Glaskugel iiber 
einem Rosenstrauch, die Kugel zersprang mit lautem Knall in 
alle Himmelsrichtungen, Vater und Mutter sahen ihn 

73 



crschrockcn und ratios an. Die Mutter ist schr krank, auch 
das ist lange her, ein kleines Schwesterchcn wurde gcborcn, 
aber cs starb nach ein paar Stunden, lange Zeit darf er nur 
bis an die Schlafzimmertiire gehen und von dort aus der 
Mutter winkcn, die mit einer weiBen Haube und wciBem 
Gesicht im Bett liegt, von ihrem hellblonden Haar fallt eine 
Locke in die Stirn. Ferko Tiszta, der Sohn vom Backer 
Tiszta, der in der Elementarschule neben ihm in der Bank 
saB, erzahlt im Wohnzimmer unter dem Fenster verstohlen 
etwas sehr Komisches. Wenn ein Mann und eine Frau 
aber er versteht die Geschichte nicht und kann es kaum 
erwarten, daB Vater nach Hause kommt. ,,Vati, der Ferko 
Tiszta hat gesagt, wenn ein Mann und eine Frau " 
,,Unsinn! sowas gibts nicht! ich werds dem Bengel bei- 
bringen ! der tut mir den FuB nicht mehr iiber die Schwelle !" 
Dann kurze Sommer, die er zu Hause verbrachte, und 
als er schon anfing zu wissen, daB es sowas doch gibt die 
Juliska, die Tochter vom Herrn Pfarrer Szabo, deren Hand 
er einmal ergriff, und das muBte er der Mutter erzahlen 
und das auch, daB er im Kirschgarten der Juliska den Hals 
und die Mutter sagte: das macht nichts, mein Kind, nur im 
Winter, wenn du zu lernen hast, dann denk nicht an 
sowas . . . Und die letzten paar Tage in Deva 1916; der 
Vater, der duster im kleinen Laden auf und ab ging und, 
wenn er sprach, gewohnlich bloB sagte: ,,das Vaterland 
verlangt von jedem Opfer, und jeder muB seine Pflicht 
tun!" und die Mutter mit ihrer tausendfachen zitternden 
Fiirsorge und mit den Topfenknodeln, die sie ihm am 
letzten Tag zum Mittagessen kochte, und mit dem Gold- 
stuck in dem kleinen Leinensackchen . . . Tausende von 
Bildern machen ihn schwindeln und ermuden ihn; es wird 
Morgen, bis er endlich in Schlaf versinkt, und da traumt er, 
er rcist nach Deva, es ist dunkel, der Zug uberfullt, kiihle, 
bedruckende Angst fiihlt er und ist hungrig. Zwei dumpfe 
Anpralle, es wird durch das Kupecfenster geschosscn, und 
Vater und Mutter, die auf der Bank gegeniiber sitzcn, 

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senken still die Kopfc. Da kommt der alte Duka, der 
Ddvaer Stationsvorstehcr, cr bringt cinen groBcn Sack. 
Mein Name 1st Spitzer, sagt er, jetzt tun wir die Alten hier 
hinein und reichcn sie zum Fenster hinaus. Nein, das geb 
ich nicht zu! Die Eltcrn miissen in Deva Aber es muB 
sein, der Zug darf keine Lelchen transportieren! Nein, ich 
laB das nicht zul! Aber es ist Rcgimentsbefehl gekommen, 
daB Und ich gebs nicht zu!!! Verschwitzt und mit 
fliegendem Puls wacht er auf. Wie alt Vaters Gesicht war, 
so habe ich ihn noch nie gesehen, so gealtert Er ging 
nicht ins Biiro ; mit verschleierten Augen und eingefallenem 
Gesicht saB er im EBzimmer. Auf der StraBe scheint die 
Sonne, ein groBer Trupp Schulkinder zieht singend die 
Pozsonyer StraBe entlang. 

Gegen Mittag kam Mariska Gazda wieder. Sie setzte sich 
zu ihm ins EBzimmer, eine Weile saBen auch die Alten mit 
um den Tisch, dann gingen sie leise ins Schlafzimmer. 
Mariska erzahlte, was im Herbst geschehen war. ,,In Deva 
wiitete die Grippe schrecklich, schon von Anfang August 
an, aber den Eltern fehlte Gott sei Dank gar nichts, nur 
klagten sie immer, daB vom Jungen keine Nachricht kame. 
Schlimme Geschichten horte man von iiberall, es waren 
auch viele entlaufene Soldaten in der Stadt, die erzahlten, 
daB man den Sohn vom Backer Tiszta, vielleicht erinnerst 
du dich noch an ihn, den Ferko, wahrend der Flucht er- 
griffen und erschossen habe. Dabei war der Arme nicht 
ganz richtig im Kopf. Dann kam die rumiinische Invasion, 
o Gott, wie entsetzlich war es, diese Reiter zu sehen, als sie 
vom Weinberg herkamen, man durfte nicht einmal auf die 
StraBe gehen, mehrere Tage muBte man zu Hause bleiben. 
Dann ging eine Patrouille zu euch, um die Landkarten zu 
holen, aber dein alter Herr wollte sie nicht berausgeben, 
er hatte keine, sagte er, darauf haben sie den ganzen Laden 
durchwiihlt, natiirlich fanden sie allcrlci Karten, Schul- 
atlanten und Ahnlichcs. Deinen Vater haben sie dann ab- 
gefiihrt, auch vcrprugelt haben sie ihn und fiinf Tage lang 

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in der Kaserne gehaltcn, deine Mutter, die Arme, stand 
fiinf Tage von friih morgens bis abends vor der Kaserne, 
rein haben sie sic nicht gelassen, doch wegbringen lieB sie 
sich auch nicht, und wenn sie die Offiziere fortgejagt 
hatten, immer ging sie wieder zuriick. SchlieBlich haben sie 
deinen Vater rausgelassen; denn er hatte schon hohes 
Fieber, in der Kaserne hat er sich erkaltet. Tag und Nacht 
war ich bei euch mit dem Doktor Moskovitz, am dritten 
Tag starb dann dein Vater. Als dann der Bezirksarzt kam, 
auch mit einem rumanischen Offizier, lieB er deine Mutter 
sofort ins Barmherzigenspital bringen, aber du weiBt, nach 
zwei Tagen " Mariska weinte und ergriff seine Hand. 
,,Toni, weiBt du, daB kaum noch was im Laden war, und die 
Mobel ..." ,,Ich weiB", sagte er, ,,wir waren arm." Mit 
trockenen Augen sah er die weinende Frau an, dann starrte 
er zum Fenster hinaus. Die Sonne scheint, zwei schwere 
Lastwagen quietschen holpernd iiber die StraBe. Mariska 
tritt neben ihn. ,,Ach, Toni . . . Tonichen, die Welt ist so 
entsetzlich!" . . . Entsetzlich, entsetzlich, schwirrte es ihm 
durch den Kopf, meinen Vater haben die Rumanen ver- 
priigelt, mich haben sie mit heiler Haut laufen lassen . . . 
Er betrachtete Mariska, sie trug ein elegantes, hellgraues 
Kleid und ganz hohe braune Schniirstiefel. ,,Na, und wie 
gehts dir, Maris?" fragte er, ,,ich hore, du hast einen 
Italiener geheiratet, warum ist dein Mann nicht mitge- 
kommen?" Mariska blickte auf die StraBe. ,,Scopelli hat 
sehr viel bei der Mission zu tun, und morgen reisen wir 
schon weiter nach Wien." Plotzlich dreht sie sich um: ,,du, 
Toni," und sie dampft ihre Stimme bis zum Fliistern, ,,ihnen 
hab ichs nicht gesagt, aber dir sag ichs ..." ,,Na, was 
denn?" ,,Du, Toni, ich bin nicht Giuglios Frau, ich bin 
bloB . . ." errdtend sucht sie nach einem Wort, ,,ich lebe 
bloB mit ihm zusammen, vorlaufig. WeiBt du", hasten ihre 
Worte leisc, ,,uns haben sie die Apotheke weggenommcn, 
weil alle Apotheken unter behordliche Kontrolle ge- 
kommen sind, und der Simiu, der Fiihrer der Rumanen, 

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hat gesagt, wir waren nicht zuverlassig, und da sind wir 
nach Kolozsvdr gegangen . . . nirgends gabs ein Obdach, 
im Hotel New York wohnten rumanische Offiziere, der 
AnspruchsprozeB gegen das Aerar war eingeleitet, ein 
rumanischer Rechtsanwalt fuhrte ihn, aber noch vor dem 
Urteil, auf das Urteil hatte man ja ewig warten miissen! 
also, man muBte sich einigen und mit einem geringen Scha- 
denersatz zufrieden sein. Nun ging unser Geld zur Neige . . . 
von Woche zu Woche muBte man sich auf der Sigurantia 
melden, ein furchterlich gehetztes Leben, verriickt muBte 
man dabei werdenl Dann kam eine Internationale Militar- 
Kommission nach Kolozsvar. Ich kann gut Rumanisch, 
Deutsch und Franzosisch. Hauptmann Scopelli, was fur 
ein hiibscher und guter Mensch! arbeiten, mein Gott, 
warum sollte das eine Schande sein? der Hauptmann 
verschaffte mir eine Stellung als Stenotypistin bei der 
Kommission. Da haben wir uns ineinander verliebt, aber, 
glaub mir, auch die Eltern haben den Giuglio so gern, als 
ware er ihr eigener Sohn . . . eine glanzende Karriere steht 
ihm bevor . . . Jetzt nimmt er mich mit nach Wien, dorthin 
ist er eingeteilt worden, aber sowie er Urlaub bekommt, 
fahren wir nach Livorno zu seinen Eltern und heiraten." 
,,Und wie alt ist er?" ,,DreiBig ... ein sehr lieber, 
anstandiger und vornehmer Mann, seine Familie hat eine 
grofie Farbenfabrik in Livorno." ,,Und wie alt bist du?" 
,,Ich? das weiBt du doch, vierundzwanzig." ,,Und 
ist das sicher, daB er dich heiratet?" ,,Aber natiirlich, 
warum sollte das nicht sicher sein?" aber an ihrer 
Stimme spurt man, daB diese haBliche, miBtrauische Frage 
ihr weh tut. Und plotzlich lenkt sie das Gesprach ab: ,,und 
du, Toni, wie gehts dir denn? Tante Anna erzahlt, du hast 
eine gute Stellung." ,,Ich?" winkt er ab, ,,ach, das ist ja 
nichts. In der Sozialisierungs-Abteiiung der Metall- 
zentrale . . . nichts mache ich." 

Dann kamen die Alten wieder herein. Mariska wandte 
sich an sie. ,,Lieber Onkel Rudi und Tante Anna, mein 

77 



Mann ISBt fragen, ob er euch nicht in irgend etwas helfen 
konnte. Vielleicht irgendeinen Ausweis oder . . . etwas 
Geld?" ,,Liebes Kind", sagte Xante Anna, ,,was konnten 
wir brauchen? Wir plagen uns und placken uns, alle 
Menschen tun das. Und was wir gebrauchen konnten, cine 
bessere Welt, das kann uns dein Mann doch nicht geben, 
das kann bloB Gott." Da ging er plotzlich vom Fenster weg 
und trat zu Mariska bin. ,,Du, Mariska, nehmt mich mit 
nach Wien!" Mariska reiBt die Augen erschrocken auf. 
,,Tonichen, ich kanns ja Giuglio sagen, aber ich glaube 
kaum, denn die Mission ..." ,,Gut, gut", unterbrach er 
sie, ,,ich weiB, es geht nicht, ich habs nur so gesagt. 

Irgendwie werde " 

Eine Zeitlang unterhielten sie sich noch, Mariska jam- 
merte, wie schrecklich die verelendete Stadt aussehe, dann 
ging sie. Am nachsten Morgen kamen zwei Detektive, die 
sich danach erkundigten, was sie gestern und vorgestern 
mit der Dame von der Mission zu tun gehabt hsitten. Tante 
Anna fing zu Tode erschrocken an zu weinen: ,,das war 
doch bloB eine Verwandte von uns, aus Siebenbiirgen, darf 
man denn das auch nicht mehr?" Die Detektive sprachen 
nicht viel, sahen sich bloB in der Wohnung um, notierten 
etwas und gingen. Tante Anna und im geheimen auch 
Onkel Rudi waren erst dann einigermaBen beruhigt, als 
eine Woche verging, ohne daB die Sache eine Fortsetzung 
gehabt hatte. Die Tage krochen leer iiber die Stadt. Er 
fehlte drei Tage im Biiro, aber von den Eltern traumte er 
nicht mehr. Manchmal verfolgte ihn noch das Schreckens- 
bild von der Priigelstrafe in Deva, dann begann langsam 
alles zu versinken. Oberlautnant Kauser lieB die Soldaten 
priigcln, aber wie, und er HeB sie anbinden, auch dann 
noch, als es schon verboten war. Der Italiener wird die 
Mariska heiraten, warum denn nicht? Mariska ist eine 
hiibsche Frau, und einmal, als er schon in der siebenten 
Klasse war, hat er sie gekiiBt, im Laboratorium der 
Apotheke war das, gegen Ende des Sommers; auf dem 

78 



groBen Tisch standen cine Menge ganz gleiche Blech- 
flaschen, auf jeder war ein Etikett: Lysol Conf. Nat. 
Mariska stand neben dem Tisch, als er in dem Raum mit 
dem fremden, ein wenig erstickenden, aber nicht un- 
angenehmen und aufregenden Apothekengeruch plotzlich 
hinter sie trat und mit der einen Hand ganz leicht unter ihre 
Achsel griff und ihre Brust beriihrte, und als Mariska mit 
einem Ruck den Kopf nach hinten warf, kiiBte er sie auf 
den Mund. Mariska ist eine schone Frau, meine Kusine 
zweiten Grades. Der Italiener wird sie sicher heiraten. 

Dann ging er wieder ins Euro. Die Stunden flossen 
langsam, in qualender Langeweile dahin, wie ein lauwarmer, 
oliger Strom. Hie und da explodierte ein aufgeregter, heiBer 
Streit, aber diese Streite hatten keinen Sinn, gewohnlich 
nicht einmal Inhalt; meistens entstanden sie um bestimmte 
Worte, die man dauernd horen konnte, und vergingen 
wieder. Weltrevolution und Gegenrevolution, Sozialisie- 
rung und neue Produktion, derartige Worte prasselten 
und erstarben dann schlafrig im luftleeren Raum der 
Interesselosigkeit. Er beteiligte sich an den Disputen 
nicht, sie interessierten ihn nicht, er fuhlte ihre Sterilitat. 
Wird Lunatscharskis Kulturpropaganda gelingen? wird 
sich die russische Religiositat in kommunistische Aktivitat 
umwandeln lassen? war dieser oder jener ungarische Volks- 
kommissar wirklich in Moskau, oder schreibt das bloB die 
rote Zeitung? was bringen denn diese Dinge vorwarts? 
Als er einmal gahnte und gerade jemand sagte: ,,die welter- 
losende Kraft des Proletariats," machte ein anderer sofort 
Bemerkungen iiber die im Dunkeln Schleichenden, die 
Saboteure, die Spione der Gegenrevolution und die 
kranken Oberbleibsel der alten verfaulten Welt, die allein 
der Grund seien, weswegen das System hie und da noch 
mit Schwierigkeiten zu kampfen habe . . . Er sah den 
Sprechenden an, es war Dulko, von dem jeder wuBte, 
daB er zwei schone, einstockige Hauser besitzt, beziehungs- 
weise vor der Kommunisierung besessen hatte, am Ende 

79 



dcr Fehdrvdrer Strafic. Na, durftc man da ein Wort ver- 
lieren? 

Eines Tages verbreitete sich die Nachricht, die Gegen- 
revolution sei ausgebrochen, Monitorc beschossen das 
Sowjethaus, und die Volkskommissare fliichteten. Im 
Handumdrehen war das Hiiro leer, alles rannte nach Hause. 
Tatsachlich, irgend etwas muB los sein: die Elektrischen 
verkehren nicht, man sieht nur vereinzelte stehen- 
gebliebene Wagen. Auf den StraBen kaum ein paar er- 
schrocken eilende Menschen; unter Sirenengeheul rasen 
die Lastwagen der Terroristen. Er ging langsam iiber die 
leere StraBe unter dem strahlenden Nachmittagshimmel. 
Mein Gott, diese ganze Geschichte ist ja keinen Kreuzer 
svert. Nach Hause gehen zu den Alten, im EBzimmer 
am Fenster sitzen, am verhaBten Schreibtisch sitzen, in 
der Langeweile sinnloser Phrasen, der Ziellosigkeit kopf- 
loser, unniitzer Arbeit, der Hoffnungslosigkeit des Seinen- 
Platz-nicht-finden-Konnens und warten, daC irgend etwas 
werde. Warten? mit diesen Menschen oder mit diesen 
Gedanken oder dieser Generation und worauf warten? 
was soil denn werden? Geld an Stelle der Papierfetzen? 
Fleisch an Stelle der Kohlriiben? eine richtige Frau an Stelle 
der trampligen Magd? was soil werden? Es ist Gegen- 
revolution, und was kommt nachher? werde ich spater 
Skulpturen metBeln konnen oder eine Bank leiten oder 

Obstbaume ziehen Zwanzig Jahre bin ich alt, stotterte 

tief innen eine Stimme in ihm, ich bin niemand, ich bin 
nichts; weder ein Mensch, noch ein Ding, noch eine Er- 
innerung, noch ein Gedanke, nichts, an das ich mich klam- 
mern konnte, das mir etwas bedeutete . . . Auch der kleine 
Feledy mochte zwanzig Jahre alt gewesen sein, und der 
Richter, der einen StirnschuB bekommen hat, und auch der 
Tikay, dem der SchuB ins Riickgrat 

Das Haustor in der Pozsonyer StraBe offnet sich ebenso 
schwer wie an jenem Novemberabend. Im Torbogen steht 
ein groBer Haufen Menschen. Der Hausmeister sctzt das 

80 



Gezanke fort. ,,Fremde durfen hier nicht bleiben, gehen Sic 
doch endlich, zum SchluB hab ich die Scherereil" Sie vcr- 
suchten, ihn zu besanftigen, ein gut angezogener Herr 
erklarte aufgeregt, er wolle nur so lange bleibcn, bis wieder 
Menschen auf der StraBe zu sehen seien, ,,was denken Sie, 
lieber Freund, ich habe auch eine Familie, die sich zu Hause 
um mich angstigt ..." Er stand und starrte die Gruppe 
hinten von der Treppe aus an, als ihn jemand am Arm 
ergriff. ,,Kdar, bist dus?" sagt eine leise Stimme. Im 
dunkeln Treppenflur reiBt er die Augen auf, ein bekanntes 
Gesicht hat er vor sich, doch, das ist der Vavrinec, der 
sein Mitschiiler war. ,,Na, wie kommst du denn hierher?" 
,,H6r mal, du wohnst hier im Haus?" ,Ja." H6r 
mal, bitte, konnte ich fur diese Nacht oder fiir ein, zwei 
Tage bei dir bleiben, bis ..." ,,Was hast du denn?" 
,,Ach, bitte, lieber oben . . ." Die Alten sehen den An- 
kommling erschrocken an, Kadar beruhigt sie, cs hat nichts 
zu bedeuten, das ist der Pista Vavrinec aus meiner Klasse. 
Sie bleiben im EBzimmer allein. Vavrinec sagt: ,,Ich hofFe, 
ich kann ofFen reden, ich kann namlich nicht gut auf die 
StraBe gehen, solange die Sache nicht entschieden ist, nach 
rechts oder nach links . . . ich bin namlich Mitglied der 
Berggruppe", und damit schlagt er seine Weste auf: am 
Futter steckt ein Abzeichen, ein weiBes Doppelkreuz auf 
gninem Schild, dariiber eine Krone. ,,So", sagt Kadar, ,,du 
bist Gegenrevolutionar? und warum bist du jetzt nicht bei 
deiner Gruppe oder wie das heiBt?" ,,Ja, weiBt du, ich 
war gerade unterwegs zu einer geheimen Zusammenkunft, 
entschuldige, aber ich darf nicht sagen, bei wem, da sehe 
ich, daB eine Sturmtruppe den Bruckenkopf besetzt halt 
und vom Parlament her ein Panzcrauto ankommt ..." 
,,Darauf bist du in einen Hausflur gerannt und beabsichtigst 
erst dann wieder hervorzukriechen, wcnn ihr gesiegt habt, 
was?" Der andere will etwas antworten, wird aber plotzlich 
bis iiber die Ohren rot und dann schneeweiB, und der Atem 
stockt ihm. ,,Um Gottes willen " in Stiickc zerbrochen 

6 KOrmendl, Budapest 8 1 



fallen die Worte iiber geine Lippen, ,,du bist doch nicht 
etwa auch Kommunist?" Kddar sieht ihn an und mdchte 
lachen. ,,Kommunist?" sagt er langsam, ,,nein, hab keine 
Angst, ich bin nicht Kommunist. Aber wenn du glaubst, 
mir sei ein Gegenrevolutionar sehr sympathisch, der in 
sicherer Deckung abwarten will sag mal", fallt er sich 
plotzlich selbst ins Wort, ,,warst du eigentlich Soldat?" 
Vavrinec ist noch immer kreidebleich. ,,Nein", sagt er ganz 
leise, ,,ich war untauglich, erinnerst du dich nicht?" 
,,Und was machst du seitdem?" ,,Was ich mache? Ich 
bin das zweite Jahr auf der Technischen Hochschule, 
Maschinen-Ingenieur." ,,So. Na, ich will mal meinen 
Onkel fragen, ob du fur diese Nacht hierbleiben kannst", 
damit geht er ins andere Zimmer. Tante Anna fallen die 
Detektive ein, und dann ist der noch nicht einmal ein Ver- 
wandter, nein, sie will ihn nicht beherbergen. Onkel 
Rudi hm-t neutral, aber auch er wurde es lieber sehen, 
wenn dieser junge Mann sich davonmachen wiirde, man 
kann ja nicht wissen. Mit kurzen Worten redet er den Alten 
zu, ,,man muB das tun, er kann sich ja kaum auf den FuBen 
halten, diese Nacht soil er wenigstens hier bleiben, wir 
kdnnen drei Stiihle zusammenschieben, auf denen kann er 
schlafen, schlieBlich ist er doch mit mir in eine Klasse 
gegangenl" ,,Aber wenn uns daraus Unannehmlich- 
keiten entstehen, Toni." , , Daraus konnen keine Un- 
annehmlichkeiten entstehen", sagt er und verschweigt, daB 
Vavrinec ein Abzeichen innen in der Weste tragt. Dann 
geht er ins EBzimmer zuriick, ,,du kannst bleiben", der 
andere sagt etwas von Dank, dann schweigen sie. Seitdem 
er zum Militar eingeriickt war, hatten sie einander nicht 
gesehen. Vavrinec hatte hinten in der mittleren Bankreihe 
gesessen und konnte schnarchen, daB es klang, als kme 
der Ton unmittelbar von vorne vor dem Katheder. Manch- 
mal war es ganz lustig, hauptsachlich, wenn der Jozsi Berta 
seinetwegcn in der Klemme war, mittlere Reihe, erste Bank. 
Es kommt mir vor, als ware er damals magerer gewesen. 



Langsam kommen die Worte in FluB, vorsichtige, neutrale 
Worte. Vavrinec erzahlt, daB er auf der Technischen Hoch- 
schule studiere, das heiBt, studieren wiirde, wenn das unter 
diesen roten Halunken iiberhaupt moglich ware. Zum Gliick 
sind die meisten von der T. H. vielmehr nur sehr wenige 
sind wirklich rot, na, und alle miissen so tun Im iibrigen 
wohnt er in Altbuda bei seinen Eltern; sie haben, vielmehr 
momentan: sie batten ein kleines Haus mit Garten, ,,stell 
dir vor, Mama halt im Zimmer Hiihner; mein alter Herr 
hat sich zum Gliick noch sieb2ehn pensionieren lassen. Es 
ware ja auch alles gut und schon, wenn diese verlotterte 
Welt na, aber bald " Vavrinec kommt allmahlich in 
Feuer. Dann, als besinne er sich, wird er plotzlich ver- 
schlossen und fragt lieber. ,,Na, und was ist mit dir?" 
,,Mit mir?" Er denkt nach. Soil ich ihm erzahlen, daB ich im 
Feld war, nach Albanien gekommen bin im Sommer und 
dann an die italienische Front, und daB ich siebzehn einen 
Granatsplitter in die Schulter bekommen habe, und daB 
ich in Innsbruck im Lazarett lag, und dann, als ich wieder 
gesund war, nach zwei Wochen wieder in den Schiitzen- 
graben geschickt wurde, und daB ich verlaust war und 
Menschen getotet habe, und dann, daB ich mit den iibrigen 
zuriickgekommen bin, und daB der kleine Feledy im Zug 
gestorben ist, und dann, daB ich in Budapest herum- 
gelungert habe und versucht, nach Deva zu gelangen, und 
dann, daB die Mariska Gazda nach Budapest gekommen ist 
und die Nachricht gebracht hat, daB Er schweigt, dann 
sagt er: ,,Nichts. Ich hocke in einem Biiro." ,,In was fiir 
einem Biiro?" interessiert sich Vavrinec. Dann erzahlt er, 
wie es war, daB er ein paar Tage bevor die Diktatur des Pro- 
letariats ausgerufen wurde, die Stellung bekam. Vavrinec 
rakelt sich, er mochte etwas fragen. ,,Ja, und . . . wie gehts 
dir so im allgemeinen?" ,,So so", sagt er. Er denkt 
nach. ,,WeiBt du, das ist keine Arbeit, das ist kein Leben. 
Ich warte, daB irgend etwas kommt." Zum erstenmal 
wahrend des ganzen Gesprachs atmet Vavrinec tief und frei 

6* 85 



auf. ,,Aha, du wartest auf das Ende." ,,Sagen wir, auf 
das Ende. Auf irgend etwas jedenfalls. Darauf, daB ich 
lernen kann oder verdienen oder . . . verstehst du, nein?" 
Vavrinec lachelt schlau. ,,Du, Toni", sagt er, ,,ich schwor 
dir, ich hab einen groBen Schreck bekommen, ich dachte 
schon, ich ich war iiberzeugt, du seist auch Kommunist, 
und ich Ochse pack dir da gleich alles aus und kann dann 
von hier aus schnurstracks ins Kittchen marschieren!" Er 
antwortet nicht, Vavrinec wird unruhig. ,,Ich hoffe, du 
willst mich durch dein Schweigen bloB zum besten halten." 
,,Sieh mal", sagt er, ,,ich bin weder Kommunist noch 
Gegenrevolutionar. Ich . . . hab genug, ich war mit 
drauBen, aber das kannst du nicht ganz verstehen. Na und, 
warum soil ich dir nun glauben, daB ausgerechnet von eurer 
Seite das kommen wird, worauf ich warte, etwas, was dcr 
Miihe wert ist; bisher haben doch alle nur gelogen, nam- 

lich . . . was sie gesagt und versprochen haben." 

Vavrinec schweigt eisern. ,,Sieh mal", fahrt er fort, ,,ich 
glaube, jetzt ist die ganze Welt krank, wir und RuBland, die 
ganze Welt . . . den Krieg kann man nicht so leicht oder 
aber, alle miiBten sich zusammentun, die Kommunisten und 
die WeiBen und . . . also alle." Spottisches Lacheln sitzt um 
Vavrinecs Mund. ,,Du scheinst mir sehr lau zu sein", sagt er. 
,,Aber vor alien Dingen hoffe ich, ich kann mich auf unsere 
alte Freundschaft verlassen und brauche nicht zu fiirchten, 
daB" 

Tante Anna kam den Tisch decken. Zum Abendessen 
gab es Kurbisgemuse und dunkelgraue GrieBnudeln. Wah- 
rend des Essens sprachen sie kaum, dann brachte Tante 
Anna Bettzeug, und sic schoben fiir Vavrinec ein paar 
Stiihle zusammen. Fruhmorgcns stand Vavrinec angezogen 
am Fenster und sah auf die StraBe. ,,Ich hab gewartet, bis 
du aufwachst, schon seit einer Stunde sehe ich, daB die 
Elektrischen wieder fahren, ich werde jetzt gehen." Kdddr 
zog sich auch an, bei den Alten war es noch still. Das 
MSdchen brachte zwei Tassen Tee und zwei kleine Schnitten 

84 



Brot herein. ,,Ich weiB nicht, soil ich warten, bis dein 
Onkel und deine Tante aufwachcn, oder wirst du so gut 
sein, ihnen meincn Dank auszurichtcn?" Er beruhigte ihn, 
cr konne gehen, er wiirde ihn schon entschuldigcn. Vavri- 
nec trat noch einmal ans Fenster. ,,Bitte . . . noch was. Ich 
sehc namlich, da ziehen noch ziemlich viele rote Patrouillen 
vorbei, und die Wache steht auch noch an der Briicke; es 
ist nicht ausgeschlossen, daB man sich auf der StraBe 
legitimieren muB, wenigstens gewisse Personen. Und 
schlieBlich kann ich ja nicht wissen, ob mich nicht jcmand 
erkennt, oder . . . man kann nicht vorsichtig genug sein. 
Konnte ich das nicht hierlassen . . . nur ein paar Tage, 
dann komm ichs mir holen, vielleicht sogar noch heute", 
er machte die Hand auf, das griine Abzcichen lag darin. 
,,Nein", sagte Kadar bestimmt, ,,das kannst du nicht hier- 
lassen. SchlieBlich ist das hier nicht meine Wohnung, und 
ich will meinen Verwandten keine Unannehmlichkeiten 
verursachen. Aber wenn du es nicht tragen willst, dann 
wirfs vielleicht in den Lichthof oder ins Klosett." 
,,Danke", sagte Vavrinec mit eiskalter Stimme, ,,das 
nicht." Einen Augenblick herrschtc Stille. ,,t)brigens", sagt 
Vavrinec dann zogernd, ,,zu Hause babe ich noch zwei 
Abzcichen im Garten vergraben . . . vielleicht werfe ichs 
doch in den Lichthof." Dann gingen sic zusammen weg. 
Auf der StraBe trennten sic sich. 

Die StraBe sah aus wie seit Monaten jeden Morgen, 
aber im Biiro herrschte ein ziemlich groBes Durcheinander. 
Gestern nachmittag, als die unfriedlichen Nachrichten die 
Angestellten auseinandergetrieben batten, hatte jemand 
die kleine Kasse erbrochen und ungefahr anderthalb 
Tausend Kronen blaues Geld und einen Packen weiBe 
Scheine mitgenommen, auch ein paar Schranke und Schub- 
laden waren aufgebrochen und allerlei Schriften und Bucher 
durcheinander geworfen worden, offcnbar um dem Ein- 
bruch einen etwas ratselhafteren Anstrich zu geben. Das 
hatte der Betreffcndc auch erreicht; denn der politische 



Vcrtrauensmann qualifizierte den Einbruch, ohne weiter 
zu iiberlegcn, als gcgcnrevolutionare Tat und leitete die 
Hausuntcrsuchung in diesem Sinne. Noch bevor die De- 
tcktive von der Roten Wache ankamen, lieB er das Biiro 
schlicBen und ordnete allgemeine Schreibtisch- und Leibes- 
visitation an, die er zum Teil personlich, zum Teil mit der 
Hilfe zweier Freunde, besonders zuverlassiger Kommu- 
nisten, sofort in Angriff nahm. Selbstverstandlich hatte die 
Lcibesvisitation weder einen Sinn, noch fuhrte sie zu 
einem Ergebnis. Dann kamen die Detektive, machten sich 
wichtig und verhorten jedcn Angcstellten einzeln, zum 
SchluB nahmcn sie zwei Biirogehilfen mit, und damit war 
die Angelegenheit erledigt. Einige Tage spater stellte sich 
Kadars Kollege Kovacs, der neben ihm am Schreibtisch saB, 
zu ihm, ein kleiner junger Mann mit schlechten Zahnen, 
von dem allgemein bekannt war, daB er zu Bcginn des 
Krieges einen LungenschuB bekommen hatte und zwar 
einigermaBen geheilt war, aber doch so, daB man nie wissen 
konnte, in welchem Augenblick ihn die galoppierende 
Schwindsucht erwischte. ,,Herr Kddar", sagte Kovacs, 
,,warten Sie nachher auf mich, ich mochte Ihnen etwas 
sagen." Spater kam er noch einmal wieder und bat ihn, 
doch nicht auf ihn zu warten, sondcrn sich gegen vier Uhr 
mit ihm am Westbahnhof an der StraBenbahnhaltestcile 
zu treffen. Kovacs stand schon dort, als cr um vier an der 
Haltestelle ankam. ,,Herr Kaddr", fangt er an, ,,es handelt 
sich um cine sehr schwierigc Angelegenheit, und ich habe 
das Gefuhl, mit Ihnen ganz vertraulich reden zu konnen." 

,,Bittc sehr." ,,Herr Kddar, der Dieb ist einer aus 
dem Biiro." Ach, nein . . . woher wissen Sie das?" 
^Also", sagt Kovacs unsicher, ,,ich vertrauc Ihnen und 
hofFe, ich werde nicht in cine schiefe Situation kommen ..." 

,,Aber", drangt er, ,,worum handelt es sich denn?" 
,,Also, horen Sic, heute friih komme ich ins Biiro, setze 
mich an den Schreibtisch und will die Schublade auf- 
schlicBcn: die Schublade ist offen. Na, denke ich, ist hier 

86 



etwa jcmand draa gewescn? Ich ziehe die Schublade raus, 
und gleich obcn, unter der Statistik vom Mai, finde ich einen 
Packen fremdes Papier; ich sehe es mir an: und drin 1st 
das Geld, das neulich aus der Kasse herausgenommen 
wordcn ist. Nun also . . . cs ware doch meine Pflicht ge- 
wesen, die Sache sofort zu melden und das Geld zuriick- 
zuerstatten. Und das habe ich nicht fertiggebracht. Ich bitte 
Sic, ich werde niemals in der Lage sein, zirka dreitausend 
Kronen auf einmal zu besitzen, und . . . wissen Sic, wenn 
ich einmal fur zwei-drei Monate in die Tatra gehen 
konnte ..." Kadar sieht ihn an. Schweigend gehen Sie 
auf dem Lcopoldsring nebcncinander her. Dann sagt er 
plotzlich: ,,Wollen Sie das Geld bchalten?" ,,Jawohl," 
antwortet der anderc, ohne zu iiberlegen, ,,ich fiirchte bloB, 
derjenige, der es in meinc Schublade gelegt hat, wird Larm 
schlagen!" Sie gehen und schweigcn. Kovacs atmct kurz 
und unregelmaBig in der Hitze. Nie im Leben wird cr drei- 
tausend Kronen auf einmal besitzen, nie im Leben wird er 
in der Lagc sein, seiner krankcn Lunge rcine, tanncnduftende 
Hohenluft zu schenken. Eincn LungcnschuB hat er gehabt, 
in Galizien hat er sich den geholt. ,,Herr Kovacs", sagt er 
plotzlich. ,,Sie miissen das Geld behalten. Derjenige, der 
es in Ihre Schublade getan hat, wird sich nicht mucksen, 
er wurde sich ja bloB sclbst vcrratcn. Aber achten Sie 
jedenfalls darauf, nicht jetzt gleich auf Urlaub zu gehen, 
sondern . . . spater. Hat jemand gesehen, wie Sie es heraus- 
genommen habcn?" fugt er hinzm ,,Nein, es konnte nie- 
mand sehen, niemand war im Zimmer." ,,Behalten Sie 
es, aber . . . gcschcit." Kovacs macht ein cigcntiimliches, 
geriihrtes Gcsicht und sagt: ,,danke/* Komisch Idingt 
dieses Wort, cr muB lacheln, der anderc bemerkt es. ,,Nam- 
lich fur Ihr freundliches Zureden danke ich", sagt er, 
,,glauben Sie mir, Herr Kadar, ich weiB sehr gut, was ich 
bcgehc, wenn ich das Geld behalte. Aber ... ich denke mir, 
meine halbe Lunge habe ich schlieBlich in Galizien gelasscn, 
und droitausend Kronen wiirde ich doch nie " Sie 



sind am Briickenkopf angelangt, plotzlich fallt ihm etwas 
ein. Das kann er nicht vcrschluckcn, das muB er sagen. 
,,Sagen Sic, Hcrr Kovacs, nchmcn Sic cs mir bitte nicht 
iibcl . * ." er schweigt, abcr dcr andcrc kann aus dcr Be- 
tonung und aus dcm plotzlichen Abbrechen cntnehmcn, 
was cr fragcn wollte. ,,Um Gottes willen, Sic denkcn doch 
nicht ctwa . . . ! nein, das Geld hat wirklich jemand in meine 
Schublade gelegt . . ." 

Mitte Juli bekam Kadar einen auf seinen Namen lautenden 
Stellungsbefehl: dann und dann habe er sich da und da 
zum Militardienst zu melden. Die Sache stand scblecht, 
an der TheiB wurde die Proletaries Armee schon sehr von 
den Rumanen bedrangt. Am Vormittag meldetc er sich 
bcim politischen Vcrtraucnsmann und bat um einen arzt- 
lichen Untersuchungsschcin. ,,Mir ist schwindlig, ich habe 
Kopfschmerzen und Brechreiz, es kommt mir vor, als 
hatte ich Fieber, ich weiB nicht, was mir fehlen mag." 
Vom Stellungsbefehl erwahnte cr natiirlich kein Wort. 
Zu Hause sagtc cr zu Tantc Anna: ,,Da ist dcr Stellungs- 
befehl, abcr ich gehc nicht, ich hab genug davon. Ich leg 
mich ins Bert und bleib so lange licgen, bis sic mich holcn 
kommen odcr bis sonst was wird. Die Rumanen sollen 
schon bci Szolnok scin. Wenn ihr Angst habt, gehc ich in 
irgendein Krankenhaus, und wenn ich nicht aufgcnommen 
werde, dann brcchc ich auf der StraBe zusammen, aber ein- 
riickcn, nein, das tu ich nicht." Tante Anna schwieg ent- 
setzt, aber dann rcdetc sic ihm zu, cr sollc sich nur hinlegen, 
schliefllich seicn sic ja kcine Arztc . . . und dcr alte Wcbler 
wiirdc schon konstaticrcn, was er wiinschc. Er legt sich 
ins Bett. Als er am nachsten Morgen bei strahlcndcm 
Sonncnschein sich kerngesund dehnt und streckt, muB er 
lachen. Das ist cine Kistel jctzt warte ich schon liegend ab, 
was kommt. Tante Anna pflegtc ihn cifrig, und durch 
die Magd lieBcn sic im Hause vcrbrcitcn, cr habe hohcs 
Fiebcr, seine Lunge sci nicht in Ordnung, fur den Fall, 
daB sie doch kamen, es kann nichts schadcn, wenn man im 

88 



Hause von seiner Krankheit weiB. Nach fiinf odcr sechs 
Tagen suchte ihn einer der Kollegen auf, der politische 
Vertrauensmann hatte ihn geschickt, sehen, was ihm fehle. 
Bis ans Kinn zugedeckt lag er im Bett bei der groBen Hitze. 
Tante Anna lieB den Besucher erst nach ausgiebigen Zere- 
monien ins EBzimmer, an sein Bett, fragte ihn, ob cr kcine 
Angst habc, sich anzustecken, ihr Neffe huste namlich 
so haBlich trocken. Zum SchluB bekam der Gast es wirklich 
mit der Angst, aber . . . Befehl ist Befehl, er ging zu ihm 
ins Zimmer. Der Besucher war ein langcr, blonder Schwabc 
namens Kuhnert, einer der groBten kommunistischen 
Schreier im Biiro, der sich damit briistete, daB er ein un- 
eheliches Kind sei, seine Mutter sei Tagelohnerin, und er 
hatte es trotz groBten Elends aus eigener Kraft zu dem 
gebracht, was er war. Doch weder die uneheliche Geburt 
noch die Sache mit dem Tagelohn stimmte, aber der von 
Schlagworten betorte griine Junge prahlte in sogenanntem 
ProletarierselbstbcwuBtsein mit der erfundenen zweifel- 
haften nicdrigen Abstammung. Kuhnert stand ergriflcn 
in der EBzimmertur und sah Kadar an, der gerade auf dem 
Riicken lag, die Augen geschlosscn hatte und vcrteufelt 
schwitzte unter der Decke. ,,Guten Tag, Genossc Kadar", 
sprach Kuhnert, ,,Sie sind doch hoffentlich nicht ernstlich 
krank?" Kadar gab keine Antwort, dann preBte cr ein 
groBes, trockenes Husten aus der Kehle, und danach, als 
sei er jetzt zu sich gekommen, richtete er sich muhsam im 
Bett auf. ,,Guten Tag, Genosse Kuhnert, na, was gibts 
Ncues im Euro?" ,,Das ist nicht wichrig, das ist neben- 
sachlich", tat der anderc eifrig, ,,aber was ist mit Ihncn? 
das ist wichtig!" Er winkte ab und hustete. ,,Nanu", sagte 
Kuhnert und war wirklich erschrockcn, ,,tatsachlich etwas 
Ernstcs?" ,,Was Ernstcs . . . viclleicht gehts noch 
glimpf lich ab . . . vom Krieg ist mir das zuriickgeblieben", 
sagte er duster, und dabei begann ihn etwas in der Kehle 
zu kitzeln, und nur mit groBer Anstrengung konnte er 
das Lachen untcrdriicken. Kuhnert betrachtete ihn mit 

89 



aagstlichem Gesicht, dann sctzte er sich und erzahlte, den 
Einbrechcr babe man nocb immer nicht, und jetzt wiirde 
man auch kaum noch seiner habhaft werden ; im Biiro und in 
dcr Stadt seien bosc Geriicbtc im Umlauf, allerlei Schreckcns- 
nachrichtcn baben sich verbreitet, vom nahen Sturz der 
Diktatur, vom gemeinsamen Angriff der Tscbechen und 
Rumanen, na, aber das SelbstbewuBtsein der Arbeiter 
wiirde zum ScbluB doch erwachen, fiigtc er trostend hinzu, 
und vielleicht wiirde doch zur rcchten Zeit die befreiendc 
russische Armce den Rumanen in den Riicken gelangen . . . 
Dann ging er in der Uberzeugung, der armc Kadar wiirde 
schwerlich den morgigen Tag erlebcn. Tante Anna und 
Onkel Rudi kamen herein, und im stillen veranstalteten sie 
ein derartiges Gekicher, daB Tante Anna sagte, es schicke 
sich wirklich nicht, mit so crnstcn Dingen solchen Scherz 
zu trcibcn, noch dazu in so schrecklichen Zeitenl Dann 
behelligte ihn niemand mehr, und niemand suchtc ihn. 
Er hatte ruhig aufstehen konnen, aber er blieb liegen. 
Spielen wirs zu Ende, dachte er, und es fiel ihm ein, daB er 
eigentlich gar nicht deshalb im Bctt lag ... sondern urn 
nichts tun zu miisscn, um die Zcit zu verschlafen und in 
den Stunden des Wachscins durchs EBzimmcrfenster das 
Stiickchen blaucn Himmel anzustarren. In diescm Himmcl- 
anstarren war etwas Bekanntes . . ein ganz eigentvimliches 
Gefiihl war cs : langsam bcwegt sich der Lazarettzug vor- 
warts, mit schwerem Pusten klettert er den Berghang 
hinauf, er liegt im unteren Bctt, iiber ihm atmct jemand 
mit kurzem abgerisscnem Rocheln, cr hat cincn Bauch- 
schuB, in den beiden anderen Betten stdhncn sie, sonder- 
barcrweise beidc mit ganz gleichen Verletzungen am GcsiB, 
auf dem Bauch liegen sic und sind am Bctt festgebundcn, 
und durchs Fenster sieht man ein kleines Stiickchen kalten 
Alpcnhimmel . . . jetzt ist es besser, hier, gesund daliegen 
und warten jetzt ist es wenigstens wahrscheinlich, daB 
aus der Sachc keine Sepsis generalis wiri 



90 



5 

ElNIGE Tage spater war es mit dcr Diktatur dcs Prole- 
tariats zu Ende. Sowie sich die Nachricht vom Sturz der 
Arbeiterherrschaft verbreitete, stand er auf. Ein wenig 
schwach war er geworden vom zweiwochigen Liegen, 
trotzdem ging er noch an demselben Tag ins Biiro. Dort 
herrschte wiiste Kopf losigkeit : sofort erzahlten sie ihm, 
daB der politische Vertrauensmann von vier Biirodienern 
blutig gepriigelt worden sei, die Leute von der Unfall- 
station hatten ihn weggetragen, und wer wahrend des 
Kommunismus einen groBen Mund gehabt habe, tue besser, 
seine Nase hier nicht mehr reinzustecken. Die alten Direk- 
toren der Zentrale, die von der Diktatur beiseite geschoben 
worden waren, saBen wieder an ihren Schreibtischen und 
beratschkgten wegen eines Rechtfertigungsverfahrens. In 
den Euros ging das Redenschwingen weiter, nur vor- 
sichtiger jetzt, und wenn ein Vorgesetzter durch eins der 
Zimmer kam, verstummtcn alle sofort und beugten sich 
iiber den Schreibtisch. Rein sozialistische Regierung, ge- 
mischte biirgerliche Regierung, weiBe Regierung, Inter- 
nationale Besetzung, rumanische Besetzung, davon war 
die Rede. Und davon: was auch immer komme, eins sei 
sicher: die Verbrechen der Diktatur konnen nicht un- 
geahndet bleiben. Sonderbarerweise war innerhalb von 
Minuten und Stunden ein jeder zu einem Opfer der Prole- 
tarierherrschaft geworden, jeder hatte plotzlich ein mehr 
oder weniger gut oder schlecht gelungenes Abenteuer 
hinter sich, mit den Leninschen oder mit seinem kommu- 
nistischen Hausmeister oder mit cinem roten Agentcn; 
und fast jeder hatte irgend jemanden, der mit knapper 
Miihe mit dem Leben davongekommen war, als eines 
Abends . . . und so weiter. Auf den StraBen war Gedrange, 
berittene Polizisten in Paradeuniform zogen durch die Stadt, 
Offiziersuniformen mit den strahlenden Sternen am Kragen 
tauchten auf, die roten Fahnen verendetcn, in Fctzcn 



zerrissen, auf dcm Misthaufcn, und die kommunistischcn 
Plakatc waren von den Mauern abgewaschen. Aber sofort 
wurden an ihre Stelle andere Plakate geklebt: die Worte 
warcn anders, der Sinn der gleiche. Anstatt der roten Kehle 
schrie die weiBe Kehle an alien StraBenecken Tod, an 
Stelle der roten Faust drohte die weiBc Faust den Atem in 
die Brust der StraBc zuriick, ganze Hauserreihen cntlang. 
Auf dem Ring boten StraBenhandler sofort Schokolade 
und Zigaretten feil, aber an der Peripherie schleppte man 
in blutigen Tumulten halbtotgeschlagene Menschen in die 
Hausflure. Mordgeruch verbreitete sich in der Luft, die 
ganzc Stadt summte, und doch, fiel irgendwo ein lauteres 
Wort, dann fingen die Menschen an zu renncn, einer 
sah den andern miBtrauisch an, und dennoch, wenn irgend- 
wo drci stehenblieben, so scharten sich sofort weitcre 
dreiBig um sie. Zeitungen, nur ein Blatt stark, heulten 
Rache, und in den Schaufenstern der wieder croffneten Bank- 
geschafte erschicn cine mcrkwvirdige Ncuigkeit: Die Zii- 
richer Notierung der ungarischen Krone, das stand oben 
auf einem Blatt Papier. DCS Nachts konnte man wieder 
SchieBen horen. Und dann zogen bei einer lautcn, ab- 
gerissenen, kecken, ein wenig barbarisch klingcnden Trom- 
petcn-Melodie Rumanen iiber die Andrassy-StraBe. 

Die Rechtfertigungssachc im Biiro ging sehr leicht. 
Hcrr Huber, Mitglied des Rechtfertigungsausschusses, 
fliistertc dem AusschuB-Prasidenten etwas zu, als Kadar 
vor den langen Tisch des Sitzungssaales trat. Einmal stand 
ich schon vor einem solchen langen Tisch, bloB ist auf diesem 
hier griincs Tuch. ,,Nicht wahr, Sie haben das Amt eines 
politischen Vcrtraucnsmanncs abgelehnt?" sagte der Prasi- 
dent. ,,Ja", antwortetc Kadar. ,,Sic haben sich, nicht wahr, 
am dreizehnten Juli im Biiro krank gemeldet und im Bert 
gelegen, aber nur mit dem Zweck, dem roten Stcllungs- 
befehl nicht Geniigc tun zu miisscn?" Ja." ,,Sie 
waren seinerzeit im Kriege Soldat, nicht wahr?" ,,Ja- 
wohl." ,,Ihr Rang?" ,,Fahnrich." ,,Dankc." 



Ungefihr zehn Kollegen, daranter auch Kuhnert, wurden 
hinausgeworfen, damit war die Angelegenheit erlcdigt. 
Nach einigen Tagen setzte die sogenannte Reorganisations- 
arbeit ein, die in der Hauptsache darin bestand, daB die 
Korrespondenz und die sonstigen Papiere, die sich seit 
dem einundzwanzigsten Marz angehauft hatten, in einen 
besonderen Schrank geschlossen wurden. Um die Schreib- 
tische herum bildeten sich genau so Gruppen wie vor einem 
Monat, aber jetzt wurden die Tagesereignisse nicht mehr 
aus dem Gesichtswinkel des orthodoxen Marxismus oder 
der Proletarier-Moral diskutiert, sondern unter den Schlag- 
worten vom verlorenen Krieg, vom auferstehenden 
Kapitalismus und von der nationalistischen Erneuerung. 

Anfang September kam dann aus authentischer Quelle 
die Nachricht, die Regierung wiirde die Metallzentrale 
liquidieren. Es vergingen kaum ein-zwei Tage, und ein 
groBer Teil der Beamten, unter ihnen Kadar, erhielten 
tatsachlich die Kiindigung fiir den ersten Oktober. Er be- 
trachtete den Brief, an dessen SchluB stand, wegen der 
gesetzmaBigen Abfindung konne er sich dann und dann 
da und da melden. Im iibrigen fiihlte er etwas wie Be- 
freiung. Also werde ich Herrn Demjen und Herrn Zoller 
und Herrn Kovacs mit seincn dreitausend Kronen nicht 
mehr sehen, wenigstens nicht mehr in diesem Biiro, und 
die blonde Manci und die braune Kato. Ich werde von den 
Rubrikbogen und den Zahlenkolonnen Abschied nehmen. 
Allerdings auch von den monatlichen sechshundert Kronen. 

Er ging nach Hause, teilte den Alten mit, daB er ent- 
lassen sei, daB er cine Abfindungssumme bekommen 
werde, und auch das sagte er, daB er auf der Technischen 
Hochschule Architektur studieren wolle. Seine Papiere 
hatte er alle ordentlich beisammen, dazu legte er noch das 
Schriftstuck, das sein vaterlandstrcues und sittliches Be- 
tragen wahrend der Diktatur des Proletariats im Amt 
bescheinigte, und eines Morgens stand er vor dem Eingang 
der Technischen Hochschule. Hicr war offensichtlich 



95 



etwas nicht in Ordnung. Auf dem Platz vor dem Geb&ude 
lockere Gruppen streitender, larmender junger Leute, am 
Donauufer zwei oder drei groBere Gruppen; auch einen 
Rettungswagen mit der griinen Fahne sah er und einen 
ziemlich groBen Trupp rumanischer Soldaten. Von Zur- 
Verantwortung-Ziehen auf der Universitat, von Schlage- 
reien horte man Gerede, na, das diirfte ihn schwerlich 
interessieren. Im Tor standen zwei junge Leute mit Stu- 
dentenmiitzen. Sie sahen ihm ins Gesicht. ,,Immatriku- 
lation?" ,,Ja." ,,Bitte." In der Vorhalle, wie er auf 
der Treppe bei der Miindung des Flurs angelangt ist, 
umringt ihn plotzlich cine groBe Gruppe. ,,Kommilitonen- 
ausweis?" ,,Hab ich noch nicht", sagt er, ,,ich will 
mich gerade einschreiben lassen." ,,Erstes Jahr?" 
,,Jawohl.'* ,,Taufschein!" Er greift in die Tasche nach 
seinen Papieren. ,,Antal Kadar?" hort er in diesem Moment 
eine bekannte Stimme. Er blickt auf: drei Schritt von ihm 
steht Vavrinec. Einen Augenblick sehen sie einander an, 
dann zeigt Vavrinec mit ausgestrecktem Arm nach ihm 
und schreit: ,,elender Kommunist!" Die Wimpern zucken 
ihm, er kriegt zwei wahnsinnige Ohrfeigen, an der Schultcr 
fiihlt er so etwas wie damals beim Granatsplitter und saust 
die Treppe hinunter, noch da unten fiihlt er, daB jemand ihn 
in die Seite tritt. Einige Tage hindurch hatte er ununter- 
brochen Visionen von Vavrinec, wie er nach ihm zeigt, 
und hort seine Stimme: ,,elender Kommunist!" Dann kam 
er wieder zu sich, es wurde ihm besser; der Schlag mit dem 
Gummikniippel hatte ihm zwar den Schulterknochcn 
gebrochen, aber der Bruch wuchs ohne Komplikationen 
zusammen, auch der FuBtritt hatte keine weiteren Folgen 
als einen lila-griinen Fleck in der GroBe einer Schuhsohle 
an der Hiifte. 

Ruhig lag er im Krankenhausbett, als die Alten ihn 
besuchen kamen, von der Geschichte sprach er nicht. Nur 
als Tante Anna eines Nachmittags an seinem Bett zu weinen 
anfing: ,,Toni, Tonichen, das ist Gottes Strafe, weil du 

94 



gesund im Bett gelegen hast !", da kam er ein wenig in Rage : 
,,WeiBt du, Tante Anna, moglich, es ist Gottes Strafe, abef 

auch dann bloB darum " Auf das laute Sprechen kam 

sofort die Pflegerin: ,,Bitte, meine Dame, regen Sie doch 
den Kranken nicht auf", und da schwieg er auch. Im 
Krankenhaussaal lagen sie zu vierundzwanzig, Operierte 
und hauptsachlich solche, die einen StraBenunfall erlitten 
batten. Sein Bett stand in der Ecke des Saals unter dem 
hoben Fenster, neben ibm lag ein apathiscber alter Mann 
mit provisorischem Verband um den zerschnittenen Baucb. 
Er wandte den Kopf zur Seite und betrachtete den Alten, 
der seit Tagen im Sterben lag. In langsamen, scbweren Ziigen 
atmete er die Luft ein und blies sie in kleinen rochelnden 
StoBen wieder aus. Die Augen hatte er geschlossen, von 
Zeit zu Zeit offnete er den Mund und verzog ibn scbmerzlich 
zu einer lautlosen, furchterlichen Klage. Diesen alten Nach- 
barn besucbte tagelang kein Mensch; wenn die ubliche 
Tagesvisite kam, nickte ein junger, blonder Arzt mit einer 
anerkennenden, knappen Kopfbewegung nacb dem Alten 
bin, als wollte er sagen, schau, schau, Sie leben noch? das 
ist aber wirklich schon. Eines Morgens wurde dann eine 
spaniscbe Wand vor das Bett des Alten gestellt, der Wagen 
mit den Gummiradern rollte heran, das Bett wurde friscb 
iiberzogen, und abends legten sie einen jungen Burscben 
hinein, der von der StraBenbahn iiberfahren und dessen 
Bein unterhalb des Knies amputiert worden war. Der 
Junge war bewuBdos und keucbte wie ein gehetzter Hund 
in der Hitze, und mit diinner, weinerlicber Kinderstimme 
stohnte er in einem fort: ,,Mama . . . Mama . . ." Zwei 
Betten weiter saB ein Mann mit rotem Gesicht im Bett, 
sein ganzer Korper war eingewickelt. Er erzahlte, im 
Schlachtbaus sei ein eben getoteter Ochse auf ihn gefallen 
und babe ihm die inneren Teile zerquetscht, die Pflegerin 
indessen sagte, auf dem Ferenc-Ring babe man ibn von der 
Elektriscrwn gezerrt, verpriigelt, und so sei er hergekom- 
men. Der mit dem roten Gesicht fragte bei jeder Gelegenheit 

95 



mit lauter Stimme den schwarzhaarigen Arzt: ,,Herr 
Doktor, haben Sie die Knochen fur den Hund bekommen? 
ich habs angeordnet, daB Ihnen die Knochen fur den Hund 
geschickt werden." Auch ihn lieB er durch die Pflegerin 
fragen, ob er keinen Hund habe, und wenn ja, ob er dann 
Knochen fiir den Hund wolle. Noch ein lauter Kranker 
war da, von dem wuBte er nicht, was ihm fehlte, der lag am 
andern Ende des Saales, und wenn er gerade nicht im 
Morphiumrausch war, sagte er laut, aber ganz mechanisch 
monoton vor sich bin: ,,Sandor, ich halte das nicht aus, 
Sandor, ich halte das nicht aus." Diese Dinge regten ihn 
nicht auf. Was war so ein stiller Krankensaal mit seinen 
Blinddarmen, Armbriichen und von der StraBenbahn 
Uberfahrenen im Vergleich zum Verbandplatz hinter der 
Piave oder zum Innsbrucker Militarspital Aushilfsstelle II B I 
Hier war ja niemand mit ausgelaufenen Augen, mit heraus- 
hangenden Eingeweiden, mit einer abgerissenen Backe, 
mit zersplitterter Hiifte, mit Zuckungen des Nervenschocks 
oder mit der todlichen Erstarrung vom Luftdruck. Hier 
konnte man ruhig liegen und die weiBgetiinchte, hohe 
Decke anstarren, und auch hier gab es ein kleines Stiickchen 
blauen Himmel, wenn er auf dem Riicken lag, den Kopf 
ganz hoch hielt und zum obersten Teil des Fensters hinauf- 
blickte. Vavrinec hatte ihn verpriigeln lassen, elender 
Kommunist, das war wegen des griinen Abzeichens, 
das er in den Lichthof werfen muBte. Immerhin war ich 
in der Technischen Hochschule, schlieBlich ... hat das noch 
nichts zu bedeuten. Wenn ich das Semester nicht verpasse, 
lasse ich mich noch immatrikulicrcn. Vavrinec wird ein- 
sehen, daB ich die Priigel nicht verdient habe. Taufschein! 
bitte. Bitte sehr, Ihre Papiere sind in Ordnung, Herr 
Kollege. Ich glaube nicht, daB Vavrinec mir die Ohrfeigen 
gegeben hat, aber ganz bestimmt hat mich einer von hinten 
auf die Schulter genauen, oder wenigstens von der Seite. 
Sie batten mich ebenso gut auf den Kopf schlagen kdnnen, 
die Italicner haben auch nicht gcfragt, wohin sie schieBen 



diirfen, die Kugel 1st mir auch in die Schulter gegangen, 
hatte ebenso gut in den Kopf gehen konnen. Dem Kovdcs 
ging sie in die Lunge. Vielleicht ist der schon in der Tatra 
mit seinen Dreitausend, Frage, ob er mit dem weiBen Geld 
etwas anfangen konnte, denn weiBes war auch dabei, 
sogar mehr als blaues. In der Tatra kann man gesund werden, 
hier auch, ich bleibe auch gar nicht mehr lange. Ich will 
lernen und will Geld verdienen, vielleicht besuche ich die 
Mariska Gazda in Wien oder in Italien, jetzt kann man 
schon nach Italien, es ist ja kein Krieg mehr. Frieden ist, 
und der Kommunismus hat auch aufgehort, jetzt kann man 
das Leben beginnen. 

Eine der Pflegerinnen, ein groBes Madchen mit schwar- 
zem Haar, ging tagsiiber oft zu ihm, stellte sich an sein 
Bett und sprach ein paar Worte mit ihm. Wenn aber 
Schwester Agota Nachtdienst hatte, dann saB sie stunden- 
lang unten auf seinem Bett, und beim Schein der blauen 
Lampe unterhielten sie sich leise. ,,Na, jetzt miissen Sie 
schlafen", sagte das Madchen manchmal, blieb aber auf 
dem Bett sitzen, und das Gesprach ging weiter. Oft dam- 
merte es schon, wenn er einschlief, aber er war nicht miide, 
er konnte ja auch am Tage schlafen, wenn er wollte. 
Ein hiibsches Gesicht hat sie, dachte er, auch schone, 
schmale Hande, ich kann mir nicht denken, daB sie diese 
schrecklichen Kranken damit anriihrt. Ihr Haar ist schon, 
unter der Haube sieht man, daB sie es in Schnecken an den 
Ohren tragt. Aber sie ist kleiner als ich. Eines Nachts 
ergriff er ihren Arm, so daB er mit den Fingern auch ihre 
Brust beriihrte, wie damals bei Mariska Gazda. Schwester 
Agota wehrte es nicht ab, sie driickte sogar mit dem Arm 
seine Hand an ihren Korper, von da an setzte sie sich 
nicht unten aufs Bett, sondern so, daB sie einander leicht 
erreichen konnten, und dann hick er manchmal die halbe 
Nacht ihre Hand und griff ganz mutig an ihre Brust, und 
das Madchen striubte sich nicht dagegen, aber trotzdem, 
hier im Krankenhaus, auf dem Krankenbett wagte er doch 

7 KOrmendi, Budapest 97 



nicht mit ihr anzufangen. Als er indessen Anfang Oktober 
cntlassen wurde, sagtc cr bcim Abschicd zu Agota: ,,Sagen 
Sic, wiirden Sie nicht einmal mit mir . . . spazierengehen?" 
Eines Sonntags nach dem Essen ging cr sie im Kranken- 
haus abholen; sic trug ein brauncs Kostiim und cinen 
braunen Filzhut. Die Sonne schien, die Luft war fein und 
lau. ,,Wollen wir ins Nationaltheater gehen?" fragte er das 
Madchen. ,,Bei dem schonen Wetter ins Theater . . . nein, 
gehcn wir lieber spazieren und in einer Konditorei Kaffee 
trinken, und wenn Sie wollen, konnen wir spater auch 
noch ins Kino gehen", sagte sie und fiigte plotzlich hinzu : 
,,Geld habe ich", und lachte. Er wurde rot. ,,Wo denken 
Sie hin . . . Geld habe ich auch!" und dabei dachte er, 
was fur ein Gliick, daB es Onkel Rudi gelungen ist, das 
weiBe Geld bei einem bekannten Eisenbahnkassierer in 
Postgeld umzuwechseln. Sie gingen die Rakoczi-StraBe 
entlang bis zum Ostbahnhof, dann weiter in den Stadtwald. 
Schon war der Herbstnachmittag ; auf den Promenadcn 
ein Gewoge von Menschen, vor und hinter ihnen liefcn 
Kinder hin und her. Auf einer Bank saB cine dicke Frau 
und saugte ein Kind mit kohlschwarzem Haar. ,,Mein Gott, 
wenn ich ein Kind haben konnte", sagte das Madchen und 
hing sich bei ihm ein, ,,aber das geht nun mal nicht." Wie 
warm ihr Arm ist, dachte cr; ,,warum geht das nicht?" 
fragte er dann dumm und taktlos, aber sie kam nicht in 
Verlegenheit. ,,Es geht nicht, weil . . . na, weil es eben 
nicht geht, Sie Dummchen. Einmal war es schon bcinahc 
so weit und . . . also, darum kann es nicht mehr scin." 
Rote Glut lief ihm durch alle Glieder. Einmal war cs schon 
fast so weit: das heiBt also, daB Sic setztcn sich auf cine 
Bank, er dachte fortwahrcnd daran, daB es einmal schon 
fast so weit war, dann umarmtc cr das Madchen, zog sie 
an sich cs dunkcltc schon und kiiBtc sie. Sic cmpfing 
seincn Mund mit geoffneten, darbictenden und emp- 
fangcndcn Lippcn, cincn gutcn, rcinen, kiihlen Ge- 
schmack hat ihr Mund, die Erzsi vom zwcitcn Stock habe 



ich nie gekiiBt ... da stand das Madchen plotzlich auf. 
,,Das mag ich nicht", sagte sie, ,,das ist Dienstbotenstil, 
so im Stadtpark auf einer Bank. Gehen wir ins Kino." 
Sie setzten sich in ein Kino in der Arena-StraBe, ,Lustspiel- 
Abend* kiindete ein Plakat an. Das Kino war gedrangt voll, 
heiB, und es stank. Agota lachte herzhaft iiber die Filme, 
,,ich schwarme fiir Burlesken", sagte sie, zwischendurch 
preBten sie einander die Hande. Als die Vorstellung zu 
Ende war, aBen sie in einem Cafe schlechtes Geback und 
tranken Kaffee, dann stand das Madchen auf: ,,jetzt gehen 
wir nach Hause." ,,Nach Hause?" fragte er mit er- 
schrockenem Beben in der Stimme. ,,Natiirlich, Sie Dum- 
mer", lachte sie ihn aus, ,,natiirlich gehen wir nach Hause, 
aber nicht zu Ihnen, ich weiB, Sie wohnen bei diesen Alten, 
zu mir. Oder wollen Sie nicht? . . ." Er legte seine Hand in 
Agotas Arm und antwortete nicht; sie brachen auf. Ein 
wohliges Gefiihl hatte er in der Brust, wir gehen nach 
Hause. In wenigen Minuten waren sie an einem groBen 
Mietshaus angekommen, hier wohnte sie. In der dritten 
Etage traten sie in eine winzig kleine Diele und von dort 
in ein hiibsches, sauberes, groBes Zimmer. Im Zimmer 
standen viele Mobel, ein EBzimmertisch, zwei Schranke, 
Stiihle und auBer dem Bett auch noch eine Chaiselongue. 
Er zeigte auf die Chaiselongue: ,,wohnen Sie nicht allein?" 
,,Selbstverstandlich nicht, ich wohne mit meiner 
Sch wester zusammen, sie ist auch Pflegerin, jetzt hat sie 
drei Tage Urlaub und ist nach Palota gefahren zu ihrem 
Brautigam." Agota lachte, sie war guter Laune und hiipfte 
im Zimmer umher, machte Ordnung, schliipfte in ein 
Hauskleid, holte aus einer kleinen Kiiche etwas Kaltes zu 
essen und stellte noch einen Rest Rum dazu auf den Tisch; 
,,andere GetrSnke habe ich nicht, macht das was?" 
I wo, das macht gar nichts." Als er sich dann an den Tisch 
gesetzt hatte, trat das Madchen hinter ihn und faBte ihn 
bei den Schultern. ,,Du weifit doch, daB du vor morgen 
friih nicht hier weggehst? nachts iiber die StraBen zu gehen 

7 * 99 



ist verbotcn, ich bin ja so froh, daB du die ganze Nacht hier 
bleibst!" 

Gegen Morgen wachtc er auf ; es war noch dunkel, 
von der StraBe horte man cine Weile das Raderquietschen 
eines schweren Wagens, dann war es wieder still. Agota 
lag auf seinem ausgcstrcckten rechten Arm, mit schmal 
zusammengepreBtem Mund schlief sie. Plotzlich taumelte 
groBe Traurigkeit in seine Brust, doch war es nicht die 
iibliche auf die Umarmung folgende Tristitia. Er betrachtete 
die schlafende Frau von der Seite, ihr aufgelostes, dichtes, 
schwarzes Haar und das im Halbdunkel blaB leuchtende 
schone, ovale Gesicht. Herr Gott, wie komme ich zu dieser 
Frau, zu dieser besseren Gattung? Gcohrfeigt haben sie 
mich, die Schulter haben sie mir zerbrochen, mich mit FuB- 
tritten hinausgeworfen . . . ob ich word noch einmal hin- 
gehen kann und ihnen sagen, meine Herren, hier muB 
ein Irrtum vorliegen? Ich bin Antal Kddar, Fahnrich im 
Krieg, hab eine Schulterwunde, kleine und groBe Silberne 
Tapferkeitsmedaille und das Karls-Kreuz, bin zwanzig 
Jahre alt, reformiert, war nicht Kommunist, das beweisen 
Dokumente, und das kann ein Mitschiiler von mir namens 
Istvan Vavrinec beweisen, ich will zu euch, ich mochte 
studieren und Architekt werden im . . . im Interesse des 
ungarischen Vaterlandes und urn . . . Geld zu verdienen, 
ich habe auch Talent zu diesem Fach, ich werde euch 
bcstimmt keine Schande machen ... Sein Arm zuckte, 
durch die Bewcgung fuhr das Madchen auf, sie setzte sich, 
und mit runden, etwas crschrockenen und fremden Augen 
sab sie ihn einen Moment erstaunt an, dann hiipfte ein 
leises Lachcn iiber ihre Lippen, sie warf sich wieder hin 
und schmicgte sich an ihn. Um halb acht brachen sie zu- 
sammen auf; iiber Nacht hatte es sich bewoikt, und jetzt 
spriihte langsam der Regen. Sie gingen zu FuB auf das 
Krankenhaus zu, Agota hing sich bei ihm ein und sprach 
zartelnde kleine Dummheiten. ,,Donnerstag bin ich wieder 
frci, dann kommst du mich mittags abholen, und wir gehen 

TOO 



direkt nach Hause, ja Haschen, nicht wahr, wk brauchcn 
doch nirgcnds hinzugehen? Marta wcrdc ich bitten, sic 
mochte den Nachtdienst iibernehmen, das wird sie tun, 
ich tus auch immer fur sie, nicht wahr, das wird schon sein, 
mein Liebling?" 

Nach acht Uhr langte er zu Hause an : die Alten saBen im 
EBzimmer, und Tante Anna hatte dunkle Rander unter den 
Augen von der Aufregung und vom Wachen. ,,Aber Toni, 
Kind, um Gottes willen, es ist dir doch nichts passiert? ich 
habe kein Auge zugetan, so habe ich mich um dich ge- 
angstigt, du bist doch kaum erst gesund!" Er zwang sich 
zu freiem, unbefangenem Ton. ,,Nichts fehlt mir, Tante 
Anna. Aber . . ." er schwieg und sah vor sich auf die Erde. 
Vavrinec konnte es bezeugen, aber er wird es nicht tun, 
im Gegenteil. ,,Tante Anna, Onkel Rudi, eine groBe 
Neuigkeit. In der Nacht ... die ganze Nacht habe ich iiber 
diese Sache gesprochen und beratschlagt. Ich gehe nach 
Wien, auf die Universitat. WiBt ihr, eine Stelle habe ich 
nicht, hier werde ich an der Universitat nicht aufgenommen, 
aber selbst wenn man mich mit Honigseim lockte ... ich bin 
zwanzig Jahre alt, etwas muB ich anfangen." 

Onkel Rudi lauschte dieser Rede mit miBtrauischem 
Gesicht. Hier stimmt etwas nicht ganz, der Junge hat wieder 
irgendeine Torheit vor. In Tante Anna wurde sofort das 
ganze Orchester des Protestes laut: ,,Um Himmels willen, 
liebes Kind, wie stellst du dir derm das vor, in einer fremden 
Stadt? woher nimmst du das Geld, wo wirst du wohnen? 
ja, und wie wirst du leben unter fremden Menschen?!" 
Mit kurzen, klugen und fast kiihlen Worten antwortete er. 
,,Was habe ich hier zu tun? wie kann ich hier leben und 
wie lange, euch auf der Pelle? Ihr wiBt, ich habe versucht 
unterzukommen, ihr wiBt, wie das ausgegangen ist. Von 
der Metallzentrale bin ich entlassen worden, konnt ihr 
mir eine andere Stellung, eincn anderen Beruf verschaflFen? 
Na, seht ihr." Die abratenden Worte und Argamente 
flaucn plotzlich ab. ,,Ja, da drauBen ist die Welt doch 

101 



anders, war es auch immer", sagt Onkcl Rudi. ,,Beim Mili- 
tar haben sic auch nicht gefragt, liebes Kind, wie stellst du 
dir das denn vor in cincr frcmden Stadt . . . Er soil seine 
Sache nur machen, wie cr cs fur am bcsten halt, so gut er 
es kann. SchiieBlich ist er ja ein erwachsener Mensch, er 
kann die Verantwortung iibernehmen ..." 

Am Nachmittag meldete er sich in seinem friiheren Biiro, 
wo sic durch Onkel Rudi so viel von ihm wuBten, 
daB er einen StraBenunfall gehabt hatte. Sein alter Conner 
hatte sich anscheinend wieder fiir ihn verwendet: die Ab- 
findung von drei Monaten wurde um einen Monat ver- 
langert, er bekam zweitausend Kronen in die Hand in 
guten Zwanzigkronennoten. Als er nach Hause kam, zeigte 
er das Geld. Davon werde ich in Wien lange leben. Fiir 
Reise, Papiere und kleinere Anschaffungen werden ein paar 
hundert Kronen draufgehen. DieAlten nehmen sicher keinen 
Heller von mir an, von dem Geld kann ich in Wien 
lange leben. 

Am nachsten Tag packte er seine Papiere zusammen 
und bat auf der Polizei um einen PaB. Ein gutes Vorzeichen : 
der Beamte im PaBbiiro, der ihm seine Papiere abnahni, 
warf einen Blick in den Taufschein und sagt, ,,sieh mal 
einer an, bist du vielleicht der Sohn vom alten Toni 
Kadar?" Die Bekanntschaft stellt sich heraus; cine Stunde 
spater ist der PaB fertig. Es gibt cine Rubrik: fiir welche 
Lander ist der PaB giiltig? da hinein schreibt der Beamte : 
Europa. Europa, denkt er, ich reise nach Europa. Ich reise 
ins Leben. 

Auf dem osterreichischen Konsulat ging die Sache 
schon schwerer. Zunachst dauerte es stundenlang, bis er 
ins Amtszimmer gelangte, dann verweigerte ein kleiner 
Herr mit einem Bart wiitend gestikulierend das Visum: 
,,wir brauchen keine Leute, die uns das Brot wegessenl 
ohnc Vcrmogensausweis bewillige ich die Einreise nicht 1" 
Er zog den Packen Banknoten aus der Tasche; der mit dem 
Bart starrtc ihn an und fing mcckernd an zu lachcn, ,,Sic 

102 



Kind, Sic Kind, na, halten Sic mich nicht auf, welter!" 
Im Treppenhaus er taumelte aus dem Amtszimmer wie 
vor den Kopf geschlagen tritt ein machtiger, dicker 
Mann mit rotem Gesicht nebcn ihn. ,,Kein Visum, was?" 
fragte er, wie er ihm in das beklommenc, nicdergeschlagene 
Gesicht blinzelte. ,,Hcr mit dem PaB, junger Mann, und 
dort hinter der Saule auf mich gewartetl Zwanzig Kronen 
und die Spesen!" Er iiberlegtc keinen Augenblick, driickte 
dem Dicken den PaB und zwei Zwanziger in die Hand und 
stellte sich hinter die Saule. Vor dem Eingang steht die 
Menschenschlange, und wie ein eigentumliches Zeitsignal 
offnet sich in Abstanden von ein paar Minuten die braune 
Tiire, die Schlange bewegt sich, riickt vor, und ganz vorn 
an der Tiir stehen andere Menschen. Eine Frau mit braunem 
Kopftuch, ein Herr mit steifem Hut und ein Bankbote oder 
sowas mit einer Miitze und eine Dame mit einem kleinen 
Jungen, der Rote ist nirgends. Ich Esei, jetzt bin ich an 
einen Schwindler geraten, und auch mein PaB ist futsch . . . 
ach, Unsinn, der verschaffts mir gewiB, das ist dessen Beruf 
. . . wars nicht leichter, sich mit dem Geld davonzumachen, 
den PaB kann er wegwerfen oder zerreiBen. Auf einmal 
steht dann der Dicke neben ihm, driickt ihm den PaB in 
die Hand und auch noch ctwas Kleingeld. ,,Wenn Sie 
wieder mal sowas brauchen, oder ein Bekannter, Sie finden 
mich hier oder bei den Tschechen, fragen Sie nur nach 
Biichler. Zwanzig Kronen und die Spesen, billig, was?" 
Soweit ware die Sache nun also in Ordnung. Am nachsten 
Tag ging er friih an die Bahn und erkundigte sich nach 
den Ziigen. Infolge des Kohlenmangels verkehrt nur ein 
Zug nach Wien, Abfahrt morgens sieben Uhr. Also mit 
dem werde ich fahren. Er liest eine grofie Tafel, auf der die 
Abfahrtzeiten der Ziige angegeben sind. Richtung Wien: 
700. Heute geht noch ein Zug, nach Szeged. Vor dem ein- 
zigen geoffneten Schalter stehen die Menschen in einer un- 
absehbaren Schlange. Polizisten, rumanisches Militar. Auf 
dem leercn Bahnhof Eisenbahngeruch. In dem Moment 

103 



spurt cr das Rciscfiebcr; er geht durch die Vorhalle, will 
auf den Perron, die Tiir ist geschlossen. Er tritt in den 
Wartcsaal dritter Klasse, durch das Fenster betrachtet er 
die paar leeren Waggons, die auf dem ersten Gleis stehen. 
Ich reise. Nach Wien, nach Europa. Ins Leben. 

Auf dem Heimweg kauft er in der Rakoczi-StraBe vier 
Hemden, vier Unterhosen, vier Paar Striimpfe, einen 
Schlips, ein halbes Dutzend Kragen und einen grauen 
Wintermantel. Der Verkaufer sagt bei allem: ,,Bitte, mein 
Herr, allerfeinste Friedensware; sehen Sic sich bitte diese 
Striimpfe an, echt fil d'Ecossc, und dieser Mantel, bitte 
sehr, das ist echter englischer Friedensstoff." Langsam 
ging er weiter, und als er zu Hause ankam, war das Paket 
schon da. Er machte es auf, legte die Sachen zurecht, holte 
aus dem Schrank im Flur seinen iibrigen Krimskrams, 
spielte damit wie ein Kind. Tante Anna sah ihm kopf- 
schiittelnd, mit triib werdenden Augen zu. ,,Ich kann es 
gar nicht glauben, daB du wirklich weggehst, Toni." Aus 
der Kammer holte sic einen schonen groBen braunledernen 
HandkofFer. ,,WeiBt du, Toni, diesen Koffer hat Onkel 
Rudi friihcr benutzt, wenn er auf langere Dienstreisen 
ging . . . wir schenken ihn dir, er soil dich begleiten auf 
deinem Weg zum Gliick." Sic sah zu, wie er in den Sachen 
kramte. ,,Du packst doch nicht etwa schon? Wann willst 
du denn reisen? Ich muB dir doch erst deine Wasche 
waschen lassen und deine Anziige in Ordnung bringen!" 
Er sagt es heraus : er will reisen, sowie cr fcrtig ist, morgen 
lost er sich schon die Fahrkarte. Tante Anna macht sofort 
ihren Ausstaffierungsplan, gibt dem Madchen die Wasche, 
sie solle sich noch hcute in die Kiichc stellen an den kleinen 
Trog; und sic sclbst macht sich sofort iiber die Anziige 
her, biirstet sie aus, entfleckt sie und naht Knopfe an. 

Friihcr vor den Versctzungspriifungen hatte er in der- 
artigcm Taumel gelcbt wie jetzt. Wie war das nur gekom- 
mcn . . . mit Wicn? Wie war ihm das so plotzlich ein- 
gef alien, nach Wien zu gehen? Als er da ncben Agota kg 

104 



und sic noch schlief, da dachte er, in Budapest kann man 
diese ganze Sachc nicht fortsetzen, das heiBt, nicht an- 
fangcn, ich wollte nach Deva gchen, und cinmal war ich 
... in Innsbruck. Und da war es ihm klar, daB er weg muB 
aus Budapest, nach Deva zieht ihn jetzt nichts mehr, und 
in Innsbruck war er im Kriegsspital ; nach Wien werde 
ich gehen, das ist nahe, und ich war noch nicht in Wien, 
eine groBe Stadt, dort nimmt man mich sicher an der 
Technischen Hochschule auf. Fahnrich Kadarl mit der 
Sehnsucht nach Studium, Geld und Leben, den gegeniiber- 
liegenden Grabenabschnitt, der von Wien 

Donnerstag mittag nach dem Essen, bevor der alte 
Herr in sein Schlafzimmer ging, trat er vor ihn hin. ,,Onkel 
Rudi, ich komme heute nicht nach Hause." ,,Nanu?" 
Er sah ihn groB an. ,,Namlich, ich habe ein . . . jemanden, 
und da ich doch wegreisen werde ..." ,,Gut, gut", 
Onkel Rudi wandte verschamt den Blick ab, ,,schon gut, 
geh nur, der Tante werde ichs schon . . ." Rosiger Laune 
spazierte er im Nachmittagssonnenschein auf das Kranken- 
haus zu. Schones, langes, schwarzes Haar hat sic, auch ihr 
Haar riecht gut. Plotzlich brach die gute Stimmung ab. 
Soil ich ihr sagen, daB ich verreise und daB ich wahrschein- 
lich nicht mehr ... Er blieb stehen, ein stechender 
kleiner Schmerz erstarrte ihm in der Brust. Ich habe 
jemanden, kaum habe ich jemanden . . . du lieber Himmel, 
Vater und Mutter sind gegangen, Mariska Gazda kam und 
ging, und der kleine Feledy, auf den ich aufgepaBt habe, 
er ist auch gegangen, und Tante Anna und Onkel Rudi, 
von denen gehe ich weg, und nun auch von der Agi . . . Er 
konnte nicht weitergehen und blieb minutenlang am Rande 
des FuBsteiges wie gelahmt stehen und fiihlte nur: ich gehc 
weg und verlasse sie, kaum daB ich jemanden habe. 

Frisch trat das Madchen aus dem Tor des Kranken- 
hauses, sie hatte das braune Kleid von neulich an, in der 
Hand ein kleines Paket. ,,Mcin Mittagessen, das heiBt, 
etwas Kaltes haben sie mir stattdcssea eingcpackt, ich habe 

105 



namlich gcsagt, der Magcn tut mir wch, ich kann jetzt 
nicht essen. Gebadct babe ich auch, deshalb komme icb 
etwas spater, wir Pflegcrinncn haben namlich Anspruch auf 
cin Bad/* Sofort nahra sic scincn Arm, rcdete, lachte, 
,,guck mal, was fiir cin groBcr Mann, och, so groBe Manner 
mag ich nicht, bloB solchc wic du; sag, Toni, hast du mich 
lieb? Ich meine, liebst du mich wirklich odcr nur so . . ." 
Auf cinmal sagtc sic dann: ,,du, warum bist du so schlecht 
gelaunt?" Schnell jagtc cr cin Grinscn iibcr sein Gesicht, 
,,ich? wieso denn, ich bin doch nicht schlecht gelaunt.'* 
,,Du, mach mir nichts vor, sag mir sofort, was du hast!" 
,,Aber, Liebling, wirklich ..." ,,Du, sag nicht Liebling 
zu mir, wenn du nicht erzahlen wills t, was du hast!" Sie 
qualte und bettelte, er hatte schon Angst, das Wort 
wiirde ihm cntschliipfen : ich werde dich verlassen! Und 
wie er diesen bosen Satz verscheuchte, begann langsam, 
ganz langsam, wie aus einem gesprungenen Glas aus seinem 
Mund die Rede zu quillen, immer schneller sprach er, und 
wic der Widerstand nach und nach abbrockelte, stromte 
alles aus seinem Innern heraus. Als cr mit der Marsch- 
kompagnie ins Feld aufbrach: dort fing er an. Das miide 
hcrbsdiche Sonncnlicht crgriff mit seinen Strahlen den auf- 
gewiihlten Staub; die Worte, Bildcr, Erinnerungen der 
vergangenen Jahrc stiegen im Glitzern vor ihnen in der 
Rdkoczi-StraBe auf. Jcdenfalls . . . mit Gesang batten sie 
begonnen. In Gyulafchdrvar, als sic auf den Bahnhof zu- 
marschierten. Vielc junge Lcute waren sie, Jahrgang acht- 
undneunzig, scheinbar ein reicher Jahrgang. Was sie konn- 
ten? Nichts. Das Gewehr prasentieren, exerzieren, mar- 
schicren, cvcntuell tiefe Kniebeuge, bis sie zu bersten 
glaubten, verachtlich rcden von den Drvickebergern, den 
Untauglichcn, den Schreibern. Was sie ahntcn? Es ist besser, 
nicht daran zuriickzudenken. Sturmfestc Betonunterst2nde, 
ruhigen Stellungskampf, Auszeichnungen, den Krieg 
gewinnen. Dann kam Albanicn, wohin er zuerst geschickt 
wurde, dumpfigcs, mattes, ausgcbranntes Terrain, krcpierte 

1 06 



Pfcrde, hie und da die Lciche eines crhangten Bauern und 
sofort Malaria, die als erster Feind die Mannschaft angriff. 
Das Meer, das cr bei Durazzo zum erstenmal im Leben sieht. 
Noch ist Ruhe; vorlaufig sieht die Sache noch fast so aus, 
wie man sic sich vorgestellt hat; wer nicht krank ist, lebt 
herrlich. Eines Tages ist ein Aufmarsch am Meer, swischen 
den italienischen und den osterreich-ungarischen Kriegs- 
schiffen ist ein Gefecht im Gange, die italienischen SchifFe 
beschieBen auch Durazzo, da sieht er zum erstenmal eine 
Kriegsleiche. Einen, der den Heldentod gefiinden hat . . . 
er liegt quer iiber der LandstraBe, auf ihm ein vollgetroffener 
Baum, der ihn platt gedriickt hat. Er ist auf Kustenwache; 
es ware schon, einen SchieBversuch auf die Mowen zu 
machen. Dann kommt plotzlich der Marschbefehl, sie 
ziehen los, nach Siidosten zu ; er weiB, dort sind Franzosen 
und Englander mit den ubriggebliebenen Serben. Nach 
ein paar Stunden wird der Befehl abgeblasen und am nach- 
sten Tag das ganze Regiment einwaggoniert. Der Zug fahrt 
gen Norden, man munkelt: jetzt kommt die italienische 
Holle. Sie rollen, rangieren, das geht so tagelang. liitze 2um 
Krepieren. Plotzlich kommen schone Gegenden, Berge, 
Seen, Sagemuhlen an brausenden Fliissen, der Zug fahrt 
durch Tunnels und iiber Viadukte, eine so schone Gegend 
habe ich noch nie gesehen, schade, daB ich keinen foto- 
grafischen Apparat habe. Sie sehen auf der Karte nach: 
zweifellos, das ist der Weg nach der italienischen Front. 
Dann ein zerschossenes Dorf und noch eins und noch eins. 
Gorz. Raus aus dem Waggon. Zwei Tage Rast; sie bekom- 
men eine Art vorziiglichen Treber. Am Abend gehen sie 
in die Feuerlinie. Zum erstenmal ist er im Schutzengraben; 
in diescr Gegend ist Stellungskampf, geradezu eine Kunst, 
einen Graben so wunderbar anzulegen, mit Balken, Bretter- 
\vanden und Sandsacken. Es ist Ruhe; ganz selten steigt 
gegeniiber hie und da eine Leuchtrakete auf, das ist das 
Ganze? Gegen morgen gehts dann los. Boroborobomm 
bordborobomm wuiiiiiijj baff b6r6bor6bomm 

107 



wuiiiijj baff . . . so irgendwie; dann kommt cin neuer 
Ton: krrrrr krrrrr krrrrr . . . hoch und scharf; dann 
wicdcr ein neuer Ton : sssz pik, ssssz pik . . . und dann 
alles zugleich und ununterbrochen. Tagelang. Manchmal 
eine Stunde Pause, aber man 1st schon taub und hort auch 
die Stille nicht mehr. Dann beginnt es wieder. Weitcr, 
noch immer. Zum Wahnsinnigwerden. Feri Duka sitzt 
im Graben und weint, cs schiittelt ihn nur so, er schnappt 
nach Luft, heult und schreit. Feri Duka ist achtzehn Jahre alt. 
Er wird nach hinten gcbracht und bekommt eine Injektion. 
Denes Turko, Tischlergesellc in Deva, achtzchn Jahre alt, 
sitzt im Graben und weint. Injektion. Der Magen fangt 
ihm an zu zittern, die Brust, die Kehle, und er fiihlt, jetzt 
bricht es bei ihm aus Essen kann er nicht, nur trinken . . . 
nicht zum Aushalten ist es, wenn es losgeht: borobomm 
krrrr, wic Trommelschlag. Oder wenn es zischt und man 
den Kopf auf die Seite reiflt, und dabei sitzt die Kugel schon 
langst hinter einem in der Bretterwand. Eines Tages dann 
. . . hat man sich daran gewohnt. Feri Duka sitzt im Graben, 
die Gamaschen abgewickelt, er halt sie dicht an die kurz- 
sichtigen Augen und jagt nach Lauscn. Das geht namlich 
sehr schnell, das Vcrlausen. Also: man hat sich an die 
Sache gewohnt. Man weiB: das ist ein Schrapnell, das eine 
Sprenggranate, das der Morser, das groCte italienische 
Kaliber. Der Trommelwirbel sind Maschinengewchre, abcr 
es klingt eher, als trommle man ganz schnell auf ein Brett ; 
das, was leise zischt, ist eine Gcwehrkugel. Der Korper 
gewohnt sich bei einem bestimmten Laut an eine bestimmte 
Bewegung. Man kann sich an allerhand gewohnen. Auch 
daran, daB es manchmal einschlagt. Auch daran, dafi die 
Kameraden mit furchterlich blutenden Wunden, mit 
herausgequetschten Eingeweiden, mit schlafT hangenden 
Gliedcrn aus dem Graben getragen werden; dafi man hinter 
dem Sandsack stcht, der diinnc, zischende Pfiff voriiber- 
saust und man vergcbcns zu dem starr dastehenden J6zsi 
Koloss odet Denes Turkd spricht. Dann kommt etwas 

108 



anderes. Berge, drei-, viertausend Meter hohe Spitzen, 
jeder SchuB hallt zwanzigfach wieder; hier gibt es keine 
richtigen Graben, die Deckung 1st aus Stein und miihsam 
hinaufgeschleppten Tannenstammen, was fur cine himm- 
lische Gegend, wie schade, daB ich keinen fotografischen 
Apparat habe . . . Weiter. Auf einem wahnsinnig sausenden 
FluB treiben Baumstamme, Wagentriimmer und Leichen. 
Weiter. Rings herum die Berge, aber sie sind weit; gegen- 
iiber der italienische Schiitzengraben, in der Mitte das zer- 
schossene, durchfressene, mit Trichtern besate Feld. Vor 
den Graben die Drahtverhaue. Und dann eines Abends: 
Fahnrich Kadar mit vier Mann . . . wer meldet sich frei- 
willig? Als er zuriickkommt, fangt er an zu lachen, schnappt 
nach Luft, schluckt, lacht. Dann eines Abends gehen sic 
los, im Sturmhelm, mit Drahtscheren und Handgranatcn, 
vorwarts. Er kann schon im Dunkeln sehen, er kriecht auf 
dem Bauch vorwarts, etwas bewegt sich nicht weit vor ihm. 
Den linken Ellenbogen kriimmt er unter den Bauch, hcbt 
sich ein wenig in die Hohe, und die Handgranate fliegt. 
Es explodiert rechts, und es explodiert links, sie kriechen 
auf dem Bauch, die trockene Erde schlagt ihm ins Gesicht, 
iiber die Stirn rinnt ihm der Matsch, dann stiirzen sie blind 
los, und er hat das Gefiihl, auf einer Rutschbahn oder Seil- 
bahn kreischend hinunterzusausen. Ganz nahe am ersten 
italienischen Graben schleudert er noch eine Handgranate 
und noch eine; Erd- und Holzklumpen fliegen, einmal habe 
ich im Kino ein Bild gesehen, Sprengung in eincm Stein- 
bruch in Colorado, U. S. A. . . . Im Graben liegt etwas auf 
dem Bauch und rochelt, er greift an eine Schulter, hebt sic 
hoch, der Kopf dreht sich nicht mit der Schulter, er hebt 
auch den Kopf, an der Steile des Gesichts ist eine rote 
wibbelige Masse. Dann kommen auch die Italiener, zwei- 
mal, dreimal, zehnmal. Und einmal fuhlt er plotzlich einen 
starkcn Schlag an der Schulter und gleich hinterhcr, als 
wurde er mit tausend Nadeln gestochen. Vcrbandplatz. 
Ein kleincr untcrsetztcr Herr beugt sich viber ihn, Knochen, 

109 



nach rechts, sagt er, und er wird an der rechtcn Scitc auf die 
Erde gelegt. Nach ihm ein anderer. BauchschuB, nach links, 
sagt der Untersetzte. Ein anderer: Lunge, nach links. Ein 
andrer: Hals, nach links. Noch einer: Unterschenkel, nach 
rechts. Dann werden die von der rechten Seite weggebracht. 
Innsbruck, Kriegsspital. Hier war es dann angenehm, 
Arzneigeruch durchzieht den groBen Saal, so wie in Deva, 
in der Apotheke bei Gazdas. Eine Menge hiibscher Pflege- 
rinnen in weiBen Kleidern mit dem roten Kreuz. Die eine 
1st eine alte Frau mit einer Brille, sie erzahlt fiirchterliche 
Witze, man kann sich totlachen iiber sie, angeblich eine 
Grafin. Die muB es dick hinter den Ohren haben. Das Essen 
ist ordentlich, die Wunde heilt gut, nach einiger Zeit kann 
er ausgehen; es gibt eincn Keller, wo man vorziigliches 
Bier bekommt, und hintendurch kann man iiber eine kleine 
Wendeltreppe in eine Wohnung steigen, da gibts kleine 
Zimmer und Madchen. Aber auch auf der StraBe kann man 
jede ixbeliebige ansprechen, hubsche, junge Frauen. Eines 
Tages wird er dann an die Front zuriickgeschickt. Alles 
fangt von vorne an. Zwei-drei Wochen im Graben, vier- 
funf Wochen im Graben, dann zehn-zwolf Tage hinten. 
Vorne weiB iiberhaupt niemand mehr, welcher Tag ist, und 
dann hort man auch auf zu wissen, in welchem Monat, in 
welchem Jahr man lebt. Man kiimmert sich auch nicht sehr 
darum. Das Schlimme ist bloB, daB die Sache auf einmal 
anfangt zu versauen. Ersatz fur die locherigen Schuhe, fur 
die zerfetzten Unterhosen kriegt man kaum mehr. Auch 
kommt es manchmal vor, daB man stundenlang nicht 
schieBen kann, weil keine Munition da ist. Auf den Felsen 
gliiht die untergehende Alpensonne, schade, daB ich nicht 
Maler bin . . . Die Tagc werden mit Macht kiirzer, nachts 
herrscht irrsinnige Kaltc, und noch immer keine gestrickten 
Sachen. Und der Proviant, entsetzlich langsam setzt der sich 
in Bewegung. Schokolade, Schokolade, niemals hatte ich 
gcglaubt, daB einem Schokolade so zum Ekel werden kann. 
Italienische Flieger werfen Flugschriften ab. TrSka, der 

no 



Tscheche, wird hingcrichtct. Dann blcibt eines Tages die 
Kuche aus, ganz und gar, zwci Tage, funf Tage . . . und die 
Flugblatter, die Nachrichten kommen, eigentumliche Be- 
fehle und Reden na, und so gings zu Ende. Auf, nach 
Hause. Das Schleppen zuriick, dem Frieden zu, durch die 
wildfremden Gegenden. Die erschlagenen Bauern. Der 
Kiirbis. Die ruhrkranken Kameraden, im Frieden. Der 
kleine Feledy, in den Mantel eingewickelt. Brot und Schaf- 
kase im ersten ungarischen Dorf. Zigeunermusik in 
Szekesfehervar. Budapest, die ausgestorbene Stadt. Die er- 
schrockenen Alten. Seine Krankheit. Der Weg nach Deva, 
der kleine englische Offizier unter den Rumanen, die Menge 
Wurst in Gyula. Er sitzt am EBzimmerfenster. Das Biiro des 
alten Herrn Huber. Die roten Fahnen bliihen. Der unerwartete 
Besuch der Mariska Gazda. Ende der Kommune. Die 
Papiere, die in Ordnung sind. Die Ohrfeigen, der Gummi- 
kniippel an seiner Schulter und der FuBtritt 

Seit langen Minuten stehen sie schon vor dem Haus, als 
cr schweigt. Zwei geangstigte, brennende Augen starren 
ihm ins Gesicht. Des Madchens Hand ist feucht, und ihr 
Arm zittcrt. ,,Du . . . jetzt ist das aber alles vorbei . . . jetzt 
kommst du zu mir, jetzt mufit du alles vergessen! . . ." 

In nebelhaftem, leichtem Schlaf lag er betSubt im Bett; 
auf dem Tisch brannte cine Stehlampe, mit einem Tuch ver- 
hangt. Schlafend hatte er das Gefiihl, beobachtet zu werden. 
Er erwachte, schlug die Augen auf: das Madchen saB im 
Bett und sah ihn mit heiBen Augen an. ,,Was ist, Agi, 
Liebling, warum schlafst du nicht?" Als hatte sie es gar 
nicht gehort, starrte sie ihn weiter an, und erst nach einer 
guten Weile antwortete sie. ,,Ach, Gott ... so schrecklich . . . 
so schrecklich liebe ich dich, und ctwas Furchtbares ist mir 
eingefallen ..." ,,Schlaf, mein Herz, ich hatte es nicht 
erzahlen sollen." Es ist still, das Madchen sitzt und blickt 
ihn an, und plotzlich sagt sie, ganz leise: ,/Toni, mein 
Liebling . . . du willst weggehen." Tief und heiB errdtete cr 
im Halbdunkel. Keincn Ton hatte er ihr bisher von seinem 



Wiener Plan gesagt, auch gar nicht daran geckcht, seitdem 
sie zusammen waren. Da fiihlte er Agotas kalte Hand an 
seiner Wange und gleich darauf ihre angstvolle, weinerliche 
Stimme: ,,Ich wuBte es, dein Gesicht ist heiB, du bist rot 
gewordenl du willst irgendwohin weggehen." Er war ver- 
wirrt, suchte nach Worten, starrte aber nur blode, leer in 
die Luft und verstand die ganze geheimnisvolle Sache nicht, 
woher weiB sie denn dann griff er mit instinktiver, 
mannlicher Brutalitat zur einfachsten Art der Erledigung: 
seine heiBe Hand beriihrte den Korper des Madchens, er 
zog sie zu sich nieder, und die Ekstase der Umarmung fegte 
ihre bebende, wahrheitahnende Angst hinweg. Einschlafen 
konnte er aber nicht mehr. Woher weiB sie, woher weiB sie, 
ich habe doch kein Wort gesagt ! rumorte die zitternde Frage 
in ihm. Aber bestimmt muB ich weggehen wenn sie es 
auch weiB. Und soil ich jetzt reden? soil ich es ihr jetzt 
sagcn? Oder soil ich verschwinden, ausreiBen wie ein 
Halunke? oder ware es vielleicht doch besser, glatt aus ihrem 
Leben zu gehen, ohne cin Wort, und dann, wenn in Wien 
alles gut geht . . . was kann bis dahin noch alles sein, groBer 
Gott, dann weiB sie wahrscheinlich nicht einmal mehr, wer 
ich war. Aber konnte cs nicht auch passieren, daB sie, wenn 
ich sie verlasse, eine Dummheit . . . sie liebt mich doch, und 
ich er drehte sich plotzlich um, sie achzte neben ihm auf 
und schlief weiter, und cr bohrte seinen Kopf ins Kissen. 
Und ich liebe sie auch . . . o Gott, sehr liebe ich sie, noch nie 
habe ich jemanden so geliebt, selbst Mutter nicht, auch 
Onkel Rudi nicht, niemanden, bei niemandem hatte icb das 
Gefiihl, daB er mir so nahe ist, so in mir ist. Er schluchzte 
ins Kissen, als es ihm jetzt, an der Schwelle des Abschieds, 
klar wurdc, daB er sich in dicse Frau verlicbt hatte, ohne es 
zu bemerken, daB cr verlicbt war in sie, in ihre leisc, nacht- 
liche Stimme im Krankenhaus und in ihre kindliche Heiter- 
keit und Sorglosigkcit, ihre mutterlichc, cssenmitbringcnde 
Vcrzrtclung und ihren kraftigcn, begierdcerweckenden 
Korper; nein, das war nicht plotzlich gckommcn, war nicht 



in der Umarmung aufgeflammt, das hatte sich schon lange 
vorbereitet, vielleicht schon dort, wo er mit schreckvollem 
Ekel aus den Innsbrucker Betten kroch und feige und ver- 
schamt das Geld auf den Nachttisch legte, du gehst mich 
nichts an, ich habe Angst vor dir und lieber und fort- 
gesetzt hatte es sich und war im stillen gereift, als dieses 
Madchen zum erstenmal an sein Bctt trat und ihre kiihle 
Hand iiber seinen Arm gleiten lieB . . . Er schluchzte ins 
Kissen, fiihlte sich als Betriiger und Betrogenen, well er 
wuBte, daB er dennoch abreisen und diese Absicht vielleicht 

leugnen wurde. Kaum habe ich jemanden Noch 

immer schlief er nicht, als das Madchen gegen Morgen auf- 
wachte und sich mit entflammter Begierde an ihn schmiegte. 
Dann lagen sie noch da, eng nebeneinander, und da auf 
einmal sagte das Madchen: ,,Tonili, schwor mir, daB du es 
mir sagst, wenn du wegfahrst. Ich weiB, du bleibst nicht in 
Budapest, erinner dich nur, noch im Krankenhaus hast du 
gesagt, du willst studieren, willst Architekt werden, und 
hier auf der Universitat haben sie dich geschlagen, du gehst 
weg, wozu solitest du in Budapest bleiben? Gut, ich weiB 
nicht, wieso ich daran glaube, daB du es zu etwas bringen 
wirst, sehr weit wirst du es sogar einmal bringen . . . ich 
weiB, du fahrst weg. Aber gib mir dein Wort, daB du es mir 
sagst und . . . und daB du jetzt nicht fahrst, denn das habe 
ich dir noch gar nicht erzahlt, ich habe mir drei Tage Urlaub 
geben lassen, Sonntag, Montag, Dienstag, und Marta hat 
mir versprochen, so lange drin zu bleiben, und dann werden 
wir drei Tage leben wie Mann und Frau; ich habe noch nie 
jemanden so geliebt wie dich . . . Toni, nicht wahr, du fahrst 
nicht weg, bevor du einmal ganz lange mit mir zusammen 
gewesen bist . . . dann gehst du ja sowieso, und ich sehe dich 
vielleicht nie wieder; ich nab dich doch gepflegt . . . du, 
nicht wahr, du liebst mich auch?l" 

Samstag nachmittag kaufte er eine dunne Goldkette und 
cin klcines goldenes vierblatterigcs Kleeblatt. Das gcbe 
ich dir, damit es dir Gliick bringen soil. Damit du mich nicht 

8 KflrnuMuli, {tmlapet 113 



vcrgiBt Damit . . . well du mich geliebt hast O Gott, 
schwcr wird es scin. Am Abend vcrabschicdcte cr sich 
von den Altcn, er wolltc nicht, daB sie am nachsten Morgcn 
in aller Hcrrgottsfriihe aufstiinden. Tantc Anna weinte und 
kiiBte ihn wieder und wieder. Onkel Rudi warf verlegen ein 
paar ermutigende, kiihnc Worte dazwischen und bcmiihte 
sich, seine Ruhrung hinunterzuschlucken. Tante Anna sah 
sich wohl hundertmal an, ob scin KofFcr auch in Ordnung 
sei, ob das SchloB gut funktioniere, hundertmal sagte sie, 
das Geld solle er in diesem kleinen Lcinentaschchen um den 
Hals hangen und am Hemd feststecken. Onkel Rudi gab ihm 
cine Hunderterpackung Zigaretten, die schicke Herr Huber, 
,,ja, mein Junge, er hat dich auch schatzen gelernt." . . . Als 
cr am nachsten Morgen um f iinf Uhr aufstand, nicht cben 
sehr gerne, aber diesen kleinen Schwindel muBte er schon 
machen: ich kann ihnen doch nicht sagen, jetzt ziehe ich fur 
drei Tage zu meiner Geliebten, waren die Alten doch 
schon auf, und auch das Dienstmadchen. Warmer Kaffee, 
Kipfel, Weinen, geriihrte langc Kiisse und die brummende 
alte Stimme: ,,nur Mut, mein Junge, nur Mut!" ,,Toni, 
schreib auch und schreib immer, wie " da schlug Tante 
Anna die Stimme iiber, und nachher sagte sie nur noch: 

,,Rudolf . . . wir sind schon alt ". Sechs Uhr: die erstc 

Elektrische fahrt ab, der Wagen ist leer, die StraBe dunkel, 
leer und kalt. In einer halben Stunde ist er am Bahnhof. Der 
Kofler ist nicht einmal schwer. Am Bahnhof aufgeregtes 
Gewimmel, wieder fuhlt er den Eisenbahngeruch, und die 
Aufregung wogt ihm zwischen Brust und Magen. Er geht 
geradeswegs auf die Gepackaufbcwahrungsstclle zu, gibt 
seinen Kofler ab und fragt zur Vorsicht, ob er drei Tage 
hierbleiben konne. ,,Von mir aus auch drei Wochcn", sagt 
der Bedienungsmann im graucn Sweater. Er geht in seinem 
neuen Wintermantel auf die Arena-StraBe zu, in der Hand 
cine groflc weiBe Tiite: der Reiseproviant von Tante Anna. 
Drciviertcl sieben: es ist noch zu friih. Er setzt sich in ein 
Cafe, laBt sich Tee gebcn, als er auf dem Tisch steht, riihrt er 



ihn nicht an, er wird kalt. GroBer Gott, was fur ein Wahn- 
sinn, daB ich nicht jetzt abgefahren bin. Wenn ich jetzt drei 
Tagc mit ihr zusammen bin, reise ich viellcicht iiberhaupt 
nicht mehr. Aber schlieBlich ... ich wufite doch bestimmt, 
daB ich noch nicht abreise, sonst hatte ich ja gestern das 
Kettchen in ein Kuvert getan und beim Hausmeister ab- 
gegeben . . . nein, ich werde fahren, nur heutc noch nicht, ich 
habs ihr doch versprochen, und drei Tage . . . Halb acht, 
langsam spaziert er auf das Haus zu. Die Alten denken, ich 
sitze schon lange im Zug, Tante Anna weint gewiB. Bis acht 
Uhr stellt er sich vor dem Haus auf, dann geht er hinein. 
Auf der ersten Etage kommt ihm ein groBes schwarzes 
Madchen entgegen. Zum Verwechseln getreues Ebenbild 
Agotas, nur etwas groBer vielleicht. Im Vorbeigehen lacht 
sie ihn mit glanzenden weiBen Zahnen an. Marta. Er 
klingelt auf der dritten Etage. Agi, in einer groBen blauen 
Schiirze, ein Tuch um den Kopf und in weiBen zerrissenen 
Handschuhen. ,,Bitte, mein Herr", sagt sie und lacht, ,,Sie 
miissen entschuldigen, ich bin erst seit zwanzig Minuten zu 
Hause, haben Sie die Giite, noch einmal hinunterzugehen 
und einen Liter Spiritus zu holen, der Kaufmannsladen ist 
gegeniiber, bis dahin bin ich mit dem Saubermachen fertig, 
diese schreckliche Marta hat sich verschlafen und ist so 
davongelaufen, ohne ihr Bett zu machen." Er lacht, geht 
hinunter und holt den Spiritus. Das Madchen steht in einem 
blauen Morgenrock im Flur und offnet die Tiir, noch bevor 
er geklingelt hat. Sie laBt ihn herein und betrachtet ihn von 
oben bis unten. ,,Bist du aber elegant ... ein neuer Winter- 
mantel?" ,,Ja." ,,So. Und was ist in dem Paket?" 
,,Das ... das ist was zu essen." ,,So. Von Zuhause?" 
,,Nein . . . aus einem Geschaft." Agota sieht ihn an, dann 
trSgt sie, ohne ein Wort zu sagen, das Paket in die Kviche. 
Als sie zuruckkommt, lacht sie schon wieder. ,,Ich habe 
vorhin vergessen zu fragen, bist du beim Raufkommen 
nicht Marta bcgcgnet, sie ist gerade in dem Moment weg- 
gegangen." ,,Doch, ja", antwortet er, ,,ein hxibsches 

e* 115 



Madchen." ,,So, gefallt sie dir? Aber ich bin hiibschcr, 
nicht wahr?" In ihrer Stirnmc klingt ein wcnig Kokctterie 
und cin wenig Eifcrsucht, und sie driickt seinen Kopf an sich. 
Mittwoch morgen wachtc er um fiinf Uhr auf, er kroch 
aus dcm Bett, waschcn wollte cr sich nicht, um keinen Larm 
zu machen, ganz still fing er im Dunkeln an, sich anzu- 
zichen; spater am Bahnhof werde ich mir Gesicht und 
Hande waschen. Er hing sich das Leinensackchen um den 
Hals und steckte es am Hemd fest. Als er fertig war, sprach 
das Madchen aus dem Bett mit sonderbarer, kalter, fremder 
Stimme: ,,Jetzt morgens fahrst du ab?" Die Stimme wiihlte 
wieder alles in ihm auf. Er setzte sich zu ihr ans Bett und 
tastete nach ihrer Hand. ,,Agichcn ..." ,,Antworte mir, 
ob du jetzt morgens fahrst," ihre Siimme war schon 
wieder wie gewohnlich. ,,Toni, Liebling, sag mir die Wahr- 
heit, ich hab ja den PaB in deiner Tasche gefunden und das 
Kettchen, das du mir schenken willst." O, so wird cs 
vielleicht doch leichter sein ... so, ohne lugen und leugnen 
zu miissen. Nein, ich mache ihr nichts vor, ihr nicht und 
auch mir selbst nicht, ich werde kein Schwindler sein, 
dachte er und sagte leise: ,,ja, ich reise jetzt." Da stand das 
Madchen auf, schliipfte in den Morgenrock, lief in die 
Kuche und kam sehr bald mit einem groBen Krug warmen 
Wassers zuriick. ,,Wasch dich doch, Herzchen, zieh nur 
ruhig den Rock wieder aus, du hast noch viel Zcit. Nicht 
wahr, dein Gepack hast du am Bahnhof? sehr richtig." Sie 
sicht zu, wie cr sich wascht, und rcicht ihm das Handtuch, 
,,zeig mal her, dein Ohr ist ja noch voll Seife . . ." Er war 
fertig und stand wieder angezogen im Zimmcr ; und da fiihlt 
er, dafi die halbe Stunde, die er noch hat, bier in Agotas 
Nahe gefahrliche Worte bringen kann: Worte, die entweder 
wcgwischen, was kommen muB, oder vcrdcrbcn, was bisher 
gewesen ist. Er beschliefit zu schweigen. Das Madchen sitzt 
auf dem Bett und blickt ihn an, und dann sagt sie leise: 
,,WeiBt du, Toni, der, von dem ich fast ein Kind gehabt 
hatte . . . also das war so, daB er wieder an die Front zuriick- 



muBte, abcr er war damals schon zwei Jahre an der rus- 
sischen Front gcwesen, und so . . . als sie ihn wieder zum 
Marsch cinteilten, da schoB er sich in die Hand, in die Hand- 
flache wollte er, traf aber durch Zufall ins rechte Hand- 
gelenk . . . weiBt du, ich war damals schon in Umstanden, 
und . . . dann muBte sein rechter Arm amputiert werden. 
Ich war auch damals schon im Krankenhaus, ging aber fast 
jeden Tag zu ihm raus ins Garnisonslazarett, schreckliche 
Angst stand der arme Junge aus, denn wegen der Selbst- 
verstummelung war ein Verfahren gegen ihn eingeleitet 
worden . . . und dann, als er schon wieder ganz gesund war 
und aufstehen konnte, ging er auf den Gang und stiirzte 
sich vom zweiten Stock in den . . ." Plotzlich wurde sie 
bleich und schwieg. Stille herrschte, erst nach einer langen 
Weile fuhr sie fort: ,,WeiBt du,Toni, zuerst dachte ich, das 
kann man nicht uberleben . . . aber dann habe ich mich doch 
langsam beruhigt und bin zu einem Arzt gegangen, weil ich 
nicht wollte, daB mein Kind einen toten Vater ..." Wieder 
schwieg sie. Dann: ,,er hatte ein Motoren-Installations- 
geschaft in der Vacer-StraBe." Auf einmal steht sie auf und 
tritt zu ihm bin : ,,aber dich habe ich mehr geliebt . . . trotz- 
dem ... ich werde . . . auch das uberleben . . . Tonichen, 
mein Liebling. Jetzt gib mir die Kette . . . nein, hang du sie 
mir um den Hals, so. Und jetzt geh schon, fruhstiicke noch 
am Bahnhof, ich kann dir kein Friihstiick machen, weil 
unser Kaffee alle ist. Hast du alles? das Geld? Und dann, 
wenn du in Wien bist, kannst du einmal " Er beugte sich 
zu ihr und suchte ihren Mund. ,,Agota, niemals . . . nie- 
mals . . . niemals . . ." sie unterbrach ihn laut: ,,red doch 
nicht!" sagte sie hart, ,,niemalst das soil man nicht sagen, 
was weiBt du, was morgen sein wird . . ." Sie stehen im Flur, 
sie nimmt einen blauen Wollschal vom Kleiderhaken, dreht 
ihn ihm um den Hals, steckt ihn ordentlich unter den 
Mantclkragen, ,,so, damit du im Zug nicht frierstl " 
und schiebt ihn leise zur Tiir: ,,Tonichen, gch doch schon, 
ich will nicht weinen " 



Er steht im iiberfiillten Gang cines Wagcns dritter 
Klasse, den FuB auf dcm Koffcr; der Zug rollt langsam aus 
der Glashalle. Also, wir fahren ab. Ein Mann mit grauem 
Hut schreitet neben dem Waggon her und ruft in den 
Wagen: ,,Ede! vcrgiB ja nicht, was ich dem K. sagen lasse!" 
Vom gedrangt vollen Gang ruft jemand hinunter: ,,nein, 
nein, ich vergessc cs nicht!" aber er sieht nicht, wer das ist. 
Der Zug fahrt schon durch den Rangierbahnhof, und da hat 
er plotzlich das sonderbarc Gefiihl, in einer unbekanntcn 
Stadt anzukommcn. Dieses groBe grau-gclbe Haus, was 
kann das sein? das habe ich nie gesehcn, und das lange, 
niedrige Gebaude da mit den Cittern an den Fenstern? . . . 
war ich denn noch nie in dieser Stadt? und die Briicke, iiber 
die wir jetzt fahren, mit den StraBenbahnschienen unten . . . 
das sollte Budapest sein? Die bekanntc Landschaft zerfallt 
in fremde Details; fremd ist das groBe Gasreservoir mit der 
eigentiimlichen Uhr, fremd sind die braunen Mauern der 
Lagerhauser, fremd die zu einem Netz verschlungenen 
Eisensaulen der Briicke, und ein sonderbarer, fremder Berg 
entschwindet langsam seinem Blick. Aus dieser fremden 
Stadt ist es nicht schwer wegzureiscn . . . nicht schwer? und 
die drei Tage? Sic hatten sich kaum aus dem Zimmer 
geriihrt. Das Madchen hatte eine sonderbar aufregende 
und gleichzeitig aussohnende Hiille um sie gezogen, 
cine Hiille aus den Faden iiberstromendcr, ungestiimer 
Begierde und der Sehnsucht unerreichbarcr Mutterschaft. 
Sie hattc ihn gebissen und ihn verzartelt. Mit dem cincn 
Wort hatte sie die Schreckbilder des Erinnerns aus seinem 
Kopf verschcucht, mit dem andern cinen Funken in seine 
Phantasie geworfen, und als sie vorsichtig, gleichsam zu- 
fallig und sofort am erstcn Tage Wien crwahntc und sah, 
wie bei dem Wort seine Augcn aufgluhtcn, da hattc sic 
gefragt, ob er also nach Wien ginge. ,,Ja, nach Wien, 
irgendwann", hatte er geantwortet. Er erinnerte sich, wie 
seltsam still das Madchen da gelacht und seine Worte 
wiederholt hattc: ,,nach Wien, irgendwann," Und nicht viel 



spater, nach ciner kleinen Untersuchung seiner Rocktasche, 
muBtc sich der Krcis schlieBen: ich reise, irgendwann 
der neue Wintcrmantel die Provianttiite der PaB mit 
dem osterreichischen Visum das Geld im Leinen- 
sackchen die diinne Goldkette . . . und da hatte sie ge- 
wuBt, daB dieser Wiener Zug hier vom Bett aus abfuhr, und 
daB diese dreitagige Hochzeitsnacht ein dreitagiger Abschied 
war. Er beriihrte den blauen Schal an seinem Hals und 
hatte das Gefiihl, als streichle er das Gesicht des Madchens. 
Tonichen, geh doch schon, ich will nicht weinen Na. 
Dem Schaffner gab er ein Trinkgeld, und so gelang es ihm, 
im letzten Wagen einen Sitzplatz zu bekommen. Er saB am 
Fenster, im Kupee waren sie nur zu acht. So nimmt die 
Sachc einen ganz guten Anfang, dachte er und betrachtete 
die neblige, herbstliche Donau. Jetzt werde ich Budapest 
lange nicht wiedersehen, in Wien werde ich leben, in einer 
fremden GroBstadt. Niemanden habe ich in Wicn . . . und 
wie er das so in Gedanken vor sich hinsagte, niemanden 
habe ich in Wien, da fiihlte er beim tonenden, klingenden 
Rattern des Zuges, in der dunkel dahinschwindenden Land- 
schaft und in den sieben fremden Gesichtern des Abteils, 
daB diese Reise richtig war, und daB es gut war, in Wien 
niemanden zu haben; besorgte alte Verwandte in 
Budapest; zwei verschwommene Schatten in Deva; eine 
junge, gliihende Umarmung, um so fremder, da sie nur 
angenchm gewesen war; schwere Traume, aus denen er von 
Larm in der nachtlichen Stille erwacht; bekannte StraBen, 
durch die er Angstgefiihle schleppt; all das fliegt nick- 
wins uber die Kilometersteine hin, iiber die jagenden 
Minuten hin . . . Und als das erste offizielle deutsche Wort 
ertont, hat er ein seltsames, sicheres Glanzen in den Augen; 
er fuhlt, wic sich ein grauer Vorhang hintcr ihm schlieBt; 
unter seinem Hemd betastet er das Gcldsackchen, in der 
Tasche den PaB und die groBe schwarze lederne Brieftasche, 
in der er seine Papierc bewahrt nun, wir wollen schen, 
was jetzt kommt. 

119 



DlE Tagc rollen dahin im kalten, nebligcn Herbst; er 
bcmerkt es gar nicht, daB er schon zwei Wochen in Wien 
1st. Nach dem Nest Dcva, dem verschlafenen Kolozsvar, 
dem von der Gewohnheit verwaschenen Budapest, dem 
Triimmerhaufen Gorz und nach Innsbruck, dem sonder- 
barcn halb Krankenhaus- und halb Sommerfrische-Aufent- 
halt, erwartete er mit keineswegs geleugneter innercr Span- 
nung von Wien die Sensation der GroBstadt. Ein Programm 
hatte er nicht, well er gar kein Programm hatte machen 
konnen ; weit geoffnet erwartete er von der Stadt das Wunder 
wie einer, der ohne Katalog in cine Bilderausstellung geht. 
Alles war ihm neu, um so mehr, da er nur auf Neuigkeiten 
eingestellt war und die Analogien von vornherein von sich 
wies. Eigentumlich gestaltete sich in ihm das Bild der 
Stadt: die breiten, sauberen Straflen, die in aristokratischer 
Ruhe daliegenden machtigen Platze und die groBen Hauser 
im residen2haften Stil verschwammen mit den unter roten 
Fahnen durch die StraBcn drangenden Menschenmassen, 
den sirenetutenden Missionsautos mit den fremden Fahn- 
chen, den Lichtreklamen, die plotzlich aus dem Boden 
geschossene Lokale schreiend anzeigten. Hinter den elegan- 
ten Spazicrgangern der innern Stadt auf den Ringen, hinter 
den franzosischen, englischen und italienischen Offizieren, 
den schlangestehenden Zerlumpten der AuBenbezirke, 
hinter den im Stadtviertel jenseits des Kanals laut fcilschen- 
den Stirnlockchenjuden konnte er den Wiener Biirger nicht 
sehen; diesen Burger, der mit tragischer Stupiditat ver- 
standnislos vor dem Fiaker, dem ,,Heurigen" und der 
sicheren Rente stand, dem auf den Misthaufen geworfenen 
und in Brand gesteckten Triptychon solider biirgerlicher 
Prosperitat, und, in der Tasche die Fiktion des sterbenden 
Geldes, im Herzen den lauen Rhythmus des Donauwalzers, 
sein Auge nach innen wendet und 1914 triumt. Die 
Tauschung berauschender Farbcn, das chaotische Getose 

1 20 



der irrsinnig gcwordcnen Tagc stopften ihm anfangiich 
Augcn und Ohren zu, und nur deshalb kam er leicht iibcr 
die fututistisch angehauchte Buhnenproduktion der bosen 
Absicht und der salbungsvollen Unverantwortlichkeit 
hinweg, well er von dem Glauben beseelt war, was er hier 
finde, sei gut. 

Olig glatt, bestechend leicht kommen seine Angelegen- 
heiten in Gang. Geld hat er, und das heimatliche Geld hat 
hier den dreifachen Wert. An der Technischcn Hochschule 
wird er schneller und einfacher aufgenommen, als er zu 
Hause zur Fahrkarte gelangte. Er lernt Menschen kennen, 

den Buchhandler, bei dem er seine Bucher kauft, einen 
jungen Rechtsanwalt, der in demselben Hotel wohnt, den 
Hotel-Portier, ein paar Studenten von der Hochschule, 

und durch derlei fliichtige Bekanntschaften gelangt er 
nach wenigen Tagen zu einer ordentlichen Wohnung: aus 
dem schmierigen, verwanzten Hotel in der TaborstraBe, 
wohin ihn am ersten Tage der Rat oder vielmehr das Ein- 
taxieren eines am Bahnhof Herumlungernden dirigiert 
hatte, iibersiedelt er in ein sauberes, hiibsches StraBen- 
zimmer im zweiten Stock, wenige Minuten von der Hoch- 
schule entfernt. Seine Wirtin heiBt Frau Wessely, ist 
Ministerialratswitwe, vermietet fiinf von sechs Zimmern, 
in vieren wohnen Studenten, im funften cine groBe blonde 
junge Dame, von der man nicht weiB, wer und was sie ist, 
was sie fur eine Beschaftigung hat; nur soviel ist sicher: 
wenn sie weggeht, schlieBt sie ihr Zimmer mit dem Schliissel 
zu, im iibrigen sieht man sie kaum; nachmittags ist sie 
gewohnlich ein-zwei Stunden in ihrem Zimmer, vormittags 
geht sie weg, wahrend die jungen Leute nicht zu Hause 
sind, und kommt spat abends oder nachts zuriick. Friihstiick 
gibt Frau Wessely, fur ein paar Heller iBt er in der Mcnsa 
zu Mittag, Cornedbeef aus einer Blechbiichse ist sein 
Abendessen, und er rechnet sich aus, daB sein Geld voraus- 
sichtlich fur drei Semester in Wien reicht. Mit den Studien- 
gcnossen ist bald Freundschaft gcschlosscn. Im Nebcn- 

121 



zimmer wobnt ein Tcchnikcr, dritter Jahrgang, namens 
Hummel, auf dcssen Visitcnkartcn stcht: Carl Viktor 
Hummel, vor dem 12. XL 1918 von und zu Humelberg. 
Hummel ist ein ganz amusanter Kerl, ein regelrechter 
Miinchhausen, eines Abends setzte er sicb zu ihm ins 
Zimmer und erzahlte ihm bis zum Morgengrauen von dem 
Gut in Tirol, den dazugehorigen Dorfern, Waldern und 
Seen, von dem AhnenschloB, in dem alte Hummels mit 
Rudolf von Habsburg gebechert habcn, von all dieser 
Herrlichkeit, von der durch Wein, Kartenspiel, Weiber und 
Wucherer schon vor Jahrzehnten nichts anderes mehr 
iibrig war als das von und zu. Als er gegen Morgen tief 
gahntc und aufstand, ,,na, jetzt wirds aber Zcit, schlafen 
zu gehen", drehte er sich an der Tiire noch einmal um: 
,,und was wiirdest du dazu sagen, wenn ich dir jetzt 
erklarte, daB von der ganzen Geschichte kein Wort wahr 
ist, die ganze Hummeliade bloB Luft?" ,,Macht auch 
nichts", antwortete er, ,,du hast mich jedenfalls gut unter- 
halten." Hummel lachte schallend in die morgendliche 
Stille der Wohnung und ging. Auf der Hochschule erfuhr 
er, daB Hummel der Sohn eines Sankt-Poltcner Backers sei, 
der mindestens fiinf Hummels auf dem Sankt-Poltcner 
Friedhof seine Ahnen nenne, lauter brave Backermeister 
und Gastwirte. Der hagere Miihlbeck, hintcn vom Ende 
des Korridors, ist Philologe und ein verschlossener Mensch. 
Wenn zufallig jemand die Tiir seines Zimmers aufmacht, 
sitzt er gcwohnlich am Tisch, den Kopf in die Faust gestiitzt, 
und schreibt mit der linken Hand in ein dickes blaues Heft. 
Er erhebt sich, griiBt etwas verwirrt, setzt sich sofort wicdcr 
bin und schreibt unbeirrt weiter, man konnte ruhig das 
Zimmer um ihn in Brand stecken. Der dritte Hausgenosse 
ist Wiedmann; seine Manic ist das Spiel, im iibrigen ist er 
Kunsthistoriker. Sects tragt cr ein Spiel Karten in der 
Taschc, mit Wonne ist er geneigt, stundcnlang Einund- 
Twanzig zu spielcn, und sei es auch nur um cine Ohrfeige 
odcr ein Glas Wasser; wenn sich aber auch dazu kein Partner 

122 



findet, dann spielt er fur sich alleine Bakkarat, und 
sagt: ,,meine linke Hand hat meine rechte Hand voll- 
kommen gesprengt", oder cr legt den groBen Napoleon. 
Im letzten Studentenzimmer, dem geraumigsten, wohnen 
vier zusammcn, vier junge Juden; drei von ihnen studieren 
Medizin, der vierte geht ins Rabbiner-Seminar. Dieser 
angehende Rabbiner war der Intercssanteste von der ganzen 
Gesellschaft. Eine grofie gebeugte Gestalt mit brennenden 
schwarzen Augen, Ohren, groB wie Segel, und einer 
machtigen gebogenen Nase, die die dicken Lippen beschat- 
tete. Er war aus Czernowitz nach Wien gekommen, jeden 
Morgen bctetc er mit Gebetsriemen, und wenn sich manch- 
mal gegen Abend die ganze Gesellschaft im Zimmer der 
vier zusammensetzte, hatte man nicht geglaubt, daB es ein 
angehender Rabbiner sei, dessen rein, hart und glatt 
klingender Rede man lauschte. Adolf Feuerstein lehnte sich 
gewohnlich ans Fenster, seine rechte, zur Faust geballte 
Hand begleitete seine Satze mit vertikalen, unjiidischen 
Gesten. ,,Die Hygiene der Seele ist die Religion, wie die 
Hygiene des Korpers die Reinlichkeit ist. Aber stellt euch 
die Sauberung an einem Brunnen vor, ohne Seife, warmes 
Wasser, Zahnbiirste und saubere Kleider: genau so ist die 
Religion, wenn sie die Resultate von Wissen und Asthetik 
von sich wirft. Raphael war nicht nur religios, Rembrandt 
nicht nur Anatom, und Dostojewskijs Messianismus erlitt 
auch keinen Abbruch dort, wo er dem begegnet, was man 
heute Psychoanalyse nennt. Die Wunder des Glaubens 
vergehen nicht, wo die naturlichen Resultate der Wissen- 
schaft beginnen, und wer die weltgestaltende und welt- 
erhaltende Kraft des Glaubens leugnet, ist zum mindesten 
so lacherlich wie der, der nicht geneigt ist, von der welt- 
umgcstaltenden, weltvorwSrtsbringenden Kraft der Elek- 
trizitfit Kenntnis zu nehmen. Das Wort der Schrift ist hcilig, 
das steht auBer Zweifel, aber um so heiliger, als es die 
Lesart im Sinnc des Alltags zulaBt. Der Gcdankc der Gott- 
heit ist der Gcdankc des ewigen Seins, doch wer das ewige 

123 



Sein in der starren Unbcweglichkeit des Steins anbctct und 
es nicht lebt in der ewigen Bewegung der Welt, entnickt 
dem Gedanken der Gottheit mehr als derjenige, der ab- 
sichtlich versucht, die Brucken zwischen sich und dem 
Gottesglauben zu verbrennen." Adolf Feuerstein stand 
stundcnlang am Fenster, beschrieb mit der Faust vertikale 
Linien in der Luft und sprach von Beethoven und Pascal, 
sprach vom Sozialismus und von Franziskus von Assisi, 
sprach vom romischen Recht, von Shakespeare, von den 
amehkanischen Eisenbahnen, von Manet, vom Krieg und 
dem geplantcn Volkcrbund, von der chemischen Industrie 
in Deutschland, von Reinhardts Theatern und Lord Roth- 
schilds Schmetterlingssammlung, sprach vom Bolschewis- 
mus, vom Eisenbeton-Hochbau, von der wirtschaftlichen 
Krise, die die Welt bedrohte, und vom Dreifiigjahrigen 
Kricg; er zitierte Goethe und die Bibel, Ruskin und Peter 
Altenberg, und einmal sprach er auch von sich selbst, von 
seiner Familie und einem seiner Briider, der in St. Peters-* 
burg gelebt hatte und 1905, um die Zeit der Strafienkampfe, 
in der Newa ertrunken war. Von Adolf Feuersteins Lippen 
sprudelten die runden, kristallklar formulierten, urteilartig 
abgefaBtcn Satze; dann begann die Diskussion, und lange, 
lange Stunden hindurch polterten die Worte im wogenden 
Zigarcttenrauch, bis schlicClich der Wunderrabbi Hum- 
mel hatte Feuerstein so genannt die Gescllschaft aus- 
einandertrieb. Die ganz neuen Worte, die neucn Namen und 
die Gedanken, von denen Kadar friiher nicht einmal eine 
Ahnung hatte, sturmten etwas plotzlich auf ihn ein, und in 
der ersten Zeit hatte er Stunden, ahnlich denen in seiner 
Kindhcit, als ihn der Vater zum erstenmal vor das Schach- 
brett setzte und ihm die Ziige erklarte, und es ihm dann 
nachher war, als gingen die Menschcn schrag oder in 
RoBl-Spriingcn, und er vor den Jungens in der Schule nur 
wagte, von Angesicht zu Angesicht stehenzubleiben, damit 
sic ihn, den ungcdeckten Bauern, nicht etwa schliigen. 
Der Kopf drehte sich ihm, wie er so im Bett lag, die Worte 

124 



vcrfolgtcn ihn, und cs dauerte Tage, bis er die Dinge 
einigermaBen zu ordnen vermochte. Feuerstein war gut zu 
ihm und sprach gerne mit ihm, wenn er zu ihm ins Zimmer 
ging und iiber dies und jenes um Auf klarung bat, was er 
nicht verstanden oder wovon er friiher noch nicht gehort 
hatte. Vor dem Wunderrabbi schamte er sich seiner Un- 
wissenheit nicht und war dankbar fur alles, was er lernte. 
Feuerstein nahm ihn eines Sonntagsvormittags mit in eine 
Galerie und zeigte und erklarte ihm die alten Bilder. Das 
ist mindestcns soviel wert wie die lateinische Satzlehre oder 
die Maschinengewehrkunde, dachte er, als er tagelang im 
Taumel der Bilder lebte. 

Eines Abends ereignete sich etwas Ungewohnliches : 
Feuerstein stand am Fenster und sprach von der Wirkung 
der Massenpsychose im Kriege da geht die Tiire auf, und 
die blonde Frau tritt herein. ,,Darf ich auch ein biBchen dem 
Vortrag lauschen?" fragt sic und setzt sich auf den Rand 
des einen Eisenbettes. Die jungen Leute werden verlegen, 
stehen auf, die Frau, sie wissen nicht mehr von ihr, als 
daB sie hiibsch und Jung ist und unter dem Namen Gerda 
Buhr bei Frau Wessely wohnt, winkt ihnen, sie sollen 
sich doch nicht storen lassen, Feuerstein sagt bloB: 
,,bitte, sehr gerne", und fahrt in seiner Rede fort. Die 
jungen Leute betrachten sie verstohlen, die mit iiber- 
einandergeschlagenen langen Beinen auf dem Bett sitzt, 
raucht und mit hochgezogenen Augenbrauen zuhort. Im 
Zimmer breitet sich cine Unruhe aus, der eine und andere 
spricht dazwischen, zwei tuscheln miteinander, der 
Wunderrabbi haut in die Luft und redet. Die Wirkung der 
Massenpsychose im Kriege seine gliihenden Augen 
stechen hypnotisicrcnd hierhin und dorthin, er fiihlt, wie 
die Gegenwart der Frau den Kontakt zwischen ihm und 
scinen Horern stort, aber er gibt nicht nach: seine Worte 
werden schSrfcr, seine Gesten ungeduldiger, seine Augen 
starren aus tiefen Hohlen, die Massenpsychose im 
Kriege seine Stimme klingt unduldsam und bcfehlend, 

125 



jetzt blickt er nur noch die Prau an und die Frau ihn, und 
die ganze Gesellschaft beobachtet dieses eigentiimliche 
feindliche Augcnspiel, in dem des einen starke Waffe das 
Wort 1st, die des andern, noch scharfer, das Schweigen, 
und alle fiihlen, daB sich hicr jetzt ein unverstandlicher, 
seltsamer und personlicher Kampf abspielt zwischen dem 
groBen schwarzen Judcnjungen und der groBen blonden 
Christin; die Massenpsychose im Kriege und da steht 
Gerda Buhr vom Bett auf, ,,danke", sagt sie, ,,es war ganz 
lustig . . . bloB sind Sie ein lauer Schwatzcr, nein, ein Kind 
sind Sie", und datnit ist sie auch schon aus dem Zimmer. 
Eisige Stiile, das ist zweifellos ein sonderbarer Lohn, 
Feuersteins Augen blinzeln rasch, ringend sucht er nach 
cinem Wort, Hummel rettct die Situation. ,,LaB schon gut 
sein", sagt er, ,,reg dich nicht auf, Wunderrabbi. Ich kenne 
diese Sorte, cine gewohnliche Dime oder eine Kommunistin, 
aber ich glaube nicht, daB sie teuerer ware als zwanzig 
Kronen." Damit war Gerda Buhr zur allgemeinen Beruhi- 
gung erledigt, keiner widersprach Hummel, und alle 
hatten sie Feuerstein gern genug, um nicht mehr von der 
Sache zu reden. Die abend lichen Diskussionen nahmen 
weiter ihren Gang; die Frau meldetc sich natiirlich nicht 
mehr. 

Angcnehm vergingen die Tage auf der Hochschule: er 
studierte und arbeitete hart, sein Leben floB ruhig und ohne 
Errcgung zwischen den Horsfclen, den Biichern und Feuer- 
steins Zimmer dahin. Allmahlich bemerkte er, daB er in der 
Stadt noch fremd war, und versuchte, Bekanntschaften zu 
machen. Wien ist eine freundliche Stadt, sagte er sich, wie 
um sich selbst Mut einzusprechcn, und langsam kam er 
dahinter, daB sein Dreieck sich in keiner Weise erweitern 
wollte. Da waren die Dinge des Alltags, uber denen die 
Stadt branntc: und gerade an die konnte er sich nicht 
gewohnen, gerade die interessierten ihn nicht. Er hatte keine 
Ahnung, was eigentlich mit Wien und mit Osterreich 
vorging. Hatte keine Ahnung, wieviele politischc Parteien 

126 



es gab, wclche Fragen es waren, die cinmal Masscn mit 
roten Fahnen, ein anderes Mai Massen mit kurzen Karabi- 
nern und Jagerhiitcn auf die StraBen warfen. Und daB er 
fremd war, fiihlte er so recht erst in der Hochschule; ver- 
gebcns versuchte er, die Sache einfach damit abzutun: ich 
tue nichts anderes als lernen, an den Vereinigungcn, den 
Gruppen, den Gesellschaften Gieichdenkender oder Gleich- 
interessierter, an Diskussionen und Zusammenkiinften, an 
denen er nicht teilnahm, sah er, daB er nirgends hingehorte 
und mit nichts verkniipft war. Diese Senders tellung war 
weder gut noch schlecht. Gut war sie nicht, denn er fxihlte 
selbst, daB er in seiner Fremdheit und Wurzellosigkeit 
niemals etwas anderes sein konne als ein mit Nachsicht 
Behandclter und Geduldeter; aber schlecht war sie auch 
nicht, weil sie ihn allerlei Verpflichtungen enthob. Ver- 
pflichtungen? . . . War er verpflichtet, mit einigen bier- 
liebenden Kommilitonen allabendlich in der kleinen soliden 
biirgerlichen Gaststube auf dem Ring zu sitzen? oder bei 
der einen oder andern lauten Zusammenkunft einen un- 
bekannten Herrn namens Renner fiir alles verantwortlich 
zu machen oder mit weniger unbekannten Phrasen 
auf die Internationale Sozialdemokratie und das Judcn- 
tum zu schimpfen? odcr mit Russenkittlern in einer Vor- 
stadtwohnung zu sitzen und landlaufige Marx-Ausspriiche 
wiederzukauen? Manchmal fiihlte er mit voller GewiB- 
heit, daB es besser war, fremd zu sein in dieser Stadt, daB es 
wenigstens vorlaufig besser war, nirgends hinzugehoren, 
nicht Stellung zu nehmen, nicht voreingenommen zu sein 
und dadurch keine Verpflichtungen zu haben. Wenn ich 
einmal alles uber die Stadt weiB, sie ganz genau kenne, dann 
viellcicht 

Der erste Brief, den er an die Alten nach Hause schrieb, 
ging leicht. Ich bin gut angekommen, da und da abgcstiegen, 
habe diese und jene Menschen kennengelernt, auf der 
Hochschule bin ich schon aufgenommen, cs geht mir gut, 
ich bin gliickjich, hierhergekommen zu sein, Dann wurde 

127 



das Briefschrciben immer schwerer und schwercr. Solange 
es Dinge gab, die die Alten interessieren konnten, flog die 
Fedcr lelcht iiber das Papier . . . ich war im Burgthc&er und 
habe ein wunderbares historisches Stiick gesehen, ,,Der 
junge Medardus" heiBt es, und Artur Schnitzler hat es 
geschricben. Auf den Rat mcines Freundes Feuerstein habe 
ich fur mein ganzes Geld Schweizer Franken gekauft, er 
sagt, die Schweiz ist ein Friedensland, ihrem Geld kann 
nichts passieren, und es scheint, er hat recht; jedesmal, 
wenn ich Geld wechsle, bekomme ich mehr und mehr 
osterrcichische Kronen fiir die Franken, andrerseits stimmt 
cs aber auch, daB hier alles teurer wird, doch bleibt der 
Zusammenhang, wie ich sehe, im Verhaltnis oder schlagt 
vielleicht cher zu meinen Guns ten aus. Auf der Hochschule 
geht es mir gut, ich habe ein Kolloquium mit Vorziiglich 
bcstanden, und zwar bei einem Professor, von dem es 
heiBt, er sei ein gemein strenger Kerl, zu mir war cr aber 
ziemlich freundlich. Dann hatte er immer weniger zu 
schreiben, richtiger gesagt: immer weniger einfach mitzu- 
teilen. Oder soil ich vielleicht schreiben, daB ich diescr 
Frau mit Namen Gerda auf lauere, von der Hummel sagt, 
sic sei eine gewohnliche Dime oder cine Kommunistin? . . . 
Es geht mir gut, ich arbeite viel: das ungcfahr ware der 
standige Text der monatlichen Briefc gewesen, Geld 
habe ich, Sorgen keine, ich hofFe, auch euch geht es gut. 
Ein paar Briefbogen verschmierte er, als er das erstcmal 
an Agota schrieb. Agota, ich danke dir, so fing er an und 
dachte an ihren Mund, dann zerriB er das Papier. Agichen, 
ich denke viel an Dich . . . blodsinnig banal, das kann ich 
doch der nicht schreiben, die Wochen hindurch an meincm 

Bett Mit schwercr Miihe brachtc er schlieBlich 

eincn zwei Seiten langen Brief zustande, und als er ihn 
durchlas, kam er geradczu in Wut iiber die oberflachlichen 
und gleichgiiltigcn Mitteilungen, iiber den kalten, interesse- 
losen Ton, er schickte den Brief nicht ab. Es ist besser, 
schoner und stilvoller, wenn ich ihr nicht schreibc: das fiel 

128 



ihm eincs Tages cin, als er an sic dachtc, spater, wenn ich 
es schon zu etwas gebracht habe . . . Und dann in dcr 
Sylvesternacht, als Hummel aus dem Weihnachtspaket aus 
Sankt Polten die beiden Flaschen Tannengoldwasser aus- 
packte und die ganze Gesellschaft sich an diesem Gift- 
trank griindlich berauschte, schrieb er mit benebeltem 
Kopf auf ein Stuck Papier: Ein gliickliches neues Jahr 
wunsche ich Dir, ich bete Dich an und werde Dich nie 
vergessen, Antal, und das schickte er noch in derselben 
Nacht von der Hauptpost ab. Zum Gliick fiel ihm diese 
Tolpelhaftigkeit erst nach Tagen ein, als der Arger zu spat 
kam, und so war cs besser, nicht mehr an die Sache zu 
denken. 

Es wurde Friihling : an den streng der Ruhe bestimmten 
Sonntagen machte er groBe Spaziergange durch die Stadt, 
spater auch in die nachste Umgebung. Leicht, schon waren 
diese Sonntage. In zehn Minuten fand sich unbedingt ein 
lautes, lachendes junges Madel, mit dem man den Sonntag- 
nachmittag angenehm verbummeln konnte, und die meisten 
dachten nicht lange nach, wenn er sie nach einer Tasse 
KarTee oder einem Paar Wurstchen und einem Krug Bier 
mit in seine Wohnung bat. Frau Wessely schloB sich ge- 
wohnlich um siebcn Uhr abends in ihr Zimmer ein und war 
bis zum Morgen nicht sichtbar, nach Hummels Meinung 
aus dem Grunde, weil ihr verstorbener Mann abends um 
sieben im Rathauskeller vom Schlag getroffen worden war 
und morgens um fiinf zum letztcnmal geatmet hatte, 
die trampelige, sommersprossige Magd verbrachte ihre 
Nachte meist beim schweigsamen Miihlbeck, und so ver- 
hinderte oder beanstandete nicmand die fliichtigen nacht- 
lichen Besuche. Die Sonntagsmadchen, Verkauferinnen, 
Hausmeisterstochter, besserc Dienstboten, paBten voll- 
kommen in sein halbwegs unbewuBtes Programm, dessen 
halbwegs unbcwufltes Leitmotiv war : keineVerpflichtungen. 
Es kam zwar vor, daB ein MSdchen aus einem Blumenge- 
schaft auf dem Schottenring ihn drei Sonntage nacheinander 

9 KOrmendi, Budapeat 129 



abholtc, als er ihr indessen am vierten Sonntag sagte: 
,,ich hab* ein bifichcn Kopfschmerzen . . ." fragte sie bloB: 
,,hast du wirklich Kopfschmcrzen odcr nur fiir mich?" 
Er lachte und gab keinc Antwort, Da setzte sie den or- 
dinaren kleinen roten Hut wieder auf, sagte: ,,Servus, 
Putzi!" und lieB ihn stehen. Spater ging er in bester Laune 
weg und schlenderte den ganzen Nachmittag mit einem 
Mdel durch den Prater, das cr in der Elektrischen auf- 
gegabelt hatte. Verantwortungslosigkeit, dachte er, ich 
bin fremd hier . . . 

Dieses gewaltsam freie Leben dauerte so lange, bis er 
Anfang Juni ein Maclchen mit Namen Kathe kennenlernte, 
die im Hause eines Bankdirektors Erzieherin war. Kathe 
sprach ihn an, das geschah so, daB er eines Samstag- 
abends auf dem Wege nach Hause vor einem Theater 
stehenblieb und sich das Programm ansah. Dann be- 
trachtete er die ins Theater Stromenden und bemerkte, daB 
neben der eincn Saule eine hiibsch aussehende junge Person 
mit braunem Haar stand und ihn beobachtete. Er wendete 
sich ihr zu, um sie besser in Augenschein zu nehmen; in 
diesem Moment trat sie vor, blieb vor ihm stehen und 
sagte: ,,Entschuldigen Sie, mein Herr, konnten Sie vielleicht 
fur heute abend zwei Parkettplatze gebrauchen?" ,,Leider 
nicht", sagte er kurz, doch gleich hinterher bedauerte er 
diese rasche Zuriickweisung. ,,Schade", antwortete das 
Madchen und fiigte hinzu, gleichsam sich entschuldigend : 
,,ich habe namlich zwei Karten, aber mein Brautigam hat 
abtelefoniert, und es hat keinen Sinn, daB ich allein . . ." 
,,Bitte, Fraulein, cine Kartc wiirdc ich schlicBlich iibcr- 
nehmen, vorausgesetzt, daB . . ." er schwieg einen Augen- 
blick vcrlcgcn, ,,vorausgesct2t, daB Sie die andere behalten/* 
Ein leichtcs Licheln flog \iber ihr Gcsicht. ,,Halbe Losung", 
sagte sie, ,,abcr noch immer besser, als beide Billetts weg- 
zuwerfcn, derm die Kasse nimmt sie nicht zuruck." Er 
stellte sich vor, sic gabcn sich die Hand und gingen ins 
Theater. Eine suBlichc, klcbrige Wiener Opcrcttc wurdc 

130 



gespielt, der obligate groBc Walzer schien ein Schlager zu 
sein, den das Publikum mitsang; mit erhitztem Gesicht 
flusterte das Madchen: ,,Fabelhaft! Fabelhaftl" und flotete 
begeistert: ,,Prinz meines Herzens, komm zu mir in meine 
Hebe alte Wiener Stadt . . ." und dann, beim Finale des 
zweiten Aktes, lieB er das Programm von seinen Knieen 
auf die Erde fallen, biickte sich und streifte beim Auf heben 
wie zufallig des Madchens Bein. Sie tat, als bemerkte sie 
es nicht. In der zweiten Pause holte er SiiBigkeiten, sie 
dankte und sagte: ,,Sie sind wirklich ein Kavalier." Nach 
zehn Uhr war die Vorstellung zu Ende; der laue Sommer- 
abend lag im Sternenglanz des klaren blauen Himmels iiber 
der Stadt, ,,noch eine gute Stunde habe ich", sagte 
Kathe, ,,wir konnten zu FuB nach Hause gehen, begleiten 
Sie mich ein Stiickchen. Prinz meines Herzens . . . 
eigentlich verstehe ich selbst nicht, daB ich so ohne weiteres 
mit Ihnen ins Theater gegangen bin und Ihnen nun ge- 
statte, mich nach Hause zu bringen . . . dabei weiB ich nicht 
einmal, wer Sie sind." Er erzahlte, er sei Ungar, aus 
Budapest, besuche hier die Technische Hochschule und 
wohne bei Frau Wessely. ,,Prinz meines Herzens . . . und 
gefallt es Ihnen bei uns?" ,,Mein Gott . . . konnte es mir 
denn nicht gefallen in einer Stadt, in der ich Sie kennen- 
lernen durfte?" Sie lachte dankbar bei diesem auf der Hand 
liegenden billigen Kompliment; dann erzahlte sie, sie sei 
aus Linz nach Wien gekommen, sei einundzwanzig Jahre 
alt, diplomierte Kindergartnerin, habe einen Brautigam, 
Aloys Tangl, der ein sehr gut gehendes Klempner- und 
Installationsunternehmen besitze, das . . . das Schlimme sei 
nur, daB sie schon seit einiger Zeit spiire, irgend etwas 
stimme nicht ganz mit Aloys Tangl. Hie und da bleibt er 
aus, kommt zu spat zu den Rendezvous, auch neulich hat 
sie fast eine halbe Stunde am Praterstern auf ihn gewartet, 
und da sagte der unverschamte Mcnsch noch: ,es ist wirk- 
lich bloB ein Zufall, daB ich uberhaupt kommen konnte.* 
9 ,Sic mussen nimlich wisscn", fiigte sie hinzu, ,,daB Tangl 



cine vcrwitwctc Kusine hat, die zwar ungefihr zehn Jahre 
alter ist als er, aber Eigentiimerin eines schonen einstockigen 
Hauses und eines sehr guten Gasthauses in Wienerneustadt 
ist und auBerdem eine Villa in Mariazell besitzt, und 
nun mochte Tangls Mutter, daB er diese Witwe heirate, und 

wird ihn bestimmt so lange pisacken, bis Nicht wahr, 

das kann ein anstandiger Mann doch nicht tun?" fragte sie 
in emportem Ton, und ein wenig resigniert fiigte sie hinzu : 
,,aber schlieBlich, wcnn er sie heiratct, soil er mit ihr 
gliicklich werden, ich geh deswegen nicht in die Donau." 
,,Gottbewahre", antwortete er naiv, ,,einso hiibsches junges 
Madchen ..." Dann sprach Kathe von dem Haus, in dem 
sic lebte, vom Bankdirektor, der dauernd unterwegs sei 
zwischen Berlin, Zurich und Wien, von der Frau, die man 
kaum im Hause sehe, wenn der Mann nicht da sei ; von der 
zwolfjahrigen Olga, ,,ein merkwiirdiges, verschlossenes, 
blasses Kind, stellen Sie sich vor: neulich, als ich mir am 
Abend ein Bad gemacht hatte, war sie in den Badezimmer- 
schrank gekrochen, und als ich schon in der Wanne saB, 
tritt sic plotziich heraus, sagt kein Wort, guckt bloB und guckt 
und fangt plotziich an zu heulen, ist kreidebleich und zittert, 
und stundenlang konnte ich sie kaum beruhigen!" Sie 
erzahlt vom achtjahrigen Egon, ,,ein wahres Genie, ohne 
Vorlagen baut er ganze Palaste mit Richters Steinbaukasten 
Nummer zwolf I" erzahlt von dem luxuriosen Haushalt, 
den groBcn Gesellschaftcn und den Dienstboten, die, 
mit Ausnahme der alten Kochin, natiirlich immer gegen 
sie intrigieren. Langsam gingen sie iibcr die StraBe, und als 
sie in der inneren Stadt in eine ruhige und dunklerc StraBe 
einbogen, sagtc Kathe: ,,Sie konnen sich einhangen." Er 
faBte sic unter, bcugtc sich zur Scite und kiiBte durch die 
dunne weiBe Bluse ihrc Schulter und dann den nackten 
Hals. ,,Das habc ich Ihnen nicht erlaubt", sagte sic lachend, 
,,haben Sic keinc Angst vor mcincm Brautigam?" 
,,Ach, habcn Sic dcnn wirklich einen Brautigam?" Sic zog 
sofort ihren Arm aus dem seincn und sagtc : , Jctzt habcn 



Sic mich beleidigt." ,,Aber, licbe ..." ,,Nichts 
liebe, ich bin beleidigt." Schweigend gingen sie weiter, 
dann blieb sie vor einem vornehmen zweistockigen Haus 
stehen. ,,Hatten Sie mich nicht beleidigt, dann wiirde ich 
jetzt sagen . . ." er ergriffihre Hand und kiiBte sie: ,,Kleines 
Dummchen, das hab ich doch nicht ernst gemeint!" 
,,Ich weiB", antwortcte sie, ,,also dann . . . nachsten 
Mittwoch habe ich einen freien Tag, kommen Sie mich um 
vier abholen, wenn schones Wetter ist, gehen wir nach 
Schonbrunn. Aber Sie brauchen nicht vors Haus zu 
kommen, dort an der Ecke " 

Am Mittwoch rieselte der Regen vom friihen Morgen 
an, Kadar stand aber Punkt vier Uhr an der Ecke; das 
Madchen kam auch. ,,BloB fur einen Augenblick", sagte 
sie, ,,ich konnte nur eben entwischen, groBe Neuig- 
keiten, stcllen Sie sich vor. Erstens hat Tangl sich am Sonn- 
tag mit seiner Kusine verlobt, gestern kam er mir das 
melden, ich habe nicht viel Faxen gemacht, bloB gesagt, 
leb wohl und werde gliicklich, darauf hat er gesagt, 
deswegen konnten wir ja weiter gut miteinander stehen, 
und da hab ich geantwortet : Servus, da ist die Tiir, du bist 
noch immer da? Na, und zweitens verreisen Lehrners am 
Samstag, die ganze Familie, die Kinder mit der GroBmama 
nach Aussee, die Herrschaften zusammen nach Berlin und 
dann in die Schweiz. Ich und die Kochin, wir bleiben zu 
Hause, mir haben sie zwar gesagt, ich kann vier Wochen 
auf Urlaub gchen, aber ich habe geantwortet, es sei doch 
besser, wenn eine zuverlassige Person zu Hause bliebe, und 
so haben sie das Stubcnmadchen weggeschickt. Eigentlich 
weiB ich gar nicht, warum ich nicht fur vier Wochen nach 
Hause fahre . . . ihnen ist es jedenfalls angcnchmer, wenn ich 
in der leeren Wohnung bleibe. Also, Sonntagnachmittag 
um drei seien Sie auf jeden Fall hicr vor dem Haus, dann 
werden wir sehen ..." Er sucht im Telcfonbuch 
Lehrner, Lchrncr, O. Richard, Bankicr, das wird er sein, 
zwei Telcfonnummern hat er, muB ein rcicher Mann sein, 

133 



wahrschcinlich cin Schicber. Soil ich hintclcfoniercn? 
der Hcrr 1st daucrnd auf Reisen, und die Frau wird wohl 
um dicsc Zcit kaum zu Hause sein, viclleicht meldct sich 
Kathe, nein, liebcr doch nicht, wcnn sic Samstag rciscn, 
sind sic jetzt sicher alle zu Hause, auch die GroBmama. 
Dieser Tangl . . . ganz wahrscheinlich ist die Sache nicht, 
aber iibrigens, warum sollte es nicht moglich sein? die 
Hauptsache ist schlieBlich, daB Kathe hiibsch ist ... oder 
sogar schon, ausgesprochen schon und liebenswiirdig. Aus 
Linz ist sic gekommcn, stammt gewiB aus einer besseren, 
beziehungsweise guten Familie, ihr Vater konnte Lehrer 
in Linz sein, oder vielleicht Postbeamter. Die Sonne 
scheint scharf auf die StraBenzeile ; kaum ist er vor dem 
Hause angelangt, da erscheint Kathe hinter dem Tor und 
winkt ihm, er solle hereinkommen. Etwas verlegen tritt 
er durch das Gittertor mit den geschliffenen Glasscheiben : 
marmornes Treppenhaus, breite Treppe von steifer Linien- 
fiihrung, weiche rote Laufer. ,,Die Wohnung haben wir 
abgeschlossen", sagt Kathe und offnet cine kleine Tiirc 
dem Eingang gegenuber: ,,hier liegen Kiiche, zwei Dicnst- 
botenzimmer, mein Zimmer, Kinderzimmer und Schrank- 
zimmer. Die Kiiche? Ja, die Kochin ist heute nicht zu Hause, 
und iiberhaupt, sie ist eine sehr brave, ordentliche alte 
Person." Kathes Zimmer, iiber einen brciten, glas- 
gedeckten Flur gelangen sie hin, ein schones, hcllcs 
Zimmer, das nach einem gartenartigcn Hof liegt. Die 
weiBen Leinenvorhange am Fenster sind heruntergelassen, 
der Tisch ist elegant, mit feinem Porzellan, zum Tec 
gedeckt. Wie mogen erst die andern Zimmer aussehen, 
wenn das schon so anstandig ist, denkt cr, als sein Biick 
auf den eingebauten Waschtisch, das leuchtende Metallbett 
und den groBen weiBlackierten Schrank fallt. Wie wenn cr 
sich ein wenig geniert fiihlte, das Madchcn indessen lacht, 
hiipft umher, erzahlt, und die Spannung lost sich allmahlich. 
,,Denkcn Sic sich, was ich fur eine Schererei mit dem Kind 
hattc; es stand schon fcrtig da im Reisekleid, das Auto 

134 



wartcte uotcn, die Grofimuttcr und der Herr wurdcn 
ungeduldig, da fallt mir dcr Fratz urn den Hals, weint und 
kuBt mich, sic konnten es kaum von mir losmachen, ich 
war wahrhaftigen Gott geradezu in Verlegenheit. Ware es 
cin Junge", sagt sie, ,,dann wiiBte ich, er ist in mich ver- 
licbt." Und sie redet und erzahlt, von Linz, wo der Vater 
stadtischcr Obergartncr ist, von ihrem Bruder, dcr seit 
1910 in Chikago lebt, von Tangl, den sie zwar gehciratet 
hatte . . . aber ein wenig frcut sie sich auch, ihn los zu sein, 
er war kein besonders intelligenter Mensch; dann ist von 
ihm die Rede, sie ist neugierig, fragt, mit was fur Leuten er 
zusammen wohnt, wen er kennt, was er fur Plane hat, und 
dann verwischt sich langsam die Grenze zwischen dem Sie 
und dem Du, was sie sich zu sagen haben, wird immer 
personlicher, ihre Blicke jagen sich mit unverhullter 
Begierdc, dann sitzt sie auf einmal auf seinem SchoB, 
und seine heiBe, zitternde Hand gleitet begehrlich an den 
jungen, wohlgeformten Beinen hinauf. 

Wochenlang schon dauerte dicse Freundschaft und gab 
ihm viel mehr, als er in den ersten Tagen geglaubt hatte. 
Als er sich an jencm Sonntag gegcn Mitternacht von Kathe 
verabschiedcte und sie sagte: ,,du kannst kommen, warm 
du willst, du muBt mir nur vorher telefonicren, denn ich 
will nicht, daB du der alten Kochin begegnest", fuhlte er, 
daB sich diese Sachc nicht so gcstalten wiirde wie die bis- 
herigen. Nicht darum, weil er bequem hierherkommen 
konnte, nein, dieses Madchen war ganz bestimmt anders 
und mehr als die iibrigen. Und da fiel ihm sofort Agota cin, 
er suchte Ahnlichkeiten zwischen den beiden Frauen, als 
cr aber zum zweiten und zum drittcnmal n::t Kathe zu- 
sammen war, wurde es ihm klar, daB die beiden Frauen in 
allcm das gcnauc Gegenteil voneinander waren. Nach 
Agotas ungestiimer, freigcbigcr und fordernder Sinnlich- 
keit erschien ihm Kathes dankbare, ein wenig verschamte, 
empfangcndc, fast kindliche Hingabe aufregender; Kathes 
Kameradschaftlichkeit war ruhegebcnder, leichtcr als 

135 



Agotas fesselnde Miitterlichkeit. Nacb und nach wuBte 
Kathe von alien seinen Angclcgenheitcn, mit leichten und 
klugcn Wortcn half sic ihm und brachtc ihn vorwarts, so 
selbstverstandlich, daB er cs kaum bemcrktc. Im Sommcr 
gab cs keine Mensa, und als Kathe dahinterkam, daB cr 
an einen privaten Mittagstisch tcures Geld fiir ein elendes 
Essen bczahltc, nahm sie ihn mit in ein kleines Restaurant 
in der Nabe, und von da an aB cr immer dorr, gut und billig. 
Sie sah, daB seine Wasche teucr und mit Chlor gcwaschen 
wurde, und gab ihm cine Adresse, von wo er nun seine 
Sachen strahlend weiB und ganz zuriickbekam, obendrein 
noch um ein paar Heller billigcr. Nicmals ficl auch nur ein 
einziges schwerwicgendes Wort zwischen ihnen, keincr 
von beiden wollte in ihrem Verhaltnis etwas andercs 
sehen als ... was denn eigentlich? Wenn wir zusammen 
sind, dann ist es so, als sei sie meinc Frau, dachte er, und 
wenn sie nicht bei mir ist, kommt es mir vor, als sei sie 
meine Schwester. Der Sommer meintc es gut mit ihnen, 
und als sie einmal weit auBerhalb der Stadt an der Donau 
herumstromerten und cr das Madchen ansah, wie sie in 
ihrem leichten weiBen Kleidchen mit aufgelostem Haar 
flache Steine iibcr das Wasser hiipfcn lieB, loste sich ein schr 
wohligcs und warmcs und freies Gcfiihl in seiner Brust; 
er iibcrlcgte, wie man dieses Gefuhl wohl bcncnnen konne, 
aber es fiel ihm nichts weiter ein als: zu Hause. 

Bei Frau Wessely wohntcn sic damals nur noch zu 
dritt, cr, Gcrda Buhr und im Zimmer der vier ein Student; 
die iibrigen waren fiir den Sommer nach Hause gcgangen, 
und der Wunderrabbi war im Institut unentgeltlich als 
Interner aufgenommen worden. Einmal gelang es Kadar 
mit Miihc, Kathe mit auf scin Zimmer zu nchmcn, ,,das 
geht denn doch nicht, daB du nicht einmal siehst, wo ich 
wohne", sic blickte sich um, machtc im Handumdrehen 
Ordnung im Zimmer und im Schrank. Von da an fand sic 
sich auch ofters uncrwartct bei ihm ein; ,,ich mochte gerne 
wissen, was du machst, wenn du nicht mit mir zusammen 

136 



bist." Die Stunden ohnc Kathe warcn ziemlich cintonig: 
Biicher, Zeichnungcn, Biicher, Zeichnungcn. Sein crstcs 
Examcn wolltc er mit Erlaubnis des Rektors vor dem ncucn 
Semester ablegen, er hatte also intensiv zu arbeiten. Kathc 
betrachtete die Zeichnungen mit Andacht und ein klein 
wenig MiBtrauen. Davon wird er lernen, wie man Hauser 
baut? Und die Biicher und die vielen Zahlen und Ab- 
bildungen . . . nein, es war doch amiisanter, wie sie sich die 
Sache verges tell t hatte, ,,so wie es dein Zogling mit dem 
Steinbaukasten macbt?" warf er dazwischen. Sie lachten, 
und iiberhaupt war ihr ganzes Zusammensein ein herzliches, 
klarcs Lachen. Ein paar unvergeBliche strahlende Sommer- 
tage im Wiener Wald an irgendeinem kleinen Ausflugs- 
punkt, ,,o Gott, nocb nie habe ich einen so schonen Sommer 
gehabt und werde vielleicht auch keinen solchen mehr 
haben", sagte Kathe einmal, und auch er fiihlte, daB das 
Leben schon und lebenswert war und daB alles glatt und in 
Ordnung ging. Niemals sagte er dem Madchen ,,ich 
liebe dich", obschon er nach jedem Tag, der vergangen 
war, deutlicher wuBte, daB er Kathe hinter dem kindlichen 
Aufflammen mit einem ernsten, iiber den Korper hinaus- 
gehenden Geftihl liebte, und sie fragte auch niemals 
danach, sie wollte keine Gestandnisse horen. Sie wuBte, cs 
gibt Dinge, die schoner und anstandiger gesagt sind, wenn 
sie nicht in Worten ausgesprochenwerden; undals er einmal 
von den kommenden Jahren redete, ,,ich muB mich noch 
viel plagen und viel arbeiten, bis ich es zu etwas bringe, 
und wenn ich fertig bin, dann will ich zuerst versuchen, 
eine Stellung bei einem gutrenommierten Unternehmer zu 
bekommcn, um mich einzuuben, und dann ..." ,,na, 
und was wird dann?" ,,dann, soil ich dich dann hei- 
raten?" da fing sie an zu lachen: ,,ach Gott, du Dummer, 
vielleicht lebe ich dann schon nicht mehr." 

Mitte August wurde Kathc unruhig. Seit fast zwei 
Wochcn hatte sie keine Nachricht von ihrer Hcrr- 
schaft, ,,sie werden doch nicht eincs Tages plotzlich 

157 



hereinplatzcn," und Endc August kam sic dann cincs 
Mittags zu ihm gclaufcn: cin Telegramm ist gckommcn, 
die Hcrrschaftcn sind morgcn friih zu Hausc, die Kinder 
kommen iibcrmorgen an. ,,Jetzt muBt du abwarten, bis 
ich dir schreibc, daB du kommen kannst, oder ich komme 
zu dir, du kannst dir denken, was ich in den ersten Tagen 
fur einen Rummel haben werde." Es vergingcn wohl 
acht oder zehn Tagc, bis die erstc Nachricht von Kathe 
kam: ich habc schrecklich viel zu tun, schrieb sic, die Kinder 
haben sich nicht besonders gut crholt, der Junge hustet 
jetzt noch, vorlaufig weiB ich gar nicht, wann ich Dich 
sehen kann, ich werdc Dir wieder schreibcn. Wiitcnde 
Hochsommerhitze ; sinnlos und leer vergehen die Tage 
ohne Kathe. Tangl? denkt er einmal, und sofort geht er hin 
und schleicht cine halbe Stunde um das Haus herum, Kathe 
entdeckt er jedoch in keinem der Fcnstcr. Unlustig geht 
er nach Hause; und als er in der Wohnungstiire der blonden 
Frau begegnet, die er seit Wochen nicht gesehen hat, 
packt ihn cine sinnlose Wut, er griiBt nicht und schlagt 
knallend die Tiire hinter ihr zu. Die Zeit dcs Examens 
kam naher, aber mit dem Lernen wolite es gar nicht rccht 
gehen, die Zeichnungen miBlangen. Stundenlang saB er in 
seinem Zimmer (iber einem aufgeschlagenen Buch oder eincr 
halbfertigen Zeichnung und kritzelte sinnlose Worte auf 
den Rand oder auf das Zeichenbrett. Ich langweile mich, 
dachte er einmal, und da erschrak er. Darf ich mich denn 
langwcilcn? kann ich mir erlauben, mich zu langweilcn? 
es geht mir wohl zu gut! Noch einmal ging er vor das 
Lehrnersche Haus, hatte sogar den Gcdankcn, zu klingcln 
und Kathe hemnterrufen zu lassen. Nur . . . wenn ich sic 
jetzt heruntcrrufe, werden wir uns zanken, dachte er und 
zog die Hand vom Klingelknopf zuriick. Eines Tagcs 
kam dann endlich doch die Postkarte: morgen abend 
komme ich zu Dir, crwartc mich zu Hause. An dicscm Abend 
klagte Kathe in einem fort. ,,WciB Gott, was mit den 
Gohren los ist : der Junge hustet, hat dauernd Tempcratur- 



crhohung und 1st demcntsprcchcnd quengelig, und das 
Made! 1st ganz vcrriickt, sic spricht mit keinem, iBt kaum 
was und wird nur dann cin biBchen ruhiger, wenn ich ihr 
crlaube, zu mir zu kricchcn. Die Geschichte fangt an, auBer- 
ordcntlich unangenehm zu wcrden, und ich habc den 
bestimmtcn Verdacht, daB das Kind widernatiirliche Ver- 
anlagungen hat, aber der Mutter wage ich nicht davon zu 
sprechen, schlieBlich kann oder konnte sie es ja auch sclbst 
bemerken, aber es scheint, bei Lehrners stimmt auch etwas 
nicht." Eines Abends, ,,ich ordnete gerade im Schrank- 
zimmer die frisch gebiigelte Kinderwasche", wirklich 
ganz zufallig horte sie da ein paar Worte, aus denen man 
schlieBen kann, daB . . . namlich, der Herr und die Frau 
waren im Zimmer der Frau, oder vielmehr der Mann kam 
zur Frau ins Zimmer und sagte ganz laut: ,,Du, Olga, ich 
halte es fur hinreichend, wenn Doktor Scholler mein 
Partner bei meinen Geschaften ist." ,,Na, und?" fragt 
darauf die Frau. ,,Na, und?" antwortet Lehrner hohnisch, 
,,glaubst du etwa, daB niemand die Geschichte zwischen 
euch bemerkt, auch ich nicht?" ,,Na, und?" sagt Frau 
Lehrner wieder. ,,Und? ich habe nichts dagegen einzu- 
wenden, daB du dich amiisierst, das weifit du sehr gut, aber 
dagegen verwahre ich mich." ,,Denkst du nicht, es 
konnte vieileicht jemand im Schrankzimmer sein?" unter- 
bricht ihn die Frau, ,,muBt du denn schreien? muB das 
Personal alles horen?" Da war Kathe schnell aus dem 
Zimmer gegangen und hatte leise die Tiire zugemacht. 
Also ... so stehts. Nach zehn Uhr ging sie, und als er 
allein gebiieben war, bemachtigte sich seiner ein kaltes, 
unangenehmes Gefiihl, oder vielmehr das pcinliche, un- 
ruhige Gefiihl, das seit Tagen in ihm lebte, setzte sich fort. 
Irgend etwas stimmt hier nicht, oder . . . fangt an zu ver- 
derben. Ich war schon zu sehr daran gewohnt, daB alles 
glatt und angcnehm, nach meiner Bequemlichkeit ging. 
Die aufgeregte, von fluchtigen Minuten gejagte Um- 
armung hatte ihn ermiidct, miBgestimmt und schlaflos lag 

139 



cr im Bctt. Nach Mittcrnacht horte er, daB jemand iibcr den 
Flur ging : leichte, Icisc Schritte, gewiB 1st Gerda Buhr nach 
Hausc gckommcn. Was mag dicse sonderbare Frau wohl 
scin? Seit damals, als sie den Wunderrabbi so schmahlich 
abgetrumpft hatte, war sie unsichtbar. Eine Nachtexistenz. 
Woven mag sic leben? Ob sie wirklich Kommunistin ist 
oder bloB cine Art Nutte? Was gcht mich das an, wovon 
sie lebt? Wovon lebe ich denn? Vielmehr wovon werde 
ich leben? Die Franken sind im Sommer gewaltig zu- 
sammengeschmolzen, das ahnte er mehr, als er es wufitc, 
denn die Berechnung schob er immer auf, und nur blaB 
hatte er das dumpfe, erschreckende Gefuhl, mehr aus- 
gegeben zu haben, als er programmaBig hatte ausgcben 
diirfen. Die Ausfliige, die Restaurants, die Vergniigungen, 
und dann hatte er ganz uberfliissigerweise einen 
grauen Anzug und ein Paar gelbe Halbschuhe gekauft. 
Was soil das? will ich etwa ein Dandy sein? Oder will ich 
Examen machen, fertig werden, eine Stcllung bekommen, 
arbeiten und Geld verdienen? Hab ich denn den Verstand 
verlorcn? Wochenlang gehe ich zu einer Frau in cine fremde 
Wohnung wie ein Soldat oder ein Brieftrager, wic ein 
Louis und dann bin ich gereizt und lasse mich gehen, 
in dem Augenblick, da dieses bequeme . . . jctzt suchtc er 
nach einem Wort, das seinen plotzlich entbrannten Argcr 
ableitcn sollte, an dem er sich bcruhigcn und durch das cr 
sich gerechtfertigt sehen konnte; und wie er so leer und 
mit dem Schreckcn des Ausgedorrtseins ins Dunkel starrte, 
knirschte er mit den Zahnen. Verdammtc Blase, dachte cr, 
bin ich deshalb nach Wien gekommen?! und er riB sich 
die Decke iibcr den Kopf. Am nachstcn Tage stiirzte er 
sich vcrbittcrt, mit wiitcndcr Gewalt in die Biicher, und 
diesc Lcrn-Rage hiclt tagclang an. Beim ersten Examen 
kam cr mit Stimmcnmchrhcit durch; und sofort bcgann das 
ncuc Univcrsitatsjahr. Kathe kam gcwohnlich cinmal 
wochentlich zu ihm, abcr dicsc Zusammcnkunftc hattcn 
schon etwas Gedr&ngtes, auf halbc Stunden Bcmcsscnes 

140 



und Welkes, etwas . . . ctwas Fluchtartiges. Das Madchcn 
lieB Unruhe und UngewiBheit hinter sich im Zimmer 
2uriick; einmal, es war zehn Uhr voriiber, war sie 
gerade im Weggehen, als er bemerkte, daB ihr Strumpf 
zerrissen war. ,,Kathe", sagt er, ,,du hast ein Loch im 
Strumpf." ,,Ja, ich weiB", antwortet sie, ,,ich habs schon 
gesehen, als ich ihn anzog." ,,So? warum hast du ihn 
denn dann angezogen?" ,,Ich war doch so eilig", 
und dann geht sie. Er will ihr nach, bleibt aber und geht nur 
nervos im Zimmer auf und ab. Komm du mir nicht mehr 
mit zerrissenen Striimpfen, schreit eine brutale Stimme in 
ihm. Ein anderes Mai sieht er, daB ihr Finger voll Tinte 
ist. ,,Deine Hand ist voll Tinte*', sagt er und sieht zu Boden. 
,,Oh, tatsachlich, bevor ich wegging, habe ich schnell nach 
Hause geschrieben." ,,Und warum hast du dir die Hande 
nachher nicht gewaschen?" Sie blickt ihn an, aus ihren 
Augen leuchtet verdutzter Schreck: ,,Toni", sagt sie leise, 
,,was hast du? deine Stimme ist so eigentiimlich, du weiBt 
doch, wie sehr ich mich beeilen muB." Er gibt keine Ant- 
wort, und die Umarmung ver7Ogert er dadurch, daB er 
umstandlich ein Pyramidon einnimmt, ,,ich habe Kopf- 
schmerzen", sagt er, und eine Weile sitzen sie stumm da. 
Dann, an einem sonnigen, herbstlichen Vormittag, erblickt 
er Kathe zufallig, wie sie mit dem kleinen Madchen iiber 
die StraBe geht. Das Kind hat sich bei ihr eingehangt. Na, 
das sehe ich mir jetzt an, denkt er, aber als sie hochstens 
noch zwanzig Schritt voneinander entfernt sind, bleibt er 
hinter einer LitfaB-Saule stehen und laBt sie vorbeigehen. 
Sie hat mich nicht bemerkt, sagt er vor sich hin, dann geht 
er weiter. Sein Schritt ist leicht, und leise pfeift er. 

Das neue Semester schreitet vorwarts: Biicher, Mensa, 
Corned-beef. Nichts hat sich verandert; er gehort zu nie- 
mandem und nirgendshin; auBer mit Kathe und scinen 
Hausgenossen kommt er mit keinem Menschen zusammen. 
Er lebt in ciner grauen, dehnbaren Masse, im Alltag bitterer, 
zahneknirschender Entschlossenheit. Feuerstein ist nicht 



141 



zuriickgekommen, 1st als Internet im Seminar geblieben, 
Wiedmann spielt auf der Grazer Universitat welter Karten; 
in seinem Zimmer wohnt jetzt einer von den dreien, vor- 
iibergehend, bis Frau Wessely es besser vermieten kann. 
Die Abende verbringt er gewohnlich allein zu Hause, 
manchmal plaudert er eine Stunde mit Hummel, einmal 
hat er einen jungen Mann mit Namen Porosz bei sich zu 
Gast, der ihn auf der StraBe angesprochen hatte: ,,nanu, 
Kidar, Sie sind auch hier? auch Emigrant?" ,,Nein", 
antwortete er abweisend, ,,ich habe nichts mit ", aber 
er konnte Porosz nicht abschiitteln. ,,Ich bin leidcr 
Emigrant. Hab ich diese ganze Hetz notig gehabt? Was 
fur ein Blodsinn war es, bei diesen Halunken eine Rolle zu 
ubernehmen . . . na ja, wer konnte damals wissen, daB wir 
tatsachlich umsonst auf die Weltrevolution warten. Jetzt 
hocke ich hier in Wien, mache gar nichts, verdiene mir hie 
und da ein paar Kronen mit Schmahschriften, die ich im 
Emigrantenblatt schreibe und von denen mir selbst iibel 
wird." Dann versprach Porosz, ihn aufzusuchcn, und 
loste dieses Versprechen auch ein, sehr eilig sogar. Am 
nachsten Abend war er schon bei ihm, verschlang eine 
Buchse Rindfleisch und weinte und jammcrte in einem fort, 
,,warum um Gottes willen muBte ich auf den Quatsch cin- 
gehen, jetzt sitze ich da und kann verschimmeln, niemals 
laBt sich das wieder gutmachen . . ." Kathe meldete sich 
piinktlich wie eine Uhr wochentlich einmal, um die Liebe 
einzukassieren; und an einem scheuBlichen, kalten und 
nassen Herbs tabend, als sie sich in Eile anzog, betrachtete 
er vom Bett aus beim gahnenden gelben Licht einer 
elektrischen Birne die doppelte Figur dcs vor dem Spiegel 
stehenden Madchens. Komisch. Wie klein sie ist, und was 
sie fur starkc Briiste hat. Oder hat sie zugenommen? Das 
Korsctt verrutschte ihr, mit zusammengepreBtem Mund und 
einer komischcn, kindlichen Grimasse versuchte sie, es 
geradezuziehcn da stieB er ein haflliches, meckerndes 
Lachen aus, ,,was ist?" fragt das Madchen und sieht ihn 

142 



aus dem Spiegel an. ,,Nichts", sagt er ganz obenhin und 
unbeirrt, ,,du machst blofi so ein komisches Gesicht." 
,,So", antwortet sie nach einer kleinen Weile kiihl, ,,gefallt 
dir mein Gesicht nicht?" ,,Na, Kathili", beeilt er sich 
ein wenig reuevoll, ,,sei doch nicht albern, es ist doch alles 
gut." ,,Woher weiBt du das so genau?" fragt Kathe nun 
schon aggressiv, ,,und wenn ich nicht mehr wieder- 
komme?" ,,Na, na, bloB keine Albernheiten, natiirlich 
kommst du wieder." Und natiirlich kam sie. Aber jetzt 
sprachen sie kaum mehr miteinander. Wenn sie kam, 
setzten sie sich an den Tisch, aBen ein paar Bissen von dem, 
was er hingestellt hatte, ein Weilchen schwiegen sie, dann 
flogen einige fremde, immer unsicherer klingende Worte 
auf und fielen zuriick in die leere Stille. Und wenn er sie 
beriihrte, dann zog sie sich gewohnlich schnell und schwei- 
gend aus, und sie gingen ins Bett. 

Eines Sonntagabends, ungewohnlich heftiger Wind 
fegte den schneeigen Regen iiber die Stadt, klagte 
Kathc, sie habe kaum kommen konnen, der Kopf tue ihr 
weh, und sie habe ein wenig Schwindel. Er nahm ihr 
Gesicht zwischen die Hande und sah ihr in die etwas 
triiben, umranderten Augen. Von dieser lieben, zartlichen 
Geste wie es lange keine zwischen ihnen gegeben 
hatte wurde sie sofort weich, umarmte ihn mit groBer, 
tiefer, trauriger Anhanglichkeit und fing an zu weinen. 
,,Toni, du Lieber, wir haben uns doch noch lieb, ja?" 
Er erschrak bei diesem Ton und furchtete, jetzt konnte eine 
Auseinandersetzung folgen, Tranen, Romantik, Schwiire 
und dann . . . dann wiirde er sie ganz bestimmt stehen- 
lassen und aus dem Zimmer gehen, sogar aus der Wohnung. 
Kathe umklammerte ihn jedoch in plotzlich erwachter 
Begierde, und als er ihren heiBen, keuchenden Atem in 
seinem Gesicht spiirte, dachte er, sie muB wohl Fieber 
haben, anscheinend ist sie wirklich krank. Donnerstag 
friih fing ihm der Kopf an zu schmerzen, und in der Kehle 
fiihltc er ein Kratzen. Mittags in der Mensa schwindelte es 



ihn schon heftig, auf dem Nachhauseweg kaufte er in elner 
Apotheke Aspirin und bat Frau Wessely um das Thermo- 
meter: die Quecksilbersaule blieb auf vierzig-zwei stehen. 
Influenza, dachte er, warf sich ins Bert und hatte nicht 
einmal soviel Kraft, um ein Aspirin einnehmen zu konnen. 
Der Hals tat ihm furchtbar weh, er wollte Wasser trinken, 
konnte aber die Hand nicht ausstrecken, starrte nur im 
Dunkel nach dem Glas hin. Er schlief noch, lag vielmehr 
halb betaubt im Bett, als Frau Wessely am nachsten Morgen 
an seiner Tiir klopfte. ,,Um Gottes willen", sagte sie und 
wurde kreidebleich, ,,Sie haben ja das Gesicht und den Hals 
voll Ausschlag, wir rmissen sofort den Arzt rufen." Im 
Hause wohnte ein junger Arzt, ,,Herr Doktor ist leider 
nicht zu Hause, er ist ins Diana-Bad gegangen", sagt seine 
Wirtin. Nach zwei Stunden kommt der Arzt zuriick, die 
alte Frau schickt ihn sofort zu Frau Wessely hinauf. Der 
Hals tut ihm nicht mehr weh, aber es schwindelt ihn, und 
das Fieber tobt in seinem Korper. Der Arzt tritt ein, unter- 
sucht ihn eine Sekunde, ,,Scharlach", sagt er, ,,treffen Sie 
bitte sofort Vorkehrungen, daB der Kranke ins Kranken- 
haus transportiert wird, oder wiinschen Sie ihn im Hause 
zu pflegen?" Gerenne, Kopflosigkeit, Frau Wessely weint 
handeringend, von alledem nimmt er kaum Kenntnis, 
gleichgultig liegt er da, am friihen Morgen schon iiber 
vierzig Grad Fieber. Der Arzt bekommt mit Miihe eine 
Telefonverbindung mit einer Krankentransport-Gesell- 
schaft und bestellt den Wagen fiir ansteckende Kranke, 
dann spricht er mit einem Kollegen aus dem Allgemeinen 
Krankenhaus und geht. Nach einer halben Stunde ist der 
Wagen da: niemand weiB, was zu tun ist, niemand wagt, 
in sein Zimmer zu gehen. Da erscheint Gerda Buhr auf dem 
Korridor. ,,Schon seit einer halben Stunde hore ich mir 
dieses Gejammer an", sagt sie, ,,was soil derm das, wie kann 
man blofi so unbeholfen sein?" ,,Aber, bitte sehr, 
Fraulein", antwortet die sommersprossige Magd, ,,eine 
ansteckende Krankhcit ... das will sich wirklich keiner 

144 



holenl" ,,Wenn Sic Angst haben, dann scheren Sic sich 
raus und stehen hier nicht im Weg, wenn Sie sowieso nicht 
helfen", schnauzt sie das Madchen an und geht zu Kadar 
ins Zimmer. Die Krankentransportleute heben ihn gerade 
auf das Tragbett. Kadar blickt die Frau an, sein Mund 
offnet sich langsam. ,,Schon gut", sagt sie, ,,Sie brauchen 
keine Angst zu haben, 's wird schon nicht so schlimm 
werden." Sie geht an seinen Schrank, stopft seine herum- 
liegenden Sachen hinein, dann fangt sie an zu kramen, 
unter den Hemden findet sie in einer flachen Blech- 
schachtel sein Geld, ,,sieh mal einer an, Frankenl" 
sie ziihlt es und sagt zu Kadar: ,,sechshundertzwanzig 
Franken habe ich hier gefunden, die nehme ich an mich, 
damit sie nicht etwa ... Sie konnen ihn schon wegtragen", 
wendet sie sich an die Sanitater, ,,ich komme mit." Sie 
schliefit den Schrank zu, zieht den Schliissel ab, sagt ein 
paar Worte zu der noch immer halbohnmachtigen Frau 
Wessely, ,,telefonieren Sie gleich an die Desinfizier- 
Anstalt, sie sollen sofort kommen", zieht einen langen 
blauen Mantel an und geht der Tragbahre nach. 



ALLGEMEINES Krankenhaus . . . Abteilung fur an- 
steckende Krankheiten. In der ersten Etage liegt er in 
einem kleinen Zimmer, dessen Fenster auf den kahlen 
winterlichen Hof sieht. Wenn er die Augen offnet, blickt er 
gerade in die andere Ecke des Zimmers, wo das zweite 
Bett steht. Im Bett sitzt ein junger Bursche, der ihn betrach- 
tet. Als er bemerkt, daB Kadir die Augcn aufschlagt, 
spricht er ihn mit leiser Stimme gleich an: ,,na, geht es 
Ihnen besser? wir dachten wirklich schon, daB es mit 
Ihnen . . ." er schweigt verlegen. Ein Weilchen herrscht 
Stille. ,,Mir gehts schon gut", fangt der Junge wieder an, 
,,aber Ihnen wars jetzt drei Tage hundemaflig schlecht. 

10 KGrmendi, Budapest 145 



Ihre Schwester wird es Ihnen schon erzahlen." ,,Meine 
Schwester?" er offnet seit Tagen zum erstenmal den Mund: 
er wundert sich, wie fremd und verschleiert seine Stimme 
klingt. ,,Na ja, die blonde Dame, die taglich zweimal 
herkommt. 1st das nicht Ihre Schwester?" Er schlieBt 
die Augen wieder, er ist miide und gibt keine Antwort. 
Meine Schwester. Meine Schwester? vielleicht meine 
Kusine? vielleicht ist Mariska wieder in Wien? sollte sie 
ihr Haar blond gefarbt haben? Stille. Dann spricht der 
andere wieder. ,,Wenn ich nicht irre, dann sind Sie eigent- 
lich . . . kein Kind mehr. Wie kann das sein, daB Sie in dem 
Alter Scharlach bekommen haben?" Seine Augen offnen 
sich weit: ,,Scharlach?l" Der Junge fangt an zu lachen, 
,,was? Sie wissen vielleicht gar nicht, daB Sie Scharlach 
haben?" ,,Scharlach. Doch, natiirlich, natiirlich weiB ich 
das, Scharlach." ,,Jawohl", sagt der Junge, ,,ich hab 
auch Scharlach, aber mir gehts schon gut, noch etwas mehr 
als zwei Wochen, dann kann ich nach Hause gehen", 
und er schneidet eine komische Grimasse. Dann sprechen 
sie lange nicht. Spater kommt die Pflegerin herein, eine 
rotwangige, stattliche Person, ,,na, junger Mann, 
zwinkern wir endlich", sagt sie, ,,haben wir keinen Hunger? 
wollen Sie ein biBchen Milch? das konnen Sie haben." 
In kleinen Schliickchen trinkt er die lauwarme Milch; auf 
einmal fallt ihm etwas ein. ,,Mein Geld", sagt er zur 
Pflegerin, die ihm die Schnabeltasse an den Mund halt, 
,,Ihr Geld? na, sowas, Geld haben Sie auch? Aber ich weiB 
davon nichts. Das miissen Sie Ihre Verwandte fragen, die 
Sie hergebracht hat." Meine Verwandte, meine Schwester, 
rumort es ihm im Kopf, Mariska? Kathe? Frau Wessely? 
Tante Anna? Er ist miide, der Kopf ist ihm schwer, er 
schlaft ein. Als er aufwacht, sitzt auf einem Stuhl unten am 
Bett Gerda Buhr. Natiirlich, meine blonde Schwester. 
,,Na, fangen Sie endlich an, sich ein biBchcn zu ruhren", 
sagt sie, ,,das ist recht. Ich hoffe, Sie kommen glimpflich 
davon. Wie ich hore", winkt sie nach dem andern Bett 



hin, ,,haben Sie nach Ihrem Geld gefragt. Das Geld habe 
ich an mich genommen, sechshundertzwanzig Franken, 
das heiBt, nur sechshundert, denn zwanzig habe ich ein- 
gewechselt. Zerbrechen Sie sich jetzt nicht dariiber den 
Kopf, wenn Sie etwas brauehen, dann sagen Sies mir." 
Er sieht sie an, wie sie da am Bett sitzt. Kurz geschnittenes 
blondes Haar hat sie, stahlblaue, glanzende Augen, eine 
hohe weiBe Stirn, ein blaBrosa Gesicht. Bisher habe ich ihr 
Gesicht noch nie so in der Nahe gesehen. Aber . . . warum 
ist sie hier? wer ist sie? was will sie? ,,Bitte", er offnet 
miihsam den Mund, ,,nun?" ,,ein biBchen naher . . ." 
und mit den Augen winkt er nach dem andern Bett hin. 
Sie beugt sich zu ihm hin, ,,nun ?" ,,Haben Sie keine 
Angst, sich anzustecken? ich habe doch Scharlach." Die 
blauen Augen ziehen sich zusammen. ,,Erstens habe ich 
schon Scharlach gehabt, und iiberhaupt habe ich keine 
Angst." ,,Ja, aber . . . verschleppen Sie es nicht?" 
,,H6ren Sie mal, ich weiB ganz gut, wie ich auf mich und 
auf meine Umgebung aufpassen muB, kiimmern Sie 
sich nicht darum." Bei ihrem gebieterischen und, er meint, 
iiberfliissig energischen Ton schweigt er. Stille. Mit halb 
geschlossenen Augen betrachtet er ihr Gesicht von der 
Seite. ,,Bitte", sagt er nach einem Weilchen, ,,ja?" 
,,wie lange bin ich eigentlich schon hier?" ,,Den vierten 
Tag heute." ,,Und . . . bin ich zu Hause nicht gesucht 
worden, oder ist nichts fur mich gekommen?" ,,Nein", 
sagt Gerda, ,,die Dame ist nicht dagewesen." Die Dame 
ist nicht dagewesen, wie bestimmt sie das sagt, die Dame ist 
nicht dagewesen. Hinter den geschlossenen Lidern sieht er 
jetzt Kathe, wie sie vor dem Spiegel steht und an ihrem 
Korsett herumzerrt. ,,Wiirden Sie so freundlich sein, etwas 
auszurichten, telefoniscb ..." Warum nicht?" antwortet 
Gerda Buhr und nimmt ein kleines Notizbuch aus der 
Tasche, ,,sagen Sie nur den Namen." ,,Kathe Ulbrich, 
bei Direktor Lehrner." ,,Kindermadchen?" fragt 
sie scharf dazwischen. ,,Erzieherin", antwortet er mit 

10" 



Nachdruck. ,,Na, gut, Erzieherin. Jetzt weifi ich wenigstens, 
wer Sie groBen Lummel angestcckt hat. Es sollte mich 
wundern, wenn Ihre Freundin nicht auch mit Scharlach im 
Bctt lage!" ,,Mit Scharlach?" fragt er entsetzt, und im 
selben Moment fallt ihm ein, daB Kathe am letzten Sonntag 
iiber Kopfschmerzen und Schwindel geklagt hatte und 
daB ihr Atem gliihend heiB war. Plotzlich wird er sehr 
unruhig, ,,bitte, ich mochte unbedingt wissen ..." sagt er 
laut, Gerda mahnt ihn sofort zur Ruhe : ,,still, still, keine Auf- 
regung, Sie werden genaue Nachricht iiber sie bekommen." 

,,Nicht wahr, Sie sind Ungar?" fragt sparer der Junge 
aus dem andern Bett. ,Ja, warum?" ,,Aber Ihre Ver- 
wandte ist Wienerin, nicht?" Was will er bloB mit dieser 
Verwandten?! ,,Sie ist keine Verwandte von mir", sagt er. 
,,Wirklich? also, wer ist sie dann?" Wer ist sie dann? ,,Eine 
Dame", sagt er zogernd, ,,eine gute Bekannte aus der 
Pension, wo ich wohne." Der Junge fragt noch allerhand, 
aber er antwortet nur obenhin und fiirchtet, der Zimmcr- 
gefahrte konnte etwas iiber Gerda fragen, worauf er nicht 
zu antworten weiB. Es ware doch komisch, zu sagen: ich 
weiB nicht, wer sie ist, warum sie herkommt, ich weiB 
iiberhaupt nichts . . . Dann sagt der Junge, ,,na, ich glaube, 
Sie sind schon miide, liegen Sie jetzt cine Weile still." Er 
ist froh, daB er nicht mehr zu sprechen braucht, liegt 
ruhig da und schlaft dann ein. 

,,Sehen Sie, ich habe recht gehabt", sagt Gerda Buhr 
am nachsten Tag nach Tisch, ,,bei Lehrners ist ein regel- 
rechtes kleines Krankenhaus. Ich habe mit der Frau ge- 
sprochen, zwei Kinder und Ihre Kathe haben Scharlach. 
Na, ich muB schon sagen, eine besonders gewisscnhafte 
Dame ist das nicht, ihre Zoglinge waren schon lange 
krank, und auch in ihr steckte die Krankheit langst, als sie 
noch immer zu Ihnen kam. Na, aber das ist jetzt schon egal. 
Ich habe ihr sagen lassen, wir gruBen sie alle vielmals, auch 
ihr Vetter Anton", fiigt sie hinzu und lacht. Auch Kdddr 
lacht, dann wird er ernst. Kathe ist krank. ,,Geht es ihr 

MS 



sehr schlecht?" ,,Nein, ich glaube nicht . . . aber das 
nachste Mai bringe ich Ihnen cine gcnauere Antwort." 
,,Also, Sic werden nochmal hintelefonieren?" ,,Natiir- 
lich." Einc merkwiirdige Frau, diese Gerda Buhr. Sie 
hat so knappe energische Bewegungen und kurz an- 
gebundene befehlerische Worte. Wenn man nicht hinsieht, 
wiirde man nicht glauben, daB sie eigentlich ein junges 
Madchen ist das heiBt . . . wie alt kann sie sein? Alter 
als vierundzwanzig-fiinfundzwanzig sieht sie nicht aus. Ihr 
Gesicht, ihre Stirn sind glatt, ihre Augen scharf und klar, 
ihre Figur ist knabenhaft, ihr ganzes Wesen hat etwas 
Hartes und Frisches. Niemals bleibt sie lange hier; kommt, 
trifft, wenn notig, Anordnungen; sagt ein paar kluge, 
heitere, ermunternde Worte; bringt ihm mit, was er braucht; 
und geht wieder. Und doch ists ... als ware sie immer hier. 
Wahrend der ersten acht bis zehn Tage spricht sie nicht 
vicl mit ihm, es geht ihm nicht gut, er hat hohes Fieber, 
und der Arzt furchtet eine Nierenkomplikation. Er liegt 
und beschaftigt sich mit nichts, die Pflegerin hat ihm 
wohl eines Tages eine Zeitung gebracht, aber er konnte 
nicht lesen. Wenn er wach ist, starrt er gewohnlich die 
Decke an und versucht, an nichts zu denken. Weder an die 
kranke Kathe noch an Gerda, die er immer nur wenige 
Minuten sieht, noch daran, daB er nun mindestens sechs 
Wochen von seiner Zeit verliert. Manchmal fangt im andern 

Bett der Junge an zu reden 

Der Zimmergefahrte, ein sonderbarer Bengel, 
sitzt im Bett, sieht ihn unverwandt an, und sobald er die 
Augen aufschlagt, spricht er zu ihm. Genau so wie das erste- 
mal, als er in diesem Zimmer zum BewuBtsein kam. 
,,Brauchen Sie irgend etwas?" fragt er. ,,Soll ich klingeln, 
daB die Pflegerin kommt? Mochten Sie etwas zu lesen 
haben? ich habe eine ,Fackel', die kennen Sie, nicht wahr? 
ganz amusant, der KrauB nimmt jetzt den Werfel her. Sagen 
Sie mal . . . sind Sie nicht miide? konnen Sie antworten, 
wenn ich frage? waren Sie Soldat? warum sind Sie von 

149 



Budapest wcggegangen? wie habcn Sic zu Hausc gelcbt? 
wie alt sind Sic eigentlich?" in dieser Art. Anfangs 
antwortete er nur miihsam, was fur ein unruhiger Geist, 
dieses Kind! nicht cine Minute kann er still sein, und das 
ewige Gefrage empfindet er als eine Last. Dann gewohnt er 
sich ein wenig an die Stimme seines Zimmergefahrten, an 
seine unvermittelten und drangenden Fragen, wirklich, 
ein komischer Bengel. Paul Pauli-HeBlein, so heiBt er, 
siebzehn Jahre ist er alt. Er ist blond und hat samtgraue 
Augen, und wie er ihn einmal genauer betrachtet, fallt ihm 
auf, wie madchenhaft fein seine Haut ist, und seine Hande, 
wie Frauenhande. ,,Sie habens gut, jeden Tag kommt 
jemand sehen, ob Sie noch leben . . . fiir mich besteht kein 
so groBes Intcresse", sagt er und fugt nachdenklich hinzu : 
,,namlich bei meinen Eltern. Ich stehe mit meinen Eltern 
nicht sehr gut", sagt er, und wenn in seiner Stimme nicht 
ein kleiner bitterer Ton mitklange, miiBte man sich iiber 
den abgerundeten Ernst amiisieren, mit dem Paul diese Tat- 
sache konstatiert. ,,Ach, nein? und warum stehen Sie nicht 
gut mit ihnen?" ,,Ja, wissen Sie, das ist schon eine ziem- 
lich alte Geschichte." Nein, dariiber muB man wirklich 
lachen, wie dieser kleine madchenhafte Blondkopf mit der 
weiBen Haut und seinen siebzehn Jahren das sagt: eine alte 
Geschichte, und dabei verachtlich abwinkt. ,,Sehen Sie mal", 
fahrt der Junge fort, ,,Sie denken wahrscheinlich, es handelt 
sich hier um eine kleine Dummheit oder eine kindische 
Gekranktheit. Aber nein. Die Sache fangt da an, daB mit 
meiner Geburt irgend etwas nicht stimmte . . . Meine Mutter 
hatte namlich um die Zeit, als ich geboren wurde, einen 
Freund, so eine Jugendfreundschaft und Liebe ..." ,,Sie 
Gelbschnabel", fahrt er dazwischen, ,,schamen Sie sich nicht, 
in solch einem Ton von Ihrer Mutter zu sprechen?!" 
,,H6ren Sie nur zu und unterbrechen Sie mich nicht", sagt 
der Junge mit iiberlegener Ruhe, ,,ich habe gegenstandliche 
Bcweise, Papas und Mamas alte Briefe, die ich voriges Jahr, 
als Mama zwei Monate im Sanatorium war, im alten Kleider- 

150 



schrank gefunden habe. Natiirlich 1st die Tatsache allein, 
daB jemand cinen Briefwechsel so peinlichen Angedenkcns 
auf bewahrt, geniigend Beweis fur die Neurasthenic aber 
nicht darum handelt es sich. Was wollte ich gleich sagen . . . 
ach so, ja. Ich habe den Inhalt dieser Briefe und meine 
sonstigen Beobachtungen und Wahrnehmungen einem 
Freund mitgeteilt, Sie haben ihn gewiB schon hier bei mir 
gesehen, den jungen Mann mit dem schwarzen Haar, der 
Nervenarzt . . . wird, jetzt studiert er noch, im vierten Jahr, 
und der hat mir den Fall klargestellt. Also . . . aber inter- 
essiert Sie iiberhaupt die ganze Angelegenheit?" Er nickte, 
selbstverstandlich, und der andere fuhr fort: ,,Also, meine 
Mutter klammerte sich auch noch nach der Heirat an den 
gewissen Jugendfreund, vielmehr an die Erinnerung an 
diese Freundschaft, und das konnte Papa natiirlich nicht 
gefallen, was ja nicht zu verwundern ist . . . wahrscheinlich 
hats da Krawalle gegeben, ob damals auBerdem noch ein 
Grund existierte, das kann man natiirlich nur mutmaBen 
oder rekonstruieren. Jedenfalls hat Papa einmal im Sommer 
meiner Mutter nach Gmunden geschrieben : ,Wenn du jedoch 
Dir und mir einreden willst, daB Deine sogenannte seelische 
Krise, die angeblich mit Deiner Schwangerschaft zu- 
sammenhangt, einzig durch die Anwesenheit jenes gewissen 
Menschen erleichtert oder gar iiberhaupt ertraglich gemacht 
werde, dann werde ich auch davor nicht zuriickschrecken, 
Dir den Verkehr mit diesem betreffenden Menschen vollig 
und unter den schwerwiegendsten Konsequenzen zu ver- 
bieten.' Das ist doch klar, nicht? Mein Vater ist iibrigens 
Rechtsanwalt. Na, schon, also ich kam auf die Welt und war 
gerade ein Jahr alt, als meine Eltern sich scheiden lieBen. 
Mama heiratete aber jenen gewissen Menschen nicht, viel- 
mehr er heiratete sie nicht, sondern ging nach Amerika. Vor 
seiner Abreise schrieb er am SchluB eines vierundzwanzig 
Seiten langen Briefes, auch den habe ich gefunden, Mama 
ist ein sehr ordentlicher Archivar, ,auf ewig trage ich die 
schonste Erinnerung meines Lebens im Hersen, und ich 



glaubc, das ist fur uns bcidc besscr, als wenn ich die klein- 
lichen Sorgen dcs Alltags um Frau und Kind, die ich auch 
hcutc noch nicht ernahren konnte, im Herzen tragen miiBte. 
Und wenn ich dies trotzdem auf mich genommen hatte: so 
konnte das nur mein Verderben und durch mich auch Dein 
Verderben bedeuten*. Wohluberlegt, was? Soviel ich 
weiB, war dieser Herr damals angehender Maschinen- 
ingenieur. Na, schon, also er ging nach Amerika, vielleicht 
ist er noch immer driiben. Aber was, glauben Sie, passiert 
nach zwei Jahren? iibrigens ist das gar nicht schwer zu 
erraten: Mama und Papa heirateten sich wieder. Die unzer- 
reiBbare sexuelle Bindung, die alles iiberwindenden ero- 
tischen Erinnerungen waren es bei Papa, wahrend es fur 
Mama immerhin doch das Wichtigste war, sorglos leben zu 
konnen, so erklarte mir mein Freund den Fall. Dann wurden 
noch zwei Kinder geboren. Daisy, die jetzt elf Jahre alt ist, 
und zwei Jahre darauf Frank. Nun also ... die Elternliebe 
kann eventuell schwanken zwischen dem Erstgeborenen 
und den kleineren Kindern oder zwischen dem Madchen 
und dem Knaben, aber daB sich beide Eltern so ein- 
stimmig gegen mich kehrten unter dem Vorwand, du bist 
der Alteste, das hat ganz andere Griinde als die normale 
Verteilung oder Einseitigkeit der Elternliebe." ,,Aber 
gehn Sie, was reden Sie sich da ein?" versucht Kadar wieder 
dazwischenzufahren, aber der andere laBt ihn nicht welter- 
sprechen: ,,Lassen Sie mich nur, ich rede mir das nicht ein, 
ich weiB auch ganz genau den Grund. Papa haBt in mir die 
Vcrletzung seines Alleinbesitzenwollens, sagen wir seines 
AusschlieBlichkeitsinstinktes und seiner mannlichen Eitel- 
keit, Mama wiederum die Enttauschung, die ihr ihre Er- 
innerungen, beziehungsweise jener gewisse Mann bereitet 
hat, und zum Teil auch die Erinnerung an jenen, wahrschein- 
lich nachtraglich bereuten Fehltritt." Wieder spricht er da- 
zwischen, diesmal bereits mit etwas entsetztem und zugleich 
erstauntem Argcr: ,,Dumme Einbildung das Ganze." 
,,Dadurch, daB Sie grob sind", sagt der Junge und hebt die 

IJ2 



Hand, ,,werden Sic mich nicht iiberzeugen. Nein, meine 
Eltcrn hassen mich . . . sehen Sic mal, um gleich mit dem 
Endc zu beginnen: Daisy und Frank sind auch krank, 
wahrscheinlich hat Frank das Scharlachfieber aus der Schule 
mit nach Hause geschleppt. Daisy und Frank liegen zu 
Hausc, und mich haben sie hier ins Krankenhaus gesteckt. 
Ware es nicht ganz gleich gewesen, ob die Pflegerin zwei 
oder drei Kranke pflegt? Und auBerdem kenne ich Papas 
pekuniare Verhaltnisse, er hatte auch zwei Pflegerinnen 
nehmen konnen nun, ist das nicht ganz eindeutig?" 
,,Nein", sagt er, ,,das beweist gar nichts, Sie sind schon ein 
groBer Junge, der zu Hause viel schwerer ..." ,,Weil er 
dauernd weint", fahrt Paul in spottischem Ton fort, ,,weil 
man ihn futtern muB und mit ihm spielen, ihn trockenlegen, 
na, schon. Also, ich werde Ihnen etwas anderes erzahlen: 
was sagen Sie zu einem solchen . . . Kind wie ich, das immer 
zehnmal so viel Geld hat, als es haben diirfte, und fur das es 
keinen Wunsch gibt, der nicht sofort erfullt wiirde, bloB 
Also, passen Sie auf, ich hatte mir ein Funktelegrafen- 
Modell gewiinscht, nach zwei Tagen bekam ich es, da sage 
ich zu Papa: Pappi, wie muB man damit umgehen? LaB 
mich in Ruh mit dieser Dummheit, sagt er, da ist ja die 
Beschreibung, wenn du sie nicht verstehst, dann laB dir aus 
dem Geschaft jemanden kommen, der dir die Sache zeigt! 
Mammi, sage ich, komm, wir wollen uns gegenseitig Funk- 
telegramme schicken ... Geh mir doch mit deinem 
Quatsch, telegrafier mit dem Fraulein oder mit Franz, das 
war unser Diener. Ich war damals zehn Jahre alt. Pappi, ich 
versteh nicht, wieso der Frosch unterm Wasser und auch 
auf dem Trockenen So, du verstehst das nicht? dann paB 
nachstens besser auf in der Schule ! Aber, Pappi, das haben 
wir ja in der Schule noch gar nicht gehabt, das wollte ich 
bloB . . . Dann frag den Herrn Lehrer und laB mich jetzt in 
Ruh. Mutti, wenn Gott allmachtig ist, wie ist es dann 
moglich, daB Halt doch den Mund! siehst du denn nicht, 
daB du mich mit deinem ewigen Gefrage nervos machstl 

153 



Papa, ich bin Erster geworden im Wettrechnen Schon, 

sag bittc Franz, er soil mir cine Flasche eiskaltes Mutti, 

wcnn ein Madchen und ein Junge Hcrrgott, mit der- 
artigcm Blodsinn pisackst du mich, anstatt deine Schul- 
arbeiten zu machen! So geht das, seitdem ich mich 
crinnern kann. Weil sie dazu in der Lage sind, erfullen sie 
allc meine Wiinsche, bloB um mich los zu sein. Fur jeden 
Wildfremden baben sie mehr Interesse als fur mich, und 
ihr Eltcrngewissen betauben sie, indem sie mich mit Geld 
iiberhaufen. In Papas Biiro ist ein Angestellter, der gibt mir 
das Geld. Soviel ich nur haben will . . . natiirlich innerhalb 
gewisser Grenzen. Das miissen Sie so verstehen, daB ich 
noch immer viel weniger zu verlangen wage, als ich bc- 
kommen konnte. Bei groBeren Sachen? Du brauchst ein 
Motorrad? bitte, da hast du Geld, kauf dir eins. Damals war 
ich vierzehn Jahre alt. Als ich dann einmal einer Apfel- 
verkauferin ihren Stand umwarf und sie sich dabei das Bein 
brach, da sagte mein Vater auf dem Jugendlichen-Gericht 
aus: ich habe dem Jungen die strenge Weisung gegeben, 
das Motorrad nur aufierhalb der Stadt zu benutzen. Na . . . 
fast hatte ich dem Richter zugeschrien, er liigt! niemals hat 
er mir ein Wort davon gesagt! egal, ich war jedenfalls 
ein halbes Jahr in Krems in der Besserungsanstalt. Sehen 
Sie mal", sagt er und sitzt wieder aufrecht im Bett, ,,ich bin 
ein ... zugrunde gerichteter Mensch, das weiB ich. Wenn 
der Teufel mir einmal etwas eingibt, wozu sie nicht genug 
Geld haben, oder wenn mir Gott die Kraft nimmt, mich 
sebnen zu konnen ..." fur einen Augenblick schwieg er, 
und dann kam ein ganz besonderer Glanz in seine grauen 
Augen, ,,wissen Sie, es ist nicht immer leicht. Damals in 
der ersten Nacht, als ich nicht einschlafen konnte und 
immerfort Mizzis nackte Schenkel vor meinen Augen sah, 
wie sie auf der Leiter stand und Fenster putzte . . . wenn ich 
damals vor meinen Vater hingetreten ware und ihm gesagt 

hatte, Vater, in mir ist etwas Schreckliches und er 

darauf vielleicht geantwortet hatte, gib mir doch mal den 

154 



Aschcnbcchcr, oder, frag den Herrn Lehrer " Er 
bekam plotzlich einen roten Kopf und atmete schwer. 
Fasziniert starrte Kadar den Jungen an, und kein Ton kam 
iiber seine Lippen. Paul nahm das Glas vom Tischchen und 
trank einen kurzen Schluck. ,,Na, macht nichts", sagte 
er dann, ,,iiber diese Dinge sind wir hinweg. Entwachsen 
sind wir ihnen. Der Mensch ist ein zum Alleinsein bc- 
stimmtes . . . Tier, und ich kann noch von Gliick reden, daB 
ich zunachst mal den Ludwig Wirth habe, mit dem ich von 
allem sprechen kann, ich habe meine Freunde, und dann ist 
mir das Ganze jetzt schon gleichgultig. Mein Vater ist ein 
angesehener Mann, und es geht ihm gut, meine Mutter ist 
eine schone Frau, was will man mehr. Sie haben eine 
Riesenwohnung, und cs ist doch wirklich keine Notwendig- 
keit vorhanden, sich gegenseitig zu storen, es geniigt, wenn 
man vom Personal weiB, daB der junge Herr nicht verloren- 
gegangen ist. Ich richte mir mein Leben ein, wie ich es fur 
am besten halte, und wenn es so nicht am besten ist, wie ich 

es mache, dann bin ich eben nicht dafiir verantwortlich 

Sonst aber ist die Hauptsache, daB wir es moglichst gut 
haben.*' ,,Wer wir?" ,,Na, wir, ich und die ... zu mir 
gehoren." 

Ludwig Wirth, Student der Medizin, Pauls Freund und 
Lehrer, kam wieder und brachte einige Hefte und Biicher 
mit, darunter auch Wedekinds Erdgeist und Stiicke von 
Shaw. Leicht war es nicht, bis Kadar auf Pauls Zureden 
anting, eins davon zu lesen, dann verlangte ihn schneller 
nach dem zweiten, als er gedacht hatte, und schlieBlich hatte 
er innerhalb einer Woche Pauls samtliche Biicher ver- 
schlungen. Dann unterhielten sie sich stundenlang iiber 
Lulu und John Tanner und Frau Warren, und er hatte das 
Gefiihl, alles, was bisher gewesen war, sei unbedeutend 
neben diesen Gesprachen. Jetzt fange ich an zu lernen, 
dachte er, als er Pauls erstaunlich wahr scheinenden An- 
sichten und iiberlegenen Erklrungen iiber diese neuen 
Dingc lauschte. Als ware Paul der ernste und reife, 

155 



viclerfahrenc Mann und er dcr unbeholfene Gymnasiast. Das 
war nicht das, was Fcuerstein einst gewescn war . . . mit 
scincn kiihlcn Argumenten, seinen hartcn, abgerundctcn, 
gebieterischen Ausspriichcn, mit den chaotischen Rhapso- 
dien seines iiberladenen Gehirns. Lauer Schwatzer? fiel 
ihm einmal ein. Nein, das ist keine Theorie, das ist kein 
abstraktes Denken, das ist, als ware es das Leben und er 
bemerkte kaum, daB die manchmal geradezu verbliiffende 
Dialektik des Jungen auch ihm Redelust eingab. Im An- 
schluB an die eine oder andere hingeworfene geschickte 
oder ganz ungehobelte Frage fing er an zu sprechen und 
crzahlte Paul alles: mehr als damals den Alten an jenen 
dunklen Herbstabenden, als sie in der Pozsonyer StraBe im 
EBzimmer unter der Lampe saBen, mehr als Agota an 
jenem sonnigen Herbstnachmittag unten vor dem Haus. 
Paul ist mein wahrer, mein einziger Freund, fuhlte er, wenn 
er abends vor sich ins Dunkel starrte, und dann kam ihm 
eines Tages plotzlich in den Sinn: ganz bestimmt, ich werde 
es Paul sagen, das Ganze kommt daher, weil ich sie iiber 
habe, und wenn ich an sie denke, sehe ich immer, wie sie 
vor dem Spiegel steht und mit ihrem Korsett kampft . . . 
Eines Nachmittags kommt Wirth und sagt gleich zu 
Beginn der Unterhaltung zu Paul: ,,Heute mittag war ich 
mit Rosette zusammen, sie hat wieder gebettelt, sie mochtc 
herkommen, aber ich habs natiirlich nicht zugegeben. Sie 
schickt dir GriiBe und Kiisse, du kannst dir denken, wie 
ungeduldig sie schon ist ..." Kidit rumorte etwas im Kopf, 
und den ganzen Nachmittag war er wortkarg, beinahe 
schweigsam. Als Wirth gegangen ist, bleibt er noch ein 
Weilchen stumm liegen, dann richtet er sich auf einmal im 

Bett auf. Komisch, das habe ich ihn noch nie gefragt 

,,Sag mal, Paul", und er blickt ihn durchdringend an, ,,hast 
du schon was mit eincr Frau gehabt? ..." ,,Ich? schon 
seit fast einem Jahr ... die erste." ,,Wer ist sie?" fragt 
er dumm. ,,Ihren Namen willst du wissen", spottet Paul, 
,,ubrigcns, der ist auch kein Gehcimnis, Rosette Goldrain. 

156 



Was interessiert dich noch? diinn und blond und hat braune 
Augen und 1st rund drei Monate j linger als ich . . . ihr Vater 
1st Rat im Finanzministerium und hat irgendwelche Machen- 
schaften mit meinem Vater, willst du noch was wissen?" 
Fiir einen Moment stockte ihm der Atem. Ein Madchen der 
Gesellschaft, keine Krankenschwester, kein Stubenmadchen 
und keine Gouvernante, und siebzehn Jahre, diinn und 
blond und ,,Du flunkerst wohl", sagt er hoffend. 
,,Warum bist du denn so ergriffen, daB dus nicht mal zu 
glauben wagst?" fragt der andere. ,,Ein Bild von ihr habe 
ich leider nicht hier, aber wenn wir wieder gesund sind, 
dann stelle ich dich ihr sowieso vor." Mancherlei mochte er 
jetzt noch fragen, aber die Worte bleiben irgendwie in ihm 
stecken. Erst nach langer Zeit sagt er: ,,blond?" und 
Paul fangt laut an zu lachen. Dann ist von Rosette nicht 
mehr die Rede. 

Eines Tages wurde der Junge dann aus dem Kranken- 
haus cntlassen. Ihr Abschied war sehr kurz. ,,Paul", sagte er 
mit trockener Kehle, ,,ich danke ..." ,,Du muBt dich 
nicht bedanken", schnitt er ihm das Wort ab, ,,bleib nur 
schon liegen, werde gesund, natiirlich komme ich dich be- 
suchen", und damit ging er aus dem Zimmer. Gerda 
kam auch weiterhin jeden Tag, und nach diesen Besuchen 
verstand Kadar die Frau noch weniger, und die Beziehung 
von ihm zu ihr verwirrte sich in ihm vollkommen. Gerda 
Buhr kam, setzte sich in ihrem weiBen Mantel auf den Stuhl 
unten amBett. ,,Wie gehtslhnen? Wie sieht die Fieberkurve 
aus? Haben Sie einen Wunsch? Ich bore, Sie essen nicht 
ordentlich, waren die Speisen vielleicht nicht gut? Wollen 
Sie ein biBchen Kompott haben? Neues weiB ich nicht, 
heute haben die Arbeitslosen in der Stadt demonstriert, von 
der Hochschule habe ich nichts gehort. Ihrer Freundin geht 
es gut." All das erzahlte sie in Zeit von fiinf Minuten, dann 
stand sie auf und ging. Um was er bat, brachte sie am 
nachsten Tage mit, sah sich an, was er las, einmal sagte sie: 
,,wie ich sehe, freunden Sie sich mit dem Jungen da an ... 

1J7 



ein lebhafter Bengel, nicht?" und brachte Nachrichten von 
Kathe. Anfangs waren diese Berichte ausfiihrlich und genau : 
,,dann und dann habe ich dort angerufen, es geht ihr so und 
so, sie hat soundsoviel Fieber, sie iBt oder hat keinen 
Appetit, sie laBt das und das sagen, sie mochte das und 
das . . .", dann indessen, in der vierten Woche seiner 
Krankheit, wurden Gerdas Mitteilungen iiber Kathe immer 
kiirzer; gewohnlich sagte sie bloB: ,,es geht ihr gut." Aber 
Kadar bemerkte diese Wortkargheit iiber Kathe nicht, und 
als Gerda eines Nachmittags das Madchen iiberhaupt nicht 
erwahnte, fiel es ihm nicht einmal auf, daB er sich auch nicht 
nach ihr erkundigte. Nein, jetzt war es Gerda, die die zahl- 
reichen Stunden seines Nichtstuns in Anspruch nahm. 
Warum kommt sie zu mir? schon das ist seltsam, daB sie 
meine Sachen ordnete, als ich krank wurde. Jetzt sehe und 
spreche ich sie schon seit Wochen jeden Tag und weiB noch 
immer nichts von ihr und verstehe sie tagtaglich weniger. 
Er horchte und lauschte in sich hinein: vielleicht wiirde er 
in seinem Innern eine Stimme horen, vielleicht an der Frau 
eine Geste bemerken, die eine Erklarung geben oder 
wenigstens sie naher bringen konnte naher bringen? 
wozu? ist es nicht besser so, im stillen Dunkel, im ruhigen 
Verstreichen der Stunden an sie zu denken, und nichts 
Bestimmtes zu wissen, damit ich glauben kann, was ich 
gerade glauben mochte? . . . 

Es schneite, iiber Nacht war der kleine Hof weich und 
weiB geworden. Der Schnee brachte saubere Stille ins 
Zimmer; heute freute er sich zum erstenmal, daB er all ein, 
daB das andere Bett leer war. Er trank Milch, spiirte Hunger, 
und die Milch schmeckte ihm; er fuhlte, wie der sich nach 
Gesundheit sehnende junge Organismus gierig die langsame, 
sichere Genesung einsog. Auf dem kleinen Tisch lagen die 
Biicher, die er von Paul bekommen hatte, zerstreut blatterte 
er in ihnen. Der Mensch ... ist ein zum Alleinsein bestimmtes 
Tier. Vater und Mutter in Deva, in der Erde; Tantc Anna 
und Onkel Rudi . . . jeden Monat kommt und geht ein Brief: 

158 



ziemlich eintonige Variationen um das Wort: es geht uns 
einigermaBen. Seitdem er krank war, hatte er ihnen natiirlich 
nicht geschrieben, er wollte sie nicht beunruhigen. Vielleicht 
werde ich sie jahrelang nicht wiedersehen, vielleicht nie. 
Zwei alte Leute, ihr Bild verblaBte von Tag zu Tag mehr. 
Onkel Rudi ist schon ganz grau, Tante Anna bekommt iiber 
dem Handgelenk faltige Arme. Agota . . . fast hatte sie ein 
Kind gehabt von einem Monteur, der sich selbst zum 
Kriippel gemacht hat . . . einen blauen Schal hat sie mir 
gegeben, als ich nach den drei Tagen Die kleinen Wiener 
Madels, Lene hieB die eine, die andere hatte einelangliche 
Brandnarbe am Arm, die dritte war mit einem unertraglichen 
Veilchenduft parfumiert. Kathe . . . steht vor dem Spiegel, 
und das Korsett ist ihr verrutscht, bisher war mir gar 
nicht aufgefallen, daB sie so dick ist ... Schrecklich. Was 
ist diese dumpfe, leere Kalte, die er fiihlt, wenn er sich an 
Namen, Gesichter, Bewegungen, Stimmen erinnert? Ist der 
Mensch wirklich nicht mehr als eine Hand, die Brot reicht, 
oder ein Lustobjekt, das in der Umarmung heiB siedet? 
Laufen Schicksale tatsachlich aneinander vorbei wie zwei 
nachtliche Ziige auf parallelen Geleisen, ihre Fenster 
leuchten fur ein paar Sekunden ineinander, und der, dessen 
Lokomotive starker ist, laBt den andern hinter sich? Gibt 
es wirklich keinen Gefahrten in Mitgefiihl oder Abneigung, 
nur verschwommene Figuren in sinnlosen Flecken, mit 
unverstandlichen Zielen und unfaBbaren Tonen? Gibt es 
nur Formeln? von dem bekomme ich Geld, von jenem hore 
ich weise Worte, diesen meide ich, und mit jener krieche 
ich zusammen in ein Bett? Der eine sagt: liebes Kind, ich 
lasse dich nun allein in die Fremde, ins Leben ziehen. Der 
andere verkiindet pathetisch: Sie werden fur reif erklart! 
Einer brullt: nieder mit Serbien! Einer krachzt kurz: 
Fahnrich Kadar mit vier Mann . . . Einer heult: elender 
Kommunist I Eine zerschmilzt : ich bete dich an ! Eine fragt : 
mochten Sie ein biflchen Kompott? Wen gibt es, der bleibt; 
wen gibt es, der iiber die Formel hinaus etwas bedeutet, 

159 



mehr als die Fiktion einer fliichtigen Minute oder eines 
fliichtigen Jahres? Seine Eltern, an die er sich kaum er- 
innert? Mariska Gazda, die er einmal gekiiBt hat? Gerda, 
die er noch nicht kennt? Paul, von dem er manchmal das 
Gefiihl hat, er sei geistig nicht ganz in Ordnung? Keiner 
bleibt . . . Und kann ich wirklich nur vom Geheimnis oder 
von dem, was auBerhalb der Norm steht, etwas erwarten? 
Und dann posaunte mitten in diese verwirrenden und ver- 
worrenen, unruhigen und beunruhigenden Meditationen 
die Stimme der Gesundheit und des Wollens: ich werde 
gesund! ich will arbeiten! ich verschaffe mir Freunde! ich 
werde zu Geld kommen! ich werde cine Frau haben! 
und da wurde er gut gelaunt, fing an, ini Bett zu pfeifen, 
und kniff der dicken Pflegerin blaue Flecke in den Arm. 
Mit iiberraschender Sicherheit stellte er sich auf die FiiBe, 
als der Arzt ihm in der funften Woche aufzustehen erlaubte. 
Ein paar Minuten ging er im Zimmer auf und ab, friih- 
stiickte mit gutem Appetit und legte sich dann vorsichts- 
halber wieder ins Bett. Gestern war Paul den ganzen Nach- 
mittag bei ihm und erzahlte: er habe seinem Vater erklart, 
er miisse einen Nachhilfelehrer haben, um das durch die 
Krankheit Versaumte nachholen zu konnen. ,,Sowie du 
also ganz gesund bist, sehen wir uns jeden Tag, voraus- 
gesetzt natiirlich, daB du die Rolle eines Korrepetitors bei 
mir iibernehmen willst." Heiter plauderten sic, Paul hatte 
Schokolade und eine Menge feiner Zigaretten mitgebracht, 
das Zimmer fiillte sich mit Rauch, seit seiner Krankheit 
waren dies die ersten Zigaretten. ,,War die blonde Un- 
bekannte heute auch hier?" scherzt Paul. ,,Natiirlich, sie 
kommt doch jeden Tag, wie du weiBt, fur fiinf Minuten." 
,,Und bleibt sie auch jetzt nicht langer, seitdem du allein im 
Zimmer bist?" Er wird rot: ,,nein, auch jetzt nicht, warum 
denkst du das?" ,,Ich hoffe, du bist dir dariiber klar, daB 
diese Dame in dich verliebt ist?!" setzt er den Scherz fort. 
,,Du Lausbub!" blast er ihm den Rauch ins Gesicht, ,,was 
wciBt denn du von . . .", und wieder wird er rot. Daran habe 

1 60 



ich auf mein Wort noch nie gedacht, sagt er zu sich. Aber 
es 1st ja auch Unsinn . . . sie hat mich ja vorher kaum ge- 
sehen, und dann, well sie mich aus Mitleid, elend, wie ich 
war, aufgeklaubt und wahrend der ganzen Zeit vielleicht 
zwei Stunden an meinem Bett verbracht hat . . . ,,Nicht viel 
iiberlegen", sagt Paul bestimmt und frech, ,,jetzt bist du 
doch schon gesund, pack doch ihren Kopf, riihr sie doch 
cndlich an, damit sie bekommt, was sie will!" Er ist 
verlegen und winkt ab. ,,Deine zynische und oberflach- 
liche ..." ,,Toni", unterbricht ihn der andere, ,,bist du 
denn wirklich ganz verblodet? habe ich dich denn wochen- 
lang vergebens erzogen?" da lachen sie, eine halbe 
Stunde plaudern sie noch, dann geht Paul. Das Auf- 
stehen ist ihm gut bekommen; nach einer Stunde Ruhe 
steigt er wieder aus dem Bett, setzt sich ans Fenster und 
betrachtet den fallenden Schnee. Kein biBchen Miidigkeit 
in den Gliedern, Herr Gott, ich bin wieder gesund. Sein 
Mittagessen verschlang er mit Wolfshunger und legte sich 
dann sofort wieder bin, um um drei Uhr frisch und auf den 
Beinen Gerda Buhr empfangen zu konnen. 

Punkt drei erscheint sie. ,,Ich gratuliere zum Aufstehen, 
jetzt wird die Sache schon schnell verlaufen, wie ich sehe, 
geht es Ihnen gut, also auf Wiedersehen, morgen komme 
ich wieder", sagt sie in einem Atemzug, setzt sich nicht 
cinmal hin, schon ist sie nicht mehr da. Dieses rasche Ver- 
schwinden machte ihn miBgestimmt, er hatte sich mit ihr 
unterhalten wollen und war nicht einmal dazu gekommcn, 
sic zum Bleiben zu bitten. Argerlich legte er sich hin, starrte 
die Wand an, und was Paul von Gerda gesagt hatte, ging 
ihm fortwahrend durch den Kopf. Dann schlief er ein, 
auch Paul kam heute nicht, und der Nachmittag floB mit 
wenigen Minuten des Wachseins in den Abend iiber. 
Am nachsten Vormittag kommt die Pflegerin: ,,Fraulein 
Buhr hat angerufen, sie ist erkaltet und kann weder heute 
noch morgen kommen, voraussichtlich erst ubermorgen 
oder Freitag. Diese Nachricht schmifi ihn ganz um. Er 

11 Kftrmendl, Budapest l6l 



wurde brummig, kaute ohne Appctit an seincm Essen her- 
um und war geradezu froh, als Paul und Wirth nach einem 
kurzen Besuch von einer halben Stunde wiedcr gingen. 
Auch der folgende Tag war nicht anders ; aber nachmittags 
begann bereits die Hoffnung in ihm zu erbliihen : vielleicht 
kommt sie morgen . . . und dann zog sich plotzlich eine 
unertragliche heiBe Spannung durch seine Brust: sollte 
Gerda in mich verliebt sein? 

Am nachsten Tage nach Tisch war sie also da. Aufgeregt 
saB er auf dem Bett und wartete, und als sich die Tike 
offnete, sprang er auf. ,,Sie waren doch nicht ernstlich 
krank?" ,,Nein", antwortete sie, ,,ich war iiberhaupt 
nicht krank, ich wollte bloB, daB Sie die ersten zwei-drei 
Tage des Aufseins beziehungsweise ich wollte nicht, daB 
Sie mich vielleicht etwas fragen, worauf ich hatte antworten 
rmissen." Schwer und kalt klopft es ihm in der Brust: in 
diesem Ton, so unsicher hatte sie noch nie gesprochen, 
,,gibts denn etwas Unangenehmes?" fragt er ganz leisc. 
,,Ja", antwortet sie und senkt den Blick zu Boden, was sie 
bisher noch nie getan hatte, ,,die Kathe ist gestorben . . . 
schon vor zehn Tagen, an Gehirnhautentziindung." Zuci 
erschrockene Augapfel starren in den plotzlich verschwim- 
menden weiB-blonden Fleck, und ein leichtes Schlucken 
klopft ihm in der Kehle. Spannende Kalte steigt langsam in 
seinem Innern auf, und rasche, angstliche Pulsschlage 
lauschen, ob . . . hinter ihnen Entsetzen, Schmerz, Nieder- 
geschlagenheit steckt? Dann klart sich der blond- weiBe 
Fleck zu Gerdas Gesicht, das jagende Herzklopfen wird 
stiller, tief im Kopf hort er ein stohnendes Echo, der 
Mensch ... ist ein zum Alleinsein bestimmtes Tier . . . und 
in dem Augenblick fuhlt er wie ein Unbeteiligter, Fremder, 
in eisig kaltem Entsetzen, daB Kathe von seiner Seite dahin- 
gestorben ist, als hatte sie niemals neben ihm gestanden, 
als als ware ein fremder Mensch auf der StraBe zusammen- 
gebrochen, die Leute bleiben einen Moment stehen und gehen 
dann weiter. ,,Gehirnhautentziindung . . . fiirchtcrlich", 

162 



murmelt cr, und etwas anderes kann er nicht sagen. 
,,Regen Sie sich moglichst nicht auf", greift Gerda nach 
einem Wort, ,,aus dem Grunde habe ich es Ihnen nicht 
friiher gesagt. Die arme Kathe, nach der ersten Woche 
wurde ihr sehr schlecht, und in der dritten Woche trat 
Nieren- und Gehirnhautentziindung ein. Vielleicht ist es 
ein Gliick, daB sie vor ihrem Tode drei voile Tage bewuBt- 
los lag, jedenfalls hat sie auf die Weise weniger gelitten." 
Heute blieb Gerda den ganzen Nachmittag bei ihm. Sie 
sah sofort, wie die Nachricht von Kathes Tod an barter 
Fremdheit und kaum zu verhiillender Teilnahmlosigkeit 
zerfiel; aber sie ftihlte auch, wenn sie ihn jetzt allein heBe, 
dann wiirden die Fremdheit und die Teilnahmlosigkeit mit 
doppelter Kraft iiber ihn herfallen und ihn qualen. Die 
zwangsmaBige Ruhrung verscheuchte sie mit gescheiten 
und interessanten Worten, und was sie noch nie getan hatte, 
sie erkundigte sich nach seinen Privatangelegenheiten, fing 
von der Hochschule und von der nachsten Zukunft an zu 
sprechen. ,,Es ist auf alle Falle richtig, daB Sie in Wien 
studieren, wenn auch die Wiener Vorlesungen in Architektur 
nicht ebcn an erster Stelle stehen, wenn Sie einmal weiter 
gingen, nach Berlin oder nach Zurich . . . billig ist Wien 
bestimmt, billiger als jede andere Stadt in Europa, besonders 
fur die, die Schweizer Franken haben. Im iibrigen, wie 
Sie ja sehr gut wissen, sind die Verhaltnisse schwer, 
natiirlich nicht nur in Wien, sondern auf der ganzen Welt. 
Das ist die Folge des Krieges und zum Teil die Folge davon, 
daB der Krieg offensichtlich nicht in der Weise liquidiert 
wird, wie es sein sollte. DaB sich nun in einigen Landern die 
Staatsform geandert hat und man in RuBland einen Versuch 
in die Wege leitet, der zweifellos einer der aufregendsten 
Versuche der Weltgeschichte ist ", und er bemerkt kaum, 
daB sie sich uber Dinge unterhalten, iiber die sie noch nie 
ein Wort verloren hat. Arbeitslosigkeit, unrichtige Ver- 
teilung von Vermogen und Grundbesitz, furchtbare Ver- 
schiebungen unter den einzelnen Gesellschaftsschichten . . . 



11* 



163 



Gerda sagt: ,,jede neue Welt geht aus cinem kosmischen 
Chaos hcrvor, jeder Welterncuerung muB ein gesellschaft- 
liches Chaos vorangehen ..." er wundert sich iiber die 
Stimme, iiber die Worte und fiihlt, dafi er nichts dazu zu 
sagen, daB er keine Idee von diesen Dingen, keine Wurzel in 
ihnen hat. Diese Interesselosigkeit und den scheuen, fast sich 
wehrenden Ausdruck in seinem Gesicht bemerkt Gerda, und 
kaum wahrnehmbar leitet sie das Gesprach auf personliche, 
Kadar direkt betreffende Dinge iiber. ,,Das osterreichische 
Geld wird von Tag 2u Tag schlechter, Sie mit Ihren 
Schweizer Franken beriihrt das natiirlich mcht sehr." Dann 
legt sie Rechenschaft ab iiber das Geld, fiinfhundert- 
fiinfzig Francs hat er noch; Gerda rat ihm, Schiilern Nach- 
hilfestunden zu geben. ,,men Schiilcr habe ich schon", 
sagt er, ,,den Pauli-HeBlein." ,,Der kleine Junge, der Ihr 
Zimmergefahrte war? mir scheint, Sie haben grofie Freund- 
schaft geschlossen.** Das leugnet er nicht und spncht in 
schwarmerischen Worten von seinem neuen Freund. Sie 
hort sich diese Ergiisse schweigend an und bemerkt nur 
zum SchluB: ,,ich glaube, Sie sind em erwas leicht beein- 
fluBbarer Mensch. Passen Sie nur auf, daB diese ofFenbar 
starkcrc und aktivere Personlichkeit Sie nicht in Extra- 
vaganzen treibt.*' Dariiber argerte er sich. Extra- 
vaganzen? und uberhaupt, was will diese . . . warum 
warnt sie ihn vor seinem Freund? Will sie mich ihm ent- 
fremden? Was gibt sie mit dafiir? Vielleicht das, daB ich sie 
langer als ein Jahi kenne und sie heute zum erstenmal mehr 
als drei Worte mit mir spricht ? DaB es mir wahrend eines 
Jahres nicht gelungen ist zu erfahren, wer und was sie 
ist? Oder . . . vielkicht, was Paul Hcrausfordernd maB 
er sie von oben bis unten und lieB die Augen aggressiv 
und eindeutig an ihrer Brust haften. Gerda bemerkte 
den Blick sofort, ein fliichtiges Ldcheln ging iiber ihre 
Ziige, im iibrigen nahm sie von der Sache keine Notiz. Nur 
ihre Stimme schien etwas kiihler als vor fiinf Minuten, abcr 
das Gesprach geht weiter und flieBt bald klar und ruhig 

164 



dahin. ,,Paul hat ein besonders intelligentes Gesicht", sagt 
Gerda, was kannst du denn wissen, wer dieser Paul 1st, 
denkt er und schweigt, und daB letzten Endes cine der- 
artige Freundschaft einem in seiner Entwicklung nur 
forderlich sein kann, genau so wie spater einmal die guten 
Beziehungen ... was weiBt du, wer dieser Paul ist! 
Gegen sechs Uhr kotnmen Paul und Wirth; sic stellcn sich 
Gerda vor, und sie bemerkt, daB Paul sie mit demselben 
Blick miBt wie vorhin Kadar. Dann sitzen sie an scinem 
Bett und sprechen vom ,,Heartbreak-House", Shaws neuem 
Stuck. Dann ist von alltaglichen Dingen die Rede; Paul er- 
zahlt, sein Vater habe die Verteidigung eines Nationalisten 
ubernommen, der in einem Wirtshaus in Penzing einen 
sozialistischen Arbeiter durchs Fenster erschossen habe. 
Wirth halt einen etwas verworrenen und spitzfindigen 
Vortrag iiber ein noch ungeklartes Verbrechen, das sehr 
nach Lustmord aussieht und seit Tagen die Stadt in Auf- 
regung halt. Spater polemisieren sie iiber die Glasarchitek- 
tur, Paul hat gerade ein hierauf beziigliches neues Buch 
mitgebracht. Gegen sieben Uhr stand Gerda auf und 
nahm auch die beiden andern Besucher mit. GewiB wollte 
sie nicht, daB wir von ihr reden, wenn wir allein gebliebcn 
sind, dachte er. 

Die wenigen Tage, die er noch im Krankenhaus zu ver- 
bringen hatte, verstrichen in bleischwerer Langweile und 
juckender Ungeduld. Jetzt war cs ihm schon zur GewiBheit 
geworden, daB Kathe genau so aus seinem Leben ent- 
schwunden war wie dieser Scharlach. Gewaltsam rief er 
sich ihr Gesicht wieder vor die Augen, ihr reizendes kleines 
Lacheln, damals, als sie sich zum erstenmal am Theater 
begegneten, aber das Gesicht war verschwommen, und 
wenn es sehr blaB fur einen Moment in seinem Kopf er- 
schien, so erkannte er es nur darum, weil er wuBte, wen er 
sich ins Gedachtnis zuriickgerufen hatte. Er dachte an die 
kleinen Vertraulichkeiten ihres korperlichen Zusammen- 
seins, aber in diesen erzwungenen Bildern flossen 



vergangenc fremde Gesichtcr und Korper ineinander, 
und seine erotischen Erinnerungen schienen sich auf eine 
sonderbare und erschreckende, aus hundert fremden Details 
zusammengesetzte iibermenschliche Frau zu beziehen. Dann 
versuchte er, sich das Gesicht der Toten vorzustellen, den 
armen, kalt gewordenen Korper, armes kleines Ding, 
murmelte er im Dunkeln vor sich hin und bemiihte sich, ein 
wenig Mitleid aus seinem Herzen zu pressen. Aus dieser 
groBen tranenden Anstrengung wurde tiefes gesundes 
Gahnen, dann schlief er ein. Gerda hatte ihm vor kurzem 
seine Lehrbiicher mitgebracht, jetzt blatterte er in ihnen 
und dachte angstlich daran, wieviel er versaumt hatte. Er 
begann, sich ein Programm zu machen, aber dabei iiber- 
raschte ihn ein peinliches Gefuhl der Unsicherheit, so daB 
er es fiir einfacher hielt, den Lauf der Dinge abzuwarten, 
sich nicht vorher den Kopf zu zerbrechen und zunachst ein- 
fach gesund und ungeduldig zu sein. In diesen letzten 
Tagen kam Gerda wieder nur auf fiinf Minuten, und wie 
sehr er auch bestrebt war, mit ganz derben und kindischen 
Mitteln, ihr scin Interesse deutlich zu machen, diese 
kiihle, blonde Muschel, die Gerda war, begann sich un- 
bemerkt und langsam, aber unerbittlich wieder zu schlieBen. 
Samstag friih fuhrt ihn dann die dicke Pflegerin ins 
Badezimmer. Im Ofen kocht das Wasser, eine saubere 
Garnitur Unterwasche liegt auf dem Stuhl, und am Haken 
hangt sein blauer Werktagsanzug und sein Wintermantel. 
Im Badezimmer herrscht groBe Hitze, die Pflegerin offnet 
fiir einen Augenblick, bis der Dampf ein wenig hinaus- 
zieht, das milchglaserne Oberlicht. Durch die schmale 
Spalte leuchtet der harte, klarblaue Winterhimmel. Be- 
wundernd betrachtet er ihn. ,,Los", sagt die Pflegerin, 
,,kann ich das Wasser einlassen? fix, fix, es wollen heute 
noch viele baden." 



8 

AM crstcn Abend, den er wieder in Frau Wesselys 
Wohnung verbrachte, vcrsammelten sich samtliche Haus- 
gcnossen in seinem Zimmer. Sie brachten Geback und 
Wein mit, der Wunderrabbi hatte einen fiirchterlich 
siiBen Kuchen mit Honig und Niissen aus dem Seminar 
geschickt, und Hummel iiberreichte ihm eine eigen- 
handig aus Lumpen angefertigte Wickelpuppe, deren Ge- 
sicht mit roten Tintenflecken bespritzt war und die ein 
iiberdimensionales Latzchen um den Hals trug, auf dem 
geschrieben stand: ,Zum Andenken an die gliicklich iiber- 
wundene zweite Kindheit!' Sie erzahlten ihm und 
lieBen ihn erzahlen, laBt mich in Ruh, was soil ich denn 
erzahlen? sechs Wochen war ich eingesperrt! sie iiber- 
schiitteten ihn mit Witzen und stopften ihn mit SxiBigkeiten. 
Zwischendurch entwischte er einmal auf den Flur und sah 
nach Gerdas Tiir: sie war verschlossen. Es wurde neun 
Uhr, es wurde zehn Uhr, Gerda kam noch immer nicht nach 
Hause. Er ring an, unruhig zu werden, und gegen halb elf 
schickte er die Jungens aus seinem Zimmer: er sei mude, 
er wolle schlafen. Dann blieb er aber auf, und als das Haus 
still und die Lichter geloscht worden waren, machte er 
leise und nur einen Gedanken breit seine Tiire auf: er 
wartete auf Gerda. Hinter der Tiir setzte er sich auf einen 
Stuhl. Langsam kriechen im Finstern die dickwanstigen 
Minuten auf verkummerten Beinen. Am Ende des Korri- 
dors muB irgendwo eine Uhr sein, die hab ich bisher gar 
nicht bemerkt, oder sollte ich sie nur vergessen haben? man 
hort ihr leises Ticken, das immer langsamer zu werden 
scheint. Und noch ein fortgesetztes Gerausch, auch das 
klingt wie Ticken, nur schneller, eigentlich zwei Tone im 
Takt, die in regelmaBigen Abstanden zusammenklingen, 
dann auseinandergehen: der elektrische Stromzahler. 
Plotzlich ein rauschender Ton in der Wand, wahrscheinlich 
das Wasser, das durch den Kanal hinabflieBt. Wie mancherlei 

167 



nachtlichen Larm man nicht bemerkt, wenn man schlaft. 
Oder im Traum. Leise offnet und schlieBt sich cine Tiir, die 
sommcrsprossige Magd geht noch immer zu Miihlbeck? 
Dann Stille, die urn so groBer wird, als er sich an das 
monotone Ticken der Uhr und des Zahlers gewohnt. Er 
sitzt da im Stockfinstern, Minuten, Stunden und Jahre 
vergehen . . . bloB man weiB nicht, gehen sie vorwarts oder 
riickwarts ? und plotzlich hat er das Gefiihl, im Schiitzen- 
graben zu hocken, ich brauche meine Hand bloB nach 
rechts und links auszustrecken, dann sitzt da Dank6 und 
Zweigmiihler und Altmann und gleich wird doch die 
erste Leuchtrakete aufsteigen und dann noch eine und 
noch eine, und dann weiB ich, na, jetzt gehts los. Im 
SchloB dreht sich leise ein Schliissel, Gerda kommt. Mit 
einem Satz ist er an der Flurmundung, und gleich darauf 
stoBt Gerda gegen seine vorgestreckte Hand. ,,Wer ist 
da?l" phosphoresziert ein erschrecktes Fliistern im Dunkel. 
,,Ich, Kddar", fliistert er auch. ,,Das hatte ich mir denken 
konnen . . . was wollen Sie? was bilden Sie sich denn ein, 
Sie Dummer?!" ,,Fraulein Gerda, ich muB ... ich muB 
unbedingt mit Ihnen ..." ,,Aber doch nicht um diese 
Zeit! in der Nachtl kommen Sie morgen nachmittag um 
sechs zu mir ins Zimmer . . ." Und wenn ich sie jetzt nicht 
gelassen hatte, sondern gepackt und . . . oder oder ihr an 

die Kehle gegriffen 

Auch diese Nacht vergeht. Er hat einen wiisten, kom- 
plizierten Traum: cr liegt im Krankenhaus, am FuBende des 
Bettcs stehen machtige, runde Milchflaschen nebeneinander 
gereiht; Durst qualt ihn, und er grcift nach einer der 
Flaschen, aber die Flasche weicht immer zuriick, er kann 
sie nicht erreichen, dabei langt seine Hand schon bis an die 
Wand, unmoglich, Hirngespinste, die Wand ist doch 
mindestcns vier Meter vom Bett entfernt, und mein Arm 
kann doch nicht vier Meter lang sein. Da steht plotzlich 
Paul in der Mitte des Zimmers, cr stiitzt sich auf ein Motor- 
rad und winkt, komm, fahren wir los, du weiBt, wie lang 

168 



der Weg 1st, und wir miissen langsam fahren, damit wir die 
Apfclfrau nicbt umrcmpeln. Das Motorrad pufft laut, er 
setzt sich auf den Sitz hinter Paul und halt sich an dessen 
Schultern fest. Jetzt hat das Zimmer keine Wand mehr, und 
das Rad setzt sich lautlos in Bewegung. Sie sausen irgendwo 
iiber eine ihm bekannt vorkommende Chaussee im Wiener 
Wald in immer wahnsinnigerem Tempo, die StraBe fuhrt 
geradeaus und abwarts. Als flogen sie. Er klammert sich 
fest an den Fahrer, Paul beugt sich nach hinten, und da sieht 
er, daB er einen kurzen hellblauen Rock anhat und auf dem 
Kopf einen roten Hut, unter dem blondes Haar hervor- 
guckt, und er erkennt: die Gestalt, die vor ihm sitzt und 
an die er sich klammert, ist nicht Paul, sondern Gerda. Und 
nun rasen sie zwischen riesigen, runden Steinen, die wie 
Milchflaschen aussehen, in eine Art Steinbruch hinab, 
Gerda hat bloB die blaue Jacke an und den Hut auf, sonst 
nichts, das Motorrad saust in machtigen Spriingen unter 
ihnen weg, die blaue Jacke reicht nur bis zum Giirtel und 
laBt auch die Bruste frei; taumelnd stiirzen sie in die Tiefe, 
und auf dem Grund des Steinbruchs fallen sie aufeinander, 
da reiBt er Gerda an sich, und in schmerzlicher, rasend- 
machender Wonne halten sie sich umschlungen, naB 
geschwitzt und mit Hammern im Brustkasten und in den 
Schlafen wacht er erschopft auf. Dann vergeht auch der 
Vormittag, es regnet, aber die Luft ist fast friihlings- 
maBig lau, er spaaiert auf die Hochschule, spricht mit 
einem Professor und ein paar Studenten, die ihm zu seiner 
Genesung gratulieren. In der Mensa iBt er zu Mittag, 
schreitet vor dem Haus auf und ab, in dem Pauli-HeBleins 
wohnen, und geht nach Hause. Vicr Uhr: er hort Gerda 
kommen und mit Frau Wessely sprechen; die Spannung 
in seinem Kopf nimmt zu ; vier Uhr zehn, ich dachte, es 
ist schon fiinf ! er stellt sich ans Fenster und starrt 
hinaus, auf der StraBe qualt sich ratternd und puffend ein 
geschlosscnes Lastauto ab, um in Gang zu kommen, auf der 
Seite steht daraufgemalt: Milchwirtschaft Tschuden 

169 



Modling, und da fallt ihm sein Traum cin, cine kurze, 
hcllbkue Jacke hat sie angchabt und in dem Moment 
tritt Gerda ins Zimmer : ,,ich muB heutc abend fruher weg, 
deshalb habe ich nicht gewartet, bis Sie zu mir kommen", 
sagt sie und setzt sich. ,,Na, wie geht es Ihnen? fuhlen Sie 
sich noch schwach?" Verwirrt schweigt er. ,,Zunachst", 
sagt er dann zogernd, ,,mochte ich Ihnen danken." ,,Sie 
brauchen fur nichts zu danken", unterbricht sie ihn, ,,das 
hatte auch jede andere gctan, die im Krieg Kranken- 
schwester war und sieht, wie sich ein alleinstehender ..." 
,,Sie waren Krankenschwcster im Krieg?" fragt er er- 
staunt. ,,Ja, als mein Mann gleich zu Beginn 1914 fiel " 
,,Sie waren verheiratet?!" starrt er sie an. ,,Ja, ich bin 

Witwe", antwortet sie, ,,und " plotzlich schweigt sie, 

und dann, als hatte sie von den Vertraulichkeiten, den iiber- 
fliissigen Mitteilungen genug, fahrt sie in fremdem, kaltem 
Ton fort: ,,also, Dank gebuhrt mir nicht. Hier ist Ihr Geld, 
funfhundertsechsunddreiBig Franken; na, und jetzt machen 
Sie sich nur ans Lernen." Und dann, er weiB selbst nicht, 
wie, steht er plotzlich vor ihr, halt ihre beiden diinnen 
Handgelenke fest in seinen Fausten, und stiickweise, derb 
und keuchcnd brechen die Worte aus seinem Mund in 
aufgeriittelter Angst. ,,Um Gottes willen! Sie wollen jetzt 
hier weggehen und mich allein lassen, und seit einem 
Jahr weiB ich, daB Sie auf der Welt sind, und weiB nicht, 
wer Sie sind, warum Sie mich irn Krankenhaus besucht 
haben, was Sie von mir wollen, und warum Sie niemals ein 
Wort verloren haben, aus dem ich hatte erfahren konnen, 
was Sie machen und wovon Sie leben . . . und Sie bemerken 
cs nicht, daB ich dariiber verriickt werde." ,,Loslassen!" 
zischt sie und wirft den Korper nach hinten, ,,Sie Tier, 
Sie! Loslassen!" Breitc rote Ringe hat sie am Handgelenk 
vom Druck, ein wenig bleich ist ihr Gesicht, wie sie sich so 
an die Tiire lehnt, da steht er ihr gegcniiber, gebeugt und 
verloren, in Gerdas Wangen kehrt langsam die Farbe 
wieder, ,,Sie dummes Kind", sagt sie dann icise, ,,was 

170 



wollcn Sie denn? w&re cs nicht schade, dicse . . . Bckannt- 
schaft unfreundlich zu beschlieBcn? Und Sie wollen wissen, 
warum ich gut zu Ihncn war . , . Also, mein Mann, der gefallcn 
1st, hatte im Gcsicht etwas Ahnlichkeit mit Ihnen, das ist 

alles." Stille. Wenn ich sie jetzt packe und wiirge ,,Und 

daB Sie seit einemjahr wissen, daB ichexistiere, und mich nicht 
kennen? Ja, wozu denn? wir haben doch nichts mitein- 
ander zu tun, wir sind doch Fremde, die genau so gut in 

eincm Hotel wohnen konnten und wenn ich Ihnen 

nun sagte, ich bin Angestellte in einem Biiro, oder ich bin 
Tanzerin, ist Ihnen das nicht ganz gleich? Sehen Sie mal, 
wenn Sie sich dankbar zeigen wollen, weil ich mich wahrend 
Ihrer Krankheit um Sie gekiimmert habe, dann denken Sie, 
es vergehen genau wie friiher Tage und Wochen, ohne daB 
wir uns auch nur zufailig auf dem Korridor begegnen, und 
denken Sie nicht einmal so viel an mich wie an die arme 
Kathe . . ." Sein Gesicht ist purpurrot, ,,glauben Sie, das 
geht so einfach?" stottert er. ,,Oh, Sie Kind", sagt sie, und 
dabei ist schon etwas iiberlegene Heiterkeit in ihrer Stimme, 
,,ich bin doch mindestens sechs Jahre alter als Sie ... na, 
gabeln Sie sich ein frisches kleines Madel auf, eine Kollegin, 
die auch auf Ihre Phantasie, Ihre Gedanken zu wirken 
vermag, so, und nun geben Sie mir die Hand!" sagt sie 
und streckt ihm ihre schmale, weiBe Hand bin. Trocken 
und kuhl ist diese Hand, einen Augenblick meint er, vor 

ihr niederfallen zu miissen oder oder und in diesem 

leeren Moment lost sich die weiBe Hand aus dem heiBen, 
feuchten Druck, und er steht allein im Zimmer. 

,,Du hast dich geirrt", sagt er am nachsten Abend, als er 
zum erstenmal bei Paul im Zimmer sitzt, ,,die Frau ist nicht 

verliebt in mich, sondern ", und er erzahlt, was sich 

zugetragen hatte. Der Junge sitzt in einem tiefen Sessel, die 
FuBe laBt er iiber die Armlehne herabhangen. ,,Na und?" 
,,Was na und? weiter ist nichts." ,,Denkst du? ich 
glaube, du irrst dich, was du da erzahlt hast, bedeutet noch 
nicht, daB ", er bricht ab, und cin Weilchen schweigen 

171 



sie. ,,Ubrigens, gar keine unsympathische Sache. Ich halte 
es auch fur richtiger, wenn du die Gcschichtc liquidierst, 
das heiBt du bist doch nicht verliebt in sie?!" Bei der 
hohnisch klingenden, scharfen Frage wird er rot. ,,Nein", 
sagt cr und hort den falschen Ton in seiner Stimme, ,,aber 
zu wundern braucht man sich doch nicht, daft sie mich 
interessiert ..." ,,Interessiert! was, interessiert? sie soil 
dich nicht interessieren ! Sie hat vollkommen recht. Erstens 
bist du ein griiner Junge im Vergleich zu ihr, gut, gut, 
ich weiB, heiraten willst du sie nicht! aber so alt ist sie 
auch noch nicht, daB so griine Bengels sie reizten. Zweitens 
lebt jeder von dem, was er kann, was er macht, was er 
will, sie geht dich nichts an, basta. Soviel ist sicher, eine 
alltagliche Frau ist sie nicht. Aber du vergiB sie nur." 
Mit triiben Augen starrt er in die Luft. ,,Ich hab dir 
doch erzahlt, daB Hummel mal gesagt hat, sie sei eine 
Dime oder Kommunistin?" ,,Kann sein", sagt Paul in 
xibertriebcn gleichgiiltigem Ton, ,,im vibrigen guck jetzt 
lieber her, Wirth arbeitet schon an seiner Dissertation, 
einen Teil davon habe ich hier", und cr reicht ihm einen 
dicken Manuskriptpacken hin, ,, Beit rage zur Psychologic 
der Friihreife, das ist der Titel, heute abend fange ichs an 
zu lesen, du ahnst wohl, wovon die Sache handelt." Kurz 
darauf erscheint auch Wirth; Paul lafit vom Diener Tee, 
Getranke, Geback und Obst hereinbringcn. Kadar be- 
trachtet die moderne, reiche Einrichtung des Zimmers, 
den groBen gcschlossenen Biicherschrank, den breiten 
Diwan, das Klavier, die flache, opalschillernde Lampe; 
Paul bemerkt dieses Umschauhalten und beschreibt mit 
dcm Arm einen wilden Bogen: ,,die Dokumente der elter- 
lichen Liebe", sagt er, ,,aber was denkst du, wie oft sic in 
diesem Zimmer waren?" er tritt an die eine Tiir: ,,die ist 
immer zugcschlosscn, dahinter ist ein leeres Zimmer, das 
niemand bewohnt, stell dir vor, wenn ich furchtsam ver- 
anlagt ware. Und dahinter sind die Zimmer meincr lieben 
Gcschwister und des Fraulcins. Ludwig, eine Zigarettc? 

172 



oder willst du deine Pfeife?" Wirth steckt sich cine lange 
Pfeife an; die Unterhaltung kommt in Gang, es ist von einem 
Buch die Rede, das sich mit dem modernen Drama aus- 
einandersetzt, dann von irgend etwas, was sich im Laufe des 
Tages in der Stadt ereignet hat, dann nimmt Wirth sein 
Manuskript in die Hand und fangt an, seine Arbeit zu er- 
klaren. ,,Um uns uberhaupt mit der Psychologic der Fnih- 
reife befassen zu konnen, miissen wir zunachst streng be- 

stimmen " 

Tagelang sah er Gerda nicht ; als ware sie aus der Woh- 
nung verschwunden. Schwere Nachte hatte er da. Ich muBte 
mir Rechenschaft ablegen . . . ich miifite untersuchen, ob 
es tatsachlich unertraglich ist und sein wird, daB ich Gerda 

daB ich mit Gerda nie oder ob das Ganze nur durch 

Pauls Foppereien im Krankenhaus entstanden ist? Deshalb 

weil einmal eine Krankenhausschwester und als ihm 

jetzt der Krankenhaussaal in Budapest einfiel, jenes Bert in 
der Ecke unter dem Fenster, das nachtliche schwache blaue 
Licht und Agota, die auf seinem Bett saB und seine Hand 
hielt: da nistete sich miide Verbitterung in seinem Innern 
ein. Gut war sie zu mir und war Gerda etwa nicht gut? 
und waren ihre kiihlen und gescheiten und beruhigenden 
Worte nicht gut? und ist es nicht besser, wenn ich das 
Gesicht abwende und nicht an sie denke? und er wuBte 
ganz genau, daB jede Minute und jeder Gedanke, der von 
nun an Gerda gehorte, ihn bloB in die Sache hineinhetzen 
wiirde, in etwas, was in keiner Weise enden konnte, weil 
es ja nicht begonnen hatte. Aber jetzt waren die Tage auf 
der Hochschule und die Nachmittage und Abende mit Paul 
eine gute Flucht: die folgenden Tage des Abriickens von 
Gerda vergingen leichter, als er befiirchtet hatte; und vor 
allem begann der unterbewuBte Wunsch, sich Gerdas 
Willen, der Vergessen von ihm forderte, zu fugen, ganz 
langsam ihre Gestalt in seinem Kopf zu verwischen. Das 
Geheimnis soil Geheimnis bleiben, du lieber Himmel, 
Dirnc oder Kommunistin 1 damit es nicht zum Gemeinplatz 

173 



Tcrflache, der Fremde bewahrc seine Fremdheit vor 
der Langweile des Alltags. Aber etwas 1st da, was ihm in 
diesen Tagen mehrmals einfallt, zuerst nur als fliichtiger 
Gedankenblitz, dann immer klarer und klarer und schlieB- 
lich, eines Nachts, als das kleine, magere, schwarze 
Konditormadchen, das er sich eilig abends auf dem Ring 
aufgegabelt hatte, neben ihm aus dem Bett kroch, mit 
dem furchterlich kreiBenden Schmerz der Erkenntnis : alle 
gehen sie weg von mir! allein bin ich! Nein! man kann 
sich nicht aussohnen mit Pauls altkluger zynischer Be- 
hauptung! Nein! das ganze Leben dreht sich darum, 
dafi man nicht allein bleiben darf . . . 

Mit scheuer und kindlicher Hartnackigkeit klammert er 
sich an den Jungen. Gewohnlich geht er gleich von der 
Hochschule zu ihm, auch mehrere Abende verbringen sie 
zusammen; ,,ich werde dich etwas sparer mit den Kindern 
bekannt machen", die Kinder, so nennt Paul seine Ge- 
sellschaft, ,,dann werden wir wahrscheinlich ohnedies 
jeden Abend zusammen sein." Der Junge verfiigt mit un- 
beschrSnkter Freiheit iiber seine Zeit und seine Sachen, 
als lebte er allein in der Wohnung; und es vergehen tat- 
sachlich mehrere Wochen dahiber, bis Kadar zufallig mit 
Pauls Eltern bekannt wird. Das Zimmer ist voller Rauch; 
es ist elf Uhr voriiber; sie sitzen vor dem Schreibtisch, und 
Paul erzahlt von einem Sommer, den er am Genfer See in 
einem Knabeninternat verbracht hat, da tut sich die Tiir 
auf: ein groBer Herr im Smoking, mit graumelierten 
Schlafen, eine Gestalt wie ein Kavallerieoffizier, und eine 
Dame im Abendkleid, wunderbar gewachsen und stark 
geschminkt, treten ins Zimmer. ,,Guten Abend", sagt die 
Dame mit defer, warmer Stimme, ,,wir kommen aus der 
Oper und horen vom Diener, daB unser neuer Herr Haus- 
lehrer noch hier ist ... ist es nicht schon etwas spat zum 
Lerncn?" ,,Oh, wir lernen nicht mehr, wir plaudern 
blofi", sagt Kddir verlegen und sieht den Jungen an, der 
zerstreut auf dem Schreibtisch zwischen Biichern und 

'74 



allerhand Sachelchen raumt, ein wenig eckig verbeugt 
er sich und sagt seinen Namen. Da spricht auch der Herr 
mit muder, verschleierter Stimme: ,,Nicht wahr, Sie sind 
kein Wiener? ich hore es an der Aussprache." ,,Nein, 
ich bin Ungar." ,,So, Ungar . . . interessant." Dann iiber- 
nimmt die Dame wieder das Wort: ,,H6r mal, Paul, dieser 
furchterliche, schwere Rauchgeruch ist in der ganzen Woh- 
nung zu spiiren, du miiBtest bessere Zigaretten rauchen." 
Der Junge hebt die Augen und wirft Kadar einen grau 
blitzenden Blick zu. ,,Ja, die billigeren Sorten, die man in 
der Trafik bekommt, sind jetzt erbarmlich schlecht, konnt 
ihr mir ein paar bessere Zigaretten geben?" ,,Aber gerne", 
sagt der Herr sofort, ,,ich werde dir ein paar Schachteln 
hereinschicken. Also", wendet er sich wieder an Kadar, 
,,Sie sind kein Osterreicher, hm . . . sondern Ungar. Und 
fallt es Ihnen nicht schwer, in der deutschen Sprache zu 
unterrichten?" Er fuhlt den gegen Paul gerichteten wahren 
Sinn der Frage heraus und beeilt sich zu verskhern : ,,o nein, 
fur uns Siebenbiirger Sachsen ist eigentlich das Deutsche 
die Muttersprache, und auBerdem lebe ich ja schon das 
zweite Jahr in Wien." ,,So", sagt die Dame, ,,und wie 
sind Sie mit Ihrem Schiiler zufrieden?" ,,Paul ist ein 
ganz ausgezeichneter . . .", ein strenger Blick des Jungen 
hackt den schwungvollen Satz ab, Kadr schweigt verlegen 
und fahrt dann fort: ,,mit dem bisherigen Resultat bin ich 
jedenfalls sehr zufrieden ..." ,,Also, Sie sind zufrieden", 
wiederholt Herr Pauli-HeBlein, ein wenig den Tonfall nach- 
ahmend, ,,das freut mich. Auf Wiedersehen, lieber . . . 
diirfte ich noch einmal um Ihren Namen bitten?" ,,Ka- 
dar." ,,Herr Kdddr. Aber strengen Sie sich heute nicht 
mehr viel an." Er reicht ihm die Hand, am rechten Ring- 
finger steckt ein riesiger hellblauer Siegelring. Auch die 
Frau gibt ihm die Hand, eine unglaublich schmale und feine 
Hand in schwarzem Handschuh, und damit gehen sie. 
Fiinf Minuten spater klopft der Diener und legt fiinf groBe, 
flache Blechschachteln auf den Tisch. ,,Simon Arzt", stellt 



Paul fest, ,,da, nimm dir bittc zwei davon mit", er steht 
nachdenklich da, dreht cine der Schachteln in der Hand 
und sagt dann: ,,was meinst du, wiirden sie darauf ein- 
gehen, daB ich hier wegziehe?" 

Nun gibt es also wiedcr etwas, woriiber man nach- 
griibeln kann : was mag es wohl sein, was Paul an ihn bindet ? 
warum ist der Junge so anhanglich? was kann er damit 
be2wecken, daB er ihr offizielles Verhaltnis einfach umkehrt 
und anstatt Mathematik und Chemie von ihm zu lernen, 
ihn unterrichtet ... in allerhand und ihn auf Dinge bringt, 
die friiher in seinem Leben nicht existierten? Biicher, 
Paul bemerkt, wie wenig er die moderne Literatur kennt, 
und gibt ihm der Reihe nach neue deutsche, englisch- 
amerikanische und franzosische Schriftsteller in die Hand. 
Er bekommt neue Namen zu horen: Rathenau, Freud, 
Spcngler; allmahlich erfahrt er, was hinter Namen stcckt 
wie Wilson und Masaryk, Noske und Poincare, Korfanty, 
Baldwin und Hitler. Die Namen nehmen Gestalt an, 
die Worte erhalten Sinn, und vieles, was er bereits friiher 
gehort und wieder vergessen hatte, bekommt Leben und 
lebendiges Dasein. Dann ein neues Wunder: das machtige 
amerikanische elektrische Grammophon, und tief ergriffen 
geht er eines Abends nach Hause, nachdem er im Grammo- 
phon Csar Francks Senate fur Violine und Klavier gehort 
hatte. Und iiber all dies gibt Paul ihm Geld, viel Geld, 
der Rest seiner Franken liegt sozusagen unberuhrt in der 
Blechschachtel unter seinen Hemden, Paul zahlt ihm 
fur den angeblichen Nachhilfeunterricht so viel, daB er fast 
seine samtlichen Ausgaben davon decken kann. Und dann, 
auch dariiber lieBe sich nachdenken, was wird, wenn das 
cinmal aus ist, und gewaltsam schiebt er diesen Gedanken 
von sich. Auch das Leben hort einmal auf, und doch denke 
ich daran nicht. Wirths Besuche werden in der letzten 
Zcit seltener, ,,er sitzt iibcr seiner Doktorarbeit, und 
ich glaube, er lauft machtig einer Frau nach, die nicht aus 
unscrn Krcisen stammt," erklart Paul, einen Abend in 

176 



det Woche verbringt er aber dennoch mit ihnen. Dann 
achtet er jcdesmal still auf das, was der Junge spricht. Hie 
und da korrigiert er ihn mit einem Wort oder lenkt ihn, 
und Paul hort auf ihn. Einmal greift Kadar ihn deswegen 
an: ,,Ich wiirde doch nicht so unbedingt Ludwigs Meinung 
akzeptieren!" ,,Warum denn nicht", antwortet er, ,,er 
hat doch meistens recht. Und ich", fiigt er hinzu, ,,bin seine 
Kreatur", und dabei lacht er. 

Eines Tages lalk Paul ihn Rosette kennenlernen. Warum 
mufite er darauf eigentlich so lange warten? tagtaglich 
hatte er den Jungen schon gequalt, er mochte Rosette zu 
sehen bekommen, nun, Sonntag endlich, vormittags 
um elf Uhr haben sie sich im Kunsthistorischen Museum 
im alten deutschen Saal vetabredet. Als er hinkommt, sitzt 
das Madchen schon in der Mitte des Saals auf einem Sofa 
und blattert im Katalog. Von der Tiir aus betrachtet er sie: 
diinne, schmale Figur, lange schlanke Beine, kurzes, 
blondes Haar, von Gesundheit strotzende, rote Wangcn. 
Sofort weiB er, das ist Rosette, aber Paul ist noch nicht da, 
und er wagt nicht, sie anzusprechen. Unbeholfen steht er 
in der Tiir des leeren Saales, dann stellt er sich linkisch vor 
ein Bild. Da bemerkt ihn das Madchen und spricht ihn an: 
,,Entschuldigen Sie ... nicht wahr, Sie sind Pauls Freund? 
kommen Sie doch her und setzen sich, ich versteh wirk- 
lich nicht, wieso Paul sich verspatet." Sie geben sich die 
Hand, er setzt sich neben sie und fiirchtet sich vor den 
folgenden Minuten, er hat das Gefiihl, kein Gesprach an- 
fangen zu konnen. Rosette betrachtet ihn aufmerksam und 
sagt dann: ,,Sie sind jetzt in Verlegenheit, das ist ganz 
iiberflussig. Beginnen wir, oder setzen wir fort als alte 
Bekannte, ich kenne Sie schon sehr gut, wie Sie sich denken 
konnen, hat Paul viel von Ihnen gesprochen." Und aus den 
ersten Worten kann er entnehmen, daB Paul sehr liebevoll 
von ihm gesprochen hat, das Madchen weiB wirklich 
alles von ihm, vom Krankenhaus und von den toten Htern 
in Ddva angefangen, alles. Sie spricht, und die ruhigen, 

12 Kflrmendi. TtudnpOMt 177 



netten Worte losen auch ihm die Zunge; er bemerkt gar 
nicht, wie die Minuten vergehen. Ein fast besinnungslos 
groBes Erstaunen beginnt sich in ihm zu lockern. Wirth, 
gleich ist von ihm die Rede, mag Rosette nicht leiden. 
,,Vor allem finde ich es falsch, sehr falsch, daB Wirth meinen 
Freund gewaltsam in cine bittere, pessimistische, zynische 
Richtung lenkt, und glauben Sie mir, es kostet mich einen 
groBcn schweren Kampf, Wirths schadlichen EinfluB aus- 
zugleichen. Sonst halte ich ihn fiir einen wertvollen Men- 
schen und bin auch iiberzeugt, daB er als Nervenarzt 
Karriere machen kann, bloB . . . irgendwo stimmt die 
Sache nicht. Denn entweder ist er wirklich Pessimist, und 
mit einer solchen Weltanschauung kann nie ein guter 
heilender Arzt aus ihm werden, oder aber er schwindelt 
mit seinem Pessimismus Paul was vor und benutzt ihn nur 
als Versuchsobjekt. Und dieser Gedanke verfolgt mich 
immer mchr, wenn Paul von Zeit zu Zeit geistig abgehetzt 
und zerqualt zu mir fliichtet . . . aber dann geniigt meist 
ein Wort, um ihn vollig umzustimmen." Erstaunen 
hatte er gefuhlt? jetzt saB er wie vor den Kopf geschlagen 
auf dem Sofa neben dem Madchen. Ist das moglich? dieses 
sicbzehnjahrige kleine Ding, dieser . . . Backfisch mit den 
ernsten, schweren Worten auf den Lippen und den scharfen, 
kiihlen Gedanken im Kopf, so pragnant und klar spricht 
sic von schwierigen menschlichen Dingen, vielleicht 
waren auch ihm diese Gedanken schon eingefallen, nur 
konnte er sic nicht formulieren. Aber dieses kleine Madchen, 
wie jemand, der von der Hohe der Jahre, Erfahrungen 
und der Inspiration fremde, sich qualende oder Zuflucht 
suchende Menschen kiihl und objektiv beobachtet. Und 
einfach verbliiffend ist es, wie sic von sich, von ihnen beiden 
spricht: mit dieser objektiven Offenheit, die schon mehr ist 
als Exhibitionismus, die nur Wahrheit sein kann. Kamerad- 
schaftsehe, mit diesem amerikanischen Wort bezeichnet 
sie ihr Verhaltnis und sagt: ,,Glauben Sie nur, friihcr oder 
spater wird die ganze Welt dahintcrkommen, daB das das 

178 



Richtige ist. Was 1st denn der springende Punkt bci dem 
Ganzen? daB die Frau, die sich spater von ihrem Ehemann 
erhalten lassen will, ihm als Tausch dafur ihre Unberiihrt- 
heit bietet. Lindsey sagt, haben Sie ihn vielleicht ge- 
lesen? sie deponiert den imaginaren Wert ihrer Unschuld 
als Kapital bei ihrem Lebensgefahrten, um dann das ganze 
Leben davon zu zehren. Mit keinem Wort will ich die 
.biirgerliche Ehe verurteilen, die sich auf korperliche und 
seelische, entwicklungsfahige und sich selbst starkende 
Bande begriindet, auch nicht cine Ehe, bei der beide Teile 
im voraus genau wissen und es auch voreinander nicht 
leugnen, daB sie eine Interessenehe ist. Wenn sie anstandig 
geschlossen wird, gehort sie schlieBlich nicht zu den niedrig- 
sten Geschaften. Aber eine Frau wie ich, die arbeitet, die 
sich von der eigenen Arbeit erhalten wird, also unabhangig 
ist, warum sollte die nicht ebenso frei xiber ihren Korper 
verfiigen, wie sie iiber ihre Gedanken verfugt? Oder halten 
Sie es fur moglich, daB es eine Frau gibt, die bis zu dem 
einen, gewissen einzigen Mann, dem Ehemann, an keinen 
anderen Mann denkt? Gut, die Sache hat hunderterlei 
Abstufungen vom gesunden Ahnen bis zur ungesunden 
Traumerei. Aber wenn ein Madchen in dem Augenblick, 
da sie widerspruchslos fuhlt und weiB, daB das seelische 
und korperliche Alleinsein unertraglich geworden ist, 
die biirgerliche Moral, die chinesische Mauer verblen- 
deter Erziehung und hygienischer Unerfahrenheit nicht 
umstoBen oder diese Mauer nicht umgehen kann, was 
kommt dann? Hysteric, Neurasthenic, Aberrationen 
odcr Liigen. Fur die organische Entwicklung, fur die 
psychische Weiterbildung ist das gesunde Auslcben der 
Sexualitat unumganglich notwendig. Nur die Jungens 
diirfen? warum? Und was sie diirfen, ist auch bloB so cin 
Gricchengeschenkl Die Prostituierten, deren Umarmung 
von der Angst, sich vielleicht anzusteckcn, vergiftet wird, 
oder ein Dienstmadchen, das sie iiber jene Minute hinaus 
nicht mehr die Spur angcht ? Sehen Sie, ich bin dem Schicksal 



12* 



'79 



schon heute dankbar, daB es mich alle diese Dinge recht- 
zeitig hat erfahren und . . . erleben lassen. Paul and ich, 
wir sind fast gleichaltrig und leben seit einem Jahr ungefahr 
mitcinander. Naturlich, gewisse . . . technische Schwierig- 
kciten gibt es, schlieClich 1st ja Wien nicht New York, aber 
wir leben beide in dem BewuBtsein und in der Beruhigung, 
daB unser junges Leben, unsere jungen Krafte, die Schon- 
heit unserer Jugend weder der selbqualerischen Dummheit 
noch der ungesunden Luge zum Opfer gefallen sind. Glauben 
Sie, ich werde deshalb dem Manne eine schlechtcre Ge- 
fahrtin sein, mit dem ich vielleicht einmal, wenn es ihm und 
mir so paBt, vor dem Standesbeamten oder dem Priester 
eine Ehe schlieBen werde?" 

Rosette spricht und spricht; ihm gehcn Gesichter und 
Slimmen im Kopf herum. Prinz meines Herzens . . . was 
geht mich Kathe an, und was geht mich Agota an und das 
Madel aus dem Hutsalon in der Miillnergasse in ihrer 
weiBen Bluse, und die . . . ich weiB gar nicht mehr, die in 
Budapest in dem Haus mit dem widerlichen Geruch, wo ich 

vorher zwei Kronen ,,Und wenn ich bedenke", fahrt 

Rosette fort, ,,daB es mir einmal im Leben doch schief 
gehen kann, mein Gott, man kann ja nie wissen, 
werde ich das dann nicht besser und leichter ertragen, nicht 
tapferer und mit mehr Ausdauer versuchen, mich wieder 
aufzurichten, wenn ich mich daran erinnere, daB ich meine 
Jugend " Jetzt starrt er die Sprechende mit 
strengem Gesicht an. Die wollen mich wohl frozzeln, fahrt 
es ihm durch den Sinn, die haben hier etwas abgckartet 
und diese ganze Sache einstudiert, um mich zum Narren 
zu haltcn! ,,Und wenn das vernagelte biirgerliche Gehirn 
in all dem eine Verletzung der Weltordnung sieht", fahrt 
das Madchen fort und da fuhr er geradezu grob da- 
zwischen: ,,Schamen Sie sich derm nicht ... Sie Kinder 1" 
,,Ach, so", sagt Rosette, ,,ich wuBte nicht, daB Sie erst 
vom Mond kommen. Sehen Sie mal, das Kulmbach-Bild 
da gegeniiber ..." ,,Rosette", sagt er da in wogender 

180 



Verwirrung, ,,seien Sie nicht bose, abcr wir begegncn uns 
heutc zum erstenmal und . . . viclleicht haben Sie rccht, 
abcr ich ..." ,,Oh", sagt sie, ,,ich verstehc ja, ich wciB 
ja. Sie stammen von daher, wo man diese Dinge gern als 
die Unsittlichkeit unserer Stadt oder unserer Klasse oder 
unserer Kreise hinstellt. Aber wenn Sie anfangen, hinter 
die Worte zu sehen " 

Paul erscheint, ein wenig auCer Atem und gut gelaunt. 
,,Entschuldigt bitte die groBe Verspatung, Papa hat mich 
zu einer Sonntagsaudienz empfangen, und diese scltene 
Gelegenheit konnte ich nicht voriibergehen lassen, ohne 
von meinem Sommerplan zu reden. Ich glaube, sie werden 
keine Schwierigkeiten machen, wenn aber doch, dann er- 
klare ich einfach, ich wunsche mit Mama und den Kindern 
zu fahren . . . Wie ich sehe, seid ihr schon ohne mich mit- 
einander bekannt geworden, Toni, was gaffst du diese 
Dame so an? hast du dich vielleicht schon in sie verliebt?!" 
Sie gingen im Saal umher und besahen sich die Bilder; 
gegen ein Uhr setzten sie sich dann in cine Bierstube in der 
inneren Stadt, wo sie von einigen Freunden und Freundin- 
nen von Paul und Rosette erwartet wurden. ,,Mein Freund 
Toni Kadar", sagte Paul; und nach kaum einet halben 
Stunde hatte er das Gefuhl, als lebte er schon seit Monaten 
und Jahren in der Gesellschaft dieser jungen Leute. Der 
leichte, heitere Ton riB ihn vom ersten Augenblick an mit, 
und als sie sich dann das nachste Mai und von da an immer 
ofter trafen, begann er allmahlich, sich an ihre Themen und 
ihren Stil zu gewohnen und sich selbst darin zu bewegen. 
Trotzdem ging es ihm auch spater noch haufig durch den 
Kopf, das Ganze konne nichts anderes sein als Zirkus, 
eingelerntes Spiel, um ihn zu uzen, und in solchen Augen- 
blicken muBte er wohl hundertmal die gehorten und ge- 
sehenen Tatsachen durchdenken, um dennoch an ihre 
Wirklichkeit zu glauben. 

Paul und Rosettes Gesellschaft bestand auBer aus Wirth, 
ciner alteren Studentin der Medizin namens Lil und eincm 

181 



sehr ruhigen, sympathischcn jungen Mann, der cinen be- 
ruhmten alten osterrcichischen Namen trug, hauptschlich 
aus Rosettes Mitschiilern und Mitschiilerinnen vom Kon- 
servatorium. Eine lustige Bande waren diese sechzehn- 
bis achtzehnjahrigen Jungens und Madels, die groBten- 
teils von den schweren Sorgen des Alltags unberiihrt 
im Grunde genommen gutglaubig und mit der Grazie der 
Verantwortungslosigkeit mit jenen schweren sozialen, 
moralischen und sexuellen Problemen um sich warfcn, fur 
die ihr befreites Leben cine Losung, zumindest aber eine 
Erklarung verlangte. Die meisten waren irgendwie fiir 
dieses Leben pradisponiert, durch Begabung zu einer 
Kunst oder wenigstens zu aufrichtigem Amateurtum, 
aber getrieben von der ewigen Sehnsucht des moralischen 
Menschen und des Intellekts, suchten sie die Rechtferdgung 
ihres Lebens. Selbstverstandlich nahmen sie alle die Vor- 
teile und Geniisse und die nicht ganz echte Unbekummert- 
heit dieses ,,befreiten Lebens" ernster als das Schicksal, 
das hinter der Lebensform steckt, und erfreuten sich an 
dem leichten, sprelerischen Jonglieren, mit dem sie das auf- 
geworfene Problem auffingen, um im nachsten Augenblick 
bereits eine fertige Losung zuriickfliegen zu lassen. Mit der 
klaren BewuBtheit derer, die sich selbst Rechenschaft ab- 
legen, spielten sie dieses up to date Hansel-und-Gretel-SpieJ, 
in dem die Beteiligten mit ihrer artistischen Belastung, ihrer 
literarischen Cberladenheit, ihrer (iberlegenep Zivilisiert- 
heit, ihren unkontrollierten Weekends, ihrer hygienischen 
Erfahrung, ihren verschliefibaren Zimmern, ihren eigenen 
Haus- und Wohnungsschliisseln den Tanz der unabwcnd- 
bar angekommenen ,,andern Zeiten" tanzten. Wie an 
ihre Themen und ihren Stil gewohnte Kddar sich auch 
an ihr Leben; er fand diese Kamcradschaftsehepaare sclbst- 
verstandlich und sinngemaB und taumelte ohne Vorbehalt 
in die Einzelheiten. Als riesige Sturmflaggc flatten ihre 
Jugend im Zyklon dicser ,,andern Zeiten", und unter dem 
brausenden Schlagen diescr Flagge liegt das Idyll, in dem 



man leben muB, damit offenbar werdc: was hier brodelt 
und erhitzt, cntsteht und gcstaltet, wa'chst und wachsen 
laBt, 1st das ncue ,,befreite Leben". Er nahm es zur 
Kenntnis, daB Robert und Anni Ostern nach Salzburg 
fahren, daB Eva sich zu Hause stundenlang mit Hugo ein- 
schlieBt, daB Hella und Arno eine gemeinsame Wohnung 
gemietet haben, daB Lya, die Ungeschickte, schon zum 
zweitenmal gezwungen ist, sich cinem arztlichen Eingriff 
zu unterziehen, daB Ella und Albert ihre Partner getauscht 
haben. Und all dies spielt sich vollkommen offentlich in 
der kleinen Gesellschaft ab, aber mit der Attitude, auch 
vor jedem andern, iiberhaupt vor der ganzen Welt sei 
selbst iibertriebene OfFenheit besser als Verheimlichen oder 
gar Leugnen. Und die Vater und Mutter? die ehrbaren 
Arzt-, Rechtsanwalts-, Beamten- und Rentier-Familien, 
kurz die gutsituierten Biirgerfamilien? Sie ahnen es, viel- 
leicht giauben sie es nicht ganz, und wenn sic es wissen, 
leugnen sie es. Einmal muB Kadar an Mariska Gazda 
denken. Sie ware wahrscheinlich vor Scham gestorben, 
wenn Tante Anna auch nur im geringsten geahnt hatte, 
daB der italienische Offizier noch nicht ihr Mann war * . . 
Aber wo ist heute Mariska Gazda, die Erinnerung mit 
Apothekcngeruch, und wo Tante Anna? Wo Deva und 
Budapest, und wo die Wohnung in der Pozsonyer StraBe 
und Onkel Rudi mit der leisen, murmelnden Stimme, wo 
der gelbe Schreibtisch in jenem dumpfigen alten Gebaude 
mit den roten Fahnen, wo der Vormittag mit dem Gummi- 
stock und das Krankenhaus und alle die Gesichter und 

Stimmen, die einst Die Tage jagen, und wer zwischen- 

durch stehenbleibt, um auszuruhen oder sich umzuwenden, 
der fallt. Man muB mitjagen. 

Der Winter geht zu Ende; Kddar arbeitet fest fur das 
zweite Examen. Seine Nerven spannen sich an, er knirscht 
mit den Zahnen, seine Hande ballen sich zu Faustcn, so 
hockt er iiber Buchern und Zeichnungen; denn sein Geist, 
sein Intercssc sind anderswo. Bci den Romanen und Theater- 



stiicken, die er verschlingt; bei unvergeBlichen Theater- 
abenden und Konzerten, die seine groBten Erlebnisse sind; 
bei den sozialen, kiinstlerischen, politischen Fragen, bei 
denen er Augen und Ohren aufsperrt; bei Paul, bei Rosette, 
bei der ganzen Gesellschaft und dem guten Leben, das seine 
Geldgier zu bitterem Schmachten entflammt; und bei 
eincm Madchen namens Tilly, die jetzt sein ganzes Leben 
ausfullt und um derentwillen seine Franken zur Neige 
gehen. 

Ottilie Baum, achtzehn Jahre alt, lernt im Konserva- 
torium Klavier und absolviert gerade ihr letztes Jahr. Sic ist 
klein und feinknochig, ihre Glieder sind so grazil, daB er 
manchmal gar nicht verstehen kann, wie diese schmale Hand 
solch starken Druckes fahig ist und wie diese schlanken 
Beine die kilometerlangen Spaziergange aushalten. Ihr 
Gesicht ist milchweiB und wirkt wie durchsichtig, was von 
einigen verstreuten kleinen Sommersprossen noch bis zur 
Unwahrscheinlichkeit gesteigert wird; ihr Haar ist brennend 
rot, und wenn sie es auf lost, reicht es bis unter die Taille. 
Tilly wohnt in einer stillen, entlegenen Gasse in einer Villa 
mit einem riesigen Garten. Ihr Vater ist ein rotlicher kleiner 
Jnde mit einer betrachtlichen Glatze, der in den iibergroBen 
Salen, zwischen den monstrosen Mobeln und unter den 
Bildern, die manchmal die halbe Wand einnehmen, fast 
verlorengeht. Er hangt mit neurasthenischer Liebe an 
seiner Tochter. Uberhauft sie mit Kleidern und Schmuck- 
stucken, die sie nie tragt, ,,ich sahe doch lacherlich aus 
mit derartigen Perlen!" und schiebt in Dollars Hundert- 
tausende nach der Schweiz fur Tilly. Sie hatten sich bei 
Rosette kennengelernt, Tilly saB am Klavier und spielte 
einen amerikanischen Foxtrott; er setzte sich neben das 
Klavier und lauschte und betrachtete des Madchens Hande. 
Dann iibernahm jemand anders den Platz am Klavier, da 
rief Tilly ihn zum Tanz. ,,Ich kann nicht tanzen", ant- 
wortcte er, ,,aber . . . ich mochte, daB Sie weiterspielen." - - 
,,Lieben Sie die Musik? verstehen Sie etwas davon?" 



,,Ich liebe sie, aber schr . . . sehr viel verstehe ich nicht 
davon." ,,Ist es Ihnen dann nicht ganz gleich, wer 
spielt?" ,,Ich sehe gern ihre Hande auf den Tasten", 
sagte er. Er begleitete sie nach Hause, ,,sind Sie schlecht 
gelaunt?" fragte Tilly ihn unterwegs. ,,Nein, gar nicht." 
9 ,Warum sind Sie dann so schweigsam?" ,,Es ist doch 
iiberflussig, viel zu reden, wenn ", und er brach verlegen 
ab. Als sie sich verabschiedeten, sagte Tilly: ,,morgen abend 
sind meine Freunde bei mir, wenn Sie Lust haben, konnen 
Sie auch kommen." Selbstverstandlich hatte er Lust, und 
von da an trafen sie sich fast taglich. An diesen Tagen war 
ein Mitglied der kleinen Gesellschaft mit Namen Norbert 
immer schweigsam; zehn Tage spater lud Tilly ihn wieder 
zum Abendessen ein, diesmal aber waren sie nur zu zweit. 
,,Norbert hat sich heute sehr haBlich benommen", sagte 
Tilly einmal, ,,er hat geweint und in mich gedrungen und 
sich erniedrigt, als ich ihn verabschiedete." ,,Als Sie ihn 
verabschiedeten?" ,,Warum tun Sie, als ob Sie das nicht 
wiiBten? du weiBt doch ganz genau, daB ich ihn deinet- 
wegen weggeschickt habe." Der kleine rotiiche Kom- 
merziairat weiB, daB Kadar der Freund seiner Tochter ist, 
und als er ihm eines Nachmittags zufallig am Gartentor 
begegnet, ergreift er ihn am Arm und geht eine Viertel- 
stunde auf der StraBe mit ihm auf und ab. ,,Ich habe Sie 
lange nicht gesehen, mein Junge, was gibts Neues, wie 
leben Sie? Meine Tochter wird nicht bose sein, wenn Sie 
ihr nachher erzahlen, daB ihr alter Herr Sie aufgehalten hat, 
wir haben doch so lange nicht miteinander geplaudert! 
Tilly \rird nicht bose sein, Tilly ist ein Engel, nicht wahr? 
Mein Gott, wenn Sie ihre Mutter gekannt hatten, meine 
selige Frau. Du Heber Gott, dann wiirden Sie mich ver- 
stehen! Tilly ist das vollkommenste Madchen der Welt, 
genau wie ihre Mutter war! Herrgott, wenn ich wiiBte, 
daB sie gliicklich ist, wenn ich sicher ware, daB es ihr nie, 
nie im Leben schlecht gehen wird! Ein etwas merkwiirdiges 
Kind, und soweit ich als schwachcr Amateur das beurteilen 



kann, auch Kiinstlerin, kcinc groBc Kiinstlerin, mcin Gott, 
Theresa Carreno war cine groBe Kiinstlerin, nur gerade 
so wcit, daB sie auch darin mehr ist als die andern, nur so 
weit, daB es urn ein Kornchen zu ihrem Gliick beitragen 
kann! Mein kleines Madel, man lebt, solange man jung ist, 
ihre Mutter war sechsunddreiBig Jahre alt, als sie starb, 
Gott, wenn Sie sie gekannt hatten! Sie ist das schonste 
Madchen, der gescheiteste Mensch, mein Gott, was kann 
ich nur fur sie tun? Was niitzt das, wenn ein alter Mann, 
ein Vater, sein Kind unausprechlich, geradezu unertraglich 
liebt?! Sie soil es gut haben, soil leben, wie sie will, schon, 
soil reich sein, sehr reich sein, ich lege viel Geld fur sie auf 
die Seite . . . Herrgott, wenn ich wviBte, daB sie nie von 
etwas Schlimmem betrofien wird, mein kleiner Engell" 
Kadar konnte diesen wirren, phrenetischen Stil, der ein 
wenig nach Heiratsvermittler roch, kaum verstehen; wie 
ihm iiberhaupt dieser kleine Mann mit seiner groBen Villa, 
seinem groBen Vermogen, seinem riesigen Auto und seiner 
riesigen Schwarmerei fiir Tilly und alles, was mit ihr zu- 
sammenhing, unverstandlich war. Er zerbrach sich indessen 
nicht viel den Kopf iiber Herrn Baum und sprach auch mit 
Tilly nur sehr selten von ihm. Vater ist der beste Mensch 
der Welt und, ich glaube, auch ciner der gescheitesten, er 
muB sehr ungliicklich gewesen sein", sagte sie einmai. Als 
er sie dann fragte, warum sie das denke, gab sie keine Ant- 
wort. Spater einmai sagte sie noch: ,,Mama war in Briinn 
Schauspielerin, als mein Vater sie heiratete." Aber das 
sind alte und fernliegende Dinge, frcmde Dinge. Tillys 
Augen, leuchtende stahlblaue groBe Augen, Tillys 
Stimme, Tillys Korper und Gedanken sind bekannt, sind 
hicr: das ist das, was lebt. Sie sind verliebt ineinander, 
Kadir mehr und mehr mit der besinnungsiosen Hingabe, 
die dem bcsseren, dem hoheren Wesen zukommt, und die 
schon dariiber hinaus ist zu nehmen, die nur geben will; 
das Madchen in jeder Bewegung, jedem Ton mit der von 
Miidigkeit durchsetzten Erregtheit ihrer Rassc, mit dem 

186 



dauernden Vibricrcn eines von der Kunst betaubten Ner ven- 
systems, mit vornehm verbiillter Langweile der Ober- 
sattigtheit, mit der Erotik eines gierigen Kindes und zuweilen 
mit der kiihlen Beherrschtheit eines Menschen, der schon 
schrecklich iiber die Dinge erhaben ist. Kadar ist immer 
derselbe, Tilly ist jedesmal neu und jedesmal anders; man 
findet sich nicht in ibr zurecht. Sie sitzt im Musikzimmer 
vor dem Konzert-Flugel und spielt Schumann. In diesem 
kleinen Zimmer steht nur der riesengroBe Fliigel und der 
Notenscbrank und ein paar Stiible und Sessel. Daneben liegt 
ein anderes kleines Zimmer, in dem sie schlaft. Hier ist 
ohne Erlaubnis der Eintritt verboten, im iibrigen ist die 
ganze groBe Wobnung meistens leer. Der Vater halt sicb, 
wenn er zu Hause ist, fast immer im Raucbzimmer auf; 
fur ein balbes Stiindcben bettelt er sicb zu seiner Tochter 
hinein, gewohnlich, wenn sie abends allein ist und Klavier 
spielt. Die Toccata bammert auf den Tasten, dann bricbt 
der Ton plotzlich ab. ,,Es geht nicht, und es geht nicht I" 
bricht Tilly in gereiztes Klagen aus, ,,ich kann nicht mehr, 
mein Gott ", dann Stille, einige unsichere kakophonische 
Tone, und dann schlagt sie den Deckel zu: ,,es geht nicht 
weiter, ich kann mich nicht mehr konzentrieren." Da batten 
sie schon zwei Stunden am Klavier gesessen, und Kadar 
erlebt aufgelost und in Gliick verloren die Sensation von 
Brahms und Chopin, Beethoven und Schumann. Tilly steht 
auf, reckt sicb, kracht mit ihren Fingern; Kadar, noch 
betaubt vom letzten abgehackten Akkord, ergreift ihre 
Hand, ,,danke, Tilly", und das Madchen, aufgewiihlt 
in der Erotik der Tone, hangt schon an seinen Lippen. 
Gegen halb neun klopft es leise: ,,Fraulein Tilly, kann ich 
das Abendessen bringen? der gnadige Herr ist heute nicht 
zu Hause." Ein glasschiliernder Tisch rollt auf groBen 
Radern herein: Tee, kaiter Braten, Fisch und Aufschnitt, 
kompliziert schmeckende Saucen, raffinierte Garnierungen, 
Geback, Obst und ein schwerer, etwas bitterlicher Wein. 
Gegen fcehn Uhr kommen cin-zwei Paare von der 

187 



Gesellschaft an, sic unterhalten sich cine Stundc, dann geht 
Kadar mit ihncn zusammen weg. Zu Hause bleibt er im 
Zimmcr stehen, auf dcm Tisch liegt das Zeichcnbrett mit 
eincr angefangencn Zcichnung . . . mit Sauscn im Kopf, 
mit Zick-Zack tanzenden Linien und Buchstaben vor den 
Augen, mit Tillys Fluidum in jeder Nervcnfaser, mit der 
Sehnsucht nach Erfolg und Geld in jedem Gedanken, mit 
dem Zittern um das ungewissc Morgen in jedem Atemzug 
starrt er gegen drei Uhr nachts ins Dunkel und kann nicht 
einschlafen. 

Nerven und Geld: beides nitnmt ab. Vor kurzem hat er 
sich einen neuen Anzug machen lassen, diesmal schon bei 
cinem besseren Schneider in der inneren Stadt, auch feine 
Wasche und ein paar elegante Schuhe hat er sich gekauft. 
Das tagliche Bad, seitdem er Tillys marmornes, ge- 
kacheltes, glasernes, in lauem WeiB strahlendes Badezimmer 
kennt, hat er sich das angewohnt, laBt Frau Wessely sich 
teuer bezahlen; zu den guten Hemden waren auch bessere 
Schlipse notig; Tilly tobte iiber jede Sekunde Verspatung, 
und so mu8 er hin und wieder mit einer Taxe zum Rendez- 
vous eilen; die Restaurants und Bars, Theater und Kinos, 
die Ausfliige erschopfen seine Borse stark, obschon die 
MSdchen sich gewohnlich nichts bezahlen lassen und Paul 
sehr haufig fur seine Spesen mit auf kommt. Nun, und wenn 
Tilly vor einem Blumenladen eine marchenhafte Rose be- 
wundert, dann kann er nicht widerstehen und muB sic ihr 
schicken; und wenn es Tilly um Mitternacht einfallt, tanzen 
zu wollen, dann kann er ihr nicht sagen, Auto und Entree 
und die Flasche Sekt seien uberfliissige Ausgaben. Ja, 
er hat auch tanzen gelernt, und als er mit seinen langen 
Gliedern und etwas holzernen Bewegungen sich auf dem 
Parkett drehte, schamte er sich. Von Paul hatte er das 
war schon vor etwas langerer Zeit einen modernen 
Smoking geschenkt bekommen, und als er sich geradezu 
aufgebracht gegen diese Geldvcrschwendung ereiferte, 
antwortete Paul bloB: ich glaube, du wirst ihn brauchen. 

188 



Der Junge bezahlte ihm aufierdem genau das Vierfache 
von dem, was ihm fur den an und fur sich uberflussigen 
Nachhilfeunterricht zugekommen ware, und Kadar nahm 
das Geld von seinem Freunde an. Er fiihlte, daB vorlaufig 
das Geld und die Freundschaft aufs engste zusammen- 
hingen: entweder befriedigte Paul an ihm seine mazena- 
tischen Neigungen, oder aber er wollte nur, daB er mit der 
Gesellschaft Schritt halten konne, ohne daB die oberflach- 
lichen, auBeren und doch schmerzlichen Erscheinungen des 
trennenden finanziellen Unterschiedes ihn tagtaglich ver- 
letzten und es ihm schlieBlich unmoglich machten, mitzu- 
tun. Und vielleicht . . . weil zwei Personen mehr von dem 
verdammten . . . gesegneten Geld der Eltern ausgaben. 
Vorlaufig also ist Paul da, aber er fiihlte, daB dieser MiB- 
brauch nicht lange dauern konne, entweder wiirde Paul eine 
andere Passion finden, oder die Eltern wiirden ihn doch 
einmal kiirzer halten. In stillen, angstlichen Nachten des 
Alleinseins zitterte manchmal in unsicheren und drohenden 
Konturen die Frage vor ihm auf : was wird, wenn das ein- 
mal zu Ende ist? Und wenn er dann ofters daran dachte: 
jetzt gebe ich in zwei-drei Monaten mehr |aus, als ich 
friiher fur ungefahr anderthalb Jahre iiberhaupt zu leben 
hatte: dann biB sich mit heiBen Zahnen wiitende Ent- 
schlossenheit in sein Gehirn: das war ja auch kein Leben, 
friiher!! Ich will immer so leben!! Ich will immer Geld 
habenll Geld, er hatte eigentumliche Geldphantasien. 
Ich werde auch Geld haben: denn der ausgezeichnete 
Architekt wird gewaldge Auftrage bekommen, und eine 
Unternehmung nach der anderen Ich werde Geld haben: 
denn unerwartet wird mich einmal ein groBes Gliick treffen, 
das mir zu ungeheurem Vermogen verhilft Ich werde 
Geld haben : denn ich werde jemandem begegnen, der mich 
auf irgendeine besondere Weise, durch eine ungewohnliche 
Spekulation Und wenn ich Tilly heiratete? Samt den 
Schweizer Millionen und der Villa und dem Auto und der 
ganzen iibrigen goldklingenden Anhimmelung ihres kleinen 

189 



glatzkopfigen Hcrrn Papas? Und sofort muB cr an cine 
Nacht denken, erschopft liegt ihr diinner kleiner Korper 
nackt in dem machtigen Bett, er selbst kauert mit geschlos- 
senen Augen am FuBende des Bettes, in alien Gliedern vi- 
brieren die unz&hligen neuen Sensationen der letzten Um- 
armung; und als er dann in kaum spiirbarer leiser Helligkeit 
die Augen aufsperrt und wieder die nie faBbaren tausend 
Wunder der knabenhaften kleinen Gestalt vor sich sieht 
und sie in neu erwachender Begierde anriihrt, und das 
Madchen da in einer unverstand lichen Erstarrung nur 
sagt : ,,oh, geh jetzt, geh jetzt, geh jetzt . . ." diese Nacht 
fallt ihm ein, und da weiB er, daB Tilly nicht seine Frau 
werden wird. Tilly, die nackt mehr ist als das Millionen- 
vermogen und in ihrem Palast und ihren Juwelen weniger 
als die Armut, Tilly wird ihn eines Tages mit einem Wort 
wegschicken, oder . . . er wird sie eines Tages, vielleicht 
ohne ein Wort, verlassen. 

Damals raste Wien bereits auf der Berg- und Talbahn 
der Inflationskonjunktur. Das Leichengift des Zusammen- 
sturzes hatte schon den ganzen Wirtschaftskorper durch- 
drungen, und wahrend die gesellschaftlich Schwacheren, 
die wirtschaftlich Unorganisierten langsam sanken, immer 
tiefer und tiefer abwarts, tobten die Starkeren, die (Jber- 
lebenden, die groBen Rauber, die sich in alien Situationen 
Zurechtfindenden mit ihrem m^chtigen Gefolge in be- 
rauschtem Tanz um die in Agonie zuckende Stadt. Das 
Leben huscht in bunter elektrischer Spannung, in der Er- 
regung nie geahnter neuer Sensationen zwischen Himmel 
und Holle dahin; Kommunistenaufzuge, die vom schnelien 
Backen ein wenig angebrannt riechenden Konjunktur- 
milliardare, verbitterte reaktionare poh'tische Zwischen- 
spiele, zahneknirschende, magenknurrende Demonstra- 
tionen von Arbcitslosen, Vermogenschiebungen, bis in den 
Morgen dauernde Zechereien in den Bars, leeres Gahnen 
von stillstehenden Fabriken, zum Platzen uberfiillte Ge- 
schafte in den HauptstraBen; die Banaiita't von ,,Glanz und 

190 



Elend" so heutig geschminkt, daB sie wie cin apokalypti- 
sches, nie gesehenes Wunder erscheint. Auf dieser diisteren 
See segelt heiter die seltsame Luxusjacht der jugendlichen 
Gesellschaft. Die Deckung des sicheren Geldes gibt die 
Moglichkeit zu kritischem Verweilen; ihr biBchcn Kunst- 
treiben erhebt sie iiber den Burger; und so sehr leben sie 
ihr besonderes, in sich geschlossenes, befrcites Leben, daB 
sie alles andere iiberlegen-interesselos mit kalter Ablehnung 
betrachten. Und wie Kadar so immer mehr und mehr unter 
ihnen lebt, bemerkt er eines Tages, daB er lauter Fremde 
um sich hat, deren Gewohnheiten er annimmt, mehr oder 
minder gut nachafft, die aber sehr wohl sehen, daB sich ein 
Fremder unter ihnen befindet. Paul zuliebe und vielleicht 
wegen seines Verhaltnisses mit Tilly dulden sie ihn, aber 
hie und da regt sich das Windchen, das ihn unbedingt eines 
Tages mit leisem Hauch aus der Gesellschaft hinauswehen 
wird. Einer macht eine Bemerkung iiber eine schlampige 
spieBbiirgerliche Geste an ihm, und er wehrt sich nicht 
dagegen: er geht mit einem nachlassigen Na-wenn-schon 
iiber die Sache hinweg. Und da konstatieren sie im stillen, 
daB er wirklich ein SpieBbiirger sei. Ein bleiches, blondes 
Aristokratenbiirschchen scharwenzelt auffallend um Tilly 
herum; des wegen fahrt ihm einmal ein scharfes Wort iiber 
die Lippen, und schon ist das Urteil gesprochen: er ist 
eifersiichtig, er kann sich nicht iiber die Dinge erheben. 
In Disputen wechselt er die Meinung: er hat keine feste 
Weltanschauung. Mit kindischem Eigensinn bleibt er an 
einem Standpunkt kleben: es fehlt ihm an geistiger Elastizi- 
tat. An diesen Kleinigkeiten fiihlt er, daB er nur mit ihnen 
getrieben wird und nicht zu ihnen gehort. Denn iiber das 
hinaus, was schon und aufregend ist, gibt es eigentlich 
nichts, um dcssentwillen es sich lohnte . . . nichts, das auch 
nur eincn cinzigen langeren Ausblick nach dem Obermorgen 
hin hatte; das Ganze ist nicht mehr als pittoreskes aber 
blindes Tappen im Heute. Und trotzdem ist dieser Friihling 
schon mit seincn hervorbrechenden Sehnsiichten und den 



191 



Erfiillungen, wie er sie sich nicht vorzustellen vermochtc, 
mit den Erlebnisscn und Betaubungen, die selbst in jenen 
stiirzenden Nachten noch ihre seltsame, nie gekannte, 
aufregende Spannung haben. Seine junge Kraft und sein 
Selbstvertrauen kampfen mit der dreifachen Probe des 
Lernens, der neuen Dinge und der neuen Menschen; und 
es gibt Tage, an denen er es sich selbst glaubt, daB er nicht 
aussichtsvoller hatte starten konnen, daB sein Leben bis 
auf gewisse Teilresultate nicht besser hatte gelingen konnen. 

Ende Juni ist SchluB auf der Hochschule, SchluB mit 
seinem beiseitegelegten Geld und wahrscheiniich auch mit 
Tilly. Das zweite Jahr des Studiums hat er mit mittelmaBi- 
gem Erfolg hinter sich. Wohnung und Kost sind zwar 
bis zum ersten Juli bezahlt, aber in der Blechschachtel 
liegen flach nur noch eine oder zwei Banknoten. Tilly wird 
sich bis zum Herbst mit ihrem Vater in der Schweiz und 
in Italien aufhalten. An einem schonen stillen Juniabend 
nimmt er Abschied von ihr. Mit leer hammernder Brust, 
verschleierten Augen, mit tausend plotzlich auf ihn ein- 
sturzenden Schmerzen korperlicher Erinnerungen halt er 
ihre Hand in der seinen; Tilly sagt leise: ,,also . . . bis 
Herbst, oder fur immer." Schrecklich, unertraglich liebt 
er in diesem Augenblick das kleine rote Madchen, Abende 
lang halluziniert er, hort ihre Stimme, sieht ihr Bild, spurt 
ihre Umarmung, lauscht den vom groBen Fliigei auf- 
steigenden leisen oder donnernden Tonen. Tilly konnte 
man nicht verstehen, ihr jede Sekunde wechselndcs 
Leben, ihre unerwarteten Seufzer und die unzahligen kleinen 
Widerspriiche, aus denen sich ihr unauf losbar einheitliches 
Wesen zusammensetzte, Tilly konnte man niemals ver- 
stehen, und niemals kann man sie vergessen. 

Undindiese leeren, vergeblichen Tage rasselt wieder Paul 
herein, unerwartet und heiter und ein wenig mit der Geste 
einer hoheren, die Morphiumspritze dirigierenden, sicheren 
Hand: ,,Du weiBt, seit Monaten bearbeite ich die Eltern 
mit meinem Sommerplan, also, wenn du willst, kannst 

192 



du nachste Woche mit mir nach London reisen. Die Reise 
ist bis ins kleinste vorbereitet, die Geldangelegenheit in 
Ordnung." Am folgenden Tage losen sie die Fahrkarten: 
Basel Paris Calais Dover London. Eine kleine 
Schwierigkeit verursachte nur Kadars PaB; das englische 
Konsulat in Wien lehnte das Visum fur einen ungarischen 
Pali ab. Bis zum nachsten Morgen verschafft ihm Herrn 
Pauli-HeBleins Biiro einen osterreichischen PaB, und nun 
steht der englischen Einreisebewilligung nichts mehr im 
Wege. Paul ist in diesen letzten Tagen in Wien nichts als 
eine hochflackernde Flamme: ,,wunderst du dich, daB meine 
Ruhe bin ist? du hast mich noch nie so aufgeregt gesehen? 
ahnst du denn, was London fur mich bedeutet seit ,Prinz 
und Bettler 4 und seit Wilde und Shaw ? Hast du eine Ahnung, 
was mir, dem Wiener, die GroBstadt bedeutet?" 

Eines Morgens steigen sie dann zu neun in den direkten 
Wagen ein, an dem steht: Wien West Paris Est, eine 
schreiende, lustige, aufgeregte Gesellschaft. Sieben be- 
gleiten sie bis Salzburg; wahrend der halben Stunde Auf- 
enthalt in Salzburg amiisierte sich der ganze Zug iiber die 
unter Lachen und Kiissen Abschied nehmende Gesellschaft. 
Rosette und Paul spazierten ein wenig errotet auf dem 
Perron auf und ab, dann, die Schaffner schlossen bereits 
die Waggontiiren, kiiBten sie sich. Im Gesicht des 
Madchens gliihte etwas von unbekannter, sonderbarer 
Bewegtheit. ,,Ach Gott, du . . .", noch hielt sie die Hand 
des Jungen, der auf den Waggonsrufen stand, ,,ich hatte 
doch besser mit dir gehen sollen, Paul! Sofort telegrafieren, 
wenn du angekommen bist, und jeden Tag schreiben . . . 
Toni, paBauf ---" 

Hinter dem Arlberg fing es an zu regnen, und von da an 
ging die Fahrt fast bis Paris bei dichtem Spriihregen und 
manchmal auch Nebel, als ob auch das Wetter die Absicht 
hatte, ihre Aufmerksamkeit nicht durch die fremden Land- 
schaften vom eigentlichen Reiseziel, von London, abzu- 
lenken. Hinter Salzburg nahm Paul einen deutsch-englischen 

13 Ktirmendi, Budapest 193 



Sprachfiihrer aus der Handtasche und gab ihn lachend 
Kdr, ,,von jetzt an kein Wort mehr anders als Englisch, 
verstandenl ich will nicht, daB du nicht weiBt, was 
du anfangen sollst, wenn ich dich in London mal fiinf 
Minuten allein lasse." Kadar sucht und liest die allgemein- 
gebrauchlichsten Worte, die auf Reisen in einer fremd- 
sprachigen Stadt gewohnlich die ersten Worte der Touristen 
sind. Im Speisewagen horen sic Deutsch, Ungarisch, Ru- 
manisch und Franzosisch sprechen. In Zurich wird der 
uberfullte Zug ziemlich leer, in Basel aber steigen dann 
wieder viele nach Paris Reisende ein. Paul, der Unruhige, 
geht durch alle Wagen; er erzahlt, im Zuge sitze ein 
ungarischer Ingenieur, der auf der Reise nach London und 
von dort welter nach Melbourne sei. ^Wilist du riiber- 
kommen und dich ein biBchen mit ihm unterhalten?** fragt 
er. Einen Moment verspiirt Kadar Sehnsucht nach der 
ungarischen Sprache, aber dann winkt er nein. Begrunden 
kann er es nicht, warum er dem Landsmann nicht begegnen 
will. Spater ging ihm einmal durch den Sinn, daB mzwischen 
auch Vavrincc schon ungarischer Ingenieur sein kann . . . 
Es ist Abend, als der Zug an der Gare de FEst einlauft; zwei 
Stunden spacer fahrt vom Nord der Schnellzug nach Calais 
ab. Durch das Fenster der Taxe betrachten sie die drangende, 
brausende, leuchtende Pariser Nacht; an einer StraBen- 
kreuzung bleibt das Auto sekundenlang stehen, ein blondes 
Madchen mit einer weiBen Miitze rappelt am Fenster: 
,,Hello, boy!" sagt sie und lacht 2u ihnen hinein. ,,H6rst 
du", sagt Paul, ,,eine Englanderin, sie hat uns auch fur 
Englander gehaltenl'* Dann sind sie auf dem nachtlichen 
Bahnhof; Paul geht vor und sieht sich die Lokomotive an, 
,,eine schone Maschine", sagt er; der Gepacktrager bringt 
die Koffer und stellt sie vor einem langen griinen Pullman- 
Wagen auf den Bahasteig. Am Wagen hangt ein Schild: 
Paris Nord London Victoria Station. 



MAN geht in Wien, sagen wir, iiber den Ring oder die 
MariahilferstraBe; man geht und tut nichts anderes. Man 
hat kein Ziel und kein Programm; wenn man Lust hat, 
bleibt man vor einem Schaufenster stehen und sieht es sich 
an; wenn man will, dreht man sich um oder biegt in eine 
andere StraBe ein; eventuell begegnet man einem Be- 
kannten, den man griiBt; vielleicht rempelt man einen 
Fremden an, dann sagt man pardon. Wenn einem gerade 
der Sinn danach steht, geht man in ein Kaffeehaus; man 
spaziert an einem groBen Gebaude vorbei, von dem man 
im stillen konstatiert, das ist das Rathaus oder das Parla- 
ment oder das Liechtenstein-Palais; aber man kann auch 
noch auf der Treppe umkehren, wenn man zufallig doch 
keine Lust hat, hinaufzugehen. Niemand kontrolliert einen, 
keinerlei auBere oder innere Direktiven zwingen einen; 
die Zeit wird nicht abgemessen, und keiner zahlt einem die 
Schritte. Mit der Stadt kann man bekannt werden, wo und 
wann man will; das nennt man Bummeln. Man ist nicht 
so weit zu Hause, daB man sich Dingen und Menschen 
gegeniiber gefuhllos vom Alltag mittreiben lieBe; man ist 
aber auch nicht so fremd, daB man von StraBenecke zu 
StraBenecke die Gebrauchsanweisung, die einem in Cooks 
Reiseburo in die Hand gedriickt wird, studierte. Vielleicht 
machen es in Wien die Dimensionen moglich, daB man sich 
auf den Zufall verlassen kann: was fur eine Oberraschung 
kann denn kommen? Ich gehe und gehe, zwanzig Minuten, 
vierzig Minuten, eine Stunde, zwei Stunden: ich weiB, 
jene Klavierfabrik liegt an der StraBenbahnlinie zweiund- 
sechzig, und ich weiB, wohin ich mit der StraBenbahn 
Nummer zweiundsechzig gelangen kann; ich weiB, in 
welchem Arbeiterviertel ich jetzt angekommen bin, und 
ich weiB, daB ein Kollege namens Grummer von der 
Haltestelle dieser Stadtgegend taglich zwanzig Minuten bis 

13* 



2ur Hochschule mit der Stadtbahn fahrt. Gut, daB ich fremd 
bin, derm so bin ich niemandem Rechenschaft schuldig; 
und gut, daB ich dennoch nicht ganz fremd bin, denn so 
kann ich mir selbst Rechenschaft geben. In London ist 
das nicht so. London erfordert ein Programm. Ich wciB, 
daB ich morgens um zehn Uhr die Parlaments-Bibliothek, 
um zwolf Uhr die Bibliothek des British Museum, um zwei 
die soziologische Buchersammlung des State-Archiv be- 
sichtigen werde. Ich weiB, daB ich in machtigen Salen 
schrecklich viele Biicher zu sehen bekomme und daB die 
Reichhaitigkeit und Ubetfulle, der Anblick des Sammeleifers 
und der Ordnung mich faszinieren werden. Heute ist Biblio- 
thekentag. Ich weiB und . . . konnte nicht gerade sagen, daB 
ich mich nicht wohl fuhle dabei. Nur gliicklich bin ich nicht. 
Icb glaube, Paul verdirbt die Sache. Paul ist iibereifrig; er 
hat zu viel erwartet und will deshalb zu vie! von London. 
Allerdings kann man bei einem auf sechs bis acht Wochcn 
gcplanten Aufenthalt, einer Studienreise, wie Paul in 
letzter Zeit sagt, nicht blind draufiosleben. Sechs bis 
acht Wochen sind viel und auch wenig. Zuviel, um sich 
die Dinge fliichtig anzusehen und von all dem Kenntnis 
zu nehmen, was hicr am besten, am schonsten und am zahl- 
reichsten vcrtreten ist; zu wenig, um einmal eincn ganzcn 
Vormittag allein in der Stadt umherzustreifen, und um cs 
gleichgultig sein zu lassen, ob ich drci Stunden am Themse- 
Ufer oder im Hyde Park spazierengehe. Nein, dazu haben 
wir keine Zeit. Und vielleicht wiirde ich es auch gar 
nicht recht wagen. Ich bin fremd, ich furchte mich vor den 
unbekannten StraBen und den fremden Menschen; ich 
vcrstehe ihrc Sprache nicht, und wenn ich einmal zwanzig 
unausgefiillte Minuten habe, dann sitze ich in mcinem 
Pensionszimmer am Fenster und zahle, wieviele Autos aus 
der engen StraBe in die breite StraBe biegen. Ich glaube 
nicht, daB ich dies aus einer auch mir selbst verheimlichten 
Miidigkeit rue. Ncin, miide bin ich nicht, und ich bin 
auch viel zu bcscheiden, um nun schon gesSttigt zu sein. 

196 



Aber diese restlose Einteilung und Berechnung crwcckt 
fortwahrend das Gef iihl in mir, daB ich hinter dem Jonglieren 
mit der Zeit etwas voriibergehen lasse, was nur der Zufall 
bringen kann, oder daB in dieser Zeitgleichung ohne Un- 
bekannte doch irgendwo etwas Unbekanntes, etwas Un- 
erwartetes verborgen liegt. Nein . . . ich fuhle mich nicht 
gliicklich in London. Hatte ich mehr erwartet? Vieiieicht 
weniger, ich kann es nicht sagen. Ich habe das Gefiihl, daB 
Paul, der iiber unsere Zeit und unser Geld verfiigt, die 
Sache verdorben hat. Hatte ich einen Kalender, so wtirde 
ich hineinschreiben : Montag Theaterkunst-Sammlung 
Gordon Craigs, eine moderne Photographic- Ausstellung 
und ein Vortrag iiber RuBland des Labour- Abgeordneten 
Flynn, Dienstag Lord Cressens Musikinstrumenten- 
Sammlung, denn auch die ist in Pauls Programm enthalten, 
Ausstellung der im Kriege verwendeten Waffen in der 
Olivier Hall und Vorlesung des jungen amerikanischen 
Dichters Lee-Masters, Mittwoch nein, gliicklicherweise 
habe ich keinen Kalender, heute ist Samstag, und ich habe 
schon vergessen, was am Mittwoch war, ganz sicher ist 
es auch nicht, daB wir die Musikinstrumente am Dienstag 
besichtigt haben. Was nun wird? ich weiB es nicht, nicht 
etwa, weil wir nicht fur jeden folgenden Tag ein genaues 
Programm batten, sondern weil Paul augenblicklich auf 
der Bank ist, um Geld zu holen. Auf jeden Fall werden wir 
uns die Vorbereitungen zur Weltausstellung in Wembley 
ansehen, und Paul mochte auch an einer Razzia in White- 
chapel teilnehmen, er ist schon im Begriff, die entsprechen- 
den Beziehungen zur Polizei zu suchen. Aber gewiB gibt es 
noch eine Menge Galerien und Bibliotheken und Skulptur- 
Ausstellungen und Antiquitaten-Sammlungen, die wir 
besichtigen werden; eine Menge Vortrage und Vor- 
lesungen und Diskussionen, die wir uns anhoren werden. 
Sehr oft waren wir im Theater, ich glaube, die Biihnen- 
sprache habe ich besser verstanden als das, was der Brief- 
trager oder die Zigarettenverkauferin oder die Pensions- 

'97 



inhabcrin sagt. In dcr Queen's Hall haben wir uns ein 
herrliches Mozartkonzert angehort, ein Hollander namens 
Mengelberg dirigicrte die Jupiter-Symphonic, und ein 
jungcs Madchen, ihren Namen habe ich vergessen, trug 
das D-Moll-Klavierkonzert vor. Sic spieltc sehr schon, 
abcr du spielst schoner. Unsere Pensionsinhaberin hat ein 
groBes Grammophon und viele Tanzplatten. Manchmal 
hore ich sie musizieren. Mit unsern Hausgenossen kommen 
wir nicht sehr viel zusammen; sie sind auch fast aus- 
nahmslos Londoner oder wenigstens Englander. Junge 
Lcute sind kaum darunter. Ich glaube, man weiB, daB wir 
Wiener sind, und ist ein biBchcn miBtrauisch uns gegeniibcr. 
Sonst kennen wir nur wenige Leute. Die Familie, an die 
Paul cmpfohlen worden ist, halt sich seit Ende Mai in 
Schottland auf und kommt angeblich vor Herbst nicht 
zuriick. Die Englander sind nicht sehr mitteilsam und 
schlicBen sich schwer an. Ab und zu reden wir mit einem 
jungen Mann, den Paul in ciner Bibliothck angesprochen 
hat, und die Abende verbringen wir hie und da mit zwei 
jungen Madchen, die wir an cinem Samstagabend auf die 
Weise kennengelernt haben, daB ihr Ford auf der Land- 
straBe steckenblieb und wir sie mit Pauls gemietetem Ford 
in die Stadt zogen. Die cine ist Eliza Gordon, ihre Eltern 
leben in Glasgow, Zia arbeitet bei einem Glashandlcr im 
Euro, der ein Verwandter von ihr zu sein scheint. Von der 
andern weiB ich nur den einen Namcn, Yomaya, der andcre 
ist furchtbar lang; sie ist ein echtes Hindu-Blut aus 
Cashmere, studiert hicr an der Universitat. Jetzt mochte ich 
Dir schreiben, was ich bisher von London gehabt habc. 
Eine GroBstadt im Wirbcl gehaufter Einzelhciten ohnc ein 
einzigcs bekanntes Haus, cine einzige gewohnte StraBen- 
eckc, cincn einzigcn vcrtrauten Ton, und dennoch wirkcn 
die fremden Hauser, die unbekanntcn StraBen, die un- 
gewohnten Stimmen nichr verbliiffend wie etwas absolut 
Neues. Soil ich sagen: ich fiihle mich nicht zu Hause? Soil 
ich hcute, in der dritten Woche sagcn: noch bin ich nicht 

198 



enttauscht odcr ich erwarte nicht mehr ? Nein, ich fiihle mich 
nicht gliicklich in London, Tilly; vielleicht, well ich mich 
sehr nach Dir sehne . . ." 



. . . Ihr konnt es mir glauben, ich selbst wundere mich 
oft am meisten dariiber, daB ich nach London gekommen 
bin. Das Ganze wickelte sich innerhalb weniger Tage 
ab; mein Schiller, ich sage wohl besser: mein Freund, 
iiberraschte mich ganz unvorbereitet mit der Idee, und da 
war auch schon alles geregelt. Unsere Reise verlief sehr 
schon und angenehm; ein ungarischer Ingenieur fuhr mit 
uns bis Paris, ich habe zwar nicht mit ihm gesprochen, weiB 
aber, daB er unterwegs war nach London, um sich bei einer 
Fir ma vorzustellen, die ihn nach Australien engagiert hat. 
Gluckssache . . . aber auch das ist Gliickssache, daB ich 
jetzt in London bin. Ich wiirde kein Ende finden, Euch die 
zahlreichen Wunder zu beschreiben, die ich hier gesehen 
habe. Den gewaltigen Bahnhof, die riesige Stadt, den Ver- 
kehr, von dem Ihr Euch gar keine Vorstellung machen 
konnt, die herrlichen Gebaude. Wir wohnen in einer 
Familienpension, haben zwei ineinandergehende schone 
Zimmer und bekommen ausgezeichnete Verpflegung. Ich 
lerne viel, wenn auch nicht direkt in mein Fach schlagende 
Dinge; wir haben sympathisers und wertvolle Menschen 
kennengelernt. Natiirlich vergeht der ganze Tag mit 
Sehenswiirdigkeiten, in Bibliotheken und Ausstellungen, 
und wenn es mir an etwas fehlt . . . nein, ich konnte nicht 
sagen, daB es mir auch nur an dem Geringsten fehlte: ich 
habe keine Sorgen, unserer Vcreinbarung gemaB deckt 
mein Schuler unsere samtlichen Ausgaben, taglich gibt es 
reichlich viel zu sehen, zu lernen, und was ich soeben 
dachte, namlich, daB mir etwas fehlen konnte, dieses 
Gefuhl wird, glaube ich, durch die ungewohnte Umgebung 
verursacht. Doch schlieBlich handclt es sich ja nur um 
scchs Wochcn oder hochstens zwei Monate, und cs ware die 

199 



groBte Undankbarkcit, geradezu cine Siindc, auch nur cinen 
einzigcn klagenden oder unzufricdenen Ton zu vcrlieren 
intnitten der zahllosen Wunder, die ich in London erleben 
darf. Diescr Tage hattc ich einc interessante Begegnung: 
mein Freund Paul ging eines Vormittags bei ciner vor- 
nehmen Londoner Familie einen Besuch machen, an die wir 
aus Wien einen Empfehlungsbnef mitbekommen batten, 
und wahrend der Zeit begab ich mich auf einen Spaziergang. 
Da treffe ich plotzhch in einer der eleganten StraBen in der 
Nahe eines groBen Hotels einen friiheren Mitschiiler vom 
Gymnasium, vielleicht erinnert Ihr Euch noch an seinen 
Namen: Istvan Varga. Uber diese unerwartete Begegnung 
hier in der fremden GroBstadt freuten wir uns beide sehr. 
Varga ist eigentlich gar nicht ganz fremd hier, er lebt das 
drittc Jahr in England; in Cambridge einer beriihmten 
Universitatsstadt studiert er Jura. Er hielt sich in London 
nur auf der Durchreise auf, war unterwegs nach Ostende, 
wo seine Eltern den Sommer verbrmgen. Es sind reiche 
Lcute . . . Varga war auBerordentiich nett zu mir, ich 
erzahlte ihm, wie ich nach London gekommen bin; er 
bedauerte, daB er keine Gelcgenheit babe, auch meinen 
Schiiler kennenzulernen, gab nur aber seine Ostender und 
Londoner Adresse und bat mich, falls wir Ende August oder 
Anfang September noch in London waren, mochten wir 
ihn unbedingt aufsuchen und ein paar angenehme Abende 
gemeinsam verbringen. Ihr konnt Euch denken, wie wohl 
es mir tat,, nach so langer Zeit einmal Ungarisch zu horen 
und zu sprcchen, um so mehr, als Varga, der, wie ich sagte, 
aus einer vermogenden Familie stammt, seinerzeit in der 
Schule nicht zu meinen Freunden gehorte und cs iiberhaupt 
die armeren Jungen immer fiihlen lieB, daB cr materiell 
hoher gestellt war. Einc gute halbe Stunde verbrachte ich 
mit ihm zusammen, dann ging er seinen Sachen nach, und 
ich begab mich auf den Heimweg. Und jetzt kann ich nur 
noch einmal wiederholen, Papier und Tinte geniigen nicht, 
um auch nur annahernd auszudriicken, wieviel Gutes und 



200 



Interessantes ich hicr schon gcnosscn habc. Vielleicht 
spater, wcnn die Ruhe dcr gewohnten Wiener Tage cs 
zulaBt, oder wenn mich die Vorsehung wieder einmal zu 
Euch zuruckfuhrt in die Hebe, traute Wohnung in der 
Pozsonyer StraBe . . ." 



. . . Vielleicht halts t Du es fur iiberfliissig, vielleicht 
geradezu fur einen Mangel an Vertrauen: und ich bitte 
Dich auch, sprich kein Wort von dem, was ich Dir jetzt 
schreibe, zu Rosette; und wenn Du an Paul schreiben soil- 
test, so laB ihn aus Deinem Brief nicht fiihlen, daB ich mich 
bei Dir beklage. Denn das tue ich, Ludwig, so dumm und 
undankbar es auch klingen mag. Ich beklage mich: dieser 
Londoner Aufenthalt ist fiir mich vollkommen miBlungen. 
Du weiBt sehr gut, ich habe keine Illusionen gehabt, keine 
iibertriebenen Vorstellungen, vielleicht nicht einmal An- 
spniche; und ich glaubte mich den Dingen gegeniiber um 
so aufnahmefahiger, als ich von vornherein dankerfiillt die 
Reise antrat. Und dennoch: London ist nicht gelungen. 
Paul lebt in einer Rage, damit sage ich Dir nichts Neues, 
denn dieses Lebens tempo hast Du ihm ja eingeimpft, 
und die Oberhaufung, die Uberhetzung der ersten Tage und 
Wochen haben mich aller Aufnahmefahigkeit beraubt. Ich 
traumte von entsetzlichen Biicherreihen, Bildermengen, 
von Stimmengewirr, unsere Tage hatten zu wenig Stunden, 
unsere Stunden zu wenig Minuten; ich konnte die Dinge 
nicht einmal in mir ordnen, geschweige denn sie verdauen. 
Das ist kein Tempo fiir mich, und wenn ich mich von 
Paul nicht losreiBen wollte, so bist Du, Ludwig, auch 
davon der Grund: erinnere Dich nur, wie Du vor unserer 
Abreise sagtest, gute Reise, Jungens, und vergeBt nicht, 
daB, wcnn Paul ein guter Motor ist, Antal eine gute Bremse 
sein muB. GewiB arbeitet dieser Befehl in mir, wenn ich 
bemuht bin, Bremse zu sein, und ich muB einsehen, daB 
ich meine Aufgabe nicht erfullen kann. Verantwortung? 

zoi 



Furchte ich fur Paul oder fur mich selbst? Das kannst Du 
vielleicht aus dcr Fcrne besser bcurteilen. Was konnte ich 
dcnn fiirchten? Geld haben wir, Ziel und Plane . . . nein, 
Ziel und Plane haben wir nicht mehr. Und eben das ist es, 
was mich nach den auf die Stunde eingeteilten, gehauften 
und gierig verschlungenen Sammlungen, Theatern, Mee- 
tings und tausenderlei andern Programms beunruhigt. 
Nicht, als ob wir gesattigt waren, obschon ich fur meine 
Person wohl fiir ein ganzes Leben genug habe von Lon- 
don, nicht, als ob wir am Ende von Pauls beangstigend 
vollgeschriebenem Notizbuch angeiangt waren. Wir machen 
bloB jetzt gar nichts, oder machen nichts anderes als zwei 
Madels nachlaufen. Eines Samstagsnachmittags fuhren wir 
nach Chelmsford, ich weiB wirklich nicht mehr, was Paul 
in Chelmsford bcsichtigen wollte, da lasen wir auf der 
LandstraBe einen steckengebliebenen Ford mit zwei jungen 
Damen auf; eine Englanderin, die meine Partnerin wurde, 
und eine Indierin mit Namen Yomaya aus Cashmere, 
mindestcns ein hohes Vollblut, mit dem andern Namen 
heiBt sic Shitamanara; hat Paul schon von ihr geschrieben? 
Wir schleppten ihren Ford in die Garage zuriick und 
brachten sie in ihre Pension. Und da war es nach wenigen 
Tagen mit den Bildergalerien und Biichersammlungen 
vorbei. Stattdessen heiBt es jetzt Tanzlokal. Gewohnlich, 
bis die letzten Lampen geloscht werden, und dann gehcn 
wir mit ihnen zusammen nach Hause, sie wohnen jetzt 
nicht mehr in der Pension, sondern in einer privaten Drei- 
Zimmer-Wohnung in Maida Vale, und wenn wir dann 
gegen Mittag nach Hause kommen, schlafen wir meistens 
bis abends. Ich bin eine schlechte Bremsc: ich wage es nicht, 
Paul Vorwiirfe zu machen, und schlieBlich hatte ich ja in 
erster Linie mir selbst etwas vorzuwerfen. MiBversteh mich 
nicht, ncin, nicht Tillys wegen, ich hore Deine Stimme, 
Ludwig, wie Du sagst: die drei Hauptfaktoren des mensch- 
lichen Lebens sind Solitudinitat, Inkonstanz und Poly- 
gamic, sondcrn darum, weil ich dcm nicht vorzubcugcn 

204 



vermochte, daB unscr Weltkennenlcrnen nun in ein Aben- 
tcuer versinkt, daB aus London cinfach ein Schlafzimmer 
wird. Paul ist starker als ich, und ich . . . ich gestehe, ich 
bin ein wenig verwirrt, ich sehe nicht klar, und irgendwie 
ist mir, als finge ich an, den Kontakt mit mir selbst zu 
verlieren. Glaubst Du, das sei Neurasthenie? Mag sein, ich 
iibertreibe, mag sein, ich bin ohne jeden besonderen Grund 
schlecht gelaunt, moglich, daB sich erst jetzt der SpieBbiirger 
in mir entpuppt, moglich, daB ich bloB unausgeschlafen 
bin. Morgen wird angeblich in den Burlington Galleries 
eine Ausstellung moderner japanischer Maier eroffnet, die 
miiBte man sich ansehen. Heute abend um sieben trefien 
wir uns mit den Madels im Restaurant Kit-Cat . . ." 



10 

IM Morgcngrauen kamen sic nach Hause. 
Mit triiben Augen und dumpfem Kopf wachte cr spater 
davon auf, daB unter ihren Fenstern ein offenbar defektes 
Auto unter der Qual der ubertriebencn Drehungszahl 
schnarrt und stohnt. Er greift nach seiner Uhr: halb neun; 
durch die halb heruntergelassene Jalousie des einen Fensters 
scheint die Sonne ins Zimmer. Mit einem Ruck steht er auf 
und geht ins Nebenzimmer. Paul steht bis zum Giirtel 
nackt vor dem Spiegel, um die Hiiften hat er ein Handtuch 
gebunden, den Kopf ganz dicht vor die Spiegelplatte 
gebcugt, in der er den zitternden, irrlichternden Tanz 
zweier angstlich starrender Augapfel erblickt. ,,Was soil 
das, was machst du da?" redet er ihn an, und ein unbequemes 
Gefiihl fcgt ihm plotzlich die taumelige Schlafrigkeit aus 
dem Kopf. Paul wendet sich mit einer ungewohnt eckigen 
Bewcgung um, sein Gesicht ist kreidebleich. ,,Nichts", 
sagt er mit leercr, farbloser Stimme, ,,du bist schon auf?" 
,,Schlecht siehst du aus", beginnt Kadar wieder, ,,du, 
Paul, gcradczu cinen crbarmlichcn Eindruck machst du, 



du hast wohl zu vicl gctrunkcn, was?" ,,Kann sein", 
antwortet er ; wirft noch einen fliichtigcn Blick in den Spiegel 
und beginnt sich anzuziehen. ,,Badest du nicht?" wundert 
sich Kadar, ,,oder warst du schon drauBen?" ,,Nein", 
antwortet er, ein wenig an ihm vorbeiredend, ,,ich glaube, 
ich bin erkaltet." Dann schweigen sic. Paul ist im Hand- 
umdrehen mit dem Anziehen fertig, seine Gesichtsfarbe ist 
wieder die gewohnliche, nur in den Augen hat er etwas 
Fremdes. An die Tiir gelchnt beobachtet er ihn und be- 
kommt das Gefiihl, daB hier etwas nicht stimme. Mit zwei 
kurzen Worten verabschiedet sich Paul: ,,ich habe in der 
Stadt zu tun, auf die Bank gehe ich auch, um eins bin ich 
wieder zu Hause", dann geht er. Kadar legt sich wieder 
ins Bett zuriick und sperrt gahnend den Mund auf. Nach 
elf Uhr erwacht er wieder, badet, fruhstiickt, nimmt die 
Morgenzeitung in die Hand, stobert ungeschickt und 
schwerfallig darin herum, wirft sie dann wieder beiseite 
und lungert im Salon. Der Himmel ist leicht bewolkt, es 
ist nicht zu heiB, dennoch hat er keine Lust auszugehen. 
Ein paar Worte spricht er mit Mr. Colham; der Hauswirt 
fragt ihn, ob sie nicht am Nachmittag mit ihnen zusammen 
gehen mochten, heute begannen in Wimbledon die Tennis- 
meisterschaftsspiele. ,,Ich weiB noch nicht", antwortet er, 
,,wenn Mr. Pauli Lust hat, sehr gerne." Dann geht er doch 
auf die StraCe. Mit dem Autobus fahrt er bis zur Blackfriars 
Bridge, spaziert am Ufer entlang, setzt sich wieder in den 
Autobus nach Hause zu, steigt aber nach einigen Halte- 
stellen ab und legt ein gutcs Stuck des Heimweges zu FuB 
zuriick. Ein leerer Vormittag, lange habe ich keinen 
freien Tag gehabt. Auf der Bank hat er zu tun, vielleicht 
geht unser Geld schon zur Neige, friiher oder spacer fahren 
wir nach Hause. Es ware an der Zeit . . . ware an der Zeit . . . 
und gewaltsam verscheucht er den Gedanken an den 
hiesigen Aufenthalt. 

Nach ein Uhr ist er in der Wohnung angelangt; tritt in 
sein Zimmer und geht dann sofort zu Paul: ohne Kragen 

204 



steht der Junge vor dem Spiegel. ,,Na, was gibts, wo warst 
du?" fragt er. ,,In der Stadt." ,,So? Ich auch", dann 
blickt er ihm ins Gesicht: ,,warum hast du keinen Kragen 
an? Fehlt dir was?" Paul sieht in die Luft, ,,nein, nichts", 
sagt er, tritt ans Fenster, dann wieder vor den Spiegel 
und steht dann plotzlich mit einem Ruck vor ihm, sein 
Gesicht ist weiB wie die Wand, und mit einem ganz 
eigentiimlichen, fremden, tiefen Ton sagt er: ,,Du, Toni, es 
ist etwas Entsetzliches passiert . . ." Dieses Gesicht, diese 
Stimme, diese Worte . . . Gestaltloser Schreck durchzuckt 
ihn, ,,um Gottes willen, was denn?!" ,,Tonichen", und 
bei diesem Wort geht die tiefe Stimme in ein diinnes, 
bangliches Kinderschluchzen \iber, ,,ich bin . . . die Yomaya 
hat mich angesteckt." Kadar hort mit einem Ruck das Herz 
auf zu klopfen. ,,GroBer Gott . . . Syphilis?" Bei dem Wort 
verzerrt sich Pauls Gesicht zu einer Maske. ,,Ja . . . ich war 
eben beim Arzt, er hat eine Blutuntersuchung gemacht . . . 
positiv ..." Kadar kann kein Wort hervorbringen; mit 
verkrampfter Brust und Wiihlen im Magen starrt er den 
Jungen an, zusammengeklappt sitzt er auf einem Stuhl wie 
eine Marionette, deren Draht der Puppenspieler los- 
gelassen hat. Minuten dauert diese Stille? Viertelstunden? 
Paul steht in der Mitte des Zimmers, halb zu ihm, halb zum 
Spiegel gewendet. ,,Um Gottes willen . . . was guckst du 
denn so?" stohnt er dann. Das erste Wort gibt auch Kadar 
die Sprache zuriick. ,,Was nun? . . ." fragt er unbeholfen 
und zugleich tief beschamt, weil er hier um Hilfe ruft, wo 
er helfen miiCte. ,,Was nun? . . . wir fahren sofort nach 
Hause ... ich weiB hier nicht . . ." und dann schweigt er 
wieder. Paul steht im Zimmer, Kddar sitzt auf dem Stuhl. 
Fiirchterliche, eiskalte Aufregung rakelt sich in ihm, ein 
Ausspruch Wirths ist ihm eingefallen von gefahrlicher 
Ansteckung durch fremde Rassen . . . ob Paul wohl auch 
daran denkt? und er wagt kein Wort zu sagen. Und er 
wagt auch nicht zu fragen, wie das denn passieren konnte 
wie es passieren konnte?! Lacherlich! aber daB er nicht 

20J 



bemerkt hat, daB das Madchen krank 1st, oder hatte er das 
nicht bemerkcn konnen? Aber darf hier in dieser Minute 
ein Wort, eine Stimme fragend laut werden? jetzt, da Paul 
wieder vor dem Spiegel steht und das Hemd auf der Brust 
geoffnet hat und mit zwei triiben Augen in den Spiegel 
starrt und in den Augenwinkeln 2wei entsetzlich dicker 
werdende Wassertropfen hangen hat? Da dreht er sich auf 
einmal wieder um, alle seine Bewegungen sind jetzt 
eckig und fahrig, ,,Toni", sagt er, ,,ich weiB mir hier . . . 
nicht zu helfen . . . und . . . heute nachmittag wollen wir 
packen, morgen hole ich das Geld auf der Bank, und wir 
fahren nach Hause." Dieses kindliche, zerqualte, verlorene 
Gesicht jetzt gibt es nur eins zu tun: hingehen und ihn 
umarmen und kiissen, vielleicht kann ich ihm dadurch 
etwas Mut wiedergeben, etwas Selbstvertrauen und er 
kann sich dort auf dem Stuhl nicht riihren, die kalte 
Schlange des Ekels umringelt seinen Korper mit streifigem, 
schleimigem Druck, und er weiB, wenn Paul jetzt zu ihm 
hinkame und ihn anfaBte, dann wiirde er sich schroff 
dieser Beriihrung entziehen. ,,Und was . . . soil heute abend 

sein?l" ,,Nein!" heult es aus Paul, ,,ich will nicht " 

o Gott, natiirlich, ,ich will nicht' . . . die Madchen erwarten 
uns im Kit-Cat, warten und warten, telefonieren vielleicht 
her und gehen dann und lernen andere Manner kennen, 
Zia und Yomaya. Jetzt schlagt Pauls Reglosigkeit plotzlich 
in hysterische Unruhe um, und wie eine Motte, die sich die 
Fliigel verbrannt hat, wirft er sich mit angstlichen, eigen- 
tumlich abgehackten Bewegungen von einer Ecke in die 
andere. Der Hausdiener bringt die Kofier, die Wirtin kommt 
und erkundigt sich erstaunt, was denn sei. ,,Sie reisen? und 
so pldtzlich? Sie haben ja noch nicht einmal geluncht? und 
die Pension ist selbstverstandlich fur die Woche . . . 
beziehungsweise die drei restlichen Tage konnen leider 
nicht abgezogen werden." ,,Naturlich, natiirlich 1" Paul 
jagt die Frau mit seinen Blicken aus dem Zimmer. Anziige 
und Wasche fliegen aus den Schranken in die Koffer; das 

206 



fieberhafte, hastige und dennoch ohnmachtige Hantieren 
reiBt auch Kddar mit; zwei Stundea vergehen, und die 
Koffer sind noch immer nicht fertig; vielleicht well sie 
wissen, wean sie diese Arbeit erledigt haben, dann Ikgt der 
ganze leere Nachmittag vor ihnen. Um vier Uhr aber haben 
sie nichts mehr zu tun. Den Fahrplan . . . den Fahrplan. 
Um elf Uhr fahrt der Zug von Victoria Station ab und ist 
gegen Abend in Paris, dort fahren sie zum andern Bahnhof 
und warten auf den ersten Zug nach Wien. Paul will mit 
nichtigem, absichtlich langsamem Gebastel den Tag jagen 
und den einzigen Gedanken verscheuchen, er laBt 
Mrs. Colham hereinbitten, bezahlt umstandlich die Rech- 
nung fur die ganze Woche, lauft hinunter und kauft vier 
Schachteln Zigaretten, nimmt wohl zehnmal den ReisepaB 
und den Kreditbrief auf das Bankhaus Hudderston & Co. 
Ltd. in die Hand. ,,Morgen friih hebe ich das Geld ab, acht- 
undsechzig Pfund haben wir noch . . . dann losen wir die 
Fahrkarten." Plotzlich bricht die groCe Lebhaftigkeit ab: 
sie sitzen auf den Stiihlen und wissen nichts zu tun. Der 
Schwung gleitet unter den Minu ten hinweg, sie sitzen im Zim- 
mer im endlosen Dahinkriechen der Zeit und beschaftigen 
sich mit nichts. Es wird sechs Uhr . . . Kadar steht auf und 
betrachtet die lebhaft werdende StraBe. Ein leise, bitter, 
hartnackig mahlendes Gefiihl hat er in der Brust, diese 
Geschichte ... ist nicht sehr gut gelungen . . . dieses 
London. Und was nun? Was werden wir . . . was wird Paul 
jetzt anfangen? Vorwiirfe werden wir bekommen alle 
beide . . . von wem? Von Pauls Eltern? werden die sich 
iiberhaupt um die Sache kiimmern? oder von Wirth? bin 
ich vor ihm nicht vollkommen gerechtfertigt?! Nein, er 
wird sagen: Paul ist doch ein Kind . . . konntest du nicht 
besser auf ihn aufpassen?! Und vor Rosette hintreten, 
Herrgott, Rosette, etwas Schreckliches ist passiert, dein 
Paul kalt lauft es ihm iiber den ganzen Korper. Die 
Kameradschaftsehe ist der beste Hiiter des reinen Lebens 
und der ruhigen Gesundheit, hatte Paul einmal gesagt, 

207 



na, und Yomaya, die schmale, kleine, schwarze Indierin 
mit der hellbraunen Haut, die Studentin, die Kamerad- 
schaftsgattin, mit ihrem vergifteten Blut und ihren un- 
verantwortlichen Kiissen, ,,ich kann ihr nicht wider- 
stehen, laB mich, Toni", sagte Paul erst ganz kiirzlich, ,,ihrer 
Fremdartigkeit kann ich nicht widerstehen, sie ist etwas so 
ganz anderes . . . ich kann nicht widerstehen", sagte er wie 
ein alternder Liistling, der nicht mehr viel Zeit hat, ,,sie 
ist nicht schoner als Rosette, auch nicht groBer, ihre Figur 
ist genau so wie Rosettes, dennoch ist sie anders", 
natiirlich ist sie anders mit ihren gesenkten, unschuldigen, 
groCen, schwarzen Augen, mit ihrer leisen, seltsam tiefen 
Stimme, die immer zu singen scheint, und mit den blassen 
kleinen Mordern in ihrem Blut, vielleicht weiB sie das 
selbst nicht, vielleicht hat sie sie mit auf die Welt gebracht 
als Fluch einer alten bosen Umarmung. 

Paul liegt schon im Bett, als es anfangt zu dunkeln; er 
iBt nicht zu Abend. Fur Kadar bringt das Zimmermadchen 
Tee und kalten Aufschnitt; er wiirgt ein paar Bissen hin- 
unter, dann geht er zu Bett. Der Reiseplan, zwanzigmal 
wiederholt, ist fertig: um acht Uhr stehen sie auf, fahren 
gegen zehn mit dem Wagen zur Bank und von da direkt 
an die Bahn. Er knipst das Licht aus: auf der Decke 
kriechen die Lichter vom unten voruberfahrenden Autobus ; 
im Zimmer ist es still. Nach Mitternacht erweckt ihn aus 
blodem, taubem, traumlosem Schlaf ein plotzlicher Schreck: 
es geht jemand in seinem Zimmer. Er setzt sich auf: Paul 
steht vor dem Tisch, ein kaltes Kotelett in der Hand, das 
noch vom Abendessen auf der Schiissel lag. ,,Ich kann nicht 
schlafen", fliistert er, ,,und hab schrecklichen Hunger be- 
kommen." Fast muB er . . . ein wenig lachen: Paul barfuB, in 
seinem blauen Pyjama, in der Hand das Stuck Fleisch. 
,,Wahrscheinlich konntest du vor Hunger nicht einschlafen", 
sagt er zu ihm, ,,ifi nur, dann wirds schon gehen. " Er sinkt auf 
das Kissen zuriick, iB, mein Junge, iB das kalte Kotelett, 
denkt er, und die Augen fallen ihm wieder zu, er schlaft. 

208 



Dieser Traum fiel ihm erst nach vielen Monaten wieder 
cin, ein Traum, den man nic mchr vergesscn kann: es 
1st grauenhaft, unertr&glich hell auf einer breiten, weiBen 
StraBe, und auf der einen Seite der StraBc steht ein seltsamer, 
ganz glatt und rund gestutzter belaubter Baum, ein 
brauner Baum. Unter diesem Baum liegt er und kann kaum 
nach der StraBe blicken, der weiBe Glanz blendet ihm die 
Augen, er blinzelt und fiihlt ein qualendes Ziehen in der 
Stirn um die Augen herum. Aber doch, er muB hinsehen: 
auf der StraBe kommt Paul .zwischen Vater und Mutter, 
das heiBt, er kommt nicht, sondern es sieht eher aus, als 
wolle er sich von den andern beiden losmachen, die ihn, 
der eine rechts, die andere links an der Hand halten und ihn 
nach vorne ziehen. Paul versucht, sich zu widersetzen, 
seinem Gesicht sieht man die furchtbare Anstrengung an. 
Die ganze Erscheinung spielt sich in erschreckender Laut- 
losigkeit ab. Die Eltern sind starker, und die Gruppe 
kommt immer naher und naher zu ihm an den Baum, und 
wie die drei sich so nahern, wachsen ihre Gestalten, sie sind 
schon viel groBer als gewohnlicbe Menschen. Jetzt ver- 
andert sich plotzlich die ganze Landschaft, lost sich auf 
und zerflieBt, und da erkennt er mit todlicher GewiBheit 
die noch immer undeutlich schwankende neue Gegend: dort 
ist die Scheune, in der er so entsetzliche Wintertage an der 
rumanischen Demarkationslinie verbracht hat, dort vor ihr 
zieht sich die schmutzige Chaussee hin, und dort ist ... 
Paul ist wieder da, in stummem Kampf auf Leben und Tod 
mit den Eltern, aber um Pauls Ohren locken sich Peies, 
und am Kinn hat er einen kleinen, spitzen Judenbart; seine 
Mutter und sein Vater sind in rumanischer Uniform, 
wirklich komisch, daB die Frau sich Soldatenkleider an- 
zieht! im Sturmhelm und das Gewehr mit dem Bajonett 
auf der Schulter, zerren sie den Jungen an den Handen auf 
ihn zu, Paul tritt und strampelt, stumm, immer 
stumml und windet sich zwischen ihnen nach hinten, mit 
gestemmten FuBen, die bei jedem Ruck eine zusammcn- 

14 KOrmendi, Budapest 209 



sinkende Bewegung macben, mit angespanntco Armen und 
gekriimmtcm Riickcn; und da lasscn Vater und Mutter 
auf einmal seine Hande los, und Paul beginnt, unverstand- 
lich und grauenhaft, riickwarts zu rollen, riickwarts und 
abwrts, unfaBbar, wohin? noch immer fallt er, und 
dennoch 1st er noch immer da, er fliegt durch die Luft mit 
ausgespreizten Armen und Beinen, mit einer riicklings 
liegenden Bewegung und . . . regies, wenn ich jetzt nach 
ihm greife, erreiche ich ihn noch, wirklich, erreiche ich 
ihn noch? Er hascht hin, und nun beginnt er auch 2u 
fallen, aber den andern erreicht er nicht, er bleibt immer 
in demselben Abstand von Paul entfernt, sie sausen, 
und irgendwo ganz unten ist ein riesigcr braunglitzernder 
Stein ... sie sausen weiter und da stiirzt Paul riicklings 
auf den Stein, und sein Kopf prallt mit einem entsetzlichen 
Bums an ... 

Und wie er jetzt in diesem Moment aufwacht und der 
Traum nicht mehr da ist, hat er sofort ein mit Millionen 
Nadeln stechendes Wachsein im Kopf, nach dem An- 
prall hort er noch ein leises, scheuerndes Gerausch, als 
wiirde ausgebreitetes Leinen geglattet . . . und dann er- 
starren seine Glieder in eisiger Kalte, und alle schlimme, 
unverstandliche, unbekannte Angst des menschlichen 
Lebens bebt in seiner Stimme, als er in der Morgen- 
dammerung durch die ofiene Tiir ins andere Zimmer ruft: 
,,Paul! Paul! schlafst du noch? Paul . . ." und dann ein 
Sprung an die Wand; gelb gahnt das elektrische Licht im 
Zimmer; in zwei Satzen ist er nebenan vor Pauls Bett; 
Paul, Paul ist nicht im Bett . . . oder . . . er reiCt die 
leichte braune Decke vom Bett; Paul liegt, das rechte Bein 
bis an den Bauch gezogen, auf dem Riicken, im blauen 
Pyjama und und und und und . . . sein rechter Arm und 
seine Korperhalfte von der Brust an liegt unter dem groBcn 
weiBen Kissen, das sein linker Arm umklammert und an 
sich preBt . . . und da weiB er bestimmt und zweifellos, daB 
etwas passiert ist, und wagt nicht, das Kissen vom Kopf 



wegzuziehen, in eincm Schwindel von Obelkeit steht er 
einen Augenblick am Bett, und dann stiirzt sich sein Finger 
auf den Klingelknopf 

Im Handumdrehen ist die ganze Etage auf den Beinen, 
und als im flags umgehangten braunen Schlafrock mit der 
Quaste Doktor Ryborg, der alte, in der Pension wohnende 
schwedische Arzt, in der Tiire erscheint, da hort man von 
unten bereits in der morgendlichen Stille das Keuchen eines 
haltenden Autos und das Auf- und Zugehen des schweren 
Haustores. Die im Zimmer herumstehenden entsetzten 
Gaffer in ihren Schlafgewandern und Pyjamas, diese angst- 
vollen, weiBen Gesichter unter dem zerzausten Haar und 
mit den Entsetzen ahnenden, aufgerissenen Augen machen 
dem Arzt Platz, und Doktor Ryborg legt mit behutsamer 
Hand den das Kissen pressenden blauen Arm neben den 
Rumpf und hebt das Kissen auf. Pauls gelbes Gesicht, 
mit verzerrt aufgerissenem Mund, aus dem sich eine dicke 
blutige Linie zum Kinn hinzieht, liegt in einer roten 
Lache, und auf das untere Kissen neben semen Hals ist ein 
ganz kleiner, blaulich schillernder Revolver geglitten. 

In allem, was dann folgte, war etwas Traumhaftes, etwas 
Wirres und im Grunde genommen Fremdes und UnfaB- 
bares: Manner in blauen Rocken und Miitzen, dann ein 
Polizist und noch einer und ein Mann in Zivil mit grofiem 
Schnurrbart, der laut redet, und sic alle bestiirmen ihn mit 
Fragen, die er kaum versteht, und wenn er sie auch ver- 
stunde . . , er hat in seiner ausgctrockneten Kehle keinen 
Laut, und Mrs. Colham, die in einem groBgebliimten rosa 
Morgenrock in der Ecke zittert und ununterbrochen 
schluchzt: ,,Ah! this scandal I Ah! this scandal!" und 
dann wadist Doktor Ryborgs Gcstalt und wird iiber- 
menschlich groB, wie er sich ihm zubeugt und in deutscher 
Sprache Fragen an ihn richtct . . . ob er wisse oder gewuBt 
h&tte oder ob er eine Ahnung oder eine Meinung oder eine 
Vermutung habe . . . ,,nein, nein, nein, ich weiB nichts, nichts, 
gar nichts, ich weiB nichts, nein, nein, nein . . ." und da 



durchzuckt ihn dcr Gedanke: man miifite diesem Mann 
doch sagen, daB Paul gestern erfahren hat, daB Abet 
nun stand schon der Hcrr mit dem groBen Schnurrbart vor 
ihm, in seiner Hand rascheln zwei Bogen Papier, die er auf 
dem Tisch neben dem Tablett mit den Resten vom Abend- 
essen gefunden hat, diese Blatter halt er ihm vors Gesicht, 
und Kaddr erkennt die blauliniierten Seiten aus Pauls 
groBem Notizbuch und seine kritzelige Handschrift, 
ofFenbar beim schwachen Licht, das von der StraBe herein- 
drang, auf die Blatter geworfen. Auf dem einen Bogen 
stehen englische Worte: 

An die Polizei? 

Ich habe erne wtheilbare Krankheit bekpmmen dorian nehme 
ich mir das Leben in dnem Waffengesch&ft kqufte ich am Vormittag den Re- 
volver wain mdglich nicht tezieren mBglichst im Londoner /Crematorium 
man rcstlichet Geld bitte mdnem Framd autzuhdndigen warn irgend mSglich, 
bitte die Sache alt Strqflenunfall hinzustellen und . . . 

nun eine durchstrichcne, aber noch leserliche Zeile: 

ich bitte amdrucklich darum, mdnen Eltern nur to viel mitzuteilcn, dafi der 
Selbttm 

Und auf dem andern Blatt drei Zeilen in deutscher 
Sprache: 

Tori! 

Werai Da in Wien mit ihnen sprichst, to sag nur: ich liefle ihnen sagen, 
et td ihretwegen getchehen. Wennt geht t erzdhl Rotette etwas von einem Autounfall. 

Dann wird die Leiche weggetragen. Der Polizeibeamte 
in Zivil macht eine Aufzeichnung von Pauls Sachen, durch- 
wiihlt a lies und nimmt alles in die Hand und fragt bei 
jedem Stuck: ,,wem gehdrt das? Ihnen oder dem Selbst- 
morder?" Auch den kleinen Revolver und die beiden Briefe 
nimmt er an sich. Kadir zittert, spiirt Brechreiz und 
schluckt fast erstickend die heiBe Bromlosung hinunter, die 
Doktor Ryborg ihm in einer Tasse reicht. Der Sinn von 
Pauls letztem Willen ist, daB . . . das ist der Sinn . . . Rosette 
soil nicht erfahren . . . Kaum ist er eine Minute allein im 



212 



Zimmcr, da klopft Mrs. Colham* In der zitternden Hand 
halt sic einige Schillingc, ,,ich mochtc Sic sehr bitten, Sie 
sind cin Gentleman, ich wollte Sie bitten . . . noch heute 
aus dem Zimmer auszuziehen . , . moglichst sofort, darum 
mochte ich Sie bitten . . * Sie sind ein Gentleman, Sie 
werden verstehen . . . der Ruf meines Hauscs . . ." GewiB, 
er kann bier keine Sekunde linger bleibcn, das weiB er sehr 
gut. Aber selbstverstandlich . . . k6nnte man cs dcnn iiber- 
haupt hier ausbaltcn? allein ... in diesem Dunkel das 
Zimmer, die Menschen, alle Gegenstande und Ereignisse 
sind dunkel, und das Sonnenlicht dort im Fensterrahmen, 
selbst das ist dunkel . . . braunlich. Mir scheint, ich bin nicht 
ganz bei Sinnen, dabei ist es jetzt sehr wichtig, daB . . . 
was ist wichtig? daB Rosette nicht erfahrt, warum Mein 
Herr, ich habe am Sterbebett Ihres Sohnes gestanden, 
oder . . . als er mit einem jungen Madchen von hellbrauner 

Hautfarbe namens Yo . . . namens Yomaya . . . namlich 

namlich, es handelt sich darum, daB ich Ihnen sagen muB, 
Sie und Ihre Frau Gemahlin . . . Meinen Sie, lieber . . . darf 
ich noch einmal um Ihren Namen bitten? Kadir ... 
Herr Kadar? Meine ich?l Ihr Sohn laBt Ihnen sagen, Paul 
Pauli-HeBlein, nicht wahr, Ihr Sohn . . . Ah, mein Sohn? 
so? gut, danke, haben Sie bitte die Giitc, Franz zu sagen, 
er mochte mir eine Flasche eiskaltes Selterw Da rcnnt er 
ans Waschbecken und sturzt drei Glas Wasser hinunter, 
komischer Geschmack . . . naturlich, das ist ja das Zahne- 
putzglas . . . Pauls Glas?! Die Angst cines aufgescheuch- 
ten Tieres zittert ihm in den Gliedern, und plotzlich gibt 
der Magen seinen ganzen Inhalt von sich die Sache war 
so, Rosette, wir warteten auf den Autobus, und dein Paul 
rutschte zufallig aus und glitt vom Rinnstein * . . begreife 
nur, die groBen Autobusse in London sausen, wo das 
Sausen moglich ist, in den wenigcr verkehrsreichcn 
StraBen, und wir waren gerade unterwegs nach dem Maida 
Vale, um eine Sammlung zu bcsichtigcn, eine . . . eine 
indischc Sammlung . . * 



Es klopft : Mrs. Colham, noch immcr in ihrem gebliimten 
Morgcnrock, gcfolgt von eincm Polizisten. Vorladung fur 
elf Uhr zum Bezirksaufsichtsamt in dcr Bow-Street. Elf . . 
um elf Uhr fahrt der Zug von der Victoria Station ab. 
Schwankend geht er unter dem dunkeln Himmel iiber die 
dunklc StraBc durch diesen zerfaserten, schlccht be- 
leuchteten Film. Was wollen sic von mir? hatte ich denn 
wissen miissen, daB Paul Selbstmord begehen wollte?! 
Dann steht er vor einem Polizeibcamten, auf dem Tisch 
liegen der Revolver, die beiden Bogen Papier und Pauls 
PaB. Er wird nach seinem Namen gefragt, muB seinen PaB 
hergeben; das kann er noch verstehen, dann ist es mit 
seiner Wissenschaft zu Ende, man muB einen Dolmetsch 
suchen. Endlich findet sich jcmand, der Deutsch kann. 
,,Warum sind Sic beide nach London gekommen? was haben 
Sic hicr gemacht? mit wem haben Sic verkehrt? was konnte 
der Grund zum Selbstmord sein? besteht die Moglichkeit, 
daB es sich tatsachlich um cine unheilbare Krankheit 
handelte und um wclche? wer war der Arzt, der sic kon- 
statiert hat? WuBten Sic davon, daB Ihr Freund sich einen 
Revolver gckauft hat? wer sind seine El tern und in was 
fur Vcrhaltnissen lebcn sic? wer ist diese Rosette?" 
Fragc iiber Fragc stiirzt auf ihn ein, und cr bemiiht sich, 
kurz und genau zu antworten; dann faBt ihn der Herr mit 
dem groBen Schnurrbart auch hier ist der dabei 
kraftig am Arm, driickt ihn auf einen Stuhl nieder und 
fragt: ,,ist Ihncn nicht gut? Mochten Sic cin Glas Was- 
ser ?" Das Glas mit dem Mundwassergcschmack fallt 
ihm cin, und mit einer angstlichcn, krampfhaften Gestc 
winkt cr ncin. ,,Ist das ein Wundcr?" sagt der mit dem 
Schnurrbart zum Polizcibeamtcn, ,,scin Freund schicBt 
sich zwci Meter von ihm den Kopf in Fctzen, wissen Sic, 
Graham, dicse Funftcl-inch klcinen belgischcn Revolver . . ." 
Und nun kommt noch cine Frage, cine furchterliche Frage: 
ob er die Bcnachrichtigung der Familic und die Erlcdi- 
gung der Krematoriumsangclcgcnhcit ubernehmen wollc, 

214 



bezichungsweise konnc? Entsetzt wehrt cr sich dagegen, 
ncin, nein, ncin! ,,Gut, dann warten Sie bitte in Ihrer 
Wohnung ab, bis die Polizei sich mit der osterreichischen 
Gesandtschaft in Verbindung setzt." Er sagt glcich, daB 
er aus der Pension ausziehen miisse, und auf die Frage, 
wohin cr iibersiedle, nennt cr den Namen eincs Hotels, der 
ihm im Gedachtnis gcblicbcn war, Grosvcnor-Hotel neben 
der Victoria Station, nach ihrer Ankunft batten sie die 
ersten paar Tage hicr gcwohnt. Dann wurde cr cntlassen. 

Als cr in der Pension ankommt, steht scin Koffer in der 
Halle. Mrs. Colbam bedaure sehr, sie sei nicht imstande, das 
Bett zu verlassen, und schicke daher auf diesem Wcge ... 
Sams tag friih hilt ein Polizist mit Motorrad vor dem 
Grosvenor-Hotel, fragt nach Kddir und bringt ihm cine 
Vorladung fur elf Uhr. Bci dem Polizeibeamten sind auch 
der mit dem Schnurrbart und der Dolmetsch vom vorigen 
Mai. Zunachst sei die Sektion in Anbetracht dessen, daB 
sich nicht feststcllen lieB, wcr der behandelnde Arzt war, 
nicht zu vermeiden gewesen, und sie habe ergeben, daB der 
Selbstmdrder tatsachlich krank war, die Krankhcit sei als 
Grund des Selbstmords anzunehmcn. Ferner habe die 
Familie iiber die Gesandtschaft telegrafisch aus Gastein zur 
Einaschcrung der Leiche ihre Zustimmung gegcben, 
bezuglich deren die Gesandtschaft bereits die entsprechen- 
dcn Verfiigungen getroffen habe. AuBerdem habe die 
Familie bestimmt, daB das gegen den telegrafisch frei- 
gegebenen Kreditbrief fiir den Verstorbenen abgehobene 
Geld nach Abzug der Einascherungskosten und sonstiger 
kleiner Ausgaben Antal Kddr ausgehSndigt werde. Die 
Spescn bctragen soundsoviel, der Preis der Verbrcnnung 
soundsoviel, bleibe demnach cin Rest von zwei Pfund und 
sieben Schilling, ,,wollen Sie bitte diese Quittung 
unterschreiben." 

Wie warcn die beiden Tage bis Samstag vcrgangen? Er 
hatte das Gefiihl, unter eincr schwarzen Hiillc in dem 
wimmelnden, lirmenden, bunten Hotel zu leben, und diese 



Hiillc schicn ihm Augen und Ohren von der Umwelt ab- 
zuschlieBen. Er saB in seinem Zimmer und versuchte zShne- 
knirschend an nichts zu dcnkcn, Speise und Trank riihrte 
er kaum an; und die Tatsachc, daB er sich von allcm 
isolicrtc, loste das Graucn dcr Katastrophc in cine dumpfe 
Ergebung, cine dumpfe Ruhe auf. Ich darf mich nicht gehen 
kssen schliefilich . . . lastet ja auf mir keine Vcrant- 
wortung . . . Verantwortung?! und Paul, mein Freund, der 
dahingegangen ist, nicht um die Verantwortung handelt 
es sich, sondern um meinen Freund Und dann wieder: 
ich darf nicht denkcn. Ich wcrde nach Hause fahrcn, nach 
Budapest, ich darf nicht denken, viclc Mcnschen 
sterben, ich lebc, Dini Turko und der kleine WeiBbcrger 
mit den abstehenden Ohren sind auch an meincr Seitc im 
Schiitzengraben gestorben, und der Feledy im Eisenbahn- 
kupee. Jetzt geht Kidar iibcr die StraBc vom Bezirksvorstand 
zum Hotel. Geht durch die brcnncnde Mittagshitze und 
preBt in der Taschc die rwei Geldscheine, die er auf der 
Polizei bekommen hat, in der Hand. Er geht in sein 
Zimmer, setzt sich an den Tisch und packt das Geld aus der 
Tasche. Zwei Pfund, sieben Schilling und etwas Kleingeld: 
Pauls NachlaB. In der Brieftasche hat cr noch rwei Ein- 
pfundscheinc, zwei Schilling und einige Pennies. Das 
raacht zusammen . . . vier Pfund, neun Schilling und . . . 
Das Geld liegt auf dem Tisch, er geht an den Schrank, 
raumt seine Anziigc aus, nimmt die Handtasche vom 
Koffcrstander, stopft die Anziige mit abwesenden, starren 
Bcwegungen in den Koffer, sucht die im Zimmer herum- 
liegenden Kleinigkeiten zusammen, die gehen in die kleine 
Handtasche, dann klingelt er. ,,Ich bitte um die Rech- 
nung . . ." aber er kann es im Zimmer nicht mehr aushalten. 
Er setzt sich in dcr gcrfcuschvollen Halle der Reception 
gegcniiber in cinen Scsscl, scin Gepack steht ncbcn ihm. 
Bin Boy bringt die Rcchnung; die Buchstaben und Zahlcn 
tanzen ihm vor den Augen, cr tritt ans Kassenfenstcr des 
Office, legt die Rcchnung hin und packt s&mtliches Geld 

216 



aus, das er in der Taschc hat, murmelt etwas, der 
Kassierer starrt ihn verwundert an, nimmt cinen Teil des 
Geldes vom Pult und schiebt ihm den Rest wieder hin, 
das sind ,,Wieviel ist das?" ,,Drei Pfund, fiinf 
Schilling", drei Pfund, fiinf Schilling . . . ,,Soll das Gepack 
an die Bahn geschafft werden?" ,,Ncin, nur hier an die 
Autobus-Haltestelle." 

Da steht cr im strahlenden Sonnenschein neben seinem 
Koflcr an der Autobus-Haltestelle. Ein Autobus nach dem 
andern rasselt voriiber, er weiB nicht, in wclchen er ein- 
stcigen soil. Er steht und steht und wciB nicht, wohin, weiB 
nicht, was nun folgen wird. Er steht und steht; und seine 
Hand betastet das Geld in der Tasche, drei Pfund, fiinf 
Schilling, es ware besser gewesen . . . ein Herr in grauem 
Anzug klopft seine Pfeife an der Haltestcllensaule aus, ein 
Rest Tabak, Asche und etwas Glut fallen auf die Erde und 
ein wenig auch auf seine Schuhe, ,,sorry", sagt der Herr 
und hebt den Zeigefinger an den Hut, dann dreht er sich 
um, es ware besser gcwcscn . . wenn sie mir auf der 
Polizei statt dieses Geldes den kleinen Revolver gegeben 
hatten, es waren gcwiB noch fiinf Patronen drin. 



II 

REDBURN Street heiBt die StraBe, aber wcnn er zu 
Hause ist, sieht er sie kaum, sein Fenster starrt auf eine 
merkwiirdige Landschaft: fiinf Meter vom Fensterkreuz 
ist eine furchtbar hohc, dicke Brandmauer, die weiB ge- 
tiincht war und nun gelblich-grau verblichen ist, dennoch 
wirft sie gegen Mittag, wenn die Sonnc schrag auf sie 
schcint, wiitende Strahlen in scin Zimmer. Irgendwo habe 
ich schon einmal soldi unertraglichcs Glinzen gesehen . . . 
Und dutch die andere H&lfte des Fensters sieht man auf 
einen kleinen bcpfknzten Hof, der unten an der Brand- 
bunt schillcrt; frischgriiner Rasen, ein paar groBe 



Baume, Blumenbeete und zwischen den Baumen auf aus- 
gespannten Leincn trockncndc und liiftcnde Waschestftcke 
in rmlicher Unordnung. 

Den zweiten Tag sitzt cr in dieser Stubc, an diescm 
Fcnstcr. Als er vorgestern cndlich doch auf einen Autobus 
kletterte, hatte cr keinc Ahnung, wohin dcr ihn bringen 
wiirde. Und als cr dann aufs Gcratcwohl irgendwo absticg 
und der Scbaffncr ihm den KofFer absetzen half, hatte er 
keinen Begriff, wo er war. An eincm groBen Platz blieb der 
Wagcn stehcn; in der Mitte des Platzes cine Kirche, rings- 
hcrum hohe, schmale Hauser mit abbrockelnden Mauern 
und weithin von Schmutz strotzenden Fcnstcrn. Strahlen- 
formig miinden die StraBen auf den Platz ; blindlings ging 
er auf cine dieser StraBen los. Hier stand ein einziges nie- 
driges Haus, weit iiber die Fassade ragte cine altmodische, 
abgcnutztc Lichtreklame vor: Chelsea Picture Palace. Er 
ging weiter und betrachtete die Buchstaben. Vor dem Haus 
machte er halt, und da bemerkte er, daB am Eingang des 
danebenstehenden Hauses cine kleine Tafel heraushing, 
darauf war zu lesen: Hillman's Board Residence. Fiinf 
Minuten spater fuhrt ihn ein ubel aussehender, schwarz- 
bebriUter Mann ohne Kragen auf den zweiten Stock und 
offnet die Tur cines Hofzimmers. Elektrisches Licht gibt 
es und auf dem Flur auch Wasscrleitung ; das Zitnmer kostet 
zwci Schilling pro Tag, fur cine Woche ist im voraus zu 
zahlcn. So weit wire die Sache in Ordnung. Abends klingelt 
er, bestellt etwas zu essen: derselbe Mann ohne Kragen 
bringt auf einem Holztablett einc Tasse Tee, zwci Scheiben 
kaltcs Fleisch und cine verschrumpfte Banane; auf dem 
Tablett licgt ein Kasscnblock iibcr einen Schilling. Gut. 
Im Zimmer steht ein vcrschlicBbarcr Schrank, ein Bett, 
mit Erstaunen stellt er fcst, daB die Bettwasche tadellos 
saubcr ist, ein Waschtisch mit einer emaillierten Wasch- 
schussel, ein Tisch mit drei Stiihlcn. Ein Schliissel steckt 
nicht in der Tiir, auch ein Ricgcl ist nicht da, anschcincnd 
habcn die Lcute hicr nicht viel, was gestohlen warden 

218 



konnte oder ... die Besitzer mochten es vermeiden, 
viellcicht die Tiiren aufbrcchcn zu miissen. Eincrlei. Er 
packt seinen Koffer gar nicht aus, cigentlich hatte ich 
das Zimmer nicht gleich fur eine Woche bezahlen sollen, 
stellt sein ganzes Gepack in den Schrank und zieht den 
Schliisscl ab. Wenn sic mir den aufbrechen, nun, dann kann 
ich mir auch nicht helfen. Zunachst aber bleibt er zu Hause, 
sitzt am Fenster, betrachtet die Brandmauer und den 
kleinen Hof oder Garten. Jetzt miiBte ich zu allererst . . , 
gewisse Dinge ordnen was fur Dinge? Paul, natiirlich, 
Paul. Paul . . . ist nicht mehr, und wenn ich . . . nicht dariiber 
ersticken will, dann darf er iiberhaupt nicht gewesen sein. 
Ich werde nach Hause fahren, nach Budapest. Die ganze 
Angelegenheit ist zu Ende, mit Wien ist es natiirlich auch 
aus . . . warum? existiert Wien nicht mehr? und existicrt 
die Hochschule nicht mehr . . . und Tilly in Wien? Und 
Rosette? An Rosette miiBte ich schreiben: Liebe Rosette, 
ich erfiille einc furchtbare Pflicht, indem ich die Feder in 
die Hand nehme, gewiB hast Du schon durch HeCleins 
erfahren gewiB, gewiB, wenn diese Zeilen Dich er- 
reichen ... die Familie hat ja aus Gastein telegrafisch ihre 
Zustimmung gegeben also . , . also das geht nicht, 
und da weiB er mit Todesbestimmtheit, daB er nicht an 
Rosette schreiben wird. Und wenn ich daran dcnke, 
jetzt hort er eine Stimme, Rosettes Stimme, daB es 
mir doch einmal schief gehen wird im Leben, werde ich das 
nicht besser und leichter crtragen, werde ich nicht mit mehr 
Mut und Ausdauer versuchen, es wieder zum Besseren zu 

lenken, wenn ich daran denke, daB meine Jugend 

ncin, ich werde nicht an Rosette schreiben, und ich werde 
sic auch nic mehr sehen, aber das ist doch nicht sicher, 
das l&Bt sich nicht einfach so beschlieBen, wenn ich nach 
Wien . . . oder nach Budapest, oder wo immer hin nur 
weg aus dieser furchteriichen Stadt mit der fremden Sprache 
und den diisteren Museen und den schrecklichen Biblio- 
theken und den farbigen Frauen und dem Krematorium 

219 



nach Hausc? wohin? und wic? Autobus, Abcndessen, 
ctwas Trinkgeld fur den Hausknccht und cine Schachtcl 
Zigarcttcn und vierzehn Schilling fiir das Zimmer, 
wohin mit knapp zweieinhalb Pfund?! Er hatte kcine 
Ahnung, wicviel dicse zweieinhalb Pfund eigentlich waren, 
fiihltc nur, daB cs sehr, sehr wcnig scin muBte, und hundert- 
fach fiihltc cr die beangstigend zahlreichen Kilometer 
zwischen London und Wien. Mit schlotternden Bcinen geht 
er ins ErdgeschoB und macht sich mit Miih und Not deni 
mit der schwarzen Brille verstandlich: cr moge in ein 
Reisebiiro telefonieren und sich crkundigen, wieviel die 
Fahrkartc nach Wien kostc. In Aufrcgung versteinert 
lauscht er dem Telefongesprach. ,,Ycs, Vienna, yes", ruft 
der Bebrillte in den Apparat, ,,four pounds and seventeen 
and six", wiederholt er, ,,yes, thanks", bccndet er das 
Gesprach. ,,About five pounds", sagt er zu Kadar. Etwa 
fiinf Pfund, und da steigt plotzlich ein wiirgender HaB 
in ihm auf, und es wird ihm kaum klar, daB dieser HaB Paul 
gilt: da sieht cr das todesbleichc Kindergesicht im Spiegel, 
die aufgcrisscncn Augcn, und da fangt er an, Paul 
innerlich furchtbar nachzuhculen. Und wicder beginnt das 
Abschiednehmen. Als es hell wird, sitzt er noch immer am 
Tisch, und hundertmal wohl hatte sich das Krankenhaus- 
bett ihm vor die Augen gcdrangt, in dcm Paul aufgcrichtet 
sitzt und ihn ansieht; er sieht des Jungcn Zimmer vor sich 
mit den Biichern und den groBen Sesseln; und zahllose 
seltsame, neuc, frcmde Worte ihrer zahllosen GesprSche 
klingen ihm im Ohr; Wirth kommt und Rosette und Frau 
HcBlcin in schwarzen Handschuhcn bis an die Ellenbogen, 
und Tilly kommt und die ganze Gesellschaft, erregtcs 
Zittern spiirt cr in der Hand wie damals, als Paul ihm das 
vierfache Honorar iibcrgab, und in eincm fort hort er cinen 
entsctzlichen Refrain: dieses Lcben, das die Klarhcit des 
Sinnes gibt und den Korpcr vor Bcsudclung bcwahrt, vor 
dcm einzigen, mit dcm ich nicht ferrig wcrden konntc, 
das ist Pauls Stimmc; und im Zug auf der Hcrfahrt packt 

220 



Paul zwei Schinkensemmeln aus und gibt ihm eine davon, 
in Wien gibts herrlichen Schinken, und er sieht das 
belebte, gerotete Gesicht des Jungen, seine hiipfenden 
Augen, als sie iiber die breiten, fremden Londoner 
StraBen gehen; ,,du, Toni, es 1st das einfachste, ich miete 
einen Ford, das kann nicht viel kosten, was?" und am 
Rande der geraden, breiten Chaussee steht ein offener 
Wagen, eine junge Dame liegt darunter und plagt sich mit 
dem Motor ab, man sieht nur ihre beiden langen, schlanken 
Beine, und neben dem Wagen steht eine zweite Frau in 
weiBem Kleid, hellbraun leuchten ihr Gesicht und ihre 
Hande . . . Und dabei fiirchtet er fortwahrend, einmal 
konne er das Bett sehen, wie der alte Doktor Ryborg das 
Kissen hochhebt, aber nein: die Angst halt dieses Bild von 
ihm fern, nur das Gesicht des Jungen kehrt fort und fort 
wieder, bleich und verkommen, im Spiegel. Als er 
sich am Morgen ins Bett wirft, schmeifk er seine Kleider 
unordentlich auf die Erde. Nachmittags um halb vier wacht 
er auf: sein Zimmer ist aufgeraumt, die Kleider auf einen 
Stuhl gelegt. Natiirlich, sie sind zwischendurch rein- 
gekommen, um zu sehen, ob nicht etwa Der zweite 
Nachmittag vergeht ebenso. Die Bilder werden triiber, und 
an Stelle des Erinnerns tritt immer mehr ein einziger 
Gedanke: ich muB weg von hier ich muB nach Hause 
koste es, was es wolle, ganz gleich, wie . . . und weder 
Rosette noch Tilly . . . noch sonst jemanden von ihnen habe 
ich notig, nur . . . weg von hier, nach Hause und da 
weiB er, daB das Abschiednehmen von Paul bald aufhort . . . 
knapp zweieinhalb Pfund . . . davon kann man vielleicht 
noch einen Monat leben, und als er am nachsten Morgen 
sein Rasierzeug herausnimmt und in den Spiegel iiber dem 
Waschtisch sieht, durchzuckt ihn etwas beim Anblick 
seines Gesichts, aber das dauert nur einen Augenblick, 
und da macht sich plotzlich ein hartes, kaltes Gefuhl in 
seineni Kopf, in seiner Brust breit : ich werde es xiberleben 
ich komme dariiber hinweg . . . 

221 



Ostcrreichische Gesandtschaft. Er hat seinen dunkel- 
blauen Anzug angezogen und bemliht sich, das Zittern 
seiner Stimme zu unterdriicken, als er sich bei einem 
Legationsrat anmelden laBt. Ein jovialer glatzkopfiger Herr 
empfangt ihn, der, als er seinen Namen hort, miBbilligend 
mit dem Kopf nickt. ,,Ja, ja, das war eine auBerordentlich 
peinliche Angelegenheit, eine ganz besonders unangenehme 
Angelegenheit . . . und was wiinschen Sie? Nach Hause? 
nach Wien? das verstehe ich nicht, meines Wissens sind 
Sie doch kein osterreichischer Staatsangehoriger, oder 
doch? Nein, Ungar . . . das verstehe ich nicht, wie 
konnte Ihnen dann eine osterreichische Behorde einen 
osterreichischen PaB ausstellen? das miiBte man eigentlich 
naher untersuchen . . . jedenfalls, was Ihre Bitte anbetrifft, 
bedaure ich sehr, die Gesandtschaft ist nicht in der Lage " 

Ungarische Gesandtschaft. Er sitzt und sitzt in einem 
weiten Wartesaal, dann wird er in ein reich m6bliertes 
Arbcitszimmer gefiihrt. Ein eleganter blonder junger Herr 
mit Tatarenbart und Monokel. ,,Sie wiinschen ?" ,,Ich 
mdchte nach Hause, nach Budapest ..." ,,Nach Hause? 
nach Budapest? ich verstehe nicht, Sie haben doch einen 
osterreichischen PaB! oder sind Sie trotzdem ungarischer 
Staatsbiirger? ich verstehe das nicht, die ganze Sache 
ist mir ein biBchen Wann waren Sie zuletzt in Budapest? 
aber in weichem Monat? und warum sind Sie von Budapest 
weggegangen? und iiberhaupt . . . lassen Sie Ihren PaB 
und Ihre Papiere hier und etwas Geld fur die Spesen . . . 
eine Information, wenn Sie das wiinschen, kann die 
Gesandtschaft ja einholen, aber nach Hause schicken? nein, 
das gcht leider nicht, dazu ist die Gesandtschaft wirklich 
nicht in der Lage " 

Am Nachmittag sitzt er iiber einem Bogen Papier und 
beginnt einen Brief. Liebe Tante Anna und lieber Onkel 

Rudi mein Gott. Aber . . . wie stellst du dir das denn 

vor, mein Kind, in einer fremden Stadt? woher wiilst du 
das Geld nehmen, wo wiilst du wohnen? wie wiilst du 



222 



denn leben unter fremdcn Menschcn? . . . Er soil nur seine 
Sache machen, wie er es fiir am besten halt, schlieBlich 1st 
er ein erwachsener Mensch, er kann die Verantwortung 
iibernehmen oh, und wenn ich hier verrecke, kann 
ich ihnen den Brief schicken?! soil ich ihnen etwa schreiben, 
ich sitze hier und warte auf Geld von ihnen? ein er- 
wachsener Mensch, er kann die Verantwortung iiber- 
nehmen ... und als sich am Abend der Hunger im 
Magen krampft und er sich vom Tisch erhebt, steht noch 
immer nicht mehr auf dem Papier als : Liebe Tante Anna 
und lieber Onkel Rudi. In der Nacht traumt er: er sitzt 
vor einem ungeheuer groBen Haufen Briefpapier, auf 
jedem einzelnen Bogen steht in seiner Handschrift: ich 
erlaube mir ergebenst, meine Dienste anzubieten ... 
und dann befindet er sich in einem halbdunkeln Biiroraum, 
steht vor einem Schreibpult einem kleinen jungen Mann 
mit einem Zwicker gegeniiber; ich verbiete Herrn Herz, 
Sie anzustellen, sagt der junge Mann, Sie sind kein Facharzt 
und konnen unmoglich unsere Interessen vor der Polizei- 
behorde entsprechend wahren. Am Morgen, und 
dariiber ist er hochst erstaunt, wacht er mit klarem, 
frischem Kopf auf; aus dem KofFer nimmt er seinen hell- 
grauen Anzug, er ist ganz und gar zerdriickt. Macht 
nichts. Er lautet den Schwarzbebrillten herauf ; nach einer 
halben Stunde ist sein Anzug aufgebvigelt; der Bebrillte 
legt in still anerkennungsvoller Sorgfalt die Kleidungs- 
stiicke einzeln aufs Bett. Sein Geld hat er in der Tasche, er 
geht hinunter auf die StraBe. Unbekannte Gegend. Er geht 
langsam, jede Firmentafel, jede einzelne Aufschrift sieht 
er sich an. In einem Automaten verschlingt er urn die 
Lunchzeit stehend zwei Bissen und geht weiter. Er kommt 
in eine leere Gasse, in verkehrsreiche StraBen, durchquert 
belebte und stille Platze und liest alle Firmenschilder. 
Abends, als er wieder zu Hause anlangt, summen ihm die 
Plakate von dreiBig bis vierzig StraBen durch den Kopf, 
und die Miidigkeit von dreiBig bis viemg StraBen steckt 

223 



ihm in den Gliedern. Und da durchzuckt ihn krampfhaft 
ein gelber Gedanke: bin ich wahnsinnig ge word en?! was 
suche ich denn auf der StraBe?! was gaffe ich die Firmen- 
schilder an? I er ist nicht imstande, sich auf diese Fragen 
cine Antwort zu geben; er hat das unsichere, irritierende 
Gefuhl, etwas irgendwohin weggeraumt zu haben und nicht 
zu wissen, wohin; ganz bcstimmt muB irgendwo etwas 
sein, das ich finden muB. Am folgenden Tag laBt er sich 
vom Autobus in einen andern Stadtteil fahren, ziellos und 
aufs Geratewohl; irgendwo, wo unbekannte Hauser stehen, 
steigt er aus ; wieder beginnt der Spaziergang. Um ein Uhr 
eine Tasse Suppe und ein paar Bisseji in einem Automaten ; 
dann promeniert er bis sechs Uhr. Am funften Tage 
schaukelt ihm die graue Farbe des Asphalts in Wogen vor 
den Augen, als er aufwacht, und als er auf die StraBe tritt, 
erfaBt ihn ein Gefuhl der Ubelkeit beim Anblick der Farbe 
des Trottoirs. Weiter. In mechanischer GleichmaBigkeit 
treten seine FuBe, er schreitet in unverandertem Tempo und 
atmet okonomisch; ja, diesen Gang kann man beim Militar 
lernen, wenn Exerzieren und groBes Ausriicken ist, schade, 
daB einem das an der Front wenig niitzte, denn dort muBte 
man ganz anders gehen, B. Dickinson, Ing. mech. agr., 
an der Front muBte man so gehen, daB man moglichst 
keinen Zielpunkt bot, Howard & Howard, Dentists, 
wenn man iiberhaupt gehen muBte, Turnot, French Tailor 
for Ladies, aber man muBte ja selten gehen, im Schutzen- 
graben, Britisb-Westindian Company for Import of Ba- 
nanas, und auf dem Ruckmarsch kummerte sich keine 
Seele darum, wie man ging, B. Hayos, Agent, wir 
battens ihnen auch gegeben Der Schwung bricht ab; 
er bleibt stehen und tritt zuriick. B. Hayos, Agent. Das 
steht auf einem kleinen Messingschild an einem Haustor 
in der Rodney Street. Hayos Haj6s? das Herz 
klopft ihm in der Kehle, er zogert keine Sekunde: schon 
ist er oben auf der zweiten Etage. Er klingelt, und ein 
junges Madchen mit groBer Hornbrille offnet die Tiirc. 

224 



,,Bitte, was wiinschen Sie?" ,,K6nnte ich Mr. Hajos 
sprechen?" fragt er und spricht den Namen ungarisch 
aus, gleich hinterher fahrt er deutsch fort: ,,verstehen 
Sie vielleicht Deutsch oder Ungarisch?" Das Madchen 
starrt ihn durch die Brille an, zogert ein wenig und ruft 
dann durch eine halboffene Tur. Gleich darauf steht 
er in der kleinen Diele einer grauhaarigen, rundlichen 
Frau gegeniiber. ,,Was wiinschen Sie?" fragt sie in ge- 
brochenem Deutsch und miBtrauischem Ton. ,,Sind Sie 
nicht Ungarn? wenn mich der Name nicht triigt ..." 
,,Wieso?" fragt die Frau weiter, nun schon ganz miB- 
trauisch und mit Ablehnung in der Stimme, ,,was wiin- 
schen Sie?" Er will eine lange Geschichte beginnen, aber 
die Frau winkt gleich nach den ersten zehn Worten ab. 
Natiirlich sei sie 2war einem Fremden keinerlei Auf- 
klarung schuldig, sagt sie, aber wenn er es absolut wissen 
wolle, jawohl, Mr. Hayos' Vater sei tatsachlich Ungar 
gewesen, Mr. Hayos selbst aber sei schon seit mehr als 
vierzig Jahren englischer Staatsbiirger, und Mr. Hayos sei 
der Meinung, daB die Ungarn, die im Weltkrieg an der 

Seite der teutonischen Barbaren Wieder ist er auf 

der StraBe. Mr. Hayos . . . und die Teutonen, na, schon. 
Das ist nicht gelungen. Gewaltsame gute Laune befallt 
ihn, jetzt weiB er genau, was er seit Tagen sucht, ein 
ungarisches Schild, einen ungarischen Namen. London ist 
eine groBe Stadt, mein Gott, London ist entsetzlich groB . . . 
und ich werde nicht vor Hunger sterben. Nein, ganz 
gewiB nicht, da ich mehr als zwei Pfund in der Tasche 
habe! Im ersten Automaten trinkt er zwei Glas Bier; 
eilt wieder auf die StraBe und sinkt am Abend angezogen 
aufs Bett; so miide ist er, daB er sich nicht mehr ausziehen 
kann. 

Zu Beginn der dritten Woche fangt die Welt an, grau 
zu werden. Tag fur Tag in einem unbegreif lichen Amoklauf 
auf der StraBe, mit der fixen Idee voxn ungarischen Namen, 
vom ungarischen Schild, mit der festentschlossenen Absicht, 

15 KOrmendi, BudapoM 22J 



zu betteln, mit der ohnmichtigcn inneren Passivhat, die 
ihn bestimmt zum Stehen bringt, handlungsunfahig macht 
und zuriickwendet in dem Augenblick, da es den Anschein 
hat, als wollte etwas gelingen. Im Fenster eines kauf- 
mannischen Unternehmens erblickt er cine Tafel : Agenten 
fur den Kontinent und die Balkanlander gesucht. Wohl 
cine halbe Stunde steht er vor diesem Fenster und geht 
nicht hinein. An einem Haustor sieht er einen Namen: 
Pal. Vielleicht urspriinglich : Pal. Mogiich, daB Mr. Pal 
seit langen Jahrcn cnglischer Staatsbiirger ist. Moglich, 
daB Mr. Pal . . . und die Teutoncn Etwas Geld hat er 
noch in der Tasche, er wagt nicht zu zahlen, wieviel. Fein 
spriiht der Regen, und als er auf die feuchte, laue StraBe 
tritt, glaubt er, den ersten Menschen, der ihm begegnet, 
anspringen und an der Kehle packen zu miissen. Bereits 
aus Gewohnheit geht er weiter, blickt vor sich hin und 
nicht auf die Firmenschilder. Ich muB jedes zweite Karo 
auf dem Trottoir uberspringen, dann . . . werde ich Gliick 
haben. BloB die Karos sind nicht gleichmaBig, einmal muB 
ich einen groBen, einmal einen ganz kleinen Schritt machen; 
wahrscheinlich kommt das von der Maschine, die die 
Randsteine macht. Die Schuhc sind noch ganz gut, in Wicn 
werden iiberhaupt ziemlich gute Schuhe gemacht, naturlich 
haben sie eine ganz andere Form als die englischen Schuhe, 
spitz sind sie. Wcnn ich viel darin gche, werde ich die 
Sohlen durchlaufen, bestimmt, aber das Oberleder ist noch 
ganz, ich kann sie besohlen lassen, wenn sie kaputt sind. 
Tilly hat englische Schuhe getragen, solche runden, aber 
trotzdem waren sie schmal, sie hat schmale FiiBe gehabt, 
und sie hat auch nie hone Absatze getragen; doch, die 
Lackschuhe waren mit hohen Absatzcn, die mit den zwei 
Spangen iiber Kreuz und den zwei Knopfen an den 
Seiten. Einmal hat sie auch gesagt: ich habe so gute Beine, 
weil ich als Kind immer hohe Stiefel getragen habe, und 
auch jetzt gehe ich am liebsten in Schuhen mit flachen 
Absitzen. Ein Paar sandalenartige Schuhe hat sie auch 

226 



gehabt, aber die hat sie nur cinmal angezogen, ich kann die 
Sandalen nicht ausstehen, hat sie gesagt, am liebsten mochte 
ich sie Marie schenken, aber die braucht mindestens GrdBe 
neununddreiBig. Bin Autobus, der nahe an den Rinn- 
stein heranfahrt, reiBt ihn beinahe um, schlotternd springt 
er zuriick und blickt auf : Oxford Circus steht am Autobus, 
und in dem Moment fallt ihm ein, Langham Hotel, 
zwischen dem Portland Place und dem Langham Place, bis 
zum Oxford Circus kannst du mit dem Autobus fahren: 
das hatte Varga gesagt und, daB er bis zum 10. September 
dort wohne, und heutc ist der 3. September. Er steigt auf 
den eben abfahrenden Autobus; cine halbe Stunde spater 
steht er mit zitternden Bcinen in der vornehm ruhigen, 
verdunkelten und kiihlen Halle des Langham Hotels. 
,,Mr. Varga?" fragt er vor dem Pult des Portiers. 
,,Zweihundertacht", sagt der Portier mit einer halben 
Drehung nach hinten, ,,ist aber momentan nicht zu 
Hause." Er setzt sich in die Halle, macht es sich in einem 
Sessel bequem und behalt den Eingang im Auge. Zehn 
Minuten, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Er tritt 
auf die StraBe und geht eine halbe Stunde auf dem Platz 
spazieren. Varga. Varga wird mir helfen. Wie freundlich 
cr war, als ich ihn traf. Varga wird helfen, er wird mir Geld 
und Rat geben, er lebt schon lange in England, er wird mir 
helfen, daB ich entweder nach Hause fahren oder hier 
irgendwo unterkommen kann, Varga ist vornehm und 
reich. Es hat inzwischcn aufgehort zu regnen; er 
spaziert auf dem Platz, und als die Sonne fur einen Augen- 
blick durchkommt, ist er sicher, daB Varga . . . kurz, daB 
seine Sachen nun in Ordnung kommen werden. 
,,Mr. Varga?" fragt er den Portier wieder. ,,Noch nicht 
zu Hause." Wieder sitzt er in der Halle; dann folgt wieder 
ein Spaziergang von einer halben Stunde, ein Sandwich 
und ein Glas Bier, und dann beim Portier: ,,Mr. 
Varga?" ,,Noch immer nicht zu Hause." Da beginnt in 
seinem Rucken ein dunnes, spannendes Gefiihl zu kribbcln, 

ts* 227 



und die Kehle ist ihm ganz trocken, als er zum drittenmal 
durch die Drehtiire geht. Gegeniiber auf dem FuBsteig ist 
eine Uhr: halb drei. Er kehrt um, geht zuriick in die Halle, 
sucht sich einen Sessel, der in einer Nische steht, und setzt 
sich. Ein Boy legt ihm sofort illustrierte Blatter auf den 
Tisch, eins davon nimmt er in die Hand. Varga wird helfen, 
schlieBlich ist das die Pflicht eines Lands . . . Lands mannes, 
Menschenpflicht. Auf dem Titelblatt der illustrierten 
Zeitung sind zwei junge Madchen zu Pferd, in eleganten 
Reitkostiimen. Die eine gleicht ein wenig Vargas, Dings . . . 
der Gott, wem gleicht sie nur? Es fallt ihm nicht ein, 
er betrachtet ihr Gesicht, na, egal, nicht wichtig . . . ja, 
naturlich, dem kleinen blonden Madel gleicht sie, die an 
der Schreibmaschine am Fenster saB in der Metallzentrale, 
wie hieB sie doch gleich? Margit Kocsis, natiirlich. In 
der Kacsa-Gasse wohnte sie, irgendwo in Buda. World's 
Sunday Pictures, London Edition ist September 1921. Schones 
Blatt, feines Papier, guter Druck, elegant ausgestattet. 
Varga wird helfen, das ist ganz sicher, schlieBlich ist das . . . 
Menschenpflicht schlieBlich sind wir ja in eine Klasse 
gegangen, und wenn es sich bloB darum handelt, mir die 
paar Pfund, mit denen ich nach Hause fahren kann vom 
Victoria-Bahnhof fahrt der Zug um elf Uhr ab jetzt kann 
es vier sein oder halb vier und fur die kleineren Aus- 
gabcn habe ich hier noch was in der Tasche . . . und wenn 
ich nur bis Wien fahre . . . nur bis Wien, about five, warum 
sollte ich eigentlich nicht nach Wien fahren?! Kein Mensch 
aus Wien hat bisher nach mir gefragt . . . und es braucht 

ja niemand zu wissen, daB ich in Wien 

Plotzlich schreckt er auf, blinzelt und sicht sich ge- 
blendet und verschamt um: ob jemand bemerkt habe, daB 
er eingeschlafen war. Nein, anscheinend nicht. Seine Augen 
suchen die groBe, blauschirnmernde Uhr in der Halle: fiinf 
Uhr zchn. In drei Sfctzcn steht er wieder vor dem Portier: 
,,Mr. Varga?" ,,Zweihundertacht", sagt der Portier, 
,,vor einer halben Stunde ist Mr. Varga nach Hause 

228 



gekommen." ,,Danke", und mit etwas unsicheren 
Schritten geht er auf die Treppe zu. Wieder beginnt das 
Spannen im Riickcn und zieht sich jctzt langsam nach dcm 
Kopf zu. Na. Klarer Kopf jetzt brauche ich einen klarea 
Kopf. Auf der Treppe liegen dicke rote Laufer, solche 
waren auch in Wien in Lehrners Haus, bei der Biegung 
clcr Treppe steht in der Ecke eine Statue, wie ein Grabmal 
sieht sie aus: weiBer Marmor, eine Frauengestalt fast in 
LebensgroBe, mit dem rechten Arm auf ein groBes Schwert 
mit Kreuzgriff gestiitzt, den Kopf in die Hand gelehnt, in 
der herunterhangenden linken Hand einen Kranz aus 
Rosen. Einen Augenblick bleibt er vor der Statue stehen, 
irgendeine Kriegsangelegenheit, denkt er und geht dann 
weiter. Zweite Etage, zweihunderteins zwei vier 
acht. Leise klopft er an die wciB Jackierte innere Tiir. 
,,Yes!" sagt eine Mannerstimme. Er macht auf: im Zimmer 
steht Varga im Smoking der Tiir zugewandt mit fragendem 
Gesicht; auf einem Sessel sitzt eine groBe blonde junge 
Dame in blauem Lackhut und blauem Regenmantel. ,,Ent- 
schuldige bitte, daB ich dich store . . ." sagt er auf Vargas 
erstaunten BHck hin; ,,aber bitte, bitte", antwortet dieser, 
seine Stimme ist tadellos hoflich, ,,ich freue mich, dich zu 
sehen, du muBt nur entschuldigcn, daB du mich nicht 
alleine antriffst, ich wuBte nicht, daB du kommst", und 
sofort stellt er vor: ,,mein Freund Kadar Miss Evelyn 
Campbell-Gray, die Schwester eines Kollegen." Kadar 
stottert ein paar Entschuldigungsworte, daB er nicht gut 
Englisch konne, und rotgliihend vor Scham sagt er 
ungarisch zu Varga: ,,du, ich mochte dich gerne ... in 
einer schr wichtigen Angelegenheit . . . wie konnte ich dich 
unter vier Augen sprechen?" Varga uberfliegt ihn mit 
einem Blick : seine Schuhe, die spitzen, ein biCchen 
staubig, aber gut, sein Anzug ganz anstandig . . . ,,Aber 
bitte", sagt er, ,,ich stehe dir sofort zur Verfiigung, aber 
dann muBt du so gut sein, dich mit mir in den Salon hier 
auf der Etage zu bemuhen . . ." Er cntschuldigt sich 

229 



bei Miss Campbell-Gray und vcrspricht, in wcnigcn 
Minuten wieder da zu sein; Kadar verbeugt sich, die 
jungc Dame neigt den Kopf, Varga macht die Tiire auf : 
,,bitte schr." 

In dem triptychonartigen machtigcn Fenster des Salons 
eine bunte Glasmalcrci: der heilige Georg totet den Dra- 
chen. Diesem farbigen Fenster sitzt er gegeniiber, steif 
aufgerichtet, die Hande zitternd auf den Knien; Varga steht 
noch am runden Tisch und steckt sich langsam und be- 
dachtig cine Zigarette an: ,,wie gehts dir, lieber Kadar? ich 
freuc mich wirklich, daB du mich aufsuchst, bloB, ich wieder- 
hole, es ist schade, daB du nicht vorher telefoniert hast, wir 
hatten den Abend zusammen verbringen konnen." ,Ja, 
wir hatten den Abend zusammen verbringen konnen . . ." 
wiederholt Kadar unruhig, blickt wieder nach dem bunten 
Fenster und holt tief Atem: ,,ich wollte dich bitten, Varga, 
nimm es mir nicht iibel, daB ich hier in London ... in einer 
furchterlich schwierigen Sachc mich ausgerechnet an dich 
wende . . ." und gleich hier am Anfang stockt er, du lieber 
Himmel, durchzuckt cs ihn, jetzt werde ich betteln 
,,Nun?" fragt Varga mit hochgezogenen Brauen, ,,was ist 
denn diese schwierige Sache?" ,,Tja ... ich bin in eine 
cntsetzliche Situation geraten, aber ohne meine Schuld . . ." 
und wie er das sagt, jagt purpurnc Scham uber sein Gesicht, 
Herrgott, betteln werdc ich jetzt, abcr da heftet Varga 
schon vollkommen miBtrauisch den Blick auf ihn und sagt 
hintcr der Deckung einer Rauchwolke: ,,also, bitte . . . was 
ist denn passicrt? und worin konnte ich dir . . . oder was 
mocbtest du von mir?" Und das sagt er in so crhabenem, 
so erniedrigendem Nasalton, so unverkennbar ablchncnd, 
daB sich in Kddar die Bettler-Scham sofort in auf lehnende, 
bodenlose Wut verwandelt; er blast den Rauch zwischen 
ihnen weg und sagt kurz und biindig mit trockencr Stimmc : 
,,Geld." Dem andern entfahrt ein klaffendes kleines Lachen: 
,,Geld? wie stellst du dir das vor? wiirdest du viclleicht so 
freundlich sein, mir cin biBchen ausfiihrlichcr " Und da 

230 



schliefit Kadar fur cine Sekundc die Augen, und nachdem 
er zweimal leer und schmerzlich gcschluckt hat, bringt er 
leise sein Anliegen vor. ,,Du weiBt, daB ich vollkommcn 
sorglos, sogar in Wohllebcn mit cinem reichen jungen 
Mann aus Wicn als desscn Erziehcr, Mentor, Freund 
auf cine mehrmonatige Studienreise wir standen gerade 
im Begriff, nach Hause zu fahren da kommt ein un- 
erwartetes Ungliick er ist vom Autobus iiberfahren 
worden,tot und jetzt stehe ich bier mit einigenGroschen 
renne seit Wochen nach der Erlos . . . nach einer Losung 
wenn du mir vielleicht etwas leihen konntest, damit ich 
nach Hause fahren kann . . ." In Vargas Gesicht sind jetzt 
ganz strenge Falten, und seine Augen gliihen miBbilligend 
den andern an. Seit Wochen sucht er einen Ungarn, 
einen bekannten oder fremden, der ihm in dieser grauen- 
haften Situation beistande und ihm mit der kleinen Summe, 
denn schlieBlich, die paar Schilling, die er noch hatte 
,,Lieber Freund*', unterbricht Varga sein Stottern, ,,du 
tust mir zwar auBerordentlich leid ob dieses ungliick- 
lichen . . . Abenteuers, aber leider, das muBt du einsehen, 
ist cs mir nicht moglich ... die Heimreise, selbst dritter 
Klasse, kostet einen ansehnlichen Betrag, den ich dir leider 
nicht zur Verfugung stellen kann, leider nicht einmal 
gcborgt, da ich selbst in gewissen Grenzen nun ja, in 
gewissen weiteren Grenzen aber in cincr derartigen 
Situation Geld leihen ist gleichbedeutend mit im iibrigen 
aber, wenn du das nicht ablehnst, wiirde ich mich sehr 
freuen, dir mit einer kleineren Summc . . . das heiBt, letzten 
Endes vermutlich . . . e-hm, mit einem Vielfachen von 
dem . . . e-hm, was du augenblicklich besitzt " und 
plotzlich, wie, das merkte man nicht, schimmert zwischen 
seinen Fingern ein Zehnschillingschein, und zogernd halt 
er ihn Kadar hin. Die tragische Melodic der Demiitigung 
des Bctders wird von einem diinnen, grotesken Wiehern 
iibertont, ein halbcs Pfund, ein halbes Pfund bietet cr 
mir an und wenn ich ihm jetzt auf die Hand schlage und 



ihm sage, mit deinem halben Pfund kannst du mir 

Hatte ich bloB nicht eincn so fiirchterlichen, so erstickendcn 
Druck in dcr Brust . . . Nun crtont Vargas Stimme im 
sonoren Bariton dcs gutcn Willens, wahrend sich die Hand, 
die das Geld halt, langsam zuriickzieht: ,,aber warum 
wendest du dich nicht an die Eltern deines Schiilers? 
schlieBlich tragst du doch nicht die Verantwortung fiir cine 
zufallige Katastrophe! schlieBlich ist es doch ihre Pflicht, 
fiir dich zu sorgen, du bist doch schlieBlich nicht zu deiner 
Passion " Er schweigt. Einen Augenblick herrscht 
Stille. Kadar ist es, als senke sich vom Dach eine seltsame, 
bunte Glasglocke auf ihn herab, decke ihn zu und trenne 
ihn von Gegenstanden und Stimmen. Tiefe, taubc Stille 
hat er in den Ohren. Die Farben des bunten Fensters oder 
der Taucherglocke stechen ihm scharf in die Augen, und fiir 
eine Sekundc miissen sich seine Lider senken, sonst wird 
er vom wahnsinnigen Glanz der Farben blind. Aus der 
Tiefe, ganz unten, hort er Stimmenfetzen : ,,die ungarische 
Gesandtschaft ist in solchen Fallen verpflichtet ... die 
ungarische Gesandtschaft . . ." da steht er plotzlich auf. 
,,Danke schon", sagt er, ,,Servus", dreht sich um und ist 
schon an der Tiir des Salons, dem andern den Riicken zu- 
gewendet. In zwei Schrirten steht Varga neben ihm, aber 
Kadar geht welter, seine Blicke streifcn iiber den roten 
Laufer, er gcht schon die Treppcn hinunter. Im brciten 
Flur dampft Varga die Stimme fast bis zum Fliistern: ,,es 
wiirde mir wirklich sehr leid tun, wcnn ein MiBverstand- 
nis . . . ich mochtc wirklich nicht ..." ,,Nein, nein", 
sagt Kadar, geht wciter die Stufen hinab und dreht sich 
gar nicht um. Varga sieht ihm iiber das Gelander eincn 
Augenblick nach, dann zuckt cr die Achseln, macht kchrt, 
hiistelt und geht auf den Flur zu. 



12 



Tage hockt cr wieder zu Hause, es hat keincn 
Sinn, und cr kann sich auch nicht aufraffen, auf die StraBe 
zu gehcn. Der Himmel wechselt fortwahrend, jede Stunde 
fangt es an zu regnen, dann kommt ein wenig Sonnenschein, 
und nachher rcgnct es wieder. Soil ich gehen? wozu? im 
Langham Hotel war ich schon. Das beste ware . . . nichts 
ware das beste, alles ist egal. So ist es viel einfacher, egal. 
Ich muB mich nur nicht mit den Dingen beschaftigen. In 
London ist noch niemand verhungert. Das ist zwar nicht 
sicher, moglich sogar, daB sehr viele Menschen hier ver- 
hungern. Und die haben noch nicht einmal die Museen und 
die Bibliotheken gesehen aber das ist nebensachlich, 
man muB sich nicht um die Dinge kummern. Hier habe ich 
ja meinen Koffer, den brauche ich sowieso nicht, ich bleibe 
ja in London, wcrde in London leben, den blauen Anzug 
brauche ich auch nicht und den Smoking und den andern 
grauen Anzug, die und den Koffer und die Handtasche 
kann ich verkaufen, unten der mit der schwarzen Brille 
wird sic mir abkaufen, sehr gute Sachen sind es . . . ein 
Anzug geniigt in London vollkommen. Agenten suchen sie 
fur die Balkanlander, da konnte ich hingehen, und wozu 
soil man Serbisch oder Griechisch konnen? Mit Englisch 
finde ich mich in der ganzen Welt zurecht und mit 
Deutsch, mein Herr, in Vertretung einer groBen englischen 
Firma erlaube ich mir . . . wie die italienischen Studenten, 
die mit kleinen Kofferchen und Wachstuchbundeln durch 
Wien ziehen, stoffe original! inglesi, signore! dabei ist 
es gar nicht sicher, daB sie Studenten sind, Agenten sind sie, 
die sich als Studenten ausgeben. Geld kann man auch in 
London verdicnen; ich habs bisher bloB nicht richtig 
gemacht. Ich muB mir Ware verschaffen und gute Be- 
zichungen erwerben, Mr. Hayos, ich mochte Ihnen 
prima englische Kohle anbieten, keine preuBische Kohle, 
kcinc tcutonische Kohle, sondern englische Kohle; 



Mr. Varga, ich hoffe, du kaufst mir cin Dutzend Bleistifte 
ab oder wenigstens cin Stiick, ein halbcs Pfund das Stuck, 
ein halbcs englisches Pfund und dann, wie sich die 
Phantasien immer mehr verwirren, so beruhigen sic sich 
auch. Wicder hat cr das Gefiihl, untcr der Tauchcrglocke 
zu scin; der Lebcnsmotor in ihm wird stiller, cr spiirt 
kaum, daB er noch in Bctrieb ist. Taglich iBt cr nur ein paar 
Bissen, sitzt auf dem Bert oder am Fenster, und ihm ist, als 
lege sich ein weiches, dickcs Tuch um seincn Kopf. Er hdrt 
und sieht nichts, aber auch innerlich ist Stille, und diese 
Stille tut wohl. Es lohnt sich nicht, an irgend etwas zu 
dcnken, also lieber nicht denken. Ein biBchen Geld hat er 
noch, wieviel? das ist gleichgiiltig. Nachher kommt ja der 
Koffer an die Reihe, dann die Anzuge Ruhe, nur Ruhe, 
man soil seine Krafte nicht vergebens verschwenden, und 
wenn ich 1917 gefallen wSre? oder wenn mich der Autobus 

iiberfahren hatte, und nicht Paul 

Als Reaktion der zweitagigen Stiile kommt am dritten 
Tag ein brennender Tatendrang, einc Zappeligkeit. In aller 
Friihe ist er schon auf den Beinen, zieht seinen guten Anzug 
und seine guten Schuhe an. Sorgfaltig rasiert er sich und 
pfeift dabei, dann klingelt cr, trinkt den Tec noch ganz 
heiB und zerkaut den letzten Bissen Toast, als cr auf die 
StraBc tritt. Vier bis fiinf StraBen klappcrt cr ab, dann 
sctzt cr sich in den Autobus, der ans FluBufer fahrt. Gold- 
braun zittert das Wasser im Sonnenlicht. Unten an ciner 
der Anlegebriickcn stehen weiBc Motorboote; neben dem 
Bootshaus schiittelt ein Matrose cine frisch und glasern 
klingende kleinc Glocke, ihr klarcr Schall fliegt in fast 
sichtbarem Bogen iiber ihm hin; auf der Anlcgebriickc 
steht:. Cattle Market Station Deptford. Langsam geht 
cr auf^en untercn Kai, vorn am Anlcgcsteg druckt ihm cin 
Mann mit einer Taschc cine Messingmarke in die Hand, 
damit stcigt cr ins Motorboot. Im hintcren Teil, cr ist 
allein, sctzt cr sich ans Ende der Seitenbank, dann wogt 
das Wasser um die Schraube schiumcnd auf, und das Boot 



setzt sich in Bcwegung, stromab warts. Cattle Market, 
in diesem Tcil Londons war er noch nicht gewesen. Auf 
dem Plate, das sieht er schon von Bord des Motor- 
bootcs, 1st groCes Durcheinander; an der ganzen linken 
Seite liegen Ziegel, Sand, Morteltroge und BauhoLz herum, 
es wird gebaut. An der rechten Seite eine end lose Menge 
von alten lagerhausahnlichen Gebauden; in der Luft ein 
eigentiimlicher, roher Geruch; und ein ununterbrochenes 
Summen, aus dem hie und da das schmerzliche BaB-Solo 
eines Ochsen aufsteigt. In langsamem Trott kommen Ochsen 
die eine Anlegebriicke herauf. Aha, der groBe Rindermarkt. 
Er schlendert hinuber zum Bau, was kann das 
sein? Lagerhauser? Stalle? wahrscheinlich so etwas, 
man sieht schon, in den Nischen hier sind Wasser- 
becken angelegt, zum Tranken. Am Kai, am Anfang 
der neuen Gebaudereihe sind schlanke Hebekrane, 
wozu? anscheinend wird das Hebewerk gerade aus- 
probiert, fein und vorsichtig legt die dicke Kette die 
angehangten formlosen Sackbiindel auf die Erde. Er 
geht welter; hinter dem Bau ein kleinerer Marktplatz, in 
winzigen Buden und unter groBen Schirmen Apfel und 
Bananen, Apfel und Bananen. Ein irritierend feiner Obst- 
gcruch. Der Platz ist gedrangt voll. Er staunt die larmend 
feilschcnde Menge an. Eine dickbauchige Frau mit einem 
Tuch um ruft ihm zu: ,,pack doch mal den Wagen hicr an, 
einen halben Schilling zahl ich dafur bis Mittag!" Er gafft 
sie an, dann schtittelt er den Kopf. ,,Entschuldigen Sie", 
sagt die Frau, ,,ich dachte, Sie suchen Arbeit." Er geht 
weiter, sieht sich wiedcr um nach dem Bau. Die neuen 
Stalle da nicht ganz richtig, vielleicht hatte man die Sache 
so losen konnen, daB die Boxes nach zwei Seiten, nach 
vorn und nach hinten sehen, und die gemeinsame und ein- 
heitliche Wasserversorgung nein, das laBt sich so nicht 
feststellen, gewifi waren da bestimmte Bedingungen . . . und 
die Losung kann man nicht so einfach aus dem Armel 
schiitteln, dariiber muB man nachdenken, Rings um den 



Plate lauft eine breitc StraBe, von der klcine Gasscn aus- 
gehen. Aufs Geratewohl gcht cr auf cine von dicsen zu. 
Eine Kleinstadt . . . Ein- und zweistockige Hauser, ganz 
anders als in der Gegend der Redburn Street. Er geht 
langsam; die StraBc ist schmutzig, aus offenstehenden 
Haustiiren lugen dreckigc, abgewetzte Treppen auf die 
Gasse. Die Sonne scheint, es ist sehr warm. Aus dem 
Fenster ciner ebenerdigen Wohnung lehnt sich ein junges 
Madchen in greller, giftgriiner Blusc; als cr am Fenster 
vorbeigeht, lacht sic ihn unverschamt und fell an. Er dreht 
sich um, das Madchen beugt sich so weit aus dcm Fenster, 
daB sic fast hinausfallt, und lacht noch immer. Soil ich 
stehenbleiben? . . . dann geht er langsam weiter. Fein scheint 
die Sonne. Wie lang diese Gasse ist. London ist eine groBe, 
eine schrecklich groBe Stadt. Schon eine Viertelstunde geht 
er an den niedrigen Hausern entlang, das Bild ist immer 
dasselbe: kiihle, iibelriechende Hauseingange, schabige 
Mauern, kleine Gcschafte, hin und wieder eine leere Bau- 
stelle mit einstiirzendem Zaun, hie und da eine Werkstatt, 
aus der Eiscnklirren dringt, und weiter die langweiligen 
kleinen Hauser. Ein Dorf. Manchmal holpert quietschend 
ein iiberladcner Pferdelastwagen an ihm voriiber, andere 
Fahrzeuge sieht man kaum. Hort diese Gasse denn nie auf? 
noch immer kann man das Ende nicht sehen. Eine Dumm- 
heit, weiterzugehen, was suche ich denn hier? Von dem 
langen Marsch wird er hungrig und sicht sich die Hauser 
an, ob nicht irgendwo ein Wirtshaus oder ein Lebens- 
mittelgeschaft ist. Er geht weiter, da hinten sicht man 
Dacher, vielleicht sind dort hohere Hauser, er kommt 
hin: eine sehr breite StraBe kreuzt die Gasse; die ist schon 
lebhafter, stadtischer, auch eine Elektrischc fahrt da. Eine 
merkwurdige StraBe : an der einen Seite lauter gleichmaBige 
vierstockige Hauser, so weit man sehen kann; an der andcrn 
Seite iiberhaupt kein Haus, nur ein endloser brauner 
Lattenzaun von doppelter Mcnschenhohc. Das muB wohl 
ein groBes Fabrikgelande sein, gegeniiber wahrscheinlich 

2} 6 



die Arbeiterwohnungen, stimmt, am Zaun unabsehbar 
in einzelnen groBen schwarzen Buchstaben die Aufschrift: 
Bertram's Deptford Universal Steel Works. Hinter dem 
Zaun sieht er hie und da ein Glasdach und dann und wann 
ein riesiges Tor, aus dem Schienen auf die StraBe fiihren. 
Er geht an den Hausern entlang, auch im ErdgeschoB sind 
Wohnungen, Geschafte kaum, ein vereinzelter Ladenraum 
hie und da, eher etwas wie ein groBes Lager; auf die truben 
Fensterscheiben einige Worte gemalt: Coffee. Tea. Sugar. 
Milk. Flour. Beans. Bread. Meat. Eine riesige Lebens- 
mittelverteilungsstelle. Ein Fremder bekommt hier sicher 
nichts. Und dann endlich an einer Ecke ein Blechschild: 
Dining-Room. Er sucht den Eingang, und plotzlich stockt 
ihm der Atem. Rechts neben der Tiir cine griin verblichene 
Tafel, in abgewetzten, einmal rot gewesenen Buchstaben 
steht darauf : Ungarisches Restaurant. Die Hand zittert ihm 
dermaBen auf der Klinke, daB er sie nicht niederdrucken 
kann; wohl Minuten vergehen, bis jemand von innen die 
Tiire aufmacht, und da steht er in der Kneipe, mit wogender 
Brust, mit brummenden Schlafen, und stotternd sagt er auf 
Ungarisch: ,,guten Tag." Ein hagerer junger Mensch gafft 
ihn von der langlichen Theke aus an, verschwindet wortlos, 
und gleich darauf erscheinen hinter einer Glastiir ein alter 
Mann mit einem Bart und einer griinen Schiirze, eine 
jiingere, bleiche Frau mit eingefallenen Wangen und der 
hagcre Junge. Herrgott . . . diese Worte: ,,GriiB Gott! 
Sie sind Ungar?! wie kommen Sie denn hierher?! 
Hat Sie jemand geschickt?! Aus Budapest?! WuBten 
Sie, daB wir hier sind?! und sind Sie wirklich Ungar?! 
und wie kommen Sie her?!*' Das Lokal ist leer, bloB an 
einem Tisch sitzt eine zerlumpte Gestalt vor einem Krug 
Bier, den Kopf auf dem Tisch zwischen beide Fauste 
gepreBt; reglos, als schliefe er. Und die drei hier besturmen 
ihn ger6tet und wild im Rausch der Stimmen und im 
Wahnsinn der Worte mit Fragen und Fragen und lassen 
ihn gar nicht zum Antworten kommen. 

237 



SpSter sitzen sic in cincm cbcnerdigen Zimmer mit ver- 
gittcrtem Fenstcr, das Fcnster geht auf cine groBe leere 
Baustelle, das Zimmer ist halbdunkel; und der Fragen- 
ansturm laBt langsam nach. Nun kann er erzahlen, daB er 
rein zufallig in diese Gegend verschlagen worden, das 
ungarische Schild an der Tiir gesehen habe und so herein- 
gekommen sei, ,,siehst du!" knurrt der Alte die Frau an, 
,,schon voriges Jahr habe ich dir gesagt, hang das Schild 
raus, Unannehmlichkeiten konnen daraus nicht entstehen, 
aber Ungarn lockt es vielleicht rein!" Und warum er in 
London sei? und wie er in dieses Viertel gekommen sei? 
noch weiB er nicht, wer diese Leute sind, was fur Menschen, 
und alle Zuriickhaltung und aller Widerstand fallen im 
Nu in Fetzen auseinander, und die Worte platzen hervor, 
die seit Wochen zuriickgedrangte Stimme, und er spricht 
und spricht, verworrcn und stromend, in der erlosenden 
Selbstqual der Worte. Spricht davon, warum er nach 
London gekommen war, spricht von Paul und von Wien 
und vom Gummiknuppel in Budapest, und dazwischen 
braust die Erinnerung an die Schrecknisse der vergangenen 
Tage, der Revolver, die Strapazen der langen vcrgeblichen 
Wege, der mit der schwarzen Brille und der Cattle Market; 
in heiBen, wie Lava stromenden Ausbruchen, verworren 
und zusammenhanglos ergiefien sich die Worte, in jedem 
einzelnen weint sein ganzes Elend, seine Ratlosigkeit und 
Ohnmacht so daB die drei ihn erschrocken ansehen, und 
als er nach langen Minuten schweigt, herrscht angstvolle, 
leere Stille im Zimmer, und wieder muB er sic unterbrechen, 
dicsmal schon leise und etwas beruhigt: ,,und Sie? wie sind 
Sic hicrher gekommen?" Und da, als der Reflcktor des 
Wortes iiber dem fiirchtbaren fremden Schicksal erlischt, 
kehrt ihnen die Sprachc wieder, und der Alte ergeht sich 
in raschcn Worten und in der Wonnc, cinem Fremden, 
cinem Ungarn! nach so langcr Zeit von sich selbst er- 
zahlen zu konnen. 1905 hier beginnt die Geschichte. 
Pali Csordds, das alteste der Kinder, arbcitct seit zwei 

238 



Jahrcn in der Ganzschen Fabrik, im Oktober muB er zum 
Militar einriicken. Drei harte Soldatenjahre stehen ihm 
bevor. Pali Csordas ist Socialist. Am 6. September es 
sind gerade sechzehn Jahre haben wir ihn zum Iet2tenmal 
in Budapest gesehen, in der kleinen Kneipe in der Kobanyaer 
StraBe. Keiner hat eine Ahnung, wo er geblieben ist, weder 
er, noch Margit, niemand. In der Fachgewerkschaft 
weiB man nichts von ihm, auch in der Fabrik nicht. Die 
Polizei halt den Fall noch einige Wochen in Schwebe, 
man wartet, ob die Donau ihn irgendwo ans Ufer treibe, 
dann ist alles still. Er ist verschwunden, SchluB. Die vielen 
Plagcn und Sorgen, die Frau ist auch vor ein paar Monaten 
gestorben, kaum daB sic den Kleinen auf die Welt gebracht 
hat ... ,,also, es war keine Zeit, zu jammern, aber weiB der 
Kuckuck, ich habe auch nicht schr gewagt, viel in der 
Sache herumzustochern, ein biBchen hatte ich das Gefiihl, 
er sei vor dem KommiBrock ausgeriickt." Nach einem Jahr 
kommt ein Brief aus London: es geht mir gut, ich arbeite 
hier in den Deptforder Stahlwerken, anbei schicke ich 
zwolf Pfund, etwa hundertfiinfzig Gulden, verkauft sofort 
das Wirtshaus, setzt euch in den Zug; dann eroffnen wir 
hier der Fabrik gegeniiber eine Bierhalle, es gibt ziemlich 
viele Ungarn hier, das wird ein glanzendes Geschaft. Dann, 
Anfang Februar werden es ftinfzehn Jahre, machen sic 
dem langen Lattenzaun gegeniiber das Lokal auf: Csordas' 
Dining -Room & Public Bar, und auf die Seitentafel 
schreiben sie: Ungarisches Restaurant. Das Geschaft 
kommt gut in Gang, die Arbeitergenossen, nicht nur die 
Ungarn, mogen Pali gut leiden, ihm zuliebe gewohnen sie 
sich hin ; die Pennies und die Schillinge haufen sich in der 
Arbcitersparkassc. August 1912: aus Margit wird eine 
englische Frau, John Cresse, Werkmeister in der Fabrik, 
heiratet sie. Mitgift: die Halfte des ungarischen Restaurants. 
Urn dieselbe Zeit werden auch die xibrigen Cresse zuliebe 
englische Staatsbiirger. Ein Jahr spatcr ist der erste Enkel 
da, die kleine Margaret Cresse, sie ist noch keine drei 

239 



Wochcn alt, da bekommt sic cinen Darmkatarrh, das 
hat wenigstens der Arzt gesagt, und dann singt der 
Arbcitergesangverein Traucrlieder am kleinen Grab. 1914: 
der crste Sturm wind fegt die ungarische Tafel in den 
Keller. Es folgen entsetzliche Aufregungen: die neue 
Heirnat fuhrt Krieg gegen die alte Heimat. Anderswo leben 
ais in London kann man nicht, aber Budapest kann man 
auch nicht vergessen. Cresse wird im Februar 1915 ein- 
gezogen. Paul, der den Stellungsbefehl einige Monate 
spater erhalt, kommt als Kriegsarbeiter mit einer Sanitats- 
abteilung an die Front. Nun nimmt das Leben in London 
wieder seinen friedlichen Verlauf; klcine, sichere Geld- 
summen haufen sich welter, aber nur in London herrscht 
Ruhe, die Welt jenseits von Deptford steht in Brand, 
und im Dezember 1915 fallt Cresse in Flandern. Pali 
schleppt zwischen Roclincourt und Arras Verwundete und 
Leichen aus den Schiitzengraben nach hinten. Marz 1916, 
Juli 1916, Oktober 1916: keine Nachricht. Weder gute 
noch schlechte. Gegen Weihnachten kommt die amtliche 
Mitteilung: Paul Csordas ist zwischen dem ix. und 
15. August beim Verwundetentransport bei Arras den 
Heldentod gestorben. Mein Gott ... die Tage gehen und 
gehen dahin. Das Wirtshaus bliiht, auf der Sparkasse tragen 
nun schon ansehnliche Pfunde Zinsen, ,,inzwischen batten 
wir den Krieg gewonnen, das Leben, ja, und . . . nun 
sind wir hier und sprechen seit 1914 zum erstenmal mit 
einem fremden Menschen Ungarisch . . .'* 

Wahrend der langen Erzahlung regt sich in Kadars 
Kopf irgendwo hinten und ganz leisc ein Gcdankc: ich 
bin zu Hause. Er sieht sich den Alten genauer an: ein etwas 
einfaltigcs Gesicht mit einem Backenbart, ergrauendes 
Haar, groBe, korpulente Gestalt, wcnn er mir auf der 
StraBe begegnete, wiirdc ich nicht annehmen, dafi cr 
Ungar sei, dann betrachtet er die Frau: ein mudes, 
weiBes Gesicht unter dem schwarzen Haar, das schon von 
vielen weiBcn Faden durchsetzt ist. Ihre Augen sind 

240 



w&sserig blau. Grofie, verarbeitcte Hande hat sic, einen 
langsamen, schlampigcn Gang. Dcr Junge, fiinfzehn bis 
sechzehn Jahre mag er alt sein, ist genau wie die andern 
englischcn Jungens auf der Strafte, Ungarisch kann er kaum 
ein paar Worte. Das ware also die Familie. Und . . . soil 
ich ihnen jetzt gleich was sagen? oder soil ich morgen 
wiederkommen? Ubereilen darf ich die Sache nicht aber 
wenn ich diesen giinstigen Moment voriibergehen lasse . . . 
Da fangt der Alte an zu sprechen, bittet ihn zu bleiben: 
gleich wird etwas zu essen gebracht, es ist doch Mittagszeit, 
sagt er. Und da wirft Kadar ihnen plotzlich entschlossen 
die Frage hin: ,,sehen Sic mal . . . jetzt wissen Sie, wer ich 
bin, was ich bin, konnte ich nicht hierbleiben bei Ihnen? 
konnten Sie mir nicht irgendeine Arbeit geben, von der ich 
leben kann, bis ich etwas andcres finde oder nach Hause 
gelangen kann?" Seine Stimme ist leise, ruhig und 
sicher, Csordas ist ja schlieBlich nur ein alter Gastwirt, 
und die Deptforder Kneipe ist nicht das Langham Hotel. 
Am nachsten Morgen packt er in der Redburn Street 
seine Sachen zusammen und erscheint schon vor Tisch mit 
scinen Koffern bei der Familie Csordas. Der Alte hatte nicht 
lange gezogert. Vielleicht waren es die Erinnerungen, die 
der unerwartet aufgetauchte Landsmann hcrauf beschworen 
hatte, vielleicht war es, weil sein gefallencr Sohn, als er nach 
London verschwand, ungefahr in dem Alter war wie dieser 
Junge hier, vielleicht auch die Aussicht auf einen billigen 
Dienstboten: der Alte blickte auf Kadars Angebot ein 
Weilchen vor sich hin, dann rief cr seine Tochter nebenan 
in die Schwemme, eine Minute der Spannung und der 
Hoffnung, die nicht enden zu wollcn schien, dann treten 
sie wieder ein, und der Alte sagt: ,,Sie konnen bleiben. Sie 
werden aushelfen in der Wirtsstubc und im Haushalt, vor- 
iibergehend natiirlich, wie lange wir Sie behalten konnen, 
wissen wir selbst noch nicht, in der einen Kammer 
konnen Sie wohnen und kriegen voile Vcrpflegung, Gchalt 
natiirlich nicht, aber wenn Sie beim Bedienen helfcn, sind 

15 Ktinuemli. Butlapest 241 



Sie am Trinkgeld beteiligt, das 1st selbstverstandlich keine 
groBe Sache, aber doch itnmerhin etwas Geld, und wenn 
Sie eine Arbeit verrichten konnen, die wir sonst einem 

andern zu bezahlen batten, sagen wir Fensterputzen " 

Am nachsten Tage ist er also bei CsordaYs. Neben der 
Schwemme ist der groBe Speisesaai mit ungefahr dreifiig 
Tischen; hinter diesen beiden Raumen liegen die Kiiche 
und vier Zimmer, deren Fenster auf die leeren Bausteilen 
und deren Tiiren auf einen engen, dunkeln, gemeinsamen 
Flur gehen. Im letzten Zimmer wird er wohnen; in der 
Ecke neben dem Fenster steht sein Bett. Und das andere 
Bett? darin schlaft Mary, die Mrs. Cresse in der Kiiche 
hilft, ,,ein tiichtiges, braves Madchen, sie arbeitet schon 
seit vier Jahren bei uns; und wenn sie etwas gegen den 
neuen Zimmergefahrten einzuwenden hat, dann wird die 
Stube halt durch einen alten Vorhang geteilt, Sie miissen 
sich eben mit dem Quartier begniigen, mehr Platz haben 
wir nicht; irgendwie werden Sie sich schon zu zweit 
vertragen." 

Der Nachmittag vergeht mit Umschauhalten; er sitzt 
in der Schenke, tritt auf die StraBe, geht bin und her, 
freundet sich an mit dem Alten, dem Jungen, der StraBe 
und den Hausern; am Abend, im sauber iiberzogenen 
blaugestreiften Bett iiberkommt ihn ein so wohliges, be- 
ruhigendes Gefuhl, als lagc dieses Zimmer im ersten Stock 
des Savoy Hotel und als decke ein schweres Bankkonto 
sein feines Leben. Am Morgen beginnt dann die neue 
Tatigkeit : friih um fiinf steht er in der Schenke, eine griinc 
Schiirze um und einen Besen in der Hand, und nach 
Mitternacht fallt er so hundemude ins Bett, daB er Mary 
iibcrhaupt nicht bemerkt, die in der lauen Herbstnacht die 
Decke im Traum von sich wirft und flach auf dem Riicken 
daliegt, mit hinaufgerutschtem Hemd, bis an die Taille 
nackt und mit halboffenem Mund keuchend schlaft. Er 
bemerkt nicht, daB sie den alten braunen Vorhang in der 
Mitte der Stube nicht zusammengczogcn hat. Als cr beim 

242 



Morgcngrauen erwacht, 1st Mary schon in der Kiiche. Er 
zieht die Rolladen hoch und starrt auf den leeren Bauplatz. 
Es regnet, der Himmel ist grau, nur weit hinten bei den 
hohen Fabrikschornsteinen sind zwei helle Streifen zwischen 
den Wolken. Pal Csordas, der heldenhafte Kriegsarbeiter 
der englischen Armee mit Englandern hat Kadar nichts 
zu tun gehabt. An der italienischen Front waren wohl auch 
englische und franzosische Armeegruppen, aber nie un- 
mittelbar ihm gegeniiber. Als sie von Albanien herauf- 
transportiert wurden, gingen sie zuerst fast in der Richtung, 
wo Englander lagen. Der war aber an der westlichen Front, 
der Pali Csordas. Vielieicht hat er fruher in diesem Zimmer, 
in diesem Bett geschlafen. Der Schrank ist offen, seine 
Anziige hangen schon in der Reihe, hinter den Frauen- 
kleidern; der dunkelblaue Anzug und der Smoking und der 
neue graue Anzug. Antal Kadar, der tapfere Fahnrich der 
osterreich-ungarischen Armee . . . ich habe Arbeit, denkt 
er, du lieber Gott, ich habe Arbeit, fur die ich zu essen 
bekomme und wohnen kann und meine Kleider in den 
Schrank hangen und mich waschen . . . Ich habe Arbeit, 
denkt er, und groBes, reines, warmes Vertrauen drangt sich 
ihm in die Brust, Herrgott, wie wohl ist mir, dann dreht 
er den Wasserhahn auf und halt den Kopf unter den dicken, 
kalten Strahl. Fegen, scheuern, Fenster putzen, mit dem 
Handkarren Lebensmittel und Pakete holen, Tische und 
Stiihle abwischen, nun, das geht an. Das Schlimmste isr, 
wenn er die Teller voller Speisenreste, die einem den 
Appetit vertreiben, im heiBdampfenden, fettigen, stinkigen 
Wasser abwaschen muB. Da kribbelt cs einem in der Nase 
und kollert es im Magen, und nach dem ersten Abwaschen 
rutscht kein Bissen die Kehle hinunter. Ich werde mich 
schon daran gcwohnen, und er preBt die Zahne zusammen. 
Besser als an der StraBenecke krepieren. Und dann 
gewohnt er sich daran. Gewohnt sich an den alten Csordas 
mit seinen guten und schlechten Launen, gewohnt sich 
an die stille Margit, die ihr verpfuschtes Leben hinter 

16* 243 



hysterischem Wirtschaftcn verbirgt, gewohnt sich an den 
etwas tolpelhaften Gyuri, an die beiden brummigen Kellner 
in der Wirtsstube, an die proletarischen Gaste, an den Besen, 
die grime Schiirze und die Abwaschbriihe; gewohnt sich 
an die ganze Umgebung mit den gleichmaBigen Arbeiter- 
hausern und dem endlosen braunen Lattenzaun, gewohnt 
sich daran, daB von den Trinkgeld-Pennies in ein paar 
Tagen manchmal sogar ein Schilling zusammenkommt, 
gewohnt sich daran, auch an den sparlichen Ruhenach- 
mittagen in der Schwemme zu sitzen und sich hie und da, 
wenn er iiberhaupt mit jemandem redet, privat mit einem 
schabigen Cast in ein Gesprach einzulassen, und dann 
eines Nachts, als er nach getaner Arbeit in die Stube tritt, 
bemerkt er Mary in schwiiler Halbnacktheit mit dem 
heraufgerutschten Hemd. Mary, ein klobiges englischcs 
Madchen, nicht jung und auch nicht gerade alt; bisher hatte 
er sic unter Tags kaum angesehen, kaum ein paar Wortc 
mit ihr gewechselt. Jetzt, als er ins Zimmer trat, drehte 
er seiner Gewohnheit gemafi ruhig das Licht an, Mary 
schlief weiter, ohne sich zu mucksen, da liegt sie im 
Bett, flach auf dem Riicken, und die diinne Decke, die sic 
unter beide Ellenbogen prefit, zeigt deutlich ihre Figur, 
und unter der hcruntergerutschten Hemdachsel sieht man 
ihre runde, pralle, weiBe Brust und in dem Moment 
durchzuckt es ihn, daB Mary den braunen Vorhang vor 
dem Bett noch nie zusammengezogen hat, und es fallt ihm 
ein, daB cr seit Zia, seit fast zwci Monaten, keine Frau 
angeriihrt hat. Und da fahrt ihm sprudelnde Begierde durch 
alle Glieder. Aber sofort wird ihm alles braun vor den 
Augen, braun wie Yomayas Hautfarbe, und ein gruse- 
liger eisiger Hauch macht die eben erstandenc Rcgung 
wieder ersterben. Er dreht das Licht aus, schleicht auf 
Zehenspitzen an sein Bett und bohrt den Kopf ins Kissen, 
in der groBen, kiihlen Stille hort man schon die ersten 
fruhen Milchautos iiber den vorderen Trakt poltcrn, als er 
mit schwerem, rochelndem Atera cinschlaft. 



Der tiickische Herbst stiirzt sich nicuchlings auf die 
Stidt. Eines Nachts, nachdem die Schenke geschlossen 
war, stellte er sich in die Tiir und starrte unter dem laun 
Himmel den wild brennenden Sternen in die Augen, 
am folgenden Morgen goB es bereits in Stromen. Dann 
ricselte oder spriihte tagelang ununterbrochen der Regen 
und horte nicht auf. Plotzlich, ohne Ubergang ist es kalt 
geworden; nach wenigen Tagen wird in Schwemme und 
Gaststube der Dauerbrenner eingeheizt. Kadar will die 
Tage nicht zahlen, nur aufs Geratewohl fiihlt er, daB er 
schon seit Wochen hier und so lebt ; und Csordas* s benehmen 
sich noch immer anstandig, es gibt keinerlei Scherereien mit 
ihnen. Er arbeitet und bekommt dafiir, was ihm ver- 
sprochen worden war, und die paar Groschen, die er 
sonst noch braucht, ergeben sich aus dem Trinkgeld. 
Die ersten Nachte nach der ihm bis dahin unbekannten 
korperlichen Arbeit gehorten dem erschopften, schwarzen 
Schlaf; dann gingen die zehnerlei Bewegungen und 
Kriimmungen der sinnlosen, schmierigen, von Demutigung 
vcrgifteten Hausarbeit ihm in Beine, Hiiften und Hande 
iiber: und da begann das nachtliche Drama von Halbschlaf 
und unbezwingbarem Wachsein. Anfanglich wiihlen nur 
cinzelne, zusammenhanglose Bilder und Gedanken mit 
crbebendcr Regung im Halbschlaf oder in der Halb- 
schlaflosigkeit durch seinen benommenen Kopf, sic 
kommen und verschwinden; ein Fliigel mit geoffnetcrn 
Deckel, der in goldenen Streifen das Sonnenlicht zuriick- 
wirft; ein groBes, gelbgebundenes Buch mit schwarzen 
Buchstaben: August Strindberg, aber was darunter stand, 
konnte er schon nicht mehr sehen, nur verworrene, sinnlose 
Buchstaben spiirte er; ein groBes Fenster, darunter ein 
langer Zeichentisch mit einer Menge Kopfe, die sich iiber 
ihn beugen; es erscheint ein sausender Bach, an seinem 
Ufer ein Haufen entrindeter Baumstamme; dann sieht er 
cinen Zug mit zahllosen Wagen, dann eine wimmclnde 
Bahnhofshalle. Und als er sich in einen Traum hineinqualt, 



da zerfallen die vom Dunst halbnacktcr, ruhcndcr Korper 
faul ricchcndcn Wande dcs kleinen Zimmers, die Dcckc 
tut sich ins Uncndlichc auf und das Kaleidoskop angstvoller, 
unbcgrcif lichcr Traume wirbelt ihm in gcbrochcncr Bunt- 
hcit Biicher, Schulbanke, unbekannte Landschaften, cine 
in brauncm Gesicht weiB glanzende Zahnreihe, schmale 
Damcnschuhe mit flachcn Absatzen und den langen 
gclblich-weiBen Spitzbart des Zensors bei seinem erstcn 
Examen vor die muden Augen. Oft befindet er sich in 
Pauls Zimmer in Wien, und immer sitzt er in dcmselben 
Sesscl, auch Rosette und Wirth sind da, und Paul steht vor 
dem groBen Biicherregal und spricht mit ausgestreckter 
Hand, aber er versteht nie, was er sagt. Und dann, in einem 
schweren Traum gegen Morgen sieht er einmal ein Fenster, 
davor einen Kopf und eine Faust, er weiB, die bis an die 
Lippe hangende, machtige Nase, die aufgerissenen Augen 
und die Ohren, groB wic Segel, sind ihm bekannt; er hort 
Tone, kurz und scharf zwischen den leuchtend weiBcn 
Zahnen: Ritus, Spekulation, Baudelaire, Ford ... das ist 
Feuerstein! Feuerstein! Stromender Regen schlagt an das 
vergitterte Fenster und stopft dem Halluzinierenden die 
schlafenden Ohren mit trommelnden, chromatischen 
Passagen, und unter den Tonen sieht er Tilly am Fliigel mit 
der flammenden Haarkrone iiber dem milchweiBen Gesicht. 
Einen Traum hat er: groBes Gewimmel ist in der Aula dcr 
Wiener Hochschule, Studenten mit Miitzen drangen sich, und 
undeutliche Stimmen tonen von alien Seiten, und er selbst 
steht hoch oben auf einer Treppe und hat einen machtigcn 
Besen in der Hand, und die Treppe herauf kommt eine 
groBe, schlanke Frau mit bekanntem Gesicht und flattern- 
dem blondem Haar auf ihn zu, mit ihr zusammen Onkel 
Rudi, sie bleiben vor ihm stehen, und die Frau zeigt auf 
ihn: wer ist das? und Onkel Rudi antwortet erstaunt: 
kennen Sie ihn nicht? das ist Antal Kadir, mein NcfFe, 
diplomicrtcr Hausdiencr. Nach solchen Traumen griibt 
er die Nagel in die Hand, um nicht wciter zu schlafen, 

246 



und dann kommcn die bittcrcn wachcn Stunden der 
Rcchenschaft. Mary im andern Bett atmet in ruhigem, 
gesundem Schlaf, und da erhebt sich plotzlich in ihm wie 
ein Hcnkcrsknecht die Frage: was ist aus dir geworden? 
was aus dem groBen Wollcn? aus den groBen Entschliissen? 
aus Musik und Biichern und der Erkenntnis neuer Dinge? 
was ist daraus geworden, daB du im Kriege nicht gefailen 
bist und daB dich die Rumanen an der Demarkarionslinie 
nicht erschossen haben und daB du wahrend des arbeits- 
losen Herumlungerns nicbt Hungers gcstorben bist und 
daB dicb der Scharlach nicht dahingerafTt hat und daB 
cine giftige Umarmung nicht dein Leben in den Tod 
verdreckt hat? was ist daraus geworden, daB dich immer 
irgend ctwas geschiitzt und geleitet, dir den Weg ge- 
wiesen und dich aufgerichtet hat, wenn du schon zu- 
sammenbrachst? Und dann fallt das Schwert der 
Antwort: Hausknecht in einer Deptforder Kneipe. Seines 
Lebens Korn wird still zwischen den furchtbaren Miihl- 
steinen der Alltage und Allnachte zermalmt, manch- 
mal aber stocken die Steine knirschend: irgendwo ganz 
unten ist ein Stiickchen Stahl, winzig und nicht zu zer- 
kleincrn, ich weiB, daB ich wieder hier herauskommen 

werde, aus diesem 

Aus diesem? . . . Woraus? Lebst du denn nicht fein? 
schlagst du dir nicht jeden Tag den Wanst voll? und hast 
du nicht ein Lager, um dich auszustrecken, wenn du miidc 
bist? was willst du mehr? Der Alte ist ein braver, gut- 
gcsinnter Arbeitgeber, der nur dafur lebt, jeden Tag ein 
paar Groschen zu den iibrigen legen zu konnen; wenn cr 
ihn zur Arbeit antreibt, so tut er es mit guten Worten, nie- 
mals laBt er ihn fiihlen, was er heute gewiB schon weiB: 
daB er ihn aus dem Rinnstein aufgelesen hat. Auch die Frau 
hat ihn gern, dieses ruhige, narrische Geschopf, manchmal 
schlieBt sic sich stundenlang in ihr Zimmer ein, einmal war 
cr bloB in diesem Zimmer und nur fur einen Augcnblick: 
an der Wand dem Bett gegeniiber hangen zwei lebensgroBe 



Fotografien, reich mit schwarzem Flor umrahmt, sichcr 
vcrgroBerte Bilder von Pali Csordas und John Crcssc. Und 
der klcinc Dummkopf Gyuri steckt ihm Zigaretten zu und 
nimmt ihn manchmal mit zum FuBballmatch. Geringfiigigc 
Rcibcrcicn und Unannchmlichkeiten gehcn an ihm voriiber, 
als wolltcn sie ihm einen Wink geben: ein gliickliches Los 
hat dich hergefiihrt, wisse das zu schatzen, ein hinaus- 
gejagter Kellner zeigt sie bei der Behorde an, weil sie einen 
Auslander angestellt haben: die Frau nimmt ihn mit in die 
Amtsstube und sagt, er sei ihr Neffe und bekame auch gar 
keinen Lohn, und schon ist die Sache erledigt. Dennoch 
kann er nicht widerstehen und macht dem Alten gegeniiber 
einmal cine Anspielung, ob er ihm nicht soviel Geld leihcn 
wxirde, daB er nach Hause fahren konne. ,,Fiihlst du dich 
denn bier nicht wohl?" fragt Csordas ein wenig tadelnd, 
,,und auBerdem konntest du wissen, daB ich mein Geld nicht 
dazu spare, daB ", aber sie sind deswegen einander nicht 
bdse. Und dann schreckt er in einer Winternacht aus 
einem schwiilen Traum auf und sieht im Dunkeln, daB Mary 
im andern Bett sitzt. Er fliistert ihr zu : ,,Mary, schlafst du 
nicht?" ,,Nein", antwortct sie, ,,du auch nicht?" Einige 
Minuten herrscht Stille, in seiner Brust tobt es wie rasend, 
vor den Augen flammt ihm alles in roten Wogen, und seine 
Nasc saugt in begehrlichem Hunger den Nachtgcruch dcs 
schwarzen Zimmers ein, und da steigt er vom Bctt und 
geht auf zittcrnden FiiBen auf das andere Bett zu . . . 
Nun, Antal Kidar, was willst du noch mehr auBer der 
griinen Schurze, dem Besenstiel, dem rcichlichen Brot, 
dem Freibier, dem Dampfbad am Sonntagmorgen, der 
elterlichen Giite der Familie Csordis und der demuti- 
gen, den Herrn in dir ahncnden Umarmung der Magd 
MaryPl 



'3 

FAST cin Jahr ist cs schon, daB er zu Csordas's gekommen 
1st. Er kann schon ganz gut Englisch. Seine Hande sind 
rauh und rot. In der Gegend kennt man ihn bereits. Er 
freundet sich mit den Arbeitern aus der Stahlfabrik an. 
Ganz gcnau weiB er schon, welche Mannschaft in der Pro- 
fessionistcn-Liga fiihrt. Und die Tage voll Hausknechts- 
arbcit ziehen Paul, Biicher, Hochschule, Architektur, 
Karricre hintcr einen didtfen, grauen Vorhang; und die 
Nachte mit Mary verschiitten die Stimmen der Musik, die 
Erinnerung an Tilly. Leben und Erinnerungen : alles wird 
kleiner und triibe; an nichts braucht cr zuriickzudenken, 
er hat weder Grund noch Gelegenhcit dazu, und dann, 
selbst wenn er wollte, konnte er nicht mehr. 

Eines Morgens verirrt sich wieder ein Ungar in die 
Kncipe. Kadar stcht in der oficnen Tiir, die grime Schiirzc 
um, cr schaut auf die StraBe. Auf dem FuBsteig kommt cin 
Mann mit cincm griinen Hut; als er vor dem Eingang an- 
gelangt ist, macht er plotzlich halt, bleibt einen Augenblick 
stehen, dann streckt er die Hand nach dem Schild aus und 
sagt auf Ungarisch: ,,ach, nein, das hab ich auch nicht 
gewuBt, daB es in London ein ungarisches Restaurant 
gibt!" und erwartungsvoll blickt er Kadar an. ,Ja, ja, 
das gibts", antwortet er und reicht ihm die Hand, ,,was 
suchcn Sic denn in dieser Gegend?" Nur Margit ist ?u 
Hause, zu dreien sitzen sie an cinem Tisch, und der An- 
kommling, Pista Toth, erzihlt cifrig, vom Bierkrug 
und der ungarischen Sprache angeregt. Pista T6th, 
so nennt er seinen Namen, ist Privatdiencr bei Herrn 
Legationsrat v. Szervinszky, hier an der Gesandtschaft, in 
diesem bodenlos groBen London. Und hier in diese Gegend 
war er gekommen, well der Herr Rat ihn zu scincm 
friihcren cnglischcn Diener geschickt hat, nach einem 
Paar Stiefel fragen, die verschwunden waren . . . es sei doch 
besser, einer solchen Sache personlich nachzugehen. Aber 

249 



natiirlich konne er Englisch . . . nicht gcradc bcsondcrs 
gut, afocr doch immerhin gcnug, daB man ihn nicht vcr- 
kaufen konne, dcnn bcvor cr hicrher gckommen sci zu 
Hcrrn Rat v. Szervinszky, war er schon voile scchs Jahrc 
Dicncr bci Herrn Barnes, dem graflichen cnglischcn 
Trainer, in Alag gewcscn. Nun also, der gewissc fruhcre 
Diener wohnt in dieser Gegend, in Deptford in einer 
Griffin Street, so war er hergekommen. Ungarische 
Gesandtschaft, vor Kddars Augen leuchtet ein Monokel 
und ein scharfer Scheitcl auf hcllblondem Kopf auf, und er 
hort cine Stimme: nein, das ist doch nicht Ihr Ernst . . . 
die Gesandtschaft ist wirklich nicht in der Lage ... das 
Bier wird ihm sauer im Mundc, aber er hort Pista Toth 
wciter zu, der redselig ist und sich in der lauen, nach Bier 
riechenden Schenke wohlfiihlt. Lang und breit erzahlt er 
von seinem Herrn, ein feiner Herr ist er, reitet blendend, 
und die schonen englischen Damen haben ihn sehr gern, 
dann spricht er von sich, wie er eben auf Empfehlung des 
Grafen nach London gekommen sei zum Herrn Rat, und 
kaum sei er hier gelandet, ,,da hat mich ein Teufelswind 
beinahe nach Afrika geblasen", sagt er, ,,das war eine merk- 
wiirdige Geschichte. Denken Sic sich bloB, mein Herr 
verkehrte hier bei einer Architektenfamilie, stcinreichen 
Leuten, dort traf er eine Witwe, deren Mann, als er noch 
lebte, der Kompagnon jenes Architekten war, na, und, 
Sie mogen cs glauben oder nicht, die Witwe war eine 
Ungarin, stammte aus Kassa. Pista, hat der Herr Rat zu 
mir gesagt, das ist eine stramme Frau, jetzt fiihrt sie das 
Geschaft selbst, die muBt du dir ansehen! der Herr Rat 
steht namlich sehr gut mit mir, ein netter, feiner Herr ist 
er, also, das hat er eines Morgens zu mir gesagt, als cr 
mich mit einem groBen Blumenstraufi zu der Dame schickte. 
Sie wohnt in einem feinen Hotel, weifi der Kuckuck, wie es 
heiBt, in der StraBc, wo ihre Kompagnons das Biiro haben, 
denn sie sind wohl zu vieren oder fiinfen; Alexander oder 
so heiBen sie, also, ich gehc mit meinen Blumen los in der 

250 



griinen Jagerlivree, und da ich nun wuBte, daB die Dame 
Ungarin ist, griiBe ich sic, als man mich zu ihr reinlaBt, 
kuB die Hand, gnadige Frau, guten Morgen wiinsch ich, 
sag ich zu ihr auf Ungarisch. Natiirlich hat sie sich dariiber 
gefreut Na, und da ergab sich ein Wort aus dem andern, 
schlieBlich sagte ich zu ihr, das ware hier eine Stelle fur 
mich, gnadige Frau, ich habs zwar beim Herrn Rat 
Szervinszky sehr gut, aber diese Herren von der Gesandt- 
schaft werden einmal hierhin versetzt, cinmal dorthin 
geschickt, und so ein unruhiges Leben ist nichts fur mich, 
zuletzt war ich auch sechs Jahre auf einer Stelle, in Alag. 
Da fangt die Dame an zu lachen und sagt, aber ich Jebe ja 
nicht in London, sondern in Kapland oder weiB der 
Teufel wo, in Afrika, aber, hat sie gesagt, wenn ich wolle, 
nehme sie mich mit, es sei sowieso nicht angenehm, unter 
den schrecklich vielen Fremden so allein zu sein, denn Sic 
wissen ja, ihr Mann ist tot. Oh, kiiB die Hand, habe ich ihr 
geantwortet, das ist mir zu weit, von da kommt man ja nie 
mehr zuriick . . ." Und cr redet weiter, nun wieder vom 
Herrn Rat und dem feinen Leben in London und der Menge 
schoner Londoner Damen, die seinen Herrn so gern haben, 
und wie er so redet, da regt sich in Kadar leise und ganz 
ticf innen das Stahlkornchen, und bei Pista Toths Ge- 
murmel blcibcn die Miihlsteine auf einmal laut knirschend 
stchen, ,,wie heiBt die Dame eigentlich?" fragt er ganz 
obenhin und hat plotzlich das bestimmte Gcfiihl, jet^r 

wiirde irgend etwas beginnen ,,Eine Frau Meier", 

wirft Pista Toth hin, und spricht weiter. Jetzt kann er nicht 
mehr aufpassen, Worte wiihlen ihm durch den Kopf, 
keins von ihnen versteht er, keins weiB er genau; und als 
nun jemand in die Wirtsstube tritt, springt er an den 
Schanktisch und setzt sich dann nicht wieder zu den beiden 
zuruck, sondern geht in die Stube des Alten, nimmt aus 
dem Wandschrank das Telefonbuch, sucht das Branchen- 
verzeichnis und blattert mit zitternder Hand bis dahin, wo 
stcht: Builders. Die erste Adrcsse, die er am Anfang der 

251 



Spaltc erblickt, 1st: Abley, Alexis, Hutton, Myers & Scott, 
42 Piccadilly. Alexander . . . das wird Alexis sein, Myers . . . 
Pista Toth hattc etwas von ciner Frau Meier gesagt. Das 
Gitter am Fenster fangt an zu tanzen, die Decke klafFt 
verschoben iibcr seinem Kopf, der Wandschrank will 
das Telcfonbuch seiner unsichercn Hand nicht wieder ab- 
nehmen, durch die offcne Tiir brummt die Stimme Toths 
in leisem und monotonem Durcheinander, und in diesem 
wiistcn Ringclspiel ist nur ein Ton scharf, nur ein Licht 
hell, der singt und das strahlt in seinem Inncrn: Piccadilly 



14 

SlND Sic diplomierter Bauingenieur?" fragt Mrs. Myers, 
geborene Ilona Szabo aus Kassa. ,,Nein", antwortet er 
leichthin, ,,ich habc bisher nur zwei Examina abgelegt . . . 
aber ich habe Ideen." Mrs. Myers sitzt hinter einem 
machtigcn, breiten Schreibtisch, Kadar ihr gegeniiber auf 
einem niedrigen Sessel. Noch zwei Lehnstuhlc, an der 
hintern Wand ein niedriger Glasschrank: das ist das ganzc 
Mobiliar des kleinen Zimmers. 

Wie war er hierher gekommen? Am Tage nachdcm 
Pista Toth sich ins Wirtshaus verirrt hatte, bat er den Alten 
um Urkub fur einen Vormittag; er rannte ins Dampfbad, 
zog seinen guten grauen Anzug an und stand um elf Uhr 
auf dem Piccadilly vor einem dreistockigen, vornehmen, 
palastattigen Haus. Die durch wachte Nacht, das heifie 
Wasscr und der Dampf des morgendlichen Bades rasten in 
iiberhetzter Lebhaftigkcit durch seinen Korper. Am Haus- 
tor hing eine schwarze Marmortafel, kaum grdficr als eine 
Postkarte, und darauf stand: Ablcy, Alexis, Button, 
Myers & Scott, Building Co. Ltd. Er klingelte im ersten 
Stock an einer niedrigen weifien Tiir, an der kleine schwarze 
Buchstaben anzeigten: Office-Bureau. Ein Diener in 



dunkclblauem Dienstanzug offnetc. ,,Ich mochte Mrs. Myers 
sprechen." ,,Geschaftlich?" ,,Nein, privat." 
,,Dann suchen Sic Mrs. Myers bitte nachmittags nach fiinf 
Uhr im Berkeley Hotel auf." Er fiihlt, wie ihm jeder 
Tropfen Blut aus den Wangen weicht, als er gegen halb 
sechs den Hotelportier fragt: ,,Mrs. Myers?" ,,Jawohl, 
die Dame 1st zu Hause", antwortet der Portier und sagt die 
Zimmernummer. Und dann steht er in einer Art Diele 
vor einer Frau in dunklem Kleid, wohl einer Zofe. ,,Mrs. 
Myers?" sagt sie, ,,ja, sie ist zu Hause, wen darf ich 
melden?" ,,Antal Kadar, sagen Sie bitte der gnadigen 
Frau, ich sei Ungar und bate sie um cine kurze Unter- 
redung." Bald darauf offnet sich die kleine Glastiir. 
,,Sie sind Ungar? und suchen mich?" fragt eine Jung aus- 
sehende Dame im Trauerkleid, die in der Tiire steht. 
Kadars groBe, breitschultrige Gestalt, sein guter Anzug 
und seine guten Schuhe, sein glatt zuruckgekammtes, 
leuchtend blondes Haar, sein reines Gesicht und seine 
klarblickenden Augen konnten der fremden Dame den 
Bettler nicht verraten und tatsachlich: Kadar war in 
diesem Augenblick alles andere als ein Bettler. Seine Ncrven 
spannten sich plotzlich, seine Phantasie flog laut pochend, 
und in seiner auBersten Entschlossenheit war er der 
Dichter eines herrlichen Traumes, der Lenker einer ent- 
scheidenden Schlacht, und wenn es sein muBte, der Rauber, 
jeder Gemeinheit fahig. In leichtem, unbefangenem Ton 
nennt er seinen Namen, kraftig hebt er die Hand der 
Dame an die Lippen und kuBt sie, leicht plaudernd 
bittet cr sie um eine kurze Audienz. Zwischendurch 
beobachtet er erstaunt und fast verbliifTt seine eigene 
Stimme, seine cigenen Bewegungen, Theater, Herrgott, 
ich spiele gut . . . oder bin ich vielleicht lacherlich und 
mcrkc cs nicht?! Er spricht mit reiner Aussprache, 
fchlerlos, seine Worte sind gewahlt und dennoch einfach; 
er hat nichts vergessen und verlernt, und Mrs. Myers steht 
bereits im ersten Augenblick unter dem sentimentalen 



Zauber der Muttcrsprachc. Sic schrciten durch zwei 
pompos eingerichtete Zimmer, dann, in dem kleinen 
Arbeitszimmer, setzt sich Mrs. Myers und bietct ihm gegen- 
viber Platz an. Kadar betrachtet sie : kaum bis an die Schulter 
mag sie ihm reichen, aber sie hat eine frische, jugendliche 
Figur. Die energischen Gesichtsziige losen sich in den 
Schattierungen der leicht kreolenhaften Hautfarbe auf. 
Kurzes, kohlschwarzes Haar, vorn tief in die Stirn gekammt. 
Auch die Augen sind kohlschwarz. Er blickt auf ihre 
Hand, wie sie eine Zigarette ansteckt: die Hand 1st schmal 
mit langen Fingern und rosa glanzenden Nageln. Und 
ich . . . bin einen Kopf groBer, habe blondes Haar und 
blaue Augen und . . . eine unbedingt schone Frau. Dieses 
stille Mustern und unwillkurhche Abtaxieren wird von ihr 
unterbrochen, als sie nach der Zigarettenschachtel zeigt: 
,,bitte . . . also, Sie sind Ungar." ,Ja, gnadige Frau, ich 
bin Ungar . . /' und weiter beobachtet er wie sein eigcner 
Zuschauer mit GenuB seine sichere, kiihl und klug iiber- 
legene, ruhige Stimme: ,,Ungar . . . das heiBt, wie man es 
nimmt, in gewissem Sinne Kosmopolit. Jedenfalls stamme 
ich aus Siebcnbiirgen von einer sachsischen Familie ab, 
bisher habe ich auBer in Budapest hauptsachlich in Wicn 
und ... in Deutschland gelebt, ein wenig auch in Frankreich 
und in der Schweiz, voriibergehend, nur cin paar Monate . . . 
ja, die Studentenjahrc sind nur dann schon, wenn sie Ab- 
wechslung bringen. Aber leider ist Mitteleuropa, vielleicht 
sogar der ganze Kontinent irgendwie doch nicht das, 
was ..." er blast den Rauch hoch in die Luft und sieht 
ihm mit gerunzelter Stirn nach, ,/was den Ehrgeiz und 
die Phantasie eines jungen Mannes von heute befriedigen 
k6nnte. Der Krieg ist nicht in der Weise Hquidiert 
worden ..." was fiir eine fremde Stimme! ,,der nach 
dem Kriegc zusammcngebrochene und vielleicht immer 
weiter sinkende Kontinent ..." dicse Stimme . . . das 
ist ja Feuersteins Stimme! ... ,,der Kontinent ist fur 
Dczennien materiel! und geistig total verwirrt, und wenn 

254 



ein junger Mann seinen Plate unter der Sonne finden 
so gibt es keinen andern Wcg fur ihn als Amerika oder . . ." 
und wie zufallig sicht er jetzt der Frau ins Gesicht, ,,oder 
die Kolonien einer Weltmacht." ,,Meinen Sie?" sagt 
Mrs. Myers, ,,und was haben Sie denn fiir Plane?" Fertige 
Plane habe er vorlaufig noch nicht, vorlaufig lebe er hier 
in London, voriibergehend, vielleicht wiirde er bei einem 
gutrenommierten Architekten als Volontar unterzukommen 
suchen. ,,So? Sind Sie fertiger Bauingenieur?" ,,Nein, 
bisher habe ich nur zwei Examina abgelegt, aber ich habe 
Ideen." Da fliegr eine etwas triibe Wolke iiber ihr Gesicht, 
nur fiir einen Augenblick, aber er bemerkt es und wartet 
geradezu auf die Frage: ,,Sagen Sie mal, wie haben Sic 
eigentlich meine wie sind Sie eigentlich zu mir ge- 
kommen?" ,,Bei der der Gesandtschaft . . ." entfahrt 
ihm das Wort, und schon lauft es ihm kalt iiber den Riicken 
wegen dieser Unbedachtsamkeit, ,,das beiBt, ein Freund, der 
bei der Gesandtschaft verkehrt . . . und so, da Sie doch Ungarin 
sind" ,,Ah", sagt Mrs. Myers, erhebt sich, geht an den 
Rauchtisch, eine neue Zigarette brennt in ihrem Mund, 
dann stellt sie sich etwas unvermittelt und mit eckiger Be- 
wegung vor ihn hin und blickt ihm ins Gesicht: ,,Sehen 
Sie mal. Ich weiB nicht, wer Sie sind, aber auf zwei Fragen 
mochte ich aufrichtige Antwort haben, verstehen Sie? fair 
play! WuBten Sie, als Sie herkamen, daB ich durch meinen 
verstorbenen Mann an einem groCen Bauunternehmen be- 
teiligt bin? Ja?" ,,Ja", antwortet er und fiihlt, wie die 
zuriickgedrangte Erregung ihm den Brustkasten zu spren- 
gen droht, ,,und wenn ich cs nicht gewuBt hatte, in dem 
Augenblick, als ich das Firmenschild Ihres Biiros sah tl 
jja", fahrt Mrs. Myers fort, ,,und jetzt sind Sie hier, damit 
ich Ihnen eine Anstellung bei unserer Firma verschaffe? 
ja?" Und nun . . . nun hinstiirzen, sich vor diese bciden 
schmalen schwarzen Schuhe wcrfen und in unerhdrter 
Qual hicr, vielleicht an der richtigen Stelle, alles ausweinen, 
was bisher gewesen ist, das fiirchterliche Leben, die 



fiirchtcrlichcn Menschen, die fiirchtcrlichcn Schicksale 
und flchen, mit der Erniedrigung eines geborcncn Settlers 
oder mit der Aufrichtigkcit eines zu besserm Los Bestimmten 
flehcn und nicht eher aufstehcn, als bis er eine Anstellung 
als Zeichner mit vier Pfund Gchalt in der Woche o nein. 
Hier gibt es keinen Mittelwcg, kcine vier Pfund pro Woche 
und keine Anstellung als Zeichner, hier gibt es entweder 
die ganze Welt oder ein paar lumpige Schilling, Vargas 
lumpige Schillinge. Und dann, alle Nervenfasern bis zum 
auBersten angespannt und mit einer letzten Kraftanstren- 
gung hinter der faltenlosen Stirn und den frcundlich, ein 
wenig ubcrlegen lachelnden blauen Augen sagt er: ,,Mein 
Gott . . . cine Stellung in einem Londoner Hiiro? Sic sind 
sehr liebenswiirdig, gnadige Frau, und verpflichten mich 
zu groBem Dank, abcr, nehmen Sie es mir nicht iibcl, 
dariiber bin ich schon hinaus." Seine Hand greift unauf- 
gefordert nach der Zigarettenschachtel, macht dann in der 
Luft halt, und langsam, ohne Zittern senkt sie sich auf die 
Tischkante. Seine Augen suchen mit klarem, blauem 
Strahlen das schwarze Augenpaar. ,,Aber . . . wenn Sie 
mich mitnehmen wollcn nach Afrika, dorthin wiirde ich 
mit Ihnen gehen." 

Nach drei Viertelstunden ist er wieder auf dem Picca- 
dilly, alles tobt und braust in ihrn, und er hat das Gefuhl, 
die erste Schlacht gewonnen zu haben. Mrs. Myers hat ihm 
nicht die Tvire gewiesen. Nein. Als er sagte: nach Afrika 
wiirde ich mit Ihnen gehen, brannten ihre Augen ein 
wenig frappiert auf seinem Gesicht, dann glitt der Blick 
von ihm ab, und Mrs. Myers sprach sofort von etwas 
anderm; sie erkundigte sich nach Ungarn, das sie vor elf 
Jahren als siebzehnjahriges junges Ding verlassen hatte, 
um nach London ubcrzusicdcln, wo die Firma des vcr- 
storbenen Herrn Myers und seiner Kompagnons war. Abcr 
1913 lebten sie bereits in Sydney; Myers Icitctc namlich die 
kolonialen, beziehungsweisc die au&ereurop&ischen Ange- 
legenheiten der Firma, seit 1917 wohntcn sie dann in Port 

256 



Elizabeth bis zum vorigen Jahr, als die grauenhafte Sache 
passierte . . . ihre Augen verschleiern sich ein wenig, ,,nie- 
mals war auch nur das geringste geschehen, dabei hatten 
sic mindestens schon hundertmal im Flugzeug gesessen, 
aber vorigen Herbs t muBte Myers in Vertretung des einen 
Sozius nach Dublin reisen, und der Flugapparat erlitt in 
unmittelbarer Nahe Londons, tiber Watford einen Motor- 
defekt, entziindete sich und stiirzte aus siebenbundert Meter 
Hohe ab . . ." Dann sprechen sie von etwas anderm. 
Von Kadar. Von seinen Eltern, die vor dem Kriege eine 
Papierfabrik hatten. Von den Londoner Bekannten, bei 
denen er wohnt und die Besitzer mehrerer Immobilien 
in Londons Umgebung sind. Von seinem Freund, dem 
jungen Wiener Millionarssohn, mit dem er auf eine mehr- 
monatige Studienreise hierhergekommen und der das Opfer 
eines eigenartigen StraBenunfalls geworden war . . . 
,,haben Sie es nicht gelesen?" und dann kommt das 
Gesprach irgendwie wieder auf Port Elizabeth, dk- 
Verhandlungcn mit den Kompagnons sind gerade ab- 
geschlossen, sie behalt den Anteil ihres Mannes am Ge- 
schaft, das heifit, sie laBt ihn sich nicht auszahlen, und das 
Un*ernehmen in Kapland beabsichtigt sic weiterzufiihren, 
schlieClich hat sie ja in den vier Jahren, wahrend derer sie 
in den Betrieb Einblick tun konnte, die Angelegenheiten 
und den Geschaftsgang iiberhaupt kennengelernt, die Leute 
unten sind auch vortrefflich, und schlieBlich kann man 
seine Interessen nur selbst und an Ort und Stelle ent- 
sprechend wahren . . . aber vor allem, wer einmal dort 
unten gelebt hat in der Kapkolonie, der kann sich anden- 
wo nicht mehr recht ,,Ungarn? mein Gott, viellcicht 
spatcr einmal, aber nur auf einen kurzen Besuch . . . lfc und 
dabei lacht sie, ,,nein, ich sehne mich wirklich kaum nach 
Hause . . . nein, i wo, bose bin ich nicht auf meine Heimat! 
ich habe nur keinen Kontakt mehr, natiirlich . . . Aber 
glauben Sie mir, manchmal verlangt es einen nach der 
Muttersprache, kiirzlich hat sich mir eln ungarischer 

17 Kiirincndi. ttudftpofft 257 



Diener vorgestellt, er kam von einem Herrn von der 
Gcsandtschaft . . . Both oder T6th hieB er . . ." o Gott, 
wenn ich jetzt rot werde . . . aber sein Gesicht blieb un- 
verandert, und sein Herzklopfen horte nur cr selbst. Dann 
wurde ihm gestattet, sich in den nachsten Tagen telefonisch 
zu melden, und damit ging er. 

Er geht iiber die StraBe : die erste Schlacht ist gewonnen. 
Mrs. Myers denkt jetzt gcwiB dariiber nach, was ich von ihr 
wollte . . . Die verklungenen Worte kommen ihm wieder und 
wieder ins Ohr, und wie er sich das Bild der Frau vor die 
Augen zuriickruft, da steigt unumstoBlich das Gefiihl in 
ihm auf, von hier aus, vom Piccadilly wird sein Weg 
beginnen, nun endgiiltig, aufwarts, dem Wohlstand, der 
Erfiillung, dem Gelde zu! Im Voriibergehen blickt er in 
einen groBen Schaufensterspiegel, er bleibt stehen, tritt 
zuriick und betrachtet seine Gestalt im Spiegel. Diesen . . . 
Anzug darf ich nicht mehr ablegen! die griine Schiirze 
darf ich nicht mehr anziehen! Der Himmel ist eine einzige 
graue Glocke, und zeitweise fangt es an zu regnen. Ich muB 
mich in den Autobus setzen . . . oder in eine Taxe. Und wie 
vieles gibt es noch, wird es noch geben, was ich jetzt, in 
diesen Tagen alles noch tun oder haben muB. Vor allem 
brauche ich freie Zeit, und Geld. Wie konnte ich mir 
Geld verschaffen? wen konnte ich um Geld bitten? von 
wem welches bekommen? der alte Csordas gibt mir 
sicher nichts. Du weiBt doch sehr gut, daB ich mein Geld 

nicht darum spare, um vielleicht Margit? Margit hat 

ja kein Privatgeld, und warum sollte sic ihm auch etwas 
geben? Gyuri? von seinen zwei Schilling Taschengeld in 
der Woche? Und was er selbst noch besitzt, ein Pfund 
und einige Schilling, was kann man damit anfangen? 
Abcr ich muB mir Geld verschaffen, unbedingt! zu allererst 
hangt es davon ab, alles hangt davon ab . Am 
Rande des Cattle Market stcht Barbara's Public House, 
und hinten in dem einen Lokal sind drei Automaton, ein 
Penny-, ein Halber-Schilling- und ein Ein-Schilling- 

258 



Automat . . . einmal war ich da mit Gyuri, Dummheit. 
Wozu auch nur einen einzigen Penny fiir diesen Schwindel 
riskieren? beim Mauscheln habe ich einmal dreihundert 
Kronen gewonnen, in Innsbruck, aber das hier ist Schwin- 
del, um Dockarbeitern, Gepacktragern, Marktstrolchen, 
Schlachtergesellen ein Scherflein aus der Tasche zu 
locken. Ich muB doch den alten Csordis um Geld bitten, 
naturlich nur geliehen, Csordas bacsi, bitte nur fiir eine 
Woche, nur fiir eine Woche brauch ich etwas Geld, reiche 
Vcrwandte sind angekommen, und mit denen - 
Unsinn! hort er die brummige Stimme des Alten, wo von 
willst du es denn zuriickbezahlen? und wenn die Verwandten 
reich sind, warum bezahlen sic dann nicht das Vergniigen? 
mein Geld spare ich nicht dazu Oder vielleicht irgend- 
eine Arbeit ubernehmen? . . . Idiot! jetzt auf einmal Arbeit 
ubernehmen, ein gauzes Jahr lang habe ich dazu keinc 
Zeit gehabt? und jetzt plotzlich werde ich ausgerechnet 
eine Arbeit finden, fiir die man anstandig bezahlt? und wic 
wird das mit der freien Zeit? wann denn arbeiten und 

wann und hatte ich ihr nicht sagen sollen: sehen Sic 

mal, ich fiihre ein unmenschliches Leben, arbeite als Dienst- 
bote, obschon ich zu etwas Besserm bestimmt war, ver- 
helfen Sie mir zu einer Anstellung als Zeichner mit vier 

Pfund Wochengehalt und zwischendurch absolviere 

ich dann die Hochschule ... Sie werden nicht verlieren, 
was Sie fiir mich opfern 

Und dann, er weiB selbst nicht, wie, steht er in der 
Stube des elenden Hotels vor den Pferderenn-Automaten. 
Es hat keinen . . . es hat keinen Sinn . . . mit Hellern herum- 
zubasteln, also . . . geboren bin ich achtundneunzig : das ist 
eins und acht und neun und acht, macht sechsundzwanxig, 
gleich zwe. : und sechs, zusammen acht . . . und in die 
Offnung unter der Acht driickt er einen Schilling und zieht 
an dem Griff, die Pferdchen drehen sich, und an der 
roten Linie, die das Ziel bezeichnet, bleibt das rosa Pferd 
stehcn: die Acht. Der Apparat klingelt, und unten fallen 

17* 



zwei Schillingstucke heraus. Den gewonnenen Schilling 
steckt er wicder in die Offnung unter der Acht, zieht den 
Griff, das Feld dreht sich, am roten Strich bleibt das rosa 
Pferd stehen, der Automat klingelt, ein guter Tip, das 
Geburtsjahr. Das rosa Pferdchen holt auch zum drittenmal 
den Schilling heraus; dann fallt ihm ein, daB er 1908 nach 
Budapest aufs Gymnasium gekommen ist, Resultat: 
neun. Jetzt bleibt an der roten Linie ein griines Pferdchen 
stehen: die Neun! Er lacht still in sich hinein. Sein Blick 
fallt auf die Uhr an der Wand: halb drei. Hinter ihm bleibt 
jemand stehen und sieht ihm zu. Einen Schilling auf die 
Neun. Am roten Strich bleibt das lila Pferd stehen, ein 
schadenfreudiger, rasselnder Ton im Automaten zeigt an, 
daB er verloren hat. Einen Augenblick stutzt er, na, 
macht nichts. Einen Schilling auf die Neun. Diesmal 
gewinnt das schwarze Pferd, der Automat rasselt. Nun 
gerade: einen Schilling auf die Neun! Wieder siegt das 
schwarze Pferd. Macht nichts! weiter mit der Neun! 
Braun kommt rein. Dann . . . dann zuriick zur Acht! Wie 
zum Trutz macht jetzt das griine Pferd das Rennen. 
Nochmal auf die Acht! und nun stehen schon vier oder 
funf Leute hinter ihm, und auch vor die andern Apparate 
stellen sich ein paar, schlieBlich sind bereits zehn und 
zwanzig Menschen versammelt: abwechselnd klingeln und 
rasseln die Automaten, seiner, seiner rasselt bloB. Nach 
sieben oder acht Versuchen klingelt er wieder einmal, 
Kadar atmet auf: jetzt kommt das Gluck wieder. Nein, 
die nachste Drehung wird wieder von dem argerlichen 
Gckrachze begleitet, es flimmert ihm vor den Augen. Ein 
dichter Ring von Menschen steht hinter ihm, als er an die 
Kassc wankt und sein Pfund in Schilling umwechselt, 
wieder 7uriick an den Automaten. Gegen vier Uhr rasselt 
der Apparat seinen letzten Schilling weg, da tritt er ein 
wenig zuriick, und es ist ihm zumute, als miisse er jetzt mit 
der Faust in die grinsendc, runde Glasschcibe haucn, untcr 
der die Pferdchen laufen, abcr da fangt er an zu lachen. 

260 



Sofort lacht auch eincr hintcr ihm, und dann zwei und dann 
fiinf und dann zwanzig, und schlieBlich drohnt der ganze 
Saal von schallendem Gelachter. ,,Prachtkerl", sagt ein 
Zerlumpter hinter ihm mit der Pfeife im Mund, ,,ich hatt 
dem Ding einen Tritt versetzt, und den Inhaber hatte ich 
verpriigelt, gemeine Schwindler die!" ,,Na, fein sieht 
der aus", sagt ein anderer. ,,Was heiBt fein", entgegnet ein 
dritter, ,,von Anfang an beobachte ich hier die Sache, 
meinen Kopf drauf, wenn das Ding nicht hundert Schilling 
geschluckt hat!" ,,Der sieht gerade aus, als wenn er 
hundert Schilling gehabt hatte, du Ochse, ich hab ja 
gesehen, wie er eben ein Pfund an der Kasse gewechselt 
hat!" ,,Aber, wenn ich dir sage, Mensch!" Kadar 
lacht noch immer, als er auf die StraBe tritt, futsch mein 
Letztes . . . habe ich mir das nicht vorher gesagt? na, 
und? nicht schlimm. Neunundzwanzig Schilling vcr- 
loren ... is t es nicht egal, ob ich neunundzwanzig habc 
oder kcincn? nein, nicht neunundzwanzig Schilling machci, 
cs. Er reibt die schweiBige Hand an seinem Rock, streicht 
sich vor einer Personenwaage auf der StraBe das Haar glatt 
und bcgibt sich nach Hause. 

Csordas sitzt in seinem Zimmer am Tisch und rechnet 
auf einem groBen Bogen Papier, als er eintritt. Noch in der 
Tiir nimmt er einen Anlauf und erzahlt, es seien alte Be- 
kannte in London angekommen, nein, keine Ungarn, 
Wiener, und da er sic ein biBchen in London herumfuhren 
mochte, obschon er gar kein Geld dazu habe, bitte er, ihn 
ein paar Tage, sagen wir acht bis zehn Tage, zu bcur- 
lauben. Der Alte sieht ihn unlustig an. ,,Bekannter 
Besuch? Na, gut, ich mag es zwar nicht sehr, wenn ein 
junger Mensch wie du untatig herumstrolcht, aber wenn 
du willst, schon, fur eine Woche . . .", aber umsonst leben, 
das widerspricht vollkommen seinen Prinzipien, daher 
konne er, wenn er wolle, fur die Zeit des Urlaubs ausziehen, 
wenn nicht, dann solle cr fur Kost und Logis sagen wir 
taglich . . . taglich anderthalb Schilling bezahlen, nicht 

261 



teucr, was? Das Lachen, das am UngliicksaiHomaten 
bcgonnen hat, kitzelt ihn wieder in dcr Kehle, nur fur einen 
Augenblick, aber es geniigt, um das herbe Wort, das 
sich hcrausdrangen wollte, zuriickzuhalten. Anderthalb 
Schilling taglich? billig, wirklich billig, er dankt vielmals, 
noch weiB er nicht, ob er hier wohnen bleibe oder mit 
seinen Gas ten Nein, das macht die Sache nicht, und daB 
er nun natiirlich den Alten nicht um Geld bitten kann, auch 
das machts nicht, auch Margit kann er nicht angehen, sic 
hat auch nichts und wiirde es bloB dem Alten gleich 
petzen . . . das machts auch nicht, und daB er jetzt keinen 
Kreuzer besitzt, das auch nicht, und wenn er irgendwo 
einbrechen muB oder Brand stiften oder jemanden cr- 

morden, auch das wird die Sache nicht machen 

Aber als sich der Abend niedersenkt, umspinnen ihn 
Unruhe und Sorge, wo und wie werde ich mir das Geld 
verschaffen? Er sieht sich die Menschen vor dem Schank- 
tisch und in der Gaststube an, wie sie trinken und essen. 
Vielleicht der dicke Parkins, der immer Bohnen mit Speck 
iBt . . . vielleicht konnte man den fragen, oder vielleicht 
den mit dem Bart, der so russisch aussieht und dessen 
Namen er nicht weiB, verdachtige Gestalt, gewiB ein 
Sowjetagent . . . horen Sie mal, ich weiB, wer Sie sind . . . 
und schon gibt er Geld, oder aber er lacht mich aus und 
macht einen Skandal . . . Oder vielleicht Frau Silber, die 
hiistelnde, mage re Judin, die haben meistens etwas Geld 
irgendwo versteckt, aber aus welchem Grunde sollte sic 
es ihm geben? Und dieser Dunne da, Thomas heiBt er, 
der kommt auch jeden Tag her, ein trauriger Mensch ... 
Er gcht in die Gaststube und setzt sich an einen Tisch, 
ein schweigsamer junger Mann plagt sich mit schlechten 
Zahnen an einem zhen Fleischstuck ab; von einem zum 
andern springen Kadars Augen, einzeln mustert er die 
Gaste. Werkmeister Durham, der hat gewiB beiseite gc- 
legtes Geld, Mrs. Wynncr, Witwc und bettelarm, 
Salzkartoffeln iBt sie ... und der da, der vielleicht Geld hat, 

262 



und jencr, der cin Geizhals 1st ... Herrgott, was fur cine 
Kinderei, was fur eine Dummheit 1st das, was ich da 
mache! soil ich mich etwa mitten auf den Platz stellen: 
meine Herren, ich brauche zwanzig Pfund, bloB fiir eine 
Woche, dann gebe ich sie zuriick . . . oder ich gebe sie nicht 
zuriick . . . du lieber Himmel! wo soil ich das Geld her- 
nehmen ? ! 

Gegen zehn Uhr hatte er die blinde Aufregung, das 
fruchtlose Kopfzerbrechen bis zur Unertraglichkeit satt. 
Todmiide geht er in seine Stube, wirft die Kleider ab und 
legt sich ins Bett. Er starrt die Decke an. Zwanzig Pfund, 
und jenes andere Leben. Ihr folgt er bis ans Ende der Welt, 
jener Frau. Gnadige Frau . . . ich kann nicht ohne Sie 
leben, was fiir ein Blodsinn ! diese schlecht gekniipfte 
Scharlatanmaske abwerfen, gnadige Frau, hier halrc 
ichs nicht wciter aus, nehmen Sie mich mit, ganz gleich 
als was, als Diener, als was Sie wollen . . . aber warum"" 
aus Mitleid? ja, aus Mitleid! weil er Ungar ist? ja, well er 
Ungar ist! und weil sie reich ist und eine Frau ist und weil . . . 
wenn ich neben ihr stehen wiirde weil ich nicht mehr 
kann, ich kann nicht mehr und kann nicht mehr, mein 
Gott, ich kann nicht mehr, erlose mich, ich kann nicht 
mehr, ich muB krepieren, erlose mich und hilf mir und gib 
mir Kraft, daB ich mich umbringe oder sonstwas, aber das 
halte ich nicht mehr aus, dieses Leben, Herr mein Gott, 

mein Gott und seine Arme strecken sich nach dem 

Dach, und mit hervortretenden Augen und stockendem 
Atcm erwartet er die Erlosung oder den Schlaf. 

Nach elf Uhr offnet sich leise die Tiire, Mary kommt 
aus der Kiiche. Seltsam, bisher war er noch nie friiher 
schlafen gegangen als sie. Mary macht kein Licht, sie 
fliistert ihm zu, ,,Tony, schlafst du schon?" er gibt keine 
Antwort und atmet laut und gleichmaBig. Im Finstern 
h6rt er ihr sachtes Hantieren; dann offnet sich der Wasser- 
hahn, in dunnem Strahl rieselt das Wasser, dann hort man 
lange Minuten das leise Plgitschern, wie sie sich wascht. 

26? 



Mary seufzt tief. Mit halb geschlossenen Lidern spaht cr 
durchs Dunkel, vor dem andcrn Bett bewcgt sich cin groBer 
heller Fleck, das Madchen von oben bis unten nackt, 
natiirlich, sie trocknet sich ab. Dann hort er, wie das nasse 
Handtuch an den Rand des Waschtisches schlagt, Leinen 
knistert, ihr Hemd, dann quietscht das Bett unter ihrem 
Gewicht, da setzt er sich plotzlich in seinem Bett auf, 
,,Mary", fliistert er, ,,was ist, Tony, schlafst du nicht?" 
,,nein . . . du, Mary . . ." -- ,,na, was willst du denn?" er 
springt auf, setzt sich an den Rand ihres Bettes, ,,du 
Mary " Es ist ihm wohl so vorbestimmt, daB er sich Fraucn 
offenbaren und sich ihnen hinwerfen muB, um in ihnen 
nach Mutter und Gefahrtin zu greifen, bei ihnen Trost im 
Leid, Hoffnung in der Verzweiflung zu suchen. Und da, 
wie ein wildgewordener Strom, brechen sich die Worte 
Bahn im Dunkel. ,,O Gott . . . du weiBt, ich war Student, 
ich war ein Herr . . . ich bin nicht dazu da, hier zu dienen, 
Knecht in einer Kneipe zu sein . . . ich habe Plane . . . ich 
will bauen, groBe Hauser, verstehst du, Palaste . . . ver- 
stehst du? . . . und ich miiBte studieren . . . du weiBt, was 
fur ein MiBgeschick mich verfolgt hat, bis ich so weit 
gesunken bin . . . und jetzt konnte ich mich aus diesem 
Elend wieder herauskrabbeln, verstehst du? und habe kein 
Geld . . . keinen Heller und weiB nicht, wo ich mir welches 
verschaffen konnte . . . soil ich jemanden ermorden?! . . . 
und wenn ich diese Gelegenheit verpasse . . . das konnte 
ich nicht ertragen ... so halte ich es nicht mehr aus . . . und 
wenn ich das jetzt nicht ausnutze . . ." und seine Worte und 
Trancn flieBen zu einem fieberhaften, unverstandlichen 
Stottern zusammen, und er weiB gar nicht, daB er den Kopf 
auf des Madchens Brust legt und seine verworrencn, 
verlorenen, kindischen Worte in ihr von Tranen feuchtes 
Hemd stohnt: ,,ich halte es nicht mehr aus, du Mary . . . 
ich muB mich befreien . . . verstehst du? von diesem 
Kncchtsleben . . . groBe Hiuser, Palaste muB ich ... 
verstehst du? und wenn ich das jetzt verpasse *' 

264 



Plotzlich schiebt Mary seinen Kopf weg, und mit ihren 
bciden starken Handen richtet sie ihn auf und setzt sich. 
Stille. ,,Und wcnn du jetzt Geld hattest", sagt sie, ,,ist es 
sicher, daB . . ." ,,Sicher", sagt er heiser dazwischen, 
,,sicher." Stille. Marys Gesicht 1st ganz nahe. Dann 
hort er eine langsame, fliisternde Stimme: ,,Du Tony. Ich 
habe Geld . . . siebenundvierzig Pfund habe ich, in drei 
Jahren habe ich mir die gespart . . . um, wenn ich einmaJ 
alt werde . . . aber noch habe ich ja Zeit . . . funfzehn Jahrt , 
zwanzig Jahre . . . du Tony, ich wiirde dir das Geld geben . . 
aber du wirst es mir nicht wiedergeben . . . du auch nichf, 
Jack hats mir auch nicht wiedergegeben . . . dem habe ich 
vor drei Jahren zweiunddreiBig Pfund gegeben . . . du 
wirst es mir auch nicht wiedergeben." Das Zimmer drch 
sich derart, daB er seinen schwindelnden Kopf kaum geradc 
halten kann, Jack hats auch nicht zuriickgegeben . . 
ich werde es auch nicht wiedergeben groBer Gnu, 
hierher verkriecht er sich zu diesem Madchen, weil so in. 
Ohnmacht, seine Ratlosigkeit und Verlassenheit sich 
einmal Bahn brechen muBten, und mit kindischcn, 
hartnackigen, hochtrabenden Worten schreit er ihr fiinfmal, 
zehmal ins Gesicht: Knechtsleben! Dienstbotenlos, das er 
nicht mehr ertragen kann, weil er zum Herrn geboren ist 
und Herr sein will, kein Dienstbote! und da gibt dieses 
Madchen, diese . . . Knechtin ihm ihr Geld hin, nach den 
guten Bissen, die sie ihm zugesteckt hat, nach der dankbaren 
Umarmung auch noch ihr Geld ... Jack hat es mir auch 
nicht wiedergegeben, du wirst es auch nicht wiedergeben 
was kann man darauf antworten, darf man iiberhaurn 
nur ein einziges Wort sagen, zureden oder bitten?! 
da Jack es ihr auch nicht wiedergegeben hat und ich . . . 
cs vielleicht auch nicht wiedergeben werde . . . Und da 
spurt er ihre Hand an seiner Schulter, ihre Hande pressen 
ihm die Schultern, ,,du Tony", fliistert Mary, ,,gut ... ich 
will dir das Geld geben ... ich wuBte ja immer, daB du 
nicht zu uns gehorst, daB du anders bist als der Alte und 



die Frau und ich . . . und einmal warest du ja doch ge- 
gangen . . . und wenn ich dir das Geld nicht gebe, dann 
passiert vielleicht noch was Schlimmes mit dir . . . also 
gebe ich dir lieber funfundvierzig Pfund, und wenn du 
wirklich ein reicher Mann wirst . . ." und jetzt ziehen ihre 
beiden Arme seinen Kopf an sich, ,,du Tony, als du heute 
nicht gearbeitet hast und in deinem grauen Anzug weg- 
gegangen bist, da habe ich gleich geahnt, daB etwas 
bevorsteht . . ." die Arme pressen seinen Hals, und er spurt 
die Stimme des Madchens mehr an seinem Gesicht, als er 
sic hort, ,,du Tony, ich geb dir das Geld . . . aber gib acht 
darauf, du bist noch ein solches Kind . . . bist noch sehr 
jung, und es ist sehr schwer, diese Schillinge und Pennies 
beiseite zu legen 

Gegen Morgen wacht Mary auf und weckt auch ihn, 
dann steigen sic vorsichtig aus dem Bett; Mary tastet sich 
zum Schrank hin, kramt unten im Schrank herum, man hort 
ein kleines SchloB diinn schnappen, dann zahlen sie, am 
Bettrand sitzend, die Einpfundscheine, eins, zwei, zehn, 
dreiBig, funfundvierzig . . . und von den funfundvierzig 
Papierscheinen schwillt seine Brieftasche dick an. Vier 
Uhr, aber er hat keine Geduld mehr, sich noch einmal 
hinzulegen. Er zieht sich an; kein biBchen Schlaf hat er in 
den Augen, er sitzt am Tisch, steht auf, geht auf und ab, 
tritt ans Fenster und starrt auf den dunkeln, leeren Bauplatx. 
Um fiinf steht auch Mary auf; schweigend sitzen sic am 
Tisch einander gegeniiber, unertraglich lange Zeit. Manch- 
mal bewegen sich Marys Lippen, als wollte sie etwas sagen, 
aber sie sagt nichts. Sie sehen einander an im Halbdunkel. 
Dann geht Mary an ihrc Arbeit; er sitzt im Zimmer, allein, 
bis es ganz hell wird. Es ist Tag, es ist heute, drauBen 

beginnt das alltagliche Leben, von dem er jetzt Dann 

verlaBt er das Haus, geht ins Dampf bad. Es ist kalt, langsam 
tropfelt der Regen. Jetzt ist schon alles gut, weder Kalte 
noch Regen, nichts . . . Fast im Laufschritt kommt er am 
Bad an; kaum zwei-drei Mcnschen lungern um die Bassins 

z66 



hcrutn. Bis ans Kinn taucht er ins klar blaue, hciBe Wasser. 
Fiinfundvicrzig Pfund, Ich werde sie ihr wiedergeben, 
hundcrt . . . hundert Pfund werde ich ihr wiedergeben! 
Fiinfundvierzig Pfund ... in die Nahe des Berkeley Hotel 
werde ich ziehen, noch heute, in ein bescheideneres Hotel 
oder in eine Pension und noch heute oder morgen, ja, 
morgen rufe ich sie an. Am Rand des Bassins sitzen z\vci 
junge Leute, zwei diinne Burschen, wohl Kellner ode* 
Handlungsgehilfen in ihren Freistunden. ,,Gehst du von 
hier nach Hause, Jackie?" fragt der GroBere. ,,Ja", ant- 
wortet Jackie, ,,und du?" ,,Ich weiB noch nicht. Vor 
mittags ist der Alte nicht da, aber moglich, daB ich trotzdem 
nach Hause gehe." Nach Hause fiinfundvierzic: 
Pfund . . . er muB sofort seine Koffer holen und dann aut 
den Bahnhof, von der Victoria Station fahrt der Zug urn 
elf Uhr ab -- bin ich wahnsinnig geworden, sagt er vor 
sich hin ins Wasser, ich gehe nach Hause bin ich wahn- 
sinnig geworden . . . noch heute telefoniere ich ihr. 

Aus dem Bad zuruckgekommen, meldet er dem Air en, 
daB er heute seinen Urlaub beginne und wahrscheinlich 
fur die eine Woche ausziehe, dann stromert er in der 
Gegend des Piccadilly herum. In den eleganten Hausern 
sind lauter Privatwohnungen, nirgends sieht er ein Schild, 
das eine Pension anzeigte. Er geht ein gutes Stuck die 
Regent Street hinauf. Das ist eine bekannte Gegend, dieser 
Platz und dieses Haus, oder gleicht es nur dem Langham 
Hotel? Einen Moment hat er das Gefiihl, jetzt miisse er 
kehrt machen und davonlaufen, dann starrt er nur das 
Haus an, und bitterer Speichel lauft ihm im Mundc ?u- 
sammen, Langham Hotel. Er muB denken, jetzt gehe ich 
hier hinein zur Reception und . . . bitte um das Zimmcr 
zweihundertacht im zweiten Stock. Mr. Kadar? zweiter 
Stock, zweihundertacht ... Dann verzieht er das Gesicht 
und dreht sich um. Gegen Mittag, er ist gerade am 
Berkeley Hotel vorbei, vielleicht fiinf Minuten, da fallt 
sein Blick an eincm Haustor auf eine kleine schwarze Glastafel 

267 



mit goldcnen Buchstaben: Pension Vienna. Immcr drci 
Stufcn nehmend, springt er die Treppen hinauf und kommt 
auf die dritte Etage. Zehn Minuten spater zahlt er eincr 
rundlichen, kleinen Wienerin mit lachelndem Gesicht den 
Pensionspreis fur cine Woche im voraus, fiinf Pfund; 
fliichtig blickt er in ein winziges, hiibsches Zimmer, 
dort wird er wohnen, und in schwellender Stimmung 
rennt er auf die StraBe und nach Hause. Zu Csordas's, um 
seine Koffer zu holen. Das Zimmer in der ordentlichen, 
feinen Pension fiir eine Woche vorausbezahlt, vierzig 
Pfund in der Tasche ... Ein Autobus kampft sich durch 
die Automenge hindurch, auf seinem Schild steht: Victoria 
Station. Hier fahrt der Zug ab jawohl, ich bin wohl 
wahnsinnig geworden. 



15 

IN der Pension Vienna, zu sicbzchn wohnen sic hier, 
Osterreicher und Deutsche, geht allcs in mitteleuro- 
paischem Stil. Um acht Uhr ist Friihstiick, um halb zwei 
Mittagessen, um halb neun Abcndessen. Auf besonderen 
Wunsch, wenn jemandes Beschaftigung es erfordert, 
kann man zwar auch nach englischer Zeiteinteilung leben, 
aber Mrs. Knopfer, die Pensionsinhabcrin, hat das nicht 
gerne, sie halt es fiir Unordnung. Am ersten Abend, bei 
Tisch, wcchselt er einige Worte mit seincn Nachbarn. Der 
eine ist ein dicker junger Mann mit ciner Brille, Dozcnt 
Pach, der im Royal Institute of Biology arbeitet; der andcrc 
ein jiidischcr Jiingling namens Wcincr, den scin Vater zu 
cinem bekannten TuchgroBhandlcr hier in die Lehrc 
gcschickt hat. Nach dcm Essen geht Kadar sofort in sein 
Zimmer und legt sich schlafen. Nagelncue Bettwaschc, 
groBartiges Messingbett mit feinen, federnden Matratzen, 
hubsche Einrichtung, flieBcndes kaltes und warmes 
Wasscr, himmlisch. Die Sache fangt gut an, ein bcsser 

268 



gelegenes Quarticr hatte er gar nicht finden konnen. Bel 
CsordaYs 1st auch alles in Ordnung . . . ganz glatt 1st die 
Geschichte gegangen. Der Alte hat nicht viel geredet, 
, , bring sie vielleicht her", sagte er, Margit wiinschte ihm 
viel Vergniigen, und Gyuri umarmte ihn in seiner halb- 
wiichsigen Befangenheit, Mary, in der Kiiche, wandte 
den Kopf ab, als sie ihm die Hand hinhielt, und sagte bloB : 
,,leben Sie wohl." Und jetzt, wie er hier im Bett liegt, 
nicht Deptford und nicht Redburn Street, sondern: Pension 
Vienna, 9 Dover Street, London W. denkt er gar nicht 
mehr an sie. Nein, jetzt denkt er nur noch an Mrs. Myers, - - 
an Ilona Szabo, die Witwe des steinreichen Architekten 
Myers, die Herrin des Geschaftes in Siidafrika, an Ilon.i 
Szabo aus Kassa . . . siebzehn Jahre war sie alt, als der 
Englander sie heiratete, wie war sie an den gekommen r 
wie hatte sie ihn kennengelernt ? und wo? in Kassa? und 
warum? und wer mochten ihre Eltern sein? und dann . . . 
wie war das weiter? bis zum heutigen Tag? alles muB icii 
von ihr wissen! aber wie? durch wen? Heute ist SK- 
achtundzwanzig, vier Jahrc alter als ich na und? wenn 
schon! . . . das geht mich doch wirklich nichts an. Ich will 
sie doch nicht heiraten, sondern ich will, daB nun? 
was denn? also zunachst ins Biiro eintreten, unten in Port 
Elizabeth. Wenn es dort eine Universitat gibt, das Studium 
beenden. Und dann bauen, groBe Hauser . . . was ist denn? 
wem erzahle ich denn jetzt?! Scham uberstromt ihn, 
schnell macht er das Licht aus und schlieBt die Augen. Leb 
wohl, Mary . . . wir werden bauen, leb wohl . . . Paul . . . 

Tilly und Zia, lebt wohl Diese Nacht verging mit 

tiefem, traumlosem, ausruhendem Schlaf. Die Gewohnheh 
weckte ihn um halb fiinf, dann aber kam er langsam zur Be- 
sinnung, und die groBe, klare Stille, die iiber der ganzen Um- 
gebung lag, schlaferte ihn wieder ein. Es war halb zehn durch, 
als er sein Zimmer verlieB; der Friihstuckstisch war schon 
abgeraumt, die Pensionsgaste ihrer Arbeit nachgegangen. 
An einem kleinen Tisch wird ihm das Friihstuck 

269 



serviert. Mrs. Knopfer setzt sich mit ihrem molletten 
Lacheln ihm gegcniibcr, ,,nun, wie haben Sie die erste Nacht 
geschlafcn? hoffentlich gut. (Jbrigens habe ich mir das 
gleich gedacht, denn, wie ich hore, sind Sie erst nach 
neun Uhr aufgestanden, es wundert micb, daB Sie nicht 
friiher aufgewacht sind, denn hier war schon um acht Uhr 
ein solcher Rummel!" Hoflich und gut gelaunt erkundigt 
er sich, was denn fur ein Rummel gewesen sei. ,,Ach", sagt 
Mrs. Knopfer, ,,zwei meiner Gastc, Wiener, sind sich iiber 
das Urteil im Wiener AnarchistenprozeB in die Haare 
geraten", und sie zeigt nach dem EBzimmertisch, auf dem 
ein groBer Packen Zeitungen liegt: ,,aber Sie miissen das 
nicht miBverstehen, meine Gaste sind alle tadellose, gut- 
gesinnte Herrschaften . . . nur war der eine der Meinung, 
man hattc nicht den armen, bctorten Postbeamten am 
strengsten verurteilen sollen, sondern die Anstiftcr und vor 
alien dieses gemeine Frauenzimmer, aber nach Doktor 
Gerhammers Ansicht ist das Urteil schon allein darum 
richtig", und redet und redet mit plappernder Stimme 
und versucht, mit primitiven, kleinen Worten die langen, 
komplizierten Auslegungen, Meinungen und Gegen- 
meinungen des Disputs wiederzugeben. Kadar hat seine 
Gedanken anderswo, langweilt sich still im lauen Bad der 
plappernden Stimme und stellt nur aus Hof lichkeit die eine 
oder andere Frage. Ich muB hie und da etwas dazu sagen, 
Interesse zeigen, ich bin auch gutgesinnt . . . ,,Hier ist die 
Zeitung", sagt Frau Knopfer, ,,es ist zwar das Abendblatt, 
und darin steht nur gerade das Urteil, abcr Doktor Ger- 
hammer hat gewiB auch die friiheren Nummern, in dencn 
konncn Sie das Ganze lesen, ich lasse sie Ihnen heraus- 
suchen", damit reicht sie ihm die Zeitung hin. Gleich 
am Kopf steht fctt gcdruckt: 

Urteil im Anarchisten-ProzeB 

Das Schwurgericht hat samtliche Angeklagten des Monstre- 
Prozesses zu schwerer Kerkcntrafe verurteilt. 

2 7 



Und der Text des Berichtes: Nach neunzehntagiger, 
an hcftigcn Aufregungen reicher Verhandlung hat das 
Gericht hcute nachmittag um zwei Uhr das Urteil ver- 
kiindet. Aloys Hagek, der Bombenattentater, erhielt drei- 
zehn Jahre; Norbert Ring, Peter SsesomofF und Gerda 
Buhr, die Fiihrer der sogenannten Anarchistengruppe, jc 
acht Jahre; Koloman Feher, der die Bombe hergestellr 
hatte, fiinf Jahre; die iibrigen elf angeklagten Anarchisten 
ein bis drei Jahre schweren Kerker. Vom Verlauf dci 
Urteilsverktindung sowie von der Begriindung des UrteiU 
bringen wir in unserer nachsten Morgennummer ausfuhr- 
lichen, genauen Bericht. Seine Augen iiberfliegen diesc 
Notiz und springen dann vom SchluBpunkt auf einen 
Namen zuriick: Gerda Buhr. Gerda Buhr? Acht Jahre 
schweren Kerker? Gerda Buhr?! Eine blonde Fiille wogt 
ihm cine Sekunde vor den Augen, dann knarrt und 
knistert alles in ihm und steht plotzlich still wie ein^ 
Maschine, in die ein fremdes Eisenstuck geraten ist, 
Gerda Buhr?! . . . Als Frau Knopfer wieder im EBzimmei 
erscheint, einen groBen Packen Zeitungen unterm Arm, 
starrt er noch immer auf den Namen und sitzt noch immer 
so leer und empfindungslos da, daB er erst beim zweiten 
oder dritten Mai Frau Knopfers 6timme hort: ,,bitte 
schon, hier sind die Zeitungen, sie gehoren Doktor 
Gerhammer, da steht alles drin . . . Herr Kadar! Hier sind 
die Zeitungen . . . interessiert es Sie nicht?" 

Der erste Bericht iiber die Hauptverhandlung beginnt 
so: Genau heute vor zehn Monaten explodierte im groBen 
Saal des Ferdinandpalastes eine Bombe. Eine Bombe, die- 
den sofortigen Tod dreier Menschen, vollige Verkruppclung 
von fiinf Menschen und schwerere oder leichtere Verlctzung 
von vierzehn Menschen verursacht hat. Die Bombe war 
nicht diesen Opfern zugcdacht: sondern jenen Mannern, 
die sich, unter Hintanstellung der Weltanschauungs-, 
sozialen und Partei-Unterschiede, von einem groBen, um- 
fassenden Gefvihl getriebcn, an der Spitze vielcr hundert 



Freunde und Fachleute an den griincn Tisch setzten, um 
mit briiderlicher Opferbereitschaft, von Fachkenntnis 
durchdrungen, vor groBter Offentlichkeit iiber eine wir 
wagen zu bchaupten der wichtigstcn Fragen unsercr 
zukiinftigen staatlichen Existenz zu beratcn, namlich iiber 
das Problem, wie dem osterreichischen Kind geholfen 
werden konne. Dem Prasidenten der Republik, dem Kanzler, 
den Ministern, den staatlichen und stadtischen Wiirden- 
tragern und den unterschiedslos versammelten Pro- 
minenten der polidschen Parteien war die Bombe bestimmt 
gewesen, die den Leib unschuldiger Menschen zerfleischte : 
aber durch diese unschuldigen Leiber hat sie dem Korper 
der ganzen menschlichen Gesellschaft eine schwer zu 
heilende Wunde zugefiigt und so fort, im Leitartikelstil 
des flachen Zeitungspathos. Radars Blick springt von 
Zeile zu Zeile, sucht die fett gedruckten Worte und Namen, 
und hinter dem Wortschwall entsteht das Bild: den 
Detektiven fallt bei dieser Sitzung ein Mann auf der Galerie 
auf, der sich sehr aufgcregt benimmt und um jeden Preis 
tiber das Prasidentenpodium zu gelangcn versucht; und als 
nach langerer Beobachtung einer der Detektive ihn an- 
spricht, drangt er sich plotzlich und todesbleich durch die 
dichten Reihen des Publikums ans Gelander, zieht unter 
seinem Mantel eine Schachtel in der Form und GroBe einer 
Zigarrenkiste hervor und schleudert sie iiber die Kopfc der 
in der ersten Reihe Sitzenden hinweg in den Saal. Die 
Bombe platzt ungefahr in der Mitte des Saales zwischen den 
Stuhlreihen, der Detonation folgt Geschrei und Gejammer 
und auf der Galerie ein RevolverschuB : den Revolver, den 
der Attentter auf sich selbst gcrichtet hattc, schlagt ein 
Detcktiv in die Hohe, und die Kugel bohrt sich in die 
Dccke. Der vcrhaftete Attentatcr, Aloys Hac.ek, Post- 
beamter, schweigt vcrstockt, abcr Notizen, die er zicmlich 
sorglos in der Wohnung hat herumlicgen lassen, und 
sonstige Spuren sprechcn; und noch an demselben Tage 
wird in der Pratergegend der Hcrsteller der Bombe, ein 

272 



Uhrmacher namens Koloman Feher, verhaftct. Auch 
Koloman Feher spricht nicht, jedoch bringen in seinem 
Monatszimmer gefundene Anhaltspunkte und die strenge 
Kontrolle der Grenzstationen und Bahnhofe neuerc 
Resultate : in Unterdrauburg an der jugoslawischen Grenze 
wird ein ehemaliger Artillerieoberleutnant namens Norbert 
Ring verhaftet, und an demselben Tage fallt bei Feldkirch 
an der Schweizer Grenze die angebliche Angestellte Gerda 
Buhr der Polizei in die Hande; so auch der mit einem 
spateren Zug ebendort ankommende Russe Peter SsesomofT, 
angeblich Briefmarkenhandler; alle diese Personen sind als 
am Attentat betciligt verdachtig. Die angespannte, au>- 
gezeichnete Arbeit der osterreichischen Polizei und do 
Untersuchungsrichters fiihrt in wenigen Tagen zur Vei- 
haftung weiterer vierzehn verdachtiger Personen. Mn 
filmartiger Geschwindigkeit saust das Drama der E:- 
eignisse: die Verhafteten trotz greif barer gegenstand- 
licher Beweise! leugnen ausnahmslos, doch in der 
zweiten Woche bricht unerwartet Aloys Hayeks Wider- 
stand, und er enthiillt die ganze Gesellschaft. Ha$ek \vird 
jedem Verdachtigen einzeln gegeniibergestellt, dann erfolgt 
eine allgemeine Konfrontation : die blonde Frau bleibt 
schroff und hartnackig dabei, keinen einzigen zu kennen; 
Oberleutnant Ring jedoch ist gestandig, und auch die 
unbedeutenderen Angeklagten halten mit dem Gestandnis 
nicht mehr zuruck. Dann lafit sich eines Tages Ssesomoff 
zum Verhor aus seiner Zelle fiihren und sagt: es hat keinen 
Sinn, weiter zu schweigen, und da lauft es ganz \Vien 
kalt uber den Riicken, als die Gestandnisse Klarheit 
bringen: Nach dem Zusammenbruch kommt in XX'ien cin 
junger Russe an, Emigrant, Briefmarkenhandler, angeblich 
eher Briefmarkenschmuggler; er macht grofic Geschafte, 
jedenfalls ist er viel auf Reisen und hat viel Geld. Seine 
Korrespondenz ist ungeheuer verzweigt: mit seinen 
philatelistischen Geschiftsfreunden und den Postdirekrionen 
vcrschiedener Staaten wechselt er Briefe und Telegramme. 

18 Kormemli, Budapest 273 



Das 1st Peter Ssesomoff. Norbert Ring lebt in Wien als 

abgeriisteter Oberleutnant, im Frieden war er Okonomie- 

beamter auf einem Gut in der Steiermark gewesen, cr 

lebt? nein, er lebt nicht, cr vegetiert, leidet Not, bettelt, 

kann nirgends unterkommen, hat keine Freunde, in der 

herbstlichen Praterallee schlaft er auf einer Bank, als 

Ssesomoff ihn findet. Einen Monat darauf hat Ring cine 

hiibsche Zweizimmerwohnung in der Mariahilfer StraBe 

und handeit mit Tcppichen. Eines Tages hat er auf der 

Polizei zu tun: da wird gerade cine hysterisch schreiende 

junge Frau die Treppcn hinaufgefuhrt, sic hat zum 

zwcitenmal einen Selbstmordversuch gemacht, sagt der 

Detekdv, und noch immer ist das Versprechen nicht aus 

ihr herauszukriegen, daB sic ihr Vorhaben aufgeben wolle, 

und iibrigens, was ist schon so ein Versprechen wert? sie 

wird uns noch zu schaffen machen, ja, ja, diese Zeiten, 

Kriegswitwe ist sie. Ring laBt sich mit der Frau in ein 

Gesprach ein, es ist Gerda Buhr. Briefc kommen und 

gehen aus und nach Polen, Amerika, Italien, Spanien. 

Gerda Buhr bezieht ein hiibsches mobliertcs Zimmer bei 

einer vornehmen Witwe. Ihr Beruf : Sekretarin. Koloman 

Feher, ein verdrehter, alternder Uhrmachergehilfe, ist der 

folgende Genosse, und dann ziehen sie noch hier und dort 

die cine oder andere verbitterte, gcsunkene, zweifelhafte 

Existenz aus dem Elcnd hervor: es gibt unter ihnen Backer- 

gesellen und ehemalige Polizistcn, Nahmadchen und 

Studenten, Eisenbahner und Arbeitslosc. Der fruhere 

Oberleutnant arrangiert in seiner Wohnung spiritistische 

Seancen: hie und da gelingt es, den einen oder andern 

Hausbewohner zu solchen Zusammenkunften heranzu- 

lock en, und das Haus findet sich damit ab, daB ein paar 

Narren sich durch das schonc, blonde Medium mit dem 

Geist Napoleons, Gocthes, Franz Josephs oder der ver- 

storbenen Verwandtschaft der Gastc unterhalten. Es ist 

auch nicht ausgeschlosscn, meint cine korpulcntc Familien- 

mutter mit fiinf Kindcrn, die im zwciten Stock wohnt und 



sich iibcr die MaBen iiber Gerda Buhrs strahlende, blonde 
Schonheit argert, daB die da im Dunkeln bloB Schweinereien 
treiben. Wenn sich jedoch kein Fremder bei ihnen ein- 
gefunden hat, dann ist von der korrumpierten Gesellschaft, 
den rechts und links gerichteten, gleichmaBig verbreche- 
rischen Regierungssystemen, von den blutigen Dikta- 
turen des weiBen Kapitals und des roten Hammers, vom 
Massenkonkurs der menschlichen Ideale, vom kommen- 
den Jiingsten Gericht der Gesellschaft und von der allein- 
seligmachenden Anarchic konfus die Rede; und immer 
und vor allcm davon, daB mit Dolch und Gift, mit Bomben 
und Zugentgleisungen, mit Bestechung oder Vernichtung 
des Individuums, mit Aufwiegelung der Masse, mit einer 
ununterbrochenen Reihe kleiner Aktionen die groBe Aktion 
vorbereitet, reif gemacht und nahergebracht werden miisse. 
Was sind diese kleinen Aktionen? sich in die Menschen- 
schlange vor dem Lebensmittel-, Heizmaterial-, Backer- 
und Zigarrenladen stellen, laut davon reden, daB in der 
inneren Stadt in den Hausern der reichen Juden und der 
Grafen ... und wenn dann der Schutzmann kommt, sich 
drucken. Vor Linz, im Warterhaus XVII liegt der Bahn- 
warter mit blutendem Kopf besinnungslos da, und ein 
Giiterzug fahrt in einen dort stehenden Personenzug hinein, 
in dem sechshundert Schulkinder zu einem Ausflug ab- 
fahren sollen. Im Wienerwald wird in die Sommervilla 
eines politisch exponierten Bankiers geschossen, ein hoher 
Beamter des Ministeriums wird nachts auf dem Ring an- 
gerempelt und halbtotgeschlagen, und ein auf der Chaussee 
ausgespannter Draht reiBt den Insassen des sausenden Autos 
die Kopfe ab. Eine ganze Mietskascrne in der Vorstadt wird 
auf einmal krank: in der Milch der Wohlfahrt werden 
Typhusbazillen gefunden, obgleich die andere Halfte 
desselbcn Transports tadellose Ware ist. All dies kommt 
indessen und vergeht wieder: in Wien leben zwei Millionen 
Menschen, und das Getose der in der Inflation siedenden 
Stadt erstickt das Echo dieser kleinen Alarmrufe. Schwer- 



18* 



wiegendcre Dingc sind notig, unter dcnen das ganze Land 
aufstohnt, doch diese Zwanzig hier wissen selbst noch 
nicht, was eigentlich die groBe Aktion sein soil. Die Bricfe 
kommen und gehen; die Spiritisten halten fast taglich bei 
Norbert Ring Sitzung ab: und eines Tages wissen sic, 
dann und dann werden soundso viele Minister, Politiker, 
Bankiers und Industrielle versammelt sein. Es ist nicht die 
groBe Aktion, aber die erste ernste Gelegenheit. Koloman 
Feher konstmiert die Ekrasitbombe, und Aloys Ha9ek . . . 
Aloys Ha$ek, schreibt die Zeitung, ist ein vier- 
schrotiges, robustes Individuum mit struppigem, schwarzem 
Haar, vernachlassigtem AuBern und duckmauserischem 
Blick; auf die Fragen bei der Verhandlung antwortet er 
stotternd, schwer und manchmal unverstandlich im Laufe 
des Verhors: 

Der President: Erzahlen Sie, Hagek, wie Sie in die 
Ssesomoffsche Gesellschaft gekommen sind. Sprechen Sie 
nur ruhig. Also? 

Hafek: Ich, Herr President, ich war Beamter bei der 
Post, namlich im Postamt hundertsechs, am Schalter fur 
die Einschreibesendungen, und eines Tages brachte das 
Fraulein einen eingeschriebenen Brief . . . 

Der President: Welches Fraulein? 

Hafek : Na . . . die Buhr . . . 

Der President: Ja, fahren Sie fort. 

Hafek: Also . . . gerade vor sechs kam sie mit dem 
Brief, ich wollte ihn schon gar nicht mehr annehmen, 
worauf sie anfing zu betteln, und so lieB ich mich mit ihr 
ins Gesprach ein, und schlieBlich sagte ich, na gut, Ihnen 
zuliebc, schones Friulcin da sagt sic ... (schweigt) 

Der President: Was sagt sie? nur zu! also? 

Hafek: Sic wiirdc bald mal wiedcrkommcn, hat sic 
gcsagt. 

Gerda Buhr: Das ist gelogen. 

Der President vcrwcist die Angcklagte zu schwcigcn 
und wcndct sich an Hac^k: Und ist sie gekommen? 

276 



Hafek : Schon am nachstcn Tag . . . sechs Bricfc hat 
sie gebracht, punkt sechs Uhr abends . . . ich habe die Briefe 
angenommen, und dann haben wir uns cin biBchen 
unterhalten 

Der Prasident: Dann haben Sie sie nach Hause begleitet. 

Hafek : Ja . . . sie hat namlich gewartet, bis ich meinen 
AbschluB fertiggemacht hatte . . . 

Der President : Sie hat auf Sie gewartet? 

Hafek : Das heiBt ... ich habe sie gebetcn, ob sie nicht 
warten wiirde 

Der Prdsident : Aber Sie sind doch ein verheirateter 
Mann und haben Familie, warum wollten Sie, daB sie 
auf Sie warte? 

Hafek: Ja, Herr President, ich bin seit zwolf Jahren 
verheiratet, und die Buhr . . . war so anders als 

Bewegung und Heiterkeit im Saal, der Prasidcnt ver- 
weist die Zuhorer energisch zur Ruhe. 

Der Prdsident: Gut, fahren Sie fort, Sie haben sie also 
nach Hause begleitet. Und wovon haben Sie unterwegs 
gesprochen? 

Hafek schweigt blodc, denkt schwer nach, dann sagt 
er stockcnd : Ich hab sie eingeladen, mit mir ins Kino zu 
gehen . . . 

Der Prdsident : Und sind Sic dann ins Lichtspieltheatcr 
gegangen? 

Hafek: Ncin ... sie hat gesagt, ein anderes Mai . . . 
jctzt habe sie es eilig . . . 

Der Prdsident: Und wann haben Sie sich dann wieder 
mit ihr gctroffen? 

Hafek : Bitt schon, Hcrr Prasident . . . nach drei Tagen 
kam sic wieder ins Postamt . . . hat wicdcr auf mich gewartet, 
und ich hab sie wieder nach Hause begleitet . . . und das 
ging so fiinf oder sechs Tagc . . . spater hat sic keinc Briefe 
mehr zum Aufgcben gebracht, ist bloB so gekommen. 

Der Prdsident: Und ist Ihncn das nicht aufgefallen? 
haben Sic nicht dariibcr nachgedacht, warum die Buhr 



immcr zu Ihnen kam? haben Sic nicht gcdacht, sic wolle 
ctwas von Ihncn? 

Hafek : Gcdacht . . . ja, gcdacht habe ich schon, daB sic 
etwas will . . . aber ich habc an was andercs gcdacht . . . 
(Bcwcgung und Hcitcrkeit im Saal, die plotzlich ab- 
brechen.) Die Buhr hat namlich gcsagt ... ich gefalle ihr 

Gerda Buhr : Das ist gelogen. 

Der Prdsident droht Gerda Buhr mit Ordnungsstrafe, 
wendet sich dann an Hagek: Gut, und nun erzahlen 
Sie mal, Hagek, wic sich diesc Freundschaft dahin ent- 
wickelt hat 

Hafek: Wohin? 

Der President: Unterbrechen Sie mich nicht! wie 
sich diese Freundschaft dahin entwickelt hat, daB Gerda 
Buhr Ihnen die Anarchisten-Gescllschaft erwahntc und Sie 
dort einfuhrte? 

Hafek: Ja, Herr Prasident, das war namlich so, daB 
sic ... viclmehr . . . (aufgercgt) vielmehr daB ich einen 
fiirchtbaren Fehler gcmacht habe . . . namlich, ich hatte 
ganz und gar den Kopf und den Verstand verloren . . . 
(seine Aufregung steigcrt sich) namlich ... ich habe mich 
ganz schrecklich in die Buhr verliebt . . . und das hat sic 
natiirlich bemerkt . . . und sie hatte es direkt darauf 

abgesehen, daB ich (stottert vor Aufregung) Herr 

PraVsident, ich ... kann so schwer 

Der Prasident: Sprcchen Sie ruhig weitcr, Hagck. Also, 
sic nahm Ihrc Gefuhlc fur sic wahr, nutztc das aus und 

Dr. Fischer, Vcrteidigcr dcr Gerda Buhr, springt crrcgt 
von scincm Platz auf : Ich mochtc doch bitten, Herr Pra- 
sident, ich vcrwahrc mich dagegen, daB das Gericht dem 
Gcstandnis dcs Angeklagten Hagek cine solche Richtung 
gibt, beziehungsweise cincm Halbgcbildeten Wortc und 
Ausdriicke in den Mund legt 

Der Prasident: Herr Verteidigcr, ich muB Sic ob 
dcr Insinuation zur Ordnung vcrweisen! ,Sic nutztc das 
aus', diescn Ausdruck hat dcr Angcklagte Hacck selbst 

278 



angcwendct im Laufe des Gestandnisses, das er dem 
Untersuchungsrichtcr ablegte. Ha9ek, fahren Sie fort I 

Hafek, dcr wahrend des Vorhergegangenen den Prasi- 
denten Starr angeblickt hatte, aufgcregt : Ausgenutzt ! jawohl, 
ausgenutzt hat sie es! Herr President, sie hat nicht einmal 
zugelassen, daB ich ihre Hand anfaBte . . . dabei hat sie 
gesehen . . . gewuBt hat sie, daB ich ganz wild geworden 
war, daB ich Fieber bekam, wenn ich sie bloB ansah . . . 
(in wachsender Aufregung) ich kann mich nicht mehr 
erinnern, wie sie mich dahin geschleppt hat, Herr Prasi- 
dent . . . aber sie hat mich immer vertrostet . . . zu den 
Versammlungen hat sie mich auch bloB so verlockt, 
vielleicht spater einmal . . . wenn ich gar nicht daran 
denke . . . (stottert vor Aufregung) Herr President . . . mir 
war es ja bloB wichtig, sie zu sehen, ich weiB gar nicht, wer 
sonst noch da war . . . ich habe bloB immer darauf gewartet, 
daB vielleicht doch einmal . . . einmal etwas zwischen ihr 
und mir sein wiirde . . . ich bin kein Kind mehr . . . vierzig 
Jahre bin ich . . . aber ich war ganz unter den EinfluB dieser 
Frau gcraten, ich . . . ich 

Der Prasident : Ruhe, Hac^ek, Ruhe, versuchen Sie zu- 
sammenhangend 

Hafck zittert vor Aufregung und schreit: Als . . . als 
sic von dem Attentat sprachen und fragtcn, wer es iiber- 
nehmen wiirde, die Bombe zu wcrfen . . . und sich niemand 
mcldetc . . . (bekommt einen Hustcnanfall und fahrt 
muhsam fort) Herr Prasident, da ... hat die Buhr sich zu 
mir gcbeugt und mir zugcfliistcrt 

Eine Frauenstimme aus den Reihcn des Publikums, fast 
kreischend: Was?l 

GroBc Heitcrkeit und Bewegung, auch der Prasident 
lichelt, dann ruf t er die Zuhorerschaft streng zur Ordnung auf . 

Der Prasident: Nun? 

Hafek: Zugeflustert hat sie mir, ubernimm dus, dann 
bckommst du, wonach du dich sehnst! . . . Herr President 
(mit wachsender Aufregung) ich war drei Jahre an der 



Front und wciB, daB die Welt ... die Welt so nicht in 
Ordnung ist . . . daB alles . . . (stottert vor Aufregung) aber 
wenn diese Frau das nicht getan hatte, dann . . . ware ich 
nic imstande gewesen, die Bombc zu 

Der President: Einen Augenblick! wenn die Frau was 
nicht getan hatte? 

Hafek in maBloser Erregung: Wenn sie . . . sich mir 
nicht hingegeben hatte!! (Erregtc Bewegung im ganzen 
Saal.) An dem Abend, als ich die Sache ubcrnommen 
hatte ... da hat sie sich mir hingegeben ... in Rings 
Wohnung auf dem Sofa . . . wir waren allein geblicben . . . 
und von da an (briillt) bis zum Attcntat noch viermal . . . 
Herr Pr&sident . . . immer dann, wenn sie geschen hat, daB 
ich schwanke . . . meine Hand hat sie genommen oder mich 
gckuBt . . . wenn sic gesehen hat, daB ich nachdenklich und 
angstlich war, dann hat sie sich mir hingegeben . . . mit 
ihrem Korper hat sie mich gczwungen, Herr President . . . 
ich war schon nicht mehr bei klarem Vcrstand ... ich bin 
doch auch darauf eingegangen, mich nachher zu cr- 
schieflen . . . ja, und . . . auch noch am Vormittag vor dem 
Attcntat ... ich hatte mich im Amt krank gcmeldet, und da 
habe ich mich auch mit ihr gctroffen . . . ich war ja wahrend 
dcr ganzcn Zeit nicht bei Verstand . . . Herr President . . . 
ich habe doch auch vergessen, die Sachen in meiner 
Wohnung zu vcrbrennen . . . und da an dem Vormittag 

ist sie nochmal mit mir ins Bctt gegangen (keuchcnd) 

Herr Prisident, ich kann nicht widcrstchen 

Gerda Eubr mit scharfer, kalter Stimme: Das Ganze 
ist gelogen! 

Der Stoat sanwalt : Ich mochtc das Gericht ergebcnst 
auffordern, die Offentlichkeit auszuschlieBcn 

Der Zciningspackcn failt Kiddr aus der Hand und 
knallt auf die Erdc. Gcrda Buhr, die kiihlc abendliche 
Blonde, die an seinem Krankenbett gestanden hatte wie cine 

Heilige, wie cine Mutter, wie cine ,,Was ist denn, um 

Gottes willen?! fehlt Ihncn was?!" ruft Frau Knopfcr aus 

280 



dcr Tiirc, ,,Herrgott, Sie sind ja weiB wie die Wand! um 
Himmcls willenl" >>Ach, nein", sagt er miihsam, 
,,dieser . . . StrafprozeB hat mich nur etwas aufgcregt, Sie 
konncn sich das gewiB vorstellcn, ich habe auch in Wicn 
gelcbt, ziemlich langc Zeit." ,,O ja, das kann ich mir 
vorstellen!" bcruhigt sich Frau Knopfer, ,,du lieber 
Himmel, was gibt cs doch fiir schlechte Menschen! und ich 
halte die Frau fiir die Hauptschuldige, trotzdem hat sie 
nicht die schwerste Strafe bekommen, sondern der arme, 
betorte Postbeamte! Tja, so ist das Leben . . ." fiigt sie 
picpsend hinzu, ,,ein Gliick, daB man mit solchen entsetz- 
lichen Dingen nichts zu tun hat." 

DaB man nichts damit zu tun hat da steigt ihm plotz- 
lich cine eisige Leere in den Kopf, daB man nichts damit 
zu tun hat ... und es uberkommt ihn eine groBe, kiihle, 
fremde Ruhe. Wenn sie damals im Krankenhaus, als sie 
merkte, daB das, was sie von der Welt, von der dunkeln, 
einstiirzenden Welt sagte, mich nicht interessierte und daB 
ich cs nicht verstand, wenn sie da nicht locker gclassen 
hatte, dann hatte sie mich in ihren Bann bekommen, durch 
ein cinziges Wort, das sie sicherlich hatte aussprechen 
konnen. Wenn sic damals in der Nacht auf dem Flur 
mich nicht von sich gestoBen hatte, sondern an sich gc- 
zogcn und am nachsten Tag Menschenlcben von mir 
gefordcrt hatte fur die Umarmung Aber sic schwicg, 
sticB mich zuriick, vcrschloB sich. War ich ctwa schlcchter 
als dcr Hagck? odcr war ich bcsscr? Man hat nichts damit 
zu tun was gcht sic mich an?! was geht sic mich an iibcr 
die Zeitungsblatter hinaus ... sie und die iibrigcn, alle, was 

gchcn sie mich an? Man ist dariibcr hinaus auch 

dariiber bin ich hinaus. Er schlicBt fiir eine Sckundc die 
Augcn. Jctzt . . . handclt cs sich bereits um andcrc Dinge. 
Mrs. Knopfer stebt, ctwas unschliissig, noch immcr in dcr 
Tiire, dann biickt cr sich, hcbt die Zcitungen auf, legt 
sie auf den Tisch und sagt zu ihr: ,,ich habe sie durch- 
gclesen, dankc vielmals." 

281 



i6 

J A, jetzt handelt cs sich schon um andere Dinge. 
Darum, daB cr mit aller Kraftanspannung sich vom Telefon 
zuriickhalt: er will Mrs. Myers nicht vor der Zcit anrufen. 
Er darf nicht zu gierig, zu vereinsamt, zu sehr wic cin 
MiiBigganger erscheincn. Ilona Szabo darf nicht merken, 
daB nun bereits allcs, scin ganzes Leben und fiinfundvierzig 

Pfund, auf die cine Moglichkeit gesctzt ist, daB doch, 

ja! es wird gelingen! es muB gelingen! diesmal lasse ich 
cs nicht aus der Hand! Dieses Warten jetzt ist ein viel auf- 
regendcres Spiel, als . . . zum Beispiel der Gliicksautomat 
war. Es ware leichter, wenn er unter Menschen sein konnte, 
vielleicht wurde die Zeit dann schneller vergehen, abcr cr 
fiirchtet, die Gesellschaft Fremdcr konne ihn dem Fokus 
des einzigen Gedankens cntrticken, in dem er brennt und 
brcnnen will, bis Er fiirchtet, hinter jedcm Wort, das 
cr sprache, cine Idee, cinen Einfall zu verpassen, die ihm 
vielleicht bchilf lich sein konnten, wcnn Und cr fiirchtet, 
die Unterhaltung mit Frcmden wiirde ihn natiirlich wieder 
auf alte Dinge, altc Menschen, alte Ereignisse, altc Gc- 
danken bringen. Abcr auch vor dem Alleinscin fiirchtet cr 
sich: der unertragliche Druck des Alleinscins konnte die 
Glasglockc zcrbrcchcn, unter die cr sich vor Zcit und 
Erinncrungcn gefliichtct hat. Er geht auf die StraBe, 
macht cinen langen Spaziergang; der kiihlc Hcrbst streicht 
kiihlc Ruhe um scin Haupt, und inmitten der tauscnd gleich- 
giiltigen, ungcfahrlichen Fremden der StraBe hat cr allcin 
Mrs. Myers, gcborcnc Ilona Szab6, vor Augcn und Ohrcn, 
sic allein fiillt sein Gehirn aus. Mrs. Myers und allcs, was 
um sic ist odcr sein kann oder sein wird . . . Er gcht iibcr die 
StraBe, sicht sich die Schaufenster an, das und dies und 
jcncs wcrdc ich brauchcn, wcnn ich mit ihr rcisc ... 
sicht sich Menschen und Dinge an und wundert sich iibcr 
die Schlendcrndcn und die Eilcndcn, iibcr die vielen fremden 
Menschen, die allc an ihm voriibergchen, langsam oder 

282 



schncll, und nicht wisscn In cincm Biichcrladen kauft 

cr sich cine Landkarte, damit gcht cr sofort nach Hausc und 
brcitct sic auf dcm Tisch vor sich aus. Nord- und Siid- 
Rhodesia, Transvaal, Oranje, Wcstlich-Siidafrika, Kapland, 
Union der Siidafrikanischen Staaten . . . Der ganze Nach- 
mittag vergeht damit, daB cr sich in das Bild von Kapland 
vertieft. 

Am vicrtcn Tage, jetzt kann ich cs schon beruhigt 
tun, ruft er gegen Mittag Mrs. Myers telefonisch an. 
Sic ist nicht zu Hause, und der plappernde Sopran am 
andcrn Apparat wiederholt unsicher zwei-, dreimal den an- 
gegcbcncn Namen. Als er die Muschel hinlegt, befallt ihn 
plotzlich die Angst, daB das weibliche Wesen driiben, 
wahrscheinlich die Zofe, gewiB nicht richtig und genau 
ausrichtcn werde, wer angerufen hat. Es ist zwar nicht 
schwer, es zu erraten, er kann ja auch noch einmal tele- 
fonieren und wird es auch, natiirlich, aber dennoch, so 
cine ungewisse Sache und als er auf die StraBe 
hinuntergcht, setzt er sich noch in einem fort auseinander, 
daB man den etwaigen dummen Folgen eincr unrichtigen 
Bestellung odcr eines falsch angegebenen Namens am 
bcsten gleich vorbeugt. Er geht ins erste Blumcngeschaft 
und schickt Mrs. Myers cine wunderschone, blaBblau 
schatticrtc Orchidec. Auf die Karte schrcibt er: Mit 
HandkuB, Antal Kddar. Anderthalb Pfund . . . nun, und? 
andcrthalb Pfund. In Ordnung. Gegen Abend rufe ich sic 
wicdcr an. Augen wird sic machen, wcnn ich ihr sage % daB 
ich hier wohne, in ihrer unmittelbaren Nahe. 

Nach Tisch sitzt cr in seinem Zimmer und bctrachtct die 
Landkarte; es klopft, das Zimmermadchcn : ,,Sie 
mochtcn sich ans Telefon bcmiihcn, Mrs. Myers wiinscht 
Sic zu sprcchcn." Verblufft und vcrstandnislos starrt er das 
Madchcn cinen Moment an, dann stiirzt cr ans Telefon. 
,,Mr. Kaddr?" fragt die Stimme im Apparat. ,,Mrs. Myers? 
woher wisscn Sic denn, daB ich hier wohne?" ,,Ich weiB 
es bait", sagt Ilona Szab6, ,,gcniigt cs nicht, daB ich es 

283 



weiB? Ich bin sehr b6se wegen der Blumc. Dariiber werden 
wir noch reden. Bis dahin vielen Dank. Haben Sic hcutc 
abend Zeit? ja? gut, dann crwarte ich Sie nach sicbcn 
Uhr." Er reiBt die Schranktiir auf : zcrdriickt und schmierig 
hangt sein Smoking am Haken. Seit mehr als einem 
Jahr . . . und das Smokinghemd ist auch nicht gestarkt, 
natiirlich zur griinen Schiirze . . . still! krachzt eine Stimme 
in ihm auf, die griine Schiirze existiert nicht, hat nie 
existiertl! Die Klingel schrillt, und schon bringt das 
Zimmermadchen den Anzug zum Auf biigeln, und er selbst 
rennt iiber die StraBe und sucht ein Geschaft. Nervos reiBt 
er dem Verkaufer das Paket aus der Hand, zwei Hemden 
mit steifer Brust, ein halbes Dutzend Kragen, cin modischer, 
schmaler schwarzer Schlips, zwei Paar feine schwarze 
Striimpfe, ein Paar unerhort teure hellgraue Handschuhe. 
Die Aufregung tobt in ihm, als nach fiinf endlich der 
frisch gebiigelte Smoking gebracht wird, ein Skandal, in 
den Spiegel haben sic am Rand einen Glanzfleck gebiigelt ! 
und dann beginnt er, sich fertig zu machen. Es ist fast 
sieben Uhr, als er samtglatt rasiert, in steifer, frischer 
schwarz-weiBer Abendeleganz dasteht. 

Mrs. Myers erwartet ihn im kleinen Arbeitszimmer, 
vor dem niedrigen Schrank steht ein runder Tisch, 
schaumend weiB fiir zwei Personen gedeckt. ,,Ah, dinner 
jacket", sagt sic, als er eintritt, ,,dabei wollte ich Ihnen noch 
sagen, nur ganz ungezwungen, wir sind bloB allein. Wegcn der 
Blumc bin ich Ihnen sehr bose", fiigt sie dann gleich binzu, 
,,Sic Kind, diese Hoflichkcit kostet Sie doch mindestcns 
zwei Pfund, und wenn jcmand so wackelig steht wie Sie " 
Sein Gesicht flammt rot auf, und mit protestierender Hand- 
bewegung unterbricht cr Mrs. Myers, sie fahrt aber vollig 
unbeirrt fort: ,,nein, nein, keincn Widerspruch, das 
wollen wir nur gleich hinter uns haben, ich habe mich 
genau informiert, wer Sie sind. Ein armer Junge wie Sie 
darf kcinc so kostspieligen nun, nun bclcidigt dvirfen 
Sie nicht sein, so kommcn wir nicht vorwarts miteinandcr. 

284 



Im iibrigen 1st es gar keine Schande, ich war auch keine 
Prinzessin friiher ..." und das sagt sie so nett und 
schlicht, daB es eine Dummheit ware, nicht herzlich zu 
lachen, und erst recht eine Dummheit ware, welter Komodie 
zu spielen. ,,Sie wissen also alles von mir?" fragt er leichthin 
mit leisem innerem Beben: ob sie wohl auch das mit Pista 
Toth weiB? ,,Ja, alles", antwortet sie, ,,das heiBt, alles das, 
was ich wissen wollte." Sie hat sich also nach mir erkundigt, 
denkt er mit aufsteigender Erregung und stoBt plotzlich 
hervor: ,,und wie denn?" ,,Sie naiver junger Mann . .. 
ein geschickter Biiroangestellter . . . geniigt das nicht? Sie 
vergessen, daB England die Heimat Conan Doyles ist!" 
und lacht, ,,sagen Sie mal, was ist diese Mrs. Cresse fur eine 
Frau? wie ist noch gleich ihr Madchenname? ach ja, 
Csordas. Ist sie hiibsch?" Alt", sagt er rasch und wird 
sofort rot und liigt: ,,so um die Vierzig mag sie sein, und 
schon verbliiht." ,,Und wie sind Sie mit denen ver- 
wandt? und was haben Sie dort gearbeitet?" Wieder und 
wieder errotet er bei ihren Fragen und fangt lang und breit 
an zu erklaren, ,,ja, die Verwandtschaft . . . das sei eigentlich 
keine echte Verwandtschaft, und gearbeitet . . . ja, er habe 
die Einkaufe besorgt und hauptsacblich die Geldangelegen- 
heiten erledigt, zwischendurch jedoch und hauptsachlich 
habe er studiert . . . das heiBt, er habe die Augen offen- 
gehalten fur alles, was mit der modernen Architektur " 
,,Na, gut u , sagt sie, ,,also Mrs. Cresse ist alt und nicht hubsch. 
Alt bin ich auch schon . . . wenigstens viel alter als Sie." 
,,Ist ja nicht wahr", sagt er rasch und energisch, ,,Sie 
konnen hochstens gleichaltrig mit mir sein." ,,Aber 
sehen Sie mal", sagt Mrs. Myers neckisch, ,,warum wollen 
Sie mir auf binden, daB Sie sich nach alldem, was ich Ihnen 
von mir erzahlt habe, nicht langst ausgerechnet haben, daB 
ich achtundzwanzig bin. Alt bin ich, junger Mann." 
Kdddr fiihlt, daB es ihm warm wird in der Brust, er sieht 
ihr scharf in die Augen: ,,Sie sind achtundzwanzig Jahre 
alt und sehen wie zwanzig aus, ich bin vierundzwanzig, 

285 



wie alt ich aussche, weiB ich zwar nicht, aber ich habe 

mindestens doppelt so viel durchgemacht " Sie sieht 

plotzlich weg von ihm, langt ein wenig zogernd nach der 
Zigarettendose und sagt: ,,klingeln Sie doch bitte, ich habe 
Hunger." 

Mrs. Myers iBt viel und unglaublich schnell. Es gibt 
unter anderm auch eine ganz merkwiirdige Speise, kalte, 
stark gewiirzte Krebsschnitten auf kleinen gerosteten Brot- 
scheiben, und das Ganze schwimmt in einer sauerlichen, 
nach Sekt schmeckenden Sauce. Auch Kadar iBt mit gutem 
Appetit, und wie er ihr so gegeniibersitzt, geht ihm fort- 
wahrend durch den Kopf: achtundzwanzig, vier Jahre 
alter als ich. Mrs. Myers kann zumindest so gut plaudern 
wie essen. Sofort bemerkt sic, daB Kadar wortkarg ist: sie 
selbst wirft die Themen auf und erzahlt in geradezu vir- 
tuosen Variationen von Sudafrika, von Mr. Myers, von den 
dortigen Verhaltnissen und der Firma, den Reisen nach 
London und von jener letzten traurigen Reise, von Sydney, 
von ihrem friiheren Leben, Kadar beginnt die Ohren weit 
zu offnen, als sie von sich selbst spricht. Ich war auch 
keine Prinzessin . . . hallt es in seinem Kopf wider, als die 
Erinnerungen an vergangene Kassaer Tage auf ihren 
Lippen lebendig werden mit der nie vergehenden Macht 
des Erlebens, der Aufrichtigkeit des Riickblicks auf sich 
selbst. Vierzehn Jahre . . . Uona Szab6 ist vierzehn Jahre 
alt, als ihr Vater zehn Jahre nach dem Tode der Mutter 
an einem entsetzlich regnerischen Tag auf der StraBe sich 
an die Brust greift, bis man ihn nach Hause transportiert 
hat, ist er bereits bewuBtlos, und als sich der alte Doktor 
Terniczky iiber ihn beugt, lebt er nicht mehr. Ilona Szab6, 
Schiilerin der vierten Klasse der hoheren Madchenschule, 
weint ohnmachtig in Tante Boras SchoB. Keinen andern 
Menschen hat sie nun mehr auf der Welt als diese altc 
Haushalterin. GroBe Beerdigung, die ganze Stadt ist da, 
auch der Biirgermeister; dann kommt eine Unterstxitzung 
von der Stadt, Imre Szab6 war stadtischer Archival 

286 



gewesen, aber die Dreizimmerwohnung muB aufgegeben 
werden, und es 1st noch ein Gliick, daB die alte Bora in den 
zehn Jahren etwas Geld beiseite gelegt hat und Ilona liebt, 
als ware sie ihre eigene Tochter. Zum Herbst tritt die 
Wirtschafterin jedoch wieder irgendwo in Stellung, das 
kleine Madchen kommt zum alten Freund ihres Vaters, zu 
Onkel Vizsenyi, den das Waisenamt zum Vormund be- 
stimmt hat. Onkel Vizsenyi ist Witwer, besitzt zwei schone 
Mietshauser, hockt den ganzen Tag im Cafe, raucht seine 
Pfeife und dreht jeden Groschen, den er ausgibt, erst 
zehnmal in der Hand. Im Hause ist eine fiirchterliche, aus- 
gemergelte alte Verwandte, Frau Marko, die den Haushalt 
fuhrt und vor der das kleine Madchen derartige Angst hat, 
daB es zittert, wenn sie es nur ansieht. Ilona kann es zu 
Hause nicht aushalten, aber weiter in die Schule gehen . . . 
nein, sie muB ein Handwerk erlernen. Nahen? Gartnerei? 
Kindermadchen werden? Onkel Vizsenyi willigt ein, 
daB sie Stenographic und Schreibmaschine lernt. Der 
Kursus dauert ein halbes Jahr; nach Ostern bekommt sie 
auch gleich eine Stelle, im Biiro bei Doktor Simoncsics; 
zwanzig Kronen verdient sie im Monat, vorlaufig. Im Biiro 
arbeitet ein junger, blondhaariger Referendar, Anti Peterfy. 
Ilona ist funfzehn Jahre alt. Strahlende, ahnungsvolle 
Sommernachmittage und -abende gehen iiber sie dahin; der 
Rechtsanwalt spielt schon um fiinf Uhr im Kasino Tarock; 
die beiden bleiben fast taglich allein im halbdunkeln 
Buro-Hofzimmer. Ilona fiihlt und weiB, daB sie Anti 
Peterfy nicht widerstehen konnte . . . der Junge, Sohn des 
Gerichtsprasidenten, will nicht oder wagt nicht . . . und so 
vergehen diese Stunden nur in schwulem, erregtem, auf- 
reibendem Gekiisse. Der Mannesarm und Mannesmund 
bliihen jedoch in dem kleinen Madchen auf, und aus der 
kleinen Hi wird in wenigen Monaten die groBe Ilona, 
auf der StraBe wird sie angegafft, von den Frauen in der 
Angst vor der Konkurrenz, von den Mannern mit masku- 
lincr Eindeutigkeit, die groBe Hona Szabo indessen gibt 

287 



bereits auf sich acht, und Anti, selbst wenn er jetzt wollte . . . 
Mit angstvollcr Behutsamkeit spart sie die Kronen: sie 
mochte nach Budapest, und wenn sie dazu Geld genug 
hat und Onkel Vizsdnyi es nicht erlauben sollte, dann riickt 
sie einfach aus. Anti Peterfy ist nun schon ernstlich in sie 
verliebt, und die Frau Gerichtsprasidentin macht sich groBe 
Sorgen ob des einen und andern Wortes, das ihr Sohn 
fallen laBt. Der Bengel ist noch imstande, diesen kleinen 
Fratz zu heiraten, wenn er sein Examen gemacht hat . . . 
und das darf natiirlich nicht sein. Einmal verrat Ilona dem 
Jungen ihr Geheimnis, daB sie nach Budapest will; er liest 
es ihr von den Lippen ab, daB sie ihn nicht mehr liebt. Da 
macht er ihr eine Szene, droht mit Selbstmord . . . Ilona 
lacht, sie weiB, daB diese Drohung eine Kinderei ist, und 
weiB auch, daB der Junge zu einer hvibschen jungen Witwe 
namens Rozsa Szelenak geht, und wenn sie auch iiberzeugt 
ist, daB trotzdem sie die ernste Herzensangelegenheit ist, 
so weiB sie dennoch: wenn sie einmal weg ist, wird Anti 
Peterfy neben Rozsa Szelenak eine andere ernste Herzens- 
angelegenheit haben. Der Junge aber bekommt geradezu 
einen Anfall, als eines Tages im Zusammenhang mit einem 
langwierigen, komplizierten, erbitterten ProzeB der Bau- 
sachverstandige von Simoncsics* Hauptklienten, dem 
exaltierten Grafen, ein Londoner Architekt namens Myers 
erscheint: vom ersten Augenblick an driickt er sich um 
Ilona herum und sagt wobl hundertmal am Tage scherzhaft, 
ein so wunderschones MadchenI und wenn etwas sehr 
oft gesagt wird, so glauben es in der Regel zum SchluB zwei : 
der es sagt und der, dem es gesagt wird. Myers ist mindestens 
zehn Jahre alter als Anti Pterfy, an den Schlafen beginnt 
er schon grau zu werden, und gekleidet ist er, daB die klein- 
stadtischen Eleganten ruhig die Gelbsucht kriegen konnen. 
Er bleibt zwei Wochen in Kassa und reist dann wieder ab. 
Etwas Eigentiimliches sagt er, als er sich von dem Madchen 
verabschiedet, namlich: ich mochte, daB Sie Englisch 
lernen. Ilona denkt sich etwas und wird bis liber die Ohren 

288 



rot, und am nachsten Tage meldet sie sich zum Sprachen- 
Abendkursus in der Biirgerschule an. Mit finsterer MiB- 
billigung verfolgt Anti Peterfy dieses Englischlernen. Vor- 
wurfsvolle, nervose Worte fliegen zwischen ihnen hin und 
her. Anti schimpft den Englander einen Halunken, Ilona 
halt ihm Rozsa Szelenak vor; dann stabilisieren sich diese 
Streitereien, Ilona amiisiert sich im Grunde genommen 
uber die Geschichte, Anti indessen spricht an einem ver- 
bitterten Abend im Cafe beim Weinglas und in Gegenwart 
Pista Garays und Viktor Szokans und Berti Molnars ein 
gemeines, unbedachtes, gefliigeltes Wort aus . . . Am 
folgenden Tage erzahlt Pistas Mutter einer Tante Vilma, 
Viktors verheiratete Schwester einer Freundin, Bertis 
Geliebte, die Kassierenn im Cafe, ihrer Chefin, daB . . . und 
in zwei Tagen spricht die ganze Stadt davon, daB Ilona 
Szabo die Geliebte des englischen Architekten sei. Der 
Miihe wert gewesen, der nachzulaufen, sagte cine, 
nachgelaufen ist er ihr doch gar nicht, verbessert einer, der es 
bcsser weiB, keine Spur von Nachlaufen, gleich am ersten 
Abend . . . Zwei ncue Kleider hat sie von dem Englander 
bekommen, ach Unsinn, zwei Kleider, tausend Pfund, 
verstehen Sie mich? tausend Pfund hat er ihr hiergelassen . . . 
Englisch laBt er sie lernen, denn wenn sie ihm spater 
nachreist, nachreist! er wird sie sich gerade nachreisen 
lassen, hochstens nach Budapest wird ihr Kurmacher sie 
mitnehmen, er hat doch in London cine Frau . . . Betroffen 
sieht Anti Peterfy eines Tages, was er angerichtet, was fur 
eine Lawine er ins Rollen gebracht hat, aber zu spat. 
Frau Peterfy nimmt ihm das Ehrenwort ab, daB er sich mi: 
dieser . . . Person nicht mehr einlasse, auBerhalb des Biiros 
und amtlicher Dinge naturlich, aber man miiBte auch 
Rechtsanwalt Simoncsics darauf aufmerksam machen . . . 
es passe sich schlieBlich doch nicht fur cinen Gentleman, 
solch ein verworfenes Fraucnzimmer im Hause zu halten; 
am Ende kommt er noch selbst in schlechten Ruf. Und der 

Klatsch geht weiter und greift urn sich, iibersteigt sogar 

t 

19 Ktirnmidi. lliidaprst 289 



ein wenig den iiblichen Lebensgehalt des Klatsches, 
tja, der Englander war auch keine alltagliche Erscheinung ! 
und selbstverstandlich kommen Ilona die Sachen wieder zu 
Ohren. Soil sie weinen, oder wie konnte sie sich dagegen 
wehren? Soil sie ihren Ritter Dr. Antal Peterfy um seinen 
Schutz bitten? Zum Gliick hat sie keine gesellschaftlichen 
Ambitionen in Kassa, ihr Vormund ist fur solchen Unsinn 
taub, und dann, kein Wunder dauert ewig. Sie geht ins 
Biiro, redet Anti kuhl mit Herr Doktor an, im stillen lacht 
sie iiber ihn und . . . kann dem groBen dummen Jungen 
nicht bose sein. Sie hat ihn schon endgiiltig iiberwunden, 
vorbei, aus, unwichtig. Wichtig aber ist, daB eines Tages 
cine Karte aus London kommt, und noch eine und noch 
eine, in regelmaBigen Zeitabstanden, und dann kommt eine 
Karte aus Antwerpen, dann eine aus Paris, dann aus 
Toronto und dann wieder eine aus London, und dann 
ist Mr. Myers eines Tages wieder in Kassa, laBt sich dem 
alten Vizsenyi vorstellen, und zwei Wochen sparer reisen 
Mr. und Mrs. Myers, geborene Ilona Szabo, mit dem Abend- 
schnellzug in einem Extrakupee von Kassa ab. Hinter ihnen 
brennt die Stadt in den knisternden Flammen des neuen, 
drei Tage dauernden Wunders . . . und dann hat Kassa 
Ilona Szabo schneller vergessen als Mrs. Myers Kassa, von 
dem noch immer iiber London, Sydney und Port 
Elizabeth hinaus die Erinnerung an eine unendliche, 
ermudende und dennoch wohltuende Erwartung lebt. 

Von unten ist sie heraufgekommen, von noch tiefer als 
ich, summt eine Stimme in Kddars Kopf, und sie wird mich 
mitnehmen in die Hohe. Und den ganzen Abend spricht 
diese Stimme leise zu ihm, dirigiert seine Worte und Be- 
wegungen, mahnt ihn zur Vorsicht und verscheucht die 
bereits mehrmals ihn uberkommende bettlerhafte Selbst- 
erniedrigung: gib acht, hier handelt es sich nicht um ein 
Pfund, gib acht, sei nicht gierig, gib acht, verrate dich nicht. 
Nach seinen personlichen Angelegenheiten fragt sie kaum; 
mehr und mehr konzentriert sich das Gesprach auf 

290 



Siidafrika. In aufregenden Mosaikfarben sieht er das Land 
der VerheiBung vor seinen Augen schillern : die aufstrebende 
englische Hafenstadt mit Neapels Klima und Amsterdams 
Sauberkeit und mit dem Reichtum des siidafrikanischen 
Staatenbundes hinter ihr. Gleichsam von Woche zu Woche 
tun sich neue StraBen auf, und es cntsteht die Stadt: reiche 
hollandische und deutsche Familien wetteifern mit den 
Englandern um ihr Aufbliihen und um die Befriedigung 
der Anspriiche von Bequemlichkeit und Luxus. Auf den 
palastartigen Klub der Hollander reagieren die Deutschen 
mit einem noch pomposeren Vereinshaus, und die Englander 
bauen daraufhin ein Kindererholungsheim, das mit dem 
teuersten der Art in London konkurrieren kann. Die Firma 
Abley & Co. nimmt sich natiirlich einen reichlichen Anteil 
der Arbeit : das Biiro beschaftigt auBer den beiden leitenden 
Ingenieuren rund zwanzig Angestellte, ihr letzter Bau, 
der sich gerade jetzt der Vollendung nahert, sind die neuen 
Docks und Lagerhauser der Cunard Line, sie werden noch 
nach Mr. Myers' Planen errichtet . . . und wenn sie jetzt 
wieder nach Hause geht, nach so langer Zeit, wird es ihr 
etwas sonderbar vorkommen, sich wieder an den groBen 

Schreibtisch zu setzen 

Kadar pochen die Schlafen vor Aufregung. Ein Wort 
erwartet er jetzt, jenes Wort . . . aber das Wort ertont 
nicht. Dann, in einem momentanen Schwindel hat er das 
Gefiihl: wenn er schweigt, laBt er sich den Augenblick 
entrinnen, er muB sich anbieten, er muB es aussprechen : 
ich gehe mit Ihnen . . . und die Stimme in seinem Kopf, 
sie schweigt auch schon, sie befiehlt ihm auch nicht mehr, 
den Mund zu schlieBen, aber er kann nicht reden, er kann 
es doch nicht aussprechen: nehmen Sie mich mit. Und als 
Mrs. Myers nun von London, von Londoner Menschen 
zu sprechen anfangt, beobachtet er angstvoll, wie sie sich 
mit jedem Wort von Siidafrika entfernen. Die tief drohnende 
Stimme des Abenteurers und das helle Jammcrn des 
Bettlers ringen miteinander in seinem Kopf hinter den 



19* 



2 9 I 



leichten, ncutralen Worten. Die Uhr zeigt fast Mitter- 
nacht, noch 1st nichts gcschehen . . . es schickt sich, nun 
bald aufzubrechen. Er wiirdc sich auch erheben, wcnn die 
Erwartung seine Glieder nicht mit bleischwerem Gewicht 
auf den Stuhl driickte. Und als Mrs. Myers von einem 
unangenehmen Londoner Bekannten dem einen 
Sozius spricht und sagt: ,,na, aber das macht nichts, ich 
sehe ihn ja hochstens noch zehn Tage . . .", da lahmt ihm 
die verzweifelte Qual der verloren geglaubten Sache wie 
mit Millionen von Nadelstichen den Korper. Er sieht auf 
seine Uhr und steht auf. Da fragt Mrs. Myers: ,,sagen Sie 
mal, was werden Sie nun machen?" ,,Nun? wieso 
nun?" ,,Ich meine, in den nachsten Monaten. Was 
haben Sie fur Plane? Bleiben Sie in London?" Er bermiht 
sich, ein gleichgiiltiges Gesicht zu zeigen, aber seine Augen 
hangen zogernd an ihrem Gesicht und ihrer Gestalt. ,,Ich 
weiB noch nicht", antwortet er, und tatsachlich gelingt es 
ihm, seine Stimme leicht und unbefangen zu glatten, 

,,vielleicht bleibe ich noch in London, vielleicht " 

Und sie fahrt dazwischen: ,,und sagen Sie mal . . . soil ich 
wirklich nicht bei Scott ein Wort fur Sie einlegen? damit 
Sie hier im Biiro " Nun, jetzt aber nicht mehr weiter 
Luftspriinge gemacht, vielleicht ist das die letzte Ge- 
legenheit, nun ein Ja herausquetschen : ja! sie solle ein 
Wort einlegen! im Biiro! bloB um einen besseren Bissen 
Brot! . . . Und da gewinnt doch der Rausch des Hasardeurs 
die Oberhand, und kiihl, aber mit dankbarer Freundschaft 
in der Stimme sagt er: ,,oh, nein, danke. Sclbst wenn ich 
Arbeitsbewilligung bekame, hatte es keinen Sinn, fiir mich 
ist das keine Losung . . . das heiBt " Mrs. Myers' Gesicht 
wird um eine leichte Nuance roter. ,,So, und wenn ich 

sagen wiirde " und da, da fahrt er ihr ins Wort mit der 

iiberlegenen, innerlich fieberhaft flackernden Stimme des 
sicheren Gewinners und dem gemeinen Hochstaplerblick 
in den Augen, aus dem blitzt : nicht um die Dinge handle 
es sich, um die nebensachlichen Dinge, sondern um die 

292 



Personen, um cine einzige Person . . . : ,,Jawohl, das ja!" In 
der Spannung, die der elektrischen Entladung vorausgeht, 
brennen zwei Augenpaare ineinander, eine frische kecke 
Knabenstimme aus der Vergangenheit klingt ihm in den 
Ohren: ,pack sie doch, ergreif ihren Kopf . . . damit sie be- 
kommt, was sie haben will! 4 In der Schulter, im Arm zuckt 
ihm schon die Bewegung. Die Frau wendet rasch den Blick ab 
und steht auf: ,,Woher wissen Sie, was ich sagen wollte? 
daB Sie schon antworten ..." ,,Sie wollen sagen", spricht 
er hart, befehlerisch, ,,wenn Sie mich auffordern wiirden 
mitzugehen ..." In Mrs. Myers' Blick liegt etwas von 
erschrockenem Zogern, von aufschiebendem Sichwehren: 
,,und wenn ich das auch hatte fragen wollen . . das ware 
nur ... ich habe mich noch nicht entschlossen . . . noch 
gar nicht . . ." ,,Oh", sagt er dann ganz seiner sicher, 
,,miBverstehen Sie mich nicht, Mrs. Myers, halten Sie es 
nicht fur Aufdringlichkeit, ich dachte mir nur, wenn Sie 
mich rufen, dann gehe ich mit Ihnen, nach Afrika, wohin 
Sie wollen, ans Ende der Welt." 

Und wie er ihren glimmenden, vor seinen Augen 
fliichtenden, unsicheren Blick mit seinen Augen jagt, und 
wie sich dann die schmale Gestalt mit einer briisken Be- 
wegung von ihm abwendet, da weiB er bestimmt, daB 
er ruhig seinen Koffer packen kann: Mrs. Myers nimmt ihn 
mit, nach Afrika, ans Ende der Welt. 



DER groBe eiserne Schrank mit den zahlreichen Fachern, 
der, in die Wand des Arbeitszimmers gebaut, die wich- 
tigsten Urkunden der Firma hiitet, hat einen besonderen 
verschlieBbaren Teil, hier bewahrt A. T. Cadar, der 
hervorragende junge Architekt, seine privaten Schrift- 
stiicke auf. Solche, die sich streng auf seine Person beziehen 
oder mit ihr im Zusammenhang sind. Urkunden, Zeitungs- 



blatter, Briefe, Notizen. Hie und da in einer stillen, ein- 
samen Stunde kramt Antal Kadar in den Papieren 
Mr. A. T. Cadars herum. 

Liste der Reisenden des Cunard-Line-Schiffes ,,Falconia", 
Fahrt am .... 1922 Southampton Gibraltar Port 
Said Aden Mombassa Mosambique Burban Port 
Elizabeth: 

1 66. Mrs. Helena Myers, Unternehmerin, Port Elizabeth. 

167. Mr. A. Kadar, Privatsekretar, Port Elizabeth. 

Ein BeschluB der Polizeibehorde in Port Elizabeth: 

. . . wird Mr. A. Kadar die vorlaufige Aufenthalts- 
bewilligung erteilt, sein Gesuch um Niederlassungs- 
bewilligung wird zwecks Erledigung an die Obrig- 
keit weitergegeben . . . 

Ein Brief von Mrs. Myers aus Cape Town: 

. . . Hooley schreibt, seitdem ich fort bin, verbringen 
Sie Ihren ganzen Tag im Biiro. Ich freue mich ja sehr, 
wenn Sie moglichst bald viber alle unsere Angelegen- 
heiten im klaren sind, aber iibertreiben diirfen Sie doch 
nicht. Mir will scheinen, Hooley ist ein biBchen eifer- 
siichtig auf Sie, das soil Ihnen aber auch dann nicht die 
Lust nehmen, wenn Hooley Sie seine Gefiihle in seiner 
gewohnten etwas derben Art merken lassen sollte. 
Growham hat, wie ich sehe, gut gearbeitet, wahr- 
scheinlich bekommen wir den Bau der C. T.er Biblio- 
thek. Gleich nach der Entscheidung reise ich nach 
Hause . . . 

Bericht aus einer Sportzeitung: 

Die erste Uberraschung brachte das gemischte 
Doppelspiel: das Paar Kaddr-Myers schlug mit iiber- 
legener Leichtigkeit 6 : 2, 6 : o das Siegerpaar 
vom vorigen Jahr, Dunn-Dunn, Das vollkommcn 

294 



abgestimmte Spiel der Sieger wurde selbst vom Publikum 
der Dunn-Partei mit begeistertem Beifall verfolgt . . . 

Ein Brief von Dr. Bloomhard, dem Direktor der Johannes- 
burger Union Technology: 

. . . es wird mir zur Freude gereichen, Sie, den vor- 
trefflichen Mitarbeiter der Firma Abley, unter meinen 
Horern begriiBen zu konnen. Ich bin iiberzeugt, daB 
Sie auf Grund Ihres Talentes und Ihrer Erfahrungen 
nach zwei bis drei Monaten Arbeit das Diplom erwerben 
konnen . . . 

Eine Visitenkarte : 

A. T. Kadar, Architect, Manager of Abley's Co., Port 
Elizabeth. 

Originalbrief Mr. Hooleys, des leitenden Oberingenieurs, 
an Mrs. Myers: 

. . . ich meinerseits kann mich nur dariiber freuen, 
Mrs. Myers, daft ich durch eine aktive junge Arbeits- 
kraft, vornehmlich durch eine solche, die Ihr voiles 
Vertrauen zu genieBen scheint, entlastet werden soil; 
ich wiederhole, ich kann mich dariiber nur freuen, ich, 
der ich seit neun Jahren im Dienst der Firma stehe und 
weit iiber mein vierzigstes Lebensjahr hinaus bin. Aber 
gerade mein Alter und die lange Zeit, die ich bei Ihnen 
vcrbracht habe, machen es mir zur Pflicht, Sie auf etwas 
aufmerksam zu machen. Die Kruegersdorper Grund- 
stiicksspekulation hat mir monatelang die Nachtruhe 
geraubt. Sie ist gelungen, gut, aber Monate hindurch 
hat es den Anschein gehabt, daB sie nicht gelingen 
wiirde. Den Bahnhofsbau in Pretoria zu ubernehmen, war 
meiner Ansicht nach gleichbedeutend mit Selbstmord, 
und daB wir daran kein Geld vetloren haben, ist einzig 
und allein dem Zufall zu verdanken. Kurz: ich habe das 
Gefuhl, daB ich trotz unverSnderter Verantwortung an 

295 



EinfluB bei Ihnen verloren habc und dadurch natiirlich 
auch in London. Dagegen will ich keine Klage erheben, 
ich mochte Sic nur zu gcsteigertcr Vorsicht mahnen und 
Sic bitten: denken Sie nie, Hooley bremse aus Eifersucht, 
wcnn er bremst, oder er sage aus Neid nein, wenn er nein 
sagt. Ich glaube nicht, daB ich verknochert bin, vielleicht 
kann ich nur die Interessen der Fitma besser wahren als 
einer, der die Welt mit feungen jungen Augen sieht . . . 

Amtliche Kopie eines Briefes Mr. Hooleys an die Londoner 
Zcntrale, die Mrs. Myers eingeschickt wurde: 

. . . mein neunjiihriger Dienst in den Kolonien 
berechtigt mich mit Fug dazu, um meine Versetzung ins 
Londoner Euro zu bitten. Sollte dies indessen Schwicrig- 
keiten verursachen, so werde ich mich zu meinem 
Bedauern gezwungen sehen, darauf zu vcrzichten, 
weiterhin als bescheidener Mitarbciter Ihrer lobl. 
Firmen . . . 

Ein Telegramm von Alexis, einem der Kompagnons: 

ankomme siebenten seid unbedingt port elizabcth 
wiinsche auch kadar zu sprechen alexis 

Alexis* Telegramm nach London (handschriftlichcs Kon- 

zept): 

alles tadellos in ordnung stop ersatz fur hooley 
vollkommen uberfliissig stop kadar mufi groBtc an- 
crkennung gczollt werden alexis 

Abschnitt einer Postanweisung : 

Empfanger: Mary Tate, London SE. Deptford, 
Steelworks Row, c/o Cresse. Betrag: Pfund 100, . 
Absender: A. Kadar, Port Elizabeth. 

Telegramm Growhams aus Johannesburg: 

mr kadar abreise sofort lagerhausbau unser gratuliere 
growham 

z<)6 



Ein Dokument: 

. . . Minister der innercn Angelegenheiten verfugt 
hiermit, Herrn Anthony Theodore Kadar als Burger 
des Sudafrikanischen Staatenbundes, insbesondere Cape- 
lands aufzunehmen, und bewilligt gleichzeitig, seinen 
bisherigen Namen vom Tage der Unterzeichnung dieser 
Urkunde an in den Namen Cadar umzuandern und 
diesen Namen als gesetzlichen Namen zu gebrauchen . . . 

Ein Zeitungsblatt; gesellschaftliche Nachrichten: 

Mr. A. T. Cadar, der vortreffliche Architekt und 
Mitchef der Firma Abley, und die Witwe seines Vor- 
gangers, Mr. M. Myers', Mrs. Helena Myers, haben sich 
vermahlt. Zahlreiche Spitzen unserer Stadt, des ganzen 
Landes und Londons iiberhauften das junge Paar mit 
Gliickwunschtelegrammen. 

Duplikat einer Entscheidung des Firmenamts in London: 

... die Firma Abley, Alexis, Hutton, Myers & Scott, Ar- 
chitects, loscht den Firmenwortlaut und tragt stattdessen 
ein: Abley, Alexis, Cadar, Hutton & Scott, Architects. 

Brief an einen stadtischen Oberbeamten: 

... in diesem Interesse schrecke ich auch vor 
groBeren Opfern nicht zuruck, meine erste und wich- 
tigste Bedingung jedoch ist es, daB der Kauf des Grund- 
stiicks streng geheimgehalten werde, bis der Bau be- 
ginnt oder ich selbst die offentliche Propaganda in die 
Wege leite . . . 

Ein Brief nach London: 

. . . und schlieBlich bin ich meiner Sachc so sicher, 
daB ich das Geschaft allein machen werde, wenn Sie 
sich nicht daran beteiligen wollen. Heute ist es bereits 
nicht nur mein Gefuhl, sondern auf Grund von Zahlen 
auch meinc Oberzeugung, daB die Kolonie eines der 
besten Geschafte der letzten Zeit sein wird . . . 



297 



Eine Urkunde: 

. . . naher bezeichnet: von den im Besitz der Stadt 
befindlichen freien und unbebauten Grundstiicken, die 
westlich von der Stadtgrenze, ostlich von der Be- 
zirksgrenze der Stadt Olchester, siidlich von der 
Kiistenlinie der Algoa-Bay und nordlich von der mit 
der Kustenlinie parallel laufenden und von dieser zwei 
und eine halbe englische Meile entfernt liegenden Linie 
begrenzt werden . . . und verkauft die auf dem durch 
die vertragschlieBenden Parteien gemeinsam bestimmten 
und aufgenommenen, von ihnen wechselseitig an- 
erkannten und untereinander ausgetauschten topo- 
graphischen Plan als neu aufgenommene Grundbuch- 
eintragungen von oooi bis 1000 numerierten Grund- 
stiicke zum unten festgesetzten Preis an Herrn Anthony 
Theodore Cadar und seine Ehefrau und iibergibt sie in 
deren Besitz . . . samtliche Einrichtungen, die in dem 
diese Urkunde erganzenden Protokoll gemeinsam be- 
stimmt und kurz als offentliche Betriebe bezeichnet sind, 
lafk die Stadt auf eigene Kosten fertigstellen, wohin- 
gegen Kaufer verpflichtet sind, die in anliegendem 
Protokoll genau beschriebenen Wohlfahrts-Institute 
errichten und einrichten zu lassen und der Stadt zur 
Verfugung zu stellen . . . 

Eine Annonce: 

Der Garten Eden der Biblischen Zeit war in 
Kleinasien! 

Der Garten Eden der Modernen Zeit wird in 
Siidafrika seinl 

Verlangen Sie unverziiglich Prospekte iibcr 
das Neue Eden I 

Eine Annonce: 

Die schonste Seekiiste der Welt war bisher die fran- 
zosische Riviera in einem Jahr wird es die Kiiste 

298 



der Algoa-Bay sein. Brauchen Sie ein winzig kleines 
Weekend-Haus? Brauchen Sie eine prachtvolle Luxus- 
villa? Bevorzugen Sie den strahlenden Sonnenschein am 
Meeresstrand oder den kuhlen Schatten der wunder- 
baren Walder? 1st Ihr Geschmack der Stil der Neger- 
hiitten oder die moderne Glasarchitektur? Suchen Sie 
noch heute unser Euro auf, nehmen Sie Einblick in 
unsere Plane und beraten Sie sich mit unsern Fach- 
leuten . . . 

Sogenannter novellistischer Bericht in einer groBen 
Tageszeitung : 

. . . im zweisitzigen Cadillac des beriihmten Archi- 
tekten sausen wir auf der spiegelglatten neuen Fahr- 
straBe die strahlende Meereskiiste entlang. In wenigen 
Minuten haben wir die im Bau begriffene neue Kolonie, 
das ,,Sudafrikanische Eden", erreicht . . . und schon 
sieht man die Unmengen von Baumaterial, Maschinen, 
Lastautos und die endlosen Gruppen von Arbeitern in 
buntem Getriebe. Eine regelrechte Stadt . . . aber eine 
Wunderstadt, in der Wasser und Wald, Luxus und 
zweckmaBige Einfachheit vereinigt sind. Jedes einzelne 
Gebaude scheint eine kleine Burg fur sich zu sein, ein 
stolzer Verkiinder des klassischen englischen Wortes . . . 
und dennoch sehen wir bereits im ersten Augenblick: 
wir sind unter Freunden. Die gewaltige Sportanlage, 
der glanzende Filmpalast, das pompose Klubhaus . . . 
jeder einzelne findet auBerhalb und innerhalb seines 
Hauses die Bequemlichkeit, Freude und Zerstreuung, 
die seiner Personlichkeit am besten entspricht . . . 
Unterwegs unterhalten wir uns mit Mr. Cadar. ,,Ich bin 
mit dem bisherigen Ergebnis des Baues zufrieden", sagt 
der Architekt. ,,Mit dem materiellen Erfolg ebenso wie 
mit dem moralischen: in den ersten Tagen bereits 
erhielten wir Bauauftrage fur eine uber Erwarten groBe 
Zahl von Einheiten, und liberdies ist sozusagen das 

299 



Auge des Intercsscs von ganz Afrika und dem Britischen 
Reich auf uns gcrichtet . . ." 

Ein Telegramm des Agenten Smith: 

hundertzehn bis hundertfiinfunddreifiig verkauft re- 
servieret noch mindestens funfzig 

Ein Telegramm des Agenten Corbett: 

achtzig hundertfunf abgeschlossen drahtantwort ob 
noch zehn waldviertel bekommen kann 

Ein Telegramm des Agenten Berghem: 

groBer erfolg familie vandermuylen acht parzellen 
hundertzehn bis siebzehn wollen bauten mit mr cadar 
personlich besprechen rechne mit weiteren funfzig 

Ein Telegramm des Agenten Di Marcelli: 

samtliche parzellen im rayon verkauft drahtantwort ob 
bauten tirolerstil iibernehmen kann 

Eine behordliche Mitteilung: 

. . . Bei der Einweihung von Helena -Village und der 
Obernahme der Wohlfahrtsinstitute \drd sich die 
Regierung durch spater noch bekanntzugebende Per- 
sdnlichkeiten vertreten lassen . . . 



i3 

UND dann . . . ja, dann kam auch das. Die Einweihung 
der neuen Kolonie. Die Vertretung der Regierung. Die 
Redcn. Die Ovationen. Hurra der Sudafrikanische Staaten- 
bundl Hurra das Britische Reich I Hurra Helena- Village 1 
Hurra Mr. Cadar und Mrs. Cadar! Hurra die vortreff lichen 
Mitarbeiter und alle, die an der Schopfung dieser wunder- 
baren Statte geholfen haben Und es kam das 

300 



Hundertzwanzig-Personen-Bankett im Hotel Great Britain, 
das um so mehr zur Zufriedenheit aller ausfiel, da jeder 
bekommen hatte, was er wollte. Siidafrika das neue Eden, 
der Unternehmer den Gewinn von unzahligen Pfund, die 
Stadt die neuen Wohlfehrts-Anstalten, der Biirgermeister 
eine Villa in der neuen Kolonie zum Vorzugspreis und so 
weiter. Dann gingen sie nach Hause. Auf der aufs Meer 
blickenden Terrasse der herrlichen Luxusvilla rauchten sie 
noch eine Zigarette. ,,Ich bin rmide", sagte Kadar, ,,wir 
wollen schlafen gehen, gut?" ,,Gut", antwortete die 
Frau; sie schwieg einen Augenblick, dann fiigte sie hinzu: 
,,ich hatte zwar gedacht, wir wiirden noch ein Glas Sekt 
trinken, nur wir beide, extra." ,,Gerne", antwortete er 
zogernd, ,,hast du Durst? ..." ,,Das gerade nicht . . . 
aber mir scheint, du hast vergessen ..." ,,Verzeih 
mir, Liebste", sagte er sofort, ,,ich bin wirklich gemein 
und vergeBlich, aber bei dem Rummel, der heute war " 
Und gleich ging er eine Flasche franzosischen Sekt und zwei 
Glaser holen. Er loste den Draht vom Flaschenhals, der 
Pfropfen flog mit erregtem Knall in die blaue Nacht. In die 
Nacht ihres vierten Hochzeitstages. Sic stieBen an; tranken 
ihre Glaser aus; kuBten sich; dann gingen sie zu Bett. 



19 

JEDER Tag ist ein Ziegelstein in der Mauer, die zwischen 
dem Leben Antal Kaddrs und A. T. Cadars entsteht. Sie 
entsteht; nicht Kddar baut sie. Wie denn Antal Kdddr 
nichts oder nur sehr wenig dazu getan hatte, es bis hierher 
zu bringen. Wie denn Antal Kaddr bloB unterm Himmels- 
gewolbe stand und manchmal mit zusammengepreBten 
Zahnen dachte, es ware gut . . . man konnte . . . man 
muBte ... und er stand da und lieB es geschehen, daB 
eine Ohrfeige oder eine Krankhcit oder ein KuB mit leichter 
Brise oder mit wildem Sturm ihn A. T. Cadar zutrieb. Und 



301 



die Mauer, die entsteht, ist schon sehr hoch. Sie fangt 
bereits die Bilder friiherer Menschen und Dinge, den Klang 
alter Musik, das Aufblitzen alter Erinnerungen ab. Diesseits 
der Mauer ist das Leben anders . . . nein, so ist das nicht 
richtig, diesseits der Mauer ist das Leben ein Leben. 
Jenseits der Mauer? Wen interessiert das? Das groBe 
Unternehmen steigt in ungebrochenem Bogen aufwarts, 
die Arbeit vermehrt sich, die Bankkonti in London und 
Port Elizabeth wachsen standig an. Die Frau: Gefahrtin 
von der Umarmung bis zum morgendlichen Ausritt, von 
den Zahlenratseln des Schreibtisches bis zu den Architektur- 
Fachblattern, die sie auch alle liest, von den zahlreichen 
guten Tonfilmen bis zum Revuetheater in Johannesburg, 
in das Joe Lewis, ihr dortiger Vertrauensmann, sie bei 
jedem Aufenthalt unerbittlich mitschleppt. Die Frau: 
Gefahrtin, indem sie mit ihm zusammen ist und indem sic 
ihn allein laBt, wenn notig. Wenn er miide ist. Wenn er 
nervos ist. Wenn er iibersattigt ist und ein paar einsame 
Stunden braucht, in der Eisenbahn oder im Weekend- 
Haus in Helena- Village. Sie sind von Menschen umgeben: 
von Englandern und Deutschen und Hollandern, von 
Geschaftsfreunden, Bekannten und Fremden. Keincm tun 
sie etwas zuleide, und keiner hat ihnen etwas an. Immer 
scheint die Sonne. So vergehen die Tage; er ist breitschul- 
trig, blond, ein guter Arbeiter und kerngesund. Als der 
groBe neue Radio- Apparat in der Villa angebracht worden 
war, saB er Abende davor und jagte nach Tonen im Ather. 
Einmal hort er deutlich cine sonore Stimme: ,. . . es folgt 
ein Konzert der Zigeunerbande Laci Racz c . . . und dana 
kommen die Tone an, Zigeunermusik, ja, die Melodic 
klingt bekannt, aber die Worte, an die Worte kann er sich 
nicht mehr recht erinnern, ein Weilchcn hort er mit 
zuriickgehaltenem Atem zu. Seltsam ... die Hauptinstru- 
mente der Zigeuner sind die Geige, das Cello und das 
Cymbal, und diese Tone, als kamen sie aus Blasinstru- 
menten . . . der Lautsprecher ist nicht gut dann sucht er 

302 



etwas anderes. In seinem Arbeitszimmer hangt eine 
gewaltige Weltkarte. Manchmal stellt er sich davor und 
betrachtet sie, London . . . nach ihrer Hochzeit waren 
sie einen Monat in London, Wien ... wo liegt das noch 
gleich? ja, hier, seit damals . . . seit damals hat er aus 
Wien keine Nachricht. Budapest, genau sechs Jahre sind 
es her, daB er zuletzt aus Budapest gehort hat. Schon fast 
zwei Jahre lebte er mit Mrs. Myers in Port Elizabeth, als er 
eines Tages einen Brief nach Budapest schrieb, an zwei 
nebelhafte alte Leute. ,,Lieber Onkel Rudi, Hebe Tante 
Anna, ich weiB sehr gut, daB es haBlich und undankbar 
ist, daB ich so lange Zeit nichts habe von mir horen lassen. 
Jetzt geht es mir gut, und zunachst mochte ich nur wissen, 
wie es euch geht, ob ich euch irgendwie helfen kann. 
Ich erwarte dringendst Nachricht von euch. Seid tausend- 
mal gekiiBt von eurem Toni." Nach gut vier Monaten 
kommt der Brief zuriick, vollgeklebt mit allerhand Zetteln, 
die samtlich nur bedeuten, daB er unbestellbar war. Das 
Recherchieramt der Post hatte wahrlich riihmenswerte Ar- 
beit geleistet. Pozsonyer StraBe, darunter klebt ein Zettel : 
Verzogen. Mit Bleistift geschrieben: Maros-StraBe 17. 
Darunter wieder ein Zettel: Verzogen. Wieder Bleistift- 
schrift : Vorzuzeigen Szvetenay-StraBe 6, Konigin-Elisabeth- 
StraBe 70. Unter der einen Adresse ein Zettel: Unbekannt. 
Unter der andern als Endurteil dick mit Rotstift ein- 
gerahmt : Adressat verstorben. Er betrachtet den bunten 
Briefumschlag, mit kaltem, fremdem Blick betrachtet er 
ihn: vielleicht wiirde er sich fur einen guten Menschen 
halten, wenn ihm jetzt eine Trane iiber die Wangen 
flosse, vielleicht aber auch nur fur einen Heuchler. Und 
da Tranen bereits teurer sind als Geld, geht ein Brief ab an 
die englische Gesandtschaft in Budapest, der um Auskunft 
bittet, und es kommt die Ant wort: Rudolf Bayer, 
pensionierter Eisenbahn-Inspektor, ist nach zweimonatiger 
Behandlung im Krankenhaus dann und dann an Magen- 
krebs gestorben; seine verwitwete Frau ist einige Tage 

303 



nach der Beetdigung axis Budapest verzogen; in Begleitung 
einer jiingercn Verwandten ist sie nach Aussage des 
Hausmeisters in der Konigin- Elisabeth -StraBe nach 
Italien gereist; wohin, ist nicht festzustellen. Jiingere 
Verwandte? Das wird Mariska sein, die Frau des italie- 
nischen Offiziers. Wirklich schon von ihr. Dann warf 
er den Brief in eine Schublade. So zerriB der letzte Faden, 
der ihn mit Budapest verband . . . aber das ist gut so. Ich 
bin noch nicht alt ... jung bin ich noch. Ich lebe. Wozu sich 
zuriickerinnern, wozu denken ... aber wer wurde auch 
jetzt noch an verblichene Gesichter denken, sich an ent- 
schwundene Namen, verklungene Stimmen zuriick- 
erinnern, an all das, was einst, vor langer Zeit gewesen 
ist? Man denkt nicht daran, und dann ist es iiberhaupt nicht 
mehr sicher, daB es einst war. 



Drifter TV/ 
DIE ARENA 



MlSS Edna, cine bebrillte, spindeldiirre alte Jungfer, 
Kddirs Sekretarin und Vertrauensperson, bringt die 
Morgenpost herein. SiebenunddreiBig Briefe. Sie Icgt sie 
an den Rand des Schreibtisches und sagt: 

,,Darf ich Sie aufmerksam machen, Mr. Cadar, 2uoberst 
liegt ein Brief, dem Poststempel nach aus Budapest", dann 
geht sie hinaus. 

Er sieht sich den Umschlag an, tatsachlich, der 
Stempel sagt: Budapest, 1929. XI. 24. und macht den 
Brief nicht auf. Was kann er wohl enthalten? wer kann mir 
aus Budapest schreiben? Das gewohnliche weiBe Kuvert 
liegt auf der Glasplatte des groBen Schreibtisches; es sticht 
ihm in die Augen. Die Handschrift: unbekannt, und 
adressiert: A. T. Cadar . . . aus Budapest. Nicht Kadar. 

Wem fallt es wohl in Budapest ein, mir zu wer weiB 

in Budapest iiberhaupt auBer der englischen Gesandt- 

schaft A. T. Cadar hat sich langst abgewohnt, lange 

an Dingen herumzuraten, xiber die er sich in einem Augen- 
blick genauen Bescheid verschaffen kann, nur, der da 
trotzdem minutenlang das Kuvert ansieht und hin und her 
wendet, bis er es endlich mit dem Papiermesser auf- 
schneidet, das ist Antal Kdddr. 

Und dann liest er: ,Lieber Kdddr! Die herzlichsten 
WeihnachtsgruBe sendet Dir eine kleine Gruppe Deiner 

friiheren Mitschiiler c na, das ist wirklich amiisant, 

wie ist denen das bloB eingefallen? und er blattert um auf 

20 KSrmendi, Budapest 305 



die andere Seite: da steht die Erklarung. Bandi Kelemen . . . 
Bandi Kelemen . . . ach, ja, ich weiB schon, der mit dem 
braunen Haar, in der vierten oder funften Bank, in der 
Mitte, und die andern, Vilmos Lewy, das war 
so'n kleiner, dicker Rotbackiger, Zatony, wie hieB der 
noch mit Vornamen? so still und diinn und blond war er. 
Simon? Simon? welcher war das noch? Simon? Dann 
liest er noch einmal beide Seiten, drollig, sagt er; legt 
den Brief beiseite und fangt an, die iibrige Post zu offnen. 

Nach elf Uhr kommt seine Frau herauf ins Biiro. 
,,Sieh doch mal", sagt Kadar, und dann bemerkt er gar 
nicht, daB er ungarisch weiterspricht : ,,den komischen 
Brief da hab ich aus Budapest bekommen, lies mal. Mit 
denen war ich zusammen im Gymnasium", und er reicht 
ihr den Brief hin. Frau Kddar liest ihn durch und fangt an 
zu lachen. ,,Drollig", sagt sie, ,,wirklich nett." ,,Weih- 
nachtsgruBe", antwortet er; dann ist von der Sache nicht 
mehr die Rede. 

Nach einigen Tagen fallt seiner Frau der Brief wieder ein. 

,,Hast du eigentlich den Budapestern schon geant- 
wortet?" fragt sie ihn. 

,,Nein, noch nicht", sagt Kadar. Inzwischen hatte er 
auch selbst schon daran gedacht, daB es sich schicken 
wiirde zu antworten, wenn ihm auf dem Schreibtisch der 
Brief in die Hande kam. Spater laBt er aus dem Presse- 
Dossier die Nummer der World's Sunday Pictures heraus- 
suchen und besieht sich das Bild. Ah, ja, ,Der beriihmte 
Architekt ungarischer Abstammung*, stimmt, der Foto- 
reporter wollte sich mit dem Text da gar nicht begniigen, 
wollte um jeden Preis cinen Artikel iiber ihn bringen, von 
seinem Werdegang, seiner Jugend . . . ganz amiisant, daB 
der Kelemen ihn erkannt hat. Dann kommt die Zeitschrift 
wieder zuriick in den Packen und der Brief auf die linke 
Schreibtischseite zu den ,,Unerledigten". 

Tage vergehen, noch immer hat er auf den Brief nicht 
geantwortet, dann ist einmal von der fiir Februar und 

306 



Marz geplanten Reise nach London die Rede. Diese Lon- 
doner oder besser gesagt Europa-Reise 1st schon seit etwa 
einem halben Jahr Gesprachsthema: fiinf Jahre werden 
es, daB sie das letztemal driiben waren, eine kleine Ruhe- 
pause, eine vollige Ausspannung wiirde nichts schaden, 
schlieBlich gonnen sich ja sogar die Amerikaner mal ein 
Sabbath- Year ... dann entsteht langsam ungefahr der 
Plan, Ende Februar oder Anfang Marz mit einem eng- 
lischen SchifF in westlicher Richtung abzufahren, den rest- 
lichen Teil des April wiirden sie in London zubringen, drei 
Wochen sind reichlich genug fur die Verhandlungen mit 
den Kompagnons, der Mai wiirde Paris gehoren, den 
Juni, Juli und August konnte man zwischen einer Nord- 
landreise und der Schweiz verteilen, ja, das wiirde 
allerdings eine Abwesenheit von einem halben Jahr be- 
deuten, aber warum auch nicht? Den Bau der Johannes- 
burger Pferderennbahn fiihrt Growham tadellos, der 
Kruegersdorper Bahnhof wird Ende Januar fertig, damit 
ist nichts mehr zu tun, bei den Zehlinger-Hausera hat der 
alte Zehlinger den zweiten Ingenieur, den jungen Deut- 
schen Dr. Ritter, als Bauleiter regelrecht in den Preis mit 
hineingehandelt, und das Haus bleibt ja schlieBlich nicht 
herrenlos: Scotts Sohn, der sich schon seit mindestens 
einem Jahr bereit macht, herzukommen, kann sich jede 
beliebige Woche nach Port Elizabeth einschiffen. Dies 
betont Frau Kadar in einem fort, wie sie es iiberhaupt im 
Grunde genommen ist, die sich nach Ruhe sehnt, einmal 
entfahrt es ihr auch: ,,und bis wir wieder hier sind, soil von 
Bau, von Geschaft kein Wort fallen, von morgens bis 
abends und von abends bis morgens will ich nur mit dir 
zusammen sein, mit dir allein ..." nun ja, daB das der 
eigentliche Zweck der Erholungsreise ist, weiB er auch sehr 
wohl. Wir werden verreisen, auf dem Schiff und in der 
Bahn zusammen sein, wir beide allein, und wir werden uns 
fremde Gegenden und Stadte ansehen, ein reiches, schones 
Lcben haben, ein Leben fur uns, wir beide allein. 



20* 



307 



Einmal sprechen sie wieder von der Europa-Reise. 

,,Was haltst du davon", sagt er plotzlich, ,,wenn wir im 
AnschluB an Paris ein paar Tage in Budapest verbringen 
wiirden* vielleicht cine bis zwei Wochen?" 

In ihrer Stimme ist etwas von unsicherem Widerspruch: 

,,Wegen dieses Briefes da? Du hast doch eigentlich 
keinen Menschen in Budapest. Sentimentalitat vielleicht? 
suchst du alte Erinnerungen? ich will doch auch nicht 
nach Kassa fahren." 

Kddir blickt vor sich hin. 

,,Ich verstehe dich nicht . . . aber, nicht wichtig. Natiir- 
lich nicht wegen der Menschen, du hast ganz recht, ich 
habe dort niemanden. Budapest ist fiir mich genau so 
fremd wie Rom oder Stockholm. Da kenne ich auch 
niemanden. BloB habe ich zufallig einen groBen Teil meines 
Lebens in dieser fremden Stadt verbracht " 

Er schweigt; es ist still, die Frau fiihlt den Vorwurf, der 
in seinem plotzlichen Schweigen liegt. 

,,Antal", sagt sie, ,,du weiBt doch, daB wir reisen, wohin 
du willst. Mochtest du nach Budapest, gut, dann fahren wir 
eben nach Budapest. Ich . . . war noch nie in Budapest." 

Ich war noch nie in Budapest: das hatte er schon einmal 
aus einem Frauenmund gehort; damals, damals, als der 
Vater ihn mit der Mutter in die Stadt schicken wollte aufs 
Gymnasium und die Mutter nicht mit ihm allein fahren 
wollte, ich war noch nie in Budapest ... und da hat 
er das Gefiihl, er miisse der Frau, die noch nie in Budapest 
war, von Budapest erzahlen, von dem Budapest, das vor 
zwei Jahrzehnten den kleinen Gymnasiasten aufnahm, mit 
tausend Wundern, tausend ratselhaften und unverstand- 
lichen Dingen, tausend Angsten, mit den ernsten 
fremden Herren, die seine Lehrer waren; mit dem Eisenbett 
im EBzimmer in der Pozsonyer StraBe; mit dem groBen 
Geheule an dem Abend, als der Vater ihn bei Tante Anna 
allein lieB und nach Hause zuriickfuhr; mit den ersten 
Schulkameraden; mit den verbliiffend groBen Hausern und 

308 



den merkwiirdigen Figurcn der StraBen; mit dem ersten 
Herumstreifen durch die fremden Gassen; die erste 
Elcktrische, das erste Automobil, das er sah, welch riesen- 
hafte Welt! . . . Dann fallt ihm das Wort Sentimentalitat 
ein, und er schweigt. 

,,WeiBt du", sagt die Frau wieder, ,,als kleines Madchen 
wollte ich schrecklich gerne nach Budapest, ich ware auch 

dorthin ausgeriickt, wenn Myers und dann kamen so 

vide fremde Stadte, bloB Budapest nicht. Heute ists dort 
gewiB ganz anders, als es damals ausgesehen haben mag." 

Ein lauer Wind weht durch den stillen Abend nach der 
Terrasse hin, der Hauch des Indischen Ozeans. 

,,Ja", sagt Kadar, ,,heute ist es gewiB ganz anders. 
Sicher hat sich die Stadt seither sehr entwickelt." 



ER sitzt vor der Schreibmaschine, in der Maschine ein 
Brief bogen: Abley, Alexis, Cadar, Hutton & Scott, 
Building Co. Ltd., das steht am Kopf, darunter in kleineren, 
rotcn Buchstaben: Colonial Section, Port Elizabeth. 

Licber Kelemen I 

Ich habe mich sehr uber Dcinen Brief gcfreut, selbstoer- 
standlich crirmcre ich mich noch an Dich und auch an allt ftbrigcn, die untcr- 
schrieben haben. Sehr langc haben wir urn nicht geschen, und so ware es tchwer 
und hdtte auch ^dhen Sinn, in einem kurzen Brief ctwas von mir persSnlich zu. 
schreiben. Hingegen ist es leicht mtiglich, dafl wir im Laufe des FrShjahrs nach 
Budapest kpmmcn, im Winter habe ich ndmlich in London zu tun, und auch ah- 
gesehen davon hatten wir cine Europa-Reise gcplant. Sad also bis zum cventucllai 
Wicderxhen die herzlich gegriffit. 



,,Und wenn wir doch nicht nach Budapest fahren?" 
fragt die Frau, als sie den Brief durchliest. 

,,Auch dann ist nichts passiert. Durch diesen Brief habe 
ich mich doch zu nichts verpflichtet," 

309 



JULIE steht in der Kiichentiir und wischt sich die Hande 
an der Schiirze ab, als Kelemen in den Flur tritt. 

,,Aus Amerika ist ein Brief gekommen, aus Eliza oder 
so, der Brieftrager wollte ihn gar nicht hierlassen, er miiBte 
ihn personlich aushandigen, hat er gesagt, aber ich hab 
ihm gesagt, lassen Sic ihn nur ruhig hier, ich werde ihn 
schon dem Herrn iibergeben, wenn er am Abend nach 
Hause kommt; zwischen die roten Bucher hab ich ihn 
gesteckt " 

Aus Kelemens Wangen schwindet das Blut; das Mad- 
chen schnattert noch immer ihre Heldentat von der An- 
nahme des Briefes, aber er ist schon in seinem Zimmer 
und reiBt den Brief zwischen den ,Modernen ungarischen 
und auslandischen Romandichtern* hervor. Die Hand 
zittert ihm, er tritt unter die Lampe, Herrgott, das ist 
die Antwort von Kadar! 

Am 24. November: voriges Jahr war das, als cr abends 
sclbst die Geschaftspost mitnahm, die ganze, nur um diesen 
Brief eigenhandig auf der Hauptpost aufgeben zu konnen. 
Und heute ist der 16. Februar, fast ein Vierteljahr ist 
seither vergangen, und wie vergangen! A. T. Cadar, 
dieser Name war ihm geradezu zur fixen Idee geworden, 
und es gab Tage, an denen er sich bereits in der unvorstell- 
baren, also nach Lust und Laune vorgestellten afrikanischen 
Marchenstadt sah als des Nabobs, als A. T. Cadars . . . nein, 
als Toni Kadars Freund und Vertrauensmann und als seine 
rechte Hand mit unbeschrankter Vollmacht. Aber cs gab 
auch Nachte, die diese Phantasien aus seinem Kopf ver- 
trieben; haBlicbe, gemeine Nachte, in dcnen er sich nicht 
vorstcllen konnte, daB cr je im Leben mit diesem Gotzen 
zusammentreffen wiirdc, warum solltc er denn nach 
Budapest kommcn? warum zum Teufel? Blodsinn, darauf 
zu rechnen, daB ich ihn bei der Eitclkeit gepackt habe . . . 
,Einigc habeo sich mit mir gcfreut, einige haben dich 

310 



bcneidet, alle aber waren wir verbliifft iiber deine Karriere * 
nein, mit sowas kann man nur auf einen Budapester Ein- 
druck schinden, aber nicht auf einen Fremden, einen Aus- 
lander, und wenn er hundertmal Ungar war, gut, und 
wenn schon, und wenn wir schon verbliifft sind und uns 
freuen oder ihn beneiden, selbstverstandlich beneiden 
wir ihn, was kiimmert ihn das? interessiert ihn das 
etwa? Wenn ich oder Szende oder Rona in der Lotterie den 
Haupttreffer machen, natiirlich ist es auch wichtig auBer 
dem Geld, daB die iibrigen, die das groBe Los nicht 

gezogen haben aber der? nicht im Traum wird er 

sich einfallen lassen, aus dem wohlig warmen Port Elizabeth 
herzukommen! Das waren fiirchterliche Abende und 
fiirchterliche Nachte, weil in der Zeit . . . Ja, Kadar und 
Port Elizabeth waren das einzige, was noch nicht aus- 
gespielt war. Der Winter ist immer schlecht, und wer redet 
denn von groBen Dingen, von lebenswichtigen Dingen? 
die kleinen Dinge, die geringfugigen Alltage zerbrockeln 
einen. Weihnachten war einfach entsetzlich, eine Grati- 
fikation hatten sie im Biiro nicht bekommen, nicht einmal 
sic zu reklamieren hatten sie dieses Jahr gewagt; es hatte 
sich ja auch kein Mensch gemuckst, als die Extraentschadi- 
gung fur die Oberstunden aufhorte; und die Neujahrs- 
Remuneration war ein Viertel vom Gehalt, achtzig 
Pengo, der Kuckuck soil die Transcont holen! Und daB 
diese achtzig Pengo fur lauter Quatsch draufgegangen sind, 
das versteht sich von selbst. Joly bettelte ihm zehn ab, der 
Mutter gab er zehn, dabei ware ja noch nichts. Aber vier- 
undzwanzig hatte er im Januar mit den Jungens in Sekt 
versoffen, fiir achtzehn eine Hundert-Packung Muratti- 
Zigaretten gekauft, das war hirnverbrannt, das iibrige 
rutschte ihm so durch die Finger, cin Kino plus, einmal 
Cafe phis, das war auch hirnverbrannt. AuBerdem hat die 
Firma im Januar zwolf Leute cntlassen, er war nicht 
darunter, aber Czilek benimmt sich seitdem unertraglich, 
jedes seiner Wortc hat einen besondcren Ton fur ihn, der 

3" 



sagt: diesmal war ich dir noch gnadig, aber das nachste 
Mai werdc ich dir nicht gnadig sein, ich bedaure. Aber - 
der Brief nach Afrika war noch nicht zuruckgekommen, 
auch cine ablehnende Antwort hatte er nicht erhalten, und 
soviel Zeit war noch nicht vergangen, daB man sich hatte 
damit abfinden miissen, der Brief sei einfach ad acta gelegt 
worden. Diese Hoffnung bestand also noch, dieses Kadar- 
Spiel, mit dem man sich iiber der Inkasso-Liste die Zeit 
vertreibcn konnte, dieset mit Honigscim gefullte Lutsch- 
pfropfen, an dem man an bitteren einsamen Abenden 
herumkauen konnte, um hie und da doch fur cine halbe 
Stunde dem gelben Licht der Gluhlampe, dem schabigen 
Linoleum-Tischtuch und dem kalten, hcrben Hauch des 
Bettes zu entrinnen. Gut, daB diese Kadar-Sache existierte, 
denn schon allein darin, daB er manchmal an sic denken 
konnte, war ein Positivum, cin angenehmes Gefiihl, ein . . . 
etwas, das gerade das Gegenteil von dem war, daB man 
nicht ans Abitur, nicht an die Militar-Musterung und 
Nachmusterung, nicht an die Pleite des Ledergeschaftes, 
an den Bankkrach, an die Verhore und die bestimmt wieder 
ausfallende Gehaltserhohung denken muBte. Er ging 
noch einmal auf die Hauptpost und lieB sich noch einmal 
Auskunft geben, wie lange ungefahr ein Brief nach Siid- 
afrika unterwegs sei. Friiher war er nach dem Mittagessen 
nie nach Hause gegangen, hatte bei Sari vorgesprochen oder 
eine halbe Stunde im Cafe Seemann in der Sofaecke iiber 
der Zeitung geschlafen; seit vier Wochen aber rannte er 
jeden Tag aus dem Biirgerlichen Restaurant nach Hause, 
und seine erste Frage war: ,,keine Post fur mich da?" 
Manchmal hatte er Post, Rundschreiben, Zahlungs- 
aufforderungen, trotzdem . . . cs war nicht unangenehm, 
auf etwas warten zu konnen, auf diesen Brief. Und dann 
eines Abends, als er schon nicht mchr darauf wartete: hat 
er den Brief in der Hand, die Antwort, die zehn mit der 
Maschinc gcschriebenen Zcilcn Kaddrs: Hingegcn ist es 
leicht moglich, daB wir im Laufe des Friihjahrs . . . und: 

3" 



also bis zum eventuellen Wiedersehen ... mehr, als 

er erwartct hatte, mehr, als er gehofft hatte du groBer 

Gott, ich weiB ja, ich weiB, ich bin kein Kaiser, ich bin 
doch cin armer Schlucker, aber wenn ich einmal etwas im 
Gefuhl habe 



. . . und den Jungens werde ich zunachst noch nichts 
davon sagen. Sie noch nicht alarmieren. Dazu ist noch 
Zeit, vielleicht Donnerstagabend im Cafe. Im Laufe 
des Friihjahrs, was meint er damit? Friihling ist vom 
21. Marz bis zum 21. Juni, Friihjahr, Friihjahr, er 
kommt, warm es ihm paBt. Hat sowieso in London zu 
tun . . . gut, Lcwy, ich komme im Laufe des Nachmittags 
auf eincn Sprung zu dir, ich habe sowieso in der innern 
Stadt zu tun . . . na, gut, gut, immer mit der Ruhe. Zunachst 
werde ich mal gleich meinen Urlaubsanspruch anmelden, 
drei Wochen stehen mir zu, und wenn der Czilek auch 
platzt, laB ich mir nichts abhandeln, und wenns nicht anders 
geht, verschaffe ich mir ein arztliches Attest, Suhajda oder 
Herman wird mir schon eins schreiben, mein iiber- 
lasteter Nervenzustand verlangt eine sofortige Aus- 
spannung von mindestens drei Wochen, das kann ich 
jederzeit cinreichen, und wenn nicht, na, dann sollen sie 

mir kiindigen. Im Laufe des Friihjahrs also, also, 

das erste ist, daB ich ihn anstandig unterbringe, im Ritz, 
schon, ausgerechnet mich braucht er dazu, um im Ritz 
abzusteigen. Aber wenn er spatcr kommt oder das Wetter 
schon schon gcnug ist, ware es besser im Gellert oder auf 
der Insel . . . na, schon, wir werden ja sehen. Also, wohnen 
wird cr anstandig, das ist das erste. Und dann, was dann? 
Wenn cr allein kommt . . . ncin, er schreibt ja: im Laufe des 
Friihjahrs kommen wir nach Budapest . . . also die Frau 
kommt mit. Na, schon, dann kommt sie eben mit. Dann 



muB ich mir auch fiir sie was ausdenken, was Verniinf- 
tiges . . . vielleicht bringt Amman aus dem Ministerium 
oder Zatony aus dem Patria S. C. irgendeinen brauchbaren, 

groBen was weiB ich, was sie fiir einen Geschmack 

hat? dariiber soil ich mir jetzt schon den Kopf zerbrechen? 
zum SchluB habe ich mich vielleicht noch gar nicht ge- 
muckst, und sie hat schon mit einem im Wellenbad an- 
gebandelt. Nein, mit uns Mannern ist es doch leichter, 
zum Beispiel, wenn ich an die Freundin vom General- 
direktor denke, an die Bebi, schmutzig genug, nebenbei 
bemerkt, daB er sie noch im Biiro halt bloB wegen der 
lumpigen hundertachtzig Pengo, die er ihr auf diese Weise 
durch die Firma zahlen lassen kann. Aber warum eigentlich 
leichter? weil mir zufallig diese Bebi gefallt? na, die 
Angelegenheit ist ja noch nicht brennend, die Hauptsache 
ist jedenfalls, daB der Anfang da ist, das Prinzip zum 
Start . . . die Praxis ist vorlaufig noch nicht aktuell. Und . . . 
wie soil sich das dann gestalten? soil ich sie in die archaolo- 
gische Abteilung des Nationalmuseums fiihren? oder ins 
Kunstgewerbe Unsinn! allerdings, ich kann ja 
nicht wissen, ob nicht gerade das ihr Spleen ist? Nein, 
das laBt sich nicht so vorher ausrechnen. Wo ich sie aber 
auf jeden Fall hinschleifen muB, das ist ein prima Lokai 

und dann die obere Insel du lieber Himmel, schon seh 

ich aus, keine andere Idee hab ich als dieses seichte 
Gebummel. Ja, aber was gibts denn sonst noch? ach, das 
wird sich schon von selbst finden. Und wenn die Frau 
nicht Ungarisch kann? hoffentlich kann sie nicht 
Ungarisch, und er will nicht ohne sie ins Theater gehen, 
dann sollen sie ins Kino gehen, es gibt ja genug englische 
Filme. Aber man konnte per Auto nach Mezokovesd 
fahrcn, davon habe ich Bilder gesehen, das ist eine Sache, 
die Eindruck macht, oder an den Plattensee, wenn das 

Wetter gut ist. Aber was weiB ich, ob sie doch, das 

sind so gute regulare Sachen, Mezokovesd und der Platten- 
see ... Natiirlich, wenn gerade irgendein groBer Bau zu 



besichligen ware, etwa der Turm, den die Arbeiter- 
Versicherung baut . . . wer weiB, vielleicht finden sic den 
zum Lachen? Na, ich brauch mich ja nicht so in die Sache 
zu verrennen, irgendwie wirds schon werden, davor habe 
ich keine Angst, das Wichtigste ist, daB der Rahmen, das 
Prinzip stimmt, daB ich die Konturen erfasse, die Einzel- 
heiten ergeben sich schon von selbst. Aber dann kommt 
der springende Punkt . . . meine Angelegenheit. Zunachst 
muB ich mich ganz fein und diskret nach den Verhaltnissen 
da unten erkundigen, so wie sich eben ein Fremder er- 
kundigt, bloB aus Hoflichkeit, wie es mit dem und jcnem 
steht, und so den allgemeinen wirtschaftlichen Quatsch, 
unglaublich, diese Entwicklung, was fur Moglichkeiten . . . 
und dann in einem geeigneten Augenblick: ja, siehst du, 
lieber Freund, dafur gibt es hier bei uns zu Hause den 
Fehler . . . zwei Fehler gibt es bei uns, der eine ist der, 
daB man das Talent nicht zur Geltung kommen laBt, 
hier kriegen doch die groBten Ochsen die fettesten Stel- 
lungen, die Unbegabten, die hineingeboren oder hinein- 
protegiert werden, und wenn einer weder Protektion 
noch die notigen Ellenbogen hat, dann kann er fur hundert 
Pengo an einem Schreibtisch verschimmeln. Das zweite 
Malheur ist die Geldlosigkeit, die allgemeine Pleite und 
Stagnation . . . was konnte man hier iiberhaupt zu unter- 
nehmen wagen? ich denke dabei gar nicht etwa an 
irgendeine Sache groBen Stils, wenn man sich bloB mit 
Schniirsenkeln auf die StraBe stellen wollte, erstens mal, 
wer ist gut dafiir, und zweitens, wer kauft sic iiberhaupt?! 
Hier gibts kein Geschaft, bloB Konkurrenz, wiBt ihr 
dort driiben, was das hciBt, erledigt sein? . . . also, hier ist 
ganze StraBen entlang jeder einzelne erledigt, nur die 
Unbegabten nicht, die sich irgendwo fest reingesetzt haben, 
und die Schwindler, die Schieber. Und um schieben zu 
konncn, dazu kurz und gut, hier muB man einfach 
crsticken, und der ganze Krempcl hier ist nicht mehr zum 
Aushalten . . , nein, das ist wohl doch etwas zu viel 



gcjammcrt, zu duster hingcstellt, dann kricgt cr am Ende 
nodi eincn Schreck. Ich? . . . Gott, mir gehts so irgcndwie, 
man kann ja schlieBlich das Talent untcrdriickcn, aber ganz 
unterkricgen doch nicht, bloB der enge Rahmen, die un- 
moglichcn Verhaltnisse . . . Wenn ich zum Beispiel bedenke, 
wie ich zu meiner Firma gekommen bin, mit einer Idee, die, 
ich sage dir, die das ganze Transportwesen im Binnenland 

vollkommen umgestaltet hatte na, und wenn er dann 

fragt, was diese Idee war? ach, das ware fur euch da 
driiben sowieso nicht aktuell, glaube ich, im iibrigen 
handelt es sich datum ... ich werde ihm schon irgendwas 
vorerzahlen, aber doch, das ist riskant, was weiB ich, Bau- 
unternehmer ist er, vielleicht versteht er was von diescn 
Dingen? ich darf schlieBlich doch nicht von vornherein 
annehmcn, daB er ein Idiot ist ... Er ist eben bloB kein 
Budapester . . . na, schon, irgendwie wird sich die Sache 
schon ergeben . . . Die ganze Angelegenheit sahe anders 
aus, weiBt du, wenn man sich nicht in unbedeutenden 
Ressortfragen und kleinlichen Details crschopfen muBte, 
wenn man Material in Handen hatte, Material und Leute, 
verniinftige Arbeitskrafte und lohnendcs Material . . . mal 
ein Gedanke, mal ein klares Wort von der Kommando- 
briicke . . . Herrgott, ich bin wohl nicht bei SinnenI Ich 
kann doch nicht gleich davon ausgehen, daB der sich alles 

vormachen laBt daB er keine Augen und Ohren im 

Kopf hat! ich bilde mir wohl ein, daB ich ihn mit einer 

einzigen Attacke Ware cs nicht gescheiter, besser, 

anstandiger, wenn ich einfach sagte: du, Kadar, du bist 
ein groBes Tier geworden, und ich bin ein armer Schlucker. 
Wer von uns beiden mehr Verstand hat, das weiB ich nicht, 
aber daB von uns beiden du das Gliick gehabt hast, das steht 
fest. Ich glaube, du bist in einer frcmden Welt allein unter 
Fremden, und wenn auch hundertmal Mr. Cadar aus dir 
geworden ist, fur die dort bleibst du trotzdem der Kadar 
aus Budapest. Ich weiB zwar nicht, ob das dort driiben ein 
Vorteil oder ein Nachteil ist, cins ist aber sicher: mehr 



Augen sehen mehr, und so weiter. Und was mich angeht, 
Verstand habe ich, das siehst du, und arbeiten . . . viellcicht 
hab ichs noch nicht verlernt . . . aber wer sagt denn, daB 
ich uberhaupt jemals arbeiten konnte? etwa, weil ich an 
der Borse verdient habe, zu einer Zeit, da alle Welt ver- 
dient hat, und daB ich alles verloren habe, als im Verlieren 

Konjunktur war wer sagt denn, daB es uberhaupt 

je eine Arbeit gegeben hat, die ich ausgefuhrt habe, daB ich 
uberhaupt je zu arbeiten verstanden habe?! . . . Und wenn 
ich zu ihm sagen wiirde, irgendwann, in einem vertrau- 
lichen Moment: liebster Kaddr, nimm mich doch um 
Himmels willen mit, Ziegel schleppen oder Beton mischen 
oder als Sekretar oder als Diener oder als was du willst . . . 
nimm mich bloB mit, weg von hier, denn das hier halte ich 
nicht mehr aus, dabei muB ich verrecken, man kann doch 
hier nicht leben zwischen lauter Drahtverhauen . . . Herrgott, 
ich bin schon total vertrottelt, tatsachlich. Das ware gerade 
das Richtige . . . Na, und wenn ich sagen wiirde: Hor 
mal, Kadar, du lebst seit funfzehn oder wieviel Jahren nicht 
mehr in Budapest. Du kennst diese Stadt nicht, kennst uns 
nicht, die wir in ihr leben, und in erster Reihe: du hast 
gewiB diejenigen vergessen, die damals mit dir zusammen 
waren, namlich uns. Und nun . . . ist es mir, Ix Ypsilon, 
Andor Kelemen, eingefallen, daB du, der du Karriere 
gemacht, dir einen Namen erworben und vor alien Dingen 
Geld verdient hast, kurz : mir ist es eingefallen, dich herzu- 
rufen, in diese lumpige, abgebrannte Stadt, unter uns 
Gierige, uns Hungerleider. Dich zuriickzurufen zu uns, zu 
den Jungens. Aus der Feme habe ich dir suggeriert zu 
kommen : und du bist drauf reingefallen, bist gekommeru 
Als du noch Ungar warst ... in der Schule, da habe ich 
dich fur einen Dummkopf gehalten, und ich habe das 
Gefiihl, daB du auch heute nichts anderes bist, nichts anderes 
sein kannst als ... ein Dummkopf, aber ein Dummkopf, 
der Gliick hat. Wir hingegen haben kein Gliick gehabt. 
Nun also teile ich dir mit, daB ich dich mit den schlimmsten 

317 



Absichten erwartet habe, namlich, daB du herkommst 
und Wunder an uns tust . . . daran konnen wir nicht mehr 
glauben, daB du aber kommst und sich nichts ereignet, 
daran wollen wir nicht einmal denken. Jawohl, ich habe 
dich mit schlimmen Absichten erwartet, und ich bin iiber- 
zeugt, ich weiB sogar bestimmt, daB wir alle, die wir dich 
erwartet haben, dich mit schlimmen Absichten erwarter 
haben. Das war immer so und war auch mit andern nicht 
anders, erinnerst du dich noch, in der Klasse? Varga haben 
wir beneidet, weil er immer einen sauberen Kragen anhatte, 
und wenn wir ranreichen konnten, haben wir ihn mit 
Tinte beschmiert. R6na hatte die meisten Knopfe, wer also 
Knopfe 2ahlen muBte, bloB um beim Flohspiel mittun zu 
diirfen, das war Rona. Lewy wieder beneideten wir, weil er 
immer Ganseleber auf seinem Zehnuhrbrot hatte, weiBt 
du noch, wie oft er es aus der Hand fallen lieB, wenn wir 
ihn zufallig anrannten? Und Szab6 beneideten wir, weil er 
als erster von uns alien richtig bei einer Frau war. Und dem 
Burjan gonnten wir nicht, daB er anderswohin zum 
Religionsunterricht ging, weil er Unitarier war. Auf dich 
hatten wir einen Pik, weil du allgemein als einfaltig galtest 
und immer die leichtesten Fragen bekamst. Und jetzt, 
Kadar, jetzt wollen wir dein Geld, und deshalb . . . ist uns 
kcin Mittel zu gut oder zu schlecht, um dieses Ziel zu 
erreichen. Ich zum Beispiel hatte gleich den Gedanken, dir 
die Ohren mit Jazz und falschen statistischen Angaben zu 
verstopfen, dir den Staub dieses westeuropaischen Stadt- 
bildes und meiner eigenen finsteren Wege in die Augen zu 
streuen und dein Gehirn mit Sektrausch und dem Schwindel 
dieses ganzen Talmilebens zu betauben . . . aber vor allem 
auf dich cine Nutte loszulassen und auf deine Frau irgend- 
einen Gigolo . . . begreifst du meinen Kriegsplan? begreifst 
du diese ohne dich aufgestellte Kalkulation mit deinem 
Schicksal? begreifst du? nein, weil du ein Dummkopf bist 
und schon lange nicht mehr unter uns lebst. Nun gilt aber 
schon zufalliges Entwischen aus unserm Kreis als Fehler, 



und Hervorragcn, Herausspringen, Ausbrechen aus unserm 
Kreis, noch dazu bei einem, von dem wir es nicht erwartet 
batten, den wir nicht als dazu geboren kannten und iiber- 
haupt nicht als dafur geeignet hielten: das ist ein geradezu 
nicht wieder gutzumachendes Verbrechen. Begreifst du? 
nein? macht nichts, dann glaub es einfach. Glaub mir, daB 
jeder von uns seine WafFe gegen dich bereit hat, denn wir 
sind keine Bank und keine Firma und keine Gelegenheit, 
Geld zu investieren, mit gepolsterten Turen und Bilanzen 
und Rentabilitaten und sicheren Zinsen, sondern wir sind 
ausgehungerte kleine Rauber, im iibrigen deine lieben alten 
Freunde und friiheren Mitschuler, und du bist nicht das 
freundliche fremde Kapital, der auslandische Geschafts- 
freund und der Onkel aus Amerika mit den tausend 
Paragraphen und Sicherheiten deines Geldes, du bist 
Antai Kadar, der Pinguin aus unserer Klasse, den ich 
hergezaubert habe, du bist das groBe, wertvolle Wild, das 
wir im Grunde genommen iiber die Schulter ansehen, weil 
du als einer von uns geboren bist und wir es dir nie ver- 
zeihen werden, daB du uns entwachsen und fremd ge- 
worden bist, wahrend wir geblieben sind, was wir waren, 
ich aber bin ein guter Junge . . . ich, dein dir aufrichtig 
ergebener Bandi Kelemen, dein fruherer Klassenkamerad, 
der Budapester Reprasentant meiner verkrachten Gene- 
ration, eines bessern Schicksals wiirdig, und ich bin ge- 
neigt, dich vor den iibrigen zu retten, iiberleg es dir 
nur: ich bin bloB einer! ich bin geneigt, dir gnadig zu 
sein, du brauchst nur hier auf die Tischkante , . . hundert 
Stuck Tausender zu legen . . . was macht dir das aus? nicht 

mehr, als mir eine Schachtel Memphis Du lieber 

Himmel . . . jetzt ist cs aber genug jetzt in die Kissen 
mit dem Kopf und schlafen laut zihlen oder das ABC 
rtickwarts aufsagen, bis ich einschlafe sonst kann ich 
schlieBlich ohne jedes nervenarztliche Attest 



5 

ER iiberlegte: soil er friih gehen oder spat, Erstcr sein 
oder Letzter, brockenweise sich an dem Staunen der An- 
kommenden ergotzen oder hinplatzen an den besetzten 
Tisch mit dem Brief in der Hand? Einzeln, das bedeutet 
zweifellos einen groBeren personlichen Erfolg, hingegen 
dem Plenum die Sache vorzutragen, ist einfacher und . . . 
eigentlich ist es gar nicht wichtig, daB viel von der An- 
gelegenheit gesprochen wird. Es war schon elf voriiber, 
als er im Cafe ankam; er setzte sich und sagte dann im Laufe 
der Unterhaltung nur so nebenbei: 

,,A propos, die Antwort von Kadar ist gekommen." 

Eine Sekunde lang wenden sich alle Kopfe ihm zu, 
da nimmt er Kadars Brief aus der Tasche und wirft ihn 
mitten auf den Tisch. Rona greift danach. 

,,Wieso schreibt er denn dir?! schlieBlich haben wir doch 
alle unterschrieben!" 

,,Er schreibt mir", antwortet er von oben herab, ,,ich 
hoffe, du erinnerst dich noch, daB wir beschlossen hatten, 
ich solle als Absender fungieren. Oder hast du das ver- 
gessen?" 

,,Ach, ja, stimmt. Ubrigens brauchst du nicht gleich 
beleidigt zu sein, ich hab das bloB so gesagt." 

,,Das Kuvert", sagt nun Simon, ,,hast du das Kuvert da?" 

Kelemen greift in die Tasche: 

,,Denkst du etwa, ich hab den Brief gefalscht? und hab 
mir extra diesen einen Brief bogen hier drucken lassen?" 

,,Ich versteh dich nicht, liebster Kelemen", Simon 
nimmt den Briefumschlag in die Hand, ,,warum bist du 
eigentlich heute so zanksiichtig? so nervos? Im iibrigen 
ganz authentisch, und vierunddreiBig Tage war er unter- 
wegs", sagt er und gibt den Umschlag weiter. 

Hinter dem Brief her wandert auch das Kuvert von Hand 
zu Hand. Als es bei Kempner ankommt, sieht der es an, 
dreht es hin und her und wendet sich dann Kelemen zu. 



320 



,,Wcnn du nichts dagegen hast, Kelemen, dann reflek- 
tiere ich auf die Briefmarken. Mein Junge sammelt n^mlich 
Briefmarken, und ich glaube, die hier hat er noch nicht." 
Und ohne die Antwort abzuwarten, nimmt er sein Taschen- 
messer, zieht die kleine Nagelschere heraus und schneidet 
die Ecke mit den Marken langsam und vorsichtig aus. Das 
sechsjahrige Sohnchen des Gymnasiallehrers Dr. Alajos 
Kempner ist also der erste, der etwas von Kadar hat. Als 
Kempner das Kuvert 2uriickreicht, fangt Kroh an 2u 
sprechen und starrt dabei seiner Gewohnheit gemaB dem 
Angeredeten durch seine groBe Brille wild in die Augen: 

,,Sag mal, Kelemen, hast du ihm auch noch extra 
geschrieben?" 

Kelemen wird krebsrot. 

,,Was redst du derm da?" leugnet er, ,,wieso hatte ich 
ihm noch extra schreiben sollen?" 

,,Sieh mal an", sagt Kroh und dehnt die Worte mit 
einer Langsamkeit, die einen in Wut versetzt, ,,warum bist 
du bloB so reizbar? Ich habe doch nicht gefragt, ob du ihn 
um etwas gebeten hast, ich habe bloB gefragt, ob du ihm 
auch noch extra geschrieben hast. Aber wenn du sagst " 

Kelemen blickt verachtlich von ihm weg, und der kleine 
Lewy, wie immer auf Kelemens Seite, sagt: ,,Trottel", 
und Doktor Marton steckt sich die Zigarre wieder an, die 
ihm ausgegangen war: 

,,Na, gut", pafft er durch die Zigarrenspitze, ,,geant- 
wortet hat er, das ist schon von ihm. Er schreibt, moglich, 
daB er nach Budapest kommt, das ist auch schon, aber nicht 
sicher." 

,,Na und?" erwidert Doktor Szende, >} daB er kommt, 
schon, aber wer hat ihn denn gerufen? Wenn er kommt, 
dann ist er eben da, herzlich willkommen, und wenn er 
nicht kommt, dann bleibt er eben, wo er ist. Aber wenn er 
kommt, ich garantiere euch, ich werde nicht vor ihin auf 
dem Bauch kriechen." 

,,BloB nicht", sagt der groBe Lewy, ,,ich glaube, du 

21 Kifrmendi, Budapest 321 



wiirdest unvorteiihaft aussehen, so auf dein Asphalt auf 
dem Bauch. Ich hingegen garantierc euch, wenn cr kommt, 
wirst du dich schrecklich iiber ihn freuen, und wenn wir 
ihn korporativ empfangen sollten, wiirdest du den Wunsch 
auBern, die Festrede halten zu durfen." 

,,Zumal", feindet ihn der andere an, ,,da ich meinen 
Mund nicht bloB aufreiBen kann, um dummes Zeug zu 
reden!" 

,,Frieden, meine Herren, Frieden! ich freue mich, daB 
ihr euch gern habt!" besanftigt der feine Zatony, ,,das sind 
doch Zukunftsdinge, noch in weiter Feme, ihr habt noch 
reichlich Zeit, euch zu zanken. Sagt mir lieber, ob ihr etwas 
von der Heirat unseres Freundes Varga gehort habt." 

,,Aber geh", wundert sich einer, Varga heiratet? und 
welche pensionierte Erzherzogin ist denn die gliickliche 
Braut?" 

Der Tisch stoBt ein Gewieher aus; Zatony spinnt das 
dankbare Thema weiter. 

,,Im Gegenteil, das Schlimme ist gerade, daB es sich nicht 
um eine Erzherzogin handelt. Habt ihr die Sache nicht 
gehort?" 

,,Nein, nein", drangen sie, ,,erzahl doch." 

,,In Bankkreisen ist die Sache namlich ziemlich all- 
gemein bekannt. Also, eines Tages sucht ein bekannter 
Herr den alten Varga in der Bank auf, das war ungefahr 
vor zwei Monaten, und sagt, mein Herr, und so weiter, 
kurz, der Pista Varga sei vor kurzem auf einer groBeren 
Fcstlichkeit mit der jungsten Tochter vom alten Baron 
StrauB zusammen gewesen, und der alte StrauB habe so 
nebenbei gesagt, na, und so weiter; also der Herr sagt, das 
Madchen sei zwar keine strahlende Schonheit mies ist 
sic, kann ich euch bloB sagen, ich kenn sie namlich, so von 
Ansehen , dafiir aber gebildet, sei eben aus dem Ausland 
zuruckgekommen et cetera . . . kurz und gut: der Alte sei 
gcncigt, einem entsprechenden jungen Mann, der sich zu 
Olga hingezogen fiihle, zwei Millionen " 

322 



,,Na, und der Varga hat sich hingezogen gefiihlt?" 
,,Fiir zwei Millionen kann cr sich doch hingezogen fuhlen, 
du Esell" 

,,Bitte Ruhe, meine Herren. Also . . . dariiber laBt sich 
reden, sagt Papa Varga, ich will mit Istvan sprechen. Tat- 
sachlich spricht er mit Istvan, und das Hingezogenfuhlen 
fangt an, und zwar mit einem besseren Blumen-Arrange- 
ment und einem Besuch. Inzwischen freundet sich auch der 
alte StrauB im Klub mit dem alten Varga an. Einmal bringt 
dann der Baron die materielle Angelegenheit zur Sprache, 
die zwei Millionen, worauf Varga verkiindet, er wiirde den 
Jungen in der Bank zum Direktor avancieren lassen. 
Schon. Sie sind schon bei den Einzelheiten angekommen, 
als der alte Varga sagt : mein Sohn Istvan wiirde cine kirch- 
liche Trauung fur angebracht halten. Aber gewiB, sagt der 
Baron, darauf bestehe ich auch. Nun, und in welcher Kirche? 
fragt Varga, in der Basilika oder in der Kronungskirche? 
Ganz im Gegenteil sagt der Baron, in der Synagoge in 
der Dohany-Gasse. Aber ich bitte dich . . . mein Sohn ist 
doch kathoiisch. So? na, dann muB er eben zuriickkehren 
in den SchoB der israelitischen Gemeinde. Aber ich bitte 
dich, er kann doch dorthin nicht zuriickkehren, er ist doch 
nie ausgetreten, er ist doch als Katholik geboren . . . Ja so, 

sagt StrauB, pardon, ich wuBte nicht, daB du schon 

aber gleichgiiltig, dann soil er also zur jiidischen Religion 
iibertreten. Aber ich bitte dich, das geht nicht, wehrt sich 
Varga, unser ganzes Leben, unsere Familientraditionen, 
unsere Beziehungen . . . und schlieBlich, der Mann meiner 
Tochter Alice, der Staatssekretar . . . Tja, sagt der Baron, 
wenn es dem Mann deiner Tochter keine Ehre bedeutet, 
mit dem Juden StrauB verschwagert zu werden 
Ubrigens, sagt dann der alte Varga, lassen wir vielleicht 
die Sache, bis ich mit dem Jungen gesprochen habe . . . 
Familienrat: Istvdn kann dem katholischen Glauben nicht 
abtrxinnig werden, wenn es sich bloB darum handelt, es 
gibt ja schlieBlich auch noch wirkliche Aristokraten- 

21- 323 



familien im Lande, die geneigt waren ... da aber zwei 
Millionen immerhin doch zwei Millionen sind, noch dazu 
in bar, wird beschlossen, die Sache nicht so einfach auf 
sich beruhen zu lassen. Und jetzt fangen die Vargas an, 
den Baron bearbeiten zu lassen, aber der Alte laBt nicht 
mit sich reden. Istvan sei in seine Olgi verliebt, erzahlt man 
ihm. Gut, dann solle er iibertreten, auf dem Drum und Dran 
bestehe er nicht. Aber Olga liebt ja den Istvdn auch! 
So? dann soil sie ihn iiberreden, Jude zu werden, oder sich 
wieder entlieben. Aber Olgi ist ja schlieBlich doch schon 

iiber das DreiunddreiBigste Und wenn schon, meint 

der Alte, mir ist die Sache deshalb noch immer nicht 
dringend, und auBerdem ist gerade deswegen jedes ihrer 
Jahre Gold wert. Und wenn sie am Ende einfach eigen- 
machtig heiraten . . . GroBartig, sagt StrauB, dann kriege 
ich wenigstens eine Liebesehe in der Familie zu sehen, 
aber dann vermache ich Olgas Anteil dem Knabenwaisen- 
haus. Hier horte alle Wissenschaft auf, aber der alte Varga 
lieB den Baron noch einmal besturmen. Was ware, wenn 

Istvan zur reformierten Religion Was dann ware? 

eine Liebesheirat. Oder zu den Unitariern? Liebesheirat I 
Oder im schlirnmsten Fall konnte er Dissident . . . Auch ein 
Dissident kann aus Liebe heiraten I sagt der Baron, und 
dabei blieb es. Pista reiste in dringenden Bankgeschaften 
fiir zwei Wochen nach London und jetzt kommt der 
Witz. Er kehrt von der Reise zuriick: also, da sind ihm 
zwei niedliche, braunliche Koteletten unter den Ohren 
gewachsen. Im Klub begegnet er dem jiingeren Terenyi, 
von der Maschinenindustrie, Terenyi guckt ihn an und platzt 
los vor Lachen: nanu, Istvdn, laBt du dir also doch Peies 
wachsen? Ohrfeige, Kartelltrager, Fechtsaal Santelli, 
im dritten Gang kriegt Varga eins flach auf die Stirn, die 
Arzte stellen Kampfunfahigkeit fest, Versohnung. Na? 
Was sagt ihr dazu?" 

Gelachtcr, Wortstreit, Rede und Gegenrede. Es bilden sich 
zwei Parteien, eine fiir den Ubertritt und eine glaubenstreuc. 

324 



Sie schleudern sich die Argumente pro und contra und 
hohnische und zynische Bemerkungen ins Gesicht; zum 
SchluB einigen sie sich dahin, daB es ja das richtigste 
gewesen ware, in aller Stille Jude zu werden, die Mitgift 
in Empfang zu nehmen, ein paar Jahre auf die Erbschaft 
zu warten und dann zur katholischen Religion zuriick- 
zukehren . . . wenn bis dahin die Interessen der Familie 
Varga nicht etwa den mohammedanischen Glauben vor- 
schrieben. Selbst Amman lacht, kann aber die Ansicht nicht 
fur sich behalten, daB die Sache natiirlich ganz anders 
beurteilt werden miiBte, wenn Varga wirklich Christ ware, 
da aber, wie man wisse, sein Vater kurz vor Pistas Geburt 
dem Glauben seiner Ahnen untreu geworden sei 
Dann fiel einem von ihnen im Zusammenhang mit dieser 
Geschichte ein, wie ausgerechnet Varga in der dritten 
Klasse einmal auf dem Korridor Professor Griinfeld, den 
jiidischen Religionslehrer, anrempelte; Pointe Gelachter; 
und davon wieder fallt einem andern ein, wie 

Nach Mitternacht lost sich die Gesellschaft auf. Rona 
steht gahnend als erster auf und sagt zu Kelemen : 

,,Na, Servus, also auf Wiedersehen im Marz, aber wenn 
bis dahin eine Nachricht von Kadar kommen sollte, dann 
sag mir bitte sofort Bescheid." 

Auch die iibrigen brechen auf, und jetzt hat plotzlich 
jeder einzelne noch ein Wort von Kadar zu sagen. Man 
miiBte ihm vielleicht noch mal schreiben, sollte irgend- 
eine Nachricht von ihm kommen, sollte er vielleicht un- 
erwartet, ohne noch mal von sich horen zu lassen, an- 
kommen, und so. 

Kelemen geht mit Simon zusammen liber den Ring 
nach Hause zu. Simon wirft den glimmenden Stummel 
seiner Zigarette in groBem Bogen auf den Fahrdamm. 

,,Du, Kelemen, was glaubst du, konnte man mit dem 
nicht irgend etwas anfangen?" 

,,Wieso mit dem? mit wem?" fragt er, obschon er es 
ganz genau weiB, und das Herz fangt ihm an zu klopfen. 

3*5 



,,Na, mit dem Kidar, wcnn er vielleicht doch nach 
Budapest kommt." 

Vorsicht . . . aufpassen, dieser Simon . . . er war nie 
besonders befreundet mit ihm, von jeher war er ein eigen- 
tiimlicher Junge und hatte immer so allerlei Stiickchen, 
auch heute ist er sich nicht klar iiber ihn, angeblich ist er 
Journalist, Mitarbeiter irgendwelcher Film- und Nach- 
richtenblatter, seine Anziige sind immer tadellos, in Nacht- 
lokalen verkehrt er, fahrt Taxe, tut, als hatte er Geld, 
gewiB spielt er, der Simon . . . der kann gefahrlich werden, 
aufpassen. 

,Jetzt verstehe ich dich noch wcniger . . . wieso, was 
denn mit ihm anfangen?" 

,,Na, irgendwas mit ihm machen " 

,,Ja, aber was denn?" 

,,Aber tu doch nicht, als ob du ein Idiot warst! Irgcnd 
ctwas mit ihm machen, vorlaufig weiB ich noch nicht, was ! 
irgendwas, wobei cr nicht unbedingt draufzuzahlen braucht, 
aber wobei wir auf jeden Fall verdienen konnten. Es ist 
noch friih . . . hast du nicht Lust, noch einen Schwarzen 
mit mir im Kasino zu trinken?" 



DoKTOR Aladar Szende steht von scinem Schreibtisch 
auf, nimmt den Kneifer ab und putzt ihn sorgfaltig mit 
seinem lila Seidentaschentuch. 

,,Nein, mein lieber Kollege", sagt er zu dem auf dem 
Besuchsstuhl Sitzenden und sieht, sich nach dem Fenster 
wendend, durch das gesauberte Glas, ,,hier kann ich gar 
nichts mehr machen. SchlieClich werden Sie, lieber Kollege, 
selbst einsehen, daB die Anleihe ... die Anleihe binnen 
anderthalb Jahren riickzahlbar war und gerade Ihr ver- 
ehrter Mandant sich selbst am meisten dagegen vcrwahrte, 
ais ich ihm anbot, die Sachc gleich auf drei oder vier Jahre 

326 



abzuschlieBen, worauf mein Mandant damals eingegangen 
ware. Jetzt sind wir bereits bei der vierten Vierteljahrs- 
prolongierung angekommen, und da6 mein Mandant in 
den heutigen Zeiten der Geldknappheit nicht weiter " 

,,Schon, schon, Herr Kollege", sagt der andere im 
Sessel, ,,Sie durfen aber bitte nicht auBer acht lassen, was 
jede einzelne Prolongation gekostet hat . . . schlieBlich, wenn 
ich bedenke, bei Eintragung an zweiter Stelle jahrlich siebzehn 
oder gar achtzehn Prozent Zinsen von sechzigtausend 
Pengo auf ein Haus, das unter Brudern gut zweihundert- 
tausend wert ist, und daB der vor Ihnen eingetragene Posten 
nicht ganz hunderttausend ausmacht und cine langfristige 
Bankanleihe ist . . ." 

,,Ich weiB, Herr Kollege, ich weiB, aber was kann ich 
daran machen? Versuchen Sie es mit einer Zusammen- 
legung, soil Ihre Bank den Posten meines Mandanten mit 
iibernehmen." 

,,Schon, schon, Herr Kollege, Sie wissen sehr gut, 
daB ein Haus, in dem kaum Mietswohnungen sind " 

,,Das ist es ja gerade, lieber Kollege! Der Mietsertrag 
deckt ja knapp die Zinsen der Hypothek, und wenn, 
Gott verhiite es, der Fabrikbetrieb Ihres Mandanten ins 
Stocken gerat, dann sind unsere Zinsen nicht gesichert, 
lieber Kollege." 

,,Gut, gut, Herr Kollege, ich sage ja auch, daB man auf 
das Haus heute keine Hypothek bekommen kann, das weiB 
ich. Aber nur eine bessere Saison, ah, Saison, drei bessere 
Monate auf dem Geschaftsmarkt, und die Fabrik kann die 
Hypothek selbst zuriickzahlen. Wenn man aber jetzt dem 
Betrieb sechzigtausend Pengo entnehmen miiBte, ich bitte 
Sie, damit konnte man alles zum Stocken bringen!" 

,,Tja, lieber Koilege, leider kann sich mein Mandant... 
mein Mandant gerade darum nicht kummern." 

,,Nun, und wenn ich dennoch gezwungen ware, bereits 
jetzt zu erklaren, daB mein Mandant leider nicht imstande 
sein wird, am fiinften Mai die " 

3*7 



,,Dann, lieber Kollege, miisscn wirleider klagcn, pfanden 
und versteigern, wenn nicht " 

Der andere atmet auf. Wenn nicht: das kostet Geld, 
bestimmt. Wenn nicht: das ist das Aufblitzen des Wucher- 
zahnes. Wenn nicht: und dennoch, hinter diesem Wort 
kann der Strohhalm liegen, nach dem der sinkende Fabrikant 
greifen wird. 

,,Nun?" 

,,Ich denke namlich, daB vielleicht noch vor Mai ein 
Freund von mir nach Budapest kommt, ein auslandischer 
Geschaftsfreund, weltberiihmter Architekt, ein vermogen- 
der Mann . . . Nun also, wenn ich vielleicht dessen Inter- 
esse fur das Objekt erwecken konnte, sei es in Form einer 
langfristigen Anleihe, aber vielleicht wiirde er das Objekt 
sogar kaufen . . . natiirlich nur zu einem sehr giinstigen 
Preis . . . die Provision konnen wir uns dann teilen, lieber 
Kollege", und er lacht. 

,,Und glauben Sie, Herr Kollege " 

,,Was ich Ihnen da gesagt habe, lieber Kollege, ist nur 
eine Idee, ohne jede Verpflichtung, die Ankunftszeit des 
Betreffenden ist ja noch nicht einmal festgesetzt, zuletzt 
schrieb er mir: im Laufe des Friihjahrs . . . aber ich betone, 
es ist nur eine Idee, auf die zu bauen verfruht ware " 

Nun erhebt sich der andere. 

5 ,Herr Kollege, ich mochte Sie nur bitten, Ihr mog- 
lichstes zu tun, es kann ja schliefilich kein Zweck sein, 
eine angesehene, alte Fabrik, die unter den heutigen Ver- 
haltnissen etwas schwer beweglich ist, gerade unter den 
heutigen Verhaltnissen zu erdrosseln . . . Also, sooder so " 

,,Nein, nein, lieber Kollege", lacht Doktor Aladar 
Szende wieder, ,,so keinesfalls, hocbstens so ... wenn der 
erwahnte Geschaftsfreund Lust zu der Sache hat, das 
iiberlassen Sie nur ruhig mir, ich werde schon alles ver- 
sucben ... Sie konnen sich doch vorstellen, lieber Kollege, 
mir wiirde es auch nichts schadcn, wenn ich an dieser 
Ungliickssache etwas verdienen konnte." 

528 



ICH mochte dich gehorsamst bitten, lieber Herr Haupt- 
mann", sagt Simon, ,,du wiirdest mich sehr verpflichten, 
es ware wirklich unendlich liebenswiirdig von dir, wenn es 
dir moglich ware ..." 

,,Aber bitte, bitte, sehr gern. Wie gesagt, im Strafsachen- 
register ist keine Spur von ihm, vorbestraft ist er nicht, 
eine Bolschewiken-Affare hat er nicht gehabt, im Herbst 
1919 hat er einen regularen, fur Europa lautenden PaB 
bekommen, der Liste nach hat er auch bei Hegyeshalom 
die Grenze iiberschritten, nun, und dieser Rudolf Bayer, 
bei dem er zuletzt in der Pozsonyer StraBe als Verwandter 
angemeldet war, ja, der ist vor Jahren gestorben, das habe 
ich auch ermitteln lassen. In Budapest lohnt es sich nicht 
mehr, weitere Schritte zu unternehmen. Aber, wie gesagt, 
wenn du es wiinschst, wende ich mich an Vitorescu bei 
der Gesandtschaft, er soil weiter nachforschen ... in Deva? 
nicht wahr, Deva hast du gesagt? also in Deva. So kostet 
es dich wenigstens nichts, Vitorescu tut mir gerne den Ge- 
fallen aus Freundschaft." 

,,Du bist ein Engel, Herr Hauptmann, ein Engel, ich 
werde dir ewig verbunden sein ..." 

,,Also, laB mich nur aufschreiben . . . was du eigentlich 
willst." 

,,So ganz allgemein mochte ich dich bitten, was du 
iiber ihn im allgemeinen erfahren kannst, von seiner 
Familie, wenn er eine hat, ob Verwandte von ihm dort 
unten leben, wer sie sind, und, nun, wie gesagt, so ganz 
allgemein . . ." 

,,Gut, kapiert, Universalbericht iiber Person und Cha- 
rakter, wie es in den guten, alten k. u. k. Zeiten hieB. Schau 
vielleicht mal wieder vorbei, oder ruf lieber an, sagen wir 
in zwei bis drei Wochen, aber sagen wir lieber in drei 
Wochen, wciBt du, das nimmt ja doch Zeit in Anspruch." 

,,Wie du befiehlst, lieber Herr Hauptmann, also in drei 

329 



Wochen. Bis dahin nochmals vielen Dank . . . ach ja, fur 
wann kann ich dir die Karten fiirs Kabarett schicken?" 

,,Ach ja, die Karten . . . also, egal, alter Freund, ganz 
egal, aber wenn du so nett sein wiirdest, sagen wir fur 
Samstag abend." 

,,Aber gerne, mein lieber Herr Hauptmann, gcrne. 
Auf Wiedersehen ! Servus ! " 



8 

NoCH auf der Schwelle setzt der groBe Lewy seinen 
Hut auf, geht aber nicht hinaus durch die Tiir, sondern 
dreht sich um und tritt, den Hut auf dem Kopf, in die 
Mitte des Zimmers zuriick. Am Fenster steht cine stroh- 
blonde, kraushaarige Frau und sieht miBmutig, daB der 
groBe Lewy noch immer nicht gegangen ist. 

,,Sie irren, liebe gnadige Frau", sagt er, ,,wenn Sie 
glauben, die Wohnung dadurch vermieten zu konnen, daB 
Sie mir den Auftrag entziehen. Sie wiirde sich viel eher 
vermieten lassen, wenn Sie mir nicht den Auftrag entzogen, 
sondern mit dem Preis heruntergingen. Was stellen Sie sich 
vor, wer wird denn in einem alten Haus ohne Lift im dritten 
Stock fiir fiinf Zimmer fiinftausend Pengo bezahlen? wer? 
i.ch wills Ihnen sagen niemand. Selbst wenn es nicht 
Zimmer, sondern Tanzsale waren, und wenn sie nicht nach 
der Revai-Gasse, sondern nach dem Golf von Neapel 
lagen. Sie werden es noch bereuen, liebe gnadige Frau, daB 
Sie sie nicht an Auers fiir dreitausendfiinfhundert ver- 
mietet haben, zumal da Auers gut sind fiir das Geld und ich 
auch noch fiinfzig Pengo von meiner Provision nachge- 
lassen habe. Wissen Sie, was man heute fiir fiinftausend 
Peqgo bekommt? die modernste Fiinfzimmer- und Dielen- 
wohnung in Buda oder in der neuen Leopoldstadt, 
und wenn ich mich sehr anstrenge, dann gibt man das in- 
klusive Heizung, Warmwasser und Vakuumbenutzung, das 

33 



bedeutet zweiundzwanzigeinhalb Prozent Rabatt bei einem 
ohnedies schon herabgedriickten Preis. Aber das 1st noch 
gar nichts. Wissen Sie, ich suche jetzt eine Wohnung fur 
einen Geschaftsfreund, einen auslandischen Architekten, 
steinreich, sag ich Ihnen, der demnachst nach Budapest 
kommt, fur den brauch ich ein anstandiges Quartier, 
also, da gibts in Buda eine Villa in der Pasareter StraBe, 
vier Zimmer, Halle, riesige Fenster, alles schneeweiB, 
im Souterrain Kiiche, extra Badezimmer fiir die Dienst- 
boten, was soil ich Ihnen sagen? einfach entziickend. Seit 
anderthalb Jahr steht die Wohnung leer, liegt ein 
biBchen zu sehr abseits. Wissen Sie, was mir der Besitzer 
sagt? ein gewisser Hevesi, Textilbranche, hat mal einen 
grofkn Mercedes besessen, also der sagt zu mir, mein 
lieber Lewy, vermieten Sie doch um Gottes willen die 
Wohnung, wie sie ist, fiir viertausend, ich begniige mich 
sogar mit dreitausend, wenns sein muB, zwanzig Prozent 
gehoren Ihnen, aber vermieten Sie sie, ganz gleich, ob fur 
zehn Jahre oder bloB fiir den Sommer, meine Nerven ver- 
tragen den Zettel an der Haustiir nicht mehr. Ich denke 
mir, das wird gerade das Rechte fiir meinen auslandischen 
Freund sein, fiir ein viertel Jahr oder ein halbes Jahr, 
je nachdem, wie lange er bleibt, ein Tausender mehr oder 
weniger, das spielt bei dem keine so groBe Rolle. Nun, 
also. Bedenken Sie das mal, liebe gnadige Frau " 

Vor dem Redeschwall driickt sich die Frau ganz flach 
ans Fenster. 

,,H6ren Sie mal, lieber Herr Lewy", sagt sie mit un- 
sicherer, etwas heiserer Stimme, ,,meinen Sie nicht, wir 
sollten doch nicht mit dem Preis heruntergehen, bevor 
dieser auslandische Herr . . . konnten Sie dem nicht auch 
meine Wohnung zeigen? die liegt doch nicht so weit ab 
wie die in der Pasar&er StraBe . . ." 

,,Tja, wenn sie bis dahin, Gott behiite, noch nicht ver- 
mietet ist ... zeigen kann ich sie ihm ja. Was weiB ich, 
vielleicht gefallt ihm ausgerechnet die." 

351 



AMMAN stiitzt sich mit den Ellenbogen auf den Schreib- 
tisch, lehnt den Kopf an die Faust und hort Suhajda zu, der 
ihm gegeniiber sitzt, streng auf die Erde schaut und ein 
wenig schleppend und abgerissen spricht. 

,,. . . nein, so hat das keinen Sinn. Du weiBt sehr gut, ich 
beklage mich nicht, ich informiere dich blofi . . . du hast 
mich wirklich aufs beste empfohlen . . . aber umsonst, ein 
hoherer Druck hat sich gegen mich durchgesetzt . . . ver- 
steh mich recht, nicht im Interesse der iibrigen, sondern 
ausgesprochen gegen mich . . . das ist nun mal so. Eine 
lumpige Stellung bei der Krankenkasse . . . nicht mal das 
tagliche Brot, hochstens Brotkruste " 

,,Schrecklich", sagt Amman leise, ,,das tut mir wirklich 
leid. Nun und ... die Privatpraxis ?" 

,,Privatpraxis ?" Suhajda hebt den Blick vom Boden, 
beinahe vorwurfsvoll, ,,du weiBt doch genau, wenn es so 
weiter geht, kann ich nicht einmal ein elendes mobliertes 
Zimmer bezahlen, in einem Monat schon nicht mehr. 
Privatpraxis? nein, Amman, hier handelt es sich nicht um 
die allgemeinen Verhaltnisse, nicht um die allgemeine Not 
der Arzte, sondern um mich, um meine Person. Worum 
dreht sich denn das Ganze? um Protektion und Namen. 
Protektion habe ich leider nicht . . . und einen Namen? 
soli ich etwa sagen, einen Namen habe ich leider? Ja . . . 
dazu war ich ihnen gut, die Angelegenheiten auf der 
Universitat und im Verband und in den einzelnen For- 
mationen zu organisieren, dazu war ich gut, }ahrelang 
meinen Namen von samtlichen jiidischen Zeitungen in den 
Schmutz ziehen zu lassen . . . Du kennst doch die Situation. 
Kiirzlich traf ich den Steiner, vielleicht erinnerst du dich 
noch an ihn, er ging in eine Klasse mit uns, seinerzeit ist er 
auf der Universitat rausgeschm das heiBt, nicht auf- 
genommen worden, dann hat er in Prag studiert, heute ist 
er Direktor bei der Serumfabrik Philacto hicr in Budapest, 

33* 



also, ich lasse mich mit ihm ins Gesprach ein, die ganze 
Bitterkeit kam aus mir raus, und ich sage zu ihm, ich habe 
so gut wie gar keine Praxis, verdiene keinen Kreuzer, 
da sieht mich der lausige Jude an und sagt, na, weiBt du, 
sei nicht bose, alter Freund, aber dariiber kann ich mich 
wirklich nicht wundern, denn ich kann mir nicht recht 
vorstellen, wer nach deiner allgemein bekannten Gummi- 
kniippel-Therapie zu deiner Diagnose Vertrauen haben 
sollte. Du, Amman", das schreit er fast, ,,so sieht die 
Situation aus ! WeiBt du, daB mich aus dem ganzen Verband 
von den Erwachenden, von den Doppelkreuzlern, auch noch 
nicht zufallig eine Seele aufgesucht hat, seit Jahren?!" 
Dann senkt sich seine Stimme wieder. ,,Einfach zum 
Wahnsinnigwerden, kann ich dir sagen . . . mein einziges 
Gliick ist, daB ich keine Familie habe . . . es sollten bloB 
noch mal Arzte nach Hollandisch-Indien oder in den Grund 

der Holle geworben werden " 

Amman wiegt teilnahmsvoll den Kopf, und zwischen- 
durch schluckt er versteckt ein tiefes Gahnen hinunter. 
,,Furchterliche Sache, wirklich furchterlich. Aber letzten 
Endes muBten doch schlieBlich die Freunde ..." 

Suhajda winkt ab. ,,Die Freunde . . . Du hast ein Wort 
fur mich eingelegt, und die paar Jungens, mit denen wir 
zusammen im Gymnasium waren . . . wenn ich so hie und 
da mal hingehe ins Cafe, dann plaudert man eben bloB ein 
biBchen, vielleicht wiirden sie sogar helfen. Aber du 
muBtest die Kumpane mal sehen, den Petrovics von der 
Stadt und den Galambos aus dem Wohlfahrtsministerium 
und den Sztepanics . . . wie die den Kopf wegdrehen, wenn 
man ihnen zufallig begegnet ..." 

,,Unerhort", sagt Amman, ,,unerhort." 

Ein unangenehmer, kalter, diisterer Glanz leuchtet in 
den Augen des andern, als er den Blick plotzlich hebt. 

,,Und dann werdet ihr euch zum SchluB noch wundern, 
wenn was passiert " 

333 



,,Wieso?" fragt er langsam, ,,ich versteh nicht. Was soil 
tlenn passieren?" 

,,Ich weiB nicht", antwortet er nach einer kleinen Pause, 
,,aber so gehts nicht welter, das steht fest. Irgend was muB 

man machen, und du wirst schon sehen, eines Tages " 

Er schweigt, blickt wieder auf die Erde und fahrt dann fort. 
,,Und wenn diese Petrovics's und Galambos's meinen, uns, 
mich und die iibrigen konnte man so einfach leer ausgehen 
lassen, dann irren sie sich. Wenn sie glauben, heute, da die 
Macht und der Ruhm bereits ihnen gehoren, wiirden wir 
schon den Mund halten und uns mit unserm Gespritzten 
begniigen. Bei wems iiberhaupt noch zu einem Gespritzten 
reicht. Mir reichts nicht mehr dazu. Wenn sie glauben, wir, 
ich und die iibrigen, wir haben euch so ganz umsonst die 
heiBen Kastanien aus dem Feuer geklaubt " 

Jetzt gahnt Amman schon wie ein Nilpferd. ,,Aaah 

nimms mir bitte nicht iibel, aber ich habe kaum ein paar 
Stunden geschlafen, die Konferenz beim Staatssekretar war 
erst spat in der Nacht zu Ende. Tja . . . wirklich entsetzlich. 
Und wie schwierig es auch auszusprechen ist, die einzige 
Moglichkeit ist es tatsachlich, oder sagcn wir, die beste 
Moglichkeit fur Leute wie du wollte sagen, fiir dich 
ist es, auszuwandern . . ." 

Und da richtet er sich plotzlich in seinem Stuhl steif auf. 

,,H6r mal zu, mir fallt etwas ein. ScblieBlich kann es 
einem ja mehr oder weniger Wurscht sein, wohin man 
kommt, bloB gesundes Klima und anstandige Bezahlung 
braucht man, nicht wahr? Nun, und, du weiBt doch, daB 
der Toni Kadar nach Budapest kommen will, nicht wahr, 
du weiBt, was der fiir Karriere gemacht hat da unten in 
Afrika? . . . Also, paB mal auf, alter Freund, ich bin leider 
nicht in der Lage, bei ihm ein Wort fiir dich einzulegen, ich 
will dir offen gestehen, ich selbst mochte ihn gerne in einer 
Exportangelegenheit bearbeiten, ich fiir meinen Teil, aber 
wenn ich dir einen Rat geben kann, dann ist es der, dr^ngel 
dich ein biBchen gescheit an ihn ran, schlieBlich braucht 

334 



man auch in Siidafrika Arzte . . . man kann ja nicht wissen, 
was meinst du? Hast du iibrigens gut mit ihm gestanden? 
Aber was ich dir da gesagt habe, bleibt natiirlich streng 
untcr uns . . ." 



IO 

RoNA lehnt sich in seinem Stuhl zuriick, kippt sogar mit 
dem Stuhl nach hinten, stemmt seine FiiBe gegen den Pfosten 
des EBzimmertisches und steckt sich einen Zahnstocher in 
den Mund. 

,,Ach, ja, Papa, was ich sagen wollte, erinnerst du dich 
noch an den Kadar aus meiner Klasse?" 

,,Kadar?" sagt der alte Herr, ,,Kadar? nein. Welcher war 
das noch?" 

,,Der kleine Dicke, der immer bei uns Ping-Pong gespielt 
hat?" fragt Mama Rona, ,,natiirlich erinnere ich mich an 
den." 

,,Nein, Mama", korrigiert Rona, ,,erstens war der Kadar 
nicht klein und dick, sondern groB und diinn, zweitens war 
er Christ und verkehrte nicht bei uns; du kannst dich 
hochstens von den Schulfeiern her an ihn erinnern." 

,,So?" sagt die Mama, ,,dann weiB ich nicht. Was ist 
denn mit ihm?" 

,,Also, der Kadar ist irgendwie nach Siidafrika gekom- 
men und hat dort ein Riesenvermogen erworben." 

,,Ein Riesenvermogen?" wirft Papa Rona dazwischen. 
,,Und ist das sicher, daB er ein Riesenvermogen erworben 
hat? Und weiBt du iiberhaupt, mein Sohn, was das ist: 
ein Riesenvermogen?" 

,,Aber bitte, Papa, das kannst du ganz ruhig mir iiber- 
lassen. Wenn ich sage, ein Riesenvermogen! Also, dieser 
Kdddr wird jetzt nach Budapest kommen." 

,,Ist er verheiratet?" fragt Mama Rona, pldtelich 
elektrisiert. 



335 



,,Jawohl", lacht der Sohn, ,,warum? die Manci hat doch 
schon einen Mann, wen willst du ihm denn anhangen?" 

,,O ja, die hat einen Mann", brummt der alte Herr 
nachdenklich, ,,leider Gottes, genug Geld hat mich der 
Rezso bis jetzt schon gekostet." 

,,Ich bitte dich, Adolf, hor auf", fahrt seine Frau ihn 
gleich an, ,,du weiBt, daB ich diese Redensarten nicht ver- 
tragen kann!" Dann wendet sie sich dem Sohn zu: ,,Was 
hast du noch gesagt, Laci? ach ja, verheiratet ist er. Schade. 
Namlich die Tochter von der Szidi Rotter, die Vera " 

,,Sieh mal, Mamachen", neckt Rona, ,,der Toni Kadar 
ist verheiratet, da ist also vorlaufig von keiner guten Partie 
die Rede, aufier, wenn du ihn dazu bringst, sich von seiner 
Frau scheiden zu lassen, dann ware er bestimmt die beste 
Partie in ganz Budapest. Also", wendet er sich wieder an 
den Vater, ,,der Kadar kommt jetzt nach Budapest . . . ach 
ja, das habe ich schon gesagt." 

,,Und was wird er hier machen? Geschafte?" 

,,Nein. Eine Lustreise. Es wird ihm eine Lust sein, sich 
daran zu ergotzen, wie abgebrannt hier alles ist, wahrend er 
dort unten sich fein raufgerappelt hat." 

Der alte Herr, der sich iibrigens vor Jahren zur Ruhe 
gesetzt hat, streicht mit dem rechten Zeigefinger iiber 
seinen kleinen weiBen Spitzbart, was bei ihm das Zeichen 
fur geschaftliches Nachdenken ist. ,,Du, Laci", sagt er 
nach einem Weilchen, ,,mir fallt was ein. Wenn dein Freund 
wirklich ein so reicher Mann ist, konnte man ihm dann nicht 
das Herender Service fur vierundzwanzig Personen an- 
drehen, das du nach der Pleite der Stambachschen Grafen 
auf dem Hals behalten hast? Wenn der soviel Geld hat " 

Laci R6na nimmt den Zahnstocher aus dem Mund, 
zerbricht ihn zwischen zwei Fingern und wirft ihn aufs 
Tischtuch. 

,,Aber! er wird doch nicht ausgerechnet in Budapest 
Porzellan kaufen! . . . Ubrigens . . . vielleicht doch keine 
schlechte Idee, Papa. Versuchen konnte mans jedenfalls." 

336 



II 

pRAULEIN Lya! Mademoiselle Lya!" ruft der Oberkeilner 
in die trockene Loge, wo die ,,Damen" sitzen. 

Lya Milton, selbstandige Nummer zu Beginn des 
Programms, ein silberblondes, groBes, ausgehungert 
diirres Madchen, driickt ihre Zigarette im Teller auf dem 
Tisch aus und erhebt sich dienstbereit. 

,,Ja, Jules?" fragt sie. 

Der Oberkeilner sagt im Amtston: ,,MiB Lya wird in 
Nummer zwei links gewiinscht . . ." und dann, als er sich 
umdreht, kommt er ihr mit dem Kopf etwas naher und fiigt 
halblaut hinzu: ,,los, los, ein Provinzler mit Moneten, 
schon ziemlich angeheitert ..." 

,,One moment . . . immediately", spricht Miss Lya 
englisch, vornehm, laut und mit ausgezeichnetem un- 
garischen Akzent, ,,ich komm schon." Dann nimmt sie 
die Puderdose aus ihrer Handtasche und wendet sich dabei 
nach den am Tisch sitzenden Madchen urn: . . . also, wie 
gesagt, eine ganze Stadt besitzt er, hat der Bandi Simon 
erzahlt, achttausend oder wieviel Hauser, ich weiB nicht 
mehr, und dann hat der Bandi Simon noch gesagt, du Lici, 
ich werde dich ihm vorstellen, das Weitere iiberlasse ich 
schon dir . . . was lachst du denn, Irma, jawohl, ausgerechnet 
mich, du wirst ja sehen . . ." damit laBt sie die runde Puder- 
dose ins Taschchen zuriickgleiten und geht mit lachelndem 
Schwung auf Loge zwei links zu. 



12 

DR. Marton sitzt im Biirgervereinshaus des Bezirks im 
sogenannten Stadtrat-Zimmer, von einer groBeren Gruppe 
umgeben. Vorlaufig ist Dr. Mdrton zwar noch nicht 
Stadtrat, aber fur die nachsten Wahlen ist ihm bereits ein 
guter Platz auf der Liste gesichert. Dr. Marton hat einen 
schonen, vollen Rednerbariton. 

22 Kfirmendi, Budapest 337 



>,. . . das konzediere ich, mcinc Herren, das konzediere 
ich. Nemo propheta , , . ich weiB. Aber dennoch: cine 
typisch ungarische Krankheit, daB wir unsere Talente nicht 
crkenncn, und wenn wir sie zufallig doch erkennen, dann 
wissen wir sie nicht zu schatzen, meine Herren. Erlauben 
Sie mal, meine Herren, es gibt keine GroBstadt auf der 
Welt, in der nicht ein ungarisches Talent oder vielleicht 
auch mehrere glanzende Karriere gemacht hatten. Hier ein 
Sanger, dort ein Mediziner, dort wiederum ein Filmkonig 
oder ein Maler oder ein Finanzgenie oder, was Sie wollen . . . 
Das kommt mir dadurch in den Sinn, meine Herren, daB 
ein Freund von mir, ein Klassenkamerad vom Gymnasium, 
seinerzeit iiberall verachtet und verstoBen, seiner Vaterstadt, 
unserm schonen undankbaren Budapest, vor Jahren eines 
Tages den Riicken wandte und in die Welt zog, in seinem 
kleinen Biindel nichts anderes als sein ungebrochenes 
Talent und seinen unbrechbaren Willen, und nach einer 
langen Reihe von Jahren, auf dem . . . dem Zenith seiner 
Karriere angekommen, die Feder zur Hand nimmt und mir 
einen Brief schreibt: ,ich sehne mich nach der ungarischen 
Heimat, sehne mich danach, meine Muttersprache zu horen, 
sehne mich nach Budapest, sehne mich nach meinen alten 
Freunden ... ich bin euch nicht bose, und werdet ihr mich 
liebend empfangen, wenn ich zu euch komme?l c Wer von 
Ihnen, meine Herren, kennt den Namen Kadar? Niemand, 
nicht wahr? Aber rufen Sie diesen Namen nur in jeder 
beliebigen Metropole Europas, Amerikas oder Afrikas 
aus, sofort werden Hunderte und aber Hunderte auf- 
horchen : aha, der beruhmte ungarische Architekt ! Und wenn 
wir nach alledcm nicht die Kraft haben, meine Herren, 
einen solchen Mann zum Besten unserer Kultur, unseres 
wirtschaftlichen Lebens, unserer Gesamtheit, mittelbar also 
zum Besten jedes Individuums, hier festzuhalten, dann, 
meine Herren, kann ich nichts anderes tun, als meine 
Fackel sinken lassen und sagen: wir verdienen es nicht, 
daB " 

338 



13 

So wurde Antal Kadar durch ein Magazinblatt, das 
jemand im Wartezimmer des Zahnarztes herausriB, zur 
Legende. Vom Stammtisch im Cafe ging der Ton aus, und 
die Atherschwingungen der Phantasie sandten die Kadar- 
Welle den zahllosen kleinen Empfangern der Geldgier zu. 
Zuerst wuBten es nur zwolf, dann noch zwolf, aber, nicht 
wahr, es bleibt unter uns, vorlaufig ist es ja noch gar nicht 
sicher, und iiberhaupt, es braucht nicht dariiber gesprochen 
zu werden, und dann noch zwolf und noch zwolf und 
noch zwolf. Gehirne spannten sich, Ohren offneten sich, 
Augen starrten, Hande streckten sich aus. Emsige Finger 
reinigten die dem Friihling zuschwebende Stadt, die 
Arena, vom Schmutz der tief gesunkenen Alltagssorgen; 
behutsame, unsichtbare Schaufeln bestreuten sie mit dem 
goldgelben Sand der Ideen; in der heimlichen Schwiile 
kleinbiirgerlicher Wohnungen, vor den Zerrspiegeln dieser 
iiberhitzten Atmosphare kleideten sich ermattete Picadore 
in die Trodlerfetzen farbenblinden Hoffens, schliffen ent- 
schlossene Toreadore hinter fiebernder Stirn die ver- 
rosteten Klingen ihrer Bereitschaft zu allem. Jeder einzelne 
will mehr, will groBer sein, um sich ein groBeres Stuck von 
der Beute abreiBen zu konnen: und schon im voraus sind 
sie alle betort von dem EntschluB, betoren zu wollen. Die 
aufgewiihlten Phantasien schnuppern winselnd eine Gold- 
grube, wilder HeiBhunger schmatzt bereits den fetten 
Braten, bis zum Springen gespannte Bogen lauern auf den 
Blauen Vogel. Amateure und Professionisten, Reiche und 
Arme, Gefallene und Aufwartsstrebende spahen in den 
Friihlingshimmel, na, vielleicht jetzt . . . horst du noch 
nichts? 

Antal Kadar indessen sitzt in London in einem 
Zimmer der gewaltigen Baufirma vor seiner kleinen 
Portable-Schreibmaschine und scbreibt einen Brief nach 
Budapest. 

22* 339 



Lieber Kclemcn ! 

Wit ich Dir bereits aus P. E. schrieb, ktitmen wir die gc- 
plantt Rax nach Budapest tatsdchlich pcrwirklichen. Ende Mai oder Anfang 
Juni kpmmc ich mil meiner Frou aus Pans dort an, und wcnn ich Dir mil meiner 
Bitte nicht zur Last falle : dann sei so gut, nach Erhalt des Telegramms, das ich 
noch schicken werde, im Ritz fur uns zwei Zimmer mit Bad reservieren zu lassen. 
Solltest Du mcine Bitte nicht erfiillen Itfnnen, so nimm mir die Bel&stigung nicht 
iibel and gib mir in zwei Zeilen Bescheid an meine Londoner Adresse. 

Auf Witdersehen. Es griift Dich 

Kdddr. 



14 

ElN gliicklicher Zufall . . . wahrlich ein Gluck, daB dieser 
Brief wenige Tage nach dem Donnerstag-Zusammentreffen 
im April ankam. Kelemen zerbrach sich nicht lange den 
Kopf: sofort war sein EntschluB fertig, die Jungens von 
diesem zweiten Brief nicht zu benachrichtigen. Das hat 
Zeit, bis das Telegramm kommt. Man braucht nicht so viel 
iiber die Sache zu sprechen, die paar Worte, die er 
neulich mit Simon gewechselt hat, haben ihn gerade zur 
Geniige mit Sorgen erfiillt. Also: auch andere haben den 
Gedanken, nicht bloB ich, daB man etwas machen konnte. 
Dumm. Ich muB die ganze Geschichte dampfen. Aber 
geradezu entsetzt war er, als er eines Sonntagvormittags 
in der Andrassy-StraBe auf Vavrinec stieB. ,,Wie ich hore", 
sagt Vavrinec, ,,soil Kadar nach Budapest kommen, 
wenigstens spricht man davon ..." ,Ja", antwortete 
er miBmutig, ,,es heiBt, er soil kommen, aber es ist noch 
nicht sicher. Aber von wem hast dus eigentlich gehort?" 
,,Merkwiirdig genug, daB ichs nicht von euch direkt weiB. 
Mein Vater hats vom Schwager Ammans gehort. Und so 
interessante Nachrichten muB ich auf solchen Umwegen 
erfahren?" 

Also, man spricht schon davon . . . dann wird es gut 
sein, wenn ich nicht auch noch Reklame fur die Sache 

340 



mache. Er sagte den Jungens nichts, schrieb jedoch 
sofort an Kadar nach London. Nur soviel: Ich freue mich, 
dafi ihr kommt, die Zimmer werden selbstverstandlich 
bestellt. 

Und bis dahin . . . kann man nun diesen entsetzlichen 
Friihling weiterleben. Weiterleben mit zwei Leben: das 
eine ist das furchterlich langsam kriechende jammerliche 
auBere Leben in der Transcont, im Cafe und bei der 
Mutter, das andere Leben beginnt am Abend, wenn er 
sich zu Hause schlafen legt. Dann dreht er das Licht aus, 
starrt ins Dunkel und denkt an Kadar und Port Elizabeth. 
Mit der AusschlieBlichkeit der fixen Idee, mit der verhang- 
nisvollen Hartnackigkeit eines irren Gehirns. Es wird 
gelingen! denkt er und kann an nichts anderes denken; 
und wenn er auch Momente hatte, da sein iiberlegenes und 
zynisch kaltes Budapester Ich als sein eigener Zuschauer 
ihn mit hohnischer Grimasse mahnte: Blodsinn . . . ich 
verrenne mich ja in die Sache, als hinge es von mir ab, wie 
sie gelingt ! so wurden diese Augenblicke doch von den 
Traumereien vertrieben, in die er aus der Wirklichkeit der 
vergangenen Jahre, die nur Geld, nur Geschaft, nur Kampf, 
nur Erfolglosigkeit war, plotzlich umschlug. Mit dem 
korperlosen, mondsiichtigen, selig verziickten Lacheln eines 
Irrsinnigen sagte er vor sich hin: es wird gelingen! ich 
werde Gliick haben . . . meine Gliicksstrahne beginnt . . . 
hat schon damals begonnen, als ich das Bild entdeckte . . . 
damit, daft ich im Januar nicht aus dem Biiro geflogen bin . . . 
dafi der neue Brief nach der Zusammenkunft im Cafe ankam 
und ich nicht da von zu reden brauchte . . . und die Sache mit 
dem Urlaub fangt auch gut an. 

Zunachst verschaffte er sich das arztliche Attest. 
Nicht von Suhajda und nicht von Bermann, die 
brauchen nichts davon zu wissen, daB ich ausgerechnet 
im Laufe des Friihjahrs auf Urlaub gehe; um Joly 
scharwenzelt in letzter Zeit immer ein junger Arzt 
herum, und Dr. Otto Huszar war gliicklich, dem Brudet 

341 



Jolys einen Gcfallen crwciscn zu konnen. Dcr Ordnung 
halber suchte er Kelemen auch eines Abends in Frau Hunkas 
Wohnung auf ; licB ihn sich bis zum Giirtcl entbloBen, unter- 
suchtc seine Augenlider, Iie8 ihn die Augen schlicBen, sich 
auf die Chaiselongue legcn, horchte sein Herz ab, glitt mit 
dem Rohr des Stetoskops zweimal iiber seinen Oberarm und 
seinen Riicken, und lieB endlich mit dem kleinen Stahl- 
hammer sein Knie hiipfen, dann schrieb er cin Attest, 
nach dem Andor Kelemen an schwerer Erschopfung der 
Nervcn (Neurasthenic) leide, welcher Zustand dringendst 
cine langere Zeit volliger Ruhe erforderlich mache. Mit 
diesem Attest in der Tasche, er iiberlcgte sich zwar, ob 
er sich nicht unmittelbar an den Direktor wenden solle, 
fiirchtete dann jedoch, der Abteilungschef konne beleidigt 
sein und ihm die Sache verderben, trat er mit Herz- 
klopfen an Herrn Czileks Schreibtisch und meldetc unter 
leichtcn Gesichtszuckungen, auch ein Symptom der 
Neurasthenic, daB er seinen Urlaub gern noch im Laufc 
des Friihjahrs haben mochte. Zu seiner grenzenlosen 
tfberraschung antwortet Herr Czilek bloB: ,,und wann 
wollen Sic den Urlaub antreten, Herr Kelemen?" ,,Den 
Tag weiB ich noch nicht genau", sagte er, ,,wissen Sic, ich 
mochte mich griindlich ausruhen, und gewisse Familien- 
angelegenheiten ..." Na, und wahrscheinlich wollen 
Sie auch noch etwas Geld auftreiben, was?" nickte Herr 
Czilek und blinzeltc mit den Augen. Was ist denn mit dem 
los? ist der verriickt geworden? wieso ist er auf einmal so 
freundlich?! 

Die Ursache dieser ungewohnten guten Laune stellt 
sich sofort heraus: mit einer Mitteilsamkeit, die seine 
friihere Abneigung Liigcn straft, und eincm Redeschwall, 
der seine friihere Wortkargkeit widerlegt, erzahlt Herr 
Czilek, daB er am heutigen Tage vor der Koniglichen Kurie 
den ProzeB gegen seinen Bruder gewonnen habe, einen 
ProzeB in einer Grundstiickssache, der sage und schreibe 
vier Jahre gedauert hat. Kelemen gratulicrt lang und breit, 

34* 



und Czilck fthrt fort: ,,Sic konnen mir auch gratulieren, 
mcin Junge . . . denn hier war nicht das Substrat das 
Wesentliche, sondern die Tatsachc, dafi ich endlich diesem 
finstcrn Halunkcn gegeniiber mein Recht durchgcsetzt 
habe . . ." 

Zur Vorsicht bittet Kelemen noch um die Erlaubnis, 
seinen Urlaub auch Direktor Molnar anmelden zu diirfen. 
,,Aber gewiB, das ist nicht mehr als ordnungsgemaB", 
und Czilek schickt ihn zum Direktor. Kelemen tritt 
ein und tragt seine Bitte vor. ,,Czilek?" antwortet der 
kleine dicke Herr, was soviel heiBt wie: was sagt der Ab- 
teilungschef dazu? ,,Er hat es zur Kcnntnis genommen", 
sagt er, ,,aber selbstverstandlich nur abhangig von Ihrer 
Einwilligung, Herr Direktor." ,,Bitte, meinetwegen . . ." 
erlcdigt Molnar die Angelegenheit, ,,aber bitte fur 
entsprechende Vertretung sorgen!" ,,Sehr wohl, 
selbstverstandlich . . ." Ich habe Gliick es wird 
gelingen! 

Die Tage vergehen, strahlender Mai iiberschiittet die 
Stadt; Kelemen lebt mit geschlossenen Augen im Rausch 
des zweiten Lebens mit seinen tausend Planen und tausend 
Hoffnungen . . . es wird gelingen. An einem Samstagabend 
ist er bei seiner Schwester Sari zu Besuch, nach dem Essen 
reicht sein Schwager ihm cine Zigarre hin, ,,Portorico", 
sagt er, ,,die kannst du ruhig rauchen, ein Protektions- 
exemplar aus der Fabrik in Papa." Kelemen nimmt die 
Zigarre und sagt: ,,Port Elizabeth." ,,Nein", sagt 
Kdroly, ,,nix Elisabeth, Portorico." ,,Ja, ja, Portorico." 
,,Bandi, was hast du denn", fragt da seine Mutter, ,,schon 
voriges Mai warst du so zerstreut und so still. Du hast doch 
hoffentlich keine Unannehmlichkeiten im Biiro?" ,,Nein, 
nein, Gott sei Dank." ,,Weibergeschichte?" fragt Sari 
keck. ,,Nein, auch keine Weibergeschichte", antwortet er, 
dann heftet er den Blick auf seine Schwester: ,,keine 
Weibergeschichte, du Kalbchcn, eine Haupttrefier- 
geschichte!" ,,GroBer Gott", ruft die alte Frauaus, 

343 



,,Andor, du hast wohl den Vcrstand verloren?!" Dann 
laBt sich wicdcr Karoly vcrnehmen: ,,Fang mir bloB nicht 
mit Haupttrcffern an", sagt cr strcng, ,,du weiBt, Bandi, ich 
kann derlei Gcschaftchcn und Spriinge nicht leiden, mach 
du mir lieber keinc Haupttreffer ..." 

Kelcmen antwortet nicht; cr dcnkt, daB hcute schon 
dcr Siebzehnte ist, daB er nachste Woche die Jungens 
im Cafe trifft, und daB dann Ende Mai da ist und An- 
fang Juni kommt . . . wie wohl tate es, sich lang auf 
eine groBe, griine, duftende Wiese zu legen . . . unter dem 
endlosen Himmcl zu liegen und zu warten, bis dann cines 
schonen Tages 



AM 3. Juni erhielt Kelemen folgendcs Tclegramm aus 
Paris: 

ankpmmen fun/ten abends orientcxprefi 

crbitten simmer 



Am 4. Juni abends blieben die vormittags schnell zu- 
sammengetrommelten Jungens nur wenige Minuten im 
Cafe. Zatony machte den Vorschlag, wozu Kelemen in 
stummer Angst bejahend nickte, die gewiB recht miide 
Ankommenden nicht gleich zu bestiirmen; Kelemen solle 
fiir Zimmer sorgen und Kadars am Bahnhof abholen. Die 
Mehrheit jedoch war Simons Meinung, die Sache habe 
zwar kein korporatives Geprage, es sei also nicht obli- 
gatorisch, aber wer von ihnen wolle, der konne an die Bahn 
gehen. Kelemen schluckte und sagte dann: ,,selbst- 
vcrstandlich", und sie cinigten sich dahin, wer zu dem 
um Mitternacht ankommenden Zug gehen wolle, der solle 
vorher hier ins Caf6 kommen, damit sie von hier zusammen 
aufbrachen. 



344 



i6 



hattcn sic sich um elf Uhr vollzahlig am 
Stammtisch cingefunden. Rona crschien in gestrciftcr Hose 
und schwarzem Rock und wehrte spottische Blicke dadurch 
ab, daB er sagte, er kame gerade aus dem Theater. Sic saBen 
um den Tisch, sprachen aber kaum. An diesem Abend 
gehorten sie irgendwie nicht zusammen. Der Kontakt 
zwischen ihnen schien zerrissen zu sein, jawohl, der 
Faden, der sie alle spinnennetzartig verband, war zerrissen: 
der Faden des Pester Zynismus, der Pester Uberlegenheit, 
der Pester Verachtlichkeit, der Pester Unglaubigkeit, der 
Faden der sogenannten Pester Wurschtigkeit. Nein . . . 
der Brief aus Port Elizabeth, das ernsthafte, vornehme 
Briefpapier mit den kleinen Buchstaben, das Telegramm 
aus Paris: das ist kein Sand-in-die-Augen-Streuen, das ist 
eine ernste Angelegenheit, mit der man rechnen muB, 
selbst wenn sich nichts ereignet. Was konnte sich denn 
ereignen? . . . nun also . . . nichts; er kommt an, wird hier 
sein, sich ein biBchen amiisieren und wieder abreisen. 
Hochstens kann es zwischendurch vielleicht gelingen -- 
ja, vielleicht gelingt es, sich irgendwie an dieses phantastische 
goldbestaubte Schicksal zu kleben. Aber dazu muB man an 
dieses Schicksal glauben. Sie glaubten daran. Und sie 
schwiegen, um sich nicht einander auszuliefern in dem 
Augenblick, da sie die Uberheblichkeit der Budapester 
Desperados verloren; aber in dieser still gespannten Er- 
wartung wuBten sie, daB sie nun bald dem Besondern, AuBer- 
halbstehenden begegnen wiirden, das sie innerlich voll 
Neid und Ehrfurcht anstaunen: der Karriere. Verbliifft und 
ein wenig verschamt horchten sie in sich hinein: sollte es 
wahr sein ? ich, der Budapester junge Mann, lausche ergrifTen, 
ob -- und verbliifft und verschamt gestanden sie sich im 
geheimcn ein, daB sie daran glaubten, daB sie an das Wunder 
glaubten, an das Phanomen, obschon es sich um nichts 
anderes handelte als um cinen Toni Kadar, den Pinguin. 

345 



Zwanzig Minutcn vor der fahrplanmaBigen Ankunfts- 
zcit dcs Zugcs stehen sie auf dem Perron. Der Bahnhof 1st 
zicmlich leer: der groBe Internationale Zug rastet einc 
knappe halbe Stunde unter dem Glasdach, dann fahrt er 
welter, direkte Budapester Reisende kommen mit diesem 
teuren Zug kaum an. Zigarren- und Zigarettenwagen, 
Zeitungs-, Obst- und Schokoladeverkaufer fahren trotzdem 
vor; Simon griiBt einen sehr eleganten, groBen, schwarzen 
jungen Mann mit Nachdruck, ,,der Sekretar des Ge- 
neraldirektors der Blechfabrik, wahrscheinlich erwartet cr 
seinen Chef", erklart er. 

Sie spaziercn auf und ab; jeder einzelne 1st bemiiht, 
ein unbefangenes glcichgiiltiges Gesicht zu zcigen, 
die wahre Gemiitsverfassung jedoch erkennt man an den 
Zigaretten: die eine gliiht unter nervosen Atemziigen 
sekundenweise rot auf und ist mit dreifacher Schnelligkeit 
abgebrannt; die andere wiederum hangt in zerstreuter 
Nachdenklichkeit vergessen, ausgegangen zwischen zwei 
zitternden Fingern. 

Dann vibriert auf einmal nervoses Beben durch die ganze 
Gesellschaft : noch weit auBerhalb der Halle tauchen die 
beiden Gliihaugen der Lokomotive und der FunkenstrauB 
iiber dem biifFelnackigen Schornstein auf. Auf die Sekunde 
piinktlich lauft der OrientexpreB auf dem Westbahnhof 
ein. Die aufgerissenen Augen heften sich auf die langsam 
voriiberziehende fast vollig dunkle Fensterreihe ; Kelemen 
crblickt Kadar als erster, er steht in der offenen Tiir des 
Bukarester Schlafwagens. 

,,Da ist er!" Er schwingt den Arm nach ihm bin, und in 
diesem Moment schreit Szende: 

,,Hallo, Kadar I Servus! hier sind wir!" Simon erwischt 
einen Gepicktrager, und damit geht die ganze Gruppe dem 
langsam einfahrenden Waggon nach. Als der Zug endlich 
halt, springt Kadar auf den Perron: die ganze Versammlung 
hat er vor sich. Einen Moment sehen sie einander in die 
Augen. Dann unterbricht Kadar die kurze Stille: 

346 



,,Gutcn Abend", sagt cr; man spurt an seiner Stimme das 
leichte, gleichsam fliichtige Suchen nach Worten und eincn 
kaum bemerkbarcn, kleinen fremden Akzent, ,,wie ich sehe, 
cine ganze Kommission . . . wirklich zu nett von euch, daB 
ihr cuch mcinetwegen so bemiiht. Ich muB sagen, darauf 
war ich nicht vorbereitet", und von der rechten Hand streift 
er den Handschuh ab. 

Kelemen, am Siedepunkt angelangt, tritt vor: 

,,GruB dich Gott, Kadar. Erkennst du mich? Ich bin 
Kelemen. Wir sind dich alle abholen gekommen und freuen 
uns alle, daB du hier bist." 

,,Jawohl", tut sich Szende hervor, ,,willkommen, bravo, 
ich freu mich wirklich sehr!" und damit steht auch er vor 
Kadar und reicht ihm die Hand, und dann hort man alle 
Stimmen zugleich: ,,ja, Servus! ich freue mich schrecklich! 
herzlich willkommen!" und alle Hande strecken sich 
auf einmal nach ihm aus, und der Reihe nach driicken sie 
seine gleichsam schiitzend vor sich gehaltene Rechte. Und 
nach samtlichen Handen dreht er sich nach der Waggontiir 
zuriick, ,,entschuldigt, ich will nur meiner Frau herunter- 
helfen", aber diese kleine Pause in der BegriiBung ist auch 
sehr am Platz, sie gibt einen Augenblick Zeit, fur Buda- 
pester Augen gerade genug, um den Fremden genau zu 
betrachten. 

Der erste Eindruck ist, er ist groB. GroBer als sie alle. 
Seine Schultern sind breit, sein Brustkasten gewolbt, seine 
Gesichtsfarbe so, als kame er gerade von der Quarz- 
bestrahlung. Eine derbe englische Farbe von Sonne und 
Wind. Er tragt cine hellgraue Hose und einen etwas 
dunkler grauen, andersgemusterten Sportsakko. Gelbliches 
Hemd, angewachsener Kragen mit groBen Fliigeln, brauner, 
ganz dick und leicht gebundener Schlips. Braune Halb- 
schuhe mit dreifachen Sohlen, gemustcrte, dicke, gelbliche 
Striimpfe. Eine Weste hat er nicht an. Der graue Hut sitzt 
etwas schief auf dem Kopf, an der rechten Seite sieht unter 
dem Hut ein hellblondes Haarbuschel hervor. Die linke 



347 



Hand stcckt in cincm hellgraucn, dicken, gcstcpptcn Hand- 
schuh aus Hundclcder. Jawohl, unverfalschte cnglische 
Tracht. In Budapest ziehen die ModeafFcn sich ungcfahr 
so an. 

Nun gibt cs abcr noch ctwas anderes zu sehen: von 
der Ictzten Wagenstufe springt die Frau auf den Bahnstcig. 
Graucs Reisekostiim, graue Kappe, graue Striimpfe, 
graue Schuhe mit flachen Absatzen, grauer Schal, graue 
Handschuhe. In der Hand ein sackartiges graues Necessaire. 
Als Kontrast zu all dem Grau ein braunes Gcsicht, aus dem 
schwarze Augen leuchten. 

,,Das sind meinc friiheren Klassenkameraden", sagt 
Kadar und zeigt auf die Gruppe, aber niemandem fallt es 
auf, daB er Ungarisch spricht; und da tritt Kempner vor, 
der, mit der Zuverlassigkeit des Lehrers und kontrolliert 
vom englisch-franzosischen Kollegen, eine hiibsche kleine 
englische BegruBungsrede einstudiert hat. 

,, Madam! More than fourteen years have passed " 

aber weiter kommt er nicht, derm Mrs. Cadar sagt mit 
etwas milder Stimme, aber noch weniger fiihlbarem 
fremdem Akzent als ihr Mann auf Ungarisch: 

,,Sprechen Sie bitte ruhig Ungarisch, ich bin auch 
Ungarin." 

Diese Uberraschung war wirklich unerwartet. Kempner 
kam sofort aus dem Konzept und sah sie mit etwas 
geoffnetem Mund groB an, und die ganze Gesellschaft 
stand so verdutzt da, daB trotz alien Staubes und RuBes, 
alien Riittelns, aller Unordnung und Ermiidung der nahezu 
dreiBigstiindigen Reise ein kraftiges, frisches Lachen iiber 
ihre Lippen sprang: 

,,Das hatten Sie nicht erwartet, nicht wahr? Ja, ich bin 
auch Ungarin." 

Simon erholt sich zuerst wieder. 

,,Um so besser! filjen!" sagt er, und dieser Umstand ist 
auf jeden Fall eine Veranlassung zu einigen stillen kleinen 
Hochrufcn, die schon aus dem Grunde wic gerufen kamcn, 

548 



well der unprogrammaBige Verlauf des Kempner-Inter- 
mezzos den ausgedachten Gang der Begriifiung etwas 
gestort hatte. Unterdessen hielt Kelemen den Zeitpunkt 
fur gekommen, programmaBig oder programmwidrig, aus 
der Reihe der iibrigen herauszuspringen; plotzlich und laut 
sagte er: 

Wirklich groBartig . . . aber ich glaube, nach der langen 
Reise lassen wirs fur heute genug sein. Ich habe die Zimmer 
fur euch im Ritz bestellt; es 1st wohl das beste, wenn wir uns 
jetzt verabschieden und eventuell einer von uns euch ins 
Hotel begleitet." 

,,O ja, Sie haben recht", sagt sie gleich, ,,ich bin tat- 
sachlich ein biBchen miide." 

Moglich, daB Kelemens gliihender Blick es ihm sugge- 
rierte, moglich, daB es nach der Korrespondenz einfach 
das Nachstliegende war, es war auch Kadars Wunsch: 

,,Ihr braucht euch wirklich nicht zu bemxihen, wir 
konnen doch mit dem Auto aber vielleicht, Kelemen, 
wenn du so gut sein wiirdest, uns zu begleiten . . . aber 
gehen wir vielleicht auf jeden Fall." 

Nun gingen sie auf den Ausgang zu. Als sie in der Vor- 
halle angelangt waren, kamen auch gerade die Trager mit 
dem Gepack. Zwei Schrankkoffer und scchs kleinere 
Kupee- und Kabinenkoffer. 

,,Guck mail" stoBt Simon Marton mit dem Ellenbogen 
an, ,,anstandig, was?" 

Frau Kadar setzt sich in eine Taxe, Kelemen arrangicrt 
in zwei andern Wagen die Koffer. Kadar reicht den Jungens 
der Reihe nach die Hand und sagt dann: 

,,Es war wirklich sehr nett von euch, daB ihr an die Bahn 
gekommen seid, ich mochte euch so bald wie moglich 
wiedersehen. Ich bespreche das vielleicht am besten mit 
Kelemen, und er sagt euch dann Bescheid." 

,,Gut, Kadar." 

,,Schon. Schlaf gut I" 

,,Gute Nacht, hier in Budapest! Auf Wiedersehen!" 

349 



,,Also, nochmals, ich freu mich, daB du hier bist, auf 
Wiedersehen!" 

Dann begleiten sie ihn ans Auto, und wahrend er sich 
set2t, verabschieden sie sich von der Frau. Unterdessen hat 
Kelemcn die beiden andern Wagen losfahren lassen, kommt 
dazu und setzt sich auf den Klappsitz. 

,,Na, fahren wir", drangt Frau Kadar und winkt noch 
einmal durchs Fenster, dann fahren sie ab. 

,,Hotel Ritz, iiber die Andrassy-StraBe", sagt Kelemen 
dem SchofFor Bcscheid. Dann wendet er sich an Kadar: 
,,Also, damit du informiert bist: zwei schone Zimmer mit 
gemeinsamem Badezimmer, einem kleinen Vorraum und 
Balkon, ich babe sie mir selbst angesehen, sehr angenehme 
Zimmer, nach der Donau gelegcn, pro Tag achtundvierzig 
Pengo." 

,,Achtundvierzig Pengo", sagt Kadar, ,,nicht ganz zwei 
Pfund, gut, ich danke dir vielmals." 

Die Jungens gehen langsam auf den Ring zu. Als erster 
fangt Szende an zu reden: 

,,Also, das ha'tten wir hinter uns", sagt er, und einen 
Schritt iiberschlagend, fiigt er hinzu: ,,Einen Privat- 
sekretar hat er auch schon." 

,,Aber, sei doch nicht so", wehrt der gutglaubige 
Kempner ab, ,,schlieBlich schickt es sich doch, daB einer " 

,,Na, gut, ich meine ja bloB", antwortet Szende, ,,ich 
hab nichts dagegen." 

,,Selbstverstandlich schlieBlich", meint Marton, ,,daB 
Kelemen sich um ihn kummert, cr hat ihn doch raus- 
geangelt. Aber", er faBt Rona beim Arm, ,,hast du die 
Koffer gesehen?! da steckt nicht bloB Luft hinter, kann ich 
dir sagen!" 

,,Luft! na, hor mal, wenn einer vom andern Ende der 
Welt sich auf eine monatelange Reise begibtt du denkst 
wohl, jedem geniigt ein Nachthemd und eine Zahnbiirste! 
Ich wette mit dir, daB sie trotzdem noch mindestens . . . 
mindestens alle vicrzehn Tage waschen lassen mlissen." 



,,Kann sein", sagt Simon, ,,aber was sagt ihr zu dcr 
Frau? Ungarin. Wo mag er sich die aufgegabelt haben?!" 

,,Wirst schon noch dahinter kommen. Ich tippe auf 
eine romantische Geschichte", sagt der groBe Lewy. 

,,Wieso?" streitet der kleine Lewy, ,,im Gegenteil. 
Gerade weil sie Ungarin ist, tippe ich auf eine ganz simple 
Sache. Zwei Ungarn in der Fremde bleiben leicht aneinander 
hangen." 

,,Stimmt", pflichtet Simon bei, ,,aber weiBt du, die 
Frau sieht ganz anstandig aus. Was fur einenprima ReisedreB 
sie angehabt hat. Wie ich sie mir so fliichtig angesehen 
habe " 

,,Entschuldige mal", wird Szende aggressiv, ,,erstens 
mal, wie ich dich kenne, hat dein fliichtiges Ansehen darin 
bestanden, daB du sie die ganze Zeit groB angegafft hast. 
Aber wie ich sie mir fliichtig angesehen habe . . . sagt mal, 
ist die nicht ein biBchen alt?" 

,,Aber, ich bitte dich, die Reise . . ." sagt Kempner, 
,,fast anderthalb Tag in dem engen Kupee " 

,,Lippenstift und Puder gibts auch im Zug, und auBer- 
dem ist im Schlafwagen die lange Fahrt gar nicht so schreck- 
lich anstrengend . . . aber heutzutage, wiBt ihr, laBt sich 
bei den Frauen, besonders bei Auslanderinnen, das Alter 
sehr schwer feststellen, ich meine von einem gewissen 
Lebensalter an, aber das ist auch nebensachlich: einen 
schlechten Eindruck macht die nicht, sag ich euch." 

,,Na, und der Kadar!" staunt der kleine Lewy, ,,ich 
schwor euch, Kinder, ich hatt ihn nicht erkannt, wenn er 
mir zufallig auf der StraBe begegnet ware. Wie anstandig 
der angezogen ist! der laBt sich bestimmt jedes einzelne 
Stuck in London machen." 

,,Ja", scherzt der groBe Lewy, ,,und bis dann so'n Anzug 
da unten am Siidpol ankommt, ist er langst aus der Mode!" 

,,Aber an seiner Sprache hort man deutlich, daB er schon 
lange im Ausland lebt! habt ihr nicht bemerkt, immer sagt 
er: vielleicht." 



351 



,,Na, wcifit du", sagt Zatony, ,,dar\iber braucht man 
sich doch nicht zu wundern, besonders wenn man bedenkt, 
daB du zum Beispiel schon ziemlich lange hier lebst und 
trotzdem nicht Ungarisch kannst." 

,,Ich?" fragt Simon, nun ernstlich und tief gekrankt, 
,,ich kann nicht Ungarisch?! Mir schcint, du bist nicht in 
dcr gliicklichen Lage, mcine Artikel " 

,,Entschuldige", schiirt Zdtony weiter, ,,was du sprichst 
und schreibst, ist doch nicht Ungarisch, hochstens 
Budapestisch." 

Rona fangt an zu lachen. ,,Bums, das hat aber gesessen, 
was? Und wer kommt nun mit, irgendwo cine Portion 
Eis essen?" 

,,Ich", sagt Simon, ,,oder gehen wir lieber ins Kasino, 
das Sommerlokal im Stadtpark ist schon geoffnet. Aber 
zuerst wollen wir vielleicht doch besprechen, wann wir 
wieder mit Mister Kadar zusammensein sollen." 

,,Vielleicht wiirdest du abwarten, bis er sich meldet und 
dich einladt", sagt Kempner mit einer Regung von 
Anstandsgef tihl . 

,,Keine Spur . . . es gehort sich, daB wir uns melden, 
gewissermaBen ist er doch unser Gast", sagt Rona. 

,,Uns melden, schon, aber das mit dem Gast, das stimmt 
nicht ganz, ich jedenfalls hab dazu kein Geld. Am besten 
ware, ganz ungezwungen etwa in Buda in eincm kleinen 
Gartenrestaurant " 

,,Nein", meint Marton, ,,das ist nicht das Richtige. 
Denn wahlen wir da ein anstandiges Lokal, dann ist es 
ebenso teuer wie jedes beliebige in der Stadt, und ihn in 
irgendeine schmierige Bude zu schleifen, hat doch keinen 
Sinn. Wir imissen uns schlieBlich auch fragen, was ihm 
gefallcn wiirde." 

,,Hab dich bloB nicht so . . ." sagt der kleine Lewy, ,,im 
iibrigen hast du recht. Gehen wir ins Pilsener, Menu 
zwei fiinfzig." 



,,Ins Pilsener, du Ochse", winkt der grofie Lcwy ab, 
,,warum dann nicht gleich in den Automaten oder in cin 
vegetarisches Restaurant? Ich schlage vor " 

,,Ich schlage vor und akzeptiere ein Restaurant am 
Donaukai", sagt Zatony, ,,aber nichts von Gast und ein- 
laden, arrangieren tun wir nichts, wir lassen ihm ganz ein- 
fach sagen, dann und dann seien wir dort zu treffen, sei 
beruhigt, er kommt hin." 

,,Richtig", sagt Szende, ,,also, dann werde ichs ihm 
bestellen " 

,,Dann wirst dus Kelemen bestellen, er solle die Sache 
mit Kadars regeln. Bleiben wir bei Samstagabend? gut." 

Dariiber einigen sie sich. 

Unter dem tragen weiten schwarzen Himmel der klaren 
Friihsommernacht streiten sich Tausende von Lichtern aus 
der Stadt mit den gliihenden Sternen. Die trottenden 
kleinen Marionetten-Schatten bleiben unter den Lichtern 
stehen, verabschieden sich voneinander und zerstreuen sich. 



17 

KELEMEN, der gute Manager, stcckt den Kopf 
durch die halbgeoffnete Tiire, als wollte er sich davon iiber- 
zeugen, ob alles in Ordnung sei. Es ist in Ordnung. Vom 
Lastenaufzug wird gerade das Gepack iiber den Flur ge- 
bracht. Dann reicht er Kddar noch einmal die Hand. 

,,Servus, Kadar, gute Nacht. Also, es bleibt dabci, 
morgen nachmittag rufe ich dich an, Aber wenn du mich 
inzwischen brauchen solltest . . . meine Adresse und Telefon- 
nummer hast du, nicht wahr? Also, auf Wiedersehen", und 
er geht. Den Hut zieht er ein wenig in die Stirn und steigt 
so die Treppen hinunter. Na, so weit klappt alles. Morgen 
trete ich meinen Urlaub an. Der Nachtportier griiBt tief, 
Kelemen hebt den Zeigefinger an den Hut. Zweiter Stock 
zehn, elf, achtundvierzig Pengo pro Tag, Kleinigkeit, 

23 KOrmondi, Budapest 353 



klappt auch. Ungarin 1st die Frau. Eine nette Erscheinung. 
Ungarin . . . sichcr irgendeine abcnteucrliche Geschichte, 
daB die sich so getroffen haben. Es klappt alles. Der 
Start . . . ist ganz gut gelungen. Ich soil die Jungens zu- 
sammenrufen, zum Abendessen, sagt er, na, gut. Je schneller 
wir das hinter uns haben, desto besser. Die Insel werde ich 
ihm raten, hm, gut. Inzwischen war er um die kleine 
Anlage am Ende des Korsos herumgegangen er hatte 
gar nicht bemerkt, daB er diesen Weg einschlug, und 
stand am Donauufer dem Hotel gegeniiber. Zweiter 
Stock . . . Er entdeckt die erleuchteten Fenster, davor 
auf dem Balkon zwei Schatten. Romantik . . . Na ja, sagt er 
vor sich hin, dann dreht er sich um und geht fort. 

Da stehen die beiden auf dem Balkon iiber dem nacht- 
lichen Korso. 

Lichter den Kai endang, Lichter auf dem Wasser. Die 
Zitadelle und die Fischerbastei und die Kronungskirche 
leuchten im biihnenhaften Glanz der Reflektoren. Rechts 
irgendwo eine blafiblaue Neon-Lichtreklame. Von den 
Hangen der Budaer Bergc blinzeln gelbliche Lichter. Weit 
hinten an der Briicke eine griine Lampe. Den Korso ent- 
lang, so weit man sehen kann, eine Reihe kleiner, wim- 
melnder Lichtchen. Langsam und lautlos fahrt ein illumi- 
niertes Schiff vorbei. Und die Sterne am Himmel. Aus der 
Feme, dumpf, pufiit ein Auto. Plotzlich tiefes, klares, lang- 
gedehntes Tuten vom Wasser her. Stille. Und irgendwo 
vom Dach her diskrete, verschleierte Musik einer Jazz- 
band mit dem leise klopfenden, hartweichen Rhythmus von 
Klavier und Trommel und dem ruhigen und dennoch durch- 
dringenden, lachenden Wcinen eines Saxophons. 

,,Schon", sagt die Frau auf dem Balkon, ,,wirklich 
wunderschon." 

,,Ja", antwortet er, ,,Budapest ist eine schone Stadt." 
,,Fast kulissenhaft . . ." Sic schweigcn. ,,Und so still." 
,Ja, nach Paris . . . Dies hier ist iibrigens eine besonders 
stille Gegcnd." 

354 



,,Eigentlich 1st es doch komisch, daB Budapest fiir 
mich . . . cine fremde Stadt 1st." 

,,011", sagt Kidar, ,,es ist schon so lange her. Heute 1st 
sie mir auch schon fremd." 

Dann wird es ganz still. Eine Zeitlang glimmen in der 
Hohe der zweiten Etage noch zwei Zigaretten; und dann 
sind 2wei kleine rotliche Lichter und zwei fremde Men- 
schenschatten weniger am nachtlichen Donauufer. 



Yierter Till 
DIE VERSUCHUNG 



DuRCH die schmale Spalte der beiden geoffneten Tiiren 
sind iiber die Waschkabine die zwei Schlafkupecs ver- 
bunden. Nur die untern Betten sind zurechtgemacht. Das 
cine Abteil 1st dunkel, im andern brennt noch die Lese- 
lampe am Kopfende des Bettes. Es ist still, die Stille des 
Zuges, die leise und monoton vom Taktschlag der Rader 
begleitet wird. Eins zwei drei und vier, eins 
zwei drei und vier, die Rader der Eisenbahn dirigieren 
gut: richtig schlagen sic den Takt zu allerlei Musik, die 
einem im Kopf spukt, einen plotzlich und frei wechselnden 
Takt, eins zwei drei und vier, eins zwei 
drei; nun Walzerrhythmus, dann eine Melodic im Doppel- 
takt, jetzt schnell, auf jedes Rattern kommen vier Tone, 
dann langsam wie ein Trauermarsch und dann wieder 
anders: wie eben die vagen Melodien auftauchen. Manch- 
mal quietschen die Schienen, lang wie in gedehntem, 
hellem Schmerz, auch das paBt gewohnlich in die 

Melodien. Eins zwei drei und vier Da hort 

man im beleuchteten Abteil eine Zeitung rascheln: das 
Papier knistert, das Blatt legt sich zischend um und 
schmiegt sich an den iibrigen Packen. Ganz deutlich hort 
man dies, denn das Ohr hat sich schon langst an das 
Rattern der Rader gewohnt. Das Licht im Turrahmen ist 
ganz seltsam, verschleiert und milde; abgestumpft falltes 
hie und da von einem der Messingbeschlage; irgendwie 
erinnert ihn dieses Licht an den Geschmack des Holz- 



357 



aofels, von dem cr einmal vor langer Zeit als Kind krank 
gcworden war. Der heruntergezogene braune Vorhang 
deckt das Fcnstcr nicht ganz; cben blitzte es von den 
Fcnstern eines vorbeifahrenden Zuges gelblich durch die 
Spalte ins Abteil. Wieder rascheln die Zeitungsblatter, leise 
faltet sich der Packen zusammen. Der Schalter knipst, und 
das Licht geht aus, es ist ganz dunkel. Da auf einmal spurt er 
durch den Eisenbahngeruch hindurch den farblosen, kiihlen 
Duft des Parfvims, das sic vor zwei Tagen zusammen 
gekauft haben. Und cine Minute spater wieder das Knipsen, 
das das Hellwerden der Lampe begleitet. Vom Abteil her 
hort er leises Kramen. 

,,Was ist denn, Kind?" ruft er hiniiber, ,,warum ver- 
suchst du nicht einzuschlafen?" 

Da steht sie in dem kleinen Durchgang im hellen Tiir- 
rahmen. ,,Sei doch so gut . . . es ist schrecklich warm hier, und 
ich kann die Liiftung nicht aufmachen, hilf mir bitte." 

Er streift die leichte braune Decke ab und steht sofort 
auf. Driiben im andern Abteil tritt er vorsichtig auf den 
Rand des Bettes und dreht den Messinggriff der Liiftungs- 
spalte um. Gleich spurt man die frische Luft. 

,,Danke, ich wuBte nicht, daB man das umdrehen muB, 
ich dachte, man muB an dem Griff ziehen." 

,,Gut, mein Hcrz", antwortet er, ,,aber versuch jetzt zu 
schlafen. Gutc Nacht." 

,,Gute Nacht . . . sag mal, warm sind wir eigentlich in 
Wien?" 

,,Gegen Morgen", antwortet er, ,,sehr friih. Abcr wir 
brauchen nicht aufzuwachen." 

,,Na, gut . . . also dann gute Nacht." 

,,Gute Nacht." Er setzt sich auf seinen Bettrand. 

Driiben geht das Licht aus; es ist dunkel. Er streckt sich 
auf dem Bett aus, jetzt werde ich schlafen, denkt er. Es ist 
still, nur die Rider rattern den Takt zur Eisenbahnmusik. 

Bins zwei drei und vier, eins zwci dr 

eins zwei drei und vier 



cins zwei drei und vier I can't give 

you anything but love zwei drei und vier 

baby zwei drei vier es war eine reizende, 

geschickte kleine Amerikanerin, die das Lied sang, mit 
ihrer heiseren kleinen Stimme, die richtige Talkie- 
Stimme, und die Jazz war auch gut, auffallend gut, die 
im Savoy ist naturlich besser, aber lauter neue Sachen 
haben sie gespielt, und sehr gut, so ganz frisch ist dies 
Stuck zwar nicht mehr, driiben haben sies schon voriges 
Jahr gebracht, auch auf Flatten gibts das, aber es hat 
sich ziemlich lange gehalten, also: die Jazzband war 
gut auf der Margareten-Insel. Gleich im Anfang war das, 
am dritten oder vierten Tag, abends auf der Insel, als wir 
das erstemal mit den Jungens zusammen waren. Un- 
geschickt, schrecklich ungeschickt hat Kelemen das ge- 
macht, ich hatte ihm doch vorher gesagt, sie waren 
selbstvcrstandlich alle meine Gaste, und dann fing nach dem 
Essen dennoch das Greifen nach den Brieftaschen und das 
Hinundhererklaren an: ,,vielen Dank, aber wir konnen 
das wirklich nicht annehmen . . . aber, ich bitte dich, 
darauf kann ich mich auf keinen Fall einlassen . . . aber, ich 
bitte dich, wir sind doch nicht deshalb zusammen- 
gekommen . . ." Der ruhige Blonde, der Zatony, hat sich 
am hartnackigsten verwahrt, eigentiimliche Leute: es 
kam vor, daB er sie manchmal fiir einen Augenblick alle zu 
kennen glaubte, so wie sie in der Schulbank gesessen 
hatten, und dann, ein Satz, ein Wort, nur ein einziger Ton 
oder eine Bewegung: wer ist dieser fremde Mensch? . . . 
vierzehn Jahre, alle sind sie mir fremd, dieser Rona und 
der Szende und kurz alle. Fiir sie war ich naturlich der 
Fremde, das war auch falsch, gleich zu Beginn, es wurde 
auch sofort still am Tisch, unangenehm still, als der 
Mdrton, was hat der doch auch fiir ein anderes Gesicht 
bekommen ... als Mdrton davon anfing, daB alte groBe 

359 



wohlfundierte Firmen zugrunde gehen, und dann, wic er 
mich von der Seitc ansah: ,,entschuldige, Kddir, das kann 
dich wohl nicht interessieren", ,,aber bitte", ,,nein, 
nein, reden wir lieber von was anderm." Und da sprach 
nicmand ein Wort, plotzlich waren sie alle verstummt. In 
einer Woche reiscn wir wicder ab . . . cine Woche gemigt 
gerade, um sich alles anzusehen. ,,H6rst du?" sagte Ha, 
,,I can't give you ..." die Jazz fing das an zu spielen. 
Ha hat sich wohl gefuhlt, die Stadt und die Insel haben ihr 
gefallen, und von den Jungens der Amman. Er ist ja 
auch hubsch, cine gute Erscheinung und hat gute Manieren, 
im Smoking war er; auBer mir waren bloB Amman und 
Kelemen im Smoking: das war auch nicht ganz richtig, 
die iibrigen haben sich sicher unbehaglich gefuhlt in ihren 
StraBenanziigen. Amman tanzte mit Ila, da fragtc 
Kelemen, ob wir nicht spater, wenn die andern gegangen 
waren, noch ein Glas Wein in der Bar trinken wollten, 
,,warum nicht, gerne", und dabei habe ich es gar nicht gern 
getan. Die Jungens dachten es sich gewiB, daB wir drei im 
AbenddreB noch was anderes vorhatten, Kelemen hat 
das Ganze nicht sehr geschickt gemacht und auch nicht 
besonders taktvoll, wie er sich spater zu Amman hiniiber- 
bcugte und ihm etwas zuflusterte, es war doch schlieBlich 
kcin Geheimnis, und jeder, der Lust hatte, hatte mitkommen 
konnen . . . aber sie verabschiedeten sich alle, der Lcwy und 
der andere Lewy und der Szende und die iibrigen, dann 
fingen sie an, den Zahlkellner zu rufen, sehr peinlich war 
das, na, egal. Nach Mitternacht gingen wir dann 
hiniiber in die Bar. Auch die kleine Amerikanerin kam mit, 
setztc sich neben den Jazztrommler, sang, tanzte und ging 
an die Tische, machte die iiblichen kleinen Faxen, ein 
niedliches kleines Geschopf. Der Saal ist auch geschickt 
gemacht, etwas zu groB allerdings, das Intime der Bar war 

dadurch unwichtig, Ila hat es gefallen. Ila tanzte 

wieder mit Amman, sic tanzten gerade, als die kleine 
Gcsellschaft reinkam, vier oder fiinf junge Leute und drci 



Frauen. An dcr Tiir bliebcn sic stehen und saben sich nach 
Platz um; die cine hatte cin hellgriincs Kleid an, ein leichtcs, 
etwas stilisiertes Sommerabendkleid, kein besondcrs 
elegantes Kleid, es sah aus, als sei es schon mehrmals 
umgeandert worden, immerhin ein ganz nettes leichtes 
Kleidchen, aber alle sahen sofort bin, weil sie eine 
riesige schwere rote Haarkrone auf dem Kopf hatte, hell- 
Icuchtend, in der Mitte gescheitelt und iiber den Ohren 
zwei dicke geflochtene Knotcn, und die beiden Knoten 
waren hinten im Genick durch zwei lockere Zopfe verbun- 
den, es ware wirklich schade gewesen, dieses herrlicbe 
Haar kurz zu schneiden. Fast alle Leute sahen sich nach 
ihr um. Ihr Blick flog iiber die Tische, und als er bei 
ihrem Tisch ankam, hob sie ein wcnig den rechten Arm 
und winkte mit dem weiBen Handschuh hin. ,,Ach", sagte 
Kelemen, ,,meine jungste Schwester, wie kommt die denn 
her ..." da ging das Madchen schon ungezwungen und 
leichtfiiBig zwischen den Tischen und dem Reflektoren- 
schein der Blicke hindurch und kam an ihren Tisch. ,,Servus 
Bandi", sagte sie, eine eigentiimliche, bekannte Stimme, 
und auch ihr Gesicht kam ihm bekannt vor, dieses 
milchweiBe Gesicht unter dem roten Haar, und die sonder- 
baren griinlich-blauen Augen, ,,na nu? in so elegante 
Lokale gehst du?" ,,Dasselbe konnte ich dich fragen", 
gab Kelemen zur Antwort, und er schien ein biBchen ver- 
legen zu sein, ,,ich versteh das auch gar nicht, Joly. Mit 
wem bist du denn hier?" ,,Mit denen da", zeigte sie 
nach hinten, ,,ein paar jungen Leuten und ein paar Madels", 
und als sie einen leeren Tisch entdeckt, winkt sie nach der 
Tiire hin und ruft: ,,Otto!" und deutet auf den leeren 
Tisch. Er stand auf, sagte: ,,Kadar" und hob die Hand. 
,,Gestatte", sagte plotzlich Kelemen dazwischen, ,,dafi ich 
dir meinen Freund vorstelle, Antal Kadar, du kannst dich 
nicht mehr an ihn erinnern, du warst damals noch ganz 
klein ..." ,,Ja", sagt Joly, ,,Sie sind Bandis auslindischer 
Schulfrcund, ich weiB . . . und Ihre Frau ist auch hier?" 



,,Ja", sagt Kelemcn rasch, ,,wcnn du spater noch mal fiir 
cinen Augcnblick riibcrkommst, stellc ich dich auch Frau 
Kadar vor." Er stand noch immer. ,,Sie wuBten, wer ich 
bin? daB ich iiberhaupt existiere?" ,,Natiirlich, Bandi 
hat mir doch erzahlt, daB Sic auf Besuch nach Budapest 
kommcn. Wie gefallt es Ihncn dcnn hier?" Er lachclte. 
,,Oh, danke, schr gut. Budapest hat sich sehr entwickelt, 
seitdem ..." ,,Tanzen Sie?" fragt sie, den Kopf ein 
wenig zur Seite gedreht. ,,Jawohl", lacht er. Ein hiibsches 
Ding. ,,Darf ich Sie gleich um einen Tanz bitten?" 
,,Oh, danke . . . aber jctzt muB ich mich erst ein biBchen zu 
meiner Gesellschaft setzen aber Sie konnen mich 
spater von da wegholen." ,,Nein, das nicht", sagt 
Kelemen rasch und streng, ,,ich weiB doch gar nicht, wer 
deine Leute da sind, aber du kannst dich nachher zu 
uns setzen, wenn es euch recht ist." Kadar unterbricht ihn 
lachend: ,,warum bist du denn so streng zu deiner Schwester, 
du Tyrann?" und zu Joly gewendet: ,,kommen Sie nachher 
zu uns? es ware sehr liebenswiirdig von Ihnen." ,,Ja, 
ich kann ja ruberkommen", antwortet sie, ,,also dann . . . 
Servus, Bandi, warum bist du denn so grandig?" sie lacht, 
streckt ihre Hand hin, cine schone, schmale, kiihle, weiBe 
Hand, und geht nach dem andern Tisch hin. I can't give 

you anything auch ihr Gang ist ihm bekannt. ,,Du, 

Andor, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, daB 
du cine Schwester, vielmehr Schwestern hast . . . Joly ist 
noch sehr Jung, nicht?" ,,Einundzwanzig", antwortet 
er, ,,oder eigentlich erst zwanzig, vor kurzem ist sie zwanzig 
geworden." Ila tanzt groBartig; zu Hause tanzen sie 
auch viel, es kommt sogar vor, daB sie manchmal abends 
zu zweit nach Helena- Village hiniibergehen, ins Imperial- 
Dancing, einen Cocktail trinken und ein Stiindchen tanzen. 
Oder in der Villa, dann laBt Ila der Reihe nach samtliche 
neuen Tanzplatten auf dem Grammophon spielen. O ja, 
Ila tanzt glanzend, mit ruhigen Bewegungen, mit fast 
starrer Haltung, und dabei hat sie doch im Oberkorper ein 

362 



ganz feincs, harmonisches Vibricren, am meisten vielleicht 
in der Schulter. Ganz nette Lcute, mit denen das Madchen 
dort sitzt . . . nctt, nett, gut angezogen sind sie, aber hier 
sind ja die meisten Menschen gut angezogen. Kelemen 
reitet noch immer darauf herum, was seine Schwester hier 
zu suchen habe. ,,Ich kann das nicht begreifen", sagt er 
nun schon zum drittenmal, ,,das ist doch ein teures Lokal, 
ein Luxuslokal ..." ,,Aber laB doch schon gut sein", 
sagt er, ,,wie kann man denn so rigoros ein reizendes 
Madchen ist deine Schwester", fahrt er fort, ,,deine jiingste 
Schwester sagtest du, wieviele Schwestern hast du denn?" 
,,Zwei, Siri hast du auch nicht gekannt? die ist schon ver- 
heiratet. Aber es paBt mir nicht, daB Joly sich hier herum- 
treibt . . . ich bitte dich, nicht wahr, ich kann doch offen 
reden? also, das hier ist ein Luxuslokal, eigentlich etwas 
fur Verschwender, und dann hat ein junges Madchen iiber- 
haupt nichts in einem Tanzlokal zu suchen ..." ,,Das 
sind doch altmodische Ansichten", unterbricht er ihn, ,,alt- 
modisch bist du, das wundert mich aber. Daran kann man 
doch wirklich nichts auszusetzen haben, wenn ein junges 

Madchen mit ihren Kameraden ", plotzlich verstummt 

er. Jolys roter Kopf leuchtet iiber die Tische heriiber. 
Pcriicke, denkt er, Maske und unechtes Zeug, Biihnen- 
kostiim . . . und da iiberkommt ihn ein merkwiirdiges, ver- 
worrenes, unsicheres Gefiihl. Joly dreht gerade den Kopf, 
und er sieht das iibertrieben weiBe Gesicht mit den griin- 
lich-blauen Augen und den etwas korrigierten Augcn- 
brauen; und wie er in die Richtung starrt, entschliipft 
seinen Lippen ein Wort im Tonfall der Frage oder eher des 
Vermutens: ,,Sommersprossen . . .?" ,,Wie bitte?" sagt 
Kelemen gleich, ,,hast du was gesagt, Toni?" ,,Nein 
ich sch nur zu, wie die Kleine, die da singt ..." ,,Ein 
prachtvolles Ding", bemerkt Kelemen eifrig, ,,ich kann dir 
sagen, alter Freund, cine Kanone, aber die entziickendste 
Nuttc augenblicklich in Budapest, im Winter war sie die 
Freundin von dem Rotzjungen Teddy " Kelemen 

363 



spricht, aber er hort nicht hin, ,,cine Mengc Geld hat die 

sich erwirtschaftet natiirlich hat sic ihn betrogen 

rausgeschmissen . . .*' >,Du, Andor", sagt er dazwischen, 
,,storcn wollen wir sie natiirlich nicht, aber wenn meine 
Frau vom Tanz zuriickkommt, dann sag doch wirklich 
deiner Schwester, sie mochte ein biftchen ..." ,,Abcr 
gern", antwortet Kelemen; er reiBt die Augen auf und 

bcugt sich nach dem Sektkuhler. I can't give you die 

Musik wiederholt den Refrain in raschem Takt, Jolys roter 
Kopf dort auf dem Parkett neigt sich ein wenig auf die 
Schulter des einen Smokings, Ila und Amman kommen 
langsam zuriick zwischen den Tischen hindurch. Auf den 
Tischen kleine Lampen mit bunten Schirmen, in den kleinen 
Sesseln schwarze und bunte Flecke, und auf dem Parkett 
verklingt langsam die Musik, wirklich nett, stimmungs- 

voll ,,Sie taazen sehr gut", sagt Ila zu Amman, als 

sie sich setzen, ,,etwas anders als wir Englander, mit mehr 
Temperament, aber sehr gut.** >,Oh", sagt Amman bc- 
scheiden tuend, ,,ja . . . tanzen, das konnen wir einiger- 
maBen", aus den Augenwinkeln betrachtet er Ila, und sein 
Finger fahrt an den kleinen blonden Tatarenschnurrbart. 
,,Wcr war die hiibsche junge Dame vorhin?" fragt Ila, 
,,meine kleine Schwester", antwortet Kelemen rasch, da 
reckt Ila ein wenig den Hals und blickt iiber die Tische 
nach dem Parkett: ,,groBartig tanzt sie, ein entziickendes 
Geschopf, wiirden Sie sie mir nicht vorstellen?" wendct 
sic sich wieder an Kelemen, ,,nach den vielen Budapester 
Mannern mochte ich nun auch ein Budapester Madchen 
kcnncnlcrnen, nach den vielen ernsten Mannern I" und 
lacht. Die Amerikanerin singt wieder ctwas, Kelemen langt 
nach dcr Scktflasche. Das Imperial-Dancing in Helena- 
Village liegt am Meeresstrand ; voriges Jahr hatten sic 
deutsche Gaste, Filmleute, unter denen war ein junger 
Mann, der cine Regisseur; auffallende Ahnlichkeit hatte der 
mit Amman. Wihrend acht Jahren im Gymnasium habc 
ich viclleicht hundert Worte mit ihm gcsprochen, und jetzt 

364 



sitzen wir zusammen an einem Tisch in der Bar an der 
Donau. Zwanzig Jahre ist diese Joly, ich hatte nicht ge- 
dacht, daB sie Kelemens Schwcster sein konnte, sic gleichcn 
sich iiberhaupt nicht, allerdings ist der Altersunterschied 
ziemlich groB. ,,Prosit", hebt er sein Glas Kelemen zu. 
Kelemen schenkt fleiBig ein. Ha trinkt viel, sie macht sich 
immer viel aus Sekt. Also, der junge Deutsche unter den 

Filmleuten eigentlich ... ja, sie gleichen sich iiber- 

haupt nicht. Oder ob ihr Haar gefarbt ist? nein, dies rote 
Haar ist von ganz besonderem Charakter iiber dem zu 
wciBen Gesicht, so kann man weder Haare farben, noch das 
Gesicht schminken. Auch ihre Lippen sind nicht unbedingt 
bemalt, diese rot-weiBe Rasse hat von Natur aus so rote 
Lippen und plotzlich verspiirt er Sehnsucht, Jolys 
Lippen zu sehen. Ich weiB nicht mehr, hat sie dicke Lippen 
oder schmale er sucht den roten Kopf unter den 
Tanzenden, sie tanzt aber jetzt nicht, und wie sein Blick 
sich leer zuriickzieht, begegnet er Keiemens Augen. Nur 
einen Moment, Kelemen erhascht den Blick; in seinem 
Gesicht liegt ein nachdenklicher Zug, er blast den Rauch 
in die Luft und spricht dann weiter zu Ha : ,,der andre, der 
bei ihnen sitzt, ist Bartok von der Industrie-Bank, und die 
Dame da hinten am funften Tisch ist seine friihere Frau, sie 
haben sich vor kurzem getrennt, ein ziemlicher Skandal 
war diese Scheidung, samtliche Zeitungen haben sich damit 
beschaftigt. Die Dame doit im schwarzen Kleid ist irgend- 
eine Baronin." ,,Baronin Halban", wirft Amman da- 
zwischen, ,,das ist eine bekannte osterreichische Magnaten- 
familie, aber die Mutter der Frau soil jiidischcr Ab- 
stammung sein. Und der blonde Gent dort mit dem 

Monokel und die auf Morphinistin herausgestrichene 

miese alte Person da driiben und die bciden im Smo- 
king mit den gelangweilten Gesichtern und die 
wciBe Schlanke mit dem Diadem, die eben aufsteht und 

gcht " Mit halbem Ohr hort er diese spitzen Worte, 

die kurzen, gepfefferten Lebensgcschichten, sein Blick 

365 



schweift zuriick auf das Parkett, und dann entdeckt er Joly 
wiedcr; mit cinem brcitschultrigcn jungcn Mann in grauem 
Anzug tanzt sie, die Kopfe der beiden sind ganz nahe an- 
einander, und sie lachen. Jetzt ist Joly ihm gerade gegen- 
iiber, und wie er sie betrachtet, sieht er, daB sie die Augen 
nach ihrem Tisch gerichtet hat, nein, nicht nach ihrem 
Tisch: sie blickt ihm gerade in die Augen. Einen kurzen 
Blick wirft er auf Ila, mit etwas gerotetcn Wangen sitzt 
sie da zwischen den beiden jungen Leuten und betrachtet 
die zwischen ihren Fingern brennende Zigarette, etwas 
spater sagt sie : ,,also, Kelemen, holen Sie nun Ihre Schwester 
zu einem Glas Sekt her?" Kelemen halt Ausschau nach dem 
andern Tisch hin und steht auf. Kelemen ist ein ziemlich 
groBer Junge, hat eine gute Figur, schwarzes Haar, ein ganz 
hiibsches Gesicht, ein Dutzcndgesicht, Joly hat rotes 
Haar und ist vielleicht um einen Gedanken groBer als Ila. 
Es gibt Gesichter, die einem im ersten Augenblick so be- 
kannt vorkommen, und wenn man sie sich dann genauer an- 
sieht, dann stellt sich heraus, daB sie einem doch ganz fremd 
sind. Die Augen sind fremd, die Stirn anders, die Gesichts- 
form nicht ahnlich, und der Mund ist ganz und garver- 
schieden von jenem Mund, und trotzdem, das Ganze er- 

innert doch genau an jetzt bemerkt er, daB Kelemen 

schon drub en am Tisch angekommen ist, mit etwas ge- 
senktem Kopf spricht er mit dem einen jungen Mann, und 
Joly, in ihrem griinen Kleidchen, steht auf, und die Hand 
auf dem Arm ihres Bruders, blickt sie sich im Saal um. Einc 
ungcduldige Kopfbewegung, zerstreutcs Umsichblicken. 
Sonderbar . . . wic dieses rote Haar eine sonst so unbedeu- 
tende Erscheinung auffallend macht . . . das dichte rote 
Haar, die weiBe Gesichtshaut; das Gesicht ist nicht schon, 
nicht regelmaBig, ziemlich unruhig, es ist etwas ja, etwas 
ausgesprochen Gewohnliches ist darin. Alle Leute sehen 
sie an. Auffallend ist sie. Und sie erwidert die Blicke, ein 
junges Madchen! Sie provoziert es, daB man sich nach ihr 
umsieht, und provoziert es, daB man sie weiter anblickt. 

366 



Jetzt kommen sic zwischen den Tischen durch. Joly hat 
ihre Hand in Kelemens Arm gehangt, man sollte wirklich 
nicht annehmen, daB sie Gcschwistcr sind. ,,Darf ich be- 
kannt machen", sagt Kelemcn; Ila betrachtet Joly mil etwas 
zusammengezogenen Augenbrauen. ,,Oh, freut mich sehr, 
gerade habe ich zu Ihrem Bruder gesagt, was fur cine 
reizende Schwester er hat." Ammans Hacken klappen 
aneinander, militarisch steif steht er da, hoflich kiiBt er 
Joly die Hand. Einen Augenblick scheint sie in Verlegen- 
heit zu sein, dann setzt sie sich ruhig und ungezwungen 
hin und greift nach dem Sektglas, ,,ich komme nur fur ein 
kleines Weilchen, ich will die Kinder da nicht lange allein 
lassen ..." Ihr Mund ist nicht schon. Schmal und ctwas zu 
groB ist er. ,,Ich freue mich schrecklich, Sie kennenzu- 
lernen", sagt Joly zu Ila, ,,nicht wahr, Sie sind nicht bose, 
wenn ich Sie einmal besuche, Sie konnen sicher sehr inter- 
essante Sachen erzahlen. Eine so ganz andere Welt muB das 
sein, wo Sie leben, ich kenne derartige Gegenden nur vom 
Kino her und aus Reisebeschreibungen, aber das ist doch 
wahrscheinlich alles gelogen " und dabei lacht sie 
mit leisem, hellem Klang, ein solches frisches Klingen 
habe ich schon einmal gehort . . . irgendwo am Ufcr eines 
Flusses auf einem Schiff. ,,Oh, sehr lieb von Ihnen, 
kommen Sie wirklich einmal zu mir", sagt Ila, ein merk- 
wiirdiges wechselndes Gesicht, ganz bestimmt habe ich 

dieses Gesicht schon gesehen jetzt gleicht sie genau 

Amman erhebt sich und fordert Joly zum Tanzen auf, 
diese schmalen Schultern, die iiberschlanke Gestalt . . . 
Tilly, natiirlich. Nur ist ihr Haar ctwas heller. Und ihre 
Hande . . . ich muB mir ihre Hande gcnauer ansehen. Er 
blickt nach dem Parkett, sucht Joly im Gewimmel. Wenn 

sie nicht dieses schlechte grvine Klcid anhatte Ila 

spricht von Joly. ,,Wic hiibsch, frisch und jung sie ist." 
Ja", sagt Kelemen hartnackig, ,,cincn Augenblick war ich 
bose auf sic, ich kann mich wirklich nicht damit aussohnen, 
daB so ein junges Ding " Ila lacht ein wenig hdhnend. 

367 



,,Die jungen Madchen in England und Amerika reisen allein 

durch die Welt, und Sic findcn schon dabei was mir 

ist das nicht ganz geheuer, wenn ein junger Mann sich zu 

so konscrvativen Prinzipicn bekennt " Ich muB mir 

ihre Hande ansehen, denkt Kadar, und als sie zur iickkommen, 
steht er sofort auf: ,,wollcn wir tanzen?" ,Ja, gerne, 
aber ich mochte bloB warten, bis ein Tango oder Blues 
gespielt wird, aus dieser schnelltaktigen Musik mache ich 
mir nicht sehr viel." Sie setzt sich, nimmt das Sektglas in 
die Hand, ihrc Hande sind auch genau so ,,Sagen Sie, 
Joly", fragt er da glcich, ,,musizieren Sie irgend etwas?" 
gewiB spielt sie Klavier, bcstimmt wird sie sagen, sie spicle 
Klavier. ,,Nein, leider nicht", antwortet Joly, ,,ich habe 
zwar mal angefangen, Klavier zu lernen, mein Gehor ist 
ziemlich gut, aber es hat sich herausgestellt, daB ich im 
iibrigen absolut nicht zum Klavierspiel begabt bin, also hab 
ichs aufgegeben." ,,Ja", sagt Kelcmen, ,,unserer ganzen 
Familie fehlt das Talent zu irgendcinem Instrument, dabei 
haben wir aile Gchor." Nun beginnt ein langsames Tanz- 
stiick, gedehnt, schmerzlich, negerhaft, das ist das 
Saxophon, und das Klavier folgt ihm langsam in schlappen 
Akkorden, Joly steht auf: ,,wollen Sie?" Amman ver- 
beugt sich leicht vor Ila; hintereinander gehen sie aufs 
Parkett zu. Joly wendet das Gesicht etwas zur Seite, halt 
es ganz nahe an seincn Kopf, cins von den krausen roten 
Haaren kitzelt ihm die Augenwimper, langcs Haar hat 
sie, natiirlich, sie hat sich das Haar auch nicht abschneiden 
lasscn, ihre Hande sind schmal, trocken, fvihlen sich 
kiihl an; ihr Haar und ihre Haut haben einen einfachcn, 
kiihlen Seifengerucb, der diinnc Korpcr schmiegt sich ihm 
nachgiebig an, ihr Schritt folgt wie der Schatten seincm 
Schritt im langsamcn Rhythmus des Tanzes, ich miiBte 
etwas sagen . . . um nicht zu schweigcn, irgend etwas, daB 
wir gates Wetter haben odcr wie schon die Insel ist odcr daB 
sie jcmandcm ahnlich sieht, daB sie gut tanzt, daB ich mich 
wirklich sehr freue, sic aber cr sagt nichts, und das 

368 



Madchen schweigt auch, nur die Musik spricht mit der 
wcinenden Melodic des Saxophons, dem dumpfen Klopfen 
der Trommel, der brockelnden Stimme des Klaviers, und 
diese fremde, irritierende Musik umspinnt sie, der langsame, 
endlose Rhythmus verbindet ihre Schritte, und da ist ihm, 
als schritten sie iiber das Parkett, iiber die Bar hinaus in 
einen Raum von aufgelosten Formen, in unbekannter, 
unfafibarer Ruhe miteinander verschlungen durch die Zeit, 
mit der einfachen Selbstverstandlichkeit des substanzlosen 
Zusammengehorens, vorwarts oder zuriick So begann es. 



In den folgenden Tagen ereignete sich zunachst nichts. 
Es war Budapest, das strahlende Friihsommer-Budapest, 
das die Fremden anlachelte, mit der abendlichen Insel, dcm 
Wellenbad am Mittag, den Motorausfliigen auf der Donau, 
den nachtlichen Autofahrten auf einen der Budaer Berge, 
den eleganten Frauen iiberall in der Stadt. Es war Budapest, 
es war Anfang Juni. Wir sind Fremde, wir genieBen unser 
ruhiges, reiches Leben in Budapest genau wie in London, 
Paris oder Berlin, und dann reisen wir weiter. Haben noch 
cine Stadt gesehen. Nur mit den Banalitaten kommen wir 
in Beriihrung, mit den Gemeinplatzen, den Dingen an der 
Oberflache, die indessen meistens den Eindruck einer Stadt 
geben. Das Hotel ist westeuropaisch. Der Verkehr ist leb- 
haft, groBstadtisch geregelt. Die Bank ist vornehm und 
zuvorkommend. Die Menschen sind hoflich, ihre Gast- 
freundschaft traditionell ungarisch. Die Kleidung der 
Manner ist ziemlich schlecht, so im allgemeinen der Manner 

auf der StraBe und erschreckend vide leere Geschafts- 

lokale mit heruntergelassenen Rolladen und zahllose 
Schilder, die in roten und schwarzen Buchstaben schreiend 
letztc Okkasion, Ausverkauf, Auf losung des Geschafts an- 
kiindigen. Aber das geht uns nichts an, uns Fremde, man 
braucht nicht unbedingt zu bemerken, was unangenehm ist. 
Ila wollte gern die Stadt sehen, einmal gingen sie zusammen 

24 KOrmcndi, Budapest 369 



iibcr die Andrassy-StraBc, cinmal ein Stiickchen iiber den 
Ring, cinmal brachen sie nach einem abgclegeneren Stadtteil 
auf. Sehr bald fiihlte er sich miide; auch Has Schrittc wurden 
unsicher und nervos, da kehrtcn sie ins Hotel zuriick. Das 
Viertel dcr Fremden sind die paat StraBen der innercn 
Stadt, und im Salon der elegantcn Konditorei braucht 
man den kalten, sauerlichen Milchgcruch nicht zu spiiren, 
der den Milchhallen auf dem Ring entstromt, wir sind ja 
Fremde. Mit Kelemens Hilfe hatte er gleich an einem der 
ersten Tage in einer Garage einen cleganten, viersitzigen, 
geschlossenen Wagen gemietet; am Volant fiihlte er sich 
in Budapest heimischer als zu FuB. Kelemcn meldete sich 
iibrigens jeden Tag, hoflich und hciter erkundigte er sich 
nach ihrem Befinden und etwaigen Wiinschen. ,,Kelcmen 
ist wirklich ein netter, manierlicher Junge", meinte Ila, 
,,offen gesagt, fiirchtetc ich ein biBchen, er wiirde seine 
Liebcnswurdigkeit iibertreiben und uns lastig werden, 
nicht? aber anscheinend habe ich mich geirrt", und in 
ihrcr Stimme lag cine kleine Unsicherheit, die gait abcr der 
fremden Stadt genau so wie Kelemen, dcm Fremden. 
Er hatte Da vorher nicht viel und hochstens ganz im all- 
gemeinen von Budapest erzahlt. Jctzt denkt sie sicher 
dariiber nach, ging ihm durch den Kopf, wie ich wohl 
friiher gelebt, in welchem Hause ich gewohnt, welche 
Gegenden ich gern gehabt habe. Moglich, daB sie dahiber 
nachdachte, aber sie fragte nicht, und so sprachen sie auch 
nicht davon. Sie will auch durch mich Budapest nicht nahe- 
kommen, so schien es ihm. Eine fremde Stadt . . . wir 
werden bald wieder abreisen. Das Auto erleichtert alles, 
programmlose Stunden werden vom ziellosen Herumfahren 
aufs Geratewohl ausgefuilt. Es ist wie die Wochenschau im 
Kino: intcressant, beweglich, oberflachlich, ohne Wichtig- 
keit und ohne Bcdcutung, ohne personliche Beziehung. Nur 
sehenswert. Und interessiert mich ecwas nicht, dann sehe 
ich nicht bin. Wenn ich genug davon habe, h6re ich auf. 
BloB, die Sachc ist doch nicht ganz so. Auf der ersten 

37 



derartigen Autofahrt kam Ha mit. Der Zufall fiihrte sie in 
cine StraBe; langsam fuhr der Wagen an cinem Gebaude 
vorbei: es war das Gymnasium, wo er acht Jahrc lang ein 
und aus gegangen war. Acht Jahre hindurch hatte er jeden 
Morgen und jeden Mittag hier einen Blinden gesehen, der 
an der Ecke saC und, den umgedrehten alten Hut im SchoB, 
auf Almosen wartete. Der blinde Bettler saB wieder dort 
an der Ecke, vom Fahrdamm aus sah er genau so aus wie 

damals. ,,Der hat auch schon vor vierzehn Jahren " 

er sprach den Satz nicht zu Ende. ,,Was?" fragte Ha. ,,Ach, 
nichts, mir war etwas eingefallen, nicht wichtig." Plotzlich 
wurde er schlecht gelaunt. Am folgenden Tag setzte er sich 
wieder in den Wagen. Ha schlief gewohnlich nach Tisch 
eine oder anderthalb Stunden. Um diese Zeit machte er sich 
auf die planlosen, abenteuerlichen Wege. Einmal bemerkte 
er am Anfang einer breiten StraBe ein Schild : K6banyaer- 
StraBe. Es war ihm, als erinnerte er sich an irgend etwas, 
wuBte aber nicht genau, an was. Ein unbequemes Gefiihl 
ergriff ihn. Er stoppte den Wagen ab, drebte um. Eines 
Nachmittags fuhr er durch die Gegend der Stefania-StraBe, 
durch schmale Gassen und an Villen mit Garten vorbei, 
und plotzlich fuhr ihm durch den Kopf, jetzt wiirde er 
Joly begegnen. Seine Sohle hob sich langsam vom Gas- 
hebel; der Wagen bewegte sich hochstens noch im Schritt 
vorwarts. Dieses sachte Weiterkriechen dauerte wohl eine 
halbe Stunde, Joly begegnete er natiirlich nicht. Tage- 
lang setzte er dieses Pirschen im Auto fort. Das war friiher 
nie gewesen, in keiner andern Stadt. Im Grunde genommen 
fehlte ihm xiberhaupt der Trieb, so herumzustreifen, und 
wenn er eine Stadt schon kannte, wenn er iiber die groBen 
Sensationen der ersten Spaziergange hinaus war, regte sich 
nie der Wunsch in ihm, durch cine fremde Stadt zu bum- 
meln, ziellos, wie es gerade kommt, zu schreiten, sich dem 
Zufall der StraBenecken, der StraBenkreuzungen zu iiber- 
lassen. Das muBte irgendwie mit jenen Traumen zusammen- 
hangen, er hatte einen furchtbaren, sich immer 



24* 



371 



wiederholendenTraum, von dcm ihn meist nur sturzartiges, 
vonHerzklopfen beglcitetcsErwachcn zu bef rcien vermochte : 
er geht, gcht und gcht, gebt iiber wclligen, cndloscn, grauen 
Asphalt, er tut nichts, er geht nur, cr sieht nichts, er geht 
nur, es ereignet sich nichts, er geht nur und geht, bis 
das Herzklopfen kommt, mit schwindelhaftem, plotzlichem 
Erwachen. Manchmal packte ihn regelrechte Angst, ein 
Grauen, wenn er in einer fremden Stadt einen langeren Weg 
zu FuB zu machen hatte, dann muBte er schnell nach dem 
nachstliegenden Ziel greifen, und wenn es auch nichts 
anderes war, als dort driiben in dem Laden Zigaretten zu 
kaufen, um dieses qualende Gefiihl loszuwerden. Eine 
Autofahrt ist etwas andres langsam lenkt er den 
Wagen und sieht sich vom Volant aus die StraBen, Hauser 
und Menschen an. Das Bild ist eine eigentumliche Mischung 
aus Bekanntem und Fremdem. Manchmal kam es ihm so 
vor, als kenne er dieses oder jenes Haus, aber er wuBte 
nicht mehr, wo er es bereits gesehen hatte. In Budapest, 
damals? In Wien? In London? In Paris? Zu Hause in Port 
Elizabeth bestimmt nicht. Hie und da tauchte ein Stiick- 
chen StraBe, eine Alice, ein Platz auf, die ihm so bekannt 
schienen, daB er den Wagen halten lieB und ein paar 
Schritte zu FuB ging. Wahrscheinlich bin ich seinerzeu 
haufig durch diese Gegend gekommen, zweifellos. 
Woher sollte ich sie sonst kennen? woher kame dieses 
bekannte Gefiihl? London, Paris, Johannesburg, Buda- 
pest. Das war der Ausgangspunkt. Eines Nachmittags 
fragt Ila : ,,gehst du heute wieder weg, wahrend ich schlafe ?" 
,,Ja." ,,Wohin?" ,,Ich weiB noch nicht, ich fahre so 
aufs Gcratewohl irgendwohin, wie immer." ,,Roman- 
tik?" fragt Ila; bei dem Wort wird er rot. ,,Jawohl, Roman- 
tik." Tatsachlich iiberflussig dieses leere Herumstreifen. 
Wir wcrden bald abreiscn. 

Morgens rief Kelemen an. Mit den Jungens waren sic 
ubrigens seit dem Abend auf der Insel nicht zusammcn- 
gewescn, das war schon cine Wochc her, die Jungens 

37* 



batten sich nicht erkundigt, sich nicht gemcldet; er ver- 
miBte sie auch nicht. Eigentiimliche Gestalten, mit ihren 
sonderbaren Blicken, merkwiirdigen Redensarten, die er 
sich schon langst abgewohnt hatte, mit ihren fremden, un- 
interessanten Themen, nach deren lokaler Bedeutung er gar 
nicht sonderlich forschte. Amman hatte zwar einmal tele- 
foniert, aber da war er nicht zu Hause gewesen, Ila hatte 
mit ihm gesprochen: cine Frage im allgemeinen, wie es 
ihnen ginge, hoffentlich fiihlten sie sich wohl, das war alles. 
Ja, also Kelemen hatte an dem Tag schon fruhmorgens 
angerufen: ,,es ist so herrliches Wetter, wahrscheinlich 
wird es sehr heiB werden, hattet ihr keine Lust, euch das 
Strandbad in Esztergom anzusehen?" Dann nahm Ila den 
Horer, und sie verabredeten, sich im Wellenbad zu treffen. 
Sie wollten dort im Bad zu Mittag essen und spater, wenn 
die Hitze etwas nachgelassen hatte, nach G6doll6 fahren. 
Ila packte zwei Badetaschen. In der Vorhalle stand Kelemen, 
er kuBte Ila die Hand: ,,Ich habe Sie lange nicht gesehen, 
glauben Sie mir, ich mache mir geradezu Gewissensbisse, 
daB ich Sie in dieser schrecklich groBen Stadt alleingelassen 
und nicht einmal gefragt habe, ob Sie irgendwelche 
Wiinsche batten, die ich als Eingeborener . . ." Oh", 
sagt Ila, ,,mein Mann ist doch schlieBlich nicht ganz fremd 
hier, wenigstens lernt er die Stadt wieder kennen, stellen 
Sie sich vor, Tag fur Tag klappert er allein die StraBen ab", 
und das sagt sie mit demselben Ton, wie sie neulich gesagt 
hatte: Romantik? ,,So", sagt Kelemen, ,,du irrst umher, 
Toni? Jugenderinnerungen?" Das argerte ihn ein wenig, 
er gab keine Antwort und ging ins Bad. Es war noch ziem- 
lich leer; als er am Bassin angekommen war, erblickte er in 
einem Korbsessel Joly. Ein rotes Trikot hatte sie an und 
rote Badeschuhe. Ihr rotes Haar funkelt in der Sonne, es 
hat dieselbe Farbe wie das Trikot und die Schuhe. ,,Guten 
Morgen, Joly." ,,Guten Morgen, Herr Kddar, wie 
gehts Ihnen? wo ist Ihre Frau?" Ila kommt auch gerade 
und begruBt Joly sehr herzlich. ,,Ich habe dich schon 

375 



reklamicrt, Klcine, eben habc ich deinen Brudcr gcfragt " 
Griinlich-blauc Augcn hat sic, das habe ich bishcr gar nicht 
bemerkt, odcr hatte ich das inzwischen vergessen? Komisch, 
so vielc Farben: dieses eigentiimliche WeiB, der ganze 
Korper ist so weiB wie ihr Gesicht, fast unnatiirlich weiB. 
Und die Augen und die Haare. Sommersprossen hat sic 
nicht, warum hatte ich mir eingebildet, sie habe Sommer- 
sprossen? Und sie schminkt sich gar nicht, natiirlich, 
Tilly hatte ein paar Sommersprossen im Gesicht, darum 
dachte ich. In Liegestuhlen licgen sie auf der obern Terrasse 
nebeneinander. Das Sonnenlicht wirft Funken auf ihrc 
Haut. ,,Ich mochte so gerne irgendwohin reisen", sagt 
Joly, ,,aber ich glaube, dieses Jahr wird nichts daraus, ich 
hab kein Geld." Ich hab kein Geld, wie merkwiirdig das 
aus dem Munde dieses Madchens klingt, ich hab kein Geld, 
sagt sie mit einer kleinen Grimasse, ja, wie ist das eigent- 
lich, wer sorgt denn fur sic? ihre Eltern? ihr Bruder? 
sind sie wohlhabend? sind sie knapp gestellt? ,,Jawohl", 
hort er Jolys Stimme, ,,dieses Jahr ist groBes Zuhause- 
bleiben, wie mir scheint, voriges Jahr war ich ja auch nicht 
gerade weit weg, bloB in Lcllc am Plattensee, dabei mochte 
ich so gerne mal ganz weit reisen, in die Schweiz oder an 
die franzosische Kiiste, wenn auch nur an einen ganz be- 
scheidenen kleinen Ort, mein Gott, nebelferne Dinge " 
Und es sei auch nicht das schlechteste, jedcn Tag ins Strand- 
bad zu gehen, zum Beispiel hier ins Gellert, sagt sie, aber 
dazu braucht man auch viel Geld, der Sommer zu Hause 
ist gar nicht so billig, am bestcn ist es noch Samstags oder 
Sonntags, wenn die Jungcns frei haben und sie mit ihnen 
auf die Donau gehen kann. ,,Die Jungens?" antwortet sie 
dann auf lias Frage, ,,einer ist Arzt, zwei Rechtsanwalt, zwei 
bei der Bank, und die Madels natiirlich nette, lustigc 
Menschen, ganz gut kann man so ein-zwei Tage in der 
Woche mit ihncn rumtollen." Eincr ist Arzt, zwei Rechts- 
anwalt und die Madels, ganz gut kann man mit ihnen 
,,Wir verreisen auch, in die Schweiz, vielleicht auch nach 

374 



Norwegen, cs 1st noch nicht ganz sicher, aber geplant haben 
wir cs." Griinlich-blau sind ihre Augen, Tilly hatte ganz 
blaue Augen, klare tiefblaue. Einmal im Sommer, vor 
langer Zeit, waren wir zusammen drauBen in Kritzen- 

dorf aber Joly hat eine bessere Figur, oder ist sie 

vielleicht bloB groBer? sie sieht groBer aus, deshalb kommt 
mir ihre Figur besser vor. Jetzt klettert Joly iiber das 
Gelander, stellt sich an den Steinrand iiber dem tiefen 
Wasser und macht einen Kopfsprung. Langsam hebt sie die 
Arme mit einer breiten Bewegung, sie ist unter der Achsel 
rasiert. Ihr Kopf neigt sich ein wenig nach hinten, ihr Rumpf 
wolbt sich, die Hiiften spannen sich an, spiegelglatt zeigt 
das Trikot ihren ganzen Korper, die frischen, straffen 
kleinen Briiste, in feinem Bogen schwingt sich ihr Korper 
ins Wasser. Eine griinlich-blaue groBe Welle treibt sie zu- 
sammen, wie sie ruhig auf dem Wasser schwebt; sein Arm 
beriihrt Jolys Schulter, sie dreht sich plotzlich urn, ihre 
Kopfe sind einander gegeniiber, dieselbe Farbe haben ihre 

Augen wie das Wasser in Kritzendorf auf dem Tages- 

ausflug, das war auch im Juni, hatte Tilly ein schwarzes 
Trikot an, und an der linken Seite war ein Stern hinein- 
gestickt, Tilly ging nicht gern an den Strand, der Donau- 
strand ist schmutzig, ekelhaft, wir wollen nicht mehr hin- 
gehen, nicht wahr, du machst dir auch nichts draus? . . . 
In Helena- Village ist der Strand nicht schmutzig, der Sand 
ist goldgeib und so fein, daB man das Gefuhl hat, iiber 
einen dicken, weichen Teppich zu gehen. Jemand im Wasser 
gruBt Joly: ,,Servus, Ilonka", eine Frau mit weiBer Bade- 
kappc, ,,ist das nicht drollig", lacht Joly und prustet ihm 
das Wasser ins Gesicht, ,,die heiBt auch Ilonka oder Ila, 
und ihr Mann heiBt Antal, witzig, nicht?" Joly hat eine 
rote Badekappe, genau so rot wie ihr Haar und ihr Trikot 
und ihre Schuhe. Ila strahlt; strahlt im Sonnenlicht, im 
blauen Wasser, in der funkelnden Luft, ihr Gesicht ist klar 
und Jung, ihr schwarzes Haar glnzt, und die schwarzen 
Augen leuchten. Das Bad ist schon gedrangt voll, hintcr 

375 



ihncn sagt jemand: ,,guck ma], da ist das fesche englischc 
Ehepaar aus dem Ritz", ,,den Mann habe ich neulich allein 
im Auto gesehen", sagt eine andere Stimme, ,,abcr die 
klcinc Rote, die dabei ist, die ist keine Englanderin, ich hab 
sie schon haufig an der Donau gesehen und auch im Winter, 
warte mal, in einem Kino . . . fesches kleines Aas, mir 
scheint, sie hats auf den Englander abgesehen." Kadar 
mochte sich umdrehen, um zu sehen, wer da gesprochen 
hat, blickt aber nur nach der Seite zu Ila und Joly hin. 
Sie habens wohl nicht gehort. Dann nimmt er eine Zigarette 
und dreht sich um, zwei junge Leute und eine dicke, 
blonde Frau sitzen hinter ihnen, die sind also der Meinung, 

daB Joly Er tritt zu ihnen hin, der eine hat eine 

brennende Zigarette im Mund, ,,durfte ich um Feuer bitten'*, 
sagt er laut; drei verstorte Augenpaare, drei betroffene Ge- 
sichter, ,,danke sehr", sagt er wieder laut und setzt sich 
zuriick auf die untere Stufe. Als er sich etwas spater wieder 
umdreht, sitzen die drei nicht mehr hinter ihnen. Zum 
Mittagessen bleiben sie drauCen; Kelemen geht mittags 
fort, ,,ich habe etwas zu tun, eine geschaftliche Angelegen- 
heit zu erledigen, wcnn es dich interessiert, werde ichs dir 
gelegentlich erzahlen", und sie einigen sich dahin, den 
am Morgen geplanten Ausflug aufzuschieben. ,,Gut, ich 
werde mich also telefonisch melden, wcnn ihr nichts da- 
gcgen habt." Ila iBt kaltes Fleisch und Eis, Joly dicke Milch. 
Nach dem Essen ziehen sie die Liegestiihle in den Schatten; 
Kadar holt sich die Times und den Daily Herald herauf und 
blattert in den Zeitungen, zwischendurch hort er dem Ge- 
sprach der Frauen zu. Joly liegt auf den linken Arm ge- 
stiitzt, Ila zugewandt, Ila liegt, auf dem Riicken. Sie unter- 
halten sich leise. Die roten Haare haben jetzt im Schatten 
cinen eigentumlichen dumpfen Glanz. Und wie sein Blick 
manchmal hinter der Zeitung her zu der Gestalt im roten 
Trikot hiniiberflicgt, fangt das Bild des Bades sich auf cin- 
mal an zu verwischen, aufzul6sen; in der ganscn Land- 
schaft entsteht cin zitternder Wirbcl, an der Stellc dcs 

376 



groBcn Bassins, dcs strahlenden Wassers, der sonnen- 
beschienenen Menschen ist jetzt cine enge Gasse, cin 
machtiger Garten hinter ciner hohen, basteiartigen Stein- 
mauer; mit dem Mosaik der Sonnenflecken und der Schatten 
bestreut das Laub der riesigen alten Baume den Weg zum 
Tor, zur riesigen Villa, zu den riesigen Zimmern, Fenstern, 
Mobeln, Bildern . . . und plotzlich ertonen in seinem Kopf 
klare, scharfc, virtuoscnhafte Klavierklange, zuerst leise, 
dann immer lauter und durchdringender, und schlieBlich 
drohnt es ihm mit alles hinwegfegender Kraft im Ohr, 
hallt es in seinem ganzen Korper wider: Schumanns 
Toccata. Er laBt die Zeitungsbla'tter sinken, und uber 
Menschen und Dingen, verloren in Klangen und Zcit, 
brennt sein fieberndes Auge, sein hungriger, sich erinnern- 
der Blick auf dem Korper im roten Trikot. Joly spricht 
von sich, und hinter lias forschenden Fragen tut sich lang- 
sam ein winziges kleines Leben auf, das Lcben des un- 
bemittelten Budapester Madchens. Da ist zunachst das 
Heim, das langweilig, fast unertraglich eintonig hinter den 
ereignislos dahinrollenden Tagen Kulisse steht. Das Heim, 
die drei Zimmer, in denen sozusagen drei Familien, jeden- 
falls drei Generationen zusammen leben. Die Mutter, die 
altert, mude und ein wenig murrisch ist und nur dann 
bessere Augenblicke hat, wenn sie sich an das Einst er- 
innert und davon spricht. Manchmal wohl uberfliissiger- 
wcise, manchmal etwas taktlos, etwas schmerzlich. Die 
altere Schwester, die zum Denkmal der kleinbCirgerlichen 
treuen Gattin und guten Mutter Modell lebt. Der Schwager, 
der die Familie crhalt und die kleinlichen Aufregungen des 
Gcschafts zur standigen Sensation des Heims macht. Bandi, 
der eigentlich der einzige brauchbare Kerl in der ganzen 
Gesellschaft ist, aber auch so sehr von seinen eigenen 
Sorgen und Plagen in Anspruch genommen wird, daB er 
fiir sie kaum Zeit hat. ,,Mein Gott, ich kann es so gar nicht 
sagen, was ich den ganzen Tag mache, ich mache eigentlich 
nichts. Ein bifichen helfe ich Siri oder unterhalte die Mama, 

377 



Icsc cin biBchen, ich dachte schon, mir cine Stellung 
irgcndwo im Biiro zu suchen, Stenographic und Schrcib- 
maschine habc ich gelernt, aber heutzutage unterzukom- 

mcn " Und dann, manchmal ist sic mit den jungen 

Lcuten und den Madels zusammen, ,,im Sommer ist alles 
etwas besser, da gibts den Strand und die Donau, aber im 
Winter . . . sagen wir, einmal in der Woche geht man ins 
Kino oder in ein ganz solides Lokal, wo man tanzen kann, 
sehr selten cine Stunde Bummelns in der Stadt oder mal 
Sonntagvormittags ein Spaziergang nach Buda, man 
schneidert sich die paar Fetzen zusammen, die man notig 
hat, Gott, wenn du wuBtcst, wie elend einem dabei manch- 
mal zumute sein kann ..." Joly spricht. Leise spricht sic, 
halt den Kopf ein wenig nach oben, als Ila sich ihr zuwendet, 
und ihre Stimme scheint resignicrt und zugleich etwas vor- 
wurfsvoll zu klingen. Die grofie Schnccke iiber dem rechten 
Ohr lost sich auf, sic greift hin, laBt den Knoten fallen, 
flicht auch den andern Zopf auseinander und kammt mit 
den Fingern die ganze riesige Haarmenge nach hinten. 
,,Einen himmlischen Ring hast du", sagt Joly, ,,darf ich 
ihn mir mal naher ansehen?" Ila hebt die Hand und zeigt 
den diinnen Platinreifen mit der riesigen Perle, die sic jctzt 
im Friihjahr in London gekauft haben. ,,Einfach gottlich. 
Also, ja . . . manchmal gehe ich auch ins Theater, aber sehr 
selten, oder ins Konzert, wenn ein guter Sanger herkommt 
nach Budapest, das macht mir am meisten SpaB." Wic er 
Joly so redcn hort, fallen ihm auf einmal Kclemens Worte 
in der Bar auf der Insel ein : ich verstehe das nicht, in ein 
so teures Lokal ... und nun mochte er Joly fragen, wic 
das dcnn eigentlich sei, dafi sie kein Geld habe zu verreisen, 
oder vielmehr: woher sie Geld habe fur Strandbad und 
Weekend- Ausfliige und Kino und Konzerte. Das fahrt ihm 
durch den Sinn, aber entsetzt verscheucht er sofort den 

Gedanken. Was geht mich das an Blodsinn! von 

zu Hause bekommt sic cs, vom Schwagcr oder von ihrem 
Bruder oder aber nichts oder aber! das geht mich 

378 



gar nichts an. ,,Ach Gott", sagt Joly, ,,manchmal denke 
ich . . . aber ich rede da soviel Unsinn, das kann dich doch 
wirklich nicht interessieren also, manchmal denke ich, 
wie unbegriindet doch die Existenz eines solchen Madchens 
wie ich ist, wie leer und wie so ganz ohne ein Ziel daB 
ich nichts arbeite und bloB so in die Welt hinein lebe", 
einen Augenblick schweigt sie, ,,Mama und Sari leben fur 
ihre Manner und ihre Kinder, Sari erwartet schon wieder 
ein Baby, und die haben immer alle Hande voli zu tun, mit 

allerhand hauslichen Arbeiten so in der Wohnung und 

und die Madchen, die einen Beruf haben, die studieren oder 
ins Biiro gehen oder nahen wie die jungen Madchen im 
Ausland . . . aber ich, ich mache iiberhaupt nichts, ich . . . 
denke bloB, wie entsetzlich es ware, wenn ich auch so 
heiraten miiBte, zum Beispiel einen solchen Mann, wie mein 
Schwager ist. Einen so ganz simplen Menschen. Und dann 
denke ich, es lohne sich bloB, reich zu sein, immer das tun 
zu konnen, was man will, immer zu reisen und gar nicht zu 
Hause zu sein " sie streckt sich, setzt sich im Liegestuhl 
auf, in weitem, weiBem Bogen heben sich ihre beiden Arme 
vom gespannten Korper wie zwei Strahlen ab. Er hort im 
Geiste die Toccata; Melodrama, denkt er, so eine Dumm- 
heit, Melodrama. Er spurt Has Blick auf seinem Gesicht; 
,,ach Gott, wie einfaltig ich bin", sagt Joly, ,,so dummes 

Zeug zusammenzuschwatzen wollen wir nicht noch 

mal ins Wasser gehen? es tutet gerade, gleich kommen 
wieder die Wellen . . ." Gegen Abend setzten sie Joly 
vor dem Haus am Ring ab; Ila verabschiedet sich mit ein- 
ladenden Worten: ,,ich hoffe, wir sehen dich recht bald 
wieder, vielleicht im Wellenbad, oder ruf uns im Hotel an, 
ein paar Tage bleiben wir sicher noch, nicht wahr, And?" 
,,Ein paar Tage? wahrschcinlich", antwortet er. Dann 
gibt Joly ihm die Hand, sein Kopf beugt sich ein wenig 
hinuntcr, und seine Hand hebt Jolys Hand, aber ihr 
nackter Arm leistet dieser Bewegung stark und steif 
Widerstand. Er setzt sich in den Wagen; der Motor 

379 



springt mit leisem Sausen an; Jolys weiBe Gestalt ver- 
schwindct im Dunkcl des Torbogens. 



Die Nummer sah er sich nicht an, aber das Haus mcrkte 
cr sich, in dem Joly wohnte. Am nachsten Mittag hatten sic 
cine angenchmc Oberraschung. Ein englisches Ehcpaar 
hattc sich im Hotel bei ihnen anmelden lassen, Captain 
Simmons von der Gesandtschaft und seine Frau. Als sic ein- 
treten, stellt sich heraus, daB Edith Simmons cine alte Be- 
kannte von ihnen aus London ist; ihr Mann war vor 
zwei-drei Wochen nach Budapest verse tzt worden, aber 
erst gestern hatten sie erfahren, daB sic auch in Budapest 
seien, der Gesandte, bei dem Kadars in den ersten Tagen 
Besuch gemacht hatten, erwahnte es ihnen. ,,Das ist wirk- 
lich fein! Eine Bridgepartie hatten wir also nun, spiclen 
Sie Tennis?" ,,Naturlich,wirsindsogarTennismeister." 
,,Herrlich!" Es war zwar noch ein englisches Ehcpaar im 
Hotel, O'Kerbys, aber der Mann arbeitete in der Provinz 
an einer Elektrifizierung, und so hielten sic sich nur wenig 
in Budapest auf. Bisher waren sie nur ein- oder zweimal 
mit ihnen zusammengewesen ; Frau O'Kerby war iibrigens 
keine besonders sympathische Erscheinung, etwas ver- 
schlossen, etwas zerfahren, kurz : groBartig, daB Simmons 
auch da sind. Sie aBen zusammen zu Mittag, nach dem Essen 
gingen sie auf die Insel, der Captain war ein leidenschaft- 
licher Polospieler, cr spielte in der White-Devils-Mann- 
schaft, die nach aufregendem Kampf vier zu zweieinhalb 
gegen die ungarische Mannschaft sicgte. Zu drirt sahen sie 
dicsem Match zu, gingen dann in die Konditorci, wohin 
der Captain ihnen spacer nachkam. Kadar war wahrend der 
ganzen Zeit etwas unruhig, sah immerfort nach der Uhr, 
,,hast du etwas vor?" fragtc Ha auf seine ungcduldigen Bc- 
wegungen, ,,nein, wicso? ich hab nichts vor . . ." das war 
um die Stunde, da er vorgcstern und Montag und Samstag 
im Wagen durch die Stadt gefahren war. Wieder ein Blick 

380 



nach der Uhr: und da weiB er, die Unruhe kommt daher, 
daB er jetzt diese Minuten hier sitzt auf der smaragd- 
griinen Rasentribiine des Poloplatzes und zusieht, wie die 
armen kleinen Poloponys sich abquSlen, es wird schon 
voriibergehen. Natiirlich wird es vergehen, Gewohn- 
heit, das ist alles. Ik ist gliicklich, heiter, angeregt, sie 
freut sich iiber die englischen Bekannten. Eigentlich ist das 
auch Gewohnheit. Wir sind Englander, Siidafrikaner. Siid- 
afrika ist nur ein ganz klein wenig weniger als England und 
viel mehr als der Kontinent, als Ungarn . . . natiirlich freut 
sie sich iiber die englischen Bekannten. Die Stunde ging 
vorbei, aber die Unruhe verlieB ihn nicht, und auch dann 
spukte sie noch in ihm, als sie schon lange in der Kon- 
ditorei saBen. So sehr habe ich mich an dieses dumme 
Herumstreifen gewohnt, und gewaltsam stopft er sich 
die Augen mit Farben, die Ohren mit Tonen 2u, um nicht 

zu denken an Diskrete Jazzmusik; elegante Paare auf 

dem Parkett. Er sieht auf die Uhr; seine Augen begegnen 
Has Blick, auf der Stirn hat sie eine schmale, scharfe 
Falte, Narrheit, man muB doch eine so kindische Un- 

geduld bezwingen konnen Er geht mit Frau Simmons 

tanzen. Inzwischen kommt auch Simmons an. ,,Eine herr- 
liche Stadt ist dieses Budapest", sagt er, ,,schon vor zwei 
Jahren war einmal die Rede davon, daB ich zu einer der 
Gesandtschaften versetzt werde, ich wuBte nur noch nicht, 
zu welcher, und Edith sagte damals, wenn wir bloB an 
einen anstandigen Ort kommen, damit unsere ersten Jahre 
schon werden, und da haben sie mich nach Budapest ge- 
schickt, einen besseren Ort hatten wir uns wirklich nicht 
wunschen konnen, nicht wahr, Edith?" Mrs. Simmons sitzt 
nicht gut, sie verrenkt sich den Hals und riickt mit dem 
Stub] hin und her, um die tanzenden Paare sehen zu konnen. 
Kddar bemerkt es, sofort tauscht er den Platz mit ihr. 
Jetzt sitzt er dem Eingang gegeniiber; er betrachtet die 
Kommenden und Gehenden. Die Minuten wogen langsam 
iiber das ruhig-heitere Gesprach und die Musik dahin. 



Captain Simmons ist ein famoser Mensch. Edith cine licbe, 
reizende Frau. Ein angenehmes, schdnes Lokal ist das hier, 
ein elegantes Lokal. Ein Luxuslokal. Sie wird bestimmt 
nicht kommcn, wird sich nicht zufallig ausgercchnet hier- 
her verirren, in dieses elegante, teurc Luxuslokal. GewiB 
sitzt sie 2u Hause und ... tut nichts. Spater tanzcn sic 
wieder; dann verabreden sie sich zum Tennis, verabreden, 
wann sie sich das nachstc Mai treffen wollen, und gehen. 
Sic bringen Simmons nach Hause und fahren dann ins 
Hotel. ,,Wollen wir hicr zu Abend essen?" fragt Ila, ,,oder 
mochtest du irgendwohin gehcn?" ,,Mir ist es gleich", 
antwortet er, ,,wie du willst." ,,Also, dann wollen wir 
hicr essen, und nachher konnen wir, wenn du Lust hast, 
noch fur ein halbes Stiindchen auf den Dachgartcn gehen.' 4 
,,Gut, mein Kind, auf den Dachgarten." Dort ists auch 
elegant und teuer, denkt er, sie wird bestimmt auch dort 
nicht scin, zufallig auf der Dachterrasse. 



Ila schien es in den ersten Tagen nicht recht gepaBt zu 
haben, dafi er jeden Nachmittag fortging, zumindest 
hatte sie es nicht verstanden, warum er immer wegging. 
Ihre etwas scharfe, etwas spottische Fragc damals, die ihm 
scither ofters eingefaDen war: Romantik? zeugte auch 
davon. Aber dann muBte es ihr wohl klar geworden sein, 
worum es sich bei diesen Extratourcn drehte, sie muBte es 
bcgriflen haben: er suchte jene alte Stadt und wufite viel- 
leicht nicht einmal, daB er sie suchte, oder aber, sie hatte 
sich einfach daran gewohnt. Eines Nachmittags blieb er zu 
Hause, da fragte Ila ihn: warum gehst du nicht weg 
heutc?" Einen Augenblick schwieg er und antwortete dann : 
,,du fragst nic, woich gewesen bin." ,,Wozu?" sagte 
Ila, ,,ich weiB es doch. Dein Freund Kclcmcn hat neulich 
mit eincm Wort die Erklirung gcgebcn: Jugendcrinne- 

rungcn viclleicht wiirde ich es auch so machcn, wcnn 

ich hicr gclcbt hatte." Wciter sprachen sic nicht mehr 

382 



davon. Ila legte sich nach dem Essen hin, und er setzte 
sich in den Wagen. An einem der nachsten Tage fuhr er auf 
dem Riickweg den Ring entlang; auch am darauffolgenden 
Tag nahm er dicsc Strecke; am dritten Tag hielt er ein paar 
Minuten jencm Haus gegemibcr, aber Joly sah er nicht. 
Er steht dort vor dem Haus. Diese Unruhe, die ihn von 
Zeit zu Zeit iiberfallt kommt die daher, weil ich sie heute 
wieder nicht gesehen habe? weil ich glaube, ich werde sie 
auch heute nicht sehen? nun, und? ist es nicht ganz glcich- 
gultig? cine Kinderei, hier auf dem Ring herumzufahren. 
Auf die schabige, gelbliche Mauer brennt die Sonne, fast 
samtliche Fenster gaffen ihm mit heruntergelassenen 
Jalousien als graue, blinde Flecken in die spihenden Augen. 
Und wenn ich hinaufginge zu ihnen, fahrt es ihm plotzlich 
durch den Kopf, guten Tag, Joly, wie geht es Ihnen? 
Blodsinn! schnauzt er sich selbst an, was soil denn das? 

will ich mir etwa einreden, ich sei will ich mich hier 

in etwas hineinhetzen? Wir werden abreisen, denkt er, und 
mit trockener, kaltcr Riicksichtlosigkeit denkt er weiter: 
nein, ich werde mich in nichts hineinhetzen. Sie sieht Tilly 
ahnlich, nein, sie hat bloB auch rote Haare, sie sieht ihr gar 
nicht ahnlich, SchluB. Ich werde abreisen. Seine Hand 
zittert am Schalthebel, die Zahnrader beiBen knarrend in- 
einander, mit einem Ruck fahrt der Wagen ab, dann 
saust er blind iiber Platze und StraBen. An einer Ecke ruft 
ihm der Polizist zu: ,,los, los, sehen Sie denn nicht, daB 
die Lampe griin ist!'* Als er ins Hotel zuruckkommt, sitzt 
Kelemen mit Ila in scinem Zimmcr. Kelemen hatte sich 
^ihrend seiner Abwesenheit telefonisch gcmeldet, und 
Ila hatte ihn hinaufgebeten. Kelemen spricht gerade von 
sich, von seinem Euro. Er sei zwar augenblicklich auf Ur- 
laub, trotzdcm habe ihn scin Chef heute friih in ciner 
schwerwiegenden Angelegenheit rufen lassen, in einer sehr 
crnsten Sachc, die er bereits vor Monaten angeregt habe 
und die heute so weit gcreift sei, d<iB von der Vcrwirk- 
lichung die Rede sein konne. Leidcr gebe es noch kleine 

383 



Meinungsverschiedenheiten mit der Direktion beziiglich ge- 
wisser matcrieller Punkte. ,,Es handelt sich namlich darum, 
daB mein Plan, dcssen Grundgedanke 1st, daB der kontinen- 

talc Binnenlandtransport na, aber die Einzelheiten 

konnen Sie wirklich nicht interessicren, kurz: wenn sie 
die Sache machen, jedoch so, daB ich nicht den entsprechen- 

den Nutzen habe, dann " Jawohl, denkt Kadar, sehr 

richtig, du muBt deinen entsprechenden Nutzen haben, 
damit du anstandig fur deine Familie sorgen kannst . . . 

bin ich geneigt, jedwede Konsequenz daraus zu 

ziehen, das habe ich ihnen auch deutlich genug vorher 

erklart " natiirlich, nur nicht weich werden, Geld 

kann man bloB mit energischer Geste , . . und wenns 

sein muB, breche ich mit ihnen und verklage sie/' Plotzlich 
unterbricht er Kelemen. ,,Sag mal, Andor, wieviel ver- 

dienst du eigentlich " oh, solch eine dumme, indiskrete, 

taktlose Frage! Ila blickt mit peinlich erstauntem Gesicht 
in die Luft, Kelemens Brauen zucken nach oben, dumme, 
taktlose Frage . . . ,,Nicht ein Fiinftel von dem", antwortet 
Kelemen, ,,was ich brauche, und nicht ein Zehntel von dem, 
was meine Arbeit entlohnen wiirde", jawohl, das ist 
eine wiirdige Antwort auf die dumme Frage, auf diese un- 
passende, taktlose Frage, auf Kelemens Stirn iiber den 
hochgezogenen Brauen bleibt eine schmale, scharfe Falte: 
,,eine Bagatelle, lieber Freund, eine Bagatelle. Sehr wenig 
verdiene ich. Wenn ich dir die Ziffer sagte, wiirdest du 
verdutzt sein, daB " Wenig? manchmal sind auch 
tausend Pfund wenig, und manchmal ist ein halbes Pfund 

mehr als Und als Kelemen nun weiterspricht, in 

bittern Worten, von dem Kampf des Talentes und der 
Ellenbogen und davon, daB man langsam dahin gelangt . . . 

fast wire es das beste, den Wanderstab zu crgreifen da 

failt Kidan Joly ein, ihre leiscn Wortc vom gedriickten klein- 
biirgcrlichcn Leben, von der Geldlosigkeit, von der Lange- 
weile; er sieht das zusammengcstiickeltc griine Kleid vor 
sich, das sie auf der Insel anhatte, und er muB an das im 

384 



Riicken tief dekolletierte, glattc, schwere schwarze Seiden- 
wunder denken, das Ik sich jetzt im Friihjahr in Paris gc- 
kauft hatte. ,Joly?" sagt Kelemen in diesem Moment, 
,,danke, es gcht ihr einigermaBen. Jetzt hat sie sich ein paar 
Tage mit einer Art Sommerschnupfen gequalt, aber sie ist 
schon wieder in Ordnung, heute mittag habe ich mit ihr 
gesprochen." Und dann, daB sie gewiB gliicklich ware, 
wenn sie sie wieder einmal an einem Programm beteiligen 
warden, wenn sie nachstens wieder zusammen irgendwo 
hingingen. ,,Aber gerne", sagt Ha, ,,sagen Sie Joly un- 
bedingt, ich mochte sie recht bald sehen, und ich wxirde mich 
sehr freuen, wenn sie mit uns kame." Dann sprechen sie 
von Ausflugsplanen, und es ergibt sich, daB sie morgen 
abend, wenn das Wetter schon ist, in ein kleines Restaurant 
drauBen an der LandstraBe gehen werden: Kadar mochte 
am liebsten Kelemen gleich mit dem Auto zu Joly schicken, 
damit sie sich nichts anderes fiir morgen vornimmt. ,Ich 
bin gewohnlich zu Hause ... und tue nichts . . . sehr selten 
gehe ich aus c . . . aber trotzdem, vielleicht hat sie gerade 
fiir morgen . . . Nach dem Abendessen mochte Ila einen 
kleinen Spaziergang machen, nicht weit, bloB um ein 
biBchen Bewegung zu haben. Sie gehen zweimal den Donau- 
kai endang, setzen sich auf die Bar-Terrasse und sehen sich 
das abend liche Gewimmel an. Nach wenigen Minuten 
spaziert in Gesellschaft einiger junger Leute und Madchen 
Joly an ihnen voriiber. Sie hat sie sofort bemerkt, und auf 
lias griiBende Handbewegung kommt sie zu ihnen an den 
Tisch. Sie tragt einen hellblauen leichten Rock und einen 
weiBen Pullover, in der Hand halt sie einen kleinen blauen 
Hut. ,,Die Kinder sind zu mir raufgekommen, und dann sind 
wir schneil hergelaufen an den Korso, ein biBchen Luft 
schnappen." Sie wechseln einige Worte; Ila fordert sie auf, 
Platz zu nehmen, ,,oh, sei bitte nicht bose, aber in dem 
kleinen Fetzen, den ich hier anhabe, geht das wirklich 
nicht, und ich kann doch auch meine Gesellschaft nicht im 
Stich lassen, dabei wiirde ich wirklich hcrzlich gerne mit 

25 KOrinenUi, Budapest 385 



dir zusammensein ..." ,,Na, gut, also dann morgen 
abend ..." ,,Ach, ja, danke sehr, Bandi war vorhin auf 
einen Sprung bei uns oben und hat mir gesagt, daB du und 
dein Mann so liebenswiirdig waret, mich fiir morgen abend 
zur Autofahrt einzukden", und dann verabschieden sie sich 
damit, daB Joly mit ihrem Bruder sie im Hotel abholen 
kommen. ,,WeiBt du, sehr hiibsch ist dieses Madel", sagt 
Ila spater, ,,dabei ist es fiir Rothaarige nicht leicht, hiibsch 
zu sein, aber sie hat wunderbare Haut und so eigenartige 
Augen . . . schade, daB ihr Mund nicht schoner ist, 
nicht?" ,Ja, tatsachlich, sie hat keinen schonen Mund." 
,,Nicht eben haBlich", fahrt Ila fort, ,,aber . . . was Augen, 
was Mund, zwanzig Jahre ist sie, Anti, zwanzig Jahre! . . ." 
Joly und ihr Bruder saBen bereits in der Halle, als sie 
am nachsten Abend hinuntergingen. Joly hatte das griine 
Kleid von neulich an, und nun fallt es auch Ila auf, daB das 
Kleid dieselbe Farbe hat wie ihre Augen. ,,Ja, das habe ich 
auch schon bemerkt", sagt Joly, ,,aber es ist wirklich nur 
ein Zufall, das Kleid war mal weiB, und fiir die griine Farbe 
ist die chemische Farberei verantwortlich", und lacht. 
Ihr Mund ... ihr Mund ist nicht schon, etwas zu groB. Aber 
ihre Zahne sind schon, wie Perlen leuchten sie, mattweiB. 
Kelemen und Ila sitzen hinten, Joly vorn neben ihm. 
Langsam fahren sie durch die Stadt; die abendlichen 
StraBen sind voller Menschen, Fahrzeuge, blitzender und 
schreiender Lichter. ,,Ich habe die Stadt am Abend viel 
lieber als am Tage", sagt Joly, ,, abends ist allcs anders, 
irgendwie groBer und . . . ich sehe es dann nicht so, wie ich 
es am Tage kenne. Sagen Sie, in einer richtigen GroBstadt, 
in Paris zum Beispiel, gibt es da viel mehr Licht?" ,,Oh, 
viel mehr, Paris ist iiberhaupt ganz anders als Budapest." 
Sie fahren am Bahnhof vorbei; gerade ist ein Zug an- 
gekommen, ein Schwarm von Taxen und Privatwagcn 
versperrt den Weg. ,,Wissen Sie, ich bin furchtbar gcrn 
auf Bahnh6fen", spricht sie wieder, ,,manchmal gche ich 
bloB so, ganz ohne besondern Grund auf den Perron. Ich 

386 



liebe den Eisenbahngeruch, und meistens werde ich so 
aufgeregt davon, als verreiste ich wirklich, und bei solchen 
Gelegenheiten denke ich dann, einmal werde ich auch 
verreisen, in alle moglichen Gegenden, weit weg. Drollig 
war das, voriges Jahr bin ich mit meiner Schwester nach 
God gefahren zu einer bekannten Familie, wissen Sie, 
God, das liegt hier ungefahr eine halbe Stunde von 
Budapest entfernt ..." machtige, schwarze Heuwagen 
kommen ihnen auf der Chaussee entgegen, ,,sie schimpfte 
und zankte mit mir, aber ich lieB sie reden und stieg in God 
nicht aus, sondern fuhr weiter bis Vac, das ist noch eine 
halbe Stunde ..." manchmal leuchtet ihnen ein Reflek- 
torenpaar in die Augen und verlischt im Vorbeifahren 
hoflich fur einen Moment, ,,so gliicklich war ich, eine 
Dummheit natiirlich, aber solche kleinen albernen Freuden, 
solche Illusionen . . ." Dann wurde es leer auf der Chaussee, 
der starke Wagen schien ausgestreckt einen groBen Sprung 
zu tun und fegte dann zischend die Kilometer hinter sich 
in den Abend. Er blickt nach vorn, geradeaus auf die Fahr- 
straBe, ohne mit der Wimper zu zucken, dirigiert er mit 
leichter Hand das Steuerrad, diese StraBe . . . wir sausen 
in den Abend hinein nach Helena- Village zu, ein Stiind- 
chen tanzen . . . An seiner rechten Seite spurt er leichte 
Warme, und durch den Geruch von Ol und Benzin stiehlt 
sich von rechts leise ein kuhler, reiner Seifenduft hin- 
durch, seine Augen blicken unverwandt auf die vom 
Reflektorlicht bleiche StraBe, aber jetzt fiihlt er, daB das 
Madchen ihn ansieht, von der Seite, wie sie zuruckgelehnt 
neben ihm sitzt und mit verstohlenen, zuckenden Blicken 
sein Gesicht anschaut, und dann fiihlt er, daB der Augen- 
strahl plotzlich von seinem Kopf abspringt, ,,oh, hundert- 
zehn Kilometer", sagt Joly, ,,ich habe immer ein biBchcn 
Angst im Auto ... ich finde es zwar wunderbar, so zu 
sausen, aber so im Dunkeln w5re es vielleicht doch besser, 
etwas langsamer " Oh, ja, sausen, mit dieser 
plotzlichen Unruhe in der Brust, mit dem fremden, kuhlen 

25* ft-r 



Geruch in der Nase, mit Jolys ausstrahlender WSrme an 
der rcchten Seite, sausen mit hundertzehn Kilometer 
Geschwindigkeit, auf Helena- Village 2u, oder anders- 
wohin, einerlei, irgendwohin, im Strahl der ihn an- 
blit2enden griinlich-blauen Augen und der Miilionen 
Sterne unter dem friedlichen groBen schwarzen Himmel . . . 
Das Restaurant war schon voll ; mit Miihe gelang es, direkt 
am Zaun noch einen Tisch aufstellen zu lassen, unter freiem 
Himmel in der Biegung der Chaussee. Die LandstraBe zog 
sich in schlafriger, weiBschimmernder Ruhe in die Nacht; 
vor dem helleren Schwarz des Horizonts standen mit 
schwarzeren Schatten die Baume am Rande der StraBe 
starr da; wohlwollend streute das Himmelsgewolbe in 
schwarzer Freigebigkeit seinen Sternenschatz iiber die 
Landschaft; von der Wiese her klang heiter das nachtliche 
Zirp-Orchester, eine tausendrhythmige, panharmonische 
Begleitung der Musiktone, die nur gedampft bis zu ihrem 
Tisch drangen. Auf dem steinernen Gang unter den 
Lampions wurde getanzt, das war eigentiimlich, die 
klagende, fremdartige, getragene Melodic der Jazz, die 
vom Gang des landlichen Hauschens nach der niichtlichen 
Wiese klang iiber die Kerzenflammen hinweg, die unter 
Glasglocken auf den Tischen flackerten. Hie und da staubte 
blendend das gelbe Licht auf der LandstraBe auf, zwei 
gliihende Augen sausen auf sie zu und rasen an ihnen vorbei; 
xnanchmal knattert maschinengewehrartig der Auspuff 
eines davonfahrenden Autos. Er betrachtet Joly. Sie 
1st schweigsam, nur dann und wann sagt sie ein Wort, ihre 
weiBe Hand bastelt schlafrig mit den Speisen. ,,Bist du 
mude, Kleine?" fragt Ila sie einmal, ,,du kommst mir 
mude oder schlecht gelaunt vor." ,,Nein, gar nicht", 
antwortet sie, ,,ich genieBe nur den Abend, es ist so schon 
und so sonderbar hier." Ja, es war schon und sonderbar 
hier; in dem eigenartigen, etwas gekunstelten Gemisch von 
stadtischer Eleganz und zuriickgctraumter Primitivitat der 
vorbildlichen Heideschenkc, von Aroma des franzosischcn 

388 



Sekts und nachtlichem, heuduftendem Hauch der Wiesc, 
von Jazz, Autos und Kerzenflammen. Gesichter, Kleider, 
Stimmen, Bewegungen : die alle gehoren in die Bar auf der 
Insel. Aber der Himmel . . . der Himmel ist keine Draperie, 
die Sterne keine Gliihbirnen, der Horizont keine Kulisse 
Jolys Gesicht leuchtet bleich im Kerzenlicht; einmal griff 
er nach dem Brot, und seine Hand beriihrte Jolys Hand, 
Joly zuckte zusammen, das sah er genau, und die weiBe 
Hand zog sich plotzlich und knapp zuriick, da spiirte er 
eine Warme in der Brust aufsteigen, und, als wolle er seinen 
Sruhl zurechthicken, begann er sich zu bewegen und 
streifte dabei absichtlich mit der Hand an Jolys Arm, und 
sie zuckte wieder zusammen und wich gleichsam zufallig ein 
wenig zuriick. Sie aBen, sprachen, tanzten; und als sie 
sich bei den Klangen getragener Tanzmusik aneinander 
schmiegen, driickt er Joly fester an sich, jetzt zuckt sie 
nicht zusammen? und noch fester; er fuhlt sogar in 
dieser Umarmung, wie des Madchens Atem einen Augen- 
blick stockt, und als der Tanz zu Ende ist, hebt er mit 
gewalttatiger Faust Jolys schwere Hand, die sich auch 
diesmal entgegenstemmt, und kuBt sie iiber dem Gelenk. 
Ihr Handgelenk ist schmal, feine Knochel und schlanke 
Beine hat sie, und ihre Haut ist tadellos weiB, ihre Figur, 
ihre Schultern sind schmal, und ,zwanzig Jahre ist sie, 
And, zwanzig Jahre 1* . . . mit seltsamem kleinem Stutzen 
hort er Has Worte in seinen Ohren klingen, zwanzig Jahre! 
Sie gehen zuriick zwischen den Tischen hindurch, einen 
halben Schrirt bleibt er hinter Joly zuriick, so beobachtet 
er sie im unsicheren Licht der flackernden Flammen. Joly, 
sie scheint schlecht gelaunt zu sein. Ila indessen trinkt 
wieder viel, ist heiter und laut, hat fur alles ein herzliches, 
anerkcnnendes, liebes Wort, komisch, als ob sie jiinger 
ware, viel jiinger als Joly . . . vielleicht macht das das 
maskenhafte, iibertrieben weiBe Gesicht Sparer 
kotnmt mit wildem Getute eine larmende Gesellschaft an in 
einem als Rennwagen dekorierten altcn Rappelkasten; drei 

389 



junge Leute mit lauten Stimmen und zwei lachende Mad- 
chen, die dcr Gastwirt an einem in ihrer Nahc freigcwor- 
denen Tisch unterbringt. ,,Oh, kuB die Hand, meine 
Damen! Scrvus, Jungens!" Der cine Jiingling, dessen 
Anzugfarbe an gemischtes Eis erinnert, tritt sofort zu ihnen 
an den Tisch Simon, mit lauten Worten und breiten 
Gesten, ,,ah, wirklich groBartig, daB wir uns hicr so trcfFen, 
wenn Sie gestatten, siedle ich nachher ein biBchen iiber zu 
Ihnen, ich komme mir da driiben sowieso wie ein fiinftes 
Rad am Wagen vor . . .", und da bemerkt er, daB auch hier 
zwei Paare sitzen, aber Ila lacht schon dazwischen: ,,und 
sind Sie sicher, daB es Ihnen hier besser ergeht?" ,,An 
Ihrer Seite bin ich mit tausend Freuden auch das fiinfte 
Rad am Wagen!" und kaum hatte er sein Abendessen ver- 
schlungen, zog er auch schon um zu ihnen. ,,Also, die haben 
mich da zufallig vor dem Cafe Abbazia erwischt, und da 
bin ich eben aufs Geratewohl mitgezogen, kennen Sie die? 
Lori vom Operettentheater mit einem Textilmenschen und 
ein Kollege von mir mit einer namenlosen Maria, sonst aber 
eine recht frische Person. Ich hab mich nur ungern mit- 
schleifen lassen, obschon ich wirklich nichts Besseres zu 
tun hatte, aber ein Gliick, daB ich Sie hier gefunden habe, 
verehrte Gesellschaft!" sein lautes Geplapper schwebt 
iiberm Tisch wie ein hingebannter Vogel, seine Worte und 
sein Lachen hiipfen sprudelnd iiber seine Lippen, Simon 
ist in Stimmung, Simon kennt jeden, der hier ist, und weiB 
von alien alles: wer Schuldcn hat und bei wem und wieviel, 
wer um das Zwangsausgleichverfahren cinkommen wird 
und warm und voraussichtlich mit welcher Quote, mit wem 
die einzclnen hier sind und warum gerade in Gesellschaft 
der Betreffenden, welches von den Parchen cinen ernsten 
Ehebruch vorstellt und welches bloB eincn kleinen Sommcr- 
flirt, welche Ehescheidungen und EhcschlieBungcn in Gang 
sind und fur wicviel, er ist iiber alle ncueren Stiickchen 
der fatzkenhaften Magnatcnjiinglinge und der pseudo- 
aristokratischen Lackel informiert, und er kennt den 

390 



Inhalt der Taschcn und Kopfe, als waren sic umgcdreht. 
Wcnigstcns nach seincm wirbclndcn Wortschwall zu 
urteilen . . . aber Ila amiisiert sich anscheinend glanzend iibcr 
Simons Schnurren, ermuntert ihn und fragt ihn aus ubcr 
den dort mit dem Monokel und dcr Mopsnase und iibcr 
jene, die aussieht wie ein zum Damon karikiertes Kinder- 
madchen, dann hort Simon fur ein Weilchen auf zu 
reden und starrt nachdenklich in die Luft, ,,eigentlich", 
sagt er leise, ,,ist diese ganze Sache etwas widerlich, etwas 
anriichig. Wenn man mal diesem ganzen Rummel hier 
hinter die Kulissen guckt . . . na, aber man braucht ja nicht 
dahinterzugucken, ich bin gewiB der letzte, der seine Nase 
da reins teckt, oder vielmehr, der letzte, der erzahlen wird, 
was er dort gesehen hat. Jung sind wir, mein Gott, Jung! 
Und die heutige Jugend ? vielleicht sogar der heutige Mensch 
im allgemeinen, der Westeuropaer oder der von jenseits 
des groBen Wassers " er schweigt fiir einen Moment, 
,,die fiir den heutigen Zeitgeist charakteristischen In- 
strumente sind der Volant und das Saxophon. Die Ideale, 
die Sehnsiichte vereinfachen sich, die Mittel folgen der Idee 
und werden unmittelbarer. Die Epoche der Prosperity, der 
Week-ends und der Girl-friends tragt auf ihrem Banner 
weder ein Kreuz noch ein Schwert, auch kein Buch und 
keinen Geldsack, sondern den Volant und das Saxophon. 
Nun ja, gewiB sind auch noch die iibrigen Spielzeuge da, die 
Retorte, die Lanzette, der Tank, aber was man sieht, 
das ist doch der Volant und das Saxophon. Und sicherlich 
hat das wie alle Zeitsymptome seine tiefe soziale, wirt- 
schafdichc, philosophische, physiologische, psychische und 
moralische Bedeutung. Wir miissen rasen, wir haben keine 
Zeit, langsam zu leben im Tempo der GroBvatcr, Vater oder 
auch nur der alteren Briider, wir miissen rasen, um der 
Zeit und uns selbst nachzukommen, rasen mit dem Volant 
und lachcn mit dem Saxophon. Und zwischcndurch ergieBt 
sich iibcr die Welt der russkchc Wcizcn, das russische Ol; 
die russische Produktion vcrfolgt offenbar die gchcimcn 

39' 



Wcgc dcs russischcn Goldes, rasen miissen wir, und 
wenn die von 1914 bis 1918 in Triimmer geschossene 
Seelc dieses Tempo nicht aushalt, dann raus mit ihr, iibcr- 
fliissiger Ballast ist sic, macht die Hand am Volant unsicher, 
stopft dir die Ohren zu vor den Klangen des Saxophons, 
die Vcrgessen und Ruhc bringen und dein femes, fremdes 

Leben in dich hineinglucksen rasen muBt du, und wenn 

du fur einen Augenblick haltmachst, bleibst du urn Jahre 
zuriick und kannst vielleicht mit deinem ganzen Lcbcn 
diesen einen Augenblick nicht mehr cinholen . . . na, und 
so weiter " resigniert winkt er ab, ,,Blodsinn, was ich da 
rede, das gehort eigentlich schon zum besagten Halt- 
machen." ,,Oh, bravo!" sagt Ua, ,,bravo, Sie reden ja 
blendend, einfach poetisch, ein biBchen oberflachlich zwar, 
Sie entschuldigen doch, ein biBchen unwahr, ein biBchen 
zynisch, kurz . . . beinahe lyrisch, Anti, bitte, schcnk 
doch ein, aber Sie haben recht, jung sind wir in dieser 
alten Welt, und das ist die Hauptsache." Jung! durchzuckt 
Kadar das Wort, zwanzig Jahre, Anti, zwanzig Jahre . . . 
und ich bin zweiunddreiBig . . . und sic sechsunddreiBig. 
Die Glascr klingen in die lockendc Musik, und als sic nun 
dem Tanzplatz zuschreiten, hebt er mit unwillkiirlicher, 
unbewuBtcr Hartnackigkeit seine Hand nach Jolys Arm, 
hangt sich in den nackten Arm ein und driickt ihn an seine 
Hiifte, ,,bitte, lassen Sie mich los", sagt Joly, ,,nicht . . . 
Sic miissen nicht " ,Was?I was muB ich nicht?! was 
willst du nicht?! wogcgcn wehrst du dich?!' er stolpcrt 
iibcr ein Stuhlbein, ,,sorry", aber Jolys Arm laBt er nicht 
los, erst als sic auf dem steinernen Gang cinander gegen- 
iibcrstchcn, gibt er ihn fiir cincn Augenblick frei, bis sein 
Arm sich urn Jolys Riicken legt, und der griinlich-blaue 
Strahl blitzt ihm mit schwachcm, kleinem Lacheln, ein 
wenig erstaunt, ein wcnig frcmd . . . frcmd? so schr, so 
verbliiffend bekannt blitzt er ihm ins Auge. Plotzlich hat 
cr das Gefiihl, daB jetzt ctwas daB cs jctzt bcsscr ware, 
sofort mit dieser Sache SchluB zu machen, mit dicscm Tanz 

39* 



und . . . mit dcm Ganzen, und nach Hause zu gehen, es war 

sehr schon, und abzureiscn ,,Nicht wahr, die Eng- 

lander tanzen alle gut?" fragt Joly, ,,wissen Sic, ich mag das 
so gern, wcnn gleich groBe Menschcn mitcinander tanzen, 
aber ich reiche Ihnen nur bis an die Schulter oder vielleicht 
ein biBchen hoher ..." Und wenn ich mich jetzt nieder- 
beugte . . . nur bis an die Schulter reicht sie mir, und sie 
auf den Mund kliBte ,,Sie tanzen auch sehr gut, Sie 
zahlen ja auch schon eher als Englander als als Ungar, aber 
eigentlich tanzen die Ungarn auch gut ..." Wenn ich mich 

jetzt niederbeugte Auf der Heimfahrt lenkt Ila den 

Wagen, Kelemen sitzt neben ihr, sie beide hinten. Joly 
lehnt sich zuriick; sie hat einen schwarzen Mantel an, der 
ihren ganzen Korper einhiillt und bis unter den Sitz reicht, 
nur der weiBe Fleck ihres Gesichtes und das rote Haar 
leuchtcn iiber dem schwarzen Stoff. Ihre Hande im SchoB 
halten die Handschuhe, reglos liegen die Hande da, als 
lebten sie gar nicht. Ihre Lider senken sich, sie halt die 
Augen minutenlang geschlossen. Sie sprechen nicht. Ila 
fahrt langsam und vorsichtig auf dem unbekannten Weg. 
Kelemen, nach vorn gebeugt, sieht aufmerksam auf die im 
Licht der Lampen weiBschimmernde Chaussee. Wenn ich 

jetzt sagen wiirde, Joly, geben Sie mir Ihre Hand und 

da sieht er vorn im kleinen Spiegel Has strahlende schwarze 
Augen, wie sic, auf die LandstraBe geheftet, im Spiegelglas 
glanzen, oh, Has treue, kluge, klare, schwarze Augen . . . 
ihre bcrauschten, tiefgriindigen schwarzen Augen, in jener 
ersten Nacht, auf der ersten Reise, auf dem Schiff hinter 

Gibraltar ihre hungrigen, gierigen Lippen und ihren 

gliihenden weiBen Korper, wie sie dort im Dunkel stand, 

hinter der halbgeoffneten Kabinentur, als wenn ich 

jetzt sagen wiirde, ganz leise, so daB nur sie es hort, Joly, 

gcben Sie mir Ihre Hand ,Je, sehen Sie, wie es dort 

glanzt", sagt Joly auf einmal, ,,haben Sies nicht gcsehen? 
cs war gcwiB ein Hasc oder cine Katze, die Augen haben 
so geleuchtet in der Dunkelheit, ganz griin . . ." sic richtct 

393 



sich auf und bcugt sich sum Fcnstcr, ,,die Lampen dort, 
das ist schon Budapest, nicht wahr?" Vor dcm Haus auf 
dem Ring bleibt der Wagcn stchcn; cr stcigt aus, hilft 
Joly heraus, Kelcmen ist schon am Haustor und klingelt. 
Ila bleibt am Stcuerrad sitzen, durchs Fenster ruft sie noch 
einmal: ,,auf Wiedersehcn, also mclde dich rccht bald, 
Joly." Sie gebcn sich die Hand. ,,Gute Nacht. Auf Wicder- 
sehen." Wenn ich jetzt sagcn wiirde und da fiihlt er, da6 
Jolys Hand sich in seiner Hand still und nachgiebig, gleich- 
sam auffordernd nach oben bewegt; unbemerkt hebt sich 
die Hand, und da neigt er sich iiber sie und kuBt sie. Als 
er den Kopf aufrichtet, scheint ihm der griinlich-blaue 
Strahl wieder ins Gesicht, neben dem Wagen steht 
Kelemen und betrachtet die beiden mit sonderbar auf- 
merksamem, nachdenklichem Blick. 



Irgcndwie hatte er das Gefiihl, Joly wiirde sich auf 
Das nette Aufforderung hin doch nicht gleich am nachsten 
oder iibernachsten Tag melden, er erwartete es auch 
nicht. Aber als drei Tage ohne Joly vergangen waren und 
Ila an diesem Abend ihren kleinen rotledcrnen Kalender 
hervornahm und sagte: ,,es wird allmahlich Zeit, in die 
Schweiz zu schreiben, oder meinst du, es geniigt, wenn wir 
telegrafisch mitteilen, daB wir kommen?" da war sofort 
wieder die Unruhe der vorhergchendcn Tage in ihm, und 
er dachte, ware er an den letzten drci Tagen iiber den Ring 
gefahren, dann hatte er wahrschcinlich . . . bestimmt Joly 
getroffen. ,,Wir konnen ja schreiben", gab cr Ila zur 
Antwort und schwieg. ,,Gut", fuhr Ila fort, ,,also schrcibcn 
wir dann nach Sankt Moritz und nach Flims und, was 
hartcst du noch damals im Winter gesagt? nach Engclberg?" 
Er antwortetc nicht gleich, zcrstreut blattcrte er in der auf 
dem Schreibtisch liegenden cnglischen Zeitung und sagte 
oder fragtc cher ctwas vcrspitet: ,,ja?" ,,H6rst du denn 
nicht zu?" sagt Ila, ,,ich glaubc, von Budapest habca wir 

394 



jetzt gcnug, wir konntcn weiterfahren, nein?" ,,Gut", 
sagt er und legt die Zeitung zusammen, ,,erst abcr . . . oder 
inrwischen will ich mir jcdenfalls diese Sache da ansehen, 
Abley habe ichs telefonisch erwahnt." ,,Du willst dich 
damit befassen?" fragte Ha in etwas befremdetem Ton. 
Plotzlich und lebhaft sagte er: ,,nun, befassen, ich weiB 
nicht, ich glaube kaum, aber ansehen will ich mir die Sache 
immerhin, Abley meinte auch . . ." ,, Abley kann doch 
von dort aus nicht beurteilen", sagt Ha, ,,ob es sich iiber- 
haupt lohnt, die Geschichte anzusehen, und kann erst recht 
nichts dazu sagen, ob es der Miihe wert ist, sich damit zu 
beschaftigen, das kannst nur du beurteilen, von bier aus. 
Wenn du glaubst", sie nimmt die Zeitung vom Schreibtisch, 
,,dann befaB dich damit, mir ist die Sache nicht sym- 
pathisch." Er antwortet nicht. Abley meinte auch . . . 
kindisch. Was hatte Abley denn anders sagen sollen? Sieh dir 
an, worum es sich handelt, ist es was Gescheites, dann 
machs, aber vergiB nicht, daB wir uns auf eine stand ige 
kontinentale Verpflichtung nicht einlassen, wenigstens wir 
hier in London. Es handelte sich darum, daB sich vor zwei 
Tagen Doktor Szende telefonisch gemeldet hatte, sich mit 
ausgesuchter Liebenswiirdigkeit nach ihrem Befinden 
erkundigte und dann sagte, er mochte ihn gern sprechen, 
wenn es ihm keine Last sei; in einer geschaftlichen An- 
gelcgenheit mochte er ihn einesteils um seine Meinung als 
Fachmann bitten, andernteils konnte er vieileicht Lust 
bckommen zu einer Sache, von der er selbst der Meinung 

sei, daB ,,also, das spater miindlich, wenn du ge- 

stattest.'* Mit ein wenig gezwungener Hof lichkeit nahm er 
den angektindigten Besuch zur Kenntnis. ,,Welcher ist 
das?" fragte Ila, als er ihr erzahlte, einer von den Jungcns 
namens Szende wiirde ihn aufsuchen. ,,Das ist der . . . wic 
soil ich ihn dir glcich beschreibcn, also der etwas Dickliche, 
Laute mit dcm schwarzcn Schnurrbart." ,,Ich weiB nicht, 
wclchcr. Und was will er?" ,,Ich weiB nicht, cincn Rat 
mochte cr habcn in einer gcschiftlichen Angelcgenhcit." 

395 



,,Geschaftlichen Angelcgcnhcit? Was kannst du ihm denn 
fur Rat geben?" Dann crschicn Szende. Ila brachte cr 
einen hiibschen BlumenstrauB und bedauerte sehr, ihn ihr 
nicht personlich iiberrcichen zu konnen; Ila war mit 
Mrs. Simmons fortgcgangen. Sic setzten sich cinandcr 
gegcniibcr, Szende steckte cine Zigarette an und roch an 
dem eingegossenen Glas Kognak, ,,leider kann ich das 
nicht genieBen, ich bin Abstinenzler", dann trug cr vor, 
weshalb er gekommen war. Die Sachc war absolut durch- 
sichtig: immerhin noch schon, daB Szende es aufrichtig 
anfing. Mit ciner Attacke. ,,Sieh mal, bitte", sagte er, 
,,eigentlich handelt es sich nicht so sehr um einen Rat, denn 
du als Fremder kannst dich ja nicht so in unsere speziellc 
Lage hineindenken, und das wiirde ich auch gar nicht von 
dir verlangen, von dir als Uninteressiertem. Es handelt sich 
ganz einfach um ein Geschaft, das einen Fremden ebenso 
interessieren kann wie einen Nicht-Fremden, wenn es sich 
als gut erweist. Die Grundlage meines Gedankenganges 
ist die : du bist ein Unternehmer, du hast Geld, ich wiederum 
wiiBte einen Weg, um gewisse Summen vorziiglich anzu- 
legen." ,,Bitte schon . . . worum handelt es sich?" 
,,Also, sieh mal, lieber Freund " Szende fing an zu 
reden. Von einem Klienten spricht er, den er ganz be- 
sonders, speziell seiner Aufmerksamkeit empfiehlt; spricht 
davon, daB er auch abgesehen von diescm betreffenden 
Klienten cine ziemlich bedeutende Tatigkeit im Immo- 
bilienverkehr und in Bauangelegenheiten entfalte, dies auf 
Grund seiner ausgezeichneten Beziehungen und seines 
riesigen Bekanntenkreises ; spricht, lebhaft, mit breiten 
Gcstcn, ziemlich spitzfindig, in scharfen Farben, mit 
starken Unterstreichungen, gewissermaBen im Podium- 
stil, obschon sich doch die Worte um eine recht ein- 
fache, durchsichtige Sache haufen. Szende manipulicrt mit 
dcm Geld jenes Klienten, das Geld verleiht er gegen 
Wucherzinscn auf bcsscre und schlechtere Immobilien, 
und dem Schuldncr schncidet cr in dem Moment, da a 

396 



steckenbleibt, den Hals ab. Jener gewisse Klient ist auf 
diese Weise Eigentiimer einer groBeren Menge von 
besseren und schlechteren Immobilien geworden, und jetzt 
wiirde Szende es fur ein sehr gutes Geschaft halten, wenn 
jemand diese mehr oder weniger um einen Pappenstiel 
erworbenen Immobilien zu teurerem Preis kaufte. Ein 
ungemein einfaches Geschaft. Er hort sich Szendes weit- 
laufiges Gerede um diese leere Sauce an, und es fallt ihm 
ein wenig schwer, die Sache nicht zu belacheln. Er denkt 
sich also, ich soil diese dreistockige Mietskaserne und die 
ebenerdige Villa und das Fabrikgelande und den zu 
parzellierenden Grundstiickskomplex kaufen? . . . ,,Als 
Kapitalsanlage prima", betont Szende, ,,das weiBt du 
gewiB selbst am besten, prima und sicher! Und was die 
Schererei mit der Verwaltung der Hauser und dem 
Parzellieren betrifft, iiberhaupt die evenruelle weitere Ab- 
wicklung, so berufe ich mich in Anbetracht dessen, daB du 
doch im Ausland lebst, diesbeziiglich auf meine besondere 
Erfahrung in Immobilien- Angelegenheiten, diesbeziiglich 
wiirde ich dir unbedingt, wenn du nichts dagegen hast, 
meine besonderen Fachkenntnisse, das heiBt meine Dienste 
anbieten." In Budapest? denkt er, in Pest? In Port 
Elizabeth, in London und in Budapest? warum? 
,,Wenn du dich jedoch dazu entschlieBen wiirdest, auf 
gewissen Grundstiicken bauen zu lassen, so wiirde das in 
seinen Grenzen fur das ganze ungarische Wirtschafts- 
leben "In Budapest? schwirrt es ihm durch den Kopf, 
in Budapest bauen lassen? warum? aber plotzlich reiBt 
das Lacheln ab, seine Augen ruhen einen Moment auf 
Szendes Gesicht, es fallt ihm etwas ein ,,Was dieser 
Stadt fiir cine Entwicklung bevorsteht, lieber Freund, das 
kannst gerade du konstatieren, dem doch nach zehn- oder 
zwolfjahriger Abwesenheit die Entwicklung des ver- 
gangenen und noch dazu so schwierigen Dezenniums in die 
Augen stechen muB." Er starrt in den Rauch, in die Luft, 
,,hor mal, Szende", sagt er nach kurzem Schweigen, ,,so, 

397 



nach dem ersten Bericht kann ich dir natiirlich keine Ant- 
wort geben, nicht cinmal prinzipiell. Ich beabsichtigte nicht 
mehr als ein paar Wochen in Budapest zu verbringen, und 
viel Sinn hat es eigentlich nicht, daB ich mich hier in Buda- 
pest irgendwie festlege, aber " und nun blickt er wieder 
in die Luft, es blitzt ihm durch den Kopf, daB sie nun schon 
die vierte Woche in Budapest sind und gewiB bald weiterreisen 
werden, und daB Joly seit dem Ausflug vorgestern abend 
nicht telefoniert hat, ,,aber ich kann mir ja die Sache viel- 
leicht mal naher betrachten, und wenn ich den Eindruck 
gewinne, sie konnte mich interessieren " Szendes Ge- 
sicht leuchtet auf, mit schlauem und rasch unterdriicktem 
Lacheln glanzen die kleinen schwarzen Augen mit groBen 
Pupillen hinter dem Zwicker. ,,Gut, lieber Freund, wir 
reden noch dariiber, wir reden noch iiber die Sache. Ich 
meinerseits stehe dir voll und ganz zu jeder beliebigen Zeit 
zur Verfugung!" Und sie bleiben dabei, wegen allesWeiteren 
telefonisch miteinander in Verbindung zu treten. Kadar 
ging hinaus auf den Balkon und blickte auf das Vormittags- 
treiben am Korso. Der Donaukai ist noch leer; gegeniiber 
auf einer Bank sitzen rittlings zwei kleine Jungen; sie 
spielen Miihle; eine dicke, alte Amme schiebt einen Kinder- 
wagen, im Wagen schlaft ein pausbackiges Kind. Eine 
StraBenbahn, Sonderwagcn, lauter kleine proletaricrhaftc 
Madelchen sitzen darin und singen ein heiteres Wanderlied. 
Zwei eilende Manner mit Aktentaschen. Ein schlurfender 
alter Mann, mit seinem Stock bestochert er alles, was auf 
dem Weg liegt, Kieselsteine, Blatter, Zigarrenstummel, 
und mit einer gereizten Bewegung stoBt er es nach dem 
StraBenrand hin. In einigen Tagen reisen wir ab. Wir 
haben keinen Grund, noch linger hierzubleiben, wenn 

nicht Argerlich winkt er ab mit ubcrtriebener Gestc, 

als wollte er sich auch dadurch iiberzeugen, es sei eine 
Dummheit . . . Wir reisen weiter. In die Schweiz, nach 
Sankt Moritz oder einerlci. Nach Flims oder nach 
Engelberg. Spatcstens Mitte nichstcr Woche. Ungeduldig 

398 



geht er ins Zimmer, sucht das Kursbuch, findet es nicht. 
Wo habe ich es nur hingelegt? vielleicht in Has Zimmer 
Ja, wir reisen ab. Ganz ernstlich, auf eine weite Reise, nicht 
so wie Joly nach God, eine halbe Stunde von Budapest. 
Im Wagen ist sie geblieben, ist nicht ausgestiegen in God, 
sondern welter gefahren, noch eine halbe Stunde. 
Hysteric. Das Kursbuch kommt nicht zum Vorschein. 
Er sieht auf die Uhr, ziindet eine Zigarette an, kippt noch 
ein Glas Kognak hinunter und nimmt seinen Hut. Zwischen 
zwolf und halb eins sind die Damen in der Konditorei. Er 
geht urn die kleine Parkanlage an der Ecke ans Donauufer. 
Warm ist es. Wir konnten ins Wellenbad gehen oder auf 
der Insel zu Mittag essen. Blodsinn. In Budapest soil ich 
bauen. Nein, wir fahren ab. Eine nicht mehr ganz junge 
Dame in wciBem Kleid mit ergrauendem Haar und klassisch 
schonen Gesichtsziigen kommt ihm entgegen, er dreht sich 
ein wenig nach ihr um. Wunderbare altliche Frau, vielleicht 
ist sie noch gar nicht mal so alt, ihr Gesicht ist ganz faltenlos. 
Warm ist es. Um diese Zeit ist es wirklich am besten in den 
Bergen oder an der See. In der Konditorei sitzen Ila und 
Frau Simmons bereits. ,,Nun, was war?" fragt Ila sofort. 
Wir werdcn abreisen, denkt er, und dann hort er mit tiefem 
Herzklopfen seine Stimme, wie sie mit kaum bemerkbar 
fremder Farbung sagt: ,,ich werds dir spater ausfiihrlicher 
erzahlen, ich weiB noch nicht, vielleicht miiBte man sich 
die Sache naher ansehen, sie kommt mir nach dem, was ich 
eben gehort habe, nicht uninteressant vor . . ." Nach Tisch 
sprach er telefonisch mit Abley. Ubrigens, das hatten sie 
so vereinbart, kam jede Woche von drtiben ein Week- 
end-Telegramm vom jungen Scott, ein Bericht iiber die 
verflossene Woche; und mit London sprach er wochentlich 
einmal telefonisch. ,,Nichts Neues", sagte er seinem Sozius, 
,,wie geht es Mrs. Hutton, ist die Operation gelungen? 
gut? na, grofiartig, das freut mich. Heute habe ich ubrigens 
einen ganz interessanten Geschaftsvorschlag von einem 
Bekanntcn bekommen: was haltst du von ein paar guten 

399 



und wirklich billigcn Immobilien? cventuell von cinem 
Bau? natiirlich meinc ich, was ist deine prinzipielle An- 
sicht?" Selbstverstandlich wuBte er im voraus, was 
Abley sagen wiirde. ,,Wie kann ich das von hier aus 
beurteilen? jedenfalls, Geschaft ist Geschaft, du kannst 
dich ja mal dafur interessicren, und dann werden wir waiter 
daniber reden." Abley muBte das sagen. Es gibt kein 
Geschaft, das Scott nicht fiir zuviel, fiir uberflussig und 
gefahrlich hielte, aber es gibt andererseits kein Geschaft, 
fiir das Abley sich nicht interessierte. ,,Und wie lange bleibt 
ihr noch in Budapest?" ,,Genau weifi ich das noch nicht, 
wir sind aber schon im Begriff, in die Schweiz weiter- 
zureisen, selbstredend bleibe ich gerne noch ein paar Tage 
hier, wenn ich sehe, daB es sich lohnt, sich mit dieser 
Angelegenheit zu befassen." Joly meldete sich auch am 
folgenden Tag nicht, und als er auf Has wiedcrholtes Bitten 
hin eines Abends Briefe an Schweizer Kurorte aufgab, 
wuBte er genau, daB dicse Briefe vergebens abgingen: die 
durchsichtige, keineswegs ernsthafte, fast lacherliche Idee, 
mit der Szende an ihn herangetreten war, wird ihn eben 
interessieren; er wird sich mit ihr beschaftigen, wird sie 
studieren, er bleibt noch in Budapest. Ich werde sie 
beschwindeln . . . Szende auch, denn schlieBlich werde ich 
die Sache ja doch nicht machen. Ich werde sie beschwin- 
deln es ist bloB die Frage, ob man Ila beschwindeln 

kann, dachte er kalt und vollkommen ruhig. In der letzten 
Zeit, schon ungefahr seit anderthalb Jahren, kummertc Ila 
sich nicht mehr urn das Geschaft, nur aus ihren Unter- 
halrungen zu Hause wuBte sie im groBen und ganzen iiber 
die Dinge Bescheid. Aber wenn sie mich nun fragt, worum 
cs sich handle? und wenn sie sich diese Szendesche Sache 
auch naher ansehen will? ganz bestimmt wiiBte sie genau 
so gut wie er gleich im ersten Augenblick, daB dieser ganze 
Humbug sich urn ein Absurdum dreht. Ila kann man nichts 
vormachen . . . und alles hngt nur davon ab, ob sie der 
Sache auf den Grund geht oder nicht. Nun ja, damit muB 

400 



man rechnen: und da wuBte er bereits klar und besonnen, 
zurechtgelegt bis zum letzten begriindenden Wort, was er 
Szende sagen wiirde, um das Spiel ins Rollen zu bringen, 
und was er Ila sagen wiirde. Ein merkwiirdiges Pflichtgefuhl 
dieser Stadt gegeniiber hat sich in mir geregt, und wenn ich 

noch dazu ein gutes Geschaft machen kann Ein-zwei 

Tage dauerte dieses Versteckspielen noch, ein-zwei Tage 
vergingen dariiber, bis er den Widerstand gegen sich selbst 
iiberwunden hatte und sich gestand: nun ja, Jolys wegen 
bleibe ich noch hier. Und nun gleich die nachste Frage: 
wieso bleibe ich ihretwegen hier? was will ich von ihr? 
und hier gibt es noch Liigen, die aus seinem Widerstand 
entspringen, auf diese Frage kann man noch, wenns sein 
muB, antworten: gar nichts. Oder: sie tut mir leid. Sie ist 
ein liebcs, sympathisches Ding und hatte ein besseres, 
rcicheres Los verdient, wenn man ihr vielleicht auf eine 
Weise helfen konnte, daB sie nichts davon bemerkt, 
eventuell uber ihren Bruder . . . und so macht er sich mit 
sonst noch allerlei selbst etwas vor. Viel einfacher ist es 
aber, sich diese zweite Frage gar nicht erst zu stellen. 
Joly hat sich nicht gemeldet, aber jetzt war er nicht mehr 
unruhig. Ich habe noch Zeit, fiihlte er. Und er begann die 
Besprechungen mit Szende. Der arme Szende. Wenn ich 
ihn gleich beim ersten Wort glatt unfreundlich abgewiesen 
hatte, dann wiirde er mich sicher zehnmal, zwanzigmal 
bestiirmen. Szende hat sich ganz gewiB steif und fest vor- 
genommen, seinen Nutzen durch mich zu haben. Er 
lachelte, gemein, finster, voll Genugtuung, als er daran 
dachte. Fiir dumm hat er mich gehalten, wollte mich viber- 
listen, er hats nicht besser verdient, einmal in der Schule 
hat er mir fur meinen neuen Radiergummi fiinf glanzende 
Schreibfedern angedreht, und dann stellte sich heraus, daB 
die Federn gar nicht neu waren, bloB ausgewaschen, ihre 
Spitzen waren schon schief und abgenutzt. Armer Szende, 
und die iibrigen, alle haben sies verdient. Szende zogerte 
nicht mit dem Telefonanruf, und das fette, gespreizte 

26 Ktirmendi, Budapest 40 1 



Grinsen in seinem Gcsicht, als er ihn eines Vormittags 2um 
zweitenmal aufsuchte, war geradezu abstoBend, unverhiillt 
und triumphierend, und er warf ihn nur darum nicht glatt 

hinaus einerlei. Danke sehr, Doktor Szende. lia 

war schon auf dem Tennisplatz, als Szende kam; er blieb 
auch nicht lange mit ihm im Hotel. Sie gingen in Szendes 
Biiro; dort setzten sie sich, Szende hinter den Schreibtisch, 
er gegeniiber auf den Besuchsstuhl, und durch das offene 
Fenster schien ihm die Sonne in die Augen. Szende nahm 
ein gewaltiges Dossier aus der Schublade. Plane waren 
darin, Terrainaufnahmen, Fotografien, Skizzen, Vert rage, 
Schatzungen, Kalkulationen, ProzeBaktcn, Exposes, Par- 
zellierungsplane. Von diesem Papierhaufen also ging die 
Komodie aus, armer Szende. Eigentlich hatte Kadar es 
schon langst nicht mehr notig, Zeit zu gewinnen; der Vor- 
wand war bereits uberfliissig geworden: Szende aber und die 
iibrigen lieBen sich nicht bremsen. Szende hatte im Laufe 
der Wochen eine Unmenge von Planen, Kalkulationen und 
Exposes fur ihn ausgearbeitet, hatte sich massenhaft 
Informationen und OfFerten verschafft, ein regelrechter 
Don Quichote jener Windmiihlen-Idee war er geworden, 
ob mit Biegcn oder Brechen, verdienen muBte er an 
Kidar. In baufallige Vorstadthauser schleppte er ihn, 
,,Arbeiterwohnungen, lieber Freund! die Arbeiterwohnun- 
gen stehen nie leer, die Arbeiter sind gute Mietezahler!" 
durch Komplexe stillgelegter Fabriken schlciftc er ihn, 
,,schon das allein ist ein Absurdum, lieber Freund! einen 
solchcn Komplex zu dem Preis!" in elende Stadtviertel 
muBtc er mitziehen, ,,vielleicht hast du schon von den 
beiden Briicken gehort, lieber Freund, die wir bauen 
wollcnl also, man hat mir verraten, daB die eine davon 
hicrher kommt . . . und dann setzen wir es durch, daB der 
Autobus bis hierher weitergcleitet wird!" in verkiinv 
merten kleinenStaubnestcrn derUmgebung explodierte seine 
Ekstase: ,,liebcr Freund! dieser sanftanstcigendeRain! hier 
muB man das ungarische Helena- Village machenl . . ." 

402 



O ja, Szende hat es verdient. Monatelang klebte er an ihm 
wie ein ausgehungerter Blutegel; monatelang mochte er 
sich sein Gehirn zerqualt haben, um noch eine Idee heraus- 
zupressen, bei der Kadar vielleicht endlich doch anbeiBen 
wiirde. So komplizierte Sachen spekulierte er aus, daB ihre 
Unverwirklichbarkeit schreiend auf der Hand lag, aber er 
kam auch mit so durchsichtigen kleinen Planchen, die fast 
um Erbarmen zu flehen schienen, und manchmal war 
Kadar sich nicht ganz klar dariiber, ob Szende ihn denn 
tatsachlich fur dermaBen dumm halte, oder ob Szende so 
dumm und verblendet sei. Mehrmals, wenn eine neue 
Szende-Idee anfing, hatte er den Gedanken, jetzt aber diesen 
rezitierenden, sich in Widerspriichen verwickelnden, 
schmauchenden und schwitzenden Dicken einfach vor die 
Tiire zu setzen, diesen Kerl, dem jeder Name, jeder EinfluB, 
jede gerade oder krummwegige Macht Genosse, Kumpan, 
untenvorfener Feind oder Abhangiger war, sparer dann 
hatte er die ganze Geschichte zwar schon iiber, aber er 
machte sich nichts mehr daraus, daB er ihn nicht mehr los- 
werden konnte. Die halbe Stunde, die er mir stiehlt, 
zahlt ja nicht. Und oft ekelte ihn das Spiel geradezu an. Nun 
sind wir in Budapest geblieben . . . ich muB mit Ila reden, 
dachte er manchmal. Oh, bilde ich mir denn etwa ein, daB 
Ila nicht langst diese simplen Geschichten durchschaut 
hat! schreckte ihn zuweilen der Gedanke auf. Er schloB 
die Augen, preBte den Mund zusammen. Die einfachere 
Losung : der Vorwand. Man muB es vermeiden, die Sachen 
zu klaren. Solange es geht. Meine Geschafte halten mich 
noch in Budapest. Jawohl, Monate hindurch, fast bis 
zum letzten Tag in Budapest dauerte diese Komodie, 
und entweder hatte Szende den Mund nicht gehalten oder 
aber die andern hatten eine gute Spurnase: allmahlich kamen 
auch die iibrigen. Gesichter tauchten in der Hotelhalle auf, 
die ihn erwartungsvoll anstarrten, Stimmen ertonten im 
Telefon, deren crregtes Beben nicht zu bemerken unmoglich 
war. Bckanntere Gesichter und fremdere; Gesichter von 

26 405 



jenem Tisch auf der Inscl am crsten Abend und Gesichter, 
die er aus dem Dunkel von vierzehn Jahren wieder hervor- 
kramen muBte. Fast jede Woche trieb eine neue Stimme, 
einen neuen Versuch heran, anfanglich einen neuen 
Vorwand, noch hierzubleiben, spater bereits nur noch 
etwas, vor dem man gelangweilt ausweichen, sich kalt 
verschlieBen muBte. Es kam Marton, der andere Rechts- 
anwalt, mit einem finstern, phantastischen Ma'rchcn von 
einer zu sanierenden Kleinbank oder einer Aktiengesell- 
schaft: ,,Lieber Freund, eine Ausbeutungsmoglichkeit 
sondergleichen gebe ich da in eine kapitalkraftige Hand!*' 
Es kam der vernachlassigte, schlampige Lewy, der ein wenig 
wie ein Hausierer aussah, und wunschte ihm, dem kapital- 
kraftigen Unternehmer, irgendeine staatliche Lieferung zu 
verschaffen, ,,ich kann dir sagen, die Sache kommt dem 
Anstandigen so nahe, daB man keine Angst davor zu haben 
braucht, aber auch von einer Schiebung ist sic nicht so 
weit entfernt, daB sie kein gutes Geschaft ware . . ." Es 
kam der elegante Amman mit kuhlen, korrekten Worten, 
im Glanz von Staatsbeziehungen und internationalen 
Konzeptionen, ,,ich weiB nicht, lieber Kadar, ob du Sinn 
fur Titel und Auszeichnungen hast, aber daB du Ehren- 
Generalkonsul dort unten wirst, ist doch nicht zu umgehcn, 
wenn sich die Sache machen liiBt, selbstverstandlich nicht 
ohne materiellen Nutzen!" Es kam Simon, ohne etwas 
Konkretes, aber zehnmal hervorhebend, daB er derjenige 
Mann sei, den man immer und iiberall und zu allem ge- 
brauchen konne, und nur ganz ncbenbei erwahnend, daB 
er gelegentlich seiner letztcn Reise nach Siebenbiirgen zu- 
f&llig das Grab seiner Eltern gesehen habe, unten in Deva ; 
er miissc demnachst wieder hinfahren, und wenn Kadar 
sich zufallig anschlieBen wiirde Und es kam Suhajda, 
der sich, zerlumpt, stotternd und unbeholfen, nach den 
hygienischen Verhaltnissen dort unten crkundigte und in 
dcssen Augen crbitterter, halbirrer Glanz leuchtete, als er 
einige unzusammcnhangende, verworrenc Wortc verier 

404 



iiber die historische, schicksalhafte, aber nie zu verzeihende 
Undankbarkeit, die die dem internationalen Judentum von 
neuem verfallene vaterlandische christliche Gesellschaft 
gerade ihren besten und aufopferungsvollsten Mitgliedern 
gegenuber an den Tag lege. Und auf der StraBe erwischte 
ihn einmal Rona und nahm ihn mit in den vornehmen 
Laden in der innern Stadt, geradewegs ins Biiro des Chefs 
und lieB ihm das prachtvolle Porzellanservice zeigen, das 
er von der zugrundegegangenen graf lichen Familie zuriick- 
gekauft hattc; ,,fiir einen Pappenstiel wiirde ich es hergeben, 
mein Lieber, echt Herend, und trotzdem fur einen Pappen- 
stiel . . . aber wer kann heute in Budapest so etwas kaufen." 
Und cs kamen andere, direkt und mit Empfehlungs- 
schreiben, Bekannte aus den versunkenen Jahren und 
Fremde, die sich auf einen Freund, einen Schwager, einen 
Vetter beriefen oder auf eine friihere Begegnung, ,,er- 
innern Sie sich nicht mehr?! da und da, in der Gesellschaft 
von dem und dem ..." Und es erklangen die vorsichtigen, 
lockcnden, schleierhaften, phantastischen Reden; schwer- 
fallige Plane holperten, federleichte Ideen flatterten, 
Moglichkeiten, Phantasien, von denen jede einzelne etwas 
Glanzendes, etwas nie dagewesenes GroBes, etwas Ein- 
maliges und Unubertreffliches sein kann . . . wenn das Geld 
dazu da ist. Die allc hier lebten im Glauben an die ma- 
gnetische Kraft des Geldes, die das Geld anzieht, die auch 
aus der Luft Geld zaubert, die nach noch mehr Geld 
hungert, die liber sich selbst hinauszuwachsen vermag, die 
sich danach sehnt, gewaltsam von selbst fruchtbar zu 
werden und sich zu vermehren. Die alle hier hatten sich 
zumindest davon berauschen lassen, daB man schon vom 
BewuBtscin der Nahe des groBen Geldes satt werden 
konne. Die alle brachen ein zu ihm, wild geworden von dem 
roten Tuch einer Riesengeschaftsmoglichkeit, das ihnen im 
Kopf schwirrte. Die alle boten an und versprachen und 
lockten und redeten zu, spielten sich als Opferwillige, 
Freigcbige, Wohltatige auf. Die alle . . . wagten nur nicht 

405 



dirckt zu bitten, wollten nicht eben bctteln, nicht aus 
Schamgcfuhl, sondern: wenn man bittet, dann kann man 
vielleicht . . . zehn Schilling bckommen, ich weiB. Und nur 
cine einzige hemmungslose und aufrichtige Scele war 
unter ihnen, cine blonde, diinnc Animierdame aus dem Ver- 
gniigungslokal im Stadtpark, dort war er an einem der 
ersten Augustabende in einer kleineren Gesellschaft der 
Jungens gewesen, die mit engelhafter Offenheit und 
unverbliimter Bewunderung ihre groBen, langwimperigcn 
schwarzen Augen zu ihm gehoben hatte: ,,also, Sie sind 
der schrecklich reiche Mann? Sie sind der, der die schreck- 
lich vielen Hauser besitzt? wirklich, Bubi, Sie konnten mir 
eins davon geben . . ." Ila fuhlte sich offensichtlich wohl, 
sie war guter Laune, sehr bald drangte sie nicht mehr zur 
Abreise; mit leichter, iiberlegener, sorgloser Sicherheit 
suchte und fand sic ihre Zerstreuung in Gemeinschaft mit 
Simmons. Nur wenn von jenen Budapester Geschaften die 
Rede war, wenn die phantomhaften Geschaftsfreunde sich 
meldeten, wenn ihm ein plotzlich herausgegrifTenes Wort 
der Erklarung iibcr die Lippcn kam, ,,ich glaube, es ist 
doch der Miihe wert, sich die Sache naher zu betrachten . . . 
ich denke, ich darf mich nicht davor verschlieBen, wenn ich 
sehe, daB . . ." auch dann sagte sie nichts, nur ihre 
Augenbrauen zogen sich zusammen, und auf ihrer Stirn war 
eine scharfe, schmale Fake. Wieder und immer wieder 
durchfuhr ihn der Gedanke: unmoglich, daB Ila nicht das 

Ganze durchschauen sollte und sie schweigt. Vor- 

sichtig, innerlich schwer zitternd, beobachtete er sie, ob 
sich nichts an ihr verandert habe, ob zwischen ihnen sich 
nicht etwas anders abspiele, sich etwas von seinem bis- 
herigen Platz verschiebe. Ganz bestimmt weiB sie auch das 
mit Joly, dachte er einmal, und dabei will ich, daB nichts 
anders werde in ihr ... Ila sprach nicht. Und einmal, als 
ihm diese Schweigsamkeit in den Sinn kam, sagte er sich 
undankbar und zynisch: gut, schweigcn kann ich auch. 



406 



Seit Tagen schon setzte cr sich nach Tisch nicht in den 
Wagen; wahrend Ila schlief, legte er sich auch auf den Diwan 
in seinem Zimmer und las oder kramte in seinen Schriften. 
Dinge, die zu Hause vorgingen, beschaftigten ihn selbst- 
redend trotz allem, und er hatte ein paar aufgeregte, nervose 
Tage, bis ein Telegramm von Scott kam : die Bloemfonteiner 
Grundstiicke hat der Staat fur das Aviatische Amt iiber- 
nommen und gleichzeitig der Firma die Bauarbeiten des 
neuen Flugplatzes iibertragen. Jeden Morgen spiel ten 
sie mit Simmons auf der Insel Tennis. Die Tage vergingen 
hinter einer groBen Erwartung, schone, leichte Sommer- 
tage der reichen Fremden in Budapest. Er war ruhig, er 
vertraute der Zeit und ihrem beiderseitigen Schweigen. Sie 
wird in dem Moment meine Geliebte, da ich es will, das 
ging ihm einmal durch den Sinn; und er lachte kurz auf, 
gar nicht notig, dachte er, ich will sie ja nicht. Sie ist nicht 
einmal schon und es handelt sich auch gar nicht darum 
Und wenn Ila das mit Joly auch weiB . . . was denn mit 
Joly ? was ist denn daran zu wissen? was ist denn diese kleine 
Joly? ein Begriff, eine Angelegenheit? ist sie denn iiberhaupt 
jcmand? was wciB Ila? daB ich gern mit ihr zusammen bin? 
daB ich mich bei ihrem Bruder nach ihr erkundige? daB ich 
an sie denke? er erschrak ein wenig. Jetzt, da er es 
innerlich ausgesprochen hatte: ich denke an sie, jetzt wurde 
es ihm zum erstenmal bewuBt, daB er viel an sie dachte, 
daB sich Dinge um sie woben, daB er Geschehnisse im 
Zusammenhang mit ihr lenkte, daB seine Gedanken sich 
ununterbrochen mit ihr beschaftigten und daB . . . das 
Ganze keinen Sinn hatte und es besser gewesen ware, schon 
Anfang des Monats abzureisen. Eines Mittags traf er 
Joly wieder in der Stadt. ,,Guten Tag, Joly", hielt er sie 
an, ,,Sie haben ja lange nichts von sich horen lassen, wie 
geht es Ihnen?" Komisch eigentlich, heute fruh dachte ich, 
ich werde sie treffen, und jetzt . . . als freute ich mich nicht 
einmal sonderlich. ,,Tatsachlich, ich habe mich lange 
nicht gemeldct, dabei war Ihre Frau so lieb, mich dazu 

407 



aufzufordern." ,,Haben Sic so viel zu tun?** und sofort 
fiihltc er, wic dumm dicse Frage war, und bemuhte sich, sic 
zu korrigieren : ,,ich mcine, ob Sic viel herumgehen ? an den 
Strand? ..." ,,Ah, nein", antwortet Joly, ,,ich geh ja 
fast nirgends hin." ,,Warum rufen Sic uns dann nicht 
an?" ,,Eigentlich . . . eigentlich weiB ich selbst nicht." 
Er sieht sie von der Seite an. ,,Nicht schon von Ihnen", 
sagt er etwas verwirrt, aber Joly nimmt sofort das Wort 
auf: ,,wohin gehen Sie?" fragt sie lebhaft, ,,wenn Sie nichts 
Dringendes vorhaben, begleiten Sie mich ein Stiickchen, 
ich muB mir ein Band auf einen alten Hut kaufen, und hier 
in der Nahe ist ein Geschaft, wo ich bekannt bin und alles 
billig bekomme." Sie gehen nebeneinander her und sprechen 
von Nichtigkeiten. Was sie in den vergangenen Tagen 
gemacht haben. DaB es warm sei. DaB die ungarische 
Wasserpolo-Mannschaft die Italiener gehorig geschlagen 
habe. Wie schon es neulich gewcsen sei drauften in der 
Heideschenke. Zwischendurch beobachtct er Joly. Ein 
weiBes Kleid hat sie an, cine kurze rote Jacke, eine weiBc 
Kappe und weiBe, geflochtene Schuhe. Einen leichten 
Gang hat sie, in ihrer Korperhalrung ist etwas Aufrechtes, 
leicht Steifes. Selbst wenn man neben ihr geht, spurt man 
manchmal den griinlich-blaucn Strahl ihrer Augen. Schone, 
schmale FiiBe hat sie, sie tritt diese sandalenartigen 
einen Augenblick stocken seine Gedanken, Sandalen 
mit flachen Absatzen . . . und dann sagt er: ,,ich hatte . . . 
vor Jahren kannte ich in Wien ein junges Madchen, die war 
genau wie Sie, ich stand sehr gut mit ihr." Joly lacht leise, 
kurz und scharf auf. ,,Und seitdem habcn Sie genug . . . 
von den Roten?" Er blickt sie an, kann man darauf . . . 
was kann man darauf antworten? was muB man darauf 
jetzt sofort antworten, kurz und biindig mit cinem Wort 
einfach heraussagen ,,Oh, seien Sie nicht bose", 
sagt Joly mit einem Schimmer von ironischer Reue in der 
Stimmc, ,,ich wolltc dicse rothaarige Dame von fruher 
wirklich nicht bcleidigcn." Er hat ein unsichcrcs, frcmdes 

408 



Gefuhl in der Brust. Dies Madchen bier gleicht Tilly und 
gleicht ihr doch wieder nicht, ihre Hande und ihre Figur und 
ihr FiiBe sind anders, und trotzdem, das Gan2e . . . im 
ganzen ist sie doch genau so, und die Stimme ist dieselbe . . . 
bloB hatte Tilly tausend Stimmen, aber mit Joly habe ich 
ja noch kaum gesprochen, dies Madchen hier . . . gefallt 
sie mir? denkt er vorsichtig, abwehrend, und in dem 
Augenblick durchzuckt ihn ein altes Wort, eine von Tilly s 

tausend Stimmen Nach einer ungeduldig wiitenden, 

kindischen Kabbelei lag Tilly reglos in die Luft starrend 
auf dem Diwan, er kniete neben dem Diwan, den Kopf auf 
ihrer Hand, so bettelte er um Frieden, um Verzeihung, und 
da sagte Tilly still in die Luft hinein: ,,siehst du. Du hast 
mir gedroht . . . das kommt davon. Du kannst rnich ja nicht 
verlassen, niemals. Und wenn ich es einmal will und dich 
wegschicke, dich abschiittele, auch dann nicht. Du wirst 
nie von mir loskommen, wir werden uns schon langst nicht 
mehr haben, und du wirst mich doch nicht uberwinden 
konnen. Es werden Jahre vergehen, und du wirst glauben, 
wirst sagen, Gott sei Dank! und auf einmal wirst du be- 
merken, daB ich noch immer . . . daB ich zuriickgekommen 
bin. Dabei bin ich dann nicht zuriickgekommen, sondern 
ich war immer in dir. Nur eine Zeitlang hast du mich nicht 

bemerkt. Du wirst nie von mir loskommen " Oh, 

eine schreckliche Stimme war das, von Tillys tausend 
lebenden Stimmen diejenige, die am blutigsten, am be- 
angstigendsten, am lebendigsten lebte. ,,Aber horen Sie 
mal, sind Sie wirklich bose?" unterbricht Joly die Stille, 
,,das tut mir aber leid, ich wollte . . . wirklich nichts Un- 
angenehmes sagen, diese Dummheit muBte ich bloB aus- 
sprechen, weil Sie ein so eigenrumlicher Mensch sind." 
,,Eigentiimlich? . . . ach wo." ,,Doch, ja. So ein Stiller. 
Aber schlecht ist das nicht, daB Sie so viel schweigen. Auch 
neulich abends haben Sie kaum gesprochen. Ich kanns nicht 
leiden, wcnn einer immerfbrt plappert, wie zum Beispiel 
der fiirchterliche Simon, dieses Budapester Gewasch ist 

409 



mir vcrhaBt, and Ihnen merkt man so sehr an, daB Sic andcrs 

sind, kcincr von dicsen Budapestcrn, cin Fremder, und dann 

sind Sic auch alter als wir, als die Jungens, mit dencn ich 

immer zusammen bin, und . . . also, Sie sind eben andcrs 

und fremd, und das Komische ist, schon neulich abends, 

als Sie so viel geschwicgen haben, hatte ich das Gefuhl, daB 

doch etwas ganz Bekanntes an Ihnen sei, so, als ob ich Sie 

schon sehr lange kenne . . . na, wissen Sie, das ist aber cine 

schone Geschichte, ich mache Ihnen ja hier regelrecht den 

Hof ! also, bitte : Sie sind nicht mehr bose, nicht wahr, wegen 

der " ,,Nein, wirklich nicht", und mit einer ganz 

eckigen, fremdcn Bewegung kommt er nahe an Joly heran 

und ergreift ihren Arm oben iiber dcm Handgelenk, 

,,na, bitte", sagt Joly und macht sich mit einem Ruck los; 

einer mit Monokel und Panamahut guckt sic vom Rande 

der StraBe neugierig an, unangenehm . . . und Joly, als 

lase sie in seincn Ziigen, sagt: ,,jetzt sind wir quitt, gut?" 

,,Eine seltsame kleine Person sind Sie", sagt er langsam. 

,,So? finden Sic?" und nach einigen wortlosen Schritten 

bleibt sie an einem Geschaft stchen, ,,das ist der Laden, 

kommen Sie mit rein, oder wollen Sie drauBen wartcn? 

wenn Sic noch ein biBchen Zeit haben . . . 4l Nach drci 

Minuten tritt sie wiedcr aus der Ladcntiir, hat cine kleine 

Papicrtiite am Finger baumeln. Jctzt ist ihrc Stimme ganz 

anders, heiter sprudeln die Worte, ,,wissen Sie, daB ich ein 

ausgezcichneter Fremdenfuhrer ware? in dem Geschaft da 

driiben bekommt man die teuersten und schlechtesten 

SeidenstorTe, in dcm Lcdergeschaft dort gibts cin siiBes 

Ncccssaire, wcnn es inzwischcn nicht vcrkauft ist, sehcn 

Sie, gerade cin solchcs Auto konnte ich gebrauchen, wic 

das da im Fenstcr, wenn ich nur wuBte, was fur cine Markc 

es ist ... ja, und in diescm Geschaft hier kaufc ich immcr 

meine Grammophonplatten, immcr! alle Jubcljahrc mal 

cine! die haben aber wirklich iibcrall den gleichen Prcis, 

ich gehc schrccklich gcrnc da rein, die viclc Musik durch- 

einander horen " und dabci lacht sic, hcrzhaft und frfthiich, 

410 



und da lacht er mit. ,,Tatsachlich, Sie wsiren cin vor- 
trefflicher Fremdcnfiihrer ..." ,,Ja, manchmal bin ich 
zwar cin biBchen verriickt", sagt Joly, ,,aber das macht 
nichts, gelt?" ,,Nein, das macht gar nichts", antwortet 
er und sieht ihr wicder von der Seite ins Gesicht. Wenn ich 
jetzt zu ihr sagen wiirde, Joly, ich mochte, daB Sie alles 

Schonste und Beste, was auf der Welt ist, haben Ein 

hiibscher junger Mann im Leinenanzug und ohne Hut 
kommt ihnen entgegen, Joly hebt die Hand und winkt ihm, 
da bleibt er ein wenig stutzend stehen und hebt hinter der 
groBen runden Brille seinen kurzsichtig blinzelnden Blick 
auf sic. Das ist einer von dcnen im Smoking neulich von 
der Bar auf derlnsel. ,,Servus Jolychen, kuB die Hand!" 
,,Servus Totochen, was heiBt denn das, wo driickst du dich 
dcnn um diese Zeit rum?" Und sie stellt die beiden einander 
vor: ,,Herr Doktor Otto Huszar Herr Antal Kadar, 
oder vielmehr: Mister Kadar, aber seinen Vornamen weiB 
ich nicht englisch, Bandis Freund, weiBt du Toto, aus Siid- 
afrika. Also, laB mal horen, warum du um diese Zeit in der 
Stadt rumbummelst." ,,Was soil ich dir sagen, Jolychen", 
erwidert der junge Mann, ,,ich komme von einem Kon- 
silium." ,,Na, das soil dir ein anderer glauben . . . 
begleitcst du uns ein Stiickchen?" Zu dritt gehen sie weiter, 
Doktor Otto Huszar begibt sich hoflich an Jolys andere 
Seite. Manchmal bleibt Kadar einen Viertelschritt hinter 
ihnen zuriick, sieht sie sich an und hort ihrem leichten, 
narrischen Redeschwall zu. Ein merkwiirdiger Ton . . . 
Budapester Ton. Jolychen, Totochen, auf vertraulichem 
FuB stehen sie, anscheinend Freunde, Kameraden? . . . 
eine kleine dumpfe Bitternis steigt ihm in die Kehle, und 
scin Gesicht ist fast unfreundlich, als sich der Junge an 
eincr der nachsten StraBenecken verabschiedet, ,,adio, ich 
muB jetzt laufen, ich hab wirklich furchtbar viel zu tun ..." 
,,Was ist dieser Herr?" fragt er nach ein paar Schritten. 
,,Warum sind Sie denn so giftig?" neckt Joly, ,,das ist kein 
Herr, sondern ein Junge. Ansonsten Arzt, nicht gerade ein 

411 



beriihmter Arzt, abcr, wenn man bedenkt, daB er sich erst 
ganz kiirzlich nicdergclassen hat, gcht es ihm ziemlich gut. 
Dermatologc . . ." fiigt sic leicht ehrfurchtsvoll hinzu. ,,Ein 
alter Freund von uns, ein netter Junge, hat was im Kopp- 
chen . . . also, wohin gehen Sie jetzt? ich fangc namlich 
an, nach Hause zu gehen." 

Ila 1st noch nicht im Hotel, als cr ankommt. Nebcn dem 
Telefon liegt ein Zettel: Ich bin mit Edith im Wellenbad, 
zum Mittagessen komme ich nach Hause. Er geht im 
Zimmer auf und ab. Sie ist nicht schon . . . irgendeincn 
gewohnlichen Zug hat sie im Gesicht, und ihr Mund ist 
nicht schon. Es ist warm, er zieht sich ein Pyjama an. Soil 
ich ihnen nachgehen? Ila hat den Wagen mit. Ach, ich 
bleibe zu Hause, wir konnten auf dem Zimmer essen. Was 
ist heute? was ist heute? Mittwoch. Fur nach Tisch habc 
ich nichts vor, abends sind wir bei dcr Gesandtschaft cin- 
geladen. Na, schon. Zunachst werde ich mich ein biBchen 
hinlegen . . . Er legt sich auf den Diwan. Hotelzimmer, 
drollig, man beschlieBt plotzlich, nun ein halbcs Jahr im 
Hotelzimmer zu leben. Aber die Zimmer hier sind sehr 
schon, Luxuszimmer. tJberhaupt . . . man kann zufricden 
sein Das Telefon auf dem Schreibtisch knarrt gc- 
dampft, diskret, man kann zufrieden sein mit seincm 
Los . . . Kelcmen. Interessanter Zufall. ,,Wic gcht es dir? 
wie geht es euch? was macht ihr?" und an einem der 
nachsten Tage mochte er gern mit ihm sprechen, ,,bitte 
sehr, wann es dir paBt, mir ists auch heute nachmittag 
recht." Nein, heute lieber nicht, heute habc er viel zu tun, 
aber wcnn cr ihn morgcn nach Tisch, wenn Ilachen sich 
sowicso schlafen legt, abholen diirfte, sic konnten sich dann 
irgcndwo drin odcr drauBcn hinsetzcn also, sic ver- 
abredcn, daB Kclcmcn ihn morgcn um vicr abholen kommt 
und sic sich dann irgcndwo auf die Donauterrasse sctzcn. 
Kclemcn. Kclcmcn ist dcr diskretcstc von alien. Es sieht 
fast so aus, als ob Kclcmcn . . . gar nichts von ihm wollc, 
dabci will cr abcr bcstimmt doch ctwas von ihm. Sclbst- 



41 z 



verstandlich. Nur so hie und da ein halber Ton, hie und da 
ein unvollendeter Satz: bloB ein gutes Ohr gehort dazu, 
ein geiibtes Ohr, um es herauszuhoren. Natiirlich will er 
was, friiher oder spater wird er schon damit rausriicken. 
Ohne Zweifel. Kelemen war der Geduldigste und der Vor- 
sichtigste, er wollte ja auch am meisten . . . andererseits 

will ja auch ich von ihm am meisten Na ja, also, als 

er angehangt hatte, legte er sich wieder auf den Diwan; 
jetzt war es nur natiirlich und logisch, an Joly zu denken. 
Wer mag der junge Mann sein, der Gelehrte mit der runden 
Brille und den witzigen Budapester Redensarten, das ist 
kein Herr, das ist ein Junge, ein Rotzjunge ... er lachte. 
Fiinfundzwanzig Jahre kann er sein, sagen wir sechsund- 
zwanzig. Ich werde dreiunddreiBig, sieben Jahre Unter- 
schied. Zu meinen Gunsten? Zu meinem Nachteil? . . . 
Joly ist anscheinend sehr intim mit ihm, sie duzt ihn, und 
dieser Toto hat sich bei ihr eingehangt, mit einer ganz 
langsamen, gewohnten Bewegung, und Joly hat sich nicht 
dagegen gewehrt, hat den Arm nicht von seiner Hand 

weggezogen, wie sie es getan hat, als ich Schon 

dumm klingt das, eine schone Dummheit, als ob ich auf 
diesen griinen Jungen eifersuchtig ware, Albernheit. 
Schone Albernheit, wiederholt er laut vor sich hin, weil ihm 
die Lider schwer werden und er nicht einnicken will. Er 
nimmt ein Buch in die Hand. The 42 nd Parallel, Dos 
Passos. Ein griesgramiger Schrifts teller. Aufregend bitter. 
Er schlagt das Buch auf und blattert darin. Eigentlich . . . 
muBte ich etwas von der ungarischen Literatur lesen, ich 
kenne nichts von der neueren ungarischen Literatur. Und 
da sieht er plotzlich einen groBen Biicherschrank vor sich, 
und von den Farbenflecken der Biichergruppen kommen 
ihm Namen in den Sinn : gelb Strindberg, rot Wede- 
kind, weiB Schnitzler, braun Shaw, blau Altenberg, 
und eine niedrige Reihe broschierte Biicher mit weiBem 
Riicken: Wilde, Jerome, Chesterton, Conrad, Wells, 
Bennet ... und auf einmal hort er eine frische, knabenhafte, 

415 



klarc Stimme: ich hab mir den neucn Werfel gekauft, 
willst du ihn dir mitnehmen? oder hast du den Kerr noch 
nicht ausgelesen? Galsworthy soil an einem neuen groBen 
Roman arbeiten, die Geschichte einer Familie will er 
schreiben, meinst du nicht, daB die Idee Buddenbrook- 
EinfluB ist? und dann sieht er cine andere Bibliothek, 
bis an die Decke offene Facher, zuunterst das ganze Fach 
der Economist, dariiber eine Reihe Moderne Baukunst, 
dann links die deutschen, in dcr Mitte die englischen, rechts 
franzosische und sonstige Fachbiicher, Architektur, Kunst, 
Volkswirtschaft, dann eingebundene Zeitschriften : in der 
Villa in Port Elizabeth, im Hcrrenzimmer. Die Biicher sind 
zum groBen Teil Myers* NachlaB, und kein einziges un- 
garisches Buch ist darunter, und auch Belletristik kaum, 
ganz wenige neue englische und amerikanische Biicher, 
keine Zeit ... und ctwas von seltsamer, schmerzlicher 
Sehnsucht regt sich in ihm, cine namen- und ziellose 
Sehnsucht, mein Gott, alles, was ich nur will? alles, was 
schon und gut und teuer ist ... alles? da es doch ganz 
winzige Dinge gibt, die nicht gelingen, die ich nicht 

imstande bin zu wie zum Beispiel die ungarischc 

Literatur . . . oder etwas und da werden still die 

Farben gcdampfter und die Tone gedampfter Als 

Ila eintritt, schreckt er aus eincm leichten Halbschlaf auf. 
Ila ist heiter, wirft ihre Badetasche aus blauem Lackleder 
hin, das feuchte Trikot breitet sic im Badezimmer aus 
und erzahlt vom Wellenbad; ,,hcute war es wunderbar, 
im Gellert sind zwei neuc englische Familicn angekommen, 
ein Fabrikant aus Birmingham mit Frau, Tochtcr und 
Schwiegersohn und ein Herr aus London mit seiner Tochter. 
Das Wasser war so hcrrlich frisch, und die Sonnc schien so 
heifl, sieh mal, mein Riicken ist wieder ganz vcrbrannt." 
Wahrend Ila erzahlt, iibcrlegt er sich, ob er etwas davon 
sagen solle, daB er Joly getroffen hat, zufallig, und 
plotzlich kommt cr in Wut, dariiber muB man nachdenken?! 
was fur cine Albernhcitl und glcich unterbricht er Ila: 

414 



,,ich bin auf der StraBe Joly Kelemen begegnet, sic hat 
gefragt, ob sie mal wieder mit uns zusammensein konne." 
,,Und was hast du ihr geantwortet?" ,,DaB wir selbst- 
verstandlich zusammensein konnen, sie solle dich an- 
rufen." ,,Gut", sagt Ila, ,,ich hab sie sehr gern . . . 
wovon sprach ich doch eben? ach ja, also etwas Drolligeres 
als diese alte Dame, etwas Komischeres als diese Mrs. 
Charvell, weiBt du, die Frau des Fabrikanten aus 
Birmingham ..." 



Joly wird sich wieder nicht von selbst melden, dachte 
er, aber jetzt wollte er die Begegnung mit ihr nicht mehr 
dem Zufall iiberlasscn. Er lieB jetzt die Aufrichtigkeit 
schon so weit an sich herankommen, daB er sich sagte: ich 
mochte mit ihr zusammensein, ich mochte sie sehen. Und 
dariiber hinaus ist alles Grubeln, alles Rechenschaftgeben 
iiberfliissig. Joly zu sehen, ist angenehm, und es ist an- 
gcnehm, an sie zu denken, groBe Worte, Quali- 
fizierungen, Herumraten, Angste, wozu? Als er am 
folgenden Tag mit Kelemen auf dem Korso saB, auf der 
Terrasse cines Cafes, begann er das Gesprach gleich damit, 
daB er sie fur einen der nachsten Abende einlud, mit ihnen 
zusammen im Hotel zu essen, ,,nachher kdnnen wir auf 
den Dachgarten gehen, oder wenn die Damen etwas 
anderes vorschlagen, das Programmachen ist ja Sache der 
Damen." Kelemen nahm natiirlich erfreut die Einladung an. 
Sie unterhielten sich. Hinter Kelemens vorsichtigen, etwas 
fluchtigcn Erkundigungen schien indessen cine Gespannt- 
heit zu liegen. Anscheinend fiihlten sie sich ja recht wohl 
hier, nicht? ,,na also, ich wuBte ja, daB man sich in 
Budapest wohlfuhlen muB, nSmlich als Gast," und 
wie knge sie ungefahr noch blieben? Das wisse er noch 
nicht genau, antwortete Kadar, sie batten sich auch 
urspriinglich nicht an einen Tag gebunden, und jetzt wiirden 
sie ihrc Schweizer Reise wohl ein wenig aufschieben 

415 



miissen, bis er diese gewissc Angclegenheit etwas genauer 
untcrsucht habe, scharf sieht er Kelemen an, die Vor- 
schlage Szendes. Kelemen bcherrscht sich gut, nur seine 
Finger zittern, die Zigarette und das Streichholz, als er es 
anziindet. ,,So, also Szende ist mit einem Vorschlag 
gekommen ... so, ja. Wenns was Gescheites ist ", und 
plotzlich fangt er an, von sich zu sprechen, nun schon ganz 
ruhig, von seinen eigenen Angelegenheiten, die, leider 
Gottes, nicht eben glanzend stehen. Vor allem . . . ja, das 
ist der richtige Ausdruck: sabotiere man seine Idee, die er 
neulich kurz erwahnt habe, man sage weder ja, noch lehne 
man sie ab, was ein Desobligo fur ihn bedeuten wiirde . . . 
kurz, man wolle ihn einfach aushungern. Schon, das ware 
noch am wcnigsten schlimm unter den gegebenen Um- 
standen, pro momento, sagt er, pro momento sei der 
Haken, daB er sich absolut nicht mit seinem Abteilungschef 
vertragen konne. Der Abteilungschef sei ein alter Mann, sei 
eifersiichtig auf ihn, fiirchte, durch ihn seine Position zu 
verlieren, solange er aber noch die Macht in Handen habe, 
sei er ihm gegeniiber, ihm, der er es doch aus eigenen 
Kraften zu dem gebracht habe, was er sei, den keinerlei 

Protektion vorgeschoben habe oder schiitze kurz 

und gut, der Vorstand habe nicht miBzuvcrstehende An- 
spielungen gemacht, daB unter den heutigen Verbal tnissen, 
die doch alle Schranken umsticBcn, und so weiter . . . ,,Ich 
wiirde mich nicht wundern", sagt er, ,,wenn ich von heute 
auf morgen einen Kiindigungsbrief zugestellt bekame. 4 * 
Und daB heutzutage die Frage, irgendwo unterzukommen, 
cine eminentc Sorge sei und cine doppeltc Sorge: erstens 
die Frage einer Anstellung iiberhaupt und zweitens die 
Frage einer Anstellung, die seiner Begabung, seinen 
Fahigkeitcn entsprache. Das Stiickchen Brot, das cine 
mittlere Stellung sichert, ist manchmal ein hcmmender, 
schwerer Klotz, man kann das nicht so leicht aufs Spiel 
setzen, besonders wcnn man gewissc Vcrpflichtungcn hat, 
Vcrpflichtungcn der Familic gegeniiber. Davon spricht 

416 



er aber nicht weiter, das Gesprach kommt vielmehr gleich 
auf Port Elizabeth, und auf einmal fragt Kelemen: ,,sag 
mal Antal, wic sind deine Leute? die bei dir arbeiten?" 
,,Oh, sehr gut", antwortet er, ,,ausgezeichnete Fachleute. 
Sie bewegen sich in genau bestimmten Wirkungskreisen, 
letzten Endes handelt es sich um ein Privatunternehmen, 
wo alle Faden auf meinem eigenen Schreibtisch zusammen- 
laufen." ,,Gut und schon, ausgezeichnete Fachleute . . . 
aber sind sic auch anstandig?" Er sieht ihn erstaunt an. 
Zuerst versteht er den Ausdruck nicht. Anstandig? ob 
nicht einer Unterschlagungen macht oder in die Kasse 
greift?" ,,Nein, das meine ich gerade nicht, wie soil 
ich nur sagcn, zum Beispiel der Einkaufer des Materials 
zum Beispiel Provisionen ..." ,,Ach so, ich verstehe, du 
denkst daran, ob diese Leute etwa von den Lieferanten was 
annehmen, beziehungsweise irgend jemanden bevorzugen, 
der sie bestochen hat." ,,Ja, naturlich." ,,Ach, nein, 
erstens . . . aber das wird ein wenig schwer sein, dir be- 
greiflich zu machen, da du doch die Verhaltnisse dort 
unten nicht geniigend kennst, erstens kommt das 
deshalb nicht vor, weil entweder ich selbst oder Scott, der 
Sohn meines einen Kompagnons, bestimmen, was von 
den einzelnen Lieferanten gekauft wird. Zweitens arbeitet 
driiben der Markt mit Standardmaterial und deklarierten 
Preiscn; wenn sich demnach jemand einem Fremden da- 
durch ausliefern wiirde, daB er Geld von ihm annahme, so 
konnte das nie auf Kosten der Qualitat gehen, es wiirde nur 
den Lieferanten schadigen, und dies ganz iiberflussiger- 
weise. Wieviel nun der Lieferant bei den deklarierten 
Preisen und untadeliger Qualitat verdient, das geht mich 
wirklich nichts mehr an." ,,Und wenn jemand schlechte 
Ware oder Ware von anderer Qualitat ubernimmt?" 
Ja, der betriigt dann einfach, und da kann man in vierund- 
zwanzig Stunden hinterkommen und den Betrefienden ein- 
sperren lassen, aber mit so etwas habe ich noch nie 211 tun 
gehabt. Eine ganz andere Sache natiirlich ist die, daB im 

27 KOrmendi, Budapest 417 



vorigen Herbst russische Agenten auftauchten, die Benzin 
und Ol drciBig Prozent billiger anboten, in einem solchen 
Fall 1st es dann wieder natiirlich, daB ein konservativ ge- 
fiihrtes Unternehmen, das seine jahrzehntealten Beziehungen 
und Lieferanten hat . . ." ,,Ja, gewiB, gewiB", sagt 
Kelemen, sein Gesicht ist ein wenig verstort, und es 
scheint ihm fast leid zu tun, diese Sache zur Sprache ge- 
bracht zu haben, ,,ich dachte ja auch nicht eben, daB deine 
Leute unzuverlassig seien." Dann flieBt das Gesprach noch 
weiter, wird aber bald farblos und matt. Es fallen unwichtigc 
Worte von leeren, neutralen, allgemeinen Dingen, und der 
Ton flattert erst dann wieder lebhafter auf, als Kelemen 
sagt: ,,sei nicht bose, ich mochte nicht, daB du es fur eine 
Indiskretion haltst, aber es wiirdc mich ungeheuer inter- 
essieren, wie du es so weit gebracht hast, hier von dcr 
Budapester Schulbank aus, du nimmst es mir doch nicht 
iibel, nicht wahr, aber ein so phantastisches Schicksal, eine 
so seltene Karriere ..." Er winkt ab. ,,Wie ich es so 
weit gebracht habe? u sagt er, ,,ja, das ware schwer, so 
einfach zu erzahlen." Eine peinliche Banalitiit drangt sich 
ihm auf die Zunge. Ich habe viel gekampft, sagt er fast, 
halt das Wort aber zuriick, ,,gewissermaBen ist das auch 
Gliickssache . . . Sache eines giinstigen Augenblicks oder 
eines giinstigen Zufalls", sagt er nachdenklich, ,,daB man 
es so weit " So weit? dcnkt er, wahrend er spricht, wie 
weit? so weit, daB ich im Alter von zweiunddreiBig Jahren 
viel Geld habe, mein eigcner Herr, ein gliicklicher Mensch 
bin, cinen Namen habe und innerhalb meiner Kreise eine 
Macht bin und . . . nun hier mit einem uninteressantcn, 
traurigen, fremden Hungerleider sitze, einem von den 
unzahligen elenden, ungliicklichcn, uninteressantcn Skla- 
venmenschcn, bloB deshalb, wcil und auch jetzt denkt 
er nur: weil ich Joly schen mochte. Doch hier bleibt er 
stecken, und mit fast unvcrhullter Hartnackigkeit laBt er 
das Thema Joly nicht los. Also, was Joly denn mache? wie 
sic lebe? ob sic irgendwelchc Plane habe, so im allgemeinen 

418 



furs Leben? ob es nicht gut ware, wenn sic sich mit etwas 
beschaftigen wurde? ob sie keine Lust hatte zu arbeiten, 
und wenn auch nur, um von irgend etwas in Anspruch 
genommen zu sein, so wie die meisten heutigen jungen 
Madchen? und so. Kelemen antwortet vorsichtig, ein wenig 
zuriickhaltend ; er halt sich streng an die Fragen und ist jetzt 
wortkarg fast bis zur Verschlossenheit. Dieses bereits auf- 
fallende Zuruckziehen entgeht Kadar nicht. Halunke, denkt 
er. Du hast wohl bemerkt, daB sie mich interessiert. Und 
nun haltst du hinterm Berg. Willst wohl Wucher treiben. 
Zwei scharfc Blicke kreuzen sich. Dann stehen sie auf. Sie 
geben sich die Hand. Offenbar denkt auch Kelemen, iiber- 

morgen abend 

Am nachsten Tag kam Joly zu Ik ins Hotel, bei dieser 
Gelegenheit sah er sie, aber aus dem verabredeten Abend 
wurde nichts. Joly hatte nachmittags vom Portier herauf- 
telefoniert, ob sie kommen konne. Fiir diesen Nachmittag 
hatten sie sich nichts vorgenommen, um halb sechs saBen 
sie noch zu Hause, erst spater wollten sie ins Kiihle Tal 
fahrcn in die Konditorei. ,,Dein Mann sagte mir, du seist 
so lieb gewesen, nach mir zu fragen, jetzt war ich gerade 
hier in der Nahe und bin also auf einen Sprung gekommen." 
Sofort erwahnt Kadar die Verabredung fiir den nachsten 
Abend, ,,nein, Bandi hat noch nicht davon gesprochen, 
allerdings habe ich ihn schon seit ein paar Tagen nicht 
gesehen ..." und so nimmt sie mit sichtlicher Freude zur 
Kenntnis, daB sie morgen abend zusammensein werden. 
Sie sitzt in einem niedrigen Lehnstuhl, wieder fallt ihm ihre 
eigentiimliche, gerade Korperhaltung auf. Aber . . . steif 
ist sie deswegen doch nicht. Sie steckt sich cine Zigarette 
an, schlagt die Beine iibereinander, schone, schlanke, knge 
Beine hat sie, und wieder hat sie die Sandalen an. Er 
beobachtet die beiden Frauen, als ware in ihren Stimmen 
cine merkwurdige Verwandtschaft, und doch sind ihre 
Stimmen ganz verschieden. Ila spricht leise, tief und flussig, 
in abgerundeten Worten und tadellos durchgebildeten 

27* 419 



Satzen; auch Joly spricht leise, abcr ihrc Srimme 1st 
hoher und auch etwas klarer, oder vielleicht hdrt sich 
das nur so an, well sie hoher 1st, und ein biBchen rhapsodisch 
sind ihre Worte, hie und da stockt sie oder reiBt etwas ab, 
den angefangenen Satz beendet sie nicht, schiebt einen 
andern Gedanken dazwischen und kehrt dann zu dem vor- 
hergehenden zuriick. Und sie spricht auch sckneUer, 
oder scheint das auch nur darum so, well ihre Stimme hoher 
klingt? lias Worte sind beinahe kuhl durclidacht und 
korrekt, oh, lias kluge, klare, anstandige Worte . . . 
ihre Worte sind genau so wie ihre Augen, in Jolys 
Stimme schwingt manchmal ein merkwiirdiger leichtcr 
Zynismus, eine Art ubertriebener stiller kleiner Selbst- 
kritik, etwas wie Geringschatzung ihrer sclbst. Er 
lauscht ihrem Gesprach und wirft das eine oder anderc 
Wort dazwischen. Und er beobachtet Ila, ob er in 
ihrem Gesicht keinmal ein ungeduldiges, nervoses Zucken 
sehe, Joly spricht wieder von dem, wovon schon einmai 
und zweimal und dreimal die Rede war. ,,Ja, Stenographic 
und Schreibmaschine habe ich gelernt, aber leider niitzt mir 
das nicht viel", erzahlt sie. ,,Ins Biiro gehen, mein Gott, die 
paar Pengo, die man eincm dafur bietet, sagen wir, bei 
einem Rechtsanwalt . . ." Ober lias Ziige huscht ein stilles 
Lacheln, ,,oder sonstwo, Anfinger wie ich wcrdcn leider 
uberall schlecht bezahlt." Das interessicrt Ila nicht, das 
kann sie nicht interessicren, denkt er mit cinem peinlichen 
Gefuhl und sucht Jolys Augen. Joly wird es merken, muB 
es an meinen Augen merken, daB . . . erstens mal, bis 
es einem gelingt, iiberhaupt irgendwo mit jcmandcm sprc- 
chen zu konnen, der einen nicht einfach mit einem ,Zur 
Zdt leider* oder ,Wir woilen cs vonncrkcn* abtut , . ." 
Das Telefon klingelt. ,,Hallo Servus Szende. Ja, nein, 
du storst gar nicht, bitte schon/* ,,Und wenn man dann 
mit Miih und Not irgendwo untcrkommt, dann ist gcwohn- 
lich das das Schrecklichc, daB man fur die paar Pengo . . . 4< 
,,Nein, im Augenblick habcn wir gerade Bcsuch . . .*' 

4ZO 



,,gewohnlich muB man sich dann Frechheiten gefailen 
lassen ..." ,,Leidcr oicht, nachher gehen wir fort . . ." 
,,Na, also, nicht gerade jede muB sich das gefallen lassen, 
aber gewohnlich versucht mans mit jedcr ..." ,,Leider 
bin ich noch nicht dazu gekommen, griindlich reinzu- 
sehen." ,,Einmal habe ich einen Versuch gemacht, bei 
einem Textilgrossisten, auf eine Annonce hatte ich gc- 
schrieben, zwei Wochen habe ichs ausgehalten ..." 
,,Morgen vormittag gern, jederzeit, meinetwegen schon 
um neun ..." ,,Da habe ich einen alten Chef gehabt, im 
Anfang hat er sich sehr nett benommen, Kleine, Kleine, hat 
er immer gesagt, er war mindestens funfzig Jahre alt ..." 
,,Nein, Szende, wenn wir uberhaupt hingehen, dann gehen 
wir zunachst beidc allein ..." ,,und dann nach zwei 
Wochen abends bei BiiroschluB sagte er auf einmal, er kame 
mich um neun abholen, ich solle vor dem Haustor auf ihn 
warten, er nahme rnich mit Auto fahren ... da habe ich ihn 
einfach stehenlassen." ,,Gut, Szende, auf Wiedersehen. 
Servus." Dann fordert Ila Joly auf, mit ihnen ins Kiihle 
Tal zu fahren. ,,Nein, heute kann ich leider nicht, meine 
Schwester will heute abend weggehen, da muB ich bei 
Mama und dem kleinen Jungen bleiben, schade, wirklich 
schade." ,,Also dann morgen abend, wie verabredet . . . 
aber warte jetzt wenigstens noch ein biBchen, ich zieh mich 
schnell um, dann gehen wir zusammen weg." Joly sitzt 
im kleinen Sesscl; er betrachtet sie, an die Balkontiire 
gelehnt. ,,Miisscn Sie unbedingt heute abend zu Hause 
bleiben?" fragt er plotzlich, seine Stimme ist ganz leise, 
er wundert sich, daB er nicht lauter spricht, ein wenig 
argert ihn auch diese sonderbar gedampfte, geheimnisvoll 
tuende Stimme. GewiB ein Reflex, daB Joly ebenso leise 
antwortet, sie haben doch nichts zu verheimlichen in dem, 
was sie einander sagen. ,,Ja, leider muB ich heute zu Hause 
bleiben bei Mutter und dem Kleinen . . ." Sie schweigcn. 
Und dann hort er wieder seine eigene leise, fremde Stimme, 
wie sie plotzlich von der Tiir her klingt: ,,ich lade Sie auch 

421 



ein, Auto zu fahrcn, abcr am Tagc und zu dritt mit meincr 
Frau zusammen ..." ,,Das vcrstehe ich nicht", sagt 
Joly laut, ,,was wollen Sic damit sagen?" ,,Nichts", 
antwortet er, tritt an den Schreibtisch, kramt darauf herum, 
stcllt das Telefon ein biBchen weiter auf die Seite und 
bastelt, um die Zeit auszufiillen und seine Vcrlegenheit zu 
verbcrgen, mit Buchern und Papieren. Einmal blickt er 
nach Joly hin, aus ihren wcitgeoffneten Augen brennt 
noch immer crstaunt, fragend der grunlich-blaue Strahl auf 
seincm Gesicht. 



Ja, aus dcm ,,morgen abend" wurde nichts. Ila fuhr 
um acht Uhr friih auf die Inscl Tennis spielen, und um halb 
neun telefonicrte sic schon aufgelost und verzweifelt aus 
eincm Budacr Sanatorium: Mrs. Simmons war, nachdcm 
sic kaum den noch etwas feuchten Tennisplatz betreten 
hattc, hingefallen und muBte allem Anschein nach einen 
schweren Knochcnbruch in der Gegend des rcchten 
Knochels erlitten haben; mit schrccklichen Schmerzcn hat 
man sic nach Buda in ein Sanatorium transportiert, und jetzt 
sucht man in der ganzen Stadt nach dem beruhmtcn 
Orthopaden, der ihnen im Sanatorium cmpfohlen worden 
ist. Simmons ist in Belgrad . . . ,,Anti, ich bin ganz auBcr 
mir, setz dich doch bitte sofort in einen Wagen und komm 
her!" Einc Minute darauf saB er in der Taxe und raste ins 
Sanatorium. Ila war hochrot, Frau Simmons lag kreidc- 
bleich im Bert. Nach cinem Wcilchen kam der Spezialarzt 
an; die leichten, gut zuredenden Wortc dcs elegantcn, 
heitern jungen Marines mit dcm graumclierten Haar 
stimmten sic auch wicder frohlicher. Und als das Rontgen- 
bild zeigtc, daB ein opcrativcr Eingriff notig sei, nahm 
Edith cs mit Ergebung zur Kenntnis, daB der schonc 
Doktor sic mittags opericren wcrdc, und sagtc bloB: ,,wir 
miisscn Boy benachrichtigcn, aber bittc, crschrcckcn Sic 
ihn nicht, cr darf auf keincn Fall scincn Aufenthalt in Belgrad 

412 



abbrechen." Mittags fand die Operation statt, vcrlief 
gut, und im AnschluB daran sprach Kadar telefonisch mit 
Simmons. Er wollte sofort nach Hause kommen, mit dcm 
Nachmittags-Flugzeug ; es daucrte mehrere Minuten, bis 
Kadar ihn mit Hilfe des Oberarztes bcruhigen konnte, 
er solle nur ganz ruhig seine Angelegenhciten erledigen, 
Ediths Zustand sei wirldich vollkommen befriedigend, 
auBerdem weiche Ila nicht von ihrer Seite. Und das war 
auch so : die ersten drei Nachte schlief Ila bei Frau Simmons, 
und auch nachher noch half sie tagelang der Privat- 
pflegerin, wohnte sozusagen im Sanatorium. Er aB 
allein im Hotel zu Mittag, ging dann auf sein Zimmer. Die 
Verabredung fur den Abend fiel ihm ein. Ich muB ab- 
sagen, mehrere Viertelstunden lang konnte er sich nicht 
dazu entschlieBen, das Abendprogramm riickgangig zu 
machen. Auch zur Art und Weise der Absage fand er schwer 
die Entscheidung. Kelemen eincn Zettel schreiben oder 
Joly oder . . . hingehen und ihr bestellen lassen, schlieB- 
lich telefonierte er ins Sanatorium. Ila sprach ein wenig 
ungeduldig in den Apparat. ,,Aber selbstverstandlich 
konnen wir heute abend nicht ausgehen, ich jedenfalls gehe 
nicht . . . aber wenn du willst, dann geht doch ruhig ohne 
mich." ,,Nein, das nicht", antwortete er; dann teilte er 
in zwei Zeilen Kelemen und Joly auf je einer Visitenkartc 
mit, was geschehen war; Joly bat er, die Absage zu ent- 
schuldigen, und Kelemen bestellte er fur morgen vor- 
mittag zu sich; dann schickte cr einen Hotelbotcn mit den 
Briefen weg. Spater rkf er Szende an, der ihn am Vormittag 
vergebens gesucht haben muBte; auch mit ihm verabredete 
cr cine Zusammenkunft fiir morgen. Nachher fuhr cr 
wieder ins Sanatorium, gegen Abend hattc Edith 
Schmerzen bekommen, und Ila war nervos und aufgcrcgt, 
dann ging er nach Hause, kramtc cine Weile im Zimmer 
herum, fand das Kursbuch in der obcrstcn rechten Schreib- 
tischschublade, ganz zuobcrst, las ein paar von den Tele- 
grammcn aus Port Elizabeth durch, stellte sich auf den 

4*3 



Balkon und sah hinuntcr auf den Korso. Gegcn ncun ging 
er in den Spciscsaal und wiirgte ohnc Appctit cin paar 
Bissen hinuntcr; cine halbe Stundc saB er noch auf dcr 
Terrasse, dann legte cr sich schlafen. Die Nacht war warm 
und unruhig. Er schlicf zwar sofort cin, wachte aber sehr 
bald wieder auf und lag dann lange wach. Zuerst nahm er 
das Kursbuch zur Hand, blattertc darin herum, sah sich die 
Annoncen dcr Schweizcr Kurortc und der Mittelmeer- 
Schiflfsreisen an; dann griff er nach dcm Dos Passes und 
vcrsuchtc zu lesen. Die Buchstabcn bcgannen cincn lustigen 
Tanz vor seinen Augcn, die Zeilen bcwcgtcn sich in Wellen, 
qualende Schlafrigkeit iibcrkam ihn. Er stand auf und setztc 
sich auf den Balkon. Oberhaupt keine Luft, zu warm ist es. 
Man fuhlte, wie cine langsame, geradezu gliihende Stromung 
aufstieg. Er trank ein paar Glas Kognak, wurde noch 
schlafrigcr und konnte doch nicht einschlafen. Ich hatte 
doch ausgehen sollen, dcnkt er, wir hattcn ausgehen konnen. 
Und als kindischc, furchtsame Selbstrechtfertigung sagtc cr 
sich noch: Ila hat es doch auch vorgeschlagcn . . . Dann 
vcrgingen wieder halbe Stunden qualendcn Herum- 
walzcns im Bert, unterbrochen von plotzlichem Auf- 
springen, Licht-Anundausmachen, Auf-den-Balkon-Tretcn 
und verzagtem Zuriickkriechen ins Bett, bis er cndlich 
gegen drei Uhr doch einschlief. 

Die Besprechung mit Szcnde crledigtc er diesmal un- 
geduldig und kurz. ,,Dieser unangcnehme Zwischenfall 
hat mich leider auch daran gchindert, mir deine Notizcn 
endlich genau durchzusehcn, abcr in den nachsten Tagcn 
werde ich hoffentlich cndlich dazu kommen, und dann 
konnen wir uns die Objekte anschcn gchcn." Szcnde 
schnaufte kurz und wiitend, entfernte sich aber mit breit 
lachelndem Gesicht. Dann kam Kelcmcn, und an diescm 
Vormittag bcging er an Kelcmcn die na, sagen wir cs 
nur ofFen hcraus, die Gcmcinhcit. Ein Wort war cs nur, 
bloB cine undeutliche Ermuntcrung, aber Kelcmcn saugte 
wic ein gicriger, ausgctrockncter Schwamm die giftige 

424 



Briihe ein. Im Laufc ihrcs Gesprachs, bci dem sic alle bcide 
deutlich fortwahrend etwas umgingcn und beide vom 
andcrn das Wort zu erwarten schicncn . . . im Laufe dieses 
unsteten, neutralen, stockenden Gesprachs sagte Kadar 
einmal, bloB so nebenbei hingeworfen, dort unten, ja, dort 
unten sei die Welt derm doch anders. Begabung, Kraft, 
Wille setzten sich dort letzten Endes und in irgendeiner 
Form durch, und wenn einem noch obendrein jemand 

stiitzend unter die Arme greife und dann sprach er 

von etwas anderm, bemerkte aber sofort, wie sich Kelemens 
etwas miides, etwas welkes Gesicht belebte, wie in seinen 
Augen ein ungestumes, durchdringendes Leuchten auf- 
flammte. Und spater sagte er noch, es konne keine Situation 
geben, in der man sich selbst verlieren diirfe, und wenn 
man den Glauben und die feste Einstellung habe, 
,,nenn es fixe Idee, wenn du willst, oder nenn es Selbst- 

tauschung", es wiirde besscr kommen er selbst sei 

das beste Beispiel dafur; nur rmisse ein jeder wissen, von 
wem er etwas zu erwarten habe und was, wem er etwas 
bieten konne und was. Ja, daraufhin hatte Kelemen 
sofort herausriicken konnen, hatte bitten und anbieten 
konnen . . . denn es war ja nun fur keinen von ihnen mehr 
zweifelhaft, was er vom andern wollte und was er dem 
andern geben konnte: aber Kelemen scbwieg, Kelemen 
verfolgte wieder cine Taktik, Kelemen ging diesmal nicht 
einmal bis zu den diplomatischen halben Worten, bis zum 
Durchblickenlassen, Kelemen sprach nicht davon, daB 
er das Gefiihl habe, iiber die Begabung, die Kraft und den 
Willen zu vcrfiigen, und daB es sich lohne, ihm helfend 

unter die Arme zu greifen . . . demgegeniiber indessen 

Auch sagte cr nicht: gut, ich weiB, was du willst, reden 
wir deutlich miteinander Kelemen schwieg. Er 
will, daB ich anfange zu sprcchen, er will im Vortcil 
bleibcn, dachte Kddar ein wenig gereizt. Dann erblickte 
er seine Augen, das finstere, erhitzte, unverhultbare 
Glanzen in seinen Augen, oh, du wirst schon den Mund 

4*5 



auftun. Ich kennc das, ich kcnne dicsc Taktik, dieses 
Schweigcn, diese Zuriickhaltung. Wie sic so einander 
gegeniibcr saBen und die Kognakglascr im dicken Rauch 
hoben : da sah er sich selbst in dem kleinen Salon in London, 
im tiefen Lehnstuhl, der fremden Frau im schwarzen Kleid 
und mit den schimmernden schwarzen Augen und dem 
glanzenden schwarzen Haar gegeniiber, wie cr an der 
Grenze des Sichpreisgebens , des kraftlosen In-sich- 
Zusammensinkens stutzt und mit ein paar fernen, ncutralen 
Wortcn den sich bereits regenden Bettler in sein Inneres 
zuriickdrangt, den Bettlcr, der um den Groschen zittert, 
aber sich nicht billig hinwerfen will . . . er will viel, und ich 
will viel nun gut. Die erste in ihrem Wesen erftihlte, in 
ihren Einzelheiten kalt bcrechncte Gcmeinheit war vcr- 
klungen, doch von Port Elizabeth sprachen sie nicht 
mehr, auch von Joly nur noch so viel, daB es wirklich 
schade sei um den gestrigen Abend und daB sie das Vcr- 
saumte hoffentlich recht bald nachholen wiirden. 

Gegcn Mittag ging cr ins Sanatorium ; zu Frau Simmons 
konnte er nicht hinein, da sie schlief ; so plaudcrte er einigc 
Minuten mit Ha in der Halle. Edith hatte am Abend Fieber 
gehabt und schr schlecht geschlafen, die Armstc qualt sich 
schr, wenn nur Robert schon da ware, er hatte in der 
Friih telefoniert, vielleicht konne er bereits morgen oder 
iibermorgen zuriickkommcn, cine groBe, dicke, stramme 
Krankenschwcster kommt durch die Halle, in der Tiir 
bleibt sie einen Augenblick stehen, sieht die bcidcn an und 
geht dann weitcr. Der Arzt sagt, cs lagc kcin Grund vor, 
sich zu angstigcn, man miisse aber damit rechnen, daB die 
volligc Gcnesung sich noch langcre Zcit hinziehen konne. 
Beim Wcggehen begcgnct cr im Flur wicder der dicken 
Pflcgerin: ,,guten Tag'*, griiBt sic hoflich und scheint 
stehenblciben zu wollen, ,,gutcn Tag", crwidert er den 
GruB zerstreut und geht weiter. Langcre Zeit kann es 
dauern, bis Edith wieder ganz hcrgcstcllt ist? Im 
Wellcnbad iBt cr zu Mittag, bleibt bis sechs Uhr drauBcn, 

4*6 



spricht ein paar Worte mit Simon, ,,ich inspiziere", 
sagt Simon, ,,ich muB mal nachsehen, ob die Wellen- 
patientcn alle wohl und munter sind", er liegt in der 
Sonne. Dann fahrt er wieder ins Sanatorium. Eine Minute 
ist er drin bei Frau Simmons; ,,vielleicht gehe ich irgend- 
wohin zu Abend essen", sagt er zu Ila; auf dem Flur trifft 
er wieder die dicke Pflegerin. Sie fangt an zu lacheln, tritt 
auf ihn zu und halt ihn an. ,,Guten Abend, Herr Kadar. 

Erkennen Sie mich nicht?" Dieses Lacheln diese 

groBen schwarzen Augen in dem hiibschen dicken Gesicht 
mit den regelma'Bigen Ziigen und cine diinne Locke 
kohlschwarzes Haar unter der weiBen Haube . . . ,,o ja, 
natiirlich, Schwester Agota", sagt er in plotzlicher Ver- 
legenheit und reicht ihr zogernd die Hand. ,,Na, ein solcher 
Zufall, daB Sie ausgerechnet hierhin gekommen sind mit 
der englischen Dame, ich habe Sie schon heute vormittag 
erkannt, Herr Kadar, du lieber Gott, wie lange habe ich 
Sie nicht gesehen! wie geht es Ihnen denn? wie sind Sie 
nach Budapest gekommen? nicht wahr, Sie waren doch 
seither nicht in Budapest? es geht Ihnen Gott sei Dank gut, 
wie ich sehe." Alle friiheren Ziige sind da auf dem 
Gesicht, nur breiter geworden, dicker geworden, mit 
zufricdenem, ruhigem, offenem Strahlen, und die Stimme . . . 
die alte Stimme, die ihn mit ihrem stillen, samtwcichen 
Klang Nachte hindurch gestreichelt hatte und die er einst 
vom Kleinmadchen-Lachen angefangen iiber die in der 
Ekstase aufbrechenden Schreie bis zum zuriickgehaltenen, 
tranenfeuchten Schluchzen dcs Abschieds so genau 
kannte . . . und nun sagt sie: ,,die gnadige Frau, die Ungarin, 
nicht wahr, ist Ihre Frau Gemahlin? was fur eine reizende, 
liebe Dame! Gott, ich mochte so gerne horcn, was sie 
wahrcnd der schrecklich langen Zeit alles gemacht haben, 
aber Sie wollen schon gehen? ich begleite Sie hinunter, 
Herr Kadar . . ." Schwester Agota wcndet sich hoflich und 
geht an seine linke Seite, und in den drei Minuten, bis sie 
unten angckommen sind, stromen die Fragcn und die 

4*7 



ehrfurchtsvollen Ausbriichc der Verwunderung : ,,groBer 
Gott! wirklich, in Afrika lebcn Sic? na, sowas I und cs geht 
Ihnen gut, Gott sci Dank, das sicht man Ihncn an! und 
so lange sind Sic schon vcrheiratct? und gliicklich sind Sie 
natiirlich mit diescm goldigcn Geschopf ... sic stammt 
wohl gcwiB aus Budapest? nun, und ein kleincr Stamm- 
haltcr? nicht? ncin, sowas, wie schadc . . . na, abet das 
kommt noch, hoffentlich." Und dann erzahlt sic noch: 
,,uns gcht es Gott sci Dank auch ganz gut, mir und mcincm 
Mann, er ist Biirochcf hier im Sanatorium, schon vor mchr 
als vier Jahrcn habe ich ihn geheiratct, seitdem ich hier 
Obcrschwcster bin, es soil mir nur nic schlechter gehen, 
toi, toi, toi " Ein angenehmes, heiteres Gefuhl durch- 
stromt ihn, wie er sich die Frau so ansieht, dicse strahlende, 
sorglose Gesundheit, diese sorgsame Helferin in Krankhcit. 
Und als er ihr im Tor die Hand rcicht, driickt Agota, Frau 
Jozscf Komivcs, sic mit starkem, hartem, bekanntem 
Druck, in ihren Augen zuckt ein Lachcln, und an 
ihrcm rundlichen, weiBen Hals offnet sic ein wenig den 
weiBen Mantel und zicht ein diinnes Goldkettchen hervor, 
an dem ein kleines goldenes Kleeblatt hangt, ,,das habe ich 
noch, Herr Kadar . . . und werdc cs auch immer behaltcn, 
es hat mir, Gott sci Dank, Gliick gcbracht." 



Die magnetische Spannung, die ihn an jcnem laucn 
Juliabend auf die StraBe trieb, ging wohl von dem klcinen 
goldenen Kleeblatt an Schwester Agotas Hals aus. Gliicklich, 
dick, zufrieden, dachtc er auf dem Hcimwcg, elf Jahrc ist 
es her, geheiratct hat sic, ist dick gcworden, das Kettchcn, 
das Kleeblatt hat ihr Gliick gcbracht . . . Langsam fahrt cr 
durch den Tunnel und iibcr die Briickc; sicbcn Uhr ist cs, 
als cr vor dem Hotel ankommt. Dcr Kopf ist ihrq ctwas 

bcnommcn. Die crstc Frau war sic, mit dcr cr die 

cr und jetzt sieht cr dcutlich das diinnc Kettchcn an 

dem schlanken und dcnnoch voilcn, glatten, weiBen Hals, 

428 



und mit ein wenig kindischer, spahender Neugierde ver- 
sucht er, welter zuriickzublicken . . . und schon fuhlt er 
ihre weiBe Hand mit den langen Fingern, sieht ihren 
schlanken, kraftigen Korper und sieht ihre Schulter und ihr 
aufgelostes langes schwarzes Haar und sieht die ganze 
Agota von damals, in einem braunen Kleid und einer 
groflen blauen Schiirze, und dann sieht er sie im Dunkeln, 
im ahnungsvollen Phosphoreszieren ihres weiBen Leibes, 
und dann erbebt die Gestalt, wird undeutlich, die Farben 
andern sich, die Formen zerflieBen, das aufgeloste 
schwarze Haar wird heller, er spurt etwas Blondes, zuerst 
silbrig blaB, dann wieder dunkler, tiefer, bis zum bordeau- 
schimrnernden Dunkelrot, das Gesicht, das er vor sich 
sieht, ist nicht fremd, aber auch nicht bekannt, als gehorten 
die Nase und der Mund und die geschwungenen Augen- 
brauen, die Linie des Halses, die Rundung der Schulter 
und die Wolbung der Brust anderswohin: seltsam, alles ist 
anders und als hatte er diese geheimnisvolle, diese 
unpersonliche Frau auch schon einmal irgendwo gesehen 
cr schlieBt die Augen, gewaltsam verscheucht er die Er- 
innerung mit den hundert Gesichtern, hundert Korpern, 
hundcrt Geriichen, er steht auf und verlaBt die Hotel- 
halle. Seinen Wagcn la'Bt er vor dcm Hotel stehen, geht zu 
FuB auf die Andrassy-StraBe zu, ich miiBte in mein 
Zimmcr gehen, ich miiBte zu Abend essen, ich muBte mich 
schlafcn legen, und die fremde, magnetische Kraft 
treibt ihn unwiderstehlich weiter wie eine komplizierte, 
geistreiche, zu viclerlei Funkdonen geeignete aber leblose 
Maschinc, die nur einem einzigen auBenstehenden, fremden 
Befehl gehorchen kann. Seine Gedanken stocken; seine 
Sinne fassen Dinge und Tone in einer beruhigenden, an- 
genehmen und verantwortungslosen Verschwommenheit 
auf. Wolkenlos bku ist der Himmel, langsam rieselt die 
laue, abendliche Dammerung iiber die StraBe. So wohlig 
ist diese samtweiche, milde, warme Luft. Er geht durch die 
Andrissy-StraBe. Menschen, sommerliche, abendliche 

429 



Menschen im heiteren, ausruhenden Wogen des miiSigen 
Promcnicrens; Frauen und Madchcn gehen spazieren. 
Schone Madchen, schone Menschen. Er fiihlt, wie leise 
etwas in ihm versinkt, Harte, Entschlossenheit, Kampfe, 
Erfolge . . . Durstige, neugierige Jiinglingsaugen staunen 
unter seiner Stirn in die Welt, hungrige Augen, die ailes 
verschlingen wollen. Die StraBe wogt, Stimmen schlagen 
zu ibm hin, Lachen, Wortfetzen, aus einem Fcnster 
Radiomusik; Strahlen trefTen ihn aus Frauenaugen, lange, 
herausfordernde Blicke und zufallige, vorbcihuschende 
Blicke. Jemand beriihrt ihn, jemanden hat er angestoBen 
in diesem nicht aufzuhaltenden, leisen Stromen. Am 
Himmel zieht ein dicker Pinsel dunlde und dunklere 
Streifen. Hie und da beeilt sich eine eifrige Lampe iiber dem 
Schaufenster, den Abend zu bcschleunigen. Einige Minuten 
steht er vor dem Cafe am Oktogon. Kaffeegeruch, Brot- 
geruch; an der Ecke leiert eine monotone Stimme die Titel 
der Abendblatter. Autos hupen, StraBcnbahnen klingcln, 
aus dem Motor eines vorbeisausenden Autobus weint die zu- 
nehmende Drehungszahl. Und auf einen Schlag flammen die 
roten, blauen, lila und griinen Lichtreklamen auf, und frohe 
AbendgruBcjuchzt der gclblaufendeelektrische Streifen. Nun 
lachcn auch die ganze StraBe entlang die gclben Bogen- 
lampen in der Luft. Langsam bicgt er auf den Ring ein, 
langsamc, langsame Schrittc; Menschen, Mcnschenrcihen, 
Menschenketten, ein teurcr, schoncr, vcrbergcndcr 
Menschcnwald, wciBe flute, kleinc bunte Kappcn, leichte 
farbige Kleidcr, Beine in WeiB und in Fleischfarbc, lange, 
schlanke junge Bcine und frischc, hartc, kcckc klcine 
Briiste in der liignerischen Vcrhiillung oder der offcncn 
Darbictung burner loser Fctzcn oder anlicgender Seidcn, 
Mannergcsichter, Knabengcsichter mit suchenden, be- 
kannten, sich erinnerndcn, entdcckendcn Blicken, wicdcr 
steht er an einer Ecke vor eincm Cafe*, und wicdcr ist der 
Kaffee- und Brotgcruch da, Mcnschcn, altc Manner und 
Frauen an den Tischen in bun tern, larmcndcm Durch- 

430 



einander und auf der StraBe in zufalligem, zdgerndem, 
miiBigem Stehenbleiben und Wciterschlendern, und wieder 
iiberlaBt er sich dem Menschenstrom, weit weg, von sich 
selbst entfernt, etwas sinkt, Hauser, Turme, Schiffe, 
Gewasser, Arbeiten, Metropolen, Eisenbahnen sinken, und 
Pfunds, viele, vicle Pfunds, und es sinkt das in ewigem 
Sonnenschein posaunende, tiefe, blaue Himmelsgewolbe, 
und in diesem unaufhaltsamen, groBen Untertauchen steigt 
langsam er selbst in die magische Budapester Nacht auf, 
weiB und klar wie eine Triumphstatue, nackt; Weinen und 
Lachen, Nicderlagen und Erfolge von funfzehn Jahren, 
das Leben, der Schlaf und der Tod von funfzehn Jahren 
wogen unter seinen FiiBen, und aus seinem Kopf leuchten 
wie zwei Reflektoren zwei riesige, brennende Augen. Er 
geht iiber die StraBe; iiber ihm die Sicherheit des ewigen 
Himmels, unter ihm der Zufall des verganglichen Augen- 
blicks, hinter ihm die vergessene, iibersatte, verratene 
Erfiillung, vor ihm ein schmendich angenehmes, fremdartig 
groBes Heimweh, er geht liber die StraBe im klingenden 
Wirbel von Menschcn und Dingen, im Hcxentanz von 
Farben und Tonen, Erinnerungen huschen auf Fledermaus- 
fliigeln durch sein Inneres, Ahnungen trommeln in seinem 
Blute Alarm. Und dann kommen Musikklange, ein messing- 
klirrender Marsch und die pathetische Phrase einer klas- 
sischen Symphonic, plarrendc Zigeunerlieder und polka- 
hafte, \vieherndc Schrammclmusik, mit iiberwaltigenden 
Akkorden heult ein Orchestrion in den Abend, ein Klavier- 
kastcn stottert einen alten Schlager, und zu seinen FiiBen 
kratzt eine diinne Bettlergeige, und menschliche Stim- 
men, Gcsang, Pfiffe, Lachen, Schreie, Rufe, gedehnte, 
lange Pfcifentone, und alles das wird von der ubermensch- 
lich verzerrten Stimme eines riesigen Lautsprechers xiber- 
deckt, die unverstandliche Worte dunkel in den Abend 
tutet, er wird angerempelt, ,,pardon", er wird gestoBen, 
,,na, konnen Sic denn nicht aufpassen?!" cr wird getriebcn, 
,,hierhcr, mcine Hcrrschaften, bittc, hierherl" cr wird 

431 



gerufen, ,,schoner Doktor mit dem Strohhut, mochtest du 
nicht mit mir kommen?" er wird geschickt, ,,was gafFen 
Sic denn, knger Maulaffe, haben Sic noch nic gesehen " 
auf allem liegt ein wohliges LScheln, Rufe, Schimpfworte, 
Bitten, Drohungen, alles lachelt, lachelt, und die 
Dunkclhcit wird schwarzer, die Tone verklingen hinter der 
Biegung der fmstern StraBen; Gaslampen zwinkern auf 
ngsdiche und entschlossenc Doppelschatten auf den 
Banken; Autos huschen durch die Finsternis; Pfiffe; 
Polizisten zu Rad paanveise auf dem StraBendamm ; Stille, 
Abendduft, Staubgeruch, Blumenduft, Rasengeruch; 
alles lachelt, lachelt, die breite Promenade, saubere, 
elegante Menschcn auf den Stiihlen; Hunderte von Gliih- 
lampcn strahlen in einem uberfiillten Garten; Autos, 
beleuchtet, aus der Feme Musikkliinge und eine schmale 
Nebengassc; dunlde, groBe, vornehm geschlossene und 
ruhige Villen hintcr vergitterten, ticfen Garten, 
Stille ... und dann aus der Feme ein vcrschwommener 
Ton, er bleibt stehen. Er stcht und lauscht dem Ton, 
dann geht er wieder welter auf den Ton zu ; jetzt ist er schon 
deutlicher . . . der Ton eines Klaviers. Er bleibt stehen und 
lauscht. Wieder macht cr ein paar Schrittc, klarc, scharfe 
Klaviertone perlen auf ihn zu, cr geht hiniiber auf die 
andere Seite, fast rennt cr, der Ton kommt von driiben, 
dann bleibt er vor einem Gittcr stehen, aus dicser Villa 
dringt der Ton . . . erstarrt steht er da: Klavierklangc, das 
meistcrhafte Spiel ciner virtuoscn Hand schallt aus dem 
offeaen erleuchteten Fcnstcr def hinten im Garten, aus der 

riesiggroBen Villa die Chopin- Sonatc, in der 

klaren Pcrlenkettc der Tone, im hciBen Strahlcnbrcchcn der 
Laufe, in kristallcnen Akkorden, in unfaBbarcr, Iet2tcr 
Polyphonic, in der un verging! ichcn Melodic . . . aus jcncm 

Stein way-Fliigcl seine Hand driickt die Klinke nicdcr, 

das kiihlc Eisen gibt nicht nach, zwei Schrittc, nun stcht 
er dem Fcnstcr gcgcniiber, mit einem Sprung stcht cr auf 
dem Stcinsims und klammcrt sich an die Stangcn dcs 

432 



Gitters, und durch das Laub bricht sein gliihender Blick ins 

Zimmer ein im erleuchteten Zimmer vor dem riesigen 

Fliigel die schmale Schulter, die groBe rote Haarkrone, die 

strahlend weiBen Hande oh, nein. Im erleuchteten 

Zimmer steht neben dem Fenster ein merkwiirdiges 
Pianino, sein mittlerer Teil ist mit Glas gedeckt . . . Davor 
sitzt ein kahlkopfiger, rundlicher Herr im Hausrock, seine 
Hande fiihren an zwei Griffen an den Seiten eigenartige, 
steife Bewegungen aus, er neigt sich, gleichmaBig und 
rhythmisch neigt er sich, die FiiBe treten das Pedal, die 
Pedale des Pianinos, kein Steinway: ein Pianola, 
anstatt dcr einmaligen Klange der vollkommenen Hand die 
verewigte Musik der vollendeten Maschine, Pianola, und 
dem Pianola gegeniiber sitzt in einem Rollstuhl, mit bleichem 
Gesicht, geschlossenen Augen, zuriickgelehntem Kopf und 
zugedeckten Beinen, ein zehn- oder zwolf jahriger kleiner 

Junge 

Der Traum, der verschwommene, verworrene, wir- 
belnde, rauschhafte Traum schreckte hier zum Wachsein 
auf; der Zauber, der ihn aus sich selbst herausgehoben 
hatte, miindete hier in Wirklichkeit ; die Stimmung, die ihn 
getrieben hatte, wurde hier bewuBt. Sich ans Gitter 
klammernd, stand er minutenlang auf dem Steinrand in der 
leeren StraBe, so starrte er in das helle Fenster. Dann sagte 
er leise vor sich hin: ich liebe sie, vorsichtig lieB er sich 
auf die Erde gleiten, blieb noch einen Augenblick stehen 
und ging dann. In tiefroter, nammender Krone flattern 
die Tone ihm nach. Eine kurze Quergasse fvihrt ihn direkt 
auf die breite StraBe; an der Ecke ein Taxenstand. In den 
ersten Wagcn setzt er sich, lehnt sich auf dem Sitz tief nach 
hinten. Der Wagen fahrt ab, sofort hiillt ein kuhles Liift- 
chcn seinen Kopf, scinen Korpcr ein. Ich war berauscht, 
das Ganze ist cine kindische, unernsthafte . . . er sucht 
in seinem Kopf nach einem cntwertenden, verurteilenden 

Wort, oder aber . . . cs fehlt mir etwas Jetzt fallt 

ihm ein Wort cin, und plotzlich iiberlauft es ihn kalt: 

28 KBrmendl. Budapett 433 



vergiftet bin ich. Und da weifi er genau und gibt sich kalt 
Rcchenschaft, daB cr vergiftet ist, jawohl, vergiftet, das 
Gift hat ihn schon tief, unrettbar durchdrungen, und dieses 
Gift ncin, es ist ganz gleichgiiltig, wie man die Fiole oder 
die Kapsel oder den Sirup nennt, in dem das Gift steckt, 
Romantik, Sentimentalitat, Erinnerung an die Jugendzeit, 
Sehnsucht nach etwas andcrm, Zwangsvorstellungen, 
Neurasthenic oder einfach einen angenehmen Abend- 
spaziergang durch die Anlagen, ganz gleichgiiltig, das 
ist nur Packung, Hulle, Etikett ... dieses Gift heiBt 
Joly. Joly? das Prinzip? das Symbol? die Erinnerung? 
oh, nichts, nein, einfach: Joly, die Frau. Die lebende, die 
richtige Joly Kelemen. Mit den roten Schnecken auf den 
Ohren, der schneeweiBen, gcspensterhaften Haut, den 
griinlich-blau strahlenden Augen, dem nicht sehr sch6ncn 
Mund, dem ausgesprochen etwas gewohnlichen Zug im 
Gesicht, mit dem schmalen Korper, den schlanken Bcinen, 
den Sandalen an den FiiBen, mit ihrem mageren, klein- 
biirgerlichen, gelangweilten Budapester Madchenleben, die 
Joly vom Ring, die den Kadar von der Pozsonyer StraBe 
einst vieUeicht nicht mchr angegangen ware, als daB er sich 
still, scheu, cin wenig feindselig von ihr zuriickgczogen 
htte, und um die jetzt der Gidar aus Port Elizabeth in 
plotzlich erkanntcr, schmerzlicher, an der Schwelle korper- 
licher Qual stolpcrnder, unertraglichcr . . . verstehst du, 
Joly? in unertraglichcr Sehnsucht brennt. Das war gcnau 
so jetzt, wic es eincn Augcnblick gegcbcn hattc, da cr 
wuBtc: ich bin vcrwundct, cinen Augenblick, da er wuBte: 
jetzt bin ich Waise. Schrecklich . . . viclleicht unertraglich, 
aber wenigstcns bcstimmt; cin Augcnblick, da die Un- 

gewiBhcit aufh6rt. GroBcr Gott das ist ja entsetzlich. 

Ich bin vcrlicbt in sic cntsctzlich. Und nun fiihltc cr 

die Sache auf einmal umgekehrt. Ich rede da wic jcmand, der 
stundenlang durchs Fcnster in den Regen starrt und dann 
plotzlich sagt, sich mal einer an, es rcgnct, mit dem cr- 
schrcckteo Verdutztsein, das vicl cher der Tatsachc gilt, 



daB wir es jetzt erst bcmerken, nein, das ist auch nicht 
wahr. Ich bin verliebt in sie, entsetzlich : das war auf- 
richtig, das war ein Sichwehren gegen die Tatsache iiber- 
haupt; ein Sichwehren dagegen, daB ich, der reichc, 
unabhangige, der ernste, ausgewachsene, ausgeglichene . . . 

ich, lias Mann, in dieses kleine rote Budapester oh, 

das war schlimm, bitter, fast erniedrigend. Aber die Sache 
steht ganz einfach so: ich liebe Joly, und das war unend- 
lich, leicht lachelnmachend, herzerwarmend gut. Jetzt dachte 
er an Joly und dachte an Ila. Ila hatte ihn nie gefragt, nie 
ein Wort dariiber verloren, was . . . friiher gewesen sei. 
Ihr Zusammensein, ihre Zusammengehorigkeit begann bei 
der Gegenwart und endete bei der Gegenwart; die Tage 
alterten gemeinsam mit ihnen der Zukunft entgegen, und 
was gewesen war? ... Ik hatte ihn aufgenommen, zu sich 
emporgehoben, und nur das war wichtig, was ist, was 
war, das interessierte sie nicht oder das wollte sie nicht 
wissen. Was war denn? was bei jedem gewesen ist, bei jedem 
jungcn Mann, Liebschaften, Frauen, bessere und 
schlcchtere, um nichts interessanter als Kassa und Myers . . . 
und genau so waren sie vergangen. Was ist? ... fast fiinf 
Jahre ist sie alter als ich Ila stand ihm zur Seite, war fur 
ihn da, lebte fur ihn und wollte nichts anderes, als daB 
auch cr zu ihr gehore, wollte nur wissen, daB er fiir sie da 
sei. Als er das erstemal bei ihr eindrang, damals nachts auf 
der Falconia in die Kabine: da hatte sie ihn erwartet. Zu 
Hause, in Port Elizabeth, war sie wahrend der ersten Zeit 
seine Geliebte, kiimmerte sich nicht darum, daB alle Welt 
es wuBte. Heiraten wollte er sie nicht, erst spater, als er 
gleichrangig, Ingenieur, sein eigener Herr war. Gut, 
Ik wartete. Das war alles. Manchmal, wenn er sich von 
ihr entfernte, hatte er das Gefuhl, sie erwarte ihn auch jetzt. 
Und nun . . . nun werde ich sie wicdcr bctriigen, fuhlte er 
mit Icichter Kalte in der Brust, wiedcr werde ich ihr untreu 
sein, ich bin ihr schon untreu gewesen, und wieder betriige 
ich sie, so wie im Anfang des zwcitcn Jahres, als sie 

2** 43 j 



noch nicht einmal vcrheiratct waren, in Johannesburg mit 
der Tochter von Rektor Bloomhardt; wie mit der schwe- 
dischen T&nzerin, zu der er ein halbes Jahr lang jeden 
Monat fur ein paar Tage nach Transvaal fuhr; wie mit 
Isabel, die vor zwei Jahren ein paar Monate seine Sekretarin 
war und die Growham dann hciratete; wie jetzt im Winter 
mit Lady Astfield, die ihm in einem hysterischen Anfall in 
die Arme sank und von der er sich beim dritten Stelldichein 
mitten in einem hysterischen Anfall verabschiedete, bci dem 
sie ihm mit dem Revolver drohte ... o Gott, nie konnte 
ich widerstehen, wenn ich cine Frau begehrte . . . konnte 
nicht verzichten, mich abwenden, konnte nicht treu 
bleiben, immer habe ich die Frauen verfolgt, die ich haben 
wollte, habe sie gepcinigt und gequalt, bis sie sich ergaben 
wie Isabel, und jetzt . . . jetzt wcrdc ich auch nach ihr 
greifen, ich liebe sie, sie erreichen und packen und wieder 

Ila betriigen, wieder Ila verraten Er schrcckt zu- 

sammen, steht vom Stuhl auf, auf dem er scit langen 
Minutcn im finstern Zimmer sitzt; er dreht das Licht an. 
Nuchternes, klar weiBes Licht ergieBt sich, reine, reini;>ende 
Helligkeit. Er vcrspiirt schrecklichen Hunger: seit Nach- 
mittag hatte er nichts gegessen. Plotzlich ist das Hunger- 
gefuhl unertraglich, sofort geht er hinunter in den Speise- 
saal und ifit zu Abend. Es ist Mitternacht, im Korpcr 
fuhlt er die Miidigkeit dcs langen Spaziergangs, ist abcr 
nicht schlafrig. 

Er spaziert hinaus ans Donauufer und setzt sich dort 
auf einen Stuhl. Die Luft ist schwul. Er steht auf, 
promeniert weiter, am Ende des Korsos gcht cr an den 
Kai hinunter. An der nahen SchirTsbriicke stehen Bankc 
vor dem Wartesaal; er setzt sich. Plotzlich fiihlt cr den 
Geruch des Wasscrs, seinen rcinen, erfrischcnden, luftigen 
Hauch. Nicht so gcfahrlich, sagt er auf einmal laut und 
blickt sich um; nicmand ist in der Nine. Die Sache ist nicht 
so gefahrlich, wiederholt er vor sich hin und fiihlt cine 
grofle Bcruhigung, iiberhaupt . . . es ist ja allcs in Ordnung. 

436 



Ein leichtes, hiibschcs kleines Budapestcr Ding. Zwanzig 
Jahre alt. Ich muB mich nur nicht in die Sache verrcnncn. 
Alles 1st in Ordnung. Ich werde mich nicht verrcnnen. 



Es war, als sei Ila wahrend dieser Tage iiberhaupt nicht 
in Budapest. Fast ihren ganzen Tag verbrachte sie bei 
Frau Simmons im Sanatorium, und von Abreisen wollte sic 
vorliiufig nichts horen. Edith Simmons war die Freundin 
von Frau Alexis, Ik hatte sie in London kennengelernt. 
Es 1st zwar natiirlich, daB in der Fremde auch die fliichtigste 
Bekanntschaft Icicht zu unentbehrlicher Freundschaft wird, 
dcnnoch hatte Kadar das Gefiihl, als stecke hinter lias 
Anhanglichkeit an Frau Simmons irgendeine Schutz- 
bedurftigkeit, eine Hilflosigkeit. Unten in Afrika hatte 
Ila ebensowenig cine Freundin wie er einen Freund, in dem 
Sinne des Wortes, der iiber Interessengcmeinschaft, Ge- 
schaftsbcziehung, Sportkameradschaft, geselligen Verkehr 
und das Icichte, anspruchslose, obcrflachliche Anfreunden 
der zu ihrem Krcise Gehorenden hinausfuhrte. Seit Jahren 
lebcn wir ncben ihnen und unter ihnen; und hier leisten 
wenige Wochen die Zusammenschmelzarbeit von Jahren, 
hicr in der Fremde, Fremden gegeniiber. Und es schien ihm, 
als suche Ila Schutz in dieser andern fremden Frau, 
Schutz ? gegcn die fremde Umgebung ? gegen die unbekannte 
Stadt? ja, er glaubte Ila zu verstehen: er selbst hatte 
jahrclang in Budapest gelebt, bei ihm meldeten sich 
unerwartet altc Bekannte, fruhere Schulkameraden luden 
ihn ein, jcdcs Haus, jede StraBe konnte vielleicht fur ihn 
etwas bcdeutcn, was ein anderer nicht wuBte, wenn man 
ihn nicht darauf aufmerksam machte, was ein anderer nicht 
verstand, wenn man es ihm nicht erklarte . . . und Ila war 
noch nie in Budapest gewesen. Ila verbrachte also seit 
Simmons Riickkehr aus Belgrad den groBten Teil ihres 
Tages bei Edith und blieb erst dann manchmal vormittags 
mit ihm zusammen, als Ediths Zustand sich langsam zu 

437 



bessern bcgann. An diesen Vormittagen warcn sie meistens 
im Wcllenbad, aBen dort zu Mittag, und von dort aus ging 
Ila ins Sanatorium. Hie und da bcglcitcte cr sic auf cinen 
kurzen Bcsuch bei Edith odcr holte sic am Abend ab. An 
scinen freien Nachmittagcn lag cr im vcrdunkelten, kiihlen 
Zimmcx und dachtc an Joly, oder, an wcnigcr hciBcn 
Tagcn stromertc er in der Stadt umher und suchtc Joly, 
und manchmal traf er sic auch. Ticf durchfuhr ihn oft 
cin unangcnehmes, kaltes Gefiihl, wenn ihm einfiel, daB 
er lange Viertelsrunden an Joly dachte, daB er halbc 
Nachmittagc spazierte, mit weitgeofThcten Augen die 
StraBe nach Joly durchforschend. Im drciunddreiBigsten 
Jahr bin ich . . . dachte cr mit dieser kalten Angst, ich bin 
doch kcin funfzehnjahriger Bengel, abcr in vcrcinzcltcn 
aufrichtigen Momenten konntc cr cs vor sich sclbst nicht 
leugnen, daB dicsc Gcdankcn an Joly, diesc Jagden nach 
Joly fast so schon und aufregend warcn, fast so scin ganzes 
Wcsen erfullten, als ware er in Wirklichkeit mit ihr zu- 
sammen. Ich bercitc mich darauf vor . . . dieses selfsame 
Wort fid ihm einmal cin, und bei dcm Gcdankcn blicb cr 
stehen. Ich bcrcite mich darauf vor? habe ich dcnn soviet 
Zeit? ich habe sovicl Zcit, wic ich brauchc, wic ich 
haben will 1 ich bcrcite mich vor . . . ich verrennc mich in die 
Sache, bcwuBt vcrrenne ich mich, und dabci diirftc ich 

nicht Das warcn hartc kleinc Kampfc an einsamen 

Nachmittagcn, in schlafvcrschcuchcndcn Nachtcn. Und 
das Schlimme war, daB cr allmahlich unsichcr wurdc. Er 
wuBte nicht mchr bcstirnmt, was die Wahrhcit war und 
wann cr log. Das abcndlichc nacktc Au f Icuchtcn dcr \Vahr- 
heit kampfte gcgcn die Sclbsttauschung. Lachcrlich, sagtc 
er sich, sic gcht mich doch nichts an. Klcincs nichtigcs 
Madcl. Aber wenn cr sich das sagtc, dann hatte schon scit 
Vicrtelstundcn das flammendc Rot ihrcr Haarkronc ihm 
vor den Augcn gcspukt, hatte schon scit Vicrtelstundcn dcr 
kiihlc, saubcrc Scifcngcruch ihm in dcr Nasc gcstcckt, hatte 
schon seit Vicrtclstundcn die Qiopin-Sonatc ihm in den 

438 



Ohren geklungen. Ich verrenne mich nicht in die Sachel 
redete er sich sclbst zu, und dann hortc cr sofort hintcrher 
Jolys Stimme, wic sie sich vorgestcrn verabschiedet und 
auf seine Frage: ,,wann sehe ich Sie wieder?" gesagt 
hatte: ,,wann Sie woilen, ich habe noch gar nichts vor", 
mit dem stillen, unschuldigen Tonfall, der seinem offenen 
Sich-Anbieten gegeniiber nur vollkommen unbewuBt sein 
konnte, oder aber eindeutig bewuBt; er konnte nur ent- 
wcder unschuldig sein oder nur durcli und durch verdorben. 
Harte kleine Kampfe waren das, mit scharfen Argumenten 
und Widerspruchen, mit der absolut gegensatzlichen 
Beleuchtung der Tatsachen; und vielleicht war dies das 
Schwerstc in dem Ichliebesie-ichliebesienicht-Spiel, daB er 
dariiber verwirrt wurde; er lieB sich von Augenblicks- 
stimmungen tragen; und er, aus dessen Munde ein ein- 
willigendes oder verweigerndcs Wort, von dessen Hand 
cin einziger Federzug oder die Geste, die ein Papier zerreiBt, 
schwcre Vermogen und vielleicht sogar Menschenleben 
bedeuten konnten, er schwankte und war sich selbst gegen- 
iiber unentschlossen. Joly verbrachte einige Vormittage 
mit ihnen zusammen im Wcllenbad, und manchmal traf er 
sie nachmittags, zufallig, aber das war so, daB er aus 
ihrem Gesprach entnommen hatte, Dienstag um vier gehe 
ich da und da hin, Samstag um funf habe ich dort und dort 
zu tun, und dann ging er hin, um sie zu treffen, zufallig. 
Einmal bemerkte er Has langen, forschenden Blick auf Jolys 
Gesicht, und da muBte er denken, Ila hat nichts davon 
gewuBt, daB in dem halben Jahr, als wir das Lagerhaus 
bautcn, in Transvaal iiberhaupt eine Schwedin namens Inge 
lebte, aber es ist ganz ausgeschlossen, daB ihr das jetzt 

nicht auffalle das jetzt? was denn? was kann denn 

hier iiberhaupt auffallen? was gibt es denn hier, wovon ich 
nicht will, daB es ihr auffalle? I Das war selbstredend wieder 
eine Luge, cine um so groBere und tiefere Luge, als er 
spfcter Ila nichts mehr davon erwahntc, wenn er Joly getrof- 
fen hatte. Joly fragte jcdes Mai: was macht Ila, wic gehts 

439 



Ila? bedauerte, daB sic durch diese unangcnehmc Sache 
im Sanatorium so sehr in Anspruch gcnommcn sei, aber 
sic schicn cs doch natiirlich zu finden, daB sic sich mehrmals 
so zufallig trafen und oftcr zu zweit zusammen warcn als 
zu dritt odcr zu vicrt, und auch das fiel ihm auf, nie- 
mals rcklamierte sie Ila gerade dann und gcrade hicr, fragtc 
nie, warum sie jetzt nicht bci ihm sci. Ihre Gesprache auf 
dicscn Spaziergangen von cincr odcr anderthalb Stunden? 
Gcwohnlich crzahlte Joly; cr sclbst sprach selten, ant- 
wortete nur auf Fragen. Er lauschtc Jolys Stimmc, blieb 
cincn halben Schritt hinter ihr zuriick und bcobachtctc ihr 
Gesicht, ihre Figur, ihren Gang, ich bereite mich vor, 
regtc sich dcr Gedankc in ihm, und manchmal bcriihrtc cr 
Jolys Arm. Joly piapperte von ihren geringfugigcn All- 
tagen. Das war ein standiges Thcma, das wic einc fixe Idee 
immer wiederkchrte. Es tut so wohl, im Gellert die schonen, 
cleganten Menschcn zu sehen . . . ,,glauben Sie, die sind tat- 
sachlich alle so reich, wic sie aussehcn? wic die vornehmc, 
luxuriosc Umgebung den Anschein hat?' 4 Gestern abend 
war sie im See-Kino mit den Jungens und Madcls, cin 
bidder Film lief, einc suBiiche Angelegcnheit, bioB ein ein- 
zigcs hiibsches Lied war drin, cin Slow-Fox, schade, daB cr 
ihr nicht einfallt, aber dann war cin Film von Paris, der war 
himmlisch. Mama hat Schmerzcn im Knie und im Hand- 
gclcnk, sic gcht schon scit Tagcn ins Lukacsbad, gcwohnlich 
bcglcitct sic sie hin, cs ware am bcstcn, fur cincn Monat dort- 
hin zu ziehcn. Bandi . . . Bandi macht ihncn crnstc Sorgcn, 
cs sicht so aus, als wollc er seine Stcllung aufgcbcn, furs 
crstc hat cr sich cklig mit scincm Chef gczankt und auf 
Grund cincs arztlichen Attcstcs um Krankcnurlaub gcbctcn. 
Und cr sollc sich vorstcllcn, mit cincr Rciscgescllschaft 
ware sic bcinahc nach dcr Stcicrmark gcgangcn, in cin 
kleines Nest auf Sommcrfrischc, zu bcsondcrs giinstigcn 
Preiscn, fast umsonst, aber dann hat sich hcrausgestellt, 
daB don Lungcnkrankc sind, und da rum hat die Familic 
cs nicht zugcgcbcn, was zwar nicht schr vicl sagcn will, 

440 



aber sic selbst hat auch nicht viel Lust gehabt, sich unter 
den T.b.cs aufzuhalten. Na, cgal. ,,Ich komme dies Jahr 
anschcincnd wirklich nirgends hin. Das neue Kleid . . . also 
nicht ganz neu, sondern das ist so, noch voriges Jahr im 
Sommcr habe ich von Bandi sehr schones Material zu einem 
Kleid bekommen, es hat mir schrecklich gefallen, und da 
hab ichs gleich machen lassen, zu Hause natiirlich, von der 
Hausschnciderin, sechs Pengo bekommt sie pro Tag, na, 
und das Kleid hat dann auch dementsprechend ausgesehen, 
fur sechs Pengo hat sies mir derart verpfuscht, daB ich fast 
gcheult habe und das Kleid noch kein einziges Mai an- 
hatte, jetzt vor zwei Wochen ungefahr hab ichs dann 
vorgekramt, und da sehe ich, es laBt sich schlieBlich doch 
noch was draus machen, da hab ichs der Sch wester einer 
Freundin gegeben, die einen kleinen Modesalon hat, bloB 
fiir Bekannte arbeitet sie, hin und her haben wirs gedreht 
und gewendet, und jetzt wird ein ganz hiibsches einfaches 
Kleidchen draus, siiB, Sie werden ja sehen, wie fesch ich 
darin bin, das Muster ist ganz apart, hellblau und silbergrau. 
Und dann ... ja, sagen Sie mal, wie ist das eigentlich da 
unten bci Ihnen? Tatsachlich so wie in Europa? und gibt es 
dort Negcr? wissen Sie, fiir Neger schwarme ich direkt, fiir 
die Stcp-Tanzer und die Step-Platten und auch fiir die trau- 
rigen rcligiosen Gesange! und wie sind die Menschen, die 
dort leben? tragen sie weiBe Anziige und weiBe Helme? und 
sind sic reich? und die Hauser? und wie ist die Stadt? so 
zum Bcispicl wie Budapest und Wien? oder wie Abbazia? 
und dann . . . waren dort unten nicht wegen des Krieges 
ailerlci Geschichten so wie hier? Borse und Inflation und 
Elcnd und so? und gibts Autos und Theater und Kinos? 
wissen Sic, die Tonfilme sind doch was Wunderbares, viel 
besscr als die bloden und langweiligen Theaterstiicke, nicht 
wahr? die guten Filme meine ich natiirlich . . . und die 
Negerinnen? sind die wirklich so schon im Leben? stimmt 
das, daB sie die bcstc Figur haben? ich hab bloB einmal cine 
in der Nahe gesehen, auf der StraBc, Josephine Baker, sie 

441 



stieg gerade aus dem Auto und ging ins Hotel, ich kann 
Ihncn sagcn, mies fend ich sie, ihre Figur ist naturlich hcrr- 
lich ..." Er hort zu, tauscnd und tauscnd Schritte hort er 
Jolys Geplapper zu, dicsen Worten, in dcncn die unbewuBte 
Gereiztheit dem driickenden Kleinbiirgerlebcn, der voll- 
gepfropften Dreizimmerwohnung, den billigen, gclang- 
weilten Amusements gegenuber brodelt; in denen die halb 
unbewuBte Sehnsucht nach dem Schoneren, Bessercn , Wcrt- 
volleren weint. Und wenn sie von sich sclbst spricht: hinter 
der grausamen, kaltcn Auf rich tig keit, hinter der schon 
nahezu masochistischen Selbstgeringschatzung spannt sich 
drohend die Emporung. Fremd, gleichsam sich selbst 
enthoben, beobachtete er sie und sich in der sommerlichen 
StraBe auf diescn durch Zufall begonnenen und mit einem 
stillen, unausgesprochenen Cbereinkommen zur Regel 
gewordenen Spazicrgingen.. Was will ich von ihr? dachte 
er, und dann fiel ihm sofort Ila cin. Was intercssicrt mich 
ihre Mutter mit den Schmerzen im Knic und ihre Schwestcr, 
die schon wieder in Umstanden ist? und er muBte an Ila und 
Edith denken und an die Mcnschen in Port Elizabeth. Was 
geht mich das an, wic schrccklich es ist, wcnn allabendlich 
in alien drei Zimmern Bctten gemacht wcrden? und vor 
seinen Augen erscheint die Port Elizabether Villa mit ihrer 
machtigen Terrasse nach dem Mcer. Was gehen mich ihre 
kleinen Sorgen an, ihre kleincn Note und ihre zahlreichen, 
zwangsmaBigcn Verzichte? und cr sah die scchs gewaltigcn 
glasgedeckten Hiiro raume vor sich, hortc das cmsige Klap- 
pern der Schreibmaschinen, und sein Arm riihrte an die 
Brusttasche, in der selbstbcwuBt das dicke Schcckbuch dcr 
National Bank of S.A.S.U. ruhte. Und dann fuhr er sich 
selbst im Auf blitzen dcr Wahrheit mit brutaler Aufrichtig- 
keit grob an: was liigst du da?! was spielst du Komodie?! 
du begehrst sicl du willst sic habenl was verstellst du dich?I 
was leugnest du?l abcr glcich war auch cine andcre 
Stimmc da, und dicsc Stimme durchfuhr ihn noch defer: 
wozu wartest du dann?l warum schicbst du es auf?! pack 

442 



sie doch Einmal iibcrfielen ihn diese beidea Stimmen 

des Nachts; zitternd vor Nervositat walzte er sich im Bett; 
hinter Buch, Zeitung, Balkon, Zigarette, Kognak, kalten 
Umschlag auf die Stirn versuchte er sich vor ihnen zu 
fluchtcn, es gclang nicht. Er muBte streiten, sich vertei- 
digen, auch anklagen und schlieBlich gestehen. GroBer 
Gott . . . ich bin vergiftet, verliebt bin ich in sie, nicht so 
wie in die A^otas und Inges und . . . und die iibrigen, vor 
Ila und neben Ila, sondern so ... wirklich und ganz und . . . 
rasend, so wie in Tilly? oder glaube ich das bloB, weil sie 

auch rote Haare hat? und ist nicht das Ganze nur Hirn- 

gcspinst und Selbsttauschung ? Brauche ich denn jemanden 
auBer Ila?! Hier stockte er. Verwirrt fragte die eine Stimme: 
brauchen? brauchen? brauchen? und die andere ant- 
wortete rasch: nicht darum handelt es sich, ob du sie 
brauchst oder nicht brauchst, das hangt nicht von dir ab, 
das laBt sich nicht so bestimmen wie zum Beispiel, ob man 
einen neuen Anzug braucht oder nicht! Ich laufe ihr nach, 
um sie zu sehen, und dann bleibe ich stehen, ich habe sie 
geschen, es war angenehm, danke . . . oder wage ich nicht 
weiterzugehen? oder kann ich nicht weitergehen?! Undeut- 
lich fuhlte er den Widcrstand, der seinen Weg kreuzte und 
vor dem man Hals iiber Kopf davonlaufen oder den man 
mit eincm Schwung brechen muBte, aber zogernd davor 
stchenblciben, das geht nicht. Du licber Himmel . . . ich bin 

verliebt in sic und rot und tief wie ein ertapptes Kind 

schamte er sich. Primanerangelegenheit . . . dreiunddreiBig 
)ahre werde ich ... Und dann in stillen, friedlichen, 
kiihlen Minuten wiihlten plotzlich die neuen, die Budapester 
Klaviertone in ihm, wogte in seinem Innern der abendliche 
Spazicrgang, dann wuBte er, daB das ganze Ringen ver- 
gebens war: er wird nicht umkehren, er kann nicht um- 
kehrcn. Dabei gab es eine Woche, da es moglich gewesen 
ware, da er cs hatte tun miissen, da es vielleicht . . . auch 

Icichtcr gewesen ware das war Ende Juli. 

Bines Abends gingen sie zu vieren essen, in das kleine 

443 



Budapester Restaurant, das in Mode war, sic beide und Joly 
und ihr Bruder. Das Zusammensein verlief schablonen- 
haft; im lauen Bach nctter, indifferenter Worte floB dcr 
Abend dahin, Kelemen war wie immer iibertrieben auf- 
merksam, Ila zeigte cin wenig abwesendes Interesse, wah- 
rend des Essens erwahnte Joly einmal, da8 sie morgen nach- 
mittag in einem bestimmten Geschaft in der innern Stadt zu 
tun habe, und das sollte heiBen, daB sie sich in der Nahe 
dieses Geschaftes mit ihm treffen mochtc. Das war damals 
bereits cine eingefuhrte Geheimsprache. Am nachsten 
Morgen ging er mit Ila Tennis spielen, dann waren sie 
mittags im Strandbad, nach Tisch fuhr er Ila ins Sanatorium 
und raste zuriick in die Stadt. Joly erwartete ihn vor dem 
Geschaft. Langsam gingen sie durch cine stille Gasse. 
,,Schon gestern wollte ich es sagcn, habs dann aber doch 
nicht gesagt", wirft Joly hin; ,,nun? was wolltcn Sic dcnn 
sagen?" ,,Ich verreise am Samstag." Er blcibt stehcn. 
,,Abcr nein. Wohin denn? mit wem? fur wie lange?" 
,,Ach, bloB fiir cine Woche. Und eigentlich wollte ich gar 
nicht, aber die Kinder habcn mich so langc gcqualt, daB ich 
wirklich schon nicht mehr . . ." ,, Wohin?" fragt cr noch 
einmal mit dumpfer Stimme. ,,Eine zicmlich drolligc Sachc", 
fahrt Joly fort, ,,wissen Sie, das ist so, wir fahren zu acht 
mit dem Donaudampfer nach Wicn, auch unscre bciden 
Boote nehmen wir mit, und dann kommen wir von Wien 
die Donau hinunter zuriick, naturlich schleppen wir cine 
ganze Weekend -Ausriistung mit, auch Zcltc, wcnn wir 
schoncs Wetter habcn, wird das fein, schr anstrcnt^cn 
werden wir uns nicht, hauptsachlich wolicn wir uns trciben 
lassen." So", sagt er nach einem Wcilchen, ,,xu 
acht?" ,,Ja, zu acht." Kleine Pause. ,,Viermal zwci? . . ." 
Joly dreht langsam den Kopf zur Scitc, sicht ihn an, 
klcine Pause, dann sagt sie mit cin wcnig hartcr Kaltc in 
der Stimme: ,,ja, viermal zwci, warum nicht? finden Sic 
etwas dabci?" ,,o nein, gar nichts." Viermal zwci. 
Und hauptsichlich trciben lassen wolicn sic sich, schr 

444 



schon. Kleine Pause. ,,Ja", fangt Joly wieder an, ,,ich 
hoffe, es wird fein . . . wenigstens das biBchen Sommer- 
frische kriege ich auf die Weise. Glauben Sie, ich freue 
mich nicht, wenigstens fur cine Woche rauszukommen aus 
diesem ganzen -- na, aus dem Ganzen hier? Himmlisch 
wird es sein." ,,Und wer geht mit?" fragt er. ,,Sie kennen 
sie nicht", antwortet sie, ,,wozu soil ich Ihnen die Namen 
aufzahlen? Lenke Varga und Elly Stein und Gyuri Breuer 
und Pista Szabados ..." ,,Und Doktor Huszar nicht?" 
,,Doch, natiirlich, der auch." Jetzt gehen sie schweigend 
nebeneinander her, lange dauert diese Stille. Sie sind am 
Ende der StraBe, ein paar Schritte weiter larmt schon der 
Ring an der Brucke; sie machen kehrt. Viermal zwei und 
natiirlich auch Doktor Huszar, denkt er. Er greift sich an 
den Kragen, nervos, ein unangenehmes, leise mahlendes 
Gefiihl hat er in der Brust. Sie schweigen. Dann fangt Joly 
wieder an zu reden. ,,Eine Woche . . . das ist ja so gut wie 
nichts. Ja, und ich wollte vor allem fragen, ob Sie Sonntag 
iiber acht Tage noch hier sind? dann kommen wir namlich 
zuriick." ,,Ich glaube ja, ich weiB nicht", sagt er zogernd. 
,,Viellcicht reisen wir inzwischen ab, vielleicht bleiben wir 
noch." So. Und nun steigt plotzlich mit sonderbarer, leiser, 
tiefer Stimme cine unerwartete Frage aus Jolys Mund. 
,,Sagen Sie . . . soil ich nicht mitgehen?" Blitzendes Licht 
rlackert in ihm, jetzt -- jetzt bietet sie sich an! darauf 
habe ich gewartet! jetzt die Hand nach ihr ausstrecken, 
sie packen und mit mir nehmen und dann antwortet 
er ein wenig linkisch, ein wenig unbeholfen, mit stocken- 
dem Atem: ,, darauf ist es wirklich schwer -- das konnen 
Sie nur selbst -- das miissen Sie selbst wissen, fuhlen, 
Joly -- 



Mitte der Woche kam cine Postkarte aus Wien: die 
Fotografie von vier jungen Madchen und vier jungen 
Leuten, immer zwei und zwci nebeneinander, an das 

445 



Schiffsgelander gelehnt. Wir haben uns vom Schnellfoto- 
grafen auf dem SchifT aufnehmen lassen, schricb Joly mit 
ihrcr steilen, diinncn Handschrift, und vom Wetter schrieb 
sie, das blendend war, und davon, daB sic morgen die 
Donaufahrt stromab warts beginnen und daB sie hoffe, es 
gehe ihnen gut und sie werde sie Anfang dcr nachsten 
Woche noch in Budapest treffen. Er sieht skh die Karte an. 
Vier frische, hiibsche Madels, vicr sportgestahlte junge 
Burschen. Joly steht am Ende dcr Rcihe, lacht, guckt genau 
in den Apparat. Neben ihr Doktor Huszar mit der Brille, 
in einer Pose von Ungezwungenhcit, ein wenig nach Joly 
zu gebeugt, er steckt sich gerade einc Zigarette an. 
Unsympathischer Bengel . . . ist ja nicht wahr. Er ist ja gar 
nicht unsympathisch. Hat cine intclligente, hohe Stirn, ein 
gut geformtes Gcsicht, klug schimmernde Augen, daran 
erinnert er sich noch von der Begegnung nculich. Pro- 
portionierte, breitschuhrige Gestalt, dcr modcrne 
Sportsmanns-Typ. Arzt ist er. Neben Joly steht er, bcugt 
sich nach ihr hin, und wic wenig wichtig es ist, daB er 
auch auf dem Bild zufailig neben ihr steht, das hebt er 
dadurch hervor, daB er sich gerade cine Zigarette ansteckt, 
als wollte er sagen, diese ganze Fotograficrcrei, dieses 
In-der-Reihe-Stehen ist hochst unwichtig . . . dcr ist 
bestimmt Jolys Freund. Ihr . . . Kamcradschaftsgatte. Das 
wciB Kadar todsicher, wie er das Bild so bctrachtct, und 
plotzlich ubcrkommt ihn cine fahle, driickende Traurigkcit. 
Er gibt Ik die Karte mit den englischen Zeitungen und 
eincm Brief aus London zusammen. Sclbstvcrstandlich. Fort- 
wihrend sind sie zusammen, gchen ins Kino, fahrcn zum 
Weekend, sind unzertrcnnlich . . . und kurz und hart lacht cr 
auf. Ich bctrugc Ila, und Joly betriigt dicscn Doktor Otto 

Huszar jawohl, sic bctriigt ihn. Mit mir betriigt sic 

ihn. BloB ein Wort, nculich, als sie fragtc, mit dcr 
sonderbaren, tiefcn Stimme, die ich noch nic gchort hattc: 
sagen Sie . . . soil ich nicht mitgchcn? das war schon 
cine Untreuc, und als ich ihr dicscn zogcrndcn Quatsch 

446 



antwortcte . . . nein, beleidigt war sie da nicht. Angesehen 
hatte sie ihn, von der Seite, nur einen kurzen Augenblick, 
dann hatte sie ein Weilchen geschwiegen und schlieBlich 
gesagt: das war so eine echte Antwort in Ihrem StiL 
Sie waren weitergegangen, das Gesprach floB langsam ins 
alte Gcleise zuriick; auf dem Apponyi-Platz verabschiedeten 
sie sich, Joly stieg in die Elektrische, er ging ins Hotel und 
dann lla im Sanatorium abholen. Am nachsten oder am 
dritten Tag rief Joly lla an, verabschiedete sich fur eine 
Woche und sagte, ,,ich hoffe, wenn ich zuriickkomme " 
lla tritt aus ihrem Zimmer, in der einen Hand die Bade- 
tasche, in der andern die Fotografie. ,,Naturlich sind wir 
noch hicr", sagt sie, gleichsam die Karte beantwortend ; 
dann reicht sie sie ihm hin: ,,bitte, leg sie weg, wie 
hiibsch sie auf dem Bild ist. Na, bist du ferdg, And? konnen 
wir gehen?" 

Er tat die Fotografie in seine Brieftasche und nahm sie 
nicht mehr heraus. Doktor Huszar indessen verfolgte ihn 
Nacht fur Nacht in seinen Gedanken, bis Joly wieder in 
Budapest war. Wir miiBten abreisen, dachte er in diesen 
Tagen, wir konnten abreisen . . . und schon und umstand- 
lich legte er sich zurecht, wie und wohin sie abreisen konn- 
ten. Aber wie sollen wir denn abreisen, wenn, sagen wir, 
lla Ediths wegen nicht will. Ein Telegramm nach London, 
von dort cine Drahtantwort, ach, Unsinn, wir setzen uns 
einfach in den Zug und fahren nach Sankt Moritz. Budapest 
und Joly und Doktor Huszar und diese ganze wirre Albern- 

heit einfach lassen In diesen Tagen fiihlte er, wie 

lastig, langweilig, dumm und ekelhaft das war, was mit ihm 
verging und im Zusammcnhang damit auch mit dem 
zuruckgestautcn, sprungbereiten, zogernden Kelemen und 
mit dem kcuchenden, schwitzenden Szende und dem 
gewalttiitigen Marton mit der Nasalstimme und mit 
Vavrinec, den er in dieser Woche zum erstenmal traf. 
Vavrinec ging den Donaukai entlang, dicht am Gitter, und 
sah am Hotel hinauf, er stand gerade am Fenster, 

447 



bemerkte die naherkommende Gestalt, das hinaufblickende 
Gesicht und erkannte ihn sofort, nach wenigen Minuten 
kam Vavrinec von der andern Seitc zuriick und sah wiedcr 
hinauf. Vavrinec, dachte cr und wurde rot, fiihltc die Glut 
in den Wangen. Er ging rasch auf den Balkon hinaus und 
sah ihm nach. Da war Vavrinec schon hinter den Strauchern 
der Anlagc verschwunden. Vavrinec . . . dem ich das Ganze 
2u verdanken habe. Einen Augenblick dachte er daran, 
hinunterzugehen; in zwei Minuten kann ich unten sein, 
unmoglich, daB ich ihn nicht einhole. Aber wenn er in ein 
Haus gegangen ist? oder in die StraBenbahn gestiegen? 
oder vielleicht war es gar nicht Vavrinec? Ila rief aus 
dem Sanatorium an und bat ihn, heute fruher heriiber- 
zukommen, Edith mochte gern cine Stunde Bridge spielen. 
Mit der Nachmittagspost kam ein langerer Brief von Scott ; 
in der Times war ein interessanter Artikel iiber die Lage 
der englischen Bauindustrie. Kurz vor sechs verlieB er das 
Hotel, und als er aus der Tiire trat, kam gegeniiber gerade 
wieder Vavrinec. Natiirlich, hier ist er auf und ab spaziert, 
hat auf mich gewartet, darauf gelauert, daB ich heraus- 
komme . . . ,,Vavrinec", sagte er, und sie blieben einander 
gegeniiber stehen. ,,Ich hab dich schon vorhin gesehen, 
auf der andern Seite am Korso. Suchst du mich?" 
,,O, Servus, Kadar", antwortete Vavrinec, hob zogernd die 
Hand und lieB sie dann wieder sinken, weder sein Gesicht 
noch seine Stimme haben sich verandert, ,,nein, ich bin 
ganz zufallig hier vorbeigegangen, seitdem ich nachmittags 
keine Biirostunden habe, komme ich selten in die Stadt." 
,,So, so**, sagt Kddar langsam, ,,naturlich. Du wohnst in 
Altbuda, in dem kleinen Haus mit dem Garten, das wohl 
wieder euer Eigentum ist, seitdem die Kommunc vorbei 
ist." ,,Tatsachlich", Vavrinec reifit die Augen auf, 
,,woher weiBt du das?" ,,Woher?" antwortet er gedehnt, 
,,erinnerst du dich nicht? das wundert mich aber. Du selbst 
hast es mir gesagt, am vierundzwanzigsten Juni neunzehn- 
hundertneunzehn nachmittags." Vavrinec' braunes Gesicht 

448 



wird um einen Schatten bleicher. ,,Wirklich . . . hast du 
aber ein gutes Gedachtnis." ,,O ja, das habe ich." 
Kleine Pause. ,,l)brigens will ich gerade nach Buda, meine 
Frau abholen, aber ein biBchen Zeit habe ich noch, komm 
doch ein Stiickchen mit!" Und wie sie so nebeneinander 
gehen, lafit er gleich seine Stimme auf ihn los: ,,Nun, also, 
wie gehts dir, Vavrinec? wir haben uns ja so lange nicht 
gesehen, erzahl was von dir, von den vergangenen Jahren. 
Wie lebst du? was machst du?" Vavrinec blinzelt ihn arg- 
wohnisch an. ,,Danke", sagt er, ,,es geht mir einigennaBen", 
er wirft dazwischen in freundlichem, lachendem Ton: 
,,so wie den iibrigen armen Leuten, was?" Hinter dem 
argwohnischen Blick blitzt ihn jetzt ein erstaunter Strahl 
aus Vavrinec' Stimme an, als er antwortet. Jawohl . . . wie 
den iibrigen armen Leuten." ,,Aber erzahl doch, was ist 
deine Tatigkeit?" Vavrinec fangt an zu sprechen, seine 
Stimme wird lockerer, und der erstaunte Laut im Hinter- 
grund geht nun in vertrauliches Klagen iiber. ,,Ich lebe 
eben ..." Vavrinec ist Betriebsingenieur in einer groBen 
Maschinenfabrik. Sein eigentliches Fach sind die Explo- 
sionsmotore, in seiner jetzigen Stellung ist er jedoch Unter- 
inspektor in der Kesselwerkstatt. Sein Gehalt? ,,Lieber 
Freund, davon wollen wir lieber nicht reden, wenn ich 
bedenke, daB ich nun schon ins vierunddreiBigste Lebens- 
jahr stapfe . . ." Vavrinec wohnt bei den Eltern in Altbuda. 
Inzwischen hatte er fast geheiratet, da sich indessen die 
Ernennung zu dem in Aussicht gestellten Posten in der 
staatlichen Fahrzeug-Reparatur-Anstalt verspatet hat, haben 
sie die Hochzeit aufgeschoben und schlicfilich immer wieder 
aufgeschoben, bis ,,na, also, so stehts. Mit den Jungens 
bin ich nur sehr selten zusammen. Manchmal gehe ich an 
einem Donnerstag hin ins Cafe. Und sonst . . . nun, man 
lebt cben so still dahin." Er spricht, in seinem Gesicht 
ist etwas Gespanntes, und wenn er zwischen zwei Satzen 
einen Augenblick schweigt, so scheint darin etwas wie 
Anlaufnehmen zu liegen, aber dann spricht er doch nur 

29 KOrmeudi, Budapest 449 



welter von der Fabrik, von der elenden Schinderei in der 
Werkstatt, von dem Leben mit wenig Geld, von dieser 
ganzen verteufelten Plackerei auf der Welt, wenn man 
bloB irgendwie loskommen konnte, raus hier, und zwar, 
solange man noch die Kraft dazu hat, noch nicht ganz zu- 

sammengebrochen 1st Aber als sie wieder vor dem 

Hotel angelangt sind, bleiben sie stehen, Kadar hat den 
FuB schon auf dem Trittbrett, da sagt Vavrinec, vom 
Trambulin kurzen Schweigens in das unbekannte Wasser 
des schweren Wortes springend: ,,weiBt du, Kadar . . . ich 
hatte dir gern noch etwas gesagt, woran ich inzwischen 
sehr oft denken muBte, ein MiBverstandnis, ein Schein, 
damals, als " O natiirlich weiB er, wovon Vavrinec jetzt 
anfangen will. Und da unterbricht er ihn, mit ganz ruhiger 
Stimme und Vavrinec in die Augen sehend, als lese er in 
ihnen: ,,warte mal, Vavrinec. Von mir haben wir ja noch 
gar nicht gesprochen, paB mal auf: ich habe dort unten, 
weiBt du, ein groBes Baugeschaft, ein weltbekanntes, 
bedeutendes Unternehmen. Zweiundzwanzig Angestellte 
arbeiten in meinem Biiro, nur in der Zentrale, und sechs 
Ingenieure, und noch ein siebenter, der Spezialist in 
Explosionsmotoren ist, denn ich habe vierundzwanzig 
Lastautos . . . und . . . ja, und Hunderten von Menschen 
gebe ich in meinen Geschaften Brot. Vierundzwanzig Last- 
autos habe ich ... und ein groBes Vermogen, ich konnte 
dir sagen, ich besitze zwei Millionen Pfund oder drei oder 
zehn Millionen, du weiBt ja sowieso nicht, wieviel das ist, 
aber in Wirklichkeit habe ich nur cine Million Pfund, etwas 
mehr . . . bloB ein paar Millionen Pengo mehr, aber egal, 
du verstehst das ja doch nicht. Es gibt zwar dort unten noch 
weit groBere Vermogen, aber auch das zahlt schon als 
ernstlicher Reichtum, ein Kapitalist bin ich, ein GroB- 
kapitalist . . . ja, und was wollte ich noch gleich sagen? 
ach ja, danke schon, Vavrinec, daB du mich hast verpriigeln 
und die Treppe hinunterwerfen und aus der Hochschule 
jagen lassen . . , dcnn sonst ware ich vielleicht auch Bctriebs- 

450 



ingenieur in Budapest geworden", zwischendurch macht 
er die Wagentiire auf; schon sitzt er am Steuer, ,,aber 
nichts von Schein, nichts von MiBverstandnis, denk nur ja 
nicht, daB ich dir bose sei, im Gegenteil, dankbar bin ich 
dir ..." der Motor springt an, bleibt aber wieder stehen; 
sofort setzt er ihn von neuem in Gang, ,,ein biBchen 
schwer springt der an, der Akkumulator scheint schon 
schwach zu sein, ein gemieteter Wagen, aber eigentlich 
ganz gut, zu Hause habe ich einen Cadillac . . . na, leb wohl, 
Vavrinec", er winkt aus dem Wagen und fahrt im Schritt 
ab. Innerlich lacht er. Ganz gelb war sein Gesicht, und 
seine Augenlider haben gezittert. Vavrinec. Ich bin ihm 
nicht bose. Wirklich, ihm habe ich doch . . . das Ganze zu 
verdanken. Das Ganze, auch Joly. 



Diese Woche verging; natiirlich reisten sie nicht ab. 
Uberhaupt war von der Abreise nicht mehr die Rede, bis 
Ila in der ersten Augustwoche mit Edith Simmons in die 
Schweiz fuhr. Wenige Tage vor Has Abreise war die 
Geschichte mit Joly auf dem Johannesberg. Mit Joly gab 
es in den letzten Wochen, bei den letzten Begegnungen 
Geschichten, so kleine Sachen, geringfugige, unbedeu- 
tende Zwischenfalle, iiber die man indessen immerhin nach- 
denken mufite, na . . . muBte? man konnte iiber sie 
nachdenken. Er war unterwegs, um Joly zu treffen, da 
stieB er auf der StraBe zufallig auf Amman, Amman 
begleitete ihn und wollte ihn kaum wieder loslassen, er 
war also gezwungen, einen Umweg durch mehrere StraBen 
zu machen, dann blieb er vor einem wildfremden Haus 
stehen und verabschiedete sich plotzlich von Amman. 
,,Ich habe mich nicht verspatet", sagte Joly, als sie sich 
trafen; mehr sprach sie zwar dann nicht da von, aber 
immerhin, das war die Sache mit der Verspatung. Einmal 
im Gesprach fragte er sie, was dieser Doktor Huszar 

W 451 



eigentlich fur eine Existenz sei. ,,Huszar ist ein Kamerad 
von mir aus der Kindheit, ein richtiger, treuer Freund", 
sagte Joly mit raschen Worten, ,,Sie brauchen absolut nicht 
spottisch iiber ihn zu reden." Das war die Sache mit 
Huszar. Und noch zehn ahnliche Sachen gab es, ahnliche 

Geschichten, winzige kleine wirklich, es ware schade 

gewesen, sich eingehender mit ihnen zu beschaftigen. Die 
Sache mit dem BlumenstrauB war etwas komplizierter, 
strahlendweiBe Rosen hatte er Joly geschickt, anonym, 
ohne ein Wort dazu zu schreiben. ,,Sie haben mir die 
Blumen geschickt", sagte Joly, als sie sich das nachste Mai 
trafen, ,,und ich mochte Ihnen zwei Dinge sagen." 
,,Bitte." ,,Erstens schickt man Blumen nicht anonym, 
hochstens mal im Scherz, aber Sie sind kein so scherzhafter 
Mensch, und ich bin es auch nicht. Zweitens: weiB Ila 
etwas davon?" Bei dieser Frage machte er groBe Augen. 
,,WeiB Ila davon?" wiederholte Joly. ,,Nein", antwortete 
er, ,,aber Ila weiB auch davon nichts, daB wir uns zu treffen 
pfiegen." ,,Pflegen? wir pflegen uns nicht zu treffen", 
sagte Joly und verzog den Mund. ,,Wir treffen uns manch- 
mal zufallig. Zufallig Blumen schicken kann man aber 
nicht." ,,Soll ich also keine mehr schicken?" Ano- 
nym auf keinen Fall." ,,Und sollen wir uns auch nicht 
mehr treffen?" Joly schwicg, dann sagte sie leise: ,,sehen 
Sie, wenn ich Sie ware, dann wiirde ich jetzt antworten", 
sie imitiert ein wenig seine Stimme, ,,darauf ist es mir 

wirklich sehr schwer das miissen Sie selbst fiihlen . . . 

aber ich antworte Ihnen nur, ich mochte mich sehr gern 
manchmal mit Ihnen treffen". Einmal fiel ein sonder- 
bares, gefahrliches Wort zwischen ihnen auf einem Spazier- 
gang am friihen Abend: ,, sagen Sie bloB", spricht Joly 
plotzlich, ,,ich wollte Sie schon oft fragen, aber hatte bis 
jetzt doch nicht ..." ,,Nun, sagen Sie, was haben Sie 
nicht gewagt zu fragen?" ,,Es handclt sich nicht um 
Wagen oder Nichtwagen", sagte Joly. ,,Ich mochte gern 
wissen, wie Sie sich gefunden haben, Sie und Ihre Frau?" 

45* 



Er antwortet nicht gleich, und Joly fahrt fort: 5 ,dariiber 
denken Sic nach? dann werden Sic mir keine Antwort 
gebcn, das weiB ich schon, denn Manner antworten ent- 
weder gleich auf eine solche Frage oder iiberhaupt nicht, 
entweder gehen sie dariiber hinweg, oder sie sagen nicht 
die Wahrheit . . ." ,,Sie haben mich ja unterbrochen", ant- 
wortet er. ,,Sie konnen doch nicht wissen, ob ich iiberhaupt 
antworten wollte oder was ich geantwortet hatte." 
,,Sehen Sie?" sagt Joly, ,,also Sie geben keine Antwort." 
Einen Augenblick schweigen sie. ,,Ihre Frau ist Ungarin", 
fangt sie dann wieder an. ,,Manchmal denke ich dariiber 
nach, wo Sie wohl zusammengekommen sein mogen. Wer 

sie als Madchen war. Was sie gemacht hat, bis sie Sie " 

wieder schweigt sie. ,,Und warum interessiert Sie das?" 
fragt er unsicher. Joly sieht ihn an. ,,Sie wissen genau, wer 
ich bin", sagt sie leise, ,,und ich mochte wissen, wer Ila 
war." Er antwortet nicht, sie schweigen, dann sagt Joly, 
,,na gut", und dann sprechen sie von etwas anderm. Das 
waren winzige kleine Stationen auf der steilen Drahtseil- 
bahn, nachher konnte er weiter rutschen und sausen, 
abwarts. Ja, also die Johannesberg-Sache. Das war ihr 
letzter Ausflug zu viert, an einem warmen, zauberhaften 
Sonntagabend. Sie afien oben auf dem Berg zu Abend, Ila 
hatte Durst auf Sekt, und sie tranken ziemlich viel. Nach 
Mitternacht begaben sie sich zu FuB auf den Heimweg; 
den Wagen fuhr der Schoffor des Gastwirts im Schritt 
ungefahr hundert Meter vor ihnen her. Ila und Kelemen 
gingen vorn; gelbe Gliihbirnen in grofien Abstanden ver- 
tieftcn die Dunkelheit auf dem Weg. Plotzlich blieb er 
stehen, in einem kleinen Schwindel, der ihn plotzlich befal- 
len hatte unter dem lauen Himmel und den Sternen, und im 
Takt mit seinem Stutzen blieb auch Joly stehen; da griff cr 
mit verwegener Hand nach inn, zog sie naher zu sich heran, 
aber Joly stemmte ihre beiden kleinen harten Faustc gegen 
seine Brust, ein unendlicher kcuchender Augenblick, 
>,Joly, ich licbe Siel" und ein kurzes kaltes Zischen, 

453 



,,lassen Sic mich los!" Joly, ich liebc Sie wahnsinnig 

und " und die fliisterndc Stimme vor seinem Gesicht, 

in so furchterlicher Nahe: ,,passen Sie auf, lassen Sic mich 
los, sonst ..." Seine Arme wcnden Kraft an: die beiden 
kleinen Fauste klappen plotzlich zuriick, an seiner Brust 
fiihlt er den mageren, sich gegenstemmenden kleinen Kor- 
per, mit vertrocknetem Mund sucht er den gesenkten Kopf, 
seine Lippen brennen auf ihrem Haar, ihrer Stirn, ihren 
Wangcn, und dann greift er mit derber Hand nach ihrem 
Kinn, reiBt ihren Kopf gewaltsam hoch, und sein Mund 
fallt auf Jolys kalte, starre, zusammengepreBte Lippen. 
Nun la'Bt ihre Gegenwehr nach, leicht liegt der schmale 
Korper in seinem Arm, die beiden kleinen Hande ruhen 
offen, erschopft auf seiner Brust, die Augen hat sic miide, 
zerqualt halb geschlossen, nur ihr Mund, ein blutiger 
Streifen, ihr Mund ist zusammengepreBt und kalt. Da 
laBt er sie los. Wortlos gehcn sic hinter den beiden fernen 
Schatten her, nach einer langen Weile fangt Joly an zu 
sprechen. ,,Sind Sie nun gliicklich?" sagt sie gleichsam vor 
sich hin mit mattem, bitterem, spottischem, herausfordern- 
dem Ton. ,,Sind Sie jetzt gliicklich? ja? au . . . mir tun die 

Handgelenke weh " Er antwortet nicht; sie schweigcn. 

Wieder beginnt Joly, mit gedampfter Stimme: ,,Das hat 
doch keinen Sinn . . . groBe Worte . . . gar nicht wahr, es 
hat wirklich keinen Sinn " Ein ersticktes, tiefes Brummen 
dringt aus seinem Mund, ,,keinen Sinn?! Joly, ich liebe 
dich, und ich will dich haben, und . . ." Jawohl, ich will 
dich haben", sagt Joly leise mit erstaunlicher Ruhe, ,,ich 

will dich haben, ich weiB, ich weiB. Und dann jetzt 

hab ich dich gehabt, genug, danke schon. Geld bieten Sie 
mir nicht an?" sagt sie und bleibt stchen und blitzt ihm mit 
dem griinlich-blauen Strahl in die Augen. Mehr sprachen 
sie dann nicht, bis sie am Ende des Wcges die beiden 
andern und den Wagen crreicht hatten. Auf der Heimfahrt 
saB cr bis zum Wcstbahnhof ncben dem frcmden Schoffor, 
die andern drei hinten. Als Joly und Kelcmen vor dem 

454 



Haus auf detn Ring ausstiegcn, sah er, daB Joly Rander 
unter den Augcn hatte, und fiihlte, daB ihre Hand kalt war. 
Jetzt war aber alles zu Ende, jetzt war er schon ganz 
unten im Abgrund ; jetzt gab es nichts anderes mehr als das 
eine: ich liebe dich, und ich will dich haben. Ila und Edith 
fuhren nach Montreux, der Plan entstand in Zeit von 
halben Stunden, und am nachsten Tage waren die Fahr- 
karten schon besorgt, Ila fragte ihn, ob er mitfiihre, und 
nahm zur Kenntnis, daB er hier bliebe, ,,diese Sache da, 
die mich noch immer beschaftigt kt Sie horte seiner 
Begriindung nicht einmal rccht zu, an ihren Augen sah er: 
sic wciB, daB ich nicht mitfahre. ,,Eigentlich ist mir das 
ganz recht so", sagte sie, ,,Edith ist ja noch nicht ganz auf 
dem Posten, und wenn ich die Reise ihr zuliebe mache, 
dann ist es besser, wenn ich nicht gebunden bin", in 

diesem Satz lag eine kleine Betonung, die gleichsam 

er bemerkte es und kiimmerte sich nicht darum. Sie ver- 
abredeten, wochentlich einmal telefonisch miteinander zu 
sprechen, ferner, daB Ila auf jeden Fall mit Edith zusammen 
nach Budapest zuriickkommen sollte. Er und Simmons 
brachten die Damen an die Bahn, sie kuBten sich, ,,auf 
Wiedersehen, Kind", dann fuhr er Simmons in die Burg 
und raste zuriick in die Stadt, Joly ist um fiinf herum in 
der Andrassy-StraBe. Ich liebe dich, und ich will dich 
haben, nun folgten elf Wochen in einem einzigen Tau- 
mel, in einem einzigen wirren, wilden, sinnlosen Traum, 
elf Wochen, bis Ik zuriickkam, um dann von Budapest 
Abschied zu nehmen. Nur daran, daB Ik irgendwoher an- 
rief, nahm er wahr, daB wieder eine Woche von diesen 
Tagen der Zeitlosigkeit vergangen war. Das erste Mai 
telefonierte sie aus Montreux, dann aus Genf, dann aus 
Venedig, dann aus Padua, dann aus Rom. ,,Ein Traum ist 
dicse Reise", sagte Ik, ,,einfach gottlich ... es tut mir so 
leid, daB du nicht hier bist." Und Edith ginge es schon 
ganz gut. Und was es Neues ga'be in Budapest? Nichts von 
Belang.Scham wurgte ihn, als er sagte: nichts von Belong. 

455 



Und Ik fragte nicht welter, spater fragte sic dann nicht 
elnmal mchr, was gibt es Neues in Budapest? ,,Rom 1st 
unbeschreiblich schon . . . wie schade, daB du nicht hier 
bist. Bei einem groBen Turnfest waren wir, Mussolini habe 
ich gesehen, auch sprechen gehort, cine eigenartige, auBer- 
gewohnliche Erscheinung. Auf der Gesandtschaft sind wir 
mit Grand! bekannt geworden und noch mit einer Menge 
faschistischer Politiker. Nachste Woche fahren wir wahr- 
scheinlich nach Sizilien " Eines Nachts schreckte er auf, 
setzte sich auf im Bett, sein Korper zitterte in eisiger Angst. 
Entfrcmden wir uns ? fragte er laut ins Dunkel, entfremden 

wir uns? Leben wir uns auseinander? wegen dieser 

wegcn dieser nein, kein boses Wort I auch nicht 

einen einzigen schlechten Ton! Budapest und Joly; an- 
scheinend muBte das sein, und beides ist vorbei, Joly und 
Budapest, das Abenteuer die Versuchung in Budapest. 
Aber kein Wort, keinen Ton Ein wirrer Traum mit 
schlechtem Nachgeschmack waren diese elf Wochen, ein 
Traum, in dem er sein ganzes vergangenes Leben durch- 
machte und das Ende der Zeiten; in dem er an alie jenc 
aufierste Gemeinheit und Giite leicht riihrte, die gewesen 
war und noch kommen konnte; in dem cr sich durch- 
diese schone, peinigende Liebe bis zum Alpdruck hin- 
durchqualte, dann wachte er auf, das Herzklopfen 
verging langsam, er rieb sich die Augcn, seufzte, und das 
Ganze war vorbei. 

Eine halbe Stunde nach lias Abreise spazierte er schon 
mit Joly durch die StraBen. ,,Ist sic abgefahren?" fragte 
Joly. ,,Jawohl." ,,Und Sic? warum sind Sie nicht mit- 
gefahren?" ,,Das wissen Sie doch sehr gut", antwortete 
cr. ,,Kcin Grund", sagtc Joly kalt. Kein Grund. Jetzt 

packe ich sic und . . . wiirge ihr die Kehle ,,Ich liebc 

Sie", sagte cr. ,,Danke", sagte Joly, ,,ich weiB. Ich licbe Sie, 
ich will Sic habcn, wcitcr brauchcn Sie nichts zu sagen." 
Er sah Joly an und muBtc licheln. ,,Kleine Bestic", sagtc 
cr nett. ,,Ich wciB", antwortete Joly, ,,das gehort auch zu 



dcm Ichliebedich-Ichwilldichhaben." ,,Warum sind Sie 
dann mit mir zusammen?! warum kommen Sie, wcnn ich 
Sie rufe? was wollen Sie von mir?!" brummte er sie an. 
,,Ich kann ja auch weggehen", sagte Joly und machte zwei 
groBe Schritte vorwarts, aber dann ging sie doch nicht . 
Er hatte gedacht, jetzt wiirde er Joly taglich sehen. Die 
hungrige liimmelhafte Gier des alleingekssenen frei- 
gewordenen Kindes packte ihn, das Zusammensein, 
das fortwahrend wiederholte Wort und die Tage werden 

ihren Widerstand schon brechen und gleich nachher: 

traf er sie fiinf oder sechs Tage nicht. Joly rief ihn nicht an; 
am dritten Tage schickte er ihr eine Visitenkarte, auf der er 
sie um ihren Anruf bat, sie telefonierte nicht, am 
funften Tag, nach Tisch, klingelte er auf der dritten Etage 
an der Wohnungstur; ein schlampiges Dienstmadchen 
offnete und lieB ihn nicht iiber die Schwelle: ,,die gnadige 
Frau schlaft", sagte sie, ,,und das Fraulein, die ist nicht zu 
Hause." VerdrieBlich stieg er die dunkle Treppe hinunter, 
Joly rief auch am nachsten Tag nicht an. Was kann ich tun? 
ihr noch einmal schreiben? mich vors Haus stellen und das 
Tor nicht aus den Augen lassen? Jawohl, aber mit einem 
Revolver in der Hand . . . denn er hatte sich ganz verbissen 
in die Sache. Er brannte lichterloh. Mein Gott, wie schon 

das war. Jung sein und er dachte an Tilly. Dann fuhlte 

er, das war furchterlich, dieser Wahnsinn. Dreiunddreifiig 
Jahre werde ich alt ... Ich kann mir das erlauben! dachte 
cr dann trotzig, voll Wut. Wenn ich will, bin ich wieder 
zwanzig! Ich werde sie bezwingen, kaufen werde ich sie 

mir Und Joly spielte mit ihm, Joly war starker als er. 

Kein Wunder: er war ja schon ganz unten und hatte den 
Kontakt mit sich selbst verloren. Was war das? v6llige 
Ergebung? volliges Ausgeliefertsein? Und dann kam auch 
das, daB er nicht mehr wollte, sich nur noch sehnte, nicht 
mehr forderte, nur noch bettelte. Wirklich . . . das bin ich? 
Mutig trete ich an die Hindernisse heran oder werde zufallig 
hingetrieben, und dann . . . bettle ich mich iiber sie hinweg? 

457 



Ja, da war die Sachc ins Kippen gekommen, daB cr sich 
sein ganzcs Lebcn lang von Mcnschcn oder Dingcn hattc 
trcibcn lassen, und der Strom hattc ihn vor den Hindcr- 
nissen zuriickgeworfen, oder mit dem Strom hatte er die 
Felsen umschwommen und war so weitergetrieben, 
dem Geld entgcgen. Und hier? jetzt? hier war er allein, 
das zweischneidige Schwert seines Geldes in der Hand, 
urn sich herum die tausend lugnerischen Fackeln gieriger 
Huldigung und eine vcrzerrte Sehnsucht in der Brust, 
und gegeniiber steht ihm eine Frau mit den unzahligen 
Waffen ihrcr Weiblichkeit in jenem kurzen, kalten und 
dennoch nicht das letzte Wort ahnenlassenden Nein auf 
den schmalen Lippen und sicherlich mit einer zitternden 
Aufregung im Herzen, die sich selbst aufgab, die um den 
groBen Gewinn spielte genau wie einst er selbst, jawohl, 
einst war auch mein Einsatz nicht weniger als mein Leben, 
und der Preis? der Preis war bloB, daB ich es viellcicht 

ertragen werde, wenn ich nicht gewinne Will sic viel? 

dachte er einmal mit gemeinem, kaltem Zynismus, gut, von 

dem Vielen, das alles mein ist, werde ich ihr viel geben 

Kelemen meldete sich, er fuhr ihn geradezu an: ,,wo 
ist Joly?" Kelemen nahm mit einem feinen Lacheln, das 
Verstandnis fuhlen lieB, diese stiirmische, aller Vorsichtig- 
keit bare Nachfrage zur Kenntnis und verabredete die 
Zusammenkunft fur morgen abend in einem Ton, als wolltc 
er sagen : sei beruhigt, ich verstehe die Sache, ich werde dir 
Joly liefern. Kuppler, dachte er, das beste ware, offen mit 
ihm zu reden, ihm Geld anzubieten, und dann gebot er 
entsetzt dem Gedanken Einhalt: bin ich krank? habe ich 
mein klares Urteilsvermogen vcrloren? Am nachsten 
Abend horte er mit demselben Stutzen Jolys kiihle, ab- 
wesende Stimme: ,,ja, Ihre Karte habe ich bckommen, ich 
weiB auch, daB Sie nach mir gefragt haben in der Wohnung, 
das Madchen hat es mir gesagt, ich konntc mir denken, daB 
Sie der Herr warcn, aber ich hatte allerhand zu tun und war 
auch zu nichts recht aufgclegt." Argwohnisch beobachtete 

458 



er sie. Sic liigt, dachte cr, sic liigt, wenn sie spricht, und sic 

liigt, wenn sic schweigt, wenn sie etwas verschwcigt 

Spater trafen sie sich dann haufig, und der Tag bestand 
daraus, daB er einige Stunden mit Joly zusammen war, mit 
ihr durch die Stadt spazierte oder durch die Gassen Budas 
oder iiber die friihherbstliche Insel, dann blieb er wieder 
allein, das zuletzt verklungene zweifelhafte, ungewisse Wort 
im Kopf, und lauerte gequalt auf die nachste Begegnung. 
Er lag in seinem Zimmer, lungerte auf der StraBc, unterhielt 
sich mit den noch immer schniiffelnden Hungerleidern und 
dachte an nichts anderes als an Joly. GroBer Gott . . . 
gehorig vcrgiftet bin ich. GroBer Gott, dachte cr ein- 
mal in banglich kindischem Schmollen, warum bist 
du weggefahren, warum hast du mich hier allein ge- 
lassen? Er kampfte mit Phantasmagorien, bastelte mit 
Unwirklichkeiten herum. Ich werde ihr Geld geben. Ich 
bringe sie nach Paris und besuche sie jedes Jahr in Paris. 
Viel Geld gebe ich ihr, damit sie mir treu bleibt ! Er lachte 
benebelt. Blodsinn. Ich nehme sie mit nach Port Elizabeth. 

Stelle sie als Sekretarin an Quatsch. Ich hole sie alle 

beide riiber, ihren Bruder auch, dann sind sie eben aus- 
gewandert, wen geht das was an? Sie konnen doch aus- 
wandcrn, wenns ihnen paBt, konnen sich niederlassen, wo 
sie wollen, niemand braucht davon zu wissen, sie werden 
in Grahamstown oder in East-London leben, niemanden 
gehts was an. Ik wird es nicht erfahren, und wenn sie 

es erfahrt Jetzt war er schon so weit gesunken, daB 

sich das Problem nicht mehr darum drehte: soil ich es tun? 
sondern : wenn sie es erfahrt . . . und das war das Schwerste 
in diesem anarchischen Gewoge zwischen Betrug und 
Trcue, zwischen der Realitat Ila und der Fiktion Joly. 
Nach Johannesburg bringe ich sie, jeden Monat fahre ich 
dann hin zu ihr, in Johannesburg kann ich ja bauen, von 

Inge hat Ila ja auch nichts erfahren Und dann durch- 

zuckte ihn einmal die Frage: wie lange wird das dauern? 
wird das ewig dauern? ewig, ewig, duxnmes Wort, 

459 



ich wcrdc fur sic sorgcn, und wcnn wir uns iiber haben . . . 
Uns iiber haben? so weit sind wir ja noch lange nicht, 
vorlaufig sind wir ja erst beim Nein und Nein und Nein 
Er war unten, ganz tief unten. Kclemen sagte er Dummhei- 
ten, gemeine Dummheiten. Von Port Elizabeth erzahlte er 
ihm. Vom Geld. Von den Moglichkeiten. Von seinem 
Wohlwollen, mit dem er jemandem, den er fur geeignet 

halt, so vorwartshelfen konne das alles gait Joly. 

Eine erbarmliche, bequeme Botschaft. Uber den Kuppler . 
Damals lungerte Kelemen schon stellungslos herum, er 
wuBte nicht ganz bestimmt, ob er cntlassen worden war 
oder ob er selber seinen Schreibtisch aufgegeben hatte im 
Taumel; Kelemen sprach damals noch, in Liigen verwickelr, 
nicht kkr dariiber, und fest stand nur, daB er keine Tatigkeit 
hatte. Er kam jetzt oft zu Kadar, taglich meldete er 
sich telefonisch, bat ihn aber noch immer um nichts. Die 
iibrigen? die mit ihren Geschaften? zwischendurch meldete 
sich dieser und jener mit kleinen Versuchen, mit Tolpcl- 
haftigkeiten, die einem ein Lacheln abzwangen; sie kamen, 
sic blieben aus, sie kehrten wieder. Er horte ihnen zu, mit 
ernstem, interessiertcm Gesicht. Er stocherte in den An- 
gelegenheiten herum, ich weiB noch nicht, ich will mal 
sehen, vielleicht . . . und immer haufigcr schrecktc er zu- 
sammen iiber die haarstraubende Dummheit dieser An- 
gelegenheiten, iiber seine eigene peinliche, lacherlichc 
Unernsthaftigkeit, ich stelle mich ja einfach als Idioten 
bin . . . vor diesen Leuten, mit denen ich mich iibcrhaupt 
nicht einlassen diirfte, die ich durch den Hausdiener raus- 

werfen lassen miiBte was ist denn? ich habe ja keine 

Vorwande mehr notig, brauche keine Zeit mehr zu gewin- 
nen . . . was ist denn? rache ich mich an ihnen fur das, was 
Joly mit mir macht? was ist denn? bin ich ein Sadist 
geworden? ich hetze sie hinein, quale sic, machc ihnen 
Mut, rege sie auf ... da ich doch weiB, daB ich eines Tages 

dicsc ganzc Geschichte Szende meldete sich noch in 

erbitterter Hartnackigkeit, Mirton war schon ausgcblieben, 



Kelemen hatte tiefe Runzeln in der Stirn, wenn hie und da 
von jenen andern ein Wort fiel. ,,Ich mahne dich zur Vor- 
sicht", entschloB Kelemen sich einmal zum Warnruf, aber 
er unterbrach ihn sofort: ,,Vorsicht?" sagte er fast veracht- 
lich, undankbar, ,,glaubst du etwa, ich durchschaue die 
nicht? ich wisse nicht, was sie wollen? Ochsen sind sie . . ." 
Ochsen, allesamt, auch Varga, denn auch Varga, der 
reiche, der vornehme Varga, hatte sich gemeldet. Im Speise- 
saal des Hotels trafen sie sich. Aus Varga war ein etwas 
kahlkopfiger, etwas dicklicher, sehr eleganter, ansehnlicher 
Herr geworden, die Verkorperung des erbansassigen, wohl- 
verstandenen und richtig gehandhabten Wohistandes. Die 
groBe, runde Brille trug er noch. Er blieb vor seinem Tisch 
stehen, senkte den Kopf ein wenig und wendete ihn nach 
links, ,,oh, Kadar, nicht wahr? . . . das ist aber ein sym- 
pathischer Zufall. Allerdings, offen gesagt, war ich der 
Meinung, als ich kiirzlich horte, daB du in Budapest bist, 
wir brauchten diese Begegnung nicht dem Zufall zu iiber- 
lassen, ich dachte, du wiirdest mich besuchen ... na, ich 
will nicht rekriminieren, gestattest du? nur fur einen 
Augenblick, bis meine auslandischen Gaste kommen", und 
er setzte sich. ,,Ich freue mich wirklich iiber die auBer- 
ordentlich gute Meinung, die unsere hiesigen Bekannten 
sowie unsere namhaften Beziehungen in London iiber dich 
auBern. Wie ich hore, warest du eventuell auch geneigt, 
eine gewisse Tatigkeit in Ungarn zu den Kontakt mit 
dem ungarischen Wirtschaftsleben aufzunehmen, angeblich. 
In dieser Hinsicht hake ich es nun vor alien Dingen fur 
meine Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen, dir deine 
zukiinftigen Partner mit der notigen Vorsicht und Strenge 
auszuwahlcn, das ist doch natiirlich. Unser Haus indessen 
wird dir herzlich gern zur Verfiigung stehen bei der Ab- 
wicklung der Finanzangelegenheiten. Ich rechne darauf, daB 
du mich bei Gelegenheit in meinem Biiro aufsuchst, ah, 
da sind meine franzosischen Herren . . . also nochmals, ich 
habe mich wirklich sehr, ganz besonders gefrcut, dich nach 

461 



so langer Zeit " Ja, antwortete er, gewiB werde cr ihn 

aufsuchen, wenn er tatsachlich hier etwas machen sollte, er 
wisse ja sehr genau, wie wichtig es sei, in alien Teilen der 
Welt gute Beziehungen zu haben. Wenn es iiberhaupt zu 
einem AbschluB der geplanten Geschafte kommen sollte, 
wiirde er wahrscheinlich auf Grund seines liebenswiirdigen 
Anerbietens mit seinem Haus in Verbindung treten, wenn 
auch vielleicht nur in Form einer kleineren Geldeinlage, 
wenn auch nur in Hohe von zehn Shilling, was zwar 

nicht gerade viel sei, aber manchmal doch den Anfang 

einer angenehmen Verbindung darstellen konne . . . Vargas 
Gesicht wird um einen kaum merklichen Schatten roter, 
durch die Brille schlagt ein kurzer, diisterer Blitz, aber seine 
Stimme ist unverandert korrekt, fast sogar freundschaftlich 
heiter. Tatsachlich, manchmal entwachsen die groBen Be- 
ziehungen aus den geringfiigigsten Dingen, und wenn man 
die zehn Shilling, sagen wir, als Grundstein betrachtet oder 

als Symbol, sagen wir Kadar ist schlecht gelaunt. 

Nichts von Genugtuung spurt er bei dem Sichducken Var- 
gas, bei der geschaftsmaBig vorsichtigen, ho f lichen und 
vielleicht ein wenig verachtlichen Abwehr seiner Provo- 
kation. Geschmacklos war das. SchlieBlich . . hat er es ja 

damals mit den zehn Shilling nicht schlecht gemeint 

bloB er hatte eben mehr gefordert. Genau so ... wie jetzt. 
Von Kelemen. Und von Joly. An der alles steckenblicb. 
An Joly Kelemen, die ganz einfach nicht seine Geliebte 
werden wollte. Er schnitt sich ins Innere mit brennenden 
Fragen in brennenden Nachten. Liebt sic mich nicht? liebt 
sie einen andern? will sic Geld? was will sic? sic kann 

alles haben, was sie nur will Er wurde grob. Mit 

schmutzigen Worten beschimpfte cr sic im stilien, mit 
crniedrigenden Ausdriicken setzte cr sic herab, und 
dann heulte er innerlich schluchzend in qualvoller Sehn- 
sucht nach ihr. Albern war er, taktlos, lacherlich war er. 
Er sprach von seinem Geld und davon, daB er sie mit- 
nehmen und cine groBe Dame aus ihr machen wolle. ,,Ich 

462 



verstehe mich selbst nicht", sagte Joly, ,,wenn ein anderer 
so zu mir sprechen wiirde, dann hatte ich ihm schon langst 
den Riicken gekehrt." Er bettelte. ,,Ich kann nicht ohne 
Sie leben. Sehen Sie mich doch an, ich verkomme ja, ich 
gehe dariiber zugrunde, wenn Sie mir nicht angehoren wol- 

len. Haben Sie denn keine Angst, daB ich Sie und mich " 

Er zitterte, um ihren Arm beriihren zu konnen. Pfui. Er 
verabscheute sich selbst. ,,Primanerangelegenheit . . . drei- 
unddreiBig Jahre werde ich." Joly lachelte, ein wenig 
erstaunt. ,,So darf ein ernsthafter, erwachsener Mann nicht 
sprechen . . . nein, verstehen Sie, nein." Dann drohte er. 
,,Ich reise sofort ab und komme nie mehr ..." ,,Ich kann 
Sie nicht zuriickhalten", sagte Joly ruhig. ,,Bin ich Ihnen 
zuwider? sagen Sie, hassen Sie mich?" fragte er sie hundert- 
mal. ,,Darauf gebe ich keine Antwort", erwiderte sie. ,,So? 
danke schon, das geniigt, nun weiB ich alles." ,,Was 
wissen Sie?" ,,Da6 ich Ihnen zuwider bin, daB Sie mich 
hassen", sagt er, ,,nicht wahr, so ist es doch?!" ,Jch 
gebe keine Antwort . . ." 



Es war Herbst; Ila rief aus Rom an, ,,vielleicht treten 
wir schon Mitte nachster Woche die Riickreise an, Anfang 
der darauffolgenden Woche sind wir aber ganz bestimmt 
wieder in Budapest. Was gibts Neues?" das hatte sie 
seit Wochen nicht gefragt. ,,Nichts . . ." ,,Die geschaft- 
lichen Angelegenheiten?" ,,Nichts Besonderes, ich 
glaube kaum, daB etwas daraus wird." ,,So. Was machen 
Kelemens? Joly?" ,,Nichts Besonderes . . . hie und da 
bin ich mit ihnen zusammen." In den letzten Wochen war 
schon alles verworren. Er hatte kein einziges sicheres 
Gefiihl mehr: von Minute zu Minute, von Gcdanken zu 
Gedanken wechselten seine Affekte. Wiirgende Wut raste 
und wilder HaB flammte in ihm, und dann kammte die 
bettelndc Demiitigung alles glatt. Er lachte sich selbst aus. 
Er bcmitleidete sich. Er war am SuBersten Ende der Dinge 

463 



angekommen. Er war ein Hanswurst. Das ist . . . der Preis 
fur die Ruhe von funfzehn Jahren, fur das l)ber-den-Dingen- 
Stehen von anderthalb Jahrzehnten. An einem klaren, lauen 
Sonntagvormittag Ende Oktober fuhren sie auf den Gellert- 
berg; auch Kelemen war dabei. Kadars Hand zitterte am 
Steuerrad, an einer Kurve iiberfuhr er fast ein Arm in Arm 
schreitendes Paar. Sie standcn oben ans Eisengitter gelehnt 
und blickten auf die Stadt. Der Himmel war herbstlich hell- 
blau im Sonnenlicht. Miide, tiefe Traurigkeit ergrifF ihn. 
,,Wir fahren bald nach Hause", sagte er plotzlich. Kelemen 
sieht ihn an und sieht Joly an. Joly laBt zerstreut das 
groBe Fernglas von den Augen sinken. ,,Was ist das da 
hinten, das Gebaude mit dem griinen Dach", zeigt sie hin- 
unter, ,,dort hinten rechts . . . ich kanns nicht erkennen." 
Ein Weilchen bleiben sie noch, dann gehen sie aufs Auto 
zu. Kelemen geht vor und bleibt als erster neben dem 
Wagen stehen. Joly ist ein paar Schritte vor Kadar. Braune 
Schuhe mit flachen Absatzen hat sie an, Sportschuhe. Als 
sie den Wagen erreicht, offnet Kelemen die Tiir, und es 
sieht aus, als sagte er ctwas, ein wenig zu Joly gebeugt; 
sein Mund bewegt sich, aber die Stimme hort man nicht. 
,,Was?" sagt Joly laut und scharf, ,,was hast du gesagt?" 
Kelemen dreht sich um, inzwischen ist Kadar auch am 
Auto angekommen, ,,ich hab gefragt, wo du sitzen 
willst", sagt er, wartet aber keine Antwort ab und setzt sich 
hinten auf den Hauptsitz. ,,Es ist ziemlich kiihl", sagt Joly, 
,,ich hatte einen Mantel mitnehmen sollen." Kelemen 
schweigt, nur als sie aussteigen, sagt cr zweimal laut und 
eifrig: ,,auf Wiedersehen." Am folgendcn Tag ruft Joly 
an. Sie habe einen freien Nachmittag, ob cr mit ihr ins 
Kino gehen wolle? ,,Gut", sagt er langsam in den Apparat, 
,,das konnen wir tun.*' ,,Das konnen wir tun? . . . dann 
nicht, wenn wirs bloB tun konnen." Selbstverstandlich 
gingen sic doch. Im Kino fragt Joly: ,,nun, wann rciscn 
Sic?" ,,Ich weiB noch nicht gcnau." ,,Und mussen 
Sie?" ,, Miissen? . . . wir sind schlieBlich schon langc 

464 



genug unterwcgs ..." ,,Und wenn ich nun Sagert 
wiirde ..." sie bricht ab. ,,Wenn Sic was sagen wiirden?" 
fragt er gepreBt. ,,Nichts." Sie schweigen; die Bilder laufen 
vor seinen Augen, seinem Ohr bieten sich Tone an, er 
sieht nichts und hort nichts. Spatcr, bereits auf der StraBe, 
sagt Joly, den Blick auf die andere Seite gewendet, als 
beobachte sie driiben etwas Interessantes : ,,wenn Sie noch 
nicht abreisen miissen . . . wenn Sie nicht unbedingt miis- 
sen " Seit Tagen versucht er schon, die Mauer 
zwischen sich und Joly aufzubauen, und dann kommt 
ein solcher halber Satz, und im Kino, als er Jolys Hand 
beriihrte, zog sie die Hand nicht weg, lieB sie ruhig in der 
seinen, und schon liegt die Mauer wieder in Triimmern, 
und seine Nacht ist wild erregt. Was ist? denkt er dann 
mit scharfer Spannung im Kopf, was ist? was will sie? fiihlt 
sie, daB ich mich wehre? fiihlt sie, daB ich mich von ihr 
losmachen will? was ist? denkt er unsicher, will sie 
etwas? oder halt sie mich nur zum besten? will sie mich 
an der Nase herumfuhren? war es noch nicht genug? 

Das war an jenem Samstag, nachmittags, als Ila zum 
letzten Male aus Rom telefonierte. Wenige Minuten nach 
dem Gesprach meldete sich Kelemen mit der iiblichen 
Frage: ,,was gibts Neues? wie gehts?" ,,Danke, ich hab 
ein bifichen Kopfschmerzen. Im ubrigen habe ich soeben 
mit meincr Frau gesprochen, Anfang nachster Woche 
kommt sie zuriick, wahrscheinlich fahren wir also nun bald 
ab." Dann legt er sich wieder auf den Diwan. Der Kopf tut 
mir weh. Lange habe ich keine Kopfschmerzen gehabt. 
Kopfschmerzen sind mir verhaBt. Eine sinnlose, erniedri- 

gende Wciberangelegenhcit heute habe ich nichts vor, 

ich bleibe zu Hausc. Ila kommt bald. Zwei und cinen halben 
Monat habe ich sie nicht gesehen. Er liegt, starrt in die 
Luft und bemtiht sich, an nichts zu denken. Das ist mir 

griindlich danebcn gelungen Allmahlich wird es 

dunkcl. Ob wir wohl noch hierblciben? Sie wird fragen, 
na, wie stchts mit den Geschaften? Einmal muB sie das doch 

30 Kiirmpndl. Hii lapeat 46} 



fragen. Es ware schrecklich, wenn sie nicht fragte. Wcnn 
es sic nicht interessierte. Wenn sie wiiBte ... ich werde 
ihr etwas vorliigen. WeiB sie, daB ich sowieso liigen wiirde 
und fragt sie darum nicht? Ob wir wohl abreisen? und wenn 

ich noch hierbleiben miiBte Jetzt ist es schon ganz 

dunkeL Heute habe ich nichts vor. Ich werde friih schlafen 
gehen. Vielleicht gehe ich in ein Kino. Ich langweile mich, 
ich muB etwas unternehmen. Die Tiir ofFnet sich, und in 
dem hellen, umrahmten Fleck erkennt er gleich die ein- 
tretende Gestalt: Joly. ,,Ich hab zweimal geklopft", sagt 
sie, ,,aber Sie haben nicht geantwortet, ich dachte mir, ich 
guck doch mal rein . . . machen Sie doch bitte Licht." Er 
springt auf, knipst das Licht an. Joly schlieBt die Tiire und 
tritt einen Schritt naher. Sie hat den dunkelblauen Gummi- 
mantel und die dunkelblaue Kappe an. Ihr Gesicht ist ganz 
weiB im Schein der Lampe. ,,Ich setz mich ein biBchen zu 
Ihnen", sagt sie, ,,gut? Nach Tisch habe ich mit Bandi 
gesprochen, er war einen Moment oben bei uns. Ich hore, 
Ila kommt zuriick." ,,Jawohl", antwortet er. Joly 
schweigt; Stille. Was soil das? riihrt sich zitternd in ihm die 
Frage, was will sie? warum ist sie gekommen? was will sie? 
warum muBte sie jetzt kommen? sie weiB, daB ich allein 
bin, was will sie? noch nie war sie allein hier. Ich will doch 
abreisen, warum ist sie gekommen? Joly blickt vor sich 
hin, dann hebt sich das weiBe Gesicht, und zogernd, eigen- 
tiimlich irrlichternd gcht der griinlich-blaue Strahl im Zim- 
mer hin und her. Ich miiBte sie fragen, wie es ihr geht, was 
es Neues gibt, was ihre Mutter macht, was drauBen fur 
Wetter ist ... irgend etwas muB ich sie fragen dicse 
Stille ist nicht zu da bcbt kaum merklich Jolys Mund. 
,,Werden Sie nun abreisen?" fragt sie mit kurzem Atem. 
,,Ja, wir reisen " Joly schweigt und glattet ihren Hand- 
schuhauf demKnie. ,,Und . . . wenn ich sagen wiirde: reisen 
Sic nicht! . . .?" ,,Warum sollte ich noch blcibcn?" fragt 
er duster. Da steht Joly plotzlich auf. LeichenblaB ist ihr 
Gesicht unter der roten Locke, die am Rand der Kappe 

466 



heraushangt. Sic hebt den Kopf eln wenig, sieht dann au 
die Erde und spricht mit ganz leiser Stimme. ,,Ich bin noch 
nie allein zu Ihnen gekommen", sagt sie langsam, ,,komisch, 
nicht wahr, daB ich jetzt hier bin, da ich doch weiB, Sie 
wollen in ein paar Tagen wegfahren. Ich werde nicht Ihre 
Geliebte . . . einem andern hatte ich mich vielleicht hin- 
gegeben, Ihnen niemals. Und weifit du warum? weil ich 
dich liebe. Ich bin schon, und ich bin Jung und liebe dich. 
Ich habe dich gequalt . . . oh, ich weiB, wie du mich liebst, 
wenn du es mir nie gesagt hattest, wuBte ich es auch. Aber 
deine Geliebte werde ich nicht . . . niemals hast du das eine 
Wort ausgesprochen, auf das ich gewartet habe. Ich bin 
keine gute Geliebte, ich bin keine Frau groBen Stils, ich 
will nicht dauernd zittern vor Angst . . . ich brauche dein 
Geld nicht, und ich gehe nicht mit dir. Aber du sollst hier- 
bleiben, fur mich. LaB sie nach Hause fahren. Schreib ihr . . . 
telefonier ihr, sie solle nicht hierher zuriickkommen . . . 
arme liebe alte I la. Sie tut mir leid, aber ich lasse dich ihr 
nicht, trenn dich von ihr ... ich will nicht mit ihr teilen, 

mit keiner ich will dich allein haben. Gehort das viele 

Geld ihr? dann soil sie es behalten, ich brauchs nicht . . . 
ich wuBte wahrend der ganze Zeit nicht, was ich machen 
soil ... ich hab dich gequalt, glaubst du etwa, es war mir 
leicht, zu sehen, wie du mich liebst und wie du leidest . . . 
bloB das eine Wort, das wolltest du nicht aussprechen, 
oder hast du es nicht gewagt? ich dachte, ich lasse dich 
ruhig abreisen, du warst da und bist eben wieder ver- 
schwunden . . . du hast mich fur leichtfertig gehalten 
ich bin nicht leichtfertig. Und nun habe ich gehort, daB 
sie zuruckkommt, und da wuBte ich gleich, was ich zu tun 
habe . . . und jetzt bleibe ich hier, wenn du willst, oder . . . 

komm du lieber mit mir, es ist besser so laB ihr das 

alles da . . ." Sie schweigt, denBlick auf die Erde geheftet, 
steht sie rcglos da. Eisig kalt stockt ihm der Atem. 
Stille. Schauspielerin, hort cr in seinem Innern eine 
kichernde, verzerrte Stimme. Jetzt weiB ich wenigstens, 

w 467 



was sie will. Komodiantin, kleincs Biest, macht Theater. 
Mein Geld will sie ... nicht viel oder mehr, alles. Sie 
teilt mit keiner. Sie wird nicht meine Geliebte. Ich lasse 

mich scheiden und heirate sie Stille. Und in dieser 

aufregenden Spannung der undurchdringlichen Stille klingt 
plotzlich ein dummes, triviales Wort in seinen Kopf : ent- 
scheidender Augenblick. Und sofort fiihlt er die Gleich- 
giiltigkeit, mit der er den unabanderlichen Verlauf seines 
Lebens immer betrachtet hatte, auch sich selbst gegeniiber 
fremd, gleichsam ein Zuschauer; die Gleichgiiltigkeit iiber 
all seinem Wollen, Hoffen und EntschlieBen ; die Gleich- 
giiltigkeit, die er nur zweimal seinem aufblitzendcn, 
erkennenden Willen unterjochen konnte: und da sieht er 
sich an der Demarkationslinie den rumanischen Offizieren 
gegeniiber, wie seine zerfetzte Seelc in dem kleinen eng- 
lischen Offizier den Gefahrten erkennt und ihm zufliegt in 
dem Wort: Kamerad! und dann sieht er sich als den 
Abenteurer in London, in Mrs. Myers* kleinem Salon, wie 
er mit der iiberlegenen, eleganten Geste das almosendar- 
bietende Wort der zweifelnden Frau und der schon halb 
betorten Seele abwehrt und mit TodesgewiBheit auch dies- 
mal dem erkannten Gefahrten das Wort hinwirft, das sein 
Zicl nicht verfehlen kann: wenn Sie mich rufen, gehe ich 
mit Ihnen, wohin Sie wollen, ans Ende der Welt! Ent- 
scheidender Augenblick? Bisher gab es in seinem Leben 
zwei entscheidende Augenblicke. Und jetzt? entscheidender 
Augenblick? erkannter Gefahrte? nur Mut, nur frei und 
offen die Hand ausstrecken? zum drittenmal? noch cinmal? 
vielleicht zum letztenmal in seinem Lebcn? . . . Stille. In 
Jolys Gesicht, in ihren erwartungsvollcn Augen lost sich 
plotzlich die Spannung; statt ihrer ist nun etwas von leiser 
groBer Miidigkeit da. ,,Du weiBt jctzt Bescheid", sagt sic 
plotzlich, ,,ich habe dir alles gesagt und . . . gib mir jetzt 

keine Antwort, jetzt gehe ich und warte auf dich " 

und im nachstcn Augenblick ist er allein im Zimmer. 



468 



Wcnigc Tage darauf warcn Ila und Edith wieder in 
Budapest. Mit Simmons 2usammen stand er morgens auf 
dem Bahnhof ; Ik und Edith stiegen frisch, ausgeschkfen 
und heiter aus dem Mailander Schkfwagen. An Edith war 
keine Spur des Knochelbruchs mehr zu entdecken. Has 
braunglanzendes Gesicht schien runder geworden, sie 
umarmen sich, sie kiissen sich. ,,Du siehst bkB aus, 
Anti", sagt Ila, ,,hast du viel gearbeitet? oder viel gebum- 
melt?" und dabei kcht sie. O ja, blaB ist er. Sechs Tage. 
Seit sechs Tagen hat er Joly nicht gesehen. Joly hat sich 
nicht gemeldet. Sie wartete auf ihn. Sie war sicher, er wiirde 

sie holen kommen Schauspielerin. Kleine rote 

Komodiantin. Sie hat ihre Rolle aufgesagt, gut hat sie 
sic aufgesagt. Und der Wirkung war sie sicher; sie hat sich 
nicht gemeldet. Sie wollte die Sache reifen kssen. Ihn sich 

qualen kssen. Bis er ihr zu FiiBen sinken wiirde Ich 

soil mich scheiden kssen und sie heiraten ... sie liebt mich, 
sie betet mich an, aber meine Geliebte wird sie nicht, 
eines andern ja, wie sie es vielleicht schon war, kleine 
rote . . . teures, goldiges, schones, kleines rotes Liebchen . . . 

mcine Braut jetzt gehe ich und warte auf dich 

jawohl, du wartest auf mich, mit meinem Geld, wartest 
auf den reichen Brautigam, den du fur dich allein haben 
willst, ich ksse mich scheiden und schicke sie weg . . . 
schicke die arme liebe alte Ik mit ihrem vielen, vielen Geld 

nach Hause und heirate dich, wir brauchen nicht 

cinmal zu warten, bis sie zuruckkommt, wir telegrafieren 
ihr, bleib nur, du brauchst nicht mehr nach Hause zu kom- 
men, herziichen GruB, Antal Kadir und Braut . . . nach so 
mancher Treulosigkeit noch eine, eine letzte . . o kleine 
rote Joly . . . Schauspielerin, gkubst du vielleicht, ich 
hore deine Stimme nicht, ich kenne nicht alle deine Gedan- 
ken, sehe nicht dein ganzes Leben? ich verstehe nicht alle 
deine Bewegungen, wie du deinen Arm zuriickgezogen 

hast ja, nun weiB ich alles, du teilst mit keiner . . . 

mcin Geld teilst du mit keiner? oder brauchst du nichts? 

460 



alles sollen wir ihr geben? sic soil sich das Ganze mit- 
nehmen, nur mich willst du? deinetwegen, kleincs 
rotes Joly-Liebchen, soil ich sic vcrlassen ... die arme liebe 
alte Ila? verlassen soil ich sie? . . . weil ich von euch Roten 
niemals loskommen werde, von Tilly und dir . . . du kleine 

junge Joly Jung bist du, und schon bist du, ich 

weiB . . . auch sie weiB das, sie hat es sogar gesagt, die 

arme liebe alte Ila ich soil sie verlassen? und zu dir 

kommen mit all meinem Geld? du bist keine Frau groBen 
Sdls . . . was? keine Geliebte oder keine Gattin groBen Stils? 
aber ich werde schon eine Frau groBen Stils aus dir machen, 
was? Frau Kadar, die Millionarin . . . ein biBchen Geld kann 
ich ihr ja geben, oder viel? und lasse sie abziehen mit dem 
vielen kalten Geld? lasse sie ziehen, hinunter in den Sonnen- 

schein . . . und wir gehen anderswohin wir sind beide 

vergiftet ... ich durch dich und du durch mein Geld 

und von nun an denke ich nicht mehr ... an nichts und an 

niemanden, nur an dich, kleine rote Joly deinetwegen 

verbrenne ich alle Briicken hinter mir . . . nichts existiert 
mehr, nichts hat je existiert, weder SchulterschuB noch 
Agota noch Wien noch Paul noch London noch Familic 
Csordas noch das Berkeley- Hotel noch Helena -Village noch 

die arme liebe alte Ila Aber das war nur eine einzige 

Nacht; und dann waren noch fiinf Nachte und sechs Tage 
ohne Joly, nur mit sich allein, bis Ila ankam : sechs Tage in 
hochster Siinde und ticfster BuBe, sechs triibe, regnerische 
Herbsttage und sechs endlos lange Nachte. ,,Heute habe 
ich leider keine Zeit", sagte er zu Kelemen, als er sich am 
Telefon meldete. ,,Ich danke dir sehr fur deine Miihe, aber 
leider kann ich die Sadie doch nicht machen,** so schickte 
er Szende weg. Suhajda warf er ganz einfach hinaus. Amman 
begegnete er auf der StraBe, gruBte und beschleunigte seine 
Schritte. Als er Simon von weitem crblickte, ging er auf die 
andere Seite. Einmal ertapptc er sich darauf, daB er vor dem 
Haus in der Pozsonyer StraBe stand. Er sah hinauf, blieb ein 
Weilchen vor dem Haustor stehen und ging zuriick ins Hotel. 

47O 



,,Es war herrlich sch6n", sagte Ha, als sic im Hotel- 
zimmer angekommcn waren. ,,Du kannst dir das nicht vor- 
stellen, spater erzahle ich dir allcs ausfuhrlich, aber mit dir 
bin ich gar nicht zufrieden, AntL Du siehst so schlecht aus. 
Also . . . was gibts Neues? was war in Budapest los, wah- 
rend ich ..." ,,Nichts", antwortet er, nimmt eine Ziga- 
rettc und steckt sie an, ,,am Achtundzwanzigsten mor- 
gens fahrt das Schiff von Cherbourg ab, zufallig gerade die 
Falconia, am Vierundzwanzigsten reisen wir mit dem 
Abendzug ab." Er steht auf, nimmt aus der Schreibtisch- 
schublade zwei rosa Umschlage und legt sie auf den runden 
Tisch. Einen Augenblick ist es still. ,,So", sagt Ha langsam 
und nimmt die Fahrkartenhefte in die Hand. ,,Kaum bin 
ich angekommen, da fahren wir auch schon ab. Ich habe 
inzwischen so vieles gesehen. Du nicht. Schade. Also . . . 
genug von Budapest." Kleine Pause. ,,Also . . . die Sache 
mit Joly ist aus?" Jetzt hat er plotzlich ein trauriges, ver- 
wirrtcs, komisches Kleinkindergesicht. ,,Ja, aus . . ." laBt 
er halb unbewuBt das Wort fallen; wieder ist es einen 
Augenblick still, dann sagt er ganz leise, mit naivem, 
fliichtendem, schutzsuchendem Ton: ,,du hast das ge- 
wuBt? . . ." Ila blickt nach oben, blast den Rauch in die 
Luft. ,,Anti ... so eine dumme Frage. Ich wuBte und weiB 
immer alles. Ich wollte es dir nur nie sagen . . . aber jetzt 
sage ich es doch. Ich kenne dich. Dein Gesicht, deine Augen, 
deine Stimme, deine Gedanken. Jetzt fangt etwas an ... 
das wuBte ich immer ganz genau. Und auch, was dann 
geschah, wuBte ich immer. Anti ... ich werde bald sieben- 
unddreiBig Jahre . . . und wir . . . lieben uns. Darum wuBte 
ich immer alles von dir, darum muBte ich alles wissen, 
um . . . auf dich achtzugeben. Ich habe dich nie gefragt, was 
friiher in deinem Leben gewesen ist, das ist unwichtig, es 
gehort der Vergangenheit an, nur das, was ist, muBte ich 
wissen. Verstehst du? Alles habe ich gewuBt, das mit Frau 
Growham und mit der Schwedin in Transvaal und mit 
Jane Astfield, Man lebt doch zusammen, ist immer 

471 



zusammen . . . manchmal habe ich dich allein gelasscn, 
erinnerst du dich? wcnn ich fuhlte, jetzt hast du von mir 
fur cin Wcilchen genug. Auch jetzt, als ich fortfuhr. Hatte 
ich gcfiihlt, es konnte eine Gefahr daraus entstehen, dann 
hatte ich dich nicht allein gelassen, sondern ware bei dir ge- 
blieben. Aber dicse kleine rote Joly konnte keine Gefahr be- 
deuten, keine Katastrophe, die konnte nur eine Versuchung 

sein, ein Abenteuer, aber das Heim heute bist du 

noch bei mir zu Hause, heute ist es noch nicht gefahrlich . . . 
viclleicht spater cinmal, in zehn Jahren vielleicht, wenn ich 
siebenundvierzig bin und du kaum dreiundvierzig, wenn wir 
so langc kben . . . aber vielleicht wird es auch dann nicht 
gefahrlich, vielleicht nie. Ich weiB, manchmal muBt du ein 
bifichen von mir weggehcn, aber ich wciB auch, du kommst 
zuriick. Du konntest ja auch ganz wcggehen, du bist reich 
und bist unabhangig . . . viclleicht wirst du mich auch 
einmal vcrlassen, dagegen konnte ich nichts tun. Aber du 
gehst nicht, heute noch nicht, und es kann sein, daft du 
mich nie verlassen wirst . . . siehst du, ich sage dir das so 
ganz offen, ich habe keine Angst, mich dir auszuliefern . . . 
well du ja bei mir zu Hause bist . . ." Stille. Nur sein 
tiefcs, schweres Atmen ist horbar. ,,Schlecht siehst du 
aus, Ami. Hast du dich gequalt? hat es sich gelohnt? 
Ein zcrbrochener, abgehackter Ton stohnt aus seinem 
Munde: ,,Ila ich schwor dir " ,,Sag nichts!" 
unterbricht sie ihn, ,,genug, wir wollen nicht mehr dariiber 
reden . . . genug. Das ist ja alles nicht wichtig. Und dann . . . 
auch deshalb wollen wir licber nicht mehr dariiber sprechcn, 
damit du nicht vielleicht noch liigst. Verschweigen darf 
man, muB man sogar manchmal, man braucht nicht alles 
zu sagen, aber liigen ist haBlich. Einmal hast du schon 
angefangcn zu liigen . . . mit den gcschaftlichen Dingen 
hier. Du hast es ja sehr bald aufgegeben, hast darunter 
gelitten und dich gcschamt, ich weiB, und ich war dir so 
dankbar dafiir und habe dich sehr lieb gehabt. Und jetzt 
wollen wir die Sachc lassen. Was auch gewesen sein mag, 

47* 



es war nicht wichtig, war nicht ernst, und jetzt ist es zu 

Ende, vorbei " ihre liebe, bekannte, starke Hand 

ergreift seine Hand, ihre schone, reine Stirn beriihrt seine 
Stirn, ihr treuer, schoner Mund sucht scinen Mund, ncin, 
das ist kein stiller Feind, der nachsichtig in resignierter 
Giite verzeiht und innerlich nie vergessen kann . . . das 
ist der Gefahrte, der Mensch an seiner Seite, der Gefahrte 
seines Korpers, der Gefahrte seiner Gedanken, die Frau, die 
stolz darauf ist, auch Geliebte zu sein, und sich nicht 
schamt, daB sie gleichzeitig Mutter ist, der man sagen muB, 
oh, ich weiB, nur bei dir bin ich zu Hause . . . und der 
man auch sagen diirfte: weiBt du, daB etwas ... in mir 
zerbrochen ist? ... sag, wird es wieder zusammenwachsen? 
hilfst du mir? sag, wird es vergehen? . . . 



Und dann, einige Tage spater, kamen nach telefonischem 
Ruf Andor Kelemen und Joly Kelemen sie noch einmal 
besuchen. Sie kamen nicht zusammen. Kelemen war blaB, 
ein wenig verwirrt und wortkarg. ,,Nimm es mir nicht 
ubel", hatte er am vorhergehenden Tag zum erstenmal 
offen gesprochen, ,,daB ich dich so einfach frage ... ich 
habe meine Stellung verloren, und, aufrichtig gesagt, ich 
hatte mir eingebildet, hatte irgendwie das Gefiihl, im 
Zusammenhang mit dir das Richtige zu finden 
konnte ich nicht damit rechnen, daB du mir behilflich bist, 
im Ausland unterzukommen? . . ." ,,Sei nicht bose", 
erwiderte Kadar dieses erste wahre Wort mit einer letzten 
Liige, ,,diese Frage kommt mir ziemlich unerwartet, aber 
um aufrichtig zu sein und dich nicht in Hoffnungen zu 
wiegen: ich sehe da eigentlich keine Moglichkeit . . . worin 
konnte gerade ich dir ..." Am nachsten Tage blieb 
Kelemen dann nur zehn Minuten. ,,Sie waren sehr liebens- 
wiirdig", sagte Ila, ,,wir werden gerne an Sie und an Buda- 
pest zuruckdenken. Ganz bestimmt haben wir noch nicht 
beschlossen, an welchem Tag wir abreisen, vielleicht sehen 

473 



wir uns bis dahin noch einmal . . . sollten wir uns aber nicht 

mchr treffen, also dann <c Joly kam eine halbe 

Stunde spater, auch sie blieb nicht lange. Ik zog sich 
zwischendurch um. Wenige Worte. ,,Ihr werdet uns cine 
liebe Erinnerung sein . . ." Joly steht auf und zidht den 
blauen Regenmantel wieder an. Ihr Gesicht ist krcidebleich. 
Ja, diese zu weiCe, zu reine Haut untcr dcm roten Haar . . . 
ihr Mund ist nicht schon. Auch Ila erhebt sich, ,,warte 
doch cincn Augcnblick, Joly, wir gehen auch, ich will mich 
nur noch zurechtmachen." Die beiden sind allein, einen 
Augenblick stehen sie einander gegeniiber. Und dann ist 
Joly ihm auf einmal ganz nahe, er fiihlt ihre kleine, hartc 
Brust dutch den diinnen Mantel, sie hebt das Gesicht: 
,,einen KuB?" fliistert sie und sieht ihm in die Augen, es 
ist still, seine Augen halten den wilden griinlich-blauen 
Blick aus, dann sagt er: ,,nein." Jolys Mund verzieht sich 
ein we nig. Sie tritt zuriick und setzt sich dann. Zusammen 
gehen sie hinunter in die Halle, wo Simmons sie erwarten. 
,,Also, wenn wir dich nicht mehr sehen sollten tc Ila 

umarmt und kiiBt Joly, ,,leb wohl, liebe kleine Joly 

ach, sieh mal, es regnet, bring doch die Kleine im Auto nach 
Hause, wir warten hier, bis du zuruckkommst . . ." Lang- 
sam fahrt der Wagen iiber die glitschige, frischnasse StraBe. 
,,Sie haben mir keine Antwort gegeben", sagt Joly plotz- 
lich, ,,keine Antwort auf das, was ich Ihnen neulich gesagt 
habe. Ich habc auf Sie gewartet, aber Sie haben iiberhaupt 
nichts von sich horen lassen." ,,Nein", erwidert er 
dumpf. Stille. ,,Sie wollen mich nicht haben . . . als Gattin", 
beginnt Joly wieder. ,,Nein", antwortet er tonlos. ,,Auch 
als Geliebte nicht . . . oder doch?" ,,Nein", sagt er 
wieder. Stille. Oann halt der Wagen vor dem Haus. Schon 
seit Minuten stehen sie; wildes Herzklopfen scheint ihm 
die Brust sprengen zu wollen in schmerzlicher Glut; 
im Kopf gefriert ihm fluchtsuchcnd die blinde, starre 
Hartnlckigkeit; Joly riihrt sich nicht, sie schwcigen. 
Pldtzlich fiihlt er ihrc Hand auf seiner Hand, ihr Gesicht 

474 



ist wieder ganz nahc an seinem Gesicht, ihr Mund dicht an 
seinem Mund. ,,Einen KuB? <c haucht sie. ,,Nein", sagt cr 
ruhig. Da stcigt Joly aus, auch er tritt aus dem Wagen, und 
sie stchen vor dem Haustor. Joly zieht den Handschuh aus 
und reicht ihm die Hand hin, eisig kalt ist ihre Hand. 
,,Kiissen Sie mir die Hand?" fragt sie, und ihre schmalen 
Lippen zucken. ,,Nein", antwortet er heiser. Sie stehen 
einander gegeniiber. ,,Sind Sie mir bose?" fragt sie, und in 
ihren Augenwinkeln ist ein eigentiimliches, verschleiertes 
Glanzen. ,,Nein," sagt er und wendet den Blick von ihr 
ab. Stille. ,,Herrgott", sagt Joly ganz leise, ,,Herrgott, 
vielleicht sehe ich Sie zum letztenmal im Leben, und Sie 
gehen jetzt weg . . . und sagen mir kein Wort, kein einziges 
Wort ..." ,,Nein." ,,Na dann . . . guten Abend." 
,,Guten Abend." 

Joly verschwindet im Treppenhaus; er setzt sich wieder 
in den Wagen. Guten Abend. Wir gehen nach Hause. 

Cbermorgen fahren wir ab. Genug, vorbei nichts ist 

passiert. Ein biBchen Kraft . . . und dann reden wir nicht 
mehr davon, von nichts, von ganz Budapest nicht. Heute 
abend gehen wir mit Simmons ins Kino, und iibennorgen 

abend bis dahin kann man schlafen. Man braucht sich 

nicht umzusehen, nichts ist passiert. Alles muB man an- 
halten, dieses Hammern im Kopf ... es ist gar nicht so 
schwcr. Nur wollen muB man. BloB fest vorzunehmen 
braucht man es sich, dann wird das Rattern da innen 
gleich leiser, der Rhythmus ruhiger . . . bald werde ich 
wieder groBe, wohltuende, vollige Ruhe haben. Abends 
waren sie im Kino, dann schliefen sie, aBen, plauderten, 
spazierten zusammen durch die Stadt, kauften Kleinig- 
keiten ein, einen Giirtel, ein Paar Handschuhe, einiges in der 
Drogerie, und verabschiedeten sich von Simmons; das 
Auto fuhr er am letzten Nachmittag in die Garage zuriick; 
cr fuhr \iber den Ring, und ein kleiner Bengel sprang vom 
StraBenrand fast vor den Wagen, er muBte plotzlich 
brcmsen, der Motor blieb stehen, tatsachlich, der Anlasser 

475 



funktioniert schwach, es dauerte cin Weilchen, bis er den 
Wagen wieder in Gang bringen konnte; zufalligerweise 
gcschah das gcrade jenem Haus gcgcniiber, dann gingen 
sie vor Mitternacht auf den Bahnhof, nun ist cs schon 
ganz sicher, daB die groBe Ruhe sehr bald kommcn wird, 
es wird schon stiller 



das Rattcrn wird stiller, der Rhythmus ruhiger, 

dann hort man das leise scheuernde Gerausch der Bremsen, 
das diinne Weinen der Schienen, und dann bleiben die 
Rader stehen. Von auBen dringen sofort einige gedehnte 
Rufe; Tone von Gesprachen und Schritten, Klirren von 
Eiscnwerkzeugen ; fauchend fahrt cine Lokomotive vorbei ; 
ein heller Klingelton knarrt, und wie cine Kuhglocke lautet 
eine Eisenbahnschelle. Kadar schreckt auf. Ein wenig 
schiebt er den Vorhang hoch, reibt den Schwaden von der 
Scheibe und sieht zum Fenstcr hinaus. Das Gepack ist 
plombiert bis Cherbourg aufgegeben; ihre Passe hat der 
Schlarwagenschaffner. Sparer hort manTurenschlagen, leises 
Sprechen und Kramen auf dem Gang. Es ist wieder still. 
Dann hort er Has Stimme aus dcm andern Kupee : 

,,Anti." 

,,Ja, bitte." 

,,Ich hore, du bewegst dich. Wo sind wir cigentlich?" 

,,In Hegyeshalom." 

,,Ist das die Grenzstation?" 

>." 

Ein Weilchen Stille. Dann sagt Ila wieder: 

,,Anti " 

,,Was denn, Herzchen?" 

,,Ich habe noch gar nicht geschlafen 

,,Ich auch nicht. Aber jetzt ware es wirklich Zcit " 

,,Na, ich wills versuchen, wihrend der Zug steht " 

476 



Stillc. Dann hort man Deutsch sprechen, pfeifen und 
wieder die ticfe Glocke und die helle rasselnde Klingel. Der 
Wagen bewegt sich. Langsam drehen sich die Rader. Dann 
wird der Rhythmus lebhafter, das Rattern lauter, und 
nun tont die Eisenbahnmusik wieder mit vollem Orchester 
ratternd, drohnend, heulend, in freiem Takt, mit kurzem 
Knacken, langem Qietschen; der Zug saust in wildem 
nachtlichem Tempo in den Regen, in die Finsternis hinein, 

von Budapest fort auf Wien zu, auf Cherbourg zu. 

Auf die Falconia zu. Afrika zu. Nach Hause. Dem Frieden 
entgegen. Oder . . . wer weiB? Ich mochte einschlafen. 



Ftmftcr TV// 
DIE NACHT 

Es war schon welt iiber Mitternacht; Kelemen saB noch 
immer im Bahnhofs restaurant, starrte durchs Fenster und 
blickte auf die neblige, nasse StraBe. Wohl seit einer halben 
Stunde rieselte wieder langsam der ekelhafte herbstliche 
Regen; das Fenster, neben dem sein Tisch stand, wurde 
sofort beschlagen, und iiber die mattgewordene Scheibe 
liefen lustige, eilende Bachlein. Die StraBe sah er nur eben 
in ihren Umrissen, in stumpfen Flecken; mit den Finger - 
spitzen versuchte er, die Schwadenschicht von der Scheibe 
zu schmieren, aber sie wurde nur fur einen Augenblick 
klar, und auch dann sah er bloB ein verzerrtes Bild hinter 
den Regentropfen. Uber dem Eingang im Speisesaal war 
die grofie elektrische Uhr; jetzt sah er nach dem Zifferblatt, 
beobachtete, wie der groBe Zeiger vorruckte, in unregel- 
maBigen Zeitabstanden, einmal zwei, einmal drei Minuten 
mit sich reiBend. Es muBte angefangen haben zu regnen, 
als der Zug abfuhr. Was fur ein Zufall, daB ich doch ins 
Hotel telefoniert habe, ,,jawohl, Herr Cadar reist mit 
dem Schnellzug um halb zwolf ab, soeben haben wir das 

groBe Gepack expediert", ohne etwas zu sagen, 

ohne ein Wort zu sagen 1 so 1st er abgefahren, als ob 

nun, als ob? sie habens uns doch vorgestern gesagt, wir 

reisen ab, und wenn wir uns nicht mehr sehen sollten 

nun, wir haben uns nicht mehr gesehen, das heiBt ... sie 
mich nicht mehr. Bereits cine Stunde vor Abfahrt des 
Zuges saB er im Bahnhofsrestaurant, in der Ecke, aus der 

479 



man die vorfahrenden Wagen iiberblicken konnte. Nervos 
riickte er den Bierkrug vor sich hin und her, trank hie und 
da einen Schluck und lieB die vor dem Haupteingang 
haltenden Autos nicht aus den weitaufgerissenen Augen. 
Vorlaufig kommen kaum ein paar Wagen. Langsam fegt 
der Zeiger im schlafrigen, nachtlichen Speisesaal die 
Minuten weg. Nun fahren schon in kleineren Abstanden 
Wagen vor. Noch 7wanzig Minuten bis zur Abfahrt, er 
hat sie nicht kommen sehen. Sollte ich sic verpaBt haben? 
vielleicht sind sie schon langst drin, vielleicht sogar schon 
eingestiegen. Brennende Unruhe ergreift ihn. Sicher sind 
sie schon drin. Na und? dann sind sie eben drin, sind ein- 
gestiegen und fahren ab. Was will ich denn von ihnen? 
warum bin ich iiberhaupt hergekommcn? Hege ich viel- 
leicht die Hoffnung, jetzt wird sich auf einmal alles wenden? 
bitte schon, lieber Kelemen, ich habe mir die Sache iiber- 
legt, komm mit, wir nehmen dich mit!? . . . vielen Dank, 
lieber Andor, innigen Dank fur deine Bemuhungen und 
vor allem fur deine liebenswiirdige Vermittlung . . . bei 
deiner lieben Schwester . . . bci der schonen roten Joly . . . 
und gestatte mir, daB ich dir zum Zeichen meines Dankes 

diesen Scheck Ein leichter Schauer lief ihm durch den 

Korper, er stand auf und winkte dcm schlafrigen Kellner. 
,,Ich komme noch zuriick", sagte er und zeigte auf den Bier- 
krug, ,,lassen Sie das bitte stehen und seien Sie so freundlich, 
auf meinen Mantel aufzupassen." Er trat hinaus auf den Gang, 
der nach der Vorhalle fiihrt. BloB vereinzclte Menschen; 
ich hatte gar nicht gedacht, da8 abends so wenige Leute 
reisen, oder gewiB sind die meisten schon drin. Langsam 
und vorsichtig geht er, seine Augen blicken zitternd nach 
alien Seitcn; vor der Tiir des Wartesaals erster Klasse bleibt 
er stehen. ,, Bitte die Fahrkarte", sagt sofort der gclangwcilte 
Kontrolleur; ,,ich geh nicht rein", antwortet cr, ,,ich suche 
blofi jemandcn", und iiber das miBtrauische Gesicht des 
an der Tiire Stehenden hinweg schickt er einen kurzen 
Blick in den Wartesaal. Auf dem Sofa ncben dem Ausgang 

480 



sitzt Frau Kadar, neben ihr liegt die grauc Reisetasche. Nach 
VogelstrauBart wendet er sofort den Blick ab und kehrt 
mit langen Schritten in den Speisesaal zuriick. Die Unruhe 
verfolgt ihn. Ungeduldig klopft er ans Tablett, bezahlt das 
Bier, laBt sich in den Mantel helfen und geht auf den Aus- 
gang zu. Allein sitzt sie da im Wartesaal . . . sollte Kadar 
noch nicht hier sein? ausgeschlossen, in zehn Minuten fahrt 
der Zug ab. Oder ist er vielleicht schon auf dem Perron? . . . 
oder reist er gar nicht? . . . Aus der Tiir des Speisesaals 
spaht er nach dem Bahnsteig, von hier aus sieht man 
nichts. Der Zug steht auf dem ersten Geleise, vorsichtig 
geht er am Zug entlang. Kurz ist der Zug, hochstens sechs 
bis acht Wagen, man sieht, wie nahe die Lokomotive ist. 
Nur erster und zweiter Klasse und lauter direkte Wagen. 
Wien, Innsbruck, Genf, Basel, Hoek van Holland, Paris, 

aufregende Namen, Stadtenamen Und dann, aus der 

Entfernung von etwa zwei Waggons, sieht er Kadar vor dem 
Pariser Schlafwagen. Seine Frau ist jetzt auch schon neben 
ihm. Die Miitze in der Hand, steht der Schaffner vor Kadar. 
Gern mochte er horen, was sie sprechen. Dampf pfeift, eine 
Lokomotive zischt, Eisenschlage tonen, er sieht nur, wie 
Kadar dem Schaffner Geld gibt und wie der Schaffner sich 
tief verneigt. Dann schwingt sich Frau Kadar mit leichten 
Schritten auf die Waggonstufen, und auch Kadar steigt ein. 
Da tritt Kelemen behutsam vom Zug weg und stellt sich 
an die Wand. Der Gang des Schlafwagens liegt nach dem 
Perron zu und ist beleuchtet. Er sieht den Schaffner 
vorgehen, eine Kupeetiir offnen und dann daneben noch 
eine. Man kann in die blauen Samtabteile hineinsehen. Die 
Frau verschwindet in dem einen Kupee; Kadar steht im 
Gang, mit dem Riicken nach dem Bahnsteig, er steckt sich 
eine Zigarette an, man sieht den Rauch um seinen Kopf. 
Hinter Kelemens Riicken wird eine Tiir geoffnet, ,,Ver- 
zeihung", sagt der heraustretende Bahnbeamte und stoBt 
ihn im Vorbeigehen ein wenig an, Der Beamtc hat ein 
Aktenbiindel unterm Arm und geht eilenden Schrittes auf 

31 Kttrmcndi, Budapest 481 



den Zug zu; Kadar dreht sich um and laBt das Fenster 
herunter. Jetzt kann er die Frau sehen, sie 1st auch auf den 
Gang gekommen, cine Zigarette im Mund. In Kadars Hand 
flammt das Feuerzeug auf, sie blast den Rauch durch die 
Fensterspalte. Plotzlich ertont hinter Kelemens Riicken der 

Telegrafenapparat, tata-ta-ta-tata-ta-tata und in das 

Morseklappern schrillt die Telefonklingel. ,,Ostbahnhof 
Verkehrsinspektion, bitte?" sagt cine schlafrige Manner- 
stimme. Plotzlich, wie es begonnen hat, hort das Klappern 
wieder auf. Als ich das letztemal mit Papa nach Szeged fuhr, 
um die Leder zu ubernehmen, noch im Krieg, da klapperte 
genau so hinter meinem Riicken auf dem Bahnhof der 

Telegraf ,,Zeitung bittee Zeitung Biicher 

Illustrierteee " singt vor ihm ein nachziigelnder 
Zeitungsverkaufer und schiebt sachte, schlafrig und ge- 
langweilt seinen Wagen vor sich her. Der Schlafwagen- 
schafFner steht wieder bei Kadars, Kadar sagt etwas, nickt 
dann, und der Schaffner geht weiter. Im nachsten Augen- 
blick hort man lautes Turenschlagen vorne vom Zug her, 
dann noch einmal und noch einmal, der Waggon hier 
gegeniiber ist fast leer, und dann setzt sich der Zug in 
Bewegung. Kadar steht mit dem Riicken im hellen Fenster- 
rahmen, die Frau an die Wand des Abteils gelehnt, an- 
scheinend sprechen sie miteinander. Der Zug rollt langsam ; 
das Licht aus den Fenstern spaziert in hellen Karos auf dem 
Asphalt des Perrons neben dem Zug her. In leisem Takt 
fahrt der letzte Waggon an Kelemen vorbei. Obcn in der 
Mitte cine rote Lampe mit starkem Licht. Der Bahn- 
bcamtc mit den Akten unterm Arm kommt wieder; ,,par- 
don", sagt er und offnet die Tiir hinter ihm. Einen Augen- 
blick stromt ihm der warme Rauchgcruch ins Gesicht. Auf 
dem Perron noch zwei-drei Menschen, die dem Ausgang 
zustreben. Kelemen dreht sich um, geht aber nicht auf den 
Ausgang zu, sondern in den Speisesaal. Ein schlafriger 
Portier sitzt in der Tiir. ,,Hier ist kcin Durchgang", sagt cr. 
,,Na, Alter . . ." und er driickt ihm etwas Nickelgeld in die 

482 



Hand. Dann steht er im Bahnhofsrestaurant. An acht oder 
zehn Tischen sitzen noch Leute; gewiB keine Reisenden, 
bloB Gaste, so spat. Die Fenster nach der StraBe sind matt, 
naB. Es hat wohl angefangen zu regnen. In Hut und Mantel 
bleibt er unschliissig in der Mitte des Saales stehen. Es 
regnet, und ich habe keinen Schirm bei mir. Langsam und 
zogernd geht er auf die Tiire zu ; vor dem Ausgang dreht er 
sich plotzlich um, geht an seinen friiheren Tisch, zieht den 
Mantel aus und setzt sich. Der Zahlkellner stellt sich mit 
fragendem Gesicht vor ihn. ,,Ein Helles", sagt er zu ihm. 
,,Ein Helles", wiederholt der Oberkellner dem Getranke- 
kellner, ,,ein Helles", sagt der Getrankekellner im Weiter- 
gehen. Ein Helles. Einige Minuten nach halb zwolf, 
warum zum Kuckuck setze ich mich eigentlich wieder 
hierhin, warum bin ich nicht nach Hause gegangen? 

Morgen friih nein, morgen friih ist nichts. Ins Hiiro 

brauch ich ja nicht zu gehen. Audi sonst habe ich nichts 
zu tun. Die Sache ist erledigt. Sic sind abgereist. Heute ist 
der Vierundzwanzigste . . . das heiBt schon der Fiinfund- 
zwanzigste. Ungefahr ein Jahr ist es her, daB ich bei Doktor 
Barta im Wartezimmer die illustrierte Zeitung in die Hand 
nahm, ein Jahr. Ein liebliches Jahrchen war das . . . 
Plotzlich iiberfallt ihn ein Gahnkrampf; dumpfes Sausen 
hat er im Kopf. Nein, mit keinem Wort hat er gesagt, daB 
cr heute abreist, schon heute abreist. Wenn ich nicht zu- 
fallig angerufen hatte, na, was ware derm passiert, wenn 
ich nicht angerufen hatte? er ist eben abgereist, SchluB, 
was geht mich das an, wir haben uns ja verabschiedet. Das 
Bier macht miide, dieses zweite Glas war vollkommen 
uberfliissig, iiberhaupt, warum bin ich eigentlich nicht 
nach Hause gegangen? warum bin ich iiberhaupt her- 
gekommen? Sic sind abgereist, das weiB ich jetzt 
bestimmt, ich habs gesehen, wie der Zug mit ihnen davon- 
fuhr, na. Ich hatte gleich nach Hause gehen sollen, Leise 

klopfen ihm die Morsezeichen im Ohr, ta-tata er 

steht auf, tritt ans Fenster und versucht, durch die nasse 

31- 483 



Scheibc zu sehen. Matte Lichtflecke von Elcktrischcn mit 
Anhangern hiipfen ihm vor den Augen. Zwei Kupees 
haben sie sich aufmachen lassen, feine Sache, zwei 
Schlafkupecs, und iiberhaupt zu reisen. Ich miiBte ver- 
reisen, nach Wien. Jawohl, und das Geld? ach, was, 
Geld, Geld, ich hab ja noch Geld, fur einen Monat reicht 
das noch, in Budapest odcr in Wien, nein, wirklich . . . 
die Kadarsache hat mich nicht viel gekostct, er lacht 
still, hat gar nicht viel gekostet. Ich bin genau so aus- 
gekommen wie sonst, zum Gliick hab ich die Sache mit 
dcr notigen Einteilung gehandhabt, bloB gerade die 
vierzig Pengo habe ich noch fur mich selbst verbraucht, 
die ich sonst Mama noch gebe. Aber . . . Saris hatten nichts 
gegen diese Reduktion einzuwenden, haben kein Wort ge- 
sagt, sic hatten wohl auch nichts dagegen gehabt, wenn er 
gar nichts gegeben hatte, schlieBlich, wenn man nichts 
verdient . . . Du lieber Gott, wenn Karoly wiiBte, daB sie 
mich bei der Transcont nicht weggeschickt haben, sondern 

daB ich von selbst gegangcn bin, als es so aussah 

nein, und wenn es gar nicht so ausgesehen hatte, auch dann 
hatte ichs in dem Hiiro nicht mehr ausgehalten, und friiher 
oder spater ware mir ja doch gekiindigt worden, spatestens 
im September mit dem Kramer zugleich. Und ich hatte 
noch den Vorteil, daB sie mir ein halbes Jahresgehalt aus- 
gezahlt haben, also, das kommt auf eins heraus, bloB 
keine Gewissensbisse, keine Vorwiirfe, cine ganz klare 
Sache, wirklich . . . es war ja iiberhaupt nicht unmoglich, 
kann ich aufrichtig sprechen, Herr Czilek? also, dann sage 
ich es Ihnen offen, ich gehe ins Ausland, sagen wir, ich 
wanderc aus, darum kiindigc ich freiwillig . . . Aber wenn 
Sie in der Lage waren, eine Bitte zu unterstiitzen . . . immer- 
hin, als Angestellter, der cinen wichtigcrcn Wirkungskrcis 
hat, mochte ich, wenn moglich, das Gehalt von sechs 

Monaten Sie hatten mir ja auch kiindigen konnen. 

Aber niemand braucht davon etwas zu wissen, die Haupt- 
sache ist, daB oa, jetzt muB ich abcr nach Hause 

484 



gchen. Bcstimmt sind sic was weiB ich, wo sic jetzt 

sind? was gcht es mich an?l er 1st abgereist, damit muB ich 
mich abfinden, er 1st abgereist, und die Angelegenheit 1st 
erledigt. Abgeschlossen. Hingegen ... er klopft mit dem 
Geldstiick am Rand des Bierglases, schon 1st es nicht 
von ihm, daB er mir kein Wort gesagt hat, warm er fahrt, 

er brauchte doch nicht so auszuriicken Blodsinn, er 

ist doch nicht ausgeriickt, wir haben uns ja ganz ordentlich 
verabschiedet. Morgen oder iibermorgen, ich weiB noch 

nicht er hats ja nicht geleugnet, daB sie abreisen 

wollen. Und wenn ich jetzt hingegangen ware ans Schlaf- 
wagenfenster Servus, Kadar, gute Reise, und seiner Frau 
ein paar Rosen gekauft hatte, spitzes, kleines Lachen 
klafft aus seinem Mund, jawohl, ein paar schone Rosen 
Er lacht den Kellner an, der ihm den Hut reicht, der schlaf- 
rige Kellner grinst gezwungen zuriick, na, gehen wir. 
Dann steht er auf dem Platz vor dem Bahnhof im Regen. 
Springt auf eine Elektrische, die nach der Rakoczi-StraBe 
fahrt, und bleibt drauBen stehen. Die Uhr an der Ecke zeigt 
eins; die Bahn ist leer, der Schaffner reiBt gahnend das 
Umsteigebillctt vom Block. Es ist kalt und regnet heftig. 
Auch die matschige StraBe ist leer; an den Ecken der 
NebenstraBen schlurfen unter Schinnen schlampige Weiber, 
stehen herum und trappeln weiter. Um die Lichtrcklame 
liber dem Vergniigungslokal zerstaubt das Wasser. Lange 
war ich da nicht drin, zuletzt voriges Jahr nach Weih- 
nachten, mit den Jungcns. Ich bin neugierig, ob sie Don- 
nerstag im Cafe scin werden. Wahrscheinlich wissen sic 
gar nicht, daB cr schon abgereist ist. Ich werde ihnen die 
Nachricht bringen . . . wie ich auch vor einem Jahr die 
Nachricht gebracht habe, daB Antal Kadar iibcrhaupt 
cxistiert und da und da lebt . . . Was fur ein Tag ist eigent- 
lich hcute? nicht sicher, daB ich Donnerstag hingehe, ich 
mag diesc Leutc nicht, und wenn ich ihnen sage, daB er 
abgereist ist, werden sie wahrscheinlich Eine Taxe 
schleudcrt auf der nassen StraBe vor der Elektrischen her, 

485 



quietschcnd bremst die Bahn mit cincm Ruck, der Fahrcr 
schreit dcm Schoffor cine Grobhcit nach. Er geht in den 
Wagen und setzt sich auf den Rand der Bank. Ekclhaft ist 
das Wetter. Jetzt beginnt der Hcrbst wirklich, schon cine 
Woche halt dieses Matschwetter an am Ring steige ich 
um, vielleicht trinke ich noch einen Mokka in irgendeinem 
Cafe oder gche zu FuB bis zum Oktogon, wozu eigent- 
lich? in dem Wetter spazieren? Von weitem sieht er, daB 
vor dem Theater cine StraBenbahn steht, die ganze StraBe 
hinauf ist sonst keine mehr zu sehcn, er lauft iiber den 
Damm und erreicht die eben abfahrende Bahn. Ich geh 
nach Hause. Zwei ganze Schlafkupees, Kleinigkeit. Na ja, 
das ncnnt man Stil. Das zahlt nicht. Mister Cadar aus Siid- 
afrika kann sich das erlauben. Morgen friih sind sie in Wien, 
dann in Paris, dann besteigen sie irgendwo das Schiff, dann 
kommen sie zu Hause an, dort scheint immer die Sonne wie 
an der Riviera, hat die Frau gesagt. Und dann hat sie auch 
noch gesagt: komisch, jetzt in Budapest fallt es mir nie mehr 
ein, mit meinem Mann Englisch zu sprcchen, auch nicht, 
wenn wir allein sind, dabci habe ich mich friihcr schon ganz 
als Fremdc gcfiihlt. Natiirlich, das ist es ja. Als Fremde 
hat sie sich gefuhlt, sie ist ja auch cine Fremde, alle 
beide sind sie Fremde. Daher kommt es . . . na, egal. Sic 
kommen wieder zu Hause an. Wir sind zu Hause, nichts 
ist gcwesen. Endlich kommt der Hausmeister ans Tor 
geschlurft, er brummclt etwas, als er ihn hereinlaBt. Lang- 
sam geht er die dunklc Treppc hinauf, bei jedcm Treppen- 
absatz probiert er mit unsicher tastenden Schritten, ob er 
schon obcn ist. Der Kopf tut ihm wch. Auf einmal fiihlt er 
einen dumpfen Druck und ein Sausen hinten im Kopf; das 
hat mir noch gefehlt, dcnkt er wiitend, und rucksichtslos 
kut schlieBt er die Tiirc auf. Die Wohnung ist dunkel, die 
Kiichentiir steht offcn, er spiirt kalten Gcruch von Speisen 
und Abwaschwasser. Pfui. Vor Ekel stoBt ihm das Bier 
auf. Eilends tastet er sich nach seinem Zimmer. Gelbes 
Licht fallt auf das aufgeschlagene Bctt, auf die sch&bige, 

486 



ausgefranstc dunkclrotc Chaisclongucdeckc und das Wachs- 
tuch auf dem Tisch. Pfui. Pfui. Nichts andcrcs 1st jetzt in 
ihm als dieses einzige Wort, dieses einzige Gefuhl: pfui. 
Mit gereizten, eckigen Bewegungen wirft er die Schuhe ab 
und schmciBt seine Kleider unordentlich zerstreut ins 
Zimmer. Sein Nachthemd ist feucht, bei der kalten Be- 
riihrung schiittelt es ihn. Dann liegt er steif im kalten Bett 
und starrt in die Finsternis. Da zuckt ihm auf einmal das 
Wort durch den Kopf, das seit gestern in ihm steckt und 
das er seit jenem letzten Handedruck verheimlicht und von 
sich abwehrt und verjagt, das Wort mit kalter, blutiger 
Aufrichtigkeit, unabanderlich wie ein letztes Urteil, ab- 
geschlossen wie eine Grabsteininschrift, lautet: es ist nicht 
gelungen. In eisig glanzenden Buchstaben tanzt ihm der 
Satz vor den Augen: es ist nicht gelungen. Sie sind ab- 
gereist. Von der StraBe tont die Klingel einer spaten 
Elektrischen herauf: es ist nicht gelungen. Im Schrank 
kracht es leise: es ist nicht gelungen. Der kalte Hauch des 
Zimmers schlagt ihm ins Gesicht: es ist nicht gelungen. 
Im Dunkeln, in seinem Kopf brennen die Buchstaben: es 
ist nicht gelungen. Mit einer kindischen, flehenden Geste 
zieht er die Arme unter der Decke hervor und streckt sie 
vor sich in die Luft, der Kopf tut ihm weh, und er ist 
viel zu miide in dieser ihn plotzlich befallenden Erschopfung, 
um denken zu konnen, um sich Rechenschaft zu geben, sich 
zu wehren. Sie sind abgereist. Es ist nicht gelungen. 
Irgend etwas ... ist zu Ende: das kreist ihm durch den 
Korper. Dann meldct sich in seinem Kopf eine schwache, 
wimmernde, miide Stimme: ich muB von neuem be- 
ginnen . . . das Ganze noch einmal ... einen Augenblick 
lauscht er entsetzt nach dieser Stimme, dann schlieBt er 
wild gewaltsam die Augen, preBt den Mund zusammen 
und dreht sich mit einer abgehackten, zerbrochenen Be- 
wegung leise stohnend der Wand zu. 

Eine erbarmliche, gemcine Nacht. Er kann nicht ein- 
schlafen. Alle Mobcl krachcn und knistern, jedes Gerausch 

487 



hallt hundertfach in seincm Kopf wider. Stromungen sind 
in dcr Luft: Kalte und Glut pcinigen seine Haut; er fangt 
untcr dcr Decke an zu schwitzcn, deckt sich auf, da fegt 
ihm Frosteln iiber den Korpcr. Wenn er fiir einen Moment 
die Augen offnet, kriechen durch die Spalten der schicf 
heruntergclassenen Jalousie beangstigende, fremdc, form- 
lose Lichter von Wand und Decke und Frau Hunkas 
groBer weiBer Hutschachtcl auf dem Schrank auf ihn zu. 
Wie bose Nattern tasten sich die Lichter phosphoreszierend 
nach seinen Augen hin; und dann, wie sich seine Lider 
miide senken, schwirren sic rot und gelb hinter den ge- 
schlossenen Augen. Zahe Betaubtheit stellt den unregel- 
maBig pochcnden Motor in ihm ab, urn dann seinen ganzcn 
Korper im Halbschlaf mit stoBweisen Zuckungen zu 
schiitteln. Er fiihlt alles, und nichts ist ihm bewuBt; in 
seiner Brust duckt sich cine leise winselnde, unbckannte 
Angst. Die Gerausche, Lichter und Geriichc umzingcln ihn 
und rasen cinen barbarischen, wiisten Tanz um ihn; die 
Furcht vor dem Wachscin bindet ihn an den Marterpfahl 
betaubtcn Halbschlafs, so erwartct cr die Lanzc dcs unab- 
wcndbaren Erwachens, die vergifteten Pfcile der unumgang- 
lichen Gedanken. Spater ziehen zwischen Traum und Vision 
vibricrendc Bilder auf, zuerst Gcsichter: Kadars Ge- 
sicht, beangstigcnd iiberdimensioniert, Jolys Gcsicht, 
schneewciB untcr der flammendcn Haarkrone, und das 
Gcsicht der Mutter, schmerzvoli, alt und ausgcmergclt. 
Diesc Gesichtcr tauchcn aus dem Chaos auf, wie cincn im 
steckcngcblicbcncn Film die GroBaufnahme anstarrt, in 
dcr tragisch-grotcskcn Rcglosigkcit von ctwas Abgcrissc- 
nem, und plotzlich, ohnc Ubcrgang, wie die Lampc dcs 
Projektionsapparatcs ausgeht, so verschwindcn sic in 
schwarzcm Nichts. Und dann kommcn andcre Bilder: cr 
sicht Kadars Auto leer vor dem Hotel stchen, nur cincn 
Augcnblick. Frau Kiddr, im langcn wciBcn Mantel, tritt 
herein, den Tcnnisschlagcr in dcr Hand. Die Terrassc des 
Cafes an der Donau, vor Kddar stcht cin hohcs Glas, 

488 



gefullt mit cinem hellgelbcn Eisgctrank. Joly und Kadar, 
wie sie im Dunkeln vorgehen, auf den Wagen zu, auf dcm 
Weg drauBen vor der Heideschenke. Und nun kommen 
Tone, nein, aus denen kann man nichts klar entnehmen. 
Als sprachen viele Menschen auf einmal und als dominiere 
iiber diesem Gewirr der kreischende Ton einer Kreissage. 
Ich schlafe ja noch immer nicht, fiihlt er zerqualt, als das 
Rasseln eines schweren Fuhrwerks die Fensterscheiben 
klirren macht, und er 1st fast gliicklich, als er das bekannte 
Klingeln hort, das weiB ich wenigstens bestimmt, das 
1st die Klingel des Miillkutschers. Es muB schon spat 
sein . . . im Winter kommt der Miillmann spat. Endlich 
wurde es doch Morgen, wieder ein Heute, wieder fangt ein 

ncuer Tag an ich habe zwar den alten noch nicht so 

beendet, wie es sein miiBte. Wieder fiihlt er den bittern 
Biergeschmack im Mund, und einen Augenblick spurt er 
schwitzend und zitternd die Angst, der Magen wiirde sich 
ihm umdrehen. Er greift nach der Uhr, am Heben der 
Hand spurt er die graue, lahmende Miidigkeit seines blei- 
schweren Korpers. Es ist noch dunkel, und er kann das 
ZifTerblatt nicht sehen, hat aber keine Kraft, das Licht an- 
zuknipsen. Krampfhaft preBt seine Hand die Uhr und 
sinkt auf die Bettdecke zuriick, ein Weilchcn hort er noch 
das Ticken, dann durchbricht sein ringendes BewuBtsein 
die diinne Schranke dieses Tickens und fallt in den Strom 
schweren, tauben und blinden Schlafes. 

Als er crwacht, zieht das Madchen gerade die Jalousie 
hoch; quietschend heben sich die Plattchcn, und graues 
Licht kriecht ins Zimmcr. Mit Herzklopfen vom plotzlichcn 
Aufwachen sitzt er im Bett, und angstlich blinzclnd sucht 
cr sich selbst im Wachscin, 

,,Entschuldigen Sie bitte, gnadiger Herr, ich habc an- 
gcklopft, abcr Sie haben keine Antwort gegeben", sagt das 
Madchen, ,,und da hat dann die gnadige Frau gesagt, geh 
nur rein, Julie, und week den Herrn auf, es ist ja gleich 
Mittag, sieh mal nach, ob ihm nicht vielleicht was fehlt, er 

489 



bleibt doch sonst nic so langc liegcn, und wic das denn mit 
dcm Saubcrmachcn wcrden soil", und dabei packt sic seine 
Schuhe und seinen Anzug zusammen. 

,,Schon gut", sagt er nach ciner kleinen Weile, ,,Sie 
batten mich auch schon friiher wecken konnen. Bringen 
Sic mir bitte das Friihstiick . . ." Seine schwitzende Rechte 
preBt noch immer die Uhr. Halb zwolf. Genau ein halber 

Tag, scit der Zug abgefabren ist Hefrgott, ich fang 

ja gut an. Die Uhr kracht, mit leisem Klirren springt das 
Glas entzwei, als seine Hand sie argerlich auf das Tisch- 
chen neben dem Bett wirft. Kaputt, na schon, gratuliere. 
Stehengeblieben ist sie auch. Gratuliere. Wiirgende Wut 
befallt ihn, er springt aus dem Bett, dreht den Schliissel im 
SchloB um, schmeiBt sein Nachthemd hin und stellt sich 
nackt vor den Waschtisch. Kein warmes Wasser, na schon, 
gratuliere. Das Zimmer ist kalt, der kiihle Bettgeruch, der 
Nachtgeruch will ihn ersticken; das Wasser spritzt, wie er 
es in die Waschschiissel gieBt; klatschend schmiert er sich 
den Seifenschaum auf Hals, Gesicht, Ohren, Brust. Er ringt 
mit dem beiBenden Wasser, der ordinar riechenden Seife, 
dem ganzen ekligen, kalten Waschen, ringt mit sich selbst 
in unverstandlicher Gereiztheit. Warum muBte ich auch die 
Uhr kaputtmachen?! Ein feines warmes Badezimmcr mit 
versenkter Marmorwanne, denkt er, als er mit dem unter 
Gansehaut zitternden Arm nach dem Handtuch langt; 
gratuliere. Feine Sache, ich geh ins Arthesische Bad, nicht 
ins Dampfbad, in ein Extrabadezimmer ... und da 
zerrinnt plotzlich der Arger. Feine Sache, das Arthesische 
Bad. Rot und warm werden Armc und Oberkorper, wie er sie 
mit dem rauhen Handtuch trockcnreibt, wie lange war 
ich nicht mehr im Arthesischen, ich kann mich gar nicht 
mehr erinncrn, wann ich das letztemal da war. Er geht an 
den Schrank; es klopft, na? ,,ich bring das Friihstuck", 
sagt das Madchen hinter der Tiir, ,,warten", antwortct er, 
,,ich mach gleich auf." Aus dem Schrank nimmt er cincn 
schabigcn brauncn Schlafrock, fahrt hinein und offnet die 

490 



Tur. Julie stcllt das Tablett auf den Tisch. ,,Kann ich 
anfangen sauberzumachen?" ,,Keine Spur, sehen Sie 
derm nicht, daB ich noch nackt bin?!" Das Madchen 
grinst und geht aus dem Zimmer. Er fangt an zu friih- 
stiicken. Der Kaffee ist schon eingegossen, er schneidet 
die Semmel durch und schmiert Butter darauf. Ich hab 
Hunger, denkt er beim ersten Bissen, die Butter ist ganz 
gut, natiirlich, Kunststiick, im Winter frisch zu bleiben. 
Ein Schluck Kaffee. Der Kuckuck soil die Uhr holen. Er 
steht auf, nimmt sie in die Hand, ach nee, sie geht ja. Ein 
ganz ordentliches Werk, scheint ihm nichts passiert zu 
sein, hat wohl einen kleinen Schreck gekriegt. Das Glas ist 
gesprungen, na, wenns weiter nichts ist, solange es nicht 
rausfellt, kann ich sie ruhig noch tragen. Zwolf, viel- 
leicht geht sie ein paar Minuten nach, sie war doch stehen- 
geblieben, die arme Uhr. Gut gelaunt setzt er sich wieder 
an das Friihstiickstablett, er freut sich iiber die Uhr. Zwolf 
Uhr, sagen wir, viertel eins ist es, ich brauch mich nicht 
zu beeilen, ich hab ja nichts zu tun, zu Mittag essen kann ich 
bis drei, im Speisewagen wird jetzt schon gegessen. 
Weit in Osterreich miissen sie schon sein. Als ich nach Wien 
fuhr, dreiundzwanzig, habe ich auch im Zug gegessen, um 
zwolf, Mittagessen bitte, erste Serie, na schon. Nach 
Tisch konnte ich zu Sari raufgehen. MuB aber nicht sein. 
Plotzlich wird er rot; sein Gesicht gliiht. Ich werde mich 
lieber cine Stunde hinlegen, miide genug bin ich ... aber 
das war nicht wahr: iibertriebcne, nervose, erregte Frische 
hatte cr jetzt im ganzen Korper, einen versteckten Taten- 
drang, Sehnsucht, etwas zu tun, die sich zunachst in raschen, 
breitcn, iiberbetonten Bewegungen auflerte. Mit derartiger 
Kraft schnitt er ins Brotchen, daB das Messcr durch den 
sich ringelnden Teig fuhr und auf dcm Teller quietschte; 
das harte Butterstiickchen verteiltc sich unter dem hitzigen 
Druck der Mcsserklinge schmelzend auf der Semmel, und 
als er die Tasse hob, plantschte cr einen guten Schluck auf 
das Wachstuch. Na, noch ein Glas Wasser. Dann tritt 

491 



cr ans Fcnstcr und fiihlt auf cinmal hcrbe VcrdricBlichkeit. 
Es regnet, dichte Faden vcrbindcn die schwerhangende 
grauc Wolkcnmassc mit dcr Erdc. Die StraBc schwimmt, 
rosa Dings, vcrscnktc Marmorwannc ... untcn an dcr 
Ecke bci dcr QucrstraBe vier bis fiinf Elektrische hintcr- 
einander, sind wahrscheinlich stcckengcbliebcn, Men- 
schcn mit raschen Schritten unter Schirmcn, zwei hoch- 
aufgcladene schwcre Kohlenwagcn trottcn hintcrcinandcr 
her, die Pferde dampfcn; cin untersetzter, altlicher Zeitungs- 
verkaufer rcnnt mit seinem Packcn, heiser krachzend bietet 
cr sein Blatt fell, und driiben an der Ecke steht ein altcs 
Mutterchen, auch sic leiert den Titel einer Zcitung; und 
plotzlich saust unter lautem Tuten der Sirenc ein Rettungs- 
wagen vorbci, Wasscr und StraBenschmutz in wcitcm Bogcn 

nach beiden Seitcn spritzend. Ein Eisenbahnungl 

vielmehr irgendcin Verkehrsunfall, wahrscheinlich. Bei 
solchem Matsch wetter konncn ja die Elektrischen kaum 
brcmsen, sicher sind zwei Wagen ineinander gcfahren, 
Oder zwci Autos. Die Gummircifcn schlittern ja nur so. 
Als wir cinmal nachts bei Rcgcn vom Plattensee kamen, sind 
wir auch fast im Chausseegraben gelandet, auf der Land- 
straBc 1st es namlich noch schlimmcr bei solcher Nasse. 
Na, egal. Ich gch jctzt fort. Was soil ich hicr zu Hausc 
machcn? die will schon aufraumcn. Er betrachtet das 
Thermometer am Fenstcr, sieben Grad, machtig ge- 
fallcn, sieben Grad ist nicht viel. Kalt ist es. Dcr Winter 
beginnt. Dann tritt er langsam vom Fenster wcg. Am 
Kleiderstander neben dem Schrank hingt sein Winter- 
mantel. Er sieht ihn sich an. Der Rand des Samtkragens ist 
grau von Staub, mit den Fingerspitzen will er ihn abklopfen, 
ach so, nicht mal staubig, abgewetzt ist er. In zicmlich 
schlcchtcm Zustand ist dieser Oberzieher, innen ist er noch 

ganz gut, abcr auBen Fiinf Jahre, fiinf Jahre kann 

man dem Samtkragen eines Wintcriibcrzichcrs wirklich 
ansehen. Fiinf Jahre gehen ja auch an Menschen nicht 
spurlos vohiber. An manchen doch, es gibt so entsctzlichc 

492 



cwige Kindergesichter, wie zum Bcispiel den Zatony. Aber 
Kdd&r ist ganz anders geworden. Abgewetzt, macht nichts. 
1st keine Schande. Heutzutagc sind alle Leutc zerlumpt. 
Die meisten. Er nimmt den Mantel vom Haken, schliipft 
hinein und driickt sich den Hut auf den Kopf. Mein 
Schirm, ach ja, im Flur hab ich ihn gelassen. In Hut und 
Mantel steht er im Zimmer, blickt um sich, als suche er 
noch etwas. Uber der Chaiselongue ist das Biicherbrett, 
was fur ein abscheuliches Wetter, eigentlich sollte ich nicht 
ausgehen, er tritt an die Chaiselongue, stiitzt sich mit 
dem Knie dagegen, und seine Hand langt nach den Biichern 
in rotem Einband. Mehr Biicher werde ich mir wohl 
schwerlich kaufen, vorlaufig wenigstens. Solange ich keine 
Stellung habe, bin ich nicht gut fur die Raten, was? Der 
Agent wird zwar kommen, dem bin ich noch immer gut, 
dem ist es gleichgiiltig, er kriegt ja seine Provision. Aber 
der Kaufmann, dem bin ich nicht gut. Ungarische und 
auslandische Romandichter: von den zwolf Banden da 
hab ich noch nicht viele gelesen, den Wassermann hab ich 
angefangen, war nicht besonders interessant ... so endlos 
lang ... und auf einmal hat er vier-funf Bande in der 
Hand, mit der Rechten blattert er rasch darin, Moricz, 
Krudy, Mann, Benoit, er stellt die Biicher wieder zuriick 
und nimmt ein paar andere Bande herunter, Kellermann, 
Da Verona, hab ich auch noch nicht gelesen, er sieht 
sich die Titelblatter an und wirbelt die Seiten zwischen 
zwei Fingern weiter, wieder ein Packen, knisternd 
eilen die Blatter, nicht drin, auch hier ist es nicht drin, 
wohin kann ichs nur gelegt haben? warm hab ichs denn 
zuletzt in der Hand gehabt? Dann stellt er den letzten Band 
wieder an seinen Platz, drcht sich um und bleibt unschliissig 
vor dem Schrank stehen, vielleicht in einem Anzug, aber 
ich hab sie doch seither alle angehabt ... seine Hand greift 
in die Hosentasche nach dem Schliissclbund, da kommt 
Julie mit Besen, Miillschippe und Staubtuch. Die Hand zieht 
sich aus der Tasche zuriick; er knopft seinen Rock zu. 

493 



,,Julie", sagt er, ,,heizen Sic nachhcr anstandig ein, 
nach Tisch komm ich nach Hause." 

Er kam nicht nach Hause; nach Tisch ging er doch zu 
Sari. Der Schwager war natiirlich schon weg, aber Sari 
traf er an; seitdem sie wieder in Umstanden ist, geht sie 
bloB vormittags fiir eine oder zwei Stunden ins Geschaft, 
Mama schlief schon, wie gewohnlich. Joly sitzt im Schaukel- 
stuhl, die Beine nach hinten gezogen; einen Pitigrilli- 
Roman liest sie. Im EBzimmer hangt schwerer Kohlgeruch, 
,,ich hab heute auch Kohl zu Mittag bekommen", sagt er, 
als er eintritt. ,,Ich hab auch schon gesagt, macht doch das 
Fenster auf, der Kohlgestank ist nicht zum Aushalten", 
Joly blickt vom Buch auf. Siri hebt ruhig den Kopf und 
schniiflfelt. ,,Na, so gefahrlich ists nicht, nachher beschwert 
ihr euch dann, ich laB die Warme raus. Aber wenn dus 
nicht zum Aushalten findest, konntest du ja aufstehen und 
selbst aufmachen ..." ,,Gut", sagt Joly und liest weiter. 
Er setzt sich an den EBzimmertisch ; nimmt einen Zahn- 
stocher in die Hand; nimmt Mamas Brille in die Hand, die 
mit ihren diinnen Silberrandern und den billigen, ovalen 
Glasern bescheiden neben der zerkniillten Serviette liegt; 
er blattert in einer auf den Stuhl geworfenen Nachmittags- 
zeitung. Der Schrecken von Diisseldorf hat bisher sechzehn 
Lustmorde eingestanden, Kleinigkeit. Bei volliger Teil- 

nahmslosigkeit verlauft im Abgeordnetenhaus na, 

auch gut. Die Arbeitslosigkeit in England nimmt zu. 
Reichskanzler Briining iiber die Riistung in Frankreich. 

Der Biirgermeister auBert sich Kampf von vierzig 

Erben um die Millionenerbschaft. Freisprechung in cinem 

Verleumdungs Rekord-Wahnsinn: sitzt die einund- 

siebzigste Stunde in einem umgedrehten Sessel. Oberfahren 
und weitergesaust Die Naive schlug den Hilfs- 
regisseur knock-out. In Berlin Schl&gerei wegen des 
Remarque -Films. Neuerlichc groBe Zahlungsunfahigkeit 
in der Textilbranche. Im ganzen Land Nachtfrost zu er- 
warten. Heutige Borse: weiteres Abflauen in den fiihrcnden 

494 



Werten na, schon. Er legt die Zeitung hin; auf 

das Rascheln des Papiers blickt Joly wieder vom Buch 
auf. Sin steht etwas schwerfallig auf und sammelt die 
Brotreste in einen kleinen Korb. 

,,Was gibts Neues, Bandi?" sagt sie dabei. 

,,Nichts", antwortet er, blickt in die Luft und zwingt 
gute Laune in seine Stimme, ,,hast du nicht gelesen? der 
Schrecken von Diisseldorf " 

,,Schon gut", sagt Sari, ,,ich frag doch nicht im SpaB. 
Was mitdir ist? Nichts?" 

,,Nichts . . ." und als ob bei diesem Wort seine Stimme 
schartig wiirde: ,,denkst du, das geht heutzutage so leicht?" 

,,Also, mein Gott . . . und warst du bei Menczers?" 

,,Nein", sagt er dumpf, ,,noch nicht. Offen gesagt, 
glaube ich nicht, daft das was fur mich ist " 

,,Das ist ganz egal", sagt Sari mit harter Stimme, 
,,glaub du lieber nichts vorher, sondern geh hin. Karoly 
hats ihm doch schon erwahnt . . . er wird sich wirklich 
wundern, daB du dir noch nicht die Miihe genommen 
hast Und bei Generaldirektor Havas warst du?" 

,,Auch nicht " 

Sari bleibt neben dem Tisch stehen, ein wenig thea- 
tralisch. 

,,WeiBt du, Bandi, ich versteh dich nicht. Du tust 
gerade, als waren es noch keine vier oder fiinf Monate, 
daB du arbeitslos herumlungerst " 

Er will sie unterbrechen, will etwas sagen. Joly sieht 
vom Buch auf, schweigt aber. 

und nachher wunderst du dich, wenn nichts 

gelingt, und Karoly rennt vergebens zu diesem und jenem, 
schlieBlich bist du ja schon zweiunddreifiig Jahre alt ... 
Jolan", fahrt sie, zu ihrer Schwester gewendet, streng fort, 
weil sie nun schon in der Gereiztheit drin ist, ,,du weiBt 
doch genau, daB Terez heute plattet, und siehst ruhig zu, 
wie ich hier hin und her springe " 

,,Na, und? . . ." 

495 



,,Und?l Wiirdest du nicht so gut sein und mir helfen?! 
wiirdcst du nicht so gut sein und den Tisch abraumen?!" 

,,Wenns sein muB . . ." mit fauler Bewegung legt sie 
das Buch aufs Fensterbrett, steht auf, reckt sich, tritt an den 
Tisch und nimmt Mamas Brille in die Hand. ,,Sag mal, 
Bandi, was machst du heute nachmittag?" 

,,Ich weiB noch nicht. Warum?" 

,,M6chtst du nicht mit mir ins Kino gehen oder in cine 
Konditorei?" 

,,Ins Kino? ich hab wahrhaftig kein biBchen Lust " 

,,Na, mir ists ja egal, ich hab das bloB so gesagt ... ich 
mochte namlich eine halbe Stunde in Ruhe mit dir reden." 

,,Stor ich vielleicht?" fragt Sari zankisch. 

,,Jawohl", antwortet das Madchen ruhig und sieht ihre 
Schwester langsamen Blickes an. Da wirft Sari die kleine 
Tischbiirste hin und verlaBt gerauschvoll das Zimmer. 
Joly hantiert schweigend am Tisch herum, wirft das Tisch- 
tuch und die Servietten auf das Biifett neben die Teller und 
Bestecks. Dann setzt sie sich wieder in den Schaukelstuhl. 
In Jolys weiBem Gesicht sind um den schmalen Mund 
zwei harte, bittere Ziige ; ihre Augen sind von tiefen Randern 
umschattet. Joly ist zwanzig und ein halbes Jahr Er geht 
ans andere Fenster und wirft von der Seite cinen fliichtigen 
Blick nach seiner Schwester. Wie schlecht sie aussieht. Joly 
sitzt im Schaukelstuhl, die Beine zieht sie wieder hoch. 
Einen dunkelblauen Rock hat sie an und einen weiBen 
Pullover; unter dem Rock sieht ihr Knie hervor und vom 
Oberschenkel noch ein weiBer Streifen, ziemlich hoch 
oben. Wie sitzt du denn, will er sagen und schluckt leise 
das Wort hinunter. Es ist still; drauBen, in dcr Rich- 
tung, nach der Sa*ri verschwunden ist, schla'gt Uut cine 
Tiirc zu. 

Joly blickt auf. 

,,Na", sagt sie, ,,das iibliche Nachtischprogramm. Jetzt 
kommt das Weinen. Du lieber Gott, wic ich das iibcr habe." 

Plotzlich sagt er ablenkend: 

496 



,,Gut, also, in welches Kino willst du " 

,,In gar keins", fahrt Joly dazwischen, ,,ich hab iiber- 
haupt keine Lust, ins Kino zu gehen, ich auch nicht, ich 
hab das bloB gesagt, damit sie sich endlich verzieht", mit 
dem Kopf winkt sie nach der Tiire, ,,was ich wollte, kann 
ich dir auch hier sagen." 

,,Also, bitte", sagt er mit gepreCter Stimme; und in 
diesem Moment weiB er ganz genau, wovon nun die Rede 
sein wird. Von ihm. Selbstverstandlich. Das muBte ja 
kommen, dieses Gesprach, nach dem leisen, raschen Satz 
auf dem Gellertberg am Auto . . . Und wenn Joly jetzt 
sagt, daB 

Das Madchen sieht ihn wieder an, jetzt fallt ihm gerade 
und hart der griinlich-blaue Strahl in die Augen. 

,,Sind sie abgereist?" fragt sie rasch und leise. 

,,Ja." 

,,Hast du sie an die Bahn gebracht?" 

,,Nein . . . vielmehr " 

,,Was vielmehr? Ja oder nein?" 

,,Gebracht habe ich sie nicht, ich war bloB am Bahnhof, 
bin aber nicht zu ihnen hingegangen. <c 

,,So", sagt Joly und schweigt. Stille. Und diese kalte 
Stille ist wie ein schwerer Vorhang, der sie von der Welt 
abschlieBt. Er ist nicht zu durchdringen. Alles ist gespannt. 
Diese Stille ist unertraglich. 

,,Das hast du gewollt?" fragt er, weil er reden muB, um 
von dem Schweigen nicht zu ersticken. 

,,Jawohl", antwortet sie und schweigt wieder einen 
Augenblick. ,,WeiBt du, daB er hier war?" 

,,Hier? warm?" 

,,Ja, hier. Gestern nachmittag. Ist aber nicht rauf- 
gekommcn. Ich saB den ganzen Nachmittag hier am 
Fcnster, wirklich nicht um ihm aufzulauern, ich hatte bloB 
keine Lust auszugehen und hab zum Fenster rausgeguckt. 
Da driibcn ist sein Wagen stehengeblieben, driiben vor 
dem Haus", wieder schweigt sie. ^Raufgekommen ist er 

32 KOrmondl, Budapest 497 



nicht, hat bloB cine Wcilc gehaltcn und ist dann weiter- 
gcfahren. Ich hab den Wagen erkannt." 

Wicdcr Stillc. Der Schaukclstuhl setzt sich in Be- 
wegung. 

,,Du, Bandi. Ich mochte gern antworte mir auf- 

richtig, wcnn du kannst . . . hab ichs verdorben?" 

,,Abcr Joly", qualt sich seine Stimme, ,,das ist doch 

ich verstehe deine Fragc nicht, und iiberhaupt ist es iiber- 
fliissig, dariiber zu reden " 

Joly steht plotzlich auf. In ihrem weiBen Gesicht brennen 
auf den Wangen zwei rote Flecken. 

,,Bandi . . . mir ist alles gleich aber ich muB jetzt 

davon sprechen . . . mit wem soil ich denn da von sprechen ? ! 

ich will ja auch nicht abcr ich muB, weil Du, 

Bandi . . . du weiBt, was er von mir wollte " 

Angstvolle, tiefe Stille. Jetzt klingt ihre Stimme ganz 
leise und heiser: 

du weiBt, was er von mir wollte, und du hast zu 

mir gesagt, ich soil klug sein " 

,,Ich " 

du hast gewuBt, daB ich nicht mehr unberiihrt 

bin, und du wolltest " 

,,Ich " 

du hast gewuBt, daB er mir alles mogliche an- 

geboten hat, gelogen und wahnsinnige Sachen geredet, ich 
soli mit ihm gehen, oder wir beide sollen nach Siidafrika 
auswandern, du und ich " 

Das Gesicht unter dcm roten Haar ist cin einziger 
fiammender Fleck. Stille. Dann plotzlich, ganz tief, zer- 
brockelt in heisere Tone : 

,,Du, Bandi . . . es kann ja sein, daB du recht hattest. BloB 
weiBt du nicht, daB ich cine von der Art bin, die man leicht 
uberbekommt, dann ist es auf einmal aus, und was ware 

dann gewesen du weiBt nicht, daB er cin gemeiner, 

kalter ich hab das gefiihlt und gewuBt, und wenn die 

Sache mit mir mal zu Ende gewesen ware " 

498 



Mit leerem Korper und sdhlotternden Knien lehnt et 
sich ins Fenster, mit weit aufgcrissenen Augen starrt er das 
Madchen an. 

,,WeiBt du, daB ich bei ihm im Hotel war, allein?" 
Lange, entsetzliche Stille. ,,Ich glaubc, da habe ichs ver- 

dorben ich hab ihm gesagt, niemals . . . diirfe er mich 

anriihren, bloB wenn er sich von der alten Kuh scheiden 
laBt und mich heiratet " 

Ein fiirchterliches, sirenenartiges Heulen beginnt jetzt 
in seinem Ohr zu klingen, zuerst ganz leise, und dann wird 
der Ton immer durchdringender. Er kann kaum etwas 
anderes horen. 

,,Du, Bandi . . . hab ichs verdorben?! hatte ich nicht . . . 
gleich alles auf einmal wollen durfen?! hatte ich mich ihm 
hingeben sollen? und dann entweder oder? du hast 
gesagt, ich soil klug sein . . . also, war ich zu klug oder nicht 
klug genug sag, bin ich schuld, daB die Sache ver- 
dorben ist, fur dich und fur mich?!" 

Auf einmal wird er kalt und hart. Die zerfallende 
Seele fliichtet sich in letzter Kraftanstrengung hinter eine 
Maske. 

,,Ich begreife nicht, Joly, was du da redest Bist du von 
Sinnen? hast du einen Knacks bekommen? du weiBt iiber- 
haupt nicht, was du redest " 

,,Na, egal, ich habs verdorben. Ich hatte ja auch ganz . . . 
den Verstand vcrloren. Nicht gelungen. Ich werd schon 

irgendwie damit fertig werden nun leben wir eben 

weiter wie bisher wenn nicht mit ihm, dann eben 

ohne ihn . . , dann eben mit Tot6 Huszar und dann mit 
einem andern " 

Mit einem Satz steht er vor ihr, packt ihre Hand und 
preBt ihr wie wahnsinnig das Gelenk: ,,Du, Joly! bist du 
verriickt geworden?! was redest du da fur rasendes Zeug 
zusammen, vor mir, vor deinem B ruder " 

Der Schmerz des Druckcs, diese korperliche Spur der 
Zuriickweisung erniichtert das Madchen sofort aus dem 



32 



499 



taumclnden, wirbelnden Abrcchncn. Die rotcn Flccke ver- 
schwinden von ihren Wangen, ihre Stimme 1st nicht mehr 
heiser, sie setzt sich wieder in den Schaukelstuhl und nimmt 
das Buch vom Fensterbrett. 

,,Vor meinem Bruder . . . na, wie du wills t. Also, reden 
wir nicht mehr davon." 

Irgend etwas wiirgt ihm in der Kehle; ich muB jetzt 

sofort hier weggehen ich halte es hier nicht langer 

aus nicht einen Augenblick kann ich mehr hier- 

bleiben Und da geht die andere Tiire auf : Mamas 

rotgeschlafenes Gesicht blickt ihn an, mit blinzelndcn, 
erwachenden, kleinen Augen: 

,,Was ist, Bandi, du bist hier? das wuBte ich ja gar nicht. 
Jolan . . . muB man euch denn jedesmal darum bitten? 
warum habt ihr mich nicht schon langst geweckt?" 

Jetzt ist es nicht mehr moglich, so einfach davonzu- 
laufen, jetzt muB er noch drei Minuten bleiben. Ein unbe- 
stimmter, stiller Schmerz schnurt ihm beim Anblick der 
alten Frau die Kehle zu, ein gcstaltloses, fremdes Bedauern. 
Bine weiBe Haarstrahne hangt Mama an der rechten Seite 
ins Gesicht. Ihr kafFeebraunes Hauskleid hat sie an, vorn 
am Rock ist ein groBer heller Fleck. Milch. Oder Fett. Die 
Spitzen ihrer schwarzen Schniirschuhe sind ein wenig nach 
oben gebogen. Jetzt fiirchtet er sich bereits nicht einmal 
mehr davor, daB Fragen folgen konnten, die den Fragcnden 
qualen und den, der ohnehin nicht auf sie zu antworten 
weiB. Was macht dein auslandischer Freund? hast du dich 
nach ciner Stellung umgesehen? hast du noch Geld? 
das konnte sie fragen, aber er zittert nicht mehr vor die- 
sen Fragen. Jetzt sieht er nur noch erschiittert die hangende 
Haarstrahne, den Fleck am Kleid und die hochstehenden 
Schuhspitzcn. Du hottest es auch besser gehabt, Mama. 
Arme klcinc altc Mama, einziges, teures Miitterchen 

,,Ich muB eilen, Mama, morgen oder ubermorgen komm 
ich wieder", er tritt zu ihr bin und kuBt ihr die Hand. 
Dann blickt er nach Joly und sagt zogernd: ,,Servus." Im 

JOO 



Flur vor dem groBen Schrank stcht Sari, als er aus dcr 
Tiire tritt, dreht sie sich trotzig urn, schlieBt larmend die 
Schranktiir und geht wortlos in die Kiichc. 

Dann steht er unten auf dem Ring im Regen. Das 
Wasser klopft auf den aufgespannten Schirm, spritzt ihm 
auf die Schuhe und den Hosenaufschkg. Zwischen den 
dichten Regenfaden gehen die Menschen einher, als hingen 
sie an diesen Faden vom Himmel herunter, Figuren eines 
beangstigenden, unfaBbaren Marionettenspiels. Du lieber 
Gott, jetzt mit Toto Huszdr, dann mit einem andern, 
bloB eben mit Antal Kadar nicht ... und ob sie es ver- 
dorben habe? hat sie es verdorben? Herrgott, was dcnn?! 

verkauft hatte ich sie weil ich wuBte, daB sie nicht 

mehr unberiihrt ist, daB sie einen Geliebten hat, Geliebte 

gehabt hat und haben wird jetzt Toto Huszar, dann 

einen andern . . . warum denn nicht?! ich tue, was ich will, 
jawohl, nimm das bitte zur Kenntnis, ich mache mit mir, 
was ich will, und wenn du die Platze kriegst und noch so 
viel hinter mir her spionierst, und iiberhaupt, es geht euch 
gar nichts an, wer hat dir aufgetragen, mir Moralpauken zu 
halten?! ich mache, was ich will, und wenns euch nicht 
paBt, konnt ihr mich ja rausschmeiBen! was hab ich 
denn von euch? um wessentwillen soil ich auf mich acht- 

geben?! kannst du mir das etwa sagen werdet ihr 

mich verheiraten? so, wie es mir entspricht? oder stellst du 
dir etwa vor, ich heirate einen Karoly und stelle mich hinter 
die Theke, Salami schneiden?! nein, danke, und steigt mir 
nicht immerfort nach, und es geht euch gar nichts an, was 
ich mache, und wenns euch nicht gefallt, dann seht zu, wie 
ihr damit fertig werdet, schlieBlich leben wir ja nicht mehr 
im Mittelalterl Ja, das hatte Joly klipp und klar gesagt, 
als er ihr einmal Vorwiirfe machte, weil sie dauernd mit 
diesen jungen Leuten herumzoge . . . dann war es lange still 
gewesen, sic hatten kaum miteinander gesprochen und von 

solchen Dingen iiberhaupt nicht mehr bis zu dem Tag, 

da er ihr sagte: sei klug! . . * Verkaufen wollte ich sie, und 

joi 



wenn ich nicht geahnt hatte, daB sie schon was hinter sich 

hat und wcnn ich bestimmt geglaubt hatte, daB sie 

noch unberiihrt ist, hattc ich sic dann nicht vcrschachern 
wollen?! viclleicht ware es gut gewesen, wenns gelungen 

ware. Sowohl fur sie wie fur mich. Sei klug und nun 

ists verdorbcn. Scheiden lasscn soil er sich von der altcn 

Kuh Joly ist erst zwanzig, die Kadar mag schon 

sieben- oder achtunddreiBig sein, alte Kuh? . . . und laut 
lacht er in den Rcgen, und laut sagt er vor sich hin : alte Kuh, 
ich trenne mich nicht von ihr! Jemand kommt ihm ent- 
gegen, einc Art Bote mit einem in Wachstuch gewickelten 
Paket unterm Arm, er starrt ihn an, ,,alte Kuh", sagt 
er laut und aggressiv noch einmal, der mit dem Pakct 
sieht ihn mit etwas schraggebogenem Kopf groB an und 
geht weiter. Auf der andern Seite viber dem Kino flammt 
eine rote Lichtreklame auf, er bleibt stehen und betrachtet 
die roten Lichtstreifen. Joly hat rote Haare, und Antai 
Kadar war in sie verliebt, war wahnsinnig verliebt in 
Joly, ist das etwa ein Wunder? daB er sich in sie verliebt 
hat? Und . . . wenn sie nicht meine Sch wester ware 
hatte ich mich vielleicht nicht Trockene Kalte schneidet 
ihm wiirgend in die Kehle, ist das ein Wunder? Und 

Kadar Das hatte ich mir ja vorher ausgcrechnet, daB 

er sich in Budapest in einc Frau vergaffen wiirde, bloB eben 
daran hatte ich nicht gedacht, daB es ausgcrechnet abcr 
so verliebt war er doch nicht in sie, daB er sich ihretwegen 
von seiner Frau hatte scheiden lasscn und sic geheiratct 
hattc. Jcder wollte etwas anderes. Joly wollte Frau Kadar 
wcrden, Kadar Jolys Frcund. Und . . . der cine wollte dies 
nicht, die andcrc jenes nicht. Und dann ist cs verdorben 
in diesem Augenblick fiihlt er zum erstenmal klar und deut- 
lich und mit der Macht der Offenbarung, daB allcs ein- 
gestiirzt, allcs verschuttct war, allcs, was sich scit cinem 
Jahr vorbereitet hatte . . . aber auch allcs das, was sich 
hinter diesem cincn Jahr in zweiunddreiBig Jahren an- 
gesammclt hattc. Jctzt wcifi er genau, dafi die Sachc falsch 

JOZ 



angefafit worden war, auch ausgedacht, weitergesponnen 
und aufgcbaut war sic nicht gut. Und untriiglich weiB er, 
daB das Wort ,,miBlungen" hinter Menschen und Dinge, 
Phantasien und Wirklichkeiten einen Punkt setzte. Und 
auch das fiihlt er, daB alles, was in zweiunddreiBig Jahren 
geschchcn war, Zufall und blindes Tappen im Dunkcln 
war; mit kleinen Einsatzen und winzigen Resultaten, 
Tappen am Ufer eines unbedeutenden, kleinen Grabcns, 
wenn man fehltritt und in den Graben rutscht, dann sagt 
man, hopp, ich bin ausgeglitten, und krabbelt wieder her- 
aus. Aber was jetzt geschehen war, seit November, seit 
einem Jahr: das war ein Galopp in furchtbarer, unertrSg- 
licher Helligkeit auf einem steilen Bergriicken, und 
wenn man da hinuntersturzt : aus dem Abgrund kann man 
nicht so einfach wieder herauskriechen und sagen, na, 

weiter, es ist nichts passiert. MiBlungen grauenvoll 

durchzuckt ihn das Wort, wahrend der blinde Mechanismus 
der Gewohnheit seine FuBe hebt und ihn vorwarts tragt 
iiber die StraBe. Unter diesem Wort ist unendliche Leere 
in ihm, und die Leere wird bloB von wusten Gedankcn- 
fetzen durchwiihlt. Mutter, ganz weiB ist sie. Voriges Mai 
habc ich ihr auch nur vierzig Pengo gegeben. Aber jetzt 

weiB ich nicht, werde ich ihr iiberhaupt noch etwas 

Ich muB wegen der Stellung zu Menczers gehen. Und zu 
Generaldirektor Havas. Wenn Karoly doch schon mal 
davon gesprochen hat. Halb fvinf, Zeit zum Kaffeetrin- 

ken ich geh in ein Cafe, die Nacht hab ich entsetzlich 

schlecht geschlafen, und das Mittagessen war auch nicht 
gut. Bei Sdri gabs auch Kohl, ist denn jetzt Kohlsaison? 

ich muB Kaffee trinken im Zug trinken die Leute 

jetzt auch Kaffee im Speisewagen Er kippt seinen 

Regenschirm ein wenig nach vorn, ein eiskalter Tropfen 
fallt ihm in den Kragen, am ganzen Korper erschauert er. 
Pfui ... es ist auch moglich, daB mir etwas fehlt, vielleicht 
habe ich mich gestern erkaltet, vielleicht habe ich sogar 
Fieber. Vor einem Fenster dcs Cafes bleibt cr stehen, 

503 



betrachtet den braunen Halbvorhang und die beschlagenc 

Scheibe. Ich geh rein und trinke eine Tasse 

In dcrEcke ist ein kleiner Tisch frei; zwischen zwei 
groBen Menschengruppen drangt er sich hindurch. Nach 
dem ersten Schluck Kaffee fuhlt er sich von Glut iibcr- 
gossen, wird rot und mochte am liebsten den Kragen ab- 
legcn; der steife Kragen fiihlt sich feucht an, und sein 
Druck wiirgt ihn. Gegen die Hitze muB man sich schiitzcn, 
das Beste gegen die Sonne ist der mit Kork gefiitterte 

Tropenhelm das Beste gegen die Hitze im Cafe jedoch 

ist Sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse, er 

greift an den Hals und zerrt an seinem Kragen. Ich werde 
zu Menczers gehen und zu Herrn Generaldirektor Havas, 
Karoly hat ihnen die Sache schon erwahnt, die sind bei der 
Hand, wirklich ganz egal, was fur Arbeit sie mir geben 
konnen, bis ich eine anstandige Stelle finde. Gut; wenn sie 
im Buro keine Verwendung fiir mich haben, dann werde 
ich eben im Geschaft bedienen, die Hauptsachc ist, daB ich 
irgendwas anfange, irgendwas in der Hand habe, irgendwo 
FuB fasse, irgendeinen Ausgangspunkt habe An 
einexn Tisch rechts sitzt eine Schar junger Burschen, sie 
disputieren laut. Ein Schwarzhaariger mit brennenden 
Augen fuhrt das Wort. ,,Der Siirrealismus", sagt er, ,,ist 
die einzige Richtung, die iiber den Rahmen ciner Manier, 
einer einfachen Formenanschauung hinauswachst. Der 
Siirrealismus ..." das sind wohl Litcratcn, Kindskopfe, 
wir haben das auch gemacht, das heiBt ich nicht, aber 
manchmal bin ich hingegangen zu den Jungens, die in der 
achten Klasse die ,,Gymnasiastenjahre" herausgaben. Was 
fur Blodsinn die zusammengeschrieben haben, und wie sic 
cinandcr kritisierten, tolle Sache, manchmal platzte man fast 
vor Lachen. Zdtonys Erzihlung crinncrt ein wenig an 
Jokais schonstc Halasis neue Novelle ist gewiB unter 
Krudys EinfluB entstanden dieses Chanson zeigt 
gewissermaBen eine Nachempfindung dcs jungen Hcl- 
tai Weinbergers Lyrik . . , du licber Gott, Weinbergers 

504 



Lyrikl ,,Der Siirrealismus", sagt der Schwarzhaarige 
rechts, ,,ist im Vcrglcich zu dem kaltcn, erfundenen 
Formalismus sonstiger Ismen von demselbcn fruchtbaren 
Niveau wie in der Musik die auf die atonale Theorie auf- 
gebaute neuere ..." ich habe auch zwanzig Kronen 
gegeben, damit die erste Nummer erscheinen konnte. Da- 
mals habe ich zum erstenmal meinen Namen gedruckt 
gesehen : mit giitiger Beihilfe der Freunde unseres Blattes . . . 
A. Kelemen, Klasse VIII zwanzig Kronen. Spacer 
war ich dann noch einmal gedruckt, als die Untersuchung 

in der Bankangelegenheit im Gang war moglich, daB 

ich auch hatte schreiben konnen, wenigstens unter jemandes 
EinfluB oder jemanden nachempfindend. Simon hat auch 
geschrieben, Theaterkritiken, iiber ein Kriegsstiick hat er 
cine riihrende Kritik geschrieben. Simon ist auch bei der 
Feder geblieben, ich verstehe aber nicht, wie er davon 
leben kann, sicher sammelt er Annoncen, schreibt solche 
Theateranzeigen und Reklameartikel . . . sag mal, kennt 
man da unten deine Firma zur Geniige? eine gescheite, 

richtig eingestellte Reklamekampagne Was fur ein 

gemeines, finsteres kleines Lachen die Antwort darauf 
war, und Kadar sagte sofort: bisher haben wir nicht 
sonderlich viel Reklame gemacht, aber du kannst recht 
haben, vielleicht ware das nicht ohne . . . Beschaftigst du 
dich mit Reklamewesen? das sagte er so, in einem solchen 
Ton, vertraulich und unmittelbar, man hatte wirklich 
nicht gedacht, daB das Ganze bloB ,,Der Siirrealismus ist 
das Dokument jener vitalen Kraft " nein, diese Kinder 
da wissen noch nicht, konnen noch keine Ahnung haben, 

was das heiBt: leben, Geld verdienen Jetzt schnauzt 

in der Gruppe links eine rauhe, erregte Stimme, einer haut 
klirrend auf den Tisch, ein dicker Herr mit leuchtender 
Glatze und Kneifer, ,,der Fiinfjahresplan, mcin Herr, 
der Fiinfjahresplan? ein Hirngespinst ist das, ein Wahn- 
sinn, das konnen Sie mir nicht einreden, daB man mit 
leercm Magen einen Fiinfjahresplan machen kannl einen 



Fiinfmonatsplan vielleicht, nein, nicht einmal einen Fiinf- 
tagesplanl nixda Fiinfjahresplan, ganz einfach Terror, und 
damit basta! Ich wcttc mit Ihnen, daB Herr Sebok kcincn 

Dunst davon hat, was " ,,Wenn nun aber jemand 

behaupten will, dcr Siirrealismus und der Impressionis- 
mus " jetzt hcbt ein diinnes kleincs, blondes Madel 
mit einer tollen Mahne aufgeregt den Arm und laBt ihn 
dann plotzlich wieder fallen, fjUh", sagt sie, ,,meine 
Achselspange ist mir abgerissen, der Teufcl soils holen!" 
und mit der linken Hand greift sie in den Ausschnitt der 
blauen Seidenbluse und hanticrt in aller Ruhe um ihre 
Brust herum. ,,Darf icb behilflich sein?" sagt der Surrealist, 
und der ganze Tiscb bricbt in kindiscbes Gekicber aus. 
,,Soll ich nicht hclfen, Olga?" setzt er den Witz fort, und 
seine Augen genau so guckte Toni, mit demselben 
gierigen, ausgelieferten Blick guckte er Joly an, als wir 
das erstemal im Wellenbad zusammenwaren, Joly war 
im roten Trikot und in rotcn Schuhen, und in der 
Heideschenke, an dem Abend am Tisch hat er sie auch so 

angesehen, und als wir ,Der Fiinfjahresplan ist heute 

einc cbenso belebende Idee fur die russischen Massen wie 
friiher " ,,Und wer im Siirrealismus nicht das findet " 

nein doch, er findet es nicht, du schwarzcr Laffe, du 
Quatschkopf, ich finde es nicht, nein, und ich werde es nie 
mehr in irgend etwas finden! nein, ich hatte dicscn 
schrecklichcn Fehler nicht begehen diirfen, mich auf einen 
einzigen Gedanken einzustellcn, mein ganzes Leben auf 
eine einzige Moglichkeit einzustellen ! und wcnn ich die 
Sache anders angepackt hatte? als er sagte, dort unten sei 
Raum fur jeden arbeitsfahigen, klardenkenden Menschen 

wenn ich da nicht darauf gewartet hatte, daB bin 

ich denn ein klardenkender Mensch? bin ich denn arbcits- 

fahig? bin ich nicht davon ausgegangen, daB Joly und 

hat sie cs verdorben? sic fragt, ob sie es verdorben habe? 
nein, ist ja nicht wahr! sie geht mich gar nichts an I hatte 
er mich mitgenommen als Mitarbeitcr . . . was weifl ich, 

506 



als was, als einen, dem er cine Portion Arbeit und ein Stiick 

Brot gibt, aber nicht so, als Tausch Plotzlich erhebt 

cr sich in brenncnder Aufregung. Derart wild klopft cr 
ans Glas, daB von rechts und von links alle Augen nach 
ihm hinblickcn. Stehend wartet er, bis der Zahlkellner 
kommt. Beim Hinausgehen stoBt er an Stiihle, rempelt 
Leute an, und erst auf der kalten, feuchten StraBe wird er 
die erstickende Glut los. Ich geh jetzt sofort zum Arzt, zum 

Nervenarzt ich habe eine Kur notig . . . Herr Andor 

Kelemen leidet an schwerer Erschopfung der Nerven, und 
dieser Zustand erfordert eine langere Zeit volliger Ruhe, 
das hat er geschrieben, im April, Dr. Otto Huszar, Toto 
Huszar, mit dem Joly heute . . . und dann mit einem 

andern nein, nein, das halte ich nicht aus! das kann 

man ja nicht ertragen, dieses dauernde ich muB 

sofort Vor dem Eingang zur Untergrundbahn 

steht ein zerzaustes Frauenzimmer, von ihrem Schirm trop- 
felt der Regen. Entschlossen geht er auf sie zu, bleibt vor 
ihr stehen und guckt unter ihren Schirm. Sie offnet sofort 
in dienstbereitem Lacheln den Mund, an der linken Seite 
hat sie nebeneinander zwei groBe Goldzahne. ,,Pardon", 
sagt er und wendet den Kopf ab ; die Person zuckt miBmutig 
die Achsel und dreht sich um. Schabige, niedrige Schnee- 
schuhe mit abgewetztem Pelzrand hat sie an den FuBen. 
Er miBt sie von hinten und macht ebenfalls kehrt. Jetzt 
fiihlt er wieder den kalten, feuchten Schauer viber dem 
Riicken; er gibt sich einen Ruck und geht raschen Schrittes 
auf die andere Seite der StraBe; in der Mitte auf dem 
Damm springt er knapp vor einem Auto hinweg und hort 
die Stimme des Polizisten, der ihm etwas zuruft. Einen 
Augenblick steht er am Rinnstein, Restaurant, Restau- 
rant, Restaurant ... er geht auf die FuBgangerinsel auf 
dem Damm, bleibt am Rande stehen, wartet, bis ein Auto- 
bus mit feuchtem, schwerem Keuchen voriiberfahrt, dann 
uberquert er die StraBe. Ich muB jetzt gleich etwas ich 
fange jetzt sofort etwas an 

507 



Ubcr dem Kcllcreingang brennt cine clektrischc Birne; 
na, mal sehen, ob sic noch da sind. Vorsichtig gcht er die 
schmalcn, quietschcndcn Holzstufen hinuntcr, offnet die 
Glastiirc, sofort ertont cin heller Klingelton. Hinter der 
Tiir bleibt er im gelbblinzelnden Licht stehen, einem EB- 
zimmcr-Spiegelschrank gcgeniiber. Herrgott, wie schlccht 
ich aussche, mein Gesicht ist ja ganz gelb, wie eine Leiche . . . 
er schiittelt sich, und das gelbe Gesicht seines totcn Vaters 
fallt ihm ein, mit dcm leidenden, halbgeoffneten Mund, wie 
er im Belt lag, als er in jener Nacht von der Todesnachricht 
zerriittet in die wcinende, besinnungslose Wohnung ge- 
stiirzt kam. Er wendet den Kopf und blickt wieder in einen 
Spiegel. Er schiittelt sich, und in seincm Korper macht sich 
eine Bewegung los, zuriick, auf die Treppe zu, hinaus auf 
die StraBe, da steht mit leisem Schlurfen eine fett- 
geschwollene, zottige alte Frau in schwarzem Klcid und 
PantofFeln vor ihm und sagt unsicher: 

..Geftllig?" 

Das ist wahrscheinlich Mutter Menczer . . . nna. 

,,Habe ich vielleicht das Vergniigcn, Frau Menczer . . . ?" 

,Ja. Geflfflg?" 

Er verbeugt sich. ,,Ich bin Andor Kelemcn, mein 
Schwager war so freundlich war so frei " 

,,Ja so. Sie sind der junge Mann. Ja, der Karoly hat mit 
meinem Sohn davon gesprochen, abcr mein Sohn ist 
momentan nicht hier, um diese Zeit ist er nie hier, Sie haben 
sich eine schlechte Zeit ausgesucht." 

Er schluckt schwer. ,,Bitte, ich kann jederzeit kommcn." 
Er schluckt noch einmal. , t jedenfalls frcut es mich, dafi ich 
die Ehre gehabt habc ... die gnSdige Frau " 

,,Ja, auch sehr erfreut. Wir habcn den Kiroly sehr gcrn, 
ihm zuliebe, hat mein Sohn gcsagt, ihm zulicbc, Mama, 
wollen wir versuchen, mit seincm Schwager was zu machen. 
Aber das sage ich Ihncn gleich, von einer festcn Stellung 
war nicht die Rede, das vcrtragt das Gcschaft hcutzutage 
nicht, sondern mein Sohn hat dem Kiroly gleich gcsagt, 

508 



wenn dein Schwager ein tiichtiger Mensch 1st, dann kann 
er bci mir sehr schone Geschafte machen, wir werden ihm 
ein Prozcnt mchr geben als den andern Agenten ..." 

Die Kehle ist ihm ausgetrocknet, im Spiegel, iiber dem 
Kopf der Alten, glanzcn seine Augcn dunkel. 

,,Und wann konnte ich mit Herrn Menczer " 

,,Vielleicht morgens um neun, halb neun, wir machen 
schon um acht auf, Sie konnen um acht schon kommen." 

,,Vielleicht morgen?" 

,,Ja, gut, morgen." Sie reicht ihm ihre fettschwiilstige, 
schmutzige Hand. ,,Schonen GruB an den Karoly ... ein 
sehr braver Mann ..." 

Er laBt die Hand der alten Frau los; ein Gefiihl hat er, 
als miisse er jetzt sofort das Holzgelander der Treppe an- 
packen und unbemerkt seine Hand daran abreiben. Frau 
Menczer sieht ihn mit nach links geneigtem Kopf an. Die 
erste Stufe quiescht unter seinem FuB auf. Es fallt ihm etwas 
ein; einen Augenblick zogert er. 

,,Sagen Sie bitte . . . die Mobel werden iiber diese Treppe 
hinauftransportiert ?" 

Das Gesicht der Frau wird sofort geschaftlich, und ihre 
Stimme klingt wie die eines Fachmannes, der das Geheimnis 
einer Erfindung erklart: 

,,O nein! iiber diese Treppe werden keine Mobel 
geschleppt. Die Mobel werden von hinten, vom Lager aus 
transportiert, mit dem Lastenaufzug auf den Hof, von da 
kommen sie am andern Tor auf den Wagen, diese Treppe 
hier ist bloB Eingang, die wiirde ja nicht einmal einen 
kleineren Schrank tragen." 

Es hort auf zu regnen, dunstig gliihen im feuchten 
Abend die Lichter iiber der StraBe; kleine WindstoBe zer- 
reiBcn am Himmcl die schweren Wolkenfetzen. Die Neben- 
straBcn sind von einer geradcn Lampenreihe beleuchtet, 
auf dem durchnaBtcn Fahrdamm glimmt gclb die zweite 
Lampenreihe. Gelblichc Perlen, sicher hat er ihr auch 
Juwelcn versprochen mit der Hand schlagt er vor 

J9 



seinem Gesicht her, als vcrjage cr einc lastige groBe Fliege; 

nein, wenn es mir jetzt nicht gelingt, diese Fliege 

Er tritt in den Zigarrenladen; kauft Zigaretten, auch 
Streichholzer, lange wahlt er unter den flachen und dicken 
Streichholzschachteln. Dann sucht er sich noch zwei Zigar- 
ren aus; cine magere Frau sieht sauerlich zu, wie er die 
Zigarren in der Kiste knistern laBt. Dann laBt er sich 
Ansichtskarten vorlegen, blattert in dem groBen schwarzen 
Album. Ansichten von Budapest, imposante Sache das 
Parlament . . . und wo mag das hier sein? ach ja, Calvin- 
Platz, sieht in Wirklichkeit ganz anders aus. Jetzt kommen 
Blumen im Album, bunte, siiBliche StrauBe, dick heraus- 
gestanzt aus dem Grund. Jetzt ist er bei den Ulkkarten 
angelangt, bei witzigen Szenen mit sogenanntcm dcrbem 
Humor, du lieber Gott, wer kauft so was? Gleich dahinter 
Pikanterien, dcr Phantasie eines Fris6rlehrlings ent- 
sprechend, Damen in bunten Combinaisons und sonstigen 
Hullen, mutwillig die nackten Beine zeigend. Dann ziehen 
romantische Duetts an seinen Augen voriiber, kniende 
Kavaliere, Frauen in leichten Gewandern, auf Kanapees 
hingegossen, unglaublicher Blodsinn. Aber auch ernstere 
Sachen sind da, dunkelgetonte, farbige Reproduktionen 
bekannter Bilder, jaja, etwas Gottliches ist die Malerei, 
was fur Kraft in dieser reitenden, nackten Gestalt steckt . . . 
und dann ist da oben ein Bild, ,,Der Daimon" steht 
darunter gedruckt, eine rothaarige Frau in dekolleticrtem 
weiBem Schleppkleid mit erhobenen Armcn, vor ihr mit 
gcbeugtem Kopf und gesenkten Schultern cin Mann im 

Smoking plotzlich schlagt er das Album zu; die dunne 

Vcrkauferin sieht ihn erschreckt an. ,,Darf ich vielleicht 
etwas in Filmstars zeigen?" fragt sic, ,,ncin, danke", sagt 

er, ,,ich findc nicht, was geben Sic mir bitte eine 

gewohnliche Postkarte." ,,Nach auswirts?" fragt die 
Verkauferin unmotiviert. ,,Ja . . . was hab ich zu zahlen?" 
Die Frau bewcgt leise den Mund. ,,Einszehn und scchsund- 
siebzig und zchn und zchn, macht zwei Pengo scchs, danke 



schon . . ." Er 1st wieder auf der StraBe. Na, denkt er, das 
waren gute zehn Minuten. Ich werde mir die Sache auf- 
teilen, so ... in Minuten. Einen Schritt weiter steht ein 
Zeitungsverkaufer an der Ecke. Er tritt bin, liest die hun- 
dertfach bekannten Dberschriften, kauft dann ein Abend- 
blatt und eine Sportzeitung. Blodsinn. Zum Fenster raus- 
geschmissenes Geld, lesen werde ich sie ja docb nicht. Er 
faltet die Zeitungen zusammen und steckt sie in die innere 
Tasche, von dem Packen schwillt die Tasche dick an. Er 
nimmt ihn wieder heraus, legt jede Zeitung einzeln zu- 
sammen und bringt sie in zwei Taschen unter. Zwei 
Minuten. Er liest die Schilder iiber den Geschaften; vor 
den noch beleuchteten Schaufenstern bleibt er stehen. Aber 
das wird so nicht gut gehen, ich krieg den Tag nicht 

um ins Kino konnte ich gehen, mir eine Frau auf- 

gabeln, wenn ich einen Freund hatte, einen einzigen 

Menschen nicht von den Jungens oder den Kol- 

legen . . . jemanden, mit dem man sprechen konnte, dem 

man erzahlen konnte oder um Rat bitten, ob ich 

diese Stellung annehmen soil. Er bleibt stehen, jetzt weiB 
er nicht, wohin er gehen soil. Ins Kino auf dem Ring, oder 

ich setz mich in die Elektrische und fahre hinuntcr nach 

ach was, hier ist ja auch ein Kino, zehn Schritt, gleich hinter 
der Ecke. Die StraBe ist hell vom elektrischen Licht, eilend 
geht er auf den beleuchteten Eingang zu. Im uberfxillten 
Foyer bleibt er stehen, in wenigen Minuten beginnt die 
Vorstellung, was fiir ein Film lauft hier eigentlich? einer- 
lei. Er blickt um sich, jemand gruBt ihn, hab die Ehre; er 
sieht sich um, als suche er einen Bekannten, mit dem er sich 
verabredet hat; jemand drangt ihn vor, pardon, bitte, 
er schlangelt sich durch an die Garderobe, mustert scharf 
eine groBe Garderobenfrau in schwarzem Kittel, sie er- 
widert den Blick, lachelt, Garderobe gefallig? sagt sie 
ermuntcrnd; er dreht sich um und drangelt sich wieder 
zuruck an die Kasse; vor dem groBen Spiegel steht ein 
Madchen in einer blauen Kappe mit stark geschminkten 

S" 



Lippen und dxinnen schwarzen Augenbrauen, ganz hub- 
sches Ding, sehr schlank, was fur gute Briiste sie hat, 
wahrscheinlich wartct sie auf jemanden, sie zieht die 
Handschuhe aus und kramt in ihrem Taschchen, schone 
weiBe Hande hat sie, mit langen Fingern, mag Verkauferin 
sein, vielleicht hier im Warenhaus, oder Biiroangestellte, 
und wenn schon?! war dem Generaldirektor seine Bebi bei 
der Transcont nicht cine prachtvolle Person? Er bleibt 
in der Nahe des Madchens stehen und heftet den Blick auf 
sie, wenn ihr Erwarteter kommt, dann hab ich eben in 

den Spiegel gesehen, und wenns ihm nicht paBt, dann 

Das Madchen sieht ihm auch in die Augen, beleckt ihre 
Lippen, dann dreht sie ihm plotzlich den Riicken, und nun 
begegnen sich ihre Blicke im Spiegel. Er tritt ein wenig 
naher und sieht sie im Spiegel an, sie erwidert den Blick. 
Na. Die scheint auf niemanden zu warten, wenn aber doch, 
dann gratulier ich dem Betreffenden. Eine Klingel surrt, 
die Menschenschlange vor der Kasse macht einen Ruck. 
Jetzt ist er der blauen Kappe ganz nahe, wirklich hiibsch 
1st sie, hat gute Beine und tragt anstandige Schuhe, muB 
wohl ein besseres Madel sein ... da dreht sie sich mit einer 
raschen Bewegung vom Spiegel weg, tritt vor; und im 
Vorbeigehen streift sie seinen Arm, ,,pardon", sagt er, 
der Kopf mit der blauen Kappe nickt wie zufallig, sie 
stellt sich in die Reihe vor der Kasse. Mit einem Schritt 
steht er hinter ihr. Er drangt sich, bewegt sich und beriihrt 
ihren Riicken. ,,Pardon", sagt er ganz leise. Der Kopf des 
Madchens regt sich nicht. Jetzt knickt er das Knie ein und 
beriihrt ihr Bein, das Bein zieht sich sofort zuriick. Einen 
Schritt vorwirts. Wieder nahert er sich ihr mit dem Knie, 
da regt sich ihr Bein nicht. Na. Von der Wand her sieht er 
ihr ins Gesicht, sie weicht dem Blick nicht aus. ,,Ein gutes 
Programm ist hcute", sagt er leisc. ,,So? woher wissen Sie 
das? haben Sies schon gesehen?" antwortet sie leise. ,,Nein, 
ich weiB es bloB." ,,Dann ists ja gut", sagt sie. Wieder 
einen Schritt vorwarts. Noch zwei Pcrsonen stehen vor 



512 



ihncn. Jetzt schmiegt er sich ganz dicht an sic, sie lehnt sich 
schweigcnd an ihn an. Dann beugt sich die blaue Kappe 
vor dem Kassenfenster. ,,Kann ich noch Balkon-Mitte zu 
einsfiinfzig bekommen?" fragt sie. ,,Balkon-Mitte . . . zwei 
Pengd, fiinfte Reihe, gut?" Der Kopf des Madchens macht 
cine halbe Wendung nach hinten, dann sagt sie: ,,gut." Die 
Kassiererin steckt den Kopf ein wenig vor: ,,zwei?" 
,,Ja", sagt er da hinter der blauen Kappe, ,,zwei nebenein- 
ander", und legt ein Fiinfpengostuck auf die Glasplatte. 
Das Madchen hciBt Maca und arbeitet in einer Drogerie, 
ist vierundzwanzig Jahre alt und hat noch drei Schwestern, 
zwei von ihnen nahen in einem Salon in der inneren Stadt, 
die andere ist in Stellung bei einer vornehmen Familie, 
Maca pflegt wirklich nicht im Kino Bekanntschaften zu 
machen, hat es auch nicht notig, zwei junge Leute sind 
ganz vernarrt in sie, aber sein Gesicht kam ihr so bekannt 
vor . . . ob er nicht eine Familie Benedek in der Damjanich- 
StraBe kenne, ob sie sich dort nicht schon begegnet seien, 
nein? dann muB sie sich wohl geirrt habcn, im iibrigen 
wollte sie auch an der Kasse keinen Skandal machen, des- 
halb hat sie sich darauf eingelassen . . . das alles erfuhr er 
zwischen dem Foyer und dem Balkon. Das Madchen roch 
gut, ein wenig stark war ihr Parfum, ein wenig Drogerie- 
Geruch hatte sie an sich, einen guten, schweren, kompli- 
zierten Geruch, das war ja verstandlich. Wahrend des 
Rcklamefilms und der Wochenschau murmelte Maca in 
einem fort, wie gerne sie ins Kino gehe und wie selten 
sie dazu komme, auch heute habe sie sich nur mit Miih 
und Not driicken konnen, soviel gebe es im Geschaft zu 
tun, der Chef habe vor kurzem den Gehilfen abgebaut, und 
jetzt musse sie bedienen und an der Kasse sitzen, das sei 
sehr anstrengend, aber sie wurde auch nicht mehr da blei- 
ben, weil der Sohn des Chefs sich unverschamt benommen 
habe, ein Rotzbengel, der erst voriges Jahr das Abitur 
gemacht habe, der sei ihr im Sotnmer damit gekommen, 
sie solle mit ihm einen Weekend- Ausflug machen, mit 

33 KOrmcDdl. Budapett 5X3 



Ihncn? allein? hab ich ihn gefragt, na, natiirlich, sagt 
er da, alle Flappers gehen allein mit ihren Freunden 2um 
Weekend." ,,Na", sprach er dazwischen, ,,aufrichtig, 
sind Sie nicht mit ihm gegangcn?" ,,Mit dem griinen 
Jungen?! . . . einmal bin ich mitgegangen, weil er ein 
Ruderboot hat und wcil ich furchtbar gcrn mal auf der 
Donau rudern wollte, aber es war wirklich nichts zwischen 
uns, bloB laBt er mir seitdem keine Ruhe, iiberhaupt seit 
er auch ins Geschaft kommt, und wenn der Alte uns bloB 
eincn Augenblick allein laBt, fangt er gleich an, Schweine- 
reien zu reden, und dabei kann ich mich nicht einmal 
beschweren, denn der Chef wiirde ja doch denken, ich 
wolle mit dem Bengel anbandeln." Dann kam die Aus- 
lands-Wochenschau, nicht mehr stumm, da muBtc man auf- 
passen, also horte sie auf zu reden. Ein Bild hatte den Titel : 
Palm Beach; amerikanische Madchen im Bad. Herrlich 
gewachsene junge Weiber sausten auf das schumende 
Wasser zu, sprangen auf einem riesigen Gummiwalfisch 
herum und quietschten in zu hohen und zu tiefen Kino- 
toncn. ,,Die habens gut**, sagte Maca, ,,dabei hab ich 
gclesen, daB das auch Ladenmadchen und Manikiiren sind/* 
Nun begann der groBe Film; da ergriff er Macas Hand, 
natiirlich lieB sie es sich gefallen und erwiderte den Druck. 
Dann taten auch ihre Arme und Knie intim miteinander, 
als der Film zu Ende war, sagte er: ,,na, Maci, jetzt gehn wir 
irgendwo essen", ,,fein", willigte sie ein, ,,bloB nicht in 
einen Automaton, die sind mir verhaBt." Sie gingen in ein 
Restaurant auf dem Ring, im kleineren Saal bekamen sie 
einen Tisch an der Wand. Maca legte ihre blaue Kappe ab; 
sie hatte glattcs, in der Mitte gescheiteltes, gl&nzend schwar- 
zes Haar, und wie er ihr Gesicht so betrachtcte, entdeckte 
er sofort eine leise, entfernte Ahnlichkeit zwischen ihr und 
Frau Kiddr. Er wurde miBgcstimmt, zerstreut nahm er die 
Spcisekarte in die Hand, rief ungeduldig nach dem Kellncr, 
der erst auf den zweiten oder dritten Ruf an den Tisch kam. 
Maca tat bescheidcn, sprach dazwischcn, sie wolle nur 

JX4 



etwas ganz Leichtes essen, er beachtete es nicht. Er bestellte 
kalte Fischschnitten mit Tatarsauce und kompaktes eng- 
lisches Fleisch. Das Madchen sagte: ,,ei, fein werden wir 
heute leben", und schnalzte mit der Zunge, da wurde er 
noch miBgestimmter. Hunger hat die, dachte er, natiirlich, 
warum sollte sic keinen Hunger haben? Sie ist doch allein 
ins Kino gezogen, auf die Jagd nach einem Partner. Wahr- 
scheinlich hatte sie es schon langst auf mich abgesehen, als 
ich sie erblickte.Unangenehmes, kiihles Schweigen herrschte 
zwischen ihnen; Maca schien zu fuhlen, daB irgend etwas 
nicht ganz stimmte, und fing rasch an zu sprechen. Der 
Film, den sie eben gesehen hatten, sei ziemlich dumm, 
,,der cine Tango, der war noch ganz gut, aber diese bidden 
Geschichten, der Komponist und die Primadonna, das 
hangt einem schon zum Halse raus ... ich habe Musik 
wirklich gern, aber im Kino war doch das das Wahre, 
wenn man sich aufregen konnte, ob die Rauber Tom Mix 
oder Harry Piel fangen wiirden oder nicht . . . Wissen Sies 
noch?" fragte sie dann, ,,haben Sies nicht im Ohr behalten?" 
und leise begann sie, den Tango zu summen. Ein gutes 
Gehor hat sie, dachte er, eine ganz nette kleine Stimme. 
Geschickt sang Maca den ganzen Schlager, ein wenig ver- 
halten und tief. Ein groBer blonder junger Mann in grauem 
Anzug, der vom Nebentisch hinhorchte, betrachtete Maca 
interessiert. ,,Sehr hiibsch sings t du", sagte Kelemen dann, 
,,du konntest ruhig in jedem beliebigen Lokal als englische 
Sangerin auftreten, du hast so eine Kinostimme." ,,Nein, 
wirklich! Sie finden das auch? das hat man mir namlich 
schon ofters gesagt, bloB die Haare muBte ich mir blond 

ftrben lassen, hat man mir gesagt." Blond und da 

sieht er die kleine blonde Englanderin aus der Bar auf der 
Insel vor sich, damals am ersten Abend . . . Verdutzt beob- 
achtet das Madchen die Veranderung in seinem Gesicht, 
eincn Augenblick sieht sie auf ihren Teller, ,,was sind Sic 

fur ein merkwurdiger Mensch ... ich weiB nie, ob 

immer denke ich, jetzt fangen Sie an, wegen irgend etwas 

33* 515 



bose zu sein." Kurz und duster lacht er auf, ,,nein, nichts, 
Kind", antwortet cr, ,,warum sollte ich denn bosc sein? 
Ich bin sehr gut gelaunt, um mein Gesicht muBt du dich 
nicht kummern." Maca ist aber nun schon unruhig. ,,Sagen 
Sic ... waren Sic im Krieg? mein armer seligcr Vater war 
im Feld als Landstiirmcr, und er hat immcr gesagt, noch 
vor zwei Jahren hat er das gesagt, mit dcnen, die lange 
drauBen waren, sei das so, manchmal uberkomme es 
sic ..." ,,Nein, ich war nicht im Krieg", antwortet er 

abwehrend, ,,bitte, du muBt nicht denken, daB nichts 

muBt du denken. Ich sage doch, ich bin gut gelaunt." Dann 
bemiiht er sich, jedenfalls ein rundes, lachelndes Gesicht 
zu zeigen, und lenkt schnell das Gesprach wieder auf Harry 
Piel und die famosen Filme von fruhcr, in denen Bewcgung 
und Handlung und Komplikation war, nicht bloB diese 
lauen Liebesfaxen ... Sie essen; Maca ziert sich zuerst, 
,,nur wenig, bitte, bloB einen Tropfen Wein, groBer 
Gott, was fur Riesenportionen, das kann man ja gar nicht 
aufessen, ist der Senf nicht zu scharf? nein? dann bitte 
ein biBchen, aber bloB ein kleines biBchen", und dann 
kommt sie unbemerkt ins Schlingen. ,,Nehmen Sie das 
Stuck da nicht mehr? so wenig essen Sie? Also, auf der 
Schiissel laB ich das nicht . . . Die paar Kartoffeln, wenn 
Sie sie nicht mehr essen, bin ich so frei." ,,Aber bitte." 
Und was sie noch mochte, Torte oder kleines Geback? 
,,Fein, also dann kleines Geback, ich schwarmc fiir Petits 
Fours mit Krem. Sagen Sie, ware es cine Schande, wenn 
ich auch so eine Dobosch-Schnitte bestellte, die esse ich 
namiich schrecklich gcrn, und davon gibts keine kleinen . . . 
Und einen Apfel? Fein, ja bitte, einen schonen gelben Apfel, 
ich eB fiir mein Leben gern Obst." Er sclbst iBt kaum 
etwas, die drauflosfutternde Partnerin macht ihm keinen 
Apperit. Einmal, vielleicht vor acht Jahren, noch in den 
guten aJten Bankzeiten, batten sie sich zu vicr Jungens zum 
SpaB auf der StraBe zwei ausgehungerte Frauenzimmer auf- 
gelescn, widcrlich warea sie, nicht so nett wie diese 

,16 



Maca hicr, die hatten sic mitgcnommcn in ein Wirtshaus 
im Stadtpark, im Sommcr war das, und sic gcstopft wie die 
Ganse, die in dcr roten Bluse vcrschlang acht Paar Wiirst- 
chcn und scchs Glas Bier, nach dem Essen konnte sie sich 
im wahrstcn Sinne des Wortes nicht mehr riihren und war 
dem Ersticken nahe, was fur cine Hetz war das mit den 
bciden sclig vollgefressenen, keuchenden, biertrunkenen 

Fraucnzimmern Ein peinliches Gefiihl stcckt ihm in 

dcr Kchle, wie cr sich dieses Madchen hicr mit den glan- 
zenden Augen ansieht, das schneeige Leuchten ihrer 
schonen weiBen Hande um Besteck und Speisen. Ober der 
Lippe hat sie einen diinnen Schokoladestreifen. ,,Wisch 
dir den Mund ab", sagt er fast grob, ,,pardon", antwortet 
sie unterwiirfig; nimmt aus der Handtasche den kleinen 
Spiegel, schaut hinein und hebt die Serviette an den Mund, 
,,ja, ach das ist ja nichts weiter, ein biBchen Schokolade." 
Ein wenig hebt sie den Spiegel. ,Je, meinc Frisur ist ja 
ganz verdorben", und mit dem kleinen braunen Taschen- 
kamm streicht sie an der Seite das Haar glatt. ,,Was?" sagt 
er tonlos, ,,verdorben?I" ,,Mein Gott, wie sehen Sie 
mich denn an . . ." und ernste Angst huscht iiber ihr Ge- 
sicht, ,,ich versteh wirklich nicht . . . weil mir unter der 
Kappe das Haar verrutscht ist " Feuchte Kalte kriecht 
ihm durch alle Glieder. Nein, gan2 bestimmt bin ich nicht 
wohl, ich muB nach Hause gehen. Er zahlt; aus dcr 
Brieftasche nimmt er einen Hundertpengoschein. Maca 
guckt mit zusammengezogenen Augen das Geld an. Nervos 
und ungcschickt schliipft er in den Mantel, geht vor rwi- 
schen den Tischen hindurch, bleibt dann verwirrt stehen 
und wartet, bis das Madchen ihn erreicht hat. In der Tiir 
nimmt cr ihrcn Arm. Ncin ich kann jetzt nicht nach 
Hausc gchcn . . . allein, ich kann nicht . . . noch cine 
schlaflose Nacht und dieses Er preBt Macas Arm. 
,,Maci . . . wohin gchn wir jctzt?" ,,Wohin wollen Sic?" 
fragt das Madchen unsichcr, ,,in ein Caft?" Kliffendcs 
Auf lachcn. ,,Nein, in kein Caft . . . irgcndwohin, wo wir 



allein sind, Macichen." Sie macht ihren Arm los. ,,Sehen 
Sic mal, ich will Ihncn aufrichtig sagen . . . ich habc Angst 
vor Ihncn " Es klopft ihm in dcr Brust. ,,Vor mir? du 
bist ein Dummchen! warum hast du dcnn Angst vor mir? 
ich bin kein schlcchtcr Mensch ... ich bin ein absolut gutcr 
Mcnsch, Maca, vor mir brauchst du kcinc Angst zu habcn, 
Kind ..." ,,Ich hab ja bloB Scherz gemacht", sagt sic 
schnell, ,,ich hab iibcrhaupt vor niemandcm Angst. Also, 
wohin wollen Sie dcnn gchen? und warum solien wir allein 
scin? . . ." In seinem Kopf schreit einc Stimme auf : nicht 

allein sein! . . . ich will nicht allein sein Stille, er weiB 

nicht, was er Maca antworten soil. Aber sic ist mit dieser 
Frage bereits iiber die erste obligate Zuriickhaltung hinwcg, 
sic weiB, daB man nach dcm Kino und dem iippigen Abend- 
essen nicht undankbar sein darf. ,,Zu uns konnen wir nicht 
gchen", sagt sic leise, ,,denn ich wohne mit der Mutter und 
den Schwestern zusammcn, aber ginge es nicht bei Ihncn? 
odcr wohnen Sie auch bei den Eltern? ins Hotel wiirdc ich 

wirklich sehr ungern gehen." Ich wohne ich wohne 

mit niemandem zusammcn, bloB die Chaiselonguc mit der 
bordeauxroten Deckc und der Tisch mit dem Wachs- 

tuch und wenn schon? ich hab sic ja schlieBlich im 

Kino aufgelesen, ist doch ganz gleich, ist sic etwa an was 
Bessercs gewohnt? und wenn sic an was Besscres gewohnt 

ist, na dann ,,Wir gehen zu mir", sagt er und schiebt 

seine Hand wieder unter ihren Arm, ,,ich wohne nicht 
weit . . . allerdings ein biBchen " cr bricht ab. ,,Waa?" 
fragt Maca, ,,was ist ein biBchen?" Stille. ,,Mein Zimmcr 
ist nicht besonders schon", fahrt cr dann fort. ,,Mobliertcs 
Zimmer?" fragt sic. ,Ja." ,,Aha . . . aber doch gcwifl 
sturmfrei", sagt sic sachverstandig. Er gibt keinc Antwort, 
ein paar Schrittc gchcn sic Arm in Arm. ,,Extraeingang?" 
fragt Maca wciter, ,,und habcn Sie Badczimmerbcnut- 
zung?" Er zerrt sic ein wcnig am Arm. ,,Komm, mcin 
Engcl", sagt er, ,,alles habc ich, aber wir wollen aus- 
schrcitcn, wic die Soldaten, eins, zwei, cs ist kalt." Da 

Jl8 



fallt ihm ein, daB der Ofen in seinem Zimmcr gewiB schon 
langst ausgekiihlt 1st, Julie wird nicht noch mal aufgclcgt 
habcn, es wird kalt sein. Egal. Wenn sic an was Besseres 

gewohnt ist, kann sic ja gchen wcnn ich sic weglassc. 

Nach wcnigcn Minutcn stehcn sic vor dem Haus; cr klingclt 
und laBt cinen Pcngo in die Hand des Hausmeisters fallen, 
sic gchen die Treppe hinauf. An dcr Hand fuhrt er sic durch 
das dunkle Entree und den Flur: dann knackt der Schal- 
tcr, ,,na", sagt das Madchcn ermunternd und blickt sich 
um, ,,ein ganz hiibsches Zimmer . . . nach der StraBe." Er 
hebt den Finger an den Mund, sofort fangt sie an zu 
fliistern: ,,schlaft jemand nebenan?" ,,Ja", antwortet er, 
,,ein Zimmer ist zwar noch dazwischen, aber trotzdem, 
lieber leise . . ." Er bietet ihr Plate an und deutct nach dem 
Stuhl am Tisch; dann tritt er an den Schrank, kramt darin 
und holt ein halbes Paket Zwieback heraus, na, die sind 
mindestens ein halbes Jahr alt, als ich rnir das letzte Mal 
den Magen verdorben hatte, und einc Flasche Kognak. 
Dann Glaser aus der Waschtischschublade. ,,Was zu trin- 
ken? fein!" sagt Maca, ,,aber der Zwieback ist iiberfliissig, 
ich kann sowicso nichts mehr essen." Er gieBt zwei Glaser 
voll, ,,ex", sagt Maca, ,,und Brudcrschaft, jetzt duze ich 
dich auch." Er setzt sich neben sie, ihr Blick fliegt durchs 
Zimmer, in jeden Winkel, pruft und taxiert alles und bleibt 
dann auf dem aufgeschlagenen Bett haften. Er folgt ihrem 
Blick, dann umschlingt er ihren Kopf, zieht sie an sich und 
kiiBt sie. Maca schlieBt die Augen, ihre Lippen ofmen sich 
ein wenig. Sie riecht nach Kognak . . . plotzlich laBt er sie 
los, steht auf und zieht den Rock aus. ,,Je", sagt Maca und 
stcht auch auf, ,,was ist denn?" ,,Ich zieh mich aus", 
antwortet er, ,,na, Maci ..." ,,W(irden Sie nicht das 
Licht ausmachcn?" Er schaltet das gelbe Licht aus. In 
Hemdsarmeln setzt er sich aufs Bett, um die Schuhc aus* 
zuziehen, da fiihlt er einen Ruck neben sich, seine Augen 
haben sich noch nicht an die Dunkelheit gewohnt, er 
greift hin, neben ihm auf dem Bett sitzt Maca, mit virtuoser 

519 



Routine von den Kleidern entbloBt, ,,je", fliistert sie, ,,wie 
kalt es 1st ... ich kricchc untcr die Decke . . . komm 
schnell ..." Das Midchen schlift lingst mit gleich- 
miBigen, tiefen Atemziigen; er kann nicht einschlafcn. 
Den Kopf auf dem Arm, liegt er da und beobachtet Macas 
ruhigen Schlaf. Leichte kleine Nuttc, Verkiufcrin in der 
Drogerie, na . . . nettes Ding, sauber, unkompliziert, riecht 
gut. Bin Kinobillctt und ein Abendcssen, wciter nichts. 
Im Handumdreben war sie nackt. Noch immer hab ichs 
nicht wciter gebracht . . . komme iiber diese Einnachts- 
Madcls nicht hinaus, iiber die Umarmungen im AnschluB 
an Kino und Essen, iiber die Drogerie-Mdchen aus dem 
Kino-Foyer oder cine von der StraBc . . . cine anstindige 

Frau, cine Freundin habc ich nicht dabei braucht man 

auch dazu kein Geld, es muB ja nicht wer weiB was fiir cine 
Frau sein, die Welt 1st doch heute schon ganz anders, wir 
leben doch nicht mehr im Mittelaltcr, heutzutage machen 
die M&dchen, was sie wollen, auch die aus guter Familie, 
alle . . . als ich zwanzig Jahre alt war, war das noch nicht 

so auc h als ich fiinfundzwanzig war, hatte ich kein 

zwanzigjShriges Madchen aus guter Familie dazu bin 

ich zu friih . . . und zuriick kann ich nicht mehr, hochstens 
bis zu einer Maca . . . nirgends kann ich hin, aus diesem 

Zimmer kann ich nicht raus Mit wcit offcnen Augen 

starrt er das Madchen an, ihr schwarzes Haar 1st ein dunkler 

Fleck auf dem Kissen, das Haar mit der ver der 

verdorbencn Frisur . . . jctzt ist die Frisur wirklich ver- 
dorbcn, du, Maci, jctzt hab ich dir die Frisur vcrdorben, 
sei nicht bdse . . . macht nichts, mir ist auch was verdor- 

ben, mcine Frisur . . . etwas du, Maca! schl&fst du? 

schlaf doch nicht! nicht dazu hab ich dich mit her- 

gebracht ich schwor dir, ich wollte dich ja gar nicht 

du gutriechende kleine ich hab dich ja nicht mit 

raufgebracht, datnit du bciBt . . . sondern well ich nicht 

allein sein will und du schlaf st! Maci I ich mufi jeman- 

den bei mir haben . . . damit nicht allcs verdirbt siehst 



510 



du, sic schlaft! Sichst du, Joly sic schlaft, sic verdirbt 

cs mir auch du hasts mir auch vcrdorbcn . . . Jolychen, 

Hcrrgott, vcrdorbcn habcn wirs Und in scincm Innern 

heult bnillcnd cine Stimmc auf : Jolychcn, was soil derm nun 

aus uns werden! vcrdorbcn habcn wirs und da bricht 

mit ticfcm Schluchzen ein gcdchntcs Stohncn aus seiner 

Kehle verdor und seine Schultern zucken; in 

dem Augenblick wacht Maca auf, ,,na, o du " fliistert 
sic, seine Schultern und scin ganzer Korper werden in 
wortios stromendem Weinkrampf geschiittelt, wic er da 
auf dem Bauch liegt und den Kopf auf den Arm fallen 

laBt, mein ganzes Leben ist verdor ,,Himmel, Gott, 

du bist du hier?" fliistert das Madchen zahneklappernd, 
tastet im Dunkeln nach ihm hin und beriihrt seine bebendc 
Schulter, ,,Himmel, du wcinst? ! Du lieber Himmcl . . . was 
hast du dcnn?" das laut schluchzende Weinen schiittclt 

seincn Korper, ,,Herrgott, du ich schreie!" und 

in dcr fliistcrnden Stimme zittert die nachtliche panische 
Angst vor einer unbekannten Katastrophe, ,,Gott 
Licht " in konvulsivem Entsetzen streckt sic den Arm aus, 
und der Instinkt fiihrt ihre Hand nach dem kleinen Tisch- 
chcn, nach der Stehlampe, und dann starrt sic im gedampf- 
ten Licht des blauen Lampcnschirms mit aufgerissencn 

Augen den Schluchzcnden an. ,,Du lieber Himmel 

fehlt dir was? sag doch, Liebling ..." ,,Nichts", stohnt 
er, ,,mach das Licht aus ..." ,,Liebling", fliistert sic 
bebcnd, ,,fehlt dir wirklich nichts ? ich bin so crschrockcn . . . 
iiberhaupt bin ich sehr schreckhaft . . . du hast geweint, 
Lieber ... ich habs gefuhlt! hast du einen Kummer? sags 
mir doch, hast du Kummer?" Da bricht scin Widerstand 
entewei. ,,Kummcr . . ." stohnt cr und laBt den Kopf wiedcr 
auf den Arm sinkcn, ,,schrccklichen . . . Kummer " 
,,Anncr, ich hab doch gleich gcmcrkt, daB ctwas mit dir 
nicht stimmt . . . schon im Restaurant . . . armer Liebling, 
sag mir doch, sags doch deincr Maca " wicder tastet 
sic nach ihm, da erstarrt ihrc Hand auf seiner Schulter: 



5> du " zittert ihrc Stimme in furchtbarem Vcrdacht, 
,,du . . . bist krank? hast du nicht ctwa . . . oinc solche 
Krankheit?! . . ." Er schuttclt den Kopf, ,,krank, ach 
wo " Stillc, cincn Augenblick, die fluchtsuchende 
Stille der Besorgnis, des Zweifels und schlieBlich des 
zwangsmafiigen, bequemeren Sichabfindens, ,,Liebes- 
kummer?" fragt sic dann in natiirlichem Ton, ,,sag, Licber, 
wirklich?" ,Ja", fliistert er. ,,Oh, du Armcr . . . hat sie 
dich bctrogen? sprich dich nur ruhig aus, das tut gu^ hat 
sie dich verlassen?" ,,Ja", wimmert er, ,,betrogen, ver- 
lasscn ..." ,,Das macht nichts, Liebling", lallt sie, ,,ich 
bin ja da, du hast ja mich, kiimmcr dich nicht mehr um 
sie ... war sie hiibscher als ich?" und in ihrer fliis tern- 
den Stimme ist cine kleine stechende Nadelspitze. ,,Ja, 
sie war hiibscher ..." Stille. ,,Aber sie hat dich verlas- 
sen", sagt sie dann, ,,und ich bin hier bei dir . . ." ,,Ja " 
,,Und . . . war sie wirklich hiibscher?" ,,Sie war 
anders ..." ,,Jede ist anders", fliistert sie belehrend, 
,,du Dummchen, die Hauptsache ist, daB du jemanden 
hast . . . und wie war sie?" ,,Rot", stohnt er, ,,rot war 
sie ..." ,,Rot war sie? o weh, das ist schlimm, die 
Roten sind falsch " Plotzlich setzt er sich neben ihr auf. 
,,Maci ... ich hab dich sehr lieb . . . um Gottes willen, 
nicht wahr, du willst nicht mehr schlafen?!" ,,Aber 
Liebling . . . es ist ja noch friih, und ich bin . . . ein biBchen 

miide bin ich ..." ,,Maci wir wollen das Licht 

brennen lassen, bitte, schlaf nicht, du kannst morgen den 
ganzen Tag hier schlafen . . . aber jetzt bitte nicht schlafen, 
ich kann ja nicht einschlafen . . . Macachen, soil ich dir 
erzahlen, wie das war mit dcr Rothaarigcn?" Sie reifit die 
Augen auf. ,,Ja, erzahl" . . . findct sie sich ab. Er sitzt im 
Bett, das Madchen liegt neben ihm, und da fangt er heiser 
fliisternd einc Geschichtc an. Von einer rothaarigen Frau . . . 
einer Camilla ... sie war keine Ungarin, cine Auslanderin . . . 
auf dem Schiff hatten sie sich kenncngelcrnt, auf dem 
Meet, und sie war nach Budapest gckommen, seinetwegeo, 

5" 



denn sic batten sich ineinander vcrlicbt . . . und ein ganzcs 
Jahr lang war gar nichts, cr wartete nur, daB sich cndlich 
etwas ercigne, aber es war schr schwcr, denn sic war ver- 
heiratet, und der Mann war auch hier ... und die heiserc, 
fliistcrndc Stimmc erzahlt und erzahlt in siedendem Phanta- 
sieren, bunt und rhapsodisch, in absurden Widersprvichen, 
mit schrecklichen Situationcn und peinlichen Kompli- 
kationen, in schmerzlichen Dialogen, in unmenschlicher 
Selbstqualerei, die Minuten zcrflieBen ins Gestern 
wahrend dieses spatherbstlichen Morgengrauens, er 
spricht nur und spricht, in wiirgendem Fliistern, in sturm- 
artigem Haufen von Worten, und dann hetzt er sich mit 
groBem Abflauen, mit Erinnerungen und Liigen der 
Erlosung zu ,,betrogen und belogen hat sie mich, und 
dann ist sie gegangen, hat mich sitzenlassen " 
Schon seit Viertelstunden liegt Maca leise atmend im Schlaf ; 
und da bcmerkt er plotzlich, daB sie schlaft, betrogen! 
keucht die blinde Wut in ihm auf, beschwindelt hat die 
mich auch . . . hat mich im Stich gelassen, ist eingeschlafen 
ich erwiirge sie! ich erwiirge sie! und dann, wie er sie 
anriihrt und sie sich angstvoll aufrichtet, bricht er plotzlich 
zusammcn. Die Umarmung, die durchwachte Nacht und 
die ganze Miidigkeit des krankhaften Phantasierens sitzen 
auf einmal lahmend in seinem Korper; mit brennenden 
Augen und hangendem Kopf hockt er neben dem Madchen. 
,,Ja", stottert Maca laut, ,,die rot ... haarige . . . Camilla" . . . 
,,Pstl" mahnt er sie, still zu sein, ,,Macachen, es ist 
gleich Morgen, du muBt gehen, wir wollen zusammen ins 
Dampfbad gehen, ins Arthcsische ..." ,,Fein", willigt 
Maca sofort ganz wach ein, ,,ich hab ja so schlecht gc- 
schlafen." Schweigend ziehen sie sich an, sehr bald sind 
sie fcrtig. Dreiviertel sechs. In einer Vicrtelstunde steht 
Julie auf. Der Flur, das Entree ist nachtlich finster, an 
seincn Arm geklammert stolpert Maca hinter ihm her. Die 
Haustiir ist schon offen, die in Tiichcr gewickeltc dickc 
Porticrfrau fegt vor dem Haus Wasser und Schmutz weg. 



Es dammert kaum. Und es 1st kalt. Grau hangen am 
Himmel die dicken Wolkcn. Es wird gleich wieder rcgncn. 
Rasch gchcn sic auf die andere Seite zum Taxcnstand und 
setzen sich in cinen Wagen. ,,Zum Arthesischen Bad'*, 
sagt cr. ,,Jawohl", antwortet der Schoffor und zcrrt an der 
Kurbel, der Motor fangt