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Full text of "Generelle morphologie der organismen. Allgemeine grundzüge der organischen formen-wissenschaft, mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformirte descendenztheorie"

GENERELLE MORPHOLOGIE 

DER ORGANISMEN. 



ALLGEMEINE GRÜNDZÜGE 
DER ORGANISCHEN FORMEN-WISSENSCHAFT, 

MECHANISCH BEGRÜNDET DURCH DIE VON 

CHARLES DARWIN 

REF0RM1RTE DESCENDENZ-THEORIE, 

VON 

ERNST HAECKEL 



ERSTER BAND: 

ALLGEMEINE ANATOMIE 

DER ORGANISMEN. 



,,E PUR Sl MUOVE!« 



MIT ZWEI PROMORPHOLOGISCHEN TAFELN. 



BERLIN. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER. 

1866. 



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ALLGEMEINE ANATOMIE 



DER ORGANISMEN. 




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KRITISCHE GRUNDZÜGE 



DER MECHANISCHEN WISSENSCHAFT 
VON DEN ENTWICKELTEN FORMEN 



DER ORGANISMEN, 



BEGRÜNDET DURCH DIE DESCENDENZ- THEORIE, 



VON 

ERNST HAECKEL, 

DOCTOR DER PHILOSOPHIE UND MEDICIN, ORDENTLICHEM PROFESSOR DER ZOOLOGIE 
UND DIRECTOR DES ZOOLOGISCHEN INSTITUTES UND DES ZOOLOGISCHEN MUSEUMS 

AN DER UNIVERSITAET JENA. 







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„E PUR SlS^JE^V )■ " 




MIT ZWEI PROMORPHOLOGISCHEN TAFELN, 



BERLIN. 
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER. 
1866. 



„Die Natur schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch 
nie; was war, kommt nicht wieder: Alles ist neu, und doch 
immer das Alte. 

,,Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr. Sie 
verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillstehen in ihr. 
Für's Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie an's 
Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre 
Gesetze unwandelbar. Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber 
nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Jedem erscheint sie 
in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen 
und Tennen, und ist immer dieselbe. 

,,Die Natur hat mich hereingestellt, sie wird mich auch heraus- 
führen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten; sie 
wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr; nein, 
was wahr ist und was falsch ist, Alles hat sie gesprochen. Alles 
ist ihre Schuld, Alles ist ihr Verdienst." 

Goethe. 




SEINEM THEÜREN FREUNDE UND COLLEGEN 



CARL GEGENBAUR 



WIDMET DIESE 



GRUNDZÜGE DER ALLGEMEINEN ANATOMIE 



IN TREUER DANKBARKEIT 



DER VERFASSER. 




An Carl Gegenbaur. 

indem ich den ersten Band der generellen Morpho- 
logie Dir, mein theurer Freund, den zweiten Band den drei 
Begründern der Descendenz- Theorie widme, will ich damit 
nicht sowohl die besondere Beziehung ausdrücken, welche 
Du als hervorragender Förderer der Anatomie, jene als Re- 
formatoren der Entwickelungsgeschichte zu den beiden Zwei- 
gen der organischen Morphologie einnehmen, als vielmehr 
meiner dankbaren Verehrung gegen Dich und gegen Jene 
gleichmässigen Ausdruck geben. Denn wie es mir einerseits 
als eine Pflicht der Dankbarkeit erschien, durch Dedication der 
„allgemeinen Entwickelungsgeschichte" an Charles Darwin, 
Wolfgang Goethe und Jean Lamarck das causale Fun- 
dament zu bezeichnen, auf welchem ich meine organische Mor- 
phologie errichtet habe, so empfand ich andererseits nicht 
minder lebhaft das Bedürfniss, durch Widmung der „allge- 
meinen Anatomie" an Dich, mein treuer Genosse, die Ver- 
dienste dankbar anzuerkennen, welche Du um die Förderung 
meines Unternehmens besitzest. 



Um diese Beziehungen in das rechte Licht zu stellen, 
müsste ich freilich eigentlich eine Geschichte unseres brüder- 
lichen Freundschafts-Bündnisses schreiben, von dem Tage an, 
als ich Dich 1853 nach Deiner Rückkehr von Messina im 
Gutenberger Walde bei Würzburg zum ersten Male sah, und 
Du in mir die Sehnsucht nach den hesperischen Gestaden 
Siciliens wecktest, die mir sieben Jahre später in den Ra- 
diolarien so reiche Früchte tragen sollte. Seit jenem Tage 
hat ein seltener Parallelismus der Schicksale zwischen uns 
fester und fester die unauflöslichen Bande geknüpft, welche 
schon frühzeitig gleiche Empfänglichkeit für den Naturgenuss, 
gleiche Begeisterung für die Naturwissenschaft, gleiche Liebe 
für die Naturwahrheit in unseren gleichstrebenden Gemüthern 
vorbereitet hatte. Du warst es, der mich vor sechs Jahren 
veranlasste, meine akademische Lehrthätigkeit in unserem 
geliebten Jena zu beginnen, an der Thüringer Universität 
im Herzen Deutschlands, welche seit drei Jahrhunderten als 
das pulsirende Herz deutscher Geistes -Freiheit und deut- 



sehen Geistes - Kampfes nach allen Richtungen ihre lebendi- 
gen Schwingungen fortgepflanzt hat. An dieser Pflanzschule 
deutscher Philosophie und deutscher Naturwissenschaft, unter 
dem Schutze eines freien Staatswesens, dessen fürstliche Re- 
genten jederzeit dem freien Worte eine Zufluchtsstätte ge- 
währt, und ihren Namen mit der Reformations- Bewegung, 
wie mit der Blüthezeit der deutschen Poesie untrennbar ver- 
flochten haben, konnte ich mit Dir vereint wirken. Hier ha- 
ben wir in der glücklichsten Arbeitstheilung unser gemein- 
sames Wissenschafts-Gebiet bebaut, treu mit einander gelehrt 
und gelernt, und in denselben Räumen, in welchen Goethe 
vor einem halben Jahrhundert seine Untersuchungen „zur 
Morphologie der Organismen" begann, zum Theil noch mit 
denselben wissenschaftlichen Hülfsmitteln, die von ihm aus- 
gestreuten Keime der vergleichenden und denkenden Natur- 
forschung gepflegt. Wie wir in dem harten Kampfe des Le- 
bens Glück und Unglück brüderlich mit einander getheilt, so 
haben sich auch unsere wissenschaftlichen Bestrebungen in 



so inniger und beständiger Wechselwirkung entwickelt und 
befestigt, in täglicher Mittheilung und Besprechung so ge- 
genseitig durchdrungen und geläutert, dass es uns wohl Bei- 
den unmöglich sein würde, den speciellen Antheil eines Jeden 
an unserer geistigen Gütergemeinschaft zu bestimmen. Nur 
im Allgemeinen kann ich sagen, dass das Wenige, was meine 
rasche und rastlose Jugend hie und da Dir bieten konnte, 
nicht in Verhältniss steht zu dem Vielen, was ich von Dir, 
dem acht Jahre älteren, erfahrneren und reiferen Manne 
empfangen habe. 

So ist denn Vieles, was in dem vorliegenden Werke 
als meine Leistung erscheint, von Dir geweckt und genährt. 
Vieles, von dem ich Förderung unserer Wissenschaft hoffe, 
ist die gemeinsame Frucht des Ideen -Austausches, der uns 
ebenso daheim in unserer stillen Werkstätte erfreute, wie er 
uns draussen auf unseren erfrischenden Wanderungen durch 
die felsigen Schluchten und über die waldigen Höhen des 
reizenden Saalthaies begleitete. Manches dürfte selbst das 






Product des erhebenden gemeinsamen Naturgenusses sein, 
welchen uns die malerischen Formen der Jenenser Muschelkalk- 
Berge bereiteten, wenn sie im letzten Abendsonnenstrahl uns 
durch die Farben -Harmonie ihrer purpur-goldigen Felsen- 
flanken und violett -blauen Schlagschatten die entschwundenen 
Zauberbilder der calabrischen Gebirgskette wieder vor Augen 
führten. 

Es dürfte befremdend erscheinen, einer „mechanischen 
Morphologie" solche Erinnerungen voranzuschicken. Und 
dennoch geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie jeder 
Organismus, wie jede Form und jede Function des Organis- 
mus , so ist auch das vorliegende Werk weiter Nichts , als 
das nothwendige Product aus der Wechselwirkung zweier 
Factoren, der Vererbung und der Anpassung. Wenn dasselbe, 
wie ich zu hoffen wage, zur weiteren Entwickelung unserer 
Wissenschaft beitragen sollte, so bin ich weit entfernt, mir 
dies als mein freies Verdienst anzurechnen. Denn die per- 
sönlichen Eigenschaften, welche mir die grosse und schwierige 



Aufgabe zu erfassen und durchzuführen erlaubten, habe ich 
zum grössten Theile durch Vererbung von meinen trefflichen 
Eltern erhalten. Unter den vielen Anpassungs- Bedingungen 
aber, welche in Wechselwirkung mit jenen erblichen Func- 
tionen das Werk zur Reife brachten, nehmen die angeführ- 
ten Verhältnisse die erste Stelle ein. 

In diesem Sinne, mein theurer Freund, als mein Gesin- 
nungs- Genosse und mein Schicksals -Bruder, als mein aka- 
demischer College und mein Wander -Gefährte, nimm die 
Widmung dieser Zeilen freundlich auf, und lass uns auch 
fernerhin treu und fest zusammenstehen in dem grossen 
Kampfe, in welchen uns die Pflicht unseres Berufes treibt, 
und in welchen das vorliegende Werk entschlossen ein- 
greift — in dem heiligen Kampfe um die Freiheit der Wis- 
senschaft und um die Erkenntniss der Wahrheit in der 
Natur. 



Vorwort. 



V on allen Hauptzweigen der Naturwissenschaft ist die 
Morphologie der Organismen bisher am meisten zurückge- 
blieben. Der ausserordentlich schnelle und reiche, quantita- 
tive Zuwachs an empirischen Kenntnissen , welcher in den 
letzten Jahrzehnten alle Zweige der Anatomie und Entwicke- 
lungsgeschichte zu einer vielbewunderten Höhe getrieben hat, 
ist in der That nicht mit einer entsprechenden qualitativen 
Vervollkommnung dieser Wissenschaften gepaart gewesen. 
Während ihre nicht minder rasch entwickelte Zwillings- 
schwester, die Physiologie, in den letzten Decennien mit ihrer 
dualistischen Vergangenheit völlig gebrochen und sich auf 
den mechanisch- causalen Standpunkt der anorganischen Na- 
turwissenschaften erhoben hat, ist die Morphologie der Or- 
ganismen noch weit davon entfernt, diesen Standpunkt als 
den einzig richtigen allgemein anerkannt, geschweige denn 
erreicht zu haben. Die Frage nach den bewirkenden Ursachen 
der Erscheinungen, und das Streben nach der Erkenntniss 
des Gesetzes in denselben, welche dort allgemein die Rieht- 



XIV Vorwort. 

schnür aller Untersuchungen bilden, sind hier noch den Mei- 
sten unbekannt. Die alten teleologischen und vitalistischen 
Dogmen, welche aus der Physiologie und Anorganologie jetzt 
gänzlich verbannt sind, finden wir in der organischen Mor- 
phologie nicht allein geduldet, sondern sogar noch herr- 
schend, und allgemein zu Erklärungen benutzt, die in der 
That keine Erklärungen sind. Die meisten Morphologen be- 
gnügen sich sogar mit der blossen Kenntniss der Formen, 
ohne überhaupt nach ihrer Erklärung zu streben und nach 
ihren Bildungsgesetzen zu fragen. 

So bietet uns denn der gegenwärtige Zustand unserer 
wissenschaftlichen Bildung das seltsame Schauspiel von zwei 
völlig getrennten Arten der Naturwissenschaft dar: auf der 
einen Seite die gesammte Wissenschaft von der anorganischen 
Natur (Abiologie), und neben ihr die Physiologie der Or- 
ganismen, auf der anderen Seite allein die Morphologie der 
Organismen, Entwicklungsgeschichte und Anatomie — jene 
monistisch, diese dualistisch; jene nach wahren bewirkenden 
Ursachen, diese nach zweckthätigen Scheingründen suchend; 
jene mechanisch, diese yitalistisch erklärend. Während die 
Physiologen in richtiger kritischer Erkenntniss ~ den Organis- 
mus als eine nach mechanischen Gesetzen gebaute und wir- 
kende Maschine ansehen und untersuchen, betrachten ihn die 
Morphologen nach Darwin' s treffendem Vergleiche immer 
noch ebenso, wie die Wilden ein Linienschiff. 

Die vorliegenden Grundzüge der „generellen Morpho- 
logie der Organismen" unternehmen zum ersten Male den 
Versuch, diesen heillosen und grundverkehrten Dualismus aus 
allen Gebietsteilen der Anatomie und Entwicklungsgeschichte 
völlig zu verdrängen, und die gesammte Wissenschaft von 
den entwickelten und von den entstehenden Formen der Or- 



Vorwort. XV 

ganismen durch mechanisch -causale Begründung auf dieselbe 
feste Höhe des Monismus zu erheben, in welcher alle übri- 
gen Naturwissenschaften seit längerer oder kürzerer Zeit ihr 
unerschütterliches Fundament gefunden haben. Der grossen 
Schwierigkeiten und der vielen Gefahren dieses Unternehmens 
bin ich mir vollkommen bewusst. Noch stehen alle allge- 
meinen morphologischen Anschauungen in Zoologie und Bo- 
tanik unter der Herrschaft eines gelehrten Zunftwesens, wel- 
ches nur in der scholastischen Gelehrsamkeit des Mittelalters 
seines Gleichen findet. Dogma und Autorität, wechselseitig 
zur Unterdrückung jedes freien Gedankens und jeder un- 
mittelbaren Naturerkenntniss verschworen, haben eine dop- 
pelte und dreifache chinesische Mauer von Vorurtheilen aller 
Art rings um die Festung der organischen Morphologie auf- 
geführt, in welche sich der allerorts verdrängte Wunder- 
glaube jetzt als in seine letzte Citadelle zurückgezogen hat. 
Dennoch gehen wir siegesgewiss und furchtlos in diesen 
Kampf. Der Ausgang desselben kann nicht mehr zweifelhaft 
sein, nachdem Charles Darwin vor sieben Jahren den 
Schlüssel zu jener Festung gefunden, und durch seine be- 
wundrungswürdige Selections- Theorie die von Wolf gang 
Goethe und Jean Lamarck aufgestellte Descendenz-Theorie 
zur siegreichen Eroberungs- Waffe gestaltet hat. 

Ein Werk, welches eine so umfassende und schwierige 
Aufgabe unternimmt, ist nicht das flüchtige Product vorüber- 
gehender Gedanken -Bewegungen, sondern das langsam ge- 
reifte Resultat langjähriger und inniger Erkenntniss -Mühen, 
und ich darf wohl sagen , dass viele der hier dargelegten 
Ansichten mich beschäftigt haben, seit ich überhaupt mit 
kritischem Bewusstsein in das Wundergebiet der organischen 
Formen- Welt einzudringen versuchte. Die allgemeinste Streit- 



XVI Vorwort. 

frage der organischen Morphologie, welche gewissermaassen 
das Feldgeschrei der beiden feindlichen Heere bildet, das 
Problem von der Constanz oder Transmutation der Species 
hat mich schon lebhaft interessirt, als ich vor nunmehr zwan- 
zig Jahren, als zwölfjähriger Knabe, zum ersten Male mit 
leidenschaftlichem Eifer die „guten und schlechten Species" 
der Brombeeren und Weiden, Rosen und Disteln vergeb- 
lich zu bestimmen und zu unterscheiden suchte. Mit heiterer 
Genugthuung muss ich jetzt der kritischen Beängstigungen 
gedenken, welche damals mein zweifelsüchtiges Knabengemüth 
in die schmerzlichste Aufregung versetzten, da ich bestän- 
dig hin und her schwankte, ob ich (nach Art der meisten 
sogenannten „guten Systematiker") die „guten" Exemplare 
allein in das Herbarium aufnehmen und die „schlechten" aus- 
weisen, oder aber durch Aufnahme der letzteren eine voll- 
ständige Kette von vermittelnden Uebergangsformen zwischen 
den „guten Arten" herstellen sollte, welche die Illusion von 
deren „Güte" vernichteten. Ich beseitigte diesen Zwiespalt 
damals durch einen Compromiss, welchen ich allen Systema- 
tikern zur Nachahmung empfehlen kann: ich legte zwei Her- 
barien an, ein officielles, welches den theilnehmenden Be- 
schauern alle Arten in „typischen" Exemplaren als grundver- 
schiedene Formen, jede mit ihrer schönen Etikette beklebt, 
vor Augen führte, und ein geheimes, nur einem vertrauten 
Freunde zugängliches, in welchem nur die verdächtigen Genera 
Aufnahme fanden, welche Goethe treffend die „charakter- 
losen oder liederlichen Geschlechter" genannt hat, „denen man 
vielleicht kaum Species zuschreiben darf, da sie sich in grän- 
zenlose Varietäten verlieren": Rvbus, Salix, Verbascum, Hie- 
r actum, Rosa, Cirsium etc. Hier zeigten Massen von Indivi- 
duen, nach Nummern in eine lange Kette geordnet, den un- 



Vorwort. XVII 

mittelbaren Uebergang von einer guten Art zur andern. Es 
waren die von der Schule verbotenen Früchte der Erkennt- 
niss, an denen ich in stillen Mussestunden mein geheimes, 
kindisches Vergnügen hatte. 

Jene vergeblichen Bemühungen, des eigentlichen Wesens 
der „Species" habhaft zu werden, leiteten mich seitdem bei 
allen meinen Formen -Beobachtungen, und als ich später das 
unschätzbare Glück hatte, in unmittelbarem Verkehr mit mei- 
nem unvergesslichen Lehrer Johannes Müller die empiri- 
schen Grundlagen und die herrschenden Anschauungen der 
dualistischen Morphologie nach ihrem ganzen Umfang und 
Inhalt kennen zu lernen, bildete sich bereits im Stillen jene 
monistische Opposition aus, welche in dem vorliegenden 
Werke ihren entschiedenen Ausdruck findet. Nicht wenig trug 
dazu auch der kritische Einfluss meines hochverehrten Leh- 
rers und Freundes Rudolph Virchow bei, dessen ich hier- 
bei dankbarst erwähnen muss. Als sein Assistent lernte ich 
in der „Cellular- Pathologie" des menschlichen Organismus 
jene wunderbare Biegsamkeit und Flüssigkeit, jene erstaun- 
liche Veränderlichkeit und Anpassungsfähigkeit der organi- 
schen Formen kennen, welche für deren Verstau dniss so un- 
endlich wichtig ist, und von der doch nur die wenigsten 
Morphologen eine ungefähre Idee haben. Man wird nun be- 
greifen, weshalb ich, um mich Bär's Ausdrucks zu bedienen, 
Darwin' s That „mit so jubelndem Entzücken begrüsste, als 
ob ich von einem Alp, der bisher auf der Kenntniss der 
Organismen ruhte, mich befreit fühlte". Es fielen mir in der 
That „die Schuppen von den Augen". 

Durch eine Reihe von akademischen Vorträgen, welche 
sich abwechselnd über alle einzelnen Gebietsteile der orga- 
nischen Morphologie, und ausserdem jährlich über das Ge- 

b 



XVTII V o rwort. 

sammtgebiet der Zoologie erstreckten, war ich in die glück- 
liche Lage versetzt, die in dem vorliegenden Werke begrün- 
deten Anschauungen schon seit längerer Zeit zu einem be- 
stimmten Ausdruck vorbereitet und durch vielfache Betrach- 
tung von allen Seiten mir selbst zu voller Klarheit gebracht 
zu haben. Gleichzeitig war ich bemüht, durch fortgesetzte 
specielle Detail -Untersuchungen mir den festen empirischen 
Boden zu erhalten, ohne welchen jeder generelle Gedanken- 
Bau nur zu leicht zum speculativen Luftschloss wird. Während 
so die einzelnen Haupttheile der allgemeinen Anatomie und 
Entwickelungsgeschiehte-allmähligund langsam einer gewissen 
Reife entgegen gingen, wurde dagegen der wagnissvolle Plan, sie 
zu einem umfassenden, systematisch construirten Lehrgebäude 
der generellen Morphologie zusammenzufassen, erst vor ver- 
hältnissinässig kurzer Zeit in mir zum bestimmten Entschlüsse. 
Innere und äussere Gründe verschiedener Art zwangen mich, 
die Ausarbeitung des Ganzen schneller und in viel kür- 
zerer Zeit zu vollenden, als ich ursprünglich gewünscht und 
beabsichtigt hatte. Ein grosser Theil des ersten Bandes war 
bereits gedruckt, ehe der zweite zum Abschluss gelangte. 
Ausserdem griffen schmerzliche Schicksale vielfach störend 
in die Arbeit ein. Diese und andere, hier nicht weiter zu 
erörternde Hindernisse mögen die mancherlei Nachlässigkei- 
ten in der Form des Ganzen, kleine Ungenauigkeiten im Ein- 
zelnen , und mannichfache Wiederholungen entschuldigen, 
welche der kritische Leser leicht herausfinden wird. So gern 
ich auch in dieser Beziehung die Arbeit wesentlich verbes- 
sert und formell einheitlicher abgerundet hätte, so wollte ich 
doch deshalb die Herausgabe des Ganzen nicht um Jahre 
verzögern. Bis dat, qui cito dat! Auch lege ich jenen Män- 
geln insofern nur untergeordnete Bedeutung bei, als sie 



Vorwort. XIX 

der umfassenden Erkenntniss des grossen Ganzen der orga- 
nischen Formenwelt, welche das Werk erstrebt, dem allge- 
meinen Ueberblick über die grossen Bildlingsgesetze jenes 
herrlichen und gewaltigen Gestaltenreichs keinen Eintrag thun. 
Was die Form des ganzen Werkes betrifft, so erschien 
es mir unerlässlich, bei der völligen Zerfahrenheit und Zer- 
rissenheit, dem gänzlichen Mangel an Zusammenhang und 
Einheit, die auf allen Gebietsteilen der Anatomie und Ent- 
wickelungsgeschichte herrschen, die strenge Form eines syste- 
matisch geordneten Lehrgebäudes zu wählen. Vorläufig kann 
allerdings dieser erste Versuch eines solchen weiter Nichts 
sein, als ein nach einem bestimmten Plan und auf festem 
Fundament angelegtes Gerüst, ein Fachwerk von Balken, 
welches statt geschlossener Wände und bewohnbarer Zimmer 
grösstentheils nur durchbrochenes Zimmerwerk und leere 
Räume enthält. Mögen andere Naturforscher dieselben aus- 
füllen und das Ganze zu einem wohnlichen Gebäude gestal- 
ten. Mir schien schon viel gewonnen zu sein, wenn nur erst 
jenes feste Gerüst aufgerichtet, und der Raum zur geordne- 
ten und übersichtlichen Aufstellung der massenhaft angehäuf- 
ten empirischen Schätze gewonnen wäre. Natürlich musste 
auch die Behandlung und Ausführung der einzelnen Theile 
sehr ungleich ausfallen, entsprechend dem höchst ungleich- 
massig entwickelten Zustande unserer Wissenschaft selbst, von 
welcher viele der wichtigsten und interessantesten Theile, 
wie namentlich die Genealogie, noch fast unangebaut dalie- 
gen. Einzelne Capitel, in denen ich speciellere Studien ge- 
macht hatte, sind eingehender ausgeführt; andere, in denen mir 
weniger eigenes Material zu Gebote stand, flüchtiger skizzirt. 
Das siebente und achte Buch dürfen bloss als aphoristische 
Anhänge gelten, die ich bei der hohen Wichtigkeit der darin 

b* 



XX Vorwort. 

kurz berührten Fragen nicht weglassen mochte, deren specielle 
Ausführung aber, ebenso wie die des sechsten Buches, ich 
mir für eine andere Arbeit verspare. Dasselbe gilt von der 
„genealogischen Uebersicht des natürlichen Systems der Or- 
ganismen", welche ich als „systematische Einleitung in die 
allgemeine Entwickelungsgeschichte" dem zweiten Bande vor- 
angeschickt habe. Da dieselbe eine kurze Uebersicht der 
speciellen Phylogenie giebt, gehört sie eigentlich nicht in 
die „generelle Morphologie" der Organismen oder könnte 
hier nur als specielle Erläuterung des vierundzwanzigsten 
Capitels ihre Stelle finden. Da jedoch die meisten Zoolo- 
gen und Botaniker der Gegenwart überhaupt nur ein gerin- 
ges oder gar kein Interesse für allgemeine und umfassende 
Fragen haben, sondern lediglich den Cnltus des Einzelnen 
und Speciellen betreiben , so werden dieselben wohl gerade 
auf diese specielle Anwendung der Descendenz- Theorie das 
grösste Gewicht legen, und desshalb schien es mir passend, 
sie dem zweiten Bande voran zu stellen. Sie dient zugleich 
zur Erläuterung der angehängten genealogischen Tafeln, dem 
ersten Versuche dieser Art, der hoffentlich bald viele und 
bessere Nachfolger finden wird. Der Entwurf der organi- 
schen Stammbäume, obwohl gegenwärtig noch äusserst 
schwierig und bedenklich , wird meines Erachtens die wich- 
tigste und interessanteste Aufgabe für die Morphologie der 
Zukunft bilden. 

Besonderer Nachsicht bedarf der botanische Theil meiner 
Morphologie. Bei der ausserordentlich weit vorgeschrittenen 
Arbeitstheilung der neuesten Zeit ist die völlige Decentrali- 
sation aller biologischen Wissenschaftsgebiete zu dem Grade 
gediehen, dass es überhaupt nur noch sehr wenige Zoologen 
und Botaniker im vollen Sinne des Wortes giebt, und statt 



Vorwort. XXI 

dessen auf der einen Seite Mastozoologen, Ornithologen, Ma- 
lakozoologen, Entomologen, Mycetologen, Phycologen etc., 
auf der anderen Seite Histologen, Organologen, Embryologen, 
Palaeontologen etc. Unter diesen Umständen werden alle 
diese scholastischen, meist mit sehr langen Zöpfen versehenen 
Zunftgelehrten es für eine überhebliche Anmaassung erklären, 
dass „ein Einzelner" es noch wagt, das Ganze der organi- 
schen Formenwelt mit einem Blick umfassen zu wollen. 
Namentlich aber werden die „eigentlichen" Botaniker ent- 
rüstet sein, dass ein Zoologe sich einen Einfall in ihr abge- 
grenztes Gebiet erlaubt. Dass ich dieses Wagniss dennoch 
unternehme, hat seinen zwiefachen Grund. Einerseits zeigt 
mir die kühle oder ganz negative Haltung des bei weitem 
grössten Theiles der Botaniker gegenüber Darwin' s Selec- 
tions-Theorie — diesem wahren Prüfstein aller echten, d. h. 
denkenden Naturforschung — dass die Pflanzenkunde noch 
weit mehr als die Thierkunde unter der gedankenlosen Spe- 
cialkrämerei gelitten hat, welche man als „exacte Empirie" 
zu verherrlichen liebt und dass man dort noch weit mehr 
als hier die grossen und erhabenen Ziele des Wissenschafts- 
Ganzen, das Bewusstsein ihrer Einheit und Zusammengehörig- 
keit verloren hat. Andererseits aber ist nach meiner festesten 
Ueberzeugung für alle fundamentalen Fragen der generellen 
Morphologie (wie überhaupt der gesammten Biologie), für 
alle tectologischen und promorphologischen, ontogenetischen 
und phylogenetischen Probleme, die gegenseitige Ergänzung 
der Zoologie und Botanik so äusserst werthvoll, ihre innigste 
Wechselwirkung so unbedingt nothwendig, dass ich durch 
blosse Beschränkung auf mein zoologisches Fachgebiet mir 
selbst die beste Quelle des Verständnisses verstopft hätte. 
Wenn ich in vielen allgemeinen Fragen einen guten Schritt 



XXII Vorwort. 

weiter gekommen bin, so verdanke ich dies wesentlich der 
Vergleichung der thierischen und pflanzlichen Formen. Zwei- 
felsohne würde der botanische Theil meiner Arbeit viel reich- 
haltiger und besser ausgefallen sein, wenn mir das Glück der 
Unterstützung eines Botanikers zu Theil geworden wäre, 
dessen offenes Auge auf das grosse Ganze der pflanzlichen 
Formenwelt und ihren genealogischen Causalnexus gerichtet 
ist. Da es mir aber nur dann und wann auf kurze Stunden ge- 
gönnt war, aus dem jugendfrischen und gedankenreichen 
Wissensquell meines hochverehrten Lehrers, Alexander 
Braun in Berlin, Belehrung und Rath zu erholen, so blieb 
ich grösstenteils auf die mangelhafte empirische Grundlage 
beschränkt, welche ich mir durch leidenschaftliche Zuneigung 
zur Scientia amabilis in früherer Zeit erworben hatte, ehe ich 
durch den überwiegenden Einfluss von Johannes Müller 
zur vergleichenden Anatomie der Thiere herübergezogen 
wurde. 

Bei dem höchst unvollkommenen und niedrigen Entwicke- 
lungs- Zustande, auf welchem sich die allgemeine Anatomie 
und Entwickelungsgeschichte noch gegenwärtig befindet, 
rnusste der vorliegende Versuch, sie als einheitliches Ganzes 
zusammenzufassen, mehr eine Sammlung von bestimmt for- 
mulirten Problemen, als von bereits gelösten Aufgaben 
werden. Unter diesen Umständen schien es mir eines der drin- 
gendsten Bedürfnisse, besondere Aufmerksamkeit der schar- 
fen Bestimmung und Umschreibung der morphologischen Be- 
griffe zuzuwenden. In Folge der allgemeinen Vernachlässi- 
gung der unentbehrlichen philosophischen Grundlagen ist in 
der gesammten Zoologie und Botanik eine so weitgehende 
Unklarheit und eine so babylonische Sprachverwirrung einge- 
rissen, dass es oft unmöglich ist, sich ohne weitläufige Um- 



Vorwort. XXm 

Schreibungen über die allgemeinsten Grundbegriffe zu ver- 
ständigen. Ueberall in der Anatomie und Entwicklungs- 
geschichte ist Ueberfluss an unnützen und Mangel an den 
unentbehrlichsten Bezeichnungen. Viele der wichtigsten und 
alltäglich gebrauchten Begriffe wie z. B. Zelle, Organ, regulär, 
symmetrisch, Embryo, Metamorphose, Species, Verwandt- 
schaft u. s. w. haben gar keine bestimmte Bedeutung mehr, 
da fast jeder Morphologe, falls er sich überhaupt dabei etwas 
Bestimmtes denkt, etwas Anderes darunter versteht. In der 
Botanik und Zoologie, und ebenso in den einzelnen Zweigen 
dieser Wissenschaften, werden dieselben Objecte mit ver- 
schiedenen Namen und ganz verschiedene Objecte mit den- 
selben Namen bezeichnet. Unter diesen Umständen war es 
unvermeidlich, eine ziemliche Anzahl von neuen Wörtern 
(dem internationalen Herkommen gemäss aus dem Griechi- 
schen gebildet) einzuführen, welche bestimmte und klare Be- 
griffe fest und ausschliesslich bezeichnen sollen. 

Die dunkeln Schattenseiten der herrschenden organischen 
Morphologie habe ich mir erlaubt scharf zu beleuchten und 
ihre Irrthümer rücksichtslos aufzudecken. Möge man in 
meiner offenen Sprache nicht eitle Selbstüberhebung oder 
Verkennung der wirklichen Verdienste Anderer erblicken, 
sondern lediglich den Ausdruck der festen Ueberzeugung, 
dass nur durch unumwundene Wahrheit der Fortschritt in 
der Wissenschaft gefördert werden kann. 

Wenn ich auch alle meine Kräfte aufgeboten habe, um die- 
sem ersten systematisch geordneten Versuche einer allgemeinen 
Anatomie und Entwicklungsgeschichte ein möglichst annehm- 
bares Gewand zu geben, so bin ich mir doch wohl bewusst, 
dass das Erreichte weit, sehr weit hinter dem Erstrebten 
zurück geblieben ist. Das Werk soll aber auch nichts Fer- 



XXTV Vorwort. 

tiges, sondern nur Werdendes bieten. Handelt es sich ja doch 
noch um definitive Sicherstellung des festen Gerüstes jenes 
erhabenen Lehrgebäudes , welches die organische : Morpho- 
logie der Zukunft ausführen soll. Meine Anstrengungen wer- 
den hinlänglich belohnt sein, wenn sie frische Kräfte zur Ver- 
besserung des Gegebenen anregen, und wenn dadurch mehr 
und mehr der Grundgedanke zur Geltung kommt, welchen 
ich für die erste und notwendigste Vorbedingung jedes wirk- 
lichen Fortschritts auf unserm Wissenschafts -Gebiete halte: 
der Gedanke von der Einheit der gesammten organischen 
und anorganischen Natur, der Gedanke von der allgemeinen 
Wirksamkeit mechanischer Ursachen in allen erkennbaren Er- 
scheinungen, der Gedanke, dass die entstehenden und die 
entwickelten Formen der Organismen nichts Anderes sind, 
als das nothwendige Product ausnahmsloser und ewiger 
Naturgesetze. 

Jena, am 14 ten September 1866. 



Ernst Heinrich Haeckel. 



Inhaltsverzeichniss 

des ersten Bandes 

der generellen Morphologie. 



Seite. 

An Carl Gegenbaur. . VII 

Vorwort XIII 



Erstes Buch. 

Kritische und methodologische Einleitung in die generelle Mor- 
phologie der Organismen 1 

Erstes Capltel : Begriff und Aufgabe der Morphologie der Orga- 
nismen 3 

Zweites Capitel: Verhältnisa der Morphologie zu den anderen Na- 
turwissenschaften 8 

I. Morphologie und Biologie 8 

H. Morphologie und Physik (Statik und Dynamik) 10 

III. Morphologie und Chemie 12 

IV. Morphologie und Physiologie 17 

Drittes Capitel: Eintheilung der Morphologie in untergeordnete 

Wissenschaften 22 

I. Eintheilung der Morphologie in Anatomie und Morphogenie. ... 22 

II. Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 24 

III. Anatomie und Systematik 31 

IV. Organologie und Histologie 42 

V. Tectologie und Promorphologie , 46 

VI. Morphogenie oder Entwickelungsgeschichte 50 

VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen 53 

VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme 57 

IX. Generelle und specielle Morphologie 60 



2 >n 



XXVI Inhalt. 

Seite 

Viertes Capitel: Methodik der Morphologie der Organismen. . . 63 

Viertes Capitel: Erste Hälfte: Kritik der naturwissenschaft- 
lichen Methoden, welche sich gegenseitig nothwendig ergänzen müssen. 63 

I. Empirie und Philosophie (Erfahrung und Erkenntniss) 63 

II. Analyse und Synthese 74 

III. Induction und Deduction 79 

Viertes Capitel: Zweite Hälfte: Kritik der naturwissen- 
schaftlichen Methoden, welche sich gegenseitig nothwendig ausschliessen 

müssen , gg 

IV. Dogmatik und Kritik gg 

V. Teleologie und Causalität (Vitalismus und Mechanismus), .... 94 

VI. Dualismus und Monismus 105 



Zweites Buch. 
Allgemeine Untersuchungen über die Natur und erste Entstehung 
der Organismen, ihr Verhältniss zu den Anorganen, und ihre 

Eintheilung in Thiere und Pflanzen. . . , 109 

Fünftes Capitel: Organismen und Anorgane 111 

I. Organische und anorganische Stoffe 111 

I, 1. Differentielle Bedeutung der organischen und anorganischen Ma- 
terien 111 

I, 2. Atomistische Zusammensetzung der organischen und anorgani- 
schen Materien 115 

I, 3. Verbindungen der Elemente zu organischen und anorganischen 

Materien. 11g 

I, 4. Aggregatzustände der organischen und anorganischen Materien. 122 
II. Organische und anorganische Formen 130 

II, 1. Individualität der organischen und anorganischen Gestalten. . 130 

II, 2. Grundformen der organischen und anorganischen Gestalten. . 137 
in. Organische und anorganische Kräfte 140 

III, 1. Lebenserscheinungen der Organismen und physikalische Kräfte 

der Anorgane 140 

III, 2. Wachsthum der organischen und anorganischen Individuen. . 141 

III, 3. Selbsterhaltung der organischen und anorganischen Individuen. 149 

III, 4. Anpassung der organischen und anorganischen Individuen. . 152 
III, 5. Correlation der Theile in den organischen und anorganischen 

Individuen 158 

III, 6. Zellenbildung und Krystallbildung 159 

IV. Einheit der organischen und anorganischen Natur 164 

Sechstes Capitel: Schöpfung und S elbstzougung 167 

I. Entstehung der ersten Organismen 167 

II. Schöpfung 171 

HI. Urzeugung oder Generatio spontanea. ' 174 

IV. Selbstzeugung oder Autogonie 179 



Inhalt. XXVII 

Seite 

Siebentes Capitel: Thiere und Pflanzen 191 

I. Unterscheidung von Thier und Pflanze 191 

IL Bedeutung der Systemgruppen 195 

III. Ursprung des Thier- und Pflanzen -Reiches 198 

IV. Stämme der drei Reiche 203 

V. Characteristik der Stämme und Reiche 206 

VI. Character des Thierreiches 209 

VI, A. Chemischer Character des Thierreiches 209 

VI, B. Morphologischer Character des Thierreiches 210 

VI, V. Physiologischer Character des Thierreiches 212 

VII. Character des Protistenreiches .... 215 

VII, A. Chemischer Character des Protistenreiches 215 

VII, B. Morphologischer Character des Protistenreiches 216 

VII, C. Physiologischer Character des Protistenreiches 218 

VIII. Character des Pflanzenreiches 220 

VIII, A. Chemischer Character des Pflanzenreiches 220 

VIII, B. Morphologischer Character des Pflanzenreiches 222 

VIII, C. Physiologischer Character des Pflanzenreiches 223 

IX. Vergleichung der drei Reiche 226 

X. Wechselwirkung der drei Reiche 230 

XI. Die Seele als Character der Thiere 232 

XII. Zoologie, Protistik, Botanik 234 

Uebersicht aller Zweige der Zoologie 238 



Drittes Buch. 
Erster Theil der allgemeinen Anatomie. 

Generelle Tectologie oder allgemeine Structurlehre der 

Organismen 239 

Achtes Capitel: Begriff und Aufgabe der Tectologie 241 

I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. . . . 241 

IL Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen 243 

III. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. .... 245 

IV. Verschiedene Auffassungen des protistischen Individuums 251 

V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums 255 

VI. Morphologische und physiologische Individualität 265 

Neuntes Capitel: Morphologische Individualität der Organismen. . 269 
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden oder Plasma- 
stücke 269 

I, 1. Unterscheidung von Cytoden und Zellen 269 

I, 2. Zusammensetzung der Piastiden (Cytoden und Zellen) aus ver- 
schiedenen Formbestandtheilen 275 

A. Plasma (Protoplasma) Zellstoff. 275 

B. Nucleus (Cytoblastus) Zellkern 278 



XXVIII Inhalt. 

Seite 

C. Plasma -Producte 279 

D. Plasma und Nucleus als active Zellsubstanz .... 287 
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe oder Werk- 
etücke 289 

II, 1. Morphologischer Begriff des Organs 291 

II, 2. Eintheilung der Organe in verschiedene Ordnungen 291 

A. Organe erster Ordnung: Zellfusionen 296 

B. Organe zweiter Ordnung: Einfache oder homoplastische 
Organe 298 

C. Organe dritter Ordnung: Zusammengesetzte oder hetero- 
plastische Organe 299 

D. Organe vierter Ordnung: Organ- Systeme 301 

E. Organe fünfter Ordnung: Organ - Apparate 302 

III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren oder Ge- 
genstücke 303 

IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren oder Folge- 
stücke QIC) 

V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen oder Prosopen. 318 

VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke oder Cormen. 326 

Zehntes Capitel: Physiologische Individualität der Organismen. 332 

I. Die Piastiden als Bionten. (Physiologische Individuen erster Ordnung.' 332 

I, A. Die Piastiden als actuelle Bionten qog 

I, B. Die Piastiden als virtuelle Bionten. 33g 

I, V. Die Piastiden als partielle Bionten _ 33g 

II. Die Organe als Bionten. Physiologische Individuen zweiter Ordnung.) 340 

DI, A. Die Organe als actuelle Bionten 343 

II, B. Die Organe als virtuelle Bionten 343 

II, C. Die Organe als partielle Bionten .... 345 

III. Die Antimeren als Bionten. (Physiologische Individuen dritter Ordn.). 347 

III, A. Die Antimeren als actuelle Bionten 347 

III, B. Die Antimeren als virtuelle Bionten 348 

III, C. Die Antimeren als partielle Biont n 351 

IV. Die Metameren als Bionten. (Physiologische Individuen vierter Ordn.). 351 

IV, A. Die Metameren als actuelle Bionten. 352 

IV, B. Die Metameren als virtuelle Bionten 355 

IV, C. Die Metameren als partielle Bionten 356 

V. Die Personen als Bionten. (Physiologische Individuen fünfter Ordn.). 357 

V, A. Die Personen als actuelle Bionten 357 

V, B. Die Personen als virtuelle Bionten 359 

V, C. Die Personen als partielle Bionten 359 

VI. Die Stöcke als Bionten. (Physiologische Individuen sechster Ordn.). 360 

VI, A. Die Stöcke als actuelle Bionten 361 

VI, B. Die Stöcke als virtuelle Bionten 363 

VI, C. Die Stöcke als partielle Bionten 363 

Elftes Capitel: Tectologische Thesen 364 

I. Thesen von der Fundamental - Structur der Organismen 364 

II. Thesen von der organischen Individualität 366 



Inhalt. XXIX 

Seite 

III. Thesen von den einfachen organischen Individuen 368 

IV. Thesen von den zusammengesetzten organischen Individuen. . . . 368 
V. Thesen von der physiologischen Individualität 369 

VI. Thesen von der tectologischen Differenzirung und Centralisation. . 370 
VII. Thesen von der Vollkommenheit der verschiedenen Individualitäten. 372 



Viertes Buch. 
Zweiter Theil der allgemeinen Anatomie. 

Generelle Promorphologie oder allgemeine Grundfor- 
menlehre der Organismen 375 

Zwölftes (apitel: Begriff und Aufgabe der Promorphologie. . . . 377 

1. Die Promorphologie als Lehre von den organischen Grundformen. . 377 
II. Begriff der organischen Grundform im Allgemeinen 379 

III. Verschiedene Ansichten über die organischen Grundformen. . . . 381 

IV. Die Promorphologie als organische Stereometrie 387 

V. Grundformen aller Individualitäten. 390 

VI. Promorphologische Bedeutung der Antimeren 392 

VII. Systematische Bedeutung der Grundformen 394 

VIII. Promorphologie und Orismologie 396 

Dreizehntes Capitel: System der organischen Grundformen 400 

Er ste Hauptabtheilung der organischen Grundformen: 
Lipostaura. Organische Grundformen ohne Kreuz- 
axen und ohne M'edianebene (Sagittalebene). 

I. Axenlose. Anaxonia. Spougilla-Form 400 

II. Axenfeste. Axonia 402 

II, 1. Gleichaxige. Homaxonia. Kugeln. Sphaerozoum-Form 404 

II, 2. Ungleichaxige. Hcteraxonia 405 

2, A. Vielaxige. Polyaxoni«. Endosphärische Polyeder 406 

An. Irreguläre Vielaxige. Polyaxonia arrhythmn. ....... 407 

a, I. TJngleichvieleckige. Allopolyyonu. Rhizosphaera- Forin. . . 408 

a, II. Gleichvieleckige. Isopolyyona. Ethmosphaera-Form. . . . 409 
Ah. Reguläre Vielaxige. Pohjaxonin rhythmica 410 

b, I. Icosaedra Aulosphaera-icosaedra-Form 411 

b, II. Dodecaedra. Pollen -Form von Bucholzia maritima. . . . 412 

b, III. Octaedra. Antheridien-Form von Ohara 412 

b, IV. Hexaedro. Hexaedromma-Form (Actinomma drymodes). . . 413 

b, V. Tetraedra. Pollen -Form von Corydalis sempervirens. . . . 415 

2, B. Hauptaxige. Protaxonia . 416 

Bft- Einaxige. Monaxonia 420 

(i, I. Gleichpolige Einaxige. Haplopola 422 

I, 1. Sphaeroide. Haplopola anepipeda. Ooccodiscus-Form. . . 423 

I, 2. Cylinder. Haplopola amphepipeda. Pyrosoma-Form. . . . 424 



XXX Inhalt. 

Seite 

n, II. Ungleichpolige Einaxige. Diplopola 426 

II, 1. Eier. Diplopola nnepipeda. Ovaliua 426 

II, 2. Kegel. Diplopola monepipeda. Couulina.  428 

II, 3. Kegelstumpfe. Diplopola amphepipeda 429 

Bli. Kreuzaxige. Stauraxonia 430 

Zweite Hauptabtheilung der organischen Grundformen: 

Stauraxonia (mit Ausschluss der Zeugiten.) 
Organische Grundformen mit Kreuzaxen und ohne Me- 
diauebene (Sagittalebene) : Doppel-Pyramiden oder Pyramiden 
(mit Ausschluss der Allopolen). (Strahlige oder reguläre For- 
men der meisten Autoren. 430 

I. Gleichpolige Kreuzaxige. Homopola. Doppelpyramiden 436 

I, 1. Gleichpolige Gleichkreuzaxige. Isoslanra. Reguläre Doppelpyramiden. 437 
1, A. Vielseitige reguläre Doppelpyramiden. Isostaura polypleura. He- 

liodiscus-Form 438 

1, H. Quadrat -Octaeder. Isoslaura octopleura. Acanthostaurus-Form. 440 
1,2. Gleichpolige Ungleichkreuzaxige. Allostaura Amphithecte Doppel - 

Pyramiden 446 

1, A. Vielseitige amphithecte Doppelpyramiden. Allostaura polypleura. 

Amphilonche-Form 447 

1, B. Rhomben -Octaeder. Allostaura octopleura. Stephanastrum -Form. 450 

II. Ungleichpolige Kreuzaxige. Heteropola. Pyramiden 452 

II, 1. Ungleichpolige Kreuzaxige. Homostaura. Reguläre Pyramiden. . . 459 

1, A. Geradzahlige reguläre Pyramiden. lsopola 465 

Aa. Geradzahlige Vielstrahler. Myrittctinota. Aequorea-Form. . . 466 

Ab. Zehnstrahler. Dccactinota. Aegineta-globosa-Form 467 

Ac. Achtstrahler. Octactinota. Alcyonium-Form 468 

Ad. Sechsstrahler. Hexadinola. Carmarina-Form 469 

Ae. Vierstrahler. Tetractinota Aurelia -Form 469 

1, B. Ungeradzahlige reguläre Pyramiden. Anisopola 471 

ha. Ungeradzahlige Vielstrahler. Pohjactinota. Brisinga -Form. . . 471 

Bh. Neunstrahler. Enneactinota. Enneactis-Form 472 

Bv. Siebenstrahler. Heptactinota. Trieutalis-Form 472 

Bd. Fünfstrahler. Pentactinota. Ophiura-Form 473 

Be. Dreistrahler. Triactinota. Iris -Form 474 

II, 2. Ungleichpolige Ungleichkreuzaxige. Heterostaura. Irreguläre Py- 

ramiden 475 

2, A. Amphithecte Pyramiden. Antopola 479 

Aa. Vielseitige amphithecte Pyramiden: Oxystaura 481 

a, I. Achtreifige. Octophragma. Eucharis-Form •. . . 482 

a, II. Sechsreifige. Hexaphfagma. Flabellum-Form. . ... . . 485 

Ab. Rhomben -Pyramiden. Orthoslaura 488 

b, I. Vierreifige. Tetraphragma. Saphenia-Form 489 

b, II. Zweireifige. Diphragma. Petalospyris-Form 492 

2, B. Halbe amphithecte Pyramiden. Allopola (Zeugita) 495 

Dritte Hauptabtheilung' der organischen Grundformen: 
Zeugita (Allopola). Organische Grundformen mit 
Kreuzaxen und mit einer Mediauebene (Sagittalebene). 

(Bilaterale oder symmetrische Forme nder meisten Autoren.) . 495 



Inhalt. XXXI 

Seite 
I. Schienige Grundformen. Amphipleura. (Hälften einer amphithecten 

Pyramide von 4+2n Seiten.) 500 

I, 1. Siebenschienige. Heptamphipleura. Disandra-Form 501 

I, 2. Sechsschienige. Hexamphipleum Oculina-Form 501 

1,3. Fünfschienige. Pentamphipleura. Spatangus- Form 502 

I, 4. Dreischienige. Triamphiplewa. Orchis-Form 505 

II. Jochpaarige Grundformen: Ztjiiopleurn (Halbe Rhomben - Pyramiden 

oder gleichschenkelige Pyramiden.) . . , 507 

II, 1. Zweipaarige. Telraplcnrn. Doppelt- gleichschenkelige Pyramiden. . 511 

1, A. Gleichhälftige Zweipaarige. Eutelrapleura 513 

An. Eutetrapleura radialia: mit drei Antimeren-Formeu. Praya-Form. 513 
Ab. Eutetrapleura interradialia: mit zwei Antimeren-Formen. Nereis- 

Form 515 

1, ß. Ungleichhälftige Zweipaarige. Dystelrapleura. Abyla-Form. 518 

II, 2. Einpaarige. Diplenra. Einfach -gleichschenkelige Pyramiden. . . 519 

2, A. Gleichhälftige Einpaarige: Eudiplenr«. Homo -Form 521 

2, B. Ungleichhälftige Einpaarige: Dysdipleura . Pleuronectes-Form. . 524 

Vierzehntes Capitel: Grundformen der sechs Iudividualitäts-Ord- 

nungen 528 

I. Grundformen der Piastiden 528 

II. Grundformen der Organe 531 

III. Grundformen der Antimeren 533 

IV. Grundformen der Metameren .. 535 

V. Grundformen der Personen 537 

VI. Grundformen der Stöcke 538 

Fünfzehntes Capitel: Promorphologische Thesen 540 

I. Thesen von der Fundamentalform der Organismen 540 

II. Thesen von dem Verhältniss der organischen zu den anorganischen 

Grundformen 541 

III. Thesen von der Constitution der individuellen Grundformen. . . . 543 

IV. Thesen von den Mitten -Differenzen der Grundformen 544 

V. Thesen von den lipostauren Grundformen 545 

VI. Thesen von den stauraxonien Grundformen 547 

VII. Thesen von den zeugiten Grundformen 548 

VIII. Thesen von der Vollkommenheit der organischen Grundformen. . . 550 

IX. Thesen von der Hemiedrie der organischen Grundformen 551 

X. Thesen von der Krystallform organischer Individuen 552 

XI. Thesen von den Grundformen der sechs Individualitäts - Ordnungen. 552 




XXXII 



Inhalt. 



Anhang zum vierten Buche. 

Seite 

I. Das promorphologische System als generelles Formensystem. . . . 554 

II. Uebersicht der wichtigsten stereometrischen Grundformen nach ihrem 555 

verschiedenen Verhalten zur Körpermitte 

III. Tabelle zur Bestimmung der Grundformen 556 

IV. Uebersicht der realen Typen der Grundformen 557 

V. Tabelle über die promorphologischen Kategorieen 558 

Erklärung der Tafeln .• 559 



Berichtigungen: 

Seite 45, Zeile 14 von oben, lies: Zellfusionen — statt: Zellenstöcke. 



50, 

53, 
57, 
57, 

59, 
60, 
137, 
266, 
411, 
413, 
413, 



10 von oben, lies: Entwick elungsge schichte — statt: Mor- 

phogenesis. 
15 von unten, lies: Buche — statt: Abschnitt. 

1 von oben, lies: fünften — statt: dritten. 

3 und 6 von oben, lies: Zeugungskreise •- statt: Eiproducte. 

2 von unten, lies: Bionten — statt: Personen. 

4 von oben, lies: Genealogie statt: Phylogenesis. 
19 von unten, setze: unmittelbar — vor: zugänglich. 
7 von unten, streiche: Salpenketten. 

17 von unten, lies: zwölf — statt: zwanzig. 

10 von unten, lies: Pyramide — statt: Octaeder. 

9 von unten, setze: ungleichpolige — vor: Hauptaxe. 






Erstes Buch. 



Kritische und methodologische Einleitung in die 
generelle Morphologie der Organismen. 



Ilaecke], Generelle Morphologie. 



„Wenn wir Naturgegenstände, besonders aber die lebendigen, dergestalt gewahr 
werden, dass wir uns eine Einsicht in den Zusammenhang ihres Wesens und Wir- 
kens zu verschärfen wünschen, so glauben wir zu einer solchen Kenntniss am besten 
durch Trennung der Theile gelangen zu können; wie denn auch wirklich dieser 
Weg uns sehr weit zu führen geeignet ist. Was Chemie und Anatomie zur Ein- 
und Uebersicht der Natur beigetragen haben, dürfen wir nur mit wenig Worten den 
Freunden des Wissens in's Gedächtniss zurückrufen. 

„Aber diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen auch 
manchen Nacht heil hervor Das Lebendige ist zwar in Elemente zerlegt, aber man 
kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und heieben. Dieses gilt schon 
von vielen anorganischen, geschweige von organischen Körpern. 

,,Es hat sich daher auch in dem wissenschaftlichen Menschen zu allen Zeiten 
ein Trieb hervorgethan, die lebendigen Bildungen als solche zu erkennen, ihre äusse- 
ren sichtbaren greiflichen Theile im Zusammenhange zu erfassen, sie als Andeutun- 
gen des Inneren aufzunehmen, und so das Ganze in der Anschauung gewissermaassen 
zu beherrschen. Wie nahe dieses wissenschaftliche Verlangen mit dem Kunst- und 
Nachahmungstriebe zusammenhänge , braucht wohl nicht umständlich ausgeführt zu 

werden. 

„Man findet daher in dem Gange der Kunst, des Wissens und der Wissenschaft 
mehrere Versuche, eine Lehre zu gründen und auszubilden, welche wir die Mor- 
phologie nennen möchten." 

Goethe (Jena, 1807). 



Erstes Capitel. 

Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 

„Weil ich für mich und Andere einen freieren Spielraum in 
der Naturwissenschaft, als man uns bisher gegönnt, zu erringen 
wünsche, so darf man mir und den Gleichgesinnten keineswegs 
verargen, wenn wir dasjenige, was unseren rechtmässigen For- 
derungen entgegensteht, scharf bezeichnen und uns nicht mehr 
gefallen lassen, was man seit so vielen Jahren herkömmlich gegen 
uns verübte" Goethe. 



Die Morphologie oder Formenlehre der Organismen ist 
die gesammte Wissenschaft von den inneren und äusseren 
Formenverhältnissen der belebten Naturkörper, der Thiere 
und Pflanzen, im weitesten Sinne des Wortes. Die Aufgabe der 
organischen Morphologie ist mithin die Erkenntniss und die 
Erklärung dieser Formenverhältnisse, d. h. die Zurückführuug 
ihrer Erscheinung auf bestimmte Naturgesetze. 

Wenn die Morphologie ihre eigentliche Aufgabe erkennt und eine 
Wissenschaft sein will, so darf sie sich nicht begnügen mit der Kennt- 
niss der Formen, sondern sie muss ihre Erkenntniss und ihre Er- 
klärung erstreben, sie muss nach den Gesetzen suchen, nach denen 
die Formen gebildet sind. Es muss diese hohe Aufgabe unserer Wis- 
senschaft desshalb hier gleich beim Eintritt in dieselbe ausdrücklich 
hervorgehoben werden, weil eine entgegengesetzte irrige Ansicht von 
derselben weit verbreitet, ja selbst heutzutage noch die bei weitem 
vorherrschende ist. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher, welche 
sich mit den Formen der Organismen beschäftigen, Zoologen sowohl, 
als Botaniker, begnügt sich mit der blossen Kenntniss derselben; 
sie sucht die unendlich mannichfaltigen Formen, die äusseren und in- 
neren Gestaltungs-Verhältnisse der thierischen und pflanzlichen Körper 
auf und ergötzt sich an ihrer Schönheit, bewundert ihre Mannichfaltig- 
keit und erstaunt über ihre Zweckmässigkeit; sie beschreibt und unter- 

1* 



4 Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 

scheidet alle einzelnen Formen, belegt jede mit einem besonderen Namen 
und findet in deren systematischer Anordnung- ihr höchstes Ziel. 

Diese Kenntniss der organischen Formen gilt leider noch heute 
in den weitesten Kreisen als wissenschaftliche Morphologie der Orga- 
nismen. Man verachtet und verspottet zwar die früher fast ausschliess- 
lich herrschende oberflächliche Systematik, welche sich mit der blossen 
Kenntniss der äusseren Formenverhältnisse der Thiere und Pflanzen 
und mit deren systematischer Classification begnügte. Man vergisst 
dabei aber ganz, dass die gegenwärtig die meisten Zoologen und Bo- 
taniker beschäftigende Kenntniss der inneren Formenverhältnisse an sich 
betrachtet nicht um ein Haar höher steht, und ebenso wenig an und 
für sich auf den Rang einer erkennenden Wissenschaft Anspruch machen 
kann. Die anatomischen und histologischen Darstellungen einzelner Theile 
von Thieren und Pflanzen, sowie die anatomisch-histologischen Mono- 
graphieen einzelner Formen, welche sich in unseren zoologischen und 
botanischen Zeitschriften von Jahr zu Jahr immer massenhafter anhäu- 
fen und in deren Production von den Meisten das eigentliche Ziel der 
morphologischen Wissenschaft gesucht wird, sind für diese von ebenso 
untergeordnetem Werttie, als die im vorigen Jahrhundert vorherrschenden 
Beschreibungen und Classificationen der äusseren Species-Formen. Die 
Zootomie und die Phytotomie sind an sich so wenig wirkliche Wissen- 
schaften, als die von ihnen so verachtete, sogenannte Systematik; sie 
haben, wie diese, bloss den Rang einer unterhaltenden Gemüths- und 
Augen-Ergötzung. Alle Kenntnisse, die wir auf diesem Wege erlangen, 
sind nichts als Bausteine, aus deren Verbindung das Gebäude unserer 
\\ issenschaft erst aufgerichtet werden soll. 

Indem sich nun die grosse Mehrzahl der sogenannten Zoologen 
und Botaniker mit dem Aufsuchen, Ausgraben und Herbeischleppen 
dieser Bausteine begnügt, und in dem Wahne lebt, dass diese Kunst 
die eigentliche Wissenschaft sei, indem sie das Kennen mit dem Er- 
kennen verwechsele kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn der 
Bau unseres wissenschaftlichen Lehrgebäudes selbst noch unendlich 
hinter den bescheidensten Anforderungen unserer heutigen Bildung zu- 
rück ist. Der denkenden Baumeister sind nur wenige, und diese we- 
nigen stehen so vereinzelt, dass sie unter der Masse der Handlanger 
verschwinden und nicht von den letzteren verstanden werden. 

So gleicht denn leider die wissenschaftliche Morphologie der Or- 
ganismen heutzutage mehr einem grossen wüsten Steinhaufen, als einem 
bewohnbaren Gebäude. Und dieser Steinhaufen wird niemals dadurch 
ein Gebäude, dass man alle einzelnen Steine inwendig und auswendig 
untersucht und mikroskopirt, beschreibt und abbildet, benennt und dann 
wieder hinwirft. Wir kennen zwar die üblichen Phrasen von den 
riesenhaften Fortschritten der organischen Naturwissenschaften, und 



Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 5 

der Morphologie insbesondere; die Selbstbewunderung;, mit der man 
die quantitative Vermehrung- unserer zoologischen und botanischen 
Kenntnisse alljährlich anstaunt, Wo aber, fragen wir, bleibt die den- 
kende und erkennende Verwerthung dieser Kenntnisse? Wo bleibt 
der qualitative Fortschritt in der Erkenntniss? Wo bleibt das erklä- 
rende Licht in dem dunklen Chaos der Gestalten? Wo bleiben die 
morphologischen Naturgesetze? Wir müssen offen gestehen, in 
diesem rein quantitativen Zuwachs mehr Ballast, als Nutzen zu sehen. 
Der Steinhaufen wird nicht dadurch zum Gebäude ; dass er alle Jahr 
um so und so viel höher wird. Im Gegentheil, es wird nur schwie- 
riger, sich in demselben zurechtzufinden, und die Ausführung des Baues 
wird dadurch nur in immer weitere Ferne gerückt. 

Nicht mit Unrecht erhebt die heutige Physiologie stolz ihr Haupt 
über ihre Schwester, die armselige Morphologie. So lange die letztere 
nicht nach der Erklärung der Formen, nach der Erkenntniss ihrer 
Bildungsgesetze strebt, ist sie dieser Verachtung werth. Zwar möchte 
sie dann wenigstens auf den Rang einer dcscriptiven Wissenschaft An- 
spruch machen. Indessen ist diese Bezeichnung selbst ihr nicht zu 
gewähren. Denn eine bloss beschreibende Wissenschaft ist eine Con- 
tradictio in adjecto. Nur dadurch, dass der gesetzmässige Zusam- 
menhang in der Fülle der einzelnen Erscheinungen gefunden 
wird, nur dadurch erhebt sich die Kunst der Formbeschreibung zur 
Wissenschaft der Formerkenntniss. 

Wenn wir nun nach den Gründen fragen, warum die wissenschaft- 
liche Morphologie noch so unendlich zurück ist, warum noch kaum die 
ersten Grundlinien dieses grossen und herrlichen Gebäudes gelegt sind, 
warum der grosse Steinhaufen noch roh und ungeordnet ausserhalb 
dieser Grundlinien liegt, so finden wir freilich die rechtfertigende Ant- 
wort theilweis in der ausserordentlichen Schwierigkeit der Aufgabe. 
Denn die wissenschaftliche Morphologie der Organismen ist vielleicht 
von allen Naturwissenschaften die schwierigste und unzugänglichste. 
Wohl in keiner andern Naturwissenschaft steht die reiche Fülle der 
Erscheinungen in einem solchen Missverhältnisse zu unseren dürftigen 
Mitteln, sie zu erklären, ihre Gesetzmässigkeit zu erkennen und zu be- 
gründen. Das Zusammenwirken der verschiedensten Zweige der Natur- 
wissenschaft, welches z. B. die Physiologie in dem letzten Decennium 
auf eine so ansehnliche Höhe erhoben hat, kommt der Morphologie 
nur in äusserst geringem Maasse zu statten. Und die untrügliche 
mathematische Sicherheit der messenden und rechnenden Methode, 
welche die Morphologie der anorganischen Naturkörper, die Krystallo- 
graphie, auf einen so hohen Grad der Vollendung erhoben hat, ist in 
der Morphologie der Organismen fast nirgends anwendbar. 

Zum grossen Theil aber liegt der höchst unvollkommene Zustand 



6 Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 

unserer heutigen Morphologie der Organismen auch an dem unwissen- 
schaftlichen Verfahren der Morphologen, welches wir in den obigen 
Sätzen bei weitem noch nicht so scharf gerügt haben, wie es gerügt 
zu werden verdiente. Vor Allem ist es die übermässige Vernachlässi- 
gung strenger Denkthätigkeit, der fast allgemeine Mangel an 
wirklich vergleichender und denkender Naturbetrachtung, dem wir hier 
den grössten Theil der Schuld beimessen müssen. Freilich ist es un- 
endlich viel bequemer, irgend eine der unzähligen Thier- und Pflan- 
zen-Formen herzunehmen, sie mit den ausgebildeten anatomischen und 
mikroskopischen Hülfsmitteln der Neuzeit eingehend zu untersuchen, 
und die gefundenen Formenverhältnisse ausführlich zu beschreiben und 
abzubilden; freilich ist es unendlich viel bequemer und wohlfeiler solche 
sogenannte „Entdeckungen" zu machen, als durch methodische Ver- 
gleichung, durch angestrengtes Denken das Verständniss der beob- 
achteten Form zu gewinnen und die Gesetzmässigkeit der Form- 
Erscheinung nachzuweisen. Insbesondere in den letzten acht Jahren, 
seit dem allzufrühen und nicht genug zu beklagenden Tode von Jo- 
hannes Müller (1858), dessen gewaltige Autorität bei seinen Lebzeiten 
noch einigermaassen strenge Ordnung auf dem weiten Gebiete der or- 
ganischen Morphologie aufrecht zu erhalten wusste, ist eine fortschrei- 
tende Verwilderung und allgemeine Anarchie auf demselben eingerissen, 
so dass jede strenge Vergleichung der quantitativ so bedeutend wach- 
senden jährlichen Leistungen einen eben so jährlich beschleunigten qua- 
litativen Rückschritt nachweist. In der That nimmt die denkende 
Betrachtung der organischen Formen heutzutage in demselben Verhält- 
nisse alljährlich ab ; als die gedankenlose Production des Rohmaterials 
zunimmt. Sehr richtig sprach in dieser Beziehung schon Victor Carus 
vor nunmehr 13 Jahren die freilich wenig beherzigten Worte: „Wie es 
für unsere Zeit charakteristisch ist, dass fast alle Wissenschaften sich 
in endlose Specialitäten verlieren und nur selten zu dem rothen Faden 
ihrer Entwicklung zurückkommen, so scheut man sich auch in 
der Biologie (und ganz vorzüglich in der Morphologie!) vor An- 
wendung selbst der ungefährlichsten Denkprocesse." 

Neben der fast allgemein herrschenden Denkträgheit ist es freilich 
auch sehr oft die höchst mangelhafte allgemeine Bildung, der 
Mangel an philosophischer Vorbildung und an Ueberblick der gesamm- 
ten Naturwissenschaft, welcher den Morphologen unserer Tage den Ge- 
sichtskreis so verengt, dass sie das Ziel ihrer eigenen Wissenschaft 
nicht mehr sehen können. Die grosse Mehrzahl der heutigen Mor- 
phologen, und zwar sowohl der sogenannten „Systcniatiker," welche 
die äusseren Formen, als der sogenannten „vergleichenden Anatomen, u 
welche den inneren Bau der Organismen beschreiben (ohne ihn zu 
vergleichen, und ohne über den Gegenstand überhaupt ernstlich nach- 



Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 7 

zudenken!) hat das hohe und so weit entfernte Ziel unserer Wissen- 
schaft völlig 1 aus den Augen verloren. Sie begnügen sich damit, die 
organischen Formen (gleichgültig ob die äussere Gestalt oder den inneren 
Bau) ohne sich bestimmte Fragen vorzulegen, oberflächlich zu unter- 
suchen und in -dicken papierreichen und gedankenleeren Büchern weit- 
läufig zu beschreiben und abzubilden. Wenn dieser ganz unnütze Bal- 
last in den Jahrbüchern der Morphologie aufgeführt und bewundert 
wird, haben sie ihr Ziel erreicht. 

Wir erlauben uns diesen traurigen Zustand hier rücksichtslos und 
scharf hervorzuheben, weil wir von der Ueberzeugung durchdrungen sind, 
dass nur durch die Erkenntniss desselben und durch die offene Be- 
leuchtung des dunkeln Chaos, welches die sogenannte Morphologie 
gegenwärtig darstellt, eine bessere Behandlung derselben, eine wirk- 
lich fördernde Erkenntniss der Gestalten angebahnt werden kann. Erst 
wenn man allgemein danach streben wird, den gesetzmässigen Zusam- 
menhang in den endlosen Reihen der einzelnen Gestalt-Erscheinungen 
aufzufinden, wird es möglich werden, an das grosse und gewaltige 
Gebäude der Morphologie selbst construirend heranzutreten. Erst wenn 
die Kenntniss der Formen sich zur Erkenntniss, wenn die Betrachtung 
der Gestalten sich zur Erklärung erheben wird, erst wenn aus dem 
bunten Chaos der Gestalten sich die Gesetze ihrer Bildung 
entwickeln werden, erst dann wird die niedere Kunst der Mor- 
phographie sich in die erhabene Wissenschaft der Morpholo- 
gie verwandeln können. 

Man wird uns von vielen Seiten entgegnen, dass die Zeit dafür noch 
nicht gekommen, dass unsere empirische Basis hierzu noch nicht ge- 
nug breit, unsere Naturanschauung noch nicht genug reif, unsere Kennt- 
niss der organischen Gestalten noch viel zu unvollkommen sei. Dieser 
selbst von hervorragenden Morphologen getheilten Anschauung müssen 
wir auf das Entschiedenste entgegentreten. Niemals wird ein so hohes 
und fernes Ziel, wie ;das der wissenschaftlichen Morphologie ist, er- 
reicht werden, wenn man dasselbe nicht stets im Auge behält. Will 
man mit der Construction des Gebäudes, mit der Aufsuchung von all- 
gemeinen Gestaltungs-Gesetzen warten, bis wir alle existirenden For- 
men kennen, so werden wir niemals damit fertig werden; ja wir wer- 
den niemals auch nur zum Fundament einer wissenschaftlichen Formen- 
lehre gelangen. Des Ausbaues und der Verbesserung bedürftig wird 
das Gebäude ewig bleiben ; das hindert aber nicht, dass wir uns wohn- 
lich darin einrichten, und dass wir uns der Gesetzmässigkeit der Ge- 
stalten erfreuen, auch wenn wir wissen, dass unsere Erkenntniss der- 
selben eine beschränkte ist. 



8 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften. 



Zweites Capitel. 

Verhältniss der Morphologie zu den änderen 
Naturwissenschaften. 

„Eine höchst wichtige Betrachtung in der Geschichte der Wis- 
senschaft ist die, dass sich aus den ersten Anfängen einer Ent- 
deckung Manches in den Gang des Wissens heran- und durch- 
zieht, welches den Fortschritt hindert, sogar öfters lähmt. So 
hat auch jeder Weg, durch den wir zu einer neuen Entdeckung 
gelangen, Einfluss auf Ansicht und Theorie. Was würden wir 
von einem Architecten sagen, der durch eine Seiten thüre in einen 
Palast gekommen wäre, und nun, hei Beschreibung und Darstel- 
lung eines solchen Gebäudes, Alles auf diese erste untergeordnete 
Seite beziehen wollte? Und doch geschieht dies in den Wissen- 
schaften jeden Tag." Goethe. 



I. Morphologie und Biologie. 

Den Begriff der Morphologie der Organismen haben wir im ersten 
Capitel dahin bestimmt, dass dieselbe die gesammte Wissenschaft von 
den inneren und äusseren Formenverhältnissen der belebten Naturkör- 
per ist; wir haben ihr die Aufgabe gesteckt, diese Formen-Verhältnisse 
zu erklären und auf bestimmte Naturgesetze zurückzuführen. Wir ha- 
ben nun zunächst den Umfang und Inhalt jenes Begriffs noch näher 
zu erläutern, indem wir das Verhältniss der Morphologie zu den an- 
deren Naturwissenschaften ins Auge fassen. 

Indem die Morphologie der Organismen die Bildungs-Gesetze der 
thierischen und pflanzlichen Formen untersucht, bildet sie einen Theil 
der Biologie oder Lebenswissenschaft, wenn wir unter diesem Namen, 
wie es neuerdings geschieht, die gesammte Wissenschaft von den 
Organismen oder belebten Naturkörpern unseres Erdballs zusammen- 
fassen. ') Gewöhnlich wird die Morphologie als der eine der beiden 



') Indem wir den Begriff der Biologie auf diesen umfassendsten und wei- 
testen Umfang ausdehnen, schliessen wir den engen und beschränkten Sinn aus, 
in welchem man häufig (insbesondere in der Entomologie) die Biologie mit der 
Oecologie verwechselt, mit der Wissenschaft von der Oeconomie, von der Lebens- 
weise, von den äusseren Lebeusbeziehungen der Organismen zu einander etc. 



I. Morphologie und Biologie. 9 

Haupttheile der Biologie betrachtet und ihr als zweiter Haupttheil der 
letzteren die Physiologie als die Wissenschaft von den Leistungen der 
Organismen gegenüber gestellt. Morphologie und Physiologie sind 
demnach als zwei coordinirte Disciplinen der allumfassenden Biologie 
untergeordnet. Da jedoch in dieser Beziehung sich sehr verschiedene 
Auffassungen geltend machen, und da sowohl das Verhältniss der Mor^ 
phologie zur Biologie als dasjenige zur Physiologie vielfach verkannt 
wird, so erscheint es nothwendig dieses Verhältniss in nähere Erwä- 
gung zu ziehen und namentlich den Gebietsumfang der beiden coordi- 
nirten Wissenschaften scharf von einander abzugrenzen. 

Wir schicken voraus, dass dieser Versuch, wie jede ähnliche sy- 
stematisirende Bestimmung, nur einen bedingten Werth hat, indem es 
niemals möglich ist, die einzelnen Wissensgebiete vollkommen scharf 
von einander abzugrenzen. Vielmehr greifen dieselben, der Natur der 
Dinge gemäss, überall so vielfältig in einander über, dass die Grenz- 
bestimmung der einzelnen Lehrgebiete immer mehr oder weniger dem 
subjectiven Gutdünken des philosophischen Naturforschers überlassen 
bleiben muss. Ferner bedingt der beständige Fortschritt aller Wissen- 
schaften, die ungleich schnelle Entwicklung und ungleich hohe Aus- 
bildung der einzelnen Disciplinen, der jeweilige Grad des herrschenden 
Interesses für die eine oder die andere, dass der Umfang der einzel- 
nen Wissensgebiete ebenso wie ihr Inhalt einer beständigen Verände- 
rung unterworfen ist. Auch sind ja die Gesichtspunkte der einzelnen 
Zeiten ebenso wie diejenigen der einzelnen Philosophen verschieden, 
und mit der fortschreitenden Erkenntniss, mit der sich entwickelnden 
Denkweise ändert sich zugleich die Sprache und ändern sich deren 
Begriffe. 

Wir würden daher diese schwierigen allgemeinen Fragen gerne 
umgehen, wenn es nicht für eine klare Auffassung unserer eigenen 
Aufgabe nothwendig erschiene, den Umfang unseres morphologischen 
Forschungs-Gebiets scharf abzugrenzen und die grosse Verwirrung der 
Begriffe, welche hier herrscht, zu lichten. Schon die ganz verschiedene 
Bedeutung, welche selbst den Begriffen der Morphologie, Physiologie 
und Biologie zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Seiten 
der Jetztzeit (z. B. von den sehr verschiedenen Richtungen und Schulen 
in der Zoologie und Botanik) beigelegt worden ist, zwingt uns zu die- 
ser Erörterung. Wollen wir zu einer festen Begriffsbestimmung dieser 
Wissenschaften gelangen, so ist es aber nöthig, von den allgemeinsten 
Kategorieen der naturwissenschaftlichen Disciplinen auszugehen. Zu- 
nächst ist hier das Verhältniss der Biologie zur Anorganologie, dem- 
nächst das Verhältniss der gesainmten Morphologie zur Physik und 
Chemie besonders zu berücksichtigen, und der Begriff dieser Wissen- 
schaften seinem Umfang und Inhalt nach festzustellen. Denn wir müssen 



10 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften. 

gleichzeitig- die Morphologie der unorganischen und der organischen 
Naturkörper vergleichend ins Auge fassen, um die Stellung zu bestim- 
men, welche die Morphologie der Organismen unter, neben und über 
den benachbarten Naturwissenschaften einnimmt. 

II. Morphologie und Physik. 
(Statik und Dynamik.) 

Wenn wir als Eintheilungsprincip der gesammten Naturwissen- 
schaft die Anwesenheit oder den Mangel derjenigen eigentümlichen 
Bewegungserscheinungen eines Theils der Naturkörper anwenden, welche 
man unter dem Begriffe des „Lebens" zusammenfasst, so müssen wir 
die Gesainmtwissenschaft von den Naturkörpern unserer Erde eintei- 
len in die beiden Hauptzweige der Biologie und der Abiologie. Die 
Biologie oder Organismen-Lehre ist die Gesammtwissenschaft von 
den Organismen, oder den sogenannten „belebten" Naturkörpern, Thie- 
ren, Protisten und Pflanzen. Die Abiologie oder Anorganologie, die 
Anorganen-Lehre, ist die Gesammtwissenschaft von den Anorganismen 
(Abien) oder den sogenannten „leblosen" Naturkörpern, Mineralien, 
Wasser, atmosphärischer Lüftete. 1 ) Wie diese beiden Hauptzweige 
der irdischen Naturwissenschaft, 2 ) welche ihren gesammten Inhalt bil- 
den, Biologie und Abiologie, sich coordinirt gegenüber stehen, so wer- 
den wir auch zwischen den ihnen subordinirten Disciplinen eine Pa- 
rallele herstellen können, welche uns für die Werthschätzung und 
Rangordnung der einzelnen Zweige einen schätzenswerthen Maassstab 
liefert. 

Wenn wir dagegen von den charaktistischen Lebenserscheinungen, 
welche die Organismen auszeichnen und von den Anorganen unter- 
scheiden, zunächst absehen, so können wir an jedem Naturkörper drei 
verschiedene Qualitäten unterscheiden, nämlich 1, den Stoff oder die 
Materie; 2, die Form oder die Morphe; 3, die Kraft oder die Func- 
tion. Hieraus würden sich als die drei Hauptzweige der Naturwissen- 
schaft folgende drei Disciplinen ergeben: 1, die Stoff lehre oder Che- 
mie; 2, die Formlehre oder Morphologie (im Aveitesten Sinne des 
Worts); 3, die Kraftlehre oder Physik. 

Die gesammte Natur, organische und anorganische, erkennen wir 



') Gewöhnlich wird der Biologie als coordinirter anderer Hauptzweig der 
Naturwissenschaft die Mineralogie gegenübergestellt, welche jedoch nur die Wis- 
senschaft von den festen (nicht von den tropfbar flüssigen und gasförmigen) leb- 
losen Naturkörpern umfasst. 

2 ) Von der Kosmologie, der Wissenschaft von den gesammten Weltkörpern, 
sehen wir hier ganz ab und beschränken uns auf die Betrachtung der irdischen 
Natur körper. 



IL Morphologie und Physik. 11 

als ein System von bewegenden Kräften, welche der Materie 
inhäriren und von dieser nicht trennbar sind. Wir kennen keine 
Kraft ohne Materie, ohne materielles Substrat, und keine Materie ohne 
Kraft, ohne Function. Die Gesammtheit der Functionen eines Theils 
der Materie oder eines Naturkörpers ist nichts Anderes, als die Ge- 
sammtheit der Bewegungs-Erscheinungeu, welche an demselben als Re- 
sultanten auftreten aus seinen eigenen Kräften und den Kräften derje- 
nigen anderen Naturkörper oder Theile der Materie, welche mit ihm 
in Wechselwirkung treten. 

Da die gesammte Natur nichts Anderes als ein System von be- 
wegenden Kräften ist, so folgt hieraus, dass wirkliche Ruhe nirgends 
existirt und dass da, wo scheinbare Ruhe in einem Theile der Materie 
vorhanden ist, diese bloss die Resultante aus der Wechselwirkung der 
verschiedenen bewegenden Kräfte ist , die in diesem Theile der 
Materie zusammentreffen und sich das Gleichgewicht halten. Sobald 
das Gleichgewicht aufhört, sobald eine der bewegenden Kräfte über 
die Andern das Uebergewicht gewinnt, tritt die Bewegung als solche 
wieder in die Erscheinung. Man kann demgemäss jeden Naturkörper 
entweder im Zustande des Gleichgewichts der bewegenden Kräfte, 
d. h. im Momente der Ruhe, oder im Zustande der Bewegung, d. h. 
im Momente des Uebergewichts einer oder mehrerer der bewegenden 
Kräfte untersuchen. Hierauf beruht die Eintheilung der gesammten 
Naturwissenschaft in eine statische und in eine dynamische. Die 
Statik oder Gleichgewichtslehre will die Gesetze erkennen, unter de- 
nen das Gleichgewicht der Bewegungen zu Stande kommt und 
untersucht das Resultat dieses Gleichgewichts. Die Dynamik oder 
Bewegungslehre dagegen untersucht die Gesetze der Bewegungen, 
welche in die Erscheinung treten, sobald das Gleichgewicht aller der 
Materie inhärirenden Kräfte durch das Uebergewicht einer oder 
mehrerer derselben vernichtet wird, und sucht das Resultat dieses Ueber- 
gewichts zu erklären. 

Setzen wir nun die Materie der Naturkörper als das ursprünglich 
Gegebene voraus und suchen das Verhältniss der Form der Materie 
zu den beständig in ihr thätigen bewegenden Kräften mit Rücksicht 
auf die eben gegebenen Erläuterungen näher zu bestimmen, so wird 
uns sofort klar, dass die jeweilige Form der Materie nichts Anderes 
ist, als das in die Erscheinung tretende Resultat des Gleichgewichts 
aller bewegenden Kräfte in einem bestimmten Momente. Die Formen- 
lehre oder Morphologie der Naturkörper im weitesten Sinne des 
Wortes ist mithin die Statik der Materie. 

Wenn nun nach dieser Ableitung die Form als die Materie 
im Zustande des Gleichgewichts ihrer bewegenden Kräfte 
zu definiren ist, so erscheint sie streng genommen selbst schon als das 



12 Verhält niss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften. 

Resultat einer Function der Materie. Wir müssen daher, wollen wir 
die übliche Antithese von Form und Function festhalten, die Leistung, 
Kraft oder Function bestimmen als die Materie im Zustande der Be- 
wegung, welche durch das Uebergewicht einer oder mehrerer ihrer 
bewegenden Kräfte über die anderen entsteht. Die Wissenschaft von 
den Leistungen oder Functionen, welche wir oben als Kraftlehre oder 
Physik bezeichnet haben, würde dann wesentlich die Dynamik der 
Materie sein. 

Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus die Gesammtwissenschaft 
von den irdischen Naturkörpern eintheilen, wenn wir also von den 
eigenthünilichen „Lebenserscheinungen" ganz absehen und als Einthei- 
lungsprincip lediglich die Anwesenheit oder den Mangel des Gleich- 
gewichts der der Materie inhärirenden Kräfte betrachten, so spaltet 
sich die gesammte Naturwissenschaft in die beiden coordinirten Haupt- 
zweige der Formenlehre oder Gleichgewichtsichre (Morphologie, Statik) 
und der Functionslehre oder Bewegungslehre (Physik, Dynamik). 

III. Morphologie und Chemie. 

Von der so eben begründeten Anschauungsweise wird die Materie 
selbst als gegeben und bekannt vorausgesetzt, und es wird mithin die 
Chemie oder Stoff lehre, welche wir oben als die erste von den drei 
Fundamental -Wissenschaften aufgeführt haben, nicht mit in Betracht 
gezogen. Es entsteht nun aber die Frage, welche Stellung die Che- 
mie den beiden coordinirten Zweigen der Statik oder Morphologie und 
der Dynamik oder Physik gegenüber eigentlich einnimmt. Die Beant- 
wortung dieser Frage ist für uns desshalb von grosser Wichtigkeit, 
weil auch ein Theil der Chemie als zur Morphologie der Organismen 
gehörig beansprucht worden ist. Offenbar liegen hier drei Möglich- 
keiten vor: Entweder ist die Chemie der beiden coordinirten Discipli- 
nen, der Dynamik (Physik) und der Statik (Morphologie) übergeordnet, 
oder sie ist ihnen als dritter gleichwerthiger Zweig beigeordnet, oder 
sie ist ihnen beiden oder einer von ihnen untergeordnet. Jede dieser 
drei möglichen Auffassungen lässt sich von ihrem eigenthümlichen und 
besonderen Standpunkte aus rechtfertigen.. 

I. Im ersten Falle, wenn man, wie es von mehreren Seiten, 
namentlich von manchen Physiologen geschieht, Statik und Dynamik als 
die beiden coordinirten Hauptzweige der Naturwissenschaft auffasst, 
welche der Stoff lehre untergeordnet sind und ihren Inhalt bilden, er- 
scheint die Chemie im allgemeinsten Sinne, als die allumfassende Na- 
turwissenschaft selbst, als die einzige Fundamentalwissenschaft, welche 
alle übrigen in sich begreift. Diese Auffassung lässt sich damit recht- 
fertigen, dass die Kenntniss des Stoffs der Untersuchung aller Formen, 
aller Bcwcgungscrschciuungcn vorausgehen muss, dass in der That alle 



III. Morphologie und Chemie. 13 

Formen nur Erscheinungsweisen, Functionen des Stoffs, und zwar 
Gleichgewichtszustände der Materie sind, und dass andererseits alle 
die Functionen oder Kräfte, welche als Bewegungen in die Erscheinung 
treten, ebenso unmittelbar durch die Materie selbst bedingt sind, und 
von der Materie ausgehen. Da wir es hier nur mit Naturkörpern zu 
thun haben, welche den Raum erfüllen, und nicht mit den stofflosen 
Körpern der Mathematik, und da wir Naturkörper ohne Materie nicht 
kennen, so muss die Materie dieser Körper als gegeben voraus gesetzt 
werden, wenn wir ihre Formen und ihre Kräfte oder Leistungen unter- 
suchen wollen. Von diesem Standpunkte aus (dem „materialistischen" 
im strengsten Sinne) ist die Chemie die allumfassende Naturwissen- 
schaft, und Morphologie und Physik sind ihre beiden nächstuntergeord- 
neten Hauptzweige. 

IL Im zweiten Falle, wenn man, wie es gewöhnlich geschieht, 
Chemie, Physik (Dynamik) und Morphologie (Statik) als die drei coor- 
dinirten Hauptzweige der Naturwissenschaft auffasst, erscheint keiner 
der drei Begriffe hinsichtlich seines Umfangs vor den anderen beiden 
bevorzugt, und ihnen übergeordnet. Diese Anschauungsweise lässt sich 
damit begründen, dass, wie wir oben bereits gezeigt haben, zunächst 
bei der einfachsten Betrachtung jedes Naturkörpers Stoff, Form und 
Kraft als die drei allgemeinsten Grund-Eigenschaften desselben uns 
entgegentreten, welche gleichen Anspruch auf eine gesonderte und un- 
abhängige wissenschaftliche Behandlung inachen können. Dieser For- 
derung entspricht z. B. die gewöhnliche Untersuchungsweise und Ver- 
theilung des Lehrstoffs in der Abiologie, indem meistens die Natur- 
wissenschaft von den Anorganen in die drei coordinirten Lehrzweige 
der (anorganischen) Chemie, der Physik (im engeren Sinne) und der 
Mineralogie (im weitesten Sinne) gespalten wird. Wollte man dieselbe 
Eintheilung auch in der Biologie scharf durchführen (was aber niemals 
geschieht), so würde man als drei coordinirte Zweige derselben erhal- 
ten: 1, die Chemie der Organismen (organische Chemie im weitesten 
Sinne); 2, die (rein physikalische) Physiologie (Dynamik der Organis- 
men); 3, die Morphologie der Organismen. Doch lässt sich die gegen- 
seitige Abgrenzung der Gebiete der Chemie, Physik und Morphologie 
als drei coordinirter Disciplinen weder in dem Bereiche der organischen, 
noch der unorganischen Naturwissenschaft so scharf thatsächlich durch- 
führen, als diese Begriffsbestimmung es erfordert. 

III. Im dritten Falle, wenn man, wie es von Seiten vieler Bio- 
logen geschieht, die Chemie als eine Hülfswissenschaft betrachtet, und 
ihr einen Platz weder über, noch neben den beiden anderen Disciplinen 
der Statik und Dynamik gönnt, muss die Chemie den letzteren unter- 
geordnet erscheinen, und es fragt sich dann nur, ob sie Beiden, oder 



14 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften. 

ob sie einer von Beiden, — und im letzteren Falle, welcher von Bei- 
den sie subordinirt ist. 

Thatsächlich machen sich hier nun sehr verschiedenartige Auffas- 
sungen geltend. In der Biologie wird gewöhnlich, ja fast immer, 
die Chemie der Organismen als ein Theil der organischen Functions- 
lehre, der Physiologie betrachtet; und die übliche Definition der Phy- 
siologie bestimmt sie als die , ; Physik und Chemie der Organismen." 
In physiologischen Lehrbüchern und Lehrvorträgen spielt die Chemie 
eine eben so hervorragende Kolle, als die Physik. Dagegen wird die 
organische Chemie von der Morphologie nur selten, oder nur ganz 
beiläufig als eine innerhalb ihres Umfanges stehende Hülfswissenschaft 
in Anspruch genommen. Ganz anders gestaltet sich dagegen die Stel- 
lung der Chemie in der Abiologie, indem hier, wie erwähnt, gewöhn- 
lich Chemie, Physik und Morphologie (Krystallographie etc.) als coor- 
dinirte Disciplinen auftreten. Freilich lässt sich hier auch die Che- 
mie als ein Inhaltstheil der Physik betrachten, indem man dieselbe 
als eine „Physik der Atome" auffässt. Die Beurtheilung dieses Verhält- 
nisses wird verschieden ausfallen, je nachdem man den herrschenden 
atomistischen oder den entgegengesetzten dynamischen Ansichten von 
der fundamentalen Constitution der Materie huldigt. 

Nach unserer Auffassung darf die Chemie, wenn man sie, wie dies 
in der Biologie thatsächlich geschieht, weder als übergeordnet noch 
als coordinirt der Statik und Dynamik anerkennen will, nicht aus- 
schliesslich einer von diesen beiden Disciplinen untergeordnet werden. 
Vielmehr müssen wir dann die Chemie ebenfalls in einen statischen 
und in einen dynamischen Zweig spalten , von denen jener der Mor- 
phologie, dieser der Physik zufällt. Die statische Chemie, welche 
sich dann der Morphologie unterordnet, ist die Chemie der Sub- 
strate, und begnügt sich mit der analytischen Erkenn tniss der 
chemischen Zusammensetzung des Naturkörpers, dessen Form 
Object der Betrachtung ist. Auf dem anorganischen Wissenschaftsge- 
biete gehört hierher z. B. der chemische Theil der Mineralogie, fer- 
ner die Lehre von der chemischen Zusammensetzung des Wassers, der 
atmosphärischen Luft etc. Auf dem organischen Wissenschaftsgebiete 
dagegen ist diese statische Chemie derjenige Theil der „organischen" 
(fälschlich „physiologisch" genannten) Chemie, welcher häufig als „de- 
scriptive Chemie" bezeichnet und als „Chemie der Substrate" von der 
Physiologie, vollkommen mit Unrecht, in Anspruch genommen wird. 
Denn es ist klar, dass dieser statische Theil der Chemie entschieden 
zur Morphologie gerechnet werden niuss; thatsächlich wird derselbe auch 
vielfältig von der Morphologie als wesentlicher Inhaltstheil benutzt, sel- 
ten aber ausdrücklich als solcher in Anspruch genommen. Victor Carus, 
dessen Behandlung der Morphologie sich so hoch über die allgemein 



III. Morphologie und Chemie. 15 

übliche erhebt, sagt in dieser Beziehung mit Recht, „dass die Kenntniss 
der chemischen Natur des lebensfähigen Substrates einen integri- 
renden Theil der statischen Biologie ausmacht, insofern die während 
des Lebens auftretenden chemischen Vorgänge, (welche das Object 
der Physiologie bilden) nicht verstanden werden können ohne das Ver- 
ständniss der chemischen Mittel, die das Substrat mit sich bringt." 
Freilich wird gewöhnlich auch dieser Theil der Chemie von der Phy- 
siologie beansprucht; so sehr aber auch praktische Gründe diese An- 
nexion rechtfertigen (so vor Allem der Mangel an chemischen Kennt- 
nissen bei den meisten Morphologen), so kann doch theoretisch die- 
selbe nicht zugestanden werden; vielmehr müssen wir die Chemie der 
Substrate von unserem Standpunkt aus als rein statisch der Mor- 
phologie zuweisen. So ist sie von Schieiden in seinen ausgezeich- 
neten Grundzügen der wissenschaftlichen Botanik als „vegetabilische 
oder botanische Stofflehre" der Lehre von der Pnanzenzelle und der 
Morphologie vorausgeschickt worden. Ebenso sollte auch die „thie- 
rische Stofflehre" als erstes Capitel der thierischen Morphologie vor- 
ausgehen. Indess fügen wir dieser theoretisch berechtigten Forderung 
zugleich die Entschuldigung bei, dass der unvollkommene Zustand 
dieses Theils der Wissenschaft, und vor Allem unsere höchst mangel- 
hafte Kenntniss von dem Causal-Zusammenhang zwischen Stoff und 
Form allerdings zunächst eine Ausscheidung der statischen Chemie 
aus dem Arbeitsgebiet der Morphologie rechtfertigen, und dass wir 
selbst aus diesen Gründen auf eine allgemeine Darstellung der che- 
mischen Substrate der Organismen in unserer generellen Morphologie 
grösstenteils verzichten werden. 

Die dynamische Chemie, welche sich der Physik unterordnet, 
ist die Chemie der Processe und strebt nach der Erkcnntniss 
der chemischen Veränderungen, des Stoffwechsels in den Natur- 
körpern, deren Function Object der Betrachtung ist. Auf dem Ge- 
biete der Abiologie würde hierher der chemische Theil der Meteoro- 
logie und der Geologie gehören, die Lehre von den in der anorga- 
nischen Natur auftretenden Zersetzungsprocessen der Mineralien, des 
Wassers, der atmosphärischen Luft etc. Auf dem Gebiete der Biologie 
dagegen würden wir hierher die eigentliche „physiologische Chemie" 
im wahren Sinne des Worts rechnen müssen, d. h. die Lehre von den 
chemischen Processen der lebenden Naturkörper, die Lehre von den 
Veränderungen in ihrer chemischen Zusammensetzung, welche mit den 
Bewegungs-Erscheinungen, die wir Leben nennen, wesentlich verbun- 
den sind. Dieser Theil der „Zoochemie" und „Phytochemie" ist es, 
welcher einen integrirenden und höchst wesentlichen Bestandteil der 
Physiologie bildet, sobald wir die Chemie als der Statik und Dynamik 
subordinirt betrachten. 



\Q Verhältuiss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften. 

So gut wir nun auch nach dieser Erörterung- im Stande sind, 
die beiden Hauptzweige der Chemie, den statischen und dynamischen, 
den beiden selbstständigen Naturwissenschaften der Statik und Dyna- 
mik unterzuordnen, und so sehr sich einerseits die Vereinigung der 
Morphologie mit der Chemie der Substrate und andererseits die Ver- 
schmelzung der Physik mit der Chemie der Processe rechtfertigen 
lässt, so können wir doch nicht umhin, auch die beiden anderen, vor- 
her angeführten Auffassungsweisen als ebenfalls in ihrer Weise berech- 
tigt anzuerkennen. Es zeigt sieh hierin wieder der innige Zusammen- 
hang, indem alle diese einzelnen naturwissenschaftlichen Disciplinen 
unter einander stehen; und es zeigt sich zugleich, dass alle unsere 
künstlichen Eintheilungs-Versuche subjectiver Natur sind und der be- 
schränkten Stellung entspringen, welche das menschliche Erkenntniss- 
Vermögen dem inneren Wesen der Naturkörper gegenüber einnimmt. 

Mögen wir nun die Chemie als die oberste und umfassendste Na- 
turwissenschaft betrachten, der die beiden gleichwerthigen Disciplinen 
der Statik (Morphologie) und Dynamik (Physik) untergeordnet sind - 
oder mögen wir Chemie, Physik und Morphologie, entsprechend den 
drei Grundeigenschaften der Naturkörper, Stoff, Kraft und Form, als 
drei coordinirte Hauptlehren der Gesamintnaturwissensehaft ansehen — 
oder mögen wir endlich nur die Statik und Dynamik als solche be- 
trachten, und die Chemie der Substrate mit der Morphologie, die Che- 
mie der Processe mit der Physik als untergeordnete Discipliu vereini- 
gen, stets wird uns überall das innige Wechselverhältniss dieser ver- 
schiedenen Hauptzweige der Naturwissenschaft entgegentreten. Diese 
Beziehungen sind so innig, wie das Verhältniss, welches zwischen Stoff, 
Forin und Kraft der Naturkörper selbst überall stattfindet. Wir sind 
als Menschen nicht vermögend, uns eine Materie ohne Kraft und ohne 
Form (sei letztere auch nur aus Aggregatszustand und Raum zusam- 
mengesetzt) vorzustellen; ebenso wenig können wir eine Kraft begrei- 
fen, welche ausserhalb der Materie steht und nie als Form in die 
Erscheinung tritt; ebenso wenig endlich können wir uns einen Natur- 
körper (keinen mathematischen Körper!) denken, welcher bloss als 
Form und nicht zugleich als Stoff und Kraft uns entgegentritt. Auf 
dem organischen, wie auf dem anorgauischen Gebiete müssen stets 
Stoff, Form und Kraft zusammenwirken, um uns den Naturkörper zur 
vollständigen Anschauung zu bringen. 

Ohne die innigen Wechselbeziehungen zwischen den eben behan- 
delten Wissenschaften zu verkennen, erscheint doch behufs klaren Ver- 
ständnisses eine scharfe Begriffsbestimmung und Abgrenzung ihres Ge- 
biets sehr wünschenswerth. Vielleicht dürfte es sich nun in dieser 
Beziehung empfehlen, die Morphologie der Naturkörper im weitesten 
Sinne (mit Einbegriff der Chemie der Substrate) ausschliesslich mit 



IV. Morphologie und Physiologie. \1 

dem Namen der Statik oder der Morplionomie zu bezeichnen, und den 
Begriff der Morphologie (im engeren Sinne) auf die Formenlehre nach 
Ausschluss der statischen Chemie zu beschränken. Dann würde dem 
entsprechend der Begriff der Physik auf die Functionslehre im engeren 
Sinne (nach Ausschluss der dynamischen Chemie) zu beschränken sein, 
während wir unter Dynamik oder Phoronomie die Physik im weitesten 
Sinne (mit Einbegriff der Chemie der Processe) verstehen würden. 
Die gegenseitigen Beziehungen dieser verschiedenen Disciplinen wür- 
den durch folgendes Schema übersichtlich dargestellt werden können: 

Gesammtwissenschaft 
von den leblosen und belebten naturkörpern 

der Erde. 



Chemie 



Morphonomie 
oder Statik 
(Morphologie im weitereu Sinne) 



Phoronomie 
oder Dynamik 
(Physik im weiteren Sinne) 



Morphologie rChemie der"] TChemie der"] Physik 

(im engeren Sinne) L Substrate J L Processe J (im engeren Sinne) 



IV. Morphologie und Physiologie. 

Nachdem wir das Verhältnis der Morphologie im Allgemeinen zur 
Physik und zur Chemie bestimmt haben, ohne auf den Unterschied 
der organischen und anorganischen Naturkörper Rücksicht zu nehmen, 
kehren wir zurück zur Betrachtung des Verhältnisses, welches dieser 
Unterschied in den genannten Wissenschaften bedingt. Hierbei er- 
scheint es sehr lehrreich, die entsprechenden Wissenschaftsgebiete des 
organischen und des anorganischen Körperreichs vergleichend in Pa- 
rallele zu stellen, weil die einfacheren Verhältnisse der Anorgane uns 
viele Beziehungen klar enthüllen, welche durch die complicirteren Be- 
schaffenheiten der Organismen vielfach verdeckt werden. Die Abiolo- 
gie kann hier, wie in vielen anderen Fällen, der Biologie als Leuchte 
auf ihrem dunkelen und schwierigen Pfade dienen. 

Wie wir die Gesammtwissenschaft von den Naturkörpern der Erde 
in die drei Hauptzweige der Chemie, Statik (Morphologie) und Dynamik 
(Physik) gespalten haben, so ist diese Eintheilung auch auf die vom Ge= 
Sichtspunkte des „Lebens" aus unterschiedenen beiden Disciplinen der 
Biologie (Organismenlehre) und Abiologie (Anorganenlehre) anwendbar. 
Es werden sich die so entstehenden kleineren Zweige in beiden Wissen- 
schaften vollkommen coordinirt gegenüberstehen. Wenn wir nun, gemäss 
dem unter No. H. im letzten Abschnitt entwickelten Staudpunkt, Chemie, 
Morphologie und Physik als drei coordinirte Hauptwissenschaften betrach- 

Haeckel, Generelle Morphologie. O 



ip Verhältuiss der Morphologie 7.11 den anderen Naturwissenschaften. 

teil, so erhalten wir durch ihre Spaltung in einen biologischen und in 
einen abiologischen Zweig folgendes Verhältniss von sechs coordinirten 
Disciplinen. 

1, Die Chemie, und zwar die vereinigte Chemie der Substrate 
und der Processe, zerfällt in die beiden Aeste der anorganischen und 
organischen Stofflehre. Da diese Begriffe in mehrfach verschiedenem 
und unbestimmtem Sinne gebraucht werden, so wird die anorganische 
Chemie besser als abiologische oder als Chemie der Anorgane be- 
zeichnet, die organische richtiger als biologische oder Chemie der 
Organismen. 

2, Die Physik oder Dynamik spaltet sich in die beiden Aeste 
der anorganischen (Abiodynamik) und der organischen Kraftlehre 
(Biodynamik). Die anorganische oder abiologische Physik, welche 
die Leistungen der Anorgane untersucht, wird gewöhnlich als Phj'-sik 
im engsten Sinne bezeichnet. Dagegen ist für die organische oder bio- 
logische Physik (Biodynamik), welche die Functionen der Organis- 
men erforscht, allgemein die Bezeichnung der Physiologie gebräuch- 
lich. In dem beschränkten Sinne, in welchem letztere jetzt meistens 
aufgefasst wird, ist sie in der That lediglich eine ,, Dynamik der Or- 
ganismen" und entspricht mithin vollkommen der Dynamik oder Phy- 
sik der Anorgane. Es ist also der Begriff der heutigen Physiologie 
von beträchtlich geringerem Umfang und entsprechend grösserem In- 
halt, als der Begriff der früheren Physiologie, welche nicht bloss die 
Function, sondern zugleich die Gestaltung der Organismen unter- 
suchte und mit unserer heutigen Biologie identisch ist. So ist z. B. 
Johannes Müller's klassisches und unübertroffenes Werk, welches 
den bescheidenen Titel eines „Handbuchs der Physiologie des Men- 
schen" führt, vielmehr eine umfassende allgemeine vergleichende Bio- 
logie der Thiere (und bis zu gewissem Grade selbst der Organismen, 
insofern auch die Biologie der Pflanzen darin vielfach vergleichend 
berücksichtigt wird). 

3, Die Morphologie oder Statik endlich theilt sich in die beiden 
Aeste der anorganischen und organischen Formenlehre. Die anorga- 
nische oder abiologische Formenlehre (Abiostatik), umfasst die 
Krystallographie, die Lehre von der Form der tropfbaren und elasti- 
schen Flüssigkeiten im Gleichgewicht (Hydrostatik, Aerostatik etc.). 
Ihr steht coordinirt und parallel gegenüber die Morphologie der Orga- 
nismen, die organische oder biologische Formenlehre (Biostatik), 
deren allgemeine Darstellung Gegenstand des vorliegenden Werkes ist. 

Dass die sechs Wissenschaften, welche wir durch diese Eintheilung 
der Gesammtwissenschaft von den irdischen Naturkörpern erhalten, 
von dem obeu sub II. erörterten Gesichtspunkte aus ihrem Range nach 
beigeordnet sind und neben einander stehen, liegt auf der Hand. Die 



IV. Morphologie und Physiologie. 19 

biologische und die abiologische Chemie, die Physiologie und die Phy- 
sik der Anorgane, die Morphologie der Organismen und der Anorgane, 
können in der That als sechs vollkommen coordinirte Naturwissen- 
schaften angesehen werden. 

Dieses Resultat ist für uns insofern von grosser Bedeutung, als 
dadurch die coordinirte Stellung der organischen Morphologie 
gegenüber und neben der Physiologie fest bestimmt wird. Die- 
ses nebengeordnete Verhältniss der beiden gleichwerthigen biologischen 
Disciplinen ist gerade in neuerer Zeit sehr oft völlig verkannt worden. 
Indem nämlich die Physiologie sich in den beiden letzten Decennien 
als exacte „Physik der Organismen" oder als (unpassend) sogenannte 
„physikalische Physiologie" ungemein rasch und vielseitig zu einer 
ganz selbstständigen Disciplin entwickelt hat, während sie vorher in 
scheinbar untergeordnetem Verhältnisse auf das Engste mit der Mor- 
phologie verbunden war, ist ihr Selbstbewusstsein dadurch so über- 
mässig gestiegen, dass sie nunmehr auf die überwundene Morphologie 
stolz herabsieht und diese lediglich als ihre Dienerin, als eine unter- 
geordnete Hülfswissenschaft betrachtet. Insbesondere nimmt die Phy- 
siologie sehr häufig für sich den höheren Rang einer erklärenden 
Naturwissenschaft in Anspruch, während sie der Morphologie bloss 
den niederen Rang einer beschreibenden Disciplin zugesteht. Leider 
ist freilich diese Selbstüberhebung der Physiologie durch den traurigen 
Zustand und den zwar nicht extensiven, wohl aber intensiven Rück- 
schritt der Morphologie nur zu sehr gerechtfertigt und begünstigt. Wäh- 
rend die Physiologie auf streng naturwissenschaftlicher Basis Schritt 
für Schritt vordringt und ihr Ziel fest und klar im Auge behält, ver- 
liert die verwildernde Morphologie das Ihrige immer mehr aus dem 
Auge, und hat sich ebenso von einer denkenden Behandlung ihres 
Gegenstandes, wie von einer strengen Methode stets mehr und mehr 
entfernt. Während sie quantitativ immer mächtiger zu wachsen 
scheint, schreitet sie qualitativ immer weiter zurück. Aus jeglichem 
Mangel an denkender Erforschung und an fester Begriffsbestimmung 
dienen die meisten morphologischen Arbeiten mehr dazu, den Bal- 
last der Wissenschaft zu häufen, statt ihren wirklichen Fortschritt zu 
fördern. 

Dieser traurige augenblickliche Zustand unserer morphologischen 
Wissenschaft kann ihren Werth zwar zeitweise in den Augen der heu- 
tigen Physiologie tief herabdrücken; er vermag aber doch nicht, den 
coordinirten Rang, welcher der Morphologie neben der Physiologie 
gebührt, auf die Dauer verkennen zu lassen. Vielmehr müssen wir 
ausdrücklich behaupten, dass auch die Morphologie der Organismen, 
so gut wie ihre coordinirte Schwester, die Physiologie, nicht bloss 
eine beschreibende, sondern zugleich eine erklärende Wissenschaft ist, 

2* 



20 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften. 

oder doch wenigstens sein soll. Beide verfolgen die hohe Aufgabe, 
die beobachteten Thatsachen zu erklären, d. h. auf allgemeine Natur- 
gesetze zurückzuführen. Die Physiologie oder Biodynainik be- 
schreibt und erklärt die Leistungen (Functionen, Bewegungen, 
Kräfte) der Organismen. 1 ) Die Morphologie beschreibt und er- 
klärt die Formen (äussere Gestalt und innere formelle Zusammen- 
setzung) der Organismen. Das Ziel wenigstens liegt klar vor ihr, und 
wenn sie es zeitweise aus den Augen zu verlieren scheint, so ist es 
die Schuld ihrer jeweiligen Vertreter. Morphologie und Physio- 
logie sind demnach vollkommen coordinirte Wissenschaften, 
in gleichem Maasse und auf gleicher Stufe der Biologie untergeordnet, 
deren Inhalt sie bilden. 

Dieses beigeordnete schwesterliche Verhältniss der Morphologie 
zur Physiologie wird auch durchaus nicht geändert, wenn wir die 
Chemie nicht (wie es so eben geschah) als coordinirt der Physik und 
Morphologie betrachten, sondern sie diesen beiden Disciplinen unter- 
ordnen, wie es in der vorhergehenden Betrachtung (p. 13 sub III) ge- 
schehen ist. Es ergiebt sich dann nämlich, wenn wir die biologische 
Chemie oder die Chemie der Organismen in die beiden Aeste der 
statischen und dynamischen Chemie spalten, dass wir die statische 



l ) Wenn wir hier einerseits der Physiologie der Neuzeit zugestanden haben, 
dass sie die organische Morphologie an bewusster Erkenntniss ihres Zieles und 
au klarem Verständniss der allein richtigen Methode weit überflügelt hat, so 
müssen wir doch andererseits darauf aufmerksam machen, dass sie in anderen 
Beziehungen weit hinter der Morphologie zurück ist. Insbesondere ist hier der 
thierischen Physiologie sowohl die allgemeine Vernachlässigung der Bnt- 
stehungs-Verhältnisse der Functionen (embryonale Eutwickelung und 
Differenzirung der Lebens-Erscheinungen) als der noch auffallendere Mangel 
an vergleichender Betrachtung der Functionen (Ableitung der com- 
plicirten Lebens-Erscheinungen höherer aus den einfacheren Functionen der ver- 
wandten niederen Organismen' zum Vorwurfe zu machen. Von einer genetischen 
Physiologie kann heutzutage noch ebeuso wenig, als von einer vergleichenden 
Physiologie die Rede sein; mindestens befinden sich Beide noch in der ersten 
Kindheit. Und doch ist die genetische sowohl als die vergleichende 
Methode für die Physiologie ebenso unentbehrlich, als für die Morphologie, wo 
dies längst anerkannt ist. In keinem Gebiete der Physiologie wird sich diese 
Wahrheit schlagender zeigen, als in demjenigen Theile der Physiologie des Ceu- 
tral-Nervensystems , welchen man gewöhnlich als „Psychologie" den nicht phy- 
siologisch gebildeten sogenannten „Philosophen" überlassen hat. Sobald man 
sich entschliessen wird, hier die genetische und die vergleichende Untersuchungs- 
raethode in der weitesten Ausdehnung anzuwenden, wird dieses gänzlich unculti- 
virte und wüste Gebiet die reichsten und überraschendsten Früchte zur Reife 
bringen. Niemals aber wird man z. B. zu einer Psychologie des reifen Menschen 
gelangen, wenn mau dieselbe nicht aus der genetischen Psychologie des Kin- 
des, und aus der vergleichenden Psychologie der Wirbelthiere ableitet. 



IV. Morphologie und Physiologie. 



21 



Organochemie oder die Chemie der organischen Substrate nothwendig 
mit der Morphologie, sowie andererseits die dynamische Organochemie 
oder die Chemie der organischen Processe mit der Physiologie ver- 
binden müssen. Es ergiebt sich dies klar und unzweifelhaft, wenn 
wir das oben (p. 1 7) begründete Schema von dem Verhältniss der Mor- 
phologie und Physik zur Chemie, gemäss der Unterscheidung der Or- 
ganismen und Anorgane, in die folgenden beiden vollkommen paralle- 
len Schemata spalten: 



I. Abiologie oder Anorganologie. 

(Gesammtwissenschaft von den leblosen oder anorganischen Naturkörpern 

der Erde.) 

(A. Mineralogie. B. Hydrologie. C. Meteorologie). 



Abiostatik 
oder anorganische Morphonomie 
(Anorganische Morphologie im weiteren 
Sinne.) 



Abiologische Chemie. 
(Chemie der Anorgane.") 

Abio dynamik 

oder anorganische Phoronomie. 

(Anorganische Physik im weiteren 

Sinne.) 



Anorganische Morpho- f Chemie der Chemi d Anorganische Physik 

logie im engeren Sinne. rganischen anorganischen , ™ «g™ SinM ; 

( SÄ 8 3Ü!5Ä"L Sub8trate - JL P-cesse. Jl-Phys.k^m.engsten 
Petrographie etc.) 



Sinne.) 



II. Biologie oder Lebenskunde. 

(Gesammtwissenschaft von den belebten oder organisirteu Naturkörpern 

der Erde.) 

(A. Zoologie. B. Protistologie. C. Botanik). 

Biologische Chemie. 
(Chemie der Organismen.) 



Biostatik 

oder organische Morphonomie. 

(Organische Morphologie 

im weiteren Sinne.) 



Morphologie der 

Organismen 

(im engeren Sinne). 



Chemie der 
organischen 

Substrate 
(Organische 
Stofflehre). 



Biodynamik 

oder organische Phoronomie. 

(Physiologie 

im weiteren Sinne.) 



Chemie der 

organischen 

Processe. 

(Physiologische 

[ Chemie.) 



Physiologie 
(im engeren Sinne). 



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22 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 



Drittes Capitel. 



Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

„Indem sich jeder einzelne Wirkungskreis absondert, so ver- 
einzelt, zersplittert sich auch in jedem Kreise die Behandlung. 
Nur ein Hauch von Theorie erregt schon Furcht; denn seit mehr 
als einem Jahrhundert hat man sie wie ein Gespenst geflohen 
und, bei einer fragmentarischen Erfahrung, sich doch zuletzt den 
gemeinsten Vorstellungen in die Arme geworfen. Niemand will 
gestehen, dass eine Idee, ein Begriff der Beobachtung zum Grunde 
liegen , die Erfahrung befördern, ja das Finden und Erfinden be- 
günstigen könne." Goethe (1819). 



I. Eintheilung der Morphologie in Anatomie und Worphogenie. 

Nachdem wir den Begriff und die Aufgabe der Morphologie fest- 
gestellt und das Verhältniss betrachtet haben, welches dieselbe gegen- 
über anderen, theils beigeordneten, theils übergeordneten Naturwissen- 
schaften einnimmt, werden wir nun zunächst die verschiedenen unter- 
geordneten wissenschaftlichen Disciplinen zu betrachten haben, in welche 
die Morphologie der Organismen selbst einzutheilen ist. Auch diese 
Auseinandersetzung wird uns nicht weniger Schwierigkeiten als die 
vorhergehende bereiten. Denn es wiederholt sich hier, und sogar in 
noch höherem Grade, als bei der vorhergehenden Erörterung, die merk- 
würdige Erscheinung, dass durchaus keine festen, klaren und unzwei- 
deutigen Begriffe über Inhalt und Umfang der einzelnen Wissenschafts- 
zweige existiren, und dass, während Tausende von Arbeitern in allen 
diesen Disciplinen unaufhörlich thätig sind, kaum Einer von Hunderten 
sich über die eigentlichen Aufgaben und das letzte Ziel seiner Wissen- 
schaft klar zu werden sucht. 

Indem wir die Begriffe der einzelnen untergeordneten Wissenschaf- 
ten nach Inhalt und Umfang zu bestimmen suchen, aus denen sich die 
Morphologie der Organismen zusammensetzt, werden wir diese letztere 
Wissenschaft, ebenso wie bei allen folgenden Untersuchungen, in dem 
so eben näher bestimmten engeren Sinne fassen, in welchem die sta- 
tische Organochemie oder die Chemie der organischen Substrate von 
der Morphologie ausgeschlossen wird. Es bleibt uns dann also als 



I. Eintheilung der Morphologie in Anatomie und Morphogenie. 23 

Aufgabe lediglich die erklärende Betrachtung der organischen Formen 
an sich, ohne jede Kücksicht auf die ihnen zu Grunde liegenden che- 
mischen Substrate und auf ihre stoffliche Zusammensetzung. 

Da unsere Aufgabe nun dahin geht, die verschiedenen Formen 
der Organismen nicht allein kennen zu lernen und zu beschreiben, 
sondern dieselben auch vergleichend zu untersuchen und ihre Bildung 
auf allgemeine Gesetze zurückzuführen, so würde sich als nächste Ein- 
theilung der Morphologie vielleicht die Spaltung in eine beschrei- 
bende und in eine erklärende Formenlehre darbieten. Diese Unter- 
scheidung ist in der That theoretisch gemacht und häutig auch prak- 
tisch durchgeführt worden. Auf ihr beruht z. B. die Differenz zwischen 
der „Zootomie" und der „vergleichenden Anatomie," von denen 
sich die erstere auf die Beschreibung aller einzelnen thierischen Or- 
ganisations-Verhältnisse beschränkt, während die letztere dieselben 
zu erklären, d. h. auf allgemeine Gesetze zurückzuführen strebt. Wäh- 
rend die Zootomie in dem Labyrinthe der zahllosen Einzelformen und 
in der unendlichen Mannichfaltigkeit der einzelnen Organisationswei- 
seu sich verliert und es bloss zu einer einfachen Aneinanderreihung 
der beobachteten Thatsachen bringt, weiss die vergleichende Anatomie 
den leitenden Ariadne-Faden durch alle verwickelten Windungen des 
Labyrinthes hindurch festzuhalten und schwingt sich dadurch zum be- 
herrschenden Ueberblick des Ganzen empor. So wesentlich dieser 
Unterschied zwischen beiden Disciplinen aber auch ist, so ist er doch 
im Grunde nur ein Unterschied in der Methode und in der Intentisät 
der Erkenntniss. Die Zootomie verfährt analytisch und begnügt 
sich mit der Kenntniss, die vergleichende Anatomie verfährt 
synthetisch und strebt nach der Erklärung der Erscheinungen; da- 
her können wir eigentlich nur die letztere als wirklich wissenschaft- 
liche Morphologie bezeichnen, welcher die erstere als untergeordnete 
Hülfswissenschaft nur das Material liefert. Die Spaltung der Morpho- 
logie in eine beschreibende (descriptive) und eine erklärende (philoso- 
phische) Formenlehre als zwei coordinirte Hauptzweige ist demnach 
zu verwerfen. 

Weit wichtiger ist für uns der Unterschied zwischen der werden- 
den und der vollendeten Form der Organismen. Jedes Sein wird 
nur durch sein Werden erkannt. Dieser wichtige Grundsatz ist in 
der wissenschaftlichen Morphologie längst thatsächlich vielfach berück- 
sichtigt und darauf hin die Entwickelungsgesckichte der organischen 
Formen als einer der wichtigsten Zweige der letzteren anerkannt wor- 
den. Wir theilen diese Anerkennung so sehr, dass wir der Wissen- 
schaft von der werdenden und sich entwickelnden Form des Organis- 
mus den gleichen Werth, wie der Wissenschaft von der vollendeten 
Form zugestehen, und darauf hin die gesainmte Morphologie in die 



24 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

beiden coordinirten Zweige der Anatomie und der Morphogenie 
oder Entwicklungsgeschichte spalten. 

II. Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 

Grössere Schwierigkeiten als die Unterscheidung bietet uns die 
weitere Eintheilung der genannten beiden Hauptzweige der Morpholo- 
gie dar. Die Anatomie wird gewöhnlich in die beiden Zweige der 
gröberen Anatomie oder Organologie und der feineren (mikroskopi- 
schen) Anatomie oder Histologie gespalten; der ersteren wird die 
Untersuchung der Zusammensetzung des Körpers aus seinen ver- 
schiedenen Organen zugewiesen, der letzteren die Erforschung der 
Zusammensetzung seiner Gewebe aus den Elementartheilen. Indess 
beruht diese Unterscheidung auf unvollständiger Basis der Erkenntniss 
und kann, wie wir unten zeigen werden, nicht in dieser Weise beibe- 
halten werden. 

Um zu einer weiteren Eintheilung der Anatomie und der Morpho- 
genie in untergeordnete Wissenschaftszweige zu gelangen, erscheint es 
nothwendig, die verschiedenen Qualitäten der organischen For- 
men, welche das Object jener Disciplinen bilden, eingehender zu be- 
trachten. Diese stellen sich am deutlichsten und klarsten heraus, wenn 
man die anorganischen und organischen Formen mit einander ver- 
gleicht. 

Alle Naturkörper der Erde, Organismen und Anorgane, haben das 
mit einander gemein, dass sie uns entweder als bestimmt abgeschlossene 
räumliche Einheiten, als Individuen, unmittelbar entgegentreten, oder 
dass sie sich in mehrere derartige concrete Raumeinheiten oder In- 
dividuen zerlegen lassen. Diese Individuen, deren Form des Morpho- 
logen concretes und nächstes Object ist, sind nun bei Organismen und 
Anorganen von wesentlich verschiedener Qualität. 

Die anorganischen Individuen, wie z. B. die einzelnen Kry- 
stalle, die einzelnen amorphen Körner unkrystallinischer Verbindungen, 
die einzelnen Wassertropfen etc., zeigen sich fast stets durch und 
durch homogen, in sich gleichartig ; aus Molekülen einer und der- 
selben Art zusammengesetzt. Da sie im Inneren nicht aus ungleich- 
artigen Theilen zusammengesetzt sind, so können wir, wenigstens im 
gröberen Sinne, keine Organe an denselben unterscheiden; und die 
ganze Morphologie dieser Körper wird sich daher wesentlich auf eine 
Untersuchung ihrer äusseren Form beschränken. Von einer Organo- 
logie kann bei den Anorganen eben so wenig, als von einer Zusam- 
mensetzung des Körpers aus Individuen verschiedener Ordnung die 
Rede sein. ') 



') Wir stellen hier absichtlich die wesentlichen Formunterschiede zwischen 
Organismen und Anorganen so scharf und durchgreifend gegenüber, wie dies 



II. Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 25 

Ganz anders zeigen sich schon auf den ersten oberflächlichen Blick 
die organischen Individuen, wie z. B. die einzelnen Wirbelthiere. Diese 
Körper sind durch und durch heterogen, in sich ungleichartig, aus 
Molekülen nicht nur, sondern auch aus gröberen Theilen von ganz ver- 
schiedener Art zusammengesetzt. Die ungleichartigen Theile, welche 
ihren Körper zusammensetzen, können wir, entweder in gröberem oder 
in feinerem Sinne, Organe nennen. Diese Zusammensetzung des 
organischen Körpers aus verschiedenen Organen ist es, welche in der 
gewöhnlichen Anschauung den Organismus macht. Die Morphologie 
dieser Körper kann sich mithin unmöglich auf die Untersuchung ihrer 
äusseren Form beschränken, sondern sie muss neben dieser nothwendig 
ebenso auch die innere Form berücksichtigen, d. h. den Bau (die 
Structur) des Organismus, oder seine Zusammensetzung aus verschie- 
denen gleichartigen und ungleichartigen Theilen; sowie dann weiter- 
hin die Form dieser Theile selbst, ihr gegenseitiges Lagerungs- und 
Verbindung^ -Verhältniss, und endlich ihre eventuelle weitere Zusam- 
mensetzung aus verschiedenartigen Formtheilen, Gegenstand der or- 
ganischen Morphologie sein wird. In diesem Sinne könnte man die 
Morphologie der Organismen auch als Organologie im weitesten 
Sinne bezeichnen, oder besser noch als Merologie, als Lehre von 
den Theilen, oder als Tectologie, als Lehre von der Zusam- 
mensetzung des Körpers aus ungleichartigen Theilen. Gegen 
diesen wichtigsten Theil der Morphologie der Organismen tritt die Be- 
trachtung ihrer äusseren Form ganz zurück, oder erscheint vielmehr 
nur als ein secundäres Resultat der ersteren. Von anderem Gesichts- 
punkte aus könnten wir diesen wichtigsten Theil unserer Wissenschaft 
auch als Lehre von den Individuen bezeichnen, da nämlich, wie 
das dritte Buch zeigen wird, die constituirenden Theile der Indi- 
viduen, die wir so eben als Organe verschiedener Ordnung unter- 
schieden haben, selbst wieder im gewissen Sinne Individuen sind, so 
dass wir den ganzen individuellen Organismus als ein System von 
einheitlich verbundenen Individuen verschiedener Ordnung betrachten 
können. 

Ein zweiter wesentlicher Unterschied in der Form zwischen den 
organischen und anorganischen Individuen beruht darauf, dass die Form 
der anorganischen Individuen (wenn es nicht vollkommen un- 
regelmässig gestaltete, ganz amorphe Körper sind) einer vollkommen 
exacten mathematischen Betrachtung ohne Weiteres zugänglich ist, und 



fast von allen Naturforschern geschieht. Im zweiten und sechsten Buche wer- 
den wir dagegen zeigen, dass diese Unterschiede keineswegs so absoluter 
Natur sind und dass auch hier wahre Uebergangsbildungen und Zwischenstufen 
vorkommen. 



26 Einteilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

dass mit der stereometrischen Ausmessung derselben die Aufgabe 
ihrer morphologischen Erkenntniss völlig gelöst ist. Die anorganischen 
Individuen sind fast immer von ebenen Flächen, geraden Linien und 
bestimmten messbaren Winkeln begrenzt. Die Hauptaufgabe der Kri- 
stallographie, welche den grössten Theil der abiologischen Morphologie 
ausmacht, ist daher die Ausmessung und Berechnung dieser relativ 
einfachen geometrischen Form-Verhältnisse. 

In vollem Gegensatz hierzu sind organischelndividuen, deren 
Form einer stereometrischen Behandlung zugänglich ist, seltene 
Ausnahmen. Fast immer ist ihr Körper von gekrümmten Flächen, ge- 
bogenen Linien und unmessbaren sphärischen W T inkeln begrenzt. Die 
Curven, welche hier sich finden, sind so zusammengesetzter und dabei 
meist scheinbar so unbestimmter Natur, dass ihre Ausmessung und 
Berechnung als ein unlösbares Problem erscheint. Zwar wird die 
stereometrische Behandlung der organischen Formen sehr häufig als 
Ziel einer späteren vollendeteren, exact-mathematischen Methode ihrer 
Untersuchung hingestellt. Indessen müssen wir unseres Theils diese 
weit verbreitete Ansicht als eine irrige bezeichnen. Es wird nämlich 
durch die unbegrenzte Variabilität aller organischen Formen, 
welche im sechsten Buche erläutert werden wird, bereits die Möglich- 
keit einer exacten geometrischen Behandlung, wie sie die Krystallo- 
graphie durchführt, von vornherein ausgeschlossen. Da nämlich factisch 
schon nächstverwandte Individuen einer und derselben Species, z. B. 
verschiedene Geschwister die von einem und demselben Elternpaar ab- 
stammen, in Beziehung auf äussere und innere Form unendlich viele, 
gröbere und feinere individuelle Verschiedenheiten zeigen, da niemals 
bei allen Individuen einer und derselben organischen Species sämmt- 
liche gekrümmte Flächen, Linien und Winkel des Körpers und seiner 
einzelnen Theile absolut identisch, sondern stets nur annähernd gleich 
oder ähnlich sind, so ist eine derartige absolute mathematische 
Betrachtungsweise der organischen Form, wie sie gewöhnlich 
gefordert wird, gar nicht möglich; und wenn man selbst die compli- 
cirten Curven etc. bei allen einzelnen Individuen berechnen und dann 
vergleichen könnte, so hätte eine solche mühsame Arbeit nicht das 
mindeste Interesse und die Arbeit selbst wäre eine wahre Danaiden- 
Arbeit. Dagegen ist eine anderweitige mathematische Betrachtungs- 
weise der organischen Formen, welche der krystallographischen Methode 
ähnlich, aber doch wesentlich verschieden ist, allerdings möglich. Es 
lassen sich nämlich, wie das vierte Buch unseres Werkes zeigen wird, 
gewisse einfache stereometrische Grundformen der Organismen 
aufrinden, welche unter den scheinbar ganz unzugänglichen Curven- 
systemen der unberechenbar complicirten Formen der organischen In- 
dividuen versteckt liegen. Diese neue Lehre von den Grund- 



IL Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 27 

formen (Promorphen ') oder Promorphologie werden wir als einen 
besonderen und höchst wesentlichen Theil der Morphologie der Organis- 
men auszubauen haben. Er wird uns das Aequivalent einer organischen 
Krystallographie sein. Die Betrachtung der Form der einzelnen In- 
dividuen verschiedener Ordnung, welche den Organismus zusammen- 
setzen, wird sich stets an diese Betrachtung der geometrischen Grund- 
formen als an ihr festes und sicheres Skelet anlehnen müssen. Wie 
dies zu verstehen ist, wird das vierte Buch zeigen. 

Während die beiden wesentlichen eben hervorgehobenen Unter- 
schiede in der Formbildung der Organismen und der Anorgane die 
vollendete Form betreffen, so finden wir zwei andere nicht minder 
bedeutende Differenzen zwischen beiden Hauptreihen von Naturkörpern 
in der Entstehung der Formen. Die Formen der anorganischen 
Individuen entstehen dadurch, dass sich die gleichartigen Moleküle 
der homogenen Materie, aus der sie bestehen, nach bestimmten physi- 
kalischen Gesetzen um einen bestimmten Mittelpunkt herum ansammeln. 
Die Form des Individuums (z. B. des Krystalls) ist hier zu jeder Zeit 
seiner Existenz dieselbe; sobald der Krystall überhaupt in bestimm- 
ter Form gebildet ist, bleibt diese mathematisch bestimmbare Form, 
so lange er besteht, dieselbe, mag das Individuum nachher noch so sehr 
an Grösse zunehmen. Jedes Wachsthum der Anorgane beruht bloss 
auf Apposition neuer Moleküle von aussen her. Weder die innere 
Gleichartigkeit der Substanz, noch die äussere charakteristische Form 
wird durch dieses Wachsthum irgendwie verändert. Das anorganische 
Individuum entwickelt sich nicht. 

Grundverschieden von dieser Wachsthums-Art der Anorgane durch 
äussere Apposition ist das Wachsthum der Organismen, welches 
durch innere Intussusception geschieht und welches nicht bloss 
eine Veränderung der Grösse, sondern auch der Form des organischen 
Individuums herbeiführt. Das organische Individuum entwickelt 
sich. Es durchläuft während seines Lebens eine Keihe von ver- 
schiedenen Formen. Wir können daher niemals die Form des con- 
creten orgauischen Individuums aus einem einzigen gegebenen Form- 
zustand wahrhaft erkennen, sondern müssen zu diesem Zwecke die 
ganze Kette von auf einander folgenden Formen untersuchen und ver- 
gleichen, welche das organische Individuum während der ganzen Zeit 
seines Lebens von Anfang bis zu Ende durchläuft. Diese Aufgabe 
löst die Entwicklungsgeschichte oder die Embryologie, welche 
passender Ontoge nie heissen würde (siehe unten). Die allgemeinen 
Grundzüge dieser Wissenschaft werden wir im fünften Buche festzu-^ 



') TKJOjxoQif.'r}, >], die Grundform, Vorform, Urform. 



28 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

stellen haben. Die Ontogenie wird immer einen wesentlichen und 
nicht zu entbehrenden Bestandtheil der wissenschaftlichen Morphologie 
ausmachen. Durch sie wird die letztere mit der Physiologie auf das 
engste verbunden. 

Ein vierter und letzter sehr wesentlicher Unterschied zwischen 
den Formen der anorganischen uud der organischen Individuen betrifft 
nicht die Beschaffenheit oder Entstehung der Form der concreten ein- 
zelnen Individuen, sondern diejenige der abstracten Einheiten, welche 
man. Arten nennt. Unter dem Namen der Art oder Species fasst 
man gewöhnlich oberflächlich alle diejenigen Individuen zusammen, 
welche einander gleich oder ähnlich sind, d. h. welche in allen soge- 
nannten wesentlichen Characteren übereinstimmen. Alle unorgani- 
schen Individuen, welche zu einer und derselben Art gehören, z. B. zu 
einer bestimmten Krystall-Art, haben vollkommen dieselbe Form 
(feste Krystallform) und dieselbe chemische Zusammensetzung. Die 
einzelnen Individuen jeder anorganischen Species unterscheiden sich 
lediglich durch ihre Grösse. Andererseits gehören alle anorganischen 
Individuen, welche entweder durch ihr chemisches Substrat oder durch 
ihre Form (Krystallform etc.) verschieden sind, verschiedenen Arten an. 
Die Form jeder anorganischen Art ist aber unveränderlich, und 
die Kochsalzkrvstalle, welche zu allererst auf unserer Erde entstanden 
sind, werden in keiner Beziehung verschieden von denjenigen gewesen 
sein, die heutzutage sich bilden. 

Eine ganz andere Bedeutung hat der Begriff der Art oder Spe- 
cies für die Form der organischen Individuen. Hier ist das Kriterium 
der Species nicht die Gleichheit der Form aller Individuen , auch nicht 
einmal die Aehnlichkeit derselben. Denn in vielen Fällen sind Larven 
und Erwachsene, Männchen und Weibchen derselben Art so gänzlich 
verschiedene Formen, dass sie in keinem einzigen speciellen Forni- 
character übereinstimmen, und dass man sie nur in eine einzige Species 
zusammenstellt, weil sie von einem und demselben gemeinsamen Stamm- 
vater abstammen. Nun sind aber diese „Arten" oder Species, welche 
der Inbegriff aller Descendenten einer einzigen Stammform sind, kei- 
neswegs unveränderlich. Es erzeugt nicht Gleiches nur Gleiches, wie 
gewöhnlich falsch gesagt wird, sondern Aehnliches erzeugt Aehnliches, 
und nach Verlauf eines gewissen Zeitraums gehen die organischen 
Species unter, während neue sich aus ihnen entwickeln. — Die Form 
jeder organischen Species ist also durchaus veränderlich, und 
die Species selbst mithin keine abgeschlossene Einheit. Wohl aber ist 
eine solche reale und vollkommen abgeschlossene Einheit die Summe 
aller Species, welche aus einer und derselben gemeinschaft- 
lichen Stammform allmählig sich entwickelt haben, wie z. B. 



IL Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 29 

alle Wirbelthiere. Diese Summe 'nennen wir Stamm (Phylon). ') 
Die Untersuchung- der Entwicklung- dieser Stämme und die Feststellung 
der genealogischen Verwandtschaft aller Species, die zu einem Stamm 
gehören, halten wir für die höchste und letzte besondere Aufgabe der 
organischen Morphologie. Im sechsten Buche werden wir die Grund- 
züge dieser Phylogenie oder Entwicklungsgeschichte der or- 
ganischen Stämme (Kreise oder „Typen") festzustellen haben. Das 
Material zu dieser bisher gänzlich vernachlässigten Wissenschaft liefert 
uns vor Allem die Palaeontologie, die Erkenntniss der ausge- 
storbenen Lebensformen, welche die Stammeltern und Blutsverwandten 
der jetzt lebenden Organismen sind. Die ganze Disciplin könnte aber 
auch als organische Verwandtschaftslehre oder Genealogie bezeich- 
net werden, wie wir deren Bedeutung im sechsten Buche feststellen 
werden. 

Aus den vorausgehenden Erörterungen über die charakteristischen 
Qualitäten der organischen Formen haben sich uns nun bereits von 
selbst die speciellen einzelnen Aufgaben entwickelt, welche die Morpho- 
logie der Organismen als die erklärende organische Formenlehre zu 
lösen haben wird. Es wird jede der vier angeführten Qualitäten der 
organischen Form ihre gesonderte Behandlung verlangen, und es wird 
diese Aufgabe vier gesonderten Disciplinen zufallen. 

Wir werden zunächst als die beiden Hauptzweige, in welche sich 
die Morphologie der Organismen (nach Ausschluss der statischen Or- 
ganochemie) spaltet, zu unterscheiden haben: I) die Wissenschaft von 
der vollendeten organischen Form oder die Anatomie, und II) die 
Wissenschaft von der werdenden organischen Form oder die Ent- 
wickelungsgeschichte, M o rp h o g e ni e. 

Die Anatomie (im weitesten Sinne) oder die gesammte For- 
menlehre des vollendeten Organismus, wird auch häufig als 
Organologie oder als Morphologie bezeichnet, und von Anderen wieder 
als ein Theil der Systematik betrachtet. Die verschiedenen hierüber 
herrschenden Ansichten, sowie die verschiedenen Eintheilungen der 
Anatomie in untergeordnete Disciplinen, werden wir sogleich einer ge- 
sonderten Betrachtung unterwerfen. Nach unserer Anschauung, die 
wir so eben entwickelt haben, spaltet sich die Anatomie zunächst in 
zwei verschiedene Disciplinen: 1) die Lehre von der Zusammensetzung 
des Organismus aus gleichartigen und ungleichartigen Theilen, welche 
man passend entweder Zusammeusetzungslehre oder Baulehre (Tecto- 
logie) oder Lehre von den Theilen (Merologie) nennen könnte (drittes 
Buch), und II) die Lehre von den Formen der einzelnen Theile oder der 
einzelnen Individuen verschiedener Ordnung und insbesondere von 

/<£,* *•"* *y£A 



') (fiilov, tö ; der Stamm (Volksstamm, Nation). 



30 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

deren geometrischen Grundformen, Promorphologie, an welche sich 
unmittelbar die Betrachtung- der nicht geometrisch bestimmbaren äus- 
seren Formen derselben anschliessen wird. (Viertes Buch.) 

Die Morphogenie oder die Entwickelungsgeschichte (im weite- 
sten Sinne) als die Formenlehre des werdenden Organismus, zerfällt 
ebenfalls in zwei Disciplinen, welche nach unserer Anschauung nächst- 
verwandt und eng verbunden sind, obwohl sie gewöhnlich als weit 
getrennte Wissenschaften behandelt werden. I) Die erste derselben 
untersucht die Entwickelungsgeschichte der Individuen und 
kann demgemäss als Ontogenie bezeichnet werden. Gewöhnlich wird 
sie „Embryologie" genannt, obwohl dieser Begriff viel zu enge, und 
nur auf die höheren Organismen anwendbar ist. (Fünftes Buch.) II) Der 
andere Zweig der Morphogenie ist die Entwickelungsgeschichte 
der Stämme oder Phylogenie und untersucht die zusammenhängende 
Formenkette aller derjenigen organischen Individuen, die von einer 
und derselben gemeinsamen Stammform sich abgezweigt haben. Da so 
wesentlich die Erkenntniss der Verwandtschaft der organischen Formen 
ihre Aufgabe ist, könnte sie auch Genealogie der Organismen, 
und da ihr wesentliches empirisches Substrat die Petrefactenkunde ist, 
„wissenschaftliche Palaeontologie'" genannt werden. (Sechstes 
Buch.) 

Das gegenseitige Verhältniss dieser vier Disciplinen, welche wir 
als die Hauptzweige der Morphologie der Organismen betrachten, 
ist bisher, theils wegen der einseitig herrschenden analytischen Er- 
kenntniss-Methoden, theils wegen des allgemeinen Glaubens an das 
Species-Dogma, meist vollständig verkannt worden. Unsere Auffas- 
sung desselben dürfte durch folgendes Schema übersichtlich erläutert 
werden: 



Morphologie der Organismen 
(im engeren Sinne, nach Ausschluss der statischen Chemie). 



Anatomie 

oder Morphologie im engsten Sinne. 

(Gesammtwissenschaft von der voll- 



endeten Form der 



Organismen. 



Tectologie 
(oder Structur- 
lehre\ 
l Wissenschaft von' 
der Zusammmen-, 
|setzung der Orga- 
nismen ans orga- 
Jnischenlndividuenl 
[verschiedenerOrd- 
nung. 



Promorphologie 
(oder Grundformen- 
lehre). 
Wissenschaft von\ 
den äusseren For-i 
men der organi-f 
sehen Individuen/ 
und deren stereo-[ 
metrischen Grund- 1 
formen. / 



Morphogenie 
oder Entwickelungsgeschichte. 
(Gesammtwissenschaft von der wer- 
denden Form der Organismen. 



Ontogenie 
(oder Embryologie). 

Entwickelungsge- 

I .schichte der orga- 
nischen Individuen! 
(Onta). 



Phylogenie 
(oder Palaeon- 
tologie) 
Entwickelungsge- 
schichte der orga- 
nischen Stämme! 
(Phyla). 



III. Anatomie und Systematik. 31 

III. Anatomie und Systematik. 

Bevor wir die Disciplinen der Tectologie und der Promorphologie 
näher ins Auge fassen, erscheint es nothwendig, uns über das Ver- 
hältniss der Morphologie und insbesondere der Anatomie zu einigen 
Disciplinen zu verständigen, welche theils der Anatomie entgegenge- 
setzt, theils derselben untergeordnet werden ; dahin gehört insbesondere 
die Systematik, die Organologie und die Histologie. Auch die ge- 
bräuchliche Bezeichnung der Anatomie, welche wir im Folgenden als 
allgemeinen Ausdruck für unsere gesammten Kenntnisse von der voll- 
endeten organischen Form beibehalten werden, bedarf einer gewissen 
Erläuterung und Rechtfertigung. Es werden nämlich die Ausdrücke 
der Anatomie und Morphologie auf den nächstverwandten und unmittel- 
bar sich berührenden Gebieten der Zoologie und Botanik in einem so 
gänzlich verschiedenen Sinne und so wechselnd gebraucht, dass es durch- 
aus nothwendig erscheint, diese Begriffe scharf zu definiren und ihnen 
eine bestimmte und bleibende Bedeutung beizulegen. 

Die Zoologie (als Biologie der Thiere) gebraucht das Wort Anatomie 
meistentheils zur Bezeichnung der gesammten Structurverhältnisse des zu 
untersuchenden Organismus. Ursprünglich nur „Zergliederungskunde" und 
die daraus folgende Erkenntniss des inneren Baues der Organismen be- 
deutend, hat sich späterhin der Begriff der Anatomie dahin erweitert, 
dass man darunter die gesammte Lehre von den Form- Verhältnissen des 
entwickelten Organismus versteht, also nicht nur die Lehre von der inneren 
Zusammensetzung, sondern auch von der äusseren Form. Dabei ist jedoch 
zu bemerken, dass die meisten sogenannten Zoologen mehr oder minder 
ausgesprochen einen Gegensatz von Systematik und Anatomie schon 
seit langer Zeit ausgebildet haben, uud in der Praxis ist dieser Gegensatz 
so exclusiv geworden, dass die „reinen Systematiker" die Anatomie als 
gar nicht zur Zoologie gehörig betrachten und ebenso die „reinen Ana- 
tomen" die Systematik als eine ihnen fremde Wissenschaft ansehen. So 
stehen sich in der Anschauung sehr vieler Naturforscher (und nicht bloss 
vieler Zoologen) diese beiden Disciplinen ganz fremdartig einander ge- 
genüber. 

Dieses seltsame Verhältniss rührt daher, dass die grosse Mehrzahl 
aller Zoologen, die seit Linne" und seit der durch diesen erfolgten Neube- 
gründung der Zoologie als besonderer Wissenschaft sich deren Dienste ge- 
widmet haben, von den eigentlichen Aufgaben der Zoologie entweder gar 
keine oder nur eine ganz dunkle Ahnung haben. Der allgemeine und schnelle 
Aufschwung, den Zoologie und Botanik durch Linn6's ausserordentliche 
formelle Verdienste um die „systematische" Kenntniss der Thiere und Pflan- 
zen, durch die von ihm eingeführte biliäre Nomenclatur uud systematische 
Ordnung nahmen, die Leichtigkeit nach einem auf kurze bündige Beschrei- 
bung gegründeten künstlichen Systeme sich in dem Chaos der zahllosen 
Gestalten zurecht zu finden, führte zu dem Irrthum, dass dieses System 



32 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

selbst das Ziel der Wissenschaft sei, und dass man das System nur mit 
möglichst viel neuen Formen bereichern müsse, um sich um die zoologische und 
botanische „Wissenschaft" bleibende Verdienste zu erwerben. So entstand 
denn die grosse und traurige Schaar der ,, Museumszoologen" und der „Her- 
bariumsbotaniker", die zwar in ihrem Museum und ihrem Herbarium auf das 
genaueste Bescheid wussten und jede von ihren tausend Species mit Na- 
men auswendig benennen konnten, dafür aber auch von den gröberen und 
feineren Structurverhältnissen dieser Species, von ihrer Entwickelung und 
Lebensgeschichte, von ihren physiologischen und anatomischen Verhältnissen 
nicht das Mindeste wussten. Mit der wachsenden Zahl der verschiedenen 
Formen, die neu bekannt und benannt wurden, wuchs die Zahl dieser sam- 
melnden „Systematiker", deuen das Museum und Herbarium nicht Mittel 
und Material zum Studium der Organismen, sondern selbst Zweck wurde 
und die über diesem nebensächlichen Mittel den Hauptzweck ganz vergasseu. 
So kam denn die Zeit, wo (wie Schieiden sehr treffend sagt) „ein Mann, 
der 6000 Pflanzen mit Namen zu nennen wusste, schon desshalb ein Bo- 
taniker, einer der 10,000 Pflanzen zu nennen wusste, ein grosser Botaniker 
genannt wurde", ein Missverständniss, welches auch in der Zoologie gleicher- 
weise herrschte. 

Wenn man bedenkt, welche unendlichen Massen der besten Kräfte und 
Mittel, welcher Aufwand von Arbeit und Mühe, von Geld und Zeit, von 
Papier und Druckerschwärze vergeudet wurde, bloss um möglichst viele 
verschiedene Formen in den zoologischen Museen und in den botanischen 
Herbarien aufzuspeichern, und wenn man mit diesem ungeheuren Aufwände 
von Mitteln den äusserst laugsamen und unterbrochenen Fortschritt ver- 
gleicht, den der wirklich wissenschaftliche Kern der Zoologie und Botanik 
in dem ganzen vorigen Jahrhundert und in der ersten Hälfte des gegen- 
wärtigen gemacht hat, so kann man nur in die gerechten Klagen und Vor- 
würfe einstimmen, welche Schieiden seiner Zeit gegen die herrschende 
Systematik auf dem Gebiete der Pflanzenkunde schleuderte. Leider steht es 
aber mit der Thierkunde nicht viel besser. Auch die grosse Mehrzahl der 
Zoologen vergass das Ziel der wissenschaftlichen Erkenntniss über der Be- 
schaffung der Mittel und Wege, die dazu führen sollen. Das „System" 
wurde für diese wie für jene das Ideal und das eigentliche Ziel der 
Wissenschaft. 

Im Grossen und Ganzen betrachtet haben nun die meisten dieser syste- 
matischen Bestrebungen, so weit sie sich lediglich mit Betrachtung, Unter- 
scheidung und Benennung der äusseren Form der „Species" beschäftigen, 
nicht mehr Werth, als die gleichen systematischen Bestrebungen, welche zur 
Anlegung aller möglichen Curiositäten-Sammlungen führen. Auch die Lieb- 
haber und Sammler von Kunst-Gegenständen aller Art können den gleichen 
Anspruch auf wissenschaftliche Leistung erheben. Systematisch geordnete 
Sammlungen von Wappen z.B., von alten Meubles, Waffen, Kostümen, von den 
neuerdings so beliebten Briefmarken und anderen derartigen Kunstprodukten 
können mit eben so viel Specifications-Sinu, mit eben so viel Freude und 
Interesse an den verschiedenen Formen und ihrer systematischen Gruppirung 
gepflegt werden und sind sehr häufig mit mehr logischem Sinue geordnet 



III. Anatomie und Systematik. 33 

und classificirt, als die Sammlungen von Schneckenschalen, Muschelschalen, 
Vogelbälgen u. s. w., deren Liebhaber „Zoologen" zu sein glauben. Man 
frage nur die sogenannten Ornithologen, die jede Vogel-Species mit Namen 
kennen, ob sie vom Bau der Federn, oder gar von der Structur des Ge- 
hirns und des Auges irgend eines Vogels, von der Entwickelungsgeschichte 
des Hühnchens im Ei, von den innigen Verwandtschaftsverhältnissen der 
Vögel zu den nächststehenden Reptilien irgend welche eingehende Kennt- 
nisse besitzen '{ Oder man frage die Entomologen, die sich mit ihren kost- 
baren Käfer- uud Schmetterlings-Sammlungen brüsten, ob sie den Bau und 
die Entwicklung der Chitinausscheidungen, mit deren Form sie sich aus- 
schliesslich beschäftigen, kennen, ob sie die Entwickelungsgeschichte einer 
einzigen Form von Anfang an verfolgt haben, ob sie von den fossilen Insec- 
ten oder von den den Insecten nächstverwandten Spinnen etwas wissen? Lei- 
der wird man in den allermeisten Fällen auf die erstaunlichste Beschränkt- 
heit und auf die gröbste Unwissenheit in den wichtigsten Zweigen der 
Zoologie selbst auf dem kleinen und engbegränzten Felde stossen, welches 
diese „Systematiker" für ihr Specialfach ausgeben. So lange dieser syste- 
matische Dilettantismus, der mit der Heraldik und der Briefmarkologie voll- 
kommen auf einer Stufe der „Wissenschaft 14 steht, nichts Anderes sein will, 
als eine harmlose Geniüths- und Augen-Ergötzung, kann man ihn ruhig ge- 
währen lassen. Von löyoc, ist in der einen Logie so viel als in der anderen. 
Sobald er aber den Anspruch macht, „Zoologie" oder „Phytologie" zu 
sein, muss er auf den ihm gebührenden Platz aufmerksam gemacht werden. 

Nur durch das Ueberwuchern dieser ganz oberflächlichen Systematik, 
welche sich mit der Betrachtung der äusserlichsten und oberflächlichsten 
Formverhältnisse begnügte, und dennoch sich für die „eigentliche Zoologie" 
ausgab, war es möglich, dass der Gegensatz zwischen Systematik 
und Anatomie in der Weise sich ausbildete, wie er noch heutzutage von 
sehr vielen Seiten festgehalten wird. Diese Systematik, die sich so scharf 
der Anatomie gegenübersetzt, ist selbst nur ein ganz kleines und unbedeu- 
tendes Bruchstück derselben. Denn die Anatomie kann sich nicht be- 
gnügen mit der Erkenntniss bloss des inneren Baues, der Structur uud Ver- 
bindungsweise der Organe, sondern sie muss zugleich stets die äussere 
Form mit in Betracht ziehen. Die Anatomie hat demnach die gröberen 
und feineren Form- und Structur- Verhältnisse des ganzen Körpers zu er- 
mitteln. Jeder Zweifel an dieser Notwendigkeit muss schwinden beim 
Studium der niedersten Organismen-Gruppen. Während es bei den höheren 
Thieren und Pflanzen wenigstens möglich ist, die Trennung zwischen 
„Systematik" als Lehre von der äusseren Form, und „Anatomie" als Lehre 
vom inneren Bau durchzuführen, so stösst diese künstliche Trennung da- 
gegen bei den niederen Pflanzen und Thieren überall auf unüberwindliche 
Schwierigkeiten. 

Anders als in der Zoologie hat sich der Begriff der Anatomie und ihr 
Gegensatz zur Systematik in der Botanik (als Biologie der Pflanzen) 
gestaltet. Da nämlich vorwiegend, vorzüglich wenn man die höheren For- 
men beider Reiche vergleicht, die Organ-Entwickelung bei den frei beweg- 
lichen Thieren im Innern des Körpers, bei den festsitzenden Pflanzen da- 

Haeckel, Generelle Morphologie. 3 



34 Eintheihmg der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

gegen auf der Oberfläche stattfindet, so dass hier die äussere, dort die innere Form- 
Entfaltung vorherrscht, so ist die Morphologie, soweit sie die Gestaltung der 
Organe und nicht die der Elementartheile erfassen will, bei den höheren Pflan- 
zen nur selten, bei den höheren Thieren dagegen immer genöthigt, in das Innere 
einzudringen und wirklich zergliedernd zur Anatomie zu werden. Von den Bo- 
tanikern wird daher auch gewöhnlich unter Anatomie nur diejenige der Elemen- 
tartheile, d. h. die Histologie verstanden, während die ..gröbere Anatomie'*, 
welche bei den Thieren schlechtweg so genannt wird, hier bald Organologie, 
bald Morphologie genannt wird. Unter Organologie verstehen dagegen an- 
dere Botaniker (z. B. Schieiden) wieder die eigentliche Physiologie der 
Pflanzen, die wieder von Anderen mit der Biologie verwechselt wird- 

Dagegen hat sich der Gegensatz zwischen Systematik und Morphologie 
im engeren Sinne oder Anatomie auf dem Gebiete der Botanik nicht so, 
wie auf dem der Zoologie entwickelt. Da hier eben die meisten Organe, 
wie vor allen die Ernährungs-Organe (Blätter, Wurzeln etc.) und die Fort- 
pflanzungs-Organe (Bliithen, Früchte etc.) ganz äusserlich entwickelt sind, 
so mussten sie nothwendig von der Systematik weit mehr, als dies in der Zoo- 
logie der Fall war, berücksichtigt und benutzt werden, und lieferten meistens 
sogar die Hauptstütze derselben. Umgekehrt musste die fchierieche Systematik, 
da sie jedes Eindringen in das Innere des Körpers und somit jede tiefere 
Brkenntniss der Organisation vermied, zu den unbedeutendsten äusserli- 
chen Form - Modifikationen der äusseren Körperoberfläche und ihrer An- \ 
hängsei greifen, um ihre systematischen Charactere zu gewinnen. 

So ist es denn gekommen, dass die Systematik im Sinne der Botaniker 
einen weit grösseren Theil der Anatomie (eigentlich nur die Histologie aus- 
geschlossen) umfasst, als im Sinne der Zoologen. Was diese letzteren 
Histologie nennen, heisst bei den ersteren Anatomie, und was die Botaniker 
gewöhnlich unter Organologie verstehen, ist bei den Zoologen ein Theil der 
Physiologie. Vergleicht man aber über diesen Gegenstand, der doch von 
so fundamentaler Wichtigkeit ist, eine grössere Anzahl von botanischen und 
zoologischen Handbüchern (namentlich die einleitenden Capitel zu morpholo- 
gischen und physiologischen Werken) so wird man erstaunen über die un- ' 
glaublichen Widersprüche und die gänzlich verschiedeneu Ansichten, welche 
die verschiedenen Autoren über die wechselseitigen Beziehungen der Haupt- 
zweige ihrer Wissenschaft hegen. 

Soll eine gegenseitige Verständigung möglich werden, so ist es durch- 
aus nothwendig, Inhalt und Umfang der einzelnen Disciplinen scharf zu um- 
schreiben und die so gewonnene Definition des Wortes consequent in der- 
selben Bedeutung festzuhalten. Wenn dies geschieht, ist es unseres Er- 
achtens nicht schwer, auf sehr einfachem Wege eine befriedigende Lichtung 
und Klärung der Begriffe herbeizuführen. 

Was zunächst die Systematik betrifft, so kann sie nicht, wie es bis- 
her meist geschah, als eine besondere Wissenschaft der Morphologie gegen- 
über gestellt werden. In diesen Irrthum, der sehr verbreitet erscheint, ist 
selbst Victor Ca rus in seinem System der thierischen Morphologie ge- J 
fallen, indem er gleich im Eingänge sagt, dass die statische Biologie „auf 
zwei ihrem innersten Wesen nach verschiedene Zweige der wissenschaft- 






III. Anatomie und Systematik. 35 

liehen Erkenntniss führt. Der eine hiervon ist das Streben nach einer voll- 
ständigen Classification der Pflanzen und Thiere, die organische Sy- 
stematik, Biotaxie, welche sich vorläufig mit dem Aufsuchen der Ver- 
wandtschaft der organischen Geschöpfe beschäftigt; der andere ist die 
Kenntniss von der äusseren und inneren Gestaltung derselben, die Ana- 
tomie, pflanzliche und thierische Formenlehre, Morphologie. In 
beiden wird die Organisation der Pflanze, des Thieres untersucht, jedoch 
bloss bei der letzteren als Object, bei der ersteren nur als Mittel zum 
Zweck. Während die Systematik nur so viel anatomische Thatsachen zu 
verwerthen braucht, als die organische Verwandtschaft zu ihrem Nachweise 
bedarf, sind die organischen Formen an sich Gegenstand der letzteren." 
Nach dieser Definition, die Carus noch weiter ausführt, würde also die 
Anatomie die eigentliche Formenlehre sein, indem sie die Formen 
der Organismen an sich in Betrachtung zieht, wogegen die coordinirte 
Systematik oder Biotaxie wesentlich eine Verwandtschaftslehre sein 
würde, welche die Organismen rücksichtlich ihrer Form vergleicht, sie 
darauf hin zu classificiren sucht, und aus der Vergleichung und Zusammen- 
stellung der verwandten Formen das System construirt. Offenbar ist aber 
der Unterschied, der so nach Carus die Systematik und die Anatomie als 
zwei ihrem innersten Wesen nach verschiedene Zweige der Biostatik tren- 
nen würde, lediglich ein Unterschied einerseits der Methode oder der Be- 
trachtungsweise, andererseits der formalen Darstellung. Die Systematik 
verfährt synthetisch, vergleichend, die Morphologie oder Anatomie da- 
gegen,' wie sie hier definirt ist, rein analytisch, nicht vergleichend. Es 
würde mithin auf dem Gebiete der thierischen Biostatik die letztere (die 
Morphologie) der „Zootomie", die erstere (die Systematik) wesentlich der 
„vergleichenden Anatomie" entsprechen. Denn die Verwandtschafts- 
lehre, wie sie Carus hier zeichnet, ist nicht die gewöhnliche Systematik, 
sondern die vergleichende Anatomie in der Form des Systems; 
während die Morphologie oder Anatomie in dem dort bezeichneten Sinne 
die rein analytische Zootomie sein würde, welche die Formen der Thiere 
an sich untersucht, ohne sie vergleichend zusammen zu stellen und ohne sie 
in systematischer Form übersichtlich zu machen. Ein weiterer Unterschied 
zwischen Morphologie und Biotaxie , wie sie thatsächlich einander gegen- 
überstehen, würde nach der Definition von Carus darin bestehen, dass die 
Systematik sich mit einer oberflächlichen Erkenntniss des innern Baues 
begnügt, und vorzugsweise die äusseren Formen vergleicht, während die 
Anatomie den inneren Bau gründlich untersucht und der äusseren Form 
nur eine beiläufige Berücksichtigung schenkt. Dieser Unterschied hat 
sich allerdings in der Praxis zwischen Systematik und Morphologie heraus- 
gebildet; er beruht aber auf einer fehlerhaften und leichtfertigen Methode 
beider Disciplinen. Wenn die Systematik die wirklichen natürlichen Ver- 
wandtschafts-Verhältnisse der Organismen vollständig erkennen will, so be- 
darf sie der vollständigsten morphologischen Kenntnisse der inneren sowohl, 
als der äusseren Form -Verhältnisse. Die Anatomie ist dann also nur ein 
Theil der Systematik. Umgekehrt, wenn die Anatomie vollständige Morpho- 
logie der Organismen sein will, so muss sie nothwendig neben dem inneren 

3* 



36 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

Bau ganz ebenso die äussere Form, und zwar vergleichend berücksichtigen, 
und wenn sie die so erworbenen Kenntnisse in kürzester Form zusammen- 
lassen, und übersichtlich darstellen will, so muss sie sich dazu der Forap 
des Systems bedienen. Die Systematik ist dann also nur die allumfassende 
Anatomie der Organismen in Form eines Specitications-Systems. 

Wir haben hier absichtlich als Beispiel einer irrigen Auffassung des 
Verhältnisses der Systematik zur Morphologie die Definition von Victor 
Carus gewählt, weil dieser Morphologe sehr hoch über den meisten Anderen 
steht, und sich sonst besonders durch richtige Autfassung allgemeiner der- 
artiger Beziehungen auszeichnet. Auch beweist sein „System der thierischeu 
Morphologie" selbst, dass er diese Wissenschaft nicht in dem engen Sinne 
seiner Definition als „Erkenntniss der Form an sich" auffasst, sondern 
ihr das höhere Ziel einer wirklichen vergleichenden Verwandtschaftslehre 
steckt, wenn auch nicht in systematischer Form. Noch weit irriger, un- 
klarer und dunkler sind aber die Vorstellungen, welche die ineisten anderen 
Morphologen über den Werth und die gegenseitigen Beziehungen der Morpho- 
logie und ihrer einzelnen Zweige zur Systematik hegen. Wie überhaupt 
Ziel und Aufgabe der Morphologie und der einzelnen ihr untergeordneten 
Disciplineu meist gänzlich verkannt wird, und wie die wechselseitigen Be- 
ziehungen der Organologie und Anatomie , der Zootomie und vergleichen- 
den Anatomie, in der verschiedenartigsten Weise betrachtet werden, so ist 
ganz besonders das Verhältuiss der Morphologie zur Systematik von den 
verschiedenen Autoren in so gänzlich verschiedenem Sinne aufgefasst wor- 
den, dass es uns unerlässlich erscheint, diejenige bestimmte Auffassung 
dieses Verhältnisses, welche wir für die allein richtige halten, an diesem 
Orte ausführlich zu begründen. ') 



') Es gilt hier von der Systematik dasselbe , was leider von so vielen Ar- 
beiten auf den anderen oben genannten Gebieten behauptet werden muss. Mit wie 
vielen „vergleichend anatomischen" und ,,comparativ morphologischen" Arbeiten 
hat uns die neuere Zeit beschenkt, in denen kaum eine Spur von ,, Vergleichung" 
zu entdecken ist! Wie viele „anatomische" und „zootomisehe" Monographieen 
lassen in ihrer Untersuchung die wesentlichsten morphologischen Beziehungen, 
z. B. die äusseren Form- Verhältnisse, ganz ausser Acht! Wie viele „morpholo- 
gische" Untersuchungen erscheinen nicht, die weder von Logik, noch von Logos 
die Spur an sich tragen; und in denen man den ).öynq ebenso wenig erblicken 
kann , als in den descriptiven „systematischen" Arbeiten auf dem Gebiete der 
Ornithographie, Entomographie, Malakogr aphie etc., die sich allerdings 
mit dem Namen der Ornithologie, Entomologie, Malakologie u. s. w. brüsten. 
Die Form des Systems, welche zunächst eben nur die übersichtlichste und be- 
quemste Darstellungsform der complicirten verwandtschaftlichen Beziehungen 
der Organismen sein soll, ist an sich das Ziel der Bestrebungen und der End- 
zweck der Morphologie geworden, während der Inhalt selbst dabei in der ober- 
flächlichsten Weise vernachlässigt worden ist. Nach unserer Ansicht kann aller- 
dings das System wirklich als der höchste Zweck der Wissenschaft hingestellt 
werden; dann muss es aber nach Inhalt und Form gleich vollendet sein. Der 
Inhalt muss durch die Form des Systems nur seinen übersichtlichsten und kür- 
zesten Ausdruck finden. 



III. Anatomie und Systematik. 37 

Die Systeme' der Organismen, deren Construction gewöhnlich 
als die Hauptaufgabe der sogenannten Systematik hingestellt wird, und 
welche einen so grossen Bestandtheil der zoologischen und botanischen 
Literatur ausmachen, führen uns die verschiedenen Formen der Or- 
ganismen in einer übersichtlich geordneten Reihenfolge vor, indem sie 
dieselben specificiren oder classificiren, indem sie nach dem grösseren 
oder geringeren Grade der Verwandtschaft, d. h. der Formähnlichkeit, 
die verwandten oder ähnlichen Formen in kleinere und grössere Grup- 
pen ordnen. Welchen Werth und welche Bedeutung diese Gruppen- 
bildung oder die Specification hat, wird im sechsten Buche ausführlich 
auseinander gesetzt werden. 

Bekanntlich werden diese zoologischen und botanischen Systeme 
allgemein in natürliche und künstliche Systeme eingetheilt, und 
der Unterschied dieser beiden Classifications-Weisen gewöhnlich dahin 
bestimmt, dass die ersteren die organischen Formen im Ganzen ver- 
gleichend betrachten und demnach aus der Gesammtheit aller ihrer 
morphologischen Eigentümlichkeiten sich ein Bild von ihrem ver- 
wandtschaftlichen Zusammenhange machen, während dagegen die künst- 
lichen Systeme nur ein einziges oder einige wenige Merkmale der 
Formen herausnehmen und diese als Classifications- Basis benutzen. 
Dass diese letzteren keinen wissenschaftlichen Werth haben, und ledig- 
lich zum analytischen Bestimmen, zur speciellen Orientirung in dem 
Chaos der mannichfaltigen Gestalten dienen können, liegt auf der Haud 
und wird allgemein anerkannt. Ueber Werth und Bedeutung des so- 
genannten natürlichen Systems dagegen wurden früher und noch heut- 
zutage die verschiedensten Ansichten laut. Nach der Ansicht der 
Einen giebt es ein natürliches System, nach der Ansicht Anderer 
mehrere; noch Andere aber leugnen seine reale Existenz völlig. 
Ohne auf diese sehr verschiedenen Ansichten und auf die sehr weit- 
läufigen und oft höchst seltsamen Streitigkeiten, welche über diese 
Frage geführt worden sind, Hier einzugehen, wollen wir nur ganz 
kurz unsere eigene Ansicht von der Bedeutung des natürlichen Sy- 
stems darlegen, welche unten im sechsten Buche noch näher begrün- 
det werden soll. 

Nach unserer Ansicht giebt es ein natürliches System der 
Organismen, und dies System ist der natürliche Stammbaum der 
Organismen, welcher uns den realen verwandtschaftlichen Zusam- 
menhang, die Blutsverwandtschaft zwischen allen Organismen enthüllt, 
die ursprünglich von einer und derselben Stammform abstammen. 
Indem nun das natürliche System zahlreiche engere und weitere über 
und neben einander geordnete Gruppen bildet, indem es die zahl- 
reichen verwandten Formen classificirt, drückt es durch die Einreihung 
der einzelnen verwandten Formen in diese Gruppen den verschiedenen 



38 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

Grad der Verwandtschaft in der kürzesten und übersichtlichsten Form 
aus und gewährt uns auf dem engsten Räume den klarsten Einblick 
in die verwickelten Beziehungen jenes Stammbaumes. Dasselbe also, 
was die Morphologie in allen Einzelnheiten ausführlich begründet, was 
sie als ,, vergleichende Anatomie" durch ausgedehnte synthetische 
Untersuchungsreihen nachweist, was sie als comparative „Embryo- 
logie" durch die Uebereinstimmung der individuellen Entwickelungs- 
geschichten, als Palaeontologie durch die parallelen Entwiekelungs- 
reihen der Stämme nachweist, dasselbe soll uns das wahre natürliche 
System auf dem engsten Räume in der kürzesten, übersichtlichsten und 
klarsten Form auf einen Blick enthüllen. Das natürliche System der 
Organismen verhält sich demgemäss nach unserer Anschauung zur ge- 
sammten Morphologie, wie der Stammbaum einer alten preussischen 
Adels-Familie oder einer arabischen Pferde-Familie, der in Form einer 
einzigen übersichtlichen Stammtafel das gesammte historische Ver- 
wandtschafts-Verhältniss derselben enthüllt, sich zu ihrer ausführlichen 
Familien-Chronik sammt speciellen Biographieen aller einzelnen Indi- 
viduen verhält. 

Freilich sind dann von unserem Standpunkte aus ganz andere An- 
forderungen an das natürliche System zu machen, als die meisten der- 
artigen Systeme bisher erfüllt haben. Wir verlangen als Grundlage 
jedes wirklich natürlichen Systems die ausgedehnteste Berücksichtigung 
sämmtlicher morphologischer Verhältnisse der betreffenden Organismen- 
gruppe. Wir verlangen gleichmässig eingehende und sorgfältige Be- 
rücksichtigung aller inneren und äusseren Formverhältnisse, der gröberen 
und feineren Structur, gleichmässig vollständiges und übersichtliches 
Eingehen auf alle embryologischen und palaeontologischen Verhältnisse 
der betreffenden Gruppe, auf alle Entwickelungsreihen der physiologi- 
schen und der genealogischen Individuen. Während nun so das na- 
türliche System alle verschiedenen morphologischen Verhältnisse der 
Organismen in der kürzesten, klarsten und übersichtlichsten Weise auf 
dem engsten Raum darstellen soll, wird doch durch diese übersicht- 
liche Darstellung selbst ein Verhältniss vor allen bedeutend in den 
Vordergrund treten, welches gewissermaassen der concentrirte Extract 
aller vergleichenden Morphologie ist: das verschiedene Verwandt- 
schafts-Verhältniss aller Formen, die von einer und der- 
selben Stammform abstammen. Wenn das natürliche System die 
von uns gestellten Anforderungen erfüllt, so wird es dann von selbst 
zur natürlichen „Verwandtschaftslehre" oder Genealogie der 
Organismen. Wir werden aber desshalb keineswegs genöthigt sein, 
einen besonderen Wissenschaftszweig für diese Disciplin zu begründen. 
Vielmehr ist diese genealogische Systematik dann der wesentlichste 
Kern der gesammten Morphologie der Organismen selbst. 



III. Anatomie und Systematik. 39 

Wenn diese unsere Auffassung richtig ist — und wir können nicht 
daran zweifeln so können wir nicht länger die Systematik als eine 
besondere Wissenschaft neben der Morphologie fortfuhren, oder sie als 
einen besonderen Zweig derselben betrachten. Es ist dann vielmehr 
die Systematik der concentrirte Extract aller Resultate der gesammten 
Morphologie selbst; es ist lediglich die übersichtliche und compacte 
Darstellungsform, welche die Systematik auszeichnet, während 
der Morphologie die Aufsuchung und Begründung, die Erklärung und 
specielle Betrachtung aller der einzelnen morphologischen Verhältnisse 
anheimfällt, über welche uns das System gewissermassen ein übersicht- 
lich nach der Blutsverwandtschhft geordnetes Sach- und Namen- 
Register liefert. - 

Die Kluft, welche diese unsere Auffassnng des Verhältnisses der 
Systematik zur Morphologie von den gewöhnlichen Ansichten der 
Systematiker trennt, ist freilich gross. Wir können aber in der Syste- 
matik, soll sie überhaupt eine wissenschaftliche Aufgabe verfolgen, 
und nicht blosse Spielerei zur Gemüths- und Augen-Ergötzung sein, 
nichts Anderes — und, sagen wir, nichts Geringeres — finden, als die sy- 
stematische Darstellungsform der gesammten Morphologie selbst. Die 
sogenannte Systematik der Thiere und Pflanzen ist die concentrirte 
Morphologie der Organismen im knappen systematischen Gewände. 

Freilich sind die allermeisten Systeme unserer Zeit noch sehr weit 
entfernt davon, dieser Anforderung sich auch nur zu nähern. Da fin- 
den wir Hunderte und Tausende von einzelnen Formen beschrieben, 
die man ganz willkührlich als „Species" bezeichnet. Diese werden 
kurz mit ihren unterscheidenden Characteren aufgeführt, und dann die 
nächstverwandten Arten in eine Gattung, die verwandten Gattungen in 
eine Familie zusammengestellt u. s. w. Je höher wir in den Kate- 
gorieen des Systems hinaufsteigen, desto kürzer und unvollkommener 
wird meist ihre Charakteristik, während diese gerade bei den höheren 
und umfassenderen Kategorieen (Klasse, Ordnung etc.) am ausführlich- 
sten und vollständigsten alle wesentlichen Charactere kurz hervorheben 
sollte. Gewöhnlich wird aber diese Hauptaufgabe der Systematik, 
namentlich die Begründung der Blutsverwandtschafts-Verhältnisse, voll- 
kommen über der ganz untergeordneten Aufgabe der Species - Unter- 
scheidung übersehen. *) 



l ) Die noch fast überall verbreitete Verkennung dieser eigentlichen hohen 
Aufgabe des Systems lässt sich nur durch die mangelhafte allgemein-morpholo- 
gische Bildung und durch den gänzlichen Mangel an Uebersicht der Morphologie 
erklären, der die meisten Systematiker auszeichnet. In der That sieht die grosse 
Mehrzahl, wie das Sprichwort sagt, „den Wald vor lauter Bäumen nicht." Wie 
Schnecken oder flügellose Insecten-Larven kriechen sie unter der Einde und auf den 
einzelnen Blättern der Bäume umher, aus deren Verwandtschafts-Beziehungen sie die 



40 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

Die gegenwärtig leider noch fast allgemein herrschende syste- 
matische Kleinigkeitskrämerei und Speciesfabrication verhält sich zur 
Systematik der Zukunft, deren Aufgabe wir hier formuliren, ungefähr 
so, wie etwa die Statistik einzelner Staaten, die Chronikschreiberei 
einzelner Städte und die Biographie einzelner Menschen zu der Völker- 
geschichte (oder sogenannten Weltgeschichte), welche die Aufgabe des 
Historikers ist. Wie der Historiker den gesetzmässigen Zusammen- 
hang in der Masse der einzelnen Erscheinungen erfassen und aus den 
Biographieen der einzelnen hervorragenden Individuen, den Chroniken 
der Städte und den Statistiken der Staaten sich das Bild der Völker 
und die Entwickelungsgeschichte der Nationen construiren soll, so soll 
der Systematiker als wirklicher vergleichender Morphologe aus der 
Kenntniss der Species sich das Bild der Klasse, und aus der Ent- 
wickelungsgeschichte der Arten diejenige der Stämme construiren. Die 
Geschichtstabellen des Historikers sollen dasselbe für die Völkerge- 
schichte, wie das morphologische System für die Geschichte der Or- 
ganismen leisten. 

Die Anatomie haben wir bereits oben als die Lehre von der 
vollendeten Form der Organismen definirt und sie als solche 
der coordinirten Morphogenie oder Entwickelungsgeschichte entgegen- 
gesetzt, welche die Lehre von der werdenden Form der Organismen 
ist. Wenn man die Entwickelungs-Geschichte, wie es streng genommen 
bei vollkommener Erkenntniss ihrer Gesetze der Fall sein mttsste, von 
der Morphologie trennen und als dynamische Disciplin zur Physio- 
logie hinüberstellen wollte, so würde die Anatomie (im weitesten Sinne) 
als alleiniger Inhalt der Morphologie übrig bleiben und würden mit- 
hin diese beiden Begriffe zusammenfallen. 

Welches Verhältniss die Anatomie im Ganzen zur Systematik hat, 
der man sie so häufig als eine besondere coordinirte Disciplin gegen- 
überstellt, wird aus dem Vorhergehenden klar geworden sein. Es ist 
hier nur nochmals ausdrücklich zu wiederholen, dass die Anatomie 
die gesammte vollendete Form des Organismus (d. h. äussere Ge- 
stalt und innere Stmctur-Verhältnisse) zu betrachten hat, und dass es 
auf einer vollkommen schiefen Auflassung beruht, wenn man, wie es 



Kategorieen ihres Systems bilden sollten. Wie viele Morphologen (sowohl Anato- 
men als Systematiker) giebt es nicht, die ihre Lebtage nicht von einem* solchen 
Blatte heruntergekommen, die niemals unter der Baumrinde hervorgekrochen sind, 
und die dennoch in dem Wahne arbeiten, eine vollkommene Uebersicht des gan- 
zen Baumes nicht nur, sondern des ganzen Waldes zu haben! Diese Uebersicht 
kann nur das vollendete Insect sich erwerben, welches den flügellosen Larvenzu- 
staud überwunden, die Puppenhülle abgestreift und sich mittelst seiner Flügel 
über den engen Bezirk der Einzelbetrachtung erhoben hat, auf welche es im flü- 
gellosen Zustande allein beschrankt war. 



ITT. Anatomie und Systematik. 41 

sehr häufig geschieht, der Anatomie bloss die Untersuchung des 
inneren Organismus, der Systematik dagegen die Darstellung der 
äusseren Form desselben zuweisen will. Aeussere Gestalt und innere 
Structur und Zusammensetzung sind so unzertrennlich verbunden, dass 
jede gesonderte Betrachtung des Einen und des Anderen nur zu einer 
unvollständigen und daher fehlerhaften Erkenntniss des Organismus 
führen kann. Beide fallen gleichmässig der Anatomie und der Syste- 
matik anheim, und die letztere soll nur das Wichtigste desjenigen in 
kürzester übersichtlicher Form darstellen, was die erstere auf ihrem 
langen mühsamen Wege im Einzelnen alles gewonnen und ausführlich 
bewiesen hat. 

Wollen wir den üblichen Unterschied von Anatomen und Systematikern, 
der in der zoologischen und botanischen Praxis so vielfach gebraucht wird, 
festhalten, so können wir nur sagen: der „reine Systematiker" begnügt sich 
mit der oberflächlichsten Erkenntniss der Organismen und legt allen Werth 
auf möglichst extensive (und möglichst wenig intensive!) Kenntniss zahl- 
reicher verschiedener Formen und ihrer äusserlich unterscheidenden Charak- 
tere. Er versteht wenig oder nichts von den wesentlichsten und den für 
die Erkenntniss der Verwandtschaft wichtigsten (inneren) Form-Verhältnissen. 
Der „reine Anatom" dagegeu legt auf letztere mit Recht den Hauptwerth, 
kommt dadurch der Erkenntniss der wahren Blutsverwandtschaft der Or- 
ganismen viel näher und nähert sich beim Aufbau eines Systems viel mehr 
dem natürlichen Systeme, als es der eigentliche Systematiker thut, der nur 
die äusseren, viel minder wichtigen Charactere benutzt. Die letzteren sind 
viel unzuverlässiger, weil sie grossentheils nur durch Anpassung erworben 
sind, während die inneren oder anatomischen Charactere weniger durch An- 
passung verändert sind, und daher den erblichen Character des gemein- 
samen Stammes in weit höherem Grade, als die äusseren Körperformen beibe- 
halten haben. Dagegen verliert der exclusive reine Anatom, welcher die 
Systematik vernachlässigt, dadurch den Ueberblick der unendlichen Fornien- 
Mannichlältigkeit, welche durch das innere Band der Verwandtschaft zu 
einem harmonischen Ganzen geordnet wird, und die Genealogie der Or- 
ganismen, die Phylogenie oder Entwicklungsgeschichte der Stämme (Phyla) 
bleibt ihm verschlossen. 

Wenn bei den höheren Thieren, insbesondere bei den Wirbel-, Glie- 
der- und Weichthieren der übliche Sprachgebrauch noch einigermaassen 
im Stande ist, die Systematik als „Betrachtung der äusseren Körper- 
form" von der Anatomie als „Betrachtung des inneren Körperbaues" 
zu unterscheiden, so ist dagegen diese Unterscheidung bei den meisten 
niederen Thieren, ebenso wie bei den meisten Pflanzen, ganz unmöglich. 
Bei allen rein mikroskopischen Organismen, sowie bei allen vollkommen 
durchsichtigen Thieren fällt 'von selbst die Betrachtung des inneren und 
äusseren Organismus zusammen. Hier ist eine Anatomie im eigentlichen 
Sinne des Worts, eine Zergliederungskunde, in den meisten Fällen weder 
nöthig, noch überhaupt nur möglich. Wo, wie bei den meisten Coelenteraten 



42 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete AYissenschaften. 

nnd den meisten Phanerogamen, die Organentwickelung vorwiegend äusser- 
lich ist und an der Oberfläche des Körpers stattfindet, da ist eine Unter- 
suchung des inneren feinen Baues für die organologische (nicht histologische) 
Erkenntniss durchaus überflüssig. Aus diesem Grunde hat denn auch bei 
den Botanikern der Begriff der „Anatomie " die Bedeutung der „Histo- 
logie" gewonnen, während sie die „eigentliche Morphologie," d. h. 
die auf die äussere Form beschränkt bleibende Organologie jener inneren 
„Anatomie" (die sich aber bloss mit den Geweben, nicht mit den Organen 
beschäftigt) gegenüberstellen. So gelangt z. B. Schieiden zu dem Aus- 
spruche, dass, wenn man das Wort Anatomie in seiner eigentlichen, ur- 
sprünglichen Bedeutung nimmt, es gar keine Pflanzenanatomie giebt, oder 
doch nur höchstens bei den Fortpflanzungsorganen einiger weniger Pflan- 
zen. „Wenn wir aber Anatomie als die Lehre von den Organen 
ansehen, so wird dieselbe Wissenschaft bei den Thieren vorzugsweise 
eine Untersuchung des Inneren (Anatomie), bei den Pflanzen eine Be- 
trachtung des Aeusseren (Morphologie)." Indess lässt sich diese Unter- 
scheidung durchaus nicht streng durchführen. Wir dürften sonst auch bei 
den meisten Coelenteraten und insbesondere bei den Anthozoen und Hydroid- 
polypen nicht von Anatomie reden, ebenso nicht bei den meisten Protisten etc. 
Es ist allerdings richtig, dass, wenn wir unter Anatomie nicht bloss die 
durch Zergliederung, mit Messer und Pincette erworbenen Kenntnisse, son- 
dern die Gesammtwissenschaft von der vollendeten Form (äusseren Gestalt 
und innerem Bau) des Organismus verstehen, die ursprüngliche Bedeutung 
des Worts als „ Zergliederungskunde " verloren geht. Allein mit wie 
unendlich vielen anderen Begriffen ist es ganz derselbe Fall! Brauchen 
wir ja doch die allermeisten wissenschaftlichen Begriffe nicht in ihrer ur- 
sprünglichen und eigentlichen, sondern in einer abgeleiteten und metaphori- 
schen Bedeutung! So hat sich z. B. der Begriff der Physiologie, der 
ursprünglich mit Biologie identisch war, gegenwärtig bedeutend durch die 
fortschreitende Arbeitstheilung in der wissenschaftlichen Praxis verengt. 
Umgekehrt hat sich in der letzteren thatsächlich der Begriff der Anatomie 
immer mehr erweitert, und wir dürfen, wenn wir den Begriff bestimmt um- 
schreiben und uns dabei an die gegebenen Verhältnisse möglichst anlehnen 
wollen, unter Anatomie nichts Anderes verstehen, als die gesammte Wis- 
senschaft von der vollendeten (inneren und äusseren) Form der Organismen. 
Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob wir dabei zergliedernd, oder ledig- 
lich beobachtend in das Geheimniss des inneren Baues eindringen, ob wir 
dabei Messer und Pincette, oder bloss Auge und Mikroskop verwenden. 

IV. Organologie und Histologie. 

Um unsere Eintheilung- der Anatomie in Tectologie und Promorpho- 
logie zu rechtfertigen, ist es uöthig, die Unbrauchbarkeit und Unvoll- 
ständigkeit der bisher üblichen Eintheilung der Anatomie nachzuweisen. 
Wir können daher hier eine kurze Erörterung der letzteren nicht um- 
gehen. 



IV. Organologie und Histologie. 43 

Wie schon bemerkt, ist die Eintheilung der Anatomie in unter- 
geordnete Disciplinen, ebenso wie ihr Begriff selbst, auf den verschie- 
denartigen Gebieten der Biologie und von den verschiedenen Autoren 
in sehr abweichender und mannichfaltiger Weise aufgefasst worden. 
Als die wichtigsten und allgemein gültigsten Ansichten dieser Verhält- 
nisse dürfen wohl in erster Linie Anspruch auf Beachtung die ana- 
tomischen Behandlungsweisen desjenigeu Organismus machen, der am 
genauesten von allen untersucht und der am längsten Gegenstand 
anatomischer Forschungen gewesen ist, die Anatomie des Menschen 
selbst. 

Die Anatomie des Menschen, welche in der That nach dem ge- 
wöhnlichen Sprachgebrauch vollkommen dem Begriffe der Anatomie 
entspricht, wie wir ihn als „die gesammte Formenlehre des vollende- 
ten Organismus" hingestellt haben, wird von den verschiedenen An- 
thropotomen selbst wieder in sehr abweichender Weise in unterge- 
ordnete Disciplinen eingetheilt. Viele von diesen Disciplinen sind gar 
keine Wissenschaften, sondern Künste, so z. B. die sogenannte praktische 
Anatomie, die topographische Anatomie, die chirurgische Anatomie, die 
plastische Anatomie. Andere von diesen Disciplinen behandeln die 
Lehre von den Formen des Organismus, wie sie sich- unter bestimmten 
Bedingungen modificirt haben, so z. B. die pathologische Anatomie. 
Alle diese Zweige der menschlichen Anatomie kommen natürlich hier 
nicht in Betracht; ebenso sehen wir von den seltsamen Einteilungen 
älterer Anatomen ab. 

Die wissenschaftliche Anatomie des Menschen, die sogenannte 
„normale Anatomie," wird von den meisten Anthropotomen in zwei 
Hauptzweige eingetheilt, die Anatomie der Organe und die Anatomie 
der Elementartheile. Letztere wird gewöhnlich als Histologie, er- 
stere oft als Organologie bezeichnet. Beide Wissenschaften unter- 
suchen die gesammten Formqualitäten von bestimmten Formbestand- 
theilen des Körpers, also ihre äussere Gestalt und inneren Bau, ihre 
gegenseitige Lagerung und Verbindungsweise, ihre Grösse und Farbe, 
ihre Zusammensetzung aus untergeordneten Formbestandtheilen u. s. w. 
Die Histologie untersucht in allen diesen Beziehungen die feineren 
und kleineren, dem blossen Auge meist nicht wahrnehmbaren Formbe- 
standtheile oder die sogenannten Elementartheile (Zellen und Zellen- 
derivate) und die aus ihnen zunächst zusammengesetzten „Gewebe;" 
die Organologie dagegen beschäftigt sich in allen genannten Bezie- 
hungen mit den sogenannten „gröberen" und grösseren Formbestand- 
theilen, welche aus jenen zusammengesetzt sind und welche man all- 
gemein als „Organe, Organ - Systeme , Organ - Apparate " u. s. w. zu- 
sammenfasst. Die Histologie oder Gewebelehre wird auch häufig 
sehr unpassend mit dem Namen der „allgemeinen Anatomie" oder der 



44 Emtheil.üng der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

..mikroskopischen Anatomie" bezeichnet. Die Organologie oder Or- 
ganlehre wird ihr unter dein ebenso unpassenden Namen der „beson- 
deren oder speciellen," der beschreibenden oder descriptiven, oder der 
systematischen Anatomie (letzteres im Gegensatz zur ..topographischen'' 
Anatomie) entgegengesezt. 

Der Unterschied, worauf man diese fast allgemein übliche Einthei- 
lung der Anatomie in die Organologie und Histologie gründet, liegt 
also weder in der verschiedenen Behandlungsmethode des Anatomen, 
noch in den verschiedenen Qualitäten oder Beziehungen des einzelnen 
an sich betrachteten Formbestandtheiles des Körpers, sondern in dem 
differenten Verhalten der verschiedenen Formbestandtheile zu einander 
und zum ganzen Körper. Es ist der qualitative Unterschied der „Ge- 
webe" und „Elementartheile" von den „Organen," worauf jene Unter- 
scheidung basirt, und nicht etwa der Unterschied der verschiedenen 
Beziehungen und Eigenschaften, welche das einzelne Organ oder der 
einzelne Elementartheil oder das einzelne Gewebe an sich zeigt. 

Beiderlei Formbestandtheile des Organismus, die gröberen und 
zusammengesetzteren oder Organe, und die feineren und einfacheren oder 
Elementartheile und Gewebe, gehören zu denjenigen räumlich abge- 
schlossenen Formeinheiten, welche wir oben als „Individuen verschie- 
dener Ordnung'' bezeichnet haben. Die übliche Eintheilung der Ana- 
tomie in die Organologie und Histologie würde nun haltbar und logisch 
richtig sein, wenn die Organe und die Elementartheile die einzigen 
derartigen Individuen verschiedener Ordnung wären, welche den Orga- 
nismus zusammensetzen. Nun haben wir aber, wie im dritten Buche 
gezeigt werden wird, nicht diese zwei, sondern sechs verschiedene 
Ordnungen von Individuen zu unterscheiden, welche das complicirte 
Gebäude des Organismus zusammensetzen. Diese sechs Ordnungen 
von subordinirten Individuen sind: 1. die Piastiden (Cytoden und 
Zellen) oder die sogenannten „Elementartheile;" 2. die Organe (selbst, 
wieder verschiedener Ordnung: Zellenstöcke, einfache und zusammen- 
gesetzte Organe, Organ-Systeme, Organ- Apparate) ; 3. die Antimeren 
oder Gegenstücke, oder homotypischen Theile; 4. die Metameren oder 
Folgestücke, oder homodynamen Theile; 5. die Personen oder Proso- 
pen, oder Individuen im engeren Sinne; 6. die Stöcke oder Cormen, 
Colonieen etc. 

Will man nun die qualitativen Unterschiede, welche zwischen die- 
sen Individuen verschiedener Ordnung herrschen, zur Eintheilungs- 
basis der Anatomie machen, so wird man nicht nur die üblichen zwei 
Diseiplinen der Histologie und Organologie, sondern man wird deren 
sechs verschiedene unterscheiden müssen. Jede dieser Wissenschaften 
wird zur Aufgabe die gesammte Formenlehre der Individuen einer 



IV. Organologie und Histologie. 45 

und derselben Ordnung- haben. Die Aufgaben der sechs DiscipHinen 
würden in folgender Weise zu bestimmen sein: 

1. Histologie oder Plastidologie, die Anatomie der Piastiden 
(Cytoden und Zellen) oder der „Elementartheile" (die Formenlehre 
der „Zelle" etc.). Diese Wissenschaft würde im Ganzen der gegen- 
wärtig geltenden ..Gewebelehre'" entsprechen, nur dass wir die Behand- 
lung der^sogenannten ..höheren Elementartheile" und der sogenannten 
„zusammengesetzten Gewebe" ausschliessen würden, da diese com- 
plexen Formelemente bereits zu den Organen gehören. 

2. Organologie oder Organlehre, die Anatomie der Organe. 
Da die Organe selbst wiederum sich nach den niederen und höheren 
Graden ihrer Zusammensetzung als Organe von fünf verschiedenen Ord- 
nungen unterscheiden lassen, so würde sich die Organologie weiter 
gliedern in 1 ) die Anatomie der Zellenstöcke oder. Cytocormeu; 2) die 
Anatomie der einfachen oder homoplastischen Organe ; 3) die Anato- 
mie der zusammengesetzten oder heteroplastischen Organe; 4) die Ana- 
tomie der Organ-Systeme; 5) die Anatomie der Organ- Apparate. 

3. Antimerologie oder Homotypenlehre, die Anatomie der 
Antimeren (Gegenstücke) oder homotypischen Theile. Dieser wich- 
tige und selbstständige Zweig der Anatomie ist bis jetzt so gut wie 
gar nicht cultivirt und doch ist er für das tiefere Verständniss der Ge- 
sammtform des Organismus von der grössten Bedeutung. Ist es doch 
lediglich das verschiedenartige Verhältniss der Antimeren zu einander 
und zum Ganzen, welches die allgemeine Grundform, den „strahligen" 
oder „regulären" und „bilateralen" oder „symmetrischen" Bau etc. 
bedingt. 

4. Metamerologie oder Homody namenlehre, die Anatomie der 
Metameren (Folgestücke) oder homodynamen Theile. Auch dieser 
wichtige und selbstständige Zweig der Anatomie ist bis jetzt im höch- 
sten Grade vernachlässigt, und doch ist auch die Bildung der Meta- 
meren für die charakteristischen Gesammtformen der Organismen von 
der allergrössten Bedeutung. Da die Metamerenbildung allein es ist, 
welche die äussere Gliederung der Articulaten und die innere Gliede- 
rung der Vertebraten bestimmt, da auf ihr allein die Bildung der Sten- 
gelglieder bei den Phanerogamen beruht, so bedarf es für die grosse 
Zukunft, welche auch dieser Zweig der Anatomie haben wird, keines 
Beweises. 

5. Prosopologie oder Personenlehre, die Anatomie der Per- 
sonen oder Prosopen, welche man bei den höheren Thieren ge- 
wöhnlich schlechtweg als Individuen bezeichnet. Da bei den letzteren, 
insbesondere bei den Wirbel- und Glieder-Thieren, sowie bei den Echi- 
nodermen, das physiologische Individuum stets in der Form des mor- 
phologischen Individuums fünfter Ordnung oder der Person erscheint, 



46 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete "Wissenschaften. 

so würde dieser Zweig der Anatomie hier Alles zu behandeln haben, 
was sich auf die Form des Organismus als Person bezieht, also die ge- 
sammte äussere Form des Ganzen, seine Zusammensetzung aus den unter- 
geordneten Individuen niederer Ordnung, und insbesondere die Gesetze, 
nach denen die Metameren und Antimeren zur Bildung des Ganzen 
zusammentreten. Da dieser Zweig der Anatomie bei denjenigen Or- 
ganismen, bei denen das physiologische Individuum als Person (nicht 
als Metamer etc.) auftritt, ganz vorzugsweise die äussere Gestalt, und 
die äussere Topographie des Organismus zu berücksichtigen hätte, so 
würde hierher namentlich ein grosser Theil sogenannter Sj^stematik zu 
ziehen sein. 

6. Cormologie oder Stocklehre, die Anatomie der Stöcke 
(Cormen) oder Colonieen. Auch dieser ebenso wichtige als inter- 
essante Zweig der Anatomie ist gleich der Antimerenlehre und der 
Metamerenlehre noch in hohem Grade vernachlässigt, wie sich dies 
schon daraus ergiebt, dass nicht einmal irgend eine technische Bezeich- 
nung für diese drei wichtigen Disciplinen existirt, und dass wir ge- 
zwungen gewesen sind, einen neuen Namen dafür zu bilden. Die 
Cormologie ist natürlich nur bei denjenigen Organismen möglich, 
welche wirklich morphologische Individuen sechsten Grades oder Stöcke 
(Colonieen) bilden, also im Thierreiche nur bei den niederen Thieren, 
insbesondere bei den Coelenteraten; im Pflanzenreiche dagegen, wo 
die Stockbildung so allgemein herrschend ist, bei der grossen Mehr- 
zahl aller Pflanzen. Die Aufgabe der Cormologie würde in der gesamm- 
ten Anatomie der Stöcke bestehen, also in der Untersuchung ihrer äusse- 
ren Gesammtform, und in der Erforschung der Gesetze, nach denen 
die Personen zur Bildung der Stöcke zusammentreten. Aus dem bo- 
tanischen Gebiete würde die Lehre von der Sprossfolge hierher gehören. 

V. Tectologie und Promorphologie. 

Wenn wir so eben als Zweige der Anatomie sechs verschiedene 
Disciplinen unterschieden haben, welche die gesammte Anatomie der 
Individuen von •sechs verschiedenen Ordnungen behandeln, so legten 
wir dabei als Eintheilungsprincip die Unterschiede zu Grunde, welche 
sich zwischen diesen sechs Ordnungen von Individuen wirklich vor- 
finden. Diese Eintheilungsweise der Anatomie besteht insofern zum 
Theil thatsächlich, als zwei der so entstehenden Disciplinen, die Or- 
ganologie und die Histologie, wirklich von den meisten Anatomen 
als die beiden Hauptzweige der Anatomie angesehen werden. Dage- 
gen bestehen die vier anderen, ihnen coordinirten Disciplinen zwar 
zum Theil, unter einem selbstständigen Namen aber noch gar nicht; und 
der Gegenstand, deu sie behandeln, wird entweder ganz vernachlässigt 



V. Tectologie uutl Promorphologie. 47 

(wie die Antimerologie) oder er wird unmerklich in die Organologie 
verflochten (wie die Prosopologie). Will man jenes Emtheilungsprin- 
cip beibehalten und consequent sein, so muss man alle sechs Wissen- 
schaften als coordinirte Hauptzweige der Anatomie betrachten. 

Will man diese sechs anatomischen Disciplinen dann weiter ein- 
theilen, so würde jede derselben in zwei Wissenschaftszweige zerfallen, 
einen tectologischen und einen promorphologischen. Ersterer würde 
die Zusammensetzungsart, letzterer die äussere Gestalt und die Grund- 
form, welche jedem Individuum einer bestimmten Ordnung zum Grunde 
liegt, zu behandeln haben. Nehmen wir z. B. die Organologie, so 
würde der tectologische Theil derselben die Art und Weise zu be- 
schreiben und die Gesetze zu erläutern haben, nach denen das zusam- 
mengesetzte Organ aus den einfacheren, und diese aus den Piastiden 
zusammengesetzt sind. Der promorphologische Theil der Organologie 
würde hieraus die äussere Gestalt des betreffenden Organs erklären 
und die geometrische Grundform desselben aufzusuchen haben. Oder 
nehmen wir, um ein concretes Beispiel zu wählen, die Prosopologie 
eines sogenannten bilateral -symmetrischen Seeigels, z. B. eines Spa- 
tangus oder Clypeaster, so würde der tectologische Theil derselben 
die Zusammensetzung des gesannnten Körpers aus den fünf verschie- 
denen Antimeren und den zahlreichen Metameren zu beschreiben und 
zu erklären haben, wogegen der promorphologische Theil die hieraus 
resultirende äussere Form zu beschreiben und die stereometrische 
Grundform zu erklären hätte, die der letzteren zu Grunde liegt. Oder 
um ein concretes Beispiel aus dem Pflanzenreich hinzuzufügen, so 
würde die Cormologie eines Baumes in einen tectologischen Theil zer- 
fallen, der die Zusammensetzung desselben aus seinen zahlreichen 
Sprossen darzulegen und auf Gesetze zurückzuführen hätte; und in 
einen promorphologischen Theil, welcher die hieraus hervorgehende 
Gesammtform zu untersuchen und auf eine geometrische Grundform zu 
reduciren hätte. 

Wir selbst haben es oben (p. 30) vorgezogen, den Unterschied 
zwischen der Zusamme n setz ungs weise des Organismus aus ver- 
schiedenen Theilen (Ordnungen von Individuen) und der daraus re- 
sultirenden Form (nebst der ihr zu Grunde liegenden geometrischen 
Grundform) als oberstes Eintheilungs-Princip an die Spitze der ge- 
sanimten Anatomie zu stellen, und erst in zweiter Linie die Unter- 
schiede zwischen den Individuen verschiedener Ordnung selbst näher 
in Betracht zu ziehen. Es scheint uns diese Methode desshalb passen- 
der, weil dadurch die einheitliche Betrachtung des vorliegenden Ob- 
jectes besser gewahrt bleibt, und weil es ausserdem nur mittelst die- 
ser Methode möglich ist, die Anatomie aller Organismen gleichmässig 
zu behandeln und einzutheilen. Letzteres ist nicht möglich, wenn man 



48 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

die Anatomie von vorn herein in die sechs soeben besprochenen coor- 
dinirten Zweige spaltet; denn es giebt zahlreiche Organismen, welche 
als physiologische Individuen bloss den morphologischen Werth eines 
Organs oder eines Metamers erhalten, und welche sich niemals zum 
Range einer Person oder eines Stockes erheben. 

Aus diesen Gründen und aus anderen, die sich aus den Betrach- 
tungen des dritten und vierten Buches von selbst ergeben werden, 
benutzen wir also den wichtigen Unterschied zwischen der Zusammen- 
setzungsweise oder Tectonik (Structur) und der hieraus resultirenden 
(inneren und äusseren) Form des Organismus, welcher sich an eine 
geometrische Grundform (Promorphe) anlehnt, als das erste und 
oberste Eintheilungsprincip der Anatomie und unterscheiden demnach, 
wie bereits oben (p. 29) begründet, bei der Anatomie eines jeden Or- 
ganismus als die beiden Hauptzweige die Tectologie oder Structurlehre 
und die Promorphologie oder Grundformenlehre. Die Tectologie 
untersucht gewissermaassen die innere Form des ganzen Organismus, 
d. h. die Gesetze, nach denen der ganze Organismus aus allen Fonu- 
bestandtheilen (oder Individuen verschiedener Ordnung) zusammen- 
gesetzt ist. Die Promorphologie beschreibt und erklärt die äus- 
sere Form des ganzen Organismus und aller seiner einzelnen 
Formbestandtheile (oder Individuen verschiedener Ordnung) an sich, 
und sucht diese Formen auf geometrische Grundformen zurückzu- 
führen. *) 

Wollen wir diese beiden Hauptzweige der Anatomie dann noch 
weiter in untergeordnete Disciplinen zerlegen, so würde dies auf Grund 
der qualitativen Unterschiede der Individuen verschiedener Ordnung 
geschehen können, und wir würden demnach sowohl in der Tectologie 
als in der Promorphologie sechs untergeordnete Wissenschaften zu 
unterscheiden haben, welche den sechs verschiedenen Ordnungen von 
Individuen entsprechen. Welche Aufgabe diesen einzelnen Disciplinen 
speciell zufällt, wird sich aus dem dritten und vierten Buche des vor- 
liegenden Werkes ergeben, welche die Aufgabe und Bedeutung der 
Tectologie und der Promorphologie wissenschaftlich zu begründen su- 
chen. Eine Uebersicht des gegenseitigen Verhältnisses der so entste- 
henden zwölf anatomischen Disciplinen giebt das nachstehende Schema: 



') Diese gesonderte Behandlung der Tectologie und Promorphologie wird 
sich namentlich für die generelle und synthetische Anatomie der gesammten 
Organismen oder einer einzelnen Gruppe empfehlen, wogegen es in der spe- 
cialen und analytischen Anatomie einer einzelnen Gruppe oder eines einzel- 
nen Organismus oft passender sein wird, Tectologie und Promorphologie ver- 
einigt in den p. 45 aufgeführten sechs Disciplinen abzuhandeln. 



V. Tectologie und Proruorphologie. 



49 



Anatomie. 
Gesarnmtwissenschaft von der vollendeten Form der Organismen. 



I. Tectologie oder Baulehre. 
Structur lehre. 



II. Promorphologie oder Grund 
formenlehr e. 



1) Histologie oder Plastidenlehre. 

Formenlehre der Piastiden (Cytoden und Zellen) oder 

Anatomie der Form-Individuen erster Ordnung. 



I. 1) Tectologie der Piastiden. 
Lehre von der formellen inneren Zusam- 
mensetzung der Piastiden, von denForm- 
bestandtheilen, welche im Inneren der Cy- 
toden und Zellen vorkommen. 



II. 1) Promorphologie der 

Pias ti den. 

Lehre von der äusseren Form der Pla- 

stiden und der ihr zu Grunde liegenden 

stereometrischen Grundform. 



2) Organologie oder Organ lehre. 
Formenlehre der Organe, (Zellenstöcke, einfache Organe, zusammengesetzte Or- 
gane, Organ-Systeme, Organ-Apparate) oder 
Anatomie der Form-Individuen zweiter Ordnung. 

II. 2) Promorphologie der Organe. 
Lehre von der äusseren Form der Or- 
gane und der ihr zu Grunde liegenden 
stereometrischen Grundform. 



I. 2) Tectologie der Organe. 
Lehre von der formellen inneren Zusam- 
der Organe aus Plastideu 



mensetzung 



(Cytoden und Zellen) oder Form-Indivi- 
duen erster 



Ordnung. 



3) Antimerologie oder Homo typen lehre. 

Formenlehre der Antimeren (Gegenstücke oder homotypischen Theile) oder 

Anatomie der Form-Individuen dritter Ordnung. 



I. 3) Tectologie der Antimeren. 
Lehre von der formellen inneren Zusam- 
mensetzung der intimeren aus Orgauen 
(Organen verschiedener Ordnung) oder 
Form-Individuen zweiter Ordnung. 



IL 3) Promorphologie der An- 
timeren. 
Lehre von der äusseren Form der Anti- 
meren und der ihr zu Grunde liegenden 
stereometrischen Grundform. 



4) Metamer ologie oder Ho modynamenlehre. 

Formenlehre der Metameren (Folgestücke oder homodynamen Theile) oder 

Anatomie der Form-Individuen vierter Ordnung. 



I. 4) Tectologie der Metameren. 
Lehre von der formellen inneren Zusam- 
mensetzung der Metameren aus Antime- 
ren (Gegenstücken) oder Form-Individuen 



dritter 



Ordnung. 



II. 4) Promorphologie der Me- 
tameren. 
Lehre von der äusseren Form der Me- 
tameren und der ihr zu Grunde liegen- 
den stereometrischen Grundform. 



5) Prosopologie oder Personenlehre. 

Formenlehre der Personen oderProsopeu (Individuen im gewöhnlichen Sinne) oder 

Anatomie der Form-Individuen fünfter Ordnung. 



I. 5) Tectologie der Personen. 
Lehre von der formellen inneren Zusam- 
mensetzung der Personen aus Metameren 
(Folgestücken) oder Form -Individuen 
vierter Ordnung. 



II. 5) P r o m o r p h o 1 o g i e d e r P e r s o n e n. 
Lehre von der äusseren Form der Per- 
sonen und der ihr zu Grunde liegenden 
stereometrischen Grundform. 



6) Cormologie oder Stocklehre. 

Formenlehre der Stöcke oder Cormen (Colonieen) oder 

Anatomie der Form-Individuen sechster Ordnung;. 



I. 6) Tectologie der Stöcke. 
Lehre von der formellen inneren Zusam- 
mensetzung der Stöcke aus Personen 
(Prosopen) oder Form-Individuen fünfter 
Ordnung. 
Haeckel, Generelle Morphologie. 



II. 6) Promorphologie der Stöcke. 
Lehre von der äusseren Form der Stöcke 
und der ihr zu Grunde liegenden stereo- 
metrischen Grundform. 



50 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

VI. Morphogenie oder Entwicklungsgeschichte. 

Unter den vielen Schwierigkeiten, welche die vielfach sehr ver- 
wickelten Beziehungen der einzelnen biologischen Disciplinen, ihre 
mannichfach gekreuzten und unter einander zusammenhängenden Ver- 
kettungen, einer Einreihung in das oben aufgestellte Schema ihrer Spe- 
cification entgegensetzen, ist eine für uns von besonderer Bedeutung. 
Es ist dies das Verhältniss der Entwickelungsgeschichte der Or- 
ganismen oder der Morphogenie einerseits zur statischen, andererseits 
zur dynamischen Biologie. Während nämlich auf der einen Seite die 
Morphogenesis oder Morphogenie als ein Theil der Morphologie an- 
gesehen wird, nehmen sie Andere als eine Disciplin der Physiologie 
in Anspruch. Beide entgegengesetzte Auffassungen lassen sich durch 
triftige Gründe rechtfertigen. 

Vom Standpunkte der oben gegebenen Eintheilung der Biologie 
streng theoretisch betrachtet, könnte es keinem Zweifel zu unterliegen 
scheinen , dass die wissenschaftliche, cl. h. nicht bloss beschreibende, 
sondern auch erklärende Entwickelungsgeschichte eine dynamische 
Disciplin, also ein Theil der Biodynamik oder Physiologie sei, indem 
sie die continuirliche Kette von Bewegungs-Erscheinungen untersucht 
und auf allgemeine Gesetze zurückzuführen strebt, als deren Endresul- 
tat die reife Form des Organismus erscheint. Dies gilt sowohl von 
der Entwickelungsgeschichte der individuellen Organismen oder der 
Embryologie, als von der Entwickelungsgeschichte der Organismen- 
Stämme oder Phylen (Typen), der Palaeontologie. Bei Beiden 
handelt es sich um die Erkenntniss der Beihe von Veränderungen, 
die der Organismus (im ersteren Falle das Individuum, im letzteren der 
Stamm oder Typus) während der Entwickelungsbewegungen durch- 
macht, und es könnte demnach als bewiesen erscheinen, dass die Bio- 
statik, welche sich nur mit dem Organismus im Gleichgewichtszustand 
seiner bewegenden Kräfte zu beschäftigen hat, keinen Anspruch auf 
die Morphogenie erheben dürfe. 

Ganz anders gestaltet sich dagegen die Stellung der Entwickelungs- 
Geschichte in der biologischen Praxis. Gewöhnlich wird sowohl in 
den Lehrvorträgen als in den Lehrbüchern über Physiologie die Mor- 
phogenie entweder gar nicht oder nur ganz beiläufig berücksichtigt; 
fast immer wird sie von den Physiologen den Morphologen überwie- 
sen, die sich mit ebenso grossem Eifer der Entwickelungsgeschichte 
annehmen, als die ersteren sie vernachlässigen. Auch sind fast alle 
unsere Kenntnisse auf dem Gebiete der Biogenie ausschliesslich den 
Bemühungen der Morphologen zu verdanken, während die Physiologen 
fast Nichts dafür gethan haben. 

Diese scheinbare Anomalie ist in sehr verschiedenen Umständen 



VI. Morphogenie oder Entwickelungsgeschichte. 51 

begründet, zunächst darin, dass die Kenntuiss der Formentwickelung 
für das Verständniss der entwickelten Form unerlässlich ist, und dass 
nur die vollständige Erkenntniss der continuirlichen Bewegungen, als 
deren Endproduct die Form erscheint, die Bedeutung der letzteren rich- 
tig zu erfassen gestattet. Für die wissenschaftliche Morphologie ist 
also die Morphogenesis eine nothwendige Vorbedingung, eine wirkliche 
Lebensbedingung. Andererseits hat die Physiologie, wenigstens in dem 
heutigen Stadium ihrer Entwickelung , an der Morphogenie ein unter- 
geordnetes Interesse. Von allen Bewegungs-Erscheinungen des Orga- 
nismus sind ihr diejenigen, welche die Bildung der orgauisirten Form 
veranlassen, verhältnissmässig am Gleichgültigsten. Auf keinem Ge- 
biete der Biologie ist der Zusammenhang von Stoff, Kraft und Form, 
die Abhängigkeit der Form von der Function des Stoffes so wenig 
ersichtlich und so ganz unbekannt, als auf dem der Morphogenie. Da- 
her sind wir hier weiter als irgendwo von dem Ziele der Erklä- 
rung der Form- Veränderungen entfernt, und die gesammte Entwicke- 
lungsgeschichte erscheint daher noch heutzutage so weit von einer gesetz- 
lichen Begründung entfernt, dass sie weit mehr eine descriptive als 
eine erklärende Disciplin ist. Schon aus diesem Grunde haben die 
Physiologen das Feld der Entwicklungsgeschichte fast ganz den Mor- 
phologen überlassen. Dazu kommt noch, dass die Methoden der Un- 
tersuchung auf dem Gebiete der Embryologie und Palaeontologie sehr 
verschieden von denjenigen sind, welche auf den übrigen Gebieten 
der Physiologie vorzugsweise angewendet werden, während die Mor- 
phologen mit diesen Methoden und mit dem ihnen zu unterwerfenden 
Materiale weit besser vertraut sind. 

Aus diesen, durch die biologische Praxis gerechtfertigten Gründen 
wird im gegenwärtigen Stadium unserer wissenschaftlichen Entwicke- 
lung die Morphogenie eine viel nähere Beziehung zur Morphologie, 
für die sie ein Bedürfniss ist, als zur Physiologie, zu der sie eigentlich 
gehört, von der sie aber höchst stiefmütterlich behandelt wird, beibe- 
halten. Und selbst wenn es künftighin der Physiologie gelingen sollte, 
die allgemeinen Gesetze der organischen Form-Entwickelung physio- 
logisch zu erklären, d. h. die Erscheinungsreihen der Morphogenie auf 
chemisch-physikalische Gesetze zurückzuführen; so würde durch diesen 
grossen biologischen Fortschritt doch das innige Verhältniss der Ent- 
wickelungsgeschichte zur Anatomie und ihr Abhängigkeits-Verhältniss 
von der ihr übergeordneten Morphologie keineswegs gelockert werden. 
Vielmehr würde durch diese innigere Verkettung der Morphogenie und 
der Physiologie das jetzt sehr gelockerte Band zwischen der letzteren 
und der Anatomie wieder fester geschlungen werden, und eine ein- 
heitliche biologische Betrachtungsweise der Organismen wieder mehr 
in den Vordergrund treten. 

4* 



52 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

Wenn die Morphogenie diesen höchsten Grad der Vollkommenheit er- 
reicht haben wird (was vorläufig nicht entfernt zu hoffen ist), wenn es ihr 
gelungen sein wird, mit Hülfe der Physiologie die Entwickelungs-Vorgänge 
der Organismen' — und zwar sowohl diejenigen der Individuen (Ontogenese) 
als diejenigen der Stämme (Phylogenese)  — als die nothwendigen Folgen 
des Zusammenwirkens einer Reihe von physikalischen und chemischen Be- 
dingungen nachzuweisen, so wird sich der Streit der Physiologie und der 
Morphologie, ob die Entwicklungsgeschichte zur einen oder zur anderen ge- 
höre, einfach durch ein Beiden gerechtes Urtheil entscheiden lassen, welches 
die Morphogenie in zwei Hälften spaltet. Wir werden dann als zwei coordinirte 
Hauptzweige derEntwickelungsgeschichte eine dynamische oderphysiologische 
und eine statische oder morphologische Entwicklungsgeschichte zu unterschei- 
den haben. Die morphologische oder statische Morphogenie, welche der 
Morphologie anheimfällt, wird dann fernerhin, wie bisher die gesammte Morpho- 
genie, die Aufgabe verfolgen, die verschiedenen Formen, welche bei der Ent- 
wicklung des Organismus — und zwar sowohl des Individuums als des Stam- 
mes , — nach einander auftreten , einzeln aufzusuchen und anatomisch zu 
erklären, den Zusammenhang der zusammengehörigen Formen nachzuweisen 
und daraus die continuirlich-zusammenhängende Formenreihe herzustellen. 
Der physiologischen oder dynamischen Morphogenie dagegen, welche 
zur Physiologie zu rechnen sein würde, miisste die Aufgabe anheimfallen, 
die absolute Notwendigkeit dieser Erscheinungsreihen nachzuweisen, ihre 
physikalisch - chemischen Ursachen aufzusuchen, und die Gesetze zu be- 
stimmen, nach denen der Organismus — und zwar eben sowohl das In- 
dividuum als der Stamm — • eine bestimmte Reihe verschiedener Formen 
durchlaufen m u s s. 

Nun ist aber eine physiologische Entwickelungsgeschichte der Or- 
ganismen in dem so eben geforderten Sinne gegenwärtig noch gänzlich un- 
entwickelt. Ihre Aufgabe, wie wir sie hier formulirt haben, ist kaum ge- 
nannt, geschweige denn ausgeführt, oder auch nur allgemein begonnen. 
Kein Zweig der gesammten Biologie ist in dieser Beziehung noch so weit 
von seinem eigentlichen Ziele entfernt. Die gesammte Morphogenie, wie sie 
gegenwärtig existirt, uiud zwar sowohl die Entwickelungsgeschichte der In- 
dividuen, als der Stämme, denkt noch nicht daran, die physikalischen und 
chemischen Bedingungen der Entwickelungs-Vorgänge zu erforschen, und 
begnügt sich noch vollständig mit der thatsächlichen Feststellung derselben, 
und selbst auf diesem rein morphologischen Gebiete ist sie noch so weit 
zurück, dass wir überall mehr von einzelnen zerrissenen und zusammen- 
hangslosen Skizzen, als von einer zusammenhängenden Geschichte sprechen 
können. Aus diesem Grunde können wir die Entwickelungsgeschichte der 
Organismen, wie sie heute ist, und wie sie voraussichtlich noch sehr lange 
sein wird, als eine rein morphologische Disciplin für uns in Anspruch 
nehmen, und wir sind hierzu um so mehr berechtigt, ja verpflichtet, als die 
Kenntnis« des Werdens der organischen Formen uns allein das Verständ- 
nis« ihres Seins gewährt, und als die Anatomie der Organismen nur durch 
die Wechselwirkung mit der Morphogenie in den Stand gesetzt wird, die 
Bildung der organischen Formen gesetzlich zu erklären. Die Wissenschaft- 



VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen. 53 

liehe Morphologie kann nur durch die innigste gegenseitige Ergänzung und 
Wechselwirkung der Anatomie und der Morphogenie ihr eigentliches Ziel 
erreichen. 

VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen. 

Wir haben im Vorhergehenden den Begriff der Morphogenie oder 
Entwickelungsgeschichte der Organismen in seinem weitesten Sinne 
gefasst, indem wir die Gesammtwissenschaft von den werdenden Or- 
ganismen darunter verstanden. In dem gewöhnlichen Sinne des Worts 
versteht man aber unter Entwickelungsgeschichte nur diejenige der In- 
dividuen oder die sogenannte Embryologie, welche besser als Onto- 
genie bezeichnet wird. Nach unserer eigenen Auffassung ist diese 
Disciplin jedoch nur ein Theil, ein Zweig der Morphogenie und diesem 
steht als anderer coordinirter Hauptzweig der letzteren die Entwicke- 
lungsgeschichte der Stämme (Phyla) oder die Phylogenie gegenüber, 
eine Wissenschaft, deren wesentlichste Grundlage die Palaeontologie 
ist. Entgegen dem gewöhnlichen Sprachgebrauche würden wir also die 
Entwickelungsgeschichte in die beiden Zweige der Embryologie und 
der Palaeontologie zu spalten haben. Wir halten diese beiden Haupt- 
zweige der Morphogenie für nächstverwandte Disciplinen, welche zu 
einander die innigsten und nächsten Beziehungen haben, und welche 
nur durch gemeinsames Zusammenwirken und gegenseitiges Erläutern 
hoffen können, ihr gemeinsames Ziel, eine Erklärung des organischen 
Werdens zu erreichen. Nach der gewöhnlichen biologischen Anschauungs- 
weise sind nun aber die Embryologie und die Palaeontologie ganz 
verschiedenartige und weit von einander entfernte Zweige der Biologie, 
die nichts als das Object des Organismus mit einander gemein haben. 
Wir werden daher unsere entgegengesetzte Anschauung, welche im 
fünften und sechsten Abschnitt ausführlich begründet werden wird, hier 
zunächst dadurch zu erläutern haben, dass wir den Begriff der Em- 
bryologie (Ontogenie) und der Palaeontologie (Phylogenie) nach Um- 
fang und Inhalt scharf bestimmen. 

Die Entwickelungsgeschichte der Individuen oder die Onto- 
genie ist derjenige Hauptzweig der Morphogenie, welcher von der ge- 
wöhnlichen Biologie heutzutage allein als „Entwickelungsgeschichte" 
betrachtet und mit dem unpassenden Namen der Embryologie be- 
legt wird. Wenn der Ausdruck „Embryo" einen bestimmten Be- 
griff bezeichnen soll, so kann darunter, wie unten im sechsten 
Buche gezeigt werden wird, nur „der Organismus innerhalb der 
Ei hüllen" verstanden werden, und die häufig gebrauchte Bezeichnung 
der „freien Embryonen" für gewisse Larvenformen niederer Thiere ist 
eine Contradictio in adjeeto. Sobald der Embryo die Eihüllen durch- 
brochen und verlassen hat, ist er nicht mehr Embryo, sondern ent- 



54 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

weder bereits das Junge oder der jugendliche Organismus selbst 
(wenn er durch blosses Wachsthum zum erwachsenen und geschleehts- 
reifen Organismus wird), oder eine Larve (wenn noch eine Reihe von 
Formveränderungen mit dem Wachsthum verbunden ist), oder eine 
Amme (wenn er mittelbar erst, durch Dazwischentreten einer zweiten 
oder mehrerer Generationen, in die Form des geschlechtsreifen erwach- 
senen Organismus zurückkehrt). Unter Embryologie können wir da- 
her, wenn dieser Ausdruck einen bestimmten Sinn haben soll, nur 
die Wissenschaft von denjenigen Formveränderungen und Formen- 
reihen verstehen, welche der Organismus innerhalb der Eihüllen 
durchläuft. 

Die Bezeichnung „Embryologie" ist der Entwicklungsgeschichte 
der Wirbelthiere entnommen, bei denen fast immer (nur die Amphibien, 
Cyclostomen und einige Fische ausgenommen), sämmtliche wesent- 
liche Formveränderungen des Körpers innerhalb der Eihüllen durch- 
laufen werden. Hier kann daher der Ausdruck Embryologie mit 
einigem Rechte zur Bezeichnung der gesammten Entwickelungsge- 
schichte des Organismus verwandt werden, zumal die späteren oder 
postembryonalen Formveränderungen (z. B. diejenigen, w eiche die 
Senilität einleiten und die Decrescenz begleiten) in der Regel nicht von 
der Morphologie in Betracht gezogen werden (obschon sie es verdien- 
ten). Ganz anders gestaltet sich aber die Bedeutung der Embryologie 
bei den wirbellosen Thieren, bei denen, gleichwie bei den Amphibien, 
Cyclostomen etc. bedeutende Formveränderungen, und zwar häufig 
die grössten und wichtigsten, erst in der Periode des Larvenlebens 
eintreten, wenn der Embryo die Eihüllen verlassen und damit seinen 
embryonalen Character aufgegeben hat. Wollen wir bei diesen Or- 
ganismen, welche also eine „Metamorphose" durchlaufen, für die Er- 
kenntniss der embryonalen Formveränderungen die Bezeichnung der 
Embryologie beibehalten, so können wir diese nur als einen Zweig 
ihrer Entwickelungsgeschichte ansehen, und müssen diesem den anderen 
Zweig der Wissenschaft von den postembryonalen Form Veränderungen 
(Metamorphosen etc.) entgegen setzen ; dieser liesse sich dann passend 
als Metamorphologie (Metamorphosenlehre) oder als Schadonologie ') 
(Larvenlehre) bezeichnen. 

Die gesammte Entwickelungsgeschichte der Individuen würde dem- 
nach in zwei Theile zerfallen, die Embryologie oder Entwickelungs- 
geschichte des Organismus innerhalb der Eihüllen, und die Schadono- 
logie oder Entwickelungsgeschichte des Organismus ausserhalb der 
Eihüllen. Für die gesammte Entwickelungsgeschichte des Individuums, 
welche sich aus diesen beiden Disciplinen zusammensetzt, würden wir, 



') axaihöt', iy, die Larve, besonders die Insecten-Larve (Aristoteles). 



VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen. 55 

da es an einer technischen Bezeichnung für dieselbe gänzlich fehlt, 
den Ausdruck Ontogenesis oder Ontogenie vorschlagen. Onta 1 ) sind 
die concreten Individuen (räumlich abgeschlossene Formeinheiten), welche 
zu einer gegebenen Zeit concretes Object der Betrachtung und der 
Untersuchung sind, und die Onta oder Individuen in diesem Sinne stehen 
gegenüber den Phyla oder Individuen-Stämmen, unter welchen wir die 
abstracte Summe aller durch Blutsverwandtschaft verbundenen con- 
creten Onta verstehen. Hieraus ergiebt sich schon zum Theil, inwie- 
fern wir die Ontogenie der Phylogenie entgegen setzen können. 

Wenn wir unter Onta demgemäss allgemein die organischen In- 
dividuen als selbstständige und räumlich abgeschlossene Formeinheiten 
und unter Ontogenie die Entwickelungsgeschichte dieser Individuen 
verstehen, so drängt sich nun zunächst die Frage auf, zu welcher von 
den oben aufgezählten sechs Ordnungen organischer Individuen diese 
Onten gehören. Hierauf ist zu antworten, dass jede dieser sechs ver- 
schiedenen Individualitäten ihre eigene Entwickelungsgeschichte hat, 
und dass sie demnach alle sechs als Onten betrachtet und so Object 
der Entwickelungsgeschichte oder Ontogenie werden können. Diese 
Wissenschaft würde demgemäss wiederum in sechs untergeordnete 
Disciplinen zerfallen, welche den sechs morphologischen Individuali- 
täten verschiedener Ordnung entsprechen, nämlich: 

1) Ontogenie der Piastiden oder Individuen erster Ordnung. 
Entwickelungsgeschichte der Piastiden (Cytoden und Zellen). Plastido- 
genie. Diese Disciplin, welche noch sehr jugendlichen Alters ist, wird 
gewöhnlich als Histogenie oder Entwickelungsgeschichte der Gewebe 
bezeichnet, und als solche der Histologie (Plastidologie) angefügt. 
Diese Bezeichnung ist aber insofern nicht correct, als ein Theil der 
„Gewebe' 4 bereits zu den Organen oder Individuen zweiter Ordnung 
gehört. 

2) Ontogenie der Organe oder Individuen zweiter Ordnung. 
Entwickelungsgeschichte der Organe verschiedener Ordnung (Zellen- 
stöcke, einfache Organe, zusammengesetzte Organe, Organ -Systeme, 
Organ-Apparate). Diese Wissenschaft bildet den grössten Bestandtheil 
der gewöhnlich so genannten „Embryologie" und wird bisweilen als 
Organogenie den übrigen Theilen derselben und insbesondere der 
Histogenie entgegengesetzt. 

3) Ontogenie der Antimeren oder Individuen dritter Ordnung. 
Entwickelungsgeschichte der Gegenstücke oder homotypischen Theile. 
Antimerogenie. Diese wichtige Disciplin, welche für unser Ver- 
ständniss der Gesammtform der Organismen von der grössten Wichtig- 



') oj't«, t«, die concreten, wirklichen Körper, im Gegensatz zu den abstracten, 
gedachten. 



56 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

keit ist, ist bisher fast gänzlich unbeachtet geblieben und gehört, wie 
die gesammte Antimerologie, der Zukunft an, in der sie sicher eine 
bedeutende Entwickelung erreichen wird. 

4) Ontogenie der Metameren oder Individuen vierter Ord- 
nung. Entwickelungsgeschichte der Folgestücke oder homodynamen 
Theile. Metamerogenie. Diese Wissenschaft, welche in der Ent- 
wickelungsgeschichte aller aus Metameren zusammengesetzten Organis- 
men, der Wirbelthiere, Gliederthiere, Echinodermen, Phanerogamen, 
eine bedeutende Rolle spielt, wird ebenfalls erst in der Zukunft ihre 
volle Würdigung finden. Es gehört hierher z. B. die Lehre von dem 
successiven Auftreten und der Entwickelung der einzelnen Urwirbel 
bei den Wirbelthieren, der Zoniten (Segmente) bei den Gliederthieren, 
der Stengelglieder bei den Phanerogamen. 

5) Ontogenie der Personen oder Individuen fünfter Ordnung. 
Entwickelungsgeschichte der „Individuen" im engsten Sinne, der Pro- 
sopen oder Personen. Prosopogenie. Dieser Zweig der Entwicke- 
kiDgsgeschichte begreift in der Embryologie der Wirbelthiere (welche 
bisher vor allen anderen thierischen Entwicklungsgeschichten sich 
durch planvolle und denkende Behandlung ausgezeichnet hat) den- 
jenigen Theil, welcher gewöhnlich als „Entwickelung der äusseren 
Körperform" bezeichnet wird. Seine Hauptaufgabe ist die Darstellung 
der Entwickelung der Person aus den differenzirten Metameren. 

6) Ontogenie der Stöcke oder Individuen sechster Ordnung. 
Entwickelungsgeschichte der Stöcke (Cormi) oder Colonieen. Cormo- 
genie. Diese Wissenschaft, welche natürlich nur bei denjenigen Or- 
ganismen existirt, bei denen Personen zur Bildung von Stöcken zu- 
sammentreten, würde die Gesetze zu bestimmen haben, nach denen 
dieser Zusammentritt stattfindet. In der Botanik ist diese Disciplin als 
die „Lehre von der Sprossfolge" in hohem Grade entwickelt, auf den 
entsprechenden Gebieten der Zoologie dagegen (z. B. bei den Coelen- 
teraten, deren Stockbildung auf ganz ähnlichen Gesetzen, wie die der 
Phanerogamen beruht) kaum begonnen. 

Die Gesammtsumme der Formen, welche jeder individuelle Organis- 
mus von seiner ersten Entstehung im Ei an bis wieder zur Production 
von Eiern durchläuft, ist von verschiedenen Morphologen (insbesondere 
vonHuxley) als das organische „Individuum" xcct* «^^hingestellt 
worden; eine Auffassung, welche besonders in England vielen Beifall 
gefunden hat. Diese Formenreihe wird bald nur durch ein einziges 
physiologisches Individuum, bald aber (beim Generationswechsel) durch 
eine Mehrzahl von physiologischen Individuen, welche alle einem und 
demselben Ei ihre Entstehung verdanken, rcpräsentirt, Von einem ge- 
wissen Gesichtspunkt aus lässt sich die Auffassung dieser continuirlich 
zusammenhängenden Forruenkette (als eines zeitlichen Individuums) aller- 



VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme. 57 

dings rechtfertigen. Im dritten Buche, wo wir dies näher ausführen 
werden, haben wir diese Individualität als ein „genealogisches Indivi- 
duum erster Ordnung" oder als „Eiproduct" bezeichnet. Die Onto- 
genie könnte daher genauer auch als Entwickelungsgeschichte der 
genealogischen Individuen erster Ordnung oder als Entwickelungs- 
geschichte der Eiproducte bezeichnet werden. 

VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme. 

Der Ontogenie oder der Entwickelungsgeschichte der Individuen 
steht als zweiter coordinirter Hauptzweig der Morphogenese die Phylo- 
genie oder die Entwickelungsgeschichte der Stämme (Phyla) gegen- 
über. Unter einem Stamm oder Phylon verstehen wir, wie schon 
bemerkt, die Summe aller derjenigen Organismen -Formen, 
welche, wie z. B. alle Wirbelthiere oder alle Coelenteraten, von 
einer und derselben Stammform ihren gemeinsamen Ursprung 
ableiten. Diese Stämme lassen sich, wie wir unten im dritten 
Buche zeigen werden, als „genealogische Individuen dritter Ordnung" 
den „Eiproducten" oder genealogischen Individuen erster Ordnung, 
welche Object der Ontogenie sind, entgegenstellen. Die wesentlichste 
Grundlage der Phylogenie, welche demgemäss der Ontogenie nächst 
verwandt ist, bildet die wissenschaftliche Palaeontologie. 

Unter Palaeontologie versteht man gewöhnlich die Wissenschaft 
von den Versteinerungen, welche auch oft mit dem barbarischen Namen 
der „Petrefactologie" belegt wird. Es hat sich diese Disciplin bisher 
in der grössten Abhängigkeit von der Geologie befunden, in deren 
Dienste sie sich überhaupt erst entwickelt hat. Für die Geologie ist 
die Petrefactenkenntniss die notwendigste Grundlage. Denn nur 
mittelst der versteinerten Reste und der in den Erdschichten zurück- 
gelassenen Abdrücke der Organismen, welche unsere Erde in den ver- 
schiedenen Perioden ihrer historischen Entwickelung bevölkerten, ist 
die Geologie im Stande, das relative Alter der verschiedenen Schich- 
tengruppeu und Formationen, welche die Erdrinde bilden, zu erkennen 
und daraus die Geschichte unseres Planeten selbst zu construiren. Wäh- 
rend aber so die Petrefacten als „Leitmuscheln,'' als Denkmünzen, 
welche in den verschiedenen Perioden geprägt sind, für die Geologie 
vom höchsten Werthe sind, ist die historische Entwickelungsgeschichte 
der Organismen, welche sich aus denselben erkennen lässt, für sie nur 
von untergeordnetem Werthe. Es ist dem Geologen und Geognosten 
an sich gleichgültig, welchen verwandtschaftlichen Zusammenhang die 
Organismen-Arten der verschiedenen Erdperioden unter einander be- 
sitzen, und welche Formenreihen auf einander gefolgt sind. Wenn 
die Petrefacten das relative Alter der Schichten, in denen sie sich fin- 



58 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

den, sicher bestimmen, erfüllen sie ihren Zweck für die Geognosie 
und Geologie vollkommen. 

Ganz anders und ungleich bedeutender ist das Interesse, welches 
die Biologie und ganz besonders die Morphologie an den Petrefacten 
haben muss. Sie vergleicht die Formenreihen der ausgestorbenen Or- 
ganismen unter einander und mit den jetzt lebenden, uud entwirft sich 
daraus ein ßild von den ganz verschiedenen Floren und Faunen, 
welche im Verlaufe der Erdgeschichte auf der Oberfläche unseres 
Planeten nach einander erschienen sind. Freilich hatte diese Erkennt- 
niss der ausgestorbenen Organismen für die meisten Palaeontologen 
bisher nur ein ähnliches Interesse, wie die geographische Verbreitung 
der Thiere und Pflanzen in der Jetztzeit noch für die meisten Biologen 
besitzt. Man bewunderte die Mannichfaltigkeit und Seltsamkeit der 
zahlreichen Organismen-Formen, welche in der „Vorzeit" die Erdober- 
fläche belebt haben, man ergötzte sich an der abnormen Entwicklung 
einzelner Theile, an der riesenmässigen Grösse, welche Viele derselben 
zeigten, man beschäftigte seine Phantasie mit der Reconstruction der 
abenteuerlichen und fremdartigen Gestalten, deren Skelete uns allein 
erhalten sind. Aber nur den wenigsten Palaeontologen fiel es ein, 
den Grund und den gesetzlichen Zusammenhang dieser seltsamen Er- 
scheinungsreihen aufzusuchen, die Erkenntniss der Verwandtschaft 
der auf einander folgenden Gestaltenketten anzustreben, und eine zu- 
sammenhängende Entwicklungsgeschichte des Thier- und Pflanzen- 
lebens auf der Erde zu entwerfen. 

Ihre eigentliche Bedeutung konnte freilich die Palaeontologie erst 
gewinnen, seitdem 1859 durch Darwin das Signal zu einer denken- 
den Erforschung und vergleichenden Betrachtung der organischen Ver- 
wandtschaften gegeben war, und seitdem von ihm in der Blutsver- 
wandtschaft zwischen den Thieren und Pflanzen aller Zeiten die 
entscheidende Lösung des „heiligen Ptäthsels" von der Aehnlichkeit 
der verschiedenen Gestalten gefunden war. Die von Darwin neu be- 
gründete Descendenztheorie verknüpft die unendliche Menge der ein- 
zelnen palaeontologischen Thatsachen durch den erleuchtenden Ge- 
danken ihres causalen genealogischen Zusammenhangs und findet dem- 
gemäss in der Palaeontologie die zeitliche Entwicklungsge- 
schichte der Organismen-Reihen. Wie wir im sechsten Buche 
zeigen werden, erlaubt uns die Summe der gesammten jetzt bekannten 
biologischen Thatsachen, und vor Allem die unschätzbare dreifache 
Parallele zwischen der palaeontologischen, embryologischen und syste- 
matischen Entwickelung den sicheren Schluss, dass alle jetzt lebenden 
Organismen und alle diejenigen, die zu irgend einer Zeit auf der Erde 
gelebt haben, die blutsverwandten Nachkommen von einer verhältniss- 
mässig geringen Anzahl spontan entstandener Stammformen sind. Wenn 



VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme. 59 

wir die Summe aller Organismen, welche von einer und derselben 
einfachsten, spontan entstandenen Stammform ihren gemeinschaftlichen 
Ursprung ableiten, als einen organischen Stamm oder Phylon be- 
zeichnen, so können wir demnach die Palaeontologie die Ent- 
wickelungsgeschichte der Stämme oder Phylogenie nennen. 

Allerdings existirt die Palaeontologie in diesem Sinne noch kaum 
als Wissenschaft; und erst nachdem durch Darwin die Abstammungs- 
lehre neu begründet war, haben in den letzten Jahren einige Palaeonto- 
logen angefangen, hier und da den genealogischen Massstab an die 
palaeontologi sehen Entwickelungsreihen anzulegen, und in der Formen- 
Aehnlichkeit der nach einander auftretenden Arten ihre wirkliche Bluts- 
verwandtschaft zu erkennen. Wir können aber nicht daran zweifeln, 
dass dieser kaum erst emporgekeimte Samen sich rasch zu einem ge- 
waltigen Baume entwickeln wird, dessen Krone bald eine ganze Reihe 
von anderen wissenschaftlichen Disciplinen in ihren Schatten aufnehmen 
und überdecken wird. So wird es hoffentlich, um nur eine hieraus 
sich ergebende Perspective zu eröffnen, nicht mehr lange dauern, bis 
der thatsächlich schon theilweis bekannte Stammbaum unseres eigenen 
Geschlechts sich auf dieser Basis neu wird aufrichten lassen. Von 
keinem Stamme der Organismen ist bis jetzt die palaeontologische 
Entwickelungsgeschichte so genau gekannt, als von demjenigen, zu dem 
wir selbst gehören, vom Stamme der Wirbelthiere. Wir wissen, dass 
auf die ältesten, tiefstehenden silurischen Fische vollkommenere folgten, 
aus denen sich die Amphibien hervorbildeten, dass erst weit später die 
höheren Wirbelthiere, die Säugethiere erschienen, und zwar zunächst 
nur didelphe, niedere Beutelthiere, und erst später die monodelphen, 
aus deren affenartigen Formen das Menschengeschlecht selbst sich erst 
sehr spät und allmählig entwickelt hat. Wie anders wird das Studium 
der historischen menschlichen Entwickelung, welche wir mit echt 
menschlichem verblendetem Hochmuthe die „Weltgeschichte" zu 
nennen pflegen, sich gestalten, wenn diese Thatsache erst allgemein 
anerkannt sein wird, und wenn diese Weltgeschichte mit ihren wenigen 
tausend Jahren nur als ein ganz kleiner, winziger Ausläufer von der 
Millionen-Reihe von Jahrtausenden erscheinen wird, innerhalb deren 
unsere Verwandten und unsere Vorfahren, die Wirbelthiere, sich lang- 
sam und allmählig aus niederen Amphioxus ähnlichen Fischen ent- 
wickelt haben, deren gemeinsame Stammwurzel auf eine einfache, spon- 
tan entstandene Plastide zurückzuführen ist, 

Die wissenschaftliche Palaeontologie ist für uns also 
ebenso die Entwickelungsgeschichte der organischen Stämme, 
wie die Embryologie die Entwickelungsgeschichte der Indi- 
viduen oder Personen. Die überraschende parallele Stufenleiter, 
welche zwischen diesen beiden aufsteigenden Entwickelungsreihen statt- 



GO Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

findet, bestätigt diese Auffassung vollständig. Da der Name der 
palaeontologischen Entwickelungsgeschichte aber schleppend ist, so 
wäre für denselben vielleicht besser der Ausdruck Phylogenie, oder 
Phylogenesis, Entwickelungsgeschichte der Stämme einzu- 
führen. Phylogenie und Ontogenie wären demnach die beiden coordi- 
nirten Zweige der Morphogenie. Die Phylogenie ist die Entwickelungs- 
geschichte der abstracten genealogischen Individuen, die Ontogenie 
dagegen die Entwickelungsgeschichte der concreten morphologischen 
Individuen. 



IX. Generelle und specielle Morphologie. 

Die Morphologie der Organismen kann in eine allgemeine 
(generelle) und eine besondere (specielle) Morphologie gespalten 
werden, von denen jede wiederum in alle die einzelnen Disciplinen 
zerfällt, die wir im Vorhergehenden als Hauptzweige und Zweige der 
gesammten Morphologie überhaupt unterschieden haben. 

Die generelle Morphologie der Organismen, deren Grund- 
züge allein wir in dem vorliegenden Werke festzustellen versuchen, 
hat die Aufgabe, in vergleichender Uebersicht die allgemeinsten Formen 
Verhältnisse (Anatomie und Morphogenie) sämmtlicher Organismen zu 
erklären, ohne auf die einzelnen Gruppen und Untergruppen derselben 
einzugehen, und ohne die einzelnen inneren und äusseren Formen- 
Verhältnisse anatomisch und genetisch zu beschreiben und zu erklären. 
Die generelle Morphologie hat mithin nur die obersten und allgemein- 
sten, für die gesammte organische Natur gültigen Gesetze der organi- 
schen Formbildimg überhaupt zu ermitteln, und zwar sowohl die 
anatomischen als die genetischen Gesetze. 

Sie hat also zunächst als generelle Anatomie (im weitesten 
Sinne) die Art und Weise zu untersuchen und zu erklären, nach 
welcher die vollendeten Organismen überhaupt aus gleichartigen und 
ungleichartigen Theilen (Individuen verschiedener Ordnung) zusammen- 
gesetzt sind, und hat die allgemein gültigen Gesetze zu bestimmen, 
nach denen der Zusammentritt dieser Theile zu einem Ganzen, die Zu- 
sammenfügung der Individuen verschiedener Ordnung zu einer höheren 
Einheit erfolgt: Allgemeine Baulehre oder generelle Tectologie 
(Drittes Buch). Weiterhin fällt dann zweitens der allgemeinen Formen- 
lehre des vollendeten Organismus oder der generellen Anatomie die 
Aufgabe zu, die verschiedenen stereometrischen Grundformen aufzu- 
suchen, welche den realen Formen jener Individuen verschiedener Ord- 
nung zu Grunde liegen, und nachzuweisen, dass die unendliche Mannich- 
faltigkeit der existirenden Formen auf jene einfachen mathematisch 
bestimmbaren Fundamental -Gestalten zurückzuführen, und dass auch 



IX. Generelle und specielle Morphologie. gl 

gleicherweise eine allgemeine Gesetzmässigkeit in den äusseren Formen 
der Organismen überhaupt nachzuweisen ist: Allgemeine Grund- 
formenlehre oder generelle Promorphologie der Organismen 
(Viertes Buch). 

Diesen beiden Hauptzweigen der generellen Anatomie würden sich 
als coordinirte Disciplinen die beiden Hauptzweige der generellen 
Morphogenie gegenüberstellen: die allgemeine Ontogenie und die 
allgemeine Phylogenie. Die Bestimmung der grossen allgemeinen 
Gesetze, nach denen sieh die einzelnen organischen Individuen über- 
haupt entwickeln, und meistens innerhalb der genealogischen Einheit 
des Eiproducts eine bestimmte Reihe von Formen durchlaufen, die all- 
gemeine Betrachtung der wichtigsten und höchsten Modifikationen, 
welche hier möglich sind, die Untersuchung der hauptsächlichsten Ver- 
schiedenheiten in den Entwickelungs- Vorgängen, welche man als 
Epigenese, Metamorphose, Metagenese etc. bezeichnet, und endlich 
die Feststellung allgemeiner Bildungsgesetze der genealogischen In- 
dividuen erster Ordnung oder der Eiproducte, diese Aufgaben würden 
zu lösen sein von der allgemeinen Entwicklungsgeschichte der 
Individuen (Eiproducte) oder der generellen Ontogenie (Fünftes 
Buch.) An diese würde dann endlich als letzte und höchste, bisher fast 
ganz vernachlässigte Aufgabe, sich unmittelbar anschliessen die Fest- 
stellung der allgemeinen grossen Gesetze, nach denen sich alle vei> 
schiedenen Organismen- Formen unserer Erde durch allmählige Um- 
änderung im Laufe unendlicher Zeiträume aus einigen wenigen einfa- 
chen, spontan entstandenen Grundformen entwickelt haben. Die Summe 
aller verschiedenen Organismen, welche von einer und derselben 
Stammform abstammen, betrachten wir selbst wieder als eine zusam- 
menhängende Formeinheit höheren Ranges und werden dieselbe unten 
als genealogisches Individuum dritter Ordnung oder Stamm (Phylon) 
näher ins Auge fassen. Die Begründung der allgemeinen Gesetze, 
nach denen jene allmählige Entwickelung zahlreicher und mannich- 
faltiger Organismen -Formen aus diesen wenigen, höchst einfachen, 
spontan entstandenen Stammformen erfolgt ist und immer noch weiter er- 
folgt, würde sich daher auch bezeichnen lassen als allgemeine Ent- 
wickelungsgeschichte der Stämme oder generelle Phylogenie 
(Sechstes Buch). 

Die specielle Morphologie der Organismen, deren Behandlung 
ausserhalb des Plans dieses Werkes liegt, hat alle die verschiedenen Seiten 
der Formeuerkenntniss, die wir in der generellen Morphologie nur ganz im 
Allgemeinen erörtern, auf einen einzelnen Organismus oder auf eine be- 
stimmte Gruppe von Organismen (eine Klasse, Familie etc.) im Einzelnen 
anzuwenden und vollständig auszuführen und im weitesten Sinne alle Or- 
ganismen in dieser Weise vergleichend zu untersuchen. Es wird also die 



62 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften. 

specielle Morphologie jedes einzelnen Organismus oder jeder einzelnen Or- 
ganismen-Gruppe zunächst in die beiden Hauptzweige ihrer specielleu Ana- 
tomie und speciellen Morphogenie zerfallen, von denen die erstere dann 
wieder in Tectologie und Promorphologie, die letztere in Morphogenie und 
Phylogenie zu spalten wäre. 

Während eine generelle Morphologie der Organismen bisher von den 
meisten Morphologen gar nicht in Erwägung gezogen und von keinem ernst- 
lich in Angriff genommen war, so dass wir mit diesem ersten gewagten 
Versuche überall Gefahr laufen, in dem unabsehbar weiten Gebiete unser 
eben so hohes als entferntes Ziel aus den Augen zu verlieren und uns auf 
trügerischen Seitenpfaden zu verirren, so liegt dagegen für die specielle 
Morphologie vieler einzelner grösserer und kleinerer Organismen -Gruppen 
schon sehr viel werthvolles, durch den Fleiss zahlreicher emsiger Arbeiter 
gehäuftes Material vor, welches oft nur des verbindenden Gedankens be- 
darf, um als ein leidlich vollkommenes und relativ fertiges Ganzes zu er- 
scheinen. 

Eine ganz vollkommene und allen Anforderungen menschlicher Erkennt- 
niss entsprechende specielle Morphologie giebt es freilich trotz der zahllosen 
einzelnen morphologischen Arbeiten noch von keinem einzigen Organismus, 
geschweige von einer ganzen Organismen-Gruppe. Selbst die Form-Erkennt- 
niss desjenigen Organismus, der bei weitem am genauesten von den zahl- 
reichsten Arbeitern untersucht ist, und den wir daher im Ganzen genommen 
am besten kennen, die Morphologie des Menschen, zeigt dennoch so zahl- 
reiche und grosse Lücken, dass wir von einem vollständigen Yerständniss 
noch weit entfernt sind. Dies gilt sowohl von der Anatomie (Tectologie 
und Promorphologie) des Menschen, als von der Ontogenie, und ganz be- 
sonders von der Phylogenie desselben, die überhaupt von allen Zweigen der 
Morphologie nicht allein der wichtigste, sondern auch der am meisten ver- 
nachlässigte ist. Die zukünftige Phylogenie des Menschen hat die hohe 
Aufgabe, seine allmählige Entwicklung aus dem Wirbelthier- Stamme und 
die stufenweise historische Differenzirung desselben bis zum Anfange der 
sogenannten „ Weltgeschichte " hinauf zu verfolgen. Die vergleichende 
Ethnographie (oder die comparative Anthropologie im engeren Sinne), ein 
höchst wichtiger Zweig der menschlichen Biologie, der aber noch ganz in 
der Wiege liegt, wird hier das unlösbare Band zu knüpfen haben, welches 
die vergleichende Anatomie nnd Physiologie der Wirbelthiere mit der Völ- 
kergeschichte (oder der sogenannten „Weltgeschichte") unmittelbar zu 
einem grossen, harmonischen Ganzen verbindet. Hier, wie überall in un- 
serer Wissenschaft, liegen aber noch die einzelnen Haufen des rohen Bau- 
materials unverbunden neben einander, und es wird wohl noch lauge dauern, 
ehe auch nur das Bewusstsein von der Notwendigkeit ihrer Verbindung in 
der Wissenschaft wird allgemein geworden sein. 



I. Empirie und Philosophie. 



Viertes Capitel. 




Methodik der Morphologie der Organismen. 

„Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss 
nothwendig eine Krise entstehen : denn es wird die Differenz 
offenbar zwischen denen , die das Einzelne trennen und getrennt 
darstellen, und solchen, die das Allgemeine im Auge haben und 
gern das Besondere an- und einfügen möchten. Wie nun aber 
die wissenschaftliche, ideelle, umgreifendere Behandlung sich mehr 
und mehr Freunde, Gönner und Mitarbeiter wirbt, so bleibt anf 
der höheren Stufe jene Trennung zwar nicht so entschieden, aber 
doch genugsam merklich." Goethe. 



Viertes Capitel: Erste Hälfte. 

Kritik der naturwissenschaftlichen Methoden, welche sich gegen- 
seitig NOTHWENDIG ERGÄNZEN MÜSSEN. 

I. Empirie und Philosophie. 

(Erfahrung und Erkenntniss.) 

„Die wichtigsten Wahrheiten in den Naturwissenschaften sind we- 
der allein durch Zergliederung der Begriffe der Philosophie, noch allein 
durch blosses Erfahren gefunden worden, sondern durch eine den- 
kende Erfahrung, welche das Wesentliche von dem Zufälligen in 
der Erfahrung unterscheidet, und dadurch Grundsätze findet, aus 
welchen viele Erfahrungen abgeleitet werden. Dies ist mehr als blosses 
Erfahren, und wenn man will, eine philosophische Erfahrung." Jo- 
hannes Müller (Handbuch der Physiologie des Menschen. II. p. 522;) 

„Vergleichen wir die morphologischen Wissenschaften mit den 
physikalischen Theorieen, so müssen wir uns gestehen, dass erstere in 
jeder Hinsicht unendlich weit zurück sind. Die Ursache dieser Er- 
scheinung liegt nun allerdings zum Tb. eil in dem Gegenstande, dessen 
verwickeitere Verhältnisse sich noch am meisten der mathematischen 
Behandlung entziehen; aber grossentheils ist auch die grosse Nichtach- 
tung methodologischer Verständigung daran schuld, indem man sich 



(j^ Methodik der Morphologie der Organismen. 

einerseits durchaus nicht um scharfe Fassung- der leitenden Principien 
bekümmert, andererseits selbst die allgemeinsten und bekanntesten 
Anforderungen der Philosophie hintangesetzt hat, weil bei dem wei- 
ten Abstände ihrer allgemeinen Aussprüche von den Einzelheiten, mit 
denen sich die empirischen Naturwissenschaften beschäftigen, die Not- 
wendigkeit ihrer Anwendung sich der unmittelbaren Auffassung entzog. 
So sind gar viele Arbeiter in dieser Beziehung durchaus nicht mit ihrer 
Aufgabe verständigt, und die Fortschritte in der Wissenschaft hängen 
oft rein vom Zufall ab." Schieiden (Grundzüge der wissenschaftlichen 
Botanik. ..§. 3. Methodik oder über die Mittel zur Lösung der Aufgaben 
in der Botanik.") 

Wir erlauben uns, dieses methodologische Capitel, welches die 
Mittel und Wege zur Lösung unserer morphologischen Aufgaben zeigen 
soll, mit zwei vortrefflichen Aussprüchen von den beiden grössten Mor- 
phologen einzuleiten, welche im fünften Decennium unseres Jahrhun- 
derts die organische Naturwissenschaft in Deutschland beherrschten. 
Wie Johannes Müller für die Zoologie, so hat Schieiden damals 
für die Botanik mit der klarsten Bestimmtheit den Weg gewiesen, wel- 
cher uns allein auf dem Gebiete der Biologie, und insbesondere auf 
dem der Morphologie, zu dem Ziele unserer Wissenschaft hinzuführen 
vermag. Dieser einzig mögliche Weg kann natürlich kein anderer 
sein, als derjenige, weleher für alle Naturwissenschaften — oder, was 
dasselbe ist, für alle wahren Wissenschaften — ausschliessliche 
Gültigkeit hat. Es ist dies der Weg der denkenden Erfahrung, 
der Weg der philosophischen Empirie. Wir könnten ihn ebenso 
gut als den Weg des erfahrungsmässigen Denkens, den Weg der 
empirischen Philosophie bezeichnen. 

Absichtlich stellen wir die bedeutenden Aussprüche dieser beiden 
grossen „empirischen und exaeten" Naturforscher an die Spitze dieses 
methodologischen Capitels, weil wir dadurch hoffen, die Aufmerksam- 
keit der heutigen Morphologen und der Biologen überhaupt intensiver 
auf einen Punkt zu lenken, der nach unserer innigsten Ueberzeugung 
für den Fortschritt der gesammten Biologie, und der Morphologie ins- 
besondere, von der allergrössten Bedeutung ist, der aber gerade im 
gegenwärtigen Zeitpunkte in demselben Maasse von den allermeisten 
Naturforschern völlig vernachlässigt wird, als er vor allen anderen hervor- 
gehoben zu werden verdiente. Es ist dies die gegenseitige Ergänzung 
von Beobachtung und Gedanken, der innige Zusammenhang 
von Naturbeschreibung und Naturphilosophie, die notwen- 
dige Wechselwirkung zwischen Empirie und Theorie. 

Einer der grössten Morphologen, den unser deutsches Vaterland 
erzeugt hat, der jetzt noch lebende Nestor der deutschen Naturforscher, 
Carl Ernst v. Bär, hat dem classischen Werke, durch welches er 



I. Empirie und Philosophie. 65 

die thierische Ontogenie, eine sogenannte „rein empirische und de- 
scriptive Wissenschaft," neu begründete, den Titel vorangesetzt: ,,Ueber 
Entwicklungsgeschichte der Thiere. Beobachtung und Reflexion." 
Wenn seine Nachfolger diese drei Worte stets bei ihren Arbeiten im 
Auge behalten hätten, würde es besser um unsere Wissenschaft aus- 
sehen, als es jetzt leider aussieht. „Beobachtung und Reflexion'* sollte 
die Ueberschrift jeder wahrhaft naturwissenschaftlichen Arbeit lau- 
ten können. Bei wie vielen aber ist dies möglich? Wenn wir ehrlich 
sein wollen, können wir ihre Zahl kaum gering genug anschlagen, 
und finden unter hunderten kaum eine. Und dennoch können nur durch 
die innigste Wechselwirkung von Beobachtung und Reflexion wirkliche 
Fortschritte in jeder Naturwissenschaft, und also auch in der Morpho- 
logie, gemacht werden. Hören wir weiter, was C. E. v. Bär, der 
..empirische und exacte" Naturforscher, in dieser Beziehung sagt: 

„Zwei Wege sind es, auf denen die Naturwissenschaft gefördert 
werden kann, Beobachtung und Reflexion. Die Forscher ergrei- 
fen meistens für den einen von beiden Partei. Einige verlangen nach 
Thatsachen, andere nach 'Resultaten und allgemeinen Gesetzen, 
jene nach Kenntniss, diese nach Erkenntniss, jene möchten für 
besonnen, diese für tiefblickend gelten. Glücklicherweise ist der Geist 
des Menschen selten so einseitig ausgebildet, dass es ihm möglich 
wird, nur den einen Weg der Forschung zu gehen, ohne auf den an- 
deren Rücksicht zu nehmen. Unwillkührlich wird der Verächter der 
Abstraction sich von Gedanken bei seiner Beobachtung -beschleichen 
lassen; und nur in kurzen Perioden der Fieberhitze ist sein Gegner ver- 
mögend, sich der Speculation im Felde der Naturwissenschaft mit völ- 
liger Hintauset/Aing der Erfahrung hinzugeben. Indessen bleibt immer, 
für die Individuen sowohl als für ganze Perioden der Wissenschaft, 
die eine Tendenz die vorherrschende, der man mit Bewusstsein des 
Zwecks sich hingiebt, wenn auch die andere nicht ganz fehlt. ')" 

Mit diesen wenigen Worten ist das gegenseitige Wechselverhält- 
niss von Beobachtung und Reflexion, die nothwendige Verbindung von 
empirischer Thatsachen -Kenntniss und von philosophischer Gesetzes- 
Erkenntniss treffend bezeichnet. Aber auch die Thatsache, dass in 
den einzelnen Naturforschern . sowohl als in den einzelnen Perioden 
der Naturwissenschaft selten beide Richtungen in harmonischer Ein- 
tracht und gegenseitiger Durchdringung zusammenwirken, vielmehr eine 
von Beiden fast immer bedeutend über die andere überwiegt, ist von 
Bär sehr richtig hervorgehoben worden, und gerade dieser Punkt ist 



l ) C. E. v.Bär. Zwei Worte über den jetzigen Zustand der Naturgeschichte. 
Königsberg 1821. — Treffliche Worte, welche auch heute noch in den weitesten 
Kreisen Beherzigung verdienen! 

Haeckel, Generelle Morphologie. 5 



(3(3 Methodik der Morphologie der Organismen. 

es, auf den wir hier zunächst die besondere Aufmerksamkeit lenken 
möchten. Denn wenn wir einerseits überzeugt sind, dass wir nur durch 
die gemeinsame Thätigkeit beider Richtungen dem Ziele unserer Wissen- 
schaft uns nähern können, und wenn wir andererseits zu der Einsicht 
gelangen, welche von beiden Richtungen im gegenwärtigen Stadium 
unserer wissenschaftlichen Entwicklung die einseitig überwiegende ist, 
so werden wir auch die Mittel zur Hebung dieser Einseitigkeit angeben 
und die Methode bestimmen können, welche die Morphologie gegen- 
wärtig zunächst und vorzugsweise einzuschlagen hat. 

Es bedarf nun keines allzutiefen Scharfblicks und keines allzuweiten 
Ueberblicks, um alsbald zu der Ueberzengung zu gelangen, dass in 
dem ganzen zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, und dar- 
über hinaus bis jetzt, und zwar vorzüglich vom Jahre 1840—1860, die 
rein empirische und ..exacte" Richtung ganz überwiegend in der Bio- 
logie, und vor Allem in der Morphologie geherrscht, und dass sie diese 
Alleinherrschaft in fortschreitendem Maasse dergestalt ausgedehnt hat, 
dass die speculative oder philosophische Richtung im fünften Decen- 
nium unseres Jahrhunderts fast vollständig von ihr verdrängt war. 
Auf allen Gebieten der Biologie, sowohl in der Zoologie, als in der 
Botanik, galt während dieses Zeitraums allgemein die Naturbeobach- 
tung und die Naturbeschreibung als „die eigentliche Naturwissenschaft," 
und die „Naturphilosophie" w T urde als eine Verirrung betrachtet, als 
ein Phantasiespiel, welches nicht nur nichts mit der Beobachtung und 
Beschreibung zu thun habe, sondern auch gänzlich aus dem Gebiete 
der „eigentlichen Naturwissenschaft" zu verbannen sei. Freilich war 
diese einseitige Verkennung der Philosophie nur zu sehr gefördert und 
gerechtfertigt durch das verkehrte und willkührliche Verfahren der so- 
genannten „Naturphilosophie," welche im ersten Drittel unseres Jahr- 
hunderts die Naturwissenschaft zu unterwerfen suchte, und w r elche, 
statt von empirischer Basis auszugehen, in der ungemessensten Weise 
ihrer wilden und erfahrungslosen Phantasie die Zügel schiessen Hess. 
Diese namentlich von Oken, Sehe Hing u. s. w. ausgehende Natur- 
phantasterei musste ganz natürlich als anderes Extrem den crassesten 
Empirismus hervorrufen. Der natürliche Rückschlag gegen diese letz- 
tere in demselben Grade einseitige Richtung trat erst im Jahre 1859 
ein, als Charles Darwin seine grossartige Entdeckung der „natür- 
lichen Züchtung" veröffentlichte und damit den Anstoss zu einem all- 
gemeinen Umschwung der gesammten Biologie, und namentlich der 
Morphologie gab. Die gedankenvolle Naturbetrachtung, der im besten 
Sinne philosophische, d. h. naturgemäss denkende Geist, welcher sein 
epochemachendes Werk durchzieht, wird der vergessenen und ver- 
lassenen Naturphilosophie wieder zu dem ihr gebührenden Platze 
verhelfen und den Beginn einer neuen Periode der Wissenschaft be- 



I. Empirie und Philosophie. 67 

zeichnen. Freilich ist dieser gewaltige Umschwung bei weitem noch 
nicht zu allgemeinem Durchbrach gelangt; die Mehrzahl der Biologen 
ist noch zu sehr und zu allgemein in den Folgen der vorher überall 
herrschenden einseitig empirischen Richtung befangen, als dass wir 
die Rückkehr zur denkenden Naturbetrachtimg als eine bewusste und 
allgemeine bezeichnen könnten. Indess hat dieselbe doch bereits in 
einigen Kreisen begonnen, an vielen Stellen feste Wurzel geschlagen, 
und wird voraussichtlich nicht allein in den nächsten Jahren schon das 
verlorene Terrain wieder erobern, sondern in wenigen Decennien sich 
so allgemeine Geltung verschafft haben, dass man (wohl noch vor Ab- 
lauf unseres Jahrhunderts) verwundert auf die Beschränktheit und Ver- 
blendung zahlreicher Naturforscher zurückblicken wird, die heute noch die 
Philosophie von dem Gebiete der Biologie ausschliessen wollen. Wir un- 
sererseits sind unerschütterlich davon überzeugt, dass man in der wahrhaft 
„erkennenden'- Wissenschaft die Empirie und die Philosophie gar nicht 
von einander trennen kann. Jene ist nur die erste und niederste, 
diese die letzte und höchste Stufe der Erkenntniss. Alle wahre Na- 
turwissenschaft ist Philosophie und alle wahre Philosophie 
ist Naturwissenschaft. Alle wahre Wissenschaft aber ist 
in diesem Sinne Naturphilosophie. 1 ) 

In der That könnte heute schon die allgemein übliche einseitige Aus- 
schliessung der Philosophie aus der Naturwissenschaft jedem objectiv dies 
Verhältuiss betrachtenden Gebildeten als ein befremdendes Räthsel erschei- 
nen, wenn nicht der Entwicklungsgang der Biologie selbst ihm die Lösung 
dieses Räthsels sehr nahe legte. Wenn wir die Geschichte unserer Wissen- 
schaft iu den allgemeinsten Zügen überblicken, so bemerken wir alsbald, 
dass die beiden scheinbar entgegengesetzten, in der That aber innig ver- 
bundenen Forschungsrichtungen in der Naturwissenschaft, die beobachtende 
oder empirische und die denkende oder philosophische, zwar stets mehr oder 
minder eng verbunden neben einender herlaufen, dass aber doch, wie es 



*) Wir zweifeln nicht, dass diese Sätze, welche wir für unumstössliche 
Wahrheiten halten, bei dem gegenwärtigen niederen Zustande unserer allge- 
meinen wissenschaftlichen Bildung noch sehr wenig Aussicht haben, allgemeine 
Geltung zu erlangen. Durch die alpenhohe Gebirgskette von Vorurtheilen, welche 
wir durch lange Generationsreihen ererbt, und Jahrtausende hindurch in unserer 
allgemeinen Weltanschauung befestigt haben, durch den äusserst mangelhaften, 
verkehrten und oft geradezu verderblichen Jugendunterricht , durch welchen 
wir in der bildsamsten Lebenszeit mit den absurdesten Irrthümern, statt mit 
natürlichen Wahrheiten augefüllt werden, ist unser gesammter geistiger Horizont 
gewöhnlich so beschränkt, unser natürlicher Blick so getrübt, dass wir als reife 
und erwachsene Männer gewöhnlich die grösste Mühe haben, den einfachen Weg 
zu unserer Mutter „Natur" zurückzufinden. Sind ja die meisten sogenannten 
„Wissenschaften," z. B. die historischen, gewohnt, den Menschen als etwas ausser 
und über der Natur Stehendes hinzustellen! 

5* 



ßg Methodik der Morphologie der Organismen. 

Bär sehr richtig ausdrückt, immer die eine der beiden Richtungen über die 
andere bedeutend überwiegt, und zwar „sowohl für die Individuen, als für 
ganze Perioden der Wissenschaft/' So finden wir ein beständiges Oscilliren, 
einen Wechsel der beiden Richtungen, der uns zeigt, dass niemals in gleich- 
massigem Fortschritt, sondern stets in wechselnder Wellenbewegung die 
Biologie ihrem Ziele sich nähert. Die Excesse, welche jede der beiden 
Forschuugsrichtungen begeht, sobald sie das Uebergewicht über die andere 
gewonnen hat, die Ausschliesslichkeit, durch welche jede in der Regel sich 
als die allein richtige, als die „eigentliche 1 ' Methode der Naturwissenschaft 
betrachtet, führen nach längerer oder kürzerer Dauer wieder zu einem 
Umschwung, welcher der überlegenen Gegnerin abermals zur Herrschaft 
verhilft. 

Wie dieser regelmässige Regierungs- Wechsel von empirischer und 
philosophischer Naturforschung auf dem gesammten Gebiete der Biologie 
uns überall entgegentritt, so sehen wir ganz besonders bei einem allge- 
meinen Ueberblick des Entwickelungsganges, den die Morphologie vom 
Anfang des vorigen Jahrhunderts an genommen , dass die beiden feindlichen 
Schwestern, die doch im Grunde nicht ohne einander leben können, stets 
abwechselnd die Herrschaft behauptet haben. Nachdem Linne die Morpho- 
logie der Organismen zum ersten Male in feste wissenschaftliche Form ge- 
bracht, und ihr das systematische Gewand angezogen hatte, wurde zunächst 
der allgemeine Strom der neubelebten Naturforschung auf die rein empirische 
Beobachtung und Beschreibung der zahllosen neuen Formen hingelenkt, 
welche unterschieden, benannt und in das Fachwerk des Systems einge- 
ordnet werden mussten. Die systematische Beschreibung und Benennung, 
als Mittel des geordneten Ueberblicks der zahllosen Einzelfo'rmen , wurde 
aber bald Selbstzweck, und damit verlor sich die Formbeobachtung der 
Thiere und Pflanzen in der gedankenlosesten Empirie. Das massenhaft 
sich anhäufende Roh-Material forderte mehr und mehr zu einer denkenden 
Verwerthung desselben auf, und so entstand die Schule der Naturphilo- 
sophen, als deren bedeutendsten Forscher, wenn auch nicht (wegen man- 
gelnder Anerkennung) als deren eigentlichen Begründer wir Lamarck be- 
zeichnen müssen 1 ). In Deutschland vorzüglich durch Oken und Goethe, in 
Frankreich durch Lamarck und Etienne Geoffroy S. Hilaire vertreten, 
war diese ältere Naturphilosophie eifrigst bemüht, aus dem Chaos der 
zahllosen Einzelbeobachtungen, die sich immer mehr zu einem unüberseh- 
baren Berge häuften, allgemeine Gesetze abzuleiten und den Zusammenhang 
der Erscheinungen zu ermitteln. Wie weit sie schon damals auf diesem 



') Selten ist wohl das Verdienst eines der bedeutendsten Männer so völlig 
von seinen Zeitgenossen verkannt und gar nicht gewürdigt winden, wie es mit 
Lamarck ein halbes Jahrhundert hindurch der Fall war. Nichts beweist dies 
vielleicht so schlagend, als der Umstand, dass Ouvier in seinem Bericht über 
die Fortschritte der Naturwissenschaften , in welchem auch die unbedeutendsten 
Bereicherungen des empirischen Materials aufgeführt werden, des bedeutendsten 
aller biologischen Werke jenes Zeitraums, der Philosophie zoologique von La- 
marck, mit keinem Worte Erwähnung thut! 



I. Empirie und Philosophie. 69 

Wege gelangte, zeigt die classische Philosophie zoologique von Lamarck 
(1809) und die bewunderungswürdige Metamorphose der Pflanzen von 
Goethe (1790). Doch war die empirische Basis, auf welcher diese Heroen 
der Naturforschung ihre genialen Gedankengebäude errichteten, noch zu 
schmal und unvollkommen, die ganze damalige Kenntnis« der Organismen 
noch zu sehr bloss auf die äusseren Form-Verhältnisse beschränkt, als dass 
ihre denkende Naturbetrachtung die festesten Anhaltspunkte hätte gewinnen 
und die darauf gegründeten allgemeinen Gesetze schon damals eine weitere 
Geltung hätten erringen können. Entwickelungsgeschichte und Palaeonto- 
logie existirten noch nicht, und die vergleichende Anatomie hatte kaum 
noch Wurzeln geschlagen. Wie weit aber diese Genien trotzdem ihrer Zeit 
vorauseilten, bezeugt vor Allem die (in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts 
fast allgemein ignorirte) Thatsache, dass Beide, sowohl Lamarck, als 
Goethe, die wichtigsten Sätze der Descendenz-Theorie bereits mit voller 
Klarheit und Bestimmtheit aussprachen. Erst ein volles halbes Jahrhundert 
später sollte Darwin dafür die Beweise liefern. 

Die eigentliche Blüthezeit der älteren Naturphilosophie fällt in die er- 
sten Decennien unseres Jahrhunderts. Aber schon im zweiten und noch 
schneller im dritten näherte sie sich ihrem jähen Untergange, theils durch 
eigene Verblendung und Ausartung, theils durch Mangel an Verständniss 
bei der Mehrzahl der Zeitgenossen, theils durch das rasche und glänzende 
Emporblühen der empirischen Richtung, welche in Cu vier einen neuen und 
gewaltigen Reformator fand. Gegenüber der willkührlichen und verkehrten 
Phantasterei, in welche die Naturphilosophie bald sowohl in Frankreich als 
in Deutschland damals ausartete, war es dem exacten, strengen und auf 
der breitesten empirischen Basis stehenden Cuvier ein Leichtes, die ver- 
wilderten und undisciplinirten Gegner aus dem Felde zu schlagen. Bekannt- 
lich war es der 22. Februar 1830, an welchem der Conflict zwischen den 
beiden entgegengesetzten Richtungen in der Pariser Akademie zum öffent- 
lichen Austrage kam, und damit definitiv geendigt zu sein schien, dass 
Cuvier seinen Hauptgegner E. Geoffroy S. Hilaire mit Hülfe seiner 
überwiegenden empirischen Beweismittel in den Augen der grossen Mehr- 
heit vollständig besiegte. Dieser merkwürdige öffentliche Conflict, durch 
welchen die Niederlage der älteren Naturphilosophie besiegelt wurde , ist 
in mehrfacher Beziehuug vom höchsten Interesse, vorzüglich auch desshalb, 
weil er von Goethe in der meisterhaftesten Form in einem kritischen Auf- 
satze dargestellt wurde, welchen derselbe wenige Tage vor seinem Tode 
(im März 1832) vollendete. Dieser höchst lesenswerthe Aufsatz, das letzte 
schriftliche Vermächtuiss, welches der deutsche Dichterfürst uns hinterlassen, 
enthält nicht allein eine vortreffliche Characteristik von Cuvier und 
Geoffroy S. Hilaire, sondern auch eine ausgezeichnete Darstellung der 
beiden entgegengesetzten von ihnen vertretenen Richtungen, „des immer- 
währenden Conflictes zwischen den Denkweisen, in die sich die wissen- 
schaftliche Welt schon lange trennt; zwei Denkweisen, welche sich in dem 
menschlichen Geschlechte meistens getrennt und dergestalt vertheilt finden, 
dass sie, wie überall, so auch im Wissenschaftlichen, schwer zusammen ver- 
bunden angetroffen werden, und wie sie getrennt sind, sich nicht wohl 



70 Methodik der Morphologie der Organismen. 

vereinigen mögen. Haben wir die Geschichte der Wissenschaften und 
eine eigene lange Erfahrung vor Augen, so möchte man befürchten, die 
menschliche Natur werde sich von diesem Zwiespalt kaum jemals retten 
können. " 

Die Niederlage der älteren Naturphilosophie, welche Cuvier als der 
Heerführer der neu erstehenden „exacten Empirie" herbeigeführt und in 
jenem Conflict offenbar gemacht hatte, war so vollständig, dass in den 
folgenden drei Decennien, von 1830 — 1860, unter der nun allgemein sich 
ausbreitenden empirischen Schule von Philosophie gar keine Rede mehr 
war. Mit den Träumereien und Phantasiespielen jeuer ausgearteten Natur- 
phantasterei wurden auch die wahren und grossen Verdienste der alten Na- 
turphilosophie vergessen, aus der jene hervorgegangen war, und man ge- 
wöhnte sich sehr allgemein an die Vorstellung, dass Naturwissenschaft und 
Philosophie iu einem uuversöhulicheu Gegensatze zu einander ständen. 
Dieser Irrthum wurde dadurch insbesondere begünstigt, dass die verbesser- 
ten Instrumente und Beobachtungs- Methoden der Neuzeit, und vor Allem 
die sehr verbesserten Mikroskope, der empirischen Naturbeobachtung ein 
unendlich weites Feld der Forschung eröffneten, auf welchem es ein Leichtes 
war, mit wenig Mühe und ohne grosse Gedanken-Anstrengung, Entdeckungen 
neuer Formverhältnisse in Hülle und Fülle zu machen. Während die Be- 
obachtungen der ersten empirischen Periode, welche sich aus Linne's 
Schule entwickelte, vorzugsweise nur auf die äusseren Formenverhältnisse 
der Orgauismen gerichtet gewesen waren, wandte sich nun die zweite 
empirische Periode, welche aus Cuvier' s Schule hervorging, vorwiegend der 
Beobachtung des inneren Baues der Thiere und Pflanzen zu. Und in der 
That gab es hier, nachdem Cuvier durch Begründung der vergleichen- 
den Anatomie und der Palaeontologie ein weites neues Feld der Beobachtung 
geöffnet, nachdem Bär durch Reformation der Entwickelungsgeschichte 
und Schwann durch Begründung der Gewebelehre auf dem thierischen, 
Schieiden auf dem pflanzlichen Gebiete neue und grosse Ziele gesteckt, 
nachdem Johannes Müller die gesammte Biologie mit gewaltiger Hand 
in die neu geöffneten Bahnen der exacten Beobachtung hineingewiesen hatte, 
überall so unendlich Viel zu beobachten und zu beschreiben , es wurde so 
leicht, mit nur wenig Geduld, Fleiss und Beobachtungsgabe neue That- 
sachen zu entdecken, dass wir uns nicht wundern können, wenn darüber 
die leitenden Principien der Naturforschung gänzlich vernachlässigt und 
die erklärende Gedanken- Arbeit von den meisten völlig vergessen wurde. 
Da noch im gegenwärtigen Augenblick diese „rein empirische" Richtuug 
die allgemein überwiegende ist, da die Bezeichnung der Naturphilosophie 
noch in den weitesten naturwissenschaftlichen Kreisen nur als Schimpfwort 
gilt und selbst von den hervorragendsten Biologen nur in diesem Sinne ge- 
braucht wird, so haben wir nicht nöthig, die grenzenlose Einseitigkeit dieser 
Richtung noch näher zu erläutern, und werden nur noch insofern näher 
darauf eingehen, als wir gezwungen sind, unseren Zeitgenossen ihr „exact- 
empirisches," d. h. gedankenloses und beschränktes Spiegelbild vorzuhalten. 
Theilweise ist dies schon im vorigen Capitel geschehen. Wiederholt wollen wir 
hier nur nochmals auf die seltsame Selbsttäuschung hinweisen, in welcher 



I. Empirie und Philosophie. 71 

die neuere Biologie befangen ist, wenn sie die nackte gedankenlose Be 
Schreibung innerer und feinerer, insbesondere mikroskopischer Form- 
verhältnisse als „wissenschaftliche Zoologie" und „wissenschaft- 
liche Botanik " preist und mit nicht geringem Stolze der früher aus- 
schliesslich herrschenden reinen Beschreibung der äusseren und gröberen 
Form Verhältnisse gegenüberstellt, welche die sogenannten „Systematiker" 
beschäftigt. Sobald bei diesen beiden Richtungen, die sich so scharf gegen- 
über zu stellen belieben, die Beschreibung an sich das Ziel ist (— gleich- 
viel ob der inneren oder äusseren, der feineren oder gröberen Formen — ), 
so ist die eine genau so viel werth, als die andere. Beide werden erst zur 
Wissenschaft, wenn sie die Form zu erklären und auf Gesetze zurückzu- 
führen streben. 

Nach unserer eigenen innigsten Ueberzeugung ist der Rückschlag, der 
gegen diese ganz einseitige und daher beschränkte Empirie nothwendig frü- 
her oder später erfolgen musste, bereits thatsächlich erfolgt, wenn auch zu- 
nächst nur in wenigen engen Kreisen. Die 1859 von Charles Darwin 
veröffentlichte Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe ums Da- 
sein , eine der grössten Entdeckungen des menschlichen Forschungstriebes, 
hat mit einem Male ein so gewaltiges und klärendes Licht in das dunkle 
Chaos der haufenweis gesammelten biologischen Thatsachen geworfen, dass 
es auch den crassesten Empirikern fernerhin, wenn sie überhaupt mit der 
Wissenschaft fortschreiten wollen, nicht mehr möglich sein wird, sich der 
daraus emporwachsenden neuen Naturphilosophie zu entziehen. Indem die 
von Darwin neu begründete Descendenz-Theorie die ganze gewaltige Fülle 
der seither empirisch angehäuften Thatsachen-Massen durch einen einzigen 
genialen Gedanken erleuchtet, die schwierigsten Probleme der Biologie aus 
dem einen obersten Gesetze der „wirkenden Ursachen" vollständig erklärt, 
die unzusammenhängende Masse aller biologischen Erscheinungen auf die- 
ses eine einfache grosse Naturgesetz zurückführt, hat sie bereits thatsäch- 
lich die bisher ausschliesslich herrschende Empirie völlig überflügelt und 
einer neuen und gesunden Philosophie die weiteste und fruchtbarste Bahn 
geöffnet. Es ist eine Hauptaufgabe des vorliegenden Werkes, zu zeigen, 
wie die wichtigsten Erscheinungsreihen der Morphologie sich mit Hülfe der- 
selben vollständig erklären und auf grosse und allgemeine Naturgesetze 
zurückführen lassen. 

Wenn wir das Resultat dieses flüchtigen Ueberblickes über den inneren 
Entwickelungsgang der Morphologie in wenigen Worten zusammenfassen, so 
können wir füglich von Beginn des achtzehnten Jahrhunderts an bis jetzt 
vier, abwechselnd empirische und philosophische Perioden der Morphologie 
unterscheiden, welche durch die Namen von Linne, Lamarck, Cuvier, 
Darwin bezeichnet sind, nämlich: I. Periode: Linne (geb. 1707). Erste 
empirische Periode (Achtzehntes Jahrhundert). Herrschaft der empiri- 
schen äusseren Morphologie (Systematik). IL Periode: Lamarck (geb. 1744) 
und Goethe (geb. 1749'). Erste philosophische Periode. (Erstes 



') Wir nennen hier absichtlich Lamarck und Goethe als die geistvollsten 
Repräsentanten der älteren Naturphilosophie, wenngleich sie sich entfernt nicht 



72 Methodik der Morphologie der Organismen. - 

Drittel des neunzehnten Jahrhunderts). Herrschaft der phantastisch-philo- 
sophischen Morphologie (Aeltere Naturphilosophie). III. Periode: Cuvier 
(geb. 1769). ') Zweite empirische Periode. (Zweites Drittel des neun- 
zehnten Jahrhunderts). Herrschaft der empirischen inneren Morphologie 
(Anatomie). IV. Periode: Darwin (geb. 1808). Zweite philosophische 
Periode. Begonnen 1859. Herrschaft der empirisch-philosophischen Mor- 
phologie (Neuere Naturphilosophie). 

Indem wir die beiden Richtungen der organischen Morphologie, die 
empirische und philosophische, so schroff einander gegenüberstellen, müssen 
wir ausdrücklich bemerken, dass nur die grosse Masse der beschränkteren 
und gröber organisirten Naturforscher es war, welche diesen Gegensatz in 
seiner ganzen Schärfe ausbildete und entweder die eine oder die andere 
Methode als die allein seligmachende pries und für die „eigentliche" Na- 
turwissenschaft hielt. Die umfassenderen und feiner organisirten Naturfor- 
forscher, und vor Allen die grossen Coryphaeen, deren Namen wir an die 
Spitze der von ihnen beherrschten Perioden gestellt haben, waren stets 
mehr oder minder überzeugt, dass nur eine innige Verbindung von Beob- 
achtung und Theorie, von Empirie und Philosophie, den Fortschritt der Na- 
turwissenschaft wahrhaft fördern könnte. Man pflegt gewöhnlich Cuvier 
als den strengsten und exclusivsten Empiriker, als den abgesagtesten Feind 
jeder Naturphilosophie hinzustellen. Und sind nicht seine besten Arbeiten, 
seine werthvollsten Entdeckungen, wie z. B. die Aufstellung der 4 thieri- 
schen Typen (Stämme), die Begründung des Gesetzes von der Correlation 
der Theile, von den Causes finales, Ausflüsse der reinsten Naturphilosophie? 
Ist nicht die von ihm neu begründete „vergleichende Anatomie" ihrem gan- 
zen Wesen nach eine rein philosophische Wissenschaft, welche das empirische 
Material der Zootomie bloss als Basis braucht? Ist es nicht lediglich der 
Gedanke, die Theorie, welche auf der rein empirischen Zootomie als 
nothwendiger Grundlage das philosophische Lehrgebäude der vergleichenden 
Anatomie errichten? Und wenn Cuvier aus einem einzigen Zahne oder 
Knochen eines fossilen Thieres die ganze Natur und systematische Stellung 
desselben mit Sicherheit erkannte, war dies Beobachtung oder war es Re- 
flexion? Betrachten wir andererseits den Stifter der älteren Naturphilo- 
sophie, Lamarck, so brauchen wir, um den Vorwurf der Einseitigkeit zu 
widerlegen, bloss darauf hinzuweisen, dass dieser eminente Mann seinen 
Ruf als grosser Naturforscher grösstentheils einem vorwiegend descriptiven 
Wei*ke, der berühmten „Histoire naturelle des animaux sans vertebres" ver- 
dankte. Seine „Philosophie zoologique," welche die Descendenz-Lehre zum 



desselben Einflusses und derselben Anerkennung zu erfreuen hatten, wie Etienne 
Geoffroy S. Hilaire (geb. 1771) und Lorenz Oken (geb. 1779), die gewöhn- 
lich als die Coryphaeen dieser Richtung vorangestellt werden. 

l ) Als hervorragende Coryphaeen dieser Periode würden wir hier noch Jo- 
hannes Müller, Söhlei den und einige Andere hervorzuheben haben, wenn nicht 
gerade diese bedeutendsten Männer, als wahrhaft philosophische Naturforscher, 
sich von der grossen Einseitigkeit frei gehalten hätten, welche Cuvier's Schule 
und der grosse Tross der Zeitgenossen zum extremsten Empirismus ausbildete. 



I. Empirie und Philosophie. 73 

ersten Male als vollkommen abgerundete Theorie aufstellte, eilte mit ihrem 
prophetischen Gedankenfluge seiner Zeit so voraus, da&s sie von seinen 
Zeitgenossen gar nicht verstanden und ein volles halbes Jahrundert hin- 
durch (1809-1859) todtgeschwiegen wurde. Johannes Müller, den wir 
Deutschen mit gerechtem Stolz als den grössten Biologen der ersten Hälfte 
des neunzehnten Jahrhunderts unser eigen nennen, und der in den Augen 
der meisten jetzt lebenden Biologen als der strengste Empiriker und Geg- 
ner der Naturphilosophie gilt, verdankt die Fülle seiner zahlreichen und 
grossen Entdeckungen viel weniger seinem ausgezeichneten sinnlichen Be- 
obaehtungstalent, als seinem cömbinirenden Gedankenreichthum und der 
natürlichen Philosophie seiner wahrhaft denkenden Beobachtungsmethode. 
Charles Darwin, der grösste aller jetzt lebenden Naturforscher, über- 
ragt uns Alle nicht allein durch Ideenreichthum und Gedankenfülle seines die 
ganze organische Natur umfassenden Geistes, sondern eben so sehr durch 
die intensiv und extensiv gleich bedeutende und fruchtbare Methode seiner 
empirischen Naturbeobachtung. 

Nach unserer festesten Ueberzeugung können nur diejenigen Natur- 
forscher wahrhaft fördernd und schaffend in den Gang der Wissenschaft 
eingreifen, welche, bewusst oder unbewusst, eben so scharfe Denker, als 
sorgfältige Beobachter sind. Niemals kann die blosse Entdeckung einer 
nackten Thatsache, und wäre sie noch so merkwürdig, einen wahrhaften 
Fortschritt in der Naturwissenschaft herbeiführen, sondern stets nur der 
Gedanke, die Theorie, welche diese Thatsache erklärt, sie mit den ver- 
wandten Thatsachen vergleichend verbindet, und daraus ein Gesetz ab- 
leitet. Betrachten wir die grössten Naturforscher, welche zu allen Zeiten 
auf dem biologischen Gebiete thätig gewesen sind, von Aristoteles an, 
Linne und Cuvier, Lamarck und Goethe, Bär und Johannes Müller 
und wie^die Reihe der glänzenden Sterne erster Grösse, bis auf Charles 
Darwin herab, weiter heisst — sie alle sind ebenso grosse Denker, als 
Beobachter gewesen, und sie alle verdanken ihren unsterblichen Ruhm 
nicht der Summe der einzelnen von ihnen entdeckten Thatsachen, sondern 
ihrem denkenden Geiste, der diese Thatsachen in Zusammenhang zu bringen 
und daraus Gesetze abzuleiten verstand. Die rein empirischen Naturforscher, 
welche nur durch Entdeckung neuer Thatsachen die Wissenschaft zu för- 
dern glauben, können in derselben ebenso wenig etwas leisten, als die rein 
speculativen Philosophen, welche der Thatsachen entbehren zu können 
glauben und die Natur aus ihren Gedanken construiren wollen. Diese wer- 
den zu phantastischen Träumern, jene im besten Falle zu genauen Copir- 
maschinen der Natur. Im Grunde freilich gestaltet sich das thatsächliche 
Verhältniss überall so, dass die reinen Empiriker sich mit einer unvollstän- 
digen und unklaren, ihnen selbst nicht bewussten Philosophie, die reinen Phi- 
lo s o p he n dagegen mit einer eben solchen, unreinen und mangelhaften Empirie 
begnügen. Das Ziel der Naturwissenschaft ist die Herstellung eines vollkom- 
men architectonisch geordneten Lehrgebäudes. Der reine Empiriker bringt 
statt dessen einen ungeordneten Steinhaufen zusammen; der reine Philosoph 
auf der andern Seite baut Luftschlösser, welche der erste empirische Wind- 
stoss über den Haufen wirft. Jener begnügt sich mit dem Rohmaterial, 



74 Methodik der Morphologie der Organismen. 

dieser mit dem Plan des Gebäudes. Aber nur durch die innigste 
Wechselwirkung von empirischer Beobachtung und philosophi- 
scher Theorie kann das Lehrgebäude der Naturwissenschaft 
wirklich zu Stande kommen. 

Wir schliessen diesen Abschnitt, wie wir ihn begonnen, mit einem Aus- 
spruch von Johannes Müller: „Die Phantasie ist ein unentbehrliches Gut; 
denn sie ist es, durch welche neue Combinationen zur Veranlassung wich- 
tiger Entdeckungen gemacht werden. Die Kraft der Unterscheidung 
des isolirenden Verstandes sowohl, als der erweiternden und 
zum Allgemeinen strebenden Phantasie sind dem Naturforscher 
in einem harmonischeu Wechselwirken nothwendig. Durch Stö- 
rung dieses Gleichgewichts wird der Naturforscher von der Phantasie zu 
Träumereien hingerissen, während diese Gabe den talentvollen Naturfor- 
scher von hinreichender Yerstandesstärke zu den wichtigsten Entdeckungen 
führt. ') 

II. Analyse und Synthese. 

„Ein Jahrhundert, das sich bloss auf die Analyse verlegt, und sich 
vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege; 
denn nur beide zusammen, wie Aus- und Einathmen, machen das Le- 
ben der Wissenschaft. - - Die Hauptsache, woran man bei/ ausschliess- 
licher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, dass jede 
Analyse eine Synthese voraussetzt. — Sondern und Verknüpfen sind 
zwei unzertrennliche Lebensacte. Vielleicht ist es besser gesagt, dass 
es unerlässlich ist, man möge wollen oder nicht, aus dem Ganzen ins 
Einzelne, aus dem Einzelnen ins Ganze zu gehen; und je lebendiger 
diese Functionen des Geistes, wie Aus- und Einathmen, sich zusammen 
verhalten, desto besser wird für die Wissenschaften und ihre Freunde 
gesorgt sein." 

Die vorstehenden Worte von Goethe bezeichnen das nothwendige 
Wechselverhältniss zwischen der sondernden Analyse und der ver- 
knüpfenden Synthese so treffend, dass wir mit keinen besseren Wor- 
ten die folgende Betrachtung einleiten konnten. Wenn wir hier diese 
wichtigen gegenseitigen Beziehungen zwischen der analytischen und 
synthetischen, der auflösenden und zusammensetzenden Naturforschung 
kurz einer gesonderten Betrachtung unterziehen, so geschieht es haupt- 
sächlich, weil wir die vielfach verkannte nothwendige Wechselwirkung 
zwischen diesen wichtigen Methoden für die Morphologie besonders 
eindringlich hervorzuheben wünschen, und weil gerade im gegenwär- 
tigen Zeitpunkte eine klare Beleuchtung dieses Verhältnisses von be- 
sonderer Wichtigkeit erscheint. Da die analytische oder sondernde 



') Johannes Muller, Archiv für Anatomie etc. I. Jahrgg. 1834. p. 4. 



IL' Aüalyse und Synthese. 75 

Methode vorzugsweise von der empirischen Naturbeobachtung, die syn- 
thetische oder verknüpfende Methode vorzugsweise von der philoso- 
phischen Naturbetrachtung angewendet wird, so schliessen sich die 
folgenden Bemerkungen darüber unmittelbar an das im vorigen Ab- 
schnitt Gesagte an. Hiervon ausgehend werden wir schon im Voraus 
sagen können, dass ein Grundfehler der gegenwärtig in der Biologie 
herrschenden Richtung in der einseitigen Ausbildung der Analyse, und 
in der übermässigen Vernachlässigung der Synthese liegen wird. Und 
so verhält es sich auch in der That. Auf allen Gebieten der organi- 
schen Morphologie, in der Urganologie und in der Histologie, in der 
Entwicklungsgeschichte der Individuen und in derjeuigen der Stämme 
ist man seit langer Zeit fast ausschliesslich analytisch verfahren und 
hat die synthetische Betrachtung eigentlich nur selten, und in so ge- 
ringer Ausdehnung, mit so übertriebener Scheu angewendet, dass man 
sich ihrer Fruchtbarkeit, ja ihrer Unentbehrlichkeit gar nicht bewusst 
geworden ist. Und doch ist es die Synthese, durch welche die Analyse 
erst ihren wahren Werth erhält, und durch welche wir zu einem wirk- 
lichen Verständniss des durch die Analyse uns bekannt gewordenen 
Organismus gelangen. 

Bei einem Rückblicke auf die beiden empirischen Perioden der 
Morphologie, die wir im vorigen Abschnitt charakterisirt haben, fin- 
den wir, dass zwar Beide, im Gegensatz zu der dazwischen liegenden, 
vorzugsweis der Synthese zugewandten Periode der Naturphilosophie, 
vorwiegend die Analyse cultivirten, dass aber die zweite empirische 
Periode, seit Cuvier, in dieser Beziehung sich noch viel einseitiger 
entwickelte, als die erste empirische Periode, seit Linne. Denn die 
von der letzteren fast ausschliesslich betriebene Unterscheidung und Be- 
schreibung der äusseren Körperlbrmen führte immer zuletzt zur Sy- 
stematik hin, welche an sich schon einen gewissen Grad von synthe- 
tischer Thätigkeit erfordert, wogegen die analytische Untersuchung und 
Darstellung der inneren Körperformen, die „Anatomie" im enge- 
ren Sinne, welche Cuvier's Nachfolger vorzugsweise beschäftigte, der 
Synthese in weit höherem Maasse entbehren konnte. Zwar hatte Cu- 
vier der letzteren das hohe Ziel gesteckt, durch Vergleichung (und 
das ist ja eben auch Synthese) sich zur vergleichenden Anatomie zu 
erheben; indess wurde eine wahrhaft philosophische Vergleichung, wie 
Cuvier selbst und Johannes Müller sie so fruchtbar und so viel- 
fach geübt hatten, von der Mehrzahl ihrer Nachfolger so selten ange- 
wandt, dass die meisten Arbeiten, welche sich „vergleichend anatomisch" 
nennen, diesen Namen nicht verdienen. Diese einseitige Ausbildung 
der Analyse, welche sich mit der Kenntniss der einzelnen Theile des 
Organismus begnügt, ohne die Erkenntniss des Ganzen im Auge zu 
behalten, hat sich in den letzten drei Decennien jährlich in zunehmen- 



7ß Methodik der Morphologie der Organismen. 

der Progression gesteigert, insbesondere seitdem Jedermann mit dem 
Mikroskop anfing „Entdeckungen-' zu machen. Eine möglichst voll- 
ständige histologische Analyse des Körpers wurde bald allgemein das 
höchste Ziel; und über der Beschreibung und Abbildung der einzelnen 
Zellenformen vergass man völlig den ganzen Organismus, welchen die- 
selben zusammensetzen. 

Nun ist zwar nach unserer Ansicht durch Darwin, welcher die 
Synthese wieder im grossartigsten Maassstabe aufgenommen und mit 
dem überwältigendsten Erfolge in der gesammten organischen Mor- 
phologie angewandt hat, deren hohe Bedeutung so sehr zu Tage ge- 
treten, dass die bisherige einseitige Analyse sich in ihrer exclusiven 
Richtung nicht fürder wird behaupten können. Indess halten wir es 
doch nicht für überflüssig, die äusserst wichtige Wechselbeziehung 
zwischen der analytischen Untersuchung des Einzelnen und 
und der synthetischen Betrachtung des Ganzen hier nochmals 
ausdrücklich zu betonen. Allerdings muss die erstere der letzteren 
vorausgehen, aber nur als die erste Stufe der Erkenntniss, welche erst 
mit der letzteren ihren w r ahren Abschluss erreicht. Bleibt die Natur- 
forschung, wie es nur zu häufig geschieht, bei dem Resultate der reinen 
Analyse stehen, so kommt bei ihr der Spruch von Goethe 1 ) zur An- 
wendung : 

„Wer will was Lebendig's erkennen und beschreiben, 
Sucht erst den Geist herauszutreiben; 
Dann hat er die Theile in seiner Hand, 
Fehlt leider nur das geistige Band." 

Der grosse Nachtheil, den die einseitige Ausbildung der Analyse und 
die Vernachlässigung der Synthese unserer Wissenschaft gebracht hat, zeigt 
sich vielleicht nirgends in so auffallendem Maassstabe, als in den Folgen, 
welche für die Morphologie das eben so verderbliche als seltsame Dogma 
von der Constanz und von der absoluten Individualität der 
Species gehabt hat. Wer die Geschichte unserer Wissenschaft seit Linue, 
der sich durch Aufstellung des Species -Begriffs ein grosses Verdienst um 
die formelle Ausbildung derselben erwarb, kennt, der weiss, dass dieses 

') Eine vorzügliche Schilderung des Gegensatzes der Analyse und Synthese, 
an den hervorragenden Persönlichkeiten von Cuvier und Geoffroy S. Hi. 
laire durchgeführt, hat Goethe in seiner merkwürdigen oben erwähnten Kritik 
der „Philosophie zoologique" gegeben. Es heisst darin unter Anderem : „Cuvier 
arbeitet unermüdlich als Unterscheidender, das Vorliegende genau Beschreiben- 
der, und gewinnt sich eine Herrschaft über eine unermessliche Breite. Geoffroy 
Saint-Hi hii re hingegen ist im Stillen um die Analogieen der Geschöpfe und 
ihre geheimnissvollen Verwandtschaften bemüht; jener geht aus dem Einzelnen 
in ein Ganzes, welches zwar vorausgesetzt, aber als nie erkennbar betrachtet 
wird; dieser hegt das Ganze im inneren Sinne, und lebt in der Ueberzeugung 
fort, das Einzelne könne daraus nach und nach entwickelt werden." 



IT. Analyse und Synthese. 77 

Dogma seitdem fast allgemein geherrscht hat, und dass nur in der ersten 
naturphilosophischen Periode Lamarck und eine Anzahl anderer bedeu- 
tender Naturforscher die allgemeine Vorstellung von der Wesenheit und 
Beständigkeit der organischen „Art" zu verwerfen wagten, während in den 
beiden empirischen Perioden selbst die bedeutendsten Coryphaeen der Bio- 
logie sich dem harten Joche dieses wunderlichen Dogma beugten. Kein 
anderer Irrthum hat sich so allgemeine Geltung erworben, hat so sehr ge- 
schadet als dieser, und auf keinen ist in höherem Grade der bekannte 
Spruch von Goethe anwendbar: „Immerfort wiederholte Phrasen 
verknöchern sich zuletzt zur Ueberzeugung, und verstumpfen 
völlig die Organe des Anschauens." 

Das Dogma von der Constanz der Species behauptet bekanntlich, dass 
alle organischen Formen sich in den Begriff der Species einpferchen lassen, 
d. h. in einen geschlossenen und selbstständigen Formenkreis, innerhalb 
dessen zwar der Species oder Art ein gewisser Grad der Variation zu- 
gestanden wird, dessen scharf bestimmte Grenzen aber die Art niemals 
überschreiten soll. Jede Species ist für sich, unabhängig von den anderen, 
erschaffen worden, keine ist durch Abänderung aus einer andern hervorge- 
gangen. Als das morphologische Kriterium der Art wird dabei ge- 
wöhnlich die Constanz aller „wesentlichen" Merkmale (und die Variabilität 
der „unwesentlichen" Charaktere) angeführt; als das physiologische 
Kriterium dagegen die Fähigkeit aller Varietäten einer Species, unter 
sich fruchtbare Bastarde zu erzeugen (und die Unfähigkeit jeder Species, 
mit irgend einer anderen Art vermischt fruchtbare Bastarde zu erzeugen). 
Obgleich nun diese Kriterien der Species, gleich allen anderen die man 
aufzustellen versucht hat, sich leicht und sicher als vollkommen unhalt- 
bare und willkührliehe Voraussetzungen ausweisen lassen (wie im dritten 
Buche gezeigt werden soll), obgleich die Gesammtheit aller allgemeinen 
organischen Erscheinungs-Reihen auf das Entschiedenste dagegen spricht, 
obgleich nicht zwei Naturforscher in allen Fällen über die Begrenzung 
der Species einig sind, so hat dennoch dieses Dogma von der Species- 
Constanz die gesammte Biologie bis auf Darwin fast allgemein beherrscht. 
Erst Darwin' s gewaltige Argumente vermochten eine Bresche in diese 
Zwingburg des Wunderglaubens zu schiessen, eine entscheidende Bresche, 
welche den unüberwindlichen Gedanken des combinirenden synthetischen 
Verstandes den Weg in dieses innerste Asyl vitalistischer Thorheiten öffuete. 

Ohne uns hier weiter auf eine eingehende Widerlegung des Species- 
Dogma einlassen zu wollen, die späteren Oapiteln vorbehalten bleibt, führen 
wir dasselbe hier nur an, um zu zeigen, welchen verderblichen Einfluss 
eine ausschliesslich analytische Methode in den Naturwissenschaften ausüben 
kann. Denn durch keinen Umstand ist das Species -Dogma so sehr ge- 
stützt, so allgemein in Geltung und Ansehen erhalten worden, als durch 
die allgemein vorherrschende analytische Beobachtung einzelner Individuen, 
und durch den Mangel an synthetischer und vergleichender Betrachtung 
der Individuen-Summe, welche die Species erst zusammensetzt. Indem man 
seit Linne fast allgemein und ausschliesslich bemüht war, möglichst viele 
neue Formen von Organismen als sogenannte Species einzeln aufzustellen, 



7R Methodik der Morphologie der Organismen. 

und diese durch präcise Unterschiede von einander möglichst scharf zu un- 
terscheiden, verlor mau gänzlich den Blick für die grosse und allgemeine 
Uebereinstimmung, welche alle verwandten Species auf das Innigste ver- 
bindet. Man wandte bei Vergleichung derselben seine ganze Aufmerksam- 
keit auf die Unterscheidung und Hervorhebung der unbedeutenden äusser- 
lichen Formunterschiede, welche dieser oder jener Theil des thierischen 
und pflanzlichen Körpers darbot, und man vergass dabei gänzlich die völlige 
oder doch grosse Uebereinstimmung, welche in allen übrigen wesentlichen 
Theilen, und insbesondere fast in allen einzelnen Verhältnissen des innern 
Baues, die verwandten Species zeigen. Ueber einem einzigen unterscheiden- 
den Charakter zweier Formen übersah man völlig die hunderttausend 
Charaktere, welche beiden gemein sind, und um beide als Species unter- 
scheiden zu können, hob man den ersteren ganz allein hervor, während man 
von den übrigen völlig schwieg. 

Im weiteren Gange der sich entwickelnden Systematik trat nun bald 
allgemein diese kleinliche Analyse so sehr in den Vordergrund, dass die 
Unterscheidung der einzelnen Formen, welche ursprünglich nur Mittel zur 
systematischen Anordnung und Benennung gewesen war, nunmehr selbst 
Zweck wurde, und dass die Synthese, welche stets mit der Analyse Hand 
in Hand gehen sollte, nur ganz zuletzt in Anwendung kam, wenn aus den 
einzelnen isolirten Bausteinen der Species das System aufgebaut werden sollte, 
in welchem dieselben sich scharf und glatt von einander absetzen mussten. 
Da nun bei diesem Geschäfte den Systematikern nichts hinderlicher war, 
als die zahlreichen Mittelformen und Uebergangsstufen, welche die ver- 
wandten Arten verbinden, so wurden diese fast allgemein gänzlich vernach- 
lässigt, und statt diesen wichtigsten Wegweisern der natürlichen Verwandt- 
schaft eine besoudere Aufmerksamkeit zu schenken, wandte man sich mei- 
stens von ihnen mit Widerwillen ab. Nur durch dieses verkehrte Verfahren, 
durch diese gänzliche Verkennung des natürlichen Zusammenhanges der 
Arten, und durch diese gegenseitige Zuschärfung der analytischen Unter- 
suchungsmethode und der Species-Dogmatik, war es möglich, das Ansehen 
der letzteren so allgemein und so lange zu erhalten, und sich der Erkennt- 
niss von der genealogischen Verwandtschaft der Species zu verschliessen, 
auf welche alle allgemeinen Erscheinungsreihen der organischen Natur mit 
zwingender Gewalt hindeuten. 

Hieraus ergiebt sich nun von selbst, dass wir, um einen neuen Auf- 
schwung der Morphologie herbeizuführen, vor Allem die vergessene und 
verlassene Synthese wieder in ihre alten Rechte einzusetzen haben. Viele 
Zweifel gegen die Descendenz-Theorie, viele eingerostete Vorurtheile gegen 
die Veränderlichkeit der Species werden von selbst fortfallen, sobald mau 
die bereits bekannten Thatsachen-Reihen der Biologie, statt wie bisher 
sondernd vom analytischen, nun auch einmal verknüpfend vom synthetischen 
Standpunkte aus betrachtet, In der That genügt in vielen Fällen die ein- 
fache Zusammenstellung und A r ergleichung einer Reihe von einzelnen That- 
sachen, um zu einem ganz entgegengesetzten allgemeinen Schlüsse zu ge- 
langen, als dieselben vorher einzeln und für sich betrachtet, ziehen Hessen. 
Nur durch Synthese ist es möglich, zu den wichtigsten allge- 



III. Induction und Deduction. 79 

meinen Naturgesetzen zu gelangen, zu denen die ausgedehnteste 
Analyse niemals hinführt. 

Wenn man bedenkt, wie höchst einseitig von der gesammten Biologie, 
insbesondere in den letzten 30 Jahren, die empirische Analyse betrieben 
worden ist, wie man stets nur bedacht war, das Ganze in seine Theile zu 
zerlegen, die isolirten Theile zu untersuchen, und sich nicht weiter um den 
Zusammenhang derselben zu kümmern, so wird man über den Widerstand, 
den die Descendenz- Theorie bei den meisten Biologen noch heute findet, 
nicht erstaunt sein. Denn es ist ohne Weiteres klar, dass diese Theorie, 
wie alle ähnlichen grossen und umfassenden Theorieen, wesentlich auf der 
ausgedehntesten philosophischen Synthese beruht, und dass nur durch die den- 
kende Verknüpfung der zahllosen , von der beobachtenden Analyse gewon- 
nenen Einzelheiten die allgemeinen Gesetze gewonnen werden können, zu de- 
nen uns jene Theorie hinführt. Aus diesen Gründen erwarten wir zunächst von 
einer durchgreifenden und allgemeinen Synthese auf dem gesammten Ge- 
biete der organischen Morphologie den grössten Fortschritt, und sind fest 
überzeugt, dass durch diese allein schon unsere ganze Wissenschaft ein 
verjüngtes Ansehen gewinnen wird. Vergessen wir dabei aber niemals, 
dass empirische Analyse und philosophische Synthese sich gegenseitig be- 
dingen, ergänzen und durchdringen müssen; denn „nur Beide zusammen, 
wie Ein- uud Aus-Athmen, machen das Leben der Wissenschaft." 



III. Induction und Deduction. 

..Die allein richtige Methode in den Naturwissenschaften ist die 
induetive. Ihre wesentliche Eigerithümlichkeit, worin eben die Sicher- 
heit der durch sie gewonnenen Resultate begründet ist, besteht darin, 
dass man mit Verwerfung jeder Hypothese ohne alle Ausnahme (z. B. 
der Hypothese einer besonderen Lebenskraft) von dem unmittelbar 
Gewissen der Wahrnehmung ausgeht, durch dieselbe sich zur 
Erfahrung erhebt, indem man die einzelne Wahrnehmung mit dem 
anderweit schon Festgestellten in Verbindung setzt, aus Vergleichung 
verwandter Erfahrungen durch Induction bestimmt, ob sie unter einem 
Gesetze, und unter welchem sie stehen und so fort, indem man mit 
den so gefundenen Gesetzen ebenso verfahrt, rückwärts fortschreitet, 
bis man bei sich selbst genügenden, mathematischen Axiomen ange- 
kommen ist." Schieiden (Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik 
§. 3. Methodik). ') 



') „Von den Thatsachen werden wir weiter geführt zur Theorie hauptsäch- 
lich durch Induction, Hypothese und Analogie. Alle drei sind blosse 
W ahrscheinlichkeits schlüss e und können also für sich nie logische Ge- 
wissheit geben. Wenn mau sie daher richtig gebrauchen will, so muss man sehr 
genau über das Verhältniss derselben zum Ganzen unserer Erkenutnissthätigkeit 
orientirt sein; denn so wie sie richtig gebraucht die einzigen Förderungsmittel 



80 Methodik der Morphologie der Organismen. 

..Die Methode der Untersuchung, welche uns wegen der Unan- 
wendbarkeit der directen Methoden der Beobachtung und des Experi- 
mentirens als die Hauptquelle unserer Kenntnisse, die wir in Beziehung 
auf die Bedingungen und Gesetze der Wiederkehr der verwickeltereh 
Naturerscheinungen besitzen oder erlangen können, übrig bleibt, wird 
in dem allgemeinsten Ausdruck die deduetive Methode genannt. — 
Dieser deduetiven Methode verdankt der menschliche Geist seine rühm- 
lichsten Triumphe in der Erforschung der Natur. Ihr verdanken wir 
alle Theorieen, durch welche ausgedehnte und verwickelte Naturer- 
scheinungen in wenigen Gesetzen umfasst werden, und die, als Gesetze 
dieser grossen Erscheinungen betrachtet, durch directes Studium nie 
hätten entdeckt werden können. ') 



aller Erfahrungswissenschaft sind, so werden sie, fehlerhaft oder leichtfertig an- 
gewendet, auch die Quelle aller Verkehrtheiten und Phantasieen , die beständig 
in der Geschichte der Wissenschaft auftauchen, dieselbe verwirren und in ihrem 
Fortschritt hemmen. 

Alle drei, Induction, Hypothese und Analogie, sind unvollständige di- 
visive Schlüsse, die Induction unter kategorischer Form, indem ich 
von vielen Fällen (statt von allen) auf die Gültigkeit einer allgemeinen Regel, 
die Hypothese unter hypothetischer Form, indem ich von einigen Folgen 
(statt von allen) auf die Einheit des Grundes schliesse, endlich die Analogie, 
welche eigentlich nur der durch Induction gefundenen Regel unterordnet, wo 
es also allein auf die Gültigkeit der Tnduction ankommt. Dass wir einem sol- 
chen unvollständigen Schlüsse, bei dem bloss logisch gar keine Schlusskraft 
vorhanden ist, vollen Glauben beimessen, liegt in der Natur der erkennenden 
Vernunft, welche überall Einheit und Zusammenklang in ihren Erkenntnissen for- 
dert. Die Schlussformen gelten aber desshalh auch nur im Einklang mit der 
ganzen Erkenntnisskraft und den daraus abzuleitenden Principien." Schieiden 
(1. c.) \ 4. Von der Induction insbesondere. 

- ') „Die deduetive Methode ist bei dem gegenwärtigen Stande der Wissen- 
schaft unwiderruflich bestimmt, den (rang der wissenschaftlichen Untersuchung 
von nun an zu beherrschen. Friedlich und allmählig geht in der Wissenschaft 
eine Revolution vor sich, das Gegentheil von der, an welche Bacon seinen Na- 
men knüpfte. Dieser grosse Mann verwandelte die deduetive Methode der Wis- 
senschaften in eine experimentelle, die sich nun wieder in die deduetive umkehrt. 
Aber die Deductionen, welche Bacon verbannte, waren aus voreilig erhaschten 
oder willkührlich angenommenen Prämissen abgeleitet. Die Principien waren 
weder durch die gesetzmässigen Regeln der experimentellen Forschung festge- 
setzt, noch waren die Resultate durch jenes unentbehrliche Element einer ratio- 
nellen deduetiven Methode, die Bestätigung durch die speeifische Erfahrung ge- 
prüft. 

„Unter den unseren Fähigkeiten zugänglichen Gegenständen sind diejenigen, 
welche noch in einem Zustande von Düsterheit und Ungewissheit verweilen 
(indem das Aufeinanderfolgen ihrer Erscheinungen noch nicht unter feste und 
erkennbare Gesetze gebracht worden ist), meistens von einer verwickelten Natur, 
solche in denen viele Agentien thätig sind, deren Wirkungen sich fortwährend 
aufheben oder vermischen. Die Entwirrung dieses Knäuels ist eine Aufgabe, 



III. Induction und Deduction. 81 

Die deductive Methode bestellt aus drei Operationen: die 
erste ist eine directe Induction, die zweite eine Folgerung, 
die dritte eine Bestätigung. Ich nenne den ersten Sehritt in dem 
Verfahren eine inductive Operation, weil eine directe Induction als die 
Basis des Ganzen vorhanden sein muss, obgleich in vielen besonderen 
Untersuchungen die Induction von einer früheren Deduction vertreten 
werden kann; die Prämissen dieser früheren Deduction müssen aber 
von einer Induction abgeleitet sein. Die Gesetze einer jeden be- 

sonderen Ursache, die Antheil an der Erzeugung der Wirkung nimmt, 
zu ermitteln, ist daher das erste Erfordernis» (das erste Stadium) der 
deductiven Methode; — der zweite Theil (das zweite Stadium) der- 
selben ist die Bestimmung aus den Gesetzen der Ursachen, welche 
Wirkung eine gegebene Combination dieser Ursachen hervorbringen 
wird. Dies ist ein Process der Berechnung in dem weitesten Sinne 
des Wortes, und schliesst häufig eine Berechnung in dem engeren 
Sinne ein. — Den dritten wesentlichen Bestandteil (das dritte Sta- 
dium) der deductiven Methode, und ohne welchen alle Resultate, die 
sie gewähren kann, keinen anderen Werth haben, als den einer Ver- 
muthung, bildet die Bestätigung (Verification) oder Probe der Folgerung. 
Um das Vertrauen auf die durch Deduction erhaltenen allgemeinen 
Schlüsse zu rechtfertigen, müssen diese Schlüsse bei einer sorgfältigen 
Vergleichung mit den Resultaten der directen Beobachtung, wo man 
sie immer haben kann, übereinstimmend befunden werden." John 
Stuart Mill (die inductive Logik. Braunschweig, 1849; p. 180, 181, 
187, 190). 

An die Spitze dieses Abschnittes, welcher die höchst wichtige 
und nothwendige Wechselwirkung der induetiven und der 
deductiven Methode erläutern soll, stellen wir die Aussprüche zweier 
ausgezeichneter Männer, von denen der eine als „Naturforscher"", der 
andere als „Philosoph" die grössten Verdienste hat. Auf den ersten 
Blick scheinen sich vielleicht beide geradezu zu widersprechen. Schlei- 
den preist die inductive, Mill die deductive Methode, welche diametral 
von der ersteren verschieden zu sein scheint, als die ..allein richtige" 
und ausschliesslich zu befolgende Methode der Naturwissenschaft. In- 
dessen ergiebt eine genauere Betrachtung ihrer Erklärungen alsbald, 
dass dieser Gegensatz nur ein theilweiser, nur insofern vorhanden ist ; 



welche von Schwierigkeiten begleitet ist, die, wie bereits gezeigt wurde, nur 
durch die Deduction allein gelöst werden können. Deduction heisst das 
grosse wissenschaftli che W erk unserer uud der zukünft igen Zeiten. 
Der Theil, welcher fortan der speeifischen Erfahrung bei der Vervollkommnung 
der Wissenschaft bewahrt ist, besteht hauptsächlich darin, dass sie dem deducti- 
ven Forscher Winke giebt, die er zu verfolgen hat, und in der Bestätigung oder 
Einschränkung seiner Schlüsse." John Stuart Mill (1. c) p. 223, 224. 
Haeckel, Generelle Morphologie. Q 



82 Methodik der Morphologie der Organismen. 

als Schi ei den für die philosophische Naturwissenschaft eine engere, 
Mill eine weitere Grenze der Schlussfolgerung aus der Beobachtung 
zieht. Allerdings will der erstere zunächst nur die Induction gelten 
lassen und schliesst die Deduction ganz aus, während der letztere 
die Induction ausdrücklich nur als eine Voraussetzung, als das noth- 
wendige „ erste Stadium " der Deduction gelten lässt. Nach Seh leiden 
würde die Erfahrung nur vom Einzelnen aus in das Ganze, vom Be- 
sonderen aus in das Allgemeine gehen und nur von der Wirkung aus 
auf die Ursache, von der Thatsache ans auf das Gesetz schliesseu 
dürfen. Nach Mill dagegen darf die Naturwissenschaft nicht auf die- 
ser Stufe stehen bleiben, sondern sie darf und muss auch den umge- 
kehrten Weg der Schlussfolgerung gehen; sie darf und muss von dem 
Ganzen auf das Einzelne, von dem Allgemeinen auf das Besondere 
schliessen; sie darf und muss aus der Ursache die Wirkung, aus dem 
Gesetze die Thatsache folgern können. 

Die hier offen zu Tage tretende thatsächliche Differenz über die 
wichtigste Methode der Naturforschuug zwischen zwei scharfsinnigen 
Männern, die beide mit tiefem philosophischen Blick die Geistesopera- 
tionen der naturwissenschaftlichen Schlussfolgerungen untersucht haben, 
ist desshalb für uns von hohem Interesse, weil sie uns auf zwei ver- 
schiedene Denkweisen unter den biologischen Naturforschern hinweist, 
die gerade jetzt im Begriffe sind, sich mit irTebr oder weniger klarem 
Bewusstsein von einander zu trennen und einseitig sich gegenüber zu 
treten. Es kann nämlich keinem Zweifel unterliegen, dass die von 
Schieiden als die allein richtige Methode gepriesene Induction, welche 
damals allerdings, den phantastischen Träumereien und den unreifen 
Deductionen der früheren Naturphilosophen gegenüber, vollkommen am 
Platze war, durch ihre ausschliessliche Geltung sehr viel zu der ein- 
seitigen „ exaet-empirischen " Richtung beigetragen hat, die in den letz- 
ten Decennien mehr und mehr die herrschende geworden ist. Indem 
man hier immer allgemeiner nur die Induction allein als die 
„ eigentliche" Methode der Naturforschung gelten Hess und die Deduction 
völlig ausschloss, beraubte man sich selbst des fruchtbarsten Denk. 
processes, der gerade in den biologischen Disciplinen zu den grössten 
Entdeckungen führt, Zum Wenigsten wollte man Nichts von dem- 
selben wissen, wenn gleich man unbewusst sich desselben häufig und 
mit dem grössten Erfolge bediente. Denn es ist nicht schwer nachzu- 
weisen, dass die wichtigsten Entdeckungen, welche in dem letztver- 
flossenen Zeitraum gemacht wurden, und insbesondere die allgemeineren 
biologischen Gesetze, zu denen man gelangte, zwar durch vorhergehende 
und höchst wesentliche, aber nicht durch ausschliessliche Hülfe der In- 
duction gemacht wurden, dass vielmehr fast immer die der Induction 



III. Induction und Deduction. 83 

nachfolgende, meist unbewusste Deduction die allgemeine und sichere 
Geltung der Erfahrung erst begründete. 

Wenn die Induction ausschliesslich in dem strengsten Sinne, wie 
Schieiden will, die Methode der naturwissenschaftlichen Untersuchung 
und Schlussfolgerung sein und bleiben sollte, so würde der Fortschritt 
unserer Erkenntnisse und ganz besonders der Fortschritt in der Fest- 
stellung allgemeiner Gesetze nur ein äusserst langsamer und allmähliger 
sein; ja, wir würden sogar zur Aufstellung der allgemeinsten und 
wichtigsten Naturgesetze niemals gelangen, und den allgemeinen Zu- 
sammenhang der grössten und umfassendsten Erscheinungsreihen nie- 
mals erkennen. Zu diesen können wir immer nur durch deductive 
Verstandes -Operationen gelangen, und zwar nur durch reichliche und 
häufige, allerdings aber auch nur durch richtige und sehr vorsichtige 
Anwendung der Deduction. 

Induction und Deduction stehen nach unserer Ansicht in der 
innigsten und notwendigsten Wechselwirkung, in ähnlicher Weise, wie 
es Goethe von der Analyse und Synthese ausspricht: „Nur Beide 
zusammen, wie Aus- und Ein-Athmen, machen das Leben der Wissen- 
schaft." Mi 11 ist sicher im vollkommensten Rechte, wenn er der De- 
duction die grösste Zukunft prophezeit, und die Induction vorzüglich 
nur als die erste Stufe, als das erste Stadium der Deduction gelten 
lässt. Diese Vorbedingung ist für eine richtige Deduction aber auch 
unerlässlich. Entweder muss eine directe Induction die Basis der gan- 
zen deductiven Operation bilden, oder es muss statt jener directen 
Induction eine andere Deduction zu Grunde liegen, die selbst wieder 
direct oder indirect durch eine Induction sicher begründet ist. Es 
muss also in allen Fällen, — und dies hervorzuheben ist sehr wichtig — 
eine Induction die Basis, den ersten Schritt des ganzen Schlussver- 
fahrens bilden, und erst auf dieser Basis kann sich dann die Deduction 
sicher aufbauen. 

Es wird also dadurch, dass man die deductive Methode als die 
wichtigste, fruchtbarste und bedeutendste der naturwissenschaftlichen 
Forschung hinstellt, die Bedeutung der inductiven Methode keineswegs 
geschmälert, sondern vielmehr nur insofern moditicirt, als sie die not- 
wendige Basis, die unentbehrliche Einleitung der ersteren sein muss. 
Wir können mithin allgemein aussprechen, dass die Induction die erste, 
unentbehrlichste und allgemeinste Methode der Naturforschung sein 
muss, dass aber die letztere, wenn sie zu allgemeinen Gesetzen ge- 
langen, diese mit Sicherheit beweisen und den fundamentalen und all- 
gemeinen Zusammenhang der Erscheinungen erkenneu will, nicht bei 
der Induction stehen bleiben darf, sondern sich zur Deduction wenden 
muss. Die Induction gelangt durch vergleichende Zusammenstellung 
vieler einzelner verwandter specieller Erfahrungen zur Aufstellung 

6* 



S4 Methodik der Morphologie der Organismen. 

eines allgemeinen Gesetzes. Die Deduction folgert aus diesem generellen 
Gesetze eine einzelne specielle Thatsache. Wird diese letztere nun 
nachher durch die Erfahrung als wirklich erwiesen, so war die de- 
ductive Folgerung richtig, und durch die Probe oder Verification, 
welche diese nachträgliche Erfahrung liefert, ist das Gesetz bestätigt, 
ist die allgemeine Gültigkeit des Gesetzes mit weit grösserer Sicher- 
heit festgestellt, als es durch die Induction jemals hätte geschehen 
können. 

Eine klare und vollständige Erkenntniss von dem Wesen dieser 
beiden wichtigsten Verstandes -Operationen, eine vollkommene Ueber- 
zeugung von der Notwendigkeit ihrer präcisen Anwendung, und eine 
richtige Auffassung des innigen gegenseitigen Wechselverhältnisses, in 
welchem Induction und Deduction zu einander stehen, halten wir für 
äusserst wichtig, und für einen jeden Naturforscher, der die Mittel zur 
Lösung seiner Aufgabe klar erkennen und sein Ziel mit Bewusstsein 
verfolgen will, ganz unerlässlich. Wenn die meisten Naturforscher 
gegenwärtig von diesen Methoden, sowie überhaupt von einer streng 
philosophischen Behandlung ihrer Aufgabe, Nichts wissen und leider 
auch meist Nichts wissen wollen , so ist es ihr eigener schlimmer 
Nachtheil. Denn ^tatsächlich können sie diese beiden wichtigsten 
Geistesoperationen des Naturforschers nirgends entbehren, und that- 
sächlich bedienen sie sich derselben fortwährend, wenn auch ganz un- 
bewusst, und daher meist unvollständig. Inductive und deduetive 
Methode sind keineswegs, wie Viele meinen, besondere Erfindungen 
der Philosophen, sondern es sind natürliche Operationen des mensch- 
lichen Geistes, welche wir überall und allgemein, wenn auch meist 
unklar, unvollständig und unbewusst anwenden. Wenn aber die wis- 
senschaftliche Anwendung der Induction und Deduction mit Bewusst- 
sein erfolgt, wenn sich der Naturforscher der Bedeutung und des 
Nutzens, der Tragweite und der Gefahren dieser Methoden bewusst 
ist, so kann er sich derselben mit weit grösserem Erfolge und mit 
weit vollkommnerer Sicherheit bedienen, als wenn er sie unklar, unbe- 
wusst und daher unvollständig und unvorsichtig anwendet. Jeder 
Wanderer, der auf verwickelten Wegen, durch Wald und Feld, über 
Berg und Thal, sein Wanderziel verfolgt, erreicht dasselbe rascher und 
sicherer, mit weniger Gefahr des Irrthums und mit geringerem Zeit- 
aufwand, wenn er die Wege kennt, als wenn sie ihm unbekannt sind. 
Methoden, und zwar ganz vorzüglich die philosophischen Methoden der 
Naturwissenschaft, sind aber nichts Anderes, als Wege der Forschung, 
und wer diese Wege genau kennt und mit sicherem Bewusstsein ver- 
folgt, wird sein wissenschaftliches Ziel ohne Zweifel immer besser 
und schneller erreichen, als derjenige, dem diese Kenntniss der richti- 
gen Wege fehlt. 



III. Iuduction und Deduction. g5 

Obwohl Induction und Deduction zweifelsohne die wichtigsten psychi- 
schen Functionen des erkennenden Menschen, und vor Allem des am tief- 
sten und gründlichsten erkennenden Menschen, d. h. des Naturforschers 
sind, so mangelt es dennoch gänzlich an einer gründlichen psychologischen 
Erläuterung derselben. Freilich geht es hier diesen beiden Methoden nicht 
viel schlechter, als vielen anderen wichtigen Denkprocessen. Auf eine 
wahrhaft natürliche, d. h. genetische Erklärung derselben werden wir erst 
dann hoffen können, wenn ein naturwissenschaftlich und namentlich biologisch 
gebildeter Philosoph, d. h. ein an klares strenges Denken gewöhnter Naturfor- 
scher (eine seltene Erscheinung!) endlich einmal eine vergleichende Psycho- 
logie schaffen wird, d. h. eine Seelenlehre, welche die gesammten psychi- 
schen Functionen durch die ganze Thierreihe und namentlich durch die 
Stufenleiter des Wirbelthier-Stammes hindurch verfolgt und die allmählige 
Differenzirung derselben bis zu ihrer höchsten Blüthe im Menschen nach- 
weist. Da diejenigen Functionen des Centralnervensystems, welche man 
unter dem Namen des „Seelenlebens" zusammenfasst, durchaus nach den- 
selben Gesetzen entstehen und sich entwickeln, durchaus in gleicher Weise 
an die sich diffcrenzirenden Organe gebunden sind, wie die übrigen soma- 
tischen Functionen, so können wir zu einer richtigen Erkenntniss derselben 
(die einen Theil der Physiologie bildet) auch nur auf dem gleichen Wege wie 
bei den letzteren gelangen, d. h. auf dem vergleichenden und dem 
genetischen Wege. Nur allein die Vergleichung der verschiedenen Ent- 
wicklungsstufen des Seelenlebens bei unseren Verwandten, den übrigen 
Wirbelthieren, das Studium der allmähligen Entwicklung desselben von 
frühester Jugend an bei allen Vertebraten, und die Herstellung der voll- 
ständigen Stufenleiter von allmähligen Uebergangsformen, welche das Seelen- 
leben von den niederen zu den höheren Wirbelthieren, und insbesondere 
von den niedersten Säugethieren an bis zu den höchsten, von den Beutel- 
thieren durch die Reihe der Halbaffen und Affen hindurch bis zum Men- 
schen darstellt — nur allein diese auf dem vergleichenden und genetischen 
Wege erlangten psychologischen Erkenntnisse werden uns das volle Ver- 
ständniss unseres eigenen Seelenlebens eröffnen und uns die bewunderns- 
würdig weit gehende Differenzirung der psychischen Functionen erkennen 
lassen, welche uns vor allen andern Wirbelthieren auszeichnet. ') 



') Wenn wir hier die Differenzirung und Entwickelung der menschlichen 
Psyche im Ganzen genommen über diejenige aller anderen Wirbelthiere stel- 
len , so wird vielleicht die vergleichende und genetische Psychologie diese An- 
sicht künftig insofern einschränken , als sie darthuu , wird dass einzelne See- 
lenerscheinungen, welche deu drei Functionsgruppeu des Erkennens (Denkens), 
Wollens und Empfindens untergeordnet sind, bei einzelnen Wirbelthieren hö- 
her als beim Menschen entwickelt sind. Gegenwärtig lässt sich über diesen 
äusserst wichtigen und interessanten Gegenstand fast noch Nichts aussagen , da 
erst sehr wenige ernste Versuche zu einer wissenschaftlichen, d. h. ver- 
gleichenden und genetischen Psychologie der Wirbelthiere ge- 
macht sind. Der gänzlich nichtssagende Ausdruck „Instinkt," mit welchem m an 
das gesammte Seeleuleben der Thiere, gegenüber dem des Menschen zu b^än^jahP /TT" 



/4v°:xt 



86 Methodik der Morphologie der Organismen. 

Dass die induetive und deductive Geistesoperation bei den uns nächst- 
verwandten Wirbelthieren überall nach denselben Gesetzen und in derselben 
Weise, wie bei uns selbst, zu Stande kommt und angewendet wird, und 
dass hier nur quantitative, keine qualitativen Differenzen sich finden, lehrt 
jede nur einigermaassen unbefangene und sorgfältige Beobachtung, z. B. 
schon bei den uns am meisten umgebenden Hausthieren. Auch hier ge- 
hören induetive und deductive Erkenntnisse zu den allgemeinsten und wich- 
tigsten psychischen Processen. Wenn z. B. Jagdhunde, wie bekannt, in 
die tödtlichste Angst gerathen, sobald der Jäger das Schiessgewehr auf 
sie anlegt, so ist diese Erregung die Folge eines vollständigen induetiven 
und deduetiven Denkprocesses. Durch zahlreiche einzelne Erfahrungen 
haben sie die tödtliche Wirkung des Schiessgewehrs kennen gelernt. Sie 
schliessen daraus, dass diese Wirkung stets eintritt, sobald das Gewehr 
auf ein lebendes Wesen gerichtet wird. Aus diesem als allgemein erkann- 
ten Gesetze folgern sie, dass in diesem speciellen Falle dieselbe Wirkuug 
eintreten werde, und wenn der Jäger nun wirklich auf sie schösse, so hät- 
ten sie den vollständigen Beweis von der Richtigkeit ihres deduetiven 
Schlusses erhalten. Auf dieselben psychischen Operationen gründet sich 
auch die gesammte Erziehung der Hausthiere, wie der Menschenkinder, 
mittelst der gebräuchlichsten und allgemeinsten Erziehungsmittel, der Schläge. 
Ein Pferd z. B. macht in zahlreichen einzelnen Fällen die Erfahrung, dass 
mit einem bestimmten Zurufe des Kutschers Schläge verbunden sind, die 
aufhören, so bald es sich in Trab -setzt. Es folgert daraus durch In- 
duetion das Gesetz (die Erziehungs-Maxime), dass diese Schläge constant 
und allgemein mit dem Zurufe verbunden sind, und setzt sich, um jene zu 
vermeiden, späterhin sofort von selbst in Trab, sobald der Zuruf ertönt. 
Das Pferd schliesst hier in jedem einzelnen Falle durch Deduction zurück, 
dass auf den Zuruf die Schläge erfolgen werden, und wenn sie wirklich 
erfolgen, so war die Yerification seiner Deduction geliefert. 

Diese einfachen Verhältnisse der Induction und Deduction, welche ge- 
wissermassen eine in sich selbst zurücklaufende Kette von Ideen -Associa- 
tionen herstellen (indem von vielen Einzelnen auf das Allgemeine geschlos- 
sen und von diesem auf ein anderes Einzelnes zurück geschlossen wird), 
sind ganz dieselben, welche zur Erkenntniss der complicirtesten Ver- 
hältnisse und zur Entdeckung der wichtigsten Gesetze in der Naturwis- 
senschaft geführt haben. Vor Allen in den am meisten „exaeten" Wissen- 



nen pflegt, ist nur ein trauriger Deckmantel für unsere bodenlose Unkenntniss. 
Wenn man freilich bedenkt, wie gänzlich verkehrt noch unser gesammter Jugend- 
unterricht ist, wie wir von den Thieren , mit denen wir leben, und die unsere 
nächsten Verwandten sind, fast Nichts lernen, wie unsere sogenannten „gebilde- 
ten" Gesellschaftsklassen sich in der gröbsten Unkenntniss der Natur, die sie. 
umgiebt, in der vollkommensten Unklarheit über ihre Beziehungen zu derselben 
befinden, so kann man sich nicht wundern, wenn gerade über diesen wichtigsten 
Punkt, über die qualitative Uebereinstimmung (und die nur quantitative Diffe- 
renz) der menschlichen und thierischen Psyche die verkehrtesten Vorstellungen 
herrschen. 



III. Induction und Deduction. 87 

schafteu, in der Astronomie und Mechanik, in der Chemie und Physik, in 
der Geologie und Mineralogie wird von der inductiven und der ergänzen- 
den deductiven Methode allgemein der weiteste und fruchtbarste Gebrauch 
gemacht. Nur in den biologischen Wissenschaften,, und ganz besonders in 
der Morphologie der Organismen, besteht noch allgemein eine solche Scheu 
vor Anwendung dieser wichtigsten Erkenntniss- Methoden, dass man sich 
lieber der rohesten und gedankenlosesten Empirie in die Arme wirft, als 
dass man zu ihnen seine Zuflucht nähme. Fragen wir nach den Gründen 
dieser seltsamen Erscheinung, so finden wir sie auch hier wieder theils in 
der allgemeinen Abneigung der Biologen, und namentlich der Morphologen, 
gegen alle strengen philosophischen Methoden, theils in der Unkenntniss 
derselben, theils in der Furcht vor den Schwierigkeiten ihrer Anwendung 
und vor den Gefahren, welche dieselben mit sich bringen. 

Nun ist es allerdings richtig, dass diese Gefahren, welche in der na- 
türlichen Unvollständigkeit, in der nur annähernden Sicherheit der inductiven 
und deductiven Methode selbst begründet sind, gerade auf dem Gebiete 
der organischen Morphologie grösser sind, als irgendwo. Denn nirgends 
so wie hier ist einer subjectiven und willkührlichen Erkenntniss Thür und 
Thor geöffnet; nirgends gelten so wenig feste unverbrüchliche Gesetze und 
Regeln als auf diesem Gebiete; und nirgends so wie hier, gehen factisch 
die Ansichten der verschiedenen Naturforscher über eine und dieselbe Sache 
auf das Weiteste aus einander. Allein wenn auch der Weg hier besonders 
schlüpfrig und gefährlich, wenn der Irrthum und Fehltritt hier besonders 
leicht und nahe ist, so müssen wir dennoch diesen Weg betreten, als den 
einzig möglichen, auf dem wir überhaupt vorwärts kommen können. 

Auf allen Gebieten der organischen Morphologie, in der Tectologie 
wie in der Promorphologie, in der Ontogenie wie in der Phylogenie, überall 
werden wir der Induction und der darauffolgenden Deduction, deren Veri- 
fication selbst erst die Induction sicher stellt, den weitesten Spielraum 
gönnen, die allgemeinste Anwendung geben müssen, wenn wir überhaupt 
zu unserm Ziele, zur Erkenntniss allgemeiner Bildungsgesetze gelangen 
wollen. Kaum werden wir aber so oft und so allgemein irgendwo inductive 
und deductive Methode verbunden zur Anwendung bringen müssen, als in 
der Phylogenie, in der paläontologischen Entwickelungsgeschichte und der 
genealogischen Verwandtschaftslehre der Organismen. Hier beruht ge- 
radezu jeder Fortschritt zu der Erkenntniss der allgemeinen Gesetze auf 
der weitesten und vollständigsten Anwendung der Deduction. Mit der In- 
duction allein würden wir hier keinen Schritt vorwärts kommen. Die In- 
duction fusst ausschliesslich auf der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung. 
Da wir nun von keinem einzigen fossilen, ausgestorbenen Organismus den 
ganzen Körper, sondern stets nur einzelne Theile desselben, meist sogar 
nur unbedeutende Fragmente kennen, so müssen wir nothwendig zur Er- 
gänzung derselben unsere Zuflucht zur Deduction nehmen. Wir haben aus 
der vergleichenden Anatomie der lebenden Verwandten des fossilen Or- 
ganismus, von dem wir nur ein kleines, aber charakteristisches Fragment be- 
sitzen, die allgemeinen Organisationsgesetze inductiv erschlossen, welche 
dieser ganzen Gruppe eigenthümlich sind, und wir folgern daraus, dass auch 



3g Methodik der Morphologie der Organismen. 

diese ausgestorbene Art dieselben Verhältnisse gezeigt haben werde. Fin 
den wir nun nachträglich noch vollständigere Reste derselben, welche diese 
Folgerung bestätigen, so ist unsere Deduction vcrificirt. Cuvier hatte durch 
die genauesten vergleichend anatomischen Untersuchungen sich (auf in- 
ductivem Wege) eine vollständige Kenntniss vom Bau der Beutelthiere ge- 
bildet. Als ihm eines Tages ein fossiler Unterkiefer gebracht wurde, schloss 
er aus einer gewissen Formeigenthümlichkeit desselben sofort (auf deductivem 
Wege), dass derselbe einem Beutelthier angehöre, und die nachfolgende 
Ausgrabung des ganzen Skelets verificirte diese Deduction vollständig, 
machte die Probe, die zu seiner Rechnung stimmte. 

In äusserst zahlreichen Fällen bilden wir uns auf vergleichend ana- 
tomischem und embryologischem Wege, durch Induction, bestimmte allge- 
meine Vorstellungen von den natürlichen Verwandtschaftsverhältnissen gan- 
zer Organismen-Gruppen. Diese drücken wir am kürzesten und anschau- 
lichsten dadurch aus, dass wir dieselben in Form eines Stammbaums, einer 
genealogischen Tabelle zusammenstellen. Niemals aber ist dieser Stamm- 
baum vollständig, indem immer zahlreiche (lebende oder fossile) Ueber- 
gangsglieder zwischen den verwandten Formen fehlen. Durch Deduction 
schliessen wir auf die (jetzige oder frühere) Existenz dieser verbindenden 
Uebergangsglieder, und wenn dieselben (wie das schon oftmals geschehen 
ist) nachträglich wirklich entdeckt werden, so ist unsere Deduction durch 
die nachfolgende Verification auf das Glänzendste gerechtfertigt. 



Viertes Capitel: Zweite Hälfte. 

Kritik der naturwissenschaftlichen Methoden, welche sich gegen- 
seitig NOTHWENDIG AUSSCHLÜSSEN MÜSSEN. 



IV. Dogmatik und Kritik. 

„In aller Bearbeitung der Wissenschaften treten sich stets zwei 
Methoden als unmittelbare Gegensätze gegenüber. Einerseits ist es 
die dogmatische Behandlung, die schon Alles weiss, der mit ihrem 
augenblicklichen Standpunkt die Geschichte ein Ende erreicht hat, 
die ihre Weisheit wohl vertheilt und wohl geordnet vorträgt, und von 
ihren Schülern keinen andern Bestimmungsgrund zur Annahme des 
Gehörten fordert, als das avzog e<pa. Dieser in ihrem ganzen Wesen 
falschen Weise tritt nun die andere entgegen, die wir für die reine 
Philosophie die kritische, für die angewandte Philosophie und für 
die Naturwissenschaften die inductorische Methode nennen; die sich be- 
scheidet noch wenig zu wissen; die ihren Standpunkt von vornherein 
nur als eine Stufe in der Geschichte der Menschheit ansieht, über 
welche hinaus es noch viele folgende und höhere giebt, die aber frei- 



IV. Dogmatik und Kritik. g9 

lieh nur als ihr folgende angesehen werden können; und die ihre 
Schüler auffordert, sie zu begleiten und unter ihrer Anleitung im eige- 
nen Geist und in der Natur zu suchen und zu finden."') Schiei- 
den (Grundzüge der wissensch. Botanik, III. Aufl. p. 4). 

Obgleich es wohl nach dem vorstehenden Ausspruche Seh leid ens, 
der den Gegensatz zwischen kritischer und dogmatischer Methode 
scharf characterisirt, scheinen könnte, als ob die kritische Methode mit 
der im vorigen Abschnitte erläuterten induetiven Methode identisch 
sei, so glauben wir doch, dass man richtiger die letztere nur als 
einen Inhaltstheil der ersteren, als eine ihr subordinirte Methode auf- 
fasst. Der Umfang des Begriffs der „Kritik" ist weiter, als derjenige 
der „Induction", und nach unserer Ueberzeugung muss auch die De- 
duetion, welche doch von der Induction wesentlich verschieden und ihr 
gewissermaassen entgegengesetzt ist (indem sie umgekehrt verfährt), 
stets nicht minder „ kritisch " zu Werke gehen, als die Induction selbst. 
Wir halten es daher nicht für überflüssig, die Bedeutung der kritischen 
Forschungsmethode hier noch besonders zu erörtern; um so mehr, als 
einerseits wir im vorigen Abschnitt die Induction nur im Gegensatz 
zur Deduction (und nicht zur Dogmatik) besprochen haben, anderer- 
seits aber die nur allzuhäufige Vernachlässigung der kritischen Methode 
den biologischen Naturwissenschaften, und ganz besonders den ver- 
schiedenen Zweigen der organischen Morphologie offenbar gescha- 
det hat. 

Denn wenn man die vielen grundverschiedenen Ansichten über- 
blickt und vergleicht, welche von den verschiedenen Morphologen zur 
Erklärung sowohl zahlloser Einzel -Erscheinungen als auch grösserer 
Erscheinungsreihen auf dem botanischen und zoologischen Gebiete auf- 
gestellt worden sind, so erkennt man bald, dass nicht bloss die Schwierig- 
keit des höchst verwickelten Gegenstandes selbst, sondern mehr noch 
Mangel an allgemeinem Ueberblick, und vor Allem Mangel an Kritik 
diese grellen und seltsamen Widersprüche bedingt. Statt umsichtiger 



') „Freilich ist die dogmatische Methode in ihrer strengsten Consequenz 
eine an sich unmögliche, und jeder Einzelne, der ihr anhängt, muss immer mehr 
oder weniger eine Zeit lang der kritischen Methode gefolgt sein, um nur zur 
dogmatischen Behandlungsweise kommen zu können; und seine wissenschaftliche 
Thätigkeit wird daher sehr verschiedene Abstufungen darbieten, je nachdem er 
mehr oder weniger die allein richtige kritische Methode in Anwendung gebracht 
und in seiner Darstellung durchscheinen lässt. Verfolgen wir nun von diesem 
Gesichtspunkte aus die Geschichte der Menschheit, so sehen wir, wie aller Fort- 
schritt in den einzelnen Disciplinen immer nur an die Herrschaft der induetiven 
und kritischen Methoden geknüpft ist, und wie sich die einzelnen Methoden erst 
ganz allmählig eine nach der anderen das Bewusstsein der allein richtigen Me- 
thode erobern." Sc hl ei den (I.e.) p. 5. 



90 Methodik der Morphologie der Organismen. 

und auf breite inductive Basis wohl begründeter Theorieen, treffen wir 
vielmehr fast allenthalben höchst vage Hypothesen von durchaus dog- 
matischen] Character an; ja bei aufrichtiger Prüfung des gegenwärtigen 
Zustaudes unserer Wissenschaft müssen wir zu unserni Leidwesen ge- 
stehen, dass überall in derselben die dogmatische Richtung noch weit 
über die kritische überwiegt. 

Leider ist dieser höchst schädliche Mangel an Kritik so allge- 
mein und hat insbesondere in den letzten Decennien, gleichzeitig 
und in gleichem Schritt mit dem extensiven Wachsthum und der da- 
mit verbundenen Verflachung der organischen Morphologie, so sehr zu- 
genommen, dass wir kein einzelnes Beispiel anzuführen und den un- 
parteiischen Leser bloss zu ersuchen brauchen, einen Blick in eine belie- 
bige Zeitschrift für „wissenschaftliche" Zoologie oder Botanik zu werfen, um 
sich von dem dogmatischen und kritiklosen -Character der meisten 
Arbeiten zu überzeugen. Nirgends aber tritt dieser Character so nackt 
und abschreckend zu Tage, als in der Mehrzahl derjenigen Schriften, 
welche die Species-Frage behandeln, und insbesondere in denjenigen, 
welche die Descendenz-Theorie zu bekämpfen suchen. Dass gerade in 
dieser hochwichtigen allgemeinen Frage die gänzlich dogmatische 
und kritiklose Richtung der organischen Morphologie in ihrer ganzen 
Blosse und Schwäche auftritt, kann freilich Niemanden überraschen, 
der durch eigene systematische Studien sich einen Begriff von dem 
ausserordentlichen Gewicht dieser allgemeinen Frage gebildet und da- 
bei die Ueberzeugung gewonnen hat, dass hier ein einziges colossales 
Dogma die gesammte Wissenschaft nach Art des drückendsten Ab- 
solutismus beherrscht. Denn nur als ein colossales Dogma, 
welches ebenso durch hohes Alter geheiligt, und durch blin- 
den Autoritätenglauben mächtig, wie in seinen Praemissen 
haltlos und in seinen Consequenzen sinnlos ist, müssen wir 
hier offen die gegenwärtig immer noch herrschende An- 
sicht bezeichnen, dass die Species oder Art constant und 
eine für sich selbstständig erschaffene Form der Organi- 
sation ist. 

„Immerfort wiederholte Phrasen verknöchern sich zuletzt zur Ueber- 
zeugung und verstumpfen völlig die Organe des Anschaueus." Dieses 
goldene Wort Goethe*s findet nirgends in höherem Grade Geltung, 
als in dieser Frage. In der T hat, wenn man mit kritischer Vorurtheils- 
losigkeit unbefangen alle Voraussetzungen erwägt, auf welche die An- 
hänger des Species-Dogma sich stützen, und die Folgerungen zieht, 
welche nothwendig aus demselben gezogen werden müssen, so begreift 
man nur durch Annahme „einer völligen Verstumpfung der Organe 
des Anschauens/' wie dieses in sich hohle und widerspruchsvolle Dogma 
130 Jahre hindurch fast unangefochten bestehen, und wie dasselbe nicht 



IV. Dogmatik und Kritik. 91 

allein die Masse der gedankenlosen Naturbeobachter, sondern auch die 
besten und denkendsten Köpfe der Wissenschaft beherrschen konnte. 
Seltsames Schauspiel ! Einem Götzen gleich steht allmächtig und all- 
beherrschend dieses paradoxe Dogma da, welches Nichts erklärt und 
Nichts nützt, und welches zu der Gesainmtheit aller allgemeinen bio- 
logischen Erscheinungsreihen sich im entschiedensten Widerspruche 
befindet. Während alle einzelnen grösseren und kleineren Thatsachen- 
Reihen, welche auf dem Gebiete der Biologie, und namentlich der Mor- 
phologie, seit mehr als hundert Jahren sich so massenhaft angehäuft 
haben, übereinstimmend und gleichsam spontan zu dem grossen Re- 
sultate hinleiten, dass die unendliche Mannichfaltigkeit der Thier- und 
Pflanzen-Formen die reich differenzirte Nachkommenschaft einiger we- 
niger einfacher gemeinsamer Stammformen sei, während alle anatomi- 
schen und embryologischen, alle paläontologischen und geologischen 
Data ebenso einfach als nothwendig auf dieses gewaltige Resultat hin- 
arbeiten, bleibt die entgegengesetzte, rein dogmatische und durch keine 
Thatsachen gestützte Ansicht über ein Jahrhundert lang allgemein herr- 
schend! Credunt, quia absurdum est! 

In Wahrheit ist diese Betrachtung für die Geschichte der Wissen- 
schaft von hohem Interesse, und keine andere kann uns in so hohem 
Grade vor den Gefahren und Nachtheilen einer dogmatischen und le- 
diglich durch die Autorität gestutzten Anschauungsweise warnen, und 
so nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer strengen kritischen 
Untersuchungsmethode hinweisen. Wären die Morphologen nur mit 
etwas mehr Kritik verfahren und hätten sie die Autorität des Species- 
Dogma nur etwas weniger gefürchtet, so hätte dasselbe schon längst 
in sich zusammenstürzen müssen. Und wieviel weiter wären wir da- 
durch gekommen! So aber bewährt sich auch hier wieder der alte 
Spruch von Goethe: „Die Autorität verewigt im Einzelnen, was ein- 
zeln vorüber gehen sollte, lehnt ab und lässt vorüber gehen, was fest- 
gehalten werden sollte, und ist hauptsächlich Ursache, dass die Mensch- 
heit nicht vom Flecke kommt." 

Wenn wir näher nach den Ursachen fragen, welche dem Dogmatismus 
auf dem biologischen Gebiete eine so ausgedehnte Herrschaft und eine so 
feste Geltung verschafft haben, so finden wir sie auch hier wieder vorzugs- 
weise in dem Mangel an allgemeiner philosophischer Vorbildung 
bei den meisten biologischen Naturforschern, und in der merkwürdigen Un. 
klarheit, in welcher sich dieselben nicht allein über die eigentlichen Ziele 
ihrer Wissenschaft, sondern auch über die allein richtigen Wege, auf denen 
sie diese Ziele erreichen können, befinden. Der hochmüthige und thörichte 
Dünkel, mit welchem die meisten Biologen auf jede „ Philosophie " herab- 
sehen, bestraft sich selbst zunächst durch den grossen Schaden, den ihnen 
diese Verschmähung ihres besten und wichtigsten Untersuchungs- Instru- 
ments unmittelbar bringt. Lieber wollen sie ihren schwierigen und an ver- 



92 Methodik der Morphologie der Organismen. 

führeaden Irr- Pfaden so reichen Weg allein und im Dunkeln gehen, als ge- 
führt und erleuchtet von dem sicheren Lichte einer wahrhaft philosophi- 
schen Untersuchungsmethode. Lieber werfen sie sich, an einem hohen Berge 
von unerklärten Thatsaehen angelangt, zur Umgehung desselben dem ersten 
besten Dogma in die Arme, als dass sie sich von einer streng kritischen 
und philosophischen Methode zur Entdeckung der in demselben verborge- 
nen werthvollen Schätze, der Gesetze leiten Hessen. Freilich spielt auch 
hier wieder nicht allein der Mangel an philosophischer Einsicht, son- 
dern auch die schon früher gerügte Denkträgheit eine sehr schädliche 
Rolle. Die Anstrengung des erkennenden Geistes, welche eine streng 
denkende und kritische Naturbetrachtung nothwendig verlangt, ist der Mehr- 
zahl der Biologen, und namentlich der Morphologen, viel zu unbequem; 
weit bequemer ist es, Thatsaehen unmittelbar „exaet" zu beobachten und zu 
beschreiben, und statt nach einer induetiven Erklärung zu suchen, sich dog- 
matisch dem ersten besten Einfalle zu überliefern. Dazu kommt, dass die 
Meisten keine Ahnung davon haben, wie ausserordentlich schädlich diese 
dogmatische Richtung der organischen Morphologie wirkt. Und doch geht 
dies so deutlich aus dem traurigen Zustande hervor, in dem sich der allge- 
meine Theil unserer Wissenschaft, trotz der zahllosen einzelnen und be- 
sonderen Arbeiten, immer noch befindet. Dem weitverbreiteten Mangel an 
Kritik müssen wir es wesentlich mit zuschreiben, dass es hier an allgemei- 
nen Bildungsgesetzen fast noch gänzlich fehlt, und dass wir nur so selten 
dazu gelangen können, aus einer grösseren Reihe von höchst specielleu Ar- 
beiten über einen und denselben Gegenstand uns eine sichere allgemeine 
Vorstellung über denselben zu bilden. 

Eine mit dieser Denkträgheit eng verbundene weitere Ursache jener 
herrschenden dogmatischen Richtung und zugleich eine Ursache, welche 
derselben zur theilweisen Entschuldigung dienen kann, liegt in dem starken 
conservativen Hange und in dem Autoritätenglauben, welche der mensch- 
lichen Natur so fest anhaften, und welche zwei ihrer nachtheiligsten und 
dunkelsten Schattenseiten bilden. Wohl auf keinem Gebiete der Naturfor- 
schung sind dieselben stets so einflussreich gewesen und bis auf den heu- 
tigen Tag so mächtig geblieben, als auf dem der Biologie , und vor Allem 
der Morphologie der Organismen. Hier mehr als irgendwo gilt ein Dogma 
schon desshalb für heilig und unantastbar, weil es sich eine gewisse Reihe 
von Jahren hindurch einer allgemeinen Geltung erfreut hat, und eine dog- 
matische Hypothese schon desshalb für unangreifbar, weil eine bedeutende 
Autorität, ein Coryphaee der Wissenschaft sie aufgestellt hat. In dieser 
Beziehung sind die abiologischen Wissenschaften den biologischen weit 
voraus, und während in der Krystallographie, in der abiologischen Chemie 
und in der Physik von einer dogmatischen Richtung kaum noch die Rede 
ist, erscheint uns die organische Morphologie, die biologische Chemie und 
die Physiologie noch als ein weiter Tummelplatz der haltlosesten und ver- 
schiedenartigsten sich bekämpfenden Dogmen. Wie ausserordentlich schwierig- 
es hier auch der bestgewaffneten Kritik wird, vorzudringen, weiss nur der- 
jenige, der selbst einmal den Kampf mit einem eingewurzelten Dogma auf- 
genommen hat. In dieser Beziehung gleicht die ganze organische Morpho- 



IV. Dogmatik und Kritik. 93 

logie einem dichten und undurchdringlichen Urwald, in welchem parasitische 
Lianeustämme die mächtigsten und gesundesten Bäume umschlingen und 
erdrücken, und in welchem das dichte Gewirr der Schlingpflanzen, das alle 
Zwischenräume ausfüllt, keinen Lichtstrahl in das unheimliche Dunkel fallen 
lässt. Was vermag solchem undurchdringlichen Gestrüpp gegenüber die 
kritische Axt eines Einzelnen, wenn sie auch noch so scharf geschliffen wäre ? 
Allein den kommenden Generationen der jungen Ansiedler, die hier Schritt 
für Schritt mit klarem kritischen Scharfblick und das bewusste Ziel fest im 
Auge vordringen, wird es gelingen, diesen Urwald der dogmatischen Vor- 
urtheile zu lichten, und die kritische Axt an die faulen Stämme der alten 
Autoritäten zu legen. 

Verfolgt man eines der zahlreichen Dogmen, von denen es in der 
Morphologie wimmelt, näher bezüglich seiner Entstehung, so gewahrt man 
alsbald, dass dabei theils absolute Willkühr, theils aber auch unrichtige 
und unvollkommene Methode der Schlussfolgerung im Spiele ist. So ist es 
vor Allem mit dem allmächtigen und weitest verbreiteten Dogma von der 
Constanz und Selbstständigkeit der Species. Bei diesem, wie bei den mei- 
sten anderen derartigen Dogmen ist es weniger die reine Willkühr eines 
Phantasiegebildes, welche demselben Dauer und Geltung verleiht, als viel- 
mehr die scheinbare Begründung des Dogma durch eine, allerdings mei- 
stens höchst unvollständige und unreine Induction. Wie Schi ei den sehr 
richtig bemerkt, ist die dogmatische Methode in ihrer strengsten Consequenz 
eine an sich unmögliche, und man muss immer mehr oder weniger eine Zeit 
lang der kritischen Methode gefolgt sein, um nur zur dogmatischen Be- 
handlungsweise kommen zu können. Schlagend zeigt sich hier wieder der 
grosse Schaden, den die Vernachlässigung einer streng denkenden Unter- 
suchungsmethode und die Verachtung der nothweudigen philosophischen 
Vorbildung den Morphologen selbst zufügt. Freilich sind sie beständig ge- 
zwungen, mit dem unentbehrlichen philosophischen Rüstzeug zu operiren : 
sie bilden aus den unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmungen durch Ab- 
straction die Begriffe, sie verbinden die Begriffe zu Urtheilen, und ziehen 
aus der Combination der Urtheile ihre inductiven Schlüsse. Statt aber 
diese wichtigsten Geistes-Operationen mit klarem Bewusstsein vorzunehmen, 
sich ihrer hohen Bedeutung bewusst zu werden, ziehen es die Meisten vor, sie 
ganz unverstanden zu gebrauchen; und daist es denn nicht zu verwundern, 
dass die kritische Erkenntniss des rechten Weges und Zieles verloren geht, 
und dass sich der Verstand auf dogmatische Abwege verliert. Wie viele 
Thorheiten und Irrthümer wären der biologischen Naturwissenschaft erspart 
worden, wenn die richtige Erkenntniss dieses Verhältnisses eine allge- 
meinere gewesen wäre, wenn man sich den kritischen Weg, der allein zum 
Ziele führt, klar gemacht und dadurch die nöthige Vorsicht gegen die 
vielen verführerischen Seitenpfade der dogmatischen Richtung gewonnen 
hätte, die nirgends so häufig und so gefährlich sind, als auf dem weiten 
und vielgestaltigen Boden der organischen Morphologie. Erfreuliche Re- 
sultate für diese können wir erst dann erwarten, wenn allgemein kritische 
Induction und Deduction als ausschliessliche Methode angewandt, und die 
dogmatische Methode in den Bann gethan wird. 



94 Methodik der Morphologie der Organismen. 

V. Teleologie und Causalität. 

(Vitalismus und Mechanismus.) 

..Ein mechanisches Kunstwerk ist hervorgebracht nach einer dem 
Künstler vorsehwebenden Idee, dem Zwecke seiner Wirkung. Eine 
Idee liegt auch jedem Organismus zu Grunde, und nach dieser Idee 
werden alle Organe zweckmässig organisirt; aber diese Idee ist ausser 
der Maschine, dagegen in dem Organismus, und hier schafft sie mit 
Notwendigkeit und ohne Absicht. Denn die zweckmässig wir- 
kende wirksame Ursache der organischen Körper hat keinerlei Wahl, 
und die Verwirklichung eines einzigen Plans ist ihre Notwendigkeit; 
vielmehr ist zweckmässig wirken und nothwendig wirken iu 
dieser wirksamen Ursache ein und dasselbe. Man darf daher 
die organisirende Kraft nicht mit etwas dem Geistesbewusstsein Ana- 
logen, man darf ihre blinde nothweudige Thätigkeit mit keinem Begriff- 
bilden vergleichen. Organismus ist die factische Einheit von organi- 
scher Schöpfungskraft und organischer Materie." Johannes Müller 
(Handbuch der Physiologie des Menschen, I, p. 23; II, p. 505). 

Indem wir in die Untersuchung des äusserst wichtigen Gegen- 
satzes zwischen der teleologischen oder vitalistischen und der mecha- 
nischen oder causalistischeu Naturbetrachtung eintreten, schicken wir 
einen Ausspruch Johannes Müller's voraus, der für das Wesen die- 
ses Gegensatzes sehr characteristisch ist. Johannes Müller, den 
wir als den grössten Physiologen und Morphologen der ersten Hälfte 
unseres Jahrhunderts verehren, war bekanntlich seiner innersten Ueber- 
zeugung nach Vitalist, trotzdem er mehr als irgend ein anderer Phy- 
siolog vor ihm, für den Durchbruch der mechanischen Richtung in der 
Physiologie gethan und in einer Reihe der glänzendsten und vorzüg- 
lichsten Arbeiten auf allen einzelnen physiologischen Gebietstheilen die 
alleinige Anwendbarkeit der mechanischen Methode bewiesen hatte. 
Es begegnete ihm nur bisweilen, wie auch anderen in diesem dualisti- 
schen Zwiespalt befangenen Naturforschern, dass er auch in seinen 
allgemeinen Aussprüchen, die doch eigentlich von vitalistischen Grund- 
lagen ausgingen, sich von der allein richtigen mechanischen Beurthei- 
lungsweise auch der organischen Naturkörper fortreissen liess. Und 
als ein solcher Ausspruch ist die obige Stelle, durch welche er seine Be- 
trachtungen über das Seelenleben einleitet, von besonderem Interesse. '). 



') Aehnliche innere Widersprüche lassen sich häutig und leicht bei vielen 
geistvollen Naturforschern nachweisen, welche, theils in Folge vieler von früher 
Jugend an tief eingesogener Vorurtheile, theils in Folge eines Ueberwiegeus der 
Gemüths-Bedürfnisse über die Verstaudes-Erkenutuisse, im Allgemeinen zwar 
einer teleologischen oder vitalistischen Richtung zugethau sind, im Einzelnen 
aber dennoch stets gezwungen sind, die mechanische oder causalistische Rieh- 



V. Teleologie und Oausalität. 95 

Denn was ist eine in jedem Organismus liegende „Idee, welche 
mit Notwendigkeit und ohne Absicht wirkt," anders, als die 
mit dem materiellen Substrate des Organismus unzertrennlich verbun- 
dene Kraft, welche „mit Notwendigkeit und ohne Absicht" sämmtliche 
biologische Erscheinungen bedingt? Wenn, wie Müller sagt, zweck- 
mässig wirken und nothwendig wirken in dieser wirksamen Ursache 
im Organismus eines und dasselbe ist, so fällt die zweckthätige Causa 
finalis mit der mechanischen Causa efficiens zusammen, so giebt 
die erstere sich selbst auf, um sich der letzteren unterzuordnen , so ist 
die mechanische Auffassung der Organismen als die allein richtige 
anerkannt. 

Wir haben absichtlich das Beispiel Johannes Müllers ge- 
wählt, um diesen inneren Widerspruch der teleologischen Naturbe- 
trachtung zu zeigen, einerseits weil dieser unser grosser Meister, 
der so erhaben über der grossen Mehrzahl der heutigen Physiologen 
und Morphologen dasteht, von vielen schwächereu Geistern als Autorität 
zu Gunsten der Teleologie angerufen wird, andererseits weil an ihm 
sich dieser innere Widerspruch recht auffallend offenbart. Wer sein 
klassisches „Handbuch der Physiologie des Menschen " studirt hat, 
wer seine bahnbrechenden, mechanischen Untersuchungen über die 
Physiologie der Stimme und Sprache, des Gesichtssinns und des Ner- 
vensystems etc. kennen gelernt hat, der wird von der allein möglichen 
Anwendung der causal- mechanischen Untersuchungs-Methode des Or- 
ganismus aufs tiefste durchdrungen sein; und er wird sich in dieser 
Ueberzeugung durch die vitalistisch -teleologischen Irrthümer, welche 



tung anzuerkennen und selbst zu befolgen. Und hie und da gewinnt dann bei 
ihnen die letztere Ueberzeugung auch in weiterer Ausdehnung das Uebergewicht 
über die erstere. So sagen z.B. Bergmann und Leuckart in ihrer vortreff- 
lichen „anatomisch-physiologischen Uebersicht des Thierreichs," deren schwächste 
Seite in der vorwiegend teleologischen Beurtheilung der Organisations-Verhält- 
nisse liegt (p. 22) : „Dieselben Ursachen, weiche es haben bewirken können, dass 
einst in so grosser Ausdehnung über der Erkenntniss des Zweckes die Frage 
nach der Causalität vergessen wurde, bewirken es nun auch heutigen Tages noch, 
dass diess gar häufig auf dem Gebiete des organischen Lebens geschieht. Der 
Complex bewirkender Ursachen, durch welchen das organische Wesen entsteht, 
ist so höchst verwickelt, dass uns hier noch immer die Analyse an vielen Punk- 
ten vollständig im Stiche lässt. Da ist es nun natürlich, dass die ferne liegende 
Hoffnung einer solchen Aufklärung gar leicht ganz in den Hintergrund tritt, um 
so mehr als die Frage nach dem Zwecke nicht nur manuichfach leicht zu beantwor- 
ten ist, sondern in ihrem Interesse auch noch durch den Egoismus erhöht 
wird." Selbst Kant, der die Teleologio für die einzig mögliche Beurtheilungs- 
weise der Organismen erklärt, bemerkt einmal: „Die Zweckmässigkeit ist erst 
vom refiectirend'en Verstände in die Welt gebracht, der demnach ein Wunder 
anstaunt, das er selbst erst geschaffen hat." 



96 Methodik der Morphologie der Organismen. 

mit Müller's allgemeinen biologischen Bemerkungen verwebt sind, 
und welche bei schärferer Betrachtung zu unlösbaren Widersprüchen 
führen, nicht irre machen lassen. Wie du Bois-Reymond treffend 
bemerkt, ..tritt bei Johannes Müller dieser Irrthum aus dem Nebel 
vitalistischer Träumereien klar und scharf hervor, mit Hand und Fuss, 
Fleisch und Bein zum Angriff bietend. Muss, wie aus Müllers Be- 
trachtungen folgt, die Lebenskraft gedacht werden als ohne bestimm- 
ten Sitz, als theilbar in unendlich viele dem Ganzen gleichwerthige 
Bruchtheile, als im Tode oder Scheintode ohne Wirkung verschwin- 
dend , als mit Bewusstsein und im Besitze physikalischer und chemi- 
scher Kenntnisse nach einem Plane handelnd, so ist es so gut als ob 
man sagte: es giebt keine Lebenskraft; der apogogische Beweis 
für die andere Behauptung ist geführt.'* ') 

Es könnte wohl Manchem überflüssig erscheinen, hier die absolute 
Verwerflichkeit der vitalistisch-teleologischen Naturbetrachtung, und die 
alleinige Anwendbarkeit der mechanisch-causalistischen überhaupt noch 
hervorzuheben. Denn in den allermeisten naturwissenschaftlichen Dis- 
ciplinen, vor Allem in der gesammten Physik und Chemie, ferner auch 
in der Morphologie der Auorgane (Krystallographie etc.) , wie über- 
haupt in der gesammten Abiologie ist in Folge der enormen Erkennt- 
niss-Fortschritte unseres Jahrhunderts jede teleologische und vitalistische 
Betrachtungsweise so vollständig verdrängt worden, dass sie sich mit 
Ehren nicht mehr sehen lassen kann. Dasselbe gilt von der Physio- 
logie, in welcher jetzt die mechanisch-causale Methode die Alleinherr- 
schaft gewonnen hat; nur derjenige, gänzlich uncultivirte Theil der 
Physiologie des Centramervensysteins, welcher das Seelenleben behan- 
delt, und künftig einmal als empirische Psychologie die Grundlage der 
gesammten ..reinen Philosophie" werden wird, liegt noch gänzlich aus- 
serhalb dieses Fortschrittes und ist noch gegenwärtig ein Tummelplatz 
der willkührlichsten vitalistischen und teleologischen Träumereien. 
Leider müssen wir nun dasselbe, was von der Physiologie der Psyche 
gilt, auch von der gesammten Morphologie der Organismen und vor 
Allen der Thiere sagen. Immer spukt hier noch am hellen Tage das 
Gespenst der „Lebenskraft" oder der „zweckmässig wirkenden Idee im 
Organismus", und wenn auch die wenigsten Morphologen mit klarem 
Bewusstsein demselben folgen und daran glauben, so beherrscht das- 
selbe desto mehr unbewusst die meisten Versuche, welche zu einer 
Erklärung der organischen Gestaltungsprocesse gemacht werden. Die 
noch allgemein in der vergleichenden Anatomie üblichen Ausdrücke 
des „Plans, Bauplans, der allgemeinen Idee", welche diese oder jene 



') Emil du Bois-Reymond, Gedächtnissrede auf Johannes Müller. 
Berlin 1860, p. 89. 



V. Teleologie und Causalität. 97 

Formverhältnisse bedingen, die vielgebrauchte Wendung der „ Absicht, " 
des „Zwecks," welchen die „schöpferische" Natur durch diese oder 
jene „Einrichtung" erreichen will, endlich die neuerdings vielfach be- 
liebte Phrase von dem „Gedanken", welchen der „Schöpfer" in diesem 
oder jenem Organismus „verkörpert" hat, bezeugen hinlänglich, wie 
tief hier die alte Irrlehre Wurzel geschlagen hat, und zwingen uns zu 
einer kurzen Widerlegung derselben. 

Zunächst ist hier hervorzuheben, dass man die „vitalistische" und 
„teleologische" Beurtheilungsweise der Organismen, wie wir bereits 
gethan haben, als identisch annehmen, und der „mechanischen" Me- 
thode, welche ihrerseits mit der „causalistischen" zusammenfällt, ge- 
genübersetzen kann. Denn es ist in der That vollkommen für die 
Sache gleichgültig, unter welchem Namen sich die erstere verbirgt, 
und ob sich das von der Materie verschiedene organisirende Princip, 
welches das „ Leben " und den „ Organismus " erzeugt und erhält, 
„Lebenskraft" nennt, oder „Vitalprincip ", „organische Kraft" oder 
„Schöpferkraft", „systematischer Grundcharakter" (Reichert) „zweck- 
mässiger Bauplan des Organismus", „Schöpfungsgedanke" (Agassiz), 
oder „ideale Ursache", „Endzweck" oder „zweckthätige Ursache (End- 
ursache, Causa finalis)". Alle diese scheinbar so verschiedenen Aus- 
drücke sind im Grunde doch nur äusserlich verschiedene Bezeich- 
nungen für eine und dieselbe irrige Vorstellung. Das Wesentliche in 
dieser Vorstellung bleibt immer, dass diese „Kraft" eine ganz be- 
sondere, von den chemischen und physikalischen Kräften verschiedene 
und nicht an die Materie gebunden ist, welche sie organisirt. Da- 
durch steht dieses Dogma von der Lebenskraft oder den Endursachen 
in einem scharfen und unversöhnlichen Gegensatze zu der „mechani- 
schen" oder „causaleir" Auffassung, nach welcher das Leben eine Be- 
wegungserscheinung ist, die sich nur durch ihre complicirtere Zusam- 
mensetzung von den einfacheren physikalisch- chemischen „Kräften" der 
Anorgane (Mineralien, Wasser, Atmosphäre) unterscheidet, und welche 
ebenso unzertrennlich mit den zusammengesetzteren Materien des Or- 
ganismus verbunden ist, wie die physikalischen und chemischen Eigen- 
schaften der Anorgane mit ihrem materiellen Substrate. Diese Ver- 
bindung ist eine absolut nothwendige. Die gesammten complicirten 
„Lebenserscheinungen der Organismen" sind ebenso durch eine abso- 
lute Notwendigkeit bedingt, wie die einfacheren „Functionen" oder 
„ Kräfte " der anorganischen Naturkörper. Hier wie dort sind es allein 
mechanische Ursachen (Causae efficientes), welche der Materie 
inhäriren, und welche unter gleichen Bedingungen stets mit Notwen- 
digkeit die gleiche Wirkung äussern. 

Hier tritt uns nun das einfache Causal-Gesetz, das Gesetz 
des notwendigen Zusammenhanges von Ursache und Wirkung, als 

Haeckel, Generelle Morphologie. 7 



98 Methodik der Morphologie der Organismen. 

das erste und oberste aller Naturgesetze entgegen, welches die ge- 
sammte Natur, lebendige wie leblose, mit absoluter Notwendigkeit be- 
herrscht. Dieses wichtigste Naturgesetz, in welchem unsere gesammte 
Naturerkenntniss gipfelt, sagt zunächst aus, dass jede Wirkung ihre 
bestimmte wirkende Ursache (causa efficiens), sowie jede Ur- 
sache ihre nothwendige Wirkung (effectus) hat. Aus diesem 
notwendigen und unlösbaren Zusammenhange von Ursache und Wir- 
kung, welcher die Grundlage unserer ganzen Erkenntniss, unserer ge- 
sammten Verstandesthätigkeit ist, folgt dann weiter, dass verschiedene 
Wirkungen auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden müssen, 
sowie umgekehrt aus verschiedenen Ursachen stets verschiedene Wir- 
kungen abzuleiten sind; und ebenso folgt daraus, dass gleiche Wir- 
kungen den gleichen Ursachen zuzuschreiben sind, sowie auch umge- 
kehrt gleiche Ursachen stets nothwendig gleiche Wirkungen haben 
müssen. 

Nach diesem ersten und höchsten aller Naturgesetze ist Alles, was 
in der Natur existirt, entsteht und vergeht, das nothwendige Resultat 
aus einer Anzahl vorhergehender Factoren, und dieses Resultat ist 
selbst wieder ein Factor, der zur Hervorbringung anderer Resultate 
mit absoluter Notwendigkeit mitwirkt. Diese absolute Notwendig- 
keit des unmittelbaren Zusammenhanges von Ursache und Wirkung 
beherrscht die gesammte Natur ohne Ausnahme, da ja die gesammte 
Natur, lebendige und leblose, nichts Anderes ist, als ein Wechselspiel 
von Kräften, welche der gegebenen Summe von Materie inhäriren. 
Wenn man dem entgegen in der organischen Natur, in den belebten 
Naturkörpern, eine Wirkimg ohne Ursache, eine Kraft ohne Stoff an- 
genommen hat, welche mithin dem Causalgesetz nicht unterworfen 
wäre, so ist dieser Irrthum lediglich durch die weit grössere Compli- 
cation der hier auftretenden Bewegungs-Erscheinungen hervorgerufen 
worden, durch die weit grössere Anzahl der verschiedenen Factoren, 
welche auf dem Lebensgebiete zur Hervorbringung jedes Resultats zu- 
sammenwirken, und durch die weit zusammengesetztere Natur dieser 
Factoren selbst. Da wir im zweiten und sechsten Buche auf dieses 
Verhältniss noch näher zurückkommen müssen, so möge diese Bemer- 
kung genügen, und die ausdrückliche Hinweisung auf die Thatsache, 
dass in der ganzen Natur dieselben Kräfte wirksam sind, dass die or- 
ganische Natur sich aus der anorganischen erst historisch entwickelt 
hat, und dass nur eine gänzliche Verkeunung dieses Umstandes und 
die Uebertreibung des Unterschiedes der leblosen und belebten Natur- 
körper zu den gänzlich unbegründeten teleologischen und vitalistischen 
Dogmen hat verführen können. Alles was uns in der lebendigen Na- 
tur als das vorbedachte Resultat einer freien zweckthätigen Ursache, 
einer causa final is erscheint, welche die physikalisch -chemischen 



V. Teleologie und Causalität. 99 

Ursachen beherrscht und von ihnen unabhängig ist, Alles das ist in 
der That weiter nichts, als die nothwendige Folge der Wechselwir- 
kung zwischen den existirenden mechanischen Ursachen (den „existing 
causes" oder den physikalisch-chemischen Ursachen), ist nichts, als 
die nothwendige Wirkung mehrerer Causae efficientes. ') 

Dass in der That freie zweckthätige Ursachen oder Causae finales 
in der gesammten Natur nicht existiren, dass vielmehr tiberall nur 
nothwendige mechanische Ursachen thätig sind, wird durch die Ge- 
sammtheit aller Erscheinungen in der organischen und anorganischen 
Natur auf das Unwiderleglichste bewiesen. Unter allen biologischen 
Erscheinungsreihen ist aber in dieser Beziehung keine von so ausser- 
ordentlicher Wichtigkeit, und dabei bisher so gänzlich fast von allen 
Philosophen und Naturforschern vernachlässigt, als die Wissen- 
schaft von den rudimentären Organen, welche wir geradezu die 



') Die hochwichtige Erkenntniss von der allgemeinen Gültigkeit des einfachen 
Causalgesetzes in der gesammten Natur, von der nothwendigen Consequenz der 
causae efficientes in den Organismen, wie in den Anorganen, ist durch Nichts 
so sehr hintertrieben und umgangen worden, als durch die aprioristischen Spe- 
culationen der nicht empirisch gebildeten Philosophen, welche von vollkommen 
willkührlich aufgestellten Praemissen und von ganz unzureichenden Erfahrungen 
ausgehend, in der gesammten organischen Natur überall „Zwecke" entdecken 
wollten, und dabei in der Regel von der Yergleichung des Organismus mit einer 
vom Menschen künstlich construirten Maschine ausgingen. Die Harmonie der 
Theile, das Wechselverhältniss derselben zum Ganzen, welches bei der künstlich 
construirten Maschine durch die bewusste Zweckthätigkeit menschlichen Verstan- 
des und Willens erzielt wird, das sollte in den durch „natürliche Zweckmässig- 
keit" entstehenden Organismen von einem der letzteren anolog wirkenden zweck- 
thätigen Principe bewirkt werden. Sobald man dieses Princip, die Lebenskraft etc., 
in seiner Wirksamkeit näher zu bestimmen suchte , musste man natürlich immer 
tiefer in den groben Anthropomorphismus hineinsinken, auf dem dieser 
ganze Vergleich beruht. Ausserdem wurde aber eine grundfalsche Folgerung in 
denselben noch dadurch hineingebracht, dass man von der gänzlich unberechtig- 
ten und durch keine Erfahrung bewiesenen Annahme eines freien Willens beim Men- 
schen ausging. Und doch musste jede einigermaassen aufrichtige und tiefer 
gehende Selbstprüfung zeigen, dass ein freier Wille nicht existirt, und 
dass jede scheinbar freie Willenshandlung, auch die einfachste, das absolut noth- 
wendige Resultat aus der höchst complicirten Zusammenwirkung zahlreicher 
verschiedener Factoren ist. Jeder dieser Factoren ist abermals ein absolut 
nothwendiges Resultat aus dem complicirten Zusammenwirken vieler anderer Fac- 
toren (wirkender Ursachen) u. s. w. Wenn wir die unabsehbare Kette dieser 
mechanischen, mit Notwendigkeit wirkenden Ursachen bis auf ihren ersten Ur- 
sprung zu verfolgen suchen, so gelangen wir endlich zu zweierlei verschiedenen 
Grundursachen, nämlich einmal den erblichen, d.h. den eigenen, der Materie 
des Organismus ursprünglich inhärenten, und sodann zu den fremden, welche der 
Organismus durch Anpassung, durch Wechselwirkung mit seiner Umgebung, er- 
worben hat. Vergl. V. Buch.) 

7* 



100 Methodik der Morphologie der Organismen. 

Unzweckmässigkeitslehre, Dysteleologie nennen könnten. Jeder höhere 
und entwickeltere Organismus, und wahrscheinlich die grosse Mehrzahl der 
Organismen Überhaupt, ist im Besitz von Organen, welche keine Functionen 
haben, welche zu keiner Zeit des Lebens jemals thärig sind, und welche 
im besten Falle dem Organismus gleichgültig, häufig ihm aber geradezu 
nachtheilig sind. Diese rudimentären Organe, welche zu aller Zeit das 
grösste Kreuz der Teleologie waren, sind in der That für dieselbe das 
untibersteiglichste Hinderniss, und diese sowohl, als die zahlreichen an- 
deren un zweckmässigen und unvollkommenen, oft sogar für 
den Organismus selbst höchst nachtheiligen und schäd- 
lichen Einrichtungen, welche bei zahlreichen Organismen vorkom- 
men, lassen sich lediglich aus den mechanischen wirkenden Ursachen, 
und durchaus nicht aus zweckthätigen Endursachen erklären. ') Diese 
Erklärung ist nun zuerst von Darwin gegeben worden. Seine grosse 
Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe um das Dasein er- 
klärt alle diese Verhältnisse ganz vollkommen, wie im fünften und 
sechsten Buche gezeigt werden wird. 

Da wir dort diese Verhältnisse noch ausführlich zu erörtern haben, 
so genügt hier der Hinweis auf das ganz besondere Verdienst, welches 
Darwin um die definitive Lösung dieser äusserst wichtigen Funda- 
mental-Fragen hat. Wir erblicken in Darwins Entdeckung der 
natürlichen Zuchtwahl im Kampfe um das Dasein den schla- 
gendsten Beweis für die ausschliessliche Gültigkeit der 
mechanisch wirkenden Ursachen auf dem gesammten Ge- 
biete der Biologie, wir erblicken darin den definitiven Tod 
aller teleologischen und vitalistischen Beurtheilung der 
Organismen. 2 ) 

') Dass wirklich im Thier- und Pflanzenreich äusserst zahlreiche höchst un- 
vollkommene und unpraktische, unnütze und schädliche Organisation- Verhält- 
nisse existiren, welche die Existenz der betreffenden Organismen selbst in mehr 
oder minder hohem Grade gefährden, und sehr häufig ihren Untergang herbei- 
führen, ist eine bisher zwar wenig hervorgehobene, aber äusserst wichtige That- 
sache, welche jedem Botaniker und Zoologen, der einen weiteren Ueberblick 
über sein Gebiet besitzt, bekannt ist. Den schlagendsten Beweis dafür liefern 
die complicirten Verhältnisse des Kampfes um das Dasein, in welchem in jedem 
Augenblick Tausende von Organismen zu Grunde gehen, um den vollkommeneren 
und weniger unzweckmässig organisirten Formen von derselben „Art" Platz zu 
macheu. Die gesammte Palaeontologie bildet hierfür eine fortlaufende Beweis- 
kette, und schon in dieser Beziehung allein den glänzendsten Beweis für die 
Wahrheit der genialen Lehre Darwin's. 

2 ) Von der gänzlichen Verkenunng und dem vollständigen Missverständniss, 
welche Darwin's Begründung der Descendenz-Theorie nicht allein bei vielen 
Laien, sondern auch bei zahlreichen, und selbst bei sehr berühmten Naturfor- 
schern gefunden hat, legt vielleicht kein Umstand schlagenderes Zeuguiss ab, 
als die wahrhaft komische Thatsache, dass man Darwin's Lehre alles Ernstes 



V. Teleologie und Causalität. 101 

Die unschätzbaren Entdeckungen Darwins haben das Gesammtgebiet 
der organischen Natur plötzlich durch einen so hellen Lichtstrahl erleuchtet, 
dass wir iürderhin keine Thatsache auf demselben mehr als unerklärbar 
werden anzusehen haben. Wir sagen: „unerklärbar", nicht: „unerklärt". 
Denn erklärt ist auf diesem ganzen vasten Gebiet immer noch im Ganzen 
ausserordentlich wenig. Freilich hatte die strenge physikalisch -chemische 
Richtung in der Physiologie die Lebensfunctionen der bestehenden Organis- 
men schon seit mehreren Decennien in so hohem Maasse aufgeklärt, und so 
viele, wenn auch zunächst nur beschränkte Gesetze gefunden, dass an einer 
vollständigen Erklärung aller Erscheinungen auf diesen Gebieten mittelst 
rein mechanisch wirkender Ursachen schon vor dem Erscheinen von Dar- 
wins epochemachendem Werk (1859) nicht gezweifelt werden konnte. Ganz 
anders aber sah es bis dahin auf dem Gebiete der Anatomie und der 
Entwickelungsgeschichte aus. Die Entstehung der organischen Formen, die 
Entwickelungsgeschichte der Organismen galten fast allgemein für Erschei- 
nungsreihen, welche jeder mechanischen Causal-Erklärung vollständig unzu- 
gänglich seien, und auf welche nur durch teleologisch -vitalistische Be- 
trachtungen ein erklärendes Licht geworfen werden könne '). Diesen Irr- 



den Vorwurf einer teleologischen Naturbetrachtung gemacht hat! So sagt 
Kölliker, einer der an Kenntnissen (aber nicht an Erkenntnissen!) reichsten 
Mikroskopiker: „Mit Bezug auf Darwin' s Grundanschauungen ist erstens her- 
vorzuheben, dass Darwin im vollsten Sinne des Worts Teleolog ist" (!!) (Zeitschr. 
f. wiss. Zool. XIV). Kölliker stellt daun statt des Priucips der natürlichen 
Züchtung, welches er durchaus als teleologisch verwirft, den „Grundgedanken" 
auf, „dass der Entstehung der gesammten organisirten Welt ein grosser Ent- 
wickelungsplan zu Grunde liegt" (!). Mit anderen Worten, Kölliker setzt 
an die Stelle des von D arwin entdeckten, höchst wichtigen thatsächlichen 
Verhältnisses, welches jede Teleologie ausschliesst, ein leeres und nichts- 
sagendes Wort. Denn dieser „grosse Entwicklungsplan" ist entweder gar 
Nichts oder eine durchaus teleologische Vorstellung, welche Nichts erklärt. 
Richtiger hat Oskar Schmidt die Vernichtung, welche Darwin über die ge- 
sammte Teleologie verhängt, beurtheilt, indem er ihr als „wesentlichstes apho- 
ristisches Bedenken entgegen hält, dass sie den Zufall zum Weltprincip macht." 
Auch schon von anderen Teleologen ist dieser Einwand als der wesentlichste 
hervorgehoben worden. Nach unserer Auffassung zerfällt derselbe mit der gan- 
zen Teleologie in Nichts. Denn es giebt einen „Zufall" so wenig, als einen 
„Zweck" in der Natur, so wenig als einen sogenannten „freien Willen." Viel- 
mehr ist jede Wirkung nothwendig durch vorausgehende Ursachen bedingt, und 
jede Ursache hat nothwendig Wirkungen in ihrem Gefolge. In unserer An- 
schauung tritt an die Stelle des „Zufalls" in der Natur, ebenso wie an die Stelle 
des Zweckes und des freien Willens, die absolute Nothwendigkeit, die 
nväyxr}. 

l ) Dass in der That der beschränkte teleologisch-vitalistische Standpunkt, 
nur in den verschiedensten Nuancen der Oonsequenz abgestuft, 
und mit den verschiedensten Graden des Bewusstseins verfolgt, 
in der gesammten Morphologie der Organismen vor Darwin der allgemein herr- 
schende gewesen sei (einzelne ehrenvolle Ausnahmen natürlich abgerechnet), 
könnte vielleicht Diesem oder Jenem, und besonders dem längst der Teleologie 



1Q2 Methodik der Morphologie der Organismen. 

thurn hat Darwin vollständig und mit einem Schlage vernichtet. Darwin 
hat evident bewiesen, wie es die einfachsten mechanischen Causal- Verhält- 
nisse sind, welche diese anscheinend so complicirten und für so gauz uner- 
klärlich gehaltenen Lebens -Erscheinungen, die Formbildung und die Ent- 
wickelung regeln und beherrschen. Da wir dies im fünften und sechsten 
Buche auseinander zu setzen haben, so können wir hier darauf verweisen. 

Nur ein Umstand möge hier noch besonders hervorgehoben werden, 
nämlich, dass durch die von Darwin thatsächlich erklärte Entstehung der 
complicirtesten organischen Formen bereits factisch die Hauptstütze der 
Teleologie vernichtet und zertrümmert ist. Alle einer teleologischen Be- 
trachtung der organischen Naturerscheinungen geneigten Philosophen, und vor 
Allen Kant, dessen Einfluss auf die Entwicklung der Naturwissenschaft in 
unserem Jahrhundert (wegen seiner breiteren empirischen Grundlage) grösser 
geworden ist, als derjenige irgend eines anderen speculativen Philosophen, 
hatte ausdrücklich für die Notwendigkeit einer teleologischen Beurtheilung 
der organischen Natur hervorgehoben, dass deren Processe vollkommen un- 
erklärlich, dem Erkenntniss-Vermögen des Menschen nicht zugänglich, und 
dass insbesondere die Entstehung der complich'teren Organismen durch bloss 
mechanische Ursachen vollkommen unbegreiflich sei. Die Befugniss der 
mechanischen Ursachen zur Erklärung dieser Erscheinungen wurde von Kant 
ausdrücklich zugestanden, aber das V ermögen der Erklärung ihnen ab- 
gesprochen. Daher wollte er auch die „natürliche Zweckmässigkeit" der 
Teleologie nur als Maxime der Beurtheilung, nicht als Erkenntnissprincip 
zulassen. Ausdrücklich sagte er desshalb, dass die lebendige Natur nicht 
Gegenstand der Erkenntniss, sondern bloss der Betrachtung sein 
könne, weil eben die bewegenden Kräfte der Materie nicht zur Erklärung 
der Organisation ausreichten. So gerieth denn auch Kant in die unauf- 
lösliche Antinomie zwischen Mechanismus und Teleologie. Während er 
in seinen „metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" bewiesen 
hatte, dass Alles in der materiellen Natur mechanisch entstehe und aus be- 
wegenden Kräften als mechanischen Ursachen erklärt werden müsse, war er 
nun in der „Analytik der teleologischen Urtheils kraft" gezwungen zu erklä- 
ren, dass Einiges in der materiellen Natur, nämlich das Organische, das 



entwöhnten Physiologen und Abiologen, eine übertriebene Behauptung erscheinen. 
Indess liefert fast die gesaumite morphologische Literatur hierfür die schlagend- 
sten Beweise. Selten freilich ist dieser kurzsichtige Standpunkt mit solchem 
Bewusstsein und solcher Consequenz festgehalten worden, wie dies z.B. von 
Reichert geschehen ist. Wer die ganze Beschränktheit, die wahrhaft komi- 
schen Widersprüche, und den gänzlichen Mangel an Ueberblick der Gesainmtnatur 
und an Einblick in ihr causales Wesen keunen lernen will, die gewöhnlich mit 
der extremen Consequenz des Vitalismus verbunden sind, dem empfehlen wir zur 
ebenso belehrenden als erheiternden Leetüre die höchst seltsamen und an philo- 
sophischer -Verworrenheit das Maximum leistenden Aufsätze von Reichert in 
Müller' s Archiv f. An. u. Ph. etc. 1855 p. 1 (über atomistische und systematische 
Naturauflässung) und 1856 p. 1 (die Morphologie auf dem Standpunkt der syste- 
matischen Naturauflässung). 



V. Teleologie und Causalität. 103 

Leben, nicht mechanisch entstehen und nicht aus bewegenden Kräften als 
rein mechanischen Ursachen erklärt werden könne. Hier ist die Achilles-Ferse 
der Kantischen Philosophie. Während Kant in allen seinen Erklärungen 
der anorganischen Natur, vor Allem in seiner Naturgeschichte des Himmels, 
ein bewunderungswürdiges Muster der exactesten denkenden naturwissen- 
schaftlichen Forschung, der besten Naturphilosophie geliefert hatte, verliess 
er auf dem Gebiete der Biologie die allein mögliche Bahn der empirischen 
Philosophie gänzlich und warf sich der verführerischen Teleologie in die 
Arme, die ihn nun von Irrthum zu Irrthum weiter führte. 

Wenn dieser grosse Irrthum einen so hervorragenden und kritischen 
Denker, wie Kant war, vollkommen gefangen halten und zu so starken 
dogmatischen Fehlern weiter verleiten konnte, so dürfen wir uns nicht wun- 
dern, dass zahlreiche unbedeutendere Philosophen demselben blindlings folg- 
ten, und dass das ganze Heer der Biologen, welche froh waren, nun nicht 
weiter denken zu brauchen, dem aufgepflanzten Banner mit grosser Genug- 
thuung folgte. In der That war es so ausserordentlich bequem und leicht, 
mit irgend einer teleologischen Betrachtung jeden Versuch einer mechani- 
schen Erklärung der organischen Natur abzuschneiden, dass die Teleologie 
bald zum allgemeinen Feldgeschrei der Biologie wurde. Niemand war fro- 
her darüber, als die grosse Mehrzahl der Morphologen, welche nun unge- 
stört der Beobachtung, Beschreibung und Abbildung aller möglichen or- 
ganischen Formen sich hingeben konnten, ohne durch irgend einen un- 
bequemen kritischen Gedanken über die mögliche Bedeutung dieser Formen, 
über ihre mechanischen Ursachen und über den causalen Zusammenhang der 
Furmbildungsreihen beunruhigt zu werden. Da die meisten Morphologen, 
sowohl die „ Systematiker " als die „Anatomen" in diesem behaglichen und 
idyllischen Formgenusse vollkommene Befriedigung fanden, und da sie in 
diesem wissenschaftlichen Halbschlafe oder doch wenigstens in diesem ge- 
dankenarmen Traumleben von der eigentlichen Aufgabe ihrer Wissenschaft, 
von der Erklärung der organischen Formverhältnisse, keine Ahnung hatten, 
so erscheint uns schon hieraus die tiefe Entrüstung vollkommen erklärlich, 
als plötzlich Darwin' s lauter Weckruf ertönte, und diesem behaglichen 
teleologischen Stillleben mit einem Male ein jähes und grausames Ende be- 
reitete. Aus behaglichem Mittagsschlummer durch einen kritischen Stoss 
aufgeschreckt zu werden ist immer höchst unangenehm, und besonders wenn 
dieser sanfte Schlummerzustand, habituell, fast zur anderen Natur geworden 
ist, wie bei unserer heutigen Morphologie. 

Was Kant betrifft, so zweifeln wir nicht, dass wenn er heut' erstände, 
sein ganzes kritisches Lehrgebäude eine vollkommen andere Form erhalten 
würde, und dass er die von Darwin entdeckte mechanische Erklärung der 
Entstehung der Organismen und die von der neueren Physiologie festge- 
stellte mechanische Erklärung ihrer Lebens-Erscheinungen, nach denen er so 
lange und so vergeblich gestrebt, acceptiren würde. Der biologische Theil 
der Kantischen Philosophie würde dann, mit Ausschluss aller Teleologie, 
die Erklärang der organischen Natur eben so vollkommen auf rein mecha- 
nische „wirkende Ursachen" begründen, wie es der abiologische Theil schon 
damals in so vollendetem Maasse gethan hat. 



104 Methodik der Morphologie der Organismen. 

Dadurch, dass wir die Teleologie Kant's für einen überwundenen 
Standpunkt erklären, wollen wir demselben natürlich in keiner Weise einen 
Vorwurf machen und es vermindert unsere Verehrung dieses grossen Phi- 
losophen und unsere Hochachtung vor seinen ausserordentlichen Verdiensten 
auf dem Gebiete der Abiologie nicht im Geringsten, wenn wir demselben 
die gleichen Verdienste auf dem biologischen Gebiete absprechen, und seine 
Kritik der teleologischen Urtheilskraft für ein von der Basis an irrthüm- 
liches Lehrgebäude halten. Wenn man bedenkt, auf welcher ausserordent- 
lich niedrigen Stufe zu Kant's Zeit die gesammte empirische Biologie stand, 
wie die Physiologie, die Entwicklungsgeschichte, die Morphologie der Or- 
ganismen, als selbstständige Wissenschaften damals noch gar nicht anerkannt 
waren, so finden wir hierin, und in den vitalistischen Vorurtheilen , die das 
ganze Zeitalter gefangen hielten, Grund genug dafür, dass Kant an der 
Möglichkeit einer wissenschaftlichen Biologie geradezu verzweifeln und die 
Erklärung der lebendigen Natur für etwas Unmögliches halten konnte. Mit 
anderen Worten heisst das nichts Anderes, als dass die gesammten Biolo- 
gen gleiche Thoren sind, wie die vielen Träumer, welche den Stein der 
Weisen suchten. Wenn die gesammte organische Natur, wie Kant behaup- 
tet, in ihrem innersten Wesen unbegreiflich und unerkennbar ist, wenn 
deren Erscheinungen nicht aus mechanisch wirkenden Ursachen erklärt wer- 
den können, so sind alle Naturforscher, welche nach einer solchen Erklä- 
rung streben und suchen, kindische Thoren. In dieser notwendigen Con- 
sequenz zeigt sich die ganze Unhaltbarkeit der Teleologie und des davon 
nicht trennbaren Vitalismus. Die Teleologie als wissenschaftliche Methode 
ist in der That unmöglich; sie verneint sich selbst. 

Wenn wir bedenken, dass eine Anzahl von Erscheinungen der organi- 
schen Natur schon wirklich erklärt, dass die Gesetze für eine wenn auch 
relativ noch kleine Zahl von biologischen Thatsachen bereits wirklich ge- 
funden sind, und dass diesen Gesetzen dieselbe absolute Geltung zuge- 
standen werden muss, wie jedem physikalisch -chemischen Gesetze, wenn 
wir bedenken, dass eine wissenschaftliche Physiologie überhaupt nur durch 
die strengste Ausschliessung jeder Teleologie möglich ist, so werden wir 
die letztere auch aus dem Gebiete der organischen Morphologie vollständig 
verbannen dürfen. Und am wenigsten werden wir, wenn wir diese Lehre 
als wirkliche Wissenschaft ansehen, mit der heuchlerischen Miene, die viele 
Morphologen lieben, erklären dürfen, dass wir uns demüthig mit der blossen 
erbaulichen Betrachtung der Organismen begnügen und ja keinen iudiscre- 
ten Blick in das uns verschlossene Geheimniss ihrer „inneren Natur", ihres 
causalen Wesens thun wollen. 

Einen Punkt müssen wir hierbei schliesslich noch offen berühren. Die 
meisten Morphologen der Neuzeit lieben es, die unversöhnliche Gegnerschaft 
zwischen teleologischer und mechanischer Biologie dureh ein versöhnliches 
Mäntelchen zu verdecken und einen Compromiss zwischen den beiden ent- 
gegen gesetzten Extremen zu erstreben. Bis zu einer gewissen Grenze soll 
die organische Natur erkennbar sein, und von da an soll die Erkennbarkeit 
aufhören. Eine Reihe von biologischen Erscheinungen soll sich auf dem me- 
chanischen Wege aus wirkenden Ursachen erklären lassen, der übrige Rest 



VI. Dualismus und Monismus. 105 

aber nicht. Dies ist allerdings insofern richtig, als unser menschliches 
Erkenntniss vermögen beschränkt ist, und als wir die letzten 
Gründe nicht von einer einzigen Erscheinung wahrhaft erkennen können. 
Dies gilt aber in ganz gleichem Maasse von der organischen 
und anorganischen Natur. Die Entstehung jedes Krystalls bleibt für 
uns in ihren letzten Gründen eben so räthselhaft, wie die Entstehung jedes 
Organismus. Die letzten Gründe sind uns hier nirgends zugänglich. 
Jenseits der Grenze des Erkenntnissvermögens können wir uns beliebige, 
ohne inductive Grundlage gebildete Vorstellungen, zu unserer persönlichen 
Geniüths- Befriedigung schaffen, niemals aber dürfen wir versuchen, diese 
rein dogmatischen Vorstellungen des Glaubens in die Wissenschaft einzu- 
führen. Und ein solches Glaubens-Dogma ist jeder teleologische und vita- 
listische Erklärungs-Versuch. 

Von allen denkenden Menschen fordern wir in erster Linie, dass sie 
consequent sind, und von allen Naturforschern, welche die Teleologie und 
den Vitalismus in der Biologie für unentbehrlich halten, fordern wir, dass 
sie diese Methode in strengster Consequenz für die Betrachtung aller Er- 
scheinungen der organischen Natur ohne Ausnahme, für die gesammte Physiolo- 
gie, Entwickelungsgeschichte und Morphologie, durchführen. Unseres Wissens 
liegt nur ein einziger derartiger Versuch im grössten Style aus der neueren 
Zeit vor. Das ist der äusserst merkwürdige „Essay on Classification 1 ' von 
Louis Agassiz, der fast gleichzeitig mit seinem vernichtenden Todfeinde, 
mit Darwin' s Theorie, das Licht der Welt erblickte. Jedem Biologen, 
welcher sich nicht entschliessen kann zur absoluten Verwerfung der teleo- 
logischen und zur unbedingten Annahme der mechanischen Methode, em- 
pfehlen wir dieses höchst interessante Buch, welches trotz des grössten Auf- 
wandes von Geist in jedem Capitel sich selbst vernichtet und negirt, zur 
aufmerksamen Leetüre. Und wenn er dann noch an dem Vitalismus oder 
der Teleologie festhalten kann, empfehlen wir ihm dieselbe dualistische Con- 
sequenz, wie Louis Agassiz. 

VI. Dualismus und Monismus. 

„Die Kichtung des Denkens der Neuzeit läuft unverkennbar auf 
Monismus hinaus. Der Dualismus, fasse man ihn nun als Gegensatz 
von Geist und Natur, Inhalt und Form, Wesen und Erscheinung, oder 
wie man ihn sonst bezeichnen mag, ist für die naturwissenschaftliche 
Anschauung unserer Tage ein vollkommen überwundener Standpunkt. 
Für diese giebt es keine Materie ohne Geist (ohne die sie bestimmende 
Notwendigkeit), aber ebenso wenig auch Geist ohne Materie. Oder 
vielmehr es giebt weder Geist noch Materie im gewöhnlichen Sinne, 
sondern nur Eins, das Beides zugleich ist. Diese auf Beobachtung be- 
ruhende Ansicht des Materialismus zu beschuldigen, ist eben so verkehrt, 
als wollte man sie des Spiritualismus zeihen. " August Schleicher. ') 

') August Schleicher, die Darwinsche Theorie und die Sprachwissen- 
schaft. Weimar, 1863, p. 8. ludern ich meinem lieben Freunde und Collegen 



106 Methodik der Morphologie der Organismen. 

Diese Worte des berühmten comparativen Linguisten, der die na- 
turwissenschaftliche Untersuchungsmethode in der vergleichenden 
Sprachforschung durchgeführt, und als der Erste von allen Sprach- 
forschern die Theorie Darwins mit eben so viel Geist als Erfolg 
auf diesen Theil der vergleichenden Physiologie angewandt hat, be- 
zeichnen mit treffender Wahrheit den unversöhnlichen Gegensatz zwi- 
schen Dualismus und Monismus, der unsere gesammte Naturwissen- 
schaft, wie die ganze Denkthätigkeit unserer Zeit in zwei feindliche 
Heerlager trennt. Wir können nicht umhin, hier am Schlüsse unserer 
kritisch -methodologischen Einleitung noch kurz bei einer Betrachtung 
dieses Gegensatzes zu verweilen, obschon die vorhergehenden Ab- 
schnitte zur Genüge gezeigt haben werden, dass wir den Monismus 
in aller Schärfe und in seinem vollen Umfange für die einzig richtige 
Weltanschauung und folglich auch für die einzig richtige Methode in 
der gesammten Naturwissenschaft halten, und dass wir jede dualistische 
Erkenntniss-Methode unbedingt verwerfen. 

Die thatsächliche Vereinigung und vollkommene Versöhnung, 
welche in dem Monismus solche scheinbare Gegensätze finden, wie es 
Kraft und Stoff, Geist und Körper, Freiheit und Natur, Wesen und 
Erscheinung sind, ist auf keinem Gebiete des Erkennens mehr hervor- 
zuheben, als auf demjenigen der Biologie, und vor Allem auf dem der 
organischen Morphologie. Denn, wie schon im Vorhergehenden viel- 
fach gezeigt worden ist, hat Nichts so sehr einer gesunden und na- 
türlichen Entwicklung unserer Wissenschaft geschadet, als der künst- 
lich erzeugte Dualismus, durch welchen mau bei jeder Beurtheilung 
eines Organismus seiner materiellen körperlichen Erscheinung eine davon 
unabhängige Idee oder einen „Lebenszweck" entgegensetzte, ein 
Dualismus, welcher sich in der naturwissenschaftlichen Untersuchungs- 
Methode als Gegensatz von Philosophie und Naturwissenschaft, von 



Schleicher, der diese kleine Schrift in Form eines Öffentlichen Sendschrei- 
bens an mich pnblicirte, hierfür bei dieser Gelegenheit öffentlich meinen herz- 
lichsten Dank abstatte, erlaube ich mir zugleich die Naturforscher, welche sich 
für die weitere Begründung der Descendenz-Theorie interessiren (und alle Biolo- 
gen sollten dies thuii!) auf die schlagende und überraschende Beweisführung 
hinzuweisen, welche Schleicher dort zu Gunsten derselben mit seinem lingui- 
stischen Materiale liefert. In der That treten viele Verhältnisse der natürlichen 
Zuchtwald im Kampfe um das Dasein bei den Sprachen in viel klarerer und 
einfacherer Weise hervor, als es bei anderen Functionen des Thierleibes der 
Fall ist. Wenn die vergleichende Sprachforschung erst ihren natürlichen Platz 
als empirisch-philosophische Naturwissenschaft in der Physiologie des Menschen 
gefunden haben wird, so wird zweifelsohne dieses wichtige und interessante Ver- 
hältniss eine gerechtere und allgemeinere Würdigung finden, als es bisher der 
Fall gewesen ist. 



VI. Dualismus und Monismus. 107 

Denken und Erfahren überall zum grössten Schaden einer natürlichen 
Erkenntniss entwickelt hat. Wie unendlich viel weiter würde unsere 
Wissenschaft jetzt sein, wenn man sich dieses künstlich erzeugten 
Zwiespalts bewusst geworden wäre, und wenn man mit klarem Be- 
wusstsein die monistische Beurtheilungsvveise als die einzig mögliche 
Methode einer wirklichen Natur-Erkenntniss befolgt hätte. 

Indem der Monismus als philosophisches System nichts Anderes, als 
das reinste und allgemeinste Resultat unserer allgemeinen wissenschaft- 
lichen Weltanschauung, unserer gesammten Natur-Erkenntniss ist, bildet 
seine unterste und festeste Grundlage das allgemeine Causal-Ge- 
setz: „Jede Ursache, jede Kraft, hat ihre nothwendige Wirkung, und 
jede Wirkung, jede Erscheinung, hat ihre nothwendige Ursache." Schon 
hieraus ergiebt sich, dass derselbe jede Teleologie und jeden Vital is- 
mus, welche Form dieser auch annehmen mag, absolut verneint, und 
insofern ist die monistische Methode in der Biologie zugleich die 
mechanische, die causale, deren alleinige Berechtigung der vorige 
Abschnitt dargethan hat. Da nun die vielbestrittene Geltung des 
mechanischen Causal-Gesetzes in der organischen Natur durch Nichts 
so sehr gefördert und so bestimmt begründet worden ist, als durch 
Darwins Theorie, so können wir auch diese Lehre als eine rein 
monistische bezeichnen. Und in der That beruht dieses ganze wun- 
dervolle Lehrgebäude, wie alle einzelnen Theile desselben, vollkommen 
auf reinen monistischen Anschauungen. Wenn wir dereinst mit Hülfe 
der Descendenz -Theorie die gesammte Morphologie der Organismen 
auf die allein sichere Grundlage der mechanischen Naturgesetze be- 
gründet, die Erscheinungen der organischen Morphologie mechanisch- 
causal, aus ihren wirkenden Ursachen werden .erklärt haben, so wird 
das darauf gegründete System der Morphologie der Organismen 
ein absolut monistisches Lehrgebäude sein, wie es freilich jede 
wahre Wissenschaft, insofern sie Naturwissenschaft sein will und muss, 
mit Notwendigkeit erstreben muss. 

Da der Ausdruck Monismus in unzweideutiger Weise diejenige 
kritische Auffassung der gesammten (organischen und anorganischen) 
Natur, und diejenige kritische Methode ihrer Erkenntniss, welche wir 
auf den vorhergehenden Seiten als die allein mögliche und durchführ- 
bare dargethan haben, bezeichnet, so werden wir uns dieses kurzen 
und bequemen Ausdrucks stets bedienen, wo es darauf ankommt, an 
die von uns ausschliesslich befolgte Methode zu erinnern; andererseits 
werden wir als Dualismus stets kurz diejenigen verschiedenen, der 
unseligen entgegengesetzten Auffässungsweisen der Natur und Metho- 
den ihrer Erkenntniss bezeichnen, welche als „teleologische 1 ' und „vi- 
talistische, " als „ systematische " und „ speculative " Dogmen für die Be- 
urtheilung und Erkenntniss der organischen Natur andere Methoden 



108 Methodik der Morphologie der Organismen. 

fordern, als für die Beurtheilung und Erkenntniss der anorganischen 
Natur allgemein anerkannt sind. 

Von allen Gegensätzen, welche der Dualismus künstlich erzeugt und auf- 
stellt, und welche der Monismus versöhnt und aufhebt, ist keiner für die 
gesammte Wissenschaft wichtiger, als der auch jetzt noch meist so all- 
gemein festgehaltene Gegensatz von Kraft und Stoff, von Geist und Mate- 
rie, und der auf diese künstliche Antinomie gegründete Gegensatz von Er- 
fahrung und Denken, von empirischer Naturwissenschaft und speculativer 
Philosophie. Wir haben oben im Eiugange unserer methodologischen Er- 
örterungen die absolute Notwendigkeit eiuer Vereinigung dieser Richtungen 
nachzuweisen versucht, und wir müssen hier am Ende nochmals kurz darauf 
zurückkommen, da nach unserer festesten Ueberzeugung die versöhnende Auf- 
hebung dieses Gegensatzes den Anfang und das Ende, das A und das aller 
wirklichen „Wissenschaft" bildet. Leider wird ja immer noch von so vielen Sei- 
ten der durchaus künstliche Gegensatz, durch welchen man Empirie und Philo- 
sophie zu trennen sucht, und welcher vorzüglich einer höchst einseitigen Ver- 
folgung jeder der beiden Richtungen entsprungen ist, so starr festgehalten, 
dass nicht genug auf die Notwendigkeit ihrer Versöhnung durch den Mo- 
nismus hingewiesen werden kann. 

Die vollendete Philosophie der Zukunft, welche wir oben als das reife 
Resultat der nothwendigen und vollkommenen gegenseitigen Durchdringung 
von Empirie und Philosophie bezeichnet haben, wird in der That nichts 
weiter sein, als ein vollendetes System des Monismus. Freilich wird zur 
Erreichung dieses hohen Zieles vor Allem die erste Vorbedingung zu er- 
füllen sein, dass die Naturforscher Philosophen werden und dass sich die 
Philosophen in Naturforscher umwandeln, oder dass sich, mit anderen Wor- 
ten, dieser durchaus künstliche und höchst schädliche Zwiespalt aufhebt. 
In der That ist, wenn wir an Beide die Anforderung einer vollständig 
reifen Ausbildung auf ihrem Gebiete stellen, nicht ein Unterschied — 
wir sagen, nicht ein Unterschied — zwischen Naturforschern und Philo- 
sophen, zwischeu Natur- Wissenschaft und Natur -Philosophie ausfindig zu 
machen. Beide sind vielmehr stets und überall ein und dasselbe. Die 
höher entwickelte Zukunft wird diesen künstlich erzeugten Dualismus nicht 
mehr kennen. Ihre monistische Weltanschauung wird Naturwissenschaft 
und Philosophie zu dem grossen Ganzen einer einzigen allumfassenden 
Wissenschaft verschmelzen. 

Von dieser absoluten Wahrheit des Monismus unerschütterlich durch- 
drungen, schliessen wir diese kritische und methodologische Einleitung, wie 
wir sie begonnen, mit einem Ausspräche unseres unvergleichlichen Goethe: 

„Weil die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existirt 
und wirksam sein kann, so vermag auch die Materie sich zu steigern, so- 
wie sich's der Geist nicht nehmen lässt, anzuziehen und abzustossen; wie 
derjenige nur allein zu denken vermag, der genugsam getrennt hat, um zu 
verbinden, genugsam verbunden hat um wieder trennen zu mögen." 



Zweites Buch. 



Allgemeine Untersuchungen über die Natur und erste 

Entstehung der Organismen, ihr Verhältniss zu den 

Anorganen, und ihre Eintheilung in Thiere 

und Pflanzen. 



„In's Innre der Natur - a 

O Du Philister! — 

„Dringt kein er schaf'fn er Geist." 

Mich und Geschwister 

Mögt ihr an solches Wort 

Nur nicht erinnern ; 

Wir denken: Ort für Ort 

Sind wir im Innern. 

„Glückselig! wem sie nur 

„Die äussre Schale weist!" 

Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen, 

Ich fluche drauf, aber verstohlen; 

Sage mir tausend tausendmale: 

Alles giebt sie reichlich und gern; 

Natur hat weder Kern noch Schale, 

Alles ist sie mit einem Male; 

Dich prüfe Du nur allermeist, 

Ob Du Kern oder Schale seist. 



Goethe. 



I. Organische und anorganische Stoffe. 



111 



Fünftes Capitel. 



Organismen und Anorgane. 



„Der Geist übt sich an dem würdigsten Gegen- 
stande, indem er das Lebendige nach seinem inner- 
sten Werth zu kennen und zu zergliedern sucht." 

Goethe. 




I. Organische und anorganische Stoffe. 

I) 1. D iffer entielle Bedeutung der organischen und anorganischen 

Materien. 

Bevor wir an unsere eigentliche Aufgabe gehen, und nach den 
im ersten Buche festgestellten Methoden und Principien die Grundzüge 
der generellen Morphologie der Organismen zu entwerfen versuchen, 
scheint es uns unerlässlich, den Begriff des Organismus selbst, sowie 
sein Verhältniss zur anorganischen Natur, und die übliche Eintheilung 
der Organismen in Thiere und Pflanzen, einer allgemeinen kritischen 
Untersuchung zu unterwerfen. Indem wir diese wichtigen Grundbe- 
griffe feststellen, gewinnen wir den festen Boden, auf welchem wir 
nachher sicher weiter bauen können, während die gewöhnliche Ver- 
nachlässigung der unentbehrlichen Fundamente zu der chaotischen 
Begriffs- Verwirrung führt, von welcher gegenwärtig unsere Wissen- 
schaft ein so trauriges Bild liefert. 

Um zu einer klaren Einsicht in „ den innersten Werth des Leben- 
digen," in den wesentlichen Character der Organismen, der Thiere 
und Pflanzen, zu gelangen, erscheint es uns am zw T eckmässigsten, den- 
selben die leblosen Naturkörper, die Anorgane, gegenüber zu stellen, 
und beide Hauptgruppen von Naturkörpern, lebendige und leblose, hin- 
sichtlich aller allgemeinen Eigenschaften (in chemischer, morphologi- 
scher und physikalischer Beziehung) zu vergleichen. Indem wir hier- 
bei sowohl synthetisch die Uebereinstimmungen, als analytisch die Un- 
terschiede beider Körpergruppen hervorheben, werden wir zu einer 
tieferen Einsicht in die innerste Natur und die gegenseitigen Be- 



112 Organismen und Anorgane. 

Ziehungen derselben gelangen, als es durch eine blosse Definition der 
Begriffe möglich ist. 

Der Begriff des Organismus ruht ursprünglich auf morpho- 
logischer Basis und bezeichnet einen Naturkörper, welcher aus „Or- 
ganen" zusammengesetzt ist, d. h. aus Werkzeugen oder ungleicharti- 
gen Theilen, welche zum Zwecke des Ganzen vereinigt zusammenwir- 
ken. Gegenwärtig haben wir nun zahlreiche ,, Organismen ohne Or- 
gane" kennen gelernt, vor Allen die vollkommen homogenen und 
structurlosen Plasmakörper oder Moneren (Prologenes, Protamoeba 
etc.), ferner viele nach stver wandte einfache Plasmaklumpen, deren 
einziges discretes Organ eine einfache Schale oder eine contractile 
Blase ist (z. B. viele Rhizopoden und Protoplasten), sodann viele 
einzellige Organismen, deren einziges discretes Organ der im Plasma 
eingeschlossene Zellenkern, und bisweilen noch eine äussere Um- 
hlillungshaut ist (viele Protisten und einzellige Pflanzen etc.) Da Vie- 
len dieser einfachsten Organismen bestimmte morphologische Charactere 
ganz fehlen, und dieselben zum Theil gar keine, zum Theil nur solche 
differente geformte Theile besitzen, die kaum den Namen von „ Organen " 
verdienen, so können wir den Begriff des Organismus nur auf physio- 
logischer Basis begründen, und nennen demgemäss Organismen alle 
jene Naturkörper, welche die eigenthümlichen Bewegungs- 
erscheinungen des „Lebens", und namentlich ganz allge- 
mein diejenigen der Ernährung zeigen 1 ). Anorgane dagegen 
nennen wir alle diejenigen Naturkörper, welche niemals die Function 
der Ernährung, und auch keine der anderen specifischen „Lebens- 
thätigkeiten " (Fortpflanzung, willkührliche Bewegung, Empfindung) 
ausüben. 

Da nun die Ernährungsthätigkeit der Organismen, gleich allen an- 
deren Lebensfunctionen, ebenso eine unmittelbare Wirkung ihrer ma- 
teriellen Zusammensetzung ist, wie jede physikalische Eigenschaft 
eines Anorganes unmittelbar in dessen Materie begründet ist, da über- 
haupt jede Eigenschaft, Kraft oder Function eines Körpers die un- 
mittelbare Folge seiner materiellen Zusammensetzung und seiner Wech- 
selwirkung mit der umgebenden Materie ist, so werden wir die nach- 
folgende Vergleichung der Organismen und Anorgane zunächst mit 
der vergleichenden Betrachtung ihres materiellen Substrates beginnen 



') Gewöhnlich werden als die allgemeinen Lebensthätigkeiten, welche allen 
Organismen zukommen, die drei Functionen der Ernährung, des Wachsthums 
und der Fortpflauzung bezeichnet. Das Wachsthum haben wir hier nicht aufge- 
führt, weil dasselbe auch gleicherweise den anorganischen Individuen zukommt, 
und die Fortpflanzung nicht, weil dieselbe vielen (geschlechtslosen) organischen 
Individuen abgeht. 



I. Organische und anorganische Stoffe. 113 

müssen. Denn lediglich aus den Verschiedenheiten, welche sich in der 
feineren und gröberen Zusammensetzung der Materie zwischen Or- 
ganismen und Anorganen zeigen, können wir uns die davon unmittelbar 
abhängigen Verschiedenheiten in den Formen und Kräften (Functionen) 
beider Gruppen von Naturkörperu erklären. 

Da die Aufgabe des vorliegenden Werkes nur die generelle Morpho- 
logie der Organismen ist, so könnte es unnöthig erscheinen, auch die An- 
organe hier noch besonders in Betracht zu ziehen und eine Vergleichung 
zwischen Beiden anzustellen. Indessen hoffen wir, durch diese Vergleichung 
selbst von dem Gegentheil zu überzeugen. Denn nach unserem Dafürhal- 
ten ist gerade die Verkennung der innigen Beziehungen, welehe zwischen 
den leblosen und belebten Naturkörpern überall existiren, vorzugsweise 
Schuld an der grundfalschen Beurtheilung, welche das Wesen der letzteren 
gewöhnlich erfahren hat, und an dem teleologisch-vitalistischen Standpunkt, 
welchen die Mehrzahl der Naturforscher den Organismen gegenüber ein- 
genommen hat. Wie bei den meisten biologischen Untersuchungen, so hat 
man auch bei Vergleichung der Organismen und Anorgane fast immer von 
einseitig analytischem Standpunkte aus nur die trennenden Unterschiede 
beider Gruppen von materiellen Körpern hervorgehoben, und dagegen die 
verknüpfende Synthese, welche beide Gruppen durch Hervorhebung ihrer 
übereinstimmenden Charaktere als ein einheitliches grosses materielles Natur- 
ganzes darstellt, fast gänzlich vernachlässigt. Wir sind aber zur allseitigen 
Vergleichung der Organismen und Anorgane hier um so mehr aufgefordert, 
als die im folgenden Capitel zu besprechende Autogonie nur durch vorur- 
teilsfreie Würdigung aller Seiten dieses Verhältnisses erklärt werden kann. 
Von allen Grenzlinien, durch welche wir bei unseren systematischen 
Eintheiluugs-Versuchen die Naturkörper in natürliche Gruppen zu trennen 
streben, erscheint keine einzige so scharf, so deutlich, so unübersteiglich, 
als diejenige , welche wir zwischen den belebten und den leblosen Natur- 
körpern zu ziehen gewohnt sind. Während die beiden „Reiche" der Thiere 
und Pflanzen ganz allmählig in einander überzugehen und durch zahlreiche 
Zwischenformen unmittelbar verbunden zu sein scheinen, während jede ein- 
zelne grössere und kleinere Abtheilung des Thier- und Pflanzen -Reiches 
mit einer oder mehreren anderen Abtheilungen ebenfalls durch Zwischen- 
formen so verknüpft ist, dass jede scharfe Grenzlinie hier mehr oder weniger 
gezwungen und künstlich erscheint, so sind dagegen Organismen und An- 
organe im allgemeinen Bewusstsein der Menschen so vollkommen von ein- 
ander geschieden, durch eine so unübersteigliche Kluft von einander ge- 
trennt, dass Niemand jemals im concreten Falle darüber in Zweifel sein zu 
können glaubt, ob der vorliegende Naturkörper als belebter oder als leb- 
loser zu betrachten sei. 

Dieser herrschenden Vorstellung gegenüber, welcher es schon über- 
flüssig erscheinen dürfte, den „absoluten" Unterschied zwischen Organismen 
und Anorganen überhaupt nur in Frage zu ziehen, erscheint es doppelt not- 
wendig, hier ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass auch diese Unterschei- 
dung nur bis zu einer gewissen Grenze gültig ist. Denn die beiden Gruppen 

llaeckel, Generelle Morphologie. 8 



1 14 Organismen und Anorgane. 

der leblosen und belebten Natnrkörper sind durch keine absolut unausfüll- 
bare Kluft von einander getrennt, und gehören nicht zwei verschiedenen 
Welten an; die ersten Organismen sind unmittelbar aus Anorganen entstan- 
den. Diese Behauptung lässt sich schon als eine absolut nothwendige 
Folgerung aus der allgemein angenommenen Kant-Laplace' sehen Theorie 
über die Entstehung der Himmelskörper und der Erde insbesondere ablei- 
ten. Denn was sagt diese Theorie Anderes, als dass das Leben auf unserer 
Erde zn einer bestimmten Zeit zum ersten Male auftrat? Und wenn wir 
diese ersteEntstehung des Lebens aufderErde nicht der herrschen- 
den Vorstellung gemäss als einen „Schöpfungsakt" ansehen wollen, d. h. 
als ein „Wunder", welches sich als solches jeder naturwissenschaftlichen 
Betrachtung entzieht, so müssen wir nothwendig annehmen, dass in jenem 
Zeitpunkte anorganische Naturkörper zu organischen Verbindungen zusam- 
mentraten, dass die „leblose Materie" sich belebte, dass Organismen aus 
Anorganen sich hervorbildeten. Ein Drittes giebt es nicht. 

Wenn nun schon lediglich diese Erwägung uns zu der Behauptung be- 
rechtigt, dass der Uebergang aus anorganischen in organische und in wirk- 
lich „lebende" Körper thatsächlich zu irgend einer Zeit erfolgt sein muss, 
so knüpft sich daran weiter die Frage, wie derselbe zu Stande kam, und 
zugleich die Aufgabe, die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen 
von Naturkörpern schai'f zn untersuchen. Diese Forderung erscheint um so 
mehr berechtigt, als offenbar jene trennenden Unterschiede bisher meist all- 
zusehr betont, und dagegen die verknüpfenden gleichen Grundeigenschaften, 
welche Organismen und Anorgane innig verbinden, gewöhnlich nicht be- 
rücksichtigt wurden. Indem wir nun hier nicht bloss analytisch das Unter- 
scheidende, sondern auch synthetisch das Gemeinsame der lebenden und der 
leblosen Naturkörper hervorheben, so werden wir dadurch alsbald nicht 
allein den Vortheil haben, den jede allseitige Vergleichung zweier Objecte 
bietet, dass wir nämlich den Character jedes einzelnen richtiger und voll- 
ständiger beurtheilen; sondern wir werden auch zu der äusserst wichtigen 
Anschauung gelangen, dass lebendige und leblose Natur in ebenso innigem 
und notwendigem Zusammenhange stehen, als alle Theile der Natur über- 
haupt, und dass die gesammte Natur, organische und anorganische, zu- 
sammen ein einziges grosses zusammenhängendes Ganzes bildet, welches 
allenthalben und zu jeder Zeit von denselben einfachen, grossen und ewigen 
Gesetzen regiert wird. 

Da diese nothwendige Vergleichung der Organismen und der Anorgane 
nur dann von Nutzen sein kann, wenn wir sammtliche Seiten ihrer körper- 
lichen Erscheinung vergleichend ins Auge fassen, so werden wir uns hier 
nicht bloss auf die Betrachtung der Form beschränken können, welche 
schon oben (p. 24) mit Vortheil verglichen wurde, sondern wir werden eben 
so auch den Stoff, welcher der Form zu Grunde liegt, und die Function, 
welche derselbe leistet, mit in Betracht ziehen müssen; wir werden uns 
also aus dem engeren Gebiete der Morphologie einen Ausflug auf das wei- 
tere Feld der allgemeinen Biologie und Abiologie (Chemie und Physik mit 
eingeschlossen), erlauben müssen (vergl. oben p. 21). In erster Linie wer- 
den wir dabei die organische und anorganische Materie zu vergleichen 



I. Organische und anorganische Stoffe. U5 

haben, da wir ja die Formen sowohl als die Functionen der Naturkörper 
lediglich als die unmittelbaren Folgen ihrer eigenen materiellen Zusammen- 
setzung und ihrer Wechselwirkung mit der umgebenden Materie betrachten 
müssen. Sowohl die elementare Constitution der Materie, als ihre weitere 
Zusammensetzung durch Verbindung der Elemente, als endlich auch ihr 
Aggregatzustand sind dabei zu berücksichtigen. Erst wenn wir in allen 
diesen Beziehungen die Unterschiede sowohl als die Uebereinstimmungen 
der Materie zwischen den Organismen und Anorganen vorurtheilsfrei ge- 
prüft haben, werden wir im Stande sein, die Unterschiede und die Ueber- 
einstimmungen der Formen und Functionen zwischen den Organismen und 
Anorganen als die nothwendige Wirkung jener materiellen Ursachen zu er- 
kennen, und die differentielle Bedeutung der organischen und anorganischen 
Materien richtig zu würdigen. 

I) 2. Atomistische Zusammensetzung der organischen und 

anorganischen Materien. 

Alle Organismen und alle Anorgane welche unserer wissenschaft- 
lichen Erkenntniss zugänglich sind, zeigen ganz übereinstimmend eine 
gewisse Summe von ursprünglichen allgemeinen Eigenschaften, welche 
aller Materie nothwendig inhäriren. Diese generellen Qualitäten der 
Naturkörper, welche in ganz gleicher Weise sämmtlichen belebten, wie 
sämmtlichen leblosen Körpern zukommen, sind: Ausdehnung, Un- 
durchdringlichkeit, Theilbarkeit, Ausdehnbarkeit, Zusammendrückbar- 
keit, Elasticität, Porosität, Trägheit, Schwere etc. Da wir diese allge- 
meinen Grund-Eigenschaften sämmtlicher Naturkörper als aus der Physik 
bekannte und allgemein anerkannte Thatsachen voraussetzen müssen, 
so haben wir nicht nöthig, hier näher darauf einzugehen, und wollen 
nur, was so oft vergessen wird, ausdrücklich constatiren, dass in allen 
diesen Beziehungen, in allen allgemeinen Grund-Eigenschaften 
'der Materie nicht der geringste Unterschied zwischen den 
Organismen und den Anorganen existirt. 

Aus diesen allgemeinsten Resultaten der Physik, haben sich die 
Naturforscher übereinstimmend eine allgemeine Grundanschauung über 
die primitive Constitution der Materie (organischer und anorganischer) 
gebildet, welche unter dem Namen der atomistischen Theorie von 
allen Physikern und Chemikern angenommen ist. Danach besteht die 
gesammte Materie aus Atomen, d. h. aus kleinsten, discreten, nicht 
weiter theilbaren Massentheilchen, welche der allgemeinen Massen- 
anziehung, der Schwere unterworfen, sich gegenseitig durch diese 
Attractions-Kraft oder Cohäsion anziehen. Die allgemeinen Er- 
scheinungen der Wärme, des Aggregatzustandes etc. zwingen ferner zu 
der Annahme, dass diese letzten unzerlegbaren Massentheilchen durch 
eine allgemein verbreitete indifferente Materie von nicht wahrnehm- 
barem Gewichte, den Aether, getrennt sind. Auf den Schwingungen 
dieses Aethers beruhen die Erscheinungen der Wärme und des Lichtes. 

8* 



| IQ Organismen und Anorgane. 

Dieser die Atome rings umgebende und von einander trennende Aether 
besteht selbst wieder, gleich der Materie, aus discreten Theilchen, 
welche von den Atomen angezogen werden, sich selbst aber unter ein- 
ander durch ihre eigene Abstossungskraft oder Repulsivkraft (Expan- 
sion) abstossen. Diese atomistische Theorie erklärt in ganz 
gleicher Weise die allgemeinen Grundeigenschaften der Or- 
ganismen und der Anorgane. Die fundamentale Constitution der 
Materie, ihre Zusammensetzung aus Atomen, ist also in sämmtlichen 
Naturkörpern, leblosen und belebten, dieselbe 1 ). 

Die mannichfaltigen Unterschiede in der Erscheinung und im We- 
sen der verschiedenen Naturkörper beruhen theils auf der ununter- 
brochenen Thätigkeit der allgemeinen Molekularkräfte (der Cohäsion 
der discreten Atome und der Expansion der discreten, die Atome um- 
hüllenden und trennenden Aethertheilchen) , theils auf der qualitativen 
Verschiedenheit der Atome. Diese letztere anzunehmen werden wir 
durch die allgemeinsten Resultate der Chemie gezwungen. Indem 
nämlich die Chemie in ihrem Bestreben, die Materie in ihre einfachsten 
Bestandteile zu zerlegen, schliesslich überall eine geringe Zahl von 
unzerlegbaren, qualitativ verschiedenen Ur st offen oder chemischen Ele- 
menten als allgemeine Grundlage der gesammten Materie nachweist, 
führt sie in Verbindung mit jenen allgemeinsten Resultaten der Physik 
zu der Annahme, dass die qualitativen Verschiedenheiten der chemisch 
nicht weiter zerlegbaren Materien bedingt sind durch eine qualitative 
Verschiedenheit der Atome, welche diese Materien constitmren. Es 
würden also eben so viele verschiedene Atom- Arten, als chemische 
Elemente existiren 2 ). Da sich die chemischen Elemente in be'stimm- 

*) Dieser jetzt allgemein von den Naturforschern angenommenen atomistischen 
Theorie, welche bis jetzt allein die sämmtlichen allgemeinen Erscheinungen der 
Körperwelt zu erklären im Stande ist, haben zwar viele speculative Philosophen 
unter dem Namen der dynamischen Theorie eine (übrigens mehrfach modificirte) 
andere Ansicht von der fundamentalen Constitution der Materie entgegengesetzt, 
wonach dieselbe nur aus widerstrebenden Kräften zusammengesetzt ist. Doch 
hat diese nicht zu einer allgemeinen Anerkennung gelangen können, weil sie eine 
grössere Anzahl von Thatsachen nicht erklärt, und anderen unmittelbar wider- 
spricht. 

2 ) Die Hypothese, dass die qualitative Verschiedenheit der chemischen Ele- 
mente, der durch die chemische Analyse nicht weiter zerlegbaren Grundstoffe, 
bedingt sei durch eine qualitative Verschiedenheit der Massen-Atome, welche 
die Elemente constituiren, ist von den Chemikern jetzt fast allgemein angenom- 
men. Dieser Hypothese steht eine zweite, bisher noch wenig beachtete, un- 
seres Erachtens aber richtigere Hypothese gegenüber, welche behauptet, dass es 
nur zweierlei Arten von Atomen giebt, Massen-Atome und Aether-Atome, und 
dass die Verschiedenheit der chemischen Elemente bedingt ist durch die ver- 
schiedenartige Zahl der gleichartigen Massen-Atome, welche zu verschiedenen 
Gruppen zusammentreten. Danach wäre also jedes sogenannte Atom eines 



I. Organische und anorganische Stoffe. 117 

ten Gewichts Verhältnissen mit einander verbinden, so mnss das Gewicht 
der verschiedenen Atom-Arten ein verschiedenes sein. Da nun diese 
qualitative Differenz der Atom-Arten und der aus ihnen zusammenge- 
setzten chemischen Elemente die ganze Mannichfaltigkeit in den Natur- 
körpern bedingt, so drängt sich hier zunächst die Frage auf, ob in den 
Organismen andere Atom-Arten, d. h. andere chemische Elemente vor- 
kommen, als in den Anorganen. Als negative Antwort hierauf haben 
wir hier zunächst das hochwichtige Gesetz hervorzuheben, dass alle 
chemischen Elemente, welche den Körper der Organismen zu- 
sammensetzen, auch in der anorganischen Natur vorkom- 
men. Es giebt keinen unzerlegbaren Grundstoff in irgend einem Or- 
ganismus, welcher nicht auch ausserhalb desselben als lebloser Natur- 
körper, als Anorgau, oder als Bestandtheil eines solchen auftritt. 

Diese Thatsache ist zwar allbekannt, wird aber in ihrer ganzen 
Tragweite insofern meist nicht gehörig gewürdigt, als man daraus ge- 



Elementes nichts Anderes, als eine Summe von Massen- Atomen, 
welche, jedes von einer Aether-Hülle (wie von einer Atmosphäre) umgeben, in 
bestimmter Zahl und zu einer bestimmten Gruppe verbunden sind. 
Für jedes Element wäre die Zahl, in welcher sich die Atome zu einer Gruppe 
verbinden, characteristisch und unveränderlich. Wenn gleiche Atom-Gruppen mit 
gleichen Aetherhüllen zusammentreten, so bilden sie einen Gruppenbau, den wir 
einen einfachen chemischen Körper (Element) nennen. „So viele verschiedene 
Gruppen es also giebt, so viele verschiedene Elemente, und der ursprünglich 
einzige Unterschied der Elemente besteht in der verschiedenen Anzahl der Mas- 
senatome in ihren Gruppen. Es giebt demnach in der Natur (als Körper- 
welt) zwei Materien, welche aus Atomen bestehen; diese Materien 
heissenMasse undAether. JedesAtom der Masse zieht alle übrigen 
Atome an; jedes Atom des Aethers stösst alle übrigen Atome ab. 
Anziehung und Abstossung erfolgen nach dem Newton'schen Ge- 
setze". Es wächst also sowohl die Anziehung der Massen-Atome, als die Ab- 
stossung der Aether- Atome, in demselben Verhältnisse, in welchem die Anzahl 
der Atome zunimmt, und in welchem das Quadrat der Entfernung abnimmt. Die 
Aether-Atome und die Massen-Atome sind wahrscheinlich gleich grosse Kugeln, 
von sehr geringer Grösse. Die Zahl der Atome beider Materien ist unendlich 
gross, wie der Weltraum, welchen sie erfüllen. Die nähere Begründung dieser 
wichtigen Hypothese ist nachzusehen in der geistvollen kleinen Schrift von 
H. Wiechmann: Ueber den Bau der einfachen Körper. Eine Hypothese zur 
Erklärung der wichtigsten Naturerscheinungen. Oldenburg 1864; und in der dort 
citirten Schrift von C. Hnllmann: das Grundgesetz der Materie. Oldenburg 1863. 
Es ist klar, dass diese Hypothese dem einfachen monistischen Grundcharacter 
der ganzen Natur weit besser entspricht, als die gegenwärtig herrschende Hypo- 
these von der ursprünglich verschiedenen Qualität der Massen -Atome in den 
verschiedenen Elementen. Wir glauben, dass in derselben die erste Grundlage 
des monistischen kosmologischen Systems zu finden ist. Uebrigens ist sie zu- 
nächst für die uns hier vorliegende Frage gleichgültig, weil ja die Identität der 
Elemente in den Organismen und Anorganen (mögen nun die Elemente aus ein- 
fachen oder zusammengesetzten Atomen bestehen) empirisch bewiesen ist, 



118 Organismen und Anorgane. 

wohnlich nicht den sich unmittelbar ergebenden Schluss zieht, dass 
bei der qualitativen Identität der Elementarstoffe, welche die Anorgane 
und die Organismen zusammensetzen, auch die fundamentalen Kräfte 
oder Functionen in beiden Klassen von Naturkörpern nicht qualitativ 
verschieden sein werden. Aus der Nichtexistenz eines beson- 
deren Lebensstoffes wird daher der Monismus schon die Nicht- 
existenz einer besonderen Lebenskraft folgern müssen. Wie 
man nun in Folge unserer vorgeschrittenen chemischen Kenntnisse die 
frühere Annahme, dass besondere den Organismen eigenthümliche und 
ausserhalb derselben nicht vorkommende chemische Elemente, beson- 
dere „Lebensstoffe", die organischen Körper zusammensetzen und deren 
Lebenserscheinungen zu Grunde liegen, jetzt allgemein verlassen hat, 
so wird man ebenso nothwendig die auf gleich unvollständige Erkennt- 
niss gegründete Hypothese fallen lassen müssen, dass es besondere 
„Lebenskräfte" sind, welche die Formen, wie die Functionen der Or- 
ganismen bedingen. 

Von den unzerlegbaren chemischen Elementen, welche bis jetzt 
auf unserer Erde gefunden worden sind, und deren Zahl sich bereits 
auf mehr als sechzig beläuft, ist nur ungefähr der dritte Theil im 
Körper der Organismen aufgefunden. Und von diesen ungefähr zwan- 
zig chemischen Elementarstoffen ist es wiederum nur etwa die Hälfte, 
welche allgemein verbreitet und in grösserer Menge in den organischen 
Körpern vorkommt. Bekanntlich sind es vor Allen die vier Elemente : 
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff, die vorzugsweise die 
sogenannten organischen Verbindungen im engeren Sinne zusammen- 
setzen, und die man desshalb auch als „Organogene" besonders her- 
vorgehoben hat. An der Spitze derselben steht der Kohlenstoff, 
dessen merkwürdige physikalische und chemische Eigenthümlichkeiten 
wir als die letzte Ursache aller der eigenthümlichen Functionen und 
Formen zu betrachten haben, welche die Organismen vor den An- 
organen auszeichnen. An diese vier organogenen Elemente schliesst 
sich dann zunächst Schwefel und Phosphor an. Von den übrigen 
Elementen sind Chlor, Kalium, Natrium, Calcium und demnächst Eisen 
und Kiesel am weitesten verbreitet. Viel seltener und meist nur in 
sehr kleinen Quantitäten kommen Jod, Brom, Fluor, Magnium, Alu- 
minium, Manganium, Strontium, Lithium und einige andere seltene Ur- 
stoffe in den Organismen vor. 

I) 3. Verbindungen der Elemente zu organischen und 
anorganischen Materien. 

Nachdem die Chemie nachgewiesen hatte, dass alle chemischen 
Grundstoffe oder Elemente, welche den Körper der Organismen zu- 
sammensetzen, sich auch ausserhalb desselben, in der anorganischen 
Natur vorfinden, dass mithin kein besonderes „organisches Element" 



I. Organische und anorganische Stoffe. 119 

existirt, glaubte man in der Art und Weise des Zusammentritts der 
Elemente zu zusammengesetzten Verbindungen einen absoluten Unter- 
schied zwischen Organismen und Anorganen aufstellen zu können. Be- 
sondere Gesetze des „Lebens" sollten die Vereinigung der Elemente 
innerhalb des Organismus regeln, und die mystische „Lebenskraft" 
sollte die Elemente zum Eingehen von Verbindungen zwingen, welche 
ausserhalb des lebendigen Körpers nie sollten zu Stande kommen 
können. Diese irrthümliche Vorstellung, welche vorzüglich durch die 
Autoritäten von Berzelius und Johannes Müller in der Biologie 
zu sehr allgemeinem Ansehen gelangte, hat solchen Einfluss auf die 
allgemeine Beurtheilung der Organismen gewonnen, und behauptet 
denselben theilweis noch heute, dass wir dieselbe hier ausdrücklich 
als einen Irrtimm bezeichnen müssen, der durch die neuere Chemie 
definitiv widerlegt ist. 

Vollkommen richtig ist es, dass diejenigen eigenthümlichen For- 
men und Functionen, welche die Organismen von den Anorganen un- 
terscheiden, einzig und allein die nothwendige Wirkung sind von den 
eigenthümlichen Verbindungen, welche die Elemente im Körper der 
Organismen eingehen, und welche man allgemein als „organische" 
Materien zusammenfasse Vollkommen falsch aber ist es, wenn man 
diese eigenthümlichen „organischen Verbindungen" von etwas Anderem 
ableitet, als von der chemischen Wahlverwandtschaft der Elemente, 
welche in allen Fällen, selbstständig, vermöge der ihren Atomen un- 
zertrennlich innewohnenden Kräfte, diese Verbindungen activ schaffen. 
Es existirt also auch in dieser Beziehung durchaus kein Unterschied 
zwischen den leblosen und den belebten Naturkörpern. Wie wir in 
der leblosen Natur die gewöhnlich einfacheren, sogenannten „anorgani- 
schen Verbindungen" lediglich durch die ureigenen Kräfte der Ele- 
mente, nach den unabänderlichen und ewigen Gesetzen der chemischen 
Wahlverwandtschaft, entstehen sehen, so erkennen wir eben so be- 
stimmt, dass innerhalb der lebendigen Körper die gewöhnlich ver- 
wickeiteren, sogenannten „organischen Verbindungen" lediglich nach 
denselben Gesetzen der chemischen Affinität, mit absoluter Notwen- 
digkeit, entstehen und vergehen. 

Der einzige Unterschied, welcher in der chemischen Zusammen- 
setzung der Organismen und Anorgane gefunden werden kann, be- 
steht darin, dass in allen Organismen neben den einfacheren Ver- 
bindungen der Elemente, die allenthalben auch in der leblosen Natur 
vorkommen (Wasser, Kohlensäure etc.), eine Anzahl von verwickeiteren 
Verbindungen des Kohlenstoffs (und namentlich allgemein gewisse Ei- 
weisskörper) sich finden, welche gewöhnlich in der anorganischen 
Natur sich nicht zu bilden scheinen. Diese Verbindungen verdanken 
aber ihre Existenz nicht einer besonderen Lebenskraft, sondern den 



120 Organismen und Anorgane. 

eigenthümlichen und äusserst verwickelten Verwandtschaftsbeziehungen 
des Kohlenstoffs zu deu meisten übrigen Elementen. Vielleicht mit allen 
anderen Elementen, vorzüglich aber mit den drei Elementen: Wasser- 
stoff, Sauerstoff und Stickstoff*, vermag der Kohlenstoff eine endlose 
Keihe von äusserst verwickelten Verbindungen einzugehen, welche zum 
grössten Theil durchaus ohne Analogon unter den kohlenstofflosen 
Verbindungen dastehen. Wir müssen also die chemische und physi- 
kalische Natur des Kohlenstoffs und vor Allem seine in ihrer Art 
einzige Fähigkeit, mit anderen Elementen höchst complicirte Ver- 
bindungen einzugehen, als die erste und letzte, als die einzige 
Ursache aller derjenigen Eigenthümlichkeiten ansehen, welche die 
sogenannten organischen Verbindungen von den anorganischen unter- 
scheiden. 

Es würde desshalb richtiger sein die „organischen Verbindungen" 
concreter als „Kohlenstoff- Verbindungen" zu bezeichnen, wie man die 
„organische Chemie" neuerdings richtiger die „Chemie der Kohlen- 
stoff-Verbindungen " genannt hat. Nur darf dabei nicht vergessen^wer- 
den, dass, wie der reine Kohlenstoff selbst (als Diamant, Graphit), so 
auch einfachere Kohlenstoff- Verbindungen in der anorganischen Natur, 
ausserhalb der Organismen, weit verbreitet vorkommen, wie vor Allem 
die Kohlensäure, das Kohlenoxyd, einzelne Kohlenwasserstoffe ja. s. w. 
Andererseits darf ebenso wenig vergessen werden, dass in allen Or- 
ganismen ohne Ausnahme neben jenen „organischen", d. h. ver- 
wickeiteren Kohlenstoff- Verbindungen, auch noch einfachere Kohlen- 
stoff-Verbindungen und nicht kohlenstoffhaltige Verbindungen der Ele- 
mente, also sogenannte „ anorganische " Verbindungen vorkommen (Was- 
ser, Kohlensäure, Kochsalz etc.) 

Die wesentlichsten Unterschiede in der Zusammensetzung der organischen 
und anorganischen Verbindungen glaubte man früher darin zu finden, dass 
in der anorganischen Natur sich nur „binäre" Verbindungen bilden, indem 
zunächst immer nur zwei Elemente zusammentreten, z. B. Kohlenstoff' und 
Sauerstoff zur Kohlensäure, oder Wasserstoff' und Stickstoff' zum Ammoniak; 
eine solche einfache binäre Verbindung kann sich dann weiter mit einer 
anderen einfachen binären Verbindung zu einer zusammengesetzten binären 
Verbindung vereinigen, z. B. Kohlensäure und Ammoniak zum kohlensauren 
Ammoniak u. s. w. Dagegen sollten sogenannte „ternäre und quaternäre" 
Verbindungen, in welchen drei oder vier Elemente unmittelbar zu einer 
complexeren Verbindung zusammentreten, (z. B. Kohlenstoff, Sauerstoff, Was- 
serstoff und Stickstoff zu dem quaternären Harnstofi') ausschliesslich nur 
unter dem Einflüsse des Lebens zu Stande kommen und niemals in der 
anorganischen Natur sich bilden. Als weiterer wesentlicher Unterschied 
zwischen diesen beiden Verbindungsgruppen wurde dann ferner gewöhnlich 
noch angeführt, dass die Mischlingsgewichte in den ternären und quaternären 
„organischen" Verbindungen im Allgemeinen weit höhere und ihre Zahlen- 



I. Organische und anorganische Stoffe. 121 

Verhältnisse meist complicirtere sind, als dies in den binären „anorganischen" 
Verbindungen gewöhnlich der Fall ist. 

So wesentlich nun gewiss diese gradweise, relative Differenz in der 
atornistischen Constitution vieler organischen und anorganischen Verbindungen 
für die Erklärung ihrer functionellen Differenzen ist, so hat man doch auch 
diesen Unterschied einseitig übertrieben. Zunächst ist hier erstens als sehr 
wesentlich hervorzuheben, dass kein Organismus lediglich aus den coinpli- 
cirteren „ternären und quaternären" Kohlenstoff-Verbindungen (Eiweiss, 
Fett etc.) besteht, dass vielmehr stets auch neben diesen noch einfache 
„binäre" Verbindungen vorhanden sind, Wasser, Kohlensäure, gewisse 
Salze etc. Jeder Organismus ohne Ausnahme erscheint in dieser Beziehung 
als ein Complex von einfachen (binären) „anorganischen" und cornplicirten 
(ternären oder quaternären) „organischen" Verbindungen. Die wesentlichsten 
Eigenthümlichkeiten der letzteren sind aber im Grunde nur abhängig von 
der ausgezeichneten Fähigkeit des Kohlenstoffes (des „organischen" 
Elements y.ui' 6go%qi>) } sich in den verschiedensten Verhältnissen mit anderen 
Elementen zu verbinden. Diese in ihrer Art einzige Eigenschaft des Kohlen- 
stoffes müssen wir als die Grundlage aller Eigenthümlichkeiten der soge- 
nannten organischen Verbindungen bezeichnen. 

Grosses Gewicht legte man früher darauf, dass diese characteristischen 
Kohlenstoff-Verbindungen sich ausschliesslich nur in den Organismen „unter 
dem Einfluss des Lebens" bilden könnten und dass niemals dergleichen 
durch Combination binärer Verbindungen künstlich in unseren Laboratorien 
herzustellen seien. Zuerst wurde dieses Dogma 1828 von Wo hl er widerlegt, 
welcher auf rein künstlichem Wege Harnstoff (statt cyansauren Ammoniaks) 
aus den „anorganischen" Elementen (aus Cyan- und Ammoniak-Verbindungen) 
herstellte. In neuester Zeit hat man jedoch in dieser Beziehung so weite 
Fortschritte gemacht, und so viele „rein organische" complicirte Kohlenstoff- 
Verbindungen, Alkohol, Essigsäure,- Ameisensäure etc. auf „rein anorgani- 
schem" Wege künstlich hergestellt, dass bald nur noch die höchststehende 
und complicirteste Gruppe der Eiweisskörper dieser künstlichen Synthese 
Schwierigkeiten in den Weg legen wird, Schwierigkeiten, welche die weiteren 
Fortschritte der Chemie zweifelsohne überwinden werden. Schon heute 
dürfen wir also sagen, dass ein sehr grosser Theil der complicirteren 
Kohlenstoff- Verbindungen, der „ternären und quaternären" Atomcomplexe, 
nicht ausschliesslich nur im Organismus entsteht, sondern ebenso auch 
künstlich, mit Ausschluss jeder Lebensthätigkeit, in unseren Laboratorien 
dargestellt werden kann, gleich den einfachsten („binären") anorganischen 
Verbindungen. Dieses Resultat ist aber desshalb für uns von äusserster 
Wichtigkeit, weil daraus hervorgeht, dass auch in der Natur, unter ähnlichen 
Bedingungen, wie wir sie in unseren Laboratorien künstlich herstellen, 
unbelebte anorganische Materien zur Bildung lebensfähiger organischer 
Stoffe, „binäre" Verbindungen und einfache Elemente zur Bildung „ternärer 
und quaternärer" Verbindungen zusammentreten können, eine Möglichkeit, 
welche für die Theorie von der Autogonie, einer Form der Generatio spon- 
tanea, die unentbehrliche Grundlage ist. 

Als sehr wesentlicher Unterschied zwischen den anorganischen und den 



122 Organismen und Anorgane. 

organischen Materien wurde früherhin oftmals hervorgehoben, dass die 
letzteren, dem Einflüsse des Lebens entzogen, alsbald „faulen", sich „spon- 
tan zersetzen", während die ersteren dieses nicht thun. Allerdings ist es 
richtig, dass die meisten verwickeiteren Kohlenstoff-Verbindungen längere 
oder kürzere Zeit nach dem Tode des Organismus „verfaulen", sich unter 
Fäulniss zersetzen und in die einfacheren binären Verbindungen auflösen 
Indess gilt dies erstens nicht von allen, und zweitens sagt diese Thatsache 
weiter nichts aus, als dass diese faulenden organischen Substanzen, ihrer 
natürlichen Wahlverwandtschaft gemäss, Zersetzungsprocesse und Verbin- 
dungen mit den umgebenden Medien (Sauerstoff der atmosphärischen Luft, 
des Wassers etc.) eingehen, an deren Eintritt sie während des Lebens 
durch die stärkeren anderweitigen Wahlverwandtschaften gehindert wurden, 
welche die eingeführten Nahrungsmittel ausübten. Ganz ebenso wie die 
meisten organischen Verbindungen zersetzen sich an der Luft oder im 
Wasser auch viele anorganische Verbindungen, welche „verwittern", wie 
z. B. viele Salze. 

Fassen wir die allgemeinsten und wichtigsten Resultate, welche uns 
diese Vergleichung der organischen und anorganischen Verbindungen liefert, 
kurz zusammen, so kommen wir zu folgenden, wichtigen Resultaten: Sämmt- 
liche in den Organismen vorkommende chemische Elemente kommen auch 
ausserhalb in der anorganischen Natur vor. In sämmtlichen Organismen 
kommen sowohl einfache (binäre) Verbindungen dieser Elemente vor, wie 
in den Anorganen, als auch daneben zusammengesetztere Kohlenstoff -Ver- 
bindungen (ternäre und quaternäre Verbindungen), welche der Kohlenstoff 
gewöhnlich in der anorganischen Natur nicht zu bilden scheint. Dass die- 
selben jedoch sich hier ebenfalls, ohne jeden Einfluss des „Lebens", bilden 
können, geht daraus hervor, dass wir dieselben rein künstlich aus einfacheren 
Verbindungen und Elementen zusammensetzen können. Die Fäulniss der 
Organismen ist ein einfacher Zersetzungsprocess und erfolgt nach den Ge- 
setzen der chemischen Wahlverwandtschaft, welche die gesammte organische 
und anorganische Materie gleicherweise unbedingt beherrschen. 

I) 4. Aggregatzustände der organischen und anorganischen 

Materien. 

Unter Aggregatzustand der Naturkörper verstehen wir den 
Grad der Entfernung und der dadurch bedingten relativen 
Beweglichkeit ihrer Massen-Atome. Die Differenzen der Aggre- 
gatzustände beruhen lediglich auf der Verschiedenheit der Entfer- 
nungen der Atome von einander, welche durch die Wechselwirkung 
zwischen der Cohäsions-Kraft der Atome und der Expansions- Kraft 
der Aethertheilchen modificirt werden. Bei den anorganischen Natur- 
körpern ist bekanntlich eine dreifache Differenz in dieser Beziehung 
möglich, und man unterscheidet demgemäss bei diesen drei Aggregat- 
zustände, den festen, tropfbaren und gasförmigen. 

Der feste Aggregatzustand kommt allen geformten Anorganen 
ohne Ausnahme zu. Hier liegen die Atome in solcher Nähe bei einander, 



I. Organische und anorganische Stoffe. 123 

dass die Cohäsion der Massen-Atome über die Expansion der Aether- 
theilchen überwiegt. Folge davon ist, dass die gegenseitige Lagerung der 
Atome stets dieselbe bleibt und dass sie nur bis zu einer gewissen Grenze 
sich von einander entfernen können (z. B. bei Ausdehnung durch Erwär- 
mung) ohne den festen Aggregatzustand zu verlassen. Die Atome haben 
hier ein stabiles Gleichgewicht. Der Character der festen Körper liegt also 
darin, dass ihr Volum nur innerhalb enger Grenzen veränderlich ist und 
dass sie eine selbstständige bleibende Gestalt haben. 

Beim tropfbaren oder flüssigen (tropfbar -flüssigen) Aggregat- 
zustand liegen die Atome in solcher Entfernung von einander, dass die 
Cohäsion und Expansion sich das Gleichgewicht halten. Die Atome haben 
daher hier ein labiles Gleichgewicht, und können bei jeder Störung des- 
selben ihre gegenseitige Lagerung nach allen Richtungen hin frei verändern. 
Der Character der tropfbar- flüssigen Körper liegt also darin, dass ihr 
Volum ebenfalls nur innerhalb enger Grenzen veränderlich ist, dass sie aber 
keine selbstständige Gestalt haben. In ein Gefäss eingeschlossen, nehmen 
die Flüssigkeiten die Form dieses Gefässes an, und wenn sie dieses nicht 
ganz erfüllen, bildet ihre Oberfläche eine horizontale Ebene. Dagegen 
nimmt jede Flüssigkeit, eingeschlossen in eine andere, damit nicht misch- 
bare Flüssigkeit vom gleichen speeifischen Gewicht, z. B. Oel in einem 
gleich schweren Gemenge von Weingeist und Wasser, selbstständig und 
bleibend die Kugelform an. 

Der gasförmige oder luftförmige (elastisch-flüssige) Aggregat- 
zustand endlich ist dadurch ausgezeichnet, dass in Folge grösserer Ent- 
fernung der Atome von einander die Expansion über die Cohäsion über- 
wiegt. Die Aethertheilchen sind stärker als die Atome, und da sie sich 
gegenseitig abstossen, strebt die Materie, sich ins Unendliche auszudehnen. 
Durch diese Expansionskraft der Gase ist deren Character bedingt, sich 
soweit auszudehnen, als es die Begrenzung durch benachbarte feste oder 
flüssige Körper erlaubt. Die Atome können sich hier ohne Grenze von 
einander entfernen. Das Volum der Gase ist daher in den weitesten 
Grenzen veränderlich und eine selbstständige Form niemals vorhanden. 

Da die Wärme eine Bewegung des Aethers ist, so erklärt es sich, wie 
die Anorgane unter verschiedenen Wärme - Graden alle drei Aggregat- 
zustände annehmen können. Ist die Wärme-Bewegung des Aethers so 
gering, dass sie die Atome nicht von einander zu entfernen vermag, so ist 
der Körper fest. Wenn jene Bewegung stärker wird, so dass sie die 
"Atome bis zu einer bestimmten Grenze, welche den Wirkungskreis der 
gegenseitigen Anziehung der Atome nicht überschreitet, auseinander zu 
treiben vermag, so wird der Körper flüssig. Wird endlich die Bewegung 
der Aethertheilchen, die wir Wärme nennen, so stark, dass die Atome über 
jene Grenze hinaus von einander entfernt und nun ins Unendliche aus- 
einander gestossen werden, so wird der Körper gasförmig. 

Vergleichen wir mit diesen drei bestimmten und stets leicht er- 
kennbaren Aggregatzuständen der Anorgane diejenigen der Organis- 
men, so haben wir zunächst zu constatiren , dass alle drei Aggregat- 



124 Organismen und Anorgane. 

zustände in Thcilen des Körpers vieler Organismen eben so rein, wie 
in den Anorganen vorkommen, und dass einer davon, nämlich der 
flüssige, in allen lebenden Organismen ohne Ausnahme allgemein ver- 
breitet ist. Die eigenthümlichen Bewegungs-Erscheinungen, welche wir 
unter dem Collectivnamen des Lebens zusammenfassen, können nur 
durch Mitwirkung dieses Aggregatzustandes zu Stande kommen und 
wir können daher den tropfbar flüssigen Zustand mindestens eines 
Theils der Materie als ein für alle Organismen notwendiges Er- 
forderniss bezeichnen. Die Hohlräume, welche diese für den Trans- 
port der Theilchen beim Stoffwechsel unentbehrlichen Flüssigkeiten 
einschliessen, sind theils (bei den höheren Thieren) besondere Gefässe 
(Blutgefässe, Wassergefässe, Leibeshöhle etc., theils wandungslose 
Hohlräume zwischen den Elementartheilen und im Inneren derselben 
(Vacuolen in den Piastiden etc.). Ausser dem rein tropfbaren kommt 
nun ferner auch der feste und der gasförmige Aggregatzustand voll- 
kommen rein im Körper vieler (nicht aller!) Organismen vor. Zu den 
absolut festen Theilen der Organismen können wir z. B. die Otolithen 
im Gehörorgan, ferner die reinen Kieselskelete und die Skelete aus 
kohlensaurem Kalke rechnen, welche bei vielen wirbellosen Thieren, 
sowie die Krystalle, welche sich in vielen Pflanzen vorfinden. Ebenso 
kommen Gase in elastisch-flüssiger Form (nicht aufgelöst) im Körper 
vieler Organismen vor, entweder mit der Aussenwelt unmittelbar com- 
municirend (z. B. in den Lungen, Luftröhren, in den pneumatischen 
Knochenhöhlen der Vögel etc.) oder in besonderen Räumen abge- 
schlossen (z. B. in der Luftblase der Siphonophoren, der Schwimm- 
blase vieler Fische, den Gelassen derPflanzen etc.) 

Ausser diesen drei Aggregatzuständen, welche also in belebten, 
wie in leblosen Naturkörpern gleicherweise vorkommen, zeichnen sich 
nun aber die Organismen noch durch einen vierten Aggregatzustand 
aus, welcher einem Theile der Kohlenstoff- Verbindungen ausschliess- 
lich eigenthümlich ist und in den Anorganen nicht vorkommt, und 
welchen wir als festflüssigen oder gequollenen Aggregatzu- 
stand bezeichnen können. Es bildet dieser Zustand, wie schon der 
Name sagt, eine eigenthümliche Mittelbildung zwischen dem festen 
und flüssigen Zustand und ist in der That aus einer Verbindung beider 
hervorgegangen. Er kömmt dadurch zu Stande, dass Flüssigkeit in 
bestimmter (innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossener) Quantität 
zwischen die Moleküle eines festen Körpers (einer Kohlenstoff- Verbin- 
dung) eindringt und dessen Intermolekularräume erfüllt. Diese Zwi- 
schenräume sind in denjenigen organischen Materien, welche einer sol- 
chen Flüssigkeitsaufnahine (Quellnng oder Imbibition) fähig sind, offen- 
bar von anderer Beschaffenheit, als bei denjenigen einfacheren organi- 
schen Verbindungen, welche, gleich allen anorganischen Verbindungen, 



I. Organische und anorganische Stoffe. 125 

nicht Flüssigkeit zwischen ihre Moleküle aufnehmen können, ohne selbst 
flüssig- zu werden. Wahrscheinlich steht diese Fähigkeit im engsten 
Causal-Zusammenhang mit der complicirten Gruppirung der Atome in 
den betreffenden Kohlenstoff -Verbindungen. Denn gerade diejenigen 
organischen Materien, welche in diesen Beziehungen sich am weite- 
sten von den Anorganen entfernen, sind es, welche den festflüssigen 
Aggregatzustand in der grössten Ausdehnung annehmen können. Ge- 
rade diese höchst complicirt und locker zusammengesetzten, leicht zer- 
setzbaren Kohlenstoff- Verbindungen, vor Allen die Eiweissstoffe und 
deren Derivate, sind es aber auch, welche die complicirtesten Lebens- 
erscheinungen vermitteln, und da diese Kohlenstoff-Verbindungen, als 
die eigentlichen activen, organogenen Stoffe in keinem Organismus 
fehlen, so finden wir auch den für sie charakteristischen gequollenen 
Aggregatzustand in allen Organismen ohne Ausnahme vor. 

Die allgemeinen physikalischen Eigenschaften, welche 
die organische Materie durch die Quellung oder Imbibition 
erhält, sind für die Erklärung der Lebens- Erscheinungen 
von äusserster Wichtigkeit. Indem nämlich die festflüssigen oder 
gequollenen Materien gewisse Eigenthümlichkeiten des festen und des 
flüssigen Aggregatzustandes in sich vereinigen, indem sie Festigkeit 
mit einem bedeutenderen Grade von Formveränderlichkeit, Härte mit 
einem eigenthümlichen Grade von Weichheit verbinden, wird schon 
hieraus klar, warum die Functionen der organischen Materien weit 
differenzirter und complicirter sein können, als dies bei dem einfachen 
Aggregatzustand der Auorgane jemals der Fall sein kann. 

Die wichtigsten aller sogenannten Lebenserscheinungen, und ge- 
rade diejenigen Functionen der organischen Körper, welche man ge- 
wöhnlich als die characteristischen Leistungen des Lebens zu bezeich- 
nen pflegt, sind nur möglich dadurch, dass die Materie, von welcher 
sie ausgehen, sich wenigstens theilweis im vierten, im festflüssigen 
Aggregatzustande befindet. Die sogenannten „aufmalen" Kräfte der 
Empfindung und Bewegung, welche von der Nerven- und Muskel-Sub- 
stanz ausgehen, wie die sogenannten „vegetativen" Kräfte der Er- 
nährung und Fortpflanzung, welche den verschiedensten Substanzen der 
Organismen inhäriren, sind ohne den festflüssigen Aggregatzustand 
ihres materiellen Substrates gar nicht denkbar. Gerade die eigen- 
thümliche Verbindung von Festigkeit und Flüssigkeit, von Härte und 
Weiche, von Starrheit und Beweglichkeit, welche durch die Imbibition 
gegeben wird, bedingt und ermöglicht die complicirteren Molecularbe- 
wegungen, welche den angeführten organischen Processen zu Grunde 
liegen. Aus diesen Gründen können wir den Quellungszustand der 
lebenden Materien gar nicht hoch genug anschlagen, und werden be- 
fugt sein, in diesem festflüssigen Aggregatzustande der meisten Kohlen- 



126 Organismen und Anorgane. 

stoff-Verbindungen, gleichwie in ihrer complicirteren Zusammensetzung 
aus verwickelten Atomgruppen (welche wahrscheinlich eng mit der 
Quellungsfähigkeit zusammenhängt) eine der wichtigsten Grundursachen 
des Lebens zu finden. Es wird daher zur Begründung unserer monisti- 
schen Lebens- Beurthoilung hier gestattet sein, bei dem Fundamental- 
Phaenomen der Imbibition noch etwas zu verweilen, zumal auch für die 
Form der Organismen dieser vierte Aggregatzustand von der grössten 
Bedeutung ist. 

Da eine eigentliche Quellung oder Imbibition bei den Anorganen nie- 
mals vorkommt, so entsteht die Frage, ob hier ähnliche Modificationen der 
ersten drei Aggregatzustände voi'kommen, welche der Imbibition in einigen 
Beziehungen gleichen. Hier tritt uns nun einerseits das Phaenomen der 
Tränkung oder Durchfeuchtung (Humidation) , andererseits die Er- 
scheinung der Lösung oder Auflösung (Solution) entgegen. Bei der 
Durchfeuchtung oder Humidation sehen wir Flüssigkeit in die Poren fester 
Körper eindringen, ohne dass eine wirkliche Imbibition und Quellung der- 
selben stattfindet. Das ist z. B. der Fall bei Steinen (und zwar nicht nur 
bei auffallend „porösen", sondern auch bei den scheinbar dichtesten und 
festesten Gesteinarten), welche längere Zeit auf dem Grunde des Meeres 
gelegen haben. So wenig diese Durchfeuchtung den festen Aggregatzu- 
stand der Anorgane und damit ihr Volum zu ändern vermag, so wenig 
werden diese geändert, wenn die beträchtliche Menge der eingedrungenen 
Flüssigkeit durch Austrocknen wieder entfernt wird. Niemals kann daher 
auch die vollständigste Durchfeuchtung eine solche Beweglichkeit der 
Moleküle und damit eine solche Formveränderlichkeit der festen Körper 
herbeiführen, wie sie durch die Quellung gegeben wird. Andererseits aber 
ist hervorzuheben, dass bei den organischen Körpertheilen zwischen den 
höchsten Graden der Durchfeuchtuug und den niedersten Graden der Quel- 
lung ein ganz allmähliger und unmerklicher Uebergang stattfindet, und wir 
können diesen Uebergang oft an einem und demselben Theile eines Or- 
ganismus in contiuuo verfolgen. Insbesondere ist in dieser Beziehung eine 
Vergleichung continuirlich zusammenhängender Skelettheile von Interesse, 
und zwar gilt dies sowohl von den inneren, der Bindegewebsgruppe ange- 
hörigen Skelettheilen der Wirbelthiere, als von den äusseren, zu den Chitin- 
ausscheidungen zu rechnenden Skelettheilen der Gliederthiere. Der Aggre- 
gatzustand eines Knochens, (und zwar speciell der Intercellular- oder Grund- 
substanz des Knochens, die hier zunächst in Frage kommt) ist an sich, als 
solcher, (abgesehen natürlich von den feineren Structurdifferenzen), nicht zu 
unterscheiden von dem festen Aggregatzustande vollkommen durchfeuchteter 
Mineralien, (z. ß. Sandstein, Kalkstein), die lange in Wasser gelegen ha- 
ben. Und dennoch geht dieser unzweifelhaft „feste" Aggregatzustaud eines 
Knochens durch eine Reihenfolge der feinsten Uebergangsstufen ganz all- 
mählig in den unzweifelhaft „festflüssigen", d. h. gequollenen Zustand des 
Knorpels, der Sehne u. s. w. über. In gleicher Weise sind die unzweifel- 
haft „festen" und bloss durchfeuchteten Chitindecken z. B. der Abdominal- 
segmcnte von Insecten durch eine ganz allmählige Stufenfolge der unmerk- 



I. Organische und anorganische Stoffe. J27 

lichsten Uebergänge des Aggregatzustandes mit den unzweifelhaft „fest- 
flüssigen" oder inibibirten weicheren intersegmentalen Chitindecken verbun- 
den, welche jene Segmente unter einander verbinden. Hieraus ergiebt sich 
also das wichtige Gesetz, dass der festflüssige Aggregatzustand or- 
ganischer Körpertheile ganz untrennbar in den festen über- 
geht. 

Wie nun auf der einen Seite organische Körpertheile mit dem gering- 
sten Grade der Quelluugsfähigkeit nicht von den vollkommen durchfeuch- 
teten festen Anorganen zu trennen sind, so finden wir es auf der anderen 
Seite nicht möglich, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen den flüssigen 
Lösungen der festen Anorgane und den organischen Körpertheilen mit dem 
höchsten Grade der Imbibitionsfähigkeit. Bei der Lösung oder Solution der 
festen Anorgane sehen wir, wie bei der Humidation, Flüssigkeit in die Poren 
des festen Körpers eindringen; nur ist die relative Quantität der Flüssig- 
keit eine sehr viel grössere und sogar eine unbegrenzte. Es wird nämlich 
bei der Solution so viel Fluidum in die Poren aufgenommen, und es werden 
dadurch die Moleküle soweit von einander entfernt, dass das Uebergewicht 
der Cohäsion über die Expansion überwunden wird, und dass der feste 
Aggregatzustand vernichtet und in den flüssigen selbst übergeführt wird. 
Der wesentliche Unterschied zwischen der Lösung und den höchsten Graden 
der Imbibition lässt sich dahin bestimmen, dass jeder quellungsfähige Kör- 
per ein Quellungsmaximum hat, eine Grenze, über welche hinaus kein Wasser 
mehr in die Poren aufgenommen wird. Die Verdümiungsfähigkeit der 
Lösungen dagegen ist unbegrenzt. Da nun die festen und löslichen An- 
organe kein Imbibitions- Maximum besitzen, so nehmen sie immer so lange 
Wasser auf, bis sie in den flüssigen Zustand übergegangen sind. Anderer- 
seits aber ist hervorzuheben, dass bei den organischen Körpertheilen 
wiederum ein ganz allmähliger und unmerklicher Uebergang sich findet 
zwischen den höchsten Graden der Quellung und den niedersten Graden 
der Tropfbarkeit einer concentrirten und zähflüssigen Solution. Schon die 
äusserst verschiedeneu Consistenz- Grade des eiweissartigen Plasma in den 
verschiedenen Zellen liefern hierfür den Beweis. In grossem Maassstabe 
ist dasselbe am auffallendsten zu beobachten an dem sogenannten „Gallert- 
Gewebe" der Coelenteraten, sowohl bei vielen Hydromedusen, als insbeson- 
dere bei den Ctenophoren. Bei einigen der letzteren geht die Imbibitions- 
fähigkeit des äusserst weichen und wasserreichen Gewebes (und zwar spe- 
ciell der Zwischensubstanz des gallertigen Bindegewebes) so weit, dass 
dasselbe in der That tropfbar flüssig wird, während dasselbe Gallertgewebe 
andererseits durch zahlreiche Zwischenstufen mit der viel weniger stark 
imbibirten Zwischensubstanz des festeren (oft knorpelharten) Bindegewebes 
continuirlich zusammenhängt. Sehr instruetiv sind für diese Vergleichung 
ferner die eigenthümlichen, pathologisch beim Menschen (z. B. bei Cysten- 
bildung im Eierstock) so oft vorkommenden Colloidsubstanzen oder Gallert- 
massen, deren albuminöse Substanz die verschiedensten Grade der Flüssig- 
keitsaufnahme zeigt. Während im einen Falle die Colloidsubstanz dieser 
pathologischen Producte eine ziemlich consistente Gallertmasse darstellt, 
welche auch isolirt ihre selbstständige Form behält und unzweifelhaft als 



128 Organismen und Anorgane. 

ein mehr oder minder stark gequollener fester Körper angesehen werden 
muss, stellt dieselbe im anderen Falle eine vollkommen dünne tropfbare 
Flüssigkeit dar, welche alle Charactere einer vollständigen Lösung trägt. 
Zwischen diesen beiden Extremen finden sich alle möglichen, fein abgestuften 
Uebergänge, und bisweilen findet man in den zahlreichen Fächern einer 
solchen vielfächerigen Gallertgeschwulst alle diese verschiedenen Consistenz- 
grade des festflüssigen Körpers neben einander vor. Es ist hier ganz 
unmöglich, bei den consistenten, zähen, fadenzieheuden Flüssigkeiten zu 
sagen, wo der eigentliche Imbibitionszustand der festen organischen Materie 
aufhört und wo die eigentliche Lösung derselben beginnt. Aehnlich ver- 
halten sich auch viele andere organische Substanzen, insbesondere der 
Traganth, viele Schleim-Formen, Gummi etc., die sich nicht unmittelbar iu der 
Flüssigkeit auflösen, sondern langsam und allmählig eine unbestimmte 
Quantität derselben imbibiren, dann aber in der Quellung keine Grenze zu 
finden scheinen und unendlich verdünnt werden können. Auch hier ist es 
gauz unmöglich, schliesslich zu unterscheiden, ob nur ein sehr hoher Grad 
von Quellung oder ob eine wirkliche Lösung der organischen Materie statt- 
gefunden hat. Diese Erscheinungen zeigen deutlich, dass auch zwischen 
Lösung und Imbibition keine bestimmte Grenze existirt, und dass der 
festflüssige Aggregatzustand organischer Körpertheile ganz 
untrennbar iu den flüssigen übergeht. 

Zusammengehalten mit den vorhergehenden Resultaten erhalten wir 
also das Gesetz, dass der festflüssige oder gequollene Aggregatzustand, in 
welchen viele organische Körpertheile eintreten können, und welcher für 
das Zustandekommen der Lebenserscheinungen aller Organismen unent- 
behrlich ist, keineswegs absolut vom festen und vom flüssigen Aggregat- 
zustande verschieden ist, sondern vielmehr durch eine continuirliche Reihe 
der feinsten Uebergangszustände mit Beiden unmittelbar verbunden ist. 

So äusserst wichtig also auch dieser Imbibitionszustand für die Orga- 
nismen ist, so werden wir doch in ihm keine Function derselben zu sehen 
haben, die ganz ausserhalb der Reihe der anorganischen Functionen liegt. 
Vielmehr stimmt er sowohl mit dem festen, aber durchfeuchteten, als mit 
dem flüssigen Aggregatzustand der Anorgane darin überein, dass Flüssigkeit 
zwischen die Moleküle der Materie eindringt und die Intermolekülarräume 
erfüllt. Bei der Imbibition eines organischen Körpers ist das Maass dieser 
eindringenden Flüssigkeit für jede Materie bestimmt, wie bei der Humi- 
dation, während bei der Solution dieses Maass unbeschränkt ist. Anderer- 
seits wird durch die Imbibition Volum und Form des Flüssigkeit aufnehmen- 
den festen Körpers verändert, wie bei der Solution, während dieselben von 
der Humidation nicht verändert werden. Bei der Quellung werden die In- 
termolecular- Räume des festen Körpers uur bis zu einer gewissen, durch 
die Cohäsion der Moleküle bestimmten Grenze erweitert, während bei der 
Lösung diese Erweiterung in das Unbegrenzte fortgehen kann; bei der 
Durchfeuchtung dagegen findet gar keine solche Erweiterung der feinen 
Intermolecular- Räume statt; die Flüssigkeit dringt hierbei wahrscheinlich 
gar nicht in diese, sondern in gröbere Substanzlückeu (Poren) zwischen 
grösseren Gruppen von Molekülen ein und tritt hier au die Stelle der darin 



I. Organische und anorganische Stoffe. 129 

vertheilten Luft. Indem wir so die Quellung als eine physikalische Lei- 
stung der organischen Materie uachweisen, welche zwischen der Durch- 
feuchtung und der Lösung in der Mitte steht, entkleiden wir dieselbe des 
specifischeu, vitalistischen Characters, welchen ihr viele Biologen beigelegt 
haben und constatiren, dass diese, für die Lebensbewegungen äusserst wich- 
tige Function der organischen Materie nur relativ, nicht absolut von den 
verwandten Leistungen der anorganischen Materie (Lösung und Durch- 
feuchtung) verschieden ist. 

Während wir nun einerseits den festflüssigen Aggregatzustand der 
Kohlenstoff-Verbindungen als eine der wichtigsten Grundursachen der 
Lebenserscheinungen betrachten, ist es doch andererseits von grosser 
Wichtigkeit darauf hinzuweisen, dass die Quellungsfähigkeit, welche 
allen Anorganen abgeht, ebenso auch nur einer beschränkten Anzahl 
von organischen Verbindungen zukommt, anderen dagegen gänzlich 
fehlt. So kommen viele Fette, organische Säuren, Alkaloide, Zucker etc. 
entweder nur in festem (krystallinischen) oder in flüssigem (geschmolze- 
nen oder gelösten) Zustande im Körper der Organismen vor und sind 
durchaus keiner Imbibition fähig. 

Endlich ist im Anschluss hieran das wichtige exclusive Verhält- 
niss hervorzuheben, welches zwischen der Imbibitionsfähigkeit und der 
Krystallisationsfähigkeit existirt und welches schon von Schwann 
in seiner grossen Bedeutung für die organische Morphologie gewürdigt 
worden ist. Diese beiden Functionen der Materie schliessen sich ge- 
genseitig aus. ') Krystallisirbare Materien können nicht auf- 
quellen und quellungsfähige Stoffe können nicht krystalli- 
siren, so lange ihre Molekularstructur sich nicht ändert. 
Dieses Gesetz ist äusserst wichtig für die allgemeine Verschiedenheit 



l ) Eine Ausnahme von diesem Gesetze glaubte Reichert (Müllers Archiv, 
1849, p. 197) in Eiweisskrystallen gefunden zu haben, welche sich in dem Uterus 
eines trächtigen Meerschweinchens vorfanden, und welche mit der Krystallsub- 
stanz des Blutes identisch sind, jeuer in den rothen Blutkörperchen der Wirbel- 
thiere vorkommenden krystallisirbaren Eiweiss - Verbindung. Die Quellungs- 
phänomene, welche Reichert von jenen Eiweisskrystallen schildert, zeigen sich 
nur an solchen Krystallen, welche durch die Einwirkung von Alkohol oder an- 
deren Reagentien geronnen und in den unlöslichen, imbibitionsfähigen Zustand 
übergeführt sind. Sie behalten dann als Afterkrystalle die frühere Krystallform 
bei. So lange diese Eiweiss-Modificatiou löslich und krystallisirbar ist, kann sie 
keine Flüssigkeit durch. Imbibition aufnehmen. Eine audere Ausnahme scheinen 
die besonders von Nägeli untersuchten „Krystalloide" zu bilden, welche in 
den Reservestoffbehältern (Samen etc.) vieler Pflanzen vorkommen. Diese kry- 
stalliilmlichen Gebilde, welche constant Eiweissverbindungen nebst verschiedenen 
Beimengungen enthalten, können durch Einwirkung von Essigsäure, Ammoniak 
u. s. w. bis um das Doppelte aufquellen. Indess ist es wohl auch hier wahr- 
scheinlich, dass durch die Einwirkung dieser Reagentien zugleich die krystalliuische 
Molekularstructur vernichtet wird. 

llaeckel, Generelle Morphologie. 9 



130 Organismen und Auorgane. 

der inneren und äusseren Formenverhältnisse, welche zwischen den 
Organismen und Anorganen existirt. Da nun gerade die imbibitions- 
fähigen, nicht krystallisirbaren organischen Materien beim Zustande- 
kommen der Lebensbewegungen die grösste Rolle spielen, so erklärt 
sich hieraus, warum krystallinische Formen, die in der anorganischen 
Natur als die höchst entwickelten Formzustände der Materie auftreten, 
in den Organismen nur eine verhältnissmässig geringe Bedeutung be- 
sitzen. Zwar kommen Krystalle in zahlreichen Organismen vor, 
meist aber nur als Ablagerungen nicht mehr gebrauchter Substanz, 
seltener als functionirende Bestandtheile von Organismen, wie z. B. die 
krystalliniscken Otolitheu vieler Thiere, die Krystalle in der silber- 
glänzenden Haut vieler Fische etc. Krystallisirbare Materien in Lö- 
sung dagegen sind in den Organismen sehr weit und allgemein ver- 
breitet. 

Nachdem wir nun gezeigt haben, dass in allen elementaren Leistungen, 
in allen fundamentalen Functionen, in allen Gfrundkräffcen der Materie 
zwischen Organismen und Anorganeu keine absoluten, sondern nur relative 
Unterschiede sich vorfinden, dass nur die complicirtere Verbindungsweise 
der Atome zu verwickelter zusammengesetzten Molekülen, und die daraus 
resultirenden höheren, mehr difl'erenzirten Molekularfunctionen, und ins- 
besondere die wahrscheinlich damit zusammenhängende Imbibitionsfähigkeit, 
der festflüssige Aggregatzustand, die Organismen vor den Anorganen aus- 
zeichnet, hätten wir die Frage zu beantworten, ob denn auch diejenigen 
Bewegungen der Materie, welche man als Lebenserscheinungen der Orga- 
nismen im engeren Sinne bezeichnet, Empfindung und Willensbewegung, 
Ernährung und Stoffwechsel, Wachsthum und Fortpflanzung, lediglich als 
die nothwendigen Wirkungen jener complicirteren Ursachen aufgefasst wer- 
den können, und ob dieselben der complicirter gebauten und zusammen- 
gesetzten organischen Materie ebenso mit Notwendigkeit inhäriren, wie 
die einfacheren physikalischen „Kräfte" den Anorganen. Bevor wir diese 
Frage beantworten, müssen wir die Form der Organismen und Anorgane 
kurz einer vergleichenden Betrachtung unterziehen, da dieselbe für das Zu- 
standekommen jener complicirteren Bewegungserscheinungen nicht weniger 
wesentlich und nothwendig ist, als die verwickeitere Zusammensetzungsweise 
der organischen Materie selbst. 

II. Organische und anorganische Formen. 

II) 1. Individualität der organischen und anorganischen Gestalten. 

So wenig zwischen den Organismen und Anorganen ein absoluter, 
allgemein durchgreifender Unterschied in der fundamentalen atomisti- 
schen Zusammensetzung der Materie, sowie in den fundamentalen 
Kräften, welche derselben inhäriren, zu finden ist, so wenig existirt 
ein solcher absoluter Unterschied zwischen beiden Gruppen von Na- 
turkörperu auch in der Form, in der inneren Zusammensetzung und 



IL Organische und anorganische Formen. 131 

in der äusseren Gestalt. Die sehr auffallenden Differenzen, welche in 
allen diesen Beziehungen zwischen leblosen und belebten Körpern 
existiren, sind immer nur relativer Natur, indem sie sieh allmählig ab- 
stufen, und indem die complicirtere Zusammensetzungsweise und die Im- 
bibitionsfähigkeit der organischen Kohlenstoffverbindungen nothwendig 
eine complicirtere Function und eine complicirtere Form mit sich bringt. 
Allein auf der untersten Stufe der so reich differenzirten Organismen- 
Welt finden wir einfachste Formen, welche in Bezug auf Einfachheit 
der Zusammensetzung und Form nicht hinter den Auorganen zurück- 
bleiben. 

Wir haben bereits oben (p. 24 ff.) eine allgemeine Vergleichung 
der Organismen und Anorgane bezüglich der Zusammensetzung und 
Entstehung ihrer Formen angestellt, um die verschiedenen Seiten der 
Formbetrachtung, mit welchen wir uns beschäftigen werden, klar und 
scharf hervortreten zu lassen. Wir haben dort absichtlich, wie be- 
merkt (p. 24), „die wesentlichen Formunterschiede zwischen Organis- 
men und Anorganen so scharf und durchgreifend gegenübergestellt, wie 
dies fast von allen Naturforschern geschieht." Nun haben wir aber 
gerechterweise auch die gewöhnlich ganz vernachlässigte Kehrseite 
jener Betrachtung hervorzuheben, und zu untersuchen, ob die dort 
hervorgehobenen Differenzen wirklich absolut durchgreifende sind. 

Au der Spitze unserer vergleichenden Betrachtung der organi- 
schen und anorganischen Form haben wir oben hervorgehoben ; dass 
beiderlei Formen uns gewöhnlich als bestimmt abgeschlossene räum- 
liche Einheiten, als Individuen entgegentreten. Hier ist nun zu- 
nächst hervorzuheben, dass dies bei den Auorganen keineswegs con- 
stant der Fall ist. Vielmehr tritt uns die leblose Materie sehr häufig 
nicht in individueller Form entgegen. Dies gilt zunächst von allen 
Gasen oder elastischen Flüssigkeiten. Dasselbe könnte ferner auch von 
allen tropfbaren Flüssigkeiten behauptet werden, falls man hier nicht 
die einzelnen Tropfen, welche, innerhalb einer nicht mit ihrem Stoff 
mischbaren Flüssigkeit, vermöge der Cohäsion ihrer Moleküle eine be- 
stimmte Form (in einer Flüssigkeit vom gleichen speeifischen Gewichte 
eine Kugelform) annehmen, als Individuen gelten lassen will. Auch 
die festen Anorgane treten sehr oft in einer nicht individualisirten 
Form auf, als „amorphe" unregelmässige Stücke u. s. w. 

Als eigentliche ausgebildete anorganische Individuen können wir 
nur die Krystalle gelten lassen, welche auch schon von anderen Na- 
turforschern (vorzüglich von Schwann) in dieser Beziehung unter- 
sucht und mit den organischen Individuen verglichen worden sind. 
Doch müssen wir auch hier die Uebergangsbildungen hervorheben, 
welche zwischen vollkommen amorphen und rein kry st all in i sehen 
Körpern vorkommen, und welche man allgemein mit dem Namen der 

9* 



132 Organismen und Anorgane. 

krystalloidiscben Bildungen belegen kann. 1 ) Während bei den 
vollkommen amorphen Anorganen die Atome oder Moleküle einfach 
aggregirt, ohne jedes bestimmte Gesetz an einander gelagert sind, fin- 
den wir bei den Krystalloiden eine bestimmte gesetzmässige Anlage- 
rung und Verbindungsweise der Moleküle (z. B. in einer gewissen 
..strahligen" oder „ blätterigen d inneren Structur) ausgesprochen, ohne 
dass dieselbe aber, wie es bei den echten Krystallen der Fall sein 
muss, zur Bildung einer symmetrischen oder regulären prismoiden 
Form führt, zu einer Form, welche von ebenen Flächen, geraden Linien 
und bestimmten unveränderlichen Winkeln und Ecken begrenzt ist. 

Indem wir nun die Krystalle als die höchst entwickelten anorgani- 
schen Individuen den organischen Individuen oben vergleichend gegen- 
über gestellt haben, bemerkten wir zunächst, dass die ersteren durch 
und durch homogen, in sich gleichartig, aus Molekülen einer und der 
selben Art zusammengesetzt seien, während die letzteren im Inneren 
heterogen, in sich ungleichartig, und aus Molekülen nicht nur, sondern 
auch aus gröberen Theilen von ganz verschiedener Art zusammenge- 
setzt seien. Auf diese Zusammensetzung des Organismus aus differen- 
ten Theilen, aus Organen, oder aus Individuen verschiedener Ordnung 
begründen wir im dritten Buche die Structurlehre oder Tectologie. 

So wesentlich nun dieser Unterschied im Grossen und Ganzen ist, 
so haben wir hier doch zweierlei gegen seine allgemeine Gültigkeit 
einzuwenden. Erstens nämlich sind die Krystalle in ihrem Inneren 
durchaus nicht, wie man oft hervorhebt, vollkommen homogen. Wenn 
auch die chemische Natur ihrer Moleküle, die Zusammensetzung der- 
selben aus Atomen, gleichartig ist, so gilt dies keineswegs von deren 
Lagerung und Verbindungsweise. Diese ist vielmehr, entsprechend 
den verschiedenen Axen des Krystalls, nach verschiedenen Richtungen 
hin verschieden, und gerade diese innere Ungleichartigkeit, die un- 
gleiche Cohäsion der Moleküle in verschiedenen Richtungen, ist für 
die äussere Form des Krystalls sogar bedingend. *) Zugleich bedingt 
dieselbe die blätterige Structur im Innern des Krystalls, seine Zusam- 



') Vergl. Sc liu mache r, die Krystallisation des Eises. Leipzig 1844, 
p. 27. ff. Vielleicht sind diesen anorganischen Krystalloideu auch die oben er- 
wähnten Krystalloide von pflanzlichen Eiweiss-Yerbiudungen anzuschliessen. 

2 ) Die teleologische oder dualistische Auffassung der Organismen, welche 
die Complication der organischen Form nicht aus der nothwendigen Wechsel- 
wirkung ihrer constituirenden Theile, sondern aus einer vorbedachten zweckmäs- 
sigen „inneren Idee," einem „Bauplan" ableitet, müsste consequenter Weise ganz 
ebenso auch für jede einzelne Krystalfform eine solche „innere Idee" postuliren, 
und in. der gesetzmässigen inneren und äusseren Gestaltung des Krystalls eine 
,, zweckmässige Einrichtung" für sein Bestehen, sowie für das Zustandekommen 
seiner physikalischen Eigenschaften erblicken. 



II. Organische und anorganische Formen. 133 

mensetzung aus über einander liegenden Schichten von verschiedenen 
Cohäsions-Graden, die Blätterdurchgänge, welche nach verschiedenen 
Richtungen hin sich kreuzen und durchschneiden. Hierdurch ist dann 
wieder der verschiedene Widerstand bedingt, den der Krystall nach 
verschiedenen Richtungen hin dem Durchgänge des Lichts, der Wärme, 
der Electricität etc. entgegensetzt. Kurz, wir sehen, dass der Kry- 
stall durchaus kein homogener, in sich gleichartiger Körper ist, wie ein 
amorphes Anorgan, sondern vielmehr eine innere Structur besitzt, 
wie der Organismus; und den Theil der Krystallographie, welcher von 
dieser inneren Structur handelt, könnte man die Anatomie der Kry- 
stalle, oder besser noch die Tectologie der Kry stalle nennen. 

Wie wir nun so einerseits sehen, dass die „innere Structur', die 
Zusammensetzung aus bestimmt angeordneten Theilen, durchaus keine 
ausschliessliche Eigenschaft des Organismus ist, so müssen wir zwei- 
tens andererseits hervorheben, dass es auch vollkommen homogene 
Organismen giebt, solche nämlich, welche, für unsere Hilfsmittel 
wenigstens, als durchaus homogene und strukturlose Körper erschei- 
nen. Dahin gehören mehrere, schon seit längerer Zeit bekannte, so- 
genannte „Amoeben", nämlich diejenigen einfachsten Amoeben-Formen, 
welche, ohne Kern und ohne contractile Blase, bloss einen structur- 
losen contractilen Eiweissklunipen darstellen. Insofern diese durchaus 
homogenen Amoeben, die sich durch Diosmose ernähren und durch 
Theilung fortpflanzen, selbstständige „Species" darstellen, wollen wir 
dieselben als ,, Protamoeba ", von den eigentlichen, mit Kern und 
contractiler Blase versehenen Amoeben unterscheiden. ') Ferner ge- 



') Nachdem ich bei dem Proto genes pritnordialis, einem vollkommen 
homogenen Plasmaklumpen, den ich im Frühjahr 1864 im Mittelmeere bei Villa- 
franca unweit Nizza beobachtet, die einfache Fortpflanzung durch Theilung nach- 
gewiesen hatte, gelang es mir auch bei einem kleinen amoebenförmigen Wesen 
ohne Kern und ohne contractile Blase, welches ich schon früher in einem kleinen 
Tümpel bei Jena beobachtet hatte, denselben Vorgang festzustellen. Dieser 
lebende, vollkommen structurlose Plasmaklumpen, welcher Prot amoe bn priwi- 
l i v a heissen mag, von ungefähr 0,03 — 0,05 Mm. Durchmesser, gleicht im Habitus 
und äusserer Form ziemlich der vou Auerbach (Zeitschr. für wissensch. Zool. 
1856. Vol. VII. Tab. XXII., Fig. 11—16) beschriebenen und abgebildeten 
Amoe ha limuoc. Kern und contractile Blase, welche letztere besitzt, fehlen 
aber vollständig. Auch bei der stärksten Vergrösserung war ich bei allen be- 
obachteten Individuen nicht im Stande , in dem vollkommen homogenen Flasma 
etwas Anderes zu entdecken als bei vielen Individuen (aber nicht bei allen !) eine 
grössere oder kleinere Anzahl fettglänzender, in Essigsäure nicht löslicher 
Körnchen , welche entweder zufällig oder als Nahrung aus dem umgebenden fei- 
nen Schlamme, der viele zersetzte organische Stoffe enthielt, aufgenommen 
waren. Die structurlose Substanz der contractilen formlosen Körpej?€fieir ' was 
sehr blas3, zart contourirt, schwach lichtbrechend. Die Bewegungen v&a^n sen? / 

,&± *** *\<& 



134 Organismen und Anorgane. 

hören dahin die merkwürdigen ..Pr otogen es ', welche ebenfalls voll- 
kommen homogene lebende Eiweissklumpen (Cytoden) darstellen, sieh 
aber durch sehr bedeutende Grösse auszeichnen und durch Anastomose 
der dünnflüssigeren (weicheren, weniger consistenteu* formwechselnden 
Körperfortsätze von den dickliüssigeren (festerem Protamoeben (ohne 
Anastomose der Pseudopodien) unterscheiden. 1 ) In allen diesen äusserst 
merkwürdigen und wichtigen Organismen der niedrigsten Stufe, welche 
sich übrigens unmittelbar einerseits an die mit einer Schale versehenen 
Khizopodeu, andererseits an die Jugendzustände der Myxomyceten an- 
schliessen, besteht der gesammte Organismus aus einem vollkommen 
homogenen lebenden Eiweissklumpen (Plasmaklumpen, Cytoden) wel- 
cher, offenbar lediglich vermöge seiner atomistischen Constitution als 
ein leicht zersetzbarer und imbibitionsfähiger Eiweissstoff, sämmtliche 
„Lebens "-Functionen zu vollziehen im Stande ist. Die Bewegung 
äussern diese primitiven Urwesen mittelst der formlosen und beständig- 
wechselnden Fortsätze, welche sie von der Oberfläche ausstrecken und 
welche das Resultat der gegenseitigen Lageveränderung der Moleküle 
in der festflüssigen Eiweisssubstanz sind. Die Reizbarkeit oder Erreg- 
barkeit äussern sie als Reflexbewegung durch bestimmte Reactionen, 
durch Modifikation der Bewegungen, z. B. Zurückziehen der Pseudo- 
podien, bei Berührung mit einem reizausübenden fremden Körper, 
einer in Essigsäure getauchten Nadel etc. Die Ernährung voll- 
ziehen sie entweder dadurch, dass sie die in dem umgebenden Was- 
ser gelösten einfacheren Verbindungen: Kohlensäure, Ammoniak etc. 



schwach und langsam. Die rundlichen Protamoeben dehnten sich zu eiförmigen 
oder länglich runden Platten aus, welche bald nur einen, bald 3 — 4 kurze, stumpf 
abgerundete Fortsätze ausschickten, die allmählig wieder zurückgezogen wurden. 
Unmittelbar die Nahrungsaufnahme durch ,diese Pseudopodien zu beobachten ge- 
lang nicht. Dagegen hatten viele der kleinen Körperchen, einige Stunden nach- 
dem ich ein wenig sehr fein zertheilten Indigo der umgebenden Flüssigkeit zu- 
gesetzt, einzelne Körnchen davon in ihr Inneres aufgenommen. Mehrere Prota- 
moeben zeigten in der Mitte eine flachere oder tiefere Einschnürung, wie in 
Selbsttheilung begriffen, und bei zwei von diesen gelang es mir, durch lange an- 
haltende Beobachtung, die völlige Trennung der beiden Hälften wirklich zu con- 
statiren. Jede Hälfte rundete sich alsbald zu einem Kügelchen ab, welches die 
langsamen Formverändeiungen des elterlichen Individuums bald wieder fortsetzte, 
Der gesammte Körper dieser einfachsten aller Organismen, welcher die gewöhn- 
lichen Eiweiss-Reactionen des Protoplasma zeigte, Hess bei keiner mikrochemi- 
schen Behandlung eine Zusammensetzung aus heterogenen Theilen erkennen. 

') Ueber Protoyenes primordial is vergl. Zeitschr. für wissenschaftl. 
Zool. XV, 1865, p. 342, 360, Taf. XXVI, Fig. 1, 2. Im ruhigen Zustande bildet 
dieses grosse Moner (welches sich von Max Schultz es Amoeba porreetn 
wesentlich nur durch viel bedeutendere Körpergrösse und Zahl der Pseudopodien 
unterscheidet, eine vollkommen kugelige homogene Eiweissmasse, von welcher 
nach allen Seiten sehr zahlreiche und feine Fäden ausstrahlen. 



IL Organische und anorganische Formen. 135 

unmittelbar zu verwickelten Kohlenstoff- Verbindungen, zur Eiweiss- 
substanz des Protoplasma, combinireu; oder sie ernähren sich durch 
mechanische Aufnahme fester Stoffe mittelst der Pseudopodien, aus 
denen sie dann die brauchbaren Substanzen durch Zersetzung aus- 
ziehen und assimiliren. Die Fortpflanzung endlich geschieht durch 
einfache Selbsttheilung. Und doch haben diese Organismen keine 
„Organe"! Sie sind so vollkommen homogen als die Krystalle, mor- 
phologisch aber insofern noch unvollkommener, als ihre constituirenden 
Moleküle nach allen Richtungen frei verschiebbar sind, und das ganze 
Individuum keine feste bleibende Form besitzt. 

Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen, 
bei denen wir weder mit dem Mikroskop noch mit den chemischen 
Reagentien irgend eine Differenzirung des homogenen Plasmakörpers 
nachzuweisen vermögen, von allen übrigen, aus ungleichartigen Theilen 
zusammengesetzten Organismen bestimmt zu unterscheiden, wollen wir 
sie ein für allemal mit dem Namen der Einfachen oder Moneren 1 ) 
belegen. Gewiss dürfen wir auf diese höchst interessanten, bisher aber 
fast ganz vernachlässigten Organismen besonders die Aufmerksamkeit 
hinlenken, und auf ihre äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völli- 
ger Ausübung aller wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht 
legen, wenn es gilt, das Leben zu erklären, es aus der fälschlich 
sogenannten „todten" Materie abzuleiten, und die übertriebene Kluft 
zwischen Organismen und Anorganen auszugleichen. Indem bei die- 
sen homogenen belebten Naturkörpern von differenten Formbestand- 
theilen, von „Organen" noch keine Spur zu entdecken ist, vielmehr 
alle Moleküle der strukturlosen KohlenstoffVerbindung , des lebendigen 
Eiweisses, in gleichem Maasse fähig erscheinen, sänimtliche Lebens- 
functionen zu vollziehen, liefern sie klar den Beweis, dass der Begriff 
des Organismus nur dynamisch oder physiologisch aus den Lebens- 
bewegungen, nicht aber statisch oder morphologisch aus der Zusam- 
mensetzung des Körpers aus „Organen" abgeleitet werden kann. 

So paradox und wunderbar übrigens auch zuerst die Ausübung 
der verschiedensten Lebensfunctionen durch diese Moneren, durch voll- 
kommen organlose und formlose, in sich ganz gleichartige Eiweiss- 
klumpen erscheinen mag, so verliert doch diese Thatsache alles 
Wunderbare (d. h. Seltene und Ausserordentliche), wenn wir daran 
denken, dass gleiche individualisirte homogene Plasmaklumpen als 
Cj'toden, und andere, nur durch einen differenten Kern ausgezeich- 
nete Plasmaklumpen als Zellen in allen übrigen Organismen eben- 
falls als mehr oder minder selbstständige Lebenseinheiten auftreten. 
Die Moneren sind, von diesem Standpunkte aus betrachtet, nichts als 



') f^ovrj(irjg, einfach. 



136 Organismen und Anorgane. 

einzelne, isolirt lebende Cytoden. Die Moneren behalten diesen Charakter 
zeitlebens, während derselbe in den Jugendzuständen der Myxomyceten, 
Rhizopoden und anderer Protisten nur vorübergehend auftritt. Wenn 
wir die Zusammensetzung des Körpers aus verschiedenartigen Theilen 
als Haupt-Character der Organismen hervorheben wollten, so würde 
die Kluft zwischen jenen einfachen, lebenden Plasmaklumpen und deu 
höheren, aus Individuen verschiedener Ordnung zusammengesetzten Or- 
ganismen, viel grösser erscheinen, als die Kluft zwischen den erstereu 
einerseits und den Krystallen andererseits. Die Moneren stehen in 
dieser Beziehung wirklich auf der Grenze zwischen leblosen und leben- 
den Naturkörpern. Sie leben, aber ohne Organe des Lebens; alle 
Lebenserscheinungen, Ernährung und Fortpflanzung, Bewegung und 
Reizbarkeit, erscheinen hier lediglich als unmittelbare Ausflüsse der 
formlosen organischen Materie, einer Eiweiss- Verbindung. 

Wir können demnach weder die Zusammensetzung des Körpers 
aus ungleichartigen Theilen (Organen etc.), noch auch nur die Zu- 
sammensetzung des Individuums aus mehreren gleichartigen Individuen 
niederer Ordnung, wie bisher geschehen, als allgemeinen Character 
der Organismen festhalten. Wir werden dies in Zukunft um so weni- 
ger können, als höchst wahrscheinlich eine vielseitigere Untersuchung 
der Anorgane nachweisen wird, dass auch hier bisweilen eine Zusam- 
mensetzung des Individuums aus mehreren Individuen niederer Ordnung 
vorkommt. Wir meinen hier die zusammengesetzten, theils rein kri- 
stallinischen, theils krystalloiden Bildungen, welche insbesondere das 
krystallisirende Wasser so leicht hervorbringt. Offenbar sind diese 
sehr mannichfaltigen , und oft äusserst zusammengesetzten Gestalten, 
welche wir als Eisblumen, Eisbäume etc. im Winter an unseren Fen- 
sterscheiben bewundern, und durch deren Namen schon das Volk 
gleichsam instinctiv ihre morphologische Aelmlichkeit mit Organismen 
andeutet, derartige „höhere, vollkommenere" Anorgane, bei welchen 
die complicirte Gestalt des Ganzen aus einer gesetzmässigen Ver- 
einigung untergeordneter Theile resultirt, Offenbar sind diese Eis- 
blumen, Eisblätter etc. nach bestimmten Gesetzen gebildet; es sind 
Aggregate von zahlreichen einzelnen Krystallen, von vielen Individuen 
niederer Ordnung, welche zur Bildung des höheren Ganzen sich ver- 
einigt haben. Eine bestimmte Summe von centralen Krystall-Indivi- 
duen bildet die Axe, um welche sich die peripherischen Individuen, 
bestimmten Anziehungs- und Abstossungs- Verhältnissen jener Axe ge- 
horchend, ansetzen. Bei den complicirteren Eisbäumen, welche den 
zusammengesetzteren Fiederblättern z. B. von Farmen gleichen, scheint 
jede Fieder, jeder Seitenzweig der Hauptaxe selbst wieder die An- 
satzlinie für eine neue Reihe noch mehr untergeordneter Individuen 
werden zu können eto. Auch vielfach sonst linden wir solche ein- 



II. Organische und anorganische Formen. 137 

fächere und zusammengesetztere Krystall- Aggregate (z. B. in vielen 
sogenannten Krystalldrusen) vor, welche ganz offenbar nicht gesetzlos 
zusammengeworfene Krystall- Haufen sind, sondern durch bestimmte 
Anziehungs- und Abstossungs-Verhältuisse geregelte, gesetzmässige Bil- 
dungen, in denen nothwendig die complicirte Form des Ganzen aus 
der complicirten Zusammenordnung der einzelnen Theile resultirt. 
Wenn diese merkwürdigen Bildungen erst näher untersucht sein wer- 
den, ist zu hoffen, dass auch bei diesen ,, Krystall-Stöcken " , wie man 
sie nennen könnte, bestimmte Gesetze gefunden werden, welche den 
Zusammentritt der Individuen verschiedener Ordnung zum höheren 
Ganzen bestimmen. Die Feststellung dieser Gesetze würde für die 
Anorgane dieselbe Aufgabe sein, wie sie die Tectologie für die Or- 
ganismen verfolgt. 

II) 2. Grundformen der organischen und anorganischen Gestalten. 

Als einen weiteren wesentlichen Unterschied der organischen und 
anorganischen Individuen haben wir oben (p. 2ö ff.) die Verschieden- 
heit der äusseren Gestalt selbst bezeichnet. Bei den ausgebildeten 
anorganischen Individuen, den Krystallen, „ist die Form einer voll- 
kommen exacten mathematischen Betrachtung ohne Weiteres zugänglich, 
und mit der stereometrischen Ausmessung derselben ist die Aufgabe 
ihrer morphologischen Erkenntniss wesentlich gelöst. Die anorganischen 
Individuen sind fast immer von ebenen Flächen, geraden Linien und 
bestimmten messbaren Winkeln begrenzt. Die organischen Individuen 
hingegen, deren Form einer stereometrischen Behandlung zugänglich 
ist, sind seltene Ausnahmen. Fast immer ist ihr Körper von gekrümm- 
ten Flächen, gebogenen Linien und unmessbaren sphärischen Winkeln 
begrenzt." 

Auch dieser Unterschied, den wir absichtlich oben so schroff hin- 
gestellt haben, wie dies gewöhnlich geschieht, ist keineswegs so ab- 
solut und durchgreifend, wie man glaubt. Vielmehr kommen auch in 
dieser Beziehung, wie überall, Zwischenformen und Uebergangs- 
bildungen vor. Zunächst ist hier hervorzuheben, dass auch vollkommen 
reine anorganische Krystalle sich finden, welche nicht, gleich den 
meisten anderen, von ebenen Flächen begrenzt sind, die in gradlinigen 
Kanten zusammenstossen. Am wichtigsten sind in dieser Beziehung 
die von gekrümmten Flächen eingeschlossenen Diamautkrystalle, welche 
um so bemerkenswerther sind, als der Kohlenstoff, der hier in reinster 
Form sphärische Krystallnächen hervorbringt, zugleich dasjenige che- 
mische Element ist, Avelches an der Spitze der Organogene steht, und 
die wichtigste Kolle in der Bildung der organischen Verbindungen 
spielt. Dasselbe gilt auch vom Wasser, welches nicht minder unent- 
behrlich für das Zustandekommen und den Bestand der organischen 



138 Organismen und Anorgane. 

Formen ist. Die unendlich mannichfaltigen Krystallformen des Schnees 
und Eises, und vor Allem die sehr complicirten, eben hervorgehobenen 
,.höheren und vollkommeneren" Krystallformen (Eisblumen, Eis- 
blätter etc.), welche aus Krystall- Individuen niederer Ordnung- sich 
zusammensetzen, zeigen äusserst häufig höchst eomplicirte, einer 
stereometrischen Betrachtung gar nicht mehr zugängliche, gekrümmte 
Linien und Flächen. 

Während so einerseits der Fall nicht selten ist, dass auch reine 
und vollkommen geformte anorganische Individuen, gleich den orga- 
nischen, nur gekrümmte Begrenzungsflächen und krumme Kantenlinien 
zeigen, die in unmessbaren Ecken zusammenstossen, so kommt ande- 
rerseits noch häufiger der Fall vor, dass auch organische Individuen, 
gleich den meisten anorganischen Krystallen, vollkommen ebene Be- 
grenzungsflächen darbieten, welche sich in geraden Linien schneiden 
und in messbaren Raumecken zusammenstossen. Wir meinen hier 
nicht die Krystalle organischer Kohlenstoff- Verbindungen (z. B. Zucker, 
organische Säuren, Fette etc.), da wir diese nicht als wirkliche orga- 
nische, d. h. physiologische Individuen, als Lebenseinheiten, ansehen 
können; wir meinen vielmehr die bisher auffallend vernachlässigten, 
äusserst interessanten Organismen aus dem Rhizopoden-Stainme, welche 
besonders in der Radiolarien-Klasse einen so ausserordentlichen Formen- 
reichthum entwickeln und hier zum Theil vollständig, in ihrer ge- 
satnmten Körperform, und vor Allem in ihrer Skeletbildung, die rein- 
sten und regelnlässigsten Krystallformen (Tetraeder, reguläre Octaeder, 
Quadrat- Octaeder, Rhomben- Octaeder, dreiseitige Prismen etc.) dar- 
stellen. Da wir diese höchst wichtige und bisher fast ganz vernach- 
lässigte Erscheinung im vierten Buche ausführlich zu behandeln haben, 
so wollen wir hier nur darauf hinweisen, dass sämmtliche stereo- 
metrische Formen, welche als Grundformen der verschiedenen 
Krystallsysteme auftreten, auch in Form selbstständiger Organismen 
vorkommen. Die Radiolarien liefern hierfür die zahlreichsten und 
schlagendsten Beispiele. 

Im Ganzen genommen ist freilich die Zahl dieser Organismen in 
Kry stallform gering, und es muss ausdrücklich hinzugefügt werden, 
dass es immer nur ein Theil des Körpers ist (wenn auch oft der 
grösste, und häufig der einzige feste und geformte Theil), wel- 
cher die einfache Krystallform annimmt. Denn zu diesem (meist aus 
Kieselsäure gebildeten) Krystall -Skelet kommt stets noch zum Min- 
desten die amorphe Sarcode, das lebende Protoplasma, hinzu. Diese 
letztere kann allein die Lebensbewegungen vermitteln, denen auch 
jener Skelet-Krystall seine Entstehung verdankt. 

Bei der Mehrzahl der Organismen ist die Krystallform gewöhnlich 
schon deshalb ganz oder grösstenteils ausgeschlossen, weil der ganze 



II. Organische und anorganische Formen. 139 

Körper, oder doch der grösste Tlieil desselben, aus imbibitionsfähiger 
Materie besteht. Kristallisation und Imbibition schliessen sich aber, 
wie oben bemerkt, aus. Wir haben daher gewiss in der für das 
Leben unentbehrlichen Quelllingsfähigkeit der organischen 
Materien die nächste Ursache für die nicht krystallinische 
Form der meisten Organismen zu suchen. 

Nächst der Imbibitionsfäkigkeit, und in der nächsten Beziehung 
und Verbindung mit ihr, ist es dann ferner die unbegrenzte Varia- 
bilität der Organismen, welche, wie oben bemerkt (p. 26), eine 
stereometrische Betrachtung, Ausmessung und Berechnung der meisten 
organischen Formen in gleicher Weise, wie sie die Krystallographie 
für die Anorgane giebt, illusorisch macht. Die Individuen der orga- 
nischen „Arten" (Species) sind nicht, wie die Individuen der anorga- 
nischen Arten, einander ^innerhalb des Species-Begriffes) gleich, oder 
auch nur in allen wesentlichen Stücken ähnlich. Vielmehr haben wir 
die allgemeine Veränderlichkeit und Anpassungsfähigkeit aller Orga- 
nismen als eine äusserst wesentliche Grundeigenschaft derselben zu 
constatiren. Indem alle Individuen unter einander ungleich sind, imd 
daher auch eine gemeinsame stereometrische Grundform nur für eine 
bestimmte Summe von Individuen, welche innerhalb eines beschränkten 
Zeitraums (z. B. einige geologische Perioden hindurch) existiren, auf- 
gestellt werden kann, so würde die genaueste stereometrische Aus- 
messung und Berechnung der Organismen-Formen, ihrer complicirten 
gekrümmten Begrenzungsflächen, Linien etc., auch wenn sie möglich 
wäre, nur ein ganz untergeordnetes Interesse haben. Dagegen ist eine 
allgemeine Betrachtung der stereometrischen Grundformen, welche den 
Organismen -Formen zu Grunde liegen, allerdings möglich, und wie 
das vierte Buch zeigen wird, innerhalb gewisser Schranken ausführbar. 
In gewissem Sinne entspricht diese Promorphologie der Krystallographie, 
ist das Aequivalent einer „ Krystallographie der Organismen", und man 
kann diesen Vergleich noch durch die Erwägung näher begründen, 
dass auch bei den reinen anorganischen Krystallen die vollkommene 
stereometrische Grundform äusserst selten (oder nie) in der Natur 
realisirt vorkommt, und daher stets mehr oder minder eine (durch Er- 
gänzung vieler einzelner verglichener concreter Krystall - Individuen 
erhaltene) ideale Abstraction darstellt. Die Unvollkommenheiten der 
allermeisten realen Krystall-Individuen sind durch Anpassung ihrer 
Form an die Umgebung bestimmt, welche während ihrer Entstehung 
wirksam war. 1 ) In gleicher Weise, nur in viel höherem Grade, wirkt 

') Ganz besonders merkwürdig erscheinen durch die unendliche Mannich- 
faltigkeit der individuellen Formen die complicirten Krystalle des Schnee's, welche 
zugleich desshalb von besonderem Interesse sind, weil hier die Anpassungs-Be- 
dingungen verhältnissmässig einfache sind. 



140 Organismen und Anorgane. 

die Anpassung an die umgebenden Existenz-Bedingungen auf die wer- 
denden Organismen ein, wessbalb liier die individuelle Verschiedenheit 
so sehr viel beträchtlicher ist, und, indem sie viele Generationen hin- 
durch vererbt, und durch Vererbung in Verbindung mit fortdauernder 
Abänderung gehäuft wird, schliesslich zur Entstehung ganz neuer For- 
men führt. 

111. Organische und anorganische Kräfte. 

III) 1. Lebenserscheinungen der Organismen und physikalische 

Kräfte der Anorgane. 

Durch die vorhergehenden Untersuchungen glauben wir gezeigt 
zu haben, dass sowohl in der elementaren Constitution und in der 
chemischen Zusammensetzung der Materie, als auch in der Form, in 
welcher sich dieselbe individualisirt, durchaus keine so wesentlichen 
und absoluten Unterschiede zwischen Organismen und Anorganen 
existiren, wie dies gewöhnlich angenommen wird. Die wirklich vor- 
handenen Unterschiede erklären sich aus der complicirteren Art und 
Weise, in welcher die Atome der Elemente in den organischen Kör- 
pern zu verwickeiteren Atomgruppen (Molekülen) zusammentreten, und 
ganz besonders aus der ausserordentlichen Fähigkeit des Kohlenstoffs, 
mit mehreren verschiedenen Atomarten sich in sehr verwickelter Weise 
zu verbinden. Es ist lediglich diese verwickeitere atomistische Con- 
stitution der Kohlenstoff-Verbindungen und die damit zusammenhängende 
leichte Zersetzbarkeit derselben, die ungewöhnliche Neigung und 
Fähigkeit der Atome, ihre gegenseitige Lagerung und Gruppirung zu 
ändern, welche den organischen Materien zum Theil besondere physi- 
kalische Eigenschaften verleiht. Von diesen ist die wichtigste der 
festtiüssige Aggregatzustand, die Quellungsfähigkeit. Nun entsteht aber 
die Frage, ob denn auch alle die verwickeiteren Bewegungs- Erschei- 
nungen der Materie, welche man unter dem Collectiv-Begriff des 
„Lebens" zusammenfasst, sich lediglich aus dieser complicirteren Con- 
stitution der organischen Materie und der dadurch bedingten imbibi- 
tionsiähigen Form erklären lassen. Wir haben den Beweis zu führen, 
dass dies in der That der Fall ist, und dass sämmtliche Lebens- 
erscheinungen der Organismen ohne Ausnahme ebenso unmittelbare 
und nothwendige Wirkungen der geformten organischen Materie sind, 
als die physikalischen Eigenschaften jedes Krystalles unmittelbare und 
nothwendige Folgen seiner Form und stofflichen Qualität sind. 

Bereits oben (p. 100) ist mit aller Schärte hervorgehoben worden, dass 
wir die teleologische und vitalistische Betrachtungsweise der Organismen 
durchaus verwerfen, und dass wir als die einzig mögliche wissen- 
schaftliche Erkenntnissiaethode derselben die mechanische und 
causale anerkennen müssen. Da wir uns hier im vollsten Einklänge mit 



III. Organische und anorganische Kräfte. 141 

den wesentlichsten Grandanschauungen der gesarnmten neueren Physiologie 
befinden, dürfte es überflüssig erscheinen, hier über diesen ersten und wich- 
tigsten aller biologischen Grundsätze noch ein Wort zu verlieren. Wir 
sind aber zu dieser Erörterung gezwungen durch die allgemeine Verbrei- 
tung der verkehrtesten Vorstellungen, welche in dieser Beziehung noch 
heutzutage sowohl die organische Morphologie, als die speculative Philo- 
sophie zum grössten Theil beherrschen. Selten freilich begegnen wir diesen 
vitalistischen Irrthümern in einem so offenen und auffallenden Gegensatz zu 
der gesarnmten übrigen Naturwissenschaft, wie es in den consequent durch- 
geführten Ansichten von L. Agassi z der Fall ist, welcher sämmtliche 
Lebenserscheimmgen als unmittelbare Gedanken- Ausflüsse des persönlichen 
Schöpfers ansieht, selten setzen sie sich zu jeder vernunftgemässen und 
harmonisch-denkenden Naturbetrachtung in einen so erklärten Widerspruch, 
wie in den gänzlich unklaren und verworrenen Theorieen von Reichert, 
der alle Lebenserscheinungen aus dem „systematischen Grün dchar acter " der 
organischen Schöpfung ableitet. Vielmehr verstecken sich, da die Ausdrücke 
der „Lebenskraft", des Lebensprincips u. s. w. doch allmählig in ziemlich 
allgemeinen Misscredit gekommen sind, die meisten dualistischen Irrthümer 
der jetzigen organischen Morphologie unter unschuldigeren teleologischen 
Ausdrücken, als da sind: Bauplan der Organismen, innere Idee, zweck- 
mässige Organisation, Endzweck der Organismen u. s. w. Alle diese Aus- 
drücke, welche mehr oder minder sich bemühen, den inneren Widerspruch 
der dualistischen Weltansicht unter dem Bilde eines teleologischen Gleich- 
nisses zu verbergen, sind eben so absolut zu verwerfen, als die früher 
herrschenden Vorstellungen, dass jedes organische Individuum zur Erfüllung 
seines individuellen Lebenszweckes vom Schöpfer zweckmässig mit einer 
besonderen „Lebenskraft" ausgerüstet sei. Wir müssen als erste und un- 
umgängliche Vorbedingung einer jeden wissenschaftlichen Erkenntniss der 
belebten Natur den monistischen Fundamentalsatz von dem nothwendigen 
Zusammenhange zwischen Ursache und Wirkung aufstellen, und aus diesem 
Causal- Gesetze wird sich dann für die gegenwärtige Betrachtung das Re- 
sultat ergeben, dass alle Lebenserscheinungen ohne Ausnahme, von den 
einfachsten Ernährungserscheinungen der Amoebe, bis zu den höchst com- 
plicirten psychischen Functionen des Menschen hinauf, eben so unmittelbare 
und nothwendige Folgen der complicirteren Zusammensetzung und Form 
der organischen Materie sind, als die physikalischen Eigenschaften jedes 
Krystalls aus der chemischen Natur seines Stoffes und der davon abhängigen 
prismoiden Form unmittelbar resultiren. In dieser Beziehung ist eine 
allgemeine Vergleichung der sogenannten „Lebenserscheinungen oder vitalen 
Functionen" der Organismen mit den vollkommen gleichwertigen physika- 
lischen und chemischen „Kräften" der Anorgane, und insbesondere der 
höchst individualisirten Anorgane, der Krystalle, besonders lehrreich und 
interessant. 

III) 2. Wachsthum der organischen und anorganischen Individuen. 

Der Ausdruck „Leben" ist, wie bemerkt, nichts Anderes, als eine 

Colleetivbezeicknmig für eine Summe von complicirteren Bewegungs- 



142 Organismen und Anorgane. 

Erscheinungen der Materie, welche nur den Organismen eigen sind, 
und den Anorgahen allgemein fehlen. Es entsteht aber hier zunächst 
die Frage, ob denn wirklich alle sogenannten Lebens-Erscheinungen 
durchaus ohne Aualogon in der leblosen Natur sind. Wenn wir nun 
in dieser Beziehung die molekularen Lebensbewegungen der organischen 
Individuen mit den molekularen Bewegungen, welche wir bei anorga- 
nischen Individuen, insbesondere bei Krystallen, wahrnehmen, ver- 
gleichen, so tritt uns als verwandte Erscheinung zunächst diejenige 
des Wachsthums entgegen. 

Die Erscheinungen des Wachsthums in den anorganischen und 
organischen Individuen sind schon vielfach und mit Recht verglichen 
worden;') und zweifelsohne ist hier der Punkt, von welchem unsere 
Vergleichung am besten ausgehen kann. Bei allen Naturkörpern be- 
steht die Erscheinung des Wachsthums darin, dass die räumliche Aus- 
dehnung und die Masse des Individuums allmählig zunimmt, indem 
dasselbe durch eigene Thätigkeit fremde, ausserhalb befindliche 
Massentheilchen anzieht. Bei den Krystall-Individuen wird so- 
wohl ihr Wachsthum, als auch ihre erste Entstehung allgemein und 
ohne Widerspruch zurückgeführt auf elementare Gesetze der Anziehung 
und Abstossung der Moleküle einer homogenen Materie. Für die 
Wirksamkeit dieser Gesetze ist der flüssige Aggregatzustand (entweder 
als Lösung oder als Schmelzung) unbedingt erforderlich. 

Zunächst ist hier die erste Entstehung des Krystalls aus der Flüssig- 
keit (Mutterlauge) zu verfolgen. Eine bestimmte Verbindung (z. B. Koch- 
salz), oder ein chemisches Element (z. B. Schwefel) befindet sich durch 
Lösung oder durch Schmelzung im flüssigen Aggregatzustande, in welchem 
die Cohäsion der Moleküle der Expansion der intermolekularen Aether- 
Atome das Gleichgewicht hält. Damit derselbe nun in den festen Aggregat- 
zustaud übergehe, oder damit der Körper krystallisire, ist entweder eine 
Uebersättigung der Lösung (Mutterlauge) oder eine Abkühlung der ge- 
schmolzenen Masse erforderlich. Dadurch entstehen einer oder mehrere 
Punkte in der Flüssigkeit, an denen die Cohäsion der benachbarten Mole- 
küle über die Expansion der sie trennenden Aether-Atome das Ueber- 
gewicht gewinnt, und folglich ein fester Körper entsteht. Die Form dieses 
ersten, äusserst kleinen, festen Körpers, der als Krystallkern nun weiter 
auf die umgebende Flüssigkeit wirkt, ist bereits eine gesetzmässig be- 
stimmte, ist bereits die Grundform des Krystallsystems, in welchem die 
betreffende Materie unter den gegebenen Umständen (Temperatur, Elcctri- 
cität etc.) krystallisirt. Es treten also bereits bei der ersten Entstehung 
des Krystalls, im ersten Momente des Festwerdens, die benachbarten Mole- 



') Schon Limit'' stellte die YVaclisIliuins-ErscIieinungen der Organismen und 
Anorgane in Parallele, in der bekannten Diagnose der drei Reiche: Lapides cres- 
eunt, Plantae creseunt et vivunt, Animalia creseunt et vivunt et sentiunt. 



III. Organische uud anors-auische Kräfte. J43 

küle nach einem bestimmten Gesetze zusammen, welches lediglich in den 
einfachen Anziehnngs- und Abstossungs -Verhältnissen der Moleküle dieser 
bestimmten Materie begründet ist. Diese Gesetze sind uns vollkommen eben 
so unbekannt und ihrem innersten Wesen nach eben so räthselhaft, wie die 
Gesetze der ersten Entstehung lebender Materie aus lebloser. 

Die „spontane" Entstehung eines einfachsten Organismus, wie es die 
structurlosen Plasmaklumpen, die Moneren sind, in einer leblosen oder 
anorganischen Flüssigkeit, welche die Elemente seiner Materie gelöst ent- 
hält, ist eine bestimmte Form der Generatio aequivoca, welche wir als 
Autogonie im nächsten Capitel noch besonders betrachten werden. Hier 
wollen wir vorläufig hervorheben, dass dieser Process uns seinem innersten 
Wesen nach in der That nicht minder, aber auch nicht mehr, unerklär- 
lich und räthselhaft ist, als die „spontane" (d. h. scheinbar freiwillige, in der 
That aber nothwendige, gesetzlich bedingte!) Entstehung eines anorga- 
nischen Krystalls in einer anorganischen Flüssigkeit. Wir wissen nicht 
warum dieselbe anorganische Flüssigkeit unter scheinbar gleichen (in 
der That aber stets ungleichen.) Umständen Krystalle liefert, welche an 
Zahl, Grösse, secundärer Form etc. oft sehr bedeutend von einander ab- 
weichen. Aber wir zweifeln niemals, dass es bestimmte ursächliche Ver- 
hältnisse der eigenen und der umgebenden Materie, bestimmte, uns unbe- 
kannte Bedingungen in den Anziehungs- und Abstossungs-Verhältnissen 
dieser Materie sind, welche in jedem Falle die bestimmte individuelle Form 
des entstehenden Krystalles regeln und bedingen. Ganz genau ebenso 
verhält sich in dieser Beziehung die erste Entstehung der einfachsten, 
homogenen Orgatiismen, die Autogonie eines Moneres in einer Flüssigkeit, 
welche die Elemente seiner Materie in anderen Verbindungen, z. B. als 
Kohlensäure und Ammoniak, gelöst enthält, und welche die für die Auto- 
gonie notwendigen Bedingungen bietet. Wir wissen nicht, warum hier eine 
bestimmte Anzahl von Atomen des Kohlenstoffs, des Sauerstoffs, des Was- 
serstoffs und des Stickstoffs in bestimmter Quantität zusammentritt, um eine 
plastische Materie, einen Eiweisskörper zu bilden, dessen Moleküle dann 
unter scheinbar gleichen (in der That aber stets ungleichen) Umständen 
sich zur Bildung von Moneren vereinigen, primitiven homogenen Organismen, 
welche an Entwicklungsfähigkeit so sehr voii einander abweichen, und von 
denen das eine einer pflanzlichen, das andere einer thierischen Entwicke- 
lungsreihe den Ursprung giebt. Aber wir können und dürfen nicht zwei- 
feln, dass es bestimmte ursächliche Verhältnisse der eigenen und der um- 
gebenden Materie sind, bestimmte uns unbekaunte Bedingungen, Modifika- 
tionen in den Anziehungs- und Abstossungs-Verhältnissen dieser Materie, 
welche in jedem Falle die bestimmte (in bestimmter Richtung entwickelungs- 
fähige) Qualität des entstehenden Urorganismus oder Moneres regeln und 
bedingen. 

Offenbar sind es dieselben grossen und einfachen Gesetze der 
Massenanziehung und der chemischen Wahlverwandtschaft, welche die 
Autogonie verschiedener Moneren, d. k. die spontane Entstehung von 
homogenen structurlosen Urorganismen in einer anorganischen Flüssig- 



* ij Organismen und Anorgane. 

keit und welche die gesonderte Entstehung der verschiedenen Krystalle 
in einer gemischten Mutterlauge bedingen. Hier wie dort erfolgt die 
Bildung der festen Körper aus der Flüssigkeit mit Notwendigkeit, 
durch die ureigene Kraft der Materie, ohne Zuthun einer davon ver- 
schiedenen, zweckmässig wirkenden Kraft. Dieselbe fundamentale 
Uebereinstiminung zeigt sich nun auch weiterhin in dem Wachsthum 
der spontan" entstandenen Formen. Das Wachsthum beruht in allen 
Fällen darauf, dass der vorhandene feste Körper als Attractionscentrum, 
als Anziehungsmittelpunkt wirksam ist, und dass die Anziehungskraft, 
welche die in demselben inniger verbundenen, sich näher liegenden 
Moleküle auf ihre Umgebung ausüben, die schwächere Cohäsion der 
in der umgebenden Flüssigkeit gelösten Moleküle überwiegt. Indem 
die letzteren weiter von einander abstehen, sich weniger stark in ihrer 
o-egenseitio-en Lage zu erhalten vermögen, folgen sie der stärkeren 
Anziehung, welche von dem bereits gebildeten festen Körper ausgeht, 
und o-ehen nun ihrerseits ebenfalls in den festen Aggregatzustand 

über. 

Nun ist aber hier sogleich hervorzuheben, dass zwar die Grund- 
erscheinung des Wachsthums bei den Krystallen und den Urorganismen 
dieselbe ist, und dass sowohl hier als dort lediglich die einfachsten 
Attractions -Verhältnisse der materiellen Moleküle es sind, welche dem 
zuerst entstandenen festen Centralkörper immer neue festwerdende 
Materie von aussen, aus der umgebenden Flüssigkeit her zufuhren; 
dass aber andererseits die Verschiedenheit des Aggregatzustandes in 
den anorganischen und den organischen Individuen von vornherein 
Verschiedenheiten in der Wachstlmmsweise bedingt, welche uns voll- 
kommen die weiter auftretenden Differenzen der beiden Fälle erklären. 

Dieser wichtigste Unterschied zwischen den in der Mutterflüssigkeit 
spontan entstehenden Krystallen und Moneren zeigt sich von vornherein 
darin, dass bei der ersten Anlage des Krystalls (des Kernkrystalls) 
die organische Materie sogleich unmittelbar aus dem vollkommen 
flüssigen in den vollkommen festen Aggregatzustand übergeführt wird, 
während bei der ersten Anlage des Moneres die organische Materie 
nicht unmittelbar aus dem vollkommen flüssigen in den vollkommen 
festen, sondern in den festflüssigen Aggregatzustand übergeht. Wenn 
bei der Krystallisation , wie es sehr häufig geschieht, aus der umge- 
benden Mutterlauge Wasser (Krystallwasser) in den entstehenden festen 
Körper mit übergeführt wird, so erscheint dieses an denselben chemisch 
gebunden und thut dem vollkommen festen Aggregatzustand nicht den 
mindesten Eintrag. Wenn dagegen bei der Autogonie ein Moner aus 
der Mutterflüssigkeit entsteht, wobei stets Wasser in den entstehenden 
festflüssigen Körper mit aufgenommen wird, so wird dieses Wasser 
nicht fest, wie es bei dem chemisch gebundenen Krystallwasser ge- 



III. Organische und anorganische Kräfte. J45 

schieht, sondern es bleibt flüssig, und bedingt durch seine eigenthüra- 
liche Verbindung mit der fest gewordenen organischen Materie den 
Imbibitionszustand des structurlosen Urwesens, und dadurch die blei- 
bende Beweglichkeit seiner inneren Bestandteile, welche für alle 
weiteren Entwickelungs-Bewegungen desselben die erste Bedingung ist. 

Sehen wir nun aber von diesen wichtigen Grundunterschieden im 
Aggregatzustande der Organismen und der Anorgaue zunächst ab, so 
linden wir andererseits in dem Wesen der Wachsthums-Bewegungen, 
welche bei der Bildung der Krystalle und der einfachsten organischen 
Individuen, der Moneren, sich zeigen, die wichtigste Uebereinstimmung. 
Besonders ist hier als ein sehr wichtiger allgemeiner Character des 
Wachsthmns hervorzuheben, dass in allen Fällen die Aneignung der 
zum Wachsthum dienenden Stoffe aus der umgebenden Mutterflüssigkeit 
mit einer gewissen Auswahl erfolgt. Sowohl der wachsende Krystall, 
als das wachsende Moner zieht, wie jede andere Cytode und wie 
jede Zelle, aus der umgebenden Ernährungsflüssigkeit nur diejenigen 
Substanzen an, welche es zu seinem individuellen Wachsthum braucht, 
und trifft daher, wenn viele verschiedene ernährende Substanzen unter 
einander in der Flüssigkeit gelöst sind, zwischen diesen eine bestimmte 
Auswahl. Bei der Kristallisation der Anorgane zeigt sich dieses Phä- 
nomen ganz einfach darin, dass, wenn in einer Mutterlauge viele ver- 
schiedene Salzlösungen unter einander gemischt sich befinden, beim 
Abdampfen derselben alle einzelnen Salze gesondert heraus krystalli- 
siren, indem das Gleiche stets das Gleiche anzieht. Beim Wachsthum 
aller Organismen zeigt sich dasselbe Grundgesetz in dem Phänomen 
der Assimilation, indem z. B. in einem Teiche, in welchem viele ein- 
zellige Algen und Protisten unter einander leben, jede nur diejenigen 
bestimmten Salze, diejenigen Quantitäten der organischen Verbindungs- 
Elemente in sich aufnimmt, welche zur Bildung von organischer Sub- 
stanz Ihresgleichen dienen. Offenbar beruht diese wichtige Erscheinung, 
welche die Gleichartigkeit der chemischen Substanz ganz ebenso in 
dem structurlosen Monere, wie in dem Krystalle bedingt, auf denselben 
Gesetzen der molekularen Anziehung und Abstossung. Dieselben Ge- 
setze der chemischen Wahlverwandtschaft und der physikalischen 
Massenanziehung bewirken zusammen in gleicher Weise das Wachs- 
thum der Organismen und der Anorgane. 

Wenn wir uns nun von den structurlosen Moneren zu den höheren 
Organismen wenden, deren Leib aus einem Complex von differenzirten 
Zellen besteht, so finden wir auch hier dieselben einfachen und grossen 
Gesetze wirksam, und nur dadurch häufig sehr versteckt, dass die 
unendlich verwickeitere Zusammensetzung der höheren organischen 
Individuen aus sehr verschiedenartigen Theilen auch immer unendlich 
verwickeitere Bedingung des Wachsthums und der Stoffauswahl setzt. 

Haeckel, Generelle Morphologie. \Q 



146 Organismen und Anorgane. 

So z. B. zieht bei den höheren Thieren aus der gemeinsamen Ernäh- 

rungsflüssigkeit, dem höchst zusammengesetzten Blute, jede einzelne 
Zelle, jedes einzelne Organ, nur diejenigen bestimmten Bestandteile 
an sich, welche seines Gleichen sind, welche es zu seiner individuellen 
Vergrösserung braucht, und verschmäht die übrigen. Aber selbst für 
diesen complicirteren organischen Wachsthumsprocess giebt es Analoga 
in der anorganischen Natur. Dahin gehört das bekannte Experiment, 
welches schon von Reil 175>6 in seiner klassischen Abhandlung ..von 
der Lebenskraft" benutzt wurde, um zu zeigen, dass die „Assimilation", 
die Ernährung und das Wachsthum der Thiere nichts weiter seien, 
als eine „thierische Kristallisation", d. h. „eine Anziehung thierischer 
Materie nach Gesetzen einer chemischen Wahlverwandtschaft". Wenn 
man nämlich in eine Auflösung von Salpeter und Glaubersalz einen 
Salpeterkrystall hineinlegt, so krystallisirt nur der Salpeter heraus und 
das Glaubersalz bleibt gelöst; wenn man dagegen umgekehrt in die- 
selbe gemischte Auflösung einen Glaubersalzkrystall hineinlegt, so 
krystally sirt nur das Glaubersalz heraus, und der Salpeter bleibt gelöst. l ) 
Diese wichtige Erscheinung, welche uns die Gleichheit der ein- 
fachen Grundursachen im Wachsthum der Organismen und Anorgane 
beweist, führt uns unmittelbar zu einem weiteren wichtigen Grundgesetz 
des Wachsthums, das sich ebenfalls auf bestimmte Verhältnisse der 
Massenanziehung gründet. Es folgt nämlich aus jenem instruetiven 
Versuche unmittelbar, dass ein bereits gebildeter fester Körper in seiner 
Mutterlauge (d. h. in einer Flüssigkeit, welche die ihn zusammen- 
setzenden eigenen Stoffe gelöst enthält) eine stärkere Anziehung auf 
die umgebenden in der Flüssigkeit gelösten Moleküle ausübt, als diese 
unter sich auszuüben vermögen. Ist daher einmal in einer solchen 
Bildungsflüssigkeit ein fester Körper vorhanden , so wirkt dieser als 
Anziehungsmittelpunkt, und vermag nun gleichartige Materie, welche 
in der Flüssigkeit gelöst ist, aus dem flüssigen in den festen Aggregat- 
zustand überzuführen, und zwar unter Umständen, unter denen dieser 
Uebergang, das Festwerden, ohne Anwesenheit des festen Körpers nicht 
erfolgt wäre.' 2 ) Auch dieses wichtige Gesetz wird sicher in ganz 

') Die quantitativen Mischlings- Verhältnisse der Lösung, welche zur An- 
stellung dieses Experiments erforderlich sind, rindet man von Reil näher ange- 
geben in seinem Archiv für Physiologie, I. Vol. 1796, p. 77 Anm, 1. 

! ) Gewiss werden wir berechtigt sein, diese allgemeine wichtige Erscheinung 
bei Beurtheilung der ersten Entstehung und des weiteren Waclisthums jedes in- 
dividuellen Naturkörpers zu berücksichtigen, ganz besonderen Werth aber darauf 
zu legen, wenn es sich darum handelt, die Analogie zwischen anorganischer Kry- 
stallisatiou und organischer Autogonie nachzuweisen. [Hierauf hat schon Schwann 
in seinem berühmten Werk aufmerksam gemacht, indem er sagt (p. 252) : „Bei 
Eutwickeluug der plastischen Erscheinungen an den Zellen stellt sich das Ge- 
setz heraus, dass zur ersten Bildung einer Zelle eine concentrirtere Lösung er- 



III. Organische und anorganische Kräfte. 147 

gleicher Weise für die Organismen wie für die Anorgane gelten und 
wird namentlich dann zu berücksichtigen sein, wenn es sich um die 
Autogonie der Moneren handelt, welche offenbar ein der primitiven 
Krystallbildung in der Mutterlauge ganz analoger Process ist. 

Wenn wir nach diesen Ausführungen nochmals die wesentlichen Vor- 
gänge, welche das Wachsthum der Naturkörper bedingen, vergleichend 
überblicken, so gelangen wir zu dem Resultate, dass dieselben überall, in 
der anorganischen wie in der organischen Natur, auf denselben einfachen 
und grossen Gesetzen beruhen, vor Allem auf den Gesetzen der gleichartigen 
Massen-Anziehung und der chemischen Wahlverwandtschaft. Jede Wachs- 
thumserscheinung des lebenden Individuums, wie des leblosen Krystalls 
beruht darauf, dass ein bereits vorhandener fester Körper gleichartige 
Materie anzieht, und sie nöthigt, aus dem flüssigen in den festflüssigen oder 
in den festen Aggregatzustand überzugehen, und dabei zugleich sich mit 
ihm zu verbinden. Die auffallenden Unterschiede, welche sich weiterhin 
im Wachsthum der Oz'ganismen und der Anorgane zeigen, lassen sich alle 
auf die Verschiedenheit des materiellen Substrats reduciren, nämlich auf den 
festflüssigen Aggregatzustand, welcher den Organismen allein eigenthüm- 
lich ist, und welcher seinerseits wieder bedingt ist durch die verwickelten 
Verbindungen, welche der Kohlenstoff, als das vorzugsweise organogene 
Element, mit den verschiedenen anderen Atom- Arten eingehen kann. Wir 
müssen annehmen, dass allein aus diesen wichtigen Differenzen in der 
chemischen Zusammensetzung und dem Aggregatzustande die Hauptver- 
schiedenheiten im Wachsthum der Organismen und Anorgane abzuleiten sind. 
Der feste Aggregatzustand der anorganischen Individuen, und zunächst der 
Krystalle, erlaubt nur ein Wachsthum durch Apposition von aussen, wäh- 
rend der festflüssige Aggregatzustand der organischen Individuen (und zu- 
nächst der einfachsten Urorganismen, der Moneren, weiterhin der Zellen etc.) 
ein inneres Wachsthum durch Intussusception gestattet. Offenbar ist in 
dieser Beziehung die innigere und festere Verbindung der Krystall- Mole- 
küle, gegenüber der mehr lockeren und flüssigen Verbindung der Moneren- 
Moleküle von der grössten Bedeutung. In den Kry stallen liegen die Mole- 
küle der festen Materie und des daran chemisch gebundenen festen Was- 
sers (des Krystallwassers) so nahe bei einander, dass sie nicht ihre gegen- 
seitige Lage und Entfernung verändern können, ohne die Existenz des an- 



forderlich ist, als zum Wachsthum einer schon gebildeten Zelle. Bei der ge- 
wöhnlichen Krystallisation muss die Auflösung m$hr als gesättigt sein, wenn die 
Krystallisation beginnen soll. Ist aber die Krystallisation vor sich gegangen, 
so bleibt eine Mutterlange übrig, die nicht mehr bei dieser Temperatur gesättigt 
ist. Dies ist ganz dasselbe Phaenomen, wie bei den Zellen; es zeigt, dass zum 
Anfang der Krystallisation eine concentrirtere Auflösung erforderlich ist, als zum 
Wachsthum der schon gebildeten Krystalle." Offenbar stehen wir hier vor einem, 
übrigens noch wenig beachteten und nicht gehörig formulirten Grundgesetz der 
Materie, welches bei jeder Formbildung, bei jedem Uebergang flüssiger, form- 
loser Materie in feste oder festflüssige geformte Materie, von der grössten Be- 
deutung ist. 

10* 



148 Organismen'und Anorgane. 

organischen Individuums zu zerstören. Es können daher die neuen, fest 
werdenden Moleküle, welche aus der Mutterlauge von dem Krystall ange- 
zogen und in den festen Zustand übergeführt werden, sich nur aussen auf 
der äusseren Oberfläche des Krystalls ablagern. In den einfachsten Or- 
ganismen dagegen (Moneren und anderen Cytoden) ist der Abstand der Mole- 
küle von einander ein weiterer und sie müssen sogar uothwendig ihre gegen- 
seitige Lage und Entfernung verändern, um die Existenz des organischen 
Individuums zu erhalten. Dies ist aber nur möglich mittelst des festflüssigen 
Aggregat- Zustandes, in welchem die Moleküle der Flüssigkeit mit den 
Molekülen der festen organischen Substanz in der eigentümlichen Weise 
verbunden sind, und in der eigenthümlicheu Art ihre Intermolekularräume 
ausfüllen, welche eben das Wesen der Imbibition ausmacht. Daher wird 
die Anziehungskraft, welche der festflüssige Ur- Organismus auf die um- 
gebende Mutterlauge (Blastema) ausübt, nicht dabei stehen bleiben, die be- 
nachbarten, in der Flüssigkeit gelösten Theile der organischen Substanz 
aus dem flüssigen in den festflüssigen Aggregatzustand überzuführen, und 
sie auf der äusseren Oberfläche (durch Apposition) abzulagern, oder anzu- 
setzen, sondern sie wird, weiter wirkend, dieselben dem Centrum immer 
mehr zu nähern, in das Innere des organischen Individuums hineinzuzieheu 
streben, und indem der festflüssige Zustand desselben jenem starken an- 
ziehenden Einflüsse des Centrums und der entsprechenden Wechselwirkung 
(der Centripetalkraft) der von aussen eindringenden Moleküle keinen hin- 
reichenden Widerstand entgegensetzt, wird der Eintritt der neuen Mole- 
küle in das Innere des Moneres thatsächlich erfolgen, d. h. der Organis- 
mus wächst durch Intussusception. 

Die primitive und die wichtigste Differenz in der spontanen Entstehung 
und im weiteren Wachsthum der Organismen und der Anorgane liegt also 
in der Thatsache, dass die anorganischen Individuen, die Krystalle, ver- 
möge ihres festen Aggregatzustandes, uur durch Apposition von aussen 
entstehen und wachsen können, während die organischen Individuen, ver- 
möge ihres festflüssigen Aggregatzustandes, nur durch Intussusception nach 
innen entstehen und wachsen können und müssen. Wenn wir von dieser 
fundamentalen und äusserst wichtigen Thatsache ausgehen, und wenn wir 
dabei zugleich die notwendigen Wechselbeziehungen ins Auge fassen, in 
denen sich jeder Naturkörper zu sämintlichen ihn unmittelbar umgebenden 
Naturkörpern befindet, so wird sich aus der Differenz, welche diese Wech- 
selbeziehungen bei den festen Krystallen und den festflüssigen Organismen 
zeigen, ohne Weiteres die Aussicht auf eine monistische, rein mechanische Er- 
klärung der sämmtlichen Lebenserscheinuugen eröffnen. Denn aus jener 
fundamentalen Differenz im Aggregatzustande ergiebt sich unmittelbar, dass 
jene molekularen Bewegungen, welche im Inneren des festflüssigen Organis- 
mus stattfinden, und welche das Wesen des „Lebens" ausmachen, im In- 
neren des festen „leblosen" Krystalls nicht stattfinden können. Wenn wir 
die einzelnen Lebenserscheinungeu von diesem Gesichtspunkte aus betrach- 
ten, so werden wir ohne Weiteres einsehen, dass dieselben in dem fest- 
flüssigen Organismus allein möglich sind, nicht aber in dem festen Anorgan. 



III. Organische und anorganische Kräfte. 149 

III) 3. Selbsterhaltung der organischen und anorganischen 

Individuen. 

Gleich der Kraft des Wachsthums ist auch die Kraft der Selbst- 
erhaltung eine allgemeine Function der Naturkörper. Jedes organische 
und jedes anorganische Individuum erhält sich einen beschränkten 
Zeitraum hindurch selbst, so lange nämlich, als es die Wechselwirkung 
seiner eigenen Materie mit derjenigen seiner Umgebung gestattet. 

Die Thätigkeit der Selbsterhaltung ist nun zwar allen Naturkörpern 
gemeinsam, äussert sich aber doch bei den organischen und anorgani- 
schen Individuen in sehr verschiedenen Erscheinungen. Bei den Orga- 
nismen ruft dieselbe die verwickelten Bewegungserscheinungen der 
Ernährung oder des Stoffwechsels hervor. Diese Functionen sind 
für den Bestand des organischen Individuums ebenso wie für seine 
sämmtlichen übrigen Lebenserscheinungen die nothwendige Unterlage. 
Denn alle anderen Functionen, Willensbewegung und Empfindung, 
Sinnesthätigkeit und Fortpflanzung, beruhen auf molekularen Bewegungs- 
Erscheinungen, welche erst durch den Stoffwechsel und die Ernährung 
möglich werden. Alle diese Bewegungen beruhen im Grunde darauf, 
dass durch Bildung chemischer Verbindungen gewisse bewegende 
Kräfte frei werden, welche in den unverbundenen Materien gebunden 
waren, darauf also, dass gebundene oder Spann-Kräfte in leben- 
dige Kräfte übergehen. 1 ) Der Vorrath an Spannkraft, welcher bei 
dem Uebergang in lebendige Kraft verbraucht wurde, muss ersetzt 
werden, wenn das organische Individuum weiter existiren soll, und 
dieser nothwendige Ersatz wird durch die Ernährung geliefert. Die 
Ernährung -beruht nun wieder, wie das Wachsthum der Organismen, 
darauf, dass die neu erworbenen, assimilirten Moleküle in das Innere 
des Körpers hineingeführt werden und hier die Stelle derjenigen Mole- 
küle einnehmen, welche bei der Arbeitsleistung des Organismus ver- 
braucht wurden. Diese Einführung neuer Substanz und ihre Assimi- 
lation, welche das Wesen der Ernährung ausmacht, ist wieder nur 
möglich mittelst des festflüssigen Aggregatzustandes, und es erklärt 
sich hieraus, warum die anorganischen Individuen der Ernährung nicht 
fähig sind. Sie sind ihrer aber auch nicht bedürftig. Sämmtliche be- 
lebte Naturkörper existiren nur, sie können ihre Existenz nur behaupten, 
indem sie sich beständig, wenn auch langsam zersetzen; alle sind sie 
eingeschlossen in ein Medium (Luft, Wasser, Inneres eines anderen Or- 
ganismus), in welchem sie sich nothwendig zersetzen müssen. Denn die 
Bildung der Verbindungen, durch welche die lebendigen Kräfte frei 



l ) Ueber das äusserst wichtige Verhältniss der gebundenen oder potentiellen 
(Öpann-)Kräfte zu den lebendigen oder actuellen (Bewegungs-)Kräften, auf welchem 
der Kraftwechsel in der gesammten Natur beruht, vergl. H. Helmholtz: Ueber 
die Wechselwirkung der Naturkräfte. Königsberg. 1854. 



150 Organismen und Anorgane. 

werden, ist verbunden mit einer Zersetzung- der vorhandenen Materie. 
Die gebundenen Spannkräfte, welche eben bei dieser Zersetzung frei 
und zu lebendigen Kräften werden, veranlassen durch ihre Be- 
wegungen die noth wendigen Lebens -Erscheinungen. Der dabei be- 
ständig wirksamen Gefahr des Unterganges, des Todes, entziehen sich 
die organischen Individuen durch die Ernährung, welche jener Zer- 
setzung entgegenwirkt. Sie müssen daher, um ihre Existenz zu fristen, 
um zu „leben", sich in beständigem Stoffwechsel befinden, sich be- 
ständig zersetzen und ernähren, und dies ist nur mittelst der Imbibition 
möglich. Wenn diese Wechselwirkung zwischen der Zersetzung und 
der Ernährung der festflüssigen Materie aufhört, tritt der Tod eiu. 
Sämmtliche anorganische Individuen dagegen können sich niemals 
zersetzen, ohne dadurch ihre Existenz als solche aufzugeben. Weil 
sie nicht imbibitionsfähig sind, können sie sich nicht ernähren, und 
wenn sie sich zersetzen, so ist dies ihr Tod. So wenig aber die Kry- 
stalle sich zersetzen können, ohne ihre individuelle Form und damit 
ihren individuellen Charakter aufzugeben, so wenig bedürfen sie der 
Zersetzung, um sich zu erhalten. Und hierin liegt gleichfalls ein we- 
sentlicher Unterschied zwischen den organischen und anorganischen 
Individuen, der sich ebenfalls auf ihren verschiedenen Aggregatzustand 
zurückführen lässt. Denn der feste Aggregatzustand der Krystalle, 
welcher die inneren Bewegungs-Erscheinungen ausschliesst, die für das 
Leben des festflüssigen Organismus unentbehrlich sind, verleiht den- 
selben zugleich die Fähigkeit der Selbsterhaltung, ohne dass Stoff- 
wechsel für die Conservation erforderlich ist. 

Gleichwie nun die Ernährung und der Stoffwechsel den Organismen 
vermöge ihres festflüssigen Aggregatzustandes allein eigenthümlich und 
nothwendig sind, und den Anorganen völlig fehlen, so können natürlich 
auch bei den letzteren alle die complicirteren Molekular-Bewegungen der 
organischen Materie nicht zu Stande kommen, welche wir als Empfindung, 
willkührliche Bewegung, als Sinnesthätigkeit, Fortpflanzung u. s. w. bezeich- 
nen. Da dieselben die Ernährung als nothwendige Grundlage voraussetzen, 
so brauchen wir hier den nothwendigen Mangel derselben in den anorgani- 
schen Individuen nicht weiter zu beweisen, um so weniger, als viele dieser 
Functionen, und vorzüglich die höchsten und complicirtesten (wie die soge- 
nannten Seelenthätigkeiten), nur einer gewissen Anzahl von Organismen, 
nämlich den höheren Thieren, eigenthümlich sind. Nur eine einzige Func- 
tion müssen wir hier noch hervorheben, welche allen Anorganen ohne Aus- 
nahme abgeht, und das ist die mit der Ernährung innig verbundene Func- 
tion der Fortpflanzung. 

Die Fortpflanzung der organischen Individuen ist eine ebenso 
allgemeine und fundamentale Function der Organismen, als die Ernährung 
und das Wachsthum, mit denen sie unmittelbar zusammenhängt. Ohne auf 
die complicirteren Formen der Fortpflanzung hier einzugehen, werfen wir 



III. Organische und anorganische Kräfte. 151 

blos einen Blick auf ihre einfachsten Formen, wie sie bei den unvollkommen- 
sten und niedrigst stehenden Organismen, die noch keine Sexual - Organe 
besitzen, als Selbsttheilung und als Knospenbildung auftreten. Die einfachsten 
aller Organismen, die homogenen Moneren (Protogenes,Protamoebaetc), 
deren ganzer Körper einen formlosen contractilen Plasmaklumpen darstellt, 
pflanzen sich fort durch Selbsttheilung, indem ihr Körper sich in der Mitte 
einschnürt und in zwei Stücke zerfällt. Die gleiche einfache Vermehrungs- 
weise treffen wir bei sehr vielen niederen Thieren und Pflanzen, zum Theil 
selbst bei solchen mit complicirter Organ - Differenzirung an. Bei anderen 
tritt statt der Theilung oder neben derselben Knospenbildung auf, indem 
aus der Oberfläche des organischen Individuums ein zweites hervorwächst, 
welches sich abschnürt und selbstständig weiter lebt. Endlich sehen wir 
bei vielen niederen Organismen, dass das Individuum, sobald es durch 
Wachsthum eine bestimmte Grösse erreicht hat, in eine Anzahl innerer 
Keime zerfällt, deren jeder sich alsbald wieder zu einem jungen Individuum 
entwickelt. Aus dieser inneren Keimbildung hat sich zweifelsohne im Laufe 
der Zeit die geschlechtliche Zeugung, und zwar zunächst die Zwitterbildung, 
viel später erst die Trennung der Geschlechter, entwickelt. 

Fragen wir nun nach dem Wesen dieser einfachsten Fortpflanzungs- 
processe, der Selbsttheilung, der äusseren Knospenbildung, der inneren Keim- 
bildung, so werden wir uns in allen Fällen als die nächste Ursache dersel- 
ben eine Ernährung des Organismus über das individuelle 
Maass hinaus vorstellen können. Sobald der primitive einfache Ur- 
Organismus durch Imbibition mehr Nahrung aufnimmt, als er in individueller 
Form aufspeichern kann, so wird das eine Individuum in zwei oder mehrere 
zerfallen, entweder durch Selbsttheilung, oder durch äussere Knospen- 
bilduug, oder durch innere Keimbildung. Auch diesen Yorgang können wir 
uns vollkommen mechanisch erklären. So lange das Individuum eines Mo- 
neres wächst, ohne sich zu vermehren, so lange bleibt das Centrum des 
individuellen Körpers der einzige Anziehungsmittelpunkt, welcher die assi- 
milirbare und die assimilirte Materie rings um sich anhäuft. Sobald aber 
diese Anhäufung ein bestimmtes Maass überschreitet, welches durch die 
Cohäsion der Moleküle des betreifenden Eiweiss-Körpers (Plasma) bedingt 
wird, so verliert das einzige Attractions- Centrum die absolute Herrschaft 
über das Ganze, und zerfällt entweder in zwei getrennte Anziehungs- 
Mittelpunkte, die sich nun gegenseitig abstossen und von einander isolirt 
die übrigen Moleküle anzuziehen suchen, oder es entstehen neben dem alten 
einfachen Cohäsions-Heerde mehrere neue, so dass das Ganze in mehrere 
individuelle Theile zerfällt. Diese werden nun ihrerseits wieder bis zu einer 
gewissen Grenze hinauf assimilirbare Stoße aufnehmen und wachsen, bis 
durch abermalige Ueberschreitung dieser Grenze jedes Individuum wiederum 
in eine Anzahl von neuen Einzelwesen zerfällt u. s. w. Da die neuen In- 
dividuen Theilstücke der alten sind, die sich selbstständig ergänzen müssen, 
so wird uns hierdurch zugleich ein erklärender Blick auf die beiden wich- 
tigsten Grunderscheinungen der Formbildung, auf die Erblichkeit und die 
Anpassung eröffnet. Von diesen äusserst wichtigen Phänomenen, welche wir 
unten noch genauer zu betrachten haben, beruht die Vererbung auf dem unmittel- 



152 Organismen und Anorgane. 

baren materiellen Zusammenhange zwischen dem elterlichen und dem neu 
entstandenen Organismus. Indem der letztere stets einen Theil des ersteren 
beibehält, musser nothwendig durch die gleiche Materie, die ihm bleibt, auch 
die gleichen Functionen äussern. Hierauf beruht die Erblichkeit, ver- 
möge welcher jeder Organismus seinem elterlichen ähnlich ist. Der abso- 
luten Gleichheit zwischen Beiden wirkt nun aber der andere Umstand ent- 
gegen, dass der jugendliche Organismus, der nur einen Theil des elterlichen 
bildet, gezwungen ist, sich durch Wachsthum selbstständig bis zu einer 
gewissen Grenze hinauf zu ergänzen. Indem nun diese selbstständige Er- 
nährung des organischen Individuums, welche auf den einfachsten Massen- 
Anziehungen der umgebenden ernährenden Substanz beruht, durch die um- 
gebenden Existenz-Bedingungen (Temperatur, Ausdehnung und Oberfläche 
der festen Körper in der Umgebung etc.) beeinflusst wird, indem z. B. das 
Quantum des Wassers in dem imbibitionsfähigen Organismus und das 
Quantum der neu aufnehmbaren festen Substanz durch bestimmte einfache 
Massen- Anziehungen der umgebenden festen Körper geregelt wird, entsteht 
ein gewisser Grad von Variabilität, von Veränderlichkeit in dem Quantum der 
assimilirbaren Stoffe, die in das imbibitionsfähige Plasma eindringen und 
das Wachsthum des Individuums vollenden. Auf dieser individuellen Va- 
riabilität beruht die Fähigkeit der Anpassung an die umgebenden Existenz- 
Bedingungen, welche der absoluten und allgemeinen Erblichkeit entgegen 
wirkt, und in Wechselwirkung mit dieser die ganze Mannichfaltigkeit der 
Organismen- Welt nach den von Darwin entwickelten Gesetzen erzeugt. 

Indem wir die weitere Betrachtung dieses wichtigen Wechselspiels 
zwischen den beiden wichtigsten formbildenden Factoren der organischen 
Welt, Erblichkeit und Anpassung der organischen Individuen, dem fünften 
und sechsten Buche aufsparen, wollen wir uns hier auf eine Betrachtung 
der analogen Wechselwirkung zweier entgegengesetzter formbildender Po- 
tenzen beschränken, welche gleicherweise bei den anorganischen Individuen, 
den Krystallen, die individuellen Form-Eigenthlimlichkeiten zu bestimmen 
im Stande ist. Allerdings kann von Fortpflanzung und also auch von 
Erblichkeit bei den anorganischen Individuen nicht die Rede sein. Der 
Mangel an Imbibitionsfähigkeit verhindert die molekularen Bewegungen im 
Innern des Körpers, welche zur Fortpflanzung gleicherweise wie zur Ernäh- 
rung nothwendig sind. Dagegen findet beim Wachsthum und bei der Ent- 
stehung der anorganischen Individuen, bei der Krystallisation, eine Function 
der Materie statt, welche wir wohl als Anpassung bezeichnen können, und 
welche auf die Anpassung der werdenden Organismen ein bedeutendes 
Licht wirft. 

III. 4. Anpassung der organischen und anorganischen Individuen. 

Die Anpassung oder Adaptation ist diejenige formbildende Function 
der Naturkörper, welche die unendlich mannichfaltigen individuellen 
Charactere bedingt, durch welche sich alle Individuen einer und der- 
selben Art von einander unterscheiden. 

Wir haben oben (p. 28), wo wir absichtlich die Differenzen in der 



III. Orgranische und anorganische Kräfte. 153 

Form und Entstehung- der organischen und anorganischen Individuen 
möglichst schroff gegenüber stellten, einen der wichtigsten Unter- 
schiede darin gefunden, dass alle anorganischen Individuen, die einer 
und derselben Art angehören und dieselbe chemische Zusammen- 
setzung haben, auch vollkommen dieselbe wesentliche Form zeigen 
und sich nur durch ihre absolute Grösse unterscheiden. Die Krystalle 
einer anorganischen Species zeigen nicht die durch die Variabilität be- 
dingten individuellen Verschiedenheiten, welche alle verschiedenen In- 
dividuen einer und derselben organischen Species auszeichnen, und es 
bleibt daher auch die anorganische Art im Laufe der Zeit vollkommen 
unveränderlich, constant, während die organischen Species durch fort- 
schreitende Divergenz ihrer variablen Individuen eine endlose Reihe 
ganz verschiedener Formen erzeugen. Da den Anorganen die Fort- 
pflanzung fehlt, so fehlt ihnen auch die Fähigkeit der erblichen Ueber- 
tragung von solchen Characteren, die durch Anpassung erworben sind. 
Dennoch bedarf unsere obige Bemerkung einer bedeutenden Ein- 
schränkung. IndividuelleVerschiedenheiten finden sich auch unter 
den anorganischen Individuen ganz allgemein vor, und zwar sind 
sie die Folge der Anpassung an die Verhältnisse, unter denen das Kry- 
stall-Individuum sich bildete. Bei Untersuchung dieses wichtigen Ver- 
hältnisses muss man vor Allem immer im Auge behalten, dass bei der 
Entstehung aller individualisirten Naturkörper, bei der Bildung jedes 
Krystalls, wie bei der Bildung jedes Organismus, stets zwei verschie-' 
dene Principien oder gestaltende Mächte einander entgegenwirken. 
Das eine Princip ist beim Krystall wie beim Organismus die Summe 
der specifischen physikalischen und chemischen Eigenschaften, welche 
seiner Materie inhäriren. Beim Organismus, der sich nicht selbst er- 
zeugt, sondern von anderen Individuen seines Gleichen durch Fort- 
pflanzung erzeugt wird, sehen wir diese Erscheinung als die notwen- 
dige Wirkung der Erblichkeit an, welche alle wesentlichen Eigen- 
schaften des Organismus auf seine Nachkommen überträgt. Beim 
Krystall dagegen betrachten wir diese Erscheinung als den unmittel- 
baren Ausfluss seiner materiellen Constitution, d. h. der specifisch 
bestimmten Art und Weise, in welcher sich gesetzmässig eine be- 
stimmte Anzahl von Atomen zu bestimmten Molekülen zusammensetzt. 
Durch einfache Attraction dieser Moleküle entsteht die characteristische 
Form des Krystalls. Eine schärfere Vergleichung ergiebt nun alsbald, 
dass auch in dieser Beziehung kein wesentlicher Unterschied zwischen 
den Organismen und Anorganen existirt. Denn auch die Erblichkeit 
beruht auf der materiellen Continuität des elterlichen und des von ihm 
erzeugten Organismus, und wir können die fundamentale Erscheinung 
der Erblichkeit, der erblichen Uebertragung biologischer Functionen, 
durch nichts Anderes erklären, als durch die Uebertragung der speci- 



154 Organismen und Anorgane. 

fisch constituirten Materie selbst. Die Erblichkeit der Organismen 
wirkt vollkommen aeqüivalent der atomistischen Constitution der An- 
organe; hier wie dort ist es die Materie, welche sämmtliche allgemei- 
nen Functionen (die Lebenserscheinungen der Organismen, die physi- 
kalischen und chemischen Kräfte der Anorgane) unmittelbar als Causa 
efficiens mit absoluter Notwendigkeit bedingt. 

Diesem mächtigen gestaltenden Princip, welches der Materie des 
sich bildenden Individuums (gleicherweise des Krystalls wie des Or- 
ganismus) unmittelbar inhärirt, und welches wir demgemäss allgemein 
als die innere Gestaltungskraft oder den inneren Bildungstrieb 
bezeichnen werden, wirkt nun beständig und überall entgegen die 
zweite formbildende Macht, welche die zahllosen Eigenthttmlichkeiten 
der individuellen Bildungen bedingt, durch die sich alle Einzelwesen 
jeder Art von einander unterscheiden. Diese nicht minder wichtige 
Function des werdenden, des sich gestaltenden Individuums können wir 
allgemein als Anpassung (^Adaptatio, Accommodatio) bezeichnen, 
oder, im Gegensatz zu ihrem Antagonisten, als äussere Gestaltungs- 
kraft oder äusseren Bildungstrieb. Die allgemeine Existenz und 
Wirksamkeit dieser formbildenden Potenz wird einfach durch die That- 
sache bedingt, dass kein einziger Naturkörper isolirt im Räume sich 
bildet und existirt, dass vielmehr sämmtliche Naturkörper sich bilden 
und existiren in Wechselwirkung mit den anderen Naturkörpern, welche 
sie unmittelbar von allen Seiten umgeben. Die allgemeine Wech- 
selwirkung der gesammten Materie tritt uns hier als eines der 
obersten und wichtigsten Naturgesetze gegenüber, welches unmittelbar 
mit dem allgemeinen Causalgesetze zusammenhängt. Die innere Ge- 
staltungskraft jedes Theils der Materie, der innere Bildungstrieb jedes 
einzelnen Naturkörpers, als die aus ihrer atomistischen Constitution 
unmittelbar entspringende Kraftsumme kann niemals rein und unge- 
stört die individuelle Bildung vollenden. Denn beständig wird sie ge- 
stört von der entgegenwirkenden äusseren Gestaltungskraft der um- 
schliessenden Materie, von dem äusseren Bildungstriebe aller einzelnen 
Naturkörper, welche sie unmittelbar oder mittelbar umgeben. Da nun 
die Summe dieser von aussen einwirkenden Kräfte überall eine ver- 
schiedenartige, überall aus verschiedenen Componenten zusammenge- 
setzt ist, so nmss auch ihre Wirkung auf ein und dieselbe Materie in 
jedem individuellen Falle verschieden sein, und lediglich diese Wechsel- 
wirkung jedes Individuums mit seiner gesammten Umgebung ist es, welche 
als Anpassung seine besonderen individuellen Charactere bedingt. 

.Versuchen wir diese äusserst wichtigen Fundamental-Verhältnisse 
der gesammten Körperwelt, welche für die anorganische und die or- 
ganische Natur ganz gleiche Geltung haben, als allgemeines Gesetz 
zu formuliren, so Hesse sich dieses etwa in folgenden Worten aus- 



III. Organische und anorganische Kräfte. 155 

sprechen: Jeder Theil der aus Atomen zusammengesetzten Materie 
wirkt auf jeden anderen Theil der Materie, entweder anziehend 
(durch Attraction) oder abstossend (durch Repulsion). Diese Wirkung 
erzeugt in erster Linie Bewegungen der auf einander wirkenden Atome, 
welche sich zu bestimmten Atomgruppen oder Molekülen gesetzmässig, 
in bestimmten Zahlenverhältnissen verbinden. Diese Moleküle wirken 
nun ebenso wieder auf einander, entweder anziehend oder abstossend, 
und diese Wirkung erzeugt in zweiter Linie Bewegungen der aufeinan- 
der wirkenden Moleküle ; welche aus dem flüssigen in den festflüssigen 
oder festen Aggregatzustaud übertretend, sich zu bestimmten indivi- 
duellen Formen gesetzmässig, in bestimmten Richtungen, verbinden 
(amorphe Körner, krystalloide Körner, Kry stalle, Moneren, Zellen, 
mehrzellige Organismen). Bei der Bildung jedes individuellen Natur- 
körpers treten zwei formbildende Kräfte in Wechselwirkung, der 
innere Bildungs trieb, die unmittelbare Wirkung der existirenden 
Materie des Individuums selbst (die Summe der bewegenden Kräfte 
aller Moleküle, welche das Individuum zusammensetzen), und ihm ge- 
genüber der äussere Bil du ngs trieb, die unmittelbare Wirkung der 
Materie, welche ausserhalb des Individuums existirt und dasselbe um- 
giebt, die Summe der bewegenden Kräfte aller Moleküle, welche ausser- 
halb des Individuums existiren und auf dasselbe von aussen bewegend 
(anziehend oder abstossend) einwirken. Der innere Bildungstrieb oder 
die innere Gestaltungskraft äussert sich bei Bildung der anor- 
ganischen Individuen entweder als Aggregation (amorpher Körner) 
oder als Krystallisation (unvollkommener Krystalloide oder vollkomme- 
ner Krystalle), bei Bildung der organischen Individuen entweder als 
Aggregation (bei der Autogonie der spontan entstehenden Moneren- 
Organismen) oder als Erblichkeit (bei der Fortpflanzung elterlich er- 
zeugter Organismen). Der äussere Bildungstrieb oder die äussere 
Gestaltungskraft äussert sich allgemein als Anpassung, bei Bildung 
der anorganischen Individuen, indem sie die verschiedene Grösse und 
die untergeordneten Eigenthümlichkeiten der äusseren Form bedingt, 
durch welche sich die einzelnen Krystall-Individuen derselben Art un- 
terscheiden, bei Bildung der organischen Individuen dagegen, indem sie 
die individuellen Charactere, die verschiedene Grösse und die unendlich 
mannichfaltigen untergeordneten Eigenthümlichkeitender inneren und äus- 
seren Form bedingt, durch welche sich die einzelnen Organismen derselben 
Art unterscheiden und welche nach Darwin's Divergenz-Lehre zur 
Bildung der verschiedenen Arten, Gattungen, Familien, Klassen u. s. w. 
führen. Die Anpassung der organischen und anorganischen Individuen 
unterscheidet sich nur insofern, als ihr verschiedener Aggregatzustand 
und ihre verschiedene atomistische Constitution hier bedingend wirken. 
Der festflüssige Aggregatzustand der Kohlenstoff- Verbindungen in den 



156 Organismen und Anorgaue. 

Organismen, welche im Inneren des schon gebildeten Individuums eine 
fortwährende Bewegung der Moleküle, und eine Ersetzung der ver- 
brauchten JStofftheile durch neue nicht allein erlaubt sondern auch be- 
dingt, gestattet und verursacht durch diese beständigen inneren Ver- 
änderungen auch innere 1 Anpassungen. Der feste Aggregatzustand 
der anorganischen Individuen dagegen, welcher keine Bewegung im 
Inneren des einmal gebildeten Individuums gestattet, ohne dessen in- 
dividuelles Wesen zu vernichten, erlaubt dadurch zugleich auch keine 
innere Anpassung, sondern nur gewisse Anpassungen der von aussen 
neu sich ansetzenden Schichten, die wir im Gegensatz zu jenen äus- 
sere Anpassungen nennen können. 

Die Anpassung der anorganischen Individuen, der Krystalle, ist für die 
Vergleichung derselben mit den Organismen äusserst wichtig, und da diese 
Verhältnisse bisher von den Biologen in dieser Beziehung sehr wenig ge- 
würdigt sind, erlauben wir uns hier, ihre hohe Bedeutung besonders her- 
vorzuheben. 

Die äusseren Bedingungen, denen sich die Krystalle bei ihrer Ent- 
stehung anpassen (die äusseren Gestaltungskräfte) liegen theils in dem ab- 
soluten Grade der Temperatur, theils in dem relativen Zeitmaasse der 
Temperatur -Veränderung, bei welcher die Krystallisation stattfindet, theils 
in der Beimischung anderer Lösungen zu der Mutterlauge, aus welcher der 
Krystall entsteht, theils in der Mischung und Form der umgebenden festen 
Körper etc. Doch ist uns das Nähere über die gesetzliche Wirksamkeit 
dieser Anpassungs -Bedingungen zur Zeit noch grösstenteils unbekannt. 
Schon sehr feine Unterschiede in der Temperatur, in der Ruhe, in der Bei- 
mischung fremder Lösungen zu der Flüssigkeit, in der Form und Mischung 
des die Flüssigkeit umschliessenden Gefässes etc. vermögen in Grösse und 
Form der einzelnen Krystall-Individuen sehr beträchtliche Verschiedenheiten 
zu bedingen. Aber selten können wir ein bestimmtes gesetzliches Verhält- 
niss zwischen der unmerklichen Ursache und der auffällenden Wirkung 
nachweisen. Im Ganzen genommen sind uns diese Gesetze und die bei der 
Bildung der Krystalle auftretenden Causalbeziehungen nicht besser bekannt, 
ihrem innersten Wesen nach aber sind sie uns vollkommen eben so räthsel- 
haft, als die Causal- Gesetze, welche bei Entstehung der Organismen die 
verschiedenen individuellen Formen aus einfacher gemeinsamer Grundlage 
hervorgehen lassen. 1 ) 



l ) Von den verhältnissmässig wenigen Fällen, in denen wir die wirkenden 
Ursachen kenneu, welche die abgeleiteten Krystallformen bedingen, hat Bronn 
iu seinen morphologischen Studien (p. 36, 37) eine Reihe (grössteutheils von 
Franken heim, Mitscherlich, Lavalle und Beudant beobachtete Er- 
scheiuungen) zusammengestellt. Als lliuiptursachen für die Entstehung bestimm- 
ter abgeleiteter Krystall-Formen (eines uud desselben Systems) werden dort an- 
geführt. I. Die Anwesenheit stellvertretender und ausserwesentlicher Gemisch- 
theile in dem Minerale oder in der Flüssigkeit, woraus sich dasselbe bildet, und 
II. Die Beschaffenheit der krystalliuischen Unterlage, a) Beiner Kalkspath be- 



III. Organische und anorganische Kräfte. I57 

Viel wichtiger aber, als die Thatsache, dass selbst sehr geringfügige 
äussere Einflüsse („Anpassungs- Bedingungen") genügen, um sehr beträcht- 
liche Differenzen in Grösse und Form-Complication der anschiessenden 
Krystalle hervorzurufen, welche in einer und derselben Flüssigkeit nach 
einem und demselben Krystall - Systeme sich bilden, ist der Umstand, dass 
solche äussere Ursachen selbst auf die Wahl des Krystall -Systems von 
Einfluss sind, welches der anschiessende Krystall annimmt, und dass geringe 
Veränderungen der äusseren Einflüsse genügen, um den Krystall im einen 
Falle nach diesem, im anderen nach jenem System sich bilden zu lassen. 
Hierher gehören die zahlreichen Fälle vom Polymorphismus (meistens 
Dimorphismus, selten Trimorphismus etc.) der Krystalle, bei denen mau 
allerdings nur selten die Ursache kennt, warum derselbe chemische Körper 
das eine Mal dieses, das andere Mal jenes Krystall -System sich auswählt. 

Den grössten Einfluss scheint in dieser Beziehung wieder der Tempe- 
raturgrad zu haben, bei welchem die Krystalle sich bilden, sowie der Un- 
terschied, ob der krystallisirende Körper aus einer concentrirten Lösung 
sich absetzt, oder ob er aus dem geschmolzenen Aggregatzustand durch 
Abkühlung in den festen übergeht. So z. B. können lediglich Temperatur- 
Unterschiede den kohlensauren Kalk bestimmen, bald als Kalkspath im 
hexagonalen, bald als Arragonit im rhombischen Systeme zu krystallisiren. 
Geschmolzener Schwefel schiesst beim langsamen Erkalten in kliuorhom- 
bischen Säulen an, während derselbe Schwefel aus einem tropfbar-flüssigen 
Medium, in welchem er gelöst ist, bei dessen Verdunstung oder langsamer 
Abkühlung in Rhomben-Oktaedern krystallisirt. 

Noch viel merkwürdiger aber ist es, dass schon der Contact mit einem 
fremden heterogenen Krystalle genügt, den gelösten Körper zum Aufgeben 
seiner eigenen und zur Annahme dieser fremden Krystallform zu bewegen 
So erscheint der Kali-Salpeter, welcher dem rhombischen Krystall-Systeme 
angehört, in rhomoboedrischen, dem Kalkspath isomorphen Krystallen des 
hexagonalen Systems, wenn er sich auf einem Minerale dieses Kristall- 
systems als Unterlage bildet. 



sitzt eine viel grössere Anzahl abgeleiteter Flächen, als der mit isomorphen 
Salzen gemischte, b) Im Inneren einer reinen Auflösung krystallisirt das Mineral 
gewöhnlich in seiner reinen Kernform, während die Beschaffenheit der umschlies- 
senden Gefässwände oder fremde Beimischungen in der Flüssigkeit Modiflcationen 
der Kernform veranlassen. So z. B. krystallisirt Kochsalz in Würfeln , bei an- 
wesender Borsäure in Kubo-Octaedern, bei anwesendem Harnstoff in Octaedern 
etc. c) Blei-Azotat krystallisirt aus saurer Flüssigkeit als entecktes Octaeder, 
aus neutraler als vollkommenes Octaeder. d) Jodkalium , welches sonst als 
Würfel krystallisirt, erscheint auf Glimmer in Octaeder-Form. e) Selbst die 
Lage des Krystalls ist bei langsamer Bildung von Einfluss; wenn derselbe locker 
auf dem Boden des Gefässes liegt, wird die aufliegende Fläche grösser, und ent- 
sprechend auch die gegenüberliegende, f) Die Winkel isomorpher Krystalle, 
welche bei 0° nur unbedeutend von einander verschieden sind, nehmen mit zu- 
nehmender Temperatur theils zu, theils ab, aber in verschiedeneu Graden. 



158 Organismen und Anorgane. 



III) 5. Correlation derTheilein den organischen und anorganischen 

Individuen. 

Von besonderer Bedeutung für die Analogie zwischen den orga- 
nischen und anorganischen Individuen scheint uns endlich die Corre- 
lation oder Wechselbeziehung der Theile zu sein, welche gewöhn- 
lich als eine besondere und charakteristische Eigenthünilichkeit der 
Organismen hingestellt wird, während sie doch in ganz ähnlicher Weise 
auch den Krystallen zukommt. In ähnlicher Weise, wie im Organismus 
alle einzelnen Theile unter einander und zum Ganzen in bestimmten, 
durch die Form des Organismus ausgedrückten Beziehungen stehen, 
so finden wir auch beim Kry stalle, dass alle einzelnen Theile unter 
einander und zum Ganzen in bestimmten, durch die gesetzmässige Ver- 
schiedenheit der Cohäsion in bestimmten Kichtungen (Axen) geregelten 
Beziehungen stehen. Diese nothwendige Wechselwirkung der Theile 
unter einander und auf das Ganze ist ganz ebenso im Organismus, 
wie im Krystall, durch die physikalischen Functionen und die che- 
mische Zusammensetzung seiner Materie mit Notwendigkeit bedingt. 

Als Ausdrnck dieser anorganischen Correlation der Theile betrachten 
wir zunächst das Symmetrie- Gesetz der Krystalle, wonach alle ab- 
geleiteten Krystallformen , die als individuelle Variationen der Krystall- 
Grundformeu auftreten, stets mehr oder minder symmetrisch modificirt auf- 
treten. Alle gleichartigen Theile einer Krystallform erleiden bei Verände- 
rung eines einzigen Theiles von ihnen dieser entsprechende Veränderungen. 
Wenn also eine Kante oder Ecke eines Octaeders durch eine bestimmte 
Fläche ersetzt wird, so müssen auch alle entsprechenden Kanten und Ecken 
desselben durch eine Fläche von gleicher Beschaffenheit ersetzt werden. 
Beim Quadrat- Octaeder, bei welchem die obere und untere Ecke von den 
vier unter sich gleichen (Quadrat-) Ecken des mittleren Umfangs verschie- 
den sind, können zweierlei Ecken -Veränderungen (z. B. Abstumpfungen 
durch eine Fläche) eintreten, indem die eine Veränderung die correspon- 
dirende obere und untere Ecke, die andere Veränderung die vier anderen 
Ecken trifft. Beim Rhomben-Octaeder, wo alle sechs Ecken paarweis gleich, 
die drei Paare aber ungleich sind, können die sechs Ecken von drei ver- 
schiedenen Modifikationen getroffen werden, indem jede Modifikation nur 
zwei gegenüberliegende Ecken trifft u. s. w. Die Kristallographie weisst 
nach, welche grosse Menge individuell verschiedener Krystallformen aus 
einer und derselben Grundform auf diese Weise, durch gleiche Modifikation 
entsprechender Ecken, Kanten und Flächen hervorgehen können. Die 
Betrachtung dieser Verschiedenheiten im Einzelnen berührt uns hier nicht, 
um so mehr aber das allgemeine Symmetrie-Gesetz, welches daraus hervor- 
geht, und welches zeigt, dass correspondfrende (gleichartige oder gegen- 
überliegende) Theile des Krystalls in einer ebenso innigen Wechselbeziehung 
zu einander stehen, wie verschiedene correspoudirende Theile eines Orga- 
nismus. Vor allem sind es die Autimeren oder homotypischen Theile 



III. Organische und anorganische Kräfte. 159 

(aber auch die Metanieren oder homodynamen Theile), welche im Organismus 
in einer ganz ähnlichen Wechselbeziehung zu einander stehen, wie die ent- 
sprechenden symmetrischen (wir könnten fast sagen homotypischen) Theile 
des Krystalles. 

Der einzige wesentliche Unterschied, welchen die Correlation der Theile 
in den organischen und anorganischen Individuen zeigt, besteht darin, dass 
dieselbe bei den Organismen, deren Substanz zeitlebens in innerer Bewegung 
und Umänderung bleibt, auch ihr ganzes Leben hindurch wirksam ist, wäh- 
rend dieselbe bei den Krystallen sich nur während der Zeit ihrer Bildung 
äussern kann, in dem einmal gebildeten Krystalle aber, bei welchem keine 
innere Bewegung ohne Zerstörung mehr stattfindet, nicht mehr als leben- 
dige Kraft bildend wirksam sein kann. Aeusserst lehrreich ist in dieser 
Beziehung ein Experiment von Lavalle. Dieser zeigte, dass, wenn man 
einem in der Bildung begriffenen Octaeder eine Kante wegschneidet und so 
eine künstliche Fläche bildet, eine ähnliche Fläche sich von selbst an der 
correspondirenden gegenüber liegenden Kante bildet, während die übrigen 
sich scharf ausbilden. 

Alle diese Erscheinungen der symmetrischen Krystallbildung beweisen 
uns evident, dass die innere Structur und die äussere Form der Krystalle 
ebenso unmittelbar zusammenhängen, und dass der ganze Krystall ebenso 
ein organisches Ganzes ist, wie der Organismus. Alle einzelnen, den Körper 
zusammensetzenden Theile haben in dem einzelnen Krystalle ebenso eine 
innere Beziehung zu einander und zu der Totalität des ganzen Individuums, 
wie in dem einzelnen Organismus. Wir können in beiden Fällen, sowohl 
bei dem sich entwickelnden organischen Individuum, als bei dem in Bildung- 
begriffenen anorganischen Individuum, dem Krystalle, keinen Theil verletzen 
oder durch Einwirkung bestimmter Bedingungen (Anpassung) modificiren, 
ohne zugleich dadurch auf andere, nicht unmittelbar betroffene Theile mit 
einzuwirken, und so das Ganze zu alteriren. Es besteht also ein innerer 
nothwendiger Zusammenhang, eine Wechselwirkung der Theile ebenso im 
Krystalle, wie im Organismus. 

III) 6. Zellenbildung und Krystallbildung. 

Bei der Vergleichung, welche wir im Vorhergehenden zwischen 
Organismen und Anorganen anstellten, haben wir als Typus der voll- 
kommensten anorganischen Individuen die Krystalle und als Typus 
der einfachsten und unvollkommensten Organismen die Moneren (Pro- 
togen es, Protamoeba) hingestellt. In letzteren konnten wir durch- 
aus keine differenten Theile unterscheiden, fanden vielmehr ihren ge- 
sammten Körper aus einer vollkommen homogenen, formlosen Eiweiss- 
masse gebildet. Dieser in sich völlig gleichartige Plasmaklumpen ist 
ein selbstständiges organisches Individuum, begabt mit den beiden 
wichtigsten Lebensfunctionen, der Ernährung und Fortpflanzung (durch 
Theilung). 

Aehnliche structurlose Primitiv -Organismen, wie sie hier als Mo- 
neren isolirt lebend auftreten, kommen auch häutig als mehr oder 



IQO Organismen und Anorgane. 

minder selbstständige Elementartheile im Körperverbande anderer nie- 
derer Organismen (Protisten und niederer Pflanzen) vor, und versehen 
hier die Stelle der Zellen, welche in den meisten höheren Organismen 
fast allein die constituirenden Elementartheile (Individuen erster Ord- 
nung) bilden. Der Begriff der organischen Zelle (Cellula, Cytos) ist, 
wie wir im dritten Buche begründen werden, auf diejenigen Elementar- 
theile zu beschränken, welche aus zwei wesentlichen (und nie fehlen- 
den!) Bestandteilen bestehen, nämlich dem eiweissartigen festflüssigen 
Plasma (Protoplasma. Sarcode, Zellstoff) und dem vom Plasma ein- 
geschlossenen Nucleus iCytoblastus, Kern, Zellkern). Häufig, aber 
nicht immer, ist dieser kernhaltige Plasmakörper von einer (sehr ver- 
schieden gestalteten) vollständigen oder unvollständigen Membran 
eingeschlossen (Membrana cellulae, Zellhaut) und nach deren Mangel 
oder Anwesenheit können wir nackte Zellen oder Urzellen (Gymno- 
cyta) und membranöse Zellen oder Hautzellen (Lepocyta) unter- 
scheiden. Diesen echten, kernhaltigen Zellen, welche jetzt gewöhnlich 
allein als die eigentlichen Elementartheile der Organismen angesehen 
zu werden pflegen, stellen als wesentlich verschiedene, weil einfachere 
und unvollkommenere Elementartheile die von uns oben untersuchten 
homogenen Plasmaklumpen ohne Kern gegenüber, welche 
wir allgemein mit dem Namen der Plasmaklumpen oder Cytoden 
(zellenähnliche Elementar-Orgauismen) bezeichnen wollen. Solche frei 
lebende einfache Cytoden sind die Moneren (Proto genes, Prola- 
moeba) und zahlreiche Protisten aus den Stämmen der Rhizopoden, 
Protoplasten etc. Man ist gewöhnt, diese einfachsten Organismen ge- 
wöhnlich als „einzellige" Wesen anzusehen; indessen stehen sie noch 
tiefer als die wirklich einzelligen Organismen, da ihr eiweissartiger 
Körper völlig homogen ist, und sich noch nicht in Plasma und Kern 
differenzirt hat. Auch diese Cytoden können, gleich den Zellen, ent- 
weder ganz nackt (Gymnocytoda) oder von einer Haut umschlossen 
sein (Lepocytoda). Die Cytoden und die Zellen zusammen, welche 
wir im dritten Buche als morphologische Individuen erster Ordnung- 
näher untersuchen werden, vereinigen wir unter dem Namen der 
Piastiden. 

Da man die Cytoden, welche als vollkommen homogene Plasma- 
körper die einfachsten selbstständigen Elementar-Organismeu sind, bis- 
her gänzlich vernachlässigt und fast ausschliesslich die Zellen, welche 
durch die Differenzirnng von Plasma und Nucleus schon eine höhere 
Organisationsstufe darstellen , als die einfachsten selbstständigen Ele- 
mentar-Organisnien betrachtet hat, so ist auch die unmittelbare Ueber- 
gaugsbildung, welche die homogenen Cytoden (als einfachste organische 
Individuen) von den niederen einzelligen Organismen zu den höchsten 
individualisirten Anorganen, den Krystallen, herstellen, bisher noch 



Organische und anorganische Kräfte. \Q\ 

gar nicht gewürdigt worden. Es liegt aber zu Tage, dass sie wirklieh 
von der grössten Bedeutung für die monistische Biologie sind, indem 
sie die von den Meisten für unüberwindlich gehaltene Kluft zwischen 
den Zellen und den Kry stallen, mindestens in vielen Beziehungen, 
ausfüllen. 

Ein allgemeiner Vergleich der Zellen mit den Kry stallen und 
der Versuch, die Zellbildung in ähnlicher Weise wie die Krystall- 
bildung auf einfache Molekular- Bewegungen der Materie zurückzufüh- 
ren, stösst bereits auf sehr viel grössere Schwierigkeiten, weil wir in 
der Zelle schon mindestens zwei verschiedene Form-Elemente zu einem 
individuellen Ganzen verbunden haben, was bei den homogenen Cyto- 
den noch nicht der Fall ist und bei den Kry stallen niemals vorkommt. 
Um so wichtiger und interessanter ist es, dass wir bereits seit langer 
Zeit einen solchen Vergleich besitzen, der noch jetzt von hohem Werthe 
ist. Theodor Schwann nämlich hat in den epochemachenden 
„mikroskopischen Untersuchungen", durch welche er 183U die Gewe- 
belehre als besondere Wissenschaft neu begründete, den sehr aner- 
keuuenswerthen Versuch gemacht, in monistischem Sinne die Zellen 
als die eigentlichen Elementar - Organismen nachzuweisen, welche den 
Körper der höheren Organismen durch Aggregation zusammensetzen, 
und hat dabei die Zellen als die eigentlichen organischen Individuen 
mit den Krystallen als den anorganischen Individuen in Parallele ge- 
stellt. In der berühmten „Theorie der Zellen", welche den letzten 
Theil im dritten Abschnitte jenes Werkes bildet (p. 220 — 257) hat 
Schwann diesen Vergleich der Zellen mit den Krystallen durchzufüh- 
ren versucht, und hat unseres Erachtens mit bewundernswürdiger Schärfe 
den schlagenden, wenn auch nicht vollständigen Beweis für die Theorie 
geführt, „dass die Bildung der Elementartheile der Organismen nichts 
als eine Krystallisation imbibitionsfähiger Substanz, der Organismus 
nichts als ein Aggregat solcher imbibitionsfähiger Kry stalle ist." 1 ) 



') Für den vollständigen Beweis der Richtigkeit dieses Satzes hält Schwann 
noch den Nachweis zweier Punkte für nothwendig, nämlich: ,,I) dass die meta- 
bolischen Erscheinungen der Zellen ebenfalls wie die plastischen Erscheinungen 
nothwendige Folge der Imbibitionsfähigkeit, oder irgend einer anderen Eigen- 
thümlictikeit der Zellensubstanz sind; II) dass, wenn sich eine Menge imbibitions- 
fähiger Krystalle bilden , diese sich nach gewissen Gesetzen zusammenfügen 
müssen, so dass sie ein, einem Organismus ähnliches, systematisches Ganze bil- 
den." Was nun den ersten Punkt betrifft, so glaubt Schwann den Grund für 
die metabolischen Erscheinungen der Zellen „wahrscheinlicher in einer bestimm- 
ten Lage der Moleküle , die wahrscheinlich bei allen Zellen wesentlich dieselbe 
ist, als in der chemischen Zusammensetzung der Moleküle, die bei den verschie- 
denen Zellen sehr verschieden ist,'' finden zu müssen. Doch dürften wohl diese 
beiden Momente hier wirksam sein, und würde in letzterer Beziehung wohl vor 
Allem die complicirte chemische Zusammensetzung und die äusserst leichte Zer- 

Haeckel, Generelle Morphologie, J]_ 



162 Organismen und Anorgane. 

Es würde uns zu weit führen, wollten wir auf die Parallele zwischen 
der Krystallbildung und der Zellenbilduug, welche Schwann so geistreich 
und scharfsinnig durchgeführt hat, hier näher eingehen. Wir können hier 
darauf um so eher verzichten, als die Membran der Piastiden (sowohl der 
kernhaltigen Zellen, als der kernlosen Cytoden, die Schwann nicht von 
den Zellen unterschied) in unseren Augen nicht mehr den hohen morpholo- 
gischen und physiologischen Werth besitzt, den Schwann ihr beilegte- 
in der That fehlt sie ja häufig genug, und an den jugendlichen Plastidea 
fast immer. Nur darauf wollen wir noch besonders aufmerksam machen, 
wie einfach und klar derselbe den wesentlichen Unterschied im Wachsthum 
der Zellen und der Krystalle aus der Imbibitionsfähigkeit der erstereu 
erklärt. Der Krystall kann in Folge seines festen Aggregatzustandes Hin- 
durch schichtweise Apposition von aussen wachsen, und die einmal gebil- 
deten Theile des Krystalls bleiben ganz unverändert, während die Zelle 
vermöge ihres festflüssigen Quellungszustandes durch Intussusception nach 
innen hinein neue Theile aufnehmen und durch nachträgliche Einwirkung 
derselben auch im Innern bereits gebildete Theile verändern kann. 1 ) Aber 



setzbarkeit der Eiweisskörper, welche stets das Plasma, die eigentliche active 
(plastische) „Lebensmaterie" bilden, zu berücksichtigen sein, ferner die leichte 
und schnelle Zersetzuugsfähigkeit dieser Eiweissvei-biudungen, und ihre Neigung, 
die eigenen Zersetzungsbewegungen auf die umgebenden Stoße zu übertragen, 
wodurch sie dieselben schon zur Assimilation vorbereiten. Was dann den zwei- 
ten von Schwann berührten Paukt angeht, so finden wir dessen Erklärung in 
Darwin' s Theorie der natürlichen Züchtung im Kampfe um das Dasein, welche 
auf die einzelnen Plastiden (Zellen und Cytoden) , ebenso allgemein angewandt 
werden kann und muss, wie auf die einzelnen Organismen. Es ist also nicht ein 
vorbedachter zweckmässiger Plan, welcher die einzelnen Cytoden und Zellen 
(„die imbibitionsfähigen Krystalle") zu dem „systematischen Ganzen" des Or- 
ganismus zusammenfügt, sondern diese scheinbar zweckmässige Combiuation er- 
folgt durch die gegenseitige nothwendige Wechselwirkung, welche die aggregirten 
Zellen auf einander ausüben, nach den Gesetzen der Differenzirung und Diver- 
genz des Characters, der Erblichkeit und Anpassung. 

') Eine allgemeine und höchst wichtige Structur-Eigenthüinlichkeit der Kry- 
stalle ist ihre Schichtung, ihre innere Zusammensetzung aus Blättern, welche 
gewissen Flächen parallel laufen. „Die Existenz dieser Schichtung setzt eine 
doppelte Art der Apposition der Moleküle in den Krystalleu voraus: in jeder 
Schicht nämlich verschmelzen die neu sich ansetzenden Moleküle mit den schon 
vorhandenen dieser Schichte zu einem Continuum; diejenigen Moleküle aber, 
welche die einander berührenden Flächen zweier Schichten bilden, verschmelzen 
nicht mit einander. Die mit einander verschmelzenden Moleküle lauern sieh mit- 
hin mehr der Fläche nach neben einander, als der Dicke nach über einander ab, 
so dass jede Schicht auch nur eiue bestimmte Dicke erreichen kann." Nimmt 
man nun mit Schwann an, dass dieses Grundgesetz der krystallbildung auch 
für die Zellen gilt, und dass die Zellen „imbibitiousfähige Krystalle" sind, so 
muss bei ihnen die Schichtenbildung ebenso wie bei den anorganischen Kry- 
stallen eintreten. Auch hier wird nur in den einzelnen Schichten (nicht zwischen 
denselben) eine möglichst innige Verbindung der Moleküle stattfinden. Wegen 



III. Organische und anorganische Kräfte. 163 

nicht allein das Wachsthmn der Zellen, sondern auch ihre erste spontane 
Entstehung (bei der „freien" Zellbildung in einem Cytoblasteni), die Diffe- 
renzirung von Kern und Kernkörperchen, Plasma und Membran, lassen sich 
nach Schwann in der einfachsten Weise aus gleichen molekularen Bewe- 
gungsvorgäugen (Anziehung und Abstossung der Moleküle in gewissen 
Richtungen) ableiten, wie dies bei Erklärung der Krystallbildung möglich 
ist. Die Theorie der organischen Zellenbildung auf diesem rein mechanischen 
Wege hat nach Schwann's geistreichem Versuche nicht mehr Schwierigkeit, 
als die Theorie der anorganischen Krystallbildung. Wir müssen diesen 
Versuch um so mehr bewundern, als zu jener Zeit (vor 27 Jahren) fast 
nur die höheren und vollkommeneren Zellformen bekannt waren, als damals 
noch drei oder vier Bestandtheile, (Kernkörperchen, Kern, Inhalt und Mem- 
bran) für integrirende Zellbestandtheile galten und als man von den unent- 
wickelteren Piastiden, den inembranlosen Zellen und den kernlosen Cytodeu 
noch keine sicheren Kenntnisse hatte. Durch die Erkenntniss der letzteren, 
welche (insbesondere die homogenen Gymnocytoden) gewissermaassen un- 
mittelbare Uebergangsformen von den aus heterogenen Theilen zusammen- 
gesetzten Zellen zu den homogenen Krystallen bilden, hat die Vergleichung 
derselben mit „imbibitionsfähigen Krystallen" noch bedeutend an Sicherheit 
gewonnen. Wir zweifeln mit Schwann nicht daran, dass es lediglich der 
Unterschied der complicirteren atoniistischen Zusammensetzung der orga- 
nischen Kohlenstoff-Verbindungen und besonders ihr festflüssiger Aggregat- 
zustand, ihre Imbibitionsfähigkeit ist, welche die organischen Individuen 
erster Ordnung in Form von Piastiden (Cytodeu und Zellen) auftreten 
lässt, während die binär zusammengesetzte und nicht quellungsfähige anor- 
ganische Materie ihren individuellen Bildungen die Krystallform giebt. 
Damit ist aber auch der mechanische Ursprung der Lebenserscheinuugen 



ihrer Imbibitionsfähigkeit ist aber „eine viel innigere Vereinigung derselben 
möglich, indem hier die neuen Moleküle sich durch Intussusception zwischen die 
vorhandenen ablagern können." Die Zahl der Moleküle, welche sich in jeder 
Schicht ablagern können, ist nun hier bei den Zellen nicht bestimmt beschränkt, 
wie bei den Krystallen. Wenn nun die Ablagerung der Moleküle neben einan- 
der in einer Schichte, und damit das Wachsthum der Schichte fortdauert, ohne 
dass sich eine neue Schichte bildet, ,,so wird die wachsende Schichte zunächst 
mehr condensirt; d. h. sie nimmt in denselben Raum mehr feste Substanz auf; 
dann aber wird sie sich ausdehnen und von dem fertigen Theil des Krystalls 
trennen , so dass zwischen ihr und dem Krystall ein hohler Zwischenraum ent- 
steht , der sich durch Imbibition mit Flüssigkeit füllt. So erhalten wir also bei 
imbibitionsfähigen Körpern, statt einer neuen Schichte, die sich an die früher ge- 
bildeten Theile des Krystalls ansetzt, ein hohles Bläschen," welches durch Im- 
bibition sehr bald eine rundliche Gestalt annehmen muss (falls es vorher, einem 
Krystallmantel entsprechend, eckig war). „Allein der früher gebildete Theil 
des Krystalles besteht ebenfalls aus imbibitionsfähiger Substanz, und es ist dess- 
halb noch sehr zweifelhaft, ob er überhaupt eine eckige Form haben muss," 
gleich den meisten anorganischen nicht imbibitionsfähigen Krystallen. Die scharf- 
sinnige weitere Ausführung dieses sehr wichtigen Vergleiches ist bei Schwan u 
selbst nachzusehen (p. 241 — 251). 

11* 



164 Organismen und Anorgane. 

dargethan. Sowie sännntliche physikalische Functionen des Krystalls aus 
seiner chemischen Mischung und der dadurch bedingten Form, so gehen 
auch sämmtliche Lebenserscheinungen der Flastide (und somit jedes Orga- 
nismus) aus ihrer chemischen Mischung und der dadurch bedingten Form 
als uothwendige Wirkungen hervor. 

IV. Einheit der organischen nnd anorganischen Natur. 

Wir haben in den drei vorhergehenden Abschnitten die Ueberein- 
stimmungeu und die Unterschiede zu schätzen und zu messen versucht, 
welche die beiden grossen Hauptgruppen der irdischen Naturkörper, 
Organismen und Anorgane, hinsichtlich ihres Stoffes, ihrer Form und 
ihrer Function zeigen. Als das allgemeine Resultat dieser Vergleichung 
können wir nun schliesslich folgenden Satz aufstellen: „Alle uns be- 
kannten Naturkörper der Erde, belebte und leblose, stimmen tiberein 
in allen wesentlichen Grundeigenschaften der Materie, in ihrer Zusam- 
mensetzung aus Massen-Atomen und darin, dass ihre Formen und ihre 
Functionen die unmittelbaren und notwendigen Wirkungen dieser Ma- 
terie sind. Die Unterschiede, welche zwischen beiden Hauptgruppen von 
Naturkörpern hinsichtlich ihrer Formen und Functionen existiren, sind 
lediglich die unmittelbare und uothwendige Folge der materiellen 
Unterschiede, welche zwischen Beiden durch die verschiedenartige 
chemische Verbindungs- Weise der in sie eintretenden Elemente bedingt 
werden. Die eigenthümlichen Bewegungs-Erscheinungen, welche man 
unter dem Namen des „Lebens" zusammenfaßt, und welche die eigen- 
thümlichen Formen der Organismen bedingen, sind nicht der AusHuss 
einer besonderen (innerhalb oder ausserhalb des Organismus befind- 
lichen) Kraft (Lebenskraft, Bauplan, wirkende Idee etc.), sondern 
lediglich die unmittelbaren oder mittelbaren Leistungen der Eiweiss- 
körper und anderer complicirter Verbindungen des Kohlenstoffs." 

Eine eingehendere Untersuchung und Vergleichung der individuellen 
Organismen und Anorgane hinsichtlich ihrer materiellen Zusammensetzung 
und der daraus unmittelbar resultirenden Form und Function wird leicht 
noch zahlreichere und schlagendere Beweise für die obigen Sätze sammeln 
können, als uns hier auf dem beschränkten Raum möglich war. Wir müssen 
uns daher begnügen, einige der wichtigsten Punkte hier besonders hervor- 
gehoben zu haben, und müssen das Weitere einer künftigen synthetischen 
Untersuchung anheimgeben. Für uns kam es hier vor Allem darauf an, 
der bisher ganz einseitig ausgebildeten analytischen Unterscheidung der 
beiderlei Körper nun auch einmal ihre synthetische V ergl eichung gegen- 
überzustellen und das weitverbreitete Dogma zu beseitigen, dass das 
„Leben 1 * etwas ganz Bes leres, absolut von der leblosen Natur Verschie- 
denes und von ihr Unabhängiges sei. Dass dies keineswegs der Fall sei, 
und dass nur relative Differenzen die leblosen und belebten Naturkörper 
trennen, glauben wir hinsichtlich aller drei Erscheinungs-Reihen, der stofl- 



IV. Einheit der organischen und anorganischen Natur. 165 

liehen Zusammensetzung und der daraus resultirenden körperlichen Form 
und functionellen Leistung gezeigt zu haben. Wir fassen die wichtigsten 
Vergleichungspunkte hier kurz zusammen. 

I) Die chemischen Urstoffe oder unzerlegbaren Elemente, welche die 
lebendigen und die leblosen Naturkörper zusammensetzen, sind dieselben 
Es giebt kein Eleme-nt, welches nur in den Organismen vorkäme. Dagegen 
ist ein Element, der Kohlenstoß', welches auch in der leblosen Natur als 
Krystall-Individuurn auftritt (als Diamant, als Graphit), dasjenige, welches 
in keinem Organismus fehlt, und welches durch seine ausserordentliche, 
keinem anderen Elemente eigene, Neigung zu verwickeiteren Verbindungen 
mit den anderen Elementen, diejenige unendliche Mannichfaltigkeit der 
„organischen Stoffe" erzeugt, welche die unendliche Mannichfaltigkeit der 
organischen Formen und Lebenserscheinungen hervorbringen. Eine der 
wichtigsten Eigenschaften vieler dieser Kohlenstoff -Verbindungen ist ihre 
Fähigkeit, den festflüssigen Aggregatzustand anzunehmen, welcher in den 
Anorgauen niemals vorkommt. Auf dieser Imbibitionsfähigkeit der organi- 
schen Materie, auf ihrer verwickelten atomistischen Zusammensetzung und 
auf ihrer leichten Zersetzbarkeit beruhen die sämmtlichen eigentümlichen 
Bewegungs- Vorgänge, welche wir als die charakteristischen Erscheinungen 
des Lebens ansehen. 

II) Die Organismen treten sämmtlich, die Anorgane theilweise in Form 
von räumlich abgeschlossenen Eiuzelkörpern oder Individuen auf. Die un- 
vollkommensten organischen Individuen, die Moneren oder structurlosen 
Plasma-Individuen, stimmen mit den vollkommensten anorganischen Indivi- 
duen durch die homogene Beschaffenheit ihres structurlosen Körpers mehr 
überein, als mit den höheren, aus Individuen verschiedener Ordnung zu- 
sammengesetzten Organismen. Diese Zusammensetzung des Individuums 
aus ungleichartigen Theilen ist allerdings den meisten, aber nicht allen 
Organismen eigenthümlich, und desshalb kein absolut unterscheidender 
Character von den Krystalleu, welche ihrerseits ebenfalls bisweilen in 
Mehrzahl zur Bildung von Individuen höherer Ordnung zusammentreten 
(Krystallstöcken). In gleicher Weise wie die Organismen besitzen auch die 
Krystalle eine innere Structur, und zeigen gesetzmässige Beziehungen der 
einzelnen Theile unter einander und zum Ganzen Die äussere gesetzmässige 
Form ist hier wie dort der Ausdruck und das Resultat der inneren Struc- 
tur, und hier wie dort durch die Wechselwirkung zweier formbildender 
Triebe oder Kräfte bedingt, des inneren Bildungstriebes (der materiellen 
Zusammensetzung) und des äusseren Bildungstriebes (der Anpassung). So- 
wohl den organischen als den anorganischen Individuen liegt meistens eine 
bestimmte stereometrische Grundform zu Grunde, welche bei den Krystallen 
meistens prismoid ist. Doch ist die prismoide Grundform der Krystalle 
(von ebenen Flächen, geraden Linien und messbaren Ecken begrenzt) nicht 
ausschliesslich für die anorganischen Individuen charakteristisch, da dieselbe 
sowohl bei vielen niederen Organismen (Radiolarien) vorkommt, als auch bei 
anderen anorganischen Individuen (Diamant-Krystallen und anderen krumm- 
flächigen Krystallen) fehlt. Wir können also so wenig in der individuellen 
Bildung, als in der formellen Zusammensetzung der Individuen, ebensowenig 



166 Organismen und Anorgane. 

in der äusseren Form, als in der inneren Structur, ebensowenig in der 
stereometrischen Grundform, als in deren vielfältiger äusserlicher Modifika- 
tion, kurz, wir können in keiner Beziehung irgend einen absoluten, in allen 
Fällen durchgreifenden formellen Unterschied zwischen Organismen und 
Anorgane n auffinden. 

III) Die Functionen, Leistungen oder Kräfte der Naturkörper sind 
entweder feinere oder gröbere Bewegungen ihrer materiellen Theilchen, der 
Atome und der aus ihnen zusammengesetzten Moleküle. Sie sind also un- 
mittelbare Ausflüsse der materiellen chemischen Zusammensetzung des 
Naturkörpers. Weil diese Leistungen bei den Organismen sehr viel mannich- 
faltiger und zusammengesetzter sind, als bei den Anorganen, bezeichnen 
wir sie als „Lebens-Erscheinungen". Die einfachen, elementaren Functionen 
der Materie kommen sämmtlich, und die verwickeiteren Functionen zum 
grossen Theil den Organismen und Anorganen in gleicher Weise zu ; zum 
Theil aber (Lebensthätigkeiten im engeren Sinne) kommen die letzteren den 
Organismen ausschliesslich zu. Eine der wichtigsten und allgemeinsten 
körperlichen Functionen, welche allen leblosen und belebten individuellen 
Naturkörpern gemeinsam zukömmt, ist das Wachsthum der Individuen. 
Die Verschiedenheiten, welche sich im Wachsthum der organischen und 
anorganischen Individuen finden, sind in der verwickeiteren chemischen 
Zusammensetzung und der Imbibitionsfähigkeit vieler Kohlenstoff -A 7 erbin- 
dungen begründet. Aus diesen Verschiedenheiten des Wachsthums resul- 
tiren dann aber mit Notwendigkeit für die Organismen die weiteren spezi- 
fischen Lebens -Erscheinungen der Ernährung und Fortpflanzung, denen 
sich bei den höheren Organismen noch die complicirtesten Functionen der 
Ortsbewegung und Empfindung anschliessen. Wir sehen also im Ganzen, 
erstens, dass die anorganischen und organischen Individuen eine gewisse 
Summe von Leistungen in gleicher Weise ausüben, und zweitens, dass die- 
jenigen zusammengesetzteren Leistungen, welche als Lebenserscheinungen 
im engeren Sinne den Organismen eigentümlich sind (allgemein Ernäh- 
rung und Fortpflanzung), lediglich in der verwickeltereu chemischen Zu- 
sammensetzung der Kohlenstofi'-Verbindungen und in den daraus resultirenden 
physikalischen Eigenthümlichkeiten (vor Allem der Imbibitionsfähigkeit) ihren 
unmittelbaren materiellen Grund haben. 

Alle bekannten Erfahrungen zusammengenommen zwingen uns also zu 
der Ueberzeugung, dass die Differenzen zwischen den Organismen und An- 
organen nur relativ, lediglich in der verwickeJteren chemischen Zusammen- 
setzung der Kohlenstofi'-Verbindungen begründet sind, und dass die Ma- 
terie hier wie dort denselben Gesetzen der Naturnotwendigkeit unterworfen 
ist. Diese feste Ueberzeugung ist von der gross teu Wichtigkeit, sowohl 
allgemein für die allein richtige monistische Beurtheilung der Gesammt-Na- 
tur, als auch besonders. für die richtige Beantwortung einer der schwierig- 
sten biologischen Fragen, derjenigen von der Entstehung der ersten Or- 
ganismen. Indem wir diese Frage im Folgenden zu beantworten versuchen, 
stützen wir uns unmittelbar auf jene feste Ueberzeugung von der Einheit der 
organischen und anorganischen Natur. 



I. Entstellung der ersten Organismen. ^67 



Sechstes Capitel. 

Schöpfung und Selbstzeugung. 

„Was war' ein Gott, der nur von aussen stiesse, 
Im Kreis das All am Finger laufen Hesse ! 
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, 
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, 
So dass was in Ihm lebt und webt und ist, 
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst." 

Goethe. 



I. Entstehung der ersten Organismen. 

Alle grossen Erscheinungsreihen der organischen Natur, alle all- 
gemeinen Resultate der zoologischen und botanischen, morphologischen 
und physiologischen Forschungen, führen uns übereinstimmend mit 
zwingender Gewalt zu dem gesetzlichen Schlüsse, dass sämmtliche 
Organismen, welche heutzutage die Erde beleben, und welche sie zu 
irgend einer Zeit belebt haben, durch allmählige Umgestaltung und 
langsame Vervollkommnung sich aus einer verhältnissmässig geringen 
Anzahl von höchst einfachen Urwesen (Protorganismen) entwickelt 
haben. Diese Entwicklung geschah und geschieht auf dem Wege der 
materiellen Fortpflanzung, der elterlichen Zeugung, nach den Gesetzen 
der Erblichkeit und der die Erblichkeit modificirenden Variabilität und 
Anpassung. Alle, auch die höchsten und complicirtesten Organismen 
können nur auf diesem Wege, durch allmählige Ditferenzirung und 
Transmutation von einfachsten und niedrigsten Lebewesen enstan- 
den sein. 

Dieses äusserst wichtige Entwickelungs- Gesetz bildet den Kern 
derjenigen Theorie, welche wir ein für alle Mal kurz als die Ab- 
stammungslehre oder Descendenz-Theorie bezeichnen wollen 
und deren Begründung wir vor Allen Lamarck, Goethe und Dar- 
win verdanken. Sie zeigt uns, in Uebereinstimmung mit_allen fest- 




K33 Schöpfung und Selbstzeugung. 

stehenden Erfahrungen, wie aus den einfachsten und unvollkommensten 
Urwesen sieh die höchsten und vollkommensten Organismen allmählig 
durch Divergenz nach verschiedenen Richtungen haben hervorbilden 
können. Diese Entwicklungstheorie lässt aber eine grosse und zu- 
nächst sich daran anknüpfende Frage unbeantwortet, nämlich: ..Wie 
entstanden jene ersten und einfachsten Lebewesen, aus 
denen sich alle übrigen, vollkommeneren Organismen all- 
mählich entwickelten?" 

Die Beantwortung dieser äusserst wichtigen Frage von der ersten 
Entstehung des Lebens auf der Erde wird von den meisten Menschen, 
und selbst von sehr vielen Biologen, als eine ausserhalb aller exaeten 
Naturforschung liegende, oder selbst als eine der Competenz unserer 
menschlichen Erkenntniss entzogene Frage bezeichnet. Wir können 
keiner von diesen Ansichten beipflichten, und müssen den, freilich sehr 
gewagten Versuch, die Frage hypothetisch zu beantworten, ebenso als 
unser gutes Recht, wie als unsere noth wendige Pflicht bezeichnen, 
wenn wir überhaupt die Erscheinungen der organischen Natur mo- 
nistisch, d. h. causal erklären wollen. 

Nichts zeigt wohl so sehr die äusserst niedrige Stufe der Entwicklung, 
auf der sich die gesammte Biologie, sowohl Morphologie als Physiologie, 
noch gegenwärtig befindet, als der Unistand, dass wir zunächst die Be- 
rechtigung dieser Frage, die doch jedem denkenden Menschen selbst- 
verständlich erscheinen sollte, ausdrücklich hervorheben müssen. Denn so 
weit ist noch die herrschende Betrachtungsweise der Organismen vermöge 
ihres grundverkehrten Dualismus von der. allein wissenschaftlichen Erkennt- 
niss d. h. dem monistischen Yerständniss der organischen Naturerscheinungen 
entfernt, dass nicht nur die meisten Laien, sondern selbst die meisten Natur- 
forscher die Berechtigung jener Frage bestreiten, und sie als eine solche 
bezeichnen, zu deren wissenschaftlichen Erörterung wir weder befugt, noch 
befähigt seien. 

Die Frage nach dem ersten Ursprung des Lebens auf der Erde , nach 
der Entstehung jener ersten, einfachsten Organismen, aus denen alle übrigen 
durch allmählige Umbildung sich entwickelten, ist nach unserer Ansicht voll- 
kommen ebenso berechtigt, und muss von der Naturwissenschaft ebenso 
nothwendig gestellt werden, wie die Frage nach der Entstehung der Erde 
selbst, di<- Frage nach der Entstehung der anorganischen Naturkörper. Wie 
wir bei den letzteren sowohl die Thatsachen ihres allmähligen Werdens, als 
auch die Ursachen desselben in den Kreis unserer Forschung* zu ziehen 
haben, so verhält es sich auch mit den Organismen. Wir werden also in 
diesem Capitcl ebensowohl uns eine Theorie über die erste Entstehung 
der Organismen, wie über die Ursachen derselben zu bilden haben. Und 
wir sind hier um so mehr dazu verpflichtet, als Darwin in seinem classi- 
schen Werke gerade hier eine sehr empfindliche Lücke gelassen und erklärt 
hat, dass er „Nichts mit dem Ursprung der geistigen Grundkräfte, noch 



I. Entstehung der ersten Organismen. 169 

mit dem des Lebens selbst zu schaffen habeV) Selbst viele von denjenigen 
Naturforschern und Philosophen, welche geneigt sind, die sämmtlichen Er- 
scheinungen des bestehenden Lebeiis gleich allen anderen Naturerschei- 
nungen als nothwendige Folgen mechanisch wirkender Ursachen, also mo- 
nistisch zu erklären, nehmen für die erste Entstehung der lebenden 
Wesen zu der dualistischen Annahme einer freien Schöpfung ihre Zuflucht- 
Sie verzichten auf die rein causale, d. h. mechanische Erklärung der Ent- 
stehung des ersten Lebens, theils weil sie dadurch mit einigen der ältesten 
und stärksten von unseren allgemein herrschenden grossen Vorurtheilen zu 
collidiren fürchten, theils weil sie die Möglichkeit einer solchen Erklärung 
nicht einsehen. 

In letzterer Beziehung sei nun zunächst hier hervorgehoben, dass selbst 
Kant, der für die gesammte organische Natur die dualistisch-teleologische, 
für die gesammte anorganische Natur aber die monistisch-mechanische Be- 
trachtungsmethode und Erklärungsweise consequent durchführte, der letzte- 
ren zugestand, dass sie auch zur Erklärung der organischen Naturerschei- 
nungen vollkommen berechtigt, und nur nicht dazu befähigt sei. Wir 
würden also, selbst nach Kant, wenn wir die Möglichkeit einer mecha- 
nischen Erklärung für die Entstehung des Lebens nachweisen, des Gesuches 
um Berechtigung hierzu gewiss überhoben sein. Doch ist das entgegen- 
stehende Vorurtheil, welches sich durch die vererbten Irrthümer von Jahr- 
tausenden ausserordentlich befestigt hat, so mächtig, dass wir nicht umhin 
können, hier die Unmöglichkeit einer sogenannten Schöpfung darzuthun und 
die Nothwendigkeit der Annahme einer Autogonie, d. h. einer mechanischen 
Entstehungsweise der ersten Lebensformen auf der Erde zu beweisen. 



') Aus dieser und aus verschiedenen Stellen seines epochemachenden Wer- 
kes, an denen man ein Eingehen auf die vorliegende Frage erwarten sollte, geht 
hervor, dass Darwin dieselbe absichtlich nicht berührt, und vollständig auf 
deren wissenschaftliche Beantwortung verzichtet, indem er annimmt, dass jenen 
einfachsten Urformen (gleichviel ob einer oder mehreren) ,,das Leben zuerst 
vom Schöpfer eingehaucht worden sei." Ich habe bereits 1862 in meiner Mono- 
graphie der Radiolarien (p. 232), in welcher ich mich entschieden für Darwins 
Theorie ausgesprochen habe, bemerkt, dass der grösste Mangel derselben darin 
liege, dass sie für die Entstehung der Urorganismen, aus denen alle anderen sich all- 
mählig hervorgebildet haben, gar keine Anhaltspunkte liefert, und dass mau für 
diese ersten Öpecies keinen besonderen Schöpfungs-Akt annehmen dürfe. In der 
That erscheint mir (wie dies auch von Gegnern Darwins hervorgehoben worden 
ist) die Annahme einer „Schöpfung" jener Urformen im gewöhnlichen Sinne 
als ein so widerspruchsvoller Dualismus und so unvereinbar mit dem sonst durch- 
aus monistischen freiste und Werke des grossen englischen Naturforschers, dass 
wir annehmen müssen, er sei absichtlich dieser allerdings gefährlichen und zu 
vielen Couflicten Anlass gebenden Schwierigkeit aus dem Wege gegangen. Wir 
können uns hier um so weniger entschliessen, auf die Beantwortung dieser Frage 
zu verzichten, als der ganze causale Zusammenhang der Descendenz-Theorie die- 
selbe durchaus erfordert, und erst dadurch die letzte Lücke in dem vollendeten 
kosmologischen Systeme des Monismus ausgefüllt wird. 



170 Schöpfung und Selbstzeugung. 

II. Schöpfung. 

Wenn wir alle die unendlich verschiedenen und mannichfaltigen 

Ansichten vergleichend in Erwähnung- ziehen, welche von denkenden 
Menschen aller Zeiten über die erste Entstehung des Lebens auf der 
Erde aufgestellt worden sind, so können wir sie allesammt in zwei 
schroff gegenüberstehende Gruppen bringen, deren Losungswort 
Schöpfung und Urzeugung ist. Bei weitem die grössere Mehrzahl 
aller jener Ansichten ist dualistisch und glaubt an eine Schöpfung? 
d. h. an eine Entstehung der ersten lebendigen Wesen durch eine 
ausserhalb der Materie befindliche, zweckmässig wirkende Kraft. Nur 
verhältnissmässig wenige Ansichten sind monistisch und nehmen eine 
Urzeugung an, d. h. eine erste Entstehung lebendiger Körper durch 
die ureigenen, der Materie inne wohnenden, mit absoluter Notwen- 
digkeit gesetzlich wirkenden Kräfte. 

Die vielen verschiedenartigen Schöpfungs-Theorieen weichen 
hauptsächlich darin von einander ab, dass die einen einen individuellen 
Schöpfungsakt für jeden einzelnen Organismus, die anderen einen be- 
sonderen Schöpfungsakt für jede „Species" (aus der sich ihre Nach- 
kommen durch natürliche Fortpflanzung entwickeln), die dritten endlich 
eine Schöpfung nur für jene einfachsten Urorganismen fordern, aus 
denen sich alle übrigen „Species", gemäss der Descendenz-Theorie, 
allmählig entwickelt haben. Von diesen drei verschiedenen Ansichten 
brauchen wir blos die letzte hier zu discutiren. Denn die erste An- 
nahme, dass jeder individuelle Organismus (z. B. jeder einzelne 
Tannenbaum, jede einzelne Diatomee, jede einzelne Stubenfliege, jeder 
einzelne Mensch) für sich vom Schöpfer besonders erschaffen sei, ist 
zwar unter den Menschenkindern (auch den sogenannten ,. Gebildeten") 
noch sehr weit verbreitet, widerspricht aber so sehr den einfachsten 
und allgemeinsten naturwissenschaftlichen Erfahrungen, dass sie von 
keinem einzigen wahren Naturforscher mehr vertheidigt wird. Nicht 
so ist es mit der zweiten oben angeführten, übrigens nicht minder un- 
wissenschaftlichen Ansicht, dass jede sogenannte „Species oder Art" 
einem besonderen Schöpfungsakt ihre Entstehung verdanke, dass also 
von jeder Species einmal eines oder mehrere Individuen geschaffen 
worden sind, von denen alle übrigen auf dem Wege natürlicher Fort- 
pflanzung erzeugt worden sind. Diese auch unter den Naturforschern 
noch weit verbreitete und gewöhnlich mit dem absurden Species-Dogma 
verkettete Ansicht bedarf liier ebenfalls keiner Widerlegung, da wir 
unten die Species selbst als eine ganz willkührliche und künstliche 
Abstraction, und die Vorstellung ihrer absoluten Coustauz als ganz 
unhaltbar nachweisen werden. Wir haben also nur noch die letzte 
(auch von Darwin getheilte) Schöpfungs- Hypothese zu widerlegen, 



IL Schöpfung. 171 

welche annimmt, dass die wenigen einfachsten Stammformen, aus wel- 
chen alle übrigen durch allmählige Differenzirung sich entwickelt haben, 
unmittelbar „ erschaffen" worden sind. Da wir diese Annahme dadurch 
widerlegen müssen, dass wir die Schöpfung überhaupt als undenkbar 
nachweisen, so werden dadurch zugleich sämmtliche übrige Schöpfungs- 
Annahmen widerlegt. 

Der Begriff der Schöpfung ist entweder überhaupt undenkbar 
oder doch mit jeder reinen, auf empirische Basis gegründeten Natur- 
anschauung vollkommen unverträglich. In der Abiologie ist auch nir- 
gends mehr von einer Schöpfung die Rede, und nur in der Biologie ist 
man noch vielfach von diesem Irrthum befangen. Vollkommen undenk- 
bar ist der Begriff der Schöpfung, wenn man darunter „ein Entstehen 
von Etwas aus Nichts" versteht. Diese Annahme ist ganz unvereinbar 
mit einem der ersten und obersten Naturgesetze, welches auch allge- 
mein anerkannt ist, dem grossen Gesetze nämlich, das alle Materie 
ewig ist, und dass nicht ein einziges Atom aus der Körperwelt ver- 
schwinden, so wenig als ein einziges neues hinzukommen kann. Der 
einzige denkbare Sinn, welcher daher für den Begriff der Schöpfung 
übrig bleibt, ist die Vorstellung, dass durch eine ausserhalb der Ma- 
terie stehende Kraft Beweguugserscheinungen der Materie hervorgerufen 
werden und dass diese zur Bildung bestimmter Formen führen; ge- 
wöhnlich versteht man darunter speciell die Bildung individueller, 
vorzüglich organischer Formen, und in unserem speciellen Falle die 
Bildung jener einfachsten organischen Urformen. Die Annahme einer 
jeden solchen Schöpfung ist nun deshalb durchaus unstatthaft, weil 
wir in der ganzen Körperwelt, welche unserer naturwissenschaftlichen 
Erkenntniss zugänglich ist, nicht ein einziges Beispiel von einer ausser 
der Materie stehenden Kraft empirisch kennen. Alle Kräfte, die wir 
kennen, von den einfachen „physikalischen" Kräften (z. B. der Licht- 
brechung, Wärmeleitung) anorganischer Krystalle, bis zu den höchsten 
Lebenserscheinungen der Organismen (bis zu der Blüthenbildung der 
Bäume, bis zu dem Fluge der Insekten, bis zu den philosophischen 
Gehirn- Operationen des Menschen) sind mit absoluter Nothwendigkeit 
an die Materie gebunden, und ebenso ist jede Materie (organische und 
anorganische) nothwendig mit einer gewissen Summe von Kräften be- 
gabt. Einerseits also haben wir nicht einen einzigen, auch nur wahr- 
scheinlichen Erfahrungsbeweis für die Existenz einer solchen, die Ma- 
terie von aussen beherrschenden und „schaffenden" Kraft (mag man 
dieselbe nun Lebenskraft, Schöpferkraft, oder wie immer nennen); 
andererseits aber gehört nur ein wenig tieferes Nachdenken dazu, um 
zu der festen Ueberzeugung zu gelangen, dass eine solche Kraft ganz 
undenkbar ist. Wie sollen wir uns eine Kraft ausserhalb der Materie 
nur irgend vorstellen, eine Kraft, der jeder Angriffspunkt, welchen 



172 Schöpfung und Selbstzeugung. 

die Materie bietet, als solcher unangreifbar ist? Eine Kraft, welche 
materielle Bewegungserscheinungen hervorruft, ohne selbst materiell 
zu sein? Eine Kraft, die eine Bewegung ohne Anziehung und ohne 
Abstossuug, mithin eine Wirkung ohue Ursache hervorrufen würde? 
Wir gestehen offen, dass wir persönlich vollkommen unfähig sind, uns 
irgend eine denkbare Vorstellung von einer solchen immateriellen 
Kraft zu machen, und dass wir unter den zahllosen Definitionen und 
Darstellungen, welche von solchen immateriellen Kräften unter den 
verschiedensten Namen gegeben werden, nicht eine einzige gefunden 
haben, die nicht vollständig mit den allgemeinsten und unmittelbarsten 
sinnlichen Erfahrungen, sowie mit den wichtigsten und obersten Grund- 
gesetzen der Naturwissenschaft (und vor Allem mit dem Causal-Gesetze) 
unvereinbar wäre. 1 ) 

') Den Physikern und Chemikern, sowie den Physiologen dürfte es über- 
flüssig erscheinen, über diese ersten Grundsätze der Naturforschung noch ein 
Wort zu verlieren: kein Physiker, kein Chemiker, kein Physiolog — so lange 
er cousequent und rücksichtslos denkt — kennt eine Kraft ohne Stoff oder 
glaubt an eine ausser der Materie stehende Kraft. Nur unter den Morphologen 
sind diese falschen Vorstellungen noch so verbreitet, dass wir sie hier nothwen- 
dig widerlegen müssen , und in einem Punkte , nämlich gerade in der hier vor- 
liegenden Frage von der ersten Entstehung der Organismen, sind die alten ein- 
gerosteten dualistischen Vorurtheile sehr allgemeiu verbreitet, und werden selbst 
von vielen trefflichen, im TJebrigen vollkommen monistischen Naturforschern ge- 
theilt. Sobald man übrigens die verschiedenen immateriellen Kräfte, welche als 
„Geist, Seele, Lebenskraft, Schöpferkraft" etc. ein eben so verbreitetes als un- 
verdientes Ansehen gemessen, eingehender untersucht, so ergiebt sich, dass 
diese sogenannten reinen, nicht materiellen Kräfte durchaus materiell vorgestellt 
werden, nämlich entweder als gasförmige Materien oder als feinere (schwerelose 
oder unwägbare) Materien, gleich dem Wärme-Aether etc. In der bewunderns- 
würdigen Widerlegung der Lebenskraft, welche schon vor 70 Jahren Reil im 
ersten Baude seines Archivs für Physiologie (1796) gegeben hat, findet sich hier- 
über folgende treffliche Analyse : „Anfangs fielen wohl nur die groben und trägen 
Massen den Menschen auf, und in der Folge beobachteten sie erst die Erschei- 
nungen der feinen Stoffe in der Natur. Sie empfanden in der Luft und im 
Winde Wirkungen eines Wesens, das sie mit den Augen nicht wahrnahmen, 
und welches sich vorzüglich durch seine Beweglichkeit vor den trägen und gro- 
ben Massen auszeichnete. Diese Beobachtung brachte sie nach und nach auf 
die Meinung, dass Bewegung und Leben von einem solchen feinen und unsicht- 
baren Wesen abhänge. Durch die Eigenschaften der feinen Stoffe wurden sie 
auf die Idee von Geistern geleitet, und sie characterisirten dieselben 
durch die vorzüglichsten Merkmale der Luft, durch Uusichtbarkeit 
und Beweglichkeit. Man legte sogar dem Geiste überhaupt in der hebräi- 
schen und fast in allen alten Sprachen die Namen Luft oder Wind (Spiritus) 
bei." (1. c. p. 11, 12). „Mit eben dem Rechte, mit welchem wir den Thieren 
(und also auch den Menschen) eine Seele beilegen, um ihre thierischen Wir- 
kungen daraus zu erklären, können wir auch für die Schwere und Cohärenz eigene 
Oeister annehmen, die erst der Materie die Eigenschaft, als schwere und zusam- 
menhaftende Materie zu wirken, mittheilen." (1. c. p. 14). 



II. Schöpfung. 273 

Ist nun schon an sich der Begriff einer solchen immateriellen 
ausserhalb der Materie befindlichen, von ihr unabhängigen, und den- 
noch auf sie wirkenden Kraft vollkommen unzulässig und undenkbar 
so wird es in unserem Falle hier die schöpferische Kraft in um so 
höherem Maasse, als mit deren Vorstellung sich die unhaltbarsten 
teleologischen Vorstellungen und die handgreiflichsten Anthropomor- 
phismen verbinden. Denn es ist klar, dass jenes schöpferische im- 
materielle Princip, welches bald als Lebenskraft, bald als Schöpfer- 
kraft, bald als persönlicher Schöpfer die Organismen „schaffen" soll, 
hierbei durchaus in analoger Weise zu Werke gehen soll, wie der 
Mensch oder andere Thiere bei „Schöpfung" irgend eines Kunstwerks, 
wie z. B. eine Wespe beim Bau ihres kunstvollen Nestes, oder wie 
der Schneidervogel beim Zusammennähen der Blätter, oder wie der 
Mensch beim Bauen eines Hauses, beim Modelliren einer Statue. Wie 
alle diese Thiere hierbei nach einem vorhergehenden Entwürfe ihren 
Bau construiren, so soll auch die Schöpferkraft oder der persönliche 
Schöpfer nach einem bestimmten Bauplan die Organismen zweckmässig 
construiren, und wenn seine Schöpfungsthätigkeit sich auf die Er- 
schaffung jener wenigen einfachsten Urwesen beschränkt, aus denen 
sich die anderen hervorgebildet haben, so hat er jedem dieser Urwesen 
die bestimmten Bewegungserscheinungen verliehen, welche man als 
sein „Leben" bezeichnet. In allen diesen teleologischen Vorstellungen, 
und gleicherweise in sämmtlichen Schöpfungsgeschichten, welche die 
dichterische Phantasie der Menschen producirt hat, liegt der grobe 
Anthropomorphismus ') so auf der Hand, dass wir der Einsicht jedes 



') Wie durchgreifend diesen Schöpfuugs- Ansichten überall die Vorstellung 
des thierischen und insbesondere des menschlichen freiwilligen Handelns nach 
einem bestimmten (natürlich causal bedingten) Willens-Impulse zu Grande liegt, 
beweisen schon die allgemein gebräuchlichen Ausdrücke „des Bauplans, der zweck- 
mässigen Einrichtung, des künstlichen Baues u. s. w." Offenbar wird hier stets 
das zu schaffende oder erschaffene „Geschöpf ' als das Product eines vorbe- 
dachten Planes betrachtet, welchen der „Schöpfer" in ganz gleicher Weise ent- 
worfen, modificirt und ausgeführt hat, wie der Mensch bei Construction seiner 
zweckmässigen Maschinen und andere YVirbelthiere bei Ausführung ihrer oft 
äusserst künstlichen und zweckmässigen Nester, Bauten etc. thuen. Der Anthropo- 
morphismus oder, allgemeiner gesagt: Zoomorphismus, welcher hier zur Vor- 
stellung des persönlichen oder individuellen Schöpfers führt , ist um so selt- 
samer und auffallender, als dieser Schöpfer dabei zugleich als immaterielles 
Wesen oder Geist gedacht wird, also im Grunde, wie Reil in der so eben ci- 
tirten Stelle treffend ausführt, als ein gasförmiger oder elastisch-flüssiger Körper, 
oder als ein Individuum, welches aus der feineren Materie des schwerelosen oder 
unwägbaren Aethers (dem Wärmestoff zwischen den Atomeu und Molekülen der 
Materie) besteht. Einerseits also- wird der die Materie modelnde und formende 
Schöpfer nach Art des Menschen oder eines anderen höheren VVirbelthieres 
denkend und planausführend, mithin als ein willkührlich bewegliches und mit 



174 Schöpfung und Selbstzeugung. 

überhaupt denkenden und nicht allzusehr in traditionellen Vorurtheilen 
befangenen Lesers die Vernichtung dieser Schöprangs- Vorstellung selbst 
überlassen können. Denjenigen Morphologen aber, welche nicht durch 
eigenes Nachdenken zu dieser Erkenntniss gelangen können, empfehlen 
wir zu aufmerksamer Lectüre den merkwürdigen „Essay on Classifica- 
tion'- des geistvollen Agassiz, in welchem dieser berühmte Natur- 
forscher die teleologische Vorstellung des Schöpfers und der Schöpfungs- 
Akte dadurch in glänzendster Weise widerlegt, dass er sie bis auf 
ihre extremen Consequenzen verfolgt und ihre unlöslichen Widersprüche 
überall lichtvoll an den Tag fördert. 

Eine Schöpfung der Organismen ist mithin theils ganz undenkbar, 
theils aller empirisch erworbenen Naturkenntniss so vollständig zuwider 
laufend, dass wir uns zu dieser Hypothese auf keinen Fall entschliessen 
dürfen. Es bleibt mithin nichts übrig, als eine spontane Entstehung 
der einfachsten Organismen, aus denen sich alle vollkommneren durch 
allmählige Umbildung entwickelten, anzunehmen, eine Selbstformung 
oder Selbstgestaltung der Materie zum Organismus, welche gewöhnlich 
Urzeugung oder Generatio spontanea (aequivoca) genannt wird. 

III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 

Die ursprüngliche mechanische Entstehung oder die elternlose 
Zeugung der einfachsten structurlosen Organismen, welche wir im 
folgenden Abschnitt als Selbstzeugung oder Autogonie näher betrachten 
werden, ist nicht oder nur theilweis identisch mit den verschiedenen 
Arten der freiwilligen oder Urzeugung, welche unter dem Namen der 
Generatio spontanea, aequivoca, heterogeuea, originaria, automatica, 
primitiva, primigenia, primaria etc. seit so langer Zeit und mit so viel 
Interesse discutirt worden sind. Die Vorstellungen der verschiedenen 
Naturforscher über jene Urzeugung sind im Allgemeinen sehr ver- 
schieden, stimmen aber doch alle darin überein, dass durch jenen 
Process lebendige Wesen aus der nicht belebten (sogenannten „todten") 
Materie, durch deren innewohnende, ureigene Kraft, ohne Dazwischen- 
treten einer ausserhalb der Materie stehenden Schöpferkraft, hervor- 



Organen handelndes Wirbelthier, vorgestellt, andererseits als ein gasförmiger, 
also organloser Körper (daher auch die Ausdrücke; Spiritus, Pneuma, Hauch 
des Schöpfers, Blasen and Wehen seines Odems etc.). Wir gelangen somit zu 
der paradoxen Vorstellung eines gasförmigen Wirbelthieres, einer (Jontradictio in 
adjecto. Im Ganzen gilt VOD diesen wie von den meisten ähnlichen anthropo- 
morphen Vorstellungen der schöpferischen Persönlichkeit das Umgekehrte von 
dem, was die Priester sagen: ,,Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde." 
Es müsste vielmehr beissen; „Der Mensch schafft Gott nach seinem Bilde;" oder 
wie es der Dichter in dem bekannten Spruche ausdrückt: „In seinen Göttern 
malet sich der Mensch!" 



III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 175 

gehen sollen. In diesem Sinne also können wir alle diese verschiede- 
nen Vorstellungen zusammen als Hypothesen von der Urzeugung 
(Generatio spontanea) den so eben widerlegten Hypothesen von der 
Schöpfung (Creatio) gegenüberstellen. 

Wie nun alle die mannichfaltigen Schöpfungs -Hypothesen sich in 
drei verschiedene Gruppen bringen Hessen, die sich mehr oder weniger 
von der wissenschaftlichen Erkenntniss entfernen, so können wir auch 
die vielfältigen Urzeugungs- Hypothesen in drei verschiedene Gruppen 
bringen, welche sich mehr oder weniger der wissenschaftlichen Er- 
kenntniss nähern, und von denen wir nur eine einzige als die für uns 
unentbehrliche Hypothese auswählen können. 

Nach der einen Gruppe der Hypothesen sind von jeder Organismen- 
Art oder Species zu einer gewissen Zeit oder zu verschiedenen Zeiten 
der Erdgeschichte eines oder mehrere Individuen spontan entstanden, 
als deren durch unmittelbare Fortpflanzung entstandene Nachkommen 
wir alle übrigen Individuen derselben „Species" anzusehen hätten, 
welche zu irgend einer Zeit der Erdgeschichte gelebt haben oder 
welche noch jetzt leben. Danach wären also z. B. alle einzelneu In- 
dividuen des Weinstocks, des Sperlings, des Menschen, welche jemals 
existirt haben, die unmittelbaren Nachkommen eines einzigen oder einer 
gewissen Zahl von Individuen des Weinstocks, des Sperlings, des Men- 
schen , welche entweder einmal (zu einer bestimmten Zeit) oder zu 
wiederholten Malen spontan entstanden sind. Diese Hypothesen-Gruppe 
(bei der es uns hier gleichgültig ist, ob diese Entstehung nur einmal 
stattfand oder sich mehrmals wiederholte, ob dabei nur ein oder zwei 
oder mehrere Individuen entstanden, ob diese ersten Individuen als 
Eier oder als Erwachsene entstanden etc.) schliesst sich am nächsten 
an die vorher erwähnte, am weitesten verbreitete Schöpfungs-Vorstel- 
lung an, nach welcher von jeder Art ein Stammvater oder mehrere 
Ureltern geschaffen wurden; sie unterscheidet sich von jener Hypothese 
nur dadurch, dass an die Stelle des schöpferischen Planes oder Wil- 
lens die blinde Kraft der „todten" Materie tritt. Sie bedarf, wie jene, 
schon desshalb keiner Widerlegung, weil sie auf dem grundfalschen 
Dogma von der Constanz der Species fusst. Aber auch abgesehen 
hiervon, widerspricht die Vorstellung, dass so hoch organisirte und so ver- 
wickelt gebaute Organismen, wie es die höheren Thiere und Pflanzen 
sind, blos durch die Kraft nicht organisirter Materie unmittelbar ent- 
stehen können, so sehr den einfachsten Erkenntnissen und den be- 
kanntesten Thatsacken, dass sich diese Hypothese niemals eine allge- 
meinere Anerkennung hat erringen können. 

Die zweite Gruppe der Urzeugungs -Hypothesen behauptet, dass 
aus vorhandener organischer Substanz, lediglich durch die organisirende 
Kraft derselben, niedere Organismen, Thier- und Pflanzen-Formen von 



^76 Schöpfung und Selbstzeugung. 

sehr einfacher Organisation, entstehen können. Hierher gehört die 
grosse Mehrzahl aller Vorstellungen, welche sich die Naturforscher der 
verschiedensten Zeiten über die Urzeugung gebildet haben. Schon 
Aristoteles behauptete, dass aus warmem Schlamme oder faulenden 
vegetabilischen Substanzen niedere Thiere (Würmer, Insecten etc.) ent- 
stünden. Als man später mit dem Mikroskop die Fülle von kleinen, 
dem blossen Auge unsichtbaren Organismen entdeckte, welche alle Ge- 
wässer bevölkern, nahm man für einen grossen Theil dieser kleinen 
Pflanzen und Thiere eine selbstständige Entstehung aus der zersetz- 
ten organischen Substanz an, welche von abgestorbenen Organismen 
geliefert wird und in allen Gewässern verbreitet ist. Diese Vorstellung 
von der Generatio aequivoca wurde um so mehr befestigt und ver- 
breitet, als man bald entdeckte, dass in allen Flüssigkeiten, welche 
durch Uebergiessung (Infusion) organischer Substanzen mit Wasser 
bereitet werden, derartige niedere Thiere und Pflanzen gleichzeitig mit 
deren Zersetzung massenhaft entstehen (Infusorien, Rotatorieu, An- 
guillulen, Pilze, Algen, vielerlei Protisten). Vorzüglich wurde diese 
Generatio aequivoca für die Eingeweidewürmer und andere Organis- 
men angenommen, deren Entstehung an ihrem abgeschlossenen Wohn- 
orte auf dem Wege der gewöhnlichen Zeugung mau sich nicht erklären 
konnte. Als nun später die verwickelten und oft unter Wanderungen 
u. dgl. so versteckten Fortpflanzungsverhältnisse dieser Organismen 
entdeckt wurden, trat ein allgemeiner Rückschlag ein, indem man nun 
hieraus die homogene Fortpflanzung für alle Organismen deducirte 
und die Urzeugung für alle Organismen ohne Ausnahme bestritt. Die- 
ser Satz wurde so dogmatisch verallgemeinert, dass der „Glaube an 
die Generatio aequivoca" in den letzten Decennien fast allgemein für 
ein Kriterium einer unwissenschaftlichen biologischen Richtung galt. 
Wie einseitig dieser Rückschlag sich entwickelte, zeigen am deutlich- 
sten die lebhaften Streitigkeiten, welche in den letzten Jahren wiederum 
im Schoosse der französischen Akademie geführt wurden, und in denen 
Pouch et für, Pasteur gegen die Generatio aequivoca eintrat. 

Für die uns hier beschäftigende Frage von der ersten Entstehung 
der organischen Wesen bat diese Form der sogenannten Generatio 
aequivoca, bei welcher sich gewisse niedere Organismen aus vorhan- 
dener organischer Substanz entwickeln, die von zersetzten Organis- 
men herrührt, gar kein Interesse oder doch nur einen ganz unterge- 
ordneten Werth. 1 ) Denn das Vorhandensein dieser organischen Sub- 



') Als unsere rein subjeetive Ueberzeugung in dieser Frage wollen wir nur 
aussprechen, dass die Urzeugung oder (Jeueratio aequivoca in diesem Sinne, wie 
sie von den aüermeisten Naturforschern verstanden wird, uus durch alle bis- 
herigen Untersuchungen, durch alle die zahlreichen Beobachtungen und Experi- 
mente, keinesfalls widerlegt, aber auch uueh nicht bewiesen erscheint. Wir 



III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 177 

stanzen, aus denen sich spontan Organismen entwickeln sollen, setzt 
bereits die Existenz anderer (abgestorbener) Organismen voraus und 
erklärt uns also nicht die erste spontane Entstehung lebender Wesen. 
Abgesehen hiervon aber ist die Art und Weise, in welcher diese Frage 
von den meisten Autoren, sowohl Gegnern als Anhängern der Ur- 
zeugung discutirt worden ist, eine so unwissenschaftliche, dass wir hier 
ganz darüber hinweg gehen können. 

Wenn wir noch beiläufig einen flüchtigen Blick auf die Art und Weise 
werfen, in welcher diese Generatio aequivoca von zahlreichen Naturforschern 
untersucht und discutirt worden ist, so tritt uns hier, wie immer am deut- 
lichsten in solchen allgemeinen Fragen, äusserst auffallend der grosse Mangel 
einer streng philosophischen Methode entgegen, welchen wir oben eingehend 
gerügt haben. Der Mangel an allgemeiner Uebersicht des Naturganzen und 
an philosophischer Erfassung desselben, die daraus hervorgehende Plan- 
losigkeit und verkehrte Fragestellung an die Natur, die Inconsequenz der 
Uutersuchungsmethoden und die Fehlerhaftigkeit der Schlüsse — alle diese 
Grundfehler einer falschen oder doch einer unvollkommenen Methode der 
Naturerkenntniss treten hier, nur oberflächlich verdeckt durch eine schein- 
bar vollkommen „exacte" Experimentalmethode, in so auflallendem Maasse 
hervor, dass es uns nicht Wunder nimmt, wenn hier noch gar kein Resultat, 
keine positive und keine negative Entscheidung, erreicht ist. 

Was die experimentelle Begründung oder Widerlegung dieser Generatio 
aequivoca betrifft, auf welche die „exacte" - ' Schule der Neuzeit so grossen 
Werth legt, so müssen wir in erster Liuie hervorheben, dass eine positive 
Widerlegung dieser Frage dadurch bisher nicht herbeigeführt, aber auch 
gar nicht möglich ist. Denn was beweisen alle diese vielfachen und 
wegen ihrer raffinirten Complication zum Theil so bewunderten Experimente 
(z. B. von Pasteur und seinen Genossen) Anderes, als dass unter diesen 
oder jenen, äusserst complicirten, künstlichen und unnatürlichen Bedingungen 
eine mit Flüssigkeit infundirte organische Substanz keine Organismen ge- 
liefert hat? Kann dies irgend etwas Anderes beweisen, und was ist mit 
diesem Beweise erreicht? Unserer Ansicht nach gar Nichts! Und wenn 
man diese künstlichen Experimente vertausendfachte, wenn man wirklich 
Bedingungen herstellte, die den in der freien Natur vorkommenden ähnlicher 
wären, und wenn hier bei Anwendung aller Vorsichtsmassregeln niemals 
Organismen in der Infusion entständen , so würde damit eben immer nur 
der Beweis geliefert sein, dass unter diesen oder jenen ganz bestimmten 
Bedingungen keine Organismen in einer solchen Infusion entstehen. Nie- 



halten dieselbe als noch jetzt existireud für möglich und wahrscheinlich, jedoch 
nur in dein ganz beschränkten Sinne, dass aus solcher nicht orgauisirten und 
homogenen organischen Substaüz (die aus Zersetzung anderer Organismen her- 
vorgegangen ist) sich zunächst nur ganz einfache homogene Organismen oder 
Moneren (Vibrionen, Protamoeben etc.) bilden können. Es würde diese Form 
der Urzeugung sich schon unmittelbar an diejenige anschliessen, welche wir als 
Autogonie sogleich besprechen werden. 

Haeckel, Generelle Morphologie. 12 



178 Schöpfung und Selbstzeugung. 

mals aber wird dadurch der Beweis geliefert werden, dass eine solche Ge- 
neratio aequivoca unter keinen Bedingungen in der freien Natur möglich 
sei. Niemals wird sich dieselbe in dieser Weise experimentell widerlegen 
lassen. 

Auf der anderen Seite müssen wir bemerken, dass uns durch die bis- 
herigen Experimente allerdings auch der positive Beweis für diese Art der 
Urzeugung nicht geliefert zu sein scheint, und dass dieser überhaupt sehr 
schwer zu liefern sein wird. Denn es wird sehr schwer sein, diese Experi- 
mente so vollkommen rein anzustellen, als es die positive Beantwortung 
dieser Frage erfordern würde. Wir wissen positiv, dass überall Keime or- 
ganischer Wesen zerstreut sind (theils eingetrocknete Leiber entwickelter 
Individuen, z. B. von Infusorien, Räderthierchen, vielen Protisten und nie- 
deren Algen und Pilzen, theils Eier und Embryonen solcher Organismen), 
die, in Berührung mit Flüssigkeit gebracht, alsbald wieder zum Leben 
erwachen; wir wissen, dass jeder Windstoss Tausende solcher leichter 
Keime aus den austrocknenden Gewässern aufhebt, und überall mit sich 
herumführt; wir wissen, dass der Schmutz unserer Strassen, der Staub 
unserer Zimmer massenhaft solche Keime einschliesst und einschliessen 
niuss, wir wissen, dass viele dieser Keime sowohl hohen Temperaturgraden, 
als auch zersetzenden Flüssigkeiten sehr lange Widerstand leisten, ohne 
ihre Lebensfähigkeit zu verlieren, und es wird äusserst schwer sein, auch 
bei sorgfältigster Handhabung der Instrumente, jedwede Verunreinigung 
mit diesen äusserst leichten, feinen und mikroskopisch kleinen Keimen voll- 
ständig auszuschliessen, so vollständig, dass bei einem positiven Erfolge 
des Experiments jeder Zweifel an der absoluten Reinheit der Bedingungen 
verstummen muss. 

Weiterhin werden gewöhnlich als solche Organismen, welche in der- 
gleichen Infusionen entstehen, ganz kritiklos unter einander sehr einfache 
und sehr complicirt gebaute Organismen genannt, z. B. Vibrionen, Monadeu, 
Rhizopoden, Diatomeeu, einzellige Algen, niedere Pilze, höhere Algen und 
Pilze, Würmer, Räderthierchen etc. Nun ist es aber klar, dass nur die 
Entstehung höchst einfacher und nicht hoch diü'erenzirter Organismen auf 
diesem Wege denkbar ist und dass nur die geringe, mikroskopische Grösse, 
welche allen diesen, sonst so verschieden differenzirten „Inlüsions tt -Organis- 
nien gemein ist, zu einer collectiven Zusammenfassung derselben verleitet 
hat. Wollte man hier scharf und klar sehen, so müsste man die einzelnen 
Organismen aus so verschiedenen Klassen und Organisationshöhen, welche 
:nil' diese Weise entstehen, alle einzeln hinsichtlich ihrer Existenz- und 
Entstehungs-Bedingungen untersuchen, und würde dann linden, dass mir 
von den allerniedrigsten und einfachsten Organismen, entweder von den 
ganz homogenen und structurlosen Moneren (Vibrionen, Protamoeben etc.) 
oder doch höchstens von solchen, deren Körper noch nicht die Höhe einer 
differenzirten Zelle erreicht hat, eine solche spontane Entstehung zu erwar- 
ten ist. 

Endlich aber, und dies ist hier vor Allem hervorzuheben, ist mit Con- 
statirung der Thatsache wenig gewonnen, dass sich niedere Organismen 
aus solchen organischen Substauzeu entwickeln, welche vou anderen, schon 



III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 179 

ciagewesenen Organismen herrühren. Hierdurch kann niemals die erste 
Entstehung des Lebens auf der Erde erklärt werden. Die erste spontane 
Entstehung jener einfachsten, homogenen Urwesen, aus denen sich alle 
übrigen durch Differenzirung und natürliche Züchtung allmählig entwickelt 
haben, lässt sich vielmehr einzig und allein durch eine dritte und letzte 
Urzeugungshypothese erklären, welche den unmittelbaren Uebergang anorga- 
nischer Substanz in individualisirte organische Substanz behauptet, ein Pro- 
cess, der der Krystallisation der Anorgane durchaus analog ist. Diese Ur- 
zeugung, welche also von der gewöhnlich angenommenen Generatio aequi- 
voca wesentlich verschieden ist, wollen wir als Selbstzeugung oder Autogouie 
hier besonders in Erwägung ziehen. 

IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 

Die Hypothese der Selbstzeugung oder Autogonie fordert, dass 
die äusserst einfachen und vollkommen homogenen, structurlosen Or- 
ganismen (Moneren), welche wir als die Stammformen aller übrigen, 
durch Differenzirung- daraus hervorgegangenen zu betrachten haben, 
unmittelbar aus dem Zusammentritt von Stoffen der anorganischen Na- 
tur in ähnlicher Weise sich in einer Flüssigkeit gebildet haben, wie es 
bei der Bildung von Krystallen in der Mutterlauge der Fall ist. 

Von den so eben betrachteten Formen der Urzeugung oder 
Generatio aequivoca (spontanea etc.) wie sie gewöhnlich vorgestellt 
und besprochen werden, unterscheidet sich unsere Selbstzeugung oder 
Autogonie wesentlich dadurch, dass dort organische Materien (compli- 
cirtere Kohlenstoff -Verbindungen), welche von zersetzten Organismen 
herrühren, hier dagegen nur sogenannte anorganische Materien (d. h. 
einfachere Verbindungen) vorausgesetzt werden, aus denen sich zu- 
nächst verwickeitere Kohlenstoff -Verbindungen, und hieraus unmittel- 
bar organische Individuen einfachster Art (Moneren) hervorbildeten. 
Uns erscheint diese Annahme für das Verständniss der gesammten 
organischen Natur vollkommen unentbehrlich, weil sie die einzige 
grosse Lücke ausfüllt, welche bisher in der gesammten Entwickelungs- 
geschichte der Erde und ihrer Bewohner bisher noch bestanden hat. 
Wir müssen diese Hypothese als die unmittelbare Consequenz und als 
die nothwendigste Ergänzung der allgemein angenommenen Erdbil- 
dungs-Theorie von Kant und Laplace hinstellen, und finden hierzu in 
der Gesammtheit der Naturerscheinungen eine so zwingende logische 
Notwendigkeit, dass wir desshalb diese Deduction, die Vielen sehr 
gewagt erscheinen wird, als unabweisbar bezeichnen müssen. 

Bekanntlich behauptet die Erdbildungs- Theorie, welche zuerst Kant 
in seiner „allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" auf- 
stellte, und welche später (unabhängig von Kant) Laplace in seiner 
„Exposition du systöme du nionde" ausführlich begründete, dass unser ge- 

12* 



180 Schöpfung und Selbstzeuguug. 

samflater Erdkörper iu früherer Zeit vermöge eines sehr hohen Hitzegrades 
sich in gasförmigem Aggregatzustande befunden halte, und dass dann dieser 
ungeheure Gasball, in Folge allmähliger Abkühlung, in den feurig-flüssigen 
Zustand übergegangen sei. Durch weitere Abgabe beträchtlicher Wärme- 
massen an den kalten Weltraum erkaltete der feurig-flüssige Ball, welcher 
durch beständige Rotation um seine Axe die Sphaeroid - Form annahm, 
immer mehr und es ging zuletzt die Rinde desselben aus dem flüssigen in 
den festen Aggregatzustand über, während der von dieser Rinde umschlos- 
sene Kern in geschmolzenem Zustande im Innern zurückblieb. Erst nach- 
dem die Rinde der Erde sich bis zu einem solchen Grade abgekühlt hatte, 
dass der in der Atmosphäre ringsum suspendirte Wasserdampf sich in 
tropfbar-flüssiger Form niederschlagen konnte, wurde die Erdrinde bewohn- 
bar, wurde es möglich, dass belebte Naturkörper auf derselben auftraten, 
wurde es möglich, dass Leben entstand. 

Diese Theorie der Erdbildung, welche von Kant und Laplace auf 
die einfachsten Gesetze der Anziehung und Abstossung der Materie zurück- 
geführt und dadurch ebenso fest als einfach causal begründet wurde, stimmt 
mit allen unseren empirischen Kenntnissen, allen Erfahrungen vom Bau und 
von der Entwickelung der Erde so vollständig überein, dass sie von allen 
Naturforschern ausnahmslos angenommen ist. Nun folgt aber hieraus un- 
mittelbar als die erste, notwendigste und für uns wichtigste Consequenz, 
dass das Leben auf der Erde zu irgend einer Zeit einen Anfang 
hatte, oder dass, mit anderen Worten, in irgend einem Zeitpunkt zum 
ersten Male anorganische Substanz in organische überging und sich zugleich 
in Form von Organismen individualisirte. Diese Folgerung, welche wir hier 
als die unentbehrliche Hypothese von der Autogonie oder Selbst- 
zeugung näher formuliren und begründen wollen, erscheint uns so unab- 
weisbar nothwendig, dass wir dieselbe unbedingt annehmen müssen und 
uns zunächst nur zu verständigen haben werden über die mögliche Art 
und Weise dieses Processes und über die Natur der daraus hervorgegange- 
nen Organismen, über welche directe Erfahrungskenntnisse uns nicht zu 
Gebote stehen. 

Hier kommen wir nun zurück auf die wichtigen allgemeinen Resultate 
des vorhergehenden Kapitels, in welchem wir zu zeigen versucht haben, 
dass die Differenz zwischen den Organismen und den Anorganen nicht so 
gross, und vor Allem nicht so absolut ist, wie dies gewöhnlich hingestellt 
wird. Wie dort nachgewiesen wurde, unterscheiden sich die vollkommensten 
anorganischen Individuen, die Krystalle, von den unvollkommensten orga- 
nischen Individuen, den Moneren, wesentlich hinsichtlich ihrer stofflichen 
Zusammensetzung dadurch, dass die Atome der Elemente dort vorwiegend 
zu einfacheren („binären"), hier dagegen durch Einwirkung des Kohlen- 
stoffs zu sehr complicirten und leicht zersetzbaren Verbindungen vereinigt 
auftreten; und dass der Aggregatzustand der Materie dort ein fester, hier 
ein lestflüssiger ist. Hieraus folgt dann unmittelbar, dass der Krystall Hin- 
durch Apposition von aussen wachsen, und also auch nur äusserlich sich 
anpassen und verändern kann, während das Moner durch Iutussusception 
nach innen hinein wachsen, und also auch innerlich sicli anpassen uud ver- 



IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 181 

ändern kann. Zugleich folgt aus der complicirteren atomistisehen Zusam- 
mensetzung und der Imbibitidnsfähigkeit auch der einfachsten organischen 
Individuen, dass ihre Theilchen beständig ihre gegenseitige Lage ändern 
können, was bei dem festen Krystall nicht möglich ist, und dass, wenn das 
organische Individuum über ein bestimmtes individuelles Maass hinaus ge- 
wachsen ist, es sich in zwei Individuen theilen, sich fortpflanzen kann, was 
bei dem festen Krystall ebenfalls nicht möglich ist. 

Zweifelsohne haben wir uns also den Akt der Autogonie, der ersten 
spontanen Entstehung einfachster Organismen ganz ähnlich zu denken, wie 
den Akt der Kiystallisation. In einer Flüssigkeit, welche die den Organis- 
mus zusammensetzenden chemischen Elemente gelöst enthält, bilden sich in 
Folge bestimmter Bewegungen der verschiedenen Moleküle gegen einander 
bestimmte Anziehungsmittelpunkte, in denen Atome der organogenen Ele- 
mente (Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff) in so innige Berüh- 
rung mit einander treten, dass sie sich zur Bildung coinplexer, „ternärer 
und quaterhärer" Moleküle vereinigen. Diese erste organische Atomgruppe, 
vielleicht ein Eiweiss-Molekül, wirkt nun, gleich dem analogen Kernkrystall, 
anziehend auf die gleichartigen Atome, welche in der umgebenden Mutter- 
lauge gelöst sind, und welche nun gleichfalls zur Bildung gleicher Moleküle 
zusammentreten. Hierdurch wächst das Eiweisskörnchen, und gestaltet sich 
zu einem homogenen organischen Individuum, einem structurlosen Moner 
oder Plasmaklumpen (einem isolirten Gymnocytoden) , gleich einer Prota- 
moeba etc. Dieses Moner neigt, vermöge der leichten Zersetzbarkeit sei- 
ner Substanz, beständig zur Auflösung seiner eben erst consolidirten Indi- 
vidualität hin, vermag aber, indem die beständig überwiegende Aufnahme 
neuer Substanz vermöge der Imbibition (Ernährung) das Uebergewicht über 
die Zersetzungsneigung gewinnt, durch Stoffwechsel sich am Leben zu er- 
halten. Das homogene organische Individuum oder Moner wächst nur so 
lange durch Intussusceptiou, bis die Attractionskraft des Centrums nicht 
mehr ausreicht, die ganze Masse zusammen zu halten. Es bilden sich, in 
Folge der überwiegenden Divergenzbewegungen der Moleküle nach ver- 
schiedenen Richtungen hin, nun in dem homogenen Plasma zwei oder meh- 
rere neue Anziehungsmittelpuncte, die nun ihrerseits anziehend auf die in- 
dividuelle Substanz des einfachen Moneres wirken, und dadurch seine Thei- 
lung, seinen Zerfall in zwei oder mehrere Stücke herbeiführen (Fortpflanzung). 
Jedes Theilstück rundet sich alsbald wieder zu einem selbstständigen 
Eiweissindividuum oder Plasmaklumpen ab und es beginnt nun das ewige 
Spiel der Anziehung und Abstossung der Moleküle von Neuem, welches 
die Erscheinungen des Stoffwechsels oder der Ernährung und der Fort- 
pflanzung vermittelt. 

Wir haben hier absichtlich den denkbar einfachsten Fall der Autogonie 
eines Moneres hingestellt, welcher der Krystallisation eines Anorganes offen- 
bar am nächsten steht; denn in beiden Fällen führen zur Bildung des in 
sich homogenen individuellen Naturkörpers molekulare Bewegungen inner- 
halb einer Flüssigkeit (organisches „Cytoblastem", anorganische „Mutter- 
lauge"), welche die zur Bildung des Individuums unentbehrlichen Stoffe gelöst 
enthält. In beiden Fällen entsteht, in Folge des Ueberwiegens bestimmter 



182 Schöpfung und Selbstzeugung. 

Molekularbewegungen (Anziehungen und Abstossungeu) über die anderen, 
in der Bildungsflüssigkeit ein Anziehungsmittelpimkt (erstes Plasmaklünip- 
chen, erster Krvstallkeru), welcher nun einfach anziehend auf die in der 
umgebenden Flüssigkeit gelösten gleichartigen Stoffe wirkt, und dieselben 
sowohl nöthigt, zu den complexen Molekülen zusammenzutreten , als auch 
den flüssigen Aggregatzustand zu verlassen. Hier nun tritt erst die Diffe- 
renz des organischen und des anorganischen Individuums hervor, indem das 
erstere blos in den festflüssigen Zustand übergeht, und dadurch die Imbi- 
bitionsfähigkeit und die damit verbundene Beweglichkeit der Moleküle erhält, 
welche die Erscheinungen der Ernährung und Fortpflanzung ermöglicht, 
wogegen das anorganische Individuum in den festen Zustand übergeht, und 
nunmehr blos noch äusserlich sich verändern, durch Apposition von aussen 
wachsen kann. 

Fragen wir nun, wie wohl die ersten und denkbar einfachsten Orga- 
nismen beschaffen gewesen sein mögen, welche zuerst auf unserer erkalteten 
Erdrinde in dem eben erst aus der heissen Dampf- Atmosphäre durch die 
fortschreitende Abkühlung niedergeschlagenen Urmeere sich gebildet haben, 
so können wir uns keine einfacheren organischen Individuen denken, als es 
die eben beschriebenen Moneren sind, vollkommen homogene Plasmaklum- 
pen, welche noch keine bestimmte Form besitzen, deren ganzer Körper 
nach allen Richtungen hin, vermöge der Bewegungen seiner leicht verschieb- 
baren Moleküle, seine äusseren Umrisse wechseln und formlose Fortsätze 
(Pseudopodien) ausstrecken kann, welche seine Ortsbeweguug und Theilung 
vermitteln. 

Die Annahme der ersten spontanen Entstehung eines Organismus in 
einer Bildungsflüssigkeit konnte früherhin nur so lange als undenkbar oder 
doch nur sehr schwer denkbar bezeichnet werden, als man solche einfache 
structurlose Organismen oder Moneren, wie die eben geschilderten sind, 
nicht kannte. Gegenwärtig kennen wir die Existenz dieser vollkommen 
homogenen und structurlosen Organismen, einfacher individualisirter Eiweiss- 
kluinpen, durch die Beobachtung. Wir kennen die durchaus homogene 
Protamoeba, einen formlosen gleichartigen Plasmaklumpen ohne alle 
Differenzirung, welcher kurze, stumpfe, nicht verschmelzende Fortsätze 
(Pseudopodien) aus seiner eiweissartigen Körpermasse vorstreckt und sich 
damit bewegt, und welcher sich, wenn er eine bestimmte Grösse durch Wachs- 
thuin erreicht hat, durch Theilung vermehrt. Wir kennen den viel grösseren 
Protogenes pritnordialie und den Proktogenes porrecfus (Amoeba 
porrecta, Schnitze), rhizopodenartige formlose Organismen, deren ganzer 
Körper ebenfalls eine durchaus homogene Eiweissmasse repräsentirt, deren 
Peripherie in zahlreiche feine verschmelzende Fäden ausstrahlt, und die 
sich ebenfalls durch Theilung vermehren. Wir keimen lerner den äusserst 
wichtigen Rhizopoden-Stamm, die Klassen der Acyttarien und Radiolarieu, 
bei denen ein gleicher, einfacher, vollkommen structurloser Körper im 
Stande ist, durch Ausscheidung von kohlensaurem Kalk und von Kieselerde 
die inannichfaltigsten, coinplicirtesteu uud zierlichsten SkcletbUdungen zu 
Stande zu bringen. Wir kennen endlich die Amoeben, einfache Protoplasten, 
welche sich nur durch den Besitz eines Kernes und einer contractilen Blase 



IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 183 

von den ganz homogenen Protamoeben unterscheiden ; und in den Arcelliden 
haben wir Ainoeben, welche trotz dieser Einfachheit im Stande sind, sich 
eine complicirte Schale zu bilden. Sobald in diesen homogenen Plasma- 
klumpen, wie sie als Moneren isolirt leben, ein Kern auftritt, so ist aus 
der Cytode eine Zelle geworden, und wir werden dadurch in das weite 
Gebiet der zahlreichen einzelligen Organismen hinübergeführt, von denen aus 
nun die Entwickelung der complicirteren mehrzelligen Organismen auf dem 
Wege der Differenzirung und der natürlichen Züchtung keine Schwierigkeit 
mehr hat. 

Nach unserer Ansicht muss nothwendig der erste Ursprung, die 
spontan entstandene Stammform aller Organismen, welche jemals die 
Erde belebt haben und welche sie noch jetzt beleben, in solchen ein- 
fachsten Moneren gesucht werden, formlosen lebenden Eiweissklumpen 
von durchaus gleichartiger, homogener Beschaffenheit, gleich den Prot- 
amoeben und Protogeniden, aus denen sich erst später Zellen 
durch Differenzirung von innerem Kern und äusserem Plasma entwickelt 
haben. Wie wir uns aus einem solchen ganz einfachen imbibi- 
tionsfähigen Eiweissklümpchen durch Differenzirung von Kern und 
Plasma und späterhin auch von Membran zunächst eine Urzelle, dann 
eine Hautzelle hervorgehend denken können, hat bereits Schwann so 
trefflich gezeigt, dass wir hier einfach auf seine allbekannte Theorie 
von der spontanen Zellenbildung innerhalb des Cytoblastems verweisen 
können. 

Wir nehmen also an, dass die ältesten, spontan entstandenen Or- 
ganismen, aus denen sich alle übrigen im Laufe der Zeit durch Diffe- 
renzirung und natürliche Züchtung im Kampfe um das Dasein ent- 
wickelt haben (gleich viel, ob es eins oder mehrere oder viele waren), 
solche vollkommen homogene, structurlose, formlose Eiweissklumpen 
oder Moneren, gleich einer Protamoeba waren, welche aus dem 
Urmeere durch Zusammenwirken rein physikalischer und chemischer 
Bedingungen, durch molekulare Bewegungen der Materie in ganz 
gleicher Weise entstanden, wie der Kry stall in seiner Mutterlauge ent- 
steht. Rein physikalisch-chemische Ursachen mussten die Bildung einer 
quaternären Kohlenstoffverbindung , durch den Zusammentritt von 
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff (vielleicht auch noch 
Schwefel) bewirken, und diese Verbindung (welche wir aller Analogie 
nach als einen Eiweisskörper betrachten müssen) musste sich individua- 
lisiren, indem die Cohäsion ihrer imbibitionsfähigen Substanz nur bis 
zu einer gewissen Grenze das Wachsthum durch Assimilation gleicher 
Substanz (Ernährung) gestattete; sobald diese Grenze überschritten 
wurde, bildeten' sich in dem durch ein Attractionscentrum zusammen 
gehaltenen Individuum zwei oder mehrere Attractionscentra, welche 
nun die Ursache zum Zerfall des einen Individuums in mehrere, zu- 
Fortpflanzung wurden. Indem der Erblichkeit des Wesens, welche 



Ig4 Schöpfung und Selbstzeugung. 

durch diese immittelbare Continuität der Materie von elterlichem und 
kindlichem Urorganismus bedingt wurde, andererseits die Einwirkung 
der äusseren Umgebung als Anpassung entgegen wirkte, indem das 
Mouer im Laufe von Generationen sich demgemäss wirklich anpasste 
und differenzirte (z. B. eine festere Hülle ausschied, im Innern sich 
als Kern cousolidirte etc.), wurde es entwickelungsfähig. Nachdem 
erst einmal durch Differenzirung von Plasma und Kern aus dem Moner, 
aus dem homogenen Oytoden, eine Zelle geworden, war damit zugleich 
die Möglichkeit der organischen Entwickelung zu den unendlich 
mannichfaltigen Formen gegeben, von denen uns die empirische Beob- 
achtung noch jetzt handgreiflich zeigt, wie sie aus dem einzelligen 
Anfangszustande der allermeisten organischen Individuen im Laufe 
ihrer embryologischen Entwickelung in verhältnissmässig kurzer Zeit 
hervorgehen. 

Wir nehmen mithin ferner an, dass zellige Organismen, sowohl 
einzellige als mehrzellige, nicht spontan, durch Autogonie, entstanden, 
sondern vielmehr erst später, durch Differenzirung von Plasma und 
Kern, aus den wirklich autogonen Moneren sich hervorbildeten, aus den 
individualisirten formlosen Klumpen einer Eiweissverbindung, deren 
striicturloser Körper noch keine Differenz des äusseren wasser- 
reicheren Plasma und des inneren festeren Kerns zeigte. Viele. Ge- 
nerationen von Moneren, gleich den Protamoeben, mögen Jahrtausende 
lang das LTrmeer, welches unsern abgekühlten Erdball (wahrscheinlich 
als eine vollständige Wasserhülle) umschloss, bevölkert haben, ehe die 
Differenzirung der äusseren Lebensbedingungen, denen sich diese homo- 
genen Urwesen anpassten, auch eine Differenzirung ihres eigenen 
gleichartigen Eiweiss-Leibes herbeiführte. Wahrscheinlich bildeten sich 
zunächst aus den einzelnen Moneren, indem das dichtere Centrum als 
Kern sich von der weniger dichten Peripherie des dünnflüssigeren 
Plasma trennte, zunächst nur einzellige Individuen. Verinuthlich erst 
viel später gingen aus diesen einzelligen Lebensformen mehrzellige 
hervor, indem die Theilung, durch welche sich die einzelligen Urwesen 
(Protisten) fortpflanzten, bisweilen unvollständig erfolgte, so dass die 
beiden oder mehreren Theilproducte des Individuums zusammenblie- 
ben, und somit einen ersten Individuenstock (Zellenstock) oder ein ein- 
fachstes Individuum zweiter Ordnung bildeten. Indem dann die ein- 
zelnen gleichartigen Zellen oder Individuen erster Ordnung, die in 
einem solchen Stock vereinigt waren (in ähnlicher Weise, wie bei sehr 
vielen niederen Algen) sich differenzirten , und im Kampfe um das 
Dasein durch natürliche Züchtung vervollkommnet wurden, entwickel- 
ten sich daraus differente Zellenstöcke oder Individuen höherer Ordnung, 
welche nun ihrerseits wieder zur Bildung von Individuen nach höherer 
Ordnung zusammentreten konnten. Wie dieser Vorgang sich alhnählig 



IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 185 

gestaltet haben mag, werden wir weiter unten zu erklären versuchen. 
Theilweis zeigt es uns die Embryologie. 

Wir nehmen endlich an, dass alle jetzt lebenden Organismen- 
Formen und alle, welche jemals die Erde bewohnt haben, die Nach- 
kommen einer geringen Anzahl verschiedener Moneren sind, und dass 
jede der Hauptgruppen der Organismen -Welt, welche wir unter dem 
Namen Stamm oder Phyton als eine zusammengehörige genealogische 
Einheit aufstellen, einer besonderen Moneren-Art ihre Entstehung ver- 
dankt. Wir nehmen also z. B. eine bestimmte Moneren -Art als die 
gemeinsame Stammform aller Wirbelthiere an, eine andere als die ge- 
meinsame Stammform aller Coel enteraten, eine andere als die gemein- 
same Stammform aller Diatomeen etc. Nach unserer Ansicht ist es 
das Wahrscheinlichste, dass jeder dieser Hauptstämme oder Phyton 
des Thier- und Pflanzenreichs sich aus einer eigenen Moneren-Stamm- 
form entwickelt habe, (wofür unten die Gründe angeführt werden 
sollen), wodurch wir jedoch keineswegs die Möglichkeit ausschliessen 
wollen, dass alle diese verschiedenen Moneren ihre Verschiedenheit 
erst durch Differenzirung aus einer einzigen gemeinsamen Ur-Moneren- 
form erlangt haben. Fragen wir nach der Verschiedenheit der ver- 
schiedenen Moneren, so kann diese, da wir uns alle Moneren als 
durchaus homogene und formlose Eiweiss-Individuen (Plasma-Klumpen) 
vorstellen, nur gefunden werden in leichten Differenzen der chemischen 
Zusammensetzung, an denen ja gerade die Eiweisskörper, die allen 
analytischen Bemühungen der Chemiker so standhaft Trotz bieten, so 
ausserordentlich reich sind. Vielleicht waren es ganz geringe Differenzen 
in den Mischungsverhältnissen der zusammensetzenden Grundstoffe, und 
besonders des Kohlenstoffs, vielleicht unbedeutende Beimischungen von 
Schwefel oder von Phosphor, oder von verschiedenen Salzen (wie wir 
sie in so räthselhafter und unbestimmter Weise bei so vielen Eiweiss- 
körpern vorfinden), welche die physiologischen Differenzen der ver- 
schiedenen Moneren, und damit die Verschiedenheit der aus ihnen sich 
entwickelnden Stämme bedingten, welche nachher als Stockpflanzen, 
Diatomeen, Rhizopoden, Coelenteraten, Wirbelthiere etc. so weit aus 
einandergingen. 

Indem wir hier zum ersten Male den gewagten Versuch unternehmen, 
eine Hypothese der Autogonie in ihren allgemeinsten Grundzügen aufzu- 
stellen, sind wir uns der damit verbundenen Gefahren wohl bewusst, und 
vermeiden es absichtlieh, auf diesem noch gänzlich unbetretenen Gebiete 
der Naturerkenntnis s unsere subjectiven Vorstellungen näher zu präcisiren. 
Wir sind aber zu diesem Versuche ebenso berechtigt als verpflichtet durch 
die mit unserem Erkenntnissvermögen unzertrennlich verbundene und be- 
ständig tief empfundene Notwendigkeit, die weit klaffende Lüekc, welche 
zwischen der allgemein angenommenen Erdbüdungs-Theorie von Kant uud 



236 Schöpfung und Selbstzeugung. 

Laplace und der ebenso sicher begründeten Entwickelungstheorie der 
Organismen von Lamarck und Darwin besteht, durch eine Hypothese 
auszufüllen, welche wenigstens den ersten Versuch macht, das uns bis jetzt 
bekannte werthvolle empirische Material in dieser Richtung zu verwerthen. 

Vor Allem legen wir hier das grösste Gewicht auf die richtige Ver- 
werthung der einfachen niederen Organismen des Protisten-Reiehes, welche 
noch nicht einmal den Werth einer Zelle erreicht haben, und welche uns 
in der That entweder, wie Protogenes und Protamoeba das noch 
jetzt existirende Bild eines vollkommen homogenen und structurlosen, nicht 
differeiizirten Organismus vor Augen führen, oder, wie die Rhizopoden, das 
Bild eines Organismus, bei dem entweder der ganze Körper oder doch der 
grösste Theil desselben aus einem vollkommen homogenen Plasma besteht, 
und bei welchem trotzdem diese nicht differenzirte Eiweissmasse die Fähig- 
keit besitzt, die complicirtesten und regelmässigst geformten Skeletbiklungen 
von Kalk- oder Kiesel-Erde auszuscheiden. Offenbar hat uns die Erkennt- 
niss dieser einfachsten Organismen, welche den letzten Decennien angehört, 
einen ungeheuer grossen Schritt weiter geführt in dem biologischen Ver- 
ständniss des Natur -Ganzen und speciell in der causal- mechanischen Auf- 
fassung derjenigen Vorgänge, welche sich bisher am meisten dieser Auf- 
fassung entzogen, der Vorgänge der Selbstzeugung und Entwickelung. 

Für unsere subjective Auffassung hat die Annahme, dass sich in einem 
mit Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff in verschiedenen 
Verbindungen (z. ß. als kohlensaures Ammoniak) geschwängerten und noch 
dazu mit Auflösungen verschiedener wichtiger (namentlich schwefelsaurer 
und salpetersaurer) Salze versetzten Wasser, durch Zusammentreten dieser 
Verbindungen zu Eiweissmolekülen spontan solche homogene Organismen, 
wie die Moneren, bilden können, keine Schwierigkeit. Doch wird sich diese 
Auffassung erst allgemeinere Geltung erwerben, wenn man anfangen wird, 
sich allgemeiner und eingehender mit diesen einfachsten und unvollkommen- 
sten Lebensformen zu beschäftigen, die in so auffallender Weise von allen 
differenzirten Organismen abweichen und sich in mehrfacher Beziehung mehr 
den anorganischen Individuen nähern. Wir sind aber bisher immer so aus- 
schliesslich gewöhnt gewesen, nur den höheren und stark differenzirten Or- 
ganismen unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, dass vor Allem eine allge- 
meinere und intensivere Erforschung dieser niedersten Lebenskreise, der 
verschiedenen Protisten -Gruppen etc. erfolgen muss, ehe sich die richtige 
Auffassung von der notwendigen allmähligen Entwickelung der Organismen 
und der Entstehung ihrer Anfänge aus anorganischer Materie Bahn brechen 
wird. 

Jede irgendwie ins Einzelne eingehende Darstellung der Autogonie ist 
vorläufig schon deshalb gänzlich unstatthaft, weil wir uns durchaus keine 
irgendwie befriedigende Vorstellung von dem ganz eigenthümlichen Zustande 
machen können , den unsere Erdoberfläche zur Zeit der ersten Entstehung 
der Organismen darbot, vielmehr alle sicheren Anhaltspunkte hierfür fehlen. 
Wahrscheinlich war die Erdoberfläche unseres Erdballes zu der Zeit, als 
sie soweit erkaltet war, dass sich Organismen auf ihr bilden konnten, 
ringsum von einem zusammenhängenden uferlosen Meere umgeben, Zonen- 



* IV. Selbstzeugung oder Autogonie. Ig7 

unterschiede noch nicht vorhanden. Von der Beschaffenheit jenes Urmeeres 
und der heissen, darüber ausgebreiteten, mit Kohlensäure und Wasser- 
dämpfen gesättigten Atmosphäre können wir uns aber gar keine bestimmte 
Vorstellung machen, wenn wir bedenken, dass die ungeheuren Mengen von 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, die von der Steiukohlen- 
zeit an bis zur Gegenwart und wahrscheinlich schon lange vor der Stein- 
kohlenzeit an den Körper zahlloser Organismen gebunden waren, in jener 
Urzeit in ganz anderen, einfacheren Verbindungen neben einander existirten, 
oder ganz frei und ungebunden auf einander wirkten. Die ungeheuren 
Massen von Kohlensäure, von verschiedenen Kohlenwasserstoffen und von 
zahllosen anderen Kohlenstoff-Verbindungen, die damals zur Zeit der ersten 
Entstehung des Lebens theils gasförmig in der Atmosphäre verbreitet, 
theils in dem Urmeere aufgelöst oder auf dessen Boden niedergeschlagen 
gewesen sein müssen, gestatten uns durchaus keine sichere hypothetische 
Vorstellung von den Existenzbedingungen, unter denen sich die ersten ein- 
fachsten Organismen in jenem Urmeere bildeten. Nur so viel können wir 
mit Bestimmtheit sagen, dass die Beschaffenheit des Urmeeres und der Ur- 
atmosphäre zu jener Zeit sehr bedeutend verschieden von der jetzigen ge- 
wesen sein rnuss. 

Jedenfalls war die ganze , überall von dem Urmeere wie von einer zu- 
sammenhängenden Wasserhülle umgebene Erdrinde damals in jeder Be- 
ziehung (hinsichtlich der Erhebungen des Meeresbodens, der Temperatur etc.) 
noch äusserst einförmig beschaffen, und da somit die Existenzbedingungen 
in den verschiedenen Theilen des Meeres sehr wenig von einander werden 
verschieden gewesen sein, so ist zu vermuthen, dass, als die Temperatur 
so weit gesunken war, dass zum ersten Male lebensfähige Kohlenstoff- Ver- 
bindungen sich bilden konnten, diese sich auf der ganzen Erde in wenig ab- 
weichender Weise bildeten. Zahllose, nicht oder nur wenig verschiedene 
Moneren, gleich der Protamoeba, mögen damals gleichzeitig entstanden 
sein; und erst allmählig, als die Lebensbedingungen sich differenzirten, als 
die Hebungen und Senkungen des Bodens an verschiedenen Stellen des 
Meeres locale Differenzen höheren Grades eintreten Hessen, werden sich 
mit den Lebensbedingungen auch die einfachsten spontan entstandenen Ur- 
organismen differenzirt und damit ein Kampf um das Dasein zwischen diesen 
Moneren entwickelt haben. 

Da wir uns von der eigenthümlichen Beschaffenheit der jedenfalls von 
allen jetzt bestehenden sehr verschiedenen Lebensbedingungen, unter denen 
jene ersten Moneren im Urmeere spontan entstanden, durchaus keine 
sichere Vorstellung machen können, so lässt sich auch die Frage vorläufig 
nicht befriedigend erörtern, ob ähnliche Bedingungen auch später noch, bei 
weiterer Entwickelung der Erdrinde, an gewissen Stellen derselben fort- 
dauern konnten, und ob sie noch heute fortdauern. Wir können also auch 
nicht auf die Frage antworten, ob eine solche Autogonie, wie sie damals, 
unter jenen Bedingungen, mit absoluter Nothw endigkeit stattgefunden 
haben muss, sich lange Zeit fortsetzte und sich später wiederholte, ob sie 
vielleicht continuirlich fortdauerte und auch jetzt noch stattfindet. Expe- 
rimente sind in dieser Beziehung noch nicht angestellt, und durch die bis- 



183 Schöpfung und Selbstzeugung. 

herigen Beobachtungen ist noch nichts bisher darüber erwiesen. Aus der 
Thatsache, dass solche einfachste, structurlose, homogene Organismen oder 
Moneren, vom morphologischen Werthe der einfachsten Gynmocytoden, auch 
jetzt noch leitend vorkommen, dass Müssen von äusserst einfach gebildeten 
Protisten, die jenen am nächsten stehen (Protoplasten, Rhizopoden etc.) 
unsere Meere bevölkern, könnte man vielleicht schliessen, dass dieselben 
auch jetzt noch entstehen, oder vielleicht periodisch, unter Eintritt bestimm- 
ter Bedingungen , sich autogon erzeugen. Dagegen lässt sich andererseits 
auch behaupten, dass diese noch lebenden Moneren und die anderen ein- 
fachsten Protisten die noch lebenden und wenig oder nicht veränderten 
Nachkommen einfacher Urwesen sind, die vor sehr langer Zeit sich durch 
Autogonie gebildet haben. Dass es immer stille einfache Stellen im Na- 
turhaushalte geben muss, in denen auch solche einfachste Lebensformen sich 
sehr lange Zeit unverändert fortpflanzen können, hat bereits Darwin nach- 
gewiesen. Da wir nicht in der Lage sind, in dieser Beziehung irgend 
welche sichere Beweisgründe für oder gegen die Frage beizubringen, ob 
die Autogonie jetzt noch fortdauert und wie lange sie bestanden haben 
mag, so lassen wir diese Frage, die ohnehin für uns nur ein untergeordnetes 
Interesse hat, hier fallen, und begnügen uns mit Constatirung der Not- 
wendigkeit, dass der Beginn des Lebens auf der Erde, eine Autogonie von 
Moneren, aus denen erst später Zellen sich entwickelten, irgend einmal 
stattgefunden haben muss. 

Die Anhänger der Generatio aequivoca pflegen gewöhnlich, wenn sie 
die Natur der elternlos entstehenden Organismen erörtern, zu behaupten, 
dass dies einzellige Wesen sein müssten. Dagegen halten wir es für viel 
wahrscheinlicher, dass die einzelligen Wesen sich erst durch Differenzirung 
von innerem Kern und äusserem Plasma aus den structurlosen Moneren 
hervorgebildet haben, und dass diese die wirklichen Autogonen sind. Die 
Gründe hierfür liegen in der Vergleichung, welche wir oben zwischen diesen 
Moneren und den Krystallen ausgeführt haben, und in welcher wir zu zeigen 
versuchten, wie die spontane Entstehung solcher homogenen, imbibitions- 
fähigen Eiweisskörper ganz analog der spontanen Entstehung von Krystallen 
in der Mutterlauge zu denken sei. Nach unserer Hypothese sind demnach 
zuerst ausschliesslich vollkommen structurlose und homogene Plasmaklumpen, 
gleich den Protamoeben , im Urmeere entstanden; in diesen hat sich erst 
später eine Differenz von festerem Kern und weicherer Hülle gebildet, und 
noch später erst sind diese einfachen kernhaltigen Zellen zur Bildung mehr- 
zelliger Organismen zusammengetreten, aus denen sich dann alle höheren 
ailmählig durch natürliche Zuchtwahl entwickelt haben. 

Die grösste Schwierigkeit in unserer Hypothese der Autogonie liegt 
darin, dass wir uns von den eigenthümlichen Existenzbedingungen, unter 
welchen im Urmeere die ersten Moneren entstanden, keine befriedigende 
Vorstellung machen können, und dass wir die damals stattgehabte spontane, 
freie Bildung von den zusammengesetzteren Kohlenstoff -Verbindungen und 
insbesondere von den Eiweisskörpern , welche doch gegenwärtig als die 
activen Träger der eigentlichen „Lebensthätigkeiten" im engeren Sinne auf- 
treten, noch nicht beobachtet haben. Alle Eiweisskörper, sowie die meisten 



IV. Selbstzeugung oder Autogonie. * 189 

anderen verwickeiteren Kohlenstoff -Verbindungen sind wir gewohnt, als 
innerhalb bestehender Organismen entstanden zu betrachten. Doch ist zu 
erwarten, dass sich unsere Anschauungen in diesem Punkte gewaltig ändern 
werden. Noch nicht lange ist es her, dass man allgemein behauptete, dass 
sämmtliche sogenannte „organische" Verbindungen ausschliesslich innerhalb 
der Organismen (vermittelst der mystischen „Lebenskraft") erzeugt würden, 
und dass wir gänzlich unvermögend seien, dergleichen Kohlenstoff -Verbin- 
dungen in unseren Laboratorien künstlich herzustellen. Als dann später 
(1828) Wöhler dieses Dogma zuerst widerlegte und aus cyansaurem Am- 
moniak zum ersten Male Harnstoff darstellte, galt dies lange Zeit für die 
einzige Ausnahme. Jetzt kennt man solche Ausnahmen in Masse, und man 
stellt nicht allein einfachere „organische" oder Kohlenstoff -Verbindungen, 
sondern auch complicirtere, Alkohol, Ameisensäure etc., in unseren Labo- 
ratorien nach Belieben aus den Elementen auf rein „anorganischem" 
Wege her. ') 



') Wir heben das Schicksal dieses Dogma, welches so lange und allgemein 
im höchsten Ansehen stand, und die ganze Chemie beherrschte, und welches in 
Folge der neueren Erfahrungen allgemein verlassen ist, desshalb hier besonders 
hervor, weil wir dem Dogma von der Unmöglichkeit der Geiieratio spontanea 
(von welcher unsere Autogonie uur eine bestimmte Modifikation ist) mit Sicher- 
heit denselben letaleu Ausgang prognosticireu- können. Es wird hier die schun 
öfter beobachtete Erscheinung eintreten, dass mit dem deünitiven Falle des einen 
Dogma zugleich eine ganze Reihe von anderen zusammenstürzen, die mehr oder 
minder unlösbar mit ihm verkettet sind. Eine solche Kette von solidarisch ver- 
bundenen Dogmen bildeten im vierten und fünften Decennium unseres Jahrhun- 
derts die Lehren von der ausschliesslichen Erzeugung organischer Substanzen inner- 
halb des Organismus, die Lehre von der Lebenskraft, die Lehre von der Constanz der 
Species, die Lehre von der Unmöglichkeit der Partheuogenesis, die Lehre von der 
Unmöglichkeit der Urzeugung und viele Andere von mehr oder minder allgemeiner Be- 
deutimg. Die meisten dieser Dogmen sind schon jetzt entweder völlig umgestossen, 
oder derart in ihren Fundameuten erschüttert, dass sie über Kurz oder Lang noth- 
weudig zusammenstürzen müssen. Ich persönlich bin ein um so entschiedenerer 
Feind dieser Dogmen und darf mich um so rücksichtsloser dagegen aussprechen, 
als ich selbst früher in denselben blind befangen war. Als treuer Schüler und 
aufrichtiger Bewunderer von Johannes Müller war ich von den Lehren meines 
grossen Meisters so sehr eingenommen, dass ich auch der Macht seiner vitalisti- 
schen Vorurtheile mich nicht entziehen konnte, und die damit verbundenen 
Dogmen von der Constanz der Species , von der Nichtexistenz der Generatio 
aequivoca, von der zweckmässigen Wirksamkeit der gestaltenden Lebenskraft etc. 
vollständig theilte, ohne an ihrer Begründung zu zweifeln. In meiner Doctor- 
Dissertation lautete die erste These, welche ich am 7. März 1857 gegen meinen 
Freund E. Claparede öffentlich vertheidigte: „Formatio cellularum libera, et 
physiologica et pathologica, haud minus quam generatio animalium et plantarum 
spontanea rejicienda est." Um so eher wird mau es mir verzeihen, weuu ich 
jetzt, in besserer kritischer Erkenntniss der Wahrheit, die mit jenen vitalistisch- 
teleologischeu Dogmen verbundenen Vorurtheile als solche anerkenne, rücksichts- 
los bekämpfe und die monistische Naturerkenntniss als die einzig zum Ziele 



190 Schöpfung und Selbstzeugung. 

Wenn die Chemie der Kohlenstoff- Verbindungen oder die sogenannte 
organische Chemie in demselben colossalen Maassstabe sieh weiter ent- 
wickelt, wie dies in den letzten drei bis vier Decennien geschehen ist, so 
dürfen wir hoffen, auch die complicirtesten Kohlenstoff-Verbindungen, und 
insbesondere die so labilen Eiweisskörper, in unseren Laboratorien auf reiu 
anorganischem Wege künstlich herzustellen; und wenn es dann gelingeu 
sollte, auch individualisirte Eiweissklumpen, gleich den Moneren, herzu- 
stellen, welche unter bestimmten Bedingungen sich (z. B. durch Aufnahme 
von Kohlensäure und Ammoniak) ernähren und sich durch Theilung fort- 
pflanzen können, so würde das Problem der Autogouie experimentell gelöst 
sein, und wir könnten dann weiter den Versuch machen, aus diesen künst- 
lich dargestellten Moneren durch künstliche Züchtung unter passenden Be- 
dingungen ebenso einzellige Organismen, und später vielleicht selbst mehr- 
zellige herzustellen, als sicher aus den ersten, im Urmeere spontan entstan- 
denen autogouen Moneren allmählig durch natürliche Züchtung einzellige, 
und später aus diesen mehrzellige Organismen sich entwickelt haben 
müssen. 1 ) 



führende mit aller Kraft vertheidige. Keine Irrthümer kann der nach Wahrheit 
strebende Mensch so stark und aufrichtig hassen, als diejenigen, in denen er 
selbst vorher befangen war; und mau wird sich hieraus erklären, warum ich die 
in der organischen Morphologie noch herrschende dualistische Naturauffassung, 
von welcher ich früher selbst geblendet war, jetzt als überwundenen Staudpunkt 
auf das Entschiedenste bekämpfe. 

') Da die monistischen Anschauungen, welche ich in diesem Capitel zu ent- 
wickeln versucht habe, mit den hergebrachten dualistischen Vorstellungen über 
„spontane" organische Formbilduug nicht vereinbar sind und zunächst wenig 
Aussicht auf Beifall haben, so möchte ich zur Unterstützung derselben noch be- 
sonders auf die Anatomie und die Entwickelungsgeschichte derjenigen höchst 
einfachen und unvollkommenen Organismen verweisen, welche wir im nächsten 
Capitel als Protisten zusammenfassen werden. Eine der wichtigsten, aber am 
schwierigsten zu begreifenden Erscheinungen, auf welche wir immer wieder zu- 
rückkommen müssen, ist die Thatsache, dass ein formloser festflüssiger Eiweiss- 
klumpen, offenbar lediglich vermöge seiner specifisclien atomistischen Constitution, 
die complicirtesten und regelmässigsten festen Formen hervorzubringen vermag; 
und doch können wir uns von dieser Thatsache an vielen Protisten, besonders 
den Rhizopoden, ganz bestimmt überzeugen. Die verwickelten und bestimmt ge- 
formten Kiesel- und Kalk-Skelete der Acyttarien und Radiolarien sind das un- 
mittelbare Product einer vollkommen formlosen Plasma-Masse , von deren fest- 
flüssigem Zustande uns das bekannte Phaenomen der Sarcode-Strömung in jedem 
Augenblick den handgreiflichen Beweis liefert. Diese merkwürdigen Erschei- 
nungen werfen auf die forinbildeude Function des Plasma und der Plastideu 
überhaupt das bedeutendste Licht. Vergl. besonders den Abschnitt über das 
Wachsthum in meiner Monographie der Radiolarien. Berlin 1862. 



I. Unterscheidung von Thier und Pflanze. 191 



Siebentes Capitel. 

Thiere und Pflanzen.. 



„Wenn man Pflanzen und Thiere in ihrem 
unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind 
sie kaum zu unterscheiden. So viel aber können 
wir sagen, dass die aus einer kaum zu sondern- 
den Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach 
und nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei 
entgegengesetzten Seiten sich vervollkommnen, so 
dass die Pflanze sich zuletzt im Baume dauernd 
und starr, das Thier im Menseben zur höchsten 
Beweglichkeit und Freiheit .sieh verherrlicht." 

Goethe (Jena, 1807). 



I. Unterscheidung von Thier und Pflanze. 

„Der wissenschaftliche Standpunkt unserer Anschauungen von der 
organischen Natur hat sich in keinem Verhältnisse jedesmal so treu 
abgespiegelt, als da, wo es sich um Erörterung der Unterschiede han- 
delt, welche zwischen Thier und Pflanze bestehen. Seit jener Zeit, 
als vor mehr denn hundert Jahren die Thiernatur der pflanzenartig 
festsitzenden, baumähnlich verästelten und blüthengleiche Individuen 
tragenden Polypenstöcke kund ward, hat jede neue Forschung- in diesem 
Gebiete neue Theorieen zu Tage gebracht, von denen eine die andere 
verdrängte. " 

Diese Worte, mit denen Gegenbau r in seinen ausgezeichneten 
Grundzügen der vergleichenden Anatomie 1859 seine kritische Erörte- 
rung des Verhältnisses der Thiere zu den Pflanzen einleitete, bezeich- 
nen treffend den hohen Werth, den diese Erörterung sowohl in theo- 
retischer als in praktischer Beziehung besitzt. Wir werden uns der- 
selben an diesem Orte um so weniger entziehen können, als die un- 
schätzbare Erweiterung unseres biologischen Gesichtskreises, welche 
Darwin durch die causale Begründung der Descendenz- Theorie her- 
beigeführt hat, noch von keinem Biologen zur Lösung jener ebenso 
schwierigen als interessanten Frage benutzt worden ist. Wenn wir 



192 Thiere und Pflanzen. 

nun hier diese Anwendung versuchen, und wenn wir dadurch auf einen 
neuen und fruchtbaren Standpunkt in jener Frage hingeleitet werden, 
so werden wir hierin zugleich einen neuen und werthvollen Beweis 
für die Wahrheit und die Uuentbehrlichkeit der Abstammungslehre 
finden dürfen. In der That werden wir alsbald gewahr werden, dass 
in dieser, wie in allen allgemeinen biologischen Fragen, nur der rothe 
Faden der genealogischen Verwandtschafts-Lehre es ist, der uns gleich 
dem leitenden Ariadnc- Faden durch die labyrinthische Verwickelung 
der organischen Form -Verhältnisse zu ihrem wissenschaftlichen Ver- 
ständnisse emnorzuführen vermag. 

• 

Die uralte Eintheilung der Organismen in die beiden Hauptgruppeu 
oder „Reiche" der Pflanzen und Thiere ist, gleich der Unterscheidung 
mehrerer Hauptgruppen des Thierreichs (der Vögel, Fische etc.) nicht auf 
dein strengen Wege der wissenschaftlichen Untersuchung, Scheidung und 
Wägung ihrer verschiedenen Eigenschaften erzielt worden, sondern hervor- 
gegangen aus der ersten oberflächlichsten und allgemeinsten Unterscheidung 
der lebendigen Naturkörper, welche schon der einfache Naturmensch aus- 
übte, sobald er überhaupt das Bedürlhiss fühlte, die wesentlichsten und 
hervorragendsten Unterschiede der ihn umgebenden Naturkörper mit einem 
Namen zu bezeichnen. Daher findet sich auch die Eintheilung der Lebe- 
wesen in Thiere und Pflanzen, und bestimmte Worte zur Bezeichnung die- 
ser beiden Reiche, bei fast allen Naturvölkern, die überhaupt über die 
niedrigste Stute thierischer Rohheit sich erhoben haben. Erst sehr viel 
später linden wir Versuche einer wissenschaftlichen Bestimmung dieser bei- 
den Begriffe vor. Man schrieb nun den Thieren, welche sich gleich dem 
Menschen bewegen uud empfinden, wie diesem, eine Seele zu, während 
man den Pflanzen, die der Empfindung und Bewegung zu entbehren schei- 
nen, eine Seele absprach. Doch ist es sehr bemerkenswerth, dass schon 
der grösste Naturforscher des Alterthums, Aristoteles, in der scharfen 
Unterscheidung der beseelten- Thiere und unbeseelten Pflanzen unübersteig- 
liche Schwierigkeiten fand 1 ). Wie in vielen anderen Erkenntnissen, so war 
auch in dieser der grosse griechische Naturphilosoph der nachfolgenden 
Welt um mehr als zwei Jahrtausende voraus. Linne, den wir als den 
formellen Begründer der organischen Systematik feiern, vermochte sich trotz 
seiner umfassenden systematischen Kenntnisse nicht auf die Höhe jener 
Aristotelischen Betrachtung zu erheben, hielt vielmehr die Unterschiede 
zwischen den beseelten Thieren und den seelenlosen Pflanzen für ebenso 



') „Die Natur geht allmählig von den Unbeseelteu zu den Thieren über, 
durch solche, die zwar leben, aber nicht Thiere sind, so dass es scheint, dass 
das Eine sich vom Anderen dadurch, dass sie sich einander nahe steheu, ganz 
wenig unterscheidet." Aristoteles, de partibus anim. IV, 5. 681a. „So stei- 
gert sich jenes Princip des Lebens in unmerklichen Stufen bis zur Thierseele 
hinauf, so dass man in dem Verfolg jener Reihen das Nächstverwaudte uud das 
in der Mitte Liegende kaum zu unterscheiden vermag." Aristoteles, historia 
anim. VIII, 1. 588b 10. Vergl. J, B. Meyer: Aristoteles Thierkuude p. 172. 



I. Unterscheidung von Thier und Pflanze. J93 

absolute und ohne allmählige Uebergänge bestehende, als die Unterschiede 
zwischen den „Species" und zwischen allen übrigen künstlichen Kategorieen 
seines Systems. Das Wesen der „Seele/' welche die Thiere von den Pflan- 
zen absolut unterscheiden sollte, setzte er in die Empfindung und die will- 
ktihrliche Bewegung. 1 ) Die Nachfolger Linnes, die meist gedankenlosen 
und dem Species-Dogma ergebenen Schulen der botanischen und zoologi- 
schen Systematiker hielten diese falschen Vorstellungen bis in die neueste 
Zeit hinein fest. Erheblichere Zweifel gegen dieselben wurden erst laut, 
als man sich im vierten und fünften Decennium unseres Jahrhunderts mit 
den sehr verbesserten Mikroskopen eifrig und vielseitig dem Studium jener 
zahllosen niederen Organismen zuwendete, welche als bewegliche, dem blos- 
sen Auge unsichtbare Körperchen alle süssen und salzigen Gewässer be- 
völkern. Unter diesen fand sich nun bald eine grosse Anzahl, welche in 
einigen Characteren der Form und der Lebenserscheinungen an die Thiere, 
in anderen an die Pflanzen sich anschloss ; viele derselben vereinigten thieri- 
sche und pflanzliche Charactere in einer so zweideutigen Weise, dass es 
geradezu unmöglich wurde, sie mit nur einiger Sicherheit dem einen oder 
anderen organischen Reiche zuzutheilen. Indem die einen Systematiker die- 
selben Formen mit Bestimmtheit als Pflanzen betrachteten, welche von An- 
deren ebenso bestimmt für Thiere erklärt wurden, entspannen sich bei Vielen 
sehr begründete Zweifel über die Vollgültigkeit der bisher allgemein ange- 
nommenen unterscheidenden Charactere. Einige kamen zu der Ueberzeugung, 
dass es nur darauf ankomme, neue und fester begründete Charactere aufzu- 
finden, um die sicher vorhandene reale Grenze zwischen Pflanzen- und Thier- 
Reich scharf zu präcisireu, während Andere vielmehr an dieser Grenze 
selbst irre wurden und behaupteten, dass beide Reiche unmittelbar in ein- 
ander übergingen, und zusammen ein einziges grosses Reich der Organis- 
men bildeten. 

Es wurden nun im Laufe der beiden letzten Decennien, sowohl von 
Botanikern als von Zoologen zahlreiche Versuche gemacht, theils absolut 
unterscheidende Kriterien zwischen den Thieren und Pflanzen aufzufinden, 
theils die Contiuuität beider Reiche zu beweisen. Wir haben hier weder 
Raum noch Veranlassung, auf alle diese einzelnen sehr divergenten Ansich- 
ten, die meistens gelegentlich bei Besprechung einer zweifelhaften Gruppe 
geäussert wurden, einzugehen, und begnügen uns, auf diejenigen Arbeiten 
zu verweisen, welche in den letzten Jahren die Frage am ausführlichsten 
behandelt haben. 2 ) Die Monographen einzelner zweifelhafter Gruppen, 
z. B. der Schwämme, Myxomyceten, Flagellaten, Diatomeen etc. waren 
übrigens gewöhnlich vorzugsweise bestrebt, einen einzelnen unterschei- 
denden Character (insbesondere den der Beseelung, der Empfindung, der 



') „Vegetabilia vivunt, non sentiunt. Animalia vivunt et sentiuut sponteque 
se rnovent." Linne, Systema naturae. 

2 ) C. Gegenbaur, De animalium plantarumque regni terminis et differen- 
tiis. Jenae 1860. E. Haeckel* Monographie der Radiolarien. Berlin 1862 
(p. 159 — 165). C. Claus, Ueber die Grenze des thierischeu und pflanzlichen 
Lebens. Leipzig 1863. 

Haeckel, Generelle Morphologie. 23 



194 Thiere und Pflanzen. 

Willensbewegung) als bestimmend für die Natur der Gruppe nachzuweisen; 
die Consequenzen dieser Anwendung für alle zweifelhaften Mittelformen 
wurden aber von ihnen nicht gezogen. TheiLs dieser mangelnden Conse- 
quenz, theils der ungenügenden Yergleichung und unkritischen Wägung der 
unterscheidenden Charactere, theils aber auch den im Gegenstande selbst 
liegenden Hindernissen ist es zuzuschreiben, dass im gegenwärtigen Zeit- 
punkt eine Einigung über die Streitfrage nicht im Mindesten erzielt ist, 
dass vielmehr die Meinungen der einzelnen Systematiker über die Stellung 
der zweifelhaften Gruppen nicht weniger, als früher aus einander gehen. 
Nachdem die Unmöglichkeit, die gewöhnlich in erster Linie benutzten 
physiologischen Kriterien der Empfindung und der willkührlichen Be- 
wegung zu einer absoluten Unterscheidung der Thiere und Pflanzen zu ver- 
werthen, hinreichend dargethan war, versuchte man neuerdings die schärfer 
zu bestimmenden morphologischen Charactere als entscheidende für die 
Definition der beiden Reiche zu benutzen. Insbesondere hob zuerst Gegen- 
baur hervor, dass in der feineren Structur des thierischen und pflanzlichen Lei- 
bes allgemeine Unterschiede zu finden seien, welche wenigstens eine scharfe 
Definition der beiden Reiche gestatten, und wir selbst haben späterhin diese 
Ansicht noch weiter entwickelt und durch neue Gründe zu stützen gesucht. 
Indess hat sich unsere Ansicht keine weitere Geltung erringen können, und 
man hat sie auch insofern missverstanden, als man glaubte, dass wir durch 
Aufstellung dieses Differentialcharacters eine absolute Differenz zwischen 
dem Thier- und Pflanzenreiche überhaupt zu begründen suchten, während 
wir doch nur eine gleiche künstliche Definition der Gruppen zu geben 
wünschten, wie sie für jede grössere und kleinere Gruppe des Thier- und 
Pflanzenreichs zur praktischen Unterscheidung, und zur Begriffsbe- 
stimmung unentbehrlich ist. 1 ) Für letzteren Zweck ist nun gewiss der 
von uns besonders hervorgehobene Character sehr wichtig, dass bei den 
Pflanzen die Zelle allgemein eine weit grössere Selbstständigkeit behält, als 
bei den Thieren. 

Wir wollen indess auch auf diese Verhältnisse hier nicht weiter ein- 
gehen, da wir inzwischen zu der Ueberzeugung gelangt sind, dass sich die 
Frage nur von dem Standpunkte der Descendenz-Theorie aus naturgemäss 
beantworten lässt, und diese Beantwortung ist es, die wir hier zunächst 
versuchen wollen. Wir werden dabei zunächst die Bedeutung zu erwägen 
haben, welche die Eintheilung der Organismen in Thiere und Pflanzen, und 
die weitere Eintheilung derselben in Kreise, Klassen, Ordnungen und an- 
dere untergeordnete Systemgruppen überhaupt besitzt. 



') Sowohl G egenbaur, als ich selbst, haben ausdrücklich erklärt, dass wir 
keine absolute Verschiedenheit zwischen Thier- und Pflanzen- 
Reich anerkennen, und dass wir den Versuch, ein morphologisches Unterschei- 
dungs-Merkmal aufzustellen, in demselben Sinne wie jede systematische Einthei- 
lung, d. h. als eine künstliche, aber praktisch unentbehrliche Grenzbestimmuug 
ansehen und augesehen wissen wollen, so dass uns der mehrfach erhobene Vor- 
wurf nicht trifft, dogmatisch da eine absolute Grenze gesetzt zu haben, wo in 
der Natur keine vorhanden ist. 



II. Bedeutung der Systemgruppen. 195 

IL Bedeutung der Systemgruppen. 

Die beiden Hauptgruppen oder „Reiche" der Organismen, Thiere 
und Pflanzen, pflegt man allgemein, wie im gewöhnlichen Leben so 
auch in der biologischen Wissenschaft, als die beiden einzigen obersten, 
einander coordinirten Hauptgruppen der Lebewesen zu betrachten, und 
diese Anschauung hat schon seit sehr langer Zeit ihren Ausdruck in 
' dem allgemeinen wissenschaftlichen Bewusstsein dadurch gefunden, 
dass mau Zoologie und Phytologie (Botanik) als die beiden coordinir- 
ten Hauptzweige der Biologie betrachtet, sobald man als Eintheilungs- 
princip der letzteren die Verschiedenheit in der Organisation der 
Hauptgruppen benutzt. 

Es wird nun allgemein in den Systemen der classificirenden Bio- 
logen oder der Systematiker jedes der beiden Reiche wieder in 
Unterreiche oder Kreise (Subregna, Orbes, Typi) eingetheilt; diese 
zerfallen weiter in mehrere kleinere Abtheilungen, die Klassen; ebenso 
diese wieder in Ordnungen, die Ordnungen in Familien, die Familien 
in Gattungen; endlich setzen sich die Gattungen aus den einzelnen 
Arten (Species), Unterarten (Subspecies), Rassen, Varietäten oder Spiel- 
arten zusammen. Alle diese subordinirten Kategorieen des Systems 
sind künstliche Abstractionen, welche durch den Aehnlichkeitsgrad der 
verglichenen concreten organischen Individuen bestimmt werden. 
Mögen nun die künstlichen oder natürlichen Systeme noch so sehr 
von einander verschieden sein, und mag man in diesen Systemen viele 
oder wenige von solchen über einander geordneten Gruppen oder 
Kategorieen unterscheiden, immer stimmen sie doch alle darin überein, 
dass die allgemeinere und höhere Gruppenstufe oder Kategorie des 
Systems (z. B. die Klasse, Ordnung) einen entfernteren und weiteren 
Grad der Aehnlichkeit oder der „natürlichen Verwandtschaft" der dar- 
unter zusammengefassten Organismen bezeichnet, während die niedri- 
gere und beschränktere Gruppenstufe (z. B. Gattung, Art) einen näheren 
und engeren Grad der „natürlichen Verwandtschaft" ausdrücken soll. 

Was ist nun diese „natürliche Verwandtschaft" der Lebe- 
wesen? Sie ist nichts Anderes und kann nichts Anderes sein, als die 
wirkliche leibhaftige „ Blutsverwandtschaft ", der genealogische Zu- 
sammenhang der Organismen. Die Gesammtheit aller grossen Er- 
scheinungsreihen der organischen Natur weisst mit überwältigender 
Macht darauf hin, und die Descendenz-Theorie, welche dieselben zu- 
sammenfasst und aus dem genealogischen Gesichtspunkte einheitlich 
erklärt, liefert dafür den schlagenden Beweis, wie wir im sechsten 
Buche zeigen werden. Hier gehen wir von dieser bewiesenen Theorie 
aus und betrachten also allgemeinden systematischen Divergenz- 

13* 



196 Thiere und Pflanzen. 

grad zweier Organismen, d. li. den Grad des Abstands, den sie im 
System von einander haben, als den Maassstab für ihren wirklichen 
genealogischen Divergenzgrad, d. h. den Grad des Abstandes, 
den sie von einander hinsichtlich ihrer gemeinsamen Abstammung von 
den gleichen Stammformen haben. Das natürliche System der 
Organismen ist für uns ihr natürlicher Stammbaum, ihre 
genealogische Verwandtschaftstafel. Zur Erkenntniss derselben 
gelangen wir, wie wir im fünften Buche zeigen werden, durch die 
Vergleichung der überaus wichtigen dreifachen parallelen Stufenfolge, 
welche uns überall die palaeontologische, die embryologische und die 
systematische Entwicklung der Organismen darbietet. 

Wie unten bewiesen werden wird, können wir auf diesem sicheren 
Wege die gemeinsame Entwicklung der divergentesten Organismen 
aus einer und derselben Stammform bis in die frühesten Zeiten hinauf 
verfolgen. Wir gelangen so z. B. zu dem äusserst wichtigen Resul- 
tate, dass alle Wirbelthiere , den Menschen nicht ausgeschlossen, von 
einer und derselben gemeinsamen Stammform entsprossen sind; das- 
selbe gilt von allen Coelenteraten, dasselbe von allen Echinodermen 
u. s. w. Kurz, wir gelangen auf dem bezeichneten Wege zu der 
Ueberzeugung, dass alle die unendlich manuichfaltigen organischen 
Formen, welche zu irgend einer Zeit auf der Erde gelebt haben, die 
äusserst differenzirte Nachkommenschaft von einer sehr geringen An- 
zahl von einfachen Stammformen sind; und aus den im vorigen Capitel 
angeführten Gründen können wir von der Natur dieser letzten ein- 
fachsten Urformen jedes Stammes aussagen, dass dieselben Organismen 
der aflereinfachsten Art gewesen sein müssen, homogene, structurlose 
Urwesen, gleich der Protamoeba, und dem Protogenes, Moneren, 
welche durch Autogonie entstanden waren. Dieselben stellten die 
organischen Individuen erster Ordnung (Piastiden) in der denkbar ein- 
fachsten Form dar, da ihr structurloser und formloser, in seiner ge- 
sammten Eiweissmasse gleichartiger Plasmakörper noch keinerlei diffe- 
rente Theile besass. Erst ganz allmählig und langsam konnten sich 
aus diesen ersten Moneren, die sich durch Theilung fortpflanzten, diffe- 
renzirte, heterogene Formelemente entwickeln, welche sich bald durch 
Sonderung von festerer Hülle und weicherem Inhalt zu einer Lepo- 
cytode (gleich der kernlosen „Fadenzelle" eines Pilzes), bald durch 
Differenzirung von festerem Kern und weicherem Zellstuff zu einer 
Urzelle (gleich einer nackten Schwärmspore oder einer kernhaltigen 
Amoebe), bald durch Scheidung von Hülle, Kern und Plasma zu einer 
Hautzelle (gleich einer einzelligen Alge) gestalteten. Aus diesen ent- 
wickelte dann weiterhin die natürliche Zuchtwahl im Kampfe um das 
Dasein die ganze reiche Mannichlaltigkeit der zahllosen Formen, die 



II. Bedeutung der Systemgruppen. 197 

im Laufe von Milliarden von Jahren so äusserst divergenten Nach- 
kommen den Ursprung gegeben haben. 

Wenn diese Theorie wahr ist — und wir können nicht daran 
zweifeln — so wird nun zunächst mit Bezug auf die genetische Diffe- 
renz der Thiere und Pflanzen die wichtige Frage entstehen, ob alle 
Thiere und alle Pflanzen der Erde sich aus einem einzigen oder aus 
mehreren autogonen Moneren entwickelt haben, und wenn Letzteres 
der Fall ist, aus wie Vielen? Leider ist nun diese wichtige Frage 
nur mit einem sehr geringen Grade von Sicherheit hypothetisch zu 
beantworten. Auch die sorgfältigste Erwägung und Vergleichung aller 
bekannten Thatsachen liefert uns nur äusserst unvollständige Anhalts- 
punkte, und es ist überdies nicht die mindeste Hoffnung dazu vorhan- 
den, dass auch die wichtigsten palaeontologischen Entdeckungen, die 
uns noch vorbehalten sind, das tiefe Dunkel, welches über jener 
ältesten Periode des Moneren- Lebens auf der Erde schwebt, lichten 
und uns über dessen primitive Entwickelung irgend etwas Sicheres 
verkünden werden. Denn es liegt in der äusserst einfachen Natur 
jener ersten autogonen Moneren, die wahrscheinlich gleich den noch 
jetzt lebenden Protamoeben mikroskopisch kleine und ganz weiche, 
höchst zerstörbare Plasmaklumpen gewesen sind, dass weder von 
ihnen selbst, noch von ihren nächsten Nachkommen irgend welche 
erkennbaren Spuren oder Reste in dem sich ablagernden Schlamme 
des Urmeeres erhalten bleiben konnten. Erst nach Ablauf langer 
Zeiträume können sich aus ihnen allmählig vollkommenere und grössere 
Organismen mit härteren Theilen entwickelt haben, die im Stande 
waren, kenntliche Spuren im Sedimentgestein zu hinterlassen. 

Die einzigen positiven Erfahrungen, die uns in dieser Beziehung 
zu Hülfe kommen, sind die allgemeinen Resultate der embryologischen 
Entwickelung. Wir wissen, dass jeder Organismus während seiner 
Ontogenie eine Stufenfolge von niederen zu höheren Formen durch- 
läuft, welche der Phylogenie seines Stammes im Ganzen parallel läuft, 
und wir können also von den ersten Stadien der embryologischen 
auf die ersten Stadien der palaeontologischen Entwickelung durch 
Deduction zurückschliessen. Nun zeigt sich allerdings bei der Onto- 
genie der allermeisten Organismen als die erste Formstufe der indi- 
viduellen Entwickelung eine einzige einfache Plastide, gewöhnlich 
kernhaltig (als Zelle), seltener kernlos (als Cytode). l ) Wir wissen 



l ) Auch als die ersten Stammformen derjenigen (der meisten) Organismen, 
deren erste Embryonalstufe eine kernhaltige Plastide (Zelle) ist, können wir 
kernlose Piastiden (Cytoden) ansehen, da aller Wahrscheinlichkeit nach durch 
Autogonie keine Zellen, sondern bloss structurlose Moneren, also Cytoden ent- 
stehen können, aus denen erst später Zellen sich differenziren. Die Erklärung 
dieser „Abkürzung der Entwickelung" siehe im fünften Buche. — - — ^ 



198 Thiere und Pflanzen. 

auch, dass diese höchst einfachen Anfänge aller organischen Individuen 
ungleichartig sind, und dass äusserst geringe Differenzen in ihrer 
materiellen Zusammensetzung, in der Constitution ihrer Eiweiss-Ver- 
bindung genügen, um die folgenden Differenzen ihrer embryonalen 
Entwicklung zu bewirken. Denn sicher sind es nur äusserst geringe 
derartige Unterschiede, welche z. B. die erbliche Uebertragung der 
individuellen väterlichen Eigenschaften durch die minimale Eiweiss- 
Quantität des Zoosperms auf die Nachkommen vermitteln. Aber auch 
bei der sorgfältigsten Untersuchung sind wir nicht im Stande, mit 
unseren äusserst rohen Hülfsmitteln die unendlich feinen Differenzen 
wirklich zu erkennen, um deren Constatirung es sich hier handelt. 
Wir können also schon hieraus schliessen, dass es uns, selbst wenn 
wir die Moneren, aus denen die verschiedenen Stämme des Thier- 
und Pflanzen-Reiches entsprungen sind, neben einander vor uns hätten, 
ganz unmöglich sein würde, ihre primitiven Differenzen wahrzunehmen, 
und zu bestimmen, ob die einfachen Plasmaklumpen, welche den ver- 
schiedenen Stämmen des Thier- und Pflanzenreichs ihren Ursprung 
gegeben haben, ursprünglich gleich oder ungleich, ob sie alle autogou, 
oder ob sie bereits differenzirte, divergente Nachkommen einer einzigen 
autogonen Stammform gewesen sind. 

Im Ganzen scheint uns bei genauerer Erwägung diese Frage, 
welche wir nie sicher werden beantworten können, nicht von der 
grossen Wichtigkeit zu sein, welche sie im ersten Augenblick bean- 
spruchen möchte. Denn es ist unseres Erachtens für die wesentlichen 
Grundanschauungen der organischen Entwickelung ziemlich gleichgültig, 
ob in dem Urmeere zu der Zeit, als die erste Autogonie stattfand, an 
differenten Localitäten zahlreiche ursprünglich verschiedene Moneren 
oder aber viele gleichartige Moneren entstanden, welche sich erst 
nachträglich (durch geringe Veränderungen in der atomistischen Zu- 
sammensetzung des Eiweisses) differenzirten. Das Wichtigste ist und 
bleibt für uns die hypothetische Vorstellung, dass alle Organismen ihren 
ältesten Ursprung auf derartige einfachste, autogon entstandene Ur- 
wesen, auf homogene, structurlose Moneren zurückzuführen haben. 

III. Ursprung des Thier- und Pflanzen -Reiches. 

Die vorstehend berührte hypothetische Frage mich der ursprüng- 
lichen Zahl der autogonen Moneren, welche niemals mit Sicherheit zu 
entscheiden sein wird, hat hier für uns nur insofern ein besonderes 
Interesse, als mau daraus Schlüsse könnte ziehen wollen auf die ur- 
sprüngliche Differenz des Thier- und Pflanzenreichs. Es würde sich 
hier vielleicht zunächst die Auffassung bieten, dass ursprünglich zwei 
verschiedene Moneren- Arten durch Autogonie entstanden seien, von 



III. Ursprung des Thier- und Pflanzen-Reiches. 199 

denen die eine als die älteste gemeinsame Stammform der Thiere, 
die andere als der gemeinsame Urstamm der Pflanzen zu betrachten 
sei. Wäre dieses der Fall, so würden Thier- und Pflanzenreich in der 
That zwei vollkommen selbstständige, von einander gesonderte Haupt- 
gruppen darstellen. Andererseits könnten wir uns denken, dass die 
ursprüngliche erste Autogonie nur eine einzige Moneren-Form producirt 
habe, aus welcher sich, wie aus einer gemeinsamen Wurzel, Thier- 
und -Pflanzenreich als zwei verschiedene Stämme nach zwei divergiren- 
den Richtungen hin entwickelt haben. Endlich wäre daneben noch 
die dritte Möglichkeit übrig, dass mehr als zwei verschiedene autogone 
Moneren die ursprünglichen Stammformen aller Organismen seien, und 
in diesem Falle würde der Begriff des Thieres, oder der Pflanze, oder 
alle beide Begriffe, nicht der Ausdruck einer oder zweier continuirlich 
zusammenhängender Entwickelungsreihen , sondern ein Collectivbegriff 
für eine Summe von „ ähnlichen" Stämmen sein ; es entsteht dann auch 
die Frage, ob wirklich alle Organismen sich unter einen dieser beiden 
Begriffe subsumiren lassen, oder ob es daneben noch andere Lebe- 
wesen giebt, die wir weder Thiere noch Pflanzen nennen können. 
Wir müssen alle diese drei möglichen Fälle in Erwägung ziehen. 
Dabei bringen wir nochmals in Erinnerung, dass wir unter Moneren 
ausschliesslich die vollkommen homogenen und structurlosen Organis- 
men einfachster Art verstehen, formlose lebende Eiweissklumpen gleich 
den Protamoeben, welche sich ohne besondere Organe ernähren und 
durch Selbsttheilung fortpflanzen. Die verschiedenen „Arten" (Spe- 
cies) dieser Moneren können sich demgemäss selbstverständlich einzig 
und allein durch sehr geringe Differenzen in der chemischen Consti- 
tution ihres Eiweisskörpers unterscheiden. Soviel verschiedene Moneren- 
Arten, soviel verschiedene Ei weiss- Verbindungen, als individuelle Ur- 
wesen lebend. 

Erster möglicher Fall: Es ist nur eine einzige Moneren- 
Art durch Autogonie entstanden. Alle Organismen ohne Aus- 
nahme sind die nach verschiedenen Richtungen hin entwickelten Nach- 
kommen dieser einzigen Moneren- Art, sind Bestandteile eines einzigen 
Phylon. In diesem Falle würde der Stammbaum aller Lebewesen sich 
unter dem Bilde eines einzigen grossen Baumes zusammenfassen lassen, 
aus dessen gemeinsamer Wurzel und Stammbasis zwei verschiedene 
Stämme oder Hauptzweige (Thier- und Pflanzenreich) nach zwei ver- 
schiedenen Richtungen ihre Krone getrieben haben, während die zwei- 
felhaften Zwischenformen den Wurzelschösslingen gleichen würden, 
welche tief unten aus dem gemeinsamen Stamme ihren Ursprung ge- 
nommen haben. Die übliche Eintheilung der Lebewesen in Thiere 
und Pflanzen würde dann eben so einen genealogischen Werth haben, 
wie jede andere Gruppenbildung des natürlichen Systems; sie würde 



9Q0 Thiere und Pflanzen. 

den weitesten Divergenzgrad der Blutsverwandtschaft bezeichnen. 
Dieser Fall ist nach unserer Ansicht nicht wahrscheinlich, da wir 
stärkere Veranlassung haben, eine Autogonie von mehr als einer ein- 
zigen Moneren -Art anzunehmen. Indessen ist er immer noch wahr- 
scheinlicher, als der folgende. 

Zweiter möglicher Fall: Es sind nur zwei verschiedene 
Moneren-Arten durch Autogonie entstanden, eine vegetabi- 
lische und eine animalische. Alle Pflanzen ohne Ausnahme sind 
die nach verschiedenen Richtungen hin entwickelten Nachkommen der 
einen, der vegetabilischen, ebenso alle Thiere ohne Ausnahme die 
Nachkommen der anderen, der animalischen Moneren- Art. Hiernach wür- 
den alle Organismen entweder Thiere oder Pflanzen sein müssen, wie 
es der in der That herrschenden Anschauung am meisten entsprechen 
würde. Alle Lebewesen würden demnach Bestandtheile zweier voll- 
kommen selbstständiger Phyla sein, und sich entweder dem einen 
oder dem andern unterordnen lassen. In diesem Falle würde die 
Stammtafel aller Organismen uns das Bild von zwei grossen, voll- 
kommen getrennten, und auch an der Wurzel nicht zusammenhängen- 
den Bäumen darbieten, deren jeder sich aus seinem eigenen Samen- 
korn entwickelt und seine eigene Krone getrieben hat. Die niedrigen 
zweifelhaften Zwischenformen würden tief unten aus der Wurzel ent- 
weder des einen oder des anderen Baumes oder aber beider Bäume 
hervorgekommen sein. Die gewöhnliche Unterscheidung der Lebewesen 
in Thiere und Pflanzen würde in diesem Falle vollkommen der Natur 
entsprechen und die absolute Verschiedenheit der beiden Hauptgruppen 
richtig bezeichnen. Beide würden von Grund aus und durchweg ver- 
schieden sein. Dieser Fall entspricht zwar am meisten der gewöhn- 
lichen Naturauffassung, ist aber, wie wir glauben, der am meisten un- 
wahrscheinliche von allen drei Fällen. 

Dritter möglicher Fall: Es sind mehr als zwei verschie- 
dene Moneren-Arten durch Autogonie entstanden, welche 
mehr als zwei selbstständigen Organismen-Stämmen den 
Ursprung gegeben haben. Dieser Fall ist nach unserer Ansicht 
der bei weitem wahrscheinlichste von allen drei möglichen Fällen, und 
wir müssen daher denselben einer besonders sorgfältigen Erwägung 
unterziehen. Wir glauben, dass für diesen Fall sowohl a posteriori 
die thatsächlich herrschenden Differenzen über die Abgrenzung des 
Pflanzen- und Thier-Keichs , und über die Stellung der zahlreichen 
zweifelhaften Mittelformen sprechen, als auch die Vorstellungen, welche 
wir uns auf Grund unserer geologischen Erkenntnisse a priori über 
die Vorgänge der Autogonie, über die Bedingungen, unter denen die 
ersten Organismen entstanden, machen können. Fassen wir alle diese 
Vorstellungen zusammen und vereinigen sie mit den allgemeinsten 
Resultaten der Morpliogonie, so begünstigen sie weit mehr die An- 



III. Ursprung des Thier- nnd Pflanzen-Reiches. 201 

nähme, dass eine grössere Anzahl von ursprünglich (wenn auch nur 
wenig) verschiedenen Moneren -Arten durch Autogonie entstanden sei, 
als die entgegengesetzte Hypothese, dass alle Organismen nur einer 
einzigen oder nur zwei ursprünglich verschiedenen autogonen Moneren- 
Arten ihren Ursprung verdanken. 

Wenn wir uns, was allerdings ausserordentlich schwierig, unsicher 
und dunkel ist ; irgend eine Vorstellung über den Zustand unserer 
Erdrinde zu der Zeit zu bilden versuchen, als die erste Autogonie von 
Moneren stattfand, so werden doch wohl alle hierüber möglichen Vor- 
stellungen darin übereinstimmen, dass zu jener Zeit bereits an ver- 
schiedenen Orten verschiedene physikalisch - chemische Bedingungen 
für die Autogonie obwalteten, und dass mithin auch an ver- 
schiedenen Stellen in Folge dieser Differenzen verschiedene Moneren- 
Arten entstanden sein werden — Arten, welche, wie bemerkt, sich 
wahrscheinlich blos durch leichte Abweichungen in der chemischen 
Constitution ihres Plasmakörpers, ihrer individualisirten Eiweiss-Ver- 
bindung unterschieden haben werden. Auch wenn wir uns den ein- 
fachsten Zustand der erstarrten Erdrinde zu jener Zeit vorstellen, den 
Fall nämlich, dass die ganze Erdkugel ringsum gleichmässig von einer 
heissen Wasserhülle und darüber von einer dichten kohlensäurereichen 
Dampfhülle umgeben gewesen sei, so hat doch sicher schon die feste, 
allenthalben von dem Urmeere, wie von einer Wasserschale umgebene 
Erdrinde in ihrer Oberflächenbildung keine absolute Gleichmässigkeit 
dargeboten. Die Risse und Sprünge, welche bei der Abkühlung der 
feurig-flüssigen Erdkugel in ihrer erstarrenden Rinde entstanden, haben 
vielmehr schon frühzeitig mannichfaltige Unebenheiten und Untiefen 
auf dem Boden des verschieden tiefen Urmeeres bedingt, Unebenheiten, 
welche durch das Hervorquellen neuer feurig-flüssiger Gesteinsmassen 
aus den Spalten der Rinde noch bedeutend vermehrt wurden, und, 
indem sie sich mehr und mehr steigerten, eine immer grössere Man- 
nichfaltigkeit in der physikalisch-chemischen Beschaffenheit verschiede- 
ner Stellen des Urmeeres hervorbrachten. Sehr frühzeitig und viel- 
leicht schon lange vor Eintritt der Autogonie wird die Tiefe des 
Urmeeres, seine Dichtigkeit, seine Temperatur, sein Salzgehalt, seine 
Schwängerung mit verschiedenen gelösten Substanzen an vielen Stellen 
eine sehr verschiedene gewesen sein, und es werden also vielfach ver- 
schiedene Bedingungen obgewaltet und auf die Autogonie eingewirkt 
haben. Wahrscheinlich sind also sehr zahlreiche, verschiedene Moneren- 
Arten autogon entstanden, alle darin übereinstimmend, dass sie die 
denkbar einfachste Organismenform repräsentirten, nämlich vollkommen 
homogene, formlose und structurlose Eiweissklumpen, welche lebten 
(d. h. sich ernährten und durch Theilung fortpflanzten) und welche 
nur durch sehr geringe Differenzen in der chemischen Constitution der 
Eiweiss-Verbindungen sich unterschieden. 



202 Thiere und Pflanzen. 

Aber selbst in dem Falle, dass nur eine und dieselbe Moneren- 
Art, d. h. eine und dieselbe Eiweiss- Verbindung in individueller Form, 
an vielen Stellen des die Erdrinde umhüllenden Urmeeres gleichzeitig 
entstanden wäre, würden doch alsbald bei der Anpassungs- Fähigkeit 
der Moneren an die verschiedenen Existenz- Bedingungen zahlreiche 
Differenzen bei den sich fortpflanzenden autogonen Moneren zu Stande 
gekommen sein, die zur Bildung vieler sehr verschiedener Moneren- 
„ Arten" geführt haben werden. Zudem ist es höchst wahrscheinlich, 
dass die Bedingungen, welche für den Eintritt der Autogonie nöthig 
waren, sehr lauge Zeit hindurch ununterbrochen fortdauerten und dass 
demnach dieser Akt nicht nur einmal und an einer einzigen Stelle 
stattfand, sondern lange Perioden hindurch und an vielen Stellen des 
Urmeeres vor sich ging. Ist ja doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, 
dass die Autogonie seit ihrem ersten Eintritt ununterbrochen fortdauerte 
und auch gegenwärtig noch stattfindet. Wenigstens könnte dafür die 
fortdauernde Existenz von höchst einfachen Moneren (Protamoeba, 
Protogenes) angeführt werden, die uns die denkbar einfachsten Formen 
jener Autogonen noch jetzt unmittelbar vor Augen führen. 

Alle diese Umstände und die darauf gegründeten Erwägungen 
bestimmen uns a priori zu der Annahme, dass zahlreiche, verschiedene 
Moneren-Arten unabhängig von einander im Urmeere entstanden sind, 
dass aber die meisten derselben im Kampfe um das Dasein nach den 
von Darwin entwickelten Gesetzen wieder früher oder später unter- 
gegangen sein werden, während nur sehr wenige sich zu erhalten 
und zu formen reichen Phylen durch Differenzirung zu entwickeln ver- 
mocht haben. Es werden also jetzt nur noch verhältnissmässig wenige 
selbstständige, aus verschiedenen Moneren zu verschiedener Höhe ent- 
wickelte Stämme oder Phylen neben einander fortexistiren, während 
der bei weitem grösste Theil derselben schon wieder untergegangen 
ist. Nun stimmen in der That mit diesen a priori erlangten Annahmen 
die eigenthümlichen Verhältnisse, welche uns a posteriori die Ver- 
gleichuug der Thiere und Pflanzen und der zwischen ihnen mitten 
inue stehenden unbestimmten Organismen aufdeckt, ganz vortrefflich 
überein. Alle über diesen schwierigen Punkt geführten Streitigkeiten 
finden ihre Erledigung, sobald wir annehmen, dass die zahlreichen 
Organismen, welche sich unmöglich ohne offenbaren Zwang entweder 
dem Thier- oder dem Pflanzenreiche einreihen lassen, mehreren selbst- 
ständigen Stämmen von Lebewesen augehören, die sich unabhängig 
von den Stämmen des Thier- und Pflanzen -Ueichs entwickelt haben. 
Wir linden in den bekannten Thatsachen durchaus keine Nöthigung 
für die Annahme, dass alle Organismen-Stämme entweder Thiere oder 
Pflanzen sein müssen. Vielmehr müssen wir die bisher gültige exclu- 
sive Zweitheilung in Thier- und Pflanzenreich in dieser Beziehung für 
nient begründet erachten. Es ist schon von verschiedenen Seiten dar- 



III. Ursprung des Thier- und Pflanzen-Reiches. 203 

auf aufmerksam gemacht worden, dass es sowohl für die Zoologie 
als für die Botanik ein grosser Gewinn sein würde, wenn man die 
vielen zweifelhaften Lebewesen, die weder echte Thiere noch echte 
Pflanzen sind, in einem besonderen Mittelreiche oder Urwesenreiche 
vereinigen würde; doch hat unseres Wissens noch Niemand den Ver- 
such gemacht, ein solches neues Reich der Urwesen nach Inhalt und 
Umfang fest zu bestimmen, und seine Begrenzung wissenschaftlich zu 
begründen und zu rechtfertigen. Wir wagen hier diesen Versuch auf 
Grund der obigen Deductionen und schlagen vor, alle diejenigen 
selbstständigen Organismen -Stämme, welche weder dem Thier- noch 
dem Pflanzenreiche mit voller Sicherheit und ohne Widerspruch zuge- 
rechnet werden können, unter dem Collectivnamen der Protisten, 1 ) 
Erstlinge oder Urwesen, zusammenzufassen. 

IV. Stämme der drei Reiche- 
Wenn unsere vorhergehenden Betrachtungen richtig sind, und 
wenn wir mit Recht annehmen, dass die mannichfaltig entwickelten 
Gruppen der Organismenwelt mehr als zwei verschiedenen autogonen Mo- 
neren ihren Ursprung verdanken, und demnach mehr als zwei verschiedene 
Stämme oder Phylen darstellen; wenn wir ferner mit Recht diese ver- 
schiedenen, ganz von einander unabhängigen Phylen auf die drei 
Hauptgruppen oder Reiche der Thiere, Protisten und Pflanzen ver- 
theilen, so haben wir nun hier weiter die Frage zu beantworten, ob 
jede dieser drei Hauptgruppen aus einem oder aus mehreren, und im 
letzteren Falle aus wie vielen Stämmen oder Phylen sie besteht. 

Die Betrachtungen, welche wir oben über die Bedingungen der 
Autogonie angestellt haben, im Verein mit einer allgemeinen Ver- 
gleichung der Verwandtschafts-Verhältnisse zwischen den sogenannten 
„Klassen" der organischen Reiche, scheinen uns zu der Annahme zu 
berechtigen, dass jedes der drei organischen Reiche aus mehre- 
ren Phylen zusammengesetzt ist. Am wenigsten zweifelhaft 
scheint uns dies für die Protisten zu sein. Dagegen liesse sich einer- 
seits das Thierreich, andererseits das Pflanzenreich (namentlich das 
letztere) schon mit mehr Wahrscheinlichkeit als ein einziger Stamm 
auffassen, obwohl wir unsererseits mehr geneigt sind, auch hier mehrere 
selbstständige Stämme anzunehmen. Denn wenn wir die palaeonto- 
logischen und embryologischen Entvvickelungs-Reihen aller Organis- 
men vergleichend ins Auge fassen, uns einen umfassenden und all- 
seitigen Ueberblick über alle Organisations- Verhältnisse der drei Reiche 
zu gewinnen streben, so werden wir ebenso hinsichtlich des Thier- 



') nqüitaior, io; das Allererste, Ursprüngliche. 



204 Thiere und Pflanzen. 

reichs und des Pflanzenreichs, wie hinsichtlich des Protistenreiches 
zu der Ansicht hingeführt, dass jedes derselben eine Gruppe von 
mehreren, aus verschiedenen Moneren autogon entstandenen Stämmen 
darstelle. 

Offenbar ist diese Frage, obwohl bisher noch von Niemand in 
Angriff genommen, für die vergleichende Morphologie von der gröss- 
ten Wichtigkeit. Denn es handelt sich dabei um die endgültige Ent- 
scheidung, ob die auffallenden Aehnlichkeiten, welche wir zwischen 
den Stämmen jedes Reiches wahrnehmen (z. B. die Aehnlichkeiten 
zwischen den Wirbelthieren und Gliederthieren, oder zwischen den 
Xematophyten und Cormophyten), homologe, durch gemeinsame Ab- 
stammung erworbene, oder aber analoge, durch gleiche Anpassung 
entstanden sind. Wenn alle Organismen jedes der drei Reiche von 
einem und demselben autogonen Monere abstammen, wenn mithin je- 
des Reich einen einzigen Stamm darstellt, so können auch zwischen allen 
Gliedern des Stammes Homologieen existiren d. h. Aehnlichkeiten, 
welche auf der gemeinsamen Abstammung, auf der Vererbung von 
der gemeinsamen Stammform beruhen. Wenn dagegen jedes Reich 
aus mehreren Phylen besteht, die ganz unabhängig von einander aus 
verschiedenen Moneren entstanden sind, so können auch alle Aehn- 
lichkeiten, welche sich etwa zwischen Gliedern verschiedener Stämme 
auffinden lassen, nur Analogieen sein, d. h. durch die ähnliche An- 
passung an ähnliche Existenzbedingungen erworben. Wenn z. B. alle 
Thiere Glieder eines einzigen Thier-Phylon sind und ihren gemeinsamen 
Ursprung auf eine einzige Moneren- Art zurückzuführen haben, so wird 
die Gliederung der Vertebraten und Articulaten, die Zusammensetzung 
ihres Rumpfes aus vielen hinter einander liegenden Metameren, auf 
Homologie beruhen; wenn dagegen das Thierreich aus mehreren 
Phylen besteht, und wenn Vertebraten und Articulaten zwei getrennte 
Phylen darstellen, so wird die ähnliche Gliederung ihres Rumpfes 
nur als Analogie aufzufassen sein. Offenbar ist aber dieser Unter- 
schied für die philosophische Morphologie von der äussersten Wich- 
tigkeit. 

Die Hülfsmittel, welche uns zur Lösung dieser eben so wichtigen 
als schwierigen Frage zu Gebote stehen, sind nun allerdings äusserst 
unvollkommen und unsicher. Wir können dieselbe, wie die vorher- 
gehenden Fragen, nur mit annähernder Wahrscheinlichkeit entschei- 
den, durch umsichtige Erwägung der vielfach verwickelten Bezie- 
hungen, welche uns die embryologische, palaeontologische und syste- 
matische Entwickelung und der lichtvolle Parallelismus dieser drei 
Entwickelungsreihen an die Hand giebt. Wenn wir nun, wie es im 
sechsten Buche eingehend geschehen wird, auf Grund dieser Er- 
wägungen möglichst sorgfältig und umsichtig Umfang und Zahl der 



IV. Stämme der drei Reiche. 205 

Stämme zu bestimmen suchen, so kommen wir zu dem Resultate, dass 
jedes der drei Reiche aus mehreren Stämmen besteht, deren jeder 
aus einer eigentümlichen Moneren-Art sich entwickelt hat. Zwar ist es 
möglich, dass diese verschiedenen Stämme doch noch an ihrer Wurzel 
zusammenhängen, d. h. dass die scheinbar selbstständigen Urformen 
der einzelnen Stämme durch Differenzirung einer einzigen autogonen 
Moneren-Art entstanden sind; allein wir besitzen keine hinreichenden 
Garantieen, um dies mit einiger Sicherheit behaupten zu können. Es 
scheint uns aber für unseren Gegenstand weit erspriesslicher, nur die 
genügend sicheren Phylen als geschlossene Einheiten hinzustellen, als 
einen tieferen Zusammenhang derselben, und eine vielleicht nicht be- 
gründete Einheit ihrer Wurzel zu behaupten. So können wir also 
z. B. sämmtliche Wirbelthiere und ebenso sämmtliche Gliederthiere als 
Glieder eines einzigen Stammes mit aller Sicherheit hinstellen, und 
von einem Phylon der Vertebraten, einem Phylon der Articulaten spre- 
chen. Wir können aber nicht mit genügender Sicherheit von einem 
vereinten Phylon der Vertebraten und Articulaten sprechen, obwohl 
uns ihr primitiver Zusammenhang vielleicht wahrscheinlich ist. Wir 
müssen daher bei Bestimmung des Umfangs und Inhalts der einzelnen 
Phylen in dieser Beziehung sehr vorsichtig sein, und ziehen es ent- 
schieden vor, lieber eine grössere Anzahl von Phylen anzunehmen, 
deren jeder uns sicher eine geschlossene Einheit von blutsverwandten 
Organismen darstellt, als eine geringere Anzahl von Stämmen, von 
denen vielleicht einer oder der andere selbst erst wieder aus mehreren 
ursprünglich getrennten Stämmen zusammengesetzt ist. 

Da wir im sechsten Buche unsere Auftassimg und Begrenzung der 
Organismen-Stämme ausführlich begründen werden, so begnügen wir 
uns hier mit einer einfachen Aufzählung derselben, und heben dazu 
nur wiederholt und ausdrücklich folgenden wichtigen Grundsatz her- 
vor: Jeder Stamm (Phylon) der Organismen-Welt umfasst 
sämmtliche jetzt noch existirende oder bereits ausgestor- 
bene Lebensformen, welche alle von einer und derselben 
autogonen Stammform ihre Herkunft ableiten. DieseStamm- 
form (autogones Urwesen) ist stets zu denken als ein voll- 
kommen structurloses und homogenes Moner, ein einfachstes 
organisches Individuum, ein lebender Klumpen einer Eiweissverbin- 
dung, der sich ernährte und durch Theilung fortpflanzte, und aus 
welchem erst allmählig in vielen Fällen eine Zelle (durch Difteren- 
zirung von Kern und Plasma) und aus dieser (durch Theilung) ein 
mehrzelliges Lebewesen sich entwickelt hat. Einige Phylen sind auf 
dem primitiven Urzustände des Moneres stehen geblieben, andere ha- 
ben sich zu einzelligen, andere zu mehrzelligen Organismen ent- 
wickelt. 



206 Thiere und Pflanzen. 

Wenn wir nun von diesen festeu Gesichtspunkten aus die Zahl 
der Stamme, die in jedem der drei organischen Reiche sich mit eini- 
ger Sicherheit unterscheiden lassen, bestimmen, so kommen wir zu 
folgendem System der Phylen: A. Thierreich: l) Vertebrata 
(Pachycardia et Leptocardia). 2) Mollusca (Cephalota et Acephala). 
3) Articulata (Arthropoda, Vermes et lnfusoria). 4) Eckinodermata. 
ö) Coelenterata. B. Protistenreich: 1) Spongiae (Porifera). 2) Nocti- 
lucae (Myxocystoda). 3) Bhiz-opoda (Radiolaria, Actinosphaerida et 
Acyttaria). 4) Protoplasla (Areellida, Amoehida et Gregarinae. 5) Mo- 
neres (Protamoebae, Protogenida et Vibriones ). 6) Ftagellata. 7) Dia- 
tomea. 8. Myxomycetes (Mycetozoa). C. Pflanzenreich: 1) Phyco- 
phyta (Algae pro parte). 2) Characeae. 3) Nematophyta (Fungi et 
Lichenes). 4) fJormophyta (Phanerogamae omnes et Cryptogamae 
exclusis Nematophytis, Characeis et Phycophytis). 

V. Characteristik der Stämme und Reiche. 

Da nach unserer Ansicht jedes der drei Organismen -Reiche aus 
mehreren Phylen besteht, so muss natürlich der systematische Werth, 
die classificatorische Bedeutung der Reiche gänzlich von der der 
Stämme verschieden sein. Der Stamm ist eine natürliche Gruppe, 
eine concrete Einheit, das Reich dagegen eine künstliche Gruppe, eine 
abstracte Einheit. Alle Glieder und über einander geordneten Kate- 
gorieen (Klassen, Ordnungen, Gattungen, Arten etc.) eines Stammes 
sind innerhalb desselben durch das continuirliche Band der gemein- 
samen Abstammung zu einem untrennbaren realen Ganzen verbunden, 
durch Homologie. Alle Stämme eines Reiches dagegen sind nur künst- 
lich durch gewisse Aehnlichkeiten zu einer idealen Einheit zusammen- 
gestellt, durch Analogie. Daher hat denn auch der Versuch einer 
Characteristik oder differeutiellen Diagnostik einen ganz verschiedenen 
Werth bei den Reichen und bei den Stämmen. Wir werden leichter 
eine umfassende künstliche Diagnose der drei organischen Reiche, als 
eine erschöpfende natürliche Characteristik der einzelnen Stämme 
geben können. Machen wir aber wirklich dazu den Versuch, so finden 
wir alsbald, dass sowohl jene als diese in absoluter Vollkommenheit 
nicht zu geben ist. 

Eine erschöpfende und alle Glieder (Kategorieen) des 
Stammes gleichmässig umfassende Characteristik eines 
Phy Ion ist ganz unmöglich. Zwar findet man in allen Lehrbüchern 
solche Definitionen oder Diagnosen der grossen Hauptpruppen, welche 
im Ganzen unseren Stämmen entsprechen, und diese Diagnosen haben 
oft den vollen Schein einer abgerundeten Definition. Auch ist es in 
der That nicht schwer, manche Phylen in dem Umfange, wie wir 
sie jetzt kennen, vortrefflich durch bestimmte und scharf unter- 



V. Characteristik der Stämme und Reiche. 207 

scheidende Merkmale zu cbaracterisiren. So z. B. ist die Diagnose 
des Wirbelthier - Stammes , des Coelenteraten- Stammes etc. mit voller 
Schärfe und Sicherheit zu geben. Allein eine solche Diagnose ist nur 
möglich dadurch, dass man ausschliesslich die vollendeten Formen 
zusammenstellt und vergleicht, die werdenden und nicht entwickelten 
dagegen ausschliesst. Dies gilt ganz ebenso von der Definition der 
Stämme, wie von derjenigen der Gruppen innerhalb der Stämme. Jeder 
wird uns dies zugeben, wenn er an die embryonale Entwickelung 
denkt. Es ist z. B. ganz unmöglich, die Embryonen von Vögeln und 
Reptilien bis zu einer gewissen Zeit ihrer Entwickelung zu unterschei- 
den, und doch setzt die Definition der vollendeten Formen beide Klas- 
sen scharf und vollständig von einander ab. Ebenso ist es ganz unmög- 
lich, die Eier und die ersten Entwickelungszustände (z. B. die maul- 
beerförmigen Zellenhaufen, die aus der totalen Eifurchung hervorgehen) 
von Thieren verschiedener Klassen (z. B. Cephalophoren und Lamelli- 
branchien) zu unterscheiden; diese Unterscheidung ist selbst bei Ange- 
hörigen ganz verschiedener Stämme (z. B. Echinodermen und Mollus- 
ken) oft unmöglich. In noch viel höherem Maasse macht sich aber 
dieser Umstand geltend, wenn wir an die palaeontologische Entwicke- 
lung und an die continuirlich zusammenhängenden Stufenreihen von 
Formen denken, die aus einer und derselben gemeinsamen Wurzelform 
nach verschiedenen Richtungen hin sich divergent entwickeln. Da hier 
liberall eine unendliche Menge verbindender Zwischenglieder ganz 
allmählig von einer Form in die andere hiuüberleitet und da auch die 
höchst entwickelten und scharf ausgebildeten Endglieder der Ent- 
wickelungsreihen durch eine ununterbrochene Stufenfolge mit den nie- 
dersten und einfachsten Moneren, den gemeinsamen autogonen Stamm- 
formen, continuirlich zusammenhängen, so ist es geradezu unmöglich, 
sowohl die einzelnen Glieder (Kategorieen) eines Stammes durch eine 
scharfe Definition zu unterscheiden, als auch den ganzen Stamm durch 
eine auf alle seine Glieder passende und auf kein Glied eines ande- 
ren Stammes passende Diagnose zu cbaracterisiren. Wenn dies den- 
noch häufig möglich zu sein scheint, wenn wir z. B. die drei Klassen 
der Säuger, Vögel und Reptilien durch scharfe Diagnosen trennen, 
wenn wir den Stamm der Wirbelthiere scharf cbaracterisiren, so ist 
dies blos dadurch möglich, dass wir ausschliesslich die höchst ent- 
wickelten und ausgebildeten Formen vergleichen und die zahllosen 
ernbryologischen und palaeontologischen Entwickelungszustände gänz- 
lich vernachlässigen. So z. B. können wir die drei Ordnungen der 
Hufthiere (Pachydermen, Pferde und Wiederkäuer) in der Jetztwelt 
sein- scharf von einander trennen; es ist dies aber ganz unmöglich, 
wenn wir ihre früheren Embryonal-Zustände, oder auch wenn wir nur 
ihre ausgestorbenen Blutsverwandten der Tertiärzeit mit in den Kreis 



•_>i is Thiere und Pflanzen. 

der Betrachtung' hineinziehen, welche theils die gemeinsamen Stamm- 
formen, theils die unmittelbaren Zwischenglieder zwischen denselben dar- 
stellen. Nur desshalb können wir scharf den Stamm der Wirbelthiere 
von den übrigen thierischen Phylen trennen, weil wir von ihnen nur 
die hoch entwickelten Formen der Fische, Amphibien und der allan- 
toiden Vertebratcn kennen, während uns alle ihre einfacher gebauten 
Vorfahren und die zahllosen niedrigeren Vertebraten, von denen uns 
blos der einzige Amphioxus eine Ahnung zu geben vermag, ganz un- 
bekannt sind. Und doch muss sich auch der Stamm der Wirbelthiere, 
ebenso wie der der Articulaten, aus einem autogonen, "einer Prota- 
moeba ähnlichen Monere allmählig entwickelt haben, wie uns schon 
ihre gemeinsame embryonale Entwicklung aus einem einfachen Eie 
beweisst. Jeder Stamm muss sich aus einem solchen einfachsten Mo- 
nere allmählig stufenweis emporgehoben haben, muss also auch zahl- 
reiche, höchst unvollkommene „Species" innerhalb seines Formenkreises 
einschliessen, welche nur als einfachste Individuen erster Ordnung, 
als Piastiden (erst Cytoden, später Zellen) existirt und sich längere 
Zeit hindurch auch als solche fortgepflanzt haben, ehe sich aus ihnen 
im Kampfe um das Dasein höhere Organismen entwickelten. Wir 
können also zu einer differentiellen Diagnose jedes Phylon, zu einer 
wirklich characteristischen Definition jedes Stammbegriffs nur dadurch 
künstlich gelangen, dass wir die höchst entwickelten Formen allein 
berücksichtigen und die unvollkommneren und indifferenten embiyonalen 
und palaeontologischen Entwickelungsformen ausschliessen. 

Ganz ebenso unmöglich, als eine scharfe Unterscheidung und eine 
vollständige Characteristik der einzelnen Stämme, ist auch eine voll- 
kommen scharfe Diagnose und eine alle Glieder jedes Reiches um- 
fassende Definition der drei Reiche, deren jedes wieder aus mehreren 
Stämmen besteht. Da jedoch der Begriff des Reiches nicht, wie der 
des Stammes, einer realen Einheit entspricht, sondern blos ein künst- 
licher Collectivbegriff ist, und sich auf eine Anzahl von Analogieen, 
von Aehnlichkeiten stützt, die mehrere selbstständige Stämme unter 
sich zeigen, so brauchen wir in der Diagnose der Reiche bloss diese, 
allen Stämmen eines Reiches und allen Stämmen der anderen Reiche 
abgehenden Eigenthüinlichkeiten hervorzuheben, um sie von einander 
künstlich zu unterscheiden. Natürlich werden auch hier nur die aus- 
gebildeteren Formen berücksichtigt werden können, welche jene Unter- 
schiede deutlich zeigen, da wir keine Mittel besitzen, die niedersten 
und einfachsten Formen, die frühesten embryologischen und palaeon- 
tologisclien Entwicklungsstufen (ebenso der einzelnen Reiche, wie der 
einzelnen Stämme) von einander zu unterscheiden. Es wird also auch 
diese Diagnose der Reiche eine durchaus künstliche und mangelhafte 
sein, gleich allen anderen Diagnosen des Systems. Da wir aber diese 



V. Characteristik der Stämme und Reiche. 209 

Diagnosen nicht entbehren können, und da wir in der wissenschaft- 
lichen Praxis tiberall die einzelnen Gruppen (Klassen, Arten etc.) scharf 
trennen und durch Namen unterscheiden müssen, obwohl wir wissen, 
dass sie durch unmerkliche Zwischenformen zusammenhängen, so 
wollen wir auch hier den schwierigen und gefährlichen vorläufigen 
Versuch wagen, eine künstliche und möglichst (!) scharfe Characteristik 
der drei Reiche, unter vorwiegender Berücksichtigung der vollkomme- 
neren, am meisten ausgebildeten Formen aufzustellen. 



VI. Character des Thierreiches. 

Fünf Stämme des Thierreiches: 1. Vertebrata (Pachycardia et Leptocardia). 

2. Mollusca (Cephalota et Acephala). 3. Articulata (Arthropode, Ver- 

mes et Infusoria). 4. Echinodermata. 5. Coeleuterata. 

VI. A. Chemischer Character des Thierreiches. 

Aa. Character der chemischen Substrate der Thiere. 

Die wichtigsten Substanzen des Thierkörpers (vor Allen das 
Plasma oder Protoplasma der Piastiden) sind Eiweiss-Verbindungen 
(Albuminate), durch deren Thätigkeit die meisten anderen Verbin- 
dungen des Thierleibes mittelbar oder unmittelbar erzeugt werden. 
Die Eiweisskörper der Thiere treten in zahlreichen noch sehr unbe- 
kannten Modificationen auf, von denen die wichtigsten das Thiereiweiss 
(das beim Erhitzen in Flocken gerinnende Albuminat der Eier, des 
Blutserum, des Muskelsaftes), der Thierfaserstoff (Blutfibrin, Muskel- 
syntonin etc.) und der Thierkäsestoff (Casein der Milch etc.) sind. 
Aus den Eiweiss- Verbinclungen der Thierkörper gehen stickstoffhaltige, 
meist sauerstonreichere und kohlenstoffärinere Eiweiss-Derivate her- 
vor, welche besonders als Zellenausscheidungen, als Cuticularbildungen 
und als Intercellularsubstanzen, eine grosse Rolle spielen, und welche 
auch von vielen Protisten, dagegen von den Pflanzen sehr selten, viel- 
leicht nie erzeugt werden: Hornsubstanz (der Epithelialgewebe), leim- 
gebende Substanz (der Bindegewebe), elastische Substanz und die nah- 
verwandte Substanz der Membranen der meisten thierischen Zellen; 
ferner die vielerlei Modificationen des Chitins und der verwandten 
Substanzen (Fibroin, Conchiolin etc.). Ebenso sind die Thiere aus- 
gezeichnet durch die Erzeugung von stickstoffhaltigen Säuren 
(Harnsäure, Hippursäure, Inosinsäure etc.), welche den Pflanzen feh- 
len, wogegen die stickstofffreien Säuren hier eine sehr viel geringere 
Verbreitung und Bedeutung, als bei den Pflanzen haben. Die stick- 
stoffhaltigen Basen der Thiere (Harnstoff, Kreatin, Leucin etc.) 
sind schwach alkalisch und fast von constanter Zusammensetzung, 

Haeckel, Generelle Morphologie. J4 



210 Thiere und Pflanzen. 

umgekehrt wie bei den Pflanzen. Der wichtigste Farbstoff der Pflan- 
zen, das Chlorophyll, kommt in den Thieren nur sehr selten vor 
(z. B. bei Stentor, bei Hydra viridis, einigen Turbellarien, BonelUa etc.). 
Fette kommen in allen Thieren vor. Die stickstofffreien Verbindungen 
aus der Gruppe der Kohlenhydrate, welche bei den Pflanzen als 
Cellulose, Stärke, Gummi. Zucker etc. eine so hervorragende Rolle 
spielen, kommen in den Thieren nur selten vor (Cellulose im Mantel 
der Tunicaten); nur der Zucker (Milchzucker, Traubenzucker) ist häufig. 
Während diese Kohlenhydrate, vor Allen die Cellulose, im Pflanzen- 
körper die eigentlich skeletbildenden Substanzen sind, finden wir da- 
gegen im Körper der meisten Thiere Skelete aus anorganischen, d. h. 
nicht kohlenstoffhaltigen Verbindungen, gebildet, insbesondere aus 
Kalksalzen; bei den Wirbelthieren überwiegt der phosphorsaure, bei 
den Wirbellosen der kohlensaure Kalk, der oft den grössten Theil des 
Körpers bildet (Anthozoen). Im Allgemeinen treten diese und andere 
Salze (insbesondere der Alkalien und alkalischen Erden, Kochsalz etc.) 
im Thierkörper in constanteren Mengenverhältnissen auf und können 
sich weniger substituiren, als dies bei den Pflanzen der Fall ist. 

Ab. Character der chemischen Processe der Thiere. 
Der wesentliche Character der chemischen Processe, welche im 
Thierkörper vor sieh gehen, beruht auf Analyse und Oxydation zu- 
sammengesetzter Verbindungen, und lässt sich in den wenigen Worten 
zusammenfassen: Das Thier ist ein Oxydations-Organismus. 
Das Thierleben im Grossen und Ganzen ist ein Oxydations-Process. 
Die Thiere bilden aus den verwickelten „organischen" oder Kohlenstoff- 
Verbindungen (Albuminaten, Fetten etc.), welche sie aus den Pflanzen 
als Nahrung aufnehmen, durch Analyse und Oxydation die ein- 
facheren „anorganischen" Verbindungen (Kohlensäure, Wasser und 
Ammoniak), welche wiederum den Pflanzen zur Nahrung dienen. Doch 
kommen im Einzelnen daneben auch vielfach synthetische und Reduc- 
tions-Processe vor. 

VI. B. Morphologischer Character des Thierreiches. 

Ba. Character der thierischen Individualitäten. 

Der wesentliche tectologische Character der Thiere liegt so- 
wohl in der verwickeiteren Zusammensetzung des Thierleibes aus weit 
differenzirten Individuen verschiedener Ordnung, als auch besonders in 
der verschiedenartigsten Ausbildung der Individuen zweiter Ordnung, 
der Organe, welche viel mauuichfaltiger, als bei den Pflanzen und 
Protisten, differenzirt und polymorph sind. Die Piastiden, die Indi- 
viduen erster Ordnung, sind bei den Thieren allermeist Zellen, und 
zwar meistens Nacktzellen (ohne Membran), weniger Hautzellen (mit 



VI. Character des Thierreiches. 211 

Membran). Sehr häufig, und allgemein in den entwickelten Personen, 
vereinigen sich bei den Thieren mehrere Nacktzellen zur Bildung von 
Zellstöcken (Nervenfasern, Muskelfasern), was bei den Pflanzen nur 
bei der Bildung der Milchsaftgefässe und der Spiralgefässe geschieht. 
Daher verliert bei den Thieren stets wenigstens ein Theil der Zellen 
ihre individuelle Selbstständigkeit, während sie dieselbe in den Pflan- 
zen meist behalten. Ueberhaupt erreicht die Entwickelung der „Ge- 
webe" durch Diflerenzirung der Zellen bei den Thieren einen weit 
höheren Grad, als bei den Protisten und Pflanzen. Bei allen ent- 
wickelten Thieren kann man vier Gruppen von Geweben unter- 
scheiden: I. Epithelialgewebe, II. Bindegewebe, III. Muskelgewebe, 
IV. Nervengewebe. Die Organe der Thiere sind, entsprechend ihren 
mannichfaltigen Functionen, äusserst mannichfaltig entwickelt. Es lassen 
sich bei allen entwickelten Thieren in morphologischer Hinsicht zahl- 
reiche verschiedene, und in physiologischer Hinsicht allgemein vier 
Gruppen von Organen unterscheiden: I. Ernährungs-Organe (Werk- 
zeuge der Verdauung, Circulation, Respiration), IL Fortpflanzungs- 
Orgaue (Geschlechts-Werkzeuge), III. Locomotions- oder Bewegungs- 
Organe (Muskeln), IV. Beziehungs- Organe oder Nerven (Organe der 
Sinnesempiindung, der Willensbewegung und des Denkens). Die In- 
dividualitäten sechster Ordnung, welche bei den Pflanzen als Stöcke 
(Cormi) so allgemein und hoch entwickelt sind, treten als solche con- 
tinuirlich zusammenhängende Raumeinheiten nur bei den unvollkomme- 
neren Stämmen der Thiere auf, allermeist nur bei festsitzenden For- 
men des Thierreichs, da hiermit nicht die freie Bewegung der Indivi- 
duen fünfter Ordnung, der Personen, verträglich ist, welche bei den 
Thieren ganz vorwiegend entwickelt sind. Statt dessen finden wir bei 
den Thieren sehr allgemein Polymorphismus freier Personen, und die 
Bildung von Staaten (Heerden etc.), welche sich von den realen Ein- 
heiten der Stöcke dadurch unterscheiden, dass die einzelnen Personen 
nur ideal zur Einheit des Ganzen verbunden sind. 

Bb. Character der thierischen Grundformen. 

Die Thiere zeichnen sich sowohl vor den Protisten als vor den 
Pflanzen hinsichtlich ihrer Grundformen dadurch aus, dass bei ihnen 
allgemein die Zeugiten-Form, und zwar gewöhnlich die Eudi- 
pleuren-Form, die herrschende ist, die Grundform also der halben 
amphithecten Pyramide (sogenannte „bilaterale Symmetrie"), welche bei 
den Pflanzen meist nur in den höheren Formen, bei den Protisten 
aber überhaupt selten vorkommt. Die physiologischen Individualitäten 
der Thiere, welche meist durch morphologische Individuen fünfter 
Ordnung oder Personen repräsentirt werden, zeichnen sich meist 
durch sehr verwickelte äussere Formen aus, unter denen gewöhnlich 

14* 



212 Thiere und Pflanzen. 

die Eudipleuren-Form und andere Grundformen der höchsten, am 
meisten differenzirten Stufen sehr versteckt sind. Dagegen sind bei 
ihnen die niedriger stehenden Grundformen, besonders die vollkommen 
regulären Formen, die bei den Protisten so vorwiegen, im Ganzen 
selten. Die Grundform der regulären Pyramide, welche bei den 
Pflanzen (besonders in den Sexual- Individuen) so sehr verbreitet ist, 
erscheint bei den Thieren viel seltener, allgemeiner nur bei deu soge- 
nannten „Strahlthieren", den beiden Stämmen der Echinodermen und 
Coelenteraten. Die letzteren sind zum grösseren Theil festsitzende 
Thiere. Bei deu frei beweglichen Thieren musste die Eudipleureu- 
Form schon wegen des offenbaren Vortheils, den sie für die freie 
Ortsbewegung bietet, im Kampfe um das Dasein den Vortheil über 
die unpractischere „regulär- radiäre-' Form, die Grundform der regu- 
lären Pyramide, gewinnen. 

VI. C. Physiologischer Character des Thierreiches. 

Ca. Character der allgemeinen L ebeus ersehe inuage u bei deu 

Thieren. 

Die Ernährung der Thiere zeichnet sich vor derjenigen aller 
Pflanzen und der meisten Protisten dadurch aus, dass die allermeisten 
Thiere feste Nahrungsstoffe in besondere Höhlungen ihres Inneren 
(Darm) aufnehmen, in welchen dieselben verflüssigt (verdaut) und dann 
durch die Wandungen dieser Höhlen hindurch (mittelst Endosmose) 
aufgesaugt werden. Doch fehlen solche Höhlungen manchen schma- 
rotzenden Thieren (Cestoden, Acanthocephalen), welche gleich parasi- 
tischen Pflanzen bereits zubereitete flüssige Nährstoffe durch ihre Ober- 
fläche (Haut) imbibireu. Die Thiere nehmen allgemein Sauerstoff aus 
der Atmosphäre auf und ausserdem neben gewissen einfacheren Ver- 
bindungen (Wasser, Kochsalz und andere kohlenstofffreie Salze) auch 
noch sämmtlich als eigentliche Nahrungsstoffe verwickeitere Kohlen- 
stoff-Verbindungen (Albuminate, Fette etc.), welche sie theils. unmittel- 
bar aus den Pflanzen, theils aus den pflanzenfressenden Thieren be- 
ziehen. Indem sie diese oxydireu, bilden sie Kohlensäure und andere 
einfache Verbindungen. Daher athmen die Thiere sämmtlich Sauerstoff 
ein, Kohlensäure aus. Bei deu allermeisten Thieren wird der durch 
die Verdauung gewonnene Ernährungssaft (Chylus, Blut) durch be- 
sondere Systeme von communicirenden Röhren (Chylusgefässen, Blut- 
gefässen; den verschiedenen Körpertheilen zugeleitet, und dessen Fort- 
bewegung in denselben entweder durch contractile Wimpern oder durch 
besondere contractile, rhythmisch pulsirende Behälter (Herzen) geregelt 
und beschleunigt. Die Fortpflanzung geschieht bei den Thieren 
allgemein auf geschlechtlichem Wege, und ausserdem bei den meisten 
niederen Thieren zugleich auf ungeschlechtlichem Wege (durch Thei- 



VI. Oharacter des Thierreiches. 213 

lung, Knospenbildung). Hier wechseln dann diese beiden Formen der 
Fortpflanzung' meist in der Weise mit einander ab, dass ein regel- 
mässiger Generationswechsel besteht. Dieser fehlt den allermeisten 
höher entwickelten Thieren. Die beiderlei Geschlechter sind bei der 
grossen Mehrzahl der Thiere getrennt, nur bei vielen niederen Formen 
in einem Individuum fünfter, selten sechster Ordnung vereinigt. 

Bei allen Thieren finden wir diese allgemeinen Lebensthätigkeiten 
der Ernährung, des Wachsthums und der Fortpflanzung unzertrennlich 
verbunden mit gewissen molekularen Bewegungserscheinungen und 
Massebewegungen (mechanischen Leistungen), welche auch allen Pflan- 
zen und Protisten unentbehrlich sind. Auch hier sind es in erster 
Linie gegenseitige Lageveränderungen der Moleküle des Plasma, welche 
sich als „Contractionen", als Wach sthum und als Fortpflanzung (Thei- 
lung und Knospenbildungj der Piastiden äussern. Auch hier beruhen 
diese allgemeinen „organischen" Functionen (die man oft unpassend 
„vegetative" nennt) im Grunde darauf, dass (vielleicht immer unter 
Wärme -Ent Wickelung) Spannkräfte in lebendige Kräfte übergeführt 
werden. 

C b. Character der besonderen thierischen Lebenserscheinungen. 

Ausser den oben genannten lebendigen Kräften entwickeln alle 
Thiere eine Summe von eigenthümlichen Bewegungserscheinungen, 
welche den Pflanzen grösstentheils abgehen und welche man desshalb 
wohl als „animale" Functionen im engeren Sinne bezeichnen kann. 
Diese thierischen Bewegungen beruhen wesentlich auf dem characte- 
ristischen Oxydations-Chemismus der Thiere. Indem die Hauptsumme 
der chemischen Processe in dem Thiere besonders darauf hinausläuft, 
die verwickelten und lockeren Kohlenstoff- Verbindungen durch Oxyda- 
tion in die einfachen und festen Verbindungen des Wassers, der Koh- 
lensäure, des Ammoniaks überzuführen, entwickeln sie eine grosse 
Menge lebendiger Kraft, welche als potentielle oder Spannkraft in 
jenen complicirten Verbindungen gebunden war. Die Thiere setzen 
vorzüglich Spannkräfte in lebendige Kräfte um. Die Bewe- 
gungen der befreiten lebendigen Kraft äussern sich theils als Wärme 
(„thierische Wärme"), theils als Licht (Leuchten der Seethiere), vor- 
züglich aber als die eigenthümliche Bewegung gewisser, ausschliesslich 
thierischer Organe, der Muskeln und Nerven. Die Muskelbewe- 
gungen äussern sich in der Verrichtung gröberer mechanischer Arbeit 
durch besonders differenzirte contractile Zellen oder Zellenstöcke, 
welche durch ihre Contractionen Ortsbewegungen einzelner Theile des 
Körpers gegen einander oder gegen die Aussenwelt bewirken. Die 
Nervenbewegungen, welche das Thier vor Allen characterisiren, 
sind, vom mechanischen Gesichtspunkt aus betrachtet, wesentlich 



214 Thiere und Pflanzen. 

„Auslösungen", d. h. Bewegungen, welche eine gewisse Menge von 
Spannkraft in lebendige Kraft verwandeln. Das Nervensystem stellt 
einen zusammenhängenden Regulationsapparat dar, der alle Theile des 
Körpers unter einander in Verbindung setzt. Es besteht aus einem 
Centralapparat (Nervencentrum, Ganglienknoten), in welchem 
die verschiedensten Theile des Nervensystems in mittelbare oder un- 
mittelbare Wechselwirkung treten und in welchem ausserdem selbst- 
ständige Regulations-Centra existiren; und aus einem Leitungsappa- 
rat (peripherisches Nervensystem, Nervenfasern), welcher theils centri- 
fugal, theils centripetal den nervösen Centralapparat mit den übrigen 
Körpertheilen in Wechselwirkung setzt. Die centripetalen Leitungs- 
fasern (sensible Nerven) sind Auslösungsketten, welche an ver- 
schiedenen Theilen des peripherischen Körpers (insbesondere in den 
Sinnesorganen) Eindrücke aufnehmen, und diese durch äussere Ein- 
flüsse (Licht, Schall, Wärme, Druck etc.) bewirkten Auslösungen auf 
das Centrum übertragen, wo sie entweder Vorstellungen (Empfindungen) 
erregen oder unmittelbar auf eine centrifugale Auslösungskette über- 
tragen werden (Reflexbewegungen). Die centrifugalen Leitungsfasern 
(motorische Nerven) sind dagegen Auslösungsketten, welche ent- 
weder unmittelbar (bei den eben erwähnten Reflexbewegungen) Aus- 
lösungsbewegungen, die sie von centripetalen Nerven erhalten haben, 
oder aber Auslösungen (Willens-Vorstellungen), die vom Nervencentrum 
bewirkt sind, auf die Muskeln übertragen und also mechanische Arbeit 
auslösen. Diejenigen Auslösungen des Nervensystems, welche vom 
Centrum aus als Willens -Vorstellungen auf die Muskeln übertragen, 
und diejenigen, welche von den Sinnes-Organen aus als Empfindungs- 
Vorstellungen auf das Centrum übertragen werden, sind die für das 
Thier am meisten characteristischen Bewegungs-Vorgänge. Doch sind 
dies Functionen, welche nur den höher entwickelten Thieren zukom- 
men und vielen niedrigsten Thieren (ohne selbststäudig entwickelte 
Nervencentra) fehlen. Bei diesen sind dann sämmtliche Nervenbewe- 
gungen nur Reflexbewegungen, indem jede centrifugale Auslösung 
erst durch eine centripetale hervorgerufen werden muss. Diese 
schliessen sich zunächst an die Protisten und an die höchsten Pflanzen 
an, bei denen ebenfalls (Mimosa, Dionaea, Centaurea) solche Reflex- 
bewegungen vorkommen. Die eigenthümlichen , im Centralapparate 
ausgelösten Bewegungserscheinungen, welche vorzüglich die beiden 
Vorstellungen des Empfindens und Wollens bewirken, pflegt man unter 
dem Namen des Seelenlebens zusammenzufassen. Bei den höher 
entwickelten Thieren (aber nicht bei den niederen Thieren) differeuzirt 
sich aus der Wechselwirkung dieser beiden Functionen noch eine dritte, 
die höchste und vollkommenste aller thierischen Functionen, das Den- 
ken. Die äusserst dunkeln und unvollkommen bekannten Molekular- 



VI. Oharacter des Thierreiches. 215 

Bewegungen, welche den Denkprocess bewirken, erwarten, ebenso wie 
die Wechselwirkung der Seeleuthätigkeiten, ihre Erklärung von der 
Physiologie der Zukunft. Nur soviel steht fest, dass alle diese höchst 
complicirten Bewegungserscheinungen (Bildung der Begriffe, Urtheile, 
Schlüsse, Iuductionen, Deductionen etc.) unmittelbare Wirkungen (Aus- 
lösungen) der Eiweiss- Moleküle in den Nervencentren sind, und dass 
diese höchsten Leistungen des Organismus also auch mit der Existenz 
der Molekularbewegungen in jenen höchst verwickelt zusammengesetz- 
ten und lockeren Kohlenstoff- Verbindungen stehen und fallen. Keine 
einzige dieser Bewegungen ist frei (d. h. ohne Ursache) wie gewöhn- 
lich von dem „freien Willen", dem „freien Denken" dichterisch be- 
hauptet wird, sondern alle erfolgen mit absoluter Notwendigkeit aus 
den complicirten Summen vorhergehender Bewegungen, welche jene 
Auslösungen (Vorstellungen) in den Nervencentren bewirken. Alle 
diese höchsten und am meisten characteristischen Leistungen der thie- 
rischen Organismen beruhen darauf, dass dieselben beständig Massen 
von gebundenen oder Spannkräften (durch Oxydation der complicirten 
Kohlenstoff- Verbindungen) in lebendige Kräfte überführen. 



VII. Character des Protistenreiches. 

Acht Stämme des Prolistenreiches: 1. Spongiae (Porifera). 2. Noctilucae 
(Myxocystoda). 3. Rhizopoda (Radiolaria, Actinosphaerida et Acyttaria). 
4. Protoplasta (Arcellida, Araoebida et Gregariuae). 5. Moneres 
(Protaiaoebae, Protogenida et Vibriones). 6. Flagellata. 7. Diatomea. 

8. Myxoniycetes (Mycetozoa). 

VII. A. Chemischer Character des Protistenreiches. 
Aa. Character der chemischen Substrate der Protisten. 

Die wichtigsten Substanzen des Protistenkörpers (vor Allen das 
Plasma oder Protoplasma der Piastiden) sind Eiweiss-Verbindungen 
(Albuminate), durch deren Thätigkeit die meisten anderen Verbin- 
dungen des Protistenleibes mittelbar oder unmittelbar erzeugt werden. 
Die Ei weisskörper der Protisten treten in zahlreichen Modifikationen 
auf, welche uns sämmtlich noch fast ganz unbekannt sind. Aus den 
Eiweiss-Verbindungen der Protistenkörper gehen bei Vielen stickstoff- 
haltige Eiweiss-Derivate hervor, welche den von den Thieren er- 
zeugten elastischen, leimgebenden und Hornsubstanzen sehr nahe zu 
stehen scheinen und gleich diesen oft als Ausscheidungsmassen zwischen 
den Piastiden eine grosse Rolle spielen, so das Fasergewebe (Fibroin) 
der Spongien, die Kapseln vieler encystirter und Zellhäute vieler ein- 
zelliger und mehrzelliger Protisten. Das Verhalten der meisten dieser 



216 Thiere und Pflanzen. 

Producte in den Protisten ist noch sehr imbekannt, ebenso das Ver- 
halten der stickstoffhaltigen und stickstofffreien Säuren, ebenso das 
Verhalten der stickstoffhaltigen Basen. Der wichtigste Pflanzenfarbstoff, 
das Chlorophyll, kommt auch in einzelnen Protisten verschiedener 
Abtheilungen vor (Spongillen. Euglenen und andere Flagellaten etc.). 
Fette scheinen in den meisten Protisten ebenso wie in allen Pflanzen 
und Thieren vorzukommen. Die stickstofffreien Verbindungen aus der 
Gruppe der Kohlenhydrate, welche die Pflanzen so auffallend von 
den Thieren unterscheiden, kommen auch bei manchen Protisten vor; 
Cellulose wird von vielen Protisten aus den Stämmen der Myxomyceten 
und Flagellaten ausgeschieden. Anorganische, d. h. nicht kohlenstoff- 
haltige Verbindungen, insbesondere Chlornatrium etc., kommen in den 
Protisten eben so allgemein als in den Thieren und Pflanzen vor. 
Viele Protisten zeichnen sich aber aus durch die ungewöhnliche Menge 
theils von Kieselsäure, theils von kohlensaurem Kalk, welche 
sie in Form von festen Skeletbildungen ausscheiden, und wodurch sie 
sich mehr an die Thiere, als an die Pflanzen anschliessen. Insbeson- 
dere sind in dieser Beziehung ausgezeichnet die Kieselschalen der 
Diatomeen, vieler Flagellaten (Periditiium) , die formell höchst ent- 
wickelten, theils aus Kieselsäure, theils aus kohlensaurem Kalk ge- 
bildeten Stacheln (Spicula) und Gehäuse der Spongien und Khizopoden, 
vieler Protoplasten etc. 

Ab. Character der chemischen Processe der Protisten. 

Der wesentliche Character der chemischen Processe, welche im 
Protistenkörper vor sich gehen, ist uns noch fast ganz unbekannt. 
Die einen Protisten scheinen, gleich den Thieren, vorzugsweise 
Oxydations-Organismen zu sein und vorwiegend Sauerstoff aufzunehmen, 
Kohlensäure abzugeben (Spongien, Noctiluken, Rhizopoden, ein Theil 
der Protoplasten). Die anderen Protisten scheinen, gleich den 
Pflanzen, vorzugsweise Keductions-Organismen zu sein und vorwie- 
gend Kohlensäure aufzunehmen, Sauerstoff abzugeben (ein Theil der 
Protoplasten, die Moneren, Flagellaten, Diatomeen). Doch sind uns 
im Ganzen diese wichtigen Verhältnisse noch äusserst wenig bekannt. 

VII. B. Morphologischer Character des Protistenreiches. 

Ba. Character der protistischen Individualitäten^ 

Der wesentliche tectologische Character der Protisten liegt 
in der sehr unvollkommenen Ausbildung und Dift'erenzirung der Indi- 
vidualität überhaupt, insbesondere aber derjenigen zweiter Ordnung, 
der Organe. Sehr viele Protisten erheben sich niemals über den mor- 
phologischen Werth von Individuen erster Ordnung oder Piastiden. 



VII. Character des Protistenreiches. 217 

Diese Plastiden, theils einzeln lebend, theils gesellig verbunden, blei- 
ben sehr häufig zeitlebens ^ membranlos (Spongien, ßhizopoden, Proto- 
plasten, Vibrioniden); bei anderen umgeben sie sich zeitweilig oder 
bleibend mit einer Membran von Kieselerde (Diatomeen, einige Fla- 
gellaten), oder von Cellulose (Myxomyceten, einige Flagellaten), oder 
von einer stickstoffhaltigen Substanz (einige Protoplasten und Flagella- 
ten). Die Plastiden sind sehr häufig kernlos (Cytoden), andere Male 
kernhaltig (Zellen). Sehr oft kommen Cytoden und Zellen in einem 
und demselben Protisten combinirt vor. Sehr häufig vereinigen sich 
die Plastiden der Protisten zu sehr lockeren Verbänden, die leicht 
wieder in die einzelnen Individuen auseinander fallen. Gewöhnlich 
erheben sich diese Verbände nicht über den Werth von Zellstöcken 
oder einfachsten Individuen zweiter Ordnung. Bisweilen gleichen die- 
selben äusserlich den echten Stöcken oder Individuen sechster Ordnung. 
Sehr selten sind bei den Protisten die Individuen höherer Ordnung ausge- 
bildet. Von besonderen Organen ist bei den Meisten keine Rede, da alle 
Functionen noch gleichzeitig von den nicht differenzirten Plastiden be- 
sorgt werden. Nur bei den Spongien, Radiolarien und Myxomyceten be- 
ginnen sich deutliche Organe zu differenziren. Indessen kann man als 
allgemeinen Character der Protisten den Mangel höherer Differen- 
zirung überhaupt, besonders aber den Mangel differenter Organe, 
sowie das Stehenbleiben auf der niedrigsten Stufe individueller Aus- 
bildung bezeichnen, welche bei den Thieren und Pflanzen meistens 
schnell vorübergeht. Daher finden wir das grosse Gesetz des Poly- 
morphismus oder der Arbeitstheilung, welches bei den höheren Thieren 
und Pflanzen so vollkommene Organismen hervorbringt, und bei den 
Individuen aller Ordnungen die Differenzirung bestimmt, bei den Pro- 
tisten nur in ganz untergeordnetem Grade wirksam. 

Bb. Character der protistischen Grundformen. 

Die Protisten zeichnen sich grösstenteils vor den Thieren und 
Pflanzen dadurch aus, dass ihre Grundformen, ebenso wie ihre Indi- 
vidualitäten, obwohl sehr mannichfaltig gebildet, dennoch meistens auf 
den niedersten Stufen stehen bleiben, und sich sehr selten zu den 
höheren Stufen erheben, welche bei jenen die herrschenden sind. 
Insbesondere finden sich unter den Protisten sehr häufig vollkommen 
formlose Gestalten mit durchaus unbestimmten und oft beständig 
wechselnden Umrissen, ohne feste geometrische Grundform. Daher ist 
auch ein Theil derselben als Amorph ozoa bezeichnet worden (viele 
Protoplasten, Spongien, Myxomryceten). Auch in dieser, wie in vielen 
anderen Beziehungen gleichen viele derselben bleibend den ersten 
Embryonal -Zuständen von Thieren und Pflanzen. Nächst den voll- 
kommen amorphen Gestalten sind am häufigsten die vollkommen 



218 Thiere und Pflanzen. 

regelmässigen: kugelige, ellipsoide, sphaeroide, cylindrische, regulär 
polyedrische, prismatische etc. Insbesondere kommt hier die reine 
Kugelform, der reine Cylinder sehr häutig vor. Die meisten Protisten, 
welche ein äusseres oder inneres starres Skelet besitzen (Diatomeen, 
Rhizopoden, viele Flagellaten und andere Protisten) lassen in dessen 
Bildung meist äusserst deutlich , und nicht selten mathematisch rein 
ausgeprägt, eine vollkommen regelmässige stereometrische Grundform 
erkennen, so zwar, dass in vielen Fällen die Gestalt kr y stallähnlich 
wird, und dass ebenso, wie bei den Krystallen, eine vollkommen exacte 
geometrische Ausmessung und Berechnung der organischen Gestalt 
möglich wird. In dieser Beziehung sind namentlich viele Radiolarien, 
ferner manche Protoplasten und Diatomeen sehr ausgezeichnet. Die 
Radiolarien allein schon zeigen eine grössere Anzahl von stereome- 
trischen Grundformen realisirt, als sonst im ganzen Thier- und Pflanzen- 
Reiche zusammengenommen vorkömmt. Mehr, als irgend sonst wo, 
kann man hier an eine krystallographische Untersuchung der Orga- 
nismus-Formen denken. 



VII. C. Physiologischer Character des Protistenreiches. 

Ca. Character der allgemeinen Lebenserscheinungen bei den 

Protisten. 

Die Ernährung der Protisten ist uns zum grossen Theile noch 
ganz oder fast ganz unbekannt. Von sehr vielen derselben kennen 
wir weder die Natur ihrer Nahrungsstoffe, noch den Process der 
Nahrungsaufnahme, noch die Vorgänge des Stoffwechsels. Viele Pro- 
tisten scheinen sich in diesen Beziehungen mehr den Pflanzen anzu- 
schliessen (Diatomeen, Flagellaten, Vibrioniden, Myxomyceten, ein 
Theil der Protoplasten), andere dagegen mehr den Thieren (ein ande- 
rer Theil der Protoplasten, Rhizopoden, Noctiluken, Spongien). Beson- 
dere Ernährungscanäle, welche den Ernährungssaft aufsammeln und 
verschiedenen Körpertheilen zuleiten, finden sich blos bei den Spongien. 
Contractile, zum Theil rhythmisch pulsirende Hohlräume (Blasen, Va- 
cuolen) welche deü Ernährungssaft abwechselnd aus dem Plasmakörper 
aufsaugen und in den letzteren hineinpressen, finden sich besonders bei 
Protoplasten, Myxomyceten und Flagellaten. Der Athmungsprocess ist 
bei den meisten Protisten unbekannt. Einige athmen, gleich den meisten 
Pflanzen, Kohlensäure ein, Sauerstoff aus; andere zeigen den umge- 
kehrten Respirations-Modus der Thiere. Die Fortpflanzung geschieht 
bei sehr vielen Protisten, wahrscheinlich bei der grossen Mehrzahl, 
ausschliesslich auf dem einfachsten ungeschlechtlichen Wege (durch 
Theilung, Knospenbildung). Nur bei verhältnissmässig wenigen Pro- 
tisten kommt neben der ungeschlechtlichen auch geschlechtliche Fort- 



VII. Character des Protistenreiches. 219 

pflanzung vor, und es sind dann die beiderlei Geschlechter bald in 
einem Individuum vereinigt, bald getrennt (Spongien, ein Theil der 
Flagellaten). 

Wie bei allen Thieren und Pflanzen, so sind auch bei allen Pro- 
tisten diese allgemeinen „organischen" Functionen der Ernährung, des 
Wachsthums und der Fortpflanzung unmittelbar verbunden mit mole- 
kularen Bewegungserscheinungen und Masse-Bewegungen (mechanischen 
Leistungen). Wir nehmen diese zum Theil wahr in gewissen Lage- 
veränderungen der Moleküle des Plasma, welche sich bei den Protisten 
namentlich sehr oft äussern als die charakteristischen „ Sarcode- 
strömung en" (Rhizopoden, Noctiluken, ein Theil der Pro toplasten 
und Myxoinyceten) oder „amoeboiden Bewegungen" (Spongien, 
ein Theil der Protoplasten, Flagellaten und Myxomyceten); ferner als 
Wachsthum und als Fortpflanzung (Theilung und Knospenbildung) der 
einzelnen Piastiden, welche hier gewöhnlich das physiologische Indi- 
viduum repräsentiren. Auch hier, wie bei den anderen Organismen, 
sind diese Bewegungen, welche zugleich zur Bildung neuer Formen 
führen, nur dadurch möglich, dass Kräfte, welche in den verwickelten 
Kohlenstoff-Verbindungen des Plasma als gebundene oder Spannkräfte 
vorhanden sind, in lebendige Kräfte übergeführt werden. 

Cb. Character der besonderen protistischen Lebenserscheinungen. 

Wie uns die Grundlagen der allgemeinen Lebensthätigkeiten der 
Protisten, und insbesondere ihres Stoffwechsels, zur Zeit noch höchst 
mangelhaft bekannt sind, und wie wir von den meisten derselben nicht 
wissen, ob sie sich mehr den Thieren oder mehr den Pflanzen an- 
schliessen, so gilt dasselbe auch von dem Character und den Ursachen 
ihrer besonderen Lebensthätigkeiten. Nur so viel scheint sich zu er- 
geben, dass bei den verschiedenen Protisten in dieser Beziehung sehr 
wesentliche Verschiedenheiten vorkommen, indem die einen sich mehr 
den Thieren, die anderen mehr den Pflanzen anschliessen. Im Ganzen 
aber scheinen die Protisten auch in dieser Beziehung zwischen den 
Thieren und Pflanzen mitten inne zu stehen. In sämmtlichen Orga- 
nismen aller drei organischen Reiche kommen Reductionsprocesse, 
durch welche Wärme und andere lebendige Kräfte gebunden (zu 
Spannkräften) werden, und Oxydationsprocesse, durch welche gebun- 
dene Wärme und andere Spannkräfte frei und lebendig werden, neben 
einander vor. Bei den Thieren überwiegen die letzteren, bei den 
Pflanzen die ersteren; bei den Protisten scheinen sich Beide im Gan- 
zen das Gleichgewicht zu halten. Doch dürften die meisten Protisten 
sich mehr durch reichliche Entwickelung lebendiger Kräfte (mechani- 
scher Arbeit, Ortsbewegung der Piastiden) an die Thiere anschliessen, 
während sie sich von den Pflanzen durch geringe Neigung zur An- 



220 Thiere und Pflanzen. 

häufimg von Spannkräften mehr entfernen. Andererseits fehlen den 
Protisten allgemein diejenigen complicirteren Molekularbewegungen, 
welche bei den Thieren als die besonderen Leistungen der Muskeln 
und Nerven auftreten, und ebenso fehlen natürlich alle diejenigen 
höheren Functionen des Nervensystems, welche sich in dem Nerven- 
centrum der höheren Thiere zu Vorstellungen (Empfinden, Wollen, 
Denken) differenziren. Dagegen sind Bewegungen, welche den Re- 
flexbewegungen der Thiere und der höheren Pflanzen (Mimosen etc.) 
vollkommen entsprechen, bei den Protisten sehr allgemein verbreitet, 
ohne an differenzirte Muskeln und Nerven -Organe geknüpft zu sein, 
und treten zum Theil in sehr eigenthümlicher Form auf (Spongien, 
Rhizopoden, Protoplasten etc.). Die meisten dieser mechanischen 
Arbeitsleistungen und die anderen besonderen Bewegungen der 
Protisten (z. B. die sehr eigenthümlichen Bewegungen der Diatomeen, 
Vibrioniden , vieler Flagellaten, Protoplasten etc.) sind aber noch sehr 
wenig bekannt. Zwar ist von den meisten derselben anzunehmen, dass 
sie auf Freiwerden lebendiger Kräfte beruhen; doch könnte von einigen 
auch behauptet werden, dass sie umgekehrt .die Wirkungen der Bin- 
dung von Spannkräften sind. In diesen, wie in vielen anderen physio- 
logischen und morphologischen Beziehungen haben wir eine befriedi- 
gende Erkenntniss der Protisten erst von ausgedehnteren zukünftigen 
Untersuchungen zu erwarten. 

VIII. Character des Pflanzenreiches. 

Vier Stumme des Pflanzenreiches: 1. Phyeuphyta (Algae pro parte). 
2. Characeae. 3. Nernatophy ta (Fungi et Lichenes). 4. Cormophyta 
(Phanerogamae ownes et Cryptogainae exclusas Netnatophytis, Characeis et 

Phycophytis). 

VIII. A. Chemischer Character der Pflanzenreiches. 

A a. Character der chemischen Substrate der Pflanzen. 

Die wichtigsten Substanzen des Pflanzenkörpers (vor Allen das 
Plasma oder Protoplasma der Piastiden) sind Eiweiss-Verbindungen 
(Album in ate), durch deren Thätigkeit die meisten anderen Verbin- 
dungen des Pflanzenleibes mittelbar oder unmittelbar erzeugt werden. 
Die Eiweisskörper der Pflanzen treten in zahlreichen noch sehr unbe- 
kannten Modificationen auf, von denen die wichtigsten das Pflauzen- 
eiweiss (in sehr vielen Pflanzensäften gelöst), der Pflanzenfaserstoff 
(Fibrin, der in Alkohol unlösliche Theil des Getreideklebers etc.) und 
der Pflanzenkäsestoff (Casein der Leguminosenfrüchte, Legumin) sind. 
Aus den Eiweiss -Verbindungen der Pflanzenkörper gehen sehr selten, 
vielleicht nie, solche stickstoffhaltige Ei weiss -Derivate hervor, wie 
sie im Körper der Thiere und vieler Protisten als Zellhäute, Cuticular- 



VIII. Character des Pflanzenreiches. 221 

bildungen und Intercellularsubstanzen, als Hornsubstanz, elastische, 
leimgebende, Chitin -Substanzen etc. eine sehr grosse Rolle spielen. 
Ebenso fehlen den Pflanzen die stickstoffhaltigen Säuren (Harnsäure, 
Hippursäure, Inosinsäure etc.), während die stickstofffreien Säuren 
eine sehr viel grössere Verbreitung und Bedeutung als bei den Thieren 
haben. Die stickstoffhaltigen Basen der Pflanzen (Pflanzen- 
alkaloide: Strychnin, Morphin, Nicotin etc.) sind stark alkalisch und 
von äusserst mannichfaltiger Zusammensetzung, umgekehrt wie bei 
den Thieren. Der wichtigste Pflanzenfarbstoff ist das Chlorophyll, 
welches jedoch bloss den Cormophyten fast allgemein zukommt, den 
meisten Nematophyten und Phycophyten dagegen fehlt. Fette kom- 
men in allen Pflanzen vor. Eine der wichtigsten chemischen Eigen- 
thümlichkeiten aller Pflanzen ist aber die massenhafte und allgemein 
verbreitete Bildung von stickstofffreien Producten aus der Gruppe der 
sogenannten Kohlenhydrate, welche theils (Cellulose) von den 
Piastiden nach aussen abgeschieden werden (wie die Membranen und 
Intercellularsubstanzen, welche aus Cellulose und ihren Modificationen 
bestehen), theils als- Ablagerungen im Innern der Piastiden abgesetzt 
werden (Stärke, Dextrin, Gummi, Zucker etc.). Anorganische, d. h. 
nicht kohlenstoffhaltige Verbindungen, insbesondere phosphorsaure 
Salze und Chlorverbindungen der Alkalien und alkalischen Erden, 
kommen allgemein in den Pflanzen vor, aber in viel wechselnderen 
Mengenverhältnissen, und viel häutiger sich gegenseitig substituirend, 
als in den Thieren. Kieselsäure und Kalksalze treten in den 
Pflanzen nur in geringer Menge und niemals so, wie in den Thieren 
und Protisten, als selbstständige geformte Massen, skeletbildend auf. 
Der Mangel dieser mineralischen Skelete wird den Pflanzen durch ihr 
Cellulose-Skelet ersetzt. 

Ab. Character der chemischen Processe der Pflanzen. 

Der wesentliche Character der chemischen Processe, welche im 
Pflanzenkörper vor sich gehen, beruht auf Reduction und Synthese 
einfacher Verbindungen, und lässt sich in den wenigen Worten zu- 
sammenfassen: Die Pflanze ist ein Reductions-Organismus. 
Das Pflanzenleben im Grossen und Ganzen ist ein Reductions-Process. 
Die Pflanzen bilden aus den einfacheren „anorganischen" Verbindungen, 
besonders Kohlensäure, Wasser und Ammoniak, durch Synthese und 
Reduction die sehr zusammengesetzten ., organischen" oder Kohlen- 
stoff-Verbindungen (Albuminate, Fette etc.), welche nachher dem Thier 
als Nahrung dienen. Doch kommen daneben allgemein in untergeord- 
netem Maasse (und auch vielfach im Einzelnen) analytische und Öxy- 
dations-Processe vor. 



222 Thiere und Pflanzen. 

VIII. B. Morphologischer Character des Pflanzenreichs. 

Ba. Character der pflanzlichen Individualitäten. 

Der wesentliche tectologische Character der Pflanzen liegt 
in der vorwiegenden Ausbildung und Differenzirung der Individuen 
erster Ordnung, der Piastiden. Dieselben sind meistens von viel 
beträchtlicherer Grösse, als bei den Protisten und Thieren. Gewöhn- 
lich sind sie kernhaltig, also Zellen; sehr häufig jedoch auch kernlos, 
also Cytoden, und bei den Nematophyten und vielen Phycophyten ist 
der Körper entweder allein oder doch vorwiegend aus Cytoden zu- 
sammengesetzt. Die Piastiden der Pflanzen, sowohl die Cytoden als 
die Zellen, scheiden allermeist schon in sehr früher Zeit eine Membran 
aus und kapseln sich dadurch ab; selten bleiben sie längere Zeit hin- 
durch nackt (Schwärmsporen); gewöhnlich ist die schichtweise Ab- 
setzung der umhüllenden Membranen sehr mächtig; es bleiben aber, 
da dieselben meist innerhalb der primär abgeschiedenen Membran als 
innere Verdi ekungsschichten sich ablagern, die einzelnen Piastiden dabei 
isolirt und es verschmelzen weder die Individuen selbst zu Plastideu- 
stöcken (ausgenommen die „Gefässe"- der Gefässpflanzen: Milchsaft- 
gefässe, Spiralgefässe), noch die Membranen zu gemeinsamen Inter- 
cellularmassen (wie bei den Bindegeweben der Thiere so häufig ge- 
schieht). Die Bildung von Zellstöcken (Milchsaftgefässen, Spiral- 
gefässen) ist weit beschränkter, als bei den Thieren. Diese „Gefässe" 
sind neben dem einfachen „Parenchyur die einzige besondere ..Ge- 
websform" der Pflanzen. Die Individuen zweiter Ordnung, die Or- 
gane, sind bei den Pflanzen allgemein weit weniger ditferenzirt, als 
bei den Thieren; bei den Phycophyten und Nematophyten sind die- 
selben sehr wenig entwickelt; bei den Cormophyten sind sie zwar 
besser entwickelt, lassen sich aber vom morphologischen Gesichtspunkte 
aus sämmtlich als Modifikationen von blos zwei Grundorganen 
nachweisen, Axorgan und Blattorgan. Vom physiologischen Ge- 
sichtspunkte aus betrachtet sind die Organe der Pflanzen ebenfalls 
weit weniger ditferenzirt als die der Thiere, meistens entweder Ernäh- 
rungs- oder Fortpflanzungs- Organe. Sehr allgemein und in höchster 
Ausbildung treffen wir bei den Pflanzen die Individuen sechster und 
letzter Ordnung an, die Stöcke (Cormen), was mit der festsitzenden 
Lebensweise und dem Mangel willkührlicher Bewegung zusammenhängt. 
Daher fehlt den Pflanzen auch die für viele Thiere characteristische 
und hier die Stockbildung ersetzende Staatenbildung. Gewöhnlich ist 
mit der Stockbildung der Pflanzen ein sehr ausgedehnter Polymorphis- 
mus der Personen, eine weit gehende Arbeitstheilung der Individuen 
fünfter Ordnung (Sprosse) verbunden. 



VIII. Character des Pflanzenreiches. 223 

Bb. Character der pflanzlichen Grundformen. 

Die Pflanzen stehen bezüglich der Ausbildung- der stereometrischen 
Grundformen in der Mitte zwischen den Protisten und den Thieren. 
Die niederen Pflanzen, insbesondere viele Algen, schliessen sich mehr 
den ersteren, viele höhere Pflanzen, namentlich Dicotyledonen, mehr 
den letzteren an. Unter den Algen giebt es zahlreiche Formen, welche 
die ganz regulären, rein stereometrisch ausgeprägten Formen vieler 
Protisten theilen (Kugel, Cylinder, Sphäroid, reguläre Polyeder, Pris- 
men etc.). Auch die einzelnen Piastiden, welche bei den Pflanzen 
viel mehr als bei den Thieren den Rang von selbstständigen Individuen 
erster Ordnung beibehalten, und welche zugleich durch frühzeitige 
Einschliessuug in eine starre Cellulose -Kapsel sehr bestimmte und 
scharf umschriebene Formen gewinnen, zeigen im Parenchym der 
meisten mehrzelligen Pflanzen ähnliche einfache stereometrische Formen 
sehr rein ausgeprägt. Unter den pflanzlichen Individuen fünfter Ord- 
nung, den Sprossen, besonders den Blüthensprossen der Phanerogamen, 
ist die reguläre Pyramidenform sehr allgemein herrschend. Doch 
geht dieselbe hier auch sehr häufig in die Grundform der amphithec- 
ten Pyramide über. Dagegen tritt die Eudipleuren-Form („bila- 
terale Symmetrie" zum Theil) in den Pflanzen seltener in den Indivi- 
duen fünfter Ordnung (wo sie bei den höheren Thieren so allgemein 
ist), als in den Individuen niederer Ordnung (Blättern z. B.) ganz 
rein auf. Im Ganzen sind die äusseren Formen der Pflanzen schon 
wegen ihrer starren festen Zellenwände schärfer bestimmt und daher 
leichter und sicherer auf eine stereometrische Grundform zurückzu- 
führen, als bei den Thieren. 

VIII. C. Physiologischer Character des Pflanzenreiches. 

Ca. Character der allgemeinen Lebenserscheinungen bei den 

Pflanzen. 

Die Ernährung der Pflanzen unterscheidet sich von derjenigen 
der allermeisten Thiere und vieler Protisten dadurch, dass die Pflanzen 
niemals feste Stoffe, wie die Thiere, in ihr Inneres aufnehmen, sondern 
ausschliesslich tropfbarflüssige und gasförmige Stoffe; diese dringen 
einfach auf endosmotischem Wege durch die Membranen der Piastiden 
hindurch in das Innere derselben ein. Es fehlen also den Pflanzen allge- 
mein die besonderen, zur Nahrungs-Aufnahme und Verdauung dienenden 
Höhlen, welche den allermeisten Thieren zukommen. Die allermeisten 
Pflanzen nähren sich ausschliesslich von sehr einfachen Verbindungen 
(Wasser, Kohlensäure, Ammoniak, kohlenstofflose Salzlösungen), aus 
denen sie, wie bemerkt, durch Keduction zusammengesetzte Kohlenstoff- 



224 Thiere und Pflanzen. 

Verbindungen bilden. Daher athinen sie vorwiegend Kohlensäure ein, 
Sauerstoff aus. Doch giebt es auch viele Schmarotzer -Pflanzen 
(Pilze etc.), deren Athmuugsprocess umgekehrt (thierisch) ist, und 
welche, gleich den Thieren, bereits vorgebildete „organische" Sub- 
stanzen (verwickelte Kohlenstoff'- Verbindungen) zu ihrer Ernährung 
brauchen. Besondere den Ernährungssaft führende Röhrensysteme 
(Blutgefässe, Chylusgefässe), sowie besondere contractile Behälter (Her- 
zen), welche dessen Bewegung in denselben regelmässig beschleunigen, 
fehlen den Pflanzen allgemein, während sie den meisten Thieren zu- 
kommen. Die Fortpflanzung geschieht bei den Pflanzen allgemein 
auf ungeschlechtlichem Wege (durch Theilung, Knospenbildung), ausser- 
dem bei den allermeisten zugleich auf geschlechtlichem Wege. Bei 
der grossen Mehrzahl aller Pflanzen wechseln diese beiden Formen der 
Fortpflanzung in der Weise mit einander ab, dass ein regelmässiger 
Generationswechsel besteht. Die beiderlei Geschlechter sind bei der 
grossen Mehrzahl der Pflanzen in einem Individuum fünfter oder sech- 
ster Ordnung vereinigt, nur bei einer geringen Zahl getrennt. 

Wenn wir die feineren Vorgänge, welche den genannten allge^ 
meinen Lebensthätigkeiten der Pflanzen zu Grunde liegen, aufsuchen, 
so finden wir dieselben bei allen Pflanzen, wie bei allen Protisten und 
Thieren, mit einer Anzahl von molekularen Bewegungserscheinungen 
und einer Anzahl von Massebewegungen (mechanischen Leistungen) 
unmittelbar verbunden. Wir können diese Bewegungen zum Theil di- 
rekt wahrnehmen in den pflanzlichen Individuen erster Ordnung (den 
Piastiden) als gegenseitige Lageveränderungen der Moleküle des Plasma 
(„Saftströmungen" oder „ Plasmacontractionen ") , als Wachsthum 
(Grössenzunahme) und als Fortpflanzung der Piastiden (Theilung, 
Knospenbildung der Cytoden und Zellen). Alle diese allgemeinen 
„organischen'* Molekularbewegungen, welche schliesslich zur Gestaltung 
ungeformten Stoffes und zur Neubildung individueller Formen führen, 
und welche häutig (vielleicht immer) mit einer Entwickelung von 
Wärme verbunden sind, erfordern einen Verbrauch von Spannkräften. 
Denn alle diese Bewegungen beruhen im Grunde darauf, dass Spann- 
kräfte in lebendige Kräfte übergehen. 

Ob. Character der besonderen pflanzlichen Lebenserscheinungen. 

Während bei den Thieren der bei weitem grösste und wichtigste 
Theil ihrer Lebeusthätigkeit in einer Entwickelung lebendiger Kräfte 
besteht, die sich dort vorzüglich als Wärmebilduug, Muskelbewegung 
und Nervenbewegung (Empfinden, Wollen, Denken) äussert, so bildet 
bei den Pflanzen jene Verwandlung der potentiellen in actuelle Kräfte 
nur einen sehr geringen Theil ihrer Lebenserscheinungen und der bei 
weitem grösste Theil ihrer Functionen erzielt gerade das entgegen- 






VIII. Character des Pflanzenreiches. 225 

gesetzte Resultat, nämlich die Umsetzung von lebendigen Kräf- 
ten in Spannkräfte. Diese für die Pflanzen am meisten characte- 
ristischen Bewegungen, welche den Thieren grösstenteils abgehen, 
kann man daher auch als „vegetative Functionen" im engeren Sinne 
bezeichnen. Dieselben beruhen wesentlich auf dem characteristischen 
Reductions-Process der Pflanzen. Indem die Hauptsumme der chemi- 
schen Processe in den Pflanzen darauf hinausläuft, die einfachen und 
festen Verbindungen des Wassers, der Kohlensäure und des Ammo- 
niaks durch Zersetzung (Reduction) in die verwickelten und lockeren 
Kohlenstoff -Verbindungen (Eiweisskörper, Kohlenhydrate, Fette) über- 
zuführen, und indem diese Reduction nur unter Einwirkung des Sonnen- 
lichts (durch Bindung grosser Quantitäten Licht und Wärme) möglich 
ist, verwandeln sie eine grosse Menge freier oder bewegender Kräfte 
(Licht, Wärme) in gebundene oder Spannkräfte. Diese letzteren blei- 
ben gebunden in den verwickelten Kohlenstoff- Verbindungen , welche 
allenthalben in den Pflanzen angehäuft werden. Durch die Bindung 
von Wärme, welche für die Bildung der letzteren nothwendig ist, und 
welche theils dem Sonnenlichte, theils der Umgebung entzogen wird, 
wirken die Pflanzen abkühlend. Sie entwickeln Kälte. In der 
massenhaften Bildung und Anhäufung dieser verwickelten Kohlenstoff- 
Verbindungen und der in ihnen locker gebundenen Spannkräfte haben 
wir den wesentlichsten Character der besonderen pflanzlichen Lebens- 
thätigkeit, des eigenthümlichen „Vegetationsprocesses" zu suchen. 
Diese Aufspeicherung der Spannkräfte in den Pflanzen ermöglicht 
allein die besonderen Lebensbewegungen der Thiere, welche auf einer 
Befreiung derselben, auf ihrer Verwandelung in lebendige Kräfte be- 
ruhen. Dadurch entwickeln die Thiere die lebendigen Kräfte, welche 
sie als thierische Wärme, als Muskelbewegimg und Nervenbewegung 
äussern. Doch fehlen ähnliche Bewegungen, durch lebendige Kräfte 
hervorgebracht, auch in den Pflanzen nicht ganz. Vielmehr entwickeln 
auch diese stellenweise und zeitweise Wärme; und bei vielen höheren 
Pflanzen kommen sogar verwickelte Bewegungen zur Erscheinung, 
welche der Muskel- und Nervenbewegung sich sehr nahe anschliessen. 
Vor allen sind hier die ausgezeichneten Erscheinungen der „Reizbar- 
keit" an den Blättern der Mimosen oder „Sinnpflanzen" und der 
Dionaea muscipula, an den Staubfäden der Centaureen, Berberideen etc. 
hervorzuheben. Die mechanische Arbeit, welche hier gewisse Theile 
der Pflanze leisten, ist durchaus der Muskelcontraction analog, und 
wird sogar oft in gleicher Weise durch Ketten von „Auslösungen" 
hervorgerufen, wie es bei den Nervenbewegungen der Thiere der Fall 
ist. In dieser Beziehung sind namentlich die bekannten Bewegungen 
der „reizbaren" Mimosen äusserst merkwürdig, indem sie durchaus 
den Reflexbewegungen der Thiere analog sind. Dagegen ist es 

Haeckel, Generelle Morphologie. 15 



226 Thiere und Pflanzen. 

zweifelhaft, ob bei irgend einer dieser Pflanzen die Reflexbewegungen 
sich deutlich in die getrennten Functionen des Empfindens und Wol- 
lens difterenziren , welche in einem Centralorgane als Vorstellungen 
ausgelöst werden miissten. Wenn diese Üifferenzirung noch fehlt, so 
fehlt sie sicher auch vielen echten Thieren (vielen Würmern, Coelen- 
teraten, besonders Anthozoen und Anderen), welche sich auf ganz 
ähnliche Bewegungen, wie die Mimosen etc. beschränken. Indessen 
treten doch diese Leistungen mechanischer Arbeit, welche den Reflex- 
bewegungen der Thiere sich unmittelbar auzuschliessen scheinen, und 
wie diese mit einem Verbrauche von Spannkraft verbunden sind, nur 
bei wenigen (meist höheren) Pflanzen auf, und im Ganzen bleibt die 
besondere Lebensthätigkeit der Pflanzen darauf beschränkt, dass sie 
(durch Reduction und Wärme-Bindung) Massen von lebendigen Kräften 
in Spannkräfte überführen. 

IX. Vergleichung der drei Reiche. 

Eine scharfe und vollkommen unterscheidende Characteristik der 
Organismen-Reiche ist, wie die vorhergehenden Abschnitte zeigen, nur 
dann möglich , wenn man ausschliesslich die entwickelten und voll- 
kommenen Formen berücksichtigt und von den niederen und einfachen 
Formen absieht. So wenig wir im Stande sind, eine vollständig 
scharfe und erschöpfende Diagnose eines Phylon zu geben, welche 
alle embryologischen und palaeontologischen Entwickelungszustände 
desselben umfasst, so wenig ist dies von einem der drei organischen 
Reiche möglich, deren jedes aus mehreren Phylen zu bestehen scheint. 
Nur dann können wir eine solche differentielle Diagnose aufstellen, 
wenn wir die am meisten ausgebildeten und characteristischen Haupt- 
formen vorwiegend berücksichtigen und aus den typischen Characteren 
der Mehrzahl der Formen ein allgemeines Bild des Ganzen in grossen 
Zügen und skizzenhaften Umrissen entwerfen. 

Wenn wir nun ausdrücklich unter dieser Voraussetzung und unter 
dem besonderen Hinweis darauf, dass jedes Reich nur eine künstliche 
Collectivgruppe von mehreren selbstständigen, aber analog entwickelten 
Phylen ist, eine allgemeine Characteristik der drei Reiche vorstehend 
versucht haben, so glauben wir, dass sich daraus die Vorzüge unserer 
Dreitheilung vor der bisher gültigen Zweitheilung ergeben haben wer- 
den. Die Dreitheilung hat besonders den grossen Vortheil, dass jedes 
der beiden nach zwei entgegengesetzten Richtungen hin entwickelten 
grossen Reiche sich weit schärfer, sicherer und vollständiger charac- 
terisiren lässt, als es bei der Zweitheilung möglich ist. Denn wir 
haben in den unzweifelhaften Pflanzen (Cormophyten, Nematophyten, 
Characeen, Algen; eine Summe von hervortretenden Eigenschaften verbun- 



IX. Vergleichung der drei Reiche. 227 

den, welche uns ein abgerundetes und deutliches Characterbild der 
Pflanze im Allgemeinen vor Augen fähren. Andererseits finden wir 
ebenso in den unzweifelhaften Thieren (Vertebraten, Mollusken, Arti- 
culaten, Echiuodermen, Coelenteraten) eine Summe von auszeichnenden 
Eigenschaften vereinigt, welche uns ein ebenso deutliches und scharfes 
Characterbild des Thieres im Allgemeinen aufzustellen erlauben. Um 
den grossen Contrast in den entgegengesetzten Grundzügen dieser 
beiden divergenten Characterbilder deutlich zu kennzeichnen, stellen 
wir sie hier nochmals vergleichend einander gegenüber: 

I. Pflanzencharacter: 
Die fast allgemein bleibende Selbstständigkeit der Individuen erster 
Ordnung oder Piastiden und die Abschliessung derselben durch eine starre 
Kapsel aus Kohlenhydraten (Zellmembran); die Differenzirung der Plasti- 
den-Aggregate in höchstens zwei Gewebsformen: Parenchjm und Gefässe; 
die Beschränkung der Individuen zweiter Ordnung (Organe) auf zwei ver- 
schiedene Reihen: I. Blattorgane und II. Axorgane; wegen mangelnder Orts- 
bewegung sehr allgemeine Bildung von Individuen sechster Ordnung 
(Stöcken), welche meistens das physiologische Individuum repräsentiren. 
Allgemeines Vorherrschen der niederen oder radiären Grundformen (vor- 
züglich der regulären Pyramiden). Die Lebensthätigkeit vorzugsweise auf 
Ueberführung von lebendigen Kräften in Spannkräfte, auf Bindung von 
Wärme, und auf Anhäufung von verwickelten Kohlenstoß-Verbindungen ge- 
richtet, welche durch Reduction aus den einfachsten „anorganischen" Ver- 
bindungen gewonnen werden. 

II. Thiereharacter: 
Die allgemeine Verschmelzung eines Theiles der Individuen erster Ord- 
nung (Piastiden) zu complexen Elementartheilen oder Zellstöcken (Muskel- 
fasern, Nervenfasern) unter Aufgabe ihrer ursprünglichen Selbstständigkeit, 
der sehr allgemeine Mangel einer festen Kapsel (Zellmembran) an ihrer 
Oberfläche; die Differenzirung der Plastiden-Aggregate in vier verschiedene 
Gewebs-Formen: Epitelial-, Binde-, Muskel- und Nerven- Gewebe; die 
Differenzirung der Individuen zweiter Ordnung (Organe) in vier verschie- 
dene Reihen: Organe I. der Ernährung, IL der Fortpflanzung, III. der 
mechanischen Arbeit oder Locomotion (Muskeln), IV. der Beziehungen, 
Centralisation und Regulation des Ganzen (Nerven); das physiologische 
Individuum meistens durch morphologische Individuen fünfter Ordnung 
(Personeu), seltener vierter Ordnung (Metameren) repräsentirt; wegen sehr 
allgemeiner Ortsbewegung selten Bildung von Individuen sechster Ordnung 
(Stöcken), dagegen sehr allgemeine Bildung von Gemeinden und Staaten. 
Allgemeines Vorherrschen der höheren oder bilateralen Grundformen, 
(Zeugiten, und vorzüglich Eudipleuren). Die Lebensthätigkeit vorzugsweise 
auf Ueberführung von Spannkräften in lebendige Kräfte (Muskelbewegung, 
Nerveubewegung und Entwickelung von Wärme), und auf Zersetzung von 
verwickelten Kohlenstoff-Verbindungen gerichtet, welche durch Oxydation in 
die einfachsten „anorganischen" Verbindungen übergeführt werden. 

15* 



228 Thiere und Pflanzen. 

Kein so scharfes und vollständiges Bild vermögen wir von den 
positiven Characteren der Protisten zu entwerfen. Es ist mehr 
eine Summe von negativen Eigentümlichkeiten, welche die verschie- 
denen Protisten-Stämme zu einem Reiche vereinigt. Dies liegt theils 
an der unvollkommenen Entwickelungsstufe, welche die Protisten 
überhaupt erreichen, und wodurch sie den niedersten Entwickelungs- 
stufe» des Thierreichs sowohl als des Pflanzenreichs zum Theil sehr 
nahe stehen; theils an der wirklichen Mischung von thierischen und 
pflanzlichen Characteren, w r elche viele Protisten in so auffallender 
Weise in sich vereinigen, dass es ganz unmöglich ist, sie entweder 
dem Thierreiche oder dem Pflanzenreiche zuzugesellen, ohne dessen 
Differential - Character wesentlich zu beeinträchtigen. Zum grossen 
Theil allerdings liegt die Unmöglichkeit, jetzt schon ein vollständiges 
Characterbild der Protisten zu entwerfen, an unseren noch ausser- 
ordentlich mangelhaften Kenntnissen, besonders ihrer Ernährungs- 
thätigkeit und ihres Stoffwechsels. Indessen ist es immerhin möglich, 
wenigstens einige gemeinsame Züge aller Protisten in ein skizzen- 
haftes Characterbild zusammenzufassen: 

III. Protistencharacter: 

Die allgemeine bleibende Selbstständigkeit der Individuen erster Ord- 
nung (Piastiden), welche sehr häufig einzeln, oder locker zu Piastiden- 
familien verbunden, allein das physiologische Individuum repräsentiren; In- 
dividuen höherer Ordnung (Organe, Personen etc ) entweder gar nicht oder 
nur höchst unvollkommen entwickelt; ebenso die Piastidenstöcke, wenn 
vorhanden, meist sehr unvollständig ausgebildet, und nicht differenzirt 
(keine sogenannten „Gewebe"). Allgemeines Vorherrschen der niedrigsten 
Grundformen, entweder gar keine bestimmte Formen oder höchst einfache 
und regelmässige, oft stereometrisch reine und kristallähnliche Formen 
(Kugel, Cylinder, reguläre Polyeder, krystallähnliche Prismen etc.) Die Le- 
bensthätigkeit grösstenteils unbekannt; der Stoffwechsel, wie es scheint, bei 
einigen Protisten mehr dem der Pflanzen, bei anderen mehr dem der Thiere 
sich nähernd, bei noch anderen endlich zwischen Beiden die Mitte haltend. 

Wenn man die verschiedenen Protisten-Stämme mit den Stämmen 
einerseits des Thierreichs, andererseits des Pflanzenreichs vergleicht, 
so stellt sich allerdings bei den einen eine nähere Beziehung zu 
jenein, bei den anderen zu diesem heraus, und wenn man die übliche 
Zweitheilung der Organismen in Thiere und Pflanzen beibehalten 
will, so inuss man jedenfalls das Protisten -Beich in zwei Theile 
spulten und die eine Hälfte jenem, die andere diesem anreihen. Die 
Reihe der pflanzenartigen Protisten würde durch die Myxomyceten, 
Diatomeen und Flagellaten, die Reihe der thierartigen Protisten durch 
die Spongien, Noctiluken und Rhizopoden gebildet. Aber bei den 
Protoplasten und den Moneren würden wir vollständig in Zweifel sein, 



IX. Yergleichung der drei Reiche. 229 

wohin wir sie stellen sollten, und auch für einen Theil der Flagellaten 
würde dasselbe gelten. Auch würde sieh bei allen übrigen Gruppen 
immer wieder der alte Streit, ob sie Thiere oder Pflanzen seien, 
erneuern, je nachdem man diese oder jene Seite des Characters für 
maassgebender hält, und es würden sich immer wieder Naturforscher 
finden, welche alle oder die meisten Protisten zu den Thieren, und 
andere, welche sie zu den Pflanzen stellen. So viel lässt sich vor- 
aussehen, dass dieser Streit, auch wenn wir die Protisten viel besser 
kennen würden, als es jetzt der Fall ist, immer fortleben würde, weil 
Viele von ihnen in zu ausgesprochener Weise thierische und pflanz- 
liche Charaktere vereinigen, und zwar in so verschiedenartiger und 
verwickelter Weise, dass eben jede scharfe Grenzbestimmung des 
Thier- und Pflanzen-Reichs verloren geht, wenn wir diese Zweifheilung 
beibehalten. 

Die definitive Entscheidung in solchen schwierigen biologischen 
Fragen wird immer nur von der Entwickelungsgeschichte , und zwar 
in diesem Falle nur von der palaeontologischen, gegeben werden 
können. Leider lässt uns dieselbe aber gerade hier völlig im Stiche, 
und es bleibt nicht einmal die Hoffnung, dass wir durch eine zukünf- 
tige Ergänzung unserer äusserst unvollständigen palaeontologischen 
Kenntnisse diese empfindliche Lücke werden ausfüllen können. Nie- 
mals wird uns die Phylogenie die Entscheidung darüber bringen, ob 
die verschiedenen Protisten-Stämme (wie es uns das Wahrscheinlichste 
ist) sich aus eben so vielen oder vielleicht aus noch zahlreicheren 
autogonen Moneren -Arten hervorgebildet haben, oder ob sie einem 
gemeinsamen ursprünglichen Stamme angehören, oder ob sie theils 
mit den Thierstämmen, theils mit den Pflanzenstämmen sich aus 
gleicher Wurzel entwickelt haben. Die übliche Zweitheilung der Or- 
ganismen in Thiere und Pflanzen würde nur in dem einen Falle eine 
vollkommen natürliche sein, wenn beide Reiche, die Protisten mit 
eingeschlossen, sich aus zwei verschiedenen autogonen Moneren-Arten 
hervorgebildet hätten, wenn also die eine Moneren-Art allen Thieren 
und thierähnlichen Protisten, die andere allen Pflanzen und pflanzen- 
ähnlichen Protisten den Ursprung gegeben hätte. Indessen ist gerade 
dieser Fall, wie schon oben bemerkt, von allen möglichen der am 
wenigsten wahrscheinliche. Es ist also die Beibehaltung der gewöhn- 
lichen Zweitheilung weder real in der Descendenz begründet, noch 
von irgend welchem praktischen Nutzen. 

Wir glauben demgemäss, dass die von uns versuchte Dreitheilung 
nur praktische Vortheile und keinerlei wissenschaftliche Nachtheile 
bietet. Es wird dadurch möglich, die beiden divergenten Reiche, 
Thier- und Pflanzen - Reich , scharf zu trennen und den Begriff des 
Thieres und der Pflanze scharf zu fixiren. Es wird zugleich, hoffen 



230 Thiere und Pflanzen. 

wir, die Hervorhebung des Protistenreiches als einer besonderen, den 
beiden anderen Reichen coordinirten , eollectiven Hauptgruppe, dazu 
beitragen, die Aufmerksamkeit und das Interesse der Naturforscher 
immer mehr auf diese äusserst interessante und bisher von den 
meisten sehr vernachlässigte Gruppe von Organismen hinzulenken, 
deren Studium für die allein richtige, d. h. die monistische Erkennt- 
niss, für das mechanisch -causale Verständniss der lebendigen Natur 
so ungemein lehrreich ist. 

X. Wechselwirkung der drei Reiche. 

Schon aus der vorhergehenden Characteristik und Vergleichung 
der drei Reiche wird die innige gegenseitige Wechselwirkung, welche 
zwischen denselben in vielen biologischen Beziehungen herrscht, klar 
geworden sein. Doch ist dieselbe von so hohem Interesse und von 
solcher Wichtigkeit für eine mechanische Erfassung des organischen 
Naturganzen, dass wir die wichtigsten Punkte dieses Verhältnisses 
hier nochmals kurz hervorheben wollen. 

Zwischen den Thieren und Pflanzen existirt, im Grossen und 
Ganzen betrachtet, der am meisten durchgreifende Gegensatz zunächst 
in der Qualität der wichtigsten und allgemeinsten organischen Func- 
tion, der Ernährung, indem der mit der Ernährung verbundene 
Stoffwechsel in beiden Reichen geradezu entgegengesetzt ist. Durch 
diesen „ Kreislauf der Stoffe " ist der beständige Gleichgewichtszustand 
bedingt, den die organische Natur im Grossen und Ganzen zeigt. Die 
Pflanzen als Reductions-Organismen produciren durch ihre progressive 
Stoffmetamorphose die zusammengesetzten Kohlenstoffverbindungen 
(Albuminate, Fette, Kohlenhydrate), welche die Thiere zu ihrer Er- 
nährung brauchen; und indem die Thiere als Oxydations-Organismen 
durch ihre regressive Stoffmetamorphose die einfacheren „anorgani- 
schen" Verbindungen herstellen (Wasser, Kohlensäure, Ammoniak), 
liefern sie wiederum das Nahrungsmaterial für die Pflanzen. 

Diesem Gegensatze im Stoffwechsel der beiden Reiche entspricht 
ein ähnlicher Gegensatz im Kraftwechsel derselben. Indem die 
Pflanzen durch Bindung von Licht und Wärme, die sie zu ihren Re- 
duetionsprocessen bedürfen, lebendige Kräfte in Spannkräfte überfüh- 
ren, liefern sie den Thieren in ihren verwickelten Kohlenstoff- Verbin- 
dungen diejenigen Mengen von Spannkräften, welche die Thiere nöthig 
haben, um lebendige Kräfte entwickeln zu können. Doch ist- dieser 
Kraftwechsel nicht, wie der Stoffwechsel, ein gegenseitiger, sondern 
nur ein einseitiger, da die lebendigen Kräfte, welche das Thier als 
thierische Wärme, mechanische Arbeit (Muskelbewegung) und Aus- 
lösungstliäu^keit (Nervenbewegung) producirt, nicht in der Form frei 



X. Wechselwirkung der drei Reiche. 231 

werden, in welcher die Pflanze sie brauchen kann. Diese entnimmt 
vielmehr die für ihr Leben nöthige lebendige Kraft grösstentheils ans 
dem Sonnenlicht. 

Wie sich die Protisten hinsichtlich des Kraft- und Stoffwechsels 
verhalten, wissen wir von der Mehrzahl derselben nicht. Einige 
scheinen sich mehr den Pflanzen, andere mehr den Thieren anzu- 
schliessen. Doch ist es wahrscheinlich, dass sich im Ganzen bei den 
meisten Protisten Reduction und Oxydation, progressive und regressive 
Metamorphose ihres Plasma-Körpers ziemlich das Gleichgewicht halten 
wird, da sie weder so beträchtliche Mengen von lebendiger Kraft, 
wie die Pflanzen, noch so beträchtliche Mengen von Spannkraft, wie 
die Thiere nöthig haben, um ihre Lebensfunctionen zu vollziehen. 
Sie halten sich wahrscheinlich auch iu dieser Beziehung auf einem 
mehr indifferenten Standpunkte, und sind daher auch von der übrigen 
organischen Natur weniger abhängig, als es bei den Thieren und 
Pflanzen der Fall ist. 

Stoffwechsel und Kraftwechsel der Organismen in früheren Pe- 
rioden der Erdgeschichte werden sich wesentlich verschieden von den 
jetzigen Verhältnissen gestaltet haben. Denken wir an den Urzustand 
der Erde zurück, als sie zuerst von Organismen bevölkert wurde, so 
müssen schon allein die ungeheuren Kohlenstoffmassen, die jetzt im 
Körper der Organismen gebunden sind, und die damals vermuthlich 
grösstentheils als Kohlensäure, Kohlenwasserstoffe etc. Urmeer und 
Uratmosphäre sättigten, gänzlich verschiedene Existenzbedingungen 
hervorgerufen haben. Es ist daher auch wahrscheinlich, dass zuerst 
ausschliesslich pflanzliche und protistische Moneren durch Auto- 
gonie entstanden sind, d. h. Eiweiss -Verbindungen in individueller 
Form, welche vorzugsweise oder fast ausschliesslich in progressivem 
Stoffwechsel Reduction übten und Massen von disponiblen festen und 
einfachen Kohlenstoff- Verbindungen in die lockeren und verwickelten 
Kohlenstoff-Verbindungen des Eiweisses, Fettes, der Kohlenhydrate etc- 
überführten. Erst nach Verlauf langer Zeiträume, nachdem sich eine 
reiche Pflanzenwelt entwickelt und Massen von Kohlensäure etc. aus 
der Atmosphäre und dem Urmeere fortgeschafft hatte, werden in 
dein nunmehr respirablen Medium durch Autogonie thierische Mone- 
ren entstanden sein, d. h. Eiweiss- Verbindungen in individueller Form, 
welche vorzugsweise in regressivem Stoffwechsel Oxydation übten, 
welche die in den Pflanzen aufgespeicherten Spannkräfte sich zu 
Nutze machten, und in allmähliger Weiterentwickelung das Wechsel- 
verhältniss einleiteten, das gegenwärtig zwischen den organischen 
Reichen existirt. 

Die Differenzirung , welche in dieser oder ähnlicher Weise all- 
mählig stattgefunden hat, lässt sich jedoch auch in der Form denken, 



232 Thiere und Pflanzen. 

dass alle autogonen Moneren pflanzlicher Natur nnd als Reductions- 
Organismen thätig waren, und dass aus diesen sich später, bei hin- 
reichender Abnahme der freien Kohlensäure, Piastiden hervorbildeten, 
welche anfangs nur wenig, in späteren Generationen mehr und mehr, 
und zuletzt überwiegend als Oxydations-Organismen, als Thiere thätig 
waren. Wenn man eine Abstammung der ganzen Organismen -Welt 
von einer einzigen Moneren- Art annimmt, so muss man jedenfalls die 
Wurzel dieses einzigen organischen Stammbaumes, d. h. seine auto- 
gone Moneren-Form und zahllose älteste Reihen von Generationen als 
pflanzliche, als reducirende, ausehen, aus deren vielfach verzweigter 
Verwandtschaft sich erst weit später mehr neutrale Protisten und 
endlich die vorwiegend oxydirenden, thierischen Piastiden differen» 
zirten, deren Nachkommenschaft das Thierreich ist. 

XI Die Seele als Character der Thiere. 

Wenn man, wie es für die kurzen Definitionen des Thieres und 
der Pflanze in den Lehrbüchern erwünscht ist, die am meisten cha- 
racteristischen und durchgreifenden Unterschiede von Thier und 
Pflanze mit wenigen Worten ausdrücken will, so wird es immer am 
natürlichsten sein, die hervorgehobenen Gegensätze des Stoffwechsels 
und der Ernährung, und des daran geknüpften Kraftwechsels in erster 
Linie zu betonen, und man kann die drei Reiche dann ungefähr durch 
folgende Diagnose bezeichnen: 1) Die Pflanzen bilden vorwie- 
gend durch Reduction und Synthese aus ganz einfachen 
sehr zusammengesetzte Verbindungen, binden dabei Wärme 
und entAvickeln wenig mechanische Arbeit. 2) Die Protisten 
sind vorwiegend indifferente Organismen, in denen sich 
Reduction und Oxydation das Gleichgewicht zu halten 
scheinen, welche bald Wärme binden, bald abgeben, und 
mehr mechanische Arbeit als die Pflanzen, weniger als die 
Thiere entwickeln. 3) Die Thiere bilden vorwiegend durch 
Oxydation und Analyse aus sehr zusammengesetzten ganz 
einfache Verbindungen, entAvickeln dabei Wärme und viel 
mechanische Arbeit. Jedenfalls ist diese Definition weit zutreffen- 
der, als die gewöhnlich in den Lehrbüchern aufgeführte Behauptung, 
dass sich die Thiere vor den Pflanzen durch den Besitz einer 
„Seele", d. h. durch die Functionen der „willkührlichen Bewegung" 
und „Empfindung'', auszeichnen. Da auf diesen falschen Satz immer 
noch so grosses Gewicht gelegt wird, so wollen wir demselben noch 
einige Worte der Widerlegung widmen. 

Unter Seele oder Seelenthätigkeit verstehen wir allgemein eine 
Summe von verschiedenen, hoch difi'erenzirten Functionen des Central- 



XI. Die Seele als Character der Thiere. 233 

nervensystems, unter denen der Wille und die Empfindung die wich- 
tigsten sind. Der Wille, welcher der willkührlichen Bewegung zu 
Grunde liegt, und die Empfindung sind Vorstellungen, welche 
nur in dem hoch entwickelten Centralnervensystem der höheren 
Thiere ausschliesslich zu Stande kommen und als complicirte 
Molekularbewegungen in den Ganglienzellen zu betrachten sind. 
Es erfordern diese sehr verwickelten Nervenbewegungen eine ent- 
sprechend complicirte Structur der N ervencentren , wie sie sich nur 
bei den vollkommeneren und entwickelteren Thieren vorfindet. Auch 
diese höchst feinen und zusammengesetzten Structur -Verhältnisse des 
,,Seelen- Organs", sowie die von ihm ausgehende Seelen -Thätigkeit, 
haben sich, gleich allen höheren Organen und Functionen der voll- 
kommeneren Thiere, erst allmählig durch Differenzirung aus einfachen 
Verhältnissen hervorgebildet. Bei den niederen Thieren (z. B. bei 
zahlreichen niederen Entwicklungsstufen der Coelenteraten , Echino- 
dermen, Würmer, Mollusken) finden wir statt deren nur die viel ein- 
facheren Functionen, welche man mit dem Namen der „Reflex- 
bewegungen" belegt hat. Diese Reflex -Functionen der niederen 
Thiere finden sich auch bei den Protisten und den Pflanzen 
wieder, welche kein ditferenzirtes „Nervengewebe" besitzen; sie sind 
also nicht nothwendig an ein entwickeltes Nervensystem geknüpft, 
während der Wille und die Empfindung, ebenso wie das mit ihnen 
verbundene Bewusstsein, immer eines hoch entwickelten und coni- 
plicirt gebauten Nervencentrums als unentbehrlichen Organes bedürfen. 
Wenn wir von den einfacheren und niederen Thierformen durch die 
Reihe der allmählig ditferenzirten Zwischenstufen zu den höchsten 
und vollkommensten Thieren (innerhalb eines und desselben Stammes) 
emporsteigen, und ebenso wenn wir von der Larve oder dem neuge- 
borenen Thiere (z. B. beim Menschen) zu dem reifen und erwachsenen 
Thiere aufsteigen, so sehen wir aus den Reflex-Functionen der niederen 
Entwickelungszustände sich allmählig und langsam Nervenbewegungen 
entwickeln, die sich in die drei getrennten Haupt- Functionen des 
Seelenlebens: Empfindung, Wille und Gedanken differenziren. 

Empfindung und Wille sind Vorstellungen, welche während der 
Leitung einer Nervenauslösung entstehen, und die unmittelbare Leitung 
der Reflexbewegungen unterbrechen, gewissermaassen in diese einge- 
schaltet werden. Wie wir oben (p. 214) gesehen haben, können wir 
uns die Reflexbewegung einfach vorstellen als eine geschlossene Kette 
von Auslösungen, welche von der Peripherie des Körpers (vom 
Sinnesorgan) ausgeht, und zu derselben (zum Bewegungsorgan, dem 
Muskel) zurückkehrt. Unmittelbar hat hier die Auslösung der centri- 
petalen Nervenfaser diejenige der centrifugalen zur Folge. Die cen- 
trale Ganglienzelle oder die Gruppe von Ganglienzellen, welche die 



234 Thiere und Pflanzen. 

Auslösung- von der sensiblen (centripetalen) zur motorischen (centri- 
fugalen) hiniiberleiten , erfüllen diese Function, ohne dass in ihnen 
dadurch die eigentümliche Molekularbewegung der „Vorstellung" 
entsteht. Erst wenn diese „Vorstellung" in den Eiweissmolekülen 
der Ganglienzellen erregt wird, können wir von einer ..Seele" des 
Thieres sprechen, und wir bezeichnen dann diejenige Vorstellung, 
welche bei der Erregung der Ganglienzellen durch die centripetale 
Faser erzeugt wird, als Empfindung, diejenige Vorstellung dagegen, 
welche bei der Erregung der centrifugalen Faser durch die 
Ganglienzelle erzeugt wird, als Wille. Die am schwierigsten zu be- 
greifende, dunkelste und höchste Function der thierischen Seele ist 
die Gedankenbildung, welche in Vorstellungen besteht, die in den 
Ganglienzellen während der Leitung, wahrscheinlich aber immer durch 
eine höchst complicirte Wechselwirkung zahlreicher centrifugaler und 
centripetaler Erregungen, erzeugt werden. Mögen wir über diese 
Vorgänge noch so sehr im Dunkeln sein, so viel ist sicher, dass alle 
diese differenzirten Nervenbewegungen, welche man unter dem Namen 
des Seelenlebens zusammenfasst, sich erst allmählig bei den höheren 
Thieren differenzirt und aus den einfacheren Reflexbewegungen her- 
vorgebildet haben, welche alle niederen Thiere mit den Protisten und 
Pflanzen theilen. 



XU. Zoologie, Protistik, Botanik. 

Wenn die von uns vorgeschlagene Dreitheilung der Organismen- 
Welt, die Aufstellung der drei coordinirten Hauptgruppen oder Reiche : 
Thiere, Protisten, Pflanzen, naturgemäss ist, wie wir glauben, so muss 
die Biologie, als die Gesammtwissenschaft von den Organismen, von 
diesem Gesichtspunkte der Classification aus in drei coordinirte Haupt- 
zweige zerfallen: Zoologie, Protistik, Botanik. Jede dieser drei Wis- 
senschaften hat ihr besonderes Object und hat zur Aufgabe die voll- 
ständige Erkenntniss dieses Objects, in allen den verschiedenen 
Beziehungen, welche wir bereits oben (im zweiten Capitel) erläutert 
haben. Es muss also jede dieser drei Wissenschaften in die verschie- 
denen Zweige und Aeste zerfallen, welche oben (p. 21) als die Zweige 
und Aeste der gesammten Biologie hingestellt worden sind. Wir he- 
ben dies hier ausdrücklich hervor, weil Begriff und Aufgabe der Zoo- 
logie von den allermeisten Zoologen, Begriff nnd Aufgabe der Bo- 
tanik von den allermeisten Botanikern nicht in diesem Sinne aufge- 
fasst werden, vielmehr fast immer nur einzelne grössere oder kleinere 
Bruchstücke ihres weiten und grossen Wissenschaftsgebiets als die 
„eigentliche" Zoologie und die „eigentliche" Botanik angesehen wer- 
den. Natürlich existirt in dieser Beziehung nicht die mindeste Ueber- 






XII. Zoologie, Protistik, Botanik. 235 

einstimm ung zwischen den verschiedenen Biologen, da in der Regel 
ein Jeder nur den kleinen abgerissenen Fetzen der Wissenschaft als 
„eigentliche" Thier- oder Pflanzen-Kunde preist, in welchem er spe- 
ciell bewandert ist. Da unter diesen Umständen gegenwärtig die 
grösste Verwirrung und die allgemeinste Unklarheit über die wahre 
Aufgabe und das eigentliche Ziel der Zoologie und Botanik herrscht, 
so halten wir es keineswegs für überflüssig, hier nochmals ausdrück- 
lich hervorzuheben, dass Zoologie die Gesammtwissenschaft von den 
Thieren, Protistik oder Protistologie die Gesammtwissenschaft von 
den Protisten, Botanik oder Phvytologie die Gesammtwissenschaft von 
den Pflanzen ist; und dass jede dieser drei Wissenschaften die voll- 
ständige und, allseitige Erkenntniss des ihr zugetheilten Organismen- 
Reiches zur Aufgabe hat. 

Jeder vernünftige und logisch denkende Mensch, der ausserhalb un- 
serer Wissenschaft stellt, wird die vorstehenden Sätze so selbstverständlich 
und natürlich finden, dass es ihm sehr überflüssig erscheinen könnte, diesel- 
ben hier doppelt und dreifach hervorzuheben. Jeder unbefangene Natur- 
forscher aber, der mit der unendlichen Divergenz der allgemeinen biologi- 
schen Ansichten vertraut ist, und der eine grössere Anzahl von Biologen 
und von biologischen Schriften über die Aufgaben ihrer Wissenschaft be- 
fragt hat, wird umgekehrt die ausdrückliche Betonung jener Sätze für eine 
fundamentale Notwendigkeit halten. In der Tuat braucht man bloss ein 
paar Dutzend der gebräuchlichsten Lehr- und Hand-Bücher der Zoologie 
und Botanik in die Hand zu nehmen und zu vergleichen, um. sich zu über- 
zeugen, dass die meisten Verfasser derselben thatsächlich nicht den ganzen 
Umfang und vollen Inhalt, und also auch nicht das letzte Ziel und die 
ganze. Aufgabe der Wissenschaft, der sie ihr Leben gewidmet haben, ken- 
nen. Die einen halten die Systematik, die anderen die Anatomie, einige 
die Morphologie, andere die Physiologie für die „eigentliche" Zoologie oder 
die „eigentliche" Botanik. Die allermeisten sogenannten Zoologen und Bo- 
taniker beschäftigen sich vorwiegend oder ausschlie slich mit einzelnen Thei- 
len der Morphologie, die einen (Systematiker) mehr mit den äusseren, die 
anderen (Anatomen) mehr mit den inneren Formverhältnisseu der Organis- 
men; jeder von beiden behauptet aber, dass er die „eigentliche" Zoologie 
oder Botanik treibe. 1 ) Die Physiologie wird von den Meisten als eine be- 

') Sehr viele sogenannte Zoologen und Botaniker sind auch jetzt noch nicht 
über deu Standpunkt des alten Boerhaave hinaus, der die Botanik mit fol- 
genden Worten definirte: „Botanica est scientiae naturalis pars, cujus ope feli- 
cissime et mininio negotio plautae cognoseuntur et in memoria retinentur." Das 
in Deutschland am meisten verbreitete „Handbuch der Zoologie" von Wieg- 
mann stellt noch in der neuesten, von Troschel umgearbeiteten Auflage (1864) 
der Zoologie folgende Aufgabe: ,,Sie hat die äusseren Formen der Thiere (!), 
das Wichtigste (!) ihres inneren Baues, ihre Lebensweise und Heimath kennen 
zu lehren; sie hat die in der Gesammtheit ihres Wesens übereinstimmenden 
Thierformen in Arten, Gattungen, Familien, Ordnungen und Klassen zusammen- 
zustellen, um so das Vielen Gemeinsame leichter hervorzuheben, und das Erken- 



236 Thiere und Pflanzen. 

sondere, ganz verschiedene Wissenschaft angesehen, die mit der „eigent- 
lichen" Zoologie oder Botanik Nichts zu thun hat, Die Entwicklungsge- 
schichte der Individuen (die Ontogenie oder sogenannte Embryologie) ist 
zwar neuerdings etwas mehr zu Ehren und Ansehen gekommen und wird 
wohl von den meisten Botanikern und einigen Zoologen als ein integriren- 
der und höchst wesentlicher Zweig der Biologie anerkannt. Die coordinirte 
Phvlogenie dagegen, die Eutwickelungsgeschichte der Stämme, einer der 
interessantesten und wichtigsten biologischen Wissenschaftszweige, ist den 
meisten Zoologen und Botanikern, ebenso wie die Palaeontologie, welche 
ihr das empirische Material liefert, entweder gänzlich unbekannt oder wird 
doch als eine fremde, weitabliegende Wissenschaft, allenfalls als eine in- 
teressante Curiosität betrachtet. Wenn in dieser Weise, und es ist dies 
Thatsache, die „Versteinerungen," die unschätzbaren Reliquien der ausge- 
storbenen Thiere und Pflanzen, von den meisten Zoologen und Botanikern 
entweder gar nicht berücksichtigt, oder doch nicht richtig verstanden und 
gewürdigt werden, so hat dies gerade so viel Sinn, wie wenn die ver- 
gleichenden Sprachforscher sich ausschliesslich mit den lebenden Sprachen 
beschäftigen, und das Studium der ausgestorbenen für ein ganz fremdartiges 
Curiosum erklären wollten. 

Wir sind gewiss weit entfernt davon, den grossen Vortheil zu verken- 
nen, welchen die weit vorgeschrittene Arbeitsteilung den einzelnen Fächern 
der Biologie gebracht hat. Ihr allein oder doch vorzüglich verdanken wir 
die ausserordentliche Vermehrung des (freilich meist nicht ordentlich ver- 
werteten) empirischen Kenntniss-Materials, welche in den letzten Decennien 
eine ganze Reihe von selbstständigen Wissenschafts-Zweigen hervorgerufen 
hat. Und diese Arbeitsteilung wird und muss auch noch viel weiter gehen, 
wenn die Riesen- Masse der noch nicht unserer Kenntniss unterworfenen 
Tha,tsachen- Welt bewältigt werden soll. Allein wir können nicht umhin, 
auch auf die grossen Nachtheile aufmerksam zu machen, welche mit jeder 
solchen weitgehenden Arbeitstheilung verbunden sind, welche aber erst dann 
die Wissenschaft erheblich beschädigen, wenn man sich, wie es jetzt meist 
geschieht, ihrer Erkenntniss verschliesst, Hierher gehört, vor Allen die 
blinde Einseitigkeit, mit der sich die meisten Biologen auf ein ganz klei- 
nes und beschränktes Wissenschaftsgebiet zurückziehen, ohne sich weiter 
um das Ganze der Wissenschaft zu bekümmern. Dadurch geht aber nicht 
nur der erhebende Blick für das wundervolle Ganze der Natur, sondern 
auch die Fähigkeit für die richtige Erkenntniss des Einzelnen verloren. Es 
reis.st dadurch ferner eine Einseitigkeit in der Untersuchungsmethode und 
Darstellungsweise jedes einzelnen kleinen Gebietes ein, welche ein gegen- 
seitiges Verständniss erheblich erschwert und Verwirrung in die Literatur 
bringt. Endlich aber verlieren durch diese ausschliessliche Versenkung in 
das kleinste Detail die Naturforseher ganz den Blick für die Erkenntniss der 
Naturgesetze, welche doch das höchste und letzte Ziel der Wissenschaft ist, 

nen der einzelnen Arten zu erleichtern (!)." Von Physiologie und Entwicke- 
lungsgeschichte, von Palaeontologie etc. ist in diesem, wie in den meisten übrigen 
Handbüchern Nichts oder nur einzelne beiläufige Bemerkungen zu finden. 



XII. Zoologie, Protistik, Botanik. 237 

Die allgemeine Begriffsverwirrung, welche in den meisten biologischen 
Discipliuen herrscht, und die merkwürdige Unklarkeit, in welcher sich die 
meisten Biologen über Inhalt und Umfang der Wissenschaftszweige be- 
finden, in denen sie speciell arbeiten, ist von uns bereits im zweiten und 
dritten Capitel eingehend gerügt worden. Um sich von der wirklichen Be- 
gründung dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, ersuchen wir den Le- 
ser, ein paar Dutzend der gebräuchlichsten zoologischen und botanischen 
Hand- und Lehr-Bücher neben einander zu legen und ihre einleitenden er- 
sten Capitel zu vergleichen. Man wird erstaunen über die unglaub- 
lichen Widersprüche und die ausserordentliche Divergenz der Ansichten bei 
den verschiedenen Autoren, welche sich nicht etwa auf untergeordnete Ge- 
genstände beziehen, sondern auf die wichtigsten Fundamente der Wissen- 
schaft, auf die Bestimmung des Inhalts und Umfangs der einzelnen Natur- 
wissenschaften, welche die einzelnen Zoologen und Botaniker als die Be- 
standteile der „eigentlichen" (neuerdings „wissenschaftlichen") Zoologie 
und Botanik zu bezeichnen belieben. Wenn wir schon oben gezeigt haben, 
dass die Begriffe der Morphologie und Physiologie, der Anatomie uud 
Systematik, der Organologie und Histologie u. s. w. von den verschiedenen 
Biologen in einem ganz verschiedenen und willkührlichen Sinne gebraucht 
werden, so gilt dasselbe in noch höherem Maasse von den Begriffen der 
Zoologie und Botanik. Es ist daher keineswegs überflüssig, wenn wir hier 
nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, dass jeder biologische Wissen- 
schaftszweig, welcher eine einzelne Organismen -Gruppe behandelt, aus 
allen denselben Disciplinen zusammengesetzt ist, welche wir oben (p. 21) 
als integrirende Bestandteile der gesammten Biologie hingestellt haben. 

Wenn wir also als die drei Hauptgruppen oder Reiche der Organis- 
men die Thiere, Protisten und Pflanzen betrachten, und wenn wir unter 
Zoologie, Protistik und Botanik die gesammte Wissenschaft dieser drei 
Gruppen verstehen, so muss jede dieser drei Wissenschaften, gleich der 
gesammten Biologie, zunächst in die drei coordinirten Disciplinen der 
Morphologie, Chemie und Physiologie zerfallen, oder, wenn wir die statische 
Chemie mit der ersteren, die dynamische Chemie mit der letzteren vereini- 
gen, in die beiden Hauptfächer der Morphonomie (Morphologie im weiteren 
Sinne) und der Phoronomie (Physiologie im weiteren Siune). Die Morpho- 
logie spaltet sich wiederum in die beiden Hauptzweige der Anatomie und 
Entwicklungsgeschichte (Morphogenie). Die Physiologie theilen wir eben- 
falls in zwei Disciplinen: I. Die Physiologie der Conservation oder Selbst- 
erhaltung (a. Ernährung, b. Fortpflanzung), IL die Physiologie der Rela- 
tionen oder Beziehungen (a. Physiologie der Beziehungen der einzelnen Theile 
des Organismus zu einander (beim Thiere Physiologie der Nerven und 
Muskeln); b. Oecologie und Geographie des Organismus oder Physiologie 
der Beziehungen des Organismus zur Aussenwelt). Um die gegenseitigen 
Beziehungen dieser einzelnen Disciplinen klar zu übersehen, fügen wir als 
Beispiel die folgende Tabelle über die einzelnen Zweige der Zoologie bei, 
welche entsprechend auch für die Protistik und Botanik Geltung hat. 



238 



Thiere und Pflanzen. 



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Drittes Buch. 



Erster Theil der allgemeinen Anatomie. 



Generelle Tectologie 

oder 

Allgemeine Structurlehre der Organismen. 

(Individualitätslelire der Organismen.) 



„Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; seihst insofern es 
uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen, selbst- 
ständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung 
aber gleich oder ähnlich , ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen 
sind theils ursprünglich schon verbunden, thcils finden und vereinigen sie sich. Sie 
entzweien sich and suchen sich wieder, und bewirken so eine unendliche Pro- 
duction auf alle Weise und nach allen Seiten. 

„Je unvollkommener das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Theile einander 
gleich oder ähnlich, und desto mehr gleichen sie dem Ganzen. Je vollkommener das 
Geschöpf wird, desto unähnlicher werden die Theile einander. In jenem Falle ist 
das Ganze den Theilen mehr oder weniger gleich, in diesem das Ganze den Theilen 
unähnlich. Je ähnlicher die Theile einander sind , desto weniger sind sie einander 
subordinirt. Die Subordination der Theile deutet auf ein vollkommneres Geschöpf. 

„Dass nun das, was der Idee nach gleich ist, in der Erfahrung entweder als 
gleich oder als ähnlich, ja sogar als völlig ungleich und unähnlich erscheinen kann, 
darin besteht eigentlich das bewegliche Leben der Natur, das wir in unseren Blät- 
tern zu entwerfen gedenken." 

Goethe Jena, 1807). 



I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. 241 



Achtes Capitel. 

Begriff und Aufgabe der Tectologie. 



Freuet euch des wahren Scheins, 
Euch des ernsten Spieles, 
Kein Lebendiges ist Eins, 
Immer ist's ein Vieles. 

Goethe. 



I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. 

Die Tectologie oder Structurlehre der Organismen ist 
die gesammte Wissenschaft von der Individualität der be- 
lebten Naturkörper, welche meistens ein Aggregat vou Individuen 
verschiedener Ordnung darstellt. Die Aufgabe der organischen 
Tectologie ist mithin die Erkenntniss und die Erklärung 
der organischen Individualität, d. h. die Erkenntniss der be- 
stimmten Naturgesetze, nach denen sich die organische Materie indi- 
vidualisirt, und nach denen die meisten Organismen einen einheit- 
lichen, aus Individuen verschiedener Ordnung zusammengesetzten 
Formen-Complex bilden. 

Begriff und Aufgabe der Tectologie, wie wir sie hier feststellen 
und bereits oben (p. 30, 46, 49) im Allgemeinen erörtert haben, sind 
bisher von den meisten Morphologen nicht scharf ins Auge gefasst 
worden, da man in der Anatomie die Tectologie und Promorphologie 
stets vermischt zu behandeln pflegt. Wenn nun auch diese Behand- 
lungsweise in der anatomischen Praxis sich gewiss am meisten 
empfiehlt, und es immer am bequemsten sein wird, bei der Anatomie 
jedes einzelnen Organismus die gesammte Anatomie (Tectologie und 
Promorphologie) der einzelnen Individuen verschiedener Ordnung nach 

Haeckel, Generelle Morphologie. \Q 



242 Begriff uml Aufgabe der Tectologie. 

einander abzuhandeln (p. 45), so müssen wir dagegen hervorbeben, 
dass es für das theoretische Verständniss des Organismus von der 
grössteu Wichtigkeit ist, die wesentlich verschiedene Aufgabe der 
beiden anatomischen Hauptzweige scharf getrennt zu erfassen , und 
Tectologie und Promorphologie als gesonderte coordinirte Wissen 
schaften neben einander zu begreifen. Für die allgemeine und syn- 
thetische Betrachtung einer Organismen- Gruppe wird daher die voll- 
ständige Trennung der Tectologie und Promorphologie , wie wir sie 
hier durchführen, vorzuziehen sein, während für die besondere und 
analytische Erforschung eines einzelnen Organismus sich mehr die 
Verschmelzung der beiden anatomischen Hauptzweige und die Ein- 
th eilung der gesammten Anatomie in die sechs, oben (p. 45) aufge- 
führten Disciplinen empfehlen wird. 

Der Körper der grossen Mehrzahl aller jetzt lebender Organismen 
stellt ein verwickeltes Gebäude dar, welches aus gleichartigen und 
ungleichartigen Theilen oder Organen in sehr complicirter Weise zu- 
sammengesetzt ist. Allgemein können wir diese „Partes similares et 
dissimilares" derart in verschiedene subordinirte Kategorieen einthei- 
len, dass jede höhere Kategorie eine in sich abgeschlossene und selbst- 
ständige Einheit, zugleich aber auch eine Vielheit von mehreren 
Einheiten der nächstniederen Kategorie darstellt. Diese Kategorieen 
betrachten wir als verschiedene Stufen oder Ordnungen von organischen 
Individuen. Wir können daher auch die Tectologie oder Structurlehre 
als die „Wissenschaft von der Zusammensetzung der Organis- 
men aus organischen Individuen verschiedener Ordnung 1 " 
bezeichnen, wie es oben (p. 30) geschehen ist. Hiergegen ist nur zu 
erinnern, dass diese verwickelte Zusammensetzung des Organismus aus 
subordinirten Individualitäten A^erschiedener Ordnung bei sehr zahl- 
reichen niederen Organismen fehlt, nämlich bei sehr vielen Protisten, 
einzelligen Algen etc. und überhaupt bei allen Lebewesen, welche 
zeitlebens auf der niedersten Stufe oder Ordnung der Individualität 
stehen bleiben und blos den morphologischen Werth einer einzigen 
Plastide (entweder einer Cytode oder einer Zelle) behalten. Auch 
ist die Erwägung sehr wichtig, dass alle organischen Individuen ohne 
Ausnahme, mögen sie auch in ihrer vollendeten Form die höchste 
Stufe der Complication erreichen, und aus fünf verschiedenen Ord- 
nungen von Individuen, wie die Wirbelthiere, oder aus sechs, wie die 
meisten Phanerogamen, zusammengesetzt sein, dennoch diesen ver- 
wickelten Hau erst durch die Entwickelung erreichen und in ihren 
ersten Anfängen stets ein einfachstes Individuum erster Ordnung, eine 
einzelne Plastide, repräsentiren. Da wir nun ausserdem in den homo- 
genen und striicturlosen Moneren Organismen kennen, welche über- 
haupt nicht aus ungleichartigen Theilen, sondern blos aus gleichartigen 



I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. 243 

Eiweiss-Molekülen zusammengesetzt sind, so erscheint es nicht passend, 
die Tectologie allgemein als Merologie oder Lehre von den Theilen 
zu bezeichnen, falls man unter diesen ..Theilen" nur die Individuen 
verschiedener Ordnung verstehen will. Vielmehr würde es vom allge- 
meinen Gesichtspunkte aus passender erscheinen, falls der Ausdruck 
der Tectologie oder Structurlehre aus jenem Grunde zu beschränkt 
erscheinen sollte, diesen Zweig der Anatomie als die „Wissenschaft 
von der organischen Individualität" oder kurz als die Biontologie 1 ) 
(Individualitäts-Lehre) zu bezeichnen. 

Bevor wir die eigentliche Aufgabe der Tectologie oder Biontologie 
zu lösen und die Gesetze zu erkennen versuchen, nach denen sich 
die organische Materie iudividualisirt, erscheint es uns nothwendig, 
den Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen zu erörtern 
und die sehr verschiedenen Ansichten zu erwägen, welche die ver- 
schiedenen Naturforscher sich über die Individualität der Organismen 
gebildet haben. Erst dann können wir ausführlich unsere eigene An- 
sicht von den morphologischen und physiologischen Individuen ver- 
schiedener Ordnung begründen, welche nach unserem Dafürhalten 
allgemein unterschieden werden müssen. 



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II. Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen. 

Das Wort „Individuum" wird in ausserordentlich vielfacher und 
verschiedenartiger Bedeutung angewandt. Seinem Wortlaute nach soll 
dieser Begriff ein Untheilbares bezeichnen. Im strengsten Sinne 
untheilbar können wir uns aber nur die Massen-Atome vorstellen, aus 
denen wir uns nach der atomistischen Hypothese die Materie zusammen- 
gesetzt denken, und die Atome des expansiven Aethers, welche die 
attractiven Massen-Atome trennen. „Atom-' (ato/uog) ist ja ursprüng- 
lich weiter Nichts, als das griechische Wort für das römische „Indivi- 
duum", für das deutsche „Untheilbar". In diesem Sinne wurden 
denn auch von früheren Philosophen die Ausdrücke Atom und Indivi- 
duum als gleichbedeutend angewandt. 

Das Wort Atom hat späterhin diese ursprüngliche Bedeutung des 
Individuum allein beibehalten und wird jetzt in diesem Sinne aus- 
schliesslich zur Bezeichnung der einfachsten und letzten discreten 
Grössen, der kleinsten, homogenen und untheilbaren Stofftheilchen 
verwandt, aus deren Aggregation die atomistische Hypothese die Masse 
und den zwischen den Masse-Atomen befindlichen Aether construirt. 
Das Wort Individuum dagegen wird zur Bezeichnung sehr verschie- 
dener Erscheinungsformen der Materie gebraucht, welchen nur die 



l ) ßiov, t6 , das concrete Lebewesen, das physiologische Individuum. 

16* 



244 Begriff und Aufgabe der Teetologie. 

Idee der Einheit als gemeinsames Band zu Grunde liegt. Wenn 
man von der einheitlichen Erscheinungsform der Individuen 
absieht, so bleibt für den Begriff des Individuums weiter Nichts 
übrig. 

Hieraus folgt bereits, dass der Begriff des Individuums kei- 
ner weiteren Definition fähig ist, dass er keine absolute, sondern nur 
eine relative Bedeutung besitzt. Streng genommen ist das Indivi- 
duum eigentlich gar kein Begriff, sondern nur die rein anschauliche 
Auffassung irgend eines gegebenen Begriffes als Einheit unter einer 
Vielheit von gleichen Begriffen. So hat schon Schieiden 1 ) das In- 
dividuum als „die rein anschauliche Auffassung irgend eines wirk- 
lichen Gegenstandes unter einem gegebenen Artbegriff" definirt. 
Erst die Beziehung zu diesem Artbegriff lässt das Individuum als 
solches erscheinen. Dasjenige, was im gewöhnlichen Leben am 
häutigsten als Individuum bezeichnet wird, der einzelne Mensch, oder 
die Person, ist ein Individuum unter dem Artbegriff seiner Nation; 
die Nation ist ein Individuum unter den übrigen Nationen ihrer 
Rasse; die Rassen sind Individuen unter der Menschen- Art ; die Men- 
schen-Art ist ein Individuum unter den verschiedenen Säugethier-Arten 
u. s. w. Erst wenn der Artbegriff vollkommen definirt ist, von dessen 
Individuen man spricht, erhält das Individuum eine bestimmte Bedeu- 
tung. Es tritt uns dann die Individualität als eine einheitliche Er- 
scheinung entgegen, welche nicht getheilt werden kann, ohne ihren 
Character, ihr eigenstes Wesen zu zerstören. 

Ueber das gegenseitige Verhältniss der verschiedenartigen Indivi- 
dualitäten, die uns in den concreten Naturkörpern entgegentreten, 
über ihr coordiuirtes und subordinirtes Verhältniss im Allgemeinen 
exi stiren noch keine zusammenhängenden Untersuchungen. Desto 
mehr hat man sich bemüht, bestimmte Erscheinungsformen der Natur- 
körper xar üzoxtjv als „eigentliche" Individuen zu bestimmen. Unter den 
Anorganen Hess sich eine solche absolute Individualität leicht in den 
Kr y st allen linden. Unter den Organismen hat man bei den Thieren 
meistens keine Schwierigkeiten gefunden, indem man als typisches 
Individuum die sowohl physiologisch als morphologisch vollkommen 
abgeschlossene und einheitliche Erscheinung auftässte, in welcher 
der einzelne Mensch und alle übrigen Wirbelthiere, wie die grosse 
Mehrzahl der höheren Thiere überhaupt, auftreten, und welche wir 
vorläufig als Person (Prosopon) bezeichnen wollen. Viel schwieriger 
erschien dagegen die Feststellung eines solchen absoluten Individuums 
im Pflanzenreiche, woher es sich erklärt, dass die Botaniker am meisten 
sich mit dieser Frage beschäftigt haben. Als diejenige Einheitsform, 



') Schieiden, Gruudzüge der wissensch. 13otuu. III. Aufl. 1850. II. p. 4.' 



II. Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen. 245 

welche der thierischen Person aequivalent ist, haben die meisten Bo- 
taniker bei den höheren Pflanzen den Spross oder die Knospe aner- 
kannt. Da jedoch neben dieser Anschauung noch eine Anzahl von 
anderen sehr verschiedenartigen Auffassungen der thierischen und 
pflanzlichen Individualität sich Geltung verschafft haben, so können 
wir eine allgemeine Uebersicht derselben hier nicht umgehen ; und 
zwar wollen wir zunächst die verschiedenen Ansichten über das pflanz- 
liche, dann diejenigen über das thierische Individuum neben einander 
stellen. Es wird sich durch eine vergleichende Betrachtung dieser 
sich widersprechenden Auffassungen schon die Ansicht vorbereiten, zu 
der uns die eigene eingehende Untersuchung mit Notwendigkeit hin- 
führt, dass wir nämlich auf die Aufstellung von absoluten organischen 
Individuen überhaupt verzichten müssen, und nur dadurch zum Ziele 
gelangen, dass wir verschiedene Ordnungen oder Kategorieen 
von relativen Individuen in den organischen Naturkörpern unter- 
scheiden. 

HI. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 

Als pflanzliche Individuen in absolutem Sinne werden von der 
unmittelbaren und nicht in die Zusammensetzung der Pflanzenformen 
eindringenden Naturanschauung der Laien diejenigen für die ober- 
flächliche Betrachtung am meisten physiologisch und morphologisch 
abgeschlossenen Einheiten bezeichnet, welche die Botanik mit einem 
schärferen Ausdruck als Stock oder zusammengesetzte Pflanze (Cor- 
mus) bezeichnet. Der einzelne Baum, der einzelne Strauch, das ein- 
zelne Kraut mit seinem Stengel und seiner Wurzel, seinen Aesten und 
Zweigen, seinen Blättern und Blüthen, scheint auf den ersten Blick 
dasjenige zu sein, was am nächsten der individuellen Persönlichkeit 
der höheren Thiere als geschlossene Einheit sich gegenüberstellt. 
Eine nähere Betrachtung zeigt jedoch bald, dass weder physiologisch 
noch morphologisch diese Einheit so absolut und selbstständig ist, als 
sie zunächst erscheint. Benachbarte, scheinbar selbstständige Stöcke 
hängen unterirdisch durch ihre Wurzelausläufer zusammen, indem ent- 
weder, wie z. B. bei den Tannen eines Tannenwaldes, die Wurzel- 
fasern vieler ursprünglich selbstständiger Stöcke in continuirliche Com- 
munication treten und zu einem Netze verwachsen; oder indem eine 
unterirdisch kriechende Axe nach oben viele Knospen absendet, welche 
über der Erde als scheinbar selbstständige Stöcke auftreten. Aber 
auch von den oberirdischen vollkommen isolirten Stöcken können die 
verschiedensten Arten der Sprosse (Aeste, Zweige, Brutknospen etc.) 
natürlich oder künstlich abgelöst werden und leben als selbstständige 
Individuen weiter, indem sie sich alsbald wieder verästeln und neue 
selbstständige Stöcke bilden. 



246 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

Aus diesem Grunde haben die Botaniker schon seit langer Zeit 
und mit Recht den Cormus oder Stock als eine zusammengesetzte 
Pflanze, als ein Aggregat oder eine Colonie von Individuen betrachtet, 
und dagegen als eigentlich individuelle Pflanze den Spross oder die 
Knospe (Gemnia), den Trieb, aus welchem jeder einzelne Zweig 
hervorgeht, und welcher stets nur einer einzigen Axe entspricht. Diese 
Auffassung ist uralt und findet sich schon bei Aristoteles und 
Hippokrates angedeutet. Sie ist dann später von Linne, 1 ) Goethe, 
Erasmus Darwin (dem Grossvater des Reformators der Descendeuz- 
Theorie) und vielen Anderen mehr oder minder bestimmt ausgesprochen 
und zuletzt namentlich von Alexander Braun ! ) ausführlich begrün- 
det worden. Für die Phanerogamen und die höheren Cryptoganien 
lässt sich die Richtigkeit dieser Behauptung gar nicht verkennen, sobald 
man ihre Vegetations- und Fortpflanzungs -Weise, die Art und Weise 
des Aufbaues ihrer Stöcke, mit den ganz übereinstimmenden Verhält- 
nissen der Stockbildung bei den Coelenteraten, und insbesondere den 
Hydromedusen, vergleicht. Dass die Sprossen oder Knospen bei den 
letzteren und bei den ersteren ganz dieselben Verhältnisse zu einander 
und zum Ganzen zeigen, bedarf keines Beweises , und da bei den 
Coelenteraten die Individuen -Natur der Sprosse, seien dieselben nun 
polypoide (hydroide) oder medusoide Formen, von den deutschen 
Naturforschern wenigstens, allgemein anerkannt ist, selbst bei den 
Siphonophoren-Stöcken, wo sich einzelne Individuen durch weit gehende 
Arbeitstheilung sehr weit von dem ausgeprägten Character der typischen 
Individuen entfernen, so darf man, hierauf gestützt, den Sprossen der 
Phanerogamen und der höheren Cryptoganien den morphologischen 
Weilh und Rang der thierischen Personen unbedingt zugestehen. 

Schwierigkeiten entstehen für diese Auffassung erst bei den nie- 
deren Cryptogamen, Flechten, Pilzen und Algen, wo die individuelle 
Selbstständigkeit der Sprosse in vielen Fällen weder vom morphologi- 
schen noch vom physiologischen Standpunkte aus sich nachweisen 
lässt. Dies ist z. B. dann der Fall, wenn der Spross, eine Seitenaxe, 
nur als seitlicher Ausläufer einer einzigen Zelle auftritt, deren anderer 
Theil der Hauptaxe als integrirender Bestandtheil angehört. Die 
Durchführung des Grundsatzes, dass jeder seitlichen Axe der Rang 
einer selbstständigen Individualität gebühre, scheint hier zu den selt- 
samsten Widersprüchen zu führen. Auch könnte man dann daran 
denken, ebenso jede kleinere seitlich von der Axe ausgehende Bil- 
dung, Blätter, Haare etc. als Individuen zu erklären, ebenso auch 



') Linne, Philos. botan. \ 132: „Gemmae totidem herbae." 
2 ) Alexander Braun, l>a,s Individuum der Pflanze in seinem Verhältnis^ 
zur Species. Abhandl. der Beil. Akad. 1853. 



III. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 247 

die einzelnen, oft unter bestimmten Winkeln gegen einander geneigten 
Glieder (Stengelglieder), in welche die einfache Axe bei vielen Pflan- 
zen abgetheilt ist u. s. w. 

Diese letztere Consequenz ist denn auch von vielen Botanikern 
gezogen worden, und von den beiderlei Organen, aus denen sich der 
Spross bei den höheren Pflanzen allgemein zusammensetzt, von der 
Axe und dein Blatte, hat man Jedem die Individualität allein vindiciren 
wollen. Die Auffassung des Blattes, als des eigentlichen Pflanzen- 
Individuums; wurde namentlich durch die von Goethe begründete 
Lehre von der Pflanzen -Metamorphose begünstigt, welche die ver- 
schiedensten Pflanzen-Organe, Laubblätter, Blumenblätter, Staubgefässe, 
Fruchtblätter etc. als differenzirte, durch Arbeitsteilung entstandene 
Modifikationen eines und desselben Grimdorganes, des Blattes, nach- 
weist, und wonach die ganze Pflanze lediglich eine Composition aus 
differenzirten Blättern, gewissermaassen ein Blätterstock ist. Nach dem 
cousequentesten Extrem dieser Auffassung erscheinen die Axengebilde 
bloss als Aggregate aus den vereinigten Basaltheilen der einzelnen 
Blätter. So ist nach Ernst Meyer das Stengelglied blos der untere 
Theil des Blattes. 

Ebenso wie das Blatt ist von Anderen das Stengelglied unter 
dem Namen Phyton (Gaudichaud) als das eigentliche Individuum 
der Pflanze hingestellt worden, so von Agardh, Engelmann, 
Steinheil und Anderen. Dann würde der Spross als ein gegliederter 
Stock, eine Vielheit von Individuen (Stengelgliedern) erscheinen, die 
wie Stockwerke übereinander gebaut sind. Das Verhältniss des zu 
jedem Stengelgliede gehörigen Blattes oder Blattquirls hat man dabei 
so aufgefasst, dass das Blatt bloss der obere Theil des Stengel- 
gliedes sei. 

Mag man nun mit den letzteren Botanikern die Sprosse (Gemmae) 
der Phanerogamen und der höheren Cryptogamen als Colonieen von 
Stengelgliederu (Phyton) oder mit den ersteren als Stöcke von Blättern 
ansehen, so wird man in beiden Fällen als die eigentlichen Individuen 
Theile der Pflanze betrachten, welche nach den vorhergehenden Auf- 
fassungen blos als Organe gelten konnten. Man hat sich in beiden 
Fällen vorzugsweise auf physiologische Gründe gestützt, auf die 
Fähigkeit einzelner Blätter oder einzelner Stengelglieder, unter be- 
stimmten Verhältnissen die Art fortzupflanzen und neue Sprosse aus 
sich zu erzeugen. Allein abgesehen von anderen Widersprüchen, zu 
denen diese physiologische Argumentation führt, kann dieselbe schon 
darum nicht für ausreichend gelten, weil in vielen Fällen schon ein- 
zelne kleine Theile eines Blattes oder eines Stengelgliedes genügen, 
um einem oder mehreren neuen Sprossen den Ursprung zu geben. 
So wachsen z. B. bei Bryophyllum aus jedem Einschnitte des Blatt- 



248 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

randes Sprossen hervor. Die absterbenden Blätter mancher Zwiebel- 
gewächse erzeugen auf ihrer Oberfläche Brutknospen, aus denen neue 
Stöcke hervorwachsen. In diesen Fällen sind es kleine Zellengruppen 
von unbestimmter Umgrenzung (vielleicht selbst einzelne Zellen), Ana- 
phyten, wie sie Schultz- Schultzenstein genannt hat, welche 
das physiologische Individuum repräsentiren, „welche, von der Pflanze 
getrennt, selbstständig fortleben, keimen und sich weiter entwickeln 
können." Will man hier aber cousequent und logisch verfahren und 
nicht ganz willkührlich die Grenze der Individualität umschreiben, so 
muss man bis auf die Zellen als auf die eigentlichen und letzten 
morphologischen Elemente der Pflanze zurückgehen. 

Dieser letzte Schritt ist denn auch von bedeutenden Botanikern 
geschehen und die Zelle als das eigentliche organische Individuum 
betrachtet worden, aus dem sich durch Aggregation der zusammen- 
gesetzte Körper aufbaue. Schon Schieiden und Schwann, die Be- 
gründer der neueren Zellenlehre, haben die Zelle in diesem Sinne 
aufgefasst, und nach ihnen viele Andere. Auch diese Ansicht hat ihre 
Berechtigung. Sowohl in physiologischer als in morphologischer Hin- 
sicht besitzen die Zellen, und zwar in viel höherem Maasse die pflanz- 
lichen als die thierischen Zellen, einen hohen Grad von Individualität, 
der ihnen eben ihren bestimmten Character verleiht, und sie als die 
eigentlichen Elementar -Organe oder auch Elementar- Organismen er- 
scheinen lässt. Als solche sind sie die activen Lebenseinheiten oder 
Bionten, deren Summe und Product erst der ganze Organismus mit 
allen seinen Leistungen ist. 

Allein so wichtige Gründe auch dafür sprechen mögen, die Zelle 
als das am meisten selbstständige und absolute Individuum hinzu- 
stellen, so begegnen wir doch auch hier unüberwindlichen Schwierig- 
keiten, die einer Verallgemeinerung dieser Auflassung sich entgegen- 
stellen. Zunächst giebt es eine grosse Anzahl von niederen Organis- 
men, auf welche sich diese Bestimmung der Individualität nicht an- 
wenden lässt, weil sie weder, gleich den höheren, aus Zellen zu- 
sammengesetzt sind, noch auch im Ganzen einer einzigen Zelle ent- 
sprechen. Zu diesen niedersten Organismen, welche überhaupt keine 
bestimmte Beziehung zur organischen Zelle erkennen lassen, und 
die wir desshalb unten als Cytoden den Zellen gegenüber stellen 
werden, gehören z. B. viele Rhizopoden, gewisse (kernlose) Algen etc. 
Ferner kennen wir viele Beispiele , in denen auch einzelne Theile 
einer sogenannten Zelle sich einen hohen Grad von individueller 
Selbstständigkeit aneignen und neuen Zellen den Ursprung geben 
können. Unter den einzelligen Pflanzen aus der Algengruppe der 
Siphoneen giebt es Arien (Bryopsis etc.), bei denen der einzellige 
Körper ein fast unbegrenztes Wachsthum zeigt, einen Stock mit vielen 



III. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 249 

Aesten und Zweigen bildet und in eine Masse von unbestimmt be- 
grenzten peripherischen Theilen sich auflöst, deren jeder wieder so- 
fort nach seiner Trennung von der Zelle zu einem einzelligen Indi- 
viduum sich zu gestalten vermag. 

So ist es denn gekommen, dass einige Botaniker in ihrem analy- 
tischen Bestreben, die Pflanze als ein zusammengesetztes Aggregat 
von Individuen nachzuweisen, auch nicht bei der Zelle stehen geblie- 
ben sind, sondern nach weiteren Elementen gesucht haben, aus denen 
die Zellen erst wieder zusammengesetzt seien, und welche die eigent- 
lichen und letzten selbstständigen Individuen der Pflanzen repräsen- 
tiren sollten. Schon Turpin sprach die Idee aus, dass diese eigent- 
lichen „Urindividuen" der Pflanze die Kügelchen des Zellinhalts seien, 
durch deren Aueinanderlegung die Zelle (als Individuum zweiter Ord- 
nung) gebildet werden solle. Ebenso fasst Ktitzing die Zelle nicht 
als Elementarform der Pflanze, sondern als eine complicirte Gestalt 
auf, zusammengesetzt aus einfacheren Körpern, die er als „Molekular- 
gewebe" zusannnenfasst, und welche für sich allein gewisse Pflanzen 
niedersten Ranges bilden sollen. Unger hält zwar die Zelle für das 
eigentliche Elementar- Organ der Pflanze, unterscheidet aber in ihr 
als kleinste „individualisirte" Körper noch Bläschen, Fasern, Kör- 
ner etc. Ebenso erklärt auch Nägel i die Pflanzenzelle für einen com- 
plicirten Organismus, der aus individuellen Theilen zusammengesetzt 
ist, z. B. aus Stärkekörnern u. dergl mehr.') 

Dass auch diese Auffassung ihre Begründung hat, ist nicht zu 
bezweifeln. Die Zelle selbst kann in der That als selbstständiger 
Organismus angesehen werden, und erscheint als solcher wiederum 
aus Organen zusammengesetzt, aus verschiedenartigen Theilen, welche 
zum Bestehen des Ganzen zusammenwirken. Mindestens zwei ver- 
schiedenartige Theile sind an jeder echten Zelle zu irgend einer Zeit 
ihres Lebens nachzuweisen, nämlich der innere Kern und das äussere, 
diesen umschliesseude Protoplasma. Diese beiden Fuudamental-Organe 
der Zelle sind aber selbst wieder aus Theilchen zusammengesetzt, und 
diese letzteren könnten wir als die wirklichen elementaren Individuen 
der Pflanze bezeichnen. Suchen wir diese näher zu bestimmen, so 
können wir sie in Nichts Anderem finden, als in den physikalischen 

') In der seltsamsten Form ist eine ähnliche Idee von dem kürzlich ver- 
storbenen Anatomen Mayer in Bonn ausgesprochen worden, welcher in seinen 
„Supplementen zur Lehre vom Kreislauf' (1837, p. 49) die kleinsten Körnchen 
des Zellinhalts (auf Grund ihrer Molecularbewegung) für thierisch-belebte Indivi- 
duen (Biosphaeren) erklärt, welche die Pflanze als ihre Wohnung aufbauen. 
„Den Hamadryaden gleich bewohnen diese sinnigen Monaden die gehei men 
Hallen der itindenpaläste, welche wir Pflanzen nennen, und feiern hijgrTia ÄtMl&is. 
Zucht ihre Tänze und ihre Orgien.'" / 0«i e i * < Jt\ 



250 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

Molekülen , welche die Materie des Kerns und des Protoplasma zu- 
sammensetzen. Diese Moleküle selbst aber sind wieder aus den 
chemischen Atomen zusammengesetzt. Somit wären wir denn wieder 
bei unserem Ausgangspunkt angelangt, nämlich der Identität von Atom 
und Individuum. Freilich ist hiermit, wie schon Alexander Braun 
ausgeführt hat, Nichts gewonnen. Denn wir besitzen nicht die Mittel, 
die supponirteu Moleküle und Atome durch die Beobachtung nachzu- 
weisen. Allerdings müssen wir, wenn wir theoretisch dem Wesen des 
Zellenlebens auf den Grund kommen wollen, annehmen, dass die 
Thätigkeit der Atome und der durch ihre verschiedenartige Gruppirnng 
gebildeten Moleküle es ist, aus welcher Form und Function der Zelle 
resultirt. Aber für die uns vorliegende Frage ist durch die Aner- 
kennung der unsichtbaren Atome als Individuen Nichts erreicht. Noch 
weniger wird aber dadurch gewonnen, dass man die ganz verschieden- 
artigen festen Körper, welche als sogenannter Zelleninhalt in vielen 
Zellen sich finden, die Stärke-, Chlorophyll-, Fett-, Pigment-Körner etc. 
als Individuen betrachtet. Diese sind jedenfalls am wenigsten be- 
rechtigt, eine besondere Individualität in Anspruch zu nehmen. Auch 
sind sie unter sich so verschieden, dass kein anderer gemeinsamer 
Ausdruck für sie zu finden ist, als: „Geformte Inhaltstheile des Proto- 
plasma." In sehr vielen Zellen fehlen sie als besondere, erkennbare 
Theile völlig. 

Werfen wir nun auf die verschiedenen Theile der Pflanze, welche 
von den verschiedenen Forschern als die „eigentlichen" oder absoluten 
pflanzlichen Individuen proclamirt worden sind, einen vergleichenden 
Rückblick, so sehen wir bald, dass alle diese Theile subordinirte 
Stufen eines gegliederten Ganzen sind, dass sie verschiedenen Kate- 
gorieen oder Ordnungen angehören, von denen jede einzelne eine 
Vielheit von der darauf folgenden untergeordneten Einheit repräsentirt. 
Nicht weniger als fünf verschiedene Ordnungen oder über einander 
geordnete Kategorieen von pflanzlichen Individuen lassen sich 
gemäss den vorstehend augeführten verschiedenen Ansichten bei den 
höheren Pflanzen deutlich unterscheiden, nämlich: 1) der Stock (Cor- 
mus), 2) der Spross (Gemma), 3) das Stengelglied (Phyton), 4) das 
Blatt (ein Organ), 5) die Zelle. Jede dieser Individualitäten reprä- 
sentirt, für sich betrachtet, sowohl in Form als in Function eine selbst- 
ständige Einheit; jede ist aber zugleich eine Vielheit von der nächst 
niederen Kategorie und als solche kein Individuum mehr. Es folgt 
hieraus also, dass wir das Suchen nach einem absoluten Individuum 
aufgeben und uns damit begnügen müssen, die relative Individualität 
der über einander geordneten Pflanzeutheile festzustellen. Diese Wahr- 
heit ist denn auch schon lange von hervorragenden Botanikern aner- 



HI. Verschiedeue Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 251 

kannt und darauf die Lehre von der relativen Individualität der 
Pflanze begründet worden. 

Dieser Auffassung gemäss, nach welcher verschiedene Potenzen 
der individuellen Entwickelung, verschiedene Grade oder Kategorieen 
(Ordnungen) von Individuen an der Pflanze unterschieden werden 
müssen, nimmt Decandolle deren fünf verschiedene an, nämlich: 
1) die Zelle, 2) die Knospe, 3) der Ableger (nicht von der Knospe 
wesentlich verschieden, sondern ebenfalls ein Spross), 4) der Stock, 
5) der Embryo (Alles, was aus einem einzigen Keim, wenn auch 
zahlreich durch Theilung vervielfältigt, hervorgeht). Schieiden unter- 
scheidet drei verschiedene Ordnungen von Individuen: l) die Zelle 
oder das Elementarorgan, 2) die Einzelpflanze oder Knospe (Planta 
simplex), 3) der Stock oder die zusammengesetzte Pflanze (Planta com- 
posita). Weiter geht die Auffassung von Is'ägeli, welcher noch meh- 
rere andere Individualitäts- Kategorieen des Pflanzenreichs in seine 
Betrachtung hineinzieht, und deien sechs unterscheidet, nämlich: 
1) die Moleküle der organischen vegetabilischen Substanz, 2) die 
Zelle, 3) das Organ, 4) die Knospe (das Individuum im engeren 
Sinne), 5) die Art, (j) das Pflanzenreich. 

Wir glauben, dass allein diese Theorie von der relativen 
Individualität im Stande ist, uns die Tectologie der Pflanzen zu 
erklären und uns zu einer scharfen Begriffsbestimmung des pflanz- 
lichen Individuums zu verhelfen. W r ir müssen, wie es von Decan- 
dolle, Schieiden, Naegeli und Anderen schon als nothwendig 
anerkannt ist, verschiedene subordiuirte Kategorieen von pflanzlichen 
Individuen unterscheiden, von denen jede höhere als Einheit einen 
Complex von mehreren Einzelwesen niederer Stufe, jede niedere als 
Einheit einen Bestandteil eines Einzelwesens höherer Stufe repräsen- 
tirt. Den oben bereits unterschiedenen fünf Stufen oder Ordnungen 
fügen wir nuch eine sechste, bisher meist ganz vernachlässigte bei, 
das Gegenstück oder Antimer. Wir unterscheiden also an den höhe- 
ren, entwickelteren Pflanzen, von den niederen zu den höheren Stufen 
aufsteigend, allgemein folgende sechs Ordnungen: 1) die Zelle 
(Cellula), 2) das Organ (Blattorgan und Axorgan), 3) das Gegen- 
stück oder Antimer, 4) das Steugelglied oder Folgestück (Metamer)^ 
ö) den Spross (Gemma), (i) den Stock (Cormus). 

IV. Verschiedene Auffassungen des protistischen Individuums. 

Der wichtigste und am meisten ausgesprochene morphologische 
Character der Protisten, wodurch sie sich vorzüglich von den Thieren 
und Pflanzen unterscheiden, besteht in der höchst unvollkommenen 
Ausbildung ihrer Individualität und in dem vorherrschenden Stehen- 



252 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

bleiben auf den niedersten Stufen derselben, welche von den Thieren 
und Pflanzen in ihren ersten Entwicke'ungs-Stadien rasch durchlaufen 
werden. Bei sehr zahlreichen Protisten giebt die Unvollkommenheit 
ihrer morphologischen Ausbildung, der Mangel einer eigentlichen 
organologischen Differenzirung und die trotzdem ausgebildete, wenn 
auch lockere Verbindung einfachster Individuen zu scheinbaren Colo- 
nieen Anlass zu vielfachen Zweifeln über den eigentlichen morpholo- 
gischen Werth ihrer Individualität. Daher sind denn auch in dem 
letzten Decenninm, welches unsere Kenntniss der Protisten so ausser- 
ordentlich erweitert hat, vielfach verschiedene Ansichten über die 
eigentliche Individualität bei verschiedenen Protisten -Gruppen oder 
Stämmen laut geworden. 

Keinem Zweifel ist der Begriff der protistischen Individualität da 
unterworfen, wo dieselbe zeitlebens auf der niedrigsten Stufe einer 
einzelnen Plastide bestehen bleibt, sei dieselbe nun eine kernlose Cv- 
tode, wie bei den Moneren und vielen Rhizopoden etc., oder eine 
kernhaltige Zelle, wie bei den meisten Protoplasten und den einzeln 
lebenden i solitären) Flagellaten und Diatomeen. Hier fällt jedes 
Einzelwesen unter den Begriff eines physiologisch sowohl als morpho- 
logisch vollkommen abgeschlossenen Individuums. Erhebliche Zweifel 
und entschiedene Widersprüche über die Begrenzung der Individualität 
sind dagegen bei denjenigen Protisten laut geworden, deren Einzel- 
wesen eine Vielheit von lockerer oder enger verbundenen Piastiden 
repräscntiren. Insbesondere sind es hier die Stämme der Rhizopoden 
und Spongien, bei denen die Individualität von den verschiedenen 
Beobachtern sehr verschieden beurtheilt worden ist. 

Unter den Rhizopoden sind die Acyttarien, insbesondere die 
Polythalamien, am längsten Gegenstand der Untersuchung gewesen. 
Die älteren Beobachter sowohl, welche dieselben für Cephalopoden 
hielten, als die meisten Neueren, welche Duj.ardins richtige Auf- 
fassung ihrer Organisation theilten, namentlich auch Max Schul tze, 
hielten die einzelnen vielkammerigen, oft denen der Cephalopoden so 
ähnlichen Schalen der Polythalamien für Individuen. Ehrenberg 
dagegen erklärte sie für Colonieen, die den Bryozoen- Stöcken ganz 
nahe verwandt seien ; und unter den Neueren hat der treffliche Mono- 
graph der Acyttarien, Carpenter, 1 ) dieselben ebenfalls für Thier- 
stöcke erklärt. Jede einzelne Kammer der Schale mit ihrem Sarcode- 
Inhalt ist nach ihm ein Individuum, die ganze vielkammerige Schale 
aber eine Colonie. Diese letztere Auffassung ist nun allerdings dann 
richtig, wenn man darunter nur Plastidcn -Stöcke versteht, nicht aber, 
wie Carpenter und Ehrenberg, Colonieen, welche den ausgebilde- 

') Carpenter, Introducliou tu the study uf tue Foraminifera. London 1862. 



IV. Verschiedene Auffassungen des protistischen Individuunis. 253 

ten Thierstöcken anderer Stämme (z. B. Anthozoen) analog sind. 
Derartige echte Colonieen (Cormen) finden sich vor bei der höher 
entwickelten Rhizopoden- Klasse der Radiolarieu, welche theils aus 
solitären, einzeln lebenden, theils aus socialen, gesellig verbundeneu 
Individuen besteht. Wie wir in unserer Monographie der Radiolarien l ) 
gezeigt haben, sind die einzelnen „Centralkapseln" oder „Nester" der 
letzteren (der Collozoen, Sphaerozoen und Collosphaeren) vom mor- 
phologischen Standpunkte aus mehr als Individuen einer socialen 
Colonie von Polyzoen, vom physiologischen Standpunkte aus dagegen 
mehr als Organe eines solitären Individuums, eines Polycyttariums 
aufzufassen (1. c. p. 122). Da nun diese einzelnen Centralkapseln 
(nebst zugehöriger Schale) die vollständigen morphologischen Aequi- 
valente der vielkamnierigen Polythalamien sind, da z. B. die Tremato- 
disciden den Soritiden, die Stichocyriden den Nodosariden unter den 
Polythalamien vollständig entsprechen, so können die letzteren keine 
wirklichen Colonieen sein, wie wir schon in der dort angehängten 
Kritik der Carpenterschen Anschauung gezeigt haben (1. c. p. 568). 
Sehr merkwürdig und instructiv für die wichtige Frage von der 
organischen Individualität sind die Spongien, bei denen dieselbe in 
sehr verschiedenem Grade entwickelt erscheint. Während die älteren 
Beobachter jeden zusammenhängenden, einfachen oder verästelten 
Schwammstock für ein Individuum hielten, waren diejenigen, welche 
bei den Pflanzen den Spross für das eigentliche Individuum ansahen, 
mehr geneigt, dieselbe Auffassung auch auf die verästelten Spongien 
anzuwenden und jeden Zweig, jede Seitenaxe für ein Individuum zu 
halten. Als man aber in neuerer Zeit die amoeboiden Urzellen kennen 
lernte, welche das ganze Skelet der Schwammstöcke überziehen und 
ihre Maschen ausfüllen, glaubte man in diesen Amoeboiden die eigent- 
lichen Individuen finden, und demgemäss die ganzen Schwämme für 
Colonieen von Rhizopoden halten zu müssen. Gegenüber dieser be- 
sonders von Perty vertretenen Ansicht hielten die meisten Neueren, 
besonders Duj ardin, und derjenige Anatom, dem wir die trefflichsten 
Untersuchungen über die Entwickelung derPoriferen zu verdanken haben, 
Lieb erkühn, die Auffassung fest, dass der ganze (gleichviel ob einfache 
oder verästelte) Schwammstock ein einziges Individuum repräsentire. 2 ) 
Eine vierte, und wohl die richtigste Ansicht von der unvollständig 
entwickelten Individualität der Schwämme, ist endlich von dem neuesten 
Monographen der Poriferen, Oscar Schmidt, 3 ) ausgesprochen worden, 

') E. Haeckel, die Organisation der Radiolarien-Colonieen (Polyzoen oder 
Polycyttarien?) 1. c. p 116—127. 

2 ) Lieberkühn in Müller' s Archiv für Anatomie und Phys. 1856 p. 512. 

3 ) Oscar Schmidt, Supplement zu den Spongien des adriatischen Meeres, 
1864, p. 17. 



254 Begriff und Aufgabe der Tectolode 



o 



welcher die gesammten Spongien in einfache (solitäre) und in zu- 
sammengesetzte (sociale) eintheilt. Die Genera Sycon, Ute, Dunster- 
villia, Tethya, Caminus etc., kurz alle ..diejenigen Schwämme, welche 
regelmässig nur eine Ausströmungs-Oeffnung besitzen, sind Einzel- 
Individuen. Die Concentrirung der Lebenserscheinungen dieser Spon- 
gien spricht sich darin aus, dass das Wassergefässsystem, diese fin- 
den Spongientypus jedenfalls fundamental wichtige Einrichtung, ein 
einheitliches ist." Clathria, Haüchondria, Spongilla dagegen, welche 
gleich den meisten anderen Schwämmen mehrere oder viele Aus- 
strömungs-Oeffnungen haben, sind Colonieen. „Jeder Theil des Stockes, 
an welchem sich ein einzelnes Osculum öffnet, vereinigt die Bedin- 
gungen und die Kennzeichen der Individualität in sich." Die einzelnen 
Bezirke der Individuen sind aber in keiner Weise scharf von einander ab- 
zugrenzen. Bios die Centra derselben, die Oscula, treten deutlich hervor. 

Bei vielen Protisten, wie auch bei niederen Pflanzen (Algen), 
wird die Individualitäts-Frage noch dadurch in eigenthümlicher Weise 
complicirt, dass häufig sogenannte Copulation oder Conjugation statt- 
findet, so namentlich bei den Protoplasten (Gregarinen, Amoeben etc.), 
bei vielen Flagellaten, einzelnen Rhizopoden (Actinosphaeriden etc.), 
und bei den Myxomyceten ; unter den Algen bei den Conjugaten (Des- 
midiaceen und Zygnemen) etc. Es verschmelzen hier zwei oder 
mehrere bisher selbstständige Individuen mit einander vollständig (Co- 
pulation) oder theilweise (Conjugation), so dass sie nur noch ein ein- 
ziges Individuum darstellen. 

Die Stockbildungen oder Gesellschaften, welche unter den meisten 
Protisten -Stämmen so verbreitet sind, können wir nur zum Theil für 
echte Stöcke oder Cormen, analog denjenigen der Thiere und Pflanzen, 
halten, nämlich dann, wenn die Individuen, welche sie zusammen- 
setzen, selbst schon differenzirte Organismen sind, wie bei den Poly- 
cyttarien und bei den Spongien mit mehrfachen Osculis. Dagegen 
können wir den sogenannten Stöcken oder Colonieen vieler Diatomeen 
und Flagellaten (Volvocinen) blos den Werth von Piastidenstöcken, 
nicht von Cormen zugestehen, da sie blos locker verbundene und nicht 
differenzirte Aggregate von einfachsten Individuen niederster Ordnung 
(Piastiden) darstellen. Die verschiedenen Individualitätsstufen, welche 
wir bei den meisten Pflanzen als Organe, als Antimeren und Meta- 
meren, unterscheiden, sind bei den Protisten nur selten entwickelt 
und daher auch die höhere Individualität des Ganzen nur sehr unvoll- 
ständig ausgebildet. Bei den allermeisten Protisten repräsentiren die 
Einzelwesen zeitlebens als Cytoden oder als Zellen nur Individualitäten 
niederster Stufe, und die lockeren Associationen, welche dieselben in 
vielen Fällen bilden, verdienen oft nicht den Namen von eigentlichen 
Personen und von echten Stöcken. 



V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 255 

V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 

Bei weitem weniger Schwierigkeiten, als den Botanikern, hat den 
Zoologen die Feststellung der Individualität verursacht. Diese gingen 
allgemein aus von der Betrachtung der höheren Thiere, bei welchen 
durch den Eiuschluss aller Organe in das Innere eines räumlich scharf 
begrenzten Körpers und durch die ausgeprägte Einheit dieses selbst- 
ständigen Körpers in morphologischer und physiologischer Beziehung 
der individuelle Character sehr deutlieh ausgesprochen ist. Daher 
hielt man in der Zoologie gewöhnlich eine besondere Diskussion über 
diesen Gegenstand für überflüssig. Erst als man in der neueren Zeit 
den niederen Thieren und thierähnlichen Protisten ein genaueres Studium 
zu widmen begann, musste sich denkenden Beobachtern bald die 
Thatsache aufdrängen, dass hier, je weiter wir hinabsteigen, die Selbst- 
ständigkeit und scharfe Umgränzung derjenigen Einheit, die bei den 
höheren Thieren als vollkommen abgeschlossene Persönlichkeit uns 
entgegentritt, sich immer mehr verliert. In der That sind hier, na- 
mentlich unter den Würmern und Coelenteraten, die Schwierigkeiten 
der Frage, was man denn eigentlich als Individuum im engeren Sinne 
(der menschlichen Person, dem pflanzlichen Spross entsprechend) auf- 
zufassen habe, mindestens ebenso gross, und oft noch grösser, als 
es bei den Pflanzen gewöhnlich der Fall ist. 

Ein weiterer Umstand, der das Verständnis» der thierischen In- 
dividualität bedeutend beeinträchtigte, lag darin, dass man hier von 
Anfang an entweder ausschliesslich oder doch vorwiegend die physio- 
logische Seite der Frage berücksichtigte und die morphologische ganz 
oder fast ganz vernachlässigte, während die Botaniker beide Seiten 
gemischt ins Auge gefasst hatten. Dieser Umstand erklärt sich ganz 
natürlich aus der mehr äusserlichen Gliederung der Pflanzenform und 
den weit brauchbareren Angriffspunkten , welche die morphologische 
Untersuchung der Pflanze gegenüber der viel schwierigeren physio- 
logischen darbot. Auch kommt dabei wesentlich der Umstand mit in 
Betracht, dass die Centralisation bei dem thierischen Individuum weit 
grösser, als bei dem pflanzlichen ist, und dass insbesondere die durch 
das Nervensystem vermittelten innigen Beziehungen der einzelnen 
thierischen Körpertheile zu einander, welche sich bei den höheren 
Thieren namentlich in der einheitlichen „Seele" aussprechen, bei den 
Pflanzen viel weniger oder fast gar nicht entwickelt sind. 

Eine eingehende Besprechung der thierischen Individualität von 
physiologischem Gesichtspunkte aus findet sich in Johannes Müllers 
Handbuch der Physiologie des Menschen. Im ersten Bande, und 
zwar in dem zweiten Capitel der Prolegomena, welches „Vom Organis- 
mus und vom Leben" handelt, wird die Bildung der Individuen als 



256 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 



* 



eine besonders eharacteristische Eigenthümlichkeit der organischen 
Materie, gegenüber der anorganischen, bezeichnet. Der Organismus 
ist ein untheilbares Ganzes, weil er aus integrirenden ungleichartigen 
Theilen nach einem zweckmässigen Plane zusammengesetzt ist. Diese 
„praestabilirte Harmonie der Organisation" unterscheidet die letztere 
wesentlich von der Krystallisation der Auorgane, welche bloss „Aus- 
druck der waltenden Kräfte ist." Im Kry stalle, dem anorganischen 
Individuum, ist Nichts von der „Zweckmässigkeit der Gestaltung für 
die Thätigkeit des Ganzen" zu finden, welche den Organismus aus- 
zeichnet. Im zweiten Bande seines Handbuchs geht Johannes 
Müller ausführlicher auf diese Fragen ein, im ersten Abschnitte des 
siebenten Buches, welches „von der gleichartigen Fortpflanzung oder 
ungeschlechtlichen Zeugung" handelt. Hier wird als eharacteristische 
Eigenthümlichkeit aller organischen Wesen, der Thiere, wie der Pflan- 
zen, die ,.Multiplication durch das Wachsthum" bezeichnet. Die in 
jedem organischen Keime enthaltene Kraft der Entwickelung zu einem 
Individuum wird durch das Wachsthum desselben multiplicirt, und 
derselbe organische Körper, welcher anfangs ein einziges Individuum 
war, repräsentirt späterhin eine Vielheit von solchen. „Die ent- 
wickelte Pflanze ist ein Multiplum der primitiven Pflanze, ein System 
von Individuen, die sich bis auf die Blätter reduciren lassen." Das- 
selbe Verhältniss findet sich bei den Thieren wieder, bald ganz so 
offenbar, wie in den Pflanzen (so bei den Hydren und anderen Poly- 
pen), bald versteckter, so jedoch, dass es „sich durch eine Kette von 
Schlüssen an den Tag ziehen lässt. " Die Gestaltungsfähigkeit ein- 
zelner Theile des Individuums zu neuen Individuen ist bei den ver- 
schiedenen Thieren sehr verschieden gross, am ausgedehntesten bei 
den niedrigsten, die den Pflanzen am nächsten stehen, und nimmt 
nach oben hin, bei den höheren, stufenweis ab ; bei den meisten höhe- 
ren ist sie bloss auf die Eier beschränkt. In dieser ganzen Exposi- 
tion, welche, abgesehen von dem grösstentheils teleologisch - dualisti- 
schen Standpunkte, viele treffliche Bemerkungen enthält, wird von 
Johannes Müller last bloss die physiologische und insbesondere 
die psychologische Individualität berücksichtigt, und als Kri- 
terium des Individuums einerseits die Reproductionsfähigkeit des Thei- 
les zum Ganzen, andererseits die Einheit seiner psychischen Lei- 
stungen, wie sie sich namentlich im einheitlichen Willen äussert, hin- 
gestellt. 

Den sehr wichtigen Unterschied der physiologischen und morpho- 
logischen Individualität des Thieres zu erörtern, fand sich erst Ge- 
legenheit, als man diejenigen Gruppen niederer Thiere näher kennen 
lernte, bei denen man im Zweifel sein kann, ob man sie als einzelue 
Individuen oder als Gesellschaften von solchen, gleich den Pflanzen- 



V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 257 

stocken, auffassen soll. Das ist der Fall insbesondere bei den Cesto- 
den unter den Würmern, und bei den Siphonophoren unter den Coe- 
lenteraten, Tbiercolonieen, welebe man früberbin allgemein für ein- 
zelne Individuen bielt, während man die individuellen Bestandtbeile der 
Colonie als Organe ansah. Für die Siphonophoren wurde insbeson- 
dere durch Leuckart in seiner Abhandlung „über den Polymorphis- 
mus der Individuen oder die Erscheinung der Arbeitsteilung in der 
Natur" (1351) der Beweis geführt, dass ihre schwimmenden, von einem 
einheitlichen Willen beseelten und mit den verschiedenartigsten An- 
hängen besetzten Körper keine Einzelthiere, sondern Stöcke seien; 
Colonieen von polymorphen Individuen, welche durch hoch entwickelte 
Arbeitsteilung in ihrer äusseren Form-Erscheinung weit aus einander 
gegangen seien. Während sich einerseits durch Vergleichung mit den 
einfachen polypoiden (hydroiden) und medusoiden Grundformen der 
Hydromedusen-Klasse leicht der Nachweis führen lässt, dass alle die 
verschiedenartigen Anhänge des Siphonophoren-Stockes, die Schwimm- 
glocken, Saugröhren, Tastkolben, Fangfäden u. s. w. den ersteren 
homolog, ihre morphologischen Aequivalente sind, wird doch anderer- 
seits die Selbstständigkeit dieser Individuen durch ibre weit gehende 
Differenzirung so sehr vernichtet, dass die physiologische Einheit des 
Organismus nur durch den ganzen Stock repräsentirt wird und dieser 
als das höhere Individuum erscheint. 

In dieser vortrefflichen Abhandlung Leuckart s war bereits der 
doppelte Hinweis darauf gegeben, erstens, dass man auch beim Thiere 
wie bei der Pflanze, wenn man die Individualität bestimmen wolle, 
Individuen verschiedener Ordnung: Stöcke, Individuen im 
engeren Sinne, Organe u. s. w. unterscheiden müsse, und zweitens 
dass man wohl zwischen morphologischer und physiologischer 
Individualität zu unterscheiden habe. Leider wurden diese leiten- 
den Gesichtspunkte gänzlich vernachlässigt in derjenigen umfangreichen 
Abhandlung, welche die Frage von der thierischen Individualität wohl 
am ausführlichsten, aber auch am verkehrtesten und verworrensten be- 
handelt hat, in Reich erts Schrift „über die monogene Fortpflanzung" 
(1852). Es würde uns zu viel Zeit und Raum kosten, aus dieser 
breiten, seltsamen Schrift hier auch nur einen oberflächlichen Auszug zu 
geben, da allein schon die Uebertragung der eigenthümlichen Ansich- 
ten des Verfassers aus ihrem dunkeln mysteriös-philosophischen Ge- 
wände in klares, verständliches Deutsch und eine fassliche Explication 
der darin versteckten Gedanken einen allzugrossen Raum fortnehmen 
würde. Auch sind die allgemeinen Anschauungen, aus welchen 
Reichert seine Deductionen ableitet ; so oberflächlich und beschränkt, 
so unklar und verworren, dass es nicht der Mühe lohnt, sie ernstlich 

Haeckel, Generelle Morphologie. 17 



258 Begriff und Aufgabe der Tectologie. . 

zu widerlegen. ') Der maassgebende eigenthümliche Standpunkt des 
Verfassers in der Individuen -Frage ist grösstentlieils ein physiologi- 
scher und lässt sich kurz dahin resuniiren, dass er alle beliebigen Ge- 
webstheile von Thieren und Pflanzen für Individuen erklärt, aus 
denen unter Umständen Knospen sich entwickeln können, und Alles 
für ..Individuenstöcke" ausgiebt, was derartige Theile enthält. Aber 
auch jeder Körpertheil eines individuellen Organismus, der im Laufe 
der Entwicklung nicht durch Differenzirung einer primitiven Anlage 
entsteht, sondern durch Hervorwachsen über die äussere Oberfläche, 
Wird für eine Knospe, ein Individuum erklärt, und der Körper aus 
dem er hervorwächst, deingemäss für einen „Individuen-Stock". Jedes 
derartige Hervorwachsen ist ein ungeschlechtlicher Zeugungsprocess. 
In welche Verwirrung und Widersprüche diese ganz willkührliche Art 
der Naturbetrachtung führt, mögen einige wenige Beispiele zeigen. 
Da bei der Hydra bekanntlich die Fähigkeit fast aller Körpertheile, 
sich abgelöst vom Thiere sofort wieder zum Individuum zu gestalten, 
sehr gross ist, so werden „die Arme, die Darmhöhle, der Stiel der 
einfachen Hydra für untergeordnete Individuen- Stöcke eines Haupt- 
stockes" erklärt, Aber auch die verwandten marinen Hydroidpolypen 
werden wegen dieser ausserordentlichen Ileproductionsfähigkeit der 
ihnen nahestehenden Hydra für complicirte Individuen-Stöcke ausge- 
geben, und zwar nicht nur die ausgebildeten Eiuzelthiere, sondern so- 
gar ihre infusorienarligen Embryonen! Dasselbe wird dann weiter 
von den einzelnen Medusen behauptet! „Die Medusa aurita ist ein 
zusammengesetzter und complicirter Individuen-Stock, dessen einzelne 
Theile strahlenförmig um die centrale Darmhöhle gruppirt sind. Was 
man daher als Organe der Medusa aurita betrachtet, sind nicht die 
Organe eines einlachen Individuums; es sind vielmehr Organe eines 
Haupt -Individuen -Stockes, die selbst wieder Individuen- Stöcke dar- 
stellen und sich sogar in Haupt- und untergeordnete Theile würden 
eintheilcn lassen." Dieselbe Behauptung wird dann auch von den 
Würmern, sowohl Turbellarien als Anneliden aufgestellt, ferner sogar 



') Wenn Jemand dieses Urtlxeil zu hart finden sollte, so ersuchen wir ihn 
sieh mit Aufopferung einer beträchtlichen Quantität von Zeit, Geduld und Mühe 
durch die ganze, 150 Quartseiten breite Schrift hindurchzuarbeiten. Wenn es 
gelungen ist, aus der dunklen und verworrenen Sprache Reicherts mit einiger 
Sicherheit zu erräthen, was er eigentlich hat sagen wollen, und wenn man dann 
den ganzen Gedankengang verfolgt, so wird mau über die absurden und anbe- 
gründeten Willkührlichkeiten, an denen die ganze Schrift reich ist, erstaunen. 
Man findet schliesslich, dass in dem anscheinend streng-philosophischen Gewände 
nur ein ganz hohler und unbrauchbarer, von echter Philosophie weit entfernter 
Inhalt verborgen liegt. 



V. Verschiedene Auffassungen des thierisclien Individuums. 259 

von den einfachen Individuen der Tunicaten und von den Echinodermen. 
Von den letzteren sollen nicht allein die fünfstrahügen Individuen, son- 
dern sogar die einzelnen Strahlen derselben complicirte Individuen- 
stöcke sein, durch ungeschlechtliche Knospenzeugung entstanden. Man 
würde vielleicht hinter diesem dunkeln Gewirre von ineinander laufen- 
den und vielfach widersprechenden Behauptungen dennoch den richtigen 
tectologischen Grundgedanken entdecken können, dass alle höheren 
Organismen verwickelte Aggregate von differenzirten Individuen ver- 
schiedener Ordnung seien, wenn nicht andererseits ein wesentlicher Un- 
terschied zwischen „Individuen" und „Organen" gemacht würde. Wäh- 
rend aber bei den Wirbellosen die ganze Zusammensetzung des Kör- 
pers auf durch Knospung entstandene Individuenstöcke zurückgeführt 
wird, ist bei den Wirbelthieren davon nicht mehr die Hede. Reich erts 
Anschauungen würden sich noch einigermaassen rechtfertigen lassen, 
wenn er wenigstens so viel Consequenz besessen hätte, den Menschen 
und die übrigen Wirbelthiere , so gut als die Wirbellosen, für com- 
plicirte Individuenstöcke zu erklären. Nach seiner Autfassung müsste 
schon der Rumpf des Wirbelthieres immer ein Individuenstock sein 
weil die einzelnen Abschnitte der Wirbelsäule durch ungeschlechtliche 
Zeugung oder Knospenbildung entstehen. Hier wird aber der In- 
dividuenstock plötzlich „Organstock" genannt, während die Wirbel- 
losen in den Augen Reicherts keine „Organstöcke" zu besitzen 
scheinen. Weiter müsste dann, wenn derselbe seine Anschauungen 
consequent durchgeführt hätte, das Wirbelthier auch desshalb ein compli- 
cirter Individuenstock sein, weil vier untergeordnete Individuenstöcke, 
die Extremitäten, an ihm hervorsprossen, und an jeder dieser letzteren 
müssten dann die fünf Zehen als die „eigentlichen" Individuen be- 
trachtet werden. Mit welcher Inconsequenz und Willkühr Reichert 
weiter verfährt, zeigt schon der Umstand, dass er die Fortpflanzung 
durch Theilung gänzlich leugnet. „Hauptsächlich ist es die künst- 
liche oder natürliche Ablösung von Individuen oder Individuen-Stöcken 
eines meist durch Knospenbildung per intussusceptionem gebildeten 
Hauptstockes gewesen, die zu der Theorie von der Zeugung durch 
Theilung Veranlassung gegeben hat." Mit diesem Schlussworte der 
seltsamen Schrift schliessen wir unser Urtheil über dieselbe. Einige 
ihrer hervorragendsten Behauptungen sind schon von Victor Carus in 
seiner Morphologie widerlegt; die übrigen widerlegen sich für den un- 
befangenen Leser selbst. 

Von weiteren Ansichten über die Bedeutung der thierischen In- 
dividualität haben wir nun nur noch zwei sehr verschiedene Auffassungen 
von V. Carus undvonHuxley zu erwähnen. Victor Carus widmet 
den „thierischen Individuen und ihren verschiedenen Formen" ein be- 
sonderes Capitel, das sechste des zweiten Buches, in seinem „System 

17* 



260 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

der thierischen Morphologie. " Hier findet sich zum ersten Male mit 
voller Bestimmtheit die wesentlich morphologische Bedeutung der gan- 
zen Frage betont, und deutlich die Ansicht ausgesprochen, „dass man 
unter dem Begriffe der thierischen Individuen nur materiell abge- 
schlossene morphologische Facta subsurairen darf," dass man 
also wohl von verschiedenen Formen der Individuen sprechen, aber 
nicht einzelne Formzustände eines Körpers als eben so viele Einzelin- 
dividuen unter einem die ganze Formenreihe begreifenden Gesammt- 
individuum begreifen darf, wie es Reichert that. Bestimmt man die 
Individualität eines Thieres, so ist dasselbe im Momente der Beurthei- 
lung als unveränderlich zu betrachten." Mit diesen Worten ist der 
allein durchführbare Standpunkt zur Beurtheilung der thierischen Indivi- 
dualität im engeren Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs voll- 
kommen richtig bezeichnet und der morphologische Character der In- 
dividualitäts-Anschauung gewahrt. Doch ist dieser richtige Gedanke 
in seinen Consequenzen nicht weiter ausgeführt, und auch die Defini- 
tion, die Carus von dem Individuum (im engeren Sinne!) giebt, l ) will 
uns nicht erschöpfend erscheinen. 

Als verschiedene Formen der thierischen Individualität 
unterscheidet Carus 1. Vollständige Individuen, welche die drei 
Functionsgruppen (Erhaltung seiner selbst, Erhaltung der Art, Bezie- 
hung zur Aussenwelt) in sich vereinen und höchstens die Spaltung 
des Geschlechtsunterschiedes in zweierlei verschiedenen Geschlechts- 
Individuen zeigen. 2. Polymorphe selbstständige Individuen, wie die 
verschiedenen theils geschlechtlich entwickelten, theils nicht geschlecht- 
lich entwickelten Individuen der Insecten- Staaten, welche ohne ma- 
teriellen Zusammenhang in Gesellschaften beisammen leben, als Sol- 
daten, Arbeiter, Geschlechtsthiere u. s. w. differenzirt. 3. Polymorphe 
Individuen, gleich den vorigen, theils geschlechtlich entwickelt, theils 
nicht, sämmtlich aber materiell verbunden durch den Zusammenhang 
ihres verlängerten Nahrungscanais, (z. B. in den Hydroidencolonieen). 
4. Polymorphe Individuen, gleich den vorigen an einem Stock zusam- 
men vereinigt, aber mit so weit entwickelter Arbeitstheilung, dass 
nicht nur die Function der geschlechtlichen Fortpflanzung, sondern 
auch die vegetativen und animalen Functionsgruppen auf verschie- 
dene Individuen übertragen sind (Siphonophoren). 



') „Unter Individuen verstehen wir die sich in ihrer entwickelten Form an 
den ihrer Gattung gehörigen morphologischen Typus eng anschliessenden ma- 
teriellen Einzelgrundlagen des Thierlebens, welche die drei Functionsgruppen 
des thierischen Lebens entweder einzeln vollständig erfüllen , oder welche sich, 
und zwar desto mehr je inniger ihre Verbindung zu einem Thierstocke ist, in 
die Uebernahme einzelner Verrichtungen theilen." V. Carus, System der thieri- 
schen Morphologie. 1853. p. 254. 



V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 261 

Eine eigenthümliche, genetische und von der vorhergehenden sehr 
abweichende Auffassung der Frage von der thierischen Individualität, 
und die letzte, welche wir hier zu erwähnen haben, rührt von einem 
der hervorragendsten englischen Naturforscher, Th. Huxley, her. 1 ) Der- 
selbe unterscheidet zunächst allgemein drei verschiedene Arten (kinds) der 
Individualität überhaupt: 1. Das subjective oder arbiträre Individuum, 
lediglich die einheitliche Anschauung eines einzelnen Dinges von einer 
gegebenen Art bezeichnend, z. B. eine Landschaft, ein Jahrhundert. 
2. Das Individuum als Einheit von Theilen, die durch ein Coexistenz- 
Gesetz verbunden sind, z. B. ein Krystall. 3. Das Individuum als 
eine Einheit von Zuständen, welche durch ein Successions-Gesetz ver- 
bunden sind, also ein Cyclus (z. B. eine Pendelschwingung). Jeder 
Organismus ist ein solches Individuum der letzteren Art, also eine 
Einheit von verschiedenen, auf einander folgenden Zuständen, von der 
Entstehung des Eies an bis zum Tode, so also der Mensch in seiner 
Entwickelungsreihe als Ei, Embryo, Kind, Mann und Greis. Allge- 
mein bezeichnet ist also das thierische Individuum die Summe der 
Erscheinungen, welche durch ein Einzelleben nach einander repräsen- 
tirt werden, oder mit andern Worten, die Summe aller einzelnen For- 
men, die aus einem einzigen Ei hervorgehen. 

Die sehr verschiedene Art und Weise, in der nach dieser Auf- 
fassung das Individuum in verschiedenen Abtheilungeu des Thierreiches 
repräsentirt wird, stellt Huxley in folgender Uebersicht zusammen: 
I. Darstellung des Individuum s durch su ccessiveinseparable Formen. 

A. Formen wenig verschieden. Einfaches Wachsthum (z. B. Ascaris). 

B. Formen deutlich verschieden. Metamorphose (z. B. Triton). 

II. Darstellung des Individuums durch successive separable 

Formen. 

1) Frühere Formen nicht unabhängig von den späteren. 

A. Formen wenig verschieden. Wachsthum mitEcdysis oder Häutung (z.B.Blatta). 

B. Formen deutlich verschieden. Wachsthum mit Metamorphose (z. B. Käfer). 

2) Frühere Formen theilweis unabhängig vou den späteren (z. B. Seesterne). 
III. Darstellung des Individuums durch successive und coexistente 

separable Formen. 

a. Aeussere Knospung. ] b. Innere Knospung. 

A. Formen wenig verschieden. Alle Formen produciren Eier. 

Hydra. Nais. j Gyrodactylus. 

B. Formen deutlich verschieden. Bloss die letzten Formen produciren Eier. 
Die letzten Formen nicht örtlich (General) erzeugt. 

Medusa j Distoma 
Die letzten Formen örtlich (Local) erzeugt. 

Salpa | Aphis. 

*) Th. Huxley, Upon animal individuality. Proceed. of the royal institution. 
Nov. ser. Vol. I, 1855. p. 184 ff. 



262 Betriff und Aufgabe der Tectologie. 

Das Individuum in Huxleys Sinne repräsentirt, wie man sieht, 
keine anatomische, sondern eine genealogische Einheit. Die Ein- 
heit der Entwickelung, oder die Einheit der Abstammung von 
einem und demselben Keime, und zwar von einem geschlechtlichen 
Keime (Ei) , ist ihm das Kriterium der Individualität, und mithin die 
geschlechtliche Zeugung die Grenzmarke der gleichen Individuen. Da 
nun hiernach nur der geschlechtlich erzeugte Keim das Individuum 
repräsentirt, und alle durch ungeschlechtliche Zeugung, sei es Knospen- 
bildung oder Theilung, entstandenen Formen lediglich Theilstücke jenes 
ersten sind, so kommen wir mit Huxley consequenter Weise zu dem 
Schlüsse, dass nicht nur alle in einander geschachtelten Generationen 
von Gyrodactylus, nicht nur alle durch Theilung oder Knospimg aus 
einer einzigen geschlechtlich erzeugten Hydra oder Nais erzeugten 
Formen, sondern auch alle Hydroidpolypen und deren Stöcke, welche 
aus einem einzigen Medusen -Ei hervorgehen, ferner alle Salpen, die 
in einer einzigen Salpenkette vereinigt sind, ja sogar säumitliche 
Blattläuse, welche von der ersten geschlechtlich erzeugten Amme 
durch ungeschlechtliche Zeugung in mehreren (9 — 1 1 und mehr) Gene- 
rationen im Laufe eines Sommers hervorgebracht sind (möglicherweise 
viele Millionen Blattläuse), alle zusammen nur ein einziges Individuum 
darstellen, dass sie alle zusammen nur eine Repräsentation des Indivi- 
duums durch successive und coexistirende separable Formen sind. 

Dieselbe genealogische Auflassung, welche Huxley hier von den 
thierischen Individuen darlegt, war schon vor längerer Zeit von 
Gallesio in seiner „Teoria della riproduzione vegetale" (1816) hin- 
sichtlich der Pflanzen aufgestellt worden. Auch Gallesio betrachtet 
sämmtliche durch ungeschlechtliche Zeugung (Knospung oder Theilung) 
entstandene Individuen, also alle Sprosse und Ableger der Pflanze 
(Knospen, Knollen, Zweige etc.) nur als Theilstücke eines einzigen 
Individuums, welches aus dem Ei (dem Samenkorn) hervorgegangen 
ist. Durch alle verschiedenen Formen der ungeschlechtlichen Zeugung 
soll das Individuum bloss fortgesetzt, kein neues Individuum erzeugt 
werden. 

So leicht es auch erscheinen muss, nach dieser Autfassung die 
Grenze der organischen Individualität zu bestimmen, so wenig geeignet 
erscheint dieselbe dennoch, eine allgemein befriedigende Vorstellung 
von deij enigen anschaulich leicht aufzufassenden Einheit zu geben, 
welche man allgemein als „Individuum im engeren Sinne" oder als 
„absolutes Individuum" bezeichnet. Bei den höheren Thieren aller- 
dings fällt der Begriff' der Individualität stets zusammen mit dem 
Kriterium der geschlechtlichen Zeugung, der Entwickelung aus einein 
befruchteten Ei. Bei den niederen Thieren dagegen und bei den aller- 
meisten Pflanzen, wo geschlechtliche Generationen vielfach mit unge- 



V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 263 

schlechtlichen wechseln, kommen wir durch consequente Anwendung 
dieses Kriteriums alsbald in grosse Verlegenheiten. In vielen Fällen 
können wir die geschlechtlich erzeugten Individuen absolut nicht von 
den ungeschlechtlich erzeugten unterscheiden, und jene führen eine 
eben so selbstständige Existenz, als diese. In manchen Fällen wissen 
wir positiv, dass zahllose vollkommen selbstständige Individuen oder 
Individuenstöcke, z. B. alle Trauerweiden Europas, alle Blutbuchen, 
alle Rosskastanien mit gefüllter Blüthe, durch fortgesetzte ungeschlecht- 
liche Zeugung, Fortpflanzung durch Ableger, Knospen etc. aus einem 
einzigen Individuum hervorgegangen sind. Sollen wir desshalb alle 
diese einzelnen, über einen ganzen Erdtheil zerstreuten Bäume für 
Theilstücke eines einzigen Individuums halten? Sollen wir alle die 
Millionen von Blattläusen, die von einer einzigen geschlechtlich er- 
zeugten Blattlaus durch fortgesetzte innere Knospung entstanden sind, 
und die alle dieser letzteren, bis auf den Mangel gewisser Geschlechts- 
teile, vollkommen gleichen, für abgelöste Stücke derselben erklären? 
Es widerspricht dies zu sehr der natürlichen Forderung der räumlichen 
Einheit, welche wir notlnvendig von dem Individuum, mögen wir 
dasselbe nun mehr vom physiologischen oder mehr vom morpholo- 
gischen Standpunkt aus betrachten, verlangen müssen. Auch kommen 
wir dadurch in grosse Verlegenheit bezüglich derjenigen niederen 
Organismen, bei denen eine geschlechtliche Fortpflanzung überhaupt 
noch nicht nachgewiesen ist, wie z. B. bei zahlreichen Organismen des 
Protistenreichs, bei den Moneren, Protoplasten, Khizopoden, Noctiluken, 
Diatomeen etc. Da diese niedrig stehenden Organismen sich, wenig- 
stens zum grossen Theil, ausschliesslich auf ungeschlechtlichem Wege 
fortpflanzen, so würde das genealogische Individuum, wie es Gallesio 
für die Pflanze, Huxley für das Thier bestimmt hat, sich hier über- 
haupt nicht erkennen lassen. Es bliebe nichts übrig, als die ganze 
Art, welche sich zahllose Generationen hindurch immer in derselben 
Weise auf ungeschlechtlichem Wege fortpflanzt, oder vielmehr, da die 
Art veränderlich ist, den Stamm, welcher sich aus allen verwandten 
Arten zusammensetzt, als Individuum zu bezeichnen. Allerdings kön- 
nen wir auch diese Individualität als solche gelten lassen; ein solcher 
Entwickelungs-Cyclus ist auch eine organische Einheit; allein er ent- 
spricht nicht dem Begriffe des individuellen Organismus, wie ihn die 
Tectologie als Theil der Anatomie zu bestimmen hat. Vielmehr fällt 
diese genealogische Individualität, als eine Entwickelungseinheit, der 
Entwicklungsgeschichte oder Ontogenie anheim und wir werden sie 
daher im fünften und sechsten Buche zu erläutern haben. 

Blicken wir nochmals vergleichend zurück auf die angeführten 
verschiedenen Versuche, welche zur Bestimmung der thierischen Indi- 
vidualität gemacht worden sind, so finden wir deren Begriff weit 



264 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

weniger entwickelt und scharf bestimmt, als es bei der pflanzlichen 
Individualität der Fall ist. Insbesondere sind die verschiedenen Ord- 
nungen von Individualitäten, welche die Botaniker (Decandolle, 
Schieiden, Nägeli) in verschiedener Weise mehr oder minder scharf 
als Kategorieen verschiedenen Grades zu bestimmen versucht haben, von 
den Zoologen bisher nicht erkannt oder doch nicht irgend präcis als 
solche bezeichnet worden, obwohl der Organismus der höheren Thiere, 
ganz ebenso wie der der höheren Pflanzen, sich aus subordinirten 
Individualitäten verschiedener Ordnung zusammensetzt. Allerdings 
ist in neuerer Zeit mehr und mehr auch in der thierischen Biologie 
die Zelle als Elementar-Organismus und als Individualität erster Ord- 
nung anerkannt worden, und der ganze Organismus als eine organi- 
sirte Gesellschaft, als ein Staat von Zellen. Insbesondere hat das 
sorgfältige histologische Studium des menschlichen Körpers mehr und 
mehr die Ansicht befestigt, dass die Zellen als die letzten selbststän- 
digen „Lebensheerde" den ganzen Organismus constituiren, und dass 
die Lebensthätigkeit des letzteren nichts Anderes ist, als die Summe 
der Lebensthätigkeiten der einzelnen Zellen. Namentlich haben Brücke 
u. A. die normalen, Virchow die pathologischen Functionen des 
menschlichen Organismus in dieser Weise als das Kesultat der ge- 
sammten Functionen der einzelnen Zellen oder „Elementar-Organismen" 
nachzuweisen versucht. Da jedoch im thierischen Organismus die ein- 
zelnen Zellen weniger selbstständig sind als im pflanzlichen, da ihre 
Wechselbeziehungen unter einander und zum Ganzen innigere sind, 
so ist diese richtige Auffassung nicht in der Weise wie bei den Pflan- 
zen, zu allgemeiner Geltung gelangt. Ebenso hat man die Individua- 
litäten höherer Ordnung, welche bei den Pflanzen theilweis schon er- 
kannt worden waren, beim Thiere fast nirgends berücksichtigt. Eine 
Ausnahme machen hier nur die Individuen höchster Ordnung, die 
Stöcke (insbesondere die Colonieen der Würmer und Coelenteraten), 
deren pflanzenstockäknliche Zusammensetzung zu einer analogen Be- 
trachtung auffordert. Hier war es denn auch, wo der Unterschied 
zwischen physiologischer und morphologischer Individualität mit Recht 
besonders hervorgehoben und von den Zoologen (besonders Leuckart 
und V. Carus) schärfer betont wurde, als es bei den Pflanzen ge- 
schehen war. 

Nach unserer Ansicht findet die Theorie von der relativen Indivi- 
dualität ebenso in der Tectologie der Thiere, wie der Pflanzen, allge- 
meine Anwendung, und wir können auch bei den Thieren allgemein 
mehrere über einander geordnete Kategorieen von Individuen unter- 
scheiden, von denen jede höhere zwar eine geschlossene Einheit, aber 
dennoch zugleich eine Vielheit von subordinirten Individuen niederer 
Stufe darstellt. Wir werden im Folgenden den Beweis zu führen ver- 



V. Verschiedene Auffassaugen des thierischeu Individuums. 265 

suchen, dass diese verschiedenen Stufenfolgen bei den Thieren durch- 
aus analoge, wie bei den Pflanzen sind, und dass wir demgeniäss 
auch hier folgende sechs Ordnungen zu unterscheiden haben: 1) die 
Zelle (Cellula), 2) das Organ (Rumpf-Organe und Extremitäten-Organe), 
3) das Gegenstück oder Antimer, 4) das Rumpfglied (Segment) oder 
Folgestück (Metamer), ö) die Person (dem pflanzlichen Spross ent- 
sprechend), 6) den Stock (Cormus). 

VI. Morphologische und physiologische Individualität 

Die vorhergehenden Betrachtungen über die verschiedenartige 
Entwickelung des Individualitäts-Begriffes bei den Botanikern und bei 
den Zoologen haben uns zu dem Resultate geführt, dass die ersteren 
in ihrer anatomischen Analyse des pflanzlichen Organismus sorgfältiger 
die Individualitäten verschiedener Ordnung unterschieden, die letzteren 
dagegen bei ihrer biologischen Betrachtung des thierischen Organismus 
klarer die physiologische und morphologische Individualität aus^ ein- 
ander gehalten haben. Hieraus ergeben sich uns bereits die zwei ver- 
schiedenen Gesichtspunkte, von denen aus wir in unserer generellen 
Tectologie die Individualität der Organismen überhaupt werden zu be- 
trachten haben. Wir werden erstens genau und scharf zu unterscheiden 
haben zwischen der morphologischen und der physiologischen Indivi- 
dualität des Organismus und wir werden zweitens sorgfältig die Indi- 
vidualitäten verschiedener Kategorieen zu sondern haben, aus denen 
sich der ganze Organismus zusammensetzt. 

Morphologisches Individuum oder Form - Individuum oder 
organische Formeinheit nennen wir allgemein diejenige einheitliche 
Formerscheinung, welche ein in sich abgeschlossenes und formell conti- 
nuirlich zusammenhängendes Ganzes bildet; ein Ganzes, von dessen 
constituirenden Bestandtheilen man keinen hinwegnehmen, und das 
man überhaupt nicht in Theile auseinander legen kann, ohne das 
Wesen, den Character der ganzen Form zu vernichten. Das Form- 
individuum ist demnach eine einfache, zusammenhängende Rauingrösse, 
die wir im Momente der Beurtheilung als eine unveränderliche Gestalt 
anzusehen haben. 1 ) 



J ) Passender würde man die morphologische Individualität des Organismus 
als das anatomische Individuum zu bezeichnen haben, da ja auch das vor- 
her besprochene genealogische Individuum oder die Entwickelungseinheit, welche 
wir als Keimproduct, als Art und als Stamm im fünften und sechsten Buche zu 
betrachten haben, unter den Begriff des morphologischen Individuums fällt. Da 
jedoch bereits die Bezeichnung des anatomischen Individuums als morphologi- 
schen (im Gegensatz zum physiologischen) eingebürgert ist, so wollen wir die- 
selbe ein für allemal beibehalten. 



266 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

Physiologisches Individuum oder Leistung»- Individuum oder 
Lebenseinheit nennen wir diejenige einheitliche Fornierscheinuug, 
welche vollkonnnen selbstständig längere oder kürzere Zeit hindurch 
eine eigene Existenz zu führen vermag; eine Existenz, welche sich in 
allen Fällen in der Bethätigung der allgemeinsten organischen Func- 
tion äussert, in der Selbsterhaltung. Das Leistung» - Individuum ist 
demnach eine einfache, zusammenhängende Kaumgrösse, welche wir 
als solche längere oder kürzere Zeit hindurch leben, d. h. sich er. 
nähren sehen, und welche wir also im Momente der Beurtheilung als 
veränderlich ansehen. Sehr häutig vermag dieselbe ausserdem sich 
fortzupflanzen und auch andere Lebens-Functionen zu vollziehen. Der 
Kürze halber wollen wir die physiologischen Individuen ein für alle- 
mal mit dem Namen der Bionten oder Onten belegen.') 

Die morphologische Individualität zerfällt in sechs verschiedene, 
subordinirte Kategorieen oder Ordnungen von Individuen, und 
jede dieser Ordnungen tritt in bestimmten Organismen als physiolo- 
gische Individualität auf. Für jede Art (Species) ist aber eine be- 
stimmte Ordnung als höchste characteristisch und repräsentirt hier 
ausnahmslos die eigentliche physiologische Individualität, wenigstens 
zur Zeit der vollkommenen Keife des Organismus. Die sechs Ord- 
nungen der organischen Individualität sind folgende: 

I. Piastiden (Cytodeu und Zellen) oder „Elementar-Organismen." 
II. Organe (Zellenstöcke oder Zellfusionen, einfache oder homo- 
plastische Organe, zusammengesetzte oder heteroplastische Organe, 
Organ-Systeme, Organ-Apparate). 

III. Antimeren (Gegenstücke oder homotype Theile). „Strahlen 1 ' der 
Strahlthiere, „Hälften" der euclipleuren (bilateral - symmetrischen) 
Thiere etc. 

IV. Metaineren (Folgestücke oder hoinodyname Theile). „Stengel- 
glieder" der Phanerogainen, „Segmente", Ringe oder Zoniteu der 
Gliederthiere und Wirbelthiere etc. 

V. Personen (Prosopen). Sprosse oder Gemmae der Pflanzen und 
Coelenteraten etc. „Individuen" im engsten Sinne bei den höheren 
Thieren. 
VI. Cormeu (Stöcke oder Colouieen). Bäume, Sträucher etc. (Zu- 
sammengesetzte Pflanzen). Salpenketten, Polypenstöcke etc. 

Jedes dieser sechs morphologischen Individuen verschiedener Ord- 
nung vermag als selbstständige Lebenseinheit aufzutreten und das 
physiologische Individuum zu repräsentiren. Auf der niedersten Stufe 
der Piastiden bleiben sehr viele Organismen zeitlebens stehen, z. B. 



') fitov, i6 {ßtovitt, tu) das physiologische Individuum als concrete Lebeue- 
einheit, als eelbstständiges „Lebewesen.' - 



VI. Morphologische und physiologische Individualität. 267 

die meisten Protisten und viele Algen. Die zweite Kategorie des 
Form -Individuums, das Organ, erscheint als selbstständige Lebens- 
einheit bei vielen Protisten, Algen und Coelenteraten. Auf der dritten 
Stufe, dem An timeren -Zustande, bleibt die Lebenseinheit stehen bei 
vielen Protisten und einzelnen niederen Pflanzen und Thieren. Die 
vierte Ordnung, das Metamer, erscheint als Lebenseinheit bei den 
meisten Mollusken, vielen niederen Würmern, Algen etc. Die fünfte 
Kategorie, die Person, repräsentirt das physiologische Individuum bei 
den meisten höheren Thieren, aber nur bei wenigen Pflanzen. End- 
lich die sechste Ordnung der morphologischen Individuen, der Stock, 
bildet die physiologische Individualität bei den meisten Pflanzen und 
Coelenteraten. 

Sehr wichtig ist nun die Erwägung, dass alle Organismen ohne 
Ausnahme, welche als ausgebildete, reife Lebenseinheiten durch mor- 
phologische Individuen höherer Ordnung repräsentirt werden, ursprüng- 
lich nur der niedersten Ordnung angehören und sich * zu den höheren 
Stufen nur dadurch erheben können, dass sie die niederen alle oder 
grösstentheils durchlaufen. Der Mensch z. B. und ebenso jedes andere 
Wirbelthier, ist als Ei ursprünglich ein Form -Individuum erster Ord- 
nung. Es erreicht die zweite Stufe, indem aus der Eifurchung ein 
Zellenhaufen hervorgeht, der den morphologischen Werth eines Organs 
besitzt. Mit der Ausbildung der Embryonalanlage und mit dem Auf- 
treten des Primitivstreifes (der Axenplatte) scheidet es sich in zwei 
Individuen dritter Ordnung oder Antimeren. Mit dem Hervorknospen 
der Urwirbel beginnt die Gliederung des Rumpfes, der Zerfall in Me- 
tameren, und mit deren Differenzirung ist die Ausbildung der Person, 
des Form -Individuums fünfter Ordnung, vollendet, welches nun als 
physiologisches Individuum persistirt. Ebenso durchläuft jede ge- 
schlechtlich erzeugte phanerogame Pflanze, indem sie aus der einfachen 
Zelle (dem Keimbläschen, dem eigentlichen Ei) zum Zellenhaufen 
(Organ) wird, der sich mit dein Auftreten einer Axe in zwei oder 
mehr Antimeren differenzirt, die drei ersten Stufen der Form -Indivi- 
dualität. Auf der vierten Stufe des Metamers bleibt sie bis zum Be- 
ginne der Gliederung der Axe. Aus den diiferenzirten Stengelgliedern 
setzt sich der Spross zusammen, der nun aus der fünften zur sechsten 
Stufe, dem Stocke, sich durch Bildung seitlicher Sprosse erhebt. 

Hieraus geht deutlich hervor, dass der eigentliche morphologische 
Werth der physiologischen Individualität für jede Organismen- Art nur 
nach erlangter vollständiger Keife, wenn sie „ausgewachsen" ist, be- 
stimmt werden kann. Man darf daher auch niemals als Kriterium der 
physiologischen Individualität, wie es vielfach geschehen ist, die Ent- 
wickelungsfähigkeit zu einer selbstständigen Lebenseinheit be- 
trachten. Diese haftet ursprünglich stets an den Form -Individuen 



268 Begriff und Aufgabe der Tectologie. 

erster Ordnung, den Piastiden (Cytoden und Zellen), und erst durch 
die Differenzirung der Zellen, welche bei den höheren Organismen 
(besonders den Thieren) sehr weit geht, verlieren dieselben jene 
Fähigkeit, oder vielmehr es bleibt dieselbe auf einzelne bestimmte 
Piastiden (Eier) beschränkt. Ausnahmsweise (Hydra, viele Phanero- 
gamen) behalten auch noch bei höher differenzirten Organismen zahl- 
reiche Piastiden diese Entwickelungsfähigkeit bei. Ebenso wenig als 
letztere darf man die Reproductionsfähigkeit, das Vermögen 
eines abgelösten Theils, sich zum Ganzen zu ergänzen (Würmer, Coe- 
lenteratcn, viele Phanerogamen), als Kriterium der physiologischen 
Individualität anwenden, da auch hier das eigentlich Wirksame die 
ursprünglich allen Piastiden eigene Entwickelungsfähigkeit ist. Will man 
die physiologische Individualität der Organismen dadurch characteri- 
siren, so geht die Schärfe ihres Begriffes vollständig verloren. Diese 
ist nur dadurch zu erhalten, dass wir die Fähigkeit der Selbst- 
erhaltung als das entscheidende Kriterium hinstellen, sowie es für 
die morphologische Individualität in der Unfähigkeit der Theilung 
in der individuellen Untheilbarkeit liegt. Das Leistungs-Individuum 
ist der einheitliche Lebensheerd, dessen Existenz mit der Function der 
Selbsterhaltung erlischt; das Form -Individuum ist die einheitliche 
Lebensgestalt, deren Existenz mit ihrer Theilung erlischt. 

Die vielfach aufgeworfene Frage nach der absoluten Individualität 
der Organismen ist also dahin zu beantworten, dass dieselbe nicht 
existirt, und dass alle Organismen, als physiologische Individuen be- 
trachtet, entweder zeitlebens auf der ersten Stufe der morphologischen 
Individualität, der Plastide, stehen bleiben, oder aber, von dieser aus- 
gehend, sich seeundär zu höheren Stufen erheben. 

Indem wir nun in den folgenden Capiteln das Verhältniss der 
verschiedenen Individualitäts- Grade zu einander, welches die eigent- 
liche Grundlage der gesammten Tectologie ist, näher zu bestimmen 
versuchen, wollen wir zunächst die Begriffe der sechs einzelnen Ord- 
nungen der morphologischen Individualität bestimmt feststellen, und 
dann nachweisen, wie jede dieser verschiedenen Ordnungen in ver- 
schiedenen Organismen die physiologische Individualität zu repräsen- 
tiren vermag. 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Plastideu. 269 






LI B p 



* 



v: 



Neuntes Capitel. 

Morphologische Individualität der Organismen. 



„Die Pflanze erscheint fast nur -einen Augen- 
blick als Individuum, und zwar da, wenn sie 
sich als Samenkorn von der Mutterpflanze los- 
löst. In dem Verfolg des Keimens erscheint sie 
schon als ein Vielfaches, an welchem nicht allein 
ein identischer Theil aus identischen Theilen 
entspringt, sondern auch diese Theile durch Suc- 
ecssion verschieden ausgebildet werden, so dass 
ein mannichfaltiges, scheinbar verbundenes Ganzes 
zuletzt vor unseren Augen dasteht. Allein dass 
dieses scheinbare Ganze aus sehr unabhängigen 
Theilen bestehe, giebt theils der Augenschein, 
theils die Erfahrung: denn Pflanzen, in viele 
Theile getrennt und zerrissen, werden wieder als 
eben so viele scheinbare Ganze aus der Erde 
hervorsprossen." 

Goethe. 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: 

Piastiden oder Plasmastücke. 
I. 1. Unterscheidung von Cytodeu und Zellen. 

Als morphologische Individuen erster und niedrigster Ordnung 
würden wir, der gegenwärtig herrschenden Auffassung gemäss, nur 
eine einzige Art von Körpern, die Zellen (Cellulae) aufzuführen 
haben. Nach derjenigen Auffassung des thierischen und pflanzlichen 
Organismus, welche der unsrigen am nächsten steht, ist derselbe ent- 
weder eine einzige einfache Zelle oder ein einheitliches Aggregat von 
mehreren, entweder gleichartigen oder differenzirten Zellen. Die Zelle 
ist hiernach das allgemeine Form-Element oder das Elementar -Organ 
aller Organismen und wird als solches jetzt häufig als Elementar- 



270 Morphologische Individualität der Orgauismen. 

Organismus bezeichnet. Die Zellen sind entweder selbst die ganzen 
Organismen (Eier der Pflanzen und Thiere, einzellige Pflanzen etc.), 
oder sie sind die Individuen, durch deren Verbindung der ganze Or- 
ganismus, als Zellen-Gesellschaft oder Zellen-Staat, sich constituirt. 

Es ist diese Auflassung, welche von Schieiden und Schwann 
in die Wissenschaft eingeführt wurde, und welche man nach ihnen all- 
gemein als „Zellentheorie*' bezeichnet, gegenwärtig in der gesammten 
Biologie die herrschende Theorie. So richtig dieselbe ohne Zweifel im 
Grossen und Ganzen ist, und so sehr wir sie für die grosse Mehrzahl 
aller Organismen als die allein berechtigte anerkennen müssen, so ist 
es dennoch nicht möglich, sie auf alle Organismen ohne Ausnahme 
auszudehnen. Vielmehr kennen wir viele Organismen niedersten 
Ranges, z. B. Polythalamien und andere Rhizopoden, Protogeniden, 
etc., deren ganzer Körper noch nicht einmal den Werth einer einzi- 
gen Zelle besitzt, und einen individuell abgeschlossenen Form-Zustand 
der lebenden Materie repräsentirt, den wir durch den Namen der 
Cytode 1 ) oder des zellenähnlichen Körpers bezeichnen wollen. 

Um unsere Unterscheidung der Elementar-Organismen in Zellen- 
und Cytoclen zu begründen, ist es nöthig, auf die Geschichte der 
Zellentheorie einen flüchtigen Blick zu werfen. 

Sc hl ei den, dem das Verdienst gebührt, zuerst auf dem Gebiete der 
Pflanzenkunde die Zellentheorie begründet und mit scharfer Consequenz 
durchgeführt zu haben, definirt die Pflanzenzelle (cellula), als „das Elemen- 
tarorgan, welches vollständig entwickelt eine aus Zellstoff gebildete Wan- 
dung nnd eine halbflüssige stickstoffhaltige Auskleidung besitzt, und das 
einzige wesentliche Formelement aller Pflanzen bildet, ohne welches eine 
Pflanze nicht besteht." Schwann, der Schleidens Zellentheorie auf 
die Zusammensetzung des thierischen Körpers anwandte, und nachwies, dass 
der thierische Organismus nicht minder als der pflanzliche einzig und allein 
aus Zellen und Zellenderivaten, als letzten Elementartheilen, zusammenge- 
setzt sei, legte ein grösseres Gewicht auf den Zellenkern (Nucleus) und 
wies nach, dass der Kern in den allermeisten thierischen Zellen, und zu 
irgend einer Zeit ihres Lebens wahrscheinlich in allen Zellen aufzufinden 
sei. Nach Schleidens Auflassung ist demnach die Zelle aus zwei we- 
sentlichen Bestandtheilen zusammengesetzt, ein Bläschen, welches in einer 
testen, ringsum geschlossenen Wandung oder Membran einen flüssigen oder 
halbflüssigen Inhalt besitzt. Nach Schwann dagegen sind zum Begrifl'e 
der Zelle drei wesentlich verschiedene Bestandteile uothwendig, Mem- 
bran, Inhalt und Kern. Der letzte Bestandteil, der Kern, wurde bald 
so allgemein in den meisten animalen und vegetabilen Zellen, wenigstens in 
einer gewissen frühesten Periode ihrer Existenz nachgewiesen, dass die Triui- 



') xvi os, io, cellula, Zelle; xvTwörjs, cellularis, zelleuähulich. 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 271 

tätslehre der Zelle, wie sie von Schwann aufgestellt war, allgemein 
herrschend wurde. 

So lange man sich vorwiegend mit dem Studium der Pflanzenzellen be- 
schäftigte, die meistens schon in einer sehr frühen Zeit ihres Lebens und 
fast allgemein deutlich eine Membran erkennen lassen, und so lange man 
die von ihnen gewonnene Anschauung auf die Betrachtung der thierischen 
Zellen übertrug, musste die Membran der Zelle als ein eben so wichtiger 
Bestandtheil derselben wie Kern und Inhalt erscheinen und beinahe zwanzig 
Jahre hindurch blieb daher die Trinitätslehre der Zelle fast unangefochten. 
Erst als man die Zellen des thierischen Organismus allgemeiner und ein- 
gehender und unabhängig von den pflanzlichen zu betrachten begann, 
brach sich die Erkenntniss Bahn, dass die Membran der Zelle in sehr 
vielen Fällen vollkommen fehlt uud dass die Zellen dann blos aus zwei 
wesentlichen Bestandteilen zusammengesetzt sind, aus dem Kern und der 
Zellsubstanz oder dem Zellstoff. Mit dem letzteren Namen müssen wil- 
den sogenannten „Zell- Inhalt" bezeichnen, wenn eine Membran und damit 
der Gegensatz von Hülle und Inhalt fehlt. 

Diese sehr wichtige Reform der Zellenlehre wurde vouLeydig herbei- 
geführt, welcher in seinem „Lehrbuch der Histologie des Menschen und 
der Thiere" (1857) zuerst mit Bestimmtheit aussprach, dass „nicht alle 
Zellen blasiger Natur sind; nicht immer ist eine vom Inhalt ablösbare 
Membran zu unterscheiden." Leydig definirt die Zellen „als die kleinsten 
organischen Körper, welche eine wirksame Mitte besitzen, die alle Theile 
auf sich selber und ihr Bedürfniss bezieht. — Zum morphologischen Be- 
griff einer Zelle gehört eine mehr oder minder weiche Substanz, ur- 
sprünglich der Kugelgestalt sich nähernd, die einen centralen Körper ein- 
schliesst, welcher Kern (Nucleus) heisst. Die Zellsubstanz erhärtet häufig 
zu einer mehr oder minder selbstständigen Grenzschicht oder Membran, 
und alsdann gliedert sich die Zelle nach den Bezeichnungen der Schule in 
Membran, Inhalt und Kern." 

Dieselbe Lehre ist dann von Max Schultze 1 ) ausführlich begründet 
worden, indem derselbe auf den Mangel der Membran an sehr vielen, und 
gerade deu wichtigsten Zellen (den Nervenzellen, Eurchungskugeln und 
ihren Abkömmlingen, den Embryonalzellen) aufmerksam machte. Max 
Schultze deiinirt die Zelle als „ein Klümpchen Protoplasma, in desseu 
Innerem ein Kern liegt. Der Kern sowohl als das Protoplasma sind Theil- 
producte der gleichen Bestandtheile einer anderen Zelle. Die Zelle führt 
ein in sich abgeschlossenes Leben." 

Der entscheidende und unwiderlegliche Beweis, dass gewissen Zellen 
jede Spur einer Membran fehlt, uud dass sie blos aus einem Klumpen 
halbflüssiger schleimartiger Zellsubstanz (Protoplasma) bestehen, welcher 
einen Kern umschliesst, ist zuerst von mir dadurch geliefert worden, dass 
ich das Eindringen fester Moleküle in das Innere des Protoplasma und 
ihre Anhäufung rings um den Kern beobachtete, und dass ich durch ein 



') Max Schultze, „Ueber Muskelkörperchen und das, was man eine Zelle 
zu nennen habe.' - Reiche rts und Du Bois-Reynionds Archiv, 1861, p. 11. 



272 Morphologische Individualität der Organismen. 

einfaches Experiment die amoebenartigen Blutzellen wirbelloser Thiere 
(Mollusken und Crustaceen) veranlasste, feste Piganientmoleküle mittelst 
ihrer amoebenartigen Bewegungen und Formveränderungen in ihr Inneres 
aufzunehmen. 1 ) Diese Experimente sind von Recklinghausen, 2 ) Preyer 3 ) 
und Anderen an den farblosen Blutzellen kaltblütiger und von Max 
Schultze 4 ) neuerlichst, an den farblosen Blutzellen warmblütiger Wirbel- 
thiere, des Menschen selbst, mit dem gleichen Erfolge wiederholt worden. 
Es kann hiernach nicht mehr zweifelhaft sein, dass wirkliche echte Zellen, 
wofür die farblosen Blutzellen mit Recht allgemein gelten, keine Membran 
besitzen und bloss aus zwei wesentlichen Bestandtheilen, dem centralen 
festen Kern (Nucleus) und der peripherischen schleimartigen Zellsubstanz 
(Protoplasma) bestehen. Die nahe Verwandtschaft dieser Blutzellen mit 
anderen amoebenartigen Zellen (Embryonalzellen, Bindegewebszellen, Knor- 
pelzellen und indifferenten Zellen niederer Thiere), welche die gleiche Form 
und Structur und die gleichen Bewegungserscheiuungen zeigen, macht es 
aber sehr wahrscheinlich, dass der Mangel der Membran sehr weit ver- 
breitet und in einer ersten Jugendperiode allen Zellen gemeinsam ist. 

Als wesentliche Bestandteile aller echten Zellen müssen also 
zwei differente Theile betrachtet werden: I. der innere (centrale oder 
excentrische) Zellkern (Nucleus, Cytoblastus) , welcher entweder ein 
fester, homogener, oder selbst wieder ein zusammengesetzter (bläschen- 
förmiger) Körper ist; IL der äussere, den Kern umschliessende (peri- 
pherische) Zellstoff (Protoplasma, Plasma), welcher aus einem 
festflüssigen Eiweisskörper besteht. Als dritter, nicht constanter und 
in der ersten Jugend der Zelle stets oder doch meist fehlender Be- 
standteil, kommt dazu in vielen Fällen eine äusserste, den Zellstoff- 
körper umschliessende Zellhaut ^Membrana cellulae) welche 
entweder nur die verdichtete und als besondere Hautschicht differen- 
zirte äusserste Oberflächenlage des Protoplasma oder aber von diesem 
in flüssiger Form, als Secret, nach aussen abgeschieden, und in Form 
einer Cuticula über demselben erstarrt, erhärtet ist. 

Wir können demgemäss sämmtliche Zellen des Pflanzen-, Protisten- 
und Thierreichs in zwei Hauptgruppen bringen, Hautzellen und hautlose 
Zellen. Die nackten oder hautlosen Zellen oder Urzellen (Cel- 
lulae primordiales, Gymnocyta 5 ), bestehen bloss aus innerem 
Kern und äusserem Protoplasma. Dahin gehören viele Eier, die Theil- 
producte derselben oder Furcliungskugeln, die Embryonalzellen, viele 
Nervenzellen, Biudegewebszelleu, die ausgeschlüpften Schwärm- 
sporen vieler Algen etc. Bei den Ha utz eilen oder Schlauch- 



') Haeckel, ßadiolarien, Berlin 1862, p. 104—106. 

2 ) Recklinghausen, Virchow's Archiv Bd. XVIII, p. 184. 

3 ) Preyer, Virchow's Archiv Bd. XXX, p. 420. 

4 ) Max Schultze, Archiv für raikrosk. Auat. Bd. I, p. 23. 

5 ) yv/Lipüs nackt; xüios (16) Zelle. 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 273 

zelleu (Cellulae membranosae, Lepocyta) 1 ) ist das den Kern 
umschliessende Protoplasma selbst wieder von einer äusseren Membran 
umgeben oder aber in Intercellularsubstanz eingeschlossen. Hierher 
gehören die meisten pflanzlichen und viele thierische Zellen. 

Die genannten zwei differenten Bestandteile: Kern (Nucleus) 
und Zellstoff (Plasma) müssen wir als die beiden integrirenden und 
zum Begriff nothwendigen Bestandteile jeder Zelle festhalten; 
in jeder echten Zelle ist ein Kern innerhalb des Plasma zu irgend 
einer Zeit ihres Lebens, und zwar coustant in der frühesten Zeit, nach- 
zuweisen, wenn er auch späterhin verschwindet. Ein Plasmaklumpen 
ohne Kern ist keine Zelle mehr. Zwar sind einige Biologen, wie z. B. 
Brücke in seinem trefflichen Aufsatz über die Elementar-Organismen, 
noch weiter gegangen und haben auch den Kern für einen unwesent- 
lichen und oft fehlenden Bestandteil der Zelle erklärt. Sie berufen 
sich darauf, dass ein Kern in sehr vielen Fällen nicht in der Zelle 
nachzuweisen ist. Allein entweder ist der Kern hier früher einmal 
vorhanden gewesen, und dann ist die kernlose Zelle nicht mehr voll- 
ständig, oder er ist nie vorhanden gewesen und dann ist der indivi- 
duelle organische Körper eben keine Zelle, sondern ein Plasmaklum- 
pen, welcher noch nicht in inneren Kern und äusseres Plasma sich 
differenzirt hat, eiue Cytode, wie wir es oben genannt haben. Wenn 
wir den Kern als integrirenden Bestandteil des Zellenbegriffs aufge- 
ben, so behalten wir für letzteren nichts übrig, als das individualisirte 
Protoplasma, einen morphologisch nicht näher bestimmbaren homogenen 
Eiweisskörper. Die Zelle wird dann zum Lichtenbergischen Messer 
ohne Griff und Klinge. 

Andrerseits müssen wir grosses Gewicht auf die von Brücke und 
Anderen hervorgehobene Thatsache legen, dass individuelle Elemen- 
tartheile, und zwar sowohl physiologisch als morphologisch abge- 
schlossene Einheiten, selbstständige Lebensheerde oder Elementar-Or- 
ganismen existiren, welche keine Zellen nach unserer Definition sind, 
indem der Kern ihnen fehlt. Diese kernlosen Elementarorganismen 
sind es, welche wir als Cytoden bestimmt von den echten (kernhal- 
tigen) Zellen unterscheiden müssen. Sie bestehen nur aus dem einen 
wesentlichen Bestandtheile der echten Zellen, aus einem Klumpen von 
Plasma oder Protoplasma, während der andere integrirende Bestand- 
theil der letzteren, der Kern, ihnen vollständig und zu jeder Zeit ihrer 
individuellen Existenz abgeht. Es ist dies der Fall bei sehr vielen 
Organismen niederster Ordnung, welche weder bestimmte thierische 
noch deutliche pflanzliche Charactere besitzen, und denen wir desshalb in 
dem Mittelreiche der Protisten den natürlichsten Platz anzuweisen glauben. 



') AS7iog (i6) Rinde, Hülle, Schale; y.vrog (rö) Zelle. 

Haeckel, Generelle Morphologie. lg 



274 Morphologische Individualität «1er Organismen. 

Die Cytoden oder die kernlosen Plasmaklumpen zerfallen gleich 
den echten kernhaltigen Zellen in zwei Gruppen, je nachdem das 
weiche, festflüssige Plasma ihres Körpers aussen nackt und hüllenlos 
oder an der Oberfläche von einer Hülle oder Membran umgeben ist. 
Diese Haut kann, wie die Zellhaut, entweder die verdichtete, differen- 
zirte Oberflächenschicht des Plasmakörpers selbst, oder aber von der 
Oberfläche des Plasmakörpers nach aussen als flüssiges Secret abge- 
schieden und ausserhalb desselben zur Kapsel erhärtet sein. Diese 
Membran kann feiner entweder den ganzen Plasmakörper ringsum 
vollständig abschliessen, z. B. bei den Siphoneen und anderen soge- 
nannten einzelligen (aber kernlosen!) Algen; oder die Membran kann 
unvollständig geschlossen und von einem oder mehreren Löchern oder 
Oeffhungen durchbrochen sein, aus welchen das eingeschlossene Plasma 
theilweis hervortreten kann, z. B. bei den Polytkalamien. 

Beide Arten von Cytoden sind wohl »u unterscheiden. Die nackten 
oder hautlosen Plasmaklumpen oder Urklumpen (Gymnocy- 
todae, Cytodae primordiales), haben als wesentlichen Bestandtheil 
bloss ein Stück Plasma. Dahin gehören alle, für unsere jetzigen 
Hülfsmittel nicht weiter zerlegbaren, homogenen Organismen niederster 
Ordnung, (Protogenes, Protamoebd), viele sogenannte Monaden, Vibrio- 
nen etc. Die umhüllten oder häutigen Plasmaklumpen dagegen oder 
die Hautklumpen (Lepocytodae, Cytodae membranosae) be- 
stehen aus zwei Theilen, dem inneren Plasma und der dasselbe ura- 
schliessenden äusseren schlaucharligeu Membran, welche in chemi- 
scher oder doch in physikalischer Beziehung sich von dem Plasma 
unterscheidet, und oft mechanisch von demselben abgetrennt werden 
kann. Hierher gehören viele niederste Organismen von unbestimmter 
Stellung und zum Theil von sehr indifferenter Natur, die wir in un- 
serem Zwischenreiche der Protisten untergebracht haben, z. B. viele 
Rhizopoden (Acyttaria); viele sogenannte einzellige Algen (Siphoneen); 
auch die Sporen („Sommereier") der Aphiden, Daphniden etc. 

Die Cytoden, welchen der Kern stets fehlt, und die echten Zellen, 
welche stets einen Kern zu irgend einer Zeit ihres Lebens besitzen, 
können unter dem Namen der Piastiden oder Bildnerinnen zu 
sammengefasst werden und stellen als solche die morphologischen In- 
dividuen erster Ordnung dar. Diese Bildnerinnen sind in der That 
die bildenden, plastischen Elemente, welche durch ihr Zusammenwir- 
ken die Form-Individuen höherer Ordnung aufbauen, und durch ihre 
Aggregation die Gewebe, die Organe etc. constituiren. Nach den vor- 
ausgebenden Erläuterungen können wir unter den Piastiden allge- 
mein vier Gruppen unterscheiden, welche sieh in folgender IJebersicht 
auf zwei Hauptgruppen von Bildnerinnen (nh'xGudtg,} vertheilen: 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Plastideu. 275 

Uebersicht der verschiedenen morphologischen Individuen 

erster Ordnung: 

Plastides (Plasmastiicke oder Klumpen). 

I. Cytodae. (Celli nae.) Cytoden. Plasmaklumpen ohne Kern. 

I. 1. Gymnocytodae. Urklumpen oder uackte Klumpen. Kernlose 

Plasniaklumpen ohne Haut oder Schale. 
I. 2. Lepocyto dae. Hautklumpeu oder Schläuche. Kernlose Plasma- 
klumpen mit Haut oder Schale. 
II. Cellulae. (Cyta.) Zellen. Plasmaklumpen mit Kern. 

II. 1. Gymnocyta. Urzellen oder nackte Zellen. Kernhaltige Plasma- 
klumpen ohne Haut oder Schale. 
II. 2. Lepocyta. Hautzellen oder Kernschläuche. Kernhaltige Plasma- 
klumpen mit Haut oder Schale. 



II. 2. Zusammensetzung der Piastiden (Cytoden und Zellen) 
aus verschiedenen Pormbestaudtheilen. 

A. Plasma. (Protoplasma.) Zellstoff. 

Da wir durch die Eintheilung der Plastideu iu Cytoden und Zellen 
neue Begriffe in die Plastidologie oder die sogenannte Gewebelehre 
(Histologie) eingeführt haben, deren Gebiet bisher seit Schwann die 
Zellen als die einzigen und allmächtigen Elementar- Organismen be- 
herrschten, und da uns diese Unterscheidung der Cytoden und Zellen 
insbesondere für die Vorstellungen von der ersten Entstehung der Or- 
ganismen die grösste Wichtigkeit zu besitzen scheint, so müssen wil- 
den verschiedenen Structurverhältnissen der Plastideu eine, wenngleich 
ganz allgemein gehaltene, doch eingehendere Betrachtung widmen, 
als es bei den Individuen höherer Ordnung gestattet sein wird. Wir 
werden daher hier besonders die Zusammensetzung der Plastideu (Cy- 
toden und Zellen) aus verschiedenen Formbestandtheilen und die we- 
sentlichen Eigenschaften dieser Formbestandtheile ins Auge zu fassen 
haben, und betrachten demgemäss zunächst das Plasma oder den 
Zellstoff, dann den Nucleus oder Zellkern und endlich die verschie- 
denen (äusseren und inneren) Plasma-Producte. 

Als Plasma oder Zellstoff, besser Bildungsstoff, bezeichnen 
wir nach dem Vorhergehenden alle diejenigen organischen Materien, 
welche als die wesentlichen und in keinem Falle fehlenden Träger 
der Lebensbewegung erscheinen, als das active materielle Sub- 
strat des Lebens, und welche also gewissermaassen als der „Le- 
bensstoff" oder die „lebende Materie'' im engeren Sinne bezeichnet 
werden könnten. Ueberall, wo wir bisher im Thier-, Protisten- und 
Pflanzen-Reiche in der Lage waren, die chemische Natur dieses Kör- 
pers bestimmen zu können, hat sich derselbe als ein Eiweisskörper 
oder Album inat (sogenannte Protein-Verbindung) herausgestellt. 

18* 



276 Morphologische Individualität der Organismen. 

Das Plasma ist mit mehreren verschiedenen Namen belegt woiden: 
Protoplasma' (Mohl), Oytoplasmu (Kölliker), Sarcode (Dujardin), 
Keimsubstanz oder „Germinal watter'- (Beale), Zellsubstanz, tiiläungssub- 
stanz, Zellstoff u. s. w. Wir werden es der Kürze halber stets als Bil- 
dungsstoff, Zellstoff oder Plasma bezeichnen. 1 ) 

In einer jeden Plastide, sowohl in jeder Cytode als in jeder Zelle, tritt 
das Plasma als ein zusammenhängender festflüssiger Körper von äusserst 
verschiedenartiger Form auf, über welche sich im Allgemeinen Nichts aus- 
sagen lässt. Die Grösse ist sehr verschieden, von kaum messbarer Fein- 
heit bis zu einem Durchmesser von mehreren Linien, selten mehreren 
Zollen (z. ß. bei Oaulerpa und anderen Siphoneen). 

Während man früherhin meistens das Plasma, weil es in formeller und 
häufig auch bedeutend in quantitativer Beziehung hinter die übrigen Be- 
standtheile der Zelle zurücktritt, sehr vernachlässigte und namentlich bei 
den Pflanzenzellen vorwiegend die, zunächst allerdings am meisten ins 
Auge fallende Membran berücksichtigte, ist man neuerdings immer mehr und 
immer allgemeiner zu der Ueberzeugung gelangt, in dem Plasma den 
eigentlichen Heerd aller activen Lebensbewegung suchen zu 
müssen. Seine Stellung unter den Eiw eis s st offen ist daher von beson- 
derer Bedeutung. 

Die Gruppe der Eiweisskörper, Albuminate oder Protein Stoffe, zu 
welcher alle verschiedenen Modificatiouen des activen, lebendigen Plasma ge- 
hören, ist bekanntlich in chemischer Beziehuug vor allen anderen Stoffen 
durch zahlreiche und sehr wichtige Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet. 
Durch ihre höchst complicirte Zusammensetzung aus 5 oder 6 Atomarten 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und häufig auch 
Phosphor) stellen sie sich über alle anderen organischen Verbindungen. 
Gewöhnlich sind die Eiweisskörper von Fetten, Alkalien und Kalksalzen 
begleitet, zum Theil in sehr eigenthümlicher Weise chemisch mit ihnen 
verbunden. Daher hat man sie in chemisch reinem Zustande bisher nur 
äusserst selten oder gar nicht darzustellen vermocht. Ferner zersetzen sie 
sich ausserordentlich leicht und vermögen die Zersetzungsbewegung kata- 
lytisch, als gährungserregende Stoffe, auf andere zersetzungsfähige Körper 
zu übertragen. Ihre ausserordentliche Neigung zu Umsetzungen erklärt 
sich vielleicht aus der ebenso lockeren als verwickelten atomistischen Zu- 
sammensetzung ihrer Moleküle. Schon der leiseste Anstoss vermag diesen 
complicirten Atomgruppen-Bau zu zerstören. Ihre quantitative Zusammen- 
setzung ist daher sehr schwierig zu bestimmen, ihre theoretische Constitution 
noch ganz unbekannt. Mit anderen Verbindungen, Salzen, Säuren und 
Basen, treten sie in sehr wechselnden Verhältnissen zusammen. Die meisten 
Eiweisskörper stehen sich in vielen Beziehungen sehr nahe und sind oft 
sehr schwer zu unterscheiden. Dennoch verleiht ihnen schon der geringste 
Unterschied in ihrer atomistischen Constitution, der durch chemische Reac- 



') io nlua/ju bedeutet eigentlich allerdings das (.Jebildete, Geformte, und 
richtiger würde demnach für unsere bildende Materie der Ausdruck Plasson 
;?ö nkäaaov), das Bildende, das Formende, sein. 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 277 

tionen oft gar nicht nachzuweisen ist, ganz verschiedene formbildende 
Eigenschaften. Endlich kommt ein und derselbe Proteinkörper oft in meh- 
reren Modifikationen vor, löslichen und schwerlöslichen oder unlöslichen, 
und damit im Zusammenhange steht die Leichtigkeit, mit welcher sie den 
Aggregatzustand wechseln und aus dem flüssigen in den festen übergehen. 
Hieraus erklärt es sich, dass die Proteinkörper in chemischer Beziehung 
die unbekanntesten, obwohl die für das Leben wichtigsten von allen Mate- 
rien sind, wahrscheinlich die einzigen activen Substrate der Lebensbewegung. 

Wie diese chemischen Eigentümlichkeiten die Eiweisskörper in hohem 
Maasse auszeichnen, so gilt dies auch von ihren physikalischen E igen- 
schaften, welche bei der histogenetischen Thätigkeit des Plasma nicht 
minder in Frage kommen. Ausser der schon hervorgehobenen Leichtigkeit, 
mit welcher dieselben ihren Aggregatzustand wechseln (z. P>. der Faser- 
stoff bei seiner Gerinnung an der Luft, das Casein bei Berührung mit 
Lab etc.), ist hier besonders hervorzuheben, dass sie beim Uebergang aus 
dem flüssigen in den festen Zustand fast stets amorph, und nur sehr selten 
krystallinisch auftreten. Dieser auffallende Mangel anKrystallisations-Neigung 
steht mit ihrem ausgezeichneten Imbibitionsvermögen und mit ihrer Fähig- 
keit, die abgerundeten Formen der organischen Gewebe zu bilden, im 
engsten Zusammenhang. Ihre ausserordentlich bedeutende Quellungsfähig- 
keit ist durch eine enorme Adhäsions-Verwandtschaft der Eiweiss-Moleküle 
zum Wasser bedingt, mittelst deren sie grosse Quantitäten desselben in 
ihre Intermolekularräume aufzunehmen und zu condensiren im Stande sind. 
Durch diese Imbibition wird ihr Yolum ebenso vergrössert, als ihre Cohä- 
sion vermindert; auch die grosse Leichtigkeit, mit der die Eiweisskörper 
unter wenig verschiedenen Verhältnissen ihre Imbibitions- Fähigkeit bedeu- 
tend ändern, ist bemerkenswerth und für ihre plastische Thätigkeit von 
grosser Bedeutung. 

Welche unendliche Mannichfaltigkcit in der feineren Zusammensetzung 
der Eiweissstoffe herrscht, welcher unendlichen Modifikationen ihre physika- 
lischen und chemischen Eigenschaften fähig sind, beweist der unerschöpf- 
liche Reichthum verschiedenartiger Gestalten, die in Form von Thieren, Pro- 
tisten und Pflanzen unsern Erdball bevölkern. Alle diese unendlichen 
Verschiedenheiten der Organismen in Grösse und Form, gröberer und fei- 
nerer Zusammensetzung, Consistenz und Dichtigkeit, Farbe und Glanz, 
Geschmack und Geruch, kurz alle die uuermessliche Mannichfaltigkeit in 
den verschiedensten sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der organischen 
Körper, welche unsere Sinne erregen und ergötzen, ist zurückzuführen auf 
ebenso unendlich zahlreiche und feine Verschiedenheiten in der atomisti- 
schen Constitution der Eiweiss -Verbindungen, welche das Plasma der 
Piastiden zusammensetzen. 

Wenn wir uns einerseits dieser Thatsache nicht verschliessen können, 
so müssen wir andererseits unsere gänzliche Unfähigkeit eingestehen, dem 
Plasma auf seinem formbildenden Wege folgen zu können. Die geringe 
Quantität, in der das Plasma auch in den grössten Zellen auftritt, die 
Unmöglichkeit, dasselbe rein zu isoliren oder in grösseren Mengen zu- 
sammenzuhäuien, haben uns in den meisten Fällen entweder gar keine oder 



278 Morphologische Individualität der Organismen. 

doch nur sehr geringe Differenzen in der chemisch-physikalischen Beschaf- 
fenheit des Plasma der verschiedenen Piastiden wirklich wahrnehmen 
lassen, obwohl ihre verschiedenen physiologischen Fähigkeiten davon be- 
redtes Zeugniss ablegen. Im Allgemeinen lässt sich eben nur aussagen, 
dass das Plasma gewöhnlich als ein festflüssiger Eiweisskörper von der 
Consistenz eines zähen, klebrigen, fadenziehenden Schleimes auftritt, der 
eich im Wasser nicht auflöst und durch den Zutritt von Wasser allein 
schon in vielen Fällen gerinnt. 

B. Nucleus. (Cytoblastus.) Zellkern. 

Als derjenige wesentliche Formbestandtheil, welcher die organi- 
sche Zelle als solche eharacterisirt und von der Cytode oder kern- 
losen Plastide unterscheidet, ist der Nucleus oder Zellkern von 
besonderem Interesse. Gleich dem Plasma aller Piastiden ist auch 
der Nucleus aller Zellen stets aus einer Ei weiss- Verbindung ge- 
bildet, welche durch geringe physikalisch -chemische Differenzen sich 
von der des Plasma unterscheidet. 

Bei den meisten thierischen Zellen ist der Nucleus während der 
ganzen Zeit ihres Lebens nachzuweisen, während er dagegen bei vielen 
Pflanzenzellen (z. B. Holz- und Gefässzellen) nur in ihrer Jugend 
existirt und späterhin verschwindet. Der Kern erscheint in den mei- 
sten Zellen als ein scharf umschriebener rundlicher Körper, weniger 
umfangreich als das Plasma, da ihn dieses gewöhnlich von allen Sei- 
ten umschliesst. In selteneren Fällen liegt in gewissen Hautzellen 
der Kern ganz peripherisch, so dass er nur auf der einen Seite vom 
Plasma, auf der anderen von der Membran begrenzt wird. 

Im Gegensatze zum Plasma, welches durch Anpassung an die 
Aussenwelt die verschiedenartigsten Formen annehmen kann, zeigt der 
Kern allermeist eine sehr einfache und scharf umschriebene Form. 
Gewöhnlich ist er kugelig oder sphäroidal, bald mehr ellipsoid, bald 
mehr linsenförmig, seltener cylindrisch verlängert oder stäbchenförmig, 
sehr selten verästelt, sternförmig oder von complicirterer Form. Der 
Grenzcontour des Kerns gegen das umschliessende Plasma ist meist 
scharf und deutlich. 

Betrachtet man die Zelle in ihren natürlichen Verhältnissen, mit Ver- 
meidung alterirender Flüssigkeiten, so erscheint der Kern sehr häufig homo- 
gen und klar, und in seinem Lichtbrechungsvermögen wenig von dem 
Plasma verschieden. Oft erzeugt aber schon Wasserzusatz, und in den 
meisten Fällen bewirkt Zusatz von Essigsäure im Nucleus einen fein, 
körnigen Niederschlag, so dass derselbe sich als dunkel granulirter Körper 
scharf von dem umgebenden Protoplasma absetzt. 

Ueber die Consistenz und den Bau des Zellenkerns findet man bei 
Botanikern und Zoologen die widersprechendsten Ansichten, die sich wohl 
grossentheils dadurch erklären werden, dass der Kern in verschiedenen 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 279 

Zellen eine sehr verschiedene Beschaffenheit besitzt. Während die Meisten 
dem Kerne eine festere Beschaffenheit als dein Plasma zuschreiben und 
ihn als einen „leidlich festen", soliden, homogenen Körper ansehen, be- 
schreiben ihn dagegen Andere als ein „Bläschen", aus fester Membran 
und flüssigem Inhalt gebildet, und in manchen Fällen wird er sogar als 
ein halbflüssiger „Eiweisstropfen" geschildert. In der That scheint der 
Cohäsionsgrad bei verschiedenen Kernen ausserordentlich verschieden zu 
sein. In sehr vielen Fällen ist der Nucleus ohne Zweifel weit fester und 
derber als das Plasma, und eine Differenz von Hülle und Inhalt dann 
nicht an ihm nachzuweisen, während in anderen Fällen, z. B. bei vielen 
Eiern, Furchungskugeln, Embryonalzellen, Nervenzellen und anderen Ur- 
zellen, der Kern als ein zartes, oft ziemlich dickwandiges und doppelt con- 
tourirtes Bläschen einen homogenen, eiweissartigen Inhalt zu umschliessen 
scheint, dessen Consistenz hinter derjenigen des Plasma zurückbleibt. 

Sehr häufig bemerkt mau in dem Kern, auch ohne Zusatz alterirender 
Flüssigkeiten, mehrere feine Körner (oft vielleicht Bläschen?) und ausser- 
dem ein grösseres Korn oder Bläschen, welches sich in der Regel durch 
stärkere Lichtbrechung auszeichnet. Dieser kleine Körper, welcher entweder 
im Innern oder an der Peripherie des Nucleus liegt, wird als Nucleolus 
oder Ker ukörperchen beschrieben. Bisweilen ist in diesem centralen 
Körper nochmals ein vierter scharf umschriebener kleiner Körper einge- 
schachtelt, der dann N u c 1 e o 1 i n u s oder Kernpunkt genannt werden 
kann (z. B. in manchen Eiern, Ganglienzellen etc.). 

Die chemische Zusammensetzung des Zellkerns und der in ihm einge- 
schlossenen Körperchen, Nucleolus und Nucleolinus, ist oft schwierig zu 
ermitteln und in vielen Fällen unbekannt. Wahrscheinlich besteht derselbe 
aber immer aus einem vom Plasma etwas verschiedenen Eiweisskörper, 
sei es in festflüssigem, sei es in festem Aggregatzustande. In allen Fällen 
wo durch mikrochemische Reaction die chemische Constitution des Kerns 
zu ermitteln war, hat sich stets eine Eiweiss-Yerbindung herausgestellt. 

C. Plasina-Producte. 
Da wir sämmtliche Piastiden, sowohl Cytoden als Zellen, als 
selbstständige Elementar-Organismen zu betrachten haben, die minde- 
stens in ihrer Jugendzeit ein mehr oder minder unabhängiges Leben 
als morphologische Individuen führen, so sind dieselben natürlich der 
Lebensbewegung und damit einer Reihe von Veränderungen unter- 
worfen, die wir als Functionen der Piastiden anzusehen haben, und 
die ihre Ernährung, ihre Fortpflanzung, und ihre Beziehungen zur 
Aussenvvelt betreffen. Von diesen verschiedenen Lebensthätigkeiten 
der Piastiden sind für uns hier diejenigen zunächst von besonderem 
Interesse, die man gewöhnlich unter dem Namen der Zellmeta- 
morphose zusammenfasst, und die sich auf die Veränderung der 
Grösse, Form, Consistenz und namentlich auf die Production von 
Theilen beziehen, welche vom Plasma und dem Kerne verschieden 
sind. Wir können diese Theile, welche als integrirende morphologische 



280 Morphologische Individualität der Organismen. 

Bestan dtheile der metamorphosirten Piastiden erscheinen, und ent- 
weder in ihrem Inneren oder auf ihrer Oberfläche, aber immer mit 
dem Plasma räumlich verbunden (adhaerent) auftreten, allgemein als 
Producte des Plasma oder Producte der Piastiden be- 
zeichnen. 

Unter Producten der Piastiden oder des Plasma fassen wir dem- 
geraäss alle diejenigen Form-Bestandtheile der metamorphosirten Zelle 
vorhanden, welche von dem Plasma und dem Nucleus verschieden 
sind, mögen sie nun im Plasma eingeschlossen oder ausserhalb des- 
selben liegen. Demnach gehören hierher alle diejenigen Theile, welche 
man gewöhnlich in der thierischen und pflanzlichen Zellenlehre mit 
folgenden Namen zu belegen pflegt: 1. die „Zellenmembranen"; 2. die 
„Intercellularsubstanzen"; 3. der ,.Zellsaft u ; 4. der „ Zellinhalt" , und 
noch verschiedene andere Theile, welche logischer Weise unter eine 
der erwähnten Kategorieen sich einreihen lassen. 

Sämmtliche Producte des Plasma, mögen dieselben innerhalb oder 
ausserhalb des metamorphosirten Plasma getroffen werden, entstehen 
entweder durch Diff erenzirung des Plasma oder durch Aus- 
scheidung des Plasma. Der Unterschied zwischen beiden Entste- 
hungsvveisen der Plasmaproducte liegt darin, dass im ersteren Falle 
die Substanz des Plasma selbst sich verändert und in den neuen 
Körper übergeht, während im letzteren Falle der Plasmakörper selbst 
unverändert bleibt und nicht in die Substanz des Productes übergeht. 
Als eine reine Differenzirung des Plasma würden wir z. B. die 
Entstehung der quergestreiften aus der homogenen Muskelsubstanz, 
die Bildung gewisser eiweissartiger Intercellularsubstanzen, und über- 
haupt allgemein die Entstehung der heterogenen und speeifischen 
Plasmakörper der Epithelzellen, Nervenzellen, Drüsenzellen etc. aus 
den indifferenten Plasmakörpern der homogenen und indifferenten 
Embryonal -Zellen aufzufassen liaben. Dagegen würden wir als eine 
Ausscheidung des Plasma z. B. die Bildung der Cuticulae, (der 
Chitinhäute etc.) der Cellulose- Membranen und eines grossen Theils 
der Intercellularsubstanzen, ferner im Innern der Piastiden die Bildung 
vieler nicht eiweissartiger Stoffe, z. B. der Stärkemehlkörner und an- 
derer Concretionen, der Krystalle etc. anzusehen haben. 

So scharf sich aber auch der principielle Unterschied der beiderlei 
Plasma - Producte in der Theorie dahin aussprechen lässt, dass die 
Differenzirungsproducte aus der Substanz des sich verändernden 
Plasma selbst, die Ausscheidungsproducte durch Wirkung des Plasma 
nach aussen, Exsudation etc. entstellen, so schwierig ist es in der 
Praxis in den meisten Fällen zu sagen, wohin das eine oder das an- 
dere Product zu rechnen sei; und im Grunde genommen ist diese 
Unterscheidung nur eine rohe und oberflächliche, denn eigentlich ist 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 281 

auch jede Ausscheidung mit einer Veränderung-, d. h. Differenzirung 
der Substanz des Plasma, und umgekehrt jede Differenzirung mit 
einer Trennung bestimmter, weniger veränderter Piasmatheile von 
anderen mehr veränderten, d. h. Ausscheidung verbunden. In sehr 
vielen Fällen werden Ausscheidung und Differenzirung gleichmässig 
bei der Bildung des Productes zusammenwirken, oder in einer Weise 
verbunden, dass der Antheil des einen und des anderen Processes 
sehr schwierig zu bestimmen sein wird. Aus diesem Grunde betrach- 
ten wir hier die Producte der Differenzirung und Ausscheidung ge- 
meinschaftlich als Plasma- Producte und unterscheiden nur zwischen 
äusseren, auf der Oberfläche des bleibenden Protaplasma gelegenen 
und inneren, innerhalb oder zwischen einzelnen Theilen des Plasma 
gelegenen Plasma-Pro ducten. 

Ca. Aeussere Plasma-Producte. 
(„Zellenmembranen" und „Intercellularsubstan zen".) 

Die übliche Trennung der äusseren Plasma-Producte in Zellen- 
membranen und Intercellularsubstanzen ist künstlich und nicht ohne 
Willkühr durchzuführen, wesshalb wir hier beiderlei Producte gemein- 
sam zu besprechen haben. 

Die allgemeine Bedeutung der Membran der Piastiden hat in 
neuerer Zeit sehr an Wichtigkeit verloren, seitdem, wie oben schon 
angeführt wurde, der Beweis geführt worden ist, dass wir in allen 
Fällen, wo eine Plastide von einer Haut umschlossen ist, sowohl bei 
den kernhaltigen Zellen, als bei den kernlosen Cytoden, die Mem- 
bran für ein secundäres Product des Plasma zu halten haben, 
nicht für einen primären und integrirenden Bestandtheil der Plastide 
als solcher. In der That sind jetzt so sichere und so zahlreiche Bei- 
spiele von Cytoden und von Zellen bekannt, die Zeit ihres Lebens 
nackt und membranlos bleiben, und von anderen Piastiden, die an- 
fangs (bei ihrer Entstehung durch Theilung oder Keimbildung) nackt, 
später von einer Hülle oder Schale umgeben sind, dass an der Wahrheit 
der obigen Behauptung nicht mehr gezweifelt werden kann. Für die 
allgemeine biologische Auffassung der Zelle als Elementar - Organis- 
mus ist aber dieser Umstand von der grössten Wichtigkeit. Denn 
während man früher, wo die allgemeine Anwesenheit der Zellen- 
membran als eines das Plasma völlig umschliessenden Schlauches 
oder Sackes als allgemein gültiges Dogma die Zellentheorie beherrschte, 
der Membran meist eine hohe, oft selbst eine grössere physiologische 
Bedeutung als dem in ihr enthaltenen Plasma zuschrieb, gewöhnt 
man sich jetzt richtiger daran, das Plasma als das active, primär wirk- 
same Element des Zellenlebens, und die Membran dagegen als pas- 
siven Bestandtheil, als das secundäre Product des ersteren, zu betrachten- 



232 Morphologische Individualitat der Organismen. 

In sehr vielen Fällen existiren die nackten, hautlosen Piastiden 
sehr lange Zeit hindurch, und zwar gerade in der Jugendzeit, wo sie 
am thatkräftigsten und leistungsfähigsten sind, ohne alle Hülle, und 
umgeben sich erst mit einer solchen, wenn sie in den ruhigeren und 
passiveren Zustand des Alters übergehen. Insbesondere zeigt sich 
dieser Umstand darin, dass die Membran meist ganz vermisst wird, 
so lange die Zelle als Ganzes noch wächst und ihr Volum ausdehnt, 
und so lange sie sich noch durch Theilung vermehrt. Eine Plastide 
mit Membran (oder Lepoplastide) ist jedenfalls abgeschlossener gegen 
die Aussenwelt, als eine nackte hüllenlose Plastide ohne Membran 
(oder Gymnoplastide) deren Oberfläche unmittelbar mit ihrer Um- 
gebung in Berührung steht und demgemäss mit derselben in weit 
energischere Wechselwirkung treten kann. Dieses Verhältniss ist 
besonders von Max Schnitze betont worden, welcher die von einer 
Membran umschlossene Zelle sehr passend mit einem encystirten In- 
fusorium vergleicht, und hinzufügt, dass die Bildung einer chemisch 
differenten Membran auf der Oberfläche des Protoplasma ein Zeichen 
beginnenden Rückschrittes sei, ein Zeichen herannahender Decrescenz, 
oder wenigstens eines Stadiums, auf welchem die Zelle in den ihr ur- 
sprünglich zukommenden Lebensthätigkeiten bereits eine bedeutende 
Einschränkung erleidet. (I. c. p. 21). 

Die Zellenmembran fällt demnach in unserer Anschauung in eine 
Ordnung oder Kategorie zusammen mit den übrigen Theilen der Zelle, 
welche als Producte der Zelle auftreten, und sind namentlich nicht 
scharf zu trennen von einer anderen Reihe äusserer Plasma-Producte, 
nämlich von den In tercellular- Substanzen, denen mau, beson- 
ders in der pflanzlichen Histologie, bei weitem nicht die Bedeutung, 
wie den Membranen zuerkannt hat. Zwar werden die Zellenmembranen 
und die Intercellular-Substanzen in der Regel, und namentlich von 
den Botanikern, als ganz verschiedene Dinge betrachtet; indess ist es 
in sehr vielen, und namentlich thierischen Geweben mit Sicherheit 
nachzuweisen, dass die Intercellularsubstanz aus verschmelzenden 
Membranen benachbarter Zellen hervorgeht, Dass beiderlei Substan- 
zen in vielen Fällen von sehr verschiedener chemischer und physi- 
kalischer Beschaffenheit sind, spricht nicht dagegen, da die Zelle 
fähig ist, in verschiedenen Perioden ihres Lebens sehr verschiedene 
Stoffe abzuscheiden. 

Die Membran der Piastiden, und zwar ebenso die Cytodcn- 
raerabran, wie die Zellenmembran, entsteht entweder durch Difi'eren- 
zirung der äussersten Plasmaschicht der hautlosen nackten Piastiden, indem 
diese erhärtet und sich von den tieferen weicheren Schichten ablöst, oder 
sie entsteht durch Ausscheidung (Exsudation) einer besonderen Substanz, 
welche alsbald nach ihrem Austritt aus der Oberfläche des Plasma erhärtet, 



T. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 283 

nach Art der Cuticularbildungen. Wenn die Cytodenmernbran oder Zellen - 
membran durch blosse Differenzirung der ättssersten Plasmaschicht entsteht, 
kann die Substanz dieselbe chemische Beschaffenheit beibehalten, indem der 
Eiweissstofl' des Plasma, wie dies bei den Proteinkörpern so leicht geschieht, 
gerinnt, aus dem flüssigen in den festen Aggregatzustand übergeht. Es 
ist dann also blos eine physikalische, keine chemische Differenz vorhanden, 
während diese in anderen Fällen mit der ersteren verbunden ist. Wenn 
dagegen die Membran einer Ausschwitzung des Plasma ihren Ursprung 
verdankt, die an der Oberfläche desselben sich verdichtet, so ist die Sub- 
stanz der Membran meist von sehr verschiedener Natur. Bei der Mehrzahl 
der Pflanzenzellen, und ebenso bei den Mantelzellen der Tunicaten besteht 
sie dann aus Cellulose, bei vielen thierischen Zellen aus einer sehr eon- 
sistenten, dem elastischen Gewebsstoff ähnlichen, stickstoffhaltigen Materie 
u. s. w. Sehr häufig erscheinen Zellenmembranen, welche eine ansehnlichere 
Dicke erreichen, deutlich aus concentrischen Schichten zusammengesetzt, 
die einer Periodicität der Exsudation ihren Ursprung verdanken. Dann ist 
meistens die innerste Schicht die jüngste und sehr häufig bleiben die Schich- 
ten von senkrecht darauf stehenden Porencanälen durchsetzt, durch welche 
eine freie Communication und ein leichter Stoffaustausch zwischen der 
Oberfläche des Plasma und der Umgebung unterhalten wird. 

Von besonderem Interesse sind die partiellen Membranbildungen, 
welche nur einen Theil der Oberfläche des Plasma betreffen, während ein 
anderer Theil frei bleibt. Schon die letzterwähnte Bildung von Poren- 
canälen gehört hierher, ferner das Offenbleiben eines einzigen grösseren 
Porencanals, den mau dann als Ausführungsgang (bei den einzelligen 
Drüsen) oder als Einführungsgang, Micropyle (bei den Eiern) bezeichnet. 
Auch die Schale vieler Rhizopoden (Acyttarien) kann hierher gerechnet 
werden, indem sie z. B. bei den Polythalamien bald eine Oeffuung, bald 
mehrere, für den Austritt besonderer Fortsätze (Pseudopodien) des Plasma 
darbietet. Wenn eine ganze Summe von hautlosen Zellen, die in einer 
einzigen Schicht neben einander an der Oberfläche liegen, nun an dieser 
freien Seite eine Membran ausscheiden, so wird diese als Cuticula be- 
zeichnet. Diese Cuticularbildungen können ebenso wie die vollständige 
Zellmembran, in vielfachen Schichten über einander liegen und von Poren- 
canälen durchbohrt sein, wie es z. B. die mächtigen festen Ohitindecken 
der Grliederthiere meistens sind. Aber auch Epithelien, die aus Hautzellen 
bestehen, können an ihrer Oberflächenseite noch eine besondere Cuticula 
ausscheiden, und die Substanz dieser Cuticula kann von derjenigen der 
Zellmembran verschieden sein, wie es z. B. bei den Pflanzen gewöhnlich 
der Fall ist. Bei den Flimmerzellen bleibt, falls dieselben eine Meinbrau 
besitzen, die Haut an denjenigen Stellen durchbohrt, an welchen die Cilien, 
als Fortsätze des Plasma, hervortreten. 

Durch diese partiellen Ausscheidungen, die man auch wohl Extra- 
cellularsubstanzen genannt hat, werden wir übergeführt zu den Inter- 
cellular-Substanzen, oder allgemeiner gesagt, den Interplastidar- 
Sub stanzen, welche in der thierischen Histologie eine so hervorragende 
Rolle spielen und durch ihre massenhafte Entwickelung namentlich die 



284 Morphologische Individualität der Organismen. 

Gewebsgruppe der Bindesubstanzen so sehr auszeichnen. Seit man diese 
Gewebe genauer zu untersuchen begonnen bat, spinnt sich ein endloser 
und durch die Unklarheit und Verworrenheit, mit der er geführt wird, 
höchst unerquicklicher Streit darüber fort, ob diese Intercellularsubstanzen, 
wie sie namentlich im Knochen, Knorpel, Bindegewebe, Schleimgewebe etc. 
so massig entwickelt sind, als Difl'erenzirungsproducte des Plasma selbst, 
aus einer Metamorphose desselben hervorgegangen, oder vielmehr als Aus- 
scheidungsproducte desselben, in die die Substanz des Plasma selbst nicht 
eingeht, zu betrachten sind. Nach dem, was wir oben bereits über die 
Unmöglichkeit einer scharfen Scheidung der Differenzirung und Secretion 
gesagt haben, erscheint der grosse Aufwand von Zeit, Mühe und Worten, 
den mau an diese Frage gewendet hat, ziemlich überflüssig vergeudet. 
Auch das einseitige Bestreben, das hierbei die Meisten zeigten, indem sie 
entweder alle Intercellularsubstanzen nur als Differenziruiigs- oder nur 
als Secretionsproducte gelten lassen wollten, hat eine einfache und natur- 
gemässe Beantwortung dieser viel ventilirteu Frage verhindert. Durch ver- 
gleichende Untersuchung der verschiedenen Intercellularsubstanzen bei 
niederen und höheren Thieren überzeugt man sich leicht, dass dieselben, 
ganz gleich der Zellmembran, im einen Falle fast nur durch Differen- 
zirung, im andern Falle fast nur durch Ausscheidung aus dem Plasma 
entstehen, während dazwischen alle möglichen Uebergangsstufen zwischen 
beiden vorkommen, und oft Auscheidnng und Differenzirung der oberflächlichen 
Plasmaschichten gleichmässig zur Ablagerung der Zwischensubstanz bei- 
tragen. Auch für die Lösung dieser Frage war das Dogma von der con- 
stanten Anwesenheit und Dauer der Zellmembran sehr hinderlich. 

Die Ausscheidung der Intercellularsubstanzen geschieht ganz wie die- 
jenige der geschichteten Zellenmembran, und in vielen Fällen kann man sich, 
z. B. bei verschiedenen Knorpelformen, davon überzeugen, dass die an- 
fänglich vollkommen deutlich geschichteten und in ablösbare concentrische 
Schalen zu spaltenden Membranen späterhin in eine vollkommen homogene 
Zwischensubstanz übergehen. Ebenso können Porencanäle die geschichteten 
oder später homogenen Zwischensubstanzen ganz ebenso wie die geschich- 
tete isolirbare Membran und die einseitigen geschichteten Cuticularbildungen 
durchsetzen. Die verästelten Canäle, welche die concentrischen Knochen- 
lamellen durchsetzen und von fadenartigen, nackten Ausläufern des Plasma 
erfüllt sind, haben dieselbe Entstehung und dieselbe morphologische Be- 
deutung wie die Porencanäle der Cuticularbildungen , wie dies namentlich 
von Leydig nachgewiesen worden 'ist. Während diese Canäle bei den 
letzteren dem Verkehr des Plasma mit der Aussenwelt (der Perspiration etc.) 
dienen, vermitteln sie bei den ersteren, indem die Ausläufer und Plasma- 
Zweige der verschiedenen Zellen sich begegnen und verbinden, den Stoff- 
verkehr der Zellen unter einander. 

Wohl die merkwürdigsten von allen äusseren Plasmaproducten sind 
die äusserst zierlich gestalteten und formenreichen Anhänge, welche in Ge- 
stalt von Chitinfortsätzen (Schuppen, Haaren, Stacheln, Pinseln etc.) auf der 
Chitindecke der Gliederthiere auftreten und gleich dieser selbst Aus- 
schwitzungen des Plasma sind. Sic verdienen desshalb eine besondere Er- 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 285 

wähnung, weil sie zeigen, wie ausserordentlich weit die formbildende Kraft 
der kleinsten Theile der Piastiden, dieser wahrhaften „Bildnerinnen" der 
schönsten organischen Formen, reicht. Bekanntlich besitzen diese exsu- 
dirten Anhänge die zierlichste und complicirteste Structur, obwohl sie nicht, 
wie man früher glaubte, aus einzelnen Zellen zusammengesetzt sind. 

Cb. Innere Plasma - Producte. 
(„Zellsaft und Zellinhalt".) 

Weit mannichfaltiger noch, als die form erreichen und auch chemisch 
sehr differenten Stoffe, welche die Piastiden nach aussen auf ihre 
Oberfläche, sei es durch Differeuzirung, sei es durch Secretion, oder 
durch beide Processe vereinigt, abscheiden, sind diejenigen theils 
formlosen theils geformten Bestandteile, welche man gewöhnlich als 
„ Zelleninhalt*' bezeichnet, und welche wir, da sie sämmtlich vom 
Plasma umschlossen sind, als innere Plasma - Producte zusammen- 
fassen. 

Wir können diese inneren Ablagerungen in der Substanz der 
Piastiden in flüssige und feste eintheilen, oder, da sich zwischen die- 
sen beiden Aggregatzuständen gerade hier alle möglichen Uebergäng-e 
durch das „Festflüssige" hindurch finden, in formlose und geformte. 
Zu den formlosen inneren Plasma- Produkten rechnen wir insbe- 
sondere den sogenannten „Zellsaft", ferner das flüssige Fett der Fett- 
zellen etc. Unter den geformten inneren Plasma-Producten sind die 
Krystalle im Inneren der Piastiden, die Concretionen (z. B. Amylum- 
körner) die Pigmentkörner etc. oft von grosser Bedeutung. 

Unter den formlosen inneren Plasmaproducten ist vor allem wegen 
seines oft sehr bedeutenden Volumens der sogenannte „Zellsaft" hervor- 
zuheben, der namentlich in sehr vielen Pflanzenzellen den bei weitem gröss- 
ten Theil des Zellvolums ausfüllt. Das Verhältniss dieses Zellsaftes zu dem 
Plasma wurde früherhin gewöhnlich der Art aufgefasst, dass man denselben 
als den wesentlichsten Theil des Zellinhalts betrachtete und dem Plasma 
daneben nur eine untergeordnete Bedeutung zuschrieb. Hierzu veranlasste 
namentlich das eigenthümliche Verhalten des Zellsaftes zu dem Plasma in 
sehr vielen grossen Pflanzenzellen. Das Plasma scheint hier nur als eine 
sehr dünne, körnige Schicht, die aber einen geschlossenen Sack darstellt, 
die Innenfläche der Cellulose -Membran auszukleiden, und diese wandstän- 
dige Plasmaschicht, der sogenannte „Primordialschlauch", ist durch viele 
verzweigte Plasmafäden, welche von ihm ausgehen und den wässerigen 
Zellsaft durchziehen, verbunden mit einem gleichen, sehr viel kleineren 
Sacke, der als eine zarte Hülle den Nueleus unmittelbar umschliesst. Un- 
tersucht man die so gebildeten Zellen während ihres Lebens, so findet man 
die zähflüssige schleimartige Substanz des Plasma, die sich mit dem wässe- 
rigen Zellsaft nicht mischt, in einer schnelleren oder langsameren strömen- 
den Bewegung, welche der activen Contractilität des Plasma ihren Ursprung 



286 Morphologische Individualität der Organismen. 

verdankt. Als die bekanntesten Beispiele, an denen sieh diese „Strömungen" 
des contractilen Plasma leicht demonstriren lassen, werden gewöhnlich die 
Zellen der Staubfädenhaare von Tradescantiu angeführt. Dieselben sind in 
der gleichen Form an sehr vielen grossen Pflanzenzellen leicht wahrzuneh- 
men, unter den thierischen Zellen besonders an den durch beträchtliche 
Grösse ausgezeichneten Knorpelzelleu (z. B. au den Medusententakelu) 
und „Blasenzellen" des blasigen Bindegewebes (z. B. der Crustaceen, 
Schnecken). 

Diese eigenthiimliche Yertheilung des Plasma, auf die man mit Recht gros- 
ses Gewicht gelegt hat, ist zurückzuführen auf die Fähigkeit des Plasma, Va- 
cuoleu zu bilden, d. h. wässerige Flüssigkeiten, Salzlösungen etc., mit 
denen sich seine eigene Substanz nicht mischt, in sein Inneres aufzunehmen 
und, ohne sich damit zu imbibiren, sie in Form von grösseren und kleineren 
Tropfen in seiner Substanz zu vertheileu. Dabei kann während des Durch- 
tritts der wässerigen Flüssigkeit durch die äusseren Plasmaschichten hin- 
durch die erstere durch unmittelbare Einwirkung der letzteren verändert 
werden, so dass nun die Flüssigkeitstropfen oder Vacuolen im Innern be- 
reits als „innere Plasma-Producte" erscheinen. Werden die Vacuolen gross 
und zahlreich, so fliessen sie im Innern der Plastide zu einem einzigen 
Körper zusammen, der fast die ganze geräumige Höhlung der Zellenmem- 
bran ausfüllt, so dass das Plasma, zurückgedrängt auf die Ausseufläche des 
Kerns und die Innenfläche der Membran, nur noch durch diese beiden 
Schichten repräseutirt wird, sowie durch die beide Schichten verbindenden, 
verästelten Plasmaläden, welche die Beste der ursprünglich die Vacuolen 
trennenden Plasmahäute sind. Wenn der A'ucleus nicht im Innern der 
Plastide liegen bleibt, sondern sich an deren Peripherie begiebt, so kann 
zuletzt die ganze Flastide zu einer einzigen grossen blasenförmigen V acuole 
ausgedehnt werden, in der nur eine ganz düune, den Kern an irgend einer 
Stelle einschliessende Plasmaschicht, gleich einer dünnen Eiweissmembran, 
den grossen wässerigen Tropfen umgiebt. 

Gleichwie die Plastide so durch Vacuolen -Bildung, durch Aufnahme 
wässeriger Zellflüssigkeit in das Innere des Plasma, zu einer dünnwandigen 
Plasmablase ausgedehnt werden kann, so kann dasselbe auch durch Pro- 
duetion anderer Stoffe im Innern geschehen, z. B. von Fett. Die gewöhn- 
lichen Fettzellen des Bindegewebes der Wirbelthiere sind derartige Plasma- 
blasen, deren ganzes Innere von einer einzigen grossen Fettkugel, gewisser- 
uiaassen einer Fett-Alveole, ausgefüllt wird, während in irgend einer Stelle 
der das Fett umhüllenden Plasmaschicht, die als eine besondere Membran 
erscheint, der Kern eingeschlossen bleibt. 

Eine weitere Uebersicht aller der unendlich verschiedenartigen Stoffe, 
die im Innern des Plasma abgelagert werden können, hat für unsere Be- 
trachtung hier weiter kein besonderes Interesse und es sollen blos einige 
von den wichtigsten derselben kurz namhaft gemacht werden. Unter den 
geformten inneren Plasma - Producten sind von besonderem Interesse die 
Krystalle, theils von organischen, theils von anorganischem Salzen, von 
Fetten, gewissen Eiweissstoffen etc., die nicht selten im Plasma gebildet 
werden. Sehr wichtig sind ferner die verschiedenartigen Coueretioneu, 



I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 287 

welche namentlich in der Pflanzenzelle (z. B. als Amylumkörner) auftreten, 
und durch ihre deutliche concentrische Schichtung ihre allmählige Ent- 
stehung als Absatz um kleine Bildungscentra beweisen. Die meisten der 
im Plasma eingebetteten geformten Körper, die wir als innere Plasrna- 
Producte bezeichnen können, sind noch sehr wenig bekannt, so z. B. die 
verschiedenen Pigmente, die eiweissartigen Körner, welche in dem Plasma 
sehr verbreitet sind etc. 

Eine besondere Erwähnung verdienen hier noch die Nesselkapseln, 
insbesondere der Coelenteraten, welche wohl zu den complicirtesten und 
künstlichsten Producten gehören dürften, die das Plasma der einzelneu 
Zellen in seinem Inneren bildet. Dieselben bestehen aus einer im Plasma 
gelegenen hartwandigen Kapsel, welche an einer Stelle eine Oeffnung hat. 
An dieser ist ein sehr langer, oft eomplicirt gebauter und mit Widerhaken 
versehener Faden befestigt, welcher spiralig im Innern der Kapsel aufge- 
rollt liegt. Das Plasma der Zelle nmgiebt die Kapsel als eine dünne 
Schicht, in welcher an einer Stelle der Kern eingebettet ist. Wird die 
Nesselzelle berührt, so springt der elastische Faden aus der Kapsel heraus 
und mit ihm entleert sich die giftige Flüssigkeit, die im Innern der Kapsel 
eingeschlossen war. 

D. Plasma und Nucleus als active Zellsubstanz. 

Wir haben im Vorhergehenden die Plasma-Produete lediglich als 
passive Erzeugnisse des Plasma, ohne Rücksicht auf den Kern be- 
trachtet, und es erscheint dies gerechtfertigt, nach dem, was wir vom 
Verhältniss des Kerns zum Plasma wissen. Da dieses Verhältniss, ob- 
wohl noch sehr dunkel, doch von der grössten Wichtigkeit und na- 
mentlich für unsere Betrachtung der Piastiden als morphologischer 
Individuen von besonderem Interesse ist, so möge es gestattet sein, 
hier mit wenigen Worten unsere Auffassung desselben zu erläutern. 

Im Allgemeinen können wir bei allen Piastiden das Plasma als 
die active, formende Substanz oder Keimsubstanz („germinal matter" 
Beale'sJ und die Plasma-Produete entsprechend als die passive, ge- 
formte Substanz („formed matter" Beale'sJ bezeichnen. Bei den 
Zellen, wo neben dem Plasma auch noch der Kern als active Materie 
wirksam ist, haben wir Kern und Plasma zusammen als formende 
Substanz aufzufassen. Allerdings ist der Kern, seinem ersten Ur- 
sprünge nach, als Differenzirungs-Product des Plasma zu betrachten, 
aber in dem Sinne, dass nunmehr Plasma und Kern als coordinirte 
Theile, gewissermaassen als verschiedene Organe gleichen Ranges, 
neben einander stehen, und differente Functionen vollziehen. 

Wenn wir, wie späterhin gezeigt werden wird, die Form jedes 
Organismus als das Product aus zwei verschiedenen Factoren, nämlich 
aus den ererbten Eigenschaften seiner Materie und aus der Anpas- 
sung an die Verhältnisse der Aussenwelt zu betrachten haben, so 
müssen wir dieses Gesetz auch auf die Beurtheilung der Elementar- 



288 Morphologische Individualität der Organismen. 

Organismen, der Piastiden anwenden können. Hier scheinen nun die 
beiden Functionen der Erblichkeit und der Anpassung bei den kern- 
losen Cytoden noch nicht aut differente Substanzen vertheilt zu sein, 
sondern der gesammten homogenen Materie des Plasma zu inhäriren, 
während dieselben bei den kernführenden Zellen in der Weise auf 
die beiden heterogenen activen Substanzen der Zelle vertheilt sind, 
dass der innere Kern die Vererbung der erblichen Charactere 
das äussere Plasma dagegen die Anpassung, die Accommodation 
oder Adaptation an die Verhältnisse der Aussenwelt zu besorgen hat. 

Für diese Autfassung dürfte auch namentlich die bedeutende Rolle 
sprechen, welche der Kern allgemein bei der Fortpflanzung der 
Zellen spielt. Fast immer geht der Theilung des Plasma die Thei- 
lung des Zellenkerns vorher und die beiden so entstandenen Kerne 
wirken ipm als selbstständige Attractionscentra, um welche sich die 
Substanz des Plasma sammelt. Das Plasma dagegen ist von grös- 
serer Bedeutung für die Ernährung der Zelle. Ihm scheint bei der 
Zellenvermehrung eine mehr passive Rolle zugetheilt zu sein, und seine 
Hauptaufgabe scheint in der Zuführung des Nahrungs- Materials zum 
Kerne, und in der Vermittlung des Verkehrs der Zelle mit der Aus- 
senwelt zu liegen. Wenn wir denigemäss das Plasma vorzugsweise 
als den nutritiven, den Nucleus dagegen vorzugsweise als den 
reproductiven Bestandteil der Zelle ansehen können, und wenn 
wir dazu den im fünften Buche nachgewiesenen Zusammenhang einer- 
seits zwischen der Ernährung und Anpassung, andererseits zwischen 
der Fortpflanzung und Erblichkeit in Erwägung ziehen, so werden wir 
mit Recht den Kern der Zellen als das hauptsächliche Organ der 
Vererbung, das Plasma als das hauptsächliche Organ der An- 
passung betrachten können. Bei den Cytoden, wo Kern und Plasma 
noch nicht differenzirt sind, werden wir das gesammte Plasma als 
das gemeinsame Organ beider Functionen zu betrachten haben. 

Hieraus ergiebt sich, dass der Kern nicht bloss als ein Reservekör- 
per für das Plasma zu betrachten ist, wie diese Auflassung namentlich 
von Beale neuerdings vertreten worden ist. Gewiss ist es ein gros- 
ses Verdienst von Beale, die activen Theile der Gewebe (als „germmal 
matter'' oder Keimsubstanz) als die eigentlich lebenden und bildenden 
Elementar-Organismen, scharf von den passiven Theilen (der „formed 
matter", oder geformten Substanz) getrennt zu haben. Auch ist es ge- 
wiss sehr richtig, wenn er die Zellmembran und die Intercellular- 
substanzen lediglich als geformte Substanzen und das Plasma nebst 
Kern vorzugsweise als bildende Substanz auffasst. Dagegen geht er 
wohl zu weit, wenn er das Plasma stets in demselben Grade, als es 
äusserlich durch Bildung anderer Stoffe abgenutzt, aufgebraucht wird, 
von innen her, durch Auflösung der äussern Kernschichten, ersetzt 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 289 

werden lässt. Plasma und Kern sind mindestens in vielen Fällen 
doch wohl als wesentlich heterogene Piastiden- Theile zu betrachten 
und dem Kern vorzugsweise (wenn auch nicht allein) die Fortpflan- 
zung und damit die Vererbung der erblichen Eigenschaften der Zelle, 
dem Plasma dagegen vorzugsweise die Ernährung und damit zugleich 
die Anpassung derselben an die Umgebung, zuzuschreiben. 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: 

Organe oder Werkstücke. 
IL 1. Morphologischer Begriff des Organes. 

Die physiologische Individualität des Organismus bleibt bei zahl- 
reichen niederen Organismen, sehr vielen Protisten, den einzelligen 
Pflanzen, und den einzelligen Stammformen der Thiere auf die morpho- 
logische Individualität erster Ordnung, auf die Plastide beschränkt, 
ohne sich jemals auf eine höhere Stufe zu erheben. Sobald in diesen 
Fällen eine Vermehrung der Piastiden durch Theilung eintritt, ist da- 
mit zugleich eine Vermehrung der physiologischen Individuen gegeben, 
die als selbstständige Lebenseinheiten eine unabhängige Existenz 
führen. 

Bei der grossen Mehrzahl derjenigen Lebewesen, welche gegen- 
wärtig die Erde bevölkern, erhebt sich die physiologische Individuali- 
tät über den Rang der einfachen Piastiden, der Form-Individuen er- 
ster Ordnung, indem mehrere Piastiden zu einem geselligen Verbände 
zusammentreten, der nun als eine höhere physiologische Einheit in 
das Leben tritt. Es entstehen dadurch die verschiedenen morphologi- 
schen Individuen höherer Ordnung, welche wir oben als Organe, Anti- 
meren, Metameren, Personen und Stöcke unterschieden haben. 

Die wesentlichsten und obersten Gesetze, welche diese Vereini- 
gung der einfachen Form-Individuen erster Ordnung zu zusammenge- 
setzten leiten, sind die Gesetze der Aggregation oder Gemeinde- 
bildung und der Differenz irung oder Arbeitstheilung. Zunächst 
tritt eine Mehrzahl von gleichartigen Piastiden zu einer einfachen, 
aus homogenen Elementen bestehenden Gesellschaft zusammen. Die 
Erhöhung der Leistungsfähigkeit, die physiologische Vervollkommnung, 
welche diese Gemeinde von gleichartigen Piastiden als höhere Einheit 
auszeichnet, besteht zunächst bloss in einem quantitativen Zuwachs 
der Kräfte. Mehrere gleiche Individuen vereinigt vermögen mehr 
Kraft zu entwickeln, als ein einziges allein. Allmählig aber geht aus 
dieser quantitativen Vervollkommnung durch Aggregation die 
viel wichtigere qualitative Vervollkommnung durch Differenzirung 
hervor. Es treten nämlich zunächst sehr geringe, bald aber be- 

Haeckel, Generelle Morphologie, 19 



290 Morphologische Individualität der Organismen. 

deutendere Unterschiede zwischen den ursprünglich gleichartigen Plasti- 
den auf, welche endlich zu einer vollständigen Arbeitsteilung führen. 
Indem die einzelnen Cytoden oder Zellen ihre individuelle Selbst- 
ständigkeit dadurch mehr oder weniger aufgeben, und in die Dienste 
der höheren Einheit, des Piastidenstockes, treten, entwickeln sie be- 
stimmte Eigenthümlichkeiten einseitig nach gewissen Richtungen hin 
und ergänzen und bedingen sich dadurch gegenseitig. Die nähere 
Erörterung dieser tectologischen Grundgesetze, nach denen aus einer 
Vielheit von einfachen Formindividuen erster Ordnung durch Aggre- 
gation und Differenzirung Individuen höherer Ordnung entstehen, 
bleibt dem elften Capitel vorbehalten. 

Die Bezeichnungen, welche die verschiedenen Autoren diesen 
mannichfaltigen höheren Form-Individuen beilegen, die noch nicht den 
Rang der Person (des Individuums im gewöhnlichen, engeren Sinne) 
erreichen, sind sehr verschieden. Man nennt sie „höhere Eiern entar- 
theile, Gewebe, Organe, Systeme, Apparate" u. s. w., indem man bald 
mehr an die morphologische, bald mehr an die physiologische In- 
dividualität derselben denkt. Eine consequente Unterscheidung und 
klare Eintheilung derselben ist aber noch kaum versucht und auch 
nur sehr schwierig durch die ganze bunte Organismen-Welt hindurch 
auszuführen. Am meisten haben sich mit dieser Aufgabe die Anthro- 
potomen beschäftigt, denen aber gewöhnlich der Ueberblick über die 
vielfach verschiedenen einfacheren Organismen zu sehr abgeht, um 
aus ihrer genauen Kenntniss der organischen Zusammensetzung des 
menschlichen Körpers eine allgemein anwendbare Classification der 
Organe verschiedener Ordnung für alle Organismen ableiten zu kön- 
nen. In der Regel findet man die Angabe, dass der menschliche Kör- 
per (und überhaupt der Wirbelthier - Organismus) zusammengesetzt sei 
aus vier verschiedenen, über einander stehenden morphologischen Ein- 
heiten, nämlich 1. Apparaten, 2. Systemen, 3. Organen, und diese 
letzteren endlich 4. aus den höheren und niederen Elementartheilen 
(Geweben der Zellen). Wir glauben, dass man alle diese verschiede- 
nen Theil-Kategorieen am besten unter dem gemeinsamen Namen der 
Organe zusammenfasst, und unter diesen Organe verschiedener Ord- 
nungen oder Stufen unterscheidet. 

Der Begriff des Organ es oder „Werktheiles, Werkzeuges" ist 
ursprünglich ein rein physiologischer und es bedarf daher einer Recht- 
fertigung, wenn wir denselben zur Bezeichnung der morphologischen 
Individualität zweiter Ordnung verwenden. Diese Rechtfertigung liegt 
zunächst schon darin, dass die Leistungen jedes Werkzeuges nur zum 
Theile durch chemisch-physikalische Eigenschaften, zum Theile aber 
zugleich, und sehr oft zum grössten Theile, durch seine Form und 
durch die der äusseren Form zu Grunde liegende innere Structur oder 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 291 

Zusammensetzung aus mehreren Formen bedingt ist. Für die Werk- 
zeuge des Lebens, die wir im engeren Sinne „Organe" nennen, gilt 
dies um so mehr, da sie meistens ungleich complicirtere Form- und 
Stractur- Verhältnisse zeigen, als die feinsten Organe oder Maschinen, 
die wir künstlich zu construiren im Stande sind. Auf diese Zusam- 
mensetzung des Organs aus einer Mehrzahl von untergeordneten Form- 
einheiten gründete Victor Carus seine morphologische Characteristik 
des Organs als einer „Summe bestimmter Elem entartheile oder Gewebe 
in constanter Verbindung und Form." Diese Definition ist aber zu 
allgemein, weil sie eben so gut auf die Form -Individuen dritter bis 
bis sechster Ordnung passt. Diese letzteren, sowie auch den Begriff 
des Gewebes müssen wir ausschliessen und den Ausdruck Elemen- 
tartheil durch den bestimmten morphologischen Begriff der „Plastide" 
ersetzen, andererseits den einheitlichen Character des Organs als 
eines Ganzen hervorheben. 

Der morphologische Begriff des Organs im Allgemeinen lässt sich 
nach dieser unserer Auffassung feststellen als „eine constante einheit- 
liche Raumgrösse von bestimmter Form, welche aus einer Summe 
von mehreren bestimmten Piastiden (entweder von Cytoden oder von 
Zellen, oder von Beiden), in constanter Verbindung zusammengesetzt 
ist, und welche nicht die positiven Charactere der Form -Individuen 
dritter bis sechster Ordnung erkennen lässt." Diese morphologische 
Definition des Organs mag insbesondere ihres th eilweise negativen 
Inhalts wegen sehr mangelhaft erscheinen, wird aber bei der ausser- 
ordentlichen Verschiedenartigkeit der verschiedenen Organe nicht leicht 
durch eine bessere allgemein anwendbare zu ersetzen sein. 

II. 2. Eintheilung der Organe in verschiedene Ordnungen. 

Nachdem wir den morphologischen Begriff des Organs festgestellt 
haben, müssen wir, um wenigstens eine allgemeine Uebersicht über 
die unendlich mannichfaltige Zusammensetzungs -Weise desselben zu 
gewinnen, den Versuch wagen, nach dem höheren oder geringeren 
Grade ihrer Zusammensetzung verschiedene Ordnungen von Organen 
zu unterscheiden. Allerdings ist dieser Versuch sehr schwierig, da 
man die morphologischen Einheiten verschiedenen Banges, welche 
sich aus Vielheiten von Piastiden zu Organen verschiedener Ordnung 
aufbauen, in den mannichiältigen Gruppen der Organismen nach ganz 
verschiedenen Gesichtspunkten beurtheilt hat. Daher herrscht in den 
allgemeinen Ansichten, welche hierüber in den Einleitungen zu histo- 
logischen und anatomischen Handbüchern gegeben werden, grosse 
Unklarheit, und es ist bekannt, dass in dem Capitel von der soge- 
nannten „Classification der Gewebe und Organe" die seltsamsten und 
widersprechendsten Ansichten zu Tage kommen. Wenn wir unter 

19* 



292 Morphologische Individualität der Organismen. 

möglichst allgemeiner Berücksichtigimg aller Organismen die Organe 
nach ihrem geringeren oder höheren Grade von Complication in 
mehrere Kategorieen zu ordnen versuchen, so können wir folgende 
fünf Ordnungen von Organen unterscheiden: 1. Zellenfusionen oder 
Cytocormen. 2. Einfache oder homoplastische Organe. 3. Zusammenge- 
setzte oder heteroplastische Organe. 4.0rgan-Systeme. 5. Organ-Apparate. 

Gewöhnlich gestaltet sich die Lehre vorn Aufbau des Organismus (ins- 
besondere des menschlichen) zu folgendem Satze: Die Zellen gruppiren 
sich zur Bildung von Geweben, entweder durch einfache Aggrogation oder 
nachdem sie sich bereits zu „höheren Elementartheilen", z. B. Zellnetzen, 
Muskel- und Nerven-Röhren etc.) vereinigt haben ; aus den Geweben setzen 
sich die Organe zusammen; die Organe treten zur Bildung von Systemen 
oder von Apparaten zusammen, wobei man unter letzterem Namen meist 
eine physiologische, unter ersterem eine morphologische Einheit von mehre- 
ren Organen versteht. So sagt z. B Kölliker in seinem vielverbreiteten 
Handbuch der Gewebelehre des Menschen: „Die Elementartheile einfacher 
und höherer Art sind nicht regellos im Körper zerstreut, sondern nach be- 
stimmten Gesetzen zu den sogenannten Geweben und Organen vereint. 
Mit dem ersten Namen bezeichnet man jede gesetzmässige, in gleichen Theilen 
immer in derselben Weise wiederkehrende Anordnung der Elementar- 
theile, mit dem eines Organes dagegen eine gewisse Zahl von E lerne u- 
tartheilen von bestimmter Form und Verrichtung. Vereinen sich mehrere 
oder viele Organe gleicher oder verschiedener Art zu einer höheren Ein- 
heit, so heisst dies ein System. u Die Organe werden dann weiter in ein- 
fache und zusammengesetzte eingetheilt, je nachdem sie nur aus einem ein- 
zigen oder aus mehreren Geweben zusammengesetzt sind. 1 ) 

Am schärfsten sind diese Organe verschiedener Ordnung von Victor 
Carus unterschieden und characterisirt worden, welcher den zusammen- 
gesetzten Organismus sich ebenfalls aus Geweben, Organen und Systemen 
aufbauen lässt. Er versteht unter Geweben „die an verschiedenen Stellen 



l ) Kölliker (Gewebelehre) unterscheidet vier verschiedene Hauptformen von 
Geweben: I. Zellengewebe (1. Oberhaut. 2. Aechte Drüsen), II. Gewebe der 
Bindesubstanz (1. Einfache Bindesubstanz, 2. Knorpel, 3. Faserige Bindesubstauz 
(Bindegewebe uud elastisches Gewebe), 4. Knochen und Zahnbein, III. Muskel- 
gewebe (1. Glatte Muskeln, 2. Quergestreifte Muskeln), IV. Nervengewebe. Die 
aus diesen Geweben zusammengesetzten Organe werden von Kölliker folgen- 
dermaasseu classiticirt: A. Ein fache Organe: I. Organe des Zellengewebes 
(1. Oberhäute, Haare, Nägel, Linse, 2. Einfache Drüsen ohne Bindegewebshülle). 
II. Organe der Bindesubstanz (1. Glaskörper, 2. Chorda dorsalis, gefässloser Knor- 
pel, elastischer Knorpel, 3. Sehnen, Bänder, Fascien etc.), B. Zusammenge- 
setzte Orgaue: III. Organe mit Vorwiegen des Zellengewebes (Grössere ächte 
Drüsen), IV. Organe mit Vorwiegen der Bindesubstauz (1. Gefässhaltige Biude- 
gewebshäute, 2. Knochen, Zähne, 3. Gefässe, 4. Blutgefässdrüsen), V. Organe 
mit Vorwiegen des Muskelgewebes (glatte und quergestreifte Muskeln), VI. Or- 
gane mit Vorwiegen des Nervengewebes (Ganglien, Nerven, Hirn, Mark), 
VII. Orgaue, in denen alle Gewebe vertreten sind (1. die einzelnen Organe des 
Darmes, der Geschlechtsorgane und der grösseren Drüsen. 2. höhere »Siuuesorgane. 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 293 

des Thierkörpers auftretenden, durch gleiche Form und gleiche Verbindung 
der in ihre Zusammensetzung eingehenden E leine ntartheile characterisirten 
näheren Formbestandtheile der Organe und Systeme", und unterscheidet 
„einfache Gewebe, welche nicht durch eine Vereinigung mehrerer ge- 
bildet sind" und „zusammengesetzte Gewebe, welche ausser eigen- 
thiimlichen Elementen noch einzelne oder mehrere der einfachen enthalten 
(Muskel-, Nerven- und Drüsen-Gewebe)". Nach dieser Definition sind aber 
die „Gewebe" (ebenso wie nach der von Kölliker gegebenen) nicht von 
den „Organen" zu unterscheiden, welche nach Carus nur „eine Summe 
bestimmter Elementartheile oder Gewebe in constanter Verbindung und 
Form" sind. Carus unterscheidet dann zwar weiter unter den Organen 
„einfache Organe, welche von einem einzigen Gewebe gebildet werden 
oder andere Elemente nur mehr zufällig beigemengt enthalten" und „zu- 
sammengesetzte Organe", welche aus der Vereinigung mehrerer Gewebe 
entstehen. Indess ist nicht einzusehen, wodurch sich die „einfachen Organe" 
von den „einfachen Geweben" dann eigentlich unterscheiden. 

Noch weniger allgemein anwendbar, und noch reicher an Widersprüchen 
und mangelhafter Bestimmung als diese Classification der Gewebe und Or- 
gane ist diejenige der „Organ-Complexe" höherer Ordnung, welche mau 
gewöhnlich entweder als „Systeme" oder als „Apparate" zusarnmenfasst, 
auch wohl diese beiden Namen häufig, ohne sich etwas Bestimmtes dabei 
zu denken, vermischt gebraucht. Allerdings kann man den Ausdruck 
Organ-System zur Bezeichnung eines Organ-Complexes höherer (vierter) 
Ordnung beibehalten. Er muss dann aber ausschliesslich in seinem ur- 
sprünglichen morphologischen Sinne zur Bezeichnung eines continuirlich 
zusammenhängenden Organcomplexes gebraucht werden, in dem ein einziges 
Gewebe, d. h. eine einzige Art von Zellen oder von Zellenstöcken 
ganz vorwiegend als wesentlicher Bestandtheil aultritt, wie dies z. B. 
beim Nervensystem, beim Muskelsystem, beim System der äusseren Haut- 
decken und ihrer Anhänge der Fall ist. Anders verhält es sich mit dem 
Ausdruck Organ- Apparat, welcher ursprünglich und auch gewöhnlich 
in mehr physiologischem Sinne gebraucht wird, zur Bezeichnung eines 
(oft sehr verschiedenartig zusammengesetzten, räumlich getrennten und dis- 
continuirlicheu) Organcomplexes, der blos durch das gemeinsame Kriterium 
der gleichen Function verbunden erscheint, wie z. B. der Bewegungs- 
Apparat, der Ernährungs- Apparat. Freilich werden in dem Begriffe des 
Organ -Apparates, wie es auch bei den meisten anderen derartigen allge- 
meinen Begriffsbildungen so oft stattfindet, physiologische und morphologische 
Vorstellungen in mehr oder weniger unklarer Weise vermischt angewendet, 
und es gelingt daher nur schwer, befriedigende Definitionen dieser höheren 
Organ-Einheiten aufzustellen. Jedoch kann man den Begriff des Organ- 
Apparates auch zur Bezeichnung eines rein morphologischen Organ- 
Complexes beibehalten, eines solchen einheitlich abgeschlossenen Ganzen 
nämlich, welches aus mehreren verschiedenen einfachen und zusammen- 
gesetzten Organen aufgebaut ist, in welchem aber nicht, wie beim Organ- 
System, eine einzige Plastiden-Art oder eine einzige Gewebs-Form über die 
übrigen das volle Uebergewieht hat; z. B. der Bewegungs-Apparat der 



294 Morphologische Individualität der Organismen. 

Wirbelthiere , bei welchem Knochensystern und Muskelsystem gleichmässig 
stark betheiligt sind. 

Wir würden also als einen höchsten Orgau-Complex oder als ein Organ 
höchster (fünfter) Ordnung den Organ -Apparat, und als einen nächst 
tieferen Cotnplex (als Organ vierter Ordnung) das Organ- System hin- 
stellen können. Als zwei nächst niedere Ordnungen würden wir ferner zu 
betrachten haben solche Organe, welche aus mehreren verschiedenen Plasti- 
den-Arten (Geweben), und solche, welche nur aus einer einzigen Plastiden- 
Art (einem einzigen Gewebe) zusammengesetzt sind. Erstere würden als 
zusammengesetzte oder heteroplastische Organe eine dritte Ordnung, 
letztere als einfache oder homoplastische Organe (identisch mit den 
einfachen Geweben) eine zweite Ordnung von Organen constituiren. End- 
lich würde die tiefste Stufe oder die erste Ordnung der Organe von den 
Zellfusionen oder Cytocormen (den sogenannten „höheren Elementar- 
theilen") gebildet werden. 

Was die Gewebe betrifft, so scheinen uns dieselben nicht als beson- 
dere morphologische Einheiten aufgeführt werden zu können, welche man, 
wie es häufig geschieht, zwischen die Piastiden und die Organe einschieben 
möchte. Vielmehr fällt der Begriff des Gewebes, da wo dasselbe eine be- 
stimmte morphologische Einheit repräsentirt, also einen Plastiden-Complex 
der eine bestimmt umschriebene Form besitzt, zusammen mit dem Begriff 
des einfachen Organs. Dies wird alsbald klar, wenn wir die beiden 
oben angeführten Definitionen vom Gewebe und vom einfachen Organ genau 
vergleichen. Der Ausdruck „Gewebe" soll zunächst weiter Nichts bedeu- 
ten, als eine Vielheit von gleichen, gesellig verbundenen Piastiden, wobei 
man gewöhnlich gleichzeitig an die physiologischen Leistungen dieses 
Zellen -Cornplexes und an die, morphologischen Eigenthümlichkeiten denkt 
welche durch die Form, Lagerung und Verbindung der constituirenden 
Gewebs- Elemente bedingt sind. Das Gewebe an sich hat aber keine 
Form, ist räumlich vollkommen unbegrenzt und kann in keinem Falle als 
eine morphologische Individualität aufgefasst werden. Sobald ein einfaches, 
aus Zellen von einerlei Art gebildetes Gewebe als ein einheitlicher Körper 
von bestimmter Form und Grösse auftritt, wird dasselbe zum „einfachen 
Organ", wie z. B. in der Linse, in den Knorpeln, in den Moos blättern etc. 
Wir können daher den Unterschied zwischen einfachem Gewebe und ein- 
fachem Organ nur darin finden, dass das letztere als ein Körper von be- 
stimmter Form und Grösse auftritt, während das erstere lediglich eine 
Vielheit von eng verbundenen Piastiden von einerlei Art bezeichnet, und 
die Art und Weise, in welcher diese Piastiden verbunden sind. Wenn wir 
von der Verschiedenheit der Gewebe sprechen, so meinen wir im Grunde 
nur die Verschiedenheiten, welche sich in Form, Grösse und Verbindungs- 
weise der einzelnen Piastiden aussprechen und die sogenannte Classification 
der Gewebe ist dann weiter Nichts als eine Classification der verschiedenen 
Arten von Piastiden. Das „Gewebe" ist gewissermaassen die „Species" 
der verschiedenen Piastiden -Formen. Wenn wir dagegen die Formen 
betrachten, welche durch die Verbindung der Piastiden von einerlei Art 
entstehen, so handeln wir bereits von den einfachen Organen. 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 295 

Eine eigentümliche Stellung und eine besondere (erste) Ordnung 
müssen wir hier noch den sogenannten „höheren Elementar th eilen" 
einräumen, welche man gewöhnlich den „einfachen Zellen" gegenüberstellt. 
Dieselben werden von Kölliker bezeichnet „als Formen, bei denen eine 
ganze Summe von Zellen zur Bildung einer höheren Einheit verbunden 
ist" 1 " ') Offenbar ist aber auch diese Definition wieder nicht von derjenigen 
des „einfachen Organs" zu unterscheiden und bedarf einer wesentlichen 
Beschränkung. Als höhere Elementartheile werden theils wirkliche höhere 
morphologische Einheiten von einer bestimmten Form und Grösse bezeich- 
net, die durch innige Verbindung oder sogenannte Verschmelzung von 
Zellen entstehen, wie z. B. die Muskelprimitivröhren, Nervenprimitivröhren, 
theils aber auch nur formlose Aggregate von Zellen, deren einzelne Zellen 
inniger (z. B. netzförmig) verbunden sind, als dies gewöhnlich bei der 
Gewebsbildung der Fall ist, wie z. B. die Zellnetze des Knochen-Gewebes. 
Diese letzteren (und es gehört hierher die Mehrzahl der sogenannten 
höheren Elementartheile) werden wir daher einfach als verschiedene Arten 
von Piastiden oder Individuen erster Ordnung zu betrachten haben, während 
dagegen die erstereu als bestimmte morphologische Einheiten bereits unter 
den Begriff der einfachsten Organe fallen. Es gehören dahin die Muskel- 
primitivfasern, die Nervenprimitivfasern der Thiere, ferner die sogenannten 
„Gefässe" der Pflanzen, Milchsaftgefässe und Spiralgefässe, die letzteren 
allerdings meist sehr bald nach ihrer Entstehung absterbend, indem an die 
Stelle des verschmolzenen Plasma Luft in die Zellfusionen eintritt. Wir 
werden diese Zellfusiunen, welche bald aus nicht vollständig erfolgter Tren- 
nung mehrerer gemeinsam entstandener Zellen (z. B. quergestreifte Mus- 
keln) bald aus wirklicher Verschmelzung mehrerer vorher getrennter 
Zellen entstehen (z. B. Spiralgefässe der Pflanzen) allgemein als einfachste 
Organe erster Ordnung den vorher genannten „einfachen Organen" (zweiter 
Ordnung) voranstellen und demnach im Allgemeinen folgende fünf Katego- 
rieen von Organen verschiedenen Banges unterscheiden können: Organe 
erster Ordnung: Zellfusionen (Zellenstöcke oder Cytocormen oder höhere 
Elementartheile). Organe zweiter Ordnung: Homoplasten (Einfache oder 
homoplastische Organe). Organe dritter Ordnung: Heteroplasten (Zusam- 
mengesetzte oder heteroplastische Organe). Organe vierter Ordnung: Organ- 
Systeme. Organe fünfter Ordnung: Organ-Apparate. 



') Die „höheren Elementartheile" werden von Kölliker in zwei Ab- 
theilungen gebracht: I. Höhere Elementartheile, welche die sie zu- 
sammensetzenden Zellen noch mehr oder weniger deutlich zeigen: 
1. Zellennetze des Zellengewebes, 2. Zellennetze aus dem Gewebe der Binde- 
substanzen, 3. Zellennetze aus der Abtheilung des Muskelgewebes, 4. Zellennetze 
aus dem Gewebe der Nerven. II. Höhere Elementartheile, deren Bil- 
duugszellen nicht mehr zu erkennen sind: 5. Kernlose Fasernetze des 
cytogenen Gewebes, 6. Fasernetze der quergestreiften Muskelu, 7. Fasern und 
Fasernetze des Nervengewebes, 8. Röhren und Röhrengeflechte der Blut- und 
Lymph-Capillaren, 9. Röhren und Röhrengeflechte der feinsten Tracheen der 
Wirbellosen. 

a o V 



296 Morphologische Individualität der Organismen. 

A. Organe erster Ordnung: 

Zellfusionen. (Zellenstöcke, Cytocormi, höhere Elementartheile.) 

Die Organe, welche wir als einfachste morphologische Organe, 
also als Organe erster Ordnung ansehen, werden nur von einem klei- 
nen Theile der sogenannten „höheren Elementartheile" gebildet, näm- 
lich von den sogenannten Muskelprimitivfasern und Nervenprimitiv- 
fasern der Thiere und von denjenigen sogenannten ,. mehrkernigen 
Zellen", welche bleibend mehrere Kerne enthalten. Unter den Pflan- 
zen sind entsprechende Bildungen als sogenannte „Gefässe" (Milch- 
saftgefässe und Spiralgefässe) sehr allgemein verbreitet. Unter den 
Protisten entstehen Zellfusionen oft durch „Copulation*' (z. B. bei den 
Gregarinen). 

Der eigenthümliehe Character der Zellfusionen und ihr Unter- 
schied von den einfachen Organen beruht darin, dass die Verbindung 
von mehreren Zellen einer Art an und für sich schon die Bildung eines 
einfachsten Organs, d. h. eiuer bestimmt geformten morphologischen 
Einheit bedingt. Die Form dieses Organs ist also unabhängig von 
gröberen morphologischen Verhältnissen des ganzen Organismus und 
das Organ in seinen Eigenthümlichkeiten wird lediglich durch die 
specifische Beschaffenheit der innig verbundenen Zellen bedingt. 

Es muss hierbei ausdrücklich erinnert werden, dass wir unter einer 
Zelle nur einen Plasma-Klumpen mit einem Kerne verstehen können. 
Der häufig gebrauchte Ausdruck einer „mehrkernigen Zelle" ist 
eine Contradictio in adjecto, da ja eben nur die Einheit des Kerns die 
individuelle Einheit der Zelle als eines Elementar-Organismus bedingt. 
Jeder Plasmaklumpen, der mehr als einen Kern umschliesst, möge er 
nun von einer Membran umhüllt sein oder nicht, ist eine Vielheit von 
Zellen, und wenn diese Vielheit eine bestimmte einheitliche Form be- 
sitzt, so haben wir sie als Zellenstock zu dem Range eines Organes 
erster Ordnung zu erheben. Die einzelne, d. h. einkernige Zelle, 
verhält sich zum Zellenstock oder der mehrkernigen Zelle ganz eben 
so wie ein einzelner Polyp zum ganzen Polypeustock. Und wie bei 
den letzteren häufig, z. B. bei den Maeandrinen, die einzelnen, aus 
fortgesetzter Theiluug des einfachen Thiers hervorgehenden Polypen, 
so innig verbunden bleiben, dass die Grenzen der einzelnen Indivi- 
duen nicht zu bestimmen sind, so ist dies auch oft bei den Zellen- 
stöcken der Fall, welche entweder aus einer fortgesetzten unvollständigen 
Theilung einer einfachen Zelle oder aber aus einer wirklichen Ver- 
schmelzung vorher getrennter Zellen entstehen. Diese beiden ver- 
schiedenen Entstehungsweisen der Zellfusionen sind oft sehr schwer 
zu unterscheiden, z. B. bei vielen Primitivfäsern oder Primitivröhren 
der Muskeln und Nerven, den Milchsaftgefässen der Pflanzen etc. 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 297 

Aus dem Vorhergehenden ergiebt sich bereits, dass wir „höhere 
Elementartheile" nur von Zellen, d. h. von kernführenden Piastiden, 
nicht aber von Cytoden oder kernlosen Piastiden gebildet, wahrnehmen 
können. Denn wenn wir auch wirklich grössere Cytoden durch Ver- 
schmelzung mehrerer kleinerer entstehen sehen, (wie es z. B. bei den 
Plasmodien der Myxomyceten der Fall ist), so besitzen wir durchaus 
kein morphologisches Kriterium, um diesen Cytodencomplex als solchen 
erkennen und von den ursprünglich einfachen Cytoden derselben Art 
unterscheiden zu können. Bei den Zellstöcken dagegen, welche durch 
Verschmelzung mehrerer Zellen entstehen, ist ihr Ursprung so lange 
erkennbar, als die Kerne der verschmolzenen Zellen noch persistiren. 
Denn der Kern der Zelle bestimmt ihre Individualität. 

Die häufigste Form, in welcher die Zellfusionen oder Zellenstöcke auf- 
treten, ist die langgestreckte Form einer cylindrischen oder bandförmig ab- 
geplatteten Röhre oder Faser. Solche Röhren oder Fasern sind die soge- 
nannten Muskelprimitivbündel der quergestreiften Muskeln, welche besser 
als Muskelprimitivröhren oder Muskel primitivfasern bezeichnet 
werden. Der Zellenstock bildet hier ein sehr langgestrecktes, an beiden 
Enden zugespitztes cvlindrische» Rohr, dessen zarte Hülle, das Sarcolemma 
oder die Primitiv scheide , eine Ausscheidung der innig verbundenen mem- 
branlosen Zellen ist, welche dies Rohr ausfüllen. Das Plasma der ver- 
schmolzenen Zellen ist grossentheils zu der sogenannten „quergestreiften 
Masse" contractiler Substanz differenzirt, d. h. in eine Menge von kubischen 
Körperchen (Muskelwürfeln) zerfallen, welche durch zwei verschiedene 
Zwischensubstanzen (Quer- und Längs -Bindemittel) der Quere nach zu 
„Discs a , der Länge nach zu „Fibrillen" vereinigt werden. ') Die nicht 
difierenzirten Reste des Protoplasma finden sich als eine feinkörnige weichere 
Masse theils zwischen den Würfeln, theils an der Innenfläche der von ihm 
ausgeschiedenen Primitivröhren, theils (und oft besonders reichlich) um die 
einzelnen Kerne angehäuft, welche als die Centralheerde der difierenzirten 
Zellen persistiren. Die Zahl dieser Kerne bezeichnet die Zahl der Zellen, 
w r elche in der Bildung des Zellenstockes aufgegangen sind. Ganz ähnlich 
den Muskelprimitivröhren verhalten sich die Nervenprimiti vröhren, 
deren Primitivscheide ebenfalls als Ausscheidung des Plasma der vereinig- 
ten Zellen zu betrachten ist. Das Plasma hat sich bei den dunkeln oder 
markhaltigen Nervenfasern in eine äussere (fettige) Markscheide und einen 
inneren (albuminoseu) Axencylinder differenzirt. Die Kerne der vereinigten 
Zellen liegen meist an der Innenseite der Primitivscheide, zwischen ihr und 
dem Plasma. In diesen Fällen bleiben also die einzelnen Zellen des 
Stockes membranlos, während der ganze Stock oder die Fusion ein Mem- 
bran (Primitivscheide) absondert. 



') Ueber die Verbindung der Muskelwürfel uder „sarcous elements" durch 
zweierlei verschiedene Zwischensubstanzen (Quer- und Längs - Bindemittel) 
vergl. nieinen Aufsatz über die Gewebe des Flusskrebses (Müllers Archiv 1857.) 



298 Morphologische Individualität der Organismen. 

Die einzigen Zeilfasionen oder Zellstöcke, welche im Pflanzenreiche 
vorkommen und den Primitivröhren der zusammengesetzten thierischen Mus- 
keln und Nerven entsprechen, sind (abgesehen von den bei niederen Pflan- 
zen häutigen Copulationen von Zellen) die sogenannten „Ge fasse a der 
höheren oder Gefässpflanzen (Gefäss-Cryptogamen und alle Phanerogamen). 
Sie zerfallen allgemein in „Milchsaftgefässe" und „Spiralgefässe", von denen 
die ersteren bleibend mit einem milchigen Safte, die letzteren bald nach 
ihrer Entstehung nur noch mit Luft gefüllt sind. Die Spiralgefässe der Pflanzen 
entstehen dadurch, dass an einer Reihe hinter einander gelegener Zellen 
die trennenden Zwischenwände resorbirt werden, so dass das Plasma der 
verschmolzenen Zellen unmittelbar sich vereinigt. 

B. Organe zweiter Ordnung: 
Einfache oder homoplastische Organe. 

(Gleichartige Plastiden-Gemeinden oder homogene Plastideu-Complexe.) 
Homoplasten. „Gewebe" im engsten Sinne. 

Als eine zweite Ordnung- von Organen betrachten wir diejenigen, 
welche von Vielen als einfache Gewebe, oder selbst als „Gewebe 41 
schlechtweg, besser als „ einfache Organe " bezeichnet werden, und 
welche man noch bestimmter „homoplastische Organe" nennen 
kann. Diese stimmen mit denen der ersten Ordnung, den Zellenstöcken 
darin übereiu, dass sie nur aus Piastiden von einerlei Art oder, 
wie man gewöhnlich sagt, aus einem einzigen Gewebe gebildet wer- 
den. Sie unterscheiden sich aber von den Cytocormen darin, dass 
die Form des Organs hier nicht zunächst durch die Verbindung der 
Piastiden selbst bedingt wird, sondern scheinbar unabhängig davon 
durch die Bau-Verhältnisse des ganzen Organismus, den sogenannten 
,.Bauplan. " Es können daher diese homoplastischen Organe in der 
verschiedensten Form auftreten, obgleich sie aus einer und derselben 
Zellenart gebildet sind, wie z. B. die verschiedenen Knorpel, die ver- 
schiedenen Moosblätter einer und derselben Species, — während die 
Cytocormen, die aus einerlei Art Zellen bestehen, allein schon wegen 
ihrer constanten Verbindungsweise bei einer und derselben Species an 
den verschiedensten Orten meist in einer und derselben Form auftre- 
ten, z. B. Muskel- und Nervenfasern. Bei diesen Organen erster Ord- 
nung wird also die äussere Form des Organs an und für sich schon 
durch die Verbindungsweise der verschmelzenden Zellen bedingt, 
während sie bei den Organen zweiter Ordnung von dieser Verbin- 
dungsweise unabhängig ist und durch die gröberen Structur-Verhält- 
nisse des ganzen Organismus bedingt wird. 

Die Piastiden, welche homoplastische Organe zusammensetzen, kön- 
nen sowohl kernlose (Cytoden) als kernhaltige (Zellen) sein, wobei die 
innigere Verbindung der Elemente, welche durch den Mangel der 
Membran bedingt wird, für die Formbildung des homoplastischen Or- 



IL Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 299 

gans an sich ohne besondere Bedeutimg ist. Die letztere erfolgt ohne 
Rücksicht darauf, ob die einzelnen Zellen, wie bei den Cytocormen, 
hautlos und innig verschmolzen, oder ob sie durch Membranen oder 
Intercellularsubstanzen getrennt und also relativ selbstständig sind. 

Als solche einfache oder homoplastische Organe lassen sich bei 
Wirbelthieren anführen die gesammte Oberhaut (Epidermis) sammt 
ihren Anhängen (Haare, Nägel, Schuppen, Drüsen etc.) die Krystall- 
linse (Epidermis-Product), Knorpel (Chorda dorsalis, viele Arten von 
hyalinem und faserigem Knorpel), und manche andere, gefässlose und 
nervenlose Formen der Bindesubstanz, z. B. das Schleimgewebe der 
Whartonschen Sülze des Nabelstranges. Unter den Pflanzen sind 
gleiche einfache oder homoplastische Organe insbesondere auf den 
niederen Stufen sehr verbreitet, und es gehören dahin alle diejenigen 
Blattorgane und Axenorgane, welche nur aus einer einzigen Art von 
Piastiden (aus einem einzigen Gewebe) zusammengesetzt sind (z. B. der 
Thallus vieler Cryptogamen, die Blätter vieler Zellencryptogamen etc.) 

C. Organe dritter Ordnung: 

Zusammengesetzte oder heteroplastische Organe. 

(Ungleichartige Plastiden-Gemeinden oder heterogene Plastiden-Complexe.) 

Heteroplasten. „Organe" im engsten Sinne. 

Die bei weitem grösste Mehrzahl aller Organe besteht bei den 
höheren Organismen, sowohl Thieren als Pflanzen, nicht aus einer 
einzigen, sondern aus mehreren Arten von Zellen oder Geweben, in- 
dem mehrere verschieden differenzirte Zellcomplexe, seien es Organe 
erster oder zweiter Ordnung, sich vereinigen, um ein Organ dritter 
Ordnung, ein zusammengesetztes oder heteroplastisches Organ 
zu bilden. Die zwischen den anfänglich gleichartigen Zellen eingetre- 
tene Arbeitstheilung befähigt dieselben in ihrer Verbindung zu einem 
einheitlichen Ganzen zu höheren Leistungen. 

Bei der grossen Mehrzahl der Thiere ist die Zusammensetzung 
der meisten Organe aus mehreren Geweben, aus mehr als einer Art 
von Zellen, schon dadurch bedingt, dass in sehr früher Zeit des Lebens 
eine, später immer weiter gehende Dift'erenzirung der anfangs gleich- 
artigen Piastiden eintritt, und dass aus dieser Gevvebs-Differenzirung 
einerseits sehr verschiedenartig zusammengesetzte Organe hervorgehen, 
andererseits eigenthümliche Kelations- Organe oder Centralisations- 
Organe, welche die verschiedenen anderen Organe in mehr oder 
weniger nahe Verbindung unter einander und mit den Central-Organen 
bringen. Ein solches Beziehungs-Organ des Thierleibes ist das Nerven- 
system, ein anderes das ernährende Gefässsystem. Ferner wird eine 
räumliche Verbindung und zugleich Sonderung der benachbarten Or- 



300 Morphologische Individualität der Organismen. 

gane durch die verschiedenen Gewebe der Bindegewebsgruppe herbei- 
geführt. Alle diese den ganzen Körper der höheren Thiere durch- 
ziehenden Organe senden ihre Zweige und Ausläufer in das Innere 
der meisten übrigen Organe hinein, wo sie sich zwischen deren con- 
stituirenden Geweben ausbreiten. In gleicher Weise wird bei den 
höheren Pflanzen der ganze Körper von den „Gelassen" durchzogen, 
welche überall in die von einfachen Gewebsformen (Parenchym, Pros- 
enchyin, Merenchym) constituirten Axorgane und Blattorgane ein- 
dringen und so deren Natur als heteroplastische Organe bedingen. 

Die grosse Mehrzahl der Organe, wenigstens bei den höheren 
Thieren und Pflanzen, ist also insofern zusammengesetzt, als sie nicht 
allein aus den Piastiden der speeifischen Gewebsform zusammengesetzt 
sind, welche ihre eigenthümlichen Leistungen vermitteln, sondern auch 
noch Aeste des Nervensystems oder Aeste der Gefässbündel erhalten, 
welche sie mit dem übrigen Organismus in Beziehung setzen, Aeste 
des Gefässsystems, welches sie ernährt, Aeste, Scheiden und Hüllen 
des Biudegewebssystems, welches sie stützt, umschliesst und- mit den 
benachbarten verbindet. In dieser Weise zusammengesetzte Orgaue 
sind bei den Thieren die einzelnen Muskeln, die einzelnen Nerven, 
die einzelnen Knochen, Blutgefässe, Drüsen, Schleimhäute etc. ; bei den 
höheren Pflanzen die einzelnen Blätter und die verschiedenen Axorgane. 

Eine allgemeine Uebersicht der heteroplastischen oder zusammen- 
gesetzten Organe (welche eigentlich den Begriff des „Organs" xaz 3 
£&X t ] v i m engsten morphologischen Sinne repräsentiren), ist hier nicht 
am Orte und würde viel zu weit führen, zumal die Art und Weise, 
in welcher sich die Cytocormen (Muskeln, Nerven etc.) und die ver- 
schiedenen Piastiden -Arten oder Gewebe (Bindegewebe, Decken- 
gewebe etc.) zu zusammengesetzten Organen verbinden, in den ver- 
schiedenen Abtheilungen des Thierreichs äusserst verschiedenartig und 
bei den höheren Thieren sehr verwickelt ist. Einfacher ist dies Ver- 
hältniss bei den höheren Pflanzen, wo sich alle verschiedenen hetero- 
plastischen Organe als Modifikationen von nur zwei verschiedenen 
Grundorganen nachweisen lassen: Axorgane und Blattorgane. 
W r ollte man die äusserst mannichfaltigen zusammengesetzten Organe 
der Thiere in ähnlicher Weise auf einige wenige Fundamentalorgaue 
reduciren, so könnte man allgemein höchstens Rumpforgane und 
Extremitäten unterscheiden. Da die thierischen Rumpforgane als 
axiale Theile gewissermaassen den pflanzlichen Axorganen, und die 
Extremitäten als seitliche Theile den pflanzlichen Blattorganen ent- 
sprechen, so könnte man allgemein bei den Organismen zwei Reihen 
von zusammengesetzten oder heteroplastischen Organen unterscheiden : 
I. Axial-Organe (Runipftheile, Stengeltheile etc.); II. Lateral- 
Organe (Extremitäten, Blätter etc.). 



II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 301 

D. Organe vierter Ordnung: 

Organ - Systeme. 

Der Unterschied zwischen denjenigen zusammengesetzten Organ- 
Complexen, welche man Systeme, und denjenigen, w r elche man 
Apparate nennt, beruht, wie schon oben erörtert wurde, wesentlich 
darauf, dass der ersteren Benennung eine morphologische, der letzteren 
eine physiologische Vorstellung zu Grunde liegt. Bei einem Organ- 
System hat man die Einheit der Form seiner wesentlichen consti- 
tuirenden Form-Elemente, bei einem Apparat die Einheit der Leistungen 
dieser Elemente im Auge. Dennoch lässt sich auch der Begriff des 
Apparates in morphologischem Sinne auffassen und zur Bezeichnung 
eines Organ- Complexes höchster Ordnung verwerthen, wie wir oben 
gezeigt haben. 

Jedes einzelne Organ-System bildet also eine morphologische 
Einheit, welche aus einer Vielheit von zusammengesetzten Organen 
besteht, in welche aber ausserdem auch einfache Organe und Zellen- 
stöcke als constituirende Elemente eintreten können. Eine einzige 
Piastiden- Art, eine einzige Gewebs Form ist aber stets in 
jedem Organ-Systeme überwiegend, und die übrigen Gewebe, die 
ausserdem noch dasselbe constituiren helfen, sind diesem Character- 
Gewebe des Systems sowohl in morphologischer als physiologischer 
Beziehung untergeordnet: Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied 
von den Apparaten, bei denen mehrere Systeme als coordinirte Con- 
stituentien des Ganzen neben einander auftreten können, ohne dass 
ein einzelnes derselben irgend eine Praeponderanz hat. 

Als Organ -Systeme in diesem Sinne können wir beim Menschen 
und bei den Wirbelthieren überhaupt betrachten: l) das Deckensystem 
(System der Hautdecken) mit Oberhaut, Lederhaut und sämmtlicheu 
Anhängen dieser Theile (Haare, Nägel, Hautdrüsen, Tastkörper etc.), 
2) das Skeletsystem (mit Knochen, Knorpeln, Bändern, Gelenkkapseln 
und verbindender Bindesubstanz), 3) das Muskelsystem (mit Muskeln, 
Sehnen, Fascien, Schleimbeuteln etc.), 4) das Nervensystem (mit Ge- 
hirn und Rückenmark, peripherischen Ganglien, Nervenfäden und 
Sinnesorganen), 5) das Gefässsystem (mit Herz, Blutgefässen, Lymph- 
gefässen, Lymphdrüsen, Milz), 6) das Darmsystem (Darmcanal nebst 
den Drüsen, die aus ihm hervorwuchern, Speicheldrüsen, Leber, Pan- 
creas, Lungen, Nieren etc.), 7) das Genitalsystem, dessen wesentlichste 
Bestandtheile sich aus den Primordialnieren und ihren Adnexis ent- 
wickeln. 

Im Allgemeinen sind die Organ -Systeme bei den Thiereu w r eit 
vollkommener entwickelt und differenzirt, als bei den Pflanzen. Je 



302 Morphologische Individualität der Organismen. 

weiter die Centralisatioo clor Personen geht, desto schärfer ist die 
Trennung- der einzelnen Organ - Systeme , desto einheitlicher der Zu- 
sammenhang jedes Systems. Bei den höheren Pflanzen könnte man 
als derartige zusammenhängende Systeme vielleicht unterscheiden: 
1) das Decken- System (mit Oberhaut, Haaren, Rinde etc.), 2) das 
Parenchym-System, 3) das Gefässsystem (Gefässbündel etc.). 

E. Organe fünfter Ordnung: 
Organ-Apparate. 

Obgleich dem Begriffe des Apparates, wie schon bemerkt, wesent- 
lich eine physiologische Vorstellung zu Grunde liegt, und man also 
gewöhnlich unter einem Apparate einen Complex von einfachen und 
zusammengesetzten Organen versteht, die zu einem einheitlichen Gan- 
zen behufs einer einzigen gemeinsamen Function verbunden sind, so 
können wir dennoch, wie oben gezeigt wurde, dem Begriffe des Appa- 
rates auch eine morphologische Bedeutung beilegen. Wir verstehen 
dann darunter einen einheitlich abgeschlossenen Complex von mehre- 
ren verschiedenartigen untergeordneten Organen (verschiedenen Syste- 
men und Geweben angehörig), in welchen mehrere coordinirte Gewebe 
der Art verbunden sind, dass keins allein eine vorwiegende Bedeutung 
vor allen anderen beanspruchen kann. 

Wir dürfen diese Apparate um so eher als eine Ordnung von 
Organen höchsten Ranges anführen, als die morphologische Einheit 
des Ganzen in denselben meist nicht minder deutlich, oft sogar augen- 
fälliger hervortritt, als in den einzelnen Systemen. Die Form-Einheit 
des Apparates beruht aber nicht, wie bei dem Systeme, auf dem aus- 
schliesslichen Vorwiegen einer einzigen Gewebs-Form, sondern viel- 
mehr auf einer räumlichen Sonderung, die schon bei der gröbsten 
Betrachtung des Organismus ins Auge springt, So befindet sich der 
Ernährungsapparat fast ganz auf die Pleuroperitonealhöhle des Wirbel- 
thieres beschränkt, der Gesichtsapparat auf den Inhalt der Augenhöhle, 
der Geruchsapparat auf die Nasenhöhle etc. 

Da nun ausser der räumlichen Sonderung und Einheit auch die 
morplx »lugische Zusammensetzung jedes Apparates aus coordinirten 
und subordinirten Organen und Systemtheilen dem Ganzen ein ein- 
heitliches Gepräge giebt, so können wir, gestützt auf den innigen Zu- 
sammenhang und die Wechselwirkung von Form und Function, ebenso, 
wie es bei dem Begriffe des Orgaues im Allgemeinen bereits ge- 
schehen ist, die morphologische Einheit des Apparates von der physio- 
logischen sondern und die erstere als Organ fünfter Ordnung hier in 
Betracht ziehen. 

Die säinnitlichen Organ- Apparate, welche man weiter in niedere 
oder besondere und in höhere oder allgemeinere gruppiren kann, 



IT. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 303 

lassen sich auf drei Häuptgruppen vertheilen, entsprechend den drei 
Haupt -Functionsgruppen, welche der Organismus besitzt: Erhaltung 
seiner selbst, Erhaltung der Art und Erhaltung der Beziehungen zur 
Aussenwelt. Hiernach werden wir beim Menschen und den Wirbel- 
thieren überhaupt folgende Gruppen von Apparaten unterscheiden 
können: I. Apparate zur Erhaltung des Individuums (der Person): 
Ernährungs-Apparat (und als untergeordnete Apparate: Verdauung»-, 
Circulations-, Respirations- und Secretions-Apparate); TL Apparat zur 
Erhaltung der Art: Fortpflanzungs- Apparat (Genitalien); III. Ap- 
parate zur Erhaltung des Verkehrs mit der Aussenwelt: Relations- 
Apparate: A. Bewegungs-Apparat (aus Muskelsystem oder activen 
und Knochensystem oder passiven Locomotions- Organen zusammen- 
gesetzt). B. Seelen -Apparat (aus Nervensystem und Sinnesorganen 
zusammengesetzt, unter letzteren als einzelne Sinnes-Apparate die ge- 
schlossenen Einheiten der fünf Sinne: Auge (Gesicht), Ohr (Gehör), 
Nase (Geruch), Zunge (Geschmack), Hautdecke (Gefühl). Bei den 
Pflanzen werden wir ebenso allgemein Ernährung»- Apparate, Fort- 
pflanzungsapparate und Relationsapparate unterscheiden können. 



III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: 

Antimeren oder Gegenstücke. 
(Homo typische Theile.) 

Die vorhergehende Betrachtung der morphologischen Individuen 
erster und zweiter Ordnung, der Piastiden und der Orgaue, hat uns 
mit Ueberwindung grosser Schwierigkeiten in das verwickelte Laby- 
rinth von coordinirten und subordinirten Theilen eingeführt, aus wel- 
chen der ganze Organismus der höheren Thiere und Pflanzen als 
höhere Einheit zusammengesetzt wird. Eine genauere Betrachtung 
der höchst complicirten und kunstvollen Art und Weise, auf welche 
diese Zusammensetzung erfolgt, lässt uns alsbald erkennen, dass die 
stufenweise emporsteigende Complication des organischen Baues, 
wenigstens bei den höheren Pflanzen und Thieren, nicht allein nach 
den grossen Gesetzen der Aggregation und der Differenzirung (oder 
des Polymorphismus) erfolgt, sondern dass die verschiedenen coor- 
dinirten und subordinirten Theile sich derartig im Ganzen verflechten, 
gegenseitig räumlich durchwachsen und verbinden, und in so ver- 
wickelter Weise in einander eingreifen, dass wir zur Aufstellung ganz 
verschiedener morphologischer Einheiten gelangen, je nachdem wir 
unseren Standpunkt auf verschiedenen Seiten nehmen und von diesem 
oder jenem gemeinsamen Tertium aus zwei Einheiten vergleichen. 
So kann also derselbe Nerv, derselbe Muskel als ein Complex von 



3Q4 Morphologische Individualität der Organismeu. 

einfachen Organen erster und zweiter Ordnimg-, oder als ein hetero- 
plastisches Organ, oder als ein Theil eines Organ - Systems, oder als 
ein Theil eines Organ- Apparates aufgefasst werden, und von jedem 
dieser verschiedenen Gesichtspunkte aus wird er eine verschiedene 
Beurtheilung erfahren. 

Schon hieraus geht hervor, dass die Organe (und ebenso die 
morphologischen Individuen niederer Ordnung überhaupt) sich nicht 
allein durch stufenweis fortgesetzte Aggregation und Arbeitstheilung 
zu den Individualitäten höherer Ordnung zusammenfügen, sondern 
dass hier complicirte Gesetze der Formbildung walten, um deren Er- 
kenntniss mau sich bisher uoch kaum bemüht hat. Wie wenig auf 
diesem wichtigen und interessanten Gebiete der allgemeinen Morpho- 
logie noch geschehen ist, geht aber weiter namentlich daraus hervor, 
dass man die höheren Individualitäten, welche zunächst aus dem Zu- 
sammentreten der verschiedenen Organe hervorgehen, und die wir im 
Folgenden als Antimeren und Metameren untersuchen werden, über- 
haupt noch keiner eingehenden Untersuchung und allgemeinen Ver- 
gleichung, ja häufig nicht einmal einer Erwähnung gewürdigt hat. 
Mindestens sind sie als besondere morphologische Individualitäten 
bisher nur selten oder nie anerkannt worden. 

Die Theile des Organismus, welche wir hier als Antimeren oder 
Gegenstücke, und Metameren oder Folgestücke unterscheiden, sind 
scharf ausgeprägte morphologische Individualitäten, welche eineu 
Rang über den Organen einnehmen, während sie den höheren mor- 
phologischen Einheiten fünfter und sechster Ordnung beständig unter- 
geordnet sind. In der bei weitem grössten Mehrzahl der Organismen- 
Arten ist das einzelne physiologische Individuum nicht ein blosses 
Aggregat von Organen, sondern eine Einheit von mehreren Metameren 
und Antimeren. Für die Gesammtform des Organismus sind diese 
Theilstücke, welche als scharf ausgeprägte Formeinheiten in Vielzahl 
neben und hinter einander auftreten, von der allergrössten Bedeutung, 
und dennoch hat man sie bisher fast gar keiner Betrachtung gewür- 
digt; ja es existirt für die beiden wesentlich verschiedenen Individua- 
litäten des Antimeres oder Metameres nicht einmal ein besonderer 
einfacher Name. Wo man sie bisher im concreten Falle der Ver- 
ständigung halber hat erwähnen müssen, hat man Beide zusammen 
mit dem nichtssagenden oder doch vieldeutigen Ausdrucke des Seg- 
ments oder TheilstUcks oder Gliedes (Articulum), oder auch wohl 
des „homologen oder homonomen Theils" belegt. Die Metameren, 
als welche wir z. B. die einzelnen gleichartigen hinter einander ge- 
legenen Abschnitte des Wirbelthier- und des Gliederthier-Rumpfes, die 
einzelnen Stielglieder der Crinoideen -Stengel, die Stengelglieder der 
Phanerogameu ansehen, hat man insbesondere häufig „Glieder" und 



III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren. 305 

bei den Gliederthieren und Würmern „Ringe" oder Zoniten genannt. 
Die Antimeren, die neben einander gelegenen Hauptabschnitte da- 
gegen hat man, wenn ihrer nur zwei zugegen sind, wie bei den 
Wirbel-, Glieder- und Weich-Thieren, als „Körperhälften", wenn ihrer 
drei, vier, fünf oder mehr sind, wie bei den „Strahlthieren " und 
Phanerogamen-Blüthen, als „Strahlen" oder „ Uadialsegmente " , oft 
aber ebenfalls als „Glieder 4 * bezeichnet. 

Der einzige Naturforscher, welcher bisher diese beiderlei Theile 
vom allgemeineren Gesichtspunkte aus untersucht und auf die hohe 
Bedeutung derselben für die Gesetze der organischen Formbildung 
hingewiesen hat, ist der verdienstvolle Bronn, welcher in seinen 
trefflichen „morphologischen Studien" (1858) diejenigen neben ein- 
ander gelegenen Hauptabschnitte, welche wir Antimeren nennen, 
als homotypische Theile, diejenigen hinter einander liegenden Ab- 
schnitte dagegen, welche wir Metameren nennen, als homonyme 
Theile bezeichnet hat. In dem Capitel, in welchem er das wichtige 
von ihm entdeckte „Gesetz der Zahlen-Reduction gleichnamiger Theile" 
behandelt, fasst er beiderlei Abschnitte als „gleichgesetzliche" oder 
„homonome" Körpertheile zusammen und giebt von Beiden eine kurze 
Definition, welche jedoch weder erschöpfend, noch hinreichend klar 
und genau ist. Wir werden diese Definition in dem nächsten Abschnitte, 
welcher von den Metameren handelt, wörtlich aufiihren und näher 
beleuchten, und wenden uns hier sogleich zur näheren Betrachtung 
derjenigen Formeinheiten des Organismus, welche wir allgemein als 
Antimeren bezeichnen wollen. 

Unter Antimeren oder Gegenstücken (den homotypischen 
Organen Bronn 's) verstehen wir diejenigen neben (nicht hinter) 
einander liegenden, als deutlich geschlossene Einheiten auftretenden 
Körperabschnitte oder „Segmente", welche als gleichwerthige Organ- 
complexe alle oder fast alle wesentlichen Körpertheile der Species 
(alle typischen Organe) in der Art zusammengesetzt enthalten, dass 
jedes Antimer die wesentlichsten Eigenschaften der Species als Organ- 
Complex repräsentirt, und dass nur noch die Zahl der Antimeren 
als das die Species -Form bestimmende Element hinzutritt. Bei den 
meisten höheren, sogenannten „bilateral-symmetrischen" Thieren (Wir- 
bel-, Glieder-, Weich-Thieren) besteht der Körper demgemäss nur aus 
zwei Antimeren, den beiden Körperhälften nämlich, welche in der 
Medianebene verwachsen sind. Bei den sogenannten „Strahlthieren**, 
sowie bei den allermeisten Geschlechts-Individuen (Blüthen) der Pha- 
nerogamen, ist dagegen der Körper aus so vielen Antimeren zusam- 
mengesetzt, als „Strahlen", d. h. Kreuzaxen, vorhanden sind, also 
drei bei den meisten Monocotyledonen und vielen Radiolarien, vier 
bei den meisten Medusen, den Eugosen und Cereanthiden, ferner auch 

Haeckel, Generelle Morphologie. 20 



30G Morphologische Individualität der Organismen. 

bei deii meisten Würmern und bei sehr vielen Dicotyledonen, fünf 
bei den meisten Echinodermen und Dicotyledonen, sechs bei den 
meisten Anthozoen (Enallonemen, die Hugosen ausgenommen, und 
Antipathiden) und bei einigen Medusen (Carmariniden). Sehr selten 
im Ganzen genommen ist der Körper aus mehr als sechs Antimeren 
zusammengesetzt. Sieben kommen nur ausnahmsweise vor, z. B. bei 
Luidia Savignyi unter den Seesternen, bei Trictitalis enropaea unter 
den Phanerogamen. Acht Antimeren finden sich bei allen Ctenopho- 
ren und Octactiuien (Alcyonarien), dagegen sehr selten bei den Pha- 
nerogamen (Mimusops unter den Sapotaceen). Ebenfalls selten treten 
neun, zehn, zwölf und zwanzig oder mehr Antimeren zur Bildung des 
Körpers zusammen. In der Kegel sind die niedrigeren Zahlen der 
Antimeren innerhalb der Species constant. Sobald aber mehr als 
sechs Antimeren auftreten, wird die Grundzahl (acht ausgenommen) 
innerhalb der Species schwankend und um so unbeständiger, je höher 
die Zahl steigt. Dasselbe Verhältuiss zeigt sich auch bei den Meta- 
meren, z. B. wenn man die Insecten (mit wenigen, neun bis dreizehn 
Ringen) und die Myriapoden und Arachniden (mit sehr zahlreichen 
Metameren) vergleicht. Dies Verhältniss ist sehr wichtig für die Be- 
gründung des Bronn' sehen Gesetzes der Zahlenreduction gleichnamiger 
Theile. 

So unwesentlich es vom physiologischen Standpunkte aus 
erscheinen mag, ob der ganze Körper (die Person) aus zwei, drei, 
vier, fünf oder mehr gleichen Körpertheilen zusammengesetzt ist, von 
denen jeder sämmtliche wesentliche Organ -Complexe oder typischen 
Organe des Körpers in der gleichen Zahl, Form, Structur und Lage- 
rung enthält, und also für sich schon die Species repräsentiren könnte, 
so ausserordentlich wichtig ist die homotypische Grundzahl, wie 
wir mit Bronn die speeifische Antimeren-Zahl nennen können, für 
die morphologische Betrachtung des Körpers als Ganzen. Ins- 
besondere wird durch die Antimeren jene Summe von Form-Eigenthüm- 
lichkeiten bedingt, welche man gewöhnlich als Habitus bezeichnet, 
und welche oft eben so schwer zu definiren und näher zu bestimmen 
ist, als sie dem geübten Auge characterbestimmend, als physiogno- 
misches Moment entgegentritt. 

Freilich ist uns der Causal-Nexus zwischen dem typischen Organi- 
sationscharacter und der homotypischen Grundzahl der Organismen 
zur Zeit noch vollständig unbekannt. Dass er aber vorhanden ist, 
beweist die auffallende Constanz, welche die Antimeren-Zahl inner- 
halb der grossen Hauptabteilungen des Thier- und Pflanzenreiches 
zeigt. Ohne Ausnahme sind die Wirbelthiere und Weichthiere nur 
aus zwei, die Ctenophoren und Octaetinien aus acht Antimeren zu- 
sammengesetzt und ganz vorherrschend ist unter den Echinodermen 



III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren. 307 

die Antimerenzahl fünf, unter den Monocotyledonen die Zahl drei. 
Diese Umstände sind sicher nicht bedeutungslos, und sie veranlassen 
uns, hier noch etwas näher auf das gegenseitige Verhältniss der Anti- 
meren zu einander und zum Ganzen einzugehen. 

In letzterer Beziehung ist zunächst als besonders bestimmend für 
den Habitus des Organismus hervorzuheben, dass die Antimeren 
entweder einander ganz gleich, oder nur ähnlich, und im ersteren 
Falle entweder symmetrisch gleich oder congruent sein können. 
Aehnlich nennen wir dieselben, wenn sie zwar in allen oder doch 
den meisten wesentlichen Formbeziehungen übereinstimmen und die- 
selbe Zahl von grösseren Organen in derselben relativen Lagerung 
verbunden besitzen, aber doch in untergeordneten Beziehungen, in der 
Grösse, der geringeren oder stärkeren Entwickelung, der äusseren 
Oberflächen - Gestaltung etc. mehr oder minder verschieden sind, so 
dass auch die Anzahl der kleinsten heterogenen Theilchen, welche sie 
zusammensetzen, auffallend ungleich ist. Aehnlich sind z. B. die bei- 
den Hälften eines Pleuronectes ; ähnlich ist der unpaare Strahl der 
symmetrischen Echinodermen den vier anderen Strahlen. Gleich da- 
gegen sind zwei homotypische Theile, wenn sie nicht bloss in jenen 
wesentlichen, sondern auch in diesen untergeordneten Beziehungen 
(der Grösse, Entwickelungsstärke und Flächenbegränzung etc.) voll- 
kommen übereinstimmen, so dass die Zahl der kleinsten heterogenen 
Theilchen in beiden Antimeren nicht merklich verschieden ist. 

Gleiche Antimeren sind entweder symmetrisch oder congruent. 
Symmetrisch sind zwei gleiche Antimeren, wenn die Lagerung der 
kleinsten heterogenen Theilchen in beiden zwar relativ dieselbe, 
aber absolut entgegengesetzt ist, so dass sich die beiden Gegenstücke 
wie das Spiegelbild eines Körpers, oder wie Rechts und Links ver- 
halten, und niemals sich wirklich decken und ersetzen können. Con- 
gruent dagegen sind zwei gleiche Antimeren, wenn die Lagerung 
der kleinsten heterogenen Theilchen in beiden nicht bloss relativ, 
sondern auch absolut dieselbe ist, so dass sich die beiden Gegen- 
stücke vollständig decken und sich gegenseitig ersetzen können. 
Congruent sind z. B. die vier Antimeren der Medusen, die sechs An- 
timeren der Antipathiden, die fünf Radialsegmente der sogenannten 
„regulären" fünfzähligen Blüthen (z. B. Primulaceen, Oxalis, Nican- 
dra etc.). Symmetrisch sind die beiden Hälften der Wirbelthiere und 
der Gliederthiere; je zwei von den vier paarigen Antimeren der sym- 
metrischen Echinodermen (Clypeaster etc.), je zwei von den vier 
paarigen Gegenstücken der sogenannten „irregulären" fünfzähligen 
Blüthen (z. B. der Papilionaceen, Veilchen etc.). 

Streng genommen kann eine analoge Differenz, wie sie zwischen 
congruenten und symmetrisch gleichen Antimeren stattfindet, auch 

20* 



308 Morphologische Individualität der Organismen. 

bei ähnlichen Antimeren nachgewiesen werden und wir können da- 
nach positiv ähnliche und negativ ähnliche Antimeren unterscheiden. 
Positiv ähnlich können solche Antimeren genannt werden, bei 
welchen diejenigen Organe und Organtheile, die in beiden Antimeren 
gleicherweise vorhanden sind, auch die gleiche relative und absolute 
Verbindung, das gleiche Lagcrungs-Verhältniss zur Mittelebene oder 
Mittellinie des Körpers zeigen. Negativ ähnlich dagegen (oder 
symmetrisch 1 ähnlich) würden diejenigen ähnlichen Antimeren heissen, 
bei denen auch dieses Lagcrungs-Verhältniss absolut entgegengesetzt 
ist. Beispiele hierfür liefern die symmetrischen Seeigel (Clypeastriden, 
Spatangiden etc.). Bei diesen Echiniden sind die fünf Antimeren 
(Radien), welche bei den Cidariden congruent sind, sämmtlich nicht 
congruent, aber paarweise symmetrisch, so dass man zwei Paare von 
Radien und einen unpaaren Radius unterscheiden kann. Der ganze 
Körper kann in einen dorsalen und einen ventralen Abschnitt zerlegt 
werden. Der dorsale (gewöhnlich sogenannte vordere) Abschnitt wird 
Trivium genannt, weil er den unpaaren Radius und das dorsale (vor- 
dere) Paar der paarigen Radien enthält, während der ventrale, das 
Bivium, das ventrale (hintere) Paar der Antimeren oder Radien ent- 
hält. Bezeichnen wir nun den unpaaren Radius mit A, die beiderseits 
an denselben angrenzenden Radien mit B und C, und die beiden 
(ventralen) Radien des Bivium mit D und E. so dass die linke Seite aus 

A A 

^r-, C und E, die rechte aus — , B und D gebildet wird, so sind B und 

— -> 

C unter sich symmetrisch gleich, ebenso D und E unter sich symme- 
trisch gleich; dagegen B und D positiv ähnlich, B und E negativ- 
ähnlich, ebenso C und E positiv ähnlich, C und D negativ ähnlich. Genau 
dieselben gegenseitigen Formbeziehungen, wie diese fünf Antimeren der 
bilateralen Seeigel, zeigen die fünf Antimeren der sogenannten „irre- 
gulären" fünfzähligen Geschlechts-Individuen (Blüthen) der Papiliona- 
ceen und Labiaten, der Veilchen, der „strahlenden" Randblüthen vieler 
Umbelliferen, Compositen etc. 

Vollständiger Mangel einer Antimeren-Zusainmensetzung des Kör- 
pers findet sich nur bei sehr wenigen Organcomplexcn, nämlich bei den 
absolut regulären und den absolut irregulären. Es giebt nur einen 
einzigen absolut regulären Körper und das ist die Kugel, welche in 
geometrisch reiner Form den Körper gewisser Radiolarien bildet 
(Thalassicollidcn, Sphaerozoidcn). Hier können wir die Antimerenzahl 
= x, setzen. Umgekehrt wird dieselbe = u bei sehr vielen Spon- 
gien, deren vollkommen unregelmässiger oder „amorpher" Körper 
durchaus keine Abtheilung in gleichartige Organcomplexe zeigt, die 
man als Antimeren betrachten könnte. Dasselbe gilt von sehr vielen 
cryptoganieu Pflanzen. 



III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: .Antimeren. 309 

Die verschiedene Art und Weise, in welcher die Antimeren zur 
Bildung des ganzen Körpers zusammentreten, ist für den characteristi- 
schen Habitus, den man mit den Ausdrücken des „bilateralen" und 
des „strahligen" Typus bezeichnet, von der grössten Wichtigkeit. Bei 
den echten Bilateralthieren, den Dipleuren, deren Körper nur aus 
zwei Antimeren („symmetrischen Körperhälften") besteht (Wirbel-, 
Glieder- und Weich -Thieren), legen sich die beiden Gegenstücke mit 
zwei einander zugekehrten Flächen, in einer Ebene (Mittelebeue) an 
einander. Bei den echten „Strahlthieren" dagegen, sowohl ganz regu- 
lären (Medusen, Ästenden) als bilateral symmetrischen (Ctenophoren, 
Spatangiden), bei denen mehr als zwei Antimeren („Radial- Segmente" 
oder „ Strahlen ") zum Körper zusammentreten, berühren sich dieselben 
in einer Linie, der Haupt- oder Längsaxe und haben also sämmtlich 
eine Kante gemeinsam. Selten nur, z. B. bei vielen Radiolarien, 
deren Grundform die Kugel oder ein reguläres oder ein endosphä- 
risches Polyeder ist, berühren sich die Antimeren nur in einem ein- 
zigen Punkte und haben demgemäss nur diesen Punkt gemeinsam. 

Eigenthümliche Verschiedenheiten bezüglich der Antimeren -Zu- 
sammensetzung der Person oder des Form-Individuums im engeren 
Sinne zeigen unter den phanerogamen Pflanzen häufig die geschlechts- 
losen Personen (Blattsprosse etc.) und die Geschlechts-Individuen 
(Blüthen-Sprosse"). Die letzteren, als die morphologisch höher ent- 
wickelten und differenzirten, weisen uns meistens ganz dieselbe regel- 
mässige und leicht erkennbare Zusammensetzung aus Antimeren auf, 
wie die allermeisten Thier-Personen. Es entsprechen z. B. in dieser 
Beziehung vollkommen die „regulären" Echinodermen (Ästenden etc.) 
den regelmässigen fünfzähligen Blüthen (Primulaceen, Oxalideen etc.), 
die „irregulären" Echinodermen (Spatangiden etc.) den unregelmässigen 
fünfzähligen Blüthen (Papilionaceen, Labiaten, Umbelliferen etc.). Auch 
ist die Mannichfaltigkeit in der Art dieser Zusammensetzung, welche 
die characteristische Physiognomie der Blumen bestimmt, nicht minder 
gross, als bei den Thieren. Bei den Blattsprossen dagegen, den ge- 
schlechtslosen Individuen der Phanerogamen, sind diese Compositions- 
Verhältnisse, welche sich in der Blattstellung aussprechen, im Ganzen 
seltener eben so einfach, regelmässig und deutlich, wie bei den 
Blüthen. Es ist dies der Fall bei den Axorganen mit zweizeiliger, 
gegenständiger, kreuzständiger und wirtelständiger (quirliger) Blatt- 
stellung. Sehr häufig treten hier aber statt dessen sehr complicirte 
Verhältnisse auf, welche schwierig auf die einfache Zusammensetzung 
des geschlechtslosen Sprosses aus gegenständigen Antimeren zurück- 
zuführen sind. Insbesondere wird die letztere häufig dadurch versteckt, 
dass die Blattorgane in einer enger oder weiter gewundenen Spirale an 
der Axe heraufsteigen. Man pflegt gewöhnlich die Spiraltendenz in 



310 Morphologische Individualität der Organismen. 

der Blattstellung der Phaneroganien u. s. w. als eine primitive Eigen- 
tümlichkeit derselben zu betrachten und die vorher angeführten Fälle 
von zweizeiliger, gegenständiger, kreuzständiger und wirtelständiger 
(quirliger) Blattstellung als abgeleitete Formen, welche durch secun- 
dären Zerlall lautender, continuirlicher Spiralen in abgesetzte, ge- 
schlossene Ringe entstanden seien. Indessen ist es vielleicht richtiger, 
umgekehrt die letzteren als die eigentlichen ursprünglichen Grund- 
formen zu betrachten, welche aus einer gesetzmässigen Verbindung 
von Antimeren und Metameren (in ähnlicher Weise wie bei den 
,,Strahlthieren" z. B. den Echinodermen) gebildet sind. Die Blatt- 
stellungs- Spiralen würden dann als abgeleitete Formen zu betrachten 
sein, secundär entstanden durch besondere Wachsthums -Verhältnisse 
der sich streckenden Metameren, welche in besonderen Beziehungen 
zu den Antimeren der benachbarten Metameren stehen. Wir glauben, 
dass für eine richtige Autfassung dieser schwierigen und verwickelten 
Verhältnisse die Vergleichung der analogeu einfacheren Verbindung 
von Antimeren und Metameren bei den Strahlthieren sehr wichtig ist. 
Bei den meisten Echinodermen insbesondere finden wir in ganz ana- 
loger Weise, wie bei den meisten phaneroganien Personen, mehrere 
Antimeren (gewöhnlich fünf) und zahlreiche Metameren (hinter ein- 
anderliegende Abschnitte der Hauptaxe, Stengelglieder etc.) zu einer 
complicirt gebauten Person verbunden. Das ursprüngliche, homotypische 
Verhältniss bei den Echinodermen ist aber immer die reguläre Zu- 
sammensetzung aus fünf Antimeren. deren Stücke in geschlossene, hinter 
einander liegende Kreise geordnet sind, wie bei den meisten Ge- 
schlechts -Personen (Blüthen) der Phanerogameu; und nur ausnahms- 
weise, und offenbar erst in Folge secundärer Entwickelung , laufen 
diese Kreise in einander, indem sie sich zu continuir liehen Spiralen 
verbinden, z. B. bei den spiraligen Reihen von Stachelhöckern vieler 
Echiniden, von Kelchtafeln vieler Crinoiden etc. Ebenso dürften viel- 
leicht die Spiralen der Blattstellungen bei den meisten geschlechtslosen 
Personen (Blattsprossen) der Phaneroganien zu erklären sein. 

Wir führen die Antimeren oder Gegenstücke als morphologische 
Individuen dritter Ordnung auf, weil die echten, eigentlichen Anti- 
meren in allen Fällen Organ-Complexe darstellen, also Einheiten, welche 
aus einer Vielheit von Forni-Individuen zweiter Ordnung bestehen. 
Vielleicht dürfte es in mehrfacher Beziehung richtiger erscheinen, die 
Rangordnung der beiden Individualitäten zu wechseln und die Anti- 
meren als die morphologischen Individuen zweiter, die Organe 
als die morphologischen Individuen dritter Ordnung aufzustellen. 
Hierfür könnte namentlich angeführt werden, dass auch bei vielen 
Organismen, welche noch keine distineton Organe besitzen, dennoch 
der Körper (eine einfache Plastide) bereits aus Antimeren zusammen- 



III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren. 311 

gesetzt erscheint, wie z. B. bei den Desmidiaceen, Diatomeen und 
vielen anderen Protisten; ferner, dass auch jedes einzelne Organ aus 
mehreren Antimeren zusammengesetzt scheinen kann, z. B. ein einfaches 
Blatt aus zwei, ein handförmiges (in drei, vier, fünf gleiche Lappen 
gespaltenes Blatt) aus drei, vier, fünf Antimeren etc. Indessen würde, 
streng genommen, diese Auffassung dazu führen, das Antimer sogar 
als morphologisches Individuum erster Ordnung hinzustellen, da ja 
die meisten einzelligen Organismen bereits deutlich aus zwei oder 
mehreren Antimeren zusammengesetzt erscheinen, mithin eine einzelne 
Plastide eine Einheit repräsentirt, welche aus einer Vielheit von Anti- 
meren bestehen würde. Hier, wie auch sonst in vielen Fällen, scheint 
eine strenge Rangordnung der morphologischen Individualitäten nicht 
durchführbar zu sein, zumal wenn dieselben, wie es so oft geschieht, in 
verwickelter Weise in einander greifen. Wir können diese Rangord- 
nung aber auch im vorliegenden Falle bestimmt dadurch feststellen, 
dass wir die Subordination der einzelnen Kategorieen in allen Organis- 
men untersuchen und hieraus das allgemeine Gesetz ableiten; und 
auf dieser empirischen Grundlage erscheint uns die von uns gewählte 
Rangordnung als die richtigste. Der scheinbare Widerspruch löst sich, 
sobald wir scharf zwischen Antimeren und Parameren (Gegen- 
stücken und Nebenstücken) unterscheiden. 

In sehr vielen Fällen sehen wir, dass untergeordnete Theile, 
z. B. einzelne Organe, die Gesammtform sowohl als die characte- 
ristische Zusammensetzung des ganzen Organismus wiederholen. So 
wiederholt sich z. B. bei den Arthropoden die Gliederung des Rumpfes 
in derjenigen der Extremitäten, bei den Mimosen die Stengel gliederung 
in derjenigen der gefiederten Blätter. Ebenso sehen wir, dass die 
homotypische Zusammensetzung des ganzen Organismus sich häufig 
in einer analogen Zusammensetzung einzelner Theile oder Organe 
wiederholt. Letztere erscheinen oft in so regelmässiger und constanter 
Weise aus homotypischen Theilen zusammengesetzt, wie die ganze 
Person, z. B. die einfachen Blätter der Phanerogamen (also Organe!) 
aus zwei symmetrischen Hälften. Um nun jede Verwechselung dieser 
untergeordneten Gegenstücke mit den Antimeren des ganzen Organismus 
auszuschliessen, wollen wir die ersteren allgemein als homonome 
Theile, Nebenstücke oder Parameren bezeichnen. Solche sind 
also z. B. die beiden Hälften der dipleuren Blätter, die drei Blättchen 
von dreizähligen Blättern (z. B. vom Kleeblatt), die drei Arme der 
dreiarmigen Pedicellarien der Echinodermen , die fünf Zehen des 
menschlichen Fusses und des Wirbelthierfusses überhaupt. 

Parameren oder Nebenstücke (homonome Theile) sind also all- 
gemein entsprechende Theile, welche um eine Kreuzaxe oder Breiten- 
axe des Körpers (oder um die Hauptaxe eines einzelnen Körpertheils) 



312 Morphologische Individualität der Organismen. 

herum neben einander liegen. Antimeren oder Gegenstücke dagegen 
sind entsprechende Theile, welche um die Hauptaxe (Längsaxe) des 
Körpers herum neben einander liegen. Parameren sind stets unterge- 
ordnete Theile eines Form-Individuums erster oder zweiter, Antimeren 
dagegen stets vierter oder fünfter Ordnung. Die Parameren verhalten 
sich demnach zu den Antimeren ganz analog, wie die sogleich zu 
besprechenden Epimeren zu den Metameren. 



IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: 
Metameren oder Folgestücke. 

(Homodyname Theile oder allgemein homologe Theile.) 

Mehr Aufmerksamkeit, als den Antimeren, hat man bisher den 
Metameren geschenkt, obwohl dieselben gewöhnlich nicht in so con- 
stanter Zahl und in so begrenzter Form als gestaltbestimmende Ein- 
heiten zu einer Mehrheit zusammentreten, wie es bei jenen der Fall 
ist. Da dieselben aber häufiger als die Autinieren die Rolle von 
physiologischen Individuen spielen, und ausserdem in der Axe der 
Phanerogamen als Stengelglieder, im Rumpfe der Vertebraten und 
Articulaten, (dort innerlich als „Wirbelsegmente ", hier äusserlich 
als Ringe oder Zoniten) sehr autfallend hervortreten, so hat man ihnen 
immerhin eingehendere Betrachtungen in einzelnen Stämmen gewidmet. 

Das Verhältniss der Metameren zu den Antimeren ist bisher unseres 
Wissens nur von dem trefflichen Broun näher zu bestimmen versucht 
worden, welcher sich iu seinen morphologischen Studien (p. 410) folgender- 
maassen über diese beiderlei wesentlichen Fonneinheiten ausspricht: „Man 
hat Homologie genannt die vollkommene Uebereinstimmung der Theile 
verschiedener Pflanzen und Thiere in ihrer relativen ursprünglichen Lage, 
anderen Theilen gegenüber, ohne alle Rücksicht auf ihre Form. So sind 
die Vorderbeine aller Wirbelthiere homolog, mögen es nun Flossen, Flügel, 
Grab-Apparate, Gehfüsse oder Arme mit Händen sein. Wir haben früher 
(1850) Theile eines und desselben Thieres homonom (gleichgesetzlich) ge- 
nannt, welche von einerlei Art oder nach einerlei Gesetz oder Plan ge- 
bildet sind, müssen aber jetzt der Deutlichkeit wegen noch genauer unter- 
scheiden. Wir nennen homo typische solche Organe, welche nach der 
Grundform des Typus oder System -Kreises, wozu sie gehören, eine ganz 
identische Stelle im Individuum einnehmen und daher auch ihrer Zahl nach 
fest bestimmt sind. Sie werden daher in ihrer Lage in Bezug zur Haupt- 
axe des Organismus so weit übereinstimmen, dass sie deu zwei Polen einer 
beliebigen Queraxe oder zweier gleicher Radien desselben entsprechen. 
Dann wird es also bei jedem höheren Thiere nur zwei homotypische Beine, 
Finger, Rippen, Zähne, und bei den Strahlthieren nur je vier, fünf, sechs 
homotypische Strahlen, Arme, Fühlergiinge, Strahleuleisten und dgl. 



IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren. 313 

geben können. Wir wählen dagegen den Ausdruck homonym (gleich- 
namig) für solche Formbestandtheile eines und des nämlichen Thieres oder 
Vegetabils, die, auch im gewöhnlichen Leben unter einerlei Namen zusam- 
menbegriffen, und nach einerlei Plane gebildet, doch immer insofern in 
der Lage von einander abweichen, als sie an einer Haupt- oder Strahlen- 
Axe hinter, oder in dem Pole einer Quer-Axe nebeneinander liegen. Zu den 
ersten gehören alle Ringel eines Kerbthieres, alle succet>siven Fuss-, Zahn- 
und Rippen- Paare eines Thieres, die successiven Paare oder alternirenden 
Individuen von Gliedern, Fiederästen, Pedicellen und Ranken am Arme 
eines Crinoiden etc. Zu den letzten gehören alle Finger und Zehen einer 
Hand und eines Fusses, dahin auch die successiv verschiedenen Cyclen 
von Strahlenleisten in einem Korallenbecher u. s. w. Die homotype Grund- 
zahl ist bei den Strahlthieren 6, 5, 4, 3, bei den höheren Thieren 2. Für 
die homonymen Organe aber giebt es keine andere Grundzahl, als das Paar 
oder die Einheit." 

Das Yerhältniss zwischen gewissen, durch ähnliche Lagerung sich ent- 
sprechenden Theilen, welches Bronn als Homonymie bezeichnet, ist auch 
von Andern nach R. Owen „Allgemeine Homologie" oder „Homologie der 
Reihe" genannt. Owen unterscheidet drei verschiedene Arten der 
Homologie: 1. Homologie der Reihe, wenn gleichartig gebildete und 
aufeinander folgende Organe oder Theile des Körpers eines und des- 
selben Thieres unter einander verglichen werden, also z. B. das Verhält- 
niss der verschiedenen hinter einander liegenden Segmente eines Glieder- 
thieres zu einander oder der verschiedenen Abschnitte der Wirbelsäule 
eines Wirbelthieres zu einander. 2. Allgemeine Homologie, wenn ein 
Theil oder eine Reihenfolge von Theilen auf den geineinsamen Gruudtypus 
bezogen wird, und deren Erscheinung einen Begriff jenes Grundtypus in sich 
birgt, auf welchen eine Thiergruppe aufgebaut ist, so z. B. das Yerhältniss 
der Schädelwirbel oder der Kreuzwirbel zum Grundtypus des Wirbels. 
3. Specielle Homologie, wenn zwei (oder mehrere) correspon- 
dirende, durch bestimmte Lage und Verhältniss zum Ganzen überein- 
stimmende Theile von zwei (oder mehreren) verschiedenen Thieren mit 
einander verglichen und auf den gleichen Grundtypus reducirt werdeu, 
z. B. der Flügel eines Vogels und die Brustflosse eines Fisciies. 

Versucht man sich die etwas dunkeln Definitionen, die Owen von sei- 
nen drei Arten der Homologie giebt, aufzuklären und durch Beispiele zu 
erläutern, so stellt sich alsbald heraus, dass die allgemeine Homologie und 
die Homologie der Reihe nicht zu unterscheiden sind, und dass die ver- 
suchte Unterscheidung beider nur darauf beruht, dass die gegenseitigen 
Beziehungen der beiden zu vergleichenden Theile in der letzteren beschränk- 
ter, weniger klar und allgemein aufgefasst sind, als in der ersteren. Die 
Homologie-der Reihe begnügt sich mit einer unvollständigen und un- 
klaren Erkenntniss, indem sie die beiden zu vergleichende Theile nur un- 
ter einander und ohne Hervorhebung des gemeinsamen Grundtypus ver- 
gleicht, während die allgemeine Homologie das gegenseitige Verhält- 
niss schärfer und mit besonderer Beziehung zum gemeinsamen Grund- 
typus vergleicht. Es bleiben mithin nur zwei verchiedene Arten der 



314 Morphologische Individualität der Organismen. 

Homologie übrig, allgemeine und specielle Homologie. Von diesen fällt 
die allgemeine Homologie zusammen mit dem, was Bronu Homonymie" 
nennt, während die specielle Homologie diejenige Beziehung zweier zu 
vergleichender Theile bezeichnet, welche die vergleichende Anatomie 
kurzweg Homologie nennt, Beide Ausdrücke sind rein morphologi- 
scher Natur und vergleichen lediglich die Form der beiden entsprechen- 
den Theile, während diejenige physiologische Art der Yergleichuug, welche 
sich auf die Function zweier correspondireuder Theile bezieht, allgemein 
Analogie genannt wird. 1 ) Die Homonymie vergleicht zwei correspon- 
dirende Theile eines und desselben TMeres, während die Homologie zwei 
entsprechende Theile von zwei verschiedenen Thieren in Vergleichung 
zieht. 

Wollen wir den viel gebrauchten, aber auch viel missbrauchten 
Begriff der Homologie fernerhin mit Vortheil anwenden, so ist es 
noth wendig, ihn bestimmt zu präcisiren und stets nur in dem zuletzt 
erwähnten Sinne (von Owens ., specieller Homologie") anzuwen- 
den, indem wir zwei oder mehrere entsprechende Theile von 
zwei oder mehreren verschiedenen Organismen in Bezug auf 
ihre gemeinsame Grundform vergleichend betrachten. Hierbei können 
wir schon im Voraus darauf hinweisen (was im sechsten Buche näher 
erläutert werden wird), dass eine solche wahre Homologie nur 
stattfinden kann zwischen zwei Theilen, welche aus der gleichen 
ursprünglichen Anlage entstanden sind und sich erst im Laufe 
der Zeit durch Differenzirung von einander entfernt haben. Dem- 
gemäss können auch nur zwei Theile homolog sein, welche zwei 
Thieren eines und desselben Stammes (oder Kreises, Phylon) 
angehören (z. B. zwei Wirbelthieren, oder zwei Gliederthieren) ; nie- 
mals kann aber eine wahre Homologie stattfinden zwischen zwei 
Theilen, welche zwei Thierformen von zwei verschiedenen Stämmen 
angehören, z. B. zwischen zwei Theilen eines Wirbelthiers und eines 
Gliederthiers, mögen dieselben auch noch so ähnlich zu sein scheinen. 

Auch den Begriff der Homonymie Bronns (der mit Owens 



') Obgleich der Unterschied der Homologie und Analogie ein so klarer 
und bestimmter ist, werden beide .Ausdrücke dennoch sehr häufig verwechselt 
und durch die Vermischuug beider Begrifi'e grosse Verwirrung angerichtet, Es 
mag daher hier nochmals scharf hervorgehoben werden, dass beide Begriffe nur 
durch das gemeinsame Tertium der Vergleichung mit einander zusammen- 
hängen, dass sie zwei verschiedene Arten der Vergleichung sind. Die 
Analogie oder die physiologische Vergleichung kann nur die ent- 
sprechende Function zweier Theile betreffen, während die Homologie oder 
die morphologische Vergleichung stets nur die correspondirende Form 
zweier Theile betreffen kann. Analog sind z. B. die Kiemen der Fische und 
die Lungen der öäugethiere, während homolog die Schwimmblasen der Fische 
und die Lungen der iSäugethiere sind. 



IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren. 315 

allgemeiner Homologie und Homologie der Reihe zusammenfällt) 
werden wir noch näher zu bestimmen und in zwei verschiedene Be- 
griffe zu zerlegen haben. In Bronn's oben mitgetheiltem Sinne be- 
zeichnet derselbe ganz allgemein die Beziehung zwischen zwei ähn- 
lichen Theilen, die, ,,nach einerlei Plan gebildet, doch immer insofern 
in der Lage von einander abweichen, als sie an einer Haupt- oder 
Strahlen-Axe hinter, oder in dem Pole einer Quer-Axe neben ein- 
ander liegen. " In dieser Definition sind schon wesentliche Differenzen 
der als „homonym" zusammengefassten Theile angedeutet. Denn es 
ist klar, dass wir nicht ohne Weiteres derartige hinter oder neben 
einander gelegene Abschnitte mit einander vergleichen können, 
gleichviel, ob sie in einer Haupt- (Längs-) Axe oder in einer Quer- 
Axe hinter einander oder neben einander liegen. Wir werden z. B. 
nicht die einzelnen Segmente des Gliederthier- Rumpfes (einer Haupt- 
axe) und diejenigen seiner Extremitäten (Seitenaxen) direct als ein- 
ander gleichwerthig betrachten dürfen. 

Um uns über diese eben so schwierigen als wichtigen, bisher aber noch 
keiner scharfen Erörterung unterzogenen Verhältnisse der Furnien-Zusammen- 
setzung zu verständigen, ist es nöthig, aus dem vierten Buche einige Be- 
stimmungen über die allgemeine Bezeichnung der wesentlichsten Axen vor- 
auszunehmen; die Begründung derselben ist dort nachzusehen. Wir unter- 
scheiden an den sogenannten bilateral-symmetrischen Thiereu (Wirbel- 
Glieder-, Weichthieren), deren Grundform wir unten als Dipleure näher 
bestimmen werden, drei auf einander senkrechte Axen, welche den drei 
Dimensionen des Raumes entsprechen. Die erste oder Längsaxe (Axis 
longitudinalis), welche gewöhnlich von vorn nach hinten geht, betrachten 
wir als die Haupt axe; ihr einer Pol ist der Mundpol (Polus oralis, 
Peristomii), ihr anderer der Gegenmundpol (Polus aboralis, Antistornii)- 
Die zweite Axe, welche vom Rücken zum Bauch geht, nennen wir Dicken- 
axe (Axis dorsoventralis); ihr einer Pol ist der Rückenpol (Polus dorsa- 
lis), ihr anderer der Bauchpol (Polus ventralis). Die dritte Axe, welche 
von Rechts nach Links geht, ist unsere Breitenaxe (Axis lateralis); ihr 
einer Pol ist der rechte, ihr anderer der linke Pol. Bei den sogenann- 
ten „Strahlthiereu" oder Radiaten, welche man auch oft als reguläre be- 
zeichnet, ebenso bei den meisten Geschlechts-Individuen (Blüthensprossen) 
der Phanerogamen sind die bezeichneten drei Axen bald zu unterscheiden 
(wenn sie zur Formgruppe der Centrepipeden gehören), bald nicht. Im 
letztern Falle (bei den vollkommen „regulären" Strahlthieren und Blüthen) 
ist bloss die Längendimension durch eine Axe bestimmt und diese Haupt- 
axe ist die Längsaxe, welche vom Mundpol zum Gegenmundpol geht (z. B. 
beim Seestern vom Mund zum After, bei der Meduse vom Mund zur 
Mitte der Glockenwölbung, bei der regulären trichterförmigen Blüthe von 
der Mündung zum Grunde (Ansatz) der Blüthe. Die anderen Axen, welche 
durch die Zahl der „Strahlen" bestimmt werden, in der Mitte dieser „Strahlen, 
abschnitte" verlaufen und sich in der Hauptaxe kreuzen, fünf bei den Echino- 



31 fi Morphologische Individualität der Organismen. 

dermen und den meisten Dicotyledoncn - Blüthen, vier bei den meisten 
Medusen und vielen Dicotvledonen , drei bei vielen Kadiolarien und den 
meisten Monocyletodonen-Blüthen) nennen wir Kreuzaxen (Stauri). 

Eine der häufigsten Erscheinungen, welche der Organismus der 
höhereu Thiere bezüglich seines Aufbaues aus untergeordueteu Theilen 
darbietet, ist die Gliederung oder Segmentirung desselben, d. h. 
die Bildung von hinter einander in einer Axe gelegenen Abschnitten, 
deren jeder im Wesentlichen dieselbe Anzahl von Organen in gleicher 
oder ähnlicher Lagerung. Zusammensetzung, Forin etc. wiederholt. 
Diese Gliederung, wie sie am ausgesprochensten bei den Wirbelfilieren, 
Gliederthieren und Echinodermen auftritt (während sie den Weich- 
thieren in sehr characteristischer Weise abgeht), kann sowohl den 
Stamm (in der Längsaxe) als die seitlicheu Anhänge des Stammes 
betreffen, welche entweder in der Breitenaxe (bei den Gliederthieren) 
oder in den Kreuzaxen (bei den Strahlthieren) hinter einander liegen. 
In beiden Fällen werden die Segmente von Bronn als homonyme 
Theile bezeichnet. Ganz denselben allgemeinen morphologischen 
Werth, wie den einzelneu Segmenten oder Zoniten des Wirbel- 
und Glieder-Thier-Rumpfes, müssen wir auch den einzelnen 
Stengelgliedern der Phauerogamen zugestehen. Auch diese sind 
Wiederholungen homonymer Theile in der Hauptaxe. Und ebenso 
tragen wir kein Bedenken, die Gliederung, die sich in Seitentheilen 
(Blattorganen) der Phauerogamen ausspricht, z. B. in den gefiederten 
Blättern, der Gliederung der Seitenanhänge (Extremitäten) bei den 
Wirbel- und Gliederthieren gleichzusetzen. 

Für die richtige Werthschätzung der Rangstufe der subordiuirten 
Formgruppen, aus denen sich der ganze Leib jener gegliederten Thiere 
und Pflanzen aufbaut, ist es aber durchaus uothwendig, diese beiden 
Fälle wohl zu unterscheiden. Wir werden daher den von Bronn 
eingeführten Namen der Homonymie auf das Verhältniss der hinter 
einander liegenden Segmente beschränken, welche durch Gliederung 
eines nicht in der Hauptaxe liegenden Seitentheils entstehen, welcher 
also einer Breitenaxe oder Kreuzaxe entspricht; während wir dagegen 
die wechselseitige Beziehung derjenigen Segmente, welche durch 
Gliederung des Rumpfes selbst in der Hauptaxe (Längsaxe) entstehen, 
als Homodynamie zu bezeichnen vorschlagen. Ferner werden wil- 
der Kürze und Bequemlichkeit halber die Segmente der Haupt - 
axen oder die homodynamen Theile Metameren, die Seg- 
mente der Kreuzaxen (oder Breitenaxen) oder die homo- 
nymen Theile Epimereu nennen. 

Homonyme Organe in unserem Sinne oder Epimeren sind 
also z. B. die Extremitäten - Abschnitte (z. B. Oberarm, Vorderarm, 
Carpus, Metacarpus, Phalangen der vorderen Extremität) der Wirbel- 



IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren. 317 

thiere, ferner die sogenannten Glieder oder Segmente der Extremitäten 
(z. B. coxa, trochanter, femur, tibia, tarsus) der Gliederthiere, ferner 
die einzelnen Abschnitte der Armzweige (Pinnulae etc.) bei den Cri- 
noiden, die einzelnen Nesselringe an den Tentakeln der Medusen u. s. w. 
Im Pflanzenreiche haben wir dem entsprechend als Epimeren oder 
homonyme Theile alle ähnlichen Gliederbildungen an den Blättern zu 
betrachten, z. B. die Fiederu der gefiederten Blätter etc. 

Homo dy na nie Organe oder Metameren sind dagegen: bei 
den Wirbelthieren die einzelnen Abschnitte des Rumpfes, deren jeder 
einem Urwirbel, und am ausgebildeten Thiere einem Wirbel nebst zu- 
gehörigen Organen entspricht (einem Rippenpaar, einem Gauglienpaar 
des Sympathicus, einem Paar austretender Intercostal-Nerven und Ge- 
fässe etc. ; bei den Gliederthieren ebenso die hinter einander liegen- 
den Segmente oder Glieder des Rumpfes, die bei den Gliederfüsseru 
schon weit differenzirt (heteronom ), bei den Würmern dagegen noch 
sehr gleichartig (homonom) sind, so dass in jedem Stücke dieselben 
Organe sich wiederholen. Ebenso stark entwickelt wie bei den Wirbel- 
und Glieder-Thieren ist die Homodynamie oder Metameren-Bilduug 
auch bei den Echinodermen; hier haben wir als Metameren zu be- 
trachten: bei den Echinideu die hinter einander liegenden Platten- 
paare jedes Ambulacrums, nebst entsprechendem Segmente des Anibu- 
lacralsystems, Nervensystems etc., bei den Ästenden die sogenannten 
Winkelstücke oder Pseudovertebrae der Arme, ') bei den Crinoiden die 
Stengelglieder des Stiels etc. Vollkommen diesen entsprechende Me- 
tameren sind im Pflanzenreiche die Stengelglieder der Phanerogamen. 
Die Metameren sind also subordiuirte Theile (Glieder) eines Forai- 
Individuuins fünfter, die Epimeren dagegen erster, zweiter oder drit- 
ter Ordnung. 

Die Metameren oder homodynamen Körperabschnitte haben als 
Gliederungen der Hauptaxe (Längsaxe) natürlich einen weit höheren 
morphologischen Werth als die Epimeren, welche nur als Gliederungen 
der Nebenaxen (Breitenaxe oder Kreuzaxen) auftreten. Auch werden 
wir unten sehen, dass die letzteren im Thierreiche niemals oder nur 
sehr selten der physiologischen Iudividualisation fähig sind, welche 
die ersteren sehr leicht und häufig erlangen. Die Metameren sind bei 
den niederen Formen des Thierstammes, in welchem sie auftreten, 
lediglich Multiplicationen der speeifischen Form der betreffenden Art, 
Wiederholungen, welche ursprünglich so unabhängig sind, dass sie 

') Auf den ersten Blick könnte man mehr geneigt sein, diese Theile der 
Echinodermen als Epimeren, als homonyme Theile zu betrachten. Indessen lehrt 
eine tiefere Erfassung der schwierigen Echiuodermen-Homologien, dass wir die- 
selben mit grösserem Rechte als Metameren oder homonyme Theile auffassen. 
Vergl. hierüber das VI. Buch. 



318 Morphologische Individualität der Organismen. 

sehr leicht sich von einander abtrennen und dass alsdann jedes ein- 
zelne Metamer jene Species-Form mehr oder weniger vollständig re- 
präsentirt. Die Epimeren dagegen vermögen niemals in ähnlicher 
Weise die Species-Form zu vertreten, da sie eben nicht Wiederholungen 
des ganzen Organismus, sondern nur Multiplicationen von einzelnen 
seitlichen Theileu desselben, von Organen verschiedener Ordnung sind. 
Die Epimeren verhalten sich zu den Metameren ganz analog, wie die 
Parameren zu den Antimeren. 

Die sogenannte Gliederung oder homodyname Zusammensetzung 
des ganzen Organismus (dessen physiologische Individualität in Form 
der Person auftritt), wie sie bei den Wirbelthieren, den meisten 
Gliederthieren, Echinodermen und den meisten Phanerogamen statt- 
findet, bekundet einen bedeutenden Fortschritt in der Organisation 
und wir können daher allgemein diese Organismen als höher und 
vollkommener bezeichnen, im Vergleich zu jenen, bei denen die Meta- 
meren-Bildung fehlt, und bei denen mithin das physiologische Indivi- 
duum selbst nur den Werth eines Metameres erreicht, wie bei den 
niederen Würmern, den Mollusken etc. Besonders lehrreich für die 
richtige Auffassung der Homodynamie oder der Metameren-Bildung ist 
die allmählige Uebergangsreihe von ungegliederten zu gegliederten 
Formen, wie sie uns die niederen Würmer (besonders Cestoden) zeigen; 
hier zeigt sich auf das Klarste, wie dieselben Theile (Metameren), 
die in den niederen Formen als physiologische Individuen auftreten, 
in den höheren Formen nur den Rang von homodynamen Theileu 
haben. (Vergl. den IV. Abschnitt des zehnten Capitels). 



V Morphologische Individuen fünfter Ordnung: 
Personen oder Prosopen. 

(Sprosse oder Blasti.) 

Wir gelangen nunmehr im aufsteigenden Stufengange unserer Be- 
trachtung zu derjenigen höheren organischen Formeinheit, welche so- 
wohl der gewöhnliche Sprachgebrauch der Laien, als auch die in der 
Zoologie (nicht aber in der Botanik!) allgemein herrschende An- 
schauungsweise als das Individuum xav i£oxi}v oder als das „eigent- 
liche" Individuum aufzufassen pflegt. Obwohl eine unbefangene und 
tiefer eingehende Betrachtung der organischen Individualität zeigt, 
dass auch diese „eigentlichen" oder absoluten Individuen in der That 
nur relative sind, und auf keine andere individuelle Geltung Anspruch 
machen können, als sie auch dem Metamer und allen anderen, vorher 
aufgeführten Individuen niederen Ranges zukommt, und obwohl diese 
„eigentlichen" Individuen bei den meisten höhereu Pflanzen und 



V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 319 

Coelenteraten nur als subordinirte Bestandtheile einer noch höher 
stehenden Einheit, des Stockes erscheinen, so ist dennoch, ausgehend 
von der Individualität des Menschen und der höheren Thiere, die irr- 
thümliche Autfassung der morphologischen Individuen fünfter Ordnung 
als der „eigentlichen" organischen Individuen eine so allgemeine ge- 
worden, und hat sich so fest in dem wissenschaftlichen sowohl als im 
Volks -Bewusstsein eingenistet, dass wir sie als die Hauptquelle der 
zahlreichen verschiedenartigen Autfassungen und Streitigkeiten, die in 
Betreff der organischen Individualität herrschen, bezeichnen müssen. 

Um diese „eigentliche" Individualität, welche sich durch be- 
stimmte morphologische Eigenschaften mit voller Sicherheit als ein 
„morphologisches Individuum fünfter Ordnung" scharf characterisiren 
lässt, ein für allemal von allen anderen organischen Individualitäts- 
Formen zu unterscheiden, wollen wir für dieselbe beständig die Bei- 
zeichnung der Person oder des Pros opon 1 ) beibehalten. Mit diesem 
Ausdrucke lehnen wir uns unmittelbar an den bestehenden Sprachge- 
brauch an, welcher ja insbesondere das menschliche Individuum sehr 
allgemein als „Person" bezeichnet. Die Botaniker gebrauchen zur Be- 
zeichnung derselben morphologischen Individualität fünfter Ordnung 
den Ausdruck Spross oder Blastus, welcher sehr häutig irrthümlich 
durch den keineswegs gleichbedeutenden Ausdruck der Knospe (Gerama) 
ersetzt wird. Wir machen daher ausdrücklich darauf aufmerksam, 
dass im Sinne der besten Botaniker, und namentlich im Sinne der- 
jenigen, welche die Individualität der Sprosse am eingehendsten und 
klarsten behandelt haben, wie Alexander Braun, der Ausdruck 
Spross oder Blastus ausschliesslich in dem hier beibehaltenen Sinne 
für das morphologische Pflanzen- Individuum fünfter Ordnung ge- 
braucht wird. Der Ausdruck Knospe oder Gemma, welcher so oft 
damit verwechselt wird, ist dagegen, wenn er einen scharf bestimmten 
Begriff bezeichnen soll, nur für diejenige rein physiologische In- 
dividualität irgend einer Ordnung anzuwenden, welche durch den be- 
stimmten ungeschlechtlichen Fortpflanzungs- Modus der Knospenbil- 
dung (Gemmatio) entsteht. Wie wir im siebzehnten Capitel noch 
näher ausführen werden, ist dieser wichtige Spaltungs-Process durch 
Gemmation bei organischen Individuen aller Ordnungen weit ver- 
breitet, und es entstehen nicht bloss viele Sprosse durch Knospung, 
sondern auch viele Zellen, Organe, Metamereu und Stöcke. Knospe 
oder Gemma bedeutet also in diesem correcten und fortan stets fest- 
zuhaltenden Sinne ausschliesslich ein durch Knospenbilduug erzeugtes 
Individuum irgend einer Ordnung. Spross oder Blastus dagegen 
nennen wir mit Alexander Braun u. A. ausschliesslich das echte 



l ) tiqöswtiov, to; Persona. ßlc<ar6i, 6; der Spross. 



320 Morphologische Individualität der Organismen. 

morphologische Individuum fünfter Ordnung. Der pflanzliche 
Spross, Blastos, ist also mit der thierischeu Person, dem Prosopon, 
identisch und es könnte demnach die erstere Bezeichnung überflüssig 
erscheinen. Man kann sie aber mit Vortheil beibehalten für diejenigen 
Personen, welche nicht frei als Bionten leben, sondern als unterge- 
ordnete Bestandteile der höheren Einheit, des Stockes (Cormus) auf- 
treten. Wir werden also fernerhin die morphologischen Individuen 
fünfter Ordnung nur dann als Sprosse (Blasti) bezeichnen, wenn sie 
iutegrirende Bestandteile eines Individuums sechster Ordnung (Cormus) 
sind, wie bei den meisten Phanerogamen und Coelenteraten; dagegen 
als Personen (Prosopa), wenn sie frei als selbstständige Bionten exi- 
stiren, wie bei den Wirbelthieren , Arthropoden, und bei der soge- 
nannten „einfachen Pflanze" d. 1k einer Phanerogamen mit ganz ein- 
facher gegliederter Axe, ohne alle Nebenaxen (Zweige, Ausläufer etc.). 

Wenn wir nun in diesem Sinne die Bezeichnung der Person und 
des Sprosses fest beibehalten, so lässt sich deren Begriff als morpho- 
logisches Individuum fünfter Ordnung vollkommen scharf und bestimmt 
feststellen. Es besteht nämlich das echte Prosopon und der echte 
Blastos in allen Fällen aus einer Vielheit von untergeordneten 
Individuen der ersten bis vierten Ordnung. Jedes einzelne 
morphologische Individuuni fünfter Ordnung ist also zusammengesetzt 
aus mindestens zwei Metameren, mindestens zwei Antimeren und ebenso 
stets aus einer Vielheit von Organen und einer Vielheit von Piastiden. 
Eine jede physiologische Individualität, welche diesem Begriffe nicht 
entspricht, wie z. B. die meisten Mollusken, welche nicht aus Meta- 
meren zusammengesetzt, sondern selbst ein Metamer sind, können wir 
nicht als Person anerkennen. 

Die Person oder das Prosopon in diesem Sinne ist das morpho- 
logische Substrat der physiologischen Individualität bei allen Verte- 
braten und Arthropoden, allen „gegliederten Thieren k - überhaupt (also 
auch den gegliederten Würmern (Anneliden, Cestodenj. Als Spross 
setzt dieselbe die Stöcke der meisten Coelenteraten und Phanerogamen 
und der höheren Cryptogamen zusammen. 

Da das richtige Verständnis dieser wesentlichen Zusammensetzung 
des Sprosses aus Vielheiten von Individuen aller vier subordinirten Ord- 
nungen von sehr grosser Bedeutung ist, wollen wir dasselbe an einigen 
Beispielen erläutern. Nehmen wir zunächst das Wirbelthier heraus, und 
als concreten Typus das am besten bekannte Wirbelthier, den Menschen 
selbst. Der meuschliche Körper besteht zunächst aus zwei Antimeren, einer 
rechten und linken Hälfte ; er lässt sich ferner zerlegen in eine Anzahl 
hinter einander gelegener homodynamer Abschnitte oder Metameren, die Reihe 
der einzelnen VVirbelsegmente, mit deren jedem sich zugleich ein Nerven- 
paar, ein Gelässpaar, ein gewisser Muskel- und Knochen- Apparat in der 



V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 321 

ganzen Ausdehnung der Längsaxe (der Wirbelsäule) wiederholt. Jedes 
Metamer und jedes Antiraer ist wieder zusammengesetzt aus einem Organ- 
complexe verschiedener Ordnungen. Die höchsten Organcomplexe , die 
Apparate, lassen sich zerlegen in Theile von Organsystemen, diese wie- 
derum in heteroplastische Organe, welche ihrerseits theils aus homoplasti- 
schen Organen, theils aus Zellfusionen zusammengesetzt sind. In letzter In- 
stanz zeigen sich endlich alle Organe, gleich den letzteren, aus einfachen 
Zellen aufgebaut. Wir können also das Individuum des ganzen mensch- 
lichen Körpers, dessen morphologische und physiologische, vollkommen abge- 
schlossene und begrenzte Einheit unbestritten ist, nachweisen als eine höchst 
verwickelte Summe von morphologischen Individuen erster, zweiter, dritter 
und vierter Ordnung, welche auf die kunstvollste Weise zu einem harmoni- 
schen Ganzen, eines Form-Individuum fünfter Ordnung, verbunden sind. 

Wesentlich dieselbe Architectonik wie die Wirbelthiere, zeigen uns die 
Articulaten, bei denen nur die Zusammensetzung der Person aus den 
Metameren wegen ihrer äusserlichen Gliederung schon auf den ersten Blick 
viel auffallender erscheint als bei den innerlich gegliederten Vertebraten. 
Nur auf den niedersten Stufen des Articulaten-Kreises , bei den Infusorien 
und den nächstverwandten Turbellarien, Trematoden und solitären Cestoden 
(Caryophyllaeus), bei den Nematoden, Gephyreen und bei einigen an- 
deren, nicht gegliederten Wurmgruppen erhebt sich das Bion nur zum 
vierten morphologischen Individualitäts - Range, zum Metamer. Bei den 
übrigen Würmern, sowie bei allen Arthropoden tritt eine Vielheit von 
solchen Metameren zur Bildung der Person zusammen. Der bald dipleure, 
bald tetrapleure Körper besteht Her allgemein aus zwei oder vier Anti- 
meren, und einer Kette hinter einander gelegener Metameren, deren jedes 
einen verwickelt gebauten Complex von Organen darstellt, die ihrerseits 
wieder aus einem Vielheit von Piastiden zusammengesetzt sind. 

Dieselbe tectologische Composition finden wir bei allen Echinodermen 
wieder, wo jedes Antimer (deren gewöhnlich fünf sind) deutlich aus einer 
Kette hinter einander gelegenen Metameren zusammengesetzt ist. Diese 
Zusammensetzung ist bei den Holothurien oft nur innerlich (wie bei den 
Vertebraten), dagegen bei den Echiniden, Ästenden und Crinoiden inner- 
lich und äusserlich scharf ausgesprochen. 

Weniger leicht ist die Gliederung der Personen bei den meisten C o e- 
lente raten zu erkennen, insbesondere bei vielen Anthozoen und Hydroid- 
polypen. Bei den Anthozoen, die gewöhnlich nicht für gegliedert gelten, 
wird die Zusammensetzung der Metameren theils durch äussere ringförmige 
Einkerbung (viele Actinien) , theils durch äussere und innere scharfe Glie- 
derung (z. B. sehr deutlich bei den Isidinen), theils durch Bildung hori- 
zontaler (auf der Längsaxe des Körpers senkrechter) Scheidewände (Disse- 
pimenta) angedeutet. Die letzteren sind bald vollständig durchgehende 
Platten, welche die Person deutlich in eine Anzahl über (oder hinter) ein- 
ander gelegener Metameren (Kammern, Stockwerke) scheiden (Tabulae, 
Planchers, Böden), bald unregelmässigere und theilweis unterbrochene Septa, 
welche innerhalb oder ausserhalb des „Kelches" (der Person) die Gliede- 
rung andeuten (Dissepimenta endothecalia und exutheealia). Bei den Stöcken 

Haeckel, Generelle [Morphologie. 21 



D99 Morphologische Individualität der Organismen. 

der Hydroidpolypen sind die Grenzen der Metameren meistens an den 
Ringelungen oder Gliederungen der Hauptsprossen und Seitensprossen 
(Personen) zu erkennen, welche die Stöcke zusammensetzen, bei den mei- 
sten Siphonophoren an der regelmässigen Wiederholung der Metameren 
(„Individuen") an den primären und secundären Sprossen der Stöcke. 

Durch die Coelenteraten, und insbesondere die Hydromedusen, werden 
wir unmittelbar zu den Pflanzen hinübergeführt, unter denen uns die 
Phanerogamen und höheren Cryptogamen wesentlich dieselbe tectologische 
Zusammensetzung erkennen lassen. Diejenige Individualität, welche wir 
bei den Coelenteraten -Stöcken mit Recht als „Einzelthier" betrachten und 
der Person der Articulaten und Yertebrateu an die Seite stellen, wird hier 
bei den höheren Pflanzen durch den Spross oder Blastus vertreten, d. h. 
durch diejenigen Theile des Pflanzenstockes, welche als eigene „Axen" 
oder „Seitenaxen, u als selbstständige, aus einem Axenorgau (Stengel) und 
Blättern (Blattorganen) zusammengesetzten Theile, von der „Hauptaxe" 
der ursprünglichen Einzelpflanze seitlich abgehen. Mit seltenen Ausnahmen 
(Viscum) ist jeder dieser seitlichen Sprosse ebenso aus einer Anzahl von 
hinter einander gelegenen Metameren (Stengelgliedern, Internodia) zusam- 
mengesetzt, wie bei den meisten Coelenteraten und Articulaten und bei allen 
Vertebraten. Auch die verschiedene Art und Weise, in welcher diese ge- 
gliederten Sprosse zu der höheren Individualität des Stockes zusammenge- 
setzt sind, erscheint bei den Phanerogamen durchaus aualug, wie bei den 
Coelenteraten, bei den Anthozoen und Hydromedusen. 

In der That ist es überraschend, dieselbe wesentliche Zusammensetzung 
der Person in der ganzen Organismen -Welt, vom Moose bis zum Baume, 
vom Bandwurm bis zum Menschen überall wieder zu finden. Stets ist das 
morphologische Individuum fünfter Ordnung, welches eine so grosse physio- 
logische Rolle spielt, aus einer Vielheit vou Metameren und Antimereu zu- 
sammengesetzt, deren jedes wieder aus einem Organ-Complex besteht. Nie- 
mand hat vielleicht dieser grossen Wahrheit sich mehr genähert als Goethe, 
dessen klarer Blick das innere Wesen der „organischen Naturen" ohne 
Mikroskop richtiger erkannte, als das mit dem Mikroskop bewaffnete Auge 
der gedankenlosen Naturforscher von Fach, »j 



') Ausser der p. 240 angeführten Stelle, in welcher Goethe die fundamen- 
talen Gesetze der Aggregation und Differenzirung (Arbeitstheiluiig) lange vor 
Broun und Mi Ine Edwards ausspricht, und einzelneu audereu fcstelleu iu der 
„Metamorphose der Pflanze" ist besonders nachfolgender, von Eckerm ann (Ge- 
spräche mit Göthe, 1837, Vol. II , p. 65) verzeichneter Ausspruch Gothe's 
sehr merkwürdig: „Grosse Geheimnisse liegen noch verborgen, manches weiss 
ich, von vielem habe ich eine Ahnung. Etwas will ich Ihnen vertrauen und mich 
wunderlich dabei ausdrücken. Die Pflanze geht von Knoteu zu Knoten, uud 
schliesst zuletzt ab mit der Blüthe und dem Sameu. Iu der Thierwelt ist es 
nicht anders. Die Raupe, der Bandwurm geht vonKuoteu zu Knoteu und bildet 
zuletzt eineu Kopf; bei den höher steheudeu Thieren und Meuscheu siud es die 
Wirbelknochen, die sich aufügen und anfügen, und mit dem Kopfe abschliessen, 
iu welchem sich die Kräfte conceutrireu. Was so bei Einzelnen geschieht, ge- 



V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 323 

In allen angeführten Fällen, also bei der grossen Mehrzahl aller 
Thiere und Pflanzen, und insbesondere bei fast allen vollkommeneren 
Formen beider Reiche, sehen wir die Person oder den Spross durch 
seine Gliederung- oder Articulation characterisirt, d. h. dadurch, dass 
eine Anzahl homodynamer Theile (Metameren) in der Hauptaxe (Längs- 
axe) des aus Antimeren zusammengesetzten Körpers hinter einander 
liegen. Gewöhnlich kömmt diese Gliederung dadurch zu Stande, dass 
ein ursprünglich einfaches Metamer eine Kette von Terminalknospen 
treibt, welche durch unvollständige Scheidewände (Knoten, Nodi) ge- 
trennt werden und vereinigt bleiben. Wir können also diese ganz 
characteristische, typische Form der Person, welche bei den meisten 
höheren Thieren als Bion, bei den meisten Coelenteraten und Pflanzen 
als Theil des Stockes erscheint, definiren als eine Kette von hinter 
einander gelegenen Metameren, durch Terminalknospung entstanden. 
(Vergl. das siebzehnte Capitel). 

Nun existiren aber ausser diesen Metameren -Complexen, welche 
alle in ihrer gegliederten Kettenform übereinstimmen, noch andere Me- 
tameren-Colonieen, welche sich wesentlich durch den gänzlichen Mangel 
der Terminalknospung von den ersteren unterscheiden und dadurch 
ein so verschiedenes Ansehen erhalten, dass man dieselben allgemein 
mit den Form-Individuen sechster Ordnung, den echten Stöcken oder 
Cormen vereinigt hat. Es gehören hierher alle jene stockähnlichen 
Synusieeu oder Colonieen, welche nicht aus gegliederten Personen, 
sondern aus ungegliederten Metameren zusammengesetzt sind. Dies 
ist der Fall nur bei sehr wenigen Pflanzen, z. B. bei Viscum, dagegen bei 
sehr zahlreichen Thieren, nämlich den meisten stockbildenden Mollusken. 
Gleich den echten Stöcken oder Cormen, mit denen sie allgemein (aber 
nicht mit Recht!) zusammengestellt werden, entstehen diese Pseudo-Cor- 
men, welche insbesondere bei den Tunicaten und Bryozoen eine so man- 
nichfaltige Entwickelung erreichen, durch lateraleKnospenbildung. 
Die Knospen sind aber keine echten Sprosse, gleich den gegliederten 
Sprossen oder Blasten der meisten Pflanzen und Coelenteraten, son- 
dern einfache ungegliederte Metameren, über deren morphologische 
Aequivalenz mit den frei lebenden „Einzelthieren " der höheren Mollus- 
ken kein Zweifel bestehen kann. Gleich diesen sind sie aus zwei 
Antimeren und aus vielen Organen und Piastiden zusammengesetzt, 



schiebt auch bei ganzen Corporationen. Die Bienen, auch eine Reihe von Ein- 
zelheiten, die sich an einander schliessen, bringen als Gesammtheit etwas her- 
vor, das auch den Schluss macht und als Kopf des Ganzen anzusehen ist, die 
Bienenkönigin. Wie dieses geschieht, ist geheimnissvoll, schwer auszusprechen; 
aber ich könnte sagen, dass ich darüber meine Gedanken habe. So bringt ein 
Volk seine Helden hervor, die gleich Halbgöttern zu Schutz und Heil an der 
Spitze stehen." 

21* 



324 Morphologische Individualität der Organismen. 

ohne dass eine Reihe homodynamer Theile in ihrer Längsaxe auf ein- 
ander folgt, können also nur als einfache Metameren, als Form -In- 
dividuen vierter Ordnung- aufgefasst werden. 

Da nun der morphologische Character der Persou wesentlich in 
ihrer Zusammensetzung- aus Metameren lieg-t, da jede einzelne Person 
eine Vielheit von eng- verbundenen Folgestücken ist, so werden wir 
diese sogenannten ^Mollusken-Stöcke'" der Tunicaten und Bryozoen, 
sowie die aequivalenten Pseudo-Cormen von Viscum und anderen „ein- 
fachen Pflanzenstöcken ohne Stengelglieder" nicht als echte Stöcke oder 
Cormen betrachten dürfen, sondern als einfache Personen. Die Richtig- 
keit dieser Auflassung, welche vielleicht Manchem paradox erscheinen 
könnte, wird durch den Vergleich mit den ähnlichen Coelenteraten- 
Colonieen vollkommen bestätigt, besonders aber durch die unbefangene 
Betrachtung derjenigen Mollusken -Stöcke, welche nicht durch die ge- 
wöhnliche Form der äusseren Lateral-Kuospenbildung entstehen, son- 
dern durch eine davon verschiedene Spaltungs-Art, theils durch eine 
innere Knospung, welche sich der terminalen Knospenbildung nähert 
(Salpen) theils durch Strahltheilung oder Diradiation (Ascidiae com- 
positae, Botryllida). Bei den Salpen (ausgenommen Salpella pinnata 
etc.), bei welchen die an dem Knospenstock (Blastorganon) innerlich 
stattfindende Gemination mehr oder weniger sich der terminalen 
nähert, entstehen Ketten, welche den niedersten Metameren -Ketten bei 
den Würmern (Cestoden) sehr ähnlich sind und gleich diesen deut- 
lich eine einzige Person darstellen. Noch merkwürdiger aber sind 
die echten Personen derjenigen Tunicaten, bei welchen die Metameren 
(hier ebenfalls unrichtig ,.Einzelthiere u genannt) sich fast nach Art 
der Antimeren strahlig um ein gemeinsames Centralorgan (Kloake) 
zusammenstellen. Dies ist bei den Botrylliden oder zusammengesetz- 
ten Ascidien der Fall, an welche sich Salpella pinnata unmittelbar 
anschliesst. Ein solches sogenanntes „System" von Einzelthieren ist 
offenbar nur eine einzige Person, und es wird dies dadurch noch be- 
stimmter bewiesen, dass dieselben meistens noch zur Bildung echter 
Stöcke (Cormen) zusammentreten. Aber auch die verzweigten Perso- 
nen der Bryozoen unterscheiden sich demnach nur dadurch von den 
vorher aufgeführten Personen der meisten Pflanzen und höheren Thiere, 
dass die Metameren-Colonie im letzteren Falle durch terminale, im 
ersteren durch laterale Knospenbildung aus einem einfachen Metamere 
entsteht. Daher werden die Metameren -Synusieen hier nicht zu ge- 
gliederten Ketten, sondern zu verzweigten Büschen, ähnlich den echten 
Büschen oder Frutices der Phanerogamen, wie man die von unten 
auf verästelten Cormen mit rudimentärem Hauptstamme zu nennen 
pflegt. Immerhin ist der äussere Forniunterschied dieser Metameren- 
Büsche von den Mctamercn-Kotten so bedeutend, dass es nicht über 






V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 325 

flüssig erscheint, dieselben als zwei verschiedene Arten von Form-In- 
dividuen fünften Hanges neben einander zu stellen; die letzteren kann 
man Prosopa catenata, die ersteren Prosopa fruticosa nennen. 

Wollte man die bisherige Auffassung der Tunicaten- und Bryozoen- 
Stöcke und der analogen gliederlosen Pflanzenstöcke (Viscum etc.) als 
echte Stöcke oder Cormen beibehalten, so würde dadurch sowohl der 
festbestimmte morphologische Character der Person als einer Vielheit 
von verbundenen Metameren, als auch der festbestimmte morphologische 
Character des Cormus als einer Vielheit von verbundenen Personen 
vernichtet werden, und wir würden uns ganz ausser Stande sehen, 
denselben durch irgend eine andere, klare und bestimmte Definition 
zu ersetzen. Es ist allerdings richtig, dass die sogenannten Stöcke 
der Mollusken, von Viscum etc., äusserlich den echten Stöcken der 
meisten Phanerogamen und der meisten Coelenteraten weit mehr 
gleichen, als den einfachen Sprossen derselben und den Personen der 
Articulaten und Vertebraten. Allein diese äussere Aehnlichkeit ist 
lediglich durch die gleiche Entstehungsweise, durch die laterale 
Knospung bedingt, und muss zurücktreten hinter der viel wichtigeren 
morphologischen Aequivalenz aller Personen als Complexen von Meta- 
meren. In den Ketten-Personen ist in der Regel der Zusammenhang 
der einzelnen Metameren (Zoniten, Internodien) ein viel innigerer als 
in den Busch-Personen, wo die einzelnen Metameren weit selbstständiger 
erscheinen. Allein bei den niederen Würmern und insbesondere bei 
den Cestoden wird auch die physiologische Selbstständigkeit der In- 
ternodien so gross, dass man dieselben desshalb irrig als Einzelthier, 
äquivalent eine Person, aufgefasst hat. Dieser Umstand zeigt deutlich 
wie allein schon die grössere physiologische Selbstständigkeit eines 
organischen Individuums dazu verleiten kann, demselben einen höhe- 
ren morphologischen Rang zuzuschreiben, als dasselbe wirklich besitzt. 

Wir können demnach allgemein zwei verschiedene Formen der 
morphologischen Individualität fünfter Ordnung unterscheiden: 

I. Ketten - Personen (Prosopa catenata), entstanden 
durch terminale Knospenbildung der Metameren: „Eigent- 
liche Individuen" oder Personen der Wirbelthiere , der meisten Glie- 
derthiere {aller Arthropoden, Anneliden und vieler niederer Würmer, 
Bandwurmketten etc.), aller Echinodermen und der meisten Coelen- 
teraten; gegliederte (aus Internodien zusammengesetzte) Sprosse der 
Pflanzen (der meisten Phanerogamen und höheren Cryptogamen). 

II. Busch - Personen (Prosopa fruticosa), entstanden 
durch laterale Knospenbildung der Metameren: Sogenannte 
Stöcke (Pseudo-Cormen) der Mollusken (Tunicaten, Bryozoen), vieler 
Coelenteraten (ohne Rumpfgliederung) und einzelner Phanerogamen 
(ohne Stengelgliederung) Viscum etc., sowie vieler Cryptogamen. 



326 Morphologische Individualität der Organismen. 

VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: 

Stöcke oder Cormen. 

Den höchsten Grad morphologischer Vollendung in der Zusam- 
mensetzung aus verschiedenen Individualitäten finden wir bei den- 
jenigen Organismen, bei welchen eine Vielheit von Personen oder 
Sprossen sich zu der höheren Einheit des Stockes oder Cornius ver- 
bindet. Es ist dies die sechste und letzte Stufe, welche der Organis- 
mus in seiner fortschreitenden Structur-Verwickelung erreicht. 

Unter Stock oderCormus verstehen wir ausschliesslich 
diejenige organische Formeinheit, welche aus einer Viel- 
heit von Personen oder Form-Individuen fünfter Ordnung 
zusammengesetzt ist. In dieser ihrer Eigenschaft als unterge- 
ordnete Bestandtheile eines Stockes bezeichnen wir die Personen mit 
dem Namen der Sprosse oder Blastem Wir schliessen also aus dem 
morphologischen Begriffe des Cormus alle diejenigen stockähnlichen 
Bildungen aus, welche sowohl in der Botanit: als in der Zoologie 
sehr oft als Stöcke bezeichnet werden, ohne wirkliche Cormen zu 
sein. Als solche Pseudo-Cormen haben wir im vorigen Abschnitt die 
sogenannten Stöcke der meisten Tunicaten und Bryozocn kennen ge- 
lernt, welche bloss den Rang der Personen besitzen, Solche falsche 
Stöcke sind ferner die sogenannten Stöcke vieler niederer Pflanzen und 
Protisten, bei welchen die Componenten des stockähnlichen Gebildes 
nicht Individuen fünfter, sondern erster Ordnung sind, einfache Cytoden 
oder Zellen (z. B. die Stöcke der Diatomeen, Volvocinen und vieler 
Thallophyten, besonders Algen). Alle diese Scheinstöcke oder 
Pseudocormen stimmen nur darin mit den echten Stöcken oder 
Cormen überein, dass sie (meistens ziemlich lockere) Verbindungen 
von Individuen einer subordinirten Ordnung darstellen, niemals aber 
von echten Individuen fünfter Ordnung. Es ist also lediglich die Zu- 
sammensetzung aus untergeordneten Individualitäten, meistens noch 
verstärkt durch eine äussere Aehnlichkeit, welche zu der allgemeinen 
Verwechselung der echten mit den Scheinstöcken geführt hat. Be- 
sonders die Art der äusseren Spaltung, nämlich die laterale Knospen- 
bildung, welche Beiden gemeinsam ist, scheint jenen Mangel einer 
sehr wichtigen Unterscheidung bewirkt zu haben. ' Bei vielen Schein- 
stöcken von Diatomeen, Flagellaten, Algen und Nematophyten sind 
es einzelne Piastiden, bei den vorher besprochenen Scheinstöcken von 
Viscum, von den Bryozoen und Tunicaten sind es einzelne Metameren, 
welche durch fortgesetzte lat rale Knospenbildung ganz ähnliche 
verzweigte Bildungen produciren, wie die stockbildenden Personen. 
Es ist aber für die allgemeine Morphologie von der grössten Wichtig- 
keit, den wesentlichen Unterschied zwischen diesen echten Stöcken 



VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke. 327 

sechster Ordnung 1 und jenen falschen Scheinstöcken fünfter Ordnung 
(Personen) oder zweiter Ordnung (Organen) zu erkennen. Der Aus- 
druck Colonie oder Gemeinde (Synusie) lässt sich auf alle 
diese stockartigen Verbindungen gemeinsam anwenden und bedeutet 
nichts als die Vereinigung einer Vielheit von Individuen niederer Ord- 
nung zu einer morphologischen Einheit höherer Ordnung. Der echte 
Stock oder Cormus aber ist eine ganz bestimmte Art dieser Colo- 
nieen, nämlich nur diejenige, höchste und vollkommenste Art, welche 
aus Individuen fünfter Ordnung oder Personen zusammengesetzt ist. 

Da der Cormus die höchste und letzte von allen sechs Indivi- 
dualitäts-Ordnungen ist, so kann er niemals als integrirender Bestand- 
teil einer höheren Ordnung auftreten, wie alle fünf untergeordneten 
Individualitäten und es fällt daher in gewissem Sinne stets die mor- 
phologische und physiologische Individualität in ihm zusammen. Da 
der morphologische Character der Person oder des Sprosses, wie wir 
vorher sahen , ein ganz bestimmter ist, so muss auch gleicherweise 
derjenige des Stockes, welcher stets eine Vielheit von Sprossen ist, 
vollkommen fest bestimmt sein. Jeder Stock besteht demnach nicht 
allein aus einer Mehrheit von Personen, sondern auch natürlich 
aus einer Mehrheit von Metameren, Antimeren, Organen und Pla- 
stiden, weil ja jeder einzelne Spross allein schon eine Vielheit von 
diesen vier untergeordneten Individualitäten repräsentirt. 

Die echten Stöcke oder Cormen erreichen ihre höchste Entwicke- 
lung und weiteste Verbreitung im Pflanzenreiche, wo die allermei- 
sten Phanerogamen und höheren Cryptogamen sich zu festsitzenden 
Stöcken entwickeln. Nur sehr wenige Phanerogamen bleiben auf 
einer niedrigeren Stufe der Individualität stehen, wie z. B. Viscum 
(als Busch - Person) und die „einfachen" (nicht verästelten) Pflanzen 
(als Ketten-Personen) auf der Stufe der Person. Ausnahmsweise kom- 
men solche ganz einlache Personen (astlose Hauptsprosse mit einer 
einzigen einfachen Blüthe) auch bei solchen Species vor, die gewöhn- 
lich einen verzweigten Stock bilden, z. B. Radiola millegrana, Ery- 
thraea pulchella, Saxifraga tridactylites. Constant auf der Stufe des 
Metameres (oder selbst des Antimeres?) bleibt das actuelle Bion bei 
Lemna stehen. 

Im Protistenreiche scheinen echte Stockbildungen im Ganzen 
sehr selten zu sein. Es lassen sich, wie oben bemerkt wurde, nur die 
Colonieen der Kadiolarien (Polycyttarien) und der Spongien mit vielen 
Osculis (Clathria, Halichondria etc.) dahin rechnen. Jedoch verharrt 
auch hier, wie bei den meisten Protisten, die Individualität überhaupt 
auf einer so niederen Stufe der Differenzirung, dass man selbst ge- 
gen jene Deutung erhebliche Zweifel geltend machen könnte. Die 
meisten sogenannten Stöcke der Protisten (z. B. Diatomeen, Flagellaten) 



328 Morphologische Individualität der Organismen. 

sind falsche Stöcke, die nur den morphologischen Rang von Individuen 
zweiter Ordnung (Organen) beanspruchen können. 

Viel weniger ausgedehnt und entwickelt, als bei den Pflanzen, 
ist die echte Stockbildung im T hierreiche, wo dieselbe ausschliesslich 
auf wenige Formen des Mollusken-Stammes und auf viele Thiere des 
Coelenteraten-Phylum beschränkt bleibt. Gänzlich fehlt dieselbe im 
Stamme der Wirbelthiere und Gliederthiere. Was man bei den 
niedersten Gruppen der letzteren, bei den niederen Anneliden und den 
socialen Cestoden als Stöcke bezeichnet hat, sind in der That nur 
Ketten-Personen, (gleich den Arthropoden und Verteb raten) und was 
man „eigentliche Individuen" (äquivalent den Personen) genannt hat 
(Proglottiden oder Glieder) sind Metameren. Nur einige Anneliden 
stellen vorübergehend das Bild von echten Stöcken dar, so lange näm- 
lich als mehrere durch terminale Knospung hinter einander entstan- 
dene Personen (Metameren-Ketten) mit einander vereinigt bleiben. Da 
dieselben sich jedoch nach ihrer vollständigen Ausbildung alle vom 
elterlichen Thiere ablösen, bleiben sie niemals dauernd in dieser eigen- 
thümlichen Bildung eines „Ketten- Stockes" vereinigt. Was man bei 
dem Stamme der Mollusken, in den Klassen der Tunicaten und 
Bryozoen als Stockbildung bezeichnet hat, sind grösstentheils falsche 
Stöcke vom Range der Personen, und zwar gewöhnlich Busch-Personen 
(die meisten Bryozoen und Tunicaten), seltener Ketten-Personen (Sal- 
pen). Die sogenannten „solitären" Tunicaten {Doliolum, solitäre 
Generation von Salpa, Pkallusia etc.) sind Bionten vom Formen-Werthe 
der Metameren, wie alle höheren Mollusken. Echte Stöcke giebt es 
nur bei sehr wenigen niederen Mollusken, nämlich bei den Botrylliden 
oder „Ascidiae compositae, " und bei den gegliederten Bryozoen. Bei 
den Botrylliden sind die Cormen aus den sogenannten „Systemen'' zu- 
sammengesetzt. Jedes System ist ein morphologisches Individuum 
fünfter Ordnung, eine Person, zusammengesetzt aus mehreren (meist 
5 — 10, oft aber auch über hundert) Metameren, welche hier aber nicht 
longituclinal, sondern radial, Antimeren ähnlich, um eine einzige ge- 
meinsame Egestionsöffnung (Kloake) gruppirt sind. Gewöhnlich wer- 
den dieselben als „eigentliche" Individuen oder Einzelthiere betrachtet, 
verdienen aber vielmehr, wie vorher gezeigt wurde, als Metameren 
aufgefasst zu werden. Man könnte vielleicht geneigt sein, dieselben 
wegen ihrer radialen Zusammenordnung lieber nur als Antimeren auf- 
zufassen. Allein offenbar ist hier diese Anordnung nicht von maass- 
gebender Bedeutung, da auch bei Salpa pinnata (und den ähnlichen 
Salpellen) die Metameren in einem Kreise -um eine Längsaxe stehen, 
während sie bei den übrigen Salpen bald schief, bald ganz quer in 
regelmässig gegliederte Ketten gestellt sind. Die .,Bryozoa articulata 1 ' 
aus der Gruppe der Chilostomcn (Catenicelliden, Cellulariden und 



VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke. 329 

Salicornariden) zeichneu sich vor den übrigen Bryozoen dadurch aus, 
dass alle einzelne Zweige (Personen) des Stockes deutlich gegliedert, 
aus Metameren zusammengesetzt und mithin der Stock ein echter Cor- 
mus ist. Dasselbe gilt auch von der Mehrzahl der Coelenteraten- 
Stöcke, wo die Gliederung der Personen, ihre Zusammensetzung aus 
Metameren, sowohl bei den Anthozoen als Hydroidpolypen meist deut- 
lich ausgesprochen ist. Doch kommen daneben auch vielfach falsche 
Scheinstöcke ohne Gliederbildung vor, zusammengesetzt aus Bionten 
vom Werthe der Metameren, welche sich zu Busch-Personen vereinigt 
haben. Die Echinodermen gelten gewöhnlich sämmtlich für „ein- 
fache Individuen", d. h. Personen und man nimmt an, dass ihnen 
Stockbildung gänzlich fehlt. Indessen ist es uns, wie wir im sechsten 
Buche näher zeigen werden, höchst wahrscheinlich, dass alle Echino- 
dermen echte Cormen sind, nämlich Articulaten-Stöcke, entstanden durch 
radiale Verbindung von (meistens fünf) gegliederten Würmern, welche 
sich in ähnlicher Weise eine gemeinsame Ingestionsöffnung bildeten, 
wie die Botrylliden unter den zusammengesetzten Ascidien sich eine 
gemeinsame Egestionsöffnung (Kloake) gebildet haben. Diese Hypo- 
these scheint uns sowohl in der anatomischen Verwandtschaft der 
Echinodermen und Würmer, als besonders in ihrer Entwickelungsge- 
schichte begründet zu sein. Es würden in diesem Falle die Echino- 
dermen für die vollkommensten von allen Thierstöcken zu halten sein, 
bei denen die Centralisation des Cormus, die einheitliche Ausbildung 
des ganzen Stockes ihren höchsten Grad erreicht hat. 

Die allermeisten Cormen entstehen, wie wir im achtzehnten Capitel 
sehen werden, durch laterale Knospeubildung von Personen und blei- 
bende Vereinigung dieser Sprosse. Dahin gehören die allermeisten 
Stöcke der Phanerogamen und der Hydroidpolypen. Auch sehr viele 
Anthozoenstöcke entstehen durch diesen Spaltungs- Modus. Andere 
Anthozoen, und zwar vorzugsweise die Astraeiden, entstehen durch 
unvollständige Längstheiluug und Diradiation von Personen. Viel 
seltener, und bei den Phanerogamen, wie es scheint, nur als Monstrosi- 
tät, findet sich die Selbsttheilung von Personen im Pflanzenreiche vor, 
wo sie zu der eigenthümlichen Stocklörm führt, welche man Fasciation 
nennt (sehr eigenthümlich z. B. bei der Hahnenkammpflanze, Celosia 
cristata, und bei einigen monströsen Cacteen, Mammillaria etc.). 

Die verschiedenen Formen der Stöcke sind ausserordentlich man- 
nichlaltig und bieten in den beiden Stämmen der Cormophyten und 
Coelenteraten zahlreiche und oft sehr auffallende Analogieen dar. 
Hauptsächlich ist hierbei bestimmend die EigenthUmiichkeit der ersten 
Person (Hauptspross, Blastus primarius) von welcher die Knospenbildung 
ausgeht, und ihr Verhältniss zu den übrigen Sprossen oder Seiten- 
sprossen (Blasti secundarii). Je stärker sich die Hauptaxe im Ver- 



330 Morphologische Individualität der Organismen. 

hältniss zu den Seitensprossen entwickelt, je mehr sie über diese das 
Uebergewicht behält, desto entschiedener tritt der individuelle Character 
des Cormus hervor; je weniger dies der Fall ist, desto mehr erscheint 
der ganze Stock nur als ein Aggregat von coordinirten Personen 
(Syinpodium). 

Je nach der unterirdischen oder oberirdischen Entwickelung des 
Hauptsprosses (Blastus primarius) und je nach dem gegenseitigen Ver- 
halten des Hauptsprosses zu den Seitensprossen (Blasti secundarii), 
sowie nach der Differenzirung der letzteren in geschlechtslose und ge- 
schlechtlich entwickelte, lassen sich bei den Pflanzenstöcken zahlreiche, 
mit sehr verschiedeuen Namen benannte Stockformen unterscheiden. 
Zunächst kann man als zwei Hauptgruppen allgemein einfache und 
zusammengesetzte Stöcke trennen. Einfache Stöcke (Cormi sim- 
plices) nennen wir solche, bei denen entweder alle Sprosse sexuell 
sind, oder bloss der Hauptspross geschlechtslos, alle Nebensprosse 
aber geschlechtlich entwickelt sind, z. B. alle unverästelten einjährigen 
Gräser, jede einjährige verästelte Pflanze, bei welcher alle Aeste 
terminale Bltithen tragen, einfache Pflanzen mit einer einzigen Dolden- 
blüthe, z. B. Androsace maxima, einfache, unverästelte, einjährige Com- 
positen mit einem einzigen Blüthenköpfchen. Letztere finden sich z. B. 
bei Arnoseris pusilla, Anacyclus officinalis und ausnahmsweise bei 
Erigeron canadense, Chrysanthemum segetum etc. Zusammenge- 
setzte Stöcke (Cormi compositi) dagegen sind solche, bei denen 
nicht bloss der Hauptspross, sondern auch ein Theil der Nebensprosse 
geschlechtslos, der übrige Theil der Nebensprosse geschlechtlich differen- 
zirt ist, wie dies bei den allermeisten Phanerogamen der Fall ist. 
Unter diesen unterscheiden die Botaniker dann weiter einjährige Stöcke 
oder Stengel (Caules) und mehrjährige zusammengesetzte Stöcke oder 
Stämme (Trunci). Ferner nennen dieselben solche Pflanzen, welche 
unterirdische Stämme und oberirdische Stengel haben, Stauden (Sivffru- 
tices), sodann Stämme, welche von unten auf verästelt sind, ohne 
Vorherrschen des Hauptstammes, Büsche (Frutices), und endlich Stämme, 
deren untere Aeste bald absterben, so dass die oberen eine Krone 
bilden, Bäume (Arbores). 

Ganz ähnliche Unterschiede in der Stockbildung, wie diese bei 
den Phanerogamen eingeführten, Hessen sich dann auch bei den Coe- 
lenteraten machen, welche echte Stöcke bilden, bei den Anthozoen 
und Hydroniedusen. Indessen sind hier auch verschiedene andere, 
namentlich die durch longitudinale Theilung entstandenen Stockformen 
zu berücksichtigen, welche im Pflanzenreiche entweder gar nicht oder 
nur bei^ den Thallophyten vorkommen. Ferner würde man hier ins- 
besondere zu unterscheiden haben zwischen solchen Stöcken, welche 
gleich den meisten Phanerogamen aus Ketten-Personen, zusammenge- 



VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke. 331 

setzt sind, und solchen, welche bloss aus Busch -Personen bestehen. 
Zu letzteren, die man Busch-Stöcke (Cormi fruticosi) nennen 
kann, gehören die Mollusken-Stöcke der Botrylliden und vieler Bryo- 
zoen, zu ersteren, die man Glieder-Stöcke (Cormi articulati) nen- 
nen kann, die meisten Coelenteraten-Stöcke. Da jedoch dieselben 
sehr schwierig zu classificiren und bisher nicht mit genügender Logik 
untersucht sind, so können wir auf eine Aufzählung derselben hier 
verzichten. 

Für eine uaturgemässe Erkenntniss der echten Stöcke und ihres 
Verhältnisses zu den untergeordneten Form-Individuen, sowie für eine 
richtige tectologische Beurtheilung des Verhältnisses der sechs Indivi- 
dualitäts-Ordnungen zu einander ist keine Thiergruppe von solcher 
hohen Bedeutung, wie die der Coelente raten, und insbesondere die 
Abtheilungen der Siphonophoren und der stockbildendeu Corallenthiere 
(Anthozoen). Die vollkommene morphologische Parallele derselben mit 
den Phanerogamen lässt sich durch alle sechs Ordnungen der 
morphologischen Individualität und sogar durch ihre untergeordneten 
Neben-Kategorieen hindurchführen. Als zusammengesetzter Stock 
entspricht der blühende Baum vollständig dem geschlechtsreifen Coral- 
lenstock. Beide sind aus einer Vielheit vom geschlechtlichen und un- 
geschlechtlichen Personen aufgebaut. Jede Person, jeder Blüthenspross 
des Baums, jeder „Polyp" des Corallenstocks, besteht wiederum aus 
einer Vielheit von Metameren oder Stengelgliedern (Blattkreise der 
Blüthe, Stockwerke der Polypen), und aus einer Vielheit von Anti- 
meren („Strahlstücken.") Jedes Metamer und jedes Antimer ist eine 
Vielheit von Organen verschiedener Ordnung, von Epimereu (Glieder 
der einzelnen Blätter, der einzelnen Tentakeln) und von Parameren 
(Hälften der eudipleuren Blätter und Tentakeln). Endlich ist zuletzt 
jede dieser morphologischen Einheiten eine Vielheit oder Synusie 
v on mehreren verbundenen Form - Individuen erster Ordnung oder 
Piastiden. 




332 Physiologische Individualität der Organismen. 



Zehntes Capitel. 

Physiologische Individualität der Organismen. 



„Das Anerkennen eines Neben-, Mit- und 
Ineinanderseins und Wirkens verwandter le- 
bendiger Wesen leitet uns bei jeder Betrach- 
tung des Organismus und erleuchtet den 
Stufenweg vom Unvollkommenen zum Voll- 
kommenen." 

Goethe. 



I. Die Piastiden als Bionten. 
Physiologische Individuen erster Ordnung. 

Jede der sechs wesentlich verschiedenen Formeinheiten, welche 
wir im vorigen Capitel als sechs verschiedene Ordnungen der mor- 
phologischen Individualität unterschieden haben, tritt bei gewissen 
Organismen-Arten als physiologisches Individuum oder Bion auf. Wir 
haben mit diesem Ausdruck diejenige einheitliche liaumgrösse bezeichnet, 
welche als lebendiger Organismus, als centralisirte Lebenseinheit, voll- 
kommen selbstständig längere oder kürzere Zeit hindurch eine eigene 
Existenz zu führen vermag ; eine Existenz, welche sich in allen Fällen 
in der Bethätigung der allgemeinsten organischen Function äussert, 
in der Selbsterhaltung durch Stoffwechsel. Auch andere Lebensfunc- 
tionen, die Fortpflanzung oder die Erhaltung der Art, sowie die Ver- 
mittelung ihrer Beziehungen zur Aussenwelt, z. B. durch Ortsbewegungen, 
vermag das physiologische Individuum zu verrichten, ohne dass jedoch 
die Verrichtung dieser Functionen als nothwendig zum Begriffe des 
Bion betrachtet werden müsste. Das Bion oder Functions-Individuum 



I. Die Piastiden als Biouteu. 333 

ist demnach keineswegs, wie das morphologische Individuum, eine 
untheilbare Raumgrösse, die wir im Momente der Beurtheilung als 
unveränderlich anzusehen haben (untheilbar in dem Sinne, dass wir 
keinen Theil von ihr wegnehmen können, ohne ihren Character als 
Form -Individuum zu vernichten). Vielmehr ist das physiologische In- 
dividuum eine einheitliche, zusammenhängende Raumgrösse, welche 
wir als solche längere oder kürzere Zeit hindurch leben, d. h. sich in 
der allgemeinen Lebensbewegung, im Stoffwechsel, erhalten sehen, 
und welche wir also im Momente der Beurtheilung als veränderlich 
ansehen; auch können sich Theile von dem Functions-Individuum ab- 
lösen, ohne dass seine Individualität, d. h. sein Fortbestehen als 
selbstständige Lebenseinheit dadurch gefährdet wird, und wenn das 
Bion sich fortpflanzt, geschieht sogar diese Ablösung von Theilen, die 
sich zu neuen Bionten zu entwickeln vermögen, regelmässig. Wir 
können demnach den wichtigen Unterschied zwischen der morpholo- 
gischen und physiologischen Individualität kurz dahin zusammenfassen: 
Das physiologische Individuum (Bion) ist eine einzelne 
organische Raumgrösse, welche als centralisirte Lebens- 
einheit der Selbsterhaltung fähig und zugleich theilbar 
ist, und welche wegen der mit diesen Functionen verbun- 
denen Bewegungen nur als eine in verschiedenen Zeit- 
momenten veränderliche erkannt werden kann. Das mor- 
phologische Individuum (erster bis sechster Ordnung) da- 
gegen ist eine einzelne organische Raumgrösse, welche 
als vollkommen abgeschlossene Formeinheit untheilbar 
ist, und welche in diesem ihren Wesen nur als eine in 
einem bestimmten Zeitmomente unveränderliche erkannt 
werden kann. 

Wie wir bereits oben zeigten (p. 260) vermag jede der sechs 
morphologischen Individualitäten verschiedener Ordnung, welche im 
vorigen Capitel characterisirt wurden, die physiologische Individualität 
zu repräsentiren , und jedes Bion, welches als der reife Repräsentant 
der Species einen höheren morphologischen Individualitäts-Grad besitzt, 
muss, falls es sich aus einem befruchteten Ei oder einer unbefruch- 
teten Plastide (Spore) entwickelt, während seines Entwiekeluugs-Cyclus 
alle vorhergehenden niederen Individualitäts-Grade durchlaufen haben. 
Dieses wichtige Verhältniss wird im siebzehnten Capitel näher erläutert 
werden, woselbst auch das physiologische Individuum als die Einheit 
des individuellen Entvvickelungs- Kreises eingehender wird gewürdigt 
werden. Hier ist unsere Aufgabe nur, nachzuweisen, dass in der That 
jede der sechs morphologischen Individualitäts-Stufen als Bion fungiren 
kann. Es wird jedoch, bevor wir in dieser Beziehung die sechs ver- 
schiedenen Ordnungen organischer Form -Einheiten durchgehen, noth- 



334 Physiologische Individualität der Organismen. 

wendig sein, zu unterscheiden zwischen drei wesentlich verschiedenen 
Erscheinungsweisen oder Arten der physiologischen Individua- 
lität, welche allgemein als das actuelle Bion (oder das Bion im 
engeren Sinne), das virtuelle oder potentielle Bion und das partielle 
oder scheinbare Bion bezeichnet werden können. 

I. Actuelles Bion oder physiologisches Individuuni im 
eugeren Sinne ist jedes vollständig entwickelte organische 
Individuum, welches den höchsten Grad morphologischer 
Individualität erreicht hat, der ihm als reifen, ausgewach- 
senen Repräsentanten der Species zukommt. Dieser Grad 
ist für jede organische Species ein bestimmter. Es ist also