GENERELLE MORPHOLOGIE
DER ORGANISMEN.
ALLGEMEINE GRÜNDZÜGE
DER ORGANISCHEN FORMEN-WISSENSCHAFT,
MECHANISCH BEGRÜNDET DURCH DIE VON
CHARLES DARWIN
REF0RM1RTE DESCENDENZ-THEORIE,
VON
ERNST HAECKEL
ERSTER BAND:
ALLGEMEINE ANATOMIE
DER ORGANISMEN.
,,E PUR Sl MUOVE!«
MIT ZWEI PROMORPHOLOGISCHEN TAFELN.
BERLIN.
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER.
1866.
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ALLGEMEINE ANATOMIE
DER ORGANISMEN.
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KRITISCHE GRUNDZÜGE
DER MECHANISCHEN WISSENSCHAFT
VON DEN ENTWICKELTEN FORMEN
DER ORGANISMEN,
BEGRÜNDET DURCH DIE DESCENDENZ- THEORIE,
VON
ERNST HAECKEL,
DOCTOR DER PHILOSOPHIE UND MEDICIN, ORDENTLICHEM PROFESSOR DER ZOOLOGIE
UND DIRECTOR DES ZOOLOGISCHEN INSTITUTES UND DES ZOOLOGISCHEN MUSEUMS
AN DER UNIVERSITAET JENA.
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„E PUR SlS^JE^V )■ "
MIT ZWEI PROMORPHOLOGISCHEN TAFELN,
BERLIN.
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER.
1866.
„Die Natur schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch
nie; was war, kommt nicht wieder: Alles ist neu, und doch
immer das Alte.
,,Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr. Sie
verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillstehen in ihr.
Für's Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie an's
Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre
Gesetze unwandelbar. Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber
nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Jedem erscheint sie
in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen
und Tennen, und ist immer dieselbe.
,,Die Natur hat mich hereingestellt, sie wird mich auch heraus-
führen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten; sie
wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr; nein,
was wahr ist und was falsch ist, Alles hat sie gesprochen. Alles
ist ihre Schuld, Alles ist ihr Verdienst."
Goethe.
SEINEM THEÜREN FREUNDE UND COLLEGEN
CARL GEGENBAUR
WIDMET DIESE
GRUNDZÜGE DER ALLGEMEINEN ANATOMIE
IN TREUER DANKBARKEIT
DER VERFASSER.
An Carl Gegenbaur.
indem ich den ersten Band der generellen Morpho-
logie Dir, mein theurer Freund, den zweiten Band den drei
Begründern der Descendenz- Theorie widme, will ich damit
nicht sowohl die besondere Beziehung ausdrücken, welche
Du als hervorragender Förderer der Anatomie, jene als Re-
formatoren der Entwickelungsgeschichte zu den beiden Zwei-
gen der organischen Morphologie einnehmen, als vielmehr
meiner dankbaren Verehrung gegen Dich und gegen Jene
gleichmässigen Ausdruck geben. Denn wie es mir einerseits
als eine Pflicht der Dankbarkeit erschien, durch Dedication der
„allgemeinen Entwickelungsgeschichte" an Charles Darwin,
Wolfgang Goethe und Jean Lamarck das causale Fun-
dament zu bezeichnen, auf welchem ich meine organische Mor-
phologie errichtet habe, so empfand ich andererseits nicht
minder lebhaft das Bedürfniss, durch Widmung der „allge-
meinen Anatomie" an Dich, mein treuer Genosse, die Ver-
dienste dankbar anzuerkennen, welche Du um die Förderung
meines Unternehmens besitzest.
Um diese Beziehungen in das rechte Licht zu stellen,
müsste ich freilich eigentlich eine Geschichte unseres brüder-
lichen Freundschafts-Bündnisses schreiben, von dem Tage an,
als ich Dich 1853 nach Deiner Rückkehr von Messina im
Gutenberger Walde bei Würzburg zum ersten Male sah, und
Du in mir die Sehnsucht nach den hesperischen Gestaden
Siciliens wecktest, die mir sieben Jahre später in den Ra-
diolarien so reiche Früchte tragen sollte. Seit jenem Tage
hat ein seltener Parallelismus der Schicksale zwischen uns
fester und fester die unauflöslichen Bande geknüpft, welche
schon frühzeitig gleiche Empfänglichkeit für den Naturgenuss,
gleiche Begeisterung für die Naturwissenschaft, gleiche Liebe
für die Naturwahrheit in unseren gleichstrebenden Gemüthern
vorbereitet hatte. Du warst es, der mich vor sechs Jahren
veranlasste, meine akademische Lehrthätigkeit in unserem
geliebten Jena zu beginnen, an der Thüringer Universität
im Herzen Deutschlands, welche seit drei Jahrhunderten als
das pulsirende Herz deutscher Geistes -Freiheit und deut-
sehen Geistes - Kampfes nach allen Richtungen ihre lebendi-
gen Schwingungen fortgepflanzt hat. An dieser Pflanzschule
deutscher Philosophie und deutscher Naturwissenschaft, unter
dem Schutze eines freien Staatswesens, dessen fürstliche Re-
genten jederzeit dem freien Worte eine Zufluchtsstätte ge-
währt, und ihren Namen mit der Reformations- Bewegung,
wie mit der Blüthezeit der deutschen Poesie untrennbar ver-
flochten haben, konnte ich mit Dir vereint wirken. Hier ha-
ben wir in der glücklichsten Arbeitstheilung unser gemein-
sames Wissenschafts-Gebiet bebaut, treu mit einander gelehrt
und gelernt, und in denselben Räumen, in welchen Goethe
vor einem halben Jahrhundert seine Untersuchungen „zur
Morphologie der Organismen" begann, zum Theil noch mit
denselben wissenschaftlichen Hülfsmitteln, die von ihm aus-
gestreuten Keime der vergleichenden und denkenden Natur-
forschung gepflegt. Wie wir in dem harten Kampfe des Le-
bens Glück und Unglück brüderlich mit einander getheilt, so
haben sich auch unsere wissenschaftlichen Bestrebungen in
so inniger und beständiger Wechselwirkung entwickelt und
befestigt, in täglicher Mittheilung und Besprechung so ge-
genseitig durchdrungen und geläutert, dass es uns wohl Bei-
den unmöglich sein würde, den speciellen Antheil eines Jeden
an unserer geistigen Gütergemeinschaft zu bestimmen. Nur
im Allgemeinen kann ich sagen, dass das Wenige, was meine
rasche und rastlose Jugend hie und da Dir bieten konnte,
nicht in Verhältniss steht zu dem Vielen, was ich von Dir,
dem acht Jahre älteren, erfahrneren und reiferen Manne
empfangen habe.
So ist denn Vieles, was in dem vorliegenden Werke
als meine Leistung erscheint, von Dir geweckt und genährt.
Vieles, von dem ich Förderung unserer Wissenschaft hoffe,
ist die gemeinsame Frucht des Ideen -Austausches, der uns
ebenso daheim in unserer stillen Werkstätte erfreute, wie er
uns draussen auf unseren erfrischenden Wanderungen durch
die felsigen Schluchten und über die waldigen Höhen des
reizenden Saalthaies begleitete. Manches dürfte selbst das
Product des erhebenden gemeinsamen Naturgenusses sein,
welchen uns die malerischen Formen der Jenenser Muschelkalk-
Berge bereiteten, wenn sie im letzten Abendsonnenstrahl uns
durch die Farben -Harmonie ihrer purpur-goldigen Felsen-
flanken und violett -blauen Schlagschatten die entschwundenen
Zauberbilder der calabrischen Gebirgskette wieder vor Augen
führten.
Es dürfte befremdend erscheinen, einer „mechanischen
Morphologie" solche Erinnerungen voranzuschicken. Und
dennoch geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie jeder
Organismus, wie jede Form und jede Function des Organis-
mus , so ist auch das vorliegende Werk weiter Nichts , als
das nothwendige Product aus der Wechselwirkung zweier
Factoren, der Vererbung und der Anpassung. Wenn dasselbe,
wie ich zu hoffen wage, zur weiteren Entwickelung unserer
Wissenschaft beitragen sollte, so bin ich weit entfernt, mir
dies als mein freies Verdienst anzurechnen. Denn die per-
sönlichen Eigenschaften, welche mir die grosse und schwierige
Aufgabe zu erfassen und durchzuführen erlaubten, habe ich
zum grössten Theile durch Vererbung von meinen trefflichen
Eltern erhalten. Unter den vielen Anpassungs- Bedingungen
aber, welche in Wechselwirkung mit jenen erblichen Func-
tionen das Werk zur Reife brachten, nehmen die angeführ-
ten Verhältnisse die erste Stelle ein.
In diesem Sinne, mein theurer Freund, als mein Gesin-
nungs- Genosse und mein Schicksals -Bruder, als mein aka-
demischer College und mein Wander -Gefährte, nimm die
Widmung dieser Zeilen freundlich auf, und lass uns auch
fernerhin treu und fest zusammenstehen in dem grossen
Kampfe, in welchen uns die Pflicht unseres Berufes treibt,
und in welchen das vorliegende Werk entschlossen ein-
greift — in dem heiligen Kampfe um die Freiheit der Wis-
senschaft und um die Erkenntniss der Wahrheit in der
Natur.
Vorwort.
V on allen Hauptzweigen der Naturwissenschaft ist die
Morphologie der Organismen bisher am meisten zurückge-
blieben. Der ausserordentlich schnelle und reiche, quantita-
tive Zuwachs an empirischen Kenntnissen , welcher in den
letzten Jahrzehnten alle Zweige der Anatomie und Entwicke-
lungsgeschichte zu einer vielbewunderten Höhe getrieben hat,
ist in der That nicht mit einer entsprechenden qualitativen
Vervollkommnung dieser Wissenschaften gepaart gewesen.
Während ihre nicht minder rasch entwickelte Zwillings-
schwester, die Physiologie, in den letzten Decennien mit ihrer
dualistischen Vergangenheit völlig gebrochen und sich auf
den mechanisch- causalen Standpunkt der anorganischen Na-
turwissenschaften erhoben hat, ist die Morphologie der Or-
ganismen noch weit davon entfernt, diesen Standpunkt als
den einzig richtigen allgemein anerkannt, geschweige denn
erreicht zu haben. Die Frage nach den bewirkenden Ursachen
der Erscheinungen, und das Streben nach der Erkenntniss
des Gesetzes in denselben, welche dort allgemein die Rieht-
XIV Vorwort.
schnür aller Untersuchungen bilden, sind hier noch den Mei-
sten unbekannt. Die alten teleologischen und vitalistischen
Dogmen, welche aus der Physiologie und Anorganologie jetzt
gänzlich verbannt sind, finden wir in der organischen Mor-
phologie nicht allein geduldet, sondern sogar noch herr-
schend, und allgemein zu Erklärungen benutzt, die in der
That keine Erklärungen sind. Die meisten Morphologen be-
gnügen sich sogar mit der blossen Kenntniss der Formen,
ohne überhaupt nach ihrer Erklärung zu streben und nach
ihren Bildungsgesetzen zu fragen.
So bietet uns denn der gegenwärtige Zustand unserer
wissenschaftlichen Bildung das seltsame Schauspiel von zwei
völlig getrennten Arten der Naturwissenschaft dar: auf der
einen Seite die gesammte Wissenschaft von der anorganischen
Natur (Abiologie), und neben ihr die Physiologie der Or-
ganismen, auf der anderen Seite allein die Morphologie der
Organismen, Entwicklungsgeschichte und Anatomie — jene
monistisch, diese dualistisch; jene nach wahren bewirkenden
Ursachen, diese nach zweckthätigen Scheingründen suchend;
jene mechanisch, diese yitalistisch erklärend. Während die
Physiologen in richtiger kritischer Erkenntniss ~ den Organis-
mus als eine nach mechanischen Gesetzen gebaute und wir-
kende Maschine ansehen und untersuchen, betrachten ihn die
Morphologen nach Darwin' s treffendem Vergleiche immer
noch ebenso, wie die Wilden ein Linienschiff.
Die vorliegenden Grundzüge der „generellen Morpho-
logie der Organismen" unternehmen zum ersten Male den
Versuch, diesen heillosen und grundverkehrten Dualismus aus
allen Gebietsteilen der Anatomie und Entwicklungsgeschichte
völlig zu verdrängen, und die gesammte Wissenschaft von
den entwickelten und von den entstehenden Formen der Or-
Vorwort. XV
ganismen durch mechanisch -causale Begründung auf dieselbe
feste Höhe des Monismus zu erheben, in welcher alle übri-
gen Naturwissenschaften seit längerer oder kürzerer Zeit ihr
unerschütterliches Fundament gefunden haben. Der grossen
Schwierigkeiten und der vielen Gefahren dieses Unternehmens
bin ich mir vollkommen bewusst. Noch stehen alle allge-
meinen morphologischen Anschauungen in Zoologie und Bo-
tanik unter der Herrschaft eines gelehrten Zunftwesens, wel-
ches nur in der scholastischen Gelehrsamkeit des Mittelalters
seines Gleichen findet. Dogma und Autorität, wechselseitig
zur Unterdrückung jedes freien Gedankens und jeder un-
mittelbaren Naturerkenntniss verschworen, haben eine dop-
pelte und dreifache chinesische Mauer von Vorurtheilen aller
Art rings um die Festung der organischen Morphologie auf-
geführt, in welche sich der allerorts verdrängte Wunder-
glaube jetzt als in seine letzte Citadelle zurückgezogen hat.
Dennoch gehen wir siegesgewiss und furchtlos in diesen
Kampf. Der Ausgang desselben kann nicht mehr zweifelhaft
sein, nachdem Charles Darwin vor sieben Jahren den
Schlüssel zu jener Festung gefunden, und durch seine be-
wundrungswürdige Selections- Theorie die von Wolf gang
Goethe und Jean Lamarck aufgestellte Descendenz-Theorie
zur siegreichen Eroberungs- Waffe gestaltet hat.
Ein Werk, welches eine so umfassende und schwierige
Aufgabe unternimmt, ist nicht das flüchtige Product vorüber-
gehender Gedanken -Bewegungen, sondern das langsam ge-
reifte Resultat langjähriger und inniger Erkenntniss -Mühen,
und ich darf wohl sagen , dass viele der hier dargelegten
Ansichten mich beschäftigt haben, seit ich überhaupt mit
kritischem Bewusstsein in das Wundergebiet der organischen
Formen- Welt einzudringen versuchte. Die allgemeinste Streit-
XVI Vorwort.
frage der organischen Morphologie, welche gewissermaassen
das Feldgeschrei der beiden feindlichen Heere bildet, das
Problem von der Constanz oder Transmutation der Species
hat mich schon lebhaft interessirt, als ich vor nunmehr zwan-
zig Jahren, als zwölfjähriger Knabe, zum ersten Male mit
leidenschaftlichem Eifer die „guten und schlechten Species"
der Brombeeren und Weiden, Rosen und Disteln vergeb-
lich zu bestimmen und zu unterscheiden suchte. Mit heiterer
Genugthuung muss ich jetzt der kritischen Beängstigungen
gedenken, welche damals mein zweifelsüchtiges Knabengemüth
in die schmerzlichste Aufregung versetzten, da ich bestän-
dig hin und her schwankte, ob ich (nach Art der meisten
sogenannten „guten Systematiker") die „guten" Exemplare
allein in das Herbarium aufnehmen und die „schlechten" aus-
weisen, oder aber durch Aufnahme der letzteren eine voll-
ständige Kette von vermittelnden Uebergangsformen zwischen
den „guten Arten" herstellen sollte, welche die Illusion von
deren „Güte" vernichteten. Ich beseitigte diesen Zwiespalt
damals durch einen Compromiss, welchen ich allen Systema-
tikern zur Nachahmung empfehlen kann: ich legte zwei Her-
barien an, ein officielles, welches den theilnehmenden Be-
schauern alle Arten in „typischen" Exemplaren als grundver-
schiedene Formen, jede mit ihrer schönen Etikette beklebt,
vor Augen führte, und ein geheimes, nur einem vertrauten
Freunde zugängliches, in welchem nur die verdächtigen Genera
Aufnahme fanden, welche Goethe treffend die „charakter-
losen oder liederlichen Geschlechter" genannt hat, „denen man
vielleicht kaum Species zuschreiben darf, da sie sich in grän-
zenlose Varietäten verlieren": Rvbus, Salix, Verbascum, Hie-
r actum, Rosa, Cirsium etc. Hier zeigten Massen von Indivi-
duen, nach Nummern in eine lange Kette geordnet, den un-
Vorwort. XVII
mittelbaren Uebergang von einer guten Art zur andern. Es
waren die von der Schule verbotenen Früchte der Erkennt-
niss, an denen ich in stillen Mussestunden mein geheimes,
kindisches Vergnügen hatte.
Jene vergeblichen Bemühungen, des eigentlichen Wesens
der „Species" habhaft zu werden, leiteten mich seitdem bei
allen meinen Formen -Beobachtungen, und als ich später das
unschätzbare Glück hatte, in unmittelbarem Verkehr mit mei-
nem unvergesslichen Lehrer Johannes Müller die empiri-
schen Grundlagen und die herrschenden Anschauungen der
dualistischen Morphologie nach ihrem ganzen Umfang und
Inhalt kennen zu lernen, bildete sich bereits im Stillen jene
monistische Opposition aus, welche in dem vorliegenden
Werke ihren entschiedenen Ausdruck findet. Nicht wenig trug
dazu auch der kritische Einfluss meines hochverehrten Leh-
rers und Freundes Rudolph Virchow bei, dessen ich hier-
bei dankbarst erwähnen muss. Als sein Assistent lernte ich
in der „Cellular- Pathologie" des menschlichen Organismus
jene wunderbare Biegsamkeit und Flüssigkeit, jene erstaun-
liche Veränderlichkeit und Anpassungsfähigkeit der organi-
schen Formen kennen, welche für deren Verstau dniss so un-
endlich wichtig ist, und von der doch nur die wenigsten
Morphologen eine ungefähre Idee haben. Man wird nun be-
greifen, weshalb ich, um mich Bär's Ausdrucks zu bedienen,
Darwin' s That „mit so jubelndem Entzücken begrüsste, als
ob ich von einem Alp, der bisher auf der Kenntniss der
Organismen ruhte, mich befreit fühlte". Es fielen mir in der
That „die Schuppen von den Augen".
Durch eine Reihe von akademischen Vorträgen, welche
sich abwechselnd über alle einzelnen Gebietsteile der orga-
nischen Morphologie, und ausserdem jährlich über das Ge-
b
XVTII V o rwort.
sammtgebiet der Zoologie erstreckten, war ich in die glück-
liche Lage versetzt, die in dem vorliegenden Werke begrün-
deten Anschauungen schon seit längerer Zeit zu einem be-
stimmten Ausdruck vorbereitet und durch vielfache Betrach-
tung von allen Seiten mir selbst zu voller Klarheit gebracht
zu haben. Gleichzeitig war ich bemüht, durch fortgesetzte
specielle Detail -Untersuchungen mir den festen empirischen
Boden zu erhalten, ohne welchen jeder generelle Gedanken-
Bau nur zu leicht zum speculativen Luftschloss wird. Während
so die einzelnen Haupttheile der allgemeinen Anatomie und
Entwickelungsgeschiehte-allmähligund langsam einer gewissen
Reife entgegen gingen, wurde dagegen der wagnissvolle Plan, sie
zu einem umfassenden, systematisch construirten Lehrgebäude
der generellen Morphologie zusammenzufassen, erst vor ver-
hältnissinässig kurzer Zeit in mir zum bestimmten Entschlüsse.
Innere und äussere Gründe verschiedener Art zwangen mich,
die Ausarbeitung des Ganzen schneller und in viel kür-
zerer Zeit zu vollenden, als ich ursprünglich gewünscht und
beabsichtigt hatte. Ein grosser Theil des ersten Bandes war
bereits gedruckt, ehe der zweite zum Abschluss gelangte.
Ausserdem griffen schmerzliche Schicksale vielfach störend
in die Arbeit ein. Diese und andere, hier nicht weiter zu
erörternde Hindernisse mögen die mancherlei Nachlässigkei-
ten in der Form des Ganzen, kleine Ungenauigkeiten im Ein-
zelnen , und mannichfache Wiederholungen entschuldigen,
welche der kritische Leser leicht herausfinden wird. So gern
ich auch in dieser Beziehung die Arbeit wesentlich verbes-
sert und formell einheitlicher abgerundet hätte, so wollte ich
doch deshalb die Herausgabe des Ganzen nicht um Jahre
verzögern. Bis dat, qui cito dat! Auch lege ich jenen Män-
geln insofern nur untergeordnete Bedeutung bei, als sie
Vorwort. XIX
der umfassenden Erkenntniss des grossen Ganzen der orga-
nischen Formenwelt, welche das Werk erstrebt, dem allge-
meinen Ueberblick über die grossen Bildlingsgesetze jenes
herrlichen und gewaltigen Gestaltenreichs keinen Eintrag thun.
Was die Form des ganzen Werkes betrifft, so erschien
es mir unerlässlich, bei der völligen Zerfahrenheit und Zer-
rissenheit, dem gänzlichen Mangel an Zusammenhang und
Einheit, die auf allen Gebietsteilen der Anatomie und Ent-
wickelungsgeschichte herrschen, die strenge Form eines syste-
matisch geordneten Lehrgebäudes zu wählen. Vorläufig kann
allerdings dieser erste Versuch eines solchen weiter Nichts
sein, als ein nach einem bestimmten Plan und auf festem
Fundament angelegtes Gerüst, ein Fachwerk von Balken,
welches statt geschlossener Wände und bewohnbarer Zimmer
grösstentheils nur durchbrochenes Zimmerwerk und leere
Räume enthält. Mögen andere Naturforscher dieselben aus-
füllen und das Ganze zu einem wohnlichen Gebäude gestal-
ten. Mir schien schon viel gewonnen zu sein, wenn nur erst
jenes feste Gerüst aufgerichtet, und der Raum zur geordne-
ten und übersichtlichen Aufstellung der massenhaft angehäuf-
ten empirischen Schätze gewonnen wäre. Natürlich musste
auch die Behandlung und Ausführung der einzelnen Theile
sehr ungleich ausfallen, entsprechend dem höchst ungleich-
massig entwickelten Zustande unserer Wissenschaft selbst, von
welcher viele der wichtigsten und interessantesten Theile,
wie namentlich die Genealogie, noch fast unangebaut dalie-
gen. Einzelne Capitel, in denen ich speciellere Studien ge-
macht hatte, sind eingehender ausgeführt; andere, in denen mir
weniger eigenes Material zu Gebote stand, flüchtiger skizzirt.
Das siebente und achte Buch dürfen bloss als aphoristische
Anhänge gelten, die ich bei der hohen Wichtigkeit der darin
b*
XX Vorwort.
kurz berührten Fragen nicht weglassen mochte, deren specielle
Ausführung aber, ebenso wie die des sechsten Buches, ich
mir für eine andere Arbeit verspare. Dasselbe gilt von der
„genealogischen Uebersicht des natürlichen Systems der Or-
ganismen", welche ich als „systematische Einleitung in die
allgemeine Entwickelungsgeschichte" dem zweiten Bande vor-
angeschickt habe. Da dieselbe eine kurze Uebersicht der
speciellen Phylogenie giebt, gehört sie eigentlich nicht in
die „generelle Morphologie" der Organismen oder könnte
hier nur als specielle Erläuterung des vierundzwanzigsten
Capitels ihre Stelle finden. Da jedoch die meisten Zoolo-
gen und Botaniker der Gegenwart überhaupt nur ein gerin-
ges oder gar kein Interesse für allgemeine und umfassende
Fragen haben, sondern lediglich den Cnltus des Einzelnen
und Speciellen betreiben , so werden dieselben wohl gerade
auf diese specielle Anwendung der Descendenz- Theorie das
grösste Gewicht legen, und desshalb schien es mir passend,
sie dem zweiten Bande voran zu stellen. Sie dient zugleich
zur Erläuterung der angehängten genealogischen Tafeln, dem
ersten Versuche dieser Art, der hoffentlich bald viele und
bessere Nachfolger finden wird. Der Entwurf der organi-
schen Stammbäume, obwohl gegenwärtig noch äusserst
schwierig und bedenklich , wird meines Erachtens die wich-
tigste und interessanteste Aufgabe für die Morphologie der
Zukunft bilden.
Besonderer Nachsicht bedarf der botanische Theil meiner
Morphologie. Bei der ausserordentlich weit vorgeschrittenen
Arbeitstheilung der neuesten Zeit ist die völlige Decentrali-
sation aller biologischen Wissenschaftsgebiete zu dem Grade
gediehen, dass es überhaupt nur noch sehr wenige Zoologen
und Botaniker im vollen Sinne des Wortes giebt, und statt
Vorwort. XXI
dessen auf der einen Seite Mastozoologen, Ornithologen, Ma-
lakozoologen, Entomologen, Mycetologen, Phycologen etc.,
auf der anderen Seite Histologen, Organologen, Embryologen,
Palaeontologen etc. Unter diesen Umständen werden alle
diese scholastischen, meist mit sehr langen Zöpfen versehenen
Zunftgelehrten es für eine überhebliche Anmaassung erklären,
dass „ein Einzelner" es noch wagt, das Ganze der organi-
schen Formenwelt mit einem Blick umfassen zu wollen.
Namentlich aber werden die „eigentlichen" Botaniker ent-
rüstet sein, dass ein Zoologe sich einen Einfall in ihr abge-
grenztes Gebiet erlaubt. Dass ich dieses Wagniss dennoch
unternehme, hat seinen zwiefachen Grund. Einerseits zeigt
mir die kühle oder ganz negative Haltung des bei weitem
grössten Theiles der Botaniker gegenüber Darwin' s Selec-
tions-Theorie — diesem wahren Prüfstein aller echten, d. h.
denkenden Naturforschung — dass die Pflanzenkunde noch
weit mehr als die Thierkunde unter der gedankenlosen Spe-
cialkrämerei gelitten hat, welche man als „exacte Empirie"
zu verherrlichen liebt und dass man dort noch weit mehr
als hier die grossen und erhabenen Ziele des Wissenschafts-
Ganzen, das Bewusstsein ihrer Einheit und Zusammengehörig-
keit verloren hat. Andererseits aber ist nach meiner festesten
Ueberzeugung für alle fundamentalen Fragen der generellen
Morphologie (wie überhaupt der gesammten Biologie), für
alle tectologischen und promorphologischen, ontogenetischen
und phylogenetischen Probleme, die gegenseitige Ergänzung
der Zoologie und Botanik so äusserst werthvoll, ihre innigste
Wechselwirkung so unbedingt nothwendig, dass ich durch
blosse Beschränkung auf mein zoologisches Fachgebiet mir
selbst die beste Quelle des Verständnisses verstopft hätte.
Wenn ich in vielen allgemeinen Fragen einen guten Schritt
XXII Vorwort.
weiter gekommen bin, so verdanke ich dies wesentlich der
Vergleichung der thierischen und pflanzlichen Formen. Zwei-
felsohne würde der botanische Theil meiner Arbeit viel reich-
haltiger und besser ausgefallen sein, wenn mir das Glück der
Unterstützung eines Botanikers zu Theil geworden wäre,
dessen offenes Auge auf das grosse Ganze der pflanzlichen
Formenwelt und ihren genealogischen Causalnexus gerichtet
ist. Da es mir aber nur dann und wann auf kurze Stunden ge-
gönnt war, aus dem jugendfrischen und gedankenreichen
Wissensquell meines hochverehrten Lehrers, Alexander
Braun in Berlin, Belehrung und Rath zu erholen, so blieb
ich grösstenteils auf die mangelhafte empirische Grundlage
beschränkt, welche ich mir durch leidenschaftliche Zuneigung
zur Scientia amabilis in früherer Zeit erworben hatte, ehe ich
durch den überwiegenden Einfluss von Johannes Müller
zur vergleichenden Anatomie der Thiere herübergezogen
wurde.
Bei dem höchst unvollkommenen und niedrigen Entwicke-
lungs- Zustande, auf welchem sich die allgemeine Anatomie
und Entwickelungsgeschichte noch gegenwärtig befindet,
rnusste der vorliegende Versuch, sie als einheitliches Ganzes
zusammenzufassen, mehr eine Sammlung von bestimmt for-
mulirten Problemen, als von bereits gelösten Aufgaben
werden. Unter diesen Umständen schien es mir eines der drin-
gendsten Bedürfnisse, besondere Aufmerksamkeit der schar-
fen Bestimmung und Umschreibung der morphologischen Be-
griffe zuzuwenden. In Folge der allgemeinen Vernachlässi-
gung der unentbehrlichen philosophischen Grundlagen ist in
der gesammten Zoologie und Botanik eine so weitgehende
Unklarheit und eine so babylonische Sprachverwirrung einge-
rissen, dass es oft unmöglich ist, sich ohne weitläufige Um-
Vorwort. XXm
Schreibungen über die allgemeinsten Grundbegriffe zu ver-
ständigen. Ueberall in der Anatomie und Entwicklungs-
geschichte ist Ueberfluss an unnützen und Mangel an den
unentbehrlichsten Bezeichnungen. Viele der wichtigsten und
alltäglich gebrauchten Begriffe wie z. B. Zelle, Organ, regulär,
symmetrisch, Embryo, Metamorphose, Species, Verwandt-
schaft u. s. w. haben gar keine bestimmte Bedeutung mehr,
da fast jeder Morphologe, falls er sich überhaupt dabei etwas
Bestimmtes denkt, etwas Anderes darunter versteht. In der
Botanik und Zoologie, und ebenso in den einzelnen Zweigen
dieser Wissenschaften, werden dieselben Objecte mit ver-
schiedenen Namen und ganz verschiedene Objecte mit den-
selben Namen bezeichnet. Unter diesen Umständen war es
unvermeidlich, eine ziemliche Anzahl von neuen Wörtern
(dem internationalen Herkommen gemäss aus dem Griechi-
schen gebildet) einzuführen, welche bestimmte und klare Be-
griffe fest und ausschliesslich bezeichnen sollen.
Die dunkeln Schattenseiten der herrschenden organischen
Morphologie habe ich mir erlaubt scharf zu beleuchten und
ihre Irrthümer rücksichtslos aufzudecken. Möge man in
meiner offenen Sprache nicht eitle Selbstüberhebung oder
Verkennung der wirklichen Verdienste Anderer erblicken,
sondern lediglich den Ausdruck der festen Ueberzeugung,
dass nur durch unumwundene Wahrheit der Fortschritt in
der Wissenschaft gefördert werden kann.
Wenn ich auch alle meine Kräfte aufgeboten habe, um die-
sem ersten systematisch geordneten Versuche einer allgemeinen
Anatomie und Entwicklungsgeschichte ein möglichst annehm-
bares Gewand zu geben, so bin ich mir doch wohl bewusst,
dass das Erreichte weit, sehr weit hinter dem Erstrebten
zurück geblieben ist. Das Werk soll aber auch nichts Fer-
XXTV Vorwort.
tiges, sondern nur Werdendes bieten. Handelt es sich ja doch
noch um definitive Sicherstellung des festen Gerüstes jenes
erhabenen Lehrgebäudes , welches die organische : Morpho-
logie der Zukunft ausführen soll. Meine Anstrengungen wer-
den hinlänglich belohnt sein, wenn sie frische Kräfte zur Ver-
besserung des Gegebenen anregen, und wenn dadurch mehr
und mehr der Grundgedanke zur Geltung kommt, welchen
ich für die erste und notwendigste Vorbedingung jedes wirk-
lichen Fortschritts auf unserm Wissenschafts -Gebiete halte:
der Gedanke von der Einheit der gesammten organischen
und anorganischen Natur, der Gedanke von der allgemeinen
Wirksamkeit mechanischer Ursachen in allen erkennbaren Er-
scheinungen, der Gedanke, dass die entstehenden und die
entwickelten Formen der Organismen nichts Anderes sind,
als das nothwendige Product ausnahmsloser und ewiger
Naturgesetze.
Jena, am 14 ten September 1866.
Ernst Heinrich Haeckel.
Inhaltsverzeichniss
des ersten Bandes
der generellen Morphologie.
Seite.
An Carl Gegenbaur. . VII
Vorwort XIII
Erstes Buch.
Kritische und methodologische Einleitung in die generelle Mor-
phologie der Organismen 1
Erstes Capltel : Begriff und Aufgabe der Morphologie der Orga-
nismen 3
Zweites Capitel: Verhältnisa der Morphologie zu den anderen Na-
turwissenschaften 8
I. Morphologie und Biologie 8
H. Morphologie und Physik (Statik und Dynamik) 10
III. Morphologie und Chemie 12
IV. Morphologie und Physiologie 17
Drittes Capitel: Eintheilung der Morphologie in untergeordnete
Wissenschaften 22
I. Eintheilung der Morphologie in Anatomie und Morphogenie. ... 22
II. Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 24
III. Anatomie und Systematik 31
IV. Organologie und Histologie 42
V. Tectologie und Promorphologie , 46
VI. Morphogenie oder Entwickelungsgeschichte 50
VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen 53
VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme 57
IX. Generelle und specielle Morphologie 60
2 >n
XXVI Inhalt.
Seite
Viertes Capitel: Methodik der Morphologie der Organismen. . . 63
Viertes Capitel: Erste Hälfte: Kritik der naturwissenschaft-
lichen Methoden, welche sich gegenseitig nothwendig ergänzen müssen. 63
I. Empirie und Philosophie (Erfahrung und Erkenntniss) 63
II. Analyse und Synthese 74
III. Induction und Deduction 79
Viertes Capitel: Zweite Hälfte: Kritik der naturwissen-
schaftlichen Methoden, welche sich gegenseitig nothwendig ausschliessen
müssen , gg
IV. Dogmatik und Kritik gg
V. Teleologie und Causalität (Vitalismus und Mechanismus), .... 94
VI. Dualismus und Monismus 105
Zweites Buch.
Allgemeine Untersuchungen über die Natur und erste Entstehung
der Organismen, ihr Verhältniss zu den Anorganen, und ihre
Eintheilung in Thiere und Pflanzen. . . , 109
Fünftes Capitel: Organismen und Anorgane 111
I. Organische und anorganische Stoffe 111
I, 1. Differentielle Bedeutung der organischen und anorganischen Ma-
terien 111
I, 2. Atomistische Zusammensetzung der organischen und anorgani-
schen Materien 115
I, 3. Verbindungen der Elemente zu organischen und anorganischen
Materien. 11g
I, 4. Aggregatzustände der organischen und anorganischen Materien. 122
II. Organische und anorganische Formen 130
II, 1. Individualität der organischen und anorganischen Gestalten. . 130
II, 2. Grundformen der organischen und anorganischen Gestalten. . 137
in. Organische und anorganische Kräfte 140
III, 1. Lebenserscheinungen der Organismen und physikalische Kräfte
der Anorgane 140
III, 2. Wachsthum der organischen und anorganischen Individuen. . 141
III, 3. Selbsterhaltung der organischen und anorganischen Individuen. 149
III, 4. Anpassung der organischen und anorganischen Individuen. . 152
III, 5. Correlation der Theile in den organischen und anorganischen
Individuen 158
III, 6. Zellenbildung und Krystallbildung 159
IV. Einheit der organischen und anorganischen Natur 164
Sechstes Capitel: Schöpfung und S elbstzougung 167
I. Entstehung der ersten Organismen 167
II. Schöpfung 171
HI. Urzeugung oder Generatio spontanea. ' 174
IV. Selbstzeugung oder Autogonie 179
Inhalt. XXVII
Seite
Siebentes Capitel: Thiere und Pflanzen 191
I. Unterscheidung von Thier und Pflanze 191
IL Bedeutung der Systemgruppen 195
III. Ursprung des Thier- und Pflanzen -Reiches 198
IV. Stämme der drei Reiche 203
V. Characteristik der Stämme und Reiche 206
VI. Character des Thierreiches 209
VI, A. Chemischer Character des Thierreiches 209
VI, B. Morphologischer Character des Thierreiches 210
VI, V. Physiologischer Character des Thierreiches 212
VII. Character des Protistenreiches .... 215
VII, A. Chemischer Character des Protistenreiches 215
VII, B. Morphologischer Character des Protistenreiches 216
VII, C. Physiologischer Character des Protistenreiches 218
VIII. Character des Pflanzenreiches 220
VIII, A. Chemischer Character des Pflanzenreiches 220
VIII, B. Morphologischer Character des Pflanzenreiches 222
VIII, C. Physiologischer Character des Pflanzenreiches 223
IX. Vergleichung der drei Reiche 226
X. Wechselwirkung der drei Reiche 230
XI. Die Seele als Character der Thiere 232
XII. Zoologie, Protistik, Botanik 234
Uebersicht aller Zweige der Zoologie 238
Drittes Buch.
Erster Theil der allgemeinen Anatomie.
Generelle Tectologie oder allgemeine Structurlehre der
Organismen 239
Achtes Capitel: Begriff und Aufgabe der Tectologie 241
I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. . . . 241
IL Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen 243
III. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. .... 245
IV. Verschiedene Auffassungen des protistischen Individuums 251
V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums 255
VI. Morphologische und physiologische Individualität 265
Neuntes Capitel: Morphologische Individualität der Organismen. . 269
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden oder Plasma-
stücke 269
I, 1. Unterscheidung von Cytoden und Zellen 269
I, 2. Zusammensetzung der Piastiden (Cytoden und Zellen) aus ver-
schiedenen Formbestandtheilen 275
A. Plasma (Protoplasma) Zellstoff. 275
B. Nucleus (Cytoblastus) Zellkern 278
XXVIII Inhalt.
Seite
C. Plasma -Producte 279
D. Plasma und Nucleus als active Zellsubstanz .... 287
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe oder Werk-
etücke 289
II, 1. Morphologischer Begriff des Organs 291
II, 2. Eintheilung der Organe in verschiedene Ordnungen 291
A. Organe erster Ordnung: Zellfusionen 296
B. Organe zweiter Ordnung: Einfache oder homoplastische
Organe 298
C. Organe dritter Ordnung: Zusammengesetzte oder hetero-
plastische Organe 299
D. Organe vierter Ordnung: Organ- Systeme 301
E. Organe fünfter Ordnung: Organ - Apparate 302
III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren oder Ge-
genstücke 303
IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren oder Folge-
stücke QIC)
V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen oder Prosopen. 318
VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke oder Cormen. 326
Zehntes Capitel: Physiologische Individualität der Organismen. 332
I. Die Piastiden als Bionten. (Physiologische Individuen erster Ordnung.' 332
I, A. Die Piastiden als actuelle Bionten qog
I, B. Die Piastiden als virtuelle Bionten. 33g
I, V. Die Piastiden als partielle Bionten _ 33g
II. Die Organe als Bionten. Physiologische Individuen zweiter Ordnung.) 340
DI, A. Die Organe als actuelle Bionten 343
II, B. Die Organe als virtuelle Bionten 343
II, C. Die Organe als partielle Bionten .... 345
III. Die Antimeren als Bionten. (Physiologische Individuen dritter Ordn.). 347
III, A. Die Antimeren als actuelle Bionten 347
III, B. Die Antimeren als virtuelle Bionten 348
III, C. Die Antimeren als partielle Biont n 351
IV. Die Metameren als Bionten. (Physiologische Individuen vierter Ordn.). 351
IV, A. Die Metameren als actuelle Bionten. 352
IV, B. Die Metameren als virtuelle Bionten 355
IV, C. Die Metameren als partielle Bionten 356
V. Die Personen als Bionten. (Physiologische Individuen fünfter Ordn.). 357
V, A. Die Personen als actuelle Bionten 357
V, B. Die Personen als virtuelle Bionten 359
V, C. Die Personen als partielle Bionten 359
VI. Die Stöcke als Bionten. (Physiologische Individuen sechster Ordn.). 360
VI, A. Die Stöcke als actuelle Bionten 361
VI, B. Die Stöcke als virtuelle Bionten 363
VI, C. Die Stöcke als partielle Bionten 363
Elftes Capitel: Tectologische Thesen 364
I. Thesen von der Fundamental - Structur der Organismen 364
II. Thesen von der organischen Individualität 366
Inhalt. XXIX
Seite
III. Thesen von den einfachen organischen Individuen 368
IV. Thesen von den zusammengesetzten organischen Individuen. . . . 368
V. Thesen von der physiologischen Individualität 369
VI. Thesen von der tectologischen Differenzirung und Centralisation. . 370
VII. Thesen von der Vollkommenheit der verschiedenen Individualitäten. 372
Viertes Buch.
Zweiter Theil der allgemeinen Anatomie.
Generelle Promorphologie oder allgemeine Grundfor-
menlehre der Organismen 375
Zwölftes (apitel: Begriff und Aufgabe der Promorphologie. . . . 377
1. Die Promorphologie als Lehre von den organischen Grundformen. . 377
II. Begriff der organischen Grundform im Allgemeinen 379
III. Verschiedene Ansichten über die organischen Grundformen. . . . 381
IV. Die Promorphologie als organische Stereometrie 387
V. Grundformen aller Individualitäten. 390
VI. Promorphologische Bedeutung der Antimeren 392
VII. Systematische Bedeutung der Grundformen 394
VIII. Promorphologie und Orismologie 396
Dreizehntes Capitel: System der organischen Grundformen 400
Er ste Hauptabtheilung der organischen Grundformen:
Lipostaura. Organische Grundformen ohne Kreuz-
axen und ohne M'edianebene (Sagittalebene).
I. Axenlose. Anaxonia. Spougilla-Form 400
II. Axenfeste. Axonia 402
II, 1. Gleichaxige. Homaxonia. Kugeln. Sphaerozoum-Form 404
II, 2. Ungleichaxige. Hcteraxonia 405
2, A. Vielaxige. Polyaxoni«. Endosphärische Polyeder 406
An. Irreguläre Vielaxige. Polyaxonia arrhythmn. ....... 407
a, I. TJngleichvieleckige. Allopolyyonu. Rhizosphaera- Forin. . . 408
a, II. Gleichvieleckige. Isopolyyona. Ethmosphaera-Form. . . . 409
Ah. Reguläre Vielaxige. Pohjaxonin rhythmica 410
b, I. Icosaedra Aulosphaera-icosaedra-Form 411
b, II. Dodecaedra. Pollen -Form von Bucholzia maritima. . . . 412
b, III. Octaedra. Antheridien-Form von Ohara 412
b, IV. Hexaedro. Hexaedromma-Form (Actinomma drymodes). . . 413
b, V. Tetraedra. Pollen -Form von Corydalis sempervirens. . . . 415
2, B. Hauptaxige. Protaxonia . 416
Bft- Einaxige. Monaxonia 420
(i, I. Gleichpolige Einaxige. Haplopola 422
I, 1. Sphaeroide. Haplopola anepipeda. Ooccodiscus-Form. . . 423
I, 2. Cylinder. Haplopola amphepipeda. Pyrosoma-Form. . . . 424
XXX Inhalt.
Seite
n, II. Ungleichpolige Einaxige. Diplopola 426
II, 1. Eier. Diplopola nnepipeda. Ovaliua 426
II, 2. Kegel. Diplopola monepipeda. Couulina. 428
II, 3. Kegelstumpfe. Diplopola amphepipeda 429
Bli. Kreuzaxige. Stauraxonia 430
Zweite Hauptabtheilung der organischen Grundformen:
Stauraxonia (mit Ausschluss der Zeugiten.)
Organische Grundformen mit Kreuzaxen und ohne Me-
diauebene (Sagittalebene) : Doppel-Pyramiden oder Pyramiden
(mit Ausschluss der Allopolen). (Strahlige oder reguläre For-
men der meisten Autoren. 430
I. Gleichpolige Kreuzaxige. Homopola. Doppelpyramiden 436
I, 1. Gleichpolige Gleichkreuzaxige. Isoslanra. Reguläre Doppelpyramiden. 437
1, A. Vielseitige reguläre Doppelpyramiden. Isostaura polypleura. He-
liodiscus-Form 438
1, H. Quadrat -Octaeder. Isoslaura octopleura. Acanthostaurus-Form. 440
1,2. Gleichpolige Ungleichkreuzaxige. Allostaura Amphithecte Doppel -
Pyramiden 446
1, A. Vielseitige amphithecte Doppelpyramiden. Allostaura polypleura.
Amphilonche-Form 447
1, B. Rhomben -Octaeder. Allostaura octopleura. Stephanastrum -Form. 450
II. Ungleichpolige Kreuzaxige. Heteropola. Pyramiden 452
II, 1. Ungleichpolige Kreuzaxige. Homostaura. Reguläre Pyramiden. . . 459
1, A. Geradzahlige reguläre Pyramiden. lsopola 465
Aa. Geradzahlige Vielstrahler. Myrittctinota. Aequorea-Form. . . 466
Ab. Zehnstrahler. Dccactinota. Aegineta-globosa-Form 467
Ac. Achtstrahler. Octactinota. Alcyonium-Form 468
Ad. Sechsstrahler. Hexadinola. Carmarina-Form 469
Ae. Vierstrahler. Tetractinota Aurelia -Form 469
1, B. Ungeradzahlige reguläre Pyramiden. Anisopola 471
ha. Ungeradzahlige Vielstrahler. Pohjactinota. Brisinga -Form. . . 471
Bh. Neunstrahler. Enneactinota. Enneactis-Form 472
Bv. Siebenstrahler. Heptactinota. Trieutalis-Form 472
Bd. Fünfstrahler. Pentactinota. Ophiura-Form 473
Be. Dreistrahler. Triactinota. Iris -Form 474
II, 2. Ungleichpolige Ungleichkreuzaxige. Heterostaura. Irreguläre Py-
ramiden 475
2, A. Amphithecte Pyramiden. Antopola 479
Aa. Vielseitige amphithecte Pyramiden: Oxystaura 481
a, I. Achtreifige. Octophragma. Eucharis-Form •. . . 482
a, II. Sechsreifige. Hexaphfagma. Flabellum-Form. . ... . . 485
Ab. Rhomben -Pyramiden. Orthoslaura 488
b, I. Vierreifige. Tetraphragma. Saphenia-Form 489
b, II. Zweireifige. Diphragma. Petalospyris-Form 492
2, B. Halbe amphithecte Pyramiden. Allopola (Zeugita) 495
Dritte Hauptabtheilung' der organischen Grundformen:
Zeugita (Allopola). Organische Grundformen mit
Kreuzaxen und mit einer Mediauebene (Sagittalebene).
(Bilaterale oder symmetrische Forme nder meisten Autoren.) . 495
Inhalt. XXXI
Seite
I. Schienige Grundformen. Amphipleura. (Hälften einer amphithecten
Pyramide von 4+2n Seiten.) 500
I, 1. Siebenschienige. Heptamphipleura. Disandra-Form 501
I, 2. Sechsschienige. Hexamphipleum Oculina-Form 501
1,3. Fünfschienige. Pentamphipleura. Spatangus- Form 502
I, 4. Dreischienige. Triamphiplewa. Orchis-Form 505
II. Jochpaarige Grundformen: Ztjiiopleurn (Halbe Rhomben - Pyramiden
oder gleichschenkelige Pyramiden.) . . , 507
II, 1. Zweipaarige. Telraplcnrn. Doppelt- gleichschenkelige Pyramiden. . 511
1, A. Gleichhälftige Zweipaarige. Eutelrapleura 513
An. Eutetrapleura radialia: mit drei Antimeren-Formeu. Praya-Form. 513
Ab. Eutetrapleura interradialia: mit zwei Antimeren-Formen. Nereis-
Form 515
1, ß. Ungleichhälftige Zweipaarige. Dystelrapleura. Abyla-Form. 518
II, 2. Einpaarige. Diplenra. Einfach -gleichschenkelige Pyramiden. . . 519
2, A. Gleichhälftige Einpaarige: Eudiplenr«. Homo -Form 521
2, B. Ungleichhälftige Einpaarige: Dysdipleura . Pleuronectes-Form. . 524
Vierzehntes Capitel: Grundformen der sechs Iudividualitäts-Ord-
nungen 528
I. Grundformen der Piastiden 528
II. Grundformen der Organe 531
III. Grundformen der Antimeren 533
IV. Grundformen der Metameren .. 535
V. Grundformen der Personen 537
VI. Grundformen der Stöcke 538
Fünfzehntes Capitel: Promorphologische Thesen 540
I. Thesen von der Fundamentalform der Organismen 540
II. Thesen von dem Verhältniss der organischen zu den anorganischen
Grundformen 541
III. Thesen von der Constitution der individuellen Grundformen. . . . 543
IV. Thesen von den Mitten -Differenzen der Grundformen 544
V. Thesen von den lipostauren Grundformen 545
VI. Thesen von den stauraxonien Grundformen 547
VII. Thesen von den zeugiten Grundformen 548
VIII. Thesen von der Vollkommenheit der organischen Grundformen. . . 550
IX. Thesen von der Hemiedrie der organischen Grundformen 551
X. Thesen von der Krystallform organischer Individuen 552
XI. Thesen von den Grundformen der sechs Individualitäts - Ordnungen. 552
XXXII
Inhalt.
Anhang zum vierten Buche.
Seite
I. Das promorphologische System als generelles Formensystem. . . . 554
II. Uebersicht der wichtigsten stereometrischen Grundformen nach ihrem 555
verschiedenen Verhalten zur Körpermitte
III. Tabelle zur Bestimmung der Grundformen 556
IV. Uebersicht der realen Typen der Grundformen 557
V. Tabelle über die promorphologischen Kategorieen 558
Erklärung der Tafeln .• 559
Berichtigungen:
Seite 45, Zeile 14 von oben, lies: Zellfusionen — statt: Zellenstöcke.
50,
53,
57,
57,
59,
60,
137,
266,
411,
413,
413,
10 von oben, lies: Entwick elungsge schichte — statt: Mor-
phogenesis.
15 von unten, lies: Buche — statt: Abschnitt.
1 von oben, lies: fünften — statt: dritten.
3 und 6 von oben, lies: Zeugungskreise •- statt: Eiproducte.
2 von unten, lies: Bionten — statt: Personen.
4 von oben, lies: Genealogie statt: Phylogenesis.
19 von unten, setze: unmittelbar — vor: zugänglich.
7 von unten, streiche: Salpenketten.
17 von unten, lies: zwölf — statt: zwanzig.
10 von unten, lies: Pyramide — statt: Octaeder.
9 von unten, setze: ungleichpolige — vor: Hauptaxe.
Erstes Buch.
Kritische und methodologische Einleitung in die
generelle Morphologie der Organismen.
Ilaecke], Generelle Morphologie.
„Wenn wir Naturgegenstände, besonders aber die lebendigen, dergestalt gewahr
werden, dass wir uns eine Einsicht in den Zusammenhang ihres Wesens und Wir-
kens zu verschärfen wünschen, so glauben wir zu einer solchen Kenntniss am besten
durch Trennung der Theile gelangen zu können; wie denn auch wirklich dieser
Weg uns sehr weit zu führen geeignet ist. Was Chemie und Anatomie zur Ein-
und Uebersicht der Natur beigetragen haben, dürfen wir nur mit wenig Worten den
Freunden des Wissens in's Gedächtniss zurückrufen.
„Aber diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen auch
manchen Nacht heil hervor Das Lebendige ist zwar in Elemente zerlegt, aber man
kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und heieben. Dieses gilt schon
von vielen anorganischen, geschweige von organischen Körpern.
,,Es hat sich daher auch in dem wissenschaftlichen Menschen zu allen Zeiten
ein Trieb hervorgethan, die lebendigen Bildungen als solche zu erkennen, ihre äusse-
ren sichtbaren greiflichen Theile im Zusammenhange zu erfassen, sie als Andeutun-
gen des Inneren aufzunehmen, und so das Ganze in der Anschauung gewissermaassen
zu beherrschen. Wie nahe dieses wissenschaftliche Verlangen mit dem Kunst- und
Nachahmungstriebe zusammenhänge , braucht wohl nicht umständlich ausgeführt zu
werden.
„Man findet daher in dem Gange der Kunst, des Wissens und der Wissenschaft
mehrere Versuche, eine Lehre zu gründen und auszubilden, welche wir die Mor-
phologie nennen möchten."
Goethe (Jena, 1807).
Erstes Capitel.
Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen.
„Weil ich für mich und Andere einen freieren Spielraum in
der Naturwissenschaft, als man uns bisher gegönnt, zu erringen
wünsche, so darf man mir und den Gleichgesinnten keineswegs
verargen, wenn wir dasjenige, was unseren rechtmässigen For-
derungen entgegensteht, scharf bezeichnen und uns nicht mehr
gefallen lassen, was man seit so vielen Jahren herkömmlich gegen
uns verübte" Goethe.
Die Morphologie oder Formenlehre der Organismen ist
die gesammte Wissenschaft von den inneren und äusseren
Formenverhältnissen der belebten Naturkörper, der Thiere
und Pflanzen, im weitesten Sinne des Wortes. Die Aufgabe der
organischen Morphologie ist mithin die Erkenntniss und die
Erklärung dieser Formenverhältnisse, d. h. die Zurückführuug
ihrer Erscheinung auf bestimmte Naturgesetze.
Wenn die Morphologie ihre eigentliche Aufgabe erkennt und eine
Wissenschaft sein will, so darf sie sich nicht begnügen mit der Kennt-
niss der Formen, sondern sie muss ihre Erkenntniss und ihre Er-
klärung erstreben, sie muss nach den Gesetzen suchen, nach denen
die Formen gebildet sind. Es muss diese hohe Aufgabe unserer Wis-
senschaft desshalb hier gleich beim Eintritt in dieselbe ausdrücklich
hervorgehoben werden, weil eine entgegengesetzte irrige Ansicht von
derselben weit verbreitet, ja selbst heutzutage noch die bei weitem
vorherrschende ist. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher, welche
sich mit den Formen der Organismen beschäftigen, Zoologen sowohl,
als Botaniker, begnügt sich mit der blossen Kenntniss derselben;
sie sucht die unendlich mannichfaltigen Formen, die äusseren und in-
neren Gestaltungs-Verhältnisse der thierischen und pflanzlichen Körper
auf und ergötzt sich an ihrer Schönheit, bewundert ihre Mannichfaltig-
keit und erstaunt über ihre Zweckmässigkeit; sie beschreibt und unter-
1*
4 Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen.
scheidet alle einzelnen Formen, belegt jede mit einem besonderen Namen
und findet in deren systematischer Anordnung- ihr höchstes Ziel.
Diese Kenntniss der organischen Formen gilt leider noch heute
in den weitesten Kreisen als wissenschaftliche Morphologie der Orga-
nismen. Man verachtet und verspottet zwar die früher fast ausschliess-
lich herrschende oberflächliche Systematik, welche sich mit der blossen
Kenntniss der äusseren Formenverhältnisse der Thiere und Pflanzen
und mit deren systematischer Classification begnügte. Man vergisst
dabei aber ganz, dass die gegenwärtig die meisten Zoologen und Bo-
taniker beschäftigende Kenntniss der inneren Formenverhältnisse an sich
betrachtet nicht um ein Haar höher steht, und ebenso wenig an und
für sich auf den Rang einer erkennenden Wissenschaft Anspruch machen
kann. Die anatomischen und histologischen Darstellungen einzelner Theile
von Thieren und Pflanzen, sowie die anatomisch-histologischen Mono-
graphieen einzelner Formen, welche sich in unseren zoologischen und
botanischen Zeitschriften von Jahr zu Jahr immer massenhafter anhäu-
fen und in deren Production von den Meisten das eigentliche Ziel der
morphologischen Wissenschaft gesucht wird, sind für diese von ebenso
untergeordnetem Werttie, als die im vorigen Jahrhundert vorherrschenden
Beschreibungen und Classificationen der äusseren Species-Formen. Die
Zootomie und die Phytotomie sind an sich so wenig wirkliche Wissen-
schaften, als die von ihnen so verachtete, sogenannte Systematik; sie
haben, wie diese, bloss den Rang einer unterhaltenden Gemüths- und
Augen-Ergötzung. Alle Kenntnisse, die wir auf diesem Wege erlangen,
sind nichts als Bausteine, aus deren Verbindung das Gebäude unserer
\\ issenschaft erst aufgerichtet werden soll.
Indem sich nun die grosse Mehrzahl der sogenannten Zoologen
und Botaniker mit dem Aufsuchen, Ausgraben und Herbeischleppen
dieser Bausteine begnügt, und in dem Wahne lebt, dass diese Kunst
die eigentliche Wissenschaft sei, indem sie das Kennen mit dem Er-
kennen verwechsele kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn der
Bau unseres wissenschaftlichen Lehrgebäudes selbst noch unendlich
hinter den bescheidensten Anforderungen unserer heutigen Bildung zu-
rück ist. Der denkenden Baumeister sind nur wenige, und diese we-
nigen stehen so vereinzelt, dass sie unter der Masse der Handlanger
verschwinden und nicht von den letzteren verstanden werden.
So gleicht denn leider die wissenschaftliche Morphologie der Or-
ganismen heutzutage mehr einem grossen wüsten Steinhaufen, als einem
bewohnbaren Gebäude. Und dieser Steinhaufen wird niemals dadurch
ein Gebäude, dass man alle einzelnen Steine inwendig und auswendig
untersucht und mikroskopirt, beschreibt und abbildet, benennt und dann
wieder hinwirft. Wir kennen zwar die üblichen Phrasen von den
riesenhaften Fortschritten der organischen Naturwissenschaften, und
Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 5
der Morphologie insbesondere; die Selbstbewunderung;, mit der man
die quantitative Vermehrung- unserer zoologischen und botanischen
Kenntnisse alljährlich anstaunt, Wo aber, fragen wir, bleibt die den-
kende und erkennende Verwerthung dieser Kenntnisse? Wo bleibt
der qualitative Fortschritt in der Erkenntniss? Wo bleibt das erklä-
rende Licht in dem dunklen Chaos der Gestalten? Wo bleiben die
morphologischen Naturgesetze? Wir müssen offen gestehen, in
diesem rein quantitativen Zuwachs mehr Ballast, als Nutzen zu sehen.
Der Steinhaufen wird nicht dadurch zum Gebäude ; dass er alle Jahr
um so und so viel höher wird. Im Gegentheil, es wird nur schwie-
riger, sich in demselben zurechtzufinden, und die Ausführung des Baues
wird dadurch nur in immer weitere Ferne gerückt.
Nicht mit Unrecht erhebt die heutige Physiologie stolz ihr Haupt
über ihre Schwester, die armselige Morphologie. So lange die letztere
nicht nach der Erklärung der Formen, nach der Erkenntniss ihrer
Bildungsgesetze strebt, ist sie dieser Verachtung werth. Zwar möchte
sie dann wenigstens auf den Rang einer dcscriptiven Wissenschaft An-
spruch machen. Indessen ist diese Bezeichnung selbst ihr nicht zu
gewähren. Denn eine bloss beschreibende Wissenschaft ist eine Con-
tradictio in adjecto. Nur dadurch, dass der gesetzmässige Zusam-
menhang in der Fülle der einzelnen Erscheinungen gefunden
wird, nur dadurch erhebt sich die Kunst der Formbeschreibung zur
Wissenschaft der Formerkenntniss.
Wenn wir nun nach den Gründen fragen, warum die wissenschaft-
liche Morphologie noch so unendlich zurück ist, warum noch kaum die
ersten Grundlinien dieses grossen und herrlichen Gebäudes gelegt sind,
warum der grosse Steinhaufen noch roh und ungeordnet ausserhalb
dieser Grundlinien liegt, so finden wir freilich die rechtfertigende Ant-
wort theilweis in der ausserordentlichen Schwierigkeit der Aufgabe.
Denn die wissenschaftliche Morphologie der Organismen ist vielleicht
von allen Naturwissenschaften die schwierigste und unzugänglichste.
Wohl in keiner andern Naturwissenschaft steht die reiche Fülle der
Erscheinungen in einem solchen Missverhältnisse zu unseren dürftigen
Mitteln, sie zu erklären, ihre Gesetzmässigkeit zu erkennen und zu be-
gründen. Das Zusammenwirken der verschiedensten Zweige der Natur-
wissenschaft, welches z. B. die Physiologie in dem letzten Decennium
auf eine so ansehnliche Höhe erhoben hat, kommt der Morphologie
nur in äusserst geringem Maasse zu statten. Und die untrügliche
mathematische Sicherheit der messenden und rechnenden Methode,
welche die Morphologie der anorganischen Naturkörper, die Krystallo-
graphie, auf einen so hohen Grad der Vollendung erhoben hat, ist in
der Morphologie der Organismen fast nirgends anwendbar.
Zum grossen Theil aber liegt der höchst unvollkommene Zustand
6 Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen.
unserer heutigen Morphologie der Organismen auch an dem unwissen-
schaftlichen Verfahren der Morphologen, welches wir in den obigen
Sätzen bei weitem noch nicht so scharf gerügt haben, wie es gerügt
zu werden verdiente. Vor Allem ist es die übermässige Vernachlässi-
gung strenger Denkthätigkeit, der fast allgemeine Mangel an
wirklich vergleichender und denkender Naturbetrachtung, dem wir hier
den grössten Theil der Schuld beimessen müssen. Freilich ist es un-
endlich viel bequemer, irgend eine der unzähligen Thier- und Pflan-
zen-Formen herzunehmen, sie mit den ausgebildeten anatomischen und
mikroskopischen Hülfsmitteln der Neuzeit eingehend zu untersuchen,
und die gefundenen Formenverhältnisse ausführlich zu beschreiben und
abzubilden; freilich ist es unendlich viel bequemer und wohlfeiler solche
sogenannte „Entdeckungen" zu machen, als durch methodische Ver-
gleichung, durch angestrengtes Denken das Verständniss der beob-
achteten Form zu gewinnen und die Gesetzmässigkeit der Form-
Erscheinung nachzuweisen. Insbesondere in den letzten acht Jahren,
seit dem allzufrühen und nicht genug zu beklagenden Tode von Jo-
hannes Müller (1858), dessen gewaltige Autorität bei seinen Lebzeiten
noch einigermaassen strenge Ordnung auf dem weiten Gebiete der or-
ganischen Morphologie aufrecht zu erhalten wusste, ist eine fortschrei-
tende Verwilderung und allgemeine Anarchie auf demselben eingerissen,
so dass jede strenge Vergleichung der quantitativ so bedeutend wach-
senden jährlichen Leistungen einen eben so jährlich beschleunigten qua-
litativen Rückschritt nachweist. In der That nimmt die denkende
Betrachtung der organischen Formen heutzutage in demselben Verhält-
nisse alljährlich ab ; als die gedankenlose Production des Rohmaterials
zunimmt. Sehr richtig sprach in dieser Beziehung schon Victor Carus
vor nunmehr 13 Jahren die freilich wenig beherzigten Worte: „Wie es
für unsere Zeit charakteristisch ist, dass fast alle Wissenschaften sich
in endlose Specialitäten verlieren und nur selten zu dem rothen Faden
ihrer Entwicklung zurückkommen, so scheut man sich auch in
der Biologie (und ganz vorzüglich in der Morphologie!) vor An-
wendung selbst der ungefährlichsten Denkprocesse."
Neben der fast allgemein herrschenden Denkträgheit ist es freilich
auch sehr oft die höchst mangelhafte allgemeine Bildung, der
Mangel an philosophischer Vorbildung und an Ueberblick der gesamm-
ten Naturwissenschaft, welcher den Morphologen unserer Tage den Ge-
sichtskreis so verengt, dass sie das Ziel ihrer eigenen Wissenschaft
nicht mehr sehen können. Die grosse Mehrzahl der heutigen Mor-
phologen, und zwar sowohl der sogenannten „Systcniatiker," welche
die äusseren Formen, als der sogenannten „vergleichenden Anatomen, u
welche den inneren Bau der Organismen beschreiben (ohne ihn zu
vergleichen, und ohne über den Gegenstand überhaupt ernstlich nach-
Begriff und Aufgabe der Morphologie der Organismen. 7
zudenken!) hat das hohe und so weit entfernte Ziel unserer Wissen-
schaft völlig 1 aus den Augen verloren. Sie begnügen sich damit, die
organischen Formen (gleichgültig ob die äussere Gestalt oder den inneren
Bau) ohne sich bestimmte Fragen vorzulegen, oberflächlich zu unter-
suchen und in -dicken papierreichen und gedankenleeren Büchern weit-
läufig zu beschreiben und abzubilden. Wenn dieser ganz unnütze Bal-
last in den Jahrbüchern der Morphologie aufgeführt und bewundert
wird, haben sie ihr Ziel erreicht.
Wir erlauben uns diesen traurigen Zustand hier rücksichtslos und
scharf hervorzuheben, weil wir von der Ueberzeugung durchdrungen sind,
dass nur durch die Erkenntniss desselben und durch die offene Be-
leuchtung des dunkeln Chaos, welches die sogenannte Morphologie
gegenwärtig darstellt, eine bessere Behandlung derselben, eine wirk-
lich fördernde Erkenntniss der Gestalten angebahnt werden kann. Erst
wenn man allgemein danach streben wird, den gesetzmässigen Zusam-
menhang in den endlosen Reihen der einzelnen Gestalt-Erscheinungen
aufzufinden, wird es möglich werden, an das grosse und gewaltige
Gebäude der Morphologie selbst construirend heranzutreten. Erst wenn
die Kenntniss der Formen sich zur Erkenntniss, wenn die Betrachtung
der Gestalten sich zur Erklärung erheben wird, erst wenn aus dem
bunten Chaos der Gestalten sich die Gesetze ihrer Bildung
entwickeln werden, erst dann wird die niedere Kunst der Mor-
phographie sich in die erhabene Wissenschaft der Morpholo-
gie verwandeln können.
Man wird uns von vielen Seiten entgegnen, dass die Zeit dafür noch
nicht gekommen, dass unsere empirische Basis hierzu noch nicht ge-
nug breit, unsere Naturanschauung noch nicht genug reif, unsere Kennt-
niss der organischen Gestalten noch viel zu unvollkommen sei. Dieser
selbst von hervorragenden Morphologen getheilten Anschauung müssen
wir auf das Entschiedenste entgegentreten. Niemals wird ein so hohes
und fernes Ziel, wie ;das der wissenschaftlichen Morphologie ist, er-
reicht werden, wenn man dasselbe nicht stets im Auge behält. Will
man mit der Construction des Gebäudes, mit der Aufsuchung von all-
gemeinen Gestaltungs-Gesetzen warten, bis wir alle existirenden For-
men kennen, so werden wir niemals damit fertig werden; ja wir wer-
den niemals auch nur zum Fundament einer wissenschaftlichen Formen-
lehre gelangen. Des Ausbaues und der Verbesserung bedürftig wird
das Gebäude ewig bleiben ; das hindert aber nicht, dass wir uns wohn-
lich darin einrichten, und dass wir uns der Gesetzmässigkeit der Ge-
stalten erfreuen, auch wenn wir wissen, dass unsere Erkenntniss der-
selben eine beschränkte ist.
8 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften.
Zweites Capitel.
Verhältniss der Morphologie zu den änderen
Naturwissenschaften.
„Eine höchst wichtige Betrachtung in der Geschichte der Wis-
senschaft ist die, dass sich aus den ersten Anfängen einer Ent-
deckung Manches in den Gang des Wissens heran- und durch-
zieht, welches den Fortschritt hindert, sogar öfters lähmt. So
hat auch jeder Weg, durch den wir zu einer neuen Entdeckung
gelangen, Einfluss auf Ansicht und Theorie. Was würden wir
von einem Architecten sagen, der durch eine Seiten thüre in einen
Palast gekommen wäre, und nun, hei Beschreibung und Darstel-
lung eines solchen Gebäudes, Alles auf diese erste untergeordnete
Seite beziehen wollte? Und doch geschieht dies in den Wissen-
schaften jeden Tag." Goethe.
I. Morphologie und Biologie.
Den Begriff der Morphologie der Organismen haben wir im ersten
Capitel dahin bestimmt, dass dieselbe die gesammte Wissenschaft von
den inneren und äusseren Formenverhältnissen der belebten Naturkör-
per ist; wir haben ihr die Aufgabe gesteckt, diese Formen-Verhältnisse
zu erklären und auf bestimmte Naturgesetze zurückzuführen. Wir ha-
ben nun zunächst den Umfang und Inhalt jenes Begriffs noch näher
zu erläutern, indem wir das Verhältniss der Morphologie zu den an-
deren Naturwissenschaften ins Auge fassen.
Indem die Morphologie der Organismen die Bildungs-Gesetze der
thierischen und pflanzlichen Formen untersucht, bildet sie einen Theil
der Biologie oder Lebenswissenschaft, wenn wir unter diesem Namen,
wie es neuerdings geschieht, die gesammte Wissenschaft von den
Organismen oder belebten Naturkörpern unseres Erdballs zusammen-
fassen. ') Gewöhnlich wird die Morphologie als der eine der beiden
') Indem wir den Begriff der Biologie auf diesen umfassendsten und wei-
testen Umfang ausdehnen, schliessen wir den engen und beschränkten Sinn aus,
in welchem man häufig (insbesondere in der Entomologie) die Biologie mit der
Oecologie verwechselt, mit der Wissenschaft von der Oeconomie, von der Lebens-
weise, von den äusseren Lebeusbeziehungen der Organismen zu einander etc.
I. Morphologie und Biologie. 9
Haupttheile der Biologie betrachtet und ihr als zweiter Haupttheil der
letzteren die Physiologie als die Wissenschaft von den Leistungen der
Organismen gegenüber gestellt. Morphologie und Physiologie sind
demnach als zwei coordinirte Disciplinen der allumfassenden Biologie
untergeordnet. Da jedoch in dieser Beziehung sich sehr verschiedene
Auffassungen geltend machen, und da sowohl das Verhältniss der Mor^
phologie zur Biologie als dasjenige zur Physiologie vielfach verkannt
wird, so erscheint es nothwendig dieses Verhältniss in nähere Erwä-
gung zu ziehen und namentlich den Gebietsumfang der beiden coordi-
nirten Wissenschaften scharf von einander abzugrenzen.
Wir schicken voraus, dass dieser Versuch, wie jede ähnliche sy-
stematisirende Bestimmung, nur einen bedingten Werth hat, indem es
niemals möglich ist, die einzelnen Wissensgebiete vollkommen scharf
von einander abzugrenzen. Vielmehr greifen dieselben, der Natur der
Dinge gemäss, überall so vielfältig in einander über, dass die Grenz-
bestimmung der einzelnen Lehrgebiete immer mehr oder weniger dem
subjectiven Gutdünken des philosophischen Naturforschers überlassen
bleiben muss. Ferner bedingt der beständige Fortschritt aller Wissen-
schaften, die ungleich schnelle Entwicklung und ungleich hohe Aus-
bildung der einzelnen Disciplinen, der jeweilige Grad des herrschenden
Interesses für die eine oder die andere, dass der Umfang der einzel-
nen Wissensgebiete ebenso wie ihr Inhalt einer beständigen Verände-
rung unterworfen ist. Auch sind ja die Gesichtspunkte der einzelnen
Zeiten ebenso wie diejenigen der einzelnen Philosophen verschieden,
und mit der fortschreitenden Erkenntniss, mit der sich entwickelnden
Denkweise ändert sich zugleich die Sprache und ändern sich deren
Begriffe.
Wir würden daher diese schwierigen allgemeinen Fragen gerne
umgehen, wenn es nicht für eine klare Auffassung unserer eigenen
Aufgabe nothwendig erschiene, den Umfang unseres morphologischen
Forschungs-Gebiets scharf abzugrenzen und die grosse Verwirrung der
Begriffe, welche hier herrscht, zu lichten. Schon die ganz verschiedene
Bedeutung, welche selbst den Begriffen der Morphologie, Physiologie
und Biologie zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Seiten
der Jetztzeit (z. B. von den sehr verschiedenen Richtungen und Schulen
in der Zoologie und Botanik) beigelegt worden ist, zwingt uns zu die-
ser Erörterung. Wollen wir zu einer festen Begriffsbestimmung dieser
Wissenschaften gelangen, so ist es aber nöthig, von den allgemeinsten
Kategorieen der naturwissenschaftlichen Disciplinen auszugehen. Zu-
nächst ist hier das Verhältniss der Biologie zur Anorganologie, dem-
nächst das Verhältniss der gesainmten Morphologie zur Physik und
Chemie besonders zu berücksichtigen, und der Begriff dieser Wissen-
schaften seinem Umfang und Inhalt nach festzustellen. Denn wir müssen
10 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften.
gleichzeitig- die Morphologie der unorganischen und der organischen
Naturkörper vergleichend ins Auge fassen, um die Stellung zu bestim-
men, welche die Morphologie der Organismen unter, neben und über
den benachbarten Naturwissenschaften einnimmt.
II. Morphologie und Physik.
(Statik und Dynamik.)
Wenn wir als Eintheilungsprincip der gesammten Naturwissen-
schaft die Anwesenheit oder den Mangel derjenigen eigentümlichen
Bewegungserscheinungen eines Theils der Naturkörper anwenden, welche
man unter dem Begriffe des „Lebens" zusammenfasst, so müssen wir
die Gesainmtwissenschaft von den Naturkörpern unserer Erde eintei-
len in die beiden Hauptzweige der Biologie und der Abiologie. Die
Biologie oder Organismen-Lehre ist die Gesammtwissenschaft von
den Organismen, oder den sogenannten „belebten" Naturkörpern, Thie-
ren, Protisten und Pflanzen. Die Abiologie oder Anorganologie, die
Anorganen-Lehre, ist die Gesammtwissenschaft von den Anorganismen
(Abien) oder den sogenannten „leblosen" Naturkörpern, Mineralien,
Wasser, atmosphärischer Lüftete. 1 ) Wie diese beiden Hauptzweige
der irdischen Naturwissenschaft, 2 ) welche ihren gesammten Inhalt bil-
den, Biologie und Abiologie, sich coordinirt gegenüber stehen, so wer-
den wir auch zwischen den ihnen subordinirten Disciplinen eine Pa-
rallele herstellen können, welche uns für die Werthschätzung und
Rangordnung der einzelnen Zweige einen schätzenswerthen Maassstab
liefert.
Wenn wir dagegen von den charaktistischen Lebenserscheinungen,
welche die Organismen auszeichnen und von den Anorganen unter-
scheiden, zunächst absehen, so können wir an jedem Naturkörper drei
verschiedene Qualitäten unterscheiden, nämlich 1, den Stoff oder die
Materie; 2, die Form oder die Morphe; 3, die Kraft oder die Func-
tion. Hieraus würden sich als die drei Hauptzweige der Naturwissen-
schaft folgende drei Disciplinen ergeben: 1, die Stoff lehre oder Che-
mie; 2, die Formlehre oder Morphologie (im Aveitesten Sinne des
Worts); 3, die Kraftlehre oder Physik.
Die gesammte Natur, organische und anorganische, erkennen wir
') Gewöhnlich wird der Biologie als coordinirter anderer Hauptzweig der
Naturwissenschaft die Mineralogie gegenübergestellt, welche jedoch nur die Wis-
senschaft von den festen (nicht von den tropfbar flüssigen und gasförmigen) leb-
losen Naturkörpern umfasst.
2 ) Von der Kosmologie, der Wissenschaft von den gesammten Weltkörpern,
sehen wir hier ganz ab und beschränken uns auf die Betrachtung der irdischen
Natur körper.
IL Morphologie und Physik. 11
als ein System von bewegenden Kräften, welche der Materie
inhäriren und von dieser nicht trennbar sind. Wir kennen keine
Kraft ohne Materie, ohne materielles Substrat, und keine Materie ohne
Kraft, ohne Function. Die Gesammtheit der Functionen eines Theils
der Materie oder eines Naturkörpers ist nichts Anderes, als die Ge-
sammtheit der Bewegungs-Erscheinungeu, welche an demselben als Re-
sultanten auftreten aus seinen eigenen Kräften und den Kräften derje-
nigen anderen Naturkörper oder Theile der Materie, welche mit ihm
in Wechselwirkung treten.
Da die gesammte Natur nichts Anderes als ein System von be-
wegenden Kräften ist, so folgt hieraus, dass wirkliche Ruhe nirgends
existirt und dass da, wo scheinbare Ruhe in einem Theile der Materie
vorhanden ist, diese bloss die Resultante aus der Wechselwirkung der
verschiedenen bewegenden Kräfte ist , die in diesem Theile der
Materie zusammentreffen und sich das Gleichgewicht halten. Sobald
das Gleichgewicht aufhört, sobald eine der bewegenden Kräfte über
die Andern das Uebergewicht gewinnt, tritt die Bewegung als solche
wieder in die Erscheinung. Man kann demgemäss jeden Naturkörper
entweder im Zustande des Gleichgewichts der bewegenden Kräfte,
d. h. im Momente der Ruhe, oder im Zustande der Bewegung, d. h.
im Momente des Uebergewichts einer oder mehrerer der bewegenden
Kräfte untersuchen. Hierauf beruht die Eintheilung der gesammten
Naturwissenschaft in eine statische und in eine dynamische. Die
Statik oder Gleichgewichtslehre will die Gesetze erkennen, unter de-
nen das Gleichgewicht der Bewegungen zu Stande kommt und
untersucht das Resultat dieses Gleichgewichts. Die Dynamik oder
Bewegungslehre dagegen untersucht die Gesetze der Bewegungen,
welche in die Erscheinung treten, sobald das Gleichgewicht aller der
Materie inhärirenden Kräfte durch das Uebergewicht einer oder
mehrerer derselben vernichtet wird, und sucht das Resultat dieses Ueber-
gewichts zu erklären.
Setzen wir nun die Materie der Naturkörper als das ursprünglich
Gegebene voraus und suchen das Verhältniss der Form der Materie
zu den beständig in ihr thätigen bewegenden Kräften mit Rücksicht
auf die eben gegebenen Erläuterungen näher zu bestimmen, so wird
uns sofort klar, dass die jeweilige Form der Materie nichts Anderes
ist, als das in die Erscheinung tretende Resultat des Gleichgewichts
aller bewegenden Kräfte in einem bestimmten Momente. Die Formen-
lehre oder Morphologie der Naturkörper im weitesten Sinne des
Wortes ist mithin die Statik der Materie.
Wenn nun nach dieser Ableitung die Form als die Materie
im Zustande des Gleichgewichts ihrer bewegenden Kräfte
zu definiren ist, so erscheint sie streng genommen selbst schon als das
12 Verhält niss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften.
Resultat einer Function der Materie. Wir müssen daher, wollen wir
die übliche Antithese von Form und Function festhalten, die Leistung,
Kraft oder Function bestimmen als die Materie im Zustande der Be-
wegung, welche durch das Uebergewicht einer oder mehrerer ihrer
bewegenden Kräfte über die anderen entsteht. Die Wissenschaft von
den Leistungen oder Functionen, welche wir oben als Kraftlehre oder
Physik bezeichnet haben, würde dann wesentlich die Dynamik der
Materie sein.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus die Gesammtwissenschaft
von den irdischen Naturkörpern eintheilen, wenn wir also von den
eigenthünilichen „Lebenserscheinungen" ganz absehen und als Einthei-
lungsprincip lediglich die Anwesenheit oder den Mangel des Gleich-
gewichts der der Materie inhärirenden Kräfte betrachten, so spaltet
sich die gesammte Naturwissenschaft in die beiden coordinirten Haupt-
zweige der Formenlehre oder Gleichgewichtsichre (Morphologie, Statik)
und der Functionslehre oder Bewegungslehre (Physik, Dynamik).
III. Morphologie und Chemie.
Von der so eben begründeten Anschauungsweise wird die Materie
selbst als gegeben und bekannt vorausgesetzt, und es wird mithin die
Chemie oder Stoff lehre, welche wir oben als die erste von den drei
Fundamental -Wissenschaften aufgeführt haben, nicht mit in Betracht
gezogen. Es entsteht nun aber die Frage, welche Stellung die Che-
mie den beiden coordinirten Zweigen der Statik oder Morphologie und
der Dynamik oder Physik gegenüber eigentlich einnimmt. Die Beant-
wortung dieser Frage ist für uns desshalb von grosser Wichtigkeit,
weil auch ein Theil der Chemie als zur Morphologie der Organismen
gehörig beansprucht worden ist. Offenbar liegen hier drei Möglich-
keiten vor: Entweder ist die Chemie der beiden coordinirten Discipli-
nen, der Dynamik (Physik) und der Statik (Morphologie) übergeordnet,
oder sie ist ihnen als dritter gleichwerthiger Zweig beigeordnet, oder
sie ist ihnen beiden oder einer von ihnen untergeordnet. Jede dieser
drei möglichen Auffassungen lässt sich von ihrem eigenthümlichen und
besonderen Standpunkte aus rechtfertigen..
I. Im ersten Falle, wenn man, wie es von mehreren Seiten,
namentlich von manchen Physiologen geschieht, Statik und Dynamik als
die beiden coordinirten Hauptzweige der Naturwissenschaft auffasst,
welche der Stoff lehre untergeordnet sind und ihren Inhalt bilden, er-
scheint die Chemie im allgemeinsten Sinne, als die allumfassende Na-
turwissenschaft selbst, als die einzige Fundamentalwissenschaft, welche
alle übrigen in sich begreift. Diese Auffassung lässt sich damit recht-
fertigen, dass die Kenntniss des Stoffs der Untersuchung aller Formen,
aller Bcwcgungscrschciuungcn vorausgehen muss, dass in der That alle
III. Morphologie und Chemie. 13
Formen nur Erscheinungsweisen, Functionen des Stoffs, und zwar
Gleichgewichtszustände der Materie sind, und dass andererseits alle
die Functionen oder Kräfte, welche als Bewegungen in die Erscheinung
treten, ebenso unmittelbar durch die Materie selbst bedingt sind, und
von der Materie ausgehen. Da wir es hier nur mit Naturkörpern zu
thun haben, welche den Raum erfüllen, und nicht mit den stofflosen
Körpern der Mathematik, und da wir Naturkörper ohne Materie nicht
kennen, so muss die Materie dieser Körper als gegeben voraus gesetzt
werden, wenn wir ihre Formen und ihre Kräfte oder Leistungen unter-
suchen wollen. Von diesem Standpunkte aus (dem „materialistischen"
im strengsten Sinne) ist die Chemie die allumfassende Naturwissen-
schaft, und Morphologie und Physik sind ihre beiden nächstuntergeord-
neten Hauptzweige.
IL Im zweiten Falle, wenn man, wie es gewöhnlich geschieht,
Chemie, Physik (Dynamik) und Morphologie (Statik) als die drei coor-
dinirten Hauptzweige der Naturwissenschaft auffasst, erscheint keiner
der drei Begriffe hinsichtlich seines Umfangs vor den anderen beiden
bevorzugt, und ihnen übergeordnet. Diese Anschauungsweise lässt sich
damit begründen, dass, wie wir oben bereits gezeigt haben, zunächst
bei der einfachsten Betrachtung jedes Naturkörpers Stoff, Form und
Kraft als die drei allgemeinsten Grund-Eigenschaften desselben uns
entgegentreten, welche gleichen Anspruch auf eine gesonderte und un-
abhängige wissenschaftliche Behandlung inachen können. Dieser For-
derung entspricht z. B. die gewöhnliche Untersuchungsweise und Ver-
theilung des Lehrstoffs in der Abiologie, indem meistens die Natur-
wissenschaft von den Anorganen in die drei coordinirten Lehrzweige
der (anorganischen) Chemie, der Physik (im engeren Sinne) und der
Mineralogie (im weitesten Sinne) gespalten wird. Wollte man dieselbe
Eintheilung auch in der Biologie scharf durchführen (was aber niemals
geschieht), so würde man als drei coordinirte Zweige derselben erhal-
ten: 1, die Chemie der Organismen (organische Chemie im weitesten
Sinne); 2, die (rein physikalische) Physiologie (Dynamik der Organis-
men); 3, die Morphologie der Organismen. Doch lässt sich die gegen-
seitige Abgrenzung der Gebiete der Chemie, Physik und Morphologie
als drei coordinirter Disciplinen weder in dem Bereiche der organischen,
noch der unorganischen Naturwissenschaft so scharf thatsächlich durch-
führen, als diese Begriffsbestimmung es erfordert.
III. Im dritten Falle, wenn man, wie es von Seiten vieler Bio-
logen geschieht, die Chemie als eine Hülfswissenschaft betrachtet, und
ihr einen Platz weder über, noch neben den beiden anderen Disciplinen
der Statik und Dynamik gönnt, muss die Chemie den letzteren unter-
geordnet erscheinen, und es fragt sich dann nur, ob sie Beiden, oder
14 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften.
ob sie einer von Beiden, — und im letzteren Falle, welcher von Bei-
den sie subordinirt ist.
Thatsächlich machen sich hier nun sehr verschiedenartige Auffas-
sungen geltend. In der Biologie wird gewöhnlich, ja fast immer,
die Chemie der Organismen als ein Theil der organischen Functions-
lehre, der Physiologie betrachtet; und die übliche Definition der Phy-
siologie bestimmt sie als die , ; Physik und Chemie der Organismen."
In physiologischen Lehrbüchern und Lehrvorträgen spielt die Chemie
eine eben so hervorragende Kolle, als die Physik. Dagegen wird die
organische Chemie von der Morphologie nur selten, oder nur ganz
beiläufig als eine innerhalb ihres Umfanges stehende Hülfswissenschaft
in Anspruch genommen. Ganz anders gestaltet sich dagegen die Stel-
lung der Chemie in der Abiologie, indem hier, wie erwähnt, gewöhn-
lich Chemie, Physik und Morphologie (Krystallographie etc.) als coor-
dinirte Disciplinen auftreten. Freilich lässt sich hier auch die Che-
mie als ein Inhaltstheil der Physik betrachten, indem man dieselbe
als eine „Physik der Atome" auffässt. Die Beurtheilung dieses Verhält-
nisses wird verschieden ausfallen, je nachdem man den herrschenden
atomistischen oder den entgegengesetzten dynamischen Ansichten von
der fundamentalen Constitution der Materie huldigt.
Nach unserer Auffassung darf die Chemie, wenn man sie, wie dies
in der Biologie thatsächlich geschieht, weder als übergeordnet noch
als coordinirt der Statik und Dynamik anerkennen will, nicht aus-
schliesslich einer von diesen beiden Disciplinen untergeordnet werden.
Vielmehr müssen wir dann die Chemie ebenfalls in einen statischen
und in einen dynamischen Zweig spalten , von denen jener der Mor-
phologie, dieser der Physik zufällt. Die statische Chemie, welche
sich dann der Morphologie unterordnet, ist die Chemie der Sub-
strate, und begnügt sich mit der analytischen Erkenn tniss der
chemischen Zusammensetzung des Naturkörpers, dessen Form
Object der Betrachtung ist. Auf dem anorganischen Wissenschaftsge-
biete gehört hierher z. B. der chemische Theil der Mineralogie, fer-
ner die Lehre von der chemischen Zusammensetzung des Wassers, der
atmosphärischen Luft etc. Auf dem organischen Wissenschaftsgebiete
dagegen ist diese statische Chemie derjenige Theil der „organischen"
(fälschlich „physiologisch" genannten) Chemie, welcher häufig als „de-
scriptive Chemie" bezeichnet und als „Chemie der Substrate" von der
Physiologie, vollkommen mit Unrecht, in Anspruch genommen wird.
Denn es ist klar, dass dieser statische Theil der Chemie entschieden
zur Morphologie gerechnet werden niuss; thatsächlich wird derselbe auch
vielfältig von der Morphologie als wesentlicher Inhaltstheil benutzt, sel-
ten aber ausdrücklich als solcher in Anspruch genommen. Victor Carus,
dessen Behandlung der Morphologie sich so hoch über die allgemein
III. Morphologie und Chemie. 15
übliche erhebt, sagt in dieser Beziehung mit Recht, „dass die Kenntniss
der chemischen Natur des lebensfähigen Substrates einen integri-
renden Theil der statischen Biologie ausmacht, insofern die während
des Lebens auftretenden chemischen Vorgänge, (welche das Object
der Physiologie bilden) nicht verstanden werden können ohne das Ver-
ständniss der chemischen Mittel, die das Substrat mit sich bringt."
Freilich wird gewöhnlich auch dieser Theil der Chemie von der Phy-
siologie beansprucht; so sehr aber auch praktische Gründe diese An-
nexion rechtfertigen (so vor Allem der Mangel an chemischen Kennt-
nissen bei den meisten Morphologen), so kann doch theoretisch die-
selbe nicht zugestanden werden; vielmehr müssen wir die Chemie der
Substrate von unserem Standpunkt aus als rein statisch der Mor-
phologie zuweisen. So ist sie von Schieiden in seinen ausgezeich-
neten Grundzügen der wissenschaftlichen Botanik als „vegetabilische
oder botanische Stofflehre" der Lehre von der Pnanzenzelle und der
Morphologie vorausgeschickt worden. Ebenso sollte auch die „thie-
rische Stofflehre" als erstes Capitel der thierischen Morphologie vor-
ausgehen. Indess fügen wir dieser theoretisch berechtigten Forderung
zugleich die Entschuldigung bei, dass der unvollkommene Zustand
dieses Theils der Wissenschaft, und vor Allem unsere höchst mangel-
hafte Kenntniss von dem Causal-Zusammenhang zwischen Stoff und
Form allerdings zunächst eine Ausscheidung der statischen Chemie
aus dem Arbeitsgebiet der Morphologie rechtfertigen, und dass wir
selbst aus diesen Gründen auf eine allgemeine Darstellung der che-
mischen Substrate der Organismen in unserer generellen Morphologie
grösstenteils verzichten werden.
Die dynamische Chemie, welche sich der Physik unterordnet,
ist die Chemie der Processe und strebt nach der Erkcnntniss
der chemischen Veränderungen, des Stoffwechsels in den Natur-
körpern, deren Function Object der Betrachtung ist. Auf dem Ge-
biete der Abiologie würde hierher der chemische Theil der Meteoro-
logie und der Geologie gehören, die Lehre von den in der anorga-
nischen Natur auftretenden Zersetzungsprocessen der Mineralien, des
Wassers, der atmosphärischen Luft etc. Auf dem Gebiete der Biologie
dagegen würden wir hierher die eigentliche „physiologische Chemie"
im wahren Sinne des Worts rechnen müssen, d. h. die Lehre von den
chemischen Processen der lebenden Naturkörper, die Lehre von den
Veränderungen in ihrer chemischen Zusammensetzung, welche mit den
Bewegungs-Erscheinungen, die wir Leben nennen, wesentlich verbun-
den sind. Dieser Theil der „Zoochemie" und „Phytochemie" ist es,
welcher einen integrirenden und höchst wesentlichen Bestandteil der
Physiologie bildet, sobald wir die Chemie als der Statik und Dynamik
subordinirt betrachten.
\Q Verhältuiss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften.
So gut wir nun auch nach dieser Erörterung- im Stande sind,
die beiden Hauptzweige der Chemie, den statischen und dynamischen,
den beiden selbstständigen Naturwissenschaften der Statik und Dyna-
mik unterzuordnen, und so sehr sich einerseits die Vereinigung der
Morphologie mit der Chemie der Substrate und andererseits die Ver-
schmelzung der Physik mit der Chemie der Processe rechtfertigen
lässt, so können wir doch nicht umhin, auch die beiden anderen, vor-
her angeführten Auffassungsweisen als ebenfalls in ihrer Weise berech-
tigt anzuerkennen. Es zeigt sieh hierin wieder der innige Zusammen-
hang, indem alle diese einzelnen naturwissenschaftlichen Disciplinen
unter einander stehen; und es zeigt sich zugleich, dass alle unsere
künstlichen Eintheilungs-Versuche subjectiver Natur sind und der be-
schränkten Stellung entspringen, welche das menschliche Erkenntniss-
Vermögen dem inneren Wesen der Naturkörper gegenüber einnimmt.
Mögen wir nun die Chemie als die oberste und umfassendste Na-
turwissenschaft betrachten, der die beiden gleichwerthigen Disciplinen
der Statik (Morphologie) und Dynamik (Physik) untergeordnet sind -
oder mögen wir Chemie, Physik und Morphologie, entsprechend den
drei Grundeigenschaften der Naturkörper, Stoff, Kraft und Form, als
drei coordinirte Hauptlehren der Gesamintnaturwissensehaft ansehen —
oder mögen wir endlich nur die Statik und Dynamik als solche be-
trachten, und die Chemie der Substrate mit der Morphologie, die Che-
mie der Processe mit der Physik als untergeordnete Discipliu vereini-
gen, stets wird uns überall das innige Wechselverhältniss dieser ver-
schiedenen Hauptzweige der Naturwissenschaft entgegentreten. Diese
Beziehungen sind so innig, wie das Verhältniss, welches zwischen Stoff,
Forin und Kraft der Naturkörper selbst überall stattfindet. Wir sind
als Menschen nicht vermögend, uns eine Materie ohne Kraft und ohne
Form (sei letztere auch nur aus Aggregatszustand und Raum zusam-
mengesetzt) vorzustellen; ebenso wenig können wir eine Kraft begrei-
fen, welche ausserhalb der Materie steht und nie als Form in die
Erscheinung tritt; ebenso wenig endlich können wir uns einen Natur-
körper (keinen mathematischen Körper!) denken, welcher bloss als
Form und nicht zugleich als Stoff und Kraft uns entgegentritt. Auf
dem organischen, wie auf dem anorgauischen Gebiete müssen stets
Stoff, Form und Kraft zusammenwirken, um uns den Naturkörper zur
vollständigen Anschauung zu bringen.
Ohne die innigen Wechselbeziehungen zwischen den eben behan-
delten Wissenschaften zu verkennen, erscheint doch behufs klaren Ver-
ständnisses eine scharfe Begriffsbestimmung und Abgrenzung ihres Ge-
biets sehr wünschenswerth. Vielleicht dürfte es sich nun in dieser
Beziehung empfehlen, die Morphologie der Naturkörper im weitesten
Sinne (mit Einbegriff der Chemie der Substrate) ausschliesslich mit
IV. Morphologie und Physiologie. \1
dem Namen der Statik oder der Morplionomie zu bezeichnen, und den
Begriff der Morphologie (im engeren Sinne) auf die Formenlehre nach
Ausschluss der statischen Chemie zu beschränken. Dann würde dem
entsprechend der Begriff der Physik auf die Functionslehre im engeren
Sinne (nach Ausschluss der dynamischen Chemie) zu beschränken sein,
während wir unter Dynamik oder Phoronomie die Physik im weitesten
Sinne (mit Einbegriff der Chemie der Processe) verstehen würden.
Die gegenseitigen Beziehungen dieser verschiedenen Disciplinen wür-
den durch folgendes Schema übersichtlich dargestellt werden können:
Gesammtwissenschaft
von den leblosen und belebten naturkörpern
der Erde.
Chemie
Morphonomie
oder Statik
(Morphologie im weitereu Sinne)
Phoronomie
oder Dynamik
(Physik im weiteren Sinne)
Morphologie rChemie der"] TChemie der"] Physik
(im engeren Sinne) L Substrate J L Processe J (im engeren Sinne)
IV. Morphologie und Physiologie.
Nachdem wir das Verhältnis der Morphologie im Allgemeinen zur
Physik und zur Chemie bestimmt haben, ohne auf den Unterschied
der organischen und anorganischen Naturkörper Rücksicht zu nehmen,
kehren wir zurück zur Betrachtung des Verhältnisses, welches dieser
Unterschied in den genannten Wissenschaften bedingt. Hierbei er-
scheint es sehr lehrreich, die entsprechenden Wissenschaftsgebiete des
organischen und des anorganischen Körperreichs vergleichend in Pa-
rallele zu stellen, weil die einfacheren Verhältnisse der Anorgane uns
viele Beziehungen klar enthüllen, welche durch die complicirteren Be-
schaffenheiten der Organismen vielfach verdeckt werden. Die Abiolo-
gie kann hier, wie in vielen anderen Fällen, der Biologie als Leuchte
auf ihrem dunkelen und schwierigen Pfade dienen.
Wie wir die Gesammtwissenschaft von den Naturkörpern der Erde
in die drei Hauptzweige der Chemie, Statik (Morphologie) und Dynamik
(Physik) gespalten haben, so ist diese Eintheilung auch auf die vom Ge=
Sichtspunkte des „Lebens" aus unterschiedenen beiden Disciplinen der
Biologie (Organismenlehre) und Abiologie (Anorganenlehre) anwendbar.
Es werden sich die so entstehenden kleineren Zweige in beiden Wissen-
schaften vollkommen coordinirt gegenüberstehen. Wenn wir nun, gemäss
dem unter No. H. im letzten Abschnitt entwickelten Staudpunkt, Chemie,
Morphologie und Physik als drei coordinirte Hauptwissenschaften betrach-
Haeckel, Generelle Morphologie. O
ip Verhältuiss der Morphologie 7.11 den anderen Naturwissenschaften.
teil, so erhalten wir durch ihre Spaltung in einen biologischen und in
einen abiologischen Zweig folgendes Verhältniss von sechs coordinirten
Disciplinen.
1, Die Chemie, und zwar die vereinigte Chemie der Substrate
und der Processe, zerfällt in die beiden Aeste der anorganischen und
organischen Stofflehre. Da diese Begriffe in mehrfach verschiedenem
und unbestimmtem Sinne gebraucht werden, so wird die anorganische
Chemie besser als abiologische oder als Chemie der Anorgane be-
zeichnet, die organische richtiger als biologische oder Chemie der
Organismen.
2, Die Physik oder Dynamik spaltet sich in die beiden Aeste
der anorganischen (Abiodynamik) und der organischen Kraftlehre
(Biodynamik). Die anorganische oder abiologische Physik, welche
die Leistungen der Anorgane untersucht, wird gewöhnlich als Phj'-sik
im engsten Sinne bezeichnet. Dagegen ist für die organische oder bio-
logische Physik (Biodynamik), welche die Functionen der Organis-
men erforscht, allgemein die Bezeichnung der Physiologie gebräuch-
lich. In dem beschränkten Sinne, in welchem letztere jetzt meistens
aufgefasst wird, ist sie in der That lediglich eine ,, Dynamik der Or-
ganismen" und entspricht mithin vollkommen der Dynamik oder Phy-
sik der Anorgane. Es ist also der Begriff der heutigen Physiologie
von beträchtlich geringerem Umfang und entsprechend grösserem In-
halt, als der Begriff der früheren Physiologie, welche nicht bloss die
Function, sondern zugleich die Gestaltung der Organismen unter-
suchte und mit unserer heutigen Biologie identisch ist. So ist z. B.
Johannes Müller's klassisches und unübertroffenes Werk, welches
den bescheidenen Titel eines „Handbuchs der Physiologie des Men-
schen" führt, vielmehr eine umfassende allgemeine vergleichende Bio-
logie der Thiere (und bis zu gewissem Grade selbst der Organismen,
insofern auch die Biologie der Pflanzen darin vielfach vergleichend
berücksichtigt wird).
3, Die Morphologie oder Statik endlich theilt sich in die beiden
Aeste der anorganischen und organischen Formenlehre. Die anorga-
nische oder abiologische Formenlehre (Abiostatik), umfasst die
Krystallographie, die Lehre von der Form der tropfbaren und elasti-
schen Flüssigkeiten im Gleichgewicht (Hydrostatik, Aerostatik etc.).
Ihr steht coordinirt und parallel gegenüber die Morphologie der Orga-
nismen, die organische oder biologische Formenlehre (Biostatik),
deren allgemeine Darstellung Gegenstand des vorliegenden Werkes ist.
Dass die sechs Wissenschaften, welche wir durch diese Eintheilung
der Gesammtwissenschaft von den irdischen Naturkörpern erhalten,
von dem obeu sub II. erörterten Gesichtspunkte aus ihrem Range nach
beigeordnet sind und neben einander stehen, liegt auf der Hand. Die
IV. Morphologie und Physiologie. 19
biologische und die abiologische Chemie, die Physiologie und die Phy-
sik der Anorgane, die Morphologie der Organismen und der Anorgane,
können in der That als sechs vollkommen coordinirte Naturwissen-
schaften angesehen werden.
Dieses Resultat ist für uns insofern von grosser Bedeutung, als
dadurch die coordinirte Stellung der organischen Morphologie
gegenüber und neben der Physiologie fest bestimmt wird. Die-
ses nebengeordnete Verhältniss der beiden gleichwerthigen biologischen
Disciplinen ist gerade in neuerer Zeit sehr oft völlig verkannt worden.
Indem nämlich die Physiologie sich in den beiden letzten Decennien
als exacte „Physik der Organismen" oder als (unpassend) sogenannte
„physikalische Physiologie" ungemein rasch und vielseitig zu einer
ganz selbstständigen Disciplin entwickelt hat, während sie vorher in
scheinbar untergeordnetem Verhältnisse auf das Engste mit der Mor-
phologie verbunden war, ist ihr Selbstbewusstsein dadurch so über-
mässig gestiegen, dass sie nunmehr auf die überwundene Morphologie
stolz herabsieht und diese lediglich als ihre Dienerin, als eine unter-
geordnete Hülfswissenschaft betrachtet. Insbesondere nimmt die Phy-
siologie sehr häufig für sich den höheren Rang einer erklärenden
Naturwissenschaft in Anspruch, während sie der Morphologie bloss
den niederen Rang einer beschreibenden Disciplin zugesteht. Leider
ist freilich diese Selbstüberhebung der Physiologie durch den traurigen
Zustand und den zwar nicht extensiven, wohl aber intensiven Rück-
schritt der Morphologie nur zu sehr gerechtfertigt und begünstigt. Wäh-
rend die Physiologie auf streng naturwissenschaftlicher Basis Schritt
für Schritt vordringt und ihr Ziel fest und klar im Auge behält, ver-
liert die verwildernde Morphologie das Ihrige immer mehr aus dem
Auge, und hat sich ebenso von einer denkenden Behandlung ihres
Gegenstandes, wie von einer strengen Methode stets mehr und mehr
entfernt. Während sie quantitativ immer mächtiger zu wachsen
scheint, schreitet sie qualitativ immer weiter zurück. Aus jeglichem
Mangel an denkender Erforschung und an fester Begriffsbestimmung
dienen die meisten morphologischen Arbeiten mehr dazu, den Bal-
last der Wissenschaft zu häufen, statt ihren wirklichen Fortschritt zu
fördern.
Dieser traurige augenblickliche Zustand unserer morphologischen
Wissenschaft kann ihren Werth zwar zeitweise in den Augen der heu-
tigen Physiologie tief herabdrücken; er vermag aber doch nicht, den
coordinirten Rang, welcher der Morphologie neben der Physiologie
gebührt, auf die Dauer verkennen zu lassen. Vielmehr müssen wir
ausdrücklich behaupten, dass auch die Morphologie der Organismen,
so gut wie ihre coordinirte Schwester, die Physiologie, nicht bloss
eine beschreibende, sondern zugleich eine erklärende Wissenschaft ist,
2*
20 Verhältniss der Morphologie zu den anderen Naturwissenschaften.
oder doch wenigstens sein soll. Beide verfolgen die hohe Aufgabe,
die beobachteten Thatsachen zu erklären, d. h. auf allgemeine Natur-
gesetze zurückzuführen. Die Physiologie oder Biodynainik be-
schreibt und erklärt die Leistungen (Functionen, Bewegungen,
Kräfte) der Organismen. 1 ) Die Morphologie beschreibt und er-
klärt die Formen (äussere Gestalt und innere formelle Zusammen-
setzung) der Organismen. Das Ziel wenigstens liegt klar vor ihr, und
wenn sie es zeitweise aus den Augen zu verlieren scheint, so ist es
die Schuld ihrer jeweiligen Vertreter. Morphologie und Physio-
logie sind demnach vollkommen coordinirte Wissenschaften,
in gleichem Maasse und auf gleicher Stufe der Biologie untergeordnet,
deren Inhalt sie bilden.
Dieses beigeordnete schwesterliche Verhältniss der Morphologie
zur Physiologie wird auch durchaus nicht geändert, wenn wir die
Chemie nicht (wie es so eben geschah) als coordinirt der Physik und
Morphologie betrachten, sondern sie diesen beiden Disciplinen unter-
ordnen, wie es in der vorhergehenden Betrachtung (p. 13 sub III) ge-
schehen ist. Es ergiebt sich dann nämlich, wenn wir die biologische
Chemie oder die Chemie der Organismen in die beiden Aeste der
statischen und dynamischen Chemie spalten, dass wir die statische
l ) Wenn wir hier einerseits der Physiologie der Neuzeit zugestanden haben,
dass sie die organische Morphologie an bewusster Erkenntniss ihres Zieles und
au klarem Verständniss der allein richtigen Methode weit überflügelt hat, so
müssen wir doch andererseits darauf aufmerksam machen, dass sie in anderen
Beziehungen weit hinter der Morphologie zurück ist. Insbesondere ist hier der
thierischen Physiologie sowohl die allgemeine Vernachlässigung der Bnt-
stehungs-Verhältnisse der Functionen (embryonale Eutwickelung und
Differenzirung der Lebens-Erscheinungen) als der noch auffallendere Mangel
an vergleichender Betrachtung der Functionen (Ableitung der com-
plicirten Lebens-Erscheinungen höherer aus den einfacheren Functionen der ver-
wandten niederen Organismen' zum Vorwurfe zu machen. Von einer genetischen
Physiologie kann heutzutage noch ebeuso wenig, als von einer vergleichenden
Physiologie die Rede sein; mindestens befinden sich Beide noch in der ersten
Kindheit. Und doch ist die genetische sowohl als die vergleichende
Methode für die Physiologie ebenso unentbehrlich, als für die Morphologie, wo
dies längst anerkannt ist. In keinem Gebiete der Physiologie wird sich diese
Wahrheit schlagender zeigen, als in demjenigen Theile der Physiologie des Ceu-
tral-Nervensystems , welchen man gewöhnlich als „Psychologie" den nicht phy-
siologisch gebildeten sogenannten „Philosophen" überlassen hat. Sobald man
sich entschliessen wird, hier die genetische und die vergleichende Untersuchungs-
raethode in der weitesten Ausdehnung anzuwenden, wird dieses gänzlich unculti-
virte und wüste Gebiet die reichsten und überraschendsten Früchte zur Reife
bringen. Niemals aber wird man z. B. zu einer Psychologie des reifen Menschen
gelangen, wenn mau dieselbe nicht aus der genetischen Psychologie des Kin-
des, und aus der vergleichenden Psychologie der Wirbelthiere ableitet.
IV. Morphologie und Physiologie.
21
Organochemie oder die Chemie der organischen Substrate nothwendig
mit der Morphologie, sowie andererseits die dynamische Organochemie
oder die Chemie der organischen Processe mit der Physiologie ver-
binden müssen. Es ergiebt sich dies klar und unzweifelhaft, wenn
wir das oben (p. 1 7) begründete Schema von dem Verhältniss der Mor-
phologie und Physik zur Chemie, gemäss der Unterscheidung der Or-
ganismen und Anorgane, in die folgenden beiden vollkommen paralle-
len Schemata spalten:
I. Abiologie oder Anorganologie.
(Gesammtwissenschaft von den leblosen oder anorganischen Naturkörpern
der Erde.)
(A. Mineralogie. B. Hydrologie. C. Meteorologie).
Abiostatik
oder anorganische Morphonomie
(Anorganische Morphologie im weiteren
Sinne.)
Abiologische Chemie.
(Chemie der Anorgane.")
Abio dynamik
oder anorganische Phoronomie.
(Anorganische Physik im weiteren
Sinne.)
Anorganische Morpho- f Chemie der Chemi d Anorganische Physik
logie im engeren Sinne. rganischen anorganischen , ™ «g™ SinM ;
( SÄ 8 3Ü!5Ä"L Sub8trate - JL P-cesse. Jl-Phys.k^m.engsten
Petrographie etc.)
Sinne.)
II. Biologie oder Lebenskunde.
(Gesammtwissenschaft von den belebten oder organisirteu Naturkörpern
der Erde.)
(A. Zoologie. B. Protistologie. C. Botanik).
Biologische Chemie.
(Chemie der Organismen.)
Biostatik
oder organische Morphonomie.
(Organische Morphologie
im weiteren Sinne.)
Morphologie der
Organismen
(im engeren Sinne).
Chemie der
organischen
Substrate
(Organische
Stofflehre).
Biodynamik
oder organische Phoronomie.
(Physiologie
im weiteren Sinne.)
Chemie der
organischen
Processe.
(Physiologische
[ Chemie.)
Physiologie
(im engeren Sinne).
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An
22 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
Drittes Capitel.
Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
„Indem sich jeder einzelne Wirkungskreis absondert, so ver-
einzelt, zersplittert sich auch in jedem Kreise die Behandlung.
Nur ein Hauch von Theorie erregt schon Furcht; denn seit mehr
als einem Jahrhundert hat man sie wie ein Gespenst geflohen
und, bei einer fragmentarischen Erfahrung, sich doch zuletzt den
gemeinsten Vorstellungen in die Arme geworfen. Niemand will
gestehen, dass eine Idee, ein Begriff der Beobachtung zum Grunde
liegen , die Erfahrung befördern, ja das Finden und Erfinden be-
günstigen könne." Goethe (1819).
I. Eintheilung der Morphologie in Anatomie und Worphogenie.
Nachdem wir den Begriff und die Aufgabe der Morphologie fest-
gestellt und das Verhältniss betrachtet haben, welches dieselbe gegen-
über anderen, theils beigeordneten, theils übergeordneten Naturwissen-
schaften einnimmt, werden wir nun zunächst die verschiedenen unter-
geordneten wissenschaftlichen Disciplinen zu betrachten haben, in welche
die Morphologie der Organismen selbst einzutheilen ist. Auch diese
Auseinandersetzung wird uns nicht weniger Schwierigkeiten als die
vorhergehende bereiten. Denn es wiederholt sich hier, und sogar in
noch höherem Grade, als bei der vorhergehenden Erörterung, die merk-
würdige Erscheinung, dass durchaus keine festen, klaren und unzwei-
deutigen Begriffe über Inhalt und Umfang der einzelnen Wissenschafts-
zweige existiren, und dass, während Tausende von Arbeitern in allen
diesen Disciplinen unaufhörlich thätig sind, kaum Einer von Hunderten
sich über die eigentlichen Aufgaben und das letzte Ziel seiner Wissen-
schaft klar zu werden sucht.
Indem wir die Begriffe der einzelnen untergeordneten Wissenschaf-
ten nach Inhalt und Umfang zu bestimmen suchen, aus denen sich die
Morphologie der Organismen zusammensetzt, werden wir diese letztere
Wissenschaft, ebenso wie bei allen folgenden Untersuchungen, in dem
so eben näher bestimmten engeren Sinne fassen, in welchem die sta-
tische Organochemie oder die Chemie der organischen Substrate von
der Morphologie ausgeschlossen wird. Es bleibt uns dann also als
I. Eintheilung der Morphologie in Anatomie und Morphogenie. 23
Aufgabe lediglich die erklärende Betrachtung der organischen Formen
an sich, ohne jede Kücksicht auf die ihnen zu Grunde liegenden che-
mischen Substrate und auf ihre stoffliche Zusammensetzung.
Da unsere Aufgabe nun dahin geht, die verschiedenen Formen
der Organismen nicht allein kennen zu lernen und zu beschreiben,
sondern dieselben auch vergleichend zu untersuchen und ihre Bildung
auf allgemeine Gesetze zurückzuführen, so würde sich als nächste Ein-
theilung der Morphologie vielleicht die Spaltung in eine beschrei-
bende und in eine erklärende Formenlehre darbieten. Diese Unter-
scheidung ist in der That theoretisch gemacht und häutig auch prak-
tisch durchgeführt worden. Auf ihr beruht z. B. die Differenz zwischen
der „Zootomie" und der „vergleichenden Anatomie," von denen
sich die erstere auf die Beschreibung aller einzelnen thierischen Or-
ganisations-Verhältnisse beschränkt, während die letztere dieselben
zu erklären, d. h. auf allgemeine Gesetze zurückzuführen strebt. Wäh-
rend die Zootomie in dem Labyrinthe der zahllosen Einzelformen und
in der unendlichen Mannichfaltigkeit der einzelnen Organisationswei-
seu sich verliert und es bloss zu einer einfachen Aneinanderreihung
der beobachteten Thatsachen bringt, weiss die vergleichende Anatomie
den leitenden Ariadne-Faden durch alle verwickelten Windungen des
Labyrinthes hindurch festzuhalten und schwingt sich dadurch zum be-
herrschenden Ueberblick des Ganzen empor. So wesentlich dieser
Unterschied zwischen beiden Disciplinen aber auch ist, so ist er doch
im Grunde nur ein Unterschied in der Methode und in der Intentisät
der Erkenntniss. Die Zootomie verfährt analytisch und begnügt
sich mit der Kenntniss, die vergleichende Anatomie verfährt
synthetisch und strebt nach der Erklärung der Erscheinungen; da-
her können wir eigentlich nur die letztere als wirklich wissenschaft-
liche Morphologie bezeichnen, welcher die erstere als untergeordnete
Hülfswissenschaft nur das Material liefert. Die Spaltung der Morpho-
logie in eine beschreibende (descriptive) und eine erklärende (philoso-
phische) Formenlehre als zwei coordinirte Hauptzweige ist demnach
zu verwerfen.
Weit wichtiger ist für uns der Unterschied zwischen der werden-
den und der vollendeten Form der Organismen. Jedes Sein wird
nur durch sein Werden erkannt. Dieser wichtige Grundsatz ist in
der wissenschaftlichen Morphologie längst thatsächlich vielfach berück-
sichtigt und darauf hin die Entwickelungsgesckichte der organischen
Formen als einer der wichtigsten Zweige der letzteren anerkannt wor-
den. Wir theilen diese Anerkennung so sehr, dass wir der Wissen-
schaft von der werdenden und sich entwickelnden Form des Organis-
mus den gleichen Werth, wie der Wissenschaft von der vollendeten
Form zugestehen, und darauf hin die gesainmte Morphologie in die
24 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
beiden coordinirten Zweige der Anatomie und der Morphogenie
oder Entwicklungsgeschichte spalten.
II. Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften.
Grössere Schwierigkeiten als die Unterscheidung bietet uns die
weitere Eintheilung der genannten beiden Hauptzweige der Morpholo-
gie dar. Die Anatomie wird gewöhnlich in die beiden Zweige der
gröberen Anatomie oder Organologie und der feineren (mikroskopi-
schen) Anatomie oder Histologie gespalten; der ersteren wird die
Untersuchung der Zusammensetzung des Körpers aus seinen ver-
schiedenen Organen zugewiesen, der letzteren die Erforschung der
Zusammensetzung seiner Gewebe aus den Elementartheilen. Indess
beruht diese Unterscheidung auf unvollständiger Basis der Erkenntniss
und kann, wie wir unten zeigen werden, nicht in dieser Weise beibe-
halten werden.
Um zu einer weiteren Eintheilung der Anatomie und der Morpho-
genie in untergeordnete Wissenschaftszweige zu gelangen, erscheint es
nothwendig, die verschiedenen Qualitäten der organischen For-
men, welche das Object jener Disciplinen bilden, eingehender zu be-
trachten. Diese stellen sich am deutlichsten und klarsten heraus, wenn
man die anorganischen und organischen Formen mit einander ver-
gleicht.
Alle Naturkörper der Erde, Organismen und Anorgane, haben das
mit einander gemein, dass sie uns entweder als bestimmt abgeschlossene
räumliche Einheiten, als Individuen, unmittelbar entgegentreten, oder
dass sie sich in mehrere derartige concrete Raumeinheiten oder In-
dividuen zerlegen lassen. Diese Individuen, deren Form des Morpho-
logen concretes und nächstes Object ist, sind nun bei Organismen und
Anorganen von wesentlich verschiedener Qualität.
Die anorganischen Individuen, wie z. B. die einzelnen Kry-
stalle, die einzelnen amorphen Körner unkrystallinischer Verbindungen,
die einzelnen Wassertropfen etc., zeigen sich fast stets durch und
durch homogen, in sich gleichartig ; aus Molekülen einer und der-
selben Art zusammengesetzt. Da sie im Inneren nicht aus ungleich-
artigen Theilen zusammengesetzt sind, so können wir, wenigstens im
gröberen Sinne, keine Organe an denselben unterscheiden; und die
ganze Morphologie dieser Körper wird sich daher wesentlich auf eine
Untersuchung ihrer äusseren Form beschränken. Von einer Organo-
logie kann bei den Anorganen eben so wenig, als von einer Zusam-
mensetzung des Körpers aus Individuen verschiedener Ordnung die
Rede sein. ')
') Wir stellen hier absichtlich die wesentlichen Formunterschiede zwischen
Organismen und Anorganen so scharf und durchgreifend gegenüber, wie dies
II. Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 25
Ganz anders zeigen sich schon auf den ersten oberflächlichen Blick
die organischen Individuen, wie z. B. die einzelnen Wirbelthiere. Diese
Körper sind durch und durch heterogen, in sich ungleichartig, aus
Molekülen nicht nur, sondern auch aus gröberen Theilen von ganz ver-
schiedener Art zusammengesetzt. Die ungleichartigen Theile, welche
ihren Körper zusammensetzen, können wir, entweder in gröberem oder
in feinerem Sinne, Organe nennen. Diese Zusammensetzung des
organischen Körpers aus verschiedenen Organen ist es, welche in der
gewöhnlichen Anschauung den Organismus macht. Die Morphologie
dieser Körper kann sich mithin unmöglich auf die Untersuchung ihrer
äusseren Form beschränken, sondern sie muss neben dieser nothwendig
ebenso auch die innere Form berücksichtigen, d. h. den Bau (die
Structur) des Organismus, oder seine Zusammensetzung aus verschie-
denen gleichartigen und ungleichartigen Theilen; sowie dann weiter-
hin die Form dieser Theile selbst, ihr gegenseitiges Lagerungs- und
Verbindung^ -Verhältniss, und endlich ihre eventuelle weitere Zusam-
mensetzung aus verschiedenartigen Formtheilen, Gegenstand der or-
ganischen Morphologie sein wird. In diesem Sinne könnte man die
Morphologie der Organismen auch als Organologie im weitesten
Sinne bezeichnen, oder besser noch als Merologie, als Lehre von
den Theilen, oder als Tectologie, als Lehre von der Zusam-
mensetzung des Körpers aus ungleichartigen Theilen. Gegen
diesen wichtigsten Theil der Morphologie der Organismen tritt die Be-
trachtung ihrer äusseren Form ganz zurück, oder erscheint vielmehr
nur als ein secundäres Resultat der ersteren. Von anderem Gesichts-
punkte aus könnten wir diesen wichtigsten Theil unserer Wissenschaft
auch als Lehre von den Individuen bezeichnen, da nämlich, wie
das dritte Buch zeigen wird, die constituirenden Theile der Indi-
viduen, die wir so eben als Organe verschiedener Ordnung unter-
schieden haben, selbst wieder im gewissen Sinne Individuen sind, so
dass wir den ganzen individuellen Organismus als ein System von
einheitlich verbundenen Individuen verschiedener Ordnung betrachten
können.
Ein zweiter wesentlicher Unterschied in der Form zwischen den
organischen und anorganischen Individuen beruht darauf, dass die Form
der anorganischen Individuen (wenn es nicht vollkommen un-
regelmässig gestaltete, ganz amorphe Körper sind) einer vollkommen
exacten mathematischen Betrachtung ohne Weiteres zugänglich ist, und
fast von allen Naturforschern geschieht. Im zweiten und sechsten Buche wer-
den wir dagegen zeigen, dass diese Unterschiede keineswegs so absoluter
Natur sind und dass auch hier wahre Uebergangsbildungen und Zwischenstufen
vorkommen.
26 Einteilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
dass mit der stereometrischen Ausmessung derselben die Aufgabe
ihrer morphologischen Erkenntniss völlig gelöst ist. Die anorganischen
Individuen sind fast immer von ebenen Flächen, geraden Linien und
bestimmten messbaren Winkeln begrenzt. Die Hauptaufgabe der Kri-
stallographie, welche den grössten Theil der abiologischen Morphologie
ausmacht, ist daher die Ausmessung und Berechnung dieser relativ
einfachen geometrischen Form-Verhältnisse.
In vollem Gegensatz hierzu sind organischelndividuen, deren
Form einer stereometrischen Behandlung zugänglich ist, seltene
Ausnahmen. Fast immer ist ihr Körper von gekrümmten Flächen, ge-
bogenen Linien und unmessbaren sphärischen W T inkeln begrenzt. Die
Curven, welche hier sich finden, sind so zusammengesetzter und dabei
meist scheinbar so unbestimmter Natur, dass ihre Ausmessung und
Berechnung als ein unlösbares Problem erscheint. Zwar wird die
stereometrische Behandlung der organischen Formen sehr häufig als
Ziel einer späteren vollendeteren, exact-mathematischen Methode ihrer
Untersuchung hingestellt. Indessen müssen wir unseres Theils diese
weit verbreitete Ansicht als eine irrige bezeichnen. Es wird nämlich
durch die unbegrenzte Variabilität aller organischen Formen,
welche im sechsten Buche erläutert werden wird, bereits die Möglich-
keit einer exacten geometrischen Behandlung, wie sie die Krystallo-
graphie durchführt, von vornherein ausgeschlossen. Da nämlich factisch
schon nächstverwandte Individuen einer und derselben Species, z. B.
verschiedene Geschwister die von einem und demselben Elternpaar ab-
stammen, in Beziehung auf äussere und innere Form unendlich viele,
gröbere und feinere individuelle Verschiedenheiten zeigen, da niemals
bei allen Individuen einer und derselben organischen Species sämmt-
liche gekrümmte Flächen, Linien und Winkel des Körpers und seiner
einzelnen Theile absolut identisch, sondern stets nur annähernd gleich
oder ähnlich sind, so ist eine derartige absolute mathematische
Betrachtungsweise der organischen Form, wie sie gewöhnlich
gefordert wird, gar nicht möglich; und wenn man selbst die compli-
cirten Curven etc. bei allen einzelnen Individuen berechnen und dann
vergleichen könnte, so hätte eine solche mühsame Arbeit nicht das
mindeste Interesse und die Arbeit selbst wäre eine wahre Danaiden-
Arbeit. Dagegen ist eine anderweitige mathematische Betrachtungs-
weise der organischen Formen, welche der krystallographischen Methode
ähnlich, aber doch wesentlich verschieden ist, allerdings möglich. Es
lassen sich nämlich, wie das vierte Buch unseres Werkes zeigen wird,
gewisse einfache stereometrische Grundformen der Organismen
aufrinden, welche unter den scheinbar ganz unzugänglichen Curven-
systemen der unberechenbar complicirten Formen der organischen In-
dividuen versteckt liegen. Diese neue Lehre von den Grund-
IL Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 27
formen (Promorphen ') oder Promorphologie werden wir als einen
besonderen und höchst wesentlichen Theil der Morphologie der Organis-
men auszubauen haben. Er wird uns das Aequivalent einer organischen
Krystallographie sein. Die Betrachtung der Form der einzelnen In-
dividuen verschiedener Ordnung, welche den Organismus zusammen-
setzen, wird sich stets an diese Betrachtung der geometrischen Grund-
formen als an ihr festes und sicheres Skelet anlehnen müssen. Wie
dies zu verstehen ist, wird das vierte Buch zeigen.
Während die beiden wesentlichen eben hervorgehobenen Unter-
schiede in der Formbildung der Organismen und der Anorgane die
vollendete Form betreffen, so finden wir zwei andere nicht minder
bedeutende Differenzen zwischen beiden Hauptreihen von Naturkörpern
in der Entstehung der Formen. Die Formen der anorganischen
Individuen entstehen dadurch, dass sich die gleichartigen Moleküle
der homogenen Materie, aus der sie bestehen, nach bestimmten physi-
kalischen Gesetzen um einen bestimmten Mittelpunkt herum ansammeln.
Die Form des Individuums (z. B. des Krystalls) ist hier zu jeder Zeit
seiner Existenz dieselbe; sobald der Krystall überhaupt in bestimm-
ter Form gebildet ist, bleibt diese mathematisch bestimmbare Form,
so lange er besteht, dieselbe, mag das Individuum nachher noch so sehr
an Grösse zunehmen. Jedes Wachsthum der Anorgane beruht bloss
auf Apposition neuer Moleküle von aussen her. Weder die innere
Gleichartigkeit der Substanz, noch die äussere charakteristische Form
wird durch dieses Wachsthum irgendwie verändert. Das anorganische
Individuum entwickelt sich nicht.
Grundverschieden von dieser Wachsthums-Art der Anorgane durch
äussere Apposition ist das Wachsthum der Organismen, welches
durch innere Intussusception geschieht und welches nicht bloss
eine Veränderung der Grösse, sondern auch der Form des organischen
Individuums herbeiführt. Das organische Individuum entwickelt
sich. Es durchläuft während seines Lebens eine Keihe von ver-
schiedenen Formen. Wir können daher niemals die Form des con-
creten orgauischen Individuums aus einem einzigen gegebenen Form-
zustand wahrhaft erkennen, sondern müssen zu diesem Zwecke die
ganze Kette von auf einander folgenden Formen untersuchen und ver-
gleichen, welche das organische Individuum während der ganzen Zeit
seines Lebens von Anfang bis zu Ende durchläuft. Diese Aufgabe
löst die Entwicklungsgeschichte oder die Embryologie, welche
passender Ontoge nie heissen würde (siehe unten). Die allgemeinen
Grundzüge dieser Wissenschaft werden wir im fünften Buche festzu-^
') TKJOjxoQif.'r}, >], die Grundform, Vorform, Urform.
28 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
stellen haben. Die Ontogenie wird immer einen wesentlichen und
nicht zu entbehrenden Bestandtheil der wissenschaftlichen Morphologie
ausmachen. Durch sie wird die letztere mit der Physiologie auf das
engste verbunden.
Ein vierter und letzter sehr wesentlicher Unterschied zwischen
den Formen der anorganischen uud der organischen Individuen betrifft
nicht die Beschaffenheit oder Entstehung der Form der concreten ein-
zelnen Individuen, sondern diejenige der abstracten Einheiten, welche
man. Arten nennt. Unter dem Namen der Art oder Species fasst
man gewöhnlich oberflächlich alle diejenigen Individuen zusammen,
welche einander gleich oder ähnlich sind, d. h. welche in allen soge-
nannten wesentlichen Characteren übereinstimmen. Alle unorgani-
schen Individuen, welche zu einer und derselben Art gehören, z. B. zu
einer bestimmten Krystall-Art, haben vollkommen dieselbe Form
(feste Krystallform) und dieselbe chemische Zusammensetzung. Die
einzelnen Individuen jeder anorganischen Species unterscheiden sich
lediglich durch ihre Grösse. Andererseits gehören alle anorganischen
Individuen, welche entweder durch ihr chemisches Substrat oder durch
ihre Form (Krystallform etc.) verschieden sind, verschiedenen Arten an.
Die Form jeder anorganischen Art ist aber unveränderlich, und
die Kochsalzkrvstalle, welche zu allererst auf unserer Erde entstanden
sind, werden in keiner Beziehung verschieden von denjenigen gewesen
sein, die heutzutage sich bilden.
Eine ganz andere Bedeutung hat der Begriff der Art oder Spe-
cies für die Form der organischen Individuen. Hier ist das Kriterium
der Species nicht die Gleichheit der Form aller Individuen , auch nicht
einmal die Aehnlichkeit derselben. Denn in vielen Fällen sind Larven
und Erwachsene, Männchen und Weibchen derselben Art so gänzlich
verschiedene Formen, dass sie in keinem einzigen speciellen Forni-
character übereinstimmen, und dass man sie nur in eine einzige Species
zusammenstellt, weil sie von einem und demselben gemeinsamen Stamm-
vater abstammen. Nun sind aber diese „Arten" oder Species, welche
der Inbegriff aller Descendenten einer einzigen Stammform sind, kei-
neswegs unveränderlich. Es erzeugt nicht Gleiches nur Gleiches, wie
gewöhnlich falsch gesagt wird, sondern Aehnliches erzeugt Aehnliches,
und nach Verlauf eines gewissen Zeitraums gehen die organischen
Species unter, während neue sich aus ihnen entwickeln. — Die Form
jeder organischen Species ist also durchaus veränderlich, und
die Species selbst mithin keine abgeschlossene Einheit. Wohl aber ist
eine solche reale und vollkommen abgeschlossene Einheit die Summe
aller Species, welche aus einer und derselben gemeinschaft-
lichen Stammform allmählig sich entwickelt haben, wie z. B.
IL Eintheilung der Anatomie und Morphogenie in vier Wissenschaften. 29
alle Wirbelthiere. Diese Summe 'nennen wir Stamm (Phylon). ')
Die Untersuchung- der Entwicklung- dieser Stämme und die Feststellung
der genealogischen Verwandtschaft aller Species, die zu einem Stamm
gehören, halten wir für die höchste und letzte besondere Aufgabe der
organischen Morphologie. Im sechsten Buche werden wir die Grund-
züge dieser Phylogenie oder Entwicklungsgeschichte der or-
ganischen Stämme (Kreise oder „Typen") festzustellen haben. Das
Material zu dieser bisher gänzlich vernachlässigten Wissenschaft liefert
uns vor Allem die Palaeontologie, die Erkenntniss der ausge-
storbenen Lebensformen, welche die Stammeltern und Blutsverwandten
der jetzt lebenden Organismen sind. Die ganze Disciplin könnte aber
auch als organische Verwandtschaftslehre oder Genealogie bezeich-
net werden, wie wir deren Bedeutung im sechsten Buche feststellen
werden.
Aus den vorausgehenden Erörterungen über die charakteristischen
Qualitäten der organischen Formen haben sich uns nun bereits von
selbst die speciellen einzelnen Aufgaben entwickelt, welche die Morpho-
logie der Organismen als die erklärende organische Formenlehre zu
lösen haben wird. Es wird jede der vier angeführten Qualitäten der
organischen Form ihre gesonderte Behandlung verlangen, und es wird
diese Aufgabe vier gesonderten Disciplinen zufallen.
Wir werden zunächst als die beiden Hauptzweige, in welche sich
die Morphologie der Organismen (nach Ausschluss der statischen Or-
ganochemie) spaltet, zu unterscheiden haben: I) die Wissenschaft von
der vollendeten organischen Form oder die Anatomie, und II) die
Wissenschaft von der werdenden organischen Form oder die Ent-
wickelungsgeschichte, M o rp h o g e ni e.
Die Anatomie (im weitesten Sinne) oder die gesammte For-
menlehre des vollendeten Organismus, wird auch häufig als
Organologie oder als Morphologie bezeichnet, und von Anderen wieder
als ein Theil der Systematik betrachtet. Die verschiedenen hierüber
herrschenden Ansichten, sowie die verschiedenen Eintheilungen der
Anatomie in untergeordnete Disciplinen, werden wir sogleich einer ge-
sonderten Betrachtung unterwerfen. Nach unserer Anschauung, die
wir so eben entwickelt haben, spaltet sich die Anatomie zunächst in
zwei verschiedene Disciplinen: 1) die Lehre von der Zusammensetzung
des Organismus aus gleichartigen und ungleichartigen Theilen, welche
man passend entweder Zusammeusetzungslehre oder Baulehre (Tecto-
logie) oder Lehre von den Theilen (Merologie) nennen könnte (drittes
Buch), und II) die Lehre von den Formen der einzelnen Theile oder der
einzelnen Individuen verschiedener Ordnung und insbesondere von
/<£,* *•"* *y£A
') (fiilov, tö ; der Stamm (Volksstamm, Nation).
30 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
deren geometrischen Grundformen, Promorphologie, an welche sich
unmittelbar die Betrachtung- der nicht geometrisch bestimmbaren äus-
seren Formen derselben anschliessen wird. (Viertes Buch.)
Die Morphogenie oder die Entwickelungsgeschichte (im weite-
sten Sinne) als die Formenlehre des werdenden Organismus, zerfällt
ebenfalls in zwei Disciplinen, welche nach unserer Anschauung nächst-
verwandt und eng verbunden sind, obwohl sie gewöhnlich als weit
getrennte Wissenschaften behandelt werden. I) Die erste derselben
untersucht die Entwickelungsgeschichte der Individuen und
kann demgemäss als Ontogenie bezeichnet werden. Gewöhnlich wird
sie „Embryologie" genannt, obwohl dieser Begriff viel zu enge, und
nur auf die höheren Organismen anwendbar ist. (Fünftes Buch.) II) Der
andere Zweig der Morphogenie ist die Entwickelungsgeschichte
der Stämme oder Phylogenie und untersucht die zusammenhängende
Formenkette aller derjenigen organischen Individuen, die von einer
und derselben gemeinsamen Stammform sich abgezweigt haben. Da so
wesentlich die Erkenntniss der Verwandtschaft der organischen Formen
ihre Aufgabe ist, könnte sie auch Genealogie der Organismen,
und da ihr wesentliches empirisches Substrat die Petrefactenkunde ist,
„wissenschaftliche Palaeontologie'" genannt werden. (Sechstes
Buch.)
Das gegenseitige Verhältniss dieser vier Disciplinen, welche wir
als die Hauptzweige der Morphologie der Organismen betrachten,
ist bisher, theils wegen der einseitig herrschenden analytischen Er-
kenntniss-Methoden, theils wegen des allgemeinen Glaubens an das
Species-Dogma, meist vollständig verkannt worden. Unsere Auffas-
sung desselben dürfte durch folgendes Schema übersichtlich erläutert
werden:
Morphologie der Organismen
(im engeren Sinne, nach Ausschluss der statischen Chemie).
Anatomie
oder Morphologie im engsten Sinne.
(Gesammtwissenschaft von der voll-
endeten Form der
Organismen.
Tectologie
(oder Structur-
lehre\
l Wissenschaft von'
der Zusammmen-,
|setzung der Orga-
nismen ans orga-
Jnischenlndividuenl
[verschiedenerOrd-
nung.
Promorphologie
(oder Grundformen-
lehre).
Wissenschaft von\
den äusseren For-i
men der organi-f
sehen Individuen/
und deren stereo-[
metrischen Grund- 1
formen. /
Morphogenie
oder Entwickelungsgeschichte.
(Gesammtwissenschaft von der wer-
denden Form der Organismen.
Ontogenie
(oder Embryologie).
Entwickelungsge-
I .schichte der orga-
nischen Individuen!
(Onta).
Phylogenie
(oder Palaeon-
tologie)
Entwickelungsge-
schichte der orga-
nischen Stämme!
(Phyla).
III. Anatomie und Systematik. 31
III. Anatomie und Systematik.
Bevor wir die Disciplinen der Tectologie und der Promorphologie
näher ins Auge fassen, erscheint es nothwendig, uns über das Ver-
hältniss der Morphologie und insbesondere der Anatomie zu einigen
Disciplinen zu verständigen, welche theils der Anatomie entgegenge-
setzt, theils derselben untergeordnet werden ; dahin gehört insbesondere
die Systematik, die Organologie und die Histologie. Auch die ge-
bräuchliche Bezeichnung der Anatomie, welche wir im Folgenden als
allgemeinen Ausdruck für unsere gesammten Kenntnisse von der voll-
endeten organischen Form beibehalten werden, bedarf einer gewissen
Erläuterung und Rechtfertigung. Es werden nämlich die Ausdrücke
der Anatomie und Morphologie auf den nächstverwandten und unmittel-
bar sich berührenden Gebieten der Zoologie und Botanik in einem so
gänzlich verschiedenen Sinne und so wechselnd gebraucht, dass es durch-
aus nothwendig erscheint, diese Begriffe scharf zu definiren und ihnen
eine bestimmte und bleibende Bedeutung beizulegen.
Die Zoologie (als Biologie der Thiere) gebraucht das Wort Anatomie
meistentheils zur Bezeichnung der gesammten Structurverhältnisse des zu
untersuchenden Organismus. Ursprünglich nur „Zergliederungskunde" und
die daraus folgende Erkenntniss des inneren Baues der Organismen be-
deutend, hat sich späterhin der Begriff der Anatomie dahin erweitert,
dass man darunter die gesammte Lehre von den Form- Verhältnissen des
entwickelten Organismus versteht, also nicht nur die Lehre von der inneren
Zusammensetzung, sondern auch von der äusseren Form. Dabei ist jedoch
zu bemerken, dass die meisten sogenannten Zoologen mehr oder minder
ausgesprochen einen Gegensatz von Systematik und Anatomie schon
seit langer Zeit ausgebildet haben, uud in der Praxis ist dieser Gegensatz
so exclusiv geworden, dass die „reinen Systematiker" die Anatomie als
gar nicht zur Zoologie gehörig betrachten und ebenso die „reinen Ana-
tomen" die Systematik als eine ihnen fremde Wissenschaft ansehen. So
stehen sich in der Anschauung sehr vieler Naturforscher (und nicht bloss
vieler Zoologen) diese beiden Disciplinen ganz fremdartig einander ge-
genüber.
Dieses seltsame Verhältniss rührt daher, dass die grosse Mehrzahl
aller Zoologen, die seit Linne" und seit der durch diesen erfolgten Neube-
gründung der Zoologie als besonderer Wissenschaft sich deren Dienste ge-
widmet haben, von den eigentlichen Aufgaben der Zoologie entweder gar
keine oder nur eine ganz dunkle Ahnung haben. Der allgemeine und schnelle
Aufschwung, den Zoologie und Botanik durch Linn6's ausserordentliche
formelle Verdienste um die „systematische" Kenntniss der Thiere und Pflan-
zen, durch die von ihm eingeführte biliäre Nomenclatur uud systematische
Ordnung nahmen, die Leichtigkeit nach einem auf kurze bündige Beschrei-
bung gegründeten künstlichen Systeme sich in dem Chaos der zahllosen
Gestalten zurecht zu finden, führte zu dem Irrthum, dass dieses System
32 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
selbst das Ziel der Wissenschaft sei, und dass man das System nur mit
möglichst viel neuen Formen bereichern müsse, um sich um die zoologische und
botanische „Wissenschaft" bleibende Verdienste zu erwerben. So entstand
denn die grosse und traurige Schaar der ,, Museumszoologen" und der „Her-
bariumsbotaniker", die zwar in ihrem Museum und ihrem Herbarium auf das
genaueste Bescheid wussten und jede von ihren tausend Species mit Na-
men auswendig benennen konnten, dafür aber auch von den gröberen und
feineren Structurverhältnissen dieser Species, von ihrer Entwickelung und
Lebensgeschichte, von ihren physiologischen und anatomischen Verhältnissen
nicht das Mindeste wussten. Mit der wachsenden Zahl der verschiedenen
Formen, die neu bekannt und benannt wurden, wuchs die Zahl dieser sam-
melnden „Systematiker", deuen das Museum und Herbarium nicht Mittel
und Material zum Studium der Organismen, sondern selbst Zweck wurde
und die über diesem nebensächlichen Mittel den Hauptzweck ganz vergasseu.
So kam denn die Zeit, wo (wie Schieiden sehr treffend sagt) „ein Mann,
der 6000 Pflanzen mit Namen zu nennen wusste, schon desshalb ein Bo-
taniker, einer der 10,000 Pflanzen zu nennen wusste, ein grosser Botaniker
genannt wurde", ein Missverständniss, welches auch in der Zoologie gleicher-
weise herrschte.
Wenn man bedenkt, welche unendlichen Massen der besten Kräfte und
Mittel, welcher Aufwand von Arbeit und Mühe, von Geld und Zeit, von
Papier und Druckerschwärze vergeudet wurde, bloss um möglichst viele
verschiedene Formen in den zoologischen Museen und in den botanischen
Herbarien aufzuspeichern, und wenn man mit diesem ungeheuren Aufwände
von Mitteln den äusserst laugsamen und unterbrochenen Fortschritt ver-
gleicht, den der wirklich wissenschaftliche Kern der Zoologie und Botanik
in dem ganzen vorigen Jahrhundert und in der ersten Hälfte des gegen-
wärtigen gemacht hat, so kann man nur in die gerechten Klagen und Vor-
würfe einstimmen, welche Schieiden seiner Zeit gegen die herrschende
Systematik auf dem Gebiete der Pflanzenkunde schleuderte. Leider steht es
aber mit der Thierkunde nicht viel besser. Auch die grosse Mehrzahl der
Zoologen vergass das Ziel der wissenschaftlichen Erkenntniss über der Be-
schaffung der Mittel und Wege, die dazu führen sollen. Das „System"
wurde für diese wie für jene das Ideal und das eigentliche Ziel der
Wissenschaft.
Im Grossen und Ganzen betrachtet haben nun die meisten dieser syste-
matischen Bestrebungen, so weit sie sich lediglich mit Betrachtung, Unter-
scheidung und Benennung der äusseren Form der „Species" beschäftigen,
nicht mehr Werth, als die gleichen systematischen Bestrebungen, welche zur
Anlegung aller möglichen Curiositäten-Sammlungen führen. Auch die Lieb-
haber und Sammler von Kunst-Gegenständen aller Art können den gleichen
Anspruch auf wissenschaftliche Leistung erheben. Systematisch geordnete
Sammlungen von Wappen z.B., von alten Meubles, Waffen, Kostümen, von den
neuerdings so beliebten Briefmarken und anderen derartigen Kunstprodukten
können mit eben so viel Specifications-Sinu, mit eben so viel Freude und
Interesse an den verschiedenen Formen und ihrer systematischen Gruppirung
gepflegt werden und sind sehr häufig mit mehr logischem Sinue geordnet
III. Anatomie und Systematik. 33
und classificirt, als die Sammlungen von Schneckenschalen, Muschelschalen,
Vogelbälgen u. s. w., deren Liebhaber „Zoologen" zu sein glauben. Man
frage nur die sogenannten Ornithologen, die jede Vogel-Species mit Namen
kennen, ob sie vom Bau der Federn, oder gar von der Structur des Ge-
hirns und des Auges irgend eines Vogels, von der Entwickelungsgeschichte
des Hühnchens im Ei, von den innigen Verwandtschaftsverhältnissen der
Vögel zu den nächststehenden Reptilien irgend welche eingehende Kennt-
nisse besitzen '{ Oder man frage die Entomologen, die sich mit ihren kost-
baren Käfer- uud Schmetterlings-Sammlungen brüsten, ob sie den Bau und
die Entwicklung der Chitinausscheidungen, mit deren Form sie sich aus-
schliesslich beschäftigen, kennen, ob sie die Entwickelungsgeschichte einer
einzigen Form von Anfang an verfolgt haben, ob sie von den fossilen Insec-
ten oder von den den Insecten nächstverwandten Spinnen etwas wissen? Lei-
der wird man in den allermeisten Fällen auf die erstaunlichste Beschränkt-
heit und auf die gröbste Unwissenheit in den wichtigsten Zweigen der
Zoologie selbst auf dem kleinen und engbegränzten Felde stossen, welches
diese „Systematiker" für ihr Specialfach ausgeben. So lange dieser syste-
matische Dilettantismus, der mit der Heraldik und der Briefmarkologie voll-
kommen auf einer Stufe der „Wissenschaft 14 steht, nichts Anderes sein will,
als eine harmlose Geniüths- und Augen-Ergötzung, kann man ihn ruhig ge-
währen lassen. Von löyoc, ist in der einen Logie so viel als in der anderen.
Sobald er aber den Anspruch macht, „Zoologie" oder „Phytologie" zu
sein, muss er auf den ihm gebührenden Platz aufmerksam gemacht werden.
Nur durch das Ueberwuchern dieser ganz oberflächlichen Systematik,
welche sich mit der Betrachtung der äusserlichsten und oberflächlichsten
Formverhältnisse begnügte, und dennoch sich für die „eigentliche Zoologie"
ausgab, war es möglich, dass der Gegensatz zwischen Systematik
und Anatomie in der Weise sich ausbildete, wie er noch heutzutage von
sehr vielen Seiten festgehalten wird. Diese Systematik, die sich so scharf
der Anatomie gegenübersetzt, ist selbst nur ein ganz kleines und unbedeu-
tendes Bruchstück derselben. Denn die Anatomie kann sich nicht be-
gnügen mit der Erkenntniss bloss des inneren Baues, der Structur uud Ver-
bindungsweise der Organe, sondern sie muss zugleich stets die äussere
Form mit in Betracht ziehen. Die Anatomie hat demnach die gröberen
und feineren Form- und Structur- Verhältnisse des ganzen Körpers zu er-
mitteln. Jeder Zweifel an dieser Notwendigkeit muss schwinden beim
Studium der niedersten Organismen-Gruppen. Während es bei den höheren
Thieren und Pflanzen wenigstens möglich ist, die Trennung zwischen
„Systematik" als Lehre von der äusseren Form, und „Anatomie" als Lehre
vom inneren Bau durchzuführen, so stösst diese künstliche Trennung da-
gegen bei den niederen Pflanzen und Thieren überall auf unüberwindliche
Schwierigkeiten.
Anders als in der Zoologie hat sich der Begriff der Anatomie und ihr
Gegensatz zur Systematik in der Botanik (als Biologie der Pflanzen)
gestaltet. Da nämlich vorwiegend, vorzüglich wenn man die höheren For-
men beider Reiche vergleicht, die Organ-Entwickelung bei den frei beweg-
lichen Thieren im Innern des Körpers, bei den festsitzenden Pflanzen da-
Haeckel, Generelle Morphologie. 3
34 Eintheihmg der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
gegen auf der Oberfläche stattfindet, so dass hier die äussere, dort die innere Form-
Entfaltung vorherrscht, so ist die Morphologie, soweit sie die Gestaltung der
Organe und nicht die der Elementartheile erfassen will, bei den höheren Pflan-
zen nur selten, bei den höheren Thieren dagegen immer genöthigt, in das Innere
einzudringen und wirklich zergliedernd zur Anatomie zu werden. Von den Bo-
tanikern wird daher auch gewöhnlich unter Anatomie nur diejenige der Elemen-
tartheile, d. h. die Histologie verstanden, während die ..gröbere Anatomie'*,
welche bei den Thieren schlechtweg so genannt wird, hier bald Organologie,
bald Morphologie genannt wird. Unter Organologie verstehen dagegen an-
dere Botaniker (z. B. Schieiden) wieder die eigentliche Physiologie der
Pflanzen, die wieder von Anderen mit der Biologie verwechselt wird-
Dagegen hat sich der Gegensatz zwischen Systematik und Morphologie
im engeren Sinne oder Anatomie auf dem Gebiete der Botanik nicht so,
wie auf dem der Zoologie entwickelt. Da hier eben die meisten Organe,
wie vor allen die Ernährungs-Organe (Blätter, Wurzeln etc.) und die Fort-
pflanzungs-Organe (Bliithen, Früchte etc.) ganz äusserlich entwickelt sind,
so mussten sie nothwendig von der Systematik weit mehr, als dies in der Zoo-
logie der Fall war, berücksichtigt und benutzt werden, und lieferten meistens
sogar die Hauptstütze derselben. Umgekehrt musste die fchierieche Systematik,
da sie jedes Eindringen in das Innere des Körpers und somit jede tiefere
Brkenntniss der Organisation vermied, zu den unbedeutendsten äusserli-
chen Form - Modifikationen der äusseren Körperoberfläche und ihrer An- \
hängsei greifen, um ihre systematischen Charactere zu gewinnen.
So ist es denn gekommen, dass die Systematik im Sinne der Botaniker
einen weit grösseren Theil der Anatomie (eigentlich nur die Histologie aus-
geschlossen) umfasst, als im Sinne der Zoologen. Was diese letzteren
Histologie nennen, heisst bei den ersteren Anatomie, und was die Botaniker
gewöhnlich unter Organologie verstehen, ist bei den Zoologen ein Theil der
Physiologie. Vergleicht man aber über diesen Gegenstand, der doch von
so fundamentaler Wichtigkeit ist, eine grössere Anzahl von botanischen und
zoologischen Handbüchern (namentlich die einleitenden Capitel zu morpholo-
gischen und physiologischen Werken) so wird man erstaunen über die un- '
glaublichen Widersprüche und die gänzlich verschiedeneu Ansichten, welche
die verschiedenen Autoren über die wechselseitigen Beziehungen der Haupt-
zweige ihrer Wissenschaft hegen.
Soll eine gegenseitige Verständigung möglich werden, so ist es durch-
aus nothwendig, Inhalt und Umfang der einzelnen Disciplinen scharf zu um-
schreiben und die so gewonnene Definition des Wortes consequent in der-
selben Bedeutung festzuhalten. Wenn dies geschieht, ist es unseres Er-
achtens nicht schwer, auf sehr einfachem Wege eine befriedigende Lichtung
und Klärung der Begriffe herbeizuführen.
Was zunächst die Systematik betrifft, so kann sie nicht, wie es bis-
her meist geschah, als eine besondere Wissenschaft der Morphologie gegen-
über gestellt werden. In diesen Irrthum, der sehr verbreitet erscheint, ist
selbst Victor Ca rus in seinem System der thierischen Morphologie ge- J
fallen, indem er gleich im Eingänge sagt, dass die statische Biologie „auf
zwei ihrem innersten Wesen nach verschiedene Zweige der wissenschaft-
III. Anatomie und Systematik. 35
liehen Erkenntniss führt. Der eine hiervon ist das Streben nach einer voll-
ständigen Classification der Pflanzen und Thiere, die organische Sy-
stematik, Biotaxie, welche sich vorläufig mit dem Aufsuchen der Ver-
wandtschaft der organischen Geschöpfe beschäftigt; der andere ist die
Kenntniss von der äusseren und inneren Gestaltung derselben, die Ana-
tomie, pflanzliche und thierische Formenlehre, Morphologie. In
beiden wird die Organisation der Pflanze, des Thieres untersucht, jedoch
bloss bei der letzteren als Object, bei der ersteren nur als Mittel zum
Zweck. Während die Systematik nur so viel anatomische Thatsachen zu
verwerthen braucht, als die organische Verwandtschaft zu ihrem Nachweise
bedarf, sind die organischen Formen an sich Gegenstand der letzteren."
Nach dieser Definition, die Carus noch weiter ausführt, würde also die
Anatomie die eigentliche Formenlehre sein, indem sie die Formen
der Organismen an sich in Betrachtung zieht, wogegen die coordinirte
Systematik oder Biotaxie wesentlich eine Verwandtschaftslehre sein
würde, welche die Organismen rücksichtlich ihrer Form vergleicht, sie
darauf hin zu classificiren sucht, und aus der Vergleichung und Zusammen-
stellung der verwandten Formen das System construirt. Offenbar ist aber
der Unterschied, der so nach Carus die Systematik und die Anatomie als
zwei ihrem innersten Wesen nach verschiedene Zweige der Biostatik tren-
nen würde, lediglich ein Unterschied einerseits der Methode oder der Be-
trachtungsweise, andererseits der formalen Darstellung. Die Systematik
verfährt synthetisch, vergleichend, die Morphologie oder Anatomie da-
gegen,' wie sie hier definirt ist, rein analytisch, nicht vergleichend. Es
würde mithin auf dem Gebiete der thierischen Biostatik die letztere (die
Morphologie) der „Zootomie", die erstere (die Systematik) wesentlich der
„vergleichenden Anatomie" entsprechen. Denn die Verwandtschafts-
lehre, wie sie Carus hier zeichnet, ist nicht die gewöhnliche Systematik,
sondern die vergleichende Anatomie in der Form des Systems;
während die Morphologie oder Anatomie in dem dort bezeichneten Sinne
die rein analytische Zootomie sein würde, welche die Formen der Thiere
an sich untersucht, ohne sie vergleichend zusammen zu stellen und ohne sie
in systematischer Form übersichtlich zu machen. Ein weiterer Unterschied
zwischen Morphologie und Biotaxie , wie sie thatsächlich einander gegen-
überstehen, würde nach der Definition von Carus darin bestehen, dass die
Systematik sich mit einer oberflächlichen Erkenntniss des innern Baues
begnügt, und vorzugsweise die äusseren Formen vergleicht, während die
Anatomie den inneren Bau gründlich untersucht und der äusseren Form
nur eine beiläufige Berücksichtigung schenkt. Dieser Unterschied hat
sich allerdings in der Praxis zwischen Systematik und Morphologie heraus-
gebildet; er beruht aber auf einer fehlerhaften und leichtfertigen Methode
beider Disciplinen. Wenn die Systematik die wirklichen natürlichen Ver-
wandtschafts-Verhältnisse der Organismen vollständig erkennen will, so be-
darf sie der vollständigsten morphologischen Kenntnisse der inneren sowohl,
als der äusseren Form -Verhältnisse. Die Anatomie ist dann also nur ein
Theil der Systematik. Umgekehrt, wenn die Anatomie vollständige Morpho-
logie der Organismen sein will, so muss sie nothwendig neben dem inneren
3*
36 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
Bau ganz ebenso die äussere Form, und zwar vergleichend berücksichtigen,
und wenn sie die so erworbenen Kenntnisse in kürzester Form zusammen-
lassen, und übersichtlich darstellen will, so muss sie sich dazu der Forap
des Systems bedienen. Die Systematik ist dann also nur die allumfassende
Anatomie der Organismen in Form eines Specitications-Systems.
Wir haben hier absichtlich als Beispiel einer irrigen Auffassung des
Verhältnisses der Systematik zur Morphologie die Definition von Victor
Carus gewählt, weil dieser Morphologe sehr hoch über den meisten Anderen
steht, und sich sonst besonders durch richtige Autfassung allgemeiner der-
artiger Beziehungen auszeichnet. Auch beweist sein „System der thierischeu
Morphologie" selbst, dass er diese Wissenschaft nicht in dem engen Sinne
seiner Definition als „Erkenntniss der Form an sich" auffasst, sondern
ihr das höhere Ziel einer wirklichen vergleichenden Verwandtschaftslehre
steckt, wenn auch nicht in systematischer Form. Noch weit irriger, un-
klarer und dunkler sind aber die Vorstellungen, welche die ineisten anderen
Morphologen über den Werth und die gegenseitigen Beziehungen der Morpho-
logie und ihrer einzelnen Zweige zur Systematik hegen. Wie überhaupt
Ziel und Aufgabe der Morphologie und der einzelnen ihr untergeordneten
Disciplineu meist gänzlich verkannt wird, und wie die wechselseitigen Be-
ziehungen der Organologie und Anatomie , der Zootomie und vergleichen-
den Anatomie, in der verschiedenartigsten Weise betrachtet werden, so ist
ganz besonders das Verhältuiss der Morphologie zur Systematik von den
verschiedenen Autoren in so gänzlich verschiedenem Sinne aufgefasst wor-
den, dass es uns unerlässlich erscheint, diejenige bestimmte Auffassung
dieses Verhältnisses, welche wir für die allein richtige halten, an diesem
Orte ausführlich zu begründen. ')
') Es gilt hier von der Systematik dasselbe , was leider von so vielen Ar-
beiten auf den anderen oben genannten Gebieten behauptet werden muss. Mit wie
vielen „vergleichend anatomischen" und ,,comparativ morphologischen" Arbeiten
hat uns die neuere Zeit beschenkt, in denen kaum eine Spur von ,, Vergleichung"
zu entdecken ist! Wie viele „anatomische" und „zootomisehe" Monographieen
lassen in ihrer Untersuchung die wesentlichsten morphologischen Beziehungen,
z. B. die äusseren Form- Verhältnisse, ganz ausser Acht! Wie viele „morpholo-
gische" Untersuchungen erscheinen nicht, die weder von Logik, noch von Logos
die Spur an sich tragen; und in denen man den ).öynq ebenso wenig erblicken
kann , als in den descriptiven „systematischen" Arbeiten auf dem Gebiete der
Ornithographie, Entomographie, Malakogr aphie etc., die sich allerdings
mit dem Namen der Ornithologie, Entomologie, Malakologie u. s. w. brüsten.
Die Form des Systems, welche zunächst eben nur die übersichtlichste und be-
quemste Darstellungsform der complicirten verwandtschaftlichen Beziehungen
der Organismen sein soll, ist an sich das Ziel der Bestrebungen und der End-
zweck der Morphologie geworden, während der Inhalt selbst dabei in der ober-
flächlichsten Weise vernachlässigt worden ist. Nach unserer Ansicht kann aller-
dings das System wirklich als der höchste Zweck der Wissenschaft hingestellt
werden; dann muss es aber nach Inhalt und Form gleich vollendet sein. Der
Inhalt muss durch die Form des Systems nur seinen übersichtlichsten und kür-
zesten Ausdruck finden.
III. Anatomie und Systematik. 37
Die Systeme' der Organismen, deren Construction gewöhnlich
als die Hauptaufgabe der sogenannten Systematik hingestellt wird, und
welche einen so grossen Bestandtheil der zoologischen und botanischen
Literatur ausmachen, führen uns die verschiedenen Formen der Or-
ganismen in einer übersichtlich geordneten Reihenfolge vor, indem sie
dieselben specificiren oder classificiren, indem sie nach dem grösseren
oder geringeren Grade der Verwandtschaft, d. h. der Formähnlichkeit,
die verwandten oder ähnlichen Formen in kleinere und grössere Grup-
pen ordnen. Welchen Werth und welche Bedeutung diese Gruppen-
bildung oder die Specification hat, wird im sechsten Buche ausführlich
auseinander gesetzt werden.
Bekanntlich werden diese zoologischen und botanischen Systeme
allgemein in natürliche und künstliche Systeme eingetheilt, und
der Unterschied dieser beiden Classifications-Weisen gewöhnlich dahin
bestimmt, dass die ersteren die organischen Formen im Ganzen ver-
gleichend betrachten und demnach aus der Gesammtheit aller ihrer
morphologischen Eigentümlichkeiten sich ein Bild von ihrem ver-
wandtschaftlichen Zusammenhange machen, während dagegen die künst-
lichen Systeme nur ein einziges oder einige wenige Merkmale der
Formen herausnehmen und diese als Classifications- Basis benutzen.
Dass diese letzteren keinen wissenschaftlichen Werth haben, und ledig-
lich zum analytischen Bestimmen, zur speciellen Orientirung in dem
Chaos der mannichfaltigen Gestalten dienen können, liegt auf der Haud
und wird allgemein anerkannt. Ueber Werth und Bedeutung des so-
genannten natürlichen Systems dagegen wurden früher und noch heut-
zutage die verschiedensten Ansichten laut. Nach der Ansicht der
Einen giebt es ein natürliches System, nach der Ansicht Anderer
mehrere; noch Andere aber leugnen seine reale Existenz völlig.
Ohne auf diese sehr verschiedenen Ansichten und auf die sehr weit-
läufigen und oft höchst seltsamen Streitigkeiten, welche über diese
Frage geführt worden sind, Hier einzugehen, wollen wir nur ganz
kurz unsere eigene Ansicht von der Bedeutung des natürlichen Sy-
stems darlegen, welche unten im sechsten Buche noch näher begrün-
det werden soll.
Nach unserer Ansicht giebt es ein natürliches System der
Organismen, und dies System ist der natürliche Stammbaum der
Organismen, welcher uns den realen verwandtschaftlichen Zusam-
menhang, die Blutsverwandtschaft zwischen allen Organismen enthüllt,
die ursprünglich von einer und derselben Stammform abstammen.
Indem nun das natürliche System zahlreiche engere und weitere über
und neben einander geordnete Gruppen bildet, indem es die zahl-
reichen verwandten Formen classificirt, drückt es durch die Einreihung
der einzelnen verwandten Formen in diese Gruppen den verschiedenen
38 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
Grad der Verwandtschaft in der kürzesten und übersichtlichsten Form
aus und gewährt uns auf dem engsten Räume den klarsten Einblick
in die verwickelten Beziehungen jenes Stammbaumes. Dasselbe also,
was die Morphologie in allen Einzelnheiten ausführlich begründet, was
sie als ,, vergleichende Anatomie" durch ausgedehnte synthetische
Untersuchungsreihen nachweist, was sie als comparative „Embryo-
logie" durch die Uebereinstimmung der individuellen Entwickelungs-
geschichten, als Palaeontologie durch die parallelen Entwiekelungs-
reihen der Stämme nachweist, dasselbe soll uns das wahre natürliche
System auf dem engsten Räume in der kürzesten, übersichtlichsten und
klarsten Form auf einen Blick enthüllen. Das natürliche System der
Organismen verhält sich demgemäss nach unserer Anschauung zur ge-
sammten Morphologie, wie der Stammbaum einer alten preussischen
Adels-Familie oder einer arabischen Pferde-Familie, der in Form einer
einzigen übersichtlichen Stammtafel das gesammte historische Ver-
wandtschafts-Verhältniss derselben enthüllt, sich zu ihrer ausführlichen
Familien-Chronik sammt speciellen Biographieen aller einzelnen Indi-
viduen verhält.
Freilich sind dann von unserem Standpunkte aus ganz andere An-
forderungen an das natürliche System zu machen, als die meisten der-
artigen Systeme bisher erfüllt haben. Wir verlangen als Grundlage
jedes wirklich natürlichen Systems die ausgedehnteste Berücksichtigung
sämmtlicher morphologischer Verhältnisse der betreffenden Organismen-
gruppe. Wir verlangen gleichmässig eingehende und sorgfältige Be-
rücksichtigung aller inneren und äusseren Formverhältnisse, der gröberen
und feineren Structur, gleichmässig vollständiges und übersichtliches
Eingehen auf alle embryologischen und palaeontologischen Verhältnisse
der betreffenden Gruppe, auf alle Entwickelungsreihen der physiologi-
schen und der genealogischen Individuen. Während nun so das na-
türliche System alle verschiedenen morphologischen Verhältnisse der
Organismen in der kürzesten, klarsten und übersichtlichsten Weise auf
dem engsten Raum darstellen soll, wird doch durch diese übersicht-
liche Darstellung selbst ein Verhältniss vor allen bedeutend in den
Vordergrund treten, welches gewissermaassen der concentrirte Extract
aller vergleichenden Morphologie ist: das verschiedene Verwandt-
schafts-Verhältniss aller Formen, die von einer und der-
selben Stammform abstammen. Wenn das natürliche System die
von uns gestellten Anforderungen erfüllt, so wird es dann von selbst
zur natürlichen „Verwandtschaftslehre" oder Genealogie der
Organismen. Wir werden aber desshalb keineswegs genöthigt sein,
einen besonderen Wissenschaftszweig für diese Disciplin zu begründen.
Vielmehr ist diese genealogische Systematik dann der wesentlichste
Kern der gesammten Morphologie der Organismen selbst.
III. Anatomie und Systematik. 39
Wenn diese unsere Auffassung richtig ist — und wir können nicht
daran zweifeln so können wir nicht länger die Systematik als eine
besondere Wissenschaft neben der Morphologie fortfuhren, oder sie als
einen besonderen Zweig derselben betrachten. Es ist dann vielmehr
die Systematik der concentrirte Extract aller Resultate der gesammten
Morphologie selbst; es ist lediglich die übersichtliche und compacte
Darstellungsform, welche die Systematik auszeichnet, während
der Morphologie die Aufsuchung und Begründung, die Erklärung und
specielle Betrachtung aller der einzelnen morphologischen Verhältnisse
anheimfällt, über welche uns das System gewissermassen ein übersicht-
lich nach der Blutsverwandtschhft geordnetes Sach- und Namen-
Register liefert. -
Die Kluft, welche diese unsere Auffassnng des Verhältnisses der
Systematik zur Morphologie von den gewöhnlichen Ansichten der
Systematiker trennt, ist freilich gross. Wir können aber in der Syste-
matik, soll sie überhaupt eine wissenschaftliche Aufgabe verfolgen,
und nicht blosse Spielerei zur Gemüths- und Augen-Ergötzung sein,
nichts Anderes — und, sagen wir, nichts Geringeres — finden, als die sy-
stematische Darstellungsform der gesammten Morphologie selbst. Die
sogenannte Systematik der Thiere und Pflanzen ist die concentrirte
Morphologie der Organismen im knappen systematischen Gewände.
Freilich sind die allermeisten Systeme unserer Zeit noch sehr weit
entfernt davon, dieser Anforderung sich auch nur zu nähern. Da fin-
den wir Hunderte und Tausende von einzelnen Formen beschrieben,
die man ganz willkührlich als „Species" bezeichnet. Diese werden
kurz mit ihren unterscheidenden Characteren aufgeführt, und dann die
nächstverwandten Arten in eine Gattung, die verwandten Gattungen in
eine Familie zusammengestellt u. s. w. Je höher wir in den Kate-
gorieen des Systems hinaufsteigen, desto kürzer und unvollkommener
wird meist ihre Charakteristik, während diese gerade bei den höheren
und umfassenderen Kategorieen (Klasse, Ordnung etc.) am ausführlich-
sten und vollständigsten alle wesentlichen Charactere kurz hervorheben
sollte. Gewöhnlich wird aber diese Hauptaufgabe der Systematik,
namentlich die Begründung der Blutsverwandtschafts-Verhältnisse, voll-
kommen über der ganz untergeordneten Aufgabe der Species - Unter-
scheidung übersehen. *)
l ) Die noch fast überall verbreitete Verkennung dieser eigentlichen hohen
Aufgabe des Systems lässt sich nur durch die mangelhafte allgemein-morpholo-
gische Bildung und durch den gänzlichen Mangel an Uebersicht der Morphologie
erklären, der die meisten Systematiker auszeichnet. In der That sieht die grosse
Mehrzahl, wie das Sprichwort sagt, „den Wald vor lauter Bäumen nicht." Wie
Schnecken oder flügellose Insecten-Larven kriechen sie unter der Einde und auf den
einzelnen Blättern der Bäume umher, aus deren Verwandtschafts-Beziehungen sie die
40 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
Die gegenwärtig leider noch fast allgemein herrschende syste-
matische Kleinigkeitskrämerei und Speciesfabrication verhält sich zur
Systematik der Zukunft, deren Aufgabe wir hier formuliren, ungefähr
so, wie etwa die Statistik einzelner Staaten, die Chronikschreiberei
einzelner Städte und die Biographie einzelner Menschen zu der Völker-
geschichte (oder sogenannten Weltgeschichte), welche die Aufgabe des
Historikers ist. Wie der Historiker den gesetzmässigen Zusammen-
hang in der Masse der einzelnen Erscheinungen erfassen und aus den
Biographieen der einzelnen hervorragenden Individuen, den Chroniken
der Städte und den Statistiken der Staaten sich das Bild der Völker
und die Entwickelungsgeschichte der Nationen construiren soll, so soll
der Systematiker als wirklicher vergleichender Morphologe aus der
Kenntniss der Species sich das Bild der Klasse, und aus der Ent-
wickelungsgeschichte der Arten diejenige der Stämme construiren. Die
Geschichtstabellen des Historikers sollen dasselbe für die Völkerge-
schichte, wie das morphologische System für die Geschichte der Or-
ganismen leisten.
Die Anatomie haben wir bereits oben als die Lehre von der
vollendeten Form der Organismen definirt und sie als solche
der coordinirten Morphogenie oder Entwickelungsgeschichte entgegen-
gesetzt, welche die Lehre von der werdenden Form der Organismen
ist. Wenn man die Entwickelungs-Geschichte, wie es streng genommen
bei vollkommener Erkenntniss ihrer Gesetze der Fall sein mttsste, von
der Morphologie trennen und als dynamische Disciplin zur Physio-
logie hinüberstellen wollte, so würde die Anatomie (im weitesten Sinne)
als alleiniger Inhalt der Morphologie übrig bleiben und würden mit-
hin diese beiden Begriffe zusammenfallen.
Welches Verhältniss die Anatomie im Ganzen zur Systematik hat,
der man sie so häufig als eine besondere coordinirte Disciplin gegen-
überstellt, wird aus dem Vorhergehenden klar geworden sein. Es ist
hier nur nochmals ausdrücklich zu wiederholen, dass die Anatomie
die gesammte vollendete Form des Organismus (d. h. äussere Ge-
stalt und innere Stmctur-Verhältnisse) zu betrachten hat, und dass es
auf einer vollkommen schiefen Auflassung beruht, wenn man, wie es
Kategorieen ihres Systems bilden sollten. Wie viele Morphologen (sowohl Anato-
men als Systematiker) giebt es nicht, die ihre Lebtage nicht von einem* solchen
Blatte heruntergekommen, die niemals unter der Baumrinde hervorgekrochen sind,
und die dennoch in dem Wahne arbeiten, eine vollkommene Uebersicht des gan-
zen Baumes nicht nur, sondern des ganzen Waldes zu haben! Diese Uebersicht
kann nur das vollendete Insect sich erwerben, welches den flügellosen Larvenzu-
staud überwunden, die Puppenhülle abgestreift und sich mittelst seiner Flügel
über den engen Bezirk der Einzelbetrachtung erhoben hat, auf welche es im flü-
gellosen Zustande allein beschrankt war.
ITT. Anatomie und Systematik. 41
sehr häufig geschieht, der Anatomie bloss die Untersuchung des
inneren Organismus, der Systematik dagegen die Darstellung der
äusseren Form desselben zuweisen will. Aeussere Gestalt und innere
Structur und Zusammensetzung sind so unzertrennlich verbunden, dass
jede gesonderte Betrachtung des Einen und des Anderen nur zu einer
unvollständigen und daher fehlerhaften Erkenntniss des Organismus
führen kann. Beide fallen gleichmässig der Anatomie und der Syste-
matik anheim, und die letztere soll nur das Wichtigste desjenigen in
kürzester übersichtlicher Form darstellen, was die erstere auf ihrem
langen mühsamen Wege im Einzelnen alles gewonnen und ausführlich
bewiesen hat.
Wollen wir den üblichen Unterschied von Anatomen und Systematikern,
der in der zoologischen und botanischen Praxis so vielfach gebraucht wird,
festhalten, so können wir nur sagen: der „reine Systematiker" begnügt sich
mit der oberflächlichsten Erkenntniss der Organismen und legt allen Werth
auf möglichst extensive (und möglichst wenig intensive!) Kenntniss zahl-
reicher verschiedener Formen und ihrer äusserlich unterscheidenden Charak-
tere. Er versteht wenig oder nichts von den wesentlichsten und den für
die Erkenntniss der Verwandtschaft wichtigsten (inneren) Form-Verhältnissen.
Der „reine Anatom" dagegeu legt auf letztere mit Recht den Hauptwerth,
kommt dadurch der Erkenntniss der wahren Blutsverwandtschaft der Or-
ganismen viel näher und nähert sich beim Aufbau eines Systems viel mehr
dem natürlichen Systeme, als es der eigentliche Systematiker thut, der nur
die äusseren, viel minder wichtigen Charactere benutzt. Die letzteren sind
viel unzuverlässiger, weil sie grossentheils nur durch Anpassung erworben
sind, während die inneren oder anatomischen Charactere weniger durch An-
passung verändert sind, und daher den erblichen Character des gemein-
samen Stammes in weit höherem Grade, als die äusseren Körperformen beibe-
halten haben. Dagegen verliert der exclusive reine Anatom, welcher die
Systematik vernachlässigt, dadurch den Ueberblick der unendlichen Fornien-
Mannichlältigkeit, welche durch das innere Band der Verwandtschaft zu
einem harmonischen Ganzen geordnet wird, und die Genealogie der Or-
ganismen, die Phylogenie oder Entwicklungsgeschichte der Stämme (Phyla)
bleibt ihm verschlossen.
Wenn bei den höheren Thieren, insbesondere bei den Wirbel-, Glie-
der- und Weichthieren der übliche Sprachgebrauch noch einigermaassen
im Stande ist, die Systematik als „Betrachtung der äusseren Körper-
form" von der Anatomie als „Betrachtung des inneren Körperbaues"
zu unterscheiden, so ist dagegen diese Unterscheidung bei den meisten
niederen Thieren, ebenso wie bei den meisten Pflanzen, ganz unmöglich.
Bei allen rein mikroskopischen Organismen, sowie bei allen vollkommen
durchsichtigen Thieren fällt 'von selbst die Betrachtung des inneren und
äusseren Organismus zusammen. Hier ist eine Anatomie im eigentlichen
Sinne des Worts, eine Zergliederungskunde, in den meisten Fällen weder
nöthig, noch überhaupt nur möglich. Wo, wie bei den meisten Coelenteraten
42 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete AYissenschaften.
nnd den meisten Phanerogamen, die Organentwickelung vorwiegend äusser-
lich ist und an der Oberfläche des Körpers stattfindet, da ist eine Unter-
suchung des inneren feinen Baues für die organologische (nicht histologische)
Erkenntniss durchaus überflüssig. Aus diesem Grunde hat denn auch bei
den Botanikern der Begriff der „Anatomie " die Bedeutung der „Histo-
logie" gewonnen, während sie die „eigentliche Morphologie," d. h.
die auf die äussere Form beschränkt bleibende Organologie jener inneren
„Anatomie" (die sich aber bloss mit den Geweben, nicht mit den Organen
beschäftigt) gegenüberstellen. So gelangt z. B. Schieiden zu dem Aus-
spruche, dass, wenn man das Wort Anatomie in seiner eigentlichen, ur-
sprünglichen Bedeutung nimmt, es gar keine Pflanzenanatomie giebt, oder
doch nur höchstens bei den Fortpflanzungsorganen einiger weniger Pflan-
zen. „Wenn wir aber Anatomie als die Lehre von den Organen
ansehen, so wird dieselbe Wissenschaft bei den Thieren vorzugsweise
eine Untersuchung des Inneren (Anatomie), bei den Pflanzen eine Be-
trachtung des Aeusseren (Morphologie)." Indess lässt sich diese Unter-
scheidung durchaus nicht streng durchführen. Wir dürften sonst auch bei
den meisten Coelenteraten und insbesondere bei den Anthozoen und Hydroid-
polypen nicht von Anatomie reden, ebenso nicht bei den meisten Protisten etc.
Es ist allerdings richtig, dass, wenn wir unter Anatomie nicht bloss die
durch Zergliederung, mit Messer und Pincette erworbenen Kenntnisse, son-
dern die Gesammtwissenschaft von der vollendeten Form (äusseren Gestalt
und innerem Bau) des Organismus verstehen, die ursprüngliche Bedeutung
des Worts als „ Zergliederungskunde " verloren geht. Allein mit wie
unendlich vielen anderen Begriffen ist es ganz derselbe Fall! Brauchen
wir ja doch die allermeisten wissenschaftlichen Begriffe nicht in ihrer ur-
sprünglichen und eigentlichen, sondern in einer abgeleiteten und metaphori-
schen Bedeutung! So hat sich z. B. der Begriff der Physiologie, der
ursprünglich mit Biologie identisch war, gegenwärtig bedeutend durch die
fortschreitende Arbeitstheilung in der wissenschaftlichen Praxis verengt.
Umgekehrt hat sich in der letzteren thatsächlich der Begriff der Anatomie
immer mehr erweitert, und wir dürfen, wenn wir den Begriff bestimmt um-
schreiben und uns dabei an die gegebenen Verhältnisse möglichst anlehnen
wollen, unter Anatomie nichts Anderes verstehen, als die gesammte Wis-
senschaft von der vollendeten (inneren und äusseren) Form der Organismen.
Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob wir dabei zergliedernd, oder ledig-
lich beobachtend in das Geheimniss des inneren Baues eindringen, ob wir
dabei Messer und Pincette, oder bloss Auge und Mikroskop verwenden.
IV. Organologie und Histologie.
Um unsere Eintheilung- der Anatomie in Tectologie und Promorpho-
logie zu rechtfertigen, ist es uöthig, die Unbrauchbarkeit und Unvoll-
ständigkeit der bisher üblichen Eintheilung der Anatomie nachzuweisen.
Wir können daher hier eine kurze Erörterung der letzteren nicht um-
gehen.
IV. Organologie und Histologie. 43
Wie schon bemerkt, ist die Eintheilung der Anatomie in unter-
geordnete Disciplinen, ebenso wie ihr Begriff selbst, auf den verschie-
denartigen Gebieten der Biologie und von den verschiedenen Autoren
in sehr abweichender und mannichfaltiger Weise aufgefasst worden.
Als die wichtigsten und allgemein gültigsten Ansichten dieser Verhält-
nisse dürfen wohl in erster Linie Anspruch auf Beachtung die ana-
tomischen Behandlungsweisen desjenigeu Organismus machen, der am
genauesten von allen untersucht und der am längsten Gegenstand
anatomischer Forschungen gewesen ist, die Anatomie des Menschen
selbst.
Die Anatomie des Menschen, welche in der That nach dem ge-
wöhnlichen Sprachgebrauch vollkommen dem Begriffe der Anatomie
entspricht, wie wir ihn als „die gesammte Formenlehre des vollende-
ten Organismus" hingestellt haben, wird von den verschiedenen An-
thropotomen selbst wieder in sehr abweichender Weise in unterge-
ordnete Disciplinen eingetheilt. Viele von diesen Disciplinen sind gar
keine Wissenschaften, sondern Künste, so z. B. die sogenannte praktische
Anatomie, die topographische Anatomie, die chirurgische Anatomie, die
plastische Anatomie. Andere von diesen Disciplinen behandeln die
Lehre von den Formen des Organismus, wie sie sich- unter bestimmten
Bedingungen modificirt haben, so z. B. die pathologische Anatomie.
Alle diese Zweige der menschlichen Anatomie kommen natürlich hier
nicht in Betracht; ebenso sehen wir von den seltsamen Einteilungen
älterer Anatomen ab.
Die wissenschaftliche Anatomie des Menschen, die sogenannte
„normale Anatomie," wird von den meisten Anthropotomen in zwei
Hauptzweige eingetheilt, die Anatomie der Organe und die Anatomie
der Elementartheile. Letztere wird gewöhnlich als Histologie, er-
stere oft als Organologie bezeichnet. Beide Wissenschaften unter-
suchen die gesammten Formqualitäten von bestimmten Formbestand-
theilen des Körpers, also ihre äussere Gestalt und inneren Bau, ihre
gegenseitige Lagerung und Verbindungsweise, ihre Grösse und Farbe,
ihre Zusammensetzung aus untergeordneten Formbestandtheilen u. s. w.
Die Histologie untersucht in allen diesen Beziehungen die feineren
und kleineren, dem blossen Auge meist nicht wahrnehmbaren Formbe-
standtheile oder die sogenannten Elementartheile (Zellen und Zellen-
derivate) und die aus ihnen zunächst zusammengesetzten „Gewebe;"
die Organologie dagegen beschäftigt sich in allen genannten Bezie-
hungen mit den sogenannten „gröberen" und grösseren Formbestand-
theilen, welche aus jenen zusammengesetzt sind und welche man all-
gemein als „Organe, Organ - Systeme , Organ - Apparate " u. s. w. zu-
sammenfasst. Die Histologie oder Gewebelehre wird auch häufig
sehr unpassend mit dem Namen der „allgemeinen Anatomie" oder der
44 Emtheil.üng der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
..mikroskopischen Anatomie" bezeichnet. Die Organologie oder Or-
ganlehre wird ihr unter dein ebenso unpassenden Namen der „beson-
deren oder speciellen," der beschreibenden oder descriptiven, oder der
systematischen Anatomie (letzteres im Gegensatz zur ..topographischen''
Anatomie) entgegengesezt.
Der Unterschied, worauf man diese fast allgemein übliche Einthei-
lung der Anatomie in die Organologie und Histologie gründet, liegt
also weder in der verschiedenen Behandlungsmethode des Anatomen,
noch in den verschiedenen Qualitäten oder Beziehungen des einzelnen
an sich betrachteten Formbestandtheiles des Körpers, sondern in dem
differenten Verhalten der verschiedenen Formbestandtheile zu einander
und zum ganzen Körper. Es ist der qualitative Unterschied der „Ge-
webe" und „Elementartheile" von den „Organen," worauf jene Unter-
scheidung basirt, und nicht etwa der Unterschied der verschiedenen
Beziehungen und Eigenschaften, welche das einzelne Organ oder der
einzelne Elementartheil oder das einzelne Gewebe an sich zeigt.
Beiderlei Formbestandtheile des Organismus, die gröberen und
zusammengesetzteren oder Organe, und die feineren und einfacheren oder
Elementartheile und Gewebe, gehören zu denjenigen räumlich abge-
schlossenen Formeinheiten, welche wir oben als „Individuen verschie-
dener Ordnung'' bezeichnet haben. Die übliche Eintheilung der Ana-
tomie in die Organologie und Histologie würde nun haltbar und logisch
richtig sein, wenn die Organe und die Elementartheile die einzigen
derartigen Individuen verschiedener Ordnung wären, welche den Orga-
nismus zusammensetzen. Nun haben wir aber, wie im dritten Buche
gezeigt werden wird, nicht diese zwei, sondern sechs verschiedene
Ordnungen von Individuen zu unterscheiden, welche das complicirte
Gebäude des Organismus zusammensetzen. Diese sechs Ordnungen
von subordinirten Individuen sind: 1. die Piastiden (Cytoden und
Zellen) oder die sogenannten „Elementartheile;" 2. die Organe (selbst,
wieder verschiedener Ordnung: Zellenstöcke, einfache und zusammen-
gesetzte Organe, Organ-Systeme, Organ- Apparate) ; 3. die Antimeren
oder Gegenstücke, oder homotypischen Theile; 4. die Metameren oder
Folgestücke, oder homodynamen Theile; 5. die Personen oder Proso-
pen, oder Individuen im engeren Sinne; 6. die Stöcke oder Cormen,
Colonieen etc.
Will man nun die qualitativen Unterschiede, welche zwischen die-
sen Individuen verschiedener Ordnung herrschen, zur Eintheilungs-
basis der Anatomie machen, so wird man nicht nur die üblichen zwei
Diseiplinen der Histologie und Organologie, sondern man wird deren
sechs verschiedene unterscheiden müssen. Jede dieser Wissenschaften
wird zur Aufgabe die gesammte Formenlehre der Individuen einer
IV. Organologie und Histologie. 45
und derselben Ordnung- haben. Die Aufgaben der sechs DiscipHinen
würden in folgender Weise zu bestimmen sein:
1. Histologie oder Plastidologie, die Anatomie der Piastiden
(Cytoden und Zellen) oder der „Elementartheile" (die Formenlehre
der „Zelle" etc.). Diese Wissenschaft würde im Ganzen der gegen-
wärtig geltenden ..Gewebelehre'" entsprechen, nur dass wir die Behand-
lung der^sogenannten ..höheren Elementartheile" und der sogenannten
„zusammengesetzten Gewebe" ausschliessen würden, da diese com-
plexen Formelemente bereits zu den Organen gehören.
2. Organologie oder Organlehre, die Anatomie der Organe.
Da die Organe selbst wiederum sich nach den niederen und höheren
Graden ihrer Zusammensetzung als Organe von fünf verschiedenen Ord-
nungen unterscheiden lassen, so würde sich die Organologie weiter
gliedern in 1 ) die Anatomie der Zellenstöcke oder. Cytocormeu; 2) die
Anatomie der einfachen oder homoplastischen Organe ; 3) die Anato-
mie der zusammengesetzten oder heteroplastischen Organe; 4) die Ana-
tomie der Organ-Systeme; 5) die Anatomie der Organ- Apparate.
3. Antimerologie oder Homotypenlehre, die Anatomie der
Antimeren (Gegenstücke) oder homotypischen Theile. Dieser wich-
tige und selbstständige Zweig der Anatomie ist bis jetzt so gut wie
gar nicht cultivirt und doch ist er für das tiefere Verständniss der Ge-
sammtform des Organismus von der grössten Bedeutung. Ist es doch
lediglich das verschiedenartige Verhältniss der Antimeren zu einander
und zum Ganzen, welches die allgemeine Grundform, den „strahligen"
oder „regulären" und „bilateralen" oder „symmetrischen" Bau etc.
bedingt.
4. Metamerologie oder Homody namenlehre, die Anatomie der
Metameren (Folgestücke) oder homodynamen Theile. Auch dieser
wichtige und selbstständige Zweig der Anatomie ist bis jetzt im höch-
sten Grade vernachlässigt, und doch ist auch die Bildung der Meta-
meren für die charakteristischen Gesammtformen der Organismen von
der allergrössten Bedeutung. Da die Metamerenbildung allein es ist,
welche die äussere Gliederung der Articulaten und die innere Gliede-
rung der Vertebraten bestimmt, da auf ihr allein die Bildung der Sten-
gelglieder bei den Phanerogamen beruht, so bedarf es für die grosse
Zukunft, welche auch dieser Zweig der Anatomie haben wird, keines
Beweises.
5. Prosopologie oder Personenlehre, die Anatomie der Per-
sonen oder Prosopen, welche man bei den höheren Thieren ge-
wöhnlich schlechtweg als Individuen bezeichnet. Da bei den letzteren,
insbesondere bei den Wirbel- und Glieder-Thieren, sowie bei den Echi-
nodermen, das physiologische Individuum stets in der Form des mor-
phologischen Individuums fünfter Ordnung oder der Person erscheint,
46 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete "Wissenschaften.
so würde dieser Zweig der Anatomie hier Alles zu behandeln haben,
was sich auf die Form des Organismus als Person bezieht, also die ge-
sammte äussere Form des Ganzen, seine Zusammensetzung aus den unter-
geordneten Individuen niederer Ordnung, und insbesondere die Gesetze,
nach denen die Metameren und Antimeren zur Bildung des Ganzen
zusammentreten. Da dieser Zweig der Anatomie bei denjenigen Or-
ganismen, bei denen das physiologische Individuum als Person (nicht
als Metamer etc.) auftritt, ganz vorzugsweise die äussere Gestalt, und
die äussere Topographie des Organismus zu berücksichtigen hätte, so
würde hierher namentlich ein grosser Theil sogenannter Sj^stematik zu
ziehen sein.
6. Cormologie oder Stocklehre, die Anatomie der Stöcke
(Cormen) oder Colonieen. Auch dieser ebenso wichtige als inter-
essante Zweig der Anatomie ist gleich der Antimerenlehre und der
Metamerenlehre noch in hohem Grade vernachlässigt, wie sich dies
schon daraus ergiebt, dass nicht einmal irgend eine technische Bezeich-
nung für diese drei wichtigen Disciplinen existirt, und dass wir ge-
zwungen gewesen sind, einen neuen Namen dafür zu bilden. Die
Cormologie ist natürlich nur bei denjenigen Organismen möglich,
welche wirklich morphologische Individuen sechsten Grades oder Stöcke
(Colonieen) bilden, also im Thierreiche nur bei den niederen Thieren,
insbesondere bei den Coelenteraten; im Pflanzenreiche dagegen, wo
die Stockbildung so allgemein herrschend ist, bei der grossen Mehr-
zahl aller Pflanzen. Die Aufgabe der Cormologie würde in der gesamm-
ten Anatomie der Stöcke bestehen, also in der Untersuchung ihrer äusse-
ren Gesammtform, und in der Erforschung der Gesetze, nach denen
die Personen zur Bildung der Stöcke zusammentreten. Aus dem bo-
tanischen Gebiete würde die Lehre von der Sprossfolge hierher gehören.
V. Tectologie und Promorphologie.
Wenn wir so eben als Zweige der Anatomie sechs verschiedene
Disciplinen unterschieden haben, welche die gesammte Anatomie der
Individuen von •sechs verschiedenen Ordnungen behandeln, so legten
wir dabei als Eintheilungsprincip die Unterschiede zu Grunde, welche
sich zwischen diesen sechs Ordnungen von Individuen wirklich vor-
finden. Diese Eintheilungsweise der Anatomie besteht insofern zum
Theil thatsächlich, als zwei der so entstehenden Disciplinen, die Or-
ganologie und die Histologie, wirklich von den meisten Anatomen
als die beiden Hauptzweige der Anatomie angesehen werden. Dage-
gen bestehen die vier anderen, ihnen coordinirten Disciplinen zwar
zum Theil, unter einem selbstständigen Namen aber noch gar nicht; und
der Gegenstand, deu sie behandeln, wird entweder ganz vernachlässigt
V. Tectologie uutl Promorphologie. 47
(wie die Antimerologie) oder er wird unmerklich in die Organologie
verflochten (wie die Prosopologie). Will man jenes Emtheilungsprin-
cip beibehalten und consequent sein, so muss man alle sechs Wissen-
schaften als coordinirte Hauptzweige der Anatomie betrachten.
Will man diese sechs anatomischen Disciplinen dann weiter ein-
theilen, so würde jede derselben in zwei Wissenschaftszweige zerfallen,
einen tectologischen und einen promorphologischen. Ersterer würde
die Zusammensetzungsart, letzterer die äussere Gestalt und die Grund-
form, welche jedem Individuum einer bestimmten Ordnung zum Grunde
liegt, zu behandeln haben. Nehmen wir z. B. die Organologie, so
würde der tectologische Theil derselben die Art und Weise zu be-
schreiben und die Gesetze zu erläutern haben, nach denen das zusam-
mengesetzte Organ aus den einfacheren, und diese aus den Piastiden
zusammengesetzt sind. Der promorphologische Theil der Organologie
würde hieraus die äussere Gestalt des betreffenden Organs erklären
und die geometrische Grundform desselben aufzusuchen haben. Oder
nehmen wir, um ein concretes Beispiel zu wählen, die Prosopologie
eines sogenannten bilateral -symmetrischen Seeigels, z. B. eines Spa-
tangus oder Clypeaster, so würde der tectologische Theil derselben
die Zusammensetzung des gesannnten Körpers aus den fünf verschie-
denen Antimeren und den zahlreichen Metameren zu beschreiben und
zu erklären haben, wogegen der promorphologische Theil die hieraus
resultirende äussere Form zu beschreiben und die stereometrische
Grundform zu erklären hätte, die der letzteren zu Grunde liegt. Oder
um ein concretes Beispiel aus dem Pflanzenreich hinzuzufügen, so
würde die Cormologie eines Baumes in einen tectologischen Theil zer-
fallen, der die Zusammensetzung desselben aus seinen zahlreichen
Sprossen darzulegen und auf Gesetze zurückzuführen hätte; und in
einen promorphologischen Theil, welcher die hieraus hervorgehende
Gesammtform zu untersuchen und auf eine geometrische Grundform zu
reduciren hätte.
Wir selbst haben es oben (p. 30) vorgezogen, den Unterschied
zwischen der Zusamme n setz ungs weise des Organismus aus ver-
schiedenen Theilen (Ordnungen von Individuen) und der daraus re-
sultirenden Form (nebst der ihr zu Grunde liegenden geometrischen
Grundform) als oberstes Eintheilungs-Princip an die Spitze der ge-
sanimten Anatomie zu stellen, und erst in zweiter Linie die Unter-
schiede zwischen den Individuen verschiedener Ordnung selbst näher
in Betracht zu ziehen. Es scheint uns diese Methode desshalb passen-
der, weil dadurch die einheitliche Betrachtung des vorliegenden Ob-
jectes besser gewahrt bleibt, und weil es ausserdem nur mittelst die-
ser Methode möglich ist, die Anatomie aller Organismen gleichmässig
zu behandeln und einzutheilen. Letzteres ist nicht möglich, wenn man
48 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
die Anatomie von vorn herein in die sechs soeben besprochenen coor-
dinirten Zweige spaltet; denn es giebt zahlreiche Organismen, welche
als physiologische Individuen bloss den morphologischen Werth eines
Organs oder eines Metamers erhalten, und welche sich niemals zum
Range einer Person oder eines Stockes erheben.
Aus diesen Gründen und aus anderen, die sich aus den Betrach-
tungen des dritten und vierten Buches von selbst ergeben werden,
benutzen wir also den wichtigen Unterschied zwischen der Zusammen-
setzungsweise oder Tectonik (Structur) und der hieraus resultirenden
(inneren und äusseren) Form des Organismus, welcher sich an eine
geometrische Grundform (Promorphe) anlehnt, als das erste und
oberste Eintheilungsprincip der Anatomie und unterscheiden demnach,
wie bereits oben (p. 29) begründet, bei der Anatomie eines jeden Or-
ganismus als die beiden Hauptzweige die Tectologie oder Structurlehre
und die Promorphologie oder Grundformenlehre. Die Tectologie
untersucht gewissermaassen die innere Form des ganzen Organismus,
d. h. die Gesetze, nach denen der ganze Organismus aus allen Fonu-
bestandtheilen (oder Individuen verschiedener Ordnung) zusammen-
gesetzt ist. Die Promorphologie beschreibt und erklärt die äus-
sere Form des ganzen Organismus und aller seiner einzelnen
Formbestandtheile (oder Individuen verschiedener Ordnung) an sich,
und sucht diese Formen auf geometrische Grundformen zurückzu-
führen. *)
Wollen wir diese beiden Hauptzweige der Anatomie dann noch
weiter in untergeordnete Disciplinen zerlegen, so würde dies auf Grund
der qualitativen Unterschiede der Individuen verschiedener Ordnung
geschehen können, und wir würden demnach sowohl in der Tectologie
als in der Promorphologie sechs untergeordnete Wissenschaften zu
unterscheiden haben, welche den sechs verschiedenen Ordnungen von
Individuen entsprechen. Welche Aufgabe diesen einzelnen Disciplinen
speciell zufällt, wird sich aus dem dritten und vierten Buche des vor-
liegenden Werkes ergeben, welche die Aufgabe und Bedeutung der
Tectologie und der Promorphologie wissenschaftlich zu begründen su-
chen. Eine Uebersicht des gegenseitigen Verhältnisses der so entste-
henden zwölf anatomischen Disciplinen giebt das nachstehende Schema:
') Diese gesonderte Behandlung der Tectologie und Promorphologie wird
sich namentlich für die generelle und synthetische Anatomie der gesammten
Organismen oder einer einzelnen Gruppe empfehlen, wogegen es in der spe-
cialen und analytischen Anatomie einer einzelnen Gruppe oder eines einzel-
nen Organismus oft passender sein wird, Tectologie und Promorphologie ver-
einigt in den p. 45 aufgeführten sechs Disciplinen abzuhandeln.
V. Tectologie und Proruorphologie.
49
Anatomie.
Gesarnmtwissenschaft von der vollendeten Form der Organismen.
I. Tectologie oder Baulehre.
Structur lehre.
II. Promorphologie oder Grund
formenlehr e.
1) Histologie oder Plastidenlehre.
Formenlehre der Piastiden (Cytoden und Zellen) oder
Anatomie der Form-Individuen erster Ordnung.
I. 1) Tectologie der Piastiden.
Lehre von der formellen inneren Zusam-
mensetzung der Piastiden, von denForm-
bestandtheilen, welche im Inneren der Cy-
toden und Zellen vorkommen.
II. 1) Promorphologie der
Pias ti den.
Lehre von der äusseren Form der Pla-
stiden und der ihr zu Grunde liegenden
stereometrischen Grundform.
2) Organologie oder Organ lehre.
Formenlehre der Organe, (Zellenstöcke, einfache Organe, zusammengesetzte Or-
gane, Organ-Systeme, Organ-Apparate) oder
Anatomie der Form-Individuen zweiter Ordnung.
II. 2) Promorphologie der Organe.
Lehre von der äusseren Form der Or-
gane und der ihr zu Grunde liegenden
stereometrischen Grundform.
I. 2) Tectologie der Organe.
Lehre von der formellen inneren Zusam-
der Organe aus Plastideu
mensetzung
(Cytoden und Zellen) oder Form-Indivi-
duen erster
Ordnung.
3) Antimerologie oder Homo typen lehre.
Formenlehre der Antimeren (Gegenstücke oder homotypischen Theile) oder
Anatomie der Form-Individuen dritter Ordnung.
I. 3) Tectologie der Antimeren.
Lehre von der formellen inneren Zusam-
mensetzung der intimeren aus Orgauen
(Organen verschiedener Ordnung) oder
Form-Individuen zweiter Ordnung.
IL 3) Promorphologie der An-
timeren.
Lehre von der äusseren Form der Anti-
meren und der ihr zu Grunde liegenden
stereometrischen Grundform.
4) Metamer ologie oder Ho modynamenlehre.
Formenlehre der Metameren (Folgestücke oder homodynamen Theile) oder
Anatomie der Form-Individuen vierter Ordnung.
I. 4) Tectologie der Metameren.
Lehre von der formellen inneren Zusam-
mensetzung der Metameren aus Antime-
ren (Gegenstücken) oder Form-Individuen
dritter
Ordnung.
II. 4) Promorphologie der Me-
tameren.
Lehre von der äusseren Form der Me-
tameren und der ihr zu Grunde liegen-
den stereometrischen Grundform.
5) Prosopologie oder Personenlehre.
Formenlehre der Personen oderProsopeu (Individuen im gewöhnlichen Sinne) oder
Anatomie der Form-Individuen fünfter Ordnung.
I. 5) Tectologie der Personen.
Lehre von der formellen inneren Zusam-
mensetzung der Personen aus Metameren
(Folgestücken) oder Form -Individuen
vierter Ordnung.
II. 5) P r o m o r p h o 1 o g i e d e r P e r s o n e n.
Lehre von der äusseren Form der Per-
sonen und der ihr zu Grunde liegenden
stereometrischen Grundform.
6) Cormologie oder Stocklehre.
Formenlehre der Stöcke oder Cormen (Colonieen) oder
Anatomie der Form-Individuen sechster Ordnung;.
I. 6) Tectologie der Stöcke.
Lehre von der formellen inneren Zusam-
mensetzung der Stöcke aus Personen
(Prosopen) oder Form-Individuen fünfter
Ordnung.
Haeckel, Generelle Morphologie.
II. 6) Promorphologie der Stöcke.
Lehre von der äusseren Form der Stöcke
und der ihr zu Grunde liegenden stereo-
metrischen Grundform.
50 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
VI. Morphogenie oder Entwicklungsgeschichte.
Unter den vielen Schwierigkeiten, welche die vielfach sehr ver-
wickelten Beziehungen der einzelnen biologischen Disciplinen, ihre
mannichfach gekreuzten und unter einander zusammenhängenden Ver-
kettungen, einer Einreihung in das oben aufgestellte Schema ihrer Spe-
cification entgegensetzen, ist eine für uns von besonderer Bedeutung.
Es ist dies das Verhältniss der Entwickelungsgeschichte der Or-
ganismen oder der Morphogenie einerseits zur statischen, andererseits
zur dynamischen Biologie. Während nämlich auf der einen Seite die
Morphogenesis oder Morphogenie als ein Theil der Morphologie an-
gesehen wird, nehmen sie Andere als eine Disciplin der Physiologie
in Anspruch. Beide entgegengesetzte Auffassungen lassen sich durch
triftige Gründe rechtfertigen.
Vom Standpunkte der oben gegebenen Eintheilung der Biologie
streng theoretisch betrachtet, könnte es keinem Zweifel zu unterliegen
scheinen , dass die wissenschaftliche, cl. h. nicht bloss beschreibende,
sondern auch erklärende Entwickelungsgeschichte eine dynamische
Disciplin, also ein Theil der Biodynamik oder Physiologie sei, indem
sie die continuirliche Kette von Bewegungs-Erscheinungen untersucht
und auf allgemeine Gesetze zurückzuführen strebt, als deren Endresul-
tat die reife Form des Organismus erscheint. Dies gilt sowohl von
der Entwickelungsgeschichte der individuellen Organismen oder der
Embryologie, als von der Entwickelungsgeschichte der Organismen-
Stämme oder Phylen (Typen), der Palaeontologie. Bei Beiden
handelt es sich um die Erkenntniss der Beihe von Veränderungen,
die der Organismus (im ersteren Falle das Individuum, im letzteren der
Stamm oder Typus) während der Entwickelungsbewegungen durch-
macht, und es könnte demnach als bewiesen erscheinen, dass die Bio-
statik, welche sich nur mit dem Organismus im Gleichgewichtszustand
seiner bewegenden Kräfte zu beschäftigen hat, keinen Anspruch auf
die Morphogenie erheben dürfe.
Ganz anders gestaltet sich dagegen die Stellung der Entwickelungs-
Geschichte in der biologischen Praxis. Gewöhnlich wird sowohl in
den Lehrvorträgen als in den Lehrbüchern über Physiologie die Mor-
phogenie entweder gar nicht oder nur ganz beiläufig berücksichtigt;
fast immer wird sie von den Physiologen den Morphologen überwie-
sen, die sich mit ebenso grossem Eifer der Entwickelungsgeschichte
annehmen, als die ersteren sie vernachlässigen. Auch sind fast alle
unsere Kenntnisse auf dem Gebiete der Biogenie ausschliesslich den
Bemühungen der Morphologen zu verdanken, während die Physiologen
fast Nichts dafür gethan haben.
Diese scheinbare Anomalie ist in sehr verschiedenen Umständen
VI. Morphogenie oder Entwickelungsgeschichte. 51
begründet, zunächst darin, dass die Kenntuiss der Formentwickelung
für das Verständniss der entwickelten Form unerlässlich ist, und dass
nur die vollständige Erkenntniss der continuirlichen Bewegungen, als
deren Endproduct die Form erscheint, die Bedeutung der letzteren rich-
tig zu erfassen gestattet. Für die wissenschaftliche Morphologie ist
also die Morphogenesis eine nothwendige Vorbedingung, eine wirkliche
Lebensbedingung. Andererseits hat die Physiologie, wenigstens in dem
heutigen Stadium ihrer Entwickelung , an der Morphogenie ein unter-
geordnetes Interesse. Von allen Bewegungs-Erscheinungen des Orga-
nismus sind ihr diejenigen, welche die Bildung der orgauisirten Form
veranlassen, verhältnissmässig am Gleichgültigsten. Auf keinem Ge-
biete der Biologie ist der Zusammenhang von Stoff, Kraft und Form,
die Abhängigkeit der Form von der Function des Stoffes so wenig
ersichtlich und so ganz unbekannt, als auf dem der Morphogenie. Da-
her sind wir hier weiter als irgendwo von dem Ziele der Erklä-
rung der Form- Veränderungen entfernt, und die gesammte Entwicke-
lungsgeschichte erscheint daher noch heutzutage so weit von einer gesetz-
lichen Begründung entfernt, dass sie weit mehr eine descriptive als
eine erklärende Disciplin ist. Schon aus diesem Grunde haben die
Physiologen das Feld der Entwicklungsgeschichte fast ganz den Mor-
phologen überlassen. Dazu kommt noch, dass die Methoden der Un-
tersuchung auf dem Gebiete der Embryologie und Palaeontologie sehr
verschieden von denjenigen sind, welche auf den übrigen Gebieten
der Physiologie vorzugsweise angewendet werden, während die Mor-
phologen mit diesen Methoden und mit dem ihnen zu unterwerfenden
Materiale weit besser vertraut sind.
Aus diesen, durch die biologische Praxis gerechtfertigten Gründen
wird im gegenwärtigen Stadium unserer wissenschaftlichen Entwicke-
lung die Morphogenie eine viel nähere Beziehung zur Morphologie,
für die sie ein Bedürfniss ist, als zur Physiologie, zu der sie eigentlich
gehört, von der sie aber höchst stiefmütterlich behandelt wird, beibe-
halten. Und selbst wenn es künftighin der Physiologie gelingen sollte,
die allgemeinen Gesetze der organischen Form-Entwickelung physio-
logisch zu erklären, d. h. die Erscheinungsreihen der Morphogenie auf
chemisch-physikalische Gesetze zurückzuführen; so würde durch diesen
grossen biologischen Fortschritt doch das innige Verhältniss der Ent-
wickelungsgeschichte zur Anatomie und ihr Abhängigkeits-Verhältniss
von der ihr übergeordneten Morphologie keineswegs gelockert werden.
Vielmehr würde durch diese innigere Verkettung der Morphogenie und
der Physiologie das jetzt sehr gelockerte Band zwischen der letzteren
und der Anatomie wieder fester geschlungen werden, und eine ein-
heitliche biologische Betrachtungsweise der Organismen wieder mehr
in den Vordergrund treten.
4*
52 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
Wenn die Morphogenie diesen höchsten Grad der Vollkommenheit er-
reicht haben wird (was vorläufig nicht entfernt zu hoffen ist), wenn es ihr
gelungen sein wird, mit Hülfe der Physiologie die Entwickelungs-Vorgänge
der Organismen' — und zwar sowohl diejenigen der Individuen (Ontogenese)
als diejenigen der Stämme (Phylogenese) — als die nothwendigen Folgen
des Zusammenwirkens einer Reihe von physikalischen und chemischen Be-
dingungen nachzuweisen, so wird sich der Streit der Physiologie und der
Morphologie, ob die Entwicklungsgeschichte zur einen oder zur anderen ge-
höre, einfach durch ein Beiden gerechtes Urtheil entscheiden lassen, welches
die Morphogenie in zwei Hälften spaltet. Wir werden dann als zwei coordinirte
Hauptzweige derEntwickelungsgeschichte eine dynamische oderphysiologische
und eine statische oder morphologische Entwicklungsgeschichte zu unterschei-
den haben. Die morphologische oder statische Morphogenie, welche der
Morphologie anheimfällt, wird dann fernerhin, wie bisher die gesammte Morpho-
genie, die Aufgabe verfolgen, die verschiedenen Formen, welche bei der Ent-
wicklung des Organismus — und zwar sowohl des Individuums als des Stam-
mes , — nach einander auftreten , einzeln aufzusuchen und anatomisch zu
erklären, den Zusammenhang der zusammengehörigen Formen nachzuweisen
und daraus die continuirlich-zusammenhängende Formenreihe herzustellen.
Der physiologischen oder dynamischen Morphogenie dagegen, welche
zur Physiologie zu rechnen sein würde, miisste die Aufgabe anheimfallen,
die absolute Notwendigkeit dieser Erscheinungsreihen nachzuweisen, ihre
physikalisch - chemischen Ursachen aufzusuchen, und die Gesetze zu be-
stimmen, nach denen der Organismus — und zwar eben sowohl das In-
dividuum als der Stamm — • eine bestimmte Reihe verschiedener Formen
durchlaufen m u s s.
Nun ist aber eine physiologische Entwickelungsgeschichte der Or-
ganismen in dem so eben geforderten Sinne gegenwärtig noch gänzlich un-
entwickelt. Ihre Aufgabe, wie wir sie hier formulirt haben, ist kaum ge-
nannt, geschweige denn ausgeführt, oder auch nur allgemein begonnen.
Kein Zweig der gesammten Biologie ist in dieser Beziehung noch so weit
von seinem eigentlichen Ziele entfernt. Die gesammte Morphogenie, wie sie
gegenwärtig existirt, uiud zwar sowohl die Entwickelungsgeschichte der In-
dividuen, als der Stämme, denkt noch nicht daran, die physikalischen und
chemischen Bedingungen der Entwickelungs-Vorgänge zu erforschen, und
begnügt sich noch vollständig mit der thatsächlichen Feststellung derselben,
und selbst auf diesem rein morphologischen Gebiete ist sie noch so weit
zurück, dass wir überall mehr von einzelnen zerrissenen und zusammen-
hangslosen Skizzen, als von einer zusammenhängenden Geschichte sprechen
können. Aus diesem Grunde können wir die Entwickelungsgeschichte der
Organismen, wie sie heute ist, und wie sie voraussichtlich noch sehr lange
sein wird, als eine rein morphologische Disciplin für uns in Anspruch
nehmen, und wir sind hierzu um so mehr berechtigt, ja verpflichtet, als die
Kenntnis« des Werdens der organischen Formen uns allein das Verständ-
nis« ihres Seins gewährt, und als die Anatomie der Organismen nur durch
die Wechselwirkung mit der Morphogenie in den Stand gesetzt wird, die
Bildung der organischen Formen gesetzlich zu erklären. Die Wissenschaft-
VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen. 53
liehe Morphologie kann nur durch die innigste gegenseitige Ergänzung und
Wechselwirkung der Anatomie und der Morphogenie ihr eigentliches Ziel
erreichen.
VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen.
Wir haben im Vorhergehenden den Begriff der Morphogenie oder
Entwickelungsgeschichte der Organismen in seinem weitesten Sinne
gefasst, indem wir die Gesammtwissenschaft von den werdenden Or-
ganismen darunter verstanden. In dem gewöhnlichen Sinne des Worts
versteht man aber unter Entwickelungsgeschichte nur diejenige der In-
dividuen oder die sogenannte Embryologie, welche besser als Onto-
genie bezeichnet wird. Nach unserer eigenen Auffassung ist diese
Disciplin jedoch nur ein Theil, ein Zweig der Morphogenie und diesem
steht als anderer coordinirter Hauptzweig der letzteren die Entwicke-
lungsgeschichte der Stämme (Phyla) oder die Phylogenie gegenüber,
eine Wissenschaft, deren wesentlichste Grundlage die Palaeontologie
ist. Entgegen dem gewöhnlichen Sprachgebrauche würden wir also die
Entwickelungsgeschichte in die beiden Zweige der Embryologie und
der Palaeontologie zu spalten haben. Wir halten diese beiden Haupt-
zweige der Morphogenie für nächstverwandte Disciplinen, welche zu
einander die innigsten und nächsten Beziehungen haben, und welche
nur durch gemeinsames Zusammenwirken und gegenseitiges Erläutern
hoffen können, ihr gemeinsames Ziel, eine Erklärung des organischen
Werdens zu erreichen. Nach der gewöhnlichen biologischen Anschauungs-
weise sind nun aber die Embryologie und die Palaeontologie ganz
verschiedenartige und weit von einander entfernte Zweige der Biologie,
die nichts als das Object des Organismus mit einander gemein haben.
Wir werden daher unsere entgegengesetzte Anschauung, welche im
fünften und sechsten Abschnitt ausführlich begründet werden wird, hier
zunächst dadurch zu erläutern haben, dass wir den Begriff der Em-
bryologie (Ontogenie) und der Palaeontologie (Phylogenie) nach Um-
fang und Inhalt scharf bestimmen.
Die Entwickelungsgeschichte der Individuen oder die Onto-
genie ist derjenige Hauptzweig der Morphogenie, welcher von der ge-
wöhnlichen Biologie heutzutage allein als „Entwickelungsgeschichte"
betrachtet und mit dem unpassenden Namen der Embryologie be-
legt wird. Wenn der Ausdruck „Embryo" einen bestimmten Be-
griff bezeichnen soll, so kann darunter, wie unten im sechsten
Buche gezeigt werden wird, nur „der Organismus innerhalb der
Ei hüllen" verstanden werden, und die häufig gebrauchte Bezeichnung
der „freien Embryonen" für gewisse Larvenformen niederer Thiere ist
eine Contradictio in adjeeto. Sobald der Embryo die Eihüllen durch-
brochen und verlassen hat, ist er nicht mehr Embryo, sondern ent-
54 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
weder bereits das Junge oder der jugendliche Organismus selbst
(wenn er durch blosses Wachsthum zum erwachsenen und geschleehts-
reifen Organismus wird), oder eine Larve (wenn noch eine Reihe von
Formveränderungen mit dem Wachsthum verbunden ist), oder eine
Amme (wenn er mittelbar erst, durch Dazwischentreten einer zweiten
oder mehrerer Generationen, in die Form des geschlechtsreifen erwach-
senen Organismus zurückkehrt). Unter Embryologie können wir da-
her, wenn dieser Ausdruck einen bestimmten Sinn haben soll, nur
die Wissenschaft von denjenigen Formveränderungen und Formen-
reihen verstehen, welche der Organismus innerhalb der Eihüllen
durchläuft.
Die Bezeichnung „Embryologie" ist der Entwicklungsgeschichte
der Wirbelthiere entnommen, bei denen fast immer (nur die Amphibien,
Cyclostomen und einige Fische ausgenommen), sämmtliche wesent-
liche Formveränderungen des Körpers innerhalb der Eihüllen durch-
laufen werden. Hier kann daher der Ausdruck Embryologie mit
einigem Rechte zur Bezeichnung der gesammten Entwickelungsge-
schichte des Organismus verwandt werden, zumal die späteren oder
postembryonalen Formveränderungen (z. B. diejenigen, w eiche die
Senilität einleiten und die Decrescenz begleiten) in der Regel nicht von
der Morphologie in Betracht gezogen werden (obschon sie es verdien-
ten). Ganz anders gestaltet sich aber die Bedeutung der Embryologie
bei den wirbellosen Thieren, bei denen, gleichwie bei den Amphibien,
Cyclostomen etc. bedeutende Formveränderungen, und zwar häufig
die grössten und wichtigsten, erst in der Periode des Larvenlebens
eintreten, wenn der Embryo die Eihüllen verlassen und damit seinen
embryonalen Character aufgegeben hat. Wollen wir bei diesen Or-
ganismen, welche also eine „Metamorphose" durchlaufen, für die Er-
kenntniss der embryonalen Formveränderungen die Bezeichnung der
Embryologie beibehalten, so können wir diese nur als einen Zweig
ihrer Entwickelungsgeschichte ansehen, und müssen diesem den anderen
Zweig der Wissenschaft von den postembryonalen Form Veränderungen
(Metamorphosen etc.) entgegen setzen ; dieser liesse sich dann passend
als Metamorphologie (Metamorphosenlehre) oder als Schadonologie ')
(Larvenlehre) bezeichnen.
Die gesammte Entwickelungsgeschichte der Individuen würde dem-
nach in zwei Theile zerfallen, die Embryologie oder Entwickelungs-
geschichte des Organismus innerhalb der Eihüllen, und die Schadono-
logie oder Entwickelungsgeschichte des Organismus ausserhalb der
Eihüllen. Für die gesammte Entwickelungsgeschichte des Individuums,
welche sich aus diesen beiden Disciplinen zusammensetzt, würden wir,
') axaihöt', iy, die Larve, besonders die Insecten-Larve (Aristoteles).
VII. Entwickelungsgeschichte der Individuen. 55
da es an einer technischen Bezeichnung für dieselbe gänzlich fehlt,
den Ausdruck Ontogenesis oder Ontogenie vorschlagen. Onta 1 ) sind
die concreten Individuen (räumlich abgeschlossene Formeinheiten), welche
zu einer gegebenen Zeit concretes Object der Betrachtung und der
Untersuchung sind, und die Onta oder Individuen in diesem Sinne stehen
gegenüber den Phyla oder Individuen-Stämmen, unter welchen wir die
abstracte Summe aller durch Blutsverwandtschaft verbundenen con-
creten Onta verstehen. Hieraus ergiebt sich schon zum Theil, inwie-
fern wir die Ontogenie der Phylogenie entgegen setzen können.
Wenn wir unter Onta demgemäss allgemein die organischen In-
dividuen als selbstständige und räumlich abgeschlossene Formeinheiten
und unter Ontogenie die Entwickelungsgeschichte dieser Individuen
verstehen, so drängt sich nun zunächst die Frage auf, zu welcher von
den oben aufgezählten sechs Ordnungen organischer Individuen diese
Onten gehören. Hierauf ist zu antworten, dass jede dieser sechs ver-
schiedenen Individualitäten ihre eigene Entwickelungsgeschichte hat,
und dass sie demnach alle sechs als Onten betrachtet und so Object
der Entwickelungsgeschichte oder Ontogenie werden können. Diese
Wissenschaft würde demgemäss wiederum in sechs untergeordnete
Disciplinen zerfallen, welche den sechs morphologischen Individuali-
täten verschiedener Ordnung entsprechen, nämlich:
1) Ontogenie der Piastiden oder Individuen erster Ordnung.
Entwickelungsgeschichte der Piastiden (Cytoden und Zellen). Plastido-
genie. Diese Disciplin, welche noch sehr jugendlichen Alters ist, wird
gewöhnlich als Histogenie oder Entwickelungsgeschichte der Gewebe
bezeichnet, und als solche der Histologie (Plastidologie) angefügt.
Diese Bezeichnung ist aber insofern nicht correct, als ein Theil der
„Gewebe' 4 bereits zu den Organen oder Individuen zweiter Ordnung
gehört.
2) Ontogenie der Organe oder Individuen zweiter Ordnung.
Entwickelungsgeschichte der Organe verschiedener Ordnung (Zellen-
stöcke, einfache Organe, zusammengesetzte Organe, Organ -Systeme,
Organ-Apparate). Diese Wissenschaft bildet den grössten Bestandtheil
der gewöhnlich so genannten „Embryologie" und wird bisweilen als
Organogenie den übrigen Theilen derselben und insbesondere der
Histogenie entgegengesetzt.
3) Ontogenie der Antimeren oder Individuen dritter Ordnung.
Entwickelungsgeschichte der Gegenstücke oder homotypischen Theile.
Antimerogenie. Diese wichtige Disciplin, welche für unser Ver-
ständniss der Gesammtform der Organismen von der grössten Wichtig-
') oj't«, t«, die concreten, wirklichen Körper, im Gegensatz zu den abstracten,
gedachten.
56 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
keit ist, ist bisher fast gänzlich unbeachtet geblieben und gehört, wie
die gesammte Antimerologie, der Zukunft an, in der sie sicher eine
bedeutende Entwickelung erreichen wird.
4) Ontogenie der Metameren oder Individuen vierter Ord-
nung. Entwickelungsgeschichte der Folgestücke oder homodynamen
Theile. Metamerogenie. Diese Wissenschaft, welche in der Ent-
wickelungsgeschichte aller aus Metameren zusammengesetzten Organis-
men, der Wirbelthiere, Gliederthiere, Echinodermen, Phanerogamen,
eine bedeutende Rolle spielt, wird ebenfalls erst in der Zukunft ihre
volle Würdigung finden. Es gehört hierher z. B. die Lehre von dem
successiven Auftreten und der Entwickelung der einzelnen Urwirbel
bei den Wirbelthieren, der Zoniten (Segmente) bei den Gliederthieren,
der Stengelglieder bei den Phanerogamen.
5) Ontogenie der Personen oder Individuen fünfter Ordnung.
Entwickelungsgeschichte der „Individuen" im engsten Sinne, der Pro-
sopen oder Personen. Prosopogenie. Dieser Zweig der Entwicke-
kiDgsgeschichte begreift in der Embryologie der Wirbelthiere (welche
bisher vor allen anderen thierischen Entwicklungsgeschichten sich
durch planvolle und denkende Behandlung ausgezeichnet hat) den-
jenigen Theil, welcher gewöhnlich als „Entwickelung der äusseren
Körperform" bezeichnet wird. Seine Hauptaufgabe ist die Darstellung
der Entwickelung der Person aus den differenzirten Metameren.
6) Ontogenie der Stöcke oder Individuen sechster Ordnung.
Entwickelungsgeschichte der Stöcke (Cormi) oder Colonieen. Cormo-
genie. Diese Wissenschaft, welche natürlich nur bei denjenigen Or-
ganismen existirt, bei denen Personen zur Bildung von Stöcken zu-
sammentreten, würde die Gesetze zu bestimmen haben, nach denen
dieser Zusammentritt stattfindet. In der Botanik ist diese Disciplin als
die „Lehre von der Sprossfolge" in hohem Grade entwickelt, auf den
entsprechenden Gebieten der Zoologie dagegen (z. B. bei den Coelen-
teraten, deren Stockbildung auf ganz ähnlichen Gesetzen, wie die der
Phanerogamen beruht) kaum begonnen.
Die Gesammtsumme der Formen, welche jeder individuelle Organis-
mus von seiner ersten Entstehung im Ei an bis wieder zur Production
von Eiern durchläuft, ist von verschiedenen Morphologen (insbesondere
vonHuxley) als das organische „Individuum" xcct* «^^hingestellt
worden; eine Auffassung, welche besonders in England vielen Beifall
gefunden hat. Diese Formenreihe wird bald nur durch ein einziges
physiologisches Individuum, bald aber (beim Generationswechsel) durch
eine Mehrzahl von physiologischen Individuen, welche alle einem und
demselben Ei ihre Entstehung verdanken, rcpräsentirt, Von einem ge-
wissen Gesichtspunkt aus lässt sich die Auffassung dieser continuirlich
zusammenhängenden Forruenkette (als eines zeitlichen Individuums) aller-
VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme. 57
dings rechtfertigen. Im dritten Buche, wo wir dies näher ausführen
werden, haben wir diese Individualität als ein „genealogisches Indivi-
duum erster Ordnung" oder als „Eiproduct" bezeichnet. Die Onto-
genie könnte daher genauer auch als Entwickelungsgeschichte der
genealogischen Individuen erster Ordnung oder als Entwickelungs-
geschichte der Eiproducte bezeichnet werden.
VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme.
Der Ontogenie oder der Entwickelungsgeschichte der Individuen
steht als zweiter coordinirter Hauptzweig der Morphogenese die Phylo-
genie oder die Entwickelungsgeschichte der Stämme (Phyla) gegen-
über. Unter einem Stamm oder Phylon verstehen wir, wie schon
bemerkt, die Summe aller derjenigen Organismen -Formen,
welche, wie z. B. alle Wirbelthiere oder alle Coelenteraten, von
einer und derselben Stammform ihren gemeinsamen Ursprung
ableiten. Diese Stämme lassen sich, wie wir unten im dritten
Buche zeigen werden, als „genealogische Individuen dritter Ordnung"
den „Eiproducten" oder genealogischen Individuen erster Ordnung,
welche Object der Ontogenie sind, entgegenstellen. Die wesentlichste
Grundlage der Phylogenie, welche demgemäss der Ontogenie nächst
verwandt ist, bildet die wissenschaftliche Palaeontologie.
Unter Palaeontologie versteht man gewöhnlich die Wissenschaft
von den Versteinerungen, welche auch oft mit dem barbarischen Namen
der „Petrefactologie" belegt wird. Es hat sich diese Disciplin bisher
in der grössten Abhängigkeit von der Geologie befunden, in deren
Dienste sie sich überhaupt erst entwickelt hat. Für die Geologie ist
die Petrefactenkenntniss die notwendigste Grundlage. Denn nur
mittelst der versteinerten Reste und der in den Erdschichten zurück-
gelassenen Abdrücke der Organismen, welche unsere Erde in den ver-
schiedenen Perioden ihrer historischen Entwickelung bevölkerten, ist
die Geologie im Stande, das relative Alter der verschiedenen Schich-
tengruppeu und Formationen, welche die Erdrinde bilden, zu erkennen
und daraus die Geschichte unseres Planeten selbst zu construiren. Wäh-
rend aber so die Petrefacten als „Leitmuscheln,'' als Denkmünzen,
welche in den verschiedenen Perioden geprägt sind, für die Geologie
vom höchsten Werthe sind, ist die historische Entwickelungsgeschichte
der Organismen, welche sich aus denselben erkennen lässt, für sie nur
von untergeordnetem Werthe. Es ist dem Geologen und Geognosten
an sich gleichgültig, welchen verwandtschaftlichen Zusammenhang die
Organismen-Arten der verschiedenen Erdperioden unter einander be-
sitzen, und welche Formenreihen auf einander gefolgt sind. Wenn
die Petrefacten das relative Alter der Schichten, in denen sie sich fin-
58 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
den, sicher bestimmen, erfüllen sie ihren Zweck für die Geognosie
und Geologie vollkommen.
Ganz anders und ungleich bedeutender ist das Interesse, welches
die Biologie und ganz besonders die Morphologie an den Petrefacten
haben muss. Sie vergleicht die Formenreihen der ausgestorbenen Or-
ganismen unter einander und mit den jetzt lebenden, uud entwirft sich
daraus ein ßild von den ganz verschiedenen Floren und Faunen,
welche im Verlaufe der Erdgeschichte auf der Oberfläche unseres
Planeten nach einander erschienen sind. Freilich hatte diese Erkennt-
niss der ausgestorbenen Organismen für die meisten Palaeontologen
bisher nur ein ähnliches Interesse, wie die geographische Verbreitung
der Thiere und Pflanzen in der Jetztzeit noch für die meisten Biologen
besitzt. Man bewunderte die Mannichfaltigkeit und Seltsamkeit der
zahlreichen Organismen-Formen, welche in der „Vorzeit" die Erdober-
fläche belebt haben, man ergötzte sich an der abnormen Entwicklung
einzelner Theile, an der riesenmässigen Grösse, welche Viele derselben
zeigten, man beschäftigte seine Phantasie mit der Reconstruction der
abenteuerlichen und fremdartigen Gestalten, deren Skelete uns allein
erhalten sind. Aber nur den wenigsten Palaeontologen fiel es ein,
den Grund und den gesetzlichen Zusammenhang dieser seltsamen Er-
scheinungsreihen aufzusuchen, die Erkenntniss der Verwandtschaft
der auf einander folgenden Gestaltenketten anzustreben, und eine zu-
sammenhängende Entwicklungsgeschichte des Thier- und Pflanzen-
lebens auf der Erde zu entwerfen.
Ihre eigentliche Bedeutung konnte freilich die Palaeontologie erst
gewinnen, seitdem 1859 durch Darwin das Signal zu einer denken-
den Erforschung und vergleichenden Betrachtung der organischen Ver-
wandtschaften gegeben war, und seitdem von ihm in der Blutsver-
wandtschaft zwischen den Thieren und Pflanzen aller Zeiten die
entscheidende Lösung des „heiligen Ptäthsels" von der Aehnlichkeit
der verschiedenen Gestalten gefunden war. Die von Darwin neu be-
gründete Descendenztheorie verknüpft die unendliche Menge der ein-
zelnen palaeontologischen Thatsachen durch den erleuchtenden Ge-
danken ihres causalen genealogischen Zusammenhangs und findet dem-
gemäss in der Palaeontologie die zeitliche Entwicklungsge-
schichte der Organismen-Reihen. Wie wir im sechsten Buche
zeigen werden, erlaubt uns die Summe der gesammten jetzt bekannten
biologischen Thatsachen, und vor Allem die unschätzbare dreifache
Parallele zwischen der palaeontologischen, embryologischen und syste-
matischen Entwickelung den sicheren Schluss, dass alle jetzt lebenden
Organismen und alle diejenigen, die zu irgend einer Zeit auf der Erde
gelebt haben, die blutsverwandten Nachkommen von einer verhältniss-
mässig geringen Anzahl spontan entstandener Stammformen sind. Wenn
VIII. Entwickelungsgeschichte der Stämme. 59
wir die Summe aller Organismen, welche von einer und derselben
einfachsten, spontan entstandenen Stammform ihren gemeinschaftlichen
Ursprung ableiten, als einen organischen Stamm oder Phylon be-
zeichnen, so können wir demnach die Palaeontologie die Ent-
wickelungsgeschichte der Stämme oder Phylogenie nennen.
Allerdings existirt die Palaeontologie in diesem Sinne noch kaum
als Wissenschaft; und erst nachdem durch Darwin die Abstammungs-
lehre neu begründet war, haben in den letzten Jahren einige Palaeonto-
logen angefangen, hier und da den genealogischen Massstab an die
palaeontologi sehen Entwickelungsreihen anzulegen, und in der Formen-
Aehnlichkeit der nach einander auftretenden Arten ihre wirkliche Bluts-
verwandtschaft zu erkennen. Wir können aber nicht daran zweifeln,
dass dieser kaum erst emporgekeimte Samen sich rasch zu einem ge-
waltigen Baume entwickeln wird, dessen Krone bald eine ganze Reihe
von anderen wissenschaftlichen Disciplinen in ihren Schatten aufnehmen
und überdecken wird. So wird es hoffentlich, um nur eine hieraus
sich ergebende Perspective zu eröffnen, nicht mehr lange dauern, bis
der thatsächlich schon theilweis bekannte Stammbaum unseres eigenen
Geschlechts sich auf dieser Basis neu wird aufrichten lassen. Von
keinem Stamme der Organismen ist bis jetzt die palaeontologische
Entwickelungsgeschichte so genau gekannt, als von demjenigen, zu dem
wir selbst gehören, vom Stamme der Wirbelthiere. Wir wissen, dass
auf die ältesten, tiefstehenden silurischen Fische vollkommenere folgten,
aus denen sich die Amphibien hervorbildeten, dass erst weit später die
höheren Wirbelthiere, die Säugethiere erschienen, und zwar zunächst
nur didelphe, niedere Beutelthiere, und erst später die monodelphen,
aus deren affenartigen Formen das Menschengeschlecht selbst sich erst
sehr spät und allmählig entwickelt hat. Wie anders wird das Studium
der historischen menschlichen Entwickelung, welche wir mit echt
menschlichem verblendetem Hochmuthe die „Weltgeschichte" zu
nennen pflegen, sich gestalten, wenn diese Thatsache erst allgemein
anerkannt sein wird, und wenn diese Weltgeschichte mit ihren wenigen
tausend Jahren nur als ein ganz kleiner, winziger Ausläufer von der
Millionen-Reihe von Jahrtausenden erscheinen wird, innerhalb deren
unsere Verwandten und unsere Vorfahren, die Wirbelthiere, sich lang-
sam und allmählig aus niederen Amphioxus ähnlichen Fischen ent-
wickelt haben, deren gemeinsame Stammwurzel auf eine einfache, spon-
tan entstandene Plastide zurückzuführen ist,
Die wissenschaftliche Palaeontologie ist für uns also
ebenso die Entwickelungsgeschichte der organischen Stämme,
wie die Embryologie die Entwickelungsgeschichte der Indi-
viduen oder Personen. Die überraschende parallele Stufenleiter,
welche zwischen diesen beiden aufsteigenden Entwickelungsreihen statt-
GO Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
findet, bestätigt diese Auffassung vollständig. Da der Name der
palaeontologischen Entwickelungsgeschichte aber schleppend ist, so
wäre für denselben vielleicht besser der Ausdruck Phylogenie, oder
Phylogenesis, Entwickelungsgeschichte der Stämme einzu-
führen. Phylogenie und Ontogenie wären demnach die beiden coordi-
nirten Zweige der Morphogenie. Die Phylogenie ist die Entwickelungs-
geschichte der abstracten genealogischen Individuen, die Ontogenie
dagegen die Entwickelungsgeschichte der concreten morphologischen
Individuen.
IX. Generelle und specielle Morphologie.
Die Morphologie der Organismen kann in eine allgemeine
(generelle) und eine besondere (specielle) Morphologie gespalten
werden, von denen jede wiederum in alle die einzelnen Disciplinen
zerfällt, die wir im Vorhergehenden als Hauptzweige und Zweige der
gesammten Morphologie überhaupt unterschieden haben.
Die generelle Morphologie der Organismen, deren Grund-
züge allein wir in dem vorliegenden Werke festzustellen versuchen,
hat die Aufgabe, in vergleichender Uebersicht die allgemeinsten Formen
Verhältnisse (Anatomie und Morphogenie) sämmtlicher Organismen zu
erklären, ohne auf die einzelnen Gruppen und Untergruppen derselben
einzugehen, und ohne die einzelnen inneren und äusseren Formen-
Verhältnisse anatomisch und genetisch zu beschreiben und zu erklären.
Die generelle Morphologie hat mithin nur die obersten und allgemein-
sten, für die gesammte organische Natur gültigen Gesetze der organi-
schen Formbildimg überhaupt zu ermitteln, und zwar sowohl die
anatomischen als die genetischen Gesetze.
Sie hat also zunächst als generelle Anatomie (im weitesten
Sinne) die Art und Weise zu untersuchen und zu erklären, nach
welcher die vollendeten Organismen überhaupt aus gleichartigen und
ungleichartigen Theilen (Individuen verschiedener Ordnung) zusammen-
gesetzt sind, und hat die allgemein gültigen Gesetze zu bestimmen,
nach denen der Zusammentritt dieser Theile zu einem Ganzen, die Zu-
sammenfügung der Individuen verschiedener Ordnung zu einer höheren
Einheit erfolgt: Allgemeine Baulehre oder generelle Tectologie
(Drittes Buch). Weiterhin fällt dann zweitens der allgemeinen Formen-
lehre des vollendeten Organismus oder der generellen Anatomie die
Aufgabe zu, die verschiedenen stereometrischen Grundformen aufzu-
suchen, welche den realen Formen jener Individuen verschiedener Ord-
nung zu Grunde liegen, und nachzuweisen, dass die unendliche Mannich-
faltigkeit der existirenden Formen auf jene einfachen mathematisch
bestimmbaren Fundamental -Gestalten zurückzuführen, und dass auch
IX. Generelle und specielle Morphologie. gl
gleicherweise eine allgemeine Gesetzmässigkeit in den äusseren Formen
der Organismen überhaupt nachzuweisen ist: Allgemeine Grund-
formenlehre oder generelle Promorphologie der Organismen
(Viertes Buch).
Diesen beiden Hauptzweigen der generellen Anatomie würden sich
als coordinirte Disciplinen die beiden Hauptzweige der generellen
Morphogenie gegenüberstellen: die allgemeine Ontogenie und die
allgemeine Phylogenie. Die Bestimmung der grossen allgemeinen
Gesetze, nach denen sieh die einzelnen organischen Individuen über-
haupt entwickeln, und meistens innerhalb der genealogischen Einheit
des Eiproducts eine bestimmte Reihe von Formen durchlaufen, die all-
gemeine Betrachtung der wichtigsten und höchsten Modifikationen,
welche hier möglich sind, die Untersuchung der hauptsächlichsten Ver-
schiedenheiten in den Entwickelungs- Vorgängen, welche man als
Epigenese, Metamorphose, Metagenese etc. bezeichnet, und endlich
die Feststellung allgemeiner Bildungsgesetze der genealogischen In-
dividuen erster Ordnung oder der Eiproducte, diese Aufgaben würden
zu lösen sein von der allgemeinen Entwicklungsgeschichte der
Individuen (Eiproducte) oder der generellen Ontogenie (Fünftes
Buch.) An diese würde dann endlich als letzte und höchste, bisher fast
ganz vernachlässigte Aufgabe, sich unmittelbar anschliessen die Fest-
stellung der allgemeinen grossen Gesetze, nach denen sich alle vei>
schiedenen Organismen- Formen unserer Erde durch allmählige Um-
änderung im Laufe unendlicher Zeiträume aus einigen wenigen einfa-
chen, spontan entstandenen Grundformen entwickelt haben. Die Summe
aller verschiedenen Organismen, welche von einer und derselben
Stammform abstammen, betrachten wir selbst wieder als eine zusam-
menhängende Formeinheit höheren Ranges und werden dieselbe unten
als genealogisches Individuum dritter Ordnung oder Stamm (Phylon)
näher ins Auge fassen. Die Begründung der allgemeinen Gesetze,
nach denen jene allmählige Entwickelung zahlreicher und mannich-
faltiger Organismen -Formen aus diesen wenigen, höchst einfachen,
spontan entstandenen Stammformen erfolgt ist und immer noch weiter er-
folgt, würde sich daher auch bezeichnen lassen als allgemeine Ent-
wickelungsgeschichte der Stämme oder generelle Phylogenie
(Sechstes Buch).
Die specielle Morphologie der Organismen, deren Behandlung
ausserhalb des Plans dieses Werkes liegt, hat alle die verschiedenen Seiten
der Formeuerkenntniss, die wir in der generellen Morphologie nur ganz im
Allgemeinen erörtern, auf einen einzelnen Organismus oder auf eine be-
stimmte Gruppe von Organismen (eine Klasse, Familie etc.) im Einzelnen
anzuwenden und vollständig auszuführen und im weitesten Sinne alle Or-
ganismen in dieser Weise vergleichend zu untersuchen. Es wird also die
62 Eintheilung der Morphologie in untergeordnete Wissenschaften.
specielle Morphologie jedes einzelnen Organismus oder jeder einzelnen Or-
ganismen-Gruppe zunächst in die beiden Hauptzweige ihrer specielleu Ana-
tomie und speciellen Morphogenie zerfallen, von denen die erstere dann
wieder in Tectologie und Promorphologie, die letztere in Morphogenie und
Phylogenie zu spalten wäre.
Während eine generelle Morphologie der Organismen bisher von den
meisten Morphologen gar nicht in Erwägung gezogen und von keinem ernst-
lich in Angriff genommen war, so dass wir mit diesem ersten gewagten
Versuche überall Gefahr laufen, in dem unabsehbar weiten Gebiete unser
eben so hohes als entferntes Ziel aus den Augen zu verlieren und uns auf
trügerischen Seitenpfaden zu verirren, so liegt dagegen für die specielle
Morphologie vieler einzelner grösserer und kleinerer Organismen -Gruppen
schon sehr viel werthvolles, durch den Fleiss zahlreicher emsiger Arbeiter
gehäuftes Material vor, welches oft nur des verbindenden Gedankens be-
darf, um als ein leidlich vollkommenes und relativ fertiges Ganzes zu er-
scheinen.
Eine ganz vollkommene und allen Anforderungen menschlicher Erkennt-
niss entsprechende specielle Morphologie giebt es freilich trotz der zahllosen
einzelnen morphologischen Arbeiten noch von keinem einzigen Organismus,
geschweige von einer ganzen Organismen-Gruppe. Selbst die Form-Erkennt-
niss desjenigen Organismus, der bei weitem am genauesten von den zahl-
reichsten Arbeitern untersucht ist, und den wir daher im Ganzen genommen
am besten kennen, die Morphologie des Menschen, zeigt dennoch so zahl-
reiche und grosse Lücken, dass wir von einem vollständigen Yerständniss
noch weit entfernt sind. Dies gilt sowohl von der Anatomie (Tectologie
und Promorphologie) des Menschen, als von der Ontogenie, und ganz be-
sonders von der Phylogenie desselben, die überhaupt von allen Zweigen der
Morphologie nicht allein der wichtigste, sondern auch der am meisten ver-
nachlässigte ist. Die zukünftige Phylogenie des Menschen hat die hohe
Aufgabe, seine allmählige Entwicklung aus dem Wirbelthier- Stamme und
die stufenweise historische Differenzirung desselben bis zum Anfange der
sogenannten „ Weltgeschichte " hinauf zu verfolgen. Die vergleichende
Ethnographie (oder die comparative Anthropologie im engeren Sinne), ein
höchst wichtiger Zweig der menschlichen Biologie, der aber noch ganz in
der Wiege liegt, wird hier das unlösbare Band zu knüpfen haben, welches
die vergleichende Anatomie nnd Physiologie der Wirbelthiere mit der Völ-
kergeschichte (oder der sogenannten „Weltgeschichte") unmittelbar zu
einem grossen, harmonischen Ganzen verbindet. Hier, wie überall in un-
serer Wissenschaft, liegen aber noch die einzelnen Haufen des rohen Bau-
materials unverbunden neben einander, und es wird wohl noch lauge dauern,
ehe auch nur das Bewusstsein von der Notwendigkeit ihrer Verbindung in
der Wissenschaft wird allgemein geworden sein.
I. Empirie und Philosophie.
Viertes Capitel.
Methodik der Morphologie der Organismen.
„Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss
nothwendig eine Krise entstehen : denn es wird die Differenz
offenbar zwischen denen , die das Einzelne trennen und getrennt
darstellen, und solchen, die das Allgemeine im Auge haben und
gern das Besondere an- und einfügen möchten. Wie nun aber
die wissenschaftliche, ideelle, umgreifendere Behandlung sich mehr
und mehr Freunde, Gönner und Mitarbeiter wirbt, so bleibt anf
der höheren Stufe jene Trennung zwar nicht so entschieden, aber
doch genugsam merklich." Goethe.
Viertes Capitel: Erste Hälfte.
Kritik der naturwissenschaftlichen Methoden, welche sich gegen-
seitig NOTHWENDIG ERGÄNZEN MÜSSEN.
I. Empirie und Philosophie.
(Erfahrung und Erkenntniss.)
„Die wichtigsten Wahrheiten in den Naturwissenschaften sind we-
der allein durch Zergliederung der Begriffe der Philosophie, noch allein
durch blosses Erfahren gefunden worden, sondern durch eine den-
kende Erfahrung, welche das Wesentliche von dem Zufälligen in
der Erfahrung unterscheidet, und dadurch Grundsätze findet, aus
welchen viele Erfahrungen abgeleitet werden. Dies ist mehr als blosses
Erfahren, und wenn man will, eine philosophische Erfahrung." Jo-
hannes Müller (Handbuch der Physiologie des Menschen. II. p. 522;)
„Vergleichen wir die morphologischen Wissenschaften mit den
physikalischen Theorieen, so müssen wir uns gestehen, dass erstere in
jeder Hinsicht unendlich weit zurück sind. Die Ursache dieser Er-
scheinung liegt nun allerdings zum Tb. eil in dem Gegenstande, dessen
verwickeitere Verhältnisse sich noch am meisten der mathematischen
Behandlung entziehen; aber grossentheils ist auch die grosse Nichtach-
tung methodologischer Verständigung daran schuld, indem man sich
(j^ Methodik der Morphologie der Organismen.
einerseits durchaus nicht um scharfe Fassung- der leitenden Principien
bekümmert, andererseits selbst die allgemeinsten und bekanntesten
Anforderungen der Philosophie hintangesetzt hat, weil bei dem wei-
ten Abstände ihrer allgemeinen Aussprüche von den Einzelheiten, mit
denen sich die empirischen Naturwissenschaften beschäftigen, die Not-
wendigkeit ihrer Anwendung sich der unmittelbaren Auffassung entzog.
So sind gar viele Arbeiter in dieser Beziehung durchaus nicht mit ihrer
Aufgabe verständigt, und die Fortschritte in der Wissenschaft hängen
oft rein vom Zufall ab." Schieiden (Grundzüge der wissenschaftlichen
Botanik. ..§. 3. Methodik oder über die Mittel zur Lösung der Aufgaben
in der Botanik.")
Wir erlauben uns, dieses methodologische Capitel, welches die
Mittel und Wege zur Lösung unserer morphologischen Aufgaben zeigen
soll, mit zwei vortrefflichen Aussprüchen von den beiden grössten Mor-
phologen einzuleiten, welche im fünften Decennium unseres Jahrhun-
derts die organische Naturwissenschaft in Deutschland beherrschten.
Wie Johannes Müller für die Zoologie, so hat Schieiden damals
für die Botanik mit der klarsten Bestimmtheit den Weg gewiesen, wel-
cher uns allein auf dem Gebiete der Biologie, und insbesondere auf
dem der Morphologie, zu dem Ziele unserer Wissenschaft hinzuführen
vermag. Dieser einzig mögliche Weg kann natürlich kein anderer
sein, als derjenige, weleher für alle Naturwissenschaften — oder, was
dasselbe ist, für alle wahren Wissenschaften — ausschliessliche
Gültigkeit hat. Es ist dies der Weg der denkenden Erfahrung,
der Weg der philosophischen Empirie. Wir könnten ihn ebenso
gut als den Weg des erfahrungsmässigen Denkens, den Weg der
empirischen Philosophie bezeichnen.
Absichtlich stellen wir die bedeutenden Aussprüche dieser beiden
grossen „empirischen und exaeten" Naturforscher an die Spitze dieses
methodologischen Capitels, weil wir dadurch hoffen, die Aufmerksam-
keit der heutigen Morphologen und der Biologen überhaupt intensiver
auf einen Punkt zu lenken, der nach unserer innigsten Ueberzeugung
für den Fortschritt der gesammten Biologie, und der Morphologie ins-
besondere, von der allergrössten Bedeutung ist, der aber gerade im
gegenwärtigen Zeitpunkte in demselben Maasse von den allermeisten
Naturforschern völlig vernachlässigt wird, als er vor allen anderen hervor-
gehoben zu werden verdiente. Es ist dies die gegenseitige Ergänzung
von Beobachtung und Gedanken, der innige Zusammenhang
von Naturbeschreibung und Naturphilosophie, die notwen-
dige Wechselwirkung zwischen Empirie und Theorie.
Einer der grössten Morphologen, den unser deutsches Vaterland
erzeugt hat, der jetzt noch lebende Nestor der deutschen Naturforscher,
Carl Ernst v. Bär, hat dem classischen Werke, durch welches er
I. Empirie und Philosophie. 65
die thierische Ontogenie, eine sogenannte „rein empirische und de-
scriptive Wissenschaft," neu begründete, den Titel vorangesetzt: ,,Ueber
Entwicklungsgeschichte der Thiere. Beobachtung und Reflexion."
Wenn seine Nachfolger diese drei Worte stets bei ihren Arbeiten im
Auge behalten hätten, würde es besser um unsere Wissenschaft aus-
sehen, als es jetzt leider aussieht. „Beobachtung und Reflexion'* sollte
die Ueberschrift jeder wahrhaft naturwissenschaftlichen Arbeit lau-
ten können. Bei wie vielen aber ist dies möglich? Wenn wir ehrlich
sein wollen, können wir ihre Zahl kaum gering genug anschlagen,
und finden unter hunderten kaum eine. Und dennoch können nur durch
die innigste Wechselwirkung von Beobachtung und Reflexion wirkliche
Fortschritte in jeder Naturwissenschaft, und also auch in der Morpho-
logie, gemacht werden. Hören wir weiter, was C. E. v. Bär, der
..empirische und exacte" Naturforscher, in dieser Beziehung sagt:
„Zwei Wege sind es, auf denen die Naturwissenschaft gefördert
werden kann, Beobachtung und Reflexion. Die Forscher ergrei-
fen meistens für den einen von beiden Partei. Einige verlangen nach
Thatsachen, andere nach 'Resultaten und allgemeinen Gesetzen,
jene nach Kenntniss, diese nach Erkenntniss, jene möchten für
besonnen, diese für tiefblickend gelten. Glücklicherweise ist der Geist
des Menschen selten so einseitig ausgebildet, dass es ihm möglich
wird, nur den einen Weg der Forschung zu gehen, ohne auf den an-
deren Rücksicht zu nehmen. Unwillkührlich wird der Verächter der
Abstraction sich von Gedanken bei seiner Beobachtung -beschleichen
lassen; und nur in kurzen Perioden der Fieberhitze ist sein Gegner ver-
mögend, sich der Speculation im Felde der Naturwissenschaft mit völ-
liger Hintauset/Aing der Erfahrung hinzugeben. Indessen bleibt immer,
für die Individuen sowohl als für ganze Perioden der Wissenschaft,
die eine Tendenz die vorherrschende, der man mit Bewusstsein des
Zwecks sich hingiebt, wenn auch die andere nicht ganz fehlt. ')"
Mit diesen wenigen Worten ist das gegenseitige Wechselverhält-
niss von Beobachtung und Reflexion, die nothwendige Verbindung von
empirischer Thatsachen -Kenntniss und von philosophischer Gesetzes-
Erkenntniss treffend bezeichnet. Aber auch die Thatsache, dass in
den einzelnen Naturforschern . sowohl als in den einzelnen Perioden
der Naturwissenschaft selten beide Richtungen in harmonischer Ein-
tracht und gegenseitiger Durchdringung zusammenwirken, vielmehr eine
von Beiden fast immer bedeutend über die andere überwiegt, ist von
Bär sehr richtig hervorgehoben worden, und gerade dieser Punkt ist
l ) C. E. v.Bär. Zwei Worte über den jetzigen Zustand der Naturgeschichte.
Königsberg 1821. — Treffliche Worte, welche auch heute noch in den weitesten
Kreisen Beherzigung verdienen!
Haeckel, Generelle Morphologie. 5
(3(3 Methodik der Morphologie der Organismen.
es, auf den wir hier zunächst die besondere Aufmerksamkeit lenken
möchten. Denn wenn wir einerseits überzeugt sind, dass wir nur durch
die gemeinsame Thätigkeit beider Richtungen dem Ziele unserer Wissen-
schaft uns nähern können, und wenn wir andererseits zu der Einsicht
gelangen, welche von beiden Richtungen im gegenwärtigen Stadium
unserer wissenschaftlichen Entwicklung die einseitig überwiegende ist,
so werden wir auch die Mittel zur Hebung dieser Einseitigkeit angeben
und die Methode bestimmen können, welche die Morphologie gegen-
wärtig zunächst und vorzugsweise einzuschlagen hat.
Es bedarf nun keines allzutiefen Scharfblicks und keines allzuweiten
Ueberblicks, um alsbald zu der Ueberzengung zu gelangen, dass in
dem ganzen zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, und dar-
über hinaus bis jetzt, und zwar vorzüglich vom Jahre 1840—1860, die
rein empirische und ..exacte" Richtung ganz überwiegend in der Bio-
logie, und vor Allem in der Morphologie geherrscht, und dass sie diese
Alleinherrschaft in fortschreitendem Maasse dergestalt ausgedehnt hat,
dass die speculative oder philosophische Richtung im fünften Decen-
nium unseres Jahrhunderts fast vollständig von ihr verdrängt war.
Auf allen Gebieten der Biologie, sowohl in der Zoologie, als in der
Botanik, galt während dieses Zeitraums allgemein die Naturbeobach-
tung und die Naturbeschreibung als „die eigentliche Naturwissenschaft,"
und die „Naturphilosophie" w T urde als eine Verirrung betrachtet, als
ein Phantasiespiel, welches nicht nur nichts mit der Beobachtung und
Beschreibung zu thun habe, sondern auch gänzlich aus dem Gebiete
der „eigentlichen Naturwissenschaft" zu verbannen sei. Freilich war
diese einseitige Verkennung der Philosophie nur zu sehr gefördert und
gerechtfertigt durch das verkehrte und willkührliche Verfahren der so-
genannten „Naturphilosophie," welche im ersten Drittel unseres Jahr-
hunderts die Naturwissenschaft zu unterwerfen suchte, und w r elche,
statt von empirischer Basis auszugehen, in der ungemessensten Weise
ihrer wilden und erfahrungslosen Phantasie die Zügel schiessen Hess.
Diese namentlich von Oken, Sehe Hing u. s. w. ausgehende Natur-
phantasterei musste ganz natürlich als anderes Extrem den crassesten
Empirismus hervorrufen. Der natürliche Rückschlag gegen diese letz-
tere in demselben Grade einseitige Richtung trat erst im Jahre 1859
ein, als Charles Darwin seine grossartige Entdeckung der „natür-
lichen Züchtung" veröffentlichte und damit den Anstoss zu einem all-
gemeinen Umschwung der gesammten Biologie, und namentlich der
Morphologie gab. Die gedankenvolle Naturbetrachtung, der im besten
Sinne philosophische, d. h. naturgemäss denkende Geist, welcher sein
epochemachendes Werk durchzieht, wird der vergessenen und ver-
lassenen Naturphilosophie wieder zu dem ihr gebührenden Platze
verhelfen und den Beginn einer neuen Periode der Wissenschaft be-
I. Empirie und Philosophie. 67
zeichnen. Freilich ist dieser gewaltige Umschwung bei weitem noch
nicht zu allgemeinem Durchbrach gelangt; die Mehrzahl der Biologen
ist noch zu sehr und zu allgemein in den Folgen der vorher überall
herrschenden einseitig empirischen Richtung befangen, als dass wir
die Rückkehr zur denkenden Naturbetrachtimg als eine bewusste und
allgemeine bezeichnen könnten. Indess hat dieselbe doch bereits in
einigen Kreisen begonnen, an vielen Stellen feste Wurzel geschlagen,
und wird voraussichtlich nicht allein in den nächsten Jahren schon das
verlorene Terrain wieder erobern, sondern in wenigen Decennien sich
so allgemeine Geltung verschafft haben, dass man (wohl noch vor Ab-
lauf unseres Jahrhunderts) verwundert auf die Beschränktheit und Ver-
blendung zahlreicher Naturforscher zurückblicken wird, die heute noch die
Philosophie von dem Gebiete der Biologie ausschliessen wollen. Wir un-
sererseits sind unerschütterlich davon überzeugt, dass man in der wahrhaft
„erkennenden'- Wissenschaft die Empirie und die Philosophie gar nicht
von einander trennen kann. Jene ist nur die erste und niederste,
diese die letzte und höchste Stufe der Erkenntniss. Alle wahre Na-
turwissenschaft ist Philosophie und alle wahre Philosophie
ist Naturwissenschaft. Alle wahre Wissenschaft aber ist
in diesem Sinne Naturphilosophie. 1 )
In der That könnte heute schon die allgemein übliche einseitige Aus-
schliessung der Philosophie aus der Naturwissenschaft jedem objectiv dies
Verhältuiss betrachtenden Gebildeten als ein befremdendes Räthsel erschei-
nen, wenn nicht der Entwicklungsgang der Biologie selbst ihm die Lösung
dieses Räthsels sehr nahe legte. Wenn wir die Geschichte unserer Wissen-
schaft iu den allgemeinsten Zügen überblicken, so bemerken wir alsbald,
dass die beiden scheinbar entgegengesetzten, in der That aber innig ver-
bundenen Forschungsrichtungen in der Naturwissenschaft, die beobachtende
oder empirische und die denkende oder philosophische, zwar stets mehr oder
minder eng verbunden neben einender herlaufen, dass aber doch, wie es
*) Wir zweifeln nicht, dass diese Sätze, welche wir für unumstössliche
Wahrheiten halten, bei dem gegenwärtigen niederen Zustande unserer allge-
meinen wissenschaftlichen Bildung noch sehr wenig Aussicht haben, allgemeine
Geltung zu erlangen. Durch die alpenhohe Gebirgskette von Vorurtheilen, welche
wir durch lange Generationsreihen ererbt, und Jahrtausende hindurch in unserer
allgemeinen Weltanschauung befestigt haben, durch den äusserst mangelhaften,
verkehrten und oft geradezu verderblichen Jugendunterricht , durch welchen
wir in der bildsamsten Lebenszeit mit den absurdesten Irrthümern, statt mit
natürlichen Wahrheiten augefüllt werden, ist unser gesammter geistiger Horizont
gewöhnlich so beschränkt, unser natürlicher Blick so getrübt, dass wir als reife
und erwachsene Männer gewöhnlich die grösste Mühe haben, den einfachen Weg
zu unserer Mutter „Natur" zurückzufinden. Sind ja die meisten sogenannten
„Wissenschaften," z. B. die historischen, gewohnt, den Menschen als etwas ausser
und über der Natur Stehendes hinzustellen!
5*
ßg Methodik der Morphologie der Organismen.
Bär sehr richtig ausdrückt, immer die eine der beiden Richtungen über die
andere bedeutend überwiegt, und zwar „sowohl für die Individuen, als für
ganze Perioden der Wissenschaft/' So finden wir ein beständiges Oscilliren,
einen Wechsel der beiden Richtungen, der uns zeigt, dass niemals in gleich-
massigem Fortschritt, sondern stets in wechselnder Wellenbewegung die
Biologie ihrem Ziele sich nähert. Die Excesse, welche jede der beiden
Forschuugsrichtungen begeht, sobald sie das Uebergewicht über die andere
gewonnen hat, die Ausschliesslichkeit, durch welche jede in der Regel sich
als die allein richtige, als die „eigentliche 1 ' Methode der Naturwissenschaft
betrachtet, führen nach längerer oder kürzerer Dauer wieder zu einem
Umschwung, welcher der überlegenen Gegnerin abermals zur Herrschaft
verhilft.
Wie dieser regelmässige Regierungs- Wechsel von empirischer und
philosophischer Naturforschung auf dem gesammten Gebiete der Biologie
uns überall entgegentritt, so sehen wir ganz besonders bei einem allge-
meinen Ueberblick des Entwickelungsganges, den die Morphologie vom
Anfang des vorigen Jahrhunderts an genommen , dass die beiden feindlichen
Schwestern, die doch im Grunde nicht ohne einander leben können, stets
abwechselnd die Herrschaft behauptet haben. Nachdem Linne die Morpho-
logie der Organismen zum ersten Male in feste wissenschaftliche Form ge-
bracht, und ihr das systematische Gewand angezogen hatte, wurde zunächst
der allgemeine Strom der neubelebten Naturforschung auf die rein empirische
Beobachtung und Beschreibung der zahllosen neuen Formen hingelenkt,
welche unterschieden, benannt und in das Fachwerk des Systems einge-
ordnet werden mussten. Die systematische Beschreibung und Benennung,
als Mittel des geordneten Ueberblicks der zahllosen Einzelfo'rmen , wurde
aber bald Selbstzweck, und damit verlor sich die Formbeobachtung der
Thiere und Pflanzen in der gedankenlosesten Empirie. Das massenhaft
sich anhäufende Roh-Material forderte mehr und mehr zu einer denkenden
Verwerthung desselben auf, und so entstand die Schule der Naturphilo-
sophen, als deren bedeutendsten Forscher, wenn auch nicht (wegen man-
gelnder Anerkennung) als deren eigentlichen Begründer wir Lamarck be-
zeichnen müssen 1 ). In Deutschland vorzüglich durch Oken und Goethe, in
Frankreich durch Lamarck und Etienne Geoffroy S. Hilaire vertreten,
war diese ältere Naturphilosophie eifrigst bemüht, aus dem Chaos der
zahllosen Einzelbeobachtungen, die sich immer mehr zu einem unüberseh-
baren Berge häuften, allgemeine Gesetze abzuleiten und den Zusammenhang
der Erscheinungen zu ermitteln. Wie weit sie schon damals auf diesem
') Selten ist wohl das Verdienst eines der bedeutendsten Männer so völlig
von seinen Zeitgenossen verkannt und gar nicht gewürdigt winden, wie es mit
Lamarck ein halbes Jahrhundert hindurch der Fall war. Nichts beweist dies
vielleicht so schlagend, als der Umstand, dass Ouvier in seinem Bericht über
die Fortschritte der Naturwissenschaften , in welchem auch die unbedeutendsten
Bereicherungen des empirischen Materials aufgeführt werden, des bedeutendsten
aller biologischen Werke jenes Zeitraums, der Philosophie zoologique von La-
marck, mit keinem Worte Erwähnung thut!
I. Empirie und Philosophie. 69
Wege gelangte, zeigt die classische Philosophie zoologique von Lamarck
(1809) und die bewunderungswürdige Metamorphose der Pflanzen von
Goethe (1790). Doch war die empirische Basis, auf welcher diese Heroen
der Naturforschung ihre genialen Gedankengebäude errichteten, noch zu
schmal und unvollkommen, die ganze damalige Kenntnis« der Organismen
noch zu sehr bloss auf die äusseren Form-Verhältnisse beschränkt, als dass
ihre denkende Naturbetrachtung die festesten Anhaltspunkte hätte gewinnen
und die darauf gegründeten allgemeinen Gesetze schon damals eine weitere
Geltung hätten erringen können. Entwickelungsgeschichte und Palaeonto-
logie existirten noch nicht, und die vergleichende Anatomie hatte kaum
noch Wurzeln geschlagen. Wie weit aber diese Genien trotzdem ihrer Zeit
vorauseilten, bezeugt vor Allem die (in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
fast allgemein ignorirte) Thatsache, dass Beide, sowohl Lamarck, als
Goethe, die wichtigsten Sätze der Descendenz-Theorie bereits mit voller
Klarheit und Bestimmtheit aussprachen. Erst ein volles halbes Jahrhundert
später sollte Darwin dafür die Beweise liefern.
Die eigentliche Blüthezeit der älteren Naturphilosophie fällt in die er-
sten Decennien unseres Jahrhunderts. Aber schon im zweiten und noch
schneller im dritten näherte sie sich ihrem jähen Untergange, theils durch
eigene Verblendung und Ausartung, theils durch Mangel an Verständniss
bei der Mehrzahl der Zeitgenossen, theils durch das rasche und glänzende
Emporblühen der empirischen Richtung, welche in Cu vier einen neuen und
gewaltigen Reformator fand. Gegenüber der willkührlichen und verkehrten
Phantasterei, in welche die Naturphilosophie bald sowohl in Frankreich als
in Deutschland damals ausartete, war es dem exacten, strengen und auf
der breitesten empirischen Basis stehenden Cuvier ein Leichtes, die ver-
wilderten und undisciplinirten Gegner aus dem Felde zu schlagen. Bekannt-
lich war es der 22. Februar 1830, an welchem der Conflict zwischen den
beiden entgegengesetzten Richtungen in der Pariser Akademie zum öffent-
lichen Austrage kam, und damit definitiv geendigt zu sein schien, dass
Cuvier seinen Hauptgegner E. Geoffroy S. Hilaire mit Hülfe seiner
überwiegenden empirischen Beweismittel in den Augen der grossen Mehr-
heit vollständig besiegte. Dieser merkwürdige öffentliche Conflict, durch
welchen die Niederlage der älteren Naturphilosophie besiegelt wurde , ist
in mehrfacher Beziehuug vom höchsten Interesse, vorzüglich auch desshalb,
weil er von Goethe in der meisterhaftesten Form in einem kritischen Auf-
satze dargestellt wurde, welchen derselbe wenige Tage vor seinem Tode
(im März 1832) vollendete. Dieser höchst lesenswerthe Aufsatz, das letzte
schriftliche Vermächtuiss, welches der deutsche Dichterfürst uns hinterlassen,
enthält nicht allein eine vortreffliche Characteristik von Cuvier und
Geoffroy S. Hilaire, sondern auch eine ausgezeichnete Darstellung der
beiden entgegengesetzten von ihnen vertretenen Richtungen, „des immer-
währenden Conflictes zwischen den Denkweisen, in die sich die wissen-
schaftliche Welt schon lange trennt; zwei Denkweisen, welche sich in dem
menschlichen Geschlechte meistens getrennt und dergestalt vertheilt finden,
dass sie, wie überall, so auch im Wissenschaftlichen, schwer zusammen ver-
bunden angetroffen werden, und wie sie getrennt sind, sich nicht wohl
70 Methodik der Morphologie der Organismen.
vereinigen mögen. Haben wir die Geschichte der Wissenschaften und
eine eigene lange Erfahrung vor Augen, so möchte man befürchten, die
menschliche Natur werde sich von diesem Zwiespalt kaum jemals retten
können. "
Die Niederlage der älteren Naturphilosophie, welche Cuvier als der
Heerführer der neu erstehenden „exacten Empirie" herbeigeführt und in
jenem Conflict offenbar gemacht hatte, war so vollständig, dass in den
folgenden drei Decennien, von 1830 — 1860, unter der nun allgemein sich
ausbreitenden empirischen Schule von Philosophie gar keine Rede mehr
war. Mit den Träumereien und Phantasiespielen jeuer ausgearteten Natur-
phantasterei wurden auch die wahren und grossen Verdienste der alten Na-
turphilosophie vergessen, aus der jene hervorgegangen war, und man ge-
wöhnte sich sehr allgemein an die Vorstellung, dass Naturwissenschaft und
Philosophie iu einem uuversöhulicheu Gegensatze zu einander ständen.
Dieser Irrthum wurde dadurch insbesondere begünstigt, dass die verbesser-
ten Instrumente und Beobachtungs- Methoden der Neuzeit, und vor Allem
die sehr verbesserten Mikroskope, der empirischen Naturbeobachtung ein
unendlich weites Feld der Forschung eröffneten, auf welchem es ein Leichtes
war, mit wenig Mühe und ohne grosse Gedanken-Anstrengung, Entdeckungen
neuer Formverhältnisse in Hülle und Fülle zu machen. Während die Be-
obachtungen der ersten empirischen Periode, welche sich aus Linne's
Schule entwickelte, vorzugsweise nur auf die äusseren Formenverhältnisse
der Orgauismen gerichtet gewesen waren, wandte sich nun die zweite
empirische Periode, welche aus Cuvier' s Schule hervorging, vorwiegend der
Beobachtung des inneren Baues der Thiere und Pflanzen zu. Und in der
That gab es hier, nachdem Cuvier durch Begründung der vergleichen-
den Anatomie und der Palaeontologie ein weites neues Feld der Beobachtung
geöffnet, nachdem Bär durch Reformation der Entwickelungsgeschichte
und Schwann durch Begründung der Gewebelehre auf dem thierischen,
Schieiden auf dem pflanzlichen Gebiete neue und grosse Ziele gesteckt,
nachdem Johannes Müller die gesammte Biologie mit gewaltiger Hand
in die neu geöffneten Bahnen der exacten Beobachtung hineingewiesen hatte,
überall so unendlich Viel zu beobachten und zu beschreiben , es wurde so
leicht, mit nur wenig Geduld, Fleiss und Beobachtungsgabe neue That-
sachen zu entdecken, dass wir uns nicht wundern können, wenn darüber
die leitenden Principien der Naturforschung gänzlich vernachlässigt und
die erklärende Gedanken- Arbeit von den meisten völlig vergessen wurde.
Da noch im gegenwärtigen Augenblick diese „rein empirische" Richtuug
die allgemein überwiegende ist, da die Bezeichnung der Naturphilosophie
noch in den weitesten naturwissenschaftlichen Kreisen nur als Schimpfwort
gilt und selbst von den hervorragendsten Biologen nur in diesem Sinne ge-
braucht wird, so haben wir nicht nöthig, die grenzenlose Einseitigkeit dieser
Richtung noch näher zu erläutern, und werden nur noch insofern näher
darauf eingehen, als wir gezwungen sind, unseren Zeitgenossen ihr „exact-
empirisches," d. h. gedankenloses und beschränktes Spiegelbild vorzuhalten.
Theilweise ist dies schon im vorigen Capitel geschehen. Wiederholt wollen wir
hier nur nochmals auf die seltsame Selbsttäuschung hinweisen, in welcher
I. Empirie und Philosophie. 71
die neuere Biologie befangen ist, wenn sie die nackte gedankenlose Be
Schreibung innerer und feinerer, insbesondere mikroskopischer Form-
verhältnisse als „wissenschaftliche Zoologie" und „wissenschaft-
liche Botanik " preist und mit nicht geringem Stolze der früher aus-
schliesslich herrschenden reinen Beschreibung der äusseren und gröberen
Form Verhältnisse gegenüberstellt, welche die sogenannten „Systematiker"
beschäftigt. Sobald bei diesen beiden Richtungen, die sich so scharf gegen-
über zu stellen belieben, die Beschreibung an sich das Ziel ist (— gleich-
viel ob der inneren oder äusseren, der feineren oder gröberen Formen — ),
so ist die eine genau so viel werth, als die andere. Beide werden erst zur
Wissenschaft, wenn sie die Form zu erklären und auf Gesetze zurückzu-
führen streben.
Nach unserer eigenen innigsten Ueberzeugung ist der Rückschlag, der
gegen diese ganz einseitige und daher beschränkte Empirie nothwendig frü-
her oder später erfolgen musste, bereits thatsächlich erfolgt, wenn auch zu-
nächst nur in wenigen engen Kreisen. Die 1859 von Charles Darwin
veröffentlichte Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe ums Da-
sein , eine der grössten Entdeckungen des menschlichen Forschungstriebes,
hat mit einem Male ein so gewaltiges und klärendes Licht in das dunkle
Chaos der haufenweis gesammelten biologischen Thatsachen geworfen, dass
es auch den crassesten Empirikern fernerhin, wenn sie überhaupt mit der
Wissenschaft fortschreiten wollen, nicht mehr möglich sein wird, sich der
daraus emporwachsenden neuen Naturphilosophie zu entziehen. Indem die
von Darwin neu begründete Descendenz-Theorie die ganze gewaltige Fülle
der seither empirisch angehäuften Thatsachen-Massen durch einen einzigen
genialen Gedanken erleuchtet, die schwierigsten Probleme der Biologie aus
dem einen obersten Gesetze der „wirkenden Ursachen" vollständig erklärt,
die unzusammenhängende Masse aller biologischen Erscheinungen auf die-
ses eine einfache grosse Naturgesetz zurückführt, hat sie bereits thatsäch-
lich die bisher ausschliesslich herrschende Empirie völlig überflügelt und
einer neuen und gesunden Philosophie die weiteste und fruchtbarste Bahn
geöffnet. Es ist eine Hauptaufgabe des vorliegenden Werkes, zu zeigen,
wie die wichtigsten Erscheinungsreihen der Morphologie sich mit Hülfe der-
selben vollständig erklären und auf grosse und allgemeine Naturgesetze
zurückführen lassen.
Wenn wir das Resultat dieses flüchtigen Ueberblickes über den inneren
Entwickelungsgang der Morphologie in wenigen Worten zusammenfassen, so
können wir füglich von Beginn des achtzehnten Jahrhunderts an bis jetzt
vier, abwechselnd empirische und philosophische Perioden der Morphologie
unterscheiden, welche durch die Namen von Linne, Lamarck, Cuvier,
Darwin bezeichnet sind, nämlich: I. Periode: Linne (geb. 1707). Erste
empirische Periode (Achtzehntes Jahrhundert). Herrschaft der empiri-
schen äusseren Morphologie (Systematik). IL Periode: Lamarck (geb. 1744)
und Goethe (geb. 1749'). Erste philosophische Periode. (Erstes
') Wir nennen hier absichtlich Lamarck und Goethe als die geistvollsten
Repräsentanten der älteren Naturphilosophie, wenngleich sie sich entfernt nicht
72 Methodik der Morphologie der Organismen. -
Drittel des neunzehnten Jahrhunderts). Herrschaft der phantastisch-philo-
sophischen Morphologie (Aeltere Naturphilosophie). III. Periode: Cuvier
(geb. 1769). ') Zweite empirische Periode. (Zweites Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts). Herrschaft der empirischen inneren Morphologie
(Anatomie). IV. Periode: Darwin (geb. 1808). Zweite philosophische
Periode. Begonnen 1859. Herrschaft der empirisch-philosophischen Mor-
phologie (Neuere Naturphilosophie).
Indem wir die beiden Richtungen der organischen Morphologie, die
empirische und philosophische, so schroff einander gegenüberstellen, müssen
wir ausdrücklich bemerken, dass nur die grosse Masse der beschränkteren
und gröber organisirten Naturforscher es war, welche diesen Gegensatz in
seiner ganzen Schärfe ausbildete und entweder die eine oder die andere
Methode als die allein seligmachende pries und für die „eigentliche" Na-
turwissenschaft hielt. Die umfassenderen und feiner organisirten Naturfor-
forscher, und vor Allen die grossen Coryphaeen, deren Namen wir an die
Spitze der von ihnen beherrschten Perioden gestellt haben, waren stets
mehr oder minder überzeugt, dass nur eine innige Verbindung von Beob-
achtung und Theorie, von Empirie und Philosophie, den Fortschritt der Na-
turwissenschaft wahrhaft fördern könnte. Man pflegt gewöhnlich Cuvier
als den strengsten und exclusivsten Empiriker, als den abgesagtesten Feind
jeder Naturphilosophie hinzustellen. Und sind nicht seine besten Arbeiten,
seine werthvollsten Entdeckungen, wie z. B. die Aufstellung der 4 thieri-
schen Typen (Stämme), die Begründung des Gesetzes von der Correlation
der Theile, von den Causes finales, Ausflüsse der reinsten Naturphilosophie?
Ist nicht die von ihm neu begründete „vergleichende Anatomie" ihrem gan-
zen Wesen nach eine rein philosophische Wissenschaft, welche das empirische
Material der Zootomie bloss als Basis braucht? Ist es nicht lediglich der
Gedanke, die Theorie, welche auf der rein empirischen Zootomie als
nothwendiger Grundlage das philosophische Lehrgebäude der vergleichenden
Anatomie errichten? Und wenn Cuvier aus einem einzigen Zahne oder
Knochen eines fossilen Thieres die ganze Natur und systematische Stellung
desselben mit Sicherheit erkannte, war dies Beobachtung oder war es Re-
flexion? Betrachten wir andererseits den Stifter der älteren Naturphilo-
sophie, Lamarck, so brauchen wir, um den Vorwurf der Einseitigkeit zu
widerlegen, bloss darauf hinzuweisen, dass dieser eminente Mann seinen
Ruf als grosser Naturforscher grösstentheils einem vorwiegend descriptiven
Wei*ke, der berühmten „Histoire naturelle des animaux sans vertebres" ver-
dankte. Seine „Philosophie zoologique," welche die Descendenz-Lehre zum
desselben Einflusses und derselben Anerkennung zu erfreuen hatten, wie Etienne
Geoffroy S. Hilaire (geb. 1771) und Lorenz Oken (geb. 1779), die gewöhn-
lich als die Coryphaeen dieser Richtung vorangestellt werden.
l ) Als hervorragende Coryphaeen dieser Periode würden wir hier noch Jo-
hannes Müller, Söhlei den und einige Andere hervorzuheben haben, wenn nicht
gerade diese bedeutendsten Männer, als wahrhaft philosophische Naturforscher,
sich von der grossen Einseitigkeit frei gehalten hätten, welche Cuvier's Schule
und der grosse Tross der Zeitgenossen zum extremsten Empirismus ausbildete.
I. Empirie und Philosophie. 73
ersten Male als vollkommen abgerundete Theorie aufstellte, eilte mit ihrem
prophetischen Gedankenfluge seiner Zeit so voraus, da&s sie von seinen
Zeitgenossen gar nicht verstanden und ein volles halbes Jahrundert hin-
durch (1809-1859) todtgeschwiegen wurde. Johannes Müller, den wir
Deutschen mit gerechtem Stolz als den grössten Biologen der ersten Hälfte
des neunzehnten Jahrhunderts unser eigen nennen, und der in den Augen
der meisten jetzt lebenden Biologen als der strengste Empiriker und Geg-
ner der Naturphilosophie gilt, verdankt die Fülle seiner zahlreichen und
grossen Entdeckungen viel weniger seinem ausgezeichneten sinnlichen Be-
obaehtungstalent, als seinem cömbinirenden Gedankenreichthum und der
natürlichen Philosophie seiner wahrhaft denkenden Beobachtungsmethode.
Charles Darwin, der grösste aller jetzt lebenden Naturforscher, über-
ragt uns Alle nicht allein durch Ideenreichthum und Gedankenfülle seines die
ganze organische Natur umfassenden Geistes, sondern eben so sehr durch
die intensiv und extensiv gleich bedeutende und fruchtbare Methode seiner
empirischen Naturbeobachtung.
Nach unserer festesten Ueberzeugung können nur diejenigen Natur-
forscher wahrhaft fördernd und schaffend in den Gang der Wissenschaft
eingreifen, welche, bewusst oder unbewusst, eben so scharfe Denker, als
sorgfältige Beobachter sind. Niemals kann die blosse Entdeckung einer
nackten Thatsache, und wäre sie noch so merkwürdig, einen wahrhaften
Fortschritt in der Naturwissenschaft herbeiführen, sondern stets nur der
Gedanke, die Theorie, welche diese Thatsache erklärt, sie mit den ver-
wandten Thatsachen vergleichend verbindet, und daraus ein Gesetz ab-
leitet. Betrachten wir die grössten Naturforscher, welche zu allen Zeiten
auf dem biologischen Gebiete thätig gewesen sind, von Aristoteles an,
Linne und Cuvier, Lamarck und Goethe, Bär und Johannes Müller
und wie^die Reihe der glänzenden Sterne erster Grösse, bis auf Charles
Darwin herab, weiter heisst — sie alle sind ebenso grosse Denker, als
Beobachter gewesen, und sie alle verdanken ihren unsterblichen Ruhm
nicht der Summe der einzelnen von ihnen entdeckten Thatsachen, sondern
ihrem denkenden Geiste, der diese Thatsachen in Zusammenhang zu bringen
und daraus Gesetze abzuleiten verstand. Die rein empirischen Naturforscher,
welche nur durch Entdeckung neuer Thatsachen die Wissenschaft zu för-
dern glauben, können in derselben ebenso wenig etwas leisten, als die rein
speculativen Philosophen, welche der Thatsachen entbehren zu können
glauben und die Natur aus ihren Gedanken construiren wollen. Diese wer-
den zu phantastischen Träumern, jene im besten Falle zu genauen Copir-
maschinen der Natur. Im Grunde freilich gestaltet sich das thatsächliche
Verhältniss überall so, dass die reinen Empiriker sich mit einer unvollstän-
digen und unklaren, ihnen selbst nicht bewussten Philosophie, die reinen Phi-
lo s o p he n dagegen mit einer eben solchen, unreinen und mangelhaften Empirie
begnügen. Das Ziel der Naturwissenschaft ist die Herstellung eines vollkom-
men architectonisch geordneten Lehrgebäudes. Der reine Empiriker bringt
statt dessen einen ungeordneten Steinhaufen zusammen; der reine Philosoph
auf der andern Seite baut Luftschlösser, welche der erste empirische Wind-
stoss über den Haufen wirft. Jener begnügt sich mit dem Rohmaterial,
74 Methodik der Morphologie der Organismen.
dieser mit dem Plan des Gebäudes. Aber nur durch die innigste
Wechselwirkung von empirischer Beobachtung und philosophi-
scher Theorie kann das Lehrgebäude der Naturwissenschaft
wirklich zu Stande kommen.
Wir schliessen diesen Abschnitt, wie wir ihn begonnen, mit einem Aus-
spruch von Johannes Müller: „Die Phantasie ist ein unentbehrliches Gut;
denn sie ist es, durch welche neue Combinationen zur Veranlassung wich-
tiger Entdeckungen gemacht werden. Die Kraft der Unterscheidung
des isolirenden Verstandes sowohl, als der erweiternden und
zum Allgemeinen strebenden Phantasie sind dem Naturforscher
in einem harmonischeu Wechselwirken nothwendig. Durch Stö-
rung dieses Gleichgewichts wird der Naturforscher von der Phantasie zu
Träumereien hingerissen, während diese Gabe den talentvollen Naturfor-
scher von hinreichender Yerstandesstärke zu den wichtigsten Entdeckungen
führt. ')
II. Analyse und Synthese.
„Ein Jahrhundert, das sich bloss auf die Analyse verlegt, und sich
vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege;
denn nur beide zusammen, wie Aus- und Einathmen, machen das Le-
ben der Wissenschaft. - - Die Hauptsache, woran man bei/ ausschliess-
licher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, dass jede
Analyse eine Synthese voraussetzt. — Sondern und Verknüpfen sind
zwei unzertrennliche Lebensacte. Vielleicht ist es besser gesagt, dass
es unerlässlich ist, man möge wollen oder nicht, aus dem Ganzen ins
Einzelne, aus dem Einzelnen ins Ganze zu gehen; und je lebendiger
diese Functionen des Geistes, wie Aus- und Einathmen, sich zusammen
verhalten, desto besser wird für die Wissenschaften und ihre Freunde
gesorgt sein."
Die vorstehenden Worte von Goethe bezeichnen das nothwendige
Wechselverhältniss zwischen der sondernden Analyse und der ver-
knüpfenden Synthese so treffend, dass wir mit keinen besseren Wor-
ten die folgende Betrachtung einleiten konnten. Wenn wir hier diese
wichtigen gegenseitigen Beziehungen zwischen der analytischen und
synthetischen, der auflösenden und zusammensetzenden Naturforschung
kurz einer gesonderten Betrachtung unterziehen, so geschieht es haupt-
sächlich, weil wir die vielfach verkannte nothwendige Wechselwirkung
zwischen diesen wichtigen Methoden für die Morphologie besonders
eindringlich hervorzuheben wünschen, und weil gerade im gegenwär-
tigen Zeitpunkte eine klare Beleuchtung dieses Verhältnisses von be-
sonderer Wichtigkeit erscheint. Da die analytische oder sondernde
') Johannes Muller, Archiv für Anatomie etc. I. Jahrgg. 1834. p. 4.
IL' Aüalyse und Synthese. 75
Methode vorzugsweise von der empirischen Naturbeobachtung, die syn-
thetische oder verknüpfende Methode vorzugsweise von der philoso-
phischen Naturbetrachtung angewendet wird, so schliessen sich die
folgenden Bemerkungen darüber unmittelbar an das im vorigen Ab-
schnitt Gesagte an. Hiervon ausgehend werden wir schon im Voraus
sagen können, dass ein Grundfehler der gegenwärtig in der Biologie
herrschenden Richtung in der einseitigen Ausbildung der Analyse, und
in der übermässigen Vernachlässigung der Synthese liegen wird. Und
so verhält es sich auch in der That. Auf allen Gebieten der organi-
schen Morphologie, in der Urganologie und in der Histologie, in der
Entwicklungsgeschichte der Individuen und in derjeuigen der Stämme
ist man seit langer Zeit fast ausschliesslich analytisch verfahren und
hat die synthetische Betrachtung eigentlich nur selten, und in so ge-
ringer Ausdehnung, mit so übertriebener Scheu angewendet, dass man
sich ihrer Fruchtbarkeit, ja ihrer Unentbehrlichkeit gar nicht bewusst
geworden ist. Und doch ist es die Synthese, durch welche die Analyse
erst ihren wahren Werth erhält, und durch welche wir zu einem wirk-
lichen Verständniss des durch die Analyse uns bekannt gewordenen
Organismus gelangen.
Bei einem Rückblicke auf die beiden empirischen Perioden der
Morphologie, die wir im vorigen Abschnitt charakterisirt haben, fin-
den wir, dass zwar Beide, im Gegensatz zu der dazwischen liegenden,
vorzugsweis der Synthese zugewandten Periode der Naturphilosophie,
vorwiegend die Analyse cultivirten, dass aber die zweite empirische
Periode, seit Cuvier, in dieser Beziehung sich noch viel einseitiger
entwickelte, als die erste empirische Periode, seit Linne. Denn die
von der letzteren fast ausschliesslich betriebene Unterscheidung und Be-
schreibung der äusseren Körperlbrmen führte immer zuletzt zur Sy-
stematik hin, welche an sich schon einen gewissen Grad von synthe-
tischer Thätigkeit erfordert, wogegen die analytische Untersuchung und
Darstellung der inneren Körperformen, die „Anatomie" im enge-
ren Sinne, welche Cuvier's Nachfolger vorzugsweise beschäftigte, der
Synthese in weit höherem Maasse entbehren konnte. Zwar hatte Cu-
vier der letzteren das hohe Ziel gesteckt, durch Vergleichung (und
das ist ja eben auch Synthese) sich zur vergleichenden Anatomie zu
erheben; indess wurde eine wahrhaft philosophische Vergleichung, wie
Cuvier selbst und Johannes Müller sie so fruchtbar und so viel-
fach geübt hatten, von der Mehrzahl ihrer Nachfolger so selten ange-
wandt, dass die meisten Arbeiten, welche sich „vergleichend anatomisch"
nennen, diesen Namen nicht verdienen. Diese einseitige Ausbildung
der Analyse, welche sich mit der Kenntniss der einzelnen Theile des
Organismus begnügt, ohne die Erkenntniss des Ganzen im Auge zu
behalten, hat sich in den letzten drei Decennien jährlich in zunehmen-
7ß Methodik der Morphologie der Organismen.
der Progression gesteigert, insbesondere seitdem Jedermann mit dem
Mikroskop anfing „Entdeckungen-' zu machen. Eine möglichst voll-
ständige histologische Analyse des Körpers wurde bald allgemein das
höchste Ziel; und über der Beschreibung und Abbildung der einzelnen
Zellenformen vergass man völlig den ganzen Organismus, welchen die-
selben zusammensetzen.
Nun ist zwar nach unserer Ansicht durch Darwin, welcher die
Synthese wieder im grossartigsten Maassstabe aufgenommen und mit
dem überwältigendsten Erfolge in der gesammten organischen Mor-
phologie angewandt hat, deren hohe Bedeutung so sehr zu Tage ge-
treten, dass die bisherige einseitige Analyse sich in ihrer exclusiven
Richtung nicht fürder wird behaupten können. Indess halten wir es
doch nicht für überflüssig, die äusserst wichtige Wechselbeziehung
zwischen der analytischen Untersuchung des Einzelnen und
und der synthetischen Betrachtung des Ganzen hier nochmals
ausdrücklich zu betonen. Allerdings muss die erstere der letzteren
vorausgehen, aber nur als die erste Stufe der Erkenntniss, welche erst
mit der letzteren ihren w r ahren Abschluss erreicht. Bleibt die Natur-
forschung, wie es nur zu häufig geschieht, bei dem Resultate der reinen
Analyse stehen, so kommt bei ihr der Spruch von Goethe 1 ) zur An-
wendung :
„Wer will was Lebendig's erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben;
Dann hat er die Theile in seiner Hand,
Fehlt leider nur das geistige Band."
Der grosse Nachtheil, den die einseitige Ausbildung der Analyse und
die Vernachlässigung der Synthese unserer Wissenschaft gebracht hat, zeigt
sich vielleicht nirgends in so auffallendem Maassstabe, als in den Folgen,
welche für die Morphologie das eben so verderbliche als seltsame Dogma
von der Constanz und von der absoluten Individualität der
Species gehabt hat. Wer die Geschichte unserer Wissenschaft seit Linue,
der sich durch Aufstellung des Species -Begriffs ein grosses Verdienst um
die formelle Ausbildung derselben erwarb, kennt, der weiss, dass dieses
') Eine vorzügliche Schilderung des Gegensatzes der Analyse und Synthese,
an den hervorragenden Persönlichkeiten von Cuvier und Geoffroy S. Hi.
laire durchgeführt, hat Goethe in seiner merkwürdigen oben erwähnten Kritik
der „Philosophie zoologique" gegeben. Es heisst darin unter Anderem : „Cuvier
arbeitet unermüdlich als Unterscheidender, das Vorliegende genau Beschreiben-
der, und gewinnt sich eine Herrschaft über eine unermessliche Breite. Geoffroy
Saint-Hi hii re hingegen ist im Stillen um die Analogieen der Geschöpfe und
ihre geheimnissvollen Verwandtschaften bemüht; jener geht aus dem Einzelnen
in ein Ganzes, welches zwar vorausgesetzt, aber als nie erkennbar betrachtet
wird; dieser hegt das Ganze im inneren Sinne, und lebt in der Ueberzeugung
fort, das Einzelne könne daraus nach und nach entwickelt werden."
IT. Analyse und Synthese. 77
Dogma seitdem fast allgemein geherrscht hat, und dass nur in der ersten
naturphilosophischen Periode Lamarck und eine Anzahl anderer bedeu-
tender Naturforscher die allgemeine Vorstellung von der Wesenheit und
Beständigkeit der organischen „Art" zu verwerfen wagten, während in den
beiden empirischen Perioden selbst die bedeutendsten Coryphaeen der Bio-
logie sich dem harten Joche dieses wunderlichen Dogma beugten. Kein
anderer Irrthum hat sich so allgemeine Geltung erworben, hat so sehr ge-
schadet als dieser, und auf keinen ist in höherem Grade der bekannte
Spruch von Goethe anwendbar: „Immerfort wiederholte Phrasen
verknöchern sich zuletzt zur Ueberzeugung, und verstumpfen
völlig die Organe des Anschauens."
Das Dogma von der Constanz der Species behauptet bekanntlich, dass
alle organischen Formen sich in den Begriff der Species einpferchen lassen,
d. h. in einen geschlossenen und selbstständigen Formenkreis, innerhalb
dessen zwar der Species oder Art ein gewisser Grad der Variation zu-
gestanden wird, dessen scharf bestimmte Grenzen aber die Art niemals
überschreiten soll. Jede Species ist für sich, unabhängig von den anderen,
erschaffen worden, keine ist durch Abänderung aus einer andern hervorge-
gangen. Als das morphologische Kriterium der Art wird dabei ge-
wöhnlich die Constanz aller „wesentlichen" Merkmale (und die Variabilität
der „unwesentlichen" Charaktere) angeführt; als das physiologische
Kriterium dagegen die Fähigkeit aller Varietäten einer Species, unter
sich fruchtbare Bastarde zu erzeugen (und die Unfähigkeit jeder Species,
mit irgend einer anderen Art vermischt fruchtbare Bastarde zu erzeugen).
Obgleich nun diese Kriterien der Species, gleich allen anderen die man
aufzustellen versucht hat, sich leicht und sicher als vollkommen unhalt-
bare und willkührliehe Voraussetzungen ausweisen lassen (wie im dritten
Buche gezeigt werden soll), obgleich die Gesammtheit aller allgemeinen
organischen Erscheinungs-Reihen auf das Entschiedenste dagegen spricht,
obgleich nicht zwei Naturforscher in allen Fällen über die Begrenzung
der Species einig sind, so hat dennoch dieses Dogma von der Species-
Constanz die gesammte Biologie bis auf Darwin fast allgemein beherrscht.
Erst Darwin' s gewaltige Argumente vermochten eine Bresche in diese
Zwingburg des Wunderglaubens zu schiessen, eine entscheidende Bresche,
welche den unüberwindlichen Gedanken des combinirenden synthetischen
Verstandes den Weg in dieses innerste Asyl vitalistischer Thorheiten öffuete.
Ohne uns hier weiter auf eine eingehende Widerlegung des Species-
Dogma einlassen zu wollen, die späteren Oapiteln vorbehalten bleibt, führen
wir dasselbe hier nur an, um zu zeigen, welchen verderblichen Einfluss
eine ausschliesslich analytische Methode in den Naturwissenschaften ausüben
kann. Denn durch keinen Umstand ist das Species -Dogma so sehr ge-
stützt, so allgemein in Geltung und Ansehen erhalten worden, als durch
die allgemein vorherrschende analytische Beobachtung einzelner Individuen,
und durch den Mangel an synthetischer und vergleichender Betrachtung
der Individuen-Summe, welche die Species erst zusammensetzt. Indem man
seit Linne fast allgemein und ausschliesslich bemüht war, möglichst viele
neue Formen von Organismen als sogenannte Species einzeln aufzustellen,
7R Methodik der Morphologie der Organismen.
und diese durch präcise Unterschiede von einander möglichst scharf zu un-
terscheiden, verlor mau gänzlich den Blick für die grosse und allgemeine
Uebereinstimmung, welche alle verwandten Species auf das Innigste ver-
bindet. Man wandte bei Vergleichung derselben seine ganze Aufmerksam-
keit auf die Unterscheidung und Hervorhebung der unbedeutenden äusser-
lichen Formunterschiede, welche dieser oder jener Theil des thierischen
und pflanzlichen Körpers darbot, und man vergass dabei gänzlich die völlige
oder doch grosse Uebereinstimmung, welche in allen übrigen wesentlichen
Theilen, und insbesondere fast in allen einzelnen Verhältnissen des innern
Baues, die verwandten Species zeigen. Ueber einem einzigen unterscheiden-
den Charakter zweier Formen übersah man völlig die hunderttausend
Charaktere, welche beiden gemein sind, und um beide als Species unter-
scheiden zu können, hob man den ersteren ganz allein hervor, während man
von den übrigen völlig schwieg.
Im weiteren Gange der sich entwickelnden Systematik trat nun bald
allgemein diese kleinliche Analyse so sehr in den Vordergrund, dass die
Unterscheidung der einzelnen Formen, welche ursprünglich nur Mittel zur
systematischen Anordnung und Benennung gewesen war, nunmehr selbst
Zweck wurde, und dass die Synthese, welche stets mit der Analyse Hand
in Hand gehen sollte, nur ganz zuletzt in Anwendung kam, wenn aus den
einzelnen isolirten Bausteinen der Species das System aufgebaut werden sollte,
in welchem dieselben sich scharf und glatt von einander absetzen mussten.
Da nun bei diesem Geschäfte den Systematikern nichts hinderlicher war,
als die zahlreichen Mittelformen und Uebergangsstufen, welche die ver-
wandten Arten verbinden, so wurden diese fast allgemein gänzlich vernach-
lässigt, und statt diesen wichtigsten Wegweisern der natürlichen Verwandt-
schaft eine besoudere Aufmerksamkeit zu schenken, wandte man sich mei-
stens von ihnen mit Widerwillen ab. Nur durch dieses verkehrte Verfahren,
durch diese gänzliche Verkennung des natürlichen Zusammenhanges der
Arten, und durch diese gegenseitige Zuschärfung der analytischen Unter-
suchungsmethode und der Species-Dogmatik, war es möglich, das Ansehen
der letzteren so allgemein und so lange zu erhalten, und sich der Erkennt-
niss von der genealogischen Verwandtschaft der Species zu verschliessen,
auf welche alle allgemeinen Erscheinungsreihen der organischen Natur mit
zwingender Gewalt hindeuten.
Hieraus ergiebt sich nun von selbst, dass wir, um einen neuen Auf-
schwung der Morphologie herbeizuführen, vor Allem die vergessene und
verlassene Synthese wieder in ihre alten Rechte einzusetzen haben. Viele
Zweifel gegen die Descendenz-Theorie, viele eingerostete Vorurtheile gegen
die Veränderlichkeit der Species werden von selbst fortfallen, sobald mau
die bereits bekannten Thatsachen-Reihen der Biologie, statt wie bisher
sondernd vom analytischen, nun auch einmal verknüpfend vom synthetischen
Standpunkte aus betrachtet, In der That genügt in vielen Fällen die ein-
fache Zusammenstellung und A r ergleichung einer Reihe von einzelnen That-
sachen, um zu einem ganz entgegengesetzten allgemeinen Schlüsse zu ge-
langen, als dieselben vorher einzeln und für sich betrachtet, ziehen Hessen.
Nur durch Synthese ist es möglich, zu den wichtigsten allge-
III. Induction und Deduction. 79
meinen Naturgesetzen zu gelangen, zu denen die ausgedehnteste
Analyse niemals hinführt.
Wenn man bedenkt, wie höchst einseitig von der gesammten Biologie,
insbesondere in den letzten 30 Jahren, die empirische Analyse betrieben
worden ist, wie man stets nur bedacht war, das Ganze in seine Theile zu
zerlegen, die isolirten Theile zu untersuchen, und sich nicht weiter um den
Zusammenhang derselben zu kümmern, so wird man über den Widerstand,
den die Descendenz- Theorie bei den meisten Biologen noch heute findet,
nicht erstaunt sein. Denn es ist ohne Weiteres klar, dass diese Theorie,
wie alle ähnlichen grossen und umfassenden Theorieen, wesentlich auf der
ausgedehntesten philosophischen Synthese beruht, und dass nur durch die den-
kende Verknüpfung der zahllosen , von der beobachtenden Analyse gewon-
nenen Einzelheiten die allgemeinen Gesetze gewonnen werden können, zu de-
nen uns jene Theorie hinführt. Aus diesen Gründen erwarten wir zunächst von
einer durchgreifenden und allgemeinen Synthese auf dem gesammten Ge-
biete der organischen Morphologie den grössten Fortschritt, und sind fest
überzeugt, dass durch diese allein schon unsere ganze Wissenschaft ein
verjüngtes Ansehen gewinnen wird. Vergessen wir dabei aber niemals,
dass empirische Analyse und philosophische Synthese sich gegenseitig be-
dingen, ergänzen und durchdringen müssen; denn „nur Beide zusammen,
wie Ein- uud Aus-Athmen, machen das Leben der Wissenschaft."
III. Induction und Deduction.
..Die allein richtige Methode in den Naturwissenschaften ist die
induetive. Ihre wesentliche Eigerithümlichkeit, worin eben die Sicher-
heit der durch sie gewonnenen Resultate begründet ist, besteht darin,
dass man mit Verwerfung jeder Hypothese ohne alle Ausnahme (z. B.
der Hypothese einer besonderen Lebenskraft) von dem unmittelbar
Gewissen der Wahrnehmung ausgeht, durch dieselbe sich zur
Erfahrung erhebt, indem man die einzelne Wahrnehmung mit dem
anderweit schon Festgestellten in Verbindung setzt, aus Vergleichung
verwandter Erfahrungen durch Induction bestimmt, ob sie unter einem
Gesetze, und unter welchem sie stehen und so fort, indem man mit
den so gefundenen Gesetzen ebenso verfahrt, rückwärts fortschreitet,
bis man bei sich selbst genügenden, mathematischen Axiomen ange-
kommen ist." Schieiden (Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik
§. 3. Methodik). ')
') „Von den Thatsachen werden wir weiter geführt zur Theorie hauptsäch-
lich durch Induction, Hypothese und Analogie. Alle drei sind blosse
W ahrscheinlichkeits schlüss e und können also für sich nie logische Ge-
wissheit geben. Wenn mau sie daher richtig gebrauchen will, so muss man sehr
genau über das Verhältniss derselben zum Ganzen unserer Erkenutnissthätigkeit
orientirt sein; denn so wie sie richtig gebraucht die einzigen Förderungsmittel
80 Methodik der Morphologie der Organismen.
..Die Methode der Untersuchung, welche uns wegen der Unan-
wendbarkeit der directen Methoden der Beobachtung und des Experi-
mentirens als die Hauptquelle unserer Kenntnisse, die wir in Beziehung
auf die Bedingungen und Gesetze der Wiederkehr der verwickeltereh
Naturerscheinungen besitzen oder erlangen können, übrig bleibt, wird
in dem allgemeinsten Ausdruck die deduetive Methode genannt. —
Dieser deduetiven Methode verdankt der menschliche Geist seine rühm-
lichsten Triumphe in der Erforschung der Natur. Ihr verdanken wir
alle Theorieen, durch welche ausgedehnte und verwickelte Naturer-
scheinungen in wenigen Gesetzen umfasst werden, und die, als Gesetze
dieser grossen Erscheinungen betrachtet, durch directes Studium nie
hätten entdeckt werden können. ')
aller Erfahrungswissenschaft sind, so werden sie, fehlerhaft oder leichtfertig an-
gewendet, auch die Quelle aller Verkehrtheiten und Phantasieen , die beständig
in der Geschichte der Wissenschaft auftauchen, dieselbe verwirren und in ihrem
Fortschritt hemmen.
Alle drei, Induction, Hypothese und Analogie, sind unvollständige di-
visive Schlüsse, die Induction unter kategorischer Form, indem ich
von vielen Fällen (statt von allen) auf die Gültigkeit einer allgemeinen Regel,
die Hypothese unter hypothetischer Form, indem ich von einigen Folgen
(statt von allen) auf die Einheit des Grundes schliesse, endlich die Analogie,
welche eigentlich nur der durch Induction gefundenen Regel unterordnet, wo
es also allein auf die Gültigkeit der Tnduction ankommt. Dass wir einem sol-
chen unvollständigen Schlüsse, bei dem bloss logisch gar keine Schlusskraft
vorhanden ist, vollen Glauben beimessen, liegt in der Natur der erkennenden
Vernunft, welche überall Einheit und Zusammenklang in ihren Erkenntnissen for-
dert. Die Schlussformen gelten aber desshalh auch nur im Einklang mit der
ganzen Erkenntnisskraft und den daraus abzuleitenden Principien." Schieiden
(1. c.) \ 4. Von der Induction insbesondere.
- ') „Die deduetive Methode ist bei dem gegenwärtigen Stande der Wissen-
schaft unwiderruflich bestimmt, den (rang der wissenschaftlichen Untersuchung
von nun an zu beherrschen. Friedlich und allmählig geht in der Wissenschaft
eine Revolution vor sich, das Gegentheil von der, an welche Bacon seinen Na-
men knüpfte. Dieser grosse Mann verwandelte die deduetive Methode der Wis-
senschaften in eine experimentelle, die sich nun wieder in die deduetive umkehrt.
Aber die Deductionen, welche Bacon verbannte, waren aus voreilig erhaschten
oder willkührlich angenommenen Prämissen abgeleitet. Die Principien waren
weder durch die gesetzmässigen Regeln der experimentellen Forschung festge-
setzt, noch waren die Resultate durch jenes unentbehrliche Element einer ratio-
nellen deduetiven Methode, die Bestätigung durch die speeifische Erfahrung ge-
prüft.
„Unter den unseren Fähigkeiten zugänglichen Gegenständen sind diejenigen,
welche noch in einem Zustande von Düsterheit und Ungewissheit verweilen
(indem das Aufeinanderfolgen ihrer Erscheinungen noch nicht unter feste und
erkennbare Gesetze gebracht worden ist), meistens von einer verwickelten Natur,
solche in denen viele Agentien thätig sind, deren Wirkungen sich fortwährend
aufheben oder vermischen. Die Entwirrung dieses Knäuels ist eine Aufgabe,
III. Induction und Deduction. 81
Die deductive Methode bestellt aus drei Operationen: die
erste ist eine directe Induction, die zweite eine Folgerung,
die dritte eine Bestätigung. Ich nenne den ersten Sehritt in dem
Verfahren eine inductive Operation, weil eine directe Induction als die
Basis des Ganzen vorhanden sein muss, obgleich in vielen besonderen
Untersuchungen die Induction von einer früheren Deduction vertreten
werden kann; die Prämissen dieser früheren Deduction müssen aber
von einer Induction abgeleitet sein. Die Gesetze einer jeden be-
sonderen Ursache, die Antheil an der Erzeugung der Wirkung nimmt,
zu ermitteln, ist daher das erste Erfordernis» (das erste Stadium) der
deductiven Methode; — der zweite Theil (das zweite Stadium) der-
selben ist die Bestimmung aus den Gesetzen der Ursachen, welche
Wirkung eine gegebene Combination dieser Ursachen hervorbringen
wird. Dies ist ein Process der Berechnung in dem weitesten Sinne
des Wortes, und schliesst häufig eine Berechnung in dem engeren
Sinne ein. — Den dritten wesentlichen Bestandteil (das dritte Sta-
dium) der deductiven Methode, und ohne welchen alle Resultate, die
sie gewähren kann, keinen anderen Werth haben, als den einer Ver-
muthung, bildet die Bestätigung (Verification) oder Probe der Folgerung.
Um das Vertrauen auf die durch Deduction erhaltenen allgemeinen
Schlüsse zu rechtfertigen, müssen diese Schlüsse bei einer sorgfältigen
Vergleichung mit den Resultaten der directen Beobachtung, wo man
sie immer haben kann, übereinstimmend befunden werden." John
Stuart Mill (die inductive Logik. Braunschweig, 1849; p. 180, 181,
187, 190).
An die Spitze dieses Abschnittes, welcher die höchst wichtige
und nothwendige Wechselwirkung der induetiven und der
deductiven Methode erläutern soll, stellen wir die Aussprüche zweier
ausgezeichneter Männer, von denen der eine als „Naturforscher"", der
andere als „Philosoph" die grössten Verdienste hat. Auf den ersten
Blick scheinen sich vielleicht beide geradezu zu widersprechen. Schlei-
den preist die inductive, Mill die deductive Methode, welche diametral
von der ersteren verschieden zu sein scheint, als die ..allein richtige"
und ausschliesslich zu befolgende Methode der Naturwissenschaft. In-
dessen ergiebt eine genauere Betrachtung ihrer Erklärungen alsbald,
dass dieser Gegensatz nur ein theilweiser, nur insofern vorhanden ist ;
welche von Schwierigkeiten begleitet ist, die, wie bereits gezeigt wurde, nur
durch die Deduction allein gelöst werden können. Deduction heisst das
grosse wissenschaftli che W erk unserer uud der zukünft igen Zeiten.
Der Theil, welcher fortan der speeifischen Erfahrung bei der Vervollkommnung
der Wissenschaft bewahrt ist, besteht hauptsächlich darin, dass sie dem deducti-
ven Forscher Winke giebt, die er zu verfolgen hat, und in der Bestätigung oder
Einschränkung seiner Schlüsse." John Stuart Mill (1. c) p. 223, 224.
Haeckel, Generelle Morphologie. Q
82 Methodik der Morphologie der Organismen.
als Schi ei den für die philosophische Naturwissenschaft eine engere,
Mill eine weitere Grenze der Schlussfolgerung aus der Beobachtung
zieht. Allerdings will der erstere zunächst nur die Induction gelten
lassen und schliesst die Deduction ganz aus, während der letztere
die Induction ausdrücklich nur als eine Voraussetzung, als das noth-
wendige „ erste Stadium " der Deduction gelten lässt. Nach Seh leiden
würde die Erfahrung nur vom Einzelnen aus in das Ganze, vom Be-
sonderen aus in das Allgemeine gehen und nur von der Wirkung aus
auf die Ursache, von der Thatsache ans auf das Gesetz schliesseu
dürfen. Nach Mill dagegen darf die Naturwissenschaft nicht auf die-
ser Stufe stehen bleiben, sondern sie darf und muss auch den umge-
kehrten Weg der Schlussfolgerung gehen; sie darf und muss von dem
Ganzen auf das Einzelne, von dem Allgemeinen auf das Besondere
schliessen; sie darf und muss aus der Ursache die Wirkung, aus dem
Gesetze die Thatsache folgern können.
Die hier offen zu Tage tretende thatsächliche Differenz über die
wichtigste Methode der Naturforschuug zwischen zwei scharfsinnigen
Männern, die beide mit tiefem philosophischen Blick die Geistesopera-
tionen der naturwissenschaftlichen Schlussfolgerungen untersucht haben,
ist desshalb für uns von hohem Interesse, weil sie uns auf zwei ver-
schiedene Denkweisen unter den biologischen Naturforschern hinweist,
die gerade jetzt im Begriffe sind, sich mit irTebr oder weniger klarem
Bewusstsein von einander zu trennen und einseitig sich gegenüber zu
treten. Es kann nämlich keinem Zweifel unterliegen, dass die von
Schieiden als die allein richtige Methode gepriesene Induction, welche
damals allerdings, den phantastischen Träumereien und den unreifen
Deductionen der früheren Naturphilosophen gegenüber, vollkommen am
Platze war, durch ihre ausschliessliche Geltung sehr viel zu der ein-
seitigen „ exaet-empirischen " Richtung beigetragen hat, die in den letz-
ten Decennien mehr und mehr die herrschende geworden ist. Indem
man hier immer allgemeiner nur die Induction allein als die
„ eigentliche" Methode der Naturforschung gelten Hess und die Deduction
völlig ausschloss, beraubte man sich selbst des fruchtbarsten Denk.
processes, der gerade in den biologischen Disciplinen zu den grössten
Entdeckungen führt, Zum Wenigsten wollte man Nichts von dem-
selben wissen, wenn gleich man unbewusst sich desselben häufig und
mit dem grössten Erfolge bediente. Denn es ist nicht schwer nachzu-
weisen, dass die wichtigsten Entdeckungen, welche in dem letztver-
flossenen Zeitraum gemacht wurden, und insbesondere die allgemeineren
biologischen Gesetze, zu denen man gelangte, zwar durch vorhergehende
und höchst wesentliche, aber nicht durch ausschliessliche Hülfe der In-
duction gemacht wurden, dass vielmehr fast immer die der Induction
III. Induction und Deduction. 83
nachfolgende, meist unbewusste Deduction die allgemeine und sichere
Geltung der Erfahrung erst begründete.
Wenn die Induction ausschliesslich in dem strengsten Sinne, wie
Schieiden will, die Methode der naturwissenschaftlichen Untersuchung
und Schlussfolgerung sein und bleiben sollte, so würde der Fortschritt
unserer Erkenntnisse und ganz besonders der Fortschritt in der Fest-
stellung allgemeiner Gesetze nur ein äusserst langsamer und allmähliger
sein; ja, wir würden sogar zur Aufstellung der allgemeinsten und
wichtigsten Naturgesetze niemals gelangen, und den allgemeinen Zu-
sammenhang der grössten und umfassendsten Erscheinungsreihen nie-
mals erkennen. Zu diesen können wir immer nur durch deductive
Verstandes -Operationen gelangen, und zwar nur durch reichliche und
häufige, allerdings aber auch nur durch richtige und sehr vorsichtige
Anwendung der Deduction.
Induction und Deduction stehen nach unserer Ansicht in der
innigsten und notwendigsten Wechselwirkung, in ähnlicher Weise, wie
es Goethe von der Analyse und Synthese ausspricht: „Nur Beide
zusammen, wie Aus- und Ein-Athmen, machen das Leben der Wissen-
schaft." Mi 11 ist sicher im vollkommensten Rechte, wenn er der De-
duction die grösste Zukunft prophezeit, und die Induction vorzüglich
nur als die erste Stufe, als das erste Stadium der Deduction gelten
lässt. Diese Vorbedingung ist für eine richtige Deduction aber auch
unerlässlich. Entweder muss eine directe Induction die Basis der gan-
zen deductiven Operation bilden, oder es muss statt jener directen
Induction eine andere Deduction zu Grunde liegen, die selbst wieder
direct oder indirect durch eine Induction sicher begründet ist. Es
muss also in allen Fällen, — und dies hervorzuheben ist sehr wichtig —
eine Induction die Basis, den ersten Schritt des ganzen Schlussver-
fahrens bilden, und erst auf dieser Basis kann sich dann die Deduction
sicher aufbauen.
Es wird also dadurch, dass man die deductive Methode als die
wichtigste, fruchtbarste und bedeutendste der naturwissenschaftlichen
Forschung hinstellt, die Bedeutung der inductiven Methode keineswegs
geschmälert, sondern vielmehr nur insofern moditicirt, als sie die not-
wendige Basis, die unentbehrliche Einleitung der ersteren sein muss.
Wir können mithin allgemein aussprechen, dass die Induction die erste,
unentbehrlichste und allgemeinste Methode der Naturforschung sein
muss, dass aber die letztere, wenn sie zu allgemeinen Gesetzen ge-
langen, diese mit Sicherheit beweisen und den fundamentalen und all-
gemeinen Zusammenhang der Erscheinungen erkenneu will, nicht bei
der Induction stehen bleiben darf, sondern sich zur Deduction wenden
muss. Die Induction gelangt durch vergleichende Zusammenstellung
vieler einzelner verwandter specieller Erfahrungen zur Aufstellung
6*
S4 Methodik der Morphologie der Organismen.
eines allgemeinen Gesetzes. Die Deduction folgert aus diesem generellen
Gesetze eine einzelne specielle Thatsache. Wird diese letztere nun
nachher durch die Erfahrung als wirklich erwiesen, so war die de-
ductive Folgerung richtig, und durch die Probe oder Verification,
welche diese nachträgliche Erfahrung liefert, ist das Gesetz bestätigt,
ist die allgemeine Gültigkeit des Gesetzes mit weit grösserer Sicher-
heit festgestellt, als es durch die Induction jemals hätte geschehen
können.
Eine klare und vollständige Erkenntniss von dem Wesen dieser
beiden wichtigsten Verstandes -Operationen, eine vollkommene Ueber-
zeugung von der Notwendigkeit ihrer präcisen Anwendung, und eine
richtige Auffassung des innigen gegenseitigen Wechselverhältnisses, in
welchem Induction und Deduction zu einander stehen, halten wir für
äusserst wichtig, und für einen jeden Naturforscher, der die Mittel zur
Lösung seiner Aufgabe klar erkennen und sein Ziel mit Bewusstsein
verfolgen will, ganz unerlässlich. Wenn die meisten Naturforscher
gegenwärtig von diesen Methoden, sowie überhaupt von einer streng
philosophischen Behandlung ihrer Aufgabe, Nichts wissen und leider
auch meist Nichts wissen wollen , so ist es ihr eigener schlimmer
Nachtheil. Denn ^tatsächlich können sie diese beiden wichtigsten
Geistesoperationen des Naturforschers nirgends entbehren, und that-
sächlich bedienen sie sich derselben fortwährend, wenn auch ganz un-
bewusst, und daher meist unvollständig. Inductive und deduetive
Methode sind keineswegs, wie Viele meinen, besondere Erfindungen
der Philosophen, sondern es sind natürliche Operationen des mensch-
lichen Geistes, welche wir überall und allgemein, wenn auch meist
unklar, unvollständig und unbewusst anwenden. Wenn aber die wis-
senschaftliche Anwendung der Induction und Deduction mit Bewusst-
sein erfolgt, wenn sich der Naturforscher der Bedeutung und des
Nutzens, der Tragweite und der Gefahren dieser Methoden bewusst
ist, so kann er sich derselben mit weit grösserem Erfolge und mit
weit vollkommnerer Sicherheit bedienen, als wenn er sie unklar, unbe-
wusst und daher unvollständig und unvorsichtig anwendet. Jeder
Wanderer, der auf verwickelten Wegen, durch Wald und Feld, über
Berg und Thal, sein Wanderziel verfolgt, erreicht dasselbe rascher und
sicherer, mit weniger Gefahr des Irrthums und mit geringerem Zeit-
aufwand, wenn er die Wege kennt, als wenn sie ihm unbekannt sind.
Methoden, und zwar ganz vorzüglich die philosophischen Methoden der
Naturwissenschaft, sind aber nichts Anderes, als Wege der Forschung,
und wer diese Wege genau kennt und mit sicherem Bewusstsein ver-
folgt, wird sein wissenschaftliches Ziel ohne Zweifel immer besser
und schneller erreichen, als derjenige, dem diese Kenntniss der richti-
gen Wege fehlt.
III. Iuduction und Deduction. g5
Obwohl Induction und Deduction zweifelsohne die wichtigsten psychi-
schen Functionen des erkennenden Menschen, und vor Allem des am tief-
sten und gründlichsten erkennenden Menschen, d. h. des Naturforschers
sind, so mangelt es dennoch gänzlich an einer gründlichen psychologischen
Erläuterung derselben. Freilich geht es hier diesen beiden Methoden nicht
viel schlechter, als vielen anderen wichtigen Denkprocessen. Auf eine
wahrhaft natürliche, d. h. genetische Erklärung derselben werden wir erst
dann hoffen können, wenn ein naturwissenschaftlich und namentlich biologisch
gebildeter Philosoph, d. h. ein an klares strenges Denken gewöhnter Naturfor-
scher (eine seltene Erscheinung!) endlich einmal eine vergleichende Psycho-
logie schaffen wird, d. h. eine Seelenlehre, welche die gesammten psychi-
schen Functionen durch die ganze Thierreihe und namentlich durch die
Stufenleiter des Wirbelthier-Stammes hindurch verfolgt und die allmählige
Differenzirung derselben bis zu ihrer höchsten Blüthe im Menschen nach-
weist. Da diejenigen Functionen des Centralnervensystems, welche man
unter dem Namen des „Seelenlebens" zusammenfasst, durchaus nach den-
selben Gesetzen entstehen und sich entwickeln, durchaus in gleicher Weise
an die sich diffcrenzirenden Organe gebunden sind, wie die übrigen soma-
tischen Functionen, so können wir zu einer richtigen Erkenntniss derselben
(die einen Theil der Physiologie bildet) auch nur auf dem gleichen Wege wie
bei den letzteren gelangen, d. h. auf dem vergleichenden und dem
genetischen Wege. Nur allein die Vergleichung der verschiedenen Ent-
wicklungsstufen des Seelenlebens bei unseren Verwandten, den übrigen
Wirbelthieren, das Studium der allmähligen Entwicklung desselben von
frühester Jugend an bei allen Vertebraten, und die Herstellung der voll-
ständigen Stufenleiter von allmähligen Uebergangsformen, welche das Seelen-
leben von den niederen zu den höheren Wirbelthieren, und insbesondere
von den niedersten Säugethieren an bis zu den höchsten, von den Beutel-
thieren durch die Reihe der Halbaffen und Affen hindurch bis zum Men-
schen darstellt — nur allein diese auf dem vergleichenden und genetischen
Wege erlangten psychologischen Erkenntnisse werden uns das volle Ver-
ständniss unseres eigenen Seelenlebens eröffnen und uns die bewunderns-
würdig weit gehende Differenzirung der psychischen Functionen erkennen
lassen, welche uns vor allen andern Wirbelthieren auszeichnet. ')
') Wenn wir hier die Differenzirung und Entwickelung der menschlichen
Psyche im Ganzen genommen über diejenige aller anderen Wirbelthiere stel-
len , so wird vielleicht die vergleichende und genetische Psychologie diese An-
sicht künftig insofern einschränken , als sie darthuu , wird dass einzelne See-
lenerscheinungen, welche deu drei Functionsgruppeu des Erkennens (Denkens),
Wollens und Empfindens untergeordnet sind, bei einzelnen Wirbelthieren hö-
her als beim Menschen entwickelt sind. Gegenwärtig lässt sich über diesen
äusserst wichtigen und interessanten Gegenstand fast noch Nichts aussagen , da
erst sehr wenige ernste Versuche zu einer wissenschaftlichen, d. h. ver-
gleichenden und genetischen Psychologie der Wirbelthiere ge-
macht sind. Der gänzlich nichtssagende Ausdruck „Instinkt," mit welchem m an
das gesammte Seeleuleben der Thiere, gegenüber dem des Menschen zu b^än^jahP /TT"
/4v°:xt
86 Methodik der Morphologie der Organismen.
Dass die induetive und deductive Geistesoperation bei den uns nächst-
verwandten Wirbelthieren überall nach denselben Gesetzen und in derselben
Weise, wie bei uns selbst, zu Stande kommt und angewendet wird, und
dass hier nur quantitative, keine qualitativen Differenzen sich finden, lehrt
jede nur einigermaassen unbefangene und sorgfältige Beobachtung, z. B.
schon bei den uns am meisten umgebenden Hausthieren. Auch hier ge-
hören induetive und deductive Erkenntnisse zu den allgemeinsten und wich-
tigsten psychischen Processen. Wenn z. B. Jagdhunde, wie bekannt, in
die tödtlichste Angst gerathen, sobald der Jäger das Schiessgewehr auf
sie anlegt, so ist diese Erregung die Folge eines vollständigen induetiven
und deduetiven Denkprocesses. Durch zahlreiche einzelne Erfahrungen
haben sie die tödtliche Wirkung des Schiessgewehrs kennen gelernt. Sie
schliessen daraus, dass diese Wirkung stets eintritt, sobald das Gewehr
auf ein lebendes Wesen gerichtet wird. Aus diesem als allgemein erkann-
ten Gesetze folgern sie, dass in diesem speciellen Falle dieselbe Wirkuug
eintreten werde, und wenn der Jäger nun wirklich auf sie schösse, so hät-
ten sie den vollständigen Beweis von der Richtigkeit ihres deduetiven
Schlusses erhalten. Auf dieselben psychischen Operationen gründet sich
auch die gesammte Erziehung der Hausthiere, wie der Menschenkinder,
mittelst der gebräuchlichsten und allgemeinsten Erziehungsmittel, der Schläge.
Ein Pferd z. B. macht in zahlreichen einzelnen Fällen die Erfahrung, dass
mit einem bestimmten Zurufe des Kutschers Schläge verbunden sind, die
aufhören, so bald es sich in Trab -setzt. Es folgert daraus durch In-
duetion das Gesetz (die Erziehungs-Maxime), dass diese Schläge constant
und allgemein mit dem Zurufe verbunden sind, und setzt sich, um jene zu
vermeiden, späterhin sofort von selbst in Trab, sobald der Zuruf ertönt.
Das Pferd schliesst hier in jedem einzelnen Falle durch Deduction zurück,
dass auf den Zuruf die Schläge erfolgen werden, und wenn sie wirklich
erfolgen, so war die Yerification seiner Deduction geliefert.
Diese einfachen Verhältnisse der Induction und Deduction, welche ge-
wissermassen eine in sich selbst zurücklaufende Kette von Ideen -Associa-
tionen herstellen (indem von vielen Einzelnen auf das Allgemeine geschlos-
sen und von diesem auf ein anderes Einzelnes zurück geschlossen wird),
sind ganz dieselben, welche zur Erkenntniss der complicirtesten Ver-
hältnisse und zur Entdeckung der wichtigsten Gesetze in der Naturwis-
senschaft geführt haben. Vor Allen in den am meisten „exaeten" Wissen-
nen pflegt, ist nur ein trauriger Deckmantel für unsere bodenlose Unkenntniss.
Wenn man freilich bedenkt, wie gänzlich verkehrt noch unser gesammter Jugend-
unterricht ist, wie wir von den Thieren , mit denen wir leben, und die unsere
nächsten Verwandten sind, fast Nichts lernen, wie unsere sogenannten „gebilde-
ten" Gesellschaftsklassen sich in der gröbsten Unkenntniss der Natur, die sie.
umgiebt, in der vollkommensten Unklarheit über ihre Beziehungen zu derselben
befinden, so kann man sich nicht wundern, wenn gerade über diesen wichtigsten
Punkt, über die qualitative Uebereinstimmung (und die nur quantitative Diffe-
renz) der menschlichen und thierischen Psyche die verkehrtesten Vorstellungen
herrschen.
III. Induction und Deduction. 87
schafteu, in der Astronomie und Mechanik, in der Chemie und Physik, in
der Geologie und Mineralogie wird von der inductiven und der ergänzen-
den deductiven Methode allgemein der weiteste und fruchtbarste Gebrauch
gemacht. Nur in den biologischen Wissenschaften,, und ganz besonders in
der Morphologie der Organismen, besteht noch allgemein eine solche Scheu
vor Anwendung dieser wichtigsten Erkenntniss- Methoden, dass man sich
lieber der rohesten und gedankenlosesten Empirie in die Arme wirft, als
dass man zu ihnen seine Zuflucht nähme. Fragen wir nach den Gründen
dieser seltsamen Erscheinung, so finden wir sie auch hier wieder theils in
der allgemeinen Abneigung der Biologen, und namentlich der Morphologen,
gegen alle strengen philosophischen Methoden, theils in der Unkenntniss
derselben, theils in der Furcht vor den Schwierigkeiten ihrer Anwendung
und vor den Gefahren, welche dieselben mit sich bringen.
Nun ist es allerdings richtig, dass diese Gefahren, welche in der na-
türlichen Unvollständigkeit, in der nur annähernden Sicherheit der inductiven
und deductiven Methode selbst begründet sind, gerade auf dem Gebiete
der organischen Morphologie grösser sind, als irgendwo. Denn nirgends
so wie hier ist einer subjectiven und willkührlichen Erkenntniss Thür und
Thor geöffnet; nirgends gelten so wenig feste unverbrüchliche Gesetze und
Regeln als auf diesem Gebiete; und nirgends so wie hier, gehen factisch
die Ansichten der verschiedenen Naturforscher über eine und dieselbe Sache
auf das Weiteste aus einander. Allein wenn auch der Weg hier besonders
schlüpfrig und gefährlich, wenn der Irrthum und Fehltritt hier besonders
leicht und nahe ist, so müssen wir dennoch diesen Weg betreten, als den
einzig möglichen, auf dem wir überhaupt vorwärts kommen können.
Auf allen Gebieten der organischen Morphologie, in der Tectologie
wie in der Promorphologie, in der Ontogenie wie in der Phylogenie, überall
werden wir der Induction und der darauffolgenden Deduction, deren Veri-
fication selbst erst die Induction sicher stellt, den weitesten Spielraum
gönnen, die allgemeinste Anwendung geben müssen, wenn wir überhaupt
zu unserm Ziele, zur Erkenntniss allgemeiner Bildungsgesetze gelangen
wollen. Kaum werden wir aber so oft und so allgemein irgendwo inductive
und deductive Methode verbunden zur Anwendung bringen müssen, als in
der Phylogenie, in der paläontologischen Entwickelungsgeschichte und der
genealogischen Verwandtschaftslehre der Organismen. Hier beruht ge-
radezu jeder Fortschritt zu der Erkenntniss der allgemeinen Gesetze auf
der weitesten und vollständigsten Anwendung der Deduction. Mit der In-
duction allein würden wir hier keinen Schritt vorwärts kommen. Die In-
duction fusst ausschliesslich auf der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung.
Da wir nun von keinem einzigen fossilen, ausgestorbenen Organismus den
ganzen Körper, sondern stets nur einzelne Theile desselben, meist sogar
nur unbedeutende Fragmente kennen, so müssen wir nothwendig zur Er-
gänzung derselben unsere Zuflucht zur Deduction nehmen. Wir haben aus
der vergleichenden Anatomie der lebenden Verwandten des fossilen Or-
ganismus, von dem wir nur ein kleines, aber charakteristisches Fragment be-
sitzen, die allgemeinen Organisationsgesetze inductiv erschlossen, welche
dieser ganzen Gruppe eigenthümlich sind, und wir folgern daraus, dass auch
3g Methodik der Morphologie der Organismen.
diese ausgestorbene Art dieselben Verhältnisse gezeigt haben werde. Fin
den wir nun nachträglich noch vollständigere Reste derselben, welche diese
Folgerung bestätigen, so ist unsere Deduction vcrificirt. Cuvier hatte durch
die genauesten vergleichend anatomischen Untersuchungen sich (auf in-
ductivem Wege) eine vollständige Kenntniss vom Bau der Beutelthiere ge-
bildet. Als ihm eines Tages ein fossiler Unterkiefer gebracht wurde, schloss
er aus einer gewissen Formeigenthümlichkeit desselben sofort (auf deductivem
Wege), dass derselbe einem Beutelthier angehöre, und die nachfolgende
Ausgrabung des ganzen Skelets verificirte diese Deduction vollständig,
machte die Probe, die zu seiner Rechnung stimmte.
In äusserst zahlreichen Fällen bilden wir uns auf vergleichend ana-
tomischem und embryologischem Wege, durch Induction, bestimmte allge-
meine Vorstellungen von den natürlichen Verwandtschaftsverhältnissen gan-
zer Organismen-Gruppen. Diese drücken wir am kürzesten und anschau-
lichsten dadurch aus, dass wir dieselben in Form eines Stammbaums, einer
genealogischen Tabelle zusammenstellen. Niemals aber ist dieser Stamm-
baum vollständig, indem immer zahlreiche (lebende oder fossile) Ueber-
gangsglieder zwischen den verwandten Formen fehlen. Durch Deduction
schliessen wir auf die (jetzige oder frühere) Existenz dieser verbindenden
Uebergangsglieder, und wenn dieselben (wie das schon oftmals geschehen
ist) nachträglich wirklich entdeckt werden, so ist unsere Deduction durch
die nachfolgende Verification auf das Glänzendste gerechtfertigt.
Viertes Capitel: Zweite Hälfte.
Kritik der naturwissenschaftlichen Methoden, welche sich gegen-
seitig NOTHWENDIG AUSSCHLÜSSEN MÜSSEN.
IV. Dogmatik und Kritik.
„In aller Bearbeitung der Wissenschaften treten sich stets zwei
Methoden als unmittelbare Gegensätze gegenüber. Einerseits ist es
die dogmatische Behandlung, die schon Alles weiss, der mit ihrem
augenblicklichen Standpunkt die Geschichte ein Ende erreicht hat,
die ihre Weisheit wohl vertheilt und wohl geordnet vorträgt, und von
ihren Schülern keinen andern Bestimmungsgrund zur Annahme des
Gehörten fordert, als das avzog e<pa. Dieser in ihrem ganzen Wesen
falschen Weise tritt nun die andere entgegen, die wir für die reine
Philosophie die kritische, für die angewandte Philosophie und für
die Naturwissenschaften die inductorische Methode nennen; die sich be-
scheidet noch wenig zu wissen; die ihren Standpunkt von vornherein
nur als eine Stufe in der Geschichte der Menschheit ansieht, über
welche hinaus es noch viele folgende und höhere giebt, die aber frei-
IV. Dogmatik und Kritik. g9
lieh nur als ihr folgende angesehen werden können; und die ihre
Schüler auffordert, sie zu begleiten und unter ihrer Anleitung im eige-
nen Geist und in der Natur zu suchen und zu finden."') Schiei-
den (Grundzüge der wissensch. Botanik, III. Aufl. p. 4).
Obgleich es wohl nach dem vorstehenden Ausspruche Seh leid ens,
der den Gegensatz zwischen kritischer und dogmatischer Methode
scharf characterisirt, scheinen könnte, als ob die kritische Methode mit
der im vorigen Abschnitte erläuterten induetiven Methode identisch
sei, so glauben wir doch, dass man richtiger die letztere nur als
einen Inhaltstheil der ersteren, als eine ihr subordinirte Methode auf-
fasst. Der Umfang des Begriffs der „Kritik" ist weiter, als derjenige
der „Induction", und nach unserer Ueberzeugung muss auch die De-
duetion, welche doch von der Induction wesentlich verschieden und ihr
gewissermaassen entgegengesetzt ist (indem sie umgekehrt verfährt),
stets nicht minder „ kritisch " zu Werke gehen, als die Induction selbst.
Wir halten es daher nicht für überflüssig, die Bedeutung der kritischen
Forschungsmethode hier noch besonders zu erörtern; um so mehr, als
einerseits wir im vorigen Abschnitt die Induction nur im Gegensatz
zur Deduction (und nicht zur Dogmatik) besprochen haben, anderer-
seits aber die nur allzuhäufige Vernachlässigung der kritischen Methode
den biologischen Naturwissenschaften, und ganz besonders den ver-
schiedenen Zweigen der organischen Morphologie offenbar gescha-
det hat.
Denn wenn man die vielen grundverschiedenen Ansichten über-
blickt und vergleicht, welche von den verschiedenen Morphologen zur
Erklärung sowohl zahlloser Einzel -Erscheinungen als auch grösserer
Erscheinungsreihen auf dem botanischen und zoologischen Gebiete auf-
gestellt worden sind, so erkennt man bald, dass nicht bloss die Schwierig-
keit des höchst verwickelten Gegenstandes selbst, sondern mehr noch
Mangel an allgemeinem Ueberblick, und vor Allem Mangel an Kritik
diese grellen und seltsamen Widersprüche bedingt. Statt umsichtiger
') „Freilich ist die dogmatische Methode in ihrer strengsten Consequenz
eine an sich unmögliche, und jeder Einzelne, der ihr anhängt, muss immer mehr
oder weniger eine Zeit lang der kritischen Methode gefolgt sein, um nur zur
dogmatischen Behandlungsweise kommen zu können; und seine wissenschaftliche
Thätigkeit wird daher sehr verschiedene Abstufungen darbieten, je nachdem er
mehr oder weniger die allein richtige kritische Methode in Anwendung gebracht
und in seiner Darstellung durchscheinen lässt. Verfolgen wir nun von diesem
Gesichtspunkte aus die Geschichte der Menschheit, so sehen wir, wie aller Fort-
schritt in den einzelnen Disciplinen immer nur an die Herrschaft der induetiven
und kritischen Methoden geknüpft ist, und wie sich die einzelnen Methoden erst
ganz allmählig eine nach der anderen das Bewusstsein der allein richtigen Me-
thode erobern." Sc hl ei den (I.e.) p. 5.
90 Methodik der Morphologie der Organismen.
und auf breite inductive Basis wohl begründeter Theorieen, treffen wir
vielmehr fast allenthalben höchst vage Hypothesen von durchaus dog-
matischen] Character an; ja bei aufrichtiger Prüfung des gegenwärtigen
Zustaudes unserer Wissenschaft müssen wir zu unserni Leidwesen ge-
stehen, dass überall in derselben die dogmatische Richtung noch weit
über die kritische überwiegt.
Leider ist dieser höchst schädliche Mangel an Kritik so allge-
mein und hat insbesondere in den letzten Decennien, gleichzeitig
und in gleichem Schritt mit dem extensiven Wachsthum und der da-
mit verbundenen Verflachung der organischen Morphologie, so sehr zu-
genommen, dass wir kein einzelnes Beispiel anzuführen und den un-
parteiischen Leser bloss zu ersuchen brauchen, einen Blick in eine belie-
bige Zeitschrift für „wissenschaftliche" Zoologie oder Botanik zu werfen, um
sich von dem dogmatischen und kritiklosen -Character der meisten
Arbeiten zu überzeugen. Nirgends aber tritt dieser Character so nackt
und abschreckend zu Tage, als in der Mehrzahl derjenigen Schriften,
welche die Species-Frage behandeln, und insbesondere in denjenigen,
welche die Descendenz-Theorie zu bekämpfen suchen. Dass gerade in
dieser hochwichtigen allgemeinen Frage die gänzlich dogmatische
und kritiklose Richtung der organischen Morphologie in ihrer ganzen
Blosse und Schwäche auftritt, kann freilich Niemanden überraschen,
der durch eigene systematische Studien sich einen Begriff von dem
ausserordentlichen Gewicht dieser allgemeinen Frage gebildet und da-
bei die Ueberzeugung gewonnen hat, dass hier ein einziges colossales
Dogma die gesammte Wissenschaft nach Art des drückendsten Ab-
solutismus beherrscht. Denn nur als ein colossales Dogma,
welches ebenso durch hohes Alter geheiligt, und durch blin-
den Autoritätenglauben mächtig, wie in seinen Praemissen
haltlos und in seinen Consequenzen sinnlos ist, müssen wir
hier offen die gegenwärtig immer noch herrschende An-
sicht bezeichnen, dass die Species oder Art constant und
eine für sich selbstständig erschaffene Form der Organi-
sation ist.
„Immerfort wiederholte Phrasen verknöchern sich zuletzt zur Ueber-
zeugung und verstumpfen völlig die Organe des Anschaueus." Dieses
goldene Wort Goethe*s findet nirgends in höherem Grade Geltung,
als in dieser Frage. In der T hat, wenn man mit kritischer Vorurtheils-
losigkeit unbefangen alle Voraussetzungen erwägt, auf welche die An-
hänger des Species-Dogma sich stützen, und die Folgerungen zieht,
welche nothwendig aus demselben gezogen werden müssen, so begreift
man nur durch Annahme „einer völligen Verstumpfung der Organe
des Anschauens/' wie dieses in sich hohle und widerspruchsvolle Dogma
130 Jahre hindurch fast unangefochten bestehen, und wie dasselbe nicht
IV. Dogmatik und Kritik. 91
allein die Masse der gedankenlosen Naturbeobachter, sondern auch die
besten und denkendsten Köpfe der Wissenschaft beherrschen konnte.
Seltsames Schauspiel ! Einem Götzen gleich steht allmächtig und all-
beherrschend dieses paradoxe Dogma da, welches Nichts erklärt und
Nichts nützt, und welches zu der Gesainmtheit aller allgemeinen bio-
logischen Erscheinungsreihen sich im entschiedensten Widerspruche
befindet. Während alle einzelnen grösseren und kleineren Thatsachen-
Reihen, welche auf dem Gebiete der Biologie, und namentlich der Mor-
phologie, seit mehr als hundert Jahren sich so massenhaft angehäuft
haben, übereinstimmend und gleichsam spontan zu dem grossen Re-
sultate hinleiten, dass die unendliche Mannichfaltigkeit der Thier- und
Pflanzen-Formen die reich differenzirte Nachkommenschaft einiger we-
niger einfacher gemeinsamer Stammformen sei, während alle anatomi-
schen und embryologischen, alle paläontologischen und geologischen
Data ebenso einfach als nothwendig auf dieses gewaltige Resultat hin-
arbeiten, bleibt die entgegengesetzte, rein dogmatische und durch keine
Thatsachen gestützte Ansicht über ein Jahrhundert lang allgemein herr-
schend! Credunt, quia absurdum est!
In Wahrheit ist diese Betrachtung für die Geschichte der Wissen-
schaft von hohem Interesse, und keine andere kann uns in so hohem
Grade vor den Gefahren und Nachtheilen einer dogmatischen und le-
diglich durch die Autorität gestutzten Anschauungsweise warnen, und
so nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer strengen kritischen
Untersuchungsmethode hinweisen. Wären die Morphologen nur mit
etwas mehr Kritik verfahren und hätten sie die Autorität des Species-
Dogma nur etwas weniger gefürchtet, so hätte dasselbe schon längst
in sich zusammenstürzen müssen. Und wieviel weiter wären wir da-
durch gekommen! So aber bewährt sich auch hier wieder der alte
Spruch von Goethe: „Die Autorität verewigt im Einzelnen, was ein-
zeln vorüber gehen sollte, lehnt ab und lässt vorüber gehen, was fest-
gehalten werden sollte, und ist hauptsächlich Ursache, dass die Mensch-
heit nicht vom Flecke kommt."
Wenn wir näher nach den Ursachen fragen, welche dem Dogmatismus
auf dem biologischen Gebiete eine so ausgedehnte Herrschaft und eine so
feste Geltung verschafft haben, so finden wir sie auch hier wieder vorzugs-
weise in dem Mangel an allgemeiner philosophischer Vorbildung
bei den meisten biologischen Naturforschern, und in der merkwürdigen Un.
klarheit, in welcher sich dieselben nicht allein über die eigentlichen Ziele
ihrer Wissenschaft, sondern auch über die allein richtigen Wege, auf denen
sie diese Ziele erreichen können, befinden. Der hochmüthige und thörichte
Dünkel, mit welchem die meisten Biologen auf jede „ Philosophie " herab-
sehen, bestraft sich selbst zunächst durch den grossen Schaden, den ihnen
diese Verschmähung ihres besten und wichtigsten Untersuchungs- Instru-
ments unmittelbar bringt. Lieber wollen sie ihren schwierigen und an ver-
92 Methodik der Morphologie der Organismen.
führeaden Irr- Pfaden so reichen Weg allein und im Dunkeln gehen, als ge-
führt und erleuchtet von dem sicheren Lichte einer wahrhaft philosophi-
schen Untersuchungsmethode. Lieber werfen sie sich, an einem hohen Berge
von unerklärten Thatsaehen angelangt, zur Umgehung desselben dem ersten
besten Dogma in die Arme, als dass sie sich von einer streng kritischen
und philosophischen Methode zur Entdeckung der in demselben verborge-
nen werthvollen Schätze, der Gesetze leiten Hessen. Freilich spielt auch
hier wieder nicht allein der Mangel an philosophischer Einsicht, son-
dern auch die schon früher gerügte Denkträgheit eine sehr schädliche
Rolle. Die Anstrengung des erkennenden Geistes, welche eine streng
denkende und kritische Naturbetrachtung nothwendig verlangt, ist der Mehr-
zahl der Biologen, und namentlich der Morphologen, viel zu unbequem;
weit bequemer ist es, Thatsaehen unmittelbar „exaet" zu beobachten und zu
beschreiben, und statt nach einer induetiven Erklärung zu suchen, sich dog-
matisch dem ersten besten Einfalle zu überliefern. Dazu kommt, dass die
Meisten keine Ahnung davon haben, wie ausserordentlich schädlich diese
dogmatische Richtung der organischen Morphologie wirkt. Und doch geht
dies so deutlich aus dem traurigen Zustande hervor, in dem sich der allge-
meine Theil unserer Wissenschaft, trotz der zahllosen einzelnen und be-
sonderen Arbeiten, immer noch befindet. Dem weitverbreiteten Mangel an
Kritik müssen wir es wesentlich mit zuschreiben, dass es hier an allgemei-
nen Bildungsgesetzen fast noch gänzlich fehlt, und dass wir nur so selten
dazu gelangen können, aus einer grösseren Reihe von höchst specielleu Ar-
beiten über einen und denselben Gegenstand uns eine sichere allgemeine
Vorstellung über denselben zu bilden.
Eine mit dieser Denkträgheit eng verbundene weitere Ursache jener
herrschenden dogmatischen Richtung und zugleich eine Ursache, welche
derselben zur theilweisen Entschuldigung dienen kann, liegt in dem starken
conservativen Hange und in dem Autoritätenglauben, welche der mensch-
lichen Natur so fest anhaften, und welche zwei ihrer nachtheiligsten und
dunkelsten Schattenseiten bilden. Wohl auf keinem Gebiete der Naturfor-
schung sind dieselben stets so einflussreich gewesen und bis auf den heu-
tigen Tag so mächtig geblieben, als auf dem der Biologie , und vor Allem
der Morphologie der Organismen. Hier mehr als irgendwo gilt ein Dogma
schon desshalb für heilig und unantastbar, weil es sich eine gewisse Reihe
von Jahren hindurch einer allgemeinen Geltung erfreut hat, und eine dog-
matische Hypothese schon desshalb für unangreifbar, weil eine bedeutende
Autorität, ein Coryphaee der Wissenschaft sie aufgestellt hat. In dieser
Beziehung sind die abiologischen Wissenschaften den biologischen weit
voraus, und während in der Krystallographie, in der abiologischen Chemie
und in der Physik von einer dogmatischen Richtung kaum noch die Rede
ist, erscheint uns die organische Morphologie, die biologische Chemie und
die Physiologie noch als ein weiter Tummelplatz der haltlosesten und ver-
schiedenartigsten sich bekämpfenden Dogmen. Wie ausserordentlich schwierig-
es hier auch der bestgewaffneten Kritik wird, vorzudringen, weiss nur der-
jenige, der selbst einmal den Kampf mit einem eingewurzelten Dogma auf-
genommen hat. In dieser Beziehung gleicht die ganze organische Morpho-
IV. Dogmatik und Kritik. 93
logie einem dichten und undurchdringlichen Urwald, in welchem parasitische
Lianeustämme die mächtigsten und gesundesten Bäume umschlingen und
erdrücken, und in welchem das dichte Gewirr der Schlingpflanzen, das alle
Zwischenräume ausfüllt, keinen Lichtstrahl in das unheimliche Dunkel fallen
lässt. Was vermag solchem undurchdringlichen Gestrüpp gegenüber die
kritische Axt eines Einzelnen, wenn sie auch noch so scharf geschliffen wäre ?
Allein den kommenden Generationen der jungen Ansiedler, die hier Schritt
für Schritt mit klarem kritischen Scharfblick und das bewusste Ziel fest im
Auge vordringen, wird es gelingen, diesen Urwald der dogmatischen Vor-
urtheile zu lichten, und die kritische Axt an die faulen Stämme der alten
Autoritäten zu legen.
Verfolgt man eines der zahlreichen Dogmen, von denen es in der
Morphologie wimmelt, näher bezüglich seiner Entstehung, so gewahrt man
alsbald, dass dabei theils absolute Willkühr, theils aber auch unrichtige
und unvollkommene Methode der Schlussfolgerung im Spiele ist. So ist es
vor Allem mit dem allmächtigen und weitest verbreiteten Dogma von der
Constanz und Selbstständigkeit der Species. Bei diesem, wie bei den mei-
sten anderen derartigen Dogmen ist es weniger die reine Willkühr eines
Phantasiegebildes, welche demselben Dauer und Geltung verleiht, als viel-
mehr die scheinbare Begründung des Dogma durch eine, allerdings mei-
stens höchst unvollständige und unreine Induction. Wie Schi ei den sehr
richtig bemerkt, ist die dogmatische Methode in ihrer strengsten Consequenz
eine an sich unmögliche, und man muss immer mehr oder weniger eine Zeit
lang der kritischen Methode gefolgt sein, um nur zur dogmatischen Be-
handlungsweise kommen zu können. Schlagend zeigt sich hier wieder der
grosse Schaden, den die Vernachlässigung einer streng denkenden Unter-
suchungsmethode und die Verachtung der nothweudigen philosophischen
Vorbildung den Morphologen selbst zufügt. Freilich sind sie beständig ge-
zwungen, mit dem unentbehrlichen philosophischen Rüstzeug zu operiren :
sie bilden aus den unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmungen durch Ab-
straction die Begriffe, sie verbinden die Begriffe zu Urtheilen, und ziehen
aus der Combination der Urtheile ihre inductiven Schlüsse. Statt aber
diese wichtigsten Geistes-Operationen mit klarem Bewusstsein vorzunehmen,
sich ihrer hohen Bedeutung bewusst zu werden, ziehen es die Meisten vor, sie
ganz unverstanden zu gebrauchen; und daist es denn nicht zu verwundern,
dass die kritische Erkenntniss des rechten Weges und Zieles verloren geht,
und dass sich der Verstand auf dogmatische Abwege verliert. Wie viele
Thorheiten und Irrthümer wären der biologischen Naturwissenschaft erspart
worden, wenn die richtige Erkenntniss dieses Verhältnisses eine allge-
meinere gewesen wäre, wenn man sich den kritischen Weg, der allein zum
Ziele führt, klar gemacht und dadurch die nöthige Vorsicht gegen die
vielen verführerischen Seitenpfade der dogmatischen Richtung gewonnen
hätte, die nirgends so häufig und so gefährlich sind, als auf dem weiten
und vielgestaltigen Boden der organischen Morphologie. Erfreuliche Re-
sultate für diese können wir erst dann erwarten, wenn allgemein kritische
Induction und Deduction als ausschliessliche Methode angewandt, und die
dogmatische Methode in den Bann gethan wird.
94 Methodik der Morphologie der Organismen.
V. Teleologie und Causalität.
(Vitalismus und Mechanismus.)
..Ein mechanisches Kunstwerk ist hervorgebracht nach einer dem
Künstler vorsehwebenden Idee, dem Zwecke seiner Wirkung. Eine
Idee liegt auch jedem Organismus zu Grunde, und nach dieser Idee
werden alle Organe zweckmässig organisirt; aber diese Idee ist ausser
der Maschine, dagegen in dem Organismus, und hier schafft sie mit
Notwendigkeit und ohne Absicht. Denn die zweckmässig wir-
kende wirksame Ursache der organischen Körper hat keinerlei Wahl,
und die Verwirklichung eines einzigen Plans ist ihre Notwendigkeit;
vielmehr ist zweckmässig wirken und nothwendig wirken iu
dieser wirksamen Ursache ein und dasselbe. Man darf daher
die organisirende Kraft nicht mit etwas dem Geistesbewusstsein Ana-
logen, man darf ihre blinde nothweudige Thätigkeit mit keinem Begriff-
bilden vergleichen. Organismus ist die factische Einheit von organi-
scher Schöpfungskraft und organischer Materie." Johannes Müller
(Handbuch der Physiologie des Menschen, I, p. 23; II, p. 505).
Indem wir in die Untersuchung des äusserst wichtigen Gegen-
satzes zwischen der teleologischen oder vitalistischen und der mecha-
nischen oder causalistischeu Naturbetrachtung eintreten, schicken wir
einen Ausspruch Johannes Müller's voraus, der für das Wesen die-
ses Gegensatzes sehr characteristisch ist. Johannes Müller, den
wir als den grössten Physiologen und Morphologen der ersten Hälfte
unseres Jahrhunderts verehren, war bekanntlich seiner innersten Ueber-
zeugung nach Vitalist, trotzdem er mehr als irgend ein anderer Phy-
siolog vor ihm, für den Durchbruch der mechanischen Richtung in der
Physiologie gethan und in einer Reihe der glänzendsten und vorzüg-
lichsten Arbeiten auf allen einzelnen physiologischen Gebietstheilen die
alleinige Anwendbarkeit der mechanischen Methode bewiesen hatte.
Es begegnete ihm nur bisweilen, wie auch anderen in diesemie organisirt. Da-
durch steht dieses Dogma von der Lebenskraft oder den Endursachen
in einem scharfen und unversöhnlichen Gegensatze zu der „mechani-
schen" oder „causaleir" Auffassung, nach welcher das Leben eine Be-
wegungserscheinung ist, die sich nur durch ihre complicirtere Zusam-
mensetzung von den einfacheren physikalisch- chemischen „Kräften" der
Anorgane (Mineralien, Wasser, Atmosphäre) unterscheidet, und welche
ebenso unzertrennlich mit den zusammengesetzteren Materien des Or-
ganismus verbunden ist, wie die physikalischen und chemischen Eigen-
schaften der Anorgane mit ihrem materiellen Substrate. Diese Ver-
bindung ist eine absolut nothwendige. Die gesammten complicirten
„Lebenserscheinungen der Organismen" sind ebenso durch eine abso-
lute Notwendigkeit bedingt, wie die einfacheren „Functionen" oder
„ Kräfte " der anorganischen Naturkörper. Hier wie dort sind es allein
mechanische Ursachen (Causae efficientes), welche der Materie
inhäriren, und welche unter gleichen Bedingungen stets mit Notwen-
digkeit die gleiche Wirkung äussern.
Hier tritt uns nun das einfache Causal-Gesetz, das Gesetz
des notwendigen Zusammenhanges von Ursache und Wirkung, als
Haeckel, Generelle Morphologie. 7
98 Methodik der Morphologie der Organismen.
das erste und oberste aller Naturgesetze entgegen, welches die ge-
sammte Natur, lebendige wie leblose, mit absoluter Notwendigkeit be-
herrscht. Dieses wichtigste Naturgesetz, in welchem unsere gesammte
Naturerkenntniss gipfelt, sagt zunächst aus, dass jede Wirkung ihre
bestimmte wirkende Ursache (causa efficiens), sowie jede Ur-
sache ihre nothwendige Wirkung (effectus) hat. Aus diesem
notwendigen und unlösbaren Zusammenhange von Ursache und Wir-
kung, welcher die Grundlage unserer ganzen Erkenntniss, unserer ge-
sammten Verstandesthätigkeit ist, folgt dann weiter, dass verschiedene
Wirkungen auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden müssen,
sowie umgekehrt aus verschiedenen Ursachen stets verschiedene Wir-
kungen abzuleiten sind; und ebenso folgt daraus, dass gleiche Wir-
kungen den gleichen Ursachen zuzuschreiben sind, sowie auch umge-
kehrt gleiche Ursachen stets nothwendig gleiche Wirkungen haben
müssen.
Nach diesem ersten und höchsten aller Naturgesetze ist Alles, was
in der Natur existirt, entsteht und vergeht, das nothwendige Resultat
aus einer Anzahl vorhergehender Factoren, und dieses Resultat ist
selbst wieder ein Factor, der zur Hervorbringung anderer Resultate
mit absoluter Notwendigkeit mitwirkt. Diese absolute Notwendig-
keit des unmittelbaren Zusammenhanges von Ursache und Wirkung
beherrscht die gesammte Natur ohne Ausnahme, da ja die gesammte
Natur, lebendige und leblose, nichts Anderes ist, als ein Wechselspiel
von Kräften, welche der gegebenen Summe von Materie inhäriren.
Wenn man dem entgegen in der organischen Natur, in den belebten
Naturkörpern, eine Wirkimg ohne Ursache, eine Kraft ohne Stoff an-
genommen hat, welche mithin dem Causalgesetz nicht unterworfen
wäre, so ist dieser Irrthum lediglich durch die weit grössere Compli-
cation der hier auftretenden Bewegungs-Erscheinungen hervorgerufen
worden, durch die weit grössere Anzahl der verschiedenen Factoren,
welche auf dem Lebensgebiete zur Hervorbringung jedes Resultats zu-
sammenwirken, und durch die weit zusammengesetztere Natur dieser
Factoren selbst. Da wir im zweiten und sechsten Buche auf dieses
Verhältniss noch näher zurückkommen müssen, so möge diese Bemer-
kung genügen, und die ausdrückliche Hinweisung auf die Thatsache,
dass in der ganzen Natur dieselben Kräfte wirksam sind, dass die or-
ganische Natur sich aus der anorganischen erst historisch entwickelt
hat, und dass nur eine gänzliche Verkeunung dieses Umstandes und
die Uebertreibung des Unterschiedes der leblosen und belebten Natur-
körper zu den gänzlich unbegründeten teleologischen und vitalistischen
Dogmen hat verführen können. Alles was uns in der lebendigen Na-
tur als das vorbedachte Resultat einer freien zweckthätigen Ursache,
einer causa final is erscheint, welche die physikalisch -chemischen
V. Teleologie und Causalität. 99
Ursachen beherrscht und von ihnen unabhängig ist, Alles das ist in
der That weiter nichts, als die nothwendige Folge der Wechselwir-
kung zwischen den existirenden mechanischen Ursachen (den „existing
causes" oder den physikalisch-chemischen Ursachen), ist nichts, als
die nothwendige Wirkung mehrerer Causae efficientes. ')
Dass in der That freie zweckthätige Ursachen oder Causae finales
in der gesammten Natur nicht existiren, dass vielmehr tiberall nur
nothwendige mechanische Ursachen thätig sind, wird durch die Ge-
sammtheit aller Erscheinungen in der organischen und anorganischen
Natur auf das Unwiderleglichste bewiesen. Unter allen biologischen
Erscheinungsreihen ist aber in dieser Beziehung keine von so ausser-
ordentlicher Wichtigkeit, und dabei bisher so gänzlich fast von allen
Philosophen und Naturforschern vernachlässigt, als die Wissen-
schaft von den rudimentären Organen, welche wir geradezu die
') Die hochwichtige Erkenntniss von der allgemeinen Gültigkeit des einfachen
Causalgesetzes in der gesammten Natur, von der nothwendigen Consequenz der
causae efficientes in den Organismen, wie in den Anorganen, ist durch Nichts
so sehr hintertrieben und umgangen worden, als durch die aprioristischen Spe-
culationen der nicht empirisch gebildeten Philosophen, welche von vollkommen
willkührlich aufgestellten Praemissen und von ganz unzureichenden Erfahrungen
ausgehend, in der gesammten organischen Natur überall „Zwecke" entdecken
wollten, und dabei in der Regel von der Yergleichung des Organismus mit einer
vom Menschen künstlich construirten Maschine ausgingen. Die Harmonie der
Theile, das Wechselverhältniss derselben zum Ganzen, welches bei der künstlich
construirten Maschine durch die bewusste Zweckthätigkeit menschlichen Verstan-
des und Willens erzielt wird, das sollte in den durch „natürliche Zweckmässig-
keit" entstehenden Organismen von einem der letzteren anolog wirkenden zweck-
thätigen Principe bewirkt werden. Sobald man dieses Princip, die Lebenskraft etc.,
in seiner Wirksamkeit näher zu bestimmen suchte , musste man natürlich immer
tiefer in den groben Anthropomorphismus hineinsinken, auf dem dieser
ganze Vergleich beruht. Ausserdem wurde aber eine grundfalsche Folgerung in
denselben noch dadurch hineingebracht, dass man von der gänzlich unberechtig-
ten und durch keine Erfahrung bewiesenen Annahme eines freien Willens beim Men-
schen ausging. Und doch musste jede einigermaassen aufrichtige und tiefer
gehende Selbstprüfung zeigen, dass ein freier Wille nicht existirt, und
dass jede scheinbar freie Willenshandlung, auch die einfachste, das absolut noth-
wendige Resultat aus der höchst complicirten Zusammenwirkung zahlreicher
verschiedener Factoren ist. Jeder dieser Factoren ist abermals ein absolut
nothwendiges Resultat aus dem complicirten Zusammenwirken vieler anderer Fac-
toren (wirkender Ursachen) u. s. w. Wenn wir die unabsehbare Kette dieser
mechanischen, mit Notwendigkeit wirkenden Ursachen bis auf ihren ersten Ur-
sprung zu verfolgen suchen, so gelangen wir endlich zu zweierlei verschiedenen
Grundursachen, nämlich einmal den erblichen, d.h. den eigenen, der Materie
des Organismus ursprünglich inhärenten, und sodann zu den fremden, welche der
Organismus durch Anpassung, durch Wechselwirkung mit seiner Umgebung, er-
worben hat. Vergl. V. Buch.)
7*
100 Methodik der Morphologie der Organismen.
Unzweckmässigkeitslehre, Dysteleologie nennen könnten. Jeder höhere
und entwickeltere Organismus, und wahrscheinlich die grosse Mehrzahl der
Organismen Überhaupt, ist im Besitz von Organen, welche keine Functionen
haben, welche zu keiner Zeit des Lebens jemals thärig sind, und welche
im besten Falle dem Organismus gleichgültig, häufig ihm aber geradezu
nachtheilig sind. Diese rudimentären Organe, welche zu aller Zeit das
grösste Kreuz der Teleologie waren, sind in der That für dieselbe das
untibersteiglichste Hinderniss, und diese sowohl, als die zahlreichen an-
deren un zweckmässigen und unvollkommenen, oft sogar für
den Organismus selbst höchst nachtheiligen und schäd-
lichen Einrichtungen, welche bei zahlreichen Organismen vorkom-
men, lassen sich lediglich aus den mechanischen wirkenden Ursachen,
und durchaus nicht aus zweckthätigen Endursachen erklären. ') Diese
Erklärung ist nun zuerst von Darwin gegeben worden. Seine grosse
Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe um das Dasein er-
klärt alle diese Verhältnisse ganz vollkommen, wie im fünften und
sechsten Buche gezeigt werden wird.
Da wir dort diese Verhältnisse noch ausführlich zu erörtern haben,
so genügt hier der Hinweis auf das ganz besondere Verdienst, welches
Darwin um die definitive Lösung dieser äusserst wichtigen Funda-
mental-Fragen hat. Wir erblicken in Darwins Entdeckung der
natürlichen Zuchtwahl im Kampfe um das Dasein den schla-
gendsten Beweis für die ausschliessliche Gültigkeit der
mechanisch wirkenden Ursachen auf dem gesammten Ge-
biete der Biologie, wir erblicken darin den definitiven Tod
aller teleologischen und vitalistischen Beurtheilung der
Organismen. 2 )
') Dass wirklich im Thier- und Pflanzenreich äusserst zahlreiche höchst un-
vollkommene und unpraktische, unnütze und schädliche Organisation- Verhält-
nisse existiren, welche die Existenz der betreffenden Organismen selbst in mehr
oder minder hohem Grade gefährden, und sehr häufig ihren Untergang herbei-
führen, ist eine bisher zwar wenig hervorgehobene, aber äusserst wichtige That-
sache, welche jedem Botaniker und Zoologen, der einen weiteren Ueberblick
über sein Gebiet besitzt, bekannt ist. Den schlagendsten Beweis dafür liefern
die complicirten Verhältnisse des Kampfes um das Dasein, in welchem in jedem
Augenblick Tausende von Organismen zu Grunde gehen, um den vollkommeneren
und weniger unzweckmässig organisirten Formen von derselben „Art" Platz zu
macheu. Die gesammte Palaeontologie bildet hierfür eine fortlaufende Beweis-
kette, und schon in dieser Beziehung allein den glänzendsten Beweis für die
Wahrheit der genialen Lehre Darwin's.
2 ) Von der gänzlichen Verkenunng und dem vollständigen Missverständniss,
welche Darwin's Begründung der Descendenz-Theorie nicht allein bei vielen
Laien, sondern auch bei zahlreichen, und selbst bei sehr berühmten Naturfor-
schern gefunden hat, legt vielleicht kein Umstand schlagenderes Zeuguiss ab,
als die wahrhaft komische Thatsache, dass man Darwin's Lehre alles Ernstes
V. Teleologie und Causalität. 101
Die unschätzbaren Entdeckungen Darwins haben das Gesammtgebiet
der organischen Natur plötzlich durch einen so hellen Lichtstrahl erleuchtet,
dass wir iürderhin keine Thatsache auf demselben mehr als unerklärbar
werden anzusehen haben. Wir sagen: „unerklärbar", nicht: „unerklärt".
Denn erklärt ist auf diesem ganzen vasten Gebiet immer noch im Ganzen
ausserordentlich wenig. Freilich hatte die strenge physikalisch -chemische
Richtung in der Physiologie die Lebensfunctionen der bestehenden Organis-
men schon seit mehreren Decennien in so hohem Maasse aufgeklärt, und so
viele, wenn auch zunächst nur beschränkte Gesetze gefunden, dass an einer
vollständigen Erklärung aller Erscheinungen auf diesen Gebieten mittelst
rein mechanisch wirkender Ursachen schon vor dem Erscheinen von Dar-
wins epochemachendem Werk (1859) nicht gezweifelt werden konnte. Ganz
anders aber sah es bis dahin auf dem Gebiete der Anatomie und der
Entwickelungsgeschichte aus. Die Entstehung der organischen Formen, die
Entwickelungsgeschichte der Organismen galten fast allgemein für Erschei-
nungsreihen, welche jeder mechanischen Causal-Erklärung vollständig unzu-
gänglich seien, und auf welche nur durch teleologisch -vitalistische Be-
trachtungen ein erklärendes Licht geworfen werden könne '). Diesen Irr-
den Vorwurf einer teleologischen Naturbetrachtung gemacht hat! So sagt
Kölliker, einer der an Kenntnissen (aber nicht an Erkenntnissen!) reichsten
Mikroskopiker: „Mit Bezug auf Darwin' s Grundanschauungen ist erstens her-
vorzuheben, dass Darwin im vollsten Sinne des Worts Teleolog ist" (!!) (Zeitschr.
f. wiss. Zool. XIV). Kölliker stellt daun statt des Priucips der natürlichen
Züchtung, welches er durchaus als teleologisch verwirft, den „Grundgedanken"
auf, „dass der Entstehung der gesammten organisirten Welt ein grosser Ent-
wickelungsplan zu Grunde liegt" (!). Mit anderen Worten, Kölliker setzt
an die Stelle des von D arwin entdeckten, höchst wichtigen thatsächlichen
Verhältnisses, welches jede Teleologie ausschliesst, ein leeres und nichts-
sagendes Wort. Denn dieser „grosse Entwicklungsplan" ist entweder gar
Nichts oder eine durchaus teleologische Vorstellung, welche Nichts erklärt.
Richtiger hat Oskar Schmidt die Vernichtung, welche Darwin über die ge-
sammte Teleologie verhängt, beurtheilt, indem er ihr als „wesentlichstes apho-
ristisches Bedenken entgegen hält, dass sie den Zufall zum Weltprincip macht."
Auch schon von anderen Teleologen ist dieser Einwand als der wesentlichste
hervorgehoben worden. Nach unserer Auffassung zerfällt derselbe mit der gan-
zen Teleologie in Nichts. Denn es giebt einen „Zufall" so wenig, als einen
„Zweck" in der Natur, so wenig als einen sogenannten „freien Willen." Viel-
mehr ist jede Wirkung nothwendig durch vorausgehende Ursachen bedingt, und
jede Ursache hat nothwendig Wirkungen in ihrem Gefolge. In unserer An-
schauung tritt an die Stelle des „Zufalls" in der Natur, ebenso wie an die Stelle
des Zweckes und des freien Willens, die absolute Nothwendigkeit, die
nväyxr}.
l ) Dass in der That der beschränkte teleologisch-vitalistische Standpunkt,
nur in den verschiedensten Nuancen der Oonsequenz abgestuft,
und mit den verschiedensten Graden des Bewusstseins verfolgt,
in der gesammten Morphologie der Organismen vor Darwin der allgemein herr-
schende gewesen sei (einzelne ehrenvolle Ausnahmen natürlich abgerechnet),
könnte vielleicht Diesem oder Jenem, und besonders dem längst der Teleologie
1Q2 Methodik der Morphologie der Organismen.
thurn hat Darwin vollständig und mit einem Schlage vernichtet. Darwin
hat evident bewiesen, wie es die einfachsten mechanischen Causal- Verhält-
nisse sind, welche diese anscheinend so complicirten und für so gauz uner-
klärlich gehaltenen Lebens -Erscheinungen, die Formbildung und die Ent-
wickelung regeln und beherrschen. Da wir dies im fünften und sechsten
Buche auseinander zu setzen haben, so können wir hier darauf verweisen.
Nur ein Umstand möge hier noch besonders hervorgehoben werden,
nämlich, dass durch die von Darwin thatsächlich erklärte Entstehung der
complicirtesten organischen Formen bereits factisch die Hauptstütze der
Teleologie vernichtet und zertrümmert ist. Alle einer teleologischen Be-
trachtung der organischen Naturerscheinungen geneigten Philosophen, und vor
Allen Kant, dessen Einfluss auf die Entwicklung der Naturwissenschaft in
unserem Jahrhundert (wegen seiner breiteren empirischen Grundlage) grösser
geworden ist, als derjenige irgend eines anderen speculativen Philosophen,
hatte ausdrücklich für die Notwendigkeit einer teleologischen Beurtheilung
der organischen Natur hervorgehoben, dass deren Processe vollkommen un-
erklärlich, dem Erkenntniss-Vermögen des Menschen nicht zugänglich, und
dass insbesondere die Entstehung der complich'teren Organismen durch bloss
mechanische Ursachen vollkommen unbegreiflich sei. Die Befugniss der
mechanischen Ursachen zur Erklärung dieser Erscheinungen wurde von Kant
ausdrücklich zugestanden, aber das V ermögen der Erklärung ihnen ab-
gesprochen. Daher wollte er auch die „natürliche Zweckmässigkeit" der
Teleologie nur als Maxime der Beurtheilung, nicht als Erkenntnissprincip
zulassen. Ausdrücklich sagte er desshalb, dass die lebendige Natur nicht
Gegenstand der Erkenntniss, sondern bloss der Betrachtung sein
könne, weil eben die bewegenden Kräfte der Materie nicht zur Erklärung
der Organisation ausreichten. So gerieth denn auch Kant in die unauf-
lösliche Antinomie zwischen Mechanismus und Teleologie. Während er
in seinen „metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" bewiesen
hatte, dass Alles in der materiellen Natur mechanisch entstehe und aus be-
wegenden Kräften als mechanischen Ursachen erklärt werden müsse, war er
nun in der „Analytik der teleologischen Urtheils kraft" gezwungen zu erklä-
ren, dass Einiges in der materiellen Natur, nämlich das Organische, das
entwöhnten Physiologen und Abiologen, eine übertriebene Behauptung erscheinen.
Indess liefert fast die gesaumite morphologische Literatur hierfür die schlagend-
sten Beweise. Selten freilich ist dieser kurzsichtige Standpunkt mit solchem
Bewusstsein und solcher Consequenz festgehalten worden, wie dies z.B. von
Reichert geschehen ist. Wer die ganze Beschränktheit, die wahrhaft komi-
schen Widersprüche, und den gänzlichen Mangel an Ueberblick der Gesainmtnatur
und an Einblick in ihr causales Wesen keunen lernen will, die gewöhnlich mit
der extremen Consequenz des Vitalismus verbunden sind, dem empfehlen wir zur
ebenso belehrenden als erheiternden Leetüre die höchst seltsamen und an philo-
sophischer -Verworrenheit das Maximum leistenden Aufsätze von Reichert in
Müller' s Archiv f. An. u. Ph. etc. 1855 p. 1 (über atomistische und systematische
Naturauflässung) und 1856 p. 1 (die Morphologie auf dem Standpunkt der syste-
matischen Naturauflässung).
V. Teleologie und Causalität. 103
Leben, nicht mechanisch entstehen und nicht aus bewegenden Kräften als
rein mechanischen Ursachen erklärt werden könne. Hier ist die Achilles-Ferse
der Kantischen Philosophie. Während Kant in allen seinen Erklärungen
der anorganischen Natur, vor Allem in seiner Naturgeschichte des Himmels,
ein bewunderungswürdiges Muster der exactesten denkenden naturwissen-
schaftlichen Forschung, der besten Naturphilosophie geliefert hatte, verliess
er auf dem Gebiete der Biologie die allein mögliche Bahn der empirischen
Philosophie gänzlich und warf sich der verführerischen Teleologie in die
Arme, die ihn nun von Irrthum zu Irrthum weiter führte.
Wenn dieser grosse Irrthum einen so hervorragenden und kritischen
Denker, wie Kant war, vollkommen gefangen halten und zu so starken
dogmatischen Fehlern weiter verleiten konnte, so dürfen wir uns nicht wun-
dern, dass zahlreiche unbedeutendere Philosophen demselben blindlings folg-
ten, und dass das ganze Heer der Biologen, welche froh waren, nun nicht
weiter denken zu brauchen, dem aufgepflanzten Banner mit grosser Genug-
thuung folgte. In der That war es so ausserordentlich bequem und leicht,
mit irgend einer teleologischen Betrachtung jeden Versuch einer mechani-
schen Erklärung der organischen Natur abzuschneiden, dass die Teleologie
bald zum allgemeinen Feldgeschrei der Biologie wurde. Niemand war fro-
her darüber, als die grosse Mehrzahl der Morphologen, welche nun unge-
stört der Beobachtung, Beschreibung und Abbildung aller möglichen or-
ganischen Formen sich hingeben konnten, ohne durch irgend einen un-
bequemen kritischen Gedanken über die mögliche Bedeutung dieser Formen,
über ihre mechanischen Ursachen und über den causalen Zusammenhang der
Furmbildungsreihen beunruhigt zu werden. Da die meisten Morphologen,
sowohl die „ Systematiker " als die „Anatomen" in diesem behaglichen und
idyllischen Formgenusse vollkommene Befriedigung fanden, und da sie in
diesem wissenschaftlichen Halbschlafe oder doch wenigstens in diesem ge-
dankenarmen Traumleben von der eigentlichen Aufgabe ihrer Wissenschaft,
von der Erklärung der organischen Formverhältnisse, keine Ahnung hatten,
so erscheint uns schon hieraus die tiefe Entrüstung vollkommen erklärlich,
als plötzlich Darwin' s lauter Weckruf ertönte, und diesem behaglichen
teleologischen Stillleben mit einem Male ein jähes und grausames Ende be-
reitete. Aus behaglichem Mittagsschlummer durch einen kritischen Stoss
aufgeschreckt zu werden ist immer höchst unangenehm, und besonders wenn
dieser sanfte Schlummerzustand, habituell, fast zur anderen Natur geworden
ist, wie bei unserer heutigen Morphologie.
Was Kant betrifft, so zweifeln wir nicht, dass wenn er heut' erstände,
sein ganzes kritisches Lehrgebäude eine vollkommen andere Form erhalten
würde, und dass er die von Darwin entdeckte mechanische Erklärung der
Entstehung der Organismen und die von der neueren Physiologie festge-
stellte mechanische Erklärung ihrer Lebens-Erscheinungen, nach denen er so
lange und so vergeblich gestrebt, acceptiren würde. Der biologische Theil
der Kantischen Philosophie würde dann, mit Ausschluss aller Teleologie,
die Erklärang der organischen Natur eben so vollkommen auf rein mecha-
nische „wirkende Ursachen" begründen, wie es der abiologische Theil schon
damals in so vollendetem Maasse gethan hat.
104 Methodik der Morphologie der Organismen.
Dadurch, dass wir die Teleologie Kant's für einen überwundenen
Standpunkt erklären, wollen wir demselben natürlich in keiner Weise einen
Vorwurf machen und es vermindert unsere Verehrung dieses grossen Phi-
losophen und unsere Hochachtung vor seinen ausserordentlichen Verdiensten
auf dem Gebiete der Abiologie nicht im Geringsten, wenn wir demselben
die gleichen Verdienste auf dem biologischen Gebiete absprechen, und seine
Kritik der teleologischen Urtheilskraft für ein von der Basis an irrthüm-
liches Lehrgebäude halten. Wenn man bedenkt, auf welcher ausserordent-
lich niedrigen Stufe zu Kant's Zeit die gesammte empirische Biologie stand,
wie die Physiologie, die Entwicklungsgeschichte, die Morphologie der Or-
ganismen, als selbstständige Wissenschaften damals noch gar nicht anerkannt
waren, so finden wir hierin, und in den vitalistischen Vorurtheilen , die das
ganze Zeitalter gefangen hielten, Grund genug dafür, dass Kant an der
Möglichkeit einer wissenschaftlichen Biologie geradezu verzweifeln und die
Erklärung der lebendigen Natur für etwas Unmögliches halten konnte. Mit
anderen Worten heisst das nichts Anderes, als dass die gesammten Biolo-
gen gleiche Thoren sind, wie die vielen Träumer, welche den Stein der
Weisen suchten. Wenn die gesammte organische Natur, wie Kant behaup-
tet, in ihrem innersten Wesen unbegreiflich und unerkennbar ist, wenn
deren Erscheinungen nicht aus mechanisch wirkenden Ursachen erklärt wer-
den können, so sind alle Naturforscher, welche nach einer solchen Erklä-
rung streben und suchen, kindische Thoren. In dieser notwendigen Con-
sequenz zeigt sich die ganze Unhaltbarkeit der Teleologie und des davon
nicht trennbaren Vitalismus. Die Teleologie als wissenschaftliche Methode
ist in der That unmöglich; sie verneint sich selbst.
Wenn wir bedenken, dass eine Anzahl von Erscheinungen der organi-
schen Natur schon wirklich erklärt, dass die Gesetze für eine wenn auch
relativ noch kleine Zahl von biologischen Thatsachen bereits wirklich ge-
funden sind, und dass diesen Gesetzen dieselbe absolute Geltung zuge-
standen werden muss, wie jedem physikalisch -chemischen Gesetze, wenn
wir bedenken, dass eine wissenschaftliche Physiologie überhaupt nur durch
die strengste Ausschliessung jeder Teleologie möglich ist, so werden wir
die letztere auch aus dem Gebiete der organischen Morphologie vollständig
verbannen dürfen. Und am wenigsten werden wir, wenn wir diese Lehre
als wirkliche Wissenschaft ansehen, mit der heuchlerischen Miene, die viele
Morphologen lieben, erklären dürfen, dass wir uns demüthig mit der blossen
erbaulichen Betrachtung der Organismen begnügen und ja keinen iudiscre-
ten Blick in das uns verschlossene Geheimniss ihrer „inneren Natur", ihres
causalen Wesens thun wollen.
Einen Punkt müssen wir hierbei schliesslich noch offen berühren. Die
meisten Morphologen der Neuzeit lieben es, die unversöhnliche Gegnerschaft
zwischen teleologischer und mechanischer Biologie dureh ein versöhnliches
Mäntelchen zu verdecken und einen Compromiss zwischen den beiden ent-
gegen gesetzten Extremen zu erstreben. Bis zu einer gewissen Grenze soll
die organische Natur erkennbar sein, und von da an soll die Erkennbarkeit
aufhören. Eine Reihe von biologischen Erscheinungen soll sich auf dem me-
chanischen Wege aus wirkenden Ursachen erklären lassen, der übrige Rest
VI. Dualismus und Monismus. 105
aber nicht. Dies ist allerdings insofern richtig, als unser menschliches
Erkenntniss vermögen beschränkt ist, und als wir die letzten
Gründe nicht von einer einzigen Erscheinung wahrhaft erkennen können.
Dies gilt aber in ganz gleichem Maasse von der organischen
und anorganischen Natur. Die Entstehung jedes Krystalls bleibt für
uns in ihren letzten Gründen eben so räthselhaft, wie die Entstehung jedes
Organismus. Die letzten Gründe sind uns hier nirgends zugänglich.
Jenseits der Grenze des Erkenntnissvermögens können wir uns beliebige,
ohne inductive Grundlage gebildete Vorstellungen, zu unserer persönlichen
Geniüths- Befriedigung schaffen, niemals aber dürfen wir versuchen, diese
rein dogmatischen Vorstellungen des Glaubens in die Wissenschaft einzu-
führen. Und ein solches Glaubens-Dogma ist jeder teleologische und vita-
listische Erklärungs-Versuch.
Von allen denkenden Menschen fordern wir in erster Linie, dass sie
consequent sind, und von allen Naturforschern, welche die Teleologie und
den Vitalismus in der Biologie für unentbehrlich halten, fordern wir, dass
sie diese Methode in strengster Consequenz für die Betrachtung aller Er-
scheinungen der organischen Natur ohne Ausnahme, für die gesammte Physiolo-
gie, Entwickelungsgeschichte und Morphologie, durchführen. Unseres Wissens
liegt nur ein einziger derartiger Versuch im grössten Style aus der neueren
Zeit vor. Das ist der äusserst merkwürdige „Essay on Classification 1 ' von
Louis Agassiz, der fast gleichzeitig mit seinem vernichtenden Todfeinde,
mit Darwin' s Theorie, das Licht der Welt erblickte. Jedem Biologen,
welcher sich nicht entschliessen kann zur absoluten Verwerfung der teleo-
logischen und zur unbedingten Annahme der mechanischen Methode, em-
pfehlen wir dieses höchst interessante Buch, welches trotz des grössten Auf-
wandes von Geist in jedem Capitel sich selbst vernichtet und negirt, zur
aufmerksamen Leetüre. Und wenn er dann noch an dem Vitalismus oder
der Teleologie festhalten kann, empfehlen wir ihm dieselbe dualistische Con-
sequenz, wie Louis Agassiz.
VI. Dualismus und Monismus.
„Die Kichtung des Denkens der Neuzeit läuft unverkennbar auf
Monismus hinaus. Der Dualismus, fasse man ihn nun als Gegensatz
von Geist und Natur, Inhalt und Form, Wesen und Erscheinung, oder
wie man ihn sonst bezeichnen mag, ist für die naturwissenschaftliche
Anschauung unserer Tage ein vollkommen überwundener Standpunkt.
Für diese giebt es keine Materie ohne Geist (ohne die sie bestimmende
Notwendigkeit), aber ebenso wenig auch Geist ohne Materie. Oder
vielmehr es giebt weder Geist noch Materie im gewöhnlichen Sinne,
sondern nur Eins, das Beides zugleich ist. Diese auf Beobachtung be-
ruhende Ansicht des Materialismus zu beschuldigen, ist eben so verkehrt,
als wollte man sie des Spiritualismus zeihen. " August Schleicher. ')
') August Schleicher, die Darwinsche Theorie und die Sprachwissen-
schaft. Weimar, 1863, p. 8. ludern ich meinem lieben Freunde und Collegen
106 Methodik der Morphologie der Organismen.
Diese Worte des berühmten comparativen Linguisten, der die na-
turwissenschaftliche Untersuchungsmethode in der vergleichenden
Sprachforschung durchgeführt, und als der Erste von allen Sprach-
forschern die Theorie Darwins mit eben so viel Geist als Erfolg
auf diesen Theil der vergleichenden Physiologie angewandt hat, be-
zeichnen mit treffender Wahrheit den unversöhnlichen Gegensatz zwi-
schen Dualismus und Monismus, der unsere gesammte Naturwissen-
schaft, wie die ganze Denkthätigkeit unserer Zeit in zwei feindliche
Heerlager trennt. Wir können nicht umhin, hier am Schlüsse unserer
kritisch -methodologischen Einleitung noch kurz bei einer Betrachtung
dieses Gegensatzes zu verweilen, obschon die vorhergehenden Ab-
schnitte zur Genüge gezeigt haben werden, dass wir den Monismus
in aller Schärfe und in seinem vollen Umfange für die einzig richtige
Weltanschauung und folglich auch für die einzig richtige Methode in
der gesammten Naturwissenschaft halten, und dass wir jede dualistische
Erkenntniss-Methode unbedingt verwerfen.
Die thatsächliche Vereinigung und vollkommene Versöhnung,
welche in dem Monismus solche scheinbare Gegensätze finden, wie es
Kraft und Stoff, Geist und Körper, Freiheit und Natur, Wesen und
Erscheinung sind, ist auf keinem Gebiete des Erkennens mehr hervor-
zuheben, als auf demjenigen der Biologie, und vor Allem auf dem der
organischen Morphologie. Denn, wie schon im Vorhergehenden viel-
fach gezeigt worden ist, hat Nichts so sehr einer gesunden und na-
türlichen Entwicklung unserer Wissenschaft geschadet, als der künst-
lich erzeugte Dualismus, durch welchen mau bei jeder Beurtheilung
eines Organismus seiner materiellen körperlichen Erscheinung eine davon
unabhängige Idee oder einen „Lebenszweck" entgegensetzte, ein
Dualismus, welcher sich in der naturwissenschaftlichen Untersuchungs-
Methode als Gegensatz von Philosophie und Naturwissenschaft, von
Schleicher, der diese kleine Schrift in Form eines Öffentlichen Sendschrei-
bens an mich pnblicirte, hierfür bei dieser Gelegenheit öffentlich meinen herz-
lichsten Dank abstatte, erlaube ich mir zugleich die Naturforscher, welche sich
für die weitere Begründung der Descendenz-Theorie interessiren (und alle Biolo-
gen sollten dies thuii!) auf die schlagende und überraschende Beweisführung
hinzuweisen, welche Schleicher dort zu Gunsten derselben mit seinem lingui-
stischen Materiale liefert. In der That treten viele Verhältnisse der natürlichen
Zuchtwald im Kampfe um das Dasein bei den Sprachen in viel klarerer und
einfacherer Weise hervor, als es bei anderen Functionen des Thierleibes der
Fall ist. Wenn die vergleichende Sprachforschung erst ihren natürlichen Platz
als empirisch-philosophische Naturwissenschaft in der Physiologie des Menschen
gefunden haben wird, so wird zweifelsohne dieses wichtige und interessante Ver-
hältniss eine gerechtere und allgemeinere Würdigung finden, als es bisher der
Fall gewesen ist.
VI. Dualismus und Monismus. 107
Denken und Erfahren überall zum grössten Schaden einer natürlichen
Erkenntniss entwickelt hat. Wie unendlich viel weiter würde unsere
Wissenschaft jetzt sein, wenn man sich dieses künstlich erzeugten
Zwiespalts bewusst geworden wäre, und wenn man mit klarem Be-
wusstsein die monistische Beurtheilungsvveise als die einzig mögliche
Methode einer wirklichen Natur-Erkenntniss befolgt hätte.
Indem der Monismus als philosophisches System nichts Anderes, als
das reinste und allgemeinste Resultat unserer allgemeinen wissenschaft-
lichen Weltanschauung, unserer gesammten Natur-Erkenntniss ist, bildet
seine unterste und festeste Grundlage das allgemeine Causal-Ge-
setz: „Jede Ursache, jede Kraft, hat ihre nothwendige Wirkung, und
jede Wirkung, jede Erscheinung, hat ihre nothwendige Ursache." Schon
hieraus ergiebt sich, dass derselbe jede Teleologie und jeden Vital is-
mus, welche Form dieser auch annehmen mag, absolut verneint, und
insofern ist die monistische Methode in der Biologie zugleich die
mechanische, die causale, deren alleinige Berechtigung der vorige
Abschnitt dargethan hat. Da nun die vielbestrittene Geltung des
mechanischen Causal-Gesetzes in der organischen Natur durch Nichts
so sehr gefördert und so bestimmt begründet worden ist, als durch
Darwins Theorie, so können wir auch diese Lehre als eine rein
monistische bezeichnen. Und in der That beruht dieses ganze wun-
dervolle Lehrgebäude, wie alle einzelnen Theile desselben, vollkommen
auf reinen monistischen Anschauungen. Wenn wir dereinst mit Hülfe
der Descendenz -Theorie die gesammte Morphologie der Organismen
auf die allein sichere Grundlage der mechanischen Naturgesetze be-
gründet, die Erscheinungen der organischen Morphologie mechanisch-
causal, aus ihren wirkenden Ursachen werden .erklärt haben, so wird
das darauf gegründete System der Morphologie der Organismen
ein absolut monistisches Lehrgebäude sein, wie es freilich jede
wahre Wissenschaft, insofern sie Naturwissenschaft sein will und muss,
mit Notwendigkeit erstreben muss.
Da der Ausdruck Monismus in unzweideutiger Weise diejenige
kritische Auffassung der gesammten (organischen und anorganischen)
Natur, und diejenige kritische Methode ihrer Erkenntniss, welche wir
auf den vorhergehenden Seiten als die allein mögliche und durchführ-
bare dargethan haben, bezeichnet, so werden wir uns dieses kurzen
und bequemen Ausdrucks stets bedienen, wo es darauf ankommt, an
die von uns ausschliesslich befolgte Methode zu erinnern; andererseits
werden wir als Dualismus stets kurz diejenigen verschiedenen, der
unseligen entgegengesetzten Auffässungsweisen der Natur und Metho-
den ihrer Erkenntniss bezeichnen, welche als „teleologische 1 ' und „vi-
talistische, " als „ systematische " und „ speculative " Dogmen für die Be-
urtheilung und Erkenntniss der organischen Natur andere Methoden
108 Methodik der Morphologie der Organismen.
fordern, als für die Beurtheilung und Erkenntniss der anorganischen
Natur allgemein anerkannt sind.
Von allen Gegensätzen, welche der Dualismus künstlich erzeugt und auf-
stellt, und welche der Monismus versöhnt und aufhebt, ist keiner für die
gesammte Wissenschaft wichtiger, als der auch jetzt noch meist so all-
gemein festgehaltene Gegensatz von Kraft und Stoff, von Geist und Mate-
rie, und der auf diese künstliche Antinomie gegründete Gegensatz von Er-
fahrung und Denken, von empirischer Naturwissenschaft und speculativer
Philosophie. Wir haben oben im Eiugange unserer methodologischen Er-
örterungen die absolute Notwendigkeit eiuer Vereinigung dieser Richtungen
nachzuweisen versucht, und wir müssen hier am Ende nochmals kurz darauf
zurückkommen, da nach unserer festesten Ueberzeugung die versöhnende Auf-
hebung dieses Gegensatzes den Anfang und das Ende, das A und das aller
wirklichen „Wissenschaft" bildet. Leider wird ja immer noch von so vielen Sei-
ten der durchaus künstliche Gegensatz, durch welchen man Empirie und Philo-
sophie zu trennen sucht, und welcher vorzüglich einer höchst einseitigen Ver-
folgung jeder der beiden Richtungen entsprungen ist, so starr festgehalten,
dass nicht genug auf die Notwendigkeit ihrer Versöhnung durch den Mo-
nismus hingewiesen werden kann.
Die vollendete Philosophie der Zukunft, welche wir oben als das reife
Resultat der nothwendigen und vollkommenen gegenseitigen Durchdringung
von Empirie und Philosophie bezeichnet haben, wird in der That nichts
weiter sein, als ein vollendetes System des Monismus. Freilich wird zur
Erreichung dieses hohen Zieles vor Allem die erste Vorbedingung zu er-
füllen sein, dass die Naturforscher Philosophen werden und dass sich die
Philosophen in Naturforscher umwandeln, oder dass sich, mit anderen Wor-
ten, dieser durchaus künstliche und höchst schädliche Zwiespalt aufhebt.
In der That ist, wenn wir an Beide die Anforderung einer vollständig
reifen Ausbildung auf ihrem Gebiete stellen, nicht ein Unterschied —
wir sagen, nicht ein Unterschied — zwischen Naturforschern und Philo-
sophen, zwischeu Natur- Wissenschaft und Natur -Philosophie ausfindig zu
machen. Beide sind vielmehr stets und überall ein und dasselbe. Die
höher entwickelte Zukunft wird diesen künstlich erzeugten Dualismus nicht
mehr kennen. Ihre monistische Weltanschauung wird Naturwissenschaft
und Philosophie zu dem grossen Ganzen einer einzigen allumfassenden
Wissenschaft verschmelzen.
Von dieser absoluten Wahrheit des Monismus unerschütterlich durch-
drungen, schliessen wir diese kritische und methodologische Einleitung, wie
wir sie begonnen, mit einem Ausspräche unseres unvergleichlichen Goethe:
„Weil die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existirt
und wirksam sein kann, so vermag auch die Materie sich zu steigern, so-
wie sich's der Geist nicht nehmen lässt, anzuziehen und abzustossen; wie
derjenige nur allein zu denken vermag, der genugsam getrennt hat, um zu
verbinden, genugsam verbunden hat um wieder trennen zu mögen."
Zweites Buch.
Allgemeine Untersuchungen über die Natur und erste
Entstehung der Organismen, ihr Verhältniss zu den
Anorganen, und ihre Eintheilung in Thiere
und Pflanzen.
„In's Innre der Natur - a
O Du Philister! —
„Dringt kein er schaf'fn er Geist."
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern ;
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
„Glückselig! wem sie nur
„Die äussre Schale weist!"
Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles giebt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe Du nur allermeist,
Ob Du Kern oder Schale seist.
Goethe.
I. Organische und anorganische Stoffe.
111
Fünftes Capitel.
Organismen und Anorgane.
„Der Geist übt sich an dem würdigsten Gegen-
stande, indem er das Lebendige nach seinem inner-
sten Werth zu kennen und zu zergliedern sucht."
Goethe.
I. Organische und anorganische Stoffe.
I) 1. D iffer entielle Bedeutung der organischen und anorganischen
Materien.
Bevor wir an unsere eigentliche Aufgabe gehen, und nach den
im ersten Buche festgestellten Methoden und Principien die Grundzüge
der generellen Morphologie der Organismen zu entwerfen versuchen,
scheint es uns unerlässlich, den Begriff des Organismus selbst, sowie
sein Verhältniss zur anorganischen Natur, und die übliche Eintheilung
der Organismen in Thiere und Pflanzen, einer allgemeinen kritischen
Untersuchung zu unterwerfen. Indem wir diese wichtigen Grundbe-
griffe feststellen, gewinnen wir den festen Boden, auf welchem wir
nachher sicher weiter bauen können, während die gewöhnliche Ver-
nachlässigung der unentbehrlichen Fundamente zu der chaotischen
Begriffs- Verwirrung führt, von welcher gegenwärtig unsere Wissen-
schaft ein so trauriges Bild liefert.
Um zu einer klaren Einsicht in „ den innersten Werth des Leben-
digen," in den wesentlichen Character der Organismen, der Thiere
und Pflanzen, zu gelangen, erscheint es uns am zw T eckmässigsten, den-
selben die leblosen Naturkörper, die Anorgane, gegenüber zu stellen,
und beide Hauptgruppen von Naturkörpern, lebendige und leblose, hin-
sichtlich aller allgemeinen Eigenschaften (in chemischer, morphologi-
scher und physikalischer Beziehung) zu vergleichen. Indem wir hier-
bei sowohl synthetisch die Uebereinstimmungen, als analytisch die Un-
terschiede beider Körpergruppen hervorheben, werden wir zu einer
tieferen Einsicht in die innerste Natur und die gegenseitigen Be-
112 Organismen und Anorgane.
Ziehungen derselben gelangen, als es durch eine blosse Definition der
Begriffe möglich ist.
Der Begriff des Organismus ruht ursprünglich auf morpho-
logischer Basis und bezeichnet einen Naturkörper, welcher aus „Or-
ganen" zusammengesetzt ist, d. h. aus Werkzeugen oder ungleicharti-
gen Theilen, welche zum Zwecke des Ganzen vereinigt zusammenwir-
ken. Gegenwärtig haben wir nun zahlreiche ,, Organismen ohne Or-
gane" kennen gelernt, vor Allen die vollkommen homogenen und
structurlosen Plasmakörper oder Moneren (Prologenes, Protamoeba
etc.), ferner viele nach stver wandte einfache Plasmaklumpen, deren
einziges discretes Organ eine einfache Schale oder eine contractile
Blase ist (z. B. viele Rhizopoden und Protoplasten), sodann viele
einzellige Organismen, deren einziges discretes Organ der im Plasma
eingeschlossene Zellenkern, und bisweilen noch eine äussere Um-
hlillungshaut ist (viele Protisten und einzellige Pflanzen etc.) Da Vie-
len dieser einfachsten Organismen bestimmte morphologische Charactere
ganz fehlen, und dieselben zum Theil gar keine, zum Theil nur solche
differente geformte Theile besitzen, die kaum den Namen von „ Organen "
verdienen, so können wir den Begriff des Organismus nur auf physio-
logischer Basis begründen, und nennen demgemäss Organismen alle
jene Naturkörper, welche die eigenthümlichen Bewegungs-
erscheinungen des „Lebens", und namentlich ganz allge-
mein diejenigen der Ernährung zeigen 1 ). Anorgane dagegen
nennen wir alle diejenigen Naturkörper, welche niemals die Function
der Ernährung, und auch keine der anderen specifischen „Lebens-
thätigkeiten " (Fortpflanzung, willkührliche Bewegung, Empfindung)
ausüben.
Da nun die Ernährungsthätigkeit der Organismen, gleich allen an-
deren Lebensfunctionen, ebenso eine unmittelbare Wirkung ihrer ma-
teriellen Zusammensetzung ist, wie jede physikalische Eigenschaft
eines Anorganes unmittelbar in dessen Materie begründet ist, da über-
haupt jede Eigenschaft, Kraft oder Function eines Körpers die un-
mittelbare Folge seiner materiellen Zusammensetzung und seiner Wech-
selwirkung mit der umgebenden Materie ist, so werden wir die nach-
folgende Vergleichung der Organismen und Anorgane zunächst mit
der vergleichenden Betrachtung ihres materiellen Substrates beginnen
') Gewöhnlich werden als die allgemeinen Lebensthätigkeiten, welche allen
Organismen zukommen, die drei Functionen der Ernährung, des Wachsthums
und der Fortpflauzung bezeichnet. Das Wachsthum haben wir hier nicht aufge-
führt, weil dasselbe auch gleicherweise den anorganischen Individuen zukommt,
und die Fortpflanzung nicht, weil dieselbe vielen (geschlechtslosen) organischen
Individuen abgeht.
I. Organische und anorganische Stoffe. 113
müssen. Denn lediglich aus den Verschiedenheiten, welche sich in der
feineren und gröberen Zusammensetzung der Materie zwischen Or-
ganismen und Anorganen zeigen, können wir uns die davon unmittelbar
abhängigen Verschiedenheiten in den Formen und Kräften (Functionen)
beider Gruppen von Naturkörperu erklären.
Da die Aufgabe des vorliegenden Werkes nur die generelle Morpho-
logie der Organismen ist, so könnte es unnöthig erscheinen, auch die An-
organe hier noch besonders in Betracht zu ziehen und eine Vergleichung
zwischen Beiden anzustellen. Indessen hoffen wir, durch diese Vergleichung
selbst von dem Gegentheil zu überzeugen. Denn nach unserem Dafürhal-
ten ist gerade die Verkennung der innigen Beziehungen, welehe zwischen
den leblosen und belebten Naturkörpern überall existiren, vorzugsweise
Schuld an der grundfalschen Beurtheilung, welche das Wesen der letzteren
gewöhnlich erfahren hat, und an dem teleologisch-vitalistischen Standpunkt,
welchen die Mehrzahl der Naturforscher den Organismen gegenüber ein-
genommen hat. Wie bei den meisten biologischen Untersuchungen, so hat
man auch bei Vergleichung der Organismen und Anorgane fast immer von
einseitig analytischem Standpunkte aus nur die trennenden Unterschiede
beider Gruppen von materiellen Körpern hervorgehoben, und dagegen die
verknüpfende Synthese, welche beide Gruppen durch Hervorhebung ihrer
übereinstimmenden Charaktere als ein einheitliches grosses materielles Natur-
ganzes darstellt, fast gänzlich vernachlässigt. Wir sind aber zur allseitigen
Vergleichung der Organismen und Anorgane hier um so mehr aufgefordert,
als die im folgenden Capitel zu besprechende Autogonie nur durch vorur-
teilsfreie Würdigung aller Seiten dieses Verhältnisses erklärt werden kann.
Von allen Grenzlinien, durch welche wir bei unseren systematischen
Eintheiluugs-Versuchen die Naturkörper in natürliche Gruppen zu trennen
streben, erscheint keine einzige so scharf, so deutlich, so unübersteiglich,
als diejenige , welche wir zwischen den belebten und den leblosen Natur-
körpern zu ziehen gewohnt sind. Während die beiden „Reiche" der Thiere
und Pflanzen ganz allmählig in einander überzugehen und durch zahlreiche
Zwischenformen unmittelbar verbunden zu sein scheinen, während jede ein-
zelne grössere und kleinere Abtheilung des Thier- und Pflanzen -Reiches
mit einer oder mehreren anderen Abtheilungen ebenfalls durch Zwischen-
formen so verknüpft ist, dass jede scharfe Grenzlinie hier mehr oder weniger
gezwungen und künstlich erscheint, so sind dagegen Organismen und An-
organe im allgemeinen Bewusstsein der Menschen so vollkommen von ein-
ander geschieden, durch eine so unübersteigliche Kluft von einander ge-
trennt, dass Niemand jemals im concreten Falle darüber in Zweifel sein zu
können glaubt, ob der vorliegende Naturkörper als belebter oder als leb-
loser zu betrachten sei.
Dieser herrschenden Vorstellung gegenüber, welcher es schon über-
flüssig erscheinen dürfte, den „absoluten" Unterschied zwischen Organismen
und Anorganen überhaupt nur in Frage zu ziehen, erscheint es doppelt not-
wendig, hier ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass auch diese Unterschei-
dung nur bis zu einer gewissen Grenze gültig ist. Denn die beiden Gruppen
llaeckel, Generelle Morphologie. 8
1 14 Organismen und Anorgane.
der leblosen und belebten Natnrkörper sind durch keine absolut unausfüll-
bare Kluft von einander getrennt, und gehören nicht zwei verschiedenen
Welten an; die ersten Organismen sind unmittelbar aus Anorganen entstan-
den. Diese Behauptung lässt sich schon als eine absolut nothwendige
Folgerung aus der allgemein angenommenen Kant-Laplace' sehen Theorie
über die Entstehung der Himmelskörper und der Erde insbesondere ablei-
ten. Denn was sagt diese Theorie Anderes, als dass das Leben auf unserer
Erde zn einer bestimmten Zeit zum ersten Male auftrat? Und wenn wir
diese ersteEntstehung des Lebens aufderErde nicht der herrschen-
den Vorstellung gemäss als einen „Schöpfungsakt" ansehen wollen, d. h.
als ein „Wunder", welches sich als solches jeder naturwissenschaftlichen
Betrachtung entzieht, so müssen wir nothwendig annehmen, dass in jenem
Zeitpunkte anorganische Naturkörper zu organischen Verbindungen zusam-
mentraten, dass die „leblose Materie" sich belebte, dass Organismen aus
Anorganen sich hervorbildeten. Ein Drittes giebt es nicht.
Wenn nun schon lediglich diese Erwägung uns zu der Behauptung be-
rechtigt, dass der Uebergang aus anorganischen in organische und in wirk-
lich „lebende" Körper thatsächlich zu irgend einer Zeit erfolgt sein muss,
so knüpft sich daran weiter die Frage, wie derselbe zu Stande kam, und
zugleich die Aufgabe, die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen
von Naturkörpern schai'f zn untersuchen. Diese Forderung erscheint um so
mehr berechtigt, als offenbar jene trennenden Unterschiede bisher meist all-
zusehr betont, und dagegen die verknüpfenden gleichen Grundeigenschaften,
welche Organismen und Anorgane innig verbinden, gewöhnlich nicht be-
rücksichtigt wurden. Indem wir nun hier nicht bloss analytisch das Unter-
scheidende, sondern auch synthetisch das Gemeinsame der lebenden und der
leblosen Naturkörper hervorheben, so werden wir dadurch alsbald nicht
allein den Vortheil haben, den jede allseitige Vergleichung zweier Objecte
bietet, dass wir nämlich den Character jedes einzelnen richtiger und voll-
ständiger beurtheilen; sondern wir werden auch zu der äusserst wichtigen
Anschauung gelangen, dass lebendige und leblose Natur in ebenso innigem
und notwendigem Zusammenhange stehen, als alle Theile der Natur über-
haupt, und dass die gesammte Natur, organische und anorganische, zu-
sammen ein einziges grosses zusammenhängendes Ganzes bildet, welches
allenthalben und zu jeder Zeit von denselben einfachen, grossen und ewigen
Gesetzen regiert wird.
Da diese nothwendige Vergleichung der Organismen und der Anorgane
nur dann von Nutzen sein kann, wenn wir sammtliche Seiten ihrer körper-
lichen Erscheinung vergleichend ins Auge fassen, so werden wir uns hier
nicht bloss auf die Betrachtung der Form beschränken können, welche
schon oben (p. 24) mit Vortheil verglichen wurde, sondern wir werden eben
so auch den Stoff, welcher der Form zu Grunde liegt, und die Function,
welche derselbe leistet, mit in Betracht ziehen müssen; wir werden uns
also aus dem engeren Gebiete der Morphologie einen Ausflug auf das wei-
tere Feld der allgemeinen Biologie und Abiologie (Chemie und Physik mit
eingeschlossen), erlauben müssen (vergl. oben p. 21). In erster Linie wer-
den wir dabei die organische und anorganische Materie zu vergleichen
I. Organische und anorganische Stoffe. U5
haben, da wir ja die Formen sowohl als die Functionen der Naturkörper
lediglich als die unmittelbaren Folgen ihrer eigenen materiellen Zusammen-
setzung und ihrer Wechselwirkung mit der umgebenden Materie betrachten
müssen. Sowohl die elementare Constitution der Materie, als ihre weitere
Zusammensetzung durch Verbindung der Elemente, als endlich auch ihr
Aggregatzustand sind dabei zu berücksichtigen. Erst wenn wir in allen
diesen Beziehungen die Unterschiede sowohl als die Uebereinstimmungen
der Materie zwischen den Organismen und Anorganen vorurtheilsfrei ge-
prüft haben, werden wir im Stande sein, die Unterschiede und die Ueber-
einstimmungen der Formen und Functionen zwischen den Organismen und
Anorganen als die nothwendige Wirkung jener materiellen Ursachen zu er-
kennen, und die differentielle Bedeutung der organischen und anorganischen
Materien richtig zu würdigen.
I) 2. Atomistische Zusammensetzung der organischen und
anorganischen Materien.
Alle Organismen und alle Anorgane welche unserer wissenschaft-
lichen Erkenntniss zugänglich sind, zeigen ganz übereinstimmend eine
gewisse Summe von ursprünglichen allgemeinen Eigenschaften, welche
aller Materie nothwendig inhäriren. Diese generellen Qualitäten der
Naturkörper, welche in ganz gleicher Weise sämmtlichen belebten, wie
sämmtlichen leblosen Körpern zukommen, sind: Ausdehnung, Un-
durchdringlichkeit, Theilbarkeit, Ausdehnbarkeit, Zusammendrückbar-
keit, Elasticität, Porosität, Trägheit, Schwere etc. Da wir diese allge-
meinen Grund-Eigenschaften sämmtlicher Naturkörper als aus der Physik
bekannte und allgemein anerkannte Thatsachen voraussetzen müssen,
so haben wir nicht nöthig, hier näher darauf einzugehen, und wollen
nur, was so oft vergessen wird, ausdrücklich constatiren, dass in allen
diesen Beziehungen, in allen allgemeinen Grund-Eigenschaften
'der Materie nicht der geringste Unterschied zwischen den
Organismen und den Anorganen existirt.
Aus diesen allgemeinsten Resultaten der Physik, haben sich die
Naturforscher übereinstimmend eine allgemeine Grundanschauung über
die primitive Constitution der Materie (organischer und anorganischer)
gebildet, welche unter dem Namen der atomistischen Theorie von
allen Physikern und Chemikern angenommen ist. Danach besteht die
gesammte Materie aus Atomen, d. h. aus kleinsten, discreten, nicht
weiter theilbaren Massentheilchen, welche der allgemeinen Massen-
anziehung, der Schwere unterworfen, sich gegenseitig durch diese
Attractions-Kraft oder Cohäsion anziehen. Die allgemeinen Er-
scheinungen der Wärme, des Aggregatzustandes etc. zwingen ferner zu
der Annahme, dass diese letzten unzerlegbaren Massentheilchen durch
eine allgemein verbreitete indifferente Materie von nicht wahrnehm-
barem Gewichte, den Aether, getrennt sind. Auf den Schwingungen
dieses Aethers beruhen die Erscheinungen der Wärme und des Lichtes.
8*
| IQ Organismen und Anorgane.
Dieser die Atome rings umgebende und von einander trennende Aether
besteht selbst wieder, gleich der Materie, aus discreten Theilchen,
welche von den Atomen angezogen werden, sich selbst aber unter ein-
ander durch ihre eigene Abstossungskraft oder Repulsivkraft (Expan-
sion) abstossen. Diese atomistische Theorie erklärt in ganz
gleicher Weise die allgemeinen Grundeigenschaften der Or-
ganismen und der Anorgane. Die fundamentale Constitution der
Materie, ihre Zusammensetzung aus Atomen, ist also in sämmtlichen
Naturkörpern, leblosen und belebten, dieselbe 1 ).
Die mannichfaltigen Unterschiede in der Erscheinung und im We-
sen der verschiedenen Naturkörper beruhen theils auf der ununter-
brochenen Thätigkeit der allgemeinen Molekularkräfte (der Cohäsion
der discreten Atome und der Expansion der discreten, die Atome um-
hüllenden und trennenden Aethertheilchen) , theils auf der qualitativen
Verschiedenheit der Atome. Diese letztere anzunehmen werden wir
durch die allgemeinsten Resultate der Chemie gezwungen. Indem
nämlich die Chemie in ihrem Bestreben, die Materie in ihre einfachsten
Bestandteile zu zerlegen, schliesslich überall eine geringe Zahl von
unzerlegbaren, qualitativ verschiedenen Ur st offen oder chemischen Ele-
menten als allgemeine Grundlage der gesammten Materie nachweist,
führt sie in Verbindung mit jenen allgemeinsten Resultaten der Physik
zu der Annahme, dass die qualitativen Verschiedenheiten der chemisch
nicht weiter zerlegbaren Materien bedingt sind durch eine qualitative
Verschiedenheit der Atome, welche diese Materien constitmren. Es
würden also eben so viele verschiedene Atom- Arten, als chemische
Elemente existiren 2 ). Da sich die chemischen Elemente in be'stimm-
*) Dieser jetzt allgemein von den Naturforschern angenommenen atomistischen
Theorie, welche bis jetzt allein die sämmtlichen allgemeinen Erscheinungen der
Körperwelt zu erklären im Stande ist, haben zwar viele speculative Philosophen
unter dem Namen der dynamischen Theorie eine (übrigens mehrfach modificirte)
andere Ansicht von der fundamentalen Constitution der Materie entgegengesetzt,
wonach dieselbe nur aus widerstrebenden Kräften zusammengesetzt ist. Doch
hat diese nicht zu einer allgemeinen Anerkennung gelangen können, weil sie eine
grössere Anzahl von Thatsachen nicht erklärt, und anderen unmittelbar wider-
spricht.
2 ) Die Hypothese, dass die qualitative Verschiedenheit der chemischen Ele-
mente, der durch die chemische Analyse nicht weiter zerlegbaren Grundstoffe,
bedingt sei durch eine qualitative Verschiedenheit der Massen-Atome, welche
die Elemente constituiren, ist von den Chemikern jetzt fast allgemein angenom-
men. Dieser Hypothese steht eine zweite, bisher noch wenig beachtete, un-
seres Erachtens aber richtigere Hypothese gegenüber, welche behauptet, dass es
nur zweierlei Arten von Atomen giebt, Massen-Atome und Aether-Atome, und
dass die Verschiedenheit der chemischen Elemente bedingt ist durch die ver-
schiedenartige Zahl der gleichartigen Massen-Atome, welche zu verschiedenen
Gruppen zusammentreten. Danach wäre also jedes sogenannte Atom eines
I. Organische und anorganische Stoffe. 117
ten Gewichts Verhältnissen mit einander verbinden, so mnss das Gewicht
der verschiedenen Atom-Arten ein verschiedenes sein. Da nun diese
qualitative Differenz der Atom-Arten und der aus ihnen zusammenge-
setzten chemischen Elemente die ganze Mannichfaltigkeit in den Natur-
körpern bedingt, so drängt sich hier zunächst die Frage auf, ob in den
Organismen andere Atom-Arten, d. h. andere chemische Elemente vor-
kommen, als in den Anorganen. Als negative Antwort hierauf haben
wir hier zunächst das hochwichtige Gesetz hervorzuheben, dass alle
chemischen Elemente, welche den Körper der Organismen zu-
sammensetzen, auch in der anorganischen Natur vorkom-
men. Es giebt keinen unzerlegbaren Grundstoff in irgend einem Or-
ganismus, welcher nicht auch ausserhalb desselben als lebloser Natur-
körper, als Anorgau, oder als Bestandtheil eines solchen auftritt.
Diese Thatsache ist zwar allbekannt, wird aber in ihrer ganzen
Tragweite insofern meist nicht gehörig gewürdigt, als man daraus ge-
Elementes nichts Anderes, als eine Summe von Massen- Atomen,
welche, jedes von einer Aether-Hülle (wie von einer Atmosphäre) umgeben, in
bestimmter Zahl und zu einer bestimmten Gruppe verbunden sind.
Für jedes Element wäre die Zahl, in welcher sich die Atome zu einer Gruppe
verbinden, characteristisch und unveränderlich. Wenn gleiche Atom-Gruppen mit
gleichen Aetherhüllen zusammentreten, so bilden sie einen Gruppenbau, den wir
einen einfachen chemischen Körper (Element) nennen. „So viele verschiedene
Gruppen es also giebt, so viele verschiedene Elemente, und der ursprünglich
einzige Unterschied der Elemente besteht in der verschiedenen Anzahl der Mas-
senatome in ihren Gruppen. Es giebt demnach in der Natur (als Körper-
welt) zwei Materien, welche aus Atomen bestehen; diese Materien
heissenMasse undAether. JedesAtom der Masse zieht alle übrigen
Atome an; jedes Atom des Aethers stösst alle übrigen Atome ab.
Anziehung und Abstossung erfolgen nach dem Newton'schen Ge-
setze". Es wächst also sowohl die Anziehung der Massen-Atome, als die Ab-
stossung der Aether- Atome, in demselben Verhältnisse, in welchem die Anzahl
der Atome zunimmt, und in welchem das Quadrat der Entfernung abnimmt. Die
Aether-Atome und die Massen-Atome sind wahrscheinlich gleich grosse Kugeln,
von sehr geringer Grösse. Die Zahl der Atome beider Materien ist unendlich
gross, wie der Weltraum, welchen sie erfüllen. Die nähere Begründung dieser
wichtigen Hypothese ist nachzusehen in der geistvollen kleinen Schrift von
H. Wiechmann: Ueber den Bau der einfachen Körper. Eine Hypothese zur
Erklärung der wichtigsten Naturerscheinungen. Oldenburg 1864; und in der dort
citirten Schrift von C. Hnllmann: das Grundgesetz der Materie. Oldenburg 1863.
Es ist klar, dass diese Hypothese dem einfachen monistischen Grundcharacter
der ganzen Natur weit besser entspricht, als die gegenwärtig herrschende Hypo-
these von der ursprünglich verschiedenen Qualität der Massen -Atome in den
verschiedenen Elementen. Wir glauben, dass in derselben die erste Grundlage
des monistischen kosmologischen Systems zu finden ist. Uebrigens ist sie zu-
nächst für die uns hier vorliegende Frage gleichgültig, weil ja die Identität der
Elemente in den Organismen und Anorganen (mögen nun die Elemente aus ein-
fachen oder zusammengesetzten Atomen bestehen) empirisch bewiesen ist,
118 Organismen und Anorgane.
wohnlich nicht den sich unmittelbar ergebenden Schluss zieht, dass
bei der qualitativen Identität der Elementarstoffe, welche die Anorgane
und die Organismen zusammensetzen, auch die fundamentalen Kräfte
oder Functionen in beiden Klassen von Naturkörpern nicht qualitativ
verschieden sein werden. Aus der Nichtexistenz eines beson-
deren Lebensstoffes wird daher der Monismus schon die Nicht-
existenz einer besonderen Lebenskraft folgern müssen. Wie
man nun in Folge unserer vorgeschrittenen chemischen Kenntnisse die
frühere Annahme, dass besondere den Organismen eigenthümliche und
ausserhalb derselben nicht vorkommende chemische Elemente, beson-
dere „Lebensstoffe", die organischen Körper zusammensetzen und deren
Lebenserscheinungen zu Grunde liegen, jetzt allgemein verlassen hat,
so wird man ebenso nothwendig die auf gleich unvollständige Erkennt-
niss gegründete Hypothese fallen lassen müssen, dass es besondere
„Lebenskräfte" sind, welche die Formen, wie die Functionen der Or-
ganismen bedingen.
Von den unzerlegbaren chemischen Elementen, welche bis jetzt
auf unserer Erde gefunden worden sind, und deren Zahl sich bereits
auf mehr als sechzig beläuft, ist nur ungefähr der dritte Theil im
Körper der Organismen aufgefunden. Und von diesen ungefähr zwan-
zig chemischen Elementarstoffen ist es wiederum nur etwa die Hälfte,
welche allgemein verbreitet und in grösserer Menge in den organischen
Körpern vorkommt. Bekanntlich sind es vor Allen die vier Elemente :
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff, die vorzugsweise die
sogenannten organischen Verbindungen im engeren Sinne zusammen-
setzen, und die man desshalb auch als „Organogene" besonders her-
vorgehoben hat. An der Spitze derselben steht der Kohlenstoff,
dessen merkwürdige physikalische und chemische Eigenthümlichkeiten
wir als die letzte Ursache aller der eigenthümlichen Functionen und
Formen zu betrachten haben, welche die Organismen vor den An-
organen auszeichnen. An diese vier organogenen Elemente schliesst
sich dann zunächst Schwefel und Phosphor an. Von den übrigen
Elementen sind Chlor, Kalium, Natrium, Calcium und demnächst Eisen
und Kiesel am weitesten verbreitet. Viel seltener und meist nur in
sehr kleinen Quantitäten kommen Jod, Brom, Fluor, Magnium, Alu-
minium, Manganium, Strontium, Lithium und einige andere seltene Ur-
stoffe in den Organismen vor.
I) 3. Verbindungen der Elemente zu organischen und
anorganischen Materien.
Nachdem die Chemie nachgewiesen hatte, dass alle chemischen
Grundstoffe oder Elemente, welche den Körper der Organismen zu-
sammensetzen, sich auch ausserhalb desselben, in der anorganischen
Natur vorfinden, dass mithin kein besonderes „organisches Element"
I. Organische und anorganische Stoffe. 119
existirt, glaubte man in der Art und Weise des Zusammentritts der
Elemente zu zusammengesetzten Verbindungen einen absoluten Unter-
schied zwischen Organismen und Anorganen aufstellen zu können. Be-
sondere Gesetze des „Lebens" sollten die Vereinigung der Elemente
innerhalb des Organismus regeln, und die mystische „Lebenskraft"
sollte die Elemente zum Eingehen von Verbindungen zwingen, welche
ausserhalb des lebendigen Körpers nie sollten zu Stande kommen
können. Diese irrthümliche Vorstellung, welche vorzüglich durch die
Autoritäten von Berzelius und Johannes Müller in der Biologie
zu sehr allgemeinem Ansehen gelangte, hat solchen Einfluss auf die
allgemeine Beurtheilung der Organismen gewonnen, und behauptet
denselben theilweis noch heute, dass wir dieselbe hier ausdrücklich
als einen Irrtimm bezeichnen müssen, der durch die neuere Chemie
definitiv widerlegt ist.
Vollkommen richtig ist es, dass diejenigen eigenthümlichen For-
men und Functionen, welche die Organismen von den Anorganen un-
terscheiden, einzig und allein die nothwendige Wirkung sind von den
eigenthümlichen Verbindungen, welche die Elemente im Körper der
Organismen eingehen, und welche man allgemein als „organische"
Materien zusammenfasse Vollkommen falsch aber ist es, wenn man
diese eigenthümlichen „organischen Verbindungen" von etwas Anderem
ableitet, als von der chemischen Wahlverwandtschaft der Elemente,
welche in allen Fällen, selbstständig, vermöge der ihren Atomen un-
zertrennlich innewohnenden Kräfte, diese Verbindungen activ schaffen.
Es existirt also auch in dieser Beziehung durchaus kein Unterschied
zwischen den leblosen und den belebten Naturkörpern. Wie wir in
der leblosen Natur die gewöhnlich einfacheren, sogenannten „anorgani-
schen Verbindungen" lediglich durch die ureigenen Kräfte der Ele-
mente, nach den unabänderlichen und ewigen Gesetzen der chemischen
Wahlverwandtschaft, entstehen sehen, so erkennen wir eben so be-
stimmt, dass innerhalb der lebendigen Körper die gewöhnlich ver-
wickeiteren, sogenannten „organischen Verbindungen" lediglich nach
denselben Gesetzen der chemischen Affinität, mit absoluter Notwen-
digkeit, entstehen und vergehen.
Der einzige Unterschied, welcher in der chemischen Zusammen-
setzung der Organismen und Anorgane gefunden werden kann, be-
steht darin, dass in allen Organismen neben den einfacheren Ver-
bindungen der Elemente, die allenthalben auch in der leblosen Natur
vorkommen (Wasser, Kohlensäure etc.), eine Anzahl von verwickeiteren
Verbindungen des Kohlenstoffs (und namentlich allgemein gewisse Ei-
weisskörper) sich finden, welche gewöhnlich in der anorganischen
Natur sich nicht zu bilden scheinen. Diese Verbindungen verdanken
aber ihre Existenz nicht einer besonderen Lebenskraft, sondern den
120 Organismen und Anorgane.
eigenthümlichen und äusserst verwickelten Verwandtschaftsbeziehungen
des Kohlenstoffs zu deu meisten übrigen Elementen. Vielleicht mit allen
anderen Elementen, vorzüglich aber mit den drei Elementen: Wasser-
stoff, Sauerstoff und Stickstoff*, vermag der Kohlenstoff eine endlose
Keihe von äusserst verwickelten Verbindungen einzugehen, welche zum
grössten Theil durchaus ohne Analogon unter den kohlenstofflosen
Verbindungen dastehen. Wir müssen also die chemische und physi-
kalische Natur des Kohlenstoffs und vor Allem seine in ihrer Art
einzige Fähigkeit, mit anderen Elementen höchst complicirte Ver-
bindungen einzugehen, als die erste und letzte, als die einzige
Ursache aller derjenigen Eigenthümlichkeiten ansehen, welche die
sogenannten organischen Verbindungen von den anorganischen unter-
scheiden.
Es würde desshalb richtiger sein die „organischen Verbindungen"
concreter als „Kohlenstoff- Verbindungen" zu bezeichnen, wie man die
„organische Chemie" neuerdings richtiger die „Chemie der Kohlen-
stoff-Verbindungen " genannt hat. Nur darf dabei nicht vergessen^wer-
den, dass, wie der reine Kohlenstoff selbst (als Diamant, Graphit), so
auch einfachere Kohlenstoff- Verbindungen in der anorganischen Natur,
ausserhalb der Organismen, weit verbreitet vorkommen, wie vor Allem
die Kohlensäure, das Kohlenoxyd, einzelne Kohlenwasserstoffe ja. s. w.
Andererseits darf ebenso wenig vergessen werden, dass in allen Or-
ganismen ohne Ausnahme neben jenen „organischen", d. h. ver-
wickeiteren Kohlenstoff- Verbindungen, auch noch einfachere Kohlen-
stoff-Verbindungen und nicht kohlenstoffhaltige Verbindungen der Ele-
mente, also sogenannte „ anorganische " Verbindungen vorkommen (Was-
ser, Kohlensäure, Kochsalz etc.)
Die wesentlichsten Unterschiede in der Zusammensetzung der organischen
und anorganischen Verbindungen glaubte man früher darin zu finden, dass
in der anorganischen Natur sich nur „binäre" Verbindungen bilden, indem
zunächst immer nur zwei Elemente zusammentreten, z. B. Kohlenstoff' und
Sauerstoff zur Kohlensäure, oder Wasserstoff' und Stickstoff' zum Ammoniak;
eine solche einfache binäre Verbindung kann sich dann weiter mit einer
anderen einfachen binären Verbindung zu einer zusammengesetzten binären
Verbindung vereinigen, z. B. Kohlensäure und Ammoniak zum kohlensauren
Ammoniak u. s. w. Dagegen sollten sogenannte „ternäre und quaternäre"
Verbindungen, in welchen drei oder vier Elemente unmittelbar zu einer
complexeren Verbindung zusammentreten, (z. B. Kohlenstoff, Sauerstoff, Was-
serstoff und Stickstoff zu dem quaternären Harnstofi') ausschliesslich nur
unter dem Einflüsse des Lebens zu Stande kommen und niemals in der
anorganischen Natur sich bilden. Als weiterer wesentlicher Unterschied
zwischen diesen beiden Verbindungsgruppen wurde dann ferner gewöhnlich
noch angeführt, dass die Mischlingsgewichte in den ternären und quaternären
„organischen" Verbindungen im Allgemeinen weit höhere und ihre Zahlen-
I. Organische und anorganische Stoffe. 121
Verhältnisse meist complicirtere sind, als dies in den binären „anorganischen"
Verbindungen gewöhnlich der Fall ist.
So wesentlich nun gewiss diese gradweise, relative Differenz in der
atornistischen Constitution vieler organischen und anorganischen Verbindungen
für die Erklärung ihrer functionellen Differenzen ist, so hat man doch auch
diesen Unterschied einseitig übertrieben. Zunächst ist hier erstens als sehr
wesentlich hervorzuheben, dass kein Organismus lediglich aus den coinpli-
cirteren „ternären und quaternären" Kohlenstoff-Verbindungen (Eiweiss,
Fett etc.) besteht, dass vielmehr stets auch neben diesen noch einfache
„binäre" Verbindungen vorhanden sind, Wasser, Kohlensäure, gewisse
Salze etc. Jeder Organismus ohne Ausnahme erscheint in dieser Beziehung
als ein Complex von einfachen (binären) „anorganischen" und cornplicirten
(ternären oder quaternären) „organischen" Verbindungen. Die wesentlichsten
Eigenthümlichkeiten der letzteren sind aber im Grunde nur abhängig von
der ausgezeichneten Fähigkeit des Kohlenstoffes (des „organischen"
Elements y.ui' 6go%qi>) } sich in den verschiedensten Verhältnissen mit anderen
Elementen zu verbinden. Diese in ihrer Art einzige Eigenschaft des Kohlen-
stoffes müssen wir als die Grundlage aller Eigenthümlichkeiten der soge-
nannten organischen Verbindungen bezeichnen.
Grosses Gewicht legte man früher darauf, dass diese characteristischen
Kohlenstoff-Verbindungen sich ausschliesslich nur in den Organismen „unter
dem Einfluss des Lebens" bilden könnten und dass niemals dergleichen
durch Combination binärer Verbindungen künstlich in unseren Laboratorien
herzustellen seien. Zuerst wurde dieses Dogma 1828 von Wo hl er widerlegt,
welcher auf rein künstlichem Wege Harnstoff (statt cyansauren Ammoniaks)
aus den „anorganischen" Elementen (aus Cyan- und Ammoniak-Verbindungen)
herstellte. In neuester Zeit hat man jedoch in dieser Beziehung so weite
Fortschritte gemacht, und so viele „rein organische" complicirte Kohlenstoff-
Verbindungen, Alkohol, Essigsäure,- Ameisensäure etc. auf „rein anorgani-
schem" Wege künstlich hergestellt, dass bald nur noch die höchststehende
und complicirteste Gruppe der Eiweisskörper dieser künstlichen Synthese
Schwierigkeiten in den Weg legen wird, Schwierigkeiten, welche die weiteren
Fortschritte der Chemie zweifelsohne überwinden werden. Schon heute
dürfen wir also sagen, dass ein sehr grosser Theil der complicirteren
Kohlenstoff- Verbindungen, der „ternären und quaternären" Atomcomplexe,
nicht ausschliesslich nur im Organismus entsteht, sondern ebenso auch
künstlich, mit Ausschluss jeder Lebensthätigkeit, in unseren Laboratorien
dargestellt werden kann, gleich den einfachsten („binären") anorganischen
Verbindungen. Dieses Resultat ist aber desshalb für uns von äusserster
Wichtigkeit, weil daraus hervorgeht, dass auch in der Natur, unter ähnlichen
Bedingungen, wie wir sie in unseren Laboratorien künstlich herstellen,
unbelebte anorganische Materien zur Bildung lebensfähiger organischer
Stoffe, „binäre" Verbindungen und einfache Elemente zur Bildung „ternärer
und quaternärer" Verbindungen zusammentreten können, eine Möglichkeit,
welche für die Theorie von der Autogonie, einer Form der Generatio spon-
tanea, die unentbehrliche Grundlage ist.
Als sehr wesentlicher Unterschied zwischen den anorganischen und den
122 Organismen und Anorgane.
organischen Materien wurde früherhin oftmals hervorgehoben, dass die
letzteren, dem Einflüsse des Lebens entzogen, alsbald „faulen", sich „spon-
tan zersetzen", während die ersteren dieses nicht thun. Allerdings ist es
richtig, dass die meisten verwickeiteren Kohlenstoff-Verbindungen längere
oder kürzere Zeit nach dem Tode des Organismus „verfaulen", sich unter
Fäulniss zersetzen und in die einfacheren binären Verbindungen auflösen
Indess gilt dies erstens nicht von allen, und zweitens sagt diese Thatsache
weiter nichts aus, als dass diese faulenden organischen Substanzen, ihrer
natürlichen Wahlverwandtschaft gemäss, Zersetzungsprocesse und Verbin-
dungen mit den umgebenden Medien (Sauerstoff der atmosphärischen Luft,
des Wassers etc.) eingehen, an deren Eintritt sie während des Lebens
durch die stärkeren anderweitigen Wahlverwandtschaften gehindert wurden,
welche die eingeführten Nahrungsmittel ausübten. Ganz ebenso wie die
meisten organischen Verbindungen zersetzen sich an der Luft oder im
Wasser auch viele anorganische Verbindungen, welche „verwittern", wie
z. B. viele Salze.
Fassen wir die allgemeinsten und wichtigsten Resultate, welche uns
diese Vergleichung der organischen und anorganischen Verbindungen liefert,
kurz zusammen, so kommen wir zu folgenden, wichtigen Resultaten: Sämmt-
liche in den Organismen vorkommende chemische Elemente kommen auch
ausserhalb in der anorganischen Natur vor. In sämmtlichen Organismen
kommen sowohl einfache (binäre) Verbindungen dieser Elemente vor, wie
in den Anorganen, als auch daneben zusammengesetztere Kohlenstoff -Ver-
bindungen (ternäre und quaternäre Verbindungen), welche der Kohlenstoff
gewöhnlich in der anorganischen Natur nicht zu bilden scheint. Dass die-
selben jedoch sich hier ebenfalls, ohne jeden Einfluss des „Lebens", bilden
können, geht daraus hervor, dass wir dieselben rein künstlich aus einfacheren
Verbindungen und Elementen zusammensetzen können. Die Fäulniss der
Organismen ist ein einfacher Zersetzungsprocess und erfolgt nach den Ge-
setzen der chemischen Wahlverwandtschaft, welche die gesammte organische
und anorganische Materie gleicherweise unbedingt beherrschen.
I) 4. Aggregatzustände der organischen und anorganischen
Materien.
Unter Aggregatzustand der Naturkörper verstehen wir den
Grad der Entfernung und der dadurch bedingten relativen
Beweglichkeit ihrer Massen-Atome. Die Differenzen der Aggre-
gatzustände beruhen lediglich auf der Verschiedenheit der Entfer-
nungen der Atome von einander, welche durch die Wechselwirkung
zwischen der Cohäsions-Kraft der Atome und der Expansions- Kraft
der Aethertheilchen modificirt werden. Bei den anorganischen Natur-
körpern ist bekanntlich eine dreifache Differenz in dieser Beziehung
möglich, und man unterscheidet demgemäss bei diesen drei Aggregat-
zustände, den festen, tropfbaren und gasförmigen.
Der feste Aggregatzustand kommt allen geformten Anorganen
ohne Ausnahme zu. Hier liegen die Atome in solcher Nähe bei einander,
I. Organische und anorganische Stoffe. 123
dass die Cohäsion der Massen-Atome über die Expansion der Aether-
theilchen überwiegt. Folge davon ist, dass die gegenseitige Lagerung der
Atome stets dieselbe bleibt und dass sie nur bis zu einer gewissen Grenze
sich von einander entfernen können (z. B. bei Ausdehnung durch Erwär-
mung) ohne den festen Aggregatzustand zu verlassen. Die Atome haben
hier ein stabiles Gleichgewicht. Der Character der festen Körper liegt also
darin, dass ihr Volum nur innerhalb enger Grenzen veränderlich ist und
dass sie eine selbstständige bleibende Gestalt haben.
Beim tropfbaren oder flüssigen (tropfbar -flüssigen) Aggregat-
zustand liegen die Atome in solcher Entfernung von einander, dass die
Cohäsion und Expansion sich das Gleichgewicht halten. Die Atome haben
daher hier ein labiles Gleichgewicht, und können bei jeder Störung des-
selben ihre gegenseitige Lagerung nach allen Richtungen hin frei verändern.
Der Character der tropfbar- flüssigen Körper liegt also darin, dass ihr
Volum ebenfalls nur innerhalb enger Grenzen veränderlich ist, dass sie aber
keine selbstständige Gestalt haben. In ein Gefäss eingeschlossen, nehmen
die Flüssigkeiten die Form dieses Gefässes an, und wenn sie dieses nicht
ganz erfüllen, bildet ihre Oberfläche eine horizontale Ebene. Dagegen
nimmt jede Flüssigkeit, eingeschlossen in eine andere, damit nicht misch-
bare Flüssigkeit vom gleichen speeifischen Gewicht, z. B. Oel in einem
gleich schweren Gemenge von Weingeist und Wasser, selbstständig und
bleibend die Kugelform an.
Der gasförmige oder luftförmige (elastisch-flüssige) Aggregat-
zustand endlich ist dadurch ausgezeichnet, dass in Folge grösserer Ent-
fernung der Atome von einander die Expansion über die Cohäsion über-
wiegt. Die Aethertheilchen sind stärker als die Atome, und da sie sich
gegenseitig abstossen, strebt die Materie, sich ins Unendliche auszudehnen.
Durch diese Expansionskraft der Gase ist deren Character bedingt, sich
soweit auszudehnen, als es die Begrenzung durch benachbarte feste oder
flüssige Körper erlaubt. Die Atome können sich hier ohne Grenze von
einander entfernen. Das Volum der Gase ist daher in den weitesten
Grenzen veränderlich und eine selbstständige Form niemals vorhanden.
Da die Wärme eine Bewegung des Aethers ist, so erklärt es sich, wie
die Anorgane unter verschiedenen Wärme - Graden alle drei Aggregat-
zustände annehmen können. Ist die Wärme-Bewegung des Aethers so
gering, dass sie die Atome nicht von einander zu entfernen vermag, so ist
der Körper fest. Wenn jene Bewegung stärker wird, so dass sie die
"Atome bis zu einer bestimmten Grenze, welche den Wirkungskreis der
gegenseitigen Anziehung der Atome nicht überschreitet, auseinander zu
treiben vermag, so wird der Körper flüssig. Wird endlich die Bewegung
der Aethertheilchen, die wir Wärme nennen, so stark, dass die Atome über
jene Grenze hinaus von einander entfernt und nun ins Unendliche aus-
einander gestossen werden, so wird der Körper gasförmig.
Vergleichen wir mit diesen drei bestimmten und stets leicht er-
kennbaren Aggregatzuständen der Anorgane diejenigen der Organis-
men, so haben wir zunächst zu constatiren , dass alle drei Aggregat-
124 Organismen und Anorgane.
zustände in Thcilen des Körpers vieler Organismen eben so rein, wie
in den Anorganen vorkommen, und dass einer davon, nämlich der
flüssige, in allen lebenden Organismen ohne Ausnahme allgemein ver-
breitet ist. Die eigenthümlichen Bewegungs-Erscheinungen, welche wir
unter dem Collectivnamen des Lebens zusammenfassen, können nur
durch Mitwirkung dieses Aggregatzustandes zu Stande kommen und
wir können daher den tropfbar flüssigen Zustand mindestens eines
Theils der Materie als ein für alle Organismen notwendiges Er-
forderniss bezeichnen. Die Hohlräume, welche diese für den Trans-
port der Theilchen beim Stoffwechsel unentbehrlichen Flüssigkeiten
einschliessen, sind theils (bei den höheren Thieren) besondere Gefässe
(Blutgefässe, Wassergefässe, Leibeshöhle etc., theils wandungslose
Hohlräume zwischen den Elementartheilen und im Inneren derselben
(Vacuolen in den Piastiden etc.). Ausser dem rein tropfbaren kommt
nun ferner auch der feste und der gasförmige Aggregatzustand voll-
kommen rein im Körper vieler (nicht aller!) Organismen vor. Zu den
absolut festen Theilen der Organismen können wir z. B. die Otolithen
im Gehörorgan, ferner die reinen Kieselskelete und die Skelete aus
kohlensaurem Kalke rechnen, welche bei vielen wirbellosen Thieren,
sowie die Krystalle, welche sich in vielen Pflanzen vorfinden. Ebenso
kommen Gase in elastisch-flüssiger Form (nicht aufgelöst) im Körper
vieler Organismen vor, entweder mit der Aussenwelt unmittelbar com-
municirend (z. B. in den Lungen, Luftröhren, in den pneumatischen
Knochenhöhlen der Vögel etc.) oder in besonderen Räumen abge-
schlossen (z. B. in der Luftblase der Siphonophoren, der Schwimm-
blase vieler Fische, den Gelassen derPflanzen etc.)
Ausser diesen drei Aggregatzuständen, welche also in belebten,
wie in leblosen Naturkörpern gleicherweise vorkommen, zeichnen sich
nun aber die Organismen noch durch einen vierten Aggregatzustand
aus, welcher einem Theile der Kohlenstoff- Verbindungen ausschliess-
lich eigenthümlich ist und in den Anorganen nicht vorkommt, und
welchen wir als festflüssigen oder gequollenen Aggregatzu-
stand bezeichnen können. Es bildet dieser Zustand, wie schon der
Name sagt, eine eigenthümliche Mittelbildung zwischen dem festen
und flüssigen Zustand und ist in der That aus einer Verbindung beider
hervorgegangen. Er kömmt dadurch zu Stande, dass Flüssigkeit in
bestimmter (innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossener) Quantität
zwischen die Moleküle eines festen Körpers (einer Kohlenstoff- Verbin-
dung) eindringt und dessen Intermolekularräume erfüllt. Diese Zwi-
schenräume sind in denjenigen organischen Materien, welche einer sol-
chen Flüssigkeitsaufnahine (Quellnng oder Imbibition) fähig sind, offen-
bar von anderer Beschaffenheit, als bei denjenigen einfacheren organi-
schen Verbindungen, welche, gleich allen anorganischen Verbindungen,
I. Organische und anorganische Stoffe. 125
nicht Flüssigkeit zwischen ihre Moleküle aufnehmen können, ohne selbst
flüssig- zu werden. Wahrscheinlich steht diese Fähigkeit im engsten
Causal-Zusammenhang mit der complicirten Gruppirung der Atome in
den betreffenden Kohlenstoff -Verbindungen. Denn gerade diejenigen
organischen Materien, welche in diesen Beziehungen sich am weite-
sten von den Anorganen entfernen, sind es, welche den festflüssigen
Aggregatzustand in der grössten Ausdehnung annehmen können. Ge-
rade diese höchst complicirt und locker zusammengesetzten, leicht zer-
setzbaren Kohlenstoff- Verbindungen, vor Allen die Eiweissstoffe und
deren Derivate, sind es aber auch, welche die complicirtesten Lebens-
erscheinungen vermitteln, und da diese Kohlenstoff-Verbindungen, als
die eigentlichen activen, organogenen Stoffe in keinem Organismus
fehlen, so finden wir auch den für sie charakteristischen gequollenen
Aggregatzustand in allen Organismen ohne Ausnahme vor.
Die allgemeinen physikalischen Eigenschaften, welche
die organische Materie durch die Quellung oder Imbibition
erhält, sind für die Erklärung der Lebens- Erscheinungen
von äusserster Wichtigkeit. Indem nämlich die festflüssigen oder
gequollenen Materien gewisse Eigenthümlichkeiten des festen und des
flüssigen Aggregatzustandes in sich vereinigen, indem sie Festigkeit
mit einem bedeutenderen Grade von Formveränderlichkeit, Härte mit
einem eigenthümlichen Grade von Weichheit verbinden, wird schon
hieraus klar, warum die Functionen der organischen Materien weit
differenzirter und complicirter sein können, als dies bei dem einfachen
Aggregatzustand der Auorgane jemals der Fall sein kann.
Die wichtigsten aller sogenannten Lebenserscheinungen, und ge-
rade diejenigen Functionen der organischen Körper, welche man ge-
wöhnlich als die characteristischen Leistungen des Lebens zu bezeich-
nen pflegt, sind nur möglich dadurch, dass die Materie, von welcher
sie ausgehen, sich wenigstens theilweis im vierten, im festflüssigen
Aggregatzustande befindet. Die sogenannten „aufmalen" Kräfte der
Empfindung und Bewegung, welche von der Nerven- und Muskel-Sub-
stanz ausgehen, wie die sogenannten „vegetativen" Kräfte der Er-
nährung und Fortpflanzung, welche den verschiedensten Substanzen der
Organismen inhäriren, sind ohne den festflüssigen Aggregatzustand
ihres materiellen Substrates gar nicht denkbar. Gerade die eigen-
thümliche Verbindung von Festigkeit und Flüssigkeit, von Härte und
Weiche, von Starrheit und Beweglichkeit, welche durch die Imbibition
gegeben wird, bedingt und ermöglicht die complicirteren Molecularbe-
wegungen, welche den angeführten organischen Processen zu Grunde
liegen. Aus diesen Gründen können wir den Quellungszustand der
lebenden Materien gar nicht hoch genug anschlagen, und werden be-
fugt sein, in diesem festflüssigen Aggregatzustande der meisten Kohlen-
126 Organismen und Anorgane.
stoff-Verbindungen, gleichwie in ihrer complicirteren Zusammensetzung
aus verwickelten Atomgruppen (welche wahrscheinlich eng mit der
Quellungsfähigkeit zusammenhängt) eine der wichtigsten Grundursachen
des Lebens zu finden. Es wird daher zur Begründung unserer monisti-
schen Lebens- Beurthoilung hier gestattet sein, bei dem Fundamental-
Phaenomen der Imbibition noch etwas zu verweilen, zumal auch für die
Form der Organismen dieser vierte Aggregatzustand von der grössten
Bedeutung ist.
Da eine eigentliche Quellung oder Imbibition bei den Anorganen nie-
mals vorkommt, so entsteht die Frage, ob hier ähnliche Modificationen der
ersten drei Aggregatzustände voi'kommen, welche der Imbibition in einigen
Beziehungen gleichen. Hier tritt uns nun einerseits das Phaenomen der
Tränkung oder Durchfeuchtung (Humidation) , andererseits die Er-
scheinung der Lösung oder Auflösung (Solution) entgegen. Bei der
Durchfeuchtung oder Humidation sehen wir Flüssigkeit in die Poren fester
Körper eindringen, ohne dass eine wirkliche Imbibition und Quellung der-
selben stattfindet. Das ist z. B. der Fall bei Steinen (und zwar nicht nur
bei auffallend „porösen", sondern auch bei den scheinbar dichtesten und
festesten Gesteinarten), welche längere Zeit auf dem Grunde des Meeres
gelegen haben. So wenig diese Durchfeuchtung den festen Aggregatzu-
stand der Anorgane und damit ihr Volum zu ändern vermag, so wenig
werden diese geändert, wenn die beträchtliche Menge der eingedrungenen
Flüssigkeit durch Austrocknen wieder entfernt wird. Niemals kann daher
auch die vollständigste Durchfeuchtung eine solche Beweglichkeit der
Moleküle und damit eine solche Formveränderlichkeit der festen Körper
herbeiführen, wie sie durch die Quellung gegeben wird. Andererseits aber
ist hervorzuheben, dass bei den organischen Körpertheilen zwischen den
höchsten Graden der Durchfeuchtuug und den niedersten Graden der Quel-
lung ein ganz allmähliger und unmerklicher Uebergang stattfindet, und wir
können diesen Uebergang oft an einem und demselben Theile eines Or-
ganismus in contiuuo verfolgen. Insbesondere ist in dieser Beziehung eine
Vergleichung continuirlich zusammenhängender Skelettheile von Interesse,
und zwar gilt dies sowohl von den inneren, der Bindegewebsgruppe ange-
hörigen Skelettheilen der Wirbelthiere, als von den äusseren, zu den Chitin-
ausscheidungen zu rechnenden Skelettheilen der Gliederthiere. Der Aggre-
gatzustand eines Knochens, (und zwar speciell der Intercellular- oder Grund-
substanz des Knochens, die hier zunächst in Frage kommt) ist an sich, als
solcher, (abgesehen natürlich von den feineren Structurdifferenzen), nicht zu
unterscheiden von dem festen Aggregatzustande vollkommen durchfeuchteter
Mineralien, (z. ß. Sandstein, Kalkstein), die lange in Wasser gelegen ha-
ben. Und dennoch geht dieser unzweifelhaft „feste" Aggregatzustaud eines
Knochens durch eine Reihenfolge der feinsten Uebergangsstufen ganz all-
mählig in den unzweifelhaft „festflüssigen", d. h. gequollenen Zustand des
Knorpels, der Sehne u. s. w. über. In gleicher Weise sind die unzweifel-
haft „festen" und bloss durchfeuchteten Chitindecken z. B. der Abdominal-
segmcnte von Insecten durch eine ganz allmählige Stufenfolge der unmerk-
I. Organische und anorganische Stoffe. J27
lichsten Uebergänge des Aggregatzustandes mit den unzweifelhaft „fest-
flüssigen" oder inibibirten weicheren intersegmentalen Chitindecken verbun-
den, welche jene Segmente unter einander verbinden. Hieraus ergiebt sich
also das wichtige Gesetz, dass der festflüssige Aggregatzustand or-
ganischer Körpertheile ganz untrennbar in den festen über-
geht.
Wie nun auf der einen Seite organische Körpertheile mit dem gering-
sten Grade der Quelluugsfähigkeit nicht von den vollkommen durchfeuch-
teten festen Anorganen zu trennen sind, so finden wir es auf der anderen
Seite nicht möglich, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen den flüssigen
Lösungen der festen Anorgane und den organischen Körpertheilen mit dem
höchsten Grade der Imbibitionsfähigkeit. Bei der Lösung oder Solution der
festen Anorgane sehen wir, wie bei der Humidation, Flüssigkeit in die Poren
des festen Körpers eindringen; nur ist die relative Quantität der Flüssig-
keit eine sehr viel grössere und sogar eine unbegrenzte. Es wird nämlich
bei der Solution so viel Fluidum in die Poren aufgenommen, und es werden
dadurch die Moleküle soweit von einander entfernt, dass das Uebergewicht
der Cohäsion über die Expansion überwunden wird, und dass der feste
Aggregatzustand vernichtet und in den flüssigen selbst übergeführt wird.
Der wesentliche Unterschied zwischen der Lösung und den höchsten Graden
der Imbibition lässt sich dahin bestimmen, dass jeder quellungsfähige Kör-
per ein Quellungsmaximum hat, eine Grenze, über welche hinaus kein Wasser
mehr in die Poren aufgenommen wird. Die Verdümiungsfähigkeit der
Lösungen dagegen ist unbegrenzt. Da nun die festen und löslichen An-
organe kein Imbibitions- Maximum besitzen, so nehmen sie immer so lange
Wasser auf, bis sie in den flüssigen Zustand übergegangen sind. Anderer-
seits aber ist hervorzuheben, dass bei den organischen Körpertheilen
wiederum ein ganz allmähliger und unmerklicher Uebergang sich findet
zwischen den höchsten Graden der Quellung und den niedersten Graden
der Tropfbarkeit einer concentrirten und zähflüssigen Solution. Schon die
äusserst verschiedeneu Consistenz- Grade des eiweissartigen Plasma in den
verschiedenen Zellen liefern hierfür den Beweis. In grossem Maassstabe
ist dasselbe am auffallendsten zu beobachten an dem sogenannten „Gallert-
Gewebe" der Coelenteraten, sowohl bei vielen Hydromedusen, als insbeson-
dere bei den Ctenophoren. Bei einigen der letzteren geht die Imbibitions-
fähigkeit des äusserst weichen und wasserreichen Gewebes (und zwar spe-
ciell der Zwischensubstanz des gallertigen Bindegewebes) so weit, dass
dasselbe in der That tropfbar flüssig wird, während dasselbe Gallertgewebe
andererseits durch zahlreiche Zwischenstufen mit der viel weniger stark
imbibirten Zwischensubstanz des festeren (oft knorpelharten) Bindegewebes
continuirlich zusammenhängt. Sehr instruetiv sind für diese Vergleichung
ferner die eigenthümlichen, pathologisch beim Menschen (z. B. bei Cysten-
bildung im Eierstock) so oft vorkommenden Colloidsubstanzen oder Gallert-
massen, deren albuminöse Substanz die verschiedensten Grade der Flüssig-
keitsaufnahme zeigt. Während im einen Falle die Colloidsubstanz dieser
pathologischen Producte eine ziemlich consistente Gallertmasse darstellt,
welche auch isolirt ihre selbstständige Form behält und unzweifelhaft als
128 Organismen und Anorgane.
ein mehr oder minder stark gequollener fester Körper angesehen werden
muss, stellt dieselbe im anderen Falle eine vollkommen dünne tropfbare
Flüssigkeit dar, welche alle Charactere einer vollständigen Lösung trägt.
Zwischen diesen beiden Extremen finden sich alle möglichen, fein abgestuften
Uebergänge, und bisweilen findet man in den zahlreichen Fächern einer
solchen vielfächerigen Gallertgeschwulst alle diese verschiedenen Consistenz-
grade des festflüssigen Körpers neben einander vor. Es ist hier ganz
unmöglich, bei den consistenten, zähen, fadenzieheuden Flüssigkeiten zu
sagen, wo der eigentliche Imbibitionszustand der festen organischen Materie
aufhört und wo die eigentliche Lösung derselben beginnt. Aehnlich ver-
halten sich auch viele andere organische Substanzen, insbesondere der
Traganth, viele Schleim-Formen, Gummi etc., die sich nicht unmittelbar iu der
Flüssigkeit auflösen, sondern langsam und allmählig eine unbestimmte
Quantität derselben imbibiren, dann aber in der Quellung keine Grenze zu
finden scheinen und unendlich verdünnt werden können. Auch hier ist es
gauz unmöglich, schliesslich zu unterscheiden, ob nur ein sehr hoher Grad
von Quellung oder ob eine wirkliche Lösung der organischen Materie statt-
gefunden hat. Diese Erscheinungen zeigen deutlich, dass auch zwischen
Lösung und Imbibition keine bestimmte Grenze existirt, und dass der
festflüssige Aggregatzustand organischer Körpertheile ganz
untrennbar iu den flüssigen übergeht.
Zusammengehalten mit den vorhergehenden Resultaten erhalten wir
also das Gesetz, dass der festflüssige oder gequollene Aggregatzustand, in
welchen viele organische Körpertheile eintreten können, und welcher für
das Zustandekommen der Lebenserscheinungen aller Organismen unent-
behrlich ist, keineswegs absolut vom festen und vom flüssigen Aggregat-
zustande verschieden ist, sondern vielmehr durch eine continuirliche Reihe
der feinsten Uebergangszustände mit Beiden unmittelbar verbunden ist.
So äusserst wichtig also auch dieser Imbibitionszustand für die Orga-
nismen ist, so werden wir doch in ihm keine Function derselben zu sehen
haben, die ganz ausserhalb der Reihe der anorganischen Functionen liegt.
Vielmehr stimmt er sowohl mit dem festen, aber durchfeuchteten, als mit
dem flüssigen Aggregatzustand der Anorgane darin überein, dass Flüssigkeit
zwischen die Moleküle der Materie eindringt und die Intermolekülarräume
erfüllt. Bei der Imbibition eines organischen Körpers ist das Maass dieser
eindringenden Flüssigkeit für jede Materie bestimmt, wie bei der Humi-
dation, während bei der Solution dieses Maass unbeschränkt ist. Anderer-
seits wird durch die Imbibition Volum und Form des Flüssigkeit aufnehmen-
den festen Körpers verändert, wie bei der Solution, während dieselben von
der Humidation nicht verändert werden. Bei der Quellung werden die In-
termolecular- Räume des festen Körpers uur bis zu einer gewissen, durch
die Cohäsion der Moleküle bestimmten Grenze erweitert, während bei der
Lösung diese Erweiterung in das Unbegrenzte fortgehen kann; bei der
Durchfeuchtung dagegen findet gar keine solche Erweiterung der feinen
Intermolecular- Räume statt; die Flüssigkeit dringt hierbei wahrscheinlich
gar nicht in diese, sondern in gröbere Substanzlückeu (Poren) zwischen
grösseren Gruppen von Molekülen ein und tritt hier au die Stelle der darin
I. Organische und anorganische Stoffe. 129
vertheilten Luft. Indem wir so die Quellung als eine physikalische Lei-
stung der organischen Materie uachweisen, welche zwischen der Durch-
feuchtung und der Lösung in der Mitte steht, entkleiden wir dieselbe des
specifischeu, vitalistischen Characters, welchen ihr viele Biologen beigelegt
haben und constatiren, dass diese, für die Lebensbewegungen äusserst wich-
tige Function der organischen Materie nur relativ, nicht absolut von den
verwandten Leistungen der anorganischen Materie (Lösung und Durch-
feuchtung) verschieden ist.
Während wir nun einerseits den festflüssigen Aggregatzustand der
Kohlenstoff-Verbindungen als eine der wichtigsten Grundursachen der
Lebenserscheinungen betrachten, ist es doch andererseits von grosser
Wichtigkeit darauf hinzuweisen, dass die Quellungsfähigkeit, welche
allen Anorganen abgeht, ebenso auch nur einer beschränkten Anzahl
von organischen Verbindungen zukommt, anderen dagegen gänzlich
fehlt. So kommen viele Fette, organische Säuren, Alkaloide, Zucker etc.
entweder nur in festem (krystallinischen) oder in flüssigem (geschmolze-
nen oder gelösten) Zustande im Körper der Organismen vor und sind
durchaus keiner Imbibition fähig.
Endlich ist im Anschluss hieran das wichtige exclusive Verhält-
niss hervorzuheben, welches zwischen der Imbibitionsfähigkeit und der
Krystallisationsfähigkeit existirt und welches schon von Schwann
in seiner grossen Bedeutung für die organische Morphologie gewürdigt
worden ist. Diese beiden Functionen der Materie schliessen sich ge-
genseitig aus. ') Krystallisirbare Materien können nicht auf-
quellen und quellungsfähige Stoffe können nicht krystalli-
siren, so lange ihre Molekularstructur sich nicht ändert.
Dieses Gesetz ist äusserst wichtig für die allgemeine Verschiedenheit
l ) Eine Ausnahme von diesem Gesetze glaubte Reichert (Müllers Archiv,
1849, p. 197) in Eiweisskrystallen gefunden zu haben, welche sich in dem Uterus
eines trächtigen Meerschweinchens vorfanden, und welche mit der Krystallsub-
stanz des Blutes identisch sind, jeuer in den rothen Blutkörperchen der Wirbel-
thiere vorkommenden krystallisirbaren Eiweiss - Verbindung. Die Quellungs-
phänomene, welche Reichert von jenen Eiweisskrystallen schildert, zeigen sich
nur an solchen Krystallen, welche durch die Einwirkung von Alkohol oder an-
deren Reagentien geronnen und in den unlöslichen, imbibitionsfähigen Zustand
übergeführt sind. Sie behalten dann als Afterkrystalle die frühere Krystallform
bei. So lange diese Eiweiss-Modificatiou löslich und krystallisirbar ist, kann sie
keine Flüssigkeit durch. Imbibition aufnehmen. Eine audere Ausnahme scheinen
die besonders von Nägeli untersuchten „Krystalloide" zu bilden, welche in
den Reservestoffbehältern (Samen etc.) vieler Pflanzen vorkommen. Diese kry-
stalliilmlichen Gebilde, welche constant Eiweissverbindungen nebst verschiedenen
Beimengungen enthalten, können durch Einwirkung von Essigsäure, Ammoniak
u. s. w. bis um das Doppelte aufquellen. Indess ist es wohl auch hier wahr-
scheinlich, dass durch die Einwirkung dieser Reagentien zugleich die krystalliuische
Molekularstructur vernichtet wird.
llaeckel, Generelle Morphologie. 9
130 Organismen und Auorgane.
der inneren und äusseren Formenverhältnisse, welche zwischen den
Organismen und Anorganen existirt. Da nun gerade die imbibitions-
fähigen, nicht krystallisirbaren organischen Materien beim Zustande-
kommen der Lebensbewegungen die grösste Rolle spielen, so erklärt
sich hieraus, warum krystallinische Formen, die in der anorganischen
Natur als die höchst entwickelten Formzustände der Materie auftreten,
in den Organismen nur eine verhältnissmässig geringe Bedeutung be-
sitzen. Zwar kommen Krystalle in zahlreichen Organismen vor,
meist aber nur als Ablagerungen nicht mehr gebrauchter Substanz,
seltener als functionirende Bestandtheile von Organismen, wie z. B. die
krystalliniscken Otolitheu vieler Thiere, die Krystalle in der silber-
glänzenden Haut vieler Fische etc. Krystallisirbare Materien in Lö-
sung dagegen sind in den Organismen sehr weit und allgemein ver-
breitet.
Nachdem wir nun gezeigt haben, dass in allen elementaren Leistungen,
in allen fundamentalen Functionen, in allen Gfrundkräffcen der Materie
zwischen Organismen und Anorganeu keine absoluten, sondern nur relative
Unterschiede sich vorfinden, dass nur die complicirtere Verbindungsweise
der Atome zu verwickelter zusammengesetzten Molekülen, und die daraus
resultirenden höheren, mehr difl'erenzirten Molekularfunctionen, und ins-
besondere die wahrscheinlich damit zusammenhängende Imbibitionsfähigkeit,
der festflüssige Aggregatzustand, die Organismen vor den Anorganen aus-
zeichnet, hätten wir die Frage zu beantworten, ob denn auch diejenigen
Bewegungen der Materie, welche man als Lebenserscheinungen der Orga-
nismen im engeren Sinne bezeichnet, Empfindung und Willensbewegung,
Ernährung und Stoffwechsel, Wachsthum und Fortpflanzung, lediglich als
die nothwendigen Wirkungen jener complicirteren Ursachen aufgefasst wer-
den können, und ob dieselben der complicirter gebauten und zusammen-
gesetzten organischen Materie ebenso mit Notwendigkeit inhäriren, wie
die einfacheren physikalischen „Kräfte" den Anorganen. Bevor wir diese
Frage beantworten, müssen wir die Form der Organismen und Anorgane
kurz einer vergleichenden Betrachtung unterziehen, da dieselbe für das Zu-
standekommen jener complicirteren Bewegungserscheinungen nicht weniger
wesentlich und nothwendig ist, als die verwickeitere Zusammensetzungsweise
der organischen Materie selbst.
II. Organische und anorganische Formen.
II) 1. Individualität der organischen und anorganischen Gestalten.
So wenig zwischen den Organismen und Anorganen ein absoluter,
allgemein durchgreifender Unterschied in der fundamentalen atomisti-
schen Zusammensetzung der Materie, sowie in den fundamentalen
Kräften, welche derselben inhäriren, zu finden ist, so wenig existirt
ein solcher absoluter Unterschied zwischen beiden Gruppen von Na-
turkörperu auch in der Form, in der inneren Zusammensetzung und
IL Organische und anorganische Formen. 131
in der äusseren Gestalt. Die sehr auffallenden Differenzen, welche in
allen diesen Beziehungen zwischen leblosen und belebten Körpern
existiren, sind immer nur relativer Natur, indem sie sieh allmählig ab-
stufen, und indem die complicirtere Zusammensetzungsweise und die Im-
bibitionsfähigkeit der organischen Kohlenstoffverbindungen nothwendig
eine complicirtere Function und eine complicirtere Form mit sich bringt.
Allein auf der untersten Stufe der so reich differenzirten Organismen-
Welt finden wir einfachste Formen, welche in Bezug auf Einfachheit
der Zusammensetzung und Form nicht hinter den Auorganen zurück-
bleiben.
Wir haben bereits oben (p. 24 ff.) eine allgemeine Vergleichung
der Organismen und Anorgane bezüglich der Zusammensetzung und
Entstehung ihrer Formen angestellt, um die verschiedenen Seiten der
Formbetrachtung, mit welchen wir uns beschäftigen werden, klar und
scharf hervortreten zu lassen. Wir haben dort absichtlich, wie be-
merkt (p. 24), „die wesentlichen Formunterschiede zwischen Organis-
men und Anorganen so scharf und durchgreifend gegenübergestellt, wie
dies fast von allen Naturforschern geschieht." Nun haben wir aber
gerechterweise auch die gewöhnlich ganz vernachlässigte Kehrseite
jener Betrachtung hervorzuheben, und zu untersuchen, ob die dort
hervorgehobenen Differenzen wirklich absolut durchgreifende sind.
Au der Spitze unserer vergleichenden Betrachtung der organi-
schen und anorganischen Form haben wir oben hervorgehoben ; dass
beiderlei Formen uns gewöhnlich als bestimmt abgeschlossene räum-
liche Einheiten, als Individuen entgegentreten. Hier ist nun zu-
nächst hervorzuheben, dass dies bei den Auorganen keineswegs con-
stant der Fall ist. Vielmehr tritt uns die leblose Materie sehr häufig
nicht in individueller Form entgegen. Dies gilt zunächst von allen
Gasen oder elastischen Flüssigkeiten. Dasselbe könnte ferner auch von
allen tropfbaren Flüssigkeiten behauptet werden, falls man hier nicht
die einzelnen Tropfen, welche, innerhalb einer nicht mit ihrem Stoff
mischbaren Flüssigkeit, vermöge der Cohäsion ihrer Moleküle eine be-
stimmte Form (in einer Flüssigkeit vom gleichen speeifischen Gewichte
eine Kugelform) annehmen, als Individuen gelten lassen will. Auch
die festen Anorgane treten sehr oft in einer nicht individualisirten
Form auf, als „amorphe" unregelmässige Stücke u. s. w.
Als eigentliche ausgebildete anorganische Individuen können wir
nur die Krystalle gelten lassen, welche auch schon von anderen Na-
turforschern (vorzüglich von Schwann) in dieser Beziehung unter-
sucht und mit den organischen Individuen verglichen worden sind.
Doch müssen wir auch hier die Uebergangsbildungen hervorheben,
welche zwischen vollkommen amorphen und rein kry st all in i sehen
Körpern vorkommen, und welche man allgemein mit dem Namen der
9*
132 Organismen und Anorgane.
krystalloidiscben Bildungen belegen kann. 1 ) Während bei den
vollkommen amorphen Anorganen die Atome oder Moleküle einfach
aggregirt, ohne jedes bestimmte Gesetz an einander gelagert sind, fin-
den wir bei den Krystalloiden eine bestimmte gesetzmässige Anlage-
rung und Verbindungsweise der Moleküle (z. B. in einer gewissen
..strahligen" oder „ blätterigen d inneren Structur) ausgesprochen, ohne
dass dieselbe aber, wie es bei den echten Krystallen der Fall sein
muss, zur Bildung einer symmetrischen oder regulären prismoiden
Form führt, zu einer Form, welche von ebenen Flächen, geraden Linien
und bestimmten unveränderlichen Winkeln und Ecken begrenzt ist.
Indem wir nun die Krystalle als die höchst entwickelten anorgani-
schen Individuen den organischen Individuen oben vergleichend gegen-
über gestellt haben, bemerkten wir zunächst, dass die ersteren durch
und durch homogen, in sich gleichartig, aus Molekülen einer und der
selben Art zusammengesetzt seien, während die letzteren im Inneren
heterogen, in sich ungleichartig, und aus Molekülen nicht nur, sondern
auch aus gröberen Theilen von ganz verschiedener Art zusammenge-
setzt seien. Auf diese Zusammensetzung des Organismus aus differen-
ten Theilen, aus Organen, oder aus Individuen verschiedener Ordnung
begründen wir im dritten Buche die Structurlehre oder Tectologie.
So wesentlich nun dieser Unterschied im Grossen und Ganzen ist,
so haben wir hier doch zweierlei gegen seine allgemeine Gültigkeit
einzuwenden. Erstens nämlich sind die Krystalle in ihrem Inneren
durchaus nicht, wie man oft hervorhebt, vollkommen homogen. Wenn
auch die chemische Natur ihrer Moleküle, die Zusammensetzung der-
selben aus Atomen, gleichartig ist, so gilt dies keineswegs von deren
Lagerung und Verbindungsweise. Diese ist vielmehr, entsprechend
den verschiedenen Axen des Krystalls, nach verschiedenen Richtungen
hin verschieden, und gerade diese innere Ungleichartigkeit, die un-
gleiche Cohäsion der Moleküle in verschiedenen Richtungen, ist für
die äussere Form des Krystalls sogar bedingend. *) Zugleich bedingt
dieselbe die blätterige Structur im Innern des Krystalls, seine Zusam-
') Vergl. Sc liu mache r, die Krystallisation des Eises. Leipzig 1844,
p. 27. ff. Vielleicht sind diesen anorganischen Krystalloideu auch die oben er-
wähnten Krystalloide von pflanzlichen Eiweiss-Yerbiudungen anzuschliessen.
2 ) Die teleologische oder dualistische Auffassung der Organismen, welche
die Complication der organischen Form nicht aus der nothwendigen Wechsel-
wirkung ihrer constituirenden Theile, sondern aus einer vorbedachten zweckmäs-
sigen „inneren Idee," einem „Bauplan" ableitet, müsste consequenter Weise ganz
ebenso auch für jede einzelne Krystalfform eine solche „innere Idee" postuliren,
und in. der gesetzmässigen inneren und äusseren Gestaltung des Krystalls eine
,, zweckmässige Einrichtung" für sein Bestehen, sowie für das Zustandekommen
seiner physikalischen Eigenschaften erblicken.
II. Organische und anorganische Formen. 133
mensetzung aus über einander liegenden Schichten von verschiedenen
Cohäsions-Graden, die Blätterdurchgänge, welche nach verschiedenen
Richtungen hin sich kreuzen und durchschneiden. Hierdurch ist dann
wieder der verschiedene Widerstand bedingt, den der Krystall nach
verschiedenen Richtungen hin dem Durchgänge des Lichts, der Wärme,
der Electricität etc. entgegensetzt. Kurz, wir sehen, dass der Kry-
stall durchaus kein homogener, in sich gleichartiger Körper ist, wie ein
amorphes Anorgan, sondern vielmehr eine innere Structur besitzt,
wie der Organismus; und den Theil der Krystallographie, welcher von
dieser inneren Structur handelt, könnte man die Anatomie der Kry-
stalle, oder besser noch die Tectologie der Kry stalle nennen.
Wie wir nun so einerseits sehen, dass die „innere Structur', die
Zusammensetzung aus bestimmt angeordneten Theilen, durchaus keine
ausschliessliche Eigenschaft des Organismus ist, so müssen wir zwei-
tens andererseits hervorheben, dass es auch vollkommen homogene
Organismen giebt, solche nämlich, welche, für unsere Hilfsmittel
wenigstens, als durchaus homogene und strukturlose Körper erschei-
nen. Dahin gehören mehrere, schon seit längerer Zeit bekannte, so-
genannte „Amoeben", nämlich diejenigen einfachsten Amoeben-Formen,
welche, ohne Kern und ohne contractile Blase, bloss einen structur-
losen contractilen Eiweissklunipen darstellen. Insofern diese durchaus
homogenen Amoeben, die sich durch Diosmose ernähren und durch
Theilung fortpflanzen, selbstständige „Species" darstellen, wollen wir
dieselben als ,, Protamoeba ", von den eigentlichen, mit Kern und
contractiler Blase versehenen Amoeben unterscheiden. ') Ferner ge-
') Nachdem ich bei dem Proto genes pritnordialis, einem vollkommen
homogenen Plasmaklumpen, den ich im Frühjahr 1864 im Mittelmeere bei Villa-
franca unweit Nizza beobachtet, die einfache Fortpflanzung durch Theilung nach-
gewiesen hatte, gelang es mir auch bei einem kleinen amoebenförmigen Wesen
ohne Kern und ohne contractile Blase, welches ich schon früher in einem kleinen
Tümpel bei Jena beobachtet hatte, denselben Vorgang festzustellen. Dieser
lebende, vollkommen structurlose Plasmaklumpen, welcher Prot amoe bn priwi-
l i v a heissen mag, von ungefähr 0,03 — 0,05 Mm. Durchmesser, gleicht im Habitus
und äusserer Form ziemlich der vou Auerbach (Zeitschr. für wissensch. Zool.
1856. Vol. VII. Tab. XXII., Fig. 11—16) beschriebenen und abgebildeten
Amoe ha limuoc. Kern und contractile Blase, welche letztere besitzt, fehlen
aber vollständig. Auch bei der stärksten Vergrösserung war ich bei allen be-
obachteten Individuen nicht im Stande , in dem vollkommen homogenen Flasma
etwas Anderes zu entdecken als bei vielen Individuen (aber nicht bei allen !) eine
grössere oder kleinere Anzahl fettglänzender, in Essigsäure nicht löslicher
Körnchen , welche entweder zufällig oder als Nahrung aus dem umgebenden fei-
nen Schlamme, der viele zersetzte organische Stoffe enthielt, aufgenommen
waren. Die structurlose Substanz der contractilen formlosen Körpej?€fieir ' was
sehr blas3, zart contourirt, schwach lichtbrechend. Die Bewegungen v&a^n sen? /
,&± *** *\<&
134 Organismen und Anorgane.
hören dahin die merkwürdigen ..Pr otogen es ', welche ebenfalls voll-
kommen homogene lebende Eiweissklumpen (Cytoden) darstellen, sieh
aber durch sehr bedeutende Grösse auszeichnen und durch Anastomose
der dünnflüssigeren (weicheren, weniger consistenteu* formwechselnden
Körperfortsätze von den dickliüssigeren (festerem Protamoeben (ohne
Anastomose der Pseudopodien) unterscheiden. 1 ) In allen diesen äusserst
merkwürdigen und wichtigen Organismen der niedrigsten Stufe, welche
sich übrigens unmittelbar einerseits an die mit einer Schale versehenen
Khizopodeu, andererseits an die Jugendzustände der Myxomyceten an-
schliessen, besteht der gesammte Organismus aus einem vollkommen
homogenen lebenden Eiweissklumpen (Plasmaklumpen, Cytoden) wel-
cher, offenbar lediglich vermöge seiner atomistischen Constitution als
ein leicht zersetzbarer und imbibitionsfähiger Eiweissstoff, sämmtliche
„Lebens "-Functionen zu vollziehen im Stande ist. Die Bewegung
äussern diese primitiven Urwesen mittelst der formlosen und beständig-
wechselnden Fortsätze, welche sie von der Oberfläche ausstrecken und
welche das Resultat der gegenseitigen Lageveränderung der Moleküle
in der festflüssigen Eiweisssubstanz sind. Die Reizbarkeit oder Erreg-
barkeit äussern sie als Reflexbewegung durch bestimmte Reactionen,
durch Modifikation der Bewegungen, z. B. Zurückziehen der Pseudo-
podien, bei Berührung mit einem reizausübenden fremden Körper,
einer in Essigsäure getauchten Nadel etc. Die Ernährung voll-
ziehen sie entweder dadurch, dass sie die in dem umgebenden Was-
ser gelösten einfacheren Verbindungen: Kohlensäure, Ammoniak etc.
schwach und langsam. Die rundlichen Protamoeben dehnten sich zu eiförmigen
oder länglich runden Platten aus, welche bald nur einen, bald 3 — 4 kurze, stumpf
abgerundete Fortsätze ausschickten, die allmählig wieder zurückgezogen wurden.
Unmittelbar die Nahrungsaufnahme durch ,diese Pseudopodien zu beobachten ge-
lang nicht. Dagegen hatten viele der kleinen Körperchen, einige Stunden nach-
dem ich ein wenig sehr fein zertheilten Indigo der umgebenden Flüssigkeit zu-
gesetzt, einzelne Körnchen davon in ihr Inneres aufgenommen. Mehrere Prota-
moeben zeigten in der Mitte eine flachere oder tiefere Einschnürung, wie in
Selbsttheilung begriffen, und bei zwei von diesen gelang es mir, durch lange an-
haltende Beobachtung, die völlige Trennung der beiden Hälften wirklich zu con-
statiren. Jede Hälfte rundete sich alsbald zu einem Kügelchen ab, welches die
langsamen Formverändeiungen des elterlichen Individuums bald wieder fortsetzte,
Der gesammte Körper dieser einfachsten aller Organismen, welcher die gewöhn-
lichen Eiweiss-Reactionen des Protoplasma zeigte, Hess bei keiner mikrochemi-
schen Behandlung eine Zusammensetzung aus heterogenen Theilen erkennen.
') Ueber Protoyenes primordial is vergl. Zeitschr. für wissenschaftl.
Zool. XV, 1865, p. 342, 360, Taf. XXVI, Fig. 1, 2. Im ruhigen Zustande bildet
dieses grosse Moner (welches sich von Max Schultz es Amoeba porreetn
wesentlich nur durch viel bedeutendere Körpergrösse und Zahl der Pseudopodien
unterscheidet, eine vollkommen kugelige homogene Eiweissmasse, von welcher
nach allen Seiten sehr zahlreiche und feine Fäden ausstrahlen.
IL Organische und anorganische Formen. 135
unmittelbar zu verwickelten Kohlenstoff- Verbindungen, zur Eiweiss-
substanz des Protoplasma, combinireu; oder sie ernähren sich durch
mechanische Aufnahme fester Stoffe mittelst der Pseudopodien, aus
denen sie dann die brauchbaren Substanzen durch Zersetzung aus-
ziehen und assimiliren. Die Fortpflanzung endlich geschieht durch
einfache Selbsttheilung. Und doch haben diese Organismen keine
„Organe"! Sie sind so vollkommen homogen als die Krystalle, mor-
phologisch aber insofern noch unvollkommener, als ihre constituirenden
Moleküle nach allen Richtungen frei verschiebbar sind, und das ganze
Individuum keine feste bleibende Form besitzt.
Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen,
bei denen wir weder mit dem Mikroskop noch mit den chemischen
Reagentien irgend eine Differenzirung des homogenen Plasmakörpers
nachzuweisen vermögen, von allen übrigen, aus ungleichartigen Theilen
zusammengesetzten Organismen bestimmt zu unterscheiden, wollen wir
sie ein für allemal mit dem Namen der Einfachen oder Moneren 1 )
belegen. Gewiss dürfen wir auf diese höchst interessanten, bisher aber
fast ganz vernachlässigten Organismen besonders die Aufmerksamkeit
hinlenken, und auf ihre äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völli-
ger Ausübung aller wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht
legen, wenn es gilt, das Leben zu erklären, es aus der fälschlich
sogenannten „todten" Materie abzuleiten, und die übertriebene Kluft
zwischen Organismen und Anorganen auszugleichen. Indem bei die-
sen homogenen belebten Naturkörpern von differenten Formbestand-
theilen, von „Organen" noch keine Spur zu entdecken ist, vielmehr
alle Moleküle der strukturlosen KohlenstoffVerbindung , des lebendigen
Eiweisses, in gleichem Maasse fähig erscheinen, sänimtliche Lebens-
functionen zu vollziehen, liefern sie klar den Beweis, dass der Begriff
des Organismus nur dynamisch oder physiologisch aus den Lebens-
bewegungen, nicht aber statisch oder morphologisch aus der Zusam-
mensetzung des Körpers aus „Organen" abgeleitet werden kann.
So paradox und wunderbar übrigens auch zuerst die Ausübung
der verschiedensten Lebensfunctionen durch diese Moneren, durch voll-
kommen organlose und formlose, in sich ganz gleichartige Eiweiss-
klumpen erscheinen mag, so verliert doch diese Thatsache alles
Wunderbare (d. h. Seltene und Ausserordentliche), wenn wir daran
denken, dass gleiche individualisirte homogene Plasmaklumpen als
Cj'toden, und andere, nur durch einen differenten Kern ausgezeich-
nete Plasmaklumpen als Zellen in allen übrigen Organismen eben-
falls als mehr oder minder selbstständige Lebenseinheiten auftreten.
Die Moneren sind, von diesem Standpunkte aus betrachtet, nichts als
') f^ovrj(irjg, einfach.
136 Organismen und Anorgane.
einzelne, isolirt lebende Cytoden. Die Moneren behalten diesen Charakter
zeitlebens, während derselbe in den Jugendzuständen der Myxomyceten,
Rhizopoden und anderer Protisten nur vorübergehend auftritt. Wenn
wir die Zusammensetzung des Körpers aus verschiedenartigen Theilen
als Haupt-Character der Organismen hervorheben wollten, so würde
die Kluft zwischen jenen einfachen, lebenden Plasmaklumpen und deu
höheren, aus Individuen verschiedener Ordnung zusammengesetzten Or-
ganismen, viel grösser erscheinen, als die Kluft zwischen den erstereu
einerseits und den Krystallen andererseits. Die Moneren stehen in
dieser Beziehung wirklich auf der Grenze zwischen leblosen und leben-
den Naturkörpern. Sie leben, aber ohne Organe des Lebens; alle
Lebenserscheinungen, Ernährung und Fortpflanzung, Bewegung und
Reizbarkeit, erscheinen hier lediglich als unmittelbare Ausflüsse der
formlosen organischen Materie, einer Eiweiss- Verbindung.
Wir können demnach weder die Zusammensetzung des Körpers
aus ungleichartigen Theilen (Organen etc.), noch auch nur die Zu-
sammensetzung des Individuums aus mehreren gleichartigen Individuen
niederer Ordnung, wie bisher geschehen, als allgemeinen Character
der Organismen festhalten. Wir werden dies in Zukunft um so weni-
ger können, als höchst wahrscheinlich eine vielseitigere Untersuchung
der Anorgane nachweisen wird, dass auch hier bisweilen eine Zusam-
mensetzung des Individuums aus mehreren Individuen niederer Ordnung
vorkommt. Wir meinen hier die zusammengesetzten, theils rein kri-
stallinischen, theils krystalloiden Bildungen, welche insbesondere das
krystallisirende Wasser so leicht hervorbringt. Offenbar sind diese
sehr mannichfaltigen , und oft äusserst zusammengesetzten Gestalten,
welche wir als Eisblumen, Eisbäume etc. im Winter an unseren Fen-
sterscheiben bewundern, und durch deren Namen schon das Volk
gleichsam instinctiv ihre morphologische Aelmlichkeit mit Organismen
andeutet, derartige „höhere, vollkommenere" Anorgane, bei welchen
die complicirte Gestalt des Ganzen aus einer gesetzmässigen Ver-
einigung untergeordneter Theile resultirt, Offenbar sind diese Eis-
blumen, Eisblätter etc. nach bestimmten Gesetzen gebildet; es sind
Aggregate von zahlreichen einzelnen Krystallen, von vielen Individuen
niederer Ordnung, welche zur Bildung des höheren Ganzen sich ver-
einigt haben. Eine bestimmte Summe von centralen Krystall-Indivi-
duen bildet die Axe, um welche sich die peripherischen Individuen,
bestimmten Anziehungs- und Abstossungs- Verhältnissen jener Axe ge-
horchend, ansetzen. Bei den complicirteren Eisbäumen, welche den
zusammengesetzteren Fiederblättern z. B. von Farmen gleichen, scheint
jede Fieder, jeder Seitenzweig der Hauptaxe selbst wieder die An-
satzlinie für eine neue Reihe noch mehr untergeordneter Individuen
werden zu können eto. Auch vielfach sonst linden wir solche ein-
II. Organische und anorganische Formen. 137
fächere und zusammengesetztere Krystall- Aggregate (z. B. in vielen
sogenannten Krystalldrusen) vor, welche ganz offenbar nicht gesetzlos
zusammengeworfene Krystall- Haufen sind, sondern durch bestimmte
Anziehungs- und Abstossungs-Verhältuisse geregelte, gesetzmässige Bil-
dungen, in denen nothwendig die complicirte Form des Ganzen aus
der complicirten Zusammenordnung der einzelnen Theile resultirt.
Wenn diese merkwürdigen Bildungen erst näher untersucht sein wer-
den, ist zu hoffen, dass auch bei diesen ,, Krystall-Stöcken " , wie man
sie nennen könnte, bestimmte Gesetze gefunden werden, welche den
Zusammentritt der Individuen verschiedener Ordnung zum höheren
Ganzen bestimmen. Die Feststellung dieser Gesetze würde für die
Anorgane dieselbe Aufgabe sein, wie sie die Tectologie für die Or-
ganismen verfolgt.
II) 2. Grundformen der organischen und anorganischen Gestalten.
Als einen weiteren wesentlichen Unterschied der organischen und
anorganischen Individuen haben wir oben (p. 2ö ff.) die Verschieden-
heit der äusseren Gestalt selbst bezeichnet. Bei den ausgebildeten
anorganischen Individuen, den Krystallen, „ist die Form einer voll-
kommen exacten mathematischen Betrachtung ohne Weiteres zugänglich,
und mit der stereometrischen Ausmessung derselben ist die Aufgabe
ihrer morphologischen Erkenntniss wesentlich gelöst. Die anorganischen
Individuen sind fast immer von ebenen Flächen, geraden Linien und
bestimmten messbaren Winkeln begrenzt. Die organischen Individuen
hingegen, deren Form einer stereometrischen Behandlung zugänglich
ist, sind seltene Ausnahmen. Fast immer ist ihr Körper von gekrümm-
ten Flächen, gebogenen Linien und unmessbaren sphärischen Winkeln
begrenzt."
Auch dieser Unterschied, den wir absichtlich oben so schroff hin-
gestellt haben, wie dies gewöhnlich geschieht, ist keineswegs so ab-
solut und durchgreifend, wie man glaubt. Vielmehr kommen auch in
dieser Beziehung, wie überall, Zwischenformen und Uebergangs-
bildungen vor. Zunächst ist hier hervorzuheben, dass auch vollkommen
reine anorganische Krystalle sich finden, welche nicht, gleich den
meisten anderen, von ebenen Flächen begrenzt sind, die in gradlinigen
Kanten zusammenstossen. Am wichtigsten sind in dieser Beziehung
die von gekrümmten Flächen eingeschlossenen Diamautkrystalle, welche
um so bemerkenswerther sind, als der Kohlenstoff, der hier in reinster
Form sphärische Krystallnächen hervorbringt, zugleich dasjenige che-
mische Element ist, Avelches an der Spitze der Organogene steht, und
die wichtigste Kolle in der Bildung der organischen Verbindungen
spielt. Dasselbe gilt auch vom Wasser, welches nicht minder unent-
behrlich für das Zustandekommen und den Bestand der organischen
138 Organismen und Anorgane.
Formen ist. Die unendlich mannichfaltigen Krystallformen des Schnees
und Eises, und vor Allem die sehr complicirten, eben hervorgehobenen
,.höheren und vollkommeneren" Krystallformen (Eisblumen, Eis-
blätter etc.), welche aus Krystall- Individuen niederer Ordnung- sich
zusammensetzen, zeigen äusserst häufig höchst eomplicirte, einer
stereometrischen Betrachtung gar nicht mehr zugängliche, gekrümmte
Linien und Flächen.
Während so einerseits der Fall nicht selten ist, dass auch reine
und vollkommen geformte anorganische Individuen, gleich den orga-
nischen, nur gekrümmte Begrenzungsflächen und krumme Kantenlinien
zeigen, die in unmessbaren Ecken zusammenstossen, so kommt ande-
rerseits noch häufiger der Fall vor, dass auch organische Individuen,
gleich den meisten anorganischen Krystallen, vollkommen ebene Be-
grenzungsflächen darbieten, welche sich in geraden Linien schneiden
und in messbaren Raumecken zusammenstossen. Wir meinen hier
nicht die Krystalle organischer Kohlenstoff- Verbindungen (z. B. Zucker,
organische Säuren, Fette etc.), da wir diese nicht als wirkliche orga-
nische, d. h. physiologische Individuen, als Lebenseinheiten, ansehen
können; wir meinen vielmehr die bisher auffallend vernachlässigten,
äusserst interessanten Organismen aus dem Rhizopoden-Stainme, welche
besonders in der Radiolarien-Klasse einen so ausserordentlichen Formen-
reichthum entwickeln und hier zum Theil vollständig, in ihrer ge-
satnmten Körperform, und vor Allem in ihrer Skeletbildung, die rein-
sten und regelnlässigsten Krystallformen (Tetraeder, reguläre Octaeder,
Quadrat- Octaeder, Rhomben- Octaeder, dreiseitige Prismen etc.) dar-
stellen. Da wir diese höchst wichtige und bisher fast ganz vernach-
lässigte Erscheinung im vierten Buche ausführlich zu behandeln haben,
so wollen wir hier nur darauf hinweisen, dass sämmtliche stereo-
metrische Formen, welche als Grundformen der verschiedenen
Krystallsysteme auftreten, auch in Form selbstständiger Organismen
vorkommen. Die Radiolarien liefern hierfür die zahlreichsten und
schlagendsten Beispiele.
Im Ganzen genommen ist freilich die Zahl dieser Organismen in
Kry stallform gering, und es muss ausdrücklich hinzugefügt werden,
dass es immer nur ein Theil des Körpers ist (wenn auch oft der
grösste, und häufig der einzige feste und geformte Theil), wel-
cher die einfache Krystallform annimmt. Denn zu diesem (meist aus
Kieselsäure gebildeten) Krystall -Skelet kommt stets noch zum Min-
desten die amorphe Sarcode, das lebende Protoplasma, hinzu. Diese
letztere kann allein die Lebensbewegungen vermitteln, denen auch
jener Skelet-Krystall seine Entstehung verdankt.
Bei der Mehrzahl der Organismen ist die Krystallform gewöhnlich
schon deshalb ganz oder grösstenteils ausgeschlossen, weil der ganze
II. Organische und anorganische Formen. 139
Körper, oder doch der grösste Tlieil desselben, aus imbibitionsfähiger
Materie besteht. Kristallisation und Imbibition schliessen sich aber,
wie oben bemerkt, aus. Wir haben daher gewiss in der für das
Leben unentbehrlichen Quelllingsfähigkeit der organischen
Materien die nächste Ursache für die nicht krystallinische
Form der meisten Organismen zu suchen.
Nächst der Imbibitionsfäkigkeit, und in der nächsten Beziehung
und Verbindung mit ihr, ist es dann ferner die unbegrenzte Varia-
bilität der Organismen, welche, wie oben bemerkt (p. 26), eine
stereometrische Betrachtung, Ausmessung und Berechnung der meisten
organischen Formen in gleicher Weise, wie sie die Krystallographie
für die Anorgane giebt, illusorisch macht. Die Individuen der orga-
nischen „Arten" (Species) sind nicht, wie die Individuen der anorga-
nischen Arten, einander ^innerhalb des Species-Begriffes) gleich, oder
auch nur in allen wesentlichen Stücken ähnlich. Vielmehr haben wir
die allgemeine Veränderlichkeit und Anpassungsfähigkeit aller Orga-
nismen als eine äusserst wesentliche Grundeigenschaft derselben zu
constatiren. Indem alle Individuen unter einander ungleich sind, imd
daher auch eine gemeinsame stereometrische Grundform nur für eine
bestimmte Summe von Individuen, welche innerhalb eines beschränkten
Zeitraums (z. B. einige geologische Perioden hindurch) existiren, auf-
gestellt werden kann, so würde die genaueste stereometrische Aus-
messung und Berechnung der Organismen-Formen, ihrer complicirten
gekrümmten Begrenzungsflächen, Linien etc., auch wenn sie möglich
wäre, nur ein ganz untergeordnetes Interesse haben. Dagegen ist eine
allgemeine Betrachtung der stereometrischen Grundformen, welche den
Organismen -Formen zu Grunde liegen, allerdings möglich, und wie
das vierte Buch zeigen wird, innerhalb gewisser Schranken ausführbar.
In gewissem Sinne entspricht diese Promorphologie der Krystallographie,
ist das Aequivalent einer „ Krystallographie der Organismen", und man
kann diesen Vergleich noch durch die Erwägung näher begründen,
dass auch bei den reinen anorganischen Krystallen die vollkommene
stereometrische Grundform äusserst selten (oder nie) in der Natur
realisirt vorkommt, und daher stets mehr oder minder eine (durch Er-
gänzung vieler einzelner verglichener concreter Krystall - Individuen
erhaltene) ideale Abstraction darstellt. Die Unvollkommenheiten der
allermeisten realen Krystall-Individuen sind durch Anpassung ihrer
Form an die Umgebung bestimmt, welche während ihrer Entstehung
wirksam war. 1 ) In gleicher Weise, nur in viel höherem Grade, wirkt
') Ganz besonders merkwürdig erscheinen durch die unendliche Mannich-
faltigkeit der individuellen Formen die complicirten Krystalle des Schnee's, welche
zugleich desshalb von besonderem Interesse sind, weil hier die Anpassungs-Be-
dingungen verhältnissmässig einfache sind.
140 Organismen und Anorgane.
die Anpassung an die umgebenden Existenz-Bedingungen auf die wer-
denden Organismen ein, wessbalb liier die individuelle Verschiedenheit
so sehr viel beträchtlicher ist, und, indem sie viele Generationen hin-
durch vererbt, und durch Vererbung in Verbindung mit fortdauernder
Abänderung gehäuft wird, schliesslich zur Entstehung ganz neuer For-
men führt.
111. Organische und anorganische Kräfte.
III) 1. Lebenserscheinungen der Organismen und physikalische
Kräfte der Anorgane.
Durch die vorhergehenden Untersuchungen glauben wir gezeigt
zu haben, dass sowohl in der elementaren Constitution und in der
chemischen Zusammensetzung der Materie, als auch in der Form, in
welcher sich dieselbe individualisirt, durchaus keine so wesentlichen
und absoluten Unterschiede zwischen Organismen und Anorganen
existiren, wie dies gewöhnlich angenommen wird. Die wirklich vor-
handenen Unterschiede erklären sich aus der complicirteren Art und
Weise, in welcher die Atome der Elemente in den organischen Kör-
pern zu verwickeiteren Atomgruppen (Molekülen) zusammentreten, und
ganz besonders aus der ausserordentlichen Fähigkeit des Kohlenstoffs,
mit mehreren verschiedenen Atomarten sich in sehr verwickelter Weise
zu verbinden. Es ist lediglich diese verwickeitere atomistische Con-
stitution der Kohlenstoff-Verbindungen und die damit zusammenhängende
leichte Zersetzbarkeit derselben, die ungewöhnliche Neigung und
Fähigkeit der Atome, ihre gegenseitige Lagerung und Gruppirung zu
ändern, welche den organischen Materien zum Theil besondere physi-
kalische Eigenschaften verleiht. Von diesen ist die wichtigste der
festtiüssige Aggregatzustand, die Quellungsfähigkeit. Nun entsteht aber
die Frage, ob denn auch alle die verwickeiteren Bewegungs- Erschei-
nungen der Materie, welche man unter dem Collectiv-Begriff des
„Lebens" zusammenfasst, sich lediglich aus dieser complicirteren Con-
stitution der organischen Materie und der dadurch bedingten imbibi-
tionsiähigen Form erklären lassen. Wir haben den Beweis zu führen,
dass dies in der That der Fall ist, und dass sämmtliche Lebens-
erscheinungen der Organismen ohne Ausnahme ebenso unmittelbare
und nothwendige Wirkungen der geformten organischen Materie sind,
als die physikalischen Eigenschaften jedes Krystalles unmittelbare und
nothwendige Folgen seiner Form und stofflichen Qualität sind.
Bereits oben (p. 100) ist mit aller Schärte hervorgehoben worden, dass
wir die teleologische und vitalistische Betrachtungsweise der Organismen
durchaus verwerfen, und dass wir als die einzig mögliche wissen-
schaftliche Erkenntnissiaethode derselben die mechanische und
causale anerkennen müssen. Da wir uns hier im vollsten Einklänge mit
III. Organische und anorganische Kräfte. 141
den wesentlichsten Grandanschauungen der gesarnmten neueren Physiologie
befinden, dürfte es überflüssig erscheinen, hier über diesen ersten und wich-
tigsten aller biologischen Grundsätze noch ein Wort zu verlieren. Wir
sind aber zu dieser Erörterung gezwungen durch die allgemeine Verbrei-
tung der verkehrtesten Vorstellungen, welche in dieser Beziehung noch
heutzutage sowohl die organische Morphologie, als die speculative Philo-
sophie zum grössten Theil beherrschen. Selten freilich begegnen wir diesen
vitalistischen Irrthümern in einem so offenen und auffallenden Gegensatz zu
der gesarnmten übrigen Naturwissenschaft, wie es in den consequent durch-
geführten Ansichten von L. Agassi z der Fall ist, welcher sämmtliche
Lebenserscheimmgen als unmittelbare Gedanken- Ausflüsse des persönlichen
Schöpfers ansieht, selten setzen sie sich zu jeder vernunftgemässen und
harmonisch-denkenden Naturbetrachtung in einen so erklärten Widerspruch,
wie in den gänzlich unklaren und verworrenen Theorieen von Reichert,
der alle Lebenserscheinungen aus dem „systematischen Grün dchar acter " der
organischen Schöpfung ableitet. Vielmehr verstecken sich, da die Ausdrücke
der „Lebenskraft", des Lebensprincips u. s. w. doch allmählig in ziemlich
allgemeinen Misscredit gekommen sind, die meisten dualistischen Irrthümer
der jetzigen organischen Morphologie unter unschuldigeren teleologischen
Ausdrücken, als da sind: Bauplan der Organismen, innere Idee, zweck-
mässige Organisation, Endzweck der Organismen u. s. w. Alle diese Aus-
drücke, welche mehr oder minder sich bemühen, den inneren Widerspruch
der dualistischen Weltansicht unter dem Bilde eines teleologischen Gleich-
nisses zu verbergen, sind eben so absolut zu verwerfen, als die früher
herrschenden Vorstellungen, dass jedes organische Individuum zur Erfüllung
seines individuellen Lebenszweckes vom Schöpfer zweckmässig mit einer
besonderen „Lebenskraft" ausgerüstet sei. Wir müssen als erste und un-
umgängliche Vorbedingung einer jeden wissenschaftlichen Erkenntniss der
belebten Natur den monistischen Fundamentalsatz von dem nothwendigen
Zusammenhange zwischen Ursache und Wirkung aufstellen, und aus diesem
Causal- Gesetze wird sich dann für die gegenwärtige Betrachtung das Re-
sultat ergeben, dass alle Lebenserscheinungen ohne Ausnahme, von den
einfachsten Ernährungserscheinungen der Amoebe, bis zu den höchst com-
plicirten psychischen Functionen des Menschen hinauf, eben so unmittelbare
und nothwendige Folgen der complicirteren Zusammensetzung und Form
der organischen Materie sind, als die physikalischen Eigenschaften jedes
Krystalls aus der chemischen Natur seines Stoffes und der davon abhängigen
prismoiden Form unmittelbar resultiren. In dieser Beziehung ist eine
allgemeine Vergleichung der sogenannten „Lebenserscheinungen oder vitalen
Functionen" der Organismen mit den vollkommen gleichwertigen physika-
lischen und chemischen „Kräften" der Anorgane, und insbesondere der
höchst individualisirten Anorgane, der Krystalle, besonders lehrreich und
interessant.
III) 2. Wachsthum der organischen und anorganischen Individuen.
Der Ausdruck „Leben" ist, wie bemerkt, nichts Anderes, als eine
Colleetivbezeicknmig für eine Summe von complicirteren Bewegungs-
142 Organismen und Anorgane.
Erscheinungen der Materie, welche nur den Organismen eigen sind,
und den Anorgahen allgemein fehlen. Es entsteht aber hier zunächst
die Frage, ob denn wirklich alle sogenannten Lebens-Erscheinungen
durchaus ohne Aualogon in der leblosen Natur sind. Wenn wir nun
in dieser Beziehung die molekularen Lebensbewegungen der organischen
Individuen mit den molekularen Bewegungen, welche wir bei anorga-
nischen Individuen, insbesondere bei Krystallen, wahrnehmen, ver-
gleichen, so tritt uns als verwandte Erscheinung zunächst diejenige
des Wachsthums entgegen.
Die Erscheinungen des Wachsthums in den anorganischen und
organischen Individuen sind schon vielfach und mit Recht verglichen
worden;') und zweifelsohne ist hier der Punkt, von welchem unsere
Vergleichung am besten ausgehen kann. Bei allen Naturkörpern be-
steht die Erscheinung des Wachsthums darin, dass die räumliche Aus-
dehnung und die Masse des Individuums allmählig zunimmt, indem
dasselbe durch eigene Thätigkeit fremde, ausserhalb befindliche
Massentheilchen anzieht. Bei den Krystall-Individuen wird so-
wohl ihr Wachsthum, als auch ihre erste Entstehung allgemein und
ohne Widerspruch zurückgeführt auf elementare Gesetze der Anziehung
und Abstossung der Moleküle einer homogenen Materie. Für die
Wirksamkeit dieser Gesetze ist der flüssige Aggregatzustand (entweder
als Lösung oder als Schmelzung) unbedingt erforderlich.
Zunächst ist hier die erste Entstehung des Krystalls aus der Flüssig-
keit (Mutterlauge) zu verfolgen. Eine bestimmte Verbindung (z. B. Koch-
salz), oder ein chemisches Element (z. B. Schwefel) befindet sich durch
Lösung oder durch Schmelzung im flüssigen Aggregatzustande, in welchem
die Cohäsion der Moleküle der Expansion der intermolekularen Aether-
Atome das Gleichgewicht hält. Damit derselbe nun in den festen Aggregat-
zustaud übergehe, oder damit der Körper krystallisire, ist entweder eine
Uebersättigung der Lösung (Mutterlauge) oder eine Abkühlung der ge-
schmolzenen Masse erforderlich. Dadurch entstehen einer oder mehrere
Punkte in der Flüssigkeit, an denen die Cohäsion der benachbarten Mole-
küle über die Expansion der sie trennenden Aether-Atome das Ueber-
gewicht gewinnt, und folglich ein fester Körper entsteht. Die Form dieses
ersten, äusserst kleinen, festen Körpers, der als Krystallkern nun weiter
auf die umgebende Flüssigkeit wirkt, ist bereits eine gesetzmässig be-
stimmte, ist bereits die Grundform des Krystallsystems, in welchem die
betreffende Materie unter den gegebenen Umständen (Temperatur, Elcctri-
cität etc.) krystallisirt. Es treten also bereits bei der ersten Entstehung
des Krystalls, im ersten Momente des Festwerdens, die benachbarten Mole-
') Schon Limit'' stellte die YVaclisIliuins-ErscIieinungen der Organismen und
Anorgane in Parallele, in der bekannten Diagnose der drei Reiche: Lapides cres-
eunt, Plantae creseunt et vivunt, Animalia creseunt et vivunt et sentiunt.
III. Organische uud anors-auische Kräfte. J43
küle nach einem bestimmten Gesetze zusammen, welches lediglich in den
einfachen Anziehnngs- und Abstossungs -Verhältnissen der Moleküle dieser
bestimmten Materie begründet ist. Diese Gesetze sind uns vollkommen eben
so unbekannt und ihrem innersten Wesen nach eben so räthselhaft, wie die
Gesetze der ersten Entstehung lebender Materie aus lebloser.
Die „spontane" Entstehung eines einfachsten Organismus, wie es die
structurlosen Plasmaklumpen, die Moneren sind, in einer leblosen oder
anorganischen Flüssigkeit, welche die Elemente seiner Materie gelöst ent-
hält, ist eine bestimmte Form der Generatio aequivoca, welche wir als
Autogonie im nächsten Capitel noch besonders betrachten werden. Hier
wollen wir vorläufig hervorheben, dass dieser Process uns seinem innersten
Wesen nach in der That nicht minder, aber auch nicht mehr, unerklär-
lich und räthselhaft ist, als die „spontane" (d. h. scheinbar freiwillige, in der
That aber nothwendige, gesetzlich bedingte!) Entstehung eines anorga-
nischen Krystalls in einer anorganischen Flüssigkeit. Wir wissen nicht
warum dieselbe anorganische Flüssigkeit unter scheinbar gleichen (in
der That aber stets ungleichen.) Umständen Krystalle liefert, welche an
Zahl, Grösse, secundärer Form etc. oft sehr bedeutend von einander ab-
weichen. Aber wir zweifeln niemals, dass es bestimmte ursächliche Ver-
hältnisse der eigenen und der umgebenden Materie, bestimmte, uns unbe-
kannte Bedingungen in den Anziehungs- und Abstossungs-Verhältnissen
dieser Materie sind, welche in jedem Falle die bestimmte individuelle Form
des entstehenden Krystalles regeln und bedingen. Ganz genau ebenso
verhält sich in dieser Beziehung die erste Entstehung der einfachsten,
homogenen Orgatiismen, die Autogonie eines Moneres in einer Flüssigkeit,
welche die Elemente seiner Materie in anderen Verbindungen, z. B. als
Kohlensäure und Ammoniak, gelöst enthält, und welche die für die Auto-
gonie notwendigen Bedingungen bietet. Wir wissen nicht, warum hier eine
bestimmte Anzahl von Atomen des Kohlenstoffs, des Sauerstoffs, des Was-
serstoffs und des Stickstoffs in bestimmter Quantität zusammentritt, um eine
plastische Materie, einen Eiweisskörper zu bilden, dessen Moleküle dann
unter scheinbar gleichen (in der That aber stets ungleichen) Umständen
sich zur Bildung von Moneren vereinigen, primitiven homogenen Organismen,
welche an Entwicklungsfähigkeit so sehr voii einander abweichen, und von
denen das eine einer pflanzlichen, das andere einer thierischen Entwicke-
lungsreihe den Ursprung giebt. Aber wir können und dürfen nicht zwei-
feln, dass es bestimmte ursächliche Verhältnisse der eigenen und der um-
gebenden Materie sind, bestimmte uns unbekaunte Bedingungen, Modifika-
tionen in den Anziehungs- und Abstossungs-Verhältnissen dieser Materie,
welche in jedem Falle die bestimmte (in bestimmter Richtung entwickelungs-
fähige) Qualität des entstehenden Urorganismus oder Moneres regeln und
bedingen.
Offenbar sind es dieselben grossen und einfachen Gesetze der
Massenanziehung und der chemischen Wahlverwandtschaft, welche die
Autogonie verschiedener Moneren, d. k. die spontane Entstehung von
homogenen structurlosen Urorganismen in einer anorganischen Flüssig-
* ij Organismen und Anorgane.
keit und welche die gesonderte Entstehung der verschiedenen Krystalle
in einer gemischten Mutterlauge bedingen. Hier wie dort erfolgt die
Bildung der festen Körper aus der Flüssigkeit mit Notwendigkeit,
durch die ureigene Kraft der Materie, ohne Zuthun einer davon ver-
schiedenen, zweckmässig wirkenden Kraft. Dieselbe fundamentale
Uebereinstiminung zeigt sich nun auch weiterhin in dem Wachsthum
der spontan" entstandenen Formen. Das Wachsthum beruht in allen
Fällen darauf, dass der vorhandene feste Körper als Attractionscentrum,
als Anziehungsmittelpunkt wirksam ist, und dass die Anziehungskraft,
welche die in demselben inniger verbundenen, sich näher liegenden
Moleküle auf ihre Umgebung ausüben, die schwächere Cohäsion der
in der umgebenden Flüssigkeit gelösten Moleküle überwiegt. Indem
die letzteren weiter von einander abstehen, sich weniger stark in ihrer
o-egenseitio-en Lage zu erhalten vermögen, folgen sie der stärkeren
Anziehung, welche von dem bereits gebildeten festen Körper ausgeht,
und o-ehen nun ihrerseits ebenfalls in den festen Aggregatzustand
über.
Nun ist aber hier sogleich hervorzuheben, dass zwar die Grund-
erscheinung des Wachsthums bei den Krystallen und den Urorganismen
dieselbe ist, und dass sowohl hier als dort lediglich die einfachsten
Attractions -Verhältnisse der materiellen Moleküle es sind, welche dem
zuerst entstandenen festen Centralkörper immer neue festwerdende
Materie von aussen, aus der umgebenden Flüssigkeit her zufuhren;
dass aber andererseits die Verschiedenheit des Aggregatzustandes in
den anorganischen und den organischen Individuen von vornherein
Verschiedenheiten in der Wachstlmmsweise bedingt, welche uns voll-
kommen die weiter auftretenden Differenzen der beiden Fälle erklären.
Dieser wichtigste Unterschied zwischen den in der Mutterflüssigkeit
spontan entstehenden Krystallen und Moneren zeigt sich von vornherein
darin, dass bei der ersten Anlage des Krystalls (des Kernkrystalls)
die organische Materie sogleich unmittelbar aus dem vollkommen
flüssigen in den vollkommen festen Aggregatzustand übergeführt wird,
während bei der ersten Anlage des Moneres die organische Materie
nicht unmittelbar aus dem vollkommen flüssigen in den vollkommen
festen, sondern in den festflüssigen Aggregatzustand übergeht. Wenn
bei der Krystallisation , wie es sehr häufig geschieht, aus der umge-
benden Mutterlauge Wasser (Krystallwasser) in den entstehenden festen
Körper mit übergeführt wird, so erscheint dieses an denselben chemisch
gebunden und thut dem vollkommen festen Aggregatzustand nicht den
mindesten Eintrag. Wenn dagegen bei der Autogonie ein Moner aus
der Mutterflüssigkeit entsteht, wobei stets Wasser in den entstehenden
festflüssigen Körper mit aufgenommen wird, so wird dieses Wasser
nicht fest, wie es bei dem chemisch gebundenen Krystallwasser ge-
III. Organische und anorganische Kräfte. J45
schieht, sondern es bleibt flüssig, und bedingt durch seine eigenthüra-
liche Verbindung mit der fest gewordenen organischen Materie den
Imbibitionszustand des structurlosen Urwesens, und dadurch die blei-
bende Beweglichkeit seiner inneren Bestandteile, welche für alle
weiteren Entwickelungs-Bewegungen desselben die erste Bedingung ist.
Sehen wir nun aber von diesen wichtigen Grundunterschieden im
Aggregatzustande der Organismen und der Anorgaue zunächst ab, so
linden wir andererseits in dem Wesen der Wachsthums-Bewegungen,
welche bei der Bildung der Krystalle und der einfachsten organischen
Individuen, der Moneren, sich zeigen, die wichtigste Uebereinstimmung.
Besonders ist hier als ein sehr wichtiger allgemeiner Character des
Wachsthmns hervorzuheben, dass in allen Fällen die Aneignung der
zum Wachsthum dienenden Stoffe aus der umgebenden Mutterflüssigkeit
mit einer gewissen Auswahl erfolgt. Sowohl der wachsende Krystall,
als das wachsende Moner zieht, wie jede andere Cytode und wie
jede Zelle, aus der umgebenden Ernährungsflüssigkeit nur diejenigen
Substanzen an, welche es zu seinem individuellen Wachsthum braucht,
und trifft daher, wenn viele verschiedene ernährende Substanzen unter
einander in der Flüssigkeit gelöst sind, zwischen diesen eine bestimmte
Auswahl. Bei der Kristallisation der Anorgane zeigt sich dieses Phä-
nomen ganz einfach darin, dass, wenn in einer Mutterlauge viele ver-
schiedene Salzlösungen unter einander gemischt sich befinden, beim
Abdampfen derselben alle einzelnen Salze gesondert heraus krystalli-
siren, indem das Gleiche stets das Gleiche anzieht. Beim Wachsthum
aller Organismen zeigt sich dasselbe Grundgesetz in dem Phänomen
der Assimilation, indem z. B. in einem Teiche, in welchem viele ein-
zellige Algen und Protisten unter einander leben, jede nur diejenigen
bestimmten Salze, diejenigen Quantitäten der organischen Verbindungs-
Elemente in sich aufnimmt, welche zur Bildung von organischer Sub-
stanz Ihresgleichen dienen. Offenbar beruht diese wichtige Erscheinung,
welche die Gleichartigkeit der chemischen Substanz ganz ebenso in
dem structurlosen Monere, wie in dem Krystalle bedingt, auf denselben
Gesetzen der molekularen Anziehung und Abstossung. Dieselben Ge-
setze der chemischen Wahlverwandtschaft und der physikalischen
Massenanziehung bewirken zusammen in gleicher Weise das Wachs-
thum der Organismen und der Anorgane.
Wenn wir uns nun von den structurlosen Moneren zu den höheren
Organismen wenden, deren Leib aus einem Complex von differenzirten
Zellen besteht, so finden wir auch hier dieselben einfachen und grossen
Gesetze wirksam, und nur dadurch häufig sehr versteckt, dass die
unendlich verwickeitere Zusammensetzung der höheren organischen
Individuen aus sehr verschiedenartigen Theilen auch immer unendlich
verwickeitere Bedingung des Wachsthums und der Stoffauswahl setzt.
Haeckel, Generelle Morphologie. \Q
146 Organismen und Anorgane.
So z. B. zieht bei den höheren Thieren aus der gemeinsamen Ernäh-
rungsflüssigkeit, dem höchst zusammengesetzten Blute, jede einzelne
Zelle, jedes einzelne Organ, nur diejenigen bestimmten Bestandteile
an sich, welche seines Gleichen sind, welche es zu seiner individuellen
Vergrösserung braucht, und verschmäht die übrigen. Aber selbst für
diesen complicirteren organischen Wachsthumsprocess giebt es Analoga
in der anorganischen Natur. Dahin gehört das bekannte Experiment,
welches schon von Reil 175>6 in seiner klassischen Abhandlung ..von
der Lebenskraft" benutzt wurde, um zu zeigen, dass die „Assimilation",
die Ernährung und das Wachsthum der Thiere nichts weiter seien,
als eine „thierische Kristallisation", d. h. „eine Anziehung thierischer
Materie nach Gesetzen einer chemischen Wahlverwandtschaft". Wenn
man nämlich in eine Auflösung von Salpeter und Glaubersalz einen
Salpeterkrystall hineinlegt, so krystallisirt nur der Salpeter heraus und
das Glaubersalz bleibt gelöst; wenn man dagegen umgekehrt in die-
selbe gemischte Auflösung einen Glaubersalzkrystall hineinlegt, so
krystally sirt nur das Glaubersalz heraus, und der Salpeter bleibt gelöst. l )
Diese wichtige Erscheinung, welche uns die Gleichheit der ein-
fachen Grundursachen im Wachsthum der Organismen und Anorgane
beweist, führt uns unmittelbar zu einem weiteren wichtigen Grundgesetz
des Wachsthums, das sich ebenfalls auf bestimmte Verhältnisse der
Massenanziehung gründet. Es folgt nämlich aus jenem instruetiven
Versuche unmittelbar, dass ein bereits gebildeter fester Körper in seiner
Mutterlauge (d. h. in einer Flüssigkeit, welche die ihn zusammen-
setzenden eigenen Stoffe gelöst enthält) eine stärkere Anziehung auf
die umgebenden in der Flüssigkeit gelösten Moleküle ausübt, als diese
unter sich auszuüben vermögen. Ist daher einmal in einer solchen
Bildungsflüssigkeit ein fester Körper vorhanden , so wirkt dieser als
Anziehungsmittelpunkt, und vermag nun gleichartige Materie, welche
in der Flüssigkeit gelöst ist, aus dem flüssigen in den festen Aggregat-
zustand überzuführen, und zwar unter Umständen, unter denen dieser
Uebergang, das Festwerden, ohne Anwesenheit des festen Körpers nicht
erfolgt wäre.' 2 ) Auch dieses wichtige Gesetz wird sicher in ganz
') Die quantitativen Mischlings- Verhältnisse der Lösung, welche zur An-
stellung dieses Experiments erforderlich sind, rindet man von Reil näher ange-
geben in seinem Archiv für Physiologie, I. Vol. 1796, p. 77 Anm, 1.
! ) Gewiss werden wir berechtigt sein, diese allgemeine wichtige Erscheinung
bei Beurtheilung der ersten Entstehung und des weiteren Waclisthums jedes in-
dividuellen Naturkörpers zu berücksichtigen, ganz besonderen Werth aber darauf
zu legen, wenn es sich darum handelt, die Analogie zwischen anorganischer Kry-
stallisatiou und organischer Autogonie nachzuweisen. [Hierauf hat schon Schwann
in seinem berühmten Werk aufmerksam gemacht, indem er sagt (p. 252) : „Bei
Eutwickeluug der plastischen Erscheinungen an den Zellen stellt sich das Ge-
setz heraus, dass zur ersten Bildung einer Zelle eine concentrirtere Lösung er-
III. Organische und anorganische Kräfte. 147
gleicher Weise für die Organismen wie für die Anorgane gelten und
wird namentlich dann zu berücksichtigen sein, wenn es sich um die
Autogonie der Moneren handelt, welche offenbar ein der primitiven
Krystallbildung in der Mutterlauge ganz analoger Process ist.
Wenn wir nach diesen Ausführungen nochmals die wesentlichen Vor-
gänge, welche das Wachsthum der Naturkörper bedingen, vergleichend
überblicken, so gelangen wir zu dem Resultate, dass dieselben überall, in
der anorganischen wie in der organischen Natur, auf denselben einfachen
und grossen Gesetzen beruhen, vor Allem auf den Gesetzen der gleichartigen
Massen-Anziehung und der chemischen Wahlverwandtschaft. Jede Wachs-
thumserscheinung des lebenden Individuums, wie des leblosen Krystalls
beruht darauf, dass ein bereits vorhandener fester Körper gleichartige
Materie anzieht, und sie nöthigt, aus dem flüssigen in den festflüssigen oder
in den festen Aggregatzustand überzugehen, und dabei zugleich sich mit
ihm zu verbinden. Die auffallenden Unterschiede, welche sich weiterhin
im Wachsthum der Oz'ganismen und der Anorgane zeigen, lassen sich alle
auf die Verschiedenheit des materiellen Substrats reduciren, nämlich auf den
festflüssigen Aggregatzustand, welcher den Organismen allein eigenthüm-
lich ist, und welcher seinerseits wieder bedingt ist durch die verwickelten
Verbindungen, welche der Kohlenstoff, als das vorzugsweise organogene
Element, mit den verschiedenen anderen Atom- Arten eingehen kann. Wir
müssen annehmen, dass allein aus diesen wichtigen Differenzen in der
chemischen Zusammensetzung und dem Aggregatzustande die Hauptver-
schiedenheiten im Wachsthum der Organismen und Anorgane abzuleiten sind.
Der feste Aggregatzustand der anorganischen Individuen, und zunächst der
Krystalle, erlaubt nur ein Wachsthum durch Apposition von aussen, wäh-
rend der festflüssige Aggregatzustand der organischen Individuen (und zu-
nächst der einfachsten Urorganismen, der Moneren, weiterhin der Zellen etc.)
ein inneres Wachsthum durch Intussusception gestattet. Offenbar ist in
dieser Beziehung die innigere und festere Verbindung der Krystall- Mole-
küle, gegenüber der mehr lockeren und flüssigen Verbindung der Moneren-
Moleküle von der grössten Bedeutung. In den Kry stallen liegen die Mole-
küle der festen Materie und des daran chemisch gebundenen festen Was-
sers (des Krystallwassers) so nahe bei einander, dass sie nicht ihre gegen-
seitige Lage und Entfernung verändern können, ohne die Existenz des an-
forderlich ist, als zum Wachsthum einer schon gebildeten Zelle. Bei der ge-
wöhnlichen Krystallisation muss die Auflösung m$hr als gesättigt sein, wenn die
Krystallisation beginnen soll. Ist aber die Krystallisation vor sich gegangen,
so bleibt eine Mutterlange übrig, die nicht mehr bei dieser Temperatur gesättigt
ist. Dies ist ganz dasselbe Phaenomen, wie bei den Zellen; es zeigt, dass zum
Anfang der Krystallisation eine concentrirtere Auflösung erforderlich ist, als zum
Wachsthum der schon gebildeten Krystalle." Offenbar stehen wir hier vor einem,
übrigens noch wenig beachteten und nicht gehörig formulirten Grundgesetz der
Materie, welches bei jeder Formbildung, bei jedem Uebergang flüssiger, form-
loser Materie in feste oder festflüssige geformte Materie, von der grössten Be-
deutung ist.
10*
148 Organismen'und Anorgane.
organischen Individuums zu zerstören. Es können daher die neuen, fest
werdenden Moleküle, welche aus der Mutterlauge von dem Krystall ange-
zogen und in den festen Zustand übergeführt werden, sich nur aussen auf
der äusseren Oberfläche des Krystalls ablagern. In den einfachsten Or-
ganismen dagegen (Moneren und anderen Cytoden) ist der Abstand der Mole-
küle von einander ein weiterer und sie müssen sogar uothwendig ihre gegen-
seitige Lage und Entfernung verändern, um die Existenz des organischen
Individuums zu erhalten. Dies ist aber nur möglich mittelst des festflüssigen
Aggregat- Zustandes, in welchem die Moleküle der Flüssigkeit mit den
Molekülen der festen organischen Substanz in der eigentümlichen Weise
verbunden sind, und in der eigenthümlicheu Art ihre Intermolekularräume
ausfüllen, welche eben das Wesen der Imbibition ausmacht. Daher wird
die Anziehungskraft, welche der festflüssige Ur- Organismus auf die um-
gebende Mutterlauge (Blastema) ausübt, nicht dabei stehen bleiben, die be-
nachbarten, in der Flüssigkeit gelösten Theile der organischen Substanz
aus dem flüssigen in den festflüssigen Aggregatzustand überzuführen, und
sie auf der äusseren Oberfläche (durch Apposition) abzulagern, oder anzu-
setzen, sondern sie wird, weiter wirkend, dieselben dem Centrum immer
mehr zu nähern, in das Innere des organischen Individuums hineinzuzieheu
streben, und indem der festflüssige Zustand desselben jenem starken an-
ziehenden Einflüsse des Centrums und der entsprechenden Wechselwirkung
(der Centripetalkraft) der von aussen eindringenden Moleküle keinen hin-
reichenden Widerstand entgegensetzt, wird der Eintritt der neuen Mole-
küle in das Innere des Moneres thatsächlich erfolgen, d. h. der Organis-
mus wächst durch Intussusception.
Die primitive und die wichtigste Differenz in der spontanen Entstehung
und im weiteren Wachsthum der Organismen und der Anorgane liegt also
in der Thatsache, dass die anorganischen Individuen, die Krystalle, ver-
möge ihres festen Aggregatzustandes, uur durch Apposition von aussen
entstehen und wachsen können, während die organischen Individuen, ver-
möge ihres festflüssigen Aggregatzustandes, nur durch Intussusception nach
innen entstehen und wachsen können und müssen. Wenn wir von dieser
fundamentalen und äusserst wichtigen Thatsache ausgehen, und wenn wir
dabei zugleich die notwendigen Wechselbeziehungen ins Auge fassen, in
denen sich jeder Naturkörper zu sämintlichen ihn unmittelbar umgebenden
Naturkörpern befindet, so wird sich aus der Differenz, welche diese Wech-
selbeziehungen bei den festen Krystallen und den festflüssigen Organismen
zeigen, ohne Weiteres die Aussicht auf eine monistische, rein mechanische Er-
klärung der sämmtlichen Lebenserscheinuugen eröffnen. Denn aus jener
fundamentalen Differenz im Aggregatzustande ergiebt sich unmittelbar, dass
jene molekularen Bewegungen, welche im Inneren des festflüssigen Organis-
mus stattfinden, und welche das Wesen des „Lebens" ausmachen, im In-
neren des festen „leblosen" Krystalls nicht stattfinden können. Wenn wir
die einzelnen Lebenserscheinungeu von diesem Gesichtspunkte aus betrach-
ten, so werden wir ohne Weiteres einsehen, dass dieselben in dem fest-
flüssigen Organismus allein möglich sind, nicht aber in dem festen Anorgan.
III. Organische und anorganische Kräfte. 149
III) 3. Selbsterhaltung der organischen und anorganischen
Individuen.
Gleich der Kraft des Wachsthums ist auch die Kraft der Selbst-
erhaltung eine allgemeine Function der Naturkörper. Jedes organische
und jedes anorganische Individuum erhält sich einen beschränkten
Zeitraum hindurch selbst, so lange nämlich, als es die Wechselwirkung
seiner eigenen Materie mit derjenigen seiner Umgebung gestattet.
Die Thätigkeit der Selbsterhaltung ist nun zwar allen Naturkörpern
gemeinsam, äussert sich aber doch bei den organischen und anorgani-
schen Individuen in sehr verschiedenen Erscheinungen. Bei den Orga-
nismen ruft dieselbe die verwickelten Bewegungserscheinungen der
Ernährung oder des Stoffwechsels hervor. Diese Functionen sind
für den Bestand des organischen Individuums ebenso wie für seine
sämmtlichen übrigen Lebenserscheinungen die nothwendige Unterlage.
Denn alle anderen Functionen, Willensbewegung und Empfindung,
Sinnesthätigkeit und Fortpflanzung, beruhen auf molekularen Bewegungs-
Erscheinungen, welche erst durch den Stoffwechsel und die Ernährung
möglich werden. Alle diese Bewegungen beruhen im Grunde darauf,
dass durch Bildung chemischer Verbindungen gewisse bewegende
Kräfte frei werden, welche in den unverbundenen Materien gebunden
waren, darauf also, dass gebundene oder Spann-Kräfte in leben-
dige Kräfte übergehen. 1 ) Der Vorrath an Spannkraft, welcher bei
dem Uebergang in lebendige Kraft verbraucht wurde, muss ersetzt
werden, wenn das organische Individuum weiter existiren soll, und
dieser nothwendige Ersatz wird durch die Ernährung geliefert. Die
Ernährung -beruht nun wieder, wie das Wachsthum der Organismen,
darauf, dass die neu erworbenen, assimilirten Moleküle in das Innere
des Körpers hineingeführt werden und hier die Stelle derjenigen Mole-
küle einnehmen, welche bei der Arbeitsleistung des Organismus ver-
braucht wurden. Diese Einführung neuer Substanz und ihre Assimi-
lation, welche das Wesen der Ernährung ausmacht, ist wieder nur
möglich mittelst des festflüssigen Aggregatzustandes, und es erklärt
sich hieraus, warum die anorganischen Individuen der Ernährung nicht
fähig sind. Sie sind ihrer aber auch nicht bedürftig. Sämmtliche be-
lebte Naturkörper existiren nur, sie können ihre Existenz nur behaupten,
indem sie sich beständig, wenn auch langsam zersetzen; alle sind sie
eingeschlossen in ein Medium (Luft, Wasser, Inneres eines anderen Or-
ganismus), in welchem sie sich nothwendig zersetzen müssen. Denn die
Bildung der Verbindungen, durch welche die lebendigen Kräfte frei
l ) Ueber das äusserst wichtige Verhältniss der gebundenen oder potentiellen
(Öpann-)Kräfte zu den lebendigen oder actuellen (Bewegungs-)Kräften, auf welchem
der Kraftwechsel in der gesammten Natur beruht, vergl. H. Helmholtz: Ueber
die Wechselwirkung der Naturkräfte. Königsberg. 1854.
150 Organismen und Anorgane.
werden, ist verbunden mit einer Zersetzung- der vorhandenen Materie.
Die gebundenen Spannkräfte, welche eben bei dieser Zersetzung frei
und zu lebendigen Kräften werden, veranlassen durch ihre Be-
wegungen die noth wendigen Lebens -Erscheinungen. Der dabei be-
ständig wirksamen Gefahr des Unterganges, des Todes, entziehen sich
die organischen Individuen durch die Ernährung, welche jener Zer-
setzung entgegenwirkt. Sie müssen daher, um ihre Existenz zu fristen,
um zu „leben", sich in beständigem Stoffwechsel befinden, sich be-
ständig zersetzen und ernähren, und dies ist nur mittelst der Imbibition
möglich. Wenn diese Wechselwirkung zwischen der Zersetzung und
der Ernährung der festflüssigen Materie aufhört, tritt der Tod eiu.
Sämmtliche anorganische Individuen dagegen können sich niemals
zersetzen, ohne dadurch ihre Existenz als solche aufzugeben. Weil
sie nicht imbibitionsfähig sind, können sie sich nicht ernähren, und
wenn sie sich zersetzen, so ist dies ihr Tod. So wenig aber die Kry-
stalle sich zersetzen können, ohne ihre individuelle Form und damit
ihren individuellen Charakter aufzugeben, so wenig bedürfen sie der
Zersetzung, um sich zu erhalten. Und hierin liegt gleichfalls ein we-
sentlicher Unterschied zwischen den organischen und anorganischen
Individuen, der sich ebenfalls auf ihren verschiedenen Aggregatzustand
zurückführen lässt. Denn der feste Aggregatzustand der Krystalle,
welcher die inneren Bewegungs-Erscheinungen ausschliesst, die für das
Leben des festflüssigen Organismus unentbehrlich sind, verleiht den-
selben zugleich die Fähigkeit der Selbsterhaltung, ohne dass Stoff-
wechsel für die Conservation erforderlich ist.
Gleichwie nun die Ernährung und der Stoffwechsel den Organismen
vermöge ihres festflüssigen Aggregatzustandes allein eigenthümlich und
nothwendig sind, und den Anorganen völlig fehlen, so können natürlich
auch bei den letzteren alle die complicirteren Molekular-Bewegungen der
organischen Materie nicht zu Stande kommen, welche wir als Empfindung,
willkührliche Bewegung, als Sinnesthätigkeit, Fortpflanzung u. s. w. bezeich-
nen. Da dieselben die Ernährung als nothwendige Grundlage voraussetzen,
so brauchen wir hier den nothwendigen Mangel derselben in den anorgani-
schen Individuen nicht weiter zu beweisen, um so weniger, als viele dieser
Functionen, und vorzüglich die höchsten und complicirtesten (wie die soge-
nannten Seelenthätigkeiten), nur einer gewissen Anzahl von Organismen,
nämlich den höheren Thieren, eigenthümlich sind. Nur eine einzige Func-
tion müssen wir hier noch hervorheben, welche allen Anorganen ohne Aus-
nahme abgeht, und das ist die mit der Ernährung innig verbundene Func-
tion der Fortpflanzung.
Die Fortpflanzung der organischen Individuen ist eine ebenso
allgemeine und fundamentale Function der Organismen, als die Ernährung
und das Wachsthum, mit denen sie unmittelbar zusammenhängt. Ohne auf
die complicirteren Formen der Fortpflanzung hier einzugehen, werfen wir
III. Organische und anorganische Kräfte. 151
blos einen Blick auf ihre einfachsten Formen, wie sie bei den unvollkommen-
sten und niedrigst stehenden Organismen, die noch keine Sexual - Organe
besitzen, als Selbsttheilung und als Knospenbildung auftreten. Die einfachsten
aller Organismen, die homogenen Moneren (Protogenes,Protamoebaetc),
deren ganzer Körper einen formlosen contractilen Plasmaklumpen darstellt,
pflanzen sich fort durch Selbsttheilung, indem ihr Körper sich in der Mitte
einschnürt und in zwei Stücke zerfällt. Die gleiche einfache Vermehrungs-
weise treffen wir bei sehr vielen niederen Thieren und Pflanzen, zum Theil
selbst bei solchen mit complicirter Organ - Differenzirung an. Bei anderen
tritt statt der Theilung oder neben derselben Knospenbildung auf, indem
aus der Oberfläche des organischen Individuums ein zweites hervorwächst,
welches sich abschnürt und selbstständig weiter lebt. Endlich sehen wir
bei vielen niederen Organismen, dass das Individuum, sobald es durch
Wachsthum eine bestimmte Grösse erreicht hat, in eine Anzahl innerer
Keime zerfällt, deren jeder sich alsbald wieder zu einem jungen Individuum
entwickelt. Aus dieser inneren Keimbildung hat sich zweifelsohne im Laufe
der Zeit die geschlechtliche Zeugung, und zwar zunächst die Zwitterbildung,
viel später erst die Trennung der Geschlechter, entwickelt.
Fragen wir nun nach dem Wesen dieser einfachsten Fortpflanzungs-
processe, der Selbsttheilung, der äusseren Knospenbildung, der inneren Keim-
bildung, so werden wir uns in allen Fällen als die nächste Ursache dersel-
ben eine Ernährung des Organismus über das individuelle
Maass hinaus vorstellen können. Sobald der primitive einfache Ur-
Organismus durch Imbibition mehr Nahrung aufnimmt, als er in individueller
Form aufspeichern kann, so wird das eine Individuum in zwei oder mehrere
zerfallen, entweder durch Selbsttheilung, oder durch äussere Knospen-
bilduug, oder durch innere Keimbildung. Auch diesen Yorgang können wir
uns vollkommen mechanisch erklären. So lange das Individuum eines Mo-
neres wächst, ohne sich zu vermehren, so lange bleibt das Centrum des
individuellen Körpers der einzige Anziehungsmittelpunkt, welcher die assi-
milirbare und die assimilirte Materie rings um sich anhäuft. Sobald aber
diese Anhäufung ein bestimmtes Maass überschreitet, welches durch die
Cohäsion der Moleküle des betreifenden Eiweiss-Körpers (Plasma) bedingt
wird, so verliert das einzige Attractions- Centrum die absolute Herrschaft
über das Ganze, und zerfällt entweder in zwei getrennte Anziehungs-
Mittelpunkte, die sich nun gegenseitig abstossen und von einander isolirt
die übrigen Moleküle anzuziehen suchen, oder es entstehen neben dem alten
einfachen Cohäsions-Heerde mehrere neue, so dass das Ganze in mehrere
individuelle Theile zerfällt. Diese werden nun ihrerseits wieder bis zu einer
gewissen Grenze hinauf assimilirbare Stoße aufnehmen und wachsen, bis
durch abermalige Ueberschreitung dieser Grenze jedes Individuum wiederum
in eine Anzahl von neuen Einzelwesen zerfällt u. s. w. Da die neuen In-
dividuen Theilstücke der alten sind, die sich selbstständig ergänzen müssen,
so wird uns hierdurch zugleich ein erklärender Blick auf die beiden wich-
tigsten Grunderscheinungen der Formbildung, auf die Erblichkeit und die
Anpassung eröffnet. Von diesen äusserst wichtigen Phänomenen, welche wir
unten noch genauer zu betrachten haben, beruht die Vererbung auf dem unmittel-
152 Organismen und Anorgane.
baren materiellen Zusammenhange zwischen dem elterlichen und dem neu
entstandenen Organismus. Indem der letztere stets einen Theil des ersteren
beibehält, musser nothwendig durch die gleiche Materie, die ihm bleibt, auch
die gleichen Functionen äussern. Hierauf beruht die Erblichkeit, ver-
möge welcher jeder Organismus seinem elterlichen ähnlich ist. Der abso-
luten Gleichheit zwischen Beiden wirkt nun aber der andere Umstand ent-
gegen, dass der jugendliche Organismus, der nur einen Theil des elterlichen
bildet, gezwungen ist, sich durch Wachsthum selbstständig bis zu einer
gewissen Grenze hinauf zu ergänzen. Indem nun diese selbstständige Er-
nährung des organischen Individuums, welche auf den einfachsten Massen-
Anziehungen der umgebenden ernährenden Substanz beruht, durch die um-
gebenden Existenz-Bedingungen (Temperatur, Ausdehnung und Oberfläche
der festen Körper in der Umgebung etc.) beeinflusst wird, indem z. B. das
Quantum des Wassers in dem imbibitionsfähigen Organismus und das
Quantum der neu aufnehmbaren festen Substanz durch bestimmte einfache
Massen- Anziehungen der umgebenden festen Körper geregelt wird, entsteht
ein gewisser Grad von Variabilität, von Veränderlichkeit in dem Quantum der
assimilirbaren Stoffe, die in das imbibitionsfähige Plasma eindringen und
das Wachsthum des Individuums vollenden. Auf dieser individuellen Va-
riabilität beruht die Fähigkeit der Anpassung an die umgebenden Existenz-
Bedingungen, welche der absoluten und allgemeinen Erblichkeit entgegen
wirkt, und in Wechselwirkung mit dieser die ganze Mannichfaltigkeit der
Organismen- Welt nach den von Darwin entwickelten Gesetzen erzeugt.
Indem wir die weitere Betrachtung dieses wichtigen Wechselspiels
zwischen den beiden wichtigsten formbildenden Factoren der organischen
Welt, Erblichkeit und Anpassung der organischen Individuen, dem fünften
und sechsten Buche aufsparen, wollen wir uns hier auf eine Betrachtung
der analogen Wechselwirkung zweier entgegengesetzter formbildender Po-
tenzen beschränken, welche gleicherweise bei den anorganischen Individuen,
den Krystallen, die individuellen Form-Eigenthlimlichkeiten zu bestimmen
im Stande ist. Allerdings kann von Fortpflanzung und also auch von
Erblichkeit bei den anorganischen Individuen nicht die Rede sein. Der
Mangel an Imbibitionsfähigkeit verhindert die molekularen Bewegungen im
Innern des Körpers, welche zur Fortpflanzung gleicherweise wie zur Ernäh-
rung nothwendig sind. Dagegen findet beim Wachsthum und bei der Ent-
stehung der anorganischen Individuen, bei der Krystallisation, eine Function
der Materie statt, welche wir wohl als Anpassung bezeichnen können, und
welche auf die Anpassung der werdenden Organismen ein bedeutendes
Licht wirft.
III. 4. Anpassung der organischen und anorganischen Individuen.
Die Anpassung oder Adaptation ist diejenige formbildende Function
der Naturkörper, welche die unendlich mannichfaltigen individuellen
Charactere bedingt, durch welche sich alle Individuen einer und der-
selben Art von einander unterscheiden.
Wir haben oben (p. 28), wo wir absichtlich die Differenzen in der
III. Orgranische und anorganische Kräfte. 153
Form und Entstehung- der organischen und anorganischen Individuen
möglichst schroff gegenüber stellten, einen der wichtigsten Unter-
schiede darin gefunden, dass alle anorganischen Individuen, die einer
und derselben Art angehören und dieselbe chemische Zusammen-
setzung haben, auch vollkommen dieselbe wesentliche Form zeigen
und sich nur durch ihre absolute Grösse unterscheiden. Die Krystalle
einer anorganischen Species zeigen nicht die durch die Variabilität be-
dingten individuellen Verschiedenheiten, welche alle verschiedenen In-
dividuen einer und derselben organischen Species auszeichnen, und es
bleibt daher auch die anorganische Art im Laufe der Zeit vollkommen
unveränderlich, constant, während die organischen Species durch fort-
schreitende Divergenz ihrer variablen Individuen eine endlose Reihe
ganz verschiedener Formen erzeugen. Da den Anorganen die Fort-
pflanzung fehlt, so fehlt ihnen auch die Fähigkeit der erblichen Ueber-
tragung von solchen Characteren, die durch Anpassung erworben sind.
Dennoch bedarf unsere obige Bemerkung einer bedeutenden Ein-
schränkung. IndividuelleVerschiedenheiten finden sich auch unter
den anorganischen Individuen ganz allgemein vor, und zwar sind
sie die Folge der Anpassung an die Verhältnisse, unter denen das Kry-
stall-Individuum sich bildete. Bei Untersuchung dieses wichtigen Ver-
hältnisses muss man vor Allem immer im Auge behalten, dass bei der
Entstehung aller individualisirten Naturkörper, bei der Bildung jedes
Krystalls, wie bei der Bildung jedes Organismus, stets zwei verschie-'
dene Principien oder gestaltende Mächte einander entgegenwirken.
Das eine Princip ist beim Krystall wie beim Organismus die Summe
der specifischen physikalischen und chemischen Eigenschaften, welche
seiner Materie inhäriren. Beim Organismus, der sich nicht selbst er-
zeugt, sondern von anderen Individuen seines Gleichen durch Fort-
pflanzung erzeugt wird, sehen wir diese Erscheinung als die notwen-
dige Wirkung der Erblichkeit an, welche alle wesentlichen Eigen-
schaften des Organismus auf seine Nachkommen überträgt. Beim
Krystall dagegen betrachten wir diese Erscheinung als den unmittel-
baren Ausfluss seiner materiellen Constitution, d. h. der specifisch
bestimmten Art und Weise, in welcher sich gesetzmässig eine be-
stimmte Anzahl von Atomen zu bestimmten Molekülen zusammensetzt.
Durch einfache Attraction dieser Moleküle entsteht die characteristische
Form des Krystalls. Eine schärfere Vergleichung ergiebt nun alsbald,
dass auch in dieser Beziehung kein wesentlicher Unterschied zwischen
den Organismen und Anorganen existirt. Denn auch die Erblichkeit
beruht auf der materiellen Continuität des elterlichen und des von ihm
erzeugten Organismus, und wir können die fundamentale Erscheinung
der Erblichkeit, der erblichen Uebertragung biologischer Functionen,
durch nichts Anderes erklären, als durch die Uebertragung der speci-
154 Organismen und Anorgane.
fisch constituirten Materie selbst. Die Erblichkeit der Organismen
wirkt vollkommen aeqüivalent der atomistischen Constitution der An-
organe; hier wie dort ist es die Materie, welche sämmtliche allgemei-
nen Functionen (die Lebenserscheinungen der Organismen, die physi-
kalischen und chemischen Kräfte der Anorgane) unmittelbar als Causa
efficiens mit absoluter Notwendigkeit bedingt.
Diesem mächtigen gestaltenden Princip, welches der Materie des
sich bildenden Individuums (gleicherweise des Krystalls wie des Or-
ganismus) unmittelbar inhärirt, und welches wir demgemäss allgemein
als die innere Gestaltungskraft oder den inneren Bildungstrieb
bezeichnen werden, wirkt nun beständig und überall entgegen die
zweite formbildende Macht, welche die zahllosen Eigenthttmlichkeiten
der individuellen Bildungen bedingt, durch die sich alle Einzelwesen
jeder Art von einander unterscheiden. Diese nicht minder wichtige
Function des werdenden, des sich gestaltenden Individuums können wir
allgemein als Anpassung (^Adaptatio, Accommodatio) bezeichnen,
oder, im Gegensatz zu ihrem Antagonisten, als äussere Gestaltungs-
kraft oder äusseren Bildungstrieb. Die allgemeine Existenz und
Wirksamkeit dieser formbildenden Potenz wird einfach durch die That-
sache bedingt, dass kein einziger Naturkörper isolirt im Räume sich
bildet und existirt, dass vielmehr sämmtliche Naturkörper sich bilden
und existiren in Wechselwirkung mit den anderen Naturkörpern, welche
sie unmittelbar von allen Seiten umgeben. Die allgemeine Wech-
selwirkung der gesammten Materie tritt uns hier als eines der
obersten und wichtigsten Naturgesetze gegenüber, welches unmittelbar
mit dem allgemeinen Causalgesetze zusammenhängt. Die innere Ge-
staltungskraft jedes Theils der Materie, der innere Bildungstrieb jedes
einzelnen Naturkörpers, als die aus ihrer atomistischen Constitution
unmittelbar entspringende Kraftsumme kann niemals rein und unge-
stört die individuelle Bildung vollenden. Denn beständig wird sie ge-
stört von der entgegenwirkenden äusseren Gestaltungskraft der um-
schliessenden Materie, von dem äusseren Bildungstriebe aller einzelnen
Naturkörper, welche sie unmittelbar oder mittelbar umgeben. Da nun
die Summe dieser von aussen einwirkenden Kräfte überall eine ver-
schiedenartige, überall aus verschiedenen Componenten zusammenge-
setzt ist, so nmss auch ihre Wirkung auf ein und dieselbe Materie in
jedem individuellen Falle verschieden sein, und lediglich diese Wechsel-
wirkung jedes Individuums mit seiner gesammten Umgebung ist es, welche
als Anpassung seine besonderen individuellen Charactere bedingt.
.Versuchen wir diese äusserst wichtigen Fundamental-Verhältnisse
der gesammten Körperwelt, welche für die anorganische und die or-
ganische Natur ganz gleiche Geltung haben, als allgemeines Gesetz
zu formuliren, so Hesse sich dieses etwa in folgenden Worten aus-
III. Organische und anorganische Kräfte. 155
sprechen: Jeder Theil der aus Atomen zusammengesetzten Materie
wirkt auf jeden anderen Theil der Materie, entweder anziehend
(durch Attraction) oder abstossend (durch Repulsion). Diese Wirkung
erzeugt in erster Linie Bewegungen der auf einander wirkenden Atome,
welche sich zu bestimmten Atomgruppen oder Molekülen gesetzmässig,
in bestimmten Zahlenverhältnissen verbinden. Diese Moleküle wirken
nun ebenso wieder auf einander, entweder anziehend oder abstossend,
und diese Wirkung erzeugt in zweiter Linie Bewegungen der aufeinan-
der wirkenden Moleküle ; welche aus dem flüssigen in den festflüssigen
oder festen Aggregatzustaud übertretend, sich zu bestimmten indivi-
duellen Formen gesetzmässig, in bestimmten Richtungen, verbinden
(amorphe Körner, krystalloide Körner, Kry stalle, Moneren, Zellen,
mehrzellige Organismen). Bei der Bildung jedes individuellen Natur-
körpers treten zwei formbildende Kräfte in Wechselwirkung, der
innere Bildungs trieb, die unmittelbare Wirkung der existirenden
Materie des Individuums selbst (die Summe der bewegenden Kräfte
aller Moleküle, welche das Individuum zusammensetzen), und ihm ge-
genüber der äussere Bil du ngs trieb, die unmittelbare Wirkung der
Materie, welche ausserhalb des Individuums existirt und dasselbe um-
giebt, die Summe der bewegenden Kräfte aller Moleküle, welche ausser-
halb des Individuums existiren und auf dasselbe von aussen bewegend
(anziehend oder abstossend) einwirken. Der innere Bildungstrieb oder
die innere Gestaltungskraft äussert sich bei Bildung der anor-
ganischen Individuen entweder als Aggregation (amorpher Körner)
oder als Krystallisation (unvollkommener Krystalloide oder vollkomme-
ner Krystalle), bei Bildung der organischen Individuen entweder als
Aggregation (bei der Autogonie der spontan entstehenden Moneren-
Organismen) oder als Erblichkeit (bei der Fortpflanzung elterlich er-
zeugter Organismen). Der äussere Bildungstrieb oder die äussere
Gestaltungskraft äussert sich allgemein als Anpassung, bei Bildung
der anorganischen Individuen, indem sie die verschiedene Grösse und
die untergeordneten Eigenthümlichkeiten der äusseren Form bedingt,
durch welche sich die einzelnen Krystall-Individuen derselben Art un-
terscheiden, bei Bildung der organischen Individuen dagegen, indem sie
die individuellen Charactere, die verschiedene Grösse und die unendlich
mannichfaltigen untergeordneten Eigenthümlichkeitender inneren und äus-
seren Form bedingt, durch welche sich die einzelnen Organismen derselben
Art unterscheiden und welche nach Darwin's Divergenz-Lehre zur
Bildung der verschiedenen Arten, Gattungen, Familien, Klassen u. s. w.
führen. Die Anpassung der organischen und anorganischen Individuen
unterscheidet sich nur insofern, als ihr verschiedener Aggregatzustand
und ihre verschiedene atomistische Constitution hier bedingend wirken.
Der festflüssige Aggregatzustand der Kohlenstoff- Verbindungen in den
156 Organismen und Anorgaue.
Organismen, welche im Inneren des schon gebildeten Individuums eine
fortwährende Bewegung der Moleküle, und eine Ersetzung der ver-
brauchten JStofftheile durch neue nicht allein erlaubt sondern auch be-
dingt, gestattet und verursacht durch diese beständigen inneren Ver-
änderungen auch innere 1 Anpassungen. Der feste Aggregatzustand
der anorganischen Individuen dagegen, welcher keine Bewegung im
Inneren des einmal gebildeten Individuums gestattet, ohne dessen in-
dividuelles Wesen zu vernichten, erlaubt dadurch zugleich auch keine
innere Anpassung, sondern nur gewisse Anpassungen der von aussen
neu sich ansetzenden Schichten, die wir im Gegensatz zu jenen äus-
sere Anpassungen nennen können.
Die Anpassung der anorganischen Individuen, der Krystalle, ist für die
Vergleichung derselben mit den Organismen äusserst wichtig, und da diese
Verhältnisse bisher von den Biologen in dieser Beziehung sehr wenig ge-
würdigt sind, erlauben wir uns hier, ihre hohe Bedeutung besonders her-
vorzuheben.
Die äusseren Bedingungen, denen sich die Krystalle bei ihrer Ent-
stehung anpassen (die äusseren Gestaltungskräfte) liegen theils in dem ab-
soluten Grade der Temperatur, theils in dem relativen Zeitmaasse der
Temperatur -Veränderung, bei welcher die Krystallisation stattfindet, theils
in der Beimischung anderer Lösungen zu der Mutterlauge, aus welcher der
Krystall entsteht, theils in der Mischung und Form der umgebenden festen
Körper etc. Doch ist uns das Nähere über die gesetzliche Wirksamkeit
dieser Anpassungs -Bedingungen zur Zeit noch grösstenteils unbekannt.
Schon sehr feine Unterschiede in der Temperatur, in der Ruhe, in der Bei-
mischung fremder Lösungen zu der Flüssigkeit, in der Form und Mischung
des die Flüssigkeit umschliessenden Gefässes etc. vermögen in Grösse und
Form der einzelnen Krystall-Individuen sehr beträchtliche Verschiedenheiten
zu bedingen. Aber selten können wir ein bestimmtes gesetzliches Verhält-
niss zwischen der unmerklichen Ursache und der auffällenden Wirkung
nachweisen. Im Ganzen genommen sind uns diese Gesetze und die bei der
Bildung der Krystalle auftretenden Causalbeziehungen nicht besser bekannt,
ihrem innersten Wesen nach aber sind sie uns vollkommen eben so räthsel-
haft, als die Causal- Gesetze, welche bei Entstehung der Organismen die
verschiedenen individuellen Formen aus einfacher gemeinsamer Grundlage
hervorgehen lassen. 1 )
l ) Von den verhältnissmässig wenigen Fällen, in denen wir die wirkenden
Ursachen kenneu, welche die abgeleiteten Krystallformen bedingen, hat Bronn
iu seinen morphologischen Studien (p. 36, 37) eine Reihe (grössteutheils von
Franken heim, Mitscherlich, Lavalle und Beudant beobachtete Er-
scheiuungen) zusammengestellt. Als lliuiptursachen für die Entstehung bestimm-
ter abgeleiteter Krystall-Formen (eines uud desselben Systems) werden dort an-
geführt. I. Die Anwesenheit stellvertretender und ausserwesentlicher Gemisch-
theile in dem Minerale oder in der Flüssigkeit, woraus sich dasselbe bildet, und
II. Die Beschaffenheit der krystalliuischen Unterlage, a) Beiner Kalkspath be-
III. Organische und anorganische Kräfte. I57
Viel wichtiger aber, als die Thatsache, dass selbst sehr geringfügige
äussere Einflüsse („Anpassungs- Bedingungen") genügen, um sehr beträcht-
liche Differenzen in Grösse und Form-Complication der anschiessenden
Krystalle hervorzurufen, welche in einer und derselben Flüssigkeit nach
einem und demselben Krystall - Systeme sich bilden, ist der Umstand, dass
solche äussere Ursachen selbst auf die Wahl des Krystall -Systems von
Einfluss sind, welches der anschiessende Krystall annimmt, und dass geringe
Veränderungen der äusseren Einflüsse genügen, um den Krystall im einen
Falle nach diesem, im anderen nach jenem System sich bilden zu lassen.
Hierher gehören die zahlreichen Fälle vom Polymorphismus (meistens
Dimorphismus, selten Trimorphismus etc.) der Krystalle, bei denen mau
allerdings nur selten die Ursache kennt, warum derselbe chemische Körper
das eine Mal dieses, das andere Mal jenes Krystall -System sich auswählt.
Den grössten Einfluss scheint in dieser Beziehung wieder der Tempe-
raturgrad zu haben, bei welchem die Krystalle sich bilden, sowie der Un-
terschied, ob der krystallisirende Körper aus einer concentrirten Lösung
sich absetzt, oder ob er aus dem geschmolzenen Aggregatzustand durch
Abkühlung in den festen übergeht. So z. B. können lediglich Temperatur-
Unterschiede den kohlensauren Kalk bestimmen, bald als Kalkspath im
hexagonalen, bald als Arragonit im rhombischen Systeme zu krystallisiren.
Geschmolzener Schwefel schiesst beim langsamen Erkalten in kliuorhom-
bischen Säulen an, während derselbe Schwefel aus einem tropfbar-flüssigen
Medium, in welchem er gelöst ist, bei dessen Verdunstung oder langsamer
Abkühlung in Rhomben-Oktaedern krystallisirt.
Noch viel merkwürdiger aber ist es, dass schon der Contact mit einem
fremden heterogenen Krystalle genügt, den gelösten Körper zum Aufgeben
seiner eigenen und zur Annahme dieser fremden Krystallform zu bewegen
So erscheint der Kali-Salpeter, welcher dem rhombischen Krystall-Systeme
angehört, in rhomoboedrischen, dem Kalkspath isomorphen Krystallen des
hexagonalen Systems, wenn er sich auf einem Minerale dieses Kristall-
systems als Unterlage bildet.
sitzt eine viel grössere Anzahl abgeleiteter Flächen, als der mit isomorphen
Salzen gemischte, b) Im Inneren einer reinen Auflösung krystallisirt das Mineral
gewöhnlich in seiner reinen Kernform, während die Beschaffenheit der umschlies-
senden Gefässwände oder fremde Beimischungen in der Flüssigkeit Modiflcationen
der Kernform veranlassen. So z. B. krystallisirt Kochsalz in Würfeln , bei an-
wesender Borsäure in Kubo-Octaedern, bei anwesendem Harnstoff in Octaedern
etc. c) Blei-Azotat krystallisirt aus saurer Flüssigkeit als entecktes Octaeder,
aus neutraler als vollkommenes Octaeder. d) Jodkalium , welches sonst als
Würfel krystallisirt, erscheint auf Glimmer in Octaeder-Form. e) Selbst die
Lage des Krystalls ist bei langsamer Bildung von Einfluss; wenn derselbe locker
auf dem Boden des Gefässes liegt, wird die aufliegende Fläche grösser, und ent-
sprechend auch die gegenüberliegende, f) Die Winkel isomorpher Krystalle,
welche bei 0° nur unbedeutend von einander verschieden sind, nehmen mit zu-
nehmender Temperatur theils zu, theils ab, aber in verschiedeneu Graden.
158 Organismen und Anorgane.
III) 5. Correlation derTheilein den organischen und anorganischen
Individuen.
Von besonderer Bedeutung für die Analogie zwischen den orga-
nischen und anorganischen Individuen scheint uns endlich die Corre-
lation oder Wechselbeziehung der Theile zu sein, welche gewöhn-
lich als eine besondere und charakteristische Eigenthünilichkeit der
Organismen hingestellt wird, während sie doch in ganz ähnlicher Weise
auch den Krystallen zukommt. In ähnlicher Weise, wie im Organismus
alle einzelnen Theile unter einander und zum Ganzen in bestimmten,
durch die Form des Organismus ausgedrückten Beziehungen stehen,
so finden wir auch beim Kry stalle, dass alle einzelnen Theile unter
einander und zum Ganzen in bestimmten, durch die gesetzmässige Ver-
schiedenheit der Cohäsion in bestimmten Kichtungen (Axen) geregelten
Beziehungen stehen. Diese nothwendige Wechselwirkung der Theile
unter einander und auf das Ganze ist ganz ebenso im Organismus,
wie im Krystall, durch die physikalischen Functionen und die che-
mische Zusammensetzung seiner Materie mit Notwendigkeit bedingt.
Als Ausdrnck dieser anorganischen Correlation der Theile betrachten
wir zunächst das Symmetrie- Gesetz der Krystalle, wonach alle ab-
geleiteten Krystallformen , die als individuelle Variationen der Krystall-
Grundformeu auftreten, stets mehr oder minder symmetrisch modificirt auf-
treten. Alle gleichartigen Theile einer Krystallform erleiden bei Verände-
rung eines einzigen Theiles von ihnen dieser entsprechende Veränderungen.
Wenn also eine Kante oder Ecke eines Octaeders durch eine bestimmte
Fläche ersetzt wird, so müssen auch alle entsprechenden Kanten und Ecken
desselben durch eine Fläche von gleicher Beschaffenheit ersetzt werden.
Beim Quadrat- Octaeder, bei welchem die obere und untere Ecke von den
vier unter sich gleichen (Quadrat-) Ecken des mittleren Umfangs verschie-
den sind, können zweierlei Ecken -Veränderungen (z. B. Abstumpfungen
durch eine Fläche) eintreten, indem die eine Veränderung die correspon-
dirende obere und untere Ecke, die andere Veränderung die vier anderen
Ecken trifft. Beim Rhomben-Octaeder, wo alle sechs Ecken paarweis gleich,
die drei Paare aber ungleich sind, können die sechs Ecken von drei ver-
schiedenen Modifikationen getroffen werden, indem jede Modifikation nur
zwei gegenüberliegende Ecken trifft u. s. w. Die Kristallographie weisst
nach, welche grosse Menge individuell verschiedener Krystallformen aus
einer und derselben Grundform auf diese Weise, durch gleiche Modifikation
entsprechender Ecken, Kanten und Flächen hervorgehen können. Die
Betrachtung dieser Verschiedenheiten im Einzelnen berührt uns hier nicht,
um so mehr aber das allgemeine Symmetrie-Gesetz, welches daraus hervor-
geht, und welches zeigt, dass correspondfrende (gleichartige oder gegen-
überliegende) Theile des Krystalls in einer ebenso innigen Wechselbeziehung
zu einander stehen, wie verschiedene correspoudirende Theile eines Orga-
nismus. Vor allem sind es die Autimeren oder homotypischen Theile
III. Organische und anorganische Kräfte. 159
(aber auch die Metanieren oder homodynamen Theile), welche im Organismus
in einer ganz ähnlichen Wechselbeziehung zu einander stehen, wie die ent-
sprechenden symmetrischen (wir könnten fast sagen homotypischen) Theile
des Krystalles.
Der einzige wesentliche Unterschied, welchen die Correlation der Theile
in den organischen und anorganischen Individuen zeigt, besteht darin, dass
dieselbe bei den Organismen, deren Substanz zeitlebens in innerer Bewegung
und Umänderung bleibt, auch ihr ganzes Leben hindurch wirksam ist, wäh-
rend dieselbe bei den Krystallen sich nur während der Zeit ihrer Bildung
äussern kann, in dem einmal gebildeten Krystalle aber, bei welchem keine
innere Bewegung ohne Zerstörung mehr stattfindet, nicht mehr als leben-
dige Kraft bildend wirksam sein kann. Aeusserst lehrreich ist in dieser
Beziehung ein Experiment von Lavalle. Dieser zeigte, dass, wenn man
einem in der Bildung begriffenen Octaeder eine Kante wegschneidet und so
eine künstliche Fläche bildet, eine ähnliche Fläche sich von selbst an der
correspondirenden gegenüber liegenden Kante bildet, während die übrigen
sich scharf ausbilden.
Alle diese Erscheinungen der symmetrischen Krystallbildung beweisen
uns evident, dass die innere Structur und die äussere Form der Krystalle
ebenso unmittelbar zusammenhängen, und dass der ganze Krystall ebenso
ein organisches Ganzes ist, wie der Organismus. Alle einzelnen, den Körper
zusammensetzenden Theile haben in dem einzelnen Krystalle ebenso eine
innere Beziehung zu einander und zu der Totalität des ganzen Individuums,
wie in dem einzelnen Organismus. Wir können in beiden Fällen, sowohl
bei dem sich entwickelnden organischen Individuum, als bei dem in Bildung-
begriffenen anorganischen Individuum, dem Krystalle, keinen Theil verletzen
oder durch Einwirkung bestimmter Bedingungen (Anpassung) modificiren,
ohne zugleich dadurch auf andere, nicht unmittelbar betroffene Theile mit
einzuwirken, und so das Ganze zu alteriren. Es besteht also ein innerer
nothwendiger Zusammenhang, eine Wechselwirkung der Theile ebenso im
Krystalle, wie im Organismus.
III) 6. Zellenbildung und Krystallbildung.
Bei der Vergleichung, welche wir im Vorhergehenden zwischen
Organismen und Anorganen anstellten, haben wir als Typus der voll-
kommensten anorganischen Individuen die Krystalle und als Typus
der einfachsten und unvollkommensten Organismen die Moneren (Pro-
togen es, Protamoeba) hingestellt. In letzteren konnten wir durch-
aus keine differenten Theile unterscheiden, fanden vielmehr ihren ge-
sammten Körper aus einer vollkommen homogenen, formlosen Eiweiss-
masse gebildet. Dieser in sich völlig gleichartige Plasmaklumpen ist
ein selbstständiges organisches Individuum, begabt mit den beiden
wichtigsten Lebensfunctionen, der Ernährung und Fortpflanzung (durch
Theilung).
Aehnliche structurlose Primitiv -Organismen, wie sie hier als Mo-
neren isolirt lebend auftreten, kommen auch häutig als mehr oder
IQO Organismen und Anorgane.
minder selbstständige Elementartheile im Körperverbande anderer nie-
derer Organismen (Protisten und niederer Pflanzen) vor, und versehen
hier die Stelle der Zellen, welche in den meisten höheren Organismen
fast allein die constituirenden Elementartheile (Individuen erster Ord-
nung) bilden. Der Begriff der organischen Zelle (Cellula, Cytos) ist,
wie wir im dritten Buche begründen werden, auf diejenigen Elementar-
theile zu beschränken, welche aus zwei wesentlichen (und nie fehlen-
den!) Bestandteilen bestehen, nämlich dem eiweissartigen festflüssigen
Plasma (Protoplasma. Sarcode, Zellstoff) und dem vom Plasma ein-
geschlossenen Nucleus iCytoblastus, Kern, Zellkern). Häufig, aber
nicht immer, ist dieser kernhaltige Plasmakörper von einer (sehr ver-
schieden gestalteten) vollständigen oder unvollständigen Membran
eingeschlossen (Membrana cellulae, Zellhaut) und nach deren Mangel
oder Anwesenheit können wir nackte Zellen oder Urzellen (Gymno-
cyta) und membranöse Zellen oder Hautzellen (Lepocyta) unter-
scheiden. Diesen echten, kernhaltigen Zellen, welche jetzt gewöhnlich
allein als die eigentlichen Elementartheile der Organismen angesehen
zu werden pflegen, stellen als wesentlich verschiedene, weil einfachere
und unvollkommenere Elementartheile die von uns oben untersuchten
homogenen Plasmaklumpen ohne Kern gegenüber, welche
wir allgemein mit dem Namen der Plasmaklumpen oder Cytoden
(zellenähnliche Elementar-Orgauismen) bezeichnen wollen. Solche frei
lebende einfache Cytoden sind die Moneren (Proto genes, Prola-
moeba) und zahlreiche Protisten aus den Stämmen der Rhizopoden,
Protoplasten etc. Man ist gewöhnt, diese einfachsten Organismen ge-
wöhnlich als „einzellige" Wesen anzusehen; indessen stehen sie noch
tiefer als die wirklich einzelligen Organismen, da ihr eiweissartiger
Körper völlig homogen ist, und sich noch nicht in Plasma und Kern
differenzirt hat. Auch diese Cytoden können, gleich den Zellen, ent-
weder ganz nackt (Gymnocytoda) oder von einer Haut umschlossen
sein (Lepocytoda). Die Cytoden und die Zellen zusammen, welche
wir im dritten Buche als morphologische Individuen erster Ordnung-
näher untersuchen werden, vereinigen wir unter dem Namen der
Piastiden.
Da man die Cytoden, welche als vollkommen homogene Plasma-
körper die einfachsten selbstständigen Elementar-Organismeu sind, bis-
her gänzlich vernachlässigt und fast ausschliesslich die Zellen, welche
durch die Differenzirnng von Plasma und Nucleus schon eine höhere
Organisationsstufe darstellen , als die einfachsten selbstständigen Ele-
mentar-Organisnien betrachtet hat, so ist auch die unmittelbare Ueber-
gaugsbildung, welche die homogenen Cytoden (als einfachste organische
Individuen) von den niederen einzelligen Organismen zu den höchsten
individualisirten Anorganen, den Krystallen, herstellen, bisher noch
Organische und anorganische Kräfte. \Q\
gar nicht gewürdigt worden. Es liegt aber zu Tage, dass sie wirklieh
von der grössten Bedeutung für die monistische Biologie sind, indem
sie die von den Meisten für unüberwindlich gehaltene Kluft zwischen
den Zellen und den Kry stallen, mindestens in vielen Beziehungen,
ausfüllen.
Ein allgemeiner Vergleich der Zellen mit den Kry stallen und
der Versuch, die Zellbildung in ähnlicher Weise wie die Krystall-
bildung auf einfache Molekular- Bewegungen der Materie zurückzufüh-
ren, stösst bereits auf sehr viel grössere Schwierigkeiten, weil wir in
der Zelle schon mindestens zwei verschiedene Form-Elemente zu einem
individuellen Ganzen verbunden haben, was bei den homogenen Cyto-
den noch nicht der Fall ist und bei den Kry stallen niemals vorkommt.
Um so wichtiger und interessanter ist es, dass wir bereits seit langer
Zeit einen solchen Vergleich besitzen, der noch jetzt von hohem Werthe
ist. Theodor Schwann nämlich hat in den epochemachenden
„mikroskopischen Untersuchungen", durch welche er 183U die Gewe-
belehre als besondere Wissenschaft neu begründete, den sehr aner-
keuuenswerthen Versuch gemacht, in monistischem Sinne die Zellen
als die eigentlichen Elementar - Organismen nachzuweisen, welche den
Körper der höheren Organismen durch Aggregation zusammensetzen,
und hat dabei die Zellen als die eigentlichen organischen Individuen
mit den Krystallen als den anorganischen Individuen in Parallele ge-
stellt. In der berühmten „Theorie der Zellen", welche den letzten
Theil im dritten Abschnitte jenes Werkes bildet (p. 220 — 257) hat
Schwann diesen Vergleich der Zellen mit den Krystallen durchzufüh-
ren versucht, und hat unseres Erachtens mit bewundernswürdiger Schärfe
den schlagenden, wenn auch nicht vollständigen Beweis für die Theorie
geführt, „dass die Bildung der Elementartheile der Organismen nichts
als eine Krystallisation imbibitionsfähiger Substanz, der Organismus
nichts als ein Aggregat solcher imbibitionsfähiger Kry stalle ist." 1 )
') Für den vollständigen Beweis der Richtigkeit dieses Satzes hält Schwann
noch den Nachweis zweier Punkte für nothwendig, nämlich: ,,I) dass die meta-
bolischen Erscheinungen der Zellen ebenfalls wie die plastischen Erscheinungen
nothwendige Folge der Imbibitionsfähigkeit, oder irgend einer anderen Eigen-
thümlictikeit der Zellensubstanz sind; II) dass, wenn sich eine Menge imbibitions-
fähiger Krystalle bilden , diese sich nach gewissen Gesetzen zusammenfügen
müssen, so dass sie ein, einem Organismus ähnliches, systematisches Ganze bil-
den." Was nun den ersten Punkt betrifft, so glaubt Schwann den Grund für
die metabolischen Erscheinungen der Zellen „wahrscheinlicher in einer bestimm-
ten Lage der Moleküle , die wahrscheinlich bei allen Zellen wesentlich dieselbe
ist, als in der chemischen Zusammensetzung der Moleküle, die bei den verschie-
denen Zellen sehr verschieden ist,'' finden zu müssen. Doch dürften wohl diese
beiden Momente hier wirksam sein, und würde in letzterer Beziehung wohl vor
Allem die complicirte chemische Zusammensetzung und die äusserst leichte Zer-
Haeckel, Generelle Morphologie, J]_
162 Organismen und Anorgane.
Es würde uns zu weit führen, wollten wir auf die Parallele zwischen
der Krystallbildung und der Zellenbilduug, welche Schwann so geistreich
und scharfsinnig durchgeführt hat, hier näher eingehen. Wir können hier
darauf um so eher verzichten, als die Membran der Piastiden (sowohl der
kernhaltigen Zellen, als der kernlosen Cytoden, die Schwann nicht von
den Zellen unterschied) in unseren Augen nicht mehr den hohen morpholo-
gischen und physiologischen Werth besitzt, den Schwann ihr beilegte-
in der That fehlt sie ja häufig genug, und an den jugendlichen Plastidea
fast immer. Nur darauf wollen wir noch besonders aufmerksam machen,
wie einfach und klar derselbe den wesentlichen Unterschied im Wachsthum
der Zellen und der Krystalle aus der Imbibitionsfähigkeit der erstereu
erklärt. Der Krystall kann in Folge seines festen Aggregatzustandes Hin-
durch schichtweise Apposition von aussen wachsen, und die einmal gebil-
deten Theile des Krystalls bleiben ganz unverändert, während die Zelle
vermöge ihres festflüssigen Quellungszustandes durch Intussusception nach
innen hinein neue Theile aufnehmen und durch nachträgliche Einwirkung
derselben auch im Innern bereits gebildete Theile verändern kann. 1 ) Aber
setzbarkeit der Eiweisskörper, welche stets das Plasma, die eigentliche active
(plastische) „Lebensmaterie" bilden, zu berücksichtigen sein, ferner die leichte
und schnelle Zersetzuugsfähigkeit dieser Eiweissvei-biudungen, und ihre Neigung,
die eigenen Zersetzungsbewegungen auf die umgebenden Stoße zu übertragen,
wodurch sie dieselben schon zur Assimilation vorbereiten. Was dann den zwei-
ten von Schwann berührten Paukt angeht, so finden wir dessen Erklärung in
Darwin' s Theorie der natürlichen Züchtung im Kampfe um das Dasein, welche
auf die einzelnen Plastiden (Zellen und Cytoden) , ebenso allgemein angewandt
werden kann und muss, wie auf die einzelnen Organismen. Es ist also nicht ein
vorbedachter zweckmässiger Plan, welcher die einzelnen Cytoden und Zellen
(„die imbibitionsfähigen Krystalle") zu dem „systematischen Ganzen" des Or-
ganismus zusammenfügt, sondern diese scheinbar zweckmässige Combiuation er-
folgt durch die gegenseitige nothwendige Wechselwirkung, welche die aggregirten
Zellen auf einander ausüben, nach den Gesetzen der Differenzirung und Diver-
genz des Characters, der Erblichkeit und Anpassung.
') Eine allgemeine und höchst wichtige Structur-Eigenthüinlichkeit der Kry-
stalle ist ihre Schichtung, ihre innere Zusammensetzung aus Blättern, welche
gewissen Flächen parallel laufen. „Die Existenz dieser Schichtung setzt eine
doppelte Art der Apposition der Moleküle in den Krystalleu voraus: in jeder
Schicht nämlich verschmelzen die neu sich ansetzenden Moleküle mit den schon
vorhandenen dieser Schichte zu einem Continuum; diejenigen Moleküle aber,
welche die einander berührenden Flächen zweier Schichten bilden, verschmelzen
nicht mit einander. Die mit einander verschmelzenden Moleküle lauern sieh mit-
hin mehr der Fläche nach neben einander, als der Dicke nach über einander ab,
so dass jede Schicht auch nur eiue bestimmte Dicke erreichen kann." Nimmt
man nun mit Schwann an, dass dieses Grundgesetz der krystallbildung auch
für die Zellen gilt, und dass die Zellen „imbibitiousfähige Krystalle" sind, so
muss bei ihnen die Schichtenbildung ebenso wie bei den anorganischen Kry-
stallen eintreten. Auch hier wird nur in den einzelnen Schichten (nicht zwischen
denselben) eine möglichst innige Verbindung der Moleküle stattfinden. Wegen
III. Organische und anorganische Kräfte. 163
nicht allein das Wachsthmn der Zellen, sondern auch ihre erste spontane
Entstehung (bei der „freien" Zellbildung in einem Cytoblasteni), die Diffe-
renzirung von Kern und Kernkörperchen, Plasma und Membran, lassen sich
nach Schwann in der einfachsten Weise aus gleichen molekularen Bewe-
gungsvorgäugen (Anziehung und Abstossung der Moleküle in gewissen
Richtungen) ableiten, wie dies bei Erklärung der Krystallbildung möglich
ist. Die Theorie der organischen Zellenbildung auf diesem rein mechanischen
Wege hat nach Schwann's geistreichem Versuche nicht mehr Schwierigkeit,
als die Theorie der anorganischen Krystallbildung. Wir müssen diesen
Versuch um so mehr bewundern, als zu jener Zeit (vor 27 Jahren) fast
nur die höheren und vollkommeneren Zellformen bekannt waren, als damals
noch drei oder vier Bestandtheile, (Kernkörperchen, Kern, Inhalt und Mem-
bran) für integrirende Zellbestandtheile galten und als man von den unent-
wickelteren Piastiden, den inembranlosen Zellen und den kernlosen Cytodeu
noch keine sicheren Kenntnisse hatte. Durch die Erkenntniss der letzteren,
welche (insbesondere die homogenen Gymnocytoden) gewissermaassen un-
mittelbare Uebergangsformen von den aus heterogenen Theilen zusammen-
gesetzten Zellen zu den homogenen Krystallen bilden, hat die Vergleichung
derselben mit „imbibitionsfähigen Krystallen" noch bedeutend an Sicherheit
gewonnen. Wir zweifeln mit Schwann nicht daran, dass es lediglich der
Unterschied der complicirteren atoniistischen Zusammensetzung der orga-
nischen Kohlenstoff-Verbindungen und besonders ihr festflüssiger Aggregat-
zustand, ihre Imbibitionsfähigkeit ist, welche die organischen Individuen
erster Ordnung in Form von Piastiden (Cytodeu und Zellen) auftreten
lässt, während die binär zusammengesetzte und nicht quellungsfähige anor-
ganische Materie ihren individuellen Bildungen die Krystallform giebt.
Damit ist aber auch der mechanische Ursprung der Lebenserscheinuugen
ihrer Imbibitionsfähigkeit ist aber „eine viel innigere Vereinigung derselben
möglich, indem hier die neuen Moleküle sich durch Intussusception zwischen die
vorhandenen ablagern können." Die Zahl der Moleküle, welche sich in jeder
Schicht ablagern können, ist nun hier bei den Zellen nicht bestimmt beschränkt,
wie bei den Krystallen. Wenn nun die Ablagerung der Moleküle neben einan-
der in einer Schichte, und damit das Wachsthum der Schichte fortdauert, ohne
dass sich eine neue Schichte bildet, ,,so wird die wachsende Schichte zunächst
mehr condensirt; d. h. sie nimmt in denselben Raum mehr feste Substanz auf;
dann aber wird sie sich ausdehnen und von dem fertigen Theil des Krystalls
trennen , so dass zwischen ihr und dem Krystall ein hohler Zwischenraum ent-
steht , der sich durch Imbibition mit Flüssigkeit füllt. So erhalten wir also bei
imbibitionsfähigen Körpern, statt einer neuen Schichte, die sich an die früher ge-
bildeten Theile des Krystalls ansetzt, ein hohles Bläschen," welches durch Im-
bibition sehr bald eine rundliche Gestalt annehmen muss (falls es vorher, einem
Krystallmantel entsprechend, eckig war). „Allein der früher gebildete Theil
des Krystalles besteht ebenfalls aus imbibitionsfähiger Substanz, und es ist dess-
halb noch sehr zweifelhaft, ob er überhaupt eine eckige Form haben muss,"
gleich den meisten anorganischen nicht imbibitionsfähigen Krystallen. Die scharf-
sinnige weitere Ausführung dieses sehr wichtigen Vergleiches ist bei Schwan u
selbst nachzusehen (p. 241 — 251).
11*
164 Organismen und Anorgane.
dargethan. Sowie sännntliche physikalische Functionen des Krystalls aus
seiner chemischen Mischung und der dadurch bedingten Form, so gehen
auch sämmtliche Lebenserscheinungen der Flastide (und somit jedes Orga-
nismus) aus ihrer chemischen Mischung und der dadurch bedingten Form
als uothwendige Wirkungen hervor.
IV. Einheit der organischen nnd anorganischen Natur.
Wir haben in den drei vorhergehenden Abschnitten die Ueberein-
stimmungeu und die Unterschiede zu schätzen und zu messen versucht,
welche die beiden grossen Hauptgruppen der irdischen Naturkörper,
Organismen und Anorgane, hinsichtlich ihres Stoffes, ihrer Form und
ihrer Function zeigen. Als das allgemeine Resultat dieser Vergleichung
können wir nun schliesslich folgenden Satz aufstellen: „Alle uns be-
kannten Naturkörper der Erde, belebte und leblose, stimmen tiberein
in allen wesentlichen Grundeigenschaften der Materie, in ihrer Zusam-
mensetzung aus Massen-Atomen und darin, dass ihre Formen und ihre
Functionen die unmittelbaren und notwendigen Wirkungen dieser Ma-
terie sind. Die Unterschiede, welche zwischen beiden Hauptgruppen von
Naturkörpern hinsichtlich ihrer Formen und Functionen existiren, sind
lediglich die unmittelbare und uothwendige Folge der materiellen
Unterschiede, welche zwischen Beiden durch die verschiedenartige
chemische Verbindungs- Weise der in sie eintretenden Elemente bedingt
werden. Die eigenthümlichen Bewegungs-Erscheinungen, welche man
unter dem Namen des „Lebens" zusammenfaßt, und welche die eigen-
thümlichen Formen der Organismen bedingen, sind nicht der AusHuss
einer besonderen (innerhalb oder ausserhalb des Organismus befind-
lichen) Kraft (Lebenskraft, Bauplan, wirkende Idee etc.), sondern
lediglich die unmittelbaren oder mittelbaren Leistungen der Eiweiss-
körper und anderer complicirter Verbindungen des Kohlenstoffs."
Eine eingehendere Untersuchung und Vergleichung der individuellen
Organismen und Anorgane hinsichtlich ihrer materiellen Zusammensetzung
und der daraus unmittelbar resultirenden Form und Function wird leicht
noch zahlreichere und schlagendere Beweise für die obigen Sätze sammeln
können, als uns hier auf dem beschränkten Raum möglich war. Wir müssen
uns daher begnügen, einige der wichtigsten Punkte hier besonders hervor-
gehoben zu haben, und müssen das Weitere einer künftigen synthetischen
Untersuchung anheimgeben. Für uns kam es hier vor Allem darauf an,
der bisher ganz einseitig ausgebildeten analytischen Unterscheidung der
beiderlei Körper nun auch einmal ihre synthetische V ergl eichung gegen-
überzustellen und das weitverbreitete Dogma zu beseitigen, dass das
„Leben 1 * etwas ganz Bes leres, absolut von der leblosen Natur Verschie-
denes und von ihr Unabhängiges sei. Dass dies keineswegs der Fall sei,
und dass nur relative Differenzen die leblosen und belebten Naturkörper
trennen, glauben wir hinsichtlich aller drei Erscheinungs-Reihen, der stofl-
IV. Einheit der organischen und anorganischen Natur. 165
liehen Zusammensetzung und der daraus resultirenden körperlichen Form
und functionellen Leistung gezeigt zu haben. Wir fassen die wichtigsten
Vergleichungspunkte hier kurz zusammen.
I) Die chemischen Urstoffe oder unzerlegbaren Elemente, welche die
lebendigen und die leblosen Naturkörper zusammensetzen, sind dieselben
Es giebt kein Eleme-nt, welches nur in den Organismen vorkäme. Dagegen
ist ein Element, der Kohlenstoß', welches auch in der leblosen Natur als
Krystall-Individuurn auftritt (als Diamant, als Graphit), dasjenige, welches
in keinem Organismus fehlt, und welches durch seine ausserordentliche,
keinem anderen Elemente eigene, Neigung zu verwickeiteren Verbindungen
mit den anderen Elementen, diejenige unendliche Mannichfaltigkeit der
„organischen Stoffe" erzeugt, welche die unendliche Mannichfaltigkeit der
organischen Formen und Lebenserscheinungen hervorbringen. Eine der
wichtigsten Eigenschaften vieler dieser Kohlenstoff -Verbindungen ist ihre
Fähigkeit, den festflüssigen Aggregatzustand anzunehmen, welcher in den
Anorgauen niemals vorkommt. Auf dieser Imbibitionsfähigkeit der organi-
schen Materie, auf ihrer verwickelten atomistischen Zusammensetzung und
auf ihrer leichten Zersetzbarkeit beruhen die sämmtlichen eigentümlichen
Bewegungs- Vorgänge, welche wir als die charakteristischen Erscheinungen
des Lebens ansehen.
II) Die Organismen treten sämmtlich, die Anorgane theilweise in Form
von räumlich abgeschlossenen Eiuzelkörpern oder Individuen auf. Die un-
vollkommensten organischen Individuen, die Moneren oder structurlosen
Plasma-Individuen, stimmen mit den vollkommensten anorganischen Indivi-
duen durch die homogene Beschaffenheit ihres structurlosen Körpers mehr
überein, als mit den höheren, aus Individuen verschiedener Ordnung zu-
sammengesetzten Organismen. Diese Zusammensetzung des Individuums
aus ungleichartigen Theilen ist allerdings den meisten, aber nicht allen
Organismen eigenthümlich, und desshalb kein absolut unterscheidender
Character von den Krystalleu, welche ihrerseits ebenfalls bisweilen in
Mehrzahl zur Bildung von Individuen höherer Ordnung zusammentreten
(Krystallstöcken). In gleicher Weise wie die Organismen besitzen auch die
Krystalle eine innere Structur, und zeigen gesetzmässige Beziehungen der
einzelnen Theile unter einander und zum Ganzen Die äussere gesetzmässige
Form ist hier wie dort der Ausdruck und das Resultat der inneren Struc-
tur, und hier wie dort durch die Wechselwirkung zweier formbildender
Triebe oder Kräfte bedingt, des inneren Bildungstriebes (der materiellen
Zusammensetzung) und des äusseren Bildungstriebes (der Anpassung). So-
wohl den organischen als den anorganischen Individuen liegt meistens eine
bestimmte stereometrische Grundform zu Grunde, welche bei den Krystallen
meistens prismoid ist. Doch ist die prismoide Grundform der Krystalle
(von ebenen Flächen, geraden Linien und messbaren Ecken begrenzt) nicht
ausschliesslich für die anorganischen Individuen charakteristisch, da dieselbe
sowohl bei vielen niederen Organismen (Radiolarien) vorkommt, als auch bei
anderen anorganischen Individuen (Diamant-Krystallen und anderen krumm-
flächigen Krystallen) fehlt. Wir können also so wenig in der individuellen
Bildung, als in der formellen Zusammensetzung der Individuen, ebensowenig
166 Organismen und Anorgane.
in der äusseren Form, als in der inneren Structur, ebensowenig in der
stereometrischen Grundform, als in deren vielfältiger äusserlicher Modifika-
tion, kurz, wir können in keiner Beziehung irgend einen absoluten, in allen
Fällen durchgreifenden formellen Unterschied zwischen Organismen und
Anorgane n auffinden.
III) Die Functionen, Leistungen oder Kräfte der Naturkörper sind
entweder feinere oder gröbere Bewegungen ihrer materiellen Theilchen, der
Atome und der aus ihnen zusammengesetzten Moleküle. Sie sind also un-
mittelbare Ausflüsse der materiellen chemischen Zusammensetzung des
Naturkörpers. Weil diese Leistungen bei den Organismen sehr viel mannich-
faltiger und zusammengesetzter sind, als bei den Anorganen, bezeichnen
wir sie als „Lebens-Erscheinungen". Die einfachen, elementaren Functionen
der Materie kommen sämmtlich, und die verwickeiteren Functionen zum
grossen Theil den Organismen und Anorganen in gleicher Weise zu ; zum
Theil aber (Lebensthätigkeiten im engeren Sinne) kommen die letzteren den
Organismen ausschliesslich zu. Eine der wichtigsten und allgemeinsten
körperlichen Functionen, welche allen leblosen und belebten individuellen
Naturkörpern gemeinsam zukömmt, ist das Wachsthum der Individuen.
Die Verschiedenheiten, welche sich im Wachsthum der organischen und
anorganischen Individuen finden, sind in der verwickeiteren chemischen
Zusammensetzung und der Imbibitionsfähigkeit vieler Kohlenstoff -A 7 erbin-
dungen begründet. Aus diesen Verschiedenheiten des Wachsthums resul-
tiren dann aber mit Notwendigkeit für die Organismen die weiteren spezi-
fischen Lebens -Erscheinungen der Ernährung und Fortpflanzung, denen
sich bei den höheren Organismen noch die complicirtesten Functionen der
Ortsbewegung und Empfindung anschliessen. Wir sehen also im Ganzen,
erstens, dass die anorganischen und organischen Individuen eine gewisse
Summe von Leistungen in gleicher Weise ausüben, und zweitens, dass die-
jenigen zusammengesetzteren Leistungen, welche als Lebenserscheinungen
im engeren Sinne den Organismen eigentümlich sind (allgemein Ernäh-
rung und Fortpflanzung), lediglich in der verwickeltereu chemischen Zu-
sammensetzung der Kohlenstofi'-Verbindungen und in den daraus resultirenden
physikalischen Eigenthümlichkeiten (vor Allem der Imbibitionsfähigkeit) ihren
unmittelbaren materiellen Grund haben.
Alle bekannten Erfahrungen zusammengenommen zwingen uns also zu
der Ueberzeugung, dass die Differenzen zwischen den Organismen und An-
organen nur relativ, lediglich in der verwickeJteren chemischen Zusammen-
setzung der Kohlenstofi'-Verbindungen begründet sind, und dass die Ma-
terie hier wie dort denselben Gesetzen der Naturnotwendigkeit unterworfen
ist. Diese feste Ueberzeugung ist von der gross teu Wichtigkeit, sowohl
allgemein für die allein richtige monistische Beurtheilung der Gesammt-Na-
tur, als auch besonders. für die richtige Beantwortung einer der schwierig-
sten biologischen Fragen, derjenigen von der Entstehung der ersten Or-
ganismen. Indem wir diese Frage im Folgenden zu beantworten versuchen,
stützen wir uns unmittelbar auf jene feste Ueberzeugung von der Einheit der
organischen und anorganischen Natur.
I. Entstellung der ersten Organismen. ^67
Sechstes Capitel.
Schöpfung und Selbstzeugung.
„Was war' ein Gott, der nur von aussen stiesse,
Im Kreis das All am Finger laufen Hesse !
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So dass was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst."
Goethe.
I. Entstehung der ersten Organismen.
Alle grossen Erscheinungsreihen der organischen Natur, alle all-
gemeinen Resultate der zoologischen und botanischen, morphologischen
und physiologischen Forschungen, führen uns übereinstimmend mit
zwingender Gewalt zu dem gesetzlichen Schlüsse, dass sämmtliche
Organismen, welche heutzutage die Erde beleben, und welche sie zu
irgend einer Zeit belebt haben, durch allmählige Umgestaltung und
langsame Vervollkommnung sich aus einer verhältnissmässig geringen
Anzahl von höchst einfachen Urwesen (Protorganismen) entwickelt
haben. Diese Entwicklung geschah und geschieht auf dem Wege der
materiellen Fortpflanzung, der elterlichen Zeugung, nach den Gesetzen
der Erblichkeit und der die Erblichkeit modificirenden Variabilität und
Anpassung. Alle, auch die höchsten und complicirtesten Organismen
können nur auf diesem Wege, durch allmählige Ditferenzirung und
Transmutation von einfachsten und niedrigsten Lebewesen enstan-
den sein.
Dieses äusserst wichtige Entwickelungs- Gesetz bildet den Kern
derjenigen Theorie, welche wir ein für alle Mal kurz als die Ab-
stammungslehre oder Descendenz-Theorie bezeichnen wollen
und deren Begründung wir vor Allen Lamarck, Goethe und Dar-
win verdanken. Sie zeigt uns, in Uebereinstimmung mit_allen fest-
K33 Schöpfung und Selbstzeugung.
stehenden Erfahrungen, wie aus den einfachsten und unvollkommensten
Urwesen sieh die höchsten und vollkommensten Organismen allmählig
durch Divergenz nach verschiedenen Richtungen haben hervorbilden
können. Diese Entwicklungstheorie lässt aber eine grosse und zu-
nächst sich daran anknüpfende Frage unbeantwortet, nämlich: ..Wie
entstanden jene ersten und einfachsten Lebewesen, aus
denen sich alle übrigen, vollkommeneren Organismen all-
mählich entwickelten?"
Die Beantwortung dieser äusserst wichtigen Frage von der ersten
Entstehung des Lebens auf der Erde wird von den meisten Menschen,
und selbst von sehr vielen Biologen, als eine ausserhalb aller exaeten
Naturforschung liegende, oder selbst als eine der Competenz unserer
menschlichen Erkenntniss entzogene Frage bezeichnet. Wir können
keiner von diesen Ansichten beipflichten, und müssen den, freilich sehr
gewagten Versuch, die Frage hypothetisch zu beantworten, ebenso als
unser gutes Recht, wie als unsere noth wendige Pflicht bezeichnen,
wenn wir überhaupt die Erscheinungen der organischen Natur mo-
nistisch, d. h. causal erklären wollen.
Nichts zeigt wohl so sehr die äusserst niedrige Stufe der Entwicklung,
auf der sich die gesammte Biologie, sowohl Morphologie als Physiologie,
noch gegenwärtig befindet, als der Unistand, dass wir zunächst die Be-
rechtigung dieser Frage, die doch jedem denkenden Menschen selbst-
verständlich erscheinen sollte, ausdrücklich hervorheben müssen. Denn so
weit ist noch die herrschende Betrachtungsweise der Organismen vermöge
ihres grundverkehrten Dualismus von der. allein wissenschaftlichen Erkennt-
niss d. h. dem monistischen Yerständniss der organischen Naturerscheinungen
entfernt, dass nicht nur die meisten Laien, sondern selbst die meisten Natur-
forscher die Berechtigung jener Frage bestreiten, und sie als eine solche
bezeichnen, zu deren wissenschaftlichen Erörterung wir weder befugt, noch
befähigt seien.
Die Frage nach dem ersten Ursprung des Lebens auf der Erde , nach
der Entstehung jener ersten, einfachsten Organismen, aus denen alle übrigen
durch allmählige Umbildung sich entwickelten, ist nach unserer Ansicht voll-
kommen ebenso berechtigt, und muss von der Naturwissenschaft ebenso
nothwendig gestellt werden, wie die Frage nach der Entstehung der Erde
selbst, di<- Frage nach der Entstehung der anorganischen Naturkörper. Wie
wir bei den letzteren sowohl die Thatsachen ihres allmähligen Werdens, als
auch die Ursachen desselben in den Kreis unserer Forschung* zu ziehen
haben, so verhält es sich auch mit den Organismen. Wir werden also in
diesem Capitcl ebensowohl uns eine Theorie über die erste Entstehung
der Organismen, wie über die Ursachen derselben zu bilden haben. Und
wir sind hier um so mehr dazu verpflichtet, als Darwin in seinem classi-
schen Werke gerade hier eine sehr empfindliche Lücke gelassen und erklärt
hat, dass er „Nichts mit dem Ursprung der geistigen Grundkräfte, noch
I. Entstehung der ersten Organismen. 169
mit dem des Lebens selbst zu schaffen habeV) Selbst viele von denjenigen
Naturforschern und Philosophen, welche geneigt sind, die sämmtlichen Er-
scheinungen des bestehenden Lebeiis gleich allen anderen Naturerschei-
nungen als nothwendige Folgen mechanisch wirkender Ursachen, also mo-
nistisch zu erklären, nehmen für die erste Entstehung der lebenden
Wesen zu der dualistischen Annahme einer freien Schöpfung ihre Zuflucht-
Sie verzichten auf die rein causale, d. h. mechanische Erklärung der Ent-
stehung des ersten Lebens, theils weil sie dadurch mit einigen der ältesten
und stärksten von unseren allgemein herrschenden grossen Vorurtheilen zu
collidiren fürchten, theils weil sie die Möglichkeit einer solchen Erklärung
nicht einsehen.
In letzterer Beziehung sei nun zunächst hier hervorgehoben, dass selbst
Kant, der für die gesammte organische Natur die dualistisch-teleologische,
für die gesammte anorganische Natur aber die monistisch-mechanische Be-
trachtungsmethode und Erklärungsweise consequent durchführte, der letzte-
ren zugestand, dass sie auch zur Erklärung der organischen Naturerschei-
nungen vollkommen berechtigt, und nur nicht dazu befähigt sei. Wir
würden also, selbst nach Kant, wenn wir die Möglichkeit einer mecha-
nischen Erklärung für die Entstehung des Lebens nachweisen, des Gesuches
um Berechtigung hierzu gewiss überhoben sein. Doch ist das entgegen-
stehende Vorurtheil, welches sich durch die vererbten Irrthümer von Jahr-
tausenden ausserordentlich befestigt hat, so mächtig, dass wir nicht umhin
können, hier die Unmöglichkeit einer sogenannten Schöpfung darzuthun und
die Nothwendigkeit der Annahme einer Autogonie, d. h. einer mechanischen
Entstehungsweise der ersten Lebensformen auf der Erde zu beweisen.
') Aus dieser und aus verschiedenen Stellen seines epochemachenden Wer-
kes, an denen man ein Eingehen auf die vorliegende Frage erwarten sollte, geht
hervor, dass Darwin dieselbe absichtlich nicht berührt, und vollständig auf
deren wissenschaftliche Beantwortung verzichtet, indem er annimmt, dass jenen
einfachsten Urformen (gleichviel ob einer oder mehreren) ,,das Leben zuerst
vom Schöpfer eingehaucht worden sei." Ich habe bereits 1862 in meiner Mono-
graphie der Radiolarien (p. 232), in welcher ich mich entschieden für Darwins
Theorie ausgesprochen habe, bemerkt, dass der grösste Mangel derselben darin
liege, dass sie für die Entstehung der Urorganismen, aus denen alle anderen sich all-
mählig hervorgebildet haben, gar keine Anhaltspunkte liefert, und dass mau für
diese ersten Öpecies keinen besonderen Schöpfungs-Akt annehmen dürfe. In der
That erscheint mir (wie dies auch von Gegnern Darwins hervorgehoben worden
ist) die Annahme einer „Schöpfung" jener Urformen im gewöhnlichen Sinne
als ein so widerspruchsvoller Dualismus und so unvereinbar mit dem sonst durch-
aus monistischen freiste und Werke des grossen englischen Naturforschers, dass
wir annehmen müssen, er sei absichtlich dieser allerdings gefährlichen und zu
vielen Couflicten Anlass gebenden Schwierigkeit aus dem Wege gegangen. Wir
können uns hier um so weniger entschliessen, auf die Beantwortung dieser Frage
zu verzichten, als der ganze causale Zusammenhang der Descendenz-Theorie die-
selbe durchaus erfordert, und erst dadurch die letzte Lücke in dem vollendeten
kosmologischen Systeme des Monismus ausgefüllt wird.
170 Schöpfung und Selbstzeugung.
II. Schöpfung.
Wenn wir alle die unendlich verschiedenen und mannichfaltigen
Ansichten vergleichend in Erwähnung- ziehen, welche von denkenden
Menschen aller Zeiten über die erste Entstehung des Lebens auf der
Erde aufgestellt worden sind, so können wir sie allesammt in zwei
schroff gegenüberstehende Gruppen bringen, deren Losungswort
Schöpfung und Urzeugung ist. Bei weitem die grössere Mehrzahl
aller jener Ansichten ist dualistisch und glaubt an eine Schöpfung?
d. h. an eine Entstehung der ersten lebendigen Wesen durch eine
ausserhalb der Materie befindliche, zweckmässig wirkende Kraft. Nur
verhältnissmässig wenige Ansichten sind monistisch und nehmen eine
Urzeugung an, d. h. eine erste Entstehung lebendiger Körper durch
die ureigenen, der Materie inne wohnenden, mit absoluter Notwen-
digkeit gesetzlich wirkenden Kräfte.
Die vielen verschiedenartigen Schöpfungs-Theorieen weichen
hauptsächlich darin von einander ab, dass die einen einen individuellen
Schöpfungsakt für jeden einzelnen Organismus, die anderen einen be-
sonderen Schöpfungsakt für jede „Species" (aus der sich ihre Nach-
kommen durch natürliche Fortpflanzung entwickeln), die dritten endlich
eine Schöpfung nur für jene einfachsten Urorganismen fordern, aus
denen sich alle übrigen „Species", gemäss der Descendenz-Theorie,
allmählig entwickelt haben. Von diesen drei verschiedenen Ansichten
brauchen wir blos die letzte hier zu discutiren. Denn die erste An-
nahme, dass jeder individuelle Organismus (z. B. jeder einzelne
Tannenbaum, jede einzelne Diatomee, jede einzelne Stubenfliege, jeder
einzelne Mensch) für sich vom Schöpfer besonders erschaffen sei, ist
zwar unter den Menschenkindern (auch den sogenannten ,. Gebildeten")
noch sehr weit verbreitet, widerspricht aber so sehr den einfachsten
und allgemeinsten naturwissenschaftlichen Erfahrungen, dass sie von
keinem einzigen wahren Naturforscher mehr vertheidigt wird. Nicht
so ist es mit der zweiten oben angeführten, übrigens nicht minder un-
wissenschaftlichen Ansicht, dass jede sogenannte „Species oder Art"
einem besonderen Schöpfungsakt ihre Entstehung verdanke, dass also
von jeder Species einmal eines oder mehrere Individuen geschaffen
worden sind, von denen alle übrigen auf dem Wege natürlicher Fort-
pflanzung erzeugt worden sind. Diese auch unter den Naturforschern
noch weit verbreitete und gewöhnlich mit dem absurden Species-Dogma
verkettete Ansicht bedarf liier ebenfalls keiner Widerlegung, da wir
unten die Species selbst als eine ganz willkührliche und künstliche
Abstraction, und die Vorstellung ihrer absoluten Coustauz als ganz
unhaltbar nachweisen werden. Wir haben also nur noch die letzte
(auch von Darwin getheilte) Schöpfungs- Hypothese zu widerlegen,
IL Schöpfung. 171
welche annimmt, dass die wenigen einfachsten Stammformen, aus wel-
chen alle übrigen durch allmählige Differenzirung sich entwickelt haben,
unmittelbar „ erschaffen" worden sind. Da wir diese Annahme dadurch
widerlegen müssen, dass wir die Schöpfung überhaupt als undenkbar
nachweisen, so werden dadurch zugleich sämmtliche übrige Schöpfungs-
Annahmen widerlegt.
Der Begriff der Schöpfung ist entweder überhaupt undenkbar
oder doch mit jeder reinen, auf empirische Basis gegründeten Natur-
anschauung vollkommen unverträglich. In der Abiologie ist auch nir-
gends mehr von einer Schöpfung die Rede, und nur in der Biologie ist
man noch vielfach von diesem Irrthum befangen. Vollkommen undenk-
bar ist der Begriff der Schöpfung, wenn man darunter „ein Entstehen
von Etwas aus Nichts" versteht. Diese Annahme ist ganz unvereinbar
mit einem der ersten und obersten Naturgesetze, welches auch allge-
mein anerkannt ist, dem grossen Gesetze nämlich, das alle Materie
ewig ist, und dass nicht ein einziges Atom aus der Körperwelt ver-
schwinden, so wenig als ein einziges neues hinzukommen kann. Der
einzige denkbare Sinn, welcher daher für den Begriff der Schöpfung
übrig bleibt, ist die Vorstellung, dass durch eine ausserhalb der Ma-
terie stehende Kraft Beweguugserscheinungen der Materie hervorgerufen
werden und dass diese zur Bildung bestimmter Formen führen; ge-
wöhnlich versteht man darunter speciell die Bildung individueller,
vorzüglich organischer Formen, und in unserem speciellen Falle die
Bildung jener einfachsten organischen Urformen. Die Annahme einer
jeden solchen Schöpfung ist nun deshalb durchaus unstatthaft, weil
wir in der ganzen Körperwelt, welche unserer naturwissenschaftlichen
Erkenntniss zugänglich ist, nicht ein einziges Beispiel von einer ausser
der Materie stehenden Kraft empirisch kennen. Alle Kräfte, die wir
kennen, von den einfachen „physikalischen" Kräften (z. B. der Licht-
brechung, Wärmeleitung) anorganischer Krystalle, bis zu den höchsten
Lebenserscheinungen der Organismen (bis zu der Blüthenbildung der
Bäume, bis zu dem Fluge der Insekten, bis zu den philosophischen
Gehirn- Operationen des Menschen) sind mit absoluter Nothwendigkeit
an die Materie gebunden, und ebenso ist jede Materie (organische und
anorganische) nothwendig mit einer gewissen Summe von Kräften be-
gabt. Einerseits also haben wir nicht einen einzigen, auch nur wahr-
scheinlichen Erfahrungsbeweis für die Existenz einer solchen, die Ma-
terie von aussen beherrschenden und „schaffenden" Kraft (mag man
dieselbe nun Lebenskraft, Schöpferkraft, oder wie immer nennen);
andererseits aber gehört nur ein wenig tieferes Nachdenken dazu, um
zu der festen Ueberzeugung zu gelangen, dass eine solche Kraft ganz
undenkbar ist. Wie sollen wir uns eine Kraft ausserhalb der Materie
nur irgend vorstellen, eine Kraft, der jeder Angriffspunkt, welchen
172 Schöpfung und Selbstzeugung.
die Materie bietet, als solcher unangreifbar ist? Eine Kraft, welche
materielle Bewegungserscheinungen hervorruft, ohne selbst materiell
zu sein? Eine Kraft, die eine Bewegung ohne Anziehung und ohne
Abstossuug, mithin eine Wirkung ohue Ursache hervorrufen würde?
Wir gestehen offen, dass wir persönlich vollkommen unfähig sind, uns
irgend eine denkbare Vorstellung von einer solchen immateriellen
Kraft zu machen, und dass wir unter den zahllosen Definitionen und
Darstellungen, welche von solchen immateriellen Kräften unter den
verschiedensten Namen gegeben werden, nicht eine einzige gefunden
haben, die nicht vollständig mit den allgemeinsten und unmittelbarsten
sinnlichen Erfahrungen, sowie mit den wichtigsten und obersten Grund-
gesetzen der Naturwissenschaft (und vor Allem mit dem Causal-Gesetze)
unvereinbar wäre. 1 )
') Den Physikern und Chemikern, sowie den Physiologen dürfte es über-
flüssig erscheinen, über diese ersten Grundsätze der Naturforschung noch ein
Wort zu verlieren: kein Physiker, kein Chemiker, kein Physiolog — so lange
er cousequent und rücksichtslos denkt — kennt eine Kraft ohne Stoff oder
glaubt an eine ausser der Materie stehende Kraft. Nur unter den Morphologen
sind diese falschen Vorstellungen noch so verbreitet, dass wir sie hier nothwen-
dig widerlegen müssen , und in einem Punkte , nämlich gerade in der hier vor-
liegenden Frage von der ersten Entstehung der Organismen, sind die alten ein-
gerosteten dualistischen Vorurtheile sehr allgemeiu verbreitet, und werden selbst
von vielen trefflichen, im TJebrigen vollkommen monistischen Naturforschern ge-
theilt. Sobald man übrigens die verschiedenen immateriellen Kräfte, welche als
„Geist, Seele, Lebenskraft, Schöpferkraft" etc. ein eben so verbreitetes als un-
verdientes Ansehen gemessen, eingehender untersucht, so ergiebt sich, dass
diese sogenannten reinen, nicht materiellen Kräfte durchaus materiell vorgestellt
werden, nämlich entweder als gasförmige Materien oder als feinere (schwerelose
oder unwägbare) Materien, gleich dem Wärme-Aether etc. In der bewunderns-
würdigen Widerlegung der Lebenskraft, welche schon vor 70 Jahren Reil im
ersten Baude seines Archivs für Physiologie (1796) gegeben hat, findet sich hier-
über folgende treffliche Analyse : „Anfangs fielen wohl nur die groben und trägen
Massen den Menschen auf, und in der Folge beobachteten sie erst die Erschei-
nungen der feinen Stoffe in der Natur. Sie empfanden in der Luft und im
Winde Wirkungen eines Wesens, das sie mit den Augen nicht wahrnahmen,
und welches sich vorzüglich durch seine Beweglichkeit vor den trägen und gro-
ben Massen auszeichnete. Diese Beobachtung brachte sie nach und nach auf
die Meinung, dass Bewegung und Leben von einem solchen feinen und unsicht-
baren Wesen abhänge. Durch die Eigenschaften der feinen Stoffe wurden sie
auf die Idee von Geistern geleitet, und sie characterisirten dieselben
durch die vorzüglichsten Merkmale der Luft, durch Uusichtbarkeit
und Beweglichkeit. Man legte sogar dem Geiste überhaupt in der hebräi-
schen und fast in allen alten Sprachen die Namen Luft oder Wind (Spiritus)
bei." (1. c. p. 11, 12). „Mit eben dem Rechte, mit welchem wir den Thieren
(und also auch den Menschen) eine Seele beilegen, um ihre thierischen Wir-
kungen daraus zu erklären, können wir auch für die Schwere und Cohärenz eigene
Oeister annehmen, die erst der Materie die Eigenschaft, als schwere und zusam-
menhaftende Materie zu wirken, mittheilen." (1. c. p. 14).
II. Schöpfung. 273
Ist nun schon an sich der Begriff einer solchen immateriellen
ausserhalb der Materie befindlichen, von ihr unabhängigen, und den-
noch auf sie wirkenden Kraft vollkommen unzulässig und undenkbar
so wird es in unserem Falle hier die schöpferische Kraft in um so
höherem Maasse, als mit deren Vorstellung sich die unhaltbarsten
teleologischen Vorstellungen und die handgreiflichsten Anthropomor-
phismen verbinden. Denn es ist klar, dass jenes schöpferische im-
materielle Princip, welches bald als Lebenskraft, bald als Schöpfer-
kraft, bald als persönlicher Schöpfer die Organismen „schaffen" soll,
hierbei durchaus in analoger Weise zu Werke gehen soll, wie der
Mensch oder andere Thiere bei „Schöpfung" irgend eines Kunstwerks,
wie z. B. eine Wespe beim Bau ihres kunstvollen Nestes, oder wie
der Schneidervogel beim Zusammennähen der Blätter, oder wie der
Mensch beim Bauen eines Hauses, beim Modelliren einer Statue. Wie
alle diese Thiere hierbei nach einem vorhergehenden Entwürfe ihren
Bau construiren, so soll auch die Schöpferkraft oder der persönliche
Schöpfer nach einem bestimmten Bauplan die Organismen zweckmässig
construiren, und wenn seine Schöpfungsthätigkeit sich auf die Er-
schaffung jener wenigen einfachsten Urwesen beschränkt, aus denen
sich die anderen hervorgebildet haben, so hat er jedem dieser Urwesen
die bestimmten Bewegungserscheinungen verliehen, welche man als
sein „Leben" bezeichnet. In allen diesen teleologischen Vorstellungen,
und gleicherweise in sämmtlichen Schöpfungsgeschichten, welche die
dichterische Phantasie der Menschen producirt hat, liegt der grobe
Anthropomorphismus ') so auf der Hand, dass wir der Einsicht jedes
') Wie durchgreifend diesen Schöpfuugs- Ansichten überall die Vorstellung
des thierischen und insbesondere des menschlichen freiwilligen Handelns nach
einem bestimmten (natürlich causal bedingten) Willens-Impulse zu Grande liegt,
beweisen schon die allgemein gebräuchlichen Ausdrücke „des Bauplans, der zweck-
mässigen Einrichtung, des künstlichen Baues u. s. w." Offenbar wird hier stets
das zu schaffende oder erschaffene „Geschöpf ' als das Product eines vorbe-
dachten Planes betrachtet, welchen der „Schöpfer" in ganz gleicher Weise ent-
worfen, modificirt und ausgeführt hat, wie der Mensch bei Construction seiner
zweckmässigen Maschinen und andere YVirbelthiere bei Ausführung ihrer oft
äusserst künstlichen und zweckmässigen Nester, Bauten etc. thuen. Der Anthropo-
morphismus oder, allgemeiner gesagt: Zoomorphismus, welcher hier zur Vor-
stellung des persönlichen oder individuellen Schöpfers führt , ist um so selt-
samer und auffallender, als dieser Schöpfer dabei zugleich als immaterielles
Wesen oder Geist gedacht wird, also im Grunde, wie Reil in der so eben ci-
tirten Stelle treffend ausführt, als ein gasförmiger oder elastisch-flüssiger Körper,
oder als ein Individuum, welches aus der feineren Materie des schwerelosen oder
unwägbaren Aethers (dem Wärmestoff zwischen den Atomeu und Molekülen der
Materie) besteht. Einerseits also- wird der die Materie modelnde und formende
Schöpfer nach Art des Menschen oder eines anderen höheren VVirbelthieres
denkend und planausführend, mithin als ein willkührlich bewegliches und mit
174 Schöpfung und Selbstzeugung.
überhaupt denkenden und nicht allzusehr in traditionellen Vorurtheilen
befangenen Lesers die Vernichtung dieser Schöprangs- Vorstellung selbst
überlassen können. Denjenigen Morphologen aber, welche nicht durch
eigenes Nachdenken zu dieser Erkenntniss gelangen können, empfehlen
wir zu aufmerksamer Lectüre den merkwürdigen „Essay on Classifica-
tion'- des geistvollen Agassiz, in welchem dieser berühmte Natur-
forscher die teleologische Vorstellung des Schöpfers und der Schöpfungs-
Akte dadurch in glänzendster Weise widerlegt, dass er sie bis auf
ihre extremen Consequenzen verfolgt und ihre unlöslichen Widersprüche
überall lichtvoll an den Tag fördert.
Eine Schöpfung der Organismen ist mithin theils ganz undenkbar,
theils aller empirisch erworbenen Naturkenntniss so vollständig zuwider
laufend, dass wir uns zu dieser Hypothese auf keinen Fall entschliessen
dürfen. Es bleibt mithin nichts übrig, als eine spontane Entstehung
der einfachsten Organismen, aus denen sich alle vollkommneren durch
allmählige Umbildung entwickelten, anzunehmen, eine Selbstformung
oder Selbstgestaltung der Materie zum Organismus, welche gewöhnlich
Urzeugung oder Generatio spontanea (aequivoca) genannt wird.
III. Urzeugung oder Generatio spontanea.
Die ursprüngliche mechanische Entstehung oder die elternlose
Zeugung der einfachsten structurlosen Organismen, welche wir im
folgenden Abschnitt als Selbstzeugung oder Autogonie näher betrachten
werden, ist nicht oder nur theilweis identisch mit den verschiedenen
Arten der freiwilligen oder Urzeugung, welche unter dem Namen der
Generatio spontanea, aequivoca, heterogeuea, originaria, automatica,
primitiva, primigenia, primaria etc. seit so langer Zeit und mit so viel
Interesse discutirt worden sind. Die Vorstellungen der verschiedenen
Naturforscher über jene Urzeugung sind im Allgemeinen sehr ver-
schieden, stimmen aber doch alle darin überein, dass durch jenen
Process lebendige Wesen aus der nicht belebten (sogenannten „todten")
Materie, durch deren innewohnende, ureigene Kraft, ohne Dazwischen-
treten einer ausserhalb der Materie stehenden Schöpferkraft, hervor-
Organen handelndes Wirbelthier, vorgestellt, andererseits als ein gasförmiger,
also organloser Körper (daher auch die Ausdrücke; Spiritus, Pneuma, Hauch
des Schöpfers, Blasen and Wehen seines Odems etc.). Wir gelangen somit zu
der paradoxen Vorstellung eines gasförmigen Wirbelthieres, einer (Jontradictio in
adjecto. Im Ganzen gilt VOD diesen wie von den meisten ähnlichen anthropo-
morphen Vorstellungen der schöpferischen Persönlichkeit das Umgekehrte von
dem, was die Priester sagen: ,,Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde."
Es müsste vielmehr beissen; „Der Mensch schafft Gott nach seinem Bilde;" oder
wie es der Dichter in dem bekannten Spruche ausdrückt: „In seinen Göttern
malet sich der Mensch!"
III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 175
gehen sollen. In diesem Sinne also können wir alle diese verschiede-
nen Vorstellungen zusammen als Hypothesen von der Urzeugung
(Generatio spontanea) den so eben widerlegten Hypothesen von der
Schöpfung (Creatio) gegenüberstellen.
Wie nun alle die mannichfaltigen Schöpfungs -Hypothesen sich in
drei verschiedene Gruppen bringen Hessen, die sich mehr oder weniger
von der wissenschaftlichen Erkenntniss entfernen, so können wir auch
die vielfältigen Urzeugungs- Hypothesen in drei verschiedene Gruppen
bringen, welche sich mehr oder weniger der wissenschaftlichen Er-
kenntniss nähern, und von denen wir nur eine einzige als die für uns
unentbehrliche Hypothese auswählen können.
Nach der einen Gruppe der Hypothesen sind von jeder Organismen-
Art oder Species zu einer gewissen Zeit oder zu verschiedenen Zeiten
der Erdgeschichte eines oder mehrere Individuen spontan entstanden,
als deren durch unmittelbare Fortpflanzung entstandene Nachkommen
wir alle übrigen Individuen derselben „Species" anzusehen hätten,
welche zu irgend einer Zeit der Erdgeschichte gelebt haben oder
welche noch jetzt leben. Danach wären also z. B. alle einzelneu In-
dividuen des Weinstocks, des Sperlings, des Menschen, welche jemals
existirt haben, die unmittelbaren Nachkommen eines einzigen oder einer
gewissen Zahl von Individuen des Weinstocks, des Sperlings, des Men-
schen , welche entweder einmal (zu einer bestimmten Zeit) oder zu
wiederholten Malen spontan entstanden sind. Diese Hypothesen-Gruppe
(bei der es uns hier gleichgültig ist, ob diese Entstehung nur einmal
stattfand oder sich mehrmals wiederholte, ob dabei nur ein oder zwei
oder mehrere Individuen entstanden, ob diese ersten Individuen als
Eier oder als Erwachsene entstanden etc.) schliesst sich am nächsten
an die vorher erwähnte, am weitesten verbreitete Schöpfungs-Vorstel-
lung an, nach welcher von jeder Art ein Stammvater oder mehrere
Ureltern geschaffen wurden; sie unterscheidet sich von jener Hypothese
nur dadurch, dass an die Stelle des schöpferischen Planes oder Wil-
lens die blinde Kraft der „todten" Materie tritt. Sie bedarf, wie jene,
schon desshalb keiner Widerlegung, weil sie auf dem grundfalschen
Dogma von der Constanz der Species fusst. Aber auch abgesehen
hiervon, widerspricht die Vorstellung, dass so hoch organisirte und so ver-
wickelt gebaute Organismen, wie es die höheren Thiere und Pflanzen
sind, blos durch die Kraft nicht organisirter Materie unmittelbar ent-
stehen können, so sehr den einfachsten Erkenntnissen und den be-
kanntesten Thatsacken, dass sich diese Hypothese niemals eine allge-
meinere Anerkennung hat erringen können.
Die zweite Gruppe der Urzeugungs -Hypothesen behauptet, dass
aus vorhandener organischer Substanz, lediglich durch die organisirende
Kraft derselben, niedere Organismen, Thier- und Pflanzen-Formen von
^76 Schöpfung und Selbstzeugung.
sehr einfacher Organisation, entstehen können. Hierher gehört die
grosse Mehrzahl aller Vorstellungen, welche sich die Naturforscher der
verschiedensten Zeiten über die Urzeugung gebildet haben. Schon
Aristoteles behauptete, dass aus warmem Schlamme oder faulenden
vegetabilischen Substanzen niedere Thiere (Würmer, Insecten etc.) ent-
stünden. Als man später mit dem Mikroskop die Fülle von kleinen,
dem blossen Auge unsichtbaren Organismen entdeckte, welche alle Ge-
wässer bevölkern, nahm man für einen grossen Theil dieser kleinen
Pflanzen und Thiere eine selbstständige Entstehung aus der zersetz-
ten organischen Substanz an, welche von abgestorbenen Organismen
geliefert wird und in allen Gewässern verbreitet ist. Diese Vorstellung
von der Generatio aequivoca wurde um so mehr befestigt und ver-
breitet, als man bald entdeckte, dass in allen Flüssigkeiten, welche
durch Uebergiessung (Infusion) organischer Substanzen mit Wasser
bereitet werden, derartige niedere Thiere und Pflanzen gleichzeitig mit
deren Zersetzung massenhaft entstehen (Infusorien, Rotatorieu, An-
guillulen, Pilze, Algen, vielerlei Protisten). Vorzüglich wurde diese
Generatio aequivoca für die Eingeweidewürmer und andere Organis-
men angenommen, deren Entstehung an ihrem abgeschlossenen Wohn-
orte auf dem Wege der gewöhnlichen Zeugung mau sich nicht erklären
konnte. Als nun später die verwickelten und oft unter Wanderungen
u. dgl. so versteckten Fortpflanzungsverhältnisse dieser Organismen
entdeckt wurden, trat ein allgemeiner Rückschlag ein, indem man nun
hieraus die homogene Fortpflanzung für alle Organismen deducirte
und die Urzeugung für alle Organismen ohne Ausnahme bestritt. Die-
ser Satz wurde so dogmatisch verallgemeinert, dass der „Glaube an
die Generatio aequivoca" in den letzten Decennien fast allgemein für
ein Kriterium einer unwissenschaftlichen biologischen Richtung galt.
Wie einseitig dieser Rückschlag sich entwickelte, zeigen am deutlich-
sten die lebhaften Streitigkeiten, welche in den letzten Jahren wiederum
im Schoosse der französischen Akademie geführt wurden, und in denen
Pouch et für, Pasteur gegen die Generatio aequivoca eintrat.
Für die uns hier beschäftigende Frage von der ersten Entstehung
der organischen Wesen bat diese Form der sogenannten Generatio
aequivoca, bei welcher sich gewisse niedere Organismen aus vorhan-
dener organischer Substanz entwickeln, die von zersetzten Organis-
men herrührt, gar kein Interesse oder doch nur einen ganz unterge-
ordneten Werth. 1 ) Denn das Vorhandensein dieser organischen Sub-
') Als unsere rein subjeetive Ueberzeugung in dieser Frage wollen wir nur
aussprechen, dass die Urzeugung oder (Jeueratio aequivoca in diesem Sinne, wie
sie von den aüermeisten Naturforschern verstanden wird, uus durch alle bis-
herigen Untersuchungen, durch alle die zahlreichen Beobachtungen und Experi-
mente, keinesfalls widerlegt, aber auch uueh nicht bewiesen erscheint. Wir
III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 177
stanzen, aus denen sich spontan Organismen entwickeln sollen, setzt
bereits die Existenz anderer (abgestorbener) Organismen voraus und
erklärt uns also nicht die erste spontane Entstehung lebender Wesen.
Abgesehen hiervon aber ist die Art und Weise, in welcher diese Frage
von den meisten Autoren, sowohl Gegnern als Anhängern der Ur-
zeugung discutirt worden ist, eine so unwissenschaftliche, dass wir hier
ganz darüber hinweg gehen können.
Wenn wir noch beiläufig einen flüchtigen Blick auf die Art und Weise
werfen, in welcher diese Generatio aequivoca von zahlreichen Naturforschern
untersucht und discutirt worden ist, so tritt uns hier, wie immer am deut-
lichsten in solchen allgemeinen Fragen, äusserst auffallend der grosse Mangel
einer streng philosophischen Methode entgegen, welchen wir oben eingehend
gerügt haben. Der Mangel an allgemeiner Uebersicht des Naturganzen und
an philosophischer Erfassung desselben, die daraus hervorgehende Plan-
losigkeit und verkehrte Fragestellung an die Natur, die Inconsequenz der
Uutersuchungsmethoden und die Fehlerhaftigkeit der Schlüsse — alle diese
Grundfehler einer falschen oder doch einer unvollkommenen Methode der
Naturerkenntniss treten hier, nur oberflächlich verdeckt durch eine schein-
bar vollkommen „exacte" Experimentalmethode, in so auflallendem Maasse
hervor, dass es uns nicht Wunder nimmt, wenn hier noch gar kein Resultat,
keine positive und keine negative Entscheidung, erreicht ist.
Was die experimentelle Begründung oder Widerlegung dieser Generatio
aequivoca betrifft, auf welche die „exacte" - ' Schule der Neuzeit so grossen
Werth legt, so müssen wir in erster Liuie hervorheben, dass eine positive
Widerlegung dieser Frage dadurch bisher nicht herbeigeführt, aber auch
gar nicht möglich ist. Denn was beweisen alle diese vielfachen und
wegen ihrer raffinirten Complication zum Theil so bewunderten Experimente
(z. B. von Pasteur und seinen Genossen) Anderes, als dass unter diesen
oder jenen, äusserst complicirten, künstlichen und unnatürlichen Bedingungen
eine mit Flüssigkeit infundirte organische Substanz keine Organismen ge-
liefert hat? Kann dies irgend etwas Anderes beweisen, und was ist mit
diesem Beweise erreicht? Unserer Ansicht nach gar Nichts! Und wenn
man diese künstlichen Experimente vertausendfachte, wenn man wirklich
Bedingungen herstellte, die den in der freien Natur vorkommenden ähnlicher
wären, und wenn hier bei Anwendung aller Vorsichtsmassregeln niemals
Organismen in der Infusion entständen , so würde damit eben immer nur
der Beweis geliefert sein, dass unter diesen oder jenen ganz bestimmten
Bedingungen keine Organismen in einer solchen Infusion entstehen. Nie-
halten dieselbe als noch jetzt existireud für möglich und wahrscheinlich, jedoch
nur in dein ganz beschränkten Sinne, dass aus solcher nicht orgauisirten und
homogenen organischen Substaüz (die aus Zersetzung anderer Organismen her-
vorgegangen ist) sich zunächst nur ganz einfache homogene Organismen oder
Moneren (Vibrionen, Protamoeben etc.) bilden können. Es würde diese Form
der Urzeugung sich schon unmittelbar an diejenige anschliessen, welche wir als
Autogonie sogleich besprechen werden.
Haeckel, Generelle Morphologie. 12
178 Schöpfung und Selbstzeugung.
mals aber wird dadurch der Beweis geliefert werden, dass eine solche Ge-
neratio aequivoca unter keinen Bedingungen in der freien Natur möglich
sei. Niemals wird sich dieselbe in dieser Weise experimentell widerlegen
lassen.
Auf der anderen Seite müssen wir bemerken, dass uns durch die bis-
herigen Experimente allerdings auch der positive Beweis für diese Art der
Urzeugung nicht geliefert zu sein scheint, und dass dieser überhaupt sehr
schwer zu liefern sein wird. Denn es wird sehr schwer sein, diese Experi-
mente so vollkommen rein anzustellen, als es die positive Beantwortung
dieser Frage erfordern würde. Wir wissen positiv, dass überall Keime or-
ganischer Wesen zerstreut sind (theils eingetrocknete Leiber entwickelter
Individuen, z. B. von Infusorien, Räderthierchen, vielen Protisten und nie-
deren Algen und Pilzen, theils Eier und Embryonen solcher Organismen),
die, in Berührung mit Flüssigkeit gebracht, alsbald wieder zum Leben
erwachen; wir wissen, dass jeder Windstoss Tausende solcher leichter
Keime aus den austrocknenden Gewässern aufhebt, und überall mit sich
herumführt; wir wissen, dass der Schmutz unserer Strassen, der Staub
unserer Zimmer massenhaft solche Keime einschliesst und einschliessen
niuss, wir wissen, dass viele dieser Keime sowohl hohen Temperaturgraden,
als auch zersetzenden Flüssigkeiten sehr lange Widerstand leisten, ohne
ihre Lebensfähigkeit zu verlieren, und es wird äusserst schwer sein, auch
bei sorgfältigster Handhabung der Instrumente, jedwede Verunreinigung
mit diesen äusserst leichten, feinen und mikroskopisch kleinen Keimen voll-
ständig auszuschliessen, so vollständig, dass bei einem positiven Erfolge
des Experiments jeder Zweifel an der absoluten Reinheit der Bedingungen
verstummen muss.
Weiterhin werden gewöhnlich als solche Organismen, welche in der-
gleichen Infusionen entstehen, ganz kritiklos unter einander sehr einfache
und sehr complicirt gebaute Organismen genannt, z. B. Vibrionen, Monadeu,
Rhizopoden, Diatomeeu, einzellige Algen, niedere Pilze, höhere Algen und
Pilze, Würmer, Räderthierchen etc. Nun ist es aber klar, dass nur die
Entstehung höchst einfacher und nicht hoch diü'erenzirter Organismen auf
diesem Wege denkbar ist und dass nur die geringe, mikroskopische Grösse,
welche allen diesen, sonst so verschieden differenzirten „Inlüsions tt -Organis-
nien gemein ist, zu einer collectiven Zusammenfassung derselben verleitet
hat. Wollte man hier scharf und klar sehen, so müsste man die einzelnen
Organismen aus so verschiedenen Klassen und Organisationshöhen, welche
:nil' diese Weise entstehen, alle einzeln hinsichtlich ihrer Existenz- und
Entstehungs-Bedingungen untersuchen, und würde dann linden, dass mir
von den allerniedrigsten und einfachsten Organismen, entweder von den
ganz homogenen und structurlosen Moneren (Vibrionen, Protamoeben etc.)
oder doch höchstens von solchen, deren Körper noch nicht die Höhe einer
differenzirten Zelle erreicht hat, eine solche spontane Entstehung zu erwar-
ten ist.
Endlich aber, und dies ist hier vor Allem hervorzuheben, ist mit Con-
statirung der Thatsache wenig gewonnen, dass sich niedere Organismen
aus solchen organischen Substauzeu entwickeln, welche vou anderen, schon
III. Urzeugung oder Generatio spontanea. 179
ciagewesenen Organismen herrühren. Hierdurch kann niemals die erste
Entstehung des Lebens auf der Erde erklärt werden. Die erste spontane
Entstehung jener einfachsten, homogenen Urwesen, aus denen sich alle
übrigen durch Differenzirung und natürliche Züchtung allmählig entwickelt
haben, lässt sich vielmehr einzig und allein durch eine dritte und letzte
Urzeugungshypothese erklären, welche den unmittelbaren Uebergang anorga-
nischer Substanz in individualisirte organische Substanz behauptet, ein Pro-
cess, der der Krystallisation der Anorgane durchaus analog ist. Diese Ur-
zeugung, welche also von der gewöhnlich angenommenen Generatio aequi-
voca wesentlich verschieden ist, wollen wir als Selbstzeugung oder Autogouie
hier besonders in Erwägung ziehen.
IV. Selbstzeugung oder Autogonie.
Die Hypothese der Selbstzeugung oder Autogonie fordert, dass
die äusserst einfachen und vollkommen homogenen, structurlosen Or-
ganismen (Moneren), welche wir als die Stammformen aller übrigen,
durch Differenzirung- daraus hervorgegangenen zu betrachten haben,
unmittelbar aus dem Zusammentritt von Stoffen der anorganischen Na-
tur in ähnlicher Weise sich in einer Flüssigkeit gebildet haben, wie es
bei der Bildung von Krystallen in der Mutterlauge der Fall ist.
Von den so eben betrachteten Formen der Urzeugung oder
Generatio aequivoca (spontanea etc.) wie sie gewöhnlich vorgestellt
und besprochen werden, unterscheidet sich unsere Selbstzeugung oder
Autogonie wesentlich dadurch, dass dort organische Materien (compli-
cirtere Kohlenstoff -Verbindungen), welche von zersetzten Organismen
herrühren, hier dagegen nur sogenannte anorganische Materien (d. h.
einfachere Verbindungen) vorausgesetzt werden, aus denen sich zu-
nächst verwickeitere Kohlenstoff -Verbindungen, und hieraus unmittel-
bar organische Individuen einfachster Art (Moneren) hervorbildeten.
Uns erscheint diese Annahme für das Verständniss der gesammten
organischen Natur vollkommen unentbehrlich, weil sie die einzige
grosse Lücke ausfüllt, welche bisher in der gesammten Entwickelungs-
geschichte der Erde und ihrer Bewohner bisher noch bestanden hat.
Wir müssen diese Hypothese als die unmittelbare Consequenz und als
die nothwendigste Ergänzung der allgemein angenommenen Erdbil-
dungs-Theorie von Kant und Laplace hinstellen, und finden hierzu in
der Gesammtheit der Naturerscheinungen eine so zwingende logische
Notwendigkeit, dass wir desshalb diese Deduction, die Vielen sehr
gewagt erscheinen wird, als unabweisbar bezeichnen müssen.
Bekanntlich behauptet die Erdbildungs- Theorie, welche zuerst Kant
in seiner „allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" auf-
stellte, und welche später (unabhängig von Kant) Laplace in seiner
„Exposition du systöme du nionde" ausführlich begründete, dass unser ge-
12*
180 Schöpfung und Selbstzeuguug.
samflater Erdkörper iu früherer Zeit vermöge eines sehr hohen Hitzegrades
sich in gasförmigem Aggregatzustande befunden halte, und dass dann dieser
ungeheure Gasball, in Folge allmähliger Abkühlung, in den feurig-flüssigen
Zustand übergegangen sei. Durch weitere Abgabe beträchtlicher Wärme-
massen an den kalten Weltraum erkaltete der feurig-flüssige Ball, welcher
durch beständige Rotation um seine Axe die Sphaeroid - Form annahm,
immer mehr und es ging zuletzt die Rinde desselben aus dem flüssigen in
den festen Aggregatzustand über, während der von dieser Rinde umschlos-
sene Kern in geschmolzenem Zustande im Innern zurückblieb. Erst nach-
dem die Rinde der Erde sich bis zu einem solchen Grade abgekühlt hatte,
dass der in der Atmosphäre ringsum suspendirte Wasserdampf sich in
tropfbar-flüssiger Form niederschlagen konnte, wurde die Erdrinde bewohn-
bar, wurde es möglich, dass belebte Naturkörper auf derselben auftraten,
wurde es möglich, dass Leben entstand.
Diese Theorie der Erdbildung, welche von Kant und Laplace auf
die einfachsten Gesetze der Anziehung und Abstossung der Materie zurück-
geführt und dadurch ebenso fest als einfach causal begründet wurde, stimmt
mit allen unseren empirischen Kenntnissen, allen Erfahrungen vom Bau und
von der Entwickelung der Erde so vollständig überein, dass sie von allen
Naturforschern ausnahmslos angenommen ist. Nun folgt aber hieraus un-
mittelbar als die erste, notwendigste und für uns wichtigste Consequenz,
dass das Leben auf der Erde zu irgend einer Zeit einen Anfang
hatte, oder dass, mit anderen Worten, in irgend einem Zeitpunkt zum
ersten Male anorganische Substanz in organische überging und sich zugleich
in Form von Organismen individualisirte. Diese Folgerung, welche wir hier
als die unentbehrliche Hypothese von der Autogonie oder Selbst-
zeugung näher formuliren und begründen wollen, erscheint uns so unab-
weisbar nothwendig, dass wir dieselbe unbedingt annehmen müssen und
uns zunächst nur zu verständigen haben werden über die mögliche Art
und Weise dieses Processes und über die Natur der daraus hervorgegange-
nen Organismen, über welche directe Erfahrungskenntnisse uns nicht zu
Gebote stehen.
Hier kommen wir nun zurück auf die wichtigen allgemeinen Resultate
des vorhergehenden Kapitels, in welchem wir zu zeigen versucht haben,
dass die Differenz zwischen den Organismen und den Anorganen nicht so
gross, und vor Allem nicht so absolut ist, wie dies gewöhnlich hingestellt
wird. Wie dort nachgewiesen wurde, unterscheiden sich die vollkommensten
anorganischen Individuen, die Krystalle, von den unvollkommensten orga-
nischen Individuen, den Moneren, wesentlich hinsichtlich ihrer stofflichen
Zusammensetzung dadurch, dass die Atome der Elemente dort vorwiegend
zu einfacheren („binären"), hier dagegen durch Einwirkung des Kohlen-
stoffs zu sehr complicirten und leicht zersetzbaren Verbindungen vereinigt
auftreten; und dass der Aggregatzustand der Materie dort ein fester, hier
ein lestflüssiger ist. Hieraus folgt dann unmittelbar, dass der Krystall Hin-
durch Apposition von aussen wachsen, und also auch nur äusserlich sich
anpassen und verändern kann, während das Moner durch Iutussusception
nach innen hinein wachsen, und also auch innerlich sicli anpassen uud ver-
IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 181
ändern kann. Zugleich folgt aus der complicirteren atomistisehen Zusam-
mensetzung und der Imbibitidnsfähigkeit auch der einfachsten organischen
Individuen, dass ihre Theilchen beständig ihre gegenseitige Lage ändern
können, was bei dem festen Krystall nicht möglich ist, und dass, wenn das
organische Individuum über ein bestimmtes individuelles Maass hinaus ge-
wachsen ist, es sich in zwei Individuen theilen, sich fortpflanzen kann, was
bei dem festen Krystall ebenfalls nicht möglich ist.
Zweifelsohne haben wir uns also den Akt der Autogonie, der ersten
spontanen Entstehung einfachster Organismen ganz ähnlich zu denken, wie
den Akt der Kiystallisation. In einer Flüssigkeit, welche die den Organis-
mus zusammensetzenden chemischen Elemente gelöst enthält, bilden sich in
Folge bestimmter Bewegungen der verschiedenen Moleküle gegen einander
bestimmte Anziehungsmittelpunkte, in denen Atome der organogenen Ele-
mente (Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff) in so innige Berüh-
rung mit einander treten, dass sie sich zur Bildung coinplexer, „ternärer
und quaterhärer" Moleküle vereinigen. Diese erste organische Atomgruppe,
vielleicht ein Eiweiss-Molekül, wirkt nun, gleich dem analogen Kernkrystall,
anziehend auf die gleichartigen Atome, welche in der umgebenden Mutter-
lauge gelöst sind, und welche nun gleichfalls zur Bildung gleicher Moleküle
zusammentreten. Hierdurch wächst das Eiweisskörnchen, und gestaltet sich
zu einem homogenen organischen Individuum, einem structurlosen Moner
oder Plasmaklumpen (einem isolirten Gymnocytoden) , gleich einer Prota-
moeba etc. Dieses Moner neigt, vermöge der leichten Zersetzbarkeit sei-
ner Substanz, beständig zur Auflösung seiner eben erst consolidirten Indi-
vidualität hin, vermag aber, indem die beständig überwiegende Aufnahme
neuer Substanz vermöge der Imbibition (Ernährung) das Uebergewicht über
die Zersetzungsneigung gewinnt, durch Stoffwechsel sich am Leben zu er-
halten. Das homogene organische Individuum oder Moner wächst nur so
lange durch Intussusceptiou, bis die Attractionskraft des Centrums nicht
mehr ausreicht, die ganze Masse zusammen zu halten. Es bilden sich, in
Folge der überwiegenden Divergenzbewegungen der Moleküle nach ver-
schiedenen Richtungen hin, nun in dem homogenen Plasma zwei oder meh-
rere neue Anziehungsmittelpuncte, die nun ihrerseits anziehend auf die in-
dividuelle Substanz des einfachen Moneres wirken, und dadurch seine Thei-
lung, seinen Zerfall in zwei oder mehrere Stücke herbeiführen (Fortpflanzung).
Jedes Theilstück rundet sich alsbald wieder zu einem selbstständigen
Eiweissindividuum oder Plasmaklumpen ab und es beginnt nun das ewige
Spiel der Anziehung und Abstossung der Moleküle von Neuem, welches
die Erscheinungen des Stoffwechsels oder der Ernährung und der Fort-
pflanzung vermittelt.
Wir haben hier absichtlich den denkbar einfachsten Fall der Autogonie
eines Moneres hingestellt, welcher der Krystallisation eines Anorganes offen-
bar am nächsten steht; denn in beiden Fällen führen zur Bildung des in
sich homogenen individuellen Naturkörpers molekulare Bewegungen inner-
halb einer Flüssigkeit (organisches „Cytoblastem", anorganische „Mutter-
lauge"), welche die zur Bildung des Individuums unentbehrlichen Stoffe gelöst
enthält. In beiden Fällen entsteht, in Folge des Ueberwiegens bestimmter
182 Schöpfung und Selbstzeugung.
Molekularbewegungen (Anziehungen und Abstossungeu) über die anderen,
in der Bildungsflüssigkeit ein Anziehungsmittelpimkt (erstes Plasmaklünip-
chen, erster Krvstallkeru), welcher nun einfach anziehend auf die in der
umgebenden Flüssigkeit gelösten gleichartigen Stoffe wirkt, und dieselben
sowohl nöthigt, zu den complexen Molekülen zusammenzutreten , als auch
den flüssigen Aggregatzustand zu verlassen. Hier nun tritt erst die Diffe-
renz des organischen und des anorganischen Individuums hervor, indem das
erstere blos in den festflüssigen Zustand übergeht, und dadurch die Imbi-
bitionsfähigkeit und die damit verbundene Beweglichkeit der Moleküle erhält,
welche die Erscheinungen der Ernährung und Fortpflanzung ermöglicht,
wogegen das anorganische Individuum in den festen Zustand übergeht, und
nunmehr blos noch äusserlich sich verändern, durch Apposition von aussen
wachsen kann.
Fragen wir nun, wie wohl die ersten und denkbar einfachsten Orga-
nismen beschaffen gewesen sein mögen, welche zuerst auf unserer erkalteten
Erdrinde in dem eben erst aus der heissen Dampf- Atmosphäre durch die
fortschreitende Abkühlung niedergeschlagenen Urmeere sich gebildet haben,
so können wir uns keine einfacheren organischen Individuen denken, als es
die eben beschriebenen Moneren sind, vollkommen homogene Plasmaklum-
pen, welche noch keine bestimmte Form besitzen, deren ganzer Körper
nach allen Richtungen hin, vermöge der Bewegungen seiner leicht verschieb-
baren Moleküle, seine äusseren Umrisse wechseln und formlose Fortsätze
(Pseudopodien) ausstrecken kann, welche seine Ortsbeweguug und Theilung
vermitteln.
Die Annahme der ersten spontanen Entstehung eines Organismus in
einer Bildungsflüssigkeit konnte früherhin nur so lange als undenkbar oder
doch nur sehr schwer denkbar bezeichnet werden, als man solche einfache
structurlose Organismen oder Moneren, wie die eben geschilderten sind,
nicht kannte. Gegenwärtig kennen wir die Existenz dieser vollkommen
homogenen und structurlosen Organismen, einfacher individualisirter Eiweiss-
kluinpen, durch die Beobachtung. Wir kennen die durchaus homogene
Protamoeba, einen formlosen gleichartigen Plasmaklumpen ohne alle
Differenzirung, welcher kurze, stumpfe, nicht verschmelzende Fortsätze
(Pseudopodien) aus seiner eiweissartigen Körpermasse vorstreckt und sich
damit bewegt, und welcher sich, wenn er eine bestimmte Grösse durch Wachs-
thuin erreicht hat, durch Theilung vermehrt. Wir kennen den viel grösseren
Protogenes pritnordialie und den Proktogenes porrecfus (Amoeba
porrecta, Schnitze), rhizopodenartige formlose Organismen, deren ganzer
Körper ebenfalls eine durchaus homogene Eiweissmasse repräsentirt, deren
Peripherie in zahlreiche feine verschmelzende Fäden ausstrahlt, und die
sich ebenfalls durch Theilung vermehren. Wir keimen lerner den äusserst
wichtigen Rhizopoden-Stamm, die Klassen der Acyttarien und Radiolarieu,
bei denen ein gleicher, einfacher, vollkommen structurloser Körper im
Stande ist, durch Ausscheidung von kohlensaurem Kalk und von Kieselerde
die inannichfaltigsten, coinplicirtesteu uud zierlichsten SkcletbUdungen zu
Stande zu bringen. Wir kennen endlich die Amoeben, einfache Protoplasten,
welche sich nur durch den Besitz eines Kernes und einer contractilen Blase
IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 183
von den ganz homogenen Protamoeben unterscheiden ; und in den Arcelliden
haben wir Ainoeben, welche trotz dieser Einfachheit im Stande sind, sich
eine complicirte Schale zu bilden. Sobald in diesen homogenen Plasma-
klumpen, wie sie als Moneren isolirt leben, ein Kern auftritt, so ist aus
der Cytode eine Zelle geworden, und wir werden dadurch in das weite
Gebiet der zahlreichen einzelligen Organismen hinübergeführt, von denen aus
nun die Entwickelung der complicirteren mehrzelligen Organismen auf dem
Wege der Differenzirung und der natürlichen Züchtung keine Schwierigkeit
mehr hat.
Nach unserer Ansicht muss nothwendig der erste Ursprung, die
spontan entstandene Stammform aller Organismen, welche jemals die
Erde belebt haben und welche sie noch jetzt beleben, in solchen ein-
fachsten Moneren gesucht werden, formlosen lebenden Eiweissklumpen
von durchaus gleichartiger, homogener Beschaffenheit, gleich den Prot-
amoeben und Protogeniden, aus denen sich erst später Zellen
durch Differenzirung von innerem Kern und äusserem Plasma entwickelt
haben. Wie wir uns aus einem solchen ganz einfachen imbibi-
tionsfähigen Eiweissklümpchen durch Differenzirung von Kern und
Plasma und späterhin auch von Membran zunächst eine Urzelle, dann
eine Hautzelle hervorgehend denken können, hat bereits Schwann so
trefflich gezeigt, dass wir hier einfach auf seine allbekannte Theorie
von der spontanen Zellenbildung innerhalb des Cytoblastems verweisen
können.
Wir nehmen also an, dass die ältesten, spontan entstandenen Or-
ganismen, aus denen sich alle übrigen im Laufe der Zeit durch Diffe-
renzirung und natürliche Züchtung im Kampfe um das Dasein ent-
wickelt haben (gleich viel, ob es eins oder mehrere oder viele waren),
solche vollkommen homogene, structurlose, formlose Eiweissklumpen
oder Moneren, gleich einer Protamoeba waren, welche aus dem
Urmeere durch Zusammenwirken rein physikalischer und chemischer
Bedingungen, durch molekulare Bewegungen der Materie in ganz
gleicher Weise entstanden, wie der Kry stall in seiner Mutterlauge ent-
steht. Rein physikalisch-chemische Ursachen mussten die Bildung einer
quaternären Kohlenstoffverbindung , durch den Zusammentritt von
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff (vielleicht auch noch
Schwefel) bewirken, und diese Verbindung (welche wir aller Analogie
nach als einen Eiweisskörper betrachten müssen) musste sich individua-
lisiren, indem die Cohäsion ihrer imbibitionsfähigen Substanz nur bis
zu einer gewissen Grenze das Wachsthum durch Assimilation gleicher
Substanz (Ernährung) gestattete; sobald diese Grenze überschritten
wurde, bildeten' sich in dem durch ein Attractionscentrum zusammen
gehaltenen Individuum zwei oder mehrere Attractionscentra, welche
nun die Ursache zum Zerfall des einen Individuums in mehrere, zu-
Fortpflanzung wurden. Indem der Erblichkeit des Wesens, welche
Ig4 Schöpfung und Selbstzeugung.
durch diese immittelbare Continuität der Materie von elterlichem und
kindlichem Urorganismus bedingt wurde, andererseits die Einwirkung
der äusseren Umgebung als Anpassung entgegen wirkte, indem das
Mouer im Laufe von Generationen sich demgemäss wirklich anpasste
und differenzirte (z. B. eine festere Hülle ausschied, im Innern sich
als Kern cousolidirte etc.), wurde es entwickelungsfähig. Nachdem
erst einmal durch Differenzirung von Plasma und Kern aus dem Moner,
aus dem homogenen Oytoden, eine Zelle geworden, war damit zugleich
die Möglichkeit der organischen Entwickelung zu den unendlich
mannichfaltigen Formen gegeben, von denen uns die empirische Beob-
achtung noch jetzt handgreiflich zeigt, wie sie aus dem einzelligen
Anfangszustande der allermeisten organischen Individuen im Laufe
ihrer embryologischen Entwickelung in verhältnissmässig kurzer Zeit
hervorgehen.
Wir nehmen mithin ferner an, dass zellige Organismen, sowohl
einzellige als mehrzellige, nicht spontan, durch Autogonie, entstanden,
sondern vielmehr erst später, durch Differenzirung von Plasma und
Kern, aus den wirklich autogonen Moneren sich hervorbildeten, aus den
individualisirten formlosen Klumpen einer Eiweissverbindung, deren
striicturloser Körper noch keine Differenz des äusseren wasser-
reicheren Plasma und des inneren festeren Kerns zeigte. Viele. Ge-
nerationen von Moneren, gleich den Protamoeben, mögen Jahrtausende
lang das LTrmeer, welches unsern abgekühlten Erdball (wahrscheinlich
als eine vollständige Wasserhülle) umschloss, bevölkert haben, ehe die
Differenzirung der äusseren Lebensbedingungen, denen sich diese homo-
genen Urwesen anpassten, auch eine Differenzirung ihres eigenen
gleichartigen Eiweiss-Leibes herbeiführte. Wahrscheinlich bildeten sich
zunächst aus den einzelnen Moneren, indem das dichtere Centrum als
Kern sich von der weniger dichten Peripherie des dünnflüssigeren
Plasma trennte, zunächst nur einzellige Individuen. Verinuthlich erst
viel später gingen aus diesen einzelligen Lebensformen mehrzellige
hervor, indem die Theilung, durch welche sich die einzelligen Urwesen
(Protisten) fortpflanzten, bisweilen unvollständig erfolgte, so dass die
beiden oder mehreren Theilproducte des Individuums zusammenblie-
ben, und somit einen ersten Individuenstock (Zellenstock) oder ein ein-
fachstes Individuum zweiter Ordnung bildeten. Indem dann die ein-
zelnen gleichartigen Zellen oder Individuen erster Ordnung, die in
einem solchen Stock vereinigt waren (in ähnlicher Weise, wie bei sehr
vielen niederen Algen) sich differenzirten , und im Kampfe um das
Dasein durch natürliche Züchtung vervollkommnet wurden, entwickel-
ten sich daraus differente Zellenstöcke oder Individuen höherer Ordnung,
welche nun ihrerseits wieder zur Bildung von Individuen nach höherer
Ordnung zusammentreten konnten. Wie dieser Vorgang sich alhnählig
IV. Selbstzeugung oder Autogonie. 185
gestaltet haben mag, werden wir weiter unten zu erklären versuchen.
Theilweis zeigt es uns die Embryologie.
Wir nehmen endlich an, dass alle jetzt lebenden Organismen-
Formen und alle, welche jemals die Erde bewohnt haben, die Nach-
kommen einer geringen Anzahl verschiedener Moneren sind, und dass
jede der Hauptgruppen der Organismen -Welt, welche wir unter dem
Namen Stamm oder Phyton als eine zusammengehörige genealogische
Einheit aufstellen, einer besonderen Moneren-Art ihre Entstehung ver-
dankt. Wir nehmen also z. B. eine bestimmte Moneren -Art als die
gemeinsame Stammform aller Wirbelthiere an, eine andere als die ge-
meinsame Stammform aller Coel enteraten, eine andere als die gemein-
same Stammform aller Diatomeen etc. Nach unserer Ansicht ist es
das Wahrscheinlichste, dass jeder dieser Hauptstämme oder Phyton
des Thier- und Pflanzenreichs sich aus einer eigenen Moneren-Stamm-
form entwickelt habe, (wofür unten die Gründe angeführt werden
sollen), wodurch wir jedoch keineswegs die Möglichkeit ausschliessen
wollen, dass alle diese verschiedenen Moneren ihre Verschiedenheit
erst durch Differenzirung aus einer einzigen gemeinsamen Ur-Moneren-
form erlangt haben. Fragen wir nach der Verschiedenheit der ver-
schiedenen Moneren, so kann diese, da wir uns alle Moneren als
durchaus homogene und formlose Eiweiss-Individuen (Plasma-Klumpen)
vorstellen, nur gefunden werden in leichten Differenzen der chemischen
Zusammensetzung, an denen ja gerade die Eiweisskörper, die allen
analytischen Bemühungen der Chemiker so standhaft Trotz bieten, so
ausserordentlich reich sind. Vielleicht waren es ganz geringe Differenzen
in den Mischungsverhältnissen der zusammensetzenden Grundstoffe, und
besonders des Kohlenstoffs, vielleicht unbedeutende Beimischungen von
Schwefel oder von Phosphor, oder von verschiedenen Salzen (wie wir
sie in so räthselhafter und unbestimmter Weise bei so vielen Eiweiss-
körpern vorfinden), welche die physiologischen Differenzen der ver-
schiedenen Moneren, und damit die Verschiedenheit der aus ihnen sich
entwickelnden Stämme bedingten, welche nachher als Stockpflanzen,
Diatomeen, Rhizopoden, Coelenteraten, Wirbelthiere etc. so weit aus
einandergingen.
Indem wir hier zum ersten Male den gewagten Versuch unternehmen,
eine Hypothese der Autogonie in ihren allgemeinsten Grundzügen aufzu-
stellen, sind wir uns der damit verbundenen Gefahren wohl bewusst, und
vermeiden es absichtlieh, auf diesem noch gänzlich unbetretenen Gebiete
der Naturerkenntnis s unsere subjectiven Vorstellungen näher zu präcisiren.
Wir sind aber zu diesem Versuche ebenso berechtigt als verpflichtet durch
die mit unserem Erkenntnissvermögen unzertrennlich verbundene und be-
ständig tief empfundene Notwendigkeit, die weit klaffende Lüekc, welche
zwischen der allgemein angenommenen Erdbüdungs-Theorie von Kant uud
236 Schöpfung und Selbstzeugung.
Laplace und der ebenso sicher begründeten Entwickelungstheorie der
Organismen von Lamarck und Darwin besteht, durch eine Hypothese
auszufüllen, welche wenigstens den ersten Versuch macht, das uns bis jetzt
bekannte werthvolle empirische Material in dieser Richtung zu verwerthen.
Vor Allem legen wir hier das grösste Gewicht auf die richtige Ver-
werthung der einfachen niederen Organismen des Protisten-Reiehes, welche
noch nicht einmal den Werth einer Zelle erreicht haben, und welche uns
in der That entweder, wie Protogenes und Protamoeba das noch
jetzt existirende Bild eines vollkommen homogenen und structurlosen, nicht
differeiizirten Organismus vor Augen führen, oder, wie die Rhizopoden, das
Bild eines Organismus, bei dem entweder der ganze Körper oder doch der
grösste Theil desselben aus einem vollkommen homogenen Plasma besteht,
und bei welchem trotzdem diese nicht differenzirte Eiweissmasse die Fähig-
keit besitzt, die complicirtesten und regelmässigst geformten Skeletbiklungen
von Kalk- oder Kiesel-Erde auszuscheiden. Offenbar hat uns die Erkennt-
niss dieser einfachsten Organismen, welche den letzten Decennien angehört,
einen ungeheuer grossen Schritt weiter geführt in dem biologischen Ver-
ständniss des Natur -Ganzen und speciell in der causal- mechanischen Auf-
fassung derjenigen Vorgänge, welche sich bisher am meisten dieser Auf-
fassung entzogen, der Vorgänge der Selbstzeugung und Entwickelung.
Für unsere subjective Auffassung hat die Annahme, dass sich in einem
mit Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff in verschiedenen
Verbindungen (z. ß. als kohlensaures Ammoniak) geschwängerten und noch
dazu mit Auflösungen verschiedener wichtiger (namentlich schwefelsaurer
und salpetersaurer) Salze versetzten Wasser, durch Zusammentreten dieser
Verbindungen zu Eiweissmolekülen spontan solche homogene Organismen,
wie die Moneren, bilden können, keine Schwierigkeit. Doch wird sich diese
Auffassung erst allgemeinere Geltung erwerben, wenn man anfangen wird,
sich allgemeiner und eingehender mit diesen einfachsten und unvollkommen-
sten Lebensformen zu beschäftigen, die in so auffallender Weise von allen
differenzirten Organismen abweichen und sich in mehrfacher Beziehung mehr
den anorganischen Individuen nähern. Wir sind aber bisher immer so aus-
schliesslich gewöhnt gewesen, nur den höheren und stark differenzirten Or-
ganismen unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, dass vor Allem eine allge-
meinere und intensivere Erforschung dieser niedersten Lebenskreise, der
verschiedenen Protisten -Gruppen etc. erfolgen muss, ehe sich die richtige
Auffassung von der notwendigen allmähligen Entwickelung der Organismen
und der Entstehung ihrer Anfänge aus anorganischer Materie Bahn brechen
wird.
Jede irgendwie ins Einzelne eingehende Darstellung der Autogonie ist
vorläufig schon deshalb gänzlich unstatthaft, weil wir uns durchaus keine
irgendwie befriedigende Vorstellung von dem ganz eigenthümlichen Zustande
machen können , den unsere Erdoberfläche zur Zeit der ersten Entstehung
der Organismen darbot, vielmehr alle sicheren Anhaltspunkte hierfür fehlen.
Wahrscheinlich war die Erdoberfläche unseres Erdballes zu der Zeit, als
sie soweit erkaltet war, dass sich Organismen auf ihr bilden konnten,
ringsum von einem zusammenhängenden uferlosen Meere umgeben, Zonen-
* IV. Selbstzeugung oder Autogonie. Ig7
unterschiede noch nicht vorhanden. Von der Beschaffenheit jenes Urmeeres
und der heissen, darüber ausgebreiteten, mit Kohlensäure und Wasser-
dämpfen gesättigten Atmosphäre können wir uns aber gar keine bestimmte
Vorstellung machen, wenn wir bedenken, dass die ungeheuren Mengen von
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, die von der Steiukohlen-
zeit an bis zur Gegenwart und wahrscheinlich schon lange vor der Stein-
kohlenzeit an den Körper zahlloser Organismen gebunden waren, in jener
Urzeit in ganz anderen, einfacheren Verbindungen neben einander existirten,
oder ganz frei und ungebunden auf einander wirkten. Die ungeheuren
Massen von Kohlensäure, von verschiedenen Kohlenwasserstoffen und von
zahllosen anderen Kohlenstoff-Verbindungen, die damals zur Zeit der ersten
Entstehung des Lebens theils gasförmig in der Atmosphäre verbreitet,
theils in dem Urmeere aufgelöst oder auf dessen Boden niedergeschlagen
gewesen sein müssen, gestatten uns durchaus keine sichere hypothetische
Vorstellung von den Existenzbedingungen, unter denen sich die ersten ein-
fachsten Organismen in jenem Urmeere bildeten. Nur so viel können wir
mit Bestimmtheit sagen, dass die Beschaffenheit des Urmeeres und der Ur-
atmosphäre zu jener Zeit sehr bedeutend verschieden von der jetzigen ge-
wesen sein rnuss.
Jedenfalls war die ganze , überall von dem Urmeere wie von einer zu-
sammenhängenden Wasserhülle umgebene Erdrinde damals in jeder Be-
ziehung (hinsichtlich der Erhebungen des Meeresbodens, der Temperatur etc.)
noch äusserst einförmig beschaffen, und da somit die Existenzbedingungen
in den verschiedenen Theilen des Meeres sehr wenig von einander werden
verschieden gewesen sein, so ist zu vermuthen, dass, als die Temperatur
so weit gesunken war, dass zum ersten Male lebensfähige Kohlenstoff- Ver-
bindungen sich bilden konnten, diese sich auf der ganzen Erde in wenig ab-
weichender Weise bildeten. Zahllose, nicht oder nur wenig verschiedene
Moneren, gleich der Protamoeba, mögen damals gleichzeitig entstanden
sein; und erst allmählig, als die Lebensbedingungen sich differenzirten, als
die Hebungen und Senkungen des Bodens an verschiedenen Stellen des
Meeres locale Differenzen höheren Grades eintreten Hessen, werden sich
mit den Lebensbedingungen auch die einfachsten spontan entstandenen Ur-
organismen differenzirt und damit ein Kampf um das Dasein zwischen diesen
Moneren entwickelt haben.
Da wir uns von der eigenthümlichen Beschaffenheit der jedenfalls von
allen jetzt bestehenden sehr verschiedenen Lebensbedingungen, unter denen
jene ersten Moneren im Urmeere spontan entstanden, durchaus keine
sichere Vorstellung machen können, so lässt sich auch die Frage vorläufig
nicht befriedigend erörtern, ob ähnliche Bedingungen auch später noch, bei
weiterer Entwickelung der Erdrinde, an gewissen Stellen derselben fort-
dauern konnten, und ob sie noch heute fortdauern. Wir können also auch
nicht auf die Frage antworten, ob eine solche Autogonie, wie sie damals,
unter jenen Bedingungen, mit absoluter Nothw endigkeit stattgefunden
haben muss, sich lange Zeit fortsetzte und sich später wiederholte, ob sie
vielleicht continuirlich fortdauerte und auch jetzt noch stattfindet. Expe-
rimente sind in dieser Beziehung noch nicht angestellt, und durch die bis-
183 Schöpfung und Selbstzeugung.
herigen Beobachtungen ist noch nichts bisher darüber erwiesen. Aus der
Thatsache, dass solche einfachste, structurlose, homogene Organismen oder
Moneren, vom morphologischen Werthe der einfachsten Gynmocytoden, auch
jetzt noch leitend vorkommen, dass Müssen von äusserst einfach gebildeten
Protisten, die jenen am nächsten stehen (Protoplasten, Rhizopoden etc.)
unsere Meere bevölkern, könnte man vielleicht schliessen, dass dieselben
auch jetzt noch entstehen, oder vielleicht periodisch, unter Eintritt bestimm-
ter Bedingungen , sich autogon erzeugen. Dagegen lässt sich andererseits
auch behaupten, dass diese noch lebenden Moneren und die anderen ein-
fachsten Protisten die noch lebenden und wenig oder nicht veränderten
Nachkommen einfacher Urwesen sind, die vor sehr langer Zeit sich durch
Autogonie gebildet haben. Dass es immer stille einfache Stellen im Na-
turhaushalte geben muss, in denen auch solche einfachste Lebensformen sich
sehr lange Zeit unverändert fortpflanzen können, hat bereits Darwin nach-
gewiesen. Da wir nicht in der Lage sind, in dieser Beziehung irgend
welche sichere Beweisgründe für oder gegen die Frage beizubringen, ob
die Autogonie jetzt noch fortdauert und wie lange sie bestanden haben
mag, so lassen wir diese Frage, die ohnehin für uns nur ein untergeordnetes
Interesse hat, hier fallen, und begnügen uns mit Constatirung der Not-
wendigkeit, dass der Beginn des Lebens auf der Erde, eine Autogonie von
Moneren, aus denen erst später Zellen sich entwickelten, irgend einmal
stattgefunden haben muss.
Die Anhänger der Generatio aequivoca pflegen gewöhnlich, wenn sie
die Natur der elternlos entstehenden Organismen erörtern, zu behaupten,
dass dies einzellige Wesen sein müssten. Dagegen halten wir es für viel
wahrscheinlicher, dass die einzelligen Wesen sich erst durch Differenzirung
von innerem Kern und äusserem Plasma aus den structurlosen Moneren
hervorgebildet haben, und dass diese die wirklichen Autogonen sind. Die
Gründe hierfür liegen in der Vergleichung, welche wir oben zwischen diesen
Moneren und den Krystallen ausgeführt haben, und in welcher wir zu zeigen
versuchten, wie die spontane Entstehung solcher homogenen, imbibitions-
fähigen Eiweisskörper ganz analog der spontanen Entstehung von Krystallen
in der Mutterlauge zu denken sei. Nach unserer Hypothese sind demnach
zuerst ausschliesslich vollkommen structurlose und homogene Plasmaklumpen,
gleich den Protamoeben , im Urmeere entstanden; in diesen hat sich erst
später eine Differenz von festerem Kern und weicherer Hülle gebildet, und
noch später erst sind diese einfachen kernhaltigen Zellen zur Bildung mehr-
zelliger Organismen zusammengetreten, aus denen sich dann alle höheren
ailmählig durch natürliche Zuchtwahl entwickelt haben.
Die grösste Schwierigkeit in unserer Hypothese der Autogonie liegt
darin, dass wir uns von den eigenthümlichen Existenzbedingungen, unter
welchen im Urmeere die ersten Moneren entstanden, keine befriedigende
Vorstellung machen können, und dass wir die damals stattgehabte spontane,
freie Bildung von den zusammengesetzteren Kohlenstoff -Verbindungen und
insbesondere von den Eiweisskörpern , welche doch gegenwärtig als die
activen Träger der eigentlichen „Lebensthätigkeiten" im engeren Sinne auf-
treten, noch nicht beobachtet haben. Alle Eiweisskörper, sowie die meisten
IV. Selbstzeugung oder Autogonie. * 189
anderen verwickeiteren Kohlenstoff -Verbindungen sind wir gewohnt, als
innerhalb bestehender Organismen entstanden zu betrachten. Doch ist zu
erwarten, dass sich unsere Anschauungen in diesem Punkte gewaltig ändern
werden. Noch nicht lange ist es her, dass man allgemein behauptete, dass
sämmtliche sogenannte „organische" Verbindungen ausschliesslich innerhalb
der Organismen (vermittelst der mystischen „Lebenskraft") erzeugt würden,
und dass wir gänzlich unvermögend seien, dergleichen Kohlenstoff -Verbin-
dungen in unseren Laboratorien künstlich herzustellen. Als dann später
(1828) Wöhler dieses Dogma zuerst widerlegte und aus cyansaurem Am-
moniak zum ersten Male Harnstoff darstellte, galt dies lange Zeit für die
einzige Ausnahme. Jetzt kennt man solche Ausnahmen in Masse, und man
stellt nicht allein einfachere „organische" oder Kohlenstoff -Verbindungen,
sondern auch complicirtere, Alkohol, Ameisensäure etc., in unseren Labo-
ratorien nach Belieben aus den Elementen auf rein „anorganischem"
Wege her. ')
') Wir heben das Schicksal dieses Dogma, welches so lange und allgemein
im höchsten Ansehen stand, und die ganze Chemie beherrschte, und welches in
Folge der neueren Erfahrungen allgemein verlassen ist, desshalb hier besonders
hervor, weil wir dem Dogma von der Unmöglichkeit der Geiieratio spontanea
(von welcher unsere Autogonie uur eine bestimmte Modifikation ist) mit Sicher-
heit denselben letaleu Ausgang prognosticireu- können. Es wird hier die schun
öfter beobachtete Erscheinung eintreten, dass mit dem deünitiven Falle des einen
Dogma zugleich eine ganze Reihe von anderen zusammenstürzen, die mehr oder
minder unlösbar mit ihm verkettet sind. Eine solche Kette von solidarisch ver-
bundenen Dogmen bildeten im vierten und fünften Decennium unseres Jahrhun-
derts die Lehren von der ausschliesslichen Erzeugung organischer Substanzen inner-
halb des Organismus, die Lehre von der Lebenskraft, die Lehre von der Constanz der
Species, die Lehre von der Unmöglichkeit der Partheuogenesis, die Lehre von der
Unmöglichkeit der Urzeugung und viele Andere von mehr oder minder allgemeiner Be-
deutimg. Die meisten dieser Dogmen sind schon jetzt entweder völlig umgestossen,
oder derart in ihren Fundameuten erschüttert, dass sie über Kurz oder Lang noth-
weudig zusammenstürzen müssen. Ich persönlich bin ein um so entschiedenerer
Feind dieser Dogmen und darf mich um so rücksichtsloser dagegen aussprechen,
als ich selbst früher in denselben blind befangen war. Als treuer Schüler und
aufrichtiger Bewunderer von Johannes Müller war ich von den Lehren meines
grossen Meisters so sehr eingenommen, dass ich auch der Macht seiner vitalisti-
schen Vorurtheile mich nicht entziehen konnte, und die damit verbundenen
Dogmen von der Constanz der Species , von der Nichtexistenz der Generatio
aequivoca, von der zweckmässigen Wirksamkeit der gestaltenden Lebenskraft etc.
vollständig theilte, ohne an ihrer Begründung zu zweifeln. In meiner Doctor-
Dissertation lautete die erste These, welche ich am 7. März 1857 gegen meinen
Freund E. Claparede öffentlich vertheidigte: „Formatio cellularum libera, et
physiologica et pathologica, haud minus quam generatio animalium et plantarum
spontanea rejicienda est." Um so eher wird mau es mir verzeihen, weuu ich
jetzt, in besserer kritischer Erkenntniss der Wahrheit, die mit jenen vitalistisch-
teleologischeu Dogmen verbundenen Vorurtheile als solche anerkenne, rücksichts-
los bekämpfe und die monistische Naturerkenntniss als die einzig zum Ziele
190 Schöpfung und Selbstzeugung.
Wenn die Chemie der Kohlenstoff- Verbindungen oder die sogenannte
organische Chemie in demselben colossalen Maassstabe sieh weiter ent-
wickelt, wie dies in den letzten drei bis vier Decennien geschehen ist, so
dürfen wir hoffen, auch die complicirtesten Kohlenstoff-Verbindungen, und
insbesondere die so labilen Eiweisskörper, in unseren Laboratorien auf reiu
anorganischem Wege künstlich herzustellen; und wenn es dann gelingeu
sollte, auch individualisirte Eiweissklumpen, gleich den Moneren, herzu-
stellen, welche unter bestimmten Bedingungen sich (z. B. durch Aufnahme
von Kohlensäure und Ammoniak) ernähren und sich durch Theilung fort-
pflanzen können, so würde das Problem der Autogouie experimentell gelöst
sein, und wir könnten dann weiter den Versuch machen, aus diesen künst-
lich dargestellten Moneren durch künstliche Züchtung unter passenden Be-
dingungen ebenso einzellige Organismen, und später vielleicht selbst mehr-
zellige herzustellen, als sicher aus den ersten, im Urmeere spontan entstan-
denen autogouen Moneren allmählig durch natürliche Züchtung einzellige,
und später aus diesen mehrzellige Organismen sich entwickelt haben
müssen. 1 )
führende mit aller Kraft vertheidige. Keine Irrthümer kann der nach Wahrheit
strebende Mensch so stark und aufrichtig hassen, als diejenigen, in denen er
selbst vorher befangen war; und mau wird sich hieraus erklären, warum ich die
in der organischen Morphologie noch herrschende dualistische Naturauffassung,
von welcher ich früher selbst geblendet war, jetzt als überwundenen Staudpunkt
auf das Entschiedenste bekämpfe.
') Da die monistischen Anschauungen, welche ich in diesem Capitel zu ent-
wickeln versucht habe, mit den hergebrachten dualistischen Vorstellungen über
„spontane" organische Formbilduug nicht vereinbar sind und zunächst wenig
Aussicht auf Beifall haben, so möchte ich zur Unterstützung derselben noch be-
sonders auf die Anatomie und die Entwickelungsgeschichte derjenigen höchst
einfachen und unvollkommenen Organismen verweisen, welche wir im nächsten
Capitel als Protisten zusammenfassen werden. Eine der wichtigsten, aber am
schwierigsten zu begreifenden Erscheinungen, auf welche wir immer wieder zu-
rückkommen müssen, ist die Thatsache, dass ein formloser festflüssiger Eiweiss-
klumpen, offenbar lediglich vermöge seiner specifisclien atomistischen Constitution,
die complicirtesten und regelmässigsten festen Formen hervorzubringen vermag;
und doch können wir uns von dieser Thatsache an vielen Protisten, besonders
den Rhizopoden, ganz bestimmt überzeugen. Die verwickelten und bestimmt ge-
formten Kiesel- und Kalk-Skelete der Acyttarien und Radiolarien sind das un-
mittelbare Product einer vollkommen formlosen Plasma-Masse , von deren fest-
flüssigem Zustande uns das bekannte Phaenomen der Sarcode-Strömung in jedem
Augenblick den handgreiflichen Beweis liefert. Diese merkwürdigen Erschei-
nungen werfen auf die forinbildeude Function des Plasma und der Plastideu
überhaupt das bedeutendste Licht. Vergl. besonders den Abschnitt über das
Wachsthum in meiner Monographie der Radiolarien. Berlin 1862.
I. Unterscheidung von Thier und Pflanze. 191
Siebentes Capitel.
Thiere und Pflanzen..
„Wenn man Pflanzen und Thiere in ihrem
unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind
sie kaum zu unterscheiden. So viel aber können
wir sagen, dass die aus einer kaum zu sondern-
den Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach
und nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei
entgegengesetzten Seiten sich vervollkommnen, so
dass die Pflanze sich zuletzt im Baume dauernd
und starr, das Thier im Menseben zur höchsten
Beweglichkeit und Freiheit .sieh verherrlicht."
Goethe (Jena, 1807).
I. Unterscheidung von Thier und Pflanze.
„Der wissenschaftliche Standpunkt unserer Anschauungen von der
organischen Natur hat sich in keinem Verhältnisse jedesmal so treu
abgespiegelt, als da, wo es sich um Erörterung der Unterschiede han-
delt, welche zwischen Thier und Pflanze bestehen. Seit jener Zeit,
als vor mehr denn hundert Jahren die Thiernatur der pflanzenartig
festsitzenden, baumähnlich verästelten und blüthengleiche Individuen
tragenden Polypenstöcke kund ward, hat jede neue Forschung- in diesem
Gebiete neue Theorieen zu Tage gebracht, von denen eine die andere
verdrängte. "
Diese Worte, mit denen Gegenbau r in seinen ausgezeichneten
Grundzügen der vergleichenden Anatomie 1859 seine kritische Erörte-
rung des Verhältnisses der Thiere zu den Pflanzen einleitete, bezeich-
nen treffend den hohen Werth, den diese Erörterung sowohl in theo-
retischer als in praktischer Beziehung besitzt. Wir werden uns der-
selben an diesem Orte um so weniger entziehen können, als die un-
schätzbare Erweiterung unseres biologischen Gesichtskreises, welche
Darwin durch die causale Begründung der Descendenz- Theorie her-
beigeführt hat, noch von keinem Biologen zur Lösung jener ebenso
schwierigen als interessanten Frage benutzt worden ist. Wenn wir
192 Thiere und Pflanzen.
nun hier diese Anwendung versuchen, und wenn wir dadurch auf einen
neuen und fruchtbaren Standpunkt in jener Frage hingeleitet werden,
so werden wir hierin zugleich einen neuen und werthvollen Beweis
für die Wahrheit und die Uuentbehrlichkeit der Abstammungslehre
finden dürfen. In der That werden wir alsbald gewahr werden, dass
in dieser, wie in allen allgemeinen biologischen Fragen, nur der rothe
Faden der genealogischen Verwandtschafts-Lehre es ist, der uns gleich
dem leitenden Ariadnc- Faden durch die labyrinthische Verwickelung
der organischen Form -Verhältnisse zu ihrem wissenschaftlichen Ver-
ständnisse emnorzuführen vermag.
•
Die uralte Eintheilung der Organismen in die beiden Hauptgruppeu
oder „Reiche" der Pflanzen und Thiere ist, gleich der Unterscheidung
mehrerer Hauptgruppen des Thierreichs (der Vögel, Fische etc.) nicht auf
dein strengen Wege der wissenschaftlichen Untersuchung, Scheidung und
Wägung ihrer verschiedenen Eigenschaften erzielt worden, sondern hervor-
gegangen aus der ersten oberflächlichsten und allgemeinsten Unterscheidung
der lebendigen Naturkörper, welche schon der einfache Naturmensch aus-
übte, sobald er überhaupt das Bedürlhiss fühlte, die wesentlichsten und
hervorragendsten Unterschiede der ihn umgebenden Naturkörper mit einem
Namen zu bezeichnen. Daher findet sich auch die Eintheilung der Lebe-
wesen in Thiere und Pflanzen, und bestimmte Worte zur Bezeichnung die-
ser beiden Reiche, bei fast allen Naturvölkern, die überhaupt über die
niedrigste Stute thierischer Rohheit sich erhoben haben. Erst sehr viel
später linden wir Versuche einer wissenschaftlichen Bestimmung dieser bei-
den Begriffe vor. Man schrieb nun den Thieren, welche sich gleich dem
Menschen bewegen uud empfinden, wie diesem, eine Seele zu, während
man den Pflanzen, die der Empfindung und Bewegung zu entbehren schei-
nen, eine Seele absprach. Doch ist es sehr bemerkenswerth, dass schon
der grösste Naturforscher des Alterthums, Aristoteles, in der scharfen
Unterscheidung der beseelten- Thiere und unbeseelten Pflanzen unübersteig-
liche Schwierigkeiten fand 1 ). Wie in vielen anderen Erkenntnissen, so war
auch in dieser der grosse griechische Naturphilosoph der nachfolgenden
Welt um mehr als zwei Jahrtausende voraus. Linne, den wir als den
formellen Begründer der organischen Systematik feiern, vermochte sich trotz
seiner umfassenden systematischen Kenntnisse nicht auf die Höhe jener
Aristotelischen Betrachtung zu erheben, hielt vielmehr die Unterschiede
zwischen den beseelten Thieren und den seelenlosen Pflanzen für ebenso
') „Die Natur geht allmählig von den Unbeseelteu zu den Thieren über,
durch solche, die zwar leben, aber nicht Thiere sind, so dass es scheint, dass
das Eine sich vom Anderen dadurch, dass sie sich einander nahe steheu, ganz
wenig unterscheidet." Aristoteles, de partibus anim. IV, 5. 681a. „So stei-
gert sich jenes Princip des Lebens in unmerklichen Stufen bis zur Thierseele
hinauf, so dass man in dem Verfolg jener Reihen das Nächstverwaudte uud das
in der Mitte Liegende kaum zu unterscheiden vermag." Aristoteles, historia
anim. VIII, 1. 588b 10. Vergl. J, B. Meyer: Aristoteles Thierkuude p. 172.
I. Unterscheidung von Thier und Pflanze. J93
absolute und ohne allmählige Uebergänge bestehende, als die Unterschiede
zwischen den „Species" und zwischen allen übrigen künstlichen Kategorieen
seines Systems. Das Wesen der „Seele/' welche die Thiere von den Pflan-
zen absolut unterscheiden sollte, setzte er in die Empfindung und die will-
ktihrliche Bewegung. 1 ) Die Nachfolger Linnes, die meist gedankenlosen
und dem Species-Dogma ergebenen Schulen der botanischen und zoologi-
schen Systematiker hielten diese falschen Vorstellungen bis in die neueste
Zeit hinein fest. Erheblichere Zweifel gegen dieselben wurden erst laut,
als man sich im vierten und fünften Decennium unseres Jahrhunderts mit
den sehr verbesserten Mikroskopen eifrig und vielseitig dem Studium jener
zahllosen niederen Organismen zuwendete, welche als bewegliche, dem blos-
sen Auge unsichtbare Körperchen alle süssen und salzigen Gewässer be-
völkern. Unter diesen fand sich nun bald eine grosse Anzahl, welche in
einigen Characteren der Form und der Lebenserscheinungen an die Thiere,
in anderen an die Pflanzen sich anschloss ; viele derselben vereinigten thieri-
sche und pflanzliche Charactere in einer so zweideutigen Weise, dass es
geradezu unmöglich wurde, sie mit nur einiger Sicherheit dem einen oder
anderen organischen Reiche zuzutheilen. Indem die einen Systematiker die-
selben Formen mit Bestimmtheit als Pflanzen betrachteten, welche von An-
deren ebenso bestimmt für Thiere erklärt wurden, entspannen sich bei Vielen
sehr begründete Zweifel über die Vollgültigkeit der bisher allgemein ange-
nommenen unterscheidenden Charactere. Einige kamen zu der Ueberzeugung,
dass es nur darauf ankomme, neue und fester begründete Charactere aufzu-
finden, um die sicher vorhandene reale Grenze zwischen Pflanzen- und Thier-
Reich scharf zu präcisireu, während Andere vielmehr an dieser Grenze
selbst irre wurden und behaupteten, dass beide Reiche unmittelbar in ein-
ander übergingen, und zusammen ein einziges grosses Reich der Organis-
men bildeten.
Es wurden nun im Laufe der beiden letzten Decennien, sowohl von
Botanikern als von Zoologen zahlreiche Versuche gemacht, theils absolut
unterscheidende Kriterien zwischen den Thieren und Pflanzen aufzufinden,
theils die Contiuuität beider Reiche zu beweisen. Wir haben hier weder
Raum noch Veranlassung, auf alle diese einzelnen sehr divergenten Ansich-
ten, die meistens gelegentlich bei Besprechung einer zweifelhaften Gruppe
geäussert wurden, einzugehen, und begnügen uns, auf diejenigen Arbeiten
zu verweisen, welche in den letzten Jahren die Frage am ausführlichsten
behandelt haben. 2 ) Die Monographen einzelner zweifelhafter Gruppen,
z. B. der Schwämme, Myxomyceten, Flagellaten, Diatomeen etc. waren
übrigens gewöhnlich vorzugsweise bestrebt, einen einzelnen unterschei-
denden Character (insbesondere den der Beseelung, der Empfindung, der
') „Vegetabilia vivunt, non sentiunt. Animalia vivunt et sentiuut sponteque
se rnovent." Linne, Systema naturae.
2 ) C. Gegenbaur, De animalium plantarumque regni terminis et differen-
tiis. Jenae 1860. E. Haeckel* Monographie der Radiolarien. Berlin 1862
(p. 159 — 165). C. Claus, Ueber die Grenze des thierischeu und pflanzlichen
Lebens. Leipzig 1863.
Haeckel, Generelle Morphologie. 23
194 Thiere und Pflanzen.
Willensbewegung) als bestimmend für die Natur der Gruppe nachzuweisen;
die Consequenzen dieser Anwendung für alle zweifelhaften Mittelformen
wurden aber von ihnen nicht gezogen. TheiLs dieser mangelnden Conse-
quenz, theils der ungenügenden Yergleichung und unkritischen Wägung der
unterscheidenden Charactere, theils aber auch den im Gegenstande selbst
liegenden Hindernissen ist es zuzuschreiben, dass im gegenwärtigen Zeit-
punkt eine Einigung über die Streitfrage nicht im Mindesten erzielt ist,
dass vielmehr die Meinungen der einzelnen Systematiker über die Stellung
der zweifelhaften Gruppen nicht weniger, als früher aus einander gehen.
Nachdem die Unmöglichkeit, die gewöhnlich in erster Linie benutzten
physiologischen Kriterien der Empfindung und der willkührlichen Be-
wegung zu einer absoluten Unterscheidung der Thiere und Pflanzen zu ver-
werthen, hinreichend dargethan war, versuchte man neuerdings die schärfer
zu bestimmenden morphologischen Charactere als entscheidende für die
Definition der beiden Reiche zu benutzen. Insbesondere hob zuerst Gegen-
baur hervor, dass in der feineren Structur des thierischen und pflanzlichen Lei-
bes allgemeine Unterschiede zu finden seien, welche wenigstens eine scharfe
Definition der beiden Reiche gestatten, und wir selbst haben späterhin diese
Ansicht noch weiter entwickelt und durch neue Gründe zu stützen gesucht.
Indess hat sich unsere Ansicht keine weitere Geltung erringen können, und
man hat sie auch insofern missverstanden, als man glaubte, dass wir durch
Aufstellung dieses Differentialcharacters eine absolute Differenz zwischen
dem Thier- und Pflanzenreiche überhaupt zu begründen suchten, während
wir doch nur eine gleiche künstliche Definition der Gruppen zu geben
wünschten, wie sie für jede grössere und kleinere Gruppe des Thier- und
Pflanzenreichs zur praktischen Unterscheidung, und zur Begriffsbe-
stimmung unentbehrlich ist. 1 ) Für letzteren Zweck ist nun gewiss der
von uns besonders hervorgehobene Character sehr wichtig, dass bei den
Pflanzen die Zelle allgemein eine weit grössere Selbstständigkeit behält, als
bei den Thieren.
Wir wollen indess auch auf diese Verhältnisse hier nicht weiter ein-
gehen, da wir inzwischen zu der Ueberzeugung gelangt sind, dass sich die
Frage nur von dem Standpunkte der Descendenz-Theorie aus naturgemäss
beantworten lässt, und diese Beantwortung ist es, die wir hier zunächst
versuchen wollen. Wir werden dabei zunächst die Bedeutung zu erwägen
haben, welche die Eintheilung der Organismen in Thiere und Pflanzen, und
die weitere Eintheilung derselben in Kreise, Klassen, Ordnungen und an-
dere untergeordnete Systemgruppen überhaupt besitzt.
') Sowohl G egenbaur, als ich selbst, haben ausdrücklich erklärt, dass wir
keine absolute Verschiedenheit zwischen Thier- und Pflanzen-
Reich anerkennen, und dass wir den Versuch, ein morphologisches Unterschei-
dungs-Merkmal aufzustellen, in demselben Sinne wie jede systematische Einthei-
lung, d. h. als eine künstliche, aber praktisch unentbehrliche Grenzbestimmuug
ansehen und augesehen wissen wollen, so dass uns der mehrfach erhobene Vor-
wurf nicht trifft, dogmatisch da eine absolute Grenze gesetzt zu haben, wo in
der Natur keine vorhanden ist.
II. Bedeutung der Systemgruppen. 195
IL Bedeutung der Systemgruppen.
Die beiden Hauptgruppen oder „Reiche" der Organismen, Thiere
und Pflanzen, pflegt man allgemein, wie im gewöhnlichen Leben so
auch in der biologischen Wissenschaft, als die beiden einzigen obersten,
einander coordinirten Hauptgruppen der Lebewesen zu betrachten, und
diese Anschauung hat schon seit sehr langer Zeit ihren Ausdruck in
' dem allgemeinen wissenschaftlichen Bewusstsein dadurch gefunden,
dass mau Zoologie und Phytologie (Botanik) als die beiden coordinir-
ten Hauptzweige der Biologie betrachtet, sobald man als Eintheilungs-
princip der letzteren die Verschiedenheit in der Organisation der
Hauptgruppen benutzt.
Es wird nun allgemein in den Systemen der classificirenden Bio-
logen oder der Systematiker jedes der beiden Reiche wieder in
Unterreiche oder Kreise (Subregna, Orbes, Typi) eingetheilt; diese
zerfallen weiter in mehrere kleinere Abtheilungen, die Klassen; ebenso
diese wieder in Ordnungen, die Ordnungen in Familien, die Familien
in Gattungen; endlich setzen sich die Gattungen aus den einzelnen
Arten (Species), Unterarten (Subspecies), Rassen, Varietäten oder Spiel-
arten zusammen. Alle diese subordinirten Kategorieen des Systems
sind künstliche Abstractionen, welche durch den Aehnlichkeitsgrad der
verglichenen concreten organischen Individuen bestimmt werden.
Mögen nun die künstlichen oder natürlichen Systeme noch so sehr
von einander verschieden sein, und mag man in diesen Systemen viele
oder wenige von solchen über einander geordneten Gruppen oder
Kategorieen unterscheiden, immer stimmen sie doch alle darin überein,
dass die allgemeinere und höhere Gruppenstufe oder Kategorie des
Systems (z. B. die Klasse, Ordnung) einen entfernteren und weiteren
Grad der Aehnlichkeit oder der „natürlichen Verwandtschaft" der dar-
unter zusammengefassten Organismen bezeichnet, während die niedri-
gere und beschränktere Gruppenstufe (z. B. Gattung, Art) einen näheren
und engeren Grad der „natürlichen Verwandtschaft" ausdrücken soll.
Was ist nun diese „natürliche Verwandtschaft" der Lebe-
wesen? Sie ist nichts Anderes und kann nichts Anderes sein, als die
wirkliche leibhaftige „ Blutsverwandtschaft ", der genealogische Zu-
sammenhang der Organismen. Die Gesammtheit aller grossen Er-
scheinungsreihen der organischen Natur weisst mit überwältigender
Macht darauf hin, und die Descendenz-Theorie, welche dieselben zu-
sammenfasst und aus dem genealogischen Gesichtspunkte einheitlich
erklärt, liefert dafür den schlagenden Beweis, wie wir im sechsten
Buche zeigen werden. Hier gehen wir von dieser bewiesenen Theorie
aus und betrachten also allgemeinden systematischen Divergenz-
13*
196 Thiere und Pflanzen.
grad zweier Organismen, d. li. den Grad des Abstands, den sie im
System von einander haben, als den Maassstab für ihren wirklichen
genealogischen Divergenzgrad, d. h. den Grad des Abstandes,
den sie von einander hinsichtlich ihrer gemeinsamen Abstammung von
den gleichen Stammformen haben. Das natürliche System der
Organismen ist für uns ihr natürlicher Stammbaum, ihre
genealogische Verwandtschaftstafel. Zur Erkenntniss derselben
gelangen wir, wie wir im fünften Buche zeigen werden, durch die
Vergleichung der überaus wichtigen dreifachen parallelen Stufenfolge,
welche uns überall die palaeontologische, die embryologische und die
systematische Entwicklung der Organismen darbietet.
Wie unten bewiesen werden wird, können wir auf diesem sicheren
Wege die gemeinsame Entwicklung der divergentesten Organismen
aus einer und derselben Stammform bis in die frühesten Zeiten hinauf
verfolgen. Wir gelangen so z. B. zu dem äusserst wichtigen Resul-
tate, dass alle Wirbelthiere , den Menschen nicht ausgeschlossen, von
einer und derselben gemeinsamen Stammform entsprossen sind; das-
selbe gilt von allen Coelenteraten, dasselbe von allen Echinodermen
u. s. w. Kurz, wir gelangen auf dem bezeichneten Wege zu der
Ueberzeugung, dass alle die unendlich manuichfaltigen organischen
Formen, welche zu irgend einer Zeit auf der Erde gelebt haben, die
äusserst differenzirte Nachkommenschaft von einer sehr geringen An-
zahl von einfachen Stammformen sind; und aus den im vorigen Capitel
angeführten Gründen können wir von der Natur dieser letzten ein-
fachsten Urformen jedes Stammes aussagen, dass dieselben Organismen
der aflereinfachsten Art gewesen sein müssen, homogene, structurlose
Urwesen, gleich der Protamoeba, und dem Protogenes, Moneren,
welche durch Autogonie entstanden waren. Dieselben stellten die
organischen Individuen erster Ordnung (Piastiden) in der denkbar ein-
fachsten Form dar, da ihr structurloser und formloser, in seiner ge-
sammten Eiweissmasse gleichartiger Plasmakörper noch keinerlei diffe-
rente Theile besass. Erst ganz allmählig und langsam konnten sich
aus diesen ersten Moneren, die sich durch Theilung fortpflanzten, diffe-
renzirte, heterogene Formelemente entwickeln, welche sich bald durch
Sonderung von festerer Hülle und weicherem Inhalt zu einer Lepo-
cytode (gleich der kernlosen „Fadenzelle" eines Pilzes), bald durch
Differenzirung von festerem Kern und weicherem Zellstuff zu einer
Urzelle (gleich einer nackten Schwärmspore oder einer kernhaltigen
Amoebe), bald durch Scheidung von Hülle, Kern und Plasma zu einer
Hautzelle (gleich einer einzelligen Alge) gestalteten. Aus diesen ent-
wickelte dann weiterhin die natürliche Zuchtwahl im Kampfe um das
Dasein die ganze reiche Mannichlaltigkeit der zahllosen Formen, die
II. Bedeutung der Systemgruppen. 197
im Laufe von Milliarden von Jahren so äusserst divergenten Nach-
kommen den Ursprung gegeben haben.
Wenn diese Theorie wahr ist — und wir können nicht daran
zweifeln — so wird nun zunächst mit Bezug auf die genetische Diffe-
renz der Thiere und Pflanzen die wichtige Frage entstehen, ob alle
Thiere und alle Pflanzen der Erde sich aus einem einzigen oder aus
mehreren autogonen Moneren entwickelt haben, und wenn Letzteres
der Fall ist, aus wie Vielen? Leider ist nun diese wichtige Frage
nur mit einem sehr geringen Grade von Sicherheit hypothetisch zu
beantworten. Auch die sorgfältigste Erwägung und Vergleichung aller
bekannten Thatsachen liefert uns nur äusserst unvollständige Anhalts-
punkte, und es ist überdies nicht die mindeste Hoffnung dazu vorhan-
den, dass auch die wichtigsten palaeontologischen Entdeckungen, die
uns noch vorbehalten sind, das tiefe Dunkel, welches über jener
ältesten Periode des Moneren- Lebens auf der Erde schwebt, lichten
und uns über dessen primitive Entwickelung irgend etwas Sicheres
verkünden werden. Denn es liegt in der äusserst einfachen Natur
jener ersten autogonen Moneren, die wahrscheinlich gleich den noch
jetzt lebenden Protamoeben mikroskopisch kleine und ganz weiche,
höchst zerstörbare Plasmaklumpen gewesen sind, dass weder von
ihnen selbst, noch von ihren nächsten Nachkommen irgend welche
erkennbaren Spuren oder Reste in dem sich ablagernden Schlamme
des Urmeeres erhalten bleiben konnten. Erst nach Ablauf langer
Zeiträume können sich aus ihnen allmählig vollkommenere und grössere
Organismen mit härteren Theilen entwickelt haben, die im Stande
waren, kenntliche Spuren im Sedimentgestein zu hinterlassen.
Die einzigen positiven Erfahrungen, die uns in dieser Beziehung
zu Hülfe kommen, sind die allgemeinen Resultate der embryologischen
Entwickelung. Wir wissen, dass jeder Organismus während seiner
Ontogenie eine Stufenfolge von niederen zu höheren Formen durch-
läuft, welche der Phylogenie seines Stammes im Ganzen parallel läuft,
und wir können also von den ersten Stadien der embryologischen
auf die ersten Stadien der palaeontologischen Entwickelung durch
Deduction zurückschliessen. Nun zeigt sich allerdings bei der Onto-
genie der allermeisten Organismen als die erste Formstufe der indi-
viduellen Entwickelung eine einzige einfache Plastide, gewöhnlich
kernhaltig (als Zelle), seltener kernlos (als Cytode). l ) Wir wissen
l ) Auch als die ersten Stammformen derjenigen (der meisten) Organismen,
deren erste Embryonalstufe eine kernhaltige Plastide (Zelle) ist, können wir
kernlose Piastiden (Cytoden) ansehen, da aller Wahrscheinlichkeit nach durch
Autogonie keine Zellen, sondern bloss structurlose Moneren, also Cytoden ent-
stehen können, aus denen erst später Zellen sich differenziren. Die Erklärung
dieser „Abkürzung der Entwickelung" siehe im fünften Buche. — - — ^
198 Thiere und Pflanzen.
auch, dass diese höchst einfachen Anfänge aller organischen Individuen
ungleichartig sind, und dass äusserst geringe Differenzen in ihrer
materiellen Zusammensetzung, in der Constitution ihrer Eiweiss-Ver-
bindung genügen, um die folgenden Differenzen ihrer embryonalen
Entwicklung zu bewirken. Denn sicher sind es nur äusserst geringe
derartige Unterschiede, welche z. B. die erbliche Uebertragung der
individuellen väterlichen Eigenschaften durch die minimale Eiweiss-
Quantität des Zoosperms auf die Nachkommen vermitteln. Aber auch
bei der sorgfältigsten Untersuchung sind wir nicht im Stande, mit
unseren äusserst rohen Hülfsmitteln die unendlich feinen Differenzen
wirklich zu erkennen, um deren Constatirung es sich hier handelt.
Wir können also schon hieraus schliessen, dass es uns, selbst wenn
wir die Moneren, aus denen die verschiedenen Stämme des Thier-
und Pflanzen-Reiches entsprungen sind, neben einander vor uns hätten,
ganz unmöglich sein würde, ihre primitiven Differenzen wahrzunehmen,
und zu bestimmen, ob die einfachen Plasmaklumpen, welche den ver-
schiedenen Stämmen des Thier- und Pflanzenreichs ihren Ursprung
gegeben haben, ursprünglich gleich oder ungleich, ob sie alle autogou,
oder ob sie bereits differenzirte, divergente Nachkommen einer einzigen
autogonen Stammform gewesen sind.
Im Ganzen scheint uns bei genauerer Erwägung diese Frage,
welche wir nie sicher werden beantworten können, nicht von der
grossen Wichtigkeit zu sein, welche sie im ersten Augenblick bean-
spruchen möchte. Denn es ist unseres Erachtens für die wesentlichen
Grundanschauungen der organischen Entwickelung ziemlich gleichgültig,
ob in dem Urmeere zu der Zeit, als die erste Autogonie stattfand, an
differenten Localitäten zahlreiche ursprünglich verschiedene Moneren
oder aber viele gleichartige Moneren entstanden, welche sich erst
nachträglich (durch geringe Veränderungen in der atomistischen Zu-
sammensetzung des Eiweisses) differenzirten. Das Wichtigste ist und
bleibt für uns die hypothetische Vorstellung, dass alle Organismen ihren
ältesten Ursprung auf derartige einfachste, autogon entstandene Ur-
wesen, auf homogene, structurlose Moneren zurückzuführen haben.
III. Ursprung des Thier- und Pflanzen -Reiches.
Die vorstehend berührte hypothetische Frage mich der ursprüng-
lichen Zahl der autogonen Moneren, welche niemals mit Sicherheit zu
entscheiden sein wird, hat hier für uns nur insofern ein besonderes
Interesse, als mau daraus Schlüsse könnte ziehen wollen auf die ur-
sprüngliche Differenz des Thier- und Pflanzenreichs. Es würde sich
hier vielleicht zunächst die Auffassung bieten, dass ursprünglich zwei
verschiedene Moneren- Arten durch Autogonie entstanden seien, von
III. Ursprung des Thier- und Pflanzen-Reiches. 199
denen die eine als die älteste gemeinsame Stammform der Thiere,
die andere als der gemeinsame Urstamm der Pflanzen zu betrachten
sei. Wäre dieses der Fall, so würden Thier- und Pflanzenreich in der
That zwei vollkommen selbstständige, von einander gesonderte Haupt-
gruppen darstellen. Andererseits könnten wir uns denken, dass die
ursprüngliche erste Autogonie nur eine einzige Moneren-Form producirt
habe, aus welcher sich, wie aus einer gemeinsamen Wurzel, Thier-
und -Pflanzenreich als zwei verschiedene Stämme nach zwei divergiren-
den Richtungen hin entwickelt haben. Endlich wäre daneben noch
die dritte Möglichkeit übrig, dass mehr als zwei verschiedene autogone
Moneren die ursprünglichen Stammformen aller Organismen seien, und
in diesem Falle würde der Begriff des Thieres, oder der Pflanze, oder
alle beide Begriffe, nicht der Ausdruck einer oder zweier continuirlich
zusammenhängender Entwickelungsreihen , sondern ein Collectivbegriff
für eine Summe von „ ähnlichen" Stämmen sein ; es entsteht dann auch
die Frage, ob wirklich alle Organismen sich unter einen dieser beiden
Begriffe subsumiren lassen, oder ob es daneben noch andere Lebe-
wesen giebt, die wir weder Thiere noch Pflanzen nennen können.
Wir müssen alle diese drei möglichen Fälle in Erwägung ziehen.
Dabei bringen wir nochmals in Erinnerung, dass wir unter Moneren
ausschliesslich die vollkommen homogenen und structurlosen Organis-
men einfachster Art verstehen, formlose lebende Eiweissklumpen gleich
den Protamoeben, welche sich ohne besondere Organe ernähren und
durch Selbsttheilung fortpflanzen. Die verschiedenen „Arten" (Spe-
cies) dieser Moneren können sich demgemäss selbstverständlich einzig
und allein durch sehr geringe Differenzen in der chemischen Consti-
tution ihres Eiweisskörpers unterscheiden. Soviel verschiedene Moneren-
Arten, soviel verschiedene Ei weiss- Verbindungen, als individuelle Ur-
wesen lebend.
Erster möglicher Fall: Es ist nur eine einzige Moneren-
Art durch Autogonie entstanden. Alle Organismen ohne Aus-
nahme sind die nach verschiedenen Richtungen hin entwickelten Nach-
kommen dieser einzigen Moneren- Art, sind Bestandteile eines einzigen
Phylon. In diesem Falle würde der Stammbaum aller Lebewesen sich
unter dem Bilde eines einzigen grossen Baumes zusammenfassen lassen,
aus dessen gemeinsamer Wurzel und Stammbasis zwei verschiedene
Stämme oder Hauptzweige (Thier- und Pflanzenreich) nach zwei ver-
schiedenen Richtungen ihre Krone getrieben haben, während die zwei-
felhaften Zwischenformen den Wurzelschösslingen gleichen würden,
welche tief unten aus dem gemeinsamen Stamme ihren Ursprung ge-
nommen haben. Die übliche Eintheilung der Lebewesen in Thiere
und Pflanzen würde dann eben so einen genealogischen Werth haben,
wie jede andere Gruppenbildung des natürlichen Systems; sie würde
9Q0 Thiere und Pflanzen.
den weitesten Divergenzgrad der Blutsverwandtschaft bezeichnen.
Dieser Fall ist nach unserer Ansicht nicht wahrscheinlich, da wir
stärkere Veranlassung haben, eine Autogonie von mehr als einer ein-
zigen Moneren -Art anzunehmen. Indessen ist er immer noch wahr-
scheinlicher, als der folgende.
Zweiter möglicher Fall: Es sind nur zwei verschiedene
Moneren-Arten durch Autogonie entstanden, eine vegetabi-
lische und eine animalische. Alle Pflanzen ohne Ausnahme sind
die nach verschiedenen Richtungen hin entwickelten Nachkommen der
einen, der vegetabilischen, ebenso alle Thiere ohne Ausnahme die
Nachkommen der anderen, der animalischen Moneren- Art. Hiernach wür-
den alle Organismen entweder Thiere oder Pflanzen sein müssen, wie
es der in der That herrschenden Anschauung am meisten entsprechen
würde. Alle Lebewesen würden demnach Bestandtheile zweier voll-
kommen selbstständiger Phyla sein, und sich entweder dem einen
oder dem andern unterordnen lassen. In diesem Falle würde die
Stammtafel aller Organismen uns das Bild von zwei grossen, voll-
kommen getrennten, und auch an der Wurzel nicht zusammenhängen-
den Bäumen darbieten, deren jeder sich aus seinem eigenen Samen-
korn entwickelt und seine eigene Krone getrieben hat. Die niedrigen
zweifelhaften Zwischenformen würden tief unten aus der Wurzel ent-
weder des einen oder des anderen Baumes oder aber beider Bäume
hervorgekommen sein. Die gewöhnliche Unterscheidung der Lebewesen
in Thiere und Pflanzen würde in diesem Falle vollkommen der Natur
entsprechen und die absolute Verschiedenheit der beiden Hauptgruppen
richtig bezeichnen. Beide würden von Grund aus und durchweg ver-
schieden sein. Dieser Fall entspricht zwar am meisten der gewöhn-
lichen Naturauffassung, ist aber, wie wir glauben, der am meisten un-
wahrscheinliche von allen drei Fällen.
Dritter möglicher Fall: Es sind mehr als zwei verschie-
dene Moneren-Arten durch Autogonie entstanden, welche
mehr als zwei selbstständigen Organismen-Stämmen den
Ursprung gegeben haben. Dieser Fall ist nach unserer Ansicht
der bei weitem wahrscheinlichste von allen drei möglichen Fällen, und
wir müssen daher denselben einer besonders sorgfältigen Erwägung
unterziehen. Wir glauben, dass für diesen Fall sowohl a posteriori
die thatsächlich herrschenden Differenzen über die Abgrenzung des
Pflanzen- und Thier-Keichs , und über die Stellung der zahlreichen
zweifelhaften Mittelformen sprechen, als auch die Vorstellungen, welche
wir uns auf Grund unserer geologischen Erkenntnisse a priori über
die Vorgänge der Autogonie, über die Bedingungen, unter denen die
ersten Organismen entstanden, machen können. Fassen wir alle diese
Vorstellungen zusammen und vereinigen sie mit den allgemeinsten
Resultaten der Morpliogonie, so begünstigen sie weit mehr die An-
III. Ursprung des Thier- nnd Pflanzen-Reiches. 201
nähme, dass eine grössere Anzahl von ursprünglich (wenn auch nur
wenig) verschiedenen Moneren -Arten durch Autogonie entstanden sei,
als die entgegengesetzte Hypothese, dass alle Organismen nur einer
einzigen oder nur zwei ursprünglich verschiedenen autogonen Moneren-
Arten ihren Ursprung verdanken.
Wenn wir uns, was allerdings ausserordentlich schwierig, unsicher
und dunkel ist ; irgend eine Vorstellung über den Zustand unserer
Erdrinde zu der Zeit zu bilden versuchen, als die erste Autogonie von
Moneren stattfand, so werden doch wohl alle hierüber möglichen Vor-
stellungen darin übereinstimmen, dass zu jener Zeit bereits an ver-
schiedenen Orten verschiedene physikalisch - chemische Bedingungen
für die Autogonie obwalteten, und dass mithin auch an ver-
schiedenen Stellen in Folge dieser Differenzen verschiedene Moneren-
Arten entstanden sein werden — Arten, welche, wie bemerkt, sich
wahrscheinlich blos durch leichte Abweichungen in der chemischen
Constitution ihres Plasmakörpers, ihrer individualisirten Eiweiss-Ver-
bindung unterschieden haben werden. Auch wenn wir uns den ein-
fachsten Zustand der erstarrten Erdrinde zu jener Zeit vorstellen, den
Fall nämlich, dass die ganze Erdkugel ringsum gleichmässig von einer
heissen Wasserhülle und darüber von einer dichten kohlensäurereichen
Dampfhülle umgeben gewesen sei, so hat doch sicher schon die feste,
allenthalben von dem Urmeere, wie von einer Wasserschale umgebene
Erdrinde in ihrer Oberflächenbildung keine absolute Gleichmässigkeit
dargeboten. Die Risse und Sprünge, welche bei der Abkühlung der
feurig-flüssigen Erdkugel in ihrer erstarrenden Rinde entstanden, haben
vielmehr schon frühzeitig mannichfaltige Unebenheiten und Untiefen
auf dem Boden des verschieden tiefen Urmeeres bedingt, Unebenheiten,
welche durch das Hervorquellen neuer feurig-flüssiger Gesteinsmassen
aus den Spalten der Rinde noch bedeutend vermehrt wurden, und,
indem sie sich mehr und mehr steigerten, eine immer grössere Man-
nichfaltigkeit in der physikalisch-chemischen Beschaffenheit verschiede-
ner Stellen des Urmeeres hervorbrachten. Sehr frühzeitig und viel-
leicht schon lange vor Eintritt der Autogonie wird die Tiefe des
Urmeeres, seine Dichtigkeit, seine Temperatur, sein Salzgehalt, seine
Schwängerung mit verschiedenen gelösten Substanzen an vielen Stellen
eine sehr verschiedene gewesen sein, und es werden also vielfach ver-
schiedene Bedingungen obgewaltet und auf die Autogonie eingewirkt
haben. Wahrscheinlich sind also sehr zahlreiche, verschiedene Moneren-
Arten autogon entstanden, alle darin übereinstimmend, dass sie die
denkbar einfachste Organismenform repräsentirten, nämlich vollkommen
homogene, formlose und structurlose Eiweissklumpen, welche lebten
(d. h. sich ernährten und durch Theilung fortpflanzten) und welche
nur durch sehr geringe Differenzen in der chemischen Constitution der
Eiweiss-Verbindungen sich unterschieden.
202 Thiere und Pflanzen.
Aber selbst in dem Falle, dass nur eine und dieselbe Moneren-
Art, d. h. eine und dieselbe Eiweiss- Verbindung in individueller Form,
an vielen Stellen des die Erdrinde umhüllenden Urmeeres gleichzeitig
entstanden wäre, würden doch alsbald bei der Anpassungs- Fähigkeit
der Moneren an die verschiedenen Existenz- Bedingungen zahlreiche
Differenzen bei den sich fortpflanzenden autogonen Moneren zu Stande
gekommen sein, die zur Bildung vieler sehr verschiedener Moneren-
„ Arten" geführt haben werden. Zudem ist es höchst wahrscheinlich,
dass die Bedingungen, welche für den Eintritt der Autogonie nöthig
waren, sehr lauge Zeit hindurch ununterbrochen fortdauerten und dass
demnach dieser Akt nicht nur einmal und an einer einzigen Stelle
stattfand, sondern lange Perioden hindurch und an vielen Stellen des
Urmeeres vor sich ging. Ist ja doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen,
dass die Autogonie seit ihrem ersten Eintritt ununterbrochen fortdauerte
und auch gegenwärtig noch stattfindet. Wenigstens könnte dafür die
fortdauernde Existenz von höchst einfachen Moneren (Protamoeba,
Protogenes) angeführt werden, die uns die denkbar einfachsten Formen
jener Autogonen noch jetzt unmittelbar vor Augen führen.
Alle diese Umstände und die darauf gegründeten Erwägungen
bestimmen uns a priori zu der Annahme, dass zahlreiche, verschiedene
Moneren-Arten unabhängig von einander im Urmeere entstanden sind,
dass aber die meisten derselben im Kampfe um das Dasein nach den
von Darwin entwickelten Gesetzen wieder früher oder später unter-
gegangen sein werden, während nur sehr wenige sich zu erhalten
und zu formen reichen Phylen durch Differenzirung zu entwickeln ver-
mocht haben. Es werden also jetzt nur noch verhältnissmässig wenige
selbstständige, aus verschiedenen Moneren zu verschiedener Höhe ent-
wickelte Stämme oder Phylen neben einander fortexistiren, während
der bei weitem grösste Theil derselben schon wieder untergegangen
ist. Nun stimmen in der That mit diesen a priori erlangten Annahmen
die eigenthümlichen Verhältnisse, welche uns a posteriori die Ver-
gleichuug der Thiere und Pflanzen und der zwischen ihnen mitten
inue stehenden unbestimmten Organismen aufdeckt, ganz vortrefflich
überein. Alle über diesen schwierigen Punkt geführten Streitigkeiten
finden ihre Erledigung, sobald wir annehmen, dass die zahlreichen
Organismen, welche sich unmöglich ohne offenbaren Zwang entweder
dem Thier- oder dem Pflanzenreiche einreihen lassen, mehreren selbst-
ständigen Stämmen von Lebewesen augehören, die sich unabhängig
von den Stämmen des Thier- und Pflanzen -Ueichs entwickelt haben.
Wir linden in den bekannten Thatsachen durchaus keine Nöthigung
für die Annahme, dass alle Organismen-Stämme entweder Thiere oder
Pflanzen sein müssen. Vielmehr müssen wir die bisher gültige exclu-
sive Zweitheilung in Thier- und Pflanzenreich in dieser Beziehung für
nient begründet erachten. Es ist schon von verschiedenen Seiten dar-
III. Ursprung des Thier- und Pflanzen-Reiches. 203
auf aufmerksam gemacht worden, dass es sowohl für die Zoologie
als für die Botanik ein grosser Gewinn sein würde, wenn man die
vielen zweifelhaften Lebewesen, die weder echte Thiere noch echte
Pflanzen sind, in einem besonderen Mittelreiche oder Urwesenreiche
vereinigen würde; doch hat unseres Wissens noch Niemand den Ver-
such gemacht, ein solches neues Reich der Urwesen nach Inhalt und
Umfang fest zu bestimmen, und seine Begrenzung wissenschaftlich zu
begründen und zu rechtfertigen. Wir wagen hier diesen Versuch auf
Grund der obigen Deductionen und schlagen vor, alle diejenigen
selbstständigen Organismen -Stämme, welche weder dem Thier- noch
dem Pflanzenreiche mit voller Sicherheit und ohne Widerspruch zuge-
rechnet werden können, unter dem Collectivnamen der Protisten, 1 )
Erstlinge oder Urwesen, zusammenzufassen.
IV. Stämme der drei Reiche-
Wenn unsere vorhergehenden Betrachtungen richtig sind, und
wenn wir mit Recht annehmen, dass die mannichfaltig entwickelten
Gruppen der Organismenwelt mehr als zwei verschiedenen autogonen Mo-
neren ihren Ursprung verdanken, und demnach mehr als zwei verschiedene
Stämme oder Phylen darstellen; wenn wir ferner mit Recht diese ver-
schiedenen, ganz von einander unabhängigen Phylen auf die drei
Hauptgruppen oder Reiche der Thiere, Protisten und Pflanzen ver-
theilen, so haben wir nun hier weiter die Frage zu beantworten, ob
jede dieser drei Hauptgruppen aus einem oder aus mehreren, und im
letzteren Falle aus wie vielen Stämmen oder Phylen sie besteht.
Die Betrachtungen, welche wir oben über die Bedingungen der
Autogonie angestellt haben, im Verein mit einer allgemeinen Ver-
gleichung der Verwandtschafts-Verhältnisse zwischen den sogenannten
„Klassen" der organischen Reiche, scheinen uns zu der Annahme zu
berechtigen, dass jedes der drei organischen Reiche aus mehre-
ren Phylen zusammengesetzt ist. Am wenigsten zweifelhaft
scheint uns dies für die Protisten zu sein. Dagegen liesse sich einer-
seits das Thierreich, andererseits das Pflanzenreich (namentlich das
letztere) schon mit mehr Wahrscheinlichkeit als ein einziger Stamm
auffassen, obwohl wir unsererseits mehr geneigt sind, auch hier mehrere
selbstständige Stämme anzunehmen. Denn wenn wir die palaeonto-
logischen und embryologischen Entvvickelungs-Reihen aller Organis-
men vergleichend ins Auge fassen, uns einen umfassenden und all-
seitigen Ueberblick über alle Organisations- Verhältnisse der drei Reiche
zu gewinnen streben, so werden wir ebenso hinsichtlich des Thier-
') nqüitaior, io; das Allererste, Ursprüngliche.
204 Thiere und Pflanzen.
reichs und des Pflanzenreichs, wie hinsichtlich des Protistenreiches
zu der Ansicht hingeführt, dass jedes derselben eine Gruppe von
mehreren, aus verschiedenen Moneren autogon entstandenen Stämmen
darstelle.
Offenbar ist diese Frage, obwohl bisher noch von Niemand in
Angriff genommen, für die vergleichende Morphologie von der gröss-
ten Wichtigkeit. Denn es handelt sich dabei um die endgültige Ent-
scheidung, ob die auffallenden Aehnlichkeiten, welche wir zwischen
den Stämmen jedes Reiches wahrnehmen (z. B. die Aehnlichkeiten
zwischen den Wirbelthieren und Gliederthieren, oder zwischen den
Xematophyten und Cormophyten), homologe, durch gemeinsame Ab-
stammung erworbene, oder aber analoge, durch gleiche Anpassung
entstanden sind. Wenn alle Organismen jedes der drei Reiche von
einem und demselben autogonen Monere abstammen, wenn mithin je-
des Reich einen einzigen Stamm darstellt, so können auch zwischen allen
Gliedern des Stammes Homologieen existiren d. h. Aehnlichkeiten,
welche auf der gemeinsamen Abstammung, auf der Vererbung von
der gemeinsamen Stammform beruhen. Wenn dagegen jedes Reich
aus mehreren Phylen besteht, die ganz unabhängig von einander aus
verschiedenen Moneren entstanden sind, so können auch alle Aehn-
lichkeiten, welche sich etwa zwischen Gliedern verschiedener Stämme
auffinden lassen, nur Analogieen sein, d. h. durch die ähnliche An-
passung an ähnliche Existenzbedingungen erworben. Wenn z. B. alle
Thiere Glieder eines einzigen Thier-Phylon sind und ihren gemeinsamen
Ursprung auf eine einzige Moneren- Art zurückzuführen haben, so wird
die Gliederung der Vertebraten und Articulaten, die Zusammensetzung
ihres Rumpfes aus vielen hinter einander liegenden Metameren, auf
Homologie beruhen; wenn dagegen das Thierreich aus mehreren
Phylen besteht, und wenn Vertebraten und Articulaten zwei getrennte
Phylen darstellen, so wird die ähnliche Gliederung ihres Rumpfes
nur als Analogie aufzufassen sein. Offenbar ist aber dieser Unter-
schied für die philosophische Morphologie von der äussersten Wich-
tigkeit.
Die Hülfsmittel, welche uns zur Lösung dieser eben so wichtigen
als schwierigen Frage zu Gebote stehen, sind nun allerdings äusserst
unvollkommen und unsicher. Wir können dieselbe, wie die vorher-
gehenden Fragen, nur mit annähernder Wahrscheinlichkeit entschei-
den, durch umsichtige Erwägung der vielfach verwickelten Bezie-
hungen, welche uns die embryologische, palaeontologische und syste-
matische Entwickelung und der lichtvolle Parallelismus dieser drei
Entwickelungsreihen an die Hand giebt. Wenn wir nun, wie es im
sechsten Buche eingehend geschehen wird, auf Grund dieser Er-
wägungen möglichst sorgfältig und umsichtig Umfang und Zahl der
IV. Stämme der drei Reiche. 205
Stämme zu bestimmen suchen, so kommen wir zu dem Resultate, dass
jedes der drei Reiche aus mehreren Stämmen besteht, deren jeder
aus einer eigentümlichen Moneren-Art sich entwickelt hat. Zwar ist es
möglich, dass diese verschiedenen Stämme doch noch an ihrer Wurzel
zusammenhängen, d. h. dass die scheinbar selbstständigen Urformen
der einzelnen Stämme durch Differenzirung einer einzigen autogonen
Moneren-Art entstanden sind; allein wir besitzen keine hinreichenden
Garantieen, um dies mit einiger Sicherheit behaupten zu können. Es
scheint uns aber für unseren Gegenstand weit erspriesslicher, nur die
genügend sicheren Phylen als geschlossene Einheiten hinzustellen, als
einen tieferen Zusammenhang derselben, und eine vielleicht nicht be-
gründete Einheit ihrer Wurzel zu behaupten. So können wir also
z. B. sämmtliche Wirbelthiere und ebenso sämmtliche Gliederthiere als
Glieder eines einzigen Stammes mit aller Sicherheit hinstellen, und
von einem Phylon der Vertebraten, einem Phylon der Articulaten spre-
chen. Wir können aber nicht mit genügender Sicherheit von einem
vereinten Phylon der Vertebraten und Articulaten sprechen, obwohl
uns ihr primitiver Zusammenhang vielleicht wahrscheinlich ist. Wir
müssen daher bei Bestimmung des Umfangs und Inhalts der einzelnen
Phylen in dieser Beziehung sehr vorsichtig sein, und ziehen es ent-
schieden vor, lieber eine grössere Anzahl von Phylen anzunehmen,
deren jeder uns sicher eine geschlossene Einheit von blutsverwandten
Organismen darstellt, als eine geringere Anzahl von Stämmen, von
denen vielleicht einer oder der andere selbst erst wieder aus mehreren
ursprünglich getrennten Stämmen zusammengesetzt ist.
Da wir im sechsten Buche unsere Auftassimg und Begrenzung der
Organismen-Stämme ausführlich begründen werden, so begnügen wir
uns hier mit einer einfachen Aufzählung derselben, und heben dazu
nur wiederholt und ausdrücklich folgenden wichtigen Grundsatz her-
vor: Jeder Stamm (Phylon) der Organismen-Welt umfasst
sämmtliche jetzt noch existirende oder bereits ausgestor-
bene Lebensformen, welche alle von einer und derselben
autogonen Stammform ihre Herkunft ableiten. DieseStamm-
form (autogones Urwesen) ist stets zu denken als ein voll-
kommen structurloses und homogenes Moner, ein einfachstes
organisches Individuum, ein lebender Klumpen einer Eiweissverbin-
dung, der sich ernährte und durch Theilung fortpflanzte, und aus
welchem erst allmählig in vielen Fällen eine Zelle (durch Difteren-
zirung von Kern und Plasma) und aus dieser (durch Theilung) ein
mehrzelliges Lebewesen sich entwickelt hat. Einige Phylen sind auf
dem primitiven Urzustände des Moneres stehen geblieben, andere ha-
ben sich zu einzelligen, andere zu mehrzelligen Organismen ent-
wickelt.
206 Thiere und Pflanzen.
Wenn wir nun von diesen festeu Gesichtspunkten aus die Zahl
der Stamme, die in jedem der drei organischen Reiche sich mit eini-
ger Sicherheit unterscheiden lassen, bestimmen, so kommen wir zu
folgendem System der Phylen: A. Thierreich: l) Vertebrata
(Pachycardia et Leptocardia). 2) Mollusca (Cephalota et Acephala).
3) Articulata (Arthropoda, Vermes et lnfusoria). 4) Eckinodermata.
ö) Coelenterata. B. Protistenreich: 1) Spongiae (Porifera). 2) Nocti-
lucae (Myxocystoda). 3) Bhiz-opoda (Radiolaria, Actinosphaerida et
Acyttaria). 4) Protoplasla (Areellida, Amoehida et Gregarinae. 5) Mo-
neres (Protamoebae, Protogenida et Vibriones ). 6) Ftagellata. 7) Dia-
tomea. 8. Myxomycetes (Mycetozoa). C. Pflanzenreich: 1) Phyco-
phyta (Algae pro parte). 2) Characeae. 3) Nematophyta (Fungi et
Lichenes). 4) fJormophyta (Phanerogamae omnes et Cryptogamae
exclusis Nematophytis, Characeis et Phycophytis).
V. Characteristik der Stämme und Reiche.
Da nach unserer Ansicht jedes der drei Organismen -Reiche aus
mehreren Phylen besteht, so muss natürlich der systematische Werth,
die classificatorische Bedeutung der Reiche gänzlich von der der
Stämme verschieden sein. Der Stamm ist eine natürliche Gruppe,
eine concrete Einheit, das Reich dagegen eine künstliche Gruppe, eine
abstracte Einheit. Alle Glieder und über einander geordneten Kate-
gorieen (Klassen, Ordnungen, Gattungen, Arten etc.) eines Stammes
sind innerhalb desselben durch das continuirliche Band der gemein-
samen Abstammung zu einem untrennbaren realen Ganzen verbunden,
durch Homologie. Alle Stämme eines Reiches dagegen sind nur künst-
lich durch gewisse Aehnlichkeiten zu einer idealen Einheit zusammen-
gestellt, durch Analogie. Daher hat denn auch der Versuch einer
Characteristik oder differeutiellen Diagnostik einen ganz verschiedenen
Werth bei den Reichen und bei den Stämmen. Wir werden leichter
eine umfassende künstliche Diagnose der drei organischen Reiche, als
eine erschöpfende natürliche Characteristik der einzelnen Stämme
geben können. Machen wir aber wirklich dazu den Versuch, so finden
wir alsbald, dass sowohl jene als diese in absoluter Vollkommenheit
nicht zu geben ist.
Eine erschöpfende und alle Glieder (Kategorieen) des
Stammes gleichmässig umfassende Characteristik eines
Phy Ion ist ganz unmöglich. Zwar findet man in allen Lehrbüchern
solche Definitionen oder Diagnosen der grossen Hauptpruppen, welche
im Ganzen unseren Stämmen entsprechen, und diese Diagnosen haben
oft den vollen Schein einer abgerundeten Definition. Auch ist es in
der That nicht schwer, manche Phylen in dem Umfange, wie wir
sie jetzt kennen, vortrefflich durch bestimmte und scharf unter-
V. Characteristik der Stämme und Reiche. 207
scheidende Merkmale zu cbaracterisiren. So z. B. ist die Diagnose
des Wirbelthier - Stammes , des Coelenteraten- Stammes etc. mit voller
Schärfe und Sicherheit zu geben. Allein eine solche Diagnose ist nur
möglich dadurch, dass man ausschliesslich die vollendeten Formen
zusammenstellt und vergleicht, die werdenden und nicht entwickelten
dagegen ausschliesst. Dies gilt ganz ebenso von der Definition der
Stämme, wie von derjenigen der Gruppen innerhalb der Stämme. Jeder
wird uns dies zugeben, wenn er an die embryonale Entwickelung
denkt. Es ist z. B. ganz unmöglich, die Embryonen von Vögeln und
Reptilien bis zu einer gewissen Zeit ihrer Entwickelung zu unterschei-
den, und doch setzt die Definition der vollendeten Formen beide Klas-
sen scharf und vollständig von einander ab. Ebenso ist es ganz unmög-
lich, die Eier und die ersten Entwickelungszustände (z. B. die maul-
beerförmigen Zellenhaufen, die aus der totalen Eifurchung hervorgehen)
von Thieren verschiedener Klassen (z. B. Cephalophoren und Lamelli-
branchien) zu unterscheiden; diese Unterscheidung ist selbst bei Ange-
hörigen ganz verschiedener Stämme (z. B. Echinodermen und Mollus-
ken) oft unmöglich. In noch viel höherem Maasse macht sich aber
dieser Umstand geltend, wenn wir an die palaeontologische Entwicke-
lung und an die continuirlich zusammenhängenden Stufenreihen von
Formen denken, die aus einer und derselben gemeinsamen Wurzelform
nach verschiedenen Richtungen hin sich divergent entwickeln. Da hier
liberall eine unendliche Menge verbindender Zwischenglieder ganz
allmählig von einer Form in die andere hiuüberleitet und da auch die
höchst entwickelten und scharf ausgebildeten Endglieder der Ent-
wickelungsreihen durch eine ununterbrochene Stufenfolge mit den nie-
dersten und einfachsten Moneren, den gemeinsamen autogonen Stamm-
formen, continuirlich zusammenhängen, so ist es geradezu unmöglich,
sowohl die einzelnen Glieder (Kategorieen) eines Stammes durch eine
scharfe Definition zu unterscheiden, als auch den ganzen Stamm durch
eine auf alle seine Glieder passende und auf kein Glied eines ande-
ren Stammes passende Diagnose zu cbaracterisiren. Wenn dies den-
noch häufig möglich zu sein scheint, wenn wir z. B. die drei Klassen
der Säuger, Vögel und Reptilien durch scharfe Diagnosen trennen,
wenn wir den Stamm der Wirbelthiere scharf cbaracterisiren, so ist
dies blos dadurch möglich, dass wir ausschliesslich die höchst ent-
wickelten und ausgebildeten Formen vergleichen und die zahllosen
ernbryologischen und palaeontologischen Entwickelungszustände gänz-
lich vernachlässigen. So z. B. können wir die drei Ordnungen der
Hufthiere (Pachydermen, Pferde und Wiederkäuer) in der Jetztwelt
sein- scharf von einander trennen; es ist dies aber ganz unmöglich,
wenn wir ihre früheren Embryonal-Zustände, oder auch wenn wir nur
ihre ausgestorbenen Blutsverwandten der Tertiärzeit mit in den Kreis
•_>i is Thiere und Pflanzen.
der Betrachtung' hineinziehen, welche theils die gemeinsamen Stamm-
formen, theils die unmittelbaren Zwischenglieder zwischen denselben dar-
stellen. Nur desshalb können wir scharf den Stamm der Wirbelthiere
von den übrigen thierischen Phylen trennen, weil wir von ihnen nur
die hoch entwickelten Formen der Fische, Amphibien und der allan-
toiden Vertebratcn kennen, während uns alle ihre einfacher gebauten
Vorfahren und die zahllosen niedrigeren Vertebraten, von denen uns
blos der einzige Amphioxus eine Ahnung zu geben vermag, ganz un-
bekannt sind. Und doch muss sich auch der Stamm der Wirbelthiere,
ebenso wie der der Articulaten, aus einem autogonen, "einer Prota-
moeba ähnlichen Monere allmählig entwickelt haben, wie uns schon
ihre gemeinsame embryonale Entwicklung aus einem einfachen Eie
beweisst. Jeder Stamm muss sich aus einem solchen einfachsten Mo-
nere allmählig stufenweis emporgehoben haben, muss also auch zahl-
reiche, höchst unvollkommene „Species" innerhalb seines Formenkreises
einschliessen, welche nur als einfachste Individuen erster Ordnung,
als Piastiden (erst Cytoden, später Zellen) existirt und sich längere
Zeit hindurch auch als solche fortgepflanzt haben, ehe sich aus ihnen
im Kampfe um das Dasein höhere Organismen entwickelten. Wir
können also zu einer differentiellen Diagnose jedes Phylon, zu einer
wirklich characteristischen Definition jedes Stammbegriffs nur dadurch
künstlich gelangen, dass wir die höchst entwickelten Formen allein
berücksichtigen und die unvollkommneren und indifferenten embiyonalen
und palaeontologischen Entwickelungsformen ausschliessen.
Ganz ebenso unmöglich, als eine scharfe Unterscheidung und eine
vollständige Characteristik der einzelnen Stämme, ist auch eine voll-
kommen scharfe Diagnose und eine alle Glieder jedes Reiches um-
fassende Definition der drei Reiche, deren jedes wieder aus mehreren
Stämmen besteht. Da jedoch der Begriff des Reiches nicht, wie der
des Stammes, einer realen Einheit entspricht, sondern blos ein künst-
licher Collectivbegriff ist, und sich auf eine Anzahl von Analogieen,
von Aehnlichkeiten stützt, die mehrere selbstständige Stämme unter
sich zeigen, so brauchen wir in der Diagnose der Reiche bloss diese,
allen Stämmen eines Reiches und allen Stämmen der anderen Reiche
abgehenden Eigenthüinlichkeiten hervorzuheben, um sie von einander
künstlich zu unterscheiden. Natürlich werden auch hier nur die aus-
gebildeteren Formen berücksichtigt werden können, welche jene Unter-
schiede deutlich zeigen, da wir keine Mittel besitzen, die niedersten
und einfachsten Formen, die frühesten embryologischen und palaeon-
tologisclien Entwicklungsstufen (ebenso der einzelnen Reiche, wie der
einzelnen Stämme) von einander zu unterscheiden. Es wird also auch
diese Diagnose der Reiche eine durchaus künstliche und mangelhafte
sein, gleich allen anderen Diagnosen des Systems. Da wir aber diese
V. Characteristik der Stämme und Reiche. 209
Diagnosen nicht entbehren können, und da wir in der wissenschaft-
lichen Praxis tiberall die einzelnen Gruppen (Klassen, Arten etc.) scharf
trennen und durch Namen unterscheiden müssen, obwohl wir wissen,
dass sie durch unmerkliche Zwischenformen zusammenhängen, so
wollen wir auch hier den schwierigen und gefährlichen vorläufigen
Versuch wagen, eine künstliche und möglichst (!) scharfe Characteristik
der drei Reiche, unter vorwiegender Berücksichtigung der vollkomme-
neren, am meisten ausgebildeten Formen aufzustellen.
VI. Character des Thierreiches.
Fünf Stämme des Thierreiches: 1. Vertebrata (Pachycardia et Leptocardia).
2. Mollusca (Cephalota et Acephala). 3. Articulata (Arthropode, Ver-
mes et Infusoria). 4. Echinodermata. 5. Coeleuterata.
VI. A. Chemischer Character des Thierreiches.
Aa. Character der chemischen Substrate der Thiere.
Die wichtigsten Substanzen des Thierkörpers (vor Allen das
Plasma oder Protoplasma der Piastiden) sind Eiweiss-Verbindungen
(Albuminate), durch deren Thätigkeit die meisten anderen Verbin-
dungen des Thierleibes mittelbar oder unmittelbar erzeugt werden.
Die Eiweisskörper der Thiere treten in zahlreichen noch sehr unbe-
kannten Modificationen auf, von denen die wichtigsten das Thiereiweiss
(das beim Erhitzen in Flocken gerinnende Albuminat der Eier, des
Blutserum, des Muskelsaftes), der Thierfaserstoff (Blutfibrin, Muskel-
syntonin etc.) und der Thierkäsestoff (Casein der Milch etc.) sind.
Aus den Eiweiss- Verbinclungen der Thierkörper gehen stickstoffhaltige,
meist sauerstonreichere und kohlenstoffärinere Eiweiss-Derivate her-
vor, welche besonders als Zellenausscheidungen, als Cuticularbildungen
und als Intercellularsubstanzen, eine grosse Rolle spielen, und welche
auch von vielen Protisten, dagegen von den Pflanzen sehr selten, viel-
leicht nie erzeugt werden: Hornsubstanz (der Epithelialgewebe), leim-
gebende Substanz (der Bindegewebe), elastische Substanz und die nah-
verwandte Substanz der Membranen der meisten thierischen Zellen;
ferner die vielerlei Modificationen des Chitins und der verwandten
Substanzen (Fibroin, Conchiolin etc.). Ebenso sind die Thiere aus-
gezeichnet durch die Erzeugung von stickstoffhaltigen Säuren
(Harnsäure, Hippursäure, Inosinsäure etc.), welche den Pflanzen feh-
len, wogegen die stickstofffreien Säuren hier eine sehr viel geringere
Verbreitung und Bedeutung, als bei den Pflanzen haben. Die stick-
stoffhaltigen Basen der Thiere (Harnstoff, Kreatin, Leucin etc.)
sind schwach alkalisch und fast von constanter Zusammensetzung,
Haeckel, Generelle Morphologie. J4
210 Thiere und Pflanzen.
umgekehrt wie bei den Pflanzen. Der wichtigste Farbstoff der Pflan-
zen, das Chlorophyll, kommt in den Thieren nur sehr selten vor
(z. B. bei Stentor, bei Hydra viridis, einigen Turbellarien, BonelUa etc.).
Fette kommen in allen Thieren vor. Die stickstofffreien Verbindungen
aus der Gruppe der Kohlenhydrate, welche bei den Pflanzen als
Cellulose, Stärke, Gummi. Zucker etc. eine so hervorragende Rolle
spielen, kommen in den Thieren nur selten vor (Cellulose im Mantel
der Tunicaten); nur der Zucker (Milchzucker, Traubenzucker) ist häufig.
Während diese Kohlenhydrate, vor Allen die Cellulose, im Pflanzen-
körper die eigentlich skeletbildenden Substanzen sind, finden wir da-
gegen im Körper der meisten Thiere Skelete aus anorganischen, d. h.
nicht kohlenstoffhaltigen Verbindungen, gebildet, insbesondere aus
Kalksalzen; bei den Wirbelthieren überwiegt der phosphorsaure, bei
den Wirbellosen der kohlensaure Kalk, der oft den grössten Theil des
Körpers bildet (Anthozoen). Im Allgemeinen treten diese und andere
Salze (insbesondere der Alkalien und alkalischen Erden, Kochsalz etc.)
im Thierkörper in constanteren Mengenverhältnissen auf und können
sich weniger substituiren, als dies bei den Pflanzen der Fall ist.
Ab. Character der chemischen Processe der Thiere.
Der wesentliche Character der chemischen Processe, welche im
Thierkörper vor sieh gehen, beruht auf Analyse und Oxydation zu-
sammengesetzter Verbindungen, und lässt sich in den wenigen Worten
zusammenfassen: Das Thier ist ein Oxydations-Organismus.
Das Thierleben im Grossen und Ganzen ist ein Oxydations-Process.
Die Thiere bilden aus den verwickelten „organischen" oder Kohlenstoff-
Verbindungen (Albuminaten, Fetten etc.), welche sie aus den Pflanzen
als Nahrung aufnehmen, durch Analyse und Oxydation die ein-
facheren „anorganischen" Verbindungen (Kohlensäure, Wasser und
Ammoniak), welche wiederum den Pflanzen zur Nahrung dienen. Doch
kommen im Einzelnen daneben auch vielfach synthetische und Reduc-
tions-Processe vor.
VI. B. Morphologischer Character des Thierreiches.
Ba. Character der thierischen Individualitäten.
Der wesentliche tectologische Character der Thiere liegt so-
wohl in der verwickeiteren Zusammensetzung des Thierleibes aus weit
differenzirten Individuen verschiedener Ordnung, als auch besonders in
der verschiedenartigsten Ausbildung der Individuen zweiter Ordnung,
der Organe, welche viel mauuichfaltiger, als bei den Pflanzen und
Protisten, differenzirt und polymorph sind. Die Piastiden, die Indi-
viduen erster Ordnung, sind bei den Thieren allermeist Zellen, und
zwar meistens Nacktzellen (ohne Membran), weniger Hautzellen (mit
VI. Character des Thierreiches. 211
Membran). Sehr häufig, und allgemein in den entwickelten Personen,
vereinigen sich bei den Thieren mehrere Nacktzellen zur Bildung von
Zellstöcken (Nervenfasern, Muskelfasern), was bei den Pflanzen nur
bei der Bildung der Milchsaftgefässe und der Spiralgefässe geschieht.
Daher verliert bei den Thieren stets wenigstens ein Theil der Zellen
ihre individuelle Selbstständigkeit, während sie dieselbe in den Pflan-
zen meist behalten. Ueberhaupt erreicht die Entwickelung der „Ge-
webe" durch Diflerenzirung der Zellen bei den Thieren einen weit
höheren Grad, als bei den Protisten und Pflanzen. Bei allen ent-
wickelten Thieren kann man vier Gruppen von Geweben unter-
scheiden: I. Epithelialgewebe, II. Bindegewebe, III. Muskelgewebe,
IV. Nervengewebe. Die Organe der Thiere sind, entsprechend ihren
mannichfaltigen Functionen, äusserst mannichfaltig entwickelt. Es lassen
sich bei allen entwickelten Thieren in morphologischer Hinsicht zahl-
reiche verschiedene, und in physiologischer Hinsicht allgemein vier
Gruppen von Organen unterscheiden: I. Ernährungs-Organe (Werk-
zeuge der Verdauung, Circulation, Respiration), IL Fortpflanzungs-
Orgaue (Geschlechts-Werkzeuge), III. Locomotions- oder Bewegungs-
Organe (Muskeln), IV. Beziehungs- Organe oder Nerven (Organe der
Sinnesempiindung, der Willensbewegung und des Denkens). Die In-
dividualitäten sechster Ordnung, welche bei den Pflanzen als Stöcke
(Cormi) so allgemein und hoch entwickelt sind, treten als solche con-
tinuirlich zusammenhängende Raumeinheiten nur bei den unvollkomme-
neren Stämmen der Thiere auf, allermeist nur bei festsitzenden For-
men des Thierreichs, da hiermit nicht die freie Bewegung der Indivi-
duen fünfter Ordnung, der Personen, verträglich ist, welche bei den
Thieren ganz vorwiegend entwickelt sind. Statt dessen finden wir bei
den Thieren sehr allgemein Polymorphismus freier Personen, und die
Bildung von Staaten (Heerden etc.), welche sich von den realen Ein-
heiten der Stöcke dadurch unterscheiden, dass die einzelnen Personen
nur ideal zur Einheit des Ganzen verbunden sind.
Bb. Character der thierischen Grundformen.
Die Thiere zeichnen sich sowohl vor den Protisten als vor den
Pflanzen hinsichtlich ihrer Grundformen dadurch aus, dass bei ihnen
allgemein die Zeugiten-Form, und zwar gewöhnlich die Eudi-
pleuren-Form, die herrschende ist, die Grundform also der halben
amphithecten Pyramide (sogenannte „bilaterale Symmetrie"), welche bei
den Pflanzen meist nur in den höheren Formen, bei den Protisten
aber überhaupt selten vorkommt. Die physiologischen Individualitäten
der Thiere, welche meist durch morphologische Individuen fünfter
Ordnung oder Personen repräsentirt werden, zeichnen sich meist
durch sehr verwickelte äussere Formen aus, unter denen gewöhnlich
14*
212 Thiere und Pflanzen.
die Eudipleuren-Form und andere Grundformen der höchsten, am
meisten differenzirten Stufen sehr versteckt sind. Dagegen sind bei
ihnen die niedriger stehenden Grundformen, besonders die vollkommen
regulären Formen, die bei den Protisten so vorwiegen, im Ganzen
selten. Die Grundform der regulären Pyramide, welche bei den
Pflanzen (besonders in den Sexual- Individuen) so sehr verbreitet ist,
erscheint bei den Thieren viel seltener, allgemeiner nur bei deu soge-
nannten „Strahlthieren", den beiden Stämmen der Echinodermen und
Coelenteraten. Die letzteren sind zum grösseren Theil festsitzende
Thiere. Bei deu frei beweglichen Thieren musste die Eudipleureu-
Form schon wegen des offenbaren Vortheils, den sie für die freie
Ortsbewegung bietet, im Kampfe um das Dasein den Vortheil über
die unpractischere „regulär- radiäre-' Form, die Grundform der regu-
lären Pyramide, gewinnen.
VI. C. Physiologischer Character des Thierreiches.
Ca. Character der allgemeinen L ebeus ersehe inuage u bei deu
Thieren.
Die Ernährung der Thiere zeichnet sich vor derjenigen aller
Pflanzen und der meisten Protisten dadurch aus, dass die allermeisten
Thiere feste Nahrungsstoffe in besondere Höhlungen ihres Inneren
(Darm) aufnehmen, in welchen dieselben verflüssigt (verdaut) und dann
durch die Wandungen dieser Höhlen hindurch (mittelst Endosmose)
aufgesaugt werden. Doch fehlen solche Höhlungen manchen schma-
rotzenden Thieren (Cestoden, Acanthocephalen), welche gleich parasi-
tischen Pflanzen bereits zubereitete flüssige Nährstoffe durch ihre Ober-
fläche (Haut) imbibireu. Die Thiere nehmen allgemein Sauerstoff aus
der Atmosphäre auf und ausserdem neben gewissen einfacheren Ver-
bindungen (Wasser, Kochsalz und andere kohlenstofffreie Salze) auch
noch sämmtlich als eigentliche Nahrungsstoffe verwickeitere Kohlen-
stoff-Verbindungen (Albuminate, Fette etc.), welche sie theils. unmittel-
bar aus den Pflanzen, theils aus den pflanzenfressenden Thieren be-
ziehen. Indem sie diese oxydireu, bilden sie Kohlensäure und andere
einfache Verbindungen. Daher athmen die Thiere sämmtlich Sauerstoff
ein, Kohlensäure aus. Bei deu allermeisten Thieren wird der durch
die Verdauung gewonnene Ernährungssaft (Chylus, Blut) durch be-
sondere Systeme von communicirenden Röhren (Chylusgefässen, Blut-
gefässen; den verschiedenen Körpertheilen zugeleitet, und dessen Fort-
bewegung in denselben entweder durch contractile Wimpern oder durch
besondere contractile, rhythmisch pulsirende Behälter (Herzen) geregelt
und beschleunigt. Die Fortpflanzung geschieht bei den Thieren
allgemein auf geschlechtlichem Wege, und ausserdem bei den meisten
niederen Thieren zugleich auf ungeschlechtlichem Wege (durch Thei-
VI. Oharacter des Thierreiches. 213
lung, Knospenbildung). Hier wechseln dann diese beiden Formen der
Fortpflanzung' meist in der Weise mit einander ab, dass ein regel-
mässiger Generationswechsel besteht. Dieser fehlt den allermeisten
höher entwickelten Thieren. Die beiderlei Geschlechter sind bei der
grossen Mehrzahl der Thiere getrennt, nur bei vielen niederen Formen
in einem Individuum fünfter, selten sechster Ordnung vereinigt.
Bei allen Thieren finden wir diese allgemeinen Lebensthätigkeiten
der Ernährung, des Wachsthums und der Fortpflanzung unzertrennlich
verbunden mit gewissen molekularen Bewegungserscheinungen und
Massebewegungen (mechanischen Leistungen), welche auch allen Pflan-
zen und Protisten unentbehrlich sind. Auch hier sind es in erster
Linie gegenseitige Lageveränderungen der Moleküle des Plasma, welche
sich als „Contractionen", als Wach sthum und als Fortpflanzung (Thei-
lung und Knospenbildungj der Piastiden äussern. Auch hier beruhen
diese allgemeinen „organischen" Functionen (die man oft unpassend
„vegetative" nennt) im Grunde darauf, dass (vielleicht immer unter
Wärme -Ent Wickelung) Spannkräfte in lebendige Kräfte übergeführt
werden.
C b. Character der besonderen thierischen Lebenserscheinungen.
Ausser den oben genannten lebendigen Kräften entwickeln alle
Thiere eine Summe von eigenthümlichen Bewegungserscheinungen,
welche den Pflanzen grösstentheils abgehen und welche man desshalb
wohl als „animale" Functionen im engeren Sinne bezeichnen kann.
Diese thierischen Bewegungen beruhen wesentlich auf dem characte-
ristischen Oxydations-Chemismus der Thiere. Indem die Hauptsumme
der chemischen Processe in dem Thiere besonders darauf hinausläuft,
die verwickelten und lockeren Kohlenstoff- Verbindungen durch Oxyda-
tion in die einfachen und festen Verbindungen des Wassers, der Koh-
lensäure, des Ammoniaks überzuführen, entwickeln sie eine grosse
Menge lebendiger Kraft, welche als potentielle oder Spannkraft in
jenen complicirten Verbindungen gebunden war. Die Thiere setzen
vorzüglich Spannkräfte in lebendige Kräfte um. Die Bewe-
gungen der befreiten lebendigen Kraft äussern sich theils als Wärme
(„thierische Wärme"), theils als Licht (Leuchten der Seethiere), vor-
züglich aber als die eigenthümliche Bewegung gewisser, ausschliesslich
thierischer Organe, der Muskeln und Nerven. Die Muskelbewe-
gungen äussern sich in der Verrichtung gröberer mechanischer Arbeit
durch besonders differenzirte contractile Zellen oder Zellenstöcke,
welche durch ihre Contractionen Ortsbewegungen einzelner Theile des
Körpers gegen einander oder gegen die Aussenwelt bewirken. Die
Nervenbewegungen, welche das Thier vor Allen characterisiren,
sind, vom mechanischen Gesichtspunkt aus betrachtet, wesentlich
214 Thiere und Pflanzen.
„Auslösungen", d. h. Bewegungen, welche eine gewisse Menge von
Spannkraft in lebendige Kraft verwandeln. Das Nervensystem stellt
einen zusammenhängenden Regulationsapparat dar, der alle Theile des
Körpers unter einander in Verbindung setzt. Es besteht aus einem
Centralapparat (Nervencentrum, Ganglienknoten), in welchem
die verschiedensten Theile des Nervensystems in mittelbare oder un-
mittelbare Wechselwirkung treten und in welchem ausserdem selbst-
ständige Regulations-Centra existiren; und aus einem Leitungsappa-
rat (peripherisches Nervensystem, Nervenfasern), welcher theils centri-
fugal, theils centripetal den nervösen Centralapparat mit den übrigen
Körpertheilen in Wechselwirkung setzt. Die centripetalen Leitungs-
fasern (sensible Nerven) sind Auslösungsketten, welche an ver-
schiedenen Theilen des peripherischen Körpers (insbesondere in den
Sinnesorganen) Eindrücke aufnehmen, und diese durch äussere Ein-
flüsse (Licht, Schall, Wärme, Druck etc.) bewirkten Auslösungen auf
das Centrum übertragen, wo sie entweder Vorstellungen (Empfindungen)
erregen oder unmittelbar auf eine centrifugale Auslösungskette über-
tragen werden (Reflexbewegungen). Die centrifugalen Leitungsfasern
(motorische Nerven) sind dagegen Auslösungsketten, welche ent-
weder unmittelbar (bei den eben erwähnten Reflexbewegungen) Aus-
lösungsbewegungen, die sie von centripetalen Nerven erhalten haben,
oder aber Auslösungen (Willens-Vorstellungen), die vom Nervencentrum
bewirkt sind, auf die Muskeln übertragen und also mechanische Arbeit
auslösen. Diejenigen Auslösungen des Nervensystems, welche vom
Centrum aus als Willens -Vorstellungen auf die Muskeln übertragen,
und diejenigen, welche von den Sinnes-Organen aus als Empfindungs-
Vorstellungen auf das Centrum übertragen werden, sind die für das
Thier am meisten characteristischen Bewegungs-Vorgänge. Doch sind
dies Functionen, welche nur den höher entwickelten Thieren zukom-
men und vielen niedrigsten Thieren (ohne selbststäudig entwickelte
Nervencentra) fehlen. Bei diesen sind dann sämmtliche Nervenbewe-
gungen nur Reflexbewegungen, indem jede centrifugale Auslösung
erst durch eine centripetale hervorgerufen werden muss. Diese
schliessen sich zunächst an die Protisten und an die höchsten Pflanzen
an, bei denen ebenfalls (Mimosa, Dionaea, Centaurea) solche Reflex-
bewegungen vorkommen. Die eigenthümlichen , im Centralapparate
ausgelösten Bewegungserscheinungen, welche vorzüglich die beiden
Vorstellungen des Empfindens und Wollens bewirken, pflegt man unter
dem Namen des Seelenlebens zusammenzufassen. Bei den höher
entwickelten Thieren (aber nicht bei den niederen Thieren) differeuzirt
sich aus der Wechselwirkung dieser beiden Functionen noch eine dritte,
die höchste und vollkommenste aller thierischen Functionen, das Den-
ken. Die äusserst dunkeln und unvollkommen bekannten Molekular-
VI. Oharacter des Thierreiches. 215
Bewegungen, welche den Denkprocess bewirken, erwarten, ebenso wie
die Wechselwirkung der Seeleuthätigkeiten, ihre Erklärung von der
Physiologie der Zukunft. Nur soviel steht fest, dass alle diese höchst
complicirten Bewegungserscheinungen (Bildung der Begriffe, Urtheile,
Schlüsse, Iuductionen, Deductionen etc.) unmittelbare Wirkungen (Aus-
lösungen) der Eiweiss- Moleküle in den Nervencentren sind, und dass
diese höchsten Leistungen des Organismus also auch mit der Existenz
der Molekularbewegungen in jenen höchst verwickelt zusammengesetz-
ten und lockeren Kohlenstoff- Verbindungen stehen und fallen. Keine
einzige dieser Bewegungen ist frei (d. h. ohne Ursache) wie gewöhn-
lich von dem „freien Willen", dem „freien Denken" dichterisch be-
hauptet wird, sondern alle erfolgen mit absoluter Notwendigkeit aus
den complicirten Summen vorhergehender Bewegungen, welche jene
Auslösungen (Vorstellungen) in den Nervencentren bewirken. Alle
diese höchsten und am meisten characteristischen Leistungen der thie-
rischen Organismen beruhen darauf, dass dieselben beständig Massen
von gebundenen oder Spannkräften (durch Oxydation der complicirten
Kohlenstoff- Verbindungen) in lebendige Kräfte überführen.
VII. Character des Protistenreiches.
Acht Stämme des Prolistenreiches: 1. Spongiae (Porifera). 2. Noctilucae
(Myxocystoda). 3. Rhizopoda (Radiolaria, Actinosphaerida et Acyttaria).
4. Protoplasta (Arcellida, Araoebida et Gregariuae). 5. Moneres
(Protaiaoebae, Protogenida et Vibriones). 6. Flagellata. 7. Diatomea.
8. Myxoniycetes (Mycetozoa).
VII. A. Chemischer Character des Protistenreiches.
Aa. Character der chemischen Substrate der Protisten.
Die wichtigsten Substanzen des Protistenkörpers (vor Allen das
Plasma oder Protoplasma der Piastiden) sind Eiweiss-Verbindungen
(Albuminate), durch deren Thätigkeit die meisten anderen Verbin-
dungen des Protistenleibes mittelbar oder unmittelbar erzeugt werden.
Die Ei weisskörper der Protisten treten in zahlreichen Modifikationen
auf, welche uns sämmtlich noch fast ganz unbekannt sind. Aus den
Eiweiss-Verbindungen der Protistenkörper gehen bei Vielen stickstoff-
haltige Eiweiss-Derivate hervor, welche den von den Thieren er-
zeugten elastischen, leimgebenden und Hornsubstanzen sehr nahe zu
stehen scheinen und gleich diesen oft als Ausscheidungsmassen zwischen
den Piastiden eine grosse Rolle spielen, so das Fasergewebe (Fibroin)
der Spongien, die Kapseln vieler encystirter und Zellhäute vieler ein-
zelliger und mehrzelliger Protisten. Das Verhalten der meisten dieser
216 Thiere und Pflanzen.
Producte in den Protisten ist noch sehr imbekannt, ebenso das Ver-
halten der stickstoffhaltigen und stickstofffreien Säuren, ebenso das
Verhalten der stickstoffhaltigen Basen. Der wichtigste Pflanzenfarbstoff,
das Chlorophyll, kommt auch in einzelnen Protisten verschiedener
Abtheilungen vor (Spongillen. Euglenen und andere Flagellaten etc.).
Fette scheinen in den meisten Protisten ebenso wie in allen Pflanzen
und Thieren vorzukommen. Die stickstofffreien Verbindungen aus der
Gruppe der Kohlenhydrate, welche die Pflanzen so auffallend von
den Thieren unterscheiden, kommen auch bei manchen Protisten vor;
Cellulose wird von vielen Protisten aus den Stämmen der Myxomyceten
und Flagellaten ausgeschieden. Anorganische, d. h. nicht kohlenstoff-
haltige Verbindungen, insbesondere Chlornatrium etc., kommen in den
Protisten eben so allgemein als in den Thieren und Pflanzen vor.
Viele Protisten zeichnen sich aber aus durch die ungewöhnliche Menge
theils von Kieselsäure, theils von kohlensaurem Kalk, welche
sie in Form von festen Skeletbildungen ausscheiden, und wodurch sie
sich mehr an die Thiere, als an die Pflanzen anschliessen. Insbeson-
dere sind in dieser Beziehung ausgezeichnet die Kieselschalen der
Diatomeen, vieler Flagellaten (Periditiium) , die formell höchst ent-
wickelten, theils aus Kieselsäure, theils aus kohlensaurem Kalk ge-
bildeten Stacheln (Spicula) und Gehäuse der Spongien und Khizopoden,
vieler Protoplasten etc.
Ab. Character der chemischen Processe der Protisten.
Der wesentliche Character der chemischen Processe, welche im
Protistenkörper vor sich gehen, ist uns noch fast ganz unbekannt.
Die einen Protisten scheinen, gleich den Thieren, vorzugsweise
Oxydations-Organismen zu sein und vorwiegend Sauerstoff aufzunehmen,
Kohlensäure abzugeben (Spongien, Noctiluken, Rhizopoden, ein Theil
der Protoplasten). Die anderen Protisten scheinen, gleich den
Pflanzen, vorzugsweise Keductions-Organismen zu sein und vorwie-
gend Kohlensäure aufzunehmen, Sauerstoff abzugeben (ein Theil der
Protoplasten, die Moneren, Flagellaten, Diatomeen). Doch sind uns
im Ganzen diese wichtigen Verhältnisse noch äusserst wenig bekannt.
VII. B. Morphologischer Character des Protistenreiches.
Ba. Character der protistischen Individualitäten^
Der wesentliche tectologische Character der Protisten liegt
in der sehr unvollkommenen Ausbildung und Dift'erenzirung der Indi-
vidualität überhaupt, insbesondere aber derjenigen zweiter Ordnung,
der Organe. Sehr viele Protisten erheben sich niemals über den mor-
phologischen Werth von Individuen erster Ordnung oder Piastiden.
VII. Character des Protistenreiches. 217
Diese Plastiden, theils einzeln lebend, theils gesellig verbunden, blei-
ben sehr häufig zeitlebens ^ membranlos (Spongien, ßhizopoden, Proto-
plasten, Vibrioniden); bei anderen umgeben sie sich zeitweilig oder
bleibend mit einer Membran von Kieselerde (Diatomeen, einige Fla-
gellaten), oder von Cellulose (Myxomyceten, einige Flagellaten), oder
von einer stickstoffhaltigen Substanz (einige Protoplasten und Flagella-
ten). Die Plastiden sind sehr häufig kernlos (Cytoden), andere Male
kernhaltig (Zellen). Sehr oft kommen Cytoden und Zellen in einem
und demselben Protisten combinirt vor. Sehr häufig vereinigen sich
die Plastiden der Protisten zu sehr lockeren Verbänden, die leicht
wieder in die einzelnen Individuen auseinander fallen. Gewöhnlich
erheben sich diese Verbände nicht über den Werth von Zellstöcken
oder einfachsten Individuen zweiter Ordnung. Bisweilen gleichen die-
selben äusserlich den echten Stöcken oder Individuen sechster Ordnung.
Sehr selten sind bei den Protisten die Individuen höherer Ordnung ausge-
bildet. Von besonderen Organen ist bei den Meisten keine Rede, da alle
Functionen noch gleichzeitig von den nicht differenzirten Plastiden be-
sorgt werden. Nur bei den Spongien, Radiolarien und Myxomyceten be-
ginnen sich deutliche Organe zu differenziren. Indessen kann man als
allgemeinen Character der Protisten den Mangel höherer Differen-
zirung überhaupt, besonders aber den Mangel differenter Organe,
sowie das Stehenbleiben auf der niedrigsten Stufe individueller Aus-
bildung bezeichnen, welche bei den Thieren und Pflanzen meistens
schnell vorübergeht. Daher finden wir das grosse Gesetz des Poly-
morphismus oder der Arbeitstheilung, welches bei den höheren Thieren
und Pflanzen so vollkommene Organismen hervorbringt, und bei den
Individuen aller Ordnungen die Differenzirung bestimmt, bei den Pro-
tisten nur in ganz untergeordnetem Grade wirksam.
Bb. Character der protistischen Grundformen.
Die Protisten zeichnen sich grösstenteils vor den Thieren und
Pflanzen dadurch aus, dass ihre Grundformen, ebenso wie ihre Indi-
vidualitäten, obwohl sehr mannichfaltig gebildet, dennoch meistens auf
den niedersten Stufen stehen bleiben, und sich sehr selten zu den
höheren Stufen erheben, welche bei jenen die herrschenden sind.
Insbesondere finden sich unter den Protisten sehr häufig vollkommen
formlose Gestalten mit durchaus unbestimmten und oft beständig
wechselnden Umrissen, ohne feste geometrische Grundform. Daher ist
auch ein Theil derselben als Amorph ozoa bezeichnet worden (viele
Protoplasten, Spongien, Myxomryceten). Auch in dieser, wie in vielen
anderen Beziehungen gleichen viele derselben bleibend den ersten
Embryonal -Zuständen von Thieren und Pflanzen. Nächst den voll-
kommen amorphen Gestalten sind am häufigsten die vollkommen
218 Thiere und Pflanzen.
regelmässigen: kugelige, ellipsoide, sphaeroide, cylindrische, regulär
polyedrische, prismatische etc. Insbesondere kommt hier die reine
Kugelform, der reine Cylinder sehr häutig vor. Die meisten Protisten,
welche ein äusseres oder inneres starres Skelet besitzen (Diatomeen,
Rhizopoden, viele Flagellaten und andere Protisten) lassen in dessen
Bildung meist äusserst deutlich , und nicht selten mathematisch rein
ausgeprägt, eine vollkommen regelmässige stereometrische Grundform
erkennen, so zwar, dass in vielen Fällen die Gestalt kr y stallähnlich
wird, und dass ebenso, wie bei den Krystallen, eine vollkommen exacte
geometrische Ausmessung und Berechnung der organischen Gestalt
möglich wird. In dieser Beziehung sind namentlich viele Radiolarien,
ferner manche Protoplasten und Diatomeen sehr ausgezeichnet. Die
Radiolarien allein schon zeigen eine grössere Anzahl von stereome-
trischen Grundformen realisirt, als sonst im ganzen Thier- und Pflanzen-
Reiche zusammengenommen vorkömmt. Mehr, als irgend sonst wo,
kann man hier an eine krystallographische Untersuchung der Orga-
nismus-Formen denken.
VII. C. Physiologischer Character des Protistenreiches.
Ca. Character der allgemeinen Lebenserscheinungen bei den
Protisten.
Die Ernährung der Protisten ist uns zum grossen Theile noch
ganz oder fast ganz unbekannt. Von sehr vielen derselben kennen
wir weder die Natur ihrer Nahrungsstoffe, noch den Process der
Nahrungsaufnahme, noch die Vorgänge des Stoffwechsels. Viele Pro-
tisten scheinen sich in diesen Beziehungen mehr den Pflanzen anzu-
schliessen (Diatomeen, Flagellaten, Vibrioniden, Myxomyceten, ein
Theil der Protoplasten), andere dagegen mehr den Thieren (ein ande-
rer Theil der Protoplasten, Rhizopoden, Noctiluken, Spongien). Beson-
dere Ernährungscanäle, welche den Ernährungssaft aufsammeln und
verschiedenen Körpertheilen zuleiten, finden sich blos bei den Spongien.
Contractile, zum Theil rhythmisch pulsirende Hohlräume (Blasen, Va-
cuolen) welche deü Ernährungssaft abwechselnd aus dem Plasmakörper
aufsaugen und in den letzteren hineinpressen, finden sich besonders bei
Protoplasten, Myxomyceten und Flagellaten. Der Athmungsprocess ist
bei den meisten Protisten unbekannt. Einige athmen, gleich den meisten
Pflanzen, Kohlensäure ein, Sauerstoff aus; andere zeigen den umge-
kehrten Respirations-Modus der Thiere. Die Fortpflanzung geschieht
bei sehr vielen Protisten, wahrscheinlich bei der grossen Mehrzahl,
ausschliesslich auf dem einfachsten ungeschlechtlichen Wege (durch
Theilung, Knospenbildung). Nur bei verhältnissmässig wenigen Pro-
tisten kommt neben der ungeschlechtlichen auch geschlechtliche Fort-
VII. Character des Protistenreiches. 219
pflanzung vor, und es sind dann die beiderlei Geschlechter bald in
einem Individuum vereinigt, bald getrennt (Spongien, ein Theil der
Flagellaten).
Wie bei allen Thieren und Pflanzen, so sind auch bei allen Pro-
tisten diese allgemeinen „organischen" Functionen der Ernährung, des
Wachsthums und der Fortpflanzung unmittelbar verbunden mit mole-
kularen Bewegungserscheinungen und Masse-Bewegungen (mechanischen
Leistungen). Wir nehmen diese zum Theil wahr in gewissen Lage-
veränderungen der Moleküle des Plasma, welche sich bei den Protisten
namentlich sehr oft äussern als die charakteristischen „ Sarcode-
strömung en" (Rhizopoden, Noctiluken, ein Theil der Pro toplasten
und Myxoinyceten) oder „amoeboiden Bewegungen" (Spongien,
ein Theil der Protoplasten, Flagellaten und Myxomyceten); ferner als
Wachsthum und als Fortpflanzung (Theilung und Knospenbildung) der
einzelnen Piastiden, welche hier gewöhnlich das physiologische Indi-
viduum repräsentiren. Auch hier, wie bei den anderen Organismen,
sind diese Bewegungen, welche zugleich zur Bildung neuer Formen
führen, nur dadurch möglich, dass Kräfte, welche in den verwickelten
Kohlenstoff-Verbindungen des Plasma als gebundene oder Spannkräfte
vorhanden sind, in lebendige Kräfte übergeführt werden.
Cb. Character der besonderen protistischen Lebenserscheinungen.
Wie uns die Grundlagen der allgemeinen Lebensthätigkeiten der
Protisten, und insbesondere ihres Stoffwechsels, zur Zeit noch höchst
mangelhaft bekannt sind, und wie wir von den meisten derselben nicht
wissen, ob sie sich mehr den Thieren oder mehr den Pflanzen an-
schliessen, so gilt dasselbe auch von dem Character und den Ursachen
ihrer besonderen Lebensthätigkeiten. Nur so viel scheint sich zu er-
geben, dass bei den verschiedenen Protisten in dieser Beziehung sehr
wesentliche Verschiedenheiten vorkommen, indem die einen sich mehr
den Thieren, die anderen mehr den Pflanzen anschliessen. Im Ganzen
aber scheinen die Protisten auch in dieser Beziehung zwischen den
Thieren und Pflanzen mitten inne zu stehen. In sämmtlichen Orga-
nismen aller drei organischen Reiche kommen Reductionsprocesse,
durch welche Wärme und andere lebendige Kräfte gebunden (zu
Spannkräften) werden, und Oxydationsprocesse, durch welche gebun-
dene Wärme und andere Spannkräfte frei und lebendig werden, neben
einander vor. Bei den Thieren überwiegen die letzteren, bei den
Pflanzen die ersteren; bei den Protisten scheinen sich Beide im Gan-
zen das Gleichgewicht zu halten. Doch dürften die meisten Protisten
sich mehr durch reichliche Entwickelung lebendiger Kräfte (mechani-
scher Arbeit, Ortsbewegung der Piastiden) an die Thiere anschliessen,
während sie sich von den Pflanzen durch geringe Neigung zur An-
220 Thiere und Pflanzen.
häufimg von Spannkräften mehr entfernen. Andererseits fehlen den
Protisten allgemein diejenigen complicirteren Molekularbewegungen,
welche bei den Thieren als die besonderen Leistungen der Muskeln
und Nerven auftreten, und ebenso fehlen natürlich alle diejenigen
höheren Functionen des Nervensystems, welche sich in dem Nerven-
centrum der höheren Thiere zu Vorstellungen (Empfinden, Wollen,
Denken) differenziren. Dagegen sind Bewegungen, welche den Re-
flexbewegungen der Thiere und der höheren Pflanzen (Mimosen etc.)
vollkommen entsprechen, bei den Protisten sehr allgemein verbreitet,
ohne an differenzirte Muskeln und Nerven -Organe geknüpft zu sein,
und treten zum Theil in sehr eigenthümlicher Form auf (Spongien,
Rhizopoden, Protoplasten etc.). Die meisten dieser mechanischen
Arbeitsleistungen und die anderen besonderen Bewegungen der
Protisten (z. B. die sehr eigenthümlichen Bewegungen der Diatomeen,
Vibrioniden , vieler Flagellaten, Protoplasten etc.) sind aber noch sehr
wenig bekannt. Zwar ist von den meisten derselben anzunehmen, dass
sie auf Freiwerden lebendiger Kräfte beruhen; doch könnte von einigen
auch behauptet werden, dass sie umgekehrt .die Wirkungen der Bin-
dung von Spannkräften sind. In diesen, wie in vielen anderen physio-
logischen und morphologischen Beziehungen haben wir eine befriedi-
gende Erkenntniss der Protisten erst von ausgedehnteren zukünftigen
Untersuchungen zu erwarten.
VIII. Character des Pflanzenreiches.
Vier Stumme des Pflanzenreiches: 1. Phyeuphyta (Algae pro parte).
2. Characeae. 3. Nernatophy ta (Fungi et Lichenes). 4. Cormophyta
(Phanerogamae ownes et Cryptogainae exclusas Netnatophytis, Characeis et
Phycophytis).
VIII. A. Chemischer Character der Pflanzenreiches.
A a. Character der chemischen Substrate der Pflanzen.
Die wichtigsten Substanzen des Pflanzenkörpers (vor Allen das
Plasma oder Protoplasma der Piastiden) sind Eiweiss-Verbindungen
(Album in ate), durch deren Thätigkeit die meisten anderen Verbin-
dungen des Pflanzenleibes mittelbar oder unmittelbar erzeugt werden.
Die Eiweisskörper der Pflanzen treten in zahlreichen noch sehr unbe-
kannten Modificationen auf, von denen die wichtigsten das Pflauzen-
eiweiss (in sehr vielen Pflanzensäften gelöst), der Pflanzenfaserstoff
(Fibrin, der in Alkohol unlösliche Theil des Getreideklebers etc.) und
der Pflanzenkäsestoff (Casein der Leguminosenfrüchte, Legumin) sind.
Aus den Eiweiss -Verbindungen der Pflanzenkörper gehen sehr selten,
vielleicht nie, solche stickstoffhaltige Ei weiss -Derivate hervor, wie
sie im Körper der Thiere und vieler Protisten als Zellhäute, Cuticular-
VIII. Character des Pflanzenreiches. 221
bildungen und Intercellularsubstanzen, als Hornsubstanz, elastische,
leimgebende, Chitin -Substanzen etc. eine sehr grosse Rolle spielen.
Ebenso fehlen den Pflanzen die stickstoffhaltigen Säuren (Harnsäure,
Hippursäure, Inosinsäure etc.), während die stickstofffreien Säuren
eine sehr viel grössere Verbreitung und Bedeutung als bei den Thieren
haben. Die stickstoffhaltigen Basen der Pflanzen (Pflanzen-
alkaloide: Strychnin, Morphin, Nicotin etc.) sind stark alkalisch und
von äusserst mannichfaltiger Zusammensetzung, umgekehrt wie bei
den Thieren. Der wichtigste Pflanzenfarbstoff ist das Chlorophyll,
welches jedoch bloss den Cormophyten fast allgemein zukommt, den
meisten Nematophyten und Phycophyten dagegen fehlt. Fette kom-
men in allen Pflanzen vor. Eine der wichtigsten chemischen Eigen-
thümlichkeiten aller Pflanzen ist aber die massenhafte und allgemein
verbreitete Bildung von stickstofffreien Producten aus der Gruppe der
sogenannten Kohlenhydrate, welche theils (Cellulose) von den
Piastiden nach aussen abgeschieden werden (wie die Membranen und
Intercellularsubstanzen, welche aus Cellulose und ihren Modificationen
bestehen), theils als- Ablagerungen im Innern der Piastiden abgesetzt
werden (Stärke, Dextrin, Gummi, Zucker etc.). Anorganische, d. h.
nicht kohlenstoffhaltige Verbindungen, insbesondere phosphorsaure
Salze und Chlorverbindungen der Alkalien und alkalischen Erden,
kommen allgemein in den Pflanzen vor, aber in viel wechselnderen
Mengenverhältnissen, und viel häutiger sich gegenseitig substituirend,
als in den Thieren. Kieselsäure und Kalksalze treten in den
Pflanzen nur in geringer Menge und niemals so, wie in den Thieren
und Protisten, als selbstständige geformte Massen, skeletbildend auf.
Der Mangel dieser mineralischen Skelete wird den Pflanzen durch ihr
Cellulose-Skelet ersetzt.
Ab. Character der chemischen Processe der Pflanzen.
Der wesentliche Character der chemischen Processe, welche im
Pflanzenkörper vor sich gehen, beruht auf Reduction und Synthese
einfacher Verbindungen, und lässt sich in den wenigen Worten zu-
sammenfassen: Die Pflanze ist ein Reductions-Organismus.
Das Pflanzenleben im Grossen und Ganzen ist ein Reductions-Process.
Die Pflanzen bilden aus den einfacheren „anorganischen" Verbindungen,
besonders Kohlensäure, Wasser und Ammoniak, durch Synthese und
Reduction die sehr zusammengesetzten ., organischen" oder Kohlen-
stoff-Verbindungen (Albuminate, Fette etc.), welche nachher dem Thier
als Nahrung dienen. Doch kommen daneben allgemein in untergeord-
netem Maasse (und auch vielfach im Einzelnen) analytische und Öxy-
dations-Processe vor.
222 Thiere und Pflanzen.
VIII. B. Morphologischer Character des Pflanzenreichs.
Ba. Character der pflanzlichen Individualitäten.
Der wesentliche tectologische Character der Pflanzen liegt
in der vorwiegenden Ausbildung und Differenzirung der Individuen
erster Ordnung, der Piastiden. Dieselben sind meistens von viel
beträchtlicherer Grösse, als bei den Protisten und Thieren. Gewöhn-
lich sind sie kernhaltig, also Zellen; sehr häufig jedoch auch kernlos,
also Cytoden, und bei den Nematophyten und vielen Phycophyten ist
der Körper entweder allein oder doch vorwiegend aus Cytoden zu-
sammengesetzt. Die Piastiden der Pflanzen, sowohl die Cytoden als
die Zellen, scheiden allermeist schon in sehr früher Zeit eine Membran
aus und kapseln sich dadurch ab; selten bleiben sie längere Zeit hin-
durch nackt (Schwärmsporen); gewöhnlich ist die schichtweise Ab-
setzung der umhüllenden Membranen sehr mächtig; es bleiben aber,
da dieselben meist innerhalb der primär abgeschiedenen Membran als
innere Verdi ekungsschichten sich ablagern, die einzelnen Piastiden dabei
isolirt und es verschmelzen weder die Individuen selbst zu Plastideu-
stöcken (ausgenommen die „Gefässe"- der Gefässpflanzen: Milchsaft-
gefässe, Spiralgefässe), noch die Membranen zu gemeinsamen Inter-
cellularmassen (wie bei den Bindegeweben der Thiere so häufig ge-
schieht). Die Bildung von Zellstöcken (Milchsaftgefässen, Spiral-
gefässen) ist weit beschränkter, als bei den Thieren. Diese „Gefässe"
sind neben dem einfachen „Parenchyur die einzige besondere ..Ge-
websform" der Pflanzen. Die Individuen zweiter Ordnung, die Or-
gane, sind bei den Pflanzen allgemein weit weniger ditferenzirt, als
bei den Thieren; bei den Phycophyten und Nematophyten sind die-
selben sehr wenig entwickelt; bei den Cormophyten sind sie zwar
besser entwickelt, lassen sich aber vom morphologischen Gesichtspunkte
aus sämmtlich als Modifikationen von blos zwei Grundorganen
nachweisen, Axorgan und Blattorgan. Vom physiologischen Ge-
sichtspunkte aus betrachtet sind die Organe der Pflanzen ebenfalls
weit weniger ditferenzirt als die der Thiere, meistens entweder Ernäh-
rungs- oder Fortpflanzungs- Organe. Sehr allgemein und in höchster
Ausbildung treffen wir bei den Pflanzen die Individuen sechster und
letzter Ordnung an, die Stöcke (Cormen), was mit der festsitzenden
Lebensweise und dem Mangel willkührlicher Bewegung zusammenhängt.
Daher fehlt den Pflanzen auch die für viele Thiere characteristische
und hier die Stockbildung ersetzende Staatenbildung. Gewöhnlich ist
mit der Stockbildung der Pflanzen ein sehr ausgedehnter Polymorphis-
mus der Personen, eine weit gehende Arbeitstheilung der Individuen
fünfter Ordnung (Sprosse) verbunden.
VIII. Character des Pflanzenreiches. 223
Bb. Character der pflanzlichen Grundformen.
Die Pflanzen stehen bezüglich der Ausbildung- der stereometrischen
Grundformen in der Mitte zwischen den Protisten und den Thieren.
Die niederen Pflanzen, insbesondere viele Algen, schliessen sich mehr
den ersteren, viele höhere Pflanzen, namentlich Dicotyledonen, mehr
den letzteren an. Unter den Algen giebt es zahlreiche Formen, welche
die ganz regulären, rein stereometrisch ausgeprägten Formen vieler
Protisten theilen (Kugel, Cylinder, Sphäroid, reguläre Polyeder, Pris-
men etc.). Auch die einzelnen Piastiden, welche bei den Pflanzen
viel mehr als bei den Thieren den Rang von selbstständigen Individuen
erster Ordnung beibehalten, und welche zugleich durch frühzeitige
Einschliessuug in eine starre Cellulose -Kapsel sehr bestimmte und
scharf umschriebene Formen gewinnen, zeigen im Parenchym der
meisten mehrzelligen Pflanzen ähnliche einfache stereometrische Formen
sehr rein ausgeprägt. Unter den pflanzlichen Individuen fünfter Ord-
nung, den Sprossen, besonders den Blüthensprossen der Phanerogamen,
ist die reguläre Pyramidenform sehr allgemein herrschend. Doch
geht dieselbe hier auch sehr häufig in die Grundform der amphithec-
ten Pyramide über. Dagegen tritt die Eudipleuren-Form („bila-
terale Symmetrie" zum Theil) in den Pflanzen seltener in den Indivi-
duen fünfter Ordnung (wo sie bei den höheren Thieren so allgemein
ist), als in den Individuen niederer Ordnung (Blättern z. B.) ganz
rein auf. Im Ganzen sind die äusseren Formen der Pflanzen schon
wegen ihrer starren festen Zellenwände schärfer bestimmt und daher
leichter und sicherer auf eine stereometrische Grundform zurückzu-
führen, als bei den Thieren.
VIII. C. Physiologischer Character des Pflanzenreiches.
Ca. Character der allgemeinen Lebenserscheinungen bei den
Pflanzen.
Die Ernährung der Pflanzen unterscheidet sich von derjenigen
der allermeisten Thiere und vieler Protisten dadurch, dass die Pflanzen
niemals feste Stoffe, wie die Thiere, in ihr Inneres aufnehmen, sondern
ausschliesslich tropfbarflüssige und gasförmige Stoffe; diese dringen
einfach auf endosmotischem Wege durch die Membranen der Piastiden
hindurch in das Innere derselben ein. Es fehlen also den Pflanzen allge-
mein die besonderen, zur Nahrungs-Aufnahme und Verdauung dienenden
Höhlen, welche den allermeisten Thieren zukommen. Die allermeisten
Pflanzen nähren sich ausschliesslich von sehr einfachen Verbindungen
(Wasser, Kohlensäure, Ammoniak, kohlenstofflose Salzlösungen), aus
denen sie, wie bemerkt, durch Keduction zusammengesetzte Kohlenstoff-
224 Thiere und Pflanzen.
Verbindungen bilden. Daher athinen sie vorwiegend Kohlensäure ein,
Sauerstoff aus. Doch giebt es auch viele Schmarotzer -Pflanzen
(Pilze etc.), deren Athmuugsprocess umgekehrt (thierisch) ist, und
welche, gleich den Thieren, bereits vorgebildete „organische" Sub-
stanzen (verwickelte Kohlenstoff'- Verbindungen) zu ihrer Ernährung
brauchen. Besondere den Ernährungssaft führende Röhrensysteme
(Blutgefässe, Chylusgefässe), sowie besondere contractile Behälter (Her-
zen), welche dessen Bewegung in denselben regelmässig beschleunigen,
fehlen den Pflanzen allgemein, während sie den meisten Thieren zu-
kommen. Die Fortpflanzung geschieht bei den Pflanzen allgemein
auf ungeschlechtlichem Wege (durch Theilung, Knospenbildung), ausser-
dem bei den allermeisten zugleich auf geschlechtlichem Wege. Bei
der grossen Mehrzahl aller Pflanzen wechseln diese beiden Formen der
Fortpflanzung in der Weise mit einander ab, dass ein regelmässiger
Generationswechsel besteht. Die beiderlei Geschlechter sind bei der
grossen Mehrzahl der Pflanzen in einem Individuum fünfter oder sech-
ster Ordnung vereinigt, nur bei einer geringen Zahl getrennt.
Wenn wir die feineren Vorgänge, welche den genannten allge^
meinen Lebensthätigkeiten der Pflanzen zu Grunde liegen, aufsuchen,
so finden wir dieselben bei allen Pflanzen, wie bei allen Protisten und
Thieren, mit einer Anzahl von molekularen Bewegungserscheinungen
und einer Anzahl von Massebewegungen (mechanischen Leistungen)
unmittelbar verbunden. Wir können diese Bewegungen zum Theil di-
rekt wahrnehmen in den pflanzlichen Individuen erster Ordnung (den
Piastiden) als gegenseitige Lageveränderungen der Moleküle des Plasma
(„Saftströmungen" oder „ Plasmacontractionen ") , als Wachsthum
(Grössenzunahme) und als Fortpflanzung der Piastiden (Theilung,
Knospenbildung der Cytoden und Zellen). Alle diese allgemeinen
„organischen'* Molekularbewegungen, welche schliesslich zur Gestaltung
ungeformten Stoffes und zur Neubildung individueller Formen führen,
und welche häutig (vielleicht immer) mit einer Entwickelung von
Wärme verbunden sind, erfordern einen Verbrauch von Spannkräften.
Denn alle diese Bewegungen beruhen im Grunde darauf, dass Spann-
kräfte in lebendige Kräfte übergehen.
Ob. Character der besonderen pflanzlichen Lebenserscheinungen.
Während bei den Thieren der bei weitem grösste und wichtigste
Theil ihrer Lebeusthätigkeit in einer Entwickelung lebendiger Kräfte
besteht, die sich dort vorzüglich als Wärmebilduug, Muskelbewegung
und Nervenbewegung (Empfinden, Wollen, Denken) äussert, so bildet
bei den Pflanzen jene Verwandlung der potentiellen in actuelle Kräfte
nur einen sehr geringen Theil ihrer Lebenserscheinungen und der bei
weitem grösste Theil ihrer Functionen erzielt gerade das entgegen-
VIII. Character des Pflanzenreiches. 225
gesetzte Resultat, nämlich die Umsetzung von lebendigen Kräf-
ten in Spannkräfte. Diese für die Pflanzen am meisten characte-
ristischen Bewegungen, welche den Thieren grösstenteils abgehen,
kann man daher auch als „vegetative Functionen" im engeren Sinne
bezeichnen. Dieselben beruhen wesentlich auf dem characteristischen
Reductions-Process der Pflanzen. Indem die Hauptsumme der chemi-
schen Processe in den Pflanzen darauf hinausläuft, die einfachen und
festen Verbindungen des Wassers, der Kohlensäure und des Ammo-
niaks durch Zersetzung (Reduction) in die verwickelten und lockeren
Kohlenstoff -Verbindungen (Eiweisskörper, Kohlenhydrate, Fette) über-
zuführen, und indem diese Reduction nur unter Einwirkung des Sonnen-
lichts (durch Bindung grosser Quantitäten Licht und Wärme) möglich
ist, verwandeln sie eine grosse Menge freier oder bewegender Kräfte
(Licht, Wärme) in gebundene oder Spannkräfte. Diese letzteren blei-
ben gebunden in den verwickelten Kohlenstoff- Verbindungen , welche
allenthalben in den Pflanzen angehäuft werden. Durch die Bindung
von Wärme, welche für die Bildung der letzteren nothwendig ist, und
welche theils dem Sonnenlichte, theils der Umgebung entzogen wird,
wirken die Pflanzen abkühlend. Sie entwickeln Kälte. In der
massenhaften Bildung und Anhäufung dieser verwickelten Kohlenstoff-
Verbindungen und der in ihnen locker gebundenen Spannkräfte haben
wir den wesentlichsten Character der besonderen pflanzlichen Lebens-
thätigkeit, des eigenthümlichen „Vegetationsprocesses" zu suchen.
Diese Aufspeicherung der Spannkräfte in den Pflanzen ermöglicht
allein die besonderen Lebensbewegungen der Thiere, welche auf einer
Befreiung derselben, auf ihrer Verwandelung in lebendige Kräfte be-
ruhen. Dadurch entwickeln die Thiere die lebendigen Kräfte, welche
sie als thierische Wärme, als Muskelbewegimg und Nervenbewegung
äussern. Doch fehlen ähnliche Bewegungen, durch lebendige Kräfte
hervorgebracht, auch in den Pflanzen nicht ganz. Vielmehr entwickeln
auch diese stellenweise und zeitweise Wärme; und bei vielen höheren
Pflanzen kommen sogar verwickelte Bewegungen zur Erscheinung,
welche der Muskel- und Nervenbewegung sich sehr nahe anschliessen.
Vor allen sind hier die ausgezeichneten Erscheinungen der „Reizbar-
keit" an den Blättern der Mimosen oder „Sinnpflanzen" und der
Dionaea muscipula, an den Staubfäden der Centaureen, Berberideen etc.
hervorzuheben. Die mechanische Arbeit, welche hier gewisse Theile
der Pflanze leisten, ist durchaus der Muskelcontraction analog, und
wird sogar oft in gleicher Weise durch Ketten von „Auslösungen"
hervorgerufen, wie es bei den Nervenbewegungen der Thiere der Fall
ist. In dieser Beziehung sind namentlich die bekannten Bewegungen
der „reizbaren" Mimosen äusserst merkwürdig, indem sie durchaus
den Reflexbewegungen der Thiere analog sind. Dagegen ist es
Haeckel, Generelle Morphologie. 15
226 Thiere und Pflanzen.
zweifelhaft, ob bei irgend einer dieser Pflanzen die Reflexbewegungen
sich deutlich in die getrennten Functionen des Empfindens und Wol-
lens difterenziren , welche in einem Centralorgane als Vorstellungen
ausgelöst werden miissten. Wenn diese Üifferenzirung noch fehlt, so
fehlt sie sicher auch vielen echten Thieren (vielen Würmern, Coelen-
teraten, besonders Anthozoen und Anderen), welche sich auf ganz
ähnliche Bewegungen, wie die Mimosen etc. beschränken. Indessen
treten doch diese Leistungen mechanischer Arbeit, welche den Reflex-
bewegungen der Thiere sich unmittelbar auzuschliessen scheinen, und
wie diese mit einem Verbrauche von Spannkraft verbunden sind, nur
bei wenigen (meist höheren) Pflanzen auf, und im Ganzen bleibt die
besondere Lebensthätigkeit der Pflanzen darauf beschränkt, dass sie
(durch Reduction und Wärme-Bindung) Massen von lebendigen Kräften
in Spannkräfte überführen.
IX. Vergleichung der drei Reiche.
Eine scharfe und vollkommen unterscheidende Characteristik der
Organismen-Reiche ist, wie die vorhergehenden Abschnitte zeigen, nur
dann möglich , wenn man ausschliesslich die entwickelten und voll-
kommenen Formen berücksichtigt und von den niederen und einfachen
Formen absieht. So wenig wir im Stande sind, eine vollständig
scharfe und erschöpfende Diagnose eines Phylon zu geben, welche
alle embryologischen und palaeontologischen Entwickelungszustände
desselben umfasst, so wenig ist dies von einem der drei organischen
Reiche möglich, deren jedes aus mehreren Phylen zu bestehen scheint.
Nur dann können wir eine solche differentielle Diagnose aufstellen,
wenn wir die am meisten ausgebildeten und characteristischen Haupt-
formen vorwiegend berücksichtigen und aus den typischen Characteren
der Mehrzahl der Formen ein allgemeines Bild des Ganzen in grossen
Zügen und skizzenhaften Umrissen entwerfen.
Wenn wir nun ausdrücklich unter dieser Voraussetzung und unter
dem besonderen Hinweis darauf, dass jedes Reich nur eine künstliche
Collectivgruppe von mehreren selbstständigen, aber analog entwickelten
Phylen ist, eine allgemeine Characteristik der drei Reiche vorstehend
versucht haben, so glauben wir, dass sich daraus die Vorzüge unserer
Dreitheilung vor der bisher gültigen Zweitheilung ergeben haben wer-
den. Die Dreitheilung hat besonders den grossen Vortheil, dass jedes
der beiden nach zwei entgegengesetzten Richtungen hin entwickelten
grossen Reiche sich weit schärfer, sicherer und vollständiger charac-
terisiren lässt, als es bei der Zweitheilung möglich ist. Denn wir
haben in den unzweifelhaften Pflanzen (Cormophyten, Nematophyten,
Characeen, Algen; eine Summe von hervortretenden Eigenschaften verbun-
IX. Vergleichung der drei Reiche. 227
den, welche uns ein abgerundetes und deutliches Characterbild der
Pflanze im Allgemeinen vor Augen fähren. Andererseits finden wir
ebenso in den unzweifelhaften Thieren (Vertebraten, Mollusken, Arti-
culaten, Echiuodermen, Coelenteraten) eine Summe von auszeichnenden
Eigenschaften vereinigt, welche uns ein ebenso deutliches und scharfes
Characterbild des Thieres im Allgemeinen aufzustellen erlauben. Um
den grossen Contrast in den entgegengesetzten Grundzügen dieser
beiden divergenten Characterbilder deutlich zu kennzeichnen, stellen
wir sie hier nochmals vergleichend einander gegenüber:
I. Pflanzencharacter:
Die fast allgemein bleibende Selbstständigkeit der Individuen erster
Ordnung oder Piastiden und die Abschliessung derselben durch eine starre
Kapsel aus Kohlenhydraten (Zellmembran); die Differenzirung der Plasti-
den-Aggregate in höchstens zwei Gewebsformen: Parenchjm und Gefässe;
die Beschränkung der Individuen zweiter Ordnung (Organe) auf zwei ver-
schiedene Reihen: I. Blattorgane und II. Axorgane; wegen mangelnder Orts-
bewegung sehr allgemeine Bildung von Individuen sechster Ordnung
(Stöcken), welche meistens das physiologische Individuum repräsentiren.
Allgemeines Vorherrschen der niederen oder radiären Grundformen (vor-
züglich der regulären Pyramiden). Die Lebensthätigkeit vorzugsweise auf
Ueberführung von lebendigen Kräften in Spannkräfte, auf Bindung von
Wärme, und auf Anhäufung von verwickelten Kohlenstoß-Verbindungen ge-
richtet, welche durch Reduction aus den einfachsten „anorganischen" Ver-
bindungen gewonnen werden.
II. Thiereharacter:
Die allgemeine Verschmelzung eines Theiles der Individuen erster Ord-
nung (Piastiden) zu complexen Elementartheilen oder Zellstöcken (Muskel-
fasern, Nervenfasern) unter Aufgabe ihrer ursprünglichen Selbstständigkeit,
der sehr allgemeine Mangel einer festen Kapsel (Zellmembran) an ihrer
Oberfläche; die Differenzirung der Plastiden-Aggregate in vier verschiedene
Gewebs-Formen: Epitelial-, Binde-, Muskel- und Nerven- Gewebe; die
Differenzirung der Individuen zweiter Ordnung (Organe) in vier verschie-
dene Reihen: Organe I. der Ernährung, IL der Fortpflanzung, III. der
mechanischen Arbeit oder Locomotion (Muskeln), IV. der Beziehungen,
Centralisation und Regulation des Ganzen (Nerven); das physiologische
Individuum meistens durch morphologische Individuen fünfter Ordnung
(Personeu), seltener vierter Ordnung (Metameren) repräsentirt; wegen sehr
allgemeiner Ortsbewegung selten Bildung von Individuen sechster Ordnung
(Stöcken), dagegen sehr allgemeine Bildung von Gemeinden und Staaten.
Allgemeines Vorherrschen der höheren oder bilateralen Grundformen,
(Zeugiten, und vorzüglich Eudipleuren). Die Lebensthätigkeit vorzugsweise
auf Ueberführung von Spannkräften in lebendige Kräfte (Muskelbewegung,
Nerveubewegung und Entwickelung von Wärme), und auf Zersetzung von
verwickelten Kohlenstoff-Verbindungen gerichtet, welche durch Oxydation in
die einfachsten „anorganischen" Verbindungen übergeführt werden.
15*
228 Thiere und Pflanzen.
Kein so scharfes und vollständiges Bild vermögen wir von den
positiven Characteren der Protisten zu entwerfen. Es ist mehr
eine Summe von negativen Eigentümlichkeiten, welche die verschie-
denen Protisten-Stämme zu einem Reiche vereinigt. Dies liegt theils
an der unvollkommenen Entwickelungsstufe, welche die Protisten
überhaupt erreichen, und wodurch sie den niedersten Entwickelungs-
stufe» des Thierreichs sowohl als des Pflanzenreichs zum Theil sehr
nahe stehen; theils an der wirklichen Mischung von thierischen und
pflanzlichen Characteren, w r elche viele Protisten in so auffallender
Weise in sich vereinigen, dass es ganz unmöglich ist, sie entweder
dem Thierreiche oder dem Pflanzenreiche zuzugesellen, ohne dessen
Differential - Character wesentlich zu beeinträchtigen. Zum grossen
Theil allerdings liegt die Unmöglichkeit, jetzt schon ein vollständiges
Characterbild der Protisten zu entwerfen, an unseren noch ausser-
ordentlich mangelhaften Kenntnissen, besonders ihrer Ernährungs-
thätigkeit und ihres Stoffwechsels. Indessen ist es immerhin möglich,
wenigstens einige gemeinsame Züge aller Protisten in ein skizzen-
haftes Characterbild zusammenzufassen:
III. Protistencharacter:
Die allgemeine bleibende Selbstständigkeit der Individuen erster Ord-
nung (Piastiden), welche sehr häufig einzeln, oder locker zu Piastiden-
familien verbunden, allein das physiologische Individuum repräsentiren; In-
dividuen höherer Ordnung (Organe, Personen etc ) entweder gar nicht oder
nur höchst unvollkommen entwickelt; ebenso die Piastidenstöcke, wenn
vorhanden, meist sehr unvollständig ausgebildet, und nicht differenzirt
(keine sogenannten „Gewebe"). Allgemeines Vorherrschen der niedrigsten
Grundformen, entweder gar keine bestimmte Formen oder höchst einfache
und regelmässige, oft stereometrisch reine und kristallähnliche Formen
(Kugel, Cylinder, reguläre Polyeder, krystallähnliche Prismen etc.) Die Le-
bensthätigkeit grösstenteils unbekannt; der Stoffwechsel, wie es scheint, bei
einigen Protisten mehr dem der Pflanzen, bei anderen mehr dem der Thiere
sich nähernd, bei noch anderen endlich zwischen Beiden die Mitte haltend.
Wenn man die verschiedenen Protisten-Stämme mit den Stämmen
einerseits des Thierreichs, andererseits des Pflanzenreichs vergleicht,
so stellt sich allerdings bei den einen eine nähere Beziehung zu
jenein, bei den anderen zu diesem heraus, und wenn man die übliche
Zweitheilung der Organismen in Thiere und Pflanzen beibehalten
will, so inuss man jedenfalls das Protisten -Beich in zwei Theile
spulten und die eine Hälfte jenem, die andere diesem anreihen. Die
Reihe der pflanzenartigen Protisten würde durch die Myxomyceten,
Diatomeen und Flagellaten, die Reihe der thierartigen Protisten durch
die Spongien, Noctiluken und Rhizopoden gebildet. Aber bei den
Protoplasten und den Moneren würden wir vollständig in Zweifel sein,
IX. Yergleichung der drei Reiche. 229
wohin wir sie stellen sollten, und auch für einen Theil der Flagellaten
würde dasselbe gelten. Auch würde sieh bei allen übrigen Gruppen
immer wieder der alte Streit, ob sie Thiere oder Pflanzen seien,
erneuern, je nachdem man diese oder jene Seite des Characters für
maassgebender hält, und es würden sich immer wieder Naturforscher
finden, welche alle oder die meisten Protisten zu den Thieren, und
andere, welche sie zu den Pflanzen stellen. So viel lässt sich vor-
aussehen, dass dieser Streit, auch wenn wir die Protisten viel besser
kennen würden, als es jetzt der Fall ist, immer fortleben würde, weil
Viele von ihnen in zu ausgesprochener Weise thierische und pflanz-
liche Charaktere vereinigen, und zwar in so verschiedenartiger und
verwickelter Weise, dass eben jede scharfe Grenzbestimmung des
Thier- und Pflanzen-Reichs verloren geht, wenn wir diese Zweifheilung
beibehalten.
Die definitive Entscheidung in solchen schwierigen biologischen
Fragen wird immer nur von der Entwickelungsgeschichte , und zwar
in diesem Falle nur von der palaeontologischen, gegeben werden
können. Leider lässt uns dieselbe aber gerade hier völlig im Stiche,
und es bleibt nicht einmal die Hoffnung, dass wir durch eine zukünf-
tige Ergänzung unserer äusserst unvollständigen palaeontologischen
Kenntnisse diese empfindliche Lücke werden ausfüllen können. Nie-
mals wird uns die Phylogenie die Entscheidung darüber bringen, ob
die verschiedenen Protisten-Stämme (wie es uns das Wahrscheinlichste
ist) sich aus eben so vielen oder vielleicht aus noch zahlreicheren
autogonen Moneren -Arten hervorgebildet haben, oder ob sie einem
gemeinsamen ursprünglichen Stamme angehören, oder ob sie theils
mit den Thierstämmen, theils mit den Pflanzenstämmen sich aus
gleicher Wurzel entwickelt haben. Die übliche Zweitheilung der Or-
ganismen in Thiere und Pflanzen würde nur in dem einen Falle eine
vollkommen natürliche sein, wenn beide Reiche, die Protisten mit
eingeschlossen, sich aus zwei verschiedenen autogonen Moneren-Arten
hervorgebildet hätten, wenn also die eine Moneren-Art allen Thieren
und thierähnlichen Protisten, die andere allen Pflanzen und pflanzen-
ähnlichen Protisten den Ursprung gegeben hätte. Indessen ist gerade
dieser Fall, wie schon oben bemerkt, von allen möglichen der am
wenigsten wahrscheinliche. Es ist also die Beibehaltung der gewöhn-
lichen Zweitheilung weder real in der Descendenz begründet, noch
von irgend welchem praktischen Nutzen.
Wir glauben demgemäss, dass die von uns versuchte Dreitheilung
nur praktische Vortheile und keinerlei wissenschaftliche Nachtheile
bietet. Es wird dadurch möglich, die beiden divergenten Reiche,
Thier- und Pflanzen - Reich , scharf zu trennen und den Begriff des
Thieres und der Pflanze scharf zu fixiren. Es wird zugleich, hoffen
230 Thiere und Pflanzen.
wir, die Hervorhebung des Protistenreiches als einer besonderen, den
beiden anderen Reichen coordinirten , eollectiven Hauptgruppe, dazu
beitragen, die Aufmerksamkeit und das Interesse der Naturforscher
immer mehr auf diese äusserst interessante und bisher von den
meisten sehr vernachlässigte Gruppe von Organismen hinzulenken,
deren Studium für die allein richtige, d. h. die monistische Erkennt-
niss, für das mechanisch -causale Verständniss der lebendigen Natur
so ungemein lehrreich ist.
X. Wechselwirkung der drei Reiche.
Schon aus der vorhergehenden Characteristik und Vergleichung
der drei Reiche wird die innige gegenseitige Wechselwirkung, welche
zwischen denselben in vielen biologischen Beziehungen herrscht, klar
geworden sein. Doch ist dieselbe von so hohem Interesse und von
solcher Wichtigkeit für eine mechanische Erfassung des organischen
Naturganzen, dass wir die wichtigsten Punkte dieses Verhältnisses
hier nochmals kurz hervorheben wollen.
Zwischen den Thieren und Pflanzen existirt, im Grossen und
Ganzen betrachtet, der am meisten durchgreifende Gegensatz zunächst
in der Qualität der wichtigsten und allgemeinsten organischen Func-
tion, der Ernährung, indem der mit der Ernährung verbundene
Stoffwechsel in beiden Reichen geradezu entgegengesetzt ist. Durch
diesen „ Kreislauf der Stoffe " ist der beständige Gleichgewichtszustand
bedingt, den die organische Natur im Grossen und Ganzen zeigt. Die
Pflanzen als Reductions-Organismen produciren durch ihre progressive
Stoffmetamorphose die zusammengesetzten Kohlenstoffverbindungen
(Albuminate, Fette, Kohlenhydrate), welche die Thiere zu ihrer Er-
nährung brauchen; und indem die Thiere als Oxydations-Organismen
durch ihre regressive Stoffmetamorphose die einfacheren „anorgani-
schen" Verbindungen herstellen (Wasser, Kohlensäure, Ammoniak),
liefern sie wiederum das Nahrungsmaterial für die Pflanzen.
Diesem Gegensatze im Stoffwechsel der beiden Reiche entspricht
ein ähnlicher Gegensatz im Kraftwechsel derselben. Indem die
Pflanzen durch Bindung von Licht und Wärme, die sie zu ihren Re-
duetionsprocessen bedürfen, lebendige Kräfte in Spannkräfte überfüh-
ren, liefern sie den Thieren in ihren verwickelten Kohlenstoff- Verbin-
dungen diejenigen Mengen von Spannkräften, welche die Thiere nöthig
haben, um lebendige Kräfte entwickeln zu können. Doch ist- dieser
Kraftwechsel nicht, wie der Stoffwechsel, ein gegenseitiger, sondern
nur ein einseitiger, da die lebendigen Kräfte, welche das Thier als
thierische Wärme, mechanische Arbeit (Muskelbewegung) und Aus-
lösungstliäu^keit (Nervenbewegung) producirt, nicht in der Form frei
X. Wechselwirkung der drei Reiche. 231
werden, in welcher die Pflanze sie brauchen kann. Diese entnimmt
vielmehr die für ihr Leben nöthige lebendige Kraft grösstentheils ans
dem Sonnenlicht.
Wie sich die Protisten hinsichtlich des Kraft- und Stoffwechsels
verhalten, wissen wir von der Mehrzahl derselben nicht. Einige
scheinen sich mehr den Pflanzen, andere mehr den Thieren anzu-
schliessen. Doch ist es wahrscheinlich, dass sich im Ganzen bei den
meisten Protisten Reduction und Oxydation, progressive und regressive
Metamorphose ihres Plasma-Körpers ziemlich das Gleichgewicht halten
wird, da sie weder so beträchtliche Mengen von lebendiger Kraft,
wie die Pflanzen, noch so beträchtliche Mengen von Spannkraft, wie
die Thiere nöthig haben, um ihre Lebensfunctionen zu vollziehen.
Sie halten sich wahrscheinlich auch iu dieser Beziehung auf einem
mehr indifferenten Standpunkte, und sind daher auch von der übrigen
organischen Natur weniger abhängig, als es bei den Thieren und
Pflanzen der Fall ist.
Stoffwechsel und Kraftwechsel der Organismen in früheren Pe-
rioden der Erdgeschichte werden sich wesentlich verschieden von den
jetzigen Verhältnissen gestaltet haben. Denken wir an den Urzustand
der Erde zurück, als sie zuerst von Organismen bevölkert wurde, so
müssen schon allein die ungeheuren Kohlenstoffmassen, die jetzt im
Körper der Organismen gebunden sind, und die damals vermuthlich
grösstentheils als Kohlensäure, Kohlenwasserstoffe etc. Urmeer und
Uratmosphäre sättigten, gänzlich verschiedene Existenzbedingungen
hervorgerufen haben. Es ist daher auch wahrscheinlich, dass zuerst
ausschliesslich pflanzliche und protistische Moneren durch Auto-
gonie entstanden sind, d. h. Eiweiss -Verbindungen in individueller
Form, welche vorzugsweise oder fast ausschliesslich in progressivem
Stoffwechsel Reduction übten und Massen von disponiblen festen und
einfachen Kohlenstoff- Verbindungen in die lockeren und verwickelten
Kohlenstoff-Verbindungen des Eiweisses, Fettes, der Kohlenhydrate etc-
überführten. Erst nach Verlauf langer Zeiträume, nachdem sich eine
reiche Pflanzenwelt entwickelt und Massen von Kohlensäure etc. aus
der Atmosphäre und dem Urmeere fortgeschafft hatte, werden in
dein nunmehr respirablen Medium durch Autogonie thierische Mone-
ren entstanden sein, d. h. Eiweiss- Verbindungen in individueller Form,
welche vorzugsweise in regressivem Stoffwechsel Oxydation übten,
welche die in den Pflanzen aufgespeicherten Spannkräfte sich zu
Nutze machten, und in allmähliger Weiterentwickelung das Wechsel-
verhältniss einleiteten, das gegenwärtig zwischen den organischen
Reichen existirt.
Die Differenzirung , welche in dieser oder ähnlicher Weise all-
mählig stattgefunden hat, lässt sich jedoch auch in der Form denken,
232 Thiere und Pflanzen.
dass alle autogonen Moneren pflanzlicher Natur nnd als Reductions-
Organismen thätig waren, und dass aus diesen sich später, bei hin-
reichender Abnahme der freien Kohlensäure, Piastiden hervorbildeten,
welche anfangs nur wenig, in späteren Generationen mehr und mehr,
und zuletzt überwiegend als Oxydations-Organismen, als Thiere thätig
waren. Wenn man eine Abstammung der ganzen Organismen -Welt
von einer einzigen Moneren- Art annimmt, so muss man jedenfalls die
Wurzel dieses einzigen organischen Stammbaumes, d. h. seine auto-
gone Moneren-Form und zahllose älteste Reihen von Generationen als
pflanzliche, als reducirende, ausehen, aus deren vielfach verzweigter
Verwandtschaft sich erst weit später mehr neutrale Protisten und
endlich die vorwiegend oxydirenden, thierischen Piastiden differen»
zirten, deren Nachkommenschaft das Thierreich ist.
XI Die Seele als Character der Thiere.
Wenn man, wie es für die kurzen Definitionen des Thieres und
der Pflanze in den Lehrbüchern erwünscht ist, die am meisten cha-
racteristischen und durchgreifenden Unterschiede von Thier und
Pflanze mit wenigen Worten ausdrücken will, so wird es immer am
natürlichsten sein, die hervorgehobenen Gegensätze des Stoffwechsels
und der Ernährung, und des daran geknüpften Kraftwechsels in erster
Linie zu betonen, und man kann die drei Reiche dann ungefähr durch
folgende Diagnose bezeichnen: 1) Die Pflanzen bilden vorwie-
gend durch Reduction und Synthese aus ganz einfachen
sehr zusammengesetzte Verbindungen, binden dabei Wärme
und entAvickeln wenig mechanische Arbeit. 2) Die Protisten
sind vorwiegend indifferente Organismen, in denen sich
Reduction und Oxydation das Gleichgewicht zu halten
scheinen, welche bald Wärme binden, bald abgeben, und
mehr mechanische Arbeit als die Pflanzen, weniger als die
Thiere entwickeln. 3) Die Thiere bilden vorwiegend durch
Oxydation und Analyse aus sehr zusammengesetzten ganz
einfache Verbindungen, entAvickeln dabei Wärme und viel
mechanische Arbeit. Jedenfalls ist diese Definition weit zutreffen-
der, als die gewöhnlich in den Lehrbüchern aufgeführte Behauptung,
dass sich die Thiere vor den Pflanzen durch den Besitz einer
„Seele", d. h. durch die Functionen der „willkührlichen Bewegung"
und „Empfindung'', auszeichnen. Da auf diesen falschen Satz immer
noch so grosses Gewicht gelegt wird, so wollen wir demselben noch
einige Worte der Widerlegung widmen.
Unter Seele oder Seelenthätigkeit verstehen wir allgemein eine
Summe von verschiedenen, hoch difi'erenzirten Functionen des Central-
XI. Die Seele als Character der Thiere. 233
nervensystems, unter denen der Wille und die Empfindung die wich-
tigsten sind. Der Wille, welcher der willkührlichen Bewegung zu
Grunde liegt, und die Empfindung sind Vorstellungen, welche
nur in dem hoch entwickelten Centralnervensystem der höheren
Thiere ausschliesslich zu Stande kommen und als complicirte
Molekularbewegungen in den Ganglienzellen zu betrachten sind.
Es erfordern diese sehr verwickelten Nervenbewegungen eine ent-
sprechend complicirte Structur der N ervencentren , wie sie sich nur
bei den vollkommeneren und entwickelteren Thieren vorfindet. Auch
diese höchst feinen und zusammengesetzten Structur -Verhältnisse des
,,Seelen- Organs", sowie die von ihm ausgehende Seelen -Thätigkeit,
haben sich, gleich allen höheren Organen und Functionen der voll-
kommeneren Thiere, erst allmählig durch Differenzirung aus einfachen
Verhältnissen hervorgebildet. Bei den niederen Thieren (z. B. bei
zahlreichen niederen Entwicklungsstufen der Coelenteraten , Echino-
dermen, Würmer, Mollusken) finden wir statt deren nur die viel ein-
facheren Functionen, welche man mit dem Namen der „Reflex-
bewegungen" belegt hat. Diese Reflex -Functionen der niederen
Thiere finden sich auch bei den Protisten und den Pflanzen
wieder, welche kein ditferenzirtes „Nervengewebe" besitzen; sie sind
also nicht nothwendig an ein entwickeltes Nervensystem geknüpft,
während der Wille und die Empfindung, ebenso wie das mit ihnen
verbundene Bewusstsein, immer eines hoch entwickelten und coni-
plicirt gebauten Nervencentrums als unentbehrlichen Organes bedürfen.
Wenn wir von den einfacheren und niederen Thierformen durch die
Reihe der allmählig ditferenzirten Zwischenstufen zu den höchsten
und vollkommensten Thieren (innerhalb eines und desselben Stammes)
emporsteigen, und ebenso wenn wir von der Larve oder dem neuge-
borenen Thiere (z. B. beim Menschen) zu dem reifen und erwachsenen
Thiere aufsteigen, so sehen wir aus den Reflex-Functionen der niederen
Entwickelungszustände sich allmählig und langsam Nervenbewegungen
entwickeln, die sich in die drei getrennten Haupt- Functionen des
Seelenlebens: Empfindung, Wille und Gedanken differenziren.
Empfindung und Wille sind Vorstellungen, welche während der
Leitung einer Nervenauslösung entstehen, und die unmittelbare Leitung
der Reflexbewegungen unterbrechen, gewissermaassen in diese einge-
schaltet werden. Wie wir oben (p. 214) gesehen haben, können wir
uns die Reflexbewegung einfach vorstellen als eine geschlossene Kette
von Auslösungen, welche von der Peripherie des Körpers (vom
Sinnesorgan) ausgeht, und zu derselben (zum Bewegungsorgan, dem
Muskel) zurückkehrt. Unmittelbar hat hier die Auslösung der centri-
petalen Nervenfaser diejenige der centrifugalen zur Folge. Die cen-
trale Ganglienzelle oder die Gruppe von Ganglienzellen, welche die
234 Thiere und Pflanzen.
Auslösung- von der sensiblen (centripetalen) zur motorischen (centri-
fugalen) hiniiberleiten , erfüllen diese Function, ohne dass in ihnen
dadurch die eigentümliche Molekularbewegung der „Vorstellung"
entsteht. Erst wenn diese „Vorstellung" in den Eiweissmolekülen
der Ganglienzellen erregt wird, können wir von einer ..Seele" des
Thieres sprechen, und wir bezeichnen dann diejenige Vorstellung,
welche bei der Erregung der Ganglienzellen durch die centripetale
Faser erzeugt wird, als Empfindung, diejenige Vorstellung dagegen,
welche bei der Erregung der centrifugalen Faser durch die
Ganglienzelle erzeugt wird, als Wille. Die am schwierigsten zu be-
greifende, dunkelste und höchste Function der thierischen Seele ist
die Gedankenbildung, welche in Vorstellungen besteht, die in den
Ganglienzellen während der Leitung, wahrscheinlich aber immer durch
eine höchst complicirte Wechselwirkung zahlreicher centrifugaler und
centripetaler Erregungen, erzeugt werden. Mögen wir über diese
Vorgänge noch so sehr im Dunkeln sein, so viel ist sicher, dass alle
diese differenzirten Nervenbewegungen, welche man unter dem Namen
des Seelenlebens zusammenfasst, sich erst allmählig bei den höheren
Thieren differenzirt und aus den einfacheren Reflexbewegungen her-
vorgebildet haben, welche alle niederen Thiere mit den Protisten und
Pflanzen theilen.
XU. Zoologie, Protistik, Botanik.
Wenn die von uns vorgeschlagene Dreitheilung der Organismen-
Welt, die Aufstellung der drei coordinirten Hauptgruppen oder Reiche :
Thiere, Protisten, Pflanzen, naturgemäss ist, wie wir glauben, so muss
die Biologie, als die Gesammtwissenschaft von den Organismen, von
diesem Gesichtspunkte der Classification aus in drei coordinirte Haupt-
zweige zerfallen: Zoologie, Protistik, Botanik. Jede dieser drei Wis-
senschaften hat ihr besonderes Object und hat zur Aufgabe die voll-
ständige Erkenntniss dieses Objects, in allen den verschiedenen
Beziehungen, welche wir bereits oben (im zweiten Capitel) erläutert
haben. Es muss also jede dieser drei Wissenschaften in die verschie-
denen Zweige und Aeste zerfallen, welche oben (p. 21) als die Zweige
und Aeste der gesammten Biologie hingestellt worden sind. Wir he-
ben dies hier ausdrücklich hervor, weil Begriff und Aufgabe der Zoo-
logie von den allermeisten Zoologen, Begriff nnd Aufgabe der Bo-
tanik von den allermeisten Botanikern nicht in diesem Sinne aufge-
fasst werden, vielmehr fast immer nur einzelne grössere oder kleinere
Bruchstücke ihres weiten und grossen Wissenschaftsgebiets als die
„eigentliche" Zoologie und die „eigentliche" Botanik angesehen wer-
den. Natürlich existirt in dieser Beziehung nicht die mindeste Ueber-
XII. Zoologie, Protistik, Botanik. 235
einstimm ung zwischen den verschiedenen Biologen, da in der Regel
ein Jeder nur den kleinen abgerissenen Fetzen der Wissenschaft als
„eigentliche" Thier- oder Pflanzen-Kunde preist, in welchem er spe-
ciell bewandert ist. Da unter diesen Umständen gegenwärtig die
grösste Verwirrung und die allgemeinste Unklarheit über die wahre
Aufgabe und das eigentliche Ziel der Zoologie und Botanik herrscht,
so halten wir es keineswegs für überflüssig, hier nochmals ausdrück-
lich hervorzuheben, dass Zoologie die Gesammtwissenschaft von den
Thieren, Protistik oder Protistologie die Gesammtwissenschaft von
den Protisten, Botanik oder Phvytologie die Gesammtwissenschaft von
den Pflanzen ist; und dass jede dieser drei Wissenschaften die voll-
ständige und, allseitige Erkenntniss des ihr zugetheilten Organismen-
Reiches zur Aufgabe hat.
Jeder vernünftige und logisch denkende Mensch, der ausserhalb un-
serer Wissenschaft stellt, wird die vorstehenden Sätze so selbstverständlich
und natürlich finden, dass es ihm sehr überflüssig erscheinen könnte, diesel-
ben hier doppelt und dreifach hervorzuheben. Jeder unbefangene Natur-
forscher aber, der mit der unendlichen Divergenz der allgemeinen biologi-
schen Ansichten vertraut ist, und der eine grössere Anzahl von Biologen
und von biologischen Schriften über die Aufgaben ihrer Wissenschaft be-
fragt hat, wird umgekehrt die ausdrückliche Betonung jener Sätze für eine
fundamentale Notwendigkeit halten. In der Tuat braucht man bloss ein
paar Dutzend der gebräuchlichsten Lehr- und Hand-Bücher der Zoologie
und Botanik in die Hand zu nehmen und zu vergleichen, um. sich zu über-
zeugen, dass die meisten Verfasser derselben thatsächlich nicht den ganzen
Umfang und vollen Inhalt, und also auch nicht das letzte Ziel und die
ganze. Aufgabe der Wissenschaft, der sie ihr Leben gewidmet haben, ken-
nen. Die einen halten die Systematik, die anderen die Anatomie, einige
die Morphologie, andere die Physiologie für die „eigentliche" Zoologie oder
die „eigentliche" Botanik. Die allermeisten sogenannten Zoologen und Bo-
taniker beschäftigen sich vorwiegend oder ausschlie slich mit einzelnen Thei-
len der Morphologie, die einen (Systematiker) mehr mit den äusseren, die
anderen (Anatomen) mehr mit den inneren Formverhältnisseu der Organis-
men; jeder von beiden behauptet aber, dass er die „eigentliche" Zoologie
oder Botanik treibe. 1 ) Die Physiologie wird von den Meisten als eine be-
') Sehr viele sogenannte Zoologen und Botaniker sind auch jetzt noch nicht
über deu Standpunkt des alten Boerhaave hinaus, der die Botanik mit fol-
genden Worten definirte: „Botanica est scientiae naturalis pars, cujus ope feli-
cissime et mininio negotio plautae cognoseuntur et in memoria retinentur." Das
in Deutschland am meisten verbreitete „Handbuch der Zoologie" von Wieg-
mann stellt noch in der neuesten, von Troschel umgearbeiteten Auflage (1864)
der Zoologie folgende Aufgabe: ,,Sie hat die äusseren Formen der Thiere (!),
das Wichtigste (!) ihres inneren Baues, ihre Lebensweise und Heimath kennen
zu lehren; sie hat die in der Gesammtheit ihres Wesens übereinstimmenden
Thierformen in Arten, Gattungen, Familien, Ordnungen und Klassen zusammen-
zustellen, um so das Vielen Gemeinsame leichter hervorzuheben, und das Erken-
236 Thiere und Pflanzen.
sondere, ganz verschiedene Wissenschaft angesehen, die mit der „eigent-
lichen" Zoologie oder Botanik Nichts zu thun hat, Die Entwicklungsge-
schichte der Individuen (die Ontogenie oder sogenannte Embryologie) ist
zwar neuerdings etwas mehr zu Ehren und Ansehen gekommen und wird
wohl von den meisten Botanikern und einigen Zoologen als ein integriren-
der und höchst wesentlicher Zweig der Biologie anerkannt. Die coordinirte
Phvlogenie dagegen, die Eutwickelungsgeschichte der Stämme, einer der
interessantesten und wichtigsten biologischen Wissenschaftszweige, ist den
meisten Zoologen und Botanikern, ebenso wie die Palaeontologie, welche
ihr das empirische Material liefert, entweder gänzlich unbekannt oder wird
doch als eine fremde, weitabliegende Wissenschaft, allenfalls als eine in-
teressante Curiosität betrachtet. Wenn in dieser Weise, und es ist dies
Thatsache, die „Versteinerungen," die unschätzbaren Reliquien der ausge-
storbenen Thiere und Pflanzen, von den meisten Zoologen und Botanikern
entweder gar nicht berücksichtigt, oder doch nicht richtig verstanden und
gewürdigt werden, so hat dies gerade so viel Sinn, wie wenn die ver-
gleichenden Sprachforscher sich ausschliesslich mit den lebenden Sprachen
beschäftigen, und das Studium der ausgestorbenen für ein ganz fremdartiges
Curiosum erklären wollten.
Wir sind gewiss weit entfernt davon, den grossen Vortheil zu verken-
nen, welchen die weit vorgeschrittene Arbeitsteilung den einzelnen Fächern
der Biologie gebracht hat. Ihr allein oder doch vorzüglich verdanken wir
die ausserordentliche Vermehrung des (freilich meist nicht ordentlich ver-
werteten) empirischen Kenntniss-Materials, welche in den letzten Decennien
eine ganze Reihe von selbstständigen Wissenschafts-Zweigen hervorgerufen
hat. Und diese Arbeitsteilung wird und muss auch noch viel weiter gehen,
wenn die Riesen- Masse der noch nicht unserer Kenntniss unterworfenen
Tha,tsachen- Welt bewältigt werden soll. Allein wir können nicht umhin,
auch auf die grossen Nachtheile aufmerksam zu machen, welche mit jeder
solchen weitgehenden Arbeitstheilung verbunden sind, welche aber erst dann
die Wissenschaft erheblich beschädigen, wenn man sich, wie es jetzt meist
geschieht, ihrer Erkenntniss verschliesst, Hierher gehört, vor Allen die
blinde Einseitigkeit, mit der sich die meisten Biologen auf ein ganz klei-
nes und beschränktes Wissenschaftsgebiet zurückziehen, ohne sich weiter
um das Ganze der Wissenschaft zu bekümmern. Dadurch geht aber nicht
nur der erhebende Blick für das wundervolle Ganze der Natur, sondern
auch die Fähigkeit für die richtige Erkenntniss des Einzelnen verloren. Es
reis.st dadurch ferner eine Einseitigkeit in der Untersuchungsmethode und
Darstellungsweise jedes einzelnen kleinen Gebietes ein, welche ein gegen-
seitiges Verständniss erheblich erschwert und Verwirrung in die Literatur
bringt. Endlich aber verlieren durch diese ausschliessliche Versenkung in
das kleinste Detail die Naturforseher ganz den Blick für die Erkenntniss der
Naturgesetze, welche doch das höchste und letzte Ziel der Wissenschaft ist,
nen der einzelnen Arten zu erleichtern (!)." Von Physiologie und Entwicke-
lungsgeschichte, von Palaeontologie etc. ist in diesem, wie in den meisten übrigen
Handbüchern Nichts oder nur einzelne beiläufige Bemerkungen zu finden.
XII. Zoologie, Protistik, Botanik. 237
Die allgemeine Begriffsverwirrung, welche in den meisten biologischen
Discipliuen herrscht, und die merkwürdige Unklarkeit, in welcher sich die
meisten Biologen über Inhalt und Umfang der Wissenschaftszweige be-
finden, in denen sie speciell arbeiten, ist von uns bereits im zweiten und
dritten Capitel eingehend gerügt worden. Um sich von der wirklichen Be-
gründung dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, ersuchen wir den Le-
ser, ein paar Dutzend der gebräuchlichsten zoologischen und botanischen
Hand- und Lehr-Bücher neben einander zu legen und ihre einleitenden er-
sten Capitel zu vergleichen. Man wird erstaunen über die unglaub-
lichen Widersprüche und die ausserordentliche Divergenz der Ansichten bei
den verschiedenen Autoren, welche sich nicht etwa auf untergeordnete Ge-
genstände beziehen, sondern auf die wichtigsten Fundamente der Wissen-
schaft, auf die Bestimmung des Inhalts und Umfangs der einzelnen Natur-
wissenschaften, welche die einzelnen Zoologen und Botaniker als die Be-
standteile der „eigentlichen" (neuerdings „wissenschaftlichen") Zoologie
und Botanik zu bezeichnen belieben. Wenn wir schon oben gezeigt haben,
dass die Begriffe der Morphologie und Physiologie, der Anatomie uud
Systematik, der Organologie und Histologie u. s. w. von den verschiedenen
Biologen in einem ganz verschiedenen und willkührlichen Sinne gebraucht
werden, so gilt dasselbe in noch höherem Maasse von den Begriffen der
Zoologie und Botanik. Es ist daher keineswegs überflüssig, wenn wir hier
nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, dass jeder biologische Wissen-
schaftszweig, welcher eine einzelne Organismen -Gruppe behandelt, aus
allen denselben Disciplinen zusammengesetzt ist, welche wir oben (p. 21)
als integrirende Bestandteile der gesammten Biologie hingestellt haben.
Wenn wir also als die drei Hauptgruppen oder Reiche der Organis-
men die Thiere, Protisten und Pflanzen betrachten, und wenn wir unter
Zoologie, Protistik und Botanik die gesammte Wissenschaft dieser drei
Gruppen verstehen, so muss jede dieser drei Wissenschaften, gleich der
gesammten Biologie, zunächst in die drei coordinirten Disciplinen der
Morphologie, Chemie und Physiologie zerfallen, oder, wenn wir die statische
Chemie mit der ersteren, die dynamische Chemie mit der letzteren vereini-
gen, in die beiden Hauptfächer der Morphonomie (Morphologie im weiteren
Sinne) und der Phoronomie (Physiologie im weiteren Siune). Die Morpho-
logie spaltet sich wiederum in die beiden Hauptzweige der Anatomie und
Entwicklungsgeschichte (Morphogenie). Die Physiologie theilen wir eben-
falls in zwei Disciplinen: I. Die Physiologie der Conservation oder Selbst-
erhaltung (a. Ernährung, b. Fortpflanzung), IL die Physiologie der Rela-
tionen oder Beziehungen (a. Physiologie der Beziehungen der einzelnen Theile
des Organismus zu einander (beim Thiere Physiologie der Nerven und
Muskeln); b. Oecologie und Geographie des Organismus oder Physiologie
der Beziehungen des Organismus zur Aussenwelt). Um die gegenseitigen
Beziehungen dieser einzelnen Disciplinen klar zu übersehen, fügen wir als
Beispiel die folgende Tabelle über die einzelnen Zweige der Zoologie bei,
welche entsprechend auch für die Protistik und Botanik Geltung hat.
238
Thiere und Pflanzen.
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Drittes Buch.
Erster Theil der allgemeinen Anatomie.
Generelle Tectologie
oder
Allgemeine Structurlehre der Organismen.
(Individualitätslelire der Organismen.)
„Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; seihst insofern es
uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen, selbst-
ständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung
aber gleich oder ähnlich , ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen
sind theils ursprünglich schon verbunden, thcils finden und vereinigen sie sich. Sie
entzweien sich and suchen sich wieder, und bewirken so eine unendliche Pro-
duction auf alle Weise und nach allen Seiten.
„Je unvollkommener das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Theile einander
gleich oder ähnlich, und desto mehr gleichen sie dem Ganzen. Je vollkommener das
Geschöpf wird, desto unähnlicher werden die Theile einander. In jenem Falle ist
das Ganze den Theilen mehr oder weniger gleich, in diesem das Ganze den Theilen
unähnlich. Je ähnlicher die Theile einander sind , desto weniger sind sie einander
subordinirt. Die Subordination der Theile deutet auf ein vollkommneres Geschöpf.
„Dass nun das, was der Idee nach gleich ist, in der Erfahrung entweder als
gleich oder als ähnlich, ja sogar als völlig ungleich und unähnlich erscheinen kann,
darin besteht eigentlich das bewegliche Leben der Natur, das wir in unseren Blät-
tern zu entwerfen gedenken."
Goethe Jena, 1807).
I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. 241
Achtes Capitel.
Begriff und Aufgabe der Tectologie.
Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles,
Kein Lebendiges ist Eins,
Immer ist's ein Vieles.
Goethe.
I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität.
Die Tectologie oder Structurlehre der Organismen ist
die gesammte Wissenschaft von der Individualität der be-
lebten Naturkörper, welche meistens ein Aggregat vou Individuen
verschiedener Ordnung darstellt. Die Aufgabe der organischen
Tectologie ist mithin die Erkenntniss und die Erklärung
der organischen Individualität, d. h. die Erkenntniss der be-
stimmten Naturgesetze, nach denen sich die organische Materie indi-
vidualisirt, und nach denen die meisten Organismen einen einheit-
lichen, aus Individuen verschiedener Ordnung zusammengesetzten
Formen-Complex bilden.
Begriff und Aufgabe der Tectologie, wie wir sie hier feststellen
und bereits oben (p. 30, 46, 49) im Allgemeinen erörtert haben, sind
bisher von den meisten Morphologen nicht scharf ins Auge gefasst
worden, da man in der Anatomie die Tectologie und Promorphologie
stets vermischt zu behandeln pflegt. Wenn nun auch diese Behand-
lungsweise in der anatomischen Praxis sich gewiss am meisten
empfiehlt, und es immer am bequemsten sein wird, bei der Anatomie
jedes einzelnen Organismus die gesammte Anatomie (Tectologie und
Promorphologie) der einzelnen Individuen verschiedener Ordnung nach
Haeckel, Generelle Morphologie. \Q
242 Begriff uml Aufgabe der Tectologie.
einander abzuhandeln (p. 45), so müssen wir dagegen hervorbeben,
dass es für das theoretische Verständniss des Organismus von der
grössteu Wichtigkeit ist, die wesentlich verschiedene Aufgabe der
beiden anatomischen Hauptzweige scharf getrennt zu erfassen , und
Tectologie und Promorphologie als gesonderte coordinirte Wissen
schaften neben einander zu begreifen. Für die allgemeine und syn-
thetische Betrachtung einer Organismen- Gruppe wird daher die voll-
ständige Trennung der Tectologie und Promorphologie , wie wir sie
hier durchführen, vorzuziehen sein, während für die besondere und
analytische Erforschung eines einzelnen Organismus sich mehr die
Verschmelzung der beiden anatomischen Hauptzweige und die Ein-
th eilung der gesammten Anatomie in die sechs, oben (p. 45) aufge-
führten Disciplinen empfehlen wird.
Der Körper der grossen Mehrzahl aller jetzt lebender Organismen
stellt ein verwickeltes Gebäude dar, welches aus gleichartigen und
ungleichartigen Theilen oder Organen in sehr complicirter Weise zu-
sammengesetzt ist. Allgemein können wir diese „Partes similares et
dissimilares" derart in verschiedene subordinirte Kategorieen einthei-
len, dass jede höhere Kategorie eine in sich abgeschlossene und selbst-
ständige Einheit, zugleich aber auch eine Vielheit von mehreren
Einheiten der nächstniederen Kategorie darstellt. Diese Kategorieen
betrachten wir als verschiedene Stufen oder Ordnungen von organischen
Individuen. Wir können daher auch die Tectologie oder Structurlehre
als die „Wissenschaft von der Zusammensetzung der Organis-
men aus organischen Individuen verschiedener Ordnung 1 "
bezeichnen, wie es oben (p. 30) geschehen ist. Hiergegen ist nur zu
erinnern, dass diese verwickelte Zusammensetzung des Organismus aus
subordinirten Individualitäten A^erschiedener Ordnung bei sehr zahl-
reichen niederen Organismen fehlt, nämlich bei sehr vielen Protisten,
einzelligen Algen etc. und überhaupt bei allen Lebewesen, welche
zeitlebens auf der niedersten Stufe oder Ordnung der Individualität
stehen bleiben und blos den morphologischen Werth einer einzigen
Plastide (entweder einer Cytode oder einer Zelle) behalten. Auch
ist die Erwägung sehr wichtig, dass alle organischen Individuen ohne
Ausnahme, mögen sie auch in ihrer vollendeten Form die höchste
Stufe der Complication erreichen, und aus fünf verschiedenen Ord-
nungen von Individuen, wie die Wirbelthiere, oder aus sechs, wie die
meisten Phanerogamen, zusammengesetzt sein, dennoch diesen ver-
wickelten Hau erst durch die Entwickelung erreichen und in ihren
ersten Anfängen stets ein einfachstes Individuum erster Ordnung, eine
einzelne Plastide, repräsentiren. Da wir nun ausserdem in den homo-
genen und striicturlosen Moneren Organismen kennen, welche über-
haupt nicht aus ungleichartigen Theilen, sondern blos aus gleichartigen
I. Die Tectologie als Lehre von der organischen Individualität. 243
Eiweiss-Molekülen zusammengesetzt sind, so erscheint es nicht passend,
die Tectologie allgemein als Merologie oder Lehre von den Theilen
zu bezeichnen, falls man unter diesen ..Theilen" nur die Individuen
verschiedener Ordnung verstehen will. Vielmehr würde es vom allge-
meinen Gesichtspunkte aus passender erscheinen, falls der Ausdruck
der Tectologie oder Structurlehre aus jenem Grunde zu beschränkt
erscheinen sollte, diesen Zweig der Anatomie als die „Wissenschaft
von der organischen Individualität" oder kurz als die Biontologie 1 )
(Individualitäts-Lehre) zu bezeichnen.
Bevor wir die eigentliche Aufgabe der Tectologie oder Biontologie
zu lösen und die Gesetze zu erkennen versuchen, nach denen sich
die organische Materie iudividualisirt, erscheint es uns nothwendig,
den Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen zu erörtern
und die sehr verschiedenen Ansichten zu erwägen, welche die ver-
schiedenen Naturforscher sich über die Individualität der Organismen
gebildet haben. Erst dann können wir ausführlich unsere eigene An-
sicht von den morphologischen und physiologischen Individuen ver-
schiedener Ordnung begründen, welche nach unserem Dafürhalten
allgemein unterschieden werden müssen.
*&'
II. Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen.
Das Wort „Individuum" wird in ausserordentlich vielfacher und
verschiedenartiger Bedeutung angewandt. Seinem Wortlaute nach soll
dieser Begriff ein Untheilbares bezeichnen. Im strengsten Sinne
untheilbar können wir uns aber nur die Massen-Atome vorstellen, aus
denen wir uns nach der atomistischen Hypothese die Materie zusammen-
gesetzt denken, und die Atome des expansiven Aethers, welche die
attractiven Massen-Atome trennen. „Atom-' (ato/uog) ist ja ursprüng-
lich weiter Nichts, als das griechische Wort für das römische „Indivi-
duum", für das deutsche „Untheilbar". In diesem Sinne wurden
denn auch von früheren Philosophen die Ausdrücke Atom und Indivi-
duum als gleichbedeutend angewandt.
Das Wort Atom hat späterhin diese ursprüngliche Bedeutung des
Individuum allein beibehalten und wird jetzt in diesem Sinne aus-
schliesslich zur Bezeichnung der einfachsten und letzten discreten
Grössen, der kleinsten, homogenen und untheilbaren Stofftheilchen
verwandt, aus deren Aggregation die atomistische Hypothese die Masse
und den zwischen den Masse-Atomen befindlichen Aether construirt.
Das Wort Individuum dagegen wird zur Bezeichnung sehr verschie-
dener Erscheinungsformen der Materie gebraucht, welchen nur die
l ) ßiov, t6 , das concrete Lebewesen, das physiologische Individuum.
16*
244 Begriff und Aufgabe der Teetologie.
Idee der Einheit als gemeinsames Band zu Grunde liegt. Wenn
man von der einheitlichen Erscheinungsform der Individuen
absieht, so bleibt für den Begriff des Individuums weiter Nichts
übrig.
Hieraus folgt bereits, dass der Begriff des Individuums kei-
ner weiteren Definition fähig ist, dass er keine absolute, sondern nur
eine relative Bedeutung besitzt. Streng genommen ist das Indivi-
duum eigentlich gar kein Begriff, sondern nur die rein anschauliche
Auffassung irgend eines gegebenen Begriffes als Einheit unter einer
Vielheit von gleichen Begriffen. So hat schon Schieiden 1 ) das In-
dividuum als „die rein anschauliche Auffassung irgend eines wirk-
lichen Gegenstandes unter einem gegebenen Artbegriff" definirt.
Erst die Beziehung zu diesem Artbegriff lässt das Individuum als
solches erscheinen. Dasjenige, was im gewöhnlichen Leben am
häutigsten als Individuum bezeichnet wird, der einzelne Mensch, oder
die Person, ist ein Individuum unter dem Artbegriff seiner Nation;
die Nation ist ein Individuum unter den übrigen Nationen ihrer
Rasse; die Rassen sind Individuen unter der Menschen- Art ; die Men-
schen-Art ist ein Individuum unter den verschiedenen Säugethier-Arten
u. s. w. Erst wenn der Artbegriff vollkommen definirt ist, von dessen
Individuen man spricht, erhält das Individuum eine bestimmte Bedeu-
tung. Es tritt uns dann die Individualität als eine einheitliche Er-
scheinung entgegen, welche nicht getheilt werden kann, ohne ihren
Character, ihr eigenstes Wesen zu zerstören.
Ueber das gegenseitige Verhältniss der verschiedenartigen Indivi-
dualitäten, die uns in den concreten Naturkörpern entgegentreten,
über ihr coordiuirtes und subordinirtes Verhältniss im Allgemeinen
exi stiren noch keine zusammenhängenden Untersuchungen. Desto
mehr hat man sich bemüht, bestimmte Erscheinungsformen der Natur-
körper xar üzoxtjv als „eigentliche" Individuen zu bestimmen. Unter den
Anorganen Hess sich eine solche absolute Individualität leicht in den
Kr y st allen linden. Unter den Organismen hat man bei den Thieren
meistens keine Schwierigkeiten gefunden, indem man als typisches
Individuum die sowohl physiologisch als morphologisch vollkommen
abgeschlossene und einheitliche Erscheinung auftässte, in welcher
der einzelne Mensch und alle übrigen Wirbelthiere, wie die grosse
Mehrzahl der höheren Thiere überhaupt, auftreten, und welche wir
vorläufig als Person (Prosopon) bezeichnen wollen. Viel schwieriger
erschien dagegen die Feststellung eines solchen absoluten Individuums
im Pflanzenreiche, woher es sich erklärt, dass die Botaniker am meisten
sich mit dieser Frage beschäftigt haben. Als diejenige Einheitsform,
') Schieiden, Gruudzüge der wissensch. 13otuu. III. Aufl. 1850. II. p. 4.'
II. Begriff des organischen Individuums im Allgemeinen. 245
welche der thierischen Person aequivalent ist, haben die meisten Bo-
taniker bei den höheren Pflanzen den Spross oder die Knospe aner-
kannt. Da jedoch neben dieser Anschauung noch eine Anzahl von
anderen sehr verschiedenartigen Auffassungen der thierischen und
pflanzlichen Individualität sich Geltung verschafft haben, so können
wir eine allgemeine Uebersicht derselben hier nicht umgehen ; und
zwar wollen wir zunächst die verschiedenen Ansichten über das pflanz-
liche, dann diejenigen über das thierische Individuum neben einander
stellen. Es wird sich durch eine vergleichende Betrachtung dieser
sich widersprechenden Auffassungen schon die Ansicht vorbereiten, zu
der uns die eigene eingehende Untersuchung mit Notwendigkeit hin-
führt, dass wir nämlich auf die Aufstellung von absoluten organischen
Individuen überhaupt verzichten müssen, und nur dadurch zum Ziele
gelangen, dass wir verschiedene Ordnungen oder Kategorieen
von relativen Individuen in den organischen Naturkörpern unter-
scheiden.
HI. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums.
Als pflanzliche Individuen in absolutem Sinne werden von der
unmittelbaren und nicht in die Zusammensetzung der Pflanzenformen
eindringenden Naturanschauung der Laien diejenigen für die ober-
flächliche Betrachtung am meisten physiologisch und morphologisch
abgeschlossenen Einheiten bezeichnet, welche die Botanik mit einem
schärferen Ausdruck als Stock oder zusammengesetzte Pflanze (Cor-
mus) bezeichnet. Der einzelne Baum, der einzelne Strauch, das ein-
zelne Kraut mit seinem Stengel und seiner Wurzel, seinen Aesten und
Zweigen, seinen Blättern und Blüthen, scheint auf den ersten Blick
dasjenige zu sein, was am nächsten der individuellen Persönlichkeit
der höheren Thiere als geschlossene Einheit sich gegenüberstellt.
Eine nähere Betrachtung zeigt jedoch bald, dass weder physiologisch
noch morphologisch diese Einheit so absolut und selbstständig ist, als
sie zunächst erscheint. Benachbarte, scheinbar selbstständige Stöcke
hängen unterirdisch durch ihre Wurzelausläufer zusammen, indem ent-
weder, wie z. B. bei den Tannen eines Tannenwaldes, die Wurzel-
fasern vieler ursprünglich selbstständiger Stöcke in continuirliche Com-
munication treten und zu einem Netze verwachsen; oder indem eine
unterirdisch kriechende Axe nach oben viele Knospen absendet, welche
über der Erde als scheinbar selbstständige Stöcke auftreten. Aber
auch von den oberirdischen vollkommen isolirten Stöcken können die
verschiedensten Arten der Sprosse (Aeste, Zweige, Brutknospen etc.)
natürlich oder künstlich abgelöst werden und leben als selbstständige
Individuen weiter, indem sie sich alsbald wieder verästeln und neue
selbstständige Stöcke bilden.
246 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
Aus diesem Grunde haben die Botaniker schon seit langer Zeit
und mit Recht den Cormus oder Stock als eine zusammengesetzte
Pflanze, als ein Aggregat oder eine Colonie von Individuen betrachtet,
und dagegen als eigentlich individuelle Pflanze den Spross oder die
Knospe (Gemnia), den Trieb, aus welchem jeder einzelne Zweig
hervorgeht, und welcher stets nur einer einzigen Axe entspricht. Diese
Auffassung ist uralt und findet sich schon bei Aristoteles und
Hippokrates angedeutet. Sie ist dann später von Linne, 1 ) Goethe,
Erasmus Darwin (dem Grossvater des Reformators der Descendeuz-
Theorie) und vielen Anderen mehr oder minder bestimmt ausgesprochen
und zuletzt namentlich von Alexander Braun ! ) ausführlich begrün-
det worden. Für die Phanerogamen und die höheren Cryptoganien
lässt sich die Richtigkeit dieser Behauptung gar nicht verkennen, sobald
man ihre Vegetations- und Fortpflanzungs -Weise, die Art und Weise
des Aufbaues ihrer Stöcke, mit den ganz übereinstimmenden Verhält-
nissen der Stockbildung bei den Coelenteraten, und insbesondere den
Hydromedusen, vergleicht. Dass die Sprossen oder Knospen bei den
letzteren und bei den ersteren ganz dieselben Verhältnisse zu einander
und zum Ganzen zeigen, bedarf keines Beweises , und da bei den
Coelenteraten die Individuen -Natur der Sprosse, seien dieselben nun
polypoide (hydroide) oder medusoide Formen, von den deutschen
Naturforschern wenigstens, allgemein anerkannt ist, selbst bei den
Siphonophoren-Stöcken, wo sich einzelne Individuen durch weit gehende
Arbeitstheilung sehr weit von dem ausgeprägten Character der typischen
Individuen entfernen, so darf man, hierauf gestützt, den Sprossen der
Phanerogamen und der höheren Cryptoganien den morphologischen
Weilh und Rang der thierischen Personen unbedingt zugestehen.
Schwierigkeiten entstehen für diese Auffassung erst bei den nie-
deren Cryptogamen, Flechten, Pilzen und Algen, wo die individuelle
Selbstständigkeit der Sprosse in vielen Fällen weder vom morphologi-
schen noch vom physiologischen Standpunkte aus sich nachweisen
lässt. Dies ist z. B. dann der Fall, wenn der Spross, eine Seitenaxe,
nur als seitlicher Ausläufer einer einzigen Zelle auftritt, deren anderer
Theil der Hauptaxe als integrirender Bestandtheil angehört. Die
Durchführung des Grundsatzes, dass jeder seitlichen Axe der Rang
einer selbstständigen Individualität gebühre, scheint hier zu den selt-
samsten Widersprüchen zu führen. Auch könnte man dann daran
denken, ebenso jede kleinere seitlich von der Axe ausgehende Bil-
dung, Blätter, Haare etc. als Individuen zu erklären, ebenso auch
') Linne, Philos. botan. \ 132: „Gemmae totidem herbae."
2 ) Alexander Braun, l>a,s Individuum der Pflanze in seinem Verhältnis^
zur Species. Abhandl. der Beil. Akad. 1853.
III. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 247
die einzelnen, oft unter bestimmten Winkeln gegen einander geneigten
Glieder (Stengelglieder), in welche die einfache Axe bei vielen Pflan-
zen abgetheilt ist u. s. w.
Diese letztere Consequenz ist denn auch von vielen Botanikern
gezogen worden, und von den beiderlei Organen, aus denen sich der
Spross bei den höheren Pflanzen allgemein zusammensetzt, von der
Axe und dein Blatte, hat man Jedem die Individualität allein vindiciren
wollen. Die Auffassung des Blattes, als des eigentlichen Pflanzen-
Individuums; wurde namentlich durch die von Goethe begründete
Lehre von der Pflanzen -Metamorphose begünstigt, welche die ver-
schiedensten Pflanzen-Organe, Laubblätter, Blumenblätter, Staubgefässe,
Fruchtblätter etc. als differenzirte, durch Arbeitsteilung entstandene
Modifikationen eines und desselben Grimdorganes, des Blattes, nach-
weist, und wonach die ganze Pflanze lediglich eine Composition aus
differenzirten Blättern, gewissermaassen ein Blätterstock ist. Nach dem
cousequentesten Extrem dieser Auffassung erscheinen die Axengebilde
bloss als Aggregate aus den vereinigten Basaltheilen der einzelnen
Blätter. So ist nach Ernst Meyer das Stengelglied blos der untere
Theil des Blattes.
Ebenso wie das Blatt ist von Anderen das Stengelglied unter
dem Namen Phyton (Gaudichaud) als das eigentliche Individuum
der Pflanze hingestellt worden, so von Agardh, Engelmann,
Steinheil und Anderen. Dann würde der Spross als ein gegliederter
Stock, eine Vielheit von Individuen (Stengelgliedern) erscheinen, die
wie Stockwerke übereinander gebaut sind. Das Verhältniss des zu
jedem Stengelgliede gehörigen Blattes oder Blattquirls hat man dabei
so aufgefasst, dass das Blatt bloss der obere Theil des Stengel-
gliedes sei.
Mag man nun mit den letzteren Botanikern die Sprosse (Gemmae)
der Phanerogamen und der höheren Cryptogamen als Colonieen von
Stengelgliederu (Phyton) oder mit den ersteren als Stöcke von Blättern
ansehen, so wird man in beiden Fällen als die eigentlichen Individuen
Theile der Pflanze betrachten, welche nach den vorhergehenden Auf-
fassungen blos als Organe gelten konnten. Man hat sich in beiden
Fällen vorzugsweise auf physiologische Gründe gestützt, auf die
Fähigkeit einzelner Blätter oder einzelner Stengelglieder, unter be-
stimmten Verhältnissen die Art fortzupflanzen und neue Sprosse aus
sich zu erzeugen. Allein abgesehen von anderen Widersprüchen, zu
denen diese physiologische Argumentation führt, kann dieselbe schon
darum nicht für ausreichend gelten, weil in vielen Fällen schon ein-
zelne kleine Theile eines Blattes oder eines Stengelgliedes genügen,
um einem oder mehreren neuen Sprossen den Ursprung zu geben.
So wachsen z. B. bei Bryophyllum aus jedem Einschnitte des Blatt-
248 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
randes Sprossen hervor. Die absterbenden Blätter mancher Zwiebel-
gewächse erzeugen auf ihrer Oberfläche Brutknospen, aus denen neue
Stöcke hervorwachsen. In diesen Fällen sind es kleine Zellengruppen
von unbestimmter Umgrenzung (vielleicht selbst einzelne Zellen), Ana-
phyten, wie sie Schultz- Schultzenstein genannt hat, welche
das physiologische Individuum repräsentiren, „welche, von der Pflanze
getrennt, selbstständig fortleben, keimen und sich weiter entwickeln
können." Will man hier aber cousequent und logisch verfahren und
nicht ganz willkührlich die Grenze der Individualität umschreiben, so
muss man bis auf die Zellen als auf die eigentlichen und letzten
morphologischen Elemente der Pflanze zurückgehen.
Dieser letzte Schritt ist denn auch von bedeutenden Botanikern
geschehen und die Zelle als das eigentliche organische Individuum
betrachtet worden, aus dem sich durch Aggregation der zusammen-
gesetzte Körper aufbaue. Schon Schieiden und Schwann, die Be-
gründer der neueren Zellenlehre, haben die Zelle in diesem Sinne
aufgefasst, und nach ihnen viele Andere. Auch diese Ansicht hat ihre
Berechtigung. Sowohl in physiologischer als in morphologischer Hin-
sicht besitzen die Zellen, und zwar in viel höherem Maasse die pflanz-
lichen als die thierischen Zellen, einen hohen Grad von Individualität,
der ihnen eben ihren bestimmten Character verleiht, und sie als die
eigentlichen Elementar -Organe oder auch Elementar- Organismen er-
scheinen lässt. Als solche sind sie die activen Lebenseinheiten oder
Bionten, deren Summe und Product erst der ganze Organismus mit
allen seinen Leistungen ist.
Allein so wichtige Gründe auch dafür sprechen mögen, die Zelle
als das am meisten selbstständige und absolute Individuum hinzu-
stellen, so begegnen wir doch auch hier unüberwindlichen Schwierig-
keiten, die einer Verallgemeinerung dieser Auflassung sich entgegen-
stellen. Zunächst giebt es eine grosse Anzahl von niederen Organis-
men, auf welche sich diese Bestimmung der Individualität nicht an-
wenden lässt, weil sie weder, gleich den höheren, aus Zellen zu-
sammengesetzt sind, noch auch im Ganzen einer einzigen Zelle ent-
sprechen. Zu diesen niedersten Organismen, welche überhaupt keine
bestimmte Beziehung zur organischen Zelle erkennen lassen, und
die wir desshalb unten als Cytoden den Zellen gegenüber stellen
werden, gehören z. B. viele Rhizopoden, gewisse (kernlose) Algen etc.
Ferner kennen wir viele Beispiele , in denen auch einzelne Theile
einer sogenannten Zelle sich einen hohen Grad von individueller
Selbstständigkeit aneignen und neuen Zellen den Ursprung geben
können. Unter den einzelligen Pflanzen aus der Algengruppe der
Siphoneen giebt es Arien (Bryopsis etc.), bei denen der einzellige
Körper ein fast unbegrenztes Wachsthum zeigt, einen Stock mit vielen
III. Verschiedene Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 249
Aesten und Zweigen bildet und in eine Masse von unbestimmt be-
grenzten peripherischen Theilen sich auflöst, deren jeder wieder so-
fort nach seiner Trennung von der Zelle zu einem einzelligen Indi-
viduum sich zu gestalten vermag.
So ist es denn gekommen, dass einige Botaniker in ihrem analy-
tischen Bestreben, die Pflanze als ein zusammengesetztes Aggregat
von Individuen nachzuweisen, auch nicht bei der Zelle stehen geblie-
ben sind, sondern nach weiteren Elementen gesucht haben, aus denen
die Zellen erst wieder zusammengesetzt seien, und welche die eigent-
lichen und letzten selbstständigen Individuen der Pflanzen repräsen-
tiren sollten. Schon Turpin sprach die Idee aus, dass diese eigent-
lichen „Urindividuen" der Pflanze die Kügelchen des Zellinhalts seien,
durch deren Aueinanderlegung die Zelle (als Individuum zweiter Ord-
nung) gebildet werden solle. Ebenso fasst Ktitzing die Zelle nicht
als Elementarform der Pflanze, sondern als eine complicirte Gestalt
auf, zusammengesetzt aus einfacheren Körpern, die er als „Molekular-
gewebe" zusannnenfasst, und welche für sich allein gewisse Pflanzen
niedersten Ranges bilden sollen. Unger hält zwar die Zelle für das
eigentliche Elementar- Organ der Pflanze, unterscheidet aber in ihr
als kleinste „individualisirte" Körper noch Bläschen, Fasern, Kör-
ner etc. Ebenso erklärt auch Nägel i die Pflanzenzelle für einen com-
plicirten Organismus, der aus individuellen Theilen zusammengesetzt
ist, z. B. aus Stärkekörnern u. dergl mehr.')
Dass auch diese Auffassung ihre Begründung hat, ist nicht zu
bezweifeln. Die Zelle selbst kann in der That als selbstständiger
Organismus angesehen werden, und erscheint als solcher wiederum
aus Organen zusammengesetzt, aus verschiedenartigen Theilen, welche
zum Bestehen des Ganzen zusammenwirken. Mindestens zwei ver-
schiedenartige Theile sind an jeder echten Zelle zu irgend einer Zeit
ihres Lebens nachzuweisen, nämlich der innere Kern und das äussere,
diesen umschliesseude Protoplasma. Diese beiden Fuudamental-Organe
der Zelle sind aber selbst wieder aus Theilchen zusammengesetzt, und
diese letzteren könnten wir als die wirklichen elementaren Individuen
der Pflanze bezeichnen. Suchen wir diese näher zu bestimmen, so
können wir sie in Nichts Anderem finden, als in den physikalischen
') In der seltsamsten Form ist eine ähnliche Idee von dem kürzlich ver-
storbenen Anatomen Mayer in Bonn ausgesprochen worden, welcher in seinen
„Supplementen zur Lehre vom Kreislauf' (1837, p. 49) die kleinsten Körnchen
des Zellinhalts (auf Grund ihrer Molecularbewegung) für thierisch-belebte Indivi-
duen (Biosphaeren) erklärt, welche die Pflanze als ihre Wohnung aufbauen.
„Den Hamadryaden gleich bewohnen diese sinnigen Monaden die gehei men
Hallen der itindenpaläste, welche wir Pflanzen nennen, und feiern hijgrTia ÄtMl&is.
Zucht ihre Tänze und ihre Orgien.'" / 0«i e i * < Jt\
250 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
Molekülen , welche die Materie des Kerns und des Protoplasma zu-
sammensetzen. Diese Moleküle selbst aber sind wieder aus den
chemischen Atomen zusammengesetzt. Somit wären wir denn wieder
bei unserem Ausgangspunkt angelangt, nämlich der Identität von Atom
und Individuum. Freilich ist hiermit, wie schon Alexander Braun
ausgeführt hat, Nichts gewonnen. Denn wir besitzen nicht die Mittel,
die supponirteu Moleküle und Atome durch die Beobachtung nachzu-
weisen. Allerdings müssen wir, wenn wir theoretisch dem Wesen des
Zellenlebens auf den Grund kommen wollen, annehmen, dass die
Thätigkeit der Atome und der durch ihre verschiedenartige Gruppirnng
gebildeten Moleküle es ist, aus welcher Form und Function der Zelle
resultirt. Aber für die uns vorliegende Frage ist durch die Aner-
kennung der unsichtbaren Atome als Individuen Nichts erreicht. Noch
weniger wird aber dadurch gewonnen, dass man die ganz verschieden-
artigen festen Körper, welche als sogenannter Zelleninhalt in vielen
Zellen sich finden, die Stärke-, Chlorophyll-, Fett-, Pigment-Körner etc.
als Individuen betrachtet. Diese sind jedenfalls am wenigsten be-
rechtigt, eine besondere Individualität in Anspruch zu nehmen. Auch
sind sie unter sich so verschieden, dass kein anderer gemeinsamer
Ausdruck für sie zu finden ist, als: „Geformte Inhaltstheile des Proto-
plasma." In sehr vielen Zellen fehlen sie als besondere, erkennbare
Theile völlig.
Werfen wir nun auf die verschiedenen Theile der Pflanze, welche
von den verschiedenen Forschern als die „eigentlichen" oder absoluten
pflanzlichen Individuen proclamirt worden sind, einen vergleichenden
Rückblick, so sehen wir bald, dass alle diese Theile subordinirte
Stufen eines gegliederten Ganzen sind, dass sie verschiedenen Kate-
gorieen oder Ordnungen angehören, von denen jede einzelne eine
Vielheit von der darauf folgenden untergeordneten Einheit repräsentirt.
Nicht weniger als fünf verschiedene Ordnungen oder über einander
geordnete Kategorieen von pflanzlichen Individuen lassen sich
gemäss den vorstehend augeführten verschiedenen Ansichten bei den
höheren Pflanzen deutlich unterscheiden, nämlich: 1) der Stock (Cor-
mus), 2) der Spross (Gemma), 3) das Stengelglied (Phyton), 4) das
Blatt (ein Organ), 5) die Zelle. Jede dieser Individualitäten reprä-
sentirt, für sich betrachtet, sowohl in Form als in Function eine selbst-
ständige Einheit; jede ist aber zugleich eine Vielheit von der nächst
niederen Kategorie und als solche kein Individuum mehr. Es folgt
hieraus also, dass wir das Suchen nach einem absoluten Individuum
aufgeben und uns damit begnügen müssen, die relative Individualität
der über einander geordneten Pflanzeutheile festzustellen. Diese Wahr-
heit ist denn auch schon lange von hervorragenden Botanikern aner-
HI. Verschiedeue Auffassungen des pflanzlichen Individuums. 251
kannt und darauf die Lehre von der relativen Individualität der
Pflanze begründet worden.
Dieser Auffassung gemäss, nach welcher verschiedene Potenzen
der individuellen Entwickelung, verschiedene Grade oder Kategorieen
(Ordnungen) von Individuen an der Pflanze unterschieden werden
müssen, nimmt Decandolle deren fünf verschiedene an, nämlich:
1) die Zelle, 2) die Knospe, 3) der Ableger (nicht von der Knospe
wesentlich verschieden, sondern ebenfalls ein Spross), 4) der Stock,
5) der Embryo (Alles, was aus einem einzigen Keim, wenn auch
zahlreich durch Theilung vervielfältigt, hervorgeht). Schieiden unter-
scheidet drei verschiedene Ordnungen von Individuen: l) die Zelle
oder das Elementarorgan, 2) die Einzelpflanze oder Knospe (Planta
simplex), 3) der Stock oder die zusammengesetzte Pflanze (Planta com-
posita). Weiter geht die Auffassung von Is'ägeli, welcher noch meh-
rere andere Individualitäts- Kategorieen des Pflanzenreichs in seine
Betrachtung hineinzieht, und deien sechs unterscheidet, nämlich:
1) die Moleküle der organischen vegetabilischen Substanz, 2) die
Zelle, 3) das Organ, 4) die Knospe (das Individuum im engeren
Sinne), 5) die Art, (j) das Pflanzenreich.
Wir glauben, dass allein diese Theorie von der relativen
Individualität im Stande ist, uns die Tectologie der Pflanzen zu
erklären und uns zu einer scharfen Begriffsbestimmung des pflanz-
lichen Individuums zu verhelfen. W r ir müssen, wie es von Decan-
dolle, Schieiden, Naegeli und Anderen schon als nothwendig
anerkannt ist, verschiedene subordiuirte Kategorieen von pflanzlichen
Individuen unterscheiden, von denen jede höhere als Einheit einen
Complex von mehreren Einzelwesen niederer Stufe, jede niedere als
Einheit einen Bestandteil eines Einzelwesens höherer Stufe repräsen-
tirt. Den oben bereits unterschiedenen fünf Stufen oder Ordnungen
fügen wir nuch eine sechste, bisher meist ganz vernachlässigte bei,
das Gegenstück oder Antimer. Wir unterscheiden also an den höhe-
ren, entwickelteren Pflanzen, von den niederen zu den höheren Stufen
aufsteigend, allgemein folgende sechs Ordnungen: 1) die Zelle
(Cellula), 2) das Organ (Blattorgan und Axorgan), 3) das Gegen-
stück oder Antimer, 4) das Steugelglied oder Folgestück (Metamer)^
ö) den Spross (Gemma), (i) den Stock (Cormus).
IV. Verschiedene Auffassungen des protistischen Individuums.
Der wichtigste und am meisten ausgesprochene morphologische
Character der Protisten, wodurch sie sich vorzüglich von den Thieren
und Pflanzen unterscheiden, besteht in der höchst unvollkommenen
Ausbildung ihrer Individualität und in dem vorherrschenden Stehen-
252 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
bleiben auf den niedersten Stufen derselben, welche von den Thieren
und Pflanzen in ihren ersten Entwicke'ungs-Stadien rasch durchlaufen
werden. Bei sehr zahlreichen Protisten giebt die Unvollkommenheit
ihrer morphologischen Ausbildung, der Mangel einer eigentlichen
organologischen Differenzirung und die trotzdem ausgebildete, wenn
auch lockere Verbindung einfachster Individuen zu scheinbaren Colo-
nieen Anlass zu vielfachen Zweifeln über den eigentlichen morpholo-
gischen Werth ihrer Individualität. Daher sind denn auch in dem
letzten Decenninm, welches unsere Kenntniss der Protisten so ausser-
ordentlich erweitert hat, vielfach verschiedene Ansichten über die
eigentliche Individualität bei verschiedenen Protisten -Gruppen oder
Stämmen laut geworden.
Keinem Zweifel ist der Begriff der protistischen Individualität da
unterworfen, wo dieselbe zeitlebens auf der niedrigsten Stufe einer
einzelnen Plastide bestehen bleibt, sei dieselbe nun eine kernlose Cv-
tode, wie bei den Moneren und vielen Rhizopoden etc., oder eine
kernhaltige Zelle, wie bei den meisten Protoplasten und den einzeln
lebenden i solitären) Flagellaten und Diatomeen. Hier fällt jedes
Einzelwesen unter den Begriff eines physiologisch sowohl als morpho-
logisch vollkommen abgeschlossenen Individuums. Erhebliche Zweifel
und entschiedene Widersprüche über die Begrenzung der Individualität
sind dagegen bei denjenigen Protisten laut geworden, deren Einzel-
wesen eine Vielheit von lockerer oder enger verbundenen Piastiden
repräscntiren. Insbesondere sind es hier die Stämme der Rhizopoden
und Spongien, bei denen die Individualität von den verschiedenen
Beobachtern sehr verschieden beurtheilt worden ist.
Unter den Rhizopoden sind die Acyttarien, insbesondere die
Polythalamien, am längsten Gegenstand der Untersuchung gewesen.
Die älteren Beobachter sowohl, welche dieselben für Cephalopoden
hielten, als die meisten Neueren, welche Duj.ardins richtige Auf-
fassung ihrer Organisation theilten, namentlich auch Max Schul tze,
hielten die einzelnen vielkammerigen, oft denen der Cephalopoden so
ähnlichen Schalen der Polythalamien für Individuen. Ehrenberg
dagegen erklärte sie für Colonieen, die den Bryozoen- Stöcken ganz
nahe verwandt seien ; und unter den Neueren hat der treffliche Mono-
graph der Acyttarien, Carpenter, 1 ) dieselben ebenfalls für Thier-
stöcke erklärt. Jede einzelne Kammer der Schale mit ihrem Sarcode-
Inhalt ist nach ihm ein Individuum, die ganze vielkammerige Schale
aber eine Colonie. Diese letztere Auffassung ist nun allerdings dann
richtig, wenn man darunter nur Plastidcn -Stöcke versteht, nicht aber,
wie Carpenter und Ehrenberg, Colonieen, welche den ausgebilde-
') Carpenter, Introducliou tu the study uf tue Foraminifera. London 1862.
IV. Verschiedene Auffassungen des protistischen Individuunis. 253
ten Thierstöcken anderer Stämme (z. B. Anthozoen) analog sind.
Derartige echte Colonieen (Cormen) finden sich vor bei der höher
entwickelten Rhizopoden- Klasse der Radiolarieu, welche theils aus
solitären, einzeln lebenden, theils aus socialen, gesellig verbundeneu
Individuen besteht. Wie wir in unserer Monographie der Radiolarien l )
gezeigt haben, sind die einzelnen „Centralkapseln" oder „Nester" der
letzteren (der Collozoen, Sphaerozoen und Collosphaeren) vom mor-
phologischen Standpunkte aus mehr als Individuen einer socialen
Colonie von Polyzoen, vom physiologischen Standpunkte aus dagegen
mehr als Organe eines solitären Individuums, eines Polycyttariums
aufzufassen (1. c. p. 122). Da nun diese einzelnen Centralkapseln
(nebst zugehöriger Schale) die vollständigen morphologischen Aequi-
valente der vielkamnierigen Polythalamien sind, da z. B. die Tremato-
disciden den Soritiden, die Stichocyriden den Nodosariden unter den
Polythalamien vollständig entsprechen, so können die letzteren keine
wirklichen Colonieen sein, wie wir schon in der dort angehängten
Kritik der Carpenterschen Anschauung gezeigt haben (1. c. p. 568).
Sehr merkwürdig und instructiv für die wichtige Frage von der
organischen Individualität sind die Spongien, bei denen dieselbe in
sehr verschiedenem Grade entwickelt erscheint. Während die älteren
Beobachter jeden zusammenhängenden, einfachen oder verästelten
Schwammstock für ein Individuum hielten, waren diejenigen, welche
bei den Pflanzen den Spross für das eigentliche Individuum ansahen,
mehr geneigt, dieselbe Auffassung auch auf die verästelten Spongien
anzuwenden und jeden Zweig, jede Seitenaxe für ein Individuum zu
halten. Als man aber in neuerer Zeit die amoeboiden Urzellen kennen
lernte, welche das ganze Skelet der Schwammstöcke überziehen und
ihre Maschen ausfüllen, glaubte man in diesen Amoeboiden die eigent-
lichen Individuen finden, und demgemäss die ganzen Schwämme für
Colonieen von Rhizopoden halten zu müssen. Gegenüber dieser be-
sonders von Perty vertretenen Ansicht hielten die meisten Neueren,
besonders Duj ardin, und derjenige Anatom, dem wir die trefflichsten
Untersuchungen über die Entwickelung derPoriferen zu verdanken haben,
Lieb erkühn, die Auffassung fest, dass der ganze (gleichviel ob einfache
oder verästelte) Schwammstock ein einziges Individuum repräsentire. 2 )
Eine vierte, und wohl die richtigste Ansicht von der unvollständig
entwickelten Individualität der Schwämme, ist endlich von dem neuesten
Monographen der Poriferen, Oscar Schmidt, 3 ) ausgesprochen worden,
') E. Haeckel, die Organisation der Radiolarien-Colonieen (Polyzoen oder
Polycyttarien?) 1. c. p 116—127.
2 ) Lieberkühn in Müller' s Archiv für Anatomie und Phys. 1856 p. 512.
3 ) Oscar Schmidt, Supplement zu den Spongien des adriatischen Meeres,
1864, p. 17.
254 Begriff und Aufgabe der Tectolode
o
welcher die gesammten Spongien in einfache (solitäre) und in zu-
sammengesetzte (sociale) eintheilt. Die Genera Sycon, Ute, Dunster-
villia, Tethya, Caminus etc., kurz alle ..diejenigen Schwämme, welche
regelmässig nur eine Ausströmungs-Oeffnung besitzen, sind Einzel-
Individuen. Die Concentrirung der Lebenserscheinungen dieser Spon-
gien spricht sich darin aus, dass das Wassergefässsystem, diese fin-
den Spongientypus jedenfalls fundamental wichtige Einrichtung, ein
einheitliches ist." Clathria, Haüchondria, Spongilla dagegen, welche
gleich den meisten anderen Schwämmen mehrere oder viele Aus-
strömungs-Oeffnungen haben, sind Colonieen. „Jeder Theil des Stockes,
an welchem sich ein einzelnes Osculum öffnet, vereinigt die Bedin-
gungen und die Kennzeichen der Individualität in sich." Die einzelnen
Bezirke der Individuen sind aber in keiner Weise scharf von einander ab-
zugrenzen. Bios die Centra derselben, die Oscula, treten deutlich hervor.
Bei vielen Protisten, wie auch bei niederen Pflanzen (Algen),
wird die Individualitäts-Frage noch dadurch in eigenthümlicher Weise
complicirt, dass häufig sogenannte Copulation oder Conjugation statt-
findet, so namentlich bei den Protoplasten (Gregarinen, Amoeben etc.),
bei vielen Flagellaten, einzelnen Rhizopoden (Actinosphaeriden etc.),
und bei den Myxomyceten ; unter den Algen bei den Conjugaten (Des-
midiaceen und Zygnemen) etc. Es verschmelzen hier zwei oder
mehrere bisher selbstständige Individuen mit einander vollständig (Co-
pulation) oder theilweise (Conjugation), so dass sie nur noch ein ein-
ziges Individuum darstellen.
Die Stockbildungen oder Gesellschaften, welche unter den meisten
Protisten -Stämmen so verbreitet sind, können wir nur zum Theil für
echte Stöcke oder Cormen, analog denjenigen der Thiere und Pflanzen,
halten, nämlich dann, wenn die Individuen, welche sie zusammen-
setzen, selbst schon differenzirte Organismen sind, wie bei den Poly-
cyttarien und bei den Spongien mit mehrfachen Osculis. Dagegen
können wir den sogenannten Stöcken oder Colonieen vieler Diatomeen
und Flagellaten (Volvocinen) blos den Werth von Piastidenstöcken,
nicht von Cormen zugestehen, da sie blos locker verbundene und nicht
differenzirte Aggregate von einfachsten Individuen niederster Ordnung
(Piastiden) darstellen. Die verschiedenen Individualitätsstufen, welche
wir bei den meisten Pflanzen als Organe, als Antimeren und Meta-
meren, unterscheiden, sind bei den Protisten nur selten entwickelt
und daher auch die höhere Individualität des Ganzen nur sehr unvoll-
ständig ausgebildet. Bei den allermeisten Protisten repräsentiren die
Einzelwesen zeitlebens als Cytoden oder als Zellen nur Individualitäten
niederster Stufe, und die lockeren Associationen, welche dieselben in
vielen Fällen bilden, verdienen oft nicht den Namen von eigentlichen
Personen und von echten Stöcken.
V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 255
V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums.
Bei weitem weniger Schwierigkeiten, als den Botanikern, hat den
Zoologen die Feststellung der Individualität verursacht. Diese gingen
allgemein aus von der Betrachtung der höheren Thiere, bei welchen
durch den Eiuschluss aller Organe in das Innere eines räumlich scharf
begrenzten Körpers und durch die ausgeprägte Einheit dieses selbst-
ständigen Körpers in morphologischer und physiologischer Beziehung
der individuelle Character sehr deutlieh ausgesprochen ist. Daher
hielt man in der Zoologie gewöhnlich eine besondere Diskussion über
diesen Gegenstand für überflüssig. Erst als man in der neueren Zeit
den niederen Thieren und thierähnlichen Protisten ein genaueres Studium
zu widmen begann, musste sich denkenden Beobachtern bald die
Thatsache aufdrängen, dass hier, je weiter wir hinabsteigen, die Selbst-
ständigkeit und scharfe Umgränzung derjenigen Einheit, die bei den
höheren Thieren als vollkommen abgeschlossene Persönlichkeit uns
entgegentritt, sich immer mehr verliert. In der That sind hier, na-
mentlich unter den Würmern und Coelenteraten, die Schwierigkeiten
der Frage, was man denn eigentlich als Individuum im engeren Sinne
(der menschlichen Person, dem pflanzlichen Spross entsprechend) auf-
zufassen habe, mindestens ebenso gross, und oft noch grösser, als
es bei den Pflanzen gewöhnlich der Fall ist.
Ein weiterer Umstand, der das Verständnis» der thierischen In-
dividualität bedeutend beeinträchtigte, lag darin, dass man hier von
Anfang an entweder ausschliesslich oder doch vorwiegend die physio-
logische Seite der Frage berücksichtigte und die morphologische ganz
oder fast ganz vernachlässigte, während die Botaniker beide Seiten
gemischt ins Auge gefasst hatten. Dieser Umstand erklärt sich ganz
natürlich aus der mehr äusserlichen Gliederung der Pflanzenform und
den weit brauchbareren Angriffspunkten , welche die morphologische
Untersuchung der Pflanze gegenüber der viel schwierigeren physio-
logischen darbot. Auch kommt dabei wesentlich der Umstand mit in
Betracht, dass die Centralisation bei dem thierischen Individuum weit
grösser, als bei dem pflanzlichen ist, und dass insbesondere die durch
das Nervensystem vermittelten innigen Beziehungen der einzelnen
thierischen Körpertheile zu einander, welche sich bei den höheren
Thieren namentlich in der einheitlichen „Seele" aussprechen, bei den
Pflanzen viel weniger oder fast gar nicht entwickelt sind.
Eine eingehende Besprechung der thierischen Individualität von
physiologischem Gesichtspunkte aus findet sich in Johannes Müllers
Handbuch der Physiologie des Menschen. Im ersten Bande, und
zwar in dem zweiten Capitel der Prolegomena, welches „Vom Organis-
mus und vom Leben" handelt, wird die Bildung der Individuen als
256 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
*
eine besonders eharacteristische Eigenthümlichkeit der organischen
Materie, gegenüber der anorganischen, bezeichnet. Der Organismus
ist ein untheilbares Ganzes, weil er aus integrirenden ungleichartigen
Theilen nach einem zweckmässigen Plane zusammengesetzt ist. Diese
„praestabilirte Harmonie der Organisation" unterscheidet die letztere
wesentlich von der Krystallisation der Auorgane, welche bloss „Aus-
druck der waltenden Kräfte ist." Im Kry stalle, dem anorganischen
Individuum, ist Nichts von der „Zweckmässigkeit der Gestaltung für
die Thätigkeit des Ganzen" zu finden, welche den Organismus aus-
zeichnet. Im zweiten Bande seines Handbuchs geht Johannes
Müller ausführlicher auf diese Fragen ein, im ersten Abschnitte des
siebenten Buches, welches „von der gleichartigen Fortpflanzung oder
ungeschlechtlichen Zeugung" handelt. Hier wird als eharacteristische
Eigenthümlichkeit aller organischen Wesen, der Thiere, wie der Pflan-
zen, die ,.Multiplication durch das Wachsthum" bezeichnet. Die in
jedem organischen Keime enthaltene Kraft der Entwickelung zu einem
Individuum wird durch das Wachsthum desselben multiplicirt, und
derselbe organische Körper, welcher anfangs ein einziges Individuum
war, repräsentirt späterhin eine Vielheit von solchen. „Die ent-
wickelte Pflanze ist ein Multiplum der primitiven Pflanze, ein System
von Individuen, die sich bis auf die Blätter reduciren lassen." Das-
selbe Verhältniss findet sich bei den Thieren wieder, bald ganz so
offenbar, wie in den Pflanzen (so bei den Hydren und anderen Poly-
pen), bald versteckter, so jedoch, dass es „sich durch eine Kette von
Schlüssen an den Tag ziehen lässt. " Die Gestaltungsfähigkeit ein-
zelner Theile des Individuums zu neuen Individuen ist bei den ver-
schiedenen Thieren sehr verschieden gross, am ausgedehntesten bei
den niedrigsten, die den Pflanzen am nächsten stehen, und nimmt
nach oben hin, bei den höheren, stufenweis ab ; bei den meisten höhe-
ren ist sie bloss auf die Eier beschränkt. In dieser ganzen Exposi-
tion, welche, abgesehen von dem grösstentheils teleologisch - dualisti-
schen Standpunkte, viele treffliche Bemerkungen enthält, wird von
Johannes Müller last bloss die physiologische und insbesondere
die psychologische Individualität berücksichtigt, und als Kri-
terium des Individuums einerseits die Reproductionsfähigkeit des Thei-
les zum Ganzen, andererseits die Einheit seiner psychischen Lei-
stungen, wie sie sich namentlich im einheitlichen Willen äussert, hin-
gestellt.
Den sehr wichtigen Unterschied der physiologischen und morpho-
logischen Individualität des Thieres zu erörtern, fand sich erst Ge-
legenheit, als man diejenigen Gruppen niederer Thiere näher kennen
lernte, bei denen man im Zweifel sein kann, ob man sie als einzelue
Individuen oder als Gesellschaften von solchen, gleich den Pflanzen-
V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 257
stocken, auffassen soll. Das ist der Fall insbesondere bei den Cesto-
den unter den Würmern, und bei den Siphonophoren unter den Coe-
lenteraten, Tbiercolonieen, welebe man früberbin allgemein für ein-
zelne Individuen bielt, während man die individuellen Bestandtbeile der
Colonie als Organe ansah. Für die Siphonophoren wurde insbeson-
dere durch Leuckart in seiner Abhandlung „über den Polymorphis-
mus der Individuen oder die Erscheinung der Arbeitsteilung in der
Natur" (1351) der Beweis geführt, dass ihre schwimmenden, von einem
einheitlichen Willen beseelten und mit den verschiedenartigsten An-
hängen besetzten Körper keine Einzelthiere, sondern Stöcke seien;
Colonieen von polymorphen Individuen, welche durch hoch entwickelte
Arbeitsteilung in ihrer äusseren Form-Erscheinung weit aus einander
gegangen seien. Während sich einerseits durch Vergleichung mit den
einfachen polypoiden (hydroiden) und medusoiden Grundformen der
Hydromedusen-Klasse leicht der Nachweis führen lässt, dass alle die
verschiedenartigen Anhänge des Siphonophoren-Stockes, die Schwimm-
glocken, Saugröhren, Tastkolben, Fangfäden u. s. w. den ersteren
homolog, ihre morphologischen Aequivalente sind, wird doch anderer-
seits die Selbstständigkeit dieser Individuen durch ibre weit gehende
Differenzirung so sehr vernichtet, dass die physiologische Einheit des
Organismus nur durch den ganzen Stock repräsentirt wird und dieser
als das höhere Individuum erscheint.
In dieser vortrefflichen Abhandlung Leuckart s war bereits der
doppelte Hinweis darauf gegeben, erstens, dass man auch beim Thiere
wie bei der Pflanze, wenn man die Individualität bestimmen wolle,
Individuen verschiedener Ordnung: Stöcke, Individuen im
engeren Sinne, Organe u. s. w. unterscheiden müsse, und zweitens
dass man wohl zwischen morphologischer und physiologischer
Individualität zu unterscheiden habe. Leider wurden diese leiten-
den Gesichtspunkte gänzlich vernachlässigt in derjenigen umfangreichen
Abhandlung, welche die Frage von der thierischen Individualität wohl
am ausführlichsten, aber auch am verkehrtesten und verworrensten be-
handelt hat, in Reich erts Schrift „über die monogene Fortpflanzung"
(1852). Es würde uns zu viel Zeit und Raum kosten, aus dieser
breiten, seltsamen Schrift hier auch nur einen oberflächlichen Auszug zu
geben, da allein schon die Uebertragung der eigenthümlichen Ansich-
ten des Verfassers aus ihrem dunkeln mysteriös-philosophischen Ge-
wände in klares, verständliches Deutsch und eine fassliche Explication
der darin versteckten Gedanken einen allzugrossen Raum fortnehmen
würde. Auch sind die allgemeinen Anschauungen, aus welchen
Reichert seine Deductionen ableitet ; so oberflächlich und beschränkt,
so unklar und verworren, dass es nicht der Mühe lohnt, sie ernstlich
Haeckel, Generelle Morphologie. 17
258 Begriff und Aufgabe der Tectologie. .
zu widerlegen. ') Der maassgebende eigenthümliche Standpunkt des
Verfassers in der Individuen -Frage ist grösstentlieils ein physiologi-
scher und lässt sich kurz dahin resuniiren, dass er alle beliebigen Ge-
webstheile von Thieren und Pflanzen für Individuen erklärt, aus
denen unter Umständen Knospen sich entwickeln können, und Alles
für ..Individuenstöcke" ausgiebt, was derartige Theile enthält. Aber
auch jeder Körpertheil eines individuellen Organismus, der im Laufe
der Entwicklung nicht durch Differenzirung einer primitiven Anlage
entsteht, sondern durch Hervorwachsen über die äussere Oberfläche,
Wird für eine Knospe, ein Individuum erklärt, und der Körper aus
dem er hervorwächst, deingemäss für einen „Individuen-Stock". Jedes
derartige Hervorwachsen ist ein ungeschlechtlicher Zeugungsprocess.
In welche Verwirrung und Widersprüche diese ganz willkührliche Art
der Naturbetrachtung führt, mögen einige wenige Beispiele zeigen.
Da bei der Hydra bekanntlich die Fähigkeit fast aller Körpertheile,
sich abgelöst vom Thiere sofort wieder zum Individuum zu gestalten,
sehr gross ist, so werden „die Arme, die Darmhöhle, der Stiel der
einfachen Hydra für untergeordnete Individuen- Stöcke eines Haupt-
stockes" erklärt, Aber auch die verwandten marinen Hydroidpolypen
werden wegen dieser ausserordentlichen Ileproductionsfähigkeit der
ihnen nahestehenden Hydra für complicirte Individuen-Stöcke ausge-
geben, und zwar nicht nur die ausgebildeten Eiuzelthiere, sondern so-
gar ihre infusorienarligen Embryonen! Dasselbe wird dann weiter
von den einzelnen Medusen behauptet! „Die Medusa aurita ist ein
zusammengesetzter und complicirter Individuen-Stock, dessen einzelne
Theile strahlenförmig um die centrale Darmhöhle gruppirt sind. Was
man daher als Organe der Medusa aurita betrachtet, sind nicht die
Organe eines einlachen Individuums; es sind vielmehr Organe eines
Haupt -Individuen -Stockes, die selbst wieder Individuen- Stöcke dar-
stellen und sich sogar in Haupt- und untergeordnete Theile würden
eintheilcn lassen." Dieselbe Behauptung wird dann auch von den
Würmern, sowohl Turbellarien als Anneliden aufgestellt, ferner sogar
') Wenn Jemand dieses Urtlxeil zu hart finden sollte, so ersuchen wir ihn
sieh mit Aufopferung einer beträchtlichen Quantität von Zeit, Geduld und Mühe
durch die ganze, 150 Quartseiten breite Schrift hindurchzuarbeiten. Wenn es
gelungen ist, aus der dunklen und verworrenen Sprache Reicherts mit einiger
Sicherheit zu erräthen, was er eigentlich hat sagen wollen, und wenn man dann
den ganzen Gedankengang verfolgt, so wird mau über die absurden und anbe-
gründeten Willkührlichkeiten, an denen die ganze Schrift reich ist, erstaunen.
Man findet schliesslich, dass in dem anscheinend streng-philosophischen Gewände
nur ein ganz hohler und unbrauchbarer, von echter Philosophie weit entfernter
Inhalt verborgen liegt.
V. Verschiedene Auffassungen des thierisclien Individuums. 259
von den einfachen Individuen der Tunicaten und von den Echinodermen.
Von den letzteren sollen nicht allein die fünfstrahügen Individuen, son-
dern sogar die einzelnen Strahlen derselben complicirte Individuen-
stöcke sein, durch ungeschlechtliche Knospenzeugung entstanden. Man
würde vielleicht hinter diesem dunkeln Gewirre von ineinander laufen-
den und vielfach widersprechenden Behauptungen dennoch den richtigen
tectologischen Grundgedanken entdecken können, dass alle höheren
Organismen verwickelte Aggregate von differenzirten Individuen ver-
schiedener Ordnung seien, wenn nicht andererseits ein wesentlicher Un-
terschied zwischen „Individuen" und „Organen" gemacht würde. Wäh-
rend aber bei den Wirbellosen die ganze Zusammensetzung des Kör-
pers auf durch Knospung entstandene Individuenstöcke zurückgeführt
wird, ist bei den Wirbelthieren davon nicht mehr die Hede. Reich erts
Anschauungen würden sich noch einigermaassen rechtfertigen lassen,
wenn er wenigstens so viel Consequenz besessen hätte, den Menschen
und die übrigen Wirbelthiere , so gut als die Wirbellosen, für com-
plicirte Individuenstöcke zu erklären. Nach seiner Autfassung müsste
schon der Rumpf des Wirbelthieres immer ein Individuenstock sein
weil die einzelnen Abschnitte der Wirbelsäule durch ungeschlechtliche
Zeugung oder Knospenbildung entstehen. Hier wird aber der In-
dividuenstock plötzlich „Organstock" genannt, während die Wirbel-
losen in den Augen Reicherts keine „Organstöcke" zu besitzen
scheinen. Weiter müsste dann, wenn derselbe seine Anschauungen
consequent durchgeführt hätte, das Wirbelthier auch desshalb ein compli-
cirter Individuenstock sein, weil vier untergeordnete Individuenstöcke,
die Extremitäten, an ihm hervorsprossen, und an jeder dieser letzteren
müssten dann die fünf Zehen als die „eigentlichen" Individuen be-
trachtet werden. Mit welcher Inconsequenz und Willkühr Reichert
weiter verfährt, zeigt schon der Umstand, dass er die Fortpflanzung
durch Theilung gänzlich leugnet. „Hauptsächlich ist es die künst-
liche oder natürliche Ablösung von Individuen oder Individuen-Stöcken
eines meist durch Knospenbildung per intussusceptionem gebildeten
Hauptstockes gewesen, die zu der Theorie von der Zeugung durch
Theilung Veranlassung gegeben hat." Mit diesem Schlussworte der
seltsamen Schrift schliessen wir unser Urtheil über dieselbe. Einige
ihrer hervorragendsten Behauptungen sind schon von Victor Carus in
seiner Morphologie widerlegt; die übrigen widerlegen sich für den un-
befangenen Leser selbst.
Von weiteren Ansichten über die Bedeutung der thierischen In-
dividualität haben wir nun nur noch zwei sehr verschiedene Auffassungen
von V. Carus undvonHuxley zu erwähnen. Victor Carus widmet
den „thierischen Individuen und ihren verschiedenen Formen" ein be-
sonderes Capitel, das sechste des zweiten Buches, in seinem „System
17*
260 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
der thierischen Morphologie. " Hier findet sich zum ersten Male mit
voller Bestimmtheit die wesentlich morphologische Bedeutung der gan-
zen Frage betont, und deutlich die Ansicht ausgesprochen, „dass man
unter dem Begriffe der thierischen Individuen nur materiell abge-
schlossene morphologische Facta subsurairen darf," dass man
also wohl von verschiedenen Formen der Individuen sprechen, aber
nicht einzelne Formzustände eines Körpers als eben so viele Einzelin-
dividuen unter einem die ganze Formenreihe begreifenden Gesammt-
individuum begreifen darf, wie es Reichert that. Bestimmt man die
Individualität eines Thieres, so ist dasselbe im Momente der Beurthei-
lung als unveränderlich zu betrachten." Mit diesen Worten ist der
allein durchführbare Standpunkt zur Beurtheilung der thierischen Indivi-
dualität im engeren Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs voll-
kommen richtig bezeichnet und der morphologische Character der In-
dividualitäts-Anschauung gewahrt. Doch ist dieser richtige Gedanke
in seinen Consequenzen nicht weiter ausgeführt, und auch die Defini-
tion, die Carus von dem Individuum (im engeren Sinne!) giebt, l ) will
uns nicht erschöpfend erscheinen.
Als verschiedene Formen der thierischen Individualität
unterscheidet Carus 1. Vollständige Individuen, welche die drei
Functionsgruppen (Erhaltung seiner selbst, Erhaltung der Art, Bezie-
hung zur Aussenwelt) in sich vereinen und höchstens die Spaltung
des Geschlechtsunterschiedes in zweierlei verschiedenen Geschlechts-
Individuen zeigen. 2. Polymorphe selbstständige Individuen, wie die
verschiedenen theils geschlechtlich entwickelten, theils nicht geschlecht-
lich entwickelten Individuen der Insecten- Staaten, welche ohne ma-
teriellen Zusammenhang in Gesellschaften beisammen leben, als Sol-
daten, Arbeiter, Geschlechtsthiere u. s. w. differenzirt. 3. Polymorphe
Individuen, gleich den vorigen, theils geschlechtlich entwickelt, theils
nicht, sämmtlich aber materiell verbunden durch den Zusammenhang
ihres verlängerten Nahrungscanais, (z. B. in den Hydroidencolonieen).
4. Polymorphe Individuen, gleich den vorigen an einem Stock zusam-
men vereinigt, aber mit so weit entwickelter Arbeitstheilung, dass
nicht nur die Function der geschlechtlichen Fortpflanzung, sondern
auch die vegetativen und animalen Functionsgruppen auf verschie-
dene Individuen übertragen sind (Siphonophoren).
') „Unter Individuen verstehen wir die sich in ihrer entwickelten Form an
den ihrer Gattung gehörigen morphologischen Typus eng anschliessenden ma-
teriellen Einzelgrundlagen des Thierlebens, welche die drei Functionsgruppen
des thierischen Lebens entweder einzeln vollständig erfüllen , oder welche sich,
und zwar desto mehr je inniger ihre Verbindung zu einem Thierstocke ist, in
die Uebernahme einzelner Verrichtungen theilen." V. Carus, System der thieri-
schen Morphologie. 1853. p. 254.
V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 261
Eine eigenthümliche, genetische und von der vorhergehenden sehr
abweichende Auffassung der Frage von der thierischen Individualität,
und die letzte, welche wir hier zu erwähnen haben, rührt von einem
der hervorragendsten englischen Naturforscher, Th. Huxley, her. 1 ) Der-
selbe unterscheidet zunächst allgemein drei verschiedene Arten (kinds) der
Individualität überhaupt: 1. Das subjective oder arbiträre Individuum,
lediglich die einheitliche Anschauung eines einzelnen Dinges von einer
gegebenen Art bezeichnend, z. B. eine Landschaft, ein Jahrhundert.
2. Das Individuum als Einheit von Theilen, die durch ein Coexistenz-
Gesetz verbunden sind, z. B. ein Krystall. 3. Das Individuum als
eine Einheit von Zuständen, welche durch ein Successions-Gesetz ver-
bunden sind, also ein Cyclus (z. B. eine Pendelschwingung). Jeder
Organismus ist ein solches Individuum der letzteren Art, also eine
Einheit von verschiedenen, auf einander folgenden Zuständen, von der
Entstehung des Eies an bis zum Tode, so also der Mensch in seiner
Entwickelungsreihe als Ei, Embryo, Kind, Mann und Greis. Allge-
mein bezeichnet ist also das thierische Individuum die Summe der
Erscheinungen, welche durch ein Einzelleben nach einander repräsen-
tirt werden, oder mit andern Worten, die Summe aller einzelnen For-
men, die aus einem einzigen Ei hervorgehen.
Die sehr verschiedene Art und Weise, in der nach dieser Auf-
fassung das Individuum in verschiedenen Abtheilungeu des Thierreiches
repräsentirt wird, stellt Huxley in folgender Uebersicht zusammen:
I. Darstellung des Individuum s durch su ccessiveinseparable Formen.
A. Formen wenig verschieden. Einfaches Wachsthum (z. B. Ascaris).
B. Formen deutlich verschieden. Metamorphose (z. B. Triton).
II. Darstellung des Individuums durch successive separable
Formen.
1) Frühere Formen nicht unabhängig von den späteren.
A. Formen wenig verschieden. Wachsthum mitEcdysis oder Häutung (z.B.Blatta).
B. Formen deutlich verschieden. Wachsthum mit Metamorphose (z. B. Käfer).
2) Frühere Formen theilweis unabhängig vou den späteren (z. B. Seesterne).
III. Darstellung des Individuums durch successive und coexistente
separable Formen.
a. Aeussere Knospung. ] b. Innere Knospung.
A. Formen wenig verschieden. Alle Formen produciren Eier.
Hydra. Nais. j Gyrodactylus.
B. Formen deutlich verschieden. Bloss die letzten Formen produciren Eier.
Die letzten Formen nicht örtlich (General) erzeugt.
Medusa j Distoma
Die letzten Formen örtlich (Local) erzeugt.
Salpa | Aphis.
*) Th. Huxley, Upon animal individuality. Proceed. of the royal institution.
Nov. ser. Vol. I, 1855. p. 184 ff.
262 Betriff und Aufgabe der Tectologie.
Das Individuum in Huxleys Sinne repräsentirt, wie man sieht,
keine anatomische, sondern eine genealogische Einheit. Die Ein-
heit der Entwickelung, oder die Einheit der Abstammung von
einem und demselben Keime, und zwar von einem geschlechtlichen
Keime (Ei) , ist ihm das Kriterium der Individualität, und mithin die
geschlechtliche Zeugung die Grenzmarke der gleichen Individuen. Da
nun hiernach nur der geschlechtlich erzeugte Keim das Individuum
repräsentirt, und alle durch ungeschlechtliche Zeugung, sei es Knospen-
bildung oder Theilung, entstandenen Formen lediglich Theilstücke jenes
ersten sind, so kommen wir mit Huxley consequenter Weise zu dem
Schlüsse, dass nicht nur alle in einander geschachtelten Generationen
von Gyrodactylus, nicht nur alle durch Theilung oder Knospimg aus
einer einzigen geschlechtlich erzeugten Hydra oder Nais erzeugten
Formen, sondern auch alle Hydroidpolypen und deren Stöcke, welche
aus einem einzigen Medusen -Ei hervorgehen, ferner alle Salpen, die
in einer einzigen Salpenkette vereinigt sind, ja sogar säumitliche
Blattläuse, welche von der ersten geschlechtlich erzeugten Amme
durch ungeschlechtliche Zeugung in mehreren (9 — 1 1 und mehr) Gene-
rationen im Laufe eines Sommers hervorgebracht sind (möglicherweise
viele Millionen Blattläuse), alle zusammen nur ein einziges Individuum
darstellen, dass sie alle zusammen nur eine Repräsentation des Indivi-
duums durch successive und coexistirende separable Formen sind.
Dieselbe genealogische Auflassung, welche Huxley hier von den
thierischen Individuen darlegt, war schon vor längerer Zeit von
Gallesio in seiner „Teoria della riproduzione vegetale" (1816) hin-
sichtlich der Pflanzen aufgestellt worden. Auch Gallesio betrachtet
sämmtliche durch ungeschlechtliche Zeugung (Knospung oder Theilung)
entstandene Individuen, also alle Sprosse und Ableger der Pflanze
(Knospen, Knollen, Zweige etc.) nur als Theilstücke eines einzigen
Individuums, welches aus dem Ei (dem Samenkorn) hervorgegangen
ist. Durch alle verschiedenen Formen der ungeschlechtlichen Zeugung
soll das Individuum bloss fortgesetzt, kein neues Individuum erzeugt
werden.
So leicht es auch erscheinen muss, nach dieser Autfassung die
Grenze der organischen Individualität zu bestimmen, so wenig geeignet
erscheint dieselbe dennoch, eine allgemein befriedigende Vorstellung
von deij enigen anschaulich leicht aufzufassenden Einheit zu geben,
welche man allgemein als „Individuum im engeren Sinne" oder als
„absolutes Individuum" bezeichnet. Bei den höheren Thieren aller-
dings fällt der Begriff' der Individualität stets zusammen mit dem
Kriterium der geschlechtlichen Zeugung, der Entwickelung aus einein
befruchteten Ei. Bei den niederen Thieren dagegen und bei den aller-
meisten Pflanzen, wo geschlechtliche Generationen vielfach mit unge-
V. Verschiedene Auffassungen des thierischen Individuums. 263
schlechtlichen wechseln, kommen wir durch consequente Anwendung
dieses Kriteriums alsbald in grosse Verlegenheiten. In vielen Fällen
können wir die geschlechtlich erzeugten Individuen absolut nicht von
den ungeschlechtlich erzeugten unterscheiden, und jene führen eine
eben so selbstständige Existenz, als diese. In manchen Fällen wissen
wir positiv, dass zahllose vollkommen selbstständige Individuen oder
Individuenstöcke, z. B. alle Trauerweiden Europas, alle Blutbuchen,
alle Rosskastanien mit gefüllter Blüthe, durch fortgesetzte ungeschlecht-
liche Zeugung, Fortpflanzung durch Ableger, Knospen etc. aus einem
einzigen Individuum hervorgegangen sind. Sollen wir desshalb alle
diese einzelnen, über einen ganzen Erdtheil zerstreuten Bäume für
Theilstücke eines einzigen Individuums halten? Sollen wir alle die
Millionen von Blattläusen, die von einer einzigen geschlechtlich er-
zeugten Blattlaus durch fortgesetzte innere Knospung entstanden sind,
und die alle dieser letzteren, bis auf den Mangel gewisser Geschlechts-
teile, vollkommen gleichen, für abgelöste Stücke derselben erklären?
Es widerspricht dies zu sehr der natürlichen Forderung der räumlichen
Einheit, welche wir notlnvendig von dem Individuum, mögen wir
dasselbe nun mehr vom physiologischen oder mehr vom morpholo-
gischen Standpunkt aus betrachten, verlangen müssen. Auch kommen
wir dadurch in grosse Verlegenheit bezüglich derjenigen niederen
Organismen, bei denen eine geschlechtliche Fortpflanzung überhaupt
noch nicht nachgewiesen ist, wie z. B. bei zahlreichen Organismen des
Protistenreichs, bei den Moneren, Protoplasten, Khizopoden, Noctiluken,
Diatomeen etc. Da diese niedrig stehenden Organismen sich, wenig-
stens zum grossen Theil, ausschliesslich auf ungeschlechtlichem Wege
fortpflanzen, so würde das genealogische Individuum, wie es Gallesio
für die Pflanze, Huxley für das Thier bestimmt hat, sich hier über-
haupt nicht erkennen lassen. Es bliebe nichts übrig, als die ganze
Art, welche sich zahllose Generationen hindurch immer in derselben
Weise auf ungeschlechtlichem Wege fortpflanzt, oder vielmehr, da die
Art veränderlich ist, den Stamm, welcher sich aus allen verwandten
Arten zusammensetzt, als Individuum zu bezeichnen. Allerdings kön-
nen wir auch diese Individualität als solche gelten lassen; ein solcher
Entwickelungs-Cyclus ist auch eine organische Einheit; allein er ent-
spricht nicht dem Begriffe des individuellen Organismus, wie ihn die
Tectologie als Theil der Anatomie zu bestimmen hat. Vielmehr fällt
diese genealogische Individualität, als eine Entwickelungseinheit, der
Entwicklungsgeschichte oder Ontogenie anheim und wir werden sie
daher im fünften und sechsten Buche zu erläutern haben.
Blicken wir nochmals vergleichend zurück auf die angeführten
verschiedenen Versuche, welche zur Bestimmung der thierischen Indi-
vidualität gemacht worden sind, so finden wir deren Begriff weit
264 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
weniger entwickelt und scharf bestimmt, als es bei der pflanzlichen
Individualität der Fall ist. Insbesondere sind die verschiedenen Ord-
nungen von Individualitäten, welche die Botaniker (Decandolle,
Schieiden, Nägeli) in verschiedener Weise mehr oder minder scharf
als Kategorieen verschiedenen Grades zu bestimmen versucht haben, von
den Zoologen bisher nicht erkannt oder doch nicht irgend präcis als
solche bezeichnet worden, obwohl der Organismus der höheren Thiere,
ganz ebenso wie der der höheren Pflanzen, sich aus subordinirten
Individualitäten verschiedener Ordnung zusammensetzt. Allerdings
ist in neuerer Zeit mehr und mehr auch in der thierischen Biologie
die Zelle als Elementar-Organismus und als Individualität erster Ord-
nung anerkannt worden, und der ganze Organismus als eine organi-
sirte Gesellschaft, als ein Staat von Zellen. Insbesondere hat das
sorgfältige histologische Studium des menschlichen Körpers mehr und
mehr die Ansicht befestigt, dass die Zellen als die letzten selbststän-
digen „Lebensheerde" den ganzen Organismus constituiren, und dass
die Lebensthätigkeit des letzteren nichts Anderes ist, als die Summe
der Lebensthätigkeiten der einzelnen Zellen. Namentlich haben Brücke
u. A. die normalen, Virchow die pathologischen Functionen des
menschlichen Organismus in dieser Weise als das Kesultat der ge-
sammten Functionen der einzelnen Zellen oder „Elementar-Organismen"
nachzuweisen versucht. Da jedoch im thierischen Organismus die ein-
zelnen Zellen weniger selbstständig sind als im pflanzlichen, da ihre
Wechselbeziehungen unter einander und zum Ganzen innigere sind,
so ist diese richtige Auffassung nicht in der Weise wie bei den Pflan-
zen, zu allgemeiner Geltung gelangt. Ebenso hat man die Individua-
litäten höherer Ordnung, welche bei den Pflanzen theilweis schon er-
kannt worden waren, beim Thiere fast nirgends berücksichtigt. Eine
Ausnahme machen hier nur die Individuen höchster Ordnung, die
Stöcke (insbesondere die Colonieen der Würmer und Coelenteraten),
deren pflanzenstockäknliche Zusammensetzung zu einer analogen Be-
trachtung auffordert. Hier war es denn auch, wo der Unterschied
zwischen physiologischer und morphologischer Individualität mit Recht
besonders hervorgehoben und von den Zoologen (besonders Leuckart
und V. Carus) schärfer betont wurde, als es bei den Pflanzen ge-
schehen war.
Nach unserer Ansicht findet die Theorie von der relativen Indivi-
dualität ebenso in der Tectologie der Thiere, wie der Pflanzen, allge-
meine Anwendung, und wir können auch bei den Thieren allgemein
mehrere über einander geordnete Kategorieen von Individuen unter-
scheiden, von denen jede höhere zwar eine geschlossene Einheit, aber
dennoch zugleich eine Vielheit von subordinirten Individuen niederer
Stufe darstellt. Wir werden im Folgenden den Beweis zu führen ver-
V. Verschiedene Auffassaugen des thierischeu Individuums. 265
suchen, dass diese verschiedenen Stufenfolgen bei den Thieren durch-
aus analoge, wie bei den Pflanzen sind, und dass wir demgeniäss
auch hier folgende sechs Ordnungen zu unterscheiden haben: 1) die
Zelle (Cellula), 2) das Organ (Rumpf-Organe und Extremitäten-Organe),
3) das Gegenstück oder Antimer, 4) das Rumpfglied (Segment) oder
Folgestück (Metamer), ö) die Person (dem pflanzlichen Spross ent-
sprechend), 6) den Stock (Cormus).
VI. Morphologische und physiologische Individualität
Die vorhergehenden Betrachtungen über die verschiedenartige
Entwickelung des Individualitäts-Begriffes bei den Botanikern und bei
den Zoologen haben uns zu dem Resultate geführt, dass die ersteren
in ihrer anatomischen Analyse des pflanzlichen Organismus sorgfältiger
die Individualitäten verschiedener Ordnung unterschieden, die letzteren
dagegen bei ihrer biologischen Betrachtung des thierischen Organismus
klarer die physiologische und morphologische Individualität aus^ ein-
ander gehalten haben. Hieraus ergeben sich uns bereits die zwei ver-
schiedenen Gesichtspunkte, von denen aus wir in unserer generellen
Tectologie die Individualität der Organismen überhaupt werden zu be-
trachten haben. Wir werden erstens genau und scharf zu unterscheiden
haben zwischen der morphologischen und der physiologischen Indivi-
dualität des Organismus und wir werden zweitens sorgfältig die Indi-
vidualitäten verschiedener Kategorieen zu sondern haben, aus denen
sich der ganze Organismus zusammensetzt.
Morphologisches Individuum oder Form - Individuum oder
organische Formeinheit nennen wir allgemein diejenige einheitliche
Formerscheinung, welche ein in sich abgeschlossenes und formell conti-
nuirlich zusammenhängendes Ganzes bildet; ein Ganzes, von dessen
constituirenden Bestandtheilen man keinen hinwegnehmen, und das
man überhaupt nicht in Theile auseinander legen kann, ohne das
Wesen, den Character der ganzen Form zu vernichten. Das Form-
individuum ist demnach eine einfache, zusammenhängende Rauingrösse,
die wir im Momente der Beurtheilung als eine unveränderliche Gestalt
anzusehen haben. 1 )
J ) Passender würde man die morphologische Individualität des Organismus
als das anatomische Individuum zu bezeichnen haben, da ja auch das vor-
her besprochene genealogische Individuum oder die Entwickelungseinheit, welche
wir als Keimproduct, als Art und als Stamm im fünften und sechsten Buche zu
betrachten haben, unter den Begriff des morphologischen Individuums fällt. Da
jedoch bereits die Bezeichnung des anatomischen Individuums als morphologi-
schen (im Gegensatz zum physiologischen) eingebürgert ist, so wollen wir die-
selbe ein für allemal beibehalten.
266 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
Physiologisches Individuum oder Leistung»- Individuum oder
Lebenseinheit nennen wir diejenige einheitliche Fornierscheinuug,
welche vollkonnnen selbstständig längere oder kürzere Zeit hindurch
eine eigene Existenz zu führen vermag; eine Existenz, welche sich in
allen Fällen in der Bethätigung der allgemeinsten organischen Func-
tion äussert, in der Selbsterhaltung. Das Leistung» - Individuum ist
demnach eine einfache, zusammenhängende Kaumgrösse, welche wir
als solche längere oder kürzere Zeit hindurch leben, d. h. sich er.
nähren sehen, und welche wir also im Momente der Beurtheilung als
veränderlich ansehen. Sehr häutig vermag dieselbe ausserdem sich
fortzupflanzen und auch andere Lebens-Functionen zu vollziehen. Der
Kürze halber wollen wir die physiologischen Individuen ein für alle-
mal mit dem Namen der Bionten oder Onten belegen.')
Die morphologische Individualität zerfällt in sechs verschiedene,
subordinirte Kategorieen oder Ordnungen von Individuen, und
jede dieser Ordnungen tritt in bestimmten Organismen als physiolo-
gische Individualität auf. Für jede Art (Species) ist aber eine be-
stimmte Ordnung als höchste characteristisch und repräsentirt hier
ausnahmslos die eigentliche physiologische Individualität, wenigstens
zur Zeit der vollkommenen Keife des Organismus. Die sechs Ord-
nungen der organischen Individualität sind folgende:
I. Piastiden (Cytodeu und Zellen) oder „Elementar-Organismen."
II. Organe (Zellenstöcke oder Zellfusionen, einfache oder homo-
plastische Organe, zusammengesetzte oder heteroplastische Organe,
Organ-Systeme, Organ-Apparate).
III. Antimeren (Gegenstücke oder homotype Theile). „Strahlen 1 ' der
Strahlthiere, „Hälften" der euclipleuren (bilateral - symmetrischen)
Thiere etc.
IV. Metaineren (Folgestücke oder hoinodyname Theile). „Stengel-
glieder" der Phanerogainen, „Segmente", Ringe oder Zoniteu der
Gliederthiere und Wirbelthiere etc.
V. Personen (Prosopen). Sprosse oder Gemmae der Pflanzen und
Coelenteraten etc. „Individuen" im engsten Sinne bei den höheren
Thieren.
VI. Cormeu (Stöcke oder Colouieen). Bäume, Sträucher etc. (Zu-
sammengesetzte Pflanzen). Salpenketten, Polypenstöcke etc.
Jedes dieser sechs morphologischen Individuen verschiedener Ord-
nung vermag als selbstständige Lebenseinheit aufzutreten und das
physiologische Individuum zu repräsentiren. Auf der niedersten Stufe
der Piastiden bleiben sehr viele Organismen zeitlebens stehen, z. B.
') fitov, i6 {ßtovitt, tu) das physiologische Individuum als concrete Lebeue-
einheit, als eelbstständiges „Lebewesen.' -
VI. Morphologische und physiologische Individualität. 267
die meisten Protisten und viele Algen. Die zweite Kategorie des
Form -Individuums, das Organ, erscheint als selbstständige Lebens-
einheit bei vielen Protisten, Algen und Coelenteraten. Auf der dritten
Stufe, dem An timeren -Zustande, bleibt die Lebenseinheit stehen bei
vielen Protisten und einzelnen niederen Pflanzen und Thieren. Die
vierte Ordnung, das Metamer, erscheint als Lebenseinheit bei den
meisten Mollusken, vielen niederen Würmern, Algen etc. Die fünfte
Kategorie, die Person, repräsentirt das physiologische Individuum bei
den meisten höheren Thieren, aber nur bei wenigen Pflanzen. End-
lich die sechste Ordnung der morphologischen Individuen, der Stock,
bildet die physiologische Individualität bei den meisten Pflanzen und
Coelenteraten.
Sehr wichtig ist nun die Erwägung, dass alle Organismen ohne
Ausnahme, welche als ausgebildete, reife Lebenseinheiten durch mor-
phologische Individuen höherer Ordnung repräsentirt werden, ursprüng-
lich nur der niedersten Ordnung angehören und sich * zu den höheren
Stufen nur dadurch erheben können, dass sie die niederen alle oder
grösstentheils durchlaufen. Der Mensch z. B. und ebenso jedes andere
Wirbelthier, ist als Ei ursprünglich ein Form -Individuum erster Ord-
nung. Es erreicht die zweite Stufe, indem aus der Eifurchung ein
Zellenhaufen hervorgeht, der den morphologischen Werth eines Organs
besitzt. Mit der Ausbildung der Embryonalanlage und mit dem Auf-
treten des Primitivstreifes (der Axenplatte) scheidet es sich in zwei
Individuen dritter Ordnung oder Antimeren. Mit dem Hervorknospen
der Urwirbel beginnt die Gliederung des Rumpfes, der Zerfall in Me-
tameren, und mit deren Differenzirung ist die Ausbildung der Person,
des Form -Individuums fünfter Ordnung, vollendet, welches nun als
physiologisches Individuum persistirt. Ebenso durchläuft jede ge-
schlechtlich erzeugte phanerogame Pflanze, indem sie aus der einfachen
Zelle (dem Keimbläschen, dem eigentlichen Ei) zum Zellenhaufen
(Organ) wird, der sich mit dein Auftreten einer Axe in zwei oder
mehr Antimeren differenzirt, die drei ersten Stufen der Form -Indivi-
dualität. Auf der vierten Stufe des Metamers bleibt sie bis zum Be-
ginne der Gliederung der Axe. Aus den diiferenzirten Stengelgliedern
setzt sich der Spross zusammen, der nun aus der fünften zur sechsten
Stufe, dem Stocke, sich durch Bildung seitlicher Sprosse erhebt.
Hieraus geht deutlich hervor, dass der eigentliche morphologische
Werth der physiologischen Individualität für jede Organismen- Art nur
nach erlangter vollständiger Keife, wenn sie „ausgewachsen" ist, be-
stimmt werden kann. Man darf daher auch niemals als Kriterium der
physiologischen Individualität, wie es vielfach geschehen ist, die Ent-
wickelungsfähigkeit zu einer selbstständigen Lebenseinheit be-
trachten. Diese haftet ursprünglich stets an den Form -Individuen
268 Begriff und Aufgabe der Tectologie.
erster Ordnung, den Piastiden (Cytoden und Zellen), und erst durch
die Differenzirung der Zellen, welche bei den höheren Organismen
(besonders den Thieren) sehr weit geht, verlieren dieselben jene
Fähigkeit, oder vielmehr es bleibt dieselbe auf einzelne bestimmte
Piastiden (Eier) beschränkt. Ausnahmsweise (Hydra, viele Phanero-
gamen) behalten auch noch bei höher differenzirten Organismen zahl-
reiche Piastiden diese Entwickelungsfähigkeit bei. Ebenso wenig als
letztere darf man die Reproductionsfähigkeit, das Vermögen
eines abgelösten Theils, sich zum Ganzen zu ergänzen (Würmer, Coe-
lenteratcn, viele Phanerogamen), als Kriterium der physiologischen
Individualität anwenden, da auch hier das eigentlich Wirksame die
ursprünglich allen Piastiden eigene Entwickelungsfähigkeit ist. Will man
die physiologische Individualität der Organismen dadurch characteri-
siren, so geht die Schärfe ihres Begriffes vollständig verloren. Diese
ist nur dadurch zu erhalten, dass wir die Fähigkeit der Selbst-
erhaltung als das entscheidende Kriterium hinstellen, sowie es für
die morphologische Individualität in der Unfähigkeit der Theilung
in der individuellen Untheilbarkeit liegt. Das Leistungs-Individuum
ist der einheitliche Lebensheerd, dessen Existenz mit der Function der
Selbsterhaltung erlischt; das Form -Individuum ist die einheitliche
Lebensgestalt, deren Existenz mit ihrer Theilung erlischt.
Die vielfach aufgeworfene Frage nach der absoluten Individualität
der Organismen ist also dahin zu beantworten, dass dieselbe nicht
existirt, und dass alle Organismen, als physiologische Individuen be-
trachtet, entweder zeitlebens auf der ersten Stufe der morphologischen
Individualität, der Plastide, stehen bleiben, oder aber, von dieser aus-
gehend, sich seeundär zu höheren Stufen erheben.
Indem wir nun in den folgenden Capiteln das Verhältniss der
verschiedenen Individualitäts- Grade zu einander, welches die eigent-
liche Grundlage der gesammten Tectologie ist, näher zu bestimmen
versuchen, wollen wir zunächst die Begriffe der sechs einzelnen Ord-
nungen der morphologischen Individualität bestimmt feststellen, und
dann nachweisen, wie jede dieser verschiedenen Ordnungen in ver-
schiedenen Organismen die physiologische Individualität zu repräsen-
tiren vermag.
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Plastideu. 269
LI B p
*
v:
Neuntes Capitel.
Morphologische Individualität der Organismen.
„Die Pflanze erscheint fast nur -einen Augen-
blick als Individuum, und zwar da, wenn sie
sich als Samenkorn von der Mutterpflanze los-
löst. In dem Verfolg des Keimens erscheint sie
schon als ein Vielfaches, an welchem nicht allein
ein identischer Theil aus identischen Theilen
entspringt, sondern auch diese Theile durch Suc-
ecssion verschieden ausgebildet werden, so dass
ein mannichfaltiges, scheinbar verbundenes Ganzes
zuletzt vor unseren Augen dasteht. Allein dass
dieses scheinbare Ganze aus sehr unabhängigen
Theilen bestehe, giebt theils der Augenschein,
theils die Erfahrung: denn Pflanzen, in viele
Theile getrennt und zerrissen, werden wieder als
eben so viele scheinbare Ganze aus der Erde
hervorsprossen."
Goethe.
I. Morphologische Individuen erster Ordnung:
Piastiden oder Plasmastücke.
I. 1. Unterscheidung von Cytodeu und Zellen.
Als morphologische Individuen erster und niedrigster Ordnung
würden wir, der gegenwärtig herrschenden Auffassung gemäss, nur
eine einzige Art von Körpern, die Zellen (Cellulae) aufzuführen
haben. Nach derjenigen Auffassung des thierischen und pflanzlichen
Organismus, welche der unsrigen am nächsten steht, ist derselbe ent-
weder eine einzige einfache Zelle oder ein einheitliches Aggregat von
mehreren, entweder gleichartigen oder differenzirten Zellen. Die Zelle
ist hiernach das allgemeine Form-Element oder das Elementar -Organ
aller Organismen und wird als solches jetzt häufig als Elementar-
270 Morphologische Individualität der Orgauismen.
Organismus bezeichnet. Die Zellen sind entweder selbst die ganzen
Organismen (Eier der Pflanzen und Thiere, einzellige Pflanzen etc.),
oder sie sind die Individuen, durch deren Verbindung der ganze Or-
ganismus, als Zellen-Gesellschaft oder Zellen-Staat, sich constituirt.
Es ist diese Auflassung, welche von Schieiden und Schwann
in die Wissenschaft eingeführt wurde, und welche man nach ihnen all-
gemein als „Zellentheorie*' bezeichnet, gegenwärtig in der gesammten
Biologie die herrschende Theorie. So richtig dieselbe ohne Zweifel im
Grossen und Ganzen ist, und so sehr wir sie für die grosse Mehrzahl
aller Organismen als die allein berechtigte anerkennen müssen, so ist
es dennoch nicht möglich, sie auf alle Organismen ohne Ausnahme
auszudehnen. Vielmehr kennen wir viele Organismen niedersten
Ranges, z. B. Polythalamien und andere Rhizopoden, Protogeniden,
etc., deren ganzer Körper noch nicht einmal den Werth einer einzi-
gen Zelle besitzt, und einen individuell abgeschlossenen Form-Zustand
der lebenden Materie repräsentirt, den wir durch den Namen der
Cytode 1 ) oder des zellenähnlichen Körpers bezeichnen wollen.
Um unsere Unterscheidung der Elementar-Organismen in Zellen-
und Cytoclen zu begründen, ist es nöthig, auf die Geschichte der
Zellentheorie einen flüchtigen Blick zu werfen.
Sc hl ei den, dem das Verdienst gebührt, zuerst auf dem Gebiete der
Pflanzenkunde die Zellentheorie begründet und mit scharfer Consequenz
durchgeführt zu haben, definirt die Pflanzenzelle (cellula), als „das Elemen-
tarorgan, welches vollständig entwickelt eine aus Zellstoff gebildete Wan-
dung nnd eine halbflüssige stickstoffhaltige Auskleidung besitzt, und das
einzige wesentliche Formelement aller Pflanzen bildet, ohne welches eine
Pflanze nicht besteht." Schwann, der Schleidens Zellentheorie auf
die Zusammensetzung des thierischen Körpers anwandte, und nachwies, dass
der thierische Organismus nicht minder als der pflanzliche einzig und allein
aus Zellen und Zellenderivaten, als letzten Elementartheilen, zusammenge-
setzt sei, legte ein grösseres Gewicht auf den Zellenkern (Nucleus) und
wies nach, dass der Kern in den allermeisten thierischen Zellen, und zu
irgend einer Zeit ihres Lebens wahrscheinlich in allen Zellen aufzufinden
sei. Nach Schleidens Auflassung ist demnach die Zelle aus zwei we-
sentlichen Bestandtheilen zusammengesetzt, ein Bläschen, welches in einer
testen, ringsum geschlossenen Wandung oder Membran einen flüssigen oder
halbflüssigen Inhalt besitzt. Nach Schwann dagegen sind zum Begrifl'e
der Zelle drei wesentlich verschiedene Bestandteile uothwendig, Mem-
bran, Inhalt und Kern. Der letzte Bestandteil, der Kern, wurde bald
so allgemein in den meisten animalen und vegetabilen Zellen, wenigstens in
einer gewissen frühesten Periode ihrer Existenz nachgewiesen, dass die Triui-
') xvi os, io, cellula, Zelle; xvTwörjs, cellularis, zelleuähulich.
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 271
tätslehre der Zelle, wie sie von Schwann aufgestellt war, allgemein
herrschend wurde.
So lange man sich vorwiegend mit dem Studium der Pflanzenzellen be-
schäftigte, die meistens schon in einer sehr frühen Zeit ihres Lebens und
fast allgemein deutlich eine Membran erkennen lassen, und so lange man
die von ihnen gewonnene Anschauung auf die Betrachtung der thierischen
Zellen übertrug, musste die Membran der Zelle als ein eben so wichtiger
Bestandtheil derselben wie Kern und Inhalt erscheinen und beinahe zwanzig
Jahre hindurch blieb daher die Trinitätslehre der Zelle fast unangefochten.
Erst als man die Zellen des thierischen Organismus allgemeiner und ein-
gehender und unabhängig von den pflanzlichen zu betrachten begann,
brach sich die Erkenntniss Bahn, dass die Membran der Zelle in sehr
vielen Fällen vollkommen fehlt uud dass die Zellen dann blos aus zwei
wesentlichen Bestandteilen zusammengesetzt sind, aus dem Kern und der
Zellsubstanz oder dem Zellstoff. Mit dem letzteren Namen müssen wil-
den sogenannten „Zell- Inhalt" bezeichnen, wenn eine Membran und damit
der Gegensatz von Hülle und Inhalt fehlt.
Diese sehr wichtige Reform der Zellenlehre wurde vouLeydig herbei-
geführt, welcher in seinem „Lehrbuch der Histologie des Menschen und
der Thiere" (1857) zuerst mit Bestimmtheit aussprach, dass „nicht alle
Zellen blasiger Natur sind; nicht immer ist eine vom Inhalt ablösbare
Membran zu unterscheiden." Leydig definirt die Zellen „als die kleinsten
organischen Körper, welche eine wirksame Mitte besitzen, die alle Theile
auf sich selber und ihr Bedürfniss bezieht. — Zum morphologischen Be-
griff einer Zelle gehört eine mehr oder minder weiche Substanz, ur-
sprünglich der Kugelgestalt sich nähernd, die einen centralen Körper ein-
schliesst, welcher Kern (Nucleus) heisst. Die Zellsubstanz erhärtet häufig
zu einer mehr oder minder selbstständigen Grenzschicht oder Membran,
und alsdann gliedert sich die Zelle nach den Bezeichnungen der Schule in
Membran, Inhalt und Kern."
Dieselbe Lehre ist dann von Max Schultze 1 ) ausführlich begründet
worden, indem derselbe auf den Mangel der Membran an sehr vielen, und
gerade deu wichtigsten Zellen (den Nervenzellen, Eurchungskugeln und
ihren Abkömmlingen, den Embryonalzellen) aufmerksam machte. Max
Schultze deiinirt die Zelle als „ein Klümpchen Protoplasma, in desseu
Innerem ein Kern liegt. Der Kern sowohl als das Protoplasma sind Theil-
producte der gleichen Bestandtheile einer anderen Zelle. Die Zelle führt
ein in sich abgeschlossenes Leben."
Der entscheidende und unwiderlegliche Beweis, dass gewissen Zellen
jede Spur einer Membran fehlt, uud dass sie blos aus einem Klumpen
halbflüssiger schleimartiger Zellsubstanz (Protoplasma) bestehen, welcher
einen Kern umschliesst, ist zuerst von mir dadurch geliefert worden, dass
ich das Eindringen fester Moleküle in das Innere des Protoplasma und
ihre Anhäufung rings um den Kern beobachtete, und dass ich durch ein
') Max Schultze, „Ueber Muskelkörperchen und das, was man eine Zelle
zu nennen habe.' - Reiche rts und Du Bois-Reynionds Archiv, 1861, p. 11.
272 Morphologische Individualität der Organismen.
einfaches Experiment die amoebenartigen Blutzellen wirbelloser Thiere
(Mollusken und Crustaceen) veranlasste, feste Piganientmoleküle mittelst
ihrer amoebenartigen Bewegungen und Formveränderungen in ihr Inneres
aufzunehmen. 1 ) Diese Experimente sind von Recklinghausen, 2 ) Preyer 3 )
und Anderen an den farblosen Blutzellen kaltblütiger und von Max
Schultze 4 ) neuerlichst, an den farblosen Blutzellen warmblütiger Wirbel-
thiere, des Menschen selbst, mit dem gleichen Erfolge wiederholt worden.
Es kann hiernach nicht mehr zweifelhaft sein, dass wirkliche echte Zellen,
wofür die farblosen Blutzellen mit Recht allgemein gelten, keine Membran
besitzen und bloss aus zwei wesentlichen Bestandtheilen, dem centralen
festen Kern (Nucleus) und der peripherischen schleimartigen Zellsubstanz
(Protoplasma) bestehen. Die nahe Verwandtschaft dieser Blutzellen mit
anderen amoebenartigen Zellen (Embryonalzellen, Bindegewebszellen, Knor-
pelzellen und indifferenten Zellen niederer Thiere), welche die gleiche Form
und Structur und die gleichen Bewegungserscheiuungen zeigen, macht es
aber sehr wahrscheinlich, dass der Mangel der Membran sehr weit ver-
breitet und in einer ersten Jugendperiode allen Zellen gemeinsam ist.
Als wesentliche Bestandteile aller echten Zellen müssen also
zwei differente Theile betrachtet werden: I. der innere (centrale oder
excentrische) Zellkern (Nucleus, Cytoblastus) , welcher entweder ein
fester, homogener, oder selbst wieder ein zusammengesetzter (bläschen-
förmiger) Körper ist; IL der äussere, den Kern umschliessende (peri-
pherische) Zellstoff (Protoplasma, Plasma), welcher aus einem
festflüssigen Eiweisskörper besteht. Als dritter, nicht constanter und
in der ersten Jugend der Zelle stets oder doch meist fehlender Be-
standteil, kommt dazu in vielen Fällen eine äusserste, den Zellstoff-
körper umschliessende Zellhaut ^Membrana cellulae) welche
entweder nur die verdichtete und als besondere Hautschicht differen-
zirte äusserste Oberflächenlage des Protoplasma oder aber von diesem
in flüssiger Form, als Secret, nach aussen abgeschieden, und in Form
einer Cuticula über demselben erstarrt, erhärtet ist.
Wir können demgemäss sämmtliche Zellen des Pflanzen-, Protisten-
und Thierreichs in zwei Hauptgruppen bringen, Hautzellen und hautlose
Zellen. Die nackten oder hautlosen Zellen oder Urzellen (Cel-
lulae primordiales, Gymnocyta 5 ), bestehen bloss aus innerem
Kern und äusserem Protoplasma. Dahin gehören viele Eier, die Theil-
producte derselben oder Furcliungskugeln, die Embryonalzellen, viele
Nervenzellen, Biudegewebszelleu, die ausgeschlüpften Schwärm-
sporen vieler Algen etc. Bei den Ha utz eilen oder Schlauch-
') Haeckel, ßadiolarien, Berlin 1862, p. 104—106.
2 ) Recklinghausen, Virchow's Archiv Bd. XVIII, p. 184.
3 ) Preyer, Virchow's Archiv Bd. XXX, p. 420.
4 ) Max Schultze, Archiv für raikrosk. Auat. Bd. I, p. 23.
5 ) yv/Lipüs nackt; xüios (16) Zelle.
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 273
zelleu (Cellulae membranosae, Lepocyta) 1 ) ist das den Kern
umschliessende Protoplasma selbst wieder von einer äusseren Membran
umgeben oder aber in Intercellularsubstanz eingeschlossen. Hierher
gehören die meisten pflanzlichen und viele thierische Zellen.
Die genannten zwei differenten Bestandteile: Kern (Nucleus)
und Zellstoff (Plasma) müssen wir als die beiden integrirenden und
zum Begriff nothwendigen Bestandteile jeder Zelle festhalten;
in jeder echten Zelle ist ein Kern innerhalb des Plasma zu irgend
einer Zeit ihres Lebens, und zwar coustant in der frühesten Zeit, nach-
zuweisen, wenn er auch späterhin verschwindet. Ein Plasmaklumpen
ohne Kern ist keine Zelle mehr. Zwar sind einige Biologen, wie z. B.
Brücke in seinem trefflichen Aufsatz über die Elementar-Organismen,
noch weiter gegangen und haben auch den Kern für einen unwesent-
lichen und oft fehlenden Bestandteil der Zelle erklärt. Sie berufen
sich darauf, dass ein Kern in sehr vielen Fällen nicht in der Zelle
nachzuweisen ist. Allein entweder ist der Kern hier früher einmal
vorhanden gewesen, und dann ist die kernlose Zelle nicht mehr voll-
ständig, oder er ist nie vorhanden gewesen und dann ist der indivi-
duelle organische Körper eben keine Zelle, sondern ein Plasmaklum-
pen, welcher noch nicht in inneren Kern und äusseres Plasma sich
differenzirt hat, eiue Cytode, wie wir es oben genannt haben. Wenn
wir den Kern als integrirenden Bestandteil des Zellenbegriffs aufge-
ben, so behalten wir für letzteren nichts übrig, als das individualisirte
Protoplasma, einen morphologisch nicht näher bestimmbaren homogenen
Eiweisskörper. Die Zelle wird dann zum Lichtenbergischen Messer
ohne Griff und Klinge.
Andrerseits müssen wir grosses Gewicht auf die von Brücke und
Anderen hervorgehobene Thatsache legen, dass individuelle Elemen-
tartheile, und zwar sowohl physiologisch als morphologisch abge-
schlossene Einheiten, selbstständige Lebensheerde oder Elementar-Or-
ganismen existiren, welche keine Zellen nach unserer Definition sind,
indem der Kern ihnen fehlt. Diese kernlosen Elementarorganismen
sind es, welche wir als Cytoden bestimmt von den echten (kernhal-
tigen) Zellen unterscheiden müssen. Sie bestehen nur aus dem einen
wesentlichen Bestandtheile der echten Zellen, aus einem Klumpen von
Plasma oder Protoplasma, während der andere integrirende Bestand-
theil der letzteren, der Kern, ihnen vollständig und zu jeder Zeit ihrer
individuellen Existenz abgeht. Es ist dies der Fall bei sehr vielen
Organismen niederster Ordnung, welche weder bestimmte thierische
noch deutliche pflanzliche Charactere besitzen, und denen wir desshalb in
dem Mittelreiche der Protisten den natürlichsten Platz anzuweisen glauben.
') AS7iog (i6) Rinde, Hülle, Schale; y.vrog (rö) Zelle.
Haeckel, Generelle Morphologie. lg
274 Morphologische Individualität «1er Organismen.
Die Cytoden oder die kernlosen Plasmaklumpen zerfallen gleich
den echten kernhaltigen Zellen in zwei Gruppen, je nachdem das
weiche, festflüssige Plasma ihres Körpers aussen nackt und hüllenlos
oder an der Oberfläche von einer Hülle oder Membran umgeben ist.
Diese Haut kann, wie die Zellhaut, entweder die verdichtete, differen-
zirte Oberflächenschicht des Plasmakörpers selbst, oder aber von der
Oberfläche des Plasmakörpers nach aussen als flüssiges Secret abge-
schieden und ausserhalb desselben zur Kapsel erhärtet sein. Diese
Membran kann feiner entweder den ganzen Plasmakörper ringsum
vollständig abschliessen, z. B. bei den Siphoneen und anderen soge-
nannten einzelligen (aber kernlosen!) Algen; oder die Membran kann
unvollständig geschlossen und von einem oder mehreren Löchern oder
Oeffhungen durchbrochen sein, aus welchen das eingeschlossene Plasma
theilweis hervortreten kann, z. B. bei den Polytkalamien.
Beide Arten von Cytoden sind wohl »u unterscheiden. Die nackten
oder hautlosen Plasmaklumpen oder Urklumpen (Gymnocy-
todae, Cytodae primordiales), haben als wesentlichen Bestandtheil
bloss ein Stück Plasma. Dahin gehören alle, für unsere jetzigen
Hülfsmittel nicht weiter zerlegbaren, homogenen Organismen niederster
Ordnung, (Protogenes, Protamoebd), viele sogenannte Monaden, Vibrio-
nen etc. Die umhüllten oder häutigen Plasmaklumpen dagegen oder
die Hautklumpen (Lepocytodae, Cytodae membranosae) be-
stehen aus zwei Theilen, dem inneren Plasma und der dasselbe ura-
schliessenden äusseren schlaucharligeu Membran, welche in chemi-
scher oder doch in physikalischer Beziehung sich von dem Plasma
unterscheidet, und oft mechanisch von demselben abgetrennt werden
kann. Hierher gehören viele niederste Organismen von unbestimmter
Stellung und zum Theil von sehr indifferenter Natur, die wir in un-
serem Zwischenreiche der Protisten untergebracht haben, z. B. viele
Rhizopoden (Acyttaria); viele sogenannte einzellige Algen (Siphoneen);
auch die Sporen („Sommereier") der Aphiden, Daphniden etc.
Die Cytoden, welchen der Kern stets fehlt, und die echten Zellen,
welche stets einen Kern zu irgend einer Zeit ihres Lebens besitzen,
können unter dem Namen der Piastiden oder Bildnerinnen zu
sammengefasst werden und stellen als solche die morphologischen In-
dividuen erster Ordnung dar. Diese Bildnerinnen sind in der That
die bildenden, plastischen Elemente, welche durch ihr Zusammenwir-
ken die Form-Individuen höherer Ordnung aufbauen, und durch ihre
Aggregation die Gewebe, die Organe etc. constituiren. Nach den vor-
ausgebenden Erläuterungen können wir unter den Piastiden allge-
mein vier Gruppen unterscheiden, welche sieh in folgender IJebersicht
auf zwei Hauptgruppen von Bildnerinnen (nh'xGudtg,} vertheilen:
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Plastideu. 275
Uebersicht der verschiedenen morphologischen Individuen
erster Ordnung:
Plastides (Plasmastiicke oder Klumpen).
I. Cytodae. (Celli nae.) Cytoden. Plasmaklumpen ohne Kern.
I. 1. Gymnocytodae. Urklumpen oder uackte Klumpen. Kernlose
Plasniaklumpen ohne Haut oder Schale.
I. 2. Lepocyto dae. Hautklumpeu oder Schläuche. Kernlose Plasma-
klumpen mit Haut oder Schale.
II. Cellulae. (Cyta.) Zellen. Plasmaklumpen mit Kern.
II. 1. Gymnocyta. Urzellen oder nackte Zellen. Kernhaltige Plasma-
klumpen ohne Haut oder Schale.
II. 2. Lepocyta. Hautzellen oder Kernschläuche. Kernhaltige Plasma-
klumpen mit Haut oder Schale.
II. 2. Zusammensetzung der Piastiden (Cytoden und Zellen)
aus verschiedenen Pormbestaudtheilen.
A. Plasma. (Protoplasma.) Zellstoff.
Da wir durch die Eintheilung der Plastideu iu Cytoden und Zellen
neue Begriffe in die Plastidologie oder die sogenannte Gewebelehre
(Histologie) eingeführt haben, deren Gebiet bisher seit Schwann die
Zellen als die einzigen und allmächtigen Elementar- Organismen be-
herrschten, und da uns diese Unterscheidung der Cytoden und Zellen
insbesondere für die Vorstellungen von der ersten Entstehung der Or-
ganismen die grösste Wichtigkeit zu besitzen scheint, so müssen wil-
den verschiedenen Structurverhältnissen der Plastideu eine, wenngleich
ganz allgemein gehaltene, doch eingehendere Betrachtung widmen,
als es bei den Individuen höherer Ordnung gestattet sein wird. Wir
werden daher hier besonders die Zusammensetzung der Plastideu (Cy-
toden und Zellen) aus verschiedenen Formbestandtheilen und die we-
sentlichen Eigenschaften dieser Formbestandtheile ins Auge zu fassen
haben, und betrachten demgemäss zunächst das Plasma oder den
Zellstoff, dann den Nucleus oder Zellkern und endlich die verschie-
denen (äusseren und inneren) Plasma-Producte.
Als Plasma oder Zellstoff, besser Bildungsstoff, bezeichnen
wir nach dem Vorhergehenden alle diejenigen organischen Materien,
welche als die wesentlichen und in keinem Falle fehlenden Träger
der Lebensbewegung erscheinen, als das active materielle Sub-
strat des Lebens, und welche also gewissermaassen als der „Le-
bensstoff" oder die „lebende Materie'' im engeren Sinne bezeichnet
werden könnten. Ueberall, wo wir bisher im Thier-, Protisten- und
Pflanzen-Reiche in der Lage waren, die chemische Natur dieses Kör-
pers bestimmen zu können, hat sich derselbe als ein Eiweisskörper
oder Album inat (sogenannte Protein-Verbindung) herausgestellt.
18*
276 Morphologische Individualität der Organismen.
Das Plasma ist mit mehreren verschiedenen Namen belegt woiden:
Protoplasma' (Mohl), Oytoplasmu (Kölliker), Sarcode (Dujardin),
Keimsubstanz oder „Germinal watter'- (Beale), Zellsubstanz, tiiläungssub-
stanz, Zellstoff u. s. w. Wir werden es der Kürze halber stets als Bil-
dungsstoff, Zellstoff oder Plasma bezeichnen. 1 )
In einer jeden Plastide, sowohl in jeder Cytode als in jeder Zelle, tritt
das Plasma als ein zusammenhängender festflüssiger Körper von äusserst
verschiedenartiger Form auf, über welche sich im Allgemeinen Nichts aus-
sagen lässt. Die Grösse ist sehr verschieden, von kaum messbarer Fein-
heit bis zu einem Durchmesser von mehreren Linien, selten mehreren
Zollen (z. ß. bei Oaulerpa und anderen Siphoneen).
Während man früherhin meistens das Plasma, weil es in formeller und
häufig auch bedeutend in quantitativer Beziehung hinter die übrigen Be-
standtheile der Zelle zurücktritt, sehr vernachlässigte und namentlich bei
den Pflanzenzellen vorwiegend die, zunächst allerdings am meisten ins
Auge fallende Membran berücksichtigte, ist man neuerdings immer mehr und
immer allgemeiner zu der Ueberzeugung gelangt, in dem Plasma den
eigentlichen Heerd aller activen Lebensbewegung suchen zu
müssen. Seine Stellung unter den Eiw eis s st offen ist daher von beson-
derer Bedeutung.
Die Gruppe der Eiweisskörper, Albuminate oder Protein Stoffe, zu
welcher alle verschiedenen Modificatiouen des activen, lebendigen Plasma ge-
hören, ist bekanntlich in chemischer Beziehuug vor allen anderen Stoffen
durch zahlreiche und sehr wichtige Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet.
Durch ihre höchst complicirte Zusammensetzung aus 5 oder 6 Atomarten
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und häufig auch
Phosphor) stellen sie sich über alle anderen organischen Verbindungen.
Gewöhnlich sind die Eiweisskörper von Fetten, Alkalien und Kalksalzen
begleitet, zum Theil in sehr eigenthümlicher Weise chemisch mit ihnen
verbunden. Daher hat man sie in chemisch reinem Zustande bisher nur
äusserst selten oder gar nicht darzustellen vermocht. Ferner zersetzen sie
sich ausserordentlich leicht und vermögen die Zersetzungsbewegung kata-
lytisch, als gährungserregende Stoffe, auf andere zersetzungsfähige Körper
zu übertragen. Ihre ausserordentliche Neigung zu Umsetzungen erklärt
sich vielleicht aus der ebenso lockeren als verwickelten atomistischen Zu-
sammensetzung ihrer Moleküle. Schon der leiseste Anstoss vermag diesen
complicirten Atomgruppen-Bau zu zerstören. Ihre quantitative Zusammen-
setzung ist daher sehr schwierig zu bestimmen, ihre theoretische Constitution
noch ganz unbekannt. Mit anderen Verbindungen, Salzen, Säuren und
Basen, treten sie in sehr wechselnden Verhältnissen zusammen. Die meisten
Eiweisskörper stehen sich in vielen Beziehungen sehr nahe und sind oft
sehr schwer zu unterscheiden. Dennoch verleiht ihnen schon der geringste
Unterschied in ihrer atomistischen Constitution, der durch chemische Reac-
') io nlua/ju bedeutet eigentlich allerdings das (.Jebildete, Geformte, und
richtiger würde demnach für unsere bildende Materie der Ausdruck Plasson
;?ö nkäaaov), das Bildende, das Formende, sein.
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 277
tionen oft gar nicht nachzuweisen ist, ganz verschiedene formbildende
Eigenschaften. Endlich kommt ein und derselbe Proteinkörper oft in meh-
reren Modifikationen vor, löslichen und schwerlöslichen oder unlöslichen,
und damit im Zusammenhange steht die Leichtigkeit, mit welcher sie den
Aggregatzustand wechseln und aus dem flüssigen in den festen übergehen.
Hieraus erklärt es sich, dass die Proteinkörper in chemischer Beziehung
die unbekanntesten, obwohl die für das Leben wichtigsten von allen Mate-
rien sind, wahrscheinlich die einzigen activen Substrate der Lebensbewegung.
Wie diese chemischen Eigentümlichkeiten die Eiweisskörper in hohem
Maasse auszeichnen, so gilt dies auch von ihren physikalischen E igen-
schaften, welche bei der histogenetischen Thätigkeit des Plasma nicht
minder in Frage kommen. Ausser der schon hervorgehobenen Leichtigkeit,
mit welcher dieselben ihren Aggregatzustand wechseln (z. P>. der Faser-
stoff bei seiner Gerinnung an der Luft, das Casein bei Berührung mit
Lab etc.), ist hier besonders hervorzuheben, dass sie beim Uebergang aus
dem flüssigen in den festen Zustand fast stets amorph, und nur sehr selten
krystallinisch auftreten. Dieser auffallende Mangel anKrystallisations-Neigung
steht mit ihrem ausgezeichneten Imbibitionsvermögen und mit ihrer Fähig-
keit, die abgerundeten Formen der organischen Gewebe zu bilden, im
engsten Zusammenhang. Ihre ausserordentlich bedeutende Quellungsfähig-
keit ist durch eine enorme Adhäsions-Verwandtschaft der Eiweiss-Moleküle
zum Wasser bedingt, mittelst deren sie grosse Quantitäten desselben in
ihre Intermolekularräume aufzunehmen und zu condensiren im Stande sind.
Durch diese Imbibition wird ihr Yolum ebenso vergrössert, als ihre Cohä-
sion vermindert; auch die grosse Leichtigkeit, mit der die Eiweisskörper
unter wenig verschiedenen Verhältnissen ihre Imbibitions- Fähigkeit bedeu-
tend ändern, ist bemerkenswerth und für ihre plastische Thätigkeit von
grosser Bedeutung.
Welche unendliche Mannichfaltigkcit in der feineren Zusammensetzung
der Eiweissstoffe herrscht, welcher unendlichen Modifikationen ihre physika-
lischen und chemischen Eigenschaften fähig sind, beweist der unerschöpf-
liche Reichthum verschiedenartiger Gestalten, die in Form von Thieren, Pro-
tisten und Pflanzen unsern Erdball bevölkern. Alle diese unendlichen
Verschiedenheiten der Organismen in Grösse und Form, gröberer und fei-
nerer Zusammensetzung, Consistenz und Dichtigkeit, Farbe und Glanz,
Geschmack und Geruch, kurz alle die uuermessliche Mannichfaltigkeit in
den verschiedensten sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der organischen
Körper, welche unsere Sinne erregen und ergötzen, ist zurückzuführen auf
ebenso unendlich zahlreiche und feine Verschiedenheiten in der atomisti-
schen Constitution der Eiweiss -Verbindungen, welche das Plasma der
Piastiden zusammensetzen.
Wenn wir uns einerseits dieser Thatsache nicht verschliessen können,
so müssen wir andererseits unsere gänzliche Unfähigkeit eingestehen, dem
Plasma auf seinem formbildenden Wege folgen zu können. Die geringe
Quantität, in der das Plasma auch in den grössten Zellen auftritt, die
Unmöglichkeit, dasselbe rein zu isoliren oder in grösseren Mengen zu-
sammenzuhäuien, haben uns in den meisten Fällen entweder gar keine oder
278 Morphologische Individualität der Organismen.
doch nur sehr geringe Differenzen in der chemisch-physikalischen Beschaf-
fenheit des Plasma der verschiedenen Piastiden wirklich wahrnehmen
lassen, obwohl ihre verschiedenen physiologischen Fähigkeiten davon be-
redtes Zeugniss ablegen. Im Allgemeinen lässt sich eben nur aussagen,
dass das Plasma gewöhnlich als ein festflüssiger Eiweisskörper von der
Consistenz eines zähen, klebrigen, fadenziehenden Schleimes auftritt, der
eich im Wasser nicht auflöst und durch den Zutritt von Wasser allein
schon in vielen Fällen gerinnt.
B. Nucleus. (Cytoblastus.) Zellkern.
Als derjenige wesentliche Formbestandtheil, welcher die organi-
sche Zelle als solche eharacterisirt und von der Cytode oder kern-
losen Plastide unterscheidet, ist der Nucleus oder Zellkern von
besonderem Interesse. Gleich dem Plasma aller Piastiden ist auch
der Nucleus aller Zellen stets aus einer Ei weiss- Verbindung ge-
bildet, welche durch geringe physikalisch -chemische Differenzen sich
von der des Plasma unterscheidet.
Bei den meisten thierischen Zellen ist der Nucleus während der
ganzen Zeit ihres Lebens nachzuweisen, während er dagegen bei vielen
Pflanzenzellen (z. B. Holz- und Gefässzellen) nur in ihrer Jugend
existirt und späterhin verschwindet. Der Kern erscheint in den mei-
sten Zellen als ein scharf umschriebener rundlicher Körper, weniger
umfangreich als das Plasma, da ihn dieses gewöhnlich von allen Sei-
ten umschliesst. In selteneren Fällen liegt in gewissen Hautzellen
der Kern ganz peripherisch, so dass er nur auf der einen Seite vom
Plasma, auf der anderen von der Membran begrenzt wird.
Im Gegensatze zum Plasma, welches durch Anpassung an die
Aussenwelt die verschiedenartigsten Formen annehmen kann, zeigt der
Kern allermeist eine sehr einfache und scharf umschriebene Form.
Gewöhnlich ist er kugelig oder sphäroidal, bald mehr ellipsoid, bald
mehr linsenförmig, seltener cylindrisch verlängert oder stäbchenförmig,
sehr selten verästelt, sternförmig oder von complicirterer Form. Der
Grenzcontour des Kerns gegen das umschliessende Plasma ist meist
scharf und deutlich.
Betrachtet man die Zelle in ihren natürlichen Verhältnissen, mit Ver-
meidung alterirender Flüssigkeiten, so erscheint der Kern sehr häufig homo-
gen und klar, und in seinem Lichtbrechungsvermögen wenig von dem
Plasma verschieden. Oft erzeugt aber schon Wasserzusatz, und in den
meisten Fällen bewirkt Zusatz von Essigsäure im Nucleus einen fein,
körnigen Niederschlag, so dass derselbe sich als dunkel granulirter Körper
scharf von dem umgebenden Protoplasma absetzt.
Ueber die Consistenz und den Bau des Zellenkerns findet man bei
Botanikern und Zoologen die widersprechendsten Ansichten, die sich wohl
grossentheils dadurch erklären werden, dass der Kern in verschiedenen
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 279
Zellen eine sehr verschiedene Beschaffenheit besitzt. Während die Meisten
dem Kerne eine festere Beschaffenheit als dein Plasma zuschreiben und
ihn als einen „leidlich festen", soliden, homogenen Körper ansehen, be-
schreiben ihn dagegen Andere als ein „Bläschen", aus fester Membran
und flüssigem Inhalt gebildet, und in manchen Fällen wird er sogar als
ein halbflüssiger „Eiweisstropfen" geschildert. In der That scheint der
Cohäsionsgrad bei verschiedenen Kernen ausserordentlich verschieden zu
sein. In sehr vielen Fällen ist der Nucleus ohne Zweifel weit fester und
derber als das Plasma, und eine Differenz von Hülle und Inhalt dann
nicht an ihm nachzuweisen, während in anderen Fällen, z. B. bei vielen
Eiern, Furchungskugeln, Embryonalzellen, Nervenzellen und anderen Ur-
zellen, der Kern als ein zartes, oft ziemlich dickwandiges und doppelt con-
tourirtes Bläschen einen homogenen, eiweissartigen Inhalt zu umschliessen
scheint, dessen Consistenz hinter derjenigen des Plasma zurückbleibt.
Sehr häufig bemerkt mau in dem Kern, auch ohne Zusatz alterirender
Flüssigkeiten, mehrere feine Körner (oft vielleicht Bläschen?) und ausser-
dem ein grösseres Korn oder Bläschen, welches sich in der Regel durch
stärkere Lichtbrechung auszeichnet. Dieser kleine Körper, welcher entweder
im Innern oder an der Peripherie des Nucleus liegt, wird als Nucleolus
oder Ker ukörperchen beschrieben. Bisweilen ist in diesem centralen
Körper nochmals ein vierter scharf umschriebener kleiner Körper einge-
schachtelt, der dann N u c 1 e o 1 i n u s oder Kernpunkt genannt werden
kann (z. B. in manchen Eiern, Ganglienzellen etc.).
Die chemische Zusammensetzung des Zellkerns und der in ihm einge-
schlossenen Körperchen, Nucleolus und Nucleolinus, ist oft schwierig zu
ermitteln und in vielen Fällen unbekannt. Wahrscheinlich besteht derselbe
aber immer aus einem vom Plasma etwas verschiedenen Eiweisskörper,
sei es in festflüssigem, sei es in festem Aggregatzustande. In allen Fällen
wo durch mikrochemische Reaction die chemische Constitution des Kerns
zu ermitteln war, hat sich stets eine Eiweiss-Yerbindung herausgestellt.
C. Plasina-Producte.
Da wir sämmtliche Piastiden, sowohl Cytoden als Zellen, als
selbstständige Elementar-Organismen zu betrachten haben, die minde-
stens in ihrer Jugendzeit ein mehr oder minder unabhängiges Leben
als morphologische Individuen führen, so sind dieselben natürlich der
Lebensbewegung und damit einer Reihe von Veränderungen unter-
worfen, die wir als Functionen der Piastiden anzusehen haben, und
die ihre Ernährung, ihre Fortpflanzung, und ihre Beziehungen zur
Aussenvvelt betreffen. Von diesen verschiedenen Lebensthätigkeiten
der Piastiden sind für uns hier diejenigen zunächst von besonderem
Interesse, die man gewöhnlich unter dem Namen der Zellmeta-
morphose zusammenfasst, und die sich auf die Veränderung der
Grösse, Form, Consistenz und namentlich auf die Production von
Theilen beziehen, welche vom Plasma und dem Kerne verschieden
sind. Wir können diese Theile, welche als integrirende morphologische
280 Morphologische Individualität der Organismen.
Bestan dtheile der metamorphosirten Piastiden erscheinen, und ent-
weder in ihrem Inneren oder auf ihrer Oberfläche, aber immer mit
dem Plasma räumlich verbunden (adhaerent) auftreten, allgemein als
Producte des Plasma oder Producte der Piastiden be-
zeichnen.
Unter Producten der Piastiden oder des Plasma fassen wir dem-
geraäss alle diejenigen Form-Bestandtheile der metamorphosirten Zelle
vorhanden, welche von dem Plasma und dem Nucleus verschieden
sind, mögen sie nun im Plasma eingeschlossen oder ausserhalb des-
selben liegen. Demnach gehören hierher alle diejenigen Theile, welche
man gewöhnlich in der thierischen und pflanzlichen Zellenlehre mit
folgenden Namen zu belegen pflegt: 1. die „Zellenmembranen"; 2. die
„Intercellularsubstanzen"; 3. der ,.Zellsaft u ; 4. der „ Zellinhalt" , und
noch verschiedene andere Theile, welche logischer Weise unter eine
der erwähnten Kategorieen sich einreihen lassen.
Sämmtliche Producte des Plasma, mögen dieselben innerhalb oder
ausserhalb des metamorphosirten Plasma getroffen werden, entstehen
entweder durch Diff erenzirung des Plasma oder durch Aus-
scheidung des Plasma. Der Unterschied zwischen beiden Entste-
hungsvveisen der Plasmaproducte liegt darin, dass im ersteren Falle
die Substanz des Plasma selbst sich verändert und in den neuen
Körper übergeht, während im letzteren Falle der Plasmakörper selbst
unverändert bleibt und nicht in die Substanz des Productes übergeht.
Als eine reine Differenzirung des Plasma würden wir z. B. die
Entstehung der quergestreiften aus der homogenen Muskelsubstanz,
die Bildung gewisser eiweissartiger Intercellularsubstanzen, und über-
haupt allgemein die Entstehung der heterogenen und speeifischen
Plasmakörper der Epithelzellen, Nervenzellen, Drüsenzellen etc. aus
den indifferenten Plasmakörpern der homogenen und indifferenten
Embryonal -Zellen aufzufassen liaben. Dagegen würden wir als eine
Ausscheidung des Plasma z. B. die Bildung der Cuticulae, (der
Chitinhäute etc.) der Cellulose- Membranen und eines grossen Theils
der Intercellularsubstanzen, ferner im Innern der Piastiden die Bildung
vieler nicht eiweissartiger Stoffe, z. B. der Stärkemehlkörner und an-
derer Concretionen, der Krystalle etc. anzusehen haben.
So scharf sich aber auch der principielle Unterschied der beiderlei
Plasma - Producte in der Theorie dahin aussprechen lässt, dass die
Differenzirungsproducte aus der Substanz des sich verändernden
Plasma selbst, die Ausscheidungsproducte durch Wirkung des Plasma
nach aussen, Exsudation etc. entstellen, so schwierig ist es in der
Praxis in den meisten Fällen zu sagen, wohin das eine oder das an-
dere Product zu rechnen sei; und im Grunde genommen ist diese
Unterscheidung nur eine rohe und oberflächliche, denn eigentlich ist
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 281
auch jede Ausscheidung mit einer Veränderung-, d. h. Differenzirung
der Substanz des Plasma, und umgekehrt jede Differenzirung mit
einer Trennung bestimmter, weniger veränderter Piasmatheile von
anderen mehr veränderten, d. h. Ausscheidung verbunden. In sehr
vielen Fällen werden Ausscheidung und Differenzirung gleichmässig
bei der Bildung des Productes zusammenwirken, oder in einer Weise
verbunden, dass der Antheil des einen und des anderen Processes
sehr schwierig zu bestimmen sein wird. Aus diesem Grunde betrach-
ten wir hier die Producte der Differenzirung und Ausscheidung ge-
meinschaftlich als Plasma- Producte und unterscheiden nur zwischen
äusseren, auf der Oberfläche des bleibenden Protaplasma gelegenen
und inneren, innerhalb oder zwischen einzelnen Theilen des Plasma
gelegenen Plasma-Pro ducten.
Ca. Aeussere Plasma-Producte.
(„Zellenmembranen" und „Intercellularsubstan zen".)
Die übliche Trennung der äusseren Plasma-Producte in Zellen-
membranen und Intercellularsubstanzen ist künstlich und nicht ohne
Willkühr durchzuführen, wesshalb wir hier beiderlei Producte gemein-
sam zu besprechen haben.
Die allgemeine Bedeutung der Membran der Piastiden hat in
neuerer Zeit sehr an Wichtigkeit verloren, seitdem, wie oben schon
angeführt wurde, der Beweis geführt worden ist, dass wir in allen
Fällen, wo eine Plastide von einer Haut umschlossen ist, sowohl bei
den kernhaltigen Zellen, als bei den kernlosen Cytoden, die Mem-
bran für ein secundäres Product des Plasma zu halten haben,
nicht für einen primären und integrirenden Bestandtheil der Plastide
als solcher. In der That sind jetzt so sichere und so zahlreiche Bei-
spiele von Cytoden und von Zellen bekannt, die Zeit ihres Lebens
nackt und membranlos bleiben, und von anderen Piastiden, die an-
fangs (bei ihrer Entstehung durch Theilung oder Keimbildung) nackt,
später von einer Hülle oder Schale umgeben sind, dass an der Wahrheit
der obigen Behauptung nicht mehr gezweifelt werden kann. Für die
allgemeine biologische Auffassung der Zelle als Elementar - Organis-
mus ist aber dieser Umstand von der grössten Wichtigkeit. Denn
während man früher, wo die allgemeine Anwesenheit der Zellen-
membran als eines das Plasma völlig umschliessenden Schlauches
oder Sackes als allgemein gültiges Dogma die Zellentheorie beherrschte,
der Membran meist eine hohe, oft selbst eine grössere physiologische
Bedeutung als dem in ihr enthaltenen Plasma zuschrieb, gewöhnt
man sich jetzt richtiger daran, das Plasma als das active, primär wirk-
same Element des Zellenlebens, und die Membran dagegen als pas-
siven Bestandtheil, als das secundäre Product des ersteren, zu betrachten-
232 Morphologische Individualitat der Organismen.
In sehr vielen Fällen existiren die nackten, hautlosen Piastiden
sehr lange Zeit hindurch, und zwar gerade in der Jugendzeit, wo sie
am thatkräftigsten und leistungsfähigsten sind, ohne alle Hülle, und
umgeben sich erst mit einer solchen, wenn sie in den ruhigeren und
passiveren Zustand des Alters übergehen. Insbesondere zeigt sich
dieser Umstand darin, dass die Membran meist ganz vermisst wird,
so lange die Zelle als Ganzes noch wächst und ihr Volum ausdehnt,
und so lange sie sich noch durch Theilung vermehrt. Eine Plastide
mit Membran (oder Lepoplastide) ist jedenfalls abgeschlossener gegen
die Aussenwelt, als eine nackte hüllenlose Plastide ohne Membran
(oder Gymnoplastide) deren Oberfläche unmittelbar mit ihrer Um-
gebung in Berührung steht und demgemäss mit derselben in weit
energischere Wechselwirkung treten kann. Dieses Verhältniss ist
besonders von Max Schnitze betont worden, welcher die von einer
Membran umschlossene Zelle sehr passend mit einem encystirten In-
fusorium vergleicht, und hinzufügt, dass die Bildung einer chemisch
differenten Membran auf der Oberfläche des Protoplasma ein Zeichen
beginnenden Rückschrittes sei, ein Zeichen herannahender Decrescenz,
oder wenigstens eines Stadiums, auf welchem die Zelle in den ihr ur-
sprünglich zukommenden Lebensthätigkeiten bereits eine bedeutende
Einschränkung erleidet. (I. c. p. 21).
Die Zellenmembran fällt demnach in unserer Anschauung in eine
Ordnung oder Kategorie zusammen mit den übrigen Theilen der Zelle,
welche als Producte der Zelle auftreten, und sind namentlich nicht
scharf zu trennen von einer anderen Reihe äusserer Plasma-Producte,
nämlich von den In tercellular- Substanzen, denen mau, beson-
ders in der pflanzlichen Histologie, bei weitem nicht die Bedeutung,
wie den Membranen zuerkannt hat. Zwar werden die Zellenmembranen
und die Intercellular-Substanzen in der Regel, und namentlich von
den Botanikern, als ganz verschiedene Dinge betrachtet; indess ist es
in sehr vielen, und namentlich thierischen Geweben mit Sicherheit
nachzuweisen, dass die Intercellularsubstanz aus verschmelzenden
Membranen benachbarter Zellen hervorgeht, Dass beiderlei Substan-
zen in vielen Fällen von sehr verschiedener chemischer und physi-
kalischer Beschaffenheit sind, spricht nicht dagegen, da die Zelle
fähig ist, in verschiedenen Perioden ihres Lebens sehr verschiedene
Stoffe abzuscheiden.
Die Membran der Piastiden, und zwar ebenso die Cytodcn-
raerabran, wie die Zellenmembran, entsteht entweder durch Difi'eren-
zirung der äussersten Plasmaschicht der hautlosen nackten Piastiden, indem
diese erhärtet und sich von den tieferen weicheren Schichten ablöst, oder
sie entsteht durch Ausscheidung (Exsudation) einer besonderen Substanz,
welche alsbald nach ihrem Austritt aus der Oberfläche des Plasma erhärtet,
T. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 283
nach Art der Cuticularbildungen. Wenn die Cytodenmernbran oder Zellen -
membran durch blosse Differenzirung der ättssersten Plasmaschicht entsteht,
kann die Substanz dieselbe chemische Beschaffenheit beibehalten, indem der
Eiweissstofl' des Plasma, wie dies bei den Proteinkörpern so leicht geschieht,
gerinnt, aus dem flüssigen in den festen Aggregatzustand übergeht. Es
ist dann also blos eine physikalische, keine chemische Differenz vorhanden,
während diese in anderen Fällen mit der ersteren verbunden ist. Wenn
dagegen die Membran einer Ausschwitzung des Plasma ihren Ursprung
verdankt, die an der Oberfläche desselben sich verdichtet, so ist die Sub-
stanz der Membran meist von sehr verschiedener Natur. Bei der Mehrzahl
der Pflanzenzellen, und ebenso bei den Mantelzellen der Tunicaten besteht
sie dann aus Cellulose, bei vielen thierischen Zellen aus einer sehr eon-
sistenten, dem elastischen Gewebsstoff ähnlichen, stickstoffhaltigen Materie
u. s. w. Sehr häufig erscheinen Zellenmembranen, welche eine ansehnlichere
Dicke erreichen, deutlich aus concentrischen Schichten zusammengesetzt,
die einer Periodicität der Exsudation ihren Ursprung verdanken. Dann ist
meistens die innerste Schicht die jüngste und sehr häufig bleiben die Schich-
ten von senkrecht darauf stehenden Porencanälen durchsetzt, durch welche
eine freie Communication und ein leichter Stoffaustausch zwischen der
Oberfläche des Plasma und der Umgebung unterhalten wird.
Von besonderem Interesse sind die partiellen Membranbildungen,
welche nur einen Theil der Oberfläche des Plasma betreffen, während ein
anderer Theil frei bleibt. Schon die letzterwähnte Bildung von Poren-
canälen gehört hierher, ferner das Offenbleiben eines einzigen grösseren
Porencanals, den mau dann als Ausführungsgang (bei den einzelligen
Drüsen) oder als Einführungsgang, Micropyle (bei den Eiern) bezeichnet.
Auch die Schale vieler Rhizopoden (Acyttarien) kann hierher gerechnet
werden, indem sie z. B. bei den Polythalamien bald eine Oeffuung, bald
mehrere, für den Austritt besonderer Fortsätze (Pseudopodien) des Plasma
darbietet. Wenn eine ganze Summe von hautlosen Zellen, die in einer
einzigen Schicht neben einander an der Oberfläche liegen, nun an dieser
freien Seite eine Membran ausscheiden, so wird diese als Cuticula be-
zeichnet. Diese Cuticularbildungen können ebenso wie die vollständige
Zellmembran, in vielfachen Schichten über einander liegen und von Poren-
canälen durchbohrt sein, wie es z. B. die mächtigen festen Ohitindecken
der Grliederthiere meistens sind. Aber auch Epithelien, die aus Hautzellen
bestehen, können an ihrer Oberflächenseite noch eine besondere Cuticula
ausscheiden, und die Substanz dieser Cuticula kann von derjenigen der
Zellmembran verschieden sein, wie es z. B. bei den Pflanzen gewöhnlich
der Fall ist. Bei den Flimmerzellen bleibt, falls dieselben eine Meinbrau
besitzen, die Haut an denjenigen Stellen durchbohrt, an welchen die Cilien,
als Fortsätze des Plasma, hervortreten.
Durch diese partiellen Ausscheidungen, die man auch wohl Extra-
cellularsubstanzen genannt hat, werden wir übergeführt zu den Inter-
cellular-Substanzen, oder allgemeiner gesagt, den Interplastidar-
Sub stanzen, welche in der thierischen Histologie eine so hervorragende
Rolle spielen und durch ihre massenhafte Entwickelung namentlich die
284 Morphologische Individualität der Organismen.
Gewebsgruppe der Bindesubstanzen so sehr auszeichnen. Seit man diese
Gewebe genauer zu untersuchen begonnen bat, spinnt sich ein endloser
und durch die Unklarheit und Verworrenheit, mit der er geführt wird,
höchst unerquicklicher Streit darüber fort, ob diese Intercellularsubstanzen,
wie sie namentlich im Knochen, Knorpel, Bindegewebe, Schleimgewebe etc.
so massig entwickelt sind, als Difl'erenzirungsproducte des Plasma selbst,
aus einer Metamorphose desselben hervorgegangen, oder vielmehr als Aus-
scheidungsproducte desselben, in die die Substanz des Plasma selbst nicht
eingeht, zu betrachten sind. Nach dem, was wir oben bereits über die
Unmöglichkeit einer scharfen Scheidung der Differenzirung und Secretion
gesagt haben, erscheint der grosse Aufwand von Zeit, Mühe und Worten,
den mau an diese Frage gewendet hat, ziemlich überflüssig vergeudet.
Auch das einseitige Bestreben, das hierbei die Meisten zeigten, indem sie
entweder alle Intercellularsubstanzen nur als Differenziruiigs- oder nur
als Secretionsproducte gelten lassen wollten, hat eine einfache und natur-
gemässe Beantwortung dieser viel ventilirteu Frage verhindert. Durch ver-
gleichende Untersuchung der verschiedenen Intercellularsubstanzen bei
niederen und höheren Thieren überzeugt man sich leicht, dass dieselben,
ganz gleich der Zellmembran, im einen Falle fast nur durch Differen-
zirung, im andern Falle fast nur durch Ausscheidung aus dem Plasma
entstehen, während dazwischen alle möglichen Uebergangsstufen zwischen
beiden vorkommen, und oft Auscheidnng und Differenzirung der oberflächlichen
Plasmaschichten gleichmässig zur Ablagerung der Zwischensubstanz bei-
tragen. Auch für die Lösung dieser Frage war das Dogma von der con-
stanten Anwesenheit und Dauer der Zellmembran sehr hinderlich.
Die Ausscheidung der Intercellularsubstanzen geschieht ganz wie die-
jenige der geschichteten Zellenmembran, und in vielen Fällen kann man sich,
z. B. bei verschiedenen Knorpelformen, davon überzeugen, dass die an-
fänglich vollkommen deutlich geschichteten und in ablösbare concentrische
Schalen zu spaltenden Membranen späterhin in eine vollkommen homogene
Zwischensubstanz übergehen. Ebenso können Porencanäle die geschichteten
oder später homogenen Zwischensubstanzen ganz ebenso wie die geschich-
tete isolirbare Membran und die einseitigen geschichteten Cuticularbildungen
durchsetzen. Die verästelten Canäle, welche die concentrischen Knochen-
lamellen durchsetzen und von fadenartigen, nackten Ausläufern des Plasma
erfüllt sind, haben dieselbe Entstehung und dieselbe morphologische Be-
deutung wie die Porencanäle der Cuticularbildungen , wie dies namentlich
von Leydig nachgewiesen worden 'ist. Während diese Canäle bei den
letzteren dem Verkehr des Plasma mit der Aussenwelt (der Perspiration etc.)
dienen, vermitteln sie bei den ersteren, indem die Ausläufer und Plasma-
Zweige der verschiedenen Zellen sich begegnen und verbinden, den Stoff-
verkehr der Zellen unter einander.
Wohl die merkwürdigsten von allen äusseren Plasmaproducten sind
die äusserst zierlich gestalteten und formenreichen Anhänge, welche in Ge-
stalt von Chitinfortsätzen (Schuppen, Haaren, Stacheln, Pinseln etc.) auf der
Chitindecke der Gliederthiere auftreten und gleich dieser selbst Aus-
schwitzungen des Plasma sind. Sic verdienen desshalb eine besondere Er-
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 285
wähnung, weil sie zeigen, wie ausserordentlich weit die formbildende Kraft
der kleinsten Theile der Piastiden, dieser wahrhaften „Bildnerinnen" der
schönsten organischen Formen, reicht. Bekanntlich besitzen diese exsu-
dirten Anhänge die zierlichste und complicirteste Structur, obwohl sie nicht,
wie man früher glaubte, aus einzelnen Zellen zusammengesetzt sind.
Cb. Innere Plasma - Producte.
(„Zellsaft und Zellinhalt".)
Weit mannichfaltiger noch, als die form erreichen und auch chemisch
sehr differenten Stoffe, welche die Piastiden nach aussen auf ihre
Oberfläche, sei es durch Differeuzirung, sei es durch Secretion, oder
durch beide Processe vereinigt, abscheiden, sind diejenigen theils
formlosen theils geformten Bestandteile, welche man gewöhnlich als
„ Zelleninhalt*' bezeichnet, und welche wir, da sie sämmtlich vom
Plasma umschlossen sind, als innere Plasma - Producte zusammen-
fassen.
Wir können diese inneren Ablagerungen in der Substanz der
Piastiden in flüssige und feste eintheilen, oder, da sich zwischen die-
sen beiden Aggregatzuständen gerade hier alle möglichen Uebergäng-e
durch das „Festflüssige" hindurch finden, in formlose und geformte.
Zu den formlosen inneren Plasma- Produkten rechnen wir insbe-
sondere den sogenannten „Zellsaft", ferner das flüssige Fett der Fett-
zellen etc. Unter den geformten inneren Plasma-Producten sind die
Krystalle im Inneren der Piastiden, die Concretionen (z. B. Amylum-
körner) die Pigmentkörner etc. oft von grosser Bedeutung.
Unter den formlosen inneren Plasmaproducten ist vor allem wegen
seines oft sehr bedeutenden Volumens der sogenannte „Zellsaft" hervor-
zuheben, der namentlich in sehr vielen Pflanzenzellen den bei weitem gröss-
ten Theil des Zellvolums ausfüllt. Das Verhältniss dieses Zellsaftes zu dem
Plasma wurde früherhin gewöhnlich der Art aufgefasst, dass man denselben
als den wesentlichsten Theil des Zellinhalts betrachtete und dem Plasma
daneben nur eine untergeordnete Bedeutung zuschrieb. Hierzu veranlasste
namentlich das eigenthümliche Verhalten des Zellsaftes zu dem Plasma in
sehr vielen grossen Pflanzenzellen. Das Plasma scheint hier nur als eine
sehr dünne, körnige Schicht, die aber einen geschlossenen Sack darstellt,
die Innenfläche der Cellulose -Membran auszukleiden, und diese wandstän-
dige Plasmaschicht, der sogenannte „Primordialschlauch", ist durch viele
verzweigte Plasmafäden, welche von ihm ausgehen und den wässerigen
Zellsaft durchziehen, verbunden mit einem gleichen, sehr viel kleineren
Sacke, der als eine zarte Hülle den Nueleus unmittelbar umschliesst. Un-
tersucht man die so gebildeten Zellen während ihres Lebens, so findet man
die zähflüssige schleimartige Substanz des Plasma, die sich mit dem wässe-
rigen Zellsaft nicht mischt, in einer schnelleren oder langsameren strömen-
den Bewegung, welche der activen Contractilität des Plasma ihren Ursprung
286 Morphologische Individualität der Organismen.
verdankt. Als die bekanntesten Beispiele, an denen sieh diese „Strömungen"
des contractilen Plasma leicht demonstriren lassen, werden gewöhnlich die
Zellen der Staubfädenhaare von Tradescantiu angeführt. Dieselben sind in
der gleichen Form an sehr vielen grossen Pflanzenzellen leicht wahrzuneh-
men, unter den thierischen Zellen besonders an den durch beträchtliche
Grösse ausgezeichneten Knorpelzelleu (z. B. au den Medusententakelu)
und „Blasenzellen" des blasigen Bindegewebes (z. B. der Crustaceen,
Schnecken).
Diese eigenthiimliche Yertheilung des Plasma, auf die man mit Recht gros-
ses Gewicht gelegt hat, ist zurückzuführen auf die Fähigkeit des Plasma, Va-
cuoleu zu bilden, d. h. wässerige Flüssigkeiten, Salzlösungen etc., mit
denen sich seine eigene Substanz nicht mischt, in sein Inneres aufzunehmen
und, ohne sich damit zu imbibiren, sie in Form von grösseren und kleineren
Tropfen in seiner Substanz zu vertheileu. Dabei kann während des Durch-
tritts der wässerigen Flüssigkeit durch die äusseren Plasmaschichten hin-
durch die erstere durch unmittelbare Einwirkung der letzteren verändert
werden, so dass nun die Flüssigkeitstropfen oder Vacuolen im Innern be-
reits als „innere Plasma-Producte" erscheinen. Werden die Vacuolen gross
und zahlreich, so fliessen sie im Innern der Plastide zu einem einzigen
Körper zusammen, der fast die ganze geräumige Höhlung der Zellenmem-
bran ausfüllt, so dass das Plasma, zurückgedrängt auf die Ausseufläche des
Kerns und die Innenfläche der Membran, nur noch durch diese beiden
Schichten repräseutirt wird, sowie durch die beide Schichten verbindenden,
verästelten Plasmaläden, welche die Beste der ursprünglich die Vacuolen
trennenden Plasmahäute sind. Wenn der A'ucleus nicht im Innern der
Plastide liegen bleibt, sondern sich an deren Peripherie begiebt, so kann
zuletzt die ganze Flastide zu einer einzigen grossen blasenförmigen V acuole
ausgedehnt werden, in der nur eine ganz düune, den Kern an irgend einer
Stelle einschliessende Plasmaschicht, gleich einer dünnen Eiweissmembran,
den grossen wässerigen Tropfen umgiebt.
Gleichwie die Plastide so durch Vacuolen -Bildung, durch Aufnahme
wässeriger Zellflüssigkeit in das Innere des Plasma, zu einer dünnwandigen
Plasmablase ausgedehnt werden kann, so kann dasselbe auch durch Pro-
duetion anderer Stoffe im Innern geschehen, z. B. von Fett. Die gewöhn-
lichen Fettzellen des Bindegewebes der Wirbelthiere sind derartige Plasma-
blasen, deren ganzes Innere von einer einzigen grossen Fettkugel, gewisser-
uiaassen einer Fett-Alveole, ausgefüllt wird, während in irgend einer Stelle
der das Fett umhüllenden Plasmaschicht, die als eine besondere Membran
erscheint, der Kern eingeschlossen bleibt.
Eine weitere Uebersicht aller der unendlich verschiedenartigen Stoffe,
die im Innern des Plasma abgelagert werden können, hat für unsere Be-
trachtung hier weiter kein besonderes Interesse und es sollen blos einige
von den wichtigsten derselben kurz namhaft gemacht werden. Unter den
geformten inneren Plasma - Producten sind von besonderem Interesse die
Krystalle, theils von organischen, theils von anorganischem Salzen, von
Fetten, gewissen Eiweissstoffen etc., die nicht selten im Plasma gebildet
werden. Sehr wichtig sind ferner die verschiedenartigen Coueretioneu,
I. Morphologische Individuen erster Ordnung: Piastiden. 287
welche namentlich in der Pflanzenzelle (z. B. als Amylumkörner) auftreten,
und durch ihre deutliche concentrische Schichtung ihre allmählige Ent-
stehung als Absatz um kleine Bildungscentra beweisen. Die meisten der
im Plasma eingebetteten geformten Körper, die wir als innere Plasrna-
Producte bezeichnen können, sind noch sehr wenig bekannt, so z. B. die
verschiedenen Pigmente, die eiweissartigen Körner, welche in dem Plasma
sehr verbreitet sind etc.
Eine besondere Erwähnung verdienen hier noch die Nesselkapseln,
insbesondere der Coelenteraten, welche wohl zu den complicirtesten und
künstlichsten Producten gehören dürften, die das Plasma der einzelneu
Zellen in seinem Inneren bildet. Dieselben bestehen aus einer im Plasma
gelegenen hartwandigen Kapsel, welche an einer Stelle eine Oeffnung hat.
An dieser ist ein sehr langer, oft eomplicirt gebauter und mit Widerhaken
versehener Faden befestigt, welcher spiralig im Innern der Kapsel aufge-
rollt liegt. Das Plasma der Zelle nmgiebt die Kapsel als eine dünne
Schicht, in welcher an einer Stelle der Kern eingebettet ist. Wird die
Nesselzelle berührt, so springt der elastische Faden aus der Kapsel heraus
und mit ihm entleert sich die giftige Flüssigkeit, die im Innern der Kapsel
eingeschlossen war.
D. Plasma und Nucleus als active Zellsubstanz.
Wir haben im Vorhergehenden die Plasma-Produete lediglich als
passive Erzeugnisse des Plasma, ohne Rücksicht auf den Kern be-
trachtet, und es erscheint dies gerechtfertigt, nach dem, was wir vom
Verhältniss des Kerns zum Plasma wissen. Da dieses Verhältniss, ob-
wohl noch sehr dunkel, doch von der grössten Wichtigkeit und na-
mentlich für unsere Betrachtung der Piastiden als morphologischer
Individuen von besonderem Interesse ist, so möge es gestattet sein,
hier mit wenigen Worten unsere Auffassung desselben zu erläutern.
Im Allgemeinen können wir bei allen Piastiden das Plasma als
die active, formende Substanz oder Keimsubstanz („germinal matter"
Beale'sJ und die Plasma-Produete entsprechend als die passive, ge-
formte Substanz („formed matter" Beale'sJ bezeichnen. Bei den
Zellen, wo neben dem Plasma auch noch der Kern als active Materie
wirksam ist, haben wir Kern und Plasma zusammen als formende
Substanz aufzufassen. Allerdings ist der Kern, seinem ersten Ur-
sprünge nach, als Differenzirungs-Product des Plasma zu betrachten,
aber in dem Sinne, dass nunmehr Plasma und Kern als coordinirte
Theile, gewissermaassen als verschiedene Organe gleichen Ranges,
neben einander stehen, und differente Functionen vollziehen.
Wenn wir, wie späterhin gezeigt werden wird, die Form jedes
Organismus als das Product aus zwei verschiedenen Factoren, nämlich
aus den ererbten Eigenschaften seiner Materie und aus der Anpas-
sung an die Verhältnisse der Aussenwelt zu betrachten haben, so
müssen wir dieses Gesetz auch auf die Beurtheilung der Elementar-
288 Morphologische Individualität der Organismen.
Organismen, der Piastiden anwenden können. Hier scheinen nun die
beiden Functionen der Erblichkeit und der Anpassung bei den kern-
losen Cytoden noch nicht aut differente Substanzen vertheilt zu sein,
sondern der gesammten homogenen Materie des Plasma zu inhäriren,
während dieselben bei den kernführenden Zellen in der Weise auf
die beiden heterogenen activen Substanzen der Zelle vertheilt sind,
dass der innere Kern die Vererbung der erblichen Charactere
das äussere Plasma dagegen die Anpassung, die Accommodation
oder Adaptation an die Verhältnisse der Aussenwelt zu besorgen hat.
Für diese Autfassung dürfte auch namentlich die bedeutende Rolle
sprechen, welche der Kern allgemein bei der Fortpflanzung der
Zellen spielt. Fast immer geht der Theilung des Plasma die Thei-
lung des Zellenkerns vorher und die beiden so entstandenen Kerne
wirken ipm als selbstständige Attractionscentra, um welche sich die
Substanz des Plasma sammelt. Das Plasma dagegen ist von grös-
serer Bedeutung für die Ernährung der Zelle. Ihm scheint bei der
Zellenvermehrung eine mehr passive Rolle zugetheilt zu sein, und seine
Hauptaufgabe scheint in der Zuführung des Nahrungs- Materials zum
Kerne, und in der Vermittlung des Verkehrs der Zelle mit der Aus-
senwelt zu liegen. Wenn wir denigemäss das Plasma vorzugsweise
als den nutritiven, den Nucleus dagegen vorzugsweise als den
reproductiven Bestandteil der Zelle ansehen können, und wenn
wir dazu den im fünften Buche nachgewiesenen Zusammenhang einer-
seits zwischen der Ernährung und Anpassung, andererseits zwischen
der Fortpflanzung und Erblichkeit in Erwägung ziehen, so werden wir
mit Recht den Kern der Zellen als das hauptsächliche Organ der
Vererbung, das Plasma als das hauptsächliche Organ der An-
passung betrachten können. Bei den Cytoden, wo Kern und Plasma
noch nicht differenzirt sind, werden wir das gesammte Plasma als
das gemeinsame Organ beider Functionen zu betrachten haben.
Hieraus ergiebt sich, dass der Kern nicht bloss als ein Reservekör-
per für das Plasma zu betrachten ist, wie diese Auflassung namentlich
von Beale neuerdings vertreten worden ist. Gewiss ist es ein gros-
ses Verdienst von Beale, die activen Theile der Gewebe (als „germmal
matter'' oder Keimsubstanz) als die eigentlich lebenden und bildenden
Elementar-Organismen, scharf von den passiven Theilen (der „formed
matter", oder geformten Substanz) getrennt zu haben. Auch ist es ge-
wiss sehr richtig, wenn er die Zellmembran und die Intercellular-
substanzen lediglich als geformte Substanzen und das Plasma nebst
Kern vorzugsweise als bildende Substanz auffasst. Dagegen geht er
wohl zu weit, wenn er das Plasma stets in demselben Grade, als es
äusserlich durch Bildung anderer Stoffe abgenutzt, aufgebraucht wird,
von innen her, durch Auflösung der äussern Kernschichten, ersetzt
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 289
werden lässt. Plasma und Kern sind mindestens in vielen Fällen
doch wohl als wesentlich heterogene Piastiden- Theile zu betrachten
und dem Kern vorzugsweise (wenn auch nicht allein) die Fortpflan-
zung und damit die Vererbung der erblichen Eigenschaften der Zelle,
dem Plasma dagegen vorzugsweise die Ernährung und damit zugleich
die Anpassung derselben an die Umgebung, zuzuschreiben.
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung:
Organe oder Werkstücke.
IL 1. Morphologischer Begriff des Organes.
Die physiologische Individualität des Organismus bleibt bei zahl-
reichen niederen Organismen, sehr vielen Protisten, den einzelligen
Pflanzen, und den einzelligen Stammformen der Thiere auf die morpho-
logische Individualität erster Ordnung, auf die Plastide beschränkt,
ohne sich jemals auf eine höhere Stufe zu erheben. Sobald in diesen
Fällen eine Vermehrung der Piastiden durch Theilung eintritt, ist da-
mit zugleich eine Vermehrung der physiologischen Individuen gegeben,
die als selbstständige Lebenseinheiten eine unabhängige Existenz
führen.
Bei der grossen Mehrzahl derjenigen Lebewesen, welche gegen-
wärtig die Erde bevölkern, erhebt sich die physiologische Individuali-
tät über den Rang der einfachen Piastiden, der Form-Individuen er-
ster Ordnung, indem mehrere Piastiden zu einem geselligen Verbände
zusammentreten, der nun als eine höhere physiologische Einheit in
das Leben tritt. Es entstehen dadurch die verschiedenen morphologi-
schen Individuen höherer Ordnung, welche wir oben als Organe, Anti-
meren, Metameren, Personen und Stöcke unterschieden haben.
Die wesentlichsten und obersten Gesetze, welche diese Vereini-
gung der einfachen Form-Individuen erster Ordnung zu zusammenge-
setzten leiten, sind die Gesetze der Aggregation oder Gemeinde-
bildung und der Differenz irung oder Arbeitstheilung. Zunächst
tritt eine Mehrzahl von gleichartigen Piastiden zu einer einfachen,
aus homogenen Elementen bestehenden Gesellschaft zusammen. Die
Erhöhung der Leistungsfähigkeit, die physiologische Vervollkommnung,
welche diese Gemeinde von gleichartigen Piastiden als höhere Einheit
auszeichnet, besteht zunächst bloss in einem quantitativen Zuwachs
der Kräfte. Mehrere gleiche Individuen vereinigt vermögen mehr
Kraft zu entwickeln, als ein einziges allein. Allmählig aber geht aus
dieser quantitativen Vervollkommnung durch Aggregation die
viel wichtigere qualitative Vervollkommnung durch Differenzirung
hervor. Es treten nämlich zunächst sehr geringe, bald aber be-
Haeckel, Generelle Morphologie, 19
290 Morphologische Individualität der Organismen.
deutendere Unterschiede zwischen den ursprünglich gleichartigen Plasti-
den auf, welche endlich zu einer vollständigen Arbeitsteilung führen.
Indem die einzelnen Cytoden oder Zellen ihre individuelle Selbst-
ständigkeit dadurch mehr oder weniger aufgeben, und in die Dienste
der höheren Einheit, des Piastidenstockes, treten, entwickeln sie be-
stimmte Eigenthümlichkeiten einseitig nach gewissen Richtungen hin
und ergänzen und bedingen sich dadurch gegenseitig. Die nähere
Erörterung dieser tectologischen Grundgesetze, nach denen aus einer
Vielheit von einfachen Formindividuen erster Ordnung durch Aggre-
gation und Differenzirung Individuen höherer Ordnung entstehen,
bleibt dem elften Capitel vorbehalten.
Die Bezeichnungen, welche die verschiedenen Autoren diesen
mannichfaltigen höheren Form-Individuen beilegen, die noch nicht den
Rang der Person (des Individuums im gewöhnlichen, engeren Sinne)
erreichen, sind sehr verschieden. Man nennt sie „höhere Eiern entar-
theile, Gewebe, Organe, Systeme, Apparate" u. s. w., indem man bald
mehr an die morphologische, bald mehr an die physiologische In-
dividualität derselben denkt. Eine consequente Unterscheidung und
klare Eintheilung derselben ist aber noch kaum versucht und auch
nur sehr schwierig durch die ganze bunte Organismen-Welt hindurch
auszuführen. Am meisten haben sich mit dieser Aufgabe die Anthro-
potomen beschäftigt, denen aber gewöhnlich der Ueberblick über die
vielfach verschiedenen einfacheren Organismen zu sehr abgeht, um
aus ihrer genauen Kenntniss der organischen Zusammensetzung des
menschlichen Körpers eine allgemein anwendbare Classification der
Organe verschiedener Ordnung für alle Organismen ableiten zu kön-
nen. In der Regel findet man die Angabe, dass der menschliche Kör-
per (und überhaupt der Wirbelthier - Organismus) zusammengesetzt sei
aus vier verschiedenen, über einander stehenden morphologischen Ein-
heiten, nämlich 1. Apparaten, 2. Systemen, 3. Organen, und diese
letzteren endlich 4. aus den höheren und niederen Elementartheilen
(Geweben der Zellen). Wir glauben, dass man alle diese verschiede-
nen Theil-Kategorieen am besten unter dem gemeinsamen Namen der
Organe zusammenfasst, und unter diesen Organe verschiedener Ord-
nungen oder Stufen unterscheidet.
Der Begriff des Organ es oder „Werktheiles, Werkzeuges" ist
ursprünglich ein rein physiologischer und es bedarf daher einer Recht-
fertigung, wenn wir denselben zur Bezeichnung der morphologischen
Individualität zweiter Ordnung verwenden. Diese Rechtfertigung liegt
zunächst schon darin, dass die Leistungen jedes Werkzeuges nur zum
Theile durch chemisch-physikalische Eigenschaften, zum Theile aber
zugleich, und sehr oft zum grössten Theile, durch seine Form und
durch die der äusseren Form zu Grunde liegende innere Structur oder
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 291
Zusammensetzung aus mehreren Formen bedingt ist. Für die Werk-
zeuge des Lebens, die wir im engeren Sinne „Organe" nennen, gilt
dies um so mehr, da sie meistens ungleich complicirtere Form- und
Stractur- Verhältnisse zeigen, als die feinsten Organe oder Maschinen,
die wir künstlich zu construiren im Stande sind. Auf diese Zusam-
mensetzung des Organs aus einer Mehrzahl von untergeordneten Form-
einheiten gründete Victor Carus seine morphologische Characteristik
des Organs als einer „Summe bestimmter Elem entartheile oder Gewebe
in constanter Verbindung und Form." Diese Definition ist aber zu
allgemein, weil sie eben so gut auf die Form -Individuen dritter bis
bis sechster Ordnung passt. Diese letzteren, sowie auch den Begriff
des Gewebes müssen wir ausschliessen und den Ausdruck Elemen-
tartheil durch den bestimmten morphologischen Begriff der „Plastide"
ersetzen, andererseits den einheitlichen Character des Organs als
eines Ganzen hervorheben.
Der morphologische Begriff des Organs im Allgemeinen lässt sich
nach dieser unserer Auffassung feststellen als „eine constante einheit-
liche Raumgrösse von bestimmter Form, welche aus einer Summe
von mehreren bestimmten Piastiden (entweder von Cytoden oder von
Zellen, oder von Beiden), in constanter Verbindung zusammengesetzt
ist, und welche nicht die positiven Charactere der Form -Individuen
dritter bis sechster Ordnung erkennen lässt." Diese morphologische
Definition des Organs mag insbesondere ihres th eilweise negativen
Inhalts wegen sehr mangelhaft erscheinen, wird aber bei der ausser-
ordentlichen Verschiedenartigkeit der verschiedenen Organe nicht leicht
durch eine bessere allgemein anwendbare zu ersetzen sein.
II. 2. Eintheilung der Organe in verschiedene Ordnungen.
Nachdem wir den morphologischen Begriff des Organs festgestellt
haben, müssen wir, um wenigstens eine allgemeine Uebersicht über
die unendlich mannichfaltige Zusammensetzungs -Weise desselben zu
gewinnen, den Versuch wagen, nach dem höheren oder geringeren
Grade ihrer Zusammensetzung verschiedene Ordnungen von Organen
zu unterscheiden. Allerdings ist dieser Versuch sehr schwierig, da
man die morphologischen Einheiten verschiedenen Banges, welche
sich aus Vielheiten von Piastiden zu Organen verschiedener Ordnung
aufbauen, in den mannichiältigen Gruppen der Organismen nach ganz
verschiedenen Gesichtspunkten beurtheilt hat. Daher herrscht in den
allgemeinen Ansichten, welche hierüber in den Einleitungen zu histo-
logischen und anatomischen Handbüchern gegeben werden, grosse
Unklarheit, und es ist bekannt, dass in dem Capitel von der soge-
nannten „Classification der Gewebe und Organe" die seltsamsten und
widersprechendsten Ansichten zu Tage kommen. Wenn wir unter
19*
292 Morphologische Individualität der Organismen.
möglichst allgemeiner Berücksichtigimg aller Organismen die Organe
nach ihrem geringeren oder höheren Grade von Complication in
mehrere Kategorieen zu ordnen versuchen, so können wir folgende
fünf Ordnungen von Organen unterscheiden: 1. Zellenfusionen oder
Cytocormen. 2. Einfache oder homoplastische Organe. 3. Zusammenge-
setzte oder heteroplastische Organe. 4.0rgan-Systeme. 5. Organ-Apparate.
Gewöhnlich gestaltet sich die Lehre vorn Aufbau des Organismus (ins-
besondere des menschlichen) zu folgendem Satze: Die Zellen gruppiren
sich zur Bildung von Geweben, entweder durch einfache Aggrogation oder
nachdem sie sich bereits zu „höheren Elementartheilen", z. B. Zellnetzen,
Muskel- und Nerven-Röhren etc.) vereinigt haben ; aus den Geweben setzen
sich die Organe zusammen; die Organe treten zur Bildung von Systemen
oder von Apparaten zusammen, wobei man unter letzterem Namen meist
eine physiologische, unter ersterem eine morphologische Einheit von mehre-
ren Organen versteht. So sagt z. B Kölliker in seinem vielverbreiteten
Handbuch der Gewebelehre des Menschen: „Die Elementartheile einfacher
und höherer Art sind nicht regellos im Körper zerstreut, sondern nach be-
stimmten Gesetzen zu den sogenannten Geweben und Organen vereint.
Mit dem ersten Namen bezeichnet man jede gesetzmässige, in gleichen Theilen
immer in derselben Weise wiederkehrende Anordnung der Elementar-
theile, mit dem eines Organes dagegen eine gewisse Zahl von E lerne u-
tartheilen von bestimmter Form und Verrichtung. Vereinen sich mehrere
oder viele Organe gleicher oder verschiedener Art zu einer höheren Ein-
heit, so heisst dies ein System. u Die Organe werden dann weiter in ein-
fache und zusammengesetzte eingetheilt, je nachdem sie nur aus einem ein-
zigen oder aus mehreren Geweben zusammengesetzt sind. 1 )
Am schärfsten sind diese Organe verschiedener Ordnung von Victor
Carus unterschieden und characterisirt worden, welcher den zusammen-
gesetzten Organismus sich ebenfalls aus Geweben, Organen und Systemen
aufbauen lässt. Er versteht unter Geweben „die an verschiedenen Stellen
l ) Kölliker (Gewebelehre) unterscheidet vier verschiedene Hauptformen von
Geweben: I. Zellengewebe (1. Oberhaut. 2. Aechte Drüsen), II. Gewebe der
Bindesubstanz (1. Einfache Bindesubstanz, 2. Knorpel, 3. Faserige Bindesubstauz
(Bindegewebe uud elastisches Gewebe), 4. Knochen und Zahnbein, III. Muskel-
gewebe (1. Glatte Muskeln, 2. Quergestreifte Muskeln), IV. Nervengewebe. Die
aus diesen Geweben zusammengesetzten Organe werden von Kölliker folgen-
dermaasseu classiticirt: A. Ein fache Organe: I. Organe des Zellengewebes
(1. Oberhäute, Haare, Nägel, Linse, 2. Einfache Drüsen ohne Bindegewebshülle).
II. Organe der Bindesubstanz (1. Glaskörper, 2. Chorda dorsalis, gefässloser Knor-
pel, elastischer Knorpel, 3. Sehnen, Bänder, Fascien etc.), B. Zusammenge-
setzte Orgaue: III. Organe mit Vorwiegen des Zellengewebes (Grössere ächte
Drüsen), IV. Organe mit Vorwiegen der Bindesubstauz (1. Gefässhaltige Biude-
gewebshäute, 2. Knochen, Zähne, 3. Gefässe, 4. Blutgefässdrüsen), V. Organe
mit Vorwiegen des Muskelgewebes (glatte und quergestreifte Muskeln), VI. Or-
gane mit Vorwiegen des Nervengewebes (Ganglien, Nerven, Hirn, Mark),
VII. Orgaue, in denen alle Gewebe vertreten sind (1. die einzelnen Organe des
Darmes, der Geschlechtsorgane und der grösseren Drüsen. 2. höhere »Siuuesorgane.
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 293
des Thierkörpers auftretenden, durch gleiche Form und gleiche Verbindung
der in ihre Zusammensetzung eingehenden E leine ntartheile characterisirten
näheren Formbestandtheile der Organe und Systeme", und unterscheidet
„einfache Gewebe, welche nicht durch eine Vereinigung mehrerer ge-
bildet sind" und „zusammengesetzte Gewebe, welche ausser eigen-
thiimlichen Elementen noch einzelne oder mehrere der einfachen enthalten
(Muskel-, Nerven- und Drüsen-Gewebe)". Nach dieser Definition sind aber
die „Gewebe" (ebenso wie nach der von Kölliker gegebenen) nicht von
den „Organen" zu unterscheiden, welche nach Carus nur „eine Summe
bestimmter Elementartheile oder Gewebe in constanter Verbindung und
Form" sind. Carus unterscheidet dann zwar weiter unter den Organen
„einfache Organe, welche von einem einzigen Gewebe gebildet werden
oder andere Elemente nur mehr zufällig beigemengt enthalten" und „zu-
sammengesetzte Organe", welche aus der Vereinigung mehrerer Gewebe
entstehen. Indess ist nicht einzusehen, wodurch sich die „einfachen Organe"
von den „einfachen Geweben" dann eigentlich unterscheiden.
Noch weniger allgemein anwendbar, und noch reicher an Widersprüchen
und mangelhafter Bestimmung als diese Classification der Gewebe und Or-
gane ist diejenige der „Organ-Complexe" höherer Ordnung, welche mau
gewöhnlich entweder als „Systeme" oder als „Apparate" zusarnmenfasst,
auch wohl diese beiden Namen häufig, ohne sich etwas Bestimmtes dabei
zu denken, vermischt gebraucht. Allerdings kann man den Ausdruck
Organ-System zur Bezeichnung eines Organ-Complexes höherer (vierter)
Ordnung beibehalten. Er muss dann aber ausschliesslich in seinem ur-
sprünglichen morphologischen Sinne zur Bezeichnung eines continuirlich
zusammenhängenden Organcomplexes gebraucht werden, in dem ein einziges
Gewebe, d. h. eine einzige Art von Zellen oder von Zellenstöcken
ganz vorwiegend als wesentlicher Bestandtheil aultritt, wie dies z. B.
beim Nervensystem, beim Muskelsystem, beim System der äusseren Haut-
decken und ihrer Anhänge der Fall ist. Anders verhält es sich mit dem
Ausdruck Organ- Apparat, welcher ursprünglich und auch gewöhnlich
in mehr physiologischem Sinne gebraucht wird, zur Bezeichnung eines
(oft sehr verschiedenartig zusammengesetzten, räumlich getrennten und dis-
continuirlicheu) Organcomplexes, der blos durch das gemeinsame Kriterium
der gleichen Function verbunden erscheint, wie z. B. der Bewegungs-
Apparat, der Ernährungs- Apparat. Freilich werden in dem Begriffe des
Organ -Apparates, wie es auch bei den meisten anderen derartigen allge-
meinen Begriffsbildungen so oft stattfindet, physiologische und morphologische
Vorstellungen in mehr oder weniger unklarer Weise vermischt angewendet,
und es gelingt daher nur schwer, befriedigende Definitionen dieser höheren
Organ-Einheiten aufzustellen. Jedoch kann man den Begriff des Organ-
Apparates auch zur Bezeichnung eines rein morphologischen Organ-
Complexes beibehalten, eines solchen einheitlich abgeschlossenen Ganzen
nämlich, welches aus mehreren verschiedenen einfachen und zusammen-
gesetzten Organen aufgebaut ist, in welchem aber nicht, wie beim Organ-
System, eine einzige Plastiden-Art oder eine einzige Gewebs-Form über die
übrigen das volle Uebergewieht hat; z. B. der Bewegungs-Apparat der
294 Morphologische Individualität der Organismen.
Wirbelthiere , bei welchem Knochensystern und Muskelsystem gleichmässig
stark betheiligt sind.
Wir würden also als einen höchsten Orgau-Complex oder als ein Organ
höchster (fünfter) Ordnung den Organ -Apparat, und als einen nächst
tieferen Cotnplex (als Organ vierter Ordnung) das Organ- System hin-
stellen können. Als zwei nächst niedere Ordnungen würden wir ferner zu
betrachten haben solche Organe, welche aus mehreren verschiedenen Plasti-
den-Arten (Geweben), und solche, welche nur aus einer einzigen Plastiden-
Art (einem einzigen Gewebe) zusammengesetzt sind. Erstere würden als
zusammengesetzte oder heteroplastische Organe eine dritte Ordnung,
letztere als einfache oder homoplastische Organe (identisch mit den
einfachen Geweben) eine zweite Ordnung von Organen constituiren. End-
lich würde die tiefste Stufe oder die erste Ordnung der Organe von den
Zellfusionen oder Cytocormen (den sogenannten „höheren Elementar-
theilen") gebildet werden.
Was die Gewebe betrifft, so scheinen uns dieselben nicht als beson-
dere morphologische Einheiten aufgeführt werden zu können, welche man,
wie es häufig geschieht, zwischen die Piastiden und die Organe einschieben
möchte. Vielmehr fällt der Begriff des Gewebes, da wo dasselbe eine be-
stimmte morphologische Einheit repräsentirt, also einen Plastiden-Complex
der eine bestimmt umschriebene Form besitzt, zusammen mit dem Begriff
des einfachen Organs. Dies wird alsbald klar, wenn wir die beiden
oben angeführten Definitionen vom Gewebe und vom einfachen Organ genau
vergleichen. Der Ausdruck „Gewebe" soll zunächst weiter Nichts bedeu-
ten, als eine Vielheit von gleichen, gesellig verbundenen Piastiden, wobei
man gewöhnlich gleichzeitig an die physiologischen Leistungen dieses
Zellen -Cornplexes und an die, morphologischen Eigenthümlichkeiten denkt
welche durch die Form, Lagerung und Verbindung der constituirenden
Gewebs- Elemente bedingt sind. Das Gewebe an sich hat aber keine
Form, ist räumlich vollkommen unbegrenzt und kann in keinem Falle als
eine morphologische Individualität aufgefasst werden. Sobald ein einfaches,
aus Zellen von einerlei Art gebildetes Gewebe als ein einheitlicher Körper
von bestimmter Form und Grösse auftritt, wird dasselbe zum „einfachen
Organ", wie z. B. in der Linse, in den Knorpeln, in den Moos blättern etc.
Wir können daher den Unterschied zwischen einfachem Gewebe und ein-
fachem Organ nur darin finden, dass das letztere als ein Körper von be-
stimmter Form und Grösse auftritt, während das erstere lediglich eine
Vielheit von eng verbundenen Piastiden von einerlei Art bezeichnet, und
die Art und Weise, in welcher diese Piastiden verbunden sind. Wenn wir
von der Verschiedenheit der Gewebe sprechen, so meinen wir im Grunde
nur die Verschiedenheiten, welche sich in Form, Grösse und Verbindungs-
weise der einzelnen Piastiden aussprechen und die sogenannte Classification
der Gewebe ist dann weiter Nichts als eine Classification der verschiedenen
Arten von Piastiden. Das „Gewebe" ist gewissermaassen die „Species"
der verschiedenen Piastiden -Formen. Wenn wir dagegen die Formen
betrachten, welche durch die Verbindung der Piastiden von einerlei Art
entstehen, so handeln wir bereits von den einfachen Organen.
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 295
Eine eigentümliche Stellung und eine besondere (erste) Ordnung
müssen wir hier noch den sogenannten „höheren Elementar th eilen"
einräumen, welche man gewöhnlich den „einfachen Zellen" gegenüberstellt.
Dieselben werden von Kölliker bezeichnet „als Formen, bei denen eine
ganze Summe von Zellen zur Bildung einer höheren Einheit verbunden
ist" 1 " ') Offenbar ist aber auch diese Definition wieder nicht von derjenigen
des „einfachen Organs" zu unterscheiden und bedarf einer wesentlichen
Beschränkung. Als höhere Elementartheile werden theils wirkliche höhere
morphologische Einheiten von einer bestimmten Form und Grösse bezeich-
net, die durch innige Verbindung oder sogenannte Verschmelzung von
Zellen entstehen, wie z. B. die Muskelprimitivröhren, Nervenprimitivröhren,
theils aber auch nur formlose Aggregate von Zellen, deren einzelne Zellen
inniger (z. B. netzförmig) verbunden sind, als dies gewöhnlich bei der
Gewebsbildung der Fall ist, wie z. B. die Zellnetze des Knochen-Gewebes.
Diese letzteren (und es gehört hierher die Mehrzahl der sogenannten
höheren Elementartheile) werden wir daher einfach als verschiedene Arten
von Piastiden oder Individuen erster Ordnung zu betrachten haben, während
dagegen die erstereu als bestimmte morphologische Einheiten bereits unter
den Begriff der einfachsten Organe fallen. Es gehören dahin die Muskel-
primitivfasern, die Nervenprimitivfasern der Thiere, ferner die sogenannten
„Gefässe" der Pflanzen, Milchsaftgefässe und Spiralgefässe, die letzteren
allerdings meist sehr bald nach ihrer Entstehung absterbend, indem an die
Stelle des verschmolzenen Plasma Luft in die Zellfusionen eintritt. Wir
werden diese Zellfusiunen, welche bald aus nicht vollständig erfolgter Tren-
nung mehrerer gemeinsam entstandener Zellen (z. B. quergestreifte Mus-
keln) bald aus wirklicher Verschmelzung mehrerer vorher getrennter
Zellen entstehen (z. B. Spiralgefässe der Pflanzen) allgemein als einfachste
Organe erster Ordnung den vorher genannten „einfachen Organen" (zweiter
Ordnung) voranstellen und demnach im Allgemeinen folgende fünf Katego-
rieen von Organen verschiedenen Banges unterscheiden können: Organe
erster Ordnung: Zellfusionen (Zellenstöcke oder Cytocormen oder höhere
Elementartheile). Organe zweiter Ordnung: Homoplasten (Einfache oder
homoplastische Organe). Organe dritter Ordnung: Heteroplasten (Zusam-
mengesetzte oder heteroplastische Organe). Organe vierter Ordnung: Organ-
Systeme. Organe fünfter Ordnung: Organ-Apparate.
') Die „höheren Elementartheile" werden von Kölliker in zwei Ab-
theilungen gebracht: I. Höhere Elementartheile, welche die sie zu-
sammensetzenden Zellen noch mehr oder weniger deutlich zeigen:
1. Zellennetze des Zellengewebes, 2. Zellennetze aus dem Gewebe der Binde-
substanzen, 3. Zellennetze aus der Abtheilung des Muskelgewebes, 4. Zellennetze
aus dem Gewebe der Nerven. II. Höhere Elementartheile, deren Bil-
duugszellen nicht mehr zu erkennen sind: 5. Kernlose Fasernetze des
cytogenen Gewebes, 6. Fasernetze der quergestreiften Muskelu, 7. Fasern und
Fasernetze des Nervengewebes, 8. Röhren und Röhrengeflechte der Blut- und
Lymph-Capillaren, 9. Röhren und Röhrengeflechte der feinsten Tracheen der
Wirbellosen.
a o V
296 Morphologische Individualität der Organismen.
A. Organe erster Ordnung:
Zellfusionen. (Zellenstöcke, Cytocormi, höhere Elementartheile.)
Die Organe, welche wir als einfachste morphologische Organe,
also als Organe erster Ordnung ansehen, werden nur von einem klei-
nen Theile der sogenannten „höheren Elementartheile" gebildet, näm-
lich von den sogenannten Muskelprimitivfasern und Nervenprimitiv-
fasern der Thiere und von denjenigen sogenannten ,. mehrkernigen
Zellen", welche bleibend mehrere Kerne enthalten. Unter den Pflan-
zen sind entsprechende Bildungen als sogenannte „Gefässe" (Milch-
saftgefässe und Spiralgefässe) sehr allgemein verbreitet. Unter den
Protisten entstehen Zellfusionen oft durch „Copulation*' (z. B. bei den
Gregarinen).
Der eigenthümliehe Character der Zellfusionen und ihr Unter-
schied von den einfachen Organen beruht darin, dass die Verbindung
von mehreren Zellen einer Art an und für sich schon die Bildung eines
einfachsten Organs, d. h. eiuer bestimmt geformten morphologischen
Einheit bedingt. Die Form dieses Organs ist also unabhängig von
gröberen morphologischen Verhältnissen des ganzen Organismus und
das Organ in seinen Eigenthümlichkeiten wird lediglich durch die
specifische Beschaffenheit der innig verbundenen Zellen bedingt.
Es muss hierbei ausdrücklich erinnert werden, dass wir unter einer
Zelle nur einen Plasma-Klumpen mit einem Kerne verstehen können.
Der häufig gebrauchte Ausdruck einer „mehrkernigen Zelle" ist
eine Contradictio in adjecto, da ja eben nur die Einheit des Kerns die
individuelle Einheit der Zelle als eines Elementar-Organismus bedingt.
Jeder Plasmaklumpen, der mehr als einen Kern umschliesst, möge er
nun von einer Membran umhüllt sein oder nicht, ist eine Vielheit von
Zellen, und wenn diese Vielheit eine bestimmte einheitliche Form be-
sitzt, so haben wir sie als Zellenstock zu dem Range eines Organes
erster Ordnung zu erheben. Die einzelne, d. h. einkernige Zelle,
verhält sich zum Zellenstock oder der mehrkernigen Zelle ganz eben
so wie ein einzelner Polyp zum ganzen Polypeustock. Und wie bei
den letzteren häufig, z. B. bei den Maeandrinen, die einzelnen, aus
fortgesetzter Theiluug des einfachen Thiers hervorgehenden Polypen,
so innig verbunden bleiben, dass die Grenzen der einzelnen Indivi-
duen nicht zu bestimmen sind, so ist dies auch oft bei den Zellen-
stöcken der Fall, welche entweder aus einer fortgesetzten unvollständigen
Theilung einer einfachen Zelle oder aber aus einer wirklichen Ver-
schmelzung vorher getrennter Zellen entstehen. Diese beiden ver-
schiedenen Entstehungsweisen der Zellfusionen sind oft sehr schwer
zu unterscheiden, z. B. bei vielen Primitivfäsern oder Primitivröhren
der Muskeln und Nerven, den Milchsaftgefässen der Pflanzen etc.
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 297
Aus dem Vorhergehenden ergiebt sich bereits, dass wir „höhere
Elementartheile" nur von Zellen, d. h. von kernführenden Piastiden,
nicht aber von Cytoden oder kernlosen Piastiden gebildet, wahrnehmen
können. Denn wenn wir auch wirklich grössere Cytoden durch Ver-
schmelzung mehrerer kleinerer entstehen sehen, (wie es z. B. bei den
Plasmodien der Myxomyceten der Fall ist), so besitzen wir durchaus
kein morphologisches Kriterium, um diesen Cytodencomplex als solchen
erkennen und von den ursprünglich einfachen Cytoden derselben Art
unterscheiden zu können. Bei den Zellstöcken dagegen, welche durch
Verschmelzung mehrerer Zellen entstehen, ist ihr Ursprung so lange
erkennbar, als die Kerne der verschmolzenen Zellen noch persistiren.
Denn der Kern der Zelle bestimmt ihre Individualität.
Die häufigste Form, in welcher die Zellfusionen oder Zellenstöcke auf-
treten, ist die langgestreckte Form einer cylindrischen oder bandförmig ab-
geplatteten Röhre oder Faser. Solche Röhren oder Fasern sind die soge-
nannten Muskelprimitivbündel der quergestreiften Muskeln, welche besser
als Muskelprimitivröhren oder Muskel primitivfasern bezeichnet
werden. Der Zellenstock bildet hier ein sehr langgestrecktes, an beiden
Enden zugespitztes cvlindrische» Rohr, dessen zarte Hülle, das Sarcolemma
oder die Primitiv scheide , eine Ausscheidung der innig verbundenen mem-
branlosen Zellen ist, welche dies Rohr ausfüllen. Das Plasma der ver-
schmolzenen Zellen ist grossentheils zu der sogenannten „quergestreiften
Masse" contractiler Substanz differenzirt, d. h. in eine Menge von kubischen
Körperchen (Muskelwürfeln) zerfallen, welche durch zwei verschiedene
Zwischensubstanzen (Quer- und Längs -Bindemittel) der Quere nach zu
„Discs a , der Länge nach zu „Fibrillen" vereinigt werden. ') Die nicht
difierenzirten Reste des Protoplasma finden sich als eine feinkörnige weichere
Masse theils zwischen den Würfeln, theils an der Innenfläche der von ihm
ausgeschiedenen Primitivröhren, theils (und oft besonders reichlich) um die
einzelnen Kerne angehäuft, welche als die Centralheerde der difierenzirten
Zellen persistiren. Die Zahl dieser Kerne bezeichnet die Zahl der Zellen,
w r elche in der Bildung des Zellenstockes aufgegangen sind. Ganz ähnlich
den Muskelprimitivröhren verhalten sich die Nervenprimiti vröhren,
deren Primitivscheide ebenfalls als Ausscheidung des Plasma der vereinig-
ten Zellen zu betrachten ist. Das Plasma hat sich bei den dunkeln oder
markhaltigen Nervenfasern in eine äussere (fettige) Markscheide und einen
inneren (albuminoseu) Axencylinder differenzirt. Die Kerne der vereinigten
Zellen liegen meist an der Innenseite der Primitivscheide, zwischen ihr und
dem Plasma. In diesen Fällen bleiben also die einzelnen Zellen des
Stockes membranlos, während der ganze Stock oder die Fusion ein Mem-
bran (Primitivscheide) absondert.
') Ueber die Verbindung der Muskelwürfel uder „sarcous elements" durch
zweierlei verschiedene Zwischensubstanzen (Quer- und Längs - Bindemittel)
vergl. nieinen Aufsatz über die Gewebe des Flusskrebses (Müllers Archiv 1857.)
298 Morphologische Individualität der Organismen.
Die einzigen Zeilfasionen oder Zellstöcke, welche im Pflanzenreiche
vorkommen und den Primitivröhren der zusammengesetzten thierischen Mus-
keln und Nerven entsprechen, sind (abgesehen von den bei niederen Pflan-
zen häutigen Copulationen von Zellen) die sogenannten „Ge fasse a der
höheren oder Gefässpflanzen (Gefäss-Cryptogamen und alle Phanerogamen).
Sie zerfallen allgemein in „Milchsaftgefässe" und „Spiralgefässe", von denen
die ersteren bleibend mit einem milchigen Safte, die letzteren bald nach
ihrer Entstehung nur noch mit Luft gefüllt sind. Die Spiralgefässe der Pflanzen
entstehen dadurch, dass an einer Reihe hinter einander gelegener Zellen
die trennenden Zwischenwände resorbirt werden, so dass das Plasma der
verschmolzenen Zellen unmittelbar sich vereinigt.
B. Organe zweiter Ordnung:
Einfache oder homoplastische Organe.
(Gleichartige Plastiden-Gemeinden oder homogene Plastideu-Complexe.)
Homoplasten. „Gewebe" im engsten Sinne.
Als eine zweite Ordnung- von Organen betrachten wir diejenigen,
welche von Vielen als einfache Gewebe, oder selbst als „Gewebe 41
schlechtweg, besser als „ einfache Organe " bezeichnet werden, und
welche man noch bestimmter „homoplastische Organe" nennen
kann. Diese stimmen mit denen der ersten Ordnung, den Zellenstöcken
darin übereiu, dass sie nur aus Piastiden von einerlei Art oder,
wie man gewöhnlich sagt, aus einem einzigen Gewebe gebildet wer-
den. Sie unterscheiden sich aber von den Cytocormen darin, dass
die Form des Organs hier nicht zunächst durch die Verbindung der
Piastiden selbst bedingt wird, sondern scheinbar unabhängig davon
durch die Bau-Verhältnisse des ganzen Organismus, den sogenannten
,.Bauplan. " Es können daher diese homoplastischen Organe in der
verschiedensten Form auftreten, obgleich sie aus einer und derselben
Zellenart gebildet sind, wie z. B. die verschiedenen Knorpel, die ver-
schiedenen Moosblätter einer und derselben Species, — während die
Cytocormen, die aus einerlei Art Zellen bestehen, allein schon wegen
ihrer constanten Verbindungsweise bei einer und derselben Species an
den verschiedensten Orten meist in einer und derselben Form auftre-
ten, z. B. Muskel- und Nervenfasern. Bei diesen Organen erster Ord-
nung wird also die äussere Form des Organs an und für sich schon
durch die Verbindungsweise der verschmelzenden Zellen bedingt,
während sie bei den Organen zweiter Ordnung von dieser Verbin-
dungsweise unabhängig ist und durch die gröberen Structur-Verhält-
nisse des ganzen Organismus bedingt wird.
Die Piastiden, welche homoplastische Organe zusammensetzen, kön-
nen sowohl kernlose (Cytoden) als kernhaltige (Zellen) sein, wobei die
innigere Verbindung der Elemente, welche durch den Mangel der
Membran bedingt wird, für die Formbildung des homoplastischen Or-
IL Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 299
gans an sich ohne besondere Bedeutimg ist. Die letztere erfolgt ohne
Rücksicht darauf, ob die einzelnen Zellen, wie bei den Cytocormen,
hautlos und innig verschmolzen, oder ob sie durch Membranen oder
Intercellularsubstanzen getrennt und also relativ selbstständig sind.
Als solche einfache oder homoplastische Organe lassen sich bei
Wirbelthieren anführen die gesammte Oberhaut (Epidermis) sammt
ihren Anhängen (Haare, Nägel, Schuppen, Drüsen etc.) die Krystall-
linse (Epidermis-Product), Knorpel (Chorda dorsalis, viele Arten von
hyalinem und faserigem Knorpel), und manche andere, gefässlose und
nervenlose Formen der Bindesubstanz, z. B. das Schleimgewebe der
Whartonschen Sülze des Nabelstranges. Unter den Pflanzen sind
gleiche einfache oder homoplastische Organe insbesondere auf den
niederen Stufen sehr verbreitet, und es gehören dahin alle diejenigen
Blattorgane und Axenorgane, welche nur aus einer einzigen Art von
Piastiden (aus einem einzigen Gewebe) zusammengesetzt sind (z. B. der
Thallus vieler Cryptogamen, die Blätter vieler Zellencryptogamen etc.)
C. Organe dritter Ordnung:
Zusammengesetzte oder heteroplastische Organe.
(Ungleichartige Plastiden-Gemeinden oder heterogene Plastiden-Complexe.)
Heteroplasten. „Organe" im engsten Sinne.
Die bei weitem grösste Mehrzahl aller Organe besteht bei den
höheren Organismen, sowohl Thieren als Pflanzen, nicht aus einer
einzigen, sondern aus mehreren Arten von Zellen oder Geweben, in-
dem mehrere verschieden differenzirte Zellcomplexe, seien es Organe
erster oder zweiter Ordnung, sich vereinigen, um ein Organ dritter
Ordnung, ein zusammengesetztes oder heteroplastisches Organ
zu bilden. Die zwischen den anfänglich gleichartigen Zellen eingetre-
tene Arbeitstheilung befähigt dieselben in ihrer Verbindung zu einem
einheitlichen Ganzen zu höheren Leistungen.
Bei der grossen Mehrzahl der Thiere ist die Zusammensetzung
der meisten Organe aus mehreren Geweben, aus mehr als einer Art
von Zellen, schon dadurch bedingt, dass in sehr früher Zeit des Lebens
eine, später immer weiter gehende Dift'erenzirung der anfangs gleich-
artigen Piastiden eintritt, und dass aus dieser Gevvebs-Differenzirung
einerseits sehr verschiedenartig zusammengesetzte Organe hervorgehen,
andererseits eigenthümliche Kelations- Organe oder Centralisations-
Organe, welche die verschiedenen anderen Organe in mehr oder
weniger nahe Verbindung unter einander und mit den Central-Organen
bringen. Ein solches Beziehungs-Organ des Thierleibes ist das Nerven-
system, ein anderes das ernährende Gefässsystem. Ferner wird eine
räumliche Verbindung und zugleich Sonderung der benachbarten Or-
300 Morphologische Individualität der Organismen.
gane durch die verschiedenen Gewebe der Bindegewebsgruppe herbei-
geführt. Alle diese den ganzen Körper der höheren Thiere durch-
ziehenden Organe senden ihre Zweige und Ausläufer in das Innere
der meisten übrigen Organe hinein, wo sie sich zwischen deren con-
stituirenden Geweben ausbreiten. In gleicher Weise wird bei den
höheren Pflanzen der ganze Körper von den „Gelassen" durchzogen,
welche überall in die von einfachen Gewebsformen (Parenchym, Pros-
enchyin, Merenchym) constituirten Axorgane und Blattorgane ein-
dringen und so deren Natur als heteroplastische Organe bedingen.
Die grosse Mehrzahl der Organe, wenigstens bei den höheren
Thieren und Pflanzen, ist also insofern zusammengesetzt, als sie nicht
allein aus den Piastiden der speeifischen Gewebsform zusammengesetzt
sind, welche ihre eigenthümlichen Leistungen vermitteln, sondern auch
noch Aeste des Nervensystems oder Aeste der Gefässbündel erhalten,
welche sie mit dem übrigen Organismus in Beziehung setzen, Aeste
des Gefässsystems, welches sie ernährt, Aeste, Scheiden und Hüllen
des Biudegewebssystems, welches sie stützt, umschliesst und- mit den
benachbarten verbindet. In dieser Weise zusammengesetzte Orgaue
sind bei den Thieren die einzelnen Muskeln, die einzelnen Nerven,
die einzelnen Knochen, Blutgefässe, Drüsen, Schleimhäute etc. ; bei den
höheren Pflanzen die einzelnen Blätter und die verschiedenen Axorgane.
Eine allgemeine Uebersicht der heteroplastischen oder zusammen-
gesetzten Organe (welche eigentlich den Begriff des „Organs" xaz 3
£&X t ] v i m engsten morphologischen Sinne repräsentiren), ist hier nicht
am Orte und würde viel zu weit führen, zumal die Art und Weise,
in welcher sich die Cytocormen (Muskeln, Nerven etc.) und die ver-
schiedenen Piastiden -Arten oder Gewebe (Bindegewebe, Decken-
gewebe etc.) zu zusammengesetzten Organen verbinden, in den ver-
schiedenen Abtheilungen des Thierreichs äusserst verschiedenartig und
bei den höheren Thieren sehr verwickelt ist. Einfacher ist dies Ver-
hältniss bei den höheren Pflanzen, wo sich alle verschiedenen hetero-
plastischen Organe als Modifikationen von nur zwei verschiedenen
Grundorganen nachweisen lassen: Axorgane und Blattorgane.
W r ollte man die äusserst mannichfaltigen zusammengesetzten Organe
der Thiere in ähnlicher Weise auf einige wenige Fundamentalorgaue
reduciren, so könnte man allgemein höchstens Rumpforgane und
Extremitäten unterscheiden. Da die thierischen Rumpforgane als
axiale Theile gewissermaassen den pflanzlichen Axorganen, und die
Extremitäten als seitliche Theile den pflanzlichen Blattorganen ent-
sprechen, so könnte man allgemein bei den Organismen zwei Reihen
von zusammengesetzten oder heteroplastischen Organen unterscheiden :
I. Axial-Organe (Runipftheile, Stengeltheile etc.); II. Lateral-
Organe (Extremitäten, Blätter etc.).
II. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 301
D. Organe vierter Ordnung:
Organ - Systeme.
Der Unterschied zwischen denjenigen zusammengesetzten Organ-
Complexen, welche man Systeme, und denjenigen, w r elche man
Apparate nennt, beruht, wie schon oben erörtert wurde, wesentlich
darauf, dass der ersteren Benennung eine morphologische, der letzteren
eine physiologische Vorstellung zu Grunde liegt. Bei einem Organ-
System hat man die Einheit der Form seiner wesentlichen consti-
tuirenden Form-Elemente, bei einem Apparat die Einheit der Leistungen
dieser Elemente im Auge. Dennoch lässt sich auch der Begriff des
Apparates in morphologischem Sinne auffassen und zur Bezeichnung
eines Organ- Complexes höchster Ordnung verwerthen, wie wir oben
gezeigt haben.
Jedes einzelne Organ-System bildet also eine morphologische
Einheit, welche aus einer Vielheit von zusammengesetzten Organen
besteht, in welche aber ausserdem auch einfache Organe und Zellen-
stöcke als constituirende Elemente eintreten können. Eine einzige
Piastiden- Art, eine einzige Gewebs Form ist aber stets in
jedem Organ-Systeme überwiegend, und die übrigen Gewebe, die
ausserdem noch dasselbe constituiren helfen, sind diesem Character-
Gewebe des Systems sowohl in morphologischer als physiologischer
Beziehung untergeordnet: Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied
von den Apparaten, bei denen mehrere Systeme als coordinirte Con-
stituentien des Ganzen neben einander auftreten können, ohne dass
ein einzelnes derselben irgend eine Praeponderanz hat.
Als Organ -Systeme in diesem Sinne können wir beim Menschen
und bei den Wirbelthieren überhaupt betrachten: l) das Deckensystem
(System der Hautdecken) mit Oberhaut, Lederhaut und sämmtlicheu
Anhängen dieser Theile (Haare, Nägel, Hautdrüsen, Tastkörper etc.),
2) das Skeletsystem (mit Knochen, Knorpeln, Bändern, Gelenkkapseln
und verbindender Bindesubstanz), 3) das Muskelsystem (mit Muskeln,
Sehnen, Fascien, Schleimbeuteln etc.), 4) das Nervensystem (mit Ge-
hirn und Rückenmark, peripherischen Ganglien, Nervenfäden und
Sinnesorganen), 5) das Gefässsystem (mit Herz, Blutgefässen, Lymph-
gefässen, Lymphdrüsen, Milz), 6) das Darmsystem (Darmcanal nebst
den Drüsen, die aus ihm hervorwuchern, Speicheldrüsen, Leber, Pan-
creas, Lungen, Nieren etc.), 7) das Genitalsystem, dessen wesentlichste
Bestandtheile sich aus den Primordialnieren und ihren Adnexis ent-
wickeln.
Im Allgemeinen sind die Organ -Systeme bei den Thiereu w r eit
vollkommener entwickelt und differenzirt, als bei den Pflanzen. Je
302 Morphologische Individualität der Organismen.
weiter die Centralisatioo clor Personen geht, desto schärfer ist die
Trennung- der einzelnen Organ - Systeme , desto einheitlicher der Zu-
sammenhang jedes Systems. Bei den höheren Pflanzen könnte man
als derartige zusammenhängende Systeme vielleicht unterscheiden:
1) das Decken- System (mit Oberhaut, Haaren, Rinde etc.), 2) das
Parenchym-System, 3) das Gefässsystem (Gefässbündel etc.).
E. Organe fünfter Ordnung:
Organ-Apparate.
Obgleich dem Begriffe des Apparates, wie schon bemerkt, wesent-
lich eine physiologische Vorstellung zu Grunde liegt, und man also
gewöhnlich unter einem Apparate einen Complex von einfachen und
zusammengesetzten Organen versteht, die zu einem einheitlichen Gan-
zen behufs einer einzigen gemeinsamen Function verbunden sind, so
können wir dennoch, wie oben gezeigt wurde, dem Begriffe des Appa-
rates auch eine morphologische Bedeutung beilegen. Wir verstehen
dann darunter einen einheitlich abgeschlossenen Complex von mehre-
ren verschiedenartigen untergeordneten Organen (verschiedenen Syste-
men und Geweben angehörig), in welchen mehrere coordinirte Gewebe
der Art verbunden sind, dass keins allein eine vorwiegende Bedeutung
vor allen anderen beanspruchen kann.
Wir dürfen diese Apparate um so eher als eine Ordnung von
Organen höchsten Ranges anführen, als die morphologische Einheit
des Ganzen in denselben meist nicht minder deutlich, oft sogar augen-
fälliger hervortritt, als in den einzelnen Systemen. Die Form-Einheit
des Apparates beruht aber nicht, wie bei dem Systeme, auf dem aus-
schliesslichen Vorwiegen einer einzigen Gewebs-Form, sondern viel-
mehr auf einer räumlichen Sonderung, die schon bei der gröbsten
Betrachtung des Organismus ins Auge springt, So befindet sich der
Ernährungsapparat fast ganz auf die Pleuroperitonealhöhle des Wirbel-
thieres beschränkt, der Gesichtsapparat auf den Inhalt der Augenhöhle,
der Geruchsapparat auf die Nasenhöhle etc.
Da nun ausser der räumlichen Sonderung und Einheit auch die
morplx »lugische Zusammensetzung jedes Apparates aus coordinirten
und subordinirten Organen und Systemtheilen dem Ganzen ein ein-
heitliches Gepräge giebt, so können wir, gestützt auf den innigen Zu-
sammenhang und die Wechselwirkung von Form und Function, ebenso,
wie es bei dem Begriffe des Orgaues im Allgemeinen bereits ge-
schehen ist, die morphologische Einheit des Apparates von der physio-
logischen sondern und die erstere als Organ fünfter Ordnung hier in
Betracht ziehen.
Die säinnitlichen Organ- Apparate, welche man weiter in niedere
oder besondere und in höhere oder allgemeinere gruppiren kann,
IT. Morphologische Individuen zweiter Ordnung: Organe. 303
lassen sich auf drei Häuptgruppen vertheilen, entsprechend den drei
Haupt -Functionsgruppen, welche der Organismus besitzt: Erhaltung
seiner selbst, Erhaltung der Art und Erhaltung der Beziehungen zur
Aussenwelt. Hiernach werden wir beim Menschen und den Wirbel-
thieren überhaupt folgende Gruppen von Apparaten unterscheiden
können: I. Apparate zur Erhaltung des Individuums (der Person):
Ernährungs-Apparat (und als untergeordnete Apparate: Verdauung»-,
Circulations-, Respirations- und Secretions-Apparate); TL Apparat zur
Erhaltung der Art: Fortpflanzungs- Apparat (Genitalien); III. Ap-
parate zur Erhaltung des Verkehrs mit der Aussenwelt: Relations-
Apparate: A. Bewegungs-Apparat (aus Muskelsystem oder activen
und Knochensystem oder passiven Locomotions- Organen zusammen-
gesetzt). B. Seelen -Apparat (aus Nervensystem und Sinnesorganen
zusammengesetzt, unter letzteren als einzelne Sinnes-Apparate die ge-
schlossenen Einheiten der fünf Sinne: Auge (Gesicht), Ohr (Gehör),
Nase (Geruch), Zunge (Geschmack), Hautdecke (Gefühl). Bei den
Pflanzen werden wir ebenso allgemein Ernährung»- Apparate, Fort-
pflanzungsapparate und Relationsapparate unterscheiden können.
III. Morphologische Individuen dritter Ordnung:
Antimeren oder Gegenstücke.
(Homo typische Theile.)
Die vorhergehende Betrachtung der morphologischen Individuen
erster und zweiter Ordnung, der Piastiden und der Orgaue, hat uns
mit Ueberwindung grosser Schwierigkeiten in das verwickelte Laby-
rinth von coordinirten und subordinirten Theilen eingeführt, aus wel-
chen der ganze Organismus der höheren Thiere und Pflanzen als
höhere Einheit zusammengesetzt wird. Eine genauere Betrachtung
der höchst complicirten und kunstvollen Art und Weise, auf welche
diese Zusammensetzung erfolgt, lässt uns alsbald erkennen, dass die
stufenweise emporsteigende Complication des organischen Baues,
wenigstens bei den höheren Pflanzen und Thieren, nicht allein nach
den grossen Gesetzen der Aggregation und der Differenzirung (oder
des Polymorphismus) erfolgt, sondern dass die verschiedenen coor-
dinirten und subordinirten Theile sich derartig im Ganzen verflechten,
gegenseitig räumlich durchwachsen und verbinden, und in so ver-
wickelter Weise in einander eingreifen, dass wir zur Aufstellung ganz
verschiedener morphologischer Einheiten gelangen, je nachdem wir
unseren Standpunkt auf verschiedenen Seiten nehmen und von diesem
oder jenem gemeinsamen Tertium aus zwei Einheiten vergleichen.
So kann also derselbe Nerv, derselbe Muskel als ein Complex von
3Q4 Morphologische Individualität der Organismeu.
einfachen Organen erster und zweiter Ordnimg-, oder als ein hetero-
plastisches Organ, oder als ein Theil eines Organ - Systems, oder als
ein Theil eines Organ- Apparates aufgefasst werden, und von jedem
dieser verschiedenen Gesichtspunkte aus wird er eine verschiedene
Beurtheilung erfahren.
Schon hieraus geht hervor, dass die Organe (und ebenso die
morphologischen Individuen niederer Ordnung überhaupt) sich nicht
allein durch stufenweis fortgesetzte Aggregation und Arbeitstheilung
zu den Individualitäten höherer Ordnung zusammenfügen, sondern
dass hier complicirte Gesetze der Formbildung walten, um deren Er-
kenntniss mau sich bisher uoch kaum bemüht hat. Wie wenig auf
diesem wichtigen und interessanten Gebiete der allgemeinen Morpho-
logie noch geschehen ist, geht aber weiter namentlich daraus hervor,
dass man die höheren Individualitäten, welche zunächst aus dem Zu-
sammentreten der verschiedenen Organe hervorgehen, und die wir im
Folgenden als Antimeren und Metameren untersuchen werden, über-
haupt noch keiner eingehenden Untersuchung und allgemeinen Ver-
gleichung, ja häufig nicht einmal einer Erwähnung gewürdigt hat.
Mindestens sind sie als besondere morphologische Individualitäten
bisher nur selten oder nie anerkannt worden.
Die Theile des Organismus, welche wir hier als Antimeren oder
Gegenstücke, und Metameren oder Folgestücke unterscheiden, sind
scharf ausgeprägte morphologische Individualitäten, welche eineu
Rang über den Organen einnehmen, während sie den höheren mor-
phologischen Einheiten fünfter und sechster Ordnung beständig unter-
geordnet sind. In der bei weitem grössten Mehrzahl der Organismen-
Arten ist das einzelne physiologische Individuum nicht ein blosses
Aggregat von Organen, sondern eine Einheit von mehreren Metameren
und Antimeren. Für die Gesammtform des Organismus sind diese
Theilstücke, welche als scharf ausgeprägte Formeinheiten in Vielzahl
neben und hinter einander auftreten, von der allergrössten Bedeutung,
und dennoch hat man sie bisher fast gar keiner Betrachtung gewür-
digt; ja es existirt für die beiden wesentlich verschiedenen Individua-
litäten des Antimeres oder Metameres nicht einmal ein besonderer
einfacher Name. Wo man sie bisher im concreten Falle der Ver-
ständigung halber hat erwähnen müssen, hat man Beide zusammen
mit dem nichtssagenden oder doch vieldeutigen Ausdrucke des Seg-
ments oder TheilstUcks oder Gliedes (Articulum), oder auch wohl
des „homologen oder homonomen Theils" belegt. Die Metameren,
als welche wir z. B. die einzelnen gleichartigen hinter einander ge-
legenen Abschnitte des Wirbelthier- und des Gliederthier-Rumpfes, die
einzelnen Stielglieder der Crinoideen -Stengel, die Stengelglieder der
Phanerogameu ansehen, hat man insbesondere häufig „Glieder" und
III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren. 305
bei den Gliederthieren und Würmern „Ringe" oder Zoniten genannt.
Die Antimeren, die neben einander gelegenen Hauptabschnitte da-
gegen hat man, wenn ihrer nur zwei zugegen sind, wie bei den
Wirbel-, Glieder- und Weich-Thieren, als „Körperhälften", wenn ihrer
drei, vier, fünf oder mehr sind, wie bei den „Strahlthieren " und
Phanerogamen-Blüthen, als „Strahlen" oder „ Uadialsegmente " , oft
aber ebenfalls als „Glieder 4 * bezeichnet.
Der einzige Naturforscher, welcher bisher diese beiderlei Theile
vom allgemeineren Gesichtspunkte aus untersucht und auf die hohe
Bedeutung derselben für die Gesetze der organischen Formbildung
hingewiesen hat, ist der verdienstvolle Bronn, welcher in seinen
trefflichen „morphologischen Studien" (1858) diejenigen neben ein-
ander gelegenen Hauptabschnitte, welche wir Antimeren nennen,
als homotypische Theile, diejenigen hinter einander liegenden Ab-
schnitte dagegen, welche wir Metameren nennen, als homonyme
Theile bezeichnet hat. In dem Capitel, in welchem er das wichtige
von ihm entdeckte „Gesetz der Zahlen-Reduction gleichnamiger Theile"
behandelt, fasst er beiderlei Abschnitte als „gleichgesetzliche" oder
„homonome" Körpertheile zusammen und giebt von Beiden eine kurze
Definition, welche jedoch weder erschöpfend, noch hinreichend klar
und genau ist. Wir werden diese Definition in dem nächsten Abschnitte,
welcher von den Metameren handelt, wörtlich aufiihren und näher
beleuchten, und wenden uns hier sogleich zur näheren Betrachtung
derjenigen Formeinheiten des Organismus, welche wir allgemein als
Antimeren bezeichnen wollen.
Unter Antimeren oder Gegenstücken (den homotypischen
Organen Bronn 's) verstehen wir diejenigen neben (nicht hinter)
einander liegenden, als deutlich geschlossene Einheiten auftretenden
Körperabschnitte oder „Segmente", welche als gleichwerthige Organ-
complexe alle oder fast alle wesentlichen Körpertheile der Species
(alle typischen Organe) in der Art zusammengesetzt enthalten, dass
jedes Antimer die wesentlichsten Eigenschaften der Species als Organ-
Complex repräsentirt, und dass nur noch die Zahl der Antimeren
als das die Species -Form bestimmende Element hinzutritt. Bei den
meisten höheren, sogenannten „bilateral-symmetrischen" Thieren (Wir-
bel-, Glieder-, Weich-Thieren) besteht der Körper demgemäss nur aus
zwei Antimeren, den beiden Körperhälften nämlich, welche in der
Medianebene verwachsen sind. Bei den sogenannten „Strahlthieren**,
sowie bei den allermeisten Geschlechts-Individuen (Blüthen) der Pha-
nerogamen, ist dagegen der Körper aus so vielen Antimeren zusam-
mengesetzt, als „Strahlen", d. h. Kreuzaxen, vorhanden sind, also
drei bei den meisten Monocotyledonen und vielen Radiolarien, vier
bei den meisten Medusen, den Eugosen und Cereanthiden, ferner auch
Haeckel, Generelle Morphologie. 20
30G Morphologische Individualität der Organismen.
bei deii meisten Würmern und bei sehr vielen Dicotyledonen, fünf
bei den meisten Echinodermen und Dicotyledonen, sechs bei den
meisten Anthozoen (Enallonemen, die Hugosen ausgenommen, und
Antipathiden) und bei einigen Medusen (Carmariniden). Sehr selten
im Ganzen genommen ist der Körper aus mehr als sechs Antimeren
zusammengesetzt. Sieben kommen nur ausnahmsweise vor, z. B. bei
Luidia Savignyi unter den Seesternen, bei Trictitalis enropaea unter
den Phanerogamen. Acht Antimeren finden sich bei allen Ctenopho-
ren und Octactiuien (Alcyonarien), dagegen sehr selten bei den Pha-
nerogamen (Mimusops unter den Sapotaceen). Ebenfalls selten treten
neun, zehn, zwölf und zwanzig oder mehr Antimeren zur Bildung des
Körpers zusammen. In der Kegel sind die niedrigeren Zahlen der
Antimeren innerhalb der Species constant. Sobald aber mehr als
sechs Antimeren auftreten, wird die Grundzahl (acht ausgenommen)
innerhalb der Species schwankend und um so unbeständiger, je höher
die Zahl steigt. Dasselbe Verhältuiss zeigt sich auch bei den Meta-
meren, z. B. wenn man die Insecten (mit wenigen, neun bis dreizehn
Ringen) und die Myriapoden und Arachniden (mit sehr zahlreichen
Metameren) vergleicht. Dies Verhältniss ist sehr wichtig für die Be-
gründung des Bronn' sehen Gesetzes der Zahlenreduction gleichnamiger
Theile.
So unwesentlich es vom physiologischen Standpunkte aus
erscheinen mag, ob der ganze Körper (die Person) aus zwei, drei,
vier, fünf oder mehr gleichen Körpertheilen zusammengesetzt ist, von
denen jeder sämmtliche wesentliche Organ -Complexe oder typischen
Organe des Körpers in der gleichen Zahl, Form, Structur und Lage-
rung enthält, und also für sich schon die Species repräsentiren könnte,
so ausserordentlich wichtig ist die homotypische Grundzahl, wie
wir mit Bronn die speeifische Antimeren-Zahl nennen können, für
die morphologische Betrachtung des Körpers als Ganzen. Ins-
besondere wird durch die Antimeren jene Summe von Form-Eigenthüm-
lichkeiten bedingt, welche man gewöhnlich als Habitus bezeichnet,
und welche oft eben so schwer zu definiren und näher zu bestimmen
ist, als sie dem geübten Auge characterbestimmend, als physiogno-
misches Moment entgegentritt.
Freilich ist uns der Causal-Nexus zwischen dem typischen Organi-
sationscharacter und der homotypischen Grundzahl der Organismen
zur Zeit noch vollständig unbekannt. Dass er aber vorhanden ist,
beweist die auffallende Constanz, welche die Antimeren-Zahl inner-
halb der grossen Hauptabteilungen des Thier- und Pflanzenreiches
zeigt. Ohne Ausnahme sind die Wirbelthiere und Weichthiere nur
aus zwei, die Ctenophoren und Octaetinien aus acht Antimeren zu-
sammengesetzt und ganz vorherrschend ist unter den Echinodermen
III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren. 307
die Antimerenzahl fünf, unter den Monocotyledonen die Zahl drei.
Diese Umstände sind sicher nicht bedeutungslos, und sie veranlassen
uns, hier noch etwas näher auf das gegenseitige Verhältniss der Anti-
meren zu einander und zum Ganzen einzugehen.
In letzterer Beziehung ist zunächst als besonders bestimmend für
den Habitus des Organismus hervorzuheben, dass die Antimeren
entweder einander ganz gleich, oder nur ähnlich, und im ersteren
Falle entweder symmetrisch gleich oder congruent sein können.
Aehnlich nennen wir dieselben, wenn sie zwar in allen oder doch
den meisten wesentlichen Formbeziehungen übereinstimmen und die-
selbe Zahl von grösseren Organen in derselben relativen Lagerung
verbunden besitzen, aber doch in untergeordneten Beziehungen, in der
Grösse, der geringeren oder stärkeren Entwickelung, der äusseren
Oberflächen - Gestaltung etc. mehr oder minder verschieden sind, so
dass auch die Anzahl der kleinsten heterogenen Theilchen, welche sie
zusammensetzen, auffallend ungleich ist. Aehnlich sind z. B. die bei-
den Hälften eines Pleuronectes ; ähnlich ist der unpaare Strahl der
symmetrischen Echinodermen den vier anderen Strahlen. Gleich da-
gegen sind zwei homotypische Theile, wenn sie nicht bloss in jenen
wesentlichen, sondern auch in diesen untergeordneten Beziehungen
(der Grösse, Entwickelungsstärke und Flächenbegränzung etc.) voll-
kommen übereinstimmen, so dass die Zahl der kleinsten heterogenen
Theilchen in beiden Antimeren nicht merklich verschieden ist.
Gleiche Antimeren sind entweder symmetrisch oder congruent.
Symmetrisch sind zwei gleiche Antimeren, wenn die Lagerung der
kleinsten heterogenen Theilchen in beiden zwar relativ dieselbe,
aber absolut entgegengesetzt ist, so dass sich die beiden Gegenstücke
wie das Spiegelbild eines Körpers, oder wie Rechts und Links ver-
halten, und niemals sich wirklich decken und ersetzen können. Con-
gruent dagegen sind zwei gleiche Antimeren, wenn die Lagerung
der kleinsten heterogenen Theilchen in beiden nicht bloss relativ,
sondern auch absolut dieselbe ist, so dass sich die beiden Gegen-
stücke vollständig decken und sich gegenseitig ersetzen können.
Congruent sind z. B. die vier Antimeren der Medusen, die sechs An-
timeren der Antipathiden, die fünf Radialsegmente der sogenannten
„regulären" fünfzähligen Blüthen (z. B. Primulaceen, Oxalis, Nican-
dra etc.). Symmetrisch sind die beiden Hälften der Wirbelthiere und
der Gliederthiere; je zwei von den vier paarigen Antimeren der sym-
metrischen Echinodermen (Clypeaster etc.), je zwei von den vier
paarigen Gegenstücken der sogenannten „irregulären" fünfzähligen
Blüthen (z. B. der Papilionaceen, Veilchen etc.).
Streng genommen kann eine analoge Differenz, wie sie zwischen
congruenten und symmetrisch gleichen Antimeren stattfindet, auch
20*
308 Morphologische Individualität der Organismen.
bei ähnlichen Antimeren nachgewiesen werden und wir können da-
nach positiv ähnliche und negativ ähnliche Antimeren unterscheiden.
Positiv ähnlich können solche Antimeren genannt werden, bei
welchen diejenigen Organe und Organtheile, die in beiden Antimeren
gleicherweise vorhanden sind, auch die gleiche relative und absolute
Verbindung, das gleiche Lagcrungs-Verhältniss zur Mittelebene oder
Mittellinie des Körpers zeigen. Negativ ähnlich dagegen (oder
symmetrisch 1 ähnlich) würden diejenigen ähnlichen Antimeren heissen,
bei denen auch dieses Lagcrungs-Verhältniss absolut entgegengesetzt
ist. Beispiele hierfür liefern die symmetrischen Seeigel (Clypeastriden,
Spatangiden etc.). Bei diesen Echiniden sind die fünf Antimeren
(Radien), welche bei den Cidariden congruent sind, sämmtlich nicht
congruent, aber paarweise symmetrisch, so dass man zwei Paare von
Radien und einen unpaaren Radius unterscheiden kann. Der ganze
Körper kann in einen dorsalen und einen ventralen Abschnitt zerlegt
werden. Der dorsale (gewöhnlich sogenannte vordere) Abschnitt wird
Trivium genannt, weil er den unpaaren Radius und das dorsale (vor-
dere) Paar der paarigen Radien enthält, während der ventrale, das
Bivium, das ventrale (hintere) Paar der Antimeren oder Radien ent-
hält. Bezeichnen wir nun den unpaaren Radius mit A, die beiderseits
an denselben angrenzenden Radien mit B und C, und die beiden
(ventralen) Radien des Bivium mit D und E. so dass die linke Seite aus
A A
^r-, C und E, die rechte aus — , B und D gebildet wird, so sind B und
— ->
C unter sich symmetrisch gleich, ebenso D und E unter sich symme-
trisch gleich; dagegen B und D positiv ähnlich, B und E negativ-
ähnlich, ebenso C und E positiv ähnlich, C und D negativ ähnlich. Genau
dieselben gegenseitigen Formbeziehungen, wie diese fünf Antimeren der
bilateralen Seeigel, zeigen die fünf Antimeren der sogenannten „irre-
gulären" fünfzähligen Geschlechts-Individuen (Blüthen) der Papiliona-
ceen und Labiaten, der Veilchen, der „strahlenden" Randblüthen vieler
Umbelliferen, Compositen etc.
Vollständiger Mangel einer Antimeren-Zusainmensetzung des Kör-
pers findet sich nur bei sehr wenigen Organcomplexcn, nämlich bei den
absolut regulären und den absolut irregulären. Es giebt nur einen
einzigen absolut regulären Körper und das ist die Kugel, welche in
geometrisch reiner Form den Körper gewisser Radiolarien bildet
(Thalassicollidcn, Sphaerozoidcn). Hier können wir die Antimerenzahl
= x, setzen. Umgekehrt wird dieselbe = u bei sehr vielen Spon-
gien, deren vollkommen unregelmässiger oder „amorpher" Körper
durchaus keine Abtheilung in gleichartige Organcomplexe zeigt, die
man als Antimeren betrachten könnte. Dasselbe gilt von sehr vielen
cryptoganieu Pflanzen.
III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: .Antimeren. 309
Die verschiedene Art und Weise, in welcher die Antimeren zur
Bildung des ganzen Körpers zusammentreten, ist für den characteristi-
schen Habitus, den man mit den Ausdrücken des „bilateralen" und
des „strahligen" Typus bezeichnet, von der grössten Wichtigkeit. Bei
den echten Bilateralthieren, den Dipleuren, deren Körper nur aus
zwei Antimeren („symmetrischen Körperhälften") besteht (Wirbel-,
Glieder- und Weich -Thieren), legen sich die beiden Gegenstücke mit
zwei einander zugekehrten Flächen, in einer Ebene (Mittelebeue) an
einander. Bei den echten „Strahlthieren" dagegen, sowohl ganz regu-
lären (Medusen, Ästenden) als bilateral symmetrischen (Ctenophoren,
Spatangiden), bei denen mehr als zwei Antimeren („Radial- Segmente"
oder „ Strahlen ") zum Körper zusammentreten, berühren sich dieselben
in einer Linie, der Haupt- oder Längsaxe und haben also sämmtlich
eine Kante gemeinsam. Selten nur, z. B. bei vielen Radiolarien,
deren Grundform die Kugel oder ein reguläres oder ein endosphä-
risches Polyeder ist, berühren sich die Antimeren nur in einem ein-
zigen Punkte und haben demgemäss nur diesen Punkt gemeinsam.
Eigenthümliche Verschiedenheiten bezüglich der Antimeren -Zu-
sammensetzung der Person oder des Form-Individuums im engeren
Sinne zeigen unter den phanerogamen Pflanzen häufig die geschlechts-
losen Personen (Blattsprosse etc.) und die Geschlechts-Individuen
(Blüthen-Sprosse"). Die letzteren, als die morphologisch höher ent-
wickelten und differenzirten, weisen uns meistens ganz dieselbe regel-
mässige und leicht erkennbare Zusammensetzung aus Antimeren auf,
wie die allermeisten Thier-Personen. Es entsprechen z. B. in dieser
Beziehung vollkommen die „regulären" Echinodermen (Ästenden etc.)
den regelmässigen fünfzähligen Blüthen (Primulaceen, Oxalideen etc.),
die „irregulären" Echinodermen (Spatangiden etc.) den unregelmässigen
fünfzähligen Blüthen (Papilionaceen, Labiaten, Umbelliferen etc.). Auch
ist die Mannichfaltigkeit in der Art dieser Zusammensetzung, welche
die characteristische Physiognomie der Blumen bestimmt, nicht minder
gross, als bei den Thieren. Bei den Blattsprossen dagegen, den ge-
schlechtslosen Individuen der Phanerogamen, sind diese Compositions-
Verhältnisse, welche sich in der Blattstellung aussprechen, im Ganzen
seltener eben so einfach, regelmässig und deutlich, wie bei den
Blüthen. Es ist dies der Fall bei den Axorganen mit zweizeiliger,
gegenständiger, kreuzständiger und wirtelständiger (quirliger) Blatt-
stellung. Sehr häufig treten hier aber statt dessen sehr complicirte
Verhältnisse auf, welche schwierig auf die einfache Zusammensetzung
des geschlechtslosen Sprosses aus gegenständigen Antimeren zurück-
zuführen sind. Insbesondere wird die letztere häufig dadurch versteckt,
dass die Blattorgane in einer enger oder weiter gewundenen Spirale an
der Axe heraufsteigen. Man pflegt gewöhnlich die Spiraltendenz in
310 Morphologische Individualität der Organismen.
der Blattstellung der Phaneroganien u. s. w. als eine primitive Eigen-
tümlichkeit derselben zu betrachten und die vorher angeführten Fälle
von zweizeiliger, gegenständiger, kreuzständiger und wirtelständiger
(quirliger) Blattstellung als abgeleitete Formen, welche durch secun-
dären Zerlall lautender, continuirlicher Spiralen in abgesetzte, ge-
schlossene Ringe entstanden seien. Indessen ist es vielleicht richtiger,
umgekehrt die letzteren als die eigentlichen ursprünglichen Grund-
formen zu betrachten, welche aus einer gesetzmässigen Verbindung
von Antimeren und Metameren (in ähnlicher Weise wie bei den
,,Strahlthieren" z. B. den Echinodermen) gebildet sind. Die Blatt-
stellungs- Spiralen würden dann als abgeleitete Formen zu betrachten
sein, secundär entstanden durch besondere Wachsthums -Verhältnisse
der sich streckenden Metameren, welche in besonderen Beziehungen
zu den Antimeren der benachbarten Metameren stehen. Wir glauben,
dass für eine richtige Autfassung dieser schwierigen und verwickelten
Verhältnisse die Vergleichung der analogeu einfacheren Verbindung
von Antimeren und Metameren bei den Strahlthieren sehr wichtig ist.
Bei den meisten Echinodermen insbesondere finden wir in ganz ana-
loger Weise, wie bei den meisten phaneroganien Personen, mehrere
Antimeren (gewöhnlich fünf) und zahlreiche Metameren (hinter ein-
anderliegende Abschnitte der Hauptaxe, Stengelglieder etc.) zu einer
complicirt gebauten Person verbunden. Das ursprüngliche, homotypische
Verhältniss bei den Echinodermen ist aber immer die reguläre Zu-
sammensetzung aus fünf Antimeren. deren Stücke in geschlossene, hinter
einander liegende Kreise geordnet sind, wie bei den meisten Ge-
schlechts -Personen (Blüthen) der Phanerogameu; und nur ausnahms-
weise, und offenbar erst in Folge secundärer Entwickelung , laufen
diese Kreise in einander, indem sie sich zu continuir liehen Spiralen
verbinden, z. B. bei den spiraligen Reihen von Stachelhöckern vieler
Echiniden, von Kelchtafeln vieler Crinoiden etc. Ebenso dürften viel-
leicht die Spiralen der Blattstellungen bei den meisten geschlechtslosen
Personen (Blattsprossen) der Phaneroganien zu erklären sein.
Wir führen die Antimeren oder Gegenstücke als morphologische
Individuen dritter Ordnung auf, weil die echten, eigentlichen Anti-
meren in allen Fällen Organ-Complexe darstellen, also Einheiten, welche
aus einer Vielheit von Forni-Individuen zweiter Ordnung bestehen.
Vielleicht dürfte es in mehrfacher Beziehung richtiger erscheinen, die
Rangordnung der beiden Individualitäten zu wechseln und die Anti-
meren als die morphologischen Individuen zweiter, die Organe
als die morphologischen Individuen dritter Ordnung aufzustellen.
Hierfür könnte namentlich angeführt werden, dass auch bei vielen
Organismen, welche noch keine distineton Organe besitzen, dennoch
der Körper (eine einfache Plastide) bereits aus Antimeren zusammen-
III. Morphologische Individuen dritter Ordnung: Antimeren. 311
gesetzt erscheint, wie z. B. bei den Desmidiaceen, Diatomeen und
vielen anderen Protisten; ferner, dass auch jedes einzelne Organ aus
mehreren Antimeren zusammengesetzt scheinen kann, z. B. ein einfaches
Blatt aus zwei, ein handförmiges (in drei, vier, fünf gleiche Lappen
gespaltenes Blatt) aus drei, vier, fünf Antimeren etc. Indessen würde,
streng genommen, diese Auffassung dazu führen, das Antimer sogar
als morphologisches Individuum erster Ordnung hinzustellen, da ja
die meisten einzelligen Organismen bereits deutlich aus zwei oder
mehreren Antimeren zusammengesetzt erscheinen, mithin eine einzelne
Plastide eine Einheit repräsentirt, welche aus einer Vielheit von Anti-
meren bestehen würde. Hier, wie auch sonst in vielen Fällen, scheint
eine strenge Rangordnung der morphologischen Individualitäten nicht
durchführbar zu sein, zumal wenn dieselben, wie es so oft geschieht, in
verwickelter Weise in einander greifen. Wir können diese Rangord-
nung aber auch im vorliegenden Falle bestimmt dadurch feststellen,
dass wir die Subordination der einzelnen Kategorieen in allen Organis-
men untersuchen und hieraus das allgemeine Gesetz ableiten; und
auf dieser empirischen Grundlage erscheint uns die von uns gewählte
Rangordnung als die richtigste. Der scheinbare Widerspruch löst sich,
sobald wir scharf zwischen Antimeren und Parameren (Gegen-
stücken und Nebenstücken) unterscheiden.
In sehr vielen Fällen sehen wir, dass untergeordnete Theile,
z. B. einzelne Organe, die Gesammtform sowohl als die characte-
ristische Zusammensetzung des ganzen Organismus wiederholen. So
wiederholt sich z. B. bei den Arthropoden die Gliederung des Rumpfes
in derjenigen der Extremitäten, bei den Mimosen die Stengel gliederung
in derjenigen der gefiederten Blätter. Ebenso sehen wir, dass die
homotypische Zusammensetzung des ganzen Organismus sich häufig
in einer analogen Zusammensetzung einzelner Theile oder Organe
wiederholt. Letztere erscheinen oft in so regelmässiger und constanter
Weise aus homotypischen Theilen zusammengesetzt, wie die ganze
Person, z. B. die einfachen Blätter der Phanerogamen (also Organe!)
aus zwei symmetrischen Hälften. Um nun jede Verwechselung dieser
untergeordneten Gegenstücke mit den Antimeren des ganzen Organismus
auszuschliessen, wollen wir die ersteren allgemein als homonome
Theile, Nebenstücke oder Parameren bezeichnen. Solche sind
also z. B. die beiden Hälften der dipleuren Blätter, die drei Blättchen
von dreizähligen Blättern (z. B. vom Kleeblatt), die drei Arme der
dreiarmigen Pedicellarien der Echinodermen , die fünf Zehen des
menschlichen Fusses und des Wirbelthierfusses überhaupt.
Parameren oder Nebenstücke (homonome Theile) sind also all-
gemein entsprechende Theile, welche um eine Kreuzaxe oder Breiten-
axe des Körpers (oder um die Hauptaxe eines einzelnen Körpertheils)
312 Morphologische Individualität der Organismen.
herum neben einander liegen. Antimeren oder Gegenstücke dagegen
sind entsprechende Theile, welche um die Hauptaxe (Längsaxe) des
Körpers herum neben einander liegen. Parameren sind stets unterge-
ordnete Theile eines Form-Individuums erster oder zweiter, Antimeren
dagegen stets vierter oder fünfter Ordnung. Die Parameren verhalten
sich demnach zu den Antimeren ganz analog, wie die sogleich zu
besprechenden Epimeren zu den Metameren.
IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung:
Metameren oder Folgestücke.
(Homodyname Theile oder allgemein homologe Theile.)
Mehr Aufmerksamkeit, als den Antimeren, hat man bisher den
Metameren geschenkt, obwohl dieselben gewöhnlich nicht in so con-
stanter Zahl und in so begrenzter Form als gestaltbestimmende Ein-
heiten zu einer Mehrheit zusammentreten, wie es bei jenen der Fall
ist. Da dieselben aber häufiger als die Autinieren die Rolle von
physiologischen Individuen spielen, und ausserdem in der Axe der
Phanerogamen als Stengelglieder, im Rumpfe der Vertebraten und
Articulaten, (dort innerlich als „Wirbelsegmente ", hier äusserlich
als Ringe oder Zoniten) sehr autfallend hervortreten, so hat man ihnen
immerhin eingehendere Betrachtungen in einzelnen Stämmen gewidmet.
Das Verhältniss der Metameren zu den Antimeren ist bisher unseres
Wissens nur von dem trefflichen Broun näher zu bestimmen versucht
worden, welcher sich iu seinen morphologischen Studien (p. 410) folgender-
maassen über diese beiderlei wesentlichen Fonneinheiten ausspricht: „Man
hat Homologie genannt die vollkommene Uebereinstimmung der Theile
verschiedener Pflanzen und Thiere in ihrer relativen ursprünglichen Lage,
anderen Theilen gegenüber, ohne alle Rücksicht auf ihre Form. So sind
die Vorderbeine aller Wirbelthiere homolog, mögen es nun Flossen, Flügel,
Grab-Apparate, Gehfüsse oder Arme mit Händen sein. Wir haben früher
(1850) Theile eines und desselben Thieres homonom (gleichgesetzlich) ge-
nannt, welche von einerlei Art oder nach einerlei Gesetz oder Plan ge-
bildet sind, müssen aber jetzt der Deutlichkeit wegen noch genauer unter-
scheiden. Wir nennen homo typische solche Organe, welche nach der
Grundform des Typus oder System -Kreises, wozu sie gehören, eine ganz
identische Stelle im Individuum einnehmen und daher auch ihrer Zahl nach
fest bestimmt sind. Sie werden daher in ihrer Lage in Bezug zur Haupt-
axe des Organismus so weit übereinstimmen, dass sie deu zwei Polen einer
beliebigen Queraxe oder zweier gleicher Radien desselben entsprechen.
Dann wird es also bei jedem höheren Thiere nur zwei homotypische Beine,
Finger, Rippen, Zähne, und bei den Strahlthieren nur je vier, fünf, sechs
homotypische Strahlen, Arme, Fühlergiinge, Strahleuleisten und dgl.
IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren. 313
geben können. Wir wählen dagegen den Ausdruck homonym (gleich-
namig) für solche Formbestandtheile eines und des nämlichen Thieres oder
Vegetabils, die, auch im gewöhnlichen Leben unter einerlei Namen zusam-
menbegriffen, und nach einerlei Plane gebildet, doch immer insofern in
der Lage von einander abweichen, als sie an einer Haupt- oder Strahlen-
Axe hinter, oder in dem Pole einer Quer-Axe nebeneinander liegen. Zu den
ersten gehören alle Ringel eines Kerbthieres, alle succet>siven Fuss-, Zahn-
und Rippen- Paare eines Thieres, die successiven Paare oder alternirenden
Individuen von Gliedern, Fiederästen, Pedicellen und Ranken am Arme
eines Crinoiden etc. Zu den letzten gehören alle Finger und Zehen einer
Hand und eines Fusses, dahin auch die successiv verschiedenen Cyclen
von Strahlenleisten in einem Korallenbecher u. s. w. Die homotype Grund-
zahl ist bei den Strahlthieren 6, 5, 4, 3, bei den höheren Thieren 2. Für
die homonymen Organe aber giebt es keine andere Grundzahl, als das Paar
oder die Einheit."
Das Yerhältniss zwischen gewissen, durch ähnliche Lagerung sich ent-
sprechenden Theilen, welches Bronn als Homonymie bezeichnet, ist auch
von Andern nach R. Owen „Allgemeine Homologie" oder „Homologie der
Reihe" genannt. Owen unterscheidet drei verschiedene Arten der
Homologie: 1. Homologie der Reihe, wenn gleichartig gebildete und
aufeinander folgende Organe oder Theile des Körpers eines und des-
selben Thieres unter einander verglichen werden, also z. B. das Verhält-
niss der verschiedenen hinter einander liegenden Segmente eines Glieder-
thieres zu einander oder der verschiedenen Abschnitte der Wirbelsäule
eines Wirbelthieres zu einander. 2. Allgemeine Homologie, wenn ein
Theil oder eine Reihenfolge von Theilen auf den geineinsamen Gruudtypus
bezogen wird, und deren Erscheinung einen Begriff jenes Grundtypus in sich
birgt, auf welchen eine Thiergruppe aufgebaut ist, so z. B. das Yerhältniss
der Schädelwirbel oder der Kreuzwirbel zum Grundtypus des Wirbels.
3. Specielle Homologie, wenn zwei (oder mehrere) correspon-
dirende, durch bestimmte Lage und Verhältniss zum Ganzen überein-
stimmende Theile von zwei (oder mehreren) verschiedenen Thieren mit
einander verglichen und auf den gleichen Grundtypus reducirt werdeu,
z. B. der Flügel eines Vogels und die Brustflosse eines Fisciies.
Versucht man sich die etwas dunkeln Definitionen, die Owen von sei-
nen drei Arten der Homologie giebt, aufzuklären und durch Beispiele zu
erläutern, so stellt sich alsbald heraus, dass die allgemeine Homologie und
die Homologie der Reihe nicht zu unterscheiden sind, und dass die ver-
suchte Unterscheidung beider nur darauf beruht, dass die gegenseitigen
Beziehungen der beiden zu vergleichenden Theile in der letzteren beschränk-
ter, weniger klar und allgemein aufgefasst sind, als in der ersteren. Die
Homologie-der Reihe begnügt sich mit einer unvollständigen und un-
klaren Erkenntniss, indem sie die beiden zu vergleichende Theile nur un-
ter einander und ohne Hervorhebung des gemeinsamen Grundtypus ver-
gleicht, während die allgemeine Homologie das gegenseitige Verhält-
niss schärfer und mit besonderer Beziehung zum gemeinsamen Grund-
typus vergleicht. Es bleiben mithin nur zwei verchiedene Arten der
314 Morphologische Individualität der Organismen.
Homologie übrig, allgemeine und specielle Homologie. Von diesen fällt
die allgemeine Homologie zusammen mit dem, was Bronu Homonymie"
nennt, während die specielle Homologie diejenige Beziehung zweier zu
vergleichender Theile bezeichnet, welche die vergleichende Anatomie
kurzweg Homologie nennt, Beide Ausdrücke sind rein morphologi-
scher Natur und vergleichen lediglich die Form der beiden entsprechen-
den Theile, während diejenige physiologische Art der Yergleichuug, welche
sich auf die Function zweier correspondireuder Theile bezieht, allgemein
Analogie genannt wird. 1 ) Die Homonymie vergleicht zwei correspon-
dirende Theile eines und desselben TMeres, während die Homologie zwei
entsprechende Theile von zwei verschiedenen Thieren in Vergleichung
zieht.
Wollen wir den viel gebrauchten, aber auch viel missbrauchten
Begriff der Homologie fernerhin mit Vortheil anwenden, so ist es
noth wendig, ihn bestimmt zu präcisiren und stets nur in dem zuletzt
erwähnten Sinne (von Owens ., specieller Homologie") anzuwen-
den, indem wir zwei oder mehrere entsprechende Theile von
zwei oder mehreren verschiedenen Organismen in Bezug auf
ihre gemeinsame Grundform vergleichend betrachten. Hierbei können
wir schon im Voraus darauf hinweisen (was im sechsten Buche näher
erläutert werden wird), dass eine solche wahre Homologie nur
stattfinden kann zwischen zwei Theilen, welche aus der gleichen
ursprünglichen Anlage entstanden sind und sich erst im Laufe
der Zeit durch Differenzirung von einander entfernt haben. Dem-
gemäss können auch nur zwei Theile homolog sein, welche zwei
Thieren eines und desselben Stammes (oder Kreises, Phylon)
angehören (z. B. zwei Wirbelthieren, oder zwei Gliederthieren) ; nie-
mals kann aber eine wahre Homologie stattfinden zwischen zwei
Theilen, welche zwei Thierformen von zwei verschiedenen Stämmen
angehören, z. B. zwischen zwei Theilen eines Wirbelthiers und eines
Gliederthiers, mögen dieselben auch noch so ähnlich zu sein scheinen.
Auch den Begriff der Homonymie Bronns (der mit Owens
') Obgleich der Unterschied der Homologie und Analogie ein so klarer
und bestimmter ist, werden beide .Ausdrücke dennoch sehr häufig verwechselt
und durch die Vermischuug beider Begrifi'e grosse Verwirrung angerichtet, Es
mag daher hier nochmals scharf hervorgehoben werden, dass beide Begriffe nur
durch das gemeinsame Tertium der Vergleichung mit einander zusammen-
hängen, dass sie zwei verschiedene Arten der Vergleichung sind. Die
Analogie oder die physiologische Vergleichung kann nur die ent-
sprechende Function zweier Theile betreffen, während die Homologie oder
die morphologische Vergleichung stets nur die correspondirende Form
zweier Theile betreffen kann. Analog sind z. B. die Kiemen der Fische und
die Lungen der öäugethiere, während homolog die Schwimmblasen der Fische
und die Lungen der iSäugethiere sind.
IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren. 315
allgemeiner Homologie und Homologie der Reihe zusammenfällt)
werden wir noch näher zu bestimmen und in zwei verschiedene Be-
griffe zu zerlegen haben. In Bronn's oben mitgetheiltem Sinne be-
zeichnet derselbe ganz allgemein die Beziehung zwischen zwei ähn-
lichen Theilen, die, ,,nach einerlei Plan gebildet, doch immer insofern
in der Lage von einander abweichen, als sie an einer Haupt- oder
Strahlen-Axe hinter, oder in dem Pole einer Quer-Axe neben ein-
ander liegen. " In dieser Definition sind schon wesentliche Differenzen
der als „homonym" zusammengefassten Theile angedeutet. Denn es
ist klar, dass wir nicht ohne Weiteres derartige hinter oder neben
einander gelegene Abschnitte mit einander vergleichen können,
gleichviel, ob sie in einer Haupt- (Längs-) Axe oder in einer Quer-
Axe hinter einander oder neben einander liegen. Wir werden z. B.
nicht die einzelnen Segmente des Gliederthier- Rumpfes (einer Haupt-
axe) und diejenigen seiner Extremitäten (Seitenaxen) direct als ein-
ander gleichwerthig betrachten dürfen.
Um uns über diese eben so schwierigen als wichtigen, bisher aber noch
keiner scharfen Erörterung unterzogenen Verhältnisse der Furnien-Zusammen-
setzung zu verständigen, ist es nöthig, aus dem vierten Buche einige Be-
stimmungen über die allgemeine Bezeichnung der wesentlichsten Axen vor-
auszunehmen; die Begründung derselben ist dort nachzusehen. Wir unter-
scheiden an den sogenannten bilateral-symmetrischen Thiereu (Wirbel-
Glieder-, Weichthieren), deren Grundform wir unten als Dipleure näher
bestimmen werden, drei auf einander senkrechte Axen, welche den drei
Dimensionen des Raumes entsprechen. Die erste oder Längsaxe (Axis
longitudinalis), welche gewöhnlich von vorn nach hinten geht, betrachten
wir als die Haupt axe; ihr einer Pol ist der Mundpol (Polus oralis,
Peristomii), ihr anderer der Gegenmundpol (Polus aboralis, Antistornii)-
Die zweite Axe, welche vom Rücken zum Bauch geht, nennen wir Dicken-
axe (Axis dorsoventralis); ihr einer Pol ist der Rückenpol (Polus dorsa-
lis), ihr anderer der Bauchpol (Polus ventralis). Die dritte Axe, welche
von Rechts nach Links geht, ist unsere Breitenaxe (Axis lateralis); ihr
einer Pol ist der rechte, ihr anderer der linke Pol. Bei den sogenann-
ten „Strahlthiereu" oder Radiaten, welche man auch oft als reguläre be-
zeichnet, ebenso bei den meisten Geschlechts-Individuen (Blüthensprossen)
der Phanerogamen sind die bezeichneten drei Axen bald zu unterscheiden
(wenn sie zur Formgruppe der Centrepipeden gehören), bald nicht. Im
letztern Falle (bei den vollkommen „regulären" Strahlthieren und Blüthen)
ist bloss die Längendimension durch eine Axe bestimmt und diese Haupt-
axe ist die Längsaxe, welche vom Mundpol zum Gegenmundpol geht (z. B.
beim Seestern vom Mund zum After, bei der Meduse vom Mund zur
Mitte der Glockenwölbung, bei der regulären trichterförmigen Blüthe von
der Mündung zum Grunde (Ansatz) der Blüthe. Die anderen Axen, welche
durch die Zahl der „Strahlen" bestimmt werden, in der Mitte dieser „Strahlen,
abschnitte" verlaufen und sich in der Hauptaxe kreuzen, fünf bei den Echino-
31 fi Morphologische Individualität der Organismen.
dermen und den meisten Dicotyledoncn - Blüthen, vier bei den meisten
Medusen und vielen Dicotvledonen , drei bei vielen Kadiolarien und den
meisten Monocyletodonen-Blüthen) nennen wir Kreuzaxen (Stauri).
Eine der häufigsten Erscheinungen, welche der Organismus der
höhereu Thiere bezüglich seines Aufbaues aus untergeordueteu Theilen
darbietet, ist die Gliederung oder Segmentirung desselben, d. h.
die Bildung von hinter einander in einer Axe gelegenen Abschnitten,
deren jeder im Wesentlichen dieselbe Anzahl von Organen in gleicher
oder ähnlicher Lagerung. Zusammensetzung, Forin etc. wiederholt.
Diese Gliederung, wie sie am ausgesprochensten bei den Wirbelfilieren,
Gliederthieren und Echinodermen auftritt (während sie den Weich-
thieren in sehr characteristischer Weise abgeht), kann sowohl den
Stamm (in der Längsaxe) als die seitlicheu Anhänge des Stammes
betreffen, welche entweder in der Breitenaxe (bei den Gliederthieren)
oder in den Kreuzaxen (bei den Strahlthieren) hinter einander liegen.
In beiden Fällen werden die Segmente von Bronn als homonyme
Theile bezeichnet. Ganz denselben allgemeinen morphologischen
Werth, wie den einzelneu Segmenten oder Zoniten des Wirbel-
und Glieder-Thier-Rumpfes, müssen wir auch den einzelnen
Stengelgliedern der Phauerogamen zugestehen. Auch diese sind
Wiederholungen homonymer Theile in der Hauptaxe. Und ebenso
tragen wir kein Bedenken, die Gliederung, die sich in Seitentheilen
(Blattorganen) der Phauerogamen ausspricht, z. B. in den gefiederten
Blättern, der Gliederung der Seitenanhänge (Extremitäten) bei den
Wirbel- und Gliederthieren gleichzusetzen.
Für die richtige Werthschätzung der Rangstufe der subordiuirten
Formgruppen, aus denen sich der ganze Leib jener gegliederten Thiere
und Pflanzen aufbaut, ist es aber durchaus uothwendig, diese beiden
Fälle wohl zu unterscheiden. Wir werden daher den von Bronn
eingeführten Namen der Homonymie auf das Verhältniss der hinter
einander liegenden Segmente beschränken, welche durch Gliederung
eines nicht in der Hauptaxe liegenden Seitentheils entstehen, welcher
also einer Breitenaxe oder Kreuzaxe entspricht; während wir dagegen
die wechselseitige Beziehung derjenigen Segmente, welche durch
Gliederung des Rumpfes selbst in der Hauptaxe (Längsaxe) entstehen,
als Homodynamie zu bezeichnen vorschlagen. Ferner werden wil-
der Kürze und Bequemlichkeit halber die Segmente der Haupt -
axen oder die homodynamen Theile Metameren, die Seg-
mente der Kreuzaxen (oder Breitenaxen) oder die homo-
nymen Theile Epimereu nennen.
Homonyme Organe in unserem Sinne oder Epimeren sind
also z. B. die Extremitäten - Abschnitte (z. B. Oberarm, Vorderarm,
Carpus, Metacarpus, Phalangen der vorderen Extremität) der Wirbel-
IV. Morphologische Individuen vierter Ordnung: Metameren. 317
thiere, ferner die sogenannten Glieder oder Segmente der Extremitäten
(z. B. coxa, trochanter, femur, tibia, tarsus) der Gliederthiere, ferner
die einzelnen Abschnitte der Armzweige (Pinnulae etc.) bei den Cri-
noiden, die einzelnen Nesselringe an den Tentakeln der Medusen u. s. w.
Im Pflanzenreiche haben wir dem entsprechend als Epimeren oder
homonyme Theile alle ähnlichen Gliederbildungen an den Blättern zu
betrachten, z. B. die Fiederu der gefiederten Blätter etc.
Homo dy na nie Organe oder Metameren sind dagegen: bei
den Wirbelthieren die einzelnen Abschnitte des Rumpfes, deren jeder
einem Urwirbel, und am ausgebildeten Thiere einem Wirbel nebst zu-
gehörigen Organen entspricht (einem Rippenpaar, einem Gauglienpaar
des Sympathicus, einem Paar austretender Intercostal-Nerven und Ge-
fässe etc. ; bei den Gliederthieren ebenso die hinter einander liegen-
den Segmente oder Glieder des Rumpfes, die bei den Gliederfüsseru
schon weit differenzirt (heteronom ), bei den Würmern dagegen noch
sehr gleichartig (homonom) sind, so dass in jedem Stücke dieselben
Organe sich wiederholen. Ebenso stark entwickelt wie bei den Wirbel-
und Glieder-Thieren ist die Homodynamie oder Metameren-Bilduug
auch bei den Echinodermen; hier haben wir als Metameren zu be-
trachten: bei den Echinideu die hinter einander liegenden Platten-
paare jedes Ambulacrums, nebst entsprechendem Segmente des Anibu-
lacralsystems, Nervensystems etc., bei den Ästenden die sogenannten
Winkelstücke oder Pseudovertebrae der Arme, ') bei den Crinoiden die
Stengelglieder des Stiels etc. Vollkommen diesen entsprechende Me-
tameren sind im Pflanzenreiche die Stengelglieder der Phanerogamen.
Die Metameren sind also subordiuirte Theile (Glieder) eines Forai-
Individuuins fünfter, die Epimeren dagegen erster, zweiter oder drit-
ter Ordnung.
Die Metameren oder homodynamen Körperabschnitte haben als
Gliederungen der Hauptaxe (Längsaxe) natürlich einen weit höheren
morphologischen Werth als die Epimeren, welche nur als Gliederungen
der Nebenaxen (Breitenaxe oder Kreuzaxen) auftreten. Auch werden
wir unten sehen, dass die letzteren im Thierreiche niemals oder nur
sehr selten der physiologischen Iudividualisation fähig sind, welche
die ersteren sehr leicht und häufig erlangen. Die Metameren sind bei
den niederen Formen des Thierstammes, in welchem sie auftreten,
lediglich Multiplicationen der speeifischen Form der betreffenden Art,
Wiederholungen, welche ursprünglich so unabhängig sind, dass sie
') Auf den ersten Blick könnte man mehr geneigt sein, diese Theile der
Echinodermen als Epimeren, als homonyme Theile zu betrachten. Indessen lehrt
eine tiefere Erfassung der schwierigen Echiuodermen-Homologien, dass wir die-
selben mit grösserem Rechte als Metameren oder homonyme Theile auffassen.
Vergl. hierüber das VI. Buch.
318 Morphologische Individualität der Organismen.
sehr leicht sich von einander abtrennen und dass alsdann jedes ein-
zelne Metamer jene Species-Form mehr oder weniger vollständig re-
präsentirt. Die Epimeren dagegen vermögen niemals in ähnlicher
Weise die Species-Form zu vertreten, da sie eben nicht Wiederholungen
des ganzen Organismus, sondern nur Multiplicationen von einzelnen
seitlichen Theileu desselben, von Organen verschiedener Ordnung sind.
Die Epimeren verhalten sich zu den Metameren ganz analog, wie die
Parameren zu den Antimeren.
Die sogenannte Gliederung oder homodyname Zusammensetzung
des ganzen Organismus (dessen physiologische Individualität in Form
der Person auftritt), wie sie bei den Wirbelthieren, den meisten
Gliederthieren, Echinodermen und den meisten Phanerogamen statt-
findet, bekundet einen bedeutenden Fortschritt in der Organisation
und wir können daher allgemein diese Organismen als höher und
vollkommener bezeichnen, im Vergleich zu jenen, bei denen die Meta-
meren-Bildung fehlt, und bei denen mithin das physiologische Indivi-
duum selbst nur den Werth eines Metameres erreicht, wie bei den
niederen Würmern, den Mollusken etc. Besonders lehrreich für die
richtige Auffassung der Homodynamie oder der Metameren-Bildung ist
die allmählige Uebergangsreihe von ungegliederten zu gegliederten
Formen, wie sie uns die niederen Würmer (besonders Cestoden) zeigen;
hier zeigt sich auf das Klarste, wie dieselben Theile (Metameren),
die in den niederen Formen als physiologische Individuen auftreten,
in den höheren Formen nur den Rang von homodynamen Theileu
haben. (Vergl. den IV. Abschnitt des zehnten Capitels).
V Morphologische Individuen fünfter Ordnung:
Personen oder Prosopen.
(Sprosse oder Blasti.)
Wir gelangen nunmehr im aufsteigenden Stufengange unserer Be-
trachtung zu derjenigen höheren organischen Formeinheit, welche so-
wohl der gewöhnliche Sprachgebrauch der Laien, als auch die in der
Zoologie (nicht aber in der Botanik!) allgemein herrschende An-
schauungsweise als das Individuum xav i£oxi}v oder als das „eigent-
liche" Individuum aufzufassen pflegt. Obwohl eine unbefangene und
tiefer eingehende Betrachtung der organischen Individualität zeigt,
dass auch diese „eigentlichen" oder absoluten Individuen in der That
nur relative sind, und auf keine andere individuelle Geltung Anspruch
machen können, als sie auch dem Metamer und allen anderen, vorher
aufgeführten Individuen niederen Ranges zukommt, und obwohl diese
„eigentlichen" Individuen bei den meisten höhereu Pflanzen und
V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 319
Coelenteraten nur als subordinirte Bestandtheile einer noch höher
stehenden Einheit, des Stockes erscheinen, so ist dennoch, ausgehend
von der Individualität des Menschen und der höheren Thiere, die irr-
thümliche Autfassung der morphologischen Individuen fünfter Ordnung
als der „eigentlichen" organischen Individuen eine so allgemeine ge-
worden, und hat sich so fest in dem wissenschaftlichen sowohl als im
Volks -Bewusstsein eingenistet, dass wir sie als die Hauptquelle der
zahlreichen verschiedenartigen Autfassungen und Streitigkeiten, die in
Betreff der organischen Individualität herrschen, bezeichnen müssen.
Um diese „eigentliche" Individualität, welche sich durch be-
stimmte morphologische Eigenschaften mit voller Sicherheit als ein
„morphologisches Individuum fünfter Ordnung" scharf characterisiren
lässt, ein für allemal von allen anderen organischen Individualitäts-
Formen zu unterscheiden, wollen wir für dieselbe beständig die Bei-
zeichnung der Person oder des Pros opon 1 ) beibehalten. Mit diesem
Ausdrucke lehnen wir uns unmittelbar an den bestehenden Sprachge-
brauch an, welcher ja insbesondere das menschliche Individuum sehr
allgemein als „Person" bezeichnet. Die Botaniker gebrauchen zur Be-
zeichnung derselben morphologischen Individualität fünfter Ordnung
den Ausdruck Spross oder Blastus, welcher sehr häutig irrthümlich
durch den keineswegs gleichbedeutenden Ausdruck der Knospe (Gerama)
ersetzt wird. Wir machen daher ausdrücklich darauf aufmerksam,
dass im Sinne der besten Botaniker, und namentlich im Sinne der-
jenigen, welche die Individualität der Sprosse am eingehendsten und
klarsten behandelt haben, wie Alexander Braun, der Ausdruck
Spross oder Blastus ausschliesslich in dem hier beibehaltenen Sinne
für das morphologische Pflanzen- Individuum fünfter Ordnung ge-
braucht wird. Der Ausdruck Knospe oder Gemma, welcher so oft
damit verwechselt wird, ist dagegen, wenn er einen scharf bestimmten
Begriff bezeichnen soll, nur für diejenige rein physiologische In-
dividualität irgend einer Ordnung anzuwenden, welche durch den be-
stimmten ungeschlechtlichen Fortpflanzungs- Modus der Knospenbil-
dung (Gemmatio) entsteht. Wie wir im siebzehnten Capitel noch
näher ausführen werden, ist dieser wichtige Spaltungs-Process durch
Gemmation bei organischen Individuen aller Ordnungen weit ver-
breitet, und es entstehen nicht bloss viele Sprosse durch Knospung,
sondern auch viele Zellen, Organe, Metamereu und Stöcke. Knospe
oder Gemma bedeutet also in diesem correcten und fortan stets fest-
zuhaltenden Sinne ausschliesslich ein durch Knospenbilduug erzeugtes
Individuum irgend einer Ordnung. Spross oder Blastus dagegen
nennen wir mit Alexander Braun u. A. ausschliesslich das echte
l ) tiqöswtiov, to; Persona. ßlc<ar6i, 6; der Spross.
320 Morphologische Individualität der Organismen.
morphologische Individuum fünfter Ordnung. Der pflanzliche
Spross, Blastos, ist also mit der thierischeu Person, dem Prosopon,
identisch und es könnte demnach die erstere Bezeichnung überflüssig
erscheinen. Man kann sie aber mit Vortheil beibehalten für diejenigen
Personen, welche nicht frei als Bionten leben, sondern als unterge-
ordnete Bestandteile der höheren Einheit, des Stockes (Cormus) auf-
treten. Wir werden also fernerhin die morphologischen Individuen
fünfter Ordnung nur dann als Sprosse (Blasti) bezeichnen, wenn sie
iutegrirende Bestandteile eines Individuums sechster Ordnung (Cormus)
sind, wie bei den meisten Phanerogamen und Coelenteraten; dagegen
als Personen (Prosopa), wenn sie frei als selbstständige Bionten exi-
stiren, wie bei den Wirbelthieren , Arthropoden, und bei der soge-
nannten „einfachen Pflanze" d. 1k einer Phanerogamen mit ganz ein-
facher gegliederter Axe, ohne alle Nebenaxen (Zweige, Ausläufer etc.).
Wenn wir nun in diesem Sinne die Bezeichnung der Person und
des Sprosses fest beibehalten, so lässt sich deren Begriff als morpho-
logisches Individuum fünfter Ordnung vollkommen scharf und bestimmt
feststellen. Es besteht nämlich das echte Prosopon und der echte
Blastos in allen Fällen aus einer Vielheit von untergeordneten
Individuen der ersten bis vierten Ordnung. Jedes einzelne
morphologische Individuuni fünfter Ordnung ist also zusammengesetzt
aus mindestens zwei Metameren, mindestens zwei Antimeren und ebenso
stets aus einer Vielheit von Organen und einer Vielheit von Piastiden.
Eine jede physiologische Individualität, welche diesem Begriffe nicht
entspricht, wie z. B. die meisten Mollusken, welche nicht aus Meta-
meren zusammengesetzt, sondern selbst ein Metamer sind, können wir
nicht als Person anerkennen.
Die Person oder das Prosopon in diesem Sinne ist das morpho-
logische Substrat der physiologischen Individualität bei allen Verte-
braten und Arthropoden, allen „gegliederten Thieren k - überhaupt (also
auch den gegliederten Würmern (Anneliden, Cestodenj. Als Spross
setzt dieselbe die Stöcke der meisten Coelenteraten und Phanerogamen
und der höheren Cryptogamen zusammen.
Da das richtige Verständnis dieser wesentlichen Zusammensetzung
des Sprosses aus Vielheiten von Individuen aller vier subordinirten Ord-
nungen von sehr grosser Bedeutung ist, wollen wir dasselbe an einigen
Beispielen erläutern. Nehmen wir zunächst das Wirbelthier heraus, und
als concreten Typus das am besten bekannte Wirbelthier, den Menschen
selbst. Der meuschliche Körper besteht zunächst aus zwei Antimeren, einer
rechten und linken Hälfte ; er lässt sich ferner zerlegen in eine Anzahl
hinter einander gelegener homodynamer Abschnitte oder Metameren, die Reihe
der einzelnen VVirbelsegmente, mit deren jedem sich zugleich ein Nerven-
paar, ein Gelässpaar, ein gewisser Muskel- und Knochen- Apparat in der
V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 321
ganzen Ausdehnung der Längsaxe (der Wirbelsäule) wiederholt. Jedes
Metamer und jedes Antiraer ist wieder zusammengesetzt aus einem Organ-
complexe verschiedener Ordnungen. Die höchsten Organcomplexe , die
Apparate, lassen sich zerlegen in Theile von Organsystemen, diese wie-
derum in heteroplastische Organe, welche ihrerseits theils aus homoplasti-
schen Organen, theils aus Zellfusionen zusammengesetzt sind. In letzter In-
stanz zeigen sich endlich alle Organe, gleich den letzteren, aus einfachen
Zellen aufgebaut. Wir können also das Individuum des ganzen mensch-
lichen Körpers, dessen morphologische und physiologische, vollkommen abge-
schlossene und begrenzte Einheit unbestritten ist, nachweisen als eine höchst
verwickelte Summe von morphologischen Individuen erster, zweiter, dritter
und vierter Ordnung, welche auf die kunstvollste Weise zu einem harmoni-
schen Ganzen, eines Form-Individuum fünfter Ordnung, verbunden sind.
Wesentlich dieselbe Architectonik wie die Wirbelthiere, zeigen uns die
Articulaten, bei denen nur die Zusammensetzung der Person aus den
Metameren wegen ihrer äusserlichen Gliederung schon auf den ersten Blick
viel auffallender erscheint als bei den innerlich gegliederten Vertebraten.
Nur auf den niedersten Stufen des Articulaten-Kreises , bei den Infusorien
und den nächstverwandten Turbellarien, Trematoden und solitären Cestoden
(Caryophyllaeus), bei den Nematoden, Gephyreen und bei einigen an-
deren, nicht gegliederten Wurmgruppen erhebt sich das Bion nur zum
vierten morphologischen Individualitäts - Range, zum Metamer. Bei den
übrigen Würmern, sowie bei allen Arthropoden tritt eine Vielheit von
solchen Metameren zur Bildung der Person zusammen. Der bald dipleure,
bald tetrapleure Körper besteht Her allgemein aus zwei oder vier Anti-
meren, und einer Kette hinter einander gelegener Metameren, deren jedes
einen verwickelt gebauten Complex von Organen darstellt, die ihrerseits
wieder aus einem Vielheit von Piastiden zusammengesetzt sind.
Dieselbe tectologische Composition finden wir bei allen Echinodermen
wieder, wo jedes Antimer (deren gewöhnlich fünf sind) deutlich aus einer
Kette hinter einander gelegenen Metameren zusammengesetzt ist. Diese
Zusammensetzung ist bei den Holothurien oft nur innerlich (wie bei den
Vertebraten), dagegen bei den Echiniden, Ästenden und Crinoiden inner-
lich und äusserlich scharf ausgesprochen.
Weniger leicht ist die Gliederung der Personen bei den meisten C o e-
lente raten zu erkennen, insbesondere bei vielen Anthozoen und Hydroid-
polypen. Bei den Anthozoen, die gewöhnlich nicht für gegliedert gelten,
wird die Zusammensetzung der Metameren theils durch äussere ringförmige
Einkerbung (viele Actinien) , theils durch äussere und innere scharfe Glie-
derung (z. B. sehr deutlich bei den Isidinen), theils durch Bildung hori-
zontaler (auf der Längsaxe des Körpers senkrechter) Scheidewände (Disse-
pimenta) angedeutet. Die letzteren sind bald vollständig durchgehende
Platten, welche die Person deutlich in eine Anzahl über (oder hinter) ein-
ander gelegener Metameren (Kammern, Stockwerke) scheiden (Tabulae,
Planchers, Böden), bald unregelmässigere und theilweis unterbrochene Septa,
welche innerhalb oder ausserhalb des „Kelches" (der Person) die Gliede-
rung andeuten (Dissepimenta endothecalia und exutheealia). Bei den Stöcken
Haeckel, Generelle [Morphologie. 21
D99 Morphologische Individualität der Organismen.
der Hydroidpolypen sind die Grenzen der Metameren meistens an den
Ringelungen oder Gliederungen der Hauptsprossen und Seitensprossen
(Personen) zu erkennen, welche die Stöcke zusammensetzen, bei den mei-
sten Siphonophoren an der regelmässigen Wiederholung der Metameren
(„Individuen") an den primären und secundären Sprossen der Stöcke.
Durch die Coelenteraten, und insbesondere die Hydromedusen, werden
wir unmittelbar zu den Pflanzen hinübergeführt, unter denen uns die
Phanerogamen und höheren Cryptogamen wesentlich dieselbe tectologische
Zusammensetzung erkennen lassen. Diejenige Individualität, welche wir
bei den Coelenteraten -Stöcken mit Recht als „Einzelthier" betrachten und
der Person der Articulaten und Yertebrateu an die Seite stellen, wird hier
bei den höheren Pflanzen durch den Spross oder Blastus vertreten, d. h.
durch diejenigen Theile des Pflanzenstockes, welche als eigene „Axen"
oder „Seitenaxen, u als selbstständige, aus einem Axenorgau (Stengel) und
Blättern (Blattorganen) zusammengesetzten Theile, von der „Hauptaxe"
der ursprünglichen Einzelpflanze seitlich abgehen. Mit seltenen Ausnahmen
(Viscum) ist jeder dieser seitlichen Sprosse ebenso aus einer Anzahl von
hinter einander gelegenen Metameren (Stengelgliedern, Internodia) zusam-
mengesetzt, wie bei den meisten Coelenteraten und Articulaten und bei allen
Vertebraten. Auch die verschiedene Art und Weise, in welcher diese ge-
gliederten Sprosse zu der höheren Individualität des Stockes zusammenge-
setzt sind, erscheint bei den Phanerogamen durchaus aualug, wie bei den
Coelenteraten, bei den Anthozoen und Hydromedusen.
In der That ist es überraschend, dieselbe wesentliche Zusammensetzung
der Person in der ganzen Organismen -Welt, vom Moose bis zum Baume,
vom Bandwurm bis zum Menschen überall wieder zu finden. Stets ist das
morphologische Individuum fünfter Ordnung, welches eine so grosse physio-
logische Rolle spielt, aus einer Vielheit vou Metameren und Antimereu zu-
sammengesetzt, deren jedes wieder aus einem Organ-Complex besteht. Nie-
mand hat vielleicht dieser grossen Wahrheit sich mehr genähert als Goethe,
dessen klarer Blick das innere Wesen der „organischen Naturen" ohne
Mikroskop richtiger erkannte, als das mit dem Mikroskop bewaffnete Auge
der gedankenlosen Naturforscher von Fach, »j
') Ausser der p. 240 angeführten Stelle, in welcher Goethe die fundamen-
talen Gesetze der Aggregation und Differenzirung (Arbeitstheiluiig) lange vor
Broun und Mi Ine Edwards ausspricht, und einzelneu audereu fcstelleu iu der
„Metamorphose der Pflanze" ist besonders nachfolgender, von Eckerm ann (Ge-
spräche mit Göthe, 1837, Vol. II , p. 65) verzeichneter Ausspruch Gothe's
sehr merkwürdig: „Grosse Geheimnisse liegen noch verborgen, manches weiss
ich, von vielem habe ich eine Ahnung. Etwas will ich Ihnen vertrauen und mich
wunderlich dabei ausdrücken. Die Pflanze geht von Knoteu zu Knoten, uud
schliesst zuletzt ab mit der Blüthe und dem Sameu. Iu der Thierwelt ist es
nicht anders. Die Raupe, der Bandwurm geht vonKuoteu zu Knoteu und bildet
zuletzt eineu Kopf; bei den höher steheudeu Thieren und Meuscheu siud es die
Wirbelknochen, die sich aufügen und anfügen, und mit dem Kopfe abschliessen,
iu welchem sich die Kräfte conceutrireu. Was so bei Einzelnen geschieht, ge-
V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 323
In allen angeführten Fällen, also bei der grossen Mehrzahl aller
Thiere und Pflanzen, und insbesondere bei fast allen vollkommeneren
Formen beider Reiche, sehen wir die Person oder den Spross durch
seine Gliederung- oder Articulation characterisirt, d. h. dadurch, dass
eine Anzahl homodynamer Theile (Metameren) in der Hauptaxe (Längs-
axe) des aus Antimeren zusammengesetzten Körpers hinter einander
liegen. Gewöhnlich kömmt diese Gliederung dadurch zu Stande, dass
ein ursprünglich einfaches Metamer eine Kette von Terminalknospen
treibt, welche durch unvollständige Scheidewände (Knoten, Nodi) ge-
trennt werden und vereinigt bleiben. Wir können also diese ganz
characteristische, typische Form der Person, welche bei den meisten
höheren Thieren als Bion, bei den meisten Coelenteraten und Pflanzen
als Theil des Stockes erscheint, definiren als eine Kette von hinter
einander gelegenen Metameren, durch Terminalknospung entstanden.
(Vergl. das siebzehnte Capitel).
Nun existiren aber ausser diesen Metameren -Complexen, welche
alle in ihrer gegliederten Kettenform übereinstimmen, noch andere Me-
tameren-Colonieen, welche sich wesentlich durch den gänzlichen Mangel
der Terminalknospung von den ersteren unterscheiden und dadurch
ein so verschiedenes Ansehen erhalten, dass man dieselben allgemein
mit den Form-Individuen sechster Ordnung, den echten Stöcken oder
Cormen vereinigt hat. Es gehören hierher alle jene stockähnlichen
Synusieeu oder Colonieen, welche nicht aus gegliederten Personen,
sondern aus ungegliederten Metameren zusammengesetzt sind. Dies
ist der Fall nur bei sehr wenigen Pflanzen, z. B. bei Viscum, dagegen bei
sehr zahlreichen Thieren, nämlich den meisten stockbildenden Mollusken.
Gleich den echten Stöcken oder Cormen, mit denen sie allgemein (aber
nicht mit Recht!) zusammengestellt werden, entstehen diese Pseudo-Cor-
men, welche insbesondere bei den Tunicaten und Bryozoen eine so man-
nichfaltige Entwickelung erreichen, durch lateraleKnospenbildung.
Die Knospen sind aber keine echten Sprosse, gleich den gegliederten
Sprossen oder Blasten der meisten Pflanzen und Coelenteraten, son-
dern einfache ungegliederte Metameren, über deren morphologische
Aequivalenz mit den frei lebenden „Einzelthieren " der höheren Mollus-
ken kein Zweifel bestehen kann. Gleich diesen sind sie aus zwei
Antimeren und aus vielen Organen und Piastiden zusammengesetzt,
schiebt auch bei ganzen Corporationen. Die Bienen, auch eine Reihe von Ein-
zelheiten, die sich an einander schliessen, bringen als Gesammtheit etwas her-
vor, das auch den Schluss macht und als Kopf des Ganzen anzusehen ist, die
Bienenkönigin. Wie dieses geschieht, ist geheimnissvoll, schwer auszusprechen;
aber ich könnte sagen, dass ich darüber meine Gedanken habe. So bringt ein
Volk seine Helden hervor, die gleich Halbgöttern zu Schutz und Heil an der
Spitze stehen."
21*
324 Morphologische Individualität der Organismen.
ohne dass eine Reihe homodynamer Theile in ihrer Längsaxe auf ein-
ander folgt, können also nur als einfache Metameren, als Form -In-
dividuen vierter Ordnung- aufgefasst werden.
Da nun der morphologische Character der Persou wesentlich in
ihrer Zusammensetzung- aus Metameren lieg-t, da jede einzelne Person
eine Vielheit von eng- verbundenen Folgestücken ist, so werden wir
diese sogenannten ^Mollusken-Stöcke'" der Tunicaten und Bryozoen,
sowie die aequivalenten Pseudo-Cormen von Viscum und anderen „ein-
fachen Pflanzenstöcken ohne Stengelglieder" nicht als echte Stöcke oder
Cormen betrachten dürfen, sondern als einfache Personen. Die Richtig-
keit dieser Auflassung, welche vielleicht Manchem paradox erscheinen
könnte, wird durch den Vergleich mit den ähnlichen Coelenteraten-
Colonieen vollkommen bestätigt, besonders aber durch die unbefangene
Betrachtung derjenigen Mollusken -Stöcke, welche nicht durch die ge-
wöhnliche Form der äusseren Lateral-Kuospenbildung entstehen, son-
dern durch eine davon verschiedene Spaltungs-Art, theils durch eine
innere Knospung, welche sich der terminalen Knospenbildung nähert
(Salpen) theils durch Strahltheilung oder Diradiation (Ascidiae com-
positae, Botryllida). Bei den Salpen (ausgenommen Salpella pinnata
etc.), bei welchen die an dem Knospenstock (Blastorganon) innerlich
stattfindende Gemination mehr oder weniger sich der terminalen
nähert, entstehen Ketten, welche den niedersten Metameren -Ketten bei
den Würmern (Cestoden) sehr ähnlich sind und gleich diesen deut-
lich eine einzige Person darstellen. Noch merkwürdiger aber sind
die echten Personen derjenigen Tunicaten, bei welchen die Metameren
(hier ebenfalls unrichtig ,.Einzelthiere u genannt) sich fast nach Art
der Antimeren strahlig um ein gemeinsames Centralorgan (Kloake)
zusammenstellen. Dies ist bei den Botrylliden oder zusammengesetz-
ten Ascidien der Fall, an welche sich Salpella pinnata unmittelbar
anschliesst. Ein solches sogenanntes „System" von Einzelthieren ist
offenbar nur eine einzige Person, und es wird dies dadurch noch be-
stimmter bewiesen, dass dieselben meistens noch zur Bildung echter
Stöcke (Cormen) zusammentreten. Aber auch die verzweigten Perso-
nen der Bryozoen unterscheiden sich demnach nur dadurch von den
vorher aufgeführten Personen der meisten Pflanzen und höheren Thiere,
dass die Metameren-Colonie im letzteren Falle durch terminale, im
ersteren durch laterale Knospenbildung aus einem einfachen Metamere
entsteht. Daher werden die Metameren -Synusieen hier nicht zu ge-
gliederten Ketten, sondern zu verzweigten Büschen, ähnlich den echten
Büschen oder Frutices der Phanerogamen, wie man die von unten
auf verästelten Cormen mit rudimentärem Hauptstamme zu nennen
pflegt. Immerhin ist der äussere Forniunterschied dieser Metameren-
Büsche von den Mctamercn-Kotten so bedeutend, dass es nicht über
V. Morphologische Individuen fünfter Ordnung: Personen. 325
flüssig erscheint, dieselben als zwei verschiedene Arten von Form-In-
dividuen fünften Hanges neben einander zu stellen; die letzteren kann
man Prosopa catenata, die ersteren Prosopa fruticosa nennen.
Wollte man die bisherige Auffassung der Tunicaten- und Bryozoen-
Stöcke und der analogen gliederlosen Pflanzenstöcke (Viscum etc.) als
echte Stöcke oder Cormen beibehalten, so würde dadurch sowohl der
festbestimmte morphologische Character der Person als einer Vielheit
von verbundenen Metameren, als auch der festbestimmte morphologische
Character des Cormus als einer Vielheit von verbundenen Personen
vernichtet werden, und wir würden uns ganz ausser Stande sehen,
denselben durch irgend eine andere, klare und bestimmte Definition
zu ersetzen. Es ist allerdings richtig, dass die sogenannten Stöcke
der Mollusken, von Viscum etc., äusserlich den echten Stöcken der
meisten Phanerogamen und der meisten Coelenteraten weit mehr
gleichen, als den einfachen Sprossen derselben und den Personen der
Articulaten und Vertebraten. Allein diese äussere Aehnlichkeit ist
lediglich durch die gleiche Entstehungsweise, durch die laterale
Knospung bedingt, und muss zurücktreten hinter der viel wichtigeren
morphologischen Aequivalenz aller Personen als Complexen von Meta-
meren. In den Ketten-Personen ist in der Regel der Zusammenhang
der einzelnen Metameren (Zoniten, Internodien) ein viel innigerer als
in den Busch-Personen, wo die einzelnen Metameren weit selbstständiger
erscheinen. Allein bei den niederen Würmern und insbesondere bei
den Cestoden wird auch die physiologische Selbstständigkeit der In-
ternodien so gross, dass man dieselben desshalb irrig als Einzelthier,
äquivalent eine Person, aufgefasst hat. Dieser Umstand zeigt deutlich
wie allein schon die grössere physiologische Selbstständigkeit eines
organischen Individuums dazu verleiten kann, demselben einen höhe-
ren morphologischen Rang zuzuschreiben, als dasselbe wirklich besitzt.
Wir können demnach allgemein zwei verschiedene Formen der
morphologischen Individualität fünfter Ordnung unterscheiden:
I. Ketten - Personen (Prosopa catenata), entstanden
durch terminale Knospenbildung der Metameren: „Eigent-
liche Individuen" oder Personen der Wirbelthiere , der meisten Glie-
derthiere {aller Arthropoden, Anneliden und vieler niederer Würmer,
Bandwurmketten etc.), aller Echinodermen und der meisten Coelen-
teraten; gegliederte (aus Internodien zusammengesetzte) Sprosse der
Pflanzen (der meisten Phanerogamen und höheren Cryptogamen).
II. Busch - Personen (Prosopa fruticosa), entstanden
durch laterale Knospenbildung der Metameren: Sogenannte
Stöcke (Pseudo-Cormen) der Mollusken (Tunicaten, Bryozoen), vieler
Coelenteraten (ohne Rumpfgliederung) und einzelner Phanerogamen
(ohne Stengelgliederung) Viscum etc., sowie vieler Cryptogamen.
326 Morphologische Individualität der Organismen.
VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung:
Stöcke oder Cormen.
Den höchsten Grad morphologischer Vollendung in der Zusam-
mensetzung aus verschiedenen Individualitäten finden wir bei den-
jenigen Organismen, bei welchen eine Vielheit von Personen oder
Sprossen sich zu der höheren Einheit des Stockes oder Cornius ver-
bindet. Es ist dies die sechste und letzte Stufe, welche der Organis-
mus in seiner fortschreitenden Structur-Verwickelung erreicht.
Unter Stock oderCormus verstehen wir ausschliesslich
diejenige organische Formeinheit, welche aus einer Viel-
heit von Personen oder Form-Individuen fünfter Ordnung
zusammengesetzt ist. In dieser ihrer Eigenschaft als unterge-
ordnete Bestandtheile eines Stockes bezeichnen wir die Personen mit
dem Namen der Sprosse oder Blastem Wir schliessen also aus dem
morphologischen Begriffe des Cormus alle diejenigen stockähnlichen
Bildungen aus, welche sowohl in der Botanit: als in der Zoologie
sehr oft als Stöcke bezeichnet werden, ohne wirkliche Cormen zu
sein. Als solche Pseudo-Cormen haben wir im vorigen Abschnitt die
sogenannten Stöcke der meisten Tunicaten und Bryozocn kennen ge-
lernt, welche bloss den Rang der Personen besitzen, Solche falsche
Stöcke sind ferner die sogenannten Stöcke vieler niederer Pflanzen und
Protisten, bei welchen die Componenten des stockähnlichen Gebildes
nicht Individuen fünfter, sondern erster Ordnung sind, einfache Cytoden
oder Zellen (z. B. die Stöcke der Diatomeen, Volvocinen und vieler
Thallophyten, besonders Algen). Alle diese Scheinstöcke oder
Pseudocormen stimmen nur darin mit den echten Stöcken oder
Cormen überein, dass sie (meistens ziemlich lockere) Verbindungen
von Individuen einer subordinirten Ordnung darstellen, niemals aber
von echten Individuen fünfter Ordnung. Es ist also lediglich die Zu-
sammensetzung aus untergeordneten Individualitäten, meistens noch
verstärkt durch eine äussere Aehnlichkeit, welche zu der allgemeinen
Verwechselung der echten mit den Scheinstöcken geführt hat. Be-
sonders die Art der äusseren Spaltung, nämlich die laterale Knospen-
bildung, welche Beiden gemeinsam ist, scheint jenen Mangel einer
sehr wichtigen Unterscheidung bewirkt zu haben. ' Bei vielen Schein-
stöcken von Diatomeen, Flagellaten, Algen und Nematophyten sind
es einzelne Piastiden, bei den vorher besprochenen Scheinstöcken von
Viscum, von den Bryozoen und Tunicaten sind es einzelne Metameren,
welche durch fortgesetzte lat rale Knospenbildung ganz ähnliche
verzweigte Bildungen produciren, wie die stockbildenden Personen.
Es ist aber für die allgemeine Morphologie von der grössten Wichtig-
keit, den wesentlichen Unterschied zwischen diesen echten Stöcken
VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke. 327
sechster Ordnung 1 und jenen falschen Scheinstöcken fünfter Ordnung
(Personen) oder zweiter Ordnung (Organen) zu erkennen. Der Aus-
druck Colonie oder Gemeinde (Synusie) lässt sich auf alle
diese stockartigen Verbindungen gemeinsam anwenden und bedeutet
nichts als die Vereinigung einer Vielheit von Individuen niederer Ord-
nung zu einer morphologischen Einheit höherer Ordnung. Der echte
Stock oder Cormus aber ist eine ganz bestimmte Art dieser Colo-
nieen, nämlich nur diejenige, höchste und vollkommenste Art, welche
aus Individuen fünfter Ordnung oder Personen zusammengesetzt ist.
Da der Cormus die höchste und letzte von allen sechs Indivi-
dualitäts-Ordnungen ist, so kann er niemals als integrirender Bestand-
teil einer höheren Ordnung auftreten, wie alle fünf untergeordneten
Individualitäten und es fällt daher in gewissem Sinne stets die mor-
phologische und physiologische Individualität in ihm zusammen. Da
der morphologische Character der Person oder des Sprosses, wie wir
vorher sahen , ein ganz bestimmter ist, so muss auch gleicherweise
derjenige des Stockes, welcher stets eine Vielheit von Sprossen ist,
vollkommen fest bestimmt sein. Jeder Stock besteht demnach nicht
allein aus einer Mehrheit von Personen, sondern auch natürlich
aus einer Mehrheit von Metameren, Antimeren, Organen und Pla-
stiden, weil ja jeder einzelne Spross allein schon eine Vielheit von
diesen vier untergeordneten Individualitäten repräsentirt.
Die echten Stöcke oder Cormen erreichen ihre höchste Entwicke-
lung und weiteste Verbreitung im Pflanzenreiche, wo die allermei-
sten Phanerogamen und höheren Cryptogamen sich zu festsitzenden
Stöcken entwickeln. Nur sehr wenige Phanerogamen bleiben auf
einer niedrigeren Stufe der Individualität stehen, wie z. B. Viscum
(als Busch - Person) und die „einfachen" (nicht verästelten) Pflanzen
(als Ketten-Personen) auf der Stufe der Person. Ausnahmsweise kom-
men solche ganz einlache Personen (astlose Hauptsprosse mit einer
einzigen einfachen Blüthe) auch bei solchen Species vor, die gewöhn-
lich einen verzweigten Stock bilden, z. B. Radiola millegrana, Ery-
thraea pulchella, Saxifraga tridactylites. Constant auf der Stufe des
Metameres (oder selbst des Antimeres?) bleibt das actuelle Bion bei
Lemna stehen.
Im Protistenreiche scheinen echte Stockbildungen im Ganzen
sehr selten zu sein. Es lassen sich, wie oben bemerkt wurde, nur die
Colonieen der Kadiolarien (Polycyttarien) und der Spongien mit vielen
Osculis (Clathria, Halichondria etc.) dahin rechnen. Jedoch verharrt
auch hier, wie bei den meisten Protisten, die Individualität überhaupt
auf einer so niederen Stufe der Differenzirung, dass man selbst ge-
gen jene Deutung erhebliche Zweifel geltend machen könnte. Die
meisten sogenannten Stöcke der Protisten (z. B. Diatomeen, Flagellaten)
328 Morphologische Individualität der Organismen.
sind falsche Stöcke, die nur den morphologischen Rang von Individuen
zweiter Ordnung (Organen) beanspruchen können.
Viel weniger ausgedehnt und entwickelt, als bei den Pflanzen,
ist die echte Stockbildung im T hierreiche, wo dieselbe ausschliesslich
auf wenige Formen des Mollusken-Stammes und auf viele Thiere des
Coelenteraten-Phylum beschränkt bleibt. Gänzlich fehlt dieselbe im
Stamme der Wirbelthiere und Gliederthiere. Was man bei den
niedersten Gruppen der letzteren, bei den niederen Anneliden und den
socialen Cestoden als Stöcke bezeichnet hat, sind in der That nur
Ketten-Personen, (gleich den Arthropoden und Verteb raten) und was
man „eigentliche Individuen" (äquivalent den Personen) genannt hat
(Proglottiden oder Glieder) sind Metameren. Nur einige Anneliden
stellen vorübergehend das Bild von echten Stöcken dar, so lange näm-
lich als mehrere durch terminale Knospung hinter einander entstan-
dene Personen (Metameren-Ketten) mit einander vereinigt bleiben. Da
dieselben sich jedoch nach ihrer vollständigen Ausbildung alle vom
elterlichen Thiere ablösen, bleiben sie niemals dauernd in dieser eigen-
thümlichen Bildung eines „Ketten- Stockes" vereinigt. Was man bei
dem Stamme der Mollusken, in den Klassen der Tunicaten und
Bryozoen als Stockbildung bezeichnet hat, sind grösstentheils falsche
Stöcke vom Range der Personen, und zwar gewöhnlich Busch-Personen
(die meisten Bryozoen und Tunicaten), seltener Ketten-Personen (Sal-
pen). Die sogenannten „solitären" Tunicaten {Doliolum, solitäre
Generation von Salpa, Pkallusia etc.) sind Bionten vom Formen-Werthe
der Metameren, wie alle höheren Mollusken. Echte Stöcke giebt es
nur bei sehr wenigen niederen Mollusken, nämlich bei den Botrylliden
oder „Ascidiae compositae, " und bei den gegliederten Bryozoen. Bei
den Botrylliden sind die Cormen aus den sogenannten „Systemen'' zu-
sammengesetzt. Jedes System ist ein morphologisches Individuum
fünfter Ordnung, eine Person, zusammengesetzt aus mehreren (meist
5 — 10, oft aber auch über hundert) Metameren, welche hier aber nicht
longituclinal, sondern radial, Antimeren ähnlich, um eine einzige ge-
meinsame Egestionsöffnung (Kloake) gruppirt sind. Gewöhnlich wer-
den dieselben als „eigentliche" Individuen oder Einzelthiere betrachtet,
verdienen aber vielmehr, wie vorher gezeigt wurde, als Metameren
aufgefasst zu werden. Man könnte vielleicht geneigt sein, dieselben
wegen ihrer radialen Zusammenordnung lieber nur als Antimeren auf-
zufassen. Allein offenbar ist hier diese Anordnung nicht von maass-
gebender Bedeutung, da auch bei Salpa pinnata (und den ähnlichen
Salpellen) die Metameren in einem Kreise -um eine Längsaxe stehen,
während sie bei den übrigen Salpen bald schief, bald ganz quer in
regelmässig gegliederte Ketten gestellt sind. Die .,Bryozoa articulata 1 '
aus der Gruppe der Chilostomcn (Catenicelliden, Cellulariden und
VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke. 329
Salicornariden) zeichneu sich vor den übrigen Bryozoen dadurch aus,
dass alle einzelne Zweige (Personen) des Stockes deutlich gegliedert,
aus Metameren zusammengesetzt und mithin der Stock ein echter Cor-
mus ist. Dasselbe gilt auch von der Mehrzahl der Coelenteraten-
Stöcke, wo die Gliederung der Personen, ihre Zusammensetzung aus
Metameren, sowohl bei den Anthozoen als Hydroidpolypen meist deut-
lich ausgesprochen ist. Doch kommen daneben auch vielfach falsche
Scheinstöcke ohne Gliederbildung vor, zusammengesetzt aus Bionten
vom Werthe der Metameren, welche sich zu Busch-Personen vereinigt
haben. Die Echinodermen gelten gewöhnlich sämmtlich für „ein-
fache Individuen", d. h. Personen und man nimmt an, dass ihnen
Stockbildung gänzlich fehlt. Indessen ist es uns, wie wir im sechsten
Buche näher zeigen werden, höchst wahrscheinlich, dass alle Echino-
dermen echte Cormen sind, nämlich Articulaten-Stöcke, entstanden durch
radiale Verbindung von (meistens fünf) gegliederten Würmern, welche
sich in ähnlicher Weise eine gemeinsame Ingestionsöffnung bildeten,
wie die Botrylliden unter den zusammengesetzten Ascidien sich eine
gemeinsame Egestionsöffnung (Kloake) gebildet haben. Diese Hypo-
these scheint uns sowohl in der anatomischen Verwandtschaft der
Echinodermen und Würmer, als besonders in ihrer Entwickelungsge-
schichte begründet zu sein. Es würden in diesem Falle die Echino-
dermen für die vollkommensten von allen Thierstöcken zu halten sein,
bei denen die Centralisation des Cormus, die einheitliche Ausbildung
des ganzen Stockes ihren höchsten Grad erreicht hat.
Die allermeisten Cormen entstehen, wie wir im achtzehnten Capitel
sehen werden, durch laterale Knospeubildung von Personen und blei-
bende Vereinigung dieser Sprosse. Dahin gehören die allermeisten
Stöcke der Phanerogamen und der Hydroidpolypen. Auch sehr viele
Anthozoenstöcke entstehen durch diesen Spaltungs- Modus. Andere
Anthozoen, und zwar vorzugsweise die Astraeiden, entstehen durch
unvollständige Längstheiluug und Diradiation von Personen. Viel
seltener, und bei den Phanerogamen, wie es scheint, nur als Monstrosi-
tät, findet sich die Selbsttheilung von Personen im Pflanzenreiche vor,
wo sie zu der eigenthümlichen Stocklörm führt, welche man Fasciation
nennt (sehr eigenthümlich z. B. bei der Hahnenkammpflanze, Celosia
cristata, und bei einigen monströsen Cacteen, Mammillaria etc.).
Die verschiedenen Formen der Stöcke sind ausserordentlich man-
nichlaltig und bieten in den beiden Stämmen der Cormophyten und
Coelenteraten zahlreiche und oft sehr auffallende Analogieen dar.
Hauptsächlich ist hierbei bestimmend die EigenthUmiichkeit der ersten
Person (Hauptspross, Blastus primarius) von welcher die Knospenbildung
ausgeht, und ihr Verhältniss zu den übrigen Sprossen oder Seiten-
sprossen (Blasti secundarii). Je stärker sich die Hauptaxe im Ver-
330 Morphologische Individualität der Organismen.
hältniss zu den Seitensprossen entwickelt, je mehr sie über diese das
Uebergewicht behält, desto entschiedener tritt der individuelle Character
des Cormus hervor; je weniger dies der Fall ist, desto mehr erscheint
der ganze Stock nur als ein Aggregat von coordinirten Personen
(Syinpodium).
Je nach der unterirdischen oder oberirdischen Entwickelung des
Hauptsprosses (Blastus primarius) und je nach dem gegenseitigen Ver-
halten des Hauptsprosses zu den Seitensprossen (Blasti secundarii),
sowie nach der Differenzirung der letzteren in geschlechtslose und ge-
schlechtlich entwickelte, lassen sich bei den Pflanzenstöcken zahlreiche,
mit sehr verschiedeuen Namen benannte Stockformen unterscheiden.
Zunächst kann man als zwei Hauptgruppen allgemein einfache und
zusammengesetzte Stöcke trennen. Einfache Stöcke (Cormi sim-
plices) nennen wir solche, bei denen entweder alle Sprosse sexuell
sind, oder bloss der Hauptspross geschlechtslos, alle Nebensprosse
aber geschlechtlich entwickelt sind, z. B. alle unverästelten einjährigen
Gräser, jede einjährige verästelte Pflanze, bei welcher alle Aeste
terminale Bltithen tragen, einfache Pflanzen mit einer einzigen Dolden-
blüthe, z. B. Androsace maxima, einfache, unverästelte, einjährige Com-
positen mit einem einzigen Blüthenköpfchen. Letztere finden sich z. B.
bei Arnoseris pusilla, Anacyclus officinalis und ausnahmsweise bei
Erigeron canadense, Chrysanthemum segetum etc. Zusammenge-
setzte Stöcke (Cormi compositi) dagegen sind solche, bei denen
nicht bloss der Hauptspross, sondern auch ein Theil der Nebensprosse
geschlechtslos, der übrige Theil der Nebensprosse geschlechtlich differen-
zirt ist, wie dies bei den allermeisten Phanerogamen der Fall ist.
Unter diesen unterscheiden die Botaniker dann weiter einjährige Stöcke
oder Stengel (Caules) und mehrjährige zusammengesetzte Stöcke oder
Stämme (Trunci). Ferner nennen dieselben solche Pflanzen, welche
unterirdische Stämme und oberirdische Stengel haben, Stauden (Sivffru-
tices), sodann Stämme, welche von unten auf verästelt sind, ohne
Vorherrschen des Hauptstammes, Büsche (Frutices), und endlich Stämme,
deren untere Aeste bald absterben, so dass die oberen eine Krone
bilden, Bäume (Arbores).
Ganz ähnliche Unterschiede in der Stockbildung, wie diese bei
den Phanerogamen eingeführten, Hessen sich dann auch bei den Coe-
lenteraten machen, welche echte Stöcke bilden, bei den Anthozoen
und Hydroniedusen. Indessen sind hier auch verschiedene andere,
namentlich die durch longitudinale Theilung entstandenen Stockformen
zu berücksichtigen, welche im Pflanzenreiche entweder gar nicht oder
nur bei^ den Thallophyten vorkommen. Ferner würde man hier ins-
besondere zu unterscheiden haben zwischen solchen Stöcken, welche
gleich den meisten Phanerogamen aus Ketten-Personen, zusammenge-
VI. Morphologische Individuen sechster Ordnung: Stöcke. 331
setzt sind, und solchen, welche bloss aus Busch -Personen bestehen.
Zu letzteren, die man Busch-Stöcke (Cormi fruticosi) nennen
kann, gehören die Mollusken-Stöcke der Botrylliden und vieler Bryo-
zoen, zu ersteren, die man Glieder-Stöcke (Cormi articulati) nen-
nen kann, die meisten Coelenteraten-Stöcke. Da jedoch dieselben
sehr schwierig zu classificiren und bisher nicht mit genügender Logik
untersucht sind, so können wir auf eine Aufzählung derselben hier
verzichten.
Für eine uaturgemässe Erkenntniss der echten Stöcke und ihres
Verhältnisses zu den untergeordneten Form-Individuen, sowie für eine
richtige tectologische Beurtheilung des Verhältnisses der sechs Indivi-
dualitäts-Ordnungen zu einander ist keine Thiergruppe von solcher
hohen Bedeutung, wie die der Coelente raten, und insbesondere die
Abtheilungen der Siphonophoren und der stockbildendeu Corallenthiere
(Anthozoen). Die vollkommene morphologische Parallele derselben mit
den Phanerogamen lässt sich durch alle sechs Ordnungen der
morphologischen Individualität und sogar durch ihre untergeordneten
Neben-Kategorieen hindurchführen. Als zusammengesetzter Stock
entspricht der blühende Baum vollständig dem geschlechtsreifen Coral-
lenstock. Beide sind aus einer Vielheit vom geschlechtlichen und un-
geschlechtlichen Personen aufgebaut. Jede Person, jeder Blüthenspross
des Baums, jeder „Polyp" des Corallenstocks, besteht wiederum aus
einer Vielheit von Metameren oder Stengelgliedern (Blattkreise der
Blüthe, Stockwerke der Polypen), und aus einer Vielheit von Anti-
meren („Strahlstücken.") Jedes Metamer und jedes Antimer ist eine
Vielheit von Organen verschiedener Ordnung, von Epimereu (Glieder
der einzelnen Blätter, der einzelnen Tentakeln) und von Parameren
(Hälften der eudipleuren Blätter und Tentakeln). Endlich ist zuletzt
jede dieser morphologischen Einheiten eine Vielheit oder Synusie
v on mehreren verbundenen Form - Individuen erster Ordnung oder
Piastiden.
332 Physiologische Individualität der Organismen.
Zehntes Capitel.
Physiologische Individualität der Organismen.
„Das Anerkennen eines Neben-, Mit- und
Ineinanderseins und Wirkens verwandter le-
bendiger Wesen leitet uns bei jeder Betrach-
tung des Organismus und erleuchtet den
Stufenweg vom Unvollkommenen zum Voll-
kommenen."
Goethe.
I. Die Piastiden als Bionten.
Physiologische Individuen erster Ordnung.
Jede der sechs wesentlich verschiedenen Formeinheiten, welche
wir im vorigen Capitel als sechs verschiedene Ordnungen der mor-
phologischen Individualität unterschieden haben, tritt bei gewissen
Organismen-Arten als physiologisches Individuum oder Bion auf. Wir
haben mit diesem Ausdruck diejenige einheitliche liaumgrösse bezeichnet,
welche als lebendiger Organismus, als centralisirte Lebenseinheit, voll-
kommen selbstständig längere oder kürzere Zeit hindurch eine eigene
Existenz zu führen vermag ; eine Existenz, welche sich in allen Fällen
in der Bethätigung der allgemeinsten organischen Function äussert,
in der Selbsterhaltung durch Stoffwechsel. Auch andere Lebensfunc-
tionen, die Fortpflanzung oder die Erhaltung der Art, sowie die Ver-
mittelung ihrer Beziehungen zur Aussenwelt, z. B. durch Ortsbewegungen,
vermag das physiologische Individuum zu verrichten, ohne dass jedoch
die Verrichtung dieser Functionen als nothwendig zum Begriffe des
Bion betrachtet werden müsste. Das Bion oder Functions-Individuum
I. Die Piastiden als Biouteu. 333
ist demnach keineswegs, wie das morphologische Individuum, eine
untheilbare Raumgrösse, die wir im Momente der Beurtheilung als
unveränderlich anzusehen haben (untheilbar in dem Sinne, dass wir
keinen Theil von ihr wegnehmen können, ohne ihren Character als
Form -Individuum zu vernichten). Vielmehr ist das physiologische In-
dividuum eine einheitliche, zusammenhängende Raumgrösse, welche
wir als solche längere oder kürzere Zeit hindurch leben, d. h. sich in
der allgemeinen Lebensbewegung, im Stoffwechsel, erhalten sehen,
und welche wir also im Momente der Beurtheilung als veränderlich
ansehen; auch können sich Theile von dem Functions-Individuum ab-
lösen, ohne dass seine Individualität, d. h. sein Fortbestehen als
selbstständige Lebenseinheit dadurch gefährdet wird, und wenn das
Bion sich fortpflanzt, geschieht sogar diese Ablösung von Theilen, die
sich zu neuen Bionten zu entwickeln vermögen, regelmässig. Wir
können demnach den wichtigen Unterschied zwischen der morpholo-
gischen und physiologischen Individualität kurz dahin zusammenfassen:
Das physiologische Individuum (Bion) ist eine einzelne
organische Raumgrösse, welche als centralisirte Lebens-
einheit der Selbsterhaltung fähig und zugleich theilbar
ist, und welche wegen der mit diesen Functionen verbun-
denen Bewegungen nur als eine in verschiedenen Zeit-
momenten veränderliche erkannt werden kann. Das mor-
phologische Individuum (erster bis sechster Ordnung) da-
gegen ist eine einzelne organische Raumgrösse, welche
als vollkommen abgeschlossene Formeinheit untheilbar
ist, und welche in diesem ihren Wesen nur als eine in
einem bestimmten Zeitmomente unveränderliche erkannt
werden kann.
Wie wir bereits oben zeigten (p. 260) vermag jede der sechs
morphologischen Individualitäten verschiedener Ordnung, welche im
vorigen Capitel characterisirt wurden, die physiologische Individualität
zu repräsentiren , und jedes Bion, welches als der reife Repräsentant
der Species einen höheren morphologischen Individualitäts-Grad besitzt,
muss, falls es sich aus einem befruchteten Ei oder einer unbefruch-
teten Plastide (Spore) entwickelt, während seines Entwiekeluugs-Cyclus
alle vorhergehenden niederen Individualitäts-Grade durchlaufen haben.
Dieses wichtige Verhältniss wird im siebzehnten Capitel näher erläutert
werden, woselbst auch das physiologische Individuum als die Einheit
des individuellen Entvvickelungs- Kreises eingehender wird gewürdigt
werden. Hier ist unsere Aufgabe nur, nachzuweisen, dass in der That
jede der sechs morphologischen Individualitäts-Stufen als Bion fungiren
kann. Es wird jedoch, bevor wir in dieser Beziehung die sechs ver-
schiedenen Ordnungen organischer Form -Einheiten durchgehen, noth-
334 Physiologische Individualität der Organismen.
wendig sein, zu unterscheiden zwischen drei wesentlich verschiedenen
Erscheinungsweisen oder Arten der physiologischen Individua-
lität, welche allgemein als das actuelle Bion (oder das Bion im
engeren Sinne), das virtuelle oder potentielle Bion und das partielle
oder scheinbare Bion bezeichnet werden können.
I. Actuelles Bion oder physiologisches Individuuni im
eugeren Sinne ist jedes vollständig entwickelte organische
Individuum, welches den höchsten Grad morphologischer
Individualität erreicht hat, der ihm als reifen, ausgewach-
senen Repräsentanten der Species zukommt. Dieser Grad
ist für jede organische Species ein bestimmter. Es ist also z. B. das
actuelle Bion bei den Phanerogamen ein morphologisches Individuum
sechster, bei den Wirbelthieren fünfter, bei den meisten Mollusken
vierter, bei den Spougien (?) dritter, bei den Volvocinen zweiter, bei
den einzelligen Algen erster Ordnung.
IL Virtuelles Bion oder potentielles physiologisches
Individuum ist jedes unentwickelte organische Individuum,
so lange es noch nicht den höchsten Grad morphologischer
Individualität erreicht hat, welcher ihm als reifen, aus-
gewachsenen Repräsentanten der Species zukommt, und
zu welchem es sich entwickeln kann. Dieser Grad ist zu ver-
schiedenen Zeiten, in verschiedenen Stadien oder Perioden der indi-
viduellen Entwickelung ein verschiedener. Es ist also z. B. beim
Menschen und bei den Wirbelthieren überhaupt das virtuelle Bion
zuerst ein morphologisches Individuum erster (Ei), dann zweiter
(Blastoderma), dann dritter (Embryonal- Anlage ohne Primitivstreif),
dann vierter (Embryo mit Primitivstreif), dann endlich fünfter Ordnung
(Embryo mit Primitivrinne und Urwiibelkette). Bei den Anthozoen,
welche Stöcke bilden, z. B. den Astraeiden, ist das virtuelle Bion im
ersten Stadium der Entwickelung (als einfaches Ei) ein morphologisches
Individuum erster, dann (als kugeliger Zellenhaufen) zweiter, dann
(als protaxonier, noch nicht diradiirter Körper) dritter, darauf (als dira-
diirter Körper mit sechs Antimeren) vierter, dann (als Polyp mit ge-
gliederter Hauptaxe, nachdem die horizontalen Böden, Tabulae, aus-
gebildet sind) fünfter, endlich (nachdem die Stockbildung durch Thei-
lung oder Knospenbildung begonnen hat) sechster Ordnung. Bei den
Phanerogamen lassen sich die gleichen sechs Stufen oder Ordnungen
der morphologischen Individualität, welche das virtuelle Bion während
seiner Entwickelung bis zum actuellen durchläuft, folgendermaassen
ordnen: erste Stufe: Embryobläschen (Ei); zweite Stufe: Vorkeim
(Proembryo); dritte Stufe: Keim (Embryo) ohne Cotyledonen; vierte
Stufe: Keim (Embryo) mit Cotyledonen; fünfte Stufe: Keim (Embryo)
mit Cotyledonen und Plumula (Internodien); nach dem Keimen: junge
I. Die Plastideu als Bionten. 335
einfache Pflanze; sechste Stufe: verzweigte Pflanze (Stock). Jeder
Organismus also, welcher als actuelles Bion ein morphologisches In-
dividuum zweiter oder höherer Ordnung ist, muss vorher die vorher-
gehenden Individualitäts-Stufen als virtuelles Bion durchlaufen haben.
Hier tritt mithin das virtuelle Bion als regulärer, in periodischem
Cyclus sich wiederholender Entvvickelungszustand auf und ist zuerst,
als Ei oder Spore, eine einfache Plastide, ein Form-Individuum erster
Ordnung, welches einen abgelösten Bestandtheil des actuellen elter-
lichen Bion bildete. Es kann aber auch bei vielen Organismen jeder
einzelne Körpertheil unter Umständen als virtuelles Bion auftreten,
d. h. sich zum actuellen Bion entwickeln, wie es bei der Hydra der
Fall ist und bei zahlreichen Pflanzenarten, wo viele einzelne Zellen
oder Zellgruppen des Körpers eine so ausgezeichnete Reproductions-
Fähigkeit besitzen, dass sie sich, losgelöst vom elterlichen Organis-
mus, vom actuellen Bion, selbst wieder zu einein solchen ergänzen
und heranbilden können.
III. Partielles Bion oder scheinbares physiologisches
Individuum ist jeder Theil eines organischen Individuums
welcher die Fähigkeit besitzt, nach seiner Ablösung von
dem potentiellen oder actuellen Bion längere oder kürzere
Zeit sich selbst zu erhalten und als scheinbares selbst-
ständiges Bion seine Existenz unabhängig fortzuführen,
ohne sich jedoch zum actuellen Bion entwickeln zu können.
Das scheinbare oder partielle Bion vermag niemals, wie das virtuelle,
sich zum Ganzen zu reproduciren und zum actuellen Bion durch
selbstständiges Wachsthum allmählich sich auszubilden. Vielmehr
geht es zu Grunde, nachdem es eine Zeit lang sich erhalten, und bis-
weilen während dieser Zeit eine bestimmte Function (z. B. die Fort-
pflanzung) ausgeübt hat. So ist es z. B. mit dem Hectocotylus der
Cephalopoden (einem Organ), mit der Proglottis der Cestoden (einem
Metamer), mit dem männlichen Blüthen-Spross der Vallisneria (einer
Person), welche sich von einem actuellen Bion höherer Ordnung abge-
löst haben. Wie man sieht, ist der Begriff dieses partiellen oder
scheinbaren Bion ein sehr weiter und unbestimmter, und es kommt
ihm bei weitem nicht die hohe Bedeutung zu, wie dem wesentlich
verschiedenen virtuellen und actuellen Bion. Doch haben die meisten
früheren Versuche, die organische Individualität zu bestimmen, gerade
auf das partielle Bion einen ausserordentlich hohen Werth gelegt, und
es ist deshalb wohl nicht überflüssig, dasselbe als eine dritte Er-
scheinungsweise der physiologischen Individualität neben dem virtuellen
und actuellen Bion aufzuführen.
Wenn wir oben wiederholt den wichtigen Satz hervorhoben, dass
jede der sechs morphologischen Individualitäten als Bion oder physio-
336 Physiologische Individualität der Organismen.
logisches Individuum auftreten kann, so gilt dies von allen drei Er-
scheinungsformen des letzteren. Sowohl das actuelle, als das virtuelle,
als endlich auch das partielle Bion kann durch jede der sechs mor-
phologischen Individualität»- Formen repräsentirt werden. Wir be-
kommen so achtzehn mögliche organische Lebenseinheiten, welche wir
jetzt nach einander in aufsteigender Linie betrachten wollen. Wir wer-
den zuerst von jeder morphologischen Individualitätsstufe das actuelle
Bion als das wichtigste, nächstdem das virtuelle Bion und zuletzt das
partielle Bion in Betracht ziehen. Wir beginnen mit dem morphologi-
schen Individuum erster Ordnung, der Plastide.
I. A. Die Plastideu als actuelle Bionten.
Die Gytoden und Zellen, welche wir oben als Piastiden oder
Form - Individuen erster Ordnung zusammengefasst haben, sind von
allen sechs Individualitätsstufen die bei weitem am meisten verbreitete
insofern alle Organismen, welche sich aus Eiern (Zellen) oder Sporen
(Keimpiastiden) entwickeln, in ihrem ersten Jugendzustande als vir-
tuelle Bionten den Formwerth einfacher Plastiden besessen haben.
Aber auch als actuelle Bionten sind die Gytoden und Zellen von sehr
grosser Bedeutung, und es gehören hierher alle jene monoplastiden
Organismen, welche man gewöhnlich als „einzellige" zu bezeichnen
pflegt. Gegen diesen Ausdruck ist aber zu erinnern, dass es sowohl
einfache Zellen, als auch einfache Cytoden giebt, welche selbstständige
Species repräsentiren , und also den wirklichen Werth von actuellen
Bionten besitzen.
Die Zellen und Cytoden, als die beiden Hauptgruppen aller
Plastiden-Formen, haben wir oben in je zwei untergeordnete Gruppen
geschieden, je nachdem sie eine Membran (Schale) besitzen, oder
nicht (p. 275). Wir erhielten so die vier Kategorieen der Gymno-
cytoden, Lepocytoden, Gymnocyten und Lepocyten. Alle vier Plas-
tiden- Arten kommen als actuelle Bionten vor, besonders häufig im
Protistenreiche, seltener im Pflanzenreiche.
Einfache Gymnocytoden oder Urklumpen, also einfache Plasma-
klumpen ohne Kern und ohne Schale oder Membran, finden sich als
actuelle Bionten in dem Stamme der Moneren, wo die Protamoebeu,
Protogeniden und Vibrionen zeitlebens auf dieser niedrigsten Indivi-
dualitätsstufe stehen bleiben. Wahrscheinlich gehört auch Actinophrys
sol hierher, deren einfacher nackter Sarcode-Körper keine Kerne
einschliesst.
Weit zahlreicher und mannichfaltiger erscheinen die Lepocytoden
oder Hautklumpen entwickelt, welche als actuelle Bionten zahlreiche
Species des Protisteureiches und der niederen Pflanzen -Stämme, be-
sonders der Algen bilden. Wir rechnen hierher alle sogenannten
I. Die Plastideu als Bionten. 337
„ einzelligen " Pflanzen und Protisten, welche keinen Kern besitzen,
also in Wahrheit noch keine Zelle, sondern bloss eine Cytode dar-
stellen, einen Plasmaklumpen, welcher von einer Schale oder Membran
total oder partiell umschlossen ist. Zu den merkwürdigsten der hier-
her gehörigen niederen Pflanzen sind diejenigen colossalen Siphoneen
zu rechnen (Caulerpa, Bryopsis etc.), welche vollständig die differen-
zirteii Formen höherer Pflanzen mit Wurzeln, Stengel, Aesten und
Blättern nachahmen, aber dennoch trotz ihrer beträchtlichen Grösse
nur aus einer einzigen, sehr grossen Lepocytode bestehen, einem
kernlosen Plasmaschlauche, welcher von Cellulose-Haut umgeben ist
und verschiedene „innere Plasmaproducte" einschliesst. Nicht minder
merkwürdig sind die unendlich mannichfaltigen und zum Thtiden,
welche das Bion vom morphologischen Werthe eines einfachen Organs
constituiren, sind bald Cytoden, bald Zellen. Cytoden-Colonieen dieser
Art bilden viele niedere Algen und Nematophyten und einige Fla-
gellaten. Zellen-Colonieen dagegen werden vorzüglich von den socialen
Protisten, von den coloniebildenden Diatomeen (Cocconcma, Gompho-
II. Die Organe als Biouten. 343
nema etc.) und vielen Flagellaten- Stöcken (Dinobryinen, Volvocinen,
Hydromorinen etc.) gebildet. Gewöhnlich werden alle diese Synusieen
als echte Stöcke betrachtet. Da jedoch ihre constituirenden, unter
sich nicht verschiedenen „Einzelthiere" nur den Werth von Piastiden
besitzen, können wir dieselben nur als einfache Organe betrachten.
c. Organe dritter Ordnung oder zusammengesetzte
(hetero plastische) Organe, also Plastiden-Complexe, welche aus
einem Aggregate von mehreren ungleichartigen, differenzirten Piastiden
bestehen, und welche nicht die positiven morphologischen Charactere
der Antimeren oder anderer Form-Individuen höherer Ordnung zeigen,
kommen ebenfalls unter den niederen Pflanzen und Protisten nicht
selten vor. Wir können als solche viele Thallophyten (sowohl Algen
als Nematophyten) von ganz unregelmässiger Gesammtform betrachten,
welche aus ungleichartigen Zellen zusammengesetzt sind. Ferner
können die meisten Myxoinyceten, einige Rhizopoden (z. B. die Acti-
nosphaeriden) und viele Spongien hierher gerechnet werden.
II. B. Die Organe als virtuelle Bionten.
Als virtuelle Bionten zweiter Ordnung, welche also unter den
morphologischen Begriff des Organs fallen, betrachten wir alle die-
jenigen selbstständig lebenden Plastiden-Complexe, welche nicht die
positiven Charactere der Form-Individuen dritter bis sechster Ordnung
besitzen, welche aber fähig sind, sich zu einer dieser Individualitäts-
Ordnungen zu entwickeln. Diese Zustände glauben wir in allen den-
jenigen polyplastiden Entwickelungszuständen höherer Organismen zu
finden, welche noch nicht in Antimeren sich differenzirt haben, wie
z. B. in der ersten Embryonal-Anlage der Vertebraten, im Proembryo
der Phanerogamen etc. Aber bei vielen niederen Organismen sind es
auch einzelne, aus dem Zusammenhang des Ganzen entfernte Plastiden-
Complexe von unbestimmter Begrenzung (sogenannte „ parenchymatische
Individuen*), welche sich zur actuellen Form der Species zu ent-
wickeln vermögen. Solche sind z. B. viele Zellengruppen aus dem
Leibe der Hydra und anderer Hydroidpolypen , einzelne Parenchym-
stücke aus den Blättern vieler Phanerogamen etc. Gleichwie die
Functionen der actuellen, so können auch diejenigen der virtuellen
Bionten durch Organe erster, zweiter und dritter Ordnung ausgeübt
werden.
a. Organe erster Ordnung oder Zellfusionen treten als
virtuelle Bionten verhältnissmässig sehr selten auf. Wir müssen als
solche alle sogenannten „mehrkernigen Zellen" betrachten, welche,
aus dem Parenchym-Verbande des Organismus ausgelöst, die Fähigkeit
besitzen, sich zum Ganzen zu entwickeln. Solche „Brutzellen", Mutter-
zellen, welche eine Mehrheit von Kernen, also von Tochterzellen ein-
344 Physiologische Individualität der Organismen.
schliessen, treten theils mehr regelmässig, theils mehr zufällig aus
dem Verbände des Ganzen zu Zeiten hervor, um sich selbstständig
zu einem vollkommenen actuellen Bionten auszubilden. Dahin können
wir z. B. die Gemmulae der Spongien rechnen. Auch andere Poly-
sporen (mehrkernige Keimzellen) können hierher gerechnet werden.
Unter den Protisten und Thallophyten gilt dasselbe von manchen
„Brutzellen".
b. Organe zweiter Ordnung oder einfache Organe (Ho-
mop lasten) als virtuelle Bionten finden sich allgemein als vor-
übergehende Entwickelungsstadien bei allen höheren Organismen,
welche sich aus einer Zelle (Ei oder Spore) entwickeln. Wir müssen
als solche virtuelle Bionten vom Formen-Werthe eines Organs zweiter
Ordnung alle noch nicht dirreren