Skip to main content

Full text of "Geographische Zeitschrift"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 




1. 



f. 



w 



JtVQif 




GEOGRAPHISCHE ZEITSCHRIFT. 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



Db. alpred hettner, 

O. PROFESSOR DER GEOGRAPHIE AN DER UNIYBR8ITÄT HEIDBT.BKRG. 



ZWÖLFTER JAHRGANG. 



MIT ABBILKUNGEN UND KARTEN IM TEXT UND AUF 9 TAFELN. 



LEIPZIG, 
DKUCK UND VERLAti VON B. G. TEUBNEK. 

1906. 



ALLE aSCHTB, EIKSOHLIESBLICH DES ÜBERSBTZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN. 



Inhalt. 



Gesebiebte und Methodik 

der Oeognrapbie. seite i 

Die Lehro von der Kugelgestalt 
der Erde im Altertum. Von ! 

Hugo Berger f 20 j 

Die Ältere Zonenlehre der Griechen. 

Von dems 440 ! 

Untersuchungen zur Geographie der , 
Odyssee. Von Dr. Max Kies s- j 

ling in Berlin ... 340 i 

Die Waldseemüllerschen Karten. ! 
Von E. G. Ravenstein in i 

London 166 ' 

Ferdinand von Richthofens Beden- I 
tung für die Geographie. Von 

A. Hettner 1 ! 

Bücherbesprechungen. 
Geidel, H. Alexander der Große 

als Geograph. VonK.Kretschmer 591 
FreutzeT, C. A. Major James Rüssel, 
der Schöpfer der neueren englischen 
Geographie. Von Ö. Günther .. . 112 
Reich, 0. Karl Ernst Adolf von 
Hoff, der Bahnbrecher modemer 

Geologie. Von J. Walther 63 i 

P e n c k , A . Beobachtung als Grund- 
laj?e der Geographie. Von Th. Fi- I 

scher 709 i 

Kalender und Hacliielilavewerke. | 

(leographeukalender. IV. Jahrg. 

llioe 07 Von A. Hettner 468 . 

Jahrbucli der Sektion Dresden des 
österreichischen Touristenklubs. 

Jahrg. 1906. Von dems 469 

Meyers großes Konversationslexikon. 
6. Aufi. Bd. X— Xm. Von dems. 414 

.Mathematische Geographie and 
Kartographie« 

Möllers „Orientierung nach dem 
Schatten". Die Taschenuhr als 
Kompaß. Von Dr. Karl Peucker 
in Wien. (Mit 4 Textfiguren). 101 
Bücherbesprechungen. 

Schmidt, W. Astronomische Erd- 
kunde. Von 0. Clauß 349 

Albrecht, Th. und B Wanach. 
Resultate des internationalen Brei- 
tendienstes. IL Bd. Von B. Mes- 
serschmitt 646 

Allgemeine pbysiHclie Geographie. 

Grundgesetze des ErdreliefB. Von 



Seit» 

Oberlehrer Dr. Theodor Arldt 

in Radeberg 568 

Bericht über die Fortschritte der 
Piianzengeographie in den Jah- 
ren 1899 — 1904. Von Prof. 
Dr. George Karsten in Bonn 

79. 146 
Beziehungen zwischen Pflanzengeo- 
graphie und Siedlongsgeschichte. 
Von Dr. Bobert Gradmann 

in Tübingen 306 

Die tiergeographischen Reiche und 

Regionen. Von Theodor Arldt 212 
Die geographische Verbreitung der 
Mollusken in dem paläarktischen 
Gebiet. Von Prof. Dr. G. Pfeffer 

in Hamburg 406 

Neuigkeiten. 
Preisarbeiten über die mathematische 

Bestimmung der Erde 107 

Vorkolumbische Kenntnis der magne- 
tischen Deklination 844 

Anleitung zum Beobachten von Erd- 
beben 642 

Zeutralbureau der internationalen seis- 

mologischen Staatenassoziation . . . 408 
Neue Erfahrungen über Korallenriffe 292 
Höchster bisher erreichter Punkt der 

festen Erdoberfläche 643 

Abtragung der Gebirge durch die 

Flüsse 629 

Das Museum für Meereskunde in 

Berlin 226 

Neue Beobachtungen über die hohe 

wärmere Luftschicht 166 

Erforschung der Windverhältnisse in 

der Passatregion 108 

Internationale Vereinigung zur Erfor- 
schung der Polargebiete 409. 589 

Bücherbespreohungen. 

Günther, S. Physische Geographie. 
Von R. Langenbeck 172 

Beul, 0. Frühere und spätere Hypo- 
thesen über die regelmäßige An- 
ordnung der Erdgebirge. Von dems. 849 

Frech, F Aus der Vorzeit der Erde. 
Von A. Philippson . . ; 281 

Reclus, E. f. Les Volcans de la 
Terre. Von C. ühlig 710 

Trabert, W. Klimatologie und Me- 
teorologie. Von G. Greim 63 

Weber, L. Wind und Wetter. Von. 
W. Meinatdua VH. 



IV 



Inhalt. 



Seite 

Hildebrandsson, H. H. Rapport 
Bur les Observation 8 internationaleH 
des nuages. Von G. Greim 172 

(f Otz, W. Das Schwinden des Was- 
sers in den höheren Bodenschichten. 
Von W. Ulc .. 710 

Aufseß, 0., von und zn. Die physi- 
kalischen Eigenschaften der Seen. 
Von W. nie 64 

Jacobi, A. Tiergeographie. Von 

0. Pfeffer 860 

Allgemeine Geographie 4e8 Mensehen. 

Anpassungsbedingungen und Ent- 
wickelangsmotive der Kultur. 
Von Dr. Leonidas Chalikio- 
poulos in Rapsani (Thessalien) 

a7ft. 449 

Nation und Nationalität. Von Pri- 
vatdozent Dr. 0. Schlüter in 
Berlin 628 

Das deutsche Kolonialreich. Eine 
politisch - geographische Studie. 
Von Seminar - Oberlehrer Dr. 
Bruno Felix Hänsch in Pirna 

646. 6S0 
Neuigkeiten. 

Kochs Expedition zur Erforschung 
der Schlafkrankheit 1611. 700 

Buch erbe spre eh ungeu. 

Finot^ J. Das Rassenvorurteil. Von 
A. Kirchhoff 469 

Kjell^n, R. Stormakterna. IT. Von 
R. Sieger 591 

Supaki, A. Die territoriale Entwick- 
lung der europäischen Kolonien. 
Von dems 593 

D v e , K . Die angelsäch sischen Riesen- 
reiche. I. Das britische Weltreich. 
Von A. Kirchhoff 594 

Heilborn, A. Die deutschen Kolo- 
nien. Von Br. F. Hänsch ß47 

Eichholtz, Tb Entwicklung der 
Landpolitik. Von S. Passarge.. 55 

Hallo, E. von. Die Weltwirtschaft. 

1. IL Von R. Sieger 64») 

S c h m i d t , G. M. Geschichte des Welt- 
handels. Von A. Kirchhoff .... 711 

H ü b n e r , 0. Geographisch-statistische 
Tabellen aller Länder der Erde. 
Von A. Hettner 55 

Ephraim, H. Über die Entwicklung 
der Webetechnik und ihre Verbrei- 
tung außerhalb Europas. Von M. 
Haberlandt IIS 

Grttz, W. Historische Gpopjraphie. 
Von Th. Fischer 415 



Größere Erdrftume. «•>»* 

Das deutsche Kolonialreich. Von 
Bruno Felix Hänsch . . .545. G3o 

Bücherbesprechungen. 

M eurer, J. Weltreisebilder. Von 
A. Kirchhoff 115 

Diehl, D. An Bord und im Sattel. 
Von P. Stange 59 

Heilborn, A. Die deutschen Kolo- 
nien. Von Br. F. Hänsch 647 

D V e , K. Die angelsächsisch en Riesen- 
reiche. I. Das britische Weltreich. 
Von A. Kirchhoff 594 

Deutschland und Nachbarländer. 

Die Ahfiußersch einungen in Mittel- 
Europa. Von Geh. Oberbaurat 
H. Keller, Leiter der k. preuß. 
Landesanstalt für Gewässerkunde 
in Berlin. (Mit 2 Kurventafeln 
auf Tafel Nr. 9) 611. 6^-2 

Die Schiffahrt auf dem Ober- Rhein. 
Von Dr. Rudolf Hotz-Linder 

in Basel 578 

Neuigkeiten. 

Ergebnis der Volkszählung im deut- 
schen Reiche 1905 226 

Die Städte im deutschen Reich mit 
über lüOüOü Einw. nach der Zäh- 
lung von 1905 10« 

Bevölkerungaverhältnisae des deut- 
schen Reiches 409 

Seenuntersuchungen der preußischen 
geologischen Landesanstalt 642 

Landgewinnung au der holBteinisch^'n 
Westküste 530 

Sturmflut an der ostfriesischen Küste 293 

Landgewinnungswerk am Dollart . . . 292 

Eröffnung des Simplontunnels 410 

österreienisches Alpenbahnennetz . . . 642 

Bücherbesprechungen. 
Wimmer, J. Geschichte des deut- 
schen Bodens. Von Th. Fischer 415 
Begiebing, H. Die Jagd im Leben 
der ealischen Kaiser. Von K. 

Kretschmer 416 

! Grupp, G. Der deutsche Volks- und 
Stamme8cbarakt<?r. Vou A. Kirch- 

I hoff o8:> 

I Hellmann, G. Regenkarte von 

Deutschland. Von W. Ule 647 

Handbuch der Wirtschaftekunde 

Deutschlands. IV. VonF. Hahu. 55 
i Nauticus. Jahrbuch für Deutschlands 
I Seeinteressen. 1905. Von M.Eckert 173 
I Hasse, E. Deutsche Grenzpolitik. 

I Von J. Zemmrich .SOG 

I Moritz, Ed. Die geographischen 



Inhalt. 



Seite ; 

56 
586 

231 

114 

470 
850 



Kenntnisse von den Nord- und Ost- 
Rceküsten bis zum Ende des Mittel- 
alters. Von K. Kretschmer .... 

Ottson. Der Kreis Tondern. Von 
M. Eckert 

Witte, H. Wendische Bevölkerungs- 
reste in Mecklenburg. Von J. 
Zemmrich 

Wagner, U. Orometrie des ostfäli- 
schen Hügellandes links der Leine. 
Von K. Peucker 

Wtistenhagen, H. Beiträge sor 
Sietlelungskunde des Ost -Harzes. 
Von F. Hahn 

T h . F o n t a n es Wanderungen durch die 
Mark Brandenburg. Von F. Lampe 

Köhler, G. Die „Bücken** in Maus- j 
feld und in Thüringen. Von A. ' 

Bergeat 360 I 

Gerbing, W. Die Pftsse des Thü- | 

ringer Waldes. Von Fr. Regel.. 351 

Woerl, L. Das Königreich Sachsen. 
Von P. Wagner 352 

Zemmrich, Jos. Landeskunde des 
Königreichs Sachsen. Von dcms. . 647 ' 

Heyer, 0., Cl. Förster u. Chr. ! 

März. Die Oberlausitz. Von dems. 648 ! 

Hecker, F. Karte von Bodensee und 
Rhein. Von A. Penck 712 

Baedeker, K. Die Schweiz. Von 
A. Hettner 56 

Wagner, E. Taschenatlas der Schweiz. 
Von E. Zollinger 302 

Kämm er ly, H. Gesamtkarte der 
Schweiz. Namens Verzeichnis dazu. 
— Spezialkarte des Exkursions- 
<^ebietes von Bern. — Spezialkarte 
des Zürichsees. Von dems 352 

Rabl, J. Illustrierter Führer auf der 
Tauembahn. Von R. Sieger 353 

Übriges Europa. ! 

Dänemarks Boden und Oberflftc^e. | 
Von Privatdoz. Dr. Fritz Ma- 
chacek in Wien. (Mit 3 Land- 
Schaftsbildern auf Taf. 6 u. 7) 361 

Siedlungen der serbischen Länder. 
Von Dr. Paul Vujevi6 in Neu- 
satz (Ungarn). (Mit 1. Fig. im 
Text) 507 

Zur Hydrographie des Karsts. Von 
Privat Jozent Dr. Karl Oest- 
reich in Marburg a/L 47 

Inseln des ägäischen Meeres. Eine 
landschaftliche Skizze. Von Prof. 
Dr. Karl Sapper in Tübingen. | 
(Mit 5 Landschaftsbildem auf | 
r«.f. 1 u. 2) 3« j 



Neuigkeiten. s«**« 

Die anthropologischen Verhältnisse 
Dänemarks 410 

Anschluß Islands an das Welttelegra- 
phennetz 585 

Verkleinerung der britischen Inseln 
in Folge von Felsstürzen 581 

Vesuvausoruch 293 

Die Wirkungen des letzten Vesuv- 
ausbmchs 411 

Bücherbesprechungen. 

Philippson, A. Europa. Von A. 
Kirchhoff 173 

Kerp, H. Landeskunde von Skandi- 
navien. Von R. Sieger 58 

V. Geyr-Schweppenburg, A. Meine 
Reise nach den Färöem. Von B. 
Kahle 417 

Chautriot, E. La Champagne. Von 
F. Hahn SOI 

Demangeon, A. La Picardie et les 
r^gions voisines. Von dems 232 

Grund. A. Landeskunde von Öster- 
reich-Ungarn. Von G. A. Lukas. 712 

Die Ergebnisöc der Triangulierungen 
des k. imd k. Militär-geogra- 
phischen Institutes. Von M. 
Petzold 57 

Pichler, F. Austria Romana. Von 
E. Oberhummer 58 

Resultate der wissenschaftlichen Er- 
forschung des Platten -Sees. Von 
W. Ule 718 

Maywald, F. Die Pässe der West- 
Karpathen. Von R. Sieger 648 

Fischer, Th. Mittelmeerbilder. Von 
A. Philippson 232 

Regel, F. Landeskunde der iberi- 
schen Halbinsel. Von K. Sapper 59 

Lorenz! , A. La coUina di Buttrio 
nel Friuli. Von Th. Fischer 470 

Wermert, G. Die Insel Sicilien. 
Von dems 175 

Koetschet, J. Aus Bosniens letzter 
Türkenzeit. Von 0. Schlüter... 233 

Steinmetz, K. Ein Vorstoß in die 
nordalbanischen Alpen. Von K. 
Oestreich 417 

Krebs, N. Densitii e aumento della 
popolazione uell' Istria e in Triesto. 
Von 0. Schlüter 175 

Lussingrande , Lussinpiccolo. Von 
dems 176 

Annales de robBervatoin» national 
d' Athenes publit^es par Demt^trius 
Eginitis. Von .1. Partsch 470 

Walläce, D. M. Rußland. Von A. 
Hettner 417 

Asien. 

Die jakutischen Küsten des i^^^- 



VI 



Inhalt. 



Seite 

liehen F^ismeeres. Von W. Sie- 

roszewski 155 

Von der anatolischen Riviera. Von 
Oburlehrer Fritz Braun in 
Marienburg. (Mit 4 Landschafts- 

bildem auf Tafel 3» isr, 

England in Arabien. Von Oberst- 
leutnant a. D. V. Kleist in 

Steglitz 426 

Die Platte zwischen Sumatra und 
Bomeo. Von Dr. J. Hund- 

hausen in Zürich 703 

Neuigkeiten. 
Die Oberfläche des asiatischeu Ruß- 
lands 705 

Die NäJedj - Erscheinungen Ost-Sibi- 
riens 166 

Schiffsexpedition nach dem JenisHcil 6 7. 4ü8 
Grothes Expedition nach dem Anti- 

taurus und nach Mesopotamien . 705 
Huntingtons Rückkehr ans Zentral- 

Asien 411 

Französische archäologische Expedi- 
tion nach Zentral- Asien 49 

Steins Expedition nach Zentral-AHien 531 
Zugmayers Durchquerung Tibets.. 293 
Workmannä Gletschcrfahrten im 

Himalaja 043 

Lösung des Saugpo - Brahmaputra- 
Problems 464 

Graf von Lesdaiuy Reise durch 

China und Tibet 227 

Tafeis Expedition nach West-China 412 
Über die Pflanzengeographie von 

Inner-China 167 

Formosa unter japanischer Verwal- 
tung 586 

Erdbeben auf Formosa 294 | 

Bücherbesprechungen. ; 

vonTornau, N. Kulturgeographi- I 
scher Atlas von Sibirien und Tur- 
kestan. Von H. Stübler 471 ! 

Brandenburger, Ol. Russisch-asia- | 
tische Verkehrsprobleme. Von M. 
Friederichsen 234 

Fitzner, R. Beiträge zur Klima- 
kunde des Osmamschen Reiches 
und seiner Nachbargebiete. Von 
Th. Fischer 418 

Nahmer, E. von der. Vom Mittel- ' 
meer zum Pontus. Von W. Rüge 234 i 

Zugmayer, E. Eine Reise durch I 

\ Order- Asien im Jahre 1904. Von 
M. Friederichsen 353 

Zitelmann, Katharina. Indien. 
Von E. Schmidt 649 

Loti, P. Indien (ohne die Engländer). 
Von dems 472 



Seite 
Piriou, E. L'Inde contemporaine et 

le mouvement national. Von dems. 716 
Haeckel, E. Wanderbilder. Ser. T 

u. II. Von G. Karsten 473 

Weber-van Bosse, A. Ein Jahr an 
, Bord I. M. S. „Siboga'V Von W. 

! Kiikenthal 419 

Algue, J. The Cyclones of thc Far 

East. Von W. Brennecke 115 

Montgelas, Pauline Grf. Ost- 

asiausche Skizzen. — Bilder aus 

Süd- Asien. Von W. C. Korthals 696 
Robert, E. Le Siam. Von dems. . 717 
Doflein, F. Ost- Asien-Fahrt. Von 

dems 59r> 

Behme, Fr. u. M. Krieger. Führer 

durch Tsingtau und Umgebung. 

Von dems 649 

Afrika. 

Alte und neue Handelsstraßen und 
Handelsmittelpunkte in Nordost- 
Afrika. Von Oberleutnant a. D. 
Detmar Kttrchhoff in Char- 
lottenburg 277. 326 

Die Kameninbahu von Duala nach 
den Manengubabergeu und die 
deutsche Niger - Benue - Tsadsee- 
Expedition (1902—1903) unter 
Fritz Bauer. Von Realschul- 
direktor Dr. Alois Geistbc'ck 
in Kitzingen a. M 4ü2 

Der Meru. Yon Dr. Fritz Jaeger 
in Offenbach a. M. (Mit 5 Land- 
schaftsbildern auf Tafel 4 u. 5 
nach Originalaufnahmen von 
Prof. Dr. Carl ühlig in Dar- 
essalam) 241 

Die ost-afrikanische Südbahn. Von 
Privatdozent Dr. EmilPhilippi 
in Berlin 2*23 

Süd-Afrika und Sainbesifälle. Von 
Prof. Dr. Albrecht Penck in 
Berlin 601 

Die Kalahari (nach S. Pas sarge). 
Von Prof. Dr. Adolf Schenck 
in Halle a/S 618 

Die kanarischen Inseln Eine geo- 
graphische Studie von Prof. Dr. 
Karl Sapper in Tübingen. 
(Mit 6 Landschaftsbildern auf 
Tafel Nr. 8) 4Hl 

Die Kolonie Madagaskar in ihrer 



Inhalt. 



vn 



Seite 

gegenwärtigen Entwicklung. Von 
Prof. Dr. Carl Keller in Zürich 98 

Neuigkeiten. 

Die Bevölkerung von Marokko 412 

Erforschung des Sebu- Flusses in Ma- 
rokko 109 

Dyes Untersuchungen an der atlan- 
tischen Küste von Marokko ... 168. 681 

F ly e S ai n te - M ari es Erkundigungs- 
reise in die westliche Sahara 49 

Chudeaus Forschungen in der zen- 
tralen Sahara 844 

Villattes und Laparines Reise 
nach Adrar 109 

Hanns Vischers Sahara-Expedition 464 

706 

Lyons' Untersuchungen über die Nil- 
flut und ihre Schwankungen 686 

Eröffnung der Eisenbahn zwischen Nil 
und rotem Meer 169 

Ausbeutung der Erzvorkommen in 
Abessinien 632 

Caetanis Reise im Osthom 706 

Deutsch-englischer Grenzvertrag Ka- 
merun-Nigeria 643 

Verbindung zwischen Niger-Tschad- 
see-Nil 60 

Verbindung zwischen Französisch- 
Kongo und dem franzÖBischen 
Tschad-Territorium 644 

Verbreitung und Lebensweise des 
Okapi 682 

Grenzübereinkommen zwischen Sudan 
und Kongostaat 294 

Kochs Expedition zur Erforschung 
der Schlafkrankheit 169. 706 

Die Gesundheitsverhältnisse von 
Deutsch-Ostafrika 227 

('unningtons Expedition zum Tan- 
ganika 110 

Grauers Ersteigung des Ruwenzori 346 

WoUastons, Woosnams und Deuts 
Ersteigung des Ruwenzori 464 

Expedition des Herzogs der Abruz- 
zen zur Besteigung der Ruwen- 
zori 228. 686 

Weules und Jägers Expeditionen 
nach Deutsch-Otitafrika 169. 644 

Eisenbahnbau in Deutsch- Südwest- 
afrika 706 

Colin HardingB Erforschung der 
Sambeaiquellen 464 

Pencks Reisen in Süd-A£rika 110 

Buch erb esprechungen. 

Zabel, R. Im muh amedani sehen 
Abendlande. Von Th. Fischer.. 116 

Laugenbucher, K. Karte von Ma- 
rokko. Von dems 176 

Baedeker, K. Ägypten und der Su- 
dan. Von J. Walther 687 



I S«ite 

' V. öthalom, A. U.Edler. Der Suez- 

* kanal. Von K. Wiedenfeld 177 

1 Falls, J. C. E. Ein Besuch in den 

Natronklöstem der sketischenWüste. 

' Von Fr. Jaeger 286 

(Seidel, A. Deutsch-Kamerun. Von 

S. Passarge 660 

I Winter. M. Anschauungen eines alten 
I ,,Afrikaner8** in deutsch-ostafrikani- 
' sehen Bewirtschaftungdfragen. Von 

A. Schenck 661 

Irle, J. Die Herero. Von S. Pas- 

sarge 660 

Australien und australisebe Inseln. 

Neuigkeiten. 

Buschbrände im südlichen Australien 294 
Davidsons Erforschung Zentral- 

Australiens 466 

Georges Tod 346 

Michaelsens u. Hartmeyers Bück- 
kehr von ihrer Reise nach West- 
Australien 110 

Waeners Bericht über das Samoa- 

Observatorium 60 

Vulkanausbruch auf Savaii 296 

Meteorologische Station auf Yap 588 

Zerstörung Papentes durch eine Flut- 
welle 294 

Erforschung der Osterinsel 418 

Nord- und Mittelamerika. 

Veränderungen in der Bevölkerung 
der Vereinigten Staaten von 
Nordamerika. Von Dr. Hans 
Heiderich in Berlin 186 

Neuigkeiten. 

Harrisons Expedition nach dem ark- 
tischen Nordamerika 467 

Macgregors Expedition entlang der 
Küste von Labrador 418 

Der höchste Berg in den Vereinigten 
Staaten 170 

Zerstörung von San Franzisko 296 

Umfang und Verlauf des großen kali- 
fornischen Erdbebens 466 

Zunahme der Indianer in den Reser- 
vationen 706 

Bücherbesprechungen. 

Bern ins, K. Das Becken von Parras. 

Von K. Sapper 116 

Sapper, K. über Gebiresbau und 

Boden des südlichen Mittel- Amerika. 

Von H. Lenk 687 

Kraentzel, H. Le canal de Panama. 

Von F. Lampe 177 



vm 



Inhalt. 



Sttdamerlka« 

Neuigkeiten. 

Frhr. y. Nordenskjölds Reisen in 
Peru und Bolivien 

Eisenbahnbau in Bolivien 

Argentinische Erforschung des Pilco- 
mayo 

Bevölkerungsverhältnisse von Argen- 
tinien 

Erdbeben von Valparaiso 

Bücherbesprechungen. 

(}o6ldi, E. A. Os Mosquitos no Par4. 
Von R. 0. Neumann 

Schmidt^ M. Indianerstudien in 
Zentral-Brasilien. Von P. Ehren- 
reich 

Burckhardt, C. Coupe gäologique 
de la Cordill^re entre Las Lajas et 
Curacautin. Von H. Steffen . . 

von Vacano, M. J. Buntes Allerlei 
aus Argentinien. Von dems 

Alemann, Th Aus dem Südwesten 
der argentinischen Kleeregion. Von 
W. Sievers 



Seite I Seite 

I Neue argentinische Stationen in der 
I Antarktis 229 

öl Bücherbesprechungen. 

221)1 v. Richthofen, P. Ergebnisse und 
Ziele der Südpolarforschung. Von 

346 A. Kirohhoff 6Ü 

Dröber, W. Die Polargebiete und 
686 deren Erforschung. Von M.Linde- 

683 man 697 

Arktowski, H. Die antarktischen 
Eisverhältnisse. Von K. Fricker 866 



689 

286 

473 
476 

60 



Nord-Polargegenden. 

Neuigkeiten. 

Arktowskis Vorschläge zur syste- 
matischen Erforschung der Polar- 
regionen 62 

Aufklaxung der Strömungsverhältnisse 
im nördüchen Eismeer 61 

We lim ans Luftballonfahrt zum Nord- 
pol 847. 467. 633 

Isachsens Spitzbergen-Expedition.. 847 

Expedition des Fürsten von Mo- 
naco nach Spitzbergen 414. 707 

Wissenschaftliche Station in Grönland 296 

Mylius-Erichsens Expedition nach 
Nordost-Grönland 170. 846 

Pearys Rückkehr von seiner Nord- 
polarexpedition 707 

Amundsens Nordpolarexpedition . . 61 

110. 687. 708 

Harrisons Expedition nach dem ark- 
tischen Nordamerika 467. 708 

Mikkelsens Expedition in dieBeau- 

fort-See 170. 346. 467. 646 

Buch erb esprechungen. 

Dröber, W. Die Polargebiete und 
deren Erforschung. Von M. Lin- 
deman •'>97 

Küchler, C. Unter der Mitternachts- 
sonne durch die Vulkan- und Glet- 
scherwelt Islands. Von B. Kahle 68» 

Sttd-Polargegenden. 

Neuigkeiten. 
Arktowskis Vorschläge zur syste- 
matischen Ejrforschung der Polar- 
rc'gioneu 62 



Meere. 

Neuigkeiten. 
Institut für Meereskunde in Berlin . . 112 
Institut für Meeresforschung in Paris 348 
Die Reise des Vermessungsschiffes 

„Planet^* 296. 688. 708 

Abschluß der ,,Sealark-Expedition^' . . 171 
Agassiz' Tiefseeforschungen im öst- 
lichen stillen Ozean 62 

MMpietische Vermessung dcb stillen 
Ozeans 348 

Bücherbesprechungen. 
Kaiserliche Marine. Deutsche 
Seewarte. Dampferhandbuch für 
den atlantischen Ozean. — Atlas 
der Gezeiten und Gezeitenströme 
der Nordsee. - Altlas der Stijom- 
versetzungen im indischen Ozean. 
— Wind, Strom, Luft- und Wasser- 
temperatur auf den Dampferwegen 
des Mittelmeers. Von M. Eckert 298 

Geographischer Unterricht. 

Die Aufgabe der Schulgeographie. 
Von Oberlehrer Dr. B. Bruhns 

in Annaberg i. Erzgeb 667 

Drei neue Methodiken des erdkund- 
lichen Unterrichtes. Von Prof. 
Dr. R. Langenbeck in Straß- 
burg i. E 161 

Neuigkeiten. 
Geoji^raphrsche Vorlesungen im S.-S. 

1906 229. 296 

Geographische Vorlesungen im W.-S. 

1906/07 685. 688. 646 

Geofifraphische Vorlesungen an der 

Akademie in Posen 297 

Geographische Vorlesungen an der 

Handelshochschule zu Berlin 414 

Ordentliche Professur in Berlin 63 

Ordentliche Professuren in Preibiirg 

und Heidelberg 635 

Ordentliche Professur in Halle 468 

Ordentliche Professur in München . . 297 
Ordentliche Professur in Münster ... 171 
Ordentliche Profesnur in Wien 297 



Inhalt 



IX 



Seite I 
ProfesBnr an der Akademie för Han- 
dels- und Sozialwissenschaften in 

Frankfurt 171 

Außerordentliche Professur in Leipzig 231 
Außerordentliche Professur in Münster 536 
Außerordentliche Professur in Rostock 636 

Habilitation in Berlin 231 

Habilitation in Wien 297 

Aufgabe der Professur in Rostock . . 468 

Ver&etung in Münster 297 

Institut f£r Meereskunde in Berlin.. 112 
Topographische Übungen an der Uni- 
versität Heidelberg 297 

Reiseunterstätzungen der Berliner 
Karl Ritter -Stiftung und der Egl. 
Akademie der Wissenschaften zu 

Berlin 630 

Bücherbesprechungen. 
Kraentzel, F. La Geographie dans 
Tenseignement moyen. Von R. 

Langenbeck 177 

Pütz, W. Lehrbuch der ver^eichen- 
den Erdbeschreibung. Von P. 

Wagner 178 

Pütz* Leitfaden der yergleichenden 
Erdbeschreibung. 27. u. 28. Aufl. 
Völlig umgearbeitet von L. Neu- 

mann. Von dems 662 

Schlemmer, K. Leitfaden der Erd- 
kunde für höhere Lehranstalten. 

8. Aufl. Von dems 661 

Nieberdings Schulgeographie. Von 

dems 178 

E. V. Seydlitz' Geographie. Aus- 
gabe C: Großes Lehrbuch der Geo- 
graphie. Von Hch. Fischer 116 

E. V. Seidlitz' Geographie. Aus- 
gabe D. Von P. Wagner 662 

Heimatkunden zur Ergänzung der 

Schulgeographie von E. v. Seyd- 

litz. Von L.Henkel u. G. Greim 179 

Wünsche, A. Schulgeographie des 

Königsreiches Sachsen. Von P. 

Wagner 237 

M ä r z , C h r. Berg und Tal der Heimat. 

Von dems 179 

Clemenz, B. Heimatskunde des 
Stadt- und Landkreises Liegnitz. 
Schulkarte dazu. Von K. Peucker 366 
Jenkner, H Rätsel aus Erd- und 

Himmelskunde. Von A. Kirchhoff 180 
Heinze, H. Physische Geographie. 

Von P. Wagner 366 

Wauer, A. Soziale Erdkunde. Von 

dems 61. 717 

Gruber, Chr. Wirtschaftsgeographie 
mit eingehender Berücksichtigung 
Deutschlands. Von K. Hassert.. 366 
Wollemann, A. Bedeutung und Aus- 
sprache der wichtigsten schulgeo- 
graphischen Namen. Von A.Kirch - 
hoff 180 



Seite 

Entgegnung auf Kirchhoffs Bespre- 
chung meines Büchleins „Bedeu- 
tung und Aussprache der wichtig- 
sten schulgeographischen Namen'V 
Von A. Wollemann 419 

Kurze Erwiderung auf Wollemanns 
Entgegnung. Von A. Kirchhoff. 476 

Schlemmer, K. Geographische Na- 
men. Von denLB 697 

Herbertson, A. J. The Junior Geo- 
graphy. Von R. Langenbeck . 837 

Hoch, Fr. Der Gletscher. Von 
dems 181 

Hoeizels Rassentypen des Menschen. 
Von 0. Schoetensack 61 

D i e r c k e. Schul wandkai*ten. — Schul- 
wandkarte vonBerlin undUmgebung. 
Von R. Langenbeck 866 

Leipoldt, G. und M. Kuhnert. 
Physik.-polit. Schulwandkarte von 
Europa. Von R. Langenbeck .. 640 

Leipoldt, G. Verkehrakarte von 
Mittel-Europa. Von dems 640 

Rothaug- Umlauft. Schulwand- 
karte des Erzherzogtums Osterreich 
unter der Enns. ^n G. A. Lukas 476 

Schulwandkarte der politischen 
Bezirke Melk und Scheibbs. Von 
R. Langenbeck 477 

Leipoldt, G. und M. Kuhnert. 
Wandkarte von Palästina bis zur 
Zeit Christi. Von A. Kirchhoff 686 

Vereine und Versammlnngen. 
Zeitschriften« 

Bemerkungen über die Zukunft 
der deutschen Geographentage. 
Von Dr. Eduard Wagner in 
Leipzig 106 

Die Zukunft der deutschen Geo- 
graphentage. Von Prof. Dr. 

Willi üle in Halle a. S 700 

Neuigkeiten. 

78. Versammlung deutscher Naturfor- 
scher und Ärzte 297. 468 

X. Internationaler GeologenkongreB 

111. 298. 646 

Internationaler Kongreß für die Er- 
forschung der Polargebiete 689 

XV. Internationaler Amerikanisten- 
Kongreß . 231 

Internationale ozeanische u. Fischerei- 
Ausstellung in Marseille 298 

Richthofen-Tag 709 

„Zeitschrift für Gletscherkunde'' 848 

Veröffentlichungen der Zentra]kom- 
mission für wissenschaftliche Lan- 
deskunde von Deutschland 281 

Mitteilungen der Geographischen Ge- 
sellschaft in München vä^ 



Inhalt. 



PenSnlieheB. »«^^ 

Ferdinand von Eichthofens Bedeu- 
tung für die Geographie. Von 

Alfred Hettner 1 

Hermann v. Wissmann zum Ge- 
dächtnis. Von Geh. Reg. -Rat 
Prof. Dr. Alfred Kirchhoff in 

Mockau b. Leipzig 12 

Eduard Richter. Von Prof. Dr. 

Georg A. Lukas in Graz 121.193. 268 
Elis^e Reclus' Leben und Wirken 
(1830—1905). Von Prof. Dr. 
Paul Girardin und Prof. Dr. 
Jean Brunhes in Preiburg 

(Schweiz") 66 

Neuigkeiten. 
Herausgabe des v. Richtho fenschen 

literarischen Nachlasses 641 

Ludwig Brakebusch f ^^^ 

Karl V. Fritsch t 112 

Karl Futterer f 281 

Hermann Obst t 414 

Emil Schmidt f 709 

Bücherbesprechungen. 
Enzensperger, J. Ein Bergsteiger- 
leben. Von E. Oberhummer... 174 

Nene Bfleher und Karten. 

62. 117. 181. 287. 802. 867. 420. 477. 641 

698. 668. 718 

Zeitschri ftensehan. 

Petermanns Mitteilungen 68. 117. 182. 289. 

808. 868. 421. 479. 642. 699. 664. 719 

Globus ..68. 118. 182. 289. 808. 858. 422 

479. 542. 599. 654. 719 

Deutsche Hundschau for Geographie 

und Statistik 63. 118. 188. 289. 808. 859 

422. 479. 642. 599. 656. 719 

Zeitschrift fOr Schulgeographie ..68. 118 

188. 289. 808. 859. 422. 479. 548. 600. 719 

Geographischer Anzeiger 68. 118. 188. 289 

808. 422. 479. 548. 600. 655. 719 

Meteorologische Zeitschrift .118. 188. 289 

808. 859. 422. 479. 641». 599. 655. 719 

Zeit8chriftfarGewa88erkunde289. 859. 648 

Cons. perman. intemat. poiir l'explo- 

ration de la mer . . .119. 240. 804. 544 
Zeitschrift für Kolonialpolitik, -recht 
u. -Wirtschaft ... 68. 118. 188. 239. 303 
359. 422. 479. 643. 600. 650 
Zeitschrift der Gesellschaft für Erd- 
kunde zu Berlin 68. 118. 188. 289. 359 
479. 543. 719 
Deutsche Erde... 118. 803 422. 643. 719 
Deutsche Geographische Blätter 803. 479 
Mitteilungen des Vereins für Erdkunde 
zu Dresden 118. 869 



Mitteilungen des Vereins für Erdkunde 

in Halle a.S .308. 655 

Jahresbericht der Münchener Orien- 
talischen Gesellschaft 118 

Mitteilungen der G^eogr. Gesellschaft 

in Hamburg 289 

Mitteilungen der G^ogr. Gesellschaft 

für Thüringen 665 

Die Beteiligung Deutschlands an der 

internationalen Meeresforschung 804. 665 
Mitteilungen der k. k. Geographischen 

Gesellschaft in Wien 68. 808. 422. 479 

648. 600 
Abhandlungen der k. k. Geographi- 
schen Gesellschaft in Wien 68. 289 

Mitteilungen des k. k. Milit&rgeogra- 

phischen Instituts in Wien 543 

Jahresbericht derGeographisch-Ethno- 

graphischen Gesellschaft in Zürich 308 
Abr^^ du Bull. etc. de la Soci^tä Hon- 

groise de Geographie 118 

Ymer 68. 188. 369. 643 

Annales de Geographie 64. 188. 422. 643 

666 

La Geographie 64. 118. 188. 240. 804. 869 

422. 479. 548. 656. 719 

The Geographica! Journal 64. 118. 188 

289. 304. 859. 422. 480. 648. 600. 655. 719 
The Scottisch Geographical Magazine 64 

118. 188. 289. 804. 860. 422. 480. 548 

600. 655. 790 

Svenska Turist-Föreninffens Arsskrift 869 

The National Geographie Magazine 64 

118. 188. 240. 804. 860. 422. 480. 544. 

656. 720 
Bulletin of the American Geographical 

Society 544 

The Journal of Geography .119. 188. 240 
860. 422. 544. 720 

Maryland Geological Survey 428 

ü. S. Geological Survey 64. 118. 428. 544 

600 
Boletin de la Sociedad Geografica de 

Lima 304. 720 

Boletin du Museu Goeldi (Paraense) 

de Historia natural e Ethnographia 424 
Aus verschiedenen Zeitschriften .. 64. 119 

188. 240. 804. 860. 424. 480. 644. 600 

655. 720 

YerzeichniM der Tafeln. 

Tafel 
5 Landschaftsbilder von Inseln des 
ägäischen Meeres I u. II 

4 Landschaftsbilder von der anatoli- 
schen Riviera UI 

5 Landschaftsbilder vom Meru . . IV u. V 
3 Landschaftsbilder von Dünemark 

\i u. vn 

6 Landschaftsbilder von den Kauari- 
schen Inseln VIII 

2 Kurventafeln der AbfluBerscheinun- 
gen Mittel-Europas IX 



Ferdinand von Richthofens Bedeutung Ar die C^eographie. 

Von Alfired Hettner. 

Am 6. Oktober v. J. ist uns Ferdinand von Bichthofen durch den Tod 
entrissen worden, der anerkannte Führer und Meister der wissenschaftlichen 
Oeographie nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt Eine ausführliche 
Würdigung seiner Persönlichkeit und seiner Bedeutung soll der Feder des- 
jenigen seiner Schüler vorbehalten bleiben, der mehr als ein anderer in den- 
selben Bahnen der Forschung gewandelt ist; aber am Beginn des neuen 
Jahres, des ersten, in das wir ohne ihn eintreten, ziemt es sich, seiner zu 
gedenken und uns bewußt zu werden, was er uns gewesen ist, was wir an 
ihm verloren haben. Die Gefühle persönlicher Verehtung und Dankbarkeit 
gehören nicht hierher; in schlichten Worten soll seine wissenschaftliche Be- 
deutung umrissen werden. 

Bichthofen war von Haus aus Geolog. Nach dem Abschluß seines 
üniversitfttsstudiums begann er, teilweise im Dienste der Wiener geologischen 
Eeichsanstalt, mit eigenen Aufnahmearbeiten in den Alpen, namentlich in Süd- 
Tirol und Vorarlberg, später in den Karpaten. Schon diese Jugendarbeiten 
zeugen von einer ungewöhnlichen Beobachtungsgabe imd einer erstaunlichen 
Kühnheit und Sicherheit wissenschaftlichen Schließens; sowohl die Beobach- 
tungen wie die daran geknüpften Hypothesen sind durch die spätere Forschung 
in allen wesentlichen Punkten bestätigt worden. In seiner ersten Arbeit über 
den Bregenzer Wald wies er dessen nahe Beziehung zu den Appenzeller 
kalk- Alpen nach und bemerkte gleichzeitig auch schon die Bedeutung der 
Eheinlinie als einer Grenze zwischen zwei verschieden gebauten Teilen der 
Alpen. In seiner geognostischen Beschreibung der Umgegend von Predazzo 
^ab er ein klares Bild der Porphyrplatte von Bozen und faßte in genialer 
Intuition die Dolomitberge Süd-Tirols als alte Korallenriffe auf. Die Unter- 
suchungen in den Kai*paten legten den Grund zu seiner Auffassung der 
Altersfolge der jungen Eruptivgesteine, die er später vollständiger durchge- 
bildet hat. 

Im Jahre 1860 schloß sich Richthofen der preußischen Expedition an, 
die unter der Führung des Grafen Friedrich Eulenburg nach China, Japan 
und Siam ging, um Handelsverträge mit diesen Staaten abzuschließen; nach 
der Heimkehr dieser Expedition führte er Reisen auf eigene Hand aus; erst 
1872, nach 12 jähriger Abwesenheit, kehrte er in die Heimat zurück. Er 
hat auf diesen Reisen große Teile Hinter-Indiens und der indischen Inselwelt, 
Chinas und Japans und des Kordillerenlandes von Nordamerika gründlich 
kennen gelernt. Sie haben ihn zum großen Forschungsreisenden gemacht. 

Geographische Zeitschrift. 18. Jahrgang. 1906. l.Hefk. \ 



2 Alfred Hettner: 

Richthofen ist als Reisender passend mit Alexander von Humboldt ver- 
glichen worden: er gleicht ihm nicht nur darin, daß die Reisen und die rei- 
chen auf ihnen gesammelten Erfahrungen den Grund für die eigene wissen- 
schaftliche Tätigkeit der späteren Jahre gelegt haben; beider Reisen sind viel- 
mehr auch fttr andere vorbildlich geworden und haben neue Ären der Forschungs- 
reisen begründet. Humboldt hatte zwar Vorläufer gehabt, er war nicht der 
erste, aber doch der größte wissenschaftliche und im besonderen geographische 
Forschungsreisende: die Bedeutung seiner Reisen für die Geographie besteht 
darin, daß seine Aufoierksamkeit nie bloß auf die einzelnen naturgeschicht- 
lichen Tatsachen gerichtet war, sondern daß er sie immer im Zusammenhang 
mit der ganzen Landesnatur auffaßte, und daß er vollendete geographische 
Charakterbilder ganzer Länder schuf. Die hervorragenderen Forschungs- 
reisenden der folgenden Jahrzehnte sind in seinen Bahnen gewandelt. Auch 
bei Richthofen ist die Nachahmung Humboldts in dem Streben nach großer 
geographischer Auffassung unverkennbar. Aber dies Streben nimmt bei ihm 
eine besondere Richtung an. Auf der einen Seite legt er sich größere Be- 
schränkung auf; eine Allseitigkeit, wie sie Humboldt erstrebt und im ganzen 
auch erreicht hatte, war bei der größeren Ausbildung der einzelnen Wissen- 
schaftszweige nicht mehr möglich. Richthofen hat wohl gelegentlich bota- 
nisch und zoologisch gesammelt, aber das lag außerhalb seiner eigent* 
liehen Forschungstätigkeit, und auch von astronomischen Beobachtungen hat 
er sich femgehalten, um sich nicht zu zersplittern. Seine eigentliche Auf- 
gabe sah er in der Aufnahme von Routenkarten, bei denen die gute Auf- 
fassung des Geländes die Hauptsache war, in der wissenschaftlichen Unter- 
suchung des Gebirgsbaus und der Oberflächengestaltung der Länder, sowie 
in der Auffassung der Abhängigkeit der Siedelungen und des Verkehrs der 
Menschen von jenen. In dieser Beschränkung aber hat er die Aufgabe viel 
tiefer als irgend ein anderer vor ihm erfaßt; Länder, die bis dahin fast un- 
bekannt waren, hat er in den Hauptzügen ihrer Natur ins helle Licht wissen- 
schaftlich-geographischer Erkenntnis gerückt. Mit dieser neuen Methode 
wissenschaftlicher Forschungsreisen hat er, wie Humboldt, Schule gemachte 
Waren bis dahin die naturwissenschaftlichen Reisenden hauptsächlich Bota- 
niker oder Zoologen oder auch Geologen gewesen, hatten dagegen Geographen 
sich nur als Entdeckungsreisende betätigt, und hatte man die eigentliche 
Aufgabe eines geographischen Forschungsreisenden geradezu in topographischen 
Au&ahmen gesehen, so wurde jetzt die Auffassung der Erdoberfläche als 
solcher, namentlich des Baus und der Form der festen Erdoberfläche, zu 
einem selbständigen Forschungsgegenstaud wissenschaftlicher Reisender; die 
geographische Forschung, die bis dahin in der Stube geblieben war, ging 
jetzt in die Natur selbst hinaus, setzte mit eigener Beobachtungsarbeit ein. 
Wir verdanken es im wesentlichen Richthofen, daß es für jüngere Geographen 
fast selbstverständlich geworden ist, Beobachtungen im Felde anzustellen und' 
womöglich auf einige Jahre in fremden Ländern zu reisen, um sich dort 
nicht nur mit Anschauung zu sättigen, sondern um selbst zu forschen. Die 
großen Fortschritte, die wir in den letzten Jahrzehnten in der tieferen wissen- 
schaftlichen Auffassung der meisten Länder der Erde gemacht habeu, sind 



Ferdinand von Richthofens Bedeutung für die Geographie. 3 

natürlich durch die moderne Ausbildung des Verkehrswesens sehr erleichtert, 
aber durch Richthofens Beispiel und Lehre veranlaßt worden. Richthofen 
selbst ist allen jüngeren Forschungsreisenden ein bereitwilliger und erfahrener 
Berater gewesen; es läßt sich schwer ermessen, wie großen Nutzen er durch 
solchen Rat gestiftet hat. Und weit über den Rahmen persönlicher Anregung 
hinaus hat er die Tätigkeit der wissenschaftlichen Reisenden durch seine vor- 
zügliche Anleitung zu Beobachtungen über Geologie und physische Geographie 
in Neumayers Anleitung und dann durch die erweitert« Bearbeitimg in seinem 
Führer für Forschungsreisende befruchtet. 

Richthofen hat nur einen Teil, man muß wohl sagen, nur einen kleinen 
Teil der Ergebnisse seiner Reisen veröflFentlicht. Leider hat er — er selbst 
hat das in späteren Jahren oft bedauert — keine zusammenhängende Schil- 
derung seiner Reisen gegeben, die bei seiner vorzüglichen Beobachtungsgabe, 
seinem offenen Sinn auch für das Menschliche, seiner Gabe edler Darstellung 
wahrscheinlich zu den klassischen Reisebeschreibungen gehört haben würde. 
Ein fertiges Manuskript, das eine gemeinverständliche Darstellung der Insel 
Java enthielt, ist während seiner Reisen im Inneren Chinas von einem Speicher 
in Schanghai, wohin er es zur Aufbewahrung gegeben hatte, gestohlen worden. 
Aus seinen Beobachtungen in Nordamerika hat er nur die bedeutsame Studie 
über die Altersfolge der Eruptivgesteine und eine Arbeit über die kaliforni- 
schen Goldlagerstätten veröffentlicht. Seine Beobachtungen in den meisten 
der von ihm bereisten asiatischen Länder haben nur gelegentliche Verwertung 
in seinen Vorlesungen, in seinem Führer für Forschungsreisende, in der im 
ersten Bande seines Werkes über China enthaltenen geographischen Übersicht 
Asiens und in einzelnen Aufsätzen, wie noch neuerdings in den tief durch- 
dachten Beiträgen zur Morphologie Ost-Asiens, gefunden. Nur die Beobach- 
tungen über Nord-China hat er im zweiten Bande seines Werkes über China 
systematisch zusammengefaßt. Noch in den letzten Jahren hat er fleißig am 
diitten Bande gearbeitet, der Süd -China enthalten sollte; hoffentlich ist die 
Arbeit genügend gefördert, um wenigstens teilweise veröffentlicht zu wer- 
den. Vielleicht wird es auch möglich sein, seinen Tagebüchern wenigstens 
einzelne Abschnitte über die Geographie der anderen bereisten Länder zu 
entnehmen. Aber auch so, da so vieles unveröffentlicht geblieben ist, kann 
man sagen, daß wenige Reisen so reichen wissenschaftlichen Ertrag gebracht 
haben, und daß die wissenschaftliche Kenntnis Asiens wohl durch keinen 
anderen so gefördert worden ist, wie durch Richthofen. Die geographische 
Übersicht Asiens und im besonderen Central- Asiens, die er, eigene und fremde 
Beobachtungen zusammenfassend, in der ersten Hälfte des ersten Bandes 
seines Chinawerkes gegeben hat, bedeutet sowohl in der Auffassung des Ge- 
birgsbaus wie durch die Auffassung des Unterschiedes der centralen und der 
peripherischen Landschaften einen wesentlichen Fortschritt über die ähnliche 
Zusammenfassung unserer Kenntnisse hinaus, die Alexander von Humboldt 
33 Jahre früher entworfen hatte. Die physische Geographie Chinas ist von 
ihm, fast kann man sagen, überhaupt erst begründet worden. 

Aber die wissenschaftliche Tragweite von Richthofens Forschungen er- 
streckt sich weit über die Geographie Central- und Ost -Asiens hinaAi^^. ^x 



4 Alfred Hettner: 

selbst hat an vielen Stellen auf die Analogien hingewiesen, welche die Aus- 
bildung anderer Teile Asiens und anderer Erdteile mit diesen Ländern zeigt, 
und noch mehr haben dann andere die Richthofenschen Forschungen und 
Forschungsmethoden auf die übrigen Erdräume angewandt. Ein Strom neuen 
geistigen Lebens ist von ihm ausgegangen und hat die Geographie befruchtet. 
Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Bedeutung liegt in der Mor- 
phologie der festen Erdoberfläche. Außer dem größeren Teile seiner asiati- 
schen Arbeiten ist ihr namentlich sein Artikel in Neumayers Anleitung und 
sein Führer für Forschungsreisende gewidmet, die beide eine weit über eine 
unmittelbare Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen hinausgehende 
Bedeutung haben und eine große Zahl Ausfahrungen von originellem wissen- 
schaftlichem Werte enthalten. Die Morphologie der festen Erdoberfläche bil- 
dete auch den Hauptinhalt der schönen Vorlesungen, die er Vergleichende 
Übersicht der Kontinente betitelte. Sein Interesse war ebenso dem inneren 
Bau wie der oberflächlichen Umbildung der festen Erdrinde zugewandt. Die 
Kenntnis des inneren Baus hat er nicht nur durch seine klare Darstellung 
der asiatischen Gebirge, sondern auch durch allgemeine Theorien, wie die 
Unterscheidung homöomorpher und heteromorpher Faltengebirge und die 
Theorie der Zerrungsbögen, bereichert. Aber hierin steht er neben anderen 
und tritt wohl hinter dem von ihm hochverehrten Eduard Sueß zurück, der 
diesem Wissenszweige seine ganze Lebenskraft gewidmet hat. In der Auf- 
fassung der oberflächlichen Umbildung der Erdrinde dagegen ist er der Führer 
und Meister. Er hat sie überhaupt erst zu einem selbständigen Zweig der 
Wissenschaft gemacht. Die englischen Geologen hatten wohl seit Hutton, 
Playfair und Lyell den umbildenden Vorgängen der Erdoberfläche ihre 
Aufmerksamkeit geschenkt und daraus die Formen der Erdoberfläche zu er- 
klären versucht; aber sie waren dabei doch in einer gewissen Einseitigkeit 
verharrt, da sie bei diesen Untersuchungen fast ganz im Bahmen der Er- 
klärung ihres Heimatlandes geblieben und über gewisse Allgemeinheiten nicht 
hinausgekommen waren. Die deutschen Geologen waren entweder Petro- 
graphen oder Stratigraphen und standen den Problemen der Geomorphologie 
ziemlich teilnahmlos gegenüber. Diese Probleme waren in Deutschland eben 
erst durch die alpinen Tal- und Seestudien des Anatomen Rütiraeyer (1869) 
und durch Peschels neue Probleme der vergleichenden Erdkunde (1867) 
eingeführt worden: aber jene standen isoliert, diese waren durch ihre auf 
vergleichendes Karten- und Literaturstudium begründete Methode wohl zu 
einer Zusammenfassung bisher gewonnener Ergebnisse, nicht aber zu selb- 
ständiger neuer Forschung geeignet. Richthofen hat seine Untersuchungen 
auf die unmittelbare Beobachtung in der Natur begründet, hat seine Schlüsse 
durch kluge und oft geniale Interpretation der Beobachtungen oder auch 
durch umsichtige vergleichende Untersuchung innerhalb seines Reise- und 
Beobachtungsgebietes gewonnen und erst danach ihre Bestätigung durch die 
Anwendung der vergleichenden Methode über größere Erdräume hin gesucht. 
Er hat sie dadurch zu einem Gegenstande fruchtbarer Einzelarbeit gemacht. 
Auch im einzelnen hat er die Methoden ausgebildet und das Verständnis für 
die Auffassung der Vorgänge geschärft; namentlich durch die zielbewußte 



Ferdinftnd von Richthofens ßedeutung für die Geographie. 5 

Aufstellung Datürlicher, d. h. nicht auf einzelne, sondern auf alle Merkmale 
begründeter Typen, deren sich die geographische Wissenschaft bis dahin nur 
vereinzelt bedient hatte, hat er einen gangbaren Weg der wissenschaftlichen 
Charakteristik und der genetischen Betrachtung der Bodenformen und Boden- 
arten gewiesen. Die Morphologie der festen Erdoberfläche hat durch ihn 
ein festes wissenschaftliches Gepräge bekommen; eine geographische Boden- 
kunde ist überhaupt erst von ihm begründet worden. 

Aus der großen Zahl neuer Auffassungen, mit denen er die wissenschaft- 
liche Kenntnis der festen Erdoberfläche bereichert hat, können hier nur die 
wichtigsten hervorgehoben werden. Zu ihnen gehört die an Bamsay an- 
knüpfende Theorie der Entstehung der Rumpfflächen durch marine Abrasion. 
Es ist zum mindesten fraglich, ob sich diese Theorie in dem Umfange an- 
wenden läßt, wie es Richthofen ursprünglich geglaubt hat — er selbst hat 
zuletzt nicht mehr an der allgemeinen Anwendbarkeit dieser Erklärung fest- 
gehalten — , und ob nicht die meisten Rumpfiflächen vielmehr festländisch, sub- 
aerisch entstanden sind: aber sie hat eines der größten und auffallendsten 
Formgebilde der festen Erdrinde überhaupt klar auffassen gelehrt und hat für 
eine Anzahl von kleineren, küstennahen Rumpfflächen wohl auch das Richtige 
getroffen. Von großer Bedeutung ist die Aufstellung des Typus der Riasküsten, 
die er besonders im südlichen China kennen gelernt hatte, und ihre klare 
Unterscheidung von den Fjordküsten, mit denen sie vielfach zusammengeworfen 
worden waren, von denen sie sich aber durch das Fehlen glacialer Umbildung 
unterscheiden. Richthofen dehnte überhaupt die genetische Betrachtung, der 
man bisher nur einzelne Küstenformen unterzogen hatte, auf alle Küsten aus. 
In ähnlicher Weise behandelte er auch die Formen und Bodenarten der Land- 
obei'fläche. Gleich am Anfang seiner asiatischen Reise lernte er die in den 
Tropen so verbreitete Bodenart des Laterits kennen; er erkannte, daß sie ein 
Verwitterungsprodukt verschiedener Gesteine sein könne, und daß bei ihrer Ent- 
stehung das Klima eine größere Rolle als die Gesteinsbeschaffenheit spiele. 
Seine fruchtbarste wissenschaftliche Entdeckung ist aber wohl die Auffassung 
der Boden gestaltung und Bodenbildung in den großen Trocken gebieten der 
Erde. Während mau bis dahin eigentlich nur die Verschiedenheit der Boden- 
gestaltung nach dem Gebirgsbau und der Gesieinszusammensetzung, nicht 
aber ihre Verschiedenheit nach der Verschiedenheit der umbildenden Kräfte 
beachtet hatte — denn die Untersuchung der glacialen Bodengestaltung lag 
damals noch in den Windeln — , wies Richthofen die Abhängigkeit der 
bodengestaltenden Vorgänge von der Feuchtigkeit oder Trockenheit des Klimas 
und namentlich von dem Vorhandensein oder Fehlen eines Abflusses zum 
Meere nach. Im einzelnen ist auch in dieser Theorie noch manches um- 
stritten und zweifelhaft; aber die Entstehung von Hochflächen durch Auf- 
schüttung in abflußlosen Gebieten, die Anreicherung des Salzes im Bereiche 
überwieg :nder Verdunstung, die Ablagerung von Staub in den Steppen, die 
Auffassung der Lößlandschaften als ehemaliger Steppengebiete sind große 
wissenschaftliche Eri-ungenschaften , die jetzt wohl als ziemlich sicher ange- 
sehen werden können. Alle späteren Arbeiten über die Denudation in der 
Wüste knüpfen unmittelbar hiei*an an: aber auch die Auffassung der Boden- 



6 Alfred Hettner: 

gestaltung in feuchten Klimaten ist gerade durch die Erkenntnis der so ganz 
anderen Bodengestaltung in Trockengebieten wesentlich gefördert worden. 

Wenn auch Bichthofens größte wissenschaftliche Leistungen in der Unter- 
suchung der festen Erdoberfläche liegen, so ist es doch nur ein Vorurteil, 
daß er eigentlich immer Geolog geblieben sei und die Geographie ganz ius 
geologische Fahrwasser gedrängt habe. Er war als Geolog hinausgegangen, 
ist aber als Geograph heimgekehrt. Seine Untersuchungen haben auch die 
Geologie in reichem Maße befruchtet, wie die meisten Geologen dankbar 
anerkennen: ihre größte Bedeutung jedoch haben sie, durch die stetige Ver- 
folgung der geographischen Verbreitung und die stetige Beachtung des ur- 
sächlichen Zusammenhanges der Erscheinungen der festen Erdoberfläche mit 
den anderen tellurischen Faktoren, für die Geographie gewonnen. Richthofen 
hat sich wohl immer mit einem gewissen Stolz seiner geologischen Herkunft 
erinnert, durch die er sich vor oberflächlicher Anwendung geologischer Me- 
thoden und Theorien bewahrt fühlte: aber seine Auffassung wissenschaftlicher 
Probleme war ganz geographisch geworden. Schon in seinem Werke über 
China, dessen Schwergewicht ja in den Untersuchungen über die feste Erd- 
oberfläche liegt, und das bei der Mitteilung der Reisebeobachtungen teilweise 
ins rein Geologische übergreift, und noch mehr in einzelnen Aufsätzen und 
in seinen Vorlesungen ist er auch den übrigen geographischen Erscheinungen, 
dem Klima, der Pflanzenwelt und namentlich den Siedelungs-, Verkehrs- und 
Erwerbsverhältnissen des Menschen, durchaus gerecht geworden. Seine zu- 
sanmienfassende Darstellung Chinas, des Landes der 18 Provinzen, im ein- 
leitenden Kapitel des zweiten Bandes von China ist ein Kabinetsstück der 
geographischen Charakteristik eines Landes. 

Es ist oft die Ansicht ausgesprochen worden, daß Ratzel, der den 
Namen Anthropogeographie geprägt und eine ideenreiche Einleitung in die 
Anthropogeographie geschrieben, der sie auch später mit mehreren größeren 
Werken und zahlreichen kleineren Arbeiten befruchtet hat, diese überhaupt 
erst als einen neuen Zweig der Geographie geschaffen habe. Das ist ein 
merkwürdiges Mißverständnis. Die Geographie des Menschen ist doch 
schon von Humboldt und Ritter gepflegt worden; eine Anzahl Ritter- 
scher Schüler, Mendelssohn, Kapp, Kohl, Kriegk u. a., haben gedankenreiche 
Studien über die Geographie des Menschen veröffentlicht, Peschel hat 
schon in den neuen Problemen, besonders aber in den Aufsätzen, die dann 
in die Völkerkunde übernonunen worden sind, eine Anzahl der wichtigsten 
anthropogeographischen Themata erörtert, Karl Neumann, Kirchhoff u. a. 
haben die geographischen Erscheinungen des Menschen in ihren Vorlesungen 
nicht in der äußerlichen Weise der statistischen Lehrbücher, sondern wissen- 
schaftlich-kausal behandelt, und auch Richthofen hat schon vor dem Erscheinen 
von Ratzeis Anthropogeographie im ersten Bande seines Chinawerkes eine in 
ihrer Art klassische anthropogeographische Untersuchung der großen asiatischen 
Völkerwanderungen gegeben. Im Sinne dieser Untersuchung, großenteils aus 
dem reichen Schatze der auf seinen Reisen gesammelten Erfahrungen schöpfend, 
hat er auch später die Geographie des Menschen durch viele wertvolle Beiträge 
gefördert. Wer zu lesen versteht, wird in seinem Führer für Forschungsreisende 



Ferdinand von Bichthofens Bedeutung für die Geographie. 7 

eine Fülle von Anregung und Belehrung über die Abhängigkeit des Menschen 
vom Boden finden. Der Aufsatz über den Frieden von Schimonoseki, den er die 
Güte hatte, für das erste Heft dieser Zeitschrift zu schreiben, ist ftlr meine 
Empfindung eine der schönsten politisch -geographischen Studien, die über- 
haupt geschrieben worden sind. Von der großartigen Auffassung seines Vor- 
trages über den Verkehr in China sind alle Teilnehmer des Breslauer 
Geographentages begeistert gewesen. Sein Kolleg über die Geographie der 
Siedelung und des Verkehrs soll eines seiner schönsten Kollegien gewesen 
sein. Es ist daher durchaus irrtümlich, wenn man ihm Gegnerschaft oder 
auch nur mangelndes Verständnis für die Geographie des Menschen zuschreibt. 
Fremd blieben ihm nur die ganz ins Allgemeine gehenden, die Berührung 
mit den Tatsachen der Erdoberfläche verlierenden Betrachtungen über die 
raumlichen Verhältnisse der menschlichen Erscheinungen; ihnen hat er ziem- 
lich skeptisch gegenüber gestanden. Auch in der Geographie des Menschen 
suchte er immer den Zusammenhang mit dem Boden. Seine anthropogeogra- 
phischen Leistungen hängen eng mit seiner vertieften Auffassung der Ober- 
flächenformen und der Bodenbeschaffenheit zusanmien; die genetische Auffas- 
sung der Küsten ermöglichte ihm auch eine Würdigimg der verschiedenen 
Küsten nach ihrem Verkehrswert, die scharfe Auffassung der Steppen und 
Wüsten zeigte ihm die natürlichen Bedingungen der Völkerwanderungen, die 
deutliche Anschauung der Natur der Oasen lehrte ihn den eigentümlichen 
Charakter der Oasenkulturen verstehen, die Auffassung der großen Bruch- 
linien Ostasiens verband sich mit einer Auffassung von deren verkehrsgeo- 
graphischen Wirkungen. Es mag gern zugestanden werden, daß er manchen 
Teilen der Geographie des Menschen, besonders den Fragen der Verbreitung 
der Kulturgüter in ihrer Abhängigkeit von der geographischen Lage und vom 
Verkehr, in deren Aufhellung ja die größten Verdienste Ratzeis liegen, 
nur geringe Aufmerksamkeit zugewendet hat; aber die Erkenntnis der Siede- 
lungsweise, des Verkehrs, der wirtschaftlichen Produktion in ihrer Abhängig- 
keit von den unmittelbaren Bedingungen des Bodens hat er wesentlich ge- 
fördert, und über seine eigenen Untersuchungen hinaus den Sinn für deren 
geographische Auffassung geweckt und gebildet. 

Wenn ein Mann in reifen Jahren unter dem Einfluß großer Eindrücke 
aus einer Wissenschaft in die andere übertritt, und zwar in eine Wissenschaft, 
die noch kein festes wissenschaftliches Gefüge hat, sondern in einer Periode 
des Sturmes und Dranges steht, wenn er berufen wird, als Universitätslehrer 
in dieser Wissenschaft zu wirken, so fühlt er das Bedürfnis, sich und anderen 
über das Wesen und die Aufgaben dieser Wissenschaft Rechenschaft abzulegen. 
Richthofens methodische Auffassung ist teils durch die Autorität seines 
Namens, hauptsächlich aber durch das innere Gewicht seiner Gründe für die 
neuere Entwicklung der Geographie maßgebend geworden. Die Geographie 
war schon bei Ritter selbst und noch mehr in der Ritterschen Schule all- 
mählich verknöchert, war in beschreibender und oft ziemlich oberflächlicher 
Darstellung der Natur der Länder und einer mehr oder weniger teleologischen 
Würdigung des Einflusses der Natur auf den Menschen stecken geblieben. 
Peschel hatte die physische Geographie, die inzwischen b^L ^»et^. ^^X»x- 



8 Alfred Hettner: 

Wissenschaften und von den naturwissenschaftlichen Reisenden gepflegt worden 
war, in die systematische Geographie eingeführt und damit eine Periode neuen 
wissenschaftlichen Lehens in der Geographie hegründet Aber er hatte den 
richtigen methodischen Standpunkt nicht zu finden vermocht; die Geographie 
war dadurch, daß er sie als eine allgemeine Erdwissenschaft auffaßte, weit 
über den Rahmen einer möglichen Wissenschaft hinausgewachsen, sie hatte 
andere selbständige Wissenschaften in sich aufnehmen wollen und dadurch 
Klarheit und Bestimmtheit der Aufgabe und Methode verloren. Diesem Über- 
schwang gegenüber erhob Richthofen im Schlußworte des ersten Bandes seines 
Chinawerkes einen ernsten Mahnruf zu weiser Selbstbeschränkimg und stellte 
statt des ganzen Erdballs die Erdoberfläche als eigentlichen Gegenstand der 
Geographie hin; wenn er dabei über Peschel auf Ritter zurückwies, so 
konnte das bei ihm natürlich nicht Rückkehr zu einer einseitig auf den 
Menschen zugespitzten Betrachtungsweise, sondern nur Rückkehr zur Länder- 
kunde als der eigentlichen Aufgabe der Geographie bedeuten. Ln einzelnen 
war seine Auffassang noch einseitig, noch ziemlich stark durch seine geo- 
logische Herkunft bestimmt; die Untersuchung der festen Erdrinde stand noch 
ganz im Vordergrunde, die übrigen Erscheinungskreise der Erdoberfläche 
sollten nur in ihrer Abhängigkeit von der festen Erdrinde einen Gegenstand 
der Geographie bilden. Nachdem er einige Jahre lang im akademischen 
Lehrberuf gewirkt hatte und dadurch in die Notwendigkeit versetzt wor- 
den war, über das Bedürfnis der eigenen Forschung hinaus sich über 
das ganze Gebiet der Wissenschaft auszubreiten, hat er diese Einseitigkeit 
überwunden. Auf den ersten Blick scheint zwar die Definition der Geographie, 
die er in seiner Leipziger Antrittsrede gibt, dieselbe wie im Schluß woi*t 
seines Ghinawerkes zu sein; aber tatsächlich ist sie anders geworden. Die 
Geographie wird auch hier wieder als die Lehre von der Erdoberfläche be- 
stimmt; aber Erdoberfläche bedeutet hier nicht mehr die feste Erdrinde 
allein, sondern die Gesamtheit aller Erscheinungen der anorganischen und 
organischen Natur und des menschlichen Lebens, die sich an der Erdober- 
fläche abspielen. Der festen Erdrinde ist hier ihre dominierende Stellung 
genommen, sie steht nur gleichberechtigt neben den anderen Erscheinungs- 
reihen, der Gesichtspunkt der örtlichen Verteilung, der chorologische Ge- 
sichtspunkt, ist in den Vordergrund gerückt und erscheint als das wesent- 
liche Merkmal geographischer Betrachtungsweise. Die Geographie ist nicht 
eine allgemeine Erdwissenschaft, weshalb Richthofen auch den Namen Erd- 
kunde lieber vermeidet, sondern die chorologische Wissenschaft von der Erde, 
d. h. die Kenntnis der verschiedenen Erdräume und der Erdoberfläche als 
eines Komplexes von Erdräumen. Diese Leipziger Antrittsrede Richthofens 
ist das Programm der neueren Geographie geworden. Zwar wird diese auch 
heute noch oft genug als allgemeine Erdkunde definiert, aber tatsächlich ist 
die geographische Forschung und Lehre seitdem immer mehr in den engeren 
Kreis chorologischer Forschung zurückgekehrt, hat sich ein bestimmtes Arbeits- 
gebiet mit übersehbaren Zielen und Methoden geschaffen. 

Am unmittelbarsten ist Richthofens Tätigkeit seinen akademischen 
Schülern zu gute gekommen, ja viele seiner Forschungsergebnisse und seiner 



Ferdinand von Richthofens Bedeutung für die Geographie. 9 

Auffassungen, wie namentlich seine großartige Auffassung einer vergleichenden 
Länderkunde und seine Studien üher Verkehrs- und Siedelungsgeographie, 
sind hisher nur ihnen hekannt geworden. Es wird eine Pflicht seiner Schüler 
sein, eine Pflicht des Dankes gegen ihren großen Lehrer, die sie mit Freuden 
erfüllen werden, diejenigen seiner Vorlesungen, die über das gewöhnliche Maß 
hinaus den Stempel seines Geistes tragen und wertvolles Neues enthalten, 
dem breiteren Kreise der Fachgenossen und aller an den Fortschritten der 
Geographie Teil nehmenden im Drucke darzubieten. Bichthofen ist kein aka- 
demischer Redner gewesen, der die Massen der Hörer mit sich fortriß, er 
sprach ruhig, halb ablesend, häufig etwas stockend. Er hat es inmier ver- 
schmäht, sich irgend welcher Zugmittel zu bedienen, die nicht ganz im Wesen 
der Sache lagen. Für eineii großen Teil der Zuhörer war der Inhalt seiner 
Vorlesungen auch zu schwer und zu hoch; bei den Historikern und Philologen 
setzte er wohl manchmal zu yiel naturwissenschaftliche Vorkenntnisse voraus. 
Danmi sind seine Vorlesungen lange Jahre hindurch nicht so besucht gewesen, 
wie es ihrer Bedeutung entsprochen hätte; er hatte oft weniger Zuhörer, 
als manche Kollegen an kleineren Universitäten. Aber für den ernster Stu- 
dierenden, der eine gevrisse Grundlage gewonnen hatte, waren sie vorzüglich. 
Sie gaben ihm eine Fülle wissenschaftlicher Kenntnisse, die nie isoliert standen, 
sondern inuner unter großen Gesichtspunkten zusammengefaßt waren; weite 
Ausblicke wurden ihnen eröffnet. Der tiefe wissenschaftliche Ernst mußte 
über den besonderen Inhalt hinaus erzieherisch wirken. Ich erinnere mich, 
welchen tiefen Eindruck mir sein Kolleg über Europa gemacht hat, als ich 
als junger Doktor nach Bonn eilte, um unter seiner Leitung weiter zu stu- 
dieren. Hier fand ich eine Art der geographischen Betrachtung, wie ich sie 
ersehnt, aber aus eigener Kraft nicht zu erreichen veimocht hatte. Meine 
Studien bei ihm wurden bald durch meine erste südamerikanische Reise 
unterbrochen, aber als ich von dieser zurückkehrte, war mir auch eine Rück- 
kehr zu Richthofen, der inzwischen nach Leipzig übergesiedelt war, selbst- 
verständlich. Und ähnlich wie mir, ist es vielen anderen gegangen. Die 
Zahl der reiferen Zuhörer Richthofens, die ihr eigentliches Universitätsstudium 
schon abgeschlossen hatten, ist vielleicht größer als bei irgend einem 
anderen Universitätslehrer Deutschlands, mit Ausnahme Mommsens, ge- 
wesen. Namentlich in seinem Kolloquium fanden sich diese älteren Schüler 
immer in großer Zahl mit den Studenten zusammen. Vielleicht ist dies 
Kolloquium, in dem er über neuere geographische Arbeiten referieren ließ, 
für jüngere Studenten und namentlich für solche, die Geographie nur als 
Nebenfach trieben, nicht recht geeignet gewesen; es hat mir wenigstens oft 
scheinen wollen, als ob die Philologen und Historiker den mehr naturwissen- 
schaftlichen, besonders geologischen Referaten, die Naturwissenschaftler den 
historisch-geographischen Referaten manchmal verständnislos zugehört oder auch 
nicht zugehört hätten. Sie sind erst in den letzten Jahren von Richthofens Ber- 
liner Tätigkeit, in denen er besonders Übimgen für Anfänger durch seinen Assi- 
stenten Baschin abhalten ließ, ganz zu ihrem Rechte gekommen. Aber die rei- 
feren Teilnehmer, die speziell Geographie studierten, haben von diesem Kollo- 
quium großen Gewinn gehabt, und blicken in Freude und D&nkb^xV&S^ 



10 Alfred Hettner: 

darauf ztuück. Den größten Gewinn hatte immer der Vortragende selbst, 
der sich ganz in einen Gegenstand vertieft hatte, und der dann aus den 
meist nur sparsamen kritischen Bemerkungen Richthofeus doch entnehmen 
konnte, ob er die Aufgabe richtig angepackt hatte. Bichthofen paßte die 
Themata möglichst der Individualität und den bisherigen Studien der Vor- 
tragenden an; gelegentlich hat er sich dabei wohl vergriffen, aber die meisten 
seiner Schüler haben immer dankbar empfunden, daß er sie auf den richtigen 
Weg geführt hat. Der oberste Grundsatz Richthofens seinen Schülern gegen- 
über war die Achtung vor ihrer Individualität; nie hat er versucht, sie in 
die eigenen Bahnen der Forschung zu zwingen. Darum sind auch Geographen 
der verschiedensten Richtung aus seiner Schule hervorgegangen. Er war 
kein Freund der Doktorfabrikation, wie sie manchmal geübt wird; er ließ 
bei der Wahl und bei der Ausarbeitung des Themas volle Selbständigkeit 
walten und stellte hohe Anforderungen an den wissenschaftlichen Wert der 
eingereichten Arbeiten. Darum ist die Zahl der unter seiner Anregung und 
Leitung verfaßten Doktordissertationen verhältnismäßig gering, denn er hat 
von der Promotion in Geographie eher abgeschreckt als dazu angelockt. 
Vielleicht ist mancher dadurch der Geographie entfremdet worden; aber die, 
welche blieben, waren dafür auch echte Geographen. Die meisten Arbeiten, 
die er als Dissertationen zugelassen hat, erheben sich weit über Mittelware, 
einzelne sind hervorragende wissenschaftliche Leistungen. 

Wenngleich Richthofen von dem Augenblick an, in dem er seine aka- 
demische Lehrtätigkeit angetreten hatte, die Aufgabe des Lehrers mit vollem 
Ernste erfaßte und sich ihr mit freudigem Pflichtbewußtsein hingab, so hat 
doch sein Einfluß und seine Wirksamkeit weit darüber hinaus gereicht. Ich 
habe nie den Eindruck gehabt, als ob ihn, wie manchen anderen, ein brennender 
Ehrgeiz oder unruhvoller Drang zu breiter öffentlicher Betätigung getrieben 
hätte. Er faßte sie als eine Pflicht auf, er übernahm sie, weil er wußte, 
daß er dadurch dem Gemeinwohl diene. Aber hatte er einmal eine Tätig- 
keit übernommen, so gab er sich ihr auch mit vollem Eifer hin und 
hatte Freude daran; auch die Fragen der äußeren Form behandelte er dann 
mit Eifer und Ernst. Schon bald nach seiner Rückkehr aus Asien wurde 
er zum Vorsitzenden der Gesellschaft fär Erdkunde in Berlin gewählt, und 
als er von Bonn und Leipzig, wo er gleichfalls Vorsitzender des Vereins für 
Erdkunde gewesen war, nach Berlin zurückkehrte, fiel die Wahl bald wieder 
auf ihn. Teils als Vorsitzender, teils wenigstens im Vorstand hat er sich 
große Verdienste um die Neubelebung und Organisation der Gesellschaft er- 
worben. Er war der prädestinierte Leiter des internationalen Geographen- 
kongresses, der im Herbst 1899 in Berlin abgehalten wurde, und hat am mei- 
sten zu dessen glänzendem Erfolge beigetragen; freilich hat er auch fast die 
ganze, nicht durch den Beruf in Anspruch genommene Zeit eines kostbaren 
Jahres ihm geopfert. In der doppelten Eigenschaft als hervorragendster deut- 
scher Forschungsreisender und als langjähriger Vorsitzender der größten deut- 
schen geographischen Gesellschaft hat er auch an der Organisation imd Be- 
ratung aller deutschen Forschungsexpeditionen in den letzten Jahrzehnten einen 
hervorragenden Anteil genonunen. Auch die deutsche Südpolarexpedition ist 



Ferdinand von Richthofens Bedeutung für die Geographie. H 

wesentlich unter seiner Ägide zu Stande gekommen. Zwar war der Gedanke 
daran hauptsächlich durch die unermüdliche Beredsamkeit Neumajers er- 
weckt und wach gehalten worden; aber daß sie Wirklichkeit wurde, ist wohl 
in erster Linie Richthofen zu verdanken, der seinen Einfluß beim Kaiser und 
bei den Beichsbehörden dafür einsetzte; er hat auf ihren Plan bestimmenden 
Einfluß geübt und sie später gegen alle Vorwürfe verteidigt. Seine letzte Arbeit, 
über der ihm die Feder entfiel, ist ein Vortrag, in dem er vor dem Kaiser 
die Bedeutung der Südpolarforschung eröi-tem und auf den Wert neuer Expe- 
ditionen hinweisen wollte. Als die geographische Forschung bei unserem 
Eintreten in die Kolonialpolitik unmittelbar politische Bedeutung gewann, ist 
Richthofen ein häufiger Berater der Reichsregierung in Kolonialsachen ge- 
worden und ist auch lange Zeit Mitglied des Kolonialrates gewesen. Den 
größten Anteil hat er bei der Erwerbung von Kiautschou genommen. Schon vor 
Jahren hatte er den Wert der Halbinsel Schantung erkannt, und er hat haupt- 
sächlich die Aufmerksamkeit der Reichsregierung auf dieses Gebiet hingelenkt. 
In einem schönen Buch hat er dann die neuerworbene Kolonie auf Grund seiner 
Reiseerfahrungen besprochen. Als die militärische Expedition nach China nötig 
wurde, hat er auf Grund seiner eindringenden Kenntnis des Landes wertvolle 
Ratschläge gegeben und die Versorgung unserer Truppen mit guten Karten 
geleitet Seine letzte Schöpfung ist das Institut für Meereskunde gewesen, 
in dem in seltener Weise Museum, Lehrinstitut und Organisation der For- 
schung vereinigt sind; wir verdanken es wesentlich Richthofen, daß dieses 
Institut, das dem persönlichen Wunsche des Kaisers entsprungen ist, einen 
so groß angelegten, im edelsten Sinne populärwissenschaftlichen Charakter 
bekommen hat; leider trägt aber auch gerade die auf seine Einrichtung ver- 
wandte Arbeit die Schuld, daß Richthofens Chinawerk ein Torso geblieben ist. 
Schon der unmittelbare Eindruck des hochgewachsenen Mannes mit seinem 
scharf geprägten, kräftigen, aber gütigen Gesicht war der einer festen, edeln 
und vornehmen und dabei doch von Grund aus wohlwollenden und liebens- 
würdigen Persönlichkeit. Effekthascherei und der Wunsch, für den Augen- 
blick zu glänzen, waren ihm fremd. Er war sich seines inneren Wertes be- 
wußt; aber von Eitelkeit und persönlichem Ehrgeiz war er frei. Sein Streben 
ist immer nur gewesen. Großes zu leisten; der äußere Erfolg war ihm Neben- 
sache. Auch anderen gegenüber war sein Blick immer auf den Kern ge- 
richtet; wohl hat er sich hin und wieder, mehr als er glaubte, in Persön- 
lichkeiten getäuscht und ist vielleicht auch nicht ganz frei von Vorurteilen 
gewesen; aber seine Absicht ist immer rein gewesen, er hat inuner gesucht, 
tüchtige Menschen zu fordern und an jeden Platz den richtigen Mann zu 
stellen. Mit inniger Liebe und Verehrung haben seine Schüler zu ihm auf- 
geblickt, haben seine Freunde an ihm gehangen. Auch die ihm ferner 
stehenden haben seine Leistungen anerkannt und bewundert, und selten haben 
sich Neid und Verleumdung an ihn herangewagt. Richthofen ist einer der 
wenigen Gelehrten der Gegenwart gewesen, die man mit Recht als groß be- 
zeichnen kann. Nicht nur seine wissenschaftlichen Leistungen werden in 
die Geschichte der Wissenschaft eingehen, er selbst wird als eine große und 
edle Persönlichkeit in der Erinnerung weiterleben. 



12 Alfred Kirchhoff: 

Hermann y. Wissmann znm Gedächtnis. 

Von Alfred Kirohhoff. 

Am 15. Juni vorigen Jahres ist uns in Hermann v. Wissmann unser 
weitaus populärster Afrikaforscher entrissen worden. Unfern seines steirischen 
Landsitzes bei Liezen an der oberen Enns fiel er auf abendlicher Jagdstreife 
einer unglücklichen Entladung seines Jagdgewehrs zum Opfer, ehe er noch 
sein 52. Lebensjahr vollendet hatte. 

Als Sohn eines preußischen Regierungsrats in Frankfurt a. 0. geboren, 
hat er seine Jugendzeit großenteils in Thüringen (Langensalza und Erfurt) 
verlebt. Bichelmann, nachmals sein wackerer Schwertgenosse beim Nieder- 
werfen des Buschiri- Aufstandes, wurde in Langensalza sein Spielkamerad 
und schildert ihn aus jener Zeit als einen bildhübschen blonden Knaben, ge- 
weckt und gutmütig, gern geneigt zu tollen Streichen. 

Nachdem Wissmann 1871 ins Kadettenhaus zu Berlin eingetreten war 
und im Folgejahr seine Fähnrichsprüfung bestanden hatte, wurde er Leut- 
nant in einem mecklenburgischen Infanterieregiment mit Rostock als Garni- 
sonsort. Hier empfing sein Lebensgang die entscheidende Bichtung durch 
die Bekanntschaft mit Dr. jur. Paul Pogge, einem biedern vierschrötigen 
Mecklenburger, Landwirt von Beruf, Weidmann und Afrikareisendem von 
Passion. Er hatte bereits zu Jagdzweken das Kapland und Natal durch- 
streift, hatte sich 1874 als Volontär der Kassange-Expedition unter A. von 
Homeyer angeschlossen, war darauf mit Lux über Malange nach Kimbundo 
gezogen und endlich 1875 allein zur „Mussumba", d. h. der Residenz dos 
Muata Janwo, des Beherrschers des Lundareichs im südwestlichen Kongo- 
gebiet, gelangt, somit weiter ins südafrikanische Innere eingedi-ungcn als 
irgend ein Sendbote der damaligen Deutschen Afiikanischen Gesellschaft 
vor ihm. 

Pogge rüstete sich eben zu einer neuen Reise in jene Länder, deren 
wunderbares Völkerleben samt der großartigen Natur der Wildnis mit ihrem 
noch wenig angetasteten Wildbestand ihn mächtig gepackt hatten. Wiss- 
manns sehnlichstes Streben richtete sich darauf, Pogge auf dieser neuen 
Ausfahrt begleiten zu dürfen. Soweit der militärische Dienst ihm freie Zeit 
gewährte, suchte er sich nach Möglichkeit an der Rostocker Universität natur- 
wissenschaftlich weiter zu bilden, trieb namentlich unter Leitung Prof. Gre- 
nachers, des jetzigen Zoologen der Universität zu Halle, fleißig tierkundliehe 
Studien und ließ sich (später auch eine Zeitlang auf der Berliner Sternwarte) 
einführen in exakte Breiten- und Längenaufnahmen. 

Wissmanns Sehnsuchtswunsch wurde erfallt. Im Auftrag der Deutschen 
Afrikanischen Gesellschaft imd unseres Auswärtigen Amtes ging er als 
„Geodät und wissenschaftlicher Sammler" an Dr. Pogges Seite im November 
1880 hinaus in den dunkeln Erdteil. Von der Hauptstadt des portugie- 
sischen Angola, Säo Paulo de Loanda, aus wurde im Januar 1881 Malange 
erreicht und nun der Weg ins noch unbetretene Innere eingeschlagen, der 
über sämtliche südlichen Nebenadern des Kongo führte, bis dieser selbst am 



Hermann v. Wissmann zum Gedächtnis. 13 

16. April 1882 in Nyangwe erzielt ward. Das war Wissmanns eigentliche 
Lehrzeit in der Praxis des Afrikareisens, und nie hat er es verhehlt, wie 
viel er dahei seinem liehen Lehrmeister, dem hraven und gescheiten Dr. Pogge 
verdankte, dessen Selbstlosigkeit am glänzendsten daraus hervorleuchtet, daß 
er, nachdem er der Hauptpfadfinder bis Nyangwe gewesen, auf seine Station 
zurückkehrt und dem jungen Freund es überläßt, auf bekannten Pfaden von 
dort aus den Tanganjikasee und die Käste des indischen Meeres zu erreichen 
als ruhmvoller erster Durchquerer Äquatorialafrikas in östlicher Richtung. 

Fast genau ein Jahr nachdem diese Durchquerung am 15. November 1882 
zu Sadani ihren Abschluß gefunden, trat Wissmann im Auftrag der unter 
Leitung des Königs Leopold II. von Belgien stehenden Internationalen Afrika- 
nischen Gesellschaft seine zweite Expedition nach Afrika an, dies Mal als 
Führer, in seiner Begleitung der Militärarzt Dr. Ludwig Wolf und die 
Offiziere Kurt v. Fran9ois, Franz und Hans Müller. Zwar ging man aber- 
mals von Malange in Angola aus, aber dies Mal galt es, die vorher nur in 
ihrem Oberlauf erkundeten Flüsse in ihrer hydrographischen Beziehung zu 
einander und ziun Kongo (die ja noch niemand festgestellt hatte) zu er- 
gründen. Der Erfolg war durchschlagend. Nach Gründung der wichtigen 
Station Luluaburg am Lulua, einem rechtsseitigen Zufluß des Kassai in herr- 
lichster Tropenlandschaft, wurde von Ende Mai 1885 ab auf einem zerleg- 
baren kleinen Dampfer und einer Flotille von 28 Ruderbooten das ganze 
Geflecht der Gewässer abwärts von Luluaburg befahren bis in den Kongo, 
den man im Juli 1885 mit Kwamouth erreichte. Freilich hatten die Be- 
schwernisse der Reise vereint mit dem Tropenklima Wissmann nebst seinen 
Geföhrten gesundheitlich angegriffen. Zeitweilig mußte die Führung der 
Expedition an Dr. Wolf übergeben werden, der sich um die Erforschung des 
größten der rechtsseitigen Kassaizuflüsse, des Sankurru, ein Hauptverdienst 
erwarb. Doch nach einem Erholungsaufenthalt von nur wenigen Monaten 
in der balsamischen Luft Madeiras sehen wir unseren rastlosen Forscher 
bereits zu Beginn des Jahres 1886 zu einer dritten Expedition, seiner letzten 
geographischen, aufbrechen, die sich zu einer neuen Durchquerung Afrikas 
gestaltete: von der Kongomündung bis zur Mündung des zweitgrößten Flusses 
Südafrikas, des Sambesi. Gemeinsam mit Dr. Wolf wurde der Kassai noch 
weiter aufwärts befahren, dann die Station Luluaburg den belgischen Agenten 
überwiesen und dem Osten zugestrebt, wo inzwischen ein „Deutsch-Ostafrika" 
entstanden war. Undurchdringlicher Urwald jenseits des Sankurru hemmte 
jedoch den Marsch gerade aus nach Osten, man mußte nordöstlich über 
Nyangwe dem Nordende des Tanganjika zuwandern, diesen See bis zum 
Süden befahren (da der sich schon vorbereitende Araberaufstand den Land- 
weg zur Küste nicht ratsam erscheinen ließ), um schließlich vom Njassa 
aus den unbehinderten Wasserweg zum indischen Ozean zu gewinnen. So 
endeten im August 1887 Wissmanns Forscherzüge durch Afrika, die also 
mit nur kurzen Unterbrechungen 7 Jahre gewährt haben. 

Es wäre Übertreibung, wollte man Wissmann dem Dreigestim unserer 
großen Afrikafoi-scher, Barth, Schweinfurth, Nachtigal zur Seite stellen. Er 
war ein Pionier in der Erforschung des südwestlichen Kongo^ebift^Ä.^ ^«sswa. 



14 Alfred Kirchhoff: 

bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts völlig unaufgeklärte und 
in der Tat nicht leicht überschaubare Stromverhältnisse sich wesentlich seinem 
Scharfblick entschleierten. Zu tieferen geographischen Forschungen hatte es 
ihm in seinem Studiengang an der nötigen Schulung gefehlt. Seine Beise- 
werke sind schlichte, durch Anschaulichkeit und sichtliche Wahrheitstreue 
ansprechende Schilderungen und Erzählungen des Selbstgeschauten, Selbst- 
erlebten. Seine Beschreibung der Landschaft nimmt niemals einen Anlauf, 
die plastische Ausgestaltung der Oberfläche auf ihre Bildungsursachen zurück- 
zuführen, er beschränkt sich auf das, was sein aufmerksames Auge geschaut 
hat an weiten Lateritfluren, Bergen und Tälern, prächtigen Urwalddickichten, 
Busch- und Baumsavanen, mannigfachem Tier- und Menschenleben. Von 
fundamental wichtigen Kenntniserweiterungen innerhalb seines Forschungs- 
gebiets über Bodenbau, Klimakunde, Pflanzen- und Tierverbreitung oder 
Ethnologie wüßte man ihm kaum etwas zuzuschreiben. Aber im Routenauf- 
nehmen, in Längen- und Breitenbestimmungen, in korrektem Ausmessen von 
Querschnitt und Wasserführung der Ströme — da stand er seinen Mann. 
Deshalb sind auch seine Karten durchweg zuverlässiger als z. B. diejenigen 
Stanleys, der sich ständig elementare Fehler selbst bei gewöhnlichen Breiten- 
bestimmungen zu Schulden kommen ließ, wie wir durch Freiherm v. Danckel- 
man wissen, der ihn einmal bei Aufnahme einer Sonnenhöhe aus unmittel- 
barster Nähe beobachtete. 

Gar noch nicht genügend anerkannt sind bisher die schon vorher an- 
gedeuteten hydrographischen Errungenschaften unseres Forschers, für die ihm 
die philosophische Fakultät der Universität Halle- Wittenberg bei deren zwei- 
hundertjähriger Stiftungsfeier die Würde des Ehrendoktors verliehen hat. 
Bei ihnen wollen wir deshalb noch etwas verweilen. 

Aus den geki'ösehaften Flußlinien, die bis an die Schwelle der achtziger 
Jahre den sonst weißen Fleck unserer Afrikakarte hinter Angola verunzierten, 
ist durch Wissmanns und seiner Gefährten Feststellung ein einziges süd- 
westliches Teilsystem des Ungeheuern Kongosystems herausgeschält worden: 
das des mächtigen Kassai. Dieser hat zur Linken lauter geradstreckig und 
ungefähr von Süd oach Nord ihm (nach seiner eigenen Umbiegung gen Nord- 
west) zugehende Tributärc, deren größter imd westlichster, der Kuango, ihm 
erst unweit seiner Mündung (wo man den Kassai Kwa nennt) zueilt, zur 
Rechten dagegen bogenförmige Zuflüsse, die ihm die Hohlseite ihres Laufes 
zukehren. Unter letzteren ragen hervor die schon erwähnten zwei: der Lulua 
und der noch weit größere Sankurru, in seinem hochländischen Oberlauf 
Lubilasch genannt, der noch am 4. Parallelkreis, in dessen Nähe er sich 
dann selbst mehrarmig in den Kassai ergießt, den wiederum bogigen Lomami 
aufnimmt. 

Diese erquickliche Klärung beruht auf sorgfältig ausschauender Be- 
fahrung und genauer Bemessung der Wasserführung aller in Betracht kom- 
menden Hauptstrom adem. Gleichwohl begegnet uns auf Karten wie in 
Schriftwerken immer noch die Ansicht, der von Pogge und Wissmann 1882 
entdekte Sankurru (oder, was dasselbe heißt, SankuUu) sei der Hauptstrom 
des in Rede stehenden Teilsystems, der Kassai nur dessen Nebenfluß. Selbst 



Hermann v. Wissmann zum Gedächtnis. 15 

Prof. Friedrich Hahn neigt dieser Auffassung, obschon mit einer gewissen 
Zurückhaltung, zu in seiner sonst so vortrefflichen Bearbeitung Afrikas in 
Sievers' ,,Allgemeiner Länderkunde" (S. 362). Wissmann vermaß den San- 
kurru oberhalb seiner Spaltung in die Mündungsarme, dann am nächsten 
Tage den Kassai 15 Seemeilen oberhalb der Einmündung des Sankurru mit 
folgendem Ergebnis: 

Breite Tiefe Minutengeschwindigkeit Wasserschub i. d. Minute 
Sankurru 450 m 5,5 m 45 m 1 113 750 cbm. 

Kassai 750 „ 7,5 „ 65 „ 3 656 250 „ 

' Wissmann hat die Berechnung in der Schlußrubrik wohl nicht genauer 
ausgeführt, denn er schreibt dem Kassai „fast eine dreimal größere Wasser- 
masse" zu als dem Sankurru.*) Wir sehen, das volumetrische Verhältnis 
beider Ströme ist sogar das von 11^ : 36^. Es kann mithin keinem Zweifel 
unterliegen, daß der auch bei weitem längere Kassai die ganz überlegene 
Hauptader in dieser südwestlichen Wasserprovinz des Kongogebiets ausmacht. 
Mit Recht beklagte sich Wissmann über die Kartographen, die immer noch 
den Unterlauf des Kassai unterhalb der Mündung des Sankurru mit diesem 
Namen auf ihren Karten belegten, obwohl er doch nun den Tatbestand auf- 
geklärt habe. Diese Sache bietet aber noch ein onomatologisches Interesse. 
Jene Kartographen, die Wissmann bei seinem Tadel im Auge hatte, hielten 
sich daran, daß Kund und Tappenbeck, die kui'z vor Wissmann die be- 
sagte untere Stromstrecke überschritten hatten, tatsächlich von den anwoh- 
nenden Negern den Strom Sankurru nennen hörten, indessen bloß gemäß 
der in dortiger Gegend üblichen Gewohnheit der Eingebomen, dem Haupt- 
strom immer von der Aufnahme eines neuen Nebenflusses — dessen Namen 
zu verleihen!*) 

Da erhebt sich eine methodisch anziehende Frage. Soll der Geograph 
in einem derartigen Fall die Nomenklatur der Eingebornen annehmen? Ganz 
gewiß nicht. Das würde ja nur zur unheimlichsten Verwimmg führen, wie 
wenn wir den Rhein von Mannheim ab Neckar, von Mainz ab Main, von 
Bingen ab Nahe nennen wollten. Hierzur gesellt sich noch im Kongogebiet 
die polyglotte Negerbevölkerung, von der ein und derselbe Fluß die ver- 
schiedensten Eigennamen empfängt oder auch mit dem bloßen Gattungsnamen 
für Fluß „Nsaire" genannt wird. Aus einem solchen Chaos rettet allein die 
auf der Grundlage der klar ermittelten Ko- und Subordinationsverhältnisse 
der Wasseradern des betreffenden Stromsystems von der Wissenschaft fest- 
gesetzte Namengebung. Wissmann traf offenbar das Richtige, wenn er für 
den Hauptstrom seines Forschungsfeldes, „dem kein Strom Europas an 
Wassermasse auch nur annähernd gleichkommt",*) den Namen Kassai (kassä!) 

1) Wiflsmann. Meine zweite Durchquerung Äquatorial -Afrikas vom Longo 
zum Zambesi während der Jahre 1886 und 1887. Frankfurt a. 0., 1890. S. 26. 

2) Das erinnert etwas an die früher (in Bayern wohl auch noch heute) in den 
Schulen gelehrte Angabe: „Von der Einmündung der Pegnitz heißt die Rednitz 
Regnitz.** Der Fluß wird aber von den Anwohnern ober- wie unterhalb der Auf- 
nahme der ,,Pengez^^ Rennez oder Rengez genannt. 

8) Wissmann, a. o. 0. ?. 4. 



16 Alfred Kirchhoff: 

in die Wissenschaft einftlhrte, den wir schon bei Livingstone antreffen in 
der Form Kassabi. Denn Kassai heißt er auch bei den Negervölkem, die 
ihn um wohnen, auf der längsten Strecke seines Mittellaufs. Wissmann fügt 
hinzu, es h&tte sich sonst nur noch um den Namen „NsaW handeln kön- 
nen, der aber vermieden werden müsse, weil die am Unterlauf des Kongo 
wohnenden Volksstämme diesen selbst Nsatre nennen und auch die Portu- 
giesen den Namen in diesem Sinne übernommen haben. Sollte nicht in 
der nutzlosen Doppelbenennung des afrikanischen Biesonstromes „Kongo 
oder Zaire", mit der bis vor kurzem noch unsere Schüler gequält wur- 
den, die schon uralte Gewohnheit nachklingen, von der wir eben sprachen, 
einen Strom nach seinem letztaufgenommenen Nebenfluß zu benennen? 
Beim untersten Kongo konnten die Neger sf^hwanken, ob sie bei solcher 
Taufe dem Kassai (Nsa'ire) oder dessen großem linken Zufluß, dem Kuango 
oder Koango, den Vorzug geben sollten. Im übrigen ist ja „Kongo" nir- 
gends der Name des Hauptstromes bei den Anwohnern früher gewesen; er 
ist ihm seit seiner Entschleierung von Stanley erteilt worden, wie der 
Kassai den Namen fortan zu führen verdient, den ihm sein P]rforscher Wiss- 
mann gab. 

Wir ehren also das Andenken Wissmanns schlecht, wenn wir auf unsern 
Karten den Namen Sankurru auch für den unteren Kassai anwenden oder 
einen Eklektizmus treiben, wie er uns z. B. in Andrees Handatlas entgegen- 
tritt Da finden wir auf Blatt 143,144 „Sankuru" verzeichnet als Namen 
des Sankurru, „Sankullu" als den des untersten Kassai; auf Blatt 149,150 
kehrt hingegen „Sankuru" nur in ersterer Bedeutung wieder, „Kassai" er- 
scheint mehrfach neben der Kassailinie von der obersten bis zur untersten 
Laufstrecke des Stromes, mithin auch da, wo nach jener Karte der Flußname 
Sankullu sein sollte. 

Auf den Schild erhoben von der deutschen Nation, von seinem Kaiser 
durch Verleihen des erblichen Adels ausgezeichnet wurde jedoch Hermann 
Wissmann erst zufolge der kriegerischen Taten in dem zweiten Abschnitt 
seines öflentlichen Wirkens. 

Wissmann hatte eben noch die Greuel der arabischen Sklavenfängerei in 
frischer Erinnerung, als er in ungeahnter Mission berufen wurde, einen der 
entscheidendsten Schläge gegen dieses durch den Gebrauch der überlegenen 
Schußwaffe seitens der Araber gerade kurz vor seiner Vernichtung so ent- 
setzlich sich gestaltende uralte Leidwesen Ostafrikas auszuführen. Auf seiner 
letzten Expedition hatte er reichlich Gelegenheit gehabt, diese verruchten 
Beutezüge zu beobachten, die sich gewissenlose, habsüchtige Araber unter 
dem Deckmantel dos Tauschhandels immer tiefer und tiefer ins Innere von 
der Ostkäste her, ganz besonders von den Küsten strecken aus, wo nun die 
deutsche Flagge wehte, gegen fast wehrlose Negervölker erlaubten. Hören 
wir ihn darüber selbst. 

„Wie uns entgegen nach dem Innern nur Waffen und Munition gebracht 
wurden, so trafen wir in wenigen Tagen drei Karawanen, die den Erlös für 
den erwähnten Import zur Küste brachten, etwas Elfenbein und — Hunderte 



Hermann t. Wissmann zum Gedächtnis. 17 

von Sklaven, zu 10, zu 20 mit langen Ketten und Halsringen verbunden. 
Bei Schwächeren, Weibern und Kindern, bei denen Flucht ausgeschlossen war, 
hatte man nur Stricke angewendet. Diejenigen Leute, die besondere Vorsicht 
erheischten, gingen zu zweien in der Mukongua, der Sklavengabel, einem 
Gabelholz, bei dem der Hals in die Gabel eingeschnürt ist. Es ist kaum zu 
beschreiben, in welchem elenden und erbärmlichen Zustande die schwarze 
Ware war. Arme und Beine fast fleischlos, der eingezogene Bauch voller 
Runzeln, der Blick matt, das Haupt gebeugt, so schlichen sie in eine ihnen 
unbekannte Zukunft, ostwärts und immer ostwärts weg von ihrer Heimat, 
fortgerissen von Weib und Kind, von Vater und Mutter, die sich vielleicht 
im Walde durch Flucht der Hatz entzogen hatten oder, sich wehrend, nieder- 
gemacht waren. Ein furchtbar empörendes Bild bot im Lager einer solchen 
Karawane die allabendliche Verteilung der Rationen. Mit weit aufgerissenen 
Augen drängten sich die Hungernden um den Platz, an dem einer der 
Wächter zur Verteilung von Lebensmitteln stand, ab und zu die ihn vor 
Hunger dicht umdrängenden mit einem Stocke zurücktreibend; ein kleines 
Maß in der Größe eines Wasserglases wurde, mit Korn angefüllt, Mais oder 
Hirse, einem jeden in den Lappen oder die Ziegenhaut, mit der er seine 
Blöße deckte, hineingeschüttet. Viele dieser Leute, zu müde, tun das Korn 
zu reiben oder zu stoßen, kochten es einfach in heißem Wasser oder rösteten 
es im Topfe auf dem Feuer und schlangen es so hinab, um das schmerzhafte 
Gefühl des Hungers zu besänftigen. Bevor die einzelnen Ketten sich zur 
Ruhe legen durften, wurden sie noch einmal hinausgetrieben, dann warfen 
sie sich in der Nähe eines großen Feuers nieder, um dem fast erschöpften 
Körper die nötigste Ruhe zu gönnen. Ohne Rücksicht auf das Geschlecht 
waren die Sklaven meist nach ihrer Marschfähigkeit zusauunengestellt. Kaum 
der vierte Teil dieser Armen erreicht die Küstenländer, in denen sie ver- 
kauft oder zum Export bereit gehalten werden oder auf die Pflanzungen der 
Küstenleute gehen.*' 

Wie arg das teuflische Wesen dieser Menschenräuberei um sich fraß, 
fand Wissmann in doppelter Hinsicht bezeugt. Er durchzog manche Gegend, 
die er vor wenigen Jahren als friedliche Stätte harmloser Neger in üppig 
fruchtspendender Tropennatur kennen gelernt hatte, — jetzt war sie durch 
Überfall arabischer „Händler" in bare Wildnis verwandelt, nur elende TrünMner- 
reste von Hütten waren noch zu sehen neben giinsenden Totenschädeln und 
sonstigen Gebeinresten der Tausende, die im Kampf erschlagen waren, um 
die Sklavenlager der Küstenaraber vielleicht mit einigen Dutzenden frischer 
Menschenware zu bereichem, nachdem so viele der Verschleppten unterwegs, 
dem grausigsten Elend erlegen. Aber auch zu Helfershelfern hatten sich die 
schlauen Araber ganze Negerstänune gewonnen. So betraf Wissmann die 
Eingebomen im Quellgebiet des Kongo, in der Nachbarschaft des Bangweolo- 
sees, in furchtbarer Angst vor räuberischen Überfällen. Niedergebrannte 
Dörfer, verwüstete Felder zeigten, wie berechtigt die Furcht war. Frauen 
und Kinder ließ man Nacht für Nacht in Wald verstecken schlafen; die 
Männer bewachten die engen Pforten, die durch die dichte Palisadenhecke 
in ihr Dorf führten. Indessen nicht vor den Arabern selbst mußten sie 

Geographische Zeltoobrift. 18. Jahrgang. lSK>o. 1. Heft t 



18 Alfred Kirchhoffi 

ständig auf der Lauer liegen; die saßen gemächlich unten am Gestade des 
nördlichen Njassasees und ließen die schwarzen Unholde, die Wawemha-Neger 
das (Geschäft der Menschenjagd fdr sich hetreiben, die sie dann mit Gewehren 
und Munition abzahlten. Nur Weiber und Kinder pflegten die Wawemba 
zu liefern, die Männer töteten sie und schnitten ihnen den Kopf ab, da unter 
ihnen eine förmliche Rangabstufung herrschte je nach der Anzahl der auf- 
zuweisenden Köpfe getöteter Feinde. 

üdjidji am Tangaigikasee sowie Tabora im Innern Deutsch - Ostafrikas 
waren wichtige Depots fdr den Sklavenhandel, die Hafenplätze unseres eben 
in Einrichtung begriffenen Schutzgebiets waren vom Norden bis zum äußer- 
sten Süden die Yerschiffungsplätze der Sklaven. Kein Wunder also, daß ea 
zu gären anfing, als nach der deutschen Besitzergreifung energische Maßregeln 
ergriffen wurden zur gänzlichen Unterdrückung des schändlichen, aber immer- 
hin für die Hauptuntemehmer recht einträglichen Gewerbes. Es gesellten 
sich auch anderweite Mißstinmiungen der Eingeborenen unseres Schutzlandes 
gegen die mit Regierungsvollmachten, aber nicht mit den erforderlicheik 
Machtmitteln versehene Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft dazu, daß es 
bereits im Laufe des Jahres 1888 zu bedenklichen Widersetzlichkeiten, ja za 
gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Beamten dieser Gesellschaft kam und 
die Schiffe unserer Kriegsflotte in Aktion traten, um den hellen Aufstand 
nicht längs unserer ganzen Küste auflodern zu lassen. 

Zum Glück unseres Vaterlands stand noch ein Bismarck mit fester Hand 
am Steuer des Reichs. Er erkannte sofort die Notwendigkeit unmittelbaren 
Eingreifens der Reichsregierung in die ostafrikanischen Wirren imd entsandte 
unter Zustimmung des Reichstags Hauptmann Wissmann als Reichskommissar 
mit weitgehenden Vollmachten an die Stelle der Entscheidung. Eine bessere 
Wahl wäre nicht zu treffen gewesen! Wissmann, der im Winter von 1887 
zu 1888 wieder auf Madeira seine durch die Reisestrapazen geschwächte 
Gesundheit gekräftigt hatte, stand in der vollen Blüte seiner Leistungsf^ig- 
keit, war wie kein anderer vertraut mit dem Leben in der afrikanischeui 
Tropen Wildnis, der richtigen Behandlung afrikanischer Eingeborenen, dazu 
aber auch ein echter deutscher Offizier ohne Furcht und Tadel. 

Es ist hier nicht der Ort zur Skizzierung des merkwürdigen Feldzugs, 
gegen die ostafrikanischen Rebellen unter Führung des Halbblutarabers. 
Buschiri. Leider ist uns nun für immer die Aussicht geschwunden, diesen 
erstmaligen Feldzug unter deutscher Führung außerhalb Europas vom sieg- 
gekrönten Feldherm selbst dargestellt zu erhalten. Aber betont muß werden,, 
daß Wissmann in der Organisation seiner Truppe (der Hauptsache nach be- 
stehend aus Sudanesen, die in Ägypten angeworben waren, imter deutschen 
Offizieren und ünterof^zieren), in deren taktischer Ausbildung binnen weniger 
Wochen und ihrer strategischen Verwendung ein militärisches Meisterstück 
ausgeftLhrt hat, das kaum seines Gleichen in der Geschichte kennt. Von dem 
frisch-fröhlichen Ausmarsch am Morgen des 8. Mai 1889 aus Bagamojo gegen 
die stark, obschon nur mit dichter Palisadenhecke befestigte Stellung Buschiris, 
die sofort im Sturm genonmien wurde, bis zu Buschiris Niederlage am 
17. Oktober bei Dinda, der dann am 15. Dezember sein Tod am Galgen 



Hermann v. Wissmann zum Gedächtnis. 19 

folgte, und bis zur Erstürmung des Lagers Bana Heris, seines Nachfolgers in 
der Führung der Aufständischen, am 9. März 1890 nicht ein einziger Fehl- 
schlag, nicht der geringste Mißgriff! Als Wissmann am 23. Juni 1890 be- 
reits wieder in Berlin erschien, durfte er seinem kaiserlichen Herrn mitteilen, 
daß er mit einer Truppe von 900, zuletzt 1200 Mann den an Zahl ungeheuer 
überlegenen Gegner, der seine Heerhaufen über einen das Deutsche Reich an 
Größe weit übertreffenden Raum ausgebreitet hatte, in kaum mehr denn 
Jahresfrist bewältigt habe, daß die deutsche Herrschaft vom Indischen Ozean 
bis zum Tanganjika, vom Viktoria- bis zum Njassasee gesichert sei, daß es 
nun ein wirkliches Deutsch-Ostafrika gäbe! 

Vergessen darf nicht werden, daß Wissmann vortreffliche Mitarbeiter ge- 
funden hat bei seinen staunenswerten Taten der Jahre 1889 und 1890. Wir 
nennen nur den kühnen Hauptmann Freiherm y. Gravenreuth aus Bayrisch- 
Schwaben, der dann in der herrlichen Kameruner Hochgebirgslandschaft vor 
Buea so vorzeitig den Heldentod starb, und den getreuen Adjutanten Dr. Bu- 
miller. Jedoch, wie die Auslese seiner Genossen Wissmanns eigenstes Werk 
gewesen, so hing der Haupterfolg ganz und gar an seiner Persönlichkeit. 
Stets kameradschaftlich im Verkehr mit seinen Offizieren, war er ihnen ein 
hehres Muster von kaltblütigster Ruhe selbst im Augenblick äußerster Gefahr, 
mutigsten Draufgehens, wenn die Zeit gekommen war, humanen Verzeihens 
auch dem Feind gegenüber, falls er sich irgend der Verzeihung würdig zeigte. 
Zum Schwert hatte er noch einmal zu greifen als Reichskommissar, nämlich 
im Januar 1891 gegen den imbotmäßigen Häuptling Sinna von Koboscho am 
Kilimandscharo, auf dessen rasche Demütigung die Befriedung des ganzen 
Nordostens von der Massaisteppe bis nach Tanga folgte. Bezeichnend aber 
erscheint es, daß er, bald nachdem er im April desselben Jahres das Reichs- 
kommissariat in die Hände des Freiherm v. Soden niedergelegt, an ein Werk 
des Friedens dachte, das seinem G«ist schon damals vorschwebte, als er 
die lange Fahrt über den Tanganjika gen Süden unternahm. 

Er dachte in jenen Tagen oft darüber nach, was für reichen Segen ein 
einziger, obschon nur kleiner Dampfer auf diesem See spenden könne gegen 
die bösen Sklavenräuber, die zur Zeit so frech ihre schandbare Beute aus den 
Kongowäldem über den See an die nun dem Namen nach imter deutschem 
Schutz stehende Uferseite in irgend eine stille Bucht straflos beförderten, und 
was auch sonst ein solcher Dampfer für den Handel wie für Truppen- 
bewegungen auf diesen unvergleichlich günstigen Riesenspiegeln der Binnen- 
seen leisten könnten, mit denen unser Schutzland in West, Nord und Süd so 
reich begabt ist. Jetzt, im Jahr 1892, bot sich ihm durch das Angebot des 
Antisklaverei-Komitees die Gelegenheit, die Idee für den Viktoriasee zur Aus- 
führung zu bringen. In der Tat wurde ein ansehnliches Dampfboot, in ein- 
zelne Stücke zerlegt, an die ostafrikanische Küste veifrachtet; indessen der 
durch Zelewskis Niederlage in Uhehe verursachte Trägermangel ließ es nicht 
zu, das schöne Boot, das Hermann v. Wissmanns eigenen Namen trägt, durch 
den Sambesi und Schire weiter als bis in den Njassasee zu schaffen. Dort 
aber dient es nun schon seit Jahren am Gestade unseres reizenden GebirgS; 
landes Konde trefflich dem friedlichen Verkehr. Und erlebt hat es Wissmann 



20 Alfred Kirchhoff: Hermann v. Wissmann zum Gedächtnis. 

aoßerdem noch, daß ein zweiter Dampfer, zu dessen Herstellung die Mittel 
in Deutschland beigesteuert wurden, glücklich über den Njassa hinaus auf 
Negerköpfen bis ziim Tanganjika getragen wurde und nun auf dessen krystall- 
hellen Fluten unter dem Namensschild seiner Gemahlin als „Helene v. Wiss- 
mann'^ seine Pfade zieht in vollem Frieden. Denn Wissmanns Traum ist 
glänzender zur Wirklichkeit geworden als er ihn träumte. Er dachte an einen 
Kriegsdampfer, „der ein kleines Geschütz und 50 Soldaten trägt^^ um den 
arabischen Menschenfreunden das Handwerk zu legen. Nichts von alledem 
ist mehr nötig, und das ist sein Werk! 

Am 1. Mai 1895 erfolgte die Ernennung des Majors Hermann v. Wiss- 
mann zum Gouverneur Deutsch -Ostafrikas. Leider aber dauerte seine Ver- 
waltung dieser hochwichtigen Stelle, mit der man ihm die würdige Krönung 
seines Lebenswerkes hätte wünschen mögen, nicht ganz bis zum Ausgang des 
folgenden Jahres. Schwer leidend kehrte Wissmann nach der Heimat zurück. 
Die alte Jagdlust und die Freude am Beobachten des Tierlebens hat ihn zwar 
noch zu zwei weiten Beisen veranlaßt: 1897 unternahm er mit seinem treuen 
Freund Dr. Bumiller eine Reise zu Jagdzwecken nach Rußland und Sibirien, 
im Winter 1898 zu 99 einen Jagdausflug nach Deutsch- Süd westafrika. Die 
damaligen Jagderlebnisse hat er in seinem letzten Buch geschildert, das 1901 
erschienen ist unter dem Titel „In den Wildnissen Afrikas und Asiens'^ 
Seit 1899 lebte er ständig auf seinem Gut Weißenbach bei Liezen in Ober- 
steiermark. 

Wissmanns Name wird fortleben durch die Entschleierung des Kassai 
imd seiner Nebenflüsse, mehr noch durch die zornige Enthüllimg des ost- 
afrikanischen Krebsschadens der von den Arabern ausgehenden Menschen- 
jagden, die bald hätten zu völliger Verödung des Landes führen müssen, am 
meisten aber durch den wuchtigen Hieb seines Schwertes, der dem schnöden 
Menschenjagen den Todesstoß versetzte und uns gleichzeitig Deutsch-Ostafrika 
gewann. Deutschland kann seiner nie vergessen! 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 

Vortrag, gehalten im Verein für Erdkunde in Halle. 
Von Hugo Berger f. 

Vorbemerkung. 
Zwei Aufsätze haben sich unter dem schriftlichen Nachlasse Hago Bergers 
gefunden und waren von ihm selbst für die Geographische Zeitschrift bentimmt ge- 
wesen. Sie sind mit Einwilligung des Bruders des Verdtorbenen, Herrn Walter 
Bergers in Leipzig, von dem Unterzeichneten druckfertig gemacht worden. Der 
erste Aufsatz ,,die Lehre von der Kugelgestalt der Eide im Altertume^' enthält 
im Wesentlichen unverändert einen Vortrag, den Hugo Berger im Verein für Erd- 
kunde in Halle gehalten hat. Eine Anzahl Erweiterungen und Verbesserungen, von 
Berger noch selbst während seines letzten Krankenlagers auf Zetteln niederge- 
schrieben, habe ich eingefügt. Die Anmerkungen rühren von mir her: nur die auf 
den Seiten 23 und 27 gehen über bloße Verweise auf das Hauptwerk Bergers und 
Quellenangaben hinaus, — die erstere darum, weil nach einer Randbemerkung im 
Manuskript Hugo Berger einen ähnlichen Exkurs beabsichtigt hatte. 



H. Berger: Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 21 

Den zweiten Aufsatz, „die ältere Zonenlehre der Griechen^^') betitelt und die 
notwendige Ergänzung des ersten darstellend, hat Hugo Berger kurz vor seinem 
Tode auf dem Krankenbett nach einem früher entworfenen Konzept seiner Nichte 
in die Feder diktiert. Es ist verständlich, daß die während der schweren Erkran- 
kung geleistete Arbeit an manchen Stellen Mängel aufwies und namentlich Klarheit 
.der Darstellung und Vollkommenheit des Ausdrucks und der literarischen Form 
vermissen ließ. Ich habe mich nach Kräften im alten Geiste meines geliebten 
Lehrers und väterlichen Freundes bemüht, solche Fehler zu tilgen. Die Anmer- 
kungen rühren hier bereits vom Verstorbenen selbst her. 

Eine in der letzten Zeit von Hugo Berger in Angriff genommene und bis zur 
Hälfte vorgeschrittene Übersetzung der beiden einleitenden Bücher der Strabonischen 
Erdbeschreibung befindet sich gleichfalls in meinen Händen und soll in einer von 
mir vorbereiteten, kommentierten Ausgabe dieser Bücher verwertet werden. 

Niemand und namentlich keiner der Freunde Hugo Bergers wird sich der 
tiefen Kührung erwehren können, wenn er aus den hier veröffentlichten Aufsätzen 
erkennt, wie dem greisen Meister der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen 
die Liebe für und die Arbeit an seiner Lebensaufgabe noch die letzten Augenblicke 
verklärt haben, und wie er fast buchstäblich mit der Feder in der Hand dahinge- 
schieden ist. Die Abhandlungen enthalten kaum etwas Neues; sie sollen vielmehr 
namentlich den Geographen noch einmal in gedrängtester Form jene ruhmvollste 
Periode der Vergangenheit ihrer Wissenschaft vor Augen stellen. Vielleicht ^hne 
daß Hugo Berger es dachte und wollte, sind sie so geradezu sein wissenschaftliches 
Testament und sein Abschied- und Mahnwort an uns geworden — an uns, die wir 
Geographen sind oder Philologen. Denn beiden gehörte Hugo Berger zu, an beide 
wendet sich seine meisterliche wissenschaftliche Lebensarbeit, beide dürfen stolz 
auf ihn sein, den bis zum letzten Atemzuge die gleiche, nie erkaltende, wahrhaft 
jugendliche Begeisterung erfüllte für den von ihm miterlebten, gewaltigen Auf- 
schwung der Wissenschaft von der Erde, dem er ein Gegenstück in Jahrtausende 
zurückliegender Vergangenheit zur Seite zu stellen wußte, als sei's heute — und 
für die wunderbarliche Geistesarbeit der Hellenen, deren Ruhmeskranze er ein 
neues, wie die anderen gleichschönes Lorbeerblatt hinzugefügt hat. kvr}Q yB<o'yQd(pog 
xal (fiXoloyog: so sollte in seinem Sinne einfach und kurz auf dem granitenen 
Steine zu lesen sein, der seine Ruhestätte auf dem neuen Johannesfriedhofe in 
Leipzig deckt. Einer, der Hugo Berger lieb war. 

Dr. Max Kiessling. 

Zu den Schwächen, die dem Wissen der Gebildeten unserer Zeit an- 
haften, gehört ein unglaublich weitverbreiteter Irrtum. Das gesamte Alter- 
tum, so kann man allenthalben hören, hat sich den Erdkörper als eine große 
Scheibe vorgestellt. Wäre das wahr, so würde die geographische Wissen- 
schaft der Neuzeit wohl noch nicht die Höhe erreicht haben, auf der sie 
jetzt steht, da sie sich nicht auf eine vierhundertjährige Vorarbeit der 
Griechen hätte stützen können. An der Hand der Lehre von der Kugelge- 
stalt der Erde haben die Griechen die Grundlagen der ganzen mathematisch- 
astronomischen Geographie bewältigt und ausgearbeitet, verschiedene Resultate 
für die anzunehmende Größe der Erde ausgerechnet, verschiedene hypothetische 
Ansichten über die horizontale Gliederung der Erdoberfläche entwickelt, die 
Karte der Oikumene als einen nach Länge und Breite vermessenen Teil der 
Erdoberfläche bestimmt und sich mehrere Projektionsarten für diese Karte 
ausgedacht. Das ist nun alles so wenig als möglich bekannt. Die Vertreter 
der Altertumskunde sind auf anderen Gebieten dermaßen beschäftigt, daß sie 



1) Er wird in einem der folgenden Hefte der G. Z. veröffentlicht werden. 



22 H. Berger: 

der Erörterung einer bisher für ungenügend aufgefaßten Vorarbeit des hoch- 
begabten Griechen Volkes aus dem Wege gehen; man scheint es nicht über 
sich gewinnen zu können, das erhabene Bild der griechischen Geistestätigkeit 
auch einmal von der Seite der geographischen Wissenschaft zu betrachten, 
ja, man will anscheinend einer Arbeit, die diesen Zweck verfolgt, neben dem 
massenhaft verarbeiteten topographischen Materiale keine noch so be- 
scheidene Erwähnung zukommen lassen. Auf anderen Gebieten wird jedes 
Wörtlein auch der zweifelhaftesten Überlieferung begierig aufgerafft, hier 
geht man an einem Zeugnisse ersten Ranges, dem des Posidonius über die 
Zonenlehre des Parmenides, kopfschüttelnd vorüber. Dazu kommt, daß unsere 
sonst in Mathematik und Naturwissenschaft schwelgende Schule schlechterdings 
nicht für klare und anwendbare Vorstellungen der elementarsten Grundbe- 
griffe der astronomischen Geographie sorgen will. Unter den Geographen 
herrscht vielfach das sehr begreifliche Bestreben, den Überblick über die 
überwältigende Entwicklung der geographischen Disziplinen durch möglichste 
Beschränkung einer wahren Geographie möglich zu machen. Man weist 
darum alles, was zu anderen selbständigen Wissenschaften gehört und gehören 
kann, ohne viel Unterschied aus der altgewohnten, segensreichen Verbindimg 
hinaus und erklärt das Recht der Geographie auf weiteres Mit- und Zu- 
sammenwirken für erloschen. Auch die Forschung nach dem Auftreten der 
Lehre von der Kugelgestalt des Himmels und der Erde, einer Lehre, die 
nach ihrer neuen Fassung der drei irdischen Dimensionen der Ausgangspunkt 
aller Geographie geworden ist, mag dabei über Bord geworfen werden. Man 
überlegt nicht, welchen Vorteü die Pädagogik für den Aufbau der allge- 
meinen Bildung aus dem Zusammenwirken der Erdkunde mit den sie be- 
rührenden Wissenschaften ziehen kann. Gerade als ob eine Entwicklung der 
mathematisch-astronomischen Geographie im Altertum ebensowenig notwendig 
gewesen wäre als in unseren Tagen, soll auch die Geschichte der Geographie 
ihrerseits vornehmlich das ins Auge fassen und darlegen, was uns noch heut- 
zutage nottue, die Länderkunde. Man vergißt dabei, daß die auf Länder- 
kunde gegründete Ausarbeitung mathematisch-physischer Erdkunde wie z. B. 
die Zonenlehre an sich einen unentbehrlichen Beleg für den jeweiligen Um- 
fang eben der Länderkunde abgeben kann, und man sieht die Gefahr nicht, 
die sich damit heranschleicht. Die Geschichte der Geographie wird ihre 
erste Hauptaufgabe vergessen und als historische Chorographie und Topo- 
graphie wieder in den Dienst der politischen Geschichte treten. Diese Ge- 
fahr drängt mich, die so stiefmütterlich behandelte Frage nach der Herkunft 
der Lehre von der Kugelgestalt der Erde nochmals aufzunehmen. 

Li den älteren Zeiten der griechischen Geschichte, deren Bild uns die 
epischen Dichtungen entrollen, war man freilich nicht über die unmittelbar 
gegebene Anschauung des ebenen Erdkreises hinausgekommen, aber um die 
Wende des siebenten und sechsten Jahrhunderts v. Chr. war die Zeit da, in 
der das Denken an die Stelle des Dichtens, die Sehnsucht nach wahrer Er- 
kenntnis und richtiger Erklärung neben die wundervolle Phantasie trat 
Durch kühne, weitfährende Seefahrten im Bereiche des Mittelmeeres und des 
«Hihwarzen Meeres, durch gewinnreichen Handel mit fernen Ländern, an deren 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 23 

Küsten sich unternehmende Kolonisten festsetzten, waren die griechischen 
Städte der Westküste Kleinasiens reich geworden, und im Oefolge dieses 
Wohlstandes regte sich zuerst der wissenschaftliche Trieh. Er erzeugte zu- 
nächst die jonische Naturphilosophie, und aus ihr ist mit anderen Spezial- 
Wissenschaften auch die Geographie hervorgegangen. Durch die Handelsver- 
bindungen, die von alten Karawanenwegen her Kunde üher das Innere Asiens 
brachten, die begierig aufgenommene, ausführliche Nachrichten verbreiteten 
über das Wunderland Ägypten, seinen merkwürdigen Strom und seine Nach- 
barländer, über die Steppen Rußlands, über den jenseitlosen Ozean im Westen 
und im Norden und seine Zinn- und Bemsteininseln, hatte sich ein bedeu- 
tendes länderkundliches Material angesammelt, das Ordnung verlangte und 
schnell zur Darstellimg, zur Kartographie reizte und führte: denn bereits im 
sechsten Jahrhundert entwarf, wie Eratosthenes bezeugt, Anaximander von 
Milet die erste Erdkarte.^) 

1) Bei Strabo C. 7. Wie die Karte Anaximanders aussah, wissen wir wenig- 
stens in großen Zügen. Die Oikumene war kreisrund, umflossen vom Okeanos; ihr 
Mittelpunkt lag in Delphi. Auf dem den West- und Ostpunkt verbindenden, von 
den Säulen des Herakles bis zum Kaspischen Meer reichenden Durchmesser dehnte 
sich das Mittelmeer, zusammen mit dem schwarzen Meere und dem Phasisflusse die 
Oikumene in die beiden Hälften Europa und Asien-Libyen (Afrika) scheidend. Un- 
gefähr ein Menschenalter nach Anaximander war in Folge des stark zunehmenden 
geographischen Wissens diese erste Erdkarte so veraltet, daß Hekataios aus Milet 
(das Jahr, in welchem er seine neglodog yfjg abfaßte, läßt sich sicher auf 517 oder 616 
fixieren) daran gehen konnte, sie durch die erste beschreibende Länderkunde 
zu ersetzen (Eratosthenes bei Strabo G. 7). Auch er hat offenbar zugleich oder 
vorher eine Erdkarte entworfen und seiner Beschreibung zu Grunde gelegt, wie 
ihre erhaltenen Fragmente (das Werk selbst ist verloren) noch deutlich er- 
kennen lassen. Da sich der geographische Horizont nach Osten und Innerasien 
(bis Indien) erweitert hatte, mußte naturgemäß der Mittelpunkt der Kreiskarte der 
Oikumene von Delphi ostwärts rücken: er lag für die Hekataioskarte in Byzanz 
(Bosporos). Wesentlich ist, daß auch er und die ihm noch folgenden jonischen 
Geographen an der Kreisgestalt der Oikumene festhielten. Man findet das 
länderkundliche Material der jonischen Geographie von Hugo Berger behandelt in 
der Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen, 2. Auflage, S. 41 — 118. 
Er hat dabei leider die Aufgabe abgewiesen, ja (S. 28) direkt für unmöglich erklärt, 
in unserer Überlieferung über die jonische Geographie eine Entwicklung in größerem 
Umfange wie im einzelnen festzustellen und zwischen den einzelnen Vertretern zu 
scheiden. Diese Unterlassung bezeichnet zweifellos einen nicht geringen Mangel 
des fundamentalen Werkes, der um so auffälliger wird, wenn man dagegen die 
meisterliche Behandlung der allmählichen Entwicklung und Ausgestaltung der 
Lehre von der Kugelgestalt der Erde und die scharfe Unterscheidung ihrer ver- 
schiedenen Vertreter im zweiten Teile des Buches und in dem hier folgenden 
Aufsatze vergleicht. Man erhält durch Hugo Berger kein rechtes klares Bild der 
Geographie des Hekataios, so wohl sich dieses selbst aus den des Zusammenhanges 
meist entbehrenden Fragmenten zeichnen läßt, und es ist überkritisch, wenn Hugo 
Berger die Versuche der Rekonstruktion der Hekataioskarte (vor allem durch 
W. Sieglin; leider nur als Manuskript gedruckt), ja der jonischen Karte überhaupt 
für verfehlt ansieht (S. 117f). Es liegt das daran, daß er zu wenig rein geschichtliches 
Verständnis hatte und darum so hervorragend wichtigen geographischen Schriften 
wie dem Periplus des Skylax (Beschreibung der Mittelmeerküsten) oder der in der 
lateinischen Übersetzung und Versifizierun>; des Avienus vorliegenden spanischen 
Küstenbeschreibung, die beide in ihren wesentlichen Teilen der jonischen Geographie 



24 H. Berger: 

Neben dieser Länderkunde mußten notwendigerweise aber aucb die Vor- 
stellungen von dem Erdkörper selbst zu ganz neuer Entfaltung gedrängt 
werden, und man lüuß auf diesem Wege zu der Annahme oder wenigstens 
zur ersten hypothetischen Erkenntnis der Kugelgestalt der Erde gelangt sein. 
Von der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts, also von der Zeit der Perser- 
kriege an begann sich die mathematisch-physische Geographie auszubilden 
und zwar auf Grund des festgestellten Systems der konzentrischen Kugeln 
des Himmels imd der Erde, deren jede für ihre einzelnen Teile, Punkte, 
Kreise, Abschnitte entsprechende Teile der anderen über oder unter sich 
hatte. Am Himmel mußte man, wie Ptolemäus und Strabo später nach einer 
älteren Quelle bemerken, die für unsere Augen selbst nicht übersehbare 
Erde erkennen. An der Hand hervorragender Führer, z. B. des Aristoteles, 
überwand die neue Wissenschaft die schon in ältester Zeit hervortretende, 
für sie störende Lehre von der ßahnbewegung der Erde^) und war in wenig 
mehr als vierhundert Jahren so weit gediehen, daß der berühmte Astronom 
Hipparchos*) in seiner Kritik der Geographie des Eratosthenes ganz folge- 
richtig verlangen konnte, die Karte der Oikumene, die schon lange als ein 
bestimmbarer, vergleichbarer und wirklich vermessener Abschnitt der gleich- 
falls vermessenen Erdoberfläche behandelt wurde, solle in all ihrem Einzel- 
inhalt« nur noch von astronomischer Längen- und Breitenbestimmung ab- 
hängig gemacht werden. 

Das war der Wendepunkt, weil die Theorie wie die Forderung Hipparchs 
der allgemeinen Bildung zu weit vorausgeeilt war. Praktische Leute wie 
Polybius und Strabo drängten zurück zur allgemein verständlichen Länder- 
kunde und trotz der energischen und schönen Versuche des Posidonius im 
ersten Jahrhundert v. Chr., die Arbeitsart der älteren Geographie wieder ver- 
ständlich zu machen und selbst eifrig fortzusetzen; trotz der Wiederaufnahme 
der griechischen Kartographie im zweiten Jahrhundert n. Chr. durch Marinus 
von Tyrus und Ptolemäus gewann und behielt die ungeographische, barba- 
rische Kartenmalerei der römischen Kompilatoren bis ins Mittelalter hinein 
die Oberhand; die mathematische Geographie der Griechen mitsamt den geo- 
physischen Vorarbeiten ging, wenn wir absehen von zusammenhangslosen 
Gedanken und Versuchen dter mit geringen Überbleibseln der alten Literatur 
arbeitenden Scholastiker und von einer eigenen Art von Seekarten, deren 
Herkunft noch zu erklären ist, auf mehr als ein Jahrtausend verloren, um 
dann, wiederentdeckt, den Aufschwung der geographischen Wissenschaft in 
der Neuzeit zu ermöglichen. 

Zwei Hauptaufgaben hatten die Griechen nicht lösen können. Ihre Ver- 
suche, den Umfang der Erde zu berechnen, hatten sie schon vor Piatos Zeit 



angehören und in den meisten späteren geographischen Werken überraschend viel 
und genau benutzt sind, auf keine Weise gerecht werden konnte, obwohl gerade 
sie die von ihm abgewiesene Rekonstruktion namentlich der inneren Zeichnung der 
jonischen Karte vielfach bis ins Detail erlauben. 

1) Darüber siehe S. 26 u. 26. 

2) Er lebte im 2. Jahrh. Vergl. Bergers Erstlingflschrift „die geographischen 
Fragmente des Hipparch" und „Geschichte" S. 458—487. 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 25 

sehr einfach auf die Yergleichnng von zusammengehörigen Bögen eines Him- 
mels- und eines Erdmeridians gegründet; es galt das Verhftltnis des ersteren 
zum ganzen Meridian zu bestimmen und den zweiten nach den üblichen Iti- 
nerarien zu vermessen. Sie blieben aber trotz aller Fortschritte der Mathe- 
matik und Astronomie stecken, weil man die terrestrische Streckenvermessung 
durchaus nicht auf die Höhe der astronomischen Beobachtung, die noch selbst 
einen nach unseren Begriffen ganz unzulässigen Spielratmi, mindestens l^j^ 
Meilen, verlangte, zu bringen vermochte. Ihre Kenntnis der Erdoberfläche 
hörte mit dem die Oikumene begrenzenden, äußeren Weltmeere, das man für 
unüberschreitbar hielt, auf, sie konnten darum für die Verteilung von Wasser 
und Festland auf den außeroikumenischen Teilen der Erdoberfläche nur 
Hypothesen aufstellen. Der neuen mathematischen Geographie, die sich im 
15. Jahrhimdert n. Chr. an der Hand der Ptolemäischen Schriften wiederzu- 
bilden begann, wurden die Entdeckung Amerikas und die ümschiffung Afrikas 
als Patengeschenke gleich in die Wiege gelegt, und die mathematischen Hilfs- 
mittel für die bald in Angriff genommene Gradmessung ließen nicht allzu 
lange auf sich warten. So haben sich durch die Gunst der neuen Zeitver- 
hältnisse in abermals vierhundert Jahren auf den Schultern der wiedergefun- 
denen griechischen Geographie, aber weit über sie hinausgehend die von ihr 
bereits formulierten und der Lösung möglichst nahe geführten Aufgaben durch 
die Wissenschaft der Neuzeit endlich definitiv erledigen lassen. 

Man sieht, daß diese Entwicklung der griechischen Geographie, wie sie 
meine früheren Arbeiten festgestellt haben, nicht ohne das innerste Funda- 
ment aller mathematischen Geographie hätte stattfinden können, nämlich 
ohne die Lehre von der Kugelgestalt der Erde. Man kann es ebenso sehen, 
wenn man sich die drei Fragen überlegt, in denen die Griechen in der besten 
Zeit den Inbegriff ihrer Erdkunde zusammenfaßten. Die erste hieß wo? und 
beschäftigte sich mit dem Verhältnis des Erdkörpers zur Welt und zu den 
Gestirnen. Die zweite — wie beschaffen? — umfaßte die mathematische Geo- 
graphie und die geophysischen Untersuchungen. Die dritte — wie groß ? — 
beschäftigte sich mit dem Erdmessungsproblem als der Grundlage der wissen- 
schaftlichen Kartographie. 

Verlangt man nun neben diesem Hinweis auf die Ergebnisse der For- 
schung direkte historische Angaben, so genügen wenige Blicke in die alte 
Literatur. In einem Berichte, der auf Theophrast zurückgeht, heißt es, 
Parmenides habe zuerst nachgewiesen, daß die Erde eine Kugel sei und 
im Mittelpunkt der Welt liege. Der Philosoph, der in Elea (Velia) in Unter- 
Italien lebte, arbeitete ungefähr zur Zeit der Perserkriege; man beachte den 
Wortlaut der Nachricht, der ihn nicht zum Erfinder, sondern zum Verteidiger 
der Lehre macht. Aus dem IS. Kapitel des 2. Buches der Schrift des 
Aristoteles über den Himmel erfahren wir, daß wenigstens die zweite Gene- 
ration der Pythagoreer, Zeitgenossen des Sokrates, von der Erdkugellehre 
schon zur Lehre von der Bahnbewegung der Erde fortgeschritten waren und 
daß sie sich zu wehren hatten gegen den Einwurf, die Entfernung des Be- 
schauers von dem Mittelpunkt der Welt müsse Verschiebungen der Himmels- 
erscheinungen verursachen. Sie stützten sich in ihrer Abwehr solchen Wider- 



26 H. Berger: 

sprachs darauf, daß diese Verschiebung dann schon mit der einen Erdradius 
ausmachenden Entfernung eines Beobachters auf der Oberfläche der Erde 
von ihrem und dem allgemeinen Weltmittelpunkt beginnen müßte. In die 
Mitte des Himmels versetzten die Pythagoreer das göttliche Zentralfeuer und 
ließen die Erde und noch einen ähnlichen Weltkörper, die Oegenerde, mit 
den ihnen bekannten Wandelsternen Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, 
Merkur, Mond an unterer Stelle um jenen Mittelpunkt kreisen.^) Wir erfahren 
weiter aus derselben Schrift des Aristoteles, daß drei Philosophen an der 
Scheibengestalt der Erde festhielten, der Milesier Anaximenes, Anaxagoras, 
der Freund des Perikles, und Demokritos. Die beiden letztgenannten müssen 
wir uns gewiß schon im Kampfe gegen die Lehre von der Kugelgestalt der 
Erde denken, namentlich wohl gegen die von den Pjthagoreem zuerst ge- 
forderte Anerkennung der Möglichkeit und Tatsächlichkeit der Antipoden- 
stellung. Auf Anaxagoras bezieht sich, was Plato im Phädo') den Sokrates 
erzählen läßt, er habe sich unter anderem über die Frage, ob die Erde eine 
Kugel sei oder nicht, Gedanken gemacht und in dem Werke des berühmten 
Mannes keinen für ihn befriedigenden Aufschluß gefunden. Demokrit scheint 
der letzte Gegner gewesen zu sein; denn nach einer Notiz im Diogenes Laer- 
tius') muß sein Schüler Bion von Abdera ins Lager der Feinde übergegangen 
sein, da wir von ihm die Lehre kennen, daß auf dem Erdpole sechs Monate 
lang Nacht herrschen müsse. Seit Plato stand die Anerkennung der Kugel- 
gestalt der Erde für die griechische Wissenschaft fest. Aus dem 14. Kapitel 
des erwähnten Aristotelischen Buches sehen wir, daß zur Zeit des Aristoteles 
eine Erdmessung galt, die 400 000 Stadien, etwa 10 000 Meilen, für den 
Umfang des größten Kreises der Erde annahm; Plato spricht (wieder im 
Phädo)*) von Leuten, die die Größe der Erde zu bestimmen versuchten, und 
schon während des peloponnesischen Krieges spottet der Komiker Aristopha- 
nes*) über dieses Unterfangen. Die von Archimedes (Ende des 3. Jahrhunderts) 
benutzte Erdmessung setzte den Erdumfang auf 300000 Stadien (7500 Meilen) 
herunter, die zuletzt gültige des Eratosthenes auf 250000 (6250 Meilen)^. Im 
vierten Jahrhundert handelte es sich nur noch um das Problem, ob die Erd- 
kugel feststehe oder sich bewege. Plato hat offenbar geschwankt; einer 
seiner Schüler, Philippos aus Opus, scheint sich für die pythagoreische Lehre 
zu erklären, ein anderer, Herakleides Pontikos, nahm die Achsendrehung im 
Zentrum des Himmels an^). Im dritten Jahrhundert brachte Aristarchos von 
Samos mit der heliozentrischen Lehre die Grundzüge des Kopemikanischen 
Systems, und ihm folgte wieder hundert Jahre später Seleukos aus Seleukia, 
der die Beweise dafür vorgelegt oder erweitert haben soU.^) Aristoteles 
aber hatte schon vor diesen vereinzelten Unternehmungen die Erde für das 
Altertum endgültig festgelegt durch den Hinweis auf die allerdings schon 
vor ihm angebahnte Lehre von der Schwerkraft: alle mit Schwere behafteten 



1) Siehe „Gesch. d. Erdkde". S. 178 ff. 2) Phaedo 97Cff. 

8) IV, 7, 11 (68). 4) 108 C. ö) Wolken 201 ff. 

6) Über die verschiedenen Versuche der Erdmessung vergl. „Gesch. d. Erdkde". 
S. 219 f., 26n ff., 406 ff. 

7) Vergl. „Ge^ch. d. Erdkde". S. 182 f. 8) Dasselbe S. 180 ff., 660 ff. 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 27 

elementaren Teile der Welt mußten, so lehrte er, nach dem absoluten unten, 
dem Mittelpunkt der Welt, getrieben werden und sich dort im Drängen nach 
der möglichst untersten Lage zur unbeweglichen Erdkugel ballen.^) 

Daß die Griechen des fünften Jahrhunderts die Lehre von der Kugel- 
gestalt der Erde gekannt und verwertet haben, bedarf nach alledem keines 
weiteren Beweises. Ohne Aussicht auf volle Entscheidung tritt aber die 
weitere Frage an uns heran, wie die Lehre entstanden, woher sie gekommen 
sein könne. Man mag wohl zuerst an fremde Herkunft denken, wenn man 
erwägt, daß die Griechen, wie allgemein anerkannt ist, die Anfänge ihrer 
Kultur aus dem Orient erhalten haben; Hufe bringt uns indessen diese Tat- 
sache nicht. Die Ägyptologie und Assyriologie haben großartige Leistungen 
zu verzeichnen und über geschichtliche und kulturelle Verhältnisse des alten 
Orients Licht verbreitet, wo noch vor kurzem tiefes Dunkel herrschte, aber 
ein Beleg dafür, daß dort schon in alter Zeit die Kugelgestalt der Erde 
oder eine deutliche Vorbedingung für ihre Erkenntnis oder eine Begleit- 
erscheinung oder eine Folgerung aus dieser Lehre bekannt gewesen wäre, ist 
noch nicht gefunden worden. Die Versuche und Behauptungen von Chabas, 
der die Lehre von der Bewegung der Erde, von Henri Martin, der die 
Kenntnis der Erdkugel im alten Ägypten suchte, von Chiarini, der den 
Babjloniern das heliozentrische Weltsystem zuschreiben wollte,') konnten die 
Probe der Kritik nicht bestehen, imd was wir von Brugsch über ägyptische 
Geographie und von Epping und Jensen über babylonische Astronomie 
und Kosmographie wissen, zeigt nirgends eine Spur von der Kenntnis 
der Kugelgestalt der Erde. Anführen könnte man höchstens, daß sich die 
Babylonier ihre vom ürgewässer getragene Erde allerdings als eine hohle 
Halbkugel dachten und damit über die unmittelbare Wahrnehmung hinaus- 
griffen, und daß sich im Buche Hiob, dessen Abfassungszeit noch nicht ein- 
hellig bestimmt ist, ein merkwürdiges Wort über das Schweben der Erde im 
freien Baume findet. Diese Bemerkung (Kap. 26, v. 7), die einzige derartige 
im ganzen alten Testamente, zeigt nach Budde einen gewaltigen Fortschritt 
der Spekulation. Sie paßt zu der auch von Dillmann und Duhm angenom- 
menen Wissenschaftlichkeit des Dichters der Hiobreden und man kann wohl 
daran denken, daß er, wie es allgemein angenommen ist, sowohl mit ägyp- 
tischen Dingen als mit der babylonischen Mythologie vertraut gewesen ist.') 
Möglich bleibt es daher immerhin, daß in der (wie schon die Alten wußten) 
Jahrtausende umfassenden Ausbildung der orientalischen Himmelskunde an 
irgend einem Orte, in irgend einem Kreise die Lehre aufgetaucht und zu 
einiger, wenn auch nicht allgemeiner Verbreitung gekommen sei, und daß 
uns neuere Forschung einstmals mit solcher Kunde überrasche.*) 

1) Vergl. „Gesch. d. Erdkde". S. 263. 2) Dasselbe S. 177, Anmerkung 3. 

3) Vergl. „Gesch. d. Erdkde". S. HS. Die Abfassungszeit der Dichtung schwankt 
leider noch immer zwischen dem 7. und 4. Jahrhundert, so daß die Idee des 
Schwebens der Erde im leeren Weltraum durchaus nicht sicher als orientalisch 
angesprochen werden darf. Es besteht die Möglichkeit fort, daß auch dieser groß- 
artige Gedenke dem griechischen Geiste allein entsprungen und über Ägypten zu 
dem gut unterrichteten Hiobdichter gelangt ist. 

4) H. Berger hat sich bis zu seinem Tode der Erwartung hingegeben, daß die 



28 H. Berger: 

Bei weiterer Untersuchung ist vor allem zu bedenken, daß die Wissen- 
schaften in Griechenland einen ganz anderen Boden fanden als in Ägypten 
und in Babylon. In jenen mächtigen Reichen lagen sie durch lange Zcit- 



Tontäfelchen eines Tages die Kugelgestalt der Erde als ein geistiges Besitztum der 
babylonischen Eosmologie bekannt geben würden, und doch zeigt seine schöne 
Charakteristik der hellenischen Wissenschaft gegenüber der babylonischen Geistes- 
tätigkeit, wie wenig im Grunde der letzteren solch kühner Flug der Gedanken und 
der Spekulation zugetraut werden darf. Daß irgendwo in Vorderasien nicht einen 
der ofEziellen Gelehrten, sondern einen einfachen Privatmann die chaldäische 
Himmelskunde zu solcher OiFenbarung geführt habe, ist doch recht wenig wahr- 
scheinlich. Wir haben einmal die Tatdache, daß die Fülle der neuerschlossenen 
Schriftwerke des Zweistromlandes nicht den leisesten Anhalt für die Kenntnis der 
Kugelgestalt der Erde oder für geographisches Forschen überhaupt geliefert hat, 
uud zum zweiten schließlich eine bestimmte Notiz in dem aus Berosos schöpfenden, 
also glaubwürdigen Diodoros, die geradezu jeden Gedanken an babylonische Her- 
kunft der Erdkugellehre ausschließt. Berger hat die Diodorstelle natürlich ge- 
kannt, aber doch nicht in ihrem Werte beachtet. Sie steht U, 81, 7 imd lautet: 
„TTcpl dk tfjg yfjg Iduoxaxag &no(pd6eig nowijvxai (nämlich ol Xaliatoi), HyovtBg 
vxaQXBiv aiftr}v 6xa(poBidfj xal xolX7}v^^ Damach haben sich die Babylonier die 
Erde in der „Form eines Kahnes und hohl" vorgestellt. Das letztere Epitheton 
weist darauf hin, daß man an einen mit der Rundung nach oben gekehrten Kahn 
zu denken hat. Wir müssen nur am Euphrat bleiben, um die in diesem Bild aus- 
gedrückte Vorstellung recht zu verstehen. Wie ich sehe, hat schon Maspäro („Ge- 
schichte der morgenländischen Völker*', übersetzt von Pietschmann, S. 138) den 
rechten Weg betreten, wenn er schreibt: „Die Turanier Chaldäas stellten sich die 
Erde als Kahn vor, nicht als einen von den länglichen, bei uns gebräuchlichen, 
sondern als einen von jener ganz runden Trogart, welche die Bas-Reliefs uns so 
häufig vorführen und deren sich die Stämme am unteren Euphrat noch gegenwär- 
tig bedienen.** Sie waren aus Leder und werden uns von Herodot 1, 194 ausführ- 
lich beschrieben. 

Damit sehen wir ganz klar; annähernd als Halbkugel hat man sich in 
Babylon die Erde gedacht. Natürlich hatte den babylonischen Astrologen bei 
ihren mit der größten Regelmäßigkeit und während sehr langer Zeiträume ausge- 
übten Himmels- und Gestirnbeobachtungen die Veränderlichkeit des Horizontes und 
die dadurch dokumentierte Krümmung der Erdoberfläche nicht verborgen bleiben 
können. Zu weiteren, über diese unmittelbare Anschauung in kühnem Gedankenflug 
hinausgehenden Theorien sind sie nicht vorgeschritten, einfach aus dem Grunde, 
weil durch eine ungefähr halbkugelig gekrümmte Erde jene auffälligen Erschei- 
nungen, die wir heute der mathematisch-aätronomischen Geographie zurechnen, zu- 
meist völlig ausreichend erklärt wurden. Wir müssen bedenken, daß auch die von 
Aristoteles angeführten Erweise der Kugelgestalt der Erde in Wahrheit nur eine 
starkgebogene Oberfläche bezeugen. Es gehörte die ganze herrliche, harmonische 
Begabung und Ausbildung, der wagemutige, zu kühnster Höhe und tiefster Speku- 
lation vordringende Geist der Hellenen dazu, sich von der zur nächsten Erklärung 
der Erscheinungen genügenden, unmittelbaren Wahrnehmung zu emanzipieren imd 
die Harmonie des Kosmos erstehen zu lassen. Mag die Tatsache der gekrümmten 
Erdoberfläche aus dem Orient zu den Pythagoreern gekommen sein, — aus dem halb- 
kugeligen Kahne ist erst ihrem tiefen Blick und Geist die Erdkugel geworden. Wir 
brauchen nicht zu schwanken wie noch Hugo Berger getan hat; wir haben im 
Gegenteil allen Grund, die Lehre von der Kugelgestalt der Erde einzureihen un(i 
zu preisen unter der Zahl der herrlichsten, erhabensten Geistesheldentaten der 
Hellenen. 

Auch ägyptische Herkunft ist auf jeden Fall ausgeschlossen, da W. Sieglin 
den sicheren, hier nicht näher anzuführenden Nachweis erbringt, daß die Geographie 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 29 

räume in der Hand eines besonderen Standes und arbeiteten im Dienste der 
Religion, des Staates, des Königs, vornehmlich auf praktische Tätigkeit und 
Erfolg angewiesen. Die großartige Entwickelung der Baukimst nach allen 
Richtungen, die außerordentliche Vervollkommnung der astronomischen Beob- 
achtung und Berechnung durch die Babylpnier, die nach Epping schon zu 
Planetenephemeriden gelangten, sind beispielsweise aus diesem Umstand zu 
begreifen. In Griechenland wandelte man zwar anfangs und vielfach auch 
später auf dem unvermeidlichen Wege der Schule, zur Geschlossenheit kam 
man aber nur selten, im allgemeinen herrschte Dezentralisation, die Grund- 
lagen der Wissenschaft kamen in die Hände unabhängiger Privatleute, mit 
ihnen zog sofort der wissenschaftliche Streit ein und trieb zu schrankenloser 
Entfaltung. Die alte ägyptische Reißkunst erhoben die Griechen über alle 
Praxis hinaus zur strengen Wissenschaft der Geometrie, wie Milhaud vor 
kurzem wieder so klar gezeigt hat; die alte Astrologie und Himmelskunde 
führten sie weit über die bloße Beobachtung hinaus zu einem kühnen Hypo- 
thesenbau, der oft in überstürzender Hast in die Höhe strebte und Aufgaben 
einschloß, deren wahre Schwierigkeiten sich erst nach längerer ungenügender 
Behandlung zeigten und deren Lösung erst unsere Zeit endgültig ausführen 
konnte. Sollte sich die Übernahme der Lehre von der Kugelgestalt der Erde 
aus dem Orient nicht bewahrheiten, so würde es kein besonderes Staunen 
erwecken, wenn wir sie als eine Frucht dieser wissenschaftlichen Bewegung 
des ungemein begabten Hellenenvolkes betrachten müßten. Wenn wir zu- 
sammenstellen, was uns von der Entwickelung der griechischen Ansichten 
über die Erde und ihr Verhältnis zur Welt erreichbar ist, so finden wir 
darin die Vorbedingungen der Lehre von der Kugelgestalt wieder und auch 
die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. 

In alter Zeit hatte die Erde das Himmelsgewölbe getragen. Die Frage 
nach den näheren Umständen und nach der auffälligen Gestimbewegung zer- 
rann in Dichtungen von tragenden Säulen oder Riesen und von der Wunder- 
welt, die mit dem die Erde umfassenden Strom Okeanos begann. Nicht 
viel weiter scheint der Vorläufer der jonischen Philosophie, Thaies von Milet, 
gekommen zu sein. Wenn er die Erde auf dem Urstoff, dem Wasser, 
schwimmen ließ, jedenfalls nach babylonischem oder ägyptischem Vorbilde, 
so vergaß er, wie Aristoteles meint, daß auch das Wasser einen Träger 
haben müsse, und 'mit der griechischen Inselwelt war seine Lehre überhaupt 
schwer vereinbar. Etwa ein Menschenalter später ändert sich mit dem Auf- 
treten Anaximanders von Milet alles wie mit einem Zauberschlag. ^) Der 
erste Versuch, die Erscheinungen durchgreifend und harmonisch zu erklären, 
steht auf einmal in bewundernswerter Vollendung vor uns. Der Himmel 



der Jonier in ihren allgemeinen Grundlagen und Lehren und darunter vor allem 
die Annahme einer kreisrunden Erdscheibe ägyptischeu Vorstellungen nach- 
gebildet ist. 

Erwähnen möchte ich noch, ohne den möglichen Zusammenhang zu erörtern, 
daß sich Herakleitos die Sonne axatpondij, vycixvQzov gedacht hat — das ist ganz 
die babylonische Vorstellung über die Erde (vergl. Plutarch de plac. philos. II, 22) 

1) Vergl. „Gesch. d. Erdkde". S. 26—87. 



30 H. Berger: 

war für ihn, den ersten Kartenzeichner, nicht mehr ein halbkugelartiges, fest- 
stehendes Gewölbe, sondern eine yollkommene Kugel, die in gleichmäßiger 
Kreisbewegung die unverrückbaren Bilder der Fixsterne, Überbleibsel einer 
ehemaligen Feuersphäre, um die Erde herumführte. Sonne und Mond, ein- 
geschlossen in reifenartige Gebilde, von verdichteter Luft, sollten von diesen 
Bingen in ziemlich großen Abständen zwischen Himmel und Erde im Kreise 
herumgetragen werden. Die Hauptsache aber ist, der unter diesen Umständen 
schon verhältnismäßig klein vorgestellte Erdkörper mußte nun vom Himmel 
gelöst sein und auf irgend eine Weise frei schweben. Bemerkenswert muß 
es immer erscheinen, daß, wie schon erwähnt, auch der Dichter des Buches 
Hiob an dieses Freischweben der Erde denkt, und daß ein Zeitgenosse Ana- 
ximanders, Pherekydes von Sjtos, entweder das Weltall oder, was mir wahr- 
scheinlicher vorkommt, die Erde mit einem Baume vergleicht, der auf Flügeln 
ruht.^) Wie sich der milesische Philosoph das Schweben der Erde möglich 
dachte, berichtet Aristoteles in dem oben zuerst angeführten Kapitel. Da 
die Erde in der Mitte des Alls liege und sich in allseitig gleichem Abstand 
von der Himmelskugel befinde, heißt es, habe sie keinen Anlaß, sich nach 
oben oder nach unten oder nach einer Seite hin zu bewegen, und Bewegung 
nach mehreren Seiten zugleich sei unmöglich. Die Begründung klingt ge- 
künstelt, imd Aristoteles nennt sie blendend, aber unwahr; eines läßt sich 
aber nicht verkennen, Anaximander muß schon ziu* Erhebung über die nächst- 
liegende Vorstellung von den Begriffen Oben und Unten hinausgedrungen 
sein, als er auf diesen Gedanken verfiel. Ein neuer, kosmischer BegrifiT 
hat sich von da an stetig weiter gebildet und liegt bei Aristoteles vor in 
dem Satze: „Oben" sei die Weltkugel, „unten" der Mittelpunkt der Welt. 
Nachfolger Anaximanders in seiner Erklärung des Schwebens der Erde waren 
im 5. Jahrhundert Parmenides, im 4. Plato, der aber gelegentliche Abwechs- 
lung des beiden Bezeichnungen „Oben und Unten" verlangte. Jenem kam 
noch die Annahme von der Einheit der oben und unten endenden Gegensätze 
vom lichten Feuer des Himmels zur dunkelen Materie der Erde, vom durch- 
gängigen Zusammenhange der Weltkugel zu Hilfe; diesem die Lehre von dem 
Gleichgewicht in der Fügung aller elementaren Teile der Welt, beiden überdies 
die Überzeugung von der Kugelgestalt der Erde. Erst eine konzen- 
trisch in einer anderen liegende Kugel kann sich ja in allseitig gleichem 
Abstand von der einschließenden befinden. Man sollte nun meinen, das 
könne auch schon dem Anaximander eingefallen sein, er könne sich eine 
kleine, im allgemeinen Mittelpunkt schwebende Erde auch als Kugel gedacht 
haben, etwa nach dem Muster der Himmelskugel (das ist nach einem Ver- 
gleich, den die Späteren regelmäßig vorzubringen pflegten). Aber hier wider- 
sprechen die erreichbaren Nachrichten der Wahrscheinlichkeit. Es heißt, 
wenn wir den Bericht recht verstehen, er habe den Erdkörper mit einem 
niedrigen Zylinderabschnitt verglichen, dessen Randhöhe den dritten Teil 
des Durchmessers seiner Oberfläche ausmachte, mit einer Figur, von der Panzer- 
bieter richtig bemerkte, sie könne als das Abbild einer mittleren, aus der 



1) Vergl. „Gesch. d. Erdkde". S. 33, Anmerkung 7. 



Die Lehre von der Engelgestalt der Erde im Altertum. 31 

Weltkugel gleichsam heraosgeschnittenen Zonenscheibe betrachtet werden. 
Ausdrücklich ist in dem Berichte hinzugefügt, daß wir, die Menschen, auf 
der oberen Kreisfläche dieses Körpers wohnten, der die andere entgegen- 
gesetzt sei, und das muß beinahe den Gedanken in uns aufsteigen lassen, 
Anaximander habe nur die Antipodenstellung vermeiden wollen. 

Vergegenwärtigen wir uns die nach diesem Tatbestand zulässigen Mög- 
lichkeiten, so können wir sagen, entweder war der Gedanke an die Kugel- 
gestalt der Erde noch in keiner Weise an Anaximander herangetreten — 
dum bleibt ims außer dem Hinweis auf die notwendige Erklärung der Stem- 
bewegung jeder weitere Einblick in seinen Gedankengang verwehrt — oder 
er hatte schon von der neuen Lehre gehört, oder er war selbst in dem 
Sinnen und Grübeln, das seine Erklärung des Schwebens der Erde voraus- 
setzt, auf jene Idee gekommen. War das letztere der Fall, so müßte die 
Vermutung hinzugefügt werden, Anaximander habe von der endgültigen An- 
nahme und von der Durchführung des Gedankens abgesehen, sich mit einem 
unvollkommen gedachten Verhältnisse der Erde zum Himmel zufrieden ge- 
geben und zwar, wie der ausdrückliche Zusatz des Berichtes über die Wohn- 
st&tte der Menschheit andeuten könnte, um der mit der Kugelgestalt der 
Erde untrennbar verbundenen größten Schwierigkeit, der Antipodenfrage, aus 
dem Wege zu gehen; das würde heißen, er habe sich gescheut, den neu- 
geahnten Begriff des Oben und Unten aus den kosmischen in rein mensch- 
liche Verhältnisse zu übertragen. Daß diese Schwierigkeit allgemein tief 
empfunden wnrde und sehr störend wirkte, kann sich gewiß jeder vorstellen. 

Gleich nach Anaximander finden wir die Forscher, die an den Fragen 
nach Lage und Gestalt der Erde teilnahmen, wie wir schon bemerkt haben, 
in zwei Parteien geschieden. Die eine, geführt von seinem jüngeren Lands- 
mann Anaximenes, dem sich dann Anaxagoras und Demokritos anschlössen^ 
gab fast alles wieder auf, was der ältere Milesier bereits erreicht hatte. Nur 
an der Lösung der Himmelskugel von der Erde, an der freien Bewegung 
des Himmels hielten sie fest. Au dieser Lehre hat überhaupt niemand 
wieder gerüttelt, nur unter den gedachten und erzwungenen Beispielen, mit 
denen die Epikureer ihre erkenntnistheoretischen Untersuchungen zu erläutern 
pflegten, lassen sich derartige Rück- und Mißgriffe finden. Bei Anaximenes 
schwebte die Erde nicht in Folge ihrer Lage, sondern wurde von seinem 
Urstoff, der Luft, getragen. Als eine mächtige Kreisscheibe sollte sie so 
nahe an die Himmelskugel heranreichen, daß der bleibende Zwischenraum 
zu gering war, um der unter der Erde befindlichen Luftmenge genügenden 
Durchgang zu gewähren. Daß hier wie später bei Anaxagoras der alte, 
nächste Begriff des Unten festgehalten ist für die kosmischen Verhältnisse, 
bietet dem Aristoteles besonderen Anlaß zu spöttischem Tadel. Mit dem 
Widerspruch und der Reaktion der ungebildeten Menge, die sich in Athen 
gegen die Philosophie und ihre Tochterwissenschaften erhob; die den Anaxa- 
goras selbst in die Verbannung trieb und den Sokrates das Leben kostete; 
von der sich Herodot, der Feind der Geographie und der jonischen Länder- 
kunde zugleich, beeinflussen ließ, — darf man aber die Haltung dieser 
Männer nicht verwechseln. Sie fuhren auch in ihrem Rückschritt fort, 



32 H. Berger: 

wissenschaftlich zu arbeiten; so fährte z. B. die lange wahrgenommene 
Neigung des Erdhorizontes zu den Stern- und Sonnenkreisen der Himmels- 
kugel schon den Anaximenes auf die richtige Erklärung des Nachtbogens 
der Sonne und der Verschiedenheiten dieser Nachtbögen. Ganz richtig fafiten 
er und die anderen die zu beobachtende Neigung des Horizontes als eine 
tatsächliche Neigung der Erdscheibe auf, durch welche die nördlichen Teile 
die höchte Lage einnehmen mußten unbeschadet der Geradlinigkeit des nord- 
südlichen Längendurchmessers. Abschreiber der Excerpte machen aus dieser 
Erhebung des Nordens der Erde hohe Berge. Die Tatsache dieser Neigung 
führte sie weiter auf die Unterschiede der Erwärmung und Belebung der 
IQrdoberfläche. Freilich wohl nicht ohne Anregung durch ältere, bald anzu- 
führende Vorlagen der Gegenpartei, aber namentlich unter der Hand des 
Hippokrates, der wie Anaxagoras an der ebenen Erdgestalt testhielt, bildete 
sich aus diesen Erwägungen eine klimatische Einteilung und mit ihr die 
Lehre von dem Einfluß der Wärme und der Kälte und ihrer verschiedenen 
Mischung auf geistige und körperliche Anlagen der verschiedenen Völker, die 
für das ganze Altertum in Greltung geblieben ist. ^) Gerade diese wissen- 
schaftliche Haltung wird es aber gewesen sein, die endlich zum Einlenken 
trieb. Die Schwierigkeit, sich der neuen Auffassung der vertikalen Dimen- 
sionen zu fügen, die Antipodenlehre anzunehmen usw., mußte endlich auf- 
gewogen werden durch den Hinweis auf die unabweisbaren Gründe der 
Gegenpartei für ihre Lehre: die immerwiederkehrende Rundung des Erd-' 
Schattens bei den Mondfinsternissen und das im Bereich der gewöhnlichen 
Länderkunde wohl bemerkbare Steigen und Fallen der Gestirne bei nördlich 
oder südlich gerichteter Oi-tsveränderung. 

Die Gegenpartei, die mit Eifer für die Lehre von der Kugelgestalt der 
Erde und die Folgerungen dieser Lehre gearbeitet hat, schloß sich anfangs 
unmittelbar und entschieden an die Vorarbeit Anaximanders an. Die Nach- 
richten, die uns über sie belehren sollen, sind indessen in einem bedenklichen 
Zustand. Sie gehen meist auf bloße Auszüge aus größeren historischen 
Werken zurück und das Spiel mit den einzelnen, des Zusammenhangs der 
Darstellung entkleideten Sätzen der Excerpte hat zu argen Mißverständnissen 
geführt. Am besten kann man noch zur Erkenntnis des Zusammenhangea 
und der Entwicklung der die Erdkugelgeographie betreflfenden Partieen 
kommen, wenn man den Umweg der Rückschlüsse einschlägt, sich dabei nicht 
scheut, die Mißgiiffe der so wohldurchschauten Sentenzensammler nach Gebühr 
aufzufassen, und die Aussicht nicht verschmäht, die der neuere Standpunkt 
der Geschichte der Geographie darbietet. 

Drei Männer kommen hier in Frage, aber erst die Angaben über die 
Tätigkeit des jüngsten von ihnen bieten uns einen festen Boden. Über den 
schon genannten Parmenides haben wir unter anderen Berichte aus einem 
Buche Theophrasts, Angaben des gelehrten Posidonius, des einflußreichen 
Freundes Ciceros, die sich bei Strabo finden, alles Nachrichten, die klar und 
achtunggebietend sind und sich mit nicht unbeträchtlichen Resten der eigenen 

1) Vergl. „Gesch. d. Erdkde". S. 81 ff. 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 33 

Werke des Eleaten vergleichen lassen. Auf Grand der von den Griechen so 
tiefsinnig aufgefaßten Eigenschaften des vollkommensten und schönsten aller 
Körper, der Kugel, in die er sich selbst den im höchsten Grade übersinn- 
lichen Grundbegriff seiner Philosophie, das einzig wirklich existierende, reine 
Sein eingeschlossen dachte, vielleicht auch schon in Anlehnung an den bei 
Aristoteles wiederkehrenden Gedanken, daß alles, was sich in vollkommener 
Harmonie an die alles umfassende Kugel anschließe, wieder Kugelgestalt 
haben müsse, wies er zuerst nach, daß die Erde als Kugel konzentrisch im 
Mittelpunkt des gleichfalls kugelförmigen Alls ruhen müsse. ^) Eingehende 
Erkenntnis und Darlegung seines Gedankenganges ist zur Zeit wenigstens nicht 
möglich, aber das können wir sagen, daß er sich auf Erörterung der räum- 
lichen und stofflichen Verhältnisse der beiden Kugeln zu einander stützte und 
insbesondere auf die Erwägung des Einflusses, den die nach pythagoreischer 
Lehre das Feuer des Himmels in sich sammelnde und wiederaosstrahlende 
Sonne durch die Eigentümlichkeiten ihrer Stellungen und Bewegungen auf 
die Oberfläche der Erdkugel ausübte. Die Frucht dieser Arbeit war die 
Lehre von den fünf physisch -geographischen Zonen der Erde'), die in der 
wissenschaftlichen Geographie der Griechen mit wenig Änderungen über zwei- 
hundert Jahre, in der Tradition und im Bewußtsein der allgemeinen Bildimg 
aber noch viel länger geherrscht hat. Sie ist nicht zu verwechseln mit der 
pythagoreischen Zoneneinteilung des Himmels durch den Äquator, die Wende- 
kreise und die arktischen Kreise und deren Überti'agung auf die Erde, die 
noch ohne eingehende geophysische Untersuchung nur die Korrespondenz 
himmlischer und irdischer Kreise im Auge gehabt zu haben scheint.^ Zu 
beiden Seiten des Äquators breitete sich nach Parmenides unter dem un- 
mittelbarsten Einfluß des Sonnenfeuers eine verbrannte, unnahbare Zone in 
überwiegender Breite aus (sie sollte beinahe die doppelte Breite des Raumes 
zwischen den Wendekreisen der Erde einnehmen); wiederum zu beiden Seiten 
dieser Zone ließ die gemilderte Wärme zwei gemäßigte, engere Zonen offen 
als Brut- und Wohnstätte fülr die Lebewesen der Erde; rings um die beiden 
Pole aber lagerten sich endlich zwei leblose Polai*zonen, in Kälte, Nacht und 
Nebel begraben. Daß Parmenides mit diesen beiden äußersten Zonen das 
Leben der Erde beschlossen habe, dafür gibt es in den Fragmenten nur 
wenige Worte, die noch dazu zweifelhaft sind. Sie kommen aber in der zu 
Grunde liegenden Vorstellung überein mit einer Bemerkimg, die Ejrates 
Mallotes*), der eifrigste Vertreter der Erdkugelgeographie im 2. Jahrhundert 
V. Chr., über die Polarzonen machte, und die hervortretende Betonung des 
nordischen Nebels in dieser Bemerkung kann am ehesten auf Angaben über 
die westlichen Teile des nördlichen Ozeans beruhen, wie sie dem Eleaten 
phokäische und massiliotische Seefahrer boten. ^) Übrigens müssen wir von 

1) Vergl. dasselbe S. 202 ff. 

2) Vergl. darüber ausführlich den zweiten Aufsatz. 

3) Auch darüber siehe den zweiten Aufsatz. 
. 4) Vergl. „Gesch. d. Erdkde". S. 441-468. 

6) Griechische Schiffahrt im Atlantischen Ozean bezeugt namentlich der bei 
AvienuB zu Grunde liegende Periplug (vergl. S. 23 Anmerkung 1). 

0«ograpbUche Zeitachrift. 12. Jahrgang. 1906. 1. Heft. % 



34 H. Berger: 

der Entwicklung, die die Sjonenlehre des Parmenides genommen hat, auf 
ihn zurückschließen, und der Gedanke an eine größte und eine ahnehmende Wärme 
kann nur in der Vorstellung des Mangels aller Wärme seinen Abschluß 
finden. Bedenken wir, daß dieser Lehre schon die Erkenntnis der Beleuch- 
tungsverhältnisse der Erdkugel zu Grunde liegen mußte; daß sie die Kennt- 
nis der Zunahme des längsten Tages nach Norden und Süden, der Schatten- 
Verhältnisse, der Korrespondenz der nördlichen und der südlichen Zonen, der 
zonenteilenden Kreise einschloß; daß Parmenides auch tatsächlich schon an 
die Yergleichung der Zonenbreite gedacht hatte; daß eine bedeutende Unter- 
stützung von Seiten der Länderkunde anzunehmen ist, — so leuchtet ein, 
daß ein glänzenderer Anfang mit der Behandlung der Geographie der Erd- 
kugel nicht gemacht werden konnte, und es wird sehr wahrscheinlich, daß 
von der ersten Entdeckung der Lehre von der Kugelgestalt der Erde bis zu 
dieser Leistung schon eine geraume Zeit verstrichen sein mußte. 

Hinter Parmenides steht Xenophanes, der früher als des erstgenannten 
Lehrer und als Gründer der eleatischen Philosophenschule hochangesehen war. 
Durch den ersten Ansturm der Perser unter Harpagos noch im 6. Jahr- 
hundert V. Chr. aus Kolophon in Kleinasien vertrieben, lebte er nach langer 
Wanderung wohl meistens zu Elea in Unter-Italien, nach neuester Auffassung 
als fahrender Sänger, der seine epischen Gedichte vortrug und mit dem 
alten Götterglauben die Bedeutung der Homerischen Gedichte herabsetzte. 
Die Mängel der Überlieferung haben vielleicht keinen so hart getroffen als 
ihn, namentlich die Wiedergabe seiner kosmophysischen Ansichten ist vielfach 
zu einem widerlichen Unsinn geworden, den man einem halbwegs verstän- 
digen Manne seiner Zeit wahrlich nicht zutrauen sollte. Sein enger Zu- 
sammenhang mit Anaximander, seinem ehemaligen kleinasiatischen Lands- 
mann, seine Kenntnis der Lehren des Pythagoras, sein Einfluß auf Parme- 
nides werden nicht geleugnet und können auch nicht geleugnet werden. 
Nach den bestehenden Angaben über seine Kosmophysik, die ich nach Mög- 
lichkeit gesammelt und vorgelegt habe^), muß er sich im Anschluß an die 
(nach Aristoteles' Zeugnis) schon bei Anaximander vorliegende Lehre von der 
allmählichen Verzehrung einer ursprünglich die ganze Erde überdeckenden 
Wassermasse und von der Ernährung der Gestirne durch die feinsten, feuer- 
artigen Teilchen der Ausdünstung dieser Gewässer folgende Ansicht ge- 
bildet haben. 

Die Erde mit dem Wasser verbunden und zeitweilig von ihm bedeckt, 
war ewig da, zeitlich unendlich. Ihre „Wurzel" hatte sie im Unendlichen. 
Nach Anleitungen der Aristotelischen Physik über die Vorstellungen, die mit 
der Vorstellung des unendlichen, leeren Baumes in notwendige Verbindung 
kommen und unter denen sich ein für uns vielsagender Ausblick auf die 
Ansicht Anaximanders vom Schweben der Erde findet; nach einer Anzahl 
anderer, klarer Bemerkungen griechischer Schriftsteller über die „Wurzeln'* 
der Erde, unter denen sich eine des jüngeren Zeitgenossen Aischylos findet, 

1) Vergl. H. Berger, „üntersuchangen über das koBmische System des Xeno- 
phanes'' (Ber. d. k. Bachs. Ges. d. Wiss., phil.-hist. Kl. S. 80 ff.) u. „Gesch. d. Erd- 
^mde'' S. 191—197, wo auch alles, hier erwähnte Quell enmaterial genau zitiert ist. 



Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde im Altertum. 35 

— kann ich mir den Ausdruck des Xenophanes nur auf eine Weise deuten. 
Ohne an sich räumlich unendlich zu sein, wie man später einmal annahm^ 
befand sich die Erde im unendlichen Baume, mit dessen Fixierung die Auf- 
hebung der Vorstellung des Falles verbunden war. Wir werden nicht umhin 
können, in diesem Gedanken eine eigentümliche Wendung der Vorstellung 
vom Schweben der Erde zu erblicken, auf die Anaximander kurz vor Xeno- 
phanes gekommen war, — keine Abwendung von ihm, wie sie fülr Anaxi- 
menes und Anaxagoras bezeugt wird. Ausdünstungen des Wassers bildeten 
dann die Luft mit den Wolken und den Winden, dann den Hinmiel und in 
Folge ihrer Entzündung die Gestirne, ein Satz, der sich wohl gelegentlich 
gegen den griechischen Sonnengott gebrauchen ließ, ohne in diesem Gebrauche 
seine Hauptbedeutung zu haben. Alle diese mußten nun mit der ganzen 
neugebildeten Außenwelt auch weiterhin vom Wasser unterhalten werden. 
Dadurch verzehrt sich das Wasser der Erde immer mehr, bald reicht es 
zur Ernährung der Luft und des Himmels nicht mehr aus und die ganze 
Außenwelt muß in Folge dessen wieder vergehen. War sie verschwunden, so 
gewann das Wasser der Erde wieder die Oberhand, die unglücklichen Beste 
des Menschengeschlechtes ertranken in der neuen Flut und es kam die Zeit 
einer neuen Weltbildung: so ging der Wechsel zwischen Weltbildung und 
Weltuntergang seinen ewigen Kreislauf, nur die Erde mit dem Wasser blieb 
da. Aus dieser Vorstellung, die in allen ihren Teilen gut bezeugt ist, er- 
klären sich seine, so oft mißverstandenen Aussprüche von der Unendlichkeit 
der Erde, von dem Verlöschen und dem Wiederentzünden der Gestirne und 
von unzählbaren Sonnen imd Monden. Man hat ihm in alter und neuer 
Zeit die törichte Annahme zugeschrieben, die Sonnen bewegten sich nicht 
in Kreisen, sondern in unendlichen, geraden Linien vorwärts. Das beruht 
geradezu auf Fälschung des Textes, in dem von einer geraden Linie kein 
Wort steht, vielmehr nur von einer endlosen Vorwärtsbewegung die Bede 
ist. Mit dieser Bewegung meinte Xenophanes aber die den Alten wohl- 
bekannte, endlose Spirallinie, in der die Sonne, den geschlossenen Kreis, wie 
der Bericht deutlich sagt, vermeidend, von einem Wendepunkt zum anderen 
auf- und absteigend um die Erde geführt wurde. Ich darf wohl auf Gründe 
für die Ablehnung dieser Erklärung warten. Man hat nicht das Becht, 
Xenophanes auf grobe Mißverständnisse hin aus der wohlzusammenhängenden 
Beihe der wissenschaftlichen Forscher herauszureißen und ihm die barbarische 
Ansicht aufzubürden, der Himmel sei nach oben hin, die Erde nach unten 
räumlich imendlich. Sie kommt nur in einer von allen Seiten verurteilten 
Schrift vor und muß aus der Aristotelischen Vorlage der Bemerkung dieses 
Buches nach Anleitung des Aristoteleserklärers Simplicius gedeutet werden; 
sie wird jedenfalls aus der oben berührten Beispielsanmüung der Epikureer 
stammen. *) 

Es heißt weiter, Xenophanes habe von einer monatelangen Sonnen- 
finsternis gesprochen; das ist unmöglich, es kann auch hier nur Mißverständ- 
nis eines poetischen Ausdruckes sein. Meinte er die Nacht, was ganz nahe 



1) VergL „Gesch. d. Erdkde". S. 193, Anmerkung 3. 



36 H. Berger: 

liegt, 80 gewinnt aber die Bemerkung eine tiefe Bedeutung; denn wir sehen 
dann den Philosophen schon beschäftigt mit der Erörterung der Beleachtungs- 
Verhältnisse der Erdkugel, die sein Schüler für seine Zonenlehre brauchte, in 
dem Gedanken an die länger und länger werdenden Nächte der Polarzone, 
der, wenn man nur die Kugelgestalt der Erde erkannt hatte, durch die Be- 
trachtung des jährlichen Unterschiedes der Sonnenstellung und seines Ein- 
flusses auf die Beleuchtung der Kugel mit wenigen Hilfsmitteln erreichbar 
war. Es heißt an einer anderen Stelle, der man die poetische Ausdrucks- 
weise noch in jedem Wort ansieht, die Sonne falle ausgleitend hinunter in 
einen anderen Abschnitt — damit ist „Horizont" gemeint — der Erde, der 
nicht von uns bewohnt sei. Wenn man annimmt, er habe einfach vom 
täglichen Sonnenuntergänge gesprochen, so würden die letzten Worte der 
Bemerkung recht passend erscheinen für die Ansicht Anaximanders, nach der 
nur die obere Fläche einer Erdscheibe bewohnt war. Wenn wir aber die- 
Stellung des Xenophanes zwischen Parmenides und Pythagoras zu Rate ziehen f 
wenn wir bedenken, daß er, der Lehrer des Parmenides, wie dieser selbst mit 
den Lehren seines Zeitgenossen Pythagoras vertraut und von ihnen beeinflußt 
war; daß die Pythagoreer den Mond wie die Erde für eine ringsum von 
lebenden Wesen bewohnte Kugel hielten; daß Xenophanes nach wiederholter 
Angabe des Lactantius dieselbe Ansicht vertreten zu haben scheint; daß in 
den Worten „nicht von uns bewohnt" streng genommen ein Hinweis auf 
verschiedene Bewohnerschaften zu erblicken ist, — so wird, glaube ich, aus. 
diesen Worten eher die Antipodenlehre herauszulesen sein. 

Der älteste und berühmteste Vertreter der für die Lehre von der Kugel- 
gestalt der Erde kämpfenden Partei ist aber Pythagoras. Er muß ein Zeit- 
genosse des Xenophanes, ein jüngerer Zeitgenosse Anaximanders gewesen sein. 
Die Überlieferungsverhältnisse sind hier ganz anders geartet. Mußten wir 
für die Ansichten seiner Nachfolger nach Zeugnissen suchen, so behaupten 
von ihm die Berichterstatter einmütig, daß er die Kugelgestalt der Erde- 
gelehrt habe« Leider behaupten sie aber auch so viele wimderbare, unglaub- 
liche Dinge von ihm, daß man vorsichtig werden mußte. Die besten Zeug- 
nisse schweigen von ihm und sprechen nur von seiner Schule, den anderen 
hat man lange Zeit keinen Glauben mehr geschenkt. Daß er keine schrift- 
lichen Werke hinterließ, daß er im Gegensatz zu den anderen griechischea 
Philosophen die öflfentlichkeit mied, seine Schule auf ethisch-religiösem Gebiete- 
sammelte und von der Außenwelt abschloß, die göttliche Verehrung, die 
seine Schüler und deren Nachfolger bis in späte Zeit für ihn hegten, — das^ 
alles zusammen genommen hat ihn zum Wundermann gemacht. Alles kann 
aber die Tradition nun doch nicht erträumt haben. An seiner Vertretung 
der Lehre von der Seelen Wanderung, an seiner Zurückführung der Weltr 
Prinzipien auf die Zahlenverhältnisse, an seiner fachwissenschaftlichen Be- 
handlung der Mathematik und der Musik hat nie jemand gezweifelt. Man 
ist den Spuren der älteren, besseren Quellen der Tradition nachgegangen» 
und hat auf diesem Wege neuerdings mit Recht die übertriebene Zweifel- 
sucht verlassen. Eigen war seinen Schülern das stürmische Vorwärtsdrängea 
in der Ausbildung einmal angefangener Gedankenreihen: sie waren es ja, die 



Die Lehre Ton der Eugelgedtalt der Erde im Altertum. 37 

iden kühnen Schritt zur Annahme der Bahnbewegung der Erde taten; sie 
sind es gewesen, die aus den Begriffen der Parallelität der gemäßigten Zonen, 
der Oikumene und aus der Erdinseltheorie das symmetrische Erdbild ent- 
warfen, nach dem zwei gekreuzte Gürtelozeane die vier Erdinseln (unsere 
Oikumene und die Oikumenen der Antoiken, Perioiken und Antipoden) von 
«inander trennten. Die Spuren dieses Bildes bei Aristoteles, Plato und 
Eudoxos führen unwillkürlich dazu, es für pythagoreisch zu halten.*) Eigen 
war aber den Pythagoreem auch, was Aristoteles mehrfach tadelt, ein Hang 
zu phantastischer Spekulation, der sich der Bedenken, der gründlichen Er- 
örterung und Beweisführung entschlug. Die Zahl der um das Zentralfeuer 
im Mittelpunkt der Welt kreisenden Weltköi*per vervollständigten sie z. B. 
durch die Annahme einer anderen, sogenannten Gegenerde, nur um auf die 
heilige Zehnzahl zu kommen. Für sie hatte die Antipodenlehre keine 
Schwierigkeit mehr. Durch zwei unverfängliche Angaben der besseren Art 
wird ihnen die unbedenkliche Annahme der so leicht verwirrenden Lehre, die 
Behauptung, die Erdkugel sei wie der Mond ringsum bewohnt von lebenden 
Wesen, ausdrücklich zugeschrieben. Diese eigentümliche Geistesrichtung aber 
muß in den Anleitungen und in den eigenen Anlagen des Gründers der 
Schule ihren ersten Ausgangspunkt gehabt haben, und solche Anlagen waren 
gewiß besonders geeignet, die Annahme, wenn nicht die Entdeckung des 
nahe gelegten, aber anfangs erschreckenden Gedankens an die Kugelgestalt 
der schwebenden Erde Anaximanders mit allen ihren Folgerungen zu ermög- 
lichen. Ein Umstand ist es vor allen anderen, der den Pythagoras zu der 
80 ungemein erfolgreichen Weiterbildung der schon an sich großartigen Vor- 
arbeit des alten Milesiers geführt haben kann: seine ganz andere Ansicht 
Aber die Gestirne. Mit ihm beginnt in Griechenland die Kenntnis der 
Planeten und einer Planetenreihe. Daß der Morgenstern mit dem Abend - 
stem^) identisch sei, soll er zuerst erkannt haben. ^) Solche Kenntnisse weisen 
entschieden auf Babylonien und lassen uns an die Äußerung Heraklits denken, 
der ihm die umfassendste historische Forschung als Vielwisserci vorwirft 
Die dem Anaximander zugeschriebene Lehre, Sonne und Mond wären eigent- 
lich nur der feurige Inhalt von radförmigen Röhren, dessen Strahlen aus 
einer Öffnung der Lufthülle hervorbrächen, kann er nicht angenommen haben; 
denn seine Schüler wenigstens verglichen schon den Mond mit der Erde und 
hielten ihn wie diese für eine ringsum bewohnte Kugel, und Aristoteles, den 
wir immer wieder zu Hilfe rufen müssen, bemerkt mit Recht, daß die Kugel- 
gestalt des Mondes doch mit den Augen zu erkennen seL Auf diesem Wege, 
glaube ich, kann man die Haltung des Pythagoras am besten begreifen und 
schließlich Gomperz zustinunen, der ihn nach anderen Vorgängern zuletzt 
unumwunden als den ältesten Vertreter der Lehre von der Kugelgestalt 
der Erde bezeichnet.*) 



1) Vergl. dasselbe S. 216—218. 

2) Bekanntlich die Venus. 

8) Nach Diogenes LaSrtius VIU, 14. 

4) Über die Pythagoreer und das hier Vorgetragene vergl. „Gesch. d. Erdkde'*. 
8. 111—181. 



38 Karl Sapper: 



Inseln des ägäisehen Meeres. 

Eine landschaftliche Skizze 

von Karl Sapper. 
Mit 6 Landschaftsbildem auf Tafel 1 u. 2. 

Von allen Schriftstellern des klassischen Altertums pflegt keiner auf ein 
jugendliches Gemüt größeren Eindruck zu machen als Homer, und gar mancher 
deutsche Jüngling sehnt sich in stillen Stunden darnach, mit eigenen Augen 
die sonnigen Landschaften von Hellas zu schauen, die ihm seine Phantasie 
in leuchtenden Farben vorgaukelt. Aber wie wenigen ist es vergönnt, das 
Ziel ihrer Sehnsucht schon in jimgen Jahren zu erreichen und sich im Alter 
der größten Aufnahmefähigkeit an dem Farben- und Formenreichtum der 
griechischen Landschaft zu berauschen! Die meisten erreichen es nie oder 
erst so spät, daß bereits die Ideallandschaften der jugendlichen Phantasie 
verblaßt sind, während manch schönes und eindrucksvolles Landschaftsbild 
anderer Länder inzwischen das Auge erfreut hat und nun bereit ist, von der 
Erinnerung widergespiegelt, im Kampf um den Siegespreis der Schönheit 
als ernsthafter Wettbewerber aufzutreten. Der Eindruck, den die griechische 
Landschaft auf solche erfahrene Naturfreunde macht, wird vielleicht weniger 
tief und überwältigend sein, als es bei einem enthusiastischen Jüngling der 
Fall wäre, aber die Würdigung der Schönheit dürfte wohl gerechter sein. 
"Darum wage auch ich den Versuch, mit einigen Worten der griechischen 
Landschaft zu gedenken, nachdem es mir, zwei Jahrzehnte nach der Gjmnasial- 
zeit, im Herbst 1904 endlich gelungen war, das Land meiner Jugendsehnsucht 
zu schauen und mich an den Gestaden des ägäischen Meeres von der Sonne 
Homers bescheinen zu lassen. Von der Sonne Homers — denn so tief auch der 
Eindruck war, den der Anblick vieler historischer Stätten auf mich machte, 
am meisten lebte in mir doch die Erinnerung an die homerische Welt wieder, 
auf, wenn ich z. B. an steilem Berghang ernst und würdevoll einen Hirten 
mit hohem, oben krumm gebogenem Stab vor mir stehen sah, oder wenn ich 
nach heißer Fußwanderung in den kühlen, sauber gekehrten, plattenbedeckten 
Wohnraum eines koischen Gehöftes eintrat und die geschäftig hin und her 
eilende Bäuerin mir freundlich Gruß und Gastfreundschaft bot, „gerne mit- 
teilend von den Vorräten" (die allerdings, wie ich gewissenhaft hinzusetzen 
will, oft sehr spärlich waren). Freilich waren meine homerischen Erinne- 
rungen nicht mehr ganz frisch, aber gerade das hat mich vielleicht vor der 
Enttäuschung bewahrt, die so manchen griechenbegeisterten Altphilologen 
beim Anblick der modernen Hellenen überkommt. Noch wirksamer hat mich 
freilich die gewählte Eingangsroute gegen Enttäuschung geschützt, denn wer 
vom Hochland Anatoliens aus das ägäische Meer erreicht, der wird unter 
allen umständen geneigt sein, das griechische Element als den Träger einer 
verhältnismäßig hohen Kultur anzuerkennen, während der Keisende, der vom 
Westen her griechischen Boden betritt, leicht zu Vergleichen mit westeuropä- 
ischen Verhältnissen verleitet wird. 



Inseln des ägäischen Meeres. 39 

Die Griechen zu studieren, war ich freilich nicht gekommen; das wäre 
mir in Anbetracht meiner höchst dürftigen Sprachkenntnisse auch gar nicht 
möglich gewesen, sondern das Land, das sie bewohnen, das ihre Vorfahren 
bewohnt haben, wollte ich kennen lernen, und die Unmöglichkeit längerer 
Unterhaltungen mit den Einheimischen war für meinen Zweck vielleicht sogar 
günstig, insofern ich dadurch mehr auf das Studium der Landschaft kon- 
zentriert bleiben konnte. Freilich reicht eine Ferienreise nicht hin, um einen 
genügenden Einblick in die Natur des ganzen griechischen Landes zu ge- 
statten; nur im Flug konnte ich Attika und die großartigen Oebirgsszenerien 
der Peloponnes, die herrliche Ebene Messeniens, den eigenartigen Reiz des 
AlpheiostaJes, die stimmungsvollen Eichenwälder und einsamen Weideflächen 
von Elis, das freundliche Korfd auf mich wirken lassen; dagegen war es 
mir vergönnt, die vielgestaltige Inselwelt der Ägäis etwas näher kennen zu 
lernen, teils durch Sichtung und kürzeres Betreten zahlreicher Inseln, teils 
durch längereu Aufenthalt (auf Santorin, Nisjros, Kos), der durch Fußwande- 
rungen, Ritte und Bootfahrten ausgefüllt wurde. Auf eine knappe Schilde- 
rung des Landschaftscharakters der Inseln des ägäischen Meeres werde ich 
mich daher im Folgenden zu beschränken haben. 

Schon der Blick auf eine E^rte verrät ohne weiteres die außerordentliche 
Mannigfaltigkeit der landschafblichen Bilder, die des Reisenden in der Ägäis 
harren: Land und Meer, Berg und Ebene stoßen hier auf engstem Raum zu- 
sammen, und es ergibt sich schon aus dieser Tatsache, daß außerordentlich 
verschiedenartige Gruppierungen dieser Einzelelemente zu wirkungsvollen Ge- 
samtbildern möglich sein müssen. Man könnte demnach erwarten, daß der 
Inselflur der Ägäis die Palme landschaftlicher Schönheit auf Erden zukommen 
müßte, und in der Tat sprechen sich manche Schilderungen mehr oder weniger 
bestimmt in diesem Sinn aus, meines Erachtens aber nicht ganz mit Recht, 
denn so hoch ich auch die Schönheit dieser Inselwelt einschätze — ich kann 
mir doch nicht verhehlen, daß obiges Urteil in dieser Allgemeinheit nicht 
wohl aufrecht erhalten werden kann. Es ist freilich gar nicht möglich, ver- 
schiedene Landschaften einwandsfrei mit Rücksicht auf ihre ästhetische Wirkung 
mit einander zu vergleichen; aber so viel scheint mir doch festzustehen, daß 
der Mehrzahl der griechischen Einzelinseln andere Gebiete unseres Erdballs 
an landschaftlicher Schönheit überlegen sind; ausnehmen möchte ich hier nur 
die Perle der griechischen Inselwelt, Santorin, jenen wunderbaren, teilweise 
vom Meer bedeckten Vulkan der Ägäis, innerhalb dessen zerbrochenem Riesen- 
krater in historischer Zeit eine ganze Anzahl von Lavastaukegeln aufgestiegen 
ist, die nun eigenartige vegetationslose oder wenigstens vegetationsarme dunkle 
Inselchen bilden mit steilen, stellenweise fast senkrechten Felswänden, mit 
wilden, blockübersäten Lavaströmen und schmalen gewundenen Buchten, eine 
(Mikrakaimeni) auch mit einem merkwürdigen Explosionskrater. Während 
aber diese Inselchen den meerbedeckten Innenraum zwischen den drei supra- 
marinen Resten des alten Kraterwalls in höchst malerischer Weise ausschmücken 
und durch ihre dunklen Farbentöne einen eigenartigen Kontrast zu dem 
tiefen Blau des Meeres bilden, steigen die Kraterwallreste selbst ungemein 
schroff an der Innenseite des Kraterkessels auf, sich stellenweise mehr als 



40 Karl Sapper: 

250 m über den Meeresspiegel erhebend. Weiße Bimssteinbftnke wechseln auf 
Thera und Therasia mit rotbraunen oder, scbwärzlichen Schlackenlagen ab, 
während sich da und dort eine mächtige grauschwarze Lavabank hinzieht. Der 
verschiedene Zusammenhalt dieser mit einander wechsellagemden Bänke erzeugt 
im Profil des Innenabfalls eine Aufeinanderfolge verschieden boher und ver- 
schieden steil abgeböschter Stufen. Von ferne grüßt die über dunklen 
Schlackenlagen aufgebaute, senkrecht abbrechende weiße Bimssteinkappe vom 
Aspronisi herüber. Auf den höchsten Höhen von Thera und Therasia aber 
thronen die auf mächtigen Stützmauern ruhenden weißgetünchten Häuser 
und Eirchep wohlhabender Dörfer, während der hellgraue Bimssteinboden der 
sanft gegen das Meer hin abfallenden Außen abdachung fast ganz mit Reben- 
pflanzungen bedeckt ist, nur da und dort Raum für Landhäuser und Ort- 
schaften lassend. Im Südosten Theras freilich ist der gleichförmig sanfte 
Außenabfall des Vulkans durch ein schroffes Kalksteinmassiv unterbrochen, 
dessen Gipfel das weithin sichtbare Kloster Hagios Elias krönt, während an 
Beinem hochgebirgsartig steil ins Meer abfallenden Osthang unterhalb der 
altgriechiscben Stadt von Mesobuno die Überreste der wundervoll gelegenen 
Einsiedelei Askitario ungemein kühn am Felsen angeklebt sind. So bietet 
denn die Inselgruppe von Santorin eine solche Abwechslung von Formen 
und Farben, wie sie wohl kaum wieder irgendwo auf dem Erdenrund in 
gleich harmonischer Verbindung auf engstem Raum wiederkehrt; und denkt 
man sich über all dieser Herrlichkeit einen tiefblauen Hinunel mit strah- 
lender Sonne und weißen ziehenden Wolken, so muß man in der Tat zu- 
gestehen, daß Santorin einen Höhepunkt landschaftlicher Schönheit auf Erden 
bedeutet. Nichts innerhalb der ägäischen Inselwelt kommt ihm auch nur an- 
nähernd gleich; selbst Nisyros mit seinen regelmäßigen vulkanischen Außen- 
hängen und den wild aufgetürmten Staukegeln des Kraterinnem, mit seinen 
merkwürdigen kleinen Einzelbocas und der prächtigen, die Hauptinsel ein- 
kleidenden Inselkette kann mit Santorin nicht wetteifern, auch wenn man 
von dem geringeren Formenreichtum absehen wollte, der in der rein vulka- 
nischen Natur der Insel begründet ist. 

Den vulkanischen Inseln der Ägäis stehen an eindrucksvoller Wirkung 
noch am nächsten jene Inseln, die sich teilweise aus Kalkgebirgsstöcken zu- 
sammensetzen, teilweise aber auch andere geologische Formationen aufweisen, 
denn durch den mehrfachen Wechsel der Gesteinsarten kommt eine wohl- 
tuende Abwechslung der Formen zu Stande, die in manchen Fällen ästhetisch 
sehr befriedigende Wirkungen erzielt. Der Wechsel der Linienführung inner- 
halb eines einzelnen Inselkörpers bringt im Gegensatz zu der stetigen, ringsum 
dominierenden Horizontalen des Meeres ein solches Leben in das Gesamt- 
bild, daß man sich nicht genug über die Mannigfaltigkeit der Formen freuen 
kann. Am auffälligsten tritt dieser außergewöhnliche Linienreichtum zu Tage 
auf der Insel Kos, die allein unter ihren Nachbarn eine langgedehnte Küsten- 
ebene besitzt, andrerseits aber auch wild und hoch aufragende Kalkstein- 
berge von z. T. wahrhaft alpiner Großartigkeit aufweist, während sich da- 
neben weiche tertiäre Schichten in milden Böschungen und mehrfachen Ter- 
rassen abdachen, am andern Inselendc aber jungeruptive Kuppen aufragen 



Inseln des ägäischen Meeres. 41 

und zwischen beiden Gebirgsgegenden ein ausgedehntes, jungvulkanisches Tuff- 
plateau, von tiefen Barrancos durchbrochen, jene eigenartige Verbindung einer 
horizontalen Hauptlinie mit jäh abbrechenden, steilgeknickten Nebenlinien auf- 
weist, wie sie für äolisch -vulkanische Landschaften kennzeichnend sind. 

Den meisten Inseln des ägftischen Meeres fehlt aber eine derartige weit- 
gehende Mannigfaltigkeit des geologischen Auf baus, was sich naturgemäß auch 
in der landschaftlichen Erscheinung kundgibt: wo krystallinische Massen, 
Schiefer oder sonstige der Zersetzung und Abtragung leichter zugängliche 
Gesteine vorherrschen, sehen wir sanft aufsteigende Kammlinien, die sich viel- 
fach durch die Schönheit ihrer Kurven auszeichnen, aber durch mehrfache Häu- 
fung auf engem Raum etwas ermüdend wirken können, um so mehr, als manche 
Inseln so klein sind, daß sie nur in einem einzigen, alles dominierenden 
Berge gipfeln und daher jener Abwechslung entbehren, deren z. B. noch Naxos, 
als verhältnismäßig gi'oße, mehrgipfelige Insel, teilhaftig ist. Im scharfen 
Gegensatz zu dem meist sanften Fluß der Linien der eben erwähnten Inseln 
steht die schroffe, oft jäh geknickte Profillinienführung der Kalksteininseln, 
die dem Freund wildromantischer, fast alpiner Szenerie viele Befriedigung 
gewähren mögen, aber trotzdem nicht eigentlich formschön genannt werden 
können und hauptsächlich nur durch den Farbengegensatz zwischen den oft 
weithin kahlen, grauen Felswänden und dem tiefblauen Meer das Auge erfreuen. 

Günstig für die landschaftliche Gesamtwirkung der ägäischen Inselwelt 
hat es sich aber gefügt, daß die verschiedensten landschaftlichen Inseltypen 
oft auf so engem Raum zusammen vorkommen, daß man, namentlich von 
einer beherrschenden Bergspitze aus, Inseln ganz verschiedener landschaftlicher 
Ausgestaltung auf einmal überblickt und damit einen wesentlich befriedigen- 
deren Gesamteindruck erhält, als wenn man nur gleichartige Inseln vor sich 
sähe. Dies wird einem besonders eindringlich auf den hohen Bergen von 
Kos klar, wie schon Melchior Neumayer hervorgehoben hat, indem er 
sagt:^) „Steht man auf einem der höheren Berge von Kos, der das Meer im 
Süden und Norden beherrscht, so bilden die eisgrauen Kalkfelsen von Ka- 
lymnos und Kapparo auf der einen, die dunklen Lava- und Aschenmassen 
von Nisyros auf der anderen Seite einen landschaftlich und geologisch äußerst 
interessanten Kontrast." 

Eines aber fiel mir bei den Inseln der Ägäis sofort ins Auge, daß 
fast alle, mit Ausnahme der Vulkanin seln^ sehr steil gegen das Meer hin ab- 
fallen, mochten die Inseln nun aus kalkigen, schiefrigcn oder massigen, erup- 
tiven Gesteinen zusammengesetzt sein; freilich zeigt sich im Verlauf der 
Böschungslinie je nach der geologischen Beschaffenheit wieder große Ver- 
schiedenheit; fast immer aber war auch hier in der Ägäis, wie bei anderen 
Hochinseln (z. B. der Tropen), die ich daraufhin untersucht hatte, der Abfall 
gegen das Meer zu jäh. Der Gnmd ist hier offenbar derselbe, wie z. B. auf 
den Antillen; er ist, wie ich früher schon dargelegt habe*), darin zu suchen, 

1) Cber den geologischen Bau der Insel Kos. Denkschr. k. Ak. d. Wiss. Wien. 
Math. nat. Gl. XL. S. 28. 

2) In den Vulkangebieten Mittelamerikas und Westindiens. Stuttgart, Schweizer- 
barth 1905. S. 2J0ff. 



42 Karl Sapper: 

daß die Engräumi^rkcit der Inseln dio Abtragung wesentlich I).- 
schleunigt, während die Weilräuniigkeit der Kontinente oder 
sonstiger größerer Landt'lilehen sie verlangsamt. Hiese Heschh'unignng 
der Abtragung engräuniiger (Jebieto ist natürlich um s»i stärker, je steib-r 
der submarine Küstenabtall, jv tiefer das benachbarte Meer ist, was übrigens 
Platü im Kritias illl) schon andeut»'te, iuch'm er sagte, daÜ «lie „vielen 
und mächtigen l'berschwemmungen (in Attika) die von der Hübe herab- 
geschwemmte Evtle niidit, wie an<ler\\ärts, aufdämmten, Si»n(b*rn daÜ sie, immer 
ringsherum tortgesehwemmt , in die Tiefe verschwände". In der Tat. steigen 
die Inseln der Agäis zumeist au.s recht tiefem Meere auf, .so ilaß e> sehr 
wohl begreitiich i-^t, daß das von den Inseln abgeschwenuute Mat»'rial zumeist 
nicht , wie etwa bei den Alluvialbildungen «1er kb-iiuisiatisehen Flüsse, 
Kbenen bilden knnnte; dagegen findet num im Xorden von Kns seichtes Meer, 
und so erklärt es sich, daß sieh gera«le dort «'iiu? größere Schwenunland- 
ebene gel)ildet hat, während im Süden derselben Insel die Herge unmittel- 
bar ins tiefe Meer abtallen. So hat als«.» die geringe Tiefe des Meeres im 
Norden der Insel mittelbar einen großen Einfluß auf die landschaftliche, und 
fügen wir gleich noch hinzu, auch wirtschaftliche Entwicklung der Insel 
ausgeübt. 

Daß im letztt.'n (Irund tektonische Vorgänge für die Auflösung des ehe- 
maligen ägäisehen Festlamles in Inseln und für die Ausgestaltung des 
Lantlschaftscharakters, in nuinehen Rillen auch für die Steilheit ein/einer 
Böschungen verantwortlich zu nuichen sin<l, scheint mir sicher zu sein, aber 
für die feinere Herausmodellierung der Formen muß doch die Tätigkeit des 
Wassers, in geringem Maße auch die des \Vin<les, angenommen werden, und 
für die Art der llerausmodi'Uierung der Ein/elformen war die Engräumigkeit 
der Ins(du bedeutsam. Aber auch die physikalische Heschatfenheit der geo- 
logischen Einzelgebilde, namentlich ihre Wasserdurchlässigkeit, hat auf die Aus- 
gestaltung des Landschaftsbildes der griechischen Inseln einen großen Eintluß 
ausgeübt: die jungvulkanischen Tuti'hänge von Santorin und Nisyros zeigen 
viel weniger gut ausgebildete Täler und Flußrinnen als die übrigen Inseln 
d«»s Gebiets, weil die Kegeuwasser, wenn sie nicht mit großer Heftigkeit und 
Masse niederstürz(*n, von dem lockern liimssteintutf aufgesogen werden und dann 
gar ni(*ht obertiächlich /um Abtluß gelangen. Dieselbe Eigenschaft der Talka- 
nischen Tutie wirkte aber auch indirekt auf die AusgestEiHiing des Laad- 
scliaftsbildcs ein: da auf diesen vulkanischen Bc^dae Quülldn und dauernd 
Üießentle Bäche völlig fehlen, sind die Mensehea tiir ihr^i Wossorvursargung 
auf Zisternen angewiesen, die sie natürlich ebensogut auf data Ot|i&d mi3 an 
den Hängen des (leländes erbauen können- Dahejr sind auch die iBi«iniriiUc>iea 
Si(»delungen auf den vulkanischen Inseln scWinbiu- 7.i«nilkb i^gfilosllßig Ülwt 
tlie Hänge hin zerstreut und etliche der wichtigsten %|F^^ 
und Santorin krönen sogar die höchsten Tdkj^" 
den nichtvulkanischen Inseln dagegen aiehtji^^^ 
wichtigsten iSiedelungen — abgesi 
gebundenen Hafenstädten — sich 
mag auch in früheren Zeiten 




Tafel 1. 



gfftischen Meers. 




(Aufn. von E. Sapper.) 




Hinterer und Ko6. 






■ * • - % 



Inieln dei ägälsehen Meerei. 48 

merkwürdige Siedelungäl&ge empfohlen haben, so ist doch das gegenwärtige 
Ausdauern der Bewohner an der alten Statte — neben der Scheu vor Ma- 
laria — in erster Linie durch die Gunst der Wasserversorgung verursacht: 
auf den griechischen Inseln ist in halber Höhe der Berge vielfach fließendes 
Wasser vorhanden, in der trockenen Jahreszeit aber erreicht es das Meer 
nicht mehr, sondern versickert lange vorher, so daß der Anwohner des Meeres 
seinen Wasserbedarf durch Brunnen oder Zisternen decken muß. Das ins 
Grün der Finichtbäume eingebettete Weiß der hochgelegenen Dörfer hebt die 
malerische Wirkung der sonst ziemlich gleichfarbigen, im Sommer meist braun- 
rötlichen Inselhänge ganz wesentlich und bringt Abwechslung in das etwas 
eintcmige Bild mancher Inseln. Höchst auffällig für das Auge des Wanderers 
ist namentlich der Anblick der zahlreichen Hochdörfer am Nordhang des 
Kalkgebirgszugs des östlichen Kos, und verwundert sieht man, wie daneben 
auf dem niedrigen Isthmus der Insel zwischen den Östlichen und westlichen 
Höhen die Hauptdörfer auf den höchsten Erhebungen des Plateaus gelegen 
sind und auch früher schon, in der Johanniterzeit, gelegen waren; aber auch 
hier gibt die geologische Untersuchung die Antwort auf die Frage nach dieser 
landschaftlichen Anomalie: der Isthmus zwischen dem Ost- und Westgebirge 
ist seiner Zeit, wohl von Nisyros her, mit vulkanischen Auswürflingen, 
namentlich Bimssteinlapilli, überschüttet worden, und naturgemäß stellten sich 
damit auch lokal die Ansiedlungsbedingungen vulkanisch-äolischer Landschaft 
ein, wie sie über das ganze Erdenrund hin zu verfolgen sind: die Festsetzung 
der Ansiedler auf dem Plateau selbst (oder wo die Verteidigungszwecke in 
den Vordergrund traten, auf vorgeschobenen Plateau-Inseln oder -Vorsprüngen), 
während die Wasserversorgung durch Zisternen oder von benachbarten, in 
tiefen Schluchten fließenden Bächen her erfolgen konnte. 

Die verhältnismäßig sehr große Mannigfaltigkeit dos geologischen Auf- 
baus der Inseln des ägäischen Meeres hat so direkt und indirekt auch eine 
große Mannigfaltigkeit der landschaftlichen Erscheinung bewirkt und damit 
der ägäischen Inselflur in der Tat einen Vorzug vor den allermeisten Insel- 
gruppen der Erde verschafft. Die Dürftigkeit der Pflanzendecke läßt die 
Formen der einzelnen Inseln fast unverhüllt hervortreten und mit Freude er- 
kennt ein geologisch geschultes Auge schon aus weiter Feme das regelmäßig 
schöne Profll vulkanischer Aufschüttungskegel, die bizarren Linien von La- 
vastaukegeln, die sanft geschweiften Umrisse schieferiger Berge, die plumpen, 
etwas brutal wirkenden Foimen der Kalksteinklötze mit ihren stellenweise 
sanft auf- und absteigenden, dann wieder in scharfe Spitzen und jäh ge- 
brochene Kanten auslaufenden Linien, und auch auf den ungeschulten Beob- 
achter wird dieser große Formenreichtum der ägäischen Landschaft einen 
ästhetisch anregenden Eindruck machen, wenn auch vielleicht nicht immer 
einen völlig befiiedigenden, da die Gegensätze der Linienführung manchmal 
allzugroß sind und manche Einzelt'onnen, so namentlich der Kalkberge, wohl 
durch Wildheit, nicht aber durch Schönheit der Umrisse, imponieren. Es 
kommt durch sie in das Landsohaftsbild eine gewisse Unruhe und Unaus- 
geglichenheit, die durch den Gegensatz zu der allenthalben hervortretenden 
stetigen Horizontalen des Meeres nur noch außalliger wird. 



44 Karl Sapper: 

Aber wie der ästhetiscli abw&gende Sinn von der Ocsamtwirkung der 
Formen nicht ganz befriedigt wird, so kann er es auch von der Gesamtwir- 
kung der Farben nicht sein — zum mindesten nicht im Sommer und Herbst*), 
wenn die Vegetation verbrannt und armselig erscheint und tiefes Grün nur 
in vereinzelten, meist auf die Nähe der menschlichen Ansiedlungen beschränkten 
Flecken im Landschaftsbild hervortritt. Hochwald fehlt ja auf den meisten 
Inseln vollständig und wo er noch vorkommt, wie in Kos, nimmt er so ge- 
ringfügige Flächen ein, daß er das Landschaftsbild nicht wesentlich beeinflussen 
kann. Dieser Mangel an Wald, der die Inseln umkleidete und manche allzu 
schroffen Formen mildernd verhüllte, bringt die ägäische Inselwelt in entschie- 
denen landschaftlichen Nachteil gegenüber anderen Inselgruppen der gemäßigten 
Zonen und der Tropen. Sehr ungern vermißt das Auge das Grün im Farben- 
konzert der vom Blau des Meeres als Gnindton beherrschten griechischen 
Landschaft. Wohl treten in Folge der Dürftigkeit des Pflanzenkleides die 
Eigenfarben der Gesteinsarten oft halbverhüllt, oft weithin völlig frei zu Tage: 
das Grau der Kalkfelsen, das Schwarz jungeruptiver Gesteinsmassen, das Grau- 
Weiß der Bimssteinabsätze, das Rotbraun schieferiger Gebilde, das Hellgrau 
mergeliger Schichten — aber all dieser Farbenreichtum ersetzt nicht den 
Mangel an Grün und die braunrötlieh oder gelblich angehauchten, mit 
niedriger Vegetation bestandenen Hänge würden trotz des Formenreichtums 
der oft kräftig modellierten Flächen manchmal geradezu langweilig anmuten, 
wenn nicht da und dort weißgetünchte Landhäuser, Klöster, Dörfer wie Licht- 
punkte hervorleuchteten und die einfarbigen Flächen freundlich unterbrächen. 
An die Stelle steppenhaffcer Grasfluren, Kraut- und Strauchflächen treten aller- 
dings auch häufig weitausgedehnte Buschformationen ; sie überdecken aber nicht 
geschlossen die ganze Fläche, vielmehr sind die Einzelbüsche oder Busch- 
gruppen Sehr häufig durch kleine Flächen von Kahlboden oder Gras- und 
Krautvegetation von einander geschieden, so daß derartige Geländestrecken 
ein eigenartig geflecktes, man möchte sagen, getigertes Aussehen erhalten: 
dunkelgrüne Flecken auf hellem (grauem bis rötlichem) Grund — ein ästhe- 
tisch imbefriedigender Anblick! Wesentlich freundlicher erscheinen daneben 
die menschlichen Kulturen: Weinberge und Felder aller Art, soweit nicht be- 
reits die Frucht eingeheimst ist und gelbe Stoppelfelder an die Stelle der 
grünenden Flächen getreten sind. Auf alle Fälle ist der Einfluß des Men- 
schen auf die Ausgestaltung des ägäischen Landschaftsbildes sehr beträchtlich, 
denn die Besiedelung der Inseln ist so dicht, daß weite Flächen dem Acker- 
bau oder dem Weidebetrieb dienen milssen, daß die nicht unmittelbar unter 
Kultur stehenden Flächen durch Abholzung oder W^uchsbeschädigung (durch 
die weidenden Ziegen z. B ) wesentlich verändert worden sind, und daß mensch- 
liche Siedelungen, stellenweise sogar schon W^egebau, das landschaftliche Bild 
stark beeinflussen. Daß bei all diesen Betätigungen des Menschen der Ein- 
fluß der geologischen Beschaffenheit (sei es in Auswahl der Bodenbenutzung, 

1) Die griechischen Inseln zu andern Jahreszeiten, namentlich im Winter zu 
sehen, war mir nicht beschieden; ich habe daher die Mitwirkung des Schnees an 
der Farbenwirkung der Landschaft nicht in Betracht ziehen können. 



Inseln des ägäischen Meeres. 45 

des Platzes der Siedelung, der Anlage der Wege usw.) eine eigene Rolle 
spielt, braucht hier nicht besonders erwähnt zu werden. — 

Schon Yon weitem zeigen dem Reisenden gewisse Unterschiede in der 
Erscheinung der Siedelungen die Art der Bevölkerung an, indem auf den 
türkischen Inseln vielfach noch schlanke Minarets auf die Anwesenheit von 
Türken oder sonstigen Anhängern des Islam hinweisen, während daneben, oft 
Yon hoch beherrschenden Felshöhen herab, freundliche weißgetünchte Kapellen, 
Kirchen und Klöster griechisch katholischer Christen herübergrüßen; auf den 
griechischen Inseln der Ägäis aber findet man neben den Kirchenbauten ortho- 
doxer Christen oft auch römisch-katholische Tempel, manchmal etwas plump, 
nicht ganz stilrein. Im allgemeinen muten die Dörfer und Städte der tür- 
kischen Gestade freundlicher an, wegen des Schmucks der Minarets und der 
einfachen, oft sogar unvollkommenen Weißtünchung der flachen Häuser, als 
die anspruchsvolleren Städte imd Dörfer der griechischen Seite, wo nicht 
selten, wie z. B. höchst störend in Syra, verschiedenfarbiger Maueranstrich 
die Farbenharmonie des Bildes stört. Das Schönste der Stadt- und Dorf- 
bilder ist aber vielfach der Schmuck der tiefgrünenr breitkronigen Frucht- 
bäume, der schlanken Pappeln, der Palmen und Agaven, und manche be- 
scheidene Dorfkirche, an grauen Kalkfels gelehnt und von schwarzgrünen 
Zypressen umrahmt, mutet fast an wie das Original gewisser Böcklinscher 
Landschaften. Überhaupt, wer den intimen R«iz griechischer Landschaft 
kennen lernen will, der darf nicht am Dampfer und den Hafenstädten kleben, 
der muß ins Innere wandern und wird hoch befriedigt die prächtigen 
stimmungsvollen Einzelbilder genießen, die seiner dort harren. Wohl erblickt 
man auch vom Dampfer aus manch prächtiges Landschaftsbild aus größerer 
oder geringerer Entfernung, und besonders kräftig pflegt die malerische 
Wirkung antiker oder mittelalterlicher Baureste zu sein, da wo sie massig 
genug erhalten sind, um vom Strand oder von beherrschender Höhe aus 
weit ins Meer hinauszuschauen, wie etwa die Akropolis von Nisjros oder die 
Johanniterburgen von Kos. Wenn das Schiff nahe an die Gestade heran- 
kommt, so verspürt der Reisende zuweilen schon einen Hauch von der in- 
timen Wirkung, deren zahlreiche Einzelbilder ägäischer Insellandschaft fähig 
sind — hier eine kleine Bucht mit felsigem Eingang und schmalem Sand- 
strand, eine baumbeschattete Hütte im Hintergrund; dort eine einsame Palme 
am Ausgang einer stillen Talschlucht; dann wieder tiefgrüne Büsche, die aus 
Ritzen der grauen, von Wellengischt gebadeten Kalkfelsen hervorwachsen 
XL dergl. Aber den vollen Reiz der landschaftlichen Schönheit der Ägäis 
lernt man doch immer nur kennen, wenn man die vielbetretenen Pfade ver- 
läßt und auf einsamen Wegen durch die Dörfer, die Einöden und Berge 
schweift imd mit wachsender Höhe das Meer in immer tieferem Blau zu 
Füßen sieht. Vor allem treten dann die Pflanzen mit aller Eigenart ihrer 
Einzelformen, die Tiere und der Mensch mit seinen Werken als wirksame 
Staffage vielfach in den Vordergrund imd verleihen den Bildern oft einen 
sehr bedeutenden Stinmiungsgehalt: wie freundlich grüßen auf hoher Berges- 
höhe zwischen weißgrauem Kalkfels kräftige grüne Bergkiefern den stillen 
Wanderer, wie fröhlich rastet sich's im Tal im Schatten riesiger Platanen am 



46 Karl Sapper: InBein des ägäiBchen Meeres. 

Band des tiefen Schöpfbrunnens, dem die gefälligen Anwohner des Orts mit 
Schöpfeimern das köstliche Naß für die Beisenden und ihre müden Esel oder 
Maultiere entnehmen, wie prächtig heben sich die scharfen Silhouetten des 
auf hohem Berggrat stehenden Hirten und seiner weidenden Binder oder 
Schafe vom glutumflossenen Abendhirnmel ab, wie freut sich das Auge des 
Wanderers am Anblick des weißen Gehöfts, das einsam in sonniger Heide 
steht am Bande einer grünenden Baumgruppe, während draußen am Horizont 
noch da und dort eine schlanke Pappel, ein Maulbeerbaum scharf konturiert 
über die unruhig tanzende untere Luftschicht der erhitzten Ebene aufsteigt! 
Es sind köstliche Momente im Dasein eines Wanderers, all diese Summe 
von Schönheit stimmungsvoller Landschaft zu schauen, und einen Höhepunkt 
erreichen die Einzelbilder, wenn in der Ferne noch das tiefe Blau des Meeres 
erscheint und Insel auf Insel mit wechselvollen Konturen und matten Tinten 
aus dem leuchtenden Azur des Wassers emporsteigt. Nicht leicht dürfte ein 
Landschaftsbild anderer Zonen den Farben- und Formenreichtum der Land- 
schaft am Asphendiü erreichen, wenn der Schimmer der untergehenden Sonne 
den Farbenreichtum des Bildes noch erhöht: zu seinen Füßen sieht der 
Wanderer die weißen, flachdachigen Häuschen und Kirchen des Dorfes da- 
hingestreut in das Grün der Fruchtbäume und das Silbergrau der ölhaine; 
stolz ragen da und dort etliche schlanke Pappeln oder Zypressen über ihre 
Umgebung her\'or; in weiterer Entfernung zeigt sich der sanft geschweifte 
Kalk-Bergrücken des Hagios Elias, daneben die weite Küstenebene mit ihren 
gelben Weideflächen und den wohlgepflegten grünen Weingärten, zwischen 
denen sich ein großer salziger Strandsee ausdehnt; dahinter tiefblau das 
Meer und die energischen Proflllinien von Kaljmnos und Pserimos. — Wie 
so anders erscheinen neben diesem freundlichen Bild die trotzigen Buinen 
der benachbarten Johanniterfeste Palaeopylli auf kahlem Kalkfels oder die 
finstere Burg von Kephalos auf öden, fast ganz des Pflanzcnkleides baren 
Höhen vulkanischer Tuffe, in deren steilen Wänden Winderosion flache Ver- 
tiefungen herausgearbeitet hat. Und wieder — wie so anders gestaltet sich 
der Blick, wenn man von der Höhe des Plateaus von Antimachia durch eine 
der zahlreichen mit fast senkrechten Wänden oben anhebenden, dann aber 
nach der Flußrinne zu sich allmählich verflachenden Erosionsschluchten auts 
Meer hinausschaut, dessen mit dem Himmel fast verschwimmende Grenzlinie 
so ruhig dahinzieht, oder wenn man von der beherrschenden Felskuppe des 
Christos die ganze große Insel Kos mit all ihrer Mannigfaltigkeit, das blaue Meer, 
die Nachbarinseln und weithin die kleinasiatischen Küstengebiete überblickt. 
Dann aber wieder, welch eigenartigen Reiz übt es ausj des Abends etwa auf 
den Buinen des Asklepieions zu stehen, rings umher die Trümmer einer hehren 
Vergangenheit, am Fuß des Uuinenhügels die malerische Schar der Arbeiter, 
um ihren Herrn gruppiert, zu Füßen die ferne Stadt Kos und die Küsten- 
ebene, das Vorgebirge von Halikarnaß und zahlreiche Inseln inmitten des 
schäumenden Meeres, am westlichen Himmel das herrliche Farbenspiel rötlich 
beleuchteter Wolken und ineinander verschwimmende Tinten von Orange und 
Gelb, mitten darin der untergehende Feucrball der Sonne! Ganz verschieden, 
aber ebenfalls anregend und groß, wirkt auf den Beschauer der Anblick der 



Geographische Zeitschrift. XIl. 1906. 

Zu Sapper: Inseln des ägäischen Meers. 



Tafel 2. 




Nikia, Siedelung auf dem Kraterwall von Nisyros. (Aufn. von K. Sapper.) 




Kryonero auf Koh (Kalkgebirge). (Aufn. von R. Herzog.) 



Karl Oestreicb: Zur Hydrographie des Earsts. 47 

wilden Staukegel nnd vegetationslosen Kraterflächen von Nisjros neben den 
mit unsäglichem Fleiß zu Ackerbauzwecken mit künstlichen Terrassen über* 
zogenen grünenden Hängen des alten Kraterwalls, den etliche Windmühlen und 
Dörfer mit weißblinkenden Flachhäusem freundlich krönen, und wie malerisch 
sieht es in diesen Höhendörfem selbst aus, in ihren schlecht gepflasterten, 
unglaublich engen Straßen, wenn etwa die Ziegenhirtin in ihrer farbenreichen 
Tracht an der Spitze ihrer Schutzbefohlenen dahinschreitet, freundlich die 
Nachbarn begrüßend — ein Idyll! 

Keine weiteren Beispiele wollen wir namhaft machen; aber so viel steht 
fest, daß man fast auf Schritt und Tritt neue reizende Einzelbilder findet, 
und daß demnach das Wandern im Innern dieser Inseln ein Hochgenuß ist, 
sofern man unempfindlich ist gegen die Strapazen, die Klima, Wegebeschaffen- 
heit und Unterkunftsverhältnisse auferlegen. Besonders reizend sind diese 
Wanderungen auf den türkischen Inseln der Ägäis, weil dort nicht nur Türken 
und mohammedanische Kreter, sondern auch Griechen noch in Tracht umher- 
gehen, indes auf den griechischen Inseln westeuropäische Kleidung fast allein 
noch zu sehen ist. Dazu kommt, daß dort neben türkischen und modem- 
europäischen Bauten so häufig antike Ruinen und wohlerhaltene Reste mittel- 
alterlicher deutscher Gotik das Auge des Reisenden erfreuen und ihm mit 
einem Mal einen Ausblick in die ganze Wechsel volle tausendjährige Geschichte 
dieser Stätten eröffnen. 

Alles in allem genommen darf man in der Tat die Inselwelt der Ägäis 
als ein landschaftlich besonders bevorzugtes Gebiet ansehen; und wenn ich 
auch nicht zugeben kann, daß es gerade das Schönste wäre, was es an Land- 
schaften auf dem Erdenrund gibt, so muß ich doch gestehen, daß der bloße 
Anblick einer Karte des ägäischen Meeres mir nach dieser Reise unwillkür- 
lich eine ganze Summe angenehmer Erinnerungen auslöst: liebe Menschen, 
gefällige Gastfreundschaft, interessante Ti-achten, schöne Pflanzentypen, prächtig 
gelegene Dorfschafben, stolzragende Berge, sonnenüberglühte Fluren und schat- 
tige Haine, grauer Fels und blaues Meer, Wärme und Sonnenschein — 
freilich manchmal auch Tage des Sturms, die des Reizes wilder Schönheit 
aber auch nicht entbehren — das alles tritt dann mit zwingender Gewalt 
vor mein geistiges Auge, und ich rufe dann wohl in der Stille ein fröhliches 
Glückauf den Reisenden zu, die nach mir alle diese Schönheit schauen und 
genießen dürfen! 



Znr Hydrographie des Karsts.^) 

Von Karl Oestreioh. 

Den Titel eines bekannten geomorphologischen Werkes variierend könnte 
man Grunds Studien aus West-Bosnien „das Gesetz der Verkarstung" über- 
schreiben. Ihm ist in der Tat eine einfache und plausible Erklärung der 

1) Grund, Alfred. Die Earsthydrographie. Studien aas West-BoBnien. (Geo- 
graphische Abhandlungen, hrsg. von Penck. Bd. YIl. Heft 3.) 200 S.., 14 T^xXaX^^., 
8 Taf. Leipzig, Teubner 1U08. .iL 6.80. 



48 Karl Oestreicb: Zur Hydrographie des Earsts. 

Erscheinungen der Yerkarstung gelungen, und so kann man sagen, daß die 
durch Cviji6s Arbeiten begonnene morphologische Erforschung der Karstländer 
nach ihrer theoretischen Seite — nicht nach der Seite gleichmäßiger Durch- 
forschung hin — zu einem gewissen Abschlüsse gediehen ist. 

Über dem „stagnierenden Grundwasser^^ (das nach oben durch eine sich 
zum Meeresniveau senkende Fläche begrenzt wird) fließt ab zum Meeresniveau 
das „Karstwasser^^ das zu bestimmter, von den jahreszeitlichen Niederschlägen 
abhängiger Mächtigkeit gespeist wird von dem in den Klüften der Oberfläche 
vertikal zirkulierenden atmosphärischen Niederschlag. Das Karstwasser hat 
demnach ein „unteres^^ und ein „oberes*^ Niveau, das jeweils mit etwa einem 
Monat Verspätung gegen das Niederschlagsextrem erreicht wird. Dies wird 
an den Ponoren aufs schönste wahrgenommen, und zwar ist in einem Beispiel 
der Abstand beider Extreme 40 m. Dieser Wert, in Verhältnis gesetzt zu 
dem Wert des. diesen Abstand bedingenden Niederschlagsunterschiedes, ermög- 
licht einen ungefähren Betrag der Klüfbung zu berechnen: 0,0024 cbm Klüfte 
auf 1 cbm Kalk. 

Die Lage der Quellen, der Talsohlen, der Poljenflächen zu den beiden 
Karstwasserniveaus erklärt nun alle Erscheinungen der Wasserführung sehr 
einfach: periodisches Fließen oder Unterwassersein läßt auf Lage zwischen 
oberem und unterem, perennierendes Fließen oder beständiges Unterwassersein 
auf Lage unter dem unteren Karstwasserniveau schließen. Bei Lage über 
dem oberen Karstwassemiveau erfolgt die Bewässerung vom Gebiet undurch- 
lässiger Gesteine her. — Nur wenig kompliziert werden die genannten Ver- 
hältnisse durch stauende Hindemisse, Antiklinalen oder eingefaltete Synklinalen 
von undurchlässigen Schichten. 

Es wird dann der Vorgang und Art und Weise der Innudation der 
Poljen besprochen, und bei Erwähnung der Umgestaltung der Austrittsponore 
in Höhlen fallen Streiflichter auf die auffallende Tatsache, daß so selten 
unterirdische Zusammenhänge oberirdischer Flußtorsi nachzuweisen sind. 

Sehr wichtig sind die Bemerkungen über das Flußsjstem des Karstes; es 
sind zu unterscheiden Karstwasserflüsse, also periodische, im Karstwasser ent- 
stehende, und perennierende, aus undurchlässigem Gestein kommende Flüsse. 
Diese allein führen mechanische Erosionsarbeit aus, es sind die Canonflüsse, ent- 
standen als Überfließungserscheinungen ausgefüllter Karstpo^en, entstanden 
also von der Quellregion her. Auch der physiognomische Unterschied der 
Kalkalpen und des Karstes wird berührt, er kommt von der relativen Lage 
der Erosionsbasen zur undurchlässigen Unterlage des Kalkes, da doch das geo- 
logische Profil das gleiche ist. Allgemeine Zustimmung wird der Verfasser 
auch mit seiner Erklärung der Poljen finden als gewöhnlicher tektonischer 
Senkungsfelder. Während diese, wenn wir im Beispiel der von Grund an- 
gezogenen ostalpinen Senkungsfelder von Judenburg, Sekkau usw. bleiben, in 
undurchlässigem Gestein eingesunken, durch Überflüsse ihrer Seen zu Fluß- 
weitungen werden, erfolgt im Karstgestein eine Konservierung der Form und 
oft auch der Abflußlosigkeit, weil sie eben durch das Karstwasser gespeist 
und drainiert werden. 

Diese in dem „Schlußbemerkungen" überschriebenen Abschnitt enthaltenen 
Bemerkungen sind eine Zusammenfassung der Ergebnisse geomorphologischer 
Einzel Untersuchung, deren Material den Hauptteil des Buches füllt. Leider 
ist die Lektüre durch den Mangel an beigegebenen Karten einigermaßen er- 
schwert. Der Verfasser gelangt u. a. zu einer schärferen und ausführlicheren 
Gliederung der Terrassen an den Poljenrändem, als sie Cviji6 gegeben hatte. 



Geographische Neuigkeiten. 



49 



Die oligo-miocäne Einebnungsfläche wird z. B. für das Polje von Livno in 
größere Höhe angesetzt, als bisher geglaubt wurde, dadurch rückt auch der 
Spiegel des Poljensees bedeutend hinauf, es werden femer pliozäne und diluviale 
Terrassen unterschieden. Es ist nicht möglich, den Inhalt des Buches in 
Kürze zu erschöpfen, aus dem ebenso die allgemeine geologische Erforschung 
und eiszeitliche Spezialforschung wie die Praxis des Wasserbaus reichen Nutzen 
ziehen wird. 



Geographisehe Neuigkeiten. 

ZnsammeDgestellt von Dr. August Fitzau. 



Asien. 

* Eine französische archäolo- 
gische Expedition nach Zentral- 
Asien wird gegenwärtig von Prof Pel- 
liot und Dr. Yaillant ausgerüstet; die 
Kosten tragen der Minister des öffent- 
lichen Unterrichts, die Akademie der In- 
schriften und schönen Wissenschaften, die 
Geographische Gesellschaft und das fran- 
KÖsiflch-asiatische Comit^. Hauptzweck 
der Expedition ist das Studiam von Bau- 
denkmälern aus der alten turko- buddhi- 
stischen Kulturperiode vor der Bekehrung 
der Türken zum Islam, womit sich Pelliot 
hauptsächlich befassen wird, während 
Yaillant natarhistorischen und geogra- 
phischen Studien obliegen will. Die Ex- 
pedition, an der auch ein Photograph 
teilnimmt, geht zunächst nach Kaschgar 
und wird in Peking ihren Abschluß finden ; 
für ihre Dauer sind zwei Jahre in Aus- 
sicht genommen. 

AfHka. 

4C Eine Erkundigungsreise in die 
noch unerforschten Gebiete der 
westlichen Sahara, durch welche 
die wichtigsten Karawanenstraßen zwi- 
schen Marokko und dem westlichen Su- 
dan fähren, hat im Sommer 1906 der 
firanzösische Kapitän Flye Sainte- 
Marie ausgeführt. Die westlich vom 
Qued Saura liegende ausgedehnte Sand- 
dünenregion Igidi wurde bis in die Gegen- 
wart von südmarokkanischen Räuber- 
banden beunruhigt, die den lebhaften 
Karawanenverkehr durch diese Öden Ge- 
biete derart erschwerten, daß er in den 
letzten Jahren fast aufgehört hat; durch 
die sorgfältig vorbereitete Expedition, 
die von Tuat ihren Ausgang nahm und 
die nordsüdlich gerichteten Karawanen- 



straßen kreuzte, sollten zunächst die 
natürlichen Verhältnisse der Gegend er- 
kundet und die Unterlagen fCb: spätere 
Operationen geschaffen werden. Auf 
ihrem westwärts gerichteten Marsche 
erreichte die Expedition einen Punkt 
6<^60' w. Gr., der somit nur etwa 200 km 
von dem wichtigen Handelszentrum Tenduf 
entfernt war. Im ganzen durchschneiden 
das Gebiet sechs Hauptkarawanenstraßen 
von Marokko zum Sudan, die sich alle 
in Taodeni nördlich von Timbuktu ver- 
einigen; drei kommen aus der Oasen- 
gruppe Tafilet, zwei aus dem Wadi Draa 
und eine, auf der einst Oskar Lenz die 
Sahara durchquerte, von Tenduf. Fünf 
von diesen Karawanenstraßen führen durch 
drei günstig gelegene Distrikte im Igidi, 
die nur 800 km von einander entfernt 
sind; durch eine stete Überwachung die- 
ser drei Punkte ließe sich eine Kontrolle 
des ganzen Karawanenverkehrs in der 
westlichen Sahara ermöglichen. Gegen- 
wärtig scheint der Handelsverkehr durch 
Igidi gänzlich aufgehört zu haben; denn 
während des ganzen 2000 km langen 
Marsches der Expedition wurde kein 
menschliches Wesen angetroffen; auch 
die Räuberbanden schienen vor den Fran- 
zosen einen heilsamen Respekt bekommen 
zu haben. Die mittelbare Ursache für 
das Damiederliegen des Handels ist die 
Festsetzung der Franzosen in Tuat, welche 
den Sklavenhandel erschwerten; die Folge 
der Erschwerung des Handels war die 
Zunahme der herumstreifenden Horden, 
durch welche der Handel nun vollständig 
gelähmt wurde ; der ehemals große Handels- 
platz Tenduf ist deshalb seit 1903 voll- 
ständig verödet. Kapt. Sainte- Marie 
glaubt sicher, daß nach der Pazifizierung 
des Igidi der Handel sich windet tai ^^ycäx 



Q«ogr»pbiaohe Zaltachrj/I. l2.jMbrg»ng. l£Oe, I.Heft. 



60 



Geographische Neuigkeiten. 



früheren Blüte entwickeln wird. (Oeogr. 
Joum. 26. Bd. 8. 671.) 

* Eine für die Paläogeographie von 
Afrika wichtige Tatsache ist von der 
Alexander -Gosling- Expedition, 
welche seit längerer Zeit die Gebiete 
zwischen Niger and Tschadsee erforscht, 
festgestellt worden. Wie im Scott. Geogr. 
Mag. 1906 S. 667 mitgeteilt wird, hat 
Kapitän Gosling von der genannten Ex- 
pedition dem naturhistorischen Museum 
in South Kensington eine interessante 
Sammlung von Fischen aus dem Tschad- 
see und dem Schari gesandt. Die Unter- 
suchung dieser Fische hat ergeben, 
daß sie alle ohne Ausnahme Arten ange- 
hören, die sowohl im Nil wie im Niger 
vorkommen. Diese Tatsache verleiht der 
von vielen Ichthyologen vertretenen An- 
nahme einer noch in geologisch neuerer 
Zeit vorhanden gewesenen Verbindung 
zwischen den Stromsjstemen des Nil und 
des Senegal -Niger eine neue Stütze. 
Wahrscheinlich stellt der Tschadsee den 
allmählich austrocknenden Rest einer 
Reihe von Seen dar, durch die jene Ver- 
bindung hergestellt wurde. Die in Rede 
stehende Sammlung von Fischen ist die 
erste, die man aus dem Tschadsee und 
seinen Zuflüssen erhalten hat. (Nach 
Globus, 88. Bd. S. 340.) 

Aastralieii und auMtrallsche Inseln. 

* Einem Bericht über das Samoa- 
Observatorium, den Herm. Wagner 
in den Nachrichten der k. Gesellschaft 
der Wissenschafben zu Göttingen (1906. 
1. Heft) mitteilt, entnehmen wir Folgen- 
des: Das im Jahre 1902 ins Leben ge- 
rufene geophysikalische Observatorium in 
Apia ist im Berichtsjahr 1904 in ein 
neues Stadium seiner Entwicklung ge- 
treten. Nachdem besonders, wie schon 
früher mitgeteilt (X. Jhrg. S. 681), die 
amerikanischen Erdmagnetiker unter Füh- 
rung von Dr. Bauer, dem Chef der 
„Division of Terrcstrial Magnetism, U. S. 
Coost and Geodetic Survey^\ die ununter- 
brochene Fortführung der erdmagnetiuchen 
Beobachtungen auf Samoa für eine Reihe 
von Jahren als Ergänzung der Arbeiten, 
die von den neugegründeten amerikani- 
schen Stationen im Stillen Ozean, auf 
Honolulu und den Philippinen begonnen 
sind, angeregt hatten, wurden von Seiten 
der k. Gesellschaft der Wissenschaften 



in Göttingen mit der Staatsregiemng 
Unterhandlungen gepflogen, die ein er- 
freuliches Ergebnis hatten. Man kam 
überein, daß die Kosten der Erhaltung 
des Observatoriums für weitere fünf Jahre 
1904—1908 in Aussicht zu nehmen seien 
unter Zugrundelegung eines jährlichen 
Bedarfs von 25000 JC^ die je zur Hälfte 
von Preußen und dem Reiche getragen 
werden. Die Verwaltung und Beaufsich- 
tigung der Station bleibt in den Händen 
der k. Gesellschaft der Wissenschaften 
zu Göttingen, welche sie einem Ku- 
ratorium, bestehend aus den Herren 
Wagner, Riecke und Wiechert, 
übertragen hat. Gleichzeitig wurde der 
Gouverneur von Samoa, Dr. Solf, er- 
sucht, in das Kuratorium mit einzutreten, 
um seine Interessen an Ort und Stelle 
zu wahren. Der bisherige Observator, 
Dr. Tetens, erklärte sich bereit, die 
Leitung der Arbeiten des Observatoriums 
bis zur Ankunft des in Aussicht genom- 
menen Ersatzmanns, Dr. Franz Linke 
aus Helmstedt, weiterzufuhren. Linke 
ist ein geschulter Geophysiker und hat 
sich nach kurzer Vorbereitungszeit in 
Potsdam, Hamburg und Göttingen am 
8. November 1904 in Bremen eingeschifft. 
Er nahm eine große Zahl neuer Instru- 
mente zur Erforschung derLuftelektrizitilt, 
Utensilien und Ersatzausrustungsstücke, 
die vom Reichsamt des Innern aus dem 
zurückgebrachten Bestände der deutschen 
Südpolarexpedition zur Verfügung gestellt 
waren, mit. Am 15. Dez. 1904 gelangte 
Linke auf dem Wege über Amerika wohl- 
behalten in Apia an und am 10. Jan. 1906 
hat er die Leitung des Observatoriums 
übernommen. Als technische Hilfskraft 
ist ihm ein ehemaliger Matrose der dent-* 
sehen Südpolarexpedition, Albert Pos-' 
sin aus Rheinsberg i. Pr., der eine knrae 
Lehrzeit bei einem Mechaniker durch- 
gemacht hatte, nachgesandt worden. 
Dr. Tetens hat sich, nachdem er seine 
Tätigkeit am Observatorium eingestellt 
hat, im Auftrage des Gouvernements in 
den ersten Monaten 1906 mit der Ein- 
richtung meteorologischer Stationen auf 
den Samoa-Inseln beschäftigt, hat im Mai 
Apia verlassen und ist wohlbehalten in 
der Heimat eingetroffen. Die Bearbeitung 
der Ergebnisse seiner zweijährigen Be- 
obachtungen wird er in Deutschland aus- 
führen. Zum Zweck der Kooperation 



GeograpbiBcbe Neuigkeiten. 



51 



der Arbeiten im Stillen Ozean stellte 
Dr. Bauer bei einem Besuche in Göttin- 
gen in Aussicht, eine geeignete Persön- 
lichkeit fär eine Reihe von Monaten auf 
Kosten seines Instituts nach Samoa zur 
Unterstatznng Dr. Linkes zu senden, was 
mit Dank angenommen wurde. 

Südamerika. 

* Über seine in den Jahren 1904 und 
1905 in Fern und Bolivien ausgeführten 
Reisen berichtet Frhr. Erland Nor- 
dens kjöld in „La Geographie'' (1906. 
Nr. 6). In Gemeinschaft mit dem Zoo- 
logen Holmgren. besuchte Nordenskjöld 
zuerst die Gegenden der peru - boliviani- 
schen Hocbebene im Süden, Osten und 
Norden des Titicaca-Sees und dann Ge- 
biete östlich von den Anden in der boli- 
vianischen Provinz Gaupolican und den 
pemaniscben Provinzen Sandia und Cara- 
yaja, besonders die Gebiete zwischen den 
Flüssen Tambopata und Inambari, zwei 
Nebenflüssen des Rio Madre de Dios. In 
erster Linie erstreckten sich die For- 
schungen auf die indianische Bevölkerung 
der bereisten Gebiete, von denen beson- 
ders drei Stämme, die Atsahuacas, die 
Yamiacas und die Guarayos, näher er- 
forscht wurden. Die Atsahuacas hatten 
vorher noch keinen Weifien gesehen und 
standen fast noch auf der Stufe der Stein- 
zeit, und die beiden anderen Stämme 
hatten sich in ihren Sitten und Gebräu- 
chen nur sehr wenig verändert seit der 
Zeit der Inkas. Die daneben betriebenen 
archäologischen Forschungen eigaben das 
Resultat, daß alte Kulturreste nur dort 
zu finden waren, wo auch Weide für das 
Lama vorhanden war, niemals in hohen 
Gebirgslagen und im Uiwalde am Ostab- 
hange der Anden. Auch die berühmte 
Fosbillagerstätte von Ulloma am Desa- 
gnadero und eine neuentdeckte bei Tira- 
]>ata in Peru wurden besucht imd zu 
Sammlungen ausgebeutet. Dr. Holmgren 
beschäftigte sich mit zoologischen Studien, 
die sich besonders auf die Termiten be- 
zogen. Trotz der schwierigen Transport- 
▼erhältnisse in den Urwäldern gelang es 
fast alle Samjnlungen unversehrt nach 
Europa zu bringen. Die wirtschaftliche 
Zukunft der jetzt von Urwald bedeckten 
Gebiete am Ostabhange der Anden er- 
scheint Koidenslgöld sehr günstig zu sein; 
vor allem ist jedoch zur Ausbeutung der 



mineralischen Schätze und der Gummi- 
wälder die Anlage von Yerkehrsstraßen 
nötig, wozu sich große kapitalkriiftige 
Gesellschaften bilden müssen. Das mo- 
ralische Niveau der dem Trünke völlig 
ergebenen Indianerbevölkerung würde sich 
dann von selbst heben. 

Nord-Polargegenden. 

3tc Von Amundsens Nordpolarez- 
pedition nach dem magnetischen Nord- 
pol sind aus Eagle (Alaska) telegraphische 
Nachrichten eingetroffen^ welche einen 
glücklichen Ausgang dieser kühnen Ex«- 
pedition sicher erwarten lassen. Amund- 
sen teilt in dem Telegramme mit, daß 
Leutenant Hansen im Frühjahr 1906 auf 
einer Schlittenreise das Meer zwischen 
Viktoria- und King Williams -Land er- 
forscht und dabei über 100 Inseln karto- 
graphisch aufgenommen habe. Später 
vermaß Hansen die noch unbekannte Ost- 
küste von Viktoria-Land bis 72® 10' n. Br. 
Am 18. Auffust 1906 verließ die Expedi- 
tion ihren Uberwinterungsplatz und er- 
reichte am 2. September Kap Sabine an 
der Mackenziemündung. Die Weiterreise 
wurde bei Kings Point unterbrochen; 
hier hemmten Eismassen das Fortkonunen, 
die „Gjöa^^ fror ein und die Expedition 
mußte zum dritten Mal überwintern. An 
Bord der „Gjöa'' war alles wohl, so daß 
kein Grund zu Besorgnissen vorhanden ist. 

* Die zur Aufklärung der Strö- 
mungsverhältnisse im nördlichen 
Eismeer vor mehreren Jahren auf Be- 
treiben des Admirals M elvi lle erfolgte 
Aussetzung besonders konstruierter Ton- 
nen an verschiedenen Punkten des Nord- 
polarmeeres hat nach mehrjährigem 
Warten doch noch zu einem Resultate 
geführt. Wie Brjant, der sich um 
diese Sache ebenfalls ein großes Verdienst 
erworben hat, in der geographischen Ge- 
sellschaft zu Philadelphia mitteilte, wurde 
als erste eine Tonne aufgefunden, welche 
Kapt. Tuttle vom Zollkutter „Bear"' am 
2. August 1901 ungefähr 160 km nord- 
westlich von der Wrangel - Insel ausge- 
worfen hatte; man fand sie ein Jahr 
später an der sibirischen Küste wieder, 
wohin sie nach verhältnismäßig kurzer 
Trift gelangt war. Die zweite Tonne 
wurde erst am 7. Juni 1906 in der Nähe 
von Kap Rauda Nupe an der Nordküste 
von Island aufgefunden; «v^ ^^x ^\sl 

4^ 



52 



Geographische Neuigkeiten. 



18. September 1899 nordwestlich von 
Point Barrow in Alaska unter 71** 68' 
n. Br. und 164® 60' w. L. von Kapt. Tilton 
vom Dampfwaler ,^lexander** auf eine 
treibende Eisscholle gelegt worden und 
hatte bis zu ihrem Auffindungsort unge- 
fähr 6600 km quer durch das ganze polare 
Becken zurückgelegt. Durch diese Tonnen- 
trifb ist die Existenz einer durch das 
ganze Polarbecken führenden Strömung 
aufs neue bewiesen. Der genaue von der 
Tonne zurückgelegt Weg laßt sich natür- 
lich nicht bestimmt angeben, aber nach 
den Routen der „Jeanette*^ und „Fram" 
zu schließen, wird er wahrscheinlich auf 
der asiatischen Seite des Poles liegen 
und einen nach der nordamerikanischen 
Eismeerküste zu konkaven Bogen be- 
schreiben. Es steht zu hoffen, daß noch 
andere zur Trift ausgesetzte Tonnen auf- 
gefunden werden, da ihr besonders star- 
ker und den eigentümlichen Verhältnissen 
angepaßter Bau den Gefahren einer Eis- 
meertrifb wohl gewachsen ist. (Geogr. 
Joum. 26. Bd. S. 676.) 

Sfid-Polargegenden. 

♦ Über die Art und Weise, wie das 
Polarproblem im Sinne der auf dem 
Weltkongreß von Mons (XI. 1906. 
S. 641) gefaßten Resolution systematisch 
in Angriff zu nehmen sei, äußert sich 
der ehemalige Teilnehmer der „Belgica'^- 
Südpolarezpedition Henryk Arktows- 
ki in einer soeben erschienenen Bro- 
schüre. Zur Erforschung des Nordpolar- 
gebietes genügte eine Expedition, welche 
von der Beringstraße ihren Ausgang neh- 
men müßte und in Begleitung eines Eis- 
brechers möglichst weit nach Norden in 
den noch ganz unbekannten Teil des 
Nordpolarbeckens vordringen sollte. An 
der Erforschung der Antarktis müßten 
sich alle Nationen durch Expeditionen 
beteiligen; zu einer systematischen Vor- 
bereitung der Unternehmungen sei es 
jedenfalls wünschenswert, daß sobald als 
möglich eine Rekognoszierungs-Expedition 
nach dem südlichen Polarkreise entsandt 
werde. Ihre Aufgabe soll darin bestehen, 
durch eine zirkumpolare Umfahrung die 
Küstenlinien der Antarktis genauer fest- 
zustellen und auf Wilkes-Land sowie an 
der noch ganz unerforschten Seite des 
südlichen Eismeeres, die gegen den In- 
dischen Ozean hin liegt, geeignete Punkte 



zu ermitteln, an denen die spätem ant- 
arktischen Expeditionen mit einiger 
Sicherheit überwintern können. Femer 
soll diese Orientierungsexpedition den von 
Arktowski gemachten Vorschlag der Vor- 
wendung des Automobils auf den antark- 
tischen Gletscherfeldem prüfen. Mehrere 
sehr erfahrene Kenner der Kfsverhältnisse 
der Antarktis haben letztem Vorschlag 
beifällig beurteilt, indessen kommt es auf 
die praktische Erprobung an. Fällt sie 
günstig aus, so dürften sich die Schwie- 
rigkeiten einer Überwintemngsstation fem 
von der Küste im antarktischen Binnen- 
lande sehr vermindern, und diese Sta- 
tion würde dann als Etappe zu weiterm 
Vordringen gegen den Südpol dienen. 
Es ist in Aussicht genommen, daß die 
Rekognosziemngs-Expedition von belgi- 
scher Seite ausgeführt wird, und sie 
könnte, wenn die Mittel dazu bereitge- 
stellt sind, schon im Spätsommer 1907 
auslaufen. Die systematische Erforschung 
der Polarregionen im Sinne der Resolu- 
tion des Kongresses zu Mons kann aber 
nur durch internationales Zusammen- 
wirken der Staaten ausgef^rt werden. 

Meere. 

* Über den Abschluß seiner Tiefsee- 
forschungen im östlichen Stillen 
Ozean (XI. 1906. S. 479) berichtet 
Agassiz im 2. Bd. der „Science^V Der 
zweite Teil der Kreuzerfahrt umfaßte 
einen Besuch der östlichen Paumotu- 
Inseln, wo vom 27. Januar bis 6. Februar 
der Mangareva -Atoll untersucht wurde,, 
und dann die Heimreise über Acapulco 
nach San Franzisko. Die eingehenden 
Untersuchungen am Mangareva-AtoU er- 
gaben die gleichen Verhältnisse wie bei 
den andem Korallenbauten des Stillen 
Ozeans: steiler Abfall an der Außenseite 
des Atolls, beträchtliche Tiefe der La- 
gune, was sich alles am besten durch daa 
allmähliche Untertauchen eines großen 
Vulkankegels erklären läßt. Bei den 
unternommenen Schleppnetzzügen bestä- 
tigten sich die beim Anfang der Fahrten 
gemachten Erfahrungen über die Ab- 
hängigkeit der Fauna von den Meeres- 
strömungen. Solange man auf der Fahrt 
nach Mangareva unter dem Einfluß der 
kalten Humboldtströmung stand, waren 
die Netzzüge ergiebig; weiter südlich 
kam man wieder in die Gegend mit der 



Bücherbesprechungen. 



53 



spärlichen Fauna, die man schon auf der 
Fahrt nach der Osterinsel angetroffen 
hatte, unter dem Einfluß der kalten 
Pemströmung zeigte sich südlich vom 
Äquator bis 12^ s. Br. in der Tiefe von 
2422 Faden und in großer Entfernung 
vem Kontinente noch eine sehr reiche 
Fauna. Die Bodenproben während der 
Expedition haben erwiesen, daß eine un- 
geheure Bodenfläche des östlichen Stillen 
Oseans mit Manganklümpchen bedeckt 
ist, und daß diese dort charakteristisch 
f&r den Boden sind. Als ein Ergebnis 
der Lotungen ist die Auffindung eines 
200 Seemeilen langen Rückens 1700 bis 
1066 Faden unter dem Meeresspiegel 
halbwegs zwischen den Galapagos und 



i Mangareva zu verzeichnen, für den Agas- 
siz die Bezeichnung „Garrettrücken" vor- 
schlägt. Auf der Rückfahrt nach Aca- 
pulco zeigte sich die westliche Erstreckung 
des fast ebenen Bodens des östlichen 
Stillen Ozeans: auf 8200 Seemeilen 
schwankte die Tiefe nur um 400 Faden; 
diese große Fläche war bis jetzt so gut 
wie unbekannt. (Nach Globus Bd. 88 
S. 269.) 

Geographischer Unterricht« 

* Ah Nachfolger Ferdinand von Rieht- 
hofens ist Hofrat Prof. Dr. Albrecht 
Penck in Wien als Professor der physi- 
schen Geographie an die Universität Berlin 
berufen worden. 



Bfieherbespreehnngen. 



Beieh, Otto. Karl Ernst Adolf von 
Hoff, der Bahnbrecher moder- 
ner Geologie. Eine wissenschaft- 
liche Biographie. 144 S. Leipzig, 
Veit & Co. 1906. vÄ 4.—. 
Vielfach nimmt man an, daß die in 
der modernen Geologie so fundamentale 
Methode, nach den Vorgängen der Gegen- 
wart die Wirkungen einer längst ver- 
gangenen Zeit zu erklären, von Hütten 
und Lyell begründet worden sei. Es 
muß aber immer wieder darauf hin- 
gewiesen werden, daß der Mann, dem 
diese Biographie gewidmet ist, die un- 
geheure Tragweite der ontologischen Me- 
thode zuerst erkannte und den ersten Ver- 
such unternahm, sie in die Wissenschaft 
«inzuführen. Es ist daher mit besonderer 
Freude zu begrüßen, daß der Verfasser 
Hoffs Lebensgeschichte und Verdienste 
in trefflicher Weise behandelt. Der 
Lebensgang des bescheidenen Mannes, 
der neben seinen diplomatischen Auf- 
gaben als Gothaischer Legationsrat ein 
langes arbeitsames Leben an die Erfor- 
schung seiner Thüringer Heimat und die 
Vollendung seines grundlegenden Werkes 
(„Geschichte der durch Überlieferung nach- 
gewiesenen natürlichen Veränderungen der 
Erdoberfläche^) wandte, wird auf Grund 
aahlreicher ungedruckter Dokumente inter- 
essant geschildert und Hoffs Stellung 
in der Geschichte der Wissenschaf ben gut 
eharakterifliert. Dem Werkchen ist weite 
Yerbieitong zu wünschen. J. Walther. 



TrabertyW. Elimatologie und Meteo- 
rologie. (Klars Erdkunde. XUL 
Teil.) 182 S. 87 Textfig. Leipzig 
u. Wien, Deuticke 1906. .€ 6.—. 
In der Anlage weicht das vorliegende 
Werk, das Meteorologie und ELlimato- 
logie zusammen behandelt, von dem seit- 
her Gebräuchlichen wesentlich ab. Es 
zerfällt in drei Hauptabschnitte. Im er-^ 
sten werden die sogen, meteorologischen 
Elemente und zwar in der Reihenfolge 
Wind , Bewölkimg und Sonnenschein, 
Niederschlag , Temperatur , strahlende 
Wärme, Luftdruck, Wasserdampf bespro- 
chen, die Instrumente und Methoden zu 
ihrer Beobachtung kurz erläutert und 
einige Daten über die meteorologischen 
Beobachtungsnetze gegeben, in denen 
auch auf die Ballon- und Dracben- 
benutzung hingewiesen wird. Den Schluß 
dieses Kapitels bilden kurze Erörterungen 
über die Bearbeitung des Beobachtungs- 
materials. Der zweite Hauptabschnitt be- 
handelt die Physik der Atmosphäre oder 
das Gebiet der Meteorologie im engeren 
Sinn unter den Überschriften: Zeitliche 
und örtliche Unterschiede der Temperatur; 
Luftdruck Verhältnisse und allgemeine Zir- 
kulation der Atmosphäre, und der Kreis- 
lauf des Wassers. Der dritte Haupt- 
abschnitt befaßt sich mit dem Wetter 
und seiner Darstellung, mit den Zusanmien- 
hängen von Luftdruckverteilung und Wet- 
ter und der Wettervorhersage, ivm. «odAiTiTL 
allgemeine Eiörterungön ^\iw ^^^ 15X\tqä 



54 



Bücher besprechangen. 



und seine Hauptformen zu geben und die 
Klimate der einseinen Teile der Erde 
knrz zu scbildem. Einige kurze Ausfüh- 
rungen über Klimaschwankungen schließen 
das Buch. Dem Verf. ist es gelungen, 
das Wesentliche aus dem recht umfang- 
reichen Wissensgebiet in den verhältnis- 
mäßig kleinen Raum in sehr klarer, prä- 
ziser Weise zusammenzudrängen und da- 
bei überall die neueren Ergebnisse zu 
verwerten. Besonders der Luftzirkulation 
der Atmosphäre möchten wir viele Leser 
aus Lehrerkreisen, für die ja doch in er- 
ster Linie die vorliegende Enzyklopädie 
bestimmt ist, wünschen, damit die ver- 
alteten Doveschen Ausfahrungen und 
Figuren endlich einmal aus den Schul- 
büchern verschwänden. Was besondere 
Eigentümlichkeiten des Buches betrifft, 
so ist anzuführen, daß jede mathematische 
Ableitung und Ausführung vermieden ist, 
daß überall der historischen Entwicklung 
entsprechende Beachtung geschenkt wird, 
und daß keine Literatur zitiert wird. 
Auch bei der Darstellung der verschie- 
denen „Wettersituationen" geht der Verf. 
eigene Wege. Die Abbildungen sind gut, 
mit Ausnahme der Wolkenformen S. 9 
und 10, bei denen der grobe Raster stö- 
rend wirkt. Dem Buch ist die weiteste 
Verbreitung zu wünschen. G. Greim. 

Weber, Leonhard. Wind und Wetter. 
Fünf Vorträge über die Grundlagen 
und wichtigeren Aufgaben der Meteo- 
rologie. („Aus Natur und Geistes- 
welt". 66. Bd.) 130 8. 27 Fig., 3 Taf. 
Leipzig, Teubner 1904. JL 1.—. 
Die Vorträge, die zur Herausgabe 
dieses Werkchens Anlaß gaben, sind vor 
einem weiteren Hörerkreis gehalten und 
dem Verständnis des gebildeten Laien 
möglichst angepaßt worden. In einigen 
Punkten würden die Ausführungen für 
eine etwaige Neuauflage einer Überarbei- 
tung und Berichtigung bedürfen. Es be- 
triffi. das z. B. die historischen Angaben : 
nicht R^aumur, sondern Fahrenheit 
hat das Quecksilber als thermometnsche 
Flüssigkeit eingeführt, Toricelli hat nur 
die Anregung zu dem ersten Versuch mit 
dem Barometer gegeben. Vi vi an i hat 
ihn ausgeführt. Auf S. 74 ist der Aus 
druck Isametralen durch Isanomalen zu 
ersetzen. Die Abkühlung der Luft beim 
AufsteigoD ist eine Folge der Expansion, 



nicht der Arbeitsleistung gegen die 
Schwerkraft. — Dankenswert ist es, daß 
den Drachen- und Ballonbeobachtungen, 
ihrer Geschichte und ihren technischen 
Methoden ein besonderes Kapitel ge- 
widmet wurde, nm das Literesse auch 
fSr diesen jüngsten Zweig meteorologi- 
scher Forschung zu erwecken. 

W. Meinardus. 

Aufgeß, Otto, Freiherr von und zu. 
Die physikalischen Eigen- 
schaften der Seen. („Die Wissen- 
schaft". Samml. naturwiss. u. math. 
Monographien. Heft 4.) 180 S. 36 Abb. 
Braunschweig, Vieweg u. Sohn 1905. 
JC 8.—. 
Eine zusammenfassende Darstellung 
der physikalischen Eigenschaften der Seen 
ist gegenwärtig, wo eine reiche Fülle von 
Beobachtungsmaterial vorliegt, gewiß ein 
verdienstliches Werk. Es ermöglicht dem 
beobachtenden Naturfreund sich über den 
Stand unserer Kenntnisse auf diesem Ge- 
biete zu orientieren und gibt auch dem 
Seenforscher Anregung zu weiteren Ar- 
beiten. Erwünscht war namentlich eine 
solche Darstellung vom physikalischen 
Standpunkt aus, wie sie in dem vorlie- 
genden Buche gegeben ist. Aufseß war 
als Physiker und Seenforscher zugleich 
besonders für die Abfassung dieses Buches 
geeignet. Li klarer und übersichtlicher 
Form hat er den Gegenstand behandelt 
und sich vor allem bemüht, für die Er- 
scheinungen die theoretische Erklärung 
zu geben. Leider hat er aber dabei 
manche wichtige Beobachtung unberück- 
sichtigt gelassen, so daß der Fachmann 
von dem Inhalt nicht immer befriedigt 
ist. Das gilt besonders von dem Abschnitt, 
in dem die thermischen Verhältnisse er- 
örtert werden. Hier ist neben dem 
„Pinselthermometer*' (S. 94) das bequeme 
„Quellenthermometer" gar nicht erwähnt 
und die gewöhnliche Form der Umkehr- 
thermometer von Negretti & Zambra (S. 98) 
nicht angegeben. Der Einfluß der Form 
der Becken auf die Erwärmung wird 
zwar für möglich erklärt, aber nicht da- 
bei der Tatsache gedacht, daß dieser Ein- 
fluß für den Gr. Plöner See sicher be- 
wiesen ist (S. 102). Die Ursache der 
periodischen Sprungschichten (S. 106) ist 
nicht ausreichend erörtert und der Gang 
der Temperatur in den größeren Tiefen 



Bücherbesprechungen. 



56 



(8. 105) zn kurz behandelt. Der letztere 
bietet doch mehr wissenBchaftliches In- 
ieresse, als der Verf. annimmt; so ist die 
Ursache der Erw&rmung und Abkühlung 
in den größeren Tiefen noch ein unge- 
löstes Problem. Die von Richter im 
Eönigsee wahrgenommene Zunahme der 
W&rme nach dem Grunde hin um mehr 
als 1* (S. 106) ist durch die Beobach- 
tungen des Referenten nicht unwahr- 
scheinlich gemacht, sondern vollkom- 
men bestätigt worden. Besser befriedigen 
die ersten Abschnitte über Mechanik, 
Aknstik und Optik, obwohl auch diese 
manche subjektive Anschauung enthalten. 
So dürfte die Springsche Theorie der 
Wassertrübung doch mehr Beachtung ver- 
dienen, als der Verf. ihr zollt. Daß der 
Einfluß der thermischen Ausgleichüströ- 
mnngen tatsächlich nicht beobachtet sei 
(S. 43), ist ohne weiteres nicht richtig. 
Der in der Schlußbemerkung ausgespro- 
chene Gedanke, daß man die Seen nach 
ihren physikalischen Eigenschaften ein- 
heitlich einteilen solle und zwar unter 
besonderer Berücksichtigung der Farbe, 
ist durchaus beherzigenswert, jedoch in 
der Natur kaum durchführbar, weil auch 
geographische und orographische Fak- 
toren auf diese einwirken. W. Ule. 

Eiehholts, Thilo. Entwicklung der 
Landpolitik. („Angewandte Geo- 
graphie." II. 6.) 111 S. Halle a. S., 
Gebauer-Schwetschke 1905. JL 2.—. 
Dieses Heft der von Dove heraus- 
gegebenen Sammlung ist im wesentlichen 
eine nationalökonomische und kolonial- 
politische Schrift, aber auch für den Geo- 
graphen wertvoll. Der Verfasser ist ein 
Gegner der Landspekulation und daher 
ein Anhänger der Bodenreform, deren 
eifrigster Verfechter wohl Damaschke 
ist. Auch der Verfasser selbst hat auf 
diesem Gebiet bereits vielfach gearbeitet. 
Im ersten Abschnitt werden die all- 
gemeinen Grondsätze aufgestellt, auf denen 
eine gesunde Bodenpolitik, gesunde soziale 
und kapitalLttische Verhältnisse sich ent- 
wickeln können. Der zweite Abschnitt 
enthält die Bodenpolitik sowohl der 
Staaten in der gemäßigten Zone, als auch 
in den Subtropen und Tropen. Gerade 
der letstere Abschnitt, der die französi- 
•eheii, englischen und niederländischen 
Kolonien ausführlich, die der anderen 



Staaten kurz behandelt, ist für den Geo- 
graphen wichtig und interessant. Die deut- 
schen Kolonien werden freilich nur berührt 
unter Hinweis auf die betrübenden Fehler, 
die dort gemacht worden sind 

Zum Schluß werden die Grundsätze 
nochmals kurz zusammengestellt, nach 
denen der Staat Bodenpolitik in den Ko- 
lonien treiben müsse: Schaflung und Wah- 
rung von Staats-Gemeindeland, Vorbehalt 
des Wassers und der Mineralien (und man 
darf wohl hinzufügen der Eisenbahnen), 
Schaflung eines bäuerlich -bürgerlichen 
Mittelstandes und seine Kräftigung im 
Kampf gegen die internationalen Bestre- 
bungen der Großspekulanten und Kom- 
munisten. S. Passarge. 

Otto Hfibner's geographisch-stati- 
stische Tabellen aller Länder 
der Erde. Hrsg. von Fr. v. Jura^ 
schek. 54. Ausg. f. d. J. 1905. Quer- 
oktav. 102 S. Frankfurt a M., H. Kel- 
ler 1905. JL 1.50. 

Es ist kaum nötig, diese Tabellen be- 
sonders zu empfehlen, die sich wegen 
der großen Reichhaltigkeit und Zuver- 
lässigkeit des auf engem Räume und für 
billigen Preis gebotenen statistischen Ma- 
terials mit Recht des besten Rufes er- 
freuen. Auch die vorliegende Ausgabe 
zeigt wieder manche wertvolle Ergänzung; 
namentlich sind die Ergebnisse der russi- 
schen Volkszählung von 1897 (soziale 
Gliederung, Konfessionen, Nationalitäten) 
in besonderen Tabellen mitgeteilt. 

A. Hettner. 

Handbuch der Wirtschaftskunde 
Deutschlands. Bearbeitet von 64 
Fachmännern. Hrsg. i. A. d. Deut- 
schen Verbandes f. d. kaufmänn. 
Unterrichtswesen. 4. Bd. Gr. 8*. VI 
u. 748 S. 1 K. Zahlreiche Tabellen. 
Leipzig, Teubner 1904. JL 21.—. 
Deutschlands Handel und Verkehr ist 
der Schlußband des großen, wohl für sehr 
lange Zeit grundlegenden Werkes über 
deutsche Wirtschaftskunde gewidmet. 
Selbstverständlich ist auch dieser Band 
so wenig wie einer der früheren vom 
fachgeographischen Standpunkt aus ge- 
schrieben. Auch bei der denkbar weite- 
sten Ausdehnung des Gebietes der Erd- 
kunde lassen sich Abschnitte wie der 
— übrigens äußerst lehrreiche — üh«t 
Bank- und Börsenwe^eii , ^^x lSL%iiA^^- 



66 



Bücherbesprecbungen. 



kammern, Buchhandel u. a. nicht als auch 
nur der Geographie nahestehend be- 
zeichnen. Zahlreiche andere Abschnitte 
dagegen sind viel mehr geographisch ge- 
färbt, vor allem die gedankenreiche Ein- 
leitung (von R. van der Borght) und die 
verkehrsgeographischen Kapitel. Als Ver- 
kehrswege werden nicht bloß die reich- 
lich berücksichtigten Eisenbahnen und 
Wasserstraßen, sondern auch die sonst 
oft vernachlässigten Landstraßen betrach- 
tet. Es ist aber kein Abschnitt im gan- 
zen Buche, aus dem der Geograph, der 
etwa Vorlesungen über das deutsche 
Reich halten will oder Deutschland im 
Schulunterricht zu behandeln hat, nicht 
etwas und bisweilen recht viel lernen 
kann. Beginnt man die Lektüre des ge- 
waltigen Bandes, so denkt man wohl eine 
geradezu erschöpfende, vielleicht unnötig 
breite Behandlung der einzelnen Materien 
zu finden. Aber man überzeugt sich 
bald, daß gerade nur das Nötigste gesagt 
ist, häufig würde man gern noch mehr 
hören. Es ist im Rahmen dieser Zeit- 
schrift unmöglich, die einzelnen Kapitel 
auch nur aufzuzählen, geschweige ihren 
Inhalt kritisch zu würdigen. Die beige- 
gebene Karte (von Wagner und Debes) 
stellt die durchgehenden Verbindungen 
des großen internationalen Personenver- 
kehrs, soweit sie Deutschland berühren, 
in klarer, leicht verständlicher Zeichnung 
dar. Ich habe die Karte bei näherer 
Prüfung überaus korrekt gefunden, der 
große durchgehende Personenverkehr ent- 
wickelt sich aber so schnell, daß schon 
jetzt nicht wenige Ergänzungen und Än- 
derungen nachgetragen werden müßten. 
Dies gilt besonders vom Osten Preußens, 
aber auch von Mittel-Deutschland, wo z.B. 
die wichtigen Verbindungen Leipzig-Zeitz 
und Naumburg -Saalbahn -Saalfeld heute 
nicht mehr fehlen dürften. In Sunmia 
ist mit den vier nun abgeschlossenen 
Bänden ein Werk geschaffen, das dem 
Verlag, den Leitern und Mitarbeitern 
Ehre macht und dem weite Verbreitung 
auch über die Kreise hinaus, für die es 
zunächst bestimmt wurde, sehr zu wün- 
schen ist. F. Hahn (Königsberg). 

Moritz, Ed. Die geographischen 
Kenntnisse von den Nord- und 
Ostseeküsten bis zum Ende des 
Mittelalters. I. TeU. (Wiss. Beil. z. 



Jahresber. d. Sophienschule zu Berlin. 

Ostern 1904.) i^. 89 S. 
Von dem Verf. ist eine recht an- 
sprechende Arbeit über die Insel Rom 
(Mitteil. d. geogr. Ges. in Hamburg 19, 
1—210) bereits veröffentlicht worden. Sehr 
viel weniger dagegen befriedigt die vor- 
liegende Abhandlung, die den im Titel 
angedeuteten Gegenstand vom Altertum 
zunächst bis zum 18. Jahrb. behandelt. 
Die Literatur hierüber ist umfangreich 
genug, aber doch nicht so, daß sie sich 
nicht leicht durcharbeiten ließe. Vor 
allem wäre es aber bei einer monographi- 
schen Behandlung dringend nötig gewesen, 
die Originalquellen sorgfältig zu prüfen 
und einzusehen, und nicht bloß nach se- 
kundären Bearbeitungen zu zitieren. Ein 
Beispiel mag genügen. 8. 4 heißt es, daß 
für Cäsar die Orkynien(!) die Grenze 
seines Wissens gegen Norden bildeten und 
zwar auf Grund von bell. gall. VI, 24. Da 
der Verf. die angezogene Stelle für Cäsars 
Kenntnisse von Britannien heranzieht, so 
scheint er die Orkuej-Inseln dahinter zu 
vermuten. In Wahrheit aber spricht Cäsar 
dort vom Hercynischen Walde, der bei 
Eratosthenes „Orcynia^* genannt werde. 
Irrige Ansichten, falsche Übersetzungen 
u. a. m. lassen sich in Menge nachweisen, 
was in einer Monographie nicht sein 
dürlte Da der Verf. eine gprößere Arbeit 
hierüber in Aussiebt stellt, so wäre eine 
nochmalige Durcharbeitung des Stoffes für 
ihn dringend erforderlich, wenn sie für 
den Fachmann irgend einen Wert haben 
soll. K. Kretschmer. 

Baedeker, K. Die Schweiz. Handbuch 
für Reisende. 31. Aufi. XL u. 664 8. 
63 K., 17 Stadtpl. u. 11 Panor. 
Leipzig, K. Baedeker 1905. JL 8.—. 
Baedeker hat sich, wie wir mit Freu- 
den sehen, nun auch für sein Reisehand- 
buch der Schweiz zu einer geog^phi- 
schen Einleitung entschlossen und hat sie 
Dr. Hermann Walser in Bern anvertraut, 
der ja schon durch seine Schulgeographie 
der Schweiz sein Geschick zu populärer 
und dabei doch echt wissensch^licher 
geographischer Darstellung bewiesen hatte. 
Er hat auch hier eine hübsche geogra- 
phische Skizze geliefert, die eine gute 
Einführung in die Geographie der Schweiz 
gewährt. Meiner Empfindung nach wäre 
es aber für den vorliegenden Zweck, der 



Bücherbesprechungen. 



57 



doch haupteächlicb darin besteht, dem 
wißbegierigen Beisenden Anf klämng über 
die ihm entgegentretende Natur zu geben, 
weniger auf das Gesamtbild als auf die 
etwas eingehendere Erklärung der ein- 
zelnen Erscheinungen angekommen; viel- 
leicht läßt sich hierin in der nächsten 
Auflage noch etwas nachhelfen. Auch 
im übrigen Text enthält das Reisehand- 
bach eine Fülle von Belehrung über Land- 
scliaften und Städte und kann daher auch 
daheim vom Geographen mit Vorteil be- 
natzt werden. Bei den Angaben über 
den Simplontunnel ist mir aufgefallen, 
daß der Name des verstorbenen Alfred 
Brandt, der den Plan entworfen und die 
Anfänge des Baus geleitet hat, nicht ge- 
nannt wird; beruht die Notiz etwa auf An- 
gaben der heutigen Bauleitung? Beson- 
ders bieten die zahlreichen, schön gezeich- 
neten Karten — der größere Teil der 
Schweizer Alpen ist im Maßstabe 1 : 150000 
dargestellt — ein unschätzbares Hilfs- 
mittel dar. In den Panoramen scheint 
mir die Zeichnung der Bergumrisse nicht 
immer charakteristisch genug, um die 
Berge danach zu erkennen; sowohl beim 
neuen Panorama vom P. Languard wie 
bei dem vom Mte Generoso ist mir dieser 
Übelstand aufgefallen. Die Zuverlässigkeit 
des Textes in allen praktischen Angaben 
ist bewonderangswürdig. A. Hettner. 

Die Ergebnisse der Triangulie- 
rungen des k. und k. Militär- 
geographisch. Institutes. 3 Bde. 
I. Bd.: Triangulierung 1. Ordnung 
im westlichen Teile der Monarchie 
und den südlich anschließenden Ge- 
bieten. X u. 217 S. 7 Taf. Wien 

1901. n. Bd.: Triangulierung 1. Ord- 
nung im östlichen Teile der Monar- 
chie. Vm u. 171 S. 4 Taf. Wien 

1902. m.Bd.: Triangulierung 2. und 
8. Ordnung in Ungarn. VE u. 274 S. 
6 Taf. Wien 1906 

Die Resultate der für Gradmessuugs- 
zwecke in den Jahren 1860— 18U8 ausge- 
föhrten Triangulierungen , die sich über 
die ganze Österreich-ungarische Monarchie 
erstrecken, sind in den Veröffentlichungen 
für die internationale Erdmessung mitge- 
teilt worden Diese eignen sich aber für 
Landesvermessongszwecke besonders des- 
halb noch nicht, weil zu Folge der inter- 
nationalen Obereinkunft die Ausgleichung 



des Dreiecksnetzes vollkommen zwanglos 
ausgeführt werden mußte. Hinsichtlich 
der Schlußfehler der nicht mit Dreiecken 
ausgefüllten Polygone und der Überein- 
stimmung der Dreiecksseiten mit den ge- 
messenen Grundlinien warde deshalb eine 
neue, empirische Ausgleichung mit Be- 
nutzung der ersten Ergebnisse vorgenom- 
men. Die mittlere Verbesserung einer 
beobachteten Richtung bleibt dabei immer 
noch unter der Sekunde. In den vor- 
liegenden beiden ersten Bänden (Trian- 
gulierungen 1. Ordnung) sind die Loga- 
rithmen der Dreiecksseiten bis auf 8 De- 
zimalen, die geographischen Koordinaten 
auf 4 und die Azimute der Richtungen 
auf 8 Dezimalen der Sekunde angegeben. 
In dem 3. Bande, mit dem die Veröffent- 
lichung der Triangulierungen 2. und 3. 
Ordnung beginnt, sind die geographischen 
Koordinaten auch bis zur 4. Dezimale der 
Sekunde angegeben, während die Azimute 
und die aus der Netzausgleichung sich 
ergebenden Richtungsverbesserungen bei 
den Richtungen 2. Ordnung auf zwei, bei 
jenen 3. Ordnung auf eine Dezimale der 
Sekunde und schließlich die Logarithmen 
der Entfernungen durchweg auf sieben 
Dezimalen berechnet worden sind. 

Die Bezeichnung der Punkte, die nicht 
durch künstliche Bauten versichert sind, 
ist eine zweifache : oberirdisch durch einen 
behauenen Markstein und unterirdisch 
durch eine mit einem Metallkegel ver- 
sehene Steinplatte. Die Berechnung der 
geographischen Koordinaten auf Grund 
der Besselschen Erddimensionen stützt 
sich auf die astronomisch bestimmte Pol- 
höhe und Länge (gegen Ferro) des durch 
einen Monumentalbau dauernd bezeich- 
neten Punktes Hermannskogel und das 
auf diesem Punkte gemessene Azimut 
(von Nord über Ost gezählt) der Richtung 
nach dem Punkte Hundsheimer Berg bei 
Hainburg. 

Jeder der beiden ersten Bände zer- 
lällt in drei Abschnitte, von denen der 
erste die geographischen und Polar-Ko- 
ordinaten, sowie die Richtungsverbesse- 
rungen, der zweite die zusammengestellten 
Dreiecke (beob. Winkel, Verbesserungen, 
sphär. Exzeß usw.) und der dritte die 
Punkt- und Dreiecksverzeichnisse enthält. 
In dem dritten, nach Geueralkartenblättem 
geordneten Bande stehen außer den ^«^o- 
graphischen und Po\at-18Lootd.m«AÄT^'Ä.\öti« 



58 



Bücherbesprechungen. 



tangayerbesseningen und Enifemungs- 
logarithmen noch die Nachweisungen der 
Schnitte, die zur Bestimmung der ein- 
eeinen Punkte gedient haben. In allen 
Bänden ist außerdem jedem Punkte 
die genäherte Meereshöhe mit beigefügt 
worden. 

Angeführt soll hier noch werden, dafi 
der 1. Band (Triangrulierung des west- 
lichen Teiles von Österreich-Ungarn) Tirol 
nicht mit enthält, weil die dort in den 
achtziger Jahren ausgeführte mangelhatle 
Triangulierung erneuert werden mufi. 
Hiervon abgesehen ist mit den ersten 
beiden Bänden eine Arbeit abgeschlossen 
worden, deren Gröfie nur derjenige zu 
würdigen vermag, der selbst im Vermes- 
sungswesen tätig ist. M. Petzold. 

Pichler^ Fritz« Austria Romana. 
Geographisches Lexikon aller zu 
Römerzeiten in Osterreich genannten 
Berge, Flüsse, Häfen, Inseln, Länder, 
Meere, Postorte, Seen, Städte, Straßen, 
Völker. („Quellen u. Forsch, z. alt. 
Gesch. u. Geogr.", hrsg. v. Sieglin. 
Heft 2—4.) 444 S. 1 K. Leipzig, 
Avenarius 1902—1904. JL 17.80. 
Der Verf. hat mit einem Sammeleifer, 
der ebenso wie seine Vorliebe für bloße 
Namenreihen stark an die geographischen 
Bücher des Plinius erinnert, alles zusam- 
mengetragen, was ihm aus literarischen 
Quellen über die alte Geographie des jetzt 
Österreich -Ungarn umfassenden Länder- 
gebietes erreichbar war. Den Kern bil- 
det ein lexikalisch geordnetes Verzeich- 
nis der innerhalb dieses Gebietes von 
alten Schriftstellern erwähnten Namen 
mit Angabe der Quellenschriften und der 
jetzigen Benennung, doch ohne Zitate und 
Verweise auf die neuere Literatur. Letz- 
tere ist in einem besonderen Verzeichnis 
in alphabetischer Folge der Autoren zu- 
sammengestellt. Voran geht ein einlei- 
tender Teil mit Aufzählungen verschie- 
dener Art, welche in der vorliegenden 
Form leider meist nur geringen Nutzen 
gewähren; das gleiche gilt von den mei- 
sten Zusammenstellungen des dritten 
Teiles, wo mehrfach derselbe Stoff wieder 
unter anderen Gesichtspunkten registriert 
wird. Auf eine nähere Beschreibung der 
Lage oder eine Schilderung der Zustände 
in römischer Zeit geht der Verf. nirgends 
ein. Sein Werk ist ein Registerbuch, 



das als solches mit großem Fleiß gear- 
beitet und sehr verdienstvoll ist, aber bei 
zweckmäßigerer Anordnung noch wesent- 
lich mehr hätte bieten können. Die zu- 
gehörige Karte in 1 : 1800 000 macht 
einen gefälligen Eindruck und gibt einen 
guten Überblick der römischen Topo- 
graphie von Österreich -Ungarn, dessen 
antike Gebietsteile nach Art modemer 
politischer Karten durch Flächenkolorit 
unterschieden sind. E. Oberhummer. 

Kerpy Heinrich. Landeskunde von 
Skandinavien (Schweden, Nor- 
wegen und Dänemark). (Sammlung 
Göschen. No. 202.) 12^ 1S8 S. 11 
Abb. u. 1 K. Leipzig, Göschen 1904. 
JC —.80. 
Eine recht ansprechende landeskund- 
liche Darstellung, die wie der Untertitel 
des Abschnittes 1 4 vermuten läßt, auch 
dem Lehrer dienen will und es recht 
wohl vermag. Eine geographische Ober- 
sicht behandelt knapp, aber im ganzen 
ausreichend Lage, Grenzen, Gliederung, 
Erdgeschichte, Klima und Pflanzenleben 
und die Einteilung in „Natur- und Kultor- 
gebiete*\ Diese werden dann einzeln der- 
art behandelt, daß das „Landschaftsbild'^ 
die „Entstehung des Oberflächenbildes** 
und das „Kulturbild*^ aus typischen Reise- 
routen abgeleitet werden. Die gegen- 
seitige Verknüpfung dieser Teile ist recht 
gut, so wenn z. B. die Siedlungsarmut 
der West&üste aus den einzelnen Wir- 
kungen der Eiszeit erklärt wird. Der 
Schlußabschnitt „Wirtschaftliche und po- 
litische Übersicht über die skandinavi- 
schen Staaten" sucht mit Glück trockene 
Statistiken zu vermeiden und vermag 
trotzdem ein ziemlich reiches Zahlen- 
material mitzuteilen. Die schwierigen 
erdgeschichtlichen Probleme sind meist 
geschickt und vorsichtig behandelt, doch 
wird man dem Verf. nicht immer zustim- 
men können. Als Beispiel möchte ich 
auf S. 48 ff. verweisen, wo im Sinne der 
norwegischen Forscher Strandebene und 
Strandlinien scharf und zutreffend aus- 
einandergehalten, dann aber die post- 
glaziale Hebung kurz genug behandelt 
und die längst aufgegebene Pencksche 
Hypothese von 1882 als mögliche Erklä- 
rung herangezogen wird. Nach den Er- 
gebnissen der schwedischen Forschungen 
über die „ungleichmäßige Hebung^* und 



Bücherbesprechungen. 



59 



der Analogie der (im Buche gar nicht 
erw&hnten) rezenten NiyeaiiTer&ndemng ' 
scheint es doch nicht mehr zulässig, hier ' 
an „Schwankimgen des Meeresspiegels*' 
za denken. Es stimmt auch nicht gut 
za der S. 46 angedeuteten Vermutung 
Ton Bodenbewegungen im mittleren Teil 
der Fjorde. In Bezug auf Botner (Kare) 
und Tinder schließt sich Kerp völlig an 
Richter an, ohne die glazialistische Auf- 
fassung zu nennen. S. 62 bei den undeut- 
lichen Wasserscheiden war wohl der 
direkten Gabelungen zu gedenken. S. 88 
sind die Asar als „Moränen^* bezeichnet. 
Die trostlose Schilderung norwegischer 
BAier (S. 60, 70) trifft nicht allgemein zu. 
Saltigön bei Stockholm (S. 77) ist nicht 
ein brackischer See, sondern schlechthin 
das Meer. Ob die Literaturliste am 
Beginn des Werkes die vom Verfasser 
benutsten oder die dem Leser empfohlenen 
Werke snsammenstellt, ist mir nicht klar 
geworden; in keinem von beiden Fällen 
ist sie ganz entsprechend. Bei einer Neu- 
auflage w&ren Versehen, wie die ange- 
fahrten, zu berichtigen, auch einige un- 
schöne Landschafksbilder zu beseitigen, 
die ganz gut durch typische Photogra- 
phien ersetzt werden können, und für 
bessere Lesbarkeit der Namen (z. B. Ra- 
nen) auf der recht ansprechenden Karte 
za sorgen, endlich die besonders in Namen 
nicht seltenen Druckfehler (z. B. Tynsee, 
Söderhamm, Mor&neschnitt st. Moränen- 
schutt auf S. 42) auszumerzen, dagegen 
▼ielleicht von der schwedischen Lidustrie 
etwas mehr zu sagen (Eskilstuna- Waren, 
Handschuhe). Daß es bald zu einer Neu- 
auflage kommen wird, läßt sich aber er- 
warten. Denn die ansprechende Darstel- 
lung, die gewandte Disposition, die den 
erfahrenen Pädagogen erkennen läßt, und 
die Ffille von Daten dürften dem Werke 
eine rasche Verbreitung sichern. Sieger. 

Begel) F. Landeskunde der iberi- 
schen Halbinsel. (Samml. Göschen. 
No. 8S6.) 176 S. 8 Abb. u. 8 K. Leip- 
zig, Göschen 1906. JC —.80. 
In einem handlichen Gröschenbändchen 
hat Regel eine treffliche kurzgefaßte 
Landeskonde der iberischen Halbinsel ge- 
liefert. Die vorhandene Literatur ist 
fleifiig benutzt, der weitschichtige Stoff 
scwgfUtig gegliedert, die Darstellung klar 
ond leicht ventindlich, so daß auch der- 



jenige, der das Gebiet nicht aus eigener 
Anschauung kennt, sich ein g^tes Ge- 
samtbild machen kann. Die Beleuchtung 
der gegenwärtigen Zustände ist treffend, 
doch wäre vielleicht da und dort eine 
größere Reserve der Ausdrucksweise am 
Platz gewesen; so entspricht es ja z. B. 
durchaus den Tatsachen, wenn der tren 
mixto als ein „Bummelzug** bezeichnet 
wird, aber dieses Wort einfach als Über- 
setzung anzuführen, geht denn doch nicht 
recht an. Der Verfasser scheint die 
Kenntnis des Spanischen f&r allgemeiner 
verbreitet zu halten, als sie es ist, da er 
manche Zitate ohne Übersetzung mitteilt 
(S. 162 u. S. 164). Die Auswahl aus dem 
vielseitigen Material ist gut getroffen, 
und nur selten vermißt man wirklich Er- 
wähnenswertes ; so sollte z. B. das cata- 
lonische Vulkangebiet S. 17 bei einer Neu- 
auflage angeführt werden. Die Abbil- 
dungen sind gut gewählt, kommen in der 
Reproduktion aber leider vielfach nicht 
deutlich genug heraus. Die beigegebene 
Karte im Maßstab 1 : 6000000 ist zur Orien- 
tierung vollauf genügend. K. Sapper. 

Diehl) Daniel« An Bord und im 
Sattel. Farbige Blätter aus meinem 
Reisetagebuch. 500 S. Lahr i B., 
Schauenburg 1904. J( 8.—. 
In drei größeren Abschnitten behandelt 
der Verf. die von ihm unternommenen 
Reisen. Im ersten schildert er die Reise 
auf einem Kosmosdampfer von Hamburg 
durch die Magellanstraße nach Valparaiso 
und Gallao. Der zweite Abschnitt zerfällt 
in einzelne Augenblicksbilder, die uns 
teils in das Gebiet vom Amazonenstrom 
bis zum Mississippi führen, teils nach 
unserer ostasiatischen Kolonie Kiautschau. 
Im dritten Teil werden uns Patagonien und 
die vom Verf. dort erlebten Ereignisse 
vorgeführt. Wenn er in der Einleitung 
sagt, daß er nicht den Anspruch erhebt, 
„mit wissenschaftlichem Ballast beschwert 
zu sein oder ein photographisch getreues 
Bild der geschauten Länder zu liefern", 
so zeugt das von übergroßer Bescheiden- 
heit. Da ich die im ersten und dritten 
Abschnitt besprochenen Gegenden aus 
eigenem Studium kenne, so kann ich dem 
Verf. das Zeugnis ausstellen, daß er mit 
sehenden Augen geschaut. Er weiß Geo- 
graphisches und Erlebte* d>aiQ\i ««äti 
leichten, flüaaigen ^tv\ ao \iicrcÄ.u^«t t^v 



60 



Bücherbesprechungen. 



weben, daß man mit Genufi bei der Lek- 
türe verweilt. Wertvolle statistische Daten, 
wie solche über die Bedeutung des Deutsch- 
tums in den Magellanländem und in Pata- 
gonien, über die Hauptquelle des Reich- 
tums jener Gegenden, die Schafzucht, 
weiß er so in das Qanze zu verflechten, 
daß man nicht durch trockene Tabellen 
gelangweilt wird. Die Skizzen, die Verf. 
gibt, haben den Vorzug der Aufrichtigkeit 
der Angaben und der Lebenswahrheit; 
namentlich zeugen die Schilderungen der 
gewaltigen Andennatur von feinsinnigster 
Naturbeobachtung. P. Stange. 

Alemann^ Th. Aus dem Südwesten 
der argentinischen Kleeregion. 
Das National-Territorium Pampa Cen- 
tral. 64 S. 1 E. Buenos Aires, 1904. 
Theodor Alemann, der Herausgeber des 
„Argentinischen Wochen- und Tageblattes^^ 
und Kenner der wirtschaftlichen Verhält- 
nisse der Pampa und Nord-Patagoniens, 
faßt in diesem Hefk eine Reihe von Ar- 
tikeln zusammen, die er in obiger Zeitung 
veröffentlicht hat. Der Zweck, dem Leser 
ein Bild der wirtschaftlichen Entwicklung, 
des Lebens und Treibens in der Alfalfa 
bauenden Pampa zu geben, ist an der 
Hand lebendiger Skizzen voll erreicht 
worden, aber auch der Geograph zieht 
Nutzen sowohl aus mancherlei eingestreu- 
ten Bemerkungen im Text als auch nament- 
lich aus der allgemein gehaltenen, die 
Vegetation besonders berücksichtigenden 
Einleitung, und der am Schlüsse gegebe- 
nen Beschreibung des Territorio Pampa 
Central. Die Karte in etwa 1 : 2 425 000, 
eine Eisenbahnkarte Argentiniens der Bue- 
nos Aires and Pacific Railway Company 
Ld- von 1903, ist klar und deutlich lesbar 
und erfüllt ihren Zweck vollständig. 

W. Sievers. 

T. Bichthofen, F. Ergebnisse und 
Ziele der Südpolarforschung. 
28 S. 1 Südpolark. Berlin, D. Rei- 
mer 1906. JC 1.—. 
Stolz und Wehmut zugleich erfüllt 
uns, wenn wir die vorliegenden 14 Blät- 
ter durchlesen. Mit dieser vollendeten 
Beherrschung des Gegenstandes, mit die- 
ser sonnigen Klarheit des Geistes, in so 
schlichter Schönheit des Ausdrucks schrieb 
imser großer Geograph im hohen Greisen- 
alter! Aber er wird nie wieder schreiben 
noch reden. Als er diese Abhandlung 



verfaßte, nahm ihm am Arbeitstisch 
mitten in einem noch unvollendeten Satze 
der Tod die Feder aus der nimmermüden 
Hand, der wir so viel verdanken. 

Die Abhandlung war bestimmt zu ei- 
nem Vortrag zu dienen, den Ferdinand 
V. Richthofen beim Kaiser über das ant- 
arktische Problem halten sollte. Sie be- 
schränkt sich daher, ohne auf Einzel- 
heiten sich einzulassen, auf eine groß- 
zügige Darstellung der wichtigsten Süd- 
polarfahrten, ihrer Hauptergebnisse und 
die (nicht ganz zu Ende gediehene) Be- 
antwortung der Frage, ob es sich lohne, 
die antarktische Forschung weiterzuführen. 

Ausholend von den für den Handels- 
zweck unternommenen phönikischen Ent- 
deckimgsfahrten und den kühnen See- 
zügen der Griechen, wie sie in den poesie- 
verklärten Schiffermärchen der Odyssee 
ihr Echo gefunden haben, führt uns der 
Verfasser rasch durch die Flucht der 
Jahrhunderte bis zur Neuzeit, wo man 
den Erdteil des Südens suchte, den man 
zum Halten des Gegengewichts gegenüber 
den großen nördlicheren Landmassen des 
Erdballs für sicher vorhanden erachtete. 
Das Feuerland, die nördlichen Vorsprünge 
Australiens hielt man bei ihrer Entdeckung 
für Teile dieses von vornherein als ein 
Ganzes gedachten Südlandes. Als dann 
Abel Tasman den Abschluß Australiens 
schon in subtropischen Breiten feststellte, 
James Cook aber, bis in südpolare 
Breiten vordringend, die Landleere der 
südlichen Ozeane nachwies, erlahmte die 
Lust, dem Phantom weiter nachzutrachten; 
man verschenkte den alten Zaubemamen 
Ttna Australis wie eine geschichtliche 
Rarität an Australien. Da taucht, zu- 
nächst im Gefolge zufälliger Inselfunde 
von Robben Schlägern in subpolaren vde 
polaren Südbreiten, im 19. Jahrhundert 
erneutes Interesse an einem doch viel- 
leicht um den Südpol herumlagemden 
Südland auf, und James Roß ent- 
schleiert wirklich 1841 ein Stück des ant- 
arktischen „Kontinents^^ (wie man heute 
zu sagen pflegt, obwohl die Zweifelsfrage, 
ob Restarchipel, ob Festland, noch keines- 
'^egs entschieden ist). Meisterhaft er- 
örtert Richthofen den sodann nach bei- 
nahe 60 jähriger Pause einsetzenden mo- 
dernen Aufschwung antarktischer For- 
schung, neben den kleineren Expeditionen 
vornehmlich die Fahrt der „Belgica", die 



Bücherbesprechungen. 



61 



deutsche, engliiche und schwedische Ex- 
pedition, mit imbeBtechlicher Gerechtig- 
keit ohne jede Spur nationaler Vorein- 
genommenheit jeder ihr gutes Recht zu- 
exteilend. 

Der Schluß gilt einer in knappen 
Sfttzen gehaltenen Beweisführung, wie un- 
entbehrlich die Fortführung der eigent- 
lich ja erst in unseren Tagen begonnenen 
systematischen Erforschung der Südpolar- 
welt für die Vollendung der Erdkunde 
■ei, nicht bloß um den letzten großen 
weißen Fleck vom Globus zu tilgen, son- 
dern um eine Fülle theoretisch wie wirt- 
schaftlich wichtiger Probleme allgemei- 
neren Inhalts der Lösung näher zu führen, 
so das über die Verarmung der Erde an 
Niederschlag, das über Verwandtschaft 
der Organismen im südlichsten Amerika 
und in Australien-Neuseeland, das über 
MeeresstrOme und deren wechselnde Rich- 
tung in ihrem Einfluß auf das Klima der 
Erde, endlich das über die Plankton- 
em&hmng der Fische im Meer, dieser 
bei rechter Verwaltung unerschöpflichen 
Nahrungsquelle der Menschheit. 

A. Kirchhoff. 

HoelselsBassentypen desMenschen. 
Unter Mitwirkung Ton F. Heger aus- 
gewählt und bearbeitet von F. Hei- 
derich, g^emalt von F. Beck. Kurzer 
Begleittext von Heiderich. Wien, 
Hoelzel 1908. 

Wie in den Begleitworten bemerkt ist, 
wurde in diesem Werke der Versuch ge- 
macht, die yerschiedenen Rassentypen des 
Menschen an besonders ausgewählten und 
charakteristischen Völkern zu demon- 
strieren. „Die Anordnung erfolgte nach 
geographischen Gesichtspunkten und zwar 
derart, daß auf Blatt I und II die asiati- 
schen, auf Blatt ni die afrikanischen und 
auf Blatt rV die amerikanischen, austra- 
lischen und polynesischen Rassentypen 
tur Abbildung gelangten. Eine Tafel mit 
ausschließlich europäischen Typen soll 
später folgen.*' 

Die Tafeln sind für den völkerkund- 
lichen Unterricht an Schulen bestimmt, 
welchen Zweck sie auch im Großen und 
Gänsen erfüllen. 82 Brustbilder in feinster 
polychromer Ausführung auf vier Tafeln 
(Größe 78/98 cm) geben eine Auswahl von 
RaasenkOpfen, die ein genügendes An- 
schammgsmaterial darbieten, um das, was 



im Anschluß an den geographischen Un- 
terricht über die Völker der Erde gelehrt 
wird, kräfkig zu beleben. Dabei ist 
dem ethnographischen Material (Kleidung, 
Schmuck), das nach Vorlagen aus der 
Sammlung des naturhistorischen Hof- 
museums in Wien dargestellt wurde, be- 
sondere dem Schulzwecke entsprechende 
Aufmerksamkeit geschenkt. Nach den aus 
tausenden von Vorlagen von Prof. Heide- 
rich unter Mitwirkung von Franz Heger 
ausgewählten Köpfen sind von dem Maler 
F. Beck Aquarelle hergestellt, nach wel- 
chen die Bilder zur Ausführung gelangten. 
Leider sind die künstlerisch ausgeführten 
Rassenköpfe in den Gesichtszügen z. T. 
etwas europäisiert, was sich wohl nur 
hätte vermeiden lassen, wenn es dem 
Künstler ermöglicht worden wäre, lang- 
jährige physiognomische Studien über die 
betr. Menschenvarietäten zu machen und 
diese teilweise auch nach der Natur zu 
malen. Derartige Ansprüche lassen sich 
aber an ein Unternehmen nicht stellen, 
das ein Werk in solch gediegener Aus- 
führung zum Preise von JL 17. — (auf 
Leinwand gezogen und mit Stäben versehen 
zu JL 24. — ) den Lehranstalten zur Ver- 
fügung stellt. Das Begleitwort zu den 
Tafeln ist sachgemäß abgefaßt. 

Otto Schoetensack. 

Waner^ A. Soziale Erdkunde. Hilfs- 
bücher für die Hand der Schüler in 
Volks- und Fortbildungsschulen zur 
Einführung in die Landes- und Ge- 
sellschaft^kunde. 1. Sachsen. 46 S. 
4 Skizzen, 20 Bilder, \ Y^. JL —.80. 
n. Deutschland. 1. Kursus. 1. Abt.: 
Vorwiegend Landschaftskunde. 48 S. 
4 Skizzen, 29 Bilder, 1 K. JL —.80. 
2. Abt.: Gesellschafbskunde. 88 S. 
3 Skizzen, 16 Bilder. JL —.30. 
2. Kursus: Deutschland im Kampfe 
um seine Erhaltung und Wohlfahrt. 
88 S. 7 Skizzen, 37 Bilder, 1 K. 
JL —.60. Dresden, Fröbelhaus 1906. 
„Die soziale Erdkunde ist ein Fort- 
schreiten von den natürlichen zu den wirt- 
schaftlichen, politischen und sozialen Ver- 
hältnissen des Vaterlandes, des Erdteils, 
der Welt. Kenntnis der Volksentwicklung 
muß das Ziel des erdkundlichen Unter- 
richts sein; mitten in dieser Entwicklung 
steht der Zögling, an ihr soll er bald 
tätigen Anteil nehmen,'^ T>\e% \ä\. ^^"?^ 



62 



Nene Bücher und Karten. 



methodische Glanbensbekenntnis, das der 
Verfasser in seinen „bescheidenen Heft- 
chen'^ in die Praxis übersetzen will. Die 
Behandlung geht aus von der Gewinnung 
klarer RaumTorstellungen (z. B. Schilderung 
einer Heise von Ejdtkuhnen bis Basel), 
gibt dann die natürlichen Landschaften 
und zeigt schließlich die Bewohner in 
ihrer Beschäftigung, ihrem Güteraustausch 
und das Staatswesen. Es liegt in den 
Spezialinteressen des Verfassers, dafi die 
Landschaftskunde ziemlich dürftig weg- 
konmit, daß nirgend4 Grundbegriffe der 
physischen Erdkunde an den heimat- 
lichen Verhältnissen entwickelt werden. 
Desto breiter ist die Wirtschaftsgeographie 



'■ ausgeführt , und der Hauptvorzug dm 
' Werkchens liegt in der Art, wie das spröde 
I statistische Material dem Schüler durch 
! treffende Vergleiche nahe gebracht wird. 
Nach der ganzen Behandlungsart halten 
wir die Hefte fQr sehr geeignet als (Grund- 
lage des geographischen Fortbildongs- 
, Schulunterrichtes. Hier werden die Mängel 
I im physischen Teil nicht zur Geltung 
kommen , dagegen die wirtschaftlichen 
, Fragen sicher volles Interesse und Ver- 
ständnis finden. Die beigegebenen Bilder 
sind sämtlich verkleinerte Reproduktionen 
der bekannten Schulbilder von Lehmann, 
Meinhold, Geistbeck u. a. 
I P. Wagner. 



Neae Bfleher und Karten. 



Geichlehte der Geofr»phte. 

Grande, Stef. Le carte d'America di 
Giacomo Gastaldi. 168 S. 6 Taf. 
Torino, Clausen 1906. 

Sandler, Chr. Die Reformation der 
Kartographie um 1700. 25 S. 4 tabel- 
larische u. Text-Beil. u. 6 Eartentaf. in 
Mappe. München u. Berlin, Oldenbourg 
1906. JC 20.—. 

Tor res, L. M. Les ^tudes g^ographiques 
et historiques de F^lix d'Azara. 20 S. 
Buenos Aires, Hermanos 1906. 
AllgonieiBeB. 

von Neumayer, G. Anleitung zu wis- 
senschaftlichen Beobachtungen auf Rei- 
sen. 3. Aufl. Lief. 5/6. 

Geographisches Jahrbuch. XXVIIL 
Bd. 1905. Hrsg. von Herm. Wagner. 
L größere Hälfte. 290 S. Gähtgens: 
Bericht über die ethnologische For- 
schung 1901 (1898) bis 190S. — Lan- 
gen b eck: Die Fortschritte in der 
Physik und Mechanik des Erdkörpers. 
— Oberhummer: Bericht über die 
Länder- und Völkerkunde der antiken 
Welt m. — Drude: Die Fortschritte 
der Geographie der Pflanzen (1901 bis 
1904). Gotha, Perthes 1905. .^ 9.—. 

Deutscher Kamera-Almanach 1906. 
Jahrbuch der Amateur -Photographie. 
Hrsg. V. F. Loescher. 280 S. 1 Taf., 
47 Vollb. u. 107 Textabb. Berlin, G. 
Schmidt 1906. 

Beiträge zur Kenntnis des Orients. 
U. Bd. Hrsg. von H. Grothe. 219 S. 
1 Abb. Halle a. S., Gebauer-Schwetschke 
1906. .^ 6.—. 



Brockhaus' Kleines Konversation t- 

Lexikon. 5. Aufl. Viele Abb. u. K. 

2 Bde. in 66 Heften zu je JC —.30. 

1.— 9. H. Leipzig, Brockhaus 1906. 

AUgeneUe phjriUche 6eofr»plile. 

Hann, J. Lehrbuch der Meteorologie. 

2. Aufl. Lief. 6, 7 u. 8 (Schluß). Je 

DentiehUad «ad MftekbarliBder. 
Fontane, Th. Wandenmgen durch die 

Mark Brandenburg. Auswahl, hng. v. 

H. Berdrow. 228 S. Stuttgart, Cotta 

1906. JC 1.—. 
März, Chr. Berg und Tal der Heimat. 

Geologisch-geographiache Wanderungen 

in der Amtshauptmannschaft Löbau. 

70 S. Löbau i. S., Walde (Marx) 1906. 

JC —.80. 

Aiiea. 

Genthe, Siegfried. Korea. Bieiseschil- 
derungen (Genthes Reisen. Bd. L). 
Hrsg. von Georg Wegener. 1 Bild 
Genthes. L u. 344 S. Berlin, AUg. Ver. 
f. deutsche Liter. (Paetel) 1905. JC 6.—. 
PoUffefcndea. 

Arktowski, Henryk. Projet d*ane 
exploration sjstämatique des r^gions po- 
laires. 26 S. Brüssel, Vanderauvera & 
Cie. 1905. 

Geofr»phUelier UBterrlckt. 

Wünsche, A. Schulgeographie des 
Königreichs Sachsen. VI u. 220 S. 
17 Textfig. Leipzig, Dürr 1906. JC 2.60. 

Jenkner, H. Rätsel aus Erd- und Him- 
melskunde. Mit einem Begleitwort von 
A. Kirchhoff. Neue Folge. 71 8 
Berlin, Oehmigke 1906. JC 1.—. 



Zeit Schriften schau. 



63 



Leipoldt, G., n. M. Kahnert. Physi- 
kalisch-politiBche Schnlwandkarte von 
Euiopa. 3. Aafl. 1 : 30000UO. 166 x 
185 cm. Dresden, Leipzig u. Wien, 
Maller -Fröbelhans 1906. Aufgezogen 
a. Leinwd. mit Stäben n. Wachstuch 
JL 22.—. 



Leipoldt, Gustav. Verkehrskarte von 
Mittel-Europa. Politische Karte mit 
Angabe der Eisenbahnen , wichtigen 
Alpenstraßen, Dampferlinien und Tele- 
graphenverbindungen. 1:850000. 166 X 
180 cm. Ebda. 1906. Aufgez. a. Leinwd. 
m. Stäben u. Wachstuch JL 22.—. 



Zeitschiiftensehan. 



Petermanns MiUeilungen. 1906. 11. Heft. 
Schott: Die Bodenformen und Tempera- 
turen des sQdlichen Eismeeres. — Jesch- 
ke: Der Orkan in den Marschall - Inseln 
am 80. Juni 1906. — Grubauer: Ne- 
gritos. — Rein ecke: Der neue vulka- 
nische Ausbruch auf Savaii. — Linke: 
Eine Umgehung des neuen Kraters im 
September 1906. — Finsterwalder u. 
Brückner: Protokoll der III. Internatio- 
nalen Gletscherkonferenz in Maloja vom 
6—9. Sept. 1906. — Frhr. v. Aufseß: 
Unterguchungen über die Erhöhung der 
Temperatur am Grunde der Seen. — 
Kothamel: Ist die Bezeichnung Cassini- 
Soldnersche Zylinderprojektion berechtigt? 

— Kirchhoff: Die neunte Auflage von 
Siielers Handatlas. 

Globus. 88. Bd. Nr. 19. Groos: 
Die Murichowo, ein Gebiet für deutsche 
Forschung und Unternehmung. — Halb- 
fȧ: Die Projekte von Wasserkraftanlagen 
am Walchensee und Kochelsee. — Oppel: 
Der obere See. — Gautiers Durchque- 
nmg der Sahara vom Tuat bis zum Niger. 

— Die Periodizität der Flutschwankungen 
des unteren Nil. 

Dass. Nr. 20. v. Knebel: Studien in 
Island, Sommer 1906. — Max Schmidts 
Indianerstudien in Zentralbrasilien. — 
EthniBche Eigentümlichkeiten des Japaner- 
fußea. — V. Negelein: Die Pflanze im 
Volkeglauben. 

Dtus. Nr. 21. Stephan: Ein modernes 
Kolonialabenteuer. — Kribi. — Gräbner: 
Einige Speerformen des Bismarck- Archi- 
pels. — Die Königin Njawingi von Mgororo. 

Dass. Nr. 22. v. Knebel: Studien in 
bland. — t. Negelein: Die Pflanze im 
Yolkflglauben. — Stephan: Ein modernes 
Kolonialabenteuer. — Mielke: Ein töner- 
ner prähistorischer Fuß. 

Deutsehe Bundschau für Geographie 
und SkUisUk. 28. Jhrg. 8. Heft. Seidel: 
Das Atoll OleaT und seine Bewohner. — 



Clinda: London in der Gegenwart. — 
Wiese: Die orientalischen Kirchen im 
türkischen Reiche. — Götzinger: Der 
neu aufgedeckte Gletschertopf bei Bad 
Gastcin. 

Zeitschrift für Schulgeographie. 1906. 
1 1 . Heft. M a r e k : Durch die Prärien Nord- 
amerikas zum Grand Canon. — Michler: 
Ein schwieriges Kapitel der Geographie. 

Geogi-aphischer Anzeiger. 1906. 11. Heft. 
Lampe: Fhr. v. Richthofenf. — Fischer: 
Der Erdkundeunterricht und die Gesell- 
schaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. 

— Schäfer: Eine poetische Beschreibung 
Europas aus dem XVI. Jahrhundert. — 
Fischer: Eine neue Methode zur Her- 
stellung von Yolksdichtekarten. 

Zeitschrift der Gesellschaft für Erd- 
kunde zu Berlin. 1906. Nr. 9. Solger: 
Die Moore in ihrem geographischen Zu- 
sammenhange. 

Zeitschrift für Kolonialpolitik, -recht 
und 'Wirtschaft. 1906. lO.Heft. Gossert: 
Über rentable Wasserstauung in Deutsch- 
Südwestafrika. — Die Yola- Tschadsee- 
Grenzexpedition in englischer Beleuchtung. 

— K ü r c h h f f : Der Kongo als Verkehrs- 
straße. — Gümpell: Die Otavi-Baho und 
die Otavi-Minen. 

Mitteilungen der k. k. Geograpfnsehen 
Gesellscliaft in Wien. 1906. Nr. 10. 
V. D b 1 h o f f : Europäisches Verkehrsleben 
(vom Altertum bis zum westfälischen 
Frieden) I. — Wissert: Das Wanger- 
nitzenkar in der Schobergruppe. 

Abhandlungen der k. k. Geographischen 
Gesellscliaft in Wien. 1906. Nr. S. (Nr. 2 
erscheint später.) — v. Kerner: Ther- 
moisodromen. Versuch einer kartogra- 
phischen Darstellung des jährlichen Ganges 
der Lufttemperatur. 

Ymer. 1905. 3. Heft. Andersson: 
Mesures prises ces derniers temps en Suade 
pour la protection de la nature. — N er- 
den skj öl d: Beiträge zur K^iv\i\.ii\'& «\m- 



64 



Zeitschriften schau. 



ger Indianerstämme des Rio Madre de 
Dios-Gebietes. — Lönnberg: Extension 
g^ographiqae de TOkapi. — Elis^e Rheins f. 

Annales de Geographie. 1905. No. 78. 
Novembre. de Margerie: La Garte 
bathymetrique des Oc^ans. — V ach er: 
Le baut Cher, sa valMe et son regime. 
— Erdeljanowich: Les £tudes de Geo- 
graphie humaine en pays serbe. — Mau- 
rette: ätat de nos Connaissances sur le 
Nord-Est africain . — Vallauz: A propos 
de la „ceintnre doree**. — Gautier: 
Yoyage de Gautier et Chudeau ^ travers 
le Sahara. — Concours d'agr^gation d' 
histoire et de gäographie. 

La GSographie. 1906. No 6. Nor- 
den skj öl d: Exploration scientifique au 
P^rou et en Bolivie (190f,^6). — Haug: 
La strueture gäologique du Sahara cen- 
tral d*apr^8 Foureau. — Audoin: No- 
tice hydrographique sur le lac Tchad. — 
R ab 1 : Projet d' exploration syst^matique 
des regions polaires. 

TJie Geographical Journal, 1906. No. 6. 
Mark h am: The Sphere and Uses of Geo- 
graphy . — Nansen: Oscillations of Shore- 
lines. — Delme-Radcliffe: Surveys and 
Studies in Uganda. — Herbertson: The 
Visit of the British Association to South 
Africa. — Bernacchi: Preliminary Re- 
port on the Physical Observations con- ' 
ducted on the National Antarctic Ezpe- | 
dition. 1902/04. 

The Scottish Geographical Magazine. 
1906. No. 12. Watermeyer: Geogra- 
phical Notes on South Africa south of 
the Limpopo. — The South African Mee- 
ting of the British Association. — Siberia, 
a review. 

The National Geographie Magazine. 
1906. No. 11. Wharton: Geography. — 
The Birthplace of Civilisation. — The 
Proportion of Children in the United States. 

ü. S. Geol. Survey. Bulletim. No. 248. 
Eckel: Cement Materials and Industry 
of the U. S. (16 Taf , 1 Fig.). — No. 257. 
Hatcher u. Stanton: Geology andPale- 
ontology of the Indith River beds (19 Taf , 
1 Fig.). — Clarke u. A.: Contributions 
to Mineralogy from the ü. S. Geol. Sur- 
vey (12 Fig.). 

Boss. Water 'Supply and Irrigation 
Paper. No. 119. Hoyt u. Wood: Index 



to the Hydrographie Progress Reports of 
the ü. S. Geol. Survey 1888—1903. — 
No. 120. Füller: Bibliographie Review 
and Index of Papers relating to Under- 
ground Water« publ. by the U. S. Geol. 
Survey 1879—1904. — No. 121. Leigh- 
ton: Preliminary Report on the Pollution 
of Lake Champlin. — No. 122. Johnson: 
Relation of the Law to Underground 
Waters. — No. 124. Barrows u. Hoyt: 
Rep. of Progress of Stream Measurements 
for 1904. I. : Atlantic Coast of New Eng- 
land Drainage (2 K., 1 Fig.). — No. 126. 
Grover u. Hoyt: Dass. m.: Susquehana 
usw. (2 K., 1 Fig.). — No. 128. Hall, 
Johnson u. Hoyt: Dass. Y.: Eastem 
Mississippi (2 K., 1 Fig.). — No. 132. 
Taylor u. Hoyt: Dass. IX.: Western 
Gulf of Mexico and Rio Grande (2 Taf, 
1 Fig.). 

Ans vergchiedenen Zeitschriften. 

Braun, Fritz: Die Temperaturverhält- 
nisse Eonstantinopeis. Deutsche MoneUs- 
Schrift f. Kolonialpolitik u. Koloniaaiion. 
in. Jahrg. Nr. 6, 7/8. Juni, Juli/Äug. 
1905. 

Ders. : Die Weltfitellung Italiens im 
Wechsel der Zeiten. I. Die Entwick- 
lung bis zur Neuzeit. Ebda. III. 6, 
Juni 1905. 

Ebert: Über die Aufrechterhaltung des 
normalen elektrischen Erdfeldes. Phys. 
Z. 6. Jahrg. Nr. 24. 8. 825—828. 

Ders.: Bemerkungen zu dem Aufsatze des 
Herrn Gerdian: Der Elektrizitätshaus- 
halt der Erde und der unteren Schich- 
ten der Atmosphäre. Ebda. S. 828—832. 

Häberle: Dünen in der Pfalz. Pfälzische 
Heimatkunde. I. 14. Dez. 1905. 

Hörstel: Die Erdbeben in Kalabrien. 
(Viele Abb.) Himmel und Erde. VIII. 3. 
Dez. 1905. 

Porena: Schiarimenti intomo al pas- 
saggio del primato cartografico dall' 
Italia ai Paesi Bassi nel secolo XVI. 
Atti del V. Congr. Geogr. Ital. NapoU. 
6.— 11. apr. 1904. Vol. 2«. Sez. IV. 
{Storica). p. 790-804 (1905). 

Tietze: Ferdinand Freiherr von Richt- 
hofen t- Verh. d. k. k. geol. Reichs- 
anstalt. No. 14. 1905. (Ber. v. 31. Okt. 
1905.) 



Verantwortlicher Heraoaffebcr: Prof. Dr. Alfred Hettner in Heidellcrg. 



Elis^e Reclns' Leben and Wirken (1830— 1905 . 

Von Paul Girardin und Jean Brunhes. 

Elisee Reclus wurde am 15. März 1830 in Sainte-Foy-la-6rande (Gi- 
ronde) geboren. Sein Lebenslauf darf hier nicht übergangen werden, denn 
wenige seiner Umstände blieben ohne Einfluß auf sein Wirken. Gerade wie 
man in diesem reichbewegten Leben, das das eines Empörers, eines Ge- 
lehrten und eines Apostels war, drei Perioden unterscheiden kann, so lassen 
sich auch in seinem Wirken die Spuren dreier Richtungen oder dreier Ein- 
flüsse erkennen: die seines Vaters, die Karl Rittei*s, die seiner Reisen 
und der Natur. 

I. 

Sein Vater war der Pastor Jean Reclus, der als Vater von zwölf Kindern 
ein so streng biblisches Leben führt«, daß er zu seinen Lebzeiten als Prophet 
und Heiliger verehrt wurde. Als er gegen Ende seines Lebens von der Be- 
völkerung eines in den Pyrenäen verlorenen Tales herbeigerufen wurde, ver- 
ließ er, um diesem Rufe zu folgen, seine Familie imd seine Besitzungen und 
machte sich mit seinen Söhnen auf den Weg.^) Dies Beispiel, im Verein mit 
«iner universellen, sich auf alle und alles erstreckenden Sympathie, erzeugte 
in ihm jenes über alle sozialen Konventionen erhabene Wahrheits- und Ge- 
rechtigkeitsbedürfnis, das nur eine dringende Fordenmg seines Herzens war. 
Der Gedanke, daß jedem Volke, jeder Rasse, jedem Bruchteil der Menschheit 
in der Vergangenheit wie in der Gegenwart Genugtuung werden und Ge- 
rechtigkeit widerfahren müßte, findet sich in der „Geographie Universelle" wieder ; 
die skrupulöse Genauigkeit in der Beschreibung ist nur eine Form dieser 
strengen Gerechtigkeit. Indem aber der Schriftsteller alle Erscheinungen der 
Natur mit Aufrichtigkeit und S3rmpathie schildert, erwirbt er das Gefühl der 
Verschiedenheit der Länder und wird so ganz unwillkürlich Geographie 
treiben. Hierin berühren sich bei Reclus die moralische Besorgnis und die 
wissenschaftliche Genauigkeit, und das eben macht vor allem die Gedanken- 
einheit dieser 19 großen Bände aus. 

Dieser Pundamentalbegriffi empfangen in einer ganz nach dem Evangelium 
lebenden Familie, ist unwidersprechlich christlich in seiner Genesis, gerade 



1) Einzelheiten hierüber bietet der schöne Artikel von F. Schrader, „Elisee 
Beclus'', in: „La Geographie". 16. Aug. 1905. S. 81—86. Femer Porena in: „Hol. 
4ella See. Africana dltalia". XXIV. 1905. fasc. VII. 

0«ogrftphisch6 Zflitiobrift. IS. Jahrgang. 1906. S.Heft 5 



66 Paul Girardin und Jean Brnnhes: 

wie der Begriff von der Menschheit als Ganzem, aufgefaßt in ihrer historischen 
Entwicklang und jetzigen Verbreitung. Vom gleichen christlichen Geist 
durchdrungen ist auch seine Eollektivsympathie, diese Caritas generis humani, 
die ihn in seinem letzten Werke ausrufen ließ: „Überall habe ich mich zu 
Hause gefohlt, in meiner Heimat, bei Menschen, meinen Brüdern. Ich glaube 
Dicht, daß ich mich je von einem Gedanken habe hinreißen lassen, welcher 
nicht der der Sympathie und Ehrerbietung für alle Bewohner des großen 
Vaterlandes gewesen wftre." 

Andererseits, und gerade durch seinen auf die Spitze getriebenen Altruis- 
mus, sollte er erfahren, wie stark der Antagonismus ist, der zwischen seiner 
AufPassung der Menschheit, als Ziel und Gesamtheit betrachtet, und unserm 
Stand der Zivilisation herrscht, wo die Ausbeutung und das Aussterben der 
sogenannten „minderwertigen^^ Rassen von den „starken Völkern" als Aus- 
breitungsbedingung der „privilegierten Rassen" angesehen wird. Daraus ent- 
stand der erste Konflikt und die erste Empörung, und von sämtlichen Pro* 
testationen gegen die soziale Ordnung ist die zu gunsten der Schwarzen, Gelben 
und Rothäute, die man namens einer hohem Zivilisation niedermacht, depor- 
tiert und verkauft, die beredteste und beharrlichste. Man lese nur in ^JLbb 
Primitifs" von Elie Reclus den Bericht über alle die Grausamkeiten^ 
die die Weißen an den Eingebomen Australiens oder an den Indianern 
Amerikas verüben, und man wird dieselbe Geistesrichtung entdecken, ein Be- 
weis dafür, daß wir es hier mit den „Grundpfeilern" seines Wirkens zu tun 
haben, und daß es die Familieneinflüsse sind, die die Gefühle des großen 
französischen Geographen geformt und die Eingebung seiner Ideen vorbereitet 
haben.^) 

Ist es nicht gestattet, noch weiter zu gehen und in dieser Abstammung 
die Erklärung f(ir gewisse Vorlieben und Abneigungen zu suchen ? Sollten wir 
im Werke des Sohnes nichts von dem mystischen Ideal des Vaters antreffen, 
des Mannes, der im XIX. Jahrhundert das Leben eines „Hirten in der Wüste" 
zur Zeit der Verfolgung verwirklichen wollte? Auch Elisee hatte wie der 
Hirte sein auserwähltes Volk, die Waldenser, diese „Israeliten der Alpen", 
die im Mittelalter durch ihre Mission und ihren Auszug ein zweites Mal die 
Gestalt des jüdischen Volkes erneuerten. So oft der Geograph in seinen 
Werken auf dieses heroische kleine Völkchen stößt, verweilt er bei ihm mit 
einem gewissen Wohlgefallen. Nur zwei Beispiele unter vielen andern. Durch 
eine Wallfahrt in die Vallouise, ein verlorenes Tal im Brian9onnais, die den 
vertriebenen Waidensem als Zufluchtsort gedient hatte, begann er gleich nach 
seiner im Jahre 1857 erfolgten Rückkehr nach Frankreich seine in Gemein- 
schaft mit Adolf Joanne unternommenen Exkursionen. In einer seiner letzten 
Schriften, „Supplement au Dictionnaire de la France", widmet Joanne eine 
der das Paßsystem der Alpen erklärenden Skizzen der „glorreichen Rückkehr*' 
der Waldenser in ihr Land. 



1) Bei einem andern Bruder Elis^es, Ouesime, dessen geographische Werke 
bekannt sind und dessen Ideen in so mancher Hinsicht von denen seines Bruders 
abweichen, finden wir dieselbe Qrundstimmung einer feurigen Begeisterung. 



Elisöe RecluB' Leben und Wirken (1830 — 1905). 67 

Dies die Herkunft Elisee Beclus' und einer der Umstände, der seine 
Geistesrichtung unzweifelhaft stark beeinflußt hat. 

n. 

Durch welches Zusammentreffen von Einflüssen gelangte nun dieser un- 
ruhige Geist zur Geographie? Die Vorlesungen Karl Ritters an der Uni- 
versität Berlin (1851) entschieden diesen Beruf, der sich selbst verleugnete. 
Wenn auch die „Geographie Universelle**, als Tatsachensammlung betrachtet, 
eine Frucht langer Reisen und einer staunenswerten Belesenheit ist, so 
bildet doch die geographische Philosophie Ritters das Wesen der geogi-a- 
phischen Ideen Reclus^ und Ritter zog von vornherein die Leitlinien des 
zukünftigen Werkes. Seine Ideen dienten den zahlreichen kleinen populären 
Abhajidlungen als Bindeglied, der „Geographie Universelle" als Vorrede, 
seinem gesamten Wirken als Methode, Ideen, die sich im Laufe eiaer mehr 
als ein halbes Jahrhundert umfassenden Schaffenszeit im großen und ganzen 
nur wenig veränderten. Gleich anfangs war der in die Betrachtung der 
äußern Gestaltung ganz veitiefte Schüler wie sein Lehrer betroffen von der 
im Universum herrschenden Ordnung, wie sie sich durch eine Reihe von 
„Symmetrien", „Kontrasten" und „Harmonien" kundtut: der Harmonie der 
kontinentalen Formen, der Symmetrie der Länder entspricht die der Meere; 
die große Wasserhemisphäre bildet nach demselben Gesetz, das die Fest- 
länder in drei Länderpaare gerteilt hat, eine Art Weltmeerpaar, und es gäbe 
danach drei Doppelozeane; die nördliche und südliche Polarregion weist 
ebenfalls ein Beispiel von Gleichgewicht zwischen Land und Wasser auf, und 
Reclus ahnt hier, den Forschungsresultaten Nansens, Drygalskis u. a. voraus- 
eilend, daß sich um den Nordpol eine Meeressenkung ausdehnt, während eine 
Landkalotte den Südpol besetzt hält. Und doch ist diese rein äußerliche 
Symmetrie der Erdmassen von geringer Bedeutung im Vergleich zu der tiefen 
Haimonie, die als Folge der Abwechslung der Winde, Strömungen und Klimate 
erscheint; „auch ist die wahre Schönheit der Erde nicht in den verschiedenen 
Teüen der Erdkugel, wohl aber in deren Einwirkung auf einander zu suchen". 
Hierin erkennt man ohne Schwierigkeit die Lieblingsideen Ritters und seiner 
Schule, und diese selben Synmietrien und Harmonien finden wir in den „Homo- 
logien" Peschels wieder. 

Was aber Reclus unter „Erdharmonien", „Erdschönheit" versteht, ist 
unter anderem Namen die Zweckmäßigkeitslehre, die er in glänzenden Seiten 
entwickelt, die ohne Zweifel Leibniz anerkannt, die sicherlich Bastiat 
nicht verleugnet hätte. Der große Anarchist denkt und urteilt ganz wie der 
große liberale Nationalökonom, und nichts ist logischer; denn beim einen 
wie beim andern ist es ein entferntes Echo dieses optimistischen Vertrauens 
in die Natur Jean- Jacques Rousseaus. Dieser optimistischen Auffassung des 
Erdganzen entlehnt Elisee Recliis die Definition der Geographie selbst: „Die 
physische Geographie ist weiter nichts Anderes als das Studium dieser Erd- 
harmonien. Sich mit den hohem Harmonien zu befassen, d. h. mit denen, 
die aus den Beziehungen der Menschheit mit dem Planeten als deren Schau- 
platz entstehen, bleibt der Geschichte vorbehalten." 

6* 



6g Paul Girardin und Jean Brnnhes: 

Welche Stelle kommt dem Menschen in der Symmetrie der äußern For- 
men, in dieser Hierarchie der lebenden Formen zu? Seine Rolle, seine Be- 
stimmung ist, „das Gewissen der Erde zu werden'^, und gerade dadurch lädt 
er eine Verantwortlichkeit für die Harmonie und die heaute de la ncUure 
ettvironnante auf sich. Alle Vollmacht ist ihm verliehen, die Gegend, die er 
bewohnt, nach seinem Gutdünken zu formen. Sein tätiges Eingreifen, das 
sich so machtvoll kundtut in der Trockenlegung der Sümpfe und Seen, im 
Hinwegschaffen der die verschiedenen Länder trennenden Hindemisse, ist von 
einschneidender Bedeutung für die äußeren Umgestaltungen des Planeten. 
Aber nicht nur verschönem, auch verunstalten kann der Mensch die Erde; 
je nach dem sozialen Stande und den Sitten eines Volkes trägt seine Tätig- 
keit dazu bei, die Natur an Schönheit gewinnen oder verlieren zu lassen. 

Darin liegt das Prinzip eines zweiten Konfliktes zwischen der Erde und 
dem Menschen, insoweit er sich in dem jetzigen Typus der Zivilisation ver- 
körpert, und dies ist die zweite Anschuldigung Reclus' gegen die Zivili- 
sation. Der Mensch plündert die Erde als wahrer Barbar, treibt Raubwirt- 
schaft, und die Erdoberfläche weist ungezählte Beispiele solch schonungsloser 
Verwüstung auf. An vielen Orten hat der Mensch seine Heimat in eine 
Wüste verwandelt, und das Gras gedeiht nicht mehr dort, wohin er den Fuß 
gesetzt hat. Aber die mißhandelte Natur rächt sich und „zu den Ursachen, 
die in der Geschichte der Menschheit schon so viele auf einander folgende 
Zivilisationen vernichtet haben, müßte man in erster Linie die Rücksichts- 
losigkeit zählen, mit der die Mehrzahl der Völker ihre allgemeine Nährmutter 
mißhandelten". Indem nun Reclus diese Erwägungen auf den Niedergang 
Spaniens anwendet, zeigt er, wie viel gewisse historische Fragen gewinnen 
würden, wenn man sie vom geographischen Standpunkt aus behandelte. 
Einige Historiker haben die Ursache dieses Sinkens der Nation in der Auf- 
findung der Goldgruben Amerikas gesucht, andere in der von der Inquisi- 
tion organisierten religiösen Schreck ensheiTSchaft, in der Vertreibung der Juden 
und Mauren, in den blutigen Autodafes der Ketzer, ohne zu bedenken, daß 
der wutartige Eifer, mit dem die Spanier die Bäume aus bloßer Angst vor 
den Vögeln niederhackten, nicht zuletzt mit schuld an diesem Verfall ist. 
„Die gelbe, steinige nackte Erde gewährt jetzt einen widerwärtigen, entsetz- 
lichen Anblick, der Boden ist verarmt, die Bevölkerung, die zwei Jahrhunderte 
hindurch in steter Abnahme begriffen war, ist teilweise in die Barbarei zurück- 
gesunken. Die kleinen Vögelein haben sich gerächt."^) 

Muß man also an der Zukunft der Erde verzweifeln? Soll der „harte 
Landmann" nur an ihrer Verhäßlichimg arbeiten ? Soll man mit den Maoris 
ausmfen: „Die Ratte des Weißen wird unsere Ratte, seine Mücke unsre ver- 
treiben, sein Klee wird unsere Farnkräuter und der Weiße selbst den Maori 
töten"? Ganz und gar nicht, denn eine echte Zweckmäßigkeitslehre bleibt 
optimistisch trotz aller Greuel, die der Mensch an der Natur veiiibt. Daher 
stellt auch der Geograph dem Verzweiflungsruf Michelets in „La Mon- 
tagne": „Die Gemeinheit wird siegen!" einen optimistischen Ausruf gegen- 

1) „La Terre^^ II. S. 748. 



Elis^e Reclns' Leben und Wirken (1880—1905). 69 

über, beteuert seine Hoffnung auf die Zukunft des seiner Rolle zurück- 
gegebenen Menschen: ,^ein, das Ideal wird den Sieg erringen! Solange dieses 
Ideal weiter nichts sein wird als die Urbarmachung des Bodens, wird ihm 
wohl alles geopfert werden; wenn sich aber einmal der Ackerbau befreit 
von dieser Angst vor der Not, sich ganz der ArtenverÄnderung wird zuwenden 
können, wird es ihm zweifellos gelingen, die Pflanzenwelt nach seinen Wün- 
schen umzugestalten/^^) 

m. 

Nachdem wir versucht haben zu scheiden, was in diesem Wirken von 
Jean Beclus stammt, und was auf Karl Bitter zurückgeht, müssen wir die 
Lebensgeschichte wieder aufnehmen. Elisee, der an der republikanischen 
Bewegung des Jahres 1848 Anteil genonmien, kehrte gerade zur Zeit des 
Staatsstreichs des 2. Dezembers nach Paris zurück; er verließ sogleich Frank- 
reich und ließ sich nach einander in England, Irland, in den Vereinigten 
Staaten, in Mittel- Amerika, in Neu- Granada nieder — ahmte er hierin nicht 
absichtlich Humboldts Beispiel nach! — überall die vielgestaltigen Erschei- 
nungsformen des Planeten in sich aufnehmend, seinen Sinn fCLr Lokalfärbung 
in der Berührung mit der Natur schärfend und seine Schilderungsgabe, die 
ihn im ersten Anlauf an die Spitze der Schriftsteller setzte, und die inmier 
die Stütze seines Talentes blieb, stets vervollkommend. Gleichzeitig machte 
er sich mit der Sprache, Literatur und den Schriften des Auslandes vertraut, 
verkehrte mit einer großen Anzahl wissenschaftlich gebildeter wie politischer 
Persönlichkeiten, deren Korrespondenz und „handschriftliche Aufzeichnungen^' 
in seinen Werken einen so breiten Raum finden sollten, und dies alles zu 
einer Zeit, wo die geographische Literatur noch so arm war und sich von 
einem Land zum andern versteckte. Was den Wert des Rußland und Sibirien 
gewidmeten Bandes ausmacht, ist die schwere Menge ungedruckter Berichte, 
die der Verfasser persönlichen Beziehungen mit russischen Agitatoren ver- 
dankte. Und wenn vielleicht kein Band den über die Vereinigten Staaten 
an Wert überragt, so hat dies seinen Grund darin, daß man vom Anfang 
bis zum Ende unter dem angenehmen Eindruck steht, daß der Verfasser aus 
eigener Anschauung schildert und als unverbesserlicher Freiheitsschwärmer 
ein wahres Vergnügen bei der Beschreibung eines freien Landes empfindet. 
Beclus brachte von seinen überseeischen Reisen mehr als bloß Skizzen und 
Projekte zurück, es erwuchs daraus sein erstes Buch: „Voyage a la Sierra 
Nevada de Sainte Marthe". 

Nach Paris (1862) zurückgekehrt, verband er sich mit Edouard Char- 
ton, der ihm den „Tour du Monde" eröffnete, und mit Adolphe Joanne, 
der seine Itiniraires Frankreichs durch eine R^ihe Reisen vorbereitete, an 
denen Reclus teilnahm. Er verliebte sich nach und nach ganz in das Hoch- 
gebirge und vervollständigte seine Untersuchungen über die Dauphineer und 
Savoyer Alpen — wo er als Vorläufer die Engländer hatte — wie der 
Pyrenäen — wo er der Nachfolger Ramonds und der Vorläufer Schraders 
war.*) Er war Mitarbeiter bei mehreren Itineraires Joannes, von denen 

1) „La Terre". U. S. 741. 

2) Siehe Henri Beraldi: „Cent ans aux Pyrän^es". 7 Bde. Paris, 1898—1904. 



70 Paul Girardin and Jean Brunhes: 

einige durch ihre Genauigkeit und ihren geographischen Charakter kleine 
Meisterwerke sind^): Alpes franqaises, Jura, Pyrcnee^^ Villes d*hiver de la 
Mf'diterrance et des Alpes Maritimes, Guide de Landres, welcher eine der 
besten Untersuchungen über das Armenwesen enthält, die bis jetzt erschienen 
sind. Durch seine Abhandlungen von edler Allgemeinverständlichkeit in der 
Art von Viollet-le-Duc bereitete er sich auf seine Rolle als Wiederbeleber 
der Geographie in Frankreich vor. So erschienen: „Histoire d'une montagne'', 
„Histoire d'un ruisseau", „La Terre" (2 Bande). Für den Dictionnaire gio- 
graphique de In France von Joanne schrieb er eine meisterhafte Einleitung, 
die Stoff für zwei Oktavbände liefern würde; endlich führte er sich durch 
seine Artikel in der „Revue des Deux Mondes" beim großen Publikum als 
Schriftsteller ein, insbesondere durch die über den amerikanischen Sezessions- 
krieg, die bewiesen, daß selbst die Kriegskunst keine Geheimnisse für ihn hatte. 
Nicht genug erkannt hat man den bedeutenden Raum, den er der Kriegs- 
geschichte in seiner Geographie zuweist, namentlich in der der außereuropäischen 
Länder, deren Geschichte wenig bekannt ist, wie z. B. die Südamerikas, und die 
eine Erinnerung seiner in dieser Zeit erfolgten Ausbildung als War Corrc- 
spondent ist.*) 

Von 1870, ja bereits von 1866 an, nahm das Schicksal Reclus', das 
sich bis dahin von dem der „Liberalen" unter dem Kaiserreiche nicht unter- 
schieden hatte, zwei Gestalten an, je nachdem man dem Geographen oder 
dem Politiker nachgeht. Nicht etwa als ob in ihm zwei Menschen vorhanden 
gewesen wären; immer wußte er zwischen dem Manne der Tat und dem der 
Wissenschaft das Gleichgewicht, ja fast einen modus vivendi, zu erhalten. Wir 
werden noch zu untersuchen haben, inwiefern die Ansichten des letzteren die 
des ersteren beeinflußten. Obwohl seit 1866 der „Internationalen" angeschlossen, 
erfüllte er 1870 auf den Wällen von Paris als einfacher Nationalgardist seine 
Pflicht; am 18. Mäi*z 1871 beteiligte er sich an der Commune, wurde auf 
dem Plateau von Chatillon gefangen genommen und zur Deportation ver- 
urteilt, eine Strafe, die Thiers (Januar 1872) auf das eindringliche Bitten 
einiger der größten Gelehrten Europas in die der Landesverweisimg milderte. 
Er ließ sich nun in der Schweiz nieder, zuerst in Lugano, dann in Vevey 
und Genf, wo er sich mit den Häuptern des russischen Nihilismus, den Prinzen 
Kropotkin und Bakunin verband, und kehrte trotz seiner Begnadigung im 
Jahre 1879 doch nicht nach Frankreich zurück. Er wurde eben nicht müde, 
immer wieder die „Schönheit der Berge" aller dieser Ufer der Schweizer 
Seen zu bewundem, die seinen Geist stets bezauberten, und die er gleich 
den alten Völkern anzubeten geneigt war. Man möge in Les Continetits 



1) Ist es bekannt, daß Joanne für seinen Itineraire der Auvergne die Manu- 
skripte des Jean de la Roche und des Marquis de Yillemer benutzte, die ihm 
George Sand mitteilte? 

2) Über die Beziehungen des Journalismus, des „Journalismus hoher Informa- 
tion^^ zur Laufbahn einiger der größten Geographen des XIX. Jahrhunderts er- 
lauben wir uns zu verweisen auf Jean Brunhes: „Instituts g^ographiques et 
Chambres de commerce en Allemagne" („Revue internationale de Tenseignement 
sup^rieur". lö.l. 1901. S. 8:1—39) und „Friedrich Ratzel" („La Geographie". 16.VIII. 1904). 



Elisäe RecluB' Leben und Wirken (1880 — 1905). 71 

(S. 154 ff.) die tiefempfundenen Seiten lesen, die er der Schönheit der 
Berge widmet, „der Freude, die man empfindet die Bergesspitzen zu erklimmen, 
wo man bei der Berührung des Bodens den Gebrauch seiner Glieder und 
seiner Freiheit wieder gewinnt," und man wird die Gründe begreifen, die ihn 
diesen Aufenthalt wählen ließen, wie die Art Gebirgsreligion, die er mit 
Michelet teüte: „Vevey, Luzem, Interlaken sind ebenso viele heilige Städte, 
wohin alle Naturverehrer pilgern." 

Im Jahre 1892 ließ sich Beclus in Brüssel nieder, einem Rufe der 
dortigen „Freien Universität" folgend, die ihm die Lehrkanzel für verglei- 
chende Geographie anbot; 1894 beteiligte er sich durch Wort und Tat eifrigst 
an der Gründung der „Neuen Universität". In die Jahre 1866 — 1894 fällt 
zugleich mit der eifrigsten politischen und sozialen Agitation die Hauptperiode 
seiner wissenschaftlichen Produktion. 

In den Jahren 1866 — 67 erschienen die beiden Bände von „La Terre", 
denen das neue Ansehen, das die physische Geographie genießt, zuzuschrei- 
ben ist und in denen der Einfluß Ritters, wie bereits erwähnt, be- 
sonders vorherrscht. In diesem die Entwicklung der Erde darstellenden Ge- 
mälde beschäftigt sich Reclus vorzüglich mit der oberflächlichen und 
äußeren Gestaltung der Erdkugel, während er die innere Struktur übergeht; 
Form und Umrisse der Erdoberfläche nehmen mehr Raum ein als der Boden 
und die Bodenarten, eine Lücke, die um so begreiflicher erscheint, wenn man 
erwägt, daß die Geologie damals noch lange nicht das war, was sie heute 
ist. Das Buch zeichnete sich aber durch seine durchsichtige Klarheit, die 
Neuheit der Äpergus^ die Poesie der Schilderungen, eine der wissenschaft- 
lichen Genauigkeit keineswegs Abbruch tuende Begeisterung so sehr aus, 
daß es im ersten Anlauf die gebildete Welt eroberte und seinem Verfasser den 
Ruhm des Begründers einer neuen Wissenschaft eintrug. Es erschien wie ein 
anderer discours de la meÜiode der Geographie. Gleichzeitig mit der Erhebung 
zur Wissenschaft gewann die Geographie das Heimatsrecht beim großen 
Publikum. Andererseits waren von nun an Rahmen und Form der geographi- 
schen Werke bestimmt, während bis dahin die geographischen Lehrbücher, von 
denen die Balbis am höchsten geschätzt wurden, ohne sich entscheiden zu 
können zwischen den Typen Reisebuch, Führer, Wörterbuch und Atlas hin- 
und herschwankten. Reclus war genau wie ein Joanne und Dichter wie 
ein Michelet. Man übertreibt nicht, wenn man die Bedeutung dieser beiden 
Bände betont; waren sie doch in Frankreich wie im Ausland eine wahre 
Offenbarung einer echten allgemeinen, vergleichenden Geographie. Einer der 
Verfasser erinnert sich, von einem so hervorragenden Gelehrten wie Albrecht 
Penck gehört zu haben, daß er beim Lesen dieses Reclus'schen Werkes eine 
seiner stärksten, fruchtbarsten und entscheidendsten Eingebungen empfand. 
Ein französischer Gelehrter, Emmanuel de Margerie, gleich bekannt als 
Geolog und Geograph, nimmt keinen Anstand zu bekennen, wie viel er dem 
geistigen Verkehr mit Elisee Reclus und besonders dem Studium von „La Terre*' 
verdankt. 

Der Geograph Reclus schwieg sieben Jahre lang, dann ließ er zwi- 
schen 1875 und 1893 die 19 Bände der „Nouvelle Geographie Universelle" 



72 Paul Girardin und Jean Brnnhes: 

erscheinen. „Neu" war sie in der Tat durch den Oeist, der sie durchdrangt 
wie durch die Methode, deren Erklärung er eingangs des Bandes La France 
zu geben für angezeigt hielt, und wo er mit allem, was vorausgegangen, 
tabula rasa machte: „Die konventionelle Geographie, die in der Angabe der 
geographischen Länge und Breite, in der Aufzählung der Städte und Dörfer, 
der politischen und administrativen Einteilung besteht, wird in dieser Arbeit 
eine nur untergeordnete Stellung einnehmen; die Atlanten, Wörterbücher und 
offiziellen Dokumente geben über diesen Teil der geographischen Wissenschaften 
alle wünschenswerten Auskünfte." F. Schrader nannte sie mit Recht ein 
„Gemälde der Erde", zwar nicht mehr des Lebens und der Entwicklung des 
Planeten, aber so wie sich die Menschheit seiner bemächtigt und die Teilung 
vorgenommen hat. In dem so erweiterten Rahmen von La Terre hat Reclus 
dem physischen Milieu das anthropologische gegenübergestellt, Einteilungen 
bestimmt, die man Nationen nennt, — Gruppierungen, die Völker heißen, 
— Krystallisationszentren, die Städte sind, — und dem Ganzen eine Be- 
wegung mitgeteilt, die Geschichte genannt wird. So hatte der Menschen- 
freund auf seinem Wege die Haupteigenschaft des Geographen wieder- 
gefunden, „den Sinn für die Vielgestaltigkeit und das Vermögen die Menschen, 
Orte und Landschaften im Ausdrucke von einander zu unterscheiden; aus 
lauter Gerechtigkeitsliebe und Sympathie für die Menschen entdeckt er in 
jedem Bruchteil des Planeten und der Menschheit besondere Züge, die sie 
charakterisieren". Überall weht „ein Liebeshauch für die Erde und ihre 
Söhne". ^) 

Genügend betont wurden die Verdienste Reclus', der Takt, mit dem er 
die goldene Mittelstraße einzuhalten wuBte, sorgfältigst jedes Übermaß in der 
Beschreibung wie in der Aufzeichnung vermeidend, womit er seinen vor- 
gezeichneten Rahmen verlassen hätte. Das, was Reclus bietet, sind keine 
Reiseeindrücke ä la Loti, kein kritisches Werk nach dem Muster Taines, 
wo der Beweisapparat den Gang der Erzählung hemmt und den Zusammen- 
hang zerreißt. Stets blieb er eben seinem Kunstideale treu: er wußte, daß 
die gut geschriebenen Bücher allein den Nachkommen überliefert werden, wie 
sie auch die einzigen sind, die dem Verstauben in den Bibliotheken ent- 
gehen. Nun war aber für Reclus die Nouvellc Geographie Universelle gerade 
wie seine polemischen Werke ein Propaganda-Mittel, ein Werkzeug der Be- 
kehrung. Aber nicht bloß den engen Kreis der Geographen, den ganzen 
öffentlichen Geist wollte er bekehren, denn diesen fär die Geographie ge- 
winnen, bedeutete für ihn so viel, wie ihn für die Schönheit der Erde be- 
kehren, ihm als Beispiel die Natur geben als die einzige Welt, wo sein Ideal 
einer imiversellen Harmonie verwirklicht wäre. 

Hinter dem Mangel an Belegen verbargen sich die ausgedehntesten 
Kenntnisse. Dieser Schriftsteller, dieser Dichter hatte alles gesehen, alles 
gelesen, alles selbst empfunden, und indem man Zeile für Zeile liest, wird 
man mit Staunen finden, daß ihm kein Beweisstück, kein technischer Bericht, 
keine wenn auch noch so geringfügige Schrift entgangen ist. Dort, wo er 



1) F. Schrader. Elis^e Reclus. a. a. 0. S. 85. 



Elieäe Reclus' Leben und Wirken (1830 — 1905). 73 

nichts Gedrucktes vorfand, durchlief er die „handschriftlichen Notizen'^^ ließ 
sich von Reisenden und Flüchtlingen belehren. Trotzdem gibt er seine 
Quellen nur selten an, seine Angaben sind spärlich, sehr kurz, oft unzureichend. 
Aber nicht allein um sein Wissen zu verbergen, empfindet er gleichsam eine 
gewisse Scham, oder aus Furcht, seine Leser durch einen reichlichen Fuß- 
noten-Apparat zu erschrecken . . . nein: diese Spärlichkeit der Quellenangaben 
ist eine folgerichtige Durchführung seiner kommunistischen Ideen; die Wissen- 
schaft und alles, was Wissenschaft ist, und jedes vom Menschen entdeckte 
Wahrheitsteilchen darf nicht dem elenden Gesetz der persönlichen Aneignung 
unterworfen werden ; alles gehört allen, alles, was gedinickt und fürs Publikum 
veröffentlicht worden, ist eben dadurch allgemeines Eigentum geworden, 
und wenn man es auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus bedauern 
muß, daß er nicht begriff, von welch großem Werte für den Leser, Forscher 
und Kritiker genaue Angaben der benutzten Quellen sind, so kann man doch 
die soziale Idee, die ihn dabei leitete, nur bewundern; er blieb mit sich 
selbst logisch bis zum Ende, und wir haben ihn offen behaupten hören, daß 
jedermann das Recht habe, ihn nach Belieben zu plündern, ohne ihn anzu- 
führen: gar mancher, der die kommunistischen Ideen Reclus* nicht teilte, hat 
ihm gegenüber von dem zugestandenen Rechte den vollsten Gebrauch gemacht! 

Mußte diese Methode der geistigen Gütergemeinschaft besonders die 
Bibliographen entsetzen, so war seine ganz materielle Auffassung der Bücher 
und vor allem der Zeitschriften danach angetan, die Bücherfreunde zu er- 
schrecken. Wir hatten Gelegenheit, ihn im geographischen Institut zu Brüssel 
zu beobachten, wie er, ganz in das „Sezieren*^ vertieft, viele Zeitschriften, 
die er erhielt, in Stücke zerschnitt, jedes Stück, d. h. jeden Artikel, nach dem 
behandelten Gegenstande einordnete. Übrigens legte er dabei eine Einfalt 
an den Tag, die eine Art Ehrfurcht einflößte: er empfing, las und ordnete 
alles ein und konnte gar nicht begreifen, daß andere nicht ebenso aufrichtig 
und gewissenhaft wären, wie er selbst, und bereicherte seine geographische 
Mappe über Korea, Tibet, Armenien mit allen Artikeln, die auch nur in 
etwas die Bevölkerung dieser Länder berührten oder in den unbedeutendsten 
freiheitschwärmerischen oder revolutionären Zeitschriften erschienen. 

Reclus setzte sich überall und in allem nicht nur über jedes geschriebene, 
ja selbst über jedes gebräuchliche Recht hinweg! Er lebte ohne jedes Vor- 
urteil, ohne irgend welche Voreingenommenheit. In aller Aufrichtigkeit, ja, 
man möchte fast sagen in tatsächlicher und schöner Naivetät, war er un- 
abhängig, und dieser Pastorssohn gelangte zur Anarchie als einfachem und 
logischem Endpunkt des sogenannten libre ex amen. 

Dieser Schriftsteller, dieser Künstler, dieser Apostel war stets ein biederer, 
genauer Gelehrter. Niemand dachte weniger als er daran, sich seiner Un- 
parteilichkeit zu rühmen, und doch nahm es niemand genauer damit. Nicht 
wenig erstaunt man beim Lesen seiner Schriften, darin auch nicht eine Spur 
dieses so reichbewegten Lebens zu finden; seine Prosa fließt klar und lauter 
dahin, ohne Stillstand, ohne Überstürzung, gleich einem großen gereiften 
Strome. Wenn wir in seinem Wirken einige Nachklänge seiner in mystischer 
Mitte empfangenen Erziehung oder einige Episoden seiner geistigen Bildung 



74 Paul Girardin und Jean Brunhes: 

jBjiden zu können glaubten, so würde man darin doch vergebens einen Wider- 
ball seines stürmischen Lebens suchen. Sein Werk trägt so recht einen durch 
und durch objektiven Charakter. Reclus gehörte eben zu jenen, die jeder- 
mann Gerechtigkeit widerfahren lassen und bei denen die Sympathie die 
Leidenschaft übertönt. Einen Beweis dafür liefern beispielsweise die an- 
erkennenden Worte, die er für den spanischen Charakter, für das Wirken 
der Jesuiten in Paraguay gefunden hat; dieselbe Sympathie ließ ihn auch 
die Vorzüge des chinesischen Volkscharakters, wie die Zukunft, die der gelben 
Rasse beschieden, erraten, wahrend er vom Mitleid ergriflfen wurde über 
das Geschick der so sanften polynesischen Bevölkerung, deren Schicksal es 
zu sein scheint, vor den Weißen zu verschwinden, und von denen er gerade 
so spricht wie Loti. Andererseits war sein Gefühl für Geschichte, die nach 
seiner Idee nur eins mit der Geographie sein sollte, zu sehr entwickelt, daß 
er nicht mit Billigkeit der religiösen und politischen Formen der Vergangen- 
heit gedacht hätte, die seinem Ideale nicht mehr entsprachen, gerade wie der 
jetzigen sozialen Formen, die sich mit unserer Zivilisation nicht mehr ver- 
tragen. 

Von dieser weitherzigen Auffassung der Rolle eines jeden, von diesem 
anhaltenden, für ihn sehr leichten Bemühen, parteilos zu bleiben, von diesem 
freien Wunsche, alles ohne Ungerechtigkeit und Engherzigkeit zu beui'- 
teilen, und gleichzeitig von dieser warmen Aufrichtigkeit, die weder die Vor- 
liebe noch die Rührung ausschloß, möchten wir unsern deutschen Lesern zum 
Beweis ein Beispiel anführen: es sollen ganz einfach die ersten drei voll- 
ständigen und wortgetreuen Seiten des Frankreich gewidmeten Bandes in der 
Nouielle Geographie Universelle sein. Man möge sich erinnern, daß sie vor 
22 Jahren, 1883, bloß 13 Jahre nach dem Kriege geschrieben wurden, und 
man wird darin die ruhige Beherrschung der verschiedensten Gefiihle be- 
wundern müssen. 

„Frankreich nimmt unter den Ländern der Erde, die eine eigene Zivili- 
sationsentwicklung aufweisen, nach seiner Ausdehnung eine mittlere Stel- 
lung ein. Es ist weitaus kleiner als China, Hindustan und verschiedene 
neugegründete Staaten, wie Rußland, Brasilien, die Republik der Vereinigten 
Staaten, nimmt aber eine bedeutendere Fläche ein als manches Gebiet, dessen 
Bevölkerung dennoch einen ansehnlichen Einfluß auf die geschichtlichen Be- 
gebenheiten hatte oder noch hat, wie Griechenland, Portugal, die Schweiz, selbst 
England. Obwohl es kaum mehr als ein Tausendstel der Erdoberfläche und 
den zweihundertfünfundfünfzigsten Teil der emporgetauchten Fläche einnimmt, 
zählt CS doch, der numerischen Stärke beiner Bevölkerung nach — denn mehr 
als ein Vierzigstel aller Menschen bewohnt diesen kleinen Fleck Erde — zu 
den wichtigsten Gebieten des Erdganzen. 

Seine Bewohner sitzen jedoch nicht so dichtgedrängt bei einander wie in 
den Tälern des Ganges, Yang-tse, Hoang-ho oder in Nord-Italien, Sachsen, 
Belgien und Großbritannien. Auch durch seine relative Bevölkerungsdichte 
nimmt Frankreich eine Mittelstelhmg unter den zivilisierten Staaten ein. 
Ordnet man aber die Nationen nach dem Werte der Rolle, die sie in der 
Geschichte gespielt, so werden wir zugeben, daß der kleine Erdenfleck, der 



Elis^e BecluB' Leben und Wirken (1830 — 1906;. 75 

sich zwischen den Alpen von Nizza und dem Meere der Bretagne, zwischen 
den Pyrenäen und den Vogesen erstreckt^ zu den Gebieten gehört, wo sich die 
größte Anzahl der für die Geschicke der Menschheit besonders bedeutungs- 
vollen Ereignisse abgespielt hat. 

Es wäre ohne Zweifel Überhebung, wollte man für Frankreich nach einer 
veralteten Redensart eine Art moralischer Hegemonie beanspruchen. Nach den 
großen Niederlagen, als sich jeder Ehrgeiz einer materiellen Oberherrschaft 
als trügerisch erwiesen hatte, feierte ein Dichter Frankreich noch immer als 
die Königin der Welt, und die Nation wiederholte diese Gesänge, um sich 
über die Mißerfolge zu trösten. Das war einfach eine Schwachheit: man muß 
sein Mißgeschick zu ertragen wissen und sich nicht der bittern Beschämung 
aussetzen, die das Schicksal über den Hochmut verhängt. Seit Anfang des 
Jahrhunderts ist Frankreich in der Geistesarbeit wie in den Friedenswerken, 
ohne von dem blutigen Spiele des Krieges zu sprechen, von seinen Rivalen 
in Europa eingeholt worden. Man müßte es also tadeln, wollte es den Namen 
grande naiion^ der ihm ehemals zugestanden wurde, für sich allein in An- 
spruch nehmen. Aber welches Volk hätte nicht durch die Stimme seiner 
Schriftsteller, Redner, Staatsmänner und oft auch des gesamten Volkes 
seine vermeintlichen Rechte auf eine Oberherrschaft angesprochen? Das „alte 
England", das „große Deutschland" behaupten gleichfalls, an der Spitze der 
Nationen zu stehen; das „heilige Rußland", obwohl erst spät in das Zivili- 
sationskonzert eingetreten, und weil es allein mehr als ein Viertel der alten 
Welt besetzt hält, glaubt auf ein der Ausdehnung seines Gebietes entsprechen- 
des Geschick Anspruch erheben zu dürfen; Italien, das kaum begonnen, sich 
am politischen Leben zu beteiligen, strebt nach dem primato und nennt 
sich die Erbin der „ewigen Stadt", während das „junge Amerika" jenseits 
des Meeres seinem Laufe nach Westen, dem Etoüe de V Empire folgend 
vermeint, die „Musterrepublik" gegründet zu haben und die arcfie sainte des 
peuples zu tragen. 

Aus aUen diesen Ansprüchen geht eine Lehre hervor. Die Zivilisations- 
welt hat ihre Grenzen weiter gezogen und die Initiativbewegungen gehen 
gleichzeitig von den verschiedensten Gegenden aus. Frankreich hat an dieser 
allgemeinen Arbeit gewiß einen ganz bedeutenden Anteil, trotzdem es oft 
genug Haß und Neid als einem unaufhaltbaren Verfall geweiht erklärten; 
sein Einfluß und seine Ideen kommen der Welt so zu gute, daß man sich 
die zukünftige Geschichte der Nationen kaum vorzustellen im Stande wäre, 
wenn Frankreich einst fehlen sollte. Die Gegend, in der ein so namhafter 
Teil der menschlichen Errungenschaften erzielt wurde, verdient wohl, mit 
der größten Sorgfalt geschildert zu werden. Vor allem tut es not, alle Be- 
dingungen zu kennen, unter denen sich eine Nation mit so tatenreicher Ge- 
schichte entwickelt hat, seit sich die Achse der Zivilisation vom mittel- 
ländischen Meere gegen den Ozean hin verschoben hat. Einen Teil jener 
Einflüsse, die auf die französische Nation eingewirkt, um aus ihr das zu 
machen, was sie geworden ist, werden wir nie kennen lernen, denn die 
Geschichte erzählt uns nichts über die Anfänge der Rassen und ihr primitives 
Leben; das aber, was der Boden, das Klima, die geographische Gestaltung 



76 Paul Girardin und Jean Brunhes: 

erzählen, genügt, um im allgemeinen das Frankreich als eigen zukommende 
Werk in der Gesamtheit der menschlichen Leistungen zu erklären. Dies 
wollen wir, so gut wie möglich, auseinandersetzen, indem wir uns hemühen^ 
jedem Reste nationaler Eitelkeit zu entsagen. Erlaubt aber bleibt es immer, 
sich bis in die geheimsten Fasern gerührt zu fühlen, wenn man von dem 
Lande spricht, in dem der süße Ton der Muttersprache erklingt!" 

In diesen Zeilen haben wir zugleich ein recht glückliches Beispiel, wie 
Reclus die Beziehungen zwischen der Geographie und Geschichte aufzufassen 
pflegte. Man erkennt darin den Künstler gerade so wie den Gelehrten. 
Dem Maler gleich trägt er Ton um Ton auf, bessert nach und schildert weit 
mehr nach Eindrücken als nach exakten und deduktiven Zergliederungen. 
Und wir werden ihn gewiß nicht tadeln, daß er die Geschichte nicht sozu- 
sagen „gehamischt*' aus der Geographie entspringen läßt. Doch gibt es ge- 
wisse Partien in der Geographie, in der physischen insbesondere, wo die 
Verkettung der Tatsachen unter einander eine wirkliche Erklärung abgibt. 
Aber nicht dieser Zusammenhang ist es, der Reclus vor allem interessiert, 
sein Bestreben ist, wie bereits erwähnt, überall und in allem die Harmonie 
nachzuweisen. Dies ist in gewissem Sinne eine der unleugbaren Lücken in 
seinem Werke; es ist eben nicht so erschöpfend und Aufschluß gebend, wie 
es hätte sein können (Beispiel: L'Ämazonk^)), Sein Verfasser ist nicht genug 
bestrebt, eine Erscheinung aus der andern abzuleiten, und in Ermangelung 
dieser die vorgeführten Tatsachen ordnenden Einteilung bezeichnet die Kou- 
vdlc Geographie UnircrscUe eine glorreiche Übergangs-Etappe — aber auch 
nur eine Etappe — zwischen der alten rein beschreibenden Methode und 
der neuen und der modernen methodischen und rationellen physischen Geo- 
graphie. *) 

Auch hielt Reclus sein Werk nach dem Erscheinen des letzten Bandes 
nicht für vollendet. Es erübrigte ihm die Synthese, die Gesamtidee zu bieten^ 
die keinen Raum in dem engen Rahmen der Geographie gefunden hatte. 
Er verfaßte Lliotnme et la Terre, ein Werk, dessen Vollendung ihm zwar 
vergönnt war, dessen Veröffentlichung aber kaum begonnen hat. Beurteilen 
können wir diesen Epilog erst, wenn er vollständig erschienen sein wird.*) 

IV. 

Die letzten zehn Jahre seines Lebens verlebte er in Brüssel. Man 
könnte sie charakterisieren: eine Hinwendung zur Kartographie, aufgefaßt 

1) Vergl. dazu Deherains sehr wichtige Bemerkungen in seiner „Revue 
annuelle de g^ographie^^ (in: ,,Revue g^n^rale des Sciences'S 1895. S. 620 ff.) beim 
Erscheinen des XIX. Bandes der „Nouvelle Geographie universelle": „L*Amazonie 
et la Plata". 

2) Selbst viele Erscheinungen der Geographie des Menschen können und 
müssen aus ihrer engen Verbindung mit dem physischen Rahmen, in dem sie sich 
abspielen, erklärt werden; als Beweis dafür führen wir bloß das vorzügliche 
„Tableau de la gt^ographie de la France" von Vidal de la Blache an. 

3) Seit Drucklegung dieser Zeilen (Ende November 1905) ist der I. Band dieses 
nachgelassenen Werkes erschienen. Das Ganze kann man nach dem einen Band noch 
nicht beurteilen: aber wir befürchten, daß der Gesamteindruck und die etwas 
phantasievolle Aufmachung unseren Hoffnungen nicht entspricht. 



Elis^e Beclufl' Leben und Wirken (1830—1906). 77 

sls wissenschaftliche Basis nnd als Verbreitungsmittel geographischer Kenntnisse. 
Von jeher war er bestrebt gewesen, zu den Augen zu sprechen, und die zwei 
Bände von La Terre machten zur Zeit, wo es an guten Karten noch fehlte, 
einen wahren geographischen Atlas aus, das französische Seitenstück zum 
„Berghaus". Sie enthalten nicht weniger als 51 Karten in Farben, 437 Karten 
•oder Kartenskizzen im Text, xiaier ihnen unveröffentlichte Reduktionen zahl- 
reicher Karten und des Gletscheratlasses von Sonklar. Auch die 19 Bände der 
NoureUe Geographie Universelle sind so reich mit kartographischen Doku- 
menten ausgestattet, daß ihr Wert dadurch verdoppelt wird. Man findet 
darin nicht bloß Figuren, Zeichnungen, photographische Darstellungen usw., 
sie enthalten auch eine ^Fenge Kartons — mehrere Tausende — mit genauer 
Angabe der geographischen Länge und Breite und des verjüngten Maßstabes. ^) 
Selbst die vorzüglichen allgemeinen Veröffentlichungen, die in den letzten 
Jahren üi Deutschland oder Amerika erschienen, sind weniger reich an karto- 
graphischen und topographischen „Mustern". Dieses Bestreben, die Wirklichkeit 
auszudrücken und darzustellen, bezeichnete besonders für die damalige Zeit 
eine wahre Revolution in den geographischen Studien; denn unter Geographie, 
wissenschaftlicher Geographie, hat man vor allem eine genaue Lokalisation 
der geographischen Objekte zu verstehen. 

Reclus fand in der berühmten und intelligenten Verlagshandlung Hachette 
Männer, die seinen begründeten Bestrebungen verständnisvoll entgegenkamen 
und deren Verwirklichung auf sich nahmen. Ein zwar nur indirektes aber 
tatsächliches Verdienst Reclus' ist es, dazu beigetragen zu haben, daß sich 
Georges Hachette die Gründung und Organisation des geogi*aphischen In- 
stituts der Buchhandlung mehr als eine Million Franken kosten ließ. Bedenkt 
man femer, daß der Leiter dieses geographischen Listituts kein anderer ist 
als der sehr geschickte Kartograph Franz Schrader, der nicht nur ein 
warmer Bewunderer und Verehrer Reclus* ist, sondern den enge Verwandt- 
schaftsbande an ihn knüpfen, so errät man, was der große Geograph alles 
getan hat, um die wissenschaftliche Kartographie zu entwickeln und zu 
popularisieren. • 

Seit dem Jahre 1895 war Elisee Reclus noch eifriger bestrebt, die 
Mittel, die die Karte noch sprechender gestalten sollten, zu vervollkommnen 
und zu vermehren durch eine reichere Farbenskala imd durch die Vermehrung 
der konventionellen Zeichen. 

Wir verweisen bloß auf die Kartenmuster in Farben, die er im Empire 
du Milieu und im Afrique Ausirale bot, vereinfachten und zeitgemäßen Neu- 
drucken der entsprechenden Bände der Geographie^ und besonders auf eine 
Carte ('cotiomique de la Chine, wo sich 17 verschiedene Farbentöne vereinigen, 
•ohne sich zu vennischen. Er wollte die wirtschaftlichen und othnographi- 

1) Selbst im Bande von „La France" (Band II der „Nouvelle Geographie Univer- 
selle") findet man auf sämtlichen Kärtchen nicht nur die geographische Länge von 
Paris, sondern anch von Greenwich angegeben ; ebenso ist auch der Maßftab znerKt 
numerisch, dann ebenfalls graphisch verzeichnet. Alle diese Beweise einer exakten 
und gewissenhaften Methode sucht man vergebens in so manchen Büchern, die weit 
größere wissenschaftliche Ansprüche erheben! 



78 Girardin u. Brunhea: Elis^e Reclus' Leben und Wirken (1880—1905). 

sehen Karten, die bis dahin am meisten vernachlässigt waren, auf die 
Höhe der physischen heben. Zu diesem Zwecke hielt er die Kartographen, 
die er zur Herstellung der Tafeln für die Geographie um sich gruppiert 
hatte, beisammen, und alle versuchten sich, in materiellen Darstellungsformen 
diese Farbenskala auf das Papier zu bannen und auf industriellem Wege zu 
vervielfältigen.*) 

Aber selbst die Karte wurde als unzulänglich befunden, allein eine 
richtige Vorstellung des Reliefs zu verschaffen. Dazu — und dies Argument 
haben wir von ihm selbst vernommen — muß man befilrchten, daß sie die 
Vorstellungen des Kindes ftllsche. Seine Skiiipulosität sah darin einen Mangel 
an Aufrichtigkeit! Er ging alsbald daran, Reliefs zu konstruieren, die sich 
ähnlich wie die Karten vervielfältigen ließen, und aus den Pressen-'des geo- 
graphischen Instituts in Brüssel gingen nun jene wunderbaren Reliefs aus Metall 
hervor (wie das Semoy-Tal), wo die Billigkeit der Herstellung die künstlerische 
Vollendung nicht ausschließt. Und doch war auch dieses Bild der Erde, 
selbst in Relief und ohne Überhöhung, nach seinem Dafürhalten noch nicht 
getreu genug; denn die Erde ist rund, jeder Flächenteil daher gebogen, 
während der Plan jedes Reliefs eben ist. So kam er auf den Gedanken^ 
einen Atlas aus Reliefkarten herzustellen, wo die Bodenerhebungen, in ihren 
wahren Verhältnissen dargestellt, einer allgemeinen Rundung unterzogen 
würden, die die der Erdoberfläche selbst wäre; die so in einander geschachtel- 
ten metallenen Blätter sollten einen Atlas bilden, der die Erdoberfläche in 
ihrer „Entwicklung" darstellen würde. Auf diese Weise könnte jede Schule^ 
selbst die Volksschule, in einem kleinen billigen Bändchen ein wahres Bild 
des Planeten erwerben. Dieses Bild würde jedoch um so getreuer sein, je 
mehr es sich den wahren Dimensionen näherte, und so faßte Reclus unt^r 
dem Einflüsse seiner Idee den Entschluß, einen gigantischen Globus zu kon- 
struieren, der auf der Pariser Ausstellung von 1900 prangen sollte. Welch 
ausgezeichnetes Pi'opagandamittel wäre das nicht für die Geographie gewesen!^) 
So läßt sich bei Reclus durchwegs die Einheit der Eingebung erkennen: die 
wissenschaftliche Idee diente einer Moral- und Propaganda-Idee als Stütze. 
Trotz seines Alters schrieb und reiste er fortwährend, um die praktische 
Verwirklichung seiner Idee zu befördern. 

Der Mensch war gerade so, wie wir uns ihn gern vorstellen: so ein- 
fach in seinem Leben, daß er sich mit den rohesten Möbeln begnügte und 
nichts sein eigen nannte als seine Bücher; so uneigennützig, daß er alles 
Geld, das ihm seine Publikationen eintrugen, unt«r die Armen verteilte und 
die goldenen Medaillen, die man ihm verlieh, nie über einen Tag behielt. 



1) Bekanntlich hatte Reclus in seinen letzten Lebensjahren mit Unterstützung 
der ,,belgischen astronomischen Gesellschaft^^ eine >authentique<: Übeisichtskarte 
der Erdvulkane geplant. 

2) Unter seinen Brüsseler Schülern und Mitarbeitern, unter den Haupthelfem 
bei der Konstruktion seiner Reliefs ist vor allen Patesson zu nennen. Bekannt- 
lich war auch der sehr geschickte Kartograph Jean Bertrand ein Hauptschüler 
Reclus'. 



G. Karsten: Beriebt über die Fortscbritte der Pflanzengeograpbie. 79 

Die auf einander folgenden Publikationen aus seiner Feder bereicherten 
den Schatz der französischen Literatur fortwährend; denn er blieb seinem 
Schönheitsideal treu bis zum Ende und war sowohl Künstler als Gelehrter. 
Auch von ihm gilt, was man von Ratzel behauptet: sein Schönheitssinn hat 
sich durch Reisen entwickelt und verfeinert; auch er wußte die strengste 
Wissenschaftlichkeit mit der feinsten Schilderungskunst, die ja gerade für die 
Geographie von so hervorragender Bedeutung ist, aufs glücklichste zu ver- 
binden.^) 



Bericht fiber die Fortschritte der Pflanzengeographie 
in den Jahren 1899—1904. 

Von G. Karsten. 

Seit Schimper im 6. Jahrgang dieser Zeitschrift zuletzt einen j^ö^i^ht 
über die Fortschritte der Pflanzengeographie" *) veröflfentlicht hat, sind mancher- 
lei Änderungen zu verzeichnen. Bevor diese jedoch eingehender gewürdigt 
werden, ist es angezeigt, einen Blick auf den gegenwärtigen Stand der ganzen 
botanischen Wissenschaft, soweit sie in einem Verhältnis zur Pflanzengeographie 
steht, zu werfen, damit wir erkennen, welche Fragen hier zur Zeit im Mittel- 
punkte des Interesses stehen, wie Hypothesen, von früher mehr oder minder 
allgemeiner Anerkennung, durch neuere Forschungsergebnisse zur Seite ge- 
drängt sind, oder wie auf diesem oder jenem Gebiete eine zusammenfassende 
Bearbeitung einen vorläufigen Abschluß gebracht hat. 

Beginnen wir mit der allgemeinen Botanik, die sich in Morpho- 
logie, Anatomie und Physiologie gliedert. Während die Physiologie 
wohl ohne weiteres als Grundlage der ganzen physiologischen Richtung der 
Pflanzengeographie anerkannt werden dürfte, möchten die geographischen 
Beziehungen der anderen beiden Disziplinen minder klar zu Tage liegen. 
Morphologie und Anatomie sind zunächst einmal als breitere Grundlagen für 
die Pflanzenphysiologie unerläßlich, dann aber werden sie auch vielfach von 
der ökologischen Pflanzengeographie direkt in Anspruch genommen. Wie 
will man z. B. ein tieferes Verständnis von der unglaublichen Mannigfaltigkeit 
der Ausgestaltung von Xerophytenformen gewinnen, ohne soweit in der 
Pflanzenmorphologie geschult zu sein, daß man die Grundorgane eines jeden 
Pflanzenkörpers, Wurzel, Stamm, Blatt in allen Wandlungen verfolgen und 
erkennen kann, wie sie sich unter schwierigen Verhältnissen gegenseitig ver- 
treten oder ergänzen? Ebenso bedarf es wohl nur des Hinweises auf den 
ganz verschiedenen anatomischen Aufbau von Sonnen- und Schattenblättem^ 
von Wassergewächsen, Epiphyten und Wüstenpflanzen, um auch die Anatomie 
als notwendige Hilfswissenschaft anzuerkennen. 



1) Wir danken Herrn A. Wahl in Freiburg i. d. Schweiz für seine gütige 
Mitwirkung bei der Verdeutschung dieses Aufsatzes. 

2) A. F. W. Schimper. Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie 
in den Jahren 1896—1898. G. Z. VI. 1900. S. 312. 



80 Gt, Karsten: 

Für die Morphologie liegt eine neue Zusammenfassung in dem Werke 
von GoebeP), „Organographie der Pflanzen" vor. Hier sind die morphologischen 
Glieder als Organe genommen, und es wird neben der für unsere Zwecke 
weniger in Betracht kommenden Entwicklung vor allem die Funktion dieser 
Organe in den Kreis der Betrachtung gezogen. Das Buch bietet eine Fülle 
neuer anregender Gedanken und neuen Materials, das besonders auf dem 
Spezialgebiete des Verfassers, dem der Archegoniaten , nicht leicht überholt 
werden kann. 

Dem Titel nach auf ähnlichem Boden steht das Werk von Coulter und 
Chamberlain^), „Morphology of Spermatophytes", doch erstreckt es sich 
lediglich auf Gymnospermen und Angiospermen, und der Nachdruck ist auf 
die hier gerade minder in Betracht kommende Entwicklungsgeschichte ver- 
legt. Dagegen bietet eine ziemlich ausführliche Behandlung der fossilen Fa- 
milien beider großer Klasseu eine ganz erwünschte Ergänzung. 

Eine allgemeine, auch die niederen Klassen des Pflanzenreiches mit uui- 
fassende Bearbeitung der Morphologie fehlt bisher leider. Diese Lücke wird 
jedoch minder fühlbar, da eine ganze Reihe neuer Einzelbearbeitungen größerer 
zusammengehöriger Pflanzenklassen einigen Ersatz dafür bieten. Solche Ar- 
beiten kommen in dem Kreise der niederen Gewächse naturgemäß mehr der 
allgemeinen Botanik als nur der Systematik zu gute; denn eine Behandlung 
der niederen Gewächse ist ohne vollständige Entwicklungsgeschichte und ein- 
gehende morphologische wie anatomische Darstellung undenkbar, da die syste- 
matische Stellung resp. die Verwandtschaft der kleineren Gruppen in vielen 
Fällen nur durch die Darlegung des Entwicklungsganges erschlossen werden 
kann. Für unsere Zwecke hier genügt es aber, die wichtigsten neueren 
Arbeiten auf diesem Gebiete dem Titel nach aufzuführen, da einmal die nie- 
deren Pflanzen für die Geographie überhaupt minder in Betracht kommen, 
und andererseits der Schwerpunkt der Bearbeitung meist auf dem fElr uns 
gleichfalls unwesentlichen Gebiete der Entwicklungsgeschichte liegt. *) 

1) K. Goebel. Organographie der Pflanzen, insbesondere der Archegoniaten und 
Samenpflanzen. 2 Tie. Jena 1898—1901. 

2) John. Merle Coulter and Charles Joseph Chamberlain. Morphology 
of Spermatophytes I and II. Neu-York 1901—1903. 

3) Alfred Fischer. Vorlesungen über Bakterien. 2. Aufl. Jena 1908. — 
Friedrich 01t mann s. Morphologie und Biologie der Algen. I. Bd. Spezieller 
Teil Jena 1904. 

Die Pilzarbeiteu knüpfen immer noch an an Anton de Bary: Vergleichende 
Morphologie der Pilze, Mycetozoen und Bakterien, Leipzig 1884 und 0. Brefeld: 
Botan. Untersuchungen über Schimmelpilze und Botan. Untersuchungen aus dem 
GesamtgebietederMykologiel— Vni. Leipzig 1872— 89. IX— XII. Münster i.W. —1895. 
Es sind das die Publikationen von R. A. Harper: Entwicklung des Peritheciums 
hei Spftaerotheca Castagmi. Ber. d. Bot. Ges. XIII, IHdb. — Ders.: Sexual reproduction 
in Pyronema confluens and the morphologie of the ascocarp. Ann. of bot. XIV, 1900. 
— G. Klebs: Zur Physiologie der Fortpflanzung einiger Pilze I— III. Pringsh. Jahrb. 
f. wiss. Bot. XXXII-XXXV, 1898—1900. — P. Claußen: Zur Entwicklungsgeschichte 
der Ascomyceten. Bot. Ztg. Jahrg. 1906. I. — A. Moeller: Phycomyceten und 
Ascomyceten. Unters, aus Brasilien. Jena 1901. — Ferner auf anderem Gebiete: 
H. Kleb ahn: Eulturversuche mit heteroecischen Urcdineen, Z. f. Pflanzeukrank- 
heiten Bd. B— IX, 1898—99, weiter in Pringsh. Jahrb. f. w. Bot. XXIV u. XXV und 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 81 

Von einigem pflanzeDgeographischen Interesse ist dagegen die eigen- 
artige Klasse der Flechten, welche ja besonders im hohen Norden und im 
Hochgebirge einen sehr erheblichen Anteil der Vegetation bilden, bis sie 
allein noch die nackten Felsen bekleidend übrig bleiben. Ihr Organismus 
baut sich bekanntlich aus zwei verschiedenen Komponenten auf, aus Pilzen 
und Algen, die sich gegenseitig in ihren Leistungen für den Gesamtorganismus 
auf das Glücklichste ergänzen, indem die Algen die Arbeit der Assimilation 
für das Ganze übernehmen, während dem Pilze die Herbeischaffung der an- 
organischen Nährstoffe obliegt. Gleichzeitig hat der Pilz den Algenkolonien 
einen für die Assimilation günstigen d. h. hinreichend belichteten Platz im 
Inneren zu überlassen. So bedingt die gegenseitige Abhängigkeit der beiden 
Sjmbionten eine ganz besondere Ausgestaltung der Pflanze. Eine umfassende 
Darstellung von diesem Gesichtspunkte aus gab Reinke^) vor einiger Zeit; 
er fügte den Versuch einer möglichst natürlichen systematischen Anordnung 
der Flechtentjpen hinzu. Im Anschluß sei eine Arbeit von Bitter'), „Über 
den Einfluß äußerer Bedingungen auf das Wachstum der Flechten" erwähnt 
und die neueren wichtigeren Arbeiten, die sich mit der Flechtenentwicklungs- 
geschichte beschäftigen, unten aufgeführt. 

Auf dem Gebiete der Pflanzen an atomie ist die frühere rein deskrip- 
tive Behandlungsweise mehr und mehr der physiologischen Betrachtung ge- 
vdchen, welche neben dem Baue auch gleich die Funktionen der betreffenden 
Pflanzenteile ins Auge faßt und nachweist, wie gerade dieser anatomische 
Bau am besten den Anforderungen, welche jeweils gestellt werden, ent- 
spricht. Das gesamte Arbeitsgebiet wird vortrefflich dargestellt in der 
„Physiologischen Pflanzenanatomie" von Haberlandt'), die soeben in 
neuer Auflage vorliegt und die Aufführung aller Einzelarbeiten und -ergeb- 
nisse überflüssig macht. Auch die geographischen Gesichtspunkte kommen 
hier zu ihrem Rechte. In jedem Einzelfalle wird man sich leicht orientieren 
können, wie sich z. B. der Transpirationsschutz für Hygrophyten und Xero- 
phyten, der Stammaufbau von Bäumen und Lianen, das Assimilationsgewebe 
von Hochgebirgspflanzen und solchen aus dem Tief lande unterscheiden, und 
es mag hervorgehoben sein, daß gerade auch die an unserer einheimischen 
Vegetation nicht zu beobachtenden Organe, welche viele Tropenbewohner für 
besondere ihrem Standorte entsprechende Leistungen, wie z. B. für Wasser- 
ausscheidung und -aufnähme, in verschiedener Weise herausgebildet haben, 
eingehende Behandlung erfahren. Verdanken wir doch dem Verfasser eine 



Jahrb. Hamburger wies. Anstalten 1903. — Ders.: Die wirtswechselnden Bostpilze. 
Berlin 1904. 

1) J. Reinke. Abhandlungen über Flechten I— V. Pringsh. Jahrb. f. wias. Bot. 
XXVI. 1894. XXIX. 1896. 

2) G. Bitter. Über die Variabilität einiger Laubflechten und über den Ein- 
floß äußerer Bedingungen auf ihr Wachstum. Jahrb. f. wiss. Bot. XXXVI. 1901. — 
E. Baur. Zur Frage nach der Sexualität der Collemaceen. Ber. D. Bot. Ges. XVI. 
1898. — Ders. Anlage und Entwicklung einiger Flechtenapothecien. Flora, Bd. 88. 
1901 und Bot. Ztg., 1904. 

8) G. Haberlandt. Physiologische Pflanzen anatomie. 3. Aufl. Leipzig 1904. 
OeogrApliiMlMZ^UMbrifk IS.JAhrgang. 1906. 2.H6ft 6 



82 Gt' Karsten: 

Reihe wichtiger Arbeiten, die als Ergebnisse seines Aufenthaltes in Boiten- 
zorg in früheren ^erichten^' von Schimper^) Erwähnung gefunden haben« 

Bei der Physiologie, dem für die Pflanzengeographie wichtigsten Teil 
der allgemeinen Botanik, ist vor allem die von der ganzen wissenschaftlichen 
Botanik mit Spannung erwartete Vollendung der zweiten Auf läge von Pfeffers*) 
^,Pflanzenphysiologie^^ zu nennen. Es ist selbstverständlich unmöglich, in kurzen 
Worten die Bedeutung dieses umfassenden, die angestrengte Arbeit von zwei 
Jahrzehnten abschließenden Werkes zu wttrdigen. Aber bereits der äußere 
Augenschein zeigt die beiden Bände der ersten Auflage von 1881 auf den 
mehr als doppelten Umfang angewachsen. Die Gliederung des Werkes ist 
wie in der ersten Auflage derartig, daß im ersten Bande der ganze Stoff- 
wechsel, also Atmung, Assimilation, Transpiration usw. behandelt werden^ 
während dem zweiten Bande der Kraftwechsel, also Wachstum und seine Ab- 
hängigkeit von äußeren Einflüssen, Bewegungserscheinungen und ihre teils 
innerhalb der Pflanze liegenden, teils von außen auf sie einwirkenden Ur- 
sachen usw. vorbehalten sind. 

Während dieses ^,Handbuch^^ dem Fachmanne ein unentbehrlicher Batgeber 
ist, wird von anderen freudig begrüßt werden, daß sich ihm in den „Vor- 
lesungen über Pflanzenphysiologie" von Jost^ ein handliches, klar und auch 
dem Anfänger verständlich geschriebenes Buch zur Seite stellt. Mit den Hin- 
weisen auf die wichtigsten Literaturquellen versehen, werden diese „Vor- 
lesungen^^ auch zu weiterem Eindringen in die Pflanzenphysiologie mit Er- 
folg benutzt werden können. Sie gehen in der Begrenzung des Stoffes über 
Pfeffers „Handbuch" insofern etwas hinaus, als auch die Fortpflanzungs- 
physiologie kurz erörtert wird. 

Den Ansatz zu einer eingehenden Physiologie der Fortpflanzung besitzt 
die Botanik dagegen in dem Werke von Klebs^), „Fortpflanzungsphysiologie", 
dessen allgemeiner Teil freilich noch aussteht. Der wesentliche Inhalt dieses 
Werkes, das frühere Spezialarbeiten desselben Verfassers resümiert und zu 
allgemeinen Resultaten zusanmienfaßt, besteht in dem Nachweise, daß die 
verschiedenen Fortpflanzungsweisen der niederen pflanzlichen Organismen von 
dem Einflüsse äußerer Wachstumsbedingungen abhängen. Während die Moose 
und Fampflanzen in einem strikten Generationswechsel leben, der stets auf 
eine geschlechtliche Generation, z. B. das Prothallium der Farne, eine un- 
geschlechtliche, die eigentliche Fampflanze, folgen läßt, aus deren Sporen sich 
wiederum ein Prothallium entwickeln muß, ist bei den Algen und Pilzen 
kein derartig gesetzmäßiger Wechsel vorhanden. Der Experimentator hat ea 
in seiner Hand, durch Innehalten gewisser für jede Spezies im einzelnen fest- 
zustellender Lebensbedingungen, wie verschiedenartige Ernährung, Luftfeuchtig- 

1) A. F. W. Schimper. G. Z. ü. S. 98 u. VI. S. 813. 

2) W.Pfeffer. Pflanzenphysiologie; ein Handbuch der Lehre vom Stoffwechsel 
und Kraftwechsel in der Pflanze. I. Stoffwechsel. 2. Aufl. 1897. E. Krafbwechsel. 
2. Aufl. 1904. Leipzig. 

8) L. Joflt. Vorlesungen über Pflanzenphysiologie. Jena 1904. 

4) G. Klebs. Über die Fortpflanzungs- Physiologie der niederen Organismen^ 
der Protobionten. I. Spezieller Teil. Bedingungen der Fortpflanzung bei einigen 
Algen und Pilzen. Jena 1896. 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 83 

keit usw., entweder die eine oder die andere Generation zu erzielen, die 
Bildung von Geschlechtsorganen oder auch von ungeschlechtlichen Fort- 
pflanzongsorganen völlig zu verhindern, so daß eine lange Reihe gleichnamiger 
Generationen einander folgen kann. — 

Eine völlige Umwälzung haben in den letzten Jahren unsere Anschau- 
ungen von der Entstehung der Arten, der Bastardierung und den damit 
zusammenhängenden Fragen erlitten, welche wegen ihrer großen Bedeutung 
ftlr die Pflanzengeographie hier eingehende Erwähnung finden müssen. Wie 
es sehr häufig beobachtet werden kann, daß eine für die Lösung reif ge- 
wordene Frage von verschiedenen Seiten her gleichzeitig in Angriff genonunen 
wird, ist es auch hier geschehen. Als erster zu nennen wäre Korschinsky^), 
dessen russisch erschienene Veröffentlichung eine deutsche Übersetzung in der 
„Flora^ fand. Um den Gedankengang wieder zu geben, lasse ich die Einleitung 
hier folgen: 

„Seitdem im Jahre 1859 das berühmte Werk Darwins: „Über die Ent- 
stehung der Arten" erschienen ist, begannen viele Gelehrte die Verbreitung 
und das Vorkommen der Varietäten und Variationen aufmerksam zu unter- 
suchen, um an ihnen den Vorgang der Bildung neuer Arten in der Natur 
zu verfolgen. Diese Untersuchungen bereicherten die Wissenschaft mit einer 
großen Menge von Tatsachen, verbreiteten Licht über viele rätselhafte und 
wenig erforschte Erscheinungen, führten aber in Bezug auf ihr eigentliches 
Ziel keineswegs zu den erwarteten Ergebnissen. Einige Autoren verheim- 
lichten nicht ihre Enttäuschung (W. 0. Focke), andere fanden zwar in den 
von ihnen beobachteten Erscheinungen eine gewisse Übereinstimmung mit der 
Theorie, die Tatsachen waren aber nicht besonders überzeugend. Es ist merk- 
würdig, daß trotz der großen Zahl der begabten und begeisterten Anhänger 
der Darwinschen Lehre die faktische Seite des eigentlichen Darwinismus (oder 
der Transmutation), d. h. der Theorie der Entstehung der Arten durch Zucht- 
wahl und Häufung der individuellen Merkmale, bis auf unsere Tage fast in 
demselben Zustande geblieben ist, wie sie von ihrem Schöpfer selbst ausgearbeitet 
wurde. Die ungeheuere darwinistische Literatur aber, die in den letzten 
Jahrzehnten entstanden ist, besteht hauptsächlich aus theoretischen Betrach- 
tungen, in denen die als Beispiele angeführten vereinzelten Tatsachen völlig 
verschwinden. 

Von Anfang meiner wissenschaftlichen Arbeit an untersuchte ich eben- 
falls mit besonderem Literesse alle Abweichungen, forschte nach Übergangs- 
formen und strebte überhaupt, der allmählichen Entwicklung der Arten auf 
die Spur zu konmien . . . Allein je weiter ich forschte, desto tiefere Enttäu- 
schung mußte ich erleben. Die Tatsachen waren entschieden nicht mit der 
Theorie in Einklang zu bringen. Alle Erscheinungen, die es mir zu er- 
forschen gelang, sprachen für die Veränderlichkeit der Arten; aber wie ihre 
Verilnderong und die Entstehung neuer Formen stattfindet, blieb nur nach 
wie vor ein Bätsei. Ich mußte endlich das Zugeständnis machen, daß uns 



1) S. Korschinskj. Heterogenesis und Evolution. Ein Beitrag zur Theorie 
der Entstehung der Arten. Flora. Bd. 89. Erg.-Bd. 1901. S. 240. 



S4 (^- Karsten: 

die Darwinsche Theorie in diesem Gebiete die Erscheinungen nicht beleuchtet 
hat, welche ebenso dunkel und unklar blieben wie zuvor. Unwillkürlich stellte 
sich der Zweifel ein, ob denn die Erklärung, welche Darwin für den Ent- 
wickelungsprozeß gegeben hatte, auch richtig sei Diese so geistreiche und 
verlockende Transmutationstbeorie, steht sie auch in der Tat mit der Wirk- 
lichkeit in Einklang? 

Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die aufsteigenden Zweifel durch 
die Beobachtung der wildwachsenden Formen allein nicht gelöst werden können, 
wandte ich mich dem Studium der Entstehung neuer Formen in der Garten- 
kultur zu. Bekanntlich bildet die Frage von der Veränderlichkeit der Tiere 
und Pflanzen in der Kultur eine Grundfrage des Darwinismus. Dieser wid- 
mete Darwin besonders viel Zeit und auf ihr baute er in der Hauptsache 
seine Lehre. Und nichts destoweniger muBte ich mich bald überzeugen, daß 
die Schlußfolgerungen, zu denen Darwin in Bezug auf die Entstehung der 
kultivierten Formen gelangt war, auf einer unrichtigen Auffassung der Tat- 
sachen beruhen. Wenigstens kann ich in Bezug auf die Gartenpflanzen ent- 
schieden behaupten, daß kein einziger Züchter jemals zur Gewinnung von 
neuen Rassen mit individuellen Merkmalen operierte, und daß niemals eine 
„Häufung" der letzteren beobachtet wurde. Dagegen sind alle neuen Varie- 
täten (mit Ausnahme der Bastarde), deren Herkunft uns bekannt ist, in 
Wirklichkeit auf dem Wege plötzlicher Abweichungen aus reinen Arten oder 
hybriden Formen entstanden. Es fragt sich nun, ob nicht diese plötzlichen 
Abweichungen auch in der freien Natur eine ähnliche Rolle spielen und ob 
sich nicht auf diese Weise die Nichtübereinstimmung der Natur und des Vor- 
konunens der Variationen mit der Darwinschen Theorie erklären lasse. 

Die Existenz von plötzlichen Abweichungen war Darwin wohl bekannt; 
allein er legte ihnen zu wenig Bedeutung bei, indem er diese Erscheinung, 
die ich im folgenden als Heterogenesis bezeichnen werde, für eine abnorme, 
exzeptionelle hielt. Aus demselben Grunde wurde sie von der Mehrzahl der 
Darwinianer vollkommen außer Acht gelassen. Die Tatsachen, welche von 
mir in diesem Werke dargelegt werden, werden, wie ich hoffe, klar genug 
zeigen, daß die Heterogenesis eine, wenn auch seltene, so doch vollkommen 
normale Erscheinung darstellt, welche den tierischen wie den pflanzlichen 
Organismen zukonmit, und in der Entwickelung derselben eine außerordent- 
lich wichtige Rolle spielt.^ 

Man erkennt, wie Korschinsky nur widerstrebend von der Gewalt der 
Tatsachen sich überzeugen lassen muß, daß die bisherige Anschauung der 
allmählichen Überleitung einer Art in eine neue unhaltbar geworden ist. 

Noch schärfer hervorgehoben findet sich derselbe Grundgedanke bei dem 
zweiten Forscher auf gleichem Gebiete Hugo de Vries^), dessen zweibän- 
diges Werk, „die Mutationstheorie", auf ausgedehnten langjährigen experimen- 
tellen Züchtungs versuchen gründet und sich von der Korschinsky sehen Hetero- 
genesis besonders noch dadurch unterscheidet, daß auch die ganze Bastar- 

1) Hugo de Vries. Die Mutationstheorie. Yersuche und Beobachtimgen über 
die Entstehung von Arten im Pflanzenreich. I. Die Entstehung der Arten durch 
Mutation. Leipzig 1901. 11. Elementare Bastardlehre. Leipzig 1903. 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 85 

dierimgslehre unter gleiche Gesichtspunkte gebracht wird. Auch hier wird 
die Wiedergabe der in der Einleitung hervorgehobenen leitenden Gedanken 
am besten eine Übersicht zu geben vermögen: 

„Als Mutationstheorie bezeichne ich den Satz, daß die Eigenschaften der 
Organismen aus scharf von einander unterschiedenen Einheiten aufgebaut sind. 
Diese Einheiten können zu Gruppen verbunden sein, und in verwandten Arten 
kehren dieselben Einheiten und Gruppen wieder. Übergänge, wie sie uns die 
äußeren Formen der Pflanzen und Tiere so zahlreich darbieten, gibt es aber 
zwischen diesen Einheiten ebensowenig, wie zwischen den Molekülen der Chemie. 

Selbstverständlich gelten diese Sätze in derselben Weise für das Tier- 
reich und für das Pflanzenreich. In diesem Buche werde ich mich aber auf 
das letztere beschränken, in der Überzeugung, daß man die Richtigkeit des 
Grundsatzes für das eine Reich anerkennen wird, sobald er für das andere 
bewiesen ist. 

Auf dem Gebiete der Abstammungslehre führt dieses Prinzip zu der 
Überzeugung, daß die Arten nicht fließend, sondern stufenweise axLS einander 
hervorgegangen sind. Jede neue zu den älteren hinzukommende Einheit bildet 
eine Stufe und trennt die neue Form, als selbständige Art, scharf und völlig 
von der Spezies, aus der sie hervorgegangen ist. Die neue Art ist somit 
mit einem Male da; sie entsteht aus der früheren ohne sichtbare Vorberei- 
tung, ohne Übergänge. » 

Außer der Lehre von der Entstehung der Arten beherrscht die Mutations- 
theorie nach meiner Ansicht auch das ganze Gebiet der Lehre von den Ba- 
starden. Hier führt sie zu dem Prinzip, daß nicht die Arten, sondern die 
einfachen Artmerkmale, die sogenannten Elemente der Art, die Einheiten sind, 
um die es sich bei den Bastardierungen handelt. Dieses Prinzip führt zu 
einer ganz neuen Behandlungsweise , bei der man von den einfachsten Er- 
scheinungen allmählich zu den komplizierteren hinaufsteigt, statt, wie jetzt 
üblich ist, gerade die sehr verwickelten Fälle in den Vordergrund der Be- 
handlung zu stellen. 

Aus diesen Gründen zerfällt das vorliegende Werk in zwei Hauptteile, 
deren erster die Entstehung der Arten durch Mutation, und deren zweiter 
die Prinzipien der Bastardlehre behandelt. 

Auf dem ersteren Gebiete stellt sich die Mutationstheorie gegenüber der 
jetzt herrschenden Selektionstheorie. Letztere nimmt die gewöhnliche oder 
sogenannte individuelle Variabilität als Ausgangspunkt der Entstehung neuer 
Arten an. Nach der Mutationstheorie sind beide aber von einander durchaus 
unabhängig. Die gewöhnliche Variabilität kann, wie ich zu zeigen hoffe, 
auch bei der schärfsten anhaltenden Selektion nicht zu einem Überschreiten 
der Artgrenzen führen, viel weniger noch zu der Entstehung neuer konstanter 
Merkmale. 

Jede Eigenschaft entsteht zwar aus einer vorher anwesenden, aber nicht 
aus deren normaler Variation, sondern durch eine, wenn auch geringe, doch 
plötzliche Umänderung. Vorläufig kann man diese noch am einfachsten mit 
einer chemischen Substitution vergleichen. 

Diese „artenbildende Variabilität" soll hier wieder mit dem alten, vor 



86 0* Karsten: 

Darwin allgemein gebräuchlichen Worte Mutabilität benannt werden. Die 
von ihr bedingten Veränderungen, die Mutationen, sind Vorgänge, über 
deren Natur wir noch sehr wenig wissen. Die bekanntesten Beispiele solcher 
Mutationen sind die sogenannten spontanen Abänderungen („Single variatiafis**\ 
durch welche scharf unterschiedene neue Varietäten entstehen. Man nennt sie 
auch wohl Sprungvariationen. Trotz ihrer relativen Häufigkeit werden sie 
aber fast stets erst dann bemerkt, wenn die neue Form fertig dasteht und 
es also bereits zu spät ist, den Vorgang ihrer Entstehung experimentell zu 
verfolgen. 

In den Arten der Kultur, welche ja häufig Gemische sind, lassen diese 
neuen Formen sich aufsuchen; ebenso in der Natur. Willkürlich hervor- 
bringen lassen sie sich bis jetzt aber nicht. 

In ähnlicher Weise hat man sich, nach meiner Ansicht, die Entstehung 
aller einfachen Merkmale sämtlicher Tiere und Pflanzen zu denken. 

Diesen beiden Grundformen der Variabilität entsprechen die Methoden 
der künstlichen Zuchtwahl durchaus. Die gewöhnliche Variabilität, welche 
auch die individuelle, fluktuierende oder graduelle genannt wird, ist stets an- 
wesend und wird von ganz bestimmten, jetzt zu einem großen Teile bekannten 
Gesetzen beherrscht. Sie liefert dem Züchter das Material för seine ver- 
edelten Rassen. Daneben kennt er die spontanen Variationen, welche nicht 
der Züchtung, sondern höchstens der Reinigung von Beimischungen bedürfen, 
und welche fast stets von vornherein erblich konstant sind. 

Die ganze Lehre von der Variabilität zerfällt demnach in zwei Haupt- 
teile: Die Variabilität im engeren Sinne und die Mutabilität Die 

fluktuierende Variabilität ist teils eine individuelle im engeren Sinne des 
Wortes, teils eine partielle. Im ersteren Falle handelt es sich um die stati- 
stische Vergleichung verschiedener Individuen, im letzteren um die verschie- 
denen gleichnamigen Organe auf einem Individuum, z. B. um die einzelnen 
Blätter eines Baumes. In beiden Fällen wird die Variabilität oder genauer 
die Größe des Abänderungsspielraumes von hervorragenden Forschem wohl 
mit Recht als ein Mittel zur Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen 
betrachtet 

Die Gesetze der Mutabilität sind ganz andere als jene der Variabilität, 
sie sind aber, soweit unsere dürftigen Kenntnisse reichen, ebenso unabhängig 
von der morphologischen Natur des mutierenden Teiles. Man unterscheidet 
zunächst progressive und retrogressive Mutationen. Die ersteren umfassen 
die Entstehung neuer Eigenschaften, die letzteren beziehen sich auf den Ver- 
lust bereits vorhandener. Auf progressiver Mutation beruht nach dieser 
Theorie oflfenbar die Entwickelung des Tier- und Pflanzenreichs in den Haupt- 
zügen des Stammbaumes; auf retrogressiver Mutation aber beruhen die zahl- 
losen Abweichungen von der Diagnose der systematischen Gruppe, zu der 
sie gehören." 

Damit sind die leitenden Gedanken klar und scharf hervorgehoben, so 
daß dem nichts hinzuzufügen ist, 

Für einen sehr wesentlichen Teil seiner Theorie, „daß die Eigenschaften 
der Organismen aus scharf von einander unterschiedenen Einheiten aufgebaut 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 87 

sind^, kann de Vries sich auf experimentelle Beweise stützen, die bereits 
in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Gregor Mendel ver- 
öffentlicht waren, damals aber völlig unbeachtet geblieben sind. Gregor 
Mendel^) untersuchte die Bastardbildung an zahlreichen verschiedenen Pflanzen- 
arten und erkannte als sehr geeignete Objekte dafür die Erbsen. „Einige 
ganz selbständige Formen aus diesem Geschlechte besitzen konstante, leicht 
und sicher zu unterscheidende Merkmale, und geben bei gegenseitiger Kreu- 
zung in ihren Hybriden vollkommen fruchtbare Nachkonunen. Auch kann 
eine Störung durch fremde Pollen nicht leicht eintreten, da die Befruchtungs- 
organe vom Schiffchen enge umschlossen sind und die Antheren schon in der 
£[nospe platzen, wodurch die Narbe noch vor dem Aufblühen mit Pollen 
überdeckt wird.^ Er beschränkte seine Beobachtungen nun auf sieben Merk- 
male, und führte durch 8 Jahre eine Versuchsreihe weiter in der Art, daß 
stets wechselseitige Kreuzung stattfand, daß also bei jedem Artenpaar jede 
Spezies in einer Anzahl von Exemplaren als Samenpflanze, in einer zweiten 
Anzahl als Pollenpflanze diente. Die Hauptresultate sind folgende: 

„Jedes von den sieben Hybridenmerkmalen gleicht dem einen der beiden 
Stammmerkmale entweder so vollkommen, daß das andere der Beobachtung 
entschwindet, oder ist demselben so ähnlich, daß eine sichere Unterscheidung 
nicht stattfinden kann. Dieser Umstand ist von großer Wichtigkeit für die 
Bestimmung und Einreihung der Formen, unter welchen die Nachkommen 
der Hybriden erscheinen. In der weiteren Besprechung werden jene Merk- 
male, welche ganz oder fast unverändert in die Hybridenverbindung über- 
gehen, somit selbst die Hybridenmerkmale repräsentieren, als dominierende, 
und jene, welche in der Verbindung latent werden, als rezessive bezeichnet. 
Der Ausdruck ,^ezessiv'^ wurde deshalb gewählt, weil die damit benannten 
Merkmale an den Hybriden zurücktreten oder ganz verschwinden, jedoch unter 
den Nachkommen derselben, wieder unverändert zum Vorscheine kommen. 

Es vnirde ferner durch sämtliche Versuche erwiesen, daß es völlig gleich- 
giltig ist, ob das dominierende Merkmal der Samen- oder Pollenpflanze an- 
gehört; die Hybridform bleibt in beiden Fällen genau dieselbe." 

In der ersten „Generation treten nebst den dominierenden Merkmalen auch 
die rezessiven in ihrer vollen Eigentümlichkeit wieder auf, und zwar in dem 
entschieden ausgesprochenen Durchschnitts Verhältnisse 3:1, so daß unter je vier 
Pflanzen aus dieser Generation drei den dominierenden und eine den rezessiven 
Charakter erhalten. Es gilt das ohne Ausnahme für alle Merkmale, welche 
in die Versuche aufgenommen waren". „Übergangsformen wurden bei keinem 
Versuche beobachtet." „Jene Formen, welche in der ersten Generation den 
rezessiven Charakter erhalten, variieren in der zweiten Generation in Bezug 
auf diesen Charakter nicht mehr, sie bleiben in ihren Nachkommen konstant. 

Anders verhält es sich mit jenen, welche in der ersten Generation das 
dominierende Merkmal besitzen. Von diesen geben zwei Teile Nachkommen, 
welche in dem Verhältnisse 3 : 1 das dominierende und rezessive Merkmal an 



1) Gregor Mendel. Versuche über Pflanzenhybriden. Verhandlungen des 
naturforschenden Vereins in Brunn. IV. Bd. 1865. S. 1 — 47, abgedruckt in Flora 
Bd. 89. Ergänznngsbd. 1901. S. 364—403. 



88 ^- Earsten: 

sich tragen , somit genau dasselbe Verhalten zeigen, wie die Hybridformen; 
nur ein Teil bleibt mit dem dominierenden Merkmale konstant." 

„Das Verhältnis 3:1, nach welchem die Verteilung des dominierenden 
und rezessiven Charakters in der ei-sten Generation erfolgt, löst sich demnach 
für alle Versuche in die Verhältnisse 2:1:1 auf, wenn man zugleich das 
dominierende Merkmal in seiner Bedeutung als hybrides Merkmal und als 
Stammcharakter unterscheidet. Da die Glieder der ersten Generation un- 
mittelbar aus den Samen der Hybriden hervorgehen, wii*d es nun ersicht- 
lich, daß die Hybriden je zweier differierender Merkmale Samen 
bilden, von denen die eine Hälfte wieder die Hybridform ent- 
wickelt, während die andere Pflanzen gibt, welche konstant 
bleiben und zu gleichen Teilen den dominierenden und rezes- 
siven Charakter erhalten." 

Für die Frage nach der Zerlegung der Eigenschaften einer Pflanze in 
scharf unterschiedene Einheiten, von der ¥nr oben ausgingen, haben nun noch 
folgende Sätze ^) die größte Bedeutung: „Alle konstanten Verbindungen, welche 
bei Pisum durch Kombinierung der angeführten sieben charakteristischen Merk- 
male möglich sind, wurden durch wiederholte Kreuzung auch wirklich erhalten. 
Ihre Zahl ist durch 2^ = 128 gegeben. Damit ist zugleich der faktische Be- 
weis geliefert, daß konstante Merkmale, welche an verschiedenen 
Formen einer Pflanzensippe vorkommen, auf dem Wege der wieder- 
holten künstlichen Befruchtung in alle Verbindungen treten kön- 
nen, welche nach den Regeln der Kombination möglich sind." 

Daß nicht alle Merkmale, auch nicht alle Pflanzenformen, den an Pisum 
nachgewiesenen Spaltungsregeln folgen, war Mendel sehr wohl bekannt. So 
sagt er^): „Einer wesentlichen Verschiedenheit begegnen wir bei jenen Hy- 
briden, welche in ihren Nachkommen konstant bleiben und sich ebenso wie 

die reinen Arten fortpflanzen Für die Entwickelungsgeschichte der 

Pflanzen ist dieser Umstand von besonderer Wichtigkeit, weil konstante Hy- 
briden die Bedeutung neuer Arten erlangen." Woran man aber von vorn- 
herein etwa entscheiden kann, wie sich bestimmte Eigenschaften bei Kreu- 
zungen verhalten würden, läßt sich durchaus nicht sagen, es bleibt in jedem 
Falle zu untersuchen. Auch nach anderen Seiten ist durch die Wiederent- 
deckung der Mendel sehen Beobachtimgen ein weites Feld für experimentelle 
Untersuchungen gegeben, auf dem sich neben de Vries hauptsächlich die 
Arbeiten von Correns^), Tschermak*) u. a. bewegen. Für die eben ge- 



1) a. a. 0. S. 381. 2) a. a. 0. S. 397. 

8) C. Correns. 6. Mendels Regel über das Verhalten der Nachkommenschafb 
der Rassenbastarde. Ber. d. D. bot. Ges. Bd. XVIII. S. 168. 1900. — Ders. 
G. Mendels Versuche über Pflanzen -Hybriden. Bot. Ztg. 1900. S. 229. — Ders. 
Ergebnisse der neuesten Bastardforschnngen für die Vererbungslehre. Ber. D. bot. 
Ges. Bd. XIX. (71). 1900. — Ders. Bastarde zwischen Maisrassen. Biblioth. bot. 
68. Heft. 1901 usw. Ber. D. bot. Ges. Bd. XX, XXI, XXII. — Ders. Experimentelle 
Untersuch, über die Entstehung der Arten. Archiv f. Rassen- u. Gesellsch.-Biol. 
1. Jahrg. 1. Heft. 1904. S. 27. 

4) £. Tschermak. Über künstliche Kreuzung bei Pisum sativum. Ber. D. bot. 
Ges. XVm. 1900. XIX. 1901. XX. 1902. 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 89 

stellte Frage muß hier das von de Vries^) folgendermaßen gefaßte vor- 
läufige Ergebnis genügen: „Den Mendel sehen Spaltungsregeln folgen im 
allgemeinen nur phylogenetisch jüngere Eigenschaften, sogenannte Rassenmerk- 
male^'; ein weiteres Eingehen auf die Sache würde uns weit über den Rah- 
men dieser Übersicht hinausführen müssen. 

War es somit nachgewiesen, daß die einzelnen Merkmale oder Eigen- 
schaften der verschiedenen Pflanzenformen in Kreuzungen frei von einander in 
beliebige Kombinationen eintreten können, so war für die Zellen forschung 
die Frage gestellt, wie sich die materiellen Grundlagen dafür verhalten? Daß 
es im wesentlichen der Zellkern sein muß, an dem die Vererbung von Eigen- 
schaften hängt, war ja lange schon klar erkannt. Die komplizierten Vor-' 
gänge bei der Kernteilung, welche die Zerlegung des Kernes in eine für jede 
Pflanzenart genau bestimmte Zahl von „Chromosomen*^ genannten Teilen, imd 
deren umständliche gleichmäßige Verteilung auf die beiden Tochterkeme be- 
dingen, wiesen direkt auf eine solche Funktion des Zellkernes hin. Bei der 
ungeheueren Menge von Schwierigkeiten, welche sich hier der Beobachtung 
entgegenstellten, bei der mit Recht zu machenden Forderung, daß die auf 
pflanzlichem Gebiet gewonnenen Resultate mit den Ergebnissen der Zoologen 
Übereinstimmen müssen, ist es erst in den allerletzten Jahren gelungen, zu 
klaren Schlußfolgerungen zu gelangen. Es ist auf botanischem Gebiet vor 
allem Strasburger*), der in zahllosen eigenen Arbeiten und solchen seiner 
Schüler stets wieder auf diese Fragen zurückkam; von seinen Veröffent- 
lichungen seien unten nur einige der neuesten und wichtigsten genannt, in 
denen weitere Literatur nachgewiesen wird. 

Der Stand der Frage ist zur Zeit etwa folgender: Eine Pflanze, nehmen 
wir der Klarheit halber eine solche mit scharf getrennten Generationen, 
also etwa ein Fani, zeigt bei jeder der zahllosen Zell- und Kernteilungen, 
die den Körper aufbauen helfen, eine Zahl von n Chromosomen, die sich 
durch Längsspaltung jedes einzelnen auf die beiden Tochterkerne derart ver- 
teilen, daß jeder wiederum n davon erhält. Bei der Bildung der Sporen 
jedoch, aus deren Keimung das Prothallium, die Sexualgeneration, hervor- 
gehen soll, wird der Vorgang derart modifiziert, daß jeder Sporenkem nur 
die Zahl n/^ Chromosomen zugeteilt bekommt. So führt auch jede Zelle der 
Sexualgeneration nur n^ Chromosomen, bis durch die Vereinigung der männ- 
lichen und weiblichen Geschlechtszelle, die je mit n/g Chromosomen ausge- 
stattet waren, dem Embryo, also der jungen Fampflanze, wieder w/g + w/j, 
also n Chromosomen zufallen. — Dem abgekürzten Entwickelungsgange der 
Phanerogamenpflanzen entsprechend, bleibt die reduzierte Zahl der Chromo- 
somen hier auf die Zellen, welche Embryosack und Pollenkörner aus ihren 
Teilungen hervorgehen lassen, beschränkt. 



1) H. de Vries, a. a. 0. U. 141. 

2) E. Strasburger. Über Reduktionsteilung. S-Ber. Ak. d.Wiss. Berlin 1904. 
587. — Der 8. Die Apogamie der Eualchimillen. Pringsheims Jahrb. f. wies. Bot. 
Bd. 41, 88. 1904. — Der 8. Typische und allotypische Kernteilung. Ebda. Bd. 42. 
1. 1906 aus Histolog. Beitr. zur Vererbungsfrage von E. Strasburger, Charles 
E. Allen, Kiichi Mjiake u. J. B. Overton I. 



90 O. Karsten: 

Die Probe aufs Exempel war nun bei den in neuerer Zeit mehr und 
mebr bekannt gewordenen Pflanzen zu machen, welche Samen produzieren, 
ohne daß eine Vereinigung männlicher und weiblicher Gescblechtszellen vor 
sich gegangen wäre. Die Mehrzahl dieser Pflanzen besitzt degenerierten 
Pollen, wie kommt hier also die Embryobildung in den jährlich reichlich 
produzierten, anscheinend normalen Samen zu Stande? An den Eualchimillen 
konnte Strasburger nachweisen, daß die Reduktion der Chromosomenzahl 
bei Anlage des Embrjosackes ausbleibt, daß also keine mit der halben 
Chromosomenzahl ausgerüstete Geschlechtszelle vorliegt, sondern daß die Ei- 
zelle vielmehr ihre sexuelle Fähigkeit eingebüßt hat und vegetativ geworden 
ist. Dies Verhalten bezeichnet man als Geschlechtsverlust oder Apogamie. 
Als jungfräuliche Zeugung oder Parthenogenese müßten dem gegenüber- 
gestellt werden Fälle, in denen eine mit halber Chromosomenzahl ausgerüstete 
normale Eizelle bei Fernbleiben männlicher Geschlechtszellen im Stande ist, 
aus sich selbst wieder die normale volle Chroraosomenzahl zu bilden. 

So liefert das Verhalten der Geschlechtszellen und besonders ihrer Kerne 
Kriterien für eine exakte Unterscheidung dieser sehr ähnlich scheinenden, im 
Wesen aber durchaus verschiedenen Fortpflanzungs weisen. Man darf daher 
hofl'en, daß es später einmal gelingen wird, auch andere Eigenschaften von 
Pflanzenarten, die ja nach de Vries Einheiten sind, welche nur als Ganzes 
ausgewechselt werden können, an den in Teilung befindlichen Kernen in Form 
kleinster Chromosomenteilchen direkt zu erkennen, wenn auch wohl die ge- 
ringste wahrnehmbare Größe von Chromatinkömchen stets noch Komplexe 
von Eigenschaften und nicht die letzten „Erbeinheiten^^ ^) darstellen müssen. 

Ganz unerwartet hat sich bei solchen Untersuchungen nun auch heraus- 
gestellt^), daß einige unserer allverbreiteten Kompositen, wie Taraxacum und 
Hieraciimiarten, die mit ihren ansehnlichen Blütenköpfen viele Insekten als 
Besucher anziehen, welche die Bestäubung vermitteln könnten, trotzdem apogam 
sind. Bei einigen Hieraciumarten scheint der Fall sogar noch eigenartiger 
zu liegen, da sie anscheinend sowohl apogam als auch auf sexuellem Wege 
Samen hervorbringen können. Weil es aber nach dem vorher Gesagten als 
ausgeschlossen zu betrachten ist, daß eine apogame Eizelle noch befruchtet 
wird, wie auch, daß sich eine sexuelle d. h. mit halber Chromosomenzahl 
ausgerüstete Eizelle nachher apogam entwickle, so scheint hier eine gewisse 
Anzahl der in solchen Blütenköpfen vereinigten Blüten für die eine, eine andere 
für die zweite Möglichkeit der Samenproduktion vorbereitet zu sein*). Doch 
sind die Untersuchungen darüber noch nicht vollkommen abgeschlossen. 

Ökologisch läge damit ein ähnlicher Fall vor, wie bei denjenigen Pflanzen, 



1) Strasburger a. a. 0. 1905. S. 13. 

2) C. Raunkiaer. Embryobildung ohne Befrachtung beim Löwenzahn. (Dä- 
nisch.) Bot. Tidskr. Bd. 25. S. 109. 1903. — Ders. u. Ostenfeld. Ebda. S. 409. 
— C. H. Osten fe Id. Zur Kenntnis der Apogamie in der Gattung Hieracium. 
Ber. d. D. bot. Ges. Bd. 22. 1904. S. 376. — Ders. Weitere Beiträge zur Kenntnis 
der Fruchtentwickelung bei der Gattung Hieracium. Ebda. S. 537. 

3) J. B. verton. Über Parthenogenesis bei Thalictrum purpurascens, Ber. 
d. D. bot. Ges. Bd. 22. 1904. S. 274. 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 91 

welche neben typischen auf Insektenbestäubung eingerichteten Blüten kleisto- 
game Blüten hervorbringen, die sich niemals öffnen aber durch Auswachsen 
der Pollenschläuche innerhalb der geschlossenen Blüte trotzdem mit eigenem 
Pollen die weiblichen Zellen befruchten und regelmäßig Samen produzieren. 
Unsere Violaarten z.B. gehören hierher. Goebel^), der diese kleistogamen 
Pflanzen genauer untersucht hat, kommt zu dem Schlüsse, daß quasi ein 
Sicherheitsventil in dem Samenansatz der kleistogamen Blüten vorhanden ist; 
die Befruchtung der Insektenblüten kann daher schon einmal ohne Schaden 
unterbleiben. 

Es scheint demnach, daß, wenn überhaupt die Möglichkeit sexueller 
Zeugung vorhanden ist, so daß im Laufe von Generationen mit Sicherheit 
einmal Nachkommen erscheinen müsseu, die auf sexuellem Wege, also durch 
Mischimg verschiedener Individuen entstanden sind, sich solche Pfianzenarten, 
ohne Schaden zu nehmen, sei es durch Selbstbefruchtung wie bei den kleisto- 
gamen Blüten, sei es auf apogamem Wege verbreiten und fortpflanzen dürfen. 

Wenden wir uns jetzt, nachdem die wichtigsten Gebiete, die zur Zeit im 
Vordergrunde der physiologisch-botanischen Wissenschaft stehen, beiührt sind, 
der Systematik zu, so mag hier zunächst die gerade vielfach ventilierte Frage 
nach der Phylogenie der Monokotyledonen und Dikotyledonen in ihrem 
gegenseitigen Verhältnisse zu einander*) erwähnt werden. 

Diese beiden großen Klassen sind in ihrem Verhalten so durchaus ver- 
schieden, daß es nicht leicht erscheint, sie auf gemeinsamen Ausgang zurück- 
zuführen. Da ist es nun wichtig, daß alle, welche sich mit dieser Frage 
letzthin beschäftigt haben, darin einig sind, daß Monokotyle und Dikotyle 
eine Verbindungsbrücke besitzen müssen in den Formen, aus denen sich ein- 
mal die Ranunculaceen, Magnoliaceen usw. auf dikotyler Seite, die Alisma- 
und Sagittariaarten, welche zu der Hdohiae gezählt werden, auf monokotyler 
Seite herausgebildet haben. Spiraliger Aufbau der Blüten, zahlreiche freie 
Fruchtblätter sind unter anderen Merkmalen die wichtigsten, in denen beide 
Familien übereinstinmien und sich gleichsam von der Masse der übrigen sehr 
wesentlich unterscheiden, so daß die Möglichkeit eines Anschlusses durchaus 
nicht völlig von der Hand gewiesen werden kann. 

Daß damit gleichzeitig auch andere Ansichten über die Phylogenie unserer 
jetzt lebenden Pflanzenwelt auftauchen^, daß z. B. unsere einheimischen wind- 
blütigen Laubwaldbäume nicht mehr als niedrig stehende, an den Beginn des 
Stammbaums gehörende Gewächse aufgefaßt werden, sondern daß man in 
ihnen Formen erkennt, die einem Rückbildungsprozeß verfallen sind, mag 
gleich hier erwähnt sein. Doch ist hinzuzufügen, daß wir noch sehr weit 

1) E. Goebel. über kleistogame Blüten. Biol. Zentralbl. Bd. 24. 1904. 

2) H. Hall i er. Polyphylet. Ursprung der Sympetalen und Apetalen. Abb. 
a. d. Gebiet d Naturwiss. Naturwiss. Ver. Hamburg. XVI. 1901. — E. Sargant. 
Theory of the origin of Monokotyledons. Ann. of bot. Bd. XVII. 1908 u. Bot. Ga- 
zette. Bd. XXXVn. 1904. — K. Fritsch. Stellung der Monokotyledonen Beibl. 79 
zn Englers Bot. Jahrb. Bd. XXXIV. S. 22 1905. 

3) H. Hallier in zahlreichen Schriften, zuletzt: Ein zweiter Entwurf des 
natürlichen (phylogenetischen) Systems der Blütenpflanzen. Ber. d. D. bot. Ges. 
1906. Bd. XXXIU. S. 86, dort weitere Literatur. 



92 ^- Karsten: Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 

davon eDtfemt sind, das zur Zeit herrschende von Alex. Braun aufgestellte, 
durch Eichler und neuerdings besonders von Engl er weiter ausgearbeitete 
System durch ein völlig durchgearbeitetes besseres, d. h. natürlicheres ersetzen 
zu können. Vielmehr ist durch die bis auf wenige Familien jetzt fertig vor- 
liegenden „Natürlichen Pflanzenfamilien" ^) ein großes Sammelwerk mit zahl- 
reichen guten Abbilduügen geschaffen worden, welches auf dem Braun- 
Eichler- Engler sehen Systeme beruht, und dem man bisher nichts Gleich- 
wertiges an die Seite setzen kann. Auf die staunenswerte Energie und 
Arbeitskraft desselben Mannes ist das Zustandekommen und rüstige Fort- 
schreiten eines noch weit umfangreicheren Unternehmens zurückzuführen, das 
sich bis auf die Summe aller einzelnen Spezies erstrecke, des „Pflanzen- 
reichs"*). 

Ein sehr freudig zu begrüßendes Unternehmen ist im Laufe der aller- 
letzten Jahre in Angriff genommen, eine „Lebensgeschichte der Blütenpflanzen 
Mitteleuropas"^). Es ist ein auf 5 Bände berechnetes Werk, das monogra- 
phische Abhandlungen über die uns umgebende Pflanzenwelt enthalten wird, 
die vor allem auch die ökologischen Verhältnisse berücksichtigen sollen. 
Nach dem Ausfall der ersten drei bisher vorliegenden Lieferungen wird das 
Werk dem gebildeten Laien eine Fülle von Anregungen, dem Fachmanne 
eine sehr vollständige Literaturangabe und eine Menge von weniger allge- 
mein bekannten Einzelheiten bringen, die für ein tieferes Verstehen der ein- 
heimischen Pflanzenwelt nicht ohne Bedeutung sind. 

Wenn wir die Berichte über speziellere systematische Familienbearbei- 
tungen bestimmter geographischer Gebiete der eigentlichen Pflanzengeographie 
vorbehalten, bleibt noch eine wichtigere Tatsache von allgemeinem syste- 
matischem Interesse zu registrieren. Oliver und Scott*) ist es neuerdings 
gelungen, aus der Masse der als Cycadofilices bezeichneten fossilen Pflanzen- 
reste, die bisher stets den Fampflanzen zugerechnet wurden, eine Gruppe ab- 
zusondern, deren Angehörige im Habitus zwar den Pteridophyten entsprechen, 
jedoch mit typischen Samen ausgerüstet waren, die denen noch jetzt lebender 
Cykadeen außerordentlich nahe kommen. Sie bezeichnen diese Familie als 
Pteridospermeen , womit ihr Mischcharakter ja ganz gut zum Ausdruck ge- 
bracht wird. Es ist das ein wichtiger Hinweis darauf, wie wir uns die 
immer noch unbekannten Vorfahren unserer jetzt lebenden Gynmospermen 
habituell vorstellen müssen. (Schluß folgt.) 



1) A. Engler und K. Prantl. Die natürlichen Pflanzenfamilien nebst ihren 
Gattungen und wichtigeren Arten. Leipzig, von 1889 ab. 

2) Das Pflanzenreich. Regni vegetabilis conspectus. L A. d. k. Preuß. Ak. 
d. Wiss. hrsg. von A. Engler. Leipzig, ab 1900. 

3) 0. Kirchner, E. Low, C. Schröter. Lebensgeschichte der Blüten- 
pflanzen Mitteleuropas. Spezielle Ökologie der Blütenpflanzen Deutschlands, Öster- 
reichs und der Schweiz. Stuttgart, ab 1904. 

4) F. W. Oliver and D. H. Scott. On the structure of the palaeozoic seed 
Lagenostoma Lomaxi with a statement of the evidence opon which it is referred 
to Lyginodendron. Philosoph, transactions of the Royal society of London. Ser. B. 
Vol. 197. London 1904. 



C.Keller: Die Kolonie Madagaskar in ihrer gegenwärt. Entwicklung. 93 

Die Kolonie Madagaskar in ihrer gegenwärtigen Entwicklung. 

Yon C. Keller. 

Die Kolonisationsgeschichte von Madagaskar weist in den vergangenen 
Jahrhunderten eine lange Reihe von verfehlten Versuchen auf, dauernde und 
gedeihliche Unternehmungen auf madagassischem Boden anzuhahnen. un- 
fähige Köpfe verschleuderten die ihnen anvertrauten Mittel; schiffbrüchig ge- 
wordene Existenzen und Abenteurer aller Nationen suchten einst ihren letzten 
Zufluchtsort in jener von der Natur so begünstigten Region, wo sich die 
eingebomen Stämme zerfleischten und zuletzt diplomatische Intrigen euro- 
päischer Nationen jeden Aufschwung lähmten. 

Vor einem Dezennium nahm Frankreich einen neuen, diesmal recht 
energischen und geschickt ausgeführten Anlauf, um eine entscheidende Wen- 
dung der Dinge herbeizuführen. Der Moment war gut gewählt, die Hova- 
regierung war unter einem egoistischen Premierminister zur Unfähigkeit 
verdammt und hatte die elementarsten Rücksichten der Klugheit gegenüber 
Frankreich außer Acht gelassen. Eine Katastrophe war unvermeidlich. Da- 
mals drang General Duchesne, ohne nennenswerten Widerstand zu finden, 
mit seinen Truppen von der Westküste her bis zur Zentralprovinz Imerina 
vor, pochte etwas unsanft mit Hilfe seiner Kanonen am Königspalast in 
Antanarivo an, und die Hovadjnastie^ ihr baldiges Ende voraussehend, fügte 
sich ins Unvermeidliche. 

Die französischen Kammern beschlossen, um ein für allemal eine klare 
Situation zu schaffen, 1896 die endgültige Annexion der Insel. Madagaskar 
war damit dem französischen Kolonialbesitz einverleibt, so ungern man dies 
in London sah. Es galt jetzt, ernstlich zu kolonisieren. 

In manchen Kreisen ist das Kolonisationsgeschick der Franzosen recht 
skeptisch beurteilt worden, und gerade Madagaskar bildete mit Rücksicht auf 
die Mißerfolge im 17. und 18. Jahrhundert den Gegnern der französischen 
Kolonialpolitik Angriffspunkte genug. Aber man muß, um gerecht zu werden, 
anderseits nicht vergessen, daß einst auf den benachbarten Maskarenen doch 
bedeutende Erfolge erzielt wurden und in Nord-Afrika sehr achtungswerte 
koloniale Leistungen zu verzeichnen sind. 

Die Entwicklung einer Kolonie hängt wesentlich von der richtigen Or- 
ganisation ab, und diese erscheint um so glücklicher, je besser sie sich den 
lokalen ethnischen Zuständen anzupassen vermag. Im Anfang hängt Alles 
davon ab, den richtigen Mann zu finden, der mit der nötigen Bildung, Ener- 
gie imd Umsicht auch ein glückliches Organisationstalent verbindet. Ein 
feiner Takt ist eine ganz unentbehrliche Beigabe. Ist eine Kolonie einmal 
im Gkknge, so macht sich die Sache sehr viel einfacher. Soweit ich aus 
eigener Anschauung in Afrika reden kann, liegt hier das ganze Geheimnis 
der erfolgreichen Kolonisationsarbeit der Engländer, die bei der Einrichtung 
neuer Kolonialgebiete für die erste Periode jeden Protektionskandidaten un- 
berücksichtigt lassen und mit musterhafter Objektivität nur das organisatorische 
Talent zur Greltung bringen. 



94 C. Keller: 

und Frankreich hatte diesmal das Glück, für Madagaskar den richügen 
Mann zn finden — General Gallieni besitzt als Generalgouvernenr von 
Madagaskar zweifellos alle jene hohen Eigenschaften, die von einer bedeu- 
tenden und schöpferischen Natur verlangt werden. Gallieni ist am richtigen 
Platz und hat es verstanden, in verhältnismäßig kurzer Zeit ungewöhnliche 
Kolonisationserfolge zu erzielen. 

Vor uns liegen drei starke Bände ^), welche einen genauen Einblick in 
den Gang der Dinge ermöglichen imd außerdem eine Fülle von authentischem 
Material über die Verhältnisse der verschiedensten madagassischen Distrikte 
enthalten. 

General Gallieni geht von der vollkommen richtigen Anschauung aus^ 
daß die wissenschaftliche Erschließung der Kolonie die Grundlage 
bilden muß für die wirtschaftliche Eroberung; er fördert jene daher 
auf jede Weise und verfügt über die bedeutendsten materiellen Hilfsmittel. 

Was den drei Bänden besonderen . Wert verleiht, sind die zahlreichen 
Monographien der einzelnen Provinzen von Madagaskar, welche Ein- 
blicke in die lokalen Verhältnisse in ethnischer und wirtschaftlicher Beziehung^ 
ermöglichen. Und diese gestalten sich ja auf madagassischem Boden äußerst 
verschiedenartig, sie bildeten für Gallieni den Hauptgrund, aus administrativen 
Rücksichten die Provinzen sich mit einer gewissen Selbständigkeit entwickeln 
zu lassen. Eine gut ausgeführte Übersichtskarte im Maßstabe von 
1 : 3 500 000 bringt die gegenwärtige administrative Einteilung in 29 Pro- 
vinzen und Verwaltungskreise zur Dai*stellung. 

Die vielen Einzelkarten liefern für die spätere genaue Kartographierung 
von Madagaskar eine schätzenswerte Grundlage. Zwar kannte man bisher 
neben der Zentralprovinz Imerina auch deren nächste Umgebung mit hin- 
reichender Genauigkeit, auch die Ostküste war besser bekannt, weniger da- 
gegen die Westküste, da die dort wohnenden Sakalaven der Erforschung des 
Landes große Schwierigkeiten verursachten. 

Von den Detailkarten der östlichen Seite mag als besonders beachtens- 
wert hervorgehoben werden die Detailkarte der Antongilbai mit dem an- 
stoßenden Hinterland, femer die Karte von Vohemar und Diego Suarez. 

Für die Westseite der Insel finden wir als kartographische Beigaben 
gut vertreten die Provinzen Nosi-Be, Majunga und Tulear, sowie die Ver- 
waltungskreise Mahavavj, Maintirano und Marandava, über welche bisher 
keine zuverlässigen Angaben existierten. 

Eine geologische Übersichtskarte im Maßstab von 1:3500000 
trägt den neuesten, besonders die Westseite betreffenden Forschungen Bech- 

1) Es sind die drei Jahrgänge des „Guide annuel de Madagascar^' fOr 
1003, 1904 uud 1905, welche als offizielle Publikationen aus der Staatsdruckerei in 
Antanarivo hervorgegangen sind. Bildete früher, da die Engländer die Hovadynastie 
durch ihren Einfluß beherrschten, das von der Londoner Mission sgeseÜschaft 
herausgegebene und im allgemeinen vorzüglich redigierte „Antanarivo Annual 
and Madagascar Magazine'' eine wertvolle Fundgrube in ethnographischer^ 
naturhistorischer und p^eographischer Hinsicht, so tritt nunmehr unter den ver- 
änderten Verhältnissen der „Guide annuel '' an dessen Stelle, an Reichhaltig- 
keit alle früheren Publikationen übertreffend 



Die Kolonie Madagaskar in ihrer gegenwärtigen Entwicklung. 95 

nung; sie läßt eine erhebliche Erweiterung unserer Kenntnisse und eine 
wesentliche Modifikation der früheren Angaben erkennen. 

Man wußte, daß der Kern der Insel aus Urgebirgsformationen (Gneis, 
Glimmerschiefer, Granit) besteht, welche im Innern und fast auf der ganzen 
Ostseite zu Tage treten. Vulkanische Bildungen sind über die ganze Insel 
zerstreut und finden sich in der Nähe der Ostküste häufiger als man bisher 
annahm. Sehr ausgedehnte vulkanische Gebiete sind auf der Westseite im 
Küstengürtel bei Mainürano, also auf dem mittleren Sakalavengebiet entdeckt 
worden. An das archäijsche Zentralmassiv ist westlich eine stellenweise ziem- 
lich breite Zone von Trias angelagert, welche ohne Unterbrechung von der 
Nähe des Kap Ste. Marie im Süden bis in die Nähe von Yohemar im Norden 
reicht. Ihi-e stärkste Entwicklung liegt auf der Höhe von St. Andr^, wo sie 
einen isolierten Kern von ürgebirge umsäumt und beim Kap St. Andre bei- 
nahe die Küste erreicht 

Der Triaszone ist ein ungefähr ebenso breiter Gürtel von Juraformationen 
vorgelagert, der viel ausgedehnter ist, als man bisher annahm. Er beginnt 
nämlich im Süden von Tulear und endigt im Norden in der Provinz Nosi-Be. 

Die Kreide erlangt im Westen eine beträchtliche Ausdehnung und wird 
an den Sakalavenkästen von einer schmalen Zone tertiärer und quatemärer 
Ablagerungen umsäumt. Leider fehlt immer noch eine zuverlässige Eintragung 
der Korallenrififbildungen. 

Der mineralische Reichtum der Insel ist beachtenswert, indem neben 
Gold auch das Vorhandensein von abbauwürdigen Eisenlagern, besondei*s auf 
der Ostseite, nachgewiesen ist; Kupfer, Zink, Bleierz und Nickel finden sich 
an verschiedenen Stellen, ebenso Lager von Kohlen. Systematisch ausgebeutet 
und zwar mit stets zunehmendem Erfolg wurde bisher nur das goldführende 
Gestein, und seine Verbreitung in den verschiedenen Distrikten ist auf der 
sehr ausführlichen geologischen Karte vom Jahr 1905 eingetragen. 

Schon unter der Herrschaft der Hovadynastie war das Vorkommen von 
Gold bekannt, allein die Regierung weigerte sich damals beharrlich, Minen- 
konzessionen zu erteilen. In jüngster Zeit sind auf der Ostseite goldführende 
Alluvionen in großer Ausdehnung bekannt geworden, ihre Ausbeutung erweist 
sich als lohnend. Am ergiebigsten sind die Alluvionen in den Flußtälern 
der Provinz Mananjary im Südosten, die Minenindustrie steht hier in voller 
Blüte, so daß in dieser Provinz allein der Goldexport auf 1 Million Franken 
angestiegen ist. 

Im Innern der Insel weist die fruchtbare Betsileoprovinz eine größere 
Zahl betriebsfähiger Goldwerke auf. 

Wie sehr in Madagaskar die Goldausfuhr in Zunahme begriffen ist, läßt 
sich aus der Handelsstatistik entnehmen. Im Jahr 1902 betrug der Gold- 
export 1700 000 Franken, 1903 schon 5 800 000 Franken, 1904 stieg er 
auf 8 Milllionen Franken. 

Eine in wissenschaftlicher Hinsicht recht interessante und willkonunene 
Zusammenfassung der Paläontologie von Madagaskar enthält der „Guide 
1906'^ und zwar aus der Feder von Jully in Antanarivo, welcher zurzeit 
der dortigen Akademie vorsteht. 



96 C. Keller: 

Die ältesten Fossilien stammen aus dem oberen Lias in West-Madagaskar, 
während aus der Trias bisher keine MoUuskenrestc bekannt wurden. Im 
Nordwesten der Insel ist seit 1891 in jurassischen und Kreideschichten auch 
das Vorhandensein großer Dinosaurier nachgewiesen worden. 

Wichtiger sind die subfossilen Reste von Vögeln und Säugern aus den 
jungen Ablagerungen. 

Bekanntlich machte schon 1851 Geoffroj St. Hilaire der französischen 
Akademie Mitteilungen über das Riesenei von Aepyornis^ das Abadie mit- 
gebracht hatte, 1868 wurde durch Grandidier das Vorkommen von Knochen- 
resten riesiger madagassischer Strauße bekannt, bald nachher wurde ein 
ausgestorbenes Nilpferd {Hippopotamus Lemerle'i) aus der Umgebung von 
Tulear nachgewiesen. Bei Antsirabe hat Müller und fast gleichzeitig Forsyth 
Major (1893 und 1894) aus quatemären Ablagerungen Vogelreste aufge- 
funden, die auf zwei ganz verschiedene Straußgattungen {Aepyomis und 
MüUerornis) hinwiesen. Aufsehen erregte der Nachweis, daß noch in geolo- 
gisch wenig zurückliegender Zeit in Madagaskar erloschene Lemuren von 
gewaltiger Größe vorhanden waren (Adapis magnus). Eine Studienreise, 
welche 1898 Wilhelm Grandidier nach Madagaskar unternommen hatte, fügte 
als erloschene Halbaffen die neuen Gattungen PälaeopropWiccus und Bra- 
dilemur hinzu. 

In den letzten Jahren sind in der Nähe des Itasi-Sees in Kalkablage- 
rungen subfossile Reste von Säugetieren aufgefunden worden; die Nach- 
forschungen werden gegenwärtig unter der Leitung von Jully fortgesetzt und 
versprechen mchtige Aufschlüsse über die in der Quartärzeit erloschene 
Faima. Ein auffallend großes Exemplar von Palaeopropithecus ingens 
gelangte in den Besitz der madagassischen Akademie. 

Reiche Naturschätze bietet das Land in den Waldungen, die sich über 
eine Fläche von ungefähr 12 Millionen Hektar ausdehnen. Die forstliche 
Ausbeutung, seit 1900 gesetzlich geregelt, konnte sich nur da entwickeln, wo 
der Holztransport ziu- Küste billig ist, also da, wo die Wälder hart an die 
Küste herantreten oder schiffbare Wasseradern vorhanden sind. 

Die Bai von Antongil, die Provinz Vohemar imd Majunga an der 
Sakalavenküste sind die wichtigsten Ausfuhrgebiete. Wie sehr die Ausfuhr 
von Holz im Steigen begriffen ist, beweist die amtliche Statistik, 1900 be- 
trug sie 43 000 Franken, 1902 bereits 300 000 Franken und 1903 stieg sie 
auf 552 000 Franken. 

Eine besondere Sorgfalt verwendet die Kolonial regierung auf die Hebung 
der Landwirtschaft. Die tropische Agrikultur läßt sich nicht nach einem 
allgemein verbindlichen Schema einrichten, sondern es muß durch ein ge- 
naueres Studium der Bodenverhältnisse und der meteorologischen Bedingungen 
erst ermittelt werden, welche Kulturen für die verschiedenen Kolonisations- 
gebiete am lohnendsten sind. Im Allgemeinen läßt sich voraussehen, daß 
sich die Ostseite der Insel vorwiegend für Plantagenbau, der Westen dagegen 
für Viehzucht eignet. Für weitere Einzelstudien hat die madagassische 
Landwirtschaftskammer an verschiedenen Punkten der Insel Versuchsstationen 
eingerichtet. Bereits 1897 wurde nördlich von Tamatave die Station von 



Die Kolonie Madagaskar in ihrer gegenwärtigen Entwicklung. 97 

Ivoloina eröffiiet, ihre Versuche erstrecken sich vorzugsweise üher Kulturen 
von Ka£fee, Kakaohätunen und Kautschukpflanzen; tou letzteren sind neben 
den in Madagaskar einheimischen Kautschucklianen auch Ficus und Hevea 
hrcisüicnsis eingeführt und kultiviert worden. Auf einem großen Versuchs- 
felde an der Küste nördlich von Tamatave, das etwa 150 Hektar umfaßt, 
ist mit dem Anbau der Kokospalme begonnen worden, darunter die Varietät 
der Seychellen, welche eine besonders geschätzte Kopra liefert. Eine zweite 
Station befindet sich bei Fort Dauphin, die bisher mit der Anpflanzung von 
Liberia -Kaffee, Tee und Obstbäumen operierte. Die Zentralprovinz besitzt 
in der Nähe der Stadt Antanarivo die Station Nanisana, welche zur Zeit 
wohl am meisten Bedeutung erlangt. Sie befaßt sich stark mit der Einfuhr 
und Anpflanzung von Maulbeerbäumen und erweiterte sich unlängst zu einer 
Seidenbaustation. Die Kolonialbehörde erblickt in der Seidenkultur einen der 
wichtigsten Erwerbszweige für die Zukunft und versucht die Eingebomen 
mit der Aufzucht der Raupen vertraut zu machen. Günstige Vorbedingungen 
sind da, indem die natürliche Intelligenz der Hovastänmie schon früher eine 
einheimische Seidenindustrie zu überraschend hoher Entwicklung brachte. In 
den letzten Jahren hat die Station Nanisana an die Kolonisten und Ein- 
gebomen 15 000 lebende Kokons nebst Eiern und 40 000 Maulbeerpflanzen 
abgegeben. 

Von tropischen Kulturen scheint nach den bisherigen landwirtschaftlichen 
Erhebungen der Anbau von Kaffee den gehegten Erwartungen nicht zu ent- 
sprechen. Man hat früher schon auf Nosi-6e schlechte Erfahmngen gemacht, 
und die Plantagen gingen nach und nach ein, neuerdings sind ausgedehnte 
Anbauversuche im Norden am Mont Amber unternommen worden; anfänglich 
waren die Kaffeestauden vielversprechend, in der jüngsten Zeit wurden sie 
jedoch stark von Hemürja vastatrix befallen. Auch im Süden der Insel hat 
sich dieser Parasit bemerkbar gemacht. Dafür scheint in Nord -Madagaskar 
der Anbau von Vanille gute Resultate zu geben, wenigstens ist die Ausfuhr 
der Provinz Nosi-Be in beständiger Zimahme begriffen, indem die Vanille- 
pflanzungen schon mehr als 400 Hektar umfassen. 

Die Viehzucht, ein für Madagaskar außerordentlich wichtiger Pro- 
duktionszweig, ist in starker Zimahme begriffen; indessen ist es bisher ledig- 
lich die Rinderzucht gewesen, die von wirklicher Bedeutung geworden ist. 
Nach den amtlichen Erhebungen besaß die Insel zu Anfang des Jahres 1904 
einen Rinderbestand von 2 776 000 Stück, während die Zahl zu Beginn von 
1903 auf 2 342 000 geschätzt wurde. Es ergibt das eine Zunahme von 
beinahe einer halben Million Rinder, was etwas auffallend erscheint, aber 
wohl in der stark verminderten Ausfuhr nach der Kapkolonie ihren Grund 
hat. Die reichsten Rinderbestände weisen die Provinzen des Südens, dann 
die ganz im Norden gelegenen Distrikte von Vohemar, Diego Suarez und 
Nosi-Be auf. Süd- Afrika war stets das Hauptabsatzgebiet, zur Zeit der 
kriegerischen Verwicklungen im Burenlande erreichte die jährliche Ausfuhr 
schließlich die Summe von 47^ Millionen Franken, gegenwärtig beträgt sie 
nur noch 2^^ Millionen Franken, da in der Kapkolonie die Einfuhr aus 
Argentinien sehr bedeutend ist. Indessen werden die Madagassenrinder auf 

GeographiMh« S^iUchrift 12. Jahrgang. 1906. 8. Hef». 7 



98 C. Keller: 

dem südafrikanischen Markt wohl nie verdrängt werden, da ihr Fleisch als 
sehr wohlschmeckend gilt. Nehen der Rinderzucht ist die Schweinezucht 
hemerkenswert und neuerdings in fühlbarer Zunahme begriffen, so daß die 
Stückzahl auf 300 000 angestiegen ist. Die Schafzucht war nie bedeutend 
und wird kaum eine Zukunft haben. Die eingebome Rasse ist ein yerdor- 
benes Fettsteißschaf, das zwar brauchbare Häute^ aber ein schlechtes Fleisch 
liefert. Man versucht gegenwärtig durch Einfuhr algerischer Schafe die Rasse 
zu verbessern. 

Pferde haben sich in Madagaskar nicht gut gehalten, doch will man sie 
wieder einbürgern, indem man passendes Zuchtmaterial aussuchte und hierzu 
Berberpferde und abessinische Pferde wählte. Zur Zeit befindet sich ein 
größeres Gestüt im Betsileolande in der Nähe von Finanarantsoa, wo auch 
erfolgreiche Versuche mit der Eselzucht im Gange sind. 

Im Allgemeinen sind in Madagaskar die Bedingungen für die Großvieh- 
zucht weit günstiger als auf dem afrikanischen Festlande, da die dort auf- 
tretenden Seuchen den madagassischen Viehstand verschont haben. 

Eine notwendige Vorbedingung für die wirtschaftliche Erschließung eines 
Landes ist die Anlage von geeigneten Verkehrswegen. In dieser Hinsicht 
hatte die französische Eolonialbehörde eigentlich Alles erst zu schaffen. Die 
frühere Hovaregierung sträubte sich grundsätzlich gegen die Anlage von Ver- 
kehrsstraßen nach dem Innern; sie wollte eben das Vordringen der Europäer 
erschweren. Straßen in imserem Sinne gab es vordem in Madagaskar nirgends, 
selbst die so begangene Route von der Ostküste nach der Hauptstadt Anta- 
narivo war nur ein Fußweg, der wohl den Trägem bekannt war, aber weder 
für ein Reittier noch für ein Fuhrwerk gangbar war; die zahlreichen Wasser- 
läufe auf der Ostseite, wo sich ja der Hauptverkehr abspielt, konnten des 
kurzen ünterlaufes wegen nicht lange benutzt werden. 

Hier war nun ein gewaltiges Stück Arbeit zu bewältigen. Zur Zeit sind 
gute Straßen erstellt, welche die Ostküste und die Westküste mit der Haupt- 
stadt in der Zentralprovinz verbinden. Auf diesen ist zum Teil ein Auto- 
mobilverkehr eingerichtet worden. Eine große Straße führt von Imerina nach 
dem fruchtbaren und stark bevölkerten Betsileolande. 

Von vitalem Interesse für den Aufschwung der Kolonie mußte die Er- 
stellung eines Schienenweges erscheinen, der die Hauptstadt der Zentralprovinz 
Imerina mit der verkehrsreichen Ostküste verbindet. Die französische Regie- 
rung ermächtigte schon im Jahr 1900 die Kolonie Madagaskar zu einer An- 
leihe von 60 Millionen Franken, um den Bau einer Eisenbahn nach dem 
Innern an die Hand zu nehmen. Nach fachmännischer Prüfung der lokalen 
Verhältnisse wurde vorläufig von einem ununterbrochenen Schienenweg zwischen 
Antanarivo und dem wichtigsten Küst«nplatz Tamatave abgesehen; für die 
erste Hauptstrecke, welche der Küste entlang bis Andevorante führt, ließ sich 
der billigere Wasserweg verwenden. Es finden sich nämlich südlich von 
Tamatave zahlreiche und genügend tiefe Lagunen parallel der Ostküste, welche 
durch eine schmale Sandbarre vom Meere getrennt sind und nur an drei 
Stellen von wenig ausgedehnten Querbarren unterbrochen werden. Durchsticht 
man diese sogenannten Pangalana, so läßt sich ein ununterbrochener Wasser- 



Die Kolonie Madagaskar in ihrer gegenwärtigen Entwicklung. 99 

weg bis nach Andevorante in einer Länge von 122 Kilometern erstellen. Diese 
Arbeit ist bereits vollendet, und die nötigen Kanäle sind von der Compagnie 
des Messageries FranQaises de Madagascar erstellt worden. Diese Gesellschaft 
hat 10 kleinere Dampfer im Betrieb, welche die Waren und Personen von 
Ivondro, das man in einer halben Stunde mit der Eisenbahn von Tamatave 
her erreicht, nach Brickaville befördern. Letzterer Ort ist der Ausgangspunkt 
der nach dem Innern f&hrenden Eisenbahnlinie, deren Länge nach dem defi- 
nitiven Ausbau 295 Kilometer betragen wird. Vorläufig wird nur die erste 
Sektion, d. h. eine Strecke von 185 Kilometer gebaut, da die Kolonie ihr 
Budget nicht allzu rasch vermehren will. Von dieser Sektion ist am 1. No- 
vember 1904 die Strecke von Brickaville bis Fanovana (102 Kilometer) dem 
regelmäßigen Betrieb übergeben worden. Bei dieser vorläufigen Endstation 
angelangt, erfolgt bis ziir Hauptstadt Antanarivo der Personen- und Gepäck- 
verkehr durch einen regelmäßigen Automobildienst und nimmt für die Hin- 
imd Rückfahrt zwei Tage in Anspruch, was schon eine sehr wesentliche Ab- 
kürzung der Reizezeit bedeutet. 

Da sich zwischen dem Hochplateau und der Ostküste ein Chaos von 
Bergen ausdehnt, stieß der Bahnbau auf erhebliche Schwierigkeiten. 

Für den Küstenverkehr, der von lokalen Dampfern unterhalten wird, 
konnten bisher geschützte Häfen noch nicht erstellt werden, so notwendig 
dies erscheint. Dagegen sind die Landungsplätze, meist oifene Reeden, ver- 
bessert worden. 

Der Post- und Telegraphenverkehr verfügt über ein Netz von Verbin- 
dungen, welches aTle wichtigen Punkte im Lmem des Landes einschließt; 
schon wegen der Sicherheit der Kolonie hat man die Erstellung dieser Ver- 
bindungen beschleunigt. 

Die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie findet ihren objektiven 
Ausdruck in der Handelsbewegung, im Import und Export. Eine statistische 
Zusanmienstellung der letzten Jahre ergibt nun unzweideutig eine fortwährende 
Steigerung im Verkehr. Der Außenhandel bezifferte sich 1904 bereits auf 
nahezu 46 Millionen Franken, wovon 26 Y^ Millionen auf den Import und 
gegen ISV^ Millionen auf den Export kommen; beachtenswert erscheint, daß 
der letztere im Jahre 1903 gegenüber dem Vorjahre eine Zunahme von 
3 Millionen aufweist; in Wirklichkeit liegen die allgemeinen Verhältnisse 
noch günstiger für die Ausfuhr, da 1902 die starke Viehausfiihr nach Süd- 
Afrika die Exportziffer erhöhte, jetzt aber wieder normale Verhältnisse ein- 
getreten sind. 

Für den Kleinhändler, der nicht über ausreichende Geldmittel verfügt, 
ist zur Zeit noch eine gewisse Vorsicht geboten. Er wird leicht erdrückt von 
den großen Firmen, die mit starkem Kapital arbeiten und ihre Filialen an 
allen größeren Orten des Landes besitzen. 

Der Transitverkehr geht hauptsächlich über Tamatave, den wichtigsten 
Handelsplatz der Ostküste. Man rechnet, daß gegenwärtig mindestens die 
Hälfte des gesamten Exportes der Insel auf den Hafenplatz Tamatave ent- 
fällt Daher hat das rege Leben diesen Ort völlig umgestaltet. Früher be- 
stand er aus einem anregelmäßigen Haufen von niedrigen Holzhäusern mit 



100 C.Keller: DieEolonie Madagaskar in ihrer gegenw&rt.Entwricklang. 

einer einzigen Straße und den unordentlichen Strohhütten der Madagaasen; 
Unterkunft war für den Fremden, der nicht von einem europäischen Handels- 
hause gastlich aufgenommen wurde, nur schwer erhältlich. Heute ist Tama- 
tave eine blühende, regelmäßig gebaute Küstenstadt mit gesunder Umgebung 
und mit stattlichen Kaufhäusern, Banken, Magazinen, administrativen Bureaus 
und gut eingerichteten Hotels, in denen freilich auch die Preise für die Unter- 
kunft in die Höhe gegangen sind. 

Von den übrigen Küsten platzen, welche sich durch direkten Export am 
Außenhandel beteiligen, kommen auf der Ostseite hauptsächlich Fort Dauphin, 
Vohomar und Diego Suarez, auf der Westseite Nosi-Be, Majunga, Morondava 
und Tulear in Betracht. 

Die wichtigsten Ausfuhrartikel, bei denen eine fortwährende Zunahme 
zu verzeichnen ist, sind Gold, lebende Rinder, Raphia, Häute und Kautschuk. 
Letzteres Produkt schien vor Jahren der Erschöpfung nahe, weil die Ein- 
gebomen bei der Gewinnung äußerst sorglos verfuhren und die Kautschuk- 
lianen {Vahca madagascaricf^sis) vielfach zerstörten. Es war das zu be- 
dauern, da der Kautschuk von Madagaskar auf dem europäischen Markt sehr 
gesucht ist. Die Kolonialverwaltung wie die europäischen Kaufleute haben die 
Eingebomen mit Nachdmck angewiesen, die Lianen bei der Ausbeutung scho- 
nender zu behandeln, und ihre Ratschläge fanden Beachtung, daher das 
überraschende Ergebnis, daß sich die Kautschukausfuhr in kurzer Zeit ver- 
vierfacht hat (545 000 Franken im Jahr 1902 gegen 2 200 000 Franken im 
Jahr 1903). 

Am madagassis(.>hen Handel ist naturgemäß Frankreich in erster Linie 
beteiligt, dann folgen die südafrikanischen Besitzungen und Ostafrika; der 
deutsche Handel beginnt mehr und mehr dem englischen den Rang abzulaufen. 
Erleichtert wird der Verkehr mit den Kingebomen durch die allgemeine Ein- 
führung des französischen Geldes; das bei den Madagassen früher allgemein 
verwendete Hackgeld wurde vom Münzamt eingezogen und ist jetzt gänzlich 
verschwunden. 

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie ist die geistige 
Hebung der Bevölkerung eng verbunden; daher hat General Gallieni der 
Ausgestaltung des Schulwesens seine besondere Aufinerksamkeit gewidmet und 
durch einen Erlaß vom Januar 1904 die Unterrichtsverhältnisse neu geordnet 
Seinen pädagogischen Grundsäzten wii*d man nur zustimmen können^ wenn 
er in Anlehnung an die tatsächlichen Verhältnisse der Kolonie die Eingebomen- 
schulen von unnützem theoretischen Ballast möglichst befreien und den Unter- 
richt so viel als möglich den praktischen Bedürfnissen anpassen will. Er 
betont mit Recht — und in dieser Hinsicht könnten vielleicht auch euro- 
päische Pädagogen noch etwas lernen — , daß eine Überbürdung der Schul- 
jugend die Intelligenz schwäche und dem materiellen Gedeihen der Bevölkerung 
durch einen auf das Praktische gerichteten Unterricht besser gedient sei. In 
den ländlichen Schulen unterrichten auf der Primarstufe Eingebome, die sich 
über ihre Befähigung ausweisen müssen. Die Sekundarstufe, die in den 
Provinzialhauptorten landwirtschaftlichen und gewerblichen Unterricht vor- 
sieht, wird von französischen Lehrkräften versehen. Für Mädchen wird in 



Karl Peucker: Möllers „Orientierung nach dem Schatten". 101 

diesen Begionalschulen Haushaltongsunterricht von französischen Erzieherinnen 
erteilt; eine besondere Abteilung befaßt sich mit der Heranbildung ein- 
heimischer Lehrkräfte (Section normale). 

Außerdem wurden an den wichtigsten Orten, wo Europäer angesiedelt 
sind, europäische Schulen eingerichtet, so in Antanarivo, Tamatave, Diego 
Snarez und Majunga. Diese erfreuen sich eines starken Besuches. 

Erwähnt mag noch werden, daß zur Pflege wissenschaftlicher Interessen 
seit 1902 eine Acadetnie Malgachc besteht, welche monatliche Sitzungen in 
der Hauptstadt abhält imd jährlich Beiträge für eine Bibliothek und ein 
Museimi erhält. Aufgabe dieser Akademie ist es, die Linguistik, die Sozio- 
logie und Ethnographie von Madagaskar zu pflegen, sowie paläontologische 
und geologische Arbeiten anzubahnen. 

Aus den hier mitgeteilten Daten läßt sich ersehen, daß Frankreich in 
Madagaskar eine intensive und höchst erfreuliche Tätigkeit entwickelt hat, und 
diese ist wesentlich der schöpferischen Initiative des Generals Gallieni zu ver- 
danken. Um gerecht zu sein, müssen wir indessen auch des Comiti de Ma- 
dagtiscar in Paris voll Anerkennung gedenken. Dieses Komitee, an dessen 
Spitze der berühmte Geograph Alfred Grandidier tätig ist, steht mit seiner 
reichen Erfahrung der Kolonialbehörde zur Seite und erteilt fachmännische 
Batschläge; es bildet gleichsam den Vermittler zwischen der Kolonie Mada- 
gaskar und dem französischen Publikum. ^ 



MSllers ,,Orieiitiernng nach dem Schatten^^ 

Die Taschenuhr als Kompaß. 
Von Karl Peucker. 

(Mit i Figuren.) 

Dem Zwecke nach entfernt verwandt mit Paul Harzers Abhandlung 
über geographische Ortsbestimmung ohne astronomische Instrumente, sachlich 
mit älteren gnomonischen Studien und neueren über den Bergschatten, be- 
handelt eine Untersuchung von Max Möller, die als „Orientierung nach 
dem Schatten^' ^) nicht ganz ausreichend betitelt ist (der Haupttitel hieße 
wohl richtiger: Orientierung nach Schatten und Zeit), die Verwendbarkeit 
der Uhr als Kompaß bei Sonnenschein. Die Touristenregel ist ja vielen be- 
kannt: Man halte eine (nach Ortszeit gehende) Taschenuhr wagerecht und 
drehe sie, bis der kleine Zeiger nach der Sonne weist, so also, daß der 
Schatten etwa eines senkrecht gehaltenen Stiftes den Zeiger deckt. Die Hal- 
bierungslinie des Winkels der Stunden, die zeitlich von der Mittagsstunde 
des Tages (der Zahl 12) trennen, ist dann die Südlinie. (Bild 1 u. 2 S. 102.) 

Osten liegt dann links, Westen rechts. Jordan hat diese Hegel als mit 
„groben Irrtümern" behaftet wohl gelegentlich*) bespöttelt, verdienstlicher 
aber war es sie auf ihre Ausnahmen hin, die ja jede Regel zuläßt, einmal 



1) Max Möller. Orientierung nach dem Schatten. Studien über eine Tou- 
ristenregel. 168 S. 80 Bilder i. Holzschn. Wien, in Kommiss. b. A. Holder 1906. 

2) Z. f. VermesB.- Wesen. 1896. S. 660 ff. 



102 



Karl Peucker: 



exakt zu untersuchen. Systematisch ist dies — nach ersten Behelfen, die 
Kahle im Sinne einer Orientierung nach dem Sonnenstande in seinen prak- 
tischen „Sonnen- und Stemtafeln" ^) an die Hand gegehen — zuerst ge- 
schehen durch Carl Schmidt in einer klar geschriebenen Progranunarbeit*). 
Sie trifft nach Fragestellung und Ergebnissen in knapper Form das Wesent- 
lichste und Nächstinteressierende. 



Bild 1: 



Sonnenuntergang 

am 21.111. U.23.IX. Bild 2: am 21.VI. 



N 





W 

Die Arbeit Möllers ist unabhängig von ihrer Vorläuferin und bringt, 
breit angelegt, wertvolle Einzelheiten und weitgehende Ergänzungen zu jener. 
Das Problem läßt sich zurückführen auf die Frage nach dem Verlauf der 
Unterschiedskurven zwischen Azimut und Stundenwinkel der Sonne als Funk- 
tion der geographischen Breite, der Jahres- und Tageszeit. Man ersieht 
hieraus sofort: Die Abweich imgen (von der Regel) müssen wachsen von einem 
Nullbetrage an den Polen bis zu einem absoluten Maximum unter dem 
Äquator. Die komplizierten Beziehungen zwischen jenen Grenzftlllen zu ent- 
wirren werden nach einander drei Wege eingeschlagen: im ersten Abschnitt 
der einer graphischen Konstruktion, im zweiten der algebraischer Berechnung, 
im dritten der einer Herleitung aus der räumlichen Anschauung. Die hier 
beobachteten Raumkurven gleicher Fehlerwerte werden im IV. Kapitel noch 
rechnerisch behandelt, bis im V. und letzten Abschnitt die Schattenumkehr 
eine besondere Erörterung erfährt. Methodisch neu ist zunächst die graphische 
Lösung. Die Sonnenbahnen werden auf die Ebene des Horizontes projiziert, 
ähnlich wie man sie zur Ermittlung von Zahlenwerten für den Bergschatten') 
auf das gesetzmäßig verebnete Himmelsgewölbe projiziert hat. Auch an sol- 
chen Bildern übrigens ist die hier vorliegende Aufgabe lösbar. Fragen nach 
der Länge der Tagebogen der Sonne unter verschiedenen Breiten und ver- 



1) Aachen 1892. 

2) Carl Schmidt. Beiträge zur mathematischen Geographie I. (Der Unter- 
schied zwischen dem Richtungswinkel und Stundenwinkel eines Sterns betrachtet 
in seiner Abhängigkeit von dem Stundenwinkel, der Deklination des Sterns und 
von der Polhöhe.) Jahresber. des Großherzogl. Ostergymnasiums zu Mainz 1903. 14 S. 

^^ 8) Deutscher Geographentag 1897. 



Möllers „Orientierung nach dem Schatten^'. 103 

wandte werden nach dem neuen Verfahren, unter geschickter Benutzung Ton 
Proportionalitätssfttzen, lediglich mit Hilfe von Kreis und gerader Linie be- 
antwortet^). Didaktisch eigenartig ist der Reichtum an anschaulichen Ver- 
gleichen und, abgesehen von den beigegebenen Figuren, überhaupt die An- 
schauung. Sie gipfelt im Kapitel in von der „anschaulichen Verifikation", 
in dem der Verfasser ein Vorstellungsbild zu schaffen sucht von dem Qesamt- 
verlaufe der Abweichungen über die ganze Erde hin. Die bildliche Darstel- 
lung vermag hier noch nicht zu folgen, indem sie wohl objektive Verhältnisse 
in der Ebene eindeutig veranschaulicht, nicht aber solche im Räume. Bild 23 
(S. 96) mit dem Verlaufe von Äqui differenzkurven unter dem 48. Breiten- 
grade, projiziert auf den Meridian, ist immerhin schon sehr lehrreich. Sach- 
lich neu ist, daß nicht nur wie bei C. Schmidt für eine einzelne, sondern 
für eine Reihe wesentlich unterschiedener Breiten zwischen Pol und Äquator 
typische Fehlerwerte berechnet werden, so daß der reisende Geograph über 
die Frage einer notfälligen Verwendbarkeit seiner Taschenuhr als Kompaß 
(sc. zu ungefähren Richtungsbestimmungen) manche Auskunft finden wird in 
Möllers eingehenden Zusammenstellungen^). Sonst gehört hierzu etwa noch 
die Ausdehnun der Untersuchung auch auf die südliche Halbkugel, wo natür- 
lich dieselben Regeln, nur im umgekehrten Sinne des Uhrzeigers („Gegenuhr*'), 
Norden statt Süden gelten. Auch die Erinneinmg an einen Zusammenhang 
zwischen dem Sinne der Zeigerbewegung und dem Erfindungsgebiete der 
Räderuhren, soweit dies in der nördlichen gemäßigten Zone gelegen^), ist zum 
mindesten geographisch interessant. Der Inhalt von Abschnitt V gibt eine 
Determination zu dem Satze von den Monoscii und Periscii mit dem Er- 
gebnis, daß der Umkehr des Schattens in seiner Bewegungsrichtung „nichts 
Exotisches anhaftet^', sie läßt sich auf der ganzen Erde beobachten. Her- 
mann J. Klein gibt im „Sirius"*) historische Ergänzungen hierzu. Lediglich 
für vertikale Gegenstände ist sie auf die Tropen beschränkt. Für das prak- 
tische Ziel der Untersuchung kommt ja freilich das allein in Betracht; aber mag 
sie sich dem Titel nach auf die Praxis zuspitzen wollen, der Schwerpunkt 
der Arbeit liegt dennoch auf theoretischem Gebiete. Sonst hätte es auch 
nicht der Berechnung bis auf Bogen- und Zeit-Sekunden bedurft, wo doch 
mit Absicht andererseits die Änderung der Deklination während des Tages, 
die Strahlenbrechung und insbesondere die Zeitgleichung ausgeschaltet wurden. 
Freilich kommt alles das auch praktisch wohl kaum in Betracht. Die Theorie 
der Zeitgleichung ist übrigens ebenfalls von Carl Schmidt zum ersten Male 
ausführlich entwickelt und in einer Kurve, deren Form hierbei gleichzeitig 
als Interferenz der Kurven ihrer beiden Summanden ersichtlich ist, dargestellt 
worden.*) Das Vorwiegen des theoretischen Interesses bei Möller zeigt sich 
endlich auch am Schlüsse. Er fehlt — wenigstens im Sinne des gestellten 
Themas. Die „Touristenregel" bedarf doch eben, um wirklich eine solche zu 
sein, gewisser Zusätze; und solche hätten, in knappster Fassung und etwa 
zonenweis unterschieden, das Ganze abschließen sollen. Hier davon — neben 
erg^zenden Bildern — nur soviel: Die Brauchbarkeit der Regel wird^) in 
den Polpunkten ganz aufgehoben dadurch^ daß am Nordpol aus dem Süd- 

1) S. 12 u. 36 ff. 

2) 8. (11) 52ff., 61 u. 76-84 (Tabellen), (lllj 87—89, sowie (nach V) 163—166. 
8) 8. 82. 4) 1906 H. 4. S. 77. 

6) Carl Schmidt. Beiträge zur mathematischen Geographie 11. Die Zeit- 
gleichung. Jahresber. d. gr. Ostergymnasiums zu Mainz 1901. 27 S. u. 1 Taf. 
6) Nach Möller, S. 18 u. 21. 



104 Karl Peucker: Möllers ,,OrientiernDg nach dem Schatten''. 

punkte ein Süd kr eis geworden ist (am Südpole vice versa), femer nahe 
den Polen eingeschränkt durch die schnelle Änderung der Ortszeit bei Wande- 
rung im Breitenkreise; nur bei nordsüdlichen Touren bewährt sich auch in 
der Praxis die für die Pole theoretisch uneingeschränkt geltende R^gel. 
Ferner dürfte die Regel wenig brauchbar sein zwischen den Wendekreisen, 
und zwar durch den hohen Betrag der Abweichungen und den (in Folge der 
Schattenumkehr) komplizierten Wechsel ihres Sinnes. Dagegen ist die Regel 
brauchbar in mittleren Breiten, und zwar für den größten Teil des Jahres 
uneingeschränkt. Nur für den Sommer, und zwar (für Mittel -Europa im 
Norden [56® Br.| etwa von Mitte Mai bis Ende Juni) unter 50® Br. von Ende 
April bis gegen Endo August (und im Süden [45® Br.] etwa von Anfang 
April bis Mitte September), empfiehlt sich ein einfacher Zusatz für das 
Maximum der Abweichung (sc. der Winkelhalbierenden von der wahren Süd- 
richtung): 

Zur Sonnenwende (21. Juni) besteht imi 9** und 3**^) ein — der Zahl 
12 abgekehrtes — absolutes Maximum von 4 Minutenstrichen*) (Bild 4). 
Die Abweichung nimmt ab bis zu dem abs. Minimum des Mittags, wobei 
noch vor und nach ihm, zwischen 10** und 2**, Süden sehr nahe der Rich- 
tung der 12 liegt (relatives Maximum'), Bild 3), andrerseits bis zum abs. 
Min. des Sonnenauf- und -Unterganges der Tag- und Nachtgleichen (Bild l). 



Maxima der Abweichung 



Relative Maxima Absolutes Maximum 

Bild 3^•Vor u.nach Mittag zwischen .10u.2% Bild 4*: *3 Stunden voru.nach Mittag/- 




Ein Verfehlen des richtigen Winkels beim Halbieren ergibt die gigan- 
tische Verwechslung von Norden und Süden (vergl. Bild 1 u. 2), ein Verfehlen 
des Sinnes der Abweichung eine mögliche Fehlrichtung von 50® = 8 (im 
N: 36® = 6, im S: 60® = 10) Minutenstrichen. Beides soll obige Fas- 
sung von Hauptregel und Zusatz verhindern. Ist man aber des Sinnes der 
maximalen Abweichung nicht sicher — und allein aus dem Möllerschen 

1) Für 60 *> Br. Für 56 <> um 8*« und 8"; für 46« um 9*" und 2 *^ 

2) Unter 66* von 3, unter 46° von 6 Minutenstrichen. 

8) Während der abs. Betrag des Winkels der Abweichung abnimmt, nimmt 
sein Verhältnis zu dem halbierten Winkel zu bis unmittelbar vor bezw. nach 12^. 



Eduard Wagner: Die Zukunft der deutschen Geographentage. 105 

Buche mit seiner wenig praktischen Formulierung der Ergebnisse wird man 
das schwer — , so ist es f&r das ganze Jahr besser, sich allein die Haupt- 
regel zu merken, indem dann die Fehlrichtung nur halb so groß werden kann. 
Der Vorsichtige wird sich beide Regeln in den Deckel der Uhr einlegen, und 
entweder am Zifferblatt auf den Sinn der maximalen Abweichungen bezüg- 
liche Marken anbringen, oder Bansen von Bild 1 — 4 den Regeln beilegen. 
Vermitteln wird zwischen beiden, wer sich (für das mittlere und südliche 
Mittel-Europa) zur Hauptregel folgenden allerkürzesten Zusatz merkt: Im 
Sommer liegt zwischen 9^ und 3^ die wahre Südrichtung näher der Zahl 12 
als der Winkelhalbierenden.. — Die uneingeschränkte Brauchbarkeit der 
Hanptregel in Mittel-Europa durch (im N. 9^ g) 8 (im S. 6^ j) Monate im 
Jahre läßt sich damit begründen, daß während dieser Zeit die (maximale) 
chronometinsche Mißweisung nicht größer ist wie die (maximale) magnetische 
(in Mittel-Europa z. Zt. 5^—14® westwärts wachsend, zugleich aber auch, nach 
Liznar, mit der Höhe), die man ja, wohl selbst im westlichen Deutschland, 
bei ungefähren Richtungsbestimmungen auch nicht beachtet. 

Die Darstellung in der Moll ersehen Abhandlung läßt bei ihrer behag- 
lichen Breite wohl hie und da Wesentliches im weniger Wesentlichen ver- 
schwinmien, liebevolle Vertiefung hat den Verfasser wohl da und dort zu 
Begriffssplitterungen gefühii, dem aufmerksamen Studium aber bietet die 
gründliche Untersuchung eine Fülle des Belehrenden und Anregenden ins- 
besondere auf didaktischem und methodischem Gebiete, und zwar vor allem 
durch den Wert, den sie auf Anschaulichkeit legt. — Das Fehlen von 
Bildern^ wie sie Referent hier in ergänzendem Sinne bringt, kommt lediglich 
auf Rechnung des Vorzuges, den in der Moll ersehen Arbeit die Theorie 
genießt. — Sie in jener Richtung speziell dem lehrenden wie dem darstellenden 
Geographen zu empfehlen, wurde die erweiterte Form der Besprechung ge- 
wählt Mit den Hinweisen auf verwandte Literatur entspricht Referent — 
freilich wohl nur in bescheidenem Maße — zunächst einem vom Verfasser 
iin Eingange seiner Schrift geäußerten Wunsche. 



Bemerknngen fiber die Zoknnft der deutschen tteo^aphentage. 

Von Eduard Wagner. 

Im vorigen Jahrgang (S. 637) dieser Zeitschrift weist Wilhelm Halb- 
faß auf die Reformbedürftigkeit der deutschen Geographentage hin. Wohl 
jeder aufmerksame Besucher der letzten Tagungen wird diese Anregung sehr 
berechtigt und dankenswert finden. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wie Halbfaß ausführt, die Bedeutung 
der deutschen Geographentage in den vergangenen Jahren von Tagung zu 
Tagung im Abnehmen begriffen ist. Ich möchte den Grund hierfür aber nicht 
wie er darin suchen, daß einmal „die Zeit der großen Entdeckungsreisen 
vorüber sei", also Mangel an großen Stoffen die Schuld an der Herabminde- 
rung der Bedeutung unserer Geographentage trage, und daß daneben noch 
die Konkurrenz der Spezialkongresse einen ungünstigen Einfluß übe. 

M. £. liegt der wahre Grund darin, daß sich wie auch auf anderen 
Wissensgebieten der Gedanke mehr und mehr Bahn gebrochen hat, daß die 
Wissenschaft an sich durch Kongresse nicht wesentlich gefordert wird, daß 
diesen vielmehr nur eine zweite Stelle zukommt, neuere Entdeckungen oder 



106 Eduard Wagner: Die Zukunft der deutschen Geographentage. 

sonstige Forschuugsresultate einem größeren Publikuin zugänglich zu machen. 
Den ersten Platz für VeröflFentlichung neuer Ergebnisse nimmt heute die 
Fachpresse oder auch „das Buch" der einzelnen Autoren ein. Erst nachdem 
dieser Weg in die Öffentlichkeit beschritten ist, pflegt man an den Kongreß 
heranzutreten. 

Aus diesen Gesichtspunkten heraus folgt die Abschw&chung der Bedeutung 
der Geographentage und mit ihr die in den letzten Jahren zunehmende Ent- 
fremdung akademischer Dozenten und anderer selbständig arbeitender Forscher. 

Treu geblieben sind den Kongressen nach wie vor die durch die Fach- 
lehrer von Schulen aller Grade vertretenen Repräsentanten der Schulgeo- 
graphie, die denn auch mehr und mehr den Geographentagen ihren Charakter 
aufzuprägen gewußt haben. Wenn auch ständig den verschiedensten Ab- 
teilungen unserer Wissenschaft ein Platz im Sitzungsprogranmi eingeräumt 
wurde, so zeigte doch die nach den schulgeographischen Vorträgen einsetzende 
lebhafte und eine längere Zeit umfassende Diskussion gegenüber der oft 
recht bescheidenen in anderen Abteilungen, wie sehr der Schwerpunkt der 
Geographen tage auf diese Seite verlegt worden ist. Bei aller Wertschätzung 
des schulgeographischen Zweiges unserer Wissenschaft muß doch anerkannt 
werden, daß er allein niemals so allgemein interessierende und weite Kreise 
packende Fragen hervorzubringen vermag, die eine rege Beteiligung auch 
über den engeren Kreis der Schulgeographen hinaus bewirken könnten. 
Wenn nun aber, wie in Halbfaß' Ausführungen, selbst auf diesem Gebiet, 
der Schulgeographie, dem Geographentag eine größere Bedeutung und eine 
fruchtbringende Einwirkung abgesprochen wird, so ist das in der Tat ein 
recht bedenkliches Zeichen und der Ruf nach Reformation der Tagungen ist 
hoch an der Zeit. 

Was nun das Wesen imd die Durchführung dieser Reformation betrifft, 
möchte ich gleich hier betonen, daß ich Halbfaß' Ansicht, aus einer Umwand- 
limg des deutschen Geographentages in eine Wanderversammlung eine Steige- 
rung des Interesses unserer Fachgenossen an dieser Veranstaltung zu er- 
hoffen, nicht teile. Wie sehr die mit dem aufmerksamen Schauen und dem 
steten Platzwechsel verbundene Ermüdung die Aufnahmefähigkeit des einzelnen 
für Vorträge und wissenschaftliche Arbeit beeinträchtigt, habe ich bei meiner 
Teilnahme an dem stetig umherziehenden VIII. internationalen Geographen- 
kongreß in Nordamerika zu beobachten Gelegenheit gehabt. In meinem Be- 
richt in „Petermanns Mitteilungen" (Bd. 51, bes. S. 13 und 17) habe ich 
mich auf das Deutlichste gegen diese „Neuerung", wie sie der damalige Präsi- 
dent Robert E. Peary nannte, ausgesprochen. Nach den dortigen Erfah- 
rungen bin ich gewiß, daß die von Halbfaß vorgeschlagenen, auf die Exkur- 
sion des nächsten Tages vorbereitenden Abendsitzimgen ein recht negatives 
Resultat haben würden. Ohne Zweifel haben die Exkursionen mit ihrem 
trefflichen Anschauungsunterricht großen Wert, aber eine Verbindung eines 
größeren wissenschaftlichen Vortragsprogrammes mit den einen Hauptteil des 
Tages umfassenden Exkursionen halte ich bei der naturgemäßen Ermüdung 
der Teilnehmer für unzweckmäßig. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es 
überhaupt gelingen soll, in den wenigen Abendstunden ein irgendwie über 
den Rahmen der Vorbereitung auf den kommenden Exkursionstag hinaus- 
gehendes Programm zu erledigen. Denn wissenschaftliche Beschäftigung und 
Aufnahmefähigkeit verlangt zu einem ausgeruhten Körper einen frischen Geist. 
Mir scheint es jedenfalls das Beste, bei der bisherigen Gepflogenheit zu 
bleiben und das Wandern erst nach getaner Kongreßarbeit zu beginnen. 



Geographische Neuigkeiten. 107 

Andererseits halte ich es aber auch für fraglich, ob es mit Errichtung 
solcher Wanderversammlungen an Stelle der bisher üblichen Tagungen ge- 
lingen wird, ein Steigen der Teilnehmerzahl zu bewirken. Die bisherige 
Beteiligung an den auf den Schluß der Tagungen folgenden Exkursionen 
läßt dies bezweifeln. Sie bildete doch nur immer einen gewissen Prozentsatz 
der Gesamtteilnehmerschaft. Und ob sich die übrige Mehrzahl, die nur den 
Vorträgen beigewohnt hatte, entschließen würde, den im Sinne von Halb- 
faß umgestalteten Geographentagen überhaupt beizuwohnen, bliebe doch erst 
abzuwarten. 

Ich bin daher der Meinung, daß die Reformation unserer deutschen 
Geographentage an einem ganz anderen Punkte einzusetzen hätte. Es muß 
angestrebt werden, die ersten Träger unserer Wissenschaft, die akademischen 
Lehrer und die selbständig arbeitenden Forscher und Reisenden in großer 
Zahl, die ersteren womöglich, was das deutsche Reich betrifft, in ihrer Ge- 
samtheit, den Geographentagen als ständige Gäste zu gewinnen. Es müßte 
gelingen, sie zu bestimmen, wichtige Forschungs- und Reiseergebnisse zur 
Veröffentlichung möglichst den Geographentagen vorzubehalten. Sind diese 
Bestrebungen von Erfolg gekrönt, so wird sich sehr schnell das Interesse 
weitester Kreise und nicht nur unserer Fachgenossen den Tagungen der 
Geographentage zuwenden und mit wachsender Teilnehmerzahl auch ihre 
wissenschaftliche und allgemeine Bedeutung steigen. Die Reformation in 
diesem Sinne wird aber nur von Erfolg gekrönt sein, wenn sie aus den 
akademischen und Forscherkreisen selbst hervorgeht. Alle diese Träger unserer 
Wissenschaft müssen es geradezu als eine ehrenvolle Pflicht betrachten, ihren 
Lehrstahl oder ihr spezielles Forschungsgebiet auf einer Versammlung 
deutscher Geographen vor diesen und der Welt zu repräsentieren und selbst 
mit beizutragen zur Hebung der wissenschaftlichen Bedeutung der Tagung. 
In ihren Händen als der Führer unserer Wissenschaft muß die Reformations- 
bewegung liegen, und wenn sie in dem von mir angedeuteten Sinne durch 
Einsetzung ihrer Person eingreifen werden, wird sich sicherlich niemand 
mehr über eine abnehmende Bedeutung der deutschen Geographentage be- 
klagen können und Anlaß zu dem trübe klingenden Ausspruch haben „daß 
die Zeit der großen deutschen Geographentage gewesen ist". 



Geographische Neuigkeiten. 

Zusammengestellt von Dr. August Fitzan. 

AllgemeineB. 0. Hecker vom preußischen geodätischen 

* Für die beste mathematische Institut, über dessen Schwerbestimmungen 

oder experimentelle Arbeit, die ei- auf den Ozeanen hier jüngst (XI. 1905. 

nen Fortschritt fär die mathematische S. 707) berichtet worden ist; die Arbeit 

Bestimmung der Erde darstellt, hat behandelte ,,die Bestimmung der Schwer- 

Charles Lagrange einen Preis ge- kraft auf dem Atlantischen Ozean^*; die 

stiftet, der alle vier Jahre in der Höhe andere war von dem Assistenten Seh wey- 

von 1200 Frcs. zur Verteilung gelangen dar am astrophysikalischen Observatorium 

soll. Vor kurzem ist der Preis zum ersten- zu Potsdam und enthielt eine ,,Unter- 
mal durch die k. Akademie der Wissen- ; suchung der Oszillationen der Lotlinie^S 

Schäften zu Brüssel zuerkannt worden Den ausgesetzten Preis erhielt die Arbeit 

Es waren zwei Arbeiten von deutschen von Hecker, die besonders wertvolle Er- 
Forschem eingelaufen : die eine von Prof. ! gebnisse gezeitigt hatte. 



108 



Geographische Neuigkeiten. 



4( Durch die Kreuzertonren und Drachen- 
aufstiege, welche die Meteorologen Rotch 
und Teisaerenc de Bort im Sommer 
1905 in der Passatzone des nordatlanti- 
schen Ozeans veranstaltet haben, ist eine 
definitive Lösung der Frage nach 
dem Vorhandensein und der Rich- 
tung des Gegenpassats nicht herbei- 
geführt worden. Auf den vom Fürsten 
von Monaco in den Jahren 1004 und 1005 
veranstalteten Untersuchungsfabrteu (XL 
1905. S. 706) vermochte Prof. Hergesell 
durch zahlreiche Ballonauf^tiege zu kon- 
statieren, daß in dem Teil des Atlanti- 
schen Ozeans zwischen 2ü^ und 88** n. Br. 
und zwischen 10® und 42" w. L über dem 
eigentlichen Passat auch in höheren Schich- 
ten bis mindestens 10000 m Höhe vorwie- 
gend Winde mit nördlicher Komponente 
wehen. Bei den Aufstiegen wurden drei 
über einander liegende Luftschichten ver- 
schiedenen physikalischen Charakters ge 
funden: eine untere, in welcher die Passat- 
winde wehen, eine mittlere mit geringer 
Luftbewegung, die als Mischuugszone be- 
zeichnet wird, und eine obere, in welcher 
vorwiegend Nord- und Nordwestwinde kon- 
statiert wurden, die sich durch ihre Feuch- 
tigkeitsverhältnisse als absteigenden Luft- 
strom kennzeichneten. Der Kürze halber 
bezeichnete Hergesell die obersten nörd- 
lichen Winde als „Antipassat^^ oder als 
„rückkehrenden Antipassat" und erblickte 
in diesen absteigenden Luftmassen den 
rückkehrenden Luftstrom des hohen 
Antipassats. Nach Hergesells Unter- 
suchungen herrschten also in dem von 
ihm durchforschten Teile des Atlantischen 
Ozeans bis zu den größten erreichten 
Höhen Winde mit nördlicher Komponente 
durchaus vor, der bisher angenommene 
Gegenpassat aus südlicher Richtung ist 
hier nicht vorbanden. Ob weiter südlich, 
also in Breiten, die niedriger sind, als 
25^ südliche Luftströmungen, die man als 
Gegenpassat auffassen könnte, vorhanden 
sind, müßte späteren Forschungen über- 
lassen bleiben. 

Zur Nachprüfung der Beobachtungen 
Hergesells haben im Sommer 1905 die 
Meteorologen Teisserenc de Bort und 
Rotch eine Expedition ausgerüstet, welche 
auf dem Dampfer „Otaria*- eine Fahrt 
von Gibraltar über Madeira, die Kanaren 
und Kap Verden bis zum 9.** n. Br. und 
zurück über die Azoren ausführte, und 



dabei 20 Drachenflüge, 18 Ballonaufstiege 
und Besteigungen der Picks von Teneriffa 
und Fogo vornahm. Die dabei gewonnenen 
Resultate bestätigen im allgemeinen die 
Beobachtungen Hergesells : In den Gegen- 
den nördlich von Madeira nach den 
Azoren zu wehten auch in großen Höhen 
nur Winde aus nordwestlicher bis nord- 
östlicher Richtung. In niedrigen Breiten 
dagegen zwischen den Wendekreisen 
wehten über 3600 m Höhe Südost-, Süd- 
und Südwestwinde, die den Gegenpassat 
bilden. Für niedrige südliche Breiten 
entspricht dies Resultat den Vermutungen 
Hergesells über die Existenz eines Gegen- 
passats; die Beobachtungen der Luft- 
strömungen in der Gegend von Teneriffa 
! aber stehen im Widerspruch mit denen 
Hergesells in derselben Breite über dem 
freien Ozean, wo von ihm kein südlicher 
Antipassat angetroffen wurde. Diese 
Verschiedenheit der Resultate scheint 
darauf hinzuweisen, daß die bisherigen 
Ansichten über die Luftzirkulation in 
jenen Gegenden einer Änderung be- 
dürfen; der bisher von den Meteorologen 
schematisch angenommene Gegenpassat 
existiert in dieser Ausdehnung nicht und 
in der Breite der Kanarischen Inseln sind 
über dem freien Meere südwestliche Luft- 
strömungen durchaus nicht die Regel. 

Europa. 

:¥ Die Zahl der Städte im deut- 
schen Reiche mit über 100 000 Ein.- 
wohnern ist in der Zeit vom 1. Dez. 1900 
bis zum 1. Dez. 1905 von 83 auf 41 ge- 
stiegen. Die in der folgenden Aufzählung 
für 1905 angegebenen Zahlen sind nur 
als vorläufig anzusehen. 




1 Berlin 

2 Hamburg 

3 München 

4 Dresden 

5 Leipzig 

6 Breslau 

7 Köln 

8 Frankfurt a. 

9 Nürnberg 
10|Dü8seldorf 

11 Hannover 

12 Stuttgart 

13 Chemnitz 



M 



2 033 
, 800 
' 537 
514 
502 
470 
425 
336 
293 
252 
249 
246 
243 



900,1888 8481 7,68 
705 788 1S,U 
499 932 7,öS 
396 146',29,8S 
456124110,19 



582; 

8oo; 

283| 
605, 
018; 
944' 
985 
868 
630 
619 
988 
964| 



422 709 11,1» 
372 62914,84 
288 989 16,81 
261 081 12,99 
213 71i;i8,ai 
235 649! 5,98 
176 699 39,78 
203 913117,90 



Geographische Neuigkeiten. 



109 




14 Magdeburg 

15 Charlottenburg 

16 Stettin 

17 Essen 

18. Königsberg 

19 Bremen 

20 Altona 
21, Dortmund 
22 Halle 
23Elberfeld 
24iStraßburg 
25 Kiel 
26!Rixdorf 

27 Mannheim 

28 Danzig 

29 Barmen 

30 Gelsenkirchen 

31 Aachen 

32 Schöneberg 

33 Braunschweig 
34Po8en 

85 Kassel 

86 Duisburg 

87 Bochum 
9S Karlsruhe 

39 Krefeld 

40 Plauen i. V. 

41 Wiesbaden 



240 709 
237 281 
230 578 
229 270 
220 212 
214 953 
179 081 
175 292 
169 640 
167 710 
167 342 
163 289 
162 858 
162 607 
159 088 
155 974 
146 742 
144110 
140 932 
136 423 
136 743 
120 272 
119 551 
117 995 
111 837 
110 410 
105 182 
100 944 



229 667 
189 305 
210 702 
118 862 
189 483 
163 297 
161 501 
142 733 
156 609 
156 966 
151 041 
107 977 
90 422 
141 131 

140 563 

141 944 
136 935 
135 245 

95 998 

128 226 

117 033 

106 034 

92 730 

65 551 

97 185 

106 893 

73 888 

86 111 



4,81 
25,00 

9,43 i 
92,89 I 

1 16,16 1 
31,63 

1 10,89 1 
J22,81 

;8.32 

I 6,85 
10,79 
51,28 
71,91 
15,22 
13,18 
9,83 
13,59 

' 6,56 
46,81 

i 0,39 
15,99 
13,44 

,28,91 
80,00 

1 14,57 

3,29 

42,35 

17,23 



Afrika. 

* Der Sebu-FIufi in Marokko ist im 
vorigen Jahre von einer französischen 
Expedition unter Dr. Samn^ auf 
seine Schiffbarkeit hin sorgfältig unter- 
sucht worden. Das Resultat war sehr 
zufriedenstellend, da sich ergab, daß der 
Fluß für flachgehende Boote bis 200 km 
von seiner Mündung hinauf schiffbar ist, 
und daß, außer bei sehr niedrigem Wasser- 
stande, die Schiffahrt bis nach Fez unter- 
halten werden kann. Man glaubt, daß 
der Fluß als Zufahi-tstraße nach dem 
Innern von großer Wichtigkeit werden 
und an seinen Ufern eine Reihe von Städten 
erstehen wird. Die Möglichkeit der An- 
lage eines Hafenplatzes an der Mündung 
des Sebu begründet Samn^ mit dem Hin- 
weis auf die Wichtigkeit der Stadt Meh- 
diya am linken Ufer der Flußmündung^ 
deren Geschichte sich bis in die Zeiten 
der Phönizier hin verfolgen lassen soll. 
Die Barre, welche die Mündung versperrt, 
ist nicht hoch und bildet deshalb kein 
unüberwindliches Hindernis. Eine zweite 
üntersnchung der Sebu-Mündung unter- 



uahm der Leutnant D je gelegentlich der 
von ihm durchgeführten hydrographischen 
Aufnahmen an der Westküste Marokkos. 
(Geogr. Joum. 1906 S. 90.) 

♦ Villattes Bericht über seine und 
Laperines Reise von Tidikelt nach 
Adrar und zurück (La Geographie Okt. 
1905) bringt eine genaue Beschreibung 
des Landes, seiner Vegetation, des Klimas, 
des geologischen Baues und somit viel 
Neues zur Kenntnis dieses Teiles der 
Sahara. Im Jahre 1826 hat Major Laing 
stellenweise die Wüste durchreist, doch 
der Verlust seiner Aufzeichnungen nach 
seiner Ermordung bei Timbuktu beraubte 
uns aller geographischen Ergebnisse die- 
ser Reise. Nachher ist niemals wieder 
eine europäische Expedition in diese 
Gegend gekommen. Am 14. März 1904 
brach die Expedition von Akabli., süd- 
westl. von Insalah auf, der Weg führte 
zunächst in südlicher Richtung in das ber- 
gige Gebiet von Adrar (20*^ n. Br.). Man 
durchwanderte ausgedehnte steinige Ebe- 
nen wie sandige Flächen und Hügel, 
höhere Berge waren auf der anderen Seite 
des Weges zu setien. Weiden und andere 
Pflanzen wurden gelegentlich angetroffen 
und ohne Schwierigkeit genügende Men- 
gen Wasser gefunden. Bei ungefähr 24* 
80' n. Br. hörte die devonische Formation 
auf, die archäische oegann. Mun gelangte 
dann in die unfruchtbare Sand wüste Tanez- 
ruft, die aus drei verschiedenen Teilen 
besteht. Zwischen Takhamnlt und Timis- 
sao ist das Land steinig und unfruchtbar. 
Erreicht man das nördliche Adrar, dann 
geht eine vollkommene Verwandlung vor 
sich: die Vegetation wird üppiger, die 
Fauna reicher und auch das Klima ändert 
sich. Auf der Hin- und Rückreise war 
der Himmel bedeckt, die Luft feucht, und 
in unregelmäßigen Zwischenräumen reg- 
nete und stürmte es heftig. Die große 
Hitze aber machte die Reise sehr be- 
schwerlich. Auf dem Rückwege wandte 
sich Laperine mehr östlich und berichtet 
darüber: Die Region von Tin Ghaor bildet 
ein Dreieck zwischen Hoggar, Adrar und 
Aür. Das Land ist zuerst hügelig, dann 
wird es wieder flach. Bei Tinef beginnt 
das Gebirge Tahalgar, zwischen Abalessa 
und Hoggar. Die Forscher überschritten 
den westlichen Rand des großen Hoggar- 
Plateaus. An verschiedenen Stellen wird 
Weizen und Gerste angebaut. Die Haupt. 



HO 



Geographische Nenigkeiten. 



ansiedelang hier ist Abalessa. Sorgföltige 
astronomische Beobachtungen worden ge- 
macht. B. L. 

* Die vom englischen Tanganika- 
komitee unter Cunningtons Leitung 
zur erneuten Untersuchung der zoologri- 
sehen und limnologischen Verhältnisse 
des Tanganikasees ausgesandte Expedi- 
tion (XI. 1906. S. 297) ist im Juni 1905 
nach England zurückgekehrt. Während 
des achtmonatlichen Aufenthaltes der 
Expedition am und auf dem See wurde 
eifrig zoologisch und botanisch gesam- 
melt, und außerdem wurden Beobach- 
tungen über die Temperatur des Wassers 
und über die Veränderungen des Wasser- 
standes angestellt. Die Temperatur des 
Wassers erwies sich im allgemeinen als 
sehr hoch und schwankte zwischen 22,9® 
und 27,2® C. Bei einer Tiefe von 137 m, 
der Länge der Lotleine, war die Tempera- 
tur fast konstant und variierte nur noch 
zwischen 23,4® und 28,8® C. Die Rück- 
reise ging über den Viktoria Nyanza, auf 
dem ebenfalls zoologische und botanische 
Sammlungen angelegt wurden, durch 
Uganda nach Zansibar.* Zwischen dem 
Tanganika und Bukoba am Viktoriasee 
wurde die Expedition durch schlechtes 
Wetter und durch den ausgehungerten 
Zustand des Landes einige Zeit aufge- 
halten, über die wissenschaftlichen Er- 
gebnisse der Expedition betreifend die 
Lösung des Tanganikaproblems verlautet 
noch nichts, wahrscheinlich werden sie 
die Theorie Moores, der im Tanganika 
einen Reliktensee sieht, nicht unterstützen. 
(Geogr. Joum. 1906. S. 89.) 

>^ Prof. Penck hat im Anschluß an 
den im August 1905 in Kapstadt abgehal- 
tenen Kongreß der British Association, 
an dem er mit einigen anderen deutschen 
Gelehrten teilnahm, eine Studienreise 
in Süd-Afrika unternommen, die zu 
einigen bemerkenswerten Ergebnissen ge- 
führt hat. Von Kapstadt reisten sämt- 
liche Kongreßteilnehmer über Kimberley 
nach den ViktoriafäUen des Sambesi und 
wohnten hier der Einweihung der Eisen- 
bahnbrücke der Kap — Kairo -Bahn über 
den Sambesi bei. Die während dieser 
Reise auf die Auffindung von Spuren einer 
ehemaligen Vergletscherung gerichteten 
Bemühungen waren von Erfolg; Penck 
konnte ein reichhaltiges Material darüber 
sammeln und nach Wien schaffen. Am 



Sambesi löste sich die Reisegesellschaft 
auf, und Penck trat nun seine eigentliche 
Forschungsreise an. Er untersuchte zu- 
nächst die großen Katarakte des Sambesi 
und konnte dabei feststellen, daß sich 
diese Fälle seit der Zeit, da Menschen 
dort wohnen, um 6 Kilometer aufwärta 
verschoben haben. Der Forscher wandte 
sich dann nach der Ostküste Afrikas, wo 
er die Bildung der Korallenriffe studierte. 
Seine letzten Untersuchungen galten den 
Terrainbildungen in der Wüste Sahara^ 
Von Assuan kehrte er nach Wien zurück. 

AuBtralien. 

4( Von ihrer Forschungsreise nach 
West-Australien sind die beiden Rei- 
senden Dr. Michaelsen und Dr. Hart- 
meyer (XL 1906. S.688) glücklich wieder 
zurückgekehrt, nachdem sie ein halbes 
Jahr der Erforschung und dem Sammeln 
der bisher noch sehr wenig bekannten 
westaustralischen Tierwelt, sowohl der 
marinen wie der Landfauna, gewidmet 
haben. Das Arbeitsfeld umfaßte den Süd- 
westen West -Australiens und zwar die 
Küstenlinie von Albany bis zur Sharks 
Bay und das sich daran anschließende 
Hinterland, etwa 700 km weit ins Innere 
hinein. Die Ausbeute umfaßt 49 große 
Kisten mit konservierten Tieren aller Art, 
außerdem bringt Hartmeyer einen Trans- 
port von einigen hundert lebenden Tieren^ 
darunter eine Anzahl seltener Papageien, 
ein weißes Opossum, sowie einige weiße 
Dingos mit. Die wissenschaftlichen Er- 
gebnisse sollen in einer besonderen Ver- 
öffentlichung niedergelegt werden. Die 
beiden Forscher fanden sowohl bei der 
westaustralischen Regierung wie bei ihren 
australischen Fachkollegen das bereit- 
willigste Entgegenkommen, was viel za 
dem großen Erfolge der Expedition bei- 
getragen hat. 

Nord-Polargegenden« 

♦ Von dem Verlauf von Amund- 
sens Expedition zum magnetischen 
Nordpol kann man sich jetzt, nachden^ 
die beiden Briefe Amundsens aus King 
Williams-Land (XI. 1906. S. 710) und das 
Telegramm aus Eagle City (S. 51) in den 
„Times^' vollständig abgedruckt worden 
sind, ein klares und vollkommenes Bild 
machen. Die beiden Briefe wurden durch 
Eskimos von King Williams -Land im 
nördlichsten Amerika, wo sich die Expe- 



Geographisclie Neuigkeiten. 



111 



dition niedergelassen hatte, nach Kap 
Fallerton in der Hudsonbai gebracht und 
dort dem Major Moodie von der kana- 
dischen Polizei übergeben, der sie mit 
nach Ottawa nahm und von dort weiter 
sandte. Die „Gjöa'' mit der Expedition 
an Bord verließ also am 31. Juli 1003 
Godhavn in West- Grönland, erreichte die 
Melville-Bai am 8. August, nahm am 16. 
u. 17. August die auf der Dalrymple-Insel 
niedergelegten Vorräte an Bord und kam 
ungehindert vom Eise am 22. August bei 
der Beechj-lnsel an ; hier wurden die ersten 
magnetischen Beobachtungen angestellt, 
die die Lage des magnetischen Pols in 
südlicher ftichtung ergaben. Bei der 
Weiterreise in der Richtung auf den Peel- 
Siind versagte der Kompaß nach zwei 
Tagen, so daß die Schiffahrt schwierig 
wurde; da aber die Eisverhältnisse günstig 
blieben, gelangte man an der Westküste 
von Boothia entlang in die eisfreie 
Simpson-Straße und warf am 12. Sep- 
tember an der Südküste von Williams- 
Land im Gjöa-Hafen, der Pettersens - Bai 
M*Clintocks, Anker. Nach Landung der 
Yorrikte wurden im Laufe des Oktober 
die verschiedenen Beobachtungshäuser er- 
richtet und am 2. November mit allen 
Beobachtungen, der magnetischen Varia- 
tion und Inklimation, den meteorologi- 
schen, astronomischen und absoluten 
magnetischen, begonnen. Am 29. Oktober 
kamen die ersten Eskimo, Ogluli-Eskimo 
von der Festlandsküste, zum Besuch, später 
traf man auch NetchiUi-Eskimo von der 
Westküste von Boothia und Itchuaohtorvik- 
Eskimo von der Ostküste von Boothia. Im 
Oktober erlegte man noch 100 Renntiere. 
Der Winter ging gut vorüber, der kälteste 
Monat war der Februar mit einer Durch- 
schnittstemperatur von — 40,6® C. Am 
8. April 1904 traten Amundsen und Rist- 
vedt mit 10 Hunden und 2 Schlitten eine 
Reise zum magnetischen Pol an der West- 
küste von Boothia an, mußten aber früher 
als beabsichtigt war zurückkehren, da 
Eskimos ihre Vorräte geplündert hatten. 
Der Sonuner war kalt imd regnerisch; 
als im August das Eis aufbrach, fuhren 
Leut. Hansen und Helmer Hansen im 
Boot westwärts durch die Simpson-Straße, 
um für eine im Sommer 1905 beabsichtigte 
Schlittenreise nach der Westküste von 
Viktoria-Land Vorräte nach der Eta-Insel 
zu schaffen. Der nächste Winter 1904/05 



war nicht so streng wie der erste, die 
tiefste Temperatur war im Februar mit 
— 45® C, Ende März zeigten sich die 
ersten Anzeichen des nahenden Frühlings. 
Am 2. April traten Hansen und Ristvedt 
mit 2 Schlitten und -12 Hunden und Pro- 
viant filr 70 Tage die Reise nach Viktoria- 
land an, dessen Ostküste sie bis 72® 10' 
n.Br. erforschten. Am 1. Juni 1905 wurden 
die Beobachtungen auf der Station in King 
Williams Land eingestellt, nachdem man 
19 Monate lang ohne Unterbrechung mit 
der größten Sorgfalt beobachtet hatte; 
die meteorologischen Beobachtungen wur- 
den auch auf der Heimreise weiter fort- 
gesetzt. Außerdem hatte man während 
dieser Zeit umfangreiche omithologische, 
ethnographische, botanische und Ver- 
steinerungs- Sammlungen angelegt. Am 
13. August verließ die „GjOa^' ihren Liege- 
platz und kam glücklich aus der engen 
Simpson-Straße heraus; am 15. passierte 
man das inselreiche, von Hansen erforschte 
Meer zwischen Williams- und Viktoria- 
land und fuhr am 16. in die enge Meeres- 
straße zwischen dem Festland und Viktoria- 
land ein, die zwar mit einigen Schwierig- 
keiten aber doch glücklich passiert wurde. 
Damit war der Expedition die nordwest- 
liche Durchfahrt gelungen und eine Heim- 
reise ohne Aufenthalt schien gesichert. 
Aber am 31. August zwangen große Eis- 
massen das Schiff, seine Reise in der 
Nähe der Küste fortzusetzen, und am 
3. September mußte die „Gjöa", da das 
Eis bis zur Küste reichte, bei King Point, 
G9® 10' n. Br. und 137® 46' w. L., zu- 
sanunen mit einer Anzahl vom Eise über- 
raschter Walfischfönger zum dritten Male 
ins Winterquartier gehen. Am 24. Okt. 
verließ Amundsen mit Schlitten und Hun- 
den das Schiff zu einer Überlandreise 
nach Eagle City (Alaska), wo er am 
5. Dezember ankam, um der Welt tele- 
graphische Kunde von dem Verbleib der 
Expedition zu geben. Späteren Nach- 
richten zufolge beabsichtigte Amundsen 
nach King Point zurückzukehren, um im 
Sommer 1906 die Umfahrung des Eis- 
meeres dadurch zu vollenden, daß er auf 
der nordöstlichen Durchfahrt entlang der 
Nordküste Asiens nach Norwegen zurück- 
kehrt. 

Vereine und Versammlnngen. 
« Der nächste X. internationale 
Geologenkongreß findet im September 



112 GeographiBche Neuigkeiten. 

dieges Jahres in Mexiko statt. Es wird I Geographischer Unterrieht. 

jetzt eine Mitteilung über die Ausflöge' ♦ Prof. Penck wird als Nachfolger 
versandt, die vor, während und nach dem ' Richthofens neben der Leitung des Geo- 
Kongreß von dessen Mitgliedern unter- graphischen Instituts an der Berliner Uni- 
nomuien werden sollen. Die erste R^iise versität auch die des mit diesen verbuu- 
ist auf vier Tage bemessen und wird von denen ,, Instituts für Meereskunde" 
der Hauptbtadt Mexiko östlich über Jalaga übernehmen, 
nach Vera Cruz und zurück über Es- ! Persönliehes. 

peranza gehen. Die zweite Exkursion I * Am 9. Januar 1906 starb zu Goddola 
nach dem Süden ist auf acht Tage be- 1 bei Dürrenberg a. d. S. im Alter von 
rechnet und wird die Plätze Tehuakan, , 67 Jahren der Geheime Bergrat Dr. Karl 
Oxaca und Puebla besuchen. Der dritte Fr hr. von Pritsch. Seit einer Reihe 
Ausflug geht nach den berühmten Vul- " von Jahren war er auch Präsident der 
kanen von Toluca, San Andres und Jorullo | kais. Leopoldinisch- Carolinischen Deut- 



imd wird vierzehn Tage in Anspruch 
nehmen, von denen neun zu Pferde ver- 
bracht werden müssen. Vielleicht am 



sehen Akademie der Naturforscher. 1863 
habilitierte sich v. Pritsch in Zürich. 
In den folgenden Jahren untersuchte er 



interessantesten ist die Reise in den Gyser- ' das Gotthardgebiet geologisch und unter- 
bezirk von Ixtlä^n und nach dem Vulkan , nahm auch ausgedehnte Reisen, die wert- 
Colima. Diese Ausfluge werden vor dem | volles Material zur Kenntnis der geologi- 
Kongreß stattflnden und während der : sehen Beschaffenheit Madeiras und der 
Tagung werden nur kurze Streifzüge in : Kanarischen Inseln lieferten; die Ergeb- 
die Umgebung der Stadt unternommen nisse dieser Reisen finden sich in einer 
werden. Nach Schluß der Sitzung dagegen geologisch-topographischen Darstellung 
wird noch eine große Exkursion für von Teneritfa (1867) und in der gegen- 
zwanzig Tage nach dem Norden ausgeführt , wärtig noch vielgelesenen Schrift „Reise- 
werden. Das Programm des eigentlichen bilder von den Kanarischeu Inseln^V 1872 
Kongresses umfaßt namentlich Erürte- , unternahm er in Gemeinschaft mit Rein 
rungen über die klimatischen Verhältnisse eine Forschungsreise durch Marokko und 
während der geologischen Zeitalter, über ! das Atlasgebiet, die ebenfalls bedeutsame 
die Beziehungen zwischen dem Bau der Ge- Ergebnisse lieferte. Seit 1878 war er als 
birge und den Eruptivgesteinen, über die ordentlicher Professor an der Universität 
Entstehung metallführcnder Adern und Halle tätig, wo er neben einer anregenden 
über die Klassifikation und Benennung Lehrtätigkeit die geologischen Verhält- 
von Gesteinen. Von europäischen Geo- nisse der Provinz Sachsen erforschte. Von 
logen haben schon eine ganze Anzahl ihre allgemeinerer Bedeutung ist seine „All- 
Teilnahme am Kongreß zugesagt. gemeine Geologie" (Stuttgart 1888). 



Bücherbesprecliangeii. 

Frentzel^ Cart Arthur« Major James j zwei Jahrzehuten, für sein Vaterland gans 
Kennell, der Schöpfer der neue- 1 dasselbe, was Alexander von Hum- 
ren englischen Geographie. Ein boldt in Deutschland darstellt, nämlich 
Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. . ein wissenschaftlicher Mittelpunkt, um 
IX u. 104 S. Pulsnitz, Försters Erben ! den sich die ganze geographische Tätig- 
1904. 1 keit der Briten , ob sie nun mehr in der 

Eine der Bedeutung des Mannes ent- Erforschung fremder Länder oder in eigent- 
sprechende Wiirdiguug des verdienten lieh gelehrter Arbeit bestand, durch lange 
englischen Geographen hat uns bisher Jahre gruppierte. Das Wirken dieses ver- 
gefehlt, und so füllt diese Leipziger ; dienstvollen Geographen, dessen geistvoUe 
Doktordissertation, die noch in Ratzeis Züge uus ein offenbar wohl getroffenes 
Schule entstanden ist, eine mehrfach emp- Porträt zur Anschauung bringt, im Zu- 
fundene Lücke aus. Renn eil war, mit sammenhange zu betrachten, war wohl 
einer ungefähren Zeit Verschiebung von eine lohnende Aufgabe, deren Lösung sich 



Bücherbespiechungen. 



113 



denn auch der Verf. mit Geschick unter- 
zogen hat. 

Er entledigt sich ihrer in der Weise, 
daß er zuerst, um zeigen zu können, wo 
sein Held einsetzte, eine kurze Übersicht 
über die Entwicklung der Erdkunde bis 
zu dessen Auftreten vorausschickt und 
hierauf die Beschreibung dieses inhalt- 
reichen Lebens (8. Dezember 1742 bis 
21>. März 1830) folgen läßt. Auch hin- 
sichtlich der Lebensdauer war er ein 
Seitenstück zu dem großen deutschen 
Naturforscher, und beiden hatte es nichts 
geschadet, daß sie als junge Leute län- 
gere Zeit in angestrengtem Schaffen unter 
den Strahlen der Tropensonne hatten ver- 
bringen müssen; Humboldt als Wan- 
derer und Sammler in Südamerika, Ren- 
neil als (Geodät und Kartograph in 
Hindostan, wo er den Grund zu einer 
genaueren topographischen Kenntnis der 
Präsidentschaft Bengalen legte und ins- 
besondere die noch wenig ergründeten 
gegenseitigen Beziehungen der Ströme 
Ganges und Brahmaputra ins richtige Licht 
stellte. Ziemlich frühzeitig aus dem 
Dienste der ostindischen Kompagnie ent- 
lassen, konnte sich der damals noch 
jugendliche Mann in gesicherter Muße ganz 
seinen Lieblingsstudien hingeben, und 
über ein Halbjahrhundert hat er nunmehr 
seine Londoner Studierstube nicht mehr 
für längere Frist verlassen. Man kann 
in der rastlosen Arbeit, welcher er sich 
hier hingab, drei Hauptrichtungen unter- 
scheiden. Er bemühte sich um die Orga- 
nisation der Erschließung Afrikas und 
eines Teiles von Asien; er löste mit Vor- 
liebe Probleme der antiquarischen Länder 
knnde, für welche ihm Herodot im 
Vordergrunde des Interesses stand; er 
suchte endlich mit großem Erfolge Ord- 
nung in die vor hundert Jahren noch 
sehr im Argen liegende Lehre von den 
Meeresströmungen zu bringen. Alle diese 
Betätigungen einer seltenen geistigen 
Spannkraft werden nun in den einzelnen 
Kapiteln gründlich durchgesprochen, und 
es ist dabei anzuerkennen, daß die Schil- 
derung sich nicht einseitig auf Benneil 
selber konzentriert, sondern daß auch die 
Leistungen derer, die mit ihm nähere 
Verbindung unterhielten und von ihm an- 
geregt worden waren, Berücksichtigung 
gefunden haben. So erhalten wir gelegent- 
lich einen recht erwünschten Einblick in 



die Stadien des Fortschrittes, welchen 
die Erkundung Vorder- und Hinterindiens 
'v^hrend des 19. Jahrhimderts gemacht hat. 
Es ist nur natürlich, daß der Verf., 
der sich so tief in Rennells Forscher- 
geist versenkt hat, auch da für ihn ein- 
tritt, wo andere sich gegen ihn zu wen- 
den Veranlassung hatten. So versucht 
er von der zumeist angezweifelten „Rennell- 
strömung'^ wenigstens etwas zu retten. 
Der einleitende Abriß der Geschichte der 
Geographie enthält dankenswerteHinweise ; 
die genialen Kartenzeichner Delisle und 
d'Anville erhalten den ihnen zukom- 
menden Platz angewiesen. Von ein paar 
Einzelheiten mag nur anhangsweise die 
Rede sein: Verrazzano darf doch nicht 
als Franzose (S. 7) angesprochen werden, 
weil er im Dienste der Krone Frankreichs 
stand; die beiden Angaben über Schoe- 
ner — nicht Schoner — (S. 9 u. 13) sind 
zeitlich unvereinbar, und letzterer, der 
1477 zur Welt kam, konnte in der Tat 
nicht um 1475 Regiomontans Unter- 
richt genießen. Von einem Flavio Gioja 
(S. 3) endlich sollte heute, nachdem eine 
Literatur über diesen mythischen Amalfi- 
taner entstanden ist, nicht mehr geredet 
werden. S. Günther. 

Ephraim, Hugo. Über die Entwick- 
lung der Webetechnik und ihre 
Verbreitung au ßerhalbEuropas. 
(Mitt. aus dem städt. Museum für 
Völkerkunde zu Leipzig. I.) gr. 4". 
VIUu. 72 S. 67 Abb. u. 1 K. Leipzig, 
Weg 1905. JL 8.—. 
Die vorliegende, aus dem reichbestell- 
ten und vortrefflich verwalteten Museum 
für Völkerkunde zu Leipzig (verheißungs- 
voll am Anfang einer in Aussicht ge- 
stellten Reihe von Museumspublikationen) 
hervorgehende Veröffentlichung zerfällt in 
zwei ungleiche Teile. Der erste, in drei 
Abschnitten auftretende ist das Muster 
einer klaren, auf genauester Sachkenntnis 
ruhenden Zusammenstellung des Tat- 
sachenmaterials unter seltener techno- 
logischer Beherrschung der Prinzipien wie 
der Einzelheiten ; die Gliederung der Ent- 
wicklungsstadien der Weberei in das 
Flechten, die Halb weberei, die Trittweberei 
und die Zugweberei ist erschöpfend und 
unanfechtbar. Der zweite Hauptteil sucht 
aus der geographischen Verbreitung der 
vorstehend geschilderten Stadien ethno- 



Geographlach« Zeitochrift. 18. Jahrgang. 1906. 2. Heft. 



114 



Bücherbe sprechnnp^en. 



^^phisch-genealogiscbe Schlüsse im Sinne 
der Batz eischen Schule zu ziehen, ein 
Beginnen, das Referent für aussichtslos 
und methodisch anfechtbar hält. Lebhaft 
bedauert werden muß meines Erachtens 
auch die Beschränkung auf das außer- 
europäische Vorkommen der Weberei — es 
ist diese Beschränkung vielleicht subjektiv 
gerechtfertigt, wiewohl gerade das Leip- 
ziger Museum das einzige ethnographische 
Museum ist^ das auch die Völkerkunde 
Europas sinngemäß einschließt und viele 
vortreffliche Sammlungen namentlich von 
den primitiven Völkern Ost-Europas be- 
sitzt; objektiv ist kein Grund dafür auf- 
zufinden. Es ist aber leider die Gewohn- 
heit der Ethnographen geworden, zu tun, 
als ob es kein Europa gäbe, weil die 
ethnographischen Museen aus unerfind- 
lichen Gründen die Ethnologie Europas 
ausschließen. Vielleicht erfährt die sonst 
außerordentlich lehrreiche Arbeit Ephra- 
ims in dieser Hinsicht von irgend einer 
Seite bald die wünschenswerte Ergänzung. 
Wien. M. Uaberlandt. 

Wagner, Hermann. Orometrie des 
ostfälischen Hügellandes links 
der Leine, f Forsch, z. deutschen 
Landes- u. Volkskde. Bd. XV. H. 4.) 
52 S. 1 K. Stuttgart, Engelhom 
1904. v^ 4.—. 
Die Betrachtung gliedert sich in einen 
methodischen und einen sachlichen Teil, 
ihr Gegenstand wird durch eine Höhen- 
schichtenkarte veranschaulicht. Das Be- 
streben die Methodik zu festigen ver- 
dient Anerkennung, weniger, daß hierbei 
nur Darbietungen von M. Kandier, dem 
Referenten, L. Neumann und ältere 
gegen einander abgewogen werden, wo- 
bei erstgenannter das Übergewicht er- 
hält, während Arbeiten imd Winke 
S. Finsterwalders, A. Pencks und 
E. Hammers (im Geogr. Jahrb.) keine 
Beachtung finden. Die wenigen Werte 
aber, die dargeboten werden, sind metho- 
disch gesichert, und einer unklaren Häu- 
fung ist das jedenfalls vorzuziehen. Laut 
Abschnitt B wurden auch die Messungen 
selbst mit Umsicht vorgenommen, und 
zwar selbstverständlich auf den Meß- 
tischblättern. Für die 17 natürlichen 
Gruppen der Landschaft werden, nach 
Ermittelung der Flächen und Volumina, 
nach einander die Mittelhöhen der Rand- 



linien, Kammscheitellinien und Massen 
angegeben, aUes also dimensionale Werte. 
Von formalen fanden nur die Gehänge- 
winkel und die horizontale Entwicklung 
der Kammlinie eine Berechnung. Ihre 
vertikale Entwicklung zu beziffern wird, 
wie so manches noch, in Nachfolge Kand- 
lers zurückgewiesen. Von zusammen- 
fassenden Mittelwerten lassen sich die 
mittlere Höhe des Gebirgsrandes — mit 
103 m — und die mittlere Massenhöhe 
anführen, die 85 m über jene empor- 
ragt; ein Mittelwert für die Gesamtheit 
der Kammscheitelhöhen, der Tallinien 
und Böschungen fehlt. Die Höhenschich- 
tenkarte i. M. 1 : 100 000 (Höhenlinien 50, 
farbige Schichten 100 m Äquidistanz) ist 
wesentlich besser als manche frühere Kar- 
tenbeilage derselben hochverdienstlichen 
Sammlung. Sie zeigt im Bilde noch viele 
„charakteristische Formenverhältniase^^ für 
die selbst nach der Definition der Oro- 
metrie, die im Vorliegenden (S. 17) auf- 
genommen erscheint, Zahlenwerte noch 
zu ermitteln wären. Im Hinblick anf die 
elliptische Grundform des Ganzen, im ein- 
zelnen auf die der Hilsmulde und anderer 
dürfte man unter diesen mit besonderem 
Nutzen heranziehen die Krümmungsradien 
der großen Formen, wie sie niedergelegt 
erscheinen in den Höhenlinien nach ihrer 
exakten Generalisierung. Es ist bekannt, 
daß man damit auch den Anschluß an 
das Ganze des Erdkörpers gewönne, da 
selbst jene Krümmungskreise, in denen 
unmittelbar nach der Natur generalisierte 
Höhenlinien auf Karten größten Maßstabes 
verlaufen, mit den Breitenkreisen von glei- 
cher geometrischer Natur sind, und diese 
Anschlußnahme erscheint notwendig: denn 
mag auch die Orometrie, wie im vorlie- 
genden Falle, ein Gebirge fär sich be- 
trachten, ein Glied des Erdkörpers bleibt 
dieses doch. So wären hierin außer den 
formalen auch dimensionale Verhältnisse 
zu beziffern. Wie an Form und Größe 
des Erdganzen wäre damit auch ein An- 
schluß an die exakte Darstellung in der 
Karte (nach dem Gesetz der Generalisie- 
rung) gewonnen; und das muß ebenfalls 
als notwendig erscheinen, da für die Oro- 
metrie, wie für eine Reihe anderer geo- 
graphischer Betrachtungsweisen — ohne 
daß sie sich deshalb einer Kritik der 
Grundlage zu entäußern hätte — nicht 
die Natur selber diese Grundlage bildet, 



Bücherbesprechungen. 



115 



londem die in geographiichem Sinne ob- 
jekÜT dargestellte Natur: die Karte. 

Karl Peucker. 

Hearer, J. Weltreise bilder. VIII u. 

898 S. 116 Abb. im Text u. auf Taf., 

1 Weltk. Leipzig, Teubner 1906. 

^9.-. 

Aof einer achtmonatlichen Reise, vom 
November 1903 bis Anfang Juli 1904, hat 
sich der Verfasser, ein Österreichischer 
Ofifizier a. D., ein gut Stück Welt an- 
gesehen. Nach einem kürzeren Ausflug 
▼OD Marseille aus nach Algier und Tunis 
ging seine Weltreise von Hamburg über 
Madeira durch das Mittelmeer und den 
Snexkanal nach Ceylon und dem fest- 
ländischen Vorderindien bis an den Fuß 
des Himalaja, dann über Rangoon und 
Singapore nach Java, weiter über Hong- 
kong, Kanton, Schanghai nach Japan und 
qner durch Nordamerika (San Francisco 
bis New York nebst Abstechern zum Be- 
inch des Yellowstone- Parks, der Niagara- 
Me, Philadelphias, Baltimores und Wa- 
shingtons} nach Europa zurück. 

Da, wie man sieht, die Reise keine 
i&b^annten Teile der Erde berührte und 
mehr dem eigenen Interesse an fremden 
^dem und Völkern diente, will das 
hübäch ausgestattete, vor allem mit recht 
Klidnen Abbildungen von Landschaften, 
Stidten, Volkstypen versehene Reisewerk 
natorgemäß nicht den geographischen 
Willenskreis erweitem. Es bietet aber 
in seinem schlichten Unterhaltungsstil 
One angenehme Lektüre mit gar mancher 
fenelnden Skizzierung der Landscbafts- 
utor and lehrreichen Betrachtungen über 
Koltor- und staatliche Verhältnisse (so 
fiber Britisch-Indieu , die niederländische 
Verwaltung Javas, das kühn aufstrebende 
Japan], aus denen das abgeklärte Urteil 
^ erfahrenen Mannes und klaröinnigen 
Beobachters hervorleuchtet. Kirchhoff. 

^«, J08^. The Cjclones of the 
Far East. Special Report of the Di- 
rector of the Philippine Weather Bu- 
reau. Second (Revi^ed) Edition. 4^. 
m S. Viele Fig. u. K. Manila 19U4. 
Die zweite Auflage des fcir unsere 
Kenntnis der Taifune des Ostens grund- 
legenden Werkes Algn^ enthält gegenüber 
^ ersten in spftnischer Sprache erschie- 
itCBen Auflage wesentliche ZufSgungen 
^ xieht nicht allein das Insclge- 



biet der Philippinen, sondern auch die 
benachbarten Land- und Meeresgebiete in 
den Kreis seiner Betrachtungen. Der In- 
halt des Buches geht weit über das, was 
der Titel zu versprechen scheint, hinaus. 
So finden wir in den ersten Kapiteln über 
die Entstehung, Struktur und Bewegung 
der Cyklonen eine Darlegung der verschie- 
denen Theorien über die Ursachen, welche 
Störungen des atmosphärischen Gleich- 
gewichtszustandes betliugen und unter- 
halten können; der Verf. hat die moderne 
Literatur vollständig durchgearbeitet und 
liefert wertvolle Zusammenstellungen der 
einschlägigen Arbeiten. Auch bei der 
Darstellung der Bahnen der Taifune und 
der umfassenden Diskussion der Erschei- 
nungen, welche einem Taifun vorangehen, 
finden wir beachtenswerte meteorologische 
Kapitel eingestreut wie über die Beob- 
achtung der Wolken und ihren Wert zur 
Kenntnis der Bcwegungserscheinungen in 
den höheren Schichten der Atmosphäre, 
ebenso über den Zusammenhang zwischen 
den mikroseismischen Bewegungen und 
der Bewegung der Cyklonen. Neu hinzu- 
gefügt ist auch das letzte Kapitel, welches 
praktische Regeln für die Schiffahrt bei 
Annäherung eines Taifuns sowie eine Zu- 
sammenstellung über eventuell anzulaufen- 
de Nothäfen gibt. Die praktischen Regeln 
für die Schiffahrt wird der Seemann nicht 
leicht in dem wissenschaftlichen Gewände 
des Werkes suchen, jedoch werden sie 
hoffentlich durch die Segelhandbücher auch 
der Praxis nutzbar gemacht. 

W. Brennecke. 

Zabel^ Rudolph. Im muhamedani- 
schen Abendlande. Tagebuch 
einer Reise durch Marokko. 463 S. 
146 Abb., 1 K. in 1:200000. Alten- 
burg, Stefan Geibel & Co. 1905. 
.4C 10.—. 
Der Verfasser als anziehender, ge- 
wandter Darsteller bekannt erhebt in 
diesem reich mit lehrreichen Bildern aus- 
gestatteten Buche nicht den Anspruch als 
fach wissenschaftlicher geographischer oder 
geologischer Forscher angesehen zu wer- 
den. Dennoch verdient sein Buch, nament- 
lich die Verwertung eines annähernd ein- 
monatlichen Aufenthalts in Fas im Fe- 
bruar/März 1908 mitten im Aufstande des 
Bu Hamara, und die von dort aus auf 
der Rückreise an den Ozean bei Rabat in 



116 



Bücherbesprechungen. 



kühnem Entschlüsse unternommene Durch- 
querung des Dj. Serhnn die Aufinerksam- 
keit fachmännischer Kreise, wie auch der 
beste Kenner der Kartographie von Ma- 
rokko, Prof. P. Schnell, dem Verfasser mit 
Rat und Tat zur Hand gegangen ist. Am 
Ostende, im Angesichte von Fas auf das 
kleine wie eine natürliche Festung aus- 
gesonderte Tafelschollengebirge hinauf- 
steigend gelang es ihm dieses als erster 
gebildeter Europäer in der ganzen Ost- 
hälfte zu durchqueren, eine bisher selbst 
vom Marquis de Segonzac nur sehr flüchtig 
besuchte römische Festung, von den Ein- I 
gebornen ziemlich vag als Ksar er Rumi { 
bezeichnet, zu erforschen und ihren Plan 
aufzunehmen , die höchsten Gipfel des 1 
Gebirges zu ersteigen und die heilige 
Stadt Muley Idris, die ich auf 2 km Ent- 1 
femung von der Trümmerstätte von Volu- 
bilis zu sehen mich begnügen mußte, 
zwar nicht zu betreten, aber doch in un- 1 
mittelbarster Nähe zu umgehen. Wenn 1 
der Verfasser auf Grund seiner Beobach- | 
tungen die Richtigkeit der von mir, der ' 
ich das Gebirge nur rings umgehen konnte, | 
vertretenen Anschauungen glaubt bestä- 
tigen zu könuen, so muß doch zu S. 428, i 
wo gesagt wird, daß der von Westen als 
konische Landmarke besonders auffällige ! 
Dj. Tselfat nach meiner Theorie einen 
durch Schrumpfung kräftiger aufgerichte- | 
ten Rand einer Hochebene bedeute, be- 
merkt werden , daß ich bezüglich des 
Serhun niemals von Schrumpfung ge- 1 
sprechen habe. In einem Anhange gibt 
der Verfasser Auskunft über die aller- , 
dingß mit recht unzureichenden Mitteln 
aufgenommene Karte des Serhun, die aber 
namentlich nach der ganz wunderlichen ! 
Darstellung des Serhun auf der Karte des | 
Marquis de Segonzac als dine wertvolle 
Ausfüllung einer Lücke der Marokkokarte ' 
bezeichnet werden muß. Th. Fischer. 

Bemiug, K. Das Becken von Parras. ' 

Eine monographische Skizze. 64 S. | 

1 Taf. Berlin, D. Reimer 1906. .iC 1.50. j 

In aller Kürze, aber mit großer Klar- | 

heit schildert der Verfasser Bodengestalt, | 



Vegetationscharakter, Bewässererung und 
Klima der Umgebungen von Parras, sowie 
Bewohner und Erwerbsleben dieser hoch- 
gelegenen mexikanischen Landstadt, die 
einst durch ihren Weinbau blühte, aber 
seit dem Auftreten der Reblaus in wirt- 
schaftlichem Niedergang begriffen ist. 
Die Schilderungen zeugen von scharfer 
Beobachtung und gutem Verständnis für 
die Natur des Landes und die Eigenart 
seiner Bewohner; nur vermute ich, daß 
das Urteil über den Charakter der Parrenos 
denn doch gar zu pessimistisch ist 

Die beigegebenen Bilder sind charak- 
teristisch, aber sie sind großenteils nicht 
scharf genug herausgekommen. Sehr 
dankenswert sind die vom Verfasser im 
Jahr 1900 gemachten, 6 Monate umfassen- 
den meteorologischen Beobachtung^en, so- 
wie die von ihm aufgenommene, im Maß- 
stab 1 : 333S3 veröffentlichte Karte der 
Umgebungen von Parras. K. Sapper. 

£• T, Seydlitz' Geographie. Aus- 
gabe C: Großes Lehrbuch der 
Geographie. Unter Mitwirkung 
vieler Fachmänner von E. Oehlmann. 
XVI u. 684 S., '284 K. u. Abb. in 
Schwarzdr., 4 K. u. 9 Taf. in Farbendr. 
24. Bearbeitg. Breslau u. Leipzig, 
Hirt 1906. JC 6.26. 
Die 24. Auflage ist der 23. innerhalb 
dreier Jahre gefolgt, so daß im allge- 
meinen nur solche Voränderungen haben 
vorgenommen werden können, die sich 
mit Ausfeilen des Satzbaues und Ersatz 
veralteter Zahlen u. a. bezeichnen lassen. 
Es kann daher von einer längeren Be- 
sprechung des bekannten Werkes abge- 
sehen werden. Seine Bedeutung liegt 
übrigens weit weniger auf seinen Be- 
ziehungen zum Lehrbetriebe in den Schu- 
len als in »einer Eigenschaft als tatsäch- 
lich reichhaltiges bequemes Nachschlage- 
werk für Interessenten der mannigfachsten 
Art. Mein schon öfter geäußerter Wunsch, 
auf dem Gebiete der Abbildungen, ge- 
nauer: des Landschaftsbildes, nicht zu 
rückständig zu bleiben, bedarf noch der Er- 
füllimg in der Zukunft. Hch. Fischer. 



Neue Bücher und Karten. 



117 



Neue Bficher und Karten. 



AllgeMelnes. 

Meyers Großes Eonversations- Lexikon. 
6. Aufl. 12. Bd. L— Lyra. 908 S. Viele 
Abb. u. Taf. Leipzig, Bibl. Inst. 1906. 
.<K 10.—. 

AUyeMcliie pliyNiselie Geofnphle. 

Kaiserliche Marine. Deutsche See- 
warte. Tabellarische Reiseberichte nach 
denmeteorologischenSchiffstagebüchem. 
2. Bd. Eingänge des Jahres 1904. IX 
u. 200 S. Berlin, Mittler & Sobn 1905. 
,« 3.—. 

GrSßere Krdriame. 

Fischer, Th. Mittelmeerbilder. Gesam- 
melte Abhandlungen zur Kunde der 
Mittelmeerländer. VI u. 480 S. Leipzig, 
Teubner 1906. .ä: 7.—. 

DevttehlftBd and Hachbarlinder. 

V. Tein, M. Das Moselgebiet. (Ergeb- 
nisse der Untersuchung der Hochwasser- 
Verhältnisse im deutschen Bheingebiet. 
Bearb. u. hrsg. v. d. Zentralbureau f. 
Meteorol. u. Hydrogr. im Großh. Baden. 
VII. Heft.) 4^ 6U S. 67 Zahlentaf. 12 Taf., 
K. u. Fig. Berlin, Ernst & Sohn 1906. 
JL 24.—. 

Wagner, Em iL Taschen - Atlas der 
Schweiz. 26 kolor. K. 3. Aufl. v. d. 
Geogr. Anst. H. Kümmerly k Frey, Bern. 
36 S. Text u. 20 K. Bern, Geogr. Kar- 
tenverlag (1906). JL 8.20. 

Artarias Eisenbahnkarte von Österreich- 
Ungarn. Mit Stations Verzeichnis. 6. Aufl. 
Wien, Artaria k Co. (1906). AV. 2.20. 
Aden. 

Landon, PercevaL A Lhassa, la ville 
interdite. Description du Tibet Central 
et des coutumes de ses habitants. Rela- 
tion de la marche et de la mission 
envoyee par le gouvemement Anglais 
(1903/4). Vn u. 447 S. Viele Abb. auf 
Taf. Paris, Hachette 1906. Fr. 20.—. 



|Weber-van Bosse, Frau A. Ein Jahr 
• an Bord I. M. S. „Siboya". Beschreibung 

der holländischen Tiefsee - Expedition 
^ im Niederländisch - Indischen Archipel. 

1899—1900. Nach d. 2. Aufl. a. d. Holl. 

übertragen v. Frau E. Ruge-Baenzi- 
I ger. XIII u. 370 S. 26 Taf, 40 Text- 

abb. u. 1 K. Leipzig, Engelmann 1906. 

M. 6.—. 

Afrika. 

Genthe, Siegfried. Marokko. Reise- 
schilderungen. Hrsg. von Georg We- 
gener. Einleitung von Theobald 
Fischer. (Genthes Reisen. Bd. 11.) 
XIX u. 368 S. 18 Ansichten nach Auf- 
nahmen des Verfassers. Berlin, Allg. 

I Ver. f. deutsche Liter. (Paetol) 1906. 
JL 6. — . 

I Langenbucher, K. Karte von Marokko 
zur Übersicht der Verkehrswege und 
Botenposten der deutschen, englischen, 
französischen und spanischen Dampfer- 
linien sowie mit statistischen Notizen. 
1:2000 000. Berlin, D. Reimer 1906. 
JL J.— . 
Falls, J. C. E. Ein Besuch in den Natron- 

I klöstem der sketischen Wüste. (Frank- 

I furter Zeitgemäße Broschüren. XXV. 3.) 
26 S. 9 Abb. Hamm, Breer k Thiemann 

I 1906. .iL —.60. 

Nordamerika. 
Semple, Ellen Churchill. American 
History and its geographic conditions. 

' 466 S. Viele K. im Text u. auf Taf. 

! Boston, Houghton, Mifflin k Co. 
Sid-PolATgeireiideii. 

iDuse, S. A. Unter Pinguinen und See- 
hunden. Erinnerungen von der schwedi- 
schen Südpolarexpedition 1901/3. Übers. 
V. E. Engel. VI! u. 262 S. 81 Taf. 
Abb. Berlin, Baensch 1905. .K. '>.— . 



Zeitschriftenschan. 

Peterwann« 3fitt€i7u?i^cn. 1906. 12. Heft. ! dienstes" auf die Südhalbkugel. — Fi- 
Strauß: Eine Reise an der Nordgrenze ' scher: An.sohluß des sog Serapistcmpels 
Luristans. — Grubauer: Negritos. — ; an das Netz des italienischen Präzisions- 
Heß: Die Alpen im Eiszeitalter nach , nivellemonts. — Supan: Das neue Polar- 
Penck und Brückner. — Hammer: Aus- projekt. — Geinitz: Strucks Unter- 
dehnung des „internationalen Breiten- suchungen über den Baltischen Höhen- 



118 



Zeitschriftentfchau 



rücken in Holstein. — Ergebnisse der Spra- 
chenzählung im russischen Reich 1897. — 
R e i n e c k e : Der Vulkanausbruch auf Savaii. 

Globus. 88. Bd. Nr. 23. Jäger: Der 
Tegernsee. — Paul u. Fritz Sarasins 
Forschungen in Celebes. — Förster: 
Neue Forschungen im Tsadseegebiet. — 
Die Fox-Island-Passagen der Aleuten. 

D(t»H. Nr. 24. V. Knebel: Studien in 
Island IDOö. — Das Projekt von Mous 
für die internationale Polarforschung. — 
Berdau: Der Mond in Sitte und Gebräu- 
chen der Mexikaner. — Die letzten Gra- 
bungen in Babylon und Ninive. 

Boss. 80. Bd. Nr. 1. Hutter: Im Öl- 
gebiet von Kamerun. - Das deutsch- 
englische Grenzgebiet im Westen des 
Viktoria-Njansa. — Klose: Musik, Tanz 
und Spiel in Togo. — Uennig: Die deut- 
schen Seekabel. — Stephan: Anthropo- 
logische Angaben über die Barriai {ßexi- 
pommern). - - Reichskolonialamt und 
Reichsetat für die Schutzgebiete. 

Dass. Nr. 2. Karutz: Von Buddhas 
heiliger Fußspur. — VVeißenberg: Speise 
und Trank bei den südrussischen Juden 
in ethnologischer Beziehung. — Friede- 
rici: Der Thränengruß der Indianer. — 
Mac Iver über das Alter der Ruinen von 
Rhodesia. 

Deutsche Rundschau für Geographie 
und Statistik. 28. Jhrg. 4. Heft. Bieber: 
Die österreichische Expedition nach Kaffa. 
— Seidel: Das Atoll Oleai und seine 
Bewohner. — Olinda: London in der 
Gegenwart. — van Hille: Reisen in 
West-Neuguinea. 

Meteorologische Zeitschrift. 1905. ll.Heft. 
Hergesell: Ballonaufstiege über dem 
freien Meere und die Erforschung der 
freien Atmosphäre über dem atlantischen 
Ozean 1905. — Hann: Die Temperatur 
der Zyklonen und Antizyklonen. — Leß: 
Die Wanderung der sommerlichen R«gen- 
gebiete durch Deutschland. 

Zeitschrift für Schul geographie. 1906. 
;j. Heft. Oppermann: Frhr. v. Richt- 
hofen f. — Der 11. deutsche Kolonial- 
kongreß. — Reisebriefe aus Ost- Asien. 

Geographischer Anzeiger. 1906. 12. Heft 
Fischer: Sollen die Geographentagc in 
Ausflugferien aufgelöst werden? — Ankel: 
3 Jahre Erdkunde in den Oberklassen 
einer Oberrealschule. — Fischer: Reform- 
bestrebungen im französischen P^rdkunde- 
unter rieht. 



Deutsche Erde, 1906. Nr. 6. Hasse: 
Die Deutschen in Rußland. — Hettema: 
Die friesische Stammeseigenart. — Roh- 
meder: Der deutsche Ortsnamenschatz 
der Deutsch -Fersentaler in Süd-Tirol. — 
Fuckel und Meiche: Niederdeutsche 
Spuren in der Oberlausitzcr Mundart. 

Zeitschrift für Koloniedpolitik , -recht 
U7id 'Wirtschaft, 1906. ll.Heft. Mayer: 
Die ersten Vorläufer der deutschen Kolo- 
nisation^bestrebungen in Afrika. — Eiue 
Rundfahrt durch den ostindischen Ar- 
chipel. — Besuch des deutschen Kaisers 
in der Lissaboner Geographischen Gesell- 
schaft. — Hassert: Der I. italienische 
Kolonialkongreß in Asmara (1905). — 
Graf Pfeil: Viehseuchen in Deutsch- 
Ostafrika. 

Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde 
zu Berlin. 1906. Nr. 9. Solger: Die 
Moore in ihrem geographischen Zusammen- 
hange. 

Mitt. d, Ver. f Erdkde. zu Dresden, 
Heft 2 (1905). Rabenhorst: Chinesische 
Dienstboten. — Richter, P. E.: Literatur 
der Landes- und Volkskunde und Ge- 
schichte des Königreichs Sachsen 1908 u. 

1904. Nachtrag 6. 

Beiträge zur Kenntnis des Orients, II, 

1905. (Jahrb. d, Münchner Oriental, Ges, 
1904/5.) I. Abt. Brandenburger: Rus- 
sisch - asiatische Verkehrsprobleme. — 
Conrady: Acht Monate in Peking. — 
Jacob: Die Wanderung des Spitz- und 
Hufeisenbogens. — Wirth: Ostwestliche 
Urwauderungen. — Hell: Die inneren 
Feinde des jungen Islam. — Hartmann: 
Das neue Arabien. — Menzel: Ein Jahr 
in Konstantinopel. Kjathane (dritter Mo- 
nat). — Günther: Die geographische 
Erschließung Japans. — v. Berlepsch- 
Valendäs: Das künstlerische Leben der 
Japaner. — Grothe: Marokko im Lichte 
der jüngsten deutschen Forschung und 
Literatur. 

Abrege de Bull. etc. de la Soc. Hon- 
groiae de Geographie. XXXÜI. 1906. No. 7. 
Hegyfoky: Über die Schwankungen der 
Blütezeit 

Dass. No. 8. Szilädy: Begriff der 
Lebensbezirke und Zoographie des Meeres. 
— Päcalä: Über die Lebensverhältnisse 
der Einwohner von Resinär bei Nagys- 
zeben. 

Dass. No. y Kormos: Zoogeogra- 
phische Beziehungen der Fauna im unga- 



Zeitschriftenschau 



119 



risch-kroatischen Küstengebiete. — Bez- 
dek: Aus den Mannaroser Gebirgen. — 
Päcalä: Über die Lebensyerhältnisse der 
Einwohner von Besinäx bei Nagyszeben. 
La Geographie. 1905. No. 6. StSnart: 
ün nouvean champ d^exploration archäo- 
logiqne. — Duparc et Pearce: Snr la 
pr^sence de hautes terrasses duns TOural 
du nord. — Cord i er: L'association bri- 
tannique dans TAfrique australe. — 
Lapparent: Ferdinand de Richthofen. 

The GeographiealJaurnal 1906. No. 1. 
Markham: On the Next Great Arctic 
Discovery. — The late Baron von Richt- 
hofen on Antarctic Exploration. — We- 
8 ton: Travel and Exploration in the Sou- 
thern Japanese Alps. Broun: A Jour- 
ney to the Lorian Swamp. — Hume: 
Notes on the History of the Nile and ite 
Valley. — Bück: Canal Irrigation in the 
Pu^jab. — Schwarz: Natural Mounda 
in Cape Colony. — Davis: The Geogra- 
phical Cycle in an Arid Climate. 

The Scottish Oeographical Magazine. 
1906. No. 1. Richardson: The Ethno- 
logy of Austria Hungaria. — The Great 
Flains of the Central United States. — 
Johns ton: Notes on the Advantage of 
a Topographical Survey of South Africa. 
— Water mey er: Geographica! Notes on 
South Africa south of the Limpopo. — The 
Amundsen Expedition to the Magnetic Pole. 

The National Geographie Magazine. 
1906. No. 12. Fee: The Parsees and 
the Towers of Silence at Bombay — 
Chentung Liang-Cheng: China and 
the United States. — Shorts: The Buil- 
ding of the Panama Canal. — Greely: 
RuBsia in Recent Literature. 

The Journal ofGengraphy. 1905. No. 9. 
Goode: A new Method of Representing 
the Earth's Surface. — Goode: A Model 
Serics of Base Maps. — Koch: What the 
Oivilian May See of Gibraltar Today. — 
Baber: The Scope of Geography. 

U. S. Geol. Survey. Monographs. 
Vol. XLVII. 1904. van Hise: A treatise 
on Metamorphism (32 Fig.). 

Cons. perman. intemat. p. exphr. d. l. 
mer. Buü. des resuUats acquis pendant 
Us coursea periodiques. 1904—1906. No. 2. 
Nov. 1904. No. 8. Febr. 1905. No. 4. Mai 
1905. Stationen, Zustand der Atmosphäre 
und des Oberflächenwassers (2 Taf ). — 
Temperatur, Salzgehalt usw. in der Tiefe 
(4 Taf.) — Stickstoff usw. — Plankton. 



Boss. Bapports et proch - verbaux. 
Vol.m. (1906. Vni.) (Ed. allem.) Gesamt- 
bericht über die Arbeit der Periode Juli 
1902— Juli 1904 (1 K.). Hydrographische 
Untersuchungen: Pettersson: Ober die 
Wahrscheinlichkeit von periodischen und 
unperiodischen Schwankungen in dem 
atlantischen Strome und ihre Beziehungen 
zu meteorologischen und biologischen 
Phänomenen (7 u. 16 Fig.) — Heiland- 
Hansen: Die Hydrographie der Färöer- 
Shetland-Rinne in 1902 u. 1903 (4 Fig.). 

— Knudsen: Über den Einfluß des ost- 
isländischen Polarstromes auf die Klima- 
schwankungen der Färöer, der Shetland- 
inseln und des nördlichen Schottlandes 
(3 Fig.). — Fischerei und biologische 
Untersuchungen: Holk: Einleitende Über- 
sicht. — Brandt: Über die Produktion 
und die Produktionsbedingungen im Meere. 

— Heincke: Die P^ier und Jugendformen 
der Nutzfische in der Nord- und Ostsee 
f4 Fig.). — Henking: Über das perio- 
dische Auftreten der wichtigsten Nutz- 
fische im Nordseegebiet und Skagerak 
nach den Fangergebnissen deutscher Fisch- 
dampfer f,20 Fig., 2 K.) — Hjort und 
Petersen: Kurze Übersicht über die Re- 
sultate der internationalen (bes. norweg. 
u. dän.') Fischereiuntersuchungen (10 Taf, 
7 Fig.). — Garstang: Vorlauf Bericht 
über die Naturgeschichte der Scholle auf 
Grund der Untersuchungen der Kommis- 
sion B in der Zeit bis zum 30. Juni 1904 
(3 K., 10 Fig., ö Tab.). — Hedeke: Die 
Verbreitung der Scholle an der hollän- 
dischen Küste (4 Fig.). — Nord Seefischerei- 
Statistik. Teil I.: Hoek u. Kyle: Die 
Fischereien der einzelnen Länder. Teil U : 
Kyle: Kritische Znsammenstellung der 
zur Verfügung stehenden statistischen 
Angaben und ihre Bedeutung für die 
Überfischungafrage (1 K., 2 Fig.). 

Boss. Vol. IV. (1905. XII.. Juli 
1904 — Juli 1905. Kyle: 1. Bericht 
über das dem Bureau zugegangene Mate- 
rial betr. der Mengen von kleinen Schol- 
len, welclie in den verschiedenen Bädern 
gelandet waren (12 Tab.). — Petersen, 
Kyle n. Johansen: Memorandum über 
den Wert der Marktstatistik als Auskunft 
über die Verbreitung der Fische (5 Tab., 
! 1 K;. — Kyle: Kurzer Bericht über die 
i vom Bureau des Z.-A. organisierten Ex- 
perimente mit Netzen (5 Tab.). — Knud- 
I sen: Einige Bemerkungen über die hydro- 



120 



Zeitschriftenschau 



graphischen UnterBuchungen. — Ders.: 
Yorechlag zur Bearbeitung dee hydro- 
graphischen Beobacbtungsmateriale. — 
Ders.: Vorschläge zur Umformung des 
Bulletins. 

Boss. Publ de circonstance. No. 13B. 
Fischer u. Henking: Übersicht über 
die Seefischerei Deutschlands in den Ge- 
wässern der Ostsee. (Die Ostsee-Pischerei 
in ihrer jetzigen Lage.) (2. Tl. III. 6 Taf., 
6 Fig.) - No. 24. Ekman: Kurze Be- 
Schreibung eines Propellstrommessers (1 
Taf.). — No. 25. Pettersson: Beschrei- 
bung des Bifilarstrommessers (1 Taf.). — 
No. 26. van Roosendaal u. Wind: 
Prüfung von Strommessern und Strom- 
messungsversuche in der Nordsee (2 Taf.). 
— No. 27. Ekman: An apparatus for the 
collection of bottomsamples (5 Fig.). — 
No. 28. Trybom, V. Grimm, Henkingi 
Levinsen: Bericht über die Anstalten 
zur Vermehrung des Lachses und der 
Meerforellen in den Flüssen der Ostsee. — 
No 29. Gough: On the distribution and 
the migration of Muggiaea atlantica in 
the English Channel, the Irish Sea, and 
of the South and West-Coasts of Ireland, 
in 1904 (3 K., 2 Fig.). — No. 30. Wit- 
ting: Kurze Beschreibung eines elektrisch 
registrierenden Strommessers (Fig.). — 
No. 31. Ders.: Etliches über Strommes- 
sung. — No. 32. Eofoid: A self-closing 
Water Bücket for Plankton Investigations 
(4 Fig.). 

Aus Tergchiedenen Zeitgchriften. 

van Baren: De Vulkanen van Ned. -IndiS. 
Encyclopaedie van N.-I. Leiden. 1905. 
S. 668—074. 

Ders.: De Zeeön van den Indischen Ar- 
chipel (7 Tab.). Ebda. S. 793—804. 

Ders.: De morphologische bouw van het 
Veluwelandschap bij Amhem. Haar- 
lem. 1905. 

Dukmeyer: Letten und Deutsche. Die 
Funken. IIL 9. 1905. Dez. 2. 

Herritsch: Die glacialen Terrassen des 



Drautales (2 Fig , 1 K.). „Carinthia IL'' 
Nr. 4. 1905. 

V. Knebel: Der Nachweis verschiedener 
Eiszeiten in den Hochflächen des inneren 
Islands (Vorlauf Mitt.) (2 Fig.). Zentral- 
bl f. Mineral., Geol u. Paläontol 1905. 
Nr. 17/18. 

Ders.: Vorläufige Mitteilung über die 
Lagerungsverhältnisse glacialer Bildun- 
gen auf Island und deren Bedeutung 
zur Kenntnis der diluvialen Verglet- 
scherungen (4 Fig.). Ebda. 

Leiviskä: Über die Entstehung der 
Dünengebiete an der Küste des Bott- 
nischen Meerbusens (80 Fig. auf 4 Taf. 
2 K ). Fennia, 23, 2. 1905. 

Ruppin: Bestimmung der elektrischen 
Leitfähigkeit des Meerwassers. — Um- 
kippthermometer als Tiefenmesser. 
Wies. Meeresuntersuch, Abt. Kiel. N, F. 
Bd. 9. (Ati8 d, Labor, f. iniemat Meeres- 
foi seh., in Kiel Hydrogr.Abt, Nr.4u.5.) 

Ruska: Schulausflüge zur Einführung in 
die Geologie. I. Zur ersten Orientie- 
rung (2 Fig.). II. Granit und Rotlie- 
gendes am Heidelberger Schloß (6 Abb.). 
Natur u. Schule. IV. 1905. 4. H. F. 
1906. 1. H, 

Seh äff er: Die Behandlung deutscher 
Dichtungen und die Verwendung natio- 
naler Poesie im geographischen Unter- 
richt. Z, f. d. deutschen Unterr. XIX. L 

Steffen: Reisebilder aus dem (Gebiete 
des Rio Baker und Lago Cochrane 
(West- Patagonien) (1 K.). Verh. d. 
Deutschen Wiss, Ver. in Santiago, Bd.V. 
1905. 

Stille: Zur Kenntnis der Dislokationen, 
Schichtenabtragungen und Transgrea- 
sionen im jüngsten Jura und in der 
Kreide Westfalens (6 Fig.). Jahrb. d. 
k, pi-euß. Geol. L.-A. u. Bergak. f, 1905. 
XXVL 1. 

Tower: The Geography of Americaa 
Cities. Bull, of the Amer, Oeogr. Soe. 
Vol. XXX VIL No. 10. Oct. 1905. 

Wuttge: Lichtbilder. Die Mädchenschule. 



Verantwortlicher Herausgeber: Prof. Dr. Alfred Hcttnor in Heidelbertf. 



Eduard Riehter. 

Von QeoTg A. Lnkas. 

Immer seltener wird es bei der stetig fortschreitenden Arbeitsteilung anf 
ftllen Gebieten menschlichen Wissens nnd Könnens, daB der sichere Blick und 
das sntreffende urteil des Einzelnen einen größeren Umkreis beherrschen als 
das meist schon allzu große Bereich des eigenen Faches. In den Orenz- 
gebieten, welche zu benachbarten Wissenschaften hinüberleiten, erlahmt not- 
gedrungen jede selbständige Forschung, wenn auch da und dort persönliche 
Befähigung und Neigung den Kreis geistiger Interessen etwas weiter ziehen; 
nur wenige Bevorzugte vermögen mehr als ein Feld wissenschaftlicher Arbeit 
erfolgreich zu bebauen. 

Es ist nicht zu leugnen, daß sich der Oeograph gerade in Folge der sonst 
oft beklagten Weitschichtigkeit seines Faches hier in einer günstigeren Lage 
befindet: sozusagen pflichtgemäß hat er zu verschiedenen Wissenszweigen Be- 
ziehungen zu unterhalten, die über den, auch bei andern Wissenschaften 
gebotenen umfang des geistigen Horizonts bei weitem hinausreichen. Die 
Erdkunde verknüpft einander anscheinend ganz Fremdes durch logische Ge- 
dankenreihen, sie weiß von gesichertem Boden aus zu dem Abgelegensten 
eine Brücke des Zusammenhanges zu bauen; hierin liegt ihre spezifische 
Eigenart, auf solche Weise vermag sie neue und selbständige Erkenntnisse 
zu erschließen. 

Bleibt der Geograph vor Einseitigkeit sicher bewahrt, so erschwert ihm 
anderseits doch gerade der Beziehungsreichtum jedes Teilgebietes seiner 
Wissenschaft eine ausgebreitete produktive Forschung. Dies wird schon der 
empfinden, der allein die „naturwissenschaftliche^' Richtung der Erdkunde 
pflegt; wie viel mehr aber der, dem auch die „historische" Geographie als 
ein wesentlicher Bestandteil des Faches erscheint, und der in der befruch- 
tenden Wechselwirkung beider Richtungen Wesen und Ziel seiner Arbeit 
erblickt. Die meisten älteren Geographen kamen von andern Wissenschaften; 
es ist selbstverständlich, daß sie sich innerhalb der Erdkunde jener Richtung 
zuwandten, welche die nächste Verwandtschaft mit ihrer bisherigen Laufbahn 
zeigte. Nicht allen ist es jedoch gelungen, das Gesamtgebiet der Geographie 
so zu durchdringen, daß sie, ohne die Fühlung mit ihrem Ausgangspunkte 
zu verlieren, auch das entfernteste Feld mit den Waffen ihres Geistes er- 
obern und siegreich behaupten konnten. 

Ein solcher Geistesheld ist am 6. Februar vorigen Jahres in Eduard 
Richter von uns gegangen. Als Historiker hatte er angefangen, war als 
Naturforscher berühmt geworden, vergaß aber so wenig auf die Wissenschaft, 

6«Ofimplifaeh« ZtÜMhrlft. 12. Jahrgang. 1906. S.Heft. 9 



122 Georg A. Lukas: 

der er seine Jugendarbeit geweiht hatte, daß ihn auch die Vertreter der 
Geschichtswissenschaft mit Recht den Ihrigen nennen. Vielen schien Richter 
ein bedeutender Mann, obwohl sie nur eine Seite seiner Tätigkeit kannten. 

Es liegt nahe, hier eines andern großen Geographen zu gedenken, der 
wenige Monate vor Richter aus dem Leben schied: des unvergeßlichen Fried- 
rich Ratzel. Sein Weg war der umgekehrte: der Naturforscher begründete 
die „Anthropogeographie^* und schützte den Menschen vor den Angriffen 
jener radikalen Richtung, die ihn ganz aus der Erdkunde verweisen wollte. 
War auch ihr Weg verschieden gewesen — als Gelehrte waren Ratzel und 
Richter einander in der universalen Beherrschung ihres Faches gleich, und 
gleich schmerzlich ist deshalb ihr vorzeitiger Verlust zu betrauern. 

Soll im Folgenden der Versuch untemonmien werden, Richters inhalts- 
reiches Leben und sein wissenschaftliches Ertr&gnis zu schildern, so bedarf 
es nicht des Hinweises darauf, daß an dieser Stelle vor allem seine geo- 
graphischen Leistungen eine Würdigung erwarten dürfen; doch stehen auch 
die historischen Schriften zumeist der Erdkunde nahe und bilden einen so 
wesentlichen Zug im Lebensbilde des Forschers, daß sie nicht ganz zu über- 
gehen sind. Eine kurze Darstellung seines Lebensganges möge vorerst die 
Grundlagen veranschaulichen, auf denen Richters vielgestaltiges Lebenswerk 
emporwuchs. *) 

I. Eduard Biohters Lebensgang. 

Eduard Richter verlebte seine Jugend in Wiener Neustadt, der 
Heimat seiner Mutter und dem Wohnorte der Großeltern mütterlicherseits. 
Seine Wiege hatte zwar in Mannersdorf am Leithagebirge gestanden, aber 
Schon sieben Monate nach der am 3. Oktober 1847 erfolgten Geburt dieses, 
des zweiten Sohnes war sein Vater, Justitiar und kaiserl. Verwalter Alois 
Richter, im Alter von 40 Jahren gestorben (am 1. Mai 1848), und damit 
hörten auch die Beziehungen der Familie zu dem kleinen Dorfe auf. 

Der Vater war ein geistreicher und munterer Mann gewesen, wegen 
seines unterhaltsamen Wesens und schlagfertigen Witzes bei Alt und Jung 
sehr beliebt. Er hatte juridische Bildung genossen und erwies sich hierin 
offenbar tüchtig: denn er war als Kandidat des Wahlbezirks Brück a. d. Leitha 
für das Frankfurter Parlament ausersehen, als er starb. In seinen Muße- 
stunden beschäftigte er sich gern mit der Malkunst Zeichnerische Anlagen 
und gesellschaftliche Talente vererbte er seinem Sohne Eduard, aber nicht 
die Neigung zum Berufe eines Juristen. 

1) Zu dieser Lebensscbilderung konnten außer persönlichen Erinnerungen des 
Verfassers der noch ud gedruckte autobiographische Nachlaß Richters und seine 
Reisetagebücher, Aufzeichnungen usw. verwertet werden, woför Frau Ho&at Luise 
Richter der wärmste Dank gebührt. Ergänzungen in Einzelheiten bieten die 
Nekrologe von Diener (Ost. Alpenzeitung), Erben (^Salzb. Volksblatt), Finster- 
walder (Comm. int. d. glac), Günther (Mitt. d. Geogr. Ges. München), Jauker 
(Geogr. Anz.), Lukas (Ost. Mittelsch. u. 83. Jahresber. d. Staatsoberrealschule Graz), 
Marek (Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. Wien), Marinelli (Riv. geogr. Ital.), Meli 
(D. Geschichtsbl.), Penck (Wiener Zeit u. Mitt. d. A.-V.), Schönbach (Grazer 
Tagespost), Sieger (Ost. Rundschau), Stüdl (Bohemia, Prag), Wutte (Klagenfurter 
Freie Stimmen u. Carintbia I. u. U.), Zwiedineck (Grazer Tagblatt) u. A. 



Eduard Rio&ter. 123 

Die Mütter Magdalene, geborene Fronner, zog also mit den beiden 
Knaben (der filtere, Karl, war 1842 geboren worden) nacb Wiener Neustadt 
zn ihren Eltern. Der Oroßvater Jobann Nep. Fronner (geb. 1785, gest. 1849) 
widmete seine Kraft als bürgerlicher Magistratsrat dem stftdtischen Gemein- 
wesen und als Liebhaber antiquarischen und historischen Studien, die sich 
besonders auf die Oeschichte seiner Vaterstadt bezogen. Zu diesem Zwecke 
hatte er eine ansehnliche Bibliothek zusanmiengebracht und verfaßte selbst ein 
Werk über die Altertümer Wiener Neustadts. Auf die Erziehung der Enkel 
konnte er bei seinem verhältnismäßig frühen Tode keinen Einfluß nehmen; 
auch die Großmutter Aloisia, geborene Schuster, eine Kaufmannstochter aus 
Neustadt, die erst 1860 85jährig starb, mischte sich nicht darein. Diese 
Aufgabe nahm die Mutter allein auf sich, und niemand wird der klugen und 
verständigen Frau das Zeugnis versagen können, daß sie ihre Kinder vor- 
trefflich zu erziehen wußte. 

Zumal auf den jüngeren Sohn Eduard verwandte sie die z&rtlichste 
Sorgfalt, da sie seine Begabung wohl erkannte. Er wurde 1858, nachdem 
er die zwei oberen Klassen der Normal -Hauptschule absolviert hatte, in das 
Gymnasium im Neukloster gebracht, das der Zisterzienser -Orden mit Lehr- 
kräften versah. Der anfangs vorzügliche Fortgang erlitt in den mittleren 
Klassen etwas Einbuße; Schuld daran trugen die alten Sprachen, deren Be- 
trieb nur mäßige Begeisterung erweckte, aber auch die interessanten Bücher 
des Großvaters, die der Lesewut des Knaben zum Opfer fielen, und sein 
kindlicher Hang nach Freiheit und üngebundenheit. Spiele mit einer lärmen- 
den Freundesschar, Botanisieren und Lisektensammeln — das war freilich 
schöner als die offc lästige Arbeit für die Schule. Da die Mutter aber hierin 
nur Mutwillen und Leichtsinn, jedoch nicht die Vorübungen des zukünftigen 
Naturforschers zu erblicken vermochte, so gab es manchen Ärger. Übrigens 
blieb Eduard Richter auch in diesen Jahren noch immer einer der besten 
Schüler in seinem Jahrgange, und als er älter und reifer geworden war, er- 
oberte er sich leicht den ersten Platz zurück, den er bis zur dritten Klasse 
eingenonmien hatte. 

Dieser Wandel war hauptsächlich das Verdienst der Mutter, die den 
Sohn mehr durch Belohnung seiner guten als durch Bestrafung seiner üblen 
Eigenschaften zu bilden strebte. Selbst für das Schöne in Kunst und Natur 
begeistert, fiel es ihr nicht schwer, auch ihr Kind dafür zu erwärmen. 
Musik und Zeichnen wurden darum eifrig geübt, ja eine Zeit lang schien der 
Beruf eines Landschaftsmalers der Erwägung wert; der feingebildete Hausarzt 
Dr. Franz Lorenz erteilte kunstgeschichtlichen Unterricht und legte den 
Chirnd zu jenem eindringenden Kunstverständnis, das man später bei dem 
Gletscher- und Seenforscher immerhin nicht in dieser Tiefe voraussetzen 
konnte. In die Naturwissenschaften, besonders in den damals eben seine 
Siegeslaufbahn beginnenden Darwinismus führte ihn ein älterer Freund, Oskar 
von Kirchsberg, ein. Aber wichtiger als all dies erscheinen die Reisen imd 
jährlichen Sonmierfrischen im Gebirge; von seinem siebenten Lebensjahre an 
machte der Knabe jeden Sommer Reisen, um die ihn seine Mitschüler be- 
neideten, und die selbst nach heutigen Verhältnissen beträchtlich erscheinen. 



124 Georg A. Lukas: 

Sie hatten allerdings zumeist die Alpen der engeren Heimat und der be- 
nachbarten Kronländer Steiermark, Ober-Österreich und Salzburg zum Ziele, 
fährten aber 1861 bis Prag und Dresden, 1863 an die Gestade des adriati- 
sehen Meeres nach Triest und Venedig, worauf die Alpen an ihrer breitesten 
Stelle über Riva, Trient, Bozen, Meran, Landeck, Innsbruck und München 
durchquert wurden. Noch ungewöhnlicher als diese weiten Fahrten war da- 
mals die Gepflogenheit, den Sommer auf dem Lande zu verbringen; es wurde 
nach einander in Leoben, Puchberg am Schneeberg, Gmunden, Karlsbad, 
Gutenstein im Wiener Wald und wieder in Gmunden Erholungs- oder Kur- 
aufenthalt genommen oder wenigstens — wenn man aus irgend einem Grunde 
die Ferienzeit vorwiegend in Wiener Neustadt zubrachte — die nähere und 
weitere Umgebung dieser Stadt ausgiebig durchstreift, die landschaftlich 
schönsten Punkte wiederholt aufgesucht und leichtere Berge bestiegen. 

Natürliche Anlage und liebevolle Anleitung beßlhigten den Knaben, dem 
Gesehenen nicht bloß kindliche Neugierde, sondern auch wachsendes ästheti- 
sches Empfinden entgegenzubringen, zu dem sich bald ein immer stärkeres 
Verlangen gesellte, den Bätsein der Schöpfung durch eigenes Forschen näher 
zu treten, die lichten Berghöhen und die geheimnisvollen Seetiefen zu ent- 
schleiern. 

So ist es leicht verständlich, daß die Eindrücke, die der heranwachsende 
Gymnasiast von Hochalpen und Waldbergen, von Meeresküste und Alpenseen, 
von historisch und architektonisch bedeutenden Städten in Süd und Nord 
mitbrachte, einen unverlierbaren Schatz bildeten, der sorgsam gehegt und ge- 
mehrt wurde, der seinen Besitzer zur Freude der trefflichen Mutter bald von 
kindischem Wesen und mutwilligen Streichen fernhielt und so den Abschluß 
der Gymnasialstudien ebenso erfreulich gestaltete, wie ihr Anfang gewesen 
war. Die Schilderung von Alpenwanderungen lockte den Jüngling zuerst zu 
schriftstellerischen Versuchen, die immer besser ausfielen und den günstigsten 
Einfluß auf seine deutschen Aufsätze übten; das Lob, welches dem Abiturien- 
ten dafOr von dem Landesschulinspektor zu Teil wurde, spornte ihn an, alle 
Kräfte zur Erlangung eines ausgezeichneten Reifezeugnisses zusammenzunehmen. 
Das Maturitätsexamen selbst wurde freilich unerwartet durch die kriegerischen 
Ereignisse von 1866 sehr erleichtert: da man in den Räumen des Gynma- 
siums Verwundete unterbringen wollte, gab man allen Schülern, deren bis- 
heriger Studiengang ihren Erfolg verbürgte, das Zeugnis ohne mündliche Prü- 
fung. Unter diesen Bevorzugten war auch Eduard Richter. 

Als der nun 19jährige Jüngling im Herbst 1866 die Universität Wien 
bezog, war die wichtige Frage der Berufswahl bereits entschieden: er hatte 
überhaupt nur zwischen der historischen und der naturwissenschaftlichen Fach- 
gruppe geschwankt, eine andere als die philosophische Fakultät war gar 
nicht in Betracht gekommen. Daß er Historiker wurde trotz seiner Natur- 
begeisterung, hatte mehr äußerliche Gründe. Vom Gesamtgebiete der Natur* 
Wissenschaften war ihm eigentlich nur die „Naturgeschichte^^, wie sie am öster- 
reichischen Gymnasium bis zur sechsten Klasse gelehrt wird, näher bekannt; 
da sie jedoch im Lehrplan der beiden obersten Klassen fehlt, waren ihre 
Bindrücke etwas verblaßt, und die Zwangsverbindung dieses Faches mit der 



Eduard dichter. 125 

Mathematik machte es ihm vollends ungenießbar. Seiner Liebe fCbr die Alpen- 
welt konnte er sich ja auch, ohne Fachmann zu sein, hingeben. Dagegen 
hatte ^f ihn die große geschichtliche Vergangenheit des deutschen Volkes 
stets einen besonderen Beiz ausgeübt, der durch die Einigungsk&mpfe der 
sechziger Jahre nur verstärkt werden konnte; es kam noch eine gewisse, da- 
mals von vielen geteilte romantische Schwärmerei ffir das Mittelalter hinzu, 
deren Befriedigung Bichter außer von der Historie auch von germanistischen 
Stadien erwartete. So wählte er also Geschichte und Deutsch zu seinem 
Lebensberuf; daß mit ersterer (reographie verbunden sei, beachtete er kaum; 
nach seinen Erfahrungen aus der Oymnasialzeit versprach er sich von diesem 
Fache so viel wie nichts. 

Wir dürfen es ihm wohl glauben, wenn er später die Überzeugung 
aussprach, die Oeologie würde am besten für ihn gepaßt haben; Neigung 
und Befähigung hätte er hierfür reichlich mitgebracht. Allein zur Zeit der 
Qerufswahl kannte er nur den Namen des Faches, jedoch nicht dessen Wesen 
und Methode; niemand klärte ihn darüber auf. 

Ja selbst von den auserkorenen Gegenständen Deutsch und Geschichte 
hatte er keine klare Vorstellung. Deshalb verursachte das germanistische 
Stadium sogleich eine herbe Enttäuschung: statt erhebender Worte über alt- 
deutsches Schrifttum und dessen Wert hörte er in den Vorlesungen Franz 
Pfeiffers nur trockene grammatikalische Erörterungen. Diese schienen ihm 
80 anerträglich, daß er die Germanistik für immer aufgab und sich darauf 
beschränkte, gelegentlich ein literargeschichtliches Kolleg bei Wilhelm Seh er er 
zu belegen. 

Glücklicher war er mit seinen historischen Bestrebungen. Aschbach 
und Jäger, besonders aber Ottokar Lorenz führten ihn in die Geschichts- 
wissenschaft ein und leiteten ihn zu eigener Arbeit an; er lieferte eine 
stattliche Anzahl von Seminararbeiten, die sich meist auf die Zeit der Völker- 
wanderung bezogen. 

So vergingen zwei Jahre. Richter fühlte sich anfangs ziemlich ver- 
einsamt; abgesehen von den Familien zweier Oheime war er auf den Verkehr 
mit einigen Medizinern beschränkt, die aus seiner engereu Heimat stanmiten 
and mit denen er im Gasthaus regelmäßig zusammentraf. Als er jedoch 
seine Wohnung in die Nähe der Universität verlegte, fand er leichter einen 
ihm zusagenden und geistig anregenden Umgang; er wurde Mitglied einer 
Tafelrunde von Studenten, die teilweise ähnlichen Zielen zustrebten wie er 
selbst and die alle in gleicher Weise von jugendlichem Idealismus erfüllt 
waren. Viele fröhliche und lehrreiche Stunden verlebte Richter in der Ge- 
sellschaft dieser Freunde, unter denen sich auch seine späteren Grazer Kollegen 
J. Loserth und A. E. Schönbach befanden. 

Lidessen, so gut die ersten vier Semester angewendet waren — noch 
immer wartete der junge Student auf jene „Erleuchtung^', die jedem zu Teil 
wird, der sich einer Wissenschaft ganz ergeben hat und den Ehrgeiz besitzt, 
ein erfolgreicher Mitarbeiter auf ihrem Gebiete zu werden; er muß den Weg 
klar vor sich sehen, den er beschreiten soll, er muß die Stelle ahnen, wo 
der Schatz begraben liegt, den zu heben gerade er berufen ist! 



126 Georg A. Lukas: 

Für Richter kam dieser große Augenblick mit dem Beginn des dritten 
Studienjahres; da wurde ihm die Bahn gewiesen, der er bis an sein Lebens- 
ende treu blieb, durch drei bedeutsame Ereignisse. Deren erstes w^ sein 
Eintritt in die akademische Burschenschaft „Silesia^', der einige Mitglieder 
seiner Tafelrunde bereits angehörten. Nationale Begeisterung, wie sie schon 
damals trotz 1866 in den akademischen Kreisen Österreichs herrschend war, 
die durch Bismarcks Politik ihrer Lösung entgegengehende deutsche Frage 
und zunächst wohl auch die Freude am „Gouleurleben^^ führten ihn in die 
Reihen der Burschenschaft. Ihre politischen Anschauungen behielten auf seinen 
eigenen Standpunkt maßgebenden Einfluß, wenngleich der reife Mann in 
manchen Dingen anders dachte als der feurige Jüngling. Das Literesse an 
politischen und besonders an nationalen Vorgängen, das ihm ja schon durch 
seine Wissenschaften nahe gerückt war, wahrte er unvermindert; doch suchte 
er keinen Anlaß, auf diesem Gebiete hervorzutreten; als er während seines 
Bektorat^'ahres dem steiermärkischen Landtage angehörte, schloß er sich der 
deutschen Volkspartei an. 

Für seine wissenschaftliche Entwicklung war am wertvollsten die Be- 
kanntschaft mit dem Historiker Theodor vonSickel, der von nun an Richters 
einflußreichster Lehrer und maßgebendes Vorbild sein sollte; er konnte die 
Aufnahme in das k. k. Institut für österreichische Geschichtsforschung^) er- 
wirken, deshalb strebte man mit großem Eifer des Meisters Zufriedenheit zu 
erlangen. Streng waren seine Anforderungen, bestimmt und zielbewußt 
seine Arbeitsmethode; das machte auf alle Schüler großen Eindruck, auch 
wenn sie — wie Richter — dem Formalen der Urkunden, auf das Sickel 
den größten Wert legte, weniger Interesse entgegenbrachten als dem Rechts- 
inhalt und gewissen sachlichen Mitteilungen, z. B. den unverständlichen Orts- 
namen. Nach einem Jahre wurde Richter als ordentliches Mitglied in das 
genannte Institut aufgenommen; es galt hier besonders historische Hilfs- 
wissenschaften zu betreiben zum Zwecke sachgemäßer Bearbeitung der Ottoni- 
schen Urkunden, die eben für die „Monumenta Germaniae" druckfertig ge- 
macht werden sollten. Den Mitgliedern stand eine unbeschränkte Benutzung 
der Universitätsbibliothek frei. Trotz ablenkender und aufregender Erlebnisse 
im Frühling und Sommer 1870 (durch das zehnjährige Stiftungsfest der 
„Silesia^^ den deutsch -französischen Krieg und eine schwere Erkrankung der 
Mutter) konnte Richter im Oktober dieses Jahres eine sehr gute Lehramts- 
prüfung ablegen. Im nächsten Jahre (1870/71) bereitete er sich auf die 
Institutsprüfung vor, für die eine Art Dissertation über ein frei gewähltes 
Thema einzureichen war. Er machte, ganz unbeeinflußt durch Sickel, die 
österreichischen Besitzungen des Bistums Freising zum Gegenstand einer 
historisch -geographischen Untersuchung, die den Beifall der Examinatoren 
fand. Einer, Prof. Jäger, forderte den Kandidaten auf, sich für österreichische 
Geschichte zu habilitieren; doch waren die Aussichten für dieses Fach damals 
nicht günstig, und Sickel, dessen Hilfe entscheidend gewesen wäre, verhielt 

1) Vgl. die Festschrift zur Feier seines 50jährigen Bestandes, verfaßt von 
E. V. Ottenthai. Wien 1904. 



Eduard Richter. 127 

sich kühl und ablehnend. So wurde nichts daraus: Richter unterließ es des- 
halb auch, sich um das Doktorat zu bewerben. Er wandte sich der be- 
scheideneren, jedoch sicheren Laufbahn eines Gymnasiallehrers zu. 

Daß er sich leicht dazu entschloß, war zum großen Teil eine Folge 
des dritten Ereignisses am Beginn des fünften Semesters: zu „Silesia^^ und 
Sickel war auch Friedrich Simonj getreten. Im Herbst 1868 begann 
Richter die Vorträge dieses Altmeisters der geographischen Forschung zu 
hören; doch Simonj las gerade über mathematische Geographie, der manche 
keinen Geschmack abgewinnen konnten; im geographischen Seminar wurde 
fast nur gezeichnet. Naturwissenschaftliche Belehrung hier zu suchen, kam 
Richter gar nicht in den Sinn; zunächst fand er sie auch nicht Da wagte 
er im Sommer 1869 seine ersten Hochgebirgstouren, die ihn bis in die Eis" 
regionen der ötztaler und Ortler -Gruppe, sowie in das Felsenlab jrinth der 
Dolomiten führten. Als nun im folgenden Herbst Simonj über die Alpen 
vortrug, ergab sich leicht eine Anknüpfung, die dem Schüler dui*ch das über- 
aus liebenswürdige und wohlwollende Wesen des Lehrers sehr erleichtert 
wurde. Bald war Richter auch in dessen Familie wie zu Hause und unter- 
nahm keinen wichtigeren Schritt, ohne den Rat des väterlichen Freundes zu 
hören. Simonj ebnete ihm den Eintritt ins Lehramt, wohnte seiner ersten 
Lebrstunde im Realgjmnasium auf der Landstraße in Wien bei und empfahl 
ihn nach Ablauf des Probejahres für einen Posten an der Wiener Handels- 
akademie, aus dem allerdings nichts wurde; doch bot sich ein Ersatz 
hierfür am Staatsgjmnasium in Salzburg. Simonj riet, die Stelle anzunehmen ; 
wenige Stunden später — am 30. September 1871 — war Richter bereits 
auf dem Wege dahin. 

Selten hat der Wohnort auf die Lebensarbeit eines Forschers derart 
nachhaltig eingeydrkt, wie Salzburg auf Richters Sinnen und Denken. Den 
Historiker mußte der althistorische Boden des Erzstiftes zur Versenkung 
in die reiche Geschichte des Landes und der Stadt auffordern; in gleicher 
Weise beeinflußte ihn auch ein Kreis edler Freunde, in dem der junge, kaum 
24jährige Gjmnasiallehrer allsogleich herzliche Aufnahme fand. Die Ver- 
pflichtungen des Berufes jedoch und die herrliche Bergwelt, die durch das 
obere Salzachtal erschlossen wird, machten ihn zum Geographen; zeit- 
lebens blieben für ihn die Richtungen gelehrter Arbeit, in die er damals 
eintrat, bestimmend, sie haben seinen Ruhm im eigentlichen Sinne des Wortes 
begründet. 

Gleichwohl darf nicht verschwiegen werden, daß sich Richter in spä- 
teren Jahren öfter den Vorwurf machte, er habe die Beziehungen zur Residenz 
imd besonders zur Universität durch seinen raschen Entschluß zu leichtfertig 
abgebrochen und sich so die akademische Laufbahn, der er im Grunde seines 
Herzens immer zustrebte, unnötig erschwert. Aber, wenn dies auch in ge- 
wisser Hinsicht zutreffen mochte, er vergaß doch selbst nicht die Gründe 
namhaft zu machen, die fOr seine Übersiedlung nach Salzburg sprachen; es 
waren deren so viele und so schwerwiegende, daß er auch als gereifter Mann 
nach Jahrzehnten zugeben mußte, er würde, wenn ihm wieder die Entschei- 
dung anheimgestellt sei, nicht andei*s handeln können als damals. Vor allem 



128 Georg A. Lukas: 

fesselte ihn nach Abschluß seiner Stadien nichts mehr so recht an Wien und 
die alte Heimat; die hatte übrigens durch den kurz vorher erfolgten Tod 
seiner guten Mutter, die im Sommer 1871 im Alter von 57 Jahren gestorben 
war, zu bestehen aufgehört. Mit zärtlicher Sorgfalt hatte sie den Lebens- 
gang des Sohnes aus der Feme behütet, ohne doch auf seine Entschließungen 
Einfluß zu nehmen; sie sah wohl, daß er ernst und selbstftndig genug sei, 
um seinen eigenen Weg zu gehen, und daß dies kein falscher sein konnte, 
schien ihr völlig sicher. In Wien wäre es hauptsächlich die Universität ge- 
wesen, die Richter hätte festhalten können; da aber die' Aussichten auf eine 
HabilitieruDg so ungünstig als möglich standen, so fiel dieser Qrund eben- 
falls hinweg, zumal Simony versprochen hatte, für seine Rückberufung ge- 
legentlich sorgen zu wollen. Er empfand vielmehr das Verlangen, der Groß- 
stadt-Atmosphäre, die bei ununterbrochener Einwirkung auch eine Art Philister- 
tum zeitigt, wenigstens für einige Jahre zu entrinnen. Und wohin hätte 
er sich lieber gewendet als nach Salzburg? Im Sommer 1871 hatte er nach 
glücklich beendeter Studienzeit die Hohen Tauem kreuz und quer durchstreifk, 
hatte die meisten ihrer Hochgipfel bezwungen und sich an der Erhabenheit 
der Bergwelt förmlich berauscht. Dabei war er mit hervorragenden Alpi- 
nisten in Berührung gekommen, hatte mit dem bekannten Alpenfreunde Jo- 
hann Stüdl (aus Prag) eine Reihe von Hochtouren gemacht, darunter auch 
eine Erstersteigung (der Schlieferspitze), und war durch seine treffliche, aus 
dem Stegreif gehaltene Rede anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel für 
Karl Hofmann bereits zu einem gewissen Rufe gelangt. Mit Stüdl hatte er 
dann die Generalversammlung des Deutschen Alpenvereins zu Salzburg be- 
sucht und war von dem neugewonnenen Freunde in die Familie v. Frey ein- 
geführt worden, mit der weiter in nahem Verkehr zu bleiben sein lebhafte- 
ster Wimsch sein mußte: machte er doch wenige Monate später die Tochter 
des Hauses zu seiner geliebten Gattin. 

Daß er unter solchen Umständen gern nach Salzburg ging, wo er seinen 
Bergen nahe sein konnte, wo ihm das schönste Glück winkte, erscheint wohl 
begreiflich. Aber auch die Stelle am Gymnasium, in dessen Verband er nun 
eintrat, konnte ihn durchaus befriedigen; fand er doch Vorgesetzte, die seinem 
wissenschaftlichen Streben volles Verständnis entgegenbrachten und ihm seine 
dienstlichen Verpflichtungen erleichterten, soviel in ihrer Macht stand. 
Dies galt besonders von dem auch als Geograph bekannten Direktor Dr. Her- 
mann Pick. 

Die Frage war jetzt, nachdem sich alles so glücklich gefügt, welche 
wissenschaftliche Richtung eingeschlagen werden solle; Richter hat sich später 
selbst deshalb getadelt, daß er nicht von Anfang an jenen historisch -geo- 
graphischen Themen treu geblieben sei, denen er mit seiner gelungenen In- 
stitutsarbeit über die Freisinger Besitzungen näher getreten war. Indeß sah 
er sich schon durch sein Lehramt genötigt, auch andere Probleme ins Ange 
zu fassen. Er schien dem Direktor der geeignete Mann, den Geographie- 
Unterricht an der ganzen Anstalt zu übemehnien; dieser Aufgabe glaubte 
sich jedoch der junge Historiker nicht gewachsen. Er war eben ein Jünger 
der Geschichtswissenschaft geblieben — trotz Simony — und hatte mit der 



Eduard Richter. 129 

Erdkunde, wie sie dieser vortrug, nur durch die Alpen Fühlung gewonnen« 
Da galt es nun, all das nachzuholen, was auf der Universität versäumt 
worden war, besonders die grundlegenden Kapitel der physischen Geo- 
graphie. Bald nahm der Gegenstand sein Interesse ganz gefangen, nament- 
lich soweit er das Hochgebirge damit in Beziehung setzen konnte. Im zweiten 
Jahre seines Salzburger Aufenthalts vermochte er bereits produktiv aufzu- 
treten: er verfaßte zum 23. Jahresbericht seiner Anstalt (1873) eine Ab- 
liandlung, betitelt: „Das Gletscherphänomen'^, worin versucht war, das 
damalige Wissen von den Gletschern zusammenfassend darzustellen. Es ist 
Richters erste im Druck erschienene Arbeit von rein wissenschaftlichem 
Charakter; sie gab den Ton an, auf welchen seine gesamte Tätigkeit vor- 
wiegend gestimmt bleiben sollte.^) 

Durch das „Gletscherphänomen^^ und touristische Aufsätze, die seit 1872 
tn der Zeitschrift des D. u. Ö. Alpenvereins erschienen, wurde der junge 
Salzburger Oynmasiallehrer in kurzer Zeit eine in alpinen Kreisen bekannte 
Persönlichkeit, die rasch in den Vordergrund trat. Noch in späteren Jahren 
tat sich Richter gern etwas darauf zu Gute, daß er auch einmal ein „be- 
rühmter Bergsteiger*' gewesen sei. Diesen Ruhm verdankte er freilich zum 
Teil dem großen Unglück, das ihn durch den Tod seiner jungen Gattin nach 
kaum einjähriger glücklichster Ehe getroffen hatte; in den Bergen suchte und 
fond er die Ruhe des Herzens wieder. Aber auch jetzt blieb er mit Salz- 
burg eng verbunden, umsomehr, als ihm dort aus einer zweiten Ehe neues 
Glück erblühte; die freudigen und traurigen Erlebnisse, die Arbeiten des 
Berufs und der Muße, der Freundeskreis und die stets wachsende Last von 
Verpflichtungen, die er sich — nicht immer freiwillig — aufbürden ließ, 
alles trug doch dazu bei, daß er nach seinen Interessen und nach seiner Ge- 
sinnung vollständig zum Salzburger wurde und an eine Rückkehr nach Wien 
kaum noch dachte. 

Obwohl ihn schon sein Lehramt ziemlich stark in Anspruch nahm und 
ar seinen dienstlichen Verpflichtungen mit großer Gewissenhaftigkeit nachzu- 
Icommen strebte, mußte er seine leistungsfllhige Kraft, die in der kleinen 
Stadt nicht lange verborgen bleiben konnte, bald den verschiedensten Vereinen 
und Instituten zur Verfügung stellen. So wurde er Mitglied der Prüfungs- 
kommission für Volks- und Bürgerschullehrer, Ausschußmitglied der Gesell- 
schaft für Salzburger Landeskunde, deren „Mitteilungen^^ er 1876 — 1883 
redigierte, femer Mitglied der Museumsverwaltung und im Ausschuß der 
Alpenvereins- Sektion Salzburg zuerst Schriftführer, dann durch mehrere Jahre 
Vorstand. 

In den „Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde'^ und 
an anderer Stelle erschienen bis 1881 zahlreiche größere und kleinere Arbeiten 
meist zur Landesgeschichte der Provinz bis zurück in die prähistorische Zeit; 
ein näheres Eingehen auf diese rein geschichtlichen Arbeiten müßte aus dem 

1) Als überhaupt erste im Druck erschienene Arbeit Richters ist eine in der 
„Z. f. d. Osteir. Gymnasien*^ 1871 veröffentlichte Rezeneion über Jos. Zahns „Codex 
diplomaticuB Aus^aco-Frisingensis* zu nennen, ein Werk, welches er bei der oben 
erwähnten Institutsarbeit über die Freisinger Besitzungen vorzugsweise benutzt hatte. 



130 Georg A. Lakas: 

Bahmen dieses Nachrufes fallen.^) Wohl aber ist der historisch-geographi- 
schen Studien Richters zu gedenken, die von 1875 an 10 Jahre lang 
ohne Unterbrechung mit seinen Oletscherforschungen parallel laufen und 
denen er einen der größten wissenschaftlichen Erfolge seines Lebens ver- 
dankte. Einerseits waren ihm diese Probleme durch die Arbeiten in Sickels 
Seminar und im Institut fOr österreichische Geschichtsforschung noch 
in frischer Erinnerung, anderseits veranlaßte ihn seine Lehrtätigkeit am 
Gymnasium, über die historische Erdkunde und ihre Stellung im Unterrichts- 
betrieb nachzudenken. Hieraas entstand ein 1877 veröffentlichter Programm- 
aufsatz, jene Erinnerungen aber fährten ihn darauf, fELr das Salzburger Erz- 
bistum dieselbe Arbeit zu leisten wie damals för Freising. Daß Vorarbeiten, 
auf diesem Gebiete fast gänzlich fehlten, ja überhaupt der methodische Weg 
erst zu finden war, machte ihm den Gegenstand nur noch reizvoller; und als 
er 1885 mit einer umfangreichen Abhandlung über „die historische Geo- 
graphie des Erzstiftes und seiner territorialen Besitzungen^* hervor- 
trat, war nicht bloß die gestellte Aufgabe für Salzburg gelöst, sondern auch 
der Weg gezeigt, wie die Kartographie des Mittelalters zur Aufhellung dunkler 
Epochen beizutragen vermöchte. 

Gegenüber diesen mehr geschichtlichen Interessen bildete der Alpen - 
verein durch seine der Bergwelt gewidmete Tätigkeit in Richters Arbeit 
das entsprechende naturwissenschaftliche Gegengewicht; und die Ehrenämtert 
die er im Vorstand der Sektion Salzburg bekleidete, trugen zur Ausbildung 
seines oft bewunderten organisatorischen Geschickes sehr wesentlich bei. 

In noch weit höherem Maße dankte er dies aber dem Ehrenamt, das 
ihm 1883 zufiel: er wurde damals zum Zentralpräsidenten des D. u. ö. 
Alpenvereins gewählt. Als solcher erwarb er sich unvergängliche Verdienste 
einerseits durch die Ausgestaltung der Vereinspublikationen, denen er nach 
Möglichkeit wissenschaftlichen Wert zu geben suchte, anderseits durch die Vor- 
bereitung der meteorologischen Station auf dem Sonnblick, die Anregung zu 
ausgedehnteren Gletschervermessungen, die Mappierung des Berchtesgadener 
Landes und mancherlei gemeinnützige Unternehmungen. In jeder Hinsicht be- 
deutete die Zeit, als Salzburg Vorort war, einen Höhepunkt in der Geschichte des 
Alpenvereins. Daß aber der noch nicht 36jährige Gymnasialprofessor durch 
allgemeines Vertrauen an die Spitze des Gesamtvereins berufen wurde, er- 
klärt sich nicht sowohl aus seiner persönlichen Eignung für diesen ehren- 
vollen Posten, sondern mehr noch aus dem wissenschaftlichen Ansehen, das 
er sich als Alpenforscher während der unmittelbar vorangegangenen Jahre zu 
erwerben verstanden hatte. 

Es handelt sich hierbei wieder um jene Arbeiten, an die man eigent- 
lich zuerst denkt, wenn man Richters Namen nennen hört: um die Gletscher- 
forschung, die er seit 1873 nicht mehr aus den Augen ließ. Im Jahre 1879 
war er in der Schweiz gewesen, um den internationalen alpinen Kongreß zu 

1) Ein voUständigeB Verzeichnis der gedruckten Schriften Richters versuchte 
ich zu geben in der Programmabhandlung ,,Eduard Richter. Sein Leben und 
seine Arbeit.*^ Beilage zum 33. Jahresbericht der k. k. Staats -Oberrealschale in 
Graz, 1905. 



Edaard Richter. 131 

Genf (l. XL 2. Aug.) zu besuchen; dieser und die damit verbundene Schweizer 
Beise brachte ihn auf einen Gedanken, der ihm noch größeren Erfolg beschied 
als jener methodische Fond in der historischen Geographie. 

Er konnte im Ghamonix- und Zermatt -Tal nicht bloß seine Kenntnis 
der Gletscherwelt in erwünschter Weise bereichem, er fand auch Gelegen- 
heit, auf der Furka die Arbeiten der eben begonnenen Bhönegletscher-Ver- 
loessung zu besichtigen. Nach dem langjährigen Bückgang der alpinen Eis- 
ströme stand eben ydeder ein Vorstoß zu erwarten; jede in dieser Zeit vor- 
genommene genaue Untersuchung mußte daher hohen Wert erlangen. Richter 
faßte den Plan, nach dem Beispiele der Schweizer bes. A. Favres für einige 
Gletscher der Ost-Alpen auf eigene Faust etwas Ähnliches zu versuchen. Nach 
Hause zurückgekehrt, ließ er sich im Winter auf 1880 von einem ehemaligen 
Mappierungsoffizier in die Feldmeßkunst einführen, und als der Sommer kam, 
zog er fCbr längere Zeit in die Hochregionen der Tauem hinauf, um den 
Karlinger- und Obersulzbach-Gletscher zu vermessen. Die auf solche Weise 
entstandenen wissenschaftlichen Abhandlungen und Karten erschienen sämt- 
lich in den Publikationen des D. u. 0. Alpenvereins und hoben deren ohne- 
hin schon bedeutenden Wert nicht minder, als der Ruf des Verfassers hier- 
durch gewann. 

Zum Zwecke seiner Gletscherstudien hatte Richter seit dem Beginn der 
siebziger Jahre die sonmierlichen Reisen und Bergwanderungen fast aus- 
schließlich auf die Alpen beschränkt, die er denn auch bis zum Mont Blanc 
und Gran Paradiso auf das gründlichste kennen lernte; es gibt wenige Grup- 
pen, die sein Fuß zwischen 1871 und 1885 nicht betreten hätte, und schier 
zahllos ist die Menge der Gipfel, die er erstieg. Selten fehlte er in dieser 
Zeit auf den Generalversammlungen des Alpenvereins und auf den Geographen- 
tagen, die ihm viele persönliche Freunde verschafften; auch hatten die vielen 
Vorträge, die er bei diesen und andern Gelegenheiten hielt, vor allem aber 
seine z. T. bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiete der historischen und 
der physischen Erdkunde die wissenschaftliche Bedeutung des nun 38jährigen 
Gelehrten über das gewöhnliche Maß hinausgehoben. 

Noch immer jedoch oblag ihm eine Lehrverpflichtung, die er trotz 
gern gewährter Erleichterungen als drückend empfand; zu enge war der 
Kreis geworden, in den Schicksal und Beruf den jungen Mann vor 14 Jahren 
hineingestellt hatten. Wieder lebte die Sehnsucht nach der akademischen 
Laufbahn auf, und auch von anderer Seite, wie z. B. von dem wohlgesinnten 
Landesschulinspektor E. Schwammel, wurde er in diesen Hoffnungen be- 
stärkt. Der bevorstehende Rücktritt Simonys, der 1885 die vom öster- 
reichischen Gesetz vorgesehene Altersgrenze erreicht hatte, mußte zur Neu- 
besetzung einiger Lehrkanzeln Anlaß geben. Auf Sickels und Simonys Rat 
holte er deshalb im Juli desselben Jahres den 1871 versäumten Doktor nach 
und im Spätherbst befand er sich im Vorschlage für das durch Tomasche ks 
Abgang nach Wien erledigte geographische Ordinariat an der Universität 
Chraz; am 6. Februar 1886 erfolgte seine Ernennung. 

Die letzte Unterrichtsstunde, die Richter am Salzburger Gymnasium 
hielt, fiel auf den 28. Februar, die erste Vorlesung an der Grazer Universität 



132 Georg A. Lukas: 

auf den 8. Mai. In den folgenden Monaten t)eschäftigte ihn die Zusammen- 
stellung des Materials für die Kollegien und auch sonst gab es manches 
vorzubereiten, wenn er sein akademisches Lehramt mit Erfolg versehen wollte; 
denn äußerlich war die geographische Lehrkanzel in Graz damals etwas ärm- 
lich ausgestattet, ein Zustand, den er sofort zu bessern trachtete, um die 
Einführung Richters in seinen neuen Wirkimgskreis hat sich niemand größere 
Verdienste erworben, als sein Freund Prof. A. E. Schönbach, der ihm mit 
Bat und Tat an die Hand ging und auch später in treuer Freundschaft er- 
geben blieb. 

Diese Arbeiten, namentlich die Abfassung der Yorlesungshefte, auf die 
Richter stets größte Sorgfalt verwendete, machen es begreiflich, wenn 1886 
keine nennenswerte Publikation aus seiner Feder im Druck erschien. Es 
mußte überdies erst eine Entscheidung getroffen werden, auf welchem Gebiete 
sich seine gesteigerte Schaffenskraft zunächst betätigen sollte. 

Seit Ferdinand V. Richthofe ns Progranmirede galt geologische Kenntnis 
als ein unerläßlicher Bestandteil geographischen Wissens; in erster Linie erwuchs 
den akademischen Vertretern des Faches die Pflicht, die naturwissenschaft- 
liche Seite der Erdkunde ganz besonders im Auge zu behalten. Für Bichter 
war dies trotz seiner „historischen" Vergangenheit nicht allzu schwer, da er 
an Naturbeobachtung gewöhnt und mit einem der kompliziertesten Grebiete 
unseres Kontinents, den Alpen, hinreichend vertraut war. Seine produktive 
Tätigkeit aber setzte naturgemäß da ein, wo sie an frühere erfolggekrönte 
Leistungen anknüpfen konnte: bei den „Gletschern der Ost- Alpen". Das so 
betitelte Buch (1888), dessen Anfänge in die Salzburger Zeit zurückreichen, 
zählt zu den Hauptwerken der Glazialliteratur und ließ den Autor fortan 
als den eigentlichen Vertreter der Gletscherkunde in Österreich erscheinen. 

Als Richter seine Gletscherstudien damit zu einem gewissen Abschluß 
gebracht hatte, brauchte er nach neuen Aufgaben nicht lange zu suchen. 
Ein eben ausgearbeitetes Kolleg über Ozeanographie und ein Sonuneraufent- 
halt am Wörthersee 1889 boten die Veranlassung, daß er sich nunmehr den 
Seebecken der Alpenländer zuwandte. Noch war jener erste Ein- 
druck nicht verblaßt, den der neunjährige Knabe am Leopoldsteiner See 
empfangen hatte; das Verlangen, auch diesem herrlichen Schmuck unserer 
Bergwelt wissenschaftlich nahe zu kommen, sollte jetzt gestillt werden. Die 
mit Temperaturbeobachtung und Tiefenmessung verbundene Arbeit war so 
recht nach seinem Geschmack; konnte er doch tagelang uDunterbrochen in 
der freien Natur weilen und sich an den prächtigen Bildern, die unsere Seen 
zu allen Zeiten bieten, erheben und erquicken. Es waltete auch ein glück- 
licher Stern über seinen Seestudien, die ihn von 1889 bis 1894 vorzugs- 
weise beschäftigten: er konnte die einschlägigen Forschungen zimi gewünsch- 
ten Ende führen, es gelang ihm eine befriedigende Lösung wichtigster 
Probleme zu finden und die Wissenschaft in dieser Richtung erheblich zu 
bereichem. Hier boten ihm die Untersuchungen seines Freundes F. A. Forel 
(in Morges) an Schweizer Seen maßgebende Anregung, namentlich für 
Temperaturbeobachtungen; bei den Lotungen mußte er sich aber seinen 
eignen Weg suchen. Was er in beiden Richtungen fand, ist in zwei größeren 



Eduard Richter. 133 

Publikationeir niedergelegt: im „Seenatlas^* und den dazu gehörigen „See- 
studien^. 

Hatte Richter unsere Kenntnis des Hochgebirges zunächst durch seine 
Oletscherforschungen, dann durch die Seestudien gefördert, und war er hier- 
bei, wenngleich ohne vorgefaßte Absicht, in den Bahnen seines Lehrers 
Simonj gewandelt, so trat er im letzten Dezennium seines Lebens der 
Alpenwelt noch von einer dritten Seite wissenschaftlich näher ^ wofür der 
Einfluß seines jüngeren Freundes Albrecht Penck und der rasche Auf- 
schwung der morphologischen Richtung in der Geographie bestimmend 
waren; auch die seit 1891 eingeführten „Schülerreisen^' forderten eine ein- 
gehendere Beschäftigung mit dem Formenschatz der Erdoberfläche. Unmittel- 
bare Anregung empfing Richter gelegentlich eines Ausfluges ins Riesengebirge 
(1893) unter Partschs Führung, er kehrte mit der Absicht heim, auf die 
Kare und Hochseen sein Augenmerk zu richten. Sollten diese Arbeiten jedoch 
ToUen Wert erlangen, so mußten sie über die Alpen hinaus ausgedehnt werden, 
wenngleich die „geomorphologischen Untersuchungen in den Hoch- 
alpe n^ das eigentliche Arbeitsthema blieben; mit dieser 1900 erschienenen 
Abhandlung konnte Richter auch seine morphologischen Forschungen ab- 
schließen. 

Die neue Arbeitsrichtung hatte ihn zum Besuche gar mancher, ihm bis- 
her unbekannter Teile Europas veranlaßt. Seine Reisen waren seit 1886 
in Folge jener willkommenen Änderung der äußeren Verhältnisse überhaupt 
weit zahlreicher und ausgedehnter geworden; nun dienten sie auch solchen 
Zielen, die nicht auf die Alpen beschränkt blieben. Er hatte 1888 die 
Biviera, 1889 Nordwest-Deutschland besucht; die Osterzeit entführte ihn fast 
alljährlich nach dem Süden, meist ins österreichische Litorale und nach 
Dalmatien, 1892 aber kam er bis Rom und Neapel, 1893 bis Florenz. Die 
sommerlichen Bergtouren in den Alpen wurden womöglich noch vermehrt 
und erstreckten sich auch auf abgelegenere Gruppen. Seit er nun den Karen 
und Hochseen nachspürte, traten auch andere Gebirge in den Kreis seiner 
wissenschaftlichen Interessen: 1893 das Riesengebirge, 1895 die skandinavi- 
schen Hochgebirge, 1896 Schwarzwald und Vogesen, 1897 das iUjrische Ge- 
birgsland, 1901 die Tatra. Besonders die von der kaiserlichen Akademie 
der Wissenschaften zu Wien unterstützte Reise nach Norwegen war die Stu- 
dienfahrt, deren sich Richter trotz der aiißerordentlichen Ungunst des Wet- 
ters am liebsten erinnerte; stand er doch damals auf dem Gipfel seiner 
Leistungsfähigkeit: weder vor- noch nachher vermochte er einer anderen Reise 
ähnlich reiche Ergebnisse abzugewinnen. Neben den geomorphologischen Be- 
obachtungen, die den eigentlichen Reisezweck bildeten und in mehreren 
trefflichen Arbeiten niedergelegt worden, empfingen die Gletscherforschung 
wie auch die darstellende Länderkunde eine wertvolle Bereicherung. 

Indessen hatte Richter auch zu Arbeiten anderer Art Zeit gefunden. 
1893 entstand sein „Lehrbuch der Geographie", 1894 gelangte unter seiner 
Redaktion das große, vom Alpen verein herausgegebene Werk: „Die Erschließung 
der Ostalpen^ zum Abschluß. Von 1894 — 97 stand er als zweiter Präsident 
neuerlich an der Spitze des Gesamtvereins und verwendete seinen Einfluß 



134 Georg A. Lukas: Ednard Bichter. 

haupts&chlich im Interesse der Gletscherforschung, die er 1891 und 1892 
durch historisch -geographische Arbeiten über die Schwankungen der Alpen- 
gletscher mächtig zu fördern wnBte. In gleichem Sinne wirkte er als Mitglied 
imd später als Präsident der „Internationalen Gletscherkommission". Das Leben 
des Gelehrten stand jetzt in dem Maße im Dienste seiner Arbeit, daß eine 
Schilderung des ersteren nicht viel anderes bieten könnte als eine Dar- 
stellung der letzteren, die im folgenden Abschnitt versucht sein soll. 

Mannigfache Beweise der Wertschätzung, deren er sich in allen Kreisen 
erfreute, waren ihm ein schöner Lohn seiner rastlosen Tätigkeit. 1889 wurde 
er zum Dekan der philosophischen Fakultät, 1899 zum Rektor der „Univer- 
sitas Carola-Francisca" gewählt; der „historische Atlas der Alpenländer*^ führte 
ihn 1900 in die Reihen der korrespondierenden, 1902 der wirklichen Mit- 
glieder der Wiener Akademie der Wissenschaften, und 1903 wurde er zum 
k. k. Hofrat ernannt. Zahlreiche angesehene Vereine und gelehrte Körper- 
schaften zählten ihn zu ihrem Ehrenmitglied, in den Alpen und selbst in 
überseeischen Gebirgen wurde sein Name verevdgt. Diese vielfache Aner- 
kennung erfüllte ihn mit Freude und Stolz und befriedigte ihn so vollkommen, 
daß er gar nicht daran dachte, seine Stellung auch äußerlich zu verbessern: 
zweimal schlug er einen Ruf an die Wiener Universität aus. 

Nur eine Gunst sollte ihm das Schicksal noch gewähren: sein Lebenswerk 
zu vollenden. Aber gerade diesen höchsten Wunsch versagte es ihm und 
raubte ihm die Freude, die er allein noch begehrte. 

Es muß schon lebhaft beklagt werden, daß Richter nicht mehr Gelegen- 
heit fand, seine letzten Reisen nach Rußland (1897), Frankreich, Belgien 
und Holland (1900), Sizilien, Tunis, Algier (1903), nach Griechenland und in 
die Türkei (1904) zumindest für die Landschaftsschilderung auszuwerten. Aber 
noch schmerzlicher war es ihm, daß er die drei Hauptwerke, die seine Arbeit 
krönen und abschließen sollten^ eines nach dem andern vor der Zeit aufgeben 
mußte: zuerst seine „Gletscherkunde^^, die zweite Auflage des He im sehen 
Handbuches; dann auch die „Landeskunde von Bosnien^' und den „historischen 
Atlas". An diesen beiden Werken arbeitete er fast bis zu seiner letzten 
Stunde mit fieberhafter Hast*), und hier soll sein Mühen wenigstens nicht 
umsonst gewesen sein. 

Für Richters körperliches Befinden bildete seine Reiselust den besten 
Maßstab. Reisen bedeutete ihm recht eigentlich Leben und eine gewisse Ab- 
härtung und Widerstandsfähigkeit gegen die damit verbundenen Strapazen 
gehört ja (nach einem seiner scherzhaften Aussprüche) mit zur Geographie. 
Während er von jeder Fahrt neugestärkt an Leib und Seele zurückgekehrt 
war, vermochte er zuletzt nach schwerer Erkrankung in Konstantinopel (1904) 
kaum mehr die Heimat zu erreichen. Die Anstrengungen des Körpers, be- 
sonders die unzähligen Bergbesteigungen, die mit den oft ebenso großen Be- 
schwerden der Schreibtischarbeit abwechselten, hatten sein Herz so geschwächt, 



1) So schließt eine der aus E. Richters Nachlaß veröffentlichten Abhandlangen 
zum „histor. Atlas^' (,Jmmanität, Landeshoheit und Waldschenkungen^^) mit der 
Bemerkung: .^Meine schwere Erkrankung hindert mich leider, diese interessante 
Frage nach Wunsch weiter auszuführen. 31. Jänner 1906. Richter.*' 



Hans Heiderich: Yer&nderangen in der Bevölkerung usw. 135 

daß es nan den Dienst versagte und endlich — ti*otz einer scheinbar erfolg- 
reichen Nauheimer Knr — stillstand. Es war gerade der 6. Februar, genau 
19 Jahre nach der Ernennung Richters zum ordentl. Professor an der üni- 
Tersitftt Graz. (Fortsetzung folgt.) 



Yerändenuigeii in der BeySlkermig der Vereinigten Staaten yon 

Nordamerika. 

Von Hans Heiderioh. 

Der Amerikaner der Zukunft, — wie wird er aussehen und was wird 
er leisten? — so möchte man unwillkürlich fragen, wenn man die fast 
möchte man sagen t Sgl ich steigende Bedeutung des gewaltigen westlichen 
Staatswesens und die gegen früher bedeutend veränderten heutigen Ein- 
wanderungsverhftltnisse in Betracht zieht Wird der Yankee die dominierende 
Stellung, die er heute im gesamten wirtschaftlichen und kulturellen Leben 
der Union einninunt, behalten; — wird er die Seele, das Rückgrat des 
Staates bleiben oder wird er diesen Bang anderen sich erst in Zukunft ent- 
wickelnden und von ihm durchaus verschiedenen Volksindividualitäten abtreten? 
Wie aber werden diese neuen Typen des Amerikanismus beschaffen sein und 
welche Stellung werden sie der übrigen Welt, namentlich aber Europa 
gegenüber einnehmen? Fragen von gewaltiger Bedeutung, aber schwer oder 
vielmehr unmöglich schon heute befriedigend zu lösen; doch aber dürfte selbst 
ein unzulänglicher und skizzenhafter Versuch nach dieser Bichtung des 
Interesses nicht gänzlich entbehren und in Anbetracht der Wichtigkeit des 
Gegenstandes hoffentlich nicht unwillkommen sein. 

Ist der deutsche Volkscharakter gegenwärtig in Folge der verbesserten 
Verkehrsverhältnisse, der Freizügigkeit, der Zuwanderung fremder Volks- 
elemente, wie der veränderten Existenzbedingungen und der veränderten 
wirtschaftlichen Verhältnisse überhaupt in einer keineswegs unbedeutenden 
Umbildung begriffen, so ist dies beim amerikanischen Volke, in welchen 
Begriff wir alle in den Vereinigten Staaten befindlichen Volkselemente ein- 
schließen, in ungleich höherem Maße der Fall. Geographische Einflüsse 
sowohl wie auch die von Jahr zu Jahr in ihren Bestandteilen wechselnde 
Einwanderung wirken auf die amerikanische Bevölkerung ein, ihr stets neue 
und fremde Volkselemente hinzufügend und sie dadurch fortwährend ver- 
ändernd und umbildend. Wirken die klimatischen Einflüsse sowie die 
der Bodengestalt einesteils, dadurch daß sie die verschiedenen Bässen 
in landschaftlicher Begrenztheit in gleicher Weise umbilden und allmählich 
einen bestimmten Bevölkerungstyp hervorbringen oder der Bevölkerung 
eine Beihe von bestimmten gleichen Charakterzügen aufprägen, vereinheit- 
lichend und dadurch gleichsam rassebildend, so bedingen sie andererseits 
Differenzierungen, die heute noch nicht zum Abschliiß gelangt, ja in vielen 
Beziehtmgen durch den nomadischen Charakter der Bevölkerung vieler west- 
licher Distrikte kaum im Entstehen begriffen sind. Letzteres gilt namentlich 
von den differenzierenden Wirkimgen des Bodens und der Bodengestalt, 



186 Hans Heiderich: 

z. B. der scharfen Ansprftgung des Charakters der Gebirgsbevölkenmg wie in 
Oberbayem, Tirol usw., der Fischer- und Schifferbevölkerung usw.; ja nicht 
einmal der richtige Bauemtypus ist bis jetzt beim An glo- Amerikaner auch 
nur in seinen Anfängen zum Durchbruch gekommen; es gibt bis heute nur 
Farmer und das sind keine Bauern. Die starke physische Verschiedenheit 
des fahlen Yankee und des dem Deutschen, Skandinavier u. a. fthnelnden 
und wie jene mit blühender, rosiger Gesichtsfarbe behafteten Kalifomiers IftBt 
dagegen die Wirkungen des Klimas aufs drastischste hervortreten. In 
der Osthälfte der Vereinigten Staaten sind die Unterschiede zwischen Nord 
und Süd schon so scharf pointiert, daß der bisherige Entwicklungsgang eine 
weitere Verschärfung der Verschiedenheiten mit Sicherheit voraussetzen läßt 
Hinzu tritt auch hier als ein die Differenzierung beförderndes Moment die Ab- 
stammung („Kavalier" im Süden und „Rundkopf" im Norden) *). Ohne Zweifel 
aber steht fest, daß sich ein neuer Rasse -Typ, eine neue Spielart des 
Angelsachsentums, der sogenannte Yankeetypus in den Vereinigten Staaten 
und zwar in den Neuengland-Staaten gebildet hat. Ein Typ, in dessen Äußerm 
viele Gelehrte, ob mit Recht oder Unrecht sei dahingestellt, eine allmähliche 
Anpassung an den Indianertypus bemerken wollen. 

Weitere Veränderungen werden bedingt durch die sich größtenteils wieder 
aus geographischen Gründen ergebende veränderte Lebensweise und durch die 
schon erwähnte so stark in ihren Rassenbestandteilen veränderte Einwanderung. 
Den Amerikanern selbst, die ihre Einwanderung mit scharfem Auge 
beobachten, erscheint sie in Folge der in neuerer Zeit veränderten Ergebnisse 
der Einschränkung bedürftig. Eine ganze R^ihe von erschwerenden Bestim- 
mungen sind in den letzten Jahren nach dieser Richtung hin vom Stapel 
gelassen worden. 

Unsere Stammverwandten jenseits des Ozeans sind mit großen Glücks- 
gütem gesegnet, aber auch bei ihnen fehlen die Schattenseiten nicht. Die 
Neger im Black Belt bilden einen Pfahl im Fleische der Union, der in seinen 
späteren, ja schon den gegenwärtigen Wirkungen seinesgleichen in keinem 
europäischen Staate finden dürfte. Alle Gegensätze innerhalb der doch im 
Grunde genommen einheitlichen und weißen, der „kaukasischen Rasse'^ ange- 
hörigen, europäischen Nationen versinken in Nichts gegenüber diesem Ungeheuern 
Rassengegensatz. Mag sich der Neger politisch auch noch so sehr als 
Amerikaner fQhlen, dieser Gegensatz bleibt bestehen. Die Neger bilden schon 
heute das Problem der Vereinigten Staaten von Nordamerika. 

8 840 789 Neger und Mulatten standen 1900 den 66 990 802 Weißen 
gegenüber. Alle Hoffnungen auf ein Emporsteigen der schwarzen Rasse, ein 
Hinaufziehen zur Höhe der eigenen Kultur erwiesen sich als trügerisch. 
Im Gegenteil, die Mischlinge entfernten sich von den Weißen — seit der 
Negeremanzipation trat wenig weißes Blut hinzu — und sanken in die Un- 
kultur der Schwarzen zurück. Kein Wunder, denn die Beweggründe und 
Motive, die eine Vermischung der germanischen angelsächsischen Amerikaner 

1) Wir ziehen hier, also unter der Bezeichnung ,, Kavalier" und „Rundkopf'*, 
nur die englische Einwanderung in Betracht, vergleichen also nar die demselben 
Volke angehörigen Elemente. 



Ver&ndernngen in dex Bevölkerung dei Vereinigten Staaten nsw. 137 

mit den Farbigen irgend welcher Basse stark eingeschränkt oder überhaupt 
nicht zugelassen hatten, blieben unverkürzt in Geltung, und die Befreiung 
der Schwarzen vom Joche der Knechtschaft war und ist in sosdaler Hinsicht 
nichts als eine schöne Illusion. Der Schwarze blieb auch als freier Mann 
sozial ein untergeordnetes Glied des Staates — ganz abgesehen davon, daß 
er sich den Stürmen des freien Wettbewerbs keineswegs gewachsen zeigte. 
Sogar das ihm gesetzlich zustehende Wahlrecht wird in neuerer Zeit keines- 
wegs unparteiisch^ sondern offen zu seinen Ungunsten gehandhabt, ja in 
einzelnen Südstaaten durch die Aufstellung von Bildungsvoraussetzungen oder 
einen komplizierten Wahlmechanismus gänzlich ausgeschaltet. Jeder Misch-^ 
ling wurde und wird von der herrschenden Basse als nicht gleichberechtigt 
über die Achsel angesehen. Natürlich geht er dahin, wo er mehr geehrt 
und anerkannt wird, zu seinen schwarzen Stammesbrüdern. So verdichtete 
sich die Negerbevölkerung immer mehr in den Südstaaten der Union, im 
sogenannten Black Bdt^ und afrikanisierte diese. Denn von einem kulturellen 
Emporsteigen ist, einzelne der großen Masse gegenüber kaum ins Gewicht 
fallende Ausnahmen abgerechnet, keine Bede — eher das Gegenteil! Der 
Auüschwung des Südens aber wird schon heute dadurch gehindert, offene 
Bassenkämpfe werden sogar in letzter Zeit häufiger; und nach Vollendung 
des projektierten interozeanischen Kanals und der sich dann als notwendig 
erweisenden Begulierung des Mississippi wird man dieser Frage, die man 
jetzt trotz allen vorhandenen Interesses noch scheut wie der Gebrannte das 
Feuer, näher treten müssen. Mit welchem Erfolg, wird die Zeit lehren. 

Die gelbe Gefahr, die Überflutung mit mongolischen, chinesischen u. a^ 
Elementen, erwies sich bis jetzt als ungefährlicher, als man geglaubt hatte. 
Sie wurde mit Erfolg durch die seit 1879 dagegen erlassenen chinesischen 
Arbeitereinwanderungsgesetze zurückgedämmt. Es gibt jetzt nur noch 
119 050 Chinesen in den ganzen Vereinigten Staaten. Dagegen haben die 
Japaner zugenommen. Ihre Zahl beziffert sich auf 86 000. Auch hier kann 
also, wie das Anwachsen der Japaner zeigt, die Zukunft Änderungen bringen 
und ein stärkeres Herüberströmen gelber Volkselemente sehr wohl herbei- 
führen, zumal sich die japanfreundliche politische Haltung der Vereinigten 
Staaten, das Anwachsen Japans und die ungeheure Stärkung seines Prestiges 
in Ostasien kaum mit derartig scharfen Einwanderungsgesetzen, wie sie den 
Chinesen gegenüber angewandt werden konnten, den Japanern gegenüber ver- 
tragen würde. Ja die Chinesen selbst machen schon Front gegen eine 
differenzierte Behandlung: schon beklagen sie sich über die ihnen bei der 
Einwanderung zuteil werdende Behandlung und drohen die amerikanischen 
Waren zu boykottieren, wenn nicht Abhilfe geschaffen werde, Präsident 
Boosevelt hat daher die Behörden unter Androhung sofortiger Entlassung 
angewiesen, chinesische Eaufleute und Beisende ebenso höflich zu behandeln 
wie Angehörige anderer Nationen. Ein bedeutsames Zeichen der Zeit. 

Hinzu treten zu allen diesen Volkselementen noch 266 760 Indianer, 
die, langsam in der Abnahme begriffen, in Folge ihrer geringen Zahl und 
der Unmöglichkeit irgend welchen Zuschusses kaum einen nennenswerten 
Einfluß auf die BevOlkerungsverhältnisse ausüben dürften. 

OMgnpUtch« Z«itMhrlft. 18. Jahrgang. 1906. 3. Heft. \Q 



138 Hanf Heidetich: 

iBtrömten früher die Einwanderenoharen aus den Weststaaten Eunopas, 
aus den germanischen, keltischen und keltogermanisdien Gebieten unseres 
Erdteils, so daß sich eine wenigstens einigermaßen homogene, assimilations- 
fUhige Vdksmasse in der neuen Welt bilden konnte, so sehen wir heute 
große Massen slayischer und italienischer Nationalität ühet den Ozean ziehen, 
um dort eine neue Heimat zu finden und eine neue Existenz zu gründen. 
Ein Vorgang, der seine Bückwirkung, falls dadurch der Tjpus des Ameri- 
kaners verändert würde, zweifellos auch auf Europa ausüben dürfte. Zwar 
haben die Amerikaner, wohl eingedenk der guten Folgen, die das Verbot 
der Chinesenein Wanderung mit sich brachte, eine gesetzliche Regelung und 
Beschränkung der Einwanderung vorgenommen — eine Maßregel, auf deren 
Resultate man nur gespannt sein kann — , doch sind schon solche Massen 
dieser fremden und von der bisherigen Bevölkerung abweichenden Elemente 
in dein westlichen Staatswesen ansässig, ebenso dauert ihr Zuzug, da durch 
die bis jetzt bestehenden Beschränkungen doch nur ein verhältnismäßig kleiner 
Teil getroffen wird, nicht nur in selbem Maße, sondern, wie die neuesten 
Nachrichten zeigen, in noch verstärktem Orade an, daß viele einsichtsvoll« 
Amerikaner eine Benachteiligung ihrer Rassenmerkmale befürchten und der- 
artige Folgen energisch abzuwenden trachten. 

Dazu kommt, daß der hervorstechendste Typ des Amerikanertums, der 
Yankee in den Neuengland-Staaten, die Tendenz nicht nur einer langsameren 
Bevölkerungsvermehrung, sondern analog dem französischen Volkstum sogar 
einer direkten Abnahme zeigt, so daß schon heute hie und da die Befürch- 
tung eines allmählichen Rückganges dieses findigen, energischen und rastlosen 
Amerikanertjps gehegt wird. Und man glaubt nicht, daß durch die ver- 
änderte Einwanderung ein voll- und gleichwertiger Ersatz zu erwarten steht. 

Von den im Jahre 1900 10 460 085 im Ausland Geborenen, in den 
Vereinigten Staaten Ansässigen stammten aus Deutschland 25,87o (Sf^^^ 
30,1 7o im Jahre 1890 und 267^ im Jahre 1850), aus Irland 15,6% (gegen 
20,27o im Jahre 1890 und 42,8% im Jahre 1850), aus Großbritannien 
ll,37o (gegen 13,57^ im Jahre 1890 und l6,87o im Jahre 1850), aus 
Schweden, Norwegen und Dänemark 10,3 7o (unverändert gögen 1890; 
1850 dagegen bildeten die Eingewanderten aus diesen Ländern weniger 
als l7o) und aus Kanada 11,4 7o (gegen 10,67o im Jahre 1890 und 6,6% 
im Jahre 1850). Dagegen bildeten Österreicher und Ungarn im Jahre 1850 
weniger als 0,1 7o aller eingewanderten Personen, 1890 aber schon 3,37o 
und 1900 5,6 7o, die Italiener stiegen von 0,2% im Jahre 1850 auf 27o 
im Jahre 1890 und 4,l7o ^^ Jahre 1900, die Russen von 0,l7o im Jahre 
1850 auf 27o im Jahre 1890 und 4,1 7o im Jahre 1900. Die Einwande- 
rung aus Österreich nahm in dem Jahrzehnt 1890 — 1900 um 124,1 7o z^ 
die aus Ungarn um 133,57üi aus Italien um 165,27oi aus Rußland um 
132,2 7o- Dagegen gingen die in Nordamerika ansässigen Deutschen im Ver- 
hältnis zur Gesamtbevölkerung seit dem Jahre 1890 um 4,27o> die Ir- 
länder um 13,57o, die Engländer um 7,4% zurück.^) 



1) Twelfth Censuß of the United States. Washington 1901 — 1908. — Feh- 



Yer&nderungen in der Bevölkerung der Tereinigten Staaten usw. 189 

In dem Jahneehnt von 1860 bis 1870 kamen 2 064 000 europäisohe 
Einwanderer nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dayon waren 
787 000 Deutsche, 568 000 Engländer, 435 000 Lrl&nder, 109 000 Norweger 
und Schweden, 38 000 Schotten, 35 000 Franzosen, 11000 Italiener, 7000 
Österreicher und 4000 Russen. 1890 bis 1900 kamen 3 844 000 Personen. 
Davon waren 543 000 Deutsche, 403 000 IrlAnder, 325 000 Norwegw und 
Schweden, 282 000 Engländer, 60 000 Schotten, 36 000 Franzosen, aber 
655 000 Italiener; 59 7 000 Österreicher und Ungarn (hauptsächlich 
aus Galizien) und 588 000 Bussen. Im Jahre 1903 kamen aus Deutsch- 
land 40000, aus Irland 35 000, aus England nur 26 000 Personen, da- 
gegen aus Italien 230000, aus Österreich-Ungarn 206 000 und aus 
Rußland 136 000 Personen. Und dieses Verhältnis ändert sich keines- 
wegs, es steigt stetig, die Vereinigten Staaten mit einer Unzahl fremd- 
artiger auf niedrigerer und gänzlich andersartiger Kulturstufe stehender 
Individuen überschwemmend. 

Gewisse, jedem ins Auge fallende schädliche Folgen können wir schon 
heute bei einem Spaziergang durch die Neujorker und Chikagoer Skims be- 
obachten. In diesen Slums hat sich das ganze niedere Ost- und Südeuro- 
päertnm schon jetzt zu wahren Haufen des Elends und der Verkommenheit 
susanunengeballt. Gleich einem zweiten Magnetberg ziehen sie alle verlump- 
ten Existenzen des Landes mit unwiderstehlicher Gewalt an sich, die Ver- 
kommenheit vergrößernd und ihren Wirkungskreis erweiternd : Erscheinungen, 
in dieser Größe, Art und Form den Vereinigten Staaten früher unbekannt. 

Wirtschaftlich also stehen diese neuen Elemente, wie schon die eben 
erwähnte Tatsache zur Genüge zeigt, weit gegen die frühere Einwanderung 
surück. Aber ist dies nicht, von gewissen unausbleiblichen Übelständen ab- 
gesehen, auch von Vorteil? Denn nur dadurch steht ein großer Stamm von 
hilligen, stets verfügbaren und vorläufig zu höheren Arbeitsleistungen kaum 
verwertbaren Arbeitskräften zur Verf&gung zur Herstellung und Leistung der 
in den Vereinigten Staaten in noch fast unübersehbarer Fülle zu erledigenden 
Arbeiten einfacherer und rein physischer Art als Landstraßen-, Eisenbahn-, 
Kanalbau, wie zu den wohl bald in Angriff zu nehmenden, der Bewässe- 
rung der ewig dürren Lan desteile dienenden Arbeiten; und dadurch wird die 
besser gestellte, intelligentere Bevölkerungsklasse zur Bewältigung der auch 
hier noch überall und auf allen Gebieten der Erledigung harrenden intellek- 
tuellen Aufgaben fr^i. Wird nicht erst dadurch die zukünftige Weiterent- 
wicklung der jungen Republik in gleichem Tempo gewährleistet? Ich glaube 
wohl. Ebenso bin ich anzunehmen geneigt, daß allmählich in Folge der fort- 
währenden Spannung, der harten Auslese der Starken, der Sdection of fhe 
fittest^ eine Ausjätung der ungeeigneten Elemente auf dem Wege der natür- 
lichen Auslese erfolgen muß, und daß sich unter den sich behauptenden 
Individuen ein mehr oder weniger bescheidener Wohlstand einstellen oder die 
Fähigkeit, sich durchzuringen, eintreten und bei einer immer größeren Zahl 



linger. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Politisch -Anthropologische 
Bevne. 8. Jahrgang. Heft 8. 

10* 



140 Hans Heiderich: 

mehr und mehr zum Durchbruch gelangen wird. Übt doch schon heute ein 
kurzer Aufenthalt in dem neuen gelobten Lande einen mftchtigen und nach- 
haltigen Einfluß auf den Eingewanderten aus. Leute, die nie aus der dumpfen 
Sphäre der Abhängigkeit herausgekommen waren, betreten kaum das Pflaster 
Neu-Torks, und schon wandeln sie sich zu kleinen Unternehmern, zu eifrigen 
Zeitungslesem usw. um, bis sie später ihre Kräfte an größere Aufgaben heran- 
wagen können. Der Ausjäteprozeß aber dürfte dadurch beschleunigt werden, 
daß sich nicht mehr wie frOher die Stärksten, Unternehmungslustigsten oder 
Kühnsten zur Auswanderung entschließen, sondern gerade die Schwächsten, 
die Ausgestoßenen, die dem Sturm des amerikanischen Wettbewerbs kaimi 
lange standhalten dürften. Sicher aber wird die gewaltige Entwicklung der 
Vereinigten Staaten, die immer mehr um sich greifende und immer intensiver 
werdende Erschließung der wirtschaftlichen Hilfsmittel dieses ungeheuren 
Landes noch gewaltige Arbeitskräfte beanspruchen, und nur auf diesem Wege, 
auf dem Wege der Einwanderung dürfte der Bedarf hinreichend gedeckt 
werden können. 

Wirtschaftlich ireilich werden diese neuen Volkselemente auch für die 
nächste Zukunft zurückstehen. Ebenso dürfte, damit aufs innigste zusanmien- 
hängend, eine gewisse erweiterte soziale Differenzierung eintreten; sie wird 
sich gründen auf die Unkenntnis der Sprache der herrschenden Basse, wie 
auf wirtschaftliche und kulturelle Ursachen, aber alle hieraus resultierenden 
Folgerungen mit unabweisbarer Notwendigkeit auf die Basse übertragen 
müssen Und sich auf die Volksbestandteile der Italiener, Galizier, Bussen, Polen, 
Bumänier u. a., vorläufig wohl gemeinsam und alle in einen Topf werfend, 
erstrecken und ihnen eine bestimmte Beihenfolge in der allgemeinen Wert- 
schätzung anweisen. Bangierten früher die Deutschen, Skandinavier und 
Iren hinter den Angloamerikanern, so dürften von nun an diese neuen Ein- 
wanderungselemente wieder hinter jenen, also in dritter Beihe rangieren. 
Auch hier die Basse als Ursache des oder besser in diesem Falle eines (cum 
grano salis genommen) gewissen Klassengegensatzes. Selbstverständlich müssen 
wir uns diese Gegensätze durchaus verschieden von den europäischen vor- 
stellen, wo die tailsendjährige Entwicklung die ursprünglich vorhandenen 
llassengegensätze für den Laienbeobachter im allgemeinen zwar verwischt 
und teilweise gänzlich beseitigt hat, wo sich aber doch in Folge der in der 
Zeit der Bassenmischung weniger ausgereiften historischen Entwicklungsstufe 
scharfe Klassengegensätze herausbilden und ihre Wirkungen bis in die Gegen- 
wart fühlbar machen konnten. Die Neger Nordamerikas scheiden bei dieser 
Betrachtung freilich vollständig aus, denn hier bleibt der ungeheure Bassen- 
gegensatz unverkürzt und ungemildert, ja noch bedeutend verschärft und 
vertieft in Geltung. Auch im Osten sind, resultierend aus der Ungleichheit 
der Vermögensverhältnisse, Ansätze zur Klassenbildung zu bemerken, ja es 
gibt, wie Schalk^) mitteilt, einen amerikanischen Kalender (UteWorld 1903)^ 
in dem die Familien der Multimillionäre mit allen Mitgliedern aufgeführt werden, 
gerade wie im Gotbaischen Kalender die Familien der regierenden Häuser. 

1) Emil Schalk. Der Wettkampf der Völker, mit besonderer Bezugnahme auf 
Deutschland und die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Jena, Fischer 1906. 



Ver&nderangen in der Bevölkerang der Vereinigten Staaten nsw. 141 

Stehen also die neuen Einwanderungselemente, selbstverständlich als Ganzes 
genommen, wirtschaftlich zunächst und wohl auch für absehbare Zeit hinaus 
zurück, so bilden sie doch eben in wirtschaftlicher Beziehung ein 
wohl zu verwendendes imd wertvolles Glied des Ganzen; denn das Land 
braucht Menschen, Menschen und abermals Menschen zur Hebung der in ver- 
schwenderischer Fülle vorhandenen Bodenschätze. Die Vorteile, welche das 
Vorhandensein dieser Hilfskräfte mit sich bringt, werden dem praktischen 
Amerikaner nicht verborgen bleiben und ihm ihre Anwesenheit erträglich, ja 
willkommen erscheinen lassen. 

Wie aber steht es damit in nationaler, allgemein politischer wie kul- 
tureller Beziehung? Werden sich die eingewanderten fremden Volksbestand- 
teile harmonisch dem angelsächsischen Staatsgefüge, der von den Angelsachsen 
gebildeten und vertretenen Staatsform einfügen? Werden deren Ideale ihre 
werden? Ist es überhaupt ratsam, den politisch unmündigen Osteuropäer so 
schnell zum politischen Wähler der freiesten Demokratie aufrücken zu lassen? 
Wird der angelsächsisch -germanische Freiheitsdrang, der Drang nach Selbst- 
bestimmung und Selbstbetätigung, der den stalnmesverwandten deutschen, 
skandinavischen u. a. Einwanderern auf Grund ihren Rassenanlagen bald in 
Fleisch und Blut überging, unter dem Hereinströmen und Festsetzen dieser 
dumpfen Massen keine Einbuße erleiden? 

Ich glaube nicht. Das jugendlich frische und doch schon so fest ge- 
fügte, national so von sich eingenommene, rücksichtslose Amerikanertum wird 
Auch diesen Elementen sieghaft und unverwischbar seinen Stempel aufdrücken, 
ihre Signatur verändern und sie mit unwiderstehlicher Gewalt zu sich her- 
überziehen. Seine Einrichtungen, vor allem die amerikanischen Volksschulen, 
die alles Neue und Fremde unwiderstehlich zermahlen und amerikanisieren, 
werden diesen Übergang erleichtem und beschleunigen. Sollten die ireiheits- 
dürstenden amerikanischen Ideale nicht auch derartigen rückständigen und 
bis zu ihrer Übersiedelung in dumpfer Abhängigkeit schmachtenden Elementen 
gegenüber ihre alte Zauberkraft bewähren, sie aufrüttelnd aus der bisherigen 
dumpfen Lethargie, aus ihren alten beschränkten Anschauungen und sie 
hinüberleitend in freiere stolzere Lebenssphären, latente Tatkraft und schlum- 
mernden Idealismus auslösend und sie zu frischem fröhlichen Tun begeisternd? 
Sicherlich; sie werden den Sieg davontragen, wenn auch in vielen Beziehungen 
auf lange Zeit hinaus klaffende Unterschiede bleiben werden. Der amerika- 
nische Mensch mit all seinen Vorzügen und all seinen Fehlern wird sich 
durchsetzen, und in unverhältnismäßig kurzer Zeit sogar werden alle diese 
fremden Rassenbestandteile, soweit sie der kaukasisch -arischen Rasse ange- 
hören, amerikanisch denken und fühlen. Sie werden trotz der vorhandenen 
Unterschiede mit jenen ein Volk bilden, einig in seinem Denken und 
Fühlen. 

Selbstverständlich werden dem Ebengesagten entsprechend die Anglo- 
amerikaner die Führer sein. Ihre Ideen, ihre Lebensanschauungen werden, 
nur kleine Ausnahmen abgerechnet, maßgebend sein und auch bleiben. Sie 
werden jene verschwommene Masse, auch ohne sich mit ihr allzu schnell 
KU vermischen — denn dies dürfte so bald nicht geschehen, ja vielleicht 



142 Hans Heiderich: 

gar nicht oder erst in sehr entlegener Zeit — , nationalpolitiflch TöUig ab* 
Borbieren. 

Anders wird es in kultureller Beziehung sein. Beprftseutiereu auch Ger- 
manen die höhere Rasse den Slaven gegenüber, und wird auch ihr geistiger 
und kultureller Stempel das Übergewicht haben, so wird doch eine gewisse 
Beeinflussung Ton Seiten jener Elemente unausbleiblich sein. 

und wie steht es mit den Italienern? Auch sie werden ihre Spuren 
surücklassen. 

Wird das etwas nüchterne heutige Amerikanertum von den neuen Ein- 
wanderungselementen und von ihrem Aufgehen in ihm eine größere kulturelle 
Vielseitigkeit namentlich nach der musikalischen und überhaupt künstlerischen 
Seite zu erwarten haben? Mit der Zeit vielleicht. Vorläufig aber steht 
dieser Einwanderungsstrom viel zu tief^ um irgend welchen tiefgehenden 
kulturellen EinfluB auf das eigentliche Amerikanertum ausüben zu können. 
Ausgenommen dadurch, daB er durch seine Übernahme gröberer Arbeit jenes, 
wie auch Deutsche, Skandinavier usw. von dieser Art Arbeit befreit und 
ihnen ermöglicht, mehr und mehr rein geistiger Tätigkeit nachzugehen. Ein 
Resultat, das von den Besten des Landes zur Förderung und Hebung 
amerikanischer Kunst und amerikanischer Wissenschaft, zur Verfeinerung und 
Ästhetisierung der ganzen amerikanischen Kultur mit allen Fasern ihres 
Herzens herbeigesehnt und auf dessen Verwirklichung von ihnen mit aller 
Energie und aller Intensität hingearbeitet wird. Zunächst also werden die 
Neueingewanderten dazu beitragen, die Kluft, rein kulturell betrachtet, 
zwischen sich imd den älteren Bevölkerungselementen sogar zu erweitem. 
Eine schnelle innige Mischung wird, allerdings nicht nur hierdurch, verhindert 
und für lange Zeit hinaus ein getrenntes Nebeneinanderherlaufen der einzel- 
nen Rassen — allerdings nur in kultureller und richtig genonmien auch in 
sozialer, aber nicht in wirtschaftlicher Beziehung — gewährleistet, wie es ja 
im großen ganzen auch bis heute drüben der Fall gewesen ist. 

Auch scheint die amerikanische Luft zunächst die rein materielle Seite 
der Lebensführung als die maßgebende zu bevorzugen. Wenigstens haben 
in allen diesen Gebieten selbst die Deutsch-Amerikaner mehr geleistet als in 
den rein geistigen oder besser gesagt ideellen. Bedeutende Kaufleute, Bier- 
brauer usw., allerdings auch hervorragende Ingenieure und Techniker haben 
die "Nachkommen des Volkes der Dichter und Denker in Massen hervor- 
gebracht, aber keinen einzigen großen Dichter, Komponisten oder sonst auf 
einem Gebiet des reinen Geisteslebens hervorragenden Mann, wie man es 
doch von ihnen hätte erwarten sollen. Im Gegenteil, die Leuchten auf diesen 
Gebieten stellen die in aller Welt (und in der Hauptsache, d. h. beim Gros 
wohl nicht ganz mit Unrecht) als materiell verschrienen britischen Amerikaner, 
während sich die Deutschen, selbst heute noch, in behäbigem Wohlstand, selbst- 
verständlich einzelne Ausnahmen, wie Karl Schurz, Kapp, Kömer, Lieber u. a. 
abgerechnet, am Materiellen wohl sein lassen. War dies bei den verhältnis- 
mäßig wohlhabenden und auf hoher Kulturstufe stehenden Deutschen so, so 
wird es, trotz vielleicht größerer nationaler, durch den größeren Gegensatz 
bedingter oder auch angeborener Zähigkeit und Widerstandskraft, bei den 



Yer&nderangen in der Bevölkerung der Vereinigten Staaten usw. 143 

armen tmmündigen neuen Elementen uooh mehr heryortreten. Bis ihnen eine 
sich auf weite Kreise ihrer Volksgenossen erstreckende, materielle Sicher- 
stellung maßgebende aktive Eingriffe in die kulturelle Tätigkeit des Landes 
erlaubt, dürfte noch manches Jahr ins Land gehen und mancher Ti*opfen den 
Mississippi hinablaofen. 

Die Anglo- Amerikaner haben also auch in kultureller Beziehung bis 
dato ihre maßgebende Stellung völlig zu erhalten verstanden. Dagegen haben 
sie auch vieles toii den Deutschen angenommen und in ihren Kulturkreis 
einbezogen. Die Hausmusik, das Oratorium, die Sinfonie Yerdanken sie den 
Deutschen. Eine weniger puritanische, heiterere Lebensauffassung, eine größere 
Freudigkeit an den Genüssen des irdischen Daseins ist ebenfalls auf die 
Deutschen zurückzufahren und noch manches Zarte, Sinnige, auf das Gemüt 
Wirkende, wie der Weihnachtsbaum, der Sinn für Blumen und deren sach- 
gemäße Pflege, verdankt sein Dasein unseren amerikanischen Landsleuten. 

So wird es in späterer Zeit auch mit den Neueingewanderten sein. 
Auch sie werden allmählich, besonders aber, wenn die jetzt noch gespaltenen 
Rassenbestandteile mehr und mehr zu einer neuen Bassenspielart zusammen- 
geschweißt sein werden, gewisse Bassenmerkmale und Rasseneigentümlichkeiten 
in die dortigen kulturellen Verhältnisse hineintragen , wie es bei uns - in 
Deutschland Romanen, Kelten und Slaven ebenfalls getan haben. Eine größere 
Fülle äußerer und innerer Kennzeichen wird durch diesen Verschmelzungs- 
prozeß zusammengebracht und eine größere Vielseitigkeit wird die naturgemäße 
Folge sein. So sind bei uns Deutschen auch erst durch fremdes Blut gewisse 
Eigenschaften ausgelöst worden, Eigenschaften, ohne die wir uns den heu- 
tigen Deutschen kaum denken können. Sicher ist auch die straffe Organi- 
sation des preußischen Staates, die im preußischen Heere vorhandene be- 
wundernswerte Disziplin indirekt auf den starken Prozentsatz slavischen Blutes 
in der Bevölkerung zurückzuführen, der die Einführung einer centralisier- 
teren, strammeren Verwaltung ermöglichte oder wenigstens bedeutend er- 
leichterte. Ist also die Verschmelzung aller bis jetzt fremden mit den an- 
sässigen Elementen in den Vereinigten Staaten eingetreten, hat sich eine 
neue Rasse durchgängig gebildet, so wird auch eine größere kulturelle Viel- 
seitigkeit die Folge sein und vielleicht auch der Nationalcharakter nach ge- 
wissen Richtungen hin dadurch beeinflußt werden. Das ist bis heute noch 
nicht der Fall gewesen, wird aber zweifellos auch durch andere Ursachen be- 
dingt werden, z. B. das Lnmerdichterwerden der Bevölkerung, die dadurch ent- 
stehende Verengerung des Raumes, der in seiner früheren gewaltigen fast un- 
beschränkten Ausdehnimg tief und bestimmend auf den amerikanischen Cha- 
rakter eingewirkt und ihm das Großzügige, das zur Überwindung dieser un- 
geheueren Strecken notwendige Nervös-Hastende gegeben hat, femer durch die 
mit der größeren Dichtigkeit der Bevölkerung wohl eintretende veränderte 
Lebensführung und Lebenshaltung. 

Die Eroberungs- und Widerstandskraft eines Volkstums beruht nach 
Albrecht Wirth*) auf drei Dingen: der Zahl seiner Träger; der eingeborenen, 

1) Albrecht Wirth. Volkstum und Weltmacht in der Geeehichte. München, 
Bruckmann 1901. 



144 Hans Heiderich: Yer&nderungen in der Bevölkerung nsw. 

durch Kultur und Klima gesteigerten oder geschw&chten Tüchtigkeit; endliek 
darauf, ob es an verwandten Rassen und Kulturen im Ausland einen Bück- 
halt findet 

Am wichtigsten ist für den yolklichen Kampf das brutale Moment der 
Zahl, und dies steht den Anglo -Amerikanern günstig zur Seite, zumal wir, 
im Gegensatz zu den nicht germanischen und nicht keltischen Elementen, 
Deutsche, Skandinavier und Iren als das Amerikanertum unterstützend, als 
ihm quasi jetzt schon zugehörig betrachten können. Es ist auch nicht an- 
zunehmen, daB der Vorsprung, den die g^ermanokeltischen und keltogermanischen 
Volksbestandteile haben, von den neu eingewanderten Rassen eingeholt werden 
wird. In absehbarer Zeit wenigstens nicht, zumal auch Rußland in Folge 
des ungünstig verlaufenen russisch -japanischen Krieges und der durch ihn 
herbeigeführten unruhigen und gefährlichen politischen Lage in den russisch- 
polnischen Provinzen eine ganze Reihe von früher verbotenen Gouvernements 
kürzlichst der polnischen Auswanderung und Ansiedlung geöffiiet und dadurch 
wahrscheinlich, wenigstens für die nächste Zukunft, eine Verminderung des 
Abströmens der Bevölkerung nach Amerika herbeigeführt hat. 

Der zweite Punkt f&Ut ebenfalls durchaus zu Gunsten des Amerikaner- 
tums aus. Alle Faktoren: Rasse, Bedingungen der Auslese, Raum, Boden 
und Klima konnten nicht günstiger sein und haben einen Menschenschlag 
hervorgebracht, dessen Wagemut unvergleichlich, dessen Nationalbewußtsein 
und Nationalgefühl schon heute dem der meisten europäischen Nationen über- 
legen und dessen Energie und Arbeitskraft von keiner der europäischen Na- 
tionen übertroffen wird. „Der Einfluß des Landes und der von den ei-sten 
Einwanderern eingeführten Gesetze, der Tradition, ist von so überwältigendem 
Einflüsse, daß trotz der großen Masse der Einwanderer aller möglichen Na- 
tionalitäten die Assimilation derselben äiißerst rasch von statten geht und 
daß gewöhnlich schon in der zweiten Generation kein Unterschied mehr be- 
steht zwischen den längst ansässigen Einwohnern und denen, welche erst eine 
Generation im Lande sind^, sagt Emil Schalk in seinem „Wettkampf der 
Völker^^ Hinzu konunt der gewaltige, alles beherrschende und nivellierende 
Druck der öffentlichen Meinung, welcher natürlich der herrschenden Klasse 
Zugute konmit. 

Der dritte Punkt spielt in unserm Falle keine Rolle; nur insofern, als 
wir sogar im Inland einen Rückhalt für das Amerikanertum an verwandten 
Rassen gefunden haben. 

Es sind also alle Punkte günstig; und wenn auch die Assimilation in 
Zukunft langsamer vor sich gehen sollte und sich eine größere soziale und 
kulturelle Fürsorge für die neu ankommenden und angekommenen Enterbten 
des Schicksals als notwendig erweisen wird, aller Voraussicht nach wird 
erstere mit der Zeit sicher, teilweise vielleicht sogar ebenso schnell als vorher, 
eintreten. Die Gefahr einer krankhaften, dem Allgemeinwohl schädlichen 
Beeinflussung durch die Enterbten wird dadurch vermindert, und der nicht 
assimilierten und assimilierbaren Elemente wird sich das Amerikanertum 
schon zu erwehren wissen. Wenigstens ist es bisher (von den Negern stets 
abgesehen) niemals in Verlegenheit gewesen über die Mittel, unerwünschte 



G.Karsten: Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 145 

Eindringlinge fBmztihalten, zu entfernen oder auf andere Weise zur Raison 
2u bringen — und das wird wohl vorläufig so bleiben. 

Yorlftufig also wird für lange Jahre hinaus der heute maßgebende Anglo- 
Amerikaner seine dominierende Stellung behalten und sie vielleicht so aus- 
zubauen in der Lage sein, daß sich nur geringe und nur unwesentlichere von 
ihm abweichende Modifikationen iü der Struktur der Bevölkerung durch- 
zusetzen vermögen werden. Dafür zu sorgen, die Widerstands- und Expan- 
sionskraft der eigenen Rassenglieder gegenüber den fremden Elementen zu 
starken und diese, möglichst ohne Schaden für sich selbst, zu assimilieren 
und zu absorbieren, ist eine der vornehmsten Aufgaben amerikanischer Staats- 
kunst und amerikanischer Kulturkraft. 

Ob es ihnen gelingen wird, diese Aufgabe in zufriedenstellender Weise 
zu lösen, wird die Zukunft lehren. Trotz der Gunst der Vorbedingungen 
harren der Nordamerikaner auch auf diesem Felde der organisatorischen Kraft 
große und in ihrer Art gänzlich neue und bisher ungelöste Aufgaben. 



Berieht Aber die Fortsehritte der Pflanzengeographie 
in den Jahren 1899—1904. 

Von G. Karsten. 

(Schluß.) 

Der Versuch, in kurzen Worten zu zeigen, welche Fragen zur Zeit 
das besondere Interesse der Botaniker in Anspruch nehmen, ist gewiß nicht 
frei von Einseitigkeit, immerhin glaube ich keines der wichtigeren Gebiete, 
soweit sie allgemeineres Interesse für die Geographie besitzen, und nicht, als 
zur Pflanzengeographie zählend, später Erwähnung finden, übergangen zu 
haben. Daß die Aufzählung auch nur der wirklich hervorragenden Einzel- 
arbeiten weit über den Rahmen dieses Berichtes hinausgehen würde, ist ja 
selbstverständlich; es sollten vor allem die zusammenfassenden Arbeiten ge- 
nannt werden, die dem Suchenden einen Überblick über weitere Spezialliteratur 
leicht ermöglichen, daneben diejenigen Publikationen, welche Anstoß zur Er- 
schließung neuer Forschungsgebiete gaben oder Resultate von ganz besonderer 
Bedeutung zeitigten. 

Auch der speziellere Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie 
von 1899 — 1904 muß sich möglichster Kürze befleißigen und kann nur die 
großen Züge der Forschungsrichtungen skizzieren. 

Die ökologische Pflanzengeographie hat mit dem Tode Schim- 
pers eine ihrer besten Stützen verloren. Wie es oft geschieht, daß auf 
eine Hochflut innerhalb eines Arbeitsgebietes plötzliche Ebbe einsetzt, so ist 
es auch hier geschehen. Nachdem in der Seh im p ersehen „Pflanzengeographie 
auf physiologischer Grundlage" ein Höhepunkt erreicht war, auch gewisse 
Fragen einen vorläufigen Abschluß gefunden hatten, ist es sehr viel ruhiger 
geworden. 



146 6. Karsten: 

Schon Schimper hatte nachgewiesen^), wie das botanische Institut in 
Bnitenzorg eine direkte Begünstigung der physiolog^hen Bichtung der Wissen-: 
Schaft nach sich zog. Nach der Durcharbeitung der sich nordischen Augen 
Am meisten aufdrängenden Eigentümlichkeiten tropischer Vegetation ist nun 
eine andere Bichtung in dort unternommenen Arbeiten vorherrschend ge- 
worden. Für umfangreichere physiologische Untersuchungen ist in der Begel 
die Zeit zu kurz; dagegen sind gewisse Fragen der Eolonialbotanik nach 
Auftreten und Bekämpfung pflanzlicher und tierischer Schädlinge Ton dringen- 
dem Interesse. So sind Ton den neueren Besuchern Buitenzorgs vielfach Spezial- 
forschungen auf diesem Gebiete gemacht und Wege eingeschlagen, die mit der 
ökologischen Pflanzengeographie nur lockerer zusammenhängen. 

Interesse verdient eine Untersuchung über die Fortschritte der Flora 
von Krakatau von Pen zig'), die elf Jahre nach dem ersten Besuche 
Treubs stattfand. Treub hatte seiner Zeit drei Jahre nach der völligen Zer- 
störung der Vegetation durch den bekannten Ausbruch eine geringe Anzahl 
durch Meeresströmungen angetriebener und gekeimter Strandpflanzen gefunden; 
im übrigen war die Oberfläche der Insel mit einer Famvegetation bedeckt, 
deren leichte Sporen, durch den Wind dorthin gebracht, ihre Keimung und 
Prothallienentwickelimg in einem schleimigen Cyanophjceenüberzuge hatten be- 
werkstelligen können. Aiißerdem waren nur spärliche Gräser und Kompositen 
vorhanden, denen ebenfalls der Wind als Träger gedient hatte. 

Pen zig fand bereits ebe richtige Pescoproe-Formation, wie sie fttr tro- 
pische Dünen und Sandküsten charakteristisch ist, an den dafür geeigneten 
Orten ausgebildet. Die flach ansteigende, vom Meere zurückliegende Ober- 
fläche war dagegen von über mannshohen Dickichten jener unverwüstlichen 
Gräser: Saccharum spotitaneum, Phragmiks Boxburghii usw. bedeckt, die über- 
dies von schlingenden Cassytha- und Ca»?at;aZta- Stämmen oder -Strängen 
durchflochten dem Vordringen sehr große Hindemisse bereiteten. Die steilen 
Felswände dagegen zeigten noch die vorherrschende Famvegetation wie bei 
Treubs erstem Besuche. Von den gefundenen 53 Phanerogamen — neben 
16 Famen — konnten 60 7o durch Meeresströmungen, 32 7o durch Wind, 
7,5 7o durch Vögel auf die Insel gelangt sein. 

Andere Arbeiten ökologischen Inhaltes aus Buitenzorg sind femer aus- 
geführt von Nieuwenhuis-Üxküll*) über Schwimmvorrichtung von Früch- 
ten, M. Raciborski*) über die Verzweigung und verschiedene morphologische 
Eigentümlichkeiten*), M. Treub: „Nouvelles recherches sur le role de Tacide 
cyanhydrique dans les plantes vertes"^). 

1) A. F. W. Schimper. Die gegenwärtigen Aufgaben der Pflanzengeographie. 
G. Z. 11. 1896. S. 93. 

2) 0. Pen zig. Die Fortschritte der Flora des Krakatau. Ann. de Buitenzorg. 
2. 8^r. vol. in. 1902. S. 92 

.3) Mary Nieuwenhuis-Üxküll. Schwimmvorrichtung der Früchte von TÄtia- 
rea sarmentosa. Ebda. S. 114. 

4) Ebda. vol. II. 1901. S. 1. 

5) Über die Vorlftuferspitze , Morphogenetische Versuche, Cber myrmekophile 
Pflanzen. Flora. Bd. 87. 1900. S. Iff. 

6) Ann. de Buitenzorg. 2. ser. vol. IV. 1904. S. 86. 



Bericht über die Fortachritte der Pflanzengeographie. 147 

Von weiteren Arbeiten Ökologisoher Art seien genannt Mez' ,J^hysio- 
logische Bromeliaceenstudien*'^), in denen die von Schimper zuerst bekannt 
gegebenen eigenartigen Anpassungen der Bromeliaceenblätter als Wasser auf- 
nehmender Organe im einzelnen durchgearbeitet werden. Interessant ist, dafi 
sich Formen für Begenwasseraufiiahme von solchen, die für Benetzung und 
Versorgung durch Tau geeignet sind, im Bau und Habitus unterscheiden 
lassen. Erstere starre Bosettenpflanzen, deren Schuppenhaare der dicken 
Chäicula dicht anliegen. Sie bewohnen meist Felsen, besitzen mächtiges Wasser- 
gewebe. Tauformen dagegen sind Epiphjten, ihre Tauschuppen spreizen ab 
wie Spreuhaare, der Habitus ist weicher, hftngend oder sich schlängelnd, als 
Typus etwa TiUandsia usneoides zu denken. 

Andere Fragen behandelte Detto in: „Über die Bedeutung der ätheri- 
aehen öle bei Xerophyten'^ ^. Die Deutung des Verfassers ist, daß es sieh 
um Schutzmittel gegen TierfraB handle, ob aber damit die einzige, oder auch 
nur die wichtigste Aufgabe angegeben ist, kann noch zweifelhaft erscheinen. 
Versuche über eventuellen Transpirationsschutz durch eine Hülle ätherischen 
Öles, oder von physiologischer Rückwirkung der öldämpfe auf das Verhalten 
der Pflanzen müßten im Heimatlande der betreffenden Xerophyten angestellt 
werden, um beweiskräftig zu erscheinen. — Auch der Milchsaft •) soll haupt- 
sächlich ein Schutzmittel gegen Tierfraß darstellen, doch scheinen auch hier 
Zweifel am Platze, ob sich nicht andere Funktionen wichtiger erweisen wer- 
den. — Auch die Frage der Salzausscheidung der Mangrovepflanzen*) ist 
verschiedentlich behandelt worden, ohne bestimmte Resultate zu ergeben. 

Von größerer Bedeutung sind einige umfangreichere Arbeiten. Zunächst 
möchte ich eine bereits aus dem Jahre 1898 stammende Arbeit von Mas- 
sart nennen, die aber meines Wissens in dieser Zeitschrift noch keine Er- 
wähnung gefunden hat: „Un voyage botanique au Sahara"^). Eine anziehend 
geschriebene Reiseskizze, die durch einige sehr charakteristische Aufnahmen von 
Wüstenpflanzen die geschilderte Vegetation vor Augen führt. — Eine sorgfältige 
pflanzengeographische Studie von Hardy®) beschäftigt sieb mit der Vege- 
tation des Languedoc. Klima und Boden werden zunächst eingehend ge- 
schildert Sodann gibt der Verfasser die genauere Zusammensetzung von 
sechs verschiedenen Formationen, die nach ihren hervorragenden Vertretern 
als Qiierctis Hex-, Quercus sessüiflora-, Pinu^ hcUepensis 'Yorm&iion bezeichnet 
werden, zu denen sich Maquis, Wiesen- und üfergelände, endlich Felsboden 
gesellen. Je nach Exposition und Bodenverhältnissen ist die Quercus sessili- 

1) C. Mez. Physiolog. Bromeliaceenstudien. I. Die Wasserökonomie der extrem 
atmosphärischen Tillandsien. Pringsbeims Jahrb. f wiss. Bot. Bd. 40. 1904. S. 157. 

2) Kari Detto. Über die Bedeutung der ätherischen öle bei Xerophyten. 
Flora. Bd. 92. 1908. S. 147. 

3) Hans Kniep. Über die Bedeutung des Milchsaftes. Flora. Bd. 94. 1905. S. 129. 

4) F. W. C. Areschoug. Zur Frage der Salzausscheidung der Mangrove- 
pflanzenusw. Flora. Bd. 98. 1904. S.1Ö5. — J. Schmidt. Gleicher Titel. Ebda. S. 260. 

5) Jean Massart. Un voyage botanique au Sahara. Extr. du Bull, de la soc. 
r. de bot. de Belgique. t. XXXVH. 1898. 201—339. 7 Taf. 

6) Marcel Hardy. La gäographie et la Vegetation du Languedoc entre TH^rault 
et le Vidourle. Extr. du Bull, de la soc. Languedocienne de G^ogr. t. XXVL 1903. 



148 G. Karsten: 

/^a- Formation großem Wechsel unterworfen. Die geographische Verteilung 
der Formationen wird kartographisch dargestellt, außerdem sind auf acht 
Tafeln Habitushilder aus den Formationen wiedergegeben, welche zum Teil 
recht charakteristisch sind. 

Erinnert sei an eine bereits früher ausfOhrlicher besprochene, pflanzen- 
geographische Bearbeitung aus dem Mittelmeer- Gebiet von Otlnther Beck 
von Mannagetta: „Vegetationsverhaltnisse der illyrischen Länder**^). Der- 
selben Sammlung gehört an: „Die Heide Nord-Deutschlands" von P. Oraeb* 
ner^, ebenfalls schon hier besprochen. Man konnte bedauern, daß den 
Schilderungen in diesem Falle abweichend von dem allgemeinen Plan keine 
Illustrationen beigefügt waren. Eine angenehme Ergänzung zur Beseitigung 
dieses Mangels bildet ein kleines Heft von Boergesen und Jensen'), das 
sich mit der Vegetation eines kleinen dänischen Heideversuchsgartens be- 
schäftigt und neben ein paar Dünenvegetationsbildem einige recht gute und 
charakteristische Aufnahmen von Tetralix- Heide, Calluna- Heide und einigen 
Begleitpflanzen bringt. Sanddünen und ihre Vegetation finden sich behandelt 
von Cowles^), Hansen^) und Massart^). Obgleich der erste die Dünen 
des Michigan - Sees in Nordamerika, die anderen solche von der deutschen 
und belgischen Meeresküste als Unterlage wählen, gleichen sich die in ver- 
schiedenen guten Abbildungen wiedergegebenen Vegetationsformen außerordent- 
lich, da eben die klimatischen und die Bodenverhältnisse so nahe überein- 
stimmen. 

Hier reibt sich eine von Beinke^ methodisch durchgeführte Unter- 
suchung der Eüstenvegetation und ihrer Bijdung in Schleswig an, die sich 
auf Ost- und Westküste gleichmäßig erstreckt und bei der fundamentalen 
Verschiedenheit der beiden zeigt, „wie pflanzentragendes Land in Wechsel- 
wirkung mit dem Meere entsteht und vergeht". Zahlreiche Küstenanfhahmen^ 
welche die charakteristischen Bestandteile der Vegetation gut hervortreten 
lassen, sind in den Text eingestreut 

Eingehende Behandlung fand in der „Vegetation der Erde" der Hercy- 
nische Florenbezirk von 0. Drude®). Man wolle den genaueren Bericht •), der 
über dieses Werk bereits erstattet worden ist, vergleichen. Eine Bearbeitung 
des tertiären Beckens von Veseli, Wittingau und Oratzen in Böhmen von 

1) Vegetation der Erde. Bd. IV. Leipzig 1901. Vergl. G. Z. VIII. 1902. S. 4U. 

2) Vegetation der Erde. Bd. V. Leipzig 1901. Vergl. ß. Z. VUI. 1902. S. 480. 

3) F. Boergesen ogC. Jensen. Utofb Hedeplantage ^ en floristiBk ünder- 
soegelse usw. Bot. Tidsskr. Bd. XXVI. S. 177. Kopenhagen 1904. 

4) H. Ch. Co wies. The ecological relations of the Vegetation on the sand 
dunes of lake Michigan. Bot. Gaz. vol. XXVII. 1899. S. 95—391. 

6) A. Hansen. Vegetation der ostfriesischen Inseln. Darmstadt 1901. Vergl. 
dazu E. Warming in Englers Bot. Jahrb. Bd. XXXI. 1902. S. 566. 

6) J. Massart. Les conditions d'existence des arbres dans les dunes littoralee. 
Extr. du Bull. d. 1. soc. centrale forest, de Belgique. 1904. 

7) J. Reinke. Botanisch -geologische Streif züge an den Küsten des Herzog-- 
tums Schleswig. 257 Abb. Wiss. Meeresunters. N. F. Bd. Vm. Erg.-H. Kiel 1908. 

8) Vegetation der Erde. Bd. VI. — 0. Drude. Der Hercynische Florenbezirk. 
Xeipzig 1902. 

9) G. Z. IX. 1903. S. 232. 



Bericht über die Fortechritte der Pflanzengeographie. 149 

Domin^) schildert die reichen Moorformationen des Gebietes, die Heide- 
moore und Wiesenmoore mit Übergangsbildungen; von den Mooren sondert 
der Verfasser als besondere Formation die rasenbildeuden, nicht geschlossenen 
Gyperaceen ab, die sich im letzteren Charakter den Böhrichtformationen 
nähern. Daran schließen sich die Sandfluren, Heide, Wiesenformationen, 
Wälder und Kulturland. In guten Abbildungen wird ein sumpfiger Erlen- 
bmch mit C(üla palustris als vorwiegendem Bestandteil, femer eine Arnica- 
Heidewiese wiedergegeben. 

Eine sehr gute ökologische Studie liegt endlich in dem Aufsätze von 
Hesselman^ vor, betitelt: „Zur Kenntnis des Pflanzenlebens schwedischer 
Laubwiesen^. Einige der Schlußsätze daraus mögen hier folgen, um die Ar- 
beitsrichtung und ihre höchst wertvollen Resultate zu zeigen: „Die Laub wiesen 
sind Pflanzenformationen aus edlen Laubbäumen, die in kleineren und größeren 
Gruppen geordnet sind. Zwischen den Baumgruppen hat die Vegetation einen 

wiesenähnlichen Charakter Die Temperatur ist an den sonnenoffenen 

Wiesen an heiteren Sommertagen 1—1,5° höher als in den am meisten ge- 
schlossenen Beständen. Die absolute Feuchtigkeit, sowie die relative variiert 
an verschiedenen Standorten an demselben Tage bedeutend, durchschnittlich 
ist jedoch die absolute Feuchtigkeit im Rasen auf den soonenoffenen Wiesen 

am höchsten, in den am stärkst^en beschatteten am niedrigsten Auf den 

Bonnenoffenen Wiesen auf frischem Boden kommt sandgemischte Humusart 
vor mit einem Gehalt von 8 — 9^0 organischer Reste, in den Sesleria- Wiesen 
ist der Humus mehr torfartig, da beträgt dieser Gehalt 207o7 i^i ^o^^ g®" 
schlossenen Beständen, die aus Eschen oder Hasel bestehen, bildet sich reich- 
lich Humus mit einem Gehalt von 40 — 50% organischer Reste. 

Die Bäume der Laub wiesen wurden bezüglich ihres Lichtbedürfnisses 
untersucht. Die Reinigung der Krone beginnt bei der Esche, der Birke, der 
Eberesche bei einem Lichtgenuß, bei welchem noch die innersten Blätter der 
Krone sehr assimilieren und große Mengen Stärke in den Blättern aufspeichern. 
Bei der Hasel, ebenso bei der Eiche tritt im Innern der Krone ein Assimi- 
lationsminimum ein Das Lichtbedürfnis wechselt mit den Nahrungs- 
bedingungen Der Lichtgenuß der Pflanzen auf den sonnenoffenen Wiesen 

ist 1 oder beinahe 1, in den unbelaubten Eschenbeständen beträgt er 7^^ — Ygg, 
in den belaubten y^^ — V177 ^ ^^^ unbelaubten Haselbeständen Yj^ — Yj, in 
den belaubten wechselt der Lichtgenuß an verschiedenen Punkten von Y27 — Yso 
und Yg0 — Y«6- ^^® Pflanzen der Wacholder- und Fichtenbestände haben stets 
nur einen herabgesetzten Lichtgenuß, in den ersteren beträgt er Y17 — Yso? ^ 
den letzteren Y^g — Yso? ^^ j^mgen Beständen sinkt er bis Yso? J* *^^^ nQ(^ 
tiefer. 

Ln FrtÜiling assimilieren die Pflanzen in den unbelaubten Baum- und 
Strauchbeständen sehr lebhaft, ebenso auf den sonnenoffenen Wiesen. Die 

1) Karl Domin. Die Vegetations Verhältnisse des tertiären Beckens vonVeseli, 
Wittingau und Gratzen in Böhmen. Beihefte z. Bot. Zentralbl. Bd.XYl. 1904. S. 301. 

2) Henrik Hesselman. Zur Kenntnis des Pflanzenlebens schwedischer Laub- 
wieeen. Mitfc. a, d. bot. Inst. d. Univ. Stockholm. Beih. z. Bot. Zentralbl. Bd. XVII. 
1904. 8. 8U. 



160 (3t> Karsten: 

Entwickelang des Laubes bedeutet fOr die allenneisten Pflanzen durch ge- 
ringeren LicbtgenuB eine bedeutende Herabsetzung der Assimilation^ welche 
sich bei den meisten Arten in den stark geschlossenen Bestftnden so weit 
erstreckt, daß keine oder sehr wenig Stiürke gebildet wird, obgleich dieselben 
Individuen im Frühling viel davon gebildet haben Mit dem herab- 
gesetzten Nahrungskonsum der Schattenpflanzen folgt unter anderem eine be- 
deutende Verminderung der Atmungsintensitftt. Das Frühlingslicht hat nicht 
nur auf die Emährungsarbeit, sondern auch auf die Entwickelung des Assi- 
milationsgewebes einen überaus großen Einfluß. Pflanzen, die ihre Entwicke- 
lung bei einem stets herabgesetzten, jedoch nicht besonders niedrigen Licht- 
genuß vollziehen, erhalten eine weit geringere Ausbildung des Assimilations- 
gewebes, als die Pflanzen, welche im Frühling viel Licht genießen, im Sommer 
aber stark beschattet sind. Die Schattenpflanzen transpirieren in den ge- 
schlossenen Haselbest&nden weit weniger als Sonnenpflanzen auf offenen Wiesen, 
die unterschiede an heiteren Tagen und unter guten Transpirationsbedingung^ 
erreichen höchst bedeutende Werte. Wenn die Transpirationszahlen auf die- 
selbe Blattfläche berechnet werden, zeigt es sich, daß in der Sonne die Pflanzen 
mit Palissadenzellen am meisten transpirieren, diejenigen aber, welche eine 
geringere Differenzierung des Blattgewebes zeigen, weit geringer.*^ 

Blattquerschnitte illustrieren als Textbilder die anatomischen Unterschiede 
der Blätter ungleichen Lichtgenusses. Gute Habitusbilder der Bodenvegetation 
aus Eschen- und Haselhainen wie von einer sonnenoffenen Wiese folgen auf 
fünf Tafeln. 

Aus allen den letztgenannten Schriften wird als gemeinsamer Zug zu 
ersehen sein, daß man neuerdings bestrebt ist, dem geschriebenen Wort aU 
Erläuterung physiognomische Habitusbilder der behandelten Yegetationsformen 
oder Formationen beizugeben. Die Dlustrationstechnik ist so weit vorgeschrit- 
ten, daß dies ohne allzu erheblichen Kostenaufwand zu erreichen ist. Das 
Bedürfnis solcher Illustrationen für Unterrichtszwecke hatte sich seit geraumer 
Zeit geltend gemacht und ihm zu genügen ist verschiedentlich versucht wor- 
den. Von derartigen Publikationen sind hier zu nennen: Englers „Vegeta- 
tionsansichton aus Deutsch-Ostafrika*^ ^) nach 64 photographischen Aufiiahmen 
von Walther Goetze; Wettsteins „Vegetationsbilder aus Süd-Brasilien"*); 
endlich eine Sammlung „Vegetationsbilder" ^), herausgegeben von Karsten 
und Schenck. Die beiden erstgenannten Publikationen beschränken sich auf 
ein spezielles geographisches Gebiet, das in zahlreichen, möglichst mannig- 
faltigen Formationen entsprechenden Aufnahmen meist eines und desselben 
Photographen dargestellt wird. Das letztgenannte Unternehmen soll nach 

1) Vegetationsansichten aus Deatsch-Ostafrika nach 64 von Walther Goetze 
auf der Njassa-See- und Einga-Gebirgs-Expedition der Herrmann und Elise geb. 
Heckmann -Wentzel-Stiftung hergestellten photographischen Aufnahmen zur Erläute- 
rung der ostafrikanischen Vegetationsformationen besprochen von A. Engler. 
Leipzig 1902. Vgl. die Besprechung von Hans Maurer. G. Z. VIII. 1902. S. 608. 

2) Rieh, von Wettstein. Vegetationsbilder aus Süd-Brasilien. Mit 68 Tafeln 
in Lichtdruck, 4 färb. Taf. u. 6 Textb. Leipzig u. Wien 1904. 

3) Vegetationsbilder, hrsg. von G. Karsten u. H. Schenck. 1. Reihe Heft 
1—8. Jena 1903. 2. Reihe Heft 1—8. Jena 1904. 3. Reihe Heft 1—3. 1906. 



Beiicht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 151 

lind nach die ganze Erdoberfläche in ihren charakteristischen Formationen 
utid Einzelaufnahmen von Pflanzenformen umfassen; zahlreiche Botaniker sind 
bereits jetzt neben den Herausgebern tätig daran beteiligt. Übrigens sind die 
Ton Wettstein herausgegebenen „Yegetationsbilder^^^) wie diese letztgenannte 
Sammlung*) in dieser Zeitschrift bereits besprochen. — 

Einen breiten Baum nimmt in den letzten Jahren besonders auch die 
ökologische Durchforschung der Meeres- und Süßwasserseen -Vegetation in 
Anspruch. Die Arbeiten gliedern sich, abgesehen von diesem Gesichtspunkte, 
in solche, die sich mit der Bodenvegetation , und solche, die sich mit der 
Schwebeflora, dem Plankton, beschäftigen. 

Die Bodenvegetation^) bleibt naturgemäß auf den Rand der tieferen 
Landsee wie besonders der großen Weltmeere beschränkt; fttr unsere flache 
Ostsee, deren geringe Tiefe überall noch eine Vegetation am Grunde der 
vorhandenen Lichtmenge nach gestatten würde, ist das Resultat etwa so zu 
formulieren: Fester Meeresgrund ist bewachsen, beweglicher Meeresgrund trägt 
keine im Boden wurzelnden Pflanzen, ist aber die eigentliche Heimstätte der 
beweglichen Grund-Diatomeenformen. 

Sehr viel reicher ist die Zahl der Planktonuntersuchungen*), deren prak- 
tische Bedeutung man ja mehr und mehr erkennt, nachdem die Hensen sehen 
grundlegenden Beobachtungen und Gedanken sich langsam, wenn auch nicht 
in allen Einzelheiten, zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen haben. 
Nur einige der wesentlichsten neueren Erscheinungen auf dem Gebiete kann 
ich hier aufzählen, in denen weitere Spezialliteratnr ja leicht nachzusehen 
ist Die fundamentale ökologische Frage ist in den genannten Arbeiten von 
Brandt aufgestellt und dort auch am eingehendsten behandelt. Die leitenden 
Gedanken sind etwa die folgenden. Der Reichtum an Phjtoplankton in den 
Seen und Meeren hängt von den jeweils gebotenen Emährungsbedingungen 
ab und zwar ist die Menge des von den nothwendigen Elementen am spär- 
lichsten vorhandenen Elementes ausschlaggebend. Dieses am mindesten reich- 
lich vorhandene Element ist der Stickstoff. Demnach steht die Quantität 

1) G. Z. X. 1904. S. 716. 

2) Ebda. JK. 1908. S. 479 u. X. 1904. S. 113 von 0. Warburg. 

3) G. Karsten. Diatomeen der Kieler Bucht. Wies. Meeresunters. Kiel. 
N. F. Bd. 4. 1899. — F. Boergesen. Om Algevegetationen ved Faeroeemes kyster. 
Mit zahlreichen Habitusbildem. Kopenhagen 1904. — C. Schroeter und 0. Kirch- 
ner. Vegetation des Bodensees II. Characeen, Moose usw. Schriften des Vereins für 
GeBchichte des Bodensees. Lindau. Bd. XXXI. 1902. 

4) C. Wesenberg-Lund. Studier over de Danske Soors Plankton. Kopen- 
hagen 1904. — H. Lohmann. Neue Untersuchungen über deo Reichtum des Meeres 
an Plankton. Wis«. Meeresunters. N. F. Bd. 7. Kiel 1902. — H. H. Gran. Das 
Plankton des norwegischen Nordmeeres. Rep. on Norweg. fishery- a. marine-investi- 
gations. vol. II. 1902. No. 5. — P. F. Cleve. The seasonal distribution of at- 
lantic Plankton organisms. Goeteborg 1901. — J. Pavillard. Recherches sur la 
flore p^lagique (Phytoplankton) de l'^tang de Thau. Montpellier 1906. — K. Brandt. 
Über den Stoffwechsel im Meere I u. 11. Wiss. unters. Kiel. N. F. Bd. IV. 1899. 
S. 216 u. Bd. VI. 1902. S. 26. — E. Baur. Über zwei denitrifizierende Bakterien 
aas der Ofteee. Ebda. Bd. VI. — J. Keutner. Über das Vorkommen und die 
Verbreitung stickgtoffbindender Bakterien im Meere. Ebda. N. F. Bd. VIII. 1904. — 
H. H. Gran. Stadien über Meeresbakterien I. Bergens Museums Aarbog. 1901. 



152 (^- Karsten: 

des dem Pbjtoplankton in geeigneter Form frei zur Verfligung stehenden 
Stickstoffes in direktem Verhältnis zur Masse des Phytoplanktons. Die Stick- 
stoffanreicherong im Meerwasser geht auf sehr verschiedene Arten von Statten, 
vor allem ist die Arbeitsweise von Bakterien zu beachten, welche teils Stick^ 
Stoff binden, teils ihn aus seinen Verbindungen befreien. Die auff&llige Tat- 
sache, daß die Phytoplanktonmasse kalter Meere stets erheblich bedeutender 
ist als diejenige warmer Tropenmeere, beruht demnach auf der bei höherer 
Temperatur sehr viel energischer von Statten gehenden Arbeit der denitrifi- 
zierenden Bakterien, die aus allen organischen faulenden Stoffen den Stick- 
stoff befreien und entweichen lassen, während in den kälteren Polarmeeren 
bei träger Arbeit dieser Bakterien sich die zur Ernährung wichtigen Stick- 
stoffverbindungen im Meerwasser länger zu halten im Stande sind. Sie wer- 
den daher vom Phytoplankton energisch ausgenutzt und bedingen seine sehr 
viel mächtigere Entwicklung gegenüber jenen stets stickstoffarmen Tropen- 
meeren. Um die Einzelnachweise des vei-schiedenen Verhaltens der Stickstoff- 
bakterien unter verschiedenen Bedingungen dreht sich der Inhalt der ge- 
nannten Literatur über Bakterien, die in dem Meeresstoffwechsel und daher 
in der Meeresökologie eine so ausschlaggebende Bolle spielen. — 

Bevor wir zur systematischen Pflanzengeographie übergehen, mag eine 
Arbeit historischer Art von Engler genannt sein, die beiden Bichtungen ge- 
recht zu werden sucht: „Die Entwicklimg der Pflanzengeographie in de^ letzten 
hundert Jahren und weitere Aufgaben derselben"^), eine sehr gründliche 
Durcharbeitung, aus der sich viele wertvolle Fingerzeige für die Weiterarbeit 
ergeben. 

Naturgemäß ist die systematische Bichtung unserer Wissen- 
schaft nicht durch eine scharfe Grenze von der ökologischen zu scheiden 
und von den vorstehend aufgeführten Arbeiten hätten gar manche, so z. B. 
alle aus der Sammlung „Vegetation der Erde^' genannten, ebensogut hier 
ihren Platz finden können. Auch das zunächst zu erwähnende Werk Grad- 
mann ^), Pflanzenleben der schwäbischen Alb bietet genug Berührungspunkte 
mit der ökologischen Bichtung. Der ganze erste Teil beschäftigt sich mit 
den Beziehungen der Pflanzen zu Klima und Boden, zu der umgebenden 
Pflanzenwelt und Tierwelt. Der Zusammenschluß der Pflanzen zu Wäldern, 
Heiden und sonstigen Formationen, der Wechsel der Vegetation gemäß den 
Jahreszeiten wird behandelt. Daran sich schließt eine Besprechung der Pflanzen- 
verbreitung und der Ursachen ihrer jetzigen Vei-teilung. Der zweite spezielle 
Teil enthält dann die Aufzählung und Beschreibung der im Gebiete gefun- 
denen Pflanzen. 

Hier soll auch gleich auf die neueste Auflage der bekannten ausgezeich- 
neten Flora von Deutschland von Garcke') hingewiesen werden, deren 

1) S.-A. a. d. Humboldt-Zentenar-Schrifb d. Ges. f. Erdkde. zu Berlin. 1899. 

2) R. Grad mann. Das Pflanzenleben der schwäbischen Alb mit Berücksich- 
tigung der angrenzenden Gebiete Süd-Deutschlands. 50 Chromotaf., 2 Kartenskizzen, 
10 Vollb. u. über 200 Textfig. 2. Aufl. Tübingen 1900. (Nach dem Auszug in 
Justs Jahresber. Bd. 26. 1. 1898.) 

3) Aug. Garcke. Illastrierte Flora von Deutschland. 19. Aufl. 770 Orig.-Abb. 
Berlin 1903. 



Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 153 

Wert durch Beigabe sehr zahlreicher Illustrationen besonders för minder in 
der systematischen Botanik Bewanderte erheblich erhöht ist. Als Anleitung 
fCbr die geographische Betrachtungsweise der Flora, für das Zusammenvor- 
kommen bestimmter Pflanzenarten in Vegetationsformationen und das Er- 
kennen ihrer wesentlich charakteristischen Bestandteile wird der Botanische 
Führer durch Norddeutschland von Graebner^) gute Dienste leisten können. 

Für die Erweiterung und Vervollständigung der Florenkunde ist 
Berlin immer noch der führende Ort, dank der Masse der dorthin zusammen- 
strömenden Sammlungen und der bewimdemswerten Energie des Leiters der 
systematisch-botanischen Anstalten. Vor allem die afrikanische Flora wird 
Yon Engler') und den zahlreichen Beamten des Gartens und Museums 
nach allen Richtungen hin dort auf das Gründlichste durchgearbeitet. Da- 
neben her geht die Bearbeitung anderer Sammlungen, die teils von den An- 
gehörigen des Institutes auf Beisen selbst zusammengebracht sind'), teils von 
ausw&rts dorthin gelangen.^) Die Eindrücke einer eigenen Reise nach Ost- 
Afrika und die Ergebnisse der bereits erwähnten Expedition der Heckmann- 
Wenzel-Stiftung gibt Engler*^) dann in Schilderungen der Formationen und 
der Vegetationsverhältnisse wieder, wie sie in kurzen Auszügen auch den ge- 
nannten Vegetationsaufiiahmen aus Ost-Afrika beigegeben sind. 

Von sonstigen florenkundlichen Veröffentlichungen dieses Zeitabschnittes 
seien nur einige wenige hierunter^) genannt. 



1) Paul Oraebner. Botanischer Führer durch Nord-Deutschland. Hilfsbuch 
som Erkennen der in den einzelnen Vegetationsformationen wildwachsenden Pflanzen- 
arten. Berlin 1908. 

2) A. Engler. Beiträge zur Flora von Afrika. Englers Bot. Jahrb. f. Syste- 
matik u. Pflanzengeogr. XXVI. 1899 — XXXIV. 1906. 

8) L. Diel 8 u. E. Pritzel. Beiträge zur Kenntnis der Pflanzen West- 
Australiens. Ebda. Bd. XXXV. 1906. S. 65. — L. Diels. Reisen in West-Austra- 
lien. Z. d. Ges. f. Erdkde. zu Berlin. 1902. S. 797. — G. Volkens. Vegetation 
der Karolinen mit besonderer Berücksichtigung der von Yap. Englers Jahrb. 
Bd. XXXI. 1901. — 0. Warburg. Monsunia. Beiträge zur Kenntnis der Vege- 
tation des Büd- und ostasiatiscben Monsungebietes. Bd. I. Leipzig 1900. 

4) L. Diels. Flora von Zentral-China. Englers Jahrb. Bd. XXIX. 1901. 8. 169. 

— J. ürban. Plantae novae americanae inprimis Glaziovianae. Englers Jahrb. 
Bd. XXV 1898. Beibl. 60. XXX. 1902. Beibl. 67. — A. Sodiro. Plantae ecuado- 
renses. Englers Jahrb. Bd. XXV 1898. S.722. XXIX. lüOl. S. 1. XXXTV. 1906. Beibl. 78. 

— G. Hieronjmus. Plantae Lehmannianae in Guatemala, Columbia et Ecuador 
collectae etc. Englers Jahrb. Bd. XXXIV 1906. S. 417. — C. Gilg u. Th. Loe- 
sener. Beitrag zur Flora von Kiautschau. Ebda. Bd. XXXIV. 1906. Beibl. 75. 

6) A. Engler. Über die Vegetationsverhältnisse des üluguru- Gebirges in 
Deutsch -Ostafrika. S.-Ber. d. k. pr. Ak. d. Wiss. Berlin. XVI. 1900. S. 191. — 
Ders. Über die Vegetationsverbilltnisse des im Norden des Njassa-Sees gelegenen 
Gebirgslandes. Ebda. XII. 1902. S. 216 — Ders. Über die Vegetationsformationen 
Ostafrikas auf Grund einer Reise durch Usambara zum Kilimandscharo. Z. d. Ges. 
f. Erdkde. zu Berlin. 1903. 

6) Alles zitiert nach Justs Jahresbericht. B. Pirotta. Flora dclla Colonia 
Eritrea. Roma 1903. Parte 1. Fase. 1. — E. de Wildem an. Etudes sur la flore 
du Katanga. Ann. du Musäe du Congo. Bot. s^r. IV. fasc. 1 — 3. 1902 — 1903. 
Broxelles. — P. Dusän. Gefäßpflanzen der Magellanländer usw. Wissensch. Kr- 
gebnisse der schwedischen Expedition nach den Magellanländem unter Leit\m% Noti. 

OMgrapUiMhe Z«itaobrifk. 18. Jahrgang. 1906. 8. Heft \\ 



154 Cr. Karsten: Bericht über die Fortschritte der Pflanzengeographie. 

Die große Zentralstelle für die floristische Dorchforschnng der Sunda- 
Inseln bleibt natürlich nach wie vor Boitenzorg. Die wichtigen Unter- 
suchungen über die Baumarten von Java von Koorders und Valeton*) 
sind bis zum zehnten Beitrag gelangt, von der Flora von Buitenzorg*) liegen 
außer der bereits im letzten Bericht genannten Phanerogamenflora Boerlages 
jetzt die Pteridophyten von Raciborski, die Lebermoose von Schiffner 
und die Algen von de Wildeman bearbeitet fertig vor; damit ist auch für 
die zum Studium der Tropenvegetation nach Buitenzorg gehenden Botaniker 
eine nicht leicht zu überschätzende Erleichterung der ersten Orientierung 
gegeben. 

Durch praktische Rücksichten auf die Kolonien der verschiedenen Na- 
tionen ist in den letzten Jahren eine „koloniale Pflanzengeographie^ wach- 
gerufen, die hier nicht übergangen werden darf. Sie geht naturgemäß Hand 
•in Hand mit der tropischen Agrikultur'), indem sie die Aufgabe zu erfüllen 
sucht, jeder Kolonie die geeigneten Nutzpflanzen zu finden und sodann deren 
Anbau zu fördern. Die Organe dieser praktischen Nutzbarmachung der 
Pflanzengeographie sind ins Leben gerufen von dem rührigen Kolonial-wirt- 
schaftlichen Komitee, dem wir die wenigen Erfolge unserer Kolonialwirtschafb 
bei der immer noch unglaublich großen Interesselosigkeit der Menge allein 
zu verdanken haben. Vor allem ist es die vorzüglich redigierte Zeitschrift 
„Der Tropenpflanzer"*), welche diesen Interessen dient mit ihren den letzten 

0. Nordenskjöld. HI. Stockholm 1900. — J. Schmidt. Flora of Koh Chang. 
Contributions to the knowledge of the Vegetation in the Golf of Siam. 1902. — 
W. B. Hemley a. H. H. W. Pearson. The Flora of Tibet or High-Asia. Joum. 
Linn. Soc. London XXXV. 1902. 

1) S. H. Koorders en Th. Valeton. Bijdrage No. 10 tob de Kennis der 
Boomsorten of Java. Mededeelingen uit's Lands Plantentuin. No. LXVÜI. 190i. 

2) Flore de Buitenzorg publice par le j ardin botanique de r£tat. Leiden. 

1. M. M. Raciborski, Pteridophyten, 1898; 2. V. Schiffner, Hepaticae I, 1900; 
8. E. de Wildeman, Algues, 1900. 

3) Es sei hervorgehoben, daß das Standard work H. Semlers in zweiter Auf- 
lage erschienen ist: H. Semler. Die tropische Agrikultur. Ein Handbuch für 
Pflanzer und Kaufleute. 2. Aufl. Unter Mitwirkung von 0. Warburg und M. Bose- 
mann bearb. u. hrsg. von R. Hindorf. Wismar 1900. 

4) Der Tropenpflanzer. Z. f. trop. Landwirtschaft. Organ des Kolonial Wirt- 
schaft!. Komitees, hrsg. von 0. Warburg u. F. Wohltmann. Berlin. Jahrgänge 
1—9. 1897—1905. — Beihefte zum Tropenpflanzer. Wiss. n. prakt. Abh. über trop. 
Landwirtschaft, hrsg. von 0. Warburg u. F. Wohltmann. Bd. I— VI. 1900—1905. 
Wichtigere Abhandlungen daraus; W. Sack: Geographische Verbreitung des Zucker- 
rohres. Bd. L S. 123. — F. Wohltmann: Togo-Reise. L 197. — F. Stuhlmann: 
Räunion. IL 1. — A. Schulte im Hof: Kultur und Fabrikation von Tee in Britisch- 
indien und Ceylon. 11.37. — F. Koschny: Kultur des Castilloa-Kautechuk. II. 119. 
— W. Busse: Forschungsreise durch den nördlichen Teil von Deutsch-Ostafrika, 
ni. 98. — F. Stuhlmann: Studienreise nach Niederländisch und Britisch-Indien. 
IV. 1. — F. G. Kohl: Untersuchungen über die von Stilbella flavida hervorgerufene 
Kafieekrankheit. IV. 61. — E. Dürkop: Nutzpflanzen der Sahara. IV. 161. — 
F. Wohltmann: Pflanzung und Siedlung auf Samoa. V. 1. — Alexander Kuhn: 
Die Fischflußexpedition. V. 165. — E. vonSchkopp: Wirtschaftliche Bedeutung 
der Baumwolle auf dem Weltmarkt. V. 323. — E. Ule: Kautschukgewinnung und 
Kautschukhandel am Amazonenstrom. VI. 1. — P. Reintgen: Die Kautschuk- 
pflanzen, eine wirtschaftsgeographische Studie. VI. 74. 



W. Sieroszeweki: Die jakutischen Küsten des nördlichen Eismeeres. 165 

Jahrgängen regelmäßig beigegebenen ,^eiheften^S ^^ größere wissenschaftliche 
Abhandlungen zu bringen bestimmt sind. Die in den ersten Heften eines 
jeden Jahrganges erschienenen einleitenden Artikel von einem der beiden 
Redakteure fassen die Ergebnisse des vorhergegangenen Jahres übersichtlich 
zusammen und sind geeignet, über den jeweiligen Stand der einzelnen Eul- 
taren in den Kolonien und sonst interessierende Fragen Aufschluß zu geben. 
Verschiedene größere Arbeiten über Baumwolle, Kautschukpflanzen, Faser- 
pflanzen usw. sind abgesehen von ihren direkten praktischen Zwecken auch 
von wissenschaftlichem Interesse; die beigegebenen Illustrationen häufig recht 
charakteristisch und zur Demonstration brauchbar. Daß die größeren und 
kleineren Expeditionen zur Untersuchung der Kulturen in fremden älteren 
Kolonien oder zur Aufisuchung wichtiger neuer Nutzpflanzen in den Wäldern 
unserer kolonialen Besitzungen nur durch die Energie desselben Kolonial- 
wirtschaftlichen Komitees zu Stande gekommen sind, ist bekannt. Die wert- 
vollen Berichte über zwei dieser Expeditionen, nämlich diejenige nach Zentral- 
xmd Süd- Amerika von Paul Preuß^) und die Kunene-Sambesi-Expedition 
von H. Baum*), herausgegeben von Warburg, sind in dieser Zeitschrift 
bereits besprochen und brauchen daher nicht wiederholt zu werden. Vielleicht 
den größten praktischen Erfolg hat wohl die Expedition von R. Schlechter 
zur Erforschung der Guttapercha- imd Kautschukverhältnisse in der Südsee 
außsnweisen gehabt Es gelang ihr bekanntlich^), im Bismarckgebirge auf 
Neu-Ouinea eine neue Outtaperchapflanze, Pdlaquium Supfianum^ zu entdecken. 
Der Baum war von 100 — 800 m Meereshöhe im Walde sehr verbreitet und 
eröffiaet demnach günstige Aussichten für die Zukunft einer Outtaperchakultur 
daselbst.^) 



Die jakutischen Küsten des nördlichen Eismeeres. 

Von W. SierosBewBki/) 

Zwischen dem Kap Tscheljuskin und dem Kap Swjatoj Noß (103^ bis 
141® ö. L.) füllt das nördliche Eismeer einen tiefen Einschnitt in der Nord- 
grenze Asiens aus. Das erste der beiden Vorgebirge, das Kap Tschel- 
juskin, liegt im Westen, geht bis zu 77® 36' n. Br. und ist der nördlichste 
Punkt der Alten Welt, das andere, fast um fünf Grad südlicher, darf als der 
nördlichste Punkt der jakutischen Küsten Asiens bezeichnet werden. Der große 



1) G. Z. Vm. 1902. 8. 222. 

2) G. Z. IX. 1903. S. 714.' 

8) Über die neue Guttapercha von Neu-Guinea. Tropenpflanzer. Bd. Vn. 1908. 
8. 467. 

4) F. Wohltmann. Neujahrsgedanken 1906. Tropenpflanzer. Bd.IX. 1905. S. 4. 

6) Der Verfasser, Waciaw Sieroszewski, russ. Pole, geb. 1860, wurde zu 
17 jähriger Verbannung nach Sibirien verurteilt und brachte davon zwölf Jahre unter 
den Jakuten zu. Er schreibt seine literarischen Arbeiten teils in polnischer, teils 
in russischer Sprache. Der obige Artikel ist rusäisch erschienen in der Moskauer 
Zeitschrift ZemUvidmiie (Erdkunde) und wird hier in Übersetzung von Traugott 
Pech in Leipsig gebeten. 

!!♦ 



156 W- SieroBzeweki: 

von ihnen eingeschlossene Busen, ein ganzes Meer, besteht aus einigen mehr 
oder weniger bequemen Buchten und Limanen, die aber bisher nur von 
Fischen, Seehunden, Eisbären, Zugvögeln und schwimmendem Eis besucht 
werden. Fast in der Mitte dieses Busens hat sich einer der Biesenströme 
Sibiriens, die Lena, ein Delta angeschwemmt, das als ein HQgel ins Meer 
hinausragt und aus einem ganzen Archipel von Inseln besteht; westlich von 
ihr schneidet die Chatangabucht tief in die Ostküste der Tajmyrhalbinsel 
ein, die schon im Altertum (bei Plinius) unter dem Namen „Tabin"^) dunkel 
bekannt war; im Osten streckt sich weit ins Meer hinaus das flache, sandige 
Dreieck Borchoja, das die Wässer in zwei Buchten von fast gleicher Größe 
und Form teilt, in die Borchoja -Bucht und in die Jana-Bucht. Schon im 
offenen Meere, im Osten von den genannten Buchten, liegen die Ljachow- 
Inseln, die Neusibirischen Inseln, die Inseln Bennett, Wrangel und andere 
kleinere, deren übrigens ziemlich lichte und zerrissene Kette den Küsten des 
Festlandes in ihrer Richtung nach Osten folgt. 

Dieses ganze Küstanland, von „Tscheljuskin^^ beginnend und mit dem 
Ostkap (Kap Deshnew), dem östlichen Pylon Asiens, endend, hat sich längs 
der idealen Diagonale eines geographischen Netzes ausgedehnt, das aus 1 1 Graden 
Breite und 90 Graden Länge besteht; aber die Entwickelung der Küstenlinie ist 
hier ziemlich schwach, die Küste ist seicht und auf ihrer großen Ausdehnung 
doch nur an einigen Stellen für Seeschiffe zugänglich. Das vertikale Profil 
des schmalen Gürtels dieser Küste, dessen südliche Grenze nur stellenweise 
die Linie des Waldwuchses überschreitet, bildet im allgemeinen eine krumme 
Linie, deren größte Biegung auf die Gegenden kommt, die zwischen den Mün- 
dungen der Lena und der Indigirka liegen. Es sind dies Gegenden, die sich 
sehr wenig über das Niveau des Meeres erheben und deren größte Höhen selten 
1400 Fuß erreichen. Der westliche Flügel dieser Biegung ist niedriger, weil 
seine Kulminationspunkte, die Berggipfel der Tajmyrhalbinsel, 3000 Fuß nicht 
überschreiten, während sich im Osten die Berge der Tschuktschenhalbinsel nicht 
selten bis 4000 Fuß erheben, und einer von ihnen, der Berg Manatschinga, 
sogar 8800 Fuß hoch ist, der höchste der Gipfel, die sich überhaupt in den 
Grenzen oder in der Nähe des nördlichen Polarkreises finden. Der Anblick 
der Küsten, die direkt vom Meere bespült werden, ist allerdings meist niedrig, 
aber danach den Charakter des ganzen Küstengebiets beurteilen zu wollen, wäre 
doch falsch, weil sich tiefer im Lande Gebirgsausläufer finden, die als Wasser- 
scheiden der in das Eismeer mündenden Flüsse Chatanga, Anabara, Olenek, 
Lena, Jana, Indigirka, Alaseja, Kolyma, Tschaun und anderer dienen und dem 
ganzen Lande ein mehr oder weniger ungleiches hügeliges Ansehen geben, so wie 
auch nicht selten, wenn auch stark platt gedrückt, bis zum Meere selbst reichen. 
Im Westen und Osten aber erheben sich nicht weit von der Meeresküste wirkliche 
Bergrücken, wie auf der Tajmyrhalbinsel das Byrangagebirge, und auf dem 
Tschuktschenland ein ganzes Netz von Ketten, das der Halbinsel einen entschie- 
denen Gebirgscharakter gibt. Hier ziehen sich neben dem Hauptrücken, der in der 
Mitte der Halbinsel von Ost nach West geht, noch viele andere Ketten zweiten 



1) So im russischen Text; bei Plinius heißt der Name Tabis (Tdßig). Der Oberf, 



Die jakutischen Küsten des nördlichen Eismeeres. 157 

Grades, die manchmal sehr nahe, zuweilen sogar dicht ans Meer herankommen. 
Überhaupt sind die Küsten dieser beiden Grenzländer des jakutischen Küsten* 
landes, des westlichen und des östlichen, von seiner niedrigen Mitte ver- 
schieden, haben aber unter sich etwas Gemeinsames: sie sind nämlich 
felsiger und fallen steiler ins Meer hinab, als in den anderen Gegenden des 
Küstenlandes, auch erinnern sie durch die Form ihrer Vorgebirge und Buchten 
bis zu einem gewissen Grade an die Nordküsten Skandinaviens. Das ist be- 
sonders im Osten, an den Küsten der Tschuktschenhalbinsel bemerkbar, wo 
sich die felsigen Klippen stellenweise direkt vom Meeresgrund erheben und 
die schmale Koljutschin-Bucht weit in die Tiefe des Festlandes einschneidet. 
Fjorde im eigentlichen Sinne des Wortes, wie sie für die Küsten Norwegens 
so charakteristisch sind, gibt es aber hier auf der ganzen arktischen Küste 
Asiens nicht; sie finden sich nicht einmal dort, wo einige Bedingungen zu 
ihrer Bildung vorhanden zu sein scheinen. 

Eigentlich senkt sich die Meeresküste am häufigsten allmählich, in nie- 
drigen, flachen Terrassen, zum Wasser herab, oder sie bildet einen schlammigen, 
sandigen Band, der sich erst kürzlich aus dem Meerwasser am Fuße älterer 
Terrassen des Festlandes abgesetzt hat. Dieser Gürtel von junger, frisch auf- 
getragener Erde wächst immer mehr und mehr, entsprechend dem langsamen 
Bückgang des Eismeeres, der immer weiter und weiter nach Norden zu statt- 
fbdet, wenn auch nicht auf der ganzen Linie der sibirischen Küsten, so doch 
wenigstens in dem hier beschriebenen Teile. Dieser Gürtel ist manchmal 
80 niedrig, daß im Winter, wo das Festland und das gefrorene Meer mit 
Schnee bedeckt sind, die auf dem Meere in Geschäften herumfahrenden Jäger 
die Nähe des Landes nur an den Haufen des da und dort angeschwemmten 
Holzes erkennen; doch spricht auch dieses Merkmal noch nicht für die Nähe 
des Meeres, weil man solche Haufen Treibholz, das man hier Adamsholz 
(adamovSdina) oder Noahholz (nojevSöina) nennt, manchmal auch einige 
Dutzende von Werst von der Küste entfernt und auf Höhen von. einigen 
hundert Fuß über dem Meeresspiegel findet. Diese Haufen alten Holzes 
mit Ablagerungen von Seemuscheln und versteinertem Tang sind natürlich 
Zeugnisse dafür, daß auch hier einstmals Meer war. Solcher Stellen gibt es 
auf dem ganzen Küstenland so viele und sie sind so regelmäßig verteilt, daß 
es nach ihnen nicht schwer sein würde, ein Bild der Nordküste Sibiriens in 
den verschiedenen geologischen Epochen wiederherzustellen. 

Die Tundra, jakutisch moord genannt, nimmt die niederen Teile der be- 
schriebenen Gegenden ein und stellt eine mehr oder weniger flache, mit einer 
Masse großer und kleiner Seen besäte Ebene dar. Wenn man sie von einer 
gewissen Höhe aus betrachtet, eröffnet sich ein origineller Anblick: rund 
herum, weit, so weit das Auge reicht, sieht man eine bunte, wimderbare, 
fast gleichmäßige Mischung dunkler Stücke Erde und silberner Wasserbecken. 
Man könnte diesen Anblick mit einem großen Schachbrett, genauer noch mit 
nach der Ebbe entblößtem Meeresboden vergleichen, so eigenartig regelmäßig, 
wie von den Wellen abgewaschen, sind hier die mit Wasser angefüllten Ver- 
üefongen und die mit Moos, Gras, Beeren und kleinen Sträuchem bewachsenen 
Landhügel verteilt Im Winter, wenn das alles mit einer Schicht harten, 



158 W. Sieroszewflki: 

durch die Winde festgewehten Schnees mftnchmal von der Dicke einer ganzen 
Sashen (d. i. reichlich 2 m) beschüttet und ausgeglichen ist, stellt die Tundra 
eine unbegrenzte, einheitliche Ebene dar, glatt wie ein Bogen Papier. Mitten 
in dieser Ebene gewähren einen sonderbaren Anblick die selten vorkommen- 
den vereinzelten glockenförmigen Erdhügel, die hftufig einige Dutzend Fuß 
hoch, vollständig kahl und von so regelmäßiger Form sind, daß Midden* 
dorff, der jene Hügel auf der Tajmyr-Tundra sah, sie für von Menschen 
aufgeschüttete Kurgane (Grabhügel) hielt. Ebensolche glockenförmige Hügel 
habe ich auf der Tundra an der Mündung der Jana gesehen. 

Trotz ihrer Größe, Ebenheit und Einförmigkeit macht die Tundra doch 
nicht, wie die Steppe, den Eindruck der Unendlichkeit. Im Sommer ist dem 
die eigenartige Polarbeleuchtung hinderlich, die die Entfernung verbirgt und 
die Gegenstände manchmal dermaßen vergrößert, daß geringfügige Sti^ucher 
und Gräser als den Horizont verdeckende Wälder erscheinen, und sich jeder 
Vorsprung, jede Ungleichheit oder jeder flache Hügel als eine lange Bergkette 
darstellt. Im Winter wirken die Dämmerungen und die Frostnebel hinderlich, 
indem sie die Aussicht verdecken, und nur im Frühling, im Monat März und 
später, würden es vielleicht die Lichtverhältnisse gestatten, die Tundra in 
ihrer ganzen Herrlichkeit zu sehen, aber an trüben Tagen wird der Eindruck 
durch die niedrighängenden Wolken und die der Meeresküste eigene feuchte, 
schwere und finstere Luftperspektive verdorben, an sonnigen Tagen aber er- 
zeugt die grell weiße Tundra einen so starken Reflex, daß es fast unmöglich 
ist, wegen des starken, leicht Schwindel erregenden Augenschmerzes in die 
Feme zu sehen. Als eine der in Gedrängtheit und Genauigkeit besten Be- 
schreibungen der bergigen Gegenden des hiesigen Küstenstrichs führe ich die 
vom Kapitän Billings verfaßte Beschreibung der Tschuktschenhalbinsel an; 
er verbrachte hier den Sonuner des Jahres 1792. 

„Das ganze Tschuktschenland besteht aus Bergen und unfruchtbaren 
Tälern; auf den Bergen ist kein Gras bemerkbar, mit Ausschluß von Moos, 
das den Benntieren als Nahrung dient; überall sieht man nur nackten Stein; 
in einigen Tälern gewahrt man Weidenstengel, aber sie sind recht dünn. 
Das Klima ist ganz unerträglich: vor dem 20. Juli ist noch kein Sonuner 
bemerkbar und um den 20. August zeigt sich schon in allem das Nahen des 
Winters. Das Tschuktschenland liegt hoch, und oft sind uns Berge von er- 
staunlicher Größe vorgekommen. Auf den Bergen und in den Tälern be- 
decken an vielen Stellen Schneehaufen die Erde das ganze Jahr hindurch. 
In den nach Norden gerichteten Tälern fließen viele seichte Flüsse und Bäche 
mit steinigtem Grund. Die Täler selbst sind meist sumpfig und von einer 
Menge kleiner Seen angefüllt. Von Beeren gedeihen nur die Blaubeere, die 
Preiseisbeere und die Bauschbeere, hier sikSa genannt. An den Küsten deir 
Nordost-, Ost- und ziun Teil der Südseite fängt man Seelöwen, Walrosse und 
Eobben. Das Renntier, der Bergwidder, der weißliche Wolf, der Bär, Füchse, 
Blaufüchse bilden das ganze Reich der Vierfüßler. Während des kurzen 
Sommers sieht man Adler, Falken, Rebhühner und Wasservögel verschiedener 
Art, und zur Winterszeit, wo die Einwohner umherreisen, fliegen überall 
T'^'^ähen hinter ihnen her." 



Die jakutischen Küsten des nördlichen Eismeeres. 159 

Ich füge hinzu, daß nach der Bestimmung des Leutnants Nordquist, 
des Begleiters Nordenskiölds, das in dieser Gegend vorwiegende Gestein 
Granit ist, und daß die Sohle der Täler am häufigsten aus nachtertiären Bil- 
dungen, Sand und Geröll, besteht. 

Dieses Stück Festland, arm an Formen des Beliefs, fast ohne Pflanzen- 
decke, ohne Wald, hat gleichwohl ein hohes Interesse für den Geographen; hier 
bemüht sich gewissermaßen die Natur etwas zum zweiten Mal durchzuführen, 
was sie schon in längst vergangener Zeit in der Tiefe des Kontinents ge- 
tan hat. 

Schon Reclus lenkte die Aufmerksamkeit auf die merkwürdige Ähnlich- 
keit, fast Gleichheit der Erhebungslinien in diesem Teile des Erdballs. Seine 
flüchtig hingeworfene Bemerkung, daß das Tal des Wüjuj eine westliche 
Fortsetzung des unteren Aldans sei, hat mich veranlaßt, die Marschrouten der 
Beisenden in diesen Ländern aufmerksam zu verfolgen. Auf Grund dieser 
Angaben und nach meinen eigenen Beobachtungen bin ich zu dem Schluß 
gekommen, daß die Vermutung Reclus' ganz richtig ist, ja mehr noch, daß 
das ganze Plateau, das von der Lena, dem Wiljuj und dem Aldan kreuzweise 
durchschnitten wird, eine große, leicht gewellte Vertiefung mit nach allen 
Seiten stark gehobenen Bändern bildet. Die Sohle dieser Vertiefung, ihre 
tiefste Ausbuchtung, kommt auf die Stellen, die an der Vereinigung der drei 
oben genannten Flüsse liegen. Diese Schlußfolgerung hat mir die Möglich- 
keit gegeben, über viele geographische, klimatische und botanische Eigentüm- 
lichkeiten der Gegend ins Klare zu konmien, z. B. über die Verteilung der 
Sümpfe und Seen, über das regelmäßige Auftreten trockener, kalter West- 
winde im Sommer, über die Verbreitung der Arten der Holzgewächse, über 
die Grenze des Wachstums der Getreidepflanzen, über die Eigenschaften der 
Wiesen und Wiesenkräuter in den verschiedenen Gegenden dieser Vertiefung. 
Bei meinen ethnographischen Untersuchungen des Jakutenlandes war 
meine Hauptaufmerksamkeit natürlich nur auf die wichtigsten geographischen 
Faktoren gerichtet, die unmittelbar das Leben der Menschen beeinflussen. Nur 
gelegentlich habe ich auch Eigentümlichkeiten verzeichnet, die mich durch ihre 
in der Folge so fruchtbare Annäherung zu einander überraschten. Vor allem 
lenkt die merkwürdige Ähnlichkeit zwischen den zwei Vertiefungen des 
Jakntenlandes: der südlichen, wo Wiljuj, Lena, Aldan, und der nördlichen, 
wo die Jana, Indigirka, Kolyma fließen, die Aufmerksamkeit auf sich. Ob- 
gleich beide Vertiefungen durch ziemlich hohe Bergketten von einander ge- 
trennt sind, sind diese in Wirklichkeit doch ebenso flach gewellte, (im Nor- 
den) mit zahlreichen Seen besäte und (im Süden) von Flüssen durchschnit- 
tene Plateaus; nur ist das südliche, weil älter, auch trockener als das 
nördliche und mehr ausgewaschen als dieses. Ich habe mir nach meinen 
nördlichen Erinnerungen ohne Mühe in Gedanken ein Bild von dem Lande 
gemacht, als das Niveau seiner Wässser noch höher stand und die Flüsse in 
wenigen tiefen Binnen flössen. In der Umgegend der Stadt Jakutsk, auf dem 
Amga-Lena-Plateau in den Alassen^) des Nymskij und des West-Nyngalaskij 

1) Jakutisch o^, aläß^ ein von Wald umgebener Platz. Vgl. 0. Böhtlingk. 
Über die Sprache der Jakuten U, 10» (St. Petersb. 1861). Der Übers. 



160 W. SieroBzewski: Die jakutischen Küsten des nördlichen Eismeeres. 

ülus habe ich dasselbe Eoljmsche Land und die Seet&ler des Bezirks Wercbo- 
jansk erkannt. Manchmal habe ich in einem ziemlich dichten und gesunden 
südlichen Walde, wie zur Bestätigung meiner Vermutungen, versteckte Über- 
reste längst vergangener Zeiten gefunden: konservierte Bruchstücke einer sel- 
tenen nördlichen Ta^ga mit ihren krummen, kranken Lärchen, mit einer 
Menge gefallener Stämme, mit dem grauen knotigen Reisig, das das magere 
Grün erstickte. Oder es eröffnete sich vor mir plötzlich ein moosiges, sumpfiges 
Tal mit Kolonien von Flechten und Büschen der unfruchtbaren entarteten 
Schellbeere; der kalte Torf-Eis-Boden, mit Mooshügeln bedeckt, das niedrige 
Weidengehölz, die kleinen Pfatzen des aufgestauten Frühlingswassers vervoll- 
ständigen die Ähnlichkeit dieser Täler mit den Brüchen des Nordens. Rund- 
herum sind dieselben runden mit Moos bewachsenen Hügel. 

Wenn wir nun die Karte zur Hand nehmen, so tritt die geographische 
Ähnlichkeit der beiden erwähnten Plateaus noch deutlicher hervor. Die 
Flüsse nehmen hier wie dort ihren Lauf von Süden nach Norden, die Höhen- 
züge gehen annähernd in meridionaler Richtung, die Menge der Seen nimmt 
von Süden nach Norden zu, die äußeren Ränder beider Plateaus sind erhöht 
und bilden eine Verflechtung ziemlicb hoher Bergrücken. Nur das südliche 
Plateau ist, wie schon bemerkt, auf allen Seiten von Bergrücken umgeben und 
bildet eine große geschlossene Vertiefung, das nördliche aber senkt sich mit 
seiner Nordgrenze ins Meer hinab. Zieht man in Betracht, daß die längs 
der Eismeerküste zerstreuten Inseln die höchsten Stellen des Meeresbodens 
sind, so muß man annehmen, daß auch dieses nördliche Land, das jetzt vom 
Meer bedeckt ist, eine ähnliche, von erhöhten Rändern umgebene, nicht große 
Vertiefung bildet, und daß wahrscheinlich erst hinter ihr die eigentlichen 
Meerestiefen beginnen. Die Messungen Wrangeis und Nordenskiölds be- 
stätigen zum Teil eine solche Annahme.^) Sonach wird die Ähnlichkeit der 
beiden Plateaus fast zu einer Gleichheit. 

Middendorff hat zuerst festgestellt, daß auf dem südlichen Plateau 
einstmals ein Meer war^); welcher Art es war, ist nicht bekannt. Jedenfalls 
können wir uns aber einen solchen Moment seines Rückgangs vorstellen, wo 
sich aus den Gewässern in der Gestalt von Liseln die Gipfel erhoben, die zu 
dem Gebirgswall gehörten, der das nördliche Plateau von dem südlichen 
trennte. Damals bildeten die Täler des unteren Aldan und des Wi^uj eine 
Meerenge, alle jetzt in diese mündenden Flüsse gingen damals selbständig ins 



1) N. Sei and er. „Karte der Nordküste der Alten Welt von Norwegen bis zur 
Beringstraße mit dem Kurse der »Vega« -Expedition" (bei Nordenskiöld, Die Um- 
segelung Asiens und Europas auf der ,,Vega'', Bd. II, Leipzig 1882). Auf dieser Karte 
sind von der Tajmyrhalbinsel aus gerechnet die größten Tiefen eben gerade bei dieser 
Halbinsel bezeichnet (124 Meter, etwas östlich vom Kap Tscheljuskin, die höchste 
Ziffer auf dem ganzen Wege bis zur Beringstraße); die kleinsten Tiefen sind in dem 
Durchgang zwischen der Ljachow-Insel und dem Festland (9—16 m) vermerkt. 
Wrang el hat bei seinen Messungen unter dem Eise zwischen dem Festland und 
der Insel Wrangel keine größere Tiefe als 49 m gefunden. 

2) In den Kalksteinen des Aldans habe ich selbst Abdrücke von versteinerten 
Seemuscheln gefunden. Einige von mir dort gefundene Versteinerungen finden sich 
gegenwärtig im Museum zu Jakutsk. 



B. Laogenbeck: Drei neue Methodiken des erdknndl. Unterrichtes. 161 

Meer, und die südjakntische Vertiefung selbst, die sich mit ihrem Nordrande 
ins Meer senkte, hatte damals eine große Ähnlichkeit mit dem Amphitheater 
des Plateaus Jana-Indigirka-Eoljma. 

Es muß angenommen werden, daß die Hebung der jakutischen Küste 
des Eismeeres verhältnismäßig schnell vor sich gegangen ist, denn die Haufen 
von Seetreibholz, die sich bisweilen in einer Entfernung von einigen Werst 
von der Grenze der jetzigen Brandung finden, sind noch nicht verwest! 

Wenn der Bückgang des Meeres nicht aufhört und mit derselben relativen 
Schnelligkeit weitergeht, so ist es zweifellos, daß sich in einer mehr oder 
weniger fernen Zeit der an der Küste liegende Streifen des Meeres, auf dem 
Nordenskiölds „Vega" von der Tajmyrhalbinsel nach Osten fuhr, in eine 
Meerenge verwandeln wird. Im Norden wird sich diese Meerenge durch ein 
Band von Inseln absondern, die sich in ihrem umfang immer mehr erweitem, 
sich der Zahl nach vermehren imd endlich in eine große Landzunge zusanunen- 
fließen werden. Das Meerwasser wird allmählich aus der seicht werdenden 
Meerenge durch das süße Wasser der in sie einmündenden Flüsse verdrängt 
werden, der Lauf der Gewässer wird sich nach und nach regeln und hier 
wird die Fortsetzung eines der großen Flüsse entstehen, die aus der Tiefe 
des asiatischen Kontinents konunen. Dieser Fluß wird sich in scharfer Bie- 
gung nach Westen oder nach Osten wenden und wird alle Flüsse in sich 
aufnehmen, die bisher selbständig ins Meer gehen. Fraglich ist nur, ob 
dieser Fluß in so hohen Breiten im Stande sein wird, im Sonamer seinen Eis- 
panzer abzuwerfen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Klima dieses Teils 
der Erdoberfläche strenger werden wird — im Winter kälter, im Sommer 
heißer — und daß trotzdem die Wälder ihre Grenze weiter nach Norden 
schieben und die jetzt waldlosen Tundren einnehmen werden. 



Drei neue Methodiken des erdkundlichen Unterrichtes. 

Es ist ein erfreuliches Zeichen für das in Lehrerkreisen wachsende In- 
teresse am erdkundlichen Unterricht, daß uns das verflossene Jahr drei und 
Bum Teil vortreffliche Methodiken dieses ünterrichtszweiges gebracht hat. 
Alle drei Bücher*) sind aus einer langjährigen praktischen Tätigkeit hervor- 
gegangen, und anderseits stehen ihre Verfasser durchaus auf modernem geo- 
graphischen Boden. Als die eigentliche Aufgabe des erdkundlichen Unter- 
richts betrachten alle drei, den Schülern ein richtiges Verständnis fQr die 
Wechselwirkungen zwischen den physischen Verhältnissen der Erdoberfläche 
einerseits, dem Menschen, seinen Siedlungen und wirtschaftlichen Verhältnissen 
anderseits zu vermitteln. Daneben lassen sie auch den hohen praktischen 
Wert des erdkundlichen Unterrichts keineswegs außer Augen, wenn auch 
diese praktische Seite wohl Becker am schärfsten und klarsten hervorhebt. 



1) Becker, Ant. Methodik des geographischen Unterrichtes. (lU. Teil von: 
Klara ,JErdkunde'*.) lU u. 92 S. Leipzig u. Wien , Deuticke 1905. .^ 3.—. — 
Fischer, Höh. Methodik des Unterrichts in der Erdkunde. 168 S. Breslau^ 
Hirt 1906. JC 1.80. — Bargmann, A. Methodik des Unterrichts in der Erdkunde 
in Volks- und Mittelschulen. 104 S. 5 Taf. Leipzig, Teubner 1906. JC 1.40. 



162 ^- Langenbeck: 

Das Beck er sehe Buch, obgleich das am wenigsten umfangreiche, ist doch, 
wenigstens nach einer Richtung hin, nämlich in Bezug auf die allgemeine 
Methodik des Erdkundeunterrichts das umfassendste und zugleich das am 
strengsten systematisch angeordnete. Die spezielle Methodik enthält es über- 
haupt nicht, da für die Methodik der Heimat- wie der Länderkunde noch 
besondere Hefte in der Klarsehen Sammlung vorgesehen sind. Das Buch 
gliedert sich in drei Hauptabschnitte: 1. der Lehrer, 2. der Schüler, 3. die 
Lehrbehelfe. Der erste Abschnitt behandelt zunächst Vorbildung und Weiter- 
bildung des Lehrers, sodann die allgemeinen Gesichtspunkte, welche bei der 
Erteilung des geographischen Unterrichts in Betracht kommen, endlich die 
Stoffauswahl und Stoffbehandlung. Im zweiten Abschnitt tritt das speziell 
Geographische mehr in den Hintergrund vor der allgemeinen Anleitung für 
die Behandlung des Schülers. Über die Mittel, die Aufmerksamkeit der 
Schüler rege zu erhalten und sie zur Mittätigkeit anzuspornen, über richtige 
Fragestellung, über Prüfen und Klassifizieren finden sich hier viele wertvolle 
und beachtenswerte Winke. Ln dritten Abschnitt werden Globus, Relief, 
Karte, Lehrbuch, Bildwerke und geographische Schulsammlungen und ihre 
Benutzung im Unterrichte besprochen. Die letzten Kapitel sind dem Zeichnen 
im geographischen Unterricht und dem Unterrieht im Freien gewidmet. 

Mit voller Absicht geht Becker nicht zu sehr in Einzelheiten ein. „Es 
wäre eine Anmaßung ,^^ sagt er in der Einleitung, „wollte man akademisch 
gebildeten Lehrern den ganzen geographischen Lehrstoff gewissermaßen für 
den Unterricht zurecht legen; abgesehen davon, daß ich mir nicht vorstellen 
kann, wie der Lehrer einen derartig zubereiteten Stoff verwenden sollte, muß 
es als feststehender Grundsatz jeder Methodik gelten, daß es da keinen allein- 
gültigen Weg gibt, sondern daß man auf verschiedenen Wegen zum Ziele 
gelangen kann. So habe ich mich auf praktische Winke und Anregungen 
beschränkt." Man wird diesen Grundsätzen voll zustimmen können. Gerade 
in dieser weisen Beschränkung liegt ein Hauptwert des Buches. Der junge 
Lehrer wird dadurch angeregt und auf alles, was er beim Unterricht zu be- 
achten hat, hingewiesen, aber er wird nicht bevormundet, seiner Selbsttätig- 
keit, seiner Initiative werden keine Fesseln angelegt. Für die weitere Be- 
schäftigung mit Einzelfragen geben ihm außerdem auch die zahlreichen 
Literaturnachweise die nötige Anleitung. 

Auch inhaltlich kann ich mich mit Beckers Ausführungen fast durchweg 
einverstanden erklären. Nur gegen einen Satz muß ich doch Widerspruch 
erheben. Er sagt (S. 19): „Die geographischen Grundbegriffe sollen nur auf 
dem Boden der Anschauung der Heimat entwickelt werden." Das scheint 
mir einfach unmöglich. Die meisten Schulorte werden in ihrer Umgebung 
nur für eine sehr beschränkte Zahl von Grundbegriffen die Möglichkeit bieten, 
sie durch unmittelbare Anschauung der Natur den Schülern klar zu machen. 
Für die Mehrzahl wird man immer auf Karte und Bild angewiesen sein. 
Und das scheint mir auch nicht einmal ein so großer Nachteil. Denn so 
wertvoll fElr den Schüler, und gerade den jüngeren, auch die Einführung in 
die Natur selbst ist, so wird man zur Entwickelung der geographischen 
Grundbegriffe stets neben der unmittelbaren Naturanschauung das Kartenbild 
mit heranziehen müssen. Denn die Natur bietet nur selten reine, einfache 
Typen dar, sie umgibt die Hauptzüge mit zahlreichem, zunächst für den 
Schüler unwesentlichem Detail. Wenn man ausschließlich auf die unmittel- 
bare Anschauung die Entwickelung der Grundbegriffe stützt, liegt die Gefahr 
nahe, daß die Schüler von der Menge des Details überwältigt werden, daß 



Drei neue Methodiken des erdkundlichen Unterrichtes. 163 

sie dieses geradezu hindert, zu klaren Vorstellungen und Begriffen zu ge- 
langen. 

Fischer behandelt zun&chst auch die Weiterbildung des Lehrers. Diesen 
ersten Abschnitt kann man nicht als gelungen bezeichnen. Was der Verfasser 
hier über die verschiedenen Arten von Karten, über Kartenprojektionen, Ent- 
femungsübungen u. dergl. sagt, sind Dinge, die jedem akademisch gebildeten 
Lehrer, ehe er an die Schule kommt, schon in Fleisch und Blut übergegangen 
sein müssen und auch dem Seminaristen nicht unbekannt sein sollten. Außerdem 
findet sich hier auch manches Bedenkliche. Einem Satze wie dem folgenden: 
^Ein wirkliches Eindringen in die Lehre vom ,Verebnen der Kugeloberfläche^ er- 
fordert eine recht bedeutende Menge mathematischer Arbeit und kann nicht 
Ton allen denen erwartet werden, die geographischen Unterricht geben", wird 
man unmöglich zustimmen können. Wenn aber der Verfasser eine so geringe 
Kenntnis der Kartenprojektionslehre bei den Lehrern der Erdkunde voraussetzt, 
daß er eine Erläuterung der wichtigsten Projektionsarten in einer Methodik 
des erdkundlichen Unterrichts für notwendig hält, so mußte es in anderer 
Weise geschehen wie hier. Aus seinen Ausführungen wird sich jemand, der 
den Gegenstand nicht kennt, schwerlich ein klares Bild von den einzelnen 
Projektionsarten machen können. Nebenbei ist hier dem Verfasser das mir 
nicht recht begreifliche Versehen passiert, daß er die Lambertsche flächen- 
treue Azimutalprojektion als Flamsteedsche bezeichnet. Im übrigen enthält 
der Abschnitt nur eine Aufzählung und kurze Besprechung solcher geogra- 
phischer Werke, die der Verfasser für die Weiterbildung des Lehrers für 
besonders geeignet hält. 

Weit besser, zum Teil sogar ganz vortrefflich ist der den größten 
Bamn einnehmende zweite Abschnitt, der den eigentlichen Unterricht in der 
Erdkunde und zwar nicht nur die allgemeine, sondern auch die spezielle 
Methodik der Heimat- und Länderkunde für die Unter- und Mittelstufe ent- 
h&lt. Hier erkennt man überall den erfahrenen Pädagogen, und der junge 
Lehrer wird aus dem Studium dieses Abschnitts sehr viel lernen können. 
Auf Einzelheiten einzugehen, ist in dem Rahmen einer kurzen Besprechung 
nicht wohl möglich. Hervorheben möchte ich nur, daß es auch Fischer 
vermeidet, zu sehr ins Einzelne einzugehen, sondern der Eigenart des Lehrers 
volle Freiheit läßt, daß er den richtigen Mittelweg eingeschlagen hat zwischen 
der sogenannten „analytischen" und „synthetischen" Methode (zwei Bezeich- 
nungen, die er übrigens als wenig den Kern der Sache treffend mit Recht 
verwirft), daß er auf klare räumliche Vorstellungen den größten Wert legt 
und sehi" wertvolle Anleitung gibt, eine solche bei den Schülern zu erzielen, 
und daß er endlich keine zu hohen Anforderungen an die Schüler stellt, 
sondern sich stets auf das bei der meist so geringen Stundenzahl wirklich 
Erreichbare beschränkt. Li einem Anhang teilt er eine Anzahl von Lehr- 
plänen mit, die zu kennen dem Lehrer gewiß nützlich ist. 

Das Bargmann sehe Buch ist ausschließlich für die Lehrer an Volks- 
nnd Mittelschulen bestimmt und hat dadurch naturgemäß einen etwas anderen 
Charakter, als die beiden erstbesprochenen Werke. In der Einleitung gibt 
Bargmann einen kurzen, aber alles Wesentliche klar hervorhebenden Überblick 
über die Geschichte der geographischen Unterrichtsmethodik und legt sodann 
den Bildimgswert und die Ziele des geographischen Unterrichts dar. Weiter- 
hin gliedert sich das Buch in allgemeine und besondere Methodik. Der 
Verf. legt für die Volks- und Mittelschulen den größten W^ert auf die Heimat- 
kunde, die er nicht nur auf die Unterstufen beschränkt wissen will, sondern 



164 B. Langenbeck: Drei neue Methodiken des erdkundl. Unterrichtes. 

der auch auf fast allen höheren eine gewisse Stundenzahl gewidmet sein 
soll, da es erst bei größerer Reife der Schüler möglich ist, ihnen auch für 
die Pflanzen- und Tierwelt, die geologischen, klimatischen und wirtschaftlichen 
Verhältnisse der Heimat Verständnis zu erwecken. Ich halte das für durch- 
aus richtig und zwar nicht nur für Volks- und Mittel-, sondern auch für 
die höheren Schulen. Ich bedauere es stets, daß wir keine Gelegenheit haben, 
uns in einer der höheren Klassen noch einmal eingehend mit der engeren 
Heimat zn beschäftigen, was eben mit der so geringen uns zur Verfolgung 
stehenden Stundenzahl zusanmienhängt, die uns überall die beengendsten 
Fesseln auferlegt Ferner wird man dem Verf. auch darin vollständig bei- 
stimmen können, daß er von der mathematischen Geographie auf jeder Stufe 
einiges geben will, wie es gerade dem Verständnis der Schüler angemessen 
ist. Dagegen kann ich mich mit seinen konzentrischen Kreisen nicht ganz 
einverstanden erklären, die ihn von der Heimat über Deutschland und die 
außerdeutschen Länder erst zuletzt zu den fremden Erdteilen führen. Von 
den letzteren erfahren daher die Schüler erst auf der obersten Klasse etwas, 
während es mir durchaus notwendig erscheint, ihnen über sie auf einer 
der früheren Stufen wenigstens einen kurzen Überblick zu geben. In der 
speziellen Methodik ist Bargmann leider in den Fehler verfallen, den Becker 
und Fischer glücklich vermieden haben, zu sehr ins Einzelne zu gehen 
und die Eigenart des Lehrers dadurch zu beschränken. Er gibt von der 
Heimatkunde, wie von einzelnen Abschnitten der Länderkunde ausführliche 
Lehrproben in der neuerdings so sehr beliebten Form von Frage und Ant- 
wort. Bei solchen Lehrproben kommt meiner Ansicht nach nicht viel Er- 
sprießliches für den Lehrer heraus, da bei ihnen ganz unwillkürlich fast stets 
Idealschüler vorausgesetzt werden, die auf die Frage gleich die richtige 
Antwort geben. In Wirklichkeit sind aber die Antworten zunächst selten 
völlig zutreffend, häufig auch ganz falsch, und die Kunst des Fragens besteht 
gerade darin, durch ergänzende Fragen den Schüler allmählich auf das Richtige 
zu führen. Überhaupt wird Bargmann im Gegensatz zu dem hier und da her- 
vortretenden Pessimismus Fischers von einem zu starken Optimismus in Bezug 
auf das beherrscht, was er glaubt, im erdkundlichen Unterricht erreichen 
zu können. 

Zum Schluß möchte ich noch ein paar Worte über den Unterricht im 
Freien und die geographischen Ausflüge sagen, auf welche alle drei Ver- 
fasser großes Gewicht legen. So hoch man nun auch den Wert solcher 
Ausflüge einschätzen mag, so stehen der praktischen Ausflihrung doch große 
Schwierigkeiten entgegen, auf welche die Verfasser zu wenig eingehen. Sie 
bestehen nicht nur in der oft recht bedeutenden Entfernung solcher örtlich- 
keiten, die geographisch wertvolles Anschauungsmaterial darbieten, vom Schul- 
orte, sondern vor allem in der Größe der Klassen. Diese bringt es mit sich, 
daß der Lehrer sich auf den Ausflügen stets nur mit einem Teil der 
Schüler wirklich beschäftigen kann, so daß für viele der Ausflug ziemlich 
ergebnislos verläuft. Einen sehr praktischen Vorschlag, um diesen Mißstand 
zu heben, hat Treutlein im vorjährigen Programm des Real-Reformgymna- 
siums in Karlsruhe gemacht: er wünscht, daß die geographischen und natur- 
wissenschaftlichen Fachlehrer die Ausflüge stets gemeinsam unternehmen, so 
daß jeder abwechselnd die eine und die andere Hälfte der Klasse beschäftige. 

R. Langenbeck. 



E. G. Bavenstein: Die Waldaeemüllerschen Karten. 165 

Die WaldseemfUlerselieii Karten. 

Im vierten Heft (S. 228) des 11. Jahrgangs (1905) der G. Z. finde ich, 
daß Prof. von Wieser und Prof. Fischer endlich von ihrer absonderlichen 
Ansicht zurackgekonimen sind, daß die Waldseemüllerschen Karten auf 
Schloß Wolfegg Korrektur abzüge und nicht Reindrucke sind, und daß 
die „in den Wolfegger Karten zahlreich angebrachten handschr. Verbesserungen, 
sowie das rote Gradnetz von dem Besitzer dieser Exemplare, Johann Schö- 
ner, herrühren'^ Ich erlaube mir zu bemerken, daß diese für jeden mit dem 
Kartenfach Vertrauten selbstverständliche Ansicht von mir bereits im „Athe- 
naeum^^ vom 26. März 1904 ausgesprochen wurde. Blatt 20 ist entweder 
ein Originalentwurf oder eine genaue Kopie des Originals, aber jedenfalls 
keine Pause, d. h. eine Durchzeichnung auf durchscheinendes Papier, sog. 
Pauspapier oder Tracing Paper. Schöner könnte aber das Blatt mit Hilfe 
einer farbigen Papier-Unterlage durchgezeichnet haben. Dann bedarf es aber 
einer Erklärung, auf welche Weise Schöner in den Besitz eines Blattes 
Papier gelangte, welches dasselbe Wasserzeichen hat wie sämtliche Druck- 
abzüge der beiden Karten mit Ausnahme des eingelegten Abdrucks von Blatt 20, 
der offenbar aus späterer Zeit stammt. Kann man annehmen, daß Schöner 
nnd Waldseemüller ihr Papier aus derselben Fabrik bezogen? Eine An- 
zahl von Namen, die auf der Zeichnung richtig sind, hat der Stecher fehler- 
haft gegeben. Die Legende bei den Guinea-Inseln (Inpule Jiec tmte ft Änfw 
1484, d'c.) ist auf dem Abdruck ausgelassen. Übrigens mag Schöner diese 
Legende einer von ihm gemachten Kopie einverleibt haben, denn sie stimmt 
dem Sinne nach mit einer Legende überein, die sich auf Behaims Globus 
findet. Dann ist es aber sonderbar, daß die südlichste dieser Inseln, 
welche Behaim InstUe Martini nennt und die wir heute Annobom nennen, 
namenlos geblieben ist, wie auf der von Waldseemüller kopierten Canerio- 
Karte. Übrigens identifiziert Schöner diese Inseln in einer Randbemerkung 
auf Blatt 11 (Infule S. Martini ihi? d:c.) mit den Insule 7 delle pulzelle des 
Waldseemüller. Über diese Pulzelie ließe sich viel sagen: Dulceti (1339) 
kennt sie bereits als It^sule Sdi Brandani sive puellarum und versteht dar- 
unter die Canaren. Schöner selbst kennt sie (l.'>15) als Septem insulae 
pulchrae. Über die von Walds eemüU er benutzten Quellen gehen die Heraus- 
geber viel zu flüchtig hinweg. Daß sich abessinische Länder- und Flußnamen 
bis in den Süden Afrikas verirrt haben, ist ja offenbar, aber wo hat Wald- 
seemüller (und nicht nur er, sondern auch Behaim und andere Vorgänger 
von ihm) die Darstellung von Inner-Afrika und von der ost-asiatischen Insel- 
welt hergenommen? Was Inner-Afrika betrifft, so finden wir da einige 
Namen, die in dem zuerst von Hudson veröffentlichten „geographischen 
Fragmente^^ vorkommen. Auch kann man auf seiner Karte die große Reise 
des Ritters von Harff verfolgen. Dieser edle Ritter, der 1499 nach 
Deutschland zurückkam, hat jedenfalls seine famose Reise von der Ostküste 
ans über die Mondberge und den Nil hinab auf einer Landkarte gemacht I 
Wo ist diese Landkarte jetzt zu finden? In der Hoffnung, dieser Karte auf 
die Spur zu kommen, besuchte ich im August 1904 das altertümliche Schloß 
Harff, wurde dort auf das liebenswürdigste von der Familie des Grafen Mir- 
bach empfangen, fand aber nichts in dem wohlgeordneten Archiv. Hoffent- 
lich gelingt es einem jüngeren Foi*scher, auf einem der vielen Schlösser des 
rheinischen Adels diese verschwundene Karte und andere Dokumente aus jener 
Zeit SU entdecken. E. G. Ravenstein. 



166 



Geographische Neuigkeiten. 



Geo^aphisehe Neuigkeiten. 

Zusammengestellt von Dr. August Fitzau. 



Allgemeineg. 

t¥ Neue Beobachtungen über die 
meteorologischen Verhältnisse der hohen 
wärmeren Luftschicht, die einiges 
Licht auf dieses Phänomen zu verbreiten 
scheinen, teilt Hergesell mit (Meteorol. 
Z. 1906. S. 84). Sowohl Aßmann als 
Teisserenc de Bort haben mittels 
Registrierballons in der Höhe von etwa 

11 000 m eine warme Luftschicht konsta- 
tiert, deren hohe Temperatur bisher un- 
erklärt war. Die Aufzeichnungen der In- 
strumente eines von Hergesell empor- 
gesandten Registrierballons, der unter 
äußerst günstigen Umständen aufstieg und 
dessen tadellos funktionierende Instrumente 
nach zwei Tagen unversehrt aufgefunden 
wurden, zeigten folgende Temperaturver- 
teilung in den höchsten Höhen : Die 
warme Schicht begann in 11400 m, nach- 
dem der Ballon 30 Minuten gestiegen 
war. Die Temperaturabnahme hört hier 
(bei — 69**) plötzlich auf und geht in eine 
scharfe Zunahme über, die mit wachsen- 
der Höhe kleiner wird. In der Maximal- 
höhe von 16 080 m ist die Temperatur 
auf — 67^ gestiegen, also für 3680 m um 

12 ^ Der Abstieg bietet ganz analoge 
Verhältnisse: Nachdem der Ballon in 
16 080 m geplatzt war, fiel er, die Tem- 
peratur sank wieder und der Wendepunkt, 
also die untere Grenze der warmen Schicht 
wurde in 11 800 m erreicht. Auch die 
Feuchtigkeitskurve zeigt beim Übergang 
in die warme Schicht einen starken Knick, 
sowohl beim Eintritt wie beim Austritt, 
was auf eine größere relative Feuchtigkeit 
der warmen Schicht schließen läßt. Sehr 
wichtig sind nun die Ergebnisse der 
Visierungen, durch die eine Beobachtung 
der Bewegungen des Ballons bis zum 
Moment des Platzens von der Erde aus 
ermöglicht wurde; sie beweisen, daß sich 
die Windverhältnisse beim Erreichen der 
warmen Schicht völlig verändert haben. 
Unten herrschten nordöstliche Winde, die 
ganz unten schwach waren, mit der Höhe 
an Stärke zunahmen und in 10 000 m die 
Geschwindigkeit eines wahren Oststurmes 
von 30 m/sec. zeigten. Sobald der Ballon 
die warme Schicht erreichte, nahm die 
Windstärke bedeutend ab, die Richtungen 



gingen über N in NW über, und von 
18 000 m bis 15080 m herrschte fast rei- 
ner NW mit etwa 14 m/sec. Die warme 
Schicht unterbricht also nicht nur den 
stetigen Verlauf von Temperatur und 
Feuchtigkeit, sondern repräsentiert eine 
völlig andere Luftschicht. In den großen 
Höhen existierte ein ostwärts gerichteter 
Lufbstrom, der unabhängig von den Strö- 
mungen der unteren Schichten, in denen 
die Mischungen vertikaler Strömungen 
eine fast adiabatische Temperaturabnahme 
bedingen, wie die Temperaturverteilung 
zeigt, keine vertikalen Strömungen ent- 
hielt, sondern eine warme feuchte Strö- 
mung darstellt, deren Herkunft wahr- 
scheinlich durch weitere Beobachtungen 
wird aufgeklärt werden können. 

Asien. 

^ Die Näledj- Erscheinungen Ost- 
Sibiriens und die Ursachen ihrer Ent- 
stehung sind von Podjakonoff in den 
„Iswestija" der kais. russ. Geogr. Ges. 
von 1903 (Hefb 4) eingehend behandelt 
worden, nachdem sich schon früher Dit- 
mar, Middendorff und Baron v. May- 
dell mit ihnen beschäftigt haben. 

Die von den Russen als Näledj (mit 
„Aufeis^* zu übersetzen), von den Jakuten 
als Tarj^n (polnisches y) bezeichnete eigen- 
tümliche Erscheinung hat, glaube ich, in 
deutschen Lehrbüchern noch keine Beach- 
tung gefunden. Sie ist in Ost -Sibirien 
weit verbreitet und besteht im Sommer 
einfach in hier und da auf dem Schotter 
der Täler auftretenden meterdicken Eisfel- 
dern, durch die ein BEwh fließt; im Winter 
aber sind diese Eisfelder viel größer und 
selbst bei 40- und 60 gradigem Frost in 
Spalten und Hohlräumen erfüllt von Was- 
ser oder Eisschlamm, so daß diese Stellen 
vom Verkehr tunlichst gemieden werden. 
Durch immer neue Eisbildungen und wei- 
teres Empordrängen des Wassers zwischen 
ihnen steigt die Näledj allmählich immer 
höher. 

Nach Podjakonoff, der wiederholt 
mitten in der Näledj Schürfarbeiten vor- 
genommen hat, besteht das Wesen der 
Erscheinung in der Versperrung der nor- 
malen Wege des Wassers durch den Frost ; 



Geographische Neuigkeiten. 



167 



timächst wird das unterirdisch im dorch- 
Iftesigen Schotter fließende Wasser an die 
Oberfläche gedrängt, wie denn auch das 
Flüßchen aus seinen Ufern gedrängt wird 
durch die immer weitergehende Einengung 
des Querschnitts im Bett in Folge der 
Yerdiclrang der Eisdecke. Von gewöhn- 
lichen Überschwemmungen unterscheidet 
sich also die Naledj scharf dadurch, daß 
sie ohne Zunahme der Wasserführung des 
Flußtales, ja sogar gewöhnlich bei ihrer 
Abnahme in Folge des Frostes zu Stande 
kommt. Im Gegensatz zu den Frühjahrs- 
hochwässern ist es nicht Tauwetter, son- 
dern zunehmender scharfer Frost, der das 
Austreten des Wassers bewirkt, weil das 
Eis dessen normale Bahnen versperrt. 

Das schnelle Gefrieren des austretenden 
Wassers gibt zu seltsamen Bildungen An- 
laß. Insbesondere sind Eishügel auf der 
ebenen Oberfläche der Nfi.ledj bemerkens- 
wert, die Podjakonoff als das Resultat 
der Ausdehnung allseitig abgeschlossener 
Wassermassen beim Gefrieren unter einer 
Eisdecke erklärt. Letztere wird dabei 
durch Risse in charakteristischer Weise 
gespalten. 

Das Frühjahrshochwasser sägt sich 
irgendwo, oft am Rande der Näledj, sei- 
nen Weg durchs Eis und zerstört dabei 
die etwa unter ihr vorhandene Pflanzen- 
decke völlig. Auf diese Weise kommen 
die breiten vegetationslosen Schotter- 
flächen mit vereinzelten abgestorbenen 
Baumstämmen zu Stande, welche die 
Tungusen Ajän nennen. W. Koppen. 

♦ Von einer russischen Schiffs- 
ezpedition nach dem Jenissei, durch 
welche die Möglichkeit einer Seeverbin- 
dung zvnschen Europa und Sibirien aufs 
Neue dargetan worden ist, berichtet Blank 
in „La Geographie" (1906 S. 164). Die 
Expedition, die möglichst geheim ge- 
halten wurde, machte sich nötig zum 
Transport von Eisenbahnmaterial zum 
Ausbau der Sibirischen Eisenbahn, die 
man dazu wegen der fortgesetzten Truppen- 
transporte nach dem ostasiatischen Kriegs- 
schauplätze nicht verwenden konnte. Auch 
wollte man gleichzeitig die Brauchbarkeit 
dieses Seeweges als Transportweg zum 
mandschurischen Kriegsschauplätze und 
als spätere Ebindelsstraße prüfen. Für 
die Expedition mietete man vier Handels- 
dampfer, denen man eine Flottille von 
Schleppern und anderen kleinen Fahr- 



zeugen zur ständigen Verwendung auf 
den sibirischen Strömen beigab. Außer- 
dem nahmen der Eisbrecher „Yermak^', 
zwei Kreuzer und zwei deutsche Kauf- 
fahrteischiffe, welche sich auf eine russi- 
sche Aufforderung hin der Expedition 
angeschlossen hatten, an der Fahrt teil. 
Den Oberbefehl führte Oberst Sergieff, 
während bei der Organisation der Expe- 
dition Kapitän Wiggins und General Wil- 
kitzki ihre Unterstützung geliehen hatten. 
Trotz mannigfacher Schwierigkeiten und 
einiger Unglücksfälle, darunter einer 
schweren Beschädigung des „Yermak" bei 
einem Sturme in der Nähe der Jugor- 
Straße, wurde die Expedition zu einem 
glücklichen Abschluß gebracht. Am 3. Sep- 
tember passierte man die Jugor-Straße, 
und am 13. September erreichte der 
größte Teil des Geschwaders den Jenissei, 
während die deutschen Schiffe ihre Fahrt 
zum Ob gelenkt hatten. Drei der Handels- 
schiffe fahren in die Mündung des Jenissei 
ein, wo ihre Fracht von Leichterschiffen 
zum Flußtransport übemonmien wurde. 
Man hofft«, daß diese Leichterflotille 
ihren Bestimmungsort Krasnojarsk noch 
vor Eintritt des Winters eiTcichen würde. 
♦ Über die Pflanzengeographie 
von Inner-Ghina bringt Diels in 
der Zeitschrift der Berliner Gesellschaft 
für Erdkunde (1905. S. 748), auf Grund 
der bisher von Reisenden darüber gemach- 
ten Mitteilungen und der von ihnen heim- 
gebrachten Sammlungen eine Arbeit, aus 
der sich im wesentlichen folgendes floristi- 
sches Bild Zentral- Chinas ergibt: 1. reiche, 
relativ wenig gestörte Wald Vegetation am 
Südostrande Ost-Tibets, zum Teil auch 
in den Mittelgebirgen des sinischen 
Systems; 2. Waldzerstörung und Ersatz 
durch Buschvegetation im Norden am 
Tsin ling schan, und vielfach im Süd- 
osten; 3. schneller Übergang in die tibe- 
tanische Hochlandsflora am Oberlauf der 
großen Flüsse; 4. sonst in den unteren 
Regionen Mischwald mit vielen Immer- 
grünen, der jedoch am Nordhang des 
Tsin ling schan bereits fehlt. In den 
Mittelgebirgen reicher Mischwald mit 
laubwerfenden Bäumen und mannigfachem 
Unterwuchs. Darauf Koniferenwald, Rho- 
dodendron-Gebüsch, oder Bambusen-Di- 
kicht. Oben sehr artenreiche Alpen- 
matten. Über die biologischen und 
allgemeinen Verhältnisse der zentral- 



168 



Geographische Neuigkeiten. 



chinesischen Flora geben die folgenden 
Bemerkungen einigen Aufschluß: Nirgend- 
wo sonst auf der Erde als im inneren 
China stehen Tropen und gemäßigte Zonen 
in so breitem Verbände mit einander, ist 
ein so intensiver Austausch zwischen bei- 
den möglich. Die großen Stromtäler 
Hinter-Indiens fahren aus den Tropen zu 
den arktischen Gefilden von Hochtibet. 
Nicht als ein Querriegel hemmend, wie 
der Himalaja, sondern mächtig fördernd 
von Nord nach Süd verlaufen die mäch- 
tigen Parallelketten des hinterindischen 
Systems. Völlig temperierte Witterung 
weicht nur allmählich, in zahlreichen 
feinen Abstufungen, einem durch Winter- 
kälte länger unterbrochenen Klima. 
Daher stehen oft immergrüne und blatt- 
werfende Gewächse neben einander, ge- 
wissermaßen in unentschlossenem Schwan- 
ken. Immergrüne Eichen wachsen 
zusammen mit winterkahlen. Man sieht 
die Eigentümlichkeiten des sommergrünen 
Laubwaldes, wie wir ihn bei uns kennen, 
sich gewissermaßen erst herausschälen 
aus der tropisch gearteten Grundmasse. 
Auch in der Zusammensetzung der Arten 
zeigt sich die eigentümliche Mischung 
von sonst Getrenntem, wie bei den biolo- 
gischen Eigenschaften der Flora. Nirgends 
auf der Erde ist die Flora des Nordens 
80 innig und so mannigfach mit tropischen 
Formen gemengt, nirgendwo sonst ver- 
lieren sich so vollständig die Grenzpfade 
zwischen beiden. Die Beziehungen zu 
Hinter-Indien sind besonders innig. 
Mancherlei deutet auf eine durch lange 
Perioden wenig gestörte Entwicklung der 
Pflanzenwelt in Ost-Asien südlich vom 
'Tsin ling schan, worauf auch ein mehr- 
fach beobachtetes entwickelungsgeschicht- 
liches Moment hinzuweisen scheint. Es 
betrifft Gattungen, deren Verbreitung die 
ganze nördliche Hemisphäre überspannt, 
z. B. Lilium, Primula, gewisse Orchideen, 
Birken, Buchen u. a. Sie alle besitzen 
im inneren China eine Formenmenge, die 
jeder Beschreibung spottet. Von dort 
mit der Weite der Entfernung mindert 
sich Menge und Wechsel. Manche Gat- 
tungen, die bei uns getrennt stehen in 
wenig Arten, fließen im westlichen China zu- 
sammen zu viel verzweigten Formennetzen. 
Man gewinnt den Eindruck, als hätten 
sich die Gattungen dort zuerst entwickelt, 
um sich dann dahin und dorthin zu 



wenden, ostwärts nach Nordamerika, 
westlich nach dem westlichen Asien und 
Europa. Die gebirgige Natur des süd- 
lichen Zentral-Chinas hat seit langen Erd- 
perioden bestanden; die Plastik seiner 
Oberfläche schuf Baum für sämtliche Re- 
gionen, vom tropischen Waldgürtel bis 
zur Schneegrenze, vielleicht früher schon 
als irgendwo auf der nördlichen Halb- 
kugel. Nimmt man dazu die nordsüdliche 
Zugänglichkeit, so erscheint der gewaltige 
Gebirgsknoten Ost-Tibets und die Ge- 
biete, die ihn umlagern, als ein wahrer 
Entwicklungskem für die Vegetation und 
ein in seiner Femwirkung vielleicht uner- 
reichtes Land der Erde, voll von Pro- 
blemen und noch viele Aufschlüsse ver- 
heißend. 

Afrika. 
♦ In aller Stille hat eine französische 
Expedition unter Leutnant Dy^, einem 
ehemaligen Gefährten Marchan ds auf 
seiner Faschoda- Expedition, die ebenso 
unbekannte wie gefährliche atlantische 
Küste von Marokko untersucht und 
aufgenommen und die Zufahrtsverhältnisse 
der wenigen marokkanischen Häfen stu- 
diert. Der Expedition stand zu ihren 
Aufnahmen die mit Instrumenten vorzüg- 
lich ausgestattete Yacht „Aigle** von 826 1 
zur Verfugung; die hydrographischen Ar- 
beiten wurden durch das Fehlen jeglicher 
Schiffahrtszeichen, durch die feindliche 
Haltung der Eingeborenen und durch das 
Verbot der Landung außer in den sechs 
offenen Häfen sehr erschwert. Man be- 
gann die Arbeiten mit der Aufnahme der 
wichtigsten Handelshäfen und der Teile 
der Küste, wo Hafenanlagen möglich 
schienen , im Maßstab von 1 : 10 000 und 
1 : 20 000 und untersuchte alle Häfen von 
Tanger bis Agadir auf ihre hydrographi- 
schen, geodätischen, astronomischen, mag^ 
netischen und meteorologischen Verhält- 
nisse hin. Als Ergebnis dieser Unter- 
suchungen gibt Dy^ an, daß an dieser 
ganzen Küste kein natürlicher Hafen oder 
keine von der Natur geschaffene Bucht 
existiert, wo sich der Seemann vor dem 
Sturme sicher fühlen könnte; daher ist 
die Schaffung künstlicher Häfen eine 
zwingende Notwendigkeit. Das bisher 
allgemein für einen guten Hafen gehal- 
tene Agadir ist nach Dy^ ein ebenso 
mittelmäßiger Hafen wie Safi und ist nur 
gegen Nordost-, nicht aber gegen West- 



Geographische Neuigkeiten. 



169 



winde geschütjEt; der Ausbau dieses Ha- 
fens würde gewaltige Kosten verursachen. 
Auch Mazagan ist ein nur schwer zu- 
gänglicher Hafen. Welcher von den 
jetzigen Häfen durch Kunstbauten zu 
einem völlig sicheren Hafen ausgebaut 
werden soll, wird von dem Verlaufe der 
Handelsstraßen im Inneren und von der 
Richtung der noch zu erbauenden Eisen- 
bahnen abhängen. Die Expedition Dy^ 
hat mit der im Dezember erfolgten Bück- 
kehr nach Frankreich nur einen vorläu- 
figen Abschluß gefunden; die Arbeiten 
sollen vielmehr noch zwei Jahre lang 
fortgesetzt werden und die bisherigen 
Aufnahmen nur als Vorbereitungen für 
die während des Sommers 1906 vorzu- 
nehmenden Küstengewässeruntersucbun- 
gen dienen. (Annales de G^ogr. 1906. 
S. 94.) 

♦ Am 27. Januar ist die Eisenbahn 
zwischen Nil und rotem Meer durch 
den Vizekönig Lord Cromer zu Port Sudan 
eröffnet worden. Die Bahn geht von 
der Atbara-Station der Nileisenbahn am 
Einfluß des Atbara in den Nil aus und 
erreicht das Bote Meer bei Port Sudan, 
dem 60 km nördlich von Suakin gelegenen, 
nenerbauten englischen Hafenort (XI. 1906, 
8. 709). Die 678 km lange Strecke ist 
von einschneidender Bedeutung für die 
wirtschaftliche Entwicklung Zentral-Afri- 
kas, die wegen der schwierigen Verkehrs- 
verhältuisse mit der Außenwelt auch nach 
der Niederwerfung des Mahdi nur sehr 
langsam fortgeschritten ist. Trotzdem 
Khartum fast 4000 km von Alexandria 
entfernt liegt, war doch Alexandria bis- 
her der Ausfuhrhafen für Khartum und 
den ägyptischen Sudan, aber die Ausfuhr 
war wegen der durch mehrmaliges um- 
laden noch erhöhten Fracht nur minimal. 
Jetzt hat Khartum eine direkte Eisenbahn- 
verbindung, welche auf 883 km Schienen- 
weg zum Meere führt und welche eine 
Ausfuhr von Waren mittleren und höheren 
Wertes möglich machen wird. Die Steppen 
von Kordofan und Darfur im ägyptischen 
Sudan produzieren schon jetzt die Haupt- 
menge des in Europa und Nordamerika 
zur Verwendung gelangenden Gummi- 
Arabicums, sowie Straußenfedern, Felle 
und Wolle in ansehnliehen Mengen, die 
nun ihren Weg auf der neuerbauten Bahn 
zum Boten Meer nehmen werden, auf 
welchem jetzt auch europäische Erzeug- 



nisse leichter und billiger in den Sudan 
eingeführt werden können. Durch Hebung 
der Bodenkultur in den sich bisher selbst 
überlassenen firuchtbaren Gregenden wird 
die Produktion und damit die Kaufkraft 
des Sudans bedeutend gesteigert werden 
können und durch Verbesserung der Ver- 
kehrsverhältnisse auf dem oberen Nil wird 
der fördernde Einfluß der neuen Eisen- 
bahn bis hinauf zum Albert-See nutzbar 
gemacht werden können. Zur weiteren 
Erschließung des Sudan besteht nunmehr 
die Absicht, von Atbara aus eine weitere 
Eisenbahn südöstlich nach Kassala zu 
bauen, um dadurch die reichen Land- 
schaften am Fuße des abessinischen Hoch- 
landes an das ägyptische Verkehrsnetz 
anzuschließen. 

* Als Leiter einer vom Staate ge- 
planten Expedition zur Erforschung 
der Schlafkrankheit wird Prof. Ro- 
bert Koch voraussichtlich Mitte April 
nach Ost- Afrika gehen. Als Beiseziel ist 
zunächst Britisch-Uganda in Aussicht ge- 
nommen, wo sich in Entebbe, dem Sitz 
der Regierung, bereits eine vnssenschaft- 
liche Forschungsstelle befindet. Man 
schätzt, daß in den letzten zehn Jahren 
in Afrika 60000 — 200000 Menschen der 
Schlafkrankheit zum Opfer gefallen sind. 
Vom Westufer des Viktoria -Nyanza ist 
die gefährliche Seuche auch in das 
deutsche Schutzgebiet von Ost-Afrika ver- 
schleppt worden. Für die Erforschung 
der Schlafkrankheit sind im Kolonialetat 
120000 JC angesetzt worden. Es ist zu 
hoffen, daß es Prof. Koch, der sich bereits 
wiederholt an Ort und Stelle mit der 
Seuche beschäftigt hat, gelingen wird, 
wesentliches Material zur Bekämpfung der 
Krankheit beizubringen. Für die Dauer 
der Arbeiten ist ein anderthalbjähriger 
Aufenthalt in Ost-Afrika in Aussicht ge- 
nonmien. 

>*( Die landeskundliche Erfor- 
schung der deutschen Schutz- 
gebiete (XI. 1005. S. 476) wird in diesem 
Jahre noch in Angriff genommen werden. 
Nachdem die Reichsregierung eine von der 
landeskundlichen Kommission des Kolonial- 
rates verfaßte Denkschrift, worin die Auf- 
gabe einer einheitlichen landeskundlichen 
Erforschung der deutschen Schutzgebiete 
erörtert wird , zur Kenntnis genommen 
hat, sind von ihr die zur Ausführung des 
Planes noch erforderlichen Mittel in den 



O«ographitohe ZoiUchrlft. 13. Jahrgang. 1906. 3. Heft. 



12 



170 



Geographische Neuigkeiten. 



Etat eingestellt worden, so daß das Werk 
begonnen werden kann. Für dieses Früh- 
jahr ist die Aassendung zweier Expe- 
ditionen nach Deutsch-Ostafrika geplant : 
Prof. Dr. Weule aus Leipzig geht zu 
ethnologischen Stadien nach Kondoa 
Irangi, Dr. Jäger leitet eine größere Ex- 
pedition ins abflußlose Gebiet zwischen 
Kilimandscharo und Viktoria Nyanza, das 
nicht nur ethnologisch, sondern auch geo- 
logisch durch Grabenbildungen mit eigen- 
tümlichen Seen und weit verbreiteten 
vulkanischen Erscheinungen merkwürdig 
ist. Hier hat die Expedition von Uhlig 
(XI. 1906. S. 120) schon wertvolle Vor- 
arbeit geleistet. Für diese Expedition ist 
ein Jahr in Aussicht genommen. 

Nordamerika. 

* Der höchste Berg in den Ver- 
einigten Staaten von Nordamerika 
außer Alaska ist, wie Henry Gannett im 
Bulletin der amerikanischen Geographi- 
schen Gesellschaft mitteilt, der Mount 
Whitney mit 4419 m in der Sierra 
Nevada im Staate Kalifornien. Vom Geo- 
logical Survey wurde im letzten Sommer 
von der pazifischen Küste über Los Angeles 
und Mohave nach dem Owans-See ein 
Nivellement ausgeführt, das für den Mt 
Whitney eine Höhe von 4419 m ergab. 
Da die ganze Linie zweimal gemessen 
wurde, ist dies Resultat bis auf einen 
Fuß absolut sicher und die viel umstrittene 
Frage nach der Höhe des Berges kann als 
endgültig entschieden angesehen werden. 
Die Höhe des Mount Rainier im Staate 
Washington ist durch Triangulation auf 
4370 m festgestellt worden; dieser bisher 
für den höchsten Berg der Vereinigten 
Staaten gehaltene Gipfel wird also von 
Mt. Whitney um fast 60 m an Höhe über- 
troffen. Ebenso wird der höchste Berg 
von Colorado der Mt. Shasta, dessen 
Höhe durch Triangulation zu 4386 m be- 
stimmt wurde, von Mt. Whitney um 83 m 
überragt. 

Nord-Polargegendeu. 

♦ Die nach dem vorjährigen großen 
Erfolge für 1906 vom Herzog von 
Orleans geplant© Fortsetzung der 
Erforschung der noch unbekannten 
Teile der Küste Nordost-Grön- 

ds, für die bereit« der Dampfer 
jca" der belgischen Südpolarexpedi- 



tion angekauft worden war, wird der- 
gestalt nicht zur Ausführung ge- 
langen, da der Herzog von seinem Plane 
zurückgetreten ist und Schiff, Ausrüstung 
und Instrumente dem ehemaligen Leiter 
der literarischen Grönlandexpedition 
Mylius-Erichsen, der für 1906 auch 
eine Expedition nach der nordostgrön- 
ländischen Küste geplant hatte, überlassen 
hat. Mylius-Erichsen, über dessen ur- 
sprünglichen Plan wir bereits (XI, 1906 
S. 710) berichtet haben, wird im Juni 1906 
mit seiner Expedition von Kopenhagen 
aufbrechen und zunächst versuchen, bei 
der Pendulum- oder bei der Shannon- 
Insel die ostgrönländische Küste zu er- 
reichen. Hier sollen Depots angelegt 
und dann die Fahrt an der Küste ent- 
lang nach Norden angetreten werden, 
wo man zu überwintern gedenkt. Für 
Februar 1907 sind dann Schlittenreisen 
geplant, die bis zur Independence-Bai und 
wenn möglich durch den Peary-Kanal 
nach der Westküste von Nord-Grönland 
ausgedehnt werden sollen. Nach der 
Rückkehr zum Schiffe und nach dem 
Aufgehen des Eises soll das Schiff nach 
Süden fahren, um beim Franz Josef-Fjord 
zum zweiten Mal zu überwintern. Von hier 
aus will im Frühjahr 1908 Mylius-Erichsen 
mit zwei oder drei Begleitern eine Fahrt 
über das grönländische Binneneis zur 
Westküste antreten, die er an der Swar- 
tenhuks-Halbinsel zu erreichen gedenkt. 
4^ Die Nordpolarexpedition Einar 
Mikkelsens in die Beaufort-See ist 
nach Aufbringung der dazu nötigen Mittel 
gesichert. Mikkelsen ist bereits im Ja- 
nuar von England nach den Vereinigten 
Staaten abgereist, um dort die Expedition 
zu organisieren. Er selbst beabsichtigt 
von San Franzisko aus auf dem Seewege 
durch die Behringstraße nach der Beaufort- 
See zu gelangen, während die übrigen 
Expeditionsmitglieder, der Geologe Leffing- 
well, Teilnehmer an der Baldwin-Ziegler- 
Expedition 1901-02, der Zoologe Ditlevsen, 
Mitglied der Amdrup-Expedition 1900, und 
ein Arzt auf dem Mackenzie in das Eis- 
meer gelangen wollen. Mikkelsen hofft, 
daß ihm die Regierung der Vereinigten 
Staaten eins der kleinen, 32 bis 60 Tonnen 
großen Zollschiffe zur Benutzung überläßt ; 
andernfalls soll ihn ein Walfönger zur 
Mackenziemündung, und der kanadische 
Regierungsdampfer ihn samt der Expe- 



Geographische Nenigkeiten. 



171 



dition von dort zur Südwestspitze Ton 
Banksland bringen. Für die Darchfühmng 
des Ezpeditionsplans wird es entscheidend 
sein, ob der Expedition ein Schiff zur aas- 
schließlichen Benutzung überlassen wird. 
In diesem Falle würde man zunächst in 
der Nähe der Behringstraße hydrographi- 
sche Untersuchungen anstellen und während 
des übrigen Teils von 1907 die westlichen 
Inseln des Parry- Archipels erforschen; die 
Hauptreise von einem Funkte auf Prinz 
Patrik-Land aus nordwärts würde dann 
im Frühjahr 1908 ausgeführt werden; im 
Falle daß man kein Schiff erhält, würde 
dies jedoch schon 1907 geschehen. 

Meere. 

* Die Arbeiten der „Sealark"- Ex- 
pedition zur Erforschung des In- 
dischen Ozeans (XI. 1906. S. 689) unter 
Gardiners Leitung sind zum Abschluß 
gebracht worden, worauf die wissenschaft- 
lichen Mitglieder der Expedition die „Sea- 
lark*^ in Port Viktoria (SeycheUen) ver- 
lassen haben, imi nach England zurück- 
zukehren. Die letzten Arbeiten der Ex- 
pedition umfaßten eine floristische und 
faunistische Erforschung des 200 km süd- 
lich von den Seychellen gelegenen Coetivy- 
Riffs; Flora und Fauna sind fast dieselben 
wie auf den Tschagos-Inseln, jedoch ent- 
hält die Fauna außer den Tschagosformen 
noch viele andere Gattungen. Die Flora 
des Riffs scheint mehr durch die Natur 
seines Bodens als durch die Nähe des 
Festlandes bestimmt worden zu sein. Die 
Seeseite des Riffs und der ganze, später 
besuchte Farquhar-AtoU waren fast ganz 
mit einem grasähnlichen Gestrüpp, „Ya- 
retsch** genannt, bedeckt, was bisher selbst 
im Großen Ozean noch nicht beobachtet 
worden ist. Auf dem Coetivy- wie auf 
dem Farquhar- Atoll zeigten sieh keine 
Spuren submariner Ablagerungsstoffe, die 
auf säkulare Hebung schließen lassen 
könnten. Lotungen zwischen Farquhar, 
den benachbarten Inseln Providence, Pierre 



und den Amiranten zur Feststellung einer 
möglichen früheren Verbindung zwischen 
den Seychellen und Madagaskar ergaben 
nur ein zweifelhaftes Resultat. EinDredsch- 
zug 6 km vor dem Providence-Riff ergab 
aus 744 Fadentiefe 260 kg Steine bis zu 
0,6 m Durchmesser, deren genaue Be- 
stimmung noch nicht vorgenommen werden 
konnte; alle waren mit Mangan umhüllt, 
einige sahen aus wie festgewordene Asche, 
andere glichen vulkanischen Bomben, 
keiner enthielt etwas Organisches. Dies 
bisher noch nicht beobachtete Vorkommen 
ähnlichen Gesteins bei Korallenriffen hängt 
wahrscheinlich mit der Entstehung des 
Riffs zusammen. Die zwischen Madagaskar 
und den SeycheUen liegenden Korallen- 
inseln zeigen unter einander ganz ver- 
schiedene Höhenverhältnisse: Coetivy mit 
25 m absoluter Höhe über dem Meere war 
die höchste von allen; Farquhar steigt 
bis 20 m an. Pierre ist eine gehobene 
Koralleninsel ohne Saumriff von 9 m Höhe. 
Alphonse und Fran9ois sind Sandbänke 
auf den Rändern zweier Riffe mit Atoll- 
bildung. Die Amiranten sind ebenfalls 
Sandbänke, deren keine zur Flutzeit mehr 
als 8 m hoch ist. Alle Amiranten mit 
Ausnahme von Marie Louise und Eagle 
sind jetzt mit Kokospalmen bepflanzt; 
Fauna und Flora sind £äst dieselben wie auf 
Coetivy und dem Tschagos-Archipel, ver- 
mehrt durch einige vom Kontinent und 
den Seychellen stammende Arten. 

Oeographischer Unterricht. 

♦ Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Richard 
Lehmann in Münster hat die o. Pro- 
fessur für Geographie an der dor- 
tigen Universität aus Gesundheitsrück- 
sichten am Ende dieses W.-S. nieder- 
gelegt. 

* Dr. Emil Deckert ist als Dozent 
der Wirtschaftsgeographie an die Akade- 
mie für Handels- und Sozialwidsenschaf- 
ten zu Frankfurt a. M. berufen worden 
und hat den Ruf angenommen. 



12* 



172 



BflcherbeBprechungen. 



Btteherbespreelmiigen. 



Gfinther, Sleirm. Physische Geogra- 
phie. (Sammlnng Göschen. Nr. 26.) 
8. Aufl. 147 S. 82 Abb. Leipzig, 
Göschen 1906. JL —.80. 
Die schon in 8. Auflage vorliegende 
kurze physische Geographie von Sieg- 
mund Günther eignet sich ganz vor- 
züglich zur ersten Einführung in die be- 
treffende Disziplin. Der Verf. behandelt 
auf dem kleinen ihm zur Verfügung 
stehenden Raum tatsächlich alle Zweige 
der physischen Erdkunde, die Gestalt, 
Schwere und Dichte der Erde, das Erd- 
innere, die Morphologie der Erdoberfläche, 
das Wichtigste aus der Gesteins- und 
Formationslebre, Vulkanismus, Erdbeben 
und Gebirgsbildung, Erdmagnetismus, die 
Lufthülle, das Meer, die Gewässer des 
Binnenlandes, Schnee und Eis. Er bietet 
eine außerordentliche Fü]le von Material 
und hat es meisterhaft verstanden, in 
knapper Form doch alles klar und leicht 
verständlich darzustellen und alle Er- 
scheinungen durch wenige aber gut aus- 
gewählte und typische Beispiele zu er- 
läutern. Selbst auf wissenschaftliche 
Kontroversen ist er mehrfach eingegangen, 
z. B. auf die verschiedenen Auffassungen 
über die Beschaffenheit des Erdinnem, 
die verschiedenen Vulkantheorien, die 
zum Teil gegensätzlichen Ansichten über 
Gletschererosion, und hat den gegenwär- 
tigen Stand dieser Fragen klar dargelegt. 
Kleine Ausstände hätte ich eigentlich nur 
bei dem Abschnitt über Petrographie und 
Petrogenese zu machen. Der Unterschied 
zwischen vulkanischen oder Ergußgesteinen 
und plu tonischen oder massigen Tiefen- 
gesteinen ist hier etwas verwischt. Es 
wird femer der Gneis an einer Stelle 
als ursprüngliche Erstarrungskruste , an 
einer andern als wässriger Niederschlag 
bezeichnet, ohne daß klar ausgesprochen 
ist, daß eben Gneis, wie alle krystalli- 
nischen Schiefer wahrscheinlich auf sehr 
verschiedenem Wege gebildet sein könne. 
Die so wichtige Umwandlung sedimen- 
tärer Gesteine, selbst jüngerer, z. B. jurassi- 
scher (in den Alpen) durch Gebirgsdruck 
in krystallinischen Schiefer ist gar nicht 
erwähnt. Aber das sind Einzelheiten, die 
den Wert des Buches als Ganzen nicht 



wesentlich beeinträchtigen. Wichtig für 
den angehenden Jünger der Geographie, 
der sich an Günthers Buch über das Ge- 
biet der physischen Erdkunde orientieren 
will, ist auch, daß die hauptsächlichste 
Literatur am Anfang übersichtlich zu- 
sammengestellt ist. B. Langenbeck. 

Hildebrandsson, H. Hildebrand. Rap- 
port sur les observations inter- 
nationales des nuages au Co- 
mit^ Mät^orologique International. II. 
Hauteurs et vitesse des nuages. — 
Sur la circulation de Tair autour des 
minima et des maxima baromätri- 
ques et sur la formation des satellites. 
37 S. 8 Abb. u. 7 Taf. Upsala, 
Wretman 1906. 
Die Abhandlung ist eine Fortsetzung 
des im X.Bd. (1904), S. 39 dieser Zeitschrift 
in einem Aufsatz besprochenen ersten 
Teils. Hat der erste Teil die Ergebnisse 
der Beobachtungen des internationalen 
Wolkenjahrs in bezug auf die allgemeine 
Zirkulation der Atmosphäre behandelt, 
so werden hier die genannten Beobach- 
tungsresultate für Schlüsse über Höhe 
und Geschwindigkeit der Wolken, über 
die Bewegung der Luft um die baro- 
metrischen Maxima und Minima und über 
die Bildung der Teildepressionen ausge- 
nutzt. Es ist unmöglich hier alle Er- 
gebnisse wiederzugeben, dafür sei auf 
das Original verwiesen ; als besonders in- 
teressant möge nur hervorgehoben werden, 
daß die Höhe der Wolken der gleichen 
Form, besonders der oberen Wolken, von 
dem Äquator nach den Polen zu abnimmt, 
j und daß die Wolkenhöhen im Winter ge- 
ringer sind, als im Sommer. Multipliziert 
man die Wolkengeschwindigkeit mit der 
' mittleren Dichte der Luft in der be- 
' treffenden Höhe, so erhält man eine an- 
I nähernd konstante Zahl, woraus man 
schließen kann, daß annähernd die gleiche 
Luftmasse im Mittel in jeder Höhe den 
gleichen Querschnitt passiert, oder daß 
die Windgeschwindigkeit in der Höhe 
umgekehrt proportional der Dichte der 
Luft ist. Wichtige Schlüsse auf die Höhe, 
bis zu der die Störungen des Luftdrucks 
an der Erdoberfläche reichen, gestattet 



Bücherbesprechungen. 



17S 



die mit yielen Beispielen belegte Tatsache, 
daß die oberen Wolken nicht immer von 
diesen Störungen berührt werden, sondern 
oft über die barometrischen Minima und 
Mazima hinwegziehen, ohne deren ge- 
ringsten Einfluß erkennen zu lassen. In 
andern Fällen sind freilich auch wieder 
die Luftwirbel sehr hoch und überschreiten 
die Höhe der Girren, welche sich dann 
um sie parallel zu den Isobaren bewegen. 
Außerdem werden die Beobachtungen in 
bezug auf die Entstehung der Teildepres- 
sionen diskutiert und führen zu wichtigen 
Schlüssen auch über deren Verhältnis 
zum allgemeinen Polarwirbel. Sämtliche 
Ausführungen sind mit reichem tabella- 
rischem Material und einer Anzahl karto- 
graphischer Darstellungen begleitet und 
belegt. Greftn. 

Jahrbuch für Deutschlands See- 
interessen unter teilweiaer Be- 
nutzung amtlichen Materials heraus- 
gegeben von Nauticus. VlI. Jhrg. 
1905. Berlin, Mittler & Sohn. 
JL 6.60. 

Die letzten Jahrgänge des Nauticus- 
Jahrbuches haben gegenüber den ersten 
Jahrgängen an Zuverlässigkeit und be- 
sonders an Genauigkeit der statistischen 
Angaben sehr gewonnen. Heute gilt der 
Nauticus als das zuverlässigste deutsche 
Handbuch für maritime Dinge. Es zer- 
fällt in drei Teile. Der erste Teil bringt 
Aufsätze kriegsmaritimen, politischen und 
historischen Inhalts, der zweite Aufsätze 
wirtschaftlichen und technischen Inhalts 
und der dritte Statistisches. Im zweiten 
Teil begegnet man auch Aufsätzen, die 
für den Geographen von Interesse sind, 
80 im Jahrgang 1904 den Abhandlungen 
über den „Panamakanal'' und über den 
„Bobbenfang'', im letzten Jahrgang der 
Abhandlung über die „Seehäfen des Welt- 
verkehrs". In diesem Aufsatz werden in 
einem ersten Abschnitt die Grundlagen 
der Seehäfen im allgemeinen entwickelt 
und in einem zweiten die Welthäfen der 
Gegenwart geschildert Die Beschreibung 
der außereuropäischen Welthäfen könnte 
etwas ausführlicher sein. Auch das 
Geomorphologische und die eigentliche 
Weltlage hätten noch eingehender be- 
rücksichtigt werden müssen. Ich hoife, 
diesen Punkt demnächst ausführlicher be- 
qirechen zu können, weshalb ich mich 



weiterer Ausführungen hier enthalten 
kann. 

Die statistischen Angaben sind mit 
jedem Jahre verbessert und erweitert 
worden. Im Nauticus-Jahrbuch 1906 finden 
wir folgende Statistiken: die Marine- 
budgets der großem Seemächte; die 
deutsche Handelsflotte; die Handels- 
dampfer aller Nationen; den deutschen 
Seeschiffahrtsbestand ; die Welthandels- 
flotte der wichtigsten seefahrenden Völker; 
den Seeverkehr in den bedeutenderen 
Welthäfen und den bedeutenderen deut- 
schen Häfen; die Ein- und Ausfuhrwerte 
des deutschen Zollgebiets; den Wert des 
Welthandels der Hauptiiandelsstaaten; 
den deutschen Schiffsbau und den Welt- 
schiffsbau; die deutschen Kolonien; die 
Marinestationen, Flottenstützpunkte und 
Eohlenstationen der großem See- und 
Kolonialmächte und schließlich das Welt- 
kabelnetz. 

Die Illustrationen, die dem Nauticus 
beigegeben sind, beziehen sich haupt- 
sächlich auf Schiffskonstruktionen und 
neue Schiffstypen. Sie sind wie die bei- 
gegebenen Karten klar und deutlich. Im 
letzten Jahrgang befindet sich eine Welt- 
karte zur Yeranschaulichung der Kabel. 
Max Eckert. 

Philippsoll, A. Europa. Zweite Auf- 
lage, gr. 8^ XU u. 761 S. 144 Abb. 
u. K. im Text, 14 K. u. 22 Taf. 
Leipzig u. Wien, Bibl. Inst. 1906. 
JL 15.—. 
Auch dieser Schlußteil der von Sievers 
herausgegebenen „Allgemeinen Länder- 
kunde" ist nun nach natürlicher Gliede- 
rung einheitlich bearbeitet worden und 
somit ganz wesentlich gehoben. Alfred 
Fhilippson, der bereits in der ersten Auf- 
lage dieses Bandes die physiographische 
Abteilung geliefert hatte, hat sich als der 
rechte Mann bewährt, das schwierige 
Werk zum guten Ziel zu führen. Fast 
ganz neu galt es das Gebäude aufzurich- 
ten. Das so vielgestaltige Europa legte 
jener wissenschaftlichen Darstellung, die 
nicht schematisch zergliedernd beschreibt, 
sondern die Landesart in ihrem organi- 
schen Zusammenhang zu deuten versucht, 
große Schwierigkeiten in den Weg. In 
einer ausführlichen einleitenden überschau 
werden zunächst die physischen wie die 
kulturellen Wesenszüge Europas im all 



174 



BücherbeBprechungen. 



gemeinen dargelegt. Darauf folgt die 
Betrachtung der nämlichen Wesenszüge 
in der bunten Mannigfaltigkeit der länder- 
kundlichen Einzelgebilde, geschieden in 
die drei entwicklungsgeschichtlich be- 
stimmten Hauptteile: die südeuropäischen 
Faltungsländer, das nordwesteuropäische 
Schollenland und die russisch-skandina- 
irische Tafel. 

In wohltuender Harmonie erhalten wir 
stets vor allem einen klaren Einblick in 
den Aufbau des Bodens und in dessen 
Gewordensein, wobei es der Verfasser mit 
wohlgeübtem Lehrtalent versteht, dem 
Leser verständlich zu werden auch ohne 
zuviel geologische Vorkenntnisse voraus- 
zusetzen. Daran schließen sich unge- 
zwungen die hydrographischen und klima- 
tischen Verhältnisse, das Pflanzen- und 
Tierleben, soweit es wichtige Züge in der 
Landesnatui ausmacht, endlich die Be- 
völkerung, wie sie sich in ihrem Wohn- 
raum betätigt hat in Siedelungen, Ver- 
kehrsanlagen , Staatsgrundungen , wirt- 
schaftlicher und geistiger Kultur. Das 
ist alles in so künstlerisch abgerunde- 
ten Bildern vorgeführt bis herab auf die 
Eleinmalerei auch der einzelnen Land- 
schafben, daß der Leser nicht ermüdet, 
die großartige Bilderreihe von Spanien 
bis Bußland, von Hellas bis Schottland 
an sich vorüberziehen zu sehen, zumal 
sie ausnahmslos durchgeistigt wird durch 
das Streben, den tieferen innerlichen Zu- 
sammenhang der europäischen Dinge zu 
entschleiern. 

Auch die gleichmäßige Schönheit des 
schlichten, klaren Stils macht das Werk 
zu einem wahrhaft klassischen, nicht 
minder die Fülle der technisch vollende- 
ten und stets lehrreichen Abbildungen 
und Karten. Die geologische Übersichts- 
karte von Europa (zu S. 20) ist z. B. ein 
kaum zu übertreffendes Meisterstück von 
Reichhaltigkeit , Zuverlässigkeit und 
schönster Übersichtlichkeit dank der 
trefflich ausgewählten Farbenenergie. 

Wollte man dem Verf. in der erstaun- 
lichen und doch nie überlastenden Masse 
seiner sachlichen Angaben irgendwo einen 
kleinen Verstoß nachweisen, so müßte 
man bei seiner sorgfältigen Arbeitsweise 
schon mit der Lupe vorgehen. Dann 
fönde man etwa auf S. 628 das „Zink- 
:werk von Altenberg" in dem berühm- 

pseudoneutralen Landzwickel Moresnet 



südwestlich von Aachen und die Bemer- 
kung, daß die 2700 Bewohner von Alten- 
berg „unter wechselnder (?!) Verwaltung" 
Preußens und Belgiens ständen. Das 
einst für die Messingfabrikation so wich- 
tige Galmeiwerk ist jedoch längst er- 
schöpft, nur noch ein Loch im Boden 
(„die Kuli"), und die etwa 4000 Alten- 
berger, die einzigen staatlosen Europäer, 
stehen ständig unter der Doppelkontrolle 
eines preußischen und eines belgischen 
Kommissars. 

Nicht nachahmenswert dünkt der Zir- 
kumflex auf dem Namen Rhone (den der 
Verf. doch nach deutscher Weise feminin 
gebraucht) und die niederländische Form 
Zuidersee an Stelle der in unserem Nord- 
westen noch ganz volkstümlichen deut- 
schal Form Südersee. Höchst rühmens- 
wert dagegen erscheint es, daß dem um- 
fangreichen Werk das (noch bei den 
größten Geographen heimische) ekelhafte 
Ungeziefer der „circa" und „ca." ganz 
fehlt. Kirchhoff. 

Enzensperger, Josef. Ein Bergsteiger- 
leben. Eine Sammlung von alpinen 
Schilderungen nebst einem Anhang: 
Reisebriefe und Kerguelen-Tagebuch. 
4«. XV u. 276 S. 14 Taf., 2 K., 
1 Panor. u. viele Textill. Hrsg. vom 
Akadem. Alpenverein München. Mün- 
chen, Vereinigte Kunstanstalten A.-G. 
1906. JL 20.—. 
Eine vornehme Weihegabe hat d«r 
Akademische Alpenverein München dem 
Andenken seines hochverdienten Mit- 
gliedes und ehemaligen Vorstandes ge- 
widmet. Das tragische Schicksal, das 
den jungen, zu großen Erwartungen be- 
rechtigenden Forscher als meteorologi- 
schen Beobachter auf der Kerguelen- 
Station der deutschen Südpolar-Expedition 
betroffen hat, rechtfertigt die Errichtung 
eines literarischen Denkmals von Seite 
jener Jugendfreunde des Verstorbenen, die 
am meisten seine touristische Kühnheit 
und Gewandtheit, seine Begeisterung für 
die Alpen weit, wie den Ernst seines 
wissenschaftlichen Strebens, nicht zum 
mindesten auch die Lauterkeit und Liebens- 
würdigkeit seines Charakters zu beobach- 
ten und schätzen Gelegenheit hatten. So 
stellt sich dieser Band dar als eine Samm- 
lung der zerstreuten alpinen Schriften 
Enzenspergers, dessen Persönlichkeit 



Bflcherbespreehungen. 



175 



daraus auch dem Femerstehenden als 
(Janzefl entgegenleuchtet. Wehmütig be- 
rühren die noch von froher Hofibong und 
Lebensfreude durchzogenen Reisebriefe 
und das anschließende Kerguelen- Tage- 
buch, das den Fortschritt der tückischen 
Krankheit verfolgen läßt, bis die Feder 
dem erschöpften Dulder und bis zur 
äußersten physischen Möglichkeit gewissen- 
haften Beobachter entsank. Ein warmer 
Nachruf seitens des Leiters der deutschen 
Südpolar-Expedition, Prof v. Drygalski, 
nebst einigen biographischen Notizen der 
Herausgeber (F. v. Cube, L. Distel, 
£. Enzensperger) ist dem Ganzen voran- 
gestellt. Die Ausstattung des Buches ist 
eine überaus glänzende. Außer dem wohl- 
gelungenen Bildnis des Verstorbenen 
schmücken es prächtige Bilder der haupt- 
sächlich von ihm begangenen Gebiete 
(Allgäuer Alpen, Eaisergebirge, Eerguelen) 
in Kupferdruck sowie eine Reihe eben- 
falls vortrefflicher Textillustrationen. Es 
ist ein Werk, das jeder Bergfreund mit 
hohem Genuß durchblättern wird, doch 
auch mit dem Gefühl der Trauer um ein 
junges deutsches Bergsteigerleben, das so 
jlh und vorzeitig sein Ende gefunden. 
E. Oberhummer. 

Wermert, Georg« Die Insel Sicilien 
in volkswirtschaftlicher,kultu- 
reller und sozialer Beziehung, 
fol. 488 S. 1 K. in 1 : 800 000. Berlin, 
D. Reimer 1905. JL 10.—. 
Da die Insel Sicilien in der letzten 
Zeit durch die traurige Lage der Masse 
seiner acker- und bergbaulichen Bevölke- 
rung und dadurch hervorgerufene Un- 
ruhen wiederholt die Blicke der Welt auf 
sich gelenkt hat und in Zukunft lenken 
wird, so ist es sehr dankenswert, daß 
sich der Verf. offenbar auf Grund eines 
längeren Aufenthalts auf der Insel die 
Aufgabe gestellt hat, die deutsche Lese- 
welt über diese Zustände zu unterrichten. 
An Quellen boten sich auch zahlreiche 
dickleibige auf amtlichen Erhebungen 
beruhende Werke und private Darstel- 
lungen. 

Das Werk ist als ein im wesentlichen 
volkswirtschaftliches anzusehen. Dort liegt 
der Schwerpunkt der Vorbildung und der 
Studien des Verfassers. Es enthält in 
dieser Hinsicht eine Fülle gewichtiger 
Tatsachen und vermag selbst mir, obwohl 



ich fast zwei Jahre, freilich vor beinahe 
30 Jahren, auf der Insel gelebt, diese 
sorgsam studiert und manches über sie 
veröffentlicht habe, noch hie und da Neues 
zu bieten. Dabei läßt es der Verf. an 
der oft auch amtlichen Veröffentlichungen 
namentlich statistischer Natur gegenüber 
gebotenen vorsichtigen Kritik nicht fehlen. 
Viehzucht, Ackerbau, Obstzucht, nament- 
lich Agrumenbau, Schwefelbergbau, die 
Lage der Arbeiter in diesem wie in der 
Landwirtschaft, die oft merkwürdige Er- 
scheinungen bietende Kommunalverwal- 
tung, das kirchliche Leben, Sitten und 
Gebräuche, der Volkscharakter werden 
eingehend untersucht und der Maffia und 
den sozialen Bewegungen der Neuzeit die 
Schlußkapitel gewidmet. Es wird ein 
klares Bild des vorherrschenden Groß- 
grundbesitzes und seiner Folgen, des tie- 
fen Standes der sicilischen Landwirt- 
schaft, auf welche die Bevölkerung doch 
vorzugsweise angewiesen ist, des Pächter- 
unwesens , des Absentismus entworfen. 
Auch das Gedrängtwohnen der landwirt- 
schaftlichen Arbeiter wird hervorgehoben, 
ebenso die kirchlichen und sittlichen Zu- 
stände, welch letztere gewiß mit dem Verf 
als Entartungserscheinungen aufzufassen 
sind. Die Ursachen der traurigen Lage der 
großen Masse der Bevölkerung, einer Er- 
scheinung, die hier schon früher wieder- 
holt hervorgetreten ist und an Ägypten 
erinnert, werden nur geschichtlich und 
wirtschaftlich hergeleitet. Es spielen aber 
gewiß geographische Faktoren mit. Leider 
liegt dies Gebiet dem Verf., wie merkwür- 
digerweise den meisten Volkswirtschaftlern 
völlig fem. Auf zwei Grundbedingungen 
des sicilischen Ackerbaues, die Boden- 
bescbaffenheit und die Wasserfrage, über 
welche beide gute Vorarbeiten vorliegen, 
wird daher kaum eingegangen, und der 
geographische Abschnitt, welchen der Verf. 
vorausschicken zu müssen glaubte, ist 
ganz unzureichend, wimmelt von Un- 
genauigkeiten, Irrtümern und Druckfehlern. 
Auch die Auswanderungsfrage, die heute, 
namentlich auch in bezug auf Tunesien, 
wo man jetzt 130 000 Italiener, meist 
Sicilianer, zählt, eine so große Rolle 
spielt, wird kaum gestreift. Th. Fischer. 

KrebSy Norberte. Densitii e aumcnto 
della popolazione nelT Istria e 
in Trieste. (Estratto dall' „Archeo- 



176 



Bücherbesprechungen. 



grafo Trieetino." 8er. III. Vol. H.) 

26 S. Triette 1906. 
Der Verfasser, der schon mehrere 
Schriften überlstrien veröffentlicht hat und 
allem Anscheine nach eine systematische 
geographische Durchforschung der Halb- 
insel beabsichtigt, gibt hier eine genaue 
Übersicht über die Tatsachen der Be- 
völkemngsgeographie. Zuerst wird die 
Volksdicbte abgehandelt, und zwar in 
der Weise, daß der Verfasser von Triest 
ausgehend nach und nach die einzelnen 
Teilland Schäften der Halbinsel bespricht 
Dann wird in ähnlicher Weise die Zu- 
und Abnahme der BeTÖlkerung von 1869 
bis 1900 dargestellt. Ein Anhang gibt 
die Zahlenwerte in Bezug auf die ge- 
wählte Einteilung des Landes in tabella- 
rischer Übersicht, während eine Karte 
die Bevölkerungsverteilung mit Hilfe von 
sieben schwarzen Tönen gut veranschau- 
licht. Es handelt sich in der Arbeit 
hauptsächlich um eine Feststellung der 
Tatsachen, weniger um einen analytischen 
Nachweis der sie bedingenden Faktoren. 
Auf diese wird jedoch beständig an- 
deutend hingewiesen, sowohl nach der 
8eite der Natur vne nach der des Menschen. 
Die Arbeit ist eine dankenswerte Be- 
reicherung der Literatur über die Volks- 
dichte. 0. Schlüter. 

Lussingrande, Lussinpiccolo. Lus- 
sin und dielnscln desQuarnero. 
Ein Wegweiser für Kurgäste und 
Ferienreisende. 104 8. öOAbb. u. 3K. 
Wien u. Leipzig, Hartleben o. J. (1905). 
Ein lebendig (gelegentlich auch einmal 
etwas krampfhaft lebendig) geschrie- 
bener Führer, der wohl geeignet ist, den 
Wunsch nach näherer persönlicher Be- 
kanntschaft mit diesem nördlichten Teil 
der dalmatischen Inselwelt zu erwecken. 
Zugleich ein Führer, der mehr als andere 
seines gleichen das Geographische hervor- 
hebt. 'Die ganze erste Hälfte wird von 
einer kleinen landeskundlichen Skizze 
eingenommen, und auch bei der Be- 
sprechung der Ausflüge, welche die zweite 
Hälfte einnimmt, wird beständig das 
Auge auf die Natur gelenkt. Den An- 
gaben über Unterkunft usw. sind nur die 
wenigen Seiten des Anhanges gewidmet. 
Es wäre jedenfalls zu wünschen, daß 
Reiseführer dieser Art in größerer Zahl 
vorbanden wären, damit das reisende 



Publikum mehr Anreg^g zur verständnis- 
vollen Betrachtung der Natur empfinge. 
— Die vorliegende Darstellung beschränkt 
sich nicht auf Lussin; sie benutzt diese 
Insel nur als Stützpunkt, um von da aus 
auch die kleineren und größeren Nachbar- 
inseln (Cherso, Axbe, Veglia) zu besuchen. 
Viele Abbildungen geben eine gute An- 
schauung von der geschilderten Erdstelle. 
Die Ausstattung mit Karten hätte aller- 
dings etwas reichhaltiger ausfallen können. 
0. Schlüter. 

Langenbucher, K. Karte von Ma- 
rokko. 1:2000000. Berlin, D.Reimer 
(E.Vohsen). 1906. JL 1.—. 
Um die vorliegende Karte gerecht zu 
beurteilen, muß man sich gegenwärtig 
halten, daß sie eine Gelegenheitsarbeit 
ist und nur einem gewissen Zwecke dienen 
will, nämlich der Darstellung der Ver- 
kehrswege und Botenposten, der deutschen, 
französischen, englischen und spanischen 
Dampferlinien. Von Botenposten sind nur 
die Linien der deutschen und französi- 
schen eingezeichnet. Leider aber letztere 
ganz unvollständig, denn eine französische 
Botenpost geht nicht nur an der Ozean- 
küste entlang bis Mogador, sondern auch 
von Tanger nach Tetuan, von Tanger 
nach Fäs und Meknas über Ksar el Kebir 
bzw. von Larasch über Ksar el Kebir, von 
Mazagan nach Marrakesch, außerdem an 
der Ostgrenze von der französischen Grenz- 
stadt Lalla Mamia nach der marokka- 
nischen Udjda. Außerdem dürfte der 
Sommerweg der deutschen Rekkas zwischen 
Tanger und F&s, genau wie der der fran- 
zösischen ein andrer sein wie der Winter- 
weg. Femer: ich vermute, daß die deut- 
sche Privatpost Mogador — Marrakesch noch 
besteht. Überhaupt hätten auf einer Ver- 
kehrskarte doch auch wohl die wichtigsten 
Karawanenwege eingetragen werden sollen. 
Welchen Zweck haben sonst die zwischen 
Magador und Marrakesch und auf der 
Winterlinie Tanger — Fäs eingetragenen 
Hauptrastorte und vollends die beiden 
Pässe Psab Tsinka und Bab Tisra Djorf, 
durch welche man die ungangbare Durch- 
bruchschlucht des Aled Redem umgehend 
aus der Tieflandbucht des Sebu auf die 
obere Terrasse emporsteigt? Auf die 
Geländedarstellung und die Hydrographie 
wollen wir lieber gar nicht eingehen. 
Aber selbst die Küste ist venteiohnet. 



Bücherbesprechnngen. 



177 



Daß Tanger am westlichen Eingange einer 
halbkreisförmigen Bucht liegt, tritt selbst 
auf der Nebenkarte nicht hervor. 

Diese Karte wird auf der Konferenz 
keine Vorstellung von deutscher Karto- 
graphie und Gründlichkeit geben. Der 
Maßstab ist der von Lannay de Bissys 
Karte. Th. Fischer. 

T. öthalom, Albert llngard Edler. Der 

Suezkanal. Seine Geschichte, seine 
Bau- und Verkehrsverhältnisse und 
seine militärische Bedeutung. 104 S. 
6 K. Wien u. Leipzig, Hartleben 
1906. JC 4.—. 
Abgesehen vom Militärischen, in dem 
selbständige Darlegungen gegeben werden, 
erhebt der Verfasser nicht den Anspruch, 
wesentlich Neues zu seinem Gegenstande 
SU sagen; über die Geschichte, Bau- und 
Verkehrsverhältnisse will er nur in knap- 
pen Zügen in einem Buch zusammen- 
fassen, was sich sonst an verschiedenen 
Stellen ausführlich findet. Ein Ziel, nicht 
leicht zu erreichen — setzt es doch die 
absolute Beherrschung all der Sachgebiete 
voraus, die für die Beurteilung eines sol- 
chen Bauwerks in Betracht kommen — ; 
nnd man kann denn auch nicht sagen, 
daß es der Verfasser erreicht habe: es 
fehlt die Unterscheidung zwischen Wesent- 
lichem und Unwesentlichem. 

So durchziehen die Schrift trotz ihres 
allgomein-orientierenden Charakters zahl- 
lose Einzelheiten, deren Wert an dieser 
Stelle nicht recht zu ersehen ist, die da- 
her das Gesamtbild nur verwirren, nicht 
klänm k(fnnen; wohl das krasseste Bei- 
spiel bietet der völlige, wortgetreue Ab- 
druck des Frachttarifs des Österreichischen 
Lloyds, aus dem sich der geduldige Leser 
gefälligst selbst imd ohne Hilfe das Wich- 
tige herausnehmen möge. An andern 
Stellen wieder unterläßt es der Verfasser, 
die sich historisch folgenden Begeben- 
heiten zu einem Bild ihrer gegenwärtigen 
Gesamtwirkung zu vereinigen; ja man hat 
gelegentlich das Gefühl, daß er sich 
gelbst einen solchen Gesamteindruck nicht 
Terschafft habe — anders kann man 
wenigstens die Verworrenheit nicht er- 
klären, mit der die beim Suezkanal so 
besonders wichtigen Finanzverhältnirtse, 
insbesondere die Berechnung und Ver- 
teilung des Reingewinns behandelt wor- 
den sind. Gerade die Form der Dar- 



stellung gibt aber bei Werken des an- 
gegebenen Ziels für ihre Bewertung den 
entscheidenden Maßstab, da sie sachlich 
nichts Neues bieten wollen. 

Der militärische Abschnitt scheint 
besser geraten zu sein; wenigstens be- 
kommt hier der Laie einen allgemeinen, 
durch Einzelheiten nicht belasteten Ein- 
druck von der Rolle, die der Kanal im 
Kriege spielen kann. K. Wiedenfeld 

Kraentzel, H« Le canal de Panama. 
(Travaux du S^minaire de Geographie 
de rUniversitä de Liäge. IV.) 68 S. 
Lüttich , Cormaux 1906. 
Kraentzel behandelt in seiner kleinen 
Arbeit über den Panamakanal auf Grund 
eines kleinen, doch nach dem innerlichen 
Wert richtig ausgewählten Teiles der 
weitschichtigen Veröifentlichungen über 
dieses Bauwerk die wesentlichsten Züge 
der Länderkunde im Kanalgebiet, die 
Hauptereignisse aus der Geschichte der 
Verkehrsstraße und ihre politische und 
wirtschaftliche Bedeutsamkeit. Der L[)halt 
der verständigen Schrift ist nirgends zu 
beanstanden. Allerdings werden weder 
unbekannte Tatsachen noch bemerkens- 
werte neue Gesichtspunkte zur Beurteilung 
der schon von den verschiedensten Seiten 
her ausführlich oder knapp zusammen- 
fassend behandelten Kanalangelegenheit 
beigesteuert. Felix Lampe. 

Kraentzel, F. La Geographie dans 
Tenseignement moyen. (Travaux 
du S^minaire de Geographie de TUni- 
versite de Liege. I.) 37 S. Lüttich, 
Cormaux 1906. Fr. 1.—. 
Die Arbeit ist die erste Veröffentlich- 
ung des in Folge der Roformierung des 
geographischen Universitäts-Unterrichtes 
in Belgien 1903 gegründeten geographi- 
schen Seminars der Universität Lüttich. 
Sie ist ein erfreuliches Zeichen dafür, 
daß nuch in Belgien das Bestreben her- 
vortritt, den geof^raphischen Unterricht 
an den Gymnasien und sonstigen höheren 
Lehranstalten zu erweitem und zu ver- 
tiefen. Die Grundsätze, die der Verf. 
dafür entwickelt, sind nicht neu. Die 
Geographie soll sich nicht auf eine reine 
Beschreibung der Erdoberiiäche beschrän- 
ken, sie Süll überall auf die Ursachen 
der Erscheinungen zurückgehen, soll den ^ 
Schülern die Wechselwirkungen der ver- 



178 



Bücherbes prechungen. 



schiedenen geographischen Elemente und 
den Einfluß des Milieus auf den Men- 
schen, seine wirtschaftlichen Verhältnisse 
seine Siedelungsformen zum Verständnis 
bringen. Weiterhin weist der Verf. auf 
den großen praktischen Wert des Unter- 
richtes hin und wünscht, daß der Wirt- 
schaftsgeographie ein besonders breiter 
Raum in diesem zugewiesen werde. An 
einer Anzahl von Beispielen zeigt er so- 
dann in trefflicher Weise, wie er den 
geographischen Unterricht auf den einzel- 
nen Stufen gehandhabt zu wissen wünscht. 
Ein längerer Abschnitt ist der Benutzung 
Yon Wandkarten und Atlas, sowie dem 
geographischen Zeichnen in der Schule 
gewidmet. Sehr erfreulich für uns ist die 
hohe Anerkennung, die er dabei der 
deutschen Kartographie zollt. Er tritt 
sehr eindringlich dafür ein, deutsche 
Schulatlanten, etwa Sydow -Wagner oder 
Diercke, und deutsche Schulwandkarten 
auf den belgischen Schulen einzuführen, da 
ihnen Gleichwertiges in Belgien nicht vor- 
handen sei. Für das Schülerzeichnen ver- 
wirft er mit Recht alle künstlichen Kon- 
struktionen und überhaupt das Zeichnen 
von Kartenskizzen aus dem Gedächtnis. 
Die Forderungen, die der Verf. zum Schluß 
stellt, decken sich vollständig mit denen, 
die auch wir deutschen Geographen schon 
seit Jahrzehnten, leider zum großen Teil 
bisher ohne Erfolg, erhoben haben: Ver- 
mehrung der geographischen Unterrichts- 
stunden, Fortführung des geographischen 
Unterrichtes bis in die obersten Klassen 
aller Lehranstalten, vollständige Tren- 
nung des geographischen vom geschicht- 
lichen Unterricht und Übertragung des 
ersteren an wirkliche geographische Fach- 
Lehrer. R. Langenbeck. 

Pütz, Wilhelm. Lehrbuch der ver- 
gleichenden Erdbeschreibung 
für die oberen Klassen höherer Lehr- 
anstalten und zum Selbstunterricht. 
18. verbess. Aufl., bearbeitet von 
Ludwig Neumann. 392 S. Freiburg 
i. B., Herder 1906. .4C 3.—. 
Es wird nicht viele Lehrbücher geben, 
die wie vorliegendes ein fünfzigjähriges 
Jubiläum feiern können — und es ist 
gut so ! Denn was haben uns die letzten 
60 Jahre für Umwandlungen in der Auf- 
fassung wissenschaftlicher Geographie wie 
im methodischen Betriebe gebracht! Die 



Fortschritte sind so gevraltig und tief- 
greifend, daß ihnen ein Lehrbuch nicht 
durch kleine Änderungen folgen kann; 
es müßte denn seine ganze Grundlage, 
sein Wesen aufgeben. „Pütz'' ist aber 
der Alte geblieben, wenn ihn auch jetzt 
ein modemer akademischer Vertreter der 
Geographie in Pflege genommen hat. Es 
ist das alte Rezept: Lexikonwissen, viel 
Namen, hübsch systematisch aufgetischt, 
die hergebrachte Disposition für jedes 
Land: Lage, Größe, horizontale und verti- 
kale Gliederung, politische Einteilung (bis 
herab auf sämtliche 87 französische 
Departements) usw. Kurz, dieser Lehr- 
stoff für die „Oberstufe" bringt Erweite- 
rung des Gedächtnisballastes, aber keine 
Vertiefung, keinen Denkstoff. Es sind 
nur wenige Oasen, z. B. bei der Betrach- 
tung Europas, wo versucht wird, irgend 
ein geographisches Problem, eine wert- 
volle Gedankenkette dem reiiferen Schüler 
nahezubringen. Die moderne Schule aber 
ringt nach Befreiung von unnützem Ge- 
dächtniskram ; sie hungert nach kräftiger 
Kost, nach wertvoller Gedankenarbeit für 
unsere Jünglinge l Darum wollen wir 
nicht aus Pietät alte, glücklich über- 
wundene Lehrmethoden beibehalten, son- 
dern lieber von Grund aus neu aufbauen. 
Das ist der einzige Rat, den wir dem 
Bearbeiter der 18. Auflage des vorliegen- 
den Buches geben können. P. Wagner. 

Nieberdings Schulgeographie. Bearb. 

von Wilh. Richter. 24. Aufl. 271 S. 

Paderborn, F.Schöningh 1906. JC 1.36. 
Wenn ein Buch wie das vorliegende 
durch das Erscheinen einer 24. Auflage 
seine Lebensfähigkeit beweist und uns 
einen Rückschluß auf den gegenwärtigen 
Unterrichtsbetrieb gestattet, so muß uns 
das mit tiefem Bedauern erfüllen. Alles, 
was die moderne Methodik als wünschens- 
wert hinstellt: Ausgang von der Heimat, 
Entwicklung der geographischen Grund- 
begriffe an konkreten Landschaftsbildem, 
Vertiefung des Lagebegriffs, Beziehungen 
zwischen Boden und Mensch, kurz alle 
kausale Verknüpfung fehlt völlig. Da 
wird der Sextaner zunächst auf dem 
ganzen Erdballe herumgejagt, lernt die 
technischen Ausdrücke (denn Gewinnung 
von „Begriffen" kann man so etwas nicht 
nennen) in einer abstrakten Einleitung. 
Dann wird Mitteleuropa im Skelett, d. h. 



Bücherbesprechungen. 



179 



in trockenster Namenanfz&hlnng behan- 
delt; in derselben Weise folgt das Übrige. 
Und wenn dem Schüler anf der Unter- 
stufe das Fach noch nicht ganz verekelt 
ist, wenn er vielleicht auf der Oberstufe 
das nötige „Fleisch" zu finden ho£ft — 
vergebens. Namen, politische Gliederun- 
gen bis ins Einzelne, philologische Er- 
klärungen — es gehört ein guter Magen 
dazu, solch trockene Nahrung zu ver- 
dauen I Wenn wir Geogpraphen heute 
mehr denn je um eine höhere WOrdigfung 
unseres Faches im Lehrplane k&mpfen, 
dann wird es Zeit, daß wir solchen Geo- 
graphiebetrieb energisch von unsem Bock- 
schößen schütteln. Denn er ist nicht 
wert, daß man damit kostbare Schulzeit 
vergeudet! P. Wagner. 

Heimatkunden zur Ergänzung der 
Schulgeographie von E. v. Seyd- 
litz. 

F. Begel. Landeskunde von Thü- 
ringen. 3. Aufl. 66 S. 27 Abb. 

G. Hertel. Landeskunde der Pro- 
vinz Sachsen u. des Herzogtums 
Anhalt. 8. völlig umgearb. Aufl. von 
A. Mertens. 52 S. 65 Abb. 

Breslau, Hirth 1904. Je JL —.60. 
Der traditioD eilen Anlage der ganzen 
Sammlung entsprechend bieten die beiden 
vorliegenden Bändchen vielerlei, das mit 
der Erdkunde nur in sehr losem Zusammen- 
hange steht, statistisches Iftaterial, Denk- 
würdigkeiten, Sehenswürdigkeiten usw. 
An sich mag es ja etwas für sich haben, 
dem Schüler in seinem Leitfaden auch 
eine Art Nachschlagebuch über die Ver- 
hältnisse seiner Heimatprovinz zu geben. 
Leider besteht dabei nur die Gefahr, daß 
dann gewisse eifrige Lehrkräfte in dem 
Aufgeben und Abfragen solchen Notizen- 
krams ein Hauptziel ihres Unterrichts er- 
blicken. Gewisse Grenzen sollten aber 
denn doch innegehalten werden. Daß ein 
Ort ein Gymnasium, ein Amtsgericht, 
meinetwegen ein Zuchthaus besitzt, mag 
ja noch in eine Landeskunde im weite- 
sten Sinne hineingehören, die Geburt des 
Dichters Bomemann im Jahre 1767 aber 
doch wirklich nicht mehr. Dagegen halte 
ich es andererseits für geographisch be- 
deutsam, daß Wittenberg und Torgau bis 
vor wenigen Jahrzehnten als Festungen 
den Eibstrom beherrschten, und vermisse 
die Erwähnung dieser Tatsache. 



Was nun die eigentlich landeskundliche 
Darstellung anlangt, so hat F. Begel die 
schwierige Aufgabe, auf kleinem Baum 
eine anschauliche, abgerundete und bei 
aller Faßlichkeit doch wissenschaftliche 
Darstellung zu geben, vortrefflich gelöst. 
Ob es nur nicht möglich gewesen wäre, 
im speziellen Teil den leidigen Depeschen- 
stil ganz zu beseitigen? 

Die Darstellung von Mertens unter- 
scheidet sich sehr zu ihrem Vorteil von 
der der ersten Auflagen. Vor allem tritt 
sogleich die geographische Auffassung 
darin zutage, daß das künstliche Gebilde 
der Provinz Sachsen in natürliche Land- 
schaften zerlegrt ist. Der Verfasser ist sicht- 
lich betrebt gewesen, ein anschauliches 
Bild der einzelnen Landschaften zu liefern, 
hinsichtlich des Gebirgslandes ist ihm 
dies aber allerdings meiner Ansicht nach 
nicht völlig gelungen ; ich vermisse da die 
rechte Klarheit. Der Versuch, die Dar- 
stellung geologisch zu vertiefen, muß lei- 
der als mißlungen bezeichnet werden, da 
offenbar ganz veraltete Quellen benutzt 
sind. So sind beispielsweise die Schichten 
der Trias keineswegs, wie der Verfasser 
meint, in der Mulde zwischen Harz und 
Thüringer Wald abgelagert, denn zur Zeit 
ihrer Ablagerung bestanden diese Gebirge 
noch gar nicht. L. Henkel. 

Pfaff, H. Landeskunde des Groß- 
herzogtums Hessen. 8. Aufl. 36 S. 
14 Abb. Breslau, Hirt 1905. JL —.60. 

Die kleine, für den Schulgebrauch be- 
stimmte Landeskunde liegt nunmehr schon 
in dritter Auflage vor, was ihre Beliebt- 
heit beweisen dürfte. Zur Vergleichung 
konnte nur die erste Auflage beschafft 
und festgestellt werden, daß der Ab- 
schnitt über Bodenbeschaffenheit neu ein- 
gefügt, der über das Klima wesentlich 
gekürzt und der geschichtliche Abriß er- 
weitert wurde. Sonst ist sich die Landes- 
kunde nach Lage und Inhalt im großen 
und ganzen gleich geblieben; wesentlich 
besser geworden ist dagegen der Druck, 
der jetzt allen Ansprüchen genügen dürfte; 
der Bilderanhang ist um zwei vermehrt, ein 
Bild ist durch ein größeres ersetzt. G r e i m. 

März, Christian. Berg und Tal der 
Heimat. Geologisch - geographisch e 
Wanderungen in der Amtshauptmann- 
schaft Löbau. 70 S. Löbau i. S., 
Walde 1905. 



180 



Bücherbesprechungen. 



Das Heftchen will zeigen, wie man 
auf einigen Ausflügen in der Heimat 
nicht nur die Kenntnis einer eng be- 
grenzten Landschaft, sondern aach die 
Grandlehren der allgemeinen Geologie 
vermitteln kann. Der Verfasser verknüpft 
die in den Erläuterungen der geologischen 
Spezialkarte gegebenen Tatsachen und 
die petrogenetischen und tektonischen 
Theorien zu einem ganz ansprechenden, 
leicht verständlichen Gesamtbilde. Ver- 
altet ist die Erklärung der Kaolin- und 
Zeolithbildung als einfacher Verwitterungs- 
vorgänge, falsch die Auffassung der Gra- 
nitbankung als primärer Absonderung, 
durch die der Verfasser sich übrigens 
selbst widerspricht (vergl. S. 12 und 16!). 
Die Bezeichnung der Lausitzer Täler als 
Wannen entspricht nicht der jetzt ge- 
bräuchlichen Definition einer „Wanne^S 
Des Verfassers Zweifel, ob die Erosion 
mit der Gebirgsfaltung Schritt halten 
könne, teilen wir nicht; wohl aber er- 
scheint uns die Darstellung von der Ent- 
stehung des vuriscidchen Gebirgszuges 
(die langen Firstspalten usw.) wenig 
stichhaltig. P. Wagner. 

Jenkner, H. Rätsel aus Erd- und 
Himmelskunde. Neue Folge, kl.8^ 
71 S. Berlin, Oehmigkes Verlag (R. 
Appelius) 1906. ^fC 1.—. 
Der früher erschienenen kleineren 
Gruppe seiner geographischen Rätsel läßt 
der Verfasser hier eine größere folgen, 
170 an der Zahl. Sie sind ganz wie jene 
in hübsche kurze Reimverse gefaßt und 
beziehen sich wieder zumeist auf länder- 
kundliche Dinge: Städte und Länder, 
Berge, Flüsse und Seen oder Landeser- 
zeugnisse, berühmte Denkmäler und dgl. 
Dazu gesellen sich Naturvorgänge wie 
die EUmmelsfärbung bei Sonnenauf- und 
-Untergang, die Gezeitenflut, Sandhose, 
Wasserfall und mancherlei aus der Him- 
melskunde: die Jupitermonde, die Mars- 
kanäle, Meteore, Zodiakallicht, Lichter- 
scheinungen bei Sonnenfinsternis auf dem 
Mond und auf der Erdoberfläche, wenn 
man sie bei irdischer Sonnenfinsternis vom 
Mond aus betrachtet. Stets wird zur 
Lösung der Rätsel ein erklecklicher Vor- 
rat von Kenntnissen aus den einschlägigen 
Wissenszweigen erfordert, es wird die 
Kombination angeregt, das rasche Um- 
springen mit dem dem Ratenden zur Ver- 



fügung stehenden Kenntnisschatz geübt. 
Wo schwierigere Dinge in Frage kommen, 
wie bei den erwähnten Verfinsterungen, 
da hat der Verfasser gelegentlich der 
Bätsellösungen im Anhang durch knappe 
Erläuterungen dem Leser nachgeholfen. 
Manche dieser Rätsel dürften dem Lehrer 
zur Würze dea Unterrichts willkommen 
sein. Kirchhoff. 

Wollemann, A. Bedeutung und Aus- 
sprache der wichtigsten schul- 
geographischen Namen. 68 S. 
Braunschweig, Scholz 1905. JC 1. — . 
Der Verf. gibt in alphabetischer 
Reihenfolge eine kurze Deutung geogra- 
phischer Namen erst der europäischen 
Länder, dann der außereuropäischen Erd- 
teile, zuletzt noch eine solche von Kunst- 
ausdrücken aus der allgemeinen Erd- 
kunde. 

Der Lehrer mag ja aus diesen Listen 
manches für ihn Brauchbare entnehmen. 
Aber gewiß wäre es nutzloses Übermaß» 
dem Schüler jeden im erdkundlichen 
Unterricht vorkommenden Namen seiner 
ursprünglichen Bedeutung nach erklären 
zu wollen, vollends wenn (wie so oft) 
seine Etymologie zweifelhaft erscheint. 
Was hätte der Schüler z. B. davon, wenn 
man ihm zum Namen Tanganjika die 
hier (S. 66) gegebene Übersetzung „Zu- 
sammenkunft (der Gewässer)'^ einprägte, 
selbst wenn üe zuverlässig wäre? Für 
den Flußnamen Eger soll (nach S. 11) 
der Lehrer wählen zwischen den beiden 
Deutungen „schrecklicher Fluß" oder 
„Salmfluß"; besser doch, er wählt keins 
von beiden. Für Dessau bringt der Verf. 
ebenda zwei etymologisch unhaltbare 
Deutungen: ^,Durchrauschte Au" und 
„Insel am Wasserfall". Für Bodensee 
stellt er der allein richtigen Erklärung 
des Namens nach der alten Merowinger- 
pfalz „ze den bodemen" die ganz unmög- 
liche zur Seite, nach der „Boden" See 
heißen soll (S. 10). In etymologische 
Analyse der Namen läßt sich der Verf. 
allzu wenig ein. Da steht (S. 10) einfach: 
„Bayern, Wahrer des Bojerlandes". In- 
dessen, wollte man dem Schüler wirklich 
solche Gelehrsamkeit überliefern, so ge- 
hörte doch zur besseren Verdaulichkeit 
der ELinweis dazu, daß die Bayern einst 
in Böhmen, dem alten Bojohemum (nach 
mals gekürzt: Bajas), saßen und danach 



Nene Bücher und Karten. 



181 



«ach noch nach ihrem Eindringen ins 
Donanland Bajowarii genannt worden. 
Galdhöpig (S. 27) soUte gleichfalls nicht 
nackt mit ,,Höhenspitze von Galde*' ab- 
getan, sondern analysiert sein in Gald- 
h^pig (Höhenspitz oder Pik über dem 
Sennerhof Gald oder Galde; dann ergibt 
•ich auch die richtige Aassprache g&l-hO- 
plg fast Yon selbst, während sonst der 
Deutsche sinnlos g^ldhopig aussprechen 
wird). Desgleichen empfiehlt es sich 
durchaus, bei Himalaja (S. 46) die sprach- ' 
liehe Herleitung nicht zu unterdrücken : i 
h!ma Schnee, &laja Wohnung; der Latein | 
lernende Schüler wird dabei an hiems 
erinnert und auf die Eontraktion der 
beiden a zu ft aufmerksam gemacht, was 
ihn vor der bei uns so weit verbreiteten 
Mschen Aussprache him&laja statt himä- 
laja warnt 

Die Aussprache gibt nun unser Verf. 
zwar häufig an, aber nicht zur Genüge 
und nifht immer richtig. Beim eben er- 
wfthnten Himalaja z. B. wird zwar das 
erste a durch Fettdruck als betont be- 
nichnet, nicht aber vermerkt, ob es lang 
oder kurz zu sprechen. Gern v^ürde man 
(S. 18) neben Soest die zweifelhafte Deu- 
tung „Südsitz^' missen, dagegen fehlt die 
so nötige Angabe der Aussprache söst, 
geradeso wie (S. 10) bei Ghiemsee (k!m). 
Eine Stadt Singapure (S. 60) gibt es gar 
nicht; und Singapore wird sfngäpor aus- 
gesprochen. Statt Cotopaji (S. 69) muß 
es €k>topaxi heißen (wird auch mit x ge- 



sprochen). Für Montreal, Quebec, Balti- 
more fehlen die Ang^aben montriöl, kue- 
bäk, böltimor. Irrtümlich meint freilich 
der Verf., bei englischen wie französischen 
Namen wisse man ja die Aussprache von 
selbst. Daß der höchste Berg der briti- 
schen Inseln b^n näwis heißt, wiitsen 
selbst die Engländer nicht alle. Nipon 
ist nicht aus chinesisch ji-pen von den 
Japanern entstellt (S. 46), sondern dieses 
aus jenem durch die Chinesen. Liman 
(S 29) kommt nicht von limen (Hafen), 
sondern von limne (See). Gaurisankar 
(S. 46) muß nun g^nz aus der Schulgeo- 
graphie verschwinden, da wir Ann wissen, 
daß das gar nicht der Mount Everest ist. 
Kirchhoff. 

Hoch, Fr. Der Gletscher. Farbige 
Original-Lithographie. Größe 100:70 
cm. Leipzig, Teubner 1906. JL 6. — . 
Das künstlerisch fein ausgeführte Bild 
wird auch für den Unterricht gute Dienste 
leisten können, da es durchaus für den 
Blick aus der Feme berechnet ist. Es 
stellt den Pasterzengletscher mit dem 
Großglockner im Hintergrunde dar und 
gewährt einen vortrefflichen Einblick in 
die Hochalpenwelt. Besonders klar treten 
die Spaltenbildung am Gletscher, sowie 
die Bildung der Stimmoränen hervor. 
In dem gleichen Verlag und von dem- 
selben Künstler ist schon früher ein Bild 
„Morgen im Hochgebirge^^ erschienen. 
R. Langenbeck. 



Nene Bficlier nnd Karten. 



Allgemeines. 

Anleitung zu wiss. Beob. auf Reisen. 
Hrsg. von G. v. Neumayer. 3. Aufl. 
Lief. 7/8. 

Meyers Geographischer Hand -Atlas. 
8. Aufl. Lief. 29 — 40 : Namenregister zur 
Ausg. B. Leipzig u. Wien, Bibl. Inst. 
1905. 

Batzel, Friedrich f. Glücksinseln und 

Träume. Gesammelte Aufsätze aus den 

Grenzboten. VIE u. 616 S. 1 Bildnis 

Batzels. Leipzig, Grunow 1906. JL 8.60. 

Allgemeine pfayiitehe Geographie. 

de Montessus de Ballore, F. Les 
Tremblements de Terre. Geographie 



seismologique. V u. 476 S. 89 K. u. 
Fig. im Text, 3 K. auf Taf. Paris, 
Colin 1906. Fr. 12.—. 

Europa. 

Philippson, A. Europa. 2. Aufl. XH u. 

7Ü1 S. 144 Abb. u. K. im Text, 14 K. 

u. 22 Taf. in Holzschnitt, Ätzung u. 

Farbendruck. Leipzig, Bibl. Inst. 1906. 

JL 17.—. 
Thoroddsen, Th. Island. Grundriß der 

Geographie und Geologie. I. (Erg.-H. 

Nr. 162 zu „Petermanns Mitt.") 161 S. 

Textfig. u. 1 K. Gotha, J. Perthes 1906. 

JL 10.—. 



182 



Neue Bücher and Karten. 



Devtfehland «nd Haekbarlinder. 

Sommer, E. Die wirkliche Temperator- 
yerteilong in Mittel-Europa. (Forsch. 
z. d. Landes- u. Volkakde. XVI. 2.) 
86 S. 6 E. Stuttgart, Engelhom 1906. 
JL 6.—. 

Hasse, E. Deutsche Grenzpolitik. (Deut- 
sche Politik. I. S.) VI u. 181 S. Mün- 
chen, Lehmann 1906. JL 3. — . 

Ottsen. Der Kreis Tondem. Bilder aus 
der Erdkunde und Oeschichte des Krei- 
ses. Vm u. 232 S. 1 Taf. Tondem, 
Matthiesen 1906. 

Wüstenhagen, Hch. Beiträge zur 
Siedelungskunde des Ostharzes. (Diss.) 
69 S. Halle, Buchdr. d. Waisenhauses 
1906. 

Hessische Landes- und Volkskunde. 
Das ehemalige Kurhessen und das 
Hinterland am Ausgang des 19. Jahr- 
hunderts. In Verb. m. d. Ver. f. Erdkde. 
zu Kassel u. zahlr. Mitarb. hrsg. von 
C. Heßler. Bd. I. HessischeLandes- 
kunde. L Hälfte. XI u. 631 8. 2 K., 
1 Titelb. u. zahlr. Abb. Marburg, Elwert 
1906. JC 8.—. 

Afrika. 

Seidel, A. Deutsch - Kamerun. Wie es 
ist und was es verspricht. Historisch, 
geographisch, politisch, wirtschaftlich 
dargestellt. XVI u. 867 S. 23 Textabb., 
9 Taf., 1 K. Berlin, Meidinger 1906. 
JL 4.—. 

Nord- «nd Mittel Amerika. 
Sapper, Carl. Über Gebirgsbau und 
Boden des südlichen Mittelamerika. 



(Erg.-H. Nr. 161 zu „P. M.") IV n. 
82 8. 8K. Gotha,J.Perthe8l906. UK8.— . 
SidAHerikA. 

Stübel, Alphons f. Die Vulkanberge 
Yon Colombia. Geol.-topogr. aufgen. u. 
beschrieben, erg. u. hrsg. v. Theodor 
Wolf. 4«. vm u. 164 8. 8 K. u. 63 
Bilder auf 87 Taf. Dresden, Baensch 
1906. JL 20.—. 

T. Vacano, Max Jos. Buntes Allerlei 
aus Argentinien. Streiflichter auf ein 
Zukunfteland. 209 S. 86 Abb. u. 1 K. 
Berlin, D. Reimer 1906. JL 10.—. 
Hord-PolArgegeideii. 

Mecking, L. Die Eistrift aus dem Be- 
reich der Baffin-Bai beherrscht Yon 
Strom und Wetter. (VeröflF. d. Inst. f. 
Meereskde. u. d. Geogr. Inst. a. d. Uni- 
vers. Berlin. Heft 7. Jan. 1906.) IV u. 
186 S. 8 Abb., 2 Taf. Berlin, Mittler 
& Sohn 1906. JL 6.—. 

Tereine «nd Yersunmlvngeii. 

Verhandlungen des 16. deutschen 
Geographentages zu Danzig am 
13., 14. u. 16. Juni 1906. Hrsg. v. G. 
Kollm. LXXm u. 207 S. 8 Taf. u. 
3 Textabb. Berlin. D. Reimer 1906. 

JL 8.—. 

Persdnliehet. 

Wolf, E. Wissmann, Deutschlands größ- 
ter Afrikaner. Gedächtnisrede. 34 S. 
Leipzig, Grunow (o. J.). X — .60. 

Wahn schaffe, Felix. Gedächtnisrede 
auf Ferdinand Freiherm von Richt- 
hofen, gehalten in der Sitzung der 
Deutschen geologischen Gesellschaft am 
1. Nov. 1906. 18 S. 1 Bildnis. 



Zeitschriftenschan. 



TeUrmannsMitUilungen. 1906. I.Heft. 
Hoek u. Steinmann: Erläuterung zur 
Routenkarte der Expedition Steinmann in 
die bolivianischen Anden 1908/04. — 
Isachsen: Das paläokrystische Eis. — 
Supan: Die Erforschung der höheren 
Luftschichten über dem atlantischen Ozean. 
— Hammer: Landesaufnahme und Karto- 
graphie. 

GlobxM. 89. Bd. Nr. 3. Goldstein: 
Die Menschenopfer im Lichte der Politik ! 
und der Staatswissenschaften. — Der 
Antipassat. — Voll and: Bilder aus Ar- 
menien und Kurdistan. — Karutz: Von 



Buddhas heiliger Fußspur. — Die Namen 
Elsaß, Odenwald und Hart. 

Da»8, Nr. 4. Gentz: Die Burenein- 
wanderung nach unsem deutschen Kolo- 
nien. — Vilattes Forschungen in der 
Sahara. — Mehlis: Eine neolithische 
Ansiedlung in der Pfalz. — Friederici: 
Über eine als Couvade gedeutete Wieder- 
geburtszeremonie bei den Tupi. 

Dass. Nr. 6. Klose: Musik, Tanz und 
Spiel in Togo. — Friederici: Zur Ver- 
wendung von Kamelen in Deutsch-Süd- 
westafrika. — Singer: Der Stand der 
geographischen Erforschung der deutschen 



Zeitschriften Behau. 



183 



Schutzgebiet«. — Wirtschaftliches aus 
Abeasinien. 

Boss. Nr. 6. Eüchler: Eine Bestei- 
gung der Hekla. — Andree: Mythologi- 
scher Zusammenhang zwischen der Alten 
und Neuen Welt. — Prähistorischer Berg- 
bau bei Bischofshofen. — Halbfaß: Die 
„Kauten'^ bei Sontra. — Biehringer: 
Die Sage von Hero und Leander. 

Deutsche Bundsdiau für GeograpJne 
und Statistik. 28. Jhrg. 5. Heft. Krebs: 
Statistik der Schiffsverluste mit Bezug 
auf die natürlichen Ursachen. — Soko- 
lowsky: Völkertypen aus dem Osthom 
Afrikas. — Frede ricos: Die Quebracho- 
Waldungen in Argentinien. — Ol in da: 
London in der Gegenwart. — Man- 
kowski: Dünenwälder auf der Halbinsel 
Heia. 

Meteorologische Zeitschrift. 1906. Nr. 12. 
Leß: über die Wanderung der sommer- 
lichen Regengebiete durch Deutschland. 

— Anderkö: Über den vertikalen Gra- 
dienten des Luftdrucks. 

Boss. 1906. Nr. 1. Woeikof: Ver- 
hältnis der Temperatur der untersten 
Luitschicht zu jener der oberen Schichten 
des Pesten und Flüssigen. — Regenmenge 
pro Tag und Stunde in NW- England. — 
Bemerkungen über Regendichtigkeit und 
Regendauer. — Exner: Das optische 
Vermögen der Atmosphäre. — Götz: Fort- 
schreitende Änderung in der Bodendurch- 
feuchtung. — Sassen feld: Zur Kenntnis 
der täglichen Periode der Temperatur in 
der untersten Luftschicht. 

Zeitschrift für Schulgeographie. 1906. 
4. Heft. Oe hl mann: Die Weichselfahrt 
des Geographentages 1905. — Reisebriefe 
aus Ost-Asien. — Schoener: Zur Orts- 
namenkunde Schwedens. — Zur Vermeh- 
rung der historisch-geographischen Lehr- 
stunden in der dritten Gymnasialklasse. 

Geograpf lischer Anzeiger. 1906. I.Heft. 
Fischer: Zur Ausgabe der Kartenblätter 
großen Maßstabes für Schulzwecke. — 
Cherubim: Der jüngste Nachwuchs an 
Geographiclehrem. — Byhan: Die Masai 
und ihre Sagen. 

Zeitschrift der Gesellsdiaft für Erd- 
kunde zu Berlin. 1906. Nr. 10. Diels: 
Über die Pflanzengeographie von Inner- 
China. — Fischer: Über den Erdkunde- 
unterricht in den Vereinigten Staaten. 

— Braun: Zur Morphologie des Vol- 
terrano. 



Zeitschrift für Kolonialpolitik, -recht 
und -Wirtschaft. 1906. 12. Heft. V.Engel- 
brechten: Der Krieg in Deutsch-Süd- 
westafrika. — Gentz: Madagaskar von 
1896—1906. — Bolle: Deutsche Unter- 
nehmungslust über See. — Hennings: 
Der Baumwollkulturkampf. — Herzog: 
Telegraphenverbindungen innerhalb Afri- 
kas und mit Afrika. — Lenz: Die deut- 
sche Schule im Auslande. — Bongard: 
Arbeiterverhältnisse und Besiedelungsver- 
suche in Portugiesisch-Ostafrika. 

La Geographie. 1906. No. 1. Gau- 
tier: Du Touat au Niger. — Boule: 
L^muriens et Lemuiie. — Rudaux: Ob- 
servations physiques effectuäes au cours 
de Texpedition antarctique anglaise de 
1902/04. — Schirmer: Les resultats 
gäographiques de la Mission Foureau- 
Lamy. — A propos de la position gdo- 
graphique d'El Oued. 

Annales de Geographie. 1906. No. 79. 
Janvier, de Montessus: Les tremble- 
ments de terre et les syst^mes de d^for- 
mation t^tratSdrique de Täcorce terrestre. 

— Altoff: Peuples et langues de la 
Russie (1 K.). — Rouget: £tude sur la 
cartographie de Tlndo- Chine fran9aise. — 
Demangeon: Le Kalahari d'apr^s Pas- 
sarge. — Engeil: La rägion de Jakobs- 
havn. 

The GeographicalJoumal. 1906. No.2. 
Workman: First Exploration of the Höh 
Lumba and Sosbon Glaciers (1 K.). — 
Murray and Pullar: Bathymetrical Sur- 
vey of the Freshwater Lochs of Scotland 
(1 K.). — Haverfield: The Ordonance 
Survey Maps from the Point of View of 
the Antiquities of them. — Talbot: The 
Alexander-Gosling Expedition in Northeni 
Nigeria 1904/06 (1 K.). — Barrett and 
Huntington in Central Asia. — Longi- 
tude by Telegraph round the World. — 
Penck: Climatic Featurea of the Pleisto- 
cene Ice Age. 

The Scottish Geographical Magazine. 
1906. No.2. Currie: The Faeröe Islands. 

— Davis: The Sculpture of Mountains 
by Glaciers. — The Voyage of the „Dis- 
covery". 

Ytiwr. 1905. 4. Heft. Kjellmark: 
Une necropole de la demiäre pt^riode de 
Tage du fer pres d'As en Jemtland. — 
Skottsberg: Some remarks upon the 
geographical distrubution of Vegetation 
in the colder Southern Hemisphere. — 



184 



Zeitschriftenschau. 



Wittrock: Les diff^rents types de oartes 
de la population. 

The National Gtographie Magcuine, 
1906. No. 1. Greely: Geographica! Ex- 
ploration, its Moral and Material Aspects. 
— Gifford: The Florida Keys. 

I he Journal ofOeography. 1906. No.lO. 
Semple: Mountain Peoples in Relation 
to their 8oil. — Goode: Gommercial 
Geography for Secondary Schools. — 
Ruediger: Suggestions for the Teaching 
of Geography in the Upper Grades. — 
Hine: The Funktion of the School Ex- 
oursion. 

Aus Tergchledenen Zeitschriften. 

Bauer: Results of Magnetic observations 
made by the Coast and GteodeÜc Sur- 
vey between July 1, 1904, and June 80, 
1906. Coast a, Geod. S. Terrestr, Magnet. 
Append, No. 3. — Bep. f. 1905. 

Beschorner: Wesen und Aufgaben der 
historischen Geographie. Histor.Viertel- 
jahrsschr. 1906. I.Heft. 

Blink: Opkomst der Economische Geo- 
graphie en haar beteekenis voor Neder- 
land. Vra^en van den Dag, 21« JaMrg., 
Aflev. 2, 1906. 

Fischer, Th. Morocco. (Übers, a. d. „G. 
Z." 1903.) Smiihson. Rep. f. 1904, 
p. 355—372. (No. 1616.) 1905. 

Goeldi: Os Mosquitos no Parä (144 Fig. 
5 Taf.). Memorias do Mtiseu Goeldi 
(Mus. Paraense) de Histor. Nat. e 
Ethnogr. IV. 1905. 

Gulliver: Nantucket Schorlines. IL 



(4 Fig., 4 Taf.) Bua. Geol. 8oc. Amer. 
Vol. 15. Nov. 1904. 

Günther: Ferdinand von Richthofen f* 
Nachruf. Naturunss. Rundschau. XX. 
Jahrg., 1905, Nr. 51 u. 52. 

Heim: Das S&ntisgebirge. Verh. d. 
Schweiz. Naturforsch. Ges. Luzem 1905. 

Hirkov: Le Lac de Gh^^djä. Ren- 
seignements präläminaires morphomätri- 
ques. Ännuaire de VUniversiti de So- 
phia. I. 1904^-1905. 

Jacob et Flusin: £tude sur le glacier 
noir et le glacier blanc dans le massif 
de Pelvoux (7 Fig. auf 2 Taf., 2 K.). 
Ann. d. l Soc. des Touristes du Bau- 
phinS Num. 30, 1905. (Comm. Franc, 
des glaciers. 1905.) 

Müller, Franz Joh. Ein neuer Netz- 
entwurf für topographische Karten. 
Süddeutsche Techniker-Ztg. 1905. 

Müllermeister: Sonnenschein und Be- 
wölkung. (Das Klima von Aachen.) 
Veröff. d. meteorol Obs. Aachen. 1906. 
(Deutsches meteorol. Jahrb. f. Aadten, 
1904.) 

P 1 i s : Die wolkenbruchartigen Regenf &lle 
im Maas-, Rhein- und Wesergebiete am 
17. Juni 1904. Ebda. 

Preuß: Aus der Stein- und Eis-Region 
des Nordens. Himmel und Erde. XVIII. 
4. 1906. Jan. 

R e g e 1 m a n n , C. : Die wichtigsten Struktur- 
linien im geologischen Aufbau Südwest- 
Deutachlands. Z. d. B. Geol. Ges. 1905. 

Sapper: Aztekische Ortsnamen in Mittel- 
amerika. Z. f. Ethnologie. Heft 6. 
1905. 



V<arantwortlicher Herautfreber: Prot Dr. Alfred Hettner in Heidelberg. 



Von der anatolischeii Riviera. 

Von FritB Braun. 
(Mit 4 Landschaftsbildem auf Taf. 3.) 

Einer der reizYollsten und zugleich auch am leichtesten zugänglichen 
Teile der asiatischen Türkei ist die rivierenartige Südküste der bithynischen 
fialbinsel. Von Beisenden wird dieser gesegnete Landstrich viel seltener 
aufgesucht als er es verdient. Die meisten durchfahren . ihn mit der Eisen- 
bahn, um möglichst schnell die geschichtlich merkwürdigen Mittelpunkte des 
Innern, Konia oder Angora, zu erreichen. Und doch lohnt es sich recht 
wohl, ein paar Tage in den ölhainen von Daridja zu verträumen , am Grab- 
mal Hannibals zu rasten und von dem ragenden Tschine Dagh auf ein 
Panorama niederzuschauen, wie es manch viel gefeierter Bergriese nicht 
wechselreicher und gewaltiger zu bieten vermag. 

Nicht mit Unrecht wird der schmale, von Bergzügen umfriedete Golf 
von Ismid mit einem Alpensee verglichen. Allerdings tragen seine Ufer- 
höhen anstatt rauschender Wälder nur Obstgärten und ölhaine. Dafür 
schüttet aber der Lenz auch eine um so größere Fülle von Blüten über 
sein Ufergelände aus, glänzt an seinen Ufern die Feme in satteren Farben, 
verteilt eine leuchtendere Sonne hier Licht und Schatten. 

Daß diese Küste in Klima und Pflanzenwuchs unverkennbar die Eigen- 
art einer Riviera besitzt, liegt daran, daß der schmale Strand überall von 
Bergzügen begleitet wird, deren Höhe bis zu 650 m ansteigt. Sie genügt, 
die kalten Nordwinde, die vom Schwarzen Meere her blasen, von den Ufer- 
säumen des Golfes fernzuhalten. In Folge dessen findet sich die Olive hier 
an ihrer Nordgrenze noch einmal in weiten Baumgärten zusammen, entfaltet 
die Granate ihre scharlachroten Blüten, während wir diese Arten an der 
nur 40 km entfernten Nordküste der bithynischen Halbinsel vergebens 
suchen. Hier hält der Frühling weit eher seinen Einzug als in dem nahen 
Konstantinopel. Man braucht im Februar von Stambul nur bis Erenkiöi 
oder Daridja zu fahren, um Gebiete zu erreichen, die bezüglich der Früh- 
lingsblüte um 8 — 10 Tage vor Konstantinopel bevorzugt sind. 

Leider vermag ich nicht exakte Beobachtungen anzuführen, die einen 
Vergleich der Temperatur an dieser Riviera mit jener in Konstantinopel 
ermöglichen. Nach unregelmäßigen Aufzeichnungen, die sich nur über Wochen 
erstrecken, scheint die Wärme zur Winterszeit in Erenkiöi etwa um 1® 
höher zu liegen als in Pera. Das erscheint wenig, doch wollen solche kleine 
Werte hart an der Grenze zweier Florengebiete für den Pflanzenwuchs schon 
eehr viel besagen (vgl. Danzig und Königsberg Pr. — Botbuche), zumal wenn 

OMgnpliiaoha Zeitschrift. 12. jAhrgAng. 1900. 4. Heft. IS 



186 Fritz Braun: 

ihr segensreicher Einfluß so wie hier durch energischen Schutz vor kalten 
Winden wesentlich gefördert wird. 

Ihrem Verlaufe nach können wir die Südküste Bithyniens in zwei 
Ahschnitte teilen. In dem ersten, der von Kadikiöi bis zum Vorgebirge 
Yelken Kaja Bumu reicht, verläuft die Küste von Nordwesten nach Süd- 
osten, während sie von Telken Eaja Bumu an eine westöstliche Richtung 
einschlägt Der erste Teil der Küste senkt sich hinab zu dem tiefen Ein- 
bruchsbecken des Marmarameeres, der zweite zu einem schmalen golf artigen 
Busen mit nicht allzu bedeutenden Tiefen (bis 100 Faden), der in seiner 
Form dem heute völlig vom Meere getrennten Sabandscha-See sehr auffällig 
gleicht. 

Das Oestein der üferhöhen besteht im westlichsten Teile aus Ton- 
schiefem von sehr verschiedener Härte und Farbe und aus Quarziten (Kalsch 
Dagh, Bulgurln usw.). Längs der Bäche finden sich zimi Teil sehr beträcht- 
liche Ablagerungen. Desgleichen sind hier xmd dort Schotterhalden tertiärer 
Oesteine zu finden. Manche von diesen enthalten Versteinerungen. Einer 
meiner Schüler fand in einer solchen Schotterhalde beim Dorfe Erenkiöi 
einen gut erhaltenen Zahn von Dinotherium giganteum. 

Die genannten Gesteine reichen gerade bis zum Dorfe Daridja. Hier 
beginnen geschichtete gelbliche, zum Teil rein weiße Kalke und Kreiden, die 
hinter Daridja zum Ufer in einem Winkel von etwa 30^ herabhängen. Sie 
enthalten Versteinerungen. Versteinerte Seeigel kann man am Strande 
zwischen Daridja xmd Eskihissar in Menge auflesen. Daneben findet sich 
Lucina prisca und Orthoceras duplex. 

Aus ganz anderen Oesteinen besteht der östlichste Teil des Golfes, wie 
beispielsweise die Höhen am Tschine Dagh. Hier steht eine Arkose von 
gneisartigem Aussehen an. Ihre vom Wasser fortgeschleppten Teile be- 
deckten die Ebene zwischen Derindje und Ismid mit einer hohen Schicht 
Schwemmlandes, in das die Wasserläufe eine große Zahl von Erosionsrinnen 
hineinfraßen. Als fein zerriebene, kiesartige Masse finden wir diese Arkose 
am Strande von Derindje wieder. 

Eine Eigentümlichkeit des westlichen Teiles sind die Mengen insularer 
Bildungen, die wie die Küste selbst aus Quarziten und Schiefern bestehen. 
Manche von ihnen sind wirkliche Inseln, wie die neun Inseln der Prinzen- 
gruppe, die schwarze und die Andreasinsel, andere sind durch Schwemmland 
mehr oder minder fest mit der Küste verbunden, wie die inselartigen Hügel 
an der Westküste der flachen Halbinsel bei Tuzla und die Hügel von Ütsch 
Bumu. Wieder andere, wie der durchaus inselartige Drakos Tepe bei dem 
Orte Maltepe, sind vollständig in die Küstenlinie eingeschaltet. 

Auch vom wirtschaftsgeographischen Standpunkte müssen wir mehrere 
Teile der Küste unterscheiden. Am dichtesten besiedelt ist die Strecke von 
Kadikiöi und Daridja. Zwischen das Ufer und die bithjnischen Berge 
schaltet sich hier ein Vorstrand ein, dessen Breite auf den einzelnen Strecken 
sehr verschieden ist, oder die Berge des Inneren steigen in sanfterem Hügel- 
lande zur Küste herab. 

Dieser Teil der Küste ist auch am dichtesten besiedelt. Allerdings fehlt 



^ 



Von der anatolischen Biviera. 187 

einem großen Prozentsatze der Siedlungen im Westen so zu sagen die wirt- 
schaftliche Selbständigkeit Die meisten der villenartigen Häuser sind Yil- 
leggiaturen reicher Türken der Hauptstadt. Die Blumen- xmd Obstgärten 
sollen nicht den Unterhalt einer Familie bestreiten, sondern werden von 
Gartnerhand gepflegt, um das Auge des glücklichen Besitzers zu erfreuen. 
Allerdings wird daneben, namentlich bei Erenkiöi, recht viel Weinbau ge- 
trieben, dessen geschäftliche Ausnutzung hauptsächlich von fremden Winzern, 
den Firmen Eckerlin, Herter und Thomson bewerkstelligt wird. 

Auch im östlichen Teile dieser Küstenstrecke zwischen Maltepe und 
Daridja wird die Eigenart der Siedelungen nicht durch den Ackerbau be^ 
dingt. Wegen der Geringfügigkeit des Kömerbaus fehlen geräumige Scheunen 
und da der Bestand an Großvieh sehr gering ist, findet man auch nicht 
größere Ställe. Orte wie Kartal und Pendik tragen durchaus städtisches 
Gepräge und unterscheiden sich nicht allzusehr von manchen griechischen 
Vierteln der Hauptstadt. 

Die griechische Bevölkerung dieser Flecken lebt vornehmlich von dem 
Ertrage des Gartenbaus und der Fischerei. Die Hügel in ihrem Weichbilde 
sind weithin von Gärten bedeckt. Die prächtigsten Olivenhaine, die üppigsten 
Weingärten nehmen den Baum zwischen Tuzla xmd Daridja ein. Dazwischen 
finden wir geräumige Obstgärten voller Kirschen, Pfirsiche und Aprikosen. 

Wie in Italien sind auch hier auf demselben Stücke Landes gleichzeitig 
mehrere Nutzpflanzen angebaut. Zwischen den Stämmen der öl- oder Kirsch- 
bäume wachsen Bohnen oder Artischocken. Zuweilen baut man an ihrer 
Statt sogar Weizen. In dem heißen Gebiete beeinträchtigt der Baumschatten 
wohl nur sehr wenig den Ertrag des Getreides. An anderen Stellen streben 
zwischen den Bäumen üppig entwickelte Maispflanzen empor, kurz, allerorten 
bemüht man sich, dem Boden gleichzeitig mehrere Ernten abzuringen. Die 
Üppigkeit des Pflanzenwuchses zeigt uns, daß der anspruchsvolle Mensch dem 
fruchtbaren Boden damit nicht zu viel zumutete. 

Es ist ein hoher Genuß, zwischen Daridja und Tuzla an dem hügeligen 
Strande durch die lachenden Gärten zu wandern, sonderlich zur Frühlingszeit, 
wenn der Lenz die Baine mit einer Fülle von Blumen überschüttete und die 
bunten Blüten der Obstbäume sich farbig abheben von den silbergrauen 
Oliven und den dunklen Zypressen, die wie riesige Flurwächter über Oliven 
und Kirschbäume hinausstreben. In schönen Linien heben und senken sich 
die Hügel. Über uns strahlt der blaue Hinmiel, unter uns leuchtet die 
ebenso blaue Meeresflut. Jenseits des Golfes aber türmen sich die Berge 
hoch auf und hinter ihnen trotzt das schneebedeckte Haupt des Olymps, mit 
2350 m zu alpinen Höhen aufragend. 

Unvergeßlich bleiben dem Wanderer die Mondnächte, die er in diesen 
ölgärten verleben durfte. Weithin schimmert der Golf, schwer ruht das 
silberne Licht auf den Kronen der Oliven. Kein Lüftchen weht. Die Natur 
hält den Atem an, um die Träume ihrer Lieblinge nicht zu stören. In der 
Brombeerhecke setzt ein Ammer zu seinem einfachen Liedchen an und meldet, 
daß Eros, der Allbezwinger, auch in der schimmernden Mondnacht wacht. 

Diese Gärten sind ein Dorado der Vögel. Im buschigen Tal schlägt 

13* 



188 Fritz Braan: 

<lie Nachtigall. In den Feldhecken singt die Domgrasmücke und das kleine 
Müllerchen. Vom Kirschbaum flöten der Kappenammer und der Ortolan and 
am steilen Abhang, den der Gärtner wuchernden Lorbeersträuchem preisgab, 
erspähen wir zirpende Zaun- und Zippammem. 

Wandern wir im April und Mai längs des Meeres durch die Ölbaum- 
haine, so tragen die Bäume einen seltsamen Schmuck, der uns daran er- 
innert, daß die Einwohner von Daridja, Tuzla, Pendik u. a. 0. m. nicht nur 
Gärtner sind, sondern als rüstige Fischer einen großen Teil ihres Unterhaltes 
dem Meere abgewinnen. Gleich festlichen Gewinden schlingen sich dann 
^0, 30, 40 m lange Seile von Baum zu Baum. Sie tragen aber nicht bunte 
Blumen, sondern silbern glitzernde Fischchen, die lange nicht so groß sind 
wie die Heringe der Danziger Bucht. „Oyros^ nennen die Griechen diesen 
Fisch, der an der Luft getrocknet wird und das ganze Jahr hindurch zur 
Herstellung von Salaten und mancherlei Speisen benutzt wird. Zoologisch 
gesprochen gehört der Fisch einer Muränenart an, deren Fang besonders im 
Frühling recht ergiebig zu sein pflegt 

In Kartal besteht eine Konservenfabrik, deren Fischpräparate aus Mu- 
ränen und Tunfisch, der namentlich im innersten Teile des Golfes von Ismid 
gefangen wird, sich in Konstantinopel guten Absatzes erfreuen. Im Interesse 
des Landes wäre zu wünschen, daß sie sich auch auf dem europäischen 
Markte Eingang verschafften. 

In manchen Jahren, wie im Jahre 1905, bleibt der Ertrag des Muränen- 
fanges weit hinter dem Üurchschnitt zurück. Für die Einwohner der Orte 
an unserer Biviera ist's dann karge Zeit, denn wenn das Gartengelände auch 
zur Genüge Obst und Gemüse für den eigenen Haushalt liefert, ist doch der 
Ertrag eines Obstgütchens recht gering, wenn er in Geldwert ausgedrückt 
werden soll. Je besser das Jahr, um so billiger die Früchte, die dann 
allerorten in Fülle vorhanden sind. Für 180 Körbe Kirschen, d. h. für 
mindestens 40 Zentner Früchte, erzielte ein Obstbauer aus Denndje in diesem 
Jahre 25 Piaster Gewinn. Das sind etwa 4 Mark 50 Pfennig deutschen 
Geldes. Die Menge der Zwischenhändler drückt die Preise, die der Produ- 
zent erhält, und verteuert die Waren für den Konsumenten in unbilliger 
Weise. Während der Obstbauer in Derindje für das Kilogramm Kirschen 
gerade einen Para erhielt, mußte der Bürger der Hauptstadt dieselbe Menge 
mit 40 Para bezahlen. Das sind vom wirtschaftlichen Standpunkte aus 
geradezu lächerliche Verhältnisse. 

Bei dieser Lage der Dinge ist es nicht verwunderlich, daß leicht ver- 
derbliche Obstsorten, wie Kirschen, Aprikosen und Pfirsiche, in manchen 
Gegenden Kleinasiens, wie bei Amasia am Jeschil Irmak, von dem nicht 
islamitischen Teile der Bevölkerung in großen Massen zur Schweinemast 
verwandt werden. Das Einheitsmaß, in dem diese Früchte dort verhandelt 
werdcD, sind 10 Oka == 12,5 kg. Schon daraus geht hervor, daß die ein- 
gehandelten Früchte nicht dazu bestimmt sein können, roh in der Familie 
verspeist zu werden. Wo schleunigste Ausfuhr unmöglich ist, können die 
Früchte nur entweder zur Syrupbereitung oder zur Viehfütterung verwandt 
werden. 



Von der anatoliscben Biviera. 189 

Wegen dieser Billigkeit des Bohstoffes yerlohnte es sich vielleicht, in 
manchen Gegenden Obstsaft zu pressen und in großen Mengen auf den 
europäischen Markt zu werfen, zumal gerade für die bithjrnische Küste sich 
die Frachtspesen nicht allzu hoch stellen dürften. Es fragt sich nur, ob der 
von Kalifornien und anderen Obstgebieten reich beschickte europäische Markt 
fElr solche Waren noch au&ahmefähig wäre und der Gewinn die Scherereien 
mit den türkischen Behörden, denen sich jeder fremde Gewerbetreibende 
aussetzt, wirklich aufwiegen könnte. Der landfahrende Reisende neigt in 
solchen Dingen leicht zu einem Optimismus, den die in Konstantinopel an- 
sässigen deutschen Landwirte von fachmännischem Ruf, in Sonderheit die 
Herren Hermann und Scheiblich, durchaus nicht teilen. 

Zwischen den Olivenhainen und Obstgärten finden sich allerdings an 
dem westlichen Teile der bithynischen Südküste stellenweise auch öde Heide- 
flächen, die nur der scharfe Ruf der Stelzen und Pieper und die schwer- 
mütige Weise des Schäfers belebt, der mit seinen riesigen, schwarznasigen 
Hunden den weidenden Schafen folgt. Aber selbst diese Heiden sind nicht 
ohne landschaftliche Reize. Im Süden und Norden wird der Blick durch 
ansehnliche Bergketten begrenzt. Nirgends fehlt dem Landschaftsbilde ein 
schmucker Rahmen. 

Der Streifen Landes, der mit Grartenkulturen bedeckt ward, ist durch- 
schnittlich recht schmal und nur an wenigen Stellen mehrere Kilometer breit. 
Nicht überall finden wir hinter dem Gartenlande noch ein Gebiet, das von 
Getreidefeldern eingenommen wird, wo der von Ochsen gezogene Pflug aD 
die Stelle der Hacke tritt, die in dem Gartenrevier ausschließlich vorherrscht. 

Hinter den Getreidefeldern beginnen die Berge xmd das Heideland. Die 
Berge sind größtenteils nur mit Scrub bestanden, einem Dickicht, das von 
Steineichenarten, Erdbeerlorbeer und Besenheide gebildet wird. Manche Ab- 
hänge sind auch mit mannshohem Eichendickicht bedeckt. Kleine waldartige 
Bestände finden wir nur in feuchten Talmulden. Zumeist beschatten sie 
einen Brunnen, der in diesem trocknen Lande eine weit wichtigere Rolle 
spielt als daheim. 

Die schlimmsten Feinde des Waldwuchses sind die Köhler, die kaum arm- 
dickes Stangenholz schlagen, um die schwanken Reiser in Holzkohlen zu 
verwandeln, und die Hirten, die immer wieder Feuer an den Scrub legen, 
um frischeren, kräftigeren Nachwuchs zu erzielen. Erst an dritter Stelle 
kommen die Ziegen, denen man so gern die ganze Schuld aufbürdet. Un- 
beschadet der Ziegenwirtschaft ließe sich ganz gut ein großer Teil dieser 
Gebiete aufforsten, wenn ihre menschlichen Herren Einsicht genug besäßen, 
mit dem Feuer etwas vorsichtiger umzugehen. 

Am angenehmsten wandert es sich auf diesen Höhen zur Frühlingszeit, 
wenn Cistusarten, Alpenveilchen, Perlhjazinthen, Hundskamille, Anemonen und 
Amikaarten den Boden mit buntem Blütenteppich überzogen und der Thymian 
wieder seinen aromatischen Geruch in die Lüfte haucht. 

Die Aussichten von den Bergen Bithjniens, dem Kalsch Dagh, dem 
Aldos Dagh, dem Serdje Tepe und dem Tschine Dagh haben unter einander 
sehr viel Ähnlichkeit. Nach Süden zu überschauen wir den schmalen Ve^- 



190 Fritz Braun: 

tationsstreifen der Küste und den blauen Golf^ hinter dem sich das Oebirge 
trotzig emporreckt. Nach Norden zu dehnt sich das wellige Hügelland des 
Inneren. Bezüglich seines Belie& ist dieses Gelände gar nicht so verschieden 
yon dem Gebiet, das man von meinem heimatlichen Turmberge überschaut. 
Nur fehlen ihm die Seen und Wälder der baltischen Seenplatte. Der schwarz- 
grüne Farbton der Scrubpflanzen bildet die Grundfarbe des Landes. Bings 
um die gar nicht seltenen Dörfer — namentlich vom Tschine Dagh übersieht 
man deren gleichzeitig eine große Anzahl — heben sich hellgrüne Flecken, 
die Getreidefelder der bith3rnischen Bauern, von dieser Grundfarbe ab. Es 
sind Oasen inmitten weiten Ödlandes. Vermutlich sind nicht mehr als 
8 — 127o ^^^ inneren Hochfläche unter Pflug und Hacke, das übrige gehört 
den Ziegen und Schafen und dem Wolfe, der im Felsgeröll zwischen Lorbeer 
und Besenheide sein Lager aufschlägt. 

Den Berichten der Einwohner zu Folge kommt auf den Höhen des 
Telken Tepe und des Eajali Dagh auch die Gemse vor. Ich halte es nicht 
für unmöglich. Wenn der Kajali Dagh auch kaum 700 m erreicht, sind 
der allgemeine Landschaftscharakter dieser Gegenden und ihre Pflanzendecke 
doch nicht derart, daß man sie von vornherein für ungeeignet halten müßte, 
die flinken Gemsen zu beherbergen. 

Weit anmutiger als die Aussichten von den genannten Bergen ist der 
Blick von den inselartigen Erhebungen an der Küste. Ich für meinen Teil 
schätze die Aussicht von dem Drakos Tepe zwischen Maltepe und Kartal am 
höchsten, trotzdem diese Quarzitkuppe nur eine Höhe von 107 m erreicht. 
Dort rastet es sich gar gut am hellen Sommertag. Bunte Fliegen umsurren 
uns. Schmetterlinge gaukeln über den duftenden Kräutern. Unter uns ziehen 
weiße Segel auf feuchten Pfaden dahin. Lange noch sehen wir ihre Spuren 
in der glatten Flut. Wie duftige Topase schwimmen die Inseln im stahl- 
grauen Meer, prangend im Schmucke dunkler Wälder, umgürtet von lustigen, 
weiß schinmiemden Landhäusern. Den Hintergrund aber bildet auch hier 
der gewaltige Wächter Bithjuiens, der Biese Olymp mit seiner Eislast im 
Nacken. 

Ganz anders wird das üfergelände westlich von Derindje. Die Kalk- 
steinberge fallen hier so steil zur Küste ab, daß nur der schmale Weg für 
die Eisenbahn frei bleibt. Von einem Fenster des Wagens sehen wir auf 
die Blöcke der gelben Kalksteinwand, in deren Fugen großblättrige Feigen 
und kümmerliche Obstbäumchen ein Plätzchen fanden, aus dem anderen 
schauen wir auf das Meer. Es wogt so dicht unter unseren Füßen, daß wir 
glauben könnten, in hurtigem Dampfer seine Fluten zu durchschneiden. 

Besonders leicht wird uns dieser Glaube, wenn dicht neben uns eine 
Segelbarke dahin gleitet oder eines der großen Marktboote, dessen Form uns 
an die Zeiten erinnert, da Odjsseus dem heimatlichen Ithaka zustrebte. 

Die Kalkberge steigen hier so steil von der Küste an, daß wir wenige 
Kilometer landeinwärts schon Höhen von 3 — 400 m finden. Die Dörfer 
liegen oft auf dieser Hochfläche. Neben den Gärten findet man bei ihnen 
schon mehr Kömerbau, da die Bedingungen für den Obst- und Olivenbau 
hier nicht mehr so günstig sind wie auf den sanften Hügeln bei Daridja. 



Von der anatolisoHen Biviera. 191 

Manche von diesen Ortschaften, wie das durch seine Kaiserliche Seiden- 
fabrik bekannte Hereke, senden ihre Vorposten bis znm Eisenbahnstrang 
herab. Die Fabrik von Hereke, deren Gebäude wir von dem Eisenbahnwagen 
aus erblicken, beschäftigt etwa 800 größtenteils griechische Arbeiterinnen, 
die seidene Schals, Kleiderstoffe und Teppiche herstellen. Mehrere Monteure 
der Fabrik sind Deutsche, neben dem Gastwirt in Derin^je, dem Oberbeamten 
des dortigen Bodenspeichers und den Weinbauern in Erenkiöi die einzigen 
Landsleute an diesem kleinasiatischen Küstenstrich. 

Vor dem Orte Derindje treten die Berge von der Bahn und der Küste 
zurück und geben uns den Blick frei auf eine breite, bewaldete Ebene, hinter 
welcher der spitze Gipfel des Tschine Daghs aufragt. 

Diese Ebene zieht sich in einer Länge von 10 km und einer Breite 
von 4 — 5 km an dem östlichsten Teile der Nordküste dahin. Sie steigt 
nach den Bergen zu allmählich an und wird von einigen flachen Erosions- 
rinnen durchschnitten, die von den Gewässern der Winterregen in das 
Schwemmland eingeschnitten sind. Ein Teil der Ebene ist bewaldet. Nach 
Osten zu wird der Wald lichter und löst sich in einzelne Gebüsche auf, bis 
er im Westen von Ismid ganz verschwindet und dem anmutigen Garten- 
gelände dieser Stadt Platz macht. 

Der Wald besteht größtenteils aus 6 — 8 m hohen Steineichen und 
anderen Trockenpflanzen. Nur dort, wo ein Bächlein dem Meere zueilt und 
abfließendes Begenwasser den Grund feucht erhält, finden wir schöne Bestände 
laubwechselnder Bäume und blühender Büsche. Der Charaktervogel dieser 
Gegend ist die Nachtigall. Sie ist hier so häufig wie der Buchfink im nord- 
deutschen Walde und trägt das Ihre dazu bei, eine abendliche Wanderung 
über diese Ebene zu verschönen. In den feuchten Gründen üben dann gleich- 
zeitig 6, 7, 8 der braunen Sängerinnen ihre Lieder und um die Büsche auf 
den Lichtungen geistern Hunderte von Leuchtkäfern, in regelmäßigem Wechsel 
aufleuchtend und verschwindend. Vor uns zieht ein Bauer mit einem Esel- 
chen seines Weges, das gespenstisch groß aussieht, wenn es den Rücken einer 
der flachen Bodenwellen erreicht hat und sich von dem lichteren Abend- 
hinmiel abhebt. 

Am Fuße des Höhenzuges treibt man einen recht ausgedehnten Kömer- 
bau. Hier findet man am Golfe von Ismid die größten Weizenschläge. Die 
Dörfer, zu denen sie gehören, liegen auf den Vorbergen. Ihre Ställe und 
Scheunen sind ganz und gar aus Stangen und gelbem Weizenstroh verfertigt, 
so daß sie äußerlich fast unseren norddeutschen Strohmieten gleichen. Ver- 
steckten sie sich im Schatten dicht belaubter Eichen und Terebinthen, um- 
gaben sie blumige Wiesen, deren Halme und Blütenstengel uns weit übers 
Knie reichen, so ergibt das recht hübsche Dorfbilder, wie man sie hinter der 
trockenen Ebene kaum erwartet hätte. 

Längs des Golfes dehnen sich üppige Wiesen, die mit einem schmalen 
Sumpfstreifen, in dem die grauen Reiher fischen, an das stille Grewässer des 
Golfes grenzen. Diese Wiesen liefern recht reichliche Erträge. Einige von 
ihnen hat unser Landsmann Scheiblich gepachtet, der das Gras in Mahonen, 
dickbauchigen Marktbooten (die Transportkosten betragen für den Zentner 



192 Frits Braun: Von der anatoliBoHen Biviera. 

Preßheu etwa 75 — 80 Pfennige), nach Eonstantinopel führt, um es in seiner 
Molkerei zu verfättem. 

Daß die Dörfer sich in dieser Ebene in die Täler des Gebirges flüchteten, 
liegt zum Teil daran, daß die Ebene von Fieber heimgesucht wird. Aus 
dem gleichen Grunde finden wir manche Flußtäler in Bulgarien (z. B. bei 
Philippopel) ganz von Ortschaften entblößt. In ganz ähnlicher Weise meidet 
man ja auch bei uns in Nordostdeutschland viele Flußtäler, nur daß an 
Weichsel und Oder die Überschwemmungsgefahr, hier das Sumpffieber dafür 
verantwortlich gemacht werden muß. 

Sicherlich ließe sich noch ein sehr großer Teil der Ebene dem Eömer- 
bau gewinnen. Ob aber der deutsche Landwirt dabei auf seine Rechnung 
käme, ist eine andere Frage. Der Rücksichten auf die Gesundheitsverhält- 
nisse, auf die Schikanen der türkischen Behörden, auf die Gehässigkeit islami- 
tischer Nachbarn, auf den Unterschied in der Menge der jährlichen Nieder- 
schläge sind so viele, daß diese Frage zu jenen gezählt werden muß, die ein 
gewissenhafter Berichterstatter am liebsten offen läßt, zumal das Urteil der 
deutschen Landwirte, die mit den Verhältnissen vertraut sind, recht wenig 
ermimtemd ist. 

Wenn man beispielsweise oft anführt, daß Konstantinopel einen großen 
Teil seiner Gemüsenahrung aus Ägypten bezieht, daß also dem Anbau der 
Gemüsesorten in seiner Umgebung noch ein weites Feld offen stehe, darf man 
nie vergessen, daß es sich bei der Einfuhr vorwiegend um ägyptische Speziali- 
täten handelt, die bei Konstantinopel nicht gedeihen. Andere Gemüse werden 
nur dann aus Ägypten eingeführt, wenn ihre Saison bei Konstantinopel noch 
nicht begonnen hat. Ist es aber schon in der Heimat für den Landwirt ein 
mißlich Ding, sich auf den Bau einer Spezialität zu beschranken, so trifft 
das für die Fremde doppelt zu. Auch mit dem Anbau von Kartoffeln hat 
man, namentlich in tieferen Lagen, nur geringen Erfolg erzielt. 

Der Ort Derindje verdankt sein Dasein eigentlich nur dem Vorhanden- 
sein der riesigen, aus Wellblech gebauten Bodenspeicher, in denen die Kom- 
schätze Kleinasiens aufgehäuft und gereinigt werden, bis sie auf englischen, 
französischen, deutschen Dampfern ausgeführt werden. Dicht neben dem Kai 
vor den riesigen Bodenspeichern ti^umt mitten in verwilderten, aber desto 
anmutigeren Gärten eine verfallene Gloriette des Sultans. Hier die riesigen, 
von elektrischem Licht erhellten Speicher, bei deren Bau alle Regeln der 
modernen Technik beobachtet wurden, dort das in Waldesnacht träumende 
Schlößchen des Sultans: welch merkwürdiger Gegensatz zwischen einst und 
jetzt! — 

Dieser innerste Teil des Golfes ist landschaftlich bei weitem der schönste. 
Durchschneiden wir in einer Barke seine Fluten, so erhebt sich zu unserer 
Linken das häuserreiche Ismid, dessen Straßenzeilen zwischen blühenden 
Gärten am Abhang der Hügel emporsteigen, bis empor zu der alten Akropolis, 
wo noch heutzutage altes Mauerwerk den Jahrhunderten trotzt. Westlich 
der Stadt aber dehnen sich Maulbeerpflanzungen, Weingärten und Obsthaine 
bis herab zum Ufer des Golfes. 

Von diesem freundlichen Städtebild hebt sich der 1600 m hohe Kel Tepe 



Georg A. Lukas: Eduard BicHter. 193 

(Gtök Dagh ist nur ein Gelehrtenname, der vielleicht auf einem Irrtum beruht) 
um so machtvoller ab. Sein riesiger Leib wirkt wie der Magnesitblock des 
Athos um so wuchtiger, weil er gleich hinter dem Ufer des Meeres empor- 
strebt. Mächtige Hochwälder bedecken seine Hänge, licht erglühend, wenn 
zwischen Begengewölk ein Sonnenstrahl zu den Laubkronen niedergleitet. 

Ich sah dieses Bild, wenn Winterschnee bis tief in die Täler hinab- 
reichte, wenn die Obstgärten in der BlütenfEQle des Frühlings prangten, und 
wenn ein Sommergewitter düstere Wolkengebirge über dem Baschkires Dagh 
auftürmte und Regenschauer die Fluten peitschten. Immer aber erschien es 
mir groß und gewaltig und immer wieder bedauerte ich die Touristen, die 
von dem Orient scheiden, obne diesen stillen Winkel besucht zu haben, den 
der Schönheit Schwester, die Anmut, zu ihrem Lieblingssitz erkoren hat. 

Da die höheren Gebirge auf der südlichen Seite des Golfes emporragen, 
bieten die Gipfel und Hänge des bithjnischen Gebirges dem Wanderer 
prächtige Aussichten. Von den höheren Bergen der Halbinsel hat meines 
Erachtens der Tschine Dagh das gewaltigste Panorama. Der etwa 450 m 
hohe Berg ist von Derindje leicht zu ersteigen. Bis zum Eanmi des Ge- 
birges führt eine Fahrstraße, so daß man sich nui* etwa 180 m durch das 
Gestrüpp emporarbeiten muß, um den Gipfel zu erreichen. 

Streckt man sich dort zwischen türkischen Grabmalen in das blühende 
Kraut, so beherrscht der Blick eine weite Rundsicht. Im Osten dämmert 
der Spiegel des Sabandja-Sees, jenseits des Golfes dräut die gewaltige Masse 
des Kel Tepe und nordwärs dehnt sich die hügelige Hochebene der bithjni- 
seben Halbinsel. Mit einem Blicke überschauen wir ihren Aufbau. Längs 
der Südküste streicht die höchste Bergkette, nach Norden senkt sich das 
Gelände ganz allmählich zum Schwarzen Meere hin, durchzogen von langen 
Erosionstälem, da die Wasserscheide sich nur wenig von dem Golfe von 
Ismid entfernt. Zu unseren Füßen erblicken wir die grauen Steineichenwälder 
der Ebene und die riesigen Speicher von Derindje, ein Werk, an dem auch 
unsere Landsleute mitgearbeitet. Das ganze Bild atmet Leben und Freude, 
nicht jene hoffnungslose Schwermut, die so vielen türkischen Landschaften 
eigen ist. Wir fühlen, daß eine lebensvolle Zukunft dieses blühenden Landes 
harrt Hoffen wir, daß unser Volk ihre Mühen und ihre Erfolge teilt. 



Eduard Richter. 

Von Gkeorg A. Lukas, 
n. Eduard BioliterB Lebenswerk. 

Richter hat kein selbständiges geographisches Lehrgebäude begründet; 
seine Tätigkeit läßt einen mehr konservativen Zug erkennen, insofern er be- 
müht war, die geschichtlich gewordene Eigenart der Erdkunde aufrecht zu 
erhalten. Desto mehr Förderung danken ihm aber die verschiedensten Zweige 
unserer Wissenschaft. Ein Überblick über sein Schaffen uud ^«t ^^^ ^ ^^& 
er bei längerem Leben noch hätte leisten wollen und ^linnen^ ^x^ ^xs^N^^sNäw 



194 Georg A. Lukas: 

2u gewinnen sein, wenn die einzelnen Richtungen seiner Arbeit gesondert 
betrachtet und gewürdigt werden. 

1. Oletscherkunde. 

Als Gletscherforscher ist Eduard Richter — wie bereits erwähnt wurde — 
zuerst literarisch hervorgetreten, indem er, hauptsächlich zu eigener Infor- 
mation, in mehr kompilatorischer Weise alles über das „Gletscherphftnomen^ 
damals Bekannte in jenem Programmaufsatz von 1873 zusammenstellte. Doch 
ist die Art, wie er den Gegenstand behandelt, vielfach so charakteristisch und 
fOr seine wissenschaftliche Entwicklung prinzipiell bedeutsam, daß auch dieses 
Erstlingswerk wohl beachtet werden muß. 

Der Verfasser geht in dem als „Beitrag zu einer populären Geographie 
der Alpen" bezeichneten Aufsatze von den klimatischen Voraussetzungen 
aus, bespricht die Abnahme der Temperatur mit der Höhe, die Formen des 
Niederschlages, die Schneegrenze, ihre örtlichen Verschiebungsursachen und 
Höhe, geht dann auf die Schneeansammlungen über, deren lokale Be- 
dingungen und Maßbestimmungen erörtert werden; sodann wird der üm- 
wandlungsprozeß des Schnees in Firn und der Fimfelder in Gletscher (haupt- 
sächlich nach Agassiz, Tyndall u. a.) dargestellt. Das dritte, den Glet- 
schern gewidmete Kapitel behandelt die Entstehung der Gletscherzunge 
durch Druck und Regelation, die Fimlinie, als die jene obere Grenze be- 
zeichnet wird, „bis zu welcher im Momente der Beobachtung die in der letzton 
Zeit gefallenen Schneemassen (auf dem Eise) bereits wieder weggeschmolzen 
sind". Dann wendet sich Richter der Struktur des Gletschereises zu, er- 
klärt seine Bewegung als ein durch Druck und Schwere erzeugtes Fließen, 
das trotz des geringen Flüssigkeitsgrades nach denselben Gesetzen vor sich 
gehe wie jedes andere Fließen. Im Zusammenhang damit erfahren Bände- 
rung und Spalten eine ausführliche Darstellung. Der vierte Abschnitt 
wendet sich der Zerstörung der Gletscher zu; die Abschmelzung oder 
Ablation wird entsprechend gewürdigt, auch der damit verbundenen Er- 
scheinungen, wie der Gletschermühlen, Gletschertische, Eisseen und Gletscher- 
tore eingehend gedacht. Das nächste Kapitel versucht über die Größen- 
verhältnisse der Gletscher wünschenswerte Aufklärung zu geben. Jeder 
Gletscher existiert unter gewissen unveränderlichen Bedingungen, deren wich- 
tigste sind: „1. die Ausdehnung des Fimfeldes; 2. die Breite, Tiefe, Gestalt 
und der Neigungswinkel des Talbettes, in welchem der Gletscher fließt; 
3. die Exposition des Fimfeldes und der Zunge der Himmelsgegend nach". 
Hierzu treten noch wechselnde Bedingungen, wie sie durch die jährliche 
Niederschlagsmenge und den Gang der Wärme erzeugt werden; deren Folge 
sind die bekannten Oszillationen der Gletscher. Die Ursache der allgemeinen 
Gletscherschwankungen ist also „das verschiedene Verhältnis, in welchem 
Winterschnee und Sonmierwärme zu einander stehen". Auffallender sind die 
vereinzelten Vorstöße mancher Gletscher im Gegensatz zu ihren relativ 
ruhigen Nachbarn; da werden meist lokale Verhältnisse bestimmend sein 
(weites Fimfeld und schmale Zunge). „Das Vorherrschen solcher Windrich- 
tungen^ welche einem gewissen^ nach einer Richtung exponierten Fimfeld be- 



Eduard Richter.. 195 

sonders viel Schnee zuzuführen geeignet sind, kann vielleicht zum ersten An- 
wachsen des Gletschers Anlaß geben; sind dann die erwähnten günstigen 
Bedingungen vorhanden, so nimmt dann wohl das Anwachsen ein so exzessives 
Maß an." 

Am wichtigsten sind, geographisch genommen, die Wirkungen der 
Gletscher, worauf Richter nun im Schlußkapitel seiner Erstlingsarbeit näher 
eingeht; er beschränkt sich jedoch imter Ausschluß der „historischen Tätig- 
keit'^ der Eisströme auf das, was sie jetzt noch zur Veränderung der Erd- 
oberfläche beitragen. Die Gletscher verhalten sich der Erdfeste gegenüber 
teils transportierend, teils abschleifend, stets jedoch ausgleichend und nivel- 
lierend. „Sie weichen hierin nicht von dem allgemeinen Ziele ab, welches 
alles Wasser auf unserer Erde den Unebenheiten ihrer Rinde gegenüber zu 
verfolgen scheint." Es wird demnach der Gesteintransport durch die ver- 
schiedenen Arten der Moränen beschrieben imd gewürdigt. Die Gletscher ent- 
fernen schützende Schuttmassen, die sich sonst am Fuße einer abbröckelnden 
Felswand ansammeln, und bewirken dadurch jene Schroffheit, Zackung und 
Trümmerung der Grate imd Gipfel oberhalb der Schneelinie. „Hätten die 
Alpen keine Gletscher^ so wären ihre obersten Kämme sanfter, geschlossener 
und teilweiser höher." Die Glazialerosion darf nicht überschätzt werden 
„Wenn man behauptet, daß ein Gletscher ganze Talfurchen auszugraben im 
Stande sei, so ist dies im höchsten Grade übertrieben. Nur die ihm entgegen- 
stehenden Vorsprünge werden abgerundet, nie aber in den Fels hinein Ver- 
üefangen gemacht." Im übrigen jedoch sind Rundhöcker und Kritzen, durch 
Grundmoränenmaterial ausgefällte Vertiefungen im ehemaligen Gletscherbett 
sprechende Beweise jener gewaltigen Naturkrafk; „ein Terrain, welches vom 
Gletscher bedeckt gewesen, zeugt auf jedem Schritte von den Lasten, welche 
über dasselbe hinweggegangen sind." 

Das „Gletscherphänomen" wurde im folgenden Jahre (1874), mit einigen 
Abbildungen versehen, in der Zeitschrift des D. ö. A.-V. abgedruckt, wodurch 
die Arbeit zur Kenntnis weiterer Kreise gelangte. 

Bald darauf (1875) begannen die später von Richters Arbeitsgenossen 
E. Fugger abgeschlossenen Untersuchungen der Eishöhlen des ünters- 
berges bei Salzburg; die schon im ersten Beobachtungsjahre von beiden 
gewonnene Überzeugung, „daß die alte Deluc-Thurysche Erklärung der Eis- 
bildungen durch die eindringende Winterluft vollkommen zutreffe und für alle 
beobachteteten Erscheinungen ausreiche", wurde später durch Beobachtungen 
aus einer Eishöhle bei Besangon in entscheidender Weise bestätigt.^) 

Als die Schweizerreise von 1879 Richters Gletscherstudien in neue, aus- 
sichtsreiche Bahnen gelenkt hatte und in der genauen Vermessung und Unter- 
suchung recenter Eisströme das geeignetste Mittel erkannt war, um in das 
Wesen dieses Geheimnisses der Hochgebirgswelt einzudringen, erschienen in 
rascher Folge jene Arbeiten, die für die wissenschaftliche Erschließung der 
Ost- Alpen geradezu eine neue Epoche heraufführten. 

1) Zur Frage über die Entstehung der Eishöhlen. Peterm. geogr. Mitt. 1876. 
8. 815—817. 

Über Eishöhlen. Pet. geogr. Mitt. 1889. B. %\^— ^^"1. 



196 .Georg A. Lukas. 

Richters Forschungen gingen bekanntlich yom Earlinger- und Ober- 
sulzbach-Oletscher in den Hohen Tauem aus. Die im Sommer 1880 durch 
selbständige Aufnahmen entstandene schöne Karte vom Zungenende des 
letzteren in 1 : 5000 samt Erörterungen über das Wesen der Gletscher- 
schwankungen imd ihre Bedingtheit durch das Klima des vorangegangenen 
Jahrhunderts wurde als erster Teil einer Aufsatzreihe („Beobachtungen an 
den Gletschern der Ostalpen") in der Alpenvereins-Zeitschrift von 1883 ge- 
druckt und fand reiche Anerkennung.^) Der Verfasser hatte mit dieser ersten 
Publikation zugleich die Anregung zu ähnlichen Untersuchungen geben wollen; 
in der Tat fand sein Beispiel mehrfache Nachahmung und bald konnten sich 
die Ost-Alpen auch hinsichtlich dieses bisher vernachlässigten Zweiges der 
Forschung mit der Schweiz wohl vergleichen. 

Richter selbst setzte seine Untersuchungen erst am Karlinger-Getscher, 
dann in der ötztaler Gruppe fort und war in Wort und Schrifk bemüht, das 
Interesse für den Fimschmuck der Alpen zu wecken. Ohne auf die einzelnen 
Publikationen näher einzugehen*), mag es genügen, zur Würdigung dieser 
Arbeiten den Gedankengang eines Vortrages zu skizzieren, den er auf dem 
vierten deutschen Geographentage zu München (1884) hielt und der alle Er- 
gebnisse in übersichtlicher Weise zusammenfaßt.*) 

Er führt da Folgendes aus: Beobachtungen in der Schweiz und in den 
Ostalpen ergaben übereinstinunend einen außerordentlich starken Rückgang 
der Vergletscherung. Der Rhonegletscher büßte etwa 100, der Obersulzbach- 
gletscher 60 Millionen Kubikmeter der Eismasse ein; „oder da sich der Vor- 
gang auf ungefähr 30 Jahre verteilt, so heißt das so viel, daß die Vermin- 
derung des Nachschubes innerhalb dieser Zeit ein volles Fünftel betragen 
haben muß, im Verhältnis zu jener Masse des Nachschubes, welche dem 
Maximalstande des Gletschers im Jahre 1850 entsprach". Noch überraschender 
ist es jedoch, daß diese starke Schwankung eintreten konnte ohne eine wahr- 
nehmbare wesentliche Änderung des Klimas. Eine gewisse Periodizität läßt 
jedoch der Niederschlag erkennen; regenärmere und regenreichere Jahreszeiten 
bedingen Rückzug und Vorstoß der Eisströme. In der Tat war die Periode 
1842 — 51 im allgemeinen feucht, jene von 1852 — 70 vorwiegend trocken. 
Aber die Schwankung der Gletscher spiegelt sich in den Niederschlagstabellen 
der alpinen Stationen bei weitem nicht so deutlich wider als man erwarten 
sollte, und noch stärker wird unsere Vorstellung von der Leistungs^higkeit 



1) Der Obersulzbachgletecher 1880 — 82. 57 S. 1 K., 1 Ansicht, Profile, 
1 Diagr. u. 7 Textfig. 

2) Der intemat. alpine Kongreß zu Genf vom 1. und 2. Aug. 1879. Mitt. d. 
D. ö. A.-V 1879. 

„Beobachtungen am Obersulzbachgletscher^' und „Die Moränenlandschaffc des 
alten Salzachgletschers". Vortriige auf der Naturf.-Vere. zu Salzburg 1881. 

Der Rückgang der alpinen Gletscher und seine Ursachen. Ausland 1888. 

Die Gletscher der ötztaler Gruppe im Jahre 1883. (Mit einer Ansicht des 
Vemagtglettichers.) Z. D. ö A.-V. 1886. 

Der Earlingergletscher 1880—86. (1 Karte.) Ebda. 1888. 

3) Über Beobachtungen an den gegenwärtigen Gletschern der Alpei^. (Als Bei- 
trag- zom Studium der Eißzeit) Verh^ d. IV. D. ^ogr.-Tages zu Müuchen. 1884. 



Eduard Richter. 197 

der Stationen herabgedrückt, wenn wir sehen, „daß unsere meteorologischen 
Listen nun seit mehr als zehn Jahren eine ganz unzweifelhafte Periode 
stärkerer Niederschläge aufweisen, die Gletscher aber noch immer nicht recht 
Miene machen, ihre rückgehende in eine vorstoßende Bewegung zu verkehren^^ 

Die Gründe fOr die Unzuverlässigkeit der meteorologischen Beobachtungen 
liegen zunächst darin, daß Talstationen für Gebirgsgegenden, vollends für ent- 
ferntere, keineswegs maßgebend sind, daß sie nach Zahl und Alter durchaus 
nicht ausreichen und daß die Schneehöhen bisher nur in unzulänglicher Weise 
gemessen werden konnten. Sind aber die Gletscher wirklich ein klimatisches 
Phänomen, dann besitzen wir in ihrem jeweiligen Stand den empfindlichsten 
Spiegel der Veränderungen imd Schwankungen des Klimas, die auch von den 
Apparaten nicht mehr registriert werden; hinsichtlich der Eiszeit finden wir 
die Vermutung bestätigt, „daß schon verhältnismäßig sehr geringfügige Ände- 
rungen des Klimas genügen mußten, um außerordentliche Dimensionsverände- 
rungen der Gletscher hervorzubringen, also Eiszeiten zu erzeugen^^ 

Die Beobachtungen an den Eisströmen des ötztales lehren (was schon 
die meteorologischen Tabellen hatten erkennen lassen), daß die Schwankung 
der Gletscherlänge von der Schwankung der Niederschlagsmenge abhängig ist. 
Obwohl einzelne benachbarte Gletscher unter ganz gleichen klimatischen Ver- 
hältnissen existieren, war doch der Grad ihres Rückganges ein sehr ungleich- 
mäßiger. „Während einzelne Gletscher so zurückgegangen sind, daß sich der 
granze Landschaftscharakter verändert hat, und das Gletscherende jetzt um 
einen Eölometer und mehr zurückverlegt ist, sieht man benachbarte Gletscher, 
bei welchen der Rückgang nur wenige Dutzend Meter, das Einsinken eben- 
falls nicht 80 oder 100 m, wie bei den anderen, sondern nur 10 bis 20 m 
beträgt.^' Richter erblickte die Ursache dieser auffallenden Erscheinung in 
dem sehr verschiedenen Verhältnis zwischen Fimfeld und Länge des Eisstromes. 
Der Rauminhalt des Fimfeldes zu dem der Eiszunge verhält sich hier z. B. 
wie 6:1, dort wie 9:1, ja wie 15:1. Letzteres dann, wenn die Eismasse 
über steile Stufen rasch in wärmere Regionen gelangt, wo die Abschmelzung 
bei geringer Flächenentwicklung ebenso viel verzehrt als weiter oben bei einer 
bedeutend größeren. Die Kleinheit der Abschmelzungsfläche beschleunigt eben 
den ganzen Gletscherprozeß. „Tritt nun auf einem Gletscher letzterer Gattung 
ein bedeutender Zuwachs ein, welcher durch seine Masse und schnelle Bewegung 
die Abschmelzung bedeutend überwiegt, so wird er in dem räumlich beengten 
Gletscherbett viel mehr sichtbar werden, als in einem räumlich ausgedehnten. 
Dort wird eine auffallendere Zimahme der Eisdicke und Zungenlänge ein- 
treten, als hier, wo sich dasselbe Quantum auf eine viel größere Fläche ver- 
teilen kann." Beispiele bieten der Mittelberggletscher mit einem Rückgang 
von 800 m und einem Einsinken von mehr als 100 m, demgegenüber der 
flache Gurglergletscher nur 150 m Rückgang und 20 — 30 m Erniedrigung 
aufweist. Ein solcher Gegensatz würde unerklärt bleiben, wenn man bloß in 
Schwankungen der abschmelzenden Wärme und nicht in der Verschiedenheit 
der Quantität des Nachschubs seine Ursache erblicken wollte. 

Der interessanteste Punkt jedoch, den der Vortragende zur Sprache 
brachte, war die Darlegung seiner Ansicht übw ^^ Qi\^TA^\^x^^\^\^n ^^tä 



198 Georg A. Lukas: 

er sie nach seinen Beobachtungen an rezenten Gletschern einschfttzen zu 
sollen glaubte. Wir erkennen den Verfasser des „Gletscherphänomens^^ wieder, 
wenn wir hören, wie Richter auch jetzt den Gletschern eine solche Boden- 
abnutzung oder Geschiebeyerschleppung nicht zutraut, welche irgendwie zur 
Herstellung hohler Bodenformen, d. h. zur Muldenbildung fCLhren könnte. Er 
schließt mit den Worten: „Es wäre ja eine wahrhaft erlösende Entdeckung, 
wenn man sagen könnte: hier sehen wir einmal auch bei einem jetzigen 
Gletscher, im Experiment, vor unseren Augen die Entstehimg eines Seebeckens, 
einer Mulde durch Glazialerosion. Ich war bisher nicht so glücklich, etwas 
derartiges zu finden.^ 

Als Richter dem Rufe an die Grazer Universität gefolgt war, erweiterte 
sich naturgemäß auch der Umfang seiner Gletscherstudien. 

Sein Hauptwerk auf diesem Gebiete waren und blieben „Die Gletscher 
der Ost-Alpen"^), ein Buch, dessen Anf&nge tief in die Salzburger Zeit 
zurückreichen, mit dem aber nun eine Art akademischer Antrittsschrift großen 
Stiles geboten werden sollte. Die mühevolle Arbeit war ermöglicht erst seit 
Vollendung der Originalaufiiahmen des Alpengebiets in 1:25000 durch das 
k. u. k. mil.-geogr. Institut (1870 — 73). Die Ausnützimg dieser Karten- 
blätter gestattete einen wesentlichen Fortschritt gegenüber den auf älterem 
Material beruhenden Forschungen K. v. Sonklars. 

Allen physikalischen Erörterungen ging Richter deshalb aus dem Wege, 
weil er nur jene Seiten des Gletscherphänomens zu behandeln gedachte, deren 
Auftreten örtlich bedingt erschien. Er wollte erschöpfende Antwort geben 
auf die Frage: „In welchem Umfange und mit welchen besonderen Erschei- 
nungsformen treten Gletscher in unserem Gebiete auf und welches sind die 
klimatischen und orographischen Voraussetzungen dieses Auftretens?'^ Aus 
äußerlichen Gründen unterblieb eine Besprechung jener Ost-Alpengruppen, 
welche ganz der Schweiz angehören; dagegen wurden auch schweizerische imd 
italienische Gebietsteile behandelt, wenn die Hauptmasse der betreffenden Ge- 
birgsgruppe in Österreich gelegen war. 

Für das in dieser Art modifizierte Ost- Alpengebiet wurde nun unter Zu- 
grundelegung der Einteilung A. v. Böhms eine vollständige Aufzählung 
und Flächenvermessung sämtlicher Einzelgletscher gegeben; selbstverständlich 
war damit auch eine kurze Beschreibung ihrer Lage und Eigentümlichkeiten 
verbunden, und zwar gilt dies nicht bloß von den großen, sorgfältig beob- 
achteten Eisströmen, sondern ebenso von den kleinen, namenlosen Fimflecken. 
Denn auch diese letzteren kamen für das in Betracht, was vom Verfasser 
selbst als der eigentliche Hauptzweck seiner Untersuchungen angesehen wurde: 
die genaue Feststellung der Schneegrenzhöhen in den einzelnen ostalpinen 
Ghruppen und die Aufdeckung der Ursachen, aus denen in manchen Fällen 
Abweichungen von der theoretisch zu erwartenden Höhenzahl vorkommen. 

Eine Voraussetzung dieses Unternehmens war, daß vorher über den Be- 
griff der Schneelinie und die Methoden zu ihrer Ermittlung ausführlicher 

1) Handbücher zur deutschen Landes- und Volkskunde (hrsg. v. d. Zentral- 
komm, f wisB. Landeskde. von Deutschland). 8. Bd. 7 £., 2 Ans. u. 44 Prof im 
Text. StuUgart 1888. 



Eduard Richter. 199 

gehandelt wurde, da mit einem so Yiel besprochenen und mitunter so ver- 
schieden aufgefaßten Gregenstande nicht ohne vorherige klärende Auseinander- 
setzung operiert werden durfte. Der erste, allgemeine Abschnitt des Buches 
ist daher außer kurzen Erörterungen über die Genauigkeit der Karten und 
Messungen sowie über die verwendeten technischen Ausdrücke (Tal-, Kar-*), 
Gehänge-, Plateau- und Schluchtgletscher, Gipfelfime) ausschließlich der 
Schneegrenze gewidmet. 

Richter definiert den vielumstrittenen Begriff derselben „als jene Höhen- 
linie im Gebirge, oberhalb welcher die sommerliche Wärme nicht mehr aus- 
reicht, den im Verlaufe des Jahres fallenden Schnee wegzuschmelzen^^ Die 
Schwierigkeiten, welche sich einer Ermittelung der klimatischen Schnee- 
grenze (im Sinne Ratz eis) entgegenstellen, beweisen nichts wider ihre tat- 
sächliche Existenz; „die Schneeansammlungen auf den Gebirgen unserer Erde 
sind und bleiben klimatische Erscheinungen, denn sie werden durch klimatische 
Faktoren, die Wärmeabnahme mit der Höhe und die Anwesenheit einer ge- 
wissen Menge von Wasserdampf hervorgerufen, imd die relative Größe dieser 
Faktoren bestimmt das Maß ihres Auftretens^^ Horizontale Flächen allein 
vrürden eine exakte Messiftig der klimatischen Schneelinie zulassen; da es 
aber solche in den Alpen bekanntlich nicht gibt, so steht eben jedes Fimfeld 
und jeder Gletscher in höherem oder geringerem Grade unter dem Einfluß 
einer orographischen Begünstigimg oder Benachteiligung (Ratzeis orographi- 
sche Schneegrenze). „Wir werden also immer mit Ergebnissen zu tun haben, 
welche gegenüber der Vorstellung einer klimatischen Fläche, die sich mit dem 
Gebirge verschneidet, entweder zu hoch oder zu niedrig sind, und daher 
überall eine entsprechende Korrektion anbringen müssen.'^ 

Eine Berechnung der klimatischen Schneelinie kann mm zunächst aus 
den meteorologischen Verhältnissen erfolgen (Sonklar); doch müßten in diesem 
Falle die Temperaturen an der Schneegrenze, somit auch die Höhen der 
Schneeregion, wenigstens für einen Teil der Alpen, femer die Schneemengen 
und die Temperaturen für alle Höhenstufen genau bekannt sein. Ein anderer 
Weg ist die direkte Messimg oder Schätzung, wobei die Fimlinie (Hugi) 
eine Rolle spielt, jene Stelle, wo das Eis der Gletscherzunge aus dem Schnee 
des Fimfeldes „herauswächst"; hier ist die Grenze zwischen Nähr- und Schmelz- 
gebiet. Diese Linie liegt wohl erfahrungsgemäß tiefer als die klimatisch» 
Schneegrenze, aber ein konstantes Verhältnis zwischen beiden besteht nicht. 

Einen neuen Versuch, die Schneelinie zu ermitteln, machte Brückner 
durch die Untersuchung der eben noch und der eben nicht mehr vergletscherten 
Gebiete, also durch Grenzwerte. Richter weicht von dieser Methode insofern 
ab, als er sich von der Notwendigkeit überzeugte, „zwischen den einzelnen 
Gattungen kleiner Gletscher, je nachdem sie einen größeren oder geringeren 
Grad orographischer Begünstigung erfahren, Unterschiede in der Art der Fol- 
gerungen zu machen, welche aus ihrem Dasein gezogen werden. Es wird flir 
die Höhe der Schneegrenze ein Plateaufim eine ganz andere Beweiskraft 



1) Richters a. a. 0. (S. 9) vorgeschlagene Schreibung „Kahr" hat sich nicKt 
eingebürgert. 



200 Georg A. Lukas: 

haben, als ein flaches Kar, und dieses wieder eine andere, als eine stark be- 
schattete Mulde." Nur solche Gletscher, welche in weiten, wenig geneigten 
Karen liegen, können für die Bestimmung der klimatischen Schneelinie in 
Betracht konunen. Im Gegensatze zu Brückner sind an Stelle der Gipfel 
die wenig geneigten Stellen der Mulden in Bechnung zu ziehen. Steile, 
schneefreie Felspartien sind auszuscheiden. 

Bichter gedenkt femer der älteren Schneegrenzangaben Saussures, 
Humboldts, Buchs, Wahlenbergs, der Gebrüder Schlagintweit, erwähnt 
Durocher, Weiden, 0. Heer und Höfer; dann wendet er sich zur Be- 
rechnung der Schneegrenze durch Vergleich des Flächenraumes der Ver- 
gletscherung mit den von gewissen Höhenlinien eingeschlossenen Räumen. 
Da aber deren Beziehungen durch orographische Elemente derart gestört 
werden, daß ein Parallelismus zwischen dem Gang der dieses Verhältnis 
ausdrückenden Zahlen und der Höhe der klimatischen Schneegrenze nicht 
anzunehmen ist, kann eine allgemein gültige Methode hierauf nicht gegründet 
werden; doch wird die Vermessung des Flächenraumes innerhalb gewisser 
Höhenlinien mit Erfolg zur Erläuterung der in den einzelnen Gruppen ob- 
waltenden Masse der Vergletscherung heranzuziehen sein. Wenn Brückner 
zwischen Sammelgebiet und Eiszunge ein Verhältnis von 3 : 1 annimmt, so 
ist dies ein Maximalwert, der sich gelegentlich so weit von der Wirklichkeit 
entfernt, daß er bedeutungslos wird; denn folgende Sätze über das Größen- 
verhältnis von Fimfeld und Zunge werden von Richter erwiesen: „1. Die 
Teilung eines Gletschers in Fimfeld und Zunge f^Ut in der Regel nicht zu- 
sammen mit der Grenze des Schmelz- und Sammelgebietes. Indem man dies 
übersehen hat, entstanden die so stark abweichenden Angaben über das 
Größenverhältnis dieser beiden Räume. 2. Die stärksten Unterschiede in 
diesem Verhältnis werden nicht durch tiefere oder höhere Lage der Zungen, 
sondern durch die verschiedene orographische Begünstigung der Fimf eider 
hervorgerufen. 3. Für Talgletscher kann man als Regel ein Verhältnis des 
Schmelzgebietes zum Sanmielgebiet wie 1:3 voraussetzen; bei starker oro- 
graphischer Begünstigung wird das zweite Glied des Verhältnisses kleiner, 
bei mangelnder Zungenbildung (bei Plateaugletschem und kleinen Fim- 
ansammlungen) bedeutend größer werden.^' Danach ist es einleuchtend, daß 
Brückners Methode, d. h. die Aufsuchung jener Linie, welche den Gletscher 
im Verhältnis 1 : 3 teilt, sich wenigstens auf Talgletscher anwenden läßt; 
nie jedoch darf die orographische Begünstigung unterschätzt werden. 

In dem nun folgenden „Besonderen Teil" seines Buches gibt Richter 
genaue Mitteilungen und Berechnungen von nicht weniger als 1012 Gletschern, 
welche zusammen (nach der zu Gninde gelegten Karte) 1461,9 qkm maßen. 
Am wertvollsten ist hier das Schlußkapitel, welches zusammenfassende Er- 
örterungen über die Höhe der Schneegrenze in den Ostalpen bringt. 
Am auffallendsten sind da die großen Di£ferenzen zwischen einzelnen Gruppen: 
den 2500 m der nördlichen Kalkalpen stehen 2600 m der Goldberg- und 
Aukogelgrappe, 2700 m der westlichen Tauem, Zillertaler und Stubaier Berge, 
sowie der südlichen Kalkalpen mit Brenta, 2750 m der nördlichen Silvretta, 
2800 m der nördlichen ötztaler Berge, der Adamello- und Presanellagruppe, 



Eduard Richter. 201 

2900 m der Ortlergruppe und 2950 m des zentralen Otztales gegenüber. „8o 
zeigt sich also in unseren Alpen die Lage der Schneelinie in der Weise an- 
geordnet, daß überall die AuBenränder eine tiefere Schneegrenze besitzen, als 
die inneren Teile und die größten Massenerhebungen den höchsten Stand auf- 
weisen, während sie umsomehr sinkt, je weniger breit im ganzen der noch 
in die Schneeregion aufragende Teil des Gebirges ist, und daß die Höhe von 
Norden gegen Süden weniger bedeutend ist als die von außen gegen innen.^ 
Die Schneegrenze in den Alpen steigt also nicht, wie man früher glaubte, 
gegen Osten an, vielmehr zeigt sich, daß stark gegliederte Gebirge in Bezug 
auf die Schneegrenze eine ähnliche Wirkung hervorbringen wie Hochebenen, 
nämlich daß sie ein Ansteigen der Schneeregion nach innen zu veranlassen^ 
Trockenheit, höhere Wärme, klares Winterwetter, Hinaufrücken der Vegeta- 
tions- und Schneegrenzen sind für Hochebenen und zentrale Gebirgsgruppen 
in gleicher Weise kennzeichnend.^) 

Schließlich kommt Richter noch* auf die Schwankungen der Gletscher 
zu sprechen; er weist auf die ungefähr gleich starken Vorstöße von 1820 
und 1850 hin, von denen der letztere sich da und dort in zwei Maxima zu 
teilen schien. 

Der Schwerpunkt des auch mit Karten und Profilen reich ausgestatteten 
Werkes liegt wohl hinsichtlich der positiven Ergebnisse im besonderen Teilet 
in der Mitteilung der vielen planimetrischen Flächenberechnimgen ostalpiner 
Gletscher und in der kritischen Erörterung der gewonnenen Werte. Kaum 
geringere Bedeutung wird man aber den einleitenden und zusammenfassenden 
Abschnitten beimessen dürfen, welche durch ihre belehrenden Ausblicke und 
Anregungen wesentlich zur Belebung der Gletscherstudien überhaupt bei- 
getragen haben. 

1889 fand Richter zusammen mit Finsterwalder gelegentlich einer 
Inspektion der von* ihm angeregten Vemagtgletscher-Üntersuchung den Eis- 
see im Martelltal. Sofort beschäftigte ihn dieses Phänomen, das durch 
die traurigen Verheerungen, die sich alle Jahre wiederholten, auch weiteren 
Kreisen bekannt wurde; er beschränkte sich jedoch nicht auf die Erklärung 
dieses bekanntlich durch das Vorrücken des Zufallfemers aufgestauten Sees, 
sondern er bemühte sich auch, an berufener Stelle geeignete Vorkehrungen 
gegen die mit Sicherheit zu erwartende Wiederkehr der Katastrophe zu ver- 
anlassen.^) Er schlug zu diesem Zwecke vor, die Schutzbauten ipi Tale 
wieder herzustellen und zu verstärken, femer eine Talsperre anzulegen und 
endlich nötigenfalls den Butzenbach abzuleiten. Die Regierung wandte sich 

1) Andere hierhergehörige Publikationen Richters sind: 
Die Bestimmung der Schneegrenze. Humboldt VIII. 1889. 

L*altitudine del limite delle nevi nelle Alpi orientali (1 K.). Cron. d. Soc. Alp. 
Friul. VII u. Vm. 1889. (7ergl. Riv. mens. d. Gl. Alp. Ital. 1890.) . 

2) Der GletBcherauBbrnch im Martelltal und seine Wiederkehr. M. D. ö. A.-V. 1889. 
Die Hilfsmittel gegen Ausbrüche von Eisseen. Ebda. 

Die Gletscherseen der Alpen. (1 Abb.) Globus 1890. 

Eine ausführliche Darstellung jener mit Richter gemeinsam erforschten Ver- 
hältnisse bot S. Finsterwalder. Die Gletscherausbrüche des Martelltales. Z. D. 
ö. A.-V. 1890. 

QtogTBpbiMcheZeitaobrift. If. Jahrgang. 1906. i.Httft^. V^ 



202 Georg A. Lukas: 

deshalb an ihn, als 1891 neuerdings Gefahr drohte, und sandte ihn als 
Sachverständigen in das bedrohte Tal. 

Bald darauf veranlaßte ihn Brückners Entdeckung der 35jährigen 
Klimaschwankungen (1890) zu einer Arbeit besonderer Art. Die Empfind- 
lichkeit unserer Eisströme auch geringfügigen Änderungen des Klimas gegen- 
über ist schon hervorgehoben worden; es lag deshalb nahe, zu untersuchen, 
ob tatsächlich Brückners Theorie durch die Geschichte der Gletscher- 
schwankungen bestätigt werde. Was Eichter mit besonderer Genugtuung 
empfand, war nicht bloß das interessante Thema an sich, sondern mehr 
noch der eigenartige Weg, auf dem er zum Ziele gelangte und den nur 
^enige Forscher hätten wagen dürfen. Seit mehr als fänf Jahi*en war der 
Historiker in ihm nicht auf seine Bechnung gekommen; jetzt konnte er die 
Methode geschichtlicher Quellenkritik auf einen naturwissenschaftlichen Gegen- 
stand anwenden und das erfüllte ihn mit besonderer Freude. Schon 1877 
hatte er einen Beitrag zur Geschichte des Vemagtgletschers aus dem Material 
der k. k. Hofbibliothek in Wien schöpfen können^), jetzt dehnte er seine 
Forschungen auf das Gesamtgebiet der Alpen aus.^) Die Ergebnisse stimmten 
mit den Aufstellungen Brückners vollkommen überein; die Gletschervorstöße 
kehren in Perioden von 20 — 45, im Mittel 35 Jahren wieder; die Vorstöße 
haben jedoch nicht gleiche Intensität und verlaufen nicht ganz gleichmäßig; 
auch kann Vorstoß oder Rückgang gelegentlich so schwach angedeutet sein, 
daß eine Hochstand- oder Schwindperiode von doppelter Länge in Erscheinung 
tritt. Der Vorstoß beginnt noch während der feucht -kühlen Klimaperiode, 
es ist also die Verzögerung geringer, als man annahm. Endlich „liegt keine 
einzige wirklich gut beglaubigte Nachricht vor, welche uns nötigen würde 
anzunehmen, daß in historischer Zeit, vor dem 16. Jahrhundert, die Alpen- 
gletscher dauernd kleiner gewesen seien als jetzt, vielmehr dürfte jene Volks- 
meinung vornehmlich durch die Erinnerung an die regelmäßigen Gletscher- 
Bchwankungen und die dadurch hervorgebrachten Veränderungen der Weg- 
samkeit beeinflußt sein*^ 

Je vielseitiger die Beziehungen Bichters zu allen Zweigen der Gletscher- 
forschung wurden, desto lebhafter wünschte er, zur Bewältigung der immer 
zahlreicher auftauchenden Probleme weitere Kreise zu interessieren. Diesem 
Wunsche kam die Begründung des „Wissenschaftlichen Beirats^^ zum D. u. ö. 
Alpen verein entgegen, dem er als Mitglied oder Vorsitzender seit 1890 an- 
gehörte; die reichen Mittel dieser großen Körperschaft konnten nun manchem 
unternehmen dienstbar gemacht werden, das man sonst einer fernen Zukunft 

1) Z. D. ö. A.-V. 1877. 

2) Über Elimasch wankungen. Deutsche Rundschau. 1891. 

Geschichte der Schwankungen der Alpengletscher. (1 E., 1 Abb.) Z. D. 0. 
A.-V. 1891. 

Neues von den Gletechem der Ost- Alpen. P. M. 1891. 

Urkunden über die Ausbrüche des Vemagt- und Gurglergletechers im 17. und 
18. Jahrhundert. Aus den Innsbrucker Archiven hrsg. (1 E.) Forsch, z. d. Landes- 
u. Volkakde. VI. Bd. 4. H. 1892. 

Bericht über die Schwankungen der Gletscher der Ost -Alpen 1888 — 1892. 
Z. D. ö. A.-V. 1893, 



Eduard Richter. 203 

hfttte überlassen müssen. Richters Einfluß wuchs, da er in den Jahren 
1895 — 97, solange Graz Vorort war, als zweiter Präsident wieder an der 
Spitze des Vereines stand. Für das Stadium des Gletscherphänomens aber 
war es noch wichtiger, daß er auf dem Geologenkongreß zu Zürich 1894 
znm Mitglied, 1897 zu St. Petersburg zum Vorsitzenden der internatio- 
nalen Gletscherkommission gewählt wurde. Er versuchte jetzt, ein fElr 
alle Kulturländer gültiges Arbeitsprogramm zu schaffen imd die Forschimg 
einheitlicher zu gestalten.^) Diesem Zwecke sollte die von ihm einberufene 
Fachmännerkonferenz dienen, welche im August 1899 am Rhonegletscher (zu 
Oletsch im Wallis) zusammentrat, den Rhone- imd Unteraargletscher eingehend 
besichtigte und mehrere Sitzungen abhielt. Als Ergebnisse sind zu betrachten 
der dem Protokoll beigelegte Befund über die Struktur der genannten Eis- 
ströme, eine Klassifikation und Benennung der Moränen, Wünsche für weitere 
Untersnchungen und ein Befund über die Kömerstruktur.') 

Richter selbst hielt für die wichtigsten, zunächst der Lösung zuzuführen- 
den Fragen: „1. Die Feststellung des Verhältnisses zwischen dem Ablauf eines 
Gletschervorstoßes und der Bewegungsgeschwindigkeit des Eises; 2. das 
neuerliche Aufgreifen der eigentlich physikalisch -thermischen Fragen." Er 
hatte 1895 Gelegenheit gefunden, durch eine längere Reise nach Norwegen 
seine Autopsie auf dem Gebiete der Gletscherwelt erheblich zu erweitem; 
den Lesern dieser Zeitschrift ist der treffliche Aufsatz bekannt, in dem er 
seine diesbezüglichen Beobachtungen niederlegte'); auch über Gletscher- 
schwankungen vermochte er neues Material beizubringen.^) Die norwegische 
Reise, deren morphologische Ziele weiter unten zu würdigen sein werden, 
änderte seine Meinung von der Tätigkeit der Gletscher insofern, als er nun 
von ihrer tiefergreifenden erodierenden Wirksamkeit überzeugt war. Seinen 
Standpunkt kennzeichnete er in dieser Zeitschrift (1899) gelegentlich einer 
ausführlichen Besprechung des Drjgalskischen Grönland Werkes. 

Für die internationale Gletscherforschung trat er auch 1900 auf dem 
zur Zeit der Weltausstellung in Paris tagenden Geologenkongreß ein; seinen 
Bemühungen gelang die Gründung einer französischen Gletscherkommission.^) 

Die Redaktion der jährlichen „Rapports'' über den Stand der Beob- 
achtungen an den Gletschern aller Gebirgsländer der Erde veranlaßte ihn, 
noch einmal eine Fachkonferenz einzuberufen, die 1901 im ötztal zusammen- 
trat; auch 1903 hatte er an der Abfassung des Führers für die Glazialexkur- 
sion des Wiener Geologenkongresses noch Anteil, den Ausflug selbst aber 
konnte er nur mehr teilweise mitmachen; körperliches Leiden zwang ihn, sich 
Schonung aufzuerlegen. Bald mußte er auch seinen Lieblingsgedanken auf- 
geben, dessen ErfCQlimg seit Jahren sein sehnlichster Wunsch gewesen war: eine 
neue „Gletscherkunde" zu verfassen. Am 23. November 1898 hatte er in der 
k. k. Geogr. Gesellschaft zu Wien einen Vortrag gehalten über „Neue Ergeb- 



1) Die Arbeiten der internationalen GletscherkommiBsion. P. M..1899. 

2) Die Gletscherkonferenz im August 1899. Ebda. 1900. 

3) Die Gletscher Norwegens. (8 Abb.) G. Z. 1896. 

4) Beobachtungen über Gletecherschwankungen in Norwegen 1895. P. M. 189^. 
6) Gletscherforschung in Frankreich. G. Z. 1901. ^. b*2.^. 



204 Georg A. Lukas: 

nisse und Probleme der Gletscherforschung^, in dem er in gewohnter klarer 
Weise einen Überblick über das bisher Geleistete gab und auf die nächsten 
Aufgaben hinwies.^) Er schloß damals mit den Worten: „Vor nunmehr 
16 Jahren bezeichnete Heims ,Gletscherkunde* eine glänzende Znsammen- 
fassung des damaligen Standes unserer Kenntnisse, anziehend gemacht durch 
die Originalität und den freien Standpunkt ihres Verfassers. Sie zeigte die 
Fortschritte, die in den 29 Jahren «gemacht worden waren, seit Moussons 
Buch (,Die Gletscher der Jetztzeit', Zürich 1854) erschienen war. Bei syste- 
matischer Verwertung der vorhandenen materiellen Mittel und zielbewußtem 
Zusammenwirken der Forscher wird es vielleicht möglich sein, bei einer aber- 
maligen Zusammenfassung wieder einen bemerkenswerten Fortschritt festzu- 
stellen." 

Niemand wäre zu dieser Arbeit berufener gewesen, als Richter selbst, 
der seit dem Erscheinen des Heim sehen Werkes einer der Führer auf diesem 
Gebiete gewesen war; und er war auch mit Freuden bereit, sich dieser Auf- 
gabe zu unterziehen, die seinem Lebenswerk den passendsten Abschluß geben 
sollte. Wie schmerzlich mußte es ihn berühren, als er erkannte, daß seine 
physischen Kräfte dazu nicht mehr ausreichen würden! Welcher Verlust auch 
für die Wissenschaft, der das Buch dienen sollte I Und dennoch: was Richter 
als Gletscherforscher bis dahin geleistet, reicht bereits vollkommen aus, seinen 
Namen unvergeßlich zu machen. Die Gletscherkunde hat ihn zuerst 1883 
bekannt, wenige Jahre später berühmt gemacht, sie erhob ihn endlich zu einer 
internationalen Position; als Gletscherforscher vor allem yrird er darum 
in der Erinnerung von Fachmännern und Laien fortleben, auf Jahrzehnte 
hinaus werden die Anregungen, die er gegeben, fortwirken, und noch länger 
wird das Beispiel seiner Leistungen zur „rauhen und frostigen Arbeit der 
Gletschenintersuchung" aneifem. 

2. Seenforschung. 

An Stelle der Gletscher traten seit dem Ende der achtziger Jahre für 
längere Zeit die Seen in den Vordergrund der wissenschaftlichen Interessen 
Richters. 

Während in der zweiten Lieferung des „Seenatlas^^^ die kartographi- 
schen Ergebnisse der Lotungen und Messungen zusammengestellt sind, durch 
welche Richter das von F. Simony begonnene Werk erfolgreich beendete 
und in zuverlässiger Weise den Bau der größeren Seebecken Kärntens und 
Krains nebst dem österreichischen Gardaseeanteil aufdeckte (die Karten sind 
nach den Originalaufnahmen des k. u. k. militär-geogr. Instituts in 1:25000 
mit Schichtenlinien und mehrfach abgestuften Farbentönen ausgeführt), geben 
die „Seestudien^^) zimächst Erläuterungen zum Atlas und bieten sodann 
eine Übersicht über die Temperaturbeobachtungen am Millstätter- und 



1) Abh. d. k. k. Geogr. Ges. in Wien 1899. 

2) Atlas der österr. Alpenseen (hrsg. von A. Penck und E. Richter), 
2. Lief (Seen von Kärnten, Krain und Süd- Tirol); 9 Taf. mit 10 K. u. 32 Prof. 
2u Bä, VI d. Geogr. Abh. Wien 1897. 

3) Ebda, 2. H. (8 TtJ u. 7 Textfig.) Wien 1897. 



Eduard Richter. 305 

Wörthersee. Besonders die letzteren Abschnitte dieser Abhandlung, in welchen 
das Gefrieren und Auftauen, der jahreszeitliche Wärmegang der Seetiefen 
besprochen, Sprungschicht und £rd wärme gewürdigt und aus dem großen 
Zahlenmaterial einleuchtende Schlußfolgerungen gezogen werden, trugen sehr 
wesentlich zur Förderung der jungen limnologischen Wissenschaft bei; doch 
boten auch die Kapitel über Lotungen viel Lehrreiches, so daß es nicht un- 
angebracht erscheint, den Oedankengang der „Studien^^ hier kurz zu skizzieren. 
Es wird dadurch deutlicher, inwiefern Eichter die Seenforschung praktisch 
und theoretisch gefördert hat und welchen Standpunkt er in mancher Frage 
einnahm. 

Alle Lotungsmethoden haben in erster Linie Bücksicht zu nehmen auf 
eine genügende Anzahl und besonders auf eine zweckmäßige Verteilung der 
Lotpunkte; dies wird allerdings dadurch erleichtert, daß bei der Einfachheit 
des Baues der meisten Seewannen schon eine verhältnismäßig geringe MiBnge 
gemessener Tiefenpunkte ausreicht, doch gilt auch die Begel, „daß die An- 
zahl der notwendigen Lotungen bei einem kleinen See relativ viel größer 
sein muß, als bei einem großen^^ Femer müssen stets in der Nähe des 
Ufers die Messungen dichter sein als über der meist ziemlich ebenen Mitte. 
Langjährige Erfahrung empfiehlt, jede Lotungsreihe nach Querprofilen vorzu- 
nehmen, die auf dem Ufer möglichst senkrecht stehen; denn so lassen sich 
am leichtesten die richtigen Neigungswinkel der Uferböschimg feststellen, was 
als das wichtigste Moment zur Erkenntnis des unterseeischen Reliefs zu be- 
zeichnen ist. 

Die größte Schwierigkeit liegt in der Bestimmung des Lotpunktes. Li 
dieser Hinsicht ist natürlich die Lotung vom Eise aus allen anderen Methoden 
vorzuziehen; leider konmit dieser einfache Weg, den schon Simonj zur Er- 
forschung des Wörtherseebeckens beschritt, selbst für die öfters zugefrierenden 
Seen nur ausnahmsweise in Betracht. Einerseits frieren gerade die großen 
Seen nicht regelmäßig zu, andererseits verursachen Schneefall, einmündende 
Bäche und aufsteigende Quellen ernste Oefahren, während zu große Dicke des 
Eises viel zeitraubende Arbeit beim Anschlagen der Löcher beansprucht. 
Überdies dauert die Zuverlässigkeit der Eisdecke viel zu kurze Zeit, so daß 
jedenfalls die Hauptarbeit stets vom schwankenden Boote aus vorzunehmen 
sein wird imd die Bestimmung des Schiffsortes das eigentliche Problem 
darstellt. 

Am einfachsten und zweckmäßigsten ist hierfCLr die Zählung der Ruder- 
schläge, wobei allerdings Ruhe der Seeoberfläche und große Lotdistanzen 
vorausgesetzt werden. Die größte Fehlerquelle liegt in der Unmöglichkeit, 
das Boot sofort zum Stehen zu bringen und dann genau mit der früheren Ge- 
schwindigkeit die Lotstation wieder zu verlassen. Wo es möglich ist, kann 
man freilich durch Aufstellung zweier Theodoliten vom Ufer aus den Stand- 
punkt des Bootes trigonometrisch bestimmen lassen; aber jeder Fehler ist 
nur dann ausgeschlossen, wenn das Ufer genauestens aufgenommen wurde, 
was nicht immer zutrifft. Richter fand schließlich — nach ungünstigen Er- 
fahrungen mit der Tachymetrie — als einfachstes und sicherstes MittftV ^^ 
Streckenmessung mit einer gewöhnlichen Log-'VoTiidafevm^^^ ^^«s. ^«t ^^ ^'st 



206 Georg A. Lukas: 

LotuQg durch ins Wasser geworfene Papierschnitzel markiert werden kann. 
Freilich paßt dieser Vorgang nur für kleine Seen, auf großen mit starkem 
Wellengang würden sich die Fehler allzu empfindlich summieren; da muß 
dann der Sextant aushelfen. Immer jedoch bleibt es nützlich, die Ruder- 
schläge zwischen den einzelnen Lotpunkten zu zählen. 

Auf Grund seiner praktischen Erfahrungen konstruierte Richter bekannt- 
lich einen Lotapparat, dessen erprobte Brauchbarkeit ihn mit gerecht- 
fertigtem Stolze erfüllte und den er daher den Besuchern seines geographischen 
L:istitut8 gern vorführte. Die Maschine (abgebildet auf S. 8 und 9 der „See- 
studien^^) läßt sich sowohl im Boot wie auf dem Schlitten anbringen; der 
Erfinder sagt von ihr: „Möglichste Leichtigkeit, schnelle Verpackung auf engen 
Raum und die Möglichkeit, sie auf jedem Boote, auch dem kleinsten, rasch 
und sicher zu befestigen, waren die Anforderungen, die erfüllt werden mußten. 
Es ist gelungen, ihnen allen gerecht zu werden und dabei noch eine Messungs- 
genauigkeit bis auf Zentimeter, schnelle und bequeme Handhabung und eine 
Leistungsfähigkeit auch für die größten in Europa vorkommenden Binnensee- 
tiefen zu erreichen.^^ Von ähnlichen Apparaten unterscheidet sich der Richter- 
sche hauptsächlich dadurch, daß alle vorhandenen, durchwegs metallenen Räder, 
mit Ausnahme der (übrigens umklappbaren) Zählvorrichtung, in einer Ebene 
angebracht sind, so daß die Breitendimension der eigentlichen Maschine nur 
5 cm beträgt. In Folge ihres Zählwerkes gehört sie unter die Präzisions- 
apparate; sie gestattet auch Temperaturmesstmgen und Aufholung von Grund- 
proben mit der Lotung zu verbinden. 

So ausgerüstet lotete Richter den österreichischen Anteil des Gardasees 
aus, wo das Senkblei die tiefete Stelle erreichte (311 m); femer sind die 
Karten des Wörther-, Millstätter-, Faaker-, Läng-, Veldes- und Wocheinersees 
in erster Linie das Ergebnis eigener Bemühung; der Ossiachersee wurde von 
einem Schüler Richters auf Kosten des Deutschen und Osterreichischen Alpen- 
vereins untersucht; nur für den Klopeiner- und Keutschachersee mußten aus- 
schließlich fremde Lotungen in Verwendung konunen. Das unterseeische 
Relief aller genannten Hohlformen erfährt eine eingehende Prüfong; am 
schwierigsten war dies beim Wörthersee, dessen verwickelter Bau 483 Lot- 
punkte zur Konstruktion der Karte nötig machte. 

Noch wichtiger als die Erkenntnis der Tiefenverbältnisse eines Seebeckens 
erscheint die Klärung und Deutung des Temperaturganges, den die 
Wassermasse im Wechsel der Jahreszeiten durchzumachen hat. Richter ver- 
weist da auf seine dem Wiener Geographentage 1891 gegebene Darstellung, 
vervollständigt aber die damaligen Ausführungen in manchen Einzelheiten; 
er stützt sich dabei auf Messungen im Millstätter- und Wörthersee. Der 
Abschnitt über das Gefrieren und Auftauen bringt wertvolle Aufklärungen 
über den Temperaturgang zur Zeit der verkehrten Wärmeschichtung, wenn 
sich das Wasser abkühlt. Diese Beobachtungen zeigen die Gültigkeit der von 
Forel aufgestellten Theorie der Uniformisation durch Konvektionsströme 
auch für die verkehrte Schichtung. Von Richter selbst stammt „die Beob- 
achtung und nähere Untersuchung der unerwartet scharfen Grenze, die dieser 
Erscheinung der yUniformis&üon^ (Ausgleichung) nach unten gezogen ist und 



Eduard Richter. 207 

deren Bezeichnniig als Sprangschichte'^. Daß dieser glücklich gewählte neue 
Fachausdruck sich rasch einbürgerte, erfüllte seinen Urheber mit großer Ge- 
nugtuung. 

Es mag hier in aller Kürze daran erinnert sein, worin das Wesen der 
„Sprungschichte^^ besteht, und zwar unter Zugrundelegung der eigenen 
Ausführungen Richters vom Wiener Geographentage (1891).*) Er sagte da- 
mals: „Als ich im August 1889 meine regelm&ßigen Messungen (im Wörther- 
see) begann, hatte die Seeoberflftche eine Temperatur von 22 — 23® C. Ich 
wußte, daß die Abnahme unten nicht ganz regelmäßig vor sich geht; was 
ich fand, übertraf aber meine Erwartungen sehr. Von der Oberfläche bis zu 
einer Tiefe von 8 m hatte das Wasser nahezu die gleiche Temperatur; es gab 
Unterschiede nur nach Zehntelgraden. Von 8 Y^ m aber nahm die Temperatur 
ganz rapid ab. Während bei 9 m noch 19® zu finden waren, fanden sich bei 
10 m nur mehr 13® und bei 11 m 11®. Darauf verlangsamte sich die Ab- 
nahme wieder. Bei 15 m hatte man etwa 8®, bei 19 m 7®, bei 30 m 6®, 
bei 44 m 5®. Während also zwischen dem 15. und 20. Meter die Abnahme 
auf den Meter ungefilhr Y^ Grad und vom 20« — 30. Meter nur Yn Grad be- 
trugt nahm vom 9. auf den 10. Meter die Temperatur um volle 5® ab; es 
kam also auf je 20 cm eine Temperaturabnahme von einem Grad.^ Als Richter 
dann diese schmale Schicht mit den grellen Temperatursprüngen genauer 
untersuchte, ergab sich, „daß sich auch diese rasche Abnahme nicht gleich- 
mäßig auf das ganze Meter verteilte, sondern daß es in der Mitte eine Stelle 
gab, wo die Abnahme auf 20 cm 2,4® betrug; die Temperatur also auf 8 cm 
um einen ganzen Grad abnahm." 

Der Gnmd für diese im Hochsommer und Herbst reguläre Erscheinung 
liegt weder in der Besonnung noch im Wellengang oder in der direkten 
Wärmeleitung, sondern in den Strömungen, welche durch abwechselnde Er- 
wärmung und Abkühlung der Oberfläche hervorgerufen werden. Daher fehlt 
die Sprungschichte noch im Mai; sie entwickelt sich erst im Juni, indem die 
Temperatur in 10 m Tiefe ziemlich konstant bleibt, die Oberflächenwärme 
aber immer tiefer nach abwärts greift. Dies ist überraschenderweise eine 
Folge der nächtlichen Abkühlung, da hierbei die oberflächlich abgekühlte 
Schicht stets bis in jene Tiefe sinkt, wo ihr entsprechende Temperatur und 
Dichte herrschen. Alles darüber lagernde Wasser wird durcheinandergemengt 
und nimmt eine gewisse Mitteltemperatur an, die sich immer mehr von der 
des Tiefenwassers entfernt. „Es sind also Strömungen, langsame konvektive 
Zirkulationen, welche jene scharf abgegrenzte warme Schicht erzeugen, die 
wie ein Fremdkörper auf den kühlen Massen der Seetiefen schwimmt." Die 
letzteren werden durch direkte Wärmeleitung „geheizt", doch geht dies un- 
gemein langsam vor sich. Wenn dann von Anfang September an die all- 
nächtliche Abkühlung über die tägliche Erwärmung zu überwiegen beginnt, 
wird nicht nur die Oberfläche davon betroffen, sondern die ganze warme 
Schicht macht diese Temperaturemiedrigung mit. Es kommen Sprünge von 



1) Die TemperaturverhältniBse der Alpenseen. Ein Vortrag, gehalten auf dem. 
rX. D. Geogr.-Tage in Wien 1891. Verh. S. 189—1^1. 'B«\Mi,\^.^Ä«aöKt. 



208 Georg A. Lukas: 

2* in einer Nacht vor. „Vom 13. bis 18. Oktober 1889 kühlte sich die 
Oberfläche von 16^® auf 14,^® ab; und ebenso die Schichte von 10 m Tiefe 
von 16,3^ auf 14^!^^ Doch können schöne Tage den Wärmeausfall bis zu 
einem gewissen Betrage wieder hereinbringen; erst von Mitte Oktober an 
tritt die allgemeine gleichmäßige Abkühlung ein. Die Oberflächentemperatur 
sinkt täglich um etwa 0^^, so daß Ende November ungefähr 6^ erreicht sind. 
Jetzt erst ist der noch vor einem Monat vorhandene grelle Übergang samt 
der warmen Oberschichte verschwunden. Nun greift die abkühlende Zirku- 
lation inmier tiefer, jedoch überaus langsam, weil die Wärmeentziehung sich 
auf 30 und mehr Meter Tiefe gleichzeitig erstrecken muß. In der zweiten 
Dezemberhälfte sind an der Wasseroberfläche + 4^ C erreicht. Aber erst ein 
weiterer Wärmeverlust von 2^ ermöglicht die erste Bildung der Eisdecke, die 
sich fast mit einem Schlage über den ganzen See ausbreitet und bei zu- 
nehmender Dicke die Wärmeabgabe unterbricht. 

Aus dem Gesagten geht hervor, daß diese von Richter zuerst näher 
untersuchte Sprungschicht, ihr Entstehen und Vergehen, eigentlich schon das 
ganze Problem des jährlichen -Temperaturganges aufrollt. Die Erklärung des- 
selben bietet nun keine erheblichen Schwierigkeiten mehr; die „Seestudien^ 
werden denn auch mit einer zusammenfassenden Übersicht geschlossen, die 
zwar zunächst sich nur auf Wörther- und Millstättersee bezieht, aber bei Be- 
rücksichtigung allfälliger Differenzen in Lage, Bau und Größe des Seebeckens 
selbstverständlich allgemein gilt. 

Auf diese Weise hat Richter, der die Sonmier von 1888 bis 1894 
größtenteils an den Kärtner Seen verlebte und auch zu anderen Jahreszeiten 
viele Reisen dahin unternahm, durch seine gründliche Arbeit selbst am meisten 
dazu beigetragen, jenes Progranmi zu verwirklichen, welches er 1890 aufge- 
stellt hatte ^); er galt nun auch auf diesem Gebiete als eine der ersten 
Autoritäten, deren Rat und Hilfe mehrfach begehrt wurde, z. B. von der 
imgarischen geographischen Gesellschaft für die Erforschung des Plattensees. 

Welcher Genuß aber für ihn mit der Lösung dieser Aufgaben verbunden 
gewesen war, kann man den schönen Worten entnehmen, die er im Herbst 
1894 nach Beendigung seiner Gardaseelotungen niederschrieb^): „Niemand 
kann eine Landschaft mehr genießen, als der sie forschend und suchend durch- 
streift. Rasch eilt das Dampfschiff vorbei, von dem unglücklichen Coupe - 
gefangenen ganz zu schweigen; wer aber durch Tage und Wochen sich in 
der Flur und am See umhertreibt, der sieht Farben, Formen und Stimmungen, 
die der Reisende nicht ahnt; er sieht vor allem den unglaublichen Wechsel, 
der unaufhörlich die Landschaft neugestaltet; was jetzt im scharfen Sonnen- 
glanz in allen Einzelheiten sich gliedernd vor ihm steht, verschwimmt nun 
zur dunklen, drohenden Schattenmasse; was früher im fernen Duffc verschwand, 
steht nun mächtig und ausdrucksvoll nahe; der See, der vor einer Stunde als 
farbloser Spiegel sich melancholisch dehnte, erscheint nun im hellsten Blau 
mit seinen weißen Schaumkämmen von rascher Bewegung belebt. Und noch 



1) Ein Progranmi für Seenforechung. M. D. ö. A.-V. 1890. 
2) Vom Oardaeee. Mänchener Neueste Nachrichten. Nr. 486. 20. Okt. 1894. 



Eduard Richter. 209 

einen Vorteil hat der wissenschaftliche Betrachter vor dem Yergnügungs- 
reisenden voraus: das ununterbrochene Schauen stumpft die Sinne ab; in der 
herrlichsten Landschaft sieht man die Schläfer am Verdeck sich dehnen; wer 
aber über Apparat und Notizbuch sich gebeugt hat, dem ist der Aufblick 
Labung, und dankbar empfindet er immer von neuem, daß die Natur nicht 
bloß interessant, sondern auch schön isV*' 

3. Geomorphologisohe Untersuchungen. 

Li nicht geringerem Maße als Oletscher und Seen muß den Alpen- 
forscher der unerschöpfliche Formenschatz des Hochgebirges anziehen. Richter 
war selbstverständlich auch früher nicht achtlos an den zahllosen lockenden 
Rätseln vorübergegangen, welche die Natur in jenen Regionen der wissen- 
schaftlichen Arbeit gestellt hat; aber erst als Universitätslehrer beschäftigte 
er sich eingehender damit und die Blüte der morphologischen Forschung, die 
hauptsächlich im Erscheinen von A. Pencks „Morphologie der Erdoberfläche'^ 
ihren äußeren Ausdruck fand, regte ihn zu eifriger Mitwirkung an. An- 
knüpfung bot sich in dem merkwürdigen Phänomen der Kare. 

Über diesen Gegenstand sprach ei; bereits 1894 auf der Naturforscher- 
versammlung zu Wien*); er erklärte „die Erosion des fließenden Wassers 
imd die des Eises als alleinige oder als Hauptagentien bei der Earbildung 
für ausgeschlossen^^ und erblickte deren Ursache in der mechanischen und 
chemischen Verwitterung des der Atmosphäre frei ausgesetzten Gesteins. 
,J)iese Wirkung wird um so größer sein, je mehr die ihr ausgesetzte Fläche 
sich der senkrechten Stellung nähert, da die Verwitterungsprodukte dann um 
so leichter entfernt werden oder sich entfernen, und das anstehende Gestein 
sich nicht in den schützenden Mantel seiner eigenen Späne einhüllt^^ (Wand- 
verwitterung). Diese Art der Zerstörung wirkt besonders gewaltig auf jene 
Flächen der Hochregionen, welche durch keinen Vegetationsmantel ge- 
schützt sind, also auf die Zone zwischen Fimgrenze und geschlossener 
Pflanzendecke, sowie auf alle frei liegenden Felsen der Fimregion. 

In dem Felskörper des Gebirges gibt es Stellen von lockerer Fügung 
und verminderter Widerstandskraft; da können durch Bergstürze u. dergl. 
leicht Ausbruchsnischen mit vergrößertem Neigungswinkel entstehen. Hier 
setzt nun die Wand Verwitterung mit voller Kraft ein, imd die Nische wird 
diu-ch radiales Zurückweichen der Wände bald zu einem Kare erweitert. 
Da auch scheinbar ganz homogene Gesteinsmassen den atmosphärischen An- 
griffen gegenüber große Verschiedenheiten aufweisen, so kann die Zerstörung 
an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen, von wo aus sie dann in ihrer 
Weise weitergreift. „Damit ist auch das gesellschaftliche Auftreten der Kare 
erklärt, welche demnach als die reguläre Form der Denudation für oberhalb 
des Vegetationsschutzes liegende krystallinische Gebirgsmassen zu gelten 
hätten." 

Aber auch durch das Fehlen oder die Schwäche der Wassererosion 
sind die Kare in eine gewisse Höhe verbannt; durch kräftige Erosion würden 



1) Kahre und Hochseen. Vortrag. ,,Tageblatt"d.Wieueit^«A?Qji.-'^«».%.^VL— "Wb 



210 Georg A. Lukas: 

sie ja bald in firosionstrichter verwandelt sein. Hingegen wirken fester 
Niederschlag und Yergletschemng auf Vergrößerung und Ausarbeitung der 
Kare äußerst förderlich. Einerseits wirkt die Wandyerwitterung an der 
Schneegrenze kräftiger, anderseits wird der Schutt durch die Fimbewegung 
rasch und sicher entfernt. „So wird sich ein yerfimtes Kar rascher erwei- 
tem als ein schneefreies, dazu wird der Earboden abgeschliffen, an dem ^ar- 
ausgang oder weiter abwärts am Gehänge werden Moränen abgelagert.^' 

Es ist darnach leicht verständlich, weshalb die Kare nur auf dem Boden 
alter Gletscherverbi-eitung zu finden sind. Lange vor der Eiszeit hatten sich 
an schwach bewachsenen Gebirgsketten stufenweise über einander liegende 
Kare gebildet, die durch Bäche mit Klammen und Wasserfällen verbunden 
waren. „Nun kam die Eiszeit: die Kare erweiterten sich rasch, die Kar- 
böden wurden geschliffen, Moränen wurden aufgehäuft, die Spuren der gänz- 
lich still gestellten Wassererosion allmählich verwischt. So wurden die 
Klammen, welche die einzelnen Talstufen mit einander verbanden, durch 
Moränenmaterial verstopft. Dadurch wurden beim Bückgang des Eises ganze 
Talstufen und Kare in Seen verwandelt, anderswo wenigstens einzelne Stücke 
von Talböden durch Moränenwälle abgedämmt. Hier und da bildeten sich 
auch Lachen in kleinen und gewundenen Becken zwischen den Bundhöckem, 
echte Gletsohererosionsseen." 

Die Hochseen sind also eine charakteristische sekundäre Begleiterschei- 
nung der Kare; teils liegen sie in akkumuliertem Material (Moränenseen), 
teils sind sie reine Felsbecken. Ihre vielfach bedeutende Tiefe erklärt sich 
imgezwungen aus der Verstopfung jener präglazialen Klamm, worauf sich das 
Wasser einen höheren Auslaufspunkt über den Felsriegel hin suchen mußte. 

Noch sind die Spuren der Eiszeit deutlich; „aber schon füllen sich die 
Seen aus, die Wände bekleiden sich mit ihrem eigenen Schutt, die Biegel 
werden durchsägt, und so die Kare in normale Stücke der Wassergeiinne 
verwandelt. Käme eine neue Eiszeit, so leitete sich der umgekehrte Prozeß 
ein: die kahlen Wände würden neuerdings rascher zurückweichen, es erfolgte 
eine neue Auskleidung der Täler mit Grundmoränen, neue Abschleifung der 
Biegel und Buckel, und die normale Drainierung des Landes würde Wannen- 
bildungen Platz machen." 

Über Pencks Morphologie sprach sich Bichter in zwei größeren Befe- 
raten aus (1895)^). 

Wollte er jedoch selbst nun zu einer bestinmiten Auffassung der ent- 
scheidenden Probleme gelangen, so war ein Besuch jenes Landes unerläßlich, 
das ihn als Bergsteiger schon längst wegen seiner Naturschönheiten gelockt 
hatte. 1895 kam er dahin. In Norwegen durfte er die reichste Ausbeute 
für mehr als einen Zweig seiner Forschertätigkeit erwarten; den eigentlichen 
Gegenstand seiner Studien bildeten die morphologischen Verhältnisse, 
deren Werdegang er in so klarer und einleuchtender Weise darzulegen wußte, 
daß hierdurch die norwegischen Forschungen neu belebt wurden*). Die 

1) Z. f. d. österr. Gymnasien u. M. D. ö. A.-V. 

2) Geomorphologische Beobachtungen aus Norwegen (2 Taf. n. 2 Textfig.). 
S.^Ber. d, k. Ak. d, Wisa. in Wien. Math.-naturw. Kl. Bd. CV. 1896. 



Eduard Richter 211 

„Oeomorphologischen Beobachtungen" sind den Lesern dieser Zeitschrift (1897) 
durch Alfred He ttn er auszugsweise mitgeteilt worden, worauf hier verwiesen sei. 

Richter suchte durch Analyse und Klassifikation der Gebirgsformen zu 
ihrer Erklärung zu gelangen; in Norwegen waren es die Fjeldtäler, die Kare 
(oder Botner) der Fjeldlandschafk, die Sacktäler und die Fjorde, denen er 
seine besondere Aufinerksamkeit widmete. Die Reise berührte Hardanger-, 
Sogne- und NordQord, führte durch Jotunheim und das Fjeldgebiet an der 
oberen Otta nach Trondheim und erstreckte sich bis zu den Lofoten. Am 
auffallendsten schien ihm der Gegensatz zwischen den energischen Erosions- 
formen der Fjorde imd den flachwelligen, einförmigen Fjelden. Trotz ihres 
unverkennbar glazialen Charakters ist die Fjeldlandschaft aber nicht bloß als 
glaziale Denudationsplatte aufzufassen, vielmehr ist das nach hydrographischen 
Gesetzen angeordnete Flußsystem der Hauptsache nach präglazial; auch die 
allgemeine Abdachung widerspricht der Flußrichtung des Inlandeises. Bäche 
und Flüsse vermögen den harten, geschliffenen Felsboden nur langsam anzu- 
greifen. Die glazialen Trogtäler haben keine Kare (Botner); diese finden 
sich nahe der Schneegrenze und arbeiten durch „Wandverwitterung" oberhalb 
15 — 1800 m Höhe in horizontaler Richtung an der Abtragung des Gebirges, 
während unten das fließende Wasser die Oberfläche in vertikalem Sinne zer- 
schneidet. „Daraus folgt, daß sich in dieser Höhe ein horizontales Denuda- 
tionsniveau herausbilden muß. Alle Hervorragungen über dasselbe werden 
von der Verwitterung rasch zerstört, und zwar im Wege der Ausweitung der 
Botner.^^ Das gilt für alle Hochgebirge der Erde; alle haben deshalb in 
dieser Höhe (zwischen Vegetations- und Schneegrenze) eine GefäUsknickimg. 
Die norwegischen Botner sind postglaziale Verwitterungsformen, deren Aus- 
bildung durch die Lokalvergletscherung beeinflußt ist, und die kräftig mit- 
arbeiten an der Zerstörung der großen glazialen Formen. 

Die Fjorde, in deren Formenreihe die Sacktäler nur ein Glied vor- 
stellen, lassen sich durch präglaziale Talbildung und spätere marine Trans- 
gression (während der Eiszeit) befriedigend erklären; die Schärenküste ist 
die typische Uferform glazial bearbeiteter Platten harten Gesteines. 

Richter verließ Norwegen mit der Überzeugung, daß die Arbeit des 
Eises doch größer sei, als er bislang anzunehmen geneigt war. Hier, in der 
„wahren Glaziallandschaft^^, wo nur fraglich bleibt, was von den jetzt erkenn- 
baren Formen noch präglazial ist, wo die Aushöhlung zahlloser tiefer Fels- 
becken unzweifelhaft der Eiswirkimg zugeschrieben werden muß, empfängt 
der wissenschaftliche Beobachter maßgebende Eindrücke; „darnach kann man 
die weniger sicheren oder ganz zweifelhaften Eiswirkungen in anderen Teilen 
Europas, besonders in den Alpen, beurteilen und kritisieren.^^ 

Dies tat Richter in den nun folgenden Publikationen, die sich wieder 
mit dem alpinen Formenschatz beschäftigten.^) In den „Geomorphologischen 



Die norwegische Strandebene und ihre Entstehung (4 Abb.). Globus LXIX. 1896. 
Neue Beiträge zur Morphologie von Norwegen. G. Z. 1901. 
1) Gebirgshebung und Talbildung (1 Abb.). Z. D. ö. A.-V. 1899. 
Geomorphologische Untersuchimgen in den Hochalpen (6 Taf. u. 14 Tex.t£%.V 
Erg.-H. Nr. 182 zu P. M. 1900. 



212 Georg A. Lukas: Eduard Richter. 

Untersuchungen in den Hochalpen^^ l&Bt sich der Einfluß Norwegens gegen- 
über den früheren Aufstellungen leicht erkennen. Gestützt auf den nach- 
gewiesenen Zusammenhang zwischen Karen und Gletschern wird hier der 
ehemaligen Vereisung der Alpen nachgegangen; es stellte sich folgendes 
heraus: ,^ie Alpen verdanken ihre heutigen Formen, soweit sie über die eis- 
zeitliche Schneegrenze emporreichen, der Eiszeit. Ganze Ketten von Hun- 
derten von Kilometern Länge zeigen scharfe Hochgebirgsformen, mit Karen 
imd Graten dazwischen, obwohl sie gegenwärtig nicht mehr Gletscher tragen. 
Ohne Eiszeit besäßen sie Mittelgebirgsformen. Auch an den heute verglet- 
scherten Ketten läßt sich der Einfluß der einst viel stärkeren Vereisung an 
den^ Formen deutlich nachweisen . . . Die Hochseen sind offenbar glazialen 
Ursprungs, wenn auch der Vorgang ihrer Ausgrabung schwer vorstellbar ist.^^ 
Mit dieser großen Arbeit, die noch in zu frischer Erinnerung steht, als 
daß sie einer ausführlichen Besprechung bedürfte, erachtete Richter selbst 
seine morphologischen Forschungen wenigstens vorläufig für abgeschlossen. 
Selbstverständlich hörte er aber auch jetzt nicht auf, diesen Studien vollste 
Aufinerksamkeit zu widmen; insbesondere standen sie unter den Gegenständen 
seiner Lehrtätigkeit dauernd in erster Reihe. (Schluß folgt.) 



Die tiergeographischen Reiehe und Regionen. 

Von Theodor Arldt. 

Als Sclater 1858 die Erdoberfläche zum ersten Mal in tiergeographische 
Regionen teilte, sah er in jeder derselben ein selbständiges Schöpfiingszentrum, 
und wenn auch diese Auffassung von seinen Nachfolgern, besonders von 
Wallace, sehr bald aufgegeben wurde, so glaubten diese doch, daß das auf 
der Verbreitimg einer Tiergruppe begründete Schema auch für alle anderen 
gelten müsse. Dies war ein Lrtum, wie man schon aus der Tatsache er- 
sehen kann, daß die Einteilung der Erde ganz verschieden aus^Ut, je nach 
der ihr zu Gnmde liegenden Tierform. Man vergleiche hierzu die Zusammen- 
stellimg einiger tiergeographischer Systeme in den beigegebenen drei Tabellen. 
Daß die Tierverbreitung sich nicht in ein starres Schema fassen läßt, ist 
auch ganz natürlich, da die einzelnen Tiergruppen zu verschiedenen geologi- 
schen Zeiten bei verschiedener Verteilung von Land und Meer sich entwickelt 
haben und eine sehr verschiedene Migrationsfähigkeit besitzen. Aus diesem 
Grunde ist in der Tiergeographie der „individualistische" Standpunkt, wie 
ihn Maas bezeichnet hat, mehr in den Vordergrund gestellt worden, der 
sich die möglichst intensive Erforschung eines beschränkten Gebietes zur 
Hauptaufgabe gestellt hat. Trotzdem läßt sich aber die Einteilung in Re- 
gionen schon aus systematischen Gründen nicht gut völlig entbehren. Bei 
der Abgrenzung derselben dürfen wir uns aber nicht einer rein statistischen 
Methode bedienen, sondern müssen auch auf die Tatsachen der Geotektonik 
und der tertiären und mesozoischen Paläogeographie Rücksicht nehmen, so- 
rre/t diese bis jetzt haben festgestellt werden können, da die verschiedene 



Th. Arldt: Die tiergeographischen Reiche und Regionen. 213 

Faanenentwicklung der einzelnen Kontinente durch ihre jüngste geologische 
Geschichte bedingt ist. Am bekanntesten sind auch jetzt noch die ältesten 
von Sclater vorgeschlagenen und von Wallace etwas modifizierten 6 Re- 
gijpnen zu je 4 Unterregionen, eine leicht zu merkende, aber sehr schema- 
tische Einteilung, die schon durch ihre Gleichmäßigkeit den verwickelten 
natürlichen Verhältnissen sich nicht ungezwimgen anpassen läßt. In Folge 
dessen sind auch viele Yerbessenmgsvorschläge gemacht worden, von denen 
wir einen Teil zunächst kurz besprechen wollen. 

Die neotropische Region von Wallace ist durch zahlreiche ende- 
mische Gattungen und selbst Familien so wohl charakterisiert, daß sie von 
allen seinen Nachfolgern unverändert beibehalten worden ist, nur Eobelt 
zerlegt sie in neun Regionen, freilich hat dieser auch für die ganze Erde 
28 angenommen. Die wichtigste Veränderung, der das Wallacesche System 
unterworfen worden ist, bezieht sich auf das Verhältnis der nearktischen zur 
paläarktischen Region. Wallace suchte zwar auch in späteren Veröffent- 
lichungen die Selbständigkeit der ersteren zu verteidigen*), aber je weiter 
wir nach Norden kommen, um so auffälliger wird die Ähnlichkeit beider 
Regionen, um zuletzt in völlige Gleichheit überzugehen. Möbius schuf aus 
diesem Grunde eine zirkumpolare arktische Zone, sah aber im übrigen die 
beiden Hemisphären als getrennte Gebiete an. Am radikalsten war der Vor- 
schlag von Prof. A. Newton, beide Regionen zu einer holarktischen zu 
vereinigen, von der freilich Heilprin die südlichen Teile als sonorische und 
als mittelländische Region abtrennte. Die letztere ist nicht lange als selb- 
ständig angesehen worden. Dagegen wird die erste auch von Blanford, 
Lydekker, Kobelt, Pocock und Maas als Region angesehen, die ihr 
aber eine größere Ausdehnung geben als Heilprin. AufÜlllig ist dabei, daß 
Lydekker sich genötigt sieht, zwischen dem sonorischen und dem holark- 
tischen Gebiete eine „transition gone*' anzunehmen, und daß von den durch 
ihn zusammengestellten für die sonorische Region charakteristischen 30 Säuge- 
tiergattungen 15 auch in die holarktische, 13 in die neotropische eintreten 
und nur 8 rein endemisch sind, und zwar fast alles Nager, die allgemein 
reich an endemischen Formen sind.*) Die sonorische Region erscheint hier- 
nach mehr als ein Übergangsgebiet, in dem neotropische und holarktische 
Formen sich mengen. Da aber die letzteren vorherrschen, und die Grenze 
gegen die holarktische Region gänzlich verwischt ist, so dürfen wir das sono- 
rische Gebiet der letzteren zurechnen, ebenso wie andere Übergangsgebiete in 
der alten Welt, zumal bei den niederen Tieren eine deutliche Grenze ebenso- 
wenig existiert. Daß Kanada zur holarktischen Region zu rechnen ist, kann 
man schon daraus ersehen, daß Eobelt, der doch im allgemeinen sehr kleine 
Regionen annimmt, auf Grund der Verteilung der Binnenkonchylien Kanada 
mit Sibirien, Europa und dem Mittelmeergebiete als eine Region zusammen- 

1) Wallace. The Palaearctic and Nearctic Regions compared as regards the 
Families and Genera of their Mammalia and Birds. Natural Science Bd. IV. 1894. 
S. 438—446. 

2) Lydekker. Die geographische Verbreitung und geologische Entwicklung 
der Säugetiere. Deutsche Ausgabe. 2. Aufl. 1901. S. 4^^— bQ\. 



214 Th. Arldt: 

faßt. In dieser großen holarktischen Begion, die also heide Wal lace sehe 
Begionen umfaßt, können wir drei Abteilungen unterscheiden: die zirkum- 
polare boreale, die der arktischen Region von Möbius und dem Nordpolar- 
gebiet von Matschie entspricht, die nearktische imd die paläarktische, ypn 
denen die beiden letzten wieder in ünterregionen zu zerlegen sind. 

Die äthiopische Begion wird wieder allgemein anerkannt, doch ist 
nach Möbius, Beichenow, Blanford, Ljdekker, Matschie und Kobelt 
Madagaskar als selbständige Begion abzutrennen. Daftir spricht die große 
Anzahl endemischer Formen. So sind nach Ljdekker^) unter den Säuge- 
tieren Madagaskars von 14 Familien 5, von 37 Gattungen 34, von 81 Arten 
78, also bez. 36%, 92% und 96% endemisch. Ebenso sind zahlreiche ende- 
mische Formen aus den anderen Tierklassen yorhanden, sowie eine weitere Beihe 
von Tieren, die in Afrika fehlen, dagegen Madagaskar mit anderen Begionen 
gemeinsam sind. 

Bei der orientalischen Begion ist die Abgrenzung gegen die austra- 
lische zweifelhaft, da die Wallace-Linie sich nicht als die scharfe Scheide- 
linie bewährt hat, die man erst in ihr sah. Die tektonische Grenzlinie zyn- 
sehen den asiatischen und den australischen Inselbögen yerläuft zwischen den 
Kei- und den Aru-Inseln hindurch durch die Ceram-See, zwischen Obi- und 
Sula-Inseln, und dann zwischen Halmahera einerseits und Celebes und den 
Salibabu-Inseln andererseits hindurch. Celebes, die kleinen Sunda-Inseln ein- 
schließlich Timor, die Südost- und die Kei-Inseln, Ceram, Buru, die Sula- 
Inseln gehören hiemach zu Asien, Halmahera, Obi, die Aru-Inseln zu Austra- 
lien. Es liegt kein Grund vor, warum die Begionengrenze dieser tektonischen 
Linie nicht folgen sollte, kann sie in einem Übergangsgebiete wie den malaj- 
ischen Inseln doch einmal nur konventionell sein. Celebes hält auch Pa- 
lacky*) fttr dem malajischen Gebiet angehörig, nach den Vettern Sarasin') 
sind dorthin von den Mollusken nur 257o9 ▼on den Beptilien und Amphibien 
18%, von den Vögeln 30% von der australischen Seite her eingewandert, 
dabei sind aber die Formen mitgerechnet, die von Flores kamen, es sind also 
darunter immer noch indische Typen. Unter den Säugetieren endlich ist 
australisch nur die Grattnng phälanger gegenüber zahlreichen indischen Formen. 
Ähnlich liegen die Verhältnisse in Timor, das von den Gattungen macaeus^ 
paradoxurus^ viverra^ felis, hystrix und cervtM erreicht worden ist. Dagegen 
ist Halmahera von einer zweiten Beutlergattung petaurus erreicht und ebenso 
von den Paradiesvögeln (semioptera) , die beide in Ceram fehlen.^) Daß in 
den nunmehr zur orientalischen Begion gezählten Gebieten noch vereinzelte 
australische Formen vorkommen, darf uns nicht mehr stören, als das Auf- 
treten indischer Formen, wie altweltlicher Sperlingsvögel, Beptilien und Am- 
phibien in Melanesien, das selbst auch noch als Übergangsgebiet aufzufassen ist 



1) Lydekker, a. a. 0. S. 296—296. 

2) Palacky. Die Verbreitung der Batrachier auf der Erde. Verh. d. k. k. 
zool.-bot. GesellBchaft in Wien. 1898. S. 880. 

3) P. u. F. Sarasin. Über die geologische Greschichte der Insel Celebes auf 
Grund der Tierverbreitung. Wiesbaden 1901. 

4J Lydekker, a. a. 0. S. 64—69. 



Die tiergeographiflchen Reiche and Regionen. 215 

Die letzte strittige Frage bei der Abgrenzung der Regionen ist die, ob die 
ozeanischen Inseln als australische ünterregion oder als selbständige Region 
oder Regionen aufzufassen sind. Tiergeographen, die sich auf die Verbreitung 
der Säugetiere stützen, müssen sich mehr der letzteren Ansicht zuneigen, im 
übrigen aber ist die ozeanische Fauna eine verarmte festländische und hat 
nicht allzuviel endemische Formen aufzuweisen, am meisten natürlich die 
größeren Landgebiete Neuseeland, die Hawaii- und die Samoa-Inseln. Immer- 
hin scheint der Endemismus nicht groß genug zu sein, um eine regionale 
Trennung zu rechtfertigen, wie ja auch die an endemischen Formen reichen 
Oalapagos-Inseln trotzdem zur neotropischen Region gerechnet werden. Das 
antarktische Gebiet endlich kann vorläufig in die tiergeographischen Systeme 
noch nicht einbezogen werden. Im übrigen sei betreffs der Regionaleinteilung 
hier nochmals auf Tabelle 11 und m verwiesen, in der natürlich neben- 
einander stehende Ausdrücke nur annähernd sich decken, und die auf Voll- 
ständigkeit keinen Anspruch machen. 

Wenden wir uns nun der Zusammenfassung von tiergeographischen Re- 
gionen zu Reichen zu, so hat Sclater in seinem ersten Werke die amerika- 
nischen Regionen als Neogäa, die anderen als Paläogäa zusammengefaßt, 
entsprechend der neuen und der alten Welt. Diese Zusammenfassung paßte 
aber nur für die Vögel ^). Einen großen Fortschritt brachte Huxley, der die 
beiden arktischen, die äthiopische und die orientalische Region als Arktogäa 
zusammenfaßte wegen der Übereinstimmung derselben wenigstens in den Fami- 
lien der höheren Tiere. Name und Begriff Arktogäa haben sich bei den eng- 
lischen Tiergeographen unverändert behauptet. Die beiden anderen Regionen 
faßte Huxley als Notogäa zusammen in Gegensatz zu den nördlichen Gebieten, 
er setzte also an die Stelle der meridionalen Gliederung Sclaters eine modi- 
fizierte zonale. Wegen der beträchtlichen Verschiedenheit der jetzt lebenden 
Fauna der Teile von Notogäa zerlegte Sclater sechs Jahre später dieses Reich 
in Dendrogäa = Südamerika, Ornithogäa = Polynesien und Antarktogäa == 
Australien. Von diesen Namen war allerdings nur der mittlere glücklich ge- 
wählt, während der erste für die Pampas und Llanos nicht recht paßte, und 
der letzte leicht mißzuverstehen war. Blanford zog die beiden letzten Reiche 
Sclaters wieder in ein australisches zusammen imd ein imgenannter Verfasser 
brachte drei Jahre später Huxleys Namen Notogäa dafür in Vorschlag, während 
er Blanfords südamerikanisches Reich nach Sclater als Neogäa bezeichnete. 
In ähnlicher Weise klassifizierte Maas, indem er zunächst Australien als meso- 
zoische Erde in Gegensatz zu der übrigen tertiären Erde setzte, und bei 
dieser wieder Südamerika zu den andern Regionen. Das Wort mesozoisch 
scheint mir hier wenig treffend zu sein. Wohl finden wir unter den austra- 
lischen Säugetieren als Hauptvertreter die Beuteltiere, die bei uns im Meso- 
zoikimi weit verbreitet waren, aber die mesozoischen Beutler stehen doch den 
rezenten australischen ebenso fem, als die primitiven plazentalen Säugetiere 
den hoch entwickelten Ordnungen der Primaten, Raubtiere und Huftiere. 



1) Vgl. Reichenow. Die Begrenzung der zoologischen Regionen vom ornitho- 
logischen Standpunkte aus. Zool. Jahrbücher 1888. 



216 Th. Arldt: 

Die australischen Tiere sind durchaus nicht auf der mesozoischen Entwick- 
lungsstufe stehen gehlieben, haben sich yiehnehr in ähnlicher Weise weiter 
entwickelt und differenziert, wie die höheren Säugetiere. Dazu kommt, daß 
wir nicht einmal wissen, ob die Beuteltiere vor dem Tertiär überhaupt in 
Australien waren. Das Vorkommen echter Beutelmarder in der jedenfalls 
oligocänen Santa Cruz -Formation Ton Patagonien erweckt daran wenigstens 
lebhaften Zweifel. Mehr erinnern an die mesozoische Zeit die Brückenechse 
Neuseelands (haUerid), der Lungenfisch ceratodus^ die bei uns jurassische 
Muschelgattung trigonia, doch ist auch bei diesen Tieren eine Weiterentwick- 
lung nicht zu verkennen. Unter den Vögeln, den Schlangen, Eidechsen und 
Amphibien aber finden wir vollends nur tertiäre Typen in Australien ver- 
treten. Auch Matschie sieht ein selbständiges Eeich in Australien und 
ebenso in Madagaskar, während er alle anderen Regionen als kontinentales 
Reich zusammenfaßt, für das die Verbreitung der Gattungen canis und lutra 
charakteristisch ist, indem in jedem Gebiete wenigstens eine Himde- und eine 
Fischotterart vorkommt. Den Dingo sieht demnach Matschie zweifellos als 
ursprünglich domestizierten Hund an im Gegensatz zu Ne bringt). Weiter 
ist an das Eontinentalreich gebunden das Vorkommen von Affen, Katzen, 
Eichhörnchen, Hasen, Huftieren und Zahnarmen. Im folgenden soll nun eine 
neue Gruppierung vorgeschlagen werden, die nicht nur auf die gegenwärtige 
Verbreitung möglichst vieler Tiergruppen Rücksicht nimmt, sondern auch die 
historische Entwicklung der Kontinente und ihrer Fauna nicht außer Acht läßt. 
Als Huxlej Südamerika und Australien als Notogäa zusammenfaßte, 
schienen die beiden Regionen einander ziemlich fremd gegenüber zu stehen. 
Neuerdings hat sich aber gezeigt, daß dies nicht der Fall ist. Ähnlichkeiten 
haben sich bei den Wirbeltieren wie auch bei den Wirbellosen herausgestellt, 
auf die besonders von Jhering*), Moreno*), Plate*), Stoll^), Smith- 
Woodward^) und Palacky^ hingewiesen worden ist. Auch Lydekker 
hat auf verschiedene Verwandtschaften unter den Säugetieren aufmerksam 

1) Nehring. Sitzungsberichte d. naturf. Freunde. Berlin 1882. S. 67. — Zoo- 
logiBcher Garten 1885. S. 164. 

2) Jhering. Ausland 1890, S. 941—944, 968—978; 1891, S. 844—861; 1893, 
Nr. 1—4. — Archiv f. Naturgeschichte 1890, S. 117—170; 1893, S. 45—140. — 
Yerh. d. d. wiss. Ver. z. Santiago 1891, S. 142—149. — New Zealand Journal 
of Science 1891, S. 151—164. — Transact. of the New Zealand Institute 1891, 
S. 431—445. — Englers Botan. Jahrbücher 1893, S. 1—64. — Berliner entomol. Zeit- 
schrift 1894, S. 321—446. — Revista do Musen Paulista 1898, 8. 217—282. — Science 
1900, S. 857—864. 

3) Moreno. Note on the discovery of Miolania and of Glossotherium in Pata- 
gonia. Geol. Mag. 1899. 

4) Plate. Über Cjclostomen der südlichen Halbkugel. Tagebl. d. 6. intern. 
Zool.- Kongreß. Berlin 1901. 

5) StoU. Zur Zoogeographie der landbewohnenden Wirbellosen. Berlin 1897. 

6) Smith -Wood ward. On some extinct Beptiles of Patagonia. Proc. zool. 
Sog. London 1901. 

7) Palacky. Verh. d. Ges. d. Naturforscher u. Ärzte 1894. Bd. U, 1 S. 129—133. 
— Verh. d. k. k. zooL-bot. Ges. in Wien 1898. S. 874—382. — Mem. Soc. Zool. 
Paris 1898. — St. d. k. böhm. Ges. d. Wiss. 1898. — Zool. Jahrbücher. Abt. f. 

Syrstematik, Geographie u. Biologie d. Tiere. 1902. S. 249—266. 



Die tiergeograpbischen Reiche and Regionen. 217 

gemacht. Wir können im folgenden selbstverst&ndlich nur eine sehr geringe 
Auswahl von den zahlreichen Formen aufFühren, die in beiden Regionen sich 
entsprechen. Es sollen nur für die wichtigsten Tierklassen ein paar charak- 
teristische Vertreter genannt werden. Unter den Säugetieren finden wir 
wie schon erwähnt in Patagonien fossile Vertreter der jetzt iypisch austra- 
lischen Beutelmarder {dasyuridcte)^ daneben auch Formen (plagiaüUundae von 
Santa Cruz), die mit den Känguruhratten (hifpsiprymnidae) auffallend über- 
einstimmen. Bei den Sirenen entspricht chronozoon aus dem australischen 
Pliocän ribodon aus dem patagonischen Miocän und antaodon aus dem dor- 
tigen Pliocän. Unter den Vögeln sei verwiesen auf die Papageien, die 
Tauben- und Hühnervögel, besonders auf die südamerikanischen Rallenvögel 
cariarntty phororharos, aramus, psophia und eurypyga, mit denen der neukale- 
donische Rallenkranich rhinochefus nächstverwandt ist, ebenso auf die Verbrei- 
tung der Pinguine. Bei den Reptilien kommt die ozeanische Gattung 
(nygrn8 auch in Brasilien in 6 Arten vor. Die amerikanischen Iguaniden 
erscheinen auch auf den Fidschi -Inseln. Die Lurchschildkröten (chdydidae) 
sind beiden Regionen gemeinsam. Unter den Amphibien sind die Beispiele 
spärlich, die australischen weisen fast alle nach Indien. Bei den Fischen 
sind unter den Physostomen die Haplochitoniden und Oalaxiaden im südlichen 
Teile beider Regionen gefunden worden, abgesehen von anderen Ähnlichkeiten. 
Unter den Insekten erwähnen wir die Ameisen iridamyrwex, acantfiaponera, 
daccton'Oryctoyuatlms^)^ die Stephanide stenopasmtis, die Pelecinide monomachus, 
die Thynniden elaphrodera-thyrintis und apenesia, den Laufkäfer pseudamorpha, 
die Prachtkäfer curis und acJterusia, den Weichhautkäfer rhipidocera, den Bunt- 
käfer natalis, den Schnellkäfer horistonatvs , den Schwarzkäfer mfiohoeus, die 
Schmetterlinge curyades-euryats, ithome-hamudryas (papüionidae), die Schwärmer- 
familie der castniidae, die Schnaken tanyderus, d^donia-cerozodia, die Heu- 
schrecke s^ihria; unter den übrigen Arthropoden die Spinnen arcys, crypto- 
thrle, uloborus, den Afterskorpion ideohishim, die Milben hctemaphyadlis und 
mrgisthanus , die Gameele atya und die isolierte Gattung peripatus. Unt^r 
den Landmollusken sind erwähnenswert geostilbia, nenia-gamicria , diplom- 
matina und die Unterfamilie der binneymae, zu den Wegschnecken gehörig. 
Aus der Zahl der Würmer endlich nennen wir die Regenwürmer urochada 
und eudnliis, die Landplanarie geoplana luid die Landblutegel cylicohddla- 
haemadipsa. 

Wie zwischen Australien und Südamerika hat man auch zwischen der 
letzteren Region und Afrika verwandtschaftliche Beziehungen entdeckt, und 
zwar weist eine besonders auffallende Ähnlichkeit Madagaskar auf, das nicht 
mit von der pliocänen Invasion holarktisch-orientalischer Tiere betroffen wurde, 
die der höheren Tierwelt von Afrika ihren Charakter aufgedrückt hat. Auf 
diese Beziehungen finden wir bei den oben zitierten Forschem hingewiesen, 
denen ich hier noch Seh arff')^ anfügen möchte. Die Beziehungen sind hier 
sogar noch vielseitiger als zwischen Südamerika und Australien. Wir stellen 

1) Die durch Bindestrich vereinigten Namen bezeichnen vikariierende Gattungen. 

2) Schar ff. Seme Remarks on the Atlantis Problem. Proc. of the R. Irish Ac. 
Bd. 24. Sekt. B. 1902. S. 268—302. 

Q«ognphiiche ZeitBcbritt. lt. Jahrgang. 1906. i.Heti. V^ 



218 Th. Arldt: 

zunächst einige der wichtigsten Ähnlichkeiten zwischen Südamerika und 
Madagaskar zusammen. Unter den Säugetieren ist solcnodan von den An- 
tillen nächstverwandt den Borstenigeln (centetldae) von Madagaskar, den 
Lemoriden der letzteren Insel stehen die südamerikanischen Affen am näch- 
sten. Bei den Vögeln gehört mesites zu den oben erwähnten Rallenvögeln. 
Unter den Beptilien sind zu erwähnen die Riesenschlange hoa, die in zwei 
Arten in Madagaskar vertreten ist; die Leguane, die auch hier vorkommen, 
sowie die Schildkröte podocnemis; unter den Amphibien die Familie der 
Baumfrösche (de^idrohaüdae)^ von der 7 Arten in Südamerika, 6 in Mada- 
gaskar endemisch sind; von den Insekten die Ameisen cylindromyrnieX' 
simopone, leptotharax^ die Sandlaufkäfer peridexia, denostoma-pogonostoma, 
die Schmetterlinge urcmidia-chrysiridiay die Schnake erioctra, die Heuschrecken 
iurpilut, podosdrtus; von den übrigen Arthropoden die Skorpionsspinne 
phrynus, der Tausendfüßer siphonophara, die Garneele atya, die Asseln meto- 
ponorthus und phüoscia. Von den Mollusken nennen wir Iminesia. Afrika 
und Südamerika bez. auch noch Madagaskar gemeinsame Formen finden wir 
in noch größerer Zahl. Auf die Verwandtschaft der Cebiden und Lemuriden 
ist schon hingewiesen. Von den übrigen Säugetieren ist ein fossiler In- 
sektenfresser Patagoniens necrolestes sehr ähnlich dem südafrikanischen Gold- 
mull {chrysochloris). Die hystricomorphen Nager sind vorwiegend neotropisch, 
doch gehören zu ihnen die afrikanischen Ctenodactyliden und die Stachel- 
schweine, die ebenfalls in Afrika ihre Hauptverbreitung haben. Die süd- 
amerikanischen fossilen Tjpotherien, Toxodontier und Litoptemen sind nächst- 
verwandt dem Schliefer Qiyrax)^ den südamerikanischen Zahnarmen entspre- 
chen Erdferkel {oryderopxAs) und Schuppentier (manis)^ die Sirene manahis 
weidet an der atlantischen Küste Südamerikas sowohl wie an den Ufern West- 
afrikas. Von den Vögeln sind besonders die echten Papageien (psUtacidac) 
zu erwähnen, sowie einige Enten, wie die Witwenente, und die Pinguine. 
Unter den Reptilien erwähnen wir die westafrikanische Riesenschlange pelo- 
phüxiSy die mit der südamerikanischen hoa verwandt ist, ferner die Doppel- 
schleiche anops, die Eidechsenfamilie der lepidosternidae, die Lurchschildkröten 
{cJielydidae)] unter den Amphibien die zungenlosen Frösche, nämlich die 
südamerikanische Walenkröte {pipa) und den afrikanischen Spomfrosch (dacty- 
letJira)] unter den Fischen die Chromiden, Characiniden , Pimelodinen und 
die Lungenfische (Jepidosircn-proiopterus). Von den Insekten sind zu nennen 
die Ameisen eciton-anamma, Jahidus-aenicfus, kptogmys, platythyrca. anochetus, 
pogonomynncx-ocymyrmex, pseudomyrtna-sima, trafiopelta-carcbara, die Hunger- 
wespe stenopasmus, die Käfer lia, goniotropis, hypolithus, gfderita, alindria, 
epilissus, hrinthe, arrhenodes, mnorgus, die Schmetterlinge hypanartia, oxyneira^ 
hucochifanea, pardaleodea, tachyris, acracn, die Heuschrecken agroccia, mcran- 
cidluSy curülla, cyrtoxiphus, scHdderia-corymeta ; von den anderen Arthro- 
poden die Afterspinne crypiostemma, die Milbe megisthanus sowie peripatu^. 
Unter den Mollusken sind gemeinsam eustrcptaxis , unter den Würmern 
geogenia, acanthodnlus , trigaster^ gordiodrilus, nematogenia sowie die genscoU- 
cidae. Diese vielfache Übereinstimmung der südlichen Kontinente läßt auf 
eine frühere Verbindung derselben schließen, wie sie tatsächlich zwischen 



Die tiergeographischen Reiche und Regionen. 219 

Afrika und Südamerika von den meisten Geologen ftlr die mesozoische Zeit 
angenommen wird, und wie sie auch zwischen Südamerika und Australien 
wahrscheinlich gemacht worden isi^) Diese südliche Landmasse hat jeden- 
falls spätestens in der Eocanzeit sich in die jetzigen Kontinente aufgelöst. 
Die Stücken hatten anfangs sehr ähnliche Faunen, die sich später inmier 
mehr spezialisierten, am meisten bei den höchststehenden Wirbeltieren, den 
Säugetieren und Vögeln, und da man nach diesen zuerst die Erde in Re- 
gionen einteilte, mußten die Südkontinente einander fremd erscheinen. Dazu 
kam noch, daß in der Miocän- und der Pliocänzeit nordische Tiere in ver- 
schiedenem Maße in die bisher isolierten Gebiete eindrangen, sehr spärlich 
in Australien und Madagaskar, reichlicher in Südamerika, in hohem Maße in 
Afrika. In dem letzten Erdteile wurden die alteinheimischen Formen ganz 
zurückgedrängt, in den anderen Gebieten sind aber auch jetzt noch die Nach- 
kommen der alttertiären Faima das vorherrschende Element. In Folge dessen 
machen die Tiere dieser Länder auch einen so fremdartigen und altertüm- 
lichen Eindruck auf uns. Weil nun also die drei Regionen Australien, Süd- 
amerika und Madagaskar jetzt noch durch ihre alte Faima charakterisiert 
sind, können wir sie als ein tiergeographisches Reich zusammenfassen unter 
dem Namen Paläogäa, das in dem alten Sclat er sehen Sinne doch nicht 
mehr in Gebrauch ist. Wollte man die Namensgleichheit vermeiden, so wäre 
der Name Archäogäa ebenso treffend, doch glaubte ich Paläogäa wegen der 
Analogie zu den geologischen Perioden vorziehen zu sollen. AMka dagegen 
zeigt einen moderneren Typus. Die Tierfamilien besonders aus der Klasse der 
Säugetiere, die hier vorherrschen, sind fast alle aus dem holarktischen Miocän 
oder Pliocän bekannt, während sie jetzt in den nördlichen Gebieten meist 
verschwunden sind, wie die Menschenaffen, die Hyänen imd Schleichkatzen, 
die Elefanten, die Antilopen, Giraffen, Zwergmoschustiere und Flußpferde, 
und die Nashörner. Diese Formen haben z. T. in dem für sie sehr geeig- 
neten Savannengebiete Afrikas sich außerordentlich differenziert. Eine ähn- 
liche Entwicklung griff in der orientalischen Region Platz, die vielleicht bis 
zur Pliocänzeit wenigstens zeitweise ein Teil der holarktischen Region ge- 
wesen ist und in Folge dessen bei weitem nicht so viel alte südkontinentale 
Formen aufweist wie das festländische Afrika. Trotzdem ist die Ähnlichkeit 
zwischen den beiden Regionen so groß, daß Allen*) sie wieder in eine Region 
zusammenfassen wollte, und daß wir mit um so größcrem Rechte beide als ein 
Reich ansehen können, das wir als Mesogäa bezeichnen, da in ihm die 
mitteltertiäre holarktische Fauna sich besonders spezialisiert hat. Die hol- 
arktische Region bildet dann allein das dritte Reich, das die modernsten 
Formen enthält, die unter wesentlicher Beeinflussung durch die Eizeit sich 
entwickelt haben. Wir nennen es Känogäa. Wir kommen also zu folgender 
Einteilung der festen Erdoberfläche: 



1) Vergl. C. Burekhardt. Traces g^ologiques d*un ancient continent paci- 
fique. Rev. Museo La Plata Vol. X. 1900. 

2) Allen. The Geographica! Distribution of North American Mammals. BulL 
Amer. Mus. Vol. IV. 1892. 



220 Th. Arldt: Die tiergeographiflchen Reiche und Regionen. 

I. Paläogäisches Reich: 1) australische Region mit 5 Unterregionen; 
2) neotropische Region mit 4 Unterregionen; 3) madagassische Region mit 
3 Unterregionen. 

n. Mesogäisches Reich: l) äthiopische Region mit 3 Unterregionen; 
2) orientalische Region mit 6 Unterregionen. 

ni. Känogäisches Reich: l) holarktische Region: a) paläarktische Ab- 
teilung mit 5 Unterregionen; b) boreale Abteilung mit 1 Unterregion; 
c) nearktische Abteilung mit 2 Unterregionen. 

Die Namen der Unterregionen sind aus Tabelle m zu ersehen. 

Anhang. 

Verzeichnis der den folgenden Tabellen zu Grunde liegenden Literatur. 

1. Sclater,P. On the General Geographical Distribution of the Members of the 
aasB Aves. Joum. Lum. See. Zool. Vol. 11. 1868. S. 180—146. — 2. Huxley. On 
the Classification and Distribution of Alectoromorphae and Heteromorphae. Proc. 
Zool. Sog. 1868. S. 294—819. — 8. Sclater, P. The Geographical Distribution of 
Mammals. Manchester Science Lectures. 6. and6. ser. 1874. S. 202— 219. — 4. Wal- 
lace. The Geographical Distribution of Animals. London 1876. — 6. Moebius. Die 
Artbegriffe und ihr Verhältnis zur Abstammungslehre. ZooL Jahrb. Bd. I. 1886. — 
6. Heilprin. The Geographical and Geological Distribution of Animals. Inter- 
national Scientific Series. London 1887. — 7. Blanford. Anniversary Address to 
the Geological Society. Proc. Geol. Soc. 1890. S. 48—110. — 8. Anonymus. The 
Nearctic Region and its Mammals. Natural Science Vol. HI. 1898. S. 288—292. — 
9. Lydekker. A Geographical History of Mammals. Cambridge 1896. — 10. Mat- 
sch ie. Geographische Fragen aus der Säugetierkunde. Verh. d. Gesellsch. f. Erd- 
kde, zu Berlin. Bd. 28. 1896. S. 247— 249. — 11. Kobelt. Studien zur Zoogeographie. 
Wiesbaden 1897. — 12. Pocock. The Geographical Distribution of the Arachnida 
of the Orders Pedipalpi and Solifugae. Natural Science 1899. — 18. Maas. Streit- 
fragen der Tiergeographie. G. Z. 1902. S. 121—140. 



Tabelle L Zoogeographische Reiche. 



Begionenu. 
Subregio- 
nen nach 
Wallace 


Sclater 
1868 


Huxley 
1868 


Sclater 
1874 


Blanford 
1890 


Anonym 

1893 
Lydekker 

1896 


Matsohie 
1896 


Maas 
190a 


Arldt 
1905 


Ne- 

arktische 


- 




Arktogäa 


Arktogäa 


Arktugäa 

Notogäa 
Neogäa 


Kontinen- 
talgebiet 

Gebiet 


Tertiäre 
Erde b 


Känogäa 


Palä- 
arktische , 


Orien- 
talische 

Äthiopische 
ohne Mada- 
gaskar 
"Madagas-" 
sische 


Palitogfta 


Arktogäa 


Mesogäa 


Austro- 
malayische 
Austra- 
lische 
Polyne- 
sische 




Notogfta 


Ant- 
arktogfta 

Omitho- 


Austra- 
lische Beg. 


Südliches 
Gebiet 


1 

Meso- Paläogäa 
soische 

VrAt» 


Neusee- 
ländische 

Neo- 
tropische 








■mr^^^M.. 




Dendrogäail;;^*^^^ 


iu 
Kont.-Geb. 


Tertiäre 
Erde a 


MrktiMcbe 1 1 


_ 


- 


- 


- 






il 



B I 



11 
'1 



} 



'1^ 



u 



I 

.2 

o 



11 



I o n 
o « 



S 



•I 

OD 

3 
S* 
I 

s 

8 






II 

u 



4 



^1 



II 

O 



I -g 



§ 



IB 



«- i l«5 



® 1» 



i 


10'? 


u 


1«'! 


'S 'S 


ä^l'S 


a 


o< «loo 



I 



llll 



o 



S 

1 



o . 



^ii^l^F 







11 



3 
1 
S, 

'S 



a> 
o 



I. 



»8 
S 

o 

2 

CO 



§§ 

SC3 u 



^ 

••-< 



.0 



^2 

■c5 






8 
1 

5 



■ I 

a ^ 

I ^ 

5 ! 

I ! I 

A 5 

I . ' 



II 






\ 



a .ü 



i 'Maa\ %\ ^|\|^ 



A 



^< 




Tabelle m. ZoogeographiBche Unteiregionen. 



Wallace 
1876 



Ljdekker *) 
18D6 



Matchie 
1896 



Kobelt (Reg.) 
I 1897 ») 



Arldt 
1905 



Fatagon. Argent. 

Anden 

I 

Brasilien i 

Guayana- 
Columbia 

Gentralamerika 



— I Chilenisohe | Chilenische 

I 



Patagonisch- 

Ghilenitchet 

Urgeb. 



Brasilische 



Brasilische 



sudamerika- 
nisches 



Mexiko _ 
Weetindien 



Mexikanische j Mexikanische j 



|_ AntiUische^ 
! Gallfomische 



Union, w. T. 



Union, 0. T. 



Cauada 



Arktisches Oeb. 

Europa ohne 
Mittelmeergebiet 

~" Sibirien _ 
Central-Asien 

Tibet 



Felsengeb. Ur. 



Alleghauies Cr.j 
Cauadische 

! 

I Europftisohe | 

.i_ — 



Antillische 

~ Nieder- 

kalifonilBcLu 

Nieder- 

Bonorischc 

Öbersonorische 



Sibirische 



China, Japan Mandschurische 



Übergangssone 
Ganadische 

Arktische 

Europäische 

Central- 
asiatisohe ! 

Tibetanische I 
"Kaschmir Ur.~| 
Mandschurische , 



Vereinigte 
Staaten Urg. 



Canadisohes 

Labrador Ugb.? 

" Sit ka Ugb.y 

I Nordpolargeb. 

"BaltiscTies 

Pontisches 

Sibirisches 



Argent.- i 
Fatagonische 1 
Südliche Anden 
Nördliche Anden j 
SUdbrasillsche | 
Guayanische , 
Culumbische 

Central"- | 
amerikanische j 
Mexikanische 
Westindische 



Sonorisch- 
Columbische 



Holarktlscho 



Kaspisches 
Chinesisches 



Fatagonische 

Brasilische 

Central- 
amerikanische 

"Westindischö" 

Sonoriscbe 

Canadische 

Boreale 
Europftisohe 



Sibirische 



Mittelmeer 
gebiet 

Trop. Afrika n. 
Tröp! Afrika ÖT 

Südafrika 



Mittelmeerisohe , Mittelmcerisohe ;Mlttelmeerlsches 



I 



Westafrika 

Madagaskar 

Torderindien 
"~ Sttdindienj 
Ceylon 
Himaiaya 



OsUfrikanische 



I SudafMkanische 



West- 
afrikanische 



Sahnrische 
~Sudarabische 
Soraalilaud~Ur. 

Aquatorial- 
afrikanische 

^West- 
afrikanische 



_i 



Steppeugeb. 



Guinea L'^b. 



Central- 
asiatische 

Japanische 

> s. Holarktischen 

Makronesische 

Sokotra-Keg. 



Afrikanische 



M«l.g.....ch. i >"X'«"'°" 



liinterindien 

Gr. Sundainseln 
Philippinen 

Cclebes 
Molulücen 



Hindustanische | 

Ceylon esische { 

I 
Indochinesische 



wcstl. ITgb. 
~Östi."Ugb. 



Indische 
Malabarisch- 

Ceylonische ! vorderindisches 
Himalayische 

Birmanische 



Central- 
asiatische 

Ostasiatische 

Mlttvlmeeriachi 

Savannen Urg. 
Südafrikaniach« 



West- 

afrikanische 

' Madagassische 

Madagassische I Maskaneriache 

Seychellische 

llindustani i>che 



Hiudustanische 
Sttdindische 



-I 



Indochinesische I 



Ceylonesische 



Hinterin dls -he Hinterindiache 



iT j 1 _4 u Malayische 

I Indomalayische -„-r .,■ ~^"» T — 
Philippinische 



Hinteriudisches 



Sundanosische 
Philippinische 



Sundaneeiache 
PhilippiiÜLsohe 



Neuguinea 



Australo- 
malaylsche 



Nordaustralion 



Australische 



Australien 

Hawaii 
Pol ynesie n 
Neuseeland 



— Polyneslsche 



! Austro 

j malayische 

i Australische 

Hawaiische 



I Neuseelftndische 



Polynesische . ■; — 



. PapuauiMch- 
I Melanesiscbe 

Südost- 
australische 

West- 
australische 
HawaÜHohe 
Polynesische 
Neuseeländisch. Neuseelftndische 



Australisches 



Celebea C'rg. 

Nord- 
auatralisch- 
Papuaniache 



Australische 
Hawidische 



Polynesische 
Neuseeündisch' 



1) Ljdekker stützt äich auf Einteilungen von Heilprin und Blanford. 
2) Vergl. hiermit Fischer. Manuel de Conchybiologie. Paria 1880 — 87 
(30 Hegionen.) 



E. Philipp!: Die ostafrikanische SiHdbahn. 223 



Die ostafrikanische Sfldbahn/) 

„Unter den europäischen Großmächten, die in Afrika größere Besitzungen 
haben, steht Deutschland bezüglich des Eisenbahnbaues an letzter Stelle/^ 
Mit diesen melancholischen, aber leider nur zu wahren Worten beginnt die 
Berichterstattung von Fuchs, die ich mit stets wachsendem Interesse ge- 
lesen habe. 

Die ostafrikanische Südbahn, um deren Erkundung es sich hier handelt, 
soll von Kilwa nach dem Nyassa führen. Das Projekt ist keineswegs neu; 
schon „Bau mann gab von allen deutsch-ostafrikanischen Bahnprojekten dem 
einer Nyassabahn den Vorzug und seit Jahren erhebt Hans Meyer seine 
warnende Stimme, uns mit dem Bau einer Südbahn zu beeilen, damit uns 
andere Nationen nicht zuvorkommen". 

Der Süden der Kolonie ist von jeher etwas stiefmütterlich behandelt 
worden. Eine direkte Dampf erverbindung mit Europa ist auch heute noch 
nicht vorhanden, Passagiere und Fracht werden mit Küstendampfem nach 
Daressalam befördert und erreichen erst dort die direkte Linie. Außer der 
noch in den Anföngen steckenden Lindi-Handels- imd Plantagen-Gesellschaft 
gibt es im Süden kein Pflanzungsuntemehmen, während im Norden etwa 
20 Millionen in Plantagenbau angelegt sind. Trotz der planmäßigen Bevor- 
zugung der Nordbezirke haben sich diese wirtschaftlich nicht entsprechend 
entwickelt und selbst die Handelsstatistik des Nordens weist kaum günstigere 
Zahlen auf als die des Südens, wenn man von Bagamoyo und seinem Elfen- 
beinexport absieht. Die Ausfuhr des Hafens Kilwa hatte im Jahre 1904 
einen Wert von 1 063 564 Jl.^ weitaus an erster Stelle steht Kautschuk, 
dann folgen Getreide, Copra, Elfenbein, Sesamsaat, Holz, Wachs und Copal. 
Nur Kautschuk, Elfenbein, Wachs und Tabak (letzterer von Mikindani und 
Lindi ausgeführt) stammen aus dem Inneren, alles andere aus küstennahen 
Gebieten. Der Warenverkehr nach dem Inneren vollzieht sich auch heute 
noch auf den Köpfen der Eingeborenen; es gingen ab von Kilwa im Jahre 
1903 23 531 Leute mit 11334 Lasten. Es liegt auf der Hand, daß sich 
der heute schon nicht unbeträchtliche Warentransport erheblich steigern muß, 
sobald einmal ein billigeres tmd bequemeres Transportmittel vorhanden ist 
Dabei ist jedoch zu bemerken, daß das Hinterland des Distrikts Kilwa nur 
sehr schwach bewohnt ist; schuld an seiner Verödung sind die Wangoni- 
Einfalle der letzten Jahrzehnte, die die vorher stark bewohnten Distrikte ent- 
völkert haben. Es müßte also Hand in Hand mit dem Bahnbau eine plan- 
mäßige Besiedelung der durchquerten Strecken gehen, mit anderen Worten, 
die Arbeiter müßten dauernd in dem „menschenarmen" Bahngebiet angesiedelt 
werden. Für die Besiedelung kämen in erster Linie die Bewohner der dicht 
bevölkerten Landschaften ünyamwesi und üsukuma in Frage. Daß solche 
Massenansiedelungen möglich sind, zeigen die Erfolge des Bezirksamtmanns 
Meyer in Tanga, der 4 — 5000 Wanyamwesi und Wasukuma längs der 
Usambara-Bahn angesiedelt hat. Im allgemeinen lebt der Neger gern an den 
Bahnstraßen, da er dort seine Neugierde und sein Geselligkeitsbedürfiiis be- 



1) Fuchs, Paul. Die wirtschaftliche Erkundung einer ostafrikanischen Süd- 
bahn. Hrsg. vom Kolonial -Wirtschaftlichen Komitee. 192 S. 42 Abb.^ *L ^Vvin.<^\^ 
im Text u. 3 K. Berlin 1906. 



224 E. Philipp! : 

friedigen kann. Es scheint keinem Zweifel zu unterliegen, daß, eine ver- 
ständige Behandlung vorausgesetzt, stets genügend eingeborene Arbeiter für 
den Bahnbau vorhanden sein werden. 

Als Ausgangspunkt für die Südbahn kommt die Bucht von Kilwa Kisi- 
wani in Betracht, insbesondere die Lokalität Kikoni, gegenüber von Kilwa 
auf dem Festlande gelegen. Die Kilwa-Bucht ist leicht zugänglich und da- 
bei gegen alle Winde gut geschützt. Dampfer können bei Kikoni in einer 
Entfernung von nur 100 m vom Lande ankern. Das Gelände ist dabei zur 
Anlage einer Stadt durchaus geeignet. In richtiger Erkenntnis der Sachlage 
hat die Kommune Kilwa schon vor Jahren das Gebiet von Kikoni angekauft, 
so daß wilden Landspekulationen der Boden entzogen ist. 

Das erste Drittel der Strecke, von der Küste bis zu der in letzter Zeit 
oft genannten Station Liwale, bietet dem Babnbau keine Schwierigkeiten. 
Die Trasse steigt bis Mgeregere sanft an und verläuft dann bis zu dem ca. 
500 m hoch gelegenen Liwale eben. Das Gelände ist mit lichtem Laubwald 
bestanden, der den Bedarf einer Eisenbahn an Brennmaterial auf lange Zeit 
decken würde. Jedoch ist das Land teilweise wasserarm und auf eine Strecke 
von 75 km gibt es überhaupt kein Wasser. Liwale ist der Hauptort des 
Dondebezirkes; seine Bewohner, die Wagindb, sind arbeitsscheu und dem 
Trünke (Pombe) ergeben, kommen daher als Arbeiter für den Bahnbau nicht 
in Betracht. Das Dondeland liefert einen ausgezeichneten Kautschuk, der 
von der wildwachsenden Liane Landölphia dondeetisis stammt. Eine andere 
Kautschukpflanze, Manihot Glaziovii, wird mit Erfolg kultiviert, doch stehen 
die Untersuchungen über deren Produkt noch aus. Baumwolle wird in Liwale 
und in der Nähe der Küste mit verschiedenem Erfolge gepflanzt. 

Zwischen Liwale und Ssongea ist das Terrain für den Bahnbau etwas 
schwieriger, dafür ist aber das Gebiet sehr reich an gutem Trinkwasser. 
Der lichte Laubwald reicht bis Ssongea, das 1150 m über dem Meere liegt 
und malariafrei ist. Die Bevölkerung des Bezirkes Ssongea wird auf 150 — 
180 000 Köpfe geschätzt, das herrschende Element sind die Wangoni, Nach- 
kommen eines Zulustammes, der vor 50 Jahren hier eindrang und sich mit 
den alteingesessenen StUmmen vermischte. Nach dem Berichte von John 
Booth, der in Ssongea angesessen ist, dürften die Eingeborenen arbeitswillig 
und für den Bahnbau zu verwenden sein. Den Untergrund des Bezirkes 
bilden Roterden, die aus Gneis und Granit hervorgegangen sind und sich zum 
Körnerfruchtbau gut eignen. Vielfach ist jedoch der Boden durch die un- 
verständige Bewirtschaftung der Eingeborenen, besonders durch den Anbau 
der sehr anspruchsvollen Eleusine, ganz erschöpft. Kulturfähiges Neuland 
gibt es kaum mehr; „jungfräulich", meint Booth, „ist in Afrika nur das 
Schlechte: der Sumpf, die Steppe, das Steinland". Unter den Feldfrüchten, 
die in Ssongea angebaut werden, nimmt leider noch Eleusine, die als Handels- 
artikel gänzlich wertlos ist, die erste Rolle ein, an zweiter Stelle kommt 
Mais, an dritter Mtama; auch R^is wird neuerdings vielfach gebaut, daneben 
Maniok, Bataten und mehrere Ölfrüchte. Einige Lagen eignen sich zum An- 
bau von Baumwolle; die nach Deutschland gesandten Proben fanden im all- 
gemeinen günstige Beurteilung. Das Erträgnis an Kautschuk, den fast aus- 
schließlich die wildwachsende Liane Landölphia liefert, ist geringer als im 
Dondelande; doch dürfte das Land für Kautschukplantagen, in denen Kikxia. 
Castilloa und ManiJiot gezogen werden könnten, in Frage kommen. Für Tee, 
Kaffee und Chinarinde sind die Aussichten wenig günstig, ebenso für den 
Obstbau, während Gemüse besonders in den höheren Lagen gut gedeihen. 



Die ostafrikanische Südbahn. 225 

Die Viehbestände waren früher sehr groß, sind aber durch die Binderpest 
dezimiert worden. 

„Für jemanden, der diese Länder kennt, kann gar kein Zweifel vor- 
handen sein, daß ein Bahnbau sehr schnell einen großen und dauernden Auf- 
schwung mit sich bringen würde." 

Zwischen Ssongea und Wiedhafen am Nyassa-See ist das Land bergig 
und der Bahnbau dürfte auf größere Schwierigkeiten stoßen als auf der 
Strecke Kilwa — Ssongea; für die Führung der Trasse kommt nur das Durch- 
bruchstal des Buhuhu in Frage. 

Auch die Njassaländer sind durch langjährige Negerkultur entwaldet 
und zum Teil erschöpft. Für den Anbau von europäischen Getreidearten 
und Besiedelung durch deutsche Kleinbauern würden die über 1600 m lie- 
genden Hochflächen östlich vom Nyassa in Frage kommen. Zur Viehzucht 
sind die tiefer gelegenen Gebiete am See, im Ssongwe-Tale und in der Ruaha- 
Rikwasenke außerordentlich geeignet. Die Rentabilität von Ackerbau und 
Viehzucht steht natürlich in engem Zusammenhange mit dem Bahnbau. 

Die Länge der projektierten Bahnstrecke zwischen Kilwa und Wiedhafen 
beträgt etwa 670 km. Wenn man einen Frachtsatz von 5 *\ für das Tonnen- 
kilometer zu Grunde legt (den gleichen Satz hat die britische Uganda-Bahn), 
so würde allerdings Mais seine Gewinngrenze schon bei Liwale, Mtama bei 
Ssongea erreichen. Reis, Sesamsaat und Erdnüsse aber könnten auf viel wei- 
tere Entfernungen, bei einigermaßen billigen Tarifen auf dem Nyassa sogar 
aus Zentral-Afrika und Nordost-Rhodesia transportiert werden. Für den An- 
bau von Reis, der heute noch in großen Mengen aus Indien eingeführt wer- 
den muß, sind aber einzelne an der Bahntrasse liegende Landschaften, wie 
üngoni und Mab enge sehr geeignet, die ausgezeichnete Sorten hervorbringen. 
Sowohl der Personen- wie der Warenverkehr nach dem Nyassa würde sich 
durch den Bau der Südbahn sehr verbilligen. Während heute ein Billet 
I. Klasse von Hamburg über Chinde, den Zambesi, Shire und Shire Highlands 
Railway nach Wiedhafen 1525 Jl, kostet, würde es bei Benutzung einer 
ostafrikanischen Südbahn, das Kilometer auf 16 ä berechnet, von Hamburg 
nach Wiedhafen nur 927 Jl. kosten. Noch stärker Avürde sich der Güter- 
transport verbilligen. Man muß allerdings ins Auge fassen, daß die Dampfer- 
gesellschaften auf dem Zambesi und Shire den Bahnbau mit allen Mitteln 
der Konkurrenz bekämpfen würden. Es wird daher notwendig sein, daß die 
Gesellschaft, die die Südbahn baut, auch den Dampferbetrieb auf dem Nyassa 
an sich zieht und, ebenso wie die Uganda-Bahn auf dem Viktoria-See, gute 
Dampfer mit billigen Tarifen unterhält. Heute ist der Passagier- und 
Frachtenverkehr auf dem Nyassa etwa noch drei bis vier Mal teurer als auf 
dem Viktoria -See! Auch eine bedeutende Zeitersparnis würde die Südbahn 
für die Bewohner der Nyassa -Länder bedeuten; während die Reise von 
Southampton über Kapstadt nach Chinde und von dort auf dem Zambesi- 
Shire-Wege nach Wiedhafen mindestens 47 Tage in Anspinich nimmt, würde 
die Beförderungsdauer von Hamburg über Neapel nach dem Nyassa nur etwa 
28 Tage betragen. 

Wahrscheinlich würde der Kilometer Bahnbau einschließlich Gebäuden 
und rollendem Material wie auf der Usambara-Bahn auf 85 000 Jl. zu 
stehen kommen; die gesamte Strecke würde darnach rund 57 Millionen Mark 
kosten. Einen Rentabilitätsnachweis kann man aus dem heutigen Handels- 
verkehr nicht erbringen,; daß aber auch in dieser Fr«i!^^ %\m ^t*\5l 's^Oow^cciäx 
Pessimismus unberechtigt ist, beweist die Uganda-^^Xm.^ ^x hi^O^ä vni ^?ÖKt<& 



226 



E. Philippi: Die ostafrikaniBche Südbahn. 



1904/5 bereits ein erheblicher Überschuß angenommen wird, und die Usam- 
bara-Bahn, bei der sich Einnahmen und Ausgaben bereits decken. 

Drei Dinge werden dem Leser des anregend geschriebenen Buches durch- 
aus klar. Erstens, daß die ostafrikanische Südbahn gebaut werden muß und 
zwar möglichst bald, wenn nicht der Verkehr der Nyassa-Länder auf eng- 
lisches Gebiet abgeleitet werden soll. Zweitens, daß die Bahn dem Süden 
der Kolonie außerordentliche Vorteile gewähren und seine Entwickelung sehr 
beschleunigen würde. Und drittens, daß ihre Kosten nicht unerschwinglich 
und eine Kentabilität nicht ausgeschlossen sein würden. 

Man fragt sich nur mit Erstaunen, weswegen nicht diese Bahn bereits 
in Angriff genommen worden ist, statt der Strecke von Daressalam nach 
Morogoro, für deren Notwendigkeit wohl kaum so wichtige Gründe ins Feld 
geführt werden können. E. Philippi. 



Geographische Neuigkeiten. 

Zusammengestellt yon Dr. August Fitzau. 



Allgemeines. 

* Durch das Museum für Meeres- 
kunde in Berlin^ welches am 5. März 
durch den stellvertretenden Direktor Prof. 
y. Drygalski in Anwesenheit des Kaisers 
und des Fürsten yon Monaco eröffiiet 
worden ist, hat die Berliner Universität 
eine hervorragende Lehrmittelsammlung 
und das von Bichthofen gegründete Institut 
fvir Meereskunde eine wertvolle und not- 
wendige Ergänzung erhalten. Das Museum 
gliedert sich in vier Abteilungen: 1) Die 
Reichsmarine- Sammlung mit Bildern 
und Schiffsmodellen zur Darstellung der 
Hauptabschnitte des deutschen Seekriegs- 
wesens, mit einer umfangreichen Sammlung 
von Modellen der modernen deutschen 
Kriegsschiffe im Maßstab von 1 : 50 und 
mit einem Waffensaal, in dem die artille- 
ristische Entwickelung unserer Marine 
einschließlich des Minen- und Torpedo- 
wesens zur Darstellung gebracht ist. 
2) Die historisch-volkswirtschaft- 
liche Sammlung mit einer Modell- 
sammlung vom Schiffs- und Schiffsmaschi- 
nenbau, einer Sammlung von Fahrzeugen 
unzivilisierter Völker, einer kartographisch- 
diagrammatischen des modernen See- 
verkehrs und einer Sammlung von Modellen 
von Rettungsapparaten und Schiffahrts- 
zeichen. 8) Die ozeanologische und 
Instrumenten-Sammlung, weicheent- 
hält eine reichhaltige Sammlung aller 
Arten Schilfs- und Meßinstrumente, Kom- 
paßkarten, ^chl&pp- und Planktonnetze 
md zahlreiche Marmorblöcke zur Dar- 



stellung der Volumen- und Gewichtsver- 
hältnisse von Land und Meer im Verhältnis 
zur ganzen Erde, von Höhe der Kontinente 
zur Tiefe der Meere, vom Gesamtsalzgehalt 
der Meere usw. 4) Die biologische 
und Fischerei-Sammlung, enthaltend 
biologische Gruppen von Meerestieren der 
verschiedensten Zonen und Meere, eine 
Zusammenstellung der Schätze des Meeres: 
Tran, Fischbein, Guano, Walroßzähne, 
Schildpatt, Perlen und Perlmutter, Ko- 
rallen, Schwämme, Bernstein und die 
Delikatessen des Meeres: Austern und 
Hummer, und eine Sammlung von Fang- 
apparaten aller Art. Das Museum befindet 
sich mit dem Institut für Meereskunde 
in der Georgenstraße 34—36, in den 
Räumen des früheren ersten chemischen 
Instituts, das s. Z. für den Chemiker 
A. W. von Hofimann errichtet worden ist. 

Europa. 

* Nach dem vorläufigen Ergebnis 
der Volkszählung vom 1. Dezember 
1905 beträgt die Bevölkerung des 
Deutschen Reiches 60 605 183 Ein- 
wohner. Diese verteilen sich folgender- 
maßen: 

Preußen 37 278 820 Einw. 

Prov. Ost-Preußen . 2 026 741 
„ West-Preußen 1 641 986 
Stadt Berlin ... 2 040 222 
Prov. Brandenburg . 3 529 839 
„ Pommern . . 1 684 125 
„ Posen ... 1 986 267 
„ Schlesien . . 4 935 823 



Geographische Neuigkeiten. 



227 



Prov. Sachsen . . 2 978 679 Einw. 
„ Schleswig-Hol- 
stein . . . 1604 339 „ 
„ Hannover . . 2 769 699 „ 
„ Westfalen. . 8 618 198 „ 
„ Hessen-Nassau 2 070 076 ,, 
„ Rheinland. . 6 436 778 „ 
Hohenzollem. . . . 68 098 „ 

Bayern 6 612 824 „ 

Sachsen 4 502 850 „ 

Württemberg .... 2300330 „ 

Baden 2 000 820 „ 

Hessen 1 210 104 „ 

Mecklenburg-Schwerin . 624 881 ,, 

Sachsen -Weimar ... 387 892 „ 

Mecklenburg-Strelitz . . 103 261 „ 

Oldenburg 438 195 „ 

Braunschweig .... 485 655 ,, 

Sachsen-Meiningen . . 268 859 „ 

Sachsen- Altenburg . . 206 500 „ 

Sachsen-Koburg-Gotha . 242 282 „ 

Anhalt 328 007 „ 

Schwarzburg-Sondershausen 85 177 „ 

Schwarzburg-Rudolstadt 96 830 „ 

Waldeck 59 135 „ 

Reuß a. L 70 590 „ 

Reuß j. L 144 570 „ 

Lippe- Schaumburg . . 44 992 „ 

Lippe-Detmold ... 145 610 „ 

Hamburg 875 090 „ 

Bremen 263 426 „ 

Lübeck 106 857 „ 

Elsaß-Lothringen 1814 626 „ 

Asien. 

* Eine bemerkenswerte Reise durch 
Inner-China und quer durch Tibet 
von Nord nach Süd hat der Graf 
von Lesdain im Jahre 1904 ausgeführt. 
Wie er unter dem 25. Nov. 1905 von 
Darjeeling aus der Pariser Geographischen 
Gesellschaft brieflich mitteilt, ist er am 
20. Juni 1904 von Peking auigebrochen 
und hat zuerst die noch unbekannten 
Wüstengebiete im Lande der Ordos be- 
sucht. Dann hat der Graf in den nächsten 
Monaten die Landschaft Ala-Schan in 
den verschiedensten Richtungen durch- 
streift und dabei eine große Menge von 
Ruinen entdeckt. Nach einer Reise nach 
Kumbum erfolgte die Erforschung einiger 
Seen in dem noch unbekannten Teile der 
zentralen Gobi und dann wurden in Nan- 
Shi-tschu die Vorbereitungen zur Durch- 
querung Tibets getroffen. Zuerst wurde 
die Landschaft Tsal'dam ohne Unfall 



durchkreuzt, dann gelangte man nach 
einem mühseligen Marsche an die Quellen 
des Yangtsekiang, wandte sich darauf 
direkt nach Süden, überschritt den Brah- 
maputra und erreichte Dschyangtse, den 
Ausgangspunkt der letzten englischen 
Expedition gegen Lhassa. Die noch zu 
erwartenden näheren Nachrichten von der 
Expedition werden gewiß wertvolles Mate- 
rial zur Kenntnis Inner-Asiens bringen. 
(La G^ogr. 1906, S. 170.) 

Afrika. 

» Über die Gesundheitsverhält- 
nisse von Deutsch-Ostafrika, die 
für die künftige wirtschaftliche Entwicke- 
lung dieses Landes von großer Bedeutung 
sind, berichtete Prof. Robert Koch in 
einem Vortrag zu Berlin auf Grund seiner 
langjährigen Erfahrungen im Lande selbst. 
Mit Ausnahme eines verhältnismäßig 
schmalen Küstenstreifens, dessen Klima 
dem Europäer wegen seiner gleichmäßig 
hohen Temperatur und wegen seiner großen 
Feuchtigkeit weniger zusagt, hat der 
größte Teil von Deutsch-Ostafrika als ein 
Hochland von über lOOO m Meereshöhe 
ein gesundes Klima, das dem berühmten 
Klima Südafrikas nahezu gleich kommt, 
mit dem einzigen wesentlichen Unter- 
schiede, daß hier die Luft in der Trocken- 
zeit nicht ganz so trocken wird wie in 
Südafrika ; die Hitze des Tages ist wegen 
des geringeren Feuchtigkeitsgehaltes der 
Luft hier nie so schwül und erschlaffend 
wie im Küstenklima. In diesen fest- 
ländischen Gebieten Afrikas gibt es nicht 
besonders viel Krankheiten; die gefähr- 
lichen europäischen, Tuberkulose, Diph- 
therie und Typhus fehlen fast ganz. Die 
erste Stelle unter den tropischen Krank- 
heiten nimmt die Malaria ein, die aber 
in Ostafrika wie in der ganzen Welt mit 
der Erkenntnis des Wesens der Krankheit, 
der Ausbildung ihrer Behandlung, dem 
systematischen Vorgehen gegen die Krank- 
heit und ihre Infektionsträger, die Ano- 
phelesmücken, an Gefahr und Verbreitung 
erheblich abgenommen hat. Die an ihrer 
charakteristischen Haltung und ihren ge- 
fleckten Flügeln leicht kenntlichen Ano- 
phelesmücken sind die einzigen Weiter- 
träger der Malariakeime; sie fliegen in 
manchen Gegenden Deutsch -Ostafrikas, 
z. B. in Daressalam, das ^aniA I'^V^x^ 



GeographiBcbe Neuigkeiten. 



Eilossa und Muapaa, auf einige Monate 
Fingzeit beschränkt sind. Damit steht 
in zeitlicher Wechselwirkung die Möglich- 
keit der Malaria-Infektion. Orte ohne 
Anopheles, wie die auf durchlässigem 
trockenen Korallenboden stehende eng- 
lische Hafenstadt Mombassa, sind malaria- 
frei, weshalb sich derartige Plätze besonders 
für Europäemiederlassungen eignen. Da 
Anopheles nur bis zu einer bestimmten 
Meereshöhe lebt, sind Orte mit gewissen 
Höhenlagen überhaupt malariafrei; so 
beginnt in Usambara die Malariafreiheit 
schon mit 1000 m Höhe und Uhehe ist 
fabt ganz malariafrei. Bei der Reise 
durch das verseuchte Küstengebiet nach 
den malariafreien Hochländern im Innern 
schützt eine richtige Chininprophvlaxe 
vollkommen gegen die Malaria. Nach- 
lässige Chininbehandlung von erworbener 
Malaria schafft leicht einen Hang zum 
gefürchteten Schwarz Wasserfieber, 
das nicht durch einen besondem Krank- 
heitserreger, sondern durch Körperan- 
strengungen, Erkältungen, vor allem aber 
durch Chemikalien, in erster Linie Chinin, 
herbeigeführt wird. Eine der Malaria 
ähnliche und häufig mit ihr verwechselte 
Krankheit ist das Rückfallfieber, das 
durch eine blutsaugende, wanzenähnliche 
Zecke übertragen wird; man kann sich 
sehr leicht gegen Übertragung schützen, 
wenn man nachts die Häuser der Ein- 
geborenen und die von ihnen häufig be- 
nutzten Rasthäuser und Schutzdächer an 
der Karawanenstraße meidet. Die als 
Tropenkrankheit recht gefährliche Dysen- 
terie ist in Ostafrika selten und der 
Besied elungsfähigkeit des Landes nicht 
hinderlich. Als die letzte der Krank- 
heiten, welche die Gesundheitsverhältnisse 
Deutsch-Ostafrikas wesentlich beeinflussen 
könnten, ist die Schlafkrankheit zu 
nennen, zu deren Bekämpfung bekanntlich 
die Regierung eine Expedition unter 
Koch? Leitung entsenden wird; Koch 
glaubt, das Wesen dieser Krankheit dabei 
ergründen und die Mittel zu ihrer Abwehr 
finden zu können, so daß die große Ge- 
fahr des Ausbreitens der Schlafkrankheit 
in der Kolonie femgehalten werden 
würde. Mit der Schlafkrankheit des 
Menschen nahe verwandt ist die Tsetsc- 
Krankheit, die allen Haustieren außer 
Schafen, Ziegen und Geflügel gefährlich 
wird und über die Kolonie weit verbreitet 



ist. Sie ist an das Vorkommen ihrer 
Infektionsträgerin, der Tsetsefliege, ge- 
bunden und ist, da in Tsetsegcgenden 
die Viehzucht fast gänzlich ausgeschlossen 
ist, ein wirkliches Hindernis für Ackerbau 
und Viehzucht. Man darf aber erwarten, 
daß die Arbeiten der Schlafkrankeits- 
Expedition auch für die Bekämpfung der 
Tsetsekrankheit sich nützlich erweisen 
werden. 

* Eine Besteigung des Ruwenzori 
plant für 1906 der durch seine Ersteigung 
des St. Eliasberges in Nordamerika 1897 
und durch seine Nordpol- Expedition 1900 
rühmlichst bekannte Prinz Ludwig von 
Savoyen, Herzog der Abruzzen. 
Der unter 1® n. Br. zwischen Albert- und 
Albert Edward-See liegende Gebirgsstock 
des Ruwenzori ist seit seiner im Mai 1888 
durch Stanley erfolgten Entdeckung das 
Ziel mehrerer Bergsteiger-Expeditionen ge- 
wesen, von denen aber keine den Gipfel 
zu erreichen vermochte; Stairs drang im 
Juni 1889 bis zu 8500 m Höhe vor, Stuhl- 
mann erreichte im Juni 1891 eine Höhe 
von 4063 m, Scott Elliot gelangte 1898 
nach viermonatigen vergeblichen An- 
strengungen nur bis 3900 m und im 
Laufe des Sommers 1905 hat einer der 
erfahrensten und erprobtesten Alpinisten, 
Douglas W. Freshfield, einen wohl vor- 
bereiteten Versuch gemacht, den Gipfel 
des Berges zu erreichen, hat aber etwa 
300 m unter dem Gipfel wegen undurch- 
dringlicher Nebel von dem Beginnen ab- 
stehen müssen. Nun will es der kühne 
Herzog der Abruzzen nach sorgfältigen 
Studien der vorhandenen Reiseberichte 
und Forschungsergebnisse versuchen und 
zugleich eine gründliche Erforschung des 
ganzen Gebirgsmassivs vornehmen. An 
der geplanten Expedition werden seine 
auf den früheren Expeditionen erprobten 
Gefährten Kommandant Cagni, Oberstabs- 
arzt Cavalli, Leutnant z. S. Winspeare, 
Vittorio Sella, Botta und zwei piemonte- 
sische Alpenführer teilnehmen. Mitte 
April gedenkt die Expedition Italien zu 
verlassen, in Mombassa zu landen, mit 
der ügandabahn nach Port Florence und 
von da über den Viktoriasee zu fahren 
und dann den Fußmarsch zum Ruwenzori 
anzutreten. Im Juni hofft der Herzog 
den Gipfel erreicht zu haben, worauf die 
Rückkehr im September den Nil abwärts 
über Kairo erfolgen soll. 



Geographische Neuigkeiten. 



229 



Slldamerika. 

* Für die wirtachaftliche Ent- 
wickelung Boliyiens sind zwei Eiaen- 
bahnprojekte, welche von argentinischer 
Seite geplant werden, von großer Be- 
deutung. Wie der englische Geschäfts- 
träger in Buenos Aires mitteilt, hat eine 
argentinische Gesellschaft soeben von der 
bolivianischen Regierang die Konzession 
zum Bau einer Eisenbahn von 1 m Spur- 
weite von Santa Cruz ostwärts nach 
Pedro Suarez am oberen Paraguay er- 
halten; dort soll auf dem bolivianischen 
Ufer gregenüber von Corumba auf der 
brasilischen Seite ein Hafen angelegt 
werden. Dieue Linie würde 620 km lang 
werden und völlig auf bolivischem Terri- 
torium liegen. Außerdem unterhandelt 
die argentinische Regierung mit der 
bolivischen wegen einer Eisenbahnver- 
bindung von Potosi nach der argentinischen 
zentralen Nordbahn, welche gegenwärtig 
die argentinische Regierung in aller Eile 
über Jujuy hinaus nach der bolivischen 
Grenze bauen läßt. Hierdurch würde 
für das südliche Bolivien ein Ausweg nach 
Argentinien geschaffen werden, während 
die zuerst erwähnte Bahn nach dem oberen 
Paraguay dem östlichen Bolivien einen 
Ausweg schaffen würde. Man sieht, daß 
Argentinien ernstlich bemüht ist, gegen 
die projektierte Eisenbahn Arica— La Paz, 
durch welche Bolivien einen direkten 
Zugang westwärts zur pazifischen Küste 
erbalten wird, ein Gegengewicht zu schaffen. 

Sttd-Polargegenden. 

* Die argentinische Regierung 
wird die wissenschaftliche Beobach- 
tungsstation auf den Süd-Orkneys 
auch während des vierten Jahres unter- 
halten. Ende Dezember 1U05 ist der argen- 
tinische Forschungsdampfer ,,E1 Austral^^ 
mit drei wissenschaftlichen Beobachtern 
unter Leitung des Senor Lind von Buenos 
Aires abgegangen, um die seit einem 
Jahre auf der Station an der Skotia-Bay 
auf den Süd -Orkneys tätigen Beobachter 
aozulösen , so daß das von der schot- 
tischen antarktischen Expedition be- 
gonnene Werk auch für das vierte Jahr 
gesichert ist. Nach Ablösung der seit 
einem Jahre auf der Station tätigen Be- 
obachter wird das Schiff „El Austral*' 
nach ÜBchuwaia auf dem Feuerlande 
zurückkehren, wohin sich unterdessen der 



ehemalige Leiter des Observatoriums auf 
dem Ben Nevis, Angus Rankin, mit 
drei Gefährten begeben haben wird. Mit 
diesen Beobachtern an Bord fährt dann 
„El Austral'* südwärts nach der Wandel- 
Insel im Graham- Archipel, wo Rankin 
am Südausgang der Gerlache-Straße unter 
65^ s. Br. eine neue argentinische 
antarktische Station für meteorolo- 
gische und magnetische Beobachtungen 
einrichten wird. Auf der Rückfahrt des 
Schiffes nach Buenos Aires wird ein 
anderes Mitglied des ehemaligen Obser- 
vatoriums auf dem Ben Nevis, Mac 
Dougall auf Süd-Georgien ausgeschifft 
werden, um daselbst eine dritte antark- 
tische Station zu gründen. Dank der 
Freigebigkeit der argentinischen Regierung 
werden die meteorologischen und mag- 
netischen Verhältnisse dieses Teils der 
Antarktis zuerst entschleiert werden. 

Geographisclier Unterricht. 

G^ographisohe Vorlesungen 

au den deutschsprachigOD Universit&teu und tech- 
uischen Hochschulon im Sommersemester 1906. 1. 

Universitäten. 
Deutsches Beich. 
Berlin: o. Prof. Penck: Geographie 
des Deutschen Reiches, 4 st. — Hjdro- 
^phie der Binnengewässer, 2 st. — 
Übungen zur praktischen Einführung in 
die Geographie, 28t. — Übungen im Ent- 
werfen und Zeichnen von Karten, 2 st. — 
Übungen im Gebrauche nautischer Instru- 
mente, 2 st. — Exkursionen. — Kollo- 
quium, 2 st. — 0. Prof. Sieglin: Geogra- 
phie der Mittelmeerländer im Altertum, 
2 st. — Im Slminar für historische Geo- 
graphie: Geographie von Griechenland 
und den griechischen Kolonien in Europa 
und Asien, 2 st. — a. o. Prof. von Dry- 
galski: Geographie von Nordamerika, 
2st. — Pd. Prof Kretöchmer: Phy- 
sische und politische Geographie von 
Mitteleuropa, 2 st. — Pd. Meinardus: 
j Die deutschen Meere, Ist. — Pd. Schlü- 
: ter: Grundzüge der allgemeinen Anthropo- 
' geographie, 2 st. 

Bonn: o. Prof Rein: Physiographie 
und Länderkunde Amerikas, 4 st. — Im 
i Seminar: Geographische Projektionslehre 
I nebst kartographischen Übungen. 

Breslau: o. Prof Pas sarge: Phy- 
sische Erdkunde, i«.\.. — '^«asÄS\ax.,'L^\». — 



230 



Geographische Neuigkeiten. 



Anleitung zu geographischen Beohach- 
tungen auf Reisen mit Exkursionen. 

— Pd. Leonhard: Wege des Weltver- 
kehrs, 1 st. 

Erlajigen: a. o. Prof. Pechuöl- 
Loesche: Allgemeine Erdkunde: Welt 
und Erde, ist. — Witterungskunde und 
Wettervorhersage, Ist — Übungen. 

Preiburg i. Br.: o. Hon.-Prof. Neu- 
mann: Allgemeine Erdkunde, II: a) Mor- 
phologie der festen Erdoberfläche; b) An- 
thropogeographie, 6 st. — Das russische 
Reich in Europa und Asien, Ist. — 
Kartenentwurfslehre mit Übungen, Sst. 

Gießen: o. Prof. Sievers: Allgemeine 
Geographie C: Verbreitung der Pflanzen 
und Tiere, in Verbindung mit Wirtschafts- 
geographie, 28t. — Geographie von Au- 
stralien und Ozeanien, 2 st. — Die Er- 
forschungsgeschichte des 19. Jahrhunderts, 
2 st. — Kartographische Cbungen II, Ist. 

— Kolloquium, 28t. 

Qöttingen : o. Prof. Wa g n e r : Mathe- 
matische Geographie, 48t. — Kartogra- 
phischer Kurs für Anfänger II, 2 st. — 
Geographische Einzelübungen, Sst. — 
Kolloquium, 2 st. — Pd. Friederichsen: 
Geographie der Mittelmeerländer, 2 st. — 
Anleitung zu geographischen Aufnahmen 
auf Reisen. 

Greifswald: o. Prof. Credner: All- 
gemeine Morphologie der Erdoberfläche; 
horizontale Gliederung, 2 8t. — Länder- 
kunde des außermediterranen Europas, 
Sst. — Übungen, Ist. — Exkursionen. 

Halle : o. Prof. Brückner: Allgemeine 
Geographie des Menschen, 2 st. — Geo- 
graphie der Mittelmeerländer, ist. — 
Einführung in den Gebrauch geographi- 
scher Hilfsmittel mit Übiftigen, Ist. — 
Seminar, 28t. — Exkursionen. — Pd. 
Prof. Ule: Länderkunde von Afrika, ist. 

— Über topographische und geographische 
Aufnahmen mit Übungen, 1 st. — Exkur- 
sionen. — Pd. Prof. Schenck: Physische 
Geographie und Geologie von Deutsch- 
land, 28t. — Landeskunde von West- 
afrika, besonders der deutschen Schutz- 
gebiete, 2 st. 

Heidelberg: o. Hon.-Prof. Hettner: 
Geographie von Amerika, 4 st. — Einfüh- 
rung in das geographische Verständnis 
deutscher Landschaft und Kultur, 1 st. — 
Seminar: L Abt.: Vorträge und Referate, 
2 st. — II. Abt.: Einfuhrung in die all- 
^emeine Geographie H, 2 8t. 



Jena: a. o. Prof. Dove: Geographie 
von Afrika, S st. — Übungen zur Anthropo- 
geographie, Ist. 

Kiel: o. Prof. Krümm el: Morpho- 
logie der Erdoberfläche, 4 st. — Kollo- 
quium, Ist. — Institutsübungen für Fort- 
geschrittenere. — Pd. Eckert: Länder- 
kunde von West-, Nord- und Osteuropa, 
Sst. — über Land- und Seekarten, nebst 
praktischer Anleitung im Kartenentwurf, 
2 st. — Übungen zur Wirtschaftsgeogra- 
phie (Erzeugnisse des Pflanzenreichs), Ist. 

— Pd. Strömgren: Mathematische Geo- 
graphie, Ist. 

Königsberg: o. Prof. Hahn: Poli- 
tische Geographie, Sst. — über einige 
wichtige neuere Reisen und ihre Ergeb- 
nisse, 1 st. — Übungen, 1 [1^ st. 

Leipzig: o. Prof. Parts ch: Geogra- 
phie des Welthandels, Sst. — Die Alpen, 
Sst. — Seminar für Fortgeschrittenere; 
für AnfUnger durch Assistent Dr. Merz, 
1 st. — a. o. Prof. Friedrich: Wirtschafts- 
geographie von Asien, 2 st. — Wirtschafts- 
geographie der deutschen Kolonien, Ist. 

— Morphologie des Landes, Ist. — Für 
die Studierenden der Handelshochschule: 
Einführung in die allgemeine Wirtschafts- 
geographie (für Anfänger) und Kleine 
schriftliche Arbeiten aus der Verkehrs- 
geographie (für Fortgeschrittenere), je 1 st. 

Marburg: o. Prof. Fischer: Phy- 
sische Geographie von Deutschland, 4 st. 

— Kartenkundliche Übungen U, 2 st. — 
Anleitung zu Beobachtungen im Gelände. 

— Pd. Oestreich: Länderkunde von 
Europa, außer Mittel- und Südeuropa, 2 st. 

München : 

Münster : 

Rostock: a. o. Prof. Fitzner: Phy- 
sische Erdkunde, 4 st. — Die deutschen 
Kolonien, 2 st. — Erklärung ausgewählter 
Abschnitte aus geographischen Klassikern, 
Ist. — Geographische und topographische 
Übungen, Sst. 

StraJäburg: o. Prof. Gerland: Geo- 
graphie des Deutschen Reiches, 4 st. — 
Die Vogesen, Ist. — Übungen für Fort- 
geschrittenere, 2 st. — Pd. Prof. Rudolph: 
Geographie von Amerika, Sst. — Die 
Alpen, Ist. — Seminar für Anfänger. 

Tübingen: a. o. Prof. Sapper: Grund- 
züge der allgemeinen Geographie, Sst. — 
Wirtschaftsgeographie des Deutschen Rei- 
ches, Ist. — Übungen über Fragen der 
allgemeinen Geographie, 1 st. 



BücherbeRprechungen. 



231 



Würaburg: a. o. Prof. Regel: Lftn- 
derkmide von Australien und Polynesien, 
48t. — Ühxmgen über Meereskunde und 
Klimatologie, 2 st. 

* An der Universität Berlin hat 
sich mit Ende des W.-S. 1905/6 Dr. 0. 
Schlüter habilitiert. 

Yereine und Yersammlnngen. 

* Der XV. internationale Ameri- 
kanisten-Kongreß findet vom 10.— 
16. Sept. d. J. in Quebec statt. 

ZeitBChriften. 

* Die Mitteilungen der Zentral 
kommission für wissenschaftliche 
Landeskunde von Deutschland er- 
scheinen fortan regelmäßig in der Zeit- 
schrift „Deutsche Erde'' (Herausgeber 
Prof. Paul Langhaus in Gotha.) In 
Folge dessen sind in den beratenden 
Schriftleitungsausschuß der ,,Deut8chen 
Erde'* eingetreten: der Vorsitzende des 
deutschen Greogi-aphentages Prof. Dr. 
Siegmund Günther, der Vorsitzende 
der Zentralkommission Prof. Dr. Fr. Hahn 
und der Herausgeber der ^^Forschungen 
zur deutschen Landes- und Volkskunde^' 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Alfred Kirch - 
hoff. 



Persönliches. 

* Im Alter von kaum 40 Jahren starb 
am 17. Febr. in der badischen Heilanstalt 
nienau Dr. Karl Futterer, bis vor 
kurzem Professor der Geologie an der 
technischen Hochschule zu Karlsruhe. 
Durch seine in Gemeinschaft mit dem Amt- 
mann Dr. Holderer (jetzt in Bretten) in 
den Jahren 1897 — 91) unternommene Ex- 
pedition durch Central - Asien hat sich 
Futterer große Verdienste um die geolo- 
gische und geographische Erforschung von 
Tibet und Inner- China erworben. Das 

I groß angelegte Reisewerk, das wohl leider 
I ein Torso bleiben wird , wie eine Reihe 
von Monographien und Aufsätzen haben 
die Ergebnisse dieser ersten deutschen 
Durchqueruug Asiens von W nach 
größeren Kreisen bekannt gemacht. Die 
„G. Z.'*, in der aus seiner Feder eine 
Studie „Der Pe- schau als Typus der 
Felsenwüste" (1902) erschienen, betrauert 
in dem der geologischen und geographi- 
schen Wissenschaft viel zu früh Entris- 
senen einen langjährigen Mitarbeiter, der 
ihr von Anfang an das regste Interesse 
entgegenbrachte. F. Th. 

♦ Der Privatdozent der Geographie an 
der Universität Leipziff Dr. Ernst Fried- 
rich ist zum außeretatsmäßigen außer- 
ordentlichen Professor ernannt worden. 



Bfieherbesprechnngen. 



Frech, F. Aus der Vorzeit der| 

Erde. („Aus Natur u. Geisteswelt.** j 
61. Bd.) 135 S., 49 Abb. im Text u. ] 
auf Taf. Leipzig, Teubner 1905. 
<«: 1.25. 
Sechs populäre, glücklich disponierte 
und durch trefflich ausgewählte Bilder j 
erläuterte Vorträge aus dem Gebiet der 
dynamischen Geologie : Vulkanismus ; Eis- f 
Zeiten und tropisches Klima der Ver- 
gangenheit (nach der bekannten Theorie 
des Verf. und von Arrhenius in ursäch- 
lichem Zusammenhang mit dem Vulkanis- 
mus); die Gebirge und ihre Entstehung; 
die Talbildung; die Wildbäche; die 
Korallenriffe (nach der Darwinschen 
Theorie). Philippson. 

Witte, Hans. Wendische Bevölke- 
rungsreste in Mecklenburg 



(Forsch, z. d. L. u. V.-Kde. XVT. Bd. 

H. 1). 124 S. 1 K. Stuttgart, Engel- 

hom 1905. JC 8.40. 
Dieses Buch Wittes ist eine methodisch 
vorzügliche Arbeit, in der jahrelange 
Studien über die slawische Bevölkerung 
in Mecklenburg niedergelegt sind. Witte 
beweist, daß nicht nur die Urgermanen- 
Theorie, sondern auch die sogenannt© 
Ausrottungstheorie falsch ist. Auch in 
Mecklenburg haben sich sehr lange wen- 
dische Bevölkerungsreste erhalten. Witte 
weist klar nach, daß in Mecklenburg die 
Eindeutschung zu derselben Zeit, in dem- 
selben Zeitraum und auch in derselben 
Weise wie etwa in Sachsen erfolgt ist. 
Ein geschlossenes wendisches Sprach- 
gebiet hat sich nach der deutschen Besiede- 
lung im Südwesten in Anlehnung an das 
hannoversche Wendlaivd l%si%^ «^^ä^^j^. 



232 



Bücherbesprechungen. 



Die wendische BeTÖlkerung ging in der 
Hauptsache bis zum Ende des 14. Jahr- 
hunderts in der deutschen auf, aber 
stellenweise erhielt sie sich noch bis zum 
16. Jahrhundert. Eine kurze Zusammen- 
fassung der Hauptergebnisse seiner Arbeit 
hat Witte in der ,,Deutschen Erde'S 1906, 
S. 1 — 8 gegeben. Dort ist auch bereits 
die große Karte veröffentlicht worden, 
die dem Buche beigegeben ist. Es ist 
ein Neudruck der 1794 vom Grafen von 
Schmettau herausgegebenen Karte von 
Mecklenburg, auf der Witte mit großer 
Sorgfalt und Ausführlichkeit kartogra- 
phisch dargestellt hat, wo und wie lange 
sich wendidche Bevölkerung in Mecklen- 
burg erhalten hat. Zemmrich. 

Demangeon, A. La Picardie et les 
r^gions voisines. Artois - Cam- 
br^sis-Beauvaisis. 496 S. 3 K., 34 An- 
sichten, 42 Textfig. Paris, Colin 
1906. 
Eine Landschaft ohne bedeutende 
Terrainunterschiede, nirgends 200 m über- 
schreitend, mächtige Lager von weißer 
Kreide oft unter einem Mantel gelblichen 
Lehmes verborgen, spärlich rinnende Ge- 
wässer, Trockentäler, die sich nur bei 
Platzregen ffillen, fruchtbare, kornreiche 
aber baumarme Gefilde, große dichtge- 
baute Dörfer, ein Volk von mittleren und 
kleinen Besitzern, deren Geschlechter seit 
Jahrhunderten an dieser Scholle haften, 
zahlreiche und bequeme Verkehrswege, 
mancherlei Industrie an ihnen, vorwie- 
gend kleine, ländlichen Charakter tra- 
gende Städte — das ist, wie Demangeon 
sagt, das Bild des Landes zwischen Beau- 
vais, Abbeville, Arras, Cambrai, St. Quen- 
tin und Laon, eines Landes, das er uns 
in einem sehr anerkennenswerten, echt 
geographischen Werke geschildert hat. 
Man kann nachschlagen tmd suchen, wo 
man will, man wird überall große Voll- 
ständigkeit und anregende, lehrreiche Er- 
örterungen, vorzüglich über die Bedingt- 
heit der Tätigkeit des Menschen durch 
die feinen Züge des Bodenbaues und der 
Gewässerverteilung antreffen. Das Lite- 
raturverzeichnis weist 592 benutzte Bü- 
cher und Aufsätze nach. Schlagen wir 
beispielsweise das siebente Kapital auf, 
so wird uns zunächst die Geschichte der 
Täler ohne allzureichliches geologisches 
Det&n erzählt, dann werden die Gewäs- 



ser und die Quellen im Kreideterrain 
geschildert (vgl. das Kärtchen S. 127). 
Zahlreiche Lokalausdrücke werden hier 
wie an anderen Stellen erklärt Die 
mächtigen Quellen der Talböden hindern 
das Gefrieren der Gewässer, oft fließt die 
Somme noch, wenn die Seine gefroren 
ist: im eisigen Dezember 1870 fanden die 
Deutschen wider Erwarten die Hallue 
noch offen. Auch die Trockentäler, die 
Sümpfe und die Flüsse selbst bieten hier 
manche interessante Erscheinung. Die 
zahlreichen Ansichten geben meist wirk- 
liche Charakterlandschaften aus der weiten 
Flur oder aus dem Innern der oft un- 
schönen Dörfer und Gehöfte. Eine der 
Karten stellt die Verteilung der Orte über 
600 Einwohner nach Größenklassen dar. 
Der große Reichtum an Orten im Norden, 
zwischen St. Omer, Arras und Cambrai 
bildet einen scharfen Gegensatz zu den 
weiten, größerer Orte fast ganz ent- 
behrenden Flächen des Kreidelandes im 
Westen und Süden. F. Hahn. 

Fischer, Theobald. Mittelmeerbil- 
der. Gesammelte Abhandlungen zur 
Kunde der Mittelmeerländer. 480 S. 
Leipzig und Berlin, Teubner 1906. 
JC 6.-. 
Der verdiente Erforscher des Mittel- 
meergebietes hat uns mit diesem Buche 
eine hoch willkommene Gabe geschenkt: 
eine Zusammenstellung einer ansehnlichen 
Zahl von Aufsätzen, die er seit dreißig 
Jahren in den verschiedensten Zeitschrif- 
ten hat erscheinen lassen und die daher 
in ihrer Zerstreuung leicht übersehen oder 
vergessen werden würden. Dazu kommen 
noch einige neu verfaßte Abhandlungen. 
Auch die älteren verdienen ihre Aufer- 
stehung in vollem Maße; selbst in den 
Fällen, wo sie von der rasch fortschrei- 
tenden Entwickelung überholt sind, haben 
sie doch den Wert historischer Dokumente. 
Denn alles, was Theobald Fischers Feder 
entstammt, ist von einer schaden und viel- 
seitigen Beobachtungsgabe, einer erstaun- 
lichen Literaturkenntnis, einem vorzüg- 
lichen Verständnis für das Wesentliche 
und für den inneren Zusammenhang der 
verschiedenartigen Erscheinungen, kurz 
von echt-länderkundlichem Geiste diktiert. 
Neben dem objektiven Werte bieten diese 
Abhandlungen aber auch ein hohes per- 
sönliches Interesse. Man kann an ihnen 



Bücherbesprechongen. 



233 



80 recht die Entwickelung des Yerfassers, 
im gleichen Schritt mit der modernen 
Länderkunde überhaupt, innerhalb dreier 
Jahrzehnte verfolgen: von den älteren, 
noch wesentlich historisch-literarischen 
(z. B. über die Dattelpalme) oder mehr 
beschreibenden Aufsätzen bis zur vollen 
Meisterschaft in der heutigen naturwissen- 
schaftlich begründeten Methode der Län- 
derkunde- 

Das Buch enthält selbstverständlich 
nicht eine Charakterisierung des Mittel- 
meergebietes selbst, sondern eine Anein- 
anderreihung von Schilderungen einzelner 
Teile desselben; insofern ergänzt es sich 
mit dem vor kurzem erschienenen ,,Mittel- 
meergebiet" des Referenten, das eine 
systematische Darstellung des Ganzen zu 
geben versucht hat und dabei die einzel- 
nen Länder nur ganz kurz streifen konnte. 
Ebenso natürlich ist, daß die einzelnen 
Aufsätze recht verschiedenartig sind. Zu- 
sammenfassende Skizzen ganzer Länder 
oder bedeutender Städte stehen neben 
anschaulichen Reiseschilderungen und 
kultur-geographischen oder politisch-geo- 
graphischen Essays. Dabei tritt das west- 
liche Mittelmeer, in dem sich der Ver- 
fasser überwiegend betätigt hat, in den 
Vordergrund. „Aus dem Orient" liegen 
außer zwei allgemeineren Studien („Die 
geographische und ethnographische Unter- 
lage der orientalischen Frage, 1891" und 
„Die Dattelpalme im Kultur- und Geistes- 
leben des Orients, 1881") ein neuer Auf- 
satz über „Konstantinopel" (1906) und zwei 
alte über Ausflüge in die Umgebung dieser 
Stadt („Yarim-Bugas" und „Bithynische 
Riviera" 1872) vor. Der Artikel Kon- 
stantin opel ist wohl eines der besten 
Essays, die über diese einzigartige Stadt 
verfaßt sind, und es ist dem Referenten 
eine besondere Freude, hier in vieler Be- 
ziehung eine weitgehende Übereinstim- 
mung mit seinen eigenen, 1898 in dieser 
Zeitschrift erschienenen Ausführungen fest- 
stellen zu können. Einige ganz neben- 
sächliche Versehen: elektrische Straßen- 
bahnen — die Elektrizität ist noch immer 
in der Türkei als staatsgefährlich verpönt, 
außer dem Staatstelegraphen ; drei Brücken 
über das Goldene Hom — es sind nur 
zwei baufällige Schiffbrücken ; Ankern der 
türkischen „Kriegsflotte" im Sommer auf 
dem Bosporus — sie liegt immer be- 
wegungsunfähig im Goldnen Hom — er- 



klären sich wohl daraus, daß der Verf. 
seit längerer Zeit die türkische Haupt- 
stadt nicht wieder besucht hat. Es folgt 
die, in dieser Zeitschrift erschienene Ab- 
handlung über Palästina, jedoch revidiert 
und erweitert. Von Italien handeln vier 
Aufsätze: eine länderkundliche Studie 
(1898), „Die sizilische Frage 1876", „An- 
siedlang und Anbau in Apulien 1906" 
(von besonderem originalem Wert), „Land 
und Leute in Korsika 1904". Süd-Frank- 
reich ist leider gar nicht, die Iberische 
Halbinsel nur durch zwei Abhandlungen: 
eine geographische Skizze der Halbinsel 
(1898) und „Skizzen aus Süd-Spanien 1889" 
vertreten. Am wertvollsten sind wohl 
die 8 Aufsätze über die Atlasländer, da 
diese bisher einer zusammenfassenden Be- 
handlung ganz entbehren und ihre Kennt- 
nis durch eigene Forschungsreisen des Ver- 
fassers noch in den letzten Jahren wesent- 
lich gefördert worden ist. Auch hier 
eine Gesamtdarstellung (1882) , dann: 
„Reiseskizzen aus Süd-Tunesien" (1886), 
„aus Marokko" (1899); eine länderkund- 
liche Skizze von „Marokko" (1903), heute 
gewiß ganz besonders willkommen; „fran- 
zösische Kolonialpolitik in Nordwest- 
Afrika" (1894), „in Tunesien" (1886), „Tu- 
nis, Biserta und Tunesien im Jahre 1904^', 
endlich „Palmenkultur und Brunnenboh- 
rungen der Franzosen in der algerischen 
Sahara" (1880). Ein Register schließt das 
für den Fachmann, den Lehrer, den Rei- 
senden und jeden Gebildeten gleich an- 
ziehende Werk. Philippson. 

Koetschety Josef. Aus Bosniens 
letzter Türkenzeit. Hinterlassene 
Aufzeichnungen von — . Veröff. von 
Georg Graßl. („Zur Kunde der . 
Balkanhalbinsel." Heft 2.) VII und 
109 S. Mit J. Koetschets Bildnis. 
Wien u. Leipzig, Hajtleben 1906. 
Der Verfasser, ein Schweizer aus ur- 
sprünglich niederländischer Familie und 
von Beruf Arzt, ist früh in die Dienste 
der Türkei getreten, die ihn zuerst nach 
dem Kaukasus tmd später nach Bosnien 
führten. Hier hat er von 1864 bis zu 
seinem 1898 erfolgten Tode in Sarajevo 
gelebt, die längste Zeit in der Stellung 
eines Stadtarztes. Gleichzeitig stand Koet- 
schet aber mitten im politischen Leben. 
Er war der Vertraute der hö6hsten otto- 



O0ogrMpbJMobe ZeiUobrift IS.Jahrgtaig. 1906. 4. Heft. 



\^ 



234 



Buch erb esprechungen. 



der Pforte oft tind mannigfach tätig ge- 
wesen. Er schildert also die politischen 
Vorgänge aus eigenster Kenntnis. Seine 
Darstellung ist rein politisch; sie bildet 
die erste nichtamtliche Schilderung der 
Ereignisse und besitzt deshalb als Ge- 
Bchichtsquelle ohne Zweifel großen Wert. 
Wir bekommen ein lebendiges Bild von 
der türkischen Verwaltung mit ihren 
fortgesetzt gehäuften Mißgriffen, sowie 
von den Stimmungen der Landesbevöl- 
kerung. Mehr im Hintergrunde bleibt das 
Verhältnis zu Osterreich, bis die Schil- 
derung des Verlaufes der Okkupation das 
unruhige und unerquickliche Bild ab- 
schließt. Das vorliegende Heft zerfällt 
in zwei Teile. Im ersten (S. 1 — 66) wird 
der Aufstand in der Herzegovina 1876-76, 
im zweiten (S. 66 — 109) die Auflösung 
der ottomanischen Herrschaft in Bosnien 
tmd der Herzegovina und die Okkupation 
1877—78 geschildert. Damit ist nui die 
zweite Hälfte der hinterlassenen Auf- 
zeichnungen des Verfassers wiedergegeben ; 
die erste soll später veröffentlicht werden. 
0. Schlüter. 

Nahmer, £• Ton der. Vom Mittel- 
meer zum Pontus. 324 S. 20 Abb. 
Berlin, Allg. Ver. f. deutsche Literatur 
1904. JL 6.—. 
In drei Gruppen zerfällt der Inhalt 
dieser Schilderungen, die ersten beiden 
stammen von einer Reise des Jahres 1898, 
die letzte ist von 1901 datiert. Zuerst gibt 
der Verfasser eine Beschreibung der Rui- 
nenstätte des alten Priene; dem, der 
die deutschen Ausgrabungen verfolgt hat, 
bietet sie nichts Neues, sie ist aber 
gut geeignet, auch Femerstehenden die 
Bedeutung des Unternehmens klar zu 
machen. An den Besuch von Priene 
schloß sich dann die Reise, auf die 
der Titel des Buches paßt, sie ging von 
Smyma mit der Bahn nach Eonia, dann 
weiter über den Taurus nach Kilikien, 
und von dort nordwärts über Kaisarieh, 
Siwas, Tokat, Amassia nach Samstm. Der 
letzte Abschnitt endlich gibt Skizzen von 
einer Rundtour durch das alte Paphla- 
gonien von Ineboli nach Eastamuni und 
von da weiter über Safranboli nach 
Amasra. Dabei hat sich der Verfasser 
nicht immer an bekannte und viel be- 
gangene Wege gehalten, so ist er z. B. 
von der inneren Hochebene über den Eara 



Sekhis Boghas und im Tal des Gök-Su 
nach Eilikien gegangen, während er sich 
den bekannten Weg durch die kilikischen 
Pässe für die Rückkehr aufgespart hat. 
Wenig besucht ist auch das Tal des 
Eorkün-Su und des Buldurutsch-Su, durch 
das er dann nordwärts nach Eaisarieh 
gezogen ist, imd noch völlig unbekannt 
das Waldland westlich von Safranboli 
nach dem Eodjanos- Tschai. Leider hat 
er die Gelegenheit, wertvolle Beiträge 
zur Eartographie Eleinasiens zu liefern, 
nicht benutzt, sondern sich nur auf be- 
schreibende Schilderung beschränkt. Die 
kleine Übersichtskarte soll und kann 
kein Ersatz sein, sie ist im Gegenteil 
in der Terraindarstellung der vorneh- 
men Sammlung, in der das Buch er- 
schienen ist, nicht recht würdig. Aber 
abgesehen von diesem einen Punkt, auf 
den man hinweisen darf, auch wenn der 
Verfasser ausdrücklich bemerkt, daß er 
nicht den Anspruch erhebt, der Wissen- 
schaft etwas Neues zu bringen, kaim sein 
Werk durchaus empfohlen werden. Die 
eingestreuten historischen Exkurse ver- 
raten eine gute Eenntnis der Geschichte 
des Landes und der neueren Literatur; 
man freut sich, wieder einmal dem Namen 
Fallmerajer zu begegnen, dessen wun- 
dervolle Schilderungen pontischer Land- 
schaften offenbar viel zu wenig bekannt sind. 
Aber auch in den modernen Verhältnissen 
weiß der Verfasser, der das Land schon 
lange kennt, gut Bescheid — kurz, man 
hat bei der Lektüre in mehr als einer 
Beziehung reichlichen Genuß. W. Rüge. 

Brandenburger y Clemens. Russisch- 
asiatische Verkehrsprobleme. 
(„Angewandte Geographie" 11, 7.) 
Halle a.S., Gebauer-Schwetschke 1906. 

Nach einem überblick über die be- 
stehenden Verkehrswege in Russisch- 
Asien und einer Beurteilung ihrer wirt- 
schaftlichen und militärischen Bedeutung 
werden die im Augenblick oder in aller- 
nächster Zukunft aktuellen Eisenbahn - 
Projekte und Wasserbaufragen behandelt. 
Verf. tritt dabei aus militärischen, wie 
wirtschaftlichen Gründen nicht für ein 
zweites Geleise der sibirischen Bahn, 
sondern für eine südsibirische, also völlig 
neu zu erbauende Parallelbahn ein. Wir 
erfahren, daß man in Rußland einer sol- 



Bücherbesprechungen. 



235 



chen Parallelbahn, welche von Omsk 
über Pawlodar-Bamaul-MinnBsinsk nach 
Udinsk geplant ist nnd gen Westen durch 
eine ebenfalls projektierte Verbindung 
Semipalatinsk-Akmolinsk-Orenborg an die 
•oeben fertig gewordene Orenburg-Tasch- 
kent-Bahn angeschlossen werden könnte, 
keineswegs ablehnend gegenübersteht. Da 
Yerf. nachzuweisen sucht, daß die Her- 
stellungskosten einer solchen südlichen 
sibirischen Parallelbahn in der Tat keine 
größeren wären, als die für Legung eines 
zweiten Geleises der bereits vorhandenen 
Magistrale, so leuchtet zum mindesten die 
dadurch gegebene Möglichkeit der wirt- 
schaftlichen Erschließung neuer und durch 
Vorherrschen des Schwarzerdebodens er- 
schließungsfähiger Gebiete West-Sibiriens 
ein. Wie es mit der Meinung der Stra- 
tegen über dieses Projekt steht, mag 
fraglicher erscheinen. 

Oft ventiliert und auch hier erörtert 
ist die Frage einer Eisenbahnverbindung 
von Semipalatinsk via Wjernjj nach Tasch- 
kent. Wenn Rußland in Asien in abseh- 
barer Zeit überhaupt an Bahnbauten heran- 
zutreten vermag, wird auch diese Linie 
gebaut werden müssen. 

Weniger aussichtsreich erscheinen 
einige der vom Verf. erörterten Wasser- 
baufragen, so vor allem die Idee einer 
Überleitung des Aral-Sees durch den viel 
erörterten „Usboj" oder eine Durch- 
querung der transkaspischen Wüste durch 
eine Neubewässerung des alten Ungur- 
Flußbettes. Alle diese Ideen sind heute 
durch die Orenburg-Taschkent-Bahn un- 
zeitgemäß geworden und dürften vor allem 
deswegen in Transkaspien nie zur Aus- 
führung kommen, weil das Land sein 
Wasser zu Berieselungszwecken viel nötiger 
hat, als zu derartigen utopischen Eanal- 
projekten. Im Grunde ist auch Veif. 
dieser Meinung. Warum aber dann über- 
haupt noch so viele Worte über diese 
phantastischen Dinge? 

Viel handgreiflicheren Nutzen würde 
eine Ausgestaltung der sibirischen Wasser- 
wege im Sinne der besonders von Sibi- 
r i a k o w vertretenen Pläne der Verbindung 
der großen schiffbaren Ströme Ost- und 
West-Sibiriens bringen. Diese viel dis- 
kutableren Ideen kommen indessen in 
vorliegender Schrift unverhältnismäßig 
kurz weg. 

Über die beigegebene Karte spricht 



man lieber nicht! Sie kann dadurch nur 
gewinnen. Max Friederichsen. 

Falls, J. C. Ewald. Ein Besuch in 
den Natronklöstern der sketi- 
schen Wüste. (Frankfurter zeit- 
gemäße Broschüren. XXV. 3.) 26 S. 
9 Abb. Hamm i. W., Preer & Thie- 
mann 1906. M —.50. 
Das Schriftchen erzählt von der Ein- 
richtung der koptischen Klöster im Wadi 
Natrun, von den Mönchen und von einigen 
Legenden, die sich an diese Stätten 
knüpfen. Auch von der Salzgewinnung 
wird kurz berichtet. Mehr als der Text 
bieten einige der Bilder nach Original- 
aufnahmen der Kaufmannschen Expedition 
in die libysche Wüste. Fritz Jaeger. 

Schmidt, Max. Indianerstudien in 
Zentralbrasilien. Erlebnisse und 
ethnologische Ergebnisse einer Reise 
in den Jahren 1900 bis 1901. XFV u. 
466 S. 281 Textb., 12 Taf. u. 1 K. 
Berlin, D. Reimer 1906. JC 10.—. 
Die hier beschriebene Reise vertblgte 
den Zweck, unsere Kenntnis der erst seit 
kurzem erschlossenen merkwürdigen indi- 
anischen Welt im Quellgebiet des Xingu 
durch längeren Aufenthalt bei einem dor- 
tigen Stamme (zunächst den Kamajura) 
zu vertiefen, eine Aufgabe, die in der 
Tat für einen jüngeren Ethnologen ebenso 
dankbar, wie für die Wissenschaft von 
höchstem Nutzen zu sein versprach. Leider 
war es dem Verfasser nicht vergönnt sein 
Ziel zu erreichen, da unvorhergesehene 
Schwierigkeiten ernstester Art, haupt- 
sächlich bedingt durch den Mangel einer 
zuverlässigen Begleitmannschaft, zum 
plötzlichem Abbruch der Hauptunter- 
nehmung zwangen. Dennoch aber ist es 
ihm gelungen, durch Feststellung wich- 
tiger neuer Tatsachen die Ergebnisse der 
früheren deutschen Unternehmungen in 
diesen Gebieten in wesentlichen Punkten 
zu ergänzen und sich überhaupt selbst in 
den schwierigsten Situationen als treff- 
lichen Beobachter zu erweisen. Seine fast 
dramatische Spannung erweckenden Schil- 
derungen zeigen uns Land und Leute in 
ganz anderem Licht als bisher. Sie geben 
gewissermaßen die Kehrseite des idylli- 
schen Bildes, das sich den früheren Ex- 
peditionen darbot. Ereignisse wie die 
Niedermetzeluü^ ^vüst vwtsätv^^'ox^Oqk^ 



236 



Buch erb eBprechungen. 



Expedition durch die Suya i. J. 1900, die 
Feststellung der Sitte, sich unbequemer 
Fremder oder Stammesgenossen durch 
Gift zu entledigen, der Charakter der 
indianischen Gastfreundschaft als einer 
Art legalisierten Plünderungssystems be- 
weisen, daß für ein längeres wissenschaft- 
liches Arbeiten von Einzelforschem in 
diesen Gegenden die Zeit noch nicht 
gekommen ist. Der Verfasser traf am 
10. Nov. 1900 in Cuyaba ein und trat 
nach einem Abstecher zu den Bakairi 
am Rio Novo am 19. März 1901 die Reise 
zum Paranatinga an, zwar genügend aus- 
gerüstet aber nur von zwei Leuten be- 
gleitet, von denen nur einer, Andrö, bei 
ihm ausharrte. Bei den Bakairi am 
Paranatinga, wo jetzt der zum Oberhäupt- 
ling aller Indios mansos dieses Gebiets 
offiziell ernannte Antonio, der bekannte 
Begleiter von den Steinens, das Zepter 
führt, sicherte er sich noch die Beihilfe 
von vier recht unzuverlässigen Indianern, 
die er aber schon am ersten Dorf der 
wilden Bakairi, das sich allein noch an 
der alten Stelle befindet, zurücklassen 
mußte. Mit einigen der dortigen Leute 
und jenem Andre als einzigem„zivilisierten" 
Begleiter verfolgte er nunmehr den Ku- 
liseufluß abwärts, kam in Berührung mit 
Nahuqua und Mehinaku, die, ohne grade 
feindlich zu sein, doch durch ihre Hab- 
gier lästig waren, wurde aber am 20. Mai, 
nachdem die Auetö ihn fast seiner ge- 
samten Habe beraubt hatten, zum sofor- 
tigen Rückzug gezwungen. Völlig er- 
schöpft langte er am 19. Juni am Ein- 
schiffungsplatz wieder an und mußte 
unter Zurücklassung aller Sammlungen 
und des Restes der Ausrüstung nur von 
Andr^ begleitet den Rückweg nach dem 
Paranatinga zu Fuß antreten, den er nach 
sieben Tagen unter großen Schwierig- 
keiten nach mehrfachem Verirren erreichte. 
Am 19. Juli traf er wieder in Cuyaba 
ein^ um nach Wiederherstellung seiner 
Gesundheit noch einen Ausflug zu den 
Guatos im Gebiet der Uberabaseen aus- 
zuführen, wo es ihm gelang, diesen noch 
so wenig bekannten Stamm eingehend 
zu studieren. Der zweite Teil des Werkes 
gibt uns ein vollständiges Bild der Lebens- 
verhältnisse, der Rechtsanschauungen und 
der sozialen Organisation dieser eigen- 
artigen Wassemomaden , vor allem aber 
aocb die erste genauere Darstellung ihrer 



Iv. 



Sprache, die bisher nur aus dürftigen 
Vokabularen bekannt war. Durch ihren 
entschiedenen Charakter der Einsilbigkeit 
und ihre überaus merkwürdige Art der 
Wortbildung unterscheidet sie sich scharf 
von allen übrigen Idiomen des Kontinents 
und dürfte noch wichtige Aufschlüsse 
über die Probleme der menschlichen 
Sprachbildung überhaupt zu geben be- 
rufen sein. Auch für die Xingustämme 
hat der Verfasser, der von Hause aus 
Jurist ist, eine Anzahl von Rechtsgebräu- 
chen feststellen können, die von höchstem 
allgemeinen Interesse sind. In der Auf- 
hellung dieser bisher ganz vernachlässig- 
ten Seite der südamerikanischen Ethno- 
logie dürfte die Arbeit vorbildlich wirken, 
ebenso wie die eingehenden Untersuchun- 
gen über die Flecht- und Webetechuik 
in beiden behandelten Gebieten. End- 
lich sei noch auf die bedeutsamen Er- 
örterungen hingewiesen, mit denen der 
Verf. die Art des Kulturaustausches be- 
handelt, wie er sich gegenwärtig im 
Xingu-Quellgebiet zwischen den domesti- 
zierten und wilden Indianern vollzieht. 
Nur durch die schmale Eingangspforte, 
die das Bakairidorf am Paranatinga dar- 
stellt, dringen Kultureinflüsse in Gestalt 
von Eisenwerkzeugen, Schmuckperlen u. 
dgl. zu den Kuliseustämmen vor. So 
haben diese ihre alte Kultur nicht nur 
bewahrt und gestärkt, sondern sie haben 
auch ihrerseits die zahmen Bakairi im 
wilden Sinne beeinflußt, indem sich viele 
Wilde bei diesen niedergelassen haben. 
Die alten Tänze und Sitten wurden so 
b^i den „Zahmen** aufs neue belebt, wäh- 
rend die Anschauungswelt der Wilden 
wiederum langsam aber sicher durch 
jene modifiziert wird, was sich schon 
jetzt durch Veränderungen in Stil und 
Kunstformen kund gibt. So liegt die 
Gefahr nahe, daß spätere Forscher, die 
hier einsetzen und einsetzen müssen, 
nicht mehr auf unverfälschte Anschau- 
ungen stoßen werden, ein Bedenken, das 
für diese Gegenden wenigstens durchaus 
berechtigt ist. Wenn der Verf. aber (S. 328) 
die Frage aufwirft, ob eine Überein- 
stimmung von Mythen bei verschiedenen 
Stämmen nicht in vielen Fällen auf eine 
gemeinsame Beeinflussung durch euro- 
päische Anschauungen zurückzuführen sei, 
so ist zu erwidern, daß gegenwärtig schon 
unser kritischer Apparat dank der um- 



Neue Bücher und Karten. 



237 



fassenden Mythensammlungen ans allen 
Teilen der Erde reichhaltig genug ist, 
um in der Regel das Echte vom Impor- 
tierten unterscheiden zu können. 

Die Ausstattung des Werkes ist bis 
auf die etwas allzu dürftige Karte vortreff- 
lich. Besonders dankenswert sind die zahl- 
reichen schematischen Abbildungen der 
technischen Einzelheiten. Ethnologische 
Typen nach Photographie sind bei dem 
Verlust des Xingumaterials nur von den 
Guatos gegeben, von deren anthropologi- 
schen Sondermerkmalen der starke Bart- 
wuchs und die durch das andauernde 
Sitzen in Kanus bewirkte Verkümmerung 
der unteren Extremitäten hervorzuheben 
sind. P. Ehrenreich. 

Herbertsoll, A. J. The Junior 6eo- 
graphy. (The Oxford Geographies.) 
Vol. U. 288 S. Oxford, 1906. 
Der Verfasser, dessen geographische 
Lesebücher wir in dieser Zeitschrift schon 
mehrfach besprochen haben, tritt hier mit 
einem Leitfaden der Länderkunde an die 
Öffentlichkeit, der für die jüngeren Stu- 
diensemester und zur Vorbereitung für 
das erste Examen bestimmt ist. Er be- 
handelt zuerst ziemlich eingehend die 
Britischen Inseln (91 Seiten), dann kürzer 
die übrigen Länder Europas (83 Seiten) 
und die außereuropäischen Erdteile (112 Sei- 
ten). Die Wirtschaftsgeographie steht 



durchaus im Vordergrunde, doch ist die 
physische Länderkunde dabei keineswegs 
vernachlässigt. Die Abhängigkeit und 
Bedingtheit der wirtschaftlichen von den 
physischen Verhältnissen ist überall klar 
dargelegt und begründet. Ganz beson- 
ders hat sich der Verfasser bemüht, das 
eigene Nachdenken und die Selbsttätig- 
keit der Studierenden anzuregen, sie 
namentlich auch zu einem gewissenhaften 
Studium der Karte anzuleiten. Die recht 
zahlreich beigegebenen Kartenskizzen sind 
dazu sehr dienlich. R. Langenbeck. 

Wünsche, A. Schulgeographie des 
Königreiches Sachsen. 220 S. 
17 Abb. Leipzig, Dürr 1906. UK2.— . 
Das Buch bietet dem Lehrer Material 
zur Vorbereitung für den Unterricht und 
zwar fast durchweg in recht brauchbarer 
Form und wissenschaftlicher Zuverlässig- 
keit. Im Vordergrunde des Interesses 
stehen dem Verfasser die Fragen der 
Siedelungs- und Wirtschaftsgeographie. 
Die Entwickelung der Landschaftsformen 
kommt etwas stieftnütterlich weg; in 
diesem Punkte ist die Darstellung auch 
nicht ganz frei von veralteten Ansichten 
(z. B. S. 4, 6, 88, 96, 181). Unter der 
benutzten Literatur vermissen wir nament- 
lich das Eibstromwerk, Cottas alte und 
Lepsius' neueste Darstellung der geo- 
I logischen Verhältnisse. P. Wagner. 



Nene Bfleher und Karten. 



Allgemeines. 

Brockhaus* Kleines Konversations-Lexi- 
kon. 5. Aufl. 17.— 19. Heft 

Ratzel, Friedrich f. Kleine Schriften. 
Ausgewählt u. hrsg. durch Hans Hei- 
melt. Mit einer Bibliographie von 
Viktor Hantzsch. (Ratzel-Bibliogra- 
phie 1867—1906. Verzeichnis der selb- 
ständigen Werke, Abhandlungen u. 
Besprechungen. LXIII S.) Bd. I. XXXV 
u. 631 S. 1 Bildnis u. 2 Taf JC 12.—. 
Bd. II. XI u. 644 S. 1 Bildnis u. 6 
Textskizzen. ^iC 18. — . München u. 
Berlin, Oldenbourg 1906. 

de Greef, Guillaume. !^loges d'Elis^e 
Reclus et de De Keel^s-Krauz. (Univers. 



Nouv. de Bmxelles. Inst, des Hautes 
£tudes.) 66 S. 2 Bildnisse (Elie u. Eli- 
söeReclus). Gent, „Volksdrukkerij" 1906. 
AllgemelBe phyiiltclie Geographie. 

Franz, J. Der Mond. („Aus Natur u. 
Geisteswelt**. 90. Bd.) IV u. 182 S. 
81 Abb. im Text u. auf 2 Doppeltaf. 
Leipzig, Teubner 1906. JC 1.26. 

Börnstein, R. Leitfaden der Wetter- 
kunde, gemeinverständlich bearbeitet. 
2. Aufl. gr. 8^ Xn u. 280 S. 61 Text- 
abb. u. 22 Taf Braunschweig, Vieweg 
1906. JC 6.—. 

▲llgemeine 6eogr»plile des MensekeB. 

Stein, Ludw. Die Anfänge der mensch- 
lichen Kultur . E\xi^>QrMi% Vsi. ^^ "^tKö- 



238 



Nene Bücher und Karten. 



logie. („AuB Natur u. Geisteswelt**. 
98. Bd.) lY u. 146 S. Leipzig, Teubner 
1906. JL 1.26. 

DeotteklMid «ad HaeklMirliBder. 

Behrmann, W. Über die niederdeut- 
schen Seebücher des 16. u. 16. Jahr- 
hunderts. (GOttinger Diss.) YIu. IIOS. 
4 Textabb. u. 4 K. Hamburg, Friede- 
richsen 1906. 

Eckert, Chr. Die Seeinteressen Rhein- 
land-Westfalens. 62 S. Leipzig, Teubner 
1906. JL 1.—. 

Halberstadt in Wort und Bild. 84 u. 
86 S. 8 färb. VoUb., 61 Textill. u. 4 
kartogr. Beig. Halberstadt, Koch. 

Hantzsch, Viktor. Die ältesten ge- 
druckten Karten der sächsisch-thürin- 
gischen Länder 1560—1698. gr. Fol. 
18 Lichtdrucktaf. u. begleit. Text. (Vm 
u. 6 S.) Leipzig, Teubner 1906. In 
Lwdmappe JL 18. — . 

Woerl, Leo. Das Königreich Sachsen in 
Wort und Bild. XV u. 668 S. Stadt- 
pläne, 1 K. u. 240 Abb. Leipzig, Woerl 
1906. JL 4.—. 

Beyer, 0., Cl. Förster und Chr. März. 
Die Oberlausitz. (Landschaftsbilder aus 
dem Königreich Sachsen. 6.) 196 S. 
24 Abb., 4 Textk., 2 Prof., 1 topogr. u. 
1 orohydrogr. K. Meißen, Schlimpert 
1906. JL 4.—. 

Begelmann, C. Geologische Übersichts- 
karte von Württemberg und Baden, 
dem Elsaß, der Pfalz und den weiter- 
hin angrenzenden Gebieten. Hrsg. v. 
d. k. württ. Stat. L.-A. 6 Aufl. 1 : 
600 000. 68 : 68 cm. Stuttgart 1906. 
Mit einem Heft „Erläuterungen'' (26 S.) 
JL 8.—. 

Übriges Eirop». 

Chantriot, £. La Champagne. Etüde 
de g^ographie regionale. XXIV u. 816 S. 
31 Abb., 21 Taf., 17 K. Paris, Berger- 
Levrault 1906. ^^• 

Gsell Fels, Th. Rom und die Cam- 
pagna. 6. Aufl. XVI u. 1146 S. 6 K., 
68 Pläne u. Grundrisse, 61 Ansichten. 
Leipzig, Bibl. Inst. 1906. JL 12.—. 

Marasse, M. Römische Sonntage. 188 S. 
Leipzig, Duncker & Humblot 1906. 
JL 2.80. 



Meyers Reisebücher. Griechenland und 

Kleinasien. 6. Aufl. X u. 336 S. 12 K., 

31 Pläne u. Grundrisse u. 8 bildliche 

Darst. Leipzig, Bibl. Inst. 1906. JL 7.60. 

Asien. 

Schwarz, F. y. Alexanders des Großen 
Feldzüge in Turkestan. 2. Aufl. 108 S. 
2 Taf., 6 Teirainaufh. u. 1 Übersichtsk. 
d. Feldzüge Alexanders. Stuttgart, Grub 
1906 JL 2.—. 

Haeckel, Ernst. Wunder der Tropen. 
Gr. Fol. Viele Taf. Gera -Unterm haus, 
Köhler 1906. In Mappe JL 36.—, Volks- 
ausgabe JL 24.—. 

Robert, E. Le Siam. £tude de g^ogra- 
phie politique. (Trayaux du S^minaire 
de Geographie de Tüniyersit^ de Li^ge. 
Fase. V.) 76 S. Abb. auf Taf. u. 1 K. 
Lüttich, Cormaux 1906. Fr, 2.—. 

Filchner, Wilh. Das Kloster Kumbum. 

Ein Beitrag zu seiner Geschichte. VIH 

u. 164 S. 89 Taf., 3 K. u. Abb. im Text. 

Berlin, Mittler k Sohn 1906. JL 6.—. 

AMka. 

Irle, J. Die Herero. Ein Beitrag zur 
Landes-, Volks- und Missionskunde. 
Vin u. 362 8. 66 Dl. u. 1 K. Güters- 
loh, Bertelsmann 1906. JL 6.—. 
Nord-PoUfj^genden. 

J e 1 i n e k , E. Eine Nordlandsreise mit dem 
Doppelschrauben - Postdampfer „Fürst 
Bismarck** der Hamburg- Amerika-Linie. 
42 S. Wien, Selbstyerl. 1906. 
GeogrApliiseher Unterricht. 

Heinze, H. Physische Geographie nebst 
einem Anhang über Kartographie für 
Lehrerbildungsanstalten und andere 
höhere Schulen. 8. Aufl. 139 S. 58 
Textabb. Leipzig, Dürrsche Buchhandl. 
1906. JL 2.—. 

Kraepelin, K. Naturstudien in der 
Sommerfrische. Reise-Plaudereien. Ein 
Buch für die Jugend. VI u. 176 S. 
Zeichnungen von 0. Schwindrazheim. 
Leipzig, Teubner 1906. JL 3.20. 

Schlemmer, K. Geographische Namen. 
Erkl&rung der wichtigsten im Schul- 
gebrauche yorkommenden geographi- 
schen Namen. 99 S. Leipzig, Renger- 
sche Buchhandl. (G^bhardt u. Wilisch) 
1906. JL 1.60. 



ZeitBchriftenBchau. 



239 



ZeitseMftenschan. 



Petermanns Mitteilungen. 1906. 2. Heft. 
Hoek und Steinmann: Erläuterung zur 
Routenkarte der Expedition Steinmann in 
den Anden von Bolivien 1908/04. — 
Hopf n er: Die thermischen Anomalien 
auf der Erdoberfläche. — Supan: Der 
jährliche Gang der Temperatur auf der 
Erdoberfläche. — Kaßner: Der Devna- 
See. -— Tronnier: Die Veränderung der 
Erdoberfläche. — Friederichsen: Obrut- 
BchewB Reise im Gebiet des Tarbagatai 
1905. — Langenbeck: Das Atoll Funa- 
futi. — Mylius-Erichsen: Plan der 
,, Danmark''-Ezpedition nach NO-Grönland. 

Globus. 89. Bd. Nr. 7. Lasch: Ver- 
wendung des Eies im Volksglauben und 
Volksbrauch. — Anfänge der Kunst im 
Urwald. — Passarge: Der paläolithische 
Mensch an den Viktoriafällen des Sam- 
besi. — Eüsthardt: Vom Okapi. — Die 
nächste Aufgabe der Nordpolarforschung. 

Boss. Nr. 8. Bieber: Reiseeindrücke 
und wirtschaftliche Beobachtungen aus 
Gallaland und Kaffa. — Die neue Bahn 
Berber — Port Sudan. — Parrot: Vogel- 
zugsbeobachtungen auf Reisen. — Zur 
Baskenkunde. — Eoltschaks Expedition 
nach der Bennettinsel. 

Dom. Nr. 9. Bieber: Reiseeindrücke 
und wirtschaftliche Beobachtungen aus 
Gallaland und Kaffa. — Spieß: Bedeu- 
tung einiger Städte- und Dorfoamen in 
Deutsch-Togo. — Schütze: Der Elefant 
in Britisch-Ostafrika. — Schultz: Noch 
ein Steinnagel aus Samoa. — Kiautschou 
im J. 1904/06. 

Deutsche Rundschau für Geographie 
und Statistik, 28. Jhrg. 6. Heft. Zürn: 
Von Tosari zum Bromo. — Weinberg: 
Die Bevölkerung des Kaukasus in stati- 
stischer und ethnischer Beziehung. — 
Korea, das Reich der Morgenstille (1 K.). 
— Olinda: London in der Gegenwart. 

Zeitschrift für Gewässerkunde. 7. Bd. 
3. Heft. Gravelius: Abhängigkeit des 
Regenfalls von der Meereshöhe. — Braun: 
Das Frische Haff. — Reitz: Zwei Bei- 
träge zur graphischen Berechnung hydro- 
metrischer Aufgaben. 

Meteorologische Zeitschrift. 1906. 2. Heft. 
Gockel: Über den lonengehalt der Atmo- 
sphäre. — Klein: Cirrus - Studien. — 
Hann: Der Pulsschlag der Atmosphäre. 



Zeitschrift für Kolonialpolitik, -recht 
und -Wirtschaft, 1906. 1. Heft. Besiede- 
lungsversuche in Portugiesisch-Ostafrika. 

— Vogelsang: Die ersten Schritte zur 
Erwerbung von Südwest- Afrika. — Born- 
haupt: Die Konzessions&age in den deut- 
schen Schutzgebieten. — V. Engelbrech- 
ten: Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika. 

Zeitschrift für Schulgeographie, 1906. 
6. Heft. Krebs: Die Geographie in ihrer 
Stellung zu anderen Wissenschafben. — 
Wollensack: Der Mond in den fremden 
Zonen. — Braun: Die Antarktis. — Eine 
Fahrt auf dem Yangtse-Kiang bis Hankou. 

Geographischer Anzeiger. 1906. 2. Heft. 
Heiderich: Die Getreideproduktion der 
Erde. — Baltzer: Die Erforschung de« 
Weltalls. — Byhan: Die Masai und ihre 
Sagen. 

Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde 
SU Berlin. 1906. Nr. 1. Friedrich: 
Die glazialen Stauseen des Steine- und 
des Neiße-Tales. — Galle: Neuere Ar- 
beiten auf dem Gebiete der Erdmessung. 

Mitteilungen der Geogr, Ges, in Harn- 
bürg, Bd. XXL 1906. Michow: Das erste 
Jahrhundert russischer Kartographie 1686 
— 1681 und die Originalkarte des Anton 
Wied von 1642 (1 Abb. u. 4 K.). — 
Behrmann: Niederdeutsche Seebücher 
des XV. u. XVI. Jahrhunderts (4 Abb. u. 
4 K.). — Albrecht: Durch den Daghe- 
stan auf der Awaro-Kachetinischen Straße 
im Mai— Juni 1904 (14 Abb.). 

Mitteilungen der k, k. Geographischen 
GeseOschaft in Wien. 1906. Nr. 1. Von 
der Simplonbahn. — Diener: Die Ent- 
wicklung Neuseelands im letzten Jahr- 
zehnt. — Jönsson: Island. 

The GeographicalJoumal. 1906. No.3. 
Seligmann: Anthropogeographical In- 
vestigations in British New Guinea (1 K.). 

— Gibbons: British East African Pla- 
I teau Land and its Economic Conditions 
: (1 K.). — Neumayer: Recent Antarctic 
I Expeditions. — Schwarz: The Rivers of 
I Cape Colony. — Herbertson: Recent 

Regulations and Syllabuses in Geography 
' affecting Schools. — Mac Mann: The 
' Areas of the Orographical Regions of 

England and Wales. 

The Scottish Geographical Magazine. 
, 1906. No. 3. Gftiki^-. Tti^ '^^Xötj q1 V^ä 



240 



Zeitschriftenschau. 



Geography of Scottland (1 K.). — Cur- 
rie: The Faeröe Islands. — Gross: New- 
foondland. 

La Geographie. 1906. No. 2. Des- 
p 1 a gn e 8 : Une mission arch^ologique dans 
la valläe da Niger. — Danes: La r^gion 
de la Narenta infärienre. — Deniker: 
Les r^centes pnblications sur Lhaasa et 
le Tibet. — Brnnhes: La confärence 
met^orologique d^liinsbrack. — Pelet: 
La Position g^ographiqne d'El Oued. 

The NcUiontil Geographie Magazine. 
1906. No. 2. Shonts: The Panama CanaL 
— Gibbs: Transportation Methods in 
Alaska. — Blanchard: Winning the 
West. 

The Journal of Geography. 1906. 
No. 1. Brown: Geographica! Changea- 
bleness. — Hnbbard: The Industrial and 
Gonunercial Importance of a Tropical 
Possession. — Kellogg: American Samoa. 

Da88. No. 2. Farnham: Geography 
Course in the Oswego State School. — 
Whitbeck: The Fundamental and the 
Incidental in Geography. — Dresser: 
The Monteregian Hills. 

Cons. perm. intemat. p. Vexplor, d. l. 
mer. Puhlicatiotis de circonstance. No. 38. 
Gatalogne des esp^ces de plantes et d'ani- 
maux observ^es dans le Plankton recneilli 
pendant les exp^ditions p^riodiqaes de- 
puis aoüt 1902 — mai 1905. — No 84. 
Nansen: Methods for measoring direc- 
tion and velocity of currents in the sea 
(2 Taf., 81 Fig.). 

Aus Tergchiedenen Zeitschriften. 

Braun, G.: Die Gruppe der Legiener 
Seen (1 K.). Berichte des Fischerei- Ver. 
f. d. Prov. Ostpreußen, 30. Jahrg. 
Febr. 1906. 

Brunhes,J.: Les relations actuelles entre 
la France et la Suisse et la question 
des voies d'acc^s au Simplon (9 K. u. 
Pläne). Bevue Economique internatio- 
nale. III. 1906. Fevr. 

Eckardt: Über die klimatischen Ver- 
hältnisse der Vorzeit. Natunviss. Wo- 



I chenschr. N. F. F. Bd. (XXL Bd.) 
I Nr. 8. 18. IL 06. 

JDers.: Der Baumwollbau in seiner Ab- 
I hängigkeit vom Klima an den Grenzen 
I seines Anbaugebietes. Beihefte z. Tro- 

penpfl. Bd. VIL Nr. 1/2. Febr. 1906. 
I EndrOs: Die Seiches des Waginger- 
Taschingersees (1 Taf.). S.-Ber. d. math.- 
phys. Kl. d. k. bayer. Ak. d. Wiss. 
Bd. XXXV. 1905. H. IIL 

Engelbrecht: Die Aufgaben des Sonder- 
ausschusses für Klima- imd Wetter- 
kunde. Jahrb. d. d. Landunrtsch.-Ges. 
1905. 

Feydt: Der Einfluß der ostpreußischen 
Eisenbahnen auf die städtischen und 
einige andere Siedelungen. AUpreuß. 
Monatsschr. Bd. XLL H. 7 u. 8. 
Bd. XLII H. 1 u. 2. H. 7 u. 8. 
{Garde: Isforholdene i de arktiske Have 
1906. (The state of the ice in the arctic 
seas 1906.) (6 K.) Danske met. Inst, 
nautisk-met. Aarbog. Jan. 1906. 

Heim, Albert (sen.): Ein Profil am Süd- 
rand der Alpen, der PliocaeniQord der 
Breggiaschlucht. (Geol. Nachlese. Nr. 15.) 
(2 Taf. u. 8 Textb.) VierteJjahrssckHft 
d. Naturforsch. Ges. in Zi^rich. Jahrg. 51. 
1906. 

Hertzberg: Reise - Erinnerungen aus 
West-Preußen. Beü. d. Osterprogr. 1906 
d. Stadt. Oberrealschule zu Halle a.S. 

Jentzsch: Über umgestaltende Vorgänge 
in Binnenseen. Protokoll d. Mon.-Ber. 
Nr. 11. Jahrg. 1905 d. D. Geol Ges. 

Katscher: Die submarine Tunneleisen- 
bahn zwischen England und Frankreich. 
Himmel und Erde. VIII. 5. Febr. 06. 

Lindem an: Island. Weser-Ztg. Nr.21304. 
6. Febr. 1906. 

Richter, Ed. f: Bosnien. Österr. Rund- 
schau. Bd. VI. H 69. 

Romer: Die Eiszeit im Swidowiecgebiige, 
Ostkarpaten. BuU. de VAc. des sc. de 
Cracovie. Cl. des sc. math. et nat. Dec. 
1905. 

ten Kate: Die südliche Abstammung der 
Japaner. Deutsche Japan-Post. Nr. 42. 
Yokohama, 20. Jan. 1906. 



VerrnntwoTtUaher Henusgeber: Prof. Dx. Alfred Hottner in Heidelberg. 



Der Meru/) 

Von Frits Jaeger. 
(Mit 5 Landschaftsbildern auf Taf. 4 a. 5 nach Originalanfnahmen von Carl Uhlig.) 

Westsüdwestlich von dem deutsch-ostafrikanischen Biesenvulkan Kili- 
mandscharo liegt zwischen 3 und Sy^^ südlicher Breite der gleichfalls vul- 
kanische Kegel des Meru; die beiden Berge liegen so nahe bei einander, daß 
ihre Tuffaufschüttungen in einander übergehen. Die Entfernung des eigent- 
lichen Fußes beider Berge, der Stellen, wo ein steilerer Anstieg aus der 
flachen Steppe deutlich den orographischen Beginn der Berge kennzeichnet, 
beträgt an der Stelle der größten Nachbarschaft etwa 20 km, die Entfernung 
der Hauptgipfel 70 km. Die vielen Reisenden, die seit der Entdeckung 
der beiden Berge durch Bebmann im Jahre 1848 den Kilimandscharo be- 
suchten, haben daher alle auch seinen kleineren Nachbar gesehen, dessen 
schöngeformte Silhouette den westlichen Horizont stilvoll unterbricht. Oerade 
von den Kilimandscharolandschaften aus gesehen macht der Meru bei seiner 
relativen Höhe von 3800 m auf den Beschauer einen mächtigen Eindruck, 
der noch wesentlich gehoben wird durch die kleinen Vorberge in seiner 
nächsten Umgebung. An sich Hügel von ansehnlicher Größe, wie Z; B. der 
„Domberg" und der „Sargberg", treten sie doch ganz zurück neben dem 
gewaltigen Hauptberge. Zu den stinunimgsvollsten Bildern, die ich in Afrika 
genossen habe, gehört die Aussicht von Moschi am Kilimandscharo über die 
weite Steppenniederung hinweg nach dem Meru, besonders wenn die Sonne 
eben untergegangen war. In tiefem Dunkel liegen die untersten Badialrücken 
des Kilimandscharo, die weite Steppe, die Meruvorhügel und schließlich der 
große Merukegel selbst. Aber das Dunkel stuft sich ab in den zartesten 
Farbentönen vom tiefen Blauschwarz des nächsten Bergrückens zu Dunkel- 
violett in der Steppe und zum lichten Grauviolett des Meru. Auf den purpurnen 
Hintergrund des Westhimmels ist mit markigen Zügen sein Profil gezeichnet. 
Zur Linken steigt es steil und geradlinig aus einer Hügelgruppe an, in der 
der abgestutzte Sargberg auffällt, bis zum höchsten, fein gezähnelten Grat. 
Ein schön geschwungener, nach oben konkaver Bogen verbindet diesen mit 
der niedrigeren Spitze im Norden. Steil und geradlinig steigt die Profillinie 
zur Rechten von der Nordspitze hinab zur flachen Steppe.') 

1) Vorläufige Veröffentlichung der Ostafrikaniflchen Expedition der 
Otto Winter-Stiftung unter Leitung von Prof. Dr. Carl Uhlig. 

•2) Dies Profil tritt in Fig. 1 (Taf. 4), obwohl die Aufnahme von Daten 93^- 
nommen ist, wegen des allzu nahen Standpunktes d.e% k\iiii^\iiii<^\idk»DL tsqx. ^q:d^^^- 
kommen hervor. Fig, 1 G, N. 

aw}grmpbi§cb9 Z^ittöhrUt IS. Jahrgang. 1906. &.H«tt. VI 



ufifU i-ii] :ieu.'>iil. uX 



.SOIM II X tliTH:iHfi'iX 9HowiH(|A-i^o9i) 




I • . 






I'.i.-,'' 



i StJil US ni;l»<)lK»«l 



Geographische Zeitschrift. XII. 1906. Za Jaeger: Der Mem. 



Tafel 4. 




9 

SP 

00 

o 
B 

o 
> 

i 

o 

1 



ä 
.1 

s 






(Nach Original- Aufnahmen von Pto^. I>t. C«k.T\ \L\vV\%^ 



Der Mern. 243 

Der Nordhang hat weniger bedeutende Schluchten, dem oberen Westhang 
fehlen Erosionsformen völlig. Nur die Gew&sser des südöstlichen Quadranten 
des Mern vereinigen sich zum KikuletwS- oder Darjamaflüßchen und werden 
durch dieses dem Pangani und dem Indischen Ozean zugefQhrt, während die 
anderen Seiten des Berges dem abflußlosen Gebiet angehören. Die Bäche, 
die diesen Hängen entströmen, versiegen bald in der Steppe. Von der Nord- 
und Westseite ziehen überhaupt keine Bäche, sondern nur große, bei seltenen 
Gelegenheiten Wasser fClhrende Trockenschluchten in die Steppenflächen hinaus. 
Die Bildung dieser Täler und der Schottermassen in ihnen reicht in die 
regenreichere Diluvialzeit zurück, unter den heutigen Niederschlagsverhältnissen 
können sie nicht entstanden sein. 

In den Bergkegel des Meru ist eine gewaltige, nach Osten offene Caldera^) 
(Fig. 1) von ungemein imposanten Formen eingesenkt. Der Kraterkessel, der 
die zentralen Teile des Bergkegels einnimmt, hat einen Durchmesser von etwa 
4 km imd eine Tiefe von etwa 1000 m. Steil, fast senkrecht, ja stellenweise 
überhängend stürzen gewaltige Felswände (Fig. 1 C) vom Kraterrand 1000 m 
hinab zum Kraterboden. Jedoch nur an der westlichen Wand erreicht der 
Absturz diese Höhe. An der Nord- und an der Südwand senkt sich der 
Galderarand nach Osten. In derselben Richtung senkt sich der Galderaboden, 
aber weniger stark, daher nimmt die Höhe der Wände nach Osten auf etwa 
500 m ab. Auf der Ostseite fehlt die Wand, die die gewaltige Kraterrunde 
abschließen sollte. Dort braucht man nur bis 2700 m empoi-zusteigen, um auf 
den Galderaboden zu gelangen und auf ihm bis zu seinen höchsten Teilen 
in 3600 m vorzudringen. Der Meru ist, von den jüngsten Bildungen im 
Krater abgesehen, wie ein gewaltiger Thronsessel, den sich Hephästus aus 
unterirdischem Feuerbrei erbaute. Der Galderaboden ist der Sitz, die West- 
wand die Kückenlehne, die Nord- und Südwand sind die Armlehnen, die 
Seenplatte ist der Schemel der Füße. 

Der große hufeisenförmige Bogen der Calderawände umschließt andere 
Bildungen, zu denen er in demselben Verhältnis steht, wie der halbkreis- 
förmige Wall der Somma zum Kegel des Vesuvs und den Produkten seiner 
Tätigkeit. Doch sind am Meru die Verhältnisse weit komplizierter. Wir 
müssen folgende Gebilde unterscheiden: 

1. die Calderaum Wallung (Fig. 1 C)\ 

2. hochgelegene Reste einer konzentrischen Ringmauer im SSW der 
Caldera (Fig. 1 i2); 

3. annähernd horizontale Lavaschichten im SW der Caldera, die discordant 
an den Calderawänden anliegen und nach Osten steil abbrechen (Fig. 1 D); 

4. den Zentralkegel, an dem seinerseits eine äußere Umwallung von 
einer inneren Kuppe unterschieden werden kann (Fig. 1 A)\ 

5. einen Lavastrom, der am Westfuß des Zentralkegels entspringt und 
die Nordhälfte des Caldorabodens ausfüllt (Fig. 1 L). 

1) Unter einer Caldera versteht man einen nach einer Seite offenen Krater- 
kcssel. Daher werde ich im Folgenden vom „Krater** sprechen^ wenn vc\i ^«ol'^vnk^ 
ohne die Lücke in der Umwallung meine, von der ,,Ca\d.er«b*\ v^cöä \s3ii ^^\äs^^ 
eiubegreife. 

\1* 



244 Fritz Jaeger: 

Mühsam steigen wir von Osten her durch die Lücke in der Krater- 
umwallung in die Caldera hinein. Nachdem wir die pfadlose Wildnis eines 
dichten Buschwaldes von Baumerika mit Hilfe von Buschmessem glücklich 
durchdrungen haben, wird der Anstieg keineswegs leichter. Zwar hält uns 
jetzt von etwa 3100 m an keine Vegetation mehr auf, aber der Boden wird 
dafür um so schwieriger gangbar. Über die köpf- bis Y^ cbm großen, rauh 
zerspratzten Felsklötze einer jungen Blocklava geht es steil hinan. Immer 
unebener, zerrissener und fiischer wird die Lava, je weiter wir hinaufkommen. 
Wie ein Gletscher zieht sich der 5 km lange und 1 km breite Strom vor uns 
am Fuß der Calderasteilwände hin. Die große Zähigkeit des Lavaflusses, 
welche sich auch darin deutlich ausspnoht, daß die Masse noch während des 
FUeßens in einzelne Blöcke zerrissen ist, hat diese Analogie der Form mit 
strömendem Eise hervorgebracht. Die Vegetation hat erst am untern Ende 
des Stromes stärker Fuß gefaßt. Nach seinem Verwitterungszustand zu 
urteilen ist der ganze Strom schwerlich mehr als 100 Jahre alt, das Alter 
der letzten Nachschübe nahe den Quellen des Stromes schätzten wir auf 
kaum 25 Jahre. Demnach kann der Meru noch nicht als erloschen gelten. 
Auch der zentrale Aschenkcgel, an dessen Westfuß der große Lavastrom 
entspringt, ist ein junges Erzeugnis der Merutätigkeit. Aus einigen Spalten 
an seinem Fuß steigen noch heute weiße Wasserdampfwolken empor. Wiewohl 
der Kegel dem Vesuvkegel an Größe nicht nachsteht, beeinflußt er das Ge- 
samtbild des Berges kaum, da er von den riesigen Steilwänden der Caldera 
bedeutend überragt wird. 

Hier auf dem Calderaboden umgeben uns diese kahlen Felswände fast 
ringsum. Sie sind gegliedert durch vorspringende Gräte mit vorzüglich sicht- 
barer periklinaler Schichtung und durch einspringende Schluchten, in denen 
unaufhörlich Steinschläge herabrieseln oder prasseln, um sich am Fuß der 
Wände zu großen Schuttkegeln und moränen artigen Wällen anzuhäufen. Die 
Gräte ziehen hinauf zu den vorspringenden Türmen, Zacken und Nadeln des 
Kraterrandes. Außer der den Außenhängen des Berges parallelen Schichtung 
bestimmen die vielen mehr oder weniger senkrechten Gänge das geologische 
Bild. Die Wasserlosigkeit der Caldera — wegen der Auswärtsneigung der 
Schichten können an den Steilwänden keine Quellen austreten — , der Mangel 
an schimmernden Eis- und Schneeflächen, dazu das Grau des Aschenkegels, 
das Schwarz des Lavastromes verleihen dieser Hochgebirgswüste eine düstere 
Stimmung. Belebt wird das Bild, wenn wallende Nebel vom Winde in 
wildem Spiele gejagt die Steilwände zeitweise verbergen und dann wieder um so 
klarer entschleiern. Oft aber füllen auch die Wolken die ganze Caldera 
aus und benehmen jede Aussicht, wie wir zu unserm Leidwesen erfuhren. 
Denn die Caldera ist ein besonderes Wetterloch, in dem die Wolken mit 
Vorliebe hängen bleiben. 

Es scheint nicht, daß der große Kraterkessel durch eine Explosion ent- 
standen ist. Sonst müßten gewaltige Tuff- und Trümmermassen die äußeren 
Hänge des Berges bedecken, namentlich ihre höheren Teile; das ist aber nicht 
der Fall. Wa,hr8chemY\(^ haben wir uns die Entstehung des Kraters so vor- 
znstelleiiy daß am Schluß der Eruptionsperiode, ^^ öiWi ^i^aÄti ^^t^ auf- 



Der Meru. 245 

schüttete, große Lavamassen tief in den Förderschacht zurücksanken und auch 
erstarrte Teile, ihres Haltes berauht, nachstürzten. Mit dieser Annahme lassen 
sich auch die erwähnten Reste einer konzentrischen Ringmauer und die 
horizontalen Lavaschichten in der Caldera, auf die ich hier nicht näher ein- 
gehen kann, gut in Einklang bringen. 

Durch die Öffnung der Caldera genießen wir eine beschränkte, aber 
malerische Fernsicht. Weithin breiten sich die gelben Steppen am Fuß des 
Meru aus. Wir blicken hinab auf die vielen kleinen blinkenden Seen und 
in die beiden großen flachen Krater, die dem südöstlichen Ausläufer der 
Seenplatte aufsitzen. Wiewohl geringere Höhendifferenzen von hier oben ge- 
sehen fast verschwinden, erkennen wir an der dunklen, durch reichere Baum- 
vegetation hervorgebrachten Färbung den Steilabfall des Sogonoiplateaus, der 
die Kilimandscharo -Meruniederung im Süden begrenzt. Den Hintergrund 
bilden das ferne Paregebirge, die östliche Begrenzung dieser Senke, und 
links davon der gewaltige Kilimandscharo. Seine beiden Gipfel, der fernere 
zackig-schroffe Mawensi und der nähere Schneedom des Kibo ragen noch 
hoch über imsem Standpunkt empor in eisige Regionen. Der Kibo kehrt 
uns seine Westseite zu, auf der die Gletscher in mächtigen Zungen weit 
hinabreichen. Der unregelmäßige und doch harmonische Wechsel von weißen 
Gletschern und dunklen Felsmassen bringt gerade auf dieser Seite die 
malerischste Wirkung hervor, die auch in so großer Feme noch zur Geltung 
kommt. 

Aus der Caldera zum Fuße des Meru hinabsteigend gelangen wir auf 
die Seenplatte (Fig. 3). Durch die Seen, die unruhig welligen Bodenformen und 
durch die Erosionstäler erinnert diese eigentümliche Landschaft an unsere nord- 
deutschen Glaziallandschaften. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch 
das Material, aus dem sie aufgebaut ist. Wie in der norddeutschen Grund- 
moräne, so sind in diesen „Brockentuffen" große unregelmäßige Blöcke in 
feinerem Material eingebettet, und wie in Glaziallandschaften gelegentlich, 
so liegen hier fast überall ausgewitterte Blöcke bis zur Größe eines zwei- 
stöckigen Hauses lose auf der Oberfläche. Die unregelmäßig eckigen Bruch- 
stücke von Laven und älteren Tuffen, die in den Brockentuffen mit 
feinerem Eruptions- imd Trümmermaterial mehr oder weniger fest verkittet 
sind, weisen darauf hin, daß die Brockentuffe der Zertrümmerung älterer 
Gesteine ihren Ursprung verdanken. Ihre Lage am Ostfuß des Meru sagt 
uns das Weitere: als der Merukegel aufgetürmt und der Kraterkessel ein- 
gesunken war, fand einmal eine große etwas exzentrische Eruption statt, 
die den östlichen Teil der Kraterumwall ung in die Luft sprengte und so 
die östliche Lücke schuf, den Krater in eine offene Caldera umwandelte. Die 
großen Trümmermassen fielen am untern Hang und am Fuß des Berges 
nieder und bildeten mit dem Wasser der den Ausbruch begleitenden Wolken- 
brüche Schlammströme, die sich am Fuß des Berges ausbreiteten. Die un- 
regelmäßigen Oberflächenformen dieser Schlammströme wurden nachträglich 
durch spülendes und fließendes Wasser noch etwas schärfer ausgearbeitet. 
Die Seenplatte ist daher mit einer Unmenge von kleinen Hügeln von 10 bis 
70 m Durchmesser und 5 bis 20 m Höhe wie mit lauter Maulwurfshaufeu 



246 Friti Jaeger: 

regellos übersät. Etliche ganz unregelm&ßig geformte Becken sind in sie 
eingesenkt und zum Teil mit Wasser erfüllt Der größte der 14 Seen dieser 
Gegend hat etwa 4 qkm Flächeninhalt. Landzungen springen Yon Osten 
und Westen in den See vor und setzen sich unter dem Wasserspiegel ganz unregel- 
mäßig fort. Die größte Tiefe maß Uhlig zu 38 m. Die Uferwände fallen 
ziemlich steil zum See ab, der etwa 40 m tief in die Platte eingesenkt ist. 
Die übrigen Seen zeigen ähnliche Verhältnisse. Zum Teil sind die Seen 
durch periodische Abflüsse verbunden, die in steilwandigen, bis 40 m in die 
Hügellandschaft eingeschnittenen Tälern fließen. Alle sind salzhaltig, manche 
so stark, daß das Wasser auf die Schleimhäute fast ätzend wirkt. Da die 
Zuflüsse in dem vulkanischen Gestein verhältnismäßig viel Salze lösen und 
die Verdunstung so stark ist, daß nur ein Teil der Seen einen Abfluß 
besitzt und nicht einmal einen dauernden, so reichert sich das Salz rasch 
an, das Wasser wird sehr konzentriert. In der Regenzeit steigt das Wasser 
der Seen etwa um 1 m an, und einige fließen dann nach dem Kikuletwa- 
System ab. In der Trockenzeit fällt der Seespiegel wieder, und die Ufer 
bekleiden sich mit weißen Salzausblühungen. 

In und an den Seen entwickelt sich überall ein lebhaftes Treiben. Da 
tummeln sich die Flußpferde, tauchen unter, tauchen mit lautem Pusten und 
Grunzen wieder mit dem Kopf über den Seespiegel, das Wasser meterhoch 
in die Luft blasend. Der afrikanischen Sitte, die Kinder auf dem Rücken 
zu tragen, huldigen auch die Flußpferdmütter, aber selten bietet sich die 
Gelegenheit, dies Mutterglück zu beobachten. Die Krokodile, die sonst stets 
mit den Flußpferden zusammen vorkommen, meiden die Salzseen. Enten, 
Gänse, Wasserhühner, Pelikane, Flamingos schwimmen auf dem Wasser- 
spiegel oder stehen einbeinig am Ufer; auf den Bäumen thront der Marabu. 
Aus der Menge der Vögel läßt sich schließen, daß es auch in den sehr 
salzigen Seen Fische gibt, wiewohl noch keine beobachtet wurden. Höheres 
Pflanzenleben scheint dagegen im Wasser der Salzseen nicht zu gedeihen. 

Die Pflanzen- und Tierwelt der Seenplatte mit Ausnahme der Wasserflora 
und -fauna bietet das charakteristische Bild der ostafrikanischen Steppen. 
Nur die höchsten Teile der Seenplatte und ihres südöstlichen Ausläufers 
mit den beiden großen Kratern, die bis 1600 m ansteigen, tragen Begenwald. 
Die Steppen, d. h. solche Vegetationsgebiete, deren Vegetationsformationen 
einer langen Trockenzeit angepaßt sind und ihre vegetativen Funktionen in 
der Regenzeit verrichten, nehmen rings um den Meru die tiefem Lagen ein. 
Hier werden die Niederschläge nicht durch aufsteigende Winde veranlaßt und 
sind daher auf die beiden jährlichen Regenzeiten beschränkt imd wenig aus- 
giebig. Verbunden mit der hohen, die Verdunstung begünstigenden Temperatur 
dieser Gegenden veranlaßt der Regenmangel eine wenigstens periodisch sehr 
starke physiologische Trockenheit, in der nur Pflanzen leben können, die 
sehr geschützt sind gegen Wasserabgabe durch Verdunstung. ^L — 1% m 
hohes Gras, das den Boden zwar nicht in Rasen, aber doch in dicht stehenden 
Büscheln bedeckt, bildet den wesentlichsten Bestandteil der Steppen um den 
Meru. Reine Grassteppen finden wir z. B. häufig im Südosten des Berges, 
in der Gegend, die vom Kikuletwa und seinen Zuflüssen durchströmt ist. 



er Meru. 



Tafel 6. 




Fig. 4. üferwald des Kikuletwa. 




Prof. Dr. Carl UbJi/r.) 



Fig. 5. Masaidorf mit We\b^x\i. 



Der Mern. 847 

Meist aber sind dem Gras andere Vegetationsformen beigemischt, KrSuter, 
Halbstrftacher, Domstrftacber oder Bäume, besonders Scbirmakazien. Es finden 
sich alle Übergftnge von der Orassteppe mit wenigen Beimischnngen bis znr 
reinen Bnschgras- oder Bamngrassteppe und zum dichten Busch. Im Gebiet 
der Seenplatte stehen meist kleine Akazien mit vielen, durch Ameisenstiche 
hervorgerufenen kugeligen Aufblähungen der Stacheln ziemlich spärlich in 
der Grassteppe. 

Die Steppe wechselt ihr Kleid im Lauf der Jahreszeiten. In der Regen- 
zeit ist Frühling, da grflnt und blüht Alles, das Gras sprießt frisch empor, 
die Akazien bedecken sich mit ihrem zierlich gefiederten Laub und schwängern 
die Luft mit ihrem Blütenduft, bunte Blumen, an denen Schmetterlinge 
und Käfer Honig naschen, sind in das Grün eingestreut Heuschrecken 
schwirren und Grillen lassen ihr schrilles Gezirpe ertönen, Schlangen, Eidechsen, 
Chamäleons verlassen ihre Verstecke, und eine fröhlich zwitschernde und 
singende Vogelwelt findet einen reich gedeckten Tisch. Aber die sengenden 
Strahlen der Tropensonne töten all dies Leben, sowie der Himmel nicht 
mehr genügend Feuchtigkeit spendet. Das Gras stirbt ab. Bäume und 
Büsche schützen sich durch Abwerfen des Laubes vor allzu starker Ver- 
dunstung. Von der Tierwelt machen sich nur noch die großen Herdentiere 
bemerkbar, verschiedene Antilopenarten, Gnus und Zebras, denen auch das 
trockene Gras zur Nahrung genügt, da sie bei ihrer Beweglichkeit häufig 
Tränkeplätze aufsuchen können. Die weiten strohgelben Grasflächen werden 
nur unterbrochen von den domigen Bämnchen, deren oft häßliche, krüppelige 
Formen jetzt nicht mehr durch ein freundliches Blätterkleid verborgen werden. 
Wo die Busch- und Baumvegetation dichter wird, ist die ganze Steppe eine 
eintönige graue oder braunviolette Fläche. Einige Abwechselung der Farbe 
malen zunächst die Steppenbrände in das Bild, die alsbald größere schwarze 
Flecken und Streifen ausfressen und sich nachts als leuchtende Schlangen 
an Hängen und über Ebenen hinziehen. Aber wenn sie erst größere Gebiete 
versengt haben, wenn nur verkohlte Zweige aus dem aschenbedeckten Boden 
in die Luft starren, dann liegt eine unheimliche, trostlose Ode über der 
Landschaft, in der die bizarr aufrtigenden Termitenhaufen die einzige Er- 
innerung an die Tierwelt bilden. Doch der erste Regen erweckt sofort 
wieder das Leben. Er lockt die Hälmchen hervor, daß ein grüner Schimmer 
den schwarzen Boden überkleidet, und bald beginnt die ganze Fülle des 
Lebens von neuem. 

An den üfem der dauernd fließenden Bäche wird die eintönige Steppen- 
vegetation unterbrochen durch ganz schmale Streifen üppigen immergrünen 
Waldes. Von weitem erkennt man den Lauf eines Baches an dem dunklen 
üferwald, besonders wenn er sich von gelber Grassteppe abhebt, wie die 
üferwälder der Quellbäche des Kikuletwa (Fig. 4). 

In diesen bachreichen Grassteppen im Südosten des Meru trüfft mau 
sehr häufig die schönen Rinderherden und die Krale der Masai, jenes Nomaden- 
volkes, das uns durch Merkers Monographie^) so genau bekannt geworden 

1) Merk er. Die Masai. Ethnographische Monographie eines ostafrikanischen 
Semitenvolkes. Berlin 1904. Vgl. Weules Besprechung, G. Z. XI. l^Q^. ^^i.^Ä'^. 



248 FritE Jaeger: 

ist, über dessen Rassezugehörigkeit aber gerade durch dieses Werk der Streit 
entbrannt ist. Die Masai und ihre gleichfalls am Meru vertretenen Ver- 
wandten, die Wakuafi und Wandorobo sind nach Merk er durch folgende 
Körpermerkmale charakterisiert: ,J)ie Körper sind groß und schlank. Sie 
erscheinen indes nicht unschön mager, sondern gewähren vielmehr den Ein- 
druck eleganter, elastischer Beweglichkeit . . . Die Hautfarbe variiert zwischen 
tiefdunkelbraun und hellem Schokoladenbraun. Die Köpfe sind hoch und schmal, 
das ovale Gesicht hat oft feingeschnittene und sympathische Züge und ist 
weniger prognath als bei Negern . . . Die hohe schmale Stirn ist gut gewölbt, 
die Augen mandelförmig, gerade oder etwas schräg. Die Nase ist gestreckt, 
schmal und an der Wurzel flach oder sehr mäßig tief gegen die Stirn ab- 
gesetzt ... Der Nasenrücken ist gerade, manchmal leicht konvex, die Lippen 
sind voll, ohne direkt wulstig zu erscheinen . . . Das Haar ist über die Kopf- 
haut gleichmäßig verteilt . . . Die Arme und besonders die Beine sind sehr 
lang, die Handgelenke dünn, Hände und Füße, besonders bei weiblichen 
Individuen klein, schmal und zart/^ Über die Sprache der Masai, die auch 
die der Wakuafi und eines Teils der Wandorobo ist, während ein anderer 
Teil dieses Stammes ein besonderes, aber dem Masai verwandtes Idiom spricht, 
sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Auch die tiefer wurzelnden, 
nicht an die äußeren Lebensumstände geknüpften Sitten und Gebräuche der 
drei Völker stunmen vollkommen überein und sind durchaus verschieden von 
denen der übrigen Völker Ost- Afrikas, so daß die ursprüngliche volkliche 
Einheit der drei Stämme außer Zweifel steht. Vor allem gilt dies von 
ihren religiösen Traditionen, die nach Merkers Forschungen so sehr mit den 
uns aus der Bibel bekannten Traditionen der Hebräer übereinstimmen, daß 
Merk er die Masai mit ihren Bruderstämmen und die Hebräer fär die Nach- 
kommen eines und desselben Semitenvolkes der Urzeit hält. 

Alle drei Völker kamen ursprünglich von Norden her als sehr kriege- 
rische, nomadisierende Hirten ins Land, aber nur die Masai haben heute 
noch diese Kulturform rein bewahrt. Sie züchten vor allem Rinder, aber 
auch Ziegen, Schafe und Esel. Nahrung, Wohnung und Kleidung, kurz der 
ganze materielle Kulturbesitz ist im wesentlichen auf die Rinderzucht zu- 
geschnitten. Die Herden bieten ihnen Fleisch, Milch und Blut zur Nahrung, 
mit ihrem Überschuß tauschen sie bei ansässigen Nachbarn vegetabilische 
Kost ein. Die Masaikrale sind kreisrunde, von einem Domverhau umgebene 
Plätze, deren Eingänge des Nachts, nachdem das Vieh in den Kral getrieben 
ist, mit Dombüschen verschlossen werden. Die 20 bis 50 Hütten stehen 
dicht neben einander an der Innenseite des Domverhaues. Sie sind von 
ovalem, fast rechteckigem Gmndriß, 4 — 5 m lang, gegen 3 m breit und 
IYj — 1% Dl hoch. Sie bestehen aus einem Gestell von Stangen und Zweigen, 
die in den Boden gesteckt und oben zur wagrechten Decke umgebogen werden. 
Dieses Gestell wird dick mit Gras belegt und darüber mit Rindermist verschmiert 
(Fig. 5). Die Kleidung besteht aus wenig präparierten, zusammengenähten 
Fellen, Zeugstoffe haben sich noch wenig eingebürgert. Sehr reichhaltig ist 
der Schmuck. Eine Masaischöne muß an Armen, Beinen, um den Hals, in 
den lang ausgezogenen Ohrläppchen, also fast an jeder irgend möglichen 



Der Mem. 249 

Stelle eine Unmenge von Eisen- nnd Kupferspangen und Drahtrollen tragen^ 
wohl meistens mehr als 10 Pfund und überdies lauter Gegenstände, die sie 
nie ablegen kann. Lederarmbänder, die sie mit Perlen europäischer Fabrikation 
benäht hat, ergänzen ihren Schmuck. Dagegen wird ihr Kopfhaar glatt ab- 
rasiert. Die Männer tragen ähnlichen Schmuck, wenn auch in geringerer Menge, 
dafüLr haben wenigstens die Krieger um so kimstvollere Frisuren. Das ge- 
strähnte Haar wird zu einer Anzahl Zöpfchen zusammengebunden, die über 
Stirn, Schläfen und Hinterkopf herabhängen. Männlein und Weiblein schmieren 
sich öfters, namentlich zu Tanzfesten den Körper mit Fett und roter Erde 
ein. Da sich das Fett auch der Kleidung mitteilt, pflegen die Masai stets 
nach ranzigem Fett zu riechen, nicht nur zur Zeit der Tanzfeste. 

Die Masai waren vor der deutschen Herrschaft weit und breit als sehr 
kriegerische Räuber gefürchtet. Der Hauptzweck ihrer vielen Kriegszüge 
war, Vieh zu erbeuten. Die Kriegsrüstung besteht aus einem Speer mit sehr 
langem, schmalem Eisenblatt, kurzem Holzschaft und langem eisernem Schuh, 
aus einem Schwert, das in lederner Scheide getragen wird, aus Bogen und 
Pfeilen, einer Holzkeule und dem großen Schild. Dieser ist aus Rinderhaut 
gefertigt, die über einen Holzrahmen gespannt und sehr hübsch rot, weiß 
und schwarz mit Zieraten von symbolischer Bedeutung bemalt ist. Dazu 
kommt noch ein besonderer Kopfschmuck, ein Gesichtsrahmen aus Straußen- 
federn, der das kriegerische Aussehen wesentlich erhöht. Die Eisen waffen 
und Gerätschaften werden von den Schmieden hergestellt, die eine besondere, 
von den andern verachtete Kaste bilden. Die Masaischmiede kennen zwar 
die Gewinnung des Eisens aus eisenhaltigem Bachsand, aber das mühsame 
Verfahren wird heute kaum mehr angewandt, sondern aus Europa eingeführter 
Eisendraht verarbeitet. 

Während in der Steppe nur nomadisierende Masai hausen, sind am Fuß 
und den untersten Hängen des Meru in der Übergangszone zwischen der 
Steppe und dem weiter oben folgenden Begenwaldgürtel ackerbauende Völker- 
schaften ansässig, aber nur auf der Süd- und Ostseite des Berges, wo die 
vielen, dem Berg entströmenden Bäche dauernde Ansiedelungen ermöglichen. 
Drei Landschaften werden hier unterschieden, Ngongo Ngare, d. h. Wasser- 
auge, nach einem kleinen See inmitten der Landschaft, im Ostsüdost, Meru 
im Südsüdost und Aruscha im Südsüdwest des Bergkegels. Von der Land- 
schaft Meru wurde der Name (von den Europäern?) auf den ganzen Berg 
übertragen. Li Ngongo Ngare hausen Masai, die ihren Viehbesitz bei der 
großen Rinderpest zu Anfang der 90 er Jahre des vorigen Jahrhunderts ver- 
loren haben und seßhafte Ackerbauer geworden sind. Die Bewohner von 
Meru, Wameru genannt, sind Wadschagga, denen des Kilimandscharo aufs 
Nächste verwandt. Die Landschaft Aruscha nehmen Wakuafi ein, Verwandte 
der Masai, zu denen sich seit der großen Viehsterbe auch echte Masai ge- 
sellt haben. Außerdem bewohnen Wandorobo Teile des Merugebiets, z. B. 
den Steppenbusch in der Nähe der Seenplatte, vielleicht auch Teile des 
Waldes. Durch Jagd und Bienenzucht ernähren sie sich kümmerlich. 

Die seltene Fruchtbarkeit dieser besiedelten Landschaften des Meru gibt 
sich schon in der natürlichen Vegetation zu erkennen. Hier im. ^>äÄö'^v«^ 



250 FritB Jaeger: 

des Berges beginnt der RegenwaldgQrtel, wenn auch mit Unterbrechungen 
schon in 1400 m Meereshöhe. Diese unteren Urwälder sind die schönsten 
des ganzen Meru. Biesenstftmme tragen das Laubdach des Walddomes. Hier 
fehlt häufig die erdrückende Fülle der Lianen, die in den Kilimandscharo- 
und Usambarawäldem jeden Baum erfüllen, so daß die majestätische Größe 
der Baumriesen noch eindrucksvoller hervortritt. Wo auch das Unterholz 
fehlt, ist der Boden nur mit einem grünen Teppich überzogen, aus dem die 
rosafarbenen Blüten der Balsaminen freundlich hervorleuchten. Merkwürdig 
ist der geringe Zusanmienhang der Waldstücke. An vielen Bächen, wo doch 
im aUgemeinen die dichteste Vegetation gedeiht, ist der Wald von saftig 
grünen Sumpfwiesen unterbrochen. An andern Stellen dringt die Steppen- 
vegetation in seine Lichtungen. Dort, wo man von der Seenplatte zum 
Berg ansteigt, erfreuen besonders prächtige Vegetationsbilder das Auge. Hoch- 
stämmiger Wald, sumpfige und trockene Lichtungen wechseln ab. Der Wald 
ist durch die hier ungewohnte Pflanzenform einer Fiederpalme, der Phoenix 
redinata ausgezeichnet. Auf den Grasplätzen stehen viele hochgewachsene 
Exemplare der Juniperus procera^ eines Nadelbaumes, der die Erinnerung an 
die kraftvolle Vegetation der Alpen wachruft. Den wirkungsvollen Hioter- 
grund des Bildes stellen zur Linken die schroffen Felswände der Merucaldera, 
zur Rechten der gletschergekrönte Kilimandscharo, und zwischen beiden dehnt 
sich weites Steppenland bis zum fernen Horizont. 

Die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens wird von den Bewohnern noch 
dadurch gesteigert, daß sie das Wasser in vielen Berieselungsgräben von den 
Bächen auf ihre Pflanzungen fähren. Von den heutigen Bewohnern sind 
wohl die Wameru am längsten hier ansässig. Sie brachten den Hackbau 
mit künstlicher Bewässerung vom Kilimandscharo mit Die Wakuafi von 
Aruscha und die Masai von Ngongo Ngare haben von ihnen den Ackerbau 
gelernt und daher in derselben Form übernommen. In üppigster Fülle ge- 
deiht hier Alles, was des Negers Herz und Magen begehrt, Bananen, Bohnen, 
Erbsen, Mais, Negerkom, Süßkartoffeln und Maniok. Von der Landschaft 
Meru berichtet Uhlig^): „Kein Sonnenstrahl drang auf den Boden der 
Bananenhaine, deren Stänmie im Durchschnitt 8 m hoch ragten. Auf den 
Eleusinefeldem drängten sich die kleinen, fingerförmigen Ähren dermaßen, 
daß sie dem dichten Filz eines festgeknüpften Teppichs glichen. Auch die 
Bohnenfelder, besonders solche mit DoUdtos Lablab, standen gut.^ Die Hütten 
der Wameru sind die auch am Kilimandscharo sehr gebräuchlichen Dschagga 
hütten von der Form einer Käseglocke. Sie sind mit Bananenschäfken ge- 
deckt. Die Wakuafi haben diese Art der Hütten mit dem Feldbau von den 
Wameru angenonmien. Die Masai von Ngongo Ngare hingegen, die erst 
kürzere Zeit hier ansässig sind, haben noch ihre alte Hüttenform beibehalten, 
nur im Baumaterial der Hütten mußten sie sich an das Leben als Ackerbauer 
anpassen. Andererseits haben die Wadschagga, und zwar nicht nur die von 
Meru, sondern auch die vom Kilimandscharo schon seit längerer Zeit Kleidung, 



1) Uhlig, C. Vom Eüimandscharo zum Meru. Z. d. Ges. f. Erdkde. zu Berlin. 
J904. S. 701. 



Der Meru. 251 

Schmuck und Waffen der Masai nachgeahmt, in der Meinung dadurch den 
gefährlichen Feinden eher gewachsen zu sein. Neuerdings findet mehr und 
mehr eine Vermischung der Meruhewohner statt, namentlich der Wameru und 
der Wakuafi von Aruscha. 

Die bedeutendste der Merulandschaften ist Aruscha, namentlich seitdem 
dort im Jahre 1900 ein Militärposten angelegt worden ist. Dank der sehr 
sanften Neigung des Bodens nehmen die f&r den Anbau und die Besiedelung 
geeignetsten Höhen von 13 — 1700 m hier im Süden des Meru einen ver- 
hältnismäßig großen Baum ein. Das Land ist mit einer großen Menge von 
parasitären Yulkanhügeln mit und ohne Krater besetzt, deren stattlichster, der 
400 m hohe „Sargberg^^ das weithin sichtbare Wahrzeichen von Aruscha 
bildet. Der Boden besteht hauptsächlich aas dem Yermtterungslehm der Brocken- 
tuffe, in welche die Bäche 5 — 30 m tiefe Täler eingeschnitten haben. Größere 
und kleinere Parzellen von Trockenwald mit stattlichen hellrindigen Akazien 
und dichtem Unterholz wechseln ab mit den Ackerfluren und den Bananen- 
hainen, in denen die Hütten der Wakuifi versteckt sind. Nach Süden schweift 
das Auge über die hügelbesetzte Steppe wie über ein inselreiches Meer hin 
in die Feme, wo der zackige Sogonoiberg und der Bücken des Dönjo Kissale 
hinter der Linie des Horizontes schattenhaft aufragen, ein Anblick, der wie 
wenige die Empfindung unendlicher Weite und Feme wachruft. Ln Westen 
schließt der viergipfelige Vulkan Mondiil das Bild ab, die Nordhälfte des 
Panoramas nimmt der majestätische Kegel des Meru ein. Oftmals genossen 
wir seinen Anblick in herrlicher Klarheit. Besonders morgens und abends 
zeichnet die Sonne dunkle Kern- und Schlagschatten in das Belief dieses 
Hanges und verleiht ihm eine kräftige Plastik. Da lassen sich die viel- 
gewundenen und -verzweigten, bisweilen auch nach unten gegabelten Schluchten 
genau verfolgen, da erkennt man sogar die der steilen Neigung des Hanges 
entsprechende Schichtung der kahlen Lavamauem, welche an den oberen 
Hängen die grauen Schutt- und Aschefelder unterbrechen und in die stolzen 
Türme und Zacken des Calderarandes auslaufen. Die Begenzeiten, die von 
November bis Anfang Januar und von März bis Mai dauern, gewähren den 
Anwohnern seltener den Anblick des Berges. Auch wenn sich nicht ge- 
rade strömender Begen unter Blitz und Donner aus den Schleusen des Him- 
mels ergießt, verhüllen doch meist tief hängende Wolken die höheren Teile 
des Bergkegels. Li trübem Dunkel liegt der Urwald, nach oben mit den 
Nebeln verschmelzend oder hinter ihnen verschwindend, ein melancholisches 
Bild. Wenn aber der dichte Wolkenschleier reißt, erstrahlt der Berg in desto 
schönerem Glänze, geschmückt von einem glitzernden Schneemantel. Aber 
unter den Strahlen der Tropensonne zerschmilzt die weiße Pracht und ist in 
höchstens zwei Tagen verschwunden. 

Der Militärposten Aruscha (Fig. 2) hat das Aussehen der Landschaft wesent- 
lich verändert. Die geräumige „Boma^^, das Fort, ist im Bechteck angelegt, von 
einer Opuntien- und Stacheldrahthecke, einem mannestiefen Graben und einer 
starken Mauer mit Bastionen umgeben. Ln Innern dieser Befestigungen 
liegen in sehr praktischer Anordnung die Magazine und die Wohnräume der 
Besatzung, die aus einem Leutnant, einem Sanitätsunterof&zL^t ^"cA ^Kt^r^ 



252 Fritz Jaeger: Der Mern. 

30 Askaris, schwarzen Soldaten, besteht. Ein großer Platz vor der Bom& 
ist mit hübschen Anlagen geziert. Bei dem angenehmen Klima, der land- 
schaftlichen Schönheit und den Genüssen der Tafel — der Posten hat eigenes 
Vieh und einen eigenen Gemüsegarten — fühlten wir uns in Aruscha wie 
in der Sommerfrische. Der Bedarf des Postens hat in der Nähe der Boma 
ein Dorf entstehen lassen, dessen Häuser an geraden Straßen im Küstenstil 
erbaut sind. Diese Küstenhütten sind viel größer als die landläufigen, von 
rechteckigem Grundriß und mit hohem Giebeldach versehen, das an der Front- 
seite so weit übersteht, daß eine Art Veranda gebildet wird. Die Hütten 
bestehen aus einem mit Lehm verschmierten Holzgerüst und erhalten durch 
weiße Tünche ein freundliches Aussehen. Das Dach ist hierzulande mit 
Bananenschäften gedeckt. Außer Eingeborenen wohnen Küstenneger und 
Inder im Dorfe als Händler. Rechnet man die Deutschen der Station hinzu 
und die Askaris, die großenteils Sudanneger sind, so hat Aruscha eine recht 
internationale Bevölkerung. 

Außer dem Militärposten gibt es am Meru zwei Missionsstationen, eine 
in Meru und eine in Aruscha. Seit 1904 hat sich eine größere Anzahl 
Burenfamilien am Meru niedergelassen und Farmen errichtet, hauptsächlich 
am Südwestfuß, wo sie geeignetes Weideland fanden. Auch ein deutscher 
Farmer lebt bei der Station Aruscha. 

Die Wegsamkeit des Merugebietes hat seit der Anlage des Militärpostens 
sehr gewonnen. Während früher nur schmale, gewundene Fußwege von 
einer Landschaft zur anderen führten, ist jetzt eine fahrbare Karawanen- 
straße angelegt und die Bachschluchten sind solid überbrückt. Die Straße 
verbindet Aruscha mit den Burenfarmen und andererseits mit der Militär- 
station Moschi am Kilimandscharo, wo sie an die Wege zur Küste anschließt. 

Landschaftlich hat der Meru das Auge jedes Naturfreundes entzückt, der 
die mannigfaltige Vegetation, die schönen Formen des Berges und die groß- 
artige Femsicht kennen lernte. Die gegenwärtige Entwickelung erweckt die 
besten Hoffnungen, daß der Süd- und der Ostfuß des Berges auch wirt- 
schaftlich zu einer der blühendsten Landschaften unserer Kolonie werden. 



Eduard Richter. 

Von G^org A. Lukas. 

n. Eduard Biohters Lebenswerk. 

4. Historische Geographie. 
Es war wohl zu erwarten, daß sich Richter auf jenem Gebiete weiter 
betätigen werde, dem er schon als Student durch die oben erwähnte Listituts- 
arbeit über „Freisingische Besitzungen in Österreich" einen schönen Erfolg zu 
verdanken gehabt hatte. Das „Gletscherphänomen" verursachte zwar eine 
Unterbrechung, aber schon von 1875 an erschienen mehrere Veröffentlichun- 
gen, die ebenso das Interesse des Geographen wie des Historikers bean- 
5j>ruchen dürfen. 



Georg A. Lulcas: Eduard Richter. ^53 

1875 yeröffenÜichte Richter im sechsten Bande der Alpenvereins-Zeit- 
schrift eine Abhandlung über den „Krieg in Tirol 1809'^ wo dargetan 
werden sollte, inwiefern die Oberfl&chengestaltnng der Alpenländer auf histo- 
rische Vorgänge einzuwirken vermag, in diesem Falle speziell, wie die Be- 
wegungen der Truppen während des Aufstandes von 1809 durch örtliche 
Verhältnisse beeinflußt wurden. 

Bald aber trat er dem Gesamtgebiet dieses Teiles der Erdkunde metho- 
disch näher. „Die historische Geographie als Unterrichtsgegen- 
stand" wurde in einem Programmaufsatz von 1877 behandelt^); da Richter 
hierin einen Teil seines damaligen wissenschaftlichen Glaubensbekenntnisses 
niedergelegt hat — das übrigens, nebenbei bemerkt, im Laufe der Zeit nur 
sehr geringe Wandlungen erlitt — , so ist eine genauere Bekanntschaft mit 
dieser von manchen Kritikern heftig getadelten Schrift nicht zu umgehen, 
zumal sie mehr bietet, als der Titel verspricht, und über rein schulgeogra- 
phische Erörterungen mehrfach hinausgeht. 

Der Verfasser wendet sich in der Einleitung zunächst gegen das rein 
^edächtnismäßige Aneignen von Wissensstoff; bemühen sich alle Unterrichts- 
zweige, „dasjenige, was gemerkt werden soll, von dem Niveau des An- und 
Auswendiggelemt^n in die Region des vollkommen sicheren assimilierten 
Wissens zu erheben^^, so gilt dies besonders auch von der Erdkunde; es 
„muß die geographische Einzelheit nach kürzester Frist aus der Reihe der 
reproduzierbaren Vorstellungen ausscheiden, wenn sie nicht durch eine ganze 
Gruppe verwandter Vorstellungen mitgehalten wird". Von einer großen Masse 
halb vergessener Vorstellungen wird auch all das getragen, was wir Erwach- 
sene gedächtnismäßig wissen; nur muß alles durch das Band des verstan- 
denen logischen Zusammenhanges verbunden sein, sonst fehlte uns die 
stärkste Hilfe zur Erinnerung an bestimmte Tatsachen. 

Damach hat sich die Tätigkeit der Schule zu richten, wenn sie mecha- 
nische Aneignung des Lehrstoffes vermeiden will; „überhaupt wird das Bild, 
die Vorstellung der leiblichen Erscheinung der Dinge bei den Schülern ' zu 
erzeugen, die erste und natürlichste Aufgabe einer Disziplin sein, welche 
Gegenstände behandelt, die zwar tatsächlich und körperlich vorhanden sind, 
jedoch nur im beschränktesten Maße wirklich vorgezeigt werden können". 
Das Wichtigste ist also die Anschauung; die besten Dienste werden für 
den Anfang der Globus und gewisse einfache, den Knaben leicht verständliche 
Apparate leisten. Es soll nicht mit der scheinbaren, sondern mit der wirk- 
lichen Bewegung der Himmelskörper begonnen werden; „nur der Schüler 
hat die kosmischen Verhältnisse wirklich inne, der die Weltkörper vor seinem 
geistigen Auge ihre Kreise ziehen sieht". Zweckmäßig dürfte es übrigens 
sein, den Unterricht mit der Heimatskunde zu eröffnen. 

Weiterhin ist selbstverständlich die Karte das unentbehrlichste, kaum 
^enug auszunützende Hilfsmittel. Über den Wert des Nach Zeichnens der- 
selben durch Schülerhand kann man jedoch verschiedener Meinung sein. 
Richter, der selbst vortrefflich Karten zu zeichnen verstand, nannte neben 



1) Auch aelbaiAndig erschienen im Verlage von Yxve^. "Ä^Ot vcl ^V«^- 



254 Georg A. Lukas: 

gleichzeitigen Übungen auf der Schultafel und im Hefte das Durchpan- 
sieren „eine sehr empfehlenswerte Übang'\ Von dieser Ansicht ging er auch 
in späteren Jahren trotz des heftigsten Widerspruches mancher Fachkreise 
nicht ab. Er vertrat den Standpunkt, daß die Einprftgung eines richtigen 
Eartenbildes vor allem anzustreben sei; da nun selbst fllr Freihandzeichnen 
begabte Schüler nur in seltenen Fällen ohne weiteres richtig skizzieren kön- 
nen, darf eine solche Nachhilfe, wie sie das Durchpausieren wenigstens für 
die ersten Versuche bietet, nicht sogleich als eine „Fälschung^ gebrandmarkt 
werden. Eine Fälschung der richtigen Umrisse usw. ist vielmehr meist die 
mit unendlicher Mühe und reichlicher Anwendung des Radiergummi verfer- 
tigte „selbständige^^ Skizze des Schülers, dessen Erinnerungsvermögen durch 
das eigene Machwerk häufig genug getrübt wird. 

Das Auge soll sich also an das oft gesehene und korrekt gezeichnete 
Kartenbild gewöhnen; die „Hilfskonstruktionen^^, welche dies zu erleichtem 
erdacht wurden, haben ihren Zweck gänzlich verfehlt 

Die Karte ist im Unterricht möglichst auszubeuten; alles soll dahin 
wirken, daß sich der kleine Baum des Kartenblattes für das geistige Auge 
des Schülers mit den mannigfachsten Dingen erfüllt und zu einem von be- 
stinmitem Lokalcharakter beherrschten Erdraum ausdehnt Der Lehrer kann 
seine Schilderung unterstützen durch Anknüpfung an die Schullektüre, an 
andere Gegenstände (wie Naturkunde), an heimatliche Verhältnisse, endlich 
durch passende bildliche Darstellungen — ein Wunsch, der ja seither seiner 
Verwirklichung ziemlich nahe gekommen ist 

Sehr wesentlich ist dann die Lehrbuchfrage, die Richter später (1893) 
durch sein eigenes Werk zu einer befriedigenden Lösung brachte, und die 
geographisch nutzbringende häusliche Lektüre der Knaben. Das fremdartige 
Kolorit der abenteuerlichen Reise-, Jagd- und Seegeschichten vermag erheb- 
lich zur Belebung des Unterrichts beizutragen. 

Der Verfasser beschränkt sich nun nach diesen allgemeinen Vorbemer- 
kungen auf jenen Teil der Schulgeographie, welcher in den Oberklasson öster- 
reichischer Gymnasien und Realschulen als Anhängsel der Geschichte ein 
kärgliches Dasein fristet, hier der Hauptsache nach der antiken Topographie 
dient und daher mit doppelter Berechtigung „historische'^ Geographie 
genannt wird. An diese Betrachtung knüpft sich das interessante Problem^ 
^inwiefern es möglich ist, in der Schule jenes schwierige Übergangsgebiet, 
die Lehre vom Zusanmienhang zwischen Wohnplatz und Geschichte über- 
haupt zu behandeln, woran endlich die praktische Frage hängt, ob der Geo- 
graphie-Unterricht femer mit dem der Geschichte verbunden bleiben, oder in 
eine andere Hand als die des Historikers gelegt werden solP. 

Daß der Boden auf die Geschichte der Menschheit einen sehr weit- 
gehenden Einfluß übt, ist eine seit dem Altertum (seit Strabo) bekannte Tat- 
sache; aus der neueren Literatur seien nur die Namen Ritter, Peschel, 
Kohl, J. Braun genannt. Es handelt sich nur, da die Sache selbst nicht 
zweifelhaft ist, um ihre Eignung fElr den Unterricht Hier ist nun die durch 
vorstehende Namen charakterisierte Richtung dem jugendlichen Geiste nicht 
sehr gemäß; vor allem ist hinderlich, „daß 3eiieT 1&\n&\]& ^«^ lASiii^ vi£ das 



Eduard Richter. 255 

Volk als etwas Vages, unfaßbares, nicht weiter in Bestandteile Zerlegbares, 
als ein Mjstikiun, das eben einmal da ist, hingestellt wird'^ Für Hypothesen 
aber ist in der Schule im allgemeinen kein Baum. 

Dem Schüler sollte die Naturbedingtheit des geschichtlichen Lebens viel- 
mehr dadurch deutlich gemacht werden, daß man ihm zuerst die Beweise 
für die in Bede stehende Sache vorführt; letztere ergibt sich dann wie von 
selbst als logische Folgerung. Der Einfluß geographischer Einzelheiten auf 
historische Vorg&nge soll sofort und von selbst deutlich werden; selbstredend 
sind nur jene Seiten der Naturbeschaffenheit unserer Erde gemeint, deren 
Einwirkung auf die (beschichte der Menschheit enviesen ist. Alles Indiffe- 
rente hat femznhleiben. 

Nun wird Auswahl und Anordnung der hierher gehörigen historisch- 
geographischen Details ausführlich durchgesprochen. Die Bewohnbarkeit der 
einzelnen Länder hängt vor allem ab vom Klima im weiteren Sinne des 
Wortes; hierzu tritt als bestimmend für die äußere Physiognomie des Landes 
der Pflanzen wuchs. Beides ist maßgebend für die Produktion, von der 
wiederum in erster Linie der dem betreffenden Volke erreichbare Eulturgrad 
festgelegt wird. Wie weit sich die Bevölkerung von den Fesseln der sie 
umgebenden Natur freimacht, ist abhängig von den Möglichkeiten des 
Verkehres, durch dessen Würdigung wir auf Gestalt, Lage, äußeren Umriß, 
Größe und Nachbarschaften eines Landes aufinerksam werden. Oro- und 
Hydrographie ergeben eine Menge politischer und militärischer Even- 
tualitäten. Vertikale Gliederung und Flußnetz können bei geeignetem Lehr- 
vortrag im Schüler am ehesten die Vorstellung vom Auseinanderfallen der 
Länder in Gaue und Landschaften erwecken; dies ist aber gerade dasjenige 
geographische Verhältnis, welches in der Geschichte am häufigsten wirksam 
ist, auch zum Verständnis kriegerischer Vorgänge am besten dient. Mit dem 
Verkehrsnetz hängen die Ortslagen aufs engste zusammen; auch darauf wird 
mit weiser Beschränkung hinzudeuten sein. 

Die „historische^^ Geographie soll also in denselben Bahnen bleiben 
wie der allgemeine geographische Unterricht, ohne aber die Beziehung auf 
den Menschen als neuen Gesichtspunkt zu vergessen. „Es soll mit Hilfe 
der klimatischen Elemente, der richtig verstandenen Karte, der Abbildungen, 
des Vortrages und der Lektüre ein Gesamtbild der einzelnen Länder ent- 
stehen; wie sie sich in verschiedene Landstriche gliedern, wie ihre Verkehrs- 
verhältnisse und ihre Produkte beschaffen sind; ein Gesamtbild, welches in 
Verbindung mit dem erworbenen geschichtlichen Wissen dem Schüler wenig- 
stens einen Schimmer, einen Hauch dessen geben soll, was man Kenntnis 
von Land und Volk nennt; jene Kenntnis, deren höchster Grad immer nur 
durch Bereisung, oder noch besser durch längeren Aufenthalt in einer Gegend 
erworben werden kann.^ 

Es genügt, wenn der Schüler auf einem beschränkten Gebiet, etwa den 
Ländern der altklassischen Völker, ganz durchgedrungen ist; er wird sich 
dann auf benachbarten Gebieten leicht zurecht finden. Daher ist der vor- 
geschlagene Weg eines fhichtbringenden Unterrichts in dst \öa\ßrÄOiÄTi ^^^- 
graphie leicht zn beschreiten, auch ohne gro&e N«ttoaÄt>Mi% Vm \jÄKr^J«JB^ 



356 Georg A. Lukas: 

oder gar Mehrbelastung der Schüler. Aus einem lebendigen, alles Mecha- 
nische vermeidenden Betriebe der geschichtlichen Erdkunde würde aber kein 
Gegenstand größeren Nutzen ziehen können als die Geschichte selbst; es gibt 
keine besseren Gedächtnisstützen für historische Dinge. 

Damit beantwortet sich endlich auch die Frage, ob der Geschichtslehrer 
fernerhin geographischen Unterricht erteilen dürfe; hätte es dieser nur mit 
den physikalischen und mathematischen Verhältnissen des Erdkörpers zu tun, 
80 müßte er selbstverständlich zur naturwissenschaftlichen Fachgruppe ge- 
hören; solange jedoch „die Erdkunde auch die Wechselbeziehungen der Men- 
schen und ihrer Wohnplätze ins Auge zu fassen hat, ist sie von der histo- 
rischen Wissenschaft nicht zu trennen^S 

Richter gibt damit einer Ansicht Ausdruck, die mancher Anfeindung 
ausgesetzt war, aber doch siegreich geblieben ist, nicht zum wenigsten durch 
sein beharrliches Wirken in dieser Richtung und das Beispiel seiner eigenen 
gelehrten Tätigkeit. Wie wenig er selbst diesen 1877 vertretenen Stand- 
punkt verließ, beweist am besten seine Rektoratsrede von 1899. 

In ein ganz neues Stadium traten die historisch-geographischen Studien, 
als das Salzburger Erzstift mit seiner reichen, wechselvollen Vergangen- 
heit der Gegenstand wurde, dem der junge Gynmasialprofessor seine Auf- 
merksamkeit zuwandte. Es war ihm bald der naheliegende Gedanke gekom- 
men, das, was er einst für das Freisinger Bistum geleistet hatte, nun in un- 
gleich größerem Maßstabe fCbr Salzburg zu versuchen, d. h. die Fragen zu 
beantworten: Welchen Umfang hat der erzbischöfliche Territorialbesitz in 
verschiedenen Zeiten gehabt? Wie ist der spätere Territorialstaat entstan- 
den? — Die eigentliche Hauptsache war die Konstruktion einer diese Ver- 
hältnisse veranschaulichenden Karte. 

Die einschlägigen Arbeiten, welche eine ganze Reihe von Jahren hin- 
durch fortgesetzt wurden, kamen zum Abschluß durch eine umfängliche Ab- 
handlung, die Richters Ruhm jils Historiker für alle Zeiten fest begründet 
hat.^) Was der Verfasser beabsichtigte, sagt er in den folgenden Sätzen der 
Einleitung: „Durch Neigung und Studiengang frühe auf dieses Gebiet ver- 
wiesen, welches gestattet, die Methoden urkundlicher Forschung auf Themen 
kartographischer und geographischer Natur anzuwenden, kam er nach lang- 
jähriger Beschäftigung mit der Sache zu der Ansicht, daß nicht die An- 
sanunlung einer ^oßen Menge topographischer Details, sondern die Auf- 
suchung der administrativen und gerichtlichen Abgrenzimgen die Aufgabe sei, 
durch deren Lösung die geschichtliche Geographie sich um die Aufhellung 
unserer Vorzeit vielleicht einige Verdienste erwerben könnte. Und da diese 
Abgi'enzungen sich einer außerordentlichen Beständigkeit erfreuen, so traten 
als Quellen zu den Urkundensammlungen des frühen Mittelalters die Rechts- 
altertümer des späteren und die Akten der letzten Jahrhunderte hinzu. Da- 
durch wurde sowohl Gestalt als Methode der Arbeit gründlich verändert." 

In diesen Worten ist ein neues methodisches Programm entwickelt, 

1) Untersuchungen zur historischen Geographie des ehemaligen Hochstifbes 
Salzburg und seiner Nachbargebiete (1 K.V Mvtt. d. Inst. f. österr. Geschichtsfor- 
schung. 1. Erg&nznngBhvkndi. Wien i8S5. 



Eduard Richter. 257 

dessen Vortrefflichkeit Richter selbst gleich an seinem Gegenstande erprobte. 
Er hatte erkannt, daß f&r seine Zwecke die bisherigen Methoden nicht aus- 
reichten; so sachte er seinen eigenen Weg. Es erhöhte dies wohl die 
Schwierigkeit der Aufgabe, gleichzeitig aber auch deren Reiz. 

Man hat also beim Entwerfen von Geschichtskarten auszugehen von den 
politischen und rechtlichen Beziehungen der einzelnen Landschaften; vor 
allem muß die judizielle und administrative Einteilung, wie sie das 18. Jahr- 
hundert kannte, genau festgestellt sein; die au^llende ünveränderlichkeit in 
den Abgrenzungen besonders der höheren Gerichtssprengel ermöglicht dann 
eine Verfolgung derselben in immer fernere Zeiten zurück; aus den Land- 
gerichtsgrenzen lassen sich die alten Grafschaften des 11. und 12. Jahrhun- 
derts und endlich sogar die Gaue des frühen Mittelalters mit großer Sicher- 
heit ermitteln. Diese alten Abgrenzungen waren maßgebend für den Grenz- 
verlauf der heutigen Staaten und fCbr deren spätere Unterabteilungen. In 
Folge dieser Behandlung des Quellenmateriales sollte und konnte die den 
^Untersuchungen'^ beigegebene meisterhafte Karte in 1 : 200 000 folgende 
Verhältnisse zum Ausdruck bringen: 1) die alte Gaueinteilung; 2) die alten 
Grafschaften; 3) die Einteilung des Landes in Gerichte im späteren Mittel- 
alter und der neueren Zeit; 4) die Entstehung des Salzburgschen Territorial- 
staates. 

Diesen originellen methodischen Gesichtspunkt, die rückschreitende 
Behandlung historischer Grenzläufe, begründete Richter nun in ausführlicher 
Weise; er wies nach, daß die Landeshoheit der Salzburger Erzbischöfe sich 
nur dort entwickeln konnte, wo neben der Immunität auch die höchste Ge- 
richtsbarkeit, die Grafengewalt, durch Eauf^ durch Besitzergreifung beim Aus- 
sterben eines Grafengeschlechtes oder durch kaiserliche Belehnung an das 
Erzstift gekommen war, daß die Grafschaftsrechte auf Grundlage der Land- 
gerichte erworben wurden und daß wir in den letzteren nichts anderes zu 
erblicken haben als die karolingischen Centen. Diese Grundsätze haben mit 
geringen Abweichungen für das ganze Alpengebiet Geltung; darum bilden 
sie nebst der Richterschen Karte von Salzburg die Basis, auf der ein Jahr- 
zehnt später ein anderer, noch größerer Bau begonnen wurde. 

Der historisch-geographischen Arbeitsrichtung gehört übrigens noch eine 
ganze Reihe von Aufsätzen und Vorträgen an, deren wichtigste anmerkungs- 
weise verzeichnet sein mögen. ^) Dem Geographen wird als schöner landes- 



1) Die Saracenen in den Alpen. Z. D. ö. A.-V. 1877. S. 221—229. 

Die Funde auf dem Dürenberg bei Hallein. Mitt. d. Ges. f Salzb. Landeskde. 
1879 u. 1880. 

Les Sarrasins dans la vall^e de Saas. Echo des Alpes. 1880. 

Verzeichnis der Fimdstellen vorhistor. u. röm. Gegenstände im Herzogtume 
Salzburg (1 K.). Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskde. 1881. 

Die Salzburgischen Traditionscodices des X. u. XI. Jahrhunderts. Mitt d. Inst, 
f. österr. Gescbichtsforsch. 1882. 

Zum lOOjähr. Gedächtnis von Franz Thadd. Kleinmayms Juvavia (Vortrag). 
Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskde. 1885. 

Über einige Aufgaben der histor. Kartographie für das deutsche Mittelalter 
(Vortrag). Das Ausland. 1886. 

G«ogrftphiM>h«Z«ftiwülui/k. li. Jahrgang. 1906. 5. Heft. "V^ 



258 Georg A. Lukas: 

kondlicher Beitrag Richters Anteil an der Abhandlung „Das Land Berchtes- 
gaden** am interessantesten sein^); wfthrend A. Penck die Oberflächen- 
gestaltong und ihre Entstehung darlegte, war Richter die Aufgabe zugefallen^ 
den Zustand der Bevölkerung und dessen geschichtliche Entwickelung zu er- 
örtern. Besonders fesselnd sind die wirtschaftsgeographischen Verhältnisse 
dargestellt (Landbau, Holzindustrie, Kunstschnitzerei, Waldwirtschaft usw.). 

Durch etwa zehn Jahre ruhten die historischen Studien Richters nun 
fast völlig, da die Ausübung des akademischen Lehramtes eine stärkere Be- 
tonung der naturwissenschaftlichen Arbeitsrichtung bedingte. Doch noch ein- 
mal trat er jenem Gedankenkreis näher, dem die Untersuchungen zur histo- 
rischen Geographie Salzburgs entstanmiten; es handelte sich um jenes große 
Werk, dem die letzte Sorge des Schwerkranken galt, um den „Historischen 
Atlas der österreichischen Alpenländer^. 1895 hatte Richter in einem 
Beitrag zur Erones-Festschrift gezeigt, wie man seinen methodischen Fund, die 
rückschreitende Behandlung der Abgrenzungen, für ein größeres Gebiet, die 
österreichischen Alpenprovinzen, verwerten könne.') Da die kais. Akademie 
ihn an die Spitze des von ihr geförderten Unternehmens stellte, trat er in 
Wort und Schrift unermüdlich für seine Ideen ein') und organisierte eine 
große Schar sachkundiger Mitarbeiter, so daß das Gelingen des Werkes wohl 
verbürgt ist. Er selbst erlebte freilich nicht einmal die Ausgabe der ersten 
Lieferung; doch brachte ihm gerade der „Historische Atlas*' die stolzeste 
Freude seines Lebens: er, der Naturforscher, wurde 1900 zum korrespon- 
dierenden, 1902 zum wirklichen Mitgliede der philosophisch-historischen 
Klasse der Wiener Akademie gewählt und damit seine wissenschaftliche Be- 
deutung und Eigenart öffentlich anerkannt.^) 

5. Länderkunde. 
Li der alle Ergebnisse der Detailforschung verarbeitenden, künstlerisch 
vollendeten länderkundlichen Darstellung kleinerer oder größerer Erdränme 
liegt das erstrebenswerteste Ziel geographischer Arbeit. Richter versuchte 
sich bereits in den letzten Jahren seines Salzburger Aufenthaltes an solchen 
Themen, die er allerdings, dem Zwecke der betreffenden Publikationen an- 
gemessen, vorwiegend in mehr volkstümlicher Weise behandelte. So erschien 
1881 von ihm verfaßt der 5. Band des von Fr. Umlauft herausgegebenen 
Sammelwerkes „Die Länder Österreich-Ungarns in Wort und Bild% nämlich 
„Das Herzogtum Salzburg"*). Ln Zusammenhang damit schrieb er aus fest- 

1) Z. D. ö. A.-V. 1886. S. 266—298. 

2) Abgedruckt im Eorrespondenzbl. des Gesamtver. d. deutschen Geschicbts- 
u. Altertumsver. XLIV (1896) und in den Mitt. d. Wiener Geogr. Ges. XXXIX (1896). 

H) Vortrag gehalten auf dem 4. deutschen Historikertage zu Innsbruck, 11. Sept. 
1896; vergl. G. Z. 1896. S. 641 und (Münchner) Allg. Ztg. Nr. 213 vom 16. Sept. 1896. 
— Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichteforsch. Erg.-Bd.V. 1896; Erg.-Bd. VI (Sickel- 
Festschrifb) 1901. — Deutsche Geschichtsblätter. IV. 1908. 

4) Vor kurzem erschienen noch (während der Drucklegung dieses Nachrufes) 
zwei Abhandlungen aus der Feder des Verewigten: ^^Gemarkungen und Steuer- 
gemeinden im Lande Salzburg**; „Immunität, Landeshoheit und Waldschenkungen**. 
Archiv f. österr. Gesch. Bd. XCIV. 1906. 

5) 126 S- Zahb. Abb. Wien, Graeser. 



Eduard Richter. 259 

liehen ADlässen zwei Aufsfttze: „Oeographischer Überblick" (über Salz- 
burg)^) und „Die Erschließung der Salzburger Alpen'* (geschichtliche 
Skizze)*). Von Batzel aufgefordert lieferte Richter anfangs der 80er Jahre 
zahlreiche Beiträge fCLr das y^usland'* (besonders 1882); am bemerkenswer- 
testen ist darunter die Abhandlung „Zur Geschichte des Waldes in den 
Ost-Alpen"*). Schließlich versuchte er 1885 auch eine Neubearbeitung 
des Abschnittes „Die Alpen" aus Daniels Handbuch. 

Ans den folgenden Grazer Jahren sind zu erw&hnen sein Beitrag zum 
JKronprinzenwerk" (Die österr.-ungar. Monarchie in Wort und Bild), das 
Salzburger Flachland und den Pongau betreffend (1889), sodann der 
Aufsatz „Aus Norwegen"^), eine wahre Perle der länderkundlichen Literatur. 

So hatte er den allgemeinen Wunsch nach einem größeren wissenschaft- 
lichen Werke dieser Art erweckt und fOhlte sich selbst wohl hierzu einiger- 
maßen berufen; doch war bisher immer noch der eine oder andere Zweig 
spezieUer Forschung einem solchen unternehmen hinderlich gewesen. 

Seit 1895 hatten die Schülerreisen der Grazer Geographen mit Vorliebe 
den Karst aufgesucht als eines der dankbarsten und lehrreichsten erdkund- 
lichen Objekte; hierbei wurde Richters Aufmerksamkeit auf die Karstländer 
überhaupt gelenkt, deren wirtschaftliche Verhältnisse er in einer gehaltvollen 
Studie beleuchtete.^) Er wies in dieser Schrift, die zum erstenmal mit 
eigenen photographischen Aufoahmen ausgestattet wurde, u. a. nach, daß 
vor allem die Kleinviehhaltung an der Waldlosigkeit des Karstes Schuld 
trägt 

Bald aber reifte in ihm der Plan, Bosnien und die Herzegowina 
zum (Gegenstand einer umfassenden länderkundlichen Darstellung zu machen. 
Die an sich höchst merkwürdige Natur des Landes, die eigentümlichen, ur- 
wüchsigen Zustände der Bevölkerung, der Gegensatz zwischen Orient und 
abendländischer Kultur nahmen sein Interesse ganz gefangen. Er gedachte 
mit diesem Werke auch auf länderkundlichem Gebiete eine mustergiltige 
Leistung zu vollbringen. Drei ausgedehnte Reisen (1897, 1899, 1901) 
lehrten ihn das Land genau kennen — er lernte eigens zu diesem Zwecke 
noch reiten — , das bosnisch -herzegowinische Ministerium förderte seine Pläne 
in tatkräftiger Weise, doch reichte Richters physische Kraft zur Beendigung 
des Buches nicht mehr aus. Lnmerhin wird auch die bevorstehende Publi- 
kation des Torsos eine überaus wertvolle Bereicherung der Fachliteratur 
bilden. 

6. Schulgeographie. 

Dem erdkundlichen Unterricht an Gynmasium und Realschule war 
Richter bereits in dem oben gewürdigten Aufsatze „Die historische Geographie 
als ünterrichtsgegenstand" näher getreten. Hier ist vor allem der abschließen- 

1) Festschrift d. 54. Vers, deutscher Naturf. u. Ärzte in Salzburg 1881. 

2) Festschrift zum alpinen Kongreß in Salzburg 1882. 

3) Das Ausland. 1882. S. 186—190, 208—211. 

4) Z. D. ö. A.-V. 1896. 

ö) Die Karstländer und ihre Wirtsebafb (10 Abb.). Himmel und Erde 1898 C«^b- 
gedr. in: Z. f. Schulgeogr. 1899). 



260 Georg A. Lukas: 

den und yorbildlichen Leistung zu gedenken, zu der ihn seine mehr als 
14 jährige Tätigkeit im Gjmnasiallehramte he wog. Die reichen Erfahrungen, 
die er von da mitgenommen und stets bewahrt hatte, sicherten den Erfolg 
der Arbeit: seines Lehrbuches der Geographie^), das gegenwärtig an 
mehr als zwei Dritteln der österreichischen Mittelschulen eingeführt ist und 
die siebente Auflage erreicht hat; 1897 wurde ihm auch ein Schulatlas 
beigegeben. Die erste Niederschrift war ohne jedes literarische Hilfsmittel 
zu Papier gebracht worden und kam durch die schlichte, einfache und klare 
Sprache dem kindlichen Verständnis so nahe, als es ohne Schaden für den 
Gegenstand überhaupt geschehen konnte; darin liegt wohl das Geheimnis der 
raschen Verbreitung des Buches. Daß dasselbe trotzdem manchem Tadel 
mehr oder weniger berufener Kritiker ausgesetzt war, konnte bei dem prin- 
zipiell ablehnenden Standpunkte einiger Fachmänner in der Lehrbuchfirage 
nicht verwundem; wie Richter selbst in dieser Angelegenheit gesinnt war, 
geht am deutlichsten aus dem Begleitwort hervor, welches er der fünften 
Auflage seines Lehrbuches mit auf den Weg gab.^ 

Darin erklärt er die vielfach so warm empfohlene und sicherlich be- 
rechtigte „Anknüpfung an die Heimat'^ als eine Aufgabe der Lehrmethode, 
nicht des Lehrbuches. „Es wird sich darum handeln, für den (allgemeinen) 
Stoff des Lehrbuches Beispiele und Anknüpfimg in der Natur zu suchen", 
in jener Natur, versteht sich, wie sie in der unmittelbaren Umgebung des 
Schulortes zu finden ist. Freilich ist es auch hierzu erforderlich, den 
Schülern der untersten Stufe das Verständnis ihrer Heimat erst zu erschließen, 
denn man kann in dieser Beziehung kaum wenig genug voraussetzen; gewiß 
wird jeder Lehrer an eigene Erlebnisse erinnert, wenn er hört, daß Richter 
am Salzburger Gymnasium alljährlich zum Schulbeginn unter den neu ein- 
getretenen Schülern der ersten Klasse nur wenige traf, die den Gaisberg und 
Untersberg kannten. 

Wenngleich manche Hilfsmittel den Unterricht noch imterstützen kön- 
nen, so wird die Hauptsache doch der Lehrer selbst leisten müssen; das 
Lehrbuch vermag diese Anknüpfung an die Heimat nur durch seine An- 
ordnung zu erleichtem. 

Man wirft den Verfassem geographischer Schulbücher auch vor, daß sie 
der „heuristischen" Methode zu wenig gerecht werden. Da besteht eben 
jene grundsätzliche Verschiedenheit in der Auffassung, die Richter mit den 
folgenden trefflichen Worten kennzeichnet: „Bisher glaubte man, das Lehr- 
buch solle nur das positive Ergebnis des Unterrichts in einer präzisen, Miß- 
verständnisse ausschließenden Weise darbieten, gewissermaßen das Sediment 
der Lehrstunde sein; jetzt verlangt man, daß es den Unterrichtsprozeß selbst 
abbüde." Gegen diese neue Richtung, wie sie von A. Beckers und J. Mayers 
„Lernbuch der Erdkimde" (Wien 1901) eröffnet wurde, läßt sich jedoch gar 
manches einwenden. Es wird auch hier die geforderte völlige Auflösung des 
Stoffes in Fragen nicht durchgeführt, weil dies offenbar nicht möglich ist. 

1) Lehrbuch der Geographie fdr die L, IL und IIl. Klasse der Mittelschulen 
(Gymnasien und Realschulen). 19 K u. 32 Abb. Wien u. Prag, P. Tempsky 1893. 
ü) DüB Lehrbuch im Geographie -Unterricht. Wien u. Prag, ebda. 1902. 



Eduard Richter. 261 

Die Neuerung liegt hauptsächlich darin, daß „eine didaktische Anweisung für 
den Lehrer in das Lembuch für die Schüler hineingeschoben ist'', ein Ex- 
periment, das sich erst bewähren muß, bevor man es zur Richtschnur für 
den geographischen Unterricht machen darf. 

Richter schließt seine überzeugenden Darlegungen mit dem Hinweis auf 
die Tatsache, daß die Geographie durch ihre wissenschaftlichen Fortschritte 
für den Unterricht brauchbarer geworden ist, was man nicht von jedem 
Fache behaupten kann. ,J)ie Erdräume mit ihrer Naturausstattung, Lage 
und Geschichte als geographische Einheiten und Lidividualitäten zu begreifen 
und als solche darzustellen, ist die Hauptaufgabe der Geographie geworden, 
eine Aufgabe, die sich als ungemein dankbar und als eine wahre Er- 
leichterung des Unterrichts herausstellt, wenn ihr der Lehrer gewachsen ist." 
Daraus ergibt sich aber die unab weisliche Forderung, der Erdkunde in die 
oberen Klassen der Gymnasien und Oberrealschulen Einlaß zu gewähren, was 
durch geringe Verschiebungen innerhalb der bestehenden Lehrpläne erreichbar 
wäre. Man müßte nur bedenken, daß die jugendlichen Schüler meist mit 
einem frischen Gedächtnis für Namen, Zahlen und Formen begabt sind, da- 
gegen vorgeschrittenen Überlegungen, wie z. B. dem Evolutionsgedanken, 
ziemlich verständnislos gegenüberstehen. „Würde die erste Klasse an mathe- 
matischer und physikalischer Geographie entlastet, so könnte man auf die 
Aneignung von Formen und Namen das Hauptgewicht legen und so mit 
einer geographischen Formenlehre für spätere Stufen in ähnlicher Weise den 
Grund legen, wie man im Sprachunterrichte durch gedächtnismäßige Aneignung 
der Formenlehre in den untersten Klassen den Grund legt für eine weitere 
Ausbildung." Dann könnte die Geographie, welche Richter „ein wahrhaft zu- 
sammenfassendes, ein begreifliches, einleuchtendes, ganz allgemein bildendes 
Fach" nennt, „wirklich jene Rolle einer abschließenden Zusammenfassung für 
eine ganze Gruppe von Erkenntnissen übernehmen, die ihr der Organisations- 
Entwurf für die österreichischen Gymnasien vom Jahre 1849 verfrüht zuge- 
wiesen hatte". 

Sind diese beherzigenswerten Worte auch in erster Linie mit Rücksicht 
auf österreichische Verhältnisse geschrieben, so dürfen sie doch gewiß all- 
gemeinere Geltung beanspruchen. Jedenfalls muß der Tätigkeit des Schul- 
mannes Richter verdiente Beachtung geschenkt werden, wenn nicht ein 
charakteristischer Zug in dem Lebensbilde des Gelehrten fehlen soll. Er, der 
langjährige Vertrautheit mit den Bedürfnissen des Schulbetriebes und den 
weiten Blick, das tiefe Wissen des Forschers zu verbinden in der Lage war, 
der an Gymnasium und Universität als Lehrer beneidenswerte Erfolge er- 
zielte, er darf wohl erwarten, daß auch in dem nicht immer erfreulichen 
Streite gegensätzlicher Meinungen seine ernste Stimme gehört werde. 

7. Alpinistik. 

Richters wissenschaftliche Lebensarbeit ist zwar in dem Maße mit der 
Alpen weit verknüpft, daß in diesem Zusammenhange eigentUftbi C»&\. ii^Ä 
literarischen Erzeugnisse seiner Feder aufgeiäkxt -^«äsü tqSä\äti\ ^^^ ^^^ 



262 Qeorg A. Lukas: 

hier nur von jenen mehr populären Schriften die Bede sein, die sich keiner 
bereits besprochenen Arbeitsrichtong einreihen ließen. 

In der Alpenvereins- Zeitschrift war Richters Name zuerst 1872 auf- 
getaucht; er hatte damals eine Beschreibung der in Begleitung Jöh. Stüdls 
unternommenen Wanderungen in der Venedigergruppe geliefert^) Dar- 
gestellt waren hier in touristischer Weise die Besteigung des Groß -Venedigers 
vom Gschlöß aus, die erste Bezwingung der Schlieferspitze; femer Mitteilungen 
über die bei Gelegenheit des Aufenthalts in Prägraten erzielte Ordnimg des 
Führerwesens daselbst; die letzten Abschnitte sind dem Umbaltal und der 
Dreiherrenspitze, der Dabor- und Rödtspitze imd endlich der ziemlich hals- 
brecherischen Besteigung des Hochgall gewidmet, dessen Aussicht Richter 
eine der schönsten im ganzen Alpengebiet nennt. 

In demselben Bande der „Zeitschrift^^ erschien auch eine Schilderung der 
Besteigung des Roth- und Birnhorns bei Frohnwies.*) 

In den Jahren 1887 bis 1890 gab Richter wiederholt wertvolle kritische 
Übersichten über die alpine Literatur, welche in den Mitteilungen der k. k. 
Geogr. Gesellschaft zu Wien (1887) und in der Zeitschrift des Alpenvereins 
(1889 und 1890) erschienen und durch ihre geistvollen Ausführungen viel- 
fach über den Rahmen gewöhnlicher Referate hinausreichen. 

Seine engen Beziehungen zum Deutschen und Osterreichischen Alpen- 
verein und das Ansehen, welches er bei allen Vereinsmitgliedem genoß, be- 
riefen ihn bald darauf an die Spitze eines großen Unternehmens, das zu 
seiner Volkstümlichkeit vielleicht am meisten beitrug, wenn er selbst auch 
seiner Leistung wissenschaftliche Bedeutung absprach. Die Anregung zu 
diesem Werke, der „Erschließung der Ostalpen^^') war von Aug. v. Böhm 
ausgegangen, der 1884 in der Sektion „Austria^^ den Antrag stellte, für die 
Ostalpen eine ähnliche Publikation ins Leben zu rufen, wie sie die Schweiz 
in dem Buche Studers „Über Eis und Schnee'^ schon besaß. Bald erkannte 
man aber, daß die Kräfte einer Sektion hierzu nicht ausreichten, und suchte 
daher den Gesamtverein dafür zu gewinnen. Dies geschah, aber trotzdem 
kam die Sache nicht in Fluß, da man keine Persönlichkeit zu finden ver- 
mochte, welche zur Leitung des groß angelegten Unternehmens bereit ge- 
wesen wäre. Da entschloß sich im März 1889 Prof. Richter, das mühevolle 
Amt eines Redakteurs auf sich zu nehmen, und damit war das Gelingen des 
Werkes außer Frage. Ein Jahr darauf wurde den 21 Mitarbeitern der Plan 
bekannt gegeben, an den sie sich bei Abfassung ihrer Abschnitte zu halten 
hatten; im Dezember 1891 erfolgte die Ausgabe der Subskriptions -Einladungen 
und nach kurzer Zeit erschien die erste Lieferung. 1894 war das glänzend 
ausgestattete Werk abgeschlossen. 

Seine Bedeutung ist zunächst in den zahlreichen Angaben und Be- 
richten über Erstlingsbesteigungen aus älterer Zeit zu suchen; als Quellen 



1) Z. D. Ö. A.-V. m. Bd. S. 275—316. 2) a. a. 0. S. 107. 

8) 3 Bände mit 61 Licht- und Grayondrucken, Heliogravüren und Autotypien, 
6 Karten, 3 Panoramen und 134 Abbildungen im Text, darunter 33 Vollbildern. 
BerJJn 1892 — 4. Verlag des D. ö. A.-V. In Kommission der J. Lindauer'schen 
Buchhandlung in München. 



Eduard Richter. 263 

dienten die mündliche Überlieferung der betreffenden Bergsteiger oder ihrer 
Zeitgenossen, die alten Fremden- oder Führerbücher and Aufisätze in seltenen 
Schriften, so daß dieses wertvolle, größtenteils leicht vergängliche Material 
nun für immer gesichert war. Stets geht die Bearbeitung auf diese zuver- 
lässigen Quellen zurück und versteht es, mit kritischem Scharfblick manchen 
Widerspruch zu lösen, manches Dunkel zu erhellen. Wegen der Vollständig- 
keit und Ausführlichkeit in der Darstellung der Anstiegsrouten kann die „Er- 
schließung^ auch als der verläßlichste hochalpine Führer großzügigster An- 
lage für die Ostalpen gelten. 

Richters Verdienst liegt nun nicht sowohl in seiner eignen Mitarbeit, 
deren gleich zu gedenken sein wird, sondern vor allem in der umsichtigen 
imd koncilianten Führung der Redaktionsgeschäfke. Er verstand es, ohne die 
Individualität der einzelnen Autoren zu unterdrücken, doch den vielköpfigen 
Organismus mit einem einheitlichen Oeiste zu erfüllen, mit seinem Geiste, 
80 daß die Vorzüge seiner eigenen Darstellungsweise, übersichtliche Gliederung, 
klare und schöne Sprache dem ganzen Werke eigen sind. Wenn es trotz- 
dem nicht ohne persönliche Eifersüchteleien und Verdrießlichkeiten abging, 
so lag die Schuld an der böswilligen Mißgunst gewisser Kreise; ja es gelang 
diesen sogar, Richter die Erinnerung an das wohlgelungene Werk, dem 
der Alpenverein auch einen bedeutenden materiellen Gewinn zu danken hatte, 
dauernd zu verleiden. Um so mehr muß seinen Verdiensten gebührende An- 
erkennung gezollt werden. 

Die von Richter selbst geschriebenen Abschnitte sind die Einleitung 
zum I. und die Hohen Tauern im m. Band^). Von den Tauem behandelte 
er die Venediger-, Landeck- (Granatkogel-) und Glockner -Gruppe; einen 
Glanzpunkt bildet hier namentlich die Ersteigungsgeschichte des majestätischen 
Großglockners. Als ein ganz besonderes Meisterstück muß jedoch jene Ein- 
leitung zum Gesamtwerk bezeichnet werden; in unübertrefflicher Weise wird 
hier mit kräftigen Strichen der Entwicklungsgang skizziert, „wie unser Alpen- 
anteil innerhalb weniger Menschenalter aus einem der unbekanntesten Teile 
Europas einer der bekanntesten und meist bereisten geworden ist^^ Aber 
wertvoller noch ist die meisterhafte Charakteristik, die dem Wesen und den 
Beweggründen des Alpinismus zuteil wird, dem noch vor wenigen Jahr- 
zehnten wie den Forschungsreisen der Reiz völliger Neuheit anhaftete. Die 
Triebfedern zu kühnen Taten dürfen nicht außer acht gelassen werden, denn 
„so wenig man das Wesen der Musik erschöpft, wenn man die Gesetze der 
Akustik ergründet, so wenig bringt das schließliche wissenschaftliche Resultat 
das zum Ausdruck, was die Entdeckungsfahrt für den gewesen ist, der sie 
unternommen hat^S Richter fand später Gelegenheit, diese Gedanken in 
eigenen Publikationen ausführlicher zu erörtern; auf sie, die ihre Würdigung 
weiter unten finden, mag deshalb hier verwiesen sein; nur das Schlußwort 
der „Einleitung" soll als der Mahnruf eines begeisterten Alpenfreundes nicht 
imterdrückt werden: „Möge das nachfolgende Werk — schreibt der Ver- 
fasser — zur rechten Zeit kommen, um die Erinnerung an die friedlichen 



1) I. Band. S. 1—19. lU. Band. S. 130— *äi%ft. 



264 Georg A. Lukas: 

Eroberungen festzuhalten, die nnsem Vätern und uns hier gelungen sind; 
mögen auch den nachlebenden Generationen, denen för neue Taten nicht mehr 
so viel Raum bleibt, als die alten hatten, doch niemals die Freude erlöschen 
an dem unschätzbaren Kleinod, das uns ein gütiges Geschick beschieden hat, 
an unsem herrlichen Alpen/^ 

Als Nachtrag zur „Erschließung^^ schrieb Richter 1894 zum 25jährigen 
Jubiläum des Alpenvereins einen vortrefflichen Aufsatz über „Die wissen- 
schaftliche Erforschung der Ostalpen^^^), eine Arbeit, die er in kleine- 
rem Maßstabe für die Festschrift der k. k. geogr. Gesellschaft in Wien 1898 
wiederholte.*) 

8. Zur Ä.sthetik der Naturauffassung. 

Es wurde schon gelegentlich der Darstellung seiner Jugendjahre hervor- 
gehoben, daß Richter die Natur nicht bloß mit dem Auge des Forschers, 
sondern ebenso mit dem des Künstlers zu betrachten pflegte. Sein ästheti- 
sches Empfinden der Landschaft gegenüber enthüllt sich uns in einigen 
nebenbei entstandenen Aufsätzen, deren erster bereits 1885 erschien.') Er ent- 
hält eine Beantwortung der Frage: „Sind die Alpen das schönste Gebirge 
der Erde?" Wird von schönen Landschaften gesprochen, so meint man in 
erster Linie stets gebirgige oder wenigstens unebene: „da gibt es in ver- 
schiedenen Tönen abgestufte Femen, Vorder- und Hintergrund trennen sich; 
einzelne Bergkörper stellen sich als durch Licht und Schatten gegliederte 
imd belebte Objekte dar, die Abnahme der Wärme nach oben bedingt ver- 
schieden gefärbte Vegetationsstufen und setzt endlich auf die Häupter des 
Gebirges das beherrschende Licht der Schnee- und Eisbedeckimg.'' Können 
nun die Alpen gegenüber anderen Hochgebirgen der Erde bestehen? 

Der Himalaja ist unzweifelhaft großartiger im kühnen Aufbau seiner 
unbezwinglichen Gipfel, in seinen wilden, tief eingerissenen Schluchttälem, in 
seiner mächtigen Fimüberlagerung; doch gilt dies vorwiegend nur von seiner 
Südseite. Durch mächtige Vergletscherung setzen auch die neuseeländischen 
Alpen in Erstaunen, während sich der Kaukasus alpinen Verhältnissen mehr 
nähert Die Anden aber zeigen in ihren durch große Trockenheit verursach- 
ten breiten Zonen des reinen Felsengebirges prächtige Farbenkontraste als 
Ersatz für Vegetationsgürtel und Schneeregion; dazu kommt noch eine macht- 
volle Entfaltung des vulkanischen Phänomens. 

Wenn trotzdem den bescheideneren Alpen der Schönheitspreis zuerkannt 
wird, so liegt der Grund hierfür offenbar nicht allein in der Großartig- 
keit ihres Aufbaues und ihrer Eisströme, sondern hauptsächlich in dem 
Gegensatz, „in welchem diese ernsten, drohenden Gestalten und Farben zu 
den sanften Linien und Tönen eines mit Vegetation erfüllten, durch Seen 
und menschliche Ansiedelungen belebten Vordergrundes stehen". Weil die 
Alpen mit ihrem Formenreichtum, ihrem günstigen Klima, ihrem reichen 
Kulturboden mitten in das dicht bevölkerte, zivilisierte Europa hineingestellt 

. 1) Z. D. ö. A.-V. 1894. 
2) Die Pßege der Erdkunde in Ostexreich 1848—1898. Hrsg. von F. Umlauft. 
S) Mitt B. ö, A.-V. IBSb. S. 1—2. 



Eduard Richter. 265 

sind, rücken die Gegensätze so nahe an einander nnd sichern eine malerische 
Überlegenheit über die Öden, menschen- und vielfach auch pflanzenleeren 
Oebirgsländer anderer Kontinente. ,,Die Kombination der starren Formen 
der Hochgebirgswelt mit der sanften Schönheit des Kulturlandes und der 
hierdurch hervorgebrachte packende Kontrast, die wilden Felsstürme und 
scharfen Eisgrate, die sich über mächtigen Fichten in einem friedlichen See 
spiegeln, saftig grüne Matten mit niedlichen Häusern und Kirchen und 
malerischen Baumgruppen, auf welche Gletscherabstürze und unersteigliche 
Felswände herabsehen: das ist die Spezialität der Alpen, in der sie un- 
besiegt und unbesieglich sind.^^ 

Breiter angelegt ist ein Aufsatz aus dem Jahre 1897 über „Das Wohl- 
gefallen an der Schönheit der Landschaft^^^) Es werden beiläufig 
folgende Gedanken ausgeführt: Während man früher hauptsächlich, wenn 
nicht ausschließlich, sein Bedürfois geistiger Erhebung und Erquickung durch 
die bildenden und schaffenden Künste deckte, haben diese im letzten Jahr- 
hundert am Genuß landschaftlicher Schönheit einen gefährlichen Konkurrenten 
erhalten. Es handelt sich bei Kunst und Natur um identische Wirkungen: 
„Der Anblick besonders schöner Landschafben oder Naturschauspiele ruft 
genau dieselbe Art von Wohlgefallen, von Erregung und Entzückung des 

Gemütes hervor wie der Genuß hervorragender Kunstwerke Wie die 

Tonmassen eines vollbesetzten Orchesters drängen die Gesichtseindrücke (in 
einer schönen Landschaft) heran, der Fluß der Linien, die Kontraste und 
Übergänge der Farben wirken wie die Themen, die einander folgen und ent- 
weder schmeichelnd und wohlgefällig oder dröhnend und erschütternd die 
Seele ergreifen und widerstandslos in die Stimmung hineinziehen, die aus 
ihnen spricht.'^ Die Oberflächenformen der Erde können also zweifellos in 
hohem Grade unser ästhetisches Empfinden ansprechen; es bedarf dazu keines- 
wegs angenehmer Nebenumstände wie wohltätiger Muße, schönen Wetters usw.; 
oft genug muß vielmehr der Naturgenuß durch große Anstrengung und Müh- 
sal erkauft werden, ohne daß sich unser ästhetisches Werturteil änderte. 
Natur und Kunstgenuß sind einander auch darin ähnlich, daß beide ihre 
Wirkungen zu steigern suchen; wie die Künste sich mit immer reicheren 
Ausdrucksmitteln an stets größer werdende Aufgaben heranwagen, „so ist 
auch in der Schätzung der Naturschönheiten eine Entwicklung vom Ein- 
fachen, Schlichten, Idyllischen zum Großartigen, Wilden, Heroischen zu ver- 
folgen^S Es ist noch nicht lange her, daß man die Felstürme und Eisströme 
des Hochgebirges schöner findet als flache, wohlangebaute Gegenden. 

Der letzte Grund des Wohlgefallens am Schönen in der Kunst wie in 
der Natur ist ein physiologischer und uns verschleiert; eine auffallende Tat- 
sache muß es aber genannt werden, daß jeder normale und gesunde tierische 
oder pflanzliche Organismus auf unser ästhetisches Empfinden anziehend 
wirkt, als unbedingt schön gilt, während Verkümmerung und Eingriff in die 
Natürlichkeit als unästhetisch uns abstößt. Bemerkenswert ist es auch, daß 

1) CoBmopoliB. VII. Bd., S. 229—246. 

Einen Auszug dieses Aufsatzes enthalten die Mitteünn^^ü ^«^ \^.^. K.^ . 
1898. S. 283. 



266 Georg A. Lukas: 

alle organischen Wesen die Tendenz zeigen, sich darzustellen, einen gewissen 
Schmuck sehen zu lassen, oder wenigstens — falls rein omamentale Zugaben 
fehlen — offenbart die ausdrückliche Hervorhebung der den einzelnen Glied- 
maßen innewohnenden Funktion ein deutliches Zierbestreben. Die Erhaben- 
heit über den gemeinen Nutzzweck kann auch durch ein gewisses ÜbermaB 
in der Betonung der Funktion verstärkt werden: „die Beine des Rehes sind 
überschlank und werden mehr als nötig ist gehoben/^ Ein „omamentalei^^ 
Überschuß an Kraft oder Elastizit&t ist u. a. dem Stiemacken oder dem Gang 
des Tigers eigen. 

In den organischen Beichen sind also alle Bildungen in Folge ihrer aus- 
gesprochenen Gesetz- nnd Zweckmäßigkeit, die in „ornamentaler'^ Weise hervor- 
gehoben werden kann, unsem Sinnen wohlgefällig; alles, was die Natur schafft, 
hat Stil, Abrundung, Einheitlichkeit. 

Durch dieselben Gesetze nun ist auch unsere Begeisterung für das land- 
schaftlich Schöne bedingt; man empfindet aus der Landschaft stets das Moti- 
vierte and Gesetzmäßige heraus, ohne sich um Vorgänge und Gesetze im 
einzelnen kümmern zu müssen. „Hier die Steilküste: wir sehen die Schichten 
eines Gesteines, das einst auf dem Meeresgrunde abgelagert worden ist; eine 
Bewegung der Erdkruste hat einen Teil davon emporgehoben; die Bruch- 
fläche bildet eine Felswand; der andere Teil ist unter den Meeresspiegel ab- 
gesunken. Jetzt rollen die langen Wellen der blauen Salzflut heran, der 
Wind treibt sie in einer bestimmten Richtung, er selbst ein Glied in dem 
großen Triebwerk der atmosphärischen Zirkulation. Wo sich die Welle 
überschlagen wird, das ist genau und leicht zu berechnen; jetzt donnert die 
Brandung und wäscht Gruben und Löcher von genau bekannten und bestimm- 
ten Formen aus. Die überhängenden Klippen stürzen herab, und zwischen 
ihnen gurgelt die Brandung — wie sie muß. und darüber eine Pflanzenwelt 
an der Felswand, wie sie dem Klima entspricht. Alles ist Gesetz und Zwang, 
nirgends eine Willkür." 

Auch die unbelebte Natur hat Stil, Einheitlichkeit und Ausdruck und 
wirkt ebendadurch an und für sich wohlgefällig — wie die Organismen. 
Nur ist das Gefühl dafür bei der Kompliziertheit des Landschaftsbildes nicht 
so naheliegend und so allgemein; es ging damit nicht anders als mit der 
künstlerischen Wiedergabe des menschlichen Körpers, die eine lange Geschichte 
hat, weil sie dem Maler und Bildhauer ähnlich schwierige Probleme stellte 
wie die Landschaft. Das 19. Jahrhundert hat die Landschaftsmalerei erst 
auf eine hohe Stufe gebracht, vornehmlich durch die Einwirkung der Photo- 
graphie; diese ermöglicht es, das in der Erinnerung fast immer verzerrte Ge- 
dächtnisbild jederzeit zu korrigieren. Die spitzigen Vulkankegel älterer Reise- 
werke sind heute nicht mehr zu finden. 

Die Gruppe von Gegenständen, die gefallen soll, muß femer so ange- 
ordnet sein, „daß man sie in ihrer Form und Gestalt deutlich überblicken 
und auffassen kann". Auch die natürliche Landschaft muß „bildmäßig" 
sein, eine Forderung, die nicht allzohäufig befriedigt wird, meist nur von 
einzelnen deshalb berühmten Punkten aus und zu gewissen Jahres- und 
Tageszeiten. Morgen- oder Abendstunden im Sommer^ wenn die Schnee- 



Eduard Richter. 267 

bedeckimg wirksam beschränkt ist und breite Schatten alles gliedern und 
yerständlich machen, bringen da die reichsten Oenüsse. 

Ein weiterer wichtiger Umstand ist die rhythmische Wiederholung 
gewisser verständlicher Formen; wie z. B. in Architektur und Musik, so wirkt 
dies auch in der Landschaft wohlgefällig. Einen streng eingehaltenen Stil 
haben selbst die scheinbar willkürlichsten Bergformen der südlichen Kalkalpen. 
„Wie die Krabben und Spitzbögen und Pfeiler und Fialen an einem gotischen 
Dome, so stehen inmier dieselben Wandstufen und Türme und Bastionen 
neben einander, wie jene, keine der andern ganz gleich, aber alle von der- 
selben einmal angenommenen Größenordnung in rhythmischer Abwechslung 
unter sich ähnlich und durchaus stilgerecht. Die gleichmäßige Schichtung, 
der gleiche Widerstand gegen die Verwitterung, die regelmäßige Anordnung 
der Wasser- und Steinschlagrinnen, Schuttkegel usw. prägen bei aller angeb- 
lichen Willkür und Freiheit in der Anordnung dem Ganzen einen einheit- 
lichen Charakter auf.^ 

Endlich wird die Schönheit der Landschaft befördert durch gefällige 
Farben und Farbenkombinationen, durch eine gewisse räumliche Größe des 
Gegenstandes, ohne welche die Empfindung der Erhabenheit und Majestät 
nicht hervorgerufen werden kann, und durch Kontraste in Farbe und 
Linienfluß. 

Behandelte Richter in dieser gehaltvollen Studie die Landschaft im all- 
gemeinen, so suchte er in einem späteren Vortrage zu ergründen, was die 
eigentlichen Triebfedern der Bergs teigerei seien, einer Bewegung, die 
trotz der damit verbundenen Gefahren noch immer an Umfang gewinnt.^) 
Die moderne alpine Literatur gibt auf diese Frage keine verläßliche Auskunft; 
überkommene Redensarten werden da immer wieder gebraucht an Stelle 
eigner echter Empfindung, über die sich allerdings die wenigsten Menschen 
heutzutage Rechenschaft ablegen. Wenn Norman -Neruda meint, wir steigen 
deshalb, „weil es uns freut^S so sagt er damit, daß es weder der Gesundheit 
noch der Wissenschaft wegen geschehe; aber auch die Aussicht kann nicht 
der einzige Zweck des Bergsteigens sein, sonst wäre es ja einerlei, ob man 
hinaufgeht oder -fährt. 

Selbstbeobachtung lehrt uns, daß der erste Eindruck des Hochgebirges 
den Reiz der neuen, fremdartigen Erscheinung birgt; hierin liegt 
vielleicht der erste Antrieb zur Überwindung selbst drohender Gefahren nicht 
bloß fOr den Alpenwanderer, sondern auch für den Entdeckungsreisenden, 
dessen Erkenntnistrieb und wissenschaftlicher Ehrgeiz durch die Lust am 
Neuen und Abenteuerlichen gefördert wird. Dazu gehört auch der mit vielen 
Bergbesteigungen verbundene leichte Rückfall in das „wilde Leben des Natur- 
menschen'^, der freilich durch die Tätigkeit der alpinen Vereine allmählich 
zerstört wird. 

Li zweiter Linie ist dann die Lust an der Überwindung von Mühe 
und Gefahr zu nennen, in welcher Hinsicht das Bergsteigen als ein Sport 



1^ Über die Triebfedern der Bergsteigerei. Vortrag bwxi "X.. %^^jQa!k3ij?i'lftÄN» ^vst 
akad. Sektion Graz des D. 0. A.-V. Mitt. A.-V. l^OÄ. Ä. b^— bb. 



268 Georg A. Lukas: 

bezeichnet werden muß. Uns reizt die Betätigung von Kraft und Kunst, 
die durch den Wettbewerb mit andern gemessen wird. „Der Reiz liegt auch 
hier viel mehr in der Arbeit als in der Erreichung des Zieles^^, womit sich 
z. B. die Frage erledigt, weshalb man einen Berg von einer schwierigen Seite 
erklimmt, wenn anderswo ein leichterer Weg hinaufführt. Man sollte dies 
mindestens ebenso wenig töricht finden, wie wenn sich „die Menschen an 
einer Schachpartie das Gehirn zermartern^'. Wie das erlegte Wild nicht der 
eigentliche Lohn der Jagd ist, so tritt auch die Aussicht gegenüber der 
Schwierigkeit der Besteigung als Nebensache zurück. Natürlich kann bei 
der überaus verschiedenen Leistungsfähigkeit der Menschen nur der subjektive 
Wert ihrer Tat maßgebend sein. Deshalb muß aber auch jeder wissen, wie 
teuer er sein Vergnügen zu zahlen bereit ist, ob er der Gefahr, in die er 
sich begibt, gewachsen sei. Solche Leute verdienen die Bezeichnung „charakter- 
voll, die Mut, Selbstverleugnung und Opferfähigkeit besitzen; es liegt also 
ein noch dunkles ethisches Moment im Bergsteigen, durch welches alles 
Rekordwesen ausgeschlossen erscheint 

Doch der schönste Lohn des Alpinismus, worin ihm höchstens die Jagd 
nahekommt, ist der Genuß der Schönheit des Gebirges; darin haben wir 
die dritte und stärkste Triebfeder der Bergsteigerei zu erblicken. Das Wesen 
dieses Wohlgefallens an dem landschaftlich Schönen wurde eben dargetan; 
unter den Alpenfreunden dürfte wohl keiner zu finden sein, der hiergegen 
ganz stumpf wäre. Dies sind selbst die BergfEihrer nicht. 

Seine, eigne Ansicht über das Bergsteigen faßt Richter in folgenden 
trefflichen Worten zusanmien: „Der Bergsteiger ringt um sein Ziel mit An- 
strengung, vielleicht mit Gefahr; er freut sich seiner Kraft und Gewandtheit. 
So weit ist sein Tun mit dem Treiben anderer Sporte zu vergleichen. Aber 
er findet außerdem einen Lohn, der diesen nicht oder nur in viel geringerem 
Grade beschieden ist: den Genuß der allerschönsten und erhabensten Natur. 
Das erhebt den Alpinismus in einen höheren Rang, es verleiht ihm einen 
Kulturwert ganz besonderer Art Wir wissen nicht, ob der ästhetische Ge- 
nuß den Menschen bessert; aber niemand ist im Zweifel, daß er unter die 
edelsten und würdigsten Betätigungen des Menschentums gehört und unsag- 
bar beglückt." 

9. Zur Methodik und Philosophie. 

Jeder Forscher, der sein ganzes Leben in den Dienst einer Wissenschaft 
gestellt hat, wird einmal das Bedürfnis empfinden, den Blick von der ge- 
lehrten Kleinarbeit zu erheben und auf die großen Zusammenhänge zu lenken, 
welche sein Fach mit den übrigen Wissensgebieten verbinden. Nur so wird 
ihm die Art des eignen Schaffens deutlich, und so wird er sich über den 
Wert seiner Arbeit für das Erkennen der Welträtsel Rechenschaft ablegen 
können. 

Es erübrigt auch in dieser Darstellung der Forschertätigkeit E. Richters 
der Nachweis, welche Auffassung er von seiner Wissenschaft und deren 
Stellung sich gebildet hatte. 

Ein Problem, welchem er seit Beginn Beiner Gelehrtenlaufbahn manche 



Edaard Richter. 269 

Stunde der Überlegung widmete, war das Verhältnis der historischen und 
der naturwissenschaftlichen Forschungen und Kenntnisse zu einander. Wird 
ein Geograph überhaupt durch den weiteren Umfang seines Faches zu der- 
artigen Gedanken angeregt, so durfte es sich Richter, der geschulte Historiker 
und erprobte Naturforscher, wohl getrauen, hier ein maßgebendes Wort zu 
sprechen und damit zugleich seine Ansicht über das so yielumstrittene Wesen 
der Erdkunde zu äußern. Er tat dies in zwei Festreden, die wegen ihrer 
vollendeten Form und wegen ihres reichen Gehaltes Bewunderung verdienen. 

In der ersten derselben untersucht er die „Grenzen der Geographie"^) 
gegen Naturwissenschaft und Geschichte. Die allgemeine Geographie ist 
zweifellos naturwissenschaftlichen Inhalts; es fragt sich nur, wie viel sie aus 
benachbarten Fächern herübemehmen darf, wo die Grenzen geographischen 
Interesses zu suchen sind. Den Schlüssel zur Lösung dieser höchst wichtigen 
Frage besitzt die Länderkunde, welche die verschiedenen Erdräume kennen 
lehrt nach ihrer natürlichen Beschaffenheit sowohl wie auch als Wohnplatz 
des Menschen. Die Stellung der Geographie zwischen Natur- und Menschen- 
kunde ist gegeben durch die Beziehung auf den Raum, den eigentlich 
geographischen Gesichtspunkt. „Wenn man ihn bei Sichtung des heran- 
strömenden Materials festhält, dann gliedern sich die Massen, die von andern 
Fächern entlehnten Bruchstücke gewinnen eigenes Leben und werden selbst- 
ständiger Fortbildung fähig." Die Aufgabe einer länderkundlichen Darstellung 
läßt gar bald das geographisch Wichtige herausfinden, es werden die Zu- 
sammenhänge scheinbar weit von einander abstehender Gebiete deutlich und 
ganz neue Ergebnisse sind solchen weit ausholenden Gedankenreihen zu ent- 
nehmen, in denen wir die eigentliche Blüte der Erdkunde erblicken müssen. 

Wie weit man bei dieser Fundierung des geographischen Wissens- 
gebäudes gehen darf, ist meist nicht zweifelhaft; Meinungsverschiedenheiten 
bestehen nur hinsichtlich der Geologie und der Geschichte. 

In den letzten Jahrzehnten sind zwei neue Triebe der Geologie in das 
Bereich der Erdkunde hineingewachsen: die dynamische Geologie, welche 
sich mit dem Veränderungen im Antlitz der Erde beschäftigt, und die 
Morphologie, welche die Formen der Erdoberfläche genetisch erläutert. 
Durch die Au&ahme dieser Disziplinen ist nun aber das alte geographische 
Programm nicht im geringsten verändert worden, vielmehr hat dieses so 
seine größte innere Bereicherung erfahren: denn an den Formenschatz der 
Erde, der stets ein Objekt geographischer Forschung gebildet hatte, konnte 
man jetzt auch erklärend, nicht mehr bloß beschreibend herantreten. Die 
Erdbeschreibung verwandelte sich in die Erdkunde. Für die produktive 
Arbeit auf morphologischem Gebiete sind nun freilich geologische Kenntnisse 
unerläßlich. Wie viel geologischen Einschlag Lehi-e und Darstellung ent- 
halten dürfen und sollen, muß dem Takt und Geschmack des Lehrers und 
Autors überlassen bleiben. Die eigentliche geologische Vorgeschichte, die nur 
das Verständnis für die gegenwärtigen Formen vorbereiten soll, gehört jeden- 
falls nicht in den Rahmen einer rein geographischen Betrachtung. 

1) Rede, gehalten bei der Inauguration als Rector magnificus der k. k. Karl 
FranzenB-üniverBität in Graz am 4. November 1899. GTa'L,Lwi"aOMiCi\i..\iQ^«^^l V^^*^- 



270 Georg A. Lukas: 

Während dieser Auffassung vom Grenzgebiet zwischen Geographie und 
Geologie kein schwerwiegendes Bedenken entgegensteht, sind hinsichtlich des 
Verhältnisses zwischen Erdkunde und Geschichte grundsätzlich verschiedene 
Standpunkte möglich; die uralte traditionelle Verbindung zwischen beiden 
Wissenschaften macht eine Klärung nur noch schwieriger. 

Was besagt zunächst die so geläufige Bezeichnung „historische^ Geo- 
graphie? Man kann dabei an die Geschichte der Geographie selbst denken, 
insofern durch eine Geschichte der wissenschaftlichen Entdeckungsreisen die 
allmähliche Entschleierung des Weltbildes veranschaulicht wird. Gewöhnlich 
jedoch wird man unter ^^^^nscher Geographie^ jene Wissenschaft verstehen, 
die im XVÜ. Jahrhundert von Philipp Clüver begründet wurde und die 
räumliche Erforschung der antiken Welt zum Gegenstande hat. Soweit sie 
sich auf die Ermittelung von alten Städtelagen, Straßenzügen und Völker- 
grenzen beschränkt, ist sie nichts anderes als archäologische Topographie, 
also eine Hilfswissenschaft der Geschichte; sobald ein wirkliches geographi- 
sches Bild alter Kulturländer entworfen werden soll (wie z. B. in Nissens 
„Italischer Landeskunde'^), muß das naturwissenschaftliche Element ebenso 
hereingezogen werden wie bei einer modernen Landeskunde. „Der unterschied 
liegt nur im anthropogeographischen Teil; in dem einen Falle werden die 
menschlichen Verhältnisse einer vergangenen Periode, in dem andern die der 
Gegenwart auf denselben Boden projiziert Für das Mittelalter sind solche 
Aufgaben viel schwerer zu lösen, da wir den Quellen nur vereinzelte zuver- 
lässige Daten zu entnehmen vermögen. Übrigens sind die Veränderungen in 
der Natur jedenfalls so geringfügig innerhalb historischer Zeiträume, daß sie 
allein nicht den Inhalt eines Faches bilden können. 

Sicher ist es, daß nur jener Zweig der Geographie eine Berührung mit 
der Geschichte haben kann, der sich mit dem Menschen befaßt. Gilt uns 
dieser als geographisches Forschungsobjekt — eine Frage, die von der über- 
wiegenden Mehrheit der Fachleute bejaht wird — , so bleibt noch zu unter- 
suchen, in welchem Grade die Menschen-Geographie (Batzels „Anthropo- 
geographie^') historisch sein darf, ja muß. 

Der „Einfluß der irdischen Bäume auf Völkergeschichten'' ist ein be- 
liebtes geschichtsphilosophisches Thema allgemeiner Art; nicht minder wichtig 
sind aber die speziellen Untersuchungen, „wie die natürliche Ausstattung im 
Einzelfall gewirkt hat", wofür Morphologie und Statistik das nötige Material 
bereit halten. Bechtsformen und gesellschaftliche Ordnung eines Volkes sind 
vorgezeichnet durch die wichtigsten Erwerbszweige und diese wiederum diirch 
die natürliche Beschaffenheit des Landes. Der gegenwärtige Zustand der Be-r 
völkcrung ist aber nur aus der Geschichte zu verstehen, und dies ist der 
Punkt, wo „die Geographie niemals aufhören darf und aufhören kann, histo- 
risch zu sein Rechts- und Wirtschaftsgeschichte sind die Säulen der 

speziellen Anthropogeographie, die wieder durch Betrachtung der Boden- 
verhältnisse diesen Wissenschaften an Erleuchtung zurückgeben kann, was sie 
von ihnen gewonnen hat. Wir müssen den geschichtlichen Verlauf kennen, 
um die Wirksamkeit der natürlichen Einflüsse an ihm richtig taxieren zu 
können. " 



Eduard Richter. 271 

Die alle geogi*apliiscben Eigenschaften eines Baumes berücksichtigende 
spezielle Anthropogeographie wird den Hauptgegenstand landeskundlicher 
Schildemng zu bilden haben. Hier liegt die bedentendste Aufgabe für den 
Geographen der Gegenwart und Zukunft. Es kommt darauf an, das erd- 
kundlich Wichtige in der Landschaft herauszuheben und generalisierend zu 
beschreiben; doch wird man von einer solchen Schilderung fordern müssen, 
daß sie anschaulich, lebensroU und künstlerisch überlegt sei — woraus sich 
die Notwendigkeit der Autopsie für den geographischen Schriftsteller so gut 
wie ftbr den Beisenden ergibt. Denn wie die G^schichtschreibung ist auch 
die L&nderkunde nicht bloß vom wissenschaftlichen, sondern auch vom 
künstlerischen Standpunkte aus zu beurteilen; die zahllosen Einzelheiten 
müssen in literarisch wertvollen Gemälden vereinigt werden, was allerdings 
künstlerische Veranlagung und Gestaltungskraft voraussetzt. „Die höchsten 
Anforderungen sind in dieser Bichtung vollkommen gerechtfertigt; denn 
wenn es unsere Aufgabe ist, den Menschen das Bild ihres Wohnhauses zu 
zeigen, so kann man auch verlangen, daß dieses Bild von Künstlern ge- 
malt sei.^^ 

Hatte Bichter 1899 durch diese Bektoratsrede seinen Standpunkt ge- 
kennzeichnet bezüglich der Auffassimg von dem Wesen und den Aufgaben 
geographischer Forschung, so ließ er sich 1903 in seiner Akademie-Festrede 
vernehmen über die „Vergleichbarkeit naturwissenschaftlicher und ge- 
schichtlicher Forschungsergebnisse^^^) Den unmittelbaren Anlaß zur 
Ausarbeitung dieser wahrhaft gl&nzenden Bede, deren Keime in die ersten 
Jahre seiner geographisch -historischen Lebensarbeit zurückreichen, gab eine 
Debatte auf dem Historikertage zu Linsbruck (1896) über die Frage^ wie 
weit die Geschichte sich zur Erlangung gesicherter Ergebnisse naturwissen- 
schaftlicher Methoden bedienen solle. Unter dem Eindrucke der unbedingten 
Überschätzung der den letzteren innewohnenden Sicherheit von Seiten aller 
Historiker notierte sich Bichter, der durch den Abbruch der Debatte ver- 
hindert wurde, öffentlich das Wort zu ergreifen, in sein Tagebuch: „Glauben 
die Herren wirklich, daß man von den krjstallinischen Schiefem mehr weiß, 
als von den merowingischen Königen?" Die hierdurch veranlaßten Über- 
legungen führten schließlich zur Aufstellung folgender Gedankenreihe.*) 

Es war in früheren Zeiten die herrschende Anschauung, daß die Ge- 
schichtswissenschaft bestimmten Bichtungen zu dienen habe, daß sie berufen 
sei, gewisse religiöse oder politisch -philosophische Systeme zu stützen. Ten- 
denziöse Belobung oder Verwertung alles dessen, was mit dem prinzipiellen 
Standpunkt des Verfassers nicht übereinstimmte, war die natürliche Folge; 
denn der Geschichtsverlauf sollte ja nur die imbedingte Geltung der eigenen 



1) Vortrag, gehalten in der feierlichen Sitzung der kaiserlichen Akademie 
der WiBsenschafben am 28. Mai 1908. Gedruckt im Almanach der kaiserl. Aka- 
demie für 1903 (S. 309 — 838) und in der Deutschen Bandschau (Bodenberg), 
April 1904. 

2) Nach ,, Geschichte und Naturwissenschaft*', einem von Bichter selbst her- 
rührenden Auszog aus der Akademie -Festrede. Steirische Zeitschrift f. Geschichte 
(Graz), n. Jahrg. 1904. S. 93 — 96. 



272 Georg A. Lukas: 

Ansichten im einzelnen nachweisen. Wer damit nicht übereinstimmte oder 
übereingestimmt hatte, wurde erbarmungslos verurteilt. 

Im Hinblick auf diese rückständige, jedoch keineswegs schon völlig über- 
wundene Richtung bedeutet der von Ranke aufgestellte, uns so selbst- 
verständlich dünkende schlichte Grundsatz: „Die Geschichte hat vor allem zu 
berichten, wie es wirklich gewesen ist" — einen unermeßlichen Fortschritt 
und zwar im Sinne der Naturwissenschaften. Der Kundige weiß, daß mit 
diesen scheinbar so einfachen Worten des Altmeisters deutscher Geschicht- 
schreibung die Anforderungen an die Qualität historischer Forschung ungemein 
gesteigert wurden und an Stelle leerer Redensarten nun die induktive Methode 
treten mußte, gleichwie bei den Naturwissenschaften. „Nicht ein allgemeines 
Bild, wie es beiläufig gewesen, sollte und konnte genügen, sondern nun galt 
es auch das Kleine und Kleinste zu ergründen ; nicht bloß die beiläufigen Rich- 
tungen und etwa noch die Taten und Reden der Helden, sondern das Leben 
und Treiben der namenlosen Masse, die Zustände und deren Entwickelnng.^ 

Macht sich der Historiker diese Forderungen zur Richtschnur, so ist 
seine Arbeit von der des Naturforschers nicht so sehr verschieden; beide 
sanuneln in voraussetzungsloser Forschung ein möglichst großes Material an 
Tatsachen, zwischen denen sie Zusanunenhänge herstellen und aus denen sie 
ihre Schlüsse ziehen. In dieser Hinsicht sind geschichtliche und naturwissen- 
schaftliche Ergebnisse gewiß vollkommen vergleichbar. 

Dieser Parallelismus gilt nun freilich nicht in allen Fällen. Da sich die 
Naturwissenschaften zumeist mit Vorgängen beschäftigen, die unter gleichen 
Umständen inmier wiederkehren, so handelt es sich bei ihnen vor allem um 
die Ermittelung der immer und überall geltenden Normen, d. i. der Natur- 
gesetze, wonach gleiche Ursachen stets gleiche Folgen bedingen. Ein 
Irrtum ist nicht möglich, wenn nur die Vorausberechnung richtig war. 
Wenn man nun aber, wie es neuestens geschieht, auch von der Geschichts- 
wissenschaft verlangt, sie solle auf ähnliche Art die Gesetze des Werdens 
der Menschengeschichte erforschen, so täuscht man sich über ihr Wesen und 
ihre Grundlagen. Im allgemeinen ist ja ein Fortschritt in der Kultur- 
entwickelung zu beobachten; „da das menschliche Geschlecht durch Sprache 
und Schrift im Stande ist, die Errungenschaften einer Generation auf die 
andere zu vererben, so kann es geistige Kapitalien sammeln, es kann einen 
Bau errichten, bei dem der Erwerb späterer Generationen auf dem unver- 
lorenen Besitz der früheren ruht." Es kann, aber es muß nicht; Beweis 
dafür die schweren Rückschläge, welche oft genug der Entwickelung unserer 
eigenen Kultur eine schier unüberwindliche Schranke setzten. 

Der Satz, daß sich aus denselben Konstellationen mit Notwendigkeit 
dieselben Folgen ergeben müssen, ist wohl für das geschichtliche Leben nicht 
minder zutreffend als für die Natur. Aber in der Geschichte gibt es keinen 
Kreislauf, nie kommen die gleichen Voraussetzungen wieder; sie können es 
nicht, „weil die geschichtlichen Vorgänge durch die Veränderungen, die sie 
bewirken, selbst ihre Wiederkehr unmöglich machen. . . . Ein Kunstwerk wird 
nur einmal geschaffen, Politik und Krieg kehren so, wie sie einmal abge- 
Jaufen sind, gewiß nicht wieder." 



Eduard Richter. 273 

Auch von den zum Mithandeln berufenen Menschen ist ja nicht einer 
dem andern gleich; aber selbst wenn dies eintreten könnte, würde es nichts 
zu bedeuten haben, denn das neue Geschlecht steht immer einer völlig ge- 
änderten Lage gegenüber. Da überdies die Lehren der Geschichte zwar oft 
genug volltönend gepriesen, doch erfahrungsgemäß fast nie beherzigt werden, 
so waren und sind die ünterrichtserfolge der großen „Lehrmeisterin der 
Völker" stets klägliche. Ebenso unmöglich ist es, den Geschichtsverlauf für 
eine noch so nahe Zukunft mit unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen. 

Die Geschichte — im weitesten Sinne des Wortes — hat also nur ein- 
mal sich abspielende Vorgänge aufzuweisen, ist eine Ereigniswissenschaft. 
Auch manche Zweige der Naturforschung gehören hierher, indem sie Ent- 
wickelungsreihen ins Auge fassen, die ein zweites Mal nicht wiederkommen; 
sie bemühen sich um Erkenntnisse von zweifellos historischem Tjrpus und 
bringen dies schon in ihrem Namen zum Ausdiiick: „Erdgeschichte", 
„Naturgeschichte". 

Soweit aber die Naturwissenschaften nur die gleichbleibenden Beziehungen 
zwischen den Elementen der Welt klarstellen sollen, erforschen sie einen 
andern Erkenntnistjpus: sie sind Gesetzeswissenschaften. 

„Geschichte und Naturwissenschaften sind also vergleichbar in Bezug auf 
die Sicherheit der Ergebnisse, wenn hier und dort mit gleicher Unbestochen- 
heit geforscht wird. Es ist aber ungereimt, wenn die Geschichte Gesetze 
aufstellen will, und man verkennt ihr Wesen, wenn man es von ihr ver- 
langt. Im Gegenteil: der größte Fortschritt, den die Naturwissenschaften 
in dem abgelaufenen Jahrhundert gemacht haben, beruht darin, daß man 
die Natur als Ergebnis einer Geschichte aufzufassen gelernt hat. So be- 
rühren sich die Ziele und Methoden, es ist aber grundfalsch, sie zu ver- 
mengen." 

Es war Richter bei dieser tief angelegten Festrede nicht bloß um die 
Vergleichbarkeit der beiderseitigen Forschungsergebnisse zu tun, vielmehr be- 
absichtigte er — wie bereits die oben angeführte Tagebuchnotiz erkennen 
läßt — eine Ehrenrettung der Geschichte, die ihm gegenüber den 
Naturwissenschaften mit ihren strengen Gesetzen in Mißkredit gekommen zu 
sein schien. Wie er auf geographischem Gebiete den historischen Einschlag 
um keinen Preis missen wollte, so wünschte er auch im allgemeinen der 
Historie den ihr gebührenden Platz eingeräumt zu sehen. In diesem Sinne 
schloß er angesichts der festlichen Versammlung seine Ausführungen mit den 
Worten: „Wenn die Lösung des Rätsels dieser Welt darin besteht, über die 
Bedingungen Aufklärung zu erhalten, unter welchen das menschliche Ge- 
schlecht existiert, dann kann die Geschichte allerdings wenig dazu beitragen, 
denn es sind die Gesetzeswissenschaften, die uns jene Bedingungen erläutern; 
die Geschichte aber ist das Resultat, also selbst das Rätsel, das aufgeklärt 
werden soll. Trotzdem aber kann allein die historische Betrachtungsweise 
die allerwichtigste Grundfrage lösen, die man sich zu stellen vermag, näm- 
lich, ob die Entwicklung der Menschheit sich autonom vollzieht 
nach den in ihr selbst liegenden Voraussetzungen, oder ob sie voil 
den Gesetzen einer anderen, außer oder töl\>^t ^^t ^^\.\ix %\»si^^w- 

OeogrmphiBobe Zeitachrift. 12. Jmhrgmnff. 1906. 5. Heft. V^ 



274 Georg A. Lukas: 

den Welt beherrscht wird. Darüber muß die Geschichte der Jahr- 
tausende AufischluB geben können. Von der Beantwortung dieser Frage hängt 
aber die Bedeutung und Wertschätzung aller Wissenschaft und Forschung ab: 
am meisten der Naturforschung. So wird allerdings die Geschichte zur 
Lösung der größten Weltfrage entscheidend mitwirken können, wenn sie 
schlicht der Wahrheit dient — ohne Voraussetzung." 

in. Eduaid Biohten Peraönliohkeit. 

Schwerer als von Richters Lebensarbeit kann von seiner Persönlich- 
keit ein Bild entworfen werden, das der Wahrheit einigermaßen nahe 
kommt. Die Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen Interessen, der Umfang 
des Gebietes, dem seine Tätigkeit gewidmet war, die Förderung, die unser 
Wissen durch seine Wirksamkeit erfahren hat, der Erfolg, der sein Schaffen 
krönte — von all dem eine entsprechende Vorstellung zu erwecken, ist diesen 
Blättern vielleicht gelungen. Kaum möglich aber ist es, daß wir von Richter 
als einem ausgezeichneten Menschen reden und nicht besorgen müßten, das 
zu seinem Lobe Gesagte bleibe weit hinter der Wirklichkeit zurück; wer ihn 
kannte, wird zugeben, daß der Verlust dieses Mannes für sein Volk und die 
Menschheit fast noch schwerer wiegt, als der Schlag, der die Wissenschaft 
durch das Hinscheiden des Gelehrten traf 

Die harmonische Ausbildung seines Geistes, die in Forschung und Dar- 
stellung gleicherweise ihren Ausdruck fand, war verbunden mit anerschrockenem, 
sich nie verleugnendem Freimut in Wort und Schrift, mit treuer Liebe zum 
angestammten Volke, mit wahrem Heldensinn, der sich nicht leuchtender 
offenbaren konnte als in der heiteren Ruhe der letzten Tage and Stunden. 
Gedenken wir dann auch seiner männlich -schönen Erscheinung, der aus- 
dauernden Körperkraft, die er in der Jugend als unermüdlicher Bergsteiger, 
in späteren Jahren noch auf Studienreisen oft in erstaunlichem Maße be- 
währte, so meinen wir in ihm jenes Ideal erreicht zu sehen, welchem die 
alten Athener nachstrebten, wenn sie Geist und Körper eng vereint auf die 
höchste Stufe menschlicher Vollkommenheit zu heben trachteten. Einem 
solchen Manne war es gegeben. Freunde in unbeschränkter Zahl zu erwerben, 
so daß sein Hingang einem außergewöhnlich großen Kreise von Menschen als 
persönlicher Verlust erscheinen konnte. 

So ist es zu verstehen, wenn unter dem erschütternden Eindruck der 
Todesnachricht ein Mitglied seines engeren Freundeskreises schrieb^): „Es gibt 
Menschen, die auf ihre Umgebung wie ein Kunstwerk wirken, wie ein schönes 
Kunstwerk, das wir nie genug genießen zu können glauben; Menschen, denen 
wir von Herzen gut sein müssen, obwohl wir sie kaum kennen gelernt, 
Menschen, die wir verstehen und von denen wir verstanden zu werden über- 
zeugt sind, wenn wir unsere Gedanken auch nur in wenigen Worten mit 
ihnen austauschen; Menschen, die mit dem Blicke ihrer klaren Augen