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Full text of "Germania"

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GERMANIA. 



VIERTELJAHRSSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE ALTERTH UMS KÜNDE. 

BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER. 
FORTGESETZT VON KARL BARTSCH. 

.lETZT HERAUSGEGEBEN 
VON 

OTTO BEHAGHEL. 



VIERUNDDREISSIGSTER JAHRGANG. 
NEUE REIHE ZWEIUNDZWANZIGSTER JAHRGANG. 




WIEN. 

VERLAG VON CARL GEROLD'S SOHN. 

1889. 






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INHALT. 



Seite 



Über den Ursprung des höfischen Minnesanges und sein Verbältniß zur Volks- 
dichtung. Von Ed. Theodor Walter 1 

Einleitung 1 

Capitel I. Winileodi, Liebesgrüße, trotUliet, Kürenberglieder, puellarum 

cantica 3 

Capitel II. Der Versuch R. M. Meyers , vermittelst einer Sammlung von 
Parallelstellen aus höfischen Dichtern den Minnesang als Entwickelungs- 
product einer .verloren gegangenen" Volkslyrik hinzustellen ... 9 
Der Minnesänger Albrecht von Johansdorf. Von J. Hörn off. (Schluß) • . . 75 

V. Gedankenwelt .... 75 

VI. Zeitliche Anordnung 105 

VII. Fremde Einflüsse 109 

Zur Lautform des Alemanischen. Von A. Heusler 112 

Zu den „drei Mareien". Von H. v. Wlislocki 130 

Über den Ursprung des höfischen Minnesanges und sein Verhältniß zur Volks- 
dichtung. (Schluß.) Von E. Th. Walter 141 

Capitel III. Werth des Aufsatzes von A. Berger über „die volkstliümlichen 
Grundlagen des Minnesanges" für die Frage nach dem Zusammenhange 

zwischen diesem und der Volksdichtung 141 

Capitel IV. Die Carviina Burana und ihr Zusammenhang mit dem höfischen 

Minnesänge 146 

Capitel V. Schluß 153 

Zur Alexiuslegende. II. Von Max Fr. Blau 156 

Zur Tristansage. Von E. Kölbing 187 

Schwäbisch e als Vertreter von a. Von K. Bohnenberger 194 

Über den gegenwärtigen Stand der Suchenwirt-Handschriften. (Forts, und Schluß.) 

Von Franz Kratochwil 20.3. .303. 431 

Leute. Von O. Brenner 24o 

Mhd. iu und ü. Von O. Behaghel 247 

Eine Handschrift des Pfaffen Amis. Von G. Ehrismann 251 

Bemerkungen zum deutschen Wörterbuche .(Forts, und Schluß.) Von A. Gom- 

bert 253. 371. 493 

Messer. Von 0. Behaghel 264 

Norddeutsche und süddeutsche Heldensage und die älteste Gestalt der Nibe- 
lungensage. Von W. Golther 265 

Zur Freckenhorster Heberolle. Von Franz Jostes 297 



Seite 

Bibliographie der Uhland-Litteratur. Von Ludwig Fränkel 345 

Ein Brief. Von O. Brenner 369 

Zu mhd. tu und w. Von O. Behaghel. . . . 370 

Zu S. 370. Von 0. B 396 

Zur Runenlehre. Von F. Losch 397 

Die Vorfahren des Jordanes. Von Th. v. Grienberger 406 

Eriliva. Von Demselben 411 

Die Sprachbewegung in Norwegen. Von W. Golther 41. 

Zu Gerhard von Minden. Von R. Sprenger 419 

Zu Wolfram. Von O. Behaghel 481 

I. Die Zeit seines Thüringer Aufenthalts 487 

II. Zum Titurel 488 

III. Zu den Liedern 488 

Fragmente aus der Weltchronik Rudolfs von Ems. Von K. Reißeuberger . 490 
Jappesstift. Von G. Ehrismann 492 

LITTERATUR. 

H. Sweet, A History of English Sounds. Von K. Schröer 513 

Elias Steinmeyer, Über einige Epitheta der mhd. Poesie. Rede beim Antritt des 

Prorectoiats. Von O. Behaghel 520 

Mittheilungen _^140. 396. 520 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNE- 
SANGES UND SEIN VERHÄLTNISS ZUR VOLKS- 
DICHTUNG. 



Einleitung. 

Wilmanns stellt in seinem „Leben und Dichten Walthers von 
der Vogelweide" das Vorhandensein einer deutschen Volksliebeslyrik 
vor der Mitte des zwölften Jahrhunderts, also vor dem Emporblühen 
des höfischen Minnesanges auf deutschem Boden schlechthin in Ab- 
rede ^). 

Seine Ansicht fand entschiedene Gegner; zunächst in Konrad 
Burdach '^), dann in Richard M. Meyer^), welche beide eine weit ver- 
breitete Liebeslyrik vor der genannten Zeit nachzuweisen bemüht 
sind. Beide beantworten aber bei dieser Gelegenheit zugleich auch 
die Frage nach dem Zusammenhange der deutschen Volkslyrik mit 
dem höfischen Minnesänge in der Weise, daß sie diesen als die oberste 
Stufe einer allmählichen steten Entwickelung, als die volle Blüthe 
einer seit Jahrhunderten gepflegten und ausgebildeten Volkslyrik hin- 
stellen *). 



•) Wilmanns, Leben und Dichten Walthers von der Vog^elweide. Bonn 1882. 
S. 16: „Daß es vor der Mitte des zwölften Jahrhunderts eine weit verbreitete Liebes- 
lyrik gegeben habe, glaube ich nicht^; durch Zeugnisse ist sie nicht zu. belegen, die 
aligemeine Entwickelung des Volkes spricht nicht dafür.« 

') Burdach, das volksthümliche deutsche Liebeslied. Zeitschrift für deutsches 
Alterthum etc. XXVIL S. 343—367. 

3) Meyer, alte deutsche Volksliedchen. Zs, XXIX. 121—236. 

■*) cf. vor Allem Meyer a. a. O. 8. 225: „Wichtiger ... ist das Gesammt- 
resultat, welches aus dieser Betrachtung sich ergibt: ... weiter gibt uns die Ver- 
arbeitung der Verse und Lieder ein Bild von der Art, wie die Kunstdichtung 
sich aus der bäurischen Stegreifdichtung erhob: zuerst noch ganz die alte 
Art fortsetzend, nur feilend, glättend, viel mehr formell ändernd als inhaltlich, viel 
mehr vermuthlich noch in der Melodie als im Text sich von der einfachsten Kunst- 
übung absondernd." 

HERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 1 



2 E. TH. WALTER 

Zu gleichem Resultate kommt auch Arnold Berger in seiner 
Abhandlung über „die volksthtimlichen Grundlagen des Minnesangs"^), 
wenigstens erklärt er sich ausdrücklich einverstanden mit den „scharf- 
sinnigen Untersuchungen von Riehard M. Meyer", dessen Standpunkt 
er in allem Wesentlichen theile^). 

Ich meinerseits halte diese Untersuchungen und somit ihr Resultat 
für völlig verfehlt. Gern will ich zugeben, daß der Standpunkt, von 
dem aus sie unternommen sind, auf den ersten Blick viel Verlockendes 
hat; Berechtigung jedoch kann ich ihm in keiner Weise zusprechen. 

Nicht daß ich Wilmanns beitreten wollte, wenn er geradezu 
behauptet: daß die Liebe vor der Mitte des zwölften Jahrhunderts 
als „Ausdruck persönlicher Empfindung" in der Lyrik nirgends sich 
ausgesprochen habe; daß sie „wie alle andere Empfindung" nur in 
der epischen Poesie laut geworden sei^); solcher Ansicht stehe ich 
fern. Nur einen Zusammenhang zwischen dem höfischen Minnesänge 
und der ihm vorausgehenden Volkspoesie, wie ihn Burdach, vor Allem 
aber Meyer und mit ihm Berger — ich weiß nicht, ob in Überein- 
stimmung mit der allgemein herrschenden Ansicht, jedenfalls aber bis 
heute ohne wesentlichen lauten Widerspruch — nachzuweisen ver- 
suchten, muß ich entschieden in Abrede stellen. 

Soll der höfische Minnesang die Blüthe der Volksdichtung sein 
— nach Meyer wäre er überhaupt nur ein Abklatsch derselben — 
so genügt es keineswegs, eine solche vor den Jahren 1150 — 1180 
nachzuweisen; auch nicht, wenn in derselben die Liebe offenbar in 
irgend welcher Weise einen Ausdruck gefunden hat; vielmehr muß 
gezeigt werden, daß es bereits vor den ersten Kundgebungen der 
höfischen Minnepoesie eine Volkslyrik und zwar Volksliebeslyrik ge- 
geben habe, so geartet und ausgebildet, daß dieser auch wirklich als 
die nächste und nun allerdings höchste Stufe der Weiterentwickelung 
angesehen werden könne, ohne aber selbstverständlich auch auf dieser 
Höhe als Kind der vorigen Periode sich verläugnen zu lassen*). 



') A. Berger, die volksthümlichen Grundlagen des Minnesangs. Zeitschrift für 
deutsche Philol. XIX. S. 440—486. 

') Berger a. a. O. S. 441 unten. 

') Wilmanns a. a. O. S. 16. 

^) Der Nothwendigkeit einer solchen Forderung ist sich übrigens Richard 
M. Meyer offenbar bewußt, wenn er von der ältesten höfischen Kunstdichtung — 
allerdings ohne einen Reweis folgen zu lassen — behauptet, sie habe sich aus 
der „bäurischen Stegreifdichtung" erhoben, „zuerst noch ganz die 
;ilte Art fortsetzend." 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNE"^ANGES etc. 3 

Sind nun Burdacb, Meyer und Berger im Stande, eine solche 
volksthümlicbe Poesie als Vorläuferin und Vorbild des höfischen Minne- 
sanges nachzuweisen und so „das oft bestaunte Räthsel des plötz- 
lichen Aufbruchs der ganzen mittelhochdeutschen Lyrik" ^) zu lösen? 

Capitel I. 

Winileodi, Liebesgrüße, troutliet, Kürnberglieder, 
puellarum cantica. 

Das erste Zeugniß, auf welches sich Meyer beruft, sind die 
Worte des Kapitulars aus dem Jahre 789, durch welche den Nonnen 
verboten wird: 

winileodos scribere vel mittere. 
Was in Wirklichkeit diese winileodi gewesen sein mögen, darüber 
will ich mich hier nicht weiter auslassen, betonen möchte ich nur, 
daß es mir keinesfalls darum zu thun ist, den „verliebten Inhalt" 
derselben in Abrede zu stellen; von Liebe, ja sogar meist und vor- 
wiegend von Liebe ist gewiß in ihnen die Rede gewesen; was aber 
die Aufführung dieser Lieder für den Ursprung des Minnesanges in 
ritterlichen Kreisen und für dessen Zusammenhang mit einer ihm 
direct voraufgehenden Volksliebeslyrik bedeuten soll, ist mir nicht 
recht erfindlich. 

Es handelt sich hier doch lediglich um den Nachweis einer 
unmittelbaren Vorstufe zu der höfischen Dichtung. Eine solche in 
jenen von den Nonnen gesandten Gedichten des achten Jahrhunderts, 
über deren Wesen und Inhalt wir uns nur Vermulhungen hingeben 
können, finden zu wollen, erscheint mir ganz und gar unstatthaft. 

Einzuwenden: diese winileodi könnten sich ja in der Zeit vom 
achten bis zwölften Jahrhunderte derartig weiter entwickelt haben, 
daß sie unseren Anforderungen entsprächen, wäre ebenfalls sehr wenig 
angebracht. Wir wissen eben von einer solchen Entwickelung nichts, 
erfahren überhaupt eine lange Zeit hindurch über lo'nileodi nicht das 
Geringste; und in späterer Zeit, da wir sie wieder genannt finden, 
treten sie uns in einer Bedeutung entgegen, die viel mehr auf Lieder, 
wie sie beim Tanze oder bei Spielen gebräuchlich sein mochten^), 



') Meyer a. a. O. S. 225. 

') cf. Neidhard ed. Haupt 62, 32: 

durch minen haz von stige vaste nach den bluomen spranger , 
in einer hohen wise siniu vvineliet diu sanger. 
und 96, 14: 

unde in hoher wise siniu wineliedel sanger. 

1* 



4 E. TH. WALTER 

als auf Liebeslieder schließen läßt und damit für unseren Zweck 
jeden sonderlichen Werth verliert. 

Ich lehne daher die winüeodi als nicht hierher gehörig von 
vornherein ab. 

Auch dem aus dem elften Jahrhunderte stammenden Liebesgrußo 
im Ruodlieb^) kann ich keine Beweiskraft zugestehen. Er lautet: 
Die sodes illi nunc de me corde fideli 
tantundem liebes, veniat quantummodo loubes, 
et volucrum wunna quot sint, tot die sibi minna 
graminis et florum quantum sit, die et bonorum. 
Daß die den Vers hier durchbrechenden deutschen Reimworte 
einem weit verbreiteten, allbekannten Liebesgruße zuzuschreiben 
seien, daß es solcher Liebesgrüße viele im elften, ja schon im zehnten 
Jahrhunderte gegeben habe'^), räume ich ohne Weiteres ein. Jedoch 
— mögen diese Grüße sangbar gewesen oder gesungen worden sein; 
mag man sie nur als Formeln für die Einleitung mündlicher Bot- 
schaften; später, ausgebildet, für den Briefanfang allenthalben gäng 
und gäbe gehabt haben ^): für einen Zusammenhang zwischen diesen 
Strophen und dem höfischen Minnesänge des zwölften Jahrhunderts 
spricht nicht das Geringste. 

Solche Liebesgrüße sind ja gewiß ein Zeichen von einer gewissen 
Lust am Überschwänglichen , am poetischen Vergleichen und Über- 
treiben; zugleich aber auch ein Zeugniß für den noch herrschenden 
Mangel an Beweglichkeit und Übung, der immer und immer wieder 
das Zurückgreifen nach der alten Formel nöthig macht und sich mit 
ihr begnügt. Von der Fähigkeit zu einer über die engen Grenzen 
des Grußes hinausgehenden Entwickelung ist gleichfalls nichts zu 
finden; Anzeichen einer Dichtungsart, in welcher der Minnesang sein 
Vorbild oder auch nur seine Vorbereitung gefunden hätte, werden 
nirgends bemerkbar. 

Auch die Berufung auf die troutliet*) , die in den Kreisen der 
österreichischen Ritter offenbar schon vor 1163 geübt wurden^), gibt 
uns keinen Beweis für das Hervorwachsen des Minnesanges aus einer 
„verloren gegangenen" Volkspoesie. 

') Ruodlieb ed. Seiler XVII. 11—14. 

^) Dümmler, Mittheilungen der Züricher antiquarischen Gesellschaft 12, 228. 
3) Meyer a. a. O. S. 129. 
") Burdach a. a. O. S. 354. 

^) Heinrich von Melk ed. Heinzel, Erinnerung 610—613 und Priesterleben 670 
bis 671. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 5 

Zwar halte ich diese troutliet nicht für „Erzählungen erotischen 
Inhaltes", Liebesgeschichten oder Gesänge, „die dem epischen Ge- 
halte den Ausdruck einer augenblicklichen und subjectivcn Stimmung 
beigesellten" '), sondern glaube in ihnen Dichtungen sehen zu dürfen, 
die weit mehr lyrischen als epischen Charakter trugen; doch sind ja 
alle diese Lieder, so weit wir unterrichtet sind, allein in ritter- 
lichen Kreisen, obendrein nur Österreichs gedichtet und gesungen 
worden, haben also mit Volkslyrik von vornherein gar nichts zu thun. 

Den stärksten Nachdruck jedoch glaubt Burdach auf die Kürn- 
berglieder legen zu müssen'^). 

Um dies zu können, ist er natürlich gezwungen, die Autorschaft 
eines einzigen Mannes für die Männer- und Frauenstrophen in Ab- 
rede zu stellen und dieselben verschiedenen Verfassern: Männern 
und Frauen^) zuzuschreiben. 

Leider bringt er von neuen Gründen für seine Behauptung gar 
nichts. 

Mit den widerlegenden Auseinandersetzungen Pauls ^) befaßt er 
sich unbegreiflicher Weise überhaupt nicht, sondern begnügt sich 
damit, es für unmöglich zu erklären, daß derselbe Mann, der in den 
Männerstrophen so stolz und hart, roh und begehrlich sich zeige, 
die zarten Frauenstrophen gedichtet haben könne. Aber wie steht es 
in Wirklichkeit mit diesen so stolzen, rohen und begehrlichen Männer- 
strophen, wie mit den so zarten Frauenliedern? 

Ich kann nur mit PauP) fragen: ist eine Frauenstrophe, die 
mit den Worten 

er muoz mir diu lant rümen 

ald ich geniete mich sin ^) 
schließt, wirklich so überaus zart und weich; und hinwiederum eine 
Männerstrophe, in der es heißt: 

wip vile schoene, 

nu var du sam mir. 

lieb und leide 

teile ich sament dir ... ') 



>) Wackernagel a. a. O. S. 291. 

^) Burdach a. a. 0. S. 355 f. cf. Meyer a. a. O. S. 127. 

3) cf. Scherer, Der Kürnberger, Ztschr. i. d. Alt. XVII, S. 561—581. 

*) cf. Paul in P. u. Br. Beitr. II, 406—418. 

*) a. a. O. S. 414. 

«) MF. 8, 7—8. 

') MF. 9, 21—28. 



6 E. TH. WALTER 

SO hart und roh, daß man sie nicht beide einem Verfasser zuschreiben 
könnte? 

Oder ist es etwa als Thatsache anzuerkennen, wie Scherer ^) 
behauptet, daß die Männer im XII. Jahrhunderte wirklich aller wei- 
cheren Empfindungen unfähig gewesen wären, wenn unter Dietmar 
von Eist der Ritter klagt: 

Seneder friundinne böte, 

DU sage dem schoenen wibe, 

daz mir tuot äne mäze we, 

daz ich si so lange mide: 

lieber hete i'r minne 

dan al der vögele singen ''). 

Oder wenn der Dichter das Verhalten des Ritters folgender- 
maßen charakterisieret: 

Jö stuont ich nehtint späte 

vor dinem bette : 
do getorst ich dich frouwe 
niuwet wecken ...**) 

und das der Dame mit den Worten: 

'des gehazze 

got den dinen lip ; 
j6 enwas ich niht ein ber 
wilde.' so sprach das wip. 
Wer ist hier zaghaft, zart und voller Rücksicht? 
Ferner! Haben wir in der Strophe "*) 
Nu brinc mir her vil balde 
min ros, min isengwant. 
wan ich muoz einer frouwen 
rümen diu lant. 
diu wil mich des betwingen 
daz ich ir holt si. 
si muoz der miner minne 
immer darbende sin .... 
wirklich, wie Burdach behauptet^), das wälde Zurückstoßen des 
Ritters gegenüber derselben Frau zu erblicken, deren Liebe und Hin- 
gebung er sich vorher gewünscht habe, oder nicht vielmehr (vielleicht 
mit humoristischer Färbung) das Fliehen vor einem Weibe, dessen 



') a. a. O. S. 577. 
^) MF. 32, 13. 
3) MF. 8, 9. 
') MF. 9, 29. 
*; a. a. O. S. 356. 



I 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 7 

uugewünschte, aufdringliche Liebe iiim bereits unbehaglich zu werden 
anfängt? 

Ebensowenig ist Burdachs Behauptung stichhaltig: „man wünscht 
nicht, was man nicht selbst kennt", oder „Gefühle lassen sich nicht 
darstellen, wenn man sie nicht aus eigener Erfahrung kennt". Er 
spricht damit kurzweg jedem Dichter die Fähigkeit ab, Frauen zu 
zeichnen. Seine diesbezüglichen Auslassungen eingehender zu wider- 
legen, halte ich für unnöthig. 

Diesen allgemeinen Betrachtungen Burdachs ist in Wirklichkeit 
kein Werth beizumessen; nicht viel mehr seinen folgenden Auseinander- 
setzungen'), für deren Gegenstand er übrigens „sorgfältige Berück- 
sichtigung'" in Anspruch nimmt. 

Er verbreitet sich in ihnen über die Thatsache, daß „wo ur- 
sprüngliche, volksthümliche Liebespoesie blüht", „wir auch sonst die 
Frauen hervorragend als Dichterinnen thätig" finden. 

Aber ganz abgesehen davon, daß wir in unserem Falle ja erst 
die volksthümliche Natur der Kürnberglieder beweisen wollen, er 
also die Behauptung zum Beweise als Voraussetzung benutzt — ab- 
gesehen davon: kann er damit doch nur beweisen wollen, daß es 
überhaupt dichtende Frauen gegeben habe, keineswegs aber, daß 
diese Strophen, die uns unter Kürnbergers Namen überliefert sind, 
Frauen zu Verfassern gehabt haben müßten; zumal da ebenfalls aus 
älterer Zeit Frauenstropheu, von einem Manne gedichtet, unter Diet- 
mar von Eist überliefert sind"). 

Wie Burdach sich übrigens mit der oben erwähnten Strophe 
MF. 8, 9 glaubt abfinden zu können, in der zuerst der Mann spricht: 
Jö stuont ich nehtint späte 
vor dineoi bette: 
do getorste ich dich, frouwe, 
niwet wecken . . . 
dann die Frau antwortet: 

des gehazze 

got den dinen lip ! 
j6 enwas ich niht ein ber 
wilde . . . 
und zum Schlüsse der Dichter anfügt: 

so sprach daz wip, 

kann ich mir bei seiner Ansicht durchaus nicht vorstellen. Er läßt 



') a. a. O. S. 356-367. 
') MF. 37, 4—17. 18 — 29. 



8 E. TH. WALTER 

von dieser Strophe überhaupt nichts verlauten: sie ist ihm offenbar 
im Wege. 

Endlich möchte ich noch darauf hinweisen , daß einige der in 
Frage kommenden Strophen schon ohne Weiteres durch ihren Inhalt 
der ritterlichen Poesie zugewiesen werden. Dazu gehören auf jeden 
Fall die Strophen Ich stuont mir nehtint späte \ an einer zinnen ^), 
Ich zoch mir einen valken ^) , Nu hrinc mir her vil halde \ mm ros, 
min isengwant^) und die letzte der ganzen Sammlung Wtp unde 
vederspil \ die werdent Ithte zam:*)', doch glaube ich, daß man wohl 
auch die beiden Strophen Leit machet sorge^) und Swenne ich stän 
alleine^) wird herbeiziehen dürfen. 

Alles in Allem halte ich den abermaligen Versuch, aus den Kürn- 
bergliedern Volksdichtungen machen zu wollen, für gründlich ver- 
fehlt und betone ausdrücklich, daß ich außer Stande bin, jene Lieder 
für Producte volksthümlicher Lyrik zu betrachten , sie vielmehr für 
alte Zeugnisse ritterlicher Poesie ansehen muß''). 

Über die puellarum cantica läßt sich bei den überaus geringen 
Nachrichten, die wir von denselben haben, gar nichts sagen- 

Daß sie mit dem höfischen Minnesänge in näherer Beziehung 
gestanden hätten, wird auch wohl kaum Jemand zu behaupten ver- 
suchen. 

Damit hätten wir den Kreis dessen durchlaufen, was von that- 
sächlich Überliefertem oder sicher Bezeugtem für die Existenz einer 
so gearteten und so weit verbreiteten Volksliebeslyrik vorgebracht 
worden ist, daß der Minnesang als ihre nächste Entwickelungsstufe 
angesehen werden könnte. 

Einen Beleg von beweisender Kraft haben wir aber nirgends 
finden können. 



») MF. 8, 1—8. ■") MF. 10, 17—24. 

2) MF. 8, 33—9, 12. ^) MF. 7, 19-26. 

=) MF. 9, 29—36. ") MF. 8, 17—24. 

') Wegen des Weiteren in der Kürnbergfrage, sofern sie hierher gehört, ver- 
weise ich auf die oben citierte Abhandlung Pauls in den Beiträgen. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 9 

Capitel II. 

Der Versuch R. M. Meyers, vermittelst einer Sammlung 

von Parallelstellen aus höfischen Dichtern den Minnesang 

als Entwickelungsproduct einer „verloren gegangenen" 

Volkslyrik hinzustellen. 

Ganz abgesehen von den bisher besprochenen, entweder that- 
sächlich vorhandenen oder sicher bezeugten dichterischen Erzeugnissen 
glaubt R. M. Meyer noch andere Belege dafür zu haben , daß der 
höfische Minnesang das unmittelbare Entwickelungsproduct einer 
„verloren gegangenen" Volksliebeslyrik sei'). 

Er stellt nämlich über 1000 ähnliche Verse aus den ältesten 
Stücken von des Minnesanges Frühling, den deutschen Strophen der 
Carmina Burana, aus Walther von der Vogelweide, Wolfram und 
Neithart zusammen"), und zieht dann den Schluß: allen diesen Versen 
hätten bereits poetisch bearbeitete Muster vorgelegen^), deren sich 
die betreffenden Dichter bedient hätten, die sie, gleichsam als Bau- 
steine in ihre Gedichte einfügend, nur insoweit behauen hätten, als 
es der Bau ihrer Strophen erforderte*). 

Damit macht er also den höfischen Minnesang geradezu zu einem 
Abklatsch, und zwar zu dem Abklatsch einer Poesie, wie sie sich 
einstweilen nur in seiner Einbildung findet. 

Und in dieser Einbildung ist Meyer so befangen, daß er „aus 
einzelnen Stücken und Stückchen" zwar „kein einzelnes Lied" wie- 
der so aufbauen zu können glaubt, „daß wir es wirklich in seiner 
alten Gestalt zu besitzen überzeugt sein könnten; wohl aber „mit 
Deutlichkeit die Existenz", ja sogar „klar den Charakter einer großen 
Zahl alter Liedchen" nachweisen zu können sich getraut^). 

Er geht aber noch weiter; er unterscheidet sogar drei Abschnitte 
der Entwickelung: 

eine Zeit der größeren Abhängigkeit von den Vorbildern, 

eine Zeit „des Aufstrebens von den Anfängen zur Blüthe" mit 
dem „bemerkbaren Bestreben, sich von den alten Vorbildern frei zu 
machen" ^). 

und endlich die Zeit der Erweiterung und Verfeinerung '), 



') Meyer gebraucht, wie schon sein Citat aus Wilmanns' Walthers Leben zeigt, 
immer „Lyrik" in dem Sinne von Liebeslyrik. 

») a. a. O. S. 133—164. ') a. a. O. S. 131 u. 132. 

') a. a. O, S. 167. *) a. a. O. S 169 f. 

*) a. a. O, S. 167—168. ') a. a. O. S. 171. 



10 E. TH. WALTER 

„welche Formeln der alten Art, formelhaft verwandte Verse also 
überhaupt kaum noch hervorbringt oder vielmehr ohne ältere Bei- 
spiele kaum noch zeigt und die alten wiederholt verdichtet und bricht." 

Er schließt dann seine Beweisführung mit den Worten: „Wir 
haben nun, wie ich glaube, die Existenz einer großen Anzahl von 
Versen , die in der verloren gegangenen Volksdichtung gerade wie 
noch in den ältesten erhaltenen Liedern zu neuen Liedern zusammen- 
gefügt wurden, für alle an der litterarischen Cultur Deutschlands be- 
theiligten Länder nachgewiesen; gegen Wilmanns also eine weit ver- 
breitete Volkslyrik (Volksliebeslyrik) vor der Mitte des zwölften Jahr- 
hunderts festgestellt." '). 

Von dieser selben nach seiner Ansicht nun erschlossenen Volks- 
lyrik sagt er an einer anderen Stelle, wie schon erwähnt:'^) aus ihr 
hätte sich die Kunstdichtung in der Weise erhoben, daß sie „zuerst 
ganz die alte Art fortgesetzt", „viel mehr vermuthlich noch in der 
Melodie als im Text sich von der einfachsten Kunstübung" abge- 
sondert hätte. 

Das heißt, vom entgegengesetzten Standpunkte aus betrachtet, 
nichts anderes, als: 

Jene „verloren gegangene" Volksdichtung bot im 
Großen und Ganzen so ziemlich denselben Anblick, den 
uns die älteren Zeugnisse der höfischen Kunstdichtung ge- 
währen. 

Wäre es also Meyer gelungen, dies thatsächlich zu erweisen, so 
wäre auch die Forderung erfüllt , die wir am Eingange unserer Ab- 
handlung glaubten stellen zu müssen: ^) somit der Zusammenhang 
zwischen höfischem Minnesang und der Volksdichtung als ein solcher 
dargethan, wie ihn Burdach, Meyer und Berger annehmen. 

Sehen wir nun zu, ob die Sammlung Meyers in Wirklichkeit 
zu den Resultaten führt, die wir von ihm behauptet fanden. 

I. 

Will man aus einer Zusammenstellung von Versen, die gleiche 
oder ähnliche Gedanken, gleiche oder ähnliche Ausdrücke enthalten, 
auch nur irgendwie auf den Umstand schließen, daß die betrefi'enden 
Dichter, denen jene Verse entnommen sind, vorhandene Vorbilder 



•) a. a. O. S, 174. 

') Vgl. oben S. 1, Anm. 4 und S. 2, Anm. 4. 

') Vgl. oben S. 2. 



ÜBER DEN URSPRUNG DEvS HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 1 1 

gemeinsam benutzt haben: so ist es vor Allem durchaus unzulässig, 
solche ähnliche oder gleiche Gedanken oder Ausdrücke desselben 
Dichters zusammenzustellen. 

Daß nicht nur jeder Dichter, sondern überhaupt jeder Mensch 
einen ganz bestimmten Schatz von Worten besitzt, aus dem allein er 
zu schöpfen pflegt, ist doch wohl Jedem bekannt. 

P^in solcher Schatz wird, natürlich entsprechend dem Bildungs- 
grade eines jeden, bei dem einen größer, bei dem andern kleiner 
vorhanden, an jedem aber bei einigermaßen aufmerksamer Beobach- 
tung bemerkbar sein; schon in der Alltagssprache der ungebundenen 
Rede. Wie viel mehr muß er sich zeigen bei dem Dichter, dessen 
Bewegung, wenn nicht gehemmt, so doch mit einer gewissen Regel- 
mäßigkeit geleitet und beeinflußt wird durch die Rücksicht, die er 
dem Verse: dem Rhythmus und dem Reime schuldig ist. 

Dazu kommt noch die allseits vorhandene Neigung zu ganz be- 
stimmten Lieblingsgedanken -Wendungen und -Worten bei ein und 
derselben Persönlichkeit; oft nur zeitweilig, dann aber um so auf- 
fallender. 

Beides können wir an allen unsern Dichtern , selbst unsern 
größten wahrnehmen. 

Solche Parallelstellen, einer Persönlichkeit entnommen, beweisen 
selbstverständlich für die Annahme einer Entlehnung aus „verloren 
gegangenen" Dichtungen nicht das Geringste. Ebensowenig hat es 
Bedeutung, wenn den Stellen eines Dichters Parallelen aus der 
späteren Volkslyrik beigefügt werden, 

Soll denn einmal Entlehnung angenommen werden, so läge es 
wohl weit näher, bei derartigen Stellen daran zu denken, daß sie 
unter dem Einflüsse des voraufgehenden Minnesanges gestanden 
hätten. 

Tritt zu solchen, wie wir sahen ganz bedeutungslosen, Zusam- 
menstellungen eine einzige irgend einem andern Dichter entnommene 
Parallele hinzu, so wird man dadurch wohl kaum die Beweiskraft der 
Gruppe für erhöht halten können, denn eine einzelne Entsprechung 
weist doch zu sehr auf den Zufall hin, als daß man ihr Werth bei- 
legen könnte. 

Dasselbe gilt natürlich auch für die Fälle, in denen eine Pa- 
rallele, entnommen einem Dichter, zu einer einzelnen Stelle aus einem 
andern hinzutritt. 

Ich scheide also aus der Sammlung Meyers von vornherein als 
untauglich zum Beweise aus : 



12 



E. TH. WALTER 



1. Gruppen, deren Parallelstellen nur ein und denaselben Dichter 
entnommen sind. 

2. Gruppen, zu deren, einem Dichter entnommenen Parallelen 
nur Entsprechungen aus der späteren Volkslyrik hinzugefügt sind. 

3. Gruppen, zu deren, einem Dichter entnommenen Parallel- 
stellen nur eine einzige Stelle aus einem andern Dichter gefügt ist, 

a) ohne Volksliedentsprechung, 
h) mit Volksliedeutsprechung. 

4. Gruppen, in denen zu einer einzigen Stelle eines Dichters 
nur Parallelen aus späterer Volkslyrik gesetzt sind. 

5. Gruppen, die überhaupt nur aus zwei Stellen bestehen, d. h. 
in denen zu einer einzigen Stelle irgend eines Dichters nur eine ein- 
zige aus einem anderen Dichter hinzugefügt ist. 

Hierbei berücksichtige ich zunächst nur diejenigen Fälle, in denen 
meine Ausstellungen die ganzen Gruppen treffen, nicht nur Theile 
derselben. 

1. Gruppen, deren Parallelstellen nur ein und demselben Dichter 
entnommen sind. 

Kürenbere : daz ist schedelich 

daz ist lobelich 
daz ist schedelich 

Meinloh : Ich bin holt einer frouwen 

so weiz ich eine frouwen 
lehn sach nie eine frouwen 

Walther: . . und weiz noch me 

. . so wist ichs gerne me 
noch klagte ich gerne me 

Walther: ob er weite 

ob er wolde 
swie er wolte 
swie si wolde 
und wilt du daz 
ob sis willen hat 

und waerez al der weite leit 
waere ez al der werlte leit 

waz wil si mere? 
waz wil dus me. 



Rein mar : 
Walther : 



^) cf. Meyer a, a. 0. S. 144 u. 
2) ib. S, 148 u. 
^) ib. S. 162—163. 









MF. 7, 2 

?? 7, 4. 
n 8, 30 '). 








MF. 13, 1 

n 15, 3 
w 15, 13 2). 








W. 24, 2. 
n 69, 2 
J7 102, 28^). 








W. 61, 28 
75 105, 28 
« 94, 34 
n 109, 15 
r, 82, 14 
n 121,17*). 


t 






MF. 6, 12 
w 164, 12^) 








ri 59, 35 
n 60,22«) 


■) 


ib. 
ib. 
ib. 


S. 
S. 

s. 


163. 
143. 
163 0. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc 



13 



2. Gruppen, zu deren, einem Dichter entnommenen Parallelen 
nur Entsprechungen aus der späteren Volkslyrik hinzugefügt sind. 

Kürenberc : Ich stuont mir nehtint späte MF. 8, 1 

lö stuont ich nehtint späte n 8, 9, 

dazu Ausdrücke, in denen neckten späte wiederkehrt, sonst übrigens 
keine Übereinstimmung herrscht, aus der späteren 
Volkslyrik : es (ein kleines Waldvögelein) flog 

wol nechten späte 

Was sah ich nechten späte 

ich fand si nechten späte 

"^er reit nechten ganz späte 

[mit hunden auf die jagd'l*) 

Walther: Ich hörte ein wazzer diezen 

Wan daz daz wazzer fliuzet 
Volkslyrik: Ich hört ein waszer flieszen 

Neithart : sol ich im des niht danken . . . 

von Beiern unz in Vranken 

. . . daz iu die Beier danken, 

die Swäbe und die Vranken 
Volkslyrik : ... ich solt euch danken 

mit Schwaben und mit Franken 
Desgl. : Sie sagt, sie war' aus Franken : 

Ich will mich schön bedanken 
Desgl. : Jungfrau, ich sollt' euch danken 

mit Schwaben und mit Franken ! 
Desgl. : So woll'n wir euch nun danken 

mit Sachsen und mit Franken 



Uhl. 29, 2 
w 49, 3 
r, 90, A. 10 

V 123, A. 5'). 

W. 8, 28 
n 124, 11 
Uhl. 85, 2'^). 

N. 4, 28. 30 

r 16, 2—3. 

Uhl. 3, 9. 

Simrok VIII, S. 334. 

Uhl. Sehr. III, S.262. 



Büsching, der Deutsch 

Leben etc, II, 400, 

Str. 7. 

Wenig hierher gehören, da ihnen auch noch — abgesehen von 

dem anderen Zusammenhange — das Band des Reimes fehlt, die 

Stellen 



Desgl. : 

und noch mehr; 



auss welchem land er kommen war, 
auss Franken oder aus Schwaben 

swer sanc, daz der struz sie dri tage 

an sin eier 
der sanc unreht, er si ein Swäbe oder 

ein Beier. 



Uhl. 100 B., G. 



cf. Marner ed. Strauch 
S. 3 3). 



*) Ich werde an vielen Stellen genöthigt sein, die Citate Meyers wieder in den 
Zusammenhang einzufügen; ich werde meine Zusätze in [ ] einschließen. 
•) ib. S. 145. 2) ib. S. 162 u. 

'■') ib. S. 163. Auffallend ist es übrigens gewiß, daß gerade eine go echt volks- 



14 



E. TH. WALTER 



3. Gruppen, zu deren, einem Dichter entnommenen Parallel- 
stellen nur eine einzige Stelle aus einem anderen Dichter zugefügt ist. 

a) Ohne Volksliedentsprechung. 



Veldegge : 

Dazu: 

Meinloh : 

Dazu: 
Meinloh : 
Dazu: 



als siz gebiut, ich bin ir töte: 
dan ich durch si gelige tot, 
gebiutet si, ich lige tot. 

er hat dur dinen willen 
iemer durch ir willen 
gedienet nach dem willen min 

Swer werden wiben dienen sol, 
swer biderber dienet wiben, 
der wol wiben dienen chan 



MF. 67, 1 
n 66, 3 

CB. 94" (3) '). 

MF. 11, 24 

J5 12, 38 
n 6, e'') 

MF. 12, 1 
n 12, 9 
CB. 14.V% 



Dietmar: frouwe biderbe unde guot MF. 33, 24 

Man sol die biderben und die frumen n 33, 31 
Dazu Meinloh: Vil schoene unde biderbe, ^^ 15, l*). 



MF. 15, 2 
n 15, 11 

71 60, 25 

?5 66, 29 5) 

N. 41, 39 
71 79, 31 
77 87, 14. 

MF. 124, 7. 



Meinloh: dar zuo edel unde guot, 

sist edel und ist schoene. 
Dazu Veldegge : sie ist edel und fruot 

der schoenen vrowen und der guoten 

Hierher ziehe ich auch die Verse ^) 
Neithart: den kinden singe ich niuwen sanc 

ich gesunge ir niuwen sanc 
deich ir kinden singe niuwen sanc 
Dz. Morungen : daz ich singe ir niuwen sanc 

Denn der noch angeführte Vers des 

Rietenb. : [noch ist min guot rät] daz ich niuwe 

minen sanc 
paßt weder im Sinne noch in der Form zu den 

Kürenberc: er muoz mir diu lant rumen 

rümen diu lant 
Dz. An. Sperv.: . . so der gast muoz | die herberge 

rümen . . 

thümliche Formel sicli außer bei Neithart, der zugestandenermaßen sich der Volks- 
poesie zuneigte, unter den Minnesingern nicht gebraucht findet. Dergleichen Beob- 
achtungen sprechen recht gegen Meyer. 

») ib. S. 135. ■•) ib. S. 151 o. 

') ib. S. 147. ^) ib. S. 151. 

') ib. S. 147; für volksthümlich «) ib. S. 153. 

möchte ich übrigens den Ausdruck wiben ') ib. S. 145. 
dienen nicht halten.| 



MF. 19, 13. 
übrigen. 

MF. 8, 7 
77 9, 32 
77 27, 9'). 



ÜBEK DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 



15 



Dietmar : 

Dazu Rietenb. : 
Neithart : 

Dazu Veldegge : 
Walther: 

Dazu Fenis : 
Reinmar : 

Dazu Morungen: 
Morungen : 

(vierrna 
Dazu Walther : 

Walther: 



Dazu Reiumar: 
Walther : 

Dz. Hartman n: 
Neithart: 

Dazu Wolfram : 
Neithart : 

Dazu Meinloh : 



waz hilfet zorn ? . . 

Teil solde zürnen, hülfe ez iet 

waz frumte, ob ich von zorne jaehe 

, • . daist diu wolgetäne 
daz ist diu wolgetäne 
ez ist diu wolgetäne 

si sint mir ze her: 
so wirt er ze here 
ja ist si mir ein teil ze here 

tuot si mir ze lange we 
daz tuot mir vil lange we 
. . . : ez tuot ze we 
si tuot mir ze lange we 

dö tagete ez, . . 



MF. 35, 30 
n 40, 11 

71 18, 4 '). 

N. 42, 38 
n 52, 33. 
MF. 58, 19-). 

W. 56, 27 

n 81, 25 
MF. 85, 12^) 

MF. 174, 1 
n 174, 29 
n 197, 18 
n 14G, lO'*). 

MF. 143,29. 37; 144, 

8. 16. 



1 als Refrain in ein und demselben Gedichte!) 
[do ich s6 wünnecliche | was in 

troume riebe] 
du taget ez W. 75, 24^). 

swaz so mir gesehiht n 42, 30 

. . swaz mir da von gesehiht '7 84, 4 

. . swaz liebes dir da von gesehiht ri 101, 34 
. . so mir daz gesehiht n 113, 38 

swaz dar umbe mir gesehiht MF. 202, 10*). 

. . . swie si dir tuot W. 91, 34 

swaz si mir getuot n 116, 20 

[swer für guot hat] swaz er tuot ii 107, 9 

swaz si mir tuot [ich hän mich ir MF. 206, 27'). 
ergeben] 

Uf dem berge und in dem tal N. 4, 31 

in dem tal [hebt sich aber der vogelc 

schal] n tJ, 19 

[nu wache abr ich und singe] iif 
berge und in dem tal 

ich hän vernomen 
. . als ir wol habt vernomen 
. . als ich hän vernomen 
Ich hän vernomen ein maere 



Wolfr. 7, 22^). 

N. 14, 6 
7? 15, 85 
77 31, 8 
MF. 14, 26^). 



•) ib. S. 155. 
*) ib. S. 158. 
*) ib. S. 159. 



') ib. S. 161. 
•^) ib. S. 162. 
) ib. S. 162. 



') ib. 8. 102. 
«) ib. S. 163. 
9) ib. S. 16.3. 



16 



E. TH, WALTER 



An dieser Stelle führe ich auch noch zwei Gruppen auf, in denen 
mehrere Parallelen aus je zwei Dichtern zusammengestellt sind; es 
gilt von ihnen dasselbe, wie von den vorstehenden Gruppen. 

Guotenburc: [schone | von ir min herze] swiez MF. 75, 9 

ergät 
[ichn singes alleine] swiez mir ergät ti 78, 34 
Dazu Walther: [. . muoz bi fröiden sin | durch die 

lieben,] swiez dar under mir 
ergät 
[got der waldes,] swies erge : [schoener 
troum enwart ni me. 

Walther: [der ie streit umb iuwer ere | wider 

unstsete Hute,] daz was ich. 

[der iu maere bringet,] daz bin ich 

Dazu Reinmar: [war zuo sol ein unstaeter man? daz 

was ich e :] nu bin ichz 
nicht 
[Weste ich waz ir wille waere, | daz 
taet ich] nu enweiz ichs nicht 

Diese Gruppe ist wirklich ein sprechendes Beispiel für die con- 
fuse Art Meyers. Man betrachte sich nur einmal die vier vorstehenden 
Stellen: die ersten beiden sind ein und demselben Dichter entnommen 
und enthalten den Gedanken ich hin es, der ... in umgekehrter Folge; 
die dritte Stelle, Reinmar entnommen, hat schon absolut nichts Über- 
einstimmendes weiter als den Gebrauch der Form &{n; und nun gar 
die vierte Reihe hat mit den beiden ersten gar nichts mehr, mit der 
dritten nur noch das Wörtchen nu gemeinsam. Und eine solche Zu- 
sammenstellung soll dazu dienen oder wenigstens mit dazu dienen, 
einen Zusammenhang zwischen Volkslyrik und Minnesang zu erweisen! 

h) Mit Volksliedentsprechung. 
Wolfram : nu gib im urloup, süezez wip 

. . urloup gap . . 
Dazu Meinloh : [mines herzen leide] si ein urlop 

gegeben 
und Volkslyrik: gib mir urlob, du roter mund! 



w. 


98, 8 


11 


94, 361). 


w. 


40, 30 


■n 


56, 15 


MF 


. 197, 27 


Tl 


202, 8") 



? 

Dazu ? 
und Volkslyrik 



er viench si bi der wizen haut 
er nam mich bi der wizen hant 
Er nam sie bei der hende, 
bei ir schneeweiszen hand, 



Wolfr. 4, 30 




« 7, 10 




MF. 14, 31 




Uhl. 29, 5=*). 




CB. 145 




:: 146, 3 




Uhl. 81, 4; 


90, 10; 


106, 2; 


330, 2 



') ib. S. 169. 



'') ib. S. 161 — 162. 



^) ib. S. 150-151. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN .AHNNESANGES etc. 17 

Do nam ers bei der heude 

bei ir schneeweiszen band ULI. 25<), 3 

Er nabln sie bei ibrer scbneeweiGon 

Hand Siiniock 84 u, 
[. . er griff sie] Bei ibrer scbnec- 

weißen Hand :i 121 

mit iren scbneweiszen benden Uhl. 20, 2. 9 

n 109, 1; cf. 1 10, 1 
)) 2, 1 

an ir scbneweisze bende n 115, 8 

[Si rank] ir weisse bende ^^ 123, 18 

si bot im ir scbneweisze band ji 147, 6 etc.') 

Waltber : stirbe ab ich, so bin ich sanfte tot W. 86, 34 
[ir leben bat mins lebennes ere] 

sterbet sie micb, so ist si tot ri 73, 16 

Dazu Reinmar: stirbet si, so bin icb tot MF. 158, 28 

und Volkslyrik: Und stirb icb dann, so bin ich tot Uhl. 150, 8 

sterbe ich nun, so bin icb todt Wundh. I, 77"). 

Neitbart: Die selben wolden gerne mich vor- 
dringen N. 43, 35 
disen sumer babent si mich von ir 

verdrungen v 77, 17 
micb von minen vröudeu und von 

lieber stat verdringen n 89, 38 
. . . der micb hat von lieber stat 

verdrungen 77 91,21 

Dz. Ps. -AN'altb. : wirde ich hie verdrungen W. 182, 60 

und Volkslyrik: von im bin icb verdrungen Uhl. 50, 1 

er bleibt wol unverdrungen 77 60, 7 

ain andrer hat in verdrungen. 77 271, 7"*). 

4. Gruppen, in denen zu einer einzigen Stelle eines Dichters 
nur Parallelen aus späterer Volkslyrik gesetzt sind. 
Kürenberc : got sende si zesamene | die gerne 

geliebe wellen sin MF. 9, 12-) 

•Dazu Volkslyrik : schein uns zwei lieb zusammen, \ ei 

die gerne bei einander wollen sein! Uhl. 31, A. 1 "*;. 

Die Beifügung der Verse 

got bbüt die fi'umen knaben, | die 

allzeit vol wöln sein Uhl. 233, 11 

erscheint mir doch sehr wenig berechtigt^). 



*) Sehr beliebt ist dies Gedicht allerdings und dadurch volksthümlich ge- 
worden; das Folgende könnte unter seinem Einflüsse stehen. 

') ib. S. 139. ') ib. S. 161. ^) ib. S. 163—164. '1 ib. S. 146. 

'") Bemerken möchte ich bei dieser Gelegenheit, daß für einen Zweck, wie 

ÜEEMANIA. Neue Reihe. XXU. (XXXIV,) Jahrg. 2 



18 E. TH. WALTER 

Meinloh : [nu hoehe im sin gemüete] gegen 

dirre sumerzit 
Dazu Volkslyrik : [Dat geit hir jegen den samer] jegen 

de leve samertit, Uhl. 37, 1 

Wann es get (Es get wol) gegen 

dem Sommer n 116, 4. 6') 

Johansdorf : Swä zwei herzeliep gefriundent sich | 

. . . die sei niemen scheiden, dunket 

mich MF. 91, 29. 31 

Dazu Volkslyrik: Wo zwei herzHeb beinander sind | die 

zwei sol niemant scheiden Uhl. 101, 4. 

Geradezu entgegengesetzt ist der Gedanke in den beiden folgen- 
den Stellen: 

Wo nun zwei lieb bei einander sein, 
die scheiden sich bald! Uhl. 80, 1 

und Wo nun zwei lieb bei einander sein, 

die scheiden sich bald von hier! n 98, 1. 

So gut wie gar keinen Werth hat endlich der Zusatz der letzten 
Parallele, wie sofort kenntlich wird, wenn man die Stelle wieder in 
den Zusammenhang einfügt, aus dem sie gerissen ist: 
Wo zwei herzenliebe | an einem 

danze gan 
die laszen ir eigelin schieszen, .. Uhl. 36, 5 '^) 

Neithart: ich hoere ein vogelin singen N. 31, 19 

Dazu Volkslyrik : ich hoere ein vogelken singen Uhl. 164, 5. 35^). 

Ich komme endlich 

5. zu den Gruppen , die überhaupt nur aus zwei Stellen be- 
stehen, d. h. in denen zu einer einzigen Stelle eines Dichters nur 
eine einzige Parallele aus einem anderen Dichter zugefügt wird. 

Namenl. L. : Tougen minne diu ist guot, MF. 3, 12 

Dazu : Swer tougenlichen minnet , | wie 

tugentlich daz stat, CB. 144**) 

Namenl. L. : der sol man sich vlizen MF. 3, 12 

Dazu Meinloh: durch daz wil ich mich flizen MF. 15, 15^) 



der unselige ist, ,,paro di stische^ Stellen vollkommeu unbrauchbar sind, da ilnieu 
ja jede selbständige Bedeutung mangelt. 

•) ib. S. 150. ') ib. S. 159-1(50. 

/) it>. S. 163. Die Volksliedstelle ist au dem angegebeneu Oite nicht zu fiudeu ; 
doch sind Parallelen häufig, cf. Uhl. 16, 2. 

*) ib. S. 134. ') ih. S. 134. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 



19 



Dazu Neithart: 



Dazu : 

Dazu Reinrnar: 

Dazu: 

Dazu : 
Dazu : 



[Her meie , iu ist der bris gezalt,] 

der winder si gehönet CB. 101' 

der winder si guneret. [der brach 
uns ze leide ] bluomen an 
der beide] N. 21, 37 ') 

[Ib ban geseben] daz mir in dem 

herzen sanfte tut CB. 107" 

[bi dir swer lit] sanfte dem daz tut 

nach mine gesellen ist mir we 
. . mir ist nach ir so we 

[Vil reine wip, din schöner lip :], wil 

mich ze sere schiezen 
Venus wil mich schiezen 

[nu woldih diner minne] , vil suzc 

minne, niezen 
[Nu la mih, chuniginne] diner minne 

niezen t) 124'*) 



n UO''') 

CB. 112' 
MF. 182, 25^) 

CB. 116' 
n 124*^) 



CB. 116' 



Dazu : 



rosen, lilien si [diu sumcrzit] uns git CB. 133' 

gras, blumen, chle, loup uns si git n 143» **) 

[ein stolzer man , ] der wol wiben 

dienen chan CB. Ml' 

wie wol er frowen dienen kan MF. 14, 37 ') 



Diu mich singen tut, [getörste ich 

si nennen] CB. 163' 

Dazu Veldegge: Diu schoene, diu mich singen tuot, MF. 60, 21**) 



Dazu Dietmar: 

Namenl. L. : 
Dazu Meinloh: 

Namenl. L. : 
Dazu : 



[si bat mir min ungemach] 

mit ir gute gar benomen 

[waz bilfet zorn? swenn er mich siht] 

den hat er schiere mir benomen 

[got wizze wol die wärheit] daz ich " 
ime diu holdeste bin 

[wan ob ich hän gedienet] daz ich 
diu liebeste bin 



CB. 165| 
MF. 35, 31-') 

MF. 4, 8 
77 13,32^") 



Sie enkunnen niewan triegen [vil 

menegen kindeschen man] MF. 4, 9 
so sol man si triegen n 12, 24") 



') ib. S. 136. ») ib. S. 136. ») ib. S. 137. 

*) ib. S. 136. ") ib. S. 137. «) ib. S. 139. 

') ib. S. 139; für volksthümlich möchte ich den Ausdruck von vornherein nicht 



halten. 



«) ib. S. 139. 



») ib, S. UO. 



») ib. S. 141. 



") ib. S. 141. 

2* 



20 



E. TH. WALTER 



Namenl. L. : da moht anders niht geschehen [wan 

daz si minnecliche sprach] 
Dazu Morungeu : mir ist anders niht geschehen 

Kürenberc: Sit sach ich den valken | schöne 

fliegen 
Ps. Dietmar : so gesach si valken fliegen 



Dazu ; 



Ir röter rosenvarwer munt 
Suzer rosenvarwer munt 



Namenl. L. : swenn ich in umbevangen hän 

Dz. Regensburc : swenn ich in umbevangen hän 

Kürenberc I als tuo du, frouwe schoene 

Dazu Meinloh : weist du, schoene frouwe, 

Kürenberc : [Wip unde vederspil] die werdent 

lihte zam 
Dazu Husen : Einer frowen was ich zam 

Meinloh: [Do ich dich loben hörte,] do hete 

ich dich gerne erkant. 

Dazu Dietmar: gerne daz min herze erkande, [wan 

ez so bedwungen stät] 

Meinloh : [er hat dur dinen willen [ eine ganze 

fröide I gar umbe ein trü- 
ren gegeben 

Dazu: [Ir schöner lip] hat mir vroude vil 

gegeben 

Meinloh: ichn sach mit minen ougen 

Dazu Walther: ich sach mit minen ougen 

Meinloh : uu wizzen algeliche [daz ich sin 

friundinne bin] 

Dazu Rugge; nu wünschent algeliche [heiles umbe 

den riehen got] 

Meinloh : Mir weiten miniu ougen [ [einen kin- 

deschen man] 

Dz. Ps. -Dietmar: [ich erkös mir selbe man:] j den 

weiten miniu ougen 



MF. 


6, 22 


J7 


128, 27') 


MF. 


9, 5. 6 


n 


37, 7=) 


CB. 


94% 2 


n 


136'^3) 


MF. 


6, 11 


77 


16,4% 


MF. 


10, 3 


77 


14,3^) 


MF. 


10, 18 


77 


46, 29«') 


MF. 


11,2 


77 


32,2') 



MF. 11, 25 



CB. 127'^^) 

MF. 12, 33 
W. 9, 16^) 



MF. 13, 20 

77 97, 9 '") 

MF. 13, 27 

77 37, 14") 



») ib. S. 144. 

^) ib. S. 146. Auch diese Stellen halte ich entschieden nicht für volksthümlich. 

') ib. S. 135. ") ib. S. 143. ') ib. S, 146. <") ib. S. 146. 

') ib. S. 147. ^) ib. S. 147. Wie sich Meyer aus Bwei derartigen Parallelen, 

iu denen die Übereinstimmung, wenn man eine solche überhaupt finden will, so äußer- 
lich wie nur möglich ist, eine Urstelle construiren würde, wäre wirklich interessant 
zu erfahren. 

s; ib. S. 148. '») ib. S. 449. ") ib. S. 149. 



OHER den URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc 



21 



Meinloh: daz ich vil staeter minne pflege 

Dazu Neithart : er pfliget niht staeter minne 

Regensburc: und laegen si vor leide tot | [ich 

wil im iemer wesen holt] 

Ps. Reinmar: stürben si von leide, [so enwart mir 

c nie baz] 

Rietenbiirc : si fliesent alle ir arebeit :] er kan 

mir niemer werden leit 

Dazu Dietmar : si kan mir niemer werden leit [des 

biute ich mine Sicherheit] 

Rietenburc : sit ich hän von rehter schulde [also 

wol gedient ir hulde] 

Dazu Dietmar: Ich muoz von rehten schulden ho} 

[tragen daz herze und al 
die sinne] 

Dietmar: [an ein ende ich des wol kocme] 

wan diu huote 

Dazu Morungen : we der huote [. . . diu mir hat be- 

nomen] 



MF. 14, 33 
N. 3, 10*) 



MF. IG, 12 
77 301, 6"^) 

MF. 18, 8 

77 3G, 18^) 

MF. 18, 11 

77 38, 5*) 

MF. 32, 3 
77 136, 27^) 



Ps. -Dietmar: Swer meret die gewizzen min, [dem 

wil ich dienen, obe ich kan;] MF. 35, 32 
Dazu Rugge: si meret vil der vröide min 



77 103,6") 
MF. 38, 11 

77 203, 14') 



MF. 5, 12 



Dietmar: ich wil im iemer staete sin 

Dazu Reinmar: ich wil im iemer holder sin [danne 

deheinem mäge min] 

Die Heranziehung des Verses 
Namenl. L. : unde bist mir dar zuo holt 

halte ich für ganz unberechtigt, ja für unverständHch; die Worte, 
welche die ersten beiden Stellen gemeinsam haben, finden sich in 
dieser Zeile gar nicht; das Vorkommen des Wortes holt [zu holdei'] 
kann man unmöglich als Grund gelten lassen. 

Dietmar: der dich hat erweit | üz al der werlte 

in sin gemüete 
Dazu Husen: so hat iedoch daz herze erweit ein 

wip I vor al der werlt 

Husen : min herze ist ir Ingesinde 

Dazu Neithart: si ist mines herzen ingesinde 



MF. 38, 16. 17 

MF. 47, 12. 13^) 

MF. 50, 15 
N. 56, 13^) 



') ib. S. 151. 
') ib. S. 151. 
») ib. S. 152. 



*) ib. S, 152. 
«) ib. S. 154. 
«) ib. S. 156. 



') ib. S. 156. 
«) ib. S. 156. 
9) ib. S. 158. 



22 E. TH. WALTER 

Morungen : Mime kinde wil ich erben dise not MF. 125, 10 

Dz. Ps. Wolfr. ; üf wen erbe ich danne diese not Wolfr. XII, 20') 

Morungen: mäht du doch etswan sprechen ja 

[ja ja ja ja ja ja ja?] MF. 137, 24 

Dazu Reinmar: mac si sprechen eht mit triuwen ja, 
[als si e sprach nein, so wirt min 

Wille sä,] n 189, 18^) 

Walther: so ist ouch min frowe wandelbaere W. 59, 22 

Dazu Neithart: Min vrouwe ist wandelbaere. N. 82, 39'^) 

Damit bin ich ans Ende derjenigen Gruppen gelangt, die ich schon 
von vornherein aus rein äußerlichen Gründen auszuscheiden genöthigt 
war; aus Gründen, die nicht nur für die vorliegende, sondern viel- 
mehr für jede derartige Sammlung maßgebend sein müssen, 
wenn diese nicht — wie hier geschehen ist — ernstlich Gefahr laufen 
will, auf jeden Fall ihre Beweiskraft zu schwächen, 

II. 

Doch betrachten wir die Sammlung Meyers in ihrem nunmehrigen, 
nicht unwesentlich verringerten Umfange noch einmal, und prüfen wir 
von Neuem ihre Beweiskraft. 

Ich wiederhole: es handelt sich darum, das Vorhandensein einer 
Volksliebeslyrik darzuthun, die so ziemlich den Anblick bot, 
den der älteste Kunstgesang uns zeigt: denn der älteste 
Kunstgesang hat ja nach IVIeyer „zuerst ganz die alte Art fortgesetzt" "*); 
er hat „eine große Anzahl von Versen" „der verloren gegangenen 
Volksdichtung" einfach „zu neuen Liedern zusammengefügt" ; die von 
JVTeyer zusammengestellten Verse sind nicht Erzeugnisse der betreffen- 
den Dichter: der höfische ]\Iinnesang ist vielmehr ein Abklatsch der 
„verloren gegangenen Volksdichtung" ^). 

Das wäre also zu beweisen. 



Soll man aus einer Zusammenstellung, wie die Meyer'sche es 
bezweckt, zunächst überhaupt nur auf poetisch verarbeitetes Material 
mit nur einiger Gewißheit zu schließen im Stande sein, so dürfen die 
angeführten Parallelstellen weder allein in Bezug auf die Form, noch 
auch allein in Bezug auf den Gedanken, den Sinn einander nahe 
stehen; vielmehr müssen sie in Form und Inhalt Übereinstimmung 
zeigen. 



') ib. S. 160. =) ib. S. 160. 3) ib. S. 163. 

*) cf. oben S. 1, Anm. 4; S. 2, Anm. 4; S. 10. ^) cf. oben S. 9 u. 10. 



ÜBER DES URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 23 

Denn alleinige Übereinstimmung in der Form kann nur zu leieht 
und wird meistens ihren Grund im Walten der Sprache selbst haben; 
alleinige Übereinstimmung des Inhalts in der wenigstens innerhalb 
eines Volkes [oder noch vielmehr einer socialen Gemeinschaft] sich 
gleich oder doch sehr ähnlich bleibenden Art des Geistes- und Ge- 
müthslebens. 

Doch selbst wenn Form und Inhalt der benutzten Parallelstellen 
übereinstimmen, so wird man ihnen einen wirklichen Werth doch 
wohl erst dann beimessen dürfen, wenn die Übereinstimmung ganze 
Wendungen, und zwar solche Wendungen betrifft, die nicht gerade 
zu den alltäglichen und jedem leicht in den Mund kommenden gehören. 

Wir wollen aber zweitens nicht nur auf poetisch verarbeitetes 
Material überhaupt schließen können; dieses Material soll einer Volks- 
liebeslyrik angehört haben: die angeführten Parallelen müssen also 
auch noch ein volksthümliches Gepräge tragen oder doch wenigstens 
nichts an sich haben, was uns verwehrt, sie der Volkslyrik zuzu- 
rechnen; sie müssen endlich auch noch an Liebeslyrik erinnern, da 
sie ja sonst — wenn überhaupt — einer anderen Dichtungsart, deren 
Vorhandensein niemand in Frage stellt, entnommen sein können. 

Alle diese Bedingungen, deren Folgerichtigkeit wohl für jeden 
in die Augen springend ist, erfüllen aber die Gruppen der uns vor- 
liegenden Stellensammlung durchaus nicht. 

Denn ihre Entsprechungen beruhen einerseits nur auf einem 
einzigen Worte, welches dann noch meistens entweder ganz alltäglich 
ist, oder an den verschiedenen Stellen in verschiedenem Zusammen- 
hange oder Sinne gebraucht wird; oder endlich wohl im Sinne, nicht 
aber in der Form sich mit den beigesellten Parallelen übereinstim- 
mend zeigt; — anderntheils dienen als Bindeglieder innerhalb einer 
Gruppe oft ganz alltägliche Wendungen, die entweder der Umgangs- 
sprache überhaupt entnommen sein mögen, oder doch bei einer den 
Liebesverkehr behandelnden Dichtung kaum uragehbar erscheinen. 

Noch andere Stellen, deren Übereinstimmung vielleicht auffallen- 
der sein dürfte, lassen im besten Falle auf Spruchpoesie u. dergl., 
keineswegs aber auf Liebeslyrik schließen; oder sie tragen ein so 
oflfenbar ritterliches Gepräge, dass man sie auf volksthümliche Dich- 
tung von vornherein nicht zurückführen darf, sondern ihren Ursprung 
in höfischen Kreisen allein zu suchen hat. 

Ein gut Theil des imposanten Eindrucks, den die Sammlung 
zweifelsohne beim ersten kritiklosen Anblicke macht, geht übrigens 
bereits verloren, wenn wir — wie es nothwendig geboten ist — jetzt 



24 E. TH. WALTER 

innerhalb der einzelnen Gruppen theilweise dasselbe Verfahren an- 
wenden, mit dem wir gleich Anfangs an die ganze Sammlung heran- 
traten; ich meine: wenn wir die beigefügten Parallelen aus der 
späteren Volkslyrik für untauglich zum Beweise erklären und 
ausscheiden; und diejenigen, welche ein und demselben Dichter 
entnommen sind, im Werthe einer einzigen Stelle gleichsetzen. 

Auf den vorstehenden Bemerkungen fußend, wende ich mich 
jetzt von Neuem zu der Sammlung, und hebe zunächst heraus 

1, diejenigen Parallelstellen, deren Entsprechung nur auf einem 
einzigen Worte beruht. 
Aus dem 3. lat. 

Liebesbr.: wände du mir daz vercheret linst MF. 224, 25 

Dazu Meinloh: du ha.st im nah verkcret | beidiu 

sin unde leben r> 11, 22 

Dz. 2mal Husen : [wan als ich ir min angest sage] 

daz kan si leider wol ver- 

keren 75 44, 34 

sus kan si mir wol daz herze ver- 

keren v 53, 9 

Dazu Morungen: die verkerent underwilent mir den sin ^^ 138, 1^) 

Die Übereinstimmung beruht nur auf der Anwendung des Wortes 
verkeren. 
Aus dem 3. lat. 

Liebesbr.: diu nemach dir gescaden nieth MF. 224, 27 

Dazu Kürenberc: fjo würbe ichz gerne selbe] waer 

ez ir schade niet 75 10, 14 

Dazu Morungen: [ich fluoche in] unde schadet in niht n 131, 13 
Dazu Hartmann: daz schät ir niht [und ist mir iemer 

gUOt] 55 215, IS'*) 

Schon in den vorstehenden Stellen beruht die Übereinstimmung 
nur auf dem Gebrauche des Verbums schaden (einmal sogar nur das 
Substantivum) in den verschiedensten Formen und dem verschiedensten 
Zusammenhange. Welchen seiner drei Perioden IMeyer diese Verse 
zuschreiben würde, weiß ich nicht; doch denke ich mir, nach seinen 
eigenen Auseinandersetzungen müßten doch wohl die Zeilen des lat. 
Liebesbriefes der ersten. Periode ebenso wie die des Kürenberg an- 
gehören; sie müßten also von dem zu erschließenden Urverse nur 
insofern sich unterscheiden, an ihm nur so viel geändert haben, 



') ib. S. 133. 

*) ib. S. 134, Ich muß Anfangs etwas ausführlicher werden, um die Gesichts- 
punkte deutlich zu machen, von denen aus ich die einzelnen Gruppen betrachtet 
sehen möchte. 



ÜBER DEN UKSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 25 

„als die Einfügung in die Strophe verlangt"'), im Übrigen aber die 
alte Formel bewahren: ich überlasse es Jedem selbst, die beiden 
Verse dahin zu prüfen. Ich möchte meinerseits es hier nicht unter- 
nehmen, eine weitere Periodisicruug an den vorliegenden und folgen- 
den Versen der Gruppe nach Meyers Vorschrift zu versuchen; doch 
er selbst rechnet wohl die mit „vgl." oder gar mit „vgl. auch" be- 
zeichneten'^) zu der dritten Periode; dahin würde also auch die Stelle 
Dietmars: mir wirret uiht [sin boesor kip] MF. 41, 5 

gehören; wie kommt aber Dietmar in die dritte Periode der Zeit nach? 

Oder wenn ich mich nach seinen Ausführungen auf 8. 171 richte, 
in denen es heißt „ebenso wird die Ersetzung der alten volksthüm- 
lichen Ausdrücke, schon vorher zuweilen vorkommend, jetzt geradezu 
System", wie zum Beispiel ,^schaden statt iverren^^'^ wie paßt dazu, daß 
gleich in den beiden ältesten Stücken diu nemach dir cjescaden niaih 
(MF. 224, 27) und loaer ez ir schade niet (Kür.) das Wort schaden 
(resp, schade), hingegen bei Walther 

[sol er mir büezen] des mir niht 

enwirret W. 83, 19 

wieder wirren steht? 

Der Vollständigkeit halber füge ich die beiden noch übrigen 
Stellen hinzu: 
Meinloli : [daz ich dich nu gesehen han] daz 

enwirret dir niet 
und Dietmar: [Ich solde zürnen, hülfe ez iet] 

Es folgen Stellen mit liep'^): 

3. lat. Liebesbr. : wände wärest du mir nieth liep 

f Dz. Kürenberc: so bist du mir vil Hep 

I und mir wart nie wip also liep 

( Dazu Meinloli : im wart liebers nie niet 

l und den du wilt frowe haben liep 

Dz. Rietenburc : daz mir si iemen alse liep ? 

Dazu Dietmar: der ich gerne waere liep 

Gemäß unserem Grundsatze fällt bei Seite die Stelle aus der 
Volkslyrik : Und war' mein Herr Vater mir nicht 

so lieb Talvj, S. 437*). 

Die Übereinstimmung ist vollständig auf das eine Wort liep, dessen 
Vorkommen in einer ausgesprochenen Liebeslyrik mir eben nicht sehr 



MF. 


11, 6 


MF. 


40, 11 (!!) 


MF. 


224, 27 


7) 


9, 26 


V 


10, IG 


n 


14, 6 


n 


11, 8 


n 


18, 5 


T) 


32, 10. 



') ib. S. 171 unten. ') ib. S. 133. ^) ib. S. 134. 

■*) Daß ein solcher Vers wie dieser überhaupt als Parallele zu den voranf- 
gehenden beigefügt, zeigt deutlich, wie sehr ins Blaue sich die Bemüliungcn M.'s 
verlieren. 



26 E. TH. WALTER 

seltsam erscheint, beschränkt; einen zu Grunde liegenden Original- 
vers kann ich mir absolut nicht vorstellen. Was wird nun hier aus 
einer Periodisierung? 

Auch in der folgenden Gruppe ') ist nur ein einziges Wort als 
Bindeglied zu betrachten; das in den beiden ersten Versen außer 
pJiUget sich findende triuwen gewährt nur auf den ersten Blick den 
Anschein engerer Übereinstimmung, denn in der Zeile 
Namenl. L. : swer mit triuwen der niht phliget MF. 3, 15 

ist mit trmioen nur adverbiale Bestimmung zu phligen', als Object zu 
diesem ist der^ das ist tougen minni; beigefügt, während in dem anderen 
Verse 

Spervogel: ist danne daz er triuwen phliget MF. 20, 21 

trünven als Object anzusehen und in ganz allgemeinem Sinne, wie der 
Zusammenhang der ganzen Strophe lehrt, aufzufassen ist. 
Daß bei der dritten Stelle 

Swer des biderben swaehe phliget MF. 245, 25 
eine innigere Übereinstimmung nicht vorliegt, ist offenbar; man müßte 
denn etwa das fiioer aus diesem und dem ersten Verse auffallend 
finden wollen. 

Desgleichen mangelt es an engerer Zusammengehörigkeit in der 
Gruppe mit dem Reimworte ^ü7zen^): 

Namenl. L. : dem sol man daz verwizen MF. 3, IG 

Dazu Meinloh: der wil ich nu niht wizen [sihe ichs 

nnfroelichen stan] v 13, 38 

Dz. Rietenburc: Nu endarf mir nieman wizen n 18, 1. 

Auch haben die Verse speciell mit Liebeslyrik nichts zu thiui. 
Nur das Wort güete weisen als gemeinsam auf die Verse: 
[vröde han ich manichvalt] von eines 

wibes gute CB. 102" 

Dz. Rietenburc: [Mir gestuont min gemüete] nie so 

hohe von ir güete MF. 18, 10 

Dazu Dietmar: [Ich bin ein bete hergesant, frowe] 

üf mange dine güete n 38, 15 

Dz. j Reinmar: [daz er die rede vermite] iemer dur 

I sin selbes güete n 187, 3 

I Ders. : ... [daz sich sent | min gemüete] 

' nach siner güete, n 199, 29. 

Von der folgenden Zusammenstellung^) mögen die beiden ersten 
Verse : 

ich weiz wiez "^ir gevalle CB. 103" 

Dazu Kürenberg: in weiz wiech ir gevalle MF. 10, 15 

*) ib. S. 134. ') ib. S. 134. ^) ib. Ö. 136. 



ÜBKR DEN URSPRUNG DES HÖFIr^CKEN MINNESANGES etc. 27 

auffallendere Übpreinstinimun<2: zeigen; sie stehen aber damit so ver- 
einzelt da, daß wir ihnen weiteren Wertli nicht beilegen können; die 
übrigen Verse haben außer dem Verbum gevallen nichts gemein- 
sam, cf. 
Meinloh : [und sol die merkaere reden lan], 

swaz in gevalle MP. 14, IS 

Ps. -Dietmar: ...[in dem walde | ein boum ,] der 

dir gevalle n 37, 11 

Dazu: [Seht mich an , jungen man!] Lät 

mich eu gevallen CB. S. 97 o. 

Dazu Neithart: [sin (winders) getwanc | wendet man- 

gen süezen sanc | uns allen] 

wem sol daz wol gevallen N. 14, 21. 
Auszuschließen ist die Stelle aus der Volkslyrik 
Volkslyrik : wenn ich dir nit gefalle | [gib mir 

urlob, du roter mund] Uhl. 29, 5. 

Es folgen Stellen mit dem V^erbum hau als Reimwort M: 
Nu suln wir alle froude han CB. 103" 

Namenl. L. : Ich wil weinen von dir h:in MF. 6, 2(5 

Dz. Rietenburc : gedinge j den ich von einer frowen 

hän n 18, 21. 

In 14 Stellen finden wir ferner') das im Mhd. überaus häufige 
(jemezen lan; dazu gefügt sind 8 Verse mit (jeniezen allein. Beide Aus- 
drücke, die übrigens durchaus nicht auf Liebeslyrik ausschließlich 
hinweisen, tragen nichts Auffallendes an sich. 

Ebenso steht es mit der nächsten Gruppe, deren Verse den 
Gebrauch des Verbums verdriezen im verschiedensten Zusammenhange 
gemeinsam haben ^). 

Es folgen 4 resp. 3 Verse (zwei gehören demselben Dichter an) 
mit dem Verbum singen*): 

Ich wolde gerne singen, [der werlde 

vrovde bringen] CB. 126* 

Morungen: Ich wil immer singen [dine hohen 

wirdekeit] MF. 14G, 11 

Kunde ich uii gesingen [daz die jnn- 



Neithart: ' ^en gerne sungen] N. 33,22 

Ich wil aber singen [swie ez vür ir 

oren gej n G7, 7. 



>) ib. S. 136. 

') ib. S. 137; obendrein sclnnilzt die Gruppe etwas zusammen, da von den 
angeführten Stellen mehrere einem Dichter angehören; nämlicli : ."j Rugge , 3 Rein- 
mar, 3 Walther und 1 der späteren Volkslyrik. 

') ib. S. 137. ') ib. S. 138. 



28 E. TH. WALTER 

Das Vorkommen des Verbums singen, obendrein in so verschie- 
denem Zusammenhange, hat bei berufsmäßigen Dichtern doch sicher- 
lich nichts Befremdendes. 

Bedeutungslos ist auch die Gruppe mit trüric ') ; man wird wohl 
kaum zwischen dem Verse: 

[Vrowe, wesent vro ! Wie tut ir nur 

so,] daz ir so trürech sit? CB 133' 
und 

Dietmar : also trüi-ic wart ich nie, [swenn ich 

die wolgetänen sach | min 
senedez ungemaCh zergie] MF. 36, 20 
eine auf Entlehnung deutende Übereinstimmung finden können. Auch 
der beigefügte Vers Reinmars : 

Reinmar : Alse rehte unfrö enwart ich nie. 

[daz solte eht sin : nust ez 
geschehen] MF. 185, 20 

darf nicht auffallend erscheinen; denn außer dem Wechsel des Aus- 
drucks — unfrö statt trüric — raubt auch der verschiedene Zusam- 
menhang der Stelle den Werth. 

Horheim: [. . . üf minen eit ] noch niene 

wart so trüric man MF. 115, 15. 

Ein ziemliches Durcheinander bietet die Zusammenstellung der 
Verse mit benemen^ das in den verschiedensten Verbindungen aufge- 
führt wird '^). 

Selbst bei den Stellen, die ungefähr ähnlichen Sinn haben, wie 

Kürenberc: [eines hübschen ritters | gewan ich 

künde] | daz mir den benomen hän 

[die merker und ir nit] MF. 7, 23 

Regensburc : Sin mugen alle mir benemen | [den 

ich mir lange hän erweit] n 16,8 

Husen: [In minem troume ich sach ] ein harte 

schoene wip | . . . . do er- 
wachet ich e zit] dö wart si 
mir benomen ti 48, 2 7 

und Wolfram: du (wahtaer) hast in dicke mir be- 
nomen} [von blanken armen, 
und üz herzen nicht] Wolfr. 5, 4 — 5 

oder: 

Reinmar: [Der mir gaebe sinen rät! | konde 

ich ie deheinen,] der ist mir 
benomen MF. 194, 34—35 

') ib. S. 138—139. ») ib. S. 140. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 29 

ist die Ausdrucksweise eine so verschiedene, die Verwendung des 
benemen so mannigfaltig , daß man an einen gemeinsamen Grundvers 
nicht wohl denken darf. 

Auch aus den ferner enger zusammengehörigen Versen : 
Guotenburc: din guote , diu mir luit benomen 

Minen sin MF. 71, 28 

Riigge: [daz tiiot diu minne] : diu nimt mir 

die sinne ?i 101, 19 

Morungen : swenne ir schoene mir nimt so gar 

minen sin n 135, 23 

Namenl. L. : [Vil ist unstaeter wibe : ] diu be- 

ncment ime den sin n 4, 6 

und Spervogel: [So we dir armiiete!] du benimest 

dem man | beidiu witze und 

ouch den sin, [der niht eh- 

kan] n 22, 9 

— auch aus diesen Versen können wir nur auf eine der Umgangs- 
sprache — vielleicht ziemlich fest — zu eigen gewordene formelhafte 
Ausdrucksweise, keinesfalls aber auf einen der „eigentlichen Lyrik" 
zugehörigen poetisch bearbeiteten „Baustein" schließen, das zeigt 
schon die Verwendung des Verses bei Spervogel. 

Geradezu auffallend ist hier übrigens, daß gerade die Verse, 
deren Übereinstimmung etwas weiter geht, ein und demselben Dichter 
angehören, wie dies der Fall ist mit den Zeilen 
Walthers : die mir in dem winter fröide hänt 

benomen 
und : die mir dicke fröide hänt benomen 

und in ähnlicher Weise mit den Versen 
Neitharts : iriancgem senedem herzen trürcn ist 

benomen 
und: manegen herzen ist benomen | leit 

und ungemüete n 23, 8. 9. 

Das Hinfällige einer Gruppe, wie die folgende ist: ^) 
Namenl. L. : [daz der sumer komen sol. ] seht 

wie wol das menegen herzen 

tuot. MF. 4, 16 

Dazu: [bi dir swer lit] sanfte dem daz tut CB. 140" 

und Johansdorf: seht wie maneger ez doch tuot MF. 86, 8 

brauche ich nicht erst auseinanderzusetzen; es liegt auf der Hand. 
Von den angeführten zwölf Stellen mit dem Reimwort gemuot '^) 
gehört die Hälfte Walther an, hat also den Werth einer einzigen 
Stelle; das gleiche gilt von den zwei citierten Versen des Johansdorf. 

') ib. S. 141. ') ib. S. 142. 



w. 


73 


23 


n 


98 


15 


N. 


H, 


7 


n 


23, 


8. 



30 E. TH. WALTER 

In den übrigen Stellen: 
Namenl. L. : [daz ist also verendet] daz ich bin 

wol gemuot MF. 4, 29 

Rugge : [daz ich durch ieman si vermeit] des 

wirde ich selten wol ge- 
muot V 105, 21 
Bligger : [ . . sweme da gelinge ,] der si wol 

gemuot V 118, 18 

Dazu: swer gegen den hat hohen mut CB, 132" 

und Kürenberc : [als ich daran gedenke] so stet wol 

höhe min muot MF. 10, 23 

hängt die Übereinstimmung einzig an dem Worte gemuot-^ ja in den 
beiden letzten Stellen sogar nur noch an dem Reime muot-^ obendrein 
wechselt der Sinn. 

Bei Versen wie 
Namenl. L. : [Ich hän den lip gewendet] an einen 

ritter guot MF. 4, 27 

Dietmar : [jii hoere ich vil der tugende sagen] 

von eime ritter guot n 39, 4 

Dz. Kürenberc : [als warb ein schoene ritter] umb 

ein frouwen guot n 10, 22 ') 

eine Entlehnung annehmen zu wollen, möchte einem doch wirklich 
schwer werden. Man könnte fast der Meinung werden, Meyer trete 
an die mittelhochdeutschen Ausdrücke und Wendungen mit ganz neu- 
hochdeutschem Sprachgefühle heran; denn nur so läßt es sich eigent- 
lich erklären, daß er in Stellen wie in den obigen irgendwie Beson- 
derliches finden kann. 
Die vierte Zeile 
Dietmar: ein schoene wip so rebte guot MF. 36, 26 

fällt für uns obendrein fort, da sie einem in der gleichen Gruppe 
schon citierten Dichter angehört. 

Es folgt eine Gruppe von drei Stellen mit entstän als Reim wort: ^) 
Kürenberc : so läz ich die Hute [ harte wol ent- 

stän MF. 7, 15 

Dz. Regensburc: des mac sich min herze wol entsten n 17, 6 
und Guotenburc : ichn mac mich schiere niht entstän v 76, 14. 
Man sieht, eine nähere Übereinstimmung ist nicht vorhanden. 

Von den fünf Versen mit getan ^) sind es eigentlich nur zwei, 
welche in Betracht kommen können : 
Meinloh: ich hän in anders niht getan [ wän 

ob ich han gedienet] MF. 13, 30 

und Reinmar: In habe in anders niht getan [wan 

daz ich sere sinne] ?? 194, 4. 

») ib. S. 142. ') ib. S. 144— 14Ä ') ib. S. 149. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 31 

Die übrigen haben außer der Verbalforra habe getan nichts Ge- 
meinsames; außerdem fallen noch zwei Stellen als unbrauchbar fort: 
die zweite Stelle Meinlohs (einem schon citierten Dichter zugehöiig) 
und die der Volkslyrik entnommene, so daß eigentlich überhaupt 
außer den oben angeführten nur noch die eine bei 
Dietmar : [Waz wizet mir der beste man ?] ich 

habe im leides niht getan: MF. 40, 36 
zu beachten ist, und diese bezeichnet Meyer wohl sehr mit Recht nur 
als „entfernteren Anklang". 

Daß in den folgenden Versen ') 
Meinloh: im trviret sin herze | [sit er nu jun- 

gest von dir schiet] MF. 14, 7 

und Dietmar: [nu muoz ich von ir gescheiden sin] 

trüric ist mir al daz herze 
min n 32, 20 

die beiden betreffenden Dichter nöthig gehabt haben sollten, den Ge- 
danken: daß ihr Herz durch das Scheiden traurig geworden sei, 
{ — die Form ist ja verschieden genug — ) zu entlehnen, wird wohl 
kaum Glauben finden. Und noch viel weniger dürfte dies der Fall 
sein bei den Versen: 
Veldegge : truric ist daz herze min : [wan ez 

wil nu winter sin,] MF. 59, 15 

und Kürenberc: [Swenne ich stän alleine j. •. und 

ich gedenke anc dich ' 

so . . . ] 
. . . gwinnet mir daz herze | vil 

manegen tnxrigen muot n 8, 23. 

Am Schlüsse des Verses die beiden zu einem Begriffe verschmol- 
zenen Wörter ake laue weisen die folgenden Stellen auf: ^) 
Rietenburc : ez ist leider alze lanc [daz die bluo- 

men i-öt | begunden liden 

not] MF. 19, 13 

Dietmar: [sit was mir min fröide kurz] und 

ouch der jämer alze lanc n 34, 18 

Reinmar: mirst beidiu winter und der sumer 

alze lanc n 155, 4 

Hartman: die swaeren tage sint alze lanc n 207, 4 

und noch zweimal bei demselben. 

Man sieht, außer den beiden zusammengehörigen Wörtern ver- 
bindet die angeführten Verse nichts; der Zusammenhang und die ganze 
Verseinfügung lassen an keine Entlehnung denken. 

') ib. S. 150. ^) ib. S. 153. 



32 E. TH. WALTER 

Ahnlich verhält es sich mit ') 
Meinloh : [im trüret sin herze] sit er nu jun- 

gest von dir schiet MF. 14, 8 

Dietmar: do ich aller nachest von dir schiet 

[sit hat ich gröze swaere] ?) 40, 13. 
Nur noch Gedankenähnlichkeit liegt vor in 
Husen : Deich von der guoten schiet [des 

lide ich ungemach] MF. 48, 32. 

Die Heranziehung des Verses 
Nameul. L. : [Ein vpinken und ein umbe sehen | 

wart mir] do ich si nähest 
sach MF. 6, 21 

nur wegen des vorkommenden nähest ist wirklich recht unnütz. 

Es folgen Stellen mit tiuren ^) oder Ausdrücken ähnlicher Be- 
deutung ; von den acht Parallelen gehören bereits vier , und zwar 
darunter gerade die drei auffallender übereinstimmenden einem Dichter, 
nämlich Walther ^) an. Die Ähnlichkeit der übrigen ist so wenig 
ausgeprägt, daß an Entlehnung nicht gedacht werden kann: 
Dietmar : du hast getiuret mir den muot MF. 33, 26 

Dazu Eugge : si tiuret vil der sinne min. 75 103, 24 

Dazu Morungen: [dine redegesellen | die sint swie wir 

wellen j guoter worte und 
guoter site.] da bist du ge- 
tiuret mite. V 146, 26 

und gar 

Johansdorf : daz ir desto werder sint [und da bi 

hochgemuot] n 94, 14. 

Die folgende Gruppe "*) 
Fs. Dietmar: und wil doch mannen fremede sin MF. 35, 34 

Dietmar: sol ich im lange vrömede sin n 36, 11 

Ders. : [so höh öwi] sol ich ir lange fi-ömde 

sin n 39, 17 

Morungen: [ich fluoche in unde schadet in niht,|] 

dur die ich ir muoz frömede 
sin n 131, 17 

weist als gemeinschaftlich nur das Wort fremede in vier Stellen, von 
denen drei auf einen und denselben Dichter kommen, auf ^). 



^) ib. S. 150. =) ib. S. 155. 

') Wenigstens ist zu dem Verbum tiuren resp. einmal ivirden jedesmal derselbe 
Zusatz Itp gefügt. 

*) ib. S. 155. 

^) Wieder gehören gerade die beiden Verse, die größere Entsprechung haben: 
sol ich im lange frömede stn (D. 36, 11) und sol ich ir lange frömede sin (ib. 39, 17) 
demselben Dichter an. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 33 

Angefügt sind drei weitere Verse mit dem Zeitwort fremeden: 

Dietmar: fsunder äne mine schult || fremedet 

er mich manegen tac MF. 34, 14 

linsen : aleine fromdet mich ir lip, | [si hat 

iedoch des herzen mich | 
beroubet gar für elliu wip] n 42^ 7 

Rugge : sin langez fremeden muoz ich klagen v 107, 23. 

Die Stellen haben außer dem noch dazu in verschiedenen Formen 

gebrauchten einzigen Worte durchaus keine weitere Übereinstimmung. 
Auch haben Ausdrücke mit fremede sowohl als mit fremeden 

etwas Absonderliches nur für den mit neuhochdeutschem Sprach- 

geflihle an sie Herantretenden. 

Ebensowenig ist etwas anzufangen mit den Versen : ') 

Dietmar: |h6he stät min muot :] wan al diu 

werlt noch nie gewan [ein 
schoene wip so rehte guot] MF. 36, 25 

Husen: got weiz wol, daz ich nie gewan | 

[in al der werlt so liebe 
enkeine] n 44, 19 

Namenl. L. : [du bist in minen sinnen] für alle 

die ich ie gewan n 5,1. 

Auch in den Parallelen mit gedagen '^) tritt zu dem einfachen 

Verbum nirgends etwas hinzu , was eine Entlehnung wahrscheinlich 

machen könnte: 

Husen: |deich lide urabe ir hulde seren {] 

daz ich niemer mac ver- 
dagen MF. 44, 39 

Morungen: [Sin hiez mir nie widersagen ^ • • •] 

desn mac ich langer niht 
verdagen n 130, 12 

Hartmann: nieman sol ir lobes gedagen n 214, 8 

Neithart: Hie mit sul wir des gedagen N. 36, 38 

Rugge: [unser leit daz ist ir spil :] wir mugen 

wol stille dagen MF. 97, 34 

die drei übrigen Stellen gehören Reinmar, haben also den Werth einer 

einzigen. 

Ganz werthlos ist die Zusammenstellung der Verse mit guot ^). 

Von den zehn angeführten Stellen sind allein sieben Walther ent- 
nommen, zwei kommen auf Neithart, eine auf Horheim, so daß wir 

eigentlich nur drei Parallelen vor uns sehen, die nichts Anderes als 

das Wörtchen guot mit einander gemein haben. Es berührt höchst 

eigenthümlich , wenn man bedenkt, daß einem hier Verse oder Vers- 

■) ib. S. 155—156. ') ib. S. 158. ^) ib. S. 160. 

GERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIY.) J^hrg. 3 



34 E. TH. WALTER 

Stückchen wie: sist guot; du enhist niht guot; so slt ir niht guof ; daz 
loaei'e guot etc. geboten werden in der Absicht, den Glauben an eine 
Entlehnung aus alten Liedern zu erwecken. 

Nicht anders fühlt man sich berührt von der folgenden Gruppe'): 
Bligger: so ist aber menger sü gemuot [daz 

er der geste haz bejaget] MF. 119, 23 
Walther: der lantgräve ist so gemuot W. 20, 10 

Neithart : erst ein knappe so gemuot N. 3, 9 

(Ders. : minne ist so gemuot 57 97, 6) 

Reinmar : min muot stuont mir eteswenne also 

[daz ich was mit den andern 
frÖ] MF. 174, 7. 

Wie sollte wohl hier etwa der Oi'iginalvers zu allen diesen Variationen 
gelautet haben? 

Ein Gleiches gilt von den Versen mit sivachen ^) ; zu den drei 
Stellen aus Walther:') die sich selben so verswachent (23,21); ...diu 
so swachet (47, 5); ..wie du dich swachest (51, 37) treten 
Morungen : sä zehant bin ich geswachet MF. 135, 22 

und Neithart: daz du mich so swachest N. 23, 39. 

Es bedarf nicht erst der Mühe , die Verse in ihren übrigens 
überall ganz verschiedenen Zusammenhang einzufügen; man wird ihnen 
auch so schon keinen Werth beilegen können. 

Ganz dasselbe, was ich oben über die Gruppe guot *) bemerkte, 
muß ich von den folgenden beiden Zusammenstellungen wiederholen, 
in denen die Verbalform kan und das Verbum tuon als Bindeglieder 
dienen ^). Ein Blick auf die beiden Gruppen genügt;, um ihre Be- 
deutungslosigkeit zu erkennen. 

Die im vorstehenden Abschnitte besprochenen Gruppen fanden 
oder suchten ihre Übereinstimmung nur in einzelnen Worten , im fol- 
genden werde ich 

2. diejenigen Parallelstellen zu behandeln haben, deren Ent- 
sprechung auf einem etwas umfangreicheren Ausdrucke oder einer 
Wendung beruht, wie sie die Umgangssprache des täglichen Lebens 
gewiß schon geformt hatte und leicht dem Dichter in den Mund ge- 
geben haben mag. 



') ib. S. 160. ^) ib. S. 160. 

*) Es sind nicht einmal ganze Verse, die in Betracht kommen. 

') ib. p. 5H(,). 

^) ib. S. 161. In der Gruppe kan fallen wieder von 9 Stellen 5 Reinmar und 2 
Walther zu: desgleichen in der Gruppe tuon von 9 Stellen 5 auf Waltber und 2 auf 
Reinmar, so daß schon ganz äußerlich die beiden Zusammenstellungen an Werth 
recht beträchtlich einbüßen. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 35 

Fast mit in die vorige Abtheilung hätte ich verweisen können 
die Zusammenstellung *) 

3. lat. Liebesbr. : desne soltu dun niemere MF. 224, 26 

Huseii : deswär tuon in niht mere n 51,11 

Walther: lätz iu geschehen niht mere W. 18, 4. 

Eine Menge Stellen liefert das Verbum zergän, das in verschie- 
deneu Verbindungen aufgeführt M^ird -) 

davon mag uns frovde nimmer mer 

zergan CB. 98* 

Meinloh: [wan er ist komen ze lande,] von 

dem min truren sol zergan MF. 14, 29 

Morungen: [swer da enzwischen danne stet und 

irret mich ,] dem müez al 
sin wünne gar zergen :i 126, 35 

Walther: [mich müet], sol min tröst zergan W. 14, 13 

[so enwirde ich anders niht erlost] 

Ders. : sol der (kumhcr) mit fröide an mir 

zergan], n 72, 1 "*) 

Ders. : [der ist eht manger fröiden rieh] 

so jenes fröide gar zei'gät 55 92, 38**) 

Reinmar : sT» ist min truren gar zergan [und 

bin die Wochen wol getan] ^) MF. 203,21 

Ders.: [anders so gestuont ez nie,] wan daz 

beidiu liep und leit zergie n 172, 29"^) 

Ps.-Neithart: [der anger lit | bevangen.] min tru- 

ren deist zergangen N. 130, 7^). 

In allen diesen Versen liegt die Übereinstimmung eigentlich nur 
darin, daß das Verbum zergan zur Bildung von Redensarten verwandt 
ist. Was uns zwingen sollte, Versentlehnungen anzunehmen, sehe ich 
nicht. Warum soll denn außer den vielen anderen Ausdrücken, zu 
denen sich das Wort mit Substantiven auch sonst noch verbunden 
hat, nicht auch ein frovde zergan, truren zergan, wunne zergen, tröd 
zergen, leit zergen in der Umgangssprache sich gebildet haben? 



') ib. S. 133. ') ib. S. 135. 

^) Ich führe die.se Verse, obschon sie bereits citierten Dichtern angehören, nur 
deshalb mit an, weil sie gerade die Verschiedenheit des Gebrauches von zergä/n, zu 
zeigen geeignet sind. 

^) So und nicht wie Meyer schreibt: sol nun fräude nu zergan lautet der Wem 
an der angegebenen Stelle. 

*) Der am Schlüsse der Gruppe noch angefügte Vers: 
Namenl. L. : [Ow§ mir siner jugende!] diu muoz mir 

al ze sorgen ergäu MF. 4, 12 

wäre besser weggeblieben. 

3* 



CB. 


lor 


n 


123" 


Tl 


133 


MF. 


6, 24 



36 E. TH. WALTER 

Daß in den folgenden Versen der Ausdruck des „Frohseins" *) 
auf Entlehnung deuten soll, zumal da er in den vier Zeilen dreimal 
in verschiedener Fassung erscheint: 

[stolze meide |] wesent palt! 
[grüne stat der schöne walt :] des 

suln wir nu wesen halt 
Vrowe, wesent vro 
Namenl. L. : vriunt, du wis vil hochgemuot 

hat wenig Wahrscheinlichkeit für sieh. 

Das Gleiche gilt von den folgenden Zeilen ") • Wendungen mit 
tragen sind dem Mittelhochdeutschen geläufig, hoher muot ist ebenfalls 
ein vielgebrauchter Ausdruck: warum sollte die Verbindung hohen muot 
tragen sich also nicht hier und da einstellen? In den angeführten 
Parallelen findet sie sich überhaupt nur zweimal: 
Reinmar: [War umbe vüeget diu mir leit |] 

von der ich höhe solte tra- 
gen den muot MF. 162, 17 
und Regensburc : [der sich mit manegen tagenden guot ] 

gemachet al der werlte liep] 
der mac wol hohe tragen 
den muot » 16, 7. 

An den übrigen Stellen ziemlich stark variiert, wenn man überhaupt 
von Variation sprechen will. So bei 
Dietmar: Ich muoz von rehten schulden ho | 

[tragen daz herze und al die 
sinne] MF. 38, 5 

und nochmals bei 

Reinmar : [guoten trost wil ich mir selben 

geben] | und min gemüete 
tragen ho n 185, 30. 

In beiden Stellen ist nicht einmal das Reimwort dasselbe ge- 
blieben, worauf Meyer doch sonst mit Recht Werth legt. Der Vers 
Walthers : [edel unde riche | sint si sumeliche,] | 

dar zuo tragent si hohen 
muot: W. 51, 3 

will mir endlich seiner Bedeutung wegen nicht hierher gehörig er- 
scheinen; das hoher muot bedeutet hier gewiß nicht nur so viel wie 
„gehobene Stimmung = Fröhlichkeit", was man bei den obigen Stellen 
MF. 38, 5 und 185, 30 wohl anzunehmen hat, sondern drückt aus 
„hohen stolzen Sinn" ^). 



') ib. S. 136. ») ib. S. 138. 

') Für volksthümUch, d. h. volksthümliclien Ursprungs möchte ich — beiläufig 
erwähnt — den Ausdruck auch uicht lialteu. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 37 

Es folgen vierzehn Stellen mit der Wendung sanfte tuot ^) (vier 
davon gehören Walther an). Die Übereinstimmung beruht nur auf 
diesem Ausdrucke, der, allgemein gebräuchlich, Schlüsse auf Entleh- 
nung nicht erlaubt. 

Nicht mehr besagt die umfangreiche Sammlung mit fri'^), das 
in den verschiedensten Verbindungen aufgeführt wird. Man findet 
zusammengestellt: fri machen oder ß't tuon, fri sin, fri beltben, fri 
tcerden, fri läzen, auch absolut fri in wechselnder Verbindung mit 
leides^ sorgen, von leide, von seneder not, lobes\ dazugefügt sind sinn- 
verwandte Wendungen, wie von sorgen scheiden, von sorgen laere tuon; 
kurz: was wiederkehrt, ist meistens nur der Gedanke; Zusammenhang 
und Form sind verschieden genug, jedenfalls nicht dazu angethan, 
einem die Annahme einer Versentlehnung aus vorhandener Poesie 
nahe zu legen ^). 

Die Redensart den lip Verliesen ist an sich eine ganz geläufige, 
deren Anwendung nicht befremden kann; die Stellen, an denen sie 
vorkommt, haben durchaus nichts Formelhaftes, obendrein findet sie 
sich nur bei drei verschiedenen Dichtern *), nämlich außer in den 
Namenl. L. : [kumest du mir niht schiere,] so ver- 

liuse ich minen Iip MF. 5, 3 

nur noch zweimal bei 
Morungen: [ich mac mich langer niiit erwern] 

den lip muoz ich verloren 

hän n 137, 13 

und in demselben Liede 

[frouwe, mine swaere sich, j] e ich 

Verliese minen lip n 137, 18 

und zweimal bei Neithart: 

ja verliuse ich den lip | [ist si mir 

niht beschert] N. 61, 34 

[daz was ein henne guot | und gienc 

staete unbehuot] da von sie 

verlos den lip n 181, 18^). 

oder vielmehr Ps. N. 



*) ib. S. 139. '') ib. S. 141. 

^) 6 Stellen fallen übrigens aus der Sammluug heraus, da von den angezogeneu 
3 Reinmar, 2 Walther und 4 Neithart zukommen. 

') ib. S. 142. 

') Man könnte den Vers eher gegen Meyer zum Beweise dafür auwendeu, daß 
die Redensart eine allgemein verbreitete war; sonst könnte sie nicht hier in so völlig 
verschiedenem Zusammenhange stehen. 



38 E. TH. WALTER 

In den folgenden Versen *) hängt die Übereinstimmung über- 
haupt nur an der ganz unzweifelhaft bereits von der Umgangssprache 
geformten Wendung al der werke] im Übrigen sind die Stellen grund- 
verschieden: 
Narnenl. L. : den möhte in al der weite ] [got 

niemer mir vergelten] MF. 5, 4^*) 

Dietmar: nu muoz ich al der werlte [haben 

dur sinen willen rät] v 39, 8 

Namenl. L. : [und waerez al der weite leit,J ;? 6, 12. 

Ebenso gewagt ist es, an das zweimalige Vorkommen^) von 
7iäch dem willen mm in den Versen: 
Namenl. L. : [Mir hat ein ritter . . . . j] gedienet 

nach dem willen min MF. 6, 6 

und Dietmar: [er kan wol grozer arebeit] gelönen 

nach dem willen min n 38, 13 

weitere Folgerungen zu knüpfen, dazu ist Ausdruck und Zusammen- 
hang doch gar nicht geeignet. Die Zufügung des nicht einmal gleich- 
lautenden 

Keinmar: sage im durch den willen min MF. 178, 5 

erhöht den Werth der Gruppe nicht. 

Eine der reichsten Zusammenstellungen gründet sich auf die 
Redensart rät tverden *) ; sie wird in 24 Versen aufgeführt. Diese 
schmelzen nun allerdings im Werthe zu 9 zusammen, denn von ihnen 
fallen allein 7 auf Walther, 4 auf Reinmar, 4 auf Rugge, 2 auf Neit- 
hart, 2 auf Dietmar, 2 auf Husen. Aber ganz abgesehen davon: 
Meyer kann doch unmöglich im Zweifel darüber sein , ob hier ein 
Ausdruck der Alltagsrede oder ein rein lyrischer, ja überhaupt lyri- 
scher Vers zu Grunde liegt. Für die letztere Annahme bietet sich 
doch nirgends der geringste Anhaltspunkt. Die Gruppe ist bezeich- 
nend für die Natur der ganzen Sammlung. Der eigentliche Zweck 
derselben ist gänzlich außer Acht gelassen; Ähnliches wird eben 
zusammengestellt, unbekümmert, ob es die. Sache fördert 
oder nicht. 

Die beiden Verse: ^) 
Namenl. L. : swie du wilt, so wil ich sin [lache, 

liebez fi-owelin] MF. 6, 30 

und Walther: swie si sint so wil ich sin W. 48, 7 

verlieren das auffallend Übereinstimmende, das ihnen der erste Blick 
zuerkennt, sobald man sie im Zusammenhange betrachtet. 



') ib. S. 142. 5) nicht 5, 11. ») ib. S. 143. ') ib. S. 143—144. 

*) ib. S. 144. 



ÜBKK DEN UKSr'RirNG DES HÖFISCHEN MINNESÄNGE^ v\v. 39 

In der Strophe der Namenlosen hat die Frau mit jenem Verse 
die Versicherung völliger Ergebenheit von Seite des Mannes erhalten; 
bei Walther will die Wendung besagen, daß er so viel fuoge besitze, 
die Leute nicht zu verdriezen, daß er darum sich nach ihnen richte, 
mit ihnen fröhlich und traurig sei. Der Ausdruck ist an beiden 
Stellen ganz vom Augenblicke eingegeben; seine Übereinstimmung 
gewiß eine zufällige. Die dritte angeführte Entsprechung 
Rietenburc: als wil ich iemer mere sin MF. 18, 24 

ähnelt zu wenig dem Wortlaute den beiden anderen, als daß man sie 
in Betracht ziehen könnte. 

Nichts als einen ganz alltäglichen Ausdruck haben wir auch in 
dem die lotle *) ^= derweile zu sehen, das uns in neun Versen ') (dar- 
unter viermal Reinmar und zweimal Neidhart, so daß vier Stellen 
ungiltig werden) entgegentritt. Das regelmäßig hinzutretende ich lebe 
oder daz leben hän oder ich habe den lip beweist nichts mehr, als daß 
der ganze Ausdruck im gewöhnlichen Leben eben gerade so gebräuch- 
lich war, wie heutzutage unser „so lange ich lebe" oder „mein Leben 
lang". Von lyrischem Verse haftet an der Wendung nichts. 

Was die Stellen mit hohe stau '^) in Verbindung mit muot, gemüete, 
herze angeht, so kann ich nur wiederholen, was ich schon bei sanfte 
tuo7i^) und anderen zu bemerken hatte: es liegt nichts als eine be- 
nutzte Redensart der Umgangssprache vor, deren Verwendung im 
Verse Variation genug zeigt, ja nicht einmal ein bestimmtes Reimwort 
zu Tage treten läßt, so daß man dem Gedanken an einen zu Grunde 
liegenden formelhaften Vers nicht Raum geben darf^). 

Dasselbe gilt in noch höherem Maße von der Zusamraeustellung 
mit inne werden^'') und inne bringen, nur daß das Reirawort das- 
selbe bleibt. 

Vergleicht man ferner die Verse mit umbe icaz ^) näher im Zu- 
sammenhange, so verlieren sie von ihrer Ähnlichkeit wesentlich. 
Meinloh : [Ich bin holt einer frouwen :] ih 

weiz vil wol umbe waz MF. 13, '2 

Morungen: [. . e ich ir iemer diende] ine wisse 

umbe waz n 142, 18. 

Die übrigen Stellen, von denen zwei einander ähnlicher lauten, 
gehören einem und demselben Dichter, nämlich Neithart zu: 



>) ib. S. 146. =) ib. S. 146. 3) oben S. et? 0. 

*) Die 15 Stellen reducieren sich auf 9; 5 gehören schon angezogenen Dicli- 
tern zu. 

») ib. S. 147. «) ib. S. 149. 



40 K. TH. WALTER 

Neithart: [Si sint mir unwaege] sine wizzen 

umbe waz N. 68, 17 

[er ist dir gehaz] ich enweiz niht 

umbe waz 77 75, 22. 

Der folgende Vers erhält den Anschein der Ähnlichkeit nur durch 
die Verkürzung, die ihm im Citate der Zusammenstellung zu Theil 
geworden ist: 

ich weiz rebte nibt war umbe [si 

daz liez] N. 97, 3. 

Doch wäre auch die Zahl der Parallelen (3) größer, ihr Zu- 
sammenhang gleichartiger, so berechtigten sie doch ihrer Natur nach 
niemals zu dem Schluß auf einen geformten Vers, höchstens auf einen 
geläufigen Ausdruck der gewöhnlichen Rede. 

Es folgt eine Gruppe mit hoehen oder besser mit dem gemein- 
schaftlichen Gedanken „einen in frohe Stimmung versetzen" ^). 

Größere Ähnlichkeit zeigen von den angeführten Stellen in der 
Form nur zwei: 
Rugge: [Ein wiser man vil dicke tuot. [ des 

ein tumber nicht enkan.] 

als ime daz boehet sinen 

muot, [so muoz ich leider 

trüric stän] MF. 103, 37 

Reinmar: [sit daz er mir getriuwet wol,] so 

wil ich boehen sinen muot. v 151, 28 
allenfalls noch '^) 
Meinlob: im trüret sin herze | . . . .] nu hcehe 

im sin gemüete [gegen dirre 

sumerzit] n 14, 9 

Die übrigen Stellen verdienen nicht herangezogen zu werden. Der Vers : 

er erfreut mir mein gemüete Uhl. 61, 3 

kommt schon zufolge seines Ursprunges aus der späteren Volkslyrik 
nicht in Betracht, und die beiden übrigen: 

[gelobet stät der grüne walt,] des 

froet sih min gemüte CB. 102"^ 

und Kürenberc: s6 stet wol hohe min muot MF. 10, 23 

haben doch formell gar zu wenig Ähnlichkeit, als daß man sie neben 
die obigen stellen dürfte. Obendrein ist der Gedanke (der in den 
letzteren Stellen auch durchaus nicht genau mit den zuerst ange- 
führten paßt) durchaus nicht auffallend, so wenig, wie die Art ihn 
auszudrücken selten erscheint. 



•) ib. S. 150. ') Der Vers 

daz ir güete mich gehoehet hat MF. 110, 32 

gehört Rugge, also einem schon verwendeten Dichter au, 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 41 

In der folgenden Gruppe: *) 
Rietenburc: [taet ich selbe nicht also] der be- 

twungen stät MF. 19, 11 

Dietmar : [gerne daz min herze erkandej wan 

ez so bedwungen stät v 32, 2 

Morungen: [sit daz diu werlt mit sorgen] also 

gar betwungen stät n 143, 8 

ist vor allen Dingen die gleichmäßige Verbindung mit sfdt als irgend- 
wie auffällige Übereinstimmung zurückzuweisen. Die Anwendung von 
stän ist nicht anders zu betrachten als die einer Kopula; das Verbum 
wird ebenso häufig gebraucht und ist in seiner Bedeutung ebenso 
abgeblaßt, wie eine solche. 

Über den häutigen redensartlichen Gebrauch von beticungen be- 
lehrt uns schon der Zusammenhang, in dem das Verbum in den 
obigen Stellen und in der folgenden erscheint: 
Kegensburc: [ich wil im iemer wesen holt.] si 

sint betwungen äne not MF. 16, 14 

d. h. >|Sie macheu sich ohne Noth Kummer und Sorge". 

Die Bemerkungen Haupts zu der letzteren Stelle bekräftigen 
nur, daß dergleichen Wendungen schon frühe und allgemein gebräuch- 
lich waren. 

Die Ähnlichkeit des Verses: 

der minne wil mich twingen CB. 126 

ist formell zu gering, als daß man auf ihn Rücksicht zu nehmen 
hätte. Dietmar endlich (40, 15) ist bereits citiert. 

Die folgende Gruppe mit ze oder an ein ende bringen oder 
komen"^) hat ja an sich schon darum wenig Werth, weil einmal von 
den angeführten fünf Stellen drei ein und demselben Dichter entnommen 
sind, dann aber ihnen nicht einmal dasselbe Reimwort eigen ist. Aber 
davon ganz abgesehen, darf man die Wendung durchaus nicht als 
etwas vielleicht nur der Liebeslyrik oder der Lyrik überhaupt Eigen- 
thümliches betrachten. Sie war mit verschiedenen kleineu Änderungen 
ganz gebräuchlich und gewiß nicht nur der poetischen, sondern auch 
der alltäglichen Umgangssprache ^). 

Daß von guot dünken das Gleiche gilt "*), bedarf keiner weiteren 
Erörterung. 

Bei der folgenden Zusammenstellung mit nie (jeschach ^) ist der 
Zusammenhang in den drei zur Geltung kommenden Versen doch 



») ib. S. 153. ^) ib. S. 154. 

') Ich brauche nur auf das Mhd. Wb, zu verweisen. 

*) ib. S. 154—155. *) ib. S. 155. 



42 



E. TH. WALTER 



nicht derart, daß wir an einen zu Grunde liegenden t'estgeformten Vers 
denken müßten: 



Dietmar; 



Hiisen : 



Reinmar 



[si hat daz herze mir benomen;] daz 

mir geschach von wibe e nie MF. 35, 4 

[ze fröiden muos ich urlop nemen :] 
daz mir da vor e nie ge- 
schach 

[waene ich des daz mir diu unge- 
lonet läze] se geschaehe an 
mir daz nie geschach 



43, -27 



" 189, 36. 



Es folgen die Stellen *) : 



MF. 36, 13 



N. 58, 29 



,1 MF. 116, 20; 



Dietmar : [ich weiz wol daz tuet ime we] daz 

ist diu meiste sorge min . . 

Neithart: doch ist daz diu meiste sorge mine 

[daz niht langer dienest lie- 
ben Ion erworben habe] 

Rute: [da manic man der süuden sin ver- 

jach,] dö was daz min aller 
nieistiu swaere [daz 
Die übrigen Verse verdienen nicht angeführt zu werden; denn 

der eine gehört dem schon oben herangezogenen Neithart zu; der 

andere aber 

Husen: [des ist er min leitvertrip] und diu 

hoahste wunne min 

begründet seine Zugehörigkeit nur dadurch, daß er von den obigen 
das Gegentheil bedeutet. 

Ob nun diese zu dem Schlüsse auf Entlehnung aus einer Liebes- 
lyrik, ja auf Entlehnung überhaupt berechtigen, erscheint mir mehr 
als zweifelhaft. Hat hier nicht bloßer Zufall gewaltet, so könnte man 
höchstens an eine im gewöhnlichen Leben gebrauchte Wendung denken. 
Recht aus der Umgangssprache herausgegriffen, aber nur durch- 
aus nicht auf Lyrik zurückzuführen, ist die Redensart mit ein heiden, 
wie sie sich in den Versen 
Dietmar^): ja bin ich niht ein heiden [si sol 

genäde an mir begän] 
[swelch kristen kristentuomes gibt 

an Worten und an werken 

niht ] der ist wol halp ein 

heiden 



Walther: 



MF. 40, 24 



W. 7, IS"*). 



findet. 



') ib. S. 155. ') ib. S. 157. 

•*) Auf eine Stute mit den übrigen Versen läßt sich dieser doch nicht stellen, 
deuii in ihm ist das Wort heiden bedeutungsvoller als in jenen. 



ÜBER l'KN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES ote. 43 

Weitere Parallelen gibt Haupt zu 40, 24: 
Gliers: ja enbin ich ein beiden : [so be- 

scheiden ist ii- minuiclicher 

lip.] MSH. 1, 101'' iZ. 5) 

Winterstetteu : diu mich in senden leiden — nu 

lange lät als einen wilden 

beiden n 1, 152'' (Z. 8 

V. u.) 
Stretlingen : si tet als ich w«re ein beiden MS. 1, 45'' (Z. 3 v. u.). 

Der Vergleich mit den heiden ist gewiß — wie ja auch in der 
damaligen Zeit der Kreuzzüge leicht erklärlich — in Jedermanns 
Munde gewesen. 

In den beiden Versen ^) : 
Reinmar: daz ist an minen fröiden mir ein 

angeslicher slac MF. 197, 21 

Walter: und waere an fröide ein angeslicher 

slac W. 115, 1 

mag man wohl etwas Auffallendes an ihrer Übereinstimmung finden. 
Will man hier aber auf Entlehnung (was bei so geringer Zahl von 
Versen nicht sehr rathsam erscheinen will) schließen, so wäre man 
doch viel eher berechtigt, eine Benutzung des Reinmarschen Verses 
von Seite Walthers anzunehmen, als auf Nichtvorhandenes zu fahnden. 

Wenn die Redensart ez ist ein slac auch noch bei 
Dietmar: es waere an miner fröide ein slac MF. 40, 33 

sich findet, so ist dies nicht seltsam, Wendungen mit sine gehören 
zu den sehr gebräuchlichen. Das Wort findet sich in gleicher Bedeu- 
tung in den mannigfachsten Verbindungen ^) , warum soll es nicht auch 
ein oder das andere Mal mit fröide verbunden vorkommen? 

Die Gruppe mit schm tuon hat gar keine Bedeutung '*). Der 
Ausdruck ist ganz verbreitet; die Reimübereinstiramung kann auch 
nicht befremden; denn — wie sich aus einigermaßen sorgfältiger Be- 
obachtung ergibt — wird bei Anwendung zusammengesetzter Aus- 
drücke in derselben Verszeile gewöhnlich eines der beiden zusammen- 
gehörigen Glieder Reimwort; und zwar trifft dies, je nachdem wir es 
mit einem Haupt- oder Nebensatze zu thun haben, das Beiwort oder 
das Verbura. 

Werthlos ist auch die Aufzählung der wenigen Stellen (5, davon 
3 bei Neithart) mit wol im Ausruf*), umsomehr, da es sich hier 



') ib. S. 157. ') cf. d. Mbd. Wb. S. 351 ^) ib. S. 158. 

i ib. S. 158. 



44 



E. TH. WALTER 



Walther: 

Neithart: 

Bei dems.: 
Bei dems.: 



nicht einmal um ganze Verse, sondern nur um einen herausgerissenen 
Ausdruck handelt. Daß derartige Verbindungen mit lool, unpersön- 
liche Sätze, namentlich imperativischer Natur, vollkommen zu dem 
mhd. Sprachgebrauche gehören; dalj ihr Vorkommen nicht viel anders 
zu betrachten ist, als das der gebräuchlichsten Interjectionen, sollte 
ich kaum zu erwähnen brauchen. Ich führe die betreffenden Stellen 
nur an, um zu zeigen, in welcher Weise zuweilen die Gruppen 
der uns vorliegenden Sammlung zu Stande kommen: 
Guotenburc: Nu wol hin [(ez muoz eht sin)] \ 

und Stic ilf, daz herze min] MF. 70, 19 
Nu wol dan [weit ir die wärheit 

schouwen ! ] gen wir. . , .] W. 46, 21 
[Diu muoter sprach] "wol hin ! ver- 

stü übel oder wol, sich daz 

ist din gewin ' N. 21, 27 

[Do sprachs ein alte in ir geile, } 

trütgespil,] wol dan mit mir! N. 3, 16 
'Wol dan mit mir [ [zuo der linden, 

trütgespil] n 10, 32'). 

Die Gruppe mit war nemen^) ist auf 20 Stellen gebracht, von 
denen sieben auf Reinmar, sechs auf Walther und vier auf Neithart 
kommen, so daß die ganze Sammlung nur den Werth von fünf Versen 
besitzt. Im Übrigen gilt dasselbe, was ich zuletzt von schtn tuon^) 
zu bemerken hatte. 

Ebenso steht es mit der Stellensammlung mit leW^); sie schmilzt 
auch ähnlich wie die vorige zusammen; es sind angeführt: Reinmar 
viermal, Walther viermal, Neidhart fünfmal. 

Auch folgende Stellen , die alle das Sätzchen ich loeiz wol auf- 
weisen, haben keine Bedeutung: 
Johansdorf : [Wie sich minne hebt] daz weiz ich 

wol MF. 91, 21 

Wolfram: [. . . diu sorge ist mir ze vruo] ich 

weiz vil wol, [daz ist ouch Wolfr. 8, 8 

ime] 
Ps. -Neithart: ich weiz wol, [und het ich ...J N. 170, 76 

und dreimal bei 
Walther: [swaz ir in tuot, daz rechent iuwer 

jungen] daz weiz ich wol 

[und weiz noch me] W. 24, 2 

etc. 



*) Wie ich schon mehrfach zu zeigen bemüht war, so tritt auch hier wieder 
zu Tage, daß gerade nähere Übereiustimmuugen meist nur bei demselben Dichter 
sich finden. 

') ib. S. 158. ') oben S. 43. ') ib. S. 159. 



ÜBER DEN URSRPUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 45 

Daß diese Verse auf Entlehnung deuteten , obendrein aus lyri- 
scher Poesie, läßt sich gewiß nicht ernstlich behaupten; wir haben 
hier nur ein zufälliges Zusammentreffen auch sonst gewiß ganz ge- 
bräuchlicher Redewendungen, die sich natürlich jedem ungezwungen 
zur Benutzung darboten. 

Die zwölf Verse, deren Übereinstimmung auf der Wendung daz 
herze ist vol beruht '), haben für uns nur den Werth von drei Stellen: 
achtmal wird die Volkslyrik der späteren Zeit herangezogen, und 
zweimal Neithart angeführt. Daß die Ausdrucksweise selbst etwas 
Befremdliches, auf Entlehnung Deutendes haben sollte, kann ich 
schlechterdings nicht finden. Das herze als Sitz des Gefühls, und 
demgemäß mit leit, fröiden, trauren, unmut, jämer angefüllt zu denken, 
war gewiß eine sehr gewöhnliche Vorstellung. 

Bei der Redensart loaz dar umhe? ^) was liegt daran? an Lyrik 
zu denken, erscheint mir mehr als gewagt; die Wendung entstammt 
natürlich nur der Umgangssprache. 

Aus der folgenden Gruppe mit dem Reimworte getan ^) kommen 
nur die drei ersten angeführten Verse in Betracht. Die übrigen vier 
erhaltem durch die Zufügung von lool eine so verschiedene Bedeutung, 
daß sie höchstens gesondert berücksichtigt werden dürften. Dies 
jedoch wäre unnöthig; denn von den vier Stellen mit wol getan ge- 
hören allein drei Walther, die vierte — mit guot statt wol — Neit- 
hart an *). 

Die Verse mit getan allein sind: 
Keinmar: swer in eret | unde im meret | fröide,] 

daz ist mir getan MF. 200, 13 

Neithart: [daz si da mit ir gerunent] deist min 

ungewin] unde ist mir getan N. 7 7, 24 
Walther: [. . . daz ich die getiuret hän | und 

mit lobe gekroenet | diu 
mich wider hopnet] frouwe 
Minne, daz si iu getan W. 40, 2G. 

Auch in diesen Stellen kann ich nichts finden, was den Schluß 
auf einen zu Grunde liegenden Originalvers erlaubte. Warum soll die 
Wendung nicht schon im gewöhnlichen Leben sich geformt haben? 

Eine für die ganze Sammlung recht bezeichnende Zu- 
sammenstellung ist die auf den beiden Ausdrücken tuot ice und tuof 
wol beruhende ^). Von den 15 im Ganzen aufgezählten Versen fallen 
aliein acht auf Walther, vier auf Neidhart, zwei auf Hartmann, eine 



') ib. S. 159. ^) ib. S. 161. ^) ib. S. 102. ') cf. oben S. 30 (3*) 

^) ib. S. 162. 



46 E. TH. WALTER 

auf Morungen : wir babeu also eigentlich nur vier brauchbare Stellen 
vor uns, und in diesen nichts als eine zweifelsohne ganz gewöhnliche 
Redewendung, die obendrein weder einen ganzen Vers einnimmt nocli 
einen solchen mit einem regelmäßig wiederkehrenden Reimworte ver- 
sieht, so daß wir nicht einmal von einem formelhaften Eindruck 
reden können. 

Ganz dasselbe gilt von dem Gebrauche der Wendung äne danc '), 
sie kann nur für neuhochdeutsches Gefühl etwas Befremdliches 
haben: der mittelhochdeutschen Sprache war sie offenbar ganz zu 
eigen. Geltung haben für uns übrigens von Vornherein nicht die beiden 
Stellen aus der späteren Volkslyrik, so daß uns nur der Wert von 
drei Parallelen bleibt (Neidhart dreimal citiert). 



Aus dem bisher Gesagten wird wohl deutlich und klar schon 
die Natur der ganzen Sammlung Meyers zu Tage getreten sein. Es 
fand sich nirgends auch nur eine Schwierigkeit bei dem Versuche, 
alles was uns als auffallende Übereinstimmungen vorgebracht war, 
auf alltäglichen Wortgebrauch und Ausdrucksschatz zurückzuführen. 

3. Doch die Gruppen der Sammlung haben wir erst zur Hälfte 
durchlaufen. Ich überging zunächst noch diejenigen Stellen, in denen 
die Übereinstimmungen einen etwas auffallenderen Eindruck zu machen 
schienen , insofern die den einzelnen Versen gemeinsamen Worte oder 
Wendungen nicht so ohne Weiteres es verriethen, dem Sprachschatze 
entnommen zu sein , sondern durch ihren Gebrauch in einer Liebes- 
lyrik einen etwas bestimmteren, eigenartigeren Charakter angenom- 
men hatten. 

Groß und häufig ist dergleichen eigenartigeres Zusammentreffen 
aber nicht, jedenfalls überall ohne Bedeutung. Denn daß eine Liebes- 
poesie sich an ihr eigenes Lexikon hält, ist doch nur natürlich; und 
daß Wendungen und Worte, sonst keineswegs auffallend, durch gleiche 
Verhältnisse ins Leben gerufen, in ähnlichen Zusammenhang einge- 
fügt einander ähnlicher werden müssen, wird wohl Jedem einleuchten, 
ohne daß ihm darum gleich der Gedanke an die Nothwendigkeit einer 
Entlehnung aus einer verloren gegangenen Volkslyrik berechtigt zu 
sein scheinen dürfte. 

Die folgenden Gruppen haben in Wirkliclikeit nicht größeren 
Werth als die oben bereits besprochenen. 

') ib. S. 162. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 47 

Kanu es bei einer Poesie, die den Fraueudienst zum Gegenstande 
hat, befremden, wenn der Ausspruch einigemal sich findet, daß kein 
Weib dem Dichter besser gefallen habe, als eben das, welches er be- 
singt; zumal wenn der Gedanke durchaus nicht in formelhafter Weise 
zum Ausdrucke gelangt? 
So haben wir bei ^) 
Meinloli : |sit ich ir gunde dienen, |] si geviel 

mir ie baz und ie baz MF. 13, 4 

und Reinmar: [got weiz wol daz ich ir nie vergaz [] 

und daz mir wip geviel nie 
baz 77 174, 36. 

Füge ich noch die Stelle hinzu, wo der Dichter die Frau 
sprechen läßt 

Rugge: |sou sach ich nie deheinen man |j 

der mir ze relite geviele ie 
baz MF. 106, 21 

so sind wir eigentlich mit den Parallelen, deren jede noch immer 
genug Individuelles trägt, zu Ende. Was Meyer zufügt, enthält nichts 
Übereinstimmendes außer dem Worte gevallen. Der Vers 
Walthers : [so läze ir mine rede . . . . ] ein wenic 

baz gevallen W. 71, 9 

hat dem Sinne nach gar nichts, der Form nach wenig (nicht einmal 
gleiches Reimwort) mit den oben angeführten Stellen gemein; ebenso 
steht es mit dem Verse : 

[min vrowe ist ganzer tagende vol, |] 

ih weiz wiez 'ir gevalle CB. 103*. 
Die Worte der Tegernseer Briefschreiberin sagen gerade das Gegen- 
theil zu jenen: 

icli mohte dir deste wirs gevalle MF. 224, 24 '') 

Daß zum Lobe der Frau gesagt wird ') an einer Stelle : 
[si ist ganzer tagende ein adamas] 
und schöner zühte ist si so 
vol,"*) CB. 94% 1 

und an einer zweiten : 

min vrowe ist ganzer tugende vol 77 103* 



') ib, S. 133. 

^) Rechte Übereinstimmuug des Gedankens herrscht eigentlich auch unter den 
ersten drei Stellen nicht; sie findet sich nur in den beiden Versen Mehilohs, dem 
obigen und dem folgenden: 

ie lieber und ie lieber | so ist si 7. allen ziten mir, | 
ie schceuer und ie schoener | : vil wol gevallet si mir. | 
^) ib. S. 134. 
■*) Für vulksthiinilich halte icli den Vers auch durchaus uicht. 



48 K. TH. WALTER 

und endlich mit gewiß nicht der gleichen Bedeutung von 
Walther: dei* herze ist ganzer tilgende vol W. 115, 15 

wird doch wohl kaum zur Annahme einer Entlehnung verführen können. 
Wenn ich die folgenden Stellen mit tivingen ^) erst hier anführe 
und nicht schon in der ersten Abtheilung behandelt habe, so hat das 
seinen Grund darin, daß sie so ziemlich ähnlichen Sinn haben und 
dieser auf Liebeslyrik hinweist. Beweisen läßt sich mit diesen Versen 
nichts; denn Redensarten mit twingen sind so allgemein gebräuchlich 
in den mannigfachsten Verbindungen wie ^) : Kriemhilde twanc groz 
jämer Nbl. 988, 1; waz mich leides tivinget MS. 1. 53"; si twanc ein not 
Trist. 11896; Sifrit twanc des durstes nOt Nbl. 911, 1 u. a. m., daß man 
sich nicht wundern darf, das Wort mit dem Subject minne anzutreffen, 
wie in den Versen '^): 

[der ih diene alle mine tage |,] der 

minne wil mich twingen CB. 126* 

und diu minne twanch sere den man n 14G 

oder Veldegge: [Diu Minne twanc e Salomone: . . . .] 

si twunge ouch mich ge- 
waltecliche MF. 66, 20. 

Formelhaftes haben die drei Verse gewiß nichts an sich; sie 
weisen nicht einmal das gleiche Reimwort auf. 

Die anderen Stellen bringen nur das einzelne Wort ohne sonstige 
Übereinstimmungen wieder, so 

Guotenburc : äne die diu so betwungen mich hat MF. 79, 3 

und Husen: wie sere si min herze twinget 7; 45, 20 

mit wenigstens noch ähnlichem Sinne sind endlich 
Dietmar: [sit hat ich gi-oze swaere. |] be- 

twungen was daz herze min 
[nu wil ez aber mit fi-öiden 
sin] MF. 40, 15 

Kürenberc: diu wil mich des betwingen [daz ich 

ir holt si] 77 9, 33, 

WO der Zusammenhang im Grunde doch eine Parallelstellung mit den 
obigen Versen verbietet. 

Wir kommen an die Verse mit im herzen, tragen ^). „Einfach 
undenkbar", sagt Meyer *), „ist es, daß die Damen des zwölften Jahr- 
hunderts, die doch keine Moliere'schen Prdcieusen waren, oder gar die 
„eisernen Ritter" in ihrer Unterhaltung gesagt hätten: in mmem herzen 



') ib. S. 138. 153. 157. 159. "") ib. S. 138. ^) ib. S. 1.S8. 

*) ib. S. 167. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 49 

ich si trage oder sone wirde ich niemer fro. Das ist nicht der Ton des 
Tagesgesprächs." Diese Bemerkung ist in mehr als einer Beziehung 
nicht stichhaltig. Der Ton des Tagesgesprächs? Natürlich ist er 
das nicht. Das wird auch Niemand behaupten v/ollen ; gedichtet wird 
ja überhaupt nicht im „Ton des Tagesgesprächs". Und mir, wenn ich 
leugne, daß der genannte Vers aus einer verlorenen Volksliebeslyrik 
als „Baustein" entnommen sei, wird es durchaus nicht einfallen zu 
behaupten, der Vers sei, so wie er ist, aus der Umgangssprache 
geholt worden. Aber : die Umgangssprache hat offenbar vielerlei 
Wendungen mit tragen (in ganz anderer Weise freilich als wir im 
Nhd.) gehabt; sie hat auch das herze als Sitz der Gefühle betrachtet; 
die Ritter ihrerseits — die „eisernen Ritter" haben doch Fähigkeit 
und weiche Stimmung zum Dichten gehabt, sie waren sogar zu Zeiten 
so wenig „eisern", daß sie ihre Lieder zum Saitenklange vortrugen: 
sollten sie nicht vielleicht doch einen Ausdruck wie ich trage im herzen 
selbständig haben zu Stande bringen können; oder sollte man Der- 
artiges wirklich nur einem Bauern zumuthen dürfen, der das dann 
freilich aus dem „Stegreife" fertig brachte? Doch der Ausdruck mag 
immerhin existiert haben, er wird es sogar ganz gewiß; es ging 
ja der ritterlichen Liebespoesie genug Sang und Klang voraus; die 
Wendung ist keine solche, daß sie nur in der Liebespoesie sich hätte 
bilden können: es handelt sich hier nur darum, ob die ganzen Verse 
einen volksthümlichen Original vers vorauszusetzen zwingen, und das 
wird man — glaube ich — aus ihnen nicht sehließen können. Ich 
führe die Verse auf: 

[der miune wil mich twingen :] in J 

mime herzen ich si trage, CB. 126* '^ 

K. Heinrich : Sit daz ich si [so gar herzelicheu 

minne | und si äue wanc 
zallen ziten] trage beide in 
herzen und ouch in sinne, MF. 5, 30 
Fenis: daz si mich hiez in deme herzen 

tragen | [diu mir wol mac 
min leit ze vröuden keren] n 81, 38 
Reinmar : sit ichs [äne ir danc] in minem her- 

zen trage ri 171, 27 

und bei demselben ') : 



*) Ich führe die Stelle nur an, weil sie Zeugniß davon ablegt, daß der Ge- 
brauch des Ausdrucks jedesfalls keiner gedankenlosen Entlehnung zuzusclireiben ist, 
vielmehr ein liebevolles Ausspinnen einer oflFeubar geläufigen Vorstellung von Seiten 
eines „eisernen" Ritters zeigt. 

GEKMANIA. Neue Eeihe XXU. (XXXIY.) .lahrg. 4 



50 E. TH. WALTER 

[si gie mir alse sanfte dur min ougen, | 

daz si sich in der enge niene 

stiez] in minem herzen si 

sich nider liez : da trage ich 

noch die werden inne tougen MF. 194, iJ4 — 25'). 
Wo ist in diesen Versen Formelhaftes? Wo ein Zeichen von 
dem Zugrundeliegen eines bestimmten Verses? Nur die Redensart 
im herzen tragen haben sie gemeinsam ; und da wir es mit Liebespoesie 
zu thun haben, tritt natürlich in ein paar Stellen als Object auch 
einmal die minne oder die froiiive ein; andere Verbindungen mit tragen 
sind übrigens auch vorhanden '). 

Es folgt eine Gruppe mit Übereinstimmung in der Anwendung 
des Wortes gedinge ^) : 

[möhte mir an ir gelingen, j ] 

noh lebe ich des gedingen CB. 12G* 
Kietenburc : [Diu nahtegal ist gesweiget I ] 

doch tuot mir sanfte guot 

gedinge [den ich von einer 

frowen hän] MF, 18, 20 

Guotenburc: [Swiech mich erhol,] der gedinge 

tuot mir wol, [Daz ich wol 

weiz . . .] 71 76, 35 

Walther: doch tuot mir der gedinge wol [der 

wile, den ich hän, deichz 

noch erwerben sol] W. 92, 7 

Reinmar: [guot gedinge viz lönes rehte nie 

gebrach.] des habe ich hin 

zir hulden ie gedinge MF. 189, 39. 

über diese Zusammenstellung gilt genau dasselbe, was ich über 
die vorige bemerkte. Meyer jedoch legt offenbar besonderes Gewicht 
auf sie, denn er greift sie zum Beweise seiner Ansicht als Beispiel 
heraus. „Sicher sagte man auch in Prosa einmal diese Hoffnung 
thut mir wohl'", bemerkt er *), „aber wenn Guotenburc und Walther, 
die weder in der Art noch in der Form der Dichtung vielj gemein 
haben, diese Phrase beide anwandten — wie kam da fast genau der- 
selbe Vers heraus? Lag aber beiden derselbe Vers schon vor, so 

*) seneliche swaere tragen ... in dem herzen MF, 12, 6 

bestätigt mir das oben über tragen Gesagte. 

^) cf. oben S. 36. 

') ib. S. 138. 

*) ib. S. 167. Natürlich sagte man mbd. nicht so, sondern der gedinge tuot 
mir tooZ; das meinte Meyer doch wohl auch; wie kommt er dann aber dazu, ein 
paar Zeilen weiter unten genau dns Gegentheil zu behaupten, indem er die Aus- 
dnicksform der gedinge tuot ir vjol recht wenig wahrscheinlich für die Prosa nennt. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 51 

erklärt das Bedürfniß des Liedes allerdingcs leicht die crerinofe Modi- 
fication." 

Ich möchte der Frage Meyers mit einer Frage meinerseits ant- 
worten: wenn Walther den Gedanken „diese Hoffnung thut mir wohl", 
der doch an sich nichts Seltsames hat, zum Ausdruck bringen wollte; 
wenn ihm seine Sprache die Wendung wöl tuon und das Wort gedingp 
dazu bot, wenn endlich der Bau seiner Strophe einen vierhehigen 
Vers verlangte: wie hätte er dann wohl mit aller Mühe es fertig 
bringen sollen, einen von Guotenburc mehr abweichenden Vers zu 
liefern, als er es gethan hat? 

Er wundert sich dann darüber, daß man ihm zumuthen könnte, 
„jenen einfachen Gedanken ganz allgemein etwa in der Form der ge- 
dinge tuot mir wol, wie einen regelmäßigen Vers von vier Hebungen 
ansehen" zu sollen. Dabei vergißt er aber ganz, daß man, sobald 
man nicht, wie er, aus einem verlorenen Liede die Verse in fester 
Gestalt übernommen glaubt, nie an eine Entlehnung ganzer Sätze 
aus der Umgangssprache denkt, sondern nur an die Benutzung der 
der gewöhnlichen Rede eigenen Worte und Phrasen; daß man die 
Gestaltung dieser aber ebenso gut dem dichtenden Ritter überläßt, 
wie es Meyer doch jedenfalls bei dem „Stegreif dichtenden" Bauern 
thut; denn woher sollten denn diese ihre Verse sonst haben? 

Ebenso steht es mit den folgenden Versen ') : 
Mir ist ein wip sere in min gemüte 

chomen CB. 127* 

Dietniar: der ist mir äne mäze komen in minen 

staeten muot, MF. 39, 5 ") 

Morungen: wie waere si mir danne also ze her- 

zen komen? r> 124, 34^) 

Reinmar: mirst komen an daz herze min | ein 

wip n 157, 15. 

Dabei herrscht weder Übereinstimmung im Reimwort noch genau 
im Ausdruck; nur das Wort komen und der Sinn der Stellen treffen 
zusammen. 

Im Folgenden greife ich zwei Gruppen zusammen, da Meyer 
in der ersten auf den Vers an der Spitze der zweiten hinweist *). 



*) ib. S, 138. 

') iJie andere Stelle lautet: 

der an min herze ist nähe komen MF. 35, 29. 

^) Die andere Stelle: 

dem ein wip so nähen an stn herze ge » 138, 6. 
') S. 138 und 141. 

4* 



52 



E. TH. WALTER 



[Solde ich nach dem willen min diu 

zit geleben] daz ih ir ge- 

lege bi! 

so so güetliche diu guote bi mir lit. 

si getuo mich sorgen vri] der ich 

gerne laege bi 
[nu wizzen algeliche j daz ich sin 
friundinne |bin;j ane nähe 
bi gelegen 
[swenn ich daran gedenke |] daz ich 
so güetlichen lac | [vei'holne 
an sinem arme 
daz diu künegin von Engellant | 

laege an minen armen 
[Diu wile schone mir zergat] swenn 

er an minem arme lit 
[Den morgenblic , . . . erkos | ein 
freue,] da si tougen an ir 
werden friundes arme lac 
daz diu guote an minem arme niht 
enlit 

Daß in einer Poesie, wie sie der höfische Minnesang ist, Stellen 
wie die beigebrachten in größerer Zahl sich aufzählen lassen; daß der 
darin enthaltene Gedanke wiederkehrt — liegt gerade in dem Wesen 
des höfischen Minnesanges begründet; doch davon ganz abgesehen 
bieten die Verse durchaus nichts Formelhaftes; es ist immer wieder 
nur der Gedanke und mit ihm der nicht gut zu umgehende gleiche 
Ausdruck, nie aber der ganze Vers, was uns entgegentritt, nicht 
einmal das Reimwort ist gewahrt. 

Nur auf das gemeinsame bt in Verbindung mit wesen gründet 
sich die Zusammenstellung der folgenden Stellen "*), und zwar kommt 
ein doppelter Gedanke zum Ausdruck, in den einen Versen: das treue 
Gedenken an die Geliebte; in den andern das örtliche Beisammen- 
sein. Im ersteren Sinne 

Namenl. L. : irn waer min staetez herze ie nähe bi MF. 4, 25 

Rugge : min herze ist ir mit triuwen bi n 110, 23 



Namenl. L. 
Neithart: 

Meinloh: 



Regensburc : 



Namenl. L. : 



Reinmar : 



Wolfram 



Neithart : 



CB. 


127" 


MF. 


4, 20 1) 


N. 


52, 32 


MF. 


. 13, 22*0 


n 


17, 3 


Ji 


3, 10 — 11 


v 


203, 18 


Wolfr. 3, 3 


N. 


78, 19^). 



') Der mitcitierte Vers MF. 4, 25 

irn waer min staetez herze ie nähe bi 
paßt doch wohl kaum hierher. 

*) Die bisher angeführten Stellen sind ib. S. 138 verzeichuet. Der andere Vers 
Meinlohs: [frö enwirt er nimmer, | ]e er an dineni 

arme | so rehte güetliche gelit MF. 14, 13 

^) ib. S. 141. 
') ib. S. 141—142. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 53 

Walther: [Er saelic man, si saelic wip] der 

herze einander sint mit triu- 
wen bi W. 95, 38. 

Ich kann mich nicht zu der Überzeugung bringen, daß es etwas 
Auffallendes wäre, wenn in einer ausgesprochenen Liebespoesie drei 
mal der gleiche und zwar dieser gleiche Gedanke auch in ähnlicher 
Form zum Ausdruck gelangt. 

Ebenso halte ich doch gewiß nicht mit Unrecht den Wunsch, 
bei der Geliebten zu sein, für so natürlich, daß es viel eher befrem- 
den dürfte, wenn man ihn vergeblich suchen müßte. Daß die Verse 
nähere Übereinstimmung nicht haben, zeigt ein einziger Blick auf die 
folgenden Reihen : 

Dietmar: dar zuo waere ich dir vil gerne bi MF. 37, 1 

Guotenbiu-c : ich solde ir ofte wesen bi [waer ez 

an mime heile] ;; 74, 19 

Morungen: [hei wan solt ich ir noch so ge- 

vangen sin j] daz si mir 
mit triuwen waere bi [gan- 
zer tage dri] 
Bei dems. : [waeren nur die hüetaere algemeine j 

toup und blint,] swenn ich 
ir waere bi, 75 131, 28 

Neithart: [getoerste ich] ja waer ich ir zallen 

ziten gerne bi N. 46, 13 

Bei dems. • [herzekünegin] ich was dir ie mit 

triuwen bi n 66, 26. 

Wenig hierzu passen die beiden folgenden Verse : 
Rute: [ich enmac | niht geruowen] ich en- 

kome ir nähe bi [so daz ich 
ir gesagen müeze waz min 
Wille si] MF. 117, 10 

und Eeinmar: [och weste ich gerne .... j ob er 

iht pflaege wunneclicher 
staete] diu sol im rehte 
wesen bi. n 153, 20. 

Über die zwölf Parallelen mit gemeinschaftlichem holt brauche 
ich wohl nicht weitere Worte zu verlieren '). Die Versicherung, daß 
Eins das Andere liebe, ihm gut sei, liegt doch für eine Liebeslyrik 
so nahe, daß ihr häufigeres Vorkommen für eine Entlehnung in keiner 
Weise sprechen kann. Wenn dazu noch Verse, wie 
Walther: Ich bin dem Bogenaere holt W. 80, 27 

angeführt werden, so kann das wirklich nur komisch berühren. 

') ib. S. 142. 



54 E. TH. WALTER 

Die Sammlung, an deren Spitze der Vers MF. 6, 13 so muoz 
sin wille an mir ergän steht ^), bietet ein recht buntes Durcheinander, 
aus dem einen zu Grunde liegenden Originalvers doch wohl kaum einer 
so leicht möchte herausklügeln können. 

Die ersten acht Stellen (:= sechs, Dietmar und Meinloh sind 
je zweimal vertreten) haben wenigstens ungefähr ähnlichen Grund- 
gedanken, die Form ist überall gründlich verschieden, bald heißt es 
tüüle ergän, bald wille getan; die Reimwörter wechseln, man fühlt deut- 
lich, daß es nur die gemeinsame Anschauung ist, die überall zu 
Grunde liegt — und diese Anschauung ist offenbar in der Weise, wie 
sie sich im Zusammenhange gibt, höfisch conventioneil. Doch 
gleichviel, ob dem so sein mag oder nicht, auf geformte Verse lassen 
diese Stellen nicht schließen, dazu bieten sie äußerlich zu wenig Über- 
einstimmung. 

Zu diesen dem Liebesverkehre eigenen Versen eine Stelle wie 
die folgende 

Walthers:; [daz man da ze himel] ir willen tuot W. 78, 36 

hinzuzufügen (es ist die Rede von der Jungfrau Maria) erscheint 
mindestens recht seltsam, vielleicht liegt ein Versehen vor. 

Ebenso befremdlich ist^die Heranziehung der Stelle: 
Walther: [Herzoge uz Osterricbe,] ez ist iu 

wol ergangen W. 28, 11; 

sowie der übrigen Stellen mit ergangen überhaupt, von denen ich nur 

noch erwähne: 

Neithart: [nü sage mir, liebez tohterlin] ist 

anders iht ergangen? N. 17, 28. 

Die übrigen fünf Stellen sind der späteren Volkslyrik entnommen, 
somit für uns ohne Bedeutung. 

Daß das Epitheton saelic bei man und wip viel gebräuchlich war, 
zeigen die mit diesen Verbindungen versehenen Verse gewiß , weiter 
aber auch nichts. Ich führe von den dreizehn Stellen (von denen 
übrigens sechs, schon genannten Dichtern zugehörige, in Wegfall 
kommen) einige auf ^) : 
Husen : Wol ir, si ist ein saelic wip | [diu 

von Sender arebeit nie 

leit gewan] MF. 54, 1 

Veldegge: [Swer zer minne ist so fruot | . . . .] 

wol im, derst ein saelic man n 61, 36 
Johansdorf : Wol si saelic wip [diu mit ir wibes 

güete daz gemachen kan] n 95, 6 

') ib. S. 143. ^) ib. S. 144. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 55 

Rugge : und wirde ich uoch so saelic mau, 

[daz sich min leit verendet] MF. 109, 33 
Reinmar : er saelic man, [da fröit er sich] n 153, 16 

Walther: er saelic man, [der iuwer lere hat] W. 46, 34 

Hartman : [swer seihen strit | . , . . verläzen 

künde | . . • . ] der waere ein 
saelic man MF. 207, 10 

Neithart: waer ich saelic man N. 89, 21. 

Ich habe die übereinstimmendsten Verse ausgewählt; doch zeigen 
sie alle nur Übereinstimmung in der einfachen Wendung saelic ivq) 
saelic man; auf Entlehnung von ganzen Versen Avird der Schiuli über- 
haupt nicht ermöglicht. Formelhaft ist die Verbindung jedoch ganz 
gewiß, auch glaube ich keinesfalls, die Formel werde sich so in der 
Umgangssprache gebildet haben: vielmehr schreibe ich sie — wenn 
überhaupt dies nöthig sein sollte — der höfischen Poesie in ihrer 
couventionellen Art zu. 

Es folgen Stellen mit se.l^,en^): 
Nameiil. L.: [Ein winken und ein ambe sehen 

wart mir] do ich si nähest 
sach. MF. 6, 21 

Kürenberc: [... man in waz wir redeten,] do 

ich in ze jungest sach. ti 7, 9 

Dietmar: do du mich erst saehe, [dö dühtc 

ich dich zewäre . . • | n 37,26 

Husen : [euch sei si min vergessen niet, | 

. wiech von ir schietj und 

ich si jungest ane sach n 43, 25 

Morungcn : [sist noch hiute vor den ougen min 

als si was dö | do si minnec- 
liche mir zuo sprach [] und 
ich si an sach. v 132, 33 

Reinmar: [Min ougen wurden liebes also vol,[ 

do ich die minneclichen erst 
gesach n 194, 19. 

Außer in den beiden Versen von Husen und Morungen beruht 
die Übereinstimmung einzig auf dem Verbum seheii\ der Zusammen- 
hang ist überall anders, so auch bei den beiden eben ausgeschlosse- 
nen Stellen, die statt sehen die Zusammensetzung an sehen aufweisen. 
Daß so oft von dem sehen, von dem an sehen die Rede ist, erklärt 
sich wohl leicht aus der Natur der Liebeslyrik. 

Auch bei den Versen: '^j 
Meinloh : frö enwirt er nimmer [e er an dinem 

arme gelit] MF. 14, 11 

♦) ib. S. 144. ') ib. S. 145. 



56 E. TH. WALTER 

Johansdorf: [verlüre ich minen friunt] seht, so 

wurde ich niemer mere frö MF. 91, 35 
Reinmar : [Läze] ich mineu dienest 

so, . .] sone wirde ich nie- 
mer frö 
Walther: [ja enwirde ich niemer rehte frö: n 171, 34 

[mines herzen tiefiu wnnde.] W. 74, 13 
erscheint mir der ganze Gedanke viel zu selbstverständlich, als daß 
ich an Entlehnung aus einer früheren Volkslyrik zu denken mich 
gezwungen sehen könnte. Daß die Verse natürlich nicht den „Ton 
des Tagesgesprächs", wie Meyer meint, darbieten sollen, liegt auf 
der Hand. Ich wiederhole, was ich schon oben sagte: den gemein- 
samen Gedanken mußten sie wohl haben, da gleicher Gegenstand sie 
beschäftigte; sehr viel verschiedene Ausdrücke bot die Sprache ihnen 
nicht: was Wunder also, wenn Anklänge oder größere Übereinstim- 
mungen zu Tage traten? 

Die paar folgenden Stellen m'* andern man etc. ') verdienen 
weiter gar keine Beachtung; die Übereinstimmung beruht offenbar 
nur auf einem zufälligen Zusammentreffen; man sieht dies gleich, 
wenn man die Verse im Zusammenhange betrachtet. 

Was hat das an einen andern man in den Zeilen: 

Kärenberc : so du sehest mich, ( so lä du diniu 

ougen gen |] an einen 
andern man. [son weiz doch 
lützel ieman | wiez undr uns 
zwein ist getan] MF. 10, 6 

mit dem entsprechenden Ausdrucke bei 

Meiuloh : [mir rätent mine sinne] an deheinen 

andern man n 13, 26. 

zu thun? 

Was mit den eben genannten die folgenden Verse verknüpft, ist 

wiederum nur der ähnliche Sinn: 

Guotenburc: [deich niemer me die sinne | noch 

minen lip bekere] an dehein 
ander wip MF. 76, 33 

Horheim: [Si darf des niht denken daz ich 

minen muot iemer bekere] 
an dehein ander wip ?) 113, 13. 

Die Übereinstimmung erscheint leicht genug, da wir es eben 

mit einer Poesie zu thun haben, die immer und immer wieder um 

denselben Gegenstand sich dreht, und zwar in um so engerem Kreise, 

') ib, S. 145. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 57 

als es sich um einen Gegenstand handelt, den die Mode mit ihren 
Schranken umgeben hatte. 

Die folgende Gruppe ^) bietet uns als Grund für ihre Zusammen- 
stellung nur das Vorkommen des Verbums gedenken in den ihr ange- 
hörigen Versen: zu der einfachen Wortübereiustimrnung tritt nichts 
sonst hinzu , was uns bewegen könnte an Entlehnung zu denken. 
Die Gruppe ist werthlos. 

Nicht mehr Bedeutung dürfen wir dem Umstände beilegen, daß 
in einigen Versen übereinstimmend der Gedanke, daß der Dichter 
seine Geliebte lieber als alle andern Frauen habe, Ausdruck gefunden 
hat '^). Solche Gedanken, solche Versicherungen werden wohl jedem 
einmal in Sinn und Mund gekommen sein; nicht daß nur einer sie 
gehabt haben könnte oder gar keiner, und sie alle aus alten Versen 
hätten schöpfen müssen. Die Form ist in jedem Verse eine verschiedene. 
Kürenberc: [in weiz wiech ir gevalle mir wart 

nie wip also liep MF. 10, IG 

Husen : [er hat gesprochen dicke wol , ich 

solte im sinj immer liep für 
alliu wip 77 54, 34 

Reinmar: Wart ie manne ein wip so liep [als 

si mir ist, so müez ich ver- 
teilet sin]' 77 173, 27'*) 
l's. -Veldegge: [ir vil minneclicher lip] der liebet 

mir für elliu wip. 77 261, 8. 

Die Gruppe, deren Verse den Ausdruck als der lip zur Bezeich- 
nung des höchsten Grades von Liebe enthalten, führe ich erst hier 
auf [ich hätte sie schon bei Gelegenheit des vorigen Abschnittes bringen 
können], weil vielleicht der überschwänglichen Liebespoesie ein sol- 
cher Vergleich am nächsten liegt *). Daß der Gebrauch der Wendung 
nicht auf eine verlorene Volksdichtung zurückzuführen, vielmehr sprich- 
wörtlich geformt schon lange der Zunge eines jeden herzlich Beteuern- 
den geläufig gewesen sei: dessen wird man wohl gewiß sein dürfen. 

Daß zu Versen wie diu onir ist als der llj) (und ungefähr so 
lauten die übrigen alle) die Stelle 
Reinmar: [ein ritter minen willen tuotj der 

hat geliebet mir den lip MF. 203, 13 
herzlich wenig paßt, leuchtet wohl auf den ersten Blick ein; dennoch 



») ib. S. 145. ■") ib. S. 146. 

') Die. andere Stelle : 

daz si mir lieber si, den elliu wip MF. 197, 4, 

') ib. S. 147. 



58 E. TH. WALTER 

fügt sie Meyer bei; sollte ihn wirklich das Wort lip allein dazu ver- 
führt haben? 

Es schließen sich an die Verse: ^) 
Meinloh : [so muoz er under wilen] senelihe 

swaere tragen | verholne 

in dem herzen MF. 12, 6 — 7 

Dietmar: [sit mich der allerbeste man] ver- 

holn in sime herzen minne » 38, 8 
Neithart: [daz ist mines lieben herzen swaere] 

der ich tougenliche vil in 

minem herzen trage N. 94, 16. 

Vers für Vers Hudeu wir aaderen Sinn, anderen Ausdruck, anderes 
Reimwort; das einzige Gemeinschaftliche ist der Gedanke, daß etwas 
im Herzen verborgen ruht oder geschieht. Eine Entlehnung ist ganz 
undenkbar. 

In den Stelion mit gähen, vergällen und gäch '^) sind außer diesen 
Wörtern weder formelle noch inhaltliche Übereinstimmungen vorhan- 
den. Die Gruppe hat für uns keine Bedeutung. 

Von den folgenden Versen ^) sind zunächst drei, welche der 
Volkslyrik angehören, auszuschließen; die übrigen sieben schrumpfen 
auf vier zusammen, da Neithart dreimal, Fenis zweimal citiert ist. 
Ich greife von diesen diejenigen Stellen heraus, die sich am meisten 
entsprechen: 
Meinloh: da ist gnuogen ane gelungen, [die 

daz selbe hänt getan] MF. 12, 25 

Fenis: [vil lihte gefröuwent si die lichten 

tage,] den da vor ist nach 

ir willen gelungen. n 83, 30 

Morungen: deswär mirn ist nach werde niht 

gelungen t> 136, 22 

Neithart: [. . . nüne lät | jener Irenber |] mir 

niht wol an ir gelingen N. 100, 28. 

Was bei allen diesen Versen übereinstimmend zu Grunde liegt, 
ist der Gedanke: Glück bei der Frau. Dieser Gedanke aber — 
ohnedies höchst natürlich in Anbetracht des Vorstellungskreises, in 
dem wir uns bewegen — findet seinen Ausdruck vom verschiedensten 
Standpunkte aus und im mannigfaltigsten Zusammenhange, so daß 
an einen Originalvers, der nachgeahmt sein könnte, von Vornherein 
gar nicht zu denken ist. Das Wort gelingen in dem hier angewandten 
Sinne ist unzweifelhaft schon in der Umgangssprache gebraucht 
gewesen. 

') ib. S. 147. ^) ib. S. 147—148. 3) ib. S. 148. 



ÜBER DEN UßSPKUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 59 

Nur der gemeinschaftliche, aus dem Wesen der uns vorliegenden 
Poesie ganz ungezwungen sich ergebende Gedanke: ich bin traurig 
— nur die Geliebte kann mich trösten, findet sich in seinem zweiten 
Theile als Übereinstimmung in den Versen : ^) 
Meinloh : [ich triire mit gedanken : | niemen 

kan erweuden daz,] ez tuo 
ein edeliu frouwe MF. 12, 31 

Regensburc: [des ist min herze wunt [ ez heile 

mir ein frowe mit ir minne n 16, 21 
Husen: [Wer niöhte mir den muot | ge- 

troesten,] wan ein schoene 
fiouwe T! 49, 30. 

Wie sollte mau hier auf einen zu Grunde liegenden Vers, der 
nachgeahmt worden wäre, denken? 

Über die Gruppe mit sehen oder besser mit mm ouge oder 7nhie 
ougen, siht oder sehen oder ähnlich ") verweise ich auf das schon oben 
bei demselben Verbum Gesagte ^). Der Zusatz von ouge ändert nichts 
an der Bedeutungslosigkeit der Übereinstimmung; dergleichen weist 
doch nimmermehr auf Liebeslyrik hin. 

Was ich oben von manchen Versgruppen schon bemerkte^), gilt 
auch bei der folgenden: ^) 

Meinloh: stürbe ich nach ir minne [und wurde 

ich danne lebende, so würbe 
ich aber umb daz wip] MF. 13, 11 

Wolfram: ich stirb, mir werde ir minne Wolfr. 10, 8 

Neithart: nach siuer minne bin ich tot N. 3, 13. 

Die formelle Verschiedenheit der Verse liegt auf der Hand; nur 
die Vorstellung ist dieselbe. 

Über die Verse mit nähe ligen etc. ^) gilt, was ich über den ent- 
sprechenden Ausdruck schon früher zu sagen hatte '). Die Reini- 
wörter wechseln obendrein mehrfach, und von den elf Stellen werden 
sechs aus den schon mehrfach angegebenen Gründen untauglich. 

Für den Gebrauch des Ausdrucks herze xount ^) wird man wohl 
kaum einen andern Ursprung als die Sprache nöthig haben; daß er 
sich so oft findet, liegt in der Natur der Sache. 

In den Stellen mit miden haben wir nur Wortentsprechung ''). 
Der Zusammenhang ist immer ein anderer, wie aus der folgenden 
Auswahl '") ersichtlich ist: 



') ib. S. 148. ') oben S. 58 u. ö. '') oben S. 52. 

') ib. S. 148. ») ib. S. 149. ») ib. S. 151. 

3) oben S. 55. «) ib. S. 149. ») ib. S. 151—152. 

'") Fortgelassen sind je zwei Stellen Dietmars und Reinmars. 



60 E. TH. WALTER 

Regensburc : Nu heizent si mich miden | einen 

ritter. MF. 16, 23 

Dietmar: Si wellent daz ich mide [den besten 

fi'iunt, den ieman hat] v 36, 8 

AValther: [..: swenn ich si solte sehen,] so 

miioz ich si miden W. 98, 21 

Reiumar: [mir waere | lip und guot unmaere] 

het ich si vermiten jNIF. 17 9, 20 

Rugge : [nu wil ich tniren iemerme] die wile 

ich si vermiden muoz :: 108, 2. 

Die Wendung gerne sehen liefert eine bedeutende Gruppe ^). Daß 
sie zu den geläufigsten Redensarten gehört haben wird und somit gar 
kein Recht zur Annahme einer Versentlehnung giebt, zumal weitere 
Übereinstimmungen nicht hinzutreten, leuchtet ein. Ihr Vorkommen 
überhaupt ist für eine Liebeslyrik besonders wenig auffallend ^}. 

Vollkommen verfehlt ist die Sammlung der Stellen mit//-ö^). 
Ganz abgesehen von der Hinfälligkeit der Übereinstimmung — sie 
hängt nur an dem einzigen Wörtchen fro — schrumpft die große 
Zahl von Versen, es sind einundzwanzig, auf sieben zusammen*). 
Was soll nun das beweisen, wenn wir bei sieben verschiedenen Dich- 
tern das Wörtchen fro so verwerthet finden, daß es das Reimwort 
abgibt ? 

Auch die Redensart holdez herze tragen ^) ist gewiß schon in der 
Umgangssprache geformt vorhanden gewesen. Daß sie auch durch- 
aus nicht etwa nur in den Minnesang gehört, zeigt schon die Art 
ihrer Verwendung bei 
Spervogel: [ob man dem herren widersage] daz 

er im holdez herze trage MF. 22, 4 

und wohl auch bei 

Husen [den {got) wil ich iemer vor in allen 

haben,] und in da nach ein 
holdez herze tragen -n 47, 8. 

Die zwei Stellen, welche wirklich auffallendere Ähnlichkeit zeigen, 
gehören leider ein und demselben Dichter an , nämlich 
Reinmar: deich im holdez herze trage MF, 178, 16 

deich ir so holdez herze trage n 104, 24. 

Die Stellen mit vei'gezzen ®) würde ich schon bei Gelegenheit der 



') ib. S. 152. ^) Vgl. oben S. 55 u. 59. Fast die Hälfte der Stellen gehört 

Keinmar. ^) ib. S. 152. 

^) Es kommen allein 8 Stellen auf Waltber, 3 auf Reinmar, 3 auf Morungen, 
2 auf Dietmar, 2 auf Rietenburc. 

^) ib. S. 154. Vgl. dazu das oben S. 36 über tragen Gesagte. 

«) ib. S. 154. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. Ql 

bloßen Worteutsprecliungen behandelt haben, wenn nicht insofern 
eine engere Übereinstimmung obwaltete, als in allen den aufgeführten 
Versen von dem gegenseitigen Vergessen oder Nichtvergessen im 
Sinne von „treu bleiben" der Geliebten die Rede wäre. Das ist aber 
auch Alles; formelhaft sind die Verse nirgends. Die mehrmalige 
Wiederholung des Gedankens, der übrigens durch den jedesmaligen 
Zusammenhang entsprechend verändert wird, kann nicht befremden; 
dazu liegt er dem den Liebesverkehr behandelnden Dichter viel zu 
nahe. Obendrein sind es nur fünf Dichter, aus deren Liedern Paral- 
lelen beigebracht sind '). 

Die folgende Zusammenstellung mit fröide stät oder lit '^) mag 
auf den ersten Blick, zumal wenn derselbe [mit den mittel- 
hochdeutschen Wendungen weniger vertraut ist, einer ge- 
wissen auffallenden Übereinstimmung nicht entbehren. Wenn man aber 
bedenkt: daß die Redensarten mit stän und ligen in den mannig- 
faltigsten Verbindungen gebräuchlich sind, daß durch das Conven- 
tionelle, das dem Minnesang nun einmal anhaftete, der 
Dichter unwillkürlich immer wieder zum Ausdruck ähnlicher Gedanken 
gedrängt wurde, daß endlich eine wörtliche Übereinstimmung nir- 
gends vorliegt, vielmehr die Stellen mit lit recht bedeutende Ab- 
weichungen zeigen: so wird man trotz der Ähnlichkeit in Form und 
Gedanken der Vermuthung einer Entlehnung nicht viel Raum geben 
können. 

Daß gescheiden sin einigemal vorkommt ^), will doch gewiß wenig 
besagen; man vergleiche nur die Verse im Zusammenhang: 
Dietmar: riu muoz ich von ir gescheiden siu MF. 32, 19 

Ders. : [des werdent mir diu jär so lanc] 

sol ich von der gescheiden 

sin » 34, 2G 

Husen : icli waene an mir wol werde schin| 

daz ich von der gescheiden 
bin [die ich erkos für elliu wip] " 43, 13 

Walther : [und engets uns beiden ,] wir zwei 

sin gescheiden W. 41. 11 

Reinmar: [daz er iemer solhes iht getuo[ da 

von wir gescheiden sin MF. 178, 7. 

Die Übereinstimmung beruht in Wirklichkeit nur auf dem einen 
Ausdrucke gescheiden und gestattet gar keine weiteren Schlüsse. 

Betrachten wir die Gruppe mit eigen*) genauer, so werden wir 



') ib. S. 154. ') 3mal Neithart, 2mal Walther, L'nial Dietmar, l'mal Rein- 

mar, Imal Rugge. ^) ib. S. 154. •*) ib. S. 155. 



ß2 E. TH. WALTER 

bei einigen Stellen gewiß eine weitergehende Entsprechung finden; 

so bei 

Dietmar: der ich den lip | hän gegeben für 

eigen MF. 40, 20. 21 

Fenis: Lip unde sinne die gap ich für eigen 

[ir vif genäde] v 82, 34 

Walther: eime sult ir iuwern lip | geben für 

eigen, [nement den sinen] W. 86, 19. 20. 

Daß aber diese Übereinstimmung nicht etwa auf einer Versent- 
lehnung beruht, sondern der Anschauungs- und Gemtithswelt der be- 
treffenden Dichter unbewußt entsprungen ist, zeigt wohl mehr noch 
als der eben citierte, durchaus nicht formelhaft zu den beiden ersten 
Parallelen stimmende Vers Walthers, die Stelle aus 
Reinmar: Ich hän ir niht ze gebenne] wan 

min selbes lip ; derstir eigen. MF. 182,18, 19. 

So drückt man sich nicht aus, wenn man au eine alte feste 
Formel denkt, sondern nur wenn die Vorstellung, die in den Worten 
sich zeigt, einem ganz geläufig ist. 

Eine Wendung, die ebenfalls in einer Liebeslyrik kaum ent- 
behrlich scheinen möchte, so wenig sie auch einer solchen ausschließ- 
lich eigen ist, enthalten die Verse mit gedanc '). Was ist natürlicher, 
als daß dem Gedanken hier und da Ausdruck gegeben wird: all' 
mein Sinnen und Denken steht bei der Geliebten, treibt mich zu ihr 
hin; ich denke gern an sie, ich kann nur noch an sie denken u. s. w. 

Auch die bei drei verschiedenen Dichtern gleichartige Formung 
der Wendung aller min gedanc stet darf nicht befremden; wir haben 
es nur mit einer allgemein üblichen, gewiß auch schon in der Um- 
gangssprache gebrauchten Redeformel zu thun. Das zeigt uns schon 
der verschiedenartige, keineswegs nur in den Bereich der Liebeslyrik 
gehörige Zusammenhang, dem die Stellen angehören: 
Dietmar: [frouwe, mines libes frouwe] an dir 

stet aller min gedanc MF. 36, 35 

Rugge: ie noch stet aller min gedanc [mit 

triuwen an ein schcene wip n 99, 36. 

In ähnlichem Zusammenhange stehen die verwandten Ausdrücke: 
Morungen : nach der min gedanc | sere ranc MF. 139, 23. 24 

Husen : . . daz ich niene kan | gedenken 

wan an si alleine v 44, 15. 16. 

Daß diesen Versen mit den vorhergehenden gleiche Originalverse 
zur Nachahmung vorgelegen haben sollten, ist eine Behauptung, die 

■) ib. S. 156. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 63 

Meyer wohl selbst nicht recht glauben wird, ebensowenig wie er 

ernstlich meinen kann, daß ein Vers wie der folgende 

Neithart: von im so treit mich aller min gedanc N. 45, 22 

der genau den entgegengesetzten Sinn hat, oder die übrigen, die in 

ihrer Anwendung der fraglichen Redensart nichts mit jenen bereits 

genannten Stellen gemein haben, in einem andern Zusammenhange 

stehen als wie ihn die Sprache selbst an und für sich zu bieten pflegt. 

Ich führe den Rest der Stellen auf: 

Rugge: üf bezzer Ion stet aller min gedanc MF. 102, 26 

Neithart: umbe ein scheiden, so stet aller min 

gedanc N. 87, 17 

Guotenburc : [bete ich funden deheine so guote] 

da nach kert ich gerne 

minen gedanc MF. 78, 18. 

Es finden sich ferner zusammengestellt: ') 
Dietmar: als wirz uns beide hän gedäht, | so 

hat erz an ein ende bräht 

mit maneger fröide und liebes 

vil.] MF. 40, 7. 8 

Dazu Rugge: [mit ir ze redenne äne strit] nach 

minem willen alsen ich hän 

gedäht, V 109, 21 

Walther: ezn kome als ich mirz hän gedäht 

[umb ir vil minneclichen lip] W. 72, 3, 
In welcher Absicht fügt nun Meyer diesen drei Stellen als 
Parallele bei: 
NIbelungenl. : du hast ez z'eime ende nach dime 

willen bräht, 
und ist ouch rehte ergangen als ich 

mir bete gedäht V. 2307, 3. 4. 

Könnte er wirklich meinen, jenen drei Minnesingeiu und dem Dichter 
der Nibelungenliedesstelle habe ein Vers aus der Volksliebespoesie 
vorgelegen, den sie nun pflichtschuldigst nachgeahmt hätten? Ich 
möchte doch wohl eher Recht haben, wenn ich gerade im Hinblick 
auf die obigen Entsprechungen besondern Nachdruck auf meine schon 
oft ausgesprochene Ansicht lege , daß die Sprache wie heute so da- 
mals dem Dichter viel mehr an die Hand gab, als es beim ersten 
Blicke scheinen will: nicht nur Wörter, nicht nur Wendungen, sondern 
oft genug ganze Vorstellungen, geformt und ungeformt; sprich- 
wörtliche Redensarten u. dergl. so gut wie das heute und jeder- 
zeit geschieht ^). 



') ib. S. 1.5fi. ') Dasselbe gilt auch für die Stellen auf S. 154. 



64 E. TH. WALTER 

In der folgenden Gruppe ') beruht die Entsprechung auf den 
beiden Worten alliu lolp oder ähnlich mit geringen Abänderungen. 
Bei einer Anzahl von Stellen tritt wenigstens noch ein ähnlicher Sinn 
hinzu, nämlich daß der Dichter der Geliebten den Vorzug vor allen 
Frauen einräumt; in anderen fehlt diese Beziehung. Aber auch wo 
sie vorhanden ist, läßt sich mit den Stellen nichts erweisen. Daß die 
zwei nebeneinander stehenden Worte alliu wip entlehnt sein sollen, 
kann Niemand behaupten, ohne sich lächerlich zu machen. Daß der 
Gedanke „ich bin Dir vor Allen ergeben", ausgedrückt in der alier- 
verschiedensten Weise in einer Liebeslyrik nicht gerade mit Verwun- 
derung aufzunehmen ist, wird mir wohl auch keiner bestreiten. Die 
Zusammenstellung hat durchaus keine Bedeutung. Ebensowenig 
die folgende **), die ihre Übereinstimmung in dem Verbum erkorn oder 
erkos mit entsprechender Ähnlichkeit des Sinnes findet. Wie in der 
vorigen Gruppe, so ist auch in dieser der Gedanke durch die Art 
der Poesie, in deren Kreis wir uns befinden, nothwendig gegeben. 
Daß die Wörter erkos oder erkorn und lotp vorkommen müssen, ist 
ja klar; im Übrigen unterscheiden sich die Verse sammt und sonders 
so gründlich von einander, als es nur möglich ist. An eine Versent- 
lehnung kann gar nicht gedacht werden. 

Den Schluß dieser Abtheilüng bilde die Gruppe mit gesach^), 

von der zum Theil dasselbe sich sagen läßt, was von den beiden 

vorhergehenden galt. Es sind die Stelleu : 

Morungen: wan in gesach nie wip so rehte guot MF. 142, 25 

Keinmar: Ich ensach nie wip so staete [. . . diu 

so harte missetaete, | so si 
tuot] 57 202, 19 

Neithart: ich gesach nie jungez wip so grim- 

meclich geslahen N. 47, 32 

Ders, : Ich gesach nie jungez wip so lose 

[diu ir lip den mannen künde 
baz versagen] n 48, 29. 

Daß bei den folgenden Stellen blos die drei ersten Worte 
der Verse angeführt sind, macht allein ihre Heranziehung möglich; 
denn wer sollte wohl auch nur einen Augenblick an eine Beziehung 
zwischen den oben angeführten Versen und 



') ib. S. 157. ^) ib. S. 157. Bemerken will ich hierbei doch, daß in dieser 

Gruppe drei Stellen, die bereits in der vorigen ang'eführt sind (N. 43, 14; N. 50,31; 
Mor. 130, 31. 32), nochmals voll citiert werden. ^) ib. S. 161. 



ÜßER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. ßf) 

Ich gesacli don suiner uie ^) CB. 115" 

oder Walther: In gesach nie houbet baz gezogen W. 52, 31 
glauben wollen, wenn er die vollen Verse zu Gesicht bekommen iiat? 
Eine Anzahl von Gruppen habe ich bisher von der Besprechung 
ausgeschlossen, weil mir die Übereinstimmung, die ihre Verse unter- 
einander vorbindet, weitgehender erschien, als es für gewöhnlich der 
Fall war. 

Entweder sind es hier die ganzen Verse, die eine formelhafte 
Gleichheit eines nicht gerade durch den Zusammenhang nothwendig 
bedingten Gedankens zeigen, oder es sind Theile von Versen, die 
oft nur wie zur Füllung erscheinen, oder auch nur regelnuäßig in 
einigen Stellen wiederkehrende Gedanken, Vorstellungen oder Wort- 
verbindungen, von denen man nicht so ohne Weiteres vermutiien 
dürfte, daß sie den verschiedenen Dichtern durch den Zufall allein 
eingegeben worden seien. 

Gleichwohl haben auch diese Gruppen für uns keinen Werth. 

Wir werden bei ihrer Besprechung zu der Einsiciit kommen, 
daß sie auf alles Andere, nur nicht auf die nothwendige Existenz 
einer Liebeslyrik schließen lassen, die der Natur des Minnesanges 
entspräche, ja nicht einmal auf eine Liebeslyrik überhaupt '^). 

Sie mögen aus sprichwörtlichen Redensarten der Umgangssprache, 
festen Formeln anderer Dichtungsarten hervorgegangen und so in 
ganz natürlicher Weise in die Lieder der ritterlichen Poesie — ohne- 
liin nicht in bedeutender Anzahl — übergegangen sein. 

Ich wende mich also nunmehr 

4. zu denjenigen Gruppen, die trotz größerer Übereinstimmungen 
doch nicht auf eine Liebeslyrik schließen lassen infolge ihres ent- 
weder nicht auf eine solche beschränkten oder sogar ihr fern stehen- 
den Inhaltes. 

Es begegnet mir zuerst die Gruppe mit volae du miner lere ^). 
Die Wendung, die doch gewiß den echt lehrhaft- spruchartigen Cha- 
rakter nicht verleugnen kann, findet sich in ziemlich unveränderter 
Form nur 



') Übrigens hat Meyer in dieser Stolle eine größere Ähnlitdikelt dadurch er- 
reicht, daß er — ohne es anzudeuten — das die Übereinstimmung störende Wort 
den sjimer einfach ausgelassen hat!! 

^) Damit wird natürlich eine solche nicht bezweifelt; es handelt sich hier nur 
um den Schluß, den uns die folgenden Stellen erlauben. 

^) ib. S. 133-134. 
GEKMANIA. Nene Reihe. XXU. (XXXIV.) Jahrg. 5 



66 E- TH. WALTER 

3. lat. Liebesbr. : friunt volge du miner lere MF. 224, 26 

Spervogel: [. . . . neme ze wisem manne rät] 

und volge ouch siner lere r 20, 16 
Walther: da von volge miner lere [leg üf die 

wäge ein rehtez löt] W. 23, 7 

Ders.: doch volg ich der alten lere: n 65, 12') 

Neithart: [die rätent und prüevent daz ich äne 

16n belibe] niht envolge ir lere N. 54, 21 
Ist es nicht hierbei auffallend, oder vielmehr recht bezeichnend, 
daß die Wendung gerade bei den Vertretern der Spruchdichtung 
Spervogel und Walther und sonst nur bei dem späteren Neithart 
in ihrer festeren Form sich findet? Denn die Stelle aus dem Liebes- 
briefe ist ja auf keinen bestimmten Ursprung zurückzuführen, sie hat 
in dieser Beziehung keine Bedeutung^).' 

Eine vollere Wendung, deren Gebrauch ebenfalls ganz unzweifel- 
haft der Umgangssprache bereits eigen gewesen ist, bieten dann die 
Verse ^): Solde ih noh den tach geleben CB. 99* 

solde ih nah dem willen min die 

zit geleben ti 127" 

Johansdorf: Und solde ich iemer daz geleben MF. 92, 28 

Husen : Gelebt ich noch die lieben zit n 45, 1 

Walther: Müeste ich noch geleben .. W. 112, 3^) 

Neithart: Owe, gelebte ich noch den tac N. 80, 9, 

Nicht eben auf's beste paßt dazu 

Solde aver ich mit sorgen iemmer 
leben [swenne ander lüte wercn frö?] CB. 128° 
Hierher gehören auch die vier Stellen, die den Ausdruck hoher 
Freude ziemlich übereinstimmend wiedergeben ^) : 

so wolde ih in wunne sweben CB. 99" 

Johansdorf: so mües min herze in fröiden sweben MF. 92, 30 

Walther: [wi wie tuont die jungen so] die 

von fröiden solten in den 
lüften sweben W. 42, 3 4^) 

Neithart: der waenet in den lüften sweben N. 93, 31. 



') Die anderen beiden Stellen schon ganz anders: 

[Welt ] volge wiser liute tugent W. 60, 25 

min friunt, im volge mir n 89, 13. 

^) Nicht wörtlich stimmen zu den aufgeführten Stellen 
Johansdorf: volgent miner raete MF. 94, 5 

Neithart: ja volge ich iuwer raete N. 21, 19 

') ib. S. 135. ^) Die beiden anderen Stellen Walthers: 

noch müeze ich geleben W. 31, 27 

doch müeze ich noch die zit geleben W. 98, 22. 

^) ib. S. 135. «j Der andere Vers: 

min herze swebt in sunnen ho W. 76, 13. 



ÜHKli DKN UliSPHUNO D?:-^ HÖFISCHEN MINNESANGES etc. Ö7 

Auch mögen hier ihren Platz finden die Verse ^) : 

lazze mich mit fröuden werden alt, CB. 94* 
Neithart : mit vröuden sul wir alten N. 1<5, 1 <> 

Biigger: [Er fände guoten kouf an minen 

jaren,] der äne vröude wolte 
werden alt, [wan si mir lei- 
der ie unnütze wären] MI'\ 118, 20 
Walther: [Swer sich so behaltet | daz im nie- 

men niht gesprochen mac \] 
wünnecliche er altet, [im 
enwirret niht ein halber tac] 
Daß die Verse nur einer allgemeinen Redeweise oder Vorstelhing 
ihre Ähnlichkeit verdanken, ist wohl ebenso leicht einzusehen, als es 
offen auf der Hand liegt, daß bei ihnen an eine Entlehnung aus einer 
Liebeslyrik gar nicht zu denken ist; an eine Entlehnung überhaupt, 
jedenfalls wohl nicht bei Biigger und Walther. Verse, die so wie bei 
diesen im engsten und keineswegs formelhaften, sondern eigenthüm- 
lichen Zusammenhange stehen, sind sicherlich nicht entlehnt, sondern 
selbständig — höchstens mit unbewußter Anlehnung an in der Sprache 
liegende Ausdrücke oder Vorstellungen — entstanden. 
Dasselbe gilt von den folgenden drei Versen"): 

. . wer were alt, [da sih diu zit so 

schönet?] CB. 101" 

Nieman chan nu werden alt, n 102' 

Walther: [swar er vert in siner wünnc,] dan 

ist nieman alt W. 51, 20. 

Der Gedanke ist ganz gewiß volksthümlich, aber beweisen läßt sich 
darum noch nichts damit. Ich möchte sogar geradezu behaupten, 
daß er recht eigentlich den volksthümlichen Frühlingsliedern ange- 
höre , daß er die Kunde von der Ankunft des nieien gewiß recht 
regelmäßig in dergleichen Liedlein begleitet haben mag. Mit einer 
dem ritterlichen Minnesang als Vorstufe dienenden Liebeslyrik hat er 
aber nichts zu thun. Findet er sich doch auch sonst kaum wieder 
in der höfischen Poesie früherer Zeit; nur Walther hat ihn, und bei 
diesem dürfen solche Anklänge nicht befremden. 

Ganz unpassend ist die Heranziehung der Stellen, welche eine 
Umschreibung des Namens Gottes enthalten'''); sie haben für unsere 
Frage auch nicht den leisesten Werth und geben nur ein Zeugniß 
davon, wne unklar das Bewußtsein von dem Zwecke der ganzen Samm- 
lung gewesen ist. 

•) ib. S. 135. ') ib. S. 135. ') ib. S 139. 



68 E. TH. WALTER 

Es sind die Verse: 

der al der werlt ein meister si, CB. 165" 

Dietmar: der al die weit geschaffen hat MF. 38, 23 

Ders. : der uns alle werden hiez, wie ... v 36, 28. 29 

Johansdorf: der al der werlte fröude git ^^ 92, 14. 

Was bei der Stelle ^) 
Namenl. Lied: nu entgilte ich des ich nie genöz MF. 4, 4 
der Hinweis auf Anm. 4, 4 im Minnes. Fr. bedeuten soll, ist mir höchst 
unklar. Die Anmerkung mitsammt ihren mannigfachen Parallelen be- 
sagt gerade gegen Meyer, daß die ganze Wendung allgemein ge- 
bräuchlich gewesen sein muß, jedenfalls weder auf Liebeslyrik noch 
auch auf Lyrik überhaupt beschränkt werden darf. 

Die Gruppe, deren Verse Redensarten mit maere enthalten'^), 
hätte ihren Platz vielleicht schon in einer der früheren Abtheilungen 
erhalten können. Nur der in einer Anzahl von Stellen ziemlich er- 
sichtliche formelhafte Charakter der Verbindungen hat mich dazu ver- 
anlaßt, die Zusammenstellung erst hier zu erörtern. Es gilt von ihr 
dasselbe, was ich schon mehrmals betont habe: einen Schluß auf 
Liebeslyrik erlaubt sie nicht, im besten Falle mag man sie auf an- 
dere Dichtungsarten zurückführen. 

Auch die Stellen mit der Redensart sine arebeit Verliesen ^) hätte 
ich schon andernorts behandelt, wenn nicht bei zwei Dichtern je ein- 
mal ganz genau derselbe Vers sich fände, nämlich: 
Rietenburc: sie fliesent alle ir arebeit MF. 18, 7 

Reinmar : sie fliesent alle ir arebeit n 184, 27 

und noch einmal bei demselben wenigstens ähnlich: 

der verliiTset al sin arebeit n 172, 31. 

Ich glaube zwar durchaus nichl, dieser Übereinstimmung irgend 
welchen bedeutenden Werth beimessen zu müssen; vielmehr besteht 
für mich gar kein Zweifel darüber, daß hier Zufall gewaltet habe; 
bei einer Redensart, die schon selbst aus drei Wörtern besteht, kann 
ja naturgemäß zur Bildung eines vierhebigen Verses nicht viel mehr 
hinzutreten : wie leicht ist da also eine Übereinstimmung möglich. 
Indessen sind noch zwei andere Stellen angeführt: 
Walther: [daz er den (dorn) furder leite] von 

siner arebeite : sist anders 

gar verlorn W. 103, 27. 28. 

Neithart : min verloren arebeit . . N. 64, 2 

um derentwillen ich die Gruppe hier behandelt habe. Daß mit ihrer 

') ib. S. 140. ib. S. 150. ■■) ib. 8. 1.52. 



ÜBER DEN URSIMIUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES e\c. [\\) 

ZuliiltfUiihuie eine Verseutlelmung nicht bewiesen vverdeu kunu, be- 
darf keines Wortes; dazu ist ihre formelle Verschiedenheit von den 
oben angezogenen Stellen zu groß. Darauf möchte ich hier nur noch 
aufmerksam machen, daß auch die Redensart selbst nicht etwa einer 
poetischen Bildung zu verdanken sei, sondern offenbar in der Um- 
gangssprache ihren Ursprung hat. 

Unzweifelhaft eine feste, wenn auch höchst einfache Formel, liegt 
uns in den Versen mit ist mm rät vor *). Daß sie mit Liebeslyrik 
nichts zu thun hat, bedarf nicht der Erörterung. 

Dasselbe gilt auch von den Stellen mit daz ist war -) (wenn man 
nicht von vornherein den Zufall will gelten lassen). 

Ebenso ist die Wendung senfter ivaere mir der tot ^) gewiß als 
spiichwörtliche Redensart allgemein gebräuchlich gewesen, um etwas 
ganz besonders Unerträgliches auszudrücken; jedenfalls hat sie nichts 
an sich, was sie nothwcndig einer Liebeslyrik allein zuwiese. 

Es folgen die Stellen *) : 
Rugge: nu hat er beidinthalb verlorn, [wände 

er vorlite daz got im gebot, 
durch in ze liden die not 
und den tot] MF. 98, 39 

Haitmann: [Die fi-iunde habent mir ein spil \ 

geteilet vor,] dest beident- 
lialp niht wan verlorn : 75 216, 9 

Ps.-Spervogel : [Swer des biderben swache phliget, | 

da bi des bo'sen wol] der 
hat si beide verlorn ri 245, 27. 

Ich weiß nicht, ob Meyer das Wort heidinthalp auffallend vor- 
kommt, was es ja durchaus nicht ist, oder ob er die Verbindung mit 
verlorn als etwas Besonderes betrachtet: hätte er die Verse im Zu- 
sammenhange betrachtet, so würde er wohl kaum in einer offenbar 
zufalligen Übereinstimmung — obendrein eigentlich doch nur in zwei 
Stellen — den Grund für eine Entlehnung haben finden können. 
Sollte übrigens wirklich eine Entlehnung irgendwoher stattgefunden 
haben, so wäre man jedenfalls weder auf Liebeslyrik noch auf Lyrik 
überhaupt — fast möchte ich sagen: noch auf poetisch gestaltetes 
Material überhaupt angewiesen, sondern dürfte sich vielmehr richtiger 
im Formelschatze der Umgangssprache umsehen. 

Auffallender sind entschieden die folgenden Verse: ^) 

') ib. S. 1.53. ") ib. S. 160. 

") ib. S. 153. ^) ib. S. lüO. 

^) ib. S. 154. 



70 



E. TH. WAl.TEli 



BHgger: Min alte swaere die klage ich für 

niuwe [wan sie getwanc 
mich so harte nie me] MF. 118, 1 

Morungen : [Leitliche blicke und | hänt 

mirdaz herze verlorn] 

min alte not, die klagte ich 

für niuwe n 133, 15 

Guotenburc: [daz lenget mir die kurzen tage] und 

niuwet mir die alten klage, 
[von der ich wände sin er- 
lost] V 70, 35 

Reinmar: Nu muoz ich ie min alten not | mit 

sänge niuwen unde klagen, 
wan si mir also nähen lit] n 18 7, 31. 32 

und ders. : ich klag iemer minen alten kumber, 

der mir iedoch so niuwer 
ist [den si mir gap dö si 
mir fröide nam] n 189, 11. 12. 

Eine feste Formel liegt uns auch unstreitig vor in den Versen : ') 
Moiungen: owe war umbe tuot er daz? MF. 143, 1 

Walther: we war umbe tuot si daz? W. 112, 33 

Ders.: [die kunnen niuwan sorgen :] we wie 

tuout si so? n 124, 20 

Neithart: we warumbe tuont si daz? N. 89, 17 

Reinmar: we wie tuost du so? R. 190, 32 

Ders.: we warumbe spiiche ich daz? ti 193, 17. 

Aber die Herleitung dieser Formeln aus der Liebeslyrik ist nicht 
begründet. Darum, daß sie jetzt in einer solchen gebraucht sind, 
darf man natürlich noch lange nicht rückwärts schließend sagen, sie 
wären darin entstanden. Entweder war die Wendung allgemein 
verbreitet, oder sie hatte sich in irgend einer der vorhandenen Dich- 
tungsarten geprägt. Bestimmtes läßt sich über dergleichen Vorgänge 
natürlich selten sagen, umsomehr muß man sich hüten darauf Be- 
hauptungen zu gründen. 

Damit ist auch diese Abtheilung geschlossen, und es bleiben mir 
nur noch einige Stellen übrig, welche 

5. Ausdrücke enthalten, die ich darum für unsern Zweck als 
unbrauchbar zurückweisen muß, weil sie offenbar nicht volks- 
thümlich sind. 

Hierher gehört zunächst die Gruppe mit hohen muot^). Für 
volksthümlich halte ich diesen Ausdruck, wie er im Minnesang vor- 
kommt, nicht. Er ist durchaus nicht etwa identisch mit unserm 



») ib. S. 161. 



') ib. S. 134. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 71 

„Fröhlichkeit" schlechthin, vielmehr bezeichnet es den stolz gehobe- 
nen Sinn, der den Uitter im Dienste der Frau erfüllte, wenn ihm 
Gewährnng winkte. Mau vergleiche die Stelle bei 
Morungen: liebe diu git mir huhen muot, (dar 

zuo l'reud uude wüuuej MF. 13'i, '23. 

Der Zusatz freud unde wünne verlangt nothwendig eine andere Be- 
deutung für hohen muot. 

I\Ian beachte ferner die Stelle bei 
Walther: edel unde riche { sint si (d. frouwen) 

sumeliche, ] daz zno tragent 
si hohen muot W. 51, 1 — 4. 

Auch hier ist der Sinn des Ausdrucks deutlich erkennbar; edeln, hohen 
Sinn rühmt Walther an den Frauen, nicht Fröhlichkeit, frohen Sinn 
oder dergleichen. 

hoher muot ist ein Ausdruck, der wohl in dem höheren gesell- 
schaftlichen Kreise, dem der Minnesang zugehört, seine Stätte hatte, 
nicht aber in dem „bäuerischen Stegreifdichten", von dem Meyer 
spricht, seinen Ursprung suchen darf*). 

Dasselbe urtheile ich über den Gebrauch des Verbums niidertän, 
das eine nicht geringe Gruppe bildet "). 

Ich fasse mit dem Ausdruck undertdn gleich die Wendung sivaz 
sie gebildet, daz allez si getan und ähnlich ^) zusammen. 

Beide Ausdrücke halte ich in ihrem Gebrauche innerhalb der 
hölischen Poesie für echt höfisch und von vornherein nicht für 
volksthümlich. Diese dienstbare Ergebenheit unter den Willen der 
Frau ist- ein charakteristisches I\Ierkmal für den conventioneUen 
Frauendienst und die denselben feiernde Poesie: den ritterlichen 
Minnesang. Volksthümhch ist ein solches Verhältniß, wie es sich aus 
jenen Wendungen kundgibt, durchaus nicht. 

Das Gleiche darf ich wohl, ohne noch weitere Worte zu verlieren, 
von den Stellen mit dienen behaupten ^). 

Auch die Stellen mit edel unde guot etc. ^) bleiben der höfischen 
Poesie unweigerlich zu eigen, edel wird zur damaligen Zeit von Men- 
schen immer nur mit Bezug auf vornehme Abkunft gebraucht; 
wir dürfen noch nicht mit einer verallgemeinerten Bedeutung des 
Wortes rechnen. Dieser Sinn des Wortes verbietet aber, dasselbe einer 



') Übrigens sind nur vier Dichter mit dem Ausdrucke vertreten: Naineid. liied 
einmal, Morungen und Keinmar je zweimal und Walther viermal. 

') ib. 8. 136—137. ^) ib. S. 151. *) ib. S. 149- 150. *) ib. S. 151. 



79 E. TH. WALTER 

volksthümlichen Lyrik noch früherer Zeit als Epithetou für die 
Frau zuzusprechen. 

Ebenfalls der ritterlichen Poesie weise ich die Stellen mit 
riten zu '). 

Jedenfalls nicht volksthümlich sind endlich Verse wie 
Venus schiuzet iren bolz CB. 111* 

Venus wil mi schiezen ;? 124* 

die Meyer ebenfalls heranzieht "). 



Damit habe ich die Stellengruppen der Meyer'sehen Sammlung 
vollzählig besprochen. Nur zwei Gruppen habe ich absichtlich bis- 
lang übergangen, weil ich später auf sie noch werde eingehender zu 
sprechen kommen. Es sind dies die Parallelen zu MF. 3, 1 — 4'^) 
und diejenigen zu CB 136"*). 

Es bleibt mir nur noch übrig, kurz das Ergebniß meiner Unter- 
suchung; zusammenzufassen. 



Fragen wir uns zunächst noch einmal: was beansprucht Meyer 
durch die vorliegende Sammlung bewiesen zu haben; und 
welche Consequenzen knüpft er an das angeblich erlangte 
Resultat? 

Wir sind in der Lage, mit seinen eigenen Worten zu ant- 
worten"): „Wir haben nun, wie ich glaube, die Existenz 
einer großen Anzahl vonVersen, die in der verloren gegan- 
genen Volksdichtung gerade wie noch in den ältesten er- 
haltenen Liedern zu neuen Liedern zusammengefügt wur- 
den, für alle an der litterarischen Cultur Deutschlands 
betheiligten Länder nachgcAviesen." Er sagt ferner von diesen 
Versen®): die betreffenden Dichter hätten dieselben gleichsam als 
Bausteine in ihre Gedichte eingefügt und sie nur insoweit 
behauen, als es der Bau ihrer Strophen erfordert hätte. 

Aus diesen Worten folgt mit voller Nothwendigkeit, daß die 
„verloren gegangene" Volkslyrik so ziemlich den älteren Zeugnissen 
der höfischen Dichtung muß gleich gewesen sein; daß der ritterliche 
Minnesang ein Abklatsch der „bäuerischen Stegreifdichtung" sei, eine 
Folgerung, die er selbst vollkommen als die seinige anerkennt, wenn 
er äußert '): dieKunstdichtuug habe sich zunächst so wenig 



') ib. S. 1:^6. ') ib. S. 136. ') ib. S. 133. ') ib. S. 139. 

5) a. a. O. S. 174. cf. oben vS. 10. 

") Meyer a. a. O. S. 167—168. cf. oben S. 9. 

') Meyer a. a. O. S. 225. cf. oben S. 1, Anm. 4; S. 2, Anm. 4; S. 10. 



ÜUEK DEN URSPRUNG DES HÖFISCHKN MINNESANGES et.-. 73 

von der „bäuerischen Stegrei fd ich tun <;••' entternt, da(i> sie 
„zuerst ganz die alte Art fortgesetzt" l)abe. 

Fragen wir nun weiter: inwieweit hat sich die Meyer" sehe 
Sammlung beweiskräftig erwiesen? 

Wir haben zunächst von ziemlich äußerlichem Gesichtspunkte 
aus eine Anzahl der Gruppen von Parallelen ausscheiden müssen, 
nachdem wir die Überzeugung gewonnen hatten , daß zum Beweise 
einer Entlehnung von Versen aus früherer Zeit von Seiten späterer 
Dichter solche Stellen nicht tauglich wären, die entweder einem 
Dichter allein entnommen wären oder nur eine einzige Paral- 
lele aufwiesen; das Gleiche behaupteten wir von den Stellen, die einer 
Volkslyrik späterer Zeit (also nach den entlehnenden [Vj Dich- 
tern) angehörten ■'). 

Wir gingen dann auf die einzelnen Gruppen näher ein und 
fanden, daß die Übereinstimmungen in den zusammengestellten Versen 
entweder auf einem einzigen Worte beruhten, oder auf Wen- 
dungen, zusammengesetzteren Ausdrücken, die zweifelsohne 
der täglichen Umgangssprache entstammen; oder auf solchen , 
die so nothwendig dem Kreise jeder Liebeslyrik angehören, daß 
ihr wiederholtes Auftreten uicht befremden darf. 

Ks blieben uns darnach noch eine Anzahl anderer Gruppen 
übrig, bei denen wir oft nicht umhin konnten, dem Gedanken an eine 
Entlehnung Raum zu geben. Suchten wir aber nach einer Quelle, 
aus der solche formelhafte Verse geflossen sein mochten, so fanden 
wir, daß jede andere Dichtungsart mehr dafür zu gelten 
geeignet sei, als gerade die Liebeslyrik; daß mau selbst der 
Alltagssprache des Umgangs die P^ähigkeit zur Bildung der- 
artiger Formeln nicht absprechen dürfe. Die lyrische Form, in der 



') Verwahren möchte ich mich hier ge^en einen etwaigen Vorwurf. Man könnte 
mir vorhalten, ich hätte diese Stellen ausgeschieden, weil sie aus den Minnesingern 
entlehnt sein müßten. Das aber zu behaupten liegt mir ferne. Icli würde nöthigen- 
falls gerne zugeben, daß die spätere Voiksiyrik aus der früheren, d. h. vor dem 
Minnesänge vorhandenen, Allerlei bewahrt oder übernommen haben mag und wird; 
ich leugne nur, daß sich irgendwie von bestimmten Stellen, die uns die Sammlung: 
bietet, behaupten lasse, sie müßten der Volkslyrik entstammen; sie könnten nicht 
auch dem hötischen Minnesänge ihre Eiitstehuuj? oder auch Anregung verdanken. 
Dem gegenüber zu sagen: dann müßten diese Volkslyrikstellen wenigstens mit gleichem 
Rechte wie die späteren Minnesinger zugelassen werden, ist werthlos. Die späteren 
Minnesinger haben natürlich für den Ursprung der höfischen Dichtung ebenfalls nicht 
'lie geringste Bedeutung; die Heranziehung Neitharts ist schon das äußerste, was 
man sich gefallen lassen kann. 



74 E. TH. \VALTP:R, über I). URSPRUNG D. HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 

sie uns, wie Meyer bemerkt, entgegentreten (meist in vierhebigen Ver- 
sen), durfte uns natürlich nicht anders stimmen, l^iegt uns doch eine 
lyrische Poesie vor; was also ihr entnommen ist, muß doch selbst- 
redend lyrisches Gewand tragen. 

Endlich fanden wir auch die Sammlung nicht trei von solchen 
Stellen, die ganz offenbar nicht auf einen volks thümlichen Ur- 
sprung zurückgeführt werden durften, weil ihr ganzer Cha- 
rakter einer solchen widersprach. 

Wir haben in dieser Weise die ganze Sammlung durchgeprüft, 
Stelle für Stelle, ohne anscheinenden Schwierigkeiten auszuweichen 
oder sie todtzuschweigen; wir haben bei unserer Prüfung noch nicht 
einmal den strengsten Maßstab angelegt; sonst hätten wir Dichter 
der späteren Zeit, die doch bereits mit dem vollen überlieferten con- 
ventionellen Materiale der höfischen Poesie arbeiteten, die aber auch, 
wo sie unzweifelhaft sieh mit der Volkspoesie berührten, nicht für 
den Ursprung des Minnesangs in Anrechnung gebracht werden 
durften — ebenfalls ausscheiden müssen 5 wir hätten auch noch auf 
die gegenseitigen Entlehnungen der ritterlichen Sänger selbst auf- 
merksam machen, wir hätten ein Wort von der allmähligen Bildung 
eines höfischen conveutionellen Kreises, aus dem die Minnesinger mit 
wenigen Ausnahmen nicht herauszutreten vermochten, mit einfließen 
lassen müssen. 

Umsomehr halten wir uns jetzt für berechtigt, unsere Ansicht, 
die wir durch die voraufgegangene Untersuchung gewonnen haben, 
dahin auszusprechen: 

Die Meyer'sche Sammlung hält nicht, was sie verspricht. 
Zum Theil ist sie nur auf eine wenig berechtigte Weise zu 
einer bedeutenden Stärke angewachsen. Im Übrigen be- 
weist sie auf keinen Fall, daß die zusammengestellten 
Verse einer Liebespoesie entstammen: sie beweist also 
nicht einmal die Existenz einer Volksliebeslyrik über- 
haupt^), geschweige denn einen Zusammenhang zwischen 
einer solchen und d e r h ö fi s c h e n M i n n e p e i e , w i e e r o b e n ^) 
verschiedentlich mit Meyers Worten als Behauptung auf- 
gestellt worden ist. 

(Schluß Iblgt.) 

LEIPZIG. E. TH. WALTER. 



') Wie schon oben bemerkt, leugnen wir eine solche durchaus nicht. 
^) Oben Ö. 9 ff. nnd öfter. 



J HORNOFF. DHU MINNK8ÄNGER ALBRECHT VON JOIIANSDOKF. 75 

DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON 
JOHANSDORF. 

(Schluß) 



V. Gedankenwelt. 
1. Älinne. 

Li ebesbek en n tn i Ü. Joh. 88,9 Ich ininae sie. vür allm icip 
und swer ir des M (jofe. 90, 14 Ich minne. ein lo^p vor al der werlte in 
mineni miiote. 81,1 Wtvid ich zeiner vröude si mir hau erkorn. 

Haus. 45, 27 der si vor al der loerlte hat. 50, 31 icli häns er- 
korn uz allen loiheii. Veld. 56, 17 die ich zer besten hau erkorn odr in 
der werlte mohte schouwen. Rugge 103, 5 di(r die ich elliu ivip verbir. 
103, 12. do ichs üz al der icerlle erkds. Mor. 122, 11 daz ich die mine 
für allixi andriu uip hän zeinrr kröne gesetzet !<d ho und ich der dchein. 
uz gnomen hau. 130, 31 Ich hau si für alliu wtp mir ze frouioen und 
ze liep erkorn. 147, 6 ... nnd iuch so herzeliche minne zewdre frouwe 
gar für elliu wip.^ Kein in. 150, 3 die sol mir ienwr sin V(,r allni iciben. 
ItJO, 9 got iceiz wol, sit ichs erste sach, so het ich ie den muot, daz ich 
vür si nie kein loip erkds. 183, 24 diu mich troesfen niac für elliu tvtp. 
197, 4 Waz unmdze ist daz, ob ich des hdn gesworn, daz si mir lieber 
si dan tlliu wtp? 

Joh. 90,16 Ic/t loil ge.^ehen, die ich von kinde her geminnet hdn 
für alliu wip. 

Der Ausdruek von kinde her minnen berulit auf dichterisciier 
Übertreibung. Das beweist Hartra. 215, 29 si was von kinde und muoz 
nie stn min kröne, verglichen mit dem Anfange des Liedes, wonach 
die erste Bekanntschaft der bereits herangewachsenen Schönen gilt '). 

Hartm, 206, 17 der ich gedienet hau mit stmtekeit sit der sfunt 
deich üfein stabe reit. Mor. 136, 10 Ich bin noch alse si mich hat 
Verlan vil stcete her von einem kleinen kinde. 134, 31 si ist mir liep 
• 'iioest dii her von kinde. Hausen 50, 11. 

Auch bei den Troubadours, besonders Ventadorn liäutig -). 

Eigenschaften der Geliebten. Mit welchen Eigenschaften 
die Geliebte von den älteren Minnesängern dargestellt ist , hat Gott- 
schau (Beitr. 7, 380 ff., Johansdorf besonders S. 388) gezeigt. Her- 

*) Lehfeld, Friedrich von Hausen, Beitr. II, 398. 

*) Vgl. F.Michel, Heiniich vcn Mormigen und dit- Tioubadours. Stiüßbuig 1880. 
S. 128 f. 



76 J. HORNOFF 

vorgehoben zu werden verdient nur, daß Johansdorf die Güte seiner 
Dame mehr betont als die Schöne. Der Ausdruck schoene findet 
sich nur in zwei unechten Liedern: *92, 16 der vil schoenen und *93, 2 
die vil schoenen., in den echten Liedern nur einmal dm wolgetdne 87, 13. 
— wolgeborn 87, 11 heißt nicht, wie G. Freytag ^) übersetzt, „schön", 
sondern „hohen Standes". 

Ausdrücke für Güte sind: 91,3 der guoten. 95,9 ir vü giioten lip. 
95, 7 diu mit ir tvibes gäete gemachen kan, daz man si vüeret über se. 
90, 22 diu tugende nie verde. Aus den unechten Liedern kommen noch 
hinzu: *93, 14 diu guote. *94, 13 frouive guot. *93, 4 s ist aller güete ein 
gimme. *92, 10 locer sie vil reine niet und alles toandels fri. 

In dieser Hinsicht steht Johansdorf besonders mit Rugge und 
Reinraar zusammen. Rugge 101, 15 got hat mir armen ze leide getan, 
duz er ein wip ie geschuof also guote. 103, 6 si meret vil der vro'ide 
min und kan mit güete sich erwern, daz man ir valschheit niht engiht. 
V. 17 der schoenen der sol man den strtt vil gar an guoten dingen lau. 
V. 19 mm lip vor liebe muoz ertohen, swenne ich daz allerbeste loip so 
gar ze guote hoere loben. Die Güte wird über die Schönheit erhoben: 
105, 22 ichn loeiz, oh ieman schoener st, ezn lebt niht lotbes alse guot. 
107, 27 nach frouwen schoene nienian sol ze vil gef ragen, sint si guot. 

Reinm. 151, 19 alse guoten lip. 165, 30 ez icart nie niht so lobe- 
sam, swä duz an rehte güete kerest, so die bist (^= wie es deinem Wesen 
entspricht). 169, 29 ein wip, diu hat sich underwunden guoter diy\ge 
und anders niet. 183, 22 di^ist an güete ein üzerioelter lip. 183, 27 loir 
suhl alle frouwen eren umb ir güete. 184, 14 ir güete loendet miniu leit. 
190, 3 %oie tuot diu vil reine guote so? v. 9 si ist vil guot. 198, 22 si 
ist so guot. Die Güte erscheint hier als das eigentliche Wesen der Frau. 

Dienst und Lohn. Dienst: 91,5 der ich diene und iemer 
dienen teil. 

Den Ausdruck ^dienen' haben seit Meinloh alle Minnesänger. 

Joh. 88, 12 in ir geböte sten. 

Reinm. 158, 34 von ir geböte wil ich niemer werden fri. 

Das Bemühen um die Huld der Dame wird als ein Ringen 
bezeichnet: 

Joh. 90, 24 ich hän also her gerungen. 

Hausen 46, 19 Mit grozen sorgen hat min lip gerungen alle sine zit. 
Gutenburc 78, 15 daz er (= der muot) ie so nach ir minne geranc. 
Fenis 85, 17 der müez als unsenfte ringen, als ich tuon mit seneden 



') Bilder deutscher Vergaugenheit I, 539. 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOITANSDORF. 77 

dingen. Horheiin 114, 1 si icas ie, nach der mhi herze, ranc und iemer 
muoz. Mor. lHb,9We, loie lange sol ich. nagen? 139,23. 27. Reinm. 
1.58, 18 dar nach ich ie mit triuwen ranc. 190, 2. Hartm. 209, 7 nach 
der ie min herze ranc. 218, 27. 

Indem die Dame das kecke Werben abzuwehren sucht, ent- 
l>rennt der Streit zwischen den Liebenden. 

Joh. 87, 29 icJi unde ein wip toir liahen gestriten riu vil maneqe 
zit, ich hän von ir zorne vil erliten, noch heldet si den sf.rit. 

Hausen 46, 9 mm herze nnsanfie stnen strit Idt, den ez nu maneqe 
zit behahet loider daz aller beste wip. Gutenb. 75, 36 mir ist verseit, 
dar nach ich streit. Rugge 106, 36. Reinm. 200, 39. Ilartm. 207, 7. 
17 etc. 

Die Dame gestattet den Dienst. 

Joh. 92, 11 Si sol mir erlauben, daz ich von ir tilgenden spreche. 

Gutenb. 76, 35 der gedinge tuet mir wol, daz ich tvol loeiz daz .si 
mir gan ze dienen umhe ir hnlde. 

Der Ritter stellt seine ganze Persönlichkeit in den 
Dienst der Dame. 

Joh. 88, 11 alle mtne sinne und auch der llp daz stet in ir 
geböte. 

Horheim 114, 15 sit ich ir gap beidiu herze unde lip uf ir 
aendde. Fenis 82, 34 lip unde sinne die gap ich für eigen ir v.f 
genäde, der hat si gewalt. Reinm. 152,5 ich hän vil ledecliche bräht 
in ir genäde mtne 71 Itp. 

Der Dichter rechnet dabei auf Lohn. 

Joh. 90, 37 noch gedinge ich, der ich vil gedienet hän daz si mir 
ez lone. 

Hausen 49, 21 Sit ich daz herze hän verläzen an der besten eine, 
des sol ich Ion enj)fän. Gutenb. 70, 17 doch var ich gern hin an daz 
zil, da si da sol und Ionen luil. \10, 37 nu wil ich noch ir gnaden trost 
erbeifen. 71, 1 ff. 11,25 da ich si mir erkos — üf guoten riche schoenen 
Ion. Horheim 114, 18 ich hoffe des., daz min reht iht .st so guot, daz si 
mir schier ein vil liebez ende git. Reinm. 183, 13 mir ist liebes niht gesehen : 
ich gedinge ab, ob ich ez verdiene, ez milge mir lool ergen. 189, 37 guot 
gedinge üz lönes rehte nie gebrach, des habe ich hin zir hidden guot 
gedinge. 191, 37 mit fuoge ichz tougenlichen trage und gedenke es wirdet 
rät. also hab ich gelebet her, daz mir min dinc noch schone stät. 

Der Dichter bittet um Lohn. 

Joh. '^92, 18 scheide frouwe disen strit, der in mineni herzen lit, 



7g J. HORNOFF 

mit reines icibes güefe. *93, 36 länt mich noch geniezen, daz ich iu von 
herzen ie loas holt. Negativ: *92, 25 du lä gein mir den dineu haz. 

Rugge 190, 27 frouwe tuo des ich dich hite, daz ich iemer si dines 
heiles vro. v. 37 troeste mir den Up. 

Der Dichter ü bei- läßt sicli ganz der Huld seiner Dame. 

Joh. 91, 18 ich wil ez allez an ir güete län. ir genäden der be- 
darf ich wol. *92, 33 ir genäde stänt dähi. 

Eist 37, 2 du nim mich in dme genäde. 38, 14. 40, 25. Hausen 
46, 35 do sich verlie min herze lif genäde an sie. Gutenb. 71, 22 oh 
si min leben., deich hau gt'peben an ir genäde, nmme. 11, 32. Fenis 
82, 34 TÄp linde sinne die gap ich für eigen ir üf genäde : der hat si 
gewalt. Rugge 106, 36 nach rehte liez ich minen stril., duz mir ir mimw 
lönes gnäde tcete. Horheim 114, 15 s7t ich ir gap beidin herze nnde lip 
üf ir genäde. Reinm. 158, 31 genäde ist endellche da. diu 'rzeige sich 
als ez an mtnem heile n. 193, 19. 194, 33. Mor. 134, 25 ich darf vil 
wol, daz ich genäde vinde. Hartm. 214, 38 der ivil dur dinen loillen 
disen sumer sin vil hohes mxotes verre üf die genäde dln. 

Die Dame treibt ein falsches Spiel mit dem Dichter. 

Joh. 86, 9 ich ivil ir raten bl der sele mm durch keine liebe, niht 
wan durch daz reht. waz möht ir an ir tagenden bezzer shi, dan obes 
ir umberede lieze sieht, toite an mir einvaltecUche^ als ich ir einvaltec hin. 

Gutenb. 76, 3 si giht a^rerst, loan Sit dernäch versaget si mir in 
spotes wiz. V. 12 si sprichet dickt', deich erschricke frömdiu wort von 
schimpfe, si tnot verirett, sicaz si gerett vor liuten mit gelimpfe. Mor. 
128, 25 Lachen unde schoenez sehen und guot gelceze hat ertoeret lange 
mich, mir ist anders niht geschehen. Reinm. 195, 23 nieman loeiz, ob si 
mich icert od wiez ergät: nein oder ja. ich enweiz emvederz da. 171, 11 
In ist liep, daz man si stadeclichen hite, und titot in doch so wol, daz si 
versagent. hei, wie manegen ivunderlichen site si tougenliche in ir harzen 
tragent ! 

Die Dame belohnt den Dichter durch einen Kuß. 

Joh. *93, 5 geprüevet hat ir roter munt, daz ich muoz iemer mere 
mit fröuden leben zaller stuont, swar ich des landes kere. also hat si 
geloiiet mir. gescheiden hat mich niht von ir fron Zuht mit süezer lere. 

Der Lohn besteht in gesellschaftlicher Veredlung des 
Ritters. 

Joh. *94, 11 Ju sol wol gelingen, dne Ion so sult ir niht bestand 
Wie meint ir daz, fromce guot? Daz ir deste werder sint und dähi 
hochgemuo'.' 



I 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDOKF. 79 

Eist 33,26 si hat c^efiuret mir den ti,uot. Keiiiin. 181), 20 mi lone 
ir gof, ich bin von ir qenäden wol gezogen. 

Mag nun aber die Dame lolinen oder iiiclit lolinen, 
der Dichter lobt sie dennoch. 

Joh. 90, 18 und ist, daz ich genäde vl.nde, so gesach ich nie so 
gnoten llp. oh ah ich ^ir iüa>re vil gar 7(niN(rre^ so ist si doch, (Hk 
tugmiJi' nie verlie. 

Hausen 47, 1 Swaz schaden ich da von geicunnen hdn, so friesch 
nie man, deich ir iht sprrrche waiie guot , noch min munt von frowen nie- 
mer iuo!. Gutenb. 76, 8 Straz si mir tuot, dast allez guot, ichn mac 
ir niht entwenken. 77, 29. Mor. 140, 27 des muoz ich ringen mit der 
kfage nnde mit der not, difch sdhe mir geschaffet hin. so ist siz doch 
diu froinoe min: ich hmz, der ir dienen sol nnd wünsche ir des, daz-i 
ierner sa>lic ndleze sin. Keinm. 184, 8» ^2 sol. mich (Ilanpt mit C: ich) 
allez dünken guot, sioaz si mir luot. Hartm. 207, 29 SU ich mich rechen 
sol, desicär daz sl und doch viht anders wan also, daz ich ir heiles 
oan haz dan ein ander man, und hin dähi ir leides gräm ir liebes fro. 
208, 4 ich spriche ir nimcan guot e ich hesiocere ir muot, so lo'd ich 
e die schulde zuo dem schaden hän. 

Vergeblicher Dienst. 

Joh. 87, 29 ich und ein wip tcir haben gestriten mi vil rnanege zit. 
ich hdn von ir zorne vil erliten. 89, 9 Swaz ich nu gesinge, deist allez 
UDibe niht : jnir iceiz sin nicmen danc : ez loiget allez ringe, dar ich hau 
gedienet, di ist min. Ion vil krmc. ez ist hiure an genäde unnwher danne 
vert , und irirt über ein jär vil lihfe kleines lones locrt. *93, 24 Neinä, 
küneginne! daz ndn dimest so iht si verlorn! 

Gutenb. 75, 36 Mir ist ve/seit, dar nach ich streit. 76, 1 nun. Ion 
der ist noch unbereit. Fenis 81, 2 si ivil, daz ich iemer dien an sollie 
siat, da noch min dieneM ie vil kleine wac. Rugge 101, 23 knnde ich 
die mäze, so lieze ich den strit, drr mich da müeget und lützel verväliet. 
101, 28. Horheim 114, 3 Mich hat daz herze und ein nnwiser rät ze 
verre verleitet an tumplichen muot, da doch min dienest vil kleine vervät. 
Mor. 136, 12 desicär nur ist nach w<rde niht gelungen. 133,5 sist mit 
tagenden und mit werdekeit so behnot vor aller slahte unfröuwelicher tat, 
I loan de^ einen, daz si mir verseit ir genäde und minen dienest so ver- 
derben lät Reinm. 164, 7 ich diende ir ie : mim londe niemen. 175, 15 
ich hin aller dinge ein scbUc man, wan des einen da man Ionen sol. 
Hart. 206, 24 daz kan mich niht vervän an einer stat, da ich noch ie 
genäden *bat. 208, 3 si wil mich ungelonet län. 209, 7 wan, nach der 
ie inin herze ranc, diu lät mich tröstes äne. 



80 J- HORNOPF 

Die Da)ne weist den Dichter ab. 

Job. *94, 6 länt die hete, die niemer mac (geschehen. *93, 23 so 
toil ich in tüsent jären niemer itich geivern. 

cf. Gutenb. 75, 31 jo hat si mmes lönes zil gesetzet an tvol tüsent jär. 

Die Dame weist ihn an andere Frauen. 

Job. *94, 8 got der iver iuch ander sioä, des ir an mich da gert. 

Sie verweigert dem Dichter sogar den Grruß. 

Job. 86, 19 nu hat mich gar ir friundes gruoz vermiten. 

Hausen 53, 7 loäfen, waz habe ich getan so zuneren, daz mir diu 
guofe ir gruozes erhunde? Fenis 80, 22 ir schoener (Haupts Conjectur 
sioacher) gruoz scheidet mich von ir lihe. Rugge 102, 5 Nn, scheidet 
mich davon (von Liebessorgen) ein ungemacher gruoz. 

Der Dichter verzweifelt an der Erfüllung seiner 
Hoffnung. • 

Job. 86, 23 herre, wan ist daz nnti Wien, daz mir niemer leit ge- 
schiht? Der Lohn als Lehen bezeichnet. 

Ähnliche verzweifelnde Ausrufe bei Morungen und Reinraar. 

Mor. 126, 39 loenne sol mir iemer liep gesehen? 135, 9 loe, wie 
lange sol ich ringen? 128, 1 Owe, daz ich ie so vil gebat und geflehte 
an eine stat, da ich gnaden nienen se! Reinm. 156, 32 ivenne sol mir 
iemer spilndtu fröide Jwmen? 165, 22 getoinne ah ich nu niemer gnoten 
tac? 188, 38 tüSj wanne kiimt mir heiles tac? 199, 16 loenne sol ich 
liehen tac an dem geleben ? 

Der Dichter sieht sich in seiner Hoffnung getäuscht. 

Job. 86, 17 Ich uidnde, daz mm küme icoir erbiten. dar fif het 
ich ge dingen manege zit. nu hat mich gar ir vrinndes gruoz vermiten. 
min bester trost der ivoin da nider gellt. Ich muoz alse wilen vlehen und 
noch harter, hülfe ez iht! 

Mor. 143, 10 Ich was etesioenue fro, dö min herze loände neben 
der sunne stän. diir die ivolken sacli icJi ho : nu muoz ich min ouge nider 
zer erde län. mich triuget alze sere ein vil minnecUcher wän, sit daz 
ich von ir niht wan leit und herzeswmre hän. 138, 10 ff. (besonders 
v. 14). Mor. 145, 29 Oice leider, jo wand ichs ein ende hän ir vil wünnec- 
Uchen werden minne. mi. hin ich vil küme an dem beginne, des ist hin 
mm lounne und ouch mm gernder wän. Gutenb. 70, 30 Nu ist ze lanc 
ir hahedavc. daz tuot mich kranc. des hän ich mengen imgedanc. daz 
lenyet mir die kurzen tage und niuwet mir die alten klage, von der ich. 
wände sin erlost. Reinm. 153, 36 do wand ich ie, si wolt ez wenden, 
bat ich. si noch, ich künde ez niht verenden. Reinm. 158,37. 190, 11 
lieber xcdn ist äne troesten da. 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 81 

Getheilter Dienst. 

Job. 89, 16 des frag ich, ob ez mit fuoge müge geschehen, locer ez 
niJit unstoete, der zw ein loihen loolte sin für eigen jehen? 

Es ist dies die einzige Stelle in den Liedern der älteren Miimo- 
sänger, wo der Dichter durch das Vergebliche seines Werbens um 
die Huld der einen Dame sich veranlaßt fühlt, nach der Zulässigkeit 
eines dopp elten Dienstes zu fragen. Die übrigen Minnesänger spre- 
chen in diesem Falle meist nur den Wunsch aus, sich einer anderen 
Dame zuzuwenden, welchem dann häufig aber die Revocatio folgt. 
So vor Allem Reinmar, z. B. 160, 35 möht ich mich noch bedenken 
baz unde nceme von ir gar den muot! Neina, herre! jö ist si so guot. 
173, 1 ff. 194, 15 ff. etc. Fenis 81, 5 ff. v. 14. v. 22. Hartra. 208, 37 ff. 

Lust und Leid. 

Der Ausdruck der Freude ist seltener als der Ausdruck des 
Schmerzes, zumal wenn wir die unechten Lieder *92, 14 und *92, 35 
nicht berücksichtigen. 

Alle Freude geht von der Geliebten aus. 

Job. 87, 8 loand ich zeiner vröude si mir hän erkorn. 

Reinm. 175, 29 die ich mir ze fröuden het erkorn. Meinloh 14, 26 
ican diu guote ist fröiden rieh, des wil ich iemer fröuwen mich. Eist 
32, 11 an der al min fröide lU. Hausen 43, 28 an der genäden al mm 
fröide stät. 45, 3. Veld. 59, 32 ich wil frö sm durch ir ere, diu mir 
daz hat getan, daz ich von der riuice kere. Gutenb. 78, 19 si schuof 
daz ich fröiden mich underivant, die ich mir hän zeiner frouwen erkant. 
Fenis 83, 2 diu mich sol niachen vro, vroelich gemuot. 82, 4 diu mac 
mich lool ze vröuden hüs geladen. Rugge 100, 3 in der gewalt nun 
fröide stät. 103,6 si meret vil der fröide tmn. 110, 31 si kan verkeren 
sorgen, der ich loalde. Moi'. 123, 4 des ivirde ich stoiter vröide vil rieh 
(= von ihrer tugende). 131, 38 und an der ist al min wünne behalten. 
Reinm. 154, 25 (got) hat ze vröiden mir gegeben an einem ivibe liebes vil. 
158, 23 daz beste gelt der fröiden min daz lit an ir. 202, 13. Verall- 
gemeinert: von den Frauen kommt alle unsere Freude. 183, 31 elüu 
fröide uns von in kumt und al der werlte hart uns an ir trost ze nihte 
fruiid. 195, 6 an in lit der werlte wunne und auch ir heil. Wol im, 
erst ein scelic man , der lool an in eriolrbet phliht der fröiden , der ir 
güete lounder geben kan. 

Job. 90, 23 vröude und sumer ist noch allez hie (in der Person 
der Geliebten vereinigt). 

Gutenb. 69, 12 si ist min sumerioünne. Namenloses Lied 6, 9 mich 
dünket winter unde sne schoene bluomen unde klS, sivenn ich in nm- 

GEBMANJA. Neue Beihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 6 



32 J. HORNOFF 

hevanqen hän] anklingend an 90, 23. Die Frau empfindet Sommcrlust, 
wenn sie ihren Ritter umfaßt hält. 

Auffallend reich sind in den beiden unechten Liedern (*92, 14, 
35) die Freudenergüsse. *92, 16 mm fröide an der vil schoenen lit, 
nach der min herze ivüetet. *93, 2 Swenne ich die vil schoenen hau, son 
mac mir nie wer missegän. 

Die Erhörung niit den Freuden des Himmels verglichen: *92, 25 
du lä gein mir den dinen haz, son mac mir niemer loerden haz, wan in 
dem himelriche. 

Die Gewährung des Kusses ei'scheint dem Dichter als „eine 
Klönung durch die Sselde". *92, 35 din Soilde hat gekroenet mich gein 
der vil siiezen minne. *93, 7 geprUevet hat ir roter nmnt ^ daz ich muoz 
iemer mere mit fröuden leben zaller dunt, sivar ich des landes kere. 
*92, 28 Und solde ich iemer daz gelehen, daz ich si umhevienge, so miles 
min herze in fröuden stoehen. sivenn daz also ergienge, so ivurde ich von 
sorgen fri etc. 

Die Freude äußert sich im Gesänge. 

Job. 90, 28 Wol mich singe ich gerne, swenn ichz gelerne. 

Einen geradezu überschwänglichen Ausdruck verleiht der Dicliter 
seiner Freude, indem er sich das Erscheinen eines Liebesboten vor- 
stellt, 91, 36. In drei analogen Sätzen spricht er den Gedanken aus, 
daß der Bote, wie auch immer er persönlich zu ihm stehen möge, doch 
als von der Geliebten gesendet hochwillkommen sein solle. 

ScBhe ich ieman , der jcehe, er wcere von ir homen , xccere ich dem 
vi))t, ich lüolt in grüezen. \ allez, daz ich ie gewan, het er mir daz ge- 
nomen, daz möht er mir mit sinen mceren hüezen. \ swer si vor mir 
nenwt, der hat gar mich ze friunde ein ganzezjär, het er mich jach 
verbrennet. 

Viel einfacher geben die übrigen Minnesänger ihre Freude kund, 
wenn sie auf die mcere, liebiu mcere oder den boten zu sprechen kommen. 
Meinloh 14, 26 Ich hän vernomen ein mare. nnn muot sol aber Jtohe 
stein. Rugge 107, 15 nan wurde rat, luolde si mir künden liebitt mcere. 
HO, 17 Mich fröit an alle siocere wol., daz ich so liebiti niwre hän ver- 
nomen, der ich mich gerne troesten sol. mir ist der muot von grozen 
sorgen komen. Mor. 147, 19 mt hat man mir mcere bräht , der ist fro 
mm herze inbinnen. Reinmnr 175, 13 geseehe ich ivider äbent einen kleinen 
boten, so gesanc nie man von fröiden baz. 196, 15 weste ich, ob ez also 
wcere, so engehorte ich nie vor maneger wile ein lieher moere (Frauenstr.). 
152, 14 xoan ir (= der werlte) niden moht ich nie so wol erliden. ein 
liebez ma>re ist mir gesaget. Hartm. 215, 2 (Bote zur Frau:) daz solt 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDOlir, 83 

dtt minnecliche enpfdn, daz ich mit guoten mcerea var, so bin ich xoille- 
komen dar. 

Umgekehrt liegt auch die Freude der Frau an dem 
Ritter. 

Joh, 94, 38 (Frauenstrophe) vröuleloser Itp, loie wil du dich ge- 
hären, swenne er hinnen vert, durch den du tvcere ie hochgemuot ?^ 

Eist 39, 29 (Tagelied) fiioe, du füerst min fröide sament dir 
(nach Pfeiffer Germ. III, 489). Hausen 54,35 des ist er mtn leit- 
vertrip und diu höchste icunne mm." Reinra. 199, 39 ^man so guoten, 
haz gemuoten hän ich selten noch gesehen, im geliehen noch so gemellichen^ 
hl dem vür die siocere hezzer fröide ivcere.' 200, 20 wol dem Übe, der 
dem loibe seihe fröide machen kan.' Hartra. 217, 22 do ich sm pflac, 
do fröite er mich.' 

Bedingte Freude. 

Joh. 91, 5 ich sol ze mäze lachen, unz ich sin gendde erkenne, 
als ich danne bevinde, wie ez allez stät, da nach lache ich denne. 

Reinm. 156, 34 Michn scheide ein idip von dirre klage und spreche 
ein wort, als ich ir sage^ mir ist anders iemer we. 168, 32 michn he- 
swcere ein rehte herzelichiu not, mm sorge ist anders kleine. So daz 
danne an mir ei'gät, so kumt aber hoher muot, der mich nilit trüren lät. 

Leid. Grund zu Trauer und Klage findet der Dichter in der 
abweisenden Haltung der Geliebten, in ihrem zweideutigen Benehmen, 
der Versagung ihres Grußes, der Trennung von ihr. 

Sprödigkeit der Geliebten. 

Joh. *93, 28 frouioe iur haz tuot mir den tot. — Der Entschluß, 
trotz der Erfolglosigkeit seines Werbens der Geliebten treu zu bleiben, 
kostet dem Dichter Überwindung. 86, 1 min erste liebe, der ich ie 
began, diu selbe muoz an mir diu leste sin. an vröuden ich des dicke 
schaden hau. 

Die Koketterie der Dame schmerzt den Dichter weniger 
um seinetwillen, als aus dem Grunde, weil die Dame damit einen 
Verstoß gegen Recht und feine Sitte begeht. 

Joh. 86, 9 Ich loil ir raten hi der sele min durch keine liebe., niht 
loan durch daz reht : waz niöht ir an ir tvgenden hezzer sin, dan obes 
ir umberede lieze sieht, tcete an mir einvaltecliche, als ich ir einvaltec bin. 
an vröuden wirde ich niemer riche, es eniver ir beste sin. 

cf. Gutenb. 76, 9 ff. Mor. 123, 29 wie stet mtner frouwen daz, 
daz si sich vergaz und verseite mir ir hulde? owe des, loie rehte unsanfte 
ich dulde leide ir spot und ouch ir haz. 

6* 



84 J- HORNOFF 

Reinmar hat nicht den Muth, die Koketterie der Damen geradezu 
zu tadeln, er bezeichnet sie nur als eine wunderliche Sitte. 171, 11 
Jn ist liej}, daz man si stcetecHclien hite, und tuot in doch so tool, daz n 
vprsagent. hei, wie manegen muol imd icunderltche site si tougenltche in 
ir herzen tragent! cf. 187, 9. 

Verweigerter Gruß. 

Joh. 86, 19 nu hat mich gar ir friundes gruoz vermifen. nnii bester 
röst der locen da nider gellt, cf. Hausen 53, 7. 

Getrenntsein von der Geliebten. 

Joh. 91, 1 Ez ist manic icile, da: ich niht von vröuden sanc und 
enweiz och rehte niht, wes ich mich vröuwen mac. daz ich der guoten 
niht ensac/i, des dunket mich vil lanc. Gleichzeitig liegt darin die Klage 
über die lange Dauer des Dienstes, die auch aus 90, 24 spricht. 
Ich hdn also her gerungen^ daz vil trürecUche stuont min leben, dicke 
hän ich we gelungen. 

Schmerz über die lange Trennung finden wir auch bei Eist: 
32, 13 Seneder friundinne böte, nu sage dem schoenen ivibe, daz mir tuot 
äne mäze we, daz ich si so lange mide. 34, 25 des werdent mir diu jär 
so laue, sol ich von der gescheiden sin. Reinm. 199, 31 sol ich liden 
von ir langez miden, daz müei mich wol sere. Gut. 74, 21. 

Reichlicher fließt die Klage über den allzu langen Dienst: 
Gutenb. 70, 30 nu ist ze lanc ir habedanc. daz tuot mich kranc. des 
hän ich mengen ungedanc. daz lenget mir die kurzen tage und niuwet 
mir die alten klage, von der ich wände sin erlost. Reinm. 185, 35 ich 
icwn lernen lebe, der n.ir beneme ein trüren, daz nu menegen tac in 
minem herzen l'it begraben. 186, 1 Est nu lanc, daz mir diu ougen min 
ze fröweden nie gestuonden wol. Hartm. 207, 4 die sivceren tage sint alze 
lanc die ich si gnaden bite und si mir doch verseit. 209, 5 min dienest 
der ist alze laue bi ungeioissem loäne: wan, nach der ie min herze ranc, 
diu lät midi trostes äne. ich möht in klagen und wunder sagen von. 
maneger sioceren zit. sit ich erkande ir strit, sit ist mir geivesen vür irär 
ein stunde ein tac, ein tac ein ivoche, ein ivoche ein ganzez jär. 

Furcht vor der Trennung. 

Joh. 91, 10 da daz ende denne unsanfte tuo, ich icmne des wol, daz 
ensi niht guot. 91, 22 Wie sich minne hebt, daz weiz ich lool; wie si 
ende nimt, des weiz ich niht. ist daz ich es inne werden sol, wie dem 
herze?! herzeliep geschiht, so hewar mich vor dem scheiden got, daz ivcen 
bitter ist. diesen kumber fürhte ich äne spot. 91, 34 verlier ich mmen 
friunt, seht so wurde ich niemer mere fro. *92, 23 unsanfte mir daz tuot, 
und sol ich von dir wichen. 



DER MINNESÄNGER ALBRECIIT VON JOHANSDOKF. §5 

llorheim 114, 26 der {= der kilnic) loil midi scheiden von liehe 
in die not, der ich geioiime vil michelen riuioen. Besonders liäuHj; bei 
Reinraar: 150, 7 loaz darf ich leides mere loan swenn eht ich si miden 
sol. 155, 36 got helfe mir, deiz lool erge, daz ich uz ir triuicrn kome 
niemerme. 178, 36 zallen zlten fürhte ich, daz si mich verge. so lüOir ich 
an vröicden tot. 176, 5. 197, 20. 

Die Dame beklagt die bevorstehende Trennung. 

Joh. 94, 35 ^Oioe, sprach ein iv/p, ^loie vil mir doch von liebe 
leides id beschert! IVaz mir diu liehe leides tuot! VrüwUlüser llp, loie 
loil du dich gebaren, sivenne er hinnen vert, durch den du wcere ie höch- 
gemuot? Wie sol ich der joerlde und miner klagp geleben ?^ 

Küienb. 7, 10 ^Wcs maiicd du mich leides, min vil liebez liep? 
Unser ziveier scheiden müez ich geleben niet. Verliuse ich dine minne, 
so Idz ich die Hute harte icol entstän, daz min fröide dez minnist ist 
umb alle ander man. Reinm. 200, 22 rntme heile ich' gar verteile, midet 
mich der beste man.' 

Der Dichter fordert die Geliebte auf, das Trauern zu 
lassen. 

Joh. 87, 21 nu min herzevrowe nn entrüre niht scre. daz loil ich 
iemer zeim liebe haben. 

Mor. 131, 1 Oice des scheidens, des er iete von mir, da er mich 
tenende lie. lOol aber mich der liehen bete und des weinens, des er dö 
begie, du er mich früren Idzen bat und hiez mich in fröiden sin. 

Aller frühere Schmerz reicht an den gegenwärtigen 
nicht lieran. 

Joh. 87, 20 e loas mir tve : dö geschach mir nie so leide. 

Hausen 52, 23 erkennen xvänd in e (= den kumber), nu hau in 
baz befunden, mir iras ddheime ive und hie lool dristunt me. Fenis 
83, 34 toan mtner sicoire emoart nie mere. Horheim 112, 9 so kumber- 
Itche gelebte ich nie. 113, 16 mir loart nie wirs. 114, 34 dö was mir 
we unde nu michels me. Moi-. 138, 7 ich erkande mdze vil der sorgen e. 
disiu sorge gel mir über der mdze zil, hinte ha ^ und aber d-m über 
morgen me. Reinm. 164, 18 noch daz mir nie so loe geschach. 179, 5 
mir ist unsanfter nu dan e. 185, 20 alse reht unfrö emoart ich nie. 
188, 5 von herzeleides schulden hat min Itp vil kumherltche not, daz si 
nien künde groezer sin. 198, 6 von stner schulde ich hdn erliten , daz 
ich nie groezer not erleit' (Frauenstr.). 

Beides, Freude und Schmerz des Dichters liegt in 
der Gewalt der Geliebten. 

Joh. 91, 20 und ivil si, ich bin vrö , und teil si, .so ist min herze 
leides vol. 



86 J- HORNOFF 

Reinm. 197, 31 viir enmac ein herzeleit noch gröziu liebe niemer 
äne si geschehen. 199, 20 diu mir fröide hat gegeben unde sorge 
manicvalt, der dien ich die seihen tage, mtniu jär diu müezen mit ir 
ende nemen, so mit fröiden, so mit klage. Hartm. 215, 32 si mac 
mir leben und fröide wol leiden, da bi alle mtne swvere vertriben : an ir 
lit beide mtn liep und mm leit. sivaz si min wil, deist ir iemcr bereit, 
wart ieh ic vrö, daz schuof niht wan ir güete. cf. Mor. 138, 33 ich locene, 
si ist ein Venus here, diech da viinne, wan si kau so vil. 

2. Außenwelt. 
Es fällt auf, daß Johansdorf im Gegensatze zu der Mehrzahl 
der zeitgenössischen Minnesänger nie Klagen über hiiote und merkaire 
laut werden läßt. Das Wort huote findet sich nur in dem unechten 
Liede *93, 12 (v. 12 ich vant si äne huote) , wo äne huote nur ganz 
allgemein ^allein' bedeutet. Von merkcere wird überhaupt nicht ge- 
sprochen. Und doch möchte man auf das Vorhandensein von Auf- 
passern und Zwischenträgern*) schließen. Mit einem gewissen Nach- 
druck ist 87, 7 gesagt: er ist min friunt nilit, der mir si wil leiden 
und 91, 29 Swä zioei herzeliep gefriundent sich und ir beider minne ein 
triuwe wirt, die sol niemen scheiden, dunket mich, al die wile unz si der 
der tot verbirt. Geradezu auffällig aber erscheint das Widerspruchs- 
volle in den beiden Liedern 91, 8 und 91, 22, welche darauf angelegt 
erscheinen, den wahren Sachverhalt, d. h. den Abschluß des Verhält- 
nisses zu verdecken, oder wenigstens die Aufpasser darüber im Un- 
gewissen zu lassen. Auf einen Abschluß des Verhältnisses deutet der 
Anfang von 91, 8 Da gehoeret manic stunde zuo, e daz sich gesamene 
ir zweier muot. da daz ende denne unsanße tuo, ich iccene des xool, daz 
ensi niht guot. Lange st ez mir vil unbekant. Es wäre doch merk- 
würdig, wollte der Dichter für die Trennung Sorge tragen, bevor 
noch die Vereinigung stattgefunden hätte. Der Gedanke aber, daß 
dieselbe erfolgt sei, wird durch die beiden nächsten Verse, wie durch 
die folgende Strophe zurückgewiesen. Die Worte: und werde ich 
iemen liep, der st stner triuwe an mir gemant etc. rücken das Zustande- 
kommen des Verhältnisses in die Zukunft. Derselbe Widerspruch findet 
sich in dem folgenden Liede 91, 22. Wieder diese merkwürdige Sorge 
für die Zukunft. Der Dichter fürchtet den Bruch eines Verhältnisses, 
das noch nicht geknüpft ist: Ist daz ich es inne werden sol, wie 
dem herzen herzeliep geschiht ., so beioar mich vor dem scheiden got, daz 
wcen bitter ist- ebenso in der zweiten Strophe: sicä zwei herzeliep ge- 



') Michel a. a. O. S, 141. 146 ff. 



DKK MINNESÄNGER ALBKECHT VON JOUAN.SDOHF. 87 

friundent sich nnde ir beider minne ein triuioe toirt, die sol niemen 
scheiden etc. Dieses wirt^ aber ist sclion zweideutig, indem es das 
Geschehen in der Gegenwart wie in der Zukunft ausdrücken kann. 
Nimmt man nun noch das Folgende hinzu: iccer diu rede mhi^ ich tcete 
also: verlüre ich 7n/nen friuut, seht, so lourde ich uiemer mere fro, so 
bleibt kein Zweifel, daß der Abschluß der frinntschaft wirklich erfolgt 
ist; denn über die Person des fr iundes (=: der Freundin) kann man 
nicht im Unklaren sein; verlieren aber kann man nur einen Freund, 
wenn man schon einen hat. — Für diese Ansicht spricht auch die 
geflissentliche Anwendung von Bedingungssätzen, welche die Sache 
nur als möglich hinstellen sollen, und das Bestreben, die persönlichen 
Bezüge durch allgemeine Sätze zu verwischen. Wir werden also nicht 
irren, wenn wir annehmen, das Ganze sei darauf angelegt, die Auf- 
passer über den Abschluß des Verhältnisses zu täuschen. Gedichtet 
aber sind die Strophen zu dem Zwecke, die Geliebte zum treuen 
Festhalten an dem Bunde zu ermahnen. 

3. Natur. 

Naturgefühl ist bei unserem Dichter vorhanden, wenn es auch 
nur ganz vereinzelt hervorbricht, dann aber auch mit großer Stärke. 
In dem zweistrophigen Liede 90, 32 nimmt der Natureingang fünf 
von den sieben Zeilen der ersten Strophe ein. Blumen unter der 
Linde und Vogelsang auf der Linde, wie auch sonst. Was aber sonst 
nicht zu finden ist, das ist die hier geschilderte Farbenpracht der 
Blumen: Wize rote rösen, blmoe hluomen, grileue gras, hrüne gel und 
aber rot, dar zuo des kleices hlat, von dirre varive tcunder minder einer 
linden was. dar Ufe snngen vögele, daz loas ein schoeniu stat. kurz 
geicahsen bi ein ander stuont ez schone. 

Ganz ähnlich wie bei Eist 34, 3 Uf der linden obene da sanc ein 
hleinez vogelUn. vor dem walde wart ez lilt : dö huop sich aber daz herze 
min an eine stat, da 'z e da was. ich sach die rosebluomen stau : die 
manent mich der gedanke vil, die ich hin zeiner frouwen hän; nur daß 
bei Eist die innere Verbindung, die zwischen den Naturerscheinungen, 
eventuell Vorgängen in der Natur und der Liebesempfindung besteht, 
auch äußerlich hergestellt ist, ihren sprachlichen Ausdruck findet. 
Von dem Vogelsang wird das Herz zur Geliebten entrückt, von den 
Rosen an die Geliebte gemahnt. Bei Johansdorf fehjt die äußere Ver- 
knüpfung. An die Schilderung der Natur schließt sich der Salz: noch 
gedinge ich der ich vil gedienet hän, daz si mir es Urne. Dieser Fall 
kommt sonst im älteren Minnesänge nur noch einmal vor, wo aber 
die innere Verknüpfung eine stärkere ist. 



88 J. HORNOFF 

Namenl. Lied 4, 1 diu linde ist an dem ende nu jdrlanc sieht und 
blöz. mich vehet min geselle. Beide Thatsachen lassen tich vergleicheu : 
die Linde ist ihres Laubes beraubt^ ich des Geliebten. 

Auch in einer zweiten Stelle bei Johansdorf zeigt sich, wie eng 
er selbst den Zusammenhang zwischen Natur- und Liebesleben empfindet. 
Der Sommer mit seinen Freuden erscheint ihm in der Geliebten ver- 
körpert: 90, 23. 31 vröude und sumer ist noch allez hie (nämlich bei 
der Geliebten). 

4. Gott. 
Religiöse Anschauungen. Gott wird vom Dichter als heilic 
87, 12 und als allmächtig 94, 17 bezeichnet: der al der werlte hat 
gewalt. 

Kolmas 120, 24 der vil mute got, den ir Up unihecie, der hat be- 
vangen die loelt umhe gar. sin kraft mac langen noch verrer dan dar. 

Er wird als gütiger Herr, der uns die ewige Seligkeit schenkt, 
vorgestellt: 94, 15 guote liute, holt die gäbe, die got unser he^'re seihe gU\ 
ferner als einer, der uns Leib und Seele gegeben hat, aber die Rück- 
erstattung des ersteren zum Heile der letzteren fordert: 94, 22 got 
hat iu beide sele und Up gegeben, gebt inie des Ithes tot daz loirt der 
sele ein iemerleben. 

Etwas verändert ist das Bild bei Kolmas (121, 3). Er macht 
Gott zum Wirthe an der Landstraße, der den Pilgern zwar etwas 
borgt, dasselbe aber bei der Wiederkehr ihnen wieder abverlangt: 
Wir sin bilgerxne und zogen vaste hin, in der sünden Urne stecket min 
sin , daz ich sin drüz niht gebrechen enmac. loir varn eine sträze , die 
nieman verbirt. ivir sitln durch niht enläzen, xoir bereiten den icirt , der 
uns liät geborget da her mangen tac. gelt im. 

Gott aufgefaßt als Kriegsherr, in dessen Sold wir uns zu 
begeben aufgefordert werden: 94, 18 dienet sinen solt, der den vil 
sceldeha.ften dort behalten lit mit vröuden iemer mxvnecvalt. 

Das Verhältniß zu Gott ist bei unserem Dichter ein 
enges. Nicht selten erhebt er den Blick nach oben, um bei Gott 
Beistand und Hilfe zu erflehen. 

Um Nachsicht wegen seiner unerlaubten Liebe bittet er Gott 
90, 14: icli niinne'ein tvip vor al der werlte in minem muote. got herrc) 
daz verväch ze guote. 

Hausen 46, 14 Ich bin ir holt : sivenn ich vor gote getor , so ge- 
denke ich ir. daz ruoch ouch er vergeben mir. 



DKK MINNESÄNGER ALHREOHT VON JOHANSDORF. 89 

Als Beschützer beider Liebenden wird Gott angerufen 87, 12: 
heileger got^ wis gencedtc uns beiden. 

Um Schutz vor Trennung 91, 24: Ist daz ich es inne werden sol, 
ivie dem herzen herzeliej) geschiht, so beioar mich vor dem scheiden^ gof, 
daz tücen bitter ist. 

Er wird gebeten, die Ehre der Geliebten zu bewahren: 86,27 
mi helfe er mir, ob ich herwider kome, ein wtp, diu grozen kumber von 
mir hat, daz ich si vinde an ir eren: so wert er mich der bete gar. 
sül aber si ir leben verkeren, so gebe got, daz ich vervar. 88, 13 ine 
erwache nime)', ezn si min erste segen, daz got ir eren müeze phlegen und 
läze ir lip mit lobe hie gesten. 

Horheim 114, 28 ich loil bevelhen ir llp und ir vre got und da 
nach allen engelen sin. Hart. 207, 25 so ruoche got, daz ez der sclioenni 
müeze gän nach eren nnde ivol. 215, 37 got st, der ir lip und ir erti 
behilete. Rietenburc und Morungen bitten nur um das Leben der Ge- 
liebten. Rietenburc 19, 31 swar ich danne landes var, ir Itp der hoehste 
got bewar. Mor. 122, 19 got läze si mir vil lange gesunt. 

Umgekehrt läßt der Dichter die Geliebte für sein Wohl während 
der Kreuzfahrt flehen: 95, 14 ^so müeze sin der pflegen, durch den er 
süezer lip sich dirre icelte hat bnoegcn. 

Reinmar 187, 24. 201, 1. Hartm. 217, 23. 

Weiter erbittet Johansdorf für sich und die Geliebte die ewige 
Seligkeit: 88, 16 dar nach eioecltche gip ir, lierre, vröude in dime riche. 
daz ir geschehe, also müeze auch mir ergen. 

Reinmar läßt die Geliebte darum bitten: 168,27 ivis ime genmdic^ 
lierre, gut, ican ttigenthafter gast kam in din ingesinde nie. Kolmas 
(120, 21) fordert zu gemeinsamer Hitte auf: Det biten unser frouioen 
ze hilfe an der ger, daz loirz beschouwen, daz uns des {= das ewige 
Leben) geicer der vil miltc got, den ir lip umhivie. 

Bei Versicherungen und in der Schwurform wird der Name Gottes 
öfter gebraucht : *92, 7 got u-eiz wol. 87, 9 sivmne ich von schulden 
erarne ir zorn, so bin ich veroluochet vor gote als ein heiden. 87, 35 got 
vor der helle niemer mich bewar, ob daz min loille st. 88, 10 und, sw(V 
ir des bi gote. 

Veld. 68, 1 got loeiz wol. Ebenso Hausen 44, 19. — toeiz got 
Reinm. 161, 14. 175, 25. 181, 11. 203, 33. — sem mir got 157, 13. — 
170, 21 daz loeiz er ivol, dem nieman niht erliegen kan. — 173, 19 da 
vor müeze mich got hüeten alle tage. — 186, 32 so mich iemer got be/iüete. 

Auch beim bloßen Stoßseufzer fehlt der Name Gottes nicht: Job. 
86, 23 herre, loan ist daz min Wien, daz mir niemer leit geschiht? 



90 J- HORNOFF 

Bemerkenswerth erscheint, daß Johansdorf sieh stets direct an 
Gott wendet, sich nie der Vermittlung der heiligen Jungfrau bedient, 
wie Kolmas (120, 21 f.), Reinmar (181, 31), so hoch er auch dieselbe 
verehrt (90, 1 ff.)- 

Die religiösen Erwägungen, welche den Dichter zur Kreuzfahrt 
antreiben, und welche sich als sämmtlichen Kreuzfahrern gemeinsame 
darstellen, hat bereits Wolfram in seinem schon angeführten Aufsatze 
Zs, f. d. Alt. 30, 97 ff. zusammengestellt und zu den gleichzeitigen 
Kreuzpredigten in Beziehung gesetzt. Es sind die folgenden: 
I. Gott hat für uns gelitten. 

II, Wir müssen's ihm vergelten. 

III. Auch unsere Sünden fordern eine Sühne. 

IV. Wir erwerben durch unseren Dienst die ev^ige Seligkeit. 
Als V. Beweggrund kommt bei Johansdorf noch der Wunsch 

hinzu, der Beschimpfung der Mutter Gottes durch die Heiden ein 
Ende zu machen. 90, 1 die heiden wellent einer rede an uns gesigen, 
daz gotes muoter niht enst ein magst. 

Auch sonst läßt sich bei Johansdorf christliches Denken und 
Empfinden beobachten. In dem Schicksale der Völker und Menschen 
erkennt der Dichter das Walten Gottes. 88, 27 loir haben in eime 
järe der Hute vil verlorn, da ht so merket gotes zoi^n. 

Die Welt sieht er als unbeständig an. Die Treulosen, die ihr 
folgen, trifft als Lohn die Verdammniß. 88, 30 diu loerlt ist unstcete. 
ich meine, die da iniunent valsche roite, den wirt ze jungest schin, wies 
an dem ende iuot. 

Wie aber der Dichter Andere zum Insichgehen auffordert (88, 29 
nn erkenne sich ein ieglich herze guot), so arbeitet er auch an seiner 
eigenen sittlichen Vervollkommnung und überwindet die Regungen 
natürlicher Schwachheit, die sich seinem Entschlüsse, das Kreuz zu 
nehmen, entgegenstellen. 90,5 Mich liahent die sorge üf daz hräht, 
daz ich vil gerne kranken mtiot von mir vertrtbe. des loas 
mtn herze her niht fri. Ich denke also vil manege naht: loaz sol 
ich wider got nu tuon, ob üh bel/be, daz er mir genoidic si? 

Ein merkwürdiger Widerspruch scheint sich in der religiösen 
Weltanschauung Johansdorfs vorzufinden. Der Gott, dem er alle Ge- 
walt über die ganze Welt zuschreibt (94, 17), dessen Zorn die Men- 
schen hinsterben läßt (88, 28), während seine Gnade im Stande wäre 
sie zu erretten, der die Ehre der Geliebten zu hüten vermag (86, 27. 
88, 15), und unter dessen Schutz er die Geliebte auch sein eigenes 
Leben stellen läßt (95, 14), dieser Gott scheint Johansdorf nicht mächtig 



DER iMINNESÄNGER ALBRECHT VON JOIIANSDORF. 91 

genug, das heilige Land von den Fleidcn zu befreien, er bedarf dazu 
der menschlichen Hilfe (89, 27). Nicht ist etwa der Gedanke der, wie 
bei Coelestin ') (1195), daß Gott durch die Befreiung des heiligen 
Landes dem Menschen ein Mittel in die Hand gebe, für seine Sünde 
Vergebung zu erhalten, nein, Gott hat die menschliche Hilfe nöthig. 
Wollte man den ersteren Gedanken auch der Strophe 94, 15 zu Grunde 
legen, was sehr wohl anginge, so würde dieser doch in Widerspruch 
gerathen mit 89,21 ff., wo Johansdorf die Spottreden der Daheim- 
bleibenden, der die Kreuzpredigt Bekämpfenden anführt: „Wäre es 
für Gott eine Beschimpfung, er würde dieselbe ohne Hilfe der Kreuz- 
fahrer rächen." Johansdorf widerlegt diesen Einwand nicht, er sucht 
vielmehr andere Motive hervor, um die verstockten Herzen zu be- 
wegen, er sucht Dankbarkeit, Mitleid mit Gott, Furcht vor der Strafe, 
christliches Selbstgefühl den Heiden gegenüber zu erwecken. „Gott 
hat so, wie Ihr jetzt, einst nicht gedacht, als er Euch durch seine 
große Marter vom Falle errettete. Wie wird es Euch an Euerem Ende 
ergehen, wenn Ihr Gott helfen könnt und es nicht thut? Immerhin! 
Laßt Grab und Kreuz, dann werden die Heiden mit ihrem Spotte 
siegen!" Die Thatsache bleibt jedenfalls bestehen: ohne die Kreuz- 
fahrer wird das heilige Land nicht befreit, auch Gott vermag es nicht 
zu befreien. Dazu stimmen nun auch 86, 25 ich hän durch got daz 
krinze aii mich genomen. 87,23 wir suln var)i durch des rtchen gotes 
ere. 89, 21 die hinnen varn, die sagen durch got, daz Jersalem etc. 
Der Widerspruch scheint indeß nur ein äußerer zu sein. Der 
Dichter will sich offenbar ein wirkungsvolles Motiv im Kreuzlied nicht 
entgehen lassen. Denn wirkungsvoller ist die Aufforderung allerdings, 
wenn es heißt: „Gott selbst in Noth", als wenn es heißt: „Gott hat 
i die Noth geschaffen oder zugelassen, damit ihr durch Aufhebung der- 
; selben euere Sünden sühnt." Abor der Dichter trägt auch kein Be- 
denken — und daran erkennen wir eben, daß der Widerspruch nur 
ein äußerer ist — den letzteren Gedanken an anderer Stelle, wo er 
ihn gerade braucht, wenigstens verhüllt auszusprechen. 88, 27 heißt es: 
wir haben in eime Jdre der Hute vil verlorn, da hi so merket gotes zorn. 
Bezieht sich der erstere Satz, wie Wolfram vermuthet, auf die Schlacht 
i! von Hattin, so folgt aus dem zweiten Satze, daß Gott nur um seines 



') Zs. f. d. Alt. 30, 103 verumtanien misericordiam in ira siia nou coutiiieii.s, qui 
j nunquam obliviscitur misereri cum populo suo — multa fidelium milia .... ad ageudani 
poenitentiam de commissis plures eorum ad vitam praesentem termiiio laudabili con- 
cludendam terre illius amissionis occasione clementer invitans (älinlich auch Gregor 
und Innocenz 1213). 



92 J. HORNOFF 

Zornes willen die Feinde der Christenheit siegen läßt, um die Christen 
damit zu strafen, und daraus folgt wieder, daß er sehr wohl mächtig 
wäre, ohne der Letzteren Hilfe sein Land zu befreien. 

Es läßt sich nun erwarten, daß des Dichters tiefes religiöses 
Empfinden auch auf seine übrigen Anschauungen von Einfluß ist, 
vor allen Dingen auf seine Auffassung der Liebe. Wir glauben diese 
am besten darstellen zu können, wenn wir 

die sittlichen Begriffe 
der älteren Minnesänger bis auf Walther, soweit dieselben sich auf 
die Minne beziehen, im Zusammenhange untersuchen. 

Die von P^rankreich nach Deutschland verpflanzte Sitte des 
Frauendienstes, welche dem heimischen Minnesänge einen neuen, von 
da ab ständigen Charakter verleiht, hat nicht nur einen Wandel der 
Sitte, eine Verfeinerung der Umgangsformen im Gefolge, sie arbeitet 
auch an der Umgestaltung der sittlichen Anschauungen, allerdings, 
wie dies nach der unsittlichen Grundlage des Frauendienstes zu er- 
warten steht, nicht zu deren Verbesserung. 

Einen Anstoß zur Umkehr oder wenigstens ein augenblickliches 
Besinnen bewirkt die Kreuzzugsidee und die Kreuzpredigt, welche 
die Seelen der Menschen mächtig erschüttert und auch im Herzen 
der ritterlichen Sänger den Kampf zwischen der conventioneilen Auf- 
fassung der Liebe und dem natürlichen Sittlichkeitsbewußtsein entfacht. 

Ich will versuchen, zunächst den durch den Frauendienst ge- 
schaffenen Wandel der sittlichen Anschauung und sodann den durch 
die Kreuzpredigt hervorgerufenen inneren Kampf mit seinem Ausgange, 
wie derselbe sich in den Minneliedern spiegelt, zu schildern. 

Da im Frauendienst die Huldigung des Ritters einer verheirateten 
Frau galt, so war Verschwiegenheit Ehrenpflicht. Sie gilt bereits 
Meinloh, der als einer der ersten die neuen Ideen in seinen Liedern 
vertritt, als die vornehmste ritterliche Tugend (MF. 14, 22). Der sitt- 
liche Einfluß, den die Liebe auf das Gemüth des Menschen ausübt, 
erscheint verflacht. Sie vermag den Ritter nur in gesellschaftlicher 
Hinsicht zu veredeln, ihm jene stolze Fieudigkeit zu verleihen, die 
der Umgang mit feinen Damen erfordert (Eist 33, 26. Job. *94, 14. 
Mor. 142, 30. Reinmar 151, 12. 183, 20 etc.). 

Die Begriffe von Treue und Untreue sind vollständig 
vertauscht. 

Als Treue wird von dem Anbeter die ihm seitens der Dame 
bewiesene anhaltende Zuneigung mit allen ihren Consequenzen be- 
zeichnet, welche natürlich die Treulosigkeit gegen den Gatten bedingt. 



DER MINNESÄNGER ALB RECHT VON JOHANSDORF. 93 

Dagej^en nennt derselbe die Stand liattigkeit s^S*^"^ seine Liebes- 
werbungeu Sünde und Unreclit (Eist 38, 30. Guten b. 78, 25. 79, 4. 
Rugge 100, 18. Horb. 115, 29. Mor. 130, 4. Keinniar 160, 33. 165, 15. 
180, 18. 176, 38), wenn er daneben aucli sich selbst als den Urheber 
seiner Leiden ansieht (Fenis 83, 11. 24. Mor. 125, 3. 134, 13. Reinmar 
171,25. 174, 10. 191,23). Als Treue des Ritters wird die der D.inie 
gewidmete andauernde Verehrung gepriesen, wcdche doch nach so 
vielen Zurückweisungen und Deuiüthigungen als erbärmliche Schwäche 
und als unmännliches Gebahren erscheint. Reinmar sieht dies ein: 
160, 22 ff., besonders v. 32 tcete ez danne ein kiid, deiz sus iemer Uhete 
nach ic/he, dem soU ich icol totzen daz. 173, 3 ich warn mich sin ge- 
louhen loil. nein, su verlür ich ake vil. ist daz also, seht loelch ein 
k indes spil. 

Einmal (Reinmar 177, 37) scheint stcete in doppeltem Sinne ge- 
braucht zu sein, was der geistreichen Manier Reinmars entsprechen 
würde, zuerst als Treue gegen den Gatten, dann als Treue gegen den 
Freund: daz wir wip niht mugen gewinnen f rinnt mit rede, si enwellen 
dan noch nie. daz milet mich, ich loil niht minnen.' Begründung: denn 
■stoiten tvihen tuot unstcete we, geht auf die Pflicht gegen den Gatten. 
Nun aber kommt die Höflichkeit gegen den Freund: ivcere ich, des ich 
niene hin, nnstcete, lieze er danne mich, so lieze ich in. Hier ist natürlich 
nur an die Entziehung der Neigung, nicht etwa eines vertraulicheren 
Verkehrs zu denken. 

Die Lage, in welche die Dame geräth, ist in der That eine schlimme; 
denn einerseits möchte sie sich die schmeichelhaften Huldigungen des 
Ritters und die Verherrlichung im Gesauge nicht entgehen lassen, 
andererseits wünscht sie ihre Frauenehre zu bewahren (Reinniai- 171, 11, 
187, 9). Sie verfällt darum meist auf ein heuchlerisches Spiel, indem 
sie sich anfangs dem ritterlichen Säuger gewogen zeigt und ihm Lohn 
verheißt, später aber, wenn derselbe eingefordert wird, die Ertheilung 
desselben in die Ferne rückt oder gänzlich verweigert (Gutenb. 
76, 3). Daher dann die ungemessenen Klagen der Dichter über unauf- 
richtiges Wesen der Herrin, über getäuschte Hoffnung (Joh. 86, 11. 
Mor. 128,25. 138,10. 143,10. 145,29. Reinmar 158,37. 171,11 
[cf. 187, 9] 195, 23). 

Auch der Begrift der Ehre muß sich eigenthümliche Ver- 
änderungen gefallen lassen, zunächst der Begriff der Frauen ehre, 
wobei die Auffassung des Mannes von der der Frau zu unterscheiden ist. 

In den Frauenstrophen ist gewöhnlich die natürliche und ur- 
sprüngliche Auffassung vertreten, insofern ere die Treue gegen 



94 J- HORNOFP 

den Gatten und den darauf gegründeten guten Ruf be- 
zeichnet. 

So Hausen 54, 14 torst ich genenden, so tvold ich im enden sine 
klage, loan Jaz ich vil sendez lotp erfürhten »moz der eren min. 

Damit stiramt auch die Auffassung des Weibes bei Veldegge, 
wenn er sich auch des Wortes ere nicht bedient, 57, 5 flf., auch Eist 
40, 35 ff. Das Weib hält die völlige Hingabe an den Freund für ein 
Unrecht. 

Rugge 110, 8 dem ich alsolher eren sol getriiwen, ah ich her he- 
halten hau, den muoz ich e bekennen ivol, sin loille mac so Ithte niht an 
mir ergän. ere ist hier der gute Ruf. 

Reinmar 178, 19 meine er icol ynit triuivm mich, swnz im danne 
ndlge ze fröuden kamen, daz nun ere st, daz sprich', sagt die Frau zum 
Boten. Zur Erklärung des Begriffes ere tragen v. 10 f. und v. 24 ff. 
bei. V. 10 f. ^siüä du mügest, da leite in abe, daz er mich der rede be- 
gebe . . V. 24 ff. ^s6 hit in daz er verbir rede, die er jungest sprach ze 
mir. so mac ich in an gesehen, wes ivil er da mite hesioccren mich, daz 
doch niemer mac geschehen?' Die Frau wünscht also den Boten daran 
zu hindern, daß er dem Ritter Aussicht auf Lohn eröffne, er soll nur 
insoweit freudige Botschaft bringen, als es die Ehre der Dame zuläßt. 
Reinmar 186, 25 ßer mir ist von herzen holf , dem versprich ich sere 
niht durch vngefüegen ha:, wan durch mtnes Ubes ere'. 192, 37 nu teil 
er {daz ist mir ein not), daz ich durch in die ere wäge und auch 
den Itp . 

Hartm 217, 19 ^loand ich ivägen teil durch in den lip , die ire 
und cd den sin. 

Bisweilen treffen wir aber auch bei der Frau auf andere An- 
schauungen. Die dem Gatten zu wahrende Treue wird auf den Freund 
übertragen und dementsprechend der Begriff gewandelt. 

Reinmar 200, 33 er s-hiet hinnen mit den sinnen, daz ich niht ver- 
gizze srn. iv'ip mit güeten sol ir ere hileten, wider ir friunt niht striten. 
also wil ich s/n mit eren hUen. Das Bewahren der Ehre kann hier 
nur gleichbedeutend mit der Treue gegen den Freund sein. 

Öfter begegnet uns die letztere Auffassung beim 
Manne. Für ehrenvoll gilt die Hingabe an den Geliebten bei 
Veldegge 67, 8: joch ist diu minne als si was toilen ere. Aus dem vor- 
hergehenden Verse: und tvil doch daz ich klage mine sere ergibt sich, 
daß unter Minne die Entgegennahme der Huldigung einschließlich 
des Lohnes zu verstehen ist; denn durch diesen allein kann die sere 
des Dichters gestillt werden. Auch 59, 32 hat man an keine andere 



ä 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 95 

Erklärung zu deukoD: ich lod frö sin durch ir ere, diu mir daz hete 
getan, daz ich von der rinwe leere, diu mich loÜent irte sere. daz ist 
mich nu so vergdn, daz ich hin rtch und groz here, stt ich si mtioste 
al iimbevun , diu mir gap rehte minne sunder wh-li und äne lodn. 

Vgl. auch Rugge 105, 6, wo die Erhörung von der tugent der 
Frau gefordert wird. 110, 30 mhi heil in ir genäden stät, si kan ver- 
klären sorge, der ich loalde. ir gilete mich gehoehet hat. daz sol si meren 
nach ir ere manicvalde. 

Als Treue gegen den Geliebten fassen Johansdorf und 
Horheim den Ehrbegriff. 

Joh. 86, 27 i\u JieJfe er mir, oh ich hi>rioiJer käme, ein wrp, diu 
grozen kumher von mir hat, daz ich si viwie an ir eren. 88, 13 Ine 
erwache nimer ezn st min erste segen, daz got ir eren müeze pldegen 
(uäralich während seiner Entfernung auf dem Kreuzzuge). 

Horheim 114, 28 Ich loil hevelhen ir lip und ir ere got und da 
nach allen engelen sin. si sol ivizzen , sicar ich landes kere, daz ich ie 
hin und muoz iemer sin, als ich e toas. Das Gelöbniü der eigenen Treue 
steht hier dem Wunsche, die treue Liebe der Dame zu behalten, 
gegenüber, — Der Vorwurf der Treulosigkeit gegen die Freunde ist 
mit eingeschlossen, wenn es Hausen als eren slac (48, 16), als lasier 
(48, 22) der Frauen bezeichnet, würden sie sich während der Ab- 
wesenheit der Kreuzritter den zurückgebliebenen feigen Männern hin- 
geben. 

Aber nicht nur dem treuen Freunde sich hinzugeben und ihrer- 
seits die Treue zu waln-en, gilt als ehrenvoll für die Frau, sondern 
auch den treulosen Anbeter zu verstoßen. Hartm. 205,24 
groz xoas mtn wandel. do si den entsaz, so rneii si mich, vil lool geiohe 
ich daz, me diir ir ere, dan üf mhien haz^). 

Reinmar macht eine Ausnahme. Wohl beklagt auch er sich über 
die Hartherzigkeit seiner Dame, über ihr zweideutiges Benehmen, 
dann aber widerruft er plötzlich und rechtfertigt ihr Verfahren als 
ein ehrenvolles. 195, 25 war umhe rede ich solhen mt? si endähte an 
mich ze keiner zit, ivan als ein icip gedenket, an der iriuioe und ere 
IH. Damit stimmt denn auch 165, 37 Ich hän ein dinc mir für geleit 
und strite mit gedanken in dem herzen mm : ob ich ir hohen werde- 
keit mit mtnem xcillen wolte Idzen minre sin, ode ob ich daz welle, daz 
si groezer si und si vil smlic wip ste min und aller manne 



') Der Interpretation Naumanns (Reihenfolge der Werke Hartmanns Ztschr. f. d. 
Alt. 22, 47), welcher die Ehre als Standesehre faßt, kann ich mich nicht anschließen. 



96 J. HORNOFF 

vri. die tuont mir hSJe we. ine loirde ir lastevs tricmer wo : verget si 
mich, daz klage ich iemer me. Einmal wendet auch er die eonveutioneile 
Bedeutung an: 189, 34 an der ich aber triuwe und ere erkenne, ivcene 
ich des, daz mir diu ungelonet läze, so geschoihe an mir, daz nie ge- 
schach. 

Wie in den meisten der augeführten Stellen der Begriff der 
Frauenehre, so ist nun auch weiter der Begriff der Manne seh re , 
soweit diese sich auf die Minne bezieht, verschoben. Was das natür- 
lich-sittliche Bewußtsein als unehrenhaft verurtheilt, die ausdauernde 
Liebe zur Gattin des fremden Ritters, das Hegen und Pflegen 
dieser Liebe gilt nach der neuen Auffassung als ehrenvoll, sowohl 
im Munde der Frau, wie des Mannes. Veldegge geht hierin voran. 
Er stellt freilich diese Treue als eine alte gute Sitte der Flatter- 
haftigkeit als einer neuen Unsitte gegenüber, ohne daran zu denken, 
daß die alte Treue der noch unverheirateten Frau oder doch wenig- 
stens nicht der Gattin eines Anderen galt. 61, 18 do man der rehten 
minne pflac, do pflac man auch der eren, nu mac man naht unde tac 
die boesen site leren. Die ehrenvolle Gesinnung ist an die rehte minne 
geknüpft. Was aber Veldegge unter dieser versteht, besagt 59, 30. 

60, 2 : swer hat rehte minne sunder riuwe und äne ivanc, und : diu mir 
gap reh'e mitine sunder riuwe und dne wanc. Die boesen site sind nach 

61, 1. 5 Witekeit und losheit\ ihnen gegenüber kann rehte minne nur 
„treue Hingabe" bezeichnen, treue Liebe, die sich auch durch Miß- 
erfolge nicht abschrecken läßt: 60, 11 diti mich durch rehte minne 
lange phie dolen liet (um die Treue zu erproben). Danach würde auch 
60, 14. 18. 26 ere auf treue Liebe zu beziehen sein: der bldschaft 
sunder riuwe hat mit eren, he ist riche. — Swer mit eren kan gemeren 
sine bittschaff, duz ist guo' (Refrain). 

Derselben Anschauung huldigt Reiuniar: 199, 34 (Frauenstropi)e) 
Jch sprich im niht mere, 2can daz er mich siht, daz sint sin ere. Die 
Ehre des Ritters verlangt es, daß er der Dame nicht lange seine 
Gesellschaft entzieht, ihr eine treue Pflege angedeihen läßt. cf. v. 31 ff. 
sol ich ltdin von im langez mtden, daz müd mich wol sere. 

Das Werben um Frauengunst einschließlich ihres 
letzten Zieles ist gleichbedeutend mit der sorge umb ere, 
dem ^werben umb ere. 

Reinmar 198, 30 der ie gern umb ere warp und dar an ist un- 
verz'igt, deme tuot vil menegez we, des sich jener getroestet, . . . der dir 
ist verdorbene. ]\/an sol sorgest, sorge ist guo f, eine sorge ist nienian 
wert. Das ^timb ere werben ist gleich ^sorgen, sorgen gleich um Liebe 



DER MINNESÄNGER ALBREOHT VON JOHANSDORF. 97 

ringen trotz aller Zurückweisungen, cf. 199, 8 icer hat Uep an arebeit? 
192, 20 Mere umh ere sol ein man gesorgen danne iimb ander guot. 
R. stellt sich in dem Liede seinen Spöttern gegenüber, indem er 
sich seines Werbens nach Frauengunst und des Austandes, mit 
dem er seinen Liebesschraerz zu tragen weiß, rühmt. Auch 202, 30 
dürfte ere in dem bezeichneten Sinne zu fassen sein. v. 25 Mir ist 
der xoerlde unsto'te von genuogen dingen leit. Swie gerne ich rehte tcete 
(wände ez tvcere ein sadekeit) ^ so enlät mich manic man, der umh ere 
noch um fröude nie deheinen muot gewan. 

die sorge umh ere bei Rugge 110, 7 bezeichnet schon mehr die 
Besorgniß, des Lohnes nicht theilhaftig zu werden. Sioes muot iedoch 
zer loerlte als der mme stät, ich wcene er manege sorge umh ere hat. 
Vgl. den Anfang der Strophe: ich hän nach wäne dicke lool gesungen, 
des mich andei's niht bestuont^). 

Die entgegengesetzte Beurtheilung, welche dieselbe Handlungs- 
weise (Gewährung bez. Erringen des höchsten Lohnes) bei beiden 
Geschlechtern erfährt, spiegelt sich in Job. *93, 25, wo die Dame zu 
ihrem Ritter sagt: wert ich iuch, des hetet ir ere, so wcer mtn der spat. 

Es handelt sich nun darum, zu untersuchen, ob dem Einzelnen 
die unsittliche Grundlage der Zeitsitte zum Bewußtsein kommt. Nur 
bei den Wenigsten finden wir in den Liedern eine Andeutung. Wenn 
auch anzunehmen ist, daß Viele in ihrem späteren Leben, wie Wal- 
ther, Wolfram und Hartmaun dem Minnedienste den Rücken zu- 
kehrten, um wie Wolfram (wahrscheinlich auch Hartmann) '^) Befriedi- 
gung im ehelichen Leben zu suchen, so hat doch dieser Wandel in 
ihren Liedern keinen Ausdruck gefunden. Dieser Gedanke gehörte 
eben nicht in den Rahmen des conventionellen Liebesliedes. Andeu- 
tungen aber, daß Einzelnen die sittliche Erwägung nahegetreten ist, 
finden wir doch. Gerade gegen sie kämpft Rute mit seinem trotzigen 
und leidenschaftlichen Sinne an und stellt sich denen gegenüber, die 
in der Todesstunde ihre Sünde bereuen und beichten: 116, 15 Swie 
mir der tot vast üf dem rugge wcere unde dar zuo manic ungemach, so 
wart mm wille nie, deich si verheere , swie nähen ich den tot ht mir ge- 
sach. do manic man der sünden sin verjach, do war daz mm allermeistiu 
swcBre, daz mir genäde nie von ir geschach. Auch Adelnburc hat sich 
die Frage nach der Zulässigkeit der conventionellen Liebe vorgelegt. 
Das Lied 148, 25 erscheint als eine Antwort auf diese Frage : Sioer 



•) Erich Schmidt versteht unter ^re hier Lob der Welt'. Heinrich von Rugge 
and Reiumar von Hagenau. S. 28. 
') Naumann Zs. 22, 59 f. 74. 
eUUIAMIA. Neae Beih* XXIL (IIXTV.) Jahrg. 7 



98 J. HORNOFF 

mit trimcen umbe ein ivtp wirbst, als noch maneger tuot, icaz schadet der 
sSle ein toerder Upf — Ich steuere ivol, ez iccere guot. ist aber ez ze 
himele zorn, so kommt die boesen alle dar und sint die biderben gar 
verlorn. Wie Anderen scheint auch ihm die unsittliche Grundlage ver- 
deckt durch die scheinbare Tugend der Treue, sodann aber durch 
die Liebe zu einem würdigen Gegenstande {waz schadet der sele ein 
werder Itp?). Dieselben Gedanken, die wir bei Johansdorf wiederfinden 
werden! cf. auch Mor. 142, 26 gerne sol ein riter ziehen sich ze guoten 
loibeny dest mm rät. boesiu ivtp diu sol man vliehen etc. Als dritte Ent- 
schuldigung kommt bei Adelnburc noch die Autorität aller trefllichen 
Männer hinzu, welche der gleichen Sitte huldigen (149, 2). Wann 
dieses Lied abgefaßt ist, ob Adelnburc vielleicht im Ausgange der 
achtziger Jahre unter dem Einflüsse der Kreuzpredigt sich diese sitt- 
liche Frage vorgelegt hat, läßt sich nicht bestimmen, wäre aber 
möglich. Das aber ist gewiß, daß die für die Christenheit so er- 
schütternden Vorgänge im Morgenlande vom Jahre 1187 (Schlacht 
bei Hattin, Einzug Saladins in Jerusalem), die wiederaufgenommene 
und aller Orten gepredigte Kreuzzugsidee Viele zur Selbstschau, zum 
stillen Insichgehen veranlaßte. Suchte doch der Kreuzprediger die 
Menschen zur Kreuznahme gerade dadurch zu bewegen, daß er sie 
einerseits an ihre Sünden erinnerte, anderseits auf den himmlischen 
Lohn hinwies. Und so werden wir eine ganze Gruppe von Sängern 
kennen lernen, in welchen diese Idee zündend wirkt, und welche nun 
entweder einen Bruch oder einen Ausgleich mit ihrer bisherigen An- 
schauung herbeizuführen bemüht sind: ich meine die Minnesänger 
Hausen, Johansdorf, Rugge, Reinmar und Hartmann. 

Das diesen Männern, etwa mit Ausnahme von Rugge, Gemein- 
same ist das Bewußtsein, daß die conventioneile Liebe eine Sünde sei. 

Hausen 46, 14 Ich bin ir holt : swenne ich vor gote getar, so ge- 
denke ich ir. daz riioch ouch er vergeben mir. 

Job. 90, 8 Ich gedenke manege naht : waz sol ich tvider got nu tiion, 
ob ich beltbe, daz er mir genoedic st? so v^eiz ich niht vi/, groze 
schulde, die ich habe, niuwa'n eine, der enkume ich niemer 
ahe. alle sünde lieze ich lüol loan die : ich minne ein totp vm' al 
der werlte in mmem mtiote, got herre daz verväch ze guote. 

Reinmar 181, 35 In erhübe in (nämlich den gedanken) eteswenne 
dar (nämlich Ziir Geliebten) und aber wider sä zehant. sos unser beider 
friwent^) dort gegrüezen, sfi keren dan und helfen mir die sünde büezen. 



') So Becker S. 139, Haupt /Hunde. 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 99 

Hartra. 209, 25 dem krmze zimt lool reiner mnof und kkische site. si) mar. 
man scelde und cdlez guot erioerhen mite, ouch ist ez nilit ein kleiner haft 
dem tumhen man, der sime Übe meisterschaft niht kalten kau. ez loil niht, 
daz man st der merke drunder frt. 210, 11 diu werlt mich lachet trie- 
gent an und winket mir. nu hdn ich als ein tumhei' man gevolget ir. 
der [hacken hnn ich manegen tac gelaufen nach, da nieninn stfPte vhtden 
kan, dar loas mir gäch. nu hilf mir lierie krist , der mtn da värend 
ist, daz ich mich dem entsage mit dhiem zeichen , deich hie trage. 
Die Reue über das weltliche Treiben bezieht sich natürlich auf das 
vorangegan<ijene erste Minneverhältniß Hartinanns ^). 

Unklar bleibt nur die »Stelluno^ von Ruj^oje. Die Stelle im Kreuz- 
leiche ist zu allgemein gehalten, als daß aus ijir ein Schluß gezogen 
werden könnte. 97, 2 ob ich verhir die hloeden gir, die noch min hefrze 
tn'it, so loirt mir hin ze den fvöweden gnch. Die hUcde gir kann sich 
auf alles Mögliche beziehen. 98, 33 wendet sich der Dichter nicht 
gegen die conventionelle Liebe im Allgemeinen, sondern gegen die- 
jenigen, welche sie der Pflicht der Kreuznahme nicht opfern wollen. 
Nach 105, 33 ff. scheint er sie mehr für eine Thorheit als eine Sünde 
zu halten : Jch hdn der werlt e ir reht getan ie nach der m,äze als ez 
mir stuontj der volge ich noch nf guoten wän, alsam die toren alle 
tnont. Leicht möglich, daß Rugge zu der Zeit, als er den Leich dichtete, 
seinen Minnedienst beendet und so nicht mehr nöthig hatte, persönlich 
Stellung zu der F'rage zu nehmen, möglich aber auch, daß er, der 
an leichtem und fröhlichem Muthe Veldegge gleicht, ebenso wie jener 
den inneren Widerspruch nicht empfand. 

Es handelt sich nun um die Stellungnahme, um den sittlichen 
Kampf der Übrigen und um dessen Ausgang. Herauszuheben ist zu- 
nächst Hartmann, der allein von Allen mit seiner bisherigen An- 
schauung bricht. Er hat dieselbe als unrichtig anerkannt und ver- 
sucht keinen Ausgleich. Im November-December des Jahres 1195 hat 
Hartmann das Kreuz genommen'^). In demselben Winter folgen die 
Lieder 209, 25 dem kriuze zimt lool reiner mnot etc. und 210, 35 Mtn 
frö/'de zvart nie sorgelos etc., in denen er seinem früheren weltlichen 
Treiben entsagt. Wenn er nun im Frühling des folgenden Jahres sich 
abermals verliebt, so ist dies keine Inconsequenz, kein Rückfall in 
die alte Anschauung, mit dem sich zugleich der Widerspruch mit 
seiner Würde als Kreuzträger hätte einstellen müssen, Nein, diese 



') Naumann Zs. 22, 74. 

^) Naumann Zs. 22. 60. 43 ff. 



100 J- HORNOFF 

zweite Liebe hat eine ernste Neigung zum Hintergrunde, sie sucht 
eine dauernde Verbindung mit der Geliebten', die dann nach dem 
Kreuzzuge wahrscheinlich auch erfolgt. Bei Hartmann löst sich also 
der Conflict klar und einfach. 

Nicht so bei den Übrigen, Hausen, Johansdorf, Reinmar wollen 
von ihrer Liebe nicht lassen, und sie suchen deshalb einen Ausgleich 
zwischen ihrer Liebesempfiudung und ihrem religiösen Gefühle herbei- 
zuführen, jeder auf andere Weise und mit verschiedenem Erfolge. 

Hausen, der von den Dreien am meisten weltmännischen Sinn 
zeigt, weiß am leichtesten über den Conflict hinwegzukommen. 46, 14 
Ich hin ir holt : sivenn ich vor gote getar, so gedenke ich ir. daz rtioch onch 
er vergehen mir; wan ob ich des sünde siile hnn, zwiu schuof er si so 
rehte wol getan? Er rechnet auf Gottes Nachsicht, indem er ihm vor- 
wirft, daß er ja die Geliebte so schön geschaffen habe, und meint, 
daß damit eigentlich seine Sünde wegfalle: eine mehr geistreiche 
Wendung, als wirklich ernste Erwägung. Am Schlüsse trifft er den 
Ausgleich, daß er Gott den ersten, den Frauen den zweiten Platz in 
seinem Herzen einräumen wolle. 47, 7 den (nämlich got) wil ich vor 
in allen haben, und in {■= den fromven) da nach ein holdez herze tragen. 
Die Ruhe, die er damit gewinnt, ist darum keine nachhaltende. Er 
hat sich getäuscht, wenn er geglaubt hat, daß mit der einfachen 
Thatsache der Kreuznahme auch der innere Streit entschieden sei 
(47, 17. 23). Von Neuem kämpfen seine Empfindungen gegen den 
gefaßten Entschluß an, kämpft sein herze gegen den Ivp (47,9). Er 
ist nicht stark goiug, die ersteren zu unterdrücken, und läßt ihnen 
darum freien Lauf. Religiöse Empfindung und Liebesgefühl stehen unver- 
mittelt nebeneinander, und das letztere hat sogar die Oberhand (47, 25 ff.). 

Weit ernster nimmt es Reinmar mit diesem Widerstreit der Ideen.. 
Auch er hat den kühnen Entschluß gefaßt, das Kreuz zu nehmen 
und den Frauen zu entsagen, und wie schwer ihm dies auch gefallen 
ist (180,28 ff.), er sucht sich im Hinblick auf die zu erwartende 
weltliche Ehre und auf die Gnade Gottes zur Freude durchzuringen, 
wie er denn auch die Anderen zur Freude ermahnt (180, 36 ff.). 
Aber freilich der Wille ist zu schwach, wie bei Hausen und vielen 
Anderen (181, 22), um die einmal als unberechtigt anerkannten 
Gedanken völlig zu bannen. Und so gestattet auch er ihnen (181, 33), 
weil ihm nichts Anderes übrig bleibt, den gewohnten Weg vom Herzen 
zur Geliebten, aber — und hier zeigt sich der Unterschied von 
Hausen — während jener sie dort ruhig weilen läßt (47, 25), ruft 
sie Reinmar gebieterisch zurück, damit sie die begangene Sünde 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. JOl 

büßen helfen und Vergebung erlangen (181, 38). Kleinlaut schließt 
Reinmar mit der Befürchtung, daß ihn die Gedanken noch recht oft 
betrügen werden (182,2). Der Widerspruch bleibt also bestehen, aber 
die religiöse Empfindung überwiegt. 

Ohne Beimischung religiöser Ideen wird uns der sittliche Kampf 
165, 37 ff. geschildert. Nachdem Reinmar drei Strophen hindurch in 
der conventionellen Anschauung sich bewegt hat, bricht plötzlich das 
sittliche Bewußtsein durch: Ich hän ein dinc mir für geleit und strite 
mit gedanken in dem herzen mm, ob ich ir hohen iverdekeit mit mineni 
lüillen loolte läzen minre sin, ode oh ich daz tcelle, daz si groezer si und 
si vil scbUc wvp ste mm und aller manne vrt. die tuont mir bede ive. 
ine wirde ir lasters niemer vro. verget si mich, daz klage ich iemerme. 
Es handelt sich also um die Frage, ob Reinmar seine Dame zu einer 
Handlungsweise veranlassen soll, die sie in seiner eigenen sittlichen 
Werthschätzung herabsetzt, ihm aber Befriedigung seines Herzens- 
dranges verschafft, t)der ob er sie lieber sittlich rein, befreit von seiner 
und aller übrigen Männer Liebe zu sehen wünschen soll. Reinmar 
schwankt, ohne zu einer Entscheidung zu kommen; ihren Schimpf 
mag er nicht mitansehen, aber ihr entsagen kann er nicht. Die letzte 
Strophe des Liedes, die nur in E überliefert ist (die übrigen in ABC) 
und mit der eben besprochenen in durchaus keinem Zusammenhange 
steht, ist wahrscheinlich eine Zusatzstrophe. Das Lied schließt, wie 
das Kreuzlied, unbefriedigt. 

Auch die Revocatio in 195, 25 weist diesen Widerstreit der Ideen 
auf. nieman loeiz, ob si mich wert oder tviez ergät, nein oder ja. ich 
enioeiz enwederz da. warumbe red ich solhen /itt? si endähte (in 
mich ze keiner zit^ loan als ein ivtp gedenket, an der triuive 
und ere lit. 

Ganz anders als bei Hausen und Reinmar steht die Sache bei 
Johansdorf. Auch er hat einen harten Kampf durchzumachen (90, 5 flF.) : 
schlaflos wälzt er sich die Nacht auf seinem Lager und überlegt, 
ob er das Kreuz nehmen soll; zwar drücken ihn nicht viele, schwere 
Sünden, aber die eine, die Liebe zu einer Frau erfordert eine Sühne. 
Nicht aber, wie Reinmar, beschließt er darum, dieselbe zu lassen, dazu 
ist seine Empfindung zu mächtig; er bittet Gott um Nachsicht (90, 15), 
wie Hausen darauf rechnet (46, 16 ff.). Einmal (94, 25 ff.) versucht 
auch er die Minne von sich zu weisen, aber im näclisten Augenblicke 
gestattet er ihr, in seinem Herzen die Reise nach dem heiligen Lande 
mit ihm zu unternehmen, und wagt es sogar, für die Geliebte den 



102 J- HORNOFF 

halben Lohn der Fahrt bei Gott zu erbitten. Nichts von Unruhe und 
Widerspruch mehr in seinem Herzen. Noch mehr erstaunen wir, 
wenn der Dichter dieser Liebe zuschreibt, daß sie von Sünden vor 
Gott freimache (88,33 ff.): Sioer minne minnecliche treit gar dne 
valschen muot, des silnde ivirt vor gote niht geseit. si tiuret und ist guot. 
Johansdorf muß einen Ausgleich in seinem Herzen getroffen haben. 
Was aber ermöglichte diesen? Er betont die reine Liebe (siver 
minne minnecliche treit gar eine valschen muot) und d i e E m p f i n- 
dung für reine Frauen (88, 37 man sol mulen hoesen kranc und 
minnen reiniu wip). Sie veredelt den Menschen nicht nur nach der 
geselligen Seite hin, wie das die übrigen Minnesänger hervorheben, 
sie heiligt auch das Innere des Menschen (v. 88, 35 des silnde xoirt 
vor gote niht geseit. si tiuret und ist guot). Dazu kommt die Treue, 
die starke, die anhaltende Empfindung. 86,1 Min erste 
liebe, der ichiehegan, diu seihe muoz an mir diu leste sin. an vröu- 
den ich des dicke schaden hän; iedoch so ratet mir daz herze min : solde 
ich minnen mer dan eine, daz enwcere mir niht guot, sone minnet ich 
deheine. seht, loie maneger ez doch tuöt! 87, 5 Mich mac der tpt von 
ir minnen ivol scheiden , anders nieman, des hän ich gestvorn. 89, 1 
tuo erz (= minne er ein reinez icvp) mit triuiven, so hob iemer danc 
sm tugentlicher Up. künden si ze rehte beidiu sich hewarn, für die wil 
ich ze helle varn .... ich meine die da minnent dne gallen, als ich mit 
triutoen tuen die lieben frouwen mm. 91, 29 Swä zioei herzeliep ge- 
friundent sich und ir beider minne ein triuive loirt, die sol niemen 
scheiden, dunket mich, al die wile unz si der tot verbirt. 91, 24 ist 
daz ich es inne loerden sol, loie dem herzen herzeliep geschiht, so heioar 
mich vor dem scheiden got, dazwoen bitter ist. Vgl. auch 91, 13. 
In 89, 15 liegt eine Polemik gegen die getheilte Liebe. Reine und 
starke, anhaltende Empfindung, sie beherrschen das Herz des Dichters 
in so hohem Grade, daß er über die unsittliche Grundlage seiner 
Liebe hinwegsieht, und daß eine Vereinigung der Liebesempfindung 
mit dem religiösen Gefühle ermöglicht ist. 

Psychologisch interessant ist es nun weiter, denGründeu nach- 
zugehen, welche den Einzelnen direct oder indirect zur 
Erkenntniß seines unsittlichen Handelns und damit zur 
Kreuznahme bewegen. Zwei Motive treten hierbei in den Vorder- 
grund: einmal die Furcht vor dem Tode, welcher dem Gemüthe 
nahegebracht wird durch die großen Verluste der Christenheit im 
Orient, und sodann die Erfolglosigkeit in der Liebe. 

Das erste Motiv erscheint bei Hausen, Rugge, Johansdorf. 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 103 

Hausen 46, 28 nieman iceiz, wie nähe im ist der tot. Rugge 99, 15 
nienian tveiz, ivie lange er lebet. 

Johansdorf wird erschüttert durch das Massensterben der Men- 
schen ; er sieht darin eine Folge des Zornes Gottes. 88, 27 Wir haben 
in eime jdre der Hute vil verlorn, da bi so merket gotes zum. 

Das zweite Motiv, die Erfolglosigkeit der Liebe, hat Hausen, 
46, 29 einer fromven tvas ich zam, diu dne Ion tum dienest nam, von 
der sprich ich niht wan allez ijuot, ivan daz ir inuot zunmilie ist loider 
mich gewesen, vor aller not ich ivände sin genesen, do sich verlie min 
herze üf genäde an sie, der ich da leider niene funden hdn. nii 
wil ich dienen dem, der Ionen kan. 

Reinm. 153, 22. Do Sprechens zit was wider diu wip, do warp ich 
als ein ander man, do wart mir einiu als der lip, von der ich niuwan 
leit geivan. do iväyide ich ie, si wolde ez wenden, bcet ich si noch, ich 
künde ez niht verenden, nv, hdn ich mir ein leben genomen, 
daz sol, ob got von himele teil, mir noch ze staten komen. 
ludirect spricht Reinmar den Gedanken auch 180, 28 ff. aus. 

Hartm. 211, 8 ff. Mich hat diu xoerlt also getvent, daz mir 
der muot sich zeiner mäze nach ir sent. dest mir nu guot. got 
hat vil icol ze mir getdn, als ez nu stät, daz ich der sorgen bin erlän, 
diu tna^egen hat gebunden an den fuoz, daz er beliben muoz, swenn ich 
in Kristes schar mit fröiden wünneclichen var. 

Bei Hartmann häufen sich die Motive. Der Tod seines Herrn 
hat ihm alle irdische Freude geraubt, so daß er nur noch an sein 
Seelenheil zu denken wünscht. 210, 23 Sit mich der tot beroubet hat 
des herrcn mm, swie nil diu icerlt nach int gestdt, daz Idz ich sin, der 
fröide min den besten teil hat er dd hin , und schliefe ich nu der sele. 
heil., daz wcere ein sin. Freilich hält das erste Motiv, wonach Hart- 
mann auf die Liebe verzichtet, nicht nach. Noch vor dem Kreuzzuge 
(1197) verliebt sich der Dichter zum zweiten Male, ohne daß freilich 
dies für ihn die Veranlassung würde, in der Heimat zu bleiben. Im 
Gegentheil ist es gerade die Geliebte, die ihn antreibt, dem geleisteten 
Versprechen nachzukommen, und so für ihn ein neues Motiv zur 
Kreuzfahrt hinzufügt. 217, 20. Sioelch frouive sendet lieben man mit 
rehtem muot üf diso vart, diu . . . 218, 10 Nu hat si mir enboten bi ir 
liebe, daz ich var. v. 11 ez ist geminnet, der sich dur die Minne eilen- 
den muoz. 

Mit den genannten Dichtern vergleiche man Morungen, welcher 
durch die Erfolglosigkeit seines Minnewerbens nicht zu religiösem 
Denken, sondern nur zur Todessehnsucht geleitet wird. 139, 11 ff. 



104 J- HORNOFF 

A|uch die Zwecke, die der Einzelne durch die Kreuzfahrt zu 
erreichen hoflft, sind nicht die gleichen. 

Reinmar und Hartmann betonen neben dem ewigen auch den 
zeitlichen Lohn, neben der Seligkeit den irdischen Ruhm. 

Reinmar 180, 38 wir sollen hiure lüesen froer danne vert. söne 
(Regel , yö Haupt) mac ein man erwerben des er gert^ lop und ere und 
darzuo gotes hulde. 

Hartm. 210, 7 wan swem daz ist beschert^ daz er da wol gevert, 
daz giltet beidiu teil, der loerlte lop, der sele heil. 

Hausen, Johansdorf, Rugge kennen nur den himmlischen Lohn. 

Hausen 46, 38 nu tvil ich dienen dem, der Ionen kan. Er denkt 
hierbei gewiß nicht an den irdischen Ruhm, mit dem ja Gott eben- 
falls lohnen könnte. Dafür spricht 53, 35: Swerz kriuze nam und loider 
loarp, dem loirt doch got ze jungest scMn, stoann im diu porte ist 
vor verspart, die er tuot ilf den Hüten sm. 

Johansdorf 87, 23 ivir stiln varn durch des riehen gotes ere gerne 
ze helfe dem heilegen grabe, swer daz bestrüchet, der mac icol be- 
snaben. ddne mac niemen gevallen ze sere, daz meine ich, 
so die sele werden gevage, so si mit schalle ; ■ limel" ^~eren. 
94, 15 Quote liute, holt die gäbe, die got unser herv'. dbe git . der al 
der weite hat geioalt. dienet sinen solt, der den. • ■ >' scelJy .' aften 
dort behalten lit mit vrÖuden iemer manicvt i etc. V;ri. auch 
89, 32 ff. 

Rugge 96, 19 ez wurde ein langer wernder hört, swer got nu dienen 
künde, daz wcere guot und ouch mm rät, daz ivizzent algeliche. vil 
maneger drumbe enphangen hat daz frone himelriche\ und 
sonst öfter. 

Bei Johansdorf und Hartmann kommt aber noch der Wunsch hinzu, 
den halben Lohn für die Fahrt der Geliebten zukommen zu lassen. 

Job. 94, 31 Wilt ab du {= Minne) üz minem herzen scheiden niht, 
. . . , viler ich dich dan mit mir in gotes lant , so si er umbe halben 
Ion der guoten hie gemant. 

Hartm. 211, 20 Swelch frouwe sendet lieben man mit rehtem muole 
üf dise vart, diu koufet halben Ion daran, ob si sich heime also 
bewart, daz st verdienet kiuschiu wort, si bete für st beidiu hie, so vert 
er für st beidiu dort. 

Ursprünglich freilich hat Hartmann den halben Lohn seinem 
verstorbenen Herrn zugedacht. 210, 31 mac iine (= dem herren) ze helfe 
komen min vart, diech hdn genomen, ich wil irm halber jehen, vor 
gote müeze ich in gesehen. 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 105 

Überblicken wir nochmals den Inhalt der Gedankenwelt Johans- 
dorfs, so ist es das Sittliche seines Denkens und Empfin- 
dens, was vor Allem hervortritt, und wodurch er sich vor sämmt- 
lichen' Minnesängern der älteren Zeit auszeichnet. Er ist ein vor- 
zugsweise sittlicher Charakter. Die Unsitte seiner Zeit vermag auch 
er nicht zu durchbrechen, aber die Stärke und Reinheit seiner Empfin- 
dung hilft ihm darüber hinweg, das Unsittliche fernerhin noch als 
Unrecht zu empfinden. Reinmar gegenüber, der ihm an sittlicher Fcin- 
fühligkeit am nächsten steht, ist er Realist. Jener erkennt sehr wohl 
das Unzuträgliche seines Handelns. Er stellt sich (165, 37) vor die 
Wahl zwischen dem Rechten aber Unangenehmen einerseits und dem 
Unrechten aber Angenehmen anderseits. Aber er entscheidet sich 
nicht. An anderer Stelle (181, 13), wo er sich für das Rechte ent- 
schieden hat, vermag er mit dem Unrecht nicht vollständig zu brechen, 
nicht Meister seiner Gedanken zu werden. Die Kluft zwischen Denken 
und Handeln bleibt bei ihm bestehen, während Johansdorf Beides zu 
verschmelzen weiß und in sich befriedigt ist. 

Was die Form der Gedanken anlangt, so berühren sich natürlich 
einzelne Ausdrücke und Wendungen in den Minneliedern mit denen 
anderer Minnesänger, und doch fehlt auch hier das Originelle nicht, 
was zum Theil durch das Sittliche von Johansdorfs Empfinden, 
zum Theil durch die Stärke seines Naturgefühles bedingt ist. Auf 
letzterem beruht die Beschreibung der Blumenpracht 90, 32 und der 
herrliche Refrain (90, 23. 31): fröude und sumer ist noch allcz hie^ auf 
ersterem die Betonung des Unrechts, was die Dame durch ihr falsches 
Spiel an dem Dichter begeht : 86, 9 Ich toil ir raten hi der sele min 
durch keine liehe niht tvan durch daz reht etc. 

Auch durch Entlehnung aus fremdem Gebiete führt derselbe 
neue Wendungen und Formen in den Minnesang ein. In den Schatz 
der Volkspoesie greift er, um den vollklingenden, im älteren Minne- 
sänge einzig dastehenden Ausdruck der Freude über die vorgestellte 
Ankunft eines Liebesbotens zu gewinnen. 91, 36 cf. S. 111. 

Als den ersten Versuch, die romanische Form des jeti parii in 
freier Weise nachzuahmen, sehe ich das Lied 89, 9 an. cf. S. 110. 

VI. Zeitliche Anordnung. 
Auf formelle und inhaltliche Gesichtspunkte gestützt, versuche 
ich eine Anordnung der Lieder zu geben, indem ich dabei von der 
Voraussetzung ausgehe, daß die Lieder eines Tones zeitlich nicht allzu- 
fern auscinanderliegen und vor oder nach denjenigen eines anderen 



106 J- HORNOFF 

Tones entstanden sind. Nur 86, 1 und 86, 2ö trenne ich zeitlich, da der 
Ton der letzteren Strophe eine Modification von dem der ersteren ist. 
Einen Anhaltspunkt bei Bestimmung der Reihenfolge gewinnt 
man zunächst durch den Kreuzzug, wodurch sich diejenigen Lieder, 
welche eine Andeutung desselben enthalten (= Kreuzlieder) von den 
übrigen (den Minneliedern) als besondere Gruppe abheben. Man wird 
sie zeitlich hinter die Minnelieder stellen müssen, da sie der conven- 
tioneJlen Formeln, die in diesen noch ziemlich häufig sind, entbehren 
und eine höhere Stufe der Technik aufweisen. Ausschließlich in den 
Kreuzliedern findet sich die Form der Ausrufe (90, 4, 94, 35 flf. 
95, 6 fi".), der Anrede an die Dame (87, 21), an die Minne (94, 25), 
an die eigene Person (Rede der Frau 94, 38), die Schwur- und Fluch- 
form (87, 5. 88, 9. 87, 37. 87, 9. 35. 89, 30) , Personification (94, 25), 
Chiasmus (94, 23. 86, 17), die ungemein kühne Parenthese (89, 5), 
die wirkungsvolle doppelte Antithese (94, 21. 22. 94, 24) oder die in 
zwei benachbarten Versen wiederholte Antithese (94, 36 f.), der Dialog 
(87, 15 ff".), die Einführung anderer Personen als redend (87, 14. 
94, 35. 95, 13, 89, 25). Mit Absichtlichkeit wiederholt der Dichter 
bestimmte Satzformen (88, 19. 94, 15. Haupt- mit Relativsatz wieder- 
holt oder einfache Parataxe), um seine Rede ernst und eindringlich 
zu gestalten. — Auch die complicirteren Töne gehören den Kreuz- 
liedern an (Stollen mit drei Versen: 89, 21. 94, 15; mit vier Versen: 

87, 29). — Was die Formelhaftigkeit der Minnelieder anlangt, so lese 
man nur 89, 9. 90, 16. 92, 7. 

Innerhalb der Kreuzlieder werden die wenigen Anspielungen auf 
die Kreuzfahrt und auf die Bulle Gregors, welche Wolfram in der 
angeführten Abhandlung^) aufgedeckt hat, maßgebend sein. 89, 21 
fällt mit seiner Hindeutung auf den ersten Zug der Kreuzfahrer unter 
Friedrich {„die hinnen varn"") in den Sommer 1189'^). .87, 29 (speciell 

88, 19 ff,), 86, 25 und 94, 15 enthalten Anklänge an die Bulle Gregors? 
welche am 27. März 1188 auf dem Reichstage von Mainz zur Ver- 
lesung kam, fallen also hinter diesen Termin. Weiter sind 87, 29 und 
87, 5 entstanden , nachdem der Dichter das Kreuz genommen hat- 
In der dritten Strophe von 89, 21 dagegen schwankt der Dichter noch, 
ob er in der Heimat bleiben oder sich am Zuge betheiligen soll. Ent- 
weder ist also die Kreuznahme noch nicht erfolgt, oder sie ist erfolgt, 
und der Dichter denkt trotzdem an die Möghchkeit des Zurückbleibens, 



») Ztscbr. f. d. Alt. 30, 111. 
«) Ztscbr. f. d. Alt, 30, 114, 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 107 

Freilich würde er sich in letzterem Falle eiues Wortbruchs Gott gegen- 
über schuldig machen. Dieser Gedanke tritt aber bei seinen nächt- 
lichen Erwägungen nicht auf; es peinigt ihn nur die Schuld seiner 
unerlaubten Liebe. Ich nehme demnach das Erstere an : die Kreuz- 
nalime ist noch nicht erfolgt. Dann aber lallen 87, 5 und 87, 29 nach 
89, 21, also zwischen den Sommer 1189 und den Aufbruch Leopolds 
von Osterreich Sommer 1190'j, mit dessen Heere Johansdorf den Zug 
antrat. Innerhalb dieses Zeitraumes muß der Dichter das Kreuz ge- 
nommen haben. 

Kurz vor dem Aufbruche sind 86, 25 und 94, 15 entstanden. 
In 94, 15 (v. 35 ff.) ist der Streit mit der Geliebten wegen der Kreuz- 
nähme ausgeglichen, welcher in 87,5 und 87,29 noch eine große 
Rolle spielt. Der Dichter bittet die Minne (94,25), ihn bis zu seiner 
Rückkehr freizulassen. Die Geliebte zittert vor dem nahen Tage der 
Abfahrt (95, 5 ez nähet, er wil hinnen varn). In 86, 25 bittet der Dichter 
Gott, über die Ehre der Geliebten bis zu seiner Rückkehr zu wachen- 
94, 15 fällt wohl noch etwas später als 86, 25, da sich der Dichter 
in der zweiten Strophe schon in der Ferne wähnt. 

Die Ordnung der Lieder ist also folgende: 
89, 21 Sommer 1189. 



87,5. 87,29 Sommer 1189 bis Sommer 1190. 
86, 25. 94, 15 Sommer 1190. 

Mit geringerer Sicherheit lassen sich die Minncliedcr ordnen. 

Ich habe schon früher wahrscheinlich zu machen gesucht, daß 
die beiden Lieder 91, 8 und 91, 22 den Abschluß des Minneverhält- 
nisses zur Voraussetzung haben; sie würden wir demnach an das 
Ende der Reihe stellen müssen. 

89, 9. 90, 16. 90, 32 enthalten viel conventionelle Phrasen: 
Schmerz über die Entfernung von der Geliebten und über ihre Hart" 
herzigkeit, Freude über den erhofften Anblick. 

92, 7 ist geradezu stümperhaft und erscheint als Erstlingswerk. 

91, 36 ist ein Virtuosenstückchen, welches des schlichten Aus- 
diuckes wahrer Empfindung, wie ihn die späteren Lieder aufweisen, 
entbehrt. Alle die genannten werden wir aus den bezeichneten Grün- 
den an den Anfang zu stellen haben, etwa in der Reihenfolge: 92, 7. 
- (89, 9. 90, 16. 90, 32) — 91, 36. 

86, 1 schlägt plötzlich einen neuen Ton an. Das conventionelle 
Minnetreiben scheint unserem Dichter lästig, das Kokettieren seiner 

') Wolfram a. a. O. S. 114. 



108 J- HORNOFF 

Dame widerlich; die Eigenart Johansdorfs, der speciell sittliche Cha- 
rakter kommt zum Durchbruch, er verlangt nicht um der Liebe, son- 
dern um des Rechten willen Offenheit von der Dame, bestimmte 
Zusage oder Absage ohne Umschweife (86, 9). Das dürfte der Anlaß 
zu dem folgenden Abschluß des Verhältnisses gewesen sein, und so 
schließt sich der Kreis. Das Bild der Reihenfolge würde dieses sein: 

I. 92, 7. 89, 9. 90, 16. 90, 32. 91, 36. 
II. 86, 1. 

III. 9l78r"9l7~22. 

Prüfen wir nun noch, wie sich die Strophenzahl der Lieder zu 
der aufgestellten Anordnung verhält. 

Die Strophenzahl kann nur insoweit als Kriterium gelten, als 
man annehmen darf, daß der Entstehung mehrstrophiger Lieder die 
einstrophiger vorangegangen sein muß, in unserem Falle, daß die 
Entstehung der dreistrophigen Lieder den Vorgang mindestens eines 
zweistrophigen, die Entstehung der zweistrophigen den Vorgang minde- 
stens eines einstrophigen Liedes voraussetzt. 

Falsch dagegen wäre die Annahme, daß sämmtliche ein- 
strophigen vor den zweistrophigen, sämmtliche zweistrophigen 
vor den dreistrophigen gedichtet seien, dem Dichter mithin die Mög- 
lichkeit benommen gewesen wäre, vom dreistrophigen Liede zum zwei- 
und einstrophigen zurückzukehren. 

Die Strophenzahl der Lieder stellt sich nun folgendermaßen: 

Von den Minneliedern sind die meisten zweistrophig: 89, 9. 
90, 16. 90, 32. 91, 8. 91, 22; nur eines dreistrophig: 86, 1; zwei ein- 
strophig: 91, 36. 92, 7. 

Unter den Kreuzliedern finden sich zwei dreistrophige: 87, 5 
und 89, 21, zwei zweistrophige: 87, 29. 94, 35. Die übrigen sind ein- 
strophig: 86, 25. 88, 19. 88, 33. 94, 15. 94, 25. — Daß gerade unter 
den Kreuzliedern, deren Entstehung später angesetzt wird, als die 
der Miunelieder, so viel einstrophige erscheinen, darf nicht wunder 
nehmen, da drei von den fünf Liedern sich der Spruchform nähern, 
zu deren Charakter ja die Einstrophigkeit gehört: 88, 19 (indirecte 
Ermahnung zum Kreuzzuge). 94, 15 (directe). 88, 33 (allgemeine Er- 
mahnung zur Treue, an Liebende gerichtet). 

Betrachten wir nun die Aufeinanderfolge der Lieder mit Rück- 
sicht auf 'ihre Strophenzahl, so beginnt ein einstrophiges die Reihe 
der Minnelieder: 92, 7. Es folgen die z\Yeistrophigeu: 89, 9. 90, 16, 
90, 32, mit Unterbrechung durch ein einstrophiges (91, 36) das drei- 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF. 109 

strophige 86, 1. Den Beschluß bilden zwei zweistrophige Lieder 91, 8. 
91, 22. 

Die höchste Strophenzahl ist bereits innerhalb der Minnelieder 
erreicht. Die Reihe der Kreuzlieder beginnt gleich mit zwei drei- 
strophigen: 89,21. 87,5 und wird fortgesetzt mit zwei- und ein- 
strophigen. Ton 87, 29 enthält ein zweistrophiges: 87, 29, und zwei 

einstrophige Lieder: 88, 19. 88, 33. 86, 25 ist einstrophig. — 

Ton 94, 15 setzt sieh aus zwei einstrophigen (94, 15. 94, 25) und 
einem zweistrophigen Liede (94, 35) zusammen. 

Wir haben also thatsächlich ein Fortschreiten vom ein- bis zum 
dreistrophigen Liede festzustellen. — Auch von diesem Gesichtspunkte 
aus läßt sich die Möglichkeit wenigstens der obigen Anordnung nicht 
bestreiten. 

Haben wir die Minnelieder vor die Kreuzlieder zu setzen, so 
sind sie etwa in der Zeit 1187 — 1188 entstanden. In das Jahr 1189, 
wo Johansdorf der Entschluß der Kreuznahme nahetritt, dürfte keines 
der Minnelieder fallen, da ja sonst ein Hinweis auf den Kreuzzug 
nicht zu umgehen gewesen wäre '). 

VIL Fremde Einflüsse. 

Am deutlichsten tritt der Einfluß der romanischen Dichtung her- 
vor, welcher durchaus kein directer zu sein braucht, sondern von den 
romanisierenden Standesgenossen Johansdorfs übermittelt sein kann. 
Dieses gilt vor allen Dingen von den Phrasen der conventioneilen 
Minnepoesie, die auch Johansdorf im Anfange seines Dichtens häufig 
verwendet (89, 9 ff. 00, 16 ff. 91, l ff.), die aber später, je näher ihm 
der Entschluß zur Kreuznahme tritt, um so mehr verschwinden und 
einem warmen Tone der Empfindung Platz machen. 

Romanisch ist die Durchführung zweier Reime durch Stollen und 
Abgesang (87, 5) und die Verknüpfung zweier Strophen durch den 
Reim (87, 5 erste und zweite Strophe). Die Anwendung vocalischen 
Gleichlautes in den Reimen der Stollenverse und in der Waise des 
Abgesangs innerhalb der beiden Strophen von 90, 32 haben wir auf 
eine freie Behandlung des romanischen Princips der Reimhäufung 
und Reimentsprechung zurückzuführen gesucht. — Der umschließende 
Reim''), wie die Verbindung kurzer und langer Verse') , die bei Johans- 
dorf sich nicht selten findet, deuten auf denselben Ursprung. 



») Nach Becker (a. a. O. S. 229) hat J. nicht vor 1189 gedichtet. 
') Becker a. a. O. S. 126. 
*) Bartsch Germ. II, 282. 



,110 J- HORNOFF 

Einen Ansatz zu dem jeu parti {prov. jocx partitz, partimens oder 
partia^), dem geteilten spil (cf. Hai'tm. 216, 8) möchte ich in 89, 9 
finden. Der Dichter richtet hier, nachdem er über das Vergebliche 
seines Dienstes geklagt hat, an einen Standesgenossen {herre) die 
Frage, ob es erlaubt sei, zwei Frauen heimlich zu dienen (oder 
nicht)? An die Antwort desselben müßte sich, wenn das Lied ein 
durchgeführter ye?* par^i wäre, eine Discussion schließen, in welcher 
der Fragesteller die Gegnerschaft übernimmt. Diese Discussion erfolgt 
nicht, ist aber doch in der Antwort andeutungsweise enthalten. Der 
Gefragte gibt die Zulässigkeit des doppelten Dienstes stillschweigend 
zu, läßt aber den zu erwartenden Einwand des Gegners: daß man 
dann auch den Frauen die Entgegennahme mehrseitiger Huldigung 
gestatten müsse, nicht gelten. Der Dichter erspart sich eine weitere 
Entgegnung, da diese Entscheidung sich als einseitig und damit als 
unzulässig für jeden gerecht Urtheilenden ergibt. Der Antwortende 
erscheint somit gleichsam als der Geschlagene. Es ist, wie gesagt, 
nur ein Ansatz zum jeu parti, aber als solcher nicht zu verkennen. 
Man vergleiche hierzu Rubin MSH. I, 314", vierte Strophe des Kreuz- 
liedes VII, wo die umgekehrte Frage an eine Frau gerichtet ist. 

Das Lied *93, 12 mit einem der lang ausgesponnenen höfischen 
Wechselgespräche, deren Ursprung bereits W. Grimm (Athis und Pro- 
philias S. 19)*^) als romanisch nachgewiesen hat, fällt als unecht 
außer Betracht. 

Eine zweite Quelle, aus der Johansdorf wie überhaupt der ganze 
Minnesang schöpft, ist die Volkspoesio. Richard Meyer ^) hat die in 
Minnesangs Frühling, Carmina Burana, bei Walther, Wolfram, Neit- 
hart häufig wiederkehrenden, gleichartigen Wendungen, wo nicht an 
gegenseitige Entlehnung zu denken ist, als volksthümliche Bestand- 
theile des Minnesangs aufgefaßt. Es sind dies bei Johansdorf die fol- 
genden: *94, 5 volgent mmer rmte. — *92, 28 und solde ich iemer daz 
geleben. — *92, 30 so miles min herze, in fröiden swehen. — *93, 36 
länt mich noch geniezen. — *93, 38 iiich mac wol verdriezen. — *92, 23 
unsanfte mir daz tuot. — *92, 14 der al der loerlte fröide git. — 86, 8 
seht, wie maneger ez doch tuot. — *92, 32 so ivurde ich von sorgen frt. 
— 95, 1 durch den du locere ie hochgemuot. — *94, 14 und dähi hoch- 
gemuot. — *93, 37 daz ich iu von herzen ie toas holt. — 95, 6 lool si 
scbUc xoip. — 91, 35 seht, so w%irde ich niemer mere vrö. — *94, 14 daz 

') Diez, Poesie der Troubadours 2. Aufl. Ton K. Bartsch, Leipzig 1883. S. 98 f. 

") Burdach a. a. O. S. 82. 

*) R. Meyer, Alte deutsche Volkslieder. Ztschr. f. d. Alt. XXIX, 134 ff. 



DER MINNESÄNGER ALBRECHT VON JOHANSDORF Hl 

ir deste werder sint. — 89, 19 wurre ez iht. — 86, 22 hülfe ez i/it. — 
88, 9 für alliu imp. — 87, 21 nu entrure niht sere. — 91, 22 daz iveiz 
ich ivol. — 91, 21 so ist mm herze leides vol. — 91, 29. 31 sicä zivei 
herzeliep gefriundeut sich, . . die sol niemen scheiden dimket mich. 

Als sprichwörtliche Redensarten sind bezeichnet: 86, 5. 7 solde 
ich minnen mer dan eine, sone minnet ich deheine. 95, 14 so miieze sin 
der pflegen (, durch den etc.). 

Berj^er') fügt noch hinzu: 91, 37 wcrre ich dem vhit, ich wolt in 
grüezen. 

Als gnoniische, dem Volksliede entstammende Elemente: 87, f) 
Mich mac der tot von ir minnen lool scheiden. Zu 91, 29 ff. vgl. IJhland, 
Volkslieder 80, 1. 98, 1. 101, 4. Schriften III, 442. — 94, 36 f wie 
vil mir doch von liebe leides ist beschert, waz mir diu liebe leides tuet. 
— 95, 13 lebt min herzeliep od ist er tot. cf. Uhlaud 150, 3. Schriften 
III, 428. 524. IV, 179. 

Als Wünsche und Verwünschungen volksthümlicher Art führt B. 
auf (S. 453): 88, 13 Ine erwache ninier ezn st nnn er.tte segert, daz got 
ir eren müeze phlegen und Idze ir Itp mit lobe hie gesten etc. 87, 12 
heileger got, tvis gencedic uns beiden. 91, 26 so beioar mich vor dem 
scheiden got. 

Verwünschungen: 87, 9 sxoenne ich von schtdden erarne ir zorn, 
so bin ich vervluochet vm^ gotc als ein heiden. — 87, 35 got vor der helle 
niemer mich beicar, ob daz mm wille st. 

Die Umschreibung der Negation durch Ausdrücke, die etwas 
Unmögliches bezeichnen, wird als volksthümliches Element in An- 
spruch genommen (S. 455). 92, 3 siver si vor mir nennet, der hat gar 
mich zefriimde ein ganzez jär, het er mich joch verbrennet. — Verglichen 
wird damit MSH. II, 171'' lieber het ich Ronie und Engellant verbrennet. 
Von der Volkspoesie hat der Dichter auch geborgt, wenn er andere 
Personen als redend einführt cf. Germ. XXXIII, S. 431. 

Unbedeutender als romanische Kunst- und deutsche Volkspoesie 
wirkt die geistliche Dichtung auf Johansdorf ein. Das aus ihr ent- 
lehnte Bild für die Geliebte *93, 4 sist aller güete ein gimme fällt mit 
dem ganzen, als unecht erkannten Liede hinweg. Die Form des 
Gebetes 87, 12. 88, 17. 90, 15. 95, 14, die Berger zum Theil zu der 
volksthümlichen Grundlage zieht, ließe sich etwa noch hierher rechnen. 
Besonders dürfte der Schluß von 87, 29 (88, 18) daz ir geschehe, also 



') Arnoli] Berger, Volksthiimliche Grundlagen des Minnesangs. Ztschr. f. d. 
Phil. XIX, 440. 



112 A. HEUSLER 

miieze ouch mir ergen an die Schlüsse geistlicher Epen erinnern, wo 
der Verfasser für sein Seelenheil bittet, oder den Leser auffordert, 
dies zu thun. Burdach findet weiter in der Neigung zum Parallelisnous, 
in der Anknüpfung der Sätze mit 7iu, in der Voranstellung des Haupt- 
begriffs (ef, a, a. O. S. 92. 93) , in der Anwendung der rhetorischen 
Frage mit negativem Sinne (S. 73) einen Einfluß der geistlichen Lite- 
ratur, Hinsichtlich der Anrede der Zuhörer läßt er die Möglichkeit 
geistlicher oder volksthümlicher Einwirkung gelten. — Die religiösen 
Anschauungen und Empfindungen aber, die Johansdorfs Lieder durch- 
ziehen, haben mit der geistlichen Dichtung nichts zu thun; sie sind 
auf des Verfassers Naturell und persönliche Beziehungen zu geist- 
lichen Herren zurückzuführen. 

LEIPZIG, im Mai 1888. J. HORNOFF. 



ZUR LAUTFORM DES ALEMANISCHEN. 



L Die e-Laute 

In dem Aufsatze über die umlauthindernden Consonanten des 
Ahd., Beitr. 4, 542 f., 549, hatte Braune die Ansicht aufgestellt, das 
eist im 12. Jahrh. an Stelle eines frühern unumgelauteten a auftre- 
tende Umlauts -e dürfe nicht als ein auf rein lautlichem Wege ent- 
standener Laut aufgefaßt werden; „denn die Zeit, wo der Umlaut 
des a zu e lautlich herbeigeführt wurde, war das 8. und 9. Jahrh." 
Jene später auftauchenden e seien vielmehr analogisch nach dem 
Muster der altern, echten Umlauts -e gebildet worden. 

Franck, der Zs. f. d. A. 25 auf die doppelte Vertretung des 
Umlauts -e in modernen Maa. aufmerksam machte, geht, ohne sich 
doch zu Braune's Auffassung in bestimmten Gegensatz zu stellen, 
offenbar von der umgekehrten Anschauung aus, wenn er S. 224 sagt: 
„die Pralle, in denen der Umlaut nur durch die Beschaffenheit der 
zwischen dem a und dem i der folgenden Silbe befindlichen Conso- 
nanz aufgehalten war, scheinen den geschlossenen Laut noch zu 
erreichen." Auch seine Worte „die Mouillierung hatte nicht mehr 
die Kraft, so viel i- Farbe in die zweitvorhergehende Silbe abzu- 
geben, als in die unmittelbar vorhergehende" zeigen klar, daß er 
auch in Fällen wie mhd. raenege, megede den einer jüngeren Periode 
angehörenden Umlaut des stammhaften a auf lautmechanischem Wege 
entstanden sein läßt. 



ZUR LAUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 113 

Im Anschluß an Franck spricht Kauflfmann, der die beiden zeit- 
lich getrennten Umlaute im Schwäbischen genauer nachweist (Voca- 
lismus des Schwab. §. 9), von einem „Jüngern Lautwandel" des a > e. 
Besonders die Ortsnamen, die er als Beispiele dafür anführt, beweisen 
vollkommen, daß dieses secundäre Umlautsproduct auf rein lautlichem 
Wege entstanden sein muß; kann doch von analogischem Eindringen 
des e bei den außerhalb jedes Formensystems stehenden Ortsnamen 
nicht die Rede sein. 

Anderseits bemerkt jedoch Franck a. a. O. S. 224: „Zugleich 
scheint sich das grammatische Bewußtsein für den Umlaut geltend 
gemacht zu haben, und es ist zu begreifen, daß Wörter, die ihn bloß 
der Analogie zufolge bekommen , kein e mehr, sondern nur e* er- 
halten." 

Hier scheint mir nun ein Irrthum zu liegen. Wo das Sprach- 
gefühl bloß an ein Gegenüber von sack — secke, blat — bleter ge- 
wohnt ist, wird zweifellos ein neugeschaffener Umlautplural — nehmen 
wir z. B. die im Aleman. verbreiteten secundären Plurale zu Tag, 
Fahne — ebenfalls geschlossenes e enthalten müssen. Es ist ganz 
undenkbar, daß die Aualogieschöpfung ihr Muster nicht genau be- 
folgt hätte. Da die in Frage kommenden Maa. die Scheidung ver- 
schiedener e- Qualitäten mit völliger Sicherheit durchführen, können 
sie nicht aus irgend einem Grunde bei den Neubildungen nach der 
Proportion a : e =: a : x fehl gegangen sein und für x ein e statt 
eines e eingesetzt haben. Auch dürfen wir doch nicht glauben, der 
Sprechende habe ein Gefühl davon, daß geschlossenes e weiter von 
a abliege als offenes e, und könne deshalb bei jener jungen Plural- 
bildung nur zu einer Form mit e, nicht zu einer mit e sich ent- 
schließen. 

Wenn also die erwähnten Plurale teg und fena mit offenem e 
lauten, wie dieß thatsächlich der Fall ist, so müssen sie sich nach 
einem altern Muster a : e gerichtet haben. Dieses Muster wurde nun 
eben dargeboten von den zahlreichen Substantiven, deren einstiges 
Endungs-i wegen der bekannten hemmenden Consonanten und Con- 
sonantenverbindungen oder wegen einer zwischenliegenden Silbe erst 
in einer spätem Zeit umlautend gewirkt und demgemäß lautgesetzlich 
offenes (j erzeugt hatte. Wörter wie mhd. beche, nehte, beige stellten 
in den aleman. Maa. lautgesetzlicher Weise ein offenes e des Plurals 
dem a des Singulars gegenüber. Diese häufigen Wörter konnten 
naturgemäß in eine Art von Concurrenz mit jenen Wörtern wie sack 
— secke, blat — bleter treten. Es war eine Maclitfrage, ob ein neu 

GERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 8 



114 A. HEUSLER 

gebildeter Umlauts -Plural das geschlossene e der letztern oder aber 
das offene e der erstem annehmen würde. 

Bevor ich dieß an der Hand einer lebenden aleman. Mundart 
näher ausführe, möchte ich die Frage berühren: wie alt ist der Um- 
laut in beche nehte beige, menege megede, kurz in all den Stellungen 
vor umlauthindernden oder besser ,umlautverzögernden^ Consonanten 
bezw. vor einer zwischenliegenden Mittelsilbe? 

Braune a. a. 0. weist ihn dem 12. Jahrb. zu. KaufFmann a. a. O. 
bemerkt: „In späterer (mhd.) Zeit ist hier ein neuer Umlaut einge- 
treten." Dieß gründet sich auf das erste Auftreten geschriebener 
Formen mit e in den bewußten Stellungen. Allein, sobald man an- 
nimmt, daß auch diese spätere Schicht umgelauteter a lautmechanisch 
entstanden sei, stellt sich die Schwierigkeit entgegen: im 12. Jahrh. 
war das ahd. kurze i der meisten Endsilben längst zu e geschwächt. 
Wie konnte aus Notker'schem nahte, aber, chalber, armer, färeuuen, 
magede ein Jahrhundert später nehte, eher, chelber, ermer, ferwen, 
megede werden? — Man könnte zunächst einwenden, daß zahlreiche 
Endsilben jeuer Schwächung nicht unterlagen; daß in mahtig, chalti, 
haising auch im 12. Jahrh. noch das erhaltene Endungs-i Umlaut 
wirken konnte. Allein wie sollten von diesen Formen die Plurale 
oder die Comparative beeinflußt worden sein ? ^) Durch ein mäht : 
mehtig, ehalt : chelti konnte doch die völlig verschiedene, unabhän- 
gige Beziehung von bach : bache oder arm : armer unmöglich den 
Anstoß erhalten, einen neuen Plural beche, einen neuen Comparativ 
ermer zu formen. Mit andern Worten: eine Proportion mäht : mehtig 
= naht: nehte wäre für das Sprachgefühl ein Unding. Das ,gram- 
matische Bewußtsein' für den Umlaut d. h. für den mit einem func- 
tionellen Wechsel Hand in Hand gehenden lautlichen Wechsel von 
a und e bezw. e ist nur innerhalb der einzelnen grammatischen Reihen 
lebendig. Der Plural der Substantive, der Comparativ, die Ableitungen 
auf -ig u. s. f. haben je ihr eigenes selbständiges ,Bewußtsein für den 
Umlaut': die eine Reihe kann die andere nicht beeinflussen. Dieß 
zeigen uns klar die lebenden Mundarten (s. u.). So müssen wir auch 
annehmen, daß die Plurale wie mhd. nehte, die Comparative wie mhd. 
ermer selbständig, aus rein lautlichen Bedingungen erwachsen sind. 



') Ein theilweise analogisches Eindringen des späteren Umlauts wird auch 
Gramm. I, 304 (Neudruck) angenommen; doch wird hier noch nicht mit der dopi^elten 
Klangfarbe der Umlauts-e gerechnet, so daß eine Einwirkung der älteren Umlaute 
auf die jüngeren als möglich erscheint. S. o. 



ZUR LAUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 115 

Zudem zeigen uns die Dialecte eine Anzahl Wörter mit o, in 
denen dieser Umlautsvocal isoliert ist, d. h. in keinem beweglichen 
Wechsel mit dem unumgelauteten a steht; so z. B. hechel Hechel 
(mhd. hechel), g'schlecht Geschlecht (mhd, geslehte), werze Warze 
(mhd. warze), viele Sahst, und Verben mit -otsch- (s. Winteler S. 49) : 
hier war eine analogische Einwirkung von irgend einer Formreihe 
her nicht möglich; der Umlaut muß hier trotz der im 12. Jahrh. 
längst geschehenen Schwächung des i lautmeclianisch eingetreten sein. 

Es bleibt nichts anderes übrig, als auch diesen secundären Um- 
laut des a in eine beträchtlich frühere Periode zu rücken, in eine 
Zeit, da das kurze i der End- oder Mittelsilbe noch nicht zu e ge- 
schwächt war. Schon Notkers Sprache muß diesen Umlaut besessen 
haben. In dem a seiner nahte, mähte, mähtig, chälber, chälti, ärmer, 
raänegi, mägede muß sich ein anderer Laut bergen als in dem a von 
näht, mäht, chälb, ehält, arm, mdged. üiese Annahme ist keineswegs 
abenteuerlich. Hat man doch für die Notker'schen u, o 6, u, üo, 
ou, an deren Stelle das spätre Alemanisch die Umlaute ae, ö ce, ü, 
üe, öü zeigt, längst annehmen müssen, daß sie schon von der i- Fär- 
bung afiiciert waren, nur nicht genugsam, um den Schreiber zur 
Wahl eines neuen Zeichens zu drängen (Braune ahd. Gr. §. 51, auch 
Ivögel Lit. Blatt 18b7, 109). Dem ä ist das a vor umlauthindernden 
Consonanten durchaus gleich zu stellen. Inwieweit hiebei schon der 
Vocal selbst, inwieweit bloß der folgende Consonant die MouUierung 
angenommen hatte, läßt sich nicht entscheiden. Jedenfalls war der 
erst später (12. Jahrh.) als e auftretende Laut in Notkers Sprache 
dem a noch sehr nahestehend, offener als sein e = mhd. e; sonst 
ließe sich die Schreibung nähte, mähtig etc. nicht verstehen. Wir 
haben guten Grund anzunehmen, daß dieses a bei Notker gleiche 
Qualität hatte wie sein ä in stäte, sälig, du uuäre, ruzi (s. u.). 

Dieses a*" des 10. IL Jahrh. muß sich nun, sei es spontan, sei 
es unter fortdauernder Einwirkung der folgenden moullierten Conso- 
nanz, zu etwas mehr geschlossener Qualität entwickelt haben, bis es 
endlich im 12. Jahrh. den andern e-Vocalen so nahe stand, daß der 
Buchstabe e an die Stelle des Buchstaben a eintreten konnte. Doch 
wird auch in jener Zeit noch das Alemanische das e in nehte, beche, 
beige offener gesprochen haben als in reht, breche, hell u. s. f. 

Nachdem auf diese Weise viele e-Plurale neben die älteren 
e-Plurale getreten waren, konnte auf die Länge ihr beiderseitiges 
Gebiet nicht reinlich gesondert bleiben. Es mußte sich allmählig 
entscheiden, ob das Gegenüber von e zu a oder aber von e zu a von 

'8* 



116 A. HEUSLER 

dem Sprechenden als das lebendige, productive empfunden wurde. 
Ganz dieselbe Frage trat aber nicht nur beim Subst. , sondern bei 
einer ganzen Reihe anderer Formsysteme ein. Wir müssen uns hier 
ganz an die lebenden Mundarten halten. Dieselben zeigten bei ge- 
nauer Betrachtung eine auffallende Buntscheckigkeit in der Vertretung 
des mhd. Umlauts -e. Es blieben trotz sorgfältiger Ermittlung der 
consonantischen Einflüsse immer noch eine große Reihe von Aus- 
nahmen übrig. Dieß rührt eben daher, daß der lautlich berechtigte 
Zustand durch zahlreiche Analogieschöpfungen aufgehoben worden ist. 
Die e und e der aleman. Mundarten lagern sich in der großen Mehr- 
zahl der Fälle nicht mehr nach den ursprünglichen lautlichen Be- 
dingungen, sondern nach einem Jüngern gruppenbildenden Formgefühl. 

Man that daher Unrecht, wo es sich um Ermittlung der direct 
lautlichen Fortsetzung von mhd. e handelte, immer wieder mund- 
artliche Beispiele heranzuziehen, die innerhalb eines Formsystems 
stehen. So sind die von Franck S. 224 angezogenen kelber, kelte, 
wechst als nicht isolierte Formen wenig beweisend. So wird Stickel- 
berger durch die massenhaften Plurale, Diminutive, Comparative, die 
er SchafFh. Mundart §. 9 anführt, zu falschen Schlüssen geleitet: 
1 und r haben nicht Vorliebe für den geschlossenen Vocal; Offen- 
heit des e vor Nasalverbindungen ist strenges Lautgesetz. Kauffmann, 
der doch in der Anmerkung zu §.12 a. a. O. auf das Besondere des 
, angelehnten' Umlautes aufmerksam macht, bringt dennoch §. 11 f. 
zahlreiche nicht isolierte Formen als Belege und gründet auf solche 
(wermr, ^1^%^, west, k'elbr; ne;^t) §.14 die Annahme, daß die Regel 
von den umlauthindernden Consonanten zu modificieren sei; daß „meist 
durch Systemzwang sich im einen Falle der nicht umgelautete Vocal 
gehalten hat, während bei anderen Kategorien der Umlaut einge- 
treten ist". — 

Außer dem Gegensatze von erster und zweiter Umlautsperiode 
und den daran sich knüpfenden analogischen Neubildungen giebt es 
noch einen Umstand, der auf dem ganzen aleman. Gebiete, wie es 
scheint, auf die Quahtät des Umlauts -e einwirkte: die dem e folgen- 
den Nasale oder Nasalverbindungen. In entschiedenem Gegensatze 
zum Schwäbischen (Kauffmann §. 18) wie auch zum Osterreichischen 
(Luick, Beitr. 11, 499) hat e in diesen Stellungen ausgesprochen offe- 
nen Klang bekommen. Im Einzelnen weichen die Mundarten von 
einander ab: in Baselstadt^ Leerau, Beromünster ist dieses e nur vor 
Nasal -j- Cons. (wozu aber auch n aus einstigem ng, mhd. ng zu 
rechnen ist) eingetreten, in Ottenheim und Schaff hausen auch vor 



ZUK LAUTFOKM DES ALEMANNISCHEN. 117 

bloßer Nasaltbrtis (hier also bronna, swomino, dort brenne, swemmo 
resp. das daraus weiter entwickelte) ; Kerenzen endlich zeigt den betr. 
offenen Laut auch vor Nasallenis. 

Da sich so vor Nasalen der Unterschied von älterem und jün- 
gerem Umlautproduct in dem einen offenen o verwischt, könnte man 
auf den Gedanken verfallen, das offene Umlauts -e im Allgemeinen 
sei überhaupt bloß vor Nasalen lautmechanisch erwachsen und habe 
von hier aus sein Gebiet analogisch erweitert; also etwa bach — 
beche zu bach — bcche umgeformt nach dem Muster von bank — 
bcnke u. s. f. Dann würde natürlich die oben versuchte Zurück- 
ftthrung des secundären Umlauts ins 10. Jahrh. hinfällig. Allein außer 
den isolierten Formen mit o, die einem Einfluß von bank — bonke 
nicht ausgesetzt waren, spricht mit entscheidender Bestimmtheit gegen 
diese Annahme der Lautstand der Toggenburger und der Appenzeller 
Mundart: hier ist nämlich das einstige c vor Nasalen nicht mit dem 
secundären Umlauts -e zusammengefallen, sondern zeigt eine geschlos- 
senere Klangfarbe als dieses, z. B. k;^en8, sweme, henk;^a gegen 
bre;^t8, k;uorli, forbs, tsena. Hier muß dieser spätere Umlautsvocal 
unabhängig, ohne Zuthun des e vor Nasalen, seine offene Farbe er- 
halten haben. Dasselbe dürfen wir für die übrigen aleman. Mund- 
arten annehmen. 

Ich erwähne kurz, daß es eine dritte Quelle für offenes c in 
den aleman. Mundarten giebt: in der Lautverbindung -asch- (^= ass) 
wurde a regelmäßig zu o (Brandstetter §. 19) ') : osso Asche, woss9 
waschen, dessa Tasche, flosss Flasche. Dieses o hat seine eigene 
Genesis, hat mit dem Umlauts -e nichts zu schaffen. — 

Das Nebeneinander von c und e, soweit sie älteres und jüngeres 
Umlautproduct sind, hat nun in meiner eigenen Mundart, der basel- 
städtischen, zu folgenden Resultaten geführt. Ich kann sechs Pralle 
aufstellen, in denen der Umlaut noch heutzutage als productives 
Sprachmittel im Dienste bestimmter Functionen empfunden wird. Es 
sind L der Plural von Substantiven; 2. die Diminutive auf -11; 3. die 
abstracten Feminina auf -i; 4. die Comparative und Superlative; 
5. Weiterbildungen von Adjectiven durch das Suffix -lig; 6. diminu- 
tive Weiterbildungen von Verben. 

In der Reihe 1. ist der offene Vocal e zum Sieg gekommen. Ich 
kann die vielen e-Plurale hier nicht aufzählen. Bezeichnend ist das 



') In den Wörtern össa Esche und össoba;^;!; Eschenbach müht sich Brandstetter 
mit einer gar nicht vorhandenen Schwierigkeit: hier liegt alter Umlaut vor. Die 
Wörter lauteten schon esche, eschenbach, als die labialisiereude Wirkung des ss begann. 



118 Ä. HEUSLER 

e der modernen Bildungen wie wega die Wagen, orm Arme, kspess 
Spaße. Daneben findet sich eine nicht ganz geringe Zahl von e-Plu- 
ralen. Sie sind als Reste eines frühern formativen Princips zu be- 
trachten, die von dem neuern Princip nicht weggeräumt werden 
konnten. Die Fälle sind bletar Blätter, stet Städte, est Aeste, gest 
Gäste, sek Säcke, k;t6ft Kräfte; redar Räder, gles8r Gläser, k^esar 
Gräser, tsen Zähne, negl Nägel, sieg (Baum)schläge, k^ebar Gräber *). 
Es sind lauter Wörter, die ihr e in der ersten Umlautsperiode er- 
hielten. Andrerseits haben seft Schäfte (ahd. scefti), steh Stäbe (ahd. 
stebi) ihr primäres e der neuern Bildungs weise aufgeopfert. Beleh- 
rend ist der doppelte Plural von sats Schatz : sets im Sinne von 
jthesauri', sets im Sinne von ,amores', deutlich die alte und die neue 
Bildung nebeneinander. — Der Angehörige der Mundart hat ein schwer 
zu beschreibendes aber untrügliches Gefühl, daß in den e-pluralen 
die eigentlich lebendige Pluralbildung steckt. Äußerlich zeigt sich 
dieß daran, daß er zu einem ihm das erste Mal begegnenden Worte 
mit a den Umlautsplural auf e, nicht auf e bilden würde. 

In der zweiten Reihe, den Diminutiven, hat gleichfalls das offene 
e die Oberhand bekommen. Vgl. die modernen Bildungen benli kl. 
Eisenbahn, e;tp8dli kl. Handarbeit. Unter den paar Fällen mit be- 
wahrtem e finden wir dieselben Substantive, die auch den Plur. mit 
c bilden : gestli kl. Gast, gleslj kl. Glas u. s. w. 

Dagegen ist in der dritten Gruppe, bei den zu Ad), gebildeten 
abstr. Fem., die Form mit geschlossenem e vorbildlich geworden. 
Wir haben leiini Länge, swe;fi^ Schwäche, nessi Nässe, blessi Blässe ; 
ste%ki Stärke, wermi Wärme, swe;^tsi Schwärze, he;^tj Härte; p;Kefi 
Bravheit, smeli Schmalheit. Formen mit e sind mir hier überhaupt 
nicht bekannt. Trotzdem im Ahd. häufig das Umlauts -e dieser Wörter 
dem a des zugehörigen Adjectivs weichen mußte (Braune ahd. Gr. 
§. 26 Anm. 1), hat später der primäre Umlautsvocal von den Wörtern 
aus, die ihm geblieben waren, das ganze Feld zurückgewinnen können. 

Ebenso zeigen die Comparative und Superlative ausnahmslos 
geschlossen e dem a des Positivs gegenüber. Zu den Adj., die wir 
in der vorigen Reihe fanden, kommen noch elitär älter, belldar bälder, 
erm8r ärmer. Hier wie bei den abstr. Fem. ist besonders beachtens- 
werth, daß das Formgefühl für den geschlossenen Laut sich stark 
genug entwickelt hat, um selbst in der Stellung vor Nasal -\- Cons. 

') Geschlossenes e spaltet sich in Baselstadt in die Kürze e und die Länge el 
d. h. die Länge ist um einen Grad geschlossener. Nur vor r hat die Länge den halb- 
geschlossenen Klang e. Für offenes e, Kürze wie Länge, erscheint gleichmäßig e e. 



ZUK LAUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 119 

das lautlich geforderte offene o zu verdränpjen. Es heißt lennar lenfist 
länger längste, k;^eririk8r k.;|jeririk6t kränker kränkste. Dagegen spricht 
man eniior ennst zu eM eng, weil hier der Positiv kein a zeigt, das 
Wort also nicht derselben Gleichung a : e verfällt. 

Ferner haben wir die Adj. auf -Hg (rahd. -lieh) , die ihrerseits 
von Adjectiven abgeleitet sein müssen. Nach dem ahd. Stande der 
Dinge sollten wir hier das offene, secundäre e erwarten (s. Braune 
ahd. Gr. §. 27 Anni. 5). Statt dessen zeigen uns swe;^lig schwächlich, 
lennlig länglich, elltlig ältlich, swe;|jtslig schwärzlich, ermlig ärmlich 
den geschlossenen Vocal — also wiederum der ältere Zustand von 
einigen wenigen AV'örtern aus analogisch umgestaltet. Doch sind 
diese Bildungen nicht zahlreich ^ das Formgefühl daher nicht völlig 
bestimmt: neben k;^eünklig kränklich geht k;|;ennklig mit dem hier 
spec. durch die Nasalgruppe bedingten offenen e. Nicht hieher ge- 
hören die (übrigens der Schriftsprache nachgebildeten) Wörter senntlig 
schändlich, gleglig kläglich, deglig täglich: diese sind von Subst. 
abgeleitet, und das begriffliche Verhältniß der Ableitung zum Grund- 
wort ist bei ihnen ein ganz anderes als bei lennlig : laüü. Darum 
unterliegen sie auch nicht dem gleichen Formgefühl. 

Endlich kommen verbale Wortbildungen meist diminutiver Func- 
tion, z. B. Icp8l9 zu lapo läppen, schlürfen, dcpala zu dap8 tappen, 
schleichen, (üs-)tsekl8 zu (üs-)tsaka mit Zacken versehen, seffarls zu 
saffa arbeiten, blemmpörs zu blammpa baumeln u. a. Hier herrscht 
durchweg der oflfene Vocal o. 

Was im Einzelnen die Begünstigung des einen oder des andern 
Typus veranlaßt hat, was insbesondere beim Subst. Plur. das offene 
e, beim Comparativ das geschlossene e zur Geltung gebracht hat, 
ist hier wie in so manchen Fällen analogischer Neuschöpfung kaum 
zu bestimmen. Doch glaube ich, das lautlich nicht zu erklärende 
Durcheinander von e- und e- Formen in aleman. Mundarten verliert 
bei obiger Betrachtung sein Auffallendes. Verkehrt wäre es, wie 
man beim ersten Blick zu thun geneigt ist, schriftsprachlichen Ein- 
fluß heranzuziehen. Mag auch das eine und andre der hergehörigen 
Wörter nach schriftsprachlichem Muster gebildet sein: so lange die 
betr. Bildungsweise der Mundart noch geläufig ist, könnte sie nicht 
dem Schriftbild zu Liebe eine gewohnte Klangfarbe durch eine andre 
ersetzen. Überdieß wäre es wunderbar, daß gerade der Comparativ 
von all den ä der Schriftsprache unbeeinflußt geblieben wäre, und 
daß all die modernen Bildungen wie wega die Wagen, frns die Fah- 
nen, e;|jp9dli kl. Handarbeit, denen im Nhd. gar kein umgelauteter 



120 A. HEUSLER 

Vocal gegenüber steht, das offene o bekommen haben. Vollends be- 
weisend ist der Umstand, daß sogar auf die Aussprache des Schrift- 
deutschen in aleman. Munde der Einfluü der Schule, woselbst für 
geschriebenes ä die Aussprache o gelehrt wird, nur sehr beschränkt 
ist. Der Basler spricht meinen Beobachtungen nach für das kurze 
nhd. ä stets den geschlossenen Laut, wenn die Mundart dazu stimmt, 
also nhd. Säcke Säckchen Blätter Städte Äste Schwäche länger 
kränklich als Secke u. s. f. Umgekehrt wird für das e der Schrift- 
sprache durchaus e gesprochen, wo dieser Klang den betr. mundart- 
lichen Wörtern zukommt; also Stecken brechen Wetter hell mit e, 
Weg stehlen nehmen gern mit e. Dagegen wird gewöhnlich beim 
Gutdeutschsprechen die mundartliche Länge e durch e ersetzt, wo 
die Schriftsprache ä schreibt; also Zähne Räder Nägel Gläs-chen mit 
e. Der Grund liegt offenbar darin, daß das sehr geschlossene e von 
Baselstadt zu auffällig von dem unter ä gelehrten Laute abliegt. Da- 
mit stimmt, daß das lange geschlossene e vor r in seiner der Mund- 
art eigenen halb geschlossenen Qualität beibehalten wird: nhd. Wärme 
schärfer ärmlich werden mit e, dem Mittellaute zwischen e und e, 
gesprochen. Wo das schriftsprachliche ä keinen mundartlichen e- Vocal 
sich gegenüber hat, wird es der officiellen Aussprache nach als ee 
gesprochen: so in wächst gräbt schlägt fährt (mundartlich mit un- 
umgelauteten a). Auch zählen schälen hört man häufig mit e ge- 
sprochen; die mundartl. tsells selb, die alten Formen mit -11- fort- 
setzend, liegen von dem Schriftbild zu weit ab. — Wenn also selbst 
beim Schriftdeutschsprechen nur in einem Falle die dialectische 
e- Qualität preisgegeben wird, die kurzen e und e der Mundart 
aber, der nhd. Schreibung e und ä zum Trotz, immer beibehalten 
sind, so kann das Verhältniß von e und e, e innerhalb der Mund- 
art sich unmöglich nach der ^nhd. Orthographie oder Normalaus- 
eprache gerichtet haben. (Man vergleiche die Behandlung des schrift- 
sprachlichen e, ä in anderen Mundarten, Braune Beitr. 13, 579, Luick 
Beitr. 14, 139 ff.) 

Soviel ich aus den Darstellungen alemanischer Dialecte ersehe, 
zeigt die Vertheilung des primären und des secundären Umlauts -e 
auf dem ganzen Gebiet große Verwandtschaft mit der oben für Basel- 
stadt kurz angedeuteten. Zumal für den Subst. Plur. scheint offen e, 
für den Comparativ geschlossen e überall Geltung erlangt zu haben. 
Ich erwähne hier nur aus Winteler KM. S. 181 die charakteristischen 
Fälle, die unserm sets — sets entsprechen: neben dem altern Plural 
Tebr, der als geographische Benennung erstarrt ist, steht die jüngere 



ZUR LÄUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 121 

Bildung telar ,Thäler' im Allgemeinen, deren späte Entstchunp; auüer 
durch das offene e auch durch die Voeallänge bezeugt wird; ganz 
entsprechend verhält es sich mit frd Pfade neben dem altern und 
isolierten feda. — Aus der beträchtlichen Übereinstimmung der ver- 
schiedenen weit entlegenen ]\Iundarten darf man wohl den Schluß 
ziehen, daß die Ausgleichung zwischen o und r schon seit Jahrhun- 
derten zu dem Resultat gekommen ist, das uns heute entgegentritt: 
ohne langedauernden Verkehr und Austausch zwischen den Einzel- 
dialecten wäre jene Gleichheit nicht zu verstehen. Doch wäre die 
Annahme Avohl unberechtigt, daß schon in früh mhd. Zeit die laut 
gesetzlichen Verhältnisse durch Analogie in der heutigen Weise um- 
gestaltet waren. 

Bei der obigen Beschränkung auf diejenigen Umlauts -e, die in 
lebendigem Wechsel mit unumgelautetem a stehen, blieben die Wörter 
unberücksichtigt, deren secundäres Umlauts -o außerhalb eines Systems 
steht und daher für jeden Einzelfall eine rein lautliche Erklärung 
fordert. Es bieten sich hier manche Schwierigkeiten. Ich möchte 
hier nur auf einen Punkt hindeuten. Für das häufige secundäre Um- 
lauts -e vor der Lautverbindung ts (Beispiele bei Winteler S. 41>) 
können wir wohl die Endung ahd. -ezzen (<; atjan). in welcher i von 
dem a des Stammes durch eine Silbe getrennt war, verantwortlich 
machen. Wo die Gruppe etä geschlossenes e zeigt, möchte dagegen 
an ahd. -ison zu denken sein. Offen o kann aber auch durch ein 
einstiges ch, das sich in dem tä birgt, gegen den primären Umlaut 
geschützt worden sein. — 

Luick hat, Beitr. 14, 127 ff., im Anschluß an seinen frühern 
Aufsatz Beitr. 11, 497 ff., eine verdienstliche Übersicht über die 
e-Vocale des Bairisch-Osterreichischen gegeben. Er zeigt, 
was sich für die Qualität der e- Laute in mhd. Zeit, zum Mindesten 
auf bair.- österr. Gebiet, erschließen läßt. Da er S. 138 f. über das 
Aleman. nur eine kurze Bemerkung gibt, und da auch das Beitr. 
11, 515 f. über die schweizerischen e-Vocale Geäußerte nicht über- 
sichtlich und großen Theils unzutreffend ist, möchte ich hier eine 
Betrachtung der verschiedenen e- Laute im Alemanischen — aus- 
schließlich des Schwäbischen — folgen lassen. Dabei gehe ich nicht 
auf einzelne Wortformen und specielle einzelmundartliche consonan- 
tische Einflüsse ein. Ich fuße auf den vorliegenden ') Dialectdarstel- 

') Titus Tobler, Appenzellischer Sprachschatz (behandelt vier Dialectgruppen, 
die hiuaichtlich der Vertretung der mhd. e-Laute unter sich nicht wesentlich diffe- 
rieren, vgl. Einl. S. XXIX ff.); Winteler, Kerenzer Mundart (behandelt auch eine 



122 A. HEUSLER 

lungen, die zum Theil selbst schon die e- Laute etymologisch grup- 
piert haben, zum Theil aber durch das da und dort zerstreute, genau 
transscribierte Wortmaterial auch dem Nichtkenner der Mundart ein 
Aufsuchen der Gesetze ermöglichen. 

So durchsichtig im Großen und Ganzen die Verhältnisse inner- 
halb einer Mundart liegen, so sehr weichen die verschiedenen unter 
sich ab. Man sehe z. B. die Statistik der hellen e-Vocale, die Joh. 
Meyer F. DM. VII 177 fF. aus einem Theilgebiet des Nordostaleraan. 
geliefert hat. Ein klarer Einblick in die gesammte aleman. Entwick- 
lung, eine geographische Abgrenzung der Verschiedenheiten ist noch 
nicht möglich. Ich verhehle mir nicht, wie sehr die folgende Zusam- 
menfassung Stückwerk bleiben muß. Doch kann sich schon jetzt 
einiges Beachtenswerthe ergeben. 

Inwiefern die absolute Qualität der e- Laute der verschiedenen 
Mundarten unter einander differiert, glaube ich hier ohne Schaden 
außer Betracht lassen zu dürfen. So fehlt z. B. in Basel und in 
Schaff hausen völlig jenes bekannte, überaus offene o (vgl. Rapp, F. 
DM. II 481). Das offenste e dieser zwei Mundarten ist merklich ge- 
schlossener als das offenste e von Ottenheim, von Beromünster oder 
von Kerenzen: es wird dort nicht, wie hier, gleich dem engl, a in 
bad, happy gesprochen (im elsäß. Mttnsterthal ist dieser Laut sogar 
= a in nhd. satt, Hase). Dennoch kann ich diese Laute einander 
gleichstellen und mit demselben Zeichen e versehen, weil sie eben 
innerhalb ihrer eigenen Mundart eine analoge Stellung einnehmen. 
Sie bilden nach Wintelers schöner Darlegung KM. S. 92 ff. die i- Basis 
ihres jeweiligen mundartlichen Vocalsystems. Nur auf die proportio- 
nelle Lagerung der , gegensätzlich' (nach Wintelers Ausdruck , dyna- 
misch') geschiedenen e - Klangfarben innerhalb der einzelnen Mundart 
kommt es hier an. 



Mundart des Toggenburgs); Hanziker, Aargauer Wörterbuch in der Lautform der 
Leerauer Mundart; Stickelberger, Schaffhauser Mundart; Brandstetter, Zischlaute der 
Mundart von Beromünster (im nördlichen Kanton Luzern); Mankel, Mundart des 
elsässischen Münstertlials (unweit Colmar. Die Darstellung des Etymologischen bleibt 
hinter den bescheidensten Ansprüchen zurück; die Beobachtung der Laute scheint 
gut zu sein, so daß man sich dem Materiale anvertrauen kann) ; Heimburger, Mundart 
von Ottenheim (Baden, unweit OfFenburg). Die mundartlichen Darstellungen von Schott^ 
Bühler, Birlinger lassen in ihrer Transscription das Einzelne nicht in der Genauigkeit 
erkennen, wie es hier für uns erforderlich ist. Es liegen also, meine eigene Mundart^ 
die baselstädtische, dazu genommen, neun verschiedene Dialecte, sechs hochalemanische, 
drei niederalemanische vor. 



ZUR LAUTFÜRM DES ALEMANNISCHEN. 123 

Die jMelirzahP) der aleman. Mundarten besitzt drei verschiedene 
e- Schattierungen e — e — c. Schaff hausen und Ottonheira ^) stehen 
mit ihren zwei Schattierungen c — e allein. 

Allen gemeinsam ist, daß die am meisten nach a hin liegende 
Nuance das mhd. tc fortsetzt '^). Und die nämliche Lautung zeigt 
überall das secundäre Umlauts -e. 

Während nun ferner, wie wir oben sahen, in fast allen Mund- 
arten eben dieselbe offenste Qualität o auch dem e vor Nasalen (bozw. 
Nasalverbindungen) zukommt, sondern bloß Toggenburg und Appen 
Zell sicli hier ab, indem sie hiefür ihre mittlere Nuance einsetzen. 

Sodann treten Toggenburg und Appenzell mit Kerenzen zusam- 
men in einen weitern markanten Gegensatz zu den sechs übrigen. 
Diese letztern nämlich lassen in dem gleichen offensten c auch das 
mhd. e, seis kurz erhalten, scis gedehnt, zusammenfallen. App.-Togg.- 
Ker. dagegen sprechen für mhd. e eine geschlossnerc Qualität, und 
zwar App.-Togg. durchgängig, Ker. theilweise (s. u.) die mittlere 
ihrer drei Klangfarben. 

Beispiele*) hiefür: allgemein wird gesprochen n^m (mhd. 
nseme) ; ne;ft adv. vorige Nacht (mhd. nehte^ Gen. oder Dat. sg. ?), 
fPl Fälle (mhd. feile); 

dagegen in App.-Togg.: in den übrigen: 

ennd (mhd. ende), lenna r ennd, lenfia. 

langen (mhd. lengen) : 

endlich in App.-Togg. -Ker. : in den übrigen: 

stex^ (mhd. stechen), [mel (mhd. mel)|^): ste;ij8, mel. 

(Die Mundarten, welche mhd. e und sec Umlauts -e auseinandei- 
halten, können bisweilen über fragliche Wortformen entscheiden; so 



') Hier wie im Folgenden spreclie ich natürlich bloß von den neun erwälinteu 
aiemanischen Mundarten. 

') Ottenheim zeigt eine dritte, mittlere Klangfarbe vor r: da sie nur in dieser 
.Stellung vorkoiTiTut, also von speciellem consonantischem Einfluß bedingt ist, kann 
sie hier unberücksichtigt bleiben. 

') Es gibt auch Schweizer Mundarten, die mhd. se zu geschlossenem e ge- 
wandelt haben (s. Seiler, Basler Mundart S. 94 f., Brandstetter S. 208 j. Leider liegt 
keiner dieser Dialecte in genauer Einzeldarstellung vor. 

^) Man möge sie nicht urgieren. Da und dort mag eines der angeführten 
Wörter in einer Mundart nicht vorkommen oder einem Speciallautgesetz unterliegen. 
Ich möchte sie nur als ideelle Vertreter der betreifenden e-Schattierungen betrachtet 
wissen- 

*) Das in | ] stehende trift't nur für App.-Togg. zu; Ker. weicht hier noch 
weiter ab ; s. d. F. 



124 A. HEUSLER 

steckt z. B. in aleman. mert Markt nicht das e von lat. raercatus, 
wie man wohl angenommen hat: Ker. mert beweist, daß wir es mit 
secundärem Umlaut zu thun haben, mhd. merket aus *markit.) 

Umgekehrt setzt in allen neun Mundarten die am meisten nach 
i hin liegende e- Schattierung das mhd. e fort. Während nun aber 
in sechs Mundarten mit diesem nämlichen e auch das gedehnte mhd. 
(primäre) Umlauts -e zusammenfällt, hat der letztere Laut in Bero- 
münster, Leerau, elsäß. Münsterthal einen etwas offneren Klang, den 
mittlem zwischen den zwei Extremen. Also allgemein ^) wird ge- 
sprochen se (mhd. se, sewes) — aber nur von dem größern Theile 
red (mhd. diu rede), von den drei genannten Mundarten aber red. 

Ganz eigenartig, abweichend von allen andern Mundarten, zeigt 
sich Kerenzen, indem es mhd. e mit dem (primären) Umlauts-e, 
mhd. e, zusammenfallen läßt, mögen sie nun als Kürze bewahrt 
oder gedehnt worden sein. Beispiele; klegs (mhd. gelegen) — lega 
(mhd. legen), snek (mhd. snecke) — streka (mhd. strecken), fressa 
(mhd. vrezzen) — bessor (mhd. bezzer), hellffe (mhd. helfen) — weih 
(mhd. wellen, wollen); weg (mhd. wec) — red (mhd. rede), berg (mhd. 
berg) — erb (mhd. erbe), sterna (mhd. stern) — crml (mhd. errael). 

— Nicht das ganze aleman. Gebiet hält also Brechungs- und Um- 
lauts-e auseinander. 

Fassen wir endlich das Verhältniß von Kürze zu Länge ins 
Auge, so zeigt sich, daß in sämmtlichen Mundarten das secundäre 
Umlauts-e, ob kurz oder gelängt, gleichen Klang besitzt: ne;^t vorige 
Nacht — fei Fälle. Kurzgebliebenes mhd. e stimmt in allen Mundarten 
außer Kerenzen qualitativ zu gelängtem mhd. e, kurzgebliebenes 
(primäres) Umlauts-e in allen außer Kerenzen und Baselstadt zu ge- 
längtem e. Basel gibt hier der Länge die geschlossenste Klangfarbe 
e, während dieselbe als Kürze der Mundart überhaupt mangelt und 
durch die mittlere Schattierung e ersetzt wird; also red (mhd. rede) 

— besser (mhd. bezzer). In Ker. liegt die Sache einfach so: mhd. 
e und e, als Kürzen bewahrt, fallen in e, der mittlem Färbung, zu- 
sammen ; mhd. e und e, gelängt, vereinigen sich in e. Auch in Ker. 
kommt also die geschlossenste e- Qualität nur als Länge vor. 

Während also im Österr. die Längung den Gegensatz von e — e 
vielfach aufhebt (Beitr. 14, 134), wird im Aleman. jene Differenz von 
der Dehnung als solcher nicht angetastet. Denn in Ker. sind ja 



') Die nächsten Nachbareu von Kerenzen weichen nach Wiuteler S. 124 in 
diesem Punkte von den uns vorliegenden neun Mundarten ab. 



ZUR LAUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 125 

gleichwie die gelängten e und e, so auch die kurzen e und e unter 
sich zusammengefallen. 

Wir können die behandelten neun Mundarten in folgende engere 
Gruppen ordnen. 

I. Es stimmen zu einander die weit entlegenen Schaffhausen 
und Ottenheim, die Mundarten mit bloß zwei Klangfarben. Sie 
sprechen ihre offene e- Qualität (e) für mhd. se, e, e vor Nasal, 
secundäres Umlauts- e; die geschlossene (e) erscheint für mhd. e, 
primäres Umlauts -e. 

II. Übereinstimmend sind die e- Laute ferner vertheilt in den 
eng benachbarten Beromünster und Leerau und in dem elsäß. Münster- 
thal. Alle drei sprechen ihr offenstes e (e) für die gleichen vier 
etymologischen Fälle wie die Mundarten unter I. Das geschlos- 
senste e (e) gibt mhd. e, die mittlere Schattierung (e) das pri- 
märe Umlautsproduct, mhd. e, wieder. 

III. Appenzell und Toggenburg geben gleichmäßig ihre offen- 
ste Klangfarbe (e) dem mhd. se und dem secundären Umlauts -e; die 
geschlossenste (e) dem mhd. e und (primären) e; die mittlere 
(e) dem e vor Nasalen und dem mhd. e. 

Die zwei übrigen, Kerenzen (IV) und Baselstadt (V), stimmen 
weder unter sich noch mit einer der obigen drei Gruppen überein . 
Wir haben also in dem uns vorliegenden Material mit fünf verschieden 
entwickelten Typen zu rechnen. 

Auf welchen mhd. Lautstand werden wir sie zurückführen? 
Wollten wir annehmen, daß all die heut bestehenden Differenzen in 
das ältere Mhd. zurückgehen und damals in einer nach dieser Seite 
hin einheitlichen, gemein -alemanischen Mundart sich beisammen ge- 
funden hätten, so erhielten wir folgendes Bild. Am meisten gegen 
i hin liegt mhd. e. Einen Schritt weiter nach a zu (so fordert es 
Gruppe II) liegt die Kürze e, das primäre Umlauts -e. Dann folgt 
auf der Linie nach a hin das ,Brechungs'-e. Eine weitere Stufe 
oJöfener (nach Ausweis von Ker.) ist e vor Nasalgruppen. Und die 
Grenze gegen a zu wird (hiefür ist besonders Gruppe III beweisend) 
durch mhd. m und durch das secundäre Umlauts -e eingenommen. 
Wir hätten also fünf verschiedene e- Klangfarben, die sich, an ein- 
zelnen Wörtern veranschaulicht, in folgender Linie lagerten: 



1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


se; 


rede ; 


stechen ; 


ende; 


nteme, 

nehte 

megede 



126 A. HEUSLER 

Unmöglich ist es nicht, daß thatsächlich einst das Gemein- 
aleman. diese fünf verschiedenen e- Qualitäten besaß, und daß die 
Einzeldialecte in ihrer Sonderentwicklung durch Vermischen hier der 
einen, dort der andern Doppelheit endlich zu ihren drei bezw. zwei 
Klangfarben gelangten. Aber jenes Additionsverfahren ist willkürlich. 
Wir müssen vielmehr fragen, welche der heute vorhandenen Doppel- 
heiten aus secundärer Entwicklung haben entstehen können. Da 
sehen wir zunächst, daß, solange die quantitative Scheidung zwischen 
ursprünglicher Länge und ursprünglicher Kürze streng innegehalten 
wurde (was bekanntlich in keiner aleman. Mundart heute mehr der 
Fall ist) , die Länge sich ungehindert nach einer Seite hin fortent- 
wickeln konnte, ohne die Kürze mit sich zu reißen, und umgekehrt. 
Mhd, se kann z. B. leicht auf dem ganzen Gebiete gleiche e- Schat- 
tierung gehabt haben wie rede, bezzer; in der Gruppe II hat es sich 
zu geschlossenerem Klange secundär entwickelt, doch jedenfalls be- 
vor rede sein e dehnte; daher lautet es nun in dieser Gruppe 
se — red, bessar. — Ebenso kann das e vor Nasalen, als unter einem 
bestimmten combinatorischen Einfluß stehend, seine Qualität in den 
einzelnen Mundarten geändert haben, ohne daß die nicht vor Nasal 
stehenden e seiner Entwicklung folgen mußten. Vielleicht besaß 
denchen bei Notker noch gleiche Geschlossenheit wie reda; erst im 
Laufe der Zeit erhielt es in den Mundarten den Klang von stechen 
bezw. von nseme. 

Ziehen wir diese Möglichkeiten späterer Entwicklung in Betracht, 
so können wir für die aleman. e-Laute in mhd. Zeit nur Fol- 
gendes mit Bestimmtheit aussagen: 

1. Es gab zwei Längen, eine mehr geschlossene, mhd. e, und 
eine mehr offene, mhd. se. 

2. Es gab drei Kürzen, eine geschlossene in mhd. rede, eine 
offene in mhd. nehte, eine mittlere in mhd. stechen. 

Diese Dreiheit wird durch die Mundarten App., Togg., Ker. 
erwiesen. Denn es ist klar und bedarf keiner weitern Worte, daß 
der Unterschied zwischen re%t (mhd. reht) — ne%t (mhd. nehte) ; fei, 
Ker. fei (mhd. fei) — fei (mhd. feile pl. zu fal), wie er uns in diesen 
Mundarten entgegentritt, nicht aus einer altern einheitlichen Lau- 
tung erwachsen konnte. Wohl aber konnte in den andern Mundarten 
die ursprüngliche Doppelheit sich leicht in einem Laute secundär 
verschmelzen. Nur ist zuzugeben, daß diese Verschmelzung sehr früh 
geschehen konnte: möglich, daß schon um 1200 nehte zu der Ge- 
schlossenheit von reht gelangt war in all den Mundarten, die heute 



ZUR LAUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 127 

die beiden Laute nicht mehr unterscheiden '). In diesem Falle konnten 
wir nur für die früheste mhd. Zeit von gerne in- alemanischer drei- 
facher e- Qualität sprechen. 

Es bleibt endlich die Frage, wie diesem dreifachen Klang der 
kurzen e die beiden langen e- Vocale (mhd. se und e) sicii gegenüber- 
stellten. Daß 86 gleich secuudärem Umlauts -e klang, also die offenste 
Schattierung e besaß, ist mehr als wahrscheinlich; Kauffmann a. a. O. 
S. 9 weist mit Recht auf die gleichen Bedingungen ihrer Entstehung. 
Fraglich ist dagegen, ob dem mhd. e die geschlossenste Qualität, die 
von den lebenden Mundarten bezeugt wird, schon zu Beginn der mhd. 
Zeit zukam; ob es also qualitativ = e (in rede) oder aber = e (in 
stechen) anzusetzen ist. Nach Luicks Bemerkungen, Beitr. 14, 133, 
wird man nicht mehr dem e gemeinmhd. geschlossenste Qualität zu- 
schreiben wollen. Auch im Aleman. hat gese(10en, gesclie(h)en den 
gleichen Laut ergeben wie altes e. Wenn anderseits mhd. herre 
aleman. nicht durchweg zu herre sondern zu herre gekürzt wird, wie 
Martin Anz. f. d. A. 14, 2ö7 richtig hervorhebt, so mag dieß viel- 
leicht nur auf eine spätere Zeit dieses Lautvorgangs deuten, als eben 
e schon geschlossen geworden war. 

Wenn wir annehmen dürfen, daß mhd. c im Aleman. den ge- 
schlossenen Klang, den die Mundarten ihm zutheilen, schon zu der 
Zeit erhalten hatte, als noch das ganze aleman. Gebiet die drei kurzen 
e- Laute unterschied, so können wir uns von der Lagerung der 
e- Vocale im Gemein- Alemanischen der mhd. Zeit folgendes hypothe- 
tische Bild entwerfen: 

]. (geschlossener Klang: e) 2. (mittlerer Klang: e) 

mhd. se; rede, bezzer. mhd. mel, stechen; ende, 

3. (offenster Klang: e) 
mhd. nseme; nehte, megede. 
Auf diese Gruppierung lassen sich die vorhandenen mundart- 
lichen Typen sehr leicht und ungezwungen zurückleiten. 

Die Gruppe III (App.-Togg.) ist dem hier angesetzten Stande 
der Dinge treu geblieben. 

Von den übrigen verfährt am einfachsten Gruppe I. (Schaffh.- 
Ottenh.): sie läßt 2. und 3., den mittlem Klang mit dem offensten, 
zusammenfallen; und zwar scheint es, wenn wir nun die absolute 
Qualität ihrer e- Laute mit in Betracht ziehen, daß Schaff h. das ein- 



') Doch ist zu beachten , dafj aucli das Schwäbische das mhd. ü von dem 
seiundären Umlauts-e in manchen Lautumgebungen bis heute auseinanderhält (Kautt'- 
mnnn a. a. O. S. 10 f.). 



128 A. HEUSLER 

stige e dem e zunäherte; denn ihm fehlt heute jener bewußte sehr 
offene e- Klang, daß aber Ottenh. umgekehrt das einstige e in e auf- 
gehen ließ; denn in dieser Mundart lauten die offenen e heute a- ähnlich. 

Auch Gruppe II (Berom.-Leerau-els. Münsterth.) ließ die Schat- 
tierungen 2. und 3. zusammenfließen und zwar unzweifelhaft in e, 
dem prononciert offenen Klange (eis. Mü. ging dann sogar weiter bis 
zu a) ; dann wurde die Kürze e von der Länge e geschieden, indem 
jene die mittlere Klangfarbe e bekam, und zwar bevor ein Theil 
der Kürzen Dehnung erfahren hatte. 

Auch in Baselstadt fielen 2. und 3. zusammen (vermuthlich in 
einer Mittelnuance zwischen e und e); 1. blieb zunächst einheitlich, 
bis rede zu red gedehnt war; dann ließ die Mundart die noch als 
Kürze übrigen e (in bessar etc.) eine Stufe offener werden, also die 
Mittelstufe zwischen se red und mel ste^a etc. einnehmen. 

In Kerenzen endlich entwickelte e vor Nasalen die offenste 
Schattierung e; außerdem mischten sich 1. und 2., nach Vollzug der 
partiellen Vocaldehnung, in der Weise, daß alle als Kürze bewahrten 
e (in bezzer etc., stechen etc.) in der mittlem Klangfarbe, alle ur- 
sprünglich langen oder später gelängten e (in se; rede, mel) in der 
geschlossensten Klangfarbe sich einigten. — 

Es würde dem Entwicklungsgange, den wir hier für die ver- 
schiedenen Mundarten angesetzt haben, um ihren heutigen e-Vocalis- 
mus mit einem frühern gemein -alemanischen Zustande in lautgeschicht- 
lichen Zusammenhang zu bringen, zur Bestätigung dienen, wenn in 
andern Theilen ihres Vocalsystems ein ähnlicher Gang der Bewegung 
sich auffinden ließe. Es fehlt zum Theil nicht an derartigen Über- 
einstimmungen. Doch möchte ich sie mit allem Vorbehalt vorbringen. 

Zunächst die Parallele mit den o- Lauten. Sehr wahrscheinlich 
hatten im Aleman. der mhd. Zeit kurz o wie lang die gleiche ge- 
schlossene Qualität. Nun finden wir in der Dialectgruppe I (Schaff h.- 
Ottenh.), welche den mhd. se — rede, bezzer ihre geschlossenste Schat- 
tierung e bewahrt hat, entsprechend auch mhd. o, ob kurz erhalten 
oder gelängt, in derselben geschlossensten Klangfarbe wie die Fort- 
setzung von mhd. 6. So hat auch Baselstadt nach Ablauf der Vocal- 
dehnung die kurzgebliebenen o zu offenerer Stufe geführt, während 
die ursprünglich langen und die gelängten ö geschlossen blieben, ganz 
wie bei e; also hö% (mhd. hoch), wöl (mhd. wol) — rpss (mhd. ros, 
rosses) wie se, red — bessar. 

In Gruppe III (Berom.-Leerau-els. Münsterth.) ist o gleichwie e 
um eine Stufe offener geworden, bevor die partielle Vocaldehnung 



I 



ZUR LAUTFORM DES ALEMANNISCHEN. 129 

eintrat: das secundär gelängte wöl zeigt daher mit dem kurz geblie- 
benen ross die offenere Qualität als das ursprünglich lange hö;|^. 

Dagegen trifft für Kerenzen diese Parallele nicht zu. Wir sollten 
hier geschlossene Länge, offene Kürze erwarten. Statt dessen zeigt 
die Mundart nur noch geschlossenes (_) , ö. — In App. - Togg. ist die 
Anordnung der o-Laute complicierter. Bei der Vertretung von mhd. 
kurz o scheint sich der Gegeosatz von gedeckter und ungedeckter 
Silbe geltend zu machen, vgl. ;t9pf? sota, ross, rok;^, kst();t;|^8 gegen 
tobl, ofa, hqlö, raolo (Molch). Die Parallele zu den e- Lauten ist 
also jedenfalls keine vollständige. 

Eine andere Erscheinung tritt uns in der Gruppe II (Berom.- 
Leerau-els. Münsterth.) entgegen. Unsere Annahme, dass diese Mund- 
arten ihre einstigen e mittlerer Schattierung (in mhd. mel , stechen ; 
ende) einzelmundartlich zu ihrem heutigen sehr offenen e- Laute ge- 
wandelt haben, steht in gutem Einklang mit tler Thatsache, daß in 
den nämlichen drei Mundarten mhd. i und u eine Stufe offener ge- 
worden sind: fürs Gemein- Aleman. der mhd. Zeit sind diese Laute 
als i und u auzusetzen; jene drei Dialecte sprechen sie heute als 
e (e) und o (ö), d. h. geben ihnen den gleichen Klang wie der Fort- 
setzung von mhd. G und ö. Daß auch in dieser Eigenthümlichkeit 
das weit entlegene elsäß. Münsterthal mit Beromünster-Leerau sich 
begegnet, ist jedenfalls bemerkenswerth. 

Anderseits hat in Ottenheim, welches doch auch seine mittlem 
e zu e gesenkt hat, das mhd. i und u nicht diese Annäherung an 
e und o erfahren. Und umgekehrt finden wir in dem großem Theile 
der appenzellischen Dialecte mhd. i>e, u>o, ü>»ö entwickelt, 
obwohl hier die mittlere e- Nuance unverändert blieb. Es ist also 
fraglich, ob nicht auch jene scheinbar zusammenhängenden Lautwan- 
delungen in den andern Mundarten thatsächlich ganz unabhängig sich 
vollzogen haben. Schwerlich wird man a priori erwarten dürfen, daß 
eine Bewegung innerhalb der e-Laute einer Mundart andere Theile 
ihres Vocalismus in Mitleidenschaft ziehen müsse. 

Für die Reime alemanischer Dichter mhd. Zeit ergiebt sich 
Folgendes. — Wo sich die Bindung e : ö fand, dachte man schon früh 
an consonantischen Einfluß, der dem e, bezw. dem e, eine andere 
Qualität gab, als sie ursprünglich hatten. Franck präcisierte es da- 
hin, daß das vor ht erscheinende offene Umlauts -e liberhaupt nie ge- 
schlossen gewesen war. Man setzte dabei stillschweigend voraus, daß 
jene offene Sorte von Umlauts -e gleichlautend mit e, die betr. Reime 
also rein waren. 

OKRMANIA. Nene Reihe. XXU. (XXXIV.) Jahrg. 9 



130 H. V. WLISLOCKI 

Oben hat sich nun gezeigt, daß ein Theil des Aleman. (und das 
Schwäbische in gewissen Lautumgebungen) das secundäre Umlauts -e 
nie so weit von a sich entfernen ließ, daß es mit e gleichen Klang 
bekommen hätte. Finden sich also bei aleman. Dichtern Reime, wie 
sie Gram. I 279 ff. (Neudruck) gesammelt sind (frevel : wevel, effen : 
treffen, weide : velde, gesiebte : knehte, ehte : rehte, gebrehte : knehte, 
ehtent : vehtent; ich habe mir notiert aus dem Lanzelet: vehten : 
wehten [doch s. die Anm. von Hahn zu V. 1774], aus Hadloub: ge- 
siebte (Schlachten) : rehte, erne : gerne, aus K. v. Ammenhausen: 
tonrslegen : regen), so müssen entweder die Reime nicht völlig genau 
sein, oder aber das Theilgebiet des Alemanischen, dem die betr. Ver- 
fasser angehören, muß schon die Lautschattierungen 2. und 3. (s. o.) 
zusammengeschmelzt haben. In dem Falle siegen : regen, wofern wir 
es als genauen Reim aufzufassen haben, zeigt sich auch schon ein 
analogisches Umsichgreifen des secundären offenen Umlauts -e, wie es 
in den lebenden Mundarten uns entgegentrat. 

BERLIN, November 1888. ANDREAS HEUSLER. 



ZU DEN „DREI MAREIEN". 



Ernst Ludwig Rochholz hat in seinem trefflichen Werke: „Ale- 
mannisches Kinderlied und Kinderspiel aus der Schweiz" (Leipzig 
1857), S. 139 ff. unter den größeren Spieltexten auch „die drei Mareien" 
nach Abkunft und Inhalt erklärt. Diese drei verhängnißvollen Spinne- 
rinnen leben aber nicht nur in den Sagen, Märchen und Liedern der 
germanischen Völker fort, sondern auch im Glauben anderer 
Völkerschaften finden sich Anklänge an diese mythischen Vorstel- 
lungen. Ich erlaube mir nun zu den Erörterungen Rochholz' einige 
hiehergehörige Kinderlieder und Sagen aus Siebenbürgen und Ungarn 
mitzutheilen, die vielleicht bei einer ausführlichen Erklärung nicht 
gerade unbeachtet bei Seite geschoben werden dürfen. 

Daß diese drei spinnenden Mareien ursprünglich die dem Men- 
schen bei seiner Geburt den Schicksalsfaden spinnenden Nornen unserer 
germanischen Mythen sind, das bezeugen alle die einschlägigen Kinder- 
lieder aus Siebenbürgen, — aber was noch mehr, sie liefern uns neben- 
bei auch den Beweis, daß dieser Glaube indogermanisches Gemein, 
gut ist. In beiden Beziehungen interessant ist das folgende Kinderlied 
der Siebenbürger Rumänen, das ich 1886 im Südwesten Siebenbürgens 



zu DEN „DREI MAREIEN^ 131 

gehört und aufgezeichnet habe. In genauer deutscher Übersetzung 
lautet es: 

Heida ihr Lieben, Denn die dritte aus ihrem dicken 
Wir reiten ins Land! Pyß 

Haben ein gold'nes Seil in der Hand! Viel Kröten und Schlangen gebären 
Zwei Frauen, die haben es gemacht, muß 

Haben es gesponnen über Nacht; Auf jeden Schritt wohl dreißig; 

Aus der Nabelschnur zart und klein, Drum reiten wir, reiten wir fleißig, 

Spannen sie das Seil, so golden und Sonst kommen die Kröten und 

fein ! Schlangen 

Die dritte Frau, die will es zcr- Und nehmen uns Bübchen gefangen! 

schneiden, — 
Drum müssen wir reiten, immer nur 

reiten. 

Wie es im Deutschen eine weiße, schwarze und eine eiserne 
Bertha gibt, eine gute Spinnerin und eine verfluchte, eine Frau Breite 
mit der eisernen Nase, im Französischen eine Reine pedauque, reqina 
pede avca, die mit dem Platsch- und Gänsefuß, Berthe an (jrand pitd 
und wie auch die drei Mareien ein ähnUches Maß von Körperschönheit 
und Herzensgute und hinwieder von Häßlichkeit und Hexenhaftigkeit 
einhalten, so spinnen die beiden „Guten" auch im rumänischen Liede 
„aus der Nabelschnur'* des Kleinen das goldene „Glücksseil", das die 
dritte, .,die Böse", die mit „ihrem dicken Fuß", zerschneiden will, 
die aus ihrem Bein Schlangen und Kröten zur Welt bringt (Über 
Beingeburten s. Liebrecht, Zur Volkskunde, S. 490 ff.). Auch den 
ungarischen Märchen ist diese Unholdin unter dem Namen „« vasorrü^ 
(„die mit der eisernen Nase") bekannt (s. Katona, Zur Litteratur und 
Charakteristik des ungarischen Folklore in der Ztschr, f. vergl. Litt, 
und Renaissance-Litteratur Bd. I, S. 31). Zwei dieser drei Frauen 
sind, dem rumänischen Volksglauben gemäß, auch bei Geburten be- 
hilflich; die dritte aber, die „mit dem dicken Fuß", bewirkt — 
sobald sie sich der Gebärerin nähern kann — den Tod des Kindes. 
Um sie daher von der Geburtsstätte ferne zu halten, wird Haferstroh 
zu einem Bündel gewunden ins Herdfeuer geworfen. Dieser Brauch 
hängt wohl mit dem deutschen ., Weidendrehen" zusammen. „Im 
Aargau löst man diejenigen Knoten sorgfältig auf, die man an den 
Ruthen einer dem Wohnhause zunächst stehenden Weide gewahrt; 
auch das Weidenband einer jeden Strohgarbe, die man im Stalle 
streuen will, wird erlesen und aus gleichem Grunde nicht raitgestreut. 
Es könnte ein Hexenschaden mit darin Verknüpft' sein" (Rochholz 
a. a. O. S. 146). Ein Strohwisch war in früheren Zeiten in den säch- 
sischen Gemeinden das Schandzeichen gefallener Mädchen, und noch 

9* 



132 H. V. WLISLOCKI 

bis in die Mitte dieses Jahrhunderts wurden „fremde Dirnen'' mit 
„Schub" (Strohschaub) aus der Gemeinde abgeführt, d. h. auf einen 
zweirädrigen Karren wurde ein Strohbund gelegt, die Dirne hinauf- 
gesetzt und vom Wasenmeister über die Grenze der Stadt geschafft. 
Hafer- und Erbsenstroh verscheucht auch nach siebenbürgisch-säch- 
sischem Volksglauben die bösen Geister, und unter dem Sterbenden 
wird dieserwegen das Federbett behutsam weggezogen, denn auf dem 
Strohsack stirbt man leichter, namentlich aber auf einem Polster mit 
Erbsenstroh gefüllt, das sofort unter den Kopf geschoben wird 
(s. Fronius, Bilder aus dem sächsischen Bauernleben in Siebenbürgen, 
S. 255) und „stin dekel kalt drbes^^ (Steindeckel, kalt Erbsen) klingt 
die Glocke, wenn Jemand begraben wird. 

Auffallend ist es, daß das rumänische Kinderlied zweier, nicht 
nur dem deutschen Volke , sondern auch den Liedern anderer Völker 
gemeinsamer Züge entbehrt, nämlich der Erwähnung der „Weiden" und 
Anführung der Grenzen, welche das „goldene Seil" umspannt. In den 
deutschen Varianten sind stets die Orte angeführt, „von welchen aus 
und bis zu welchen das Wiegenseil oder Deichselseil für den Neu- 
geborenen gesponnen und gespannt wird, damit dieser Glücksfaden 
schirmend um die ganze Heimat herum reiche" (Rochholz a. a. 0. 
S. 142). In einem Kinderliede der oberungarischen Slovaken — das 
mir Herr Krälik aus seiner unedirten Sammlung zu überlassen die 
Güte hatte — finden sich auch diese zwei Züge wieder. Das Lied 
lautet in genauer Übersetzung also: 

du gold'nes Halfterband, Eine lange Gerte flicht 

Führe uns durch's ganze Land, Eine sich aus grünen Weiden, — 

Führ' du uns von Dobschau Schlägt dich , wenn du folgst mir 

Hin zum schönen Kaschau nicht! — 

Und von da nach Leutschau, Und die dritte spinnt aus Seiden 

Wo drei Frauen wohnen, Dir ein schönes, neues Kleid, 

Die uns strafen und belohnen : Darum Bübchen reite, reit', 

Einen gold'nen Apfel rund Hopp, hopp, hopp, reite, reit' ! 

Hält die eine in dem Mund ; 

Der Zug „mit den Weiden" ist hier gänzlich verwischt, dafür aber 
entspricht die Frau „mit dem goldenen Apfel im Mund" der fünften 
Frau bei Rochholtz a, a. O. S. 140, wo es von ihr heißt: 

„de feuft' isch eusi liebi Frau, 

sie sitzt enuet a der Wand, 

hat en Oepfel i der Hand, 

sie goht durh-ab zum Suunehüs 

und 16t die heilig Sunne üs, 

und löt die Schatten ine 

für ihre liebe Chline" u. s. w. 



zu DEN „DBEI MAREIEN". 133 

Daß überhaupt den Nornen auch ein Eintiuß auf die Witterung zu- 
geschrieben wird, zeigt das rumänische Lied, das die Kinder singen, 
wenn sich der Himmel umwölkt; es lautet deutsch also: 

Weisse Mutter, öfF'ne Thür und Thor, 

Lass' die liebe Sonn' hervor; 

Vor der lieben Sonne muß 

Rasch entfliehen Frau Klunapfuß. 
Durch die Erwähnung des „goldenen Fadens" steht ein Lied der 
deutschen Kinder in der Zips, das sie bei Regenwetter zu singen 
pflegen, noch näher zum Kreis „der drei Mareien'; es lautet also: 

Liabe Frau, mach's Thürl auf, 

Bring' die liabe Sunu herauf, 

Lass' de Regen drinne, 

Lass' de Schnee verrinne; 

Komm' aus danem Brünnchen, 

Briang' dan goldig Kindchen, 

Briang' a goldnen Faden 

Behüetc uns vor Schaden ! 
Ganz verwischt sind diese Beziehungen im folgenden siebenbürgisch- 
sächsischen Kinderliede (s. Schuster Fr. W. , Siebenb.-sächs. Volks- 
lieder, S. 337): 

Et fed un ze renen, Es fängt an zu regnen, 

God kid enkenen; Gott kommt entgegen, 

dt de ren afhält, Der den Regen aufhält, 

däd äs e selich man, Das ist ein seliger Mann, 

di ed ach loeder mäche kän, Der es auch wieder macheu kann, 

di ed lieh weder zerdr'emere kän. Der es auch wieder zertrümmern kann. 

Einen viel deutlicheren Bezug auf die drei Nornen und „das goldene 
Seil" finden wir iu den folgenden siebenbürgisch-sächsischen Kinder- 
liedern : 

Ich länz mer a reszken guor ivol Ich laaz; mir ein Rößchen gar wohl 
beschlo, beschlagen, 

ich läsz et an der sailgasz go. Ich lass' es in die Seilgass' gehn. 

Do et na knm for Katiche sai dir, Da es nun kam vor Käthchens (seine) 
do tvör en galden bräk Thür, 

dö wör och mai glück. Da war eine goldene Brücke, 

Da war auch mein Glück. 
Bei Schuster a. a. O. S. 327 steht wohl zailgasz (Zeilgasse) ; doch 
glaube ich „Seilgasse" lesen zu dürfen, besonders da im Siebenbürgisch- 
sächsischen „Zeile" für „Gasse" gebraucht wird und somit „Zeil- 
gasse" eine Art Tautologie wäre; „Seilgasse' hingegen — so wie ich 
es im Volksmunde hersagen hörte — mag vielleicht einen verwischten 
Bezug auf das „Glücksseil" haben. Das folgende Lied der siebenb.- 
sächs. Kinder nimmt auch Bezug auf die drei Nornen; es lautet: 



134 H. V. WLISLOCKI 

Brä Ndne' Jcun am rür eraf, Drei Nane (Nornen) kommen im Rohr 

se hranjen e käinjt gefangen; hervor, 

se lochten et an en trigeltchen, Sie bringen ein Kind gefangen; 

et schieß ivä e rene ßgeltchen. Sie legten es in ein Trögelchen, 

Es schläft wie ein Regen-Vögelchen. 

Vgl. auch das von Fr. Fr. Fronius a. a. O. S. 34 mitgetheilte siebenb.- 
sächs. Kinderlied: 

Si, si sigelchen Si, si Siegelchen, 

Der tuewe flecht e ßgelchen, Dort oben fliegt ein Vögelchen, 

Hae nedde tli('<igcn de Nonnen^ Hier unten fliegen die Nonnen, 

Se hatten e Kaendj gefangen, Sie hatten ein Kind gefangen, 

Se schmieszent en de bach, Sie warfen's in den Bach, 

Dat et alles zehräch. Daß es Alles zerbrach. 

Die nächste Verwandtschaft mit den deutschen „Mareien-Liedern" zeigt 
unter den hiehergehörigen Kinderliedern der Siebenbürger Sachsen 
wohl das folgende — meines Wissens bislang unedirte — Liedchen : 

Zuzu, zuzu, reddjen; Zuzu, zuzu reiten; 

De Baschfrä af den wedjen Die Buschfrau auf den Weiden 

Wdl User reszken geht beschlön, Will unser Rößchen gut beschlagen. 

Bat wer hedj nö Krüne gön. Daß wir heut' nach Kronstadt gehn, 

Bö äs en hisch gdlden brück, Da ist eine hübsche goldne Brück', 

Bo fandj Hani uch se gläcJc; Da find't Hanchen auch ihr Glück; 

Baschfrä git äs sejeltcher, Buschfrau gibt uns Schüchen, 

Uch en sedän kereltchen. Auch ein seid'nes Kittelchen. 

Nach dem Kinderglauben kommen die Kinder von der Baschmoter, 
Baschfrä, die sie unter einem großen, dicken Baum im Walde hervor- 
gräbt oder aus ihrem Brunnen, der unter einem großen Baume sich 
befindet, herauszieht und oft — besonders wenn die Kinder nicht 
fromm sind — wieder zu sich nimmt. Darum werden auch die Heb- 
ammen selbst häufig — wenn auch nur scherzweise — Bäschmatter 
(Buschmutter) genannt. Das sind Alles auf Hei zurückweisende An- 
schauungen (s. Fr. W. Schuster, Deutsche Mythen aus siebenb.-sächs. 
Quellen im Archiv d. Ver. f. siebenb. Landeskunde Bd. IX und X, 
S. 251 und 281 flf. ; dies Werk ist für die siebcnbürgische und ver- 
gleichende Mythenforschung unentbehrlich. Über die drei Mareien, 
Nornen überhaupt, die im Siebenb. -sächsischen neben ^,Nane, Nonne^ 
auch „Wäiirjken''^ heißen, s. ebenfalls Schuster a. a. 0. S. 76 ff.). 

Der Ort, an dem diese Wesen wohnen, liegt nach dem Volks- 
glauben in der Nähe einer Quelle, eines Brunnens oder Baches. Diesen 
Zug finden wir auch in einem ungarischen Kinderliede, das unter den 
Siebenbürger Szeklern verbreitet ist; es lautet in genauer Über- 
setzung also : 



zu DEN „DREI MAREIEN". 135 

Heida, heida auf nach Kronstadt! Und ganz nah' in Angyalos 

Haben unser Roß verloren, Fließt ein klares Brüiinlein, — 

Wollen uns ein neues kaufen, Sitzen dort drei Fräulein, 

Und dazu auch gold'rie Sporen, Hält das eine ein Kindchen, 

Dann wird's rascher laufen ! Das andre schneidet Weiden 

Heida, heida auf nach Kronstadt! Für den Hintern, hopp, hopp, hopp! 

Hei ! da steht ein Schlößlein, Und das dritte spinnet Seide, 

Und nicht weit in Sepsi-Szent-György Spinnt für dich den neuen Hock! 

Steht ein gold'nes Häuschen, Hopp, hoj)p, hopp ! 

Merkwürdig ist der Umstand, daß in der ungarischen VolUsdicbtung 
überhaupt drei Nornen als solche nicht erwälint werden, und ich bin 
geneigt, obiges Kinderlied der Szekler eben deswegen für eine Ent- 
lehnung aus dem Deutschen, resp. Sächsischen zu halten. Vielleicht 
ist dies Lied einem verlorenen sächsischen nachgebildet worden. 
Immerhin bleibt seine Zusanimen-stellung recht interessant, der eben 
nur der Zug vom „Seil, goldener Brücke" abgeht. Dieae drei Fräulein 
glaube icii auch in folgender Sage der Siebenbürger Szekler wieder- 
zufinden. 

„Vor vielen, vielen Jahren lebte ein Ritter, der war gegen seine 
Untergebenen gar strenge und hartherzig. Seine eigene Gattin hatte 
er einmal in seinem Zorn zu Tode geprügelt, und seine drei wunder- 
schönen Töchter behandelte er schlechter denn Hunde. Da traf es 
sich einmal, dali der böse Kitter in eine gar ferne Stadt zog, um sich 
von da eine Gattin zu holen. Bevor er abzog, sprach er zu seinen 
Töchtern : „Allen Hanf, der sich am Aufboden des Hauses befindet, 
mü(>t ihr bis zu meiner Rückkehr gesponnen haben, sonst lasse ich 
jede von euch an einen Baum binden und dann zersägen." Also 
sprach der Rittersmann und zog von dannen. Seine armen Töchter 
weinten nun Tag und Nacht, denn sie wußten nicht, wie sie den 
vielen Hanf aufspinnen sollten. Da traf es sich einmal, daß die drei 
Fräulein spät in der Nacht noch spannen und weinten , als sich die 
Thüre der Stube öffnete und ein riesiger schwarzer Stier hereintrabte. 
Mitten im Hanfstoß , der am Boden lag, blieb er stehen , nahm einen 
Bund nach dem andern auf seine Hörner, und während er seinen 
Hals von rechts nach links beständig bewegte, verwandelte sich der 
Hanf sofort in die schönste Leinwand. Das eine der drei Fräulein 
stieg nun schnell auf den Aufboden hinauf und reichte ihrer Schwester, 
die auf der Leiter stand, einen Hanfbund nach dem andern herab. 
Die mittlere Schwester reichte den Hanf der Jüngsten, die unten in 
der Stube stand, und diese warf ihn vor den Stier^ der mit seinen 
Hörnern so rasch spann , daß die Schwestern kaum Zeit hatten, ein- 



136 H. V. WLISLOCKI 

ander den Hanf zu überreichen. Die eine rief stets der andern, diese 
wieder der dritten zu: y^Nyujtod-e mar?'' („Reichst du ihn einmal 
her") , um sich gegenseitig zur Eile anzufeuern. Als es dämmerte, 
spann der Stier noch immer. Aber er war auch schon sehr müde, 
denn so oft er den Hals von rechts nach links bog, da flog ihm stets 
der Speichel in langen Fäden zum oflfenen Fenster hinaus und schwebte 
als glänzender Faden in der Luft fort. Diese Fäden sieht man auch 
jetzt noch im Herbste in der Luft schweben, und wir nennen sie eben : 
„ökömydl^ (Ochsenspeichel). Gegen Mittag war der gesammte Hanf 
aufgesponnen, und da stürmte der Stier auf die drei Jungfrauen los 
und warf sie in die Luft; die eine fiel oben auf dem Gebirge neben 
einer Quelle auf die Erde, die andere fiel auf einen Acker, und die 
dritte fiel auf einen hohen Baum. Jede sitzt nun seit vielen Jahren 
auf ihrer Stelle und spinnt den „Ochsenspeichel"; aus dem Gespinst 
verfertigen sie dann Hemden , und wer ein solches findet und am 
Leibe trägt, der ist in Allem glücklich. An der Stätte, wo das Haus 
des Ritters gestanden , hörte man lange Jahre hindurch allnächtlich 
den Ruf erschallen: ,,Nyujtod? nyujtod-e mdr?^^ Und als mit der Zeit 
sich daselbst Leute ansiedelten, nannten sie das Dorf „Nyujtod" *)..." 
Diese Sage erinnert uns an das Zauberhemde und Nothhemde 
der deutschen Mythe, das Jungfrauen woben, um Kämpfer fest und 
unverwundbar zu machen. In solchem Zusammenhange nennt man in 
Deutschland die im Herbste über das Feld schillernden Fäden der 
Feldspinne noch den Marienfaden , den Altenweibersommer, in West- 
phalen Unser laiwe Frauen Suemer, und die Spinneweben in der 
Stube heißen sogar Friggers, der Göttin Fria Gewebe" (Rochholz 
a. a. O. S. 142; s. Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 96). Dem Volksglauben 
der Siebenbürger Armenier gemäß webt die „Glücksfrau" dem Kinde, 
das in der Stunde geboren wird, wo sie ihr eigenes Kindlein, den 
„Zufall", säugt, aus ihrem Speichel ein Glückshemd. Man legt daher 
jedes Kind vor der Taufe an einen Ort, wohin der Mond scheint, und 
entfernt sich aus dem Zimmer, damit die Glücksfrau ihm ungestört 
das „unsichtbare Glückshemd" anziehe, das es dann sein Lebelang 
unbewußt an hat, um nun in allen seinen Handlungen vom Glücke 
begünstigt zu werden. Nach dem Glauben der Siebenbürger Rumänen 
ist es gut, wenn man von der Nabelschnur des Kindes ein Stückchen 
bei zunehmendem Mond in den Garten wirft; dann kommen die „guten 
Frauen" und weben das Stückchen zu einem „Glücksfaden"; sie weben 

*) Im Südosten Siebenbürgens. 



zu DEN ^DREI MAREIEN". I37 

ihn so lange, bis daß ihn die „dritte"* abschneidet: „dann ist es aus 
mit dem Glücke des Menschen!" 

Auch ein Kinderlied der Siebenbürger Zeltzigeuner gehört in den 
Kreis der „drei Mareien". Das „goldene Seil" umspannt auch hier 
die Grenzen der engeren Heimat. Der unedirte Originaltext dieses 
Kinderliedes lautet — so wie ich denselben 1883 in der Gegend von 
Hermannstadt aufgezeichnet habe — also: 
Andro häro Sibineske Keshdlyi les kereläs, 

Stnkdr cercd hin dddeske ; Rdciye lisperpelds. 

Andrdl e cercd beshds, Pdl sheloro Orlxiforos 

Vdsh Reshndre grdstdrd-t ; Sdr e bdrvdl grästdrds; 

Pdl Reshndre sheloro Te phdnro uripen 

Hin shukdr somndkuno; Odoy yon den sik amen. 

Sheloro hin may shukdr, Kiyd sheloro shukdr, 

Oh grdiyd, tu sitydr! OIi grdiyd, tu sitydr!^) 

Die genaue Übersetzung desselben lautet: 
Auf der Haid' von Hermannstadt, Keschalyi hat es gemacht, 

Schönes Zelt dein Vater hat; Es gewoben über Nacht. 

Vor dem Zelte sitzen wir, Auf dem Seil nach Orlat hin 

Reiten, reiten weg von hier, Mit den Winden wir dann ziehn. 

Reiten, hin nach Reschinar, Kleider schön aus Seiden 

Dort gemacht aus Gold, so klar, Schenkt man uns dort Beiden. 

Ist ein langes, langes Seil ; Wollen hin zum gold'nen Seil, 

Hopp, mein Pferdchen, eile, eil' ! Hopp, mein Pferdchen, eile, eil' ! 

Die Keschalyi sind Feen, die verdammt sind kinderlos zu leben. 
Sobald eine Keschalyi ein Kind zur Welt bringt, so stirbt dasselbe 
auch gar bald. Dann flieht die trostlose Mutter hinauf ins Gebirge, 
wo sie auf einsamen Felsen in unzugänglichen Schluchten regungslos 
sitzt und ihr meilenlanges Haar im Winde wehen läßt, wodurch der 
Nebel entsteht, der zigeunerisch neben nebulo auch y^bdl Keschdlydkri,^ 
(Haar der Keschalyi) heißt. Stirbt ein Mann, den eine Keschalyi be- 
günstigt hat, da reißt sie sich in ihrem Grame Haare vom Kopfe, 
die dann als Sommerfäden (zig. brigd Keschdlydkri, Gram der Keschalyi) 
über die Gefilde schweben. Kinderlose Weiber der Zigeuner, die sich 
Kinder wünschen, sammeln solche Fäden und verzehren sie mit ihrem 
Gatten zusammen, und zwar bei zunehmendem Monde, wobei der 
Spruch gemurmelt wird: 



') Was die Orthographie anbelangt, so entspricht c = tsch, o. = ch, j = dsch, 
n = nj, sh = 9cb, y = f (s. meine „Sprache der transsilvanischen Zigeuner", Leipzig 
1884, S. 3). 

9** 



138 H. V. WLISLOCKI 

Keshdlyiyd Usperpm, Ihr Keschalyi spinnet, spinnt, 

Cin pdm hin andre len ! Bis noch Wasser in den Bächen rinnt ! 

Mdngävds pdl holyipen, Euch zur Kindstauf wir einladen, 

Kdnd lolo sheloro Wenn den rothen Glücksfaden 

Mende turnen Usperpen ihr gesponnen, ihr gesponnen 

Vdsh rdkleske, ko dvld Für das Kind, das wir gewonnen 

Mende, oh Keshdlyiyd! Haben von eurer Gnad', ihr Keschalyi. 

Der hier erwähnte „rothe Glücksfaden" ist nicht identisch mit 
dem im vorhergehenden Kinderliede erwähnten „langen, goldenen 
Seil". Letzteres erscheint nur dem Geliebten der Keschalyi und zeigt 
ihm den Weg zu derjenigen, die in Liebe zu ihm entbrannt ist. Wenn 
aber eine Keschalyi einem Kinde „Glück für das ganze Leben" ver- 
leihen will, so spinnt sie den „rothen Glücksfaden", den sie dann als 
rothes Striemchen am Halse des Bevorzugten erscheinen läßt (vgl. 
Rochholz a. a. O. S. 147). Ein solches rothes Striemchen brachte 
auch der Stammvater eines der vier Zeltzigeunerstämme Sieben- 
bürgens, des Leila-Stammes, bei seiner Geburt mit auf die Welt, 
woher er den Beinamen ^Lolo''^ (der Rothe) erhielt. Die Stammsage 
der Le'ila, die in mancher Beziehung zum Kreis der „drei Mareien" 
zu rechnen ist, lautet im Originaltext, so wie ich denselben nach der 
Erzählung des gegenwärtigen Wojwoden des Stammes, Namens Paul 
Csutak, zubenannt „der Großfuß", im Jahre 1886 gehört habe, also: 

y, Andre hut sei bershd jideläs pdl yek hes yekd mdy shukdr räklyi. 
Yoy rdklyi bare thdgdreskro dvld". Kdnd leskre ddd merelds , leskre pcrdl 
te leskro romni Id trädend; e romni nd kdmelds^ the andre them shitkd- 
reder romni the dvlds sdr yoy. E shukdr räklyi gelyds ändro cdtdro 
themdkri, te odoy pdl yek häro hes andre eigne cev hesheläs. Bihdctdles 
jideläs yevensd hesheskro te huter andre hokh mdy nierelds. Vucoyes dnäre 
besh beshend trin Keshalyiyä, ke butvdr pro besh dikhenä te dikhenä, so 
e rdklyi kerel. Atunci penelds yekd Keshdlyi kiyd leskre pcenenge: ^Core 
rdklyäke hin misec jidipen; yoy may bokhdles! Mire bald andre them 
telebicdv; yoy bald cdl te kerel yek rdkles, ko pro läke gindisdreU'"'' Te 
Keshdlyi bdld telebiceläs te ddd cdvelas sik e rdklyi; dtuiici peneläs: 
duyte Keshdlyi: „Me kereU hoy yekd somndkune lenori the dveläs dngdl cen 
te yek somnakuno ruk odoy th' äveUs^ ko sdke yevd limdkri bdrel!" — 
„Te me", penelds trite Keshdlyi, „me kerel, hoy rdkleske, kdnd yov md- 
nush hin, nd tdysd bdct hin!"' May voyikereläs e core räklyi, känd ävre 
jivese dngdl cev somndkune lenori te yek somndkune ruk dikhelds. Atunci 
Idke dvlds bute cabend te e päni somndkune lenoräkri dvlds legfeder mol. 
Te atunci e rdklyi kerelds yek räkles , kdske pro kor yek lolo sheloro 
dvlas. Te e rdklyi jdnelds. ko Idke rdklds kerdyds! Kdnd yoy rdkles 



zu DEN „DREI MAREIEN". 139 

andre päiii somnakune lenordkri tovelas, yekvdr shukdr rdklo ävhis. Te 
nd hutvdr voyipen dvlds! pcrdl rdkh/iikri dshunelds, hoy e pcen Leila 
heshel kiyd somndkune lenori te somndkuno rnk. Yov bicelds ketdnd odoy 
te ddd pdl mol somndkune lenordkri mdtovend. Te mdtes muddrend Leila: 
leskre rdklo may merelds. Yov dndre lime jidlds te romni lelds ierdklen; 
yov dtunci jyenelds kiyd mdmishenc/e : „Kdmdv, the men Leila dndphenen, 
hoy dndvd ddydkri tdysd Jidel!"' Te dmen kdde kerds te djes dndphe^ien 
men: e I^e'ild " 

Die genaue deutsche Übersetzung lautet: 

„Vor vielen hundert Jahren lebte am Rande eines Waldes eine 
wunderschöne Maid. Sie war die Tochter eines mächtigen Königs 
gewesen. Als ihr Vater starb , da verstieß sie ihr Bruder und dessen 
böse Frau, die es nicht haben wollte, daß im Lande ein schöneres 
Weib als sie lebe. Die schöne Maid floh also an die Grenze des 
Landes, wo sie am Rande eines großen Waldes in einer kleinen Höhle 
wohnte. Kümmerlich ernährte sie sich von den Früchten des Waldes 
und war oft nahe daran, vor Hunger zu sterben. Hoch oben im Ge- 
birge da wohnten auch drei Keschalyi, die oft ins Thal hinabblickten 
und dem Treiben der Maid zusahen. Da sprach einmal die eine 
Keschalyi zu ihren Schwestern: „Die arme Maid hat ein gar schlechtes 
Leben; sie ist sehr hungrig! Ich werde einige meiner Haare zu ihr 
hinab ins Thal fallen lassen; sie wird diese Haare verzehren und 
dann einen Sohn zur Welt bringen, der wird für sie sorgen!" Wäh- 
rend die Keschalyi einige Haare hinabfallen ließ, welche von der 
Maid sogleich verzehrt wurden, sprach die zweite Keschalyi: „Ich 
werde bewirken, daß ein goldenes Bächlein vor ihrer Höhle fließe 
und ein goldener Baum ebenda wachse^ der alle Früchte der Welt 
tragen soll." — „Und ich", sprach die dritte Keschalyi, „werde schon 
sorgen, daß es dem Kinde, wenn es zum Manne erwachsen, nicht 
immer gut ergehe!" Wie freute sich die arme Maid, als sie am 
nächsten JNIorgen ein goldenes Bächlein vor ihrer Höhle fließen und 
einen goldenen Baum stehen sah. Nun hatte sie Speisen in Fülle, und 
das Wasser des goldenen Bächleins schmeckte wie der allerbeste 
Wein. Da gebar eines Tages die Maid ein Knäblein, das ein rothes 
Striemchen am Halse hatte. Nun wußte die Maid, wer ihr das Kind 
bescheert habe! Als sie es im Wasser des goldenen Bächleins badete, 
da wuchs es auf einmal zu einem schönen Jüngling heran. Doch 
nicht lange sollte die Freude der Beiden dauern! Der Bruder der 
Maid hatte erfahren, daß seine Schwester Leila in einer Höhle wohne, 
wo ein goldenes Bächlein fließe und ein goldener Baum stehe. Er 



140 MITTHEILUNGEN. 

schickte seine Soldaten hin, und diese berauschten sich vom Weine 
des goldenen Bächleins. In ihrem Rausche tödteten sie Leila^ deren 
Sohn nur mit Mühe dem Tode entrann. Er floh in die Welt, und als 
er geheiratet hatte und Kinder besaß, sprach er zu seinen Leuten: 
^Wir wollen uns Leila nennen lassen, damit der Name meiner Mutter 
ewig lebe!** Und wir haben es gehalten, denn auch noch heute heißen 

wir die Leila " 

Dies die Stammsage der Leila, die — wie schon bemerkt — durch 
die Züge, die sie eben enthält und die sich leicht aus der ganzen 
Darstellung herausschälen lassen, mit in den Kreis von den „drei 
Mareien" zu zählen ist. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir nur noch eine kleine Bemerkung. 
In den von Rochholz mitgetheilten Liedern heißt es zum Schlüsse: 

z'morge-n-am drü 

chömmet drei Mareie, 

die eint spinnt Side. 

die ander schnäflet Chride, 

die dritt schnidet Haberstrau : 

s'hüet mar Gott mis Chindli au! 
Rochholz hat nun das Wort Chride als = Falschheit und Streit ge- 
deutet (a. a. 0. S. 148) und, wie ich glaube, wohl ganz richtig. „Die 
Chrideschnatzlerin bringt Hader und Verdruß zwischen die Freunde.** 
In meiner Schülerzeit am Honterusgymnasium zu Kronstadt nannten 
wir einen feigen, unverträglichen Jungen einen „Kreidenscheißer"*, 
im Siebenbürgisch-sächsischen bedeutet sech bekriden = sich ängstigen, 
bekümmern. 

MÜHLBACH (Siebenbürgen), 20. Febraar 1888. 

Dr. HEINRICH v. WLI8L0CKI. 



Mittheilungen. 

Karl Wein hold ist als Nachfolger Müllenhoffs nach Berlin berufen, 
Eduard Schröder in Berlin zum Nachfolger Zuche's in Starburg ernannt 
worden. 

Prof. H. von Waldberg in Czernowitz ist an die Univerrsität Heidel- 
berg übergesiedelt; ebenda hat sich Herrn. Wunderlich als Privatdocent 
für deutsche Sprache und Literatur habilitiert. 

t am 17. Januar zu Lichtenfelde bei Berlin im Alter von 72 Jahren 
Prof. Dr. Ludwig Herr ig; am 22. Januar in Halle Prof. Dr. Karl Elze 
im Alter von 67 Jahren; y am 31. Januar in Oxford Prof. Dr. Gudbrand 
Vigfusson im Alter von 58 Jahren. 



ÜBER DEN URSPPtUNG DES HÖFISCHP^N MINNE- 
SANGES UND SEIN VERHÄLTNISS ZUR VOLKS- 
DICHTUNG. 

(Schluß.) 



Capitel IIT. 

Werth des Aufsatzes von A. Berger über „die volksthUm- 
lichen Grundlagen des ]\Iinne sanges" für die Frage nach 
dem Zusammenhange zwischen diesem und der Volks- 
dichtung. 

Wenn ich der Meyer'schen Sammlung eine so eingehende Be- 
handlung habe zukommen lassen, wie es geschehen ist, so hat mich 
dazu vor Allem der Umstand bewogen, daß ich fürchtete. Mancher 
möchte sich durch den imponierenden Umfang derselben vielleicht 
bei nachlässiger Prüfung der P^iuzelheiten dazu bestimmen lassen, der 
Ansicht Meyers beizutreten, ohne sich selbst recht klar über die Con- 
sequenzen zu werden, die er damit zu den seinigen macht. 

Ich hatte zu dieser Befürchtung umsomehr Recht, als es in 
dem so umfangreichen Aufsatze Meyers durchaus an einer Überein- 
stimmung unter dem anfangs Behaupteten, dem beim versuchten Be- 
weise ins Auge Gefaßten und dem Resultate fehlt. 

Obendrein zeigte mir der Aufsatz A. Bergers ') bereits die ersten 
schädlichen Folgen oder Einflüsse der Meyer'schen Arbeit. 

Berger sagt selbst, er theile die Ansichten, die den „scharf- 
sinnigen Untersuchungen von Richard ]\[. Äleyer" '^j zu Grunde lägen; 
er schließe sich ihnen „vollständig"^) an; er theile den Standpunkt 
jenes „in allem Wesentlichen""*). Nun: zu „allem Wesentlichen" ge- 
hört doch jedenfalls auch das Gesammtresultat; welches dies ist, 
haben wir bereits mehrfach bestimmt zum Ausdruck gebracht. 

Daß Berger sich zu ihm bekenne, erfahren wir eigentlich nur 
daraus, daß er uns dessen verschiedentlich am Anfange und Ende 
seiner Untersuchungen versichert. Aus diesen selbst, aus den zum 



') Ztschr. f. d. Phil. XIX, S. 440—486. ') ib. S. 441. ^)' ib. S. 473. 

*) ib. S. 441. 
GERMANIA. Nene Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrj. 10 



]42 E. TH. WALTER 

Beweise verwandten Mitteln müßte man auf eine andere Behauptung 
schließen. Er vergißt offenbar — ganz wie oft Meyer — im Gange 
seiner Abhandlung zu Zeiten, was er sich zum Ziele gesetzt hat. 
Er beweist; aber er beweist nicht mehr, was er behauptet hat. 
Er gibt uns sein Resultat; aber dieses ist in Wahrheit nicht dasselbe, 
zu welchem ihn seine Untersuchungen geführt haben. 

Doch ich habe dies im Einzelnen darzuthun. 

Fragen wir uns zunächst nochmals: Was wollte Meyer mit seiner 
Stellensammlung, was will jetzt A. Berger, sich ihm „vollständig" 
anschließend, beweisen? Nicht nur, daß es „eine große Menge lyrischer 
Verse, die durch ganz Deutschland im Volke fortlebten, 'Blumen, wie 
sie überall aus der Erde hervorbrachen und nur zu Sträußen zu- 
sammengebunden zu werden brauchten'",') gegeben habe; sondern 
auch , daß eben die Vertreter des Minnesanges diese „Blumen" zu 
den „Sträußen" zusammengewunden haben, die wir in ihren Liedern 
besitzen; daß also jene Sträuße der Volksdichtung denen der 
ritterlichen Poesie ähnlich oder gleich gewesen seien: d. h. daß 
Charakter und Aussehen der „verloren gegangenen Volksdichtung" 
im Großen und Ganzen dieselben gewesen seien. 

Das ist in bestimmter Fassung das, was Meyers Untersuchungen 
und somit auch Bergers als Ziel aufstellen. 

Während nun Meyer in seinem Aufsatze gewöhnlich von Liebes- 
lyrik oder wenigstens Lyrik, worunter er dasselbe versteht, spricht, 
ist bei Berger zum großen Theile nur von Volksdichtung über- 
haupt die Rede. 

Er verspricht „eine Reihe von charakteristischen Eigenthüralich- 
keiten der Volkspoesie, die sich im Minnesang wiederfinden" zu be- 
handeln, dann „eine Anzahl von Vorstellungen, Bildei'n und Gleich- 
nissen" zusammenzustellen, „die aus volksthümlicher Dichtung stam- 
men" und endlich „gnomische Elemente" und eine Reihe syntaktischer, 
stilistischer und metrischer Beobachtungen „uns vorzuführen, an denen 
ein Einfluß der Volkspoesie deutlich wird"^). 

Schon dies Programm zeigt zur Genüge, daß das anfangs ge- 
steckte Ziel bereits ein sehr verschwommenes geworden ist, was uns 
die Prüfung der einzelnen Abtheilungen noch deutlicher darthun soll. 

Zunächst sehen wir die „Epische Situation"^), die sich im 
Minnesänge wieder findet, als Beweis aufgeführt. Was läßt sich aber 
damit anfangen? 

') cf. ßerger a. a. O. S. 472 und R. M. Meyer a. a. O. S. 208. 
') Berger a. a. O. S. 442. ■') ib. 443—444. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 143 

Soll daraus, daß auch in unseren Volksliedersaiumlungen „die 
episch-lyrische" Form als Lieblingsform der Volksdichtung zur Gel- 
tung kommt, etwa gesell lossen werden, dnß der höfische Älinnesang 
eben dies aus volksth ii ml ichen Liebesliedern geschöpft, gerade 
solche in diesem Punkte nachgeahmt haben müsse? 

Soll daraus dann weiter gefolgert werden können, daß es eine 
derartige Volksliebeslyrik gegeben haben müsse, daß der höfische 
Minnesang als naturgemäßes nächstes Entwickelungs- 
product zu demselben zu betrachten sei? 

Beides sollte doch schwerlich möglich sein. Dem Minnesang 
gaben natürlich ebenso gut wie den späteren Volksliedern die lange 
bestehende epische Dichtung und ihre dem Lyrischen sich zuneigen- 
den Weiterbildungen ein Mittel au die Hand, welches naturgemäß 
in der Volkspoesie wie der Kunstdichtung angewendet, von jener 
bevorzugt, von dieser mehr vernachlässigt worden ist. 

Den höfischen Epen ihr Theil an dieser Einwirkung abzusprechen, 
haben wir natürlich durchaus kein Recht, ohne daß wir jedoch bean- 
spruchen wollten, ihren Einfluß in den Vordergrund gestellt zu sehen. 

Es mag immerhin die Volkslyrik in diesem Punkte vorangegangen 
sein, durch ihr Beispiel gcAvirkt haben: Schlüsse, wie Meyer-Berger 
sie sammt den nothwendigen Folgerungen zu einem Gesammtresultate 
zusammenfassen, gewinnen dadurch keine Berechtigung. 

Mit der Besprechung dessen, was Berger*) über die „Natur- 
eingänge" bemerkt, darf ich wohl die der Auseinandersetzungen 
Meyers über den gleichen Gegenstand verbinden. 

Vor Allem wiederhole ich: „daß es Lieder gegeben habe — 
Frühlings-, Sommer-, Winter- und Tanzlieder — habe ich nirgends 
bestritten; daß in diesen Liedern der Volkspoesie Natureingänge 
üblich gewesen seien, gebe ich gleichfalls zu (sichergestellt ist es aber 
vorläufig durch nichts!), daß den Minnesingern solche Lieder bekannt 
gewesen sein werden, läßt sich gewiß nicht in Abrede stellen: daß 
aber diese Lieder sammt ihren Natureingängen dem Minnesang als 
Muster, als Vorbilder gedient haben sollen; daß durch sie der 
„plötzliche Aufbruch" der höfischen Poesie sich sollte erklären lassen — 
daa leugne ich entschieden. 

Wenn dies der Fall sein sollte, so müßten es nicht gerade die 
späteren Dichter sein, nicht gerade die Dichter, die sich geflissentlich 



') a. a. O. S. 444 f. ') Meyer a. a. O. S. 192 f. 

10 



144 E. TH. WALTER 

der Volkspoesie näherten, wie Walther und Neithart, bei denen die 
Natureingänge vornehmlich sich fänden. 

Daß natürlich dem Minnesinger, dem die Poesie des Volkes auch 
an die Ohren drang, die leichten Verse, die er gehört hatte, im Be- 
wußtsein blieben; daß er in gleicher Weise gelegentlich auch selbst 
einmal sein Lied begann, obgleich er dazu gewiß der Vorlage nicht 
bedurft haben würde, ist ganz denkbar. 

Daß aber gerade in den Anfängen des Minnesanges, also zu der 
Zeit, da er noch der „bäurischen Stegreifdichtung" — wie Meyer 
will — gleich war; da er ihre Verse noch zu Liedern zusammen- 
setzte; da er sich, noch „die alte Art fortsetzend, langsam aus ihr 
erhob": daß gerade damals der Natureingang selten genug ist; 
daß gerade dies als charakteristisch für gewisse Volkslyriksarten Be- 
zeichnete nicht überwiegt, sondern gleich im ersten Anbeginn dem 
Conventionellen Frauendienste weicht: scheint mir gerade ein Beweis 
dafür zu sein, daß der Minnesang als Entwickelungsproduct der Volks- 
lyrik nicht zu betrachten sei'}. 

Was Berger dann weiter über das „Naturgleichniß" '), über 
„Mytholo-gisches" ^) , „Liebesgrüße" und „Wunschlieder"^), 
„Verwün schungen^ ^), „öno misch es" ®), „Einzelne Bilder und 
Anschauungen"") und „Rechtsalterthümer*^) sagt, führt uns 
auch zu keinem Resultate. 

Er beweist damit nur, daß der ritterliche Dichter ein Kind 
seines Volkes war, mit den herkömmlichen Anschauungen, den Ge- 
bräuchen und Sitten des Volkes, auch seinem Sänge bekannt; daß 
in ihm auch der ganze im Laufe der Jahrhunderte gesammelte Schatz 
von Wendungen, Bildern und sprichwörtlichen Redensarten lebte; 
keineswegs aber, daß der ritterlichen Dichtung eine ihr ganz ähnliche 
Volkspoesie vorausgegangen sei (wie sie Meyer bestehen lassen will), 
aus deren Versen die ersten Lieder der Minnesinger zusammen- 
gesetzt seien. 

Von Bergers sonstigen Ausführungen habe ich nur noch des 
„Metrischen" zu gedenken. 

Wir finden bei ihm^) eine größere Menge von Versen der älteren 



') Über die Entlehnung der Natureingänge aus classiscben Mustern hier zu 
handeln würde mich zu weit führen. 

^) Berger a. a. O. S. 446—448, 

3) ib. S. 449—451. ') ib. S. 451-453. '-) ib. S. 453. «) ib. S. 457 

bis 464. ') ib. S. 464— 46G. ») ib. S. 467. 

») Berger a. a. O. S. 473 ff. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 145 

Minnesinger und der CB als „stabreimende Langzeilen und Halb- 
zeilen" zusammengestellt. 

Wie er selbst sagt, will er damit darthun, daß der Sinn für die 
Alliteration noch nicht bei den ritterlichen Dichtern erloschen war. 
Er macht gar keinen Anspruch darauf, daß die angeführten Zeilen 
als mit den „feineren Regeln" der bewußten Kuustform überein- 
stimmend angesehen werden sollen; er gibt zu, daß solche allitterie- 
rcnden Zeilen sich dem Dichter unbewußt eingestellt hätten. Er will 
nur, daß man die Thatsache bestehen lasse. 

Ich muß gestehen, daß es mir recht wahrscheinlich dünkt, wenn 
man annimmt, daß nach der Jahrhunderte langen Übung das Ohr 
noch fernerhin das feine Gefühl für den Stabreim bewahrt habe; daß 
das Wohlgefallen an demselben gelegentlich auch zur bewußten 
Anwendung geführt haben mag. 

In den meisten Fällen jedoch — denke ich mir — wird die 
Allitteration unbewußt sich eingestellt haben; recht oft auch nur 
auf zufäl ligem Zusammentreffen beruhen. 

Doch selbst für den Fall, den wir übrigens kaum für sehr wahr- 
scheinlich halten, daß die Anwendung der Allitteration zur damaligen 
Zeit wirklich aus bewußtem Streben hervorgegangen wäre, so würde 
doch dadurch nichts weiter dargethan, als daß eben eine alte, vor- 
vornehmlich epische Kunstform noch in der Sprache sich lobendig 
erhalten hätte. 

Was hat aber dies mit dem „plötzlichen Aufbruche" des höfi- 
schen Minnesanges zu thun? 

Mir scheint', nicht das Geringste. In einer Hinsicht hält die 
Berger'sche Abhandlung, was sie verspricht: sie legt Beziehungen 
zwischen höfischem Minnesang und volksthümlichem Denken, Wesen 
und Dichten ganz im Allgemeinen und ziemlich ohne Abgrenzung 
der Zeit dar. Solche Beziehungen aber hat — meines Wissens — 
noch Niemand ernstlich bestritten. 

In Bezug auf die P^rage nach dem Ursprünge des höfischen 
Minnesanges bleibt uns Berger dagegen die Antwort schul- 
dig; oder, wo er sie uns gibt, indem er sich Meyer anschließt 
geschieht dies ohne innere Begründung und erwiesene Be. 
rechtigung. 



146 E. TH. WALTER 

Capitel IV. 

Die Carviina Burana und ihr Zusammenhang mit dem 
höfischen Minnesänge. 

Was Meyer sowohl wie Berger durch ihre Verszusammenstel- 
lungen — wie wir glauben nachgewiesen zu haben — vergeblich als 
Thatsache hinzustellen versuchten: nämlich daß der älteste Minnesang 
als ein Entwickelungsproduct der „verloren gegangenen" Volksliebes- 
lyrik, dieser in seinen ersten Anfängen also gleich, erst später all- 
mälig von ihr sich abwendend, aufzufassen sei; daß wir uns dem- 
nach von dieser verlorenen Volksdichtung, oder vielmehr Volksliebes- 
lyrik ein richtiges und ziemlich deutliches Bild dadurch machen 
könnten, daß wir eben den Minnesang in seiner Anfangsgcstalt uns 
vor Augen führten: das alles soll sich endlich aus den Carmina 
Burana erweisen lassen. 

In ihnen glaubt nämlich Meyer eine ergiebige Fundgrube für 
solche Liedlein zu besitzen'), wie sie ihm als Vorstufe für den 
höfischen Minnesang nöthig scheinen; das heißt: Lieder, Liebes- 
lieder ähnlich oder gleich den Erzeugnissen des Minne- 
sanges und dabei volksthümlichen Charakters. 

Von den erhaltenen deutschen Strophen weist er selbst als für 
seinen Zweck nicht brauchbar eine Anzahl zurück^). 

Zunächst 129*, da es nicht lyrisch sei') und auch keine latei- 
nische Entsprechung habe'*); ferner 98^ 100% 101", 102% 103% 104% 
116% 126% 132% 133% 139% 143% 165% 166" als nicht altvolksthümlich 
wegen Reinheit der Reime oder Reimkünstelei; ferner 109% 117% 
125% 140% löS"^ als nicht formelhaft; ferner 111% 124% 135% 144'' als 
nicht volksthümlich wegen ihres Inhaltes; endlich 105* gleichfalls 
wegen seines Inhaltes. 

Es bleiben also zunächst noch folgende mit dem Ansprüche auf 
Alter und Volksthümlichkeit versehen übrig und kommen demnach 
zur Besprechung ungefähr chronologisch geordnet: 
vor 11 60-. 108% 
vor 1180: 112% 
vor 1190: 127% 134; 

') ib. S. 177. ') ib. S. 179. 

^) Wie Meyer dieses Gedicht — es ist das bekannte Swaz hie gat umbe — 
„nicht lyrisch" nennen kann, ist mir ganz unfaßbar. Sollte er vielleicht hier mit 'lyrisch 
ritterliche Lyrik meinen? Dann müßte ich ihm allerdings sehr Recht geben. 

*) Er prüft nämlich die Strophen zugleich auf ihre Originalität gegenüber dem 
Lateinischen. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. I47 

unbestimmt aber möpjlicherweise älter sind ferner die Strophen 107' 
136"; jünger, aber nicht über den ßietenburger hinauszuweisen sind 
141", 100", 115% 142". 

Ich beginne mit 108" = MF. 3, 7 ») : 
Were diu werlt alle min 
von deme raere unze au den Kin, 
des wolt ih mih darben, 
daz diu chünegin von Eugcllant 
lege au mineu armen. 
Meyer hält diese Strophe mit Martin^) „wegen der Anspielung auf 
die Königin von England" und „der Frechheit der ganzen Stelle zwar 
nicht für ein altes Volksliedchen, sondern vielmehr für die Original- 
dichtung eines Fahrenden^); 

doch aus den darüber verzeichneten lateinischen Strophen 108 
glaubt er eine, 108, 4, als Umbildung eines alten Liedchens erweisen 
zu können. 

Die Strophe lautet: 

Latc paudit tilia 
frondes, ramos, folia, 
thymus est sub ea 
viridi cum graminc, 
in quo fit chorea. 
Meyer reißt diese Verse aus ihrem Zusammenhange heraus, erklärt 
sie für die lateinische Umbildung eines deutschen Tanzliedchens, und 
das ganze Gedicht für eine Compilation. 

Stichhaltige Gründe für seine Behauptung bringt er freilich nicht. 
Ihm erscheint die Strophenfolge innerhalb des Gedichtes un- 
richtig. „Auf Frühlingseingang und Aufforderung zum Gesänge folgen 
zwei Strophen voll Nachahmungen von Vogelstimmen; danach heißt 
es dann: Pulchre cantant volucres — eine unmögliche Zusammenfassung 
dieser zwei Strophen in eine Zeile. Die beste Ordnung entsteht da- 
gegen, wenn wir Strophe 4 (Schmeller: Strophe 3) an Strophe 1 
anrücken: die formelhafte Angabe des Vogelgesaugs setzt den Natur- 
eingang in ganz regelrechter Weise fort." So sagt Meyer. Daß er 
Recht hat, glaube ich nicht. 

Ich halte die überlieferte Strophenfolgc für die einzig rich- 
tige. Gedanke schließt sich leicht an Gedanke: Kommt, laßt uns singen, 



•) Meyer a. a. O. S. 180 ff. 

') Nach mündlicher Besprechung, wie er sagt. 

') Scherer, Deutsche Studieu II, 7 (441). 



148 E. TH. WALTER 

denn Alles ist wieder grün geworden*). Schon in der Moi'genfrühe 
singt die Lerche etc.'). Ja! die Vögel singen schön, die Erde strahlt 
in farbigem Glänze, von Wohlgeruch ist Alles erfüllt^), die Linde 
breitet ihre Aste aus, unter dem Grase sprießen die Blumen hervor, 
ein Tanz hebt sich an") 5 dazu rieselt mit lieblichem Murmeln ein 
Bach durch das Gras: kurz der Platz ist ganz herrlich, zumal ein 
sanfter Wind sich gerade recht angenehm erhebt^). 

Was an diesem Zusammenhange nicht in Ordnung sei, in wiefern 
man nach Strophe 2 (bei Schmeller) „Pulchre cantant volucres" als 
„eine unmögliche Zusammenfassung" der zwei voraufgegangenen Stro- 
phen ansehen soll, leuchtet mir nicht ein, urasoweniger, da Meyer 
nicht ein einziges beweisendes Wörtchen seiner kurzgefaßten Be- 
hauptung anzufügen für nöthig hält. 

Recht klar ist mir dagegen geworden, daß Meyers Anordnung 
ganz zwecklos ist und weit eher der Erklärung bedürftige Gedankeu- 
sprünge zumuthet. Er will also die Strophe 3 (bei Schmeller) an 
Strophe 1 (also hinter yrata, 7'us et nenms) angefügt haben und dann 
die Strophen mime garrit alandula und hirundo jam finsat folgen lassen. 

Was gibt aber das für einen Zusammenhang? Der vorhandene 
wird geradezu zerrissen: 

Strophe 1 : Kommt laßt uns singen, Alles ist grün. 

Strophe 2: Schön singen die Vögel, die Erde steht in Farben- 

fracht, Woklgeruch überall. 
Strophe 3 u. 4: Es singt die Lerche in der Frühe etc. 
Strophe 5: Die Linde breitet ihre Aste aus etc. etc. 

Ich denke, das Gezwungene dieser Ordnung liegt auf der Hand. Das, 
was zusammengehört, Naturschilderung und Naturschilderung, Vogel- 
sang und Vogelsang sind glücklich getrennt; das ganze Gedicht, um 
seinen einheitlichen Charakter gebracht, macht nun einen unfertigen 
Eindruck. 

Und wozu das Alles? Um die Strophe late pandit tilia heraus- 
reißen und für Nachbildung erklären zu können. Die Strophe ge- 
hört fest in den Zusammenhang hinein. Grund, sie für Neubil- 
dung zu halten, ist nicht vorhanden. 

So wenig wie viridi gramine ^) etwas beweist, hat die Nennung 

') Musa venit — rus et nemus. Strophe 1, Vers 1 — 5. 

') Mane garrit — nemora vernata. Strophe 1, Vers 6 — 10 und Strophe 2. 

') Strophe 3. *) Strophe 4. s) Strophe 5. 

*) W^enn Meyer übrigens selbst weiß, daß die Formel viride gramen sich ,auch 
in ursprünglichen Vagantenliedern (so 65, 5)" findet, so hätte er sie nicht erst zum 
Beweise für den deutschen Ursprung anführen sollen. Es ist doch völlig zwecklos. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 149 

der tilia irgend welchen Wcrth , sobald dadurch Nachbildung darzu- 
thun beansprucht wird. Man kann daraus nur LM'kennen , daß der 
Vagant nicht immer sklavisch und gedankenlos seinem herkömm- 
lichen Phrasenschatze sich anbequemte, sondern daß er auch — was 
doch so ungemein natürlich ist — gelegentlich seiner Umgebung, 
dem Volksbewußtsein Rechnung zu tragen verstand'). 

Nun ist freilicii Meyer auch nicht entgangen, daß Strophe 2 
(l"" Schmeller) und 3 (2 Schmeller) nach seiner Umstellung nicht 
mehr in den Zusammenhang passen; darum müssen sie interpoliert 
sein. Es würde mich viel zu weit führen, wollte ich mich hier mit 
den weiteren Auseinandersetzungen Meyers befassen''), zumal dadurch 
im besten Falle nur bewiesen werden könnte, daß der Autor allerlei 
Keminiscenzen verwcrthet, nicht aber daß er ein Tanzliedchen (näm- 
lich V. 4) nachgebildet hätte. 

Doch hätte selbst Meyer in allen seinen Behauptungen über das 
Gedicht 108 vollkommen Recht, was ich bestreite, so würde er damit 
nur die Existenz eines alten Tanzliedchens zur Thatsache gemacht 
haben. 

Solch ein Tanzliedchen bedeutet aber nichts für die Behauptung, 
daß der Minnesang aus der Volkslyrik entstanden sei; 
solch ein Tanzliedchen hat auch mit den ältesten erhaltenen Stücken 
des höfischen Minnesanges nicht so viel gemeinsam, daß man sagen 
könnte, solche Liedlein wären die Vorstufe für eine Poesie 
wie die ritterliche Dichtung gewesen. 

Bestritten haben wir, das sei nachdrücklich bemerkt, das 
Vorhandensein von Tanzliedern nirgends; im Gegentheil, 
wir legen auf sie einen ganz besonderen Werth, wie wir später noch 
eingehender berichten werden. 

Wir kommen zu dem zweiten von Meyer behandelten Stücke 
CB. 112^) 

Refl. floret silva undique, 

nach mime gesellen ist mir wc. 

Gruonet der walt allenthalben : 

wa ist min geselle '^alselange ? 

Der ist geriten hinnen, 

owi, wer sol mich minnen? 



') Deutsche Tanzlieder werden den Vaganten wohl auch genug um die Ohren 
geschwirrt sein, so dafi sie ihnen die Linde geläufig machen konnten, ohne directe 
Nachahmung. 

') Ich gedenke über die Carm. Bur. in Kürze eingehend zu handeln. 

') cf. Meyer a. a. O. S. 185. 



150 E. TH. WAiiTER 

Gegen die Ursprünglichkeit der deutschen Strophe gegenüber dem 
Lateinischen und ihren offenbar lyrischen Charakter habe ich nichts 
einzuwenden. 

Für entschieden im Volke entstanden kann ich die Strophe aber 
nicht erklären; daran hindert mich sowohl das Latein als auch die 
Anwendung des Verbums geviten in dem gegebenen Zusammenhange '). 

Zum Beweise kann ich sie jedenfalls nicht gelten 
lassen. 

Es folgen die Strophen 127" und 134*. DaLi sie hier nicht zum 
Beweise angeführt werden dürfen, hat Meyer richtig erkannt. Sie 
stehen beide bereits vollkommen im Kreise des Minnesangs'^). 

Die Strophen 107 und 107" fördern unsere Untersuchung eben- 
falls nicht ^). 

107" ist von Vornherein aus demselben Grunde, wie die vorigen 
127" und 134" auszuscheiden. 

Meyers Beobachtung aber, daß das lateinische Gedicht so viel 
Formelhaftes zeige, daß man es nicht für eine Originaldichtung halten 
könne, was durch eine Zusammenstellung ähnlicher Verse darzuthun 
versucht wird, läßt, Alles zugegeben, höchstens auf einen gewissen 
Formelschatz des Vaganten schließen, wie man ihn sich immerhin 
recht gut vorhanden denken mag, ohne daraus einen Vortheil für 
unsere Besprechung nehmen zu können. 

In 136" sieht Meyer wieder ein altes Volksliedchen ^), und zwar 
eines der ältesten Art. Damit hat er gewiß Recht. Wenn er aber auch 
diese beiden Strophen zu Überarbeitungen stempeln will, so hat er 
meiner Ansicht nach sich auf einen gänzlich falschen Weg begeben. 

Seiner Ansicht nach hat das Lied ursprünglich nicht aus den 
beiden Strophen: 

chume, chume geselle min, Suzer rosenvarwer inuut, 

ich enbite harte din, chum uii mache mich gesunt, 

ich enbite harte din, chum uii mache mich gesunt 

chum, chum geselle min. suzer rosenvarwer munt. 

bestanden; ihn stört die Wiederkehr der Zeilen, obgleich er sich der 
Analogie Walthers (W. 87, 1) wohl bewußt ist. 

Der Dichter habe sich die Reime leicht gemacht, sagt Martin; 
ich glaube nicht darin den Grund der Verswiederholung finden zu 
dürfen ; vielmehr scheint mir dieser in der Melodie gelefgen 



') cf. oben S. 122 unten. Übrigens bin ich mit der Fixierung des Gedichtes 
auf die Zeit vor 1180 wegen mangelnder Scheidung stumpfer und klingender Reime 
durchaus nicht einverstanden. Ich halte das Gedicht für viel später entstanden. 

•j Meyer ib. S. 185—186. "") ib. S. 186—188. ") ib. S. 188—189. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 151 

zu haben und in der Bestimmung des Liedleins, beim Sj)icl oder 
Tanz von Paaren j^esungen zu werden. 

•Gerade diese Wiederholung der Verse gibt dem Liede den 
charakteristischen Reiz, der es zu einem unbeschreiblich anmuthigen, 
schlichten Erzeugnisse der frühen Volkspoesie macht. 

Durch die unmotivierte Meyer'sche Veräudemug geht dieser 
Reiz ganz verloren. Was liegt denn wohl noch von der lockenden und 
fliehenden Bewegung des Spieles in der einen Strophe, die uns IMeyer 
läßt, nachdem er beide Strophen halbiert und die llältlen zusammen- 
gesetzt hat: Chuinc, chume geselle min 
ich enbite harte diu, 
suzer rosenvarwer munt 
chuin und mache mich gesunt. 

Der herzige Schalk, der aus jenen beiden Strophen hervorlugt, 
ist wenigstens glücklich vertrieben. 

Ob nun Jemand sich dazu verstehen dürfte, zwischen diesem 
jugendfrischen Tanz- oder Spielliedchen, dieser neckischen Improvi- 
sation einerseits und dem Minnesänge der ritterlichen Kreise auch 
mit Rücksicht auf seine ältesten Zeugnisse anderseits einen der- 
artigen Zusammenhang zu sehen oder auch nur zu empfinden, wie 
Meyer es verlangt, und wie wir es von seinem einmal eingenommenen 
Standpunkte aus ja auch zu fordern für nöthig fanden, erscheint 
doch sehr zweifelhaft. 

Ich kann das Gedicht nicht für unsere Besprechung 
gel ten lassen. 

Besonderes Gewicht wird auf 141* gelegt'). Es soll wiederum 
ein altes deutsches Volksliedchen sein"). 

An eine Nachbildung des lateinischen Gedichtes — wie Martin — 
denke ich hier nicht. Eher würde mir ein umgekehrtes Verhältniß 
einleuchten. Ich halte das Gedicht gleichfalls für ein Originallied, 
und auch der Zeitbestimmung 1175 — 1180 habe ich nicht gerade mit 
ausdrücklichem Widerspruche zu begegnen. 

Jedoch in einem Punkte bin ich anderer Ansicht: ich halte es 
für entstanden unter der Voraussetzung der Einführung und 
des Einflusses des höfischen Minnesanges. Das zeigt ganz 
deutlich der Schluß des Gedichtes: 

daz sol tragen ein stolzer man, 
der wol wiben dienen chan "*). 
Damit verliert das Lied aber für uns ebenfalls seine Beweiskraft. 



•) ib. S. 189—190. ') cf. K. BuidacL, Reinmar der Alte und Walther von 

der Vogelweide*S. 163, • ') Vgl. oben S. 71. 



152 E. TH. WALTER 

Dies war die letzte der Strophen, von denen behauptet wurde, 
daß sie in ihrer jetzigen Form ursprüngliche Volksliedchen darstellen 
könnten. 

Von den Stücken, deren Alterthümlichkeit in der vorliegenden 
Gestalt nicht anzunehmen ist, muß ich das erste 100' gleich zurück- 
weisen'), weil es unzweifelhaft ein Tanz lied che n ist. Beginnt es doch 
gleich mit den Worten: 

Springewir den reigen. 

Das folgende 115*^) ist ein einfaches Frühlingslied ohne jede 
Hindeutung auf Liebeslyrik. Es gehört jedenfalls nicht zu der Lyrik, 
als deren Entwickelungsproduct der Minnesang gelten soll. 

Ganz dasselbe gilt von dem Herbstliede 142", es hat für unseren 
Gegenstand keinen Werth^). 

Somit wären wir mit unserer Besprechung der deutschen Stro- 
phen in den Carm. Buran. zu Ende*). 

Ich fasse unser Resultat zusammen: 

Nr. 108* blieb unbeachtet als Originaldichtung eines Fahrenden; 
108 dagegen führte uns nur auf ein Tanzliedchen; Nr. 112 glaubten 
wir nicht volksthümlich nennen zu dürfen; Nr. 127" und 134" mußten 
wir als nicht alterthümlich, vielmehr bereits unter Einfluß des Minne- 
sanges stehend ausschließen; Nr. 107 wies uns nur auf einen Formel- 
schatz des Vaganten hin; Nr. 136* war ein Spiel- oder Tanzlied; bei 
dem letzten der von Meyer als alterthümlich bezeichneten Strophen: 
Nr. 141* blieb uns wiederum der Einfluß des Minnesanges nicht ver- 
borgen. Von den übrigen, in der jetzigen Gestalt ofl'enbar nicht alter- 
thümlichen Gedichten erkannten wir in Nr. 100" wiederum nur ein 
Tanzliedchen; bei dem Frühlingsliede Nr. 115* und ebenso dem Herbst- 
oder Winterliede Nr. 142* fehlt jede, auch die leiseste Hindeutung 
auf Liebeslyrik. 

Mit einem Worte: wir haben auch nicht eine einzige 
Strophe gefunden, die uns das geboten hätte, was wir such- 
ten: ein Lied, ein Liebeslied ähnlich oder gleich den Er- 
zeugnissen des Minnesangs und dabei volksthümlichen 
Charakters und "Ursprungs. 



') Meyer a. a. O. S. 191 ; 165* glaube ich mit Hinweis auf Meyers Zugestäudiiiß 
schlechtweg übergehen zu können. ') Meyer a. a. O. S. 216. ^) ib. S. 217. 

*) Von den übrigen Liedern sind 98, 103* (Meyer a. a. O. S. 218) und 139* 
(ib. 219) Tanzlieder; bei allen anderen liegt Nachahmung lateinischer Muster vor. 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 153 

Capitel V. 

Schluß. 

Wir glauben im Laufe unserer vorstehenden Untersuchung nun- 
mehr gezeigt zu haben, daß die Versuche, den höfisclien Minnesang 
alss ein Entwickelungsproduct, als die höchste Blüthe einer Volksliebes- 
lyrik hinzustellen, nicht zu dem gewünschten Resultate geführt haben. 

In den xvinileodi, den „Liebesgrüßen" und. pnellarttm cnntica fanden 
wir keine directe Vorstufe für eine derartige Dichtung, wie die ritter- 
liche es war: die troutliet begreerneten uns nur in den ritterlichen 
Kreisen Österreichs; in den „Kürenbergliedern" Volkslieder zu er- 
blicken, wollte uns nicht gelingen; der Versuch Meyers, durch Vers- 
zusammenstellungen eine dem höfischen Sänge entsprechende „bäue- 
rische Stegreifdichtung" zu erweisen, stellte sich als verfehlt heraus; 
die Berger'sche Untersuchung fiel einestheils mit der Meyer'schen, 
anderseits bestand ein Widerspruch zwischen des Verfassers Behaup- 
tung und Beweisführung; auch die Erörterung Meyers in Betreff der 
Carmina Burana ließ uns ohne Erfolg; wir kommen somit zu dem 
Schlüsse; 

Der höfische Miunesang ist nicht als ein Entwicke- 
lungsproduct der Volksliebeslyrik zu betrachten; er hat sich 
nicht „zuerst noch ganz die alte Art fortsetzend", „aus der 
bäuerischen Stegreifdichtung" erhoben; die ihm zugehörigen 
Lieder sind nicht „Sträuße", die von den höfischen Dichtern 
einfach aus den „Blumen" der Volkslyrik „nur zusammen- 
gebunden zu werden brauchten" und zusammengebunden 
wurden. 



Aus diesem Schlüsse ergibt sich unmittelbar die Behauptung, 
deren l^^eweis zugleich in der vorstehenden Abhandlung zu seheu ist: 
die dem höfischen Minnesänge vorausgehenda Volkslyrik 
trug nicht einen ähnlichen Charakter, wie die ritterliche 
Dichtung, vielmehr war sie ihrem ganzen Wesen nach von 
dieser verschieden. 

Es ist nicht der Zweck dieser Arbeit, den gewonnenen negativen 
iiesultaten ausführliche positive Erörterungen folgen zu lassen. Was 
ich hinzufüge, soll nur dazu dienen, meinen Standpunkt in den hier 
behandelten Fragen und den sich nothwendig anschließenden weitereu 
deutlich zu machen und die]Ansichten über die Entwickelung der mittel- 
hochdeutschen Poesie des vorliegenden Zeitraumes so anzudeuten, wie 
ich sie binnen Kurzem ausführlich darzuthun Gelegenheit nehmen werde. 



154 E. TH. WALTER 

Daß eine reiche Volkspoesie auch die Zeit lange vor dem höfi- 
schen Minnesänge belebt habe, ist genügend belegt und nicht zu be- 
zweifeln. Gebete, Klage- und Spott-, Lob- und Scheit-, Fabel-, Räthsel-, 
Wunsch- und Gruß-, besonders aber Tanzlieder werden hinreichend 
bezeugt. Sie geben Kunde von dem poetischen Triebe, von dem poeti- 
schen Können der Jahrhunderte und ihrer Kinder. Alle Empfindungen 
werden in der Dichtung auch der damaligen Zeit ihren Ausdruck 
gefunden haben; auch die Liebe wird selbstverständlich nicht stumm 
geblieben sein. Wohl am meisten bei Spiel und Tanz wird 
sie laut geworden sein. 

Daß unendlich viel verloren gegangen ist, unterliegt keinem 
Zweifel. Doch genug — meine ich — ist entweder vorhanden oder 
läßt sich erschließen, um wenigstens ein ungefähres Bild von dem 
uns zu gewähren, was vielleicht in reicher Blüthe vorhanden war. 

Ich muß hierbei vor Allem auf die Carmina Burana hinweisen. 

Die deutschen Strophen derselben haben wir bei Gelegenheit der 
Meyer'schen Erörterung bereits zu betrachten gehabt und auf die 
lateinischen einen Blick geworfen. Wo uns Lieder entgegentreten, die 
volksthümlichen Ursprungs und nicht unter Einfluß des höfischen 
Minnesanges entstanden sind, da erkennen wir in ihnen Tanz- und 
Spiel- oder Jahreszeitenlieder; selbst wo uns aus dem lateinischen 
Liede, ich will nicht sagen ein deutsches Originalgedicht — sondern 
auch nur das lebendige Bewußtsein des Vaganten, ein Kind seines 
Volkes mit seinem Wesen und Sänge zu sein, eutgegenschaut, sind es 
nur derartige Lieder, die uns verrathen werden. 

Ich erinnere an die Strophe 108, 4, ferner an 136*, ebenso 100*; 
ferner 115*, 142* und füge hinzu das bekannte Gedichtchen CB. 129*: 

Swaz hie gat umbe, 
daz sint allez megede, 
die wellent an man 
alle disen sumer gän. 
Gewiß ist in dieser Strophe eine Art Blindekuhspiel oder der- 
gleichen zu sehen. 

Solche Lieder mögen wohl „wie Sommerfäden" auf den „grünen 
Wiesen, auf denen die Bauern tanzten", umhergeflogen sein^); solche 
Lieder und wohl auch andere, wie das herzlich schlichte 
Du bist min, ich bin din*^). 



') Scherer, Gescb. tl. d. Lit. S. 202. 

') Burdach meint von dergleichen Liedern Ztschr. XXVII, S. 345: „Sie bringt 
hervor und verweht der Augenblick.« Ich glaube , damit verkennt er das Wesen der 



ÜBER DEN URSPRUNG DES HÖFISCHEN MINNESANGES etc. 155 

Wäre der Minnesang aus solchen Fäden gesponnen, die an „den 
Schlüssern des Adels" hängen geblieben wären, so mUßten seine ältesten 
Lieder dies verrathen. Daß dem nicht so ist, haben wir gesehen'). 

Die höfische Dichtung ist und bleibt mit ihrem ganzen 
conventionellenCharaktereinProductder gesellschaftlichen 
Erhebung des ritterlichen Standes'^). 

Neben seiner Entwickelung und Ausbreitung lebte der Volks- 
gesang ungestört weiter fort: in derselben Art und Weise, denselben 
Gattungen wie zuvor, Spiel und Tanz vor Allem bevorzugend. 

Ihr Einfluß wird erst fühlbar in den Liedern Walthers, haupt- 
sächlich aber Neitharts und seiner Nachfolger. Und was finden diese 
in dem Volksgesange noch jetzt, nachdem er sich ein Jahrhundert 
lang hätte entwickeln können, vor? 

Dasselbe, was wir in den Carmina Burana vertreten und lebendig 
sahen: Spiel- und Tanz- und Jahreszeitenlieder. 

Ihnen wandten sich die Dichter der sogenannten höfischen 
Dorfpoesie, ausgerüstet mit dem überkommenen höfischen Kunst- 
material zu. 



Volkspoesie. Es^ist eine von Bnrdach selbst nicht nur zugegebene, sondern sogar 
(S, 352) benutzte Beobachtung, daß in Volksliedern mehr die dritte als die erste 
Person sich findet, cf. das oben erwähnte Swaz hie gat umhe (die „Schnadahüpfle" 
verwenden freilich auch oft die erste Person). Daraus folgt schon, dalJ solche Lieder 
den Charakter einer gewissen Allgemeinheit und zugleich die Fähigkeit an sich 
tragen, von mehreren verschiedenen Individuen angewendet zu werden. Freilich 
aufgezeichnet auf Pergament dürfen wir sie nicht suchen, sondern wir müssen ihre 
Gestalt in dem Laufe der Zeiten zu verfolgen trachten, wie sie die mündliche Tradition 
bewahrt hat. [Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit noch einer anderen, dan 
Wesen des Volkes mißverstehenden Bemerkung Burdachs: „Die culturlosen Menschen 
haben wie die Kinder ein schlechtes Gedächtniß für die Vergangenheit." Und doch 
ist es nicht eine Behauptung, sondern allbekannte Thatsache, daß mit dem Wachsen 
der Cultur, mit dem Überwiegen der schriftlichen Fixierung die Abnahme der Fähig- 
keit, Thatsachen der Vergangenheit durch das Gedächtniß fcstzuiialten, Hand in 
Hand geht.] 

'j Ich komme hierbei noch einmal auf die Meyer'sche Sammlung zurück. 
Gerade zu den in der späteren Volkslyrik so viel sich wiederholenden schlichten, 
herzlichen Versen MF. 3, 1 ff. fehlen die Parallelen im höfischen Minnesänge; außer 
dem Verse bei 

Veldegge: lä mich wesen din ] unde wis du min MF. 159, 9—10 

bringt kein Gedicht mehr den treuherzigen Vers. Die Entsprechung 
Veldegge: des sol si sin von mir gewis MF. 64, 15 

kann man bei ihrem allgemeinen Sinne nicht wohl auf Entlehnung deuten. 

^) Positives über den Ursprung des hüfischen Minnesanges zu erörtern, behaltt 
ich mir vor. Es läßt sich doch bei genauer Untersuchung einer Lösung nahe kon.men. 



156 MAX FR. BLAU 

Es beginnt eine Zeit der Wechselwirkung zwischen höfischer 
Poesie und Volksdichtung. Und wenn schon vor Neithart der Einfluß 
des Minnesangs auf die Volkspoesie sich vereinzelt mag gezeigt haben: 
so wirkt er jetzt allseitig, hier und da das Gepräge dieser verändernd, 
allinälig sogar theilweise sie in neue Bahnen lenkend*). 

E. TH. WALTHüR. 



ZUR ALEXIUÖLEGENDE. II. 



Im zweiten Theile meiner Arbeif*) will ich mich mit der von 
Maßmann in „Sanct Alexius Leben etc." Quedlinburg u. Leipzig 1843 
(Band 9 der Bibl. der ges. deutschen Nat.-Lit.) als B herausgegebenen 
Darstellung der Alexiuslegende beschäftigen. Bisher war nur eine Hs. 
dieses mhd. Gedichtes bekannt, die bei Maßmann p. 68 — 76 abge- 
druckte Wiener Hs., die wir mit V bezeichnen wollen; dieselbe steht 
auf Bl. 243'^— 253" der Papierhs. Nr. XC der altdeutschen Hss. der 
Wiener Hofbibliothek (vgl. Hofimann v. Fallersleben: Verzeichniß der 
altd. Hss. der k. k. Hofbibiiothek zu Wien 1841, wo p. 176—181 
die aus dem Jahre 1472 stammende Hs., allerlei, als: Gebete, Recepte, 
Legenden, einen Lucidarius u. s. w. , am Schlüsse als 14. Stück den 
Alexius enthaltend, eingehend beschrieben ist). 

Durch die Güte des Herrn Prof. Dr. Meltzer, Directors des Wettiner 
Gymnasiums in Dresden, habe ich eine von diesem Gelehrten selbst 
genommene Abschrift einer zweiten Hs. erhalten. Über die ganze Hs. 
theilte mir Hr. Prof. Meltzer Folgendes mit: 

„Die Hs. gehört der Kirchenbibliothek zu Annaberg im Erz- 
gebirge an und trägt gegenwärtig die Signatur D 187. Sie ist von 
Papier, in Folio; die Schrift ist in der zeitüblichen Minuskel von 
einer und derselben Hand sehr sauber und leserKch ohne erhebliche 
Abkürzungen ausgeführt, und zwar per manus Johannis Pauli notarii 
civitatis Misne im Jahre 1447. Der Band enthält auf den ersten 154 
Blättern vier prosaische Schriften geistlichen Inhalts. Am Ende des 
ersten unter diesen Tractaten ist der Name des Schreibers und die 
Jahreszahl nebst Datum (sabbato Divisionis apostolorum = 15. Juli), 

') Ich habe absichtlich bisher nicht des französisclien Einflusses Erwähnung 
gethan, da ich nicht Behauptungen ohne Beweise — und zu solchen war hier nicht 
der Ort — bringen wollte. — Das was bereits über Nachahmungen deutscher Dichter 
aus der französischen Poesie erörtert worden ist, trifft im Grunde doch niclit die 
eigentliche Frage nach dem Ursprünge des höiischeu Minnesauges, so daß ich mir 
einen Hinweis darauf glaubte ersparen zu dürfen. 

') Vgl. Jahrgang 83 (1888j dieser Zeitschrift, S. 181 [vgl. dazu G. Paris, Ro- 
maula 18, 299. O. B-] 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 157 

am Ende des vierten abermals die Jahreszahl und das Datum (feria 
2' post Sy. et Jude := 30. October) angegeben. Drei Gedichte bilden 
den Schluß: 1. Bl. löö''— 159''('> Von der messe, 

2. Bl. 159"— 163" de sancto Cristofero, 

3. Bl. 163"— 166" de sancto AlJexio." 
Diese zweite Hs. heiße A. 

Von einer dritten Hs. erfuhr ich aus Franke: „Veterbuch 1. Lfg., 
Leipzig 1880", wo wir auf p. 38 ff. eine eingehende Beschreibung der- 
selben finden: Franke kommt zu dem Resultate, daß die unseren 
Alexius als Anhang zu dem den ganzen Band füllenden „Väter- 
buch" enthaltende Pergamenths. Nr. 900 der kön. Universitätsbibliothek 
zu Königsberg, im 15. Jahrhundert geschrieben, aus dem nördlichen 
Theile Osthessens stammt. Unser Gedicht, das, wie gesagt, den Schluß 
der Sammlung bildet, steht auf Bl. 103* — 105". Da mir die Königs- 
berger Bibliotheksverwaltung in zuvorkommendster Weise die Hs. zur 
\'erfügung stellte, so war es mir möglich, das mich interessirende 
Gedicht abzuschreiben. Es heiße diese Hs. R. — Die Angabe Walter 
Müllers, Germania XXXl, p. 323, nach welcher man noch drei weitere 
Hss. unseres Gedichtes vermuthen müßte, beruht auf einem Irrthurae, 
da die Königsberger Hs. des „Buches der Väter" durchaus nicht der 
Hamburger, Hildesheimer und Straüburger nebenzureihen ist: die 
von den drei letztgenannten Hss. gebildete Gruppe des Väterbuches 
hat zwar auch einen Alexius, es ist das aber der von Maßmann mit 
E bezeichnete (vgl. a. a. O. p. 105 — 117). 

Während V und A vollständige Texte bieten, haben wir in R, 
entsprechend der Eigenart oder vielmehr Unart des Schreibers der 
ganzen Hs. ') nur eine starke Verkürzung desselben vor uns: R zählt 
265 Verse, gegen 518 in A und 517 in V. (Maßmaun hat die in der 
Hs. wirklich fehlenden Verse V 144. 164. 232. 242. 426 mitgerechnet, 
vgl. ebenda p. 3, Anm. 1.) Der Schreiber von R eilt, damit er sein 
finito lihro sit laus et gloria Christo hinter diese Legende setzen 
kann. Übrigens hat die große Flüchtigkeit des Schreibers wohl dem 
Inhalte, aber nicht der Schrift geschadet, denn diese ist sauber und klar, 
auf jeder Abtheilung der zweigespaltenen Seite stehen 24 Verse in schöner 
Schrift, die vielleicht noch auf das Ende des 14. Jahrhunderts weist. 

Da bereits Franke die naheliegende Vermuthung, unsere Redaction B 
gehöre zum „Väterbuche", auf Grund dichterisch-technischer Eigen- 
thümlichkeiten, betreffend Reim und Versbau, zurückgewiesen (p. 18) 



') Ich verweise auf Franke p. 42. 
GERMANIA. Nene Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. \\ 



158 



MAX FR. BLAU 



und canderseits Jos. Haupt: „Über das md. Buch der Väter, Wien 
1871" nachgewiesen hat, daß der Alexius E, wenn nicht vom Dichter 
des Väterbuches, so doch von einem Zeitgenossen und Landsmanns 
desselben stammt (p. 73), habe ich auf diese Frage nicht näher einzu- 
gehen. Der von J. Haupt (a. a. O. p. 62) gemuthmaßte Grund für die Wahl 
von B in der Königsberger Hs. des Väterbuches ist wohl nicht zu- 
treffend; warum sollte der kürzende Schreiber Skrupel gehabt haben, 
in E große Stücke fortzulassen, wie er es ja auch in B that? Da „das 
buch von sinte AUexio" am Schlüsse der Hs. steht, so ist wohl eher 
zu vermuthen, daß in seiner Vorlage ein Alexius gefehlt und er eine 
zufällig vorhandene Darstellung (eben unser B) vorgenommen und nach- 
getragen hat. 

Daß B nicht etwa zu der anderen großen Sammlung von Hei- 
ligenleben, dem „Passioual" gehört, geht — ganz abgesehen davon, 
daß keine Hs. des letzteren dieses Alexiusleben gibt — auch daraus 
hervor, daß die Darstellung in B wesentlich von der des Jacobus 
a Voragine abweicht, dessen „Legenda aurea" ja Vorlage für dieseu 
Theil des Passionais war (vgl. J. Haupt a. a. O. p. 45 ff.). Doch 
zurück zu den Hss. unseres B ! 

Alle drei Hss. zeigen ausgesprochen md. Charakter: ich ver- 
weise auf die Angaben, die sich bei Maßmann p. 3 und bei Franke 
p. 38 ff. finden. Für A, dessen Schreiber ja notarius civitatis Misue 
ist, genüge anzuführen'): 19/20 liyz'.lyz, 21/22 geste : wüste, 23/24 
gnug : trug, 39/40 mut : gut, 49. lyh vnd leit. Ferner 123/124 seder : 
weder, 133/134 seten : hüten, 183/184 gebin (conj. praet.) : lehin, 397/ 
398 hlehin : heschreben u. s. w. 

Den Stammbaum der drei Hss. haben wir folgendermaßen anzu- 
setzen : O (Original). 



(verderbte gemeinsame Vorlage). 



A 



') Ich citire im Folgenden nach der beigegebenen Neuausgabe von B, da Maß- 
mann zu gewaltthätig mit dem Gedicht verfahren ist und die beiden neugefundenen 
Handschriften vieles zu ändern zwingen. 



ZUR ALEXIUSLEGENDt:. II. 159 

Also V und R bilden die eine Gruppe, A ist Vertreter einer 
zweiten. Diese Eintheilung gründet sich auf folgende Beobachtungen: 

V und R zeigen die gleiche Verderbniß des Namens Euphemian : 
V. 27. fennan V, feiiüan R, 171. li" fennam V, lier femtan R, 280. Ji" re 
her femian V. f. R., 386. jfemiam V (R liest den Vers anders) ; A liest 
immer Eu femian. 

Ebenso ist für V R noch ein Fehler nachzuweisen in v. 199, wo 
beide daz sihende jär lesen , während es nach der Legende mit A 
heißen muß: da: sibenzehende jär. Dieser Fehler von y hat in V 
dann einen andern nach sich gezogen: dieses verböser t — entspre- 
chend der Angabe in v. 199. — v. 398. vier und drizec zu vier vnd 
czwenczig (jär). (Vgl. auch noch unten zu vv. 107. 108). 

Eine andere Gruppierung der Hss. ist nicht möglich: denn wenn 
wir etwa auf Grund dos v. 10 und des Schlußgebetes v. 511 ff., 
welche beide in V stark von R A abweichen, V eine besondere Stel- 
lung zuweisen wollten gegenüber den dann zu einer Gruppe gehören- 
den R und A , so ließen sich die gemeinsamen Fehler von R und V 
bei richtiger Angabe in A nur dadurch erklären, daß ein der Legende 
bis aufs Einzelnste kundiger Schreiber in A den gleichen Fehler ge- 
tilgt habe. Nun beweist aber die Variante von A zu v. 20ö (wieder- 
holt V. 332), daß der Schreiber nicht einmal das sprechende Mutter- 
gottesbild der Legende kennt, und wir haben demnach die oben ge- 
gebene Anordnung der^Hss. als diejenige zu betrachten, die bei mög- 
lichster Einfachheit des Stammbaumes ohne Mühe die verschiedenen 
Abweichungen und Übereinstimmungen der Hss. unter einander erklärt. 

Für eine gemeinsame verderbte Vorlage (x) aller drei Hss., 
welche also zwischen diese und das Original einzuschieben wäre, 
spricht das ganze letzte Drittheil des Gedichtes, wo die Hss. in auf- 
fallender Weise auseinander gehen, und um Einzelnes anzuführen, vort 
V. 151 in allen drei Hss., während nur port möglich ist, und v. 138 ff., 
wo die verschiedenen Hss. sichtlich einen alten Fehler der Vorlage 
zu bessern versuchen. (Vgl. auch zu v. 140 — 146. 256. 377 ff. 431. 432.) 

Damit ist also für die Constituierung eines kritischen Textes 
der richtunggebende Grundsatz geboten : sobald A mit einem der 
beiden Vertreter von y zusammenstimmt, ist dieser Übereinstimmung 
entsprechend der Text anzusetzen. 

Wie verhält es sich aber, wenn y ^) gegen A steht? 

*) Es ist gleich vorauszuschicken, daß bei der kläglichen Überlieferung von R 
öfter V für sicli als Vertreter von y wird zu gelten haben: gebe ich nicht ausdrücklich 
die Lesart von R, so ist die betreffende Stelle in K nicht belegt. 

11* 



IPO MAX FR. BLAU 

Zur Bestimmung des Werthes der beiden Gruppen gehen wir 
wohl am besten von denjenigen Versen aus, die nur in einer derselben 
nachzuweisen sind; je nachdem sie als dem Original gehörig zu er- 
kennen sind oder nicht, werden sie für oder gegen die sie bietende 
Gruppe sprechen. 

An Stelle von v. 24. 25 finden sich in A folgende vor: 

22. sioenne der herre daz wol weste 

23. daz si heten alle gnuoc] 

24. V. ') So gieng er hin an allen gefug A Daz man iceder von en trug 

Er ging hen alz er wol woste 
Noch alle syme luste. 

25. V. Vnd az mit dem aW erste den er vant Vnd az mit den ermesten dy 

er fand. 
Die beiden Plusverse von A sind ohne Zweifel unecht. Eben, d. h. 
vv. 21. 22 begegnet der Reim geste : weste; wenn nun hier wieder der 
Reim mit dem gleichen Worte, diesmal aber in dialektischer Form 
vorkommt, so kann das nicht Arbeit ein und desselben Verfassers 
sein: einen solchen Grad der Geschmacklosigkeit dürfen wir keinem 
Dichter ohne dringendste Veranlassung zutrauen. Auch inhaltlich 
sind beide vv. durchaus flach und werthlos , elendes Gereimsei; mit 
ihnen ist auch die Variante zu v. 24 zu verwerfen, da dieselbe, an 
und für sich ansprechend, nicht in die Construction paßt, wenn die 
beiden in A folgenden gestrichen werden. 

Zum Verständnisse der Lesung von v. 24 bei V möchte ich die 
beiden Stellen bei Maßmann p. 165') anziehen: „sponsa pectus et genas 
indigne lacerahaV" und „sponsa quoqne .. capillos indecenter evellens^'' 
u. s. w. , aus der lateinischen Redaction 21. 

Der durch die ganze Art der Erziehung besonders kräftig aus- 
geprägte Sinn für äußere Wohlanständigkeit wurde ebenso durch den 
unverhüllten Ausdruck mächtiger Gemüthsbewegungen, wie durch die 
Vernachlässigung jener Exclusivität verletzt, welche der Vornehme, 
der Ritterbürtige den andern Ständen gegenüber zu wahren pflegte. 
Gegen den Gedanken , daß der hochgeborene Herr mit dem ersten 
Besten, den er findet, sich zu Tische setzte, empört sich die Wohl- 
erzogenheit des Dichters. 



') Ich gebe V nach der Schreibung von Maßmann und ändere nur nach den 
dort unterm Drucke gebotenen Abweichungen der Hs. selbst; freilich fällt ein Ver- 
gleich der Lesarten der ersten 21 Verse mit dem auf p. 3 bei Maßmann gegebenen 
buchstäblich treuen Abdruck dieses Theiles der Hs. nicht gerade zu Gunsten der Zu- 
verlässigkeit M.'s betreffs der Einzelheiten aus. Ich selbst habe mich vergeblich nach 
Wien wegen der Hs. gewandt. A und R werdeu handschriftengetreu wiedergegeben. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. Ißl 

Die nächste Stelle, wo vviederum A zwei vv. melir bietet, finden 
wir V. 106 ff. 

106. V /Si sprach, daz muoz vns A Si/ sprach das maße vns kundig toesin 

czukünß.ec sei/. 

107. So höre lihe fratve viyn 

108. Du Salt kusch bis an dyn ende syn 

109. V. Den selbigiu orden wil ich 

tragen Denselben orden loü ich tragin. 

Der Zusammenhang verlangt unbedingt die beiden Plusverse in A. 
Wenn wir mit Maßmann v. 109 als directe Fortsetzung von v. 106 an- 
sehen, so ist der Vers unverständlich: welchem Stande will sie sich 
denn anschließen? Erst durch v. 107. 108 erhält er seine Erklärung: 
der Mann, welcher von seinem Weibe Keuschheit verlangt, verspricht 
ihr seinerseits die gleiche Enthaltsamkeit. 

Ein Grund für den Ausfall der Zeilen in V ist leicht zu finden. 
V hatte V. 106 für tcesen sey geschrieben, das Auge glitt deshalb beim 
Hinüberblicken auf die Vorlage leicht über die folgenden zwei vv., 
die ja mit sm schließen. 

Betr. V. 117. 118 müssen wir auf die lateinische Legende Bezug 
nehmen; die vv. sind nur in V überliefert und lauten: (M ') 115. 116j. 
E}' nam daz vingerlin von seyrt" hant 
Vnd gap ys der juncfroioen alzehant 
Die vv. sind weder für den Zusammenhang unbedingt nöthig, noch 
zeigen sie besonders glatten Rhythmus ; auch der hier allein belegte 
rührende Reim ist auffallend, aber da es ja in S lautet : ,^deinde tra- 
didit ei annulum suum aureum'^ (Maßmann p. 167 Z. 1 v. u.), so wird 
sich gegen die Plusverse in V nichts einwenden lassen. 

Es folgt nun eine Stelle, bei welcher die Gruppe y in beiden 
Hss. vertreten ist. 

135. do sie getrunken unde gäzen 

136. unde alle in fröuden säzen, 

137. beidiu frouwen unde man, 

138. V Allexius neig sein'' liben braiot R. Allexius neik syn' brut gynk 

Vnd schit von dan dan 

139. Das das nymant wart gewar daz des nymant wart gewan (!) 

140. Wen7ie seyne übe frato dar loen si*' Hb alleyne gar 

*) M bedeutet im Folgenden immer die Maßinauu'äche Ausgabe von V a. a. O. 
p. 68—76. 



162 MAX FR. BLAU 

138. A Do ging syne iwige hrut an 

Das sy vil heiß weynen began 

139. Daz des nymant wart gewar 

140. Wenn syn Üb alleyne gar. 

Hier zeigt sich, daß y zuverlässiger ist als A. Was das letztere 
bietet, ist inhaltlich ganz unmöglich: wenn die Braut beim Weggange 
des Bräutigams angesichts aller Gäste in Thränen ausbricht, so wird 
doch die Flucht einfach vereitelt; warum sollte die Braut auf die 
theilnahmsvollen Fragen, die ihre plötzliche Trauer doch hervorrufen 
würde, die Ursache ihres Kummers verschweigen? Dem Schreiber A 
machte jedenfalls der in seiner Vorlage, wie in y schlecht überlieferte 
V. 138 Beschwerde, und so dichtete er keck bessernd darauf los, was 
ihm in die Situation zu passen schien , bekam dabei aber neben der 
UnWahrscheinlichkeit des von ihm Erzählten auch noch einen drei- 
fachen Reim, deren sonst keine im Gedichte zu finden sind. Auch 
der Anschluß seiner Sonderverse an das Folgende ist durchaus ver- 
fehlt. Der Fehler liegt also in x, und wir werden mit y eine Besse- 
rung zu finden suchen. Da gegen eine Lesung: Er neic der hriute mit 
gie dan spricht, daß Alexius doch zu lange nicht genannt ist, um ihn 
hier einfach mit er wieder einzuführen, und auch der hriute wegen 
des V. 140 folgenden sin liep kaum brauchbar erscheint, so wird wohl 
zu setzen sein : 

Alexius neic und gie dan, 
wennschon der Rhythmus bei der ersten Lesung glatter ist. 

V. 140 ist mit AR zu lesen gegen V, das hier geändert hat. 
Das lih beider Hss. wird man wohl nicht mit lip wiederzugeben haben, 
denn es ist doch unsinnig erzählen zu wollen, daß Alexius selbst sein 
Fortgehen bemerkt. 

Hinter v. 140 finden wir nun einige vv., die nur in V belegt sind: 

141. V Vnt sines herzen grosse not 

142. Silber unde auch golt rot 

143. Nam er vil ze siner zer 

144. Er ilde balde uf daz mer 

145. Daz sin der vater ich loorde geioar (bei M. v. 139 — 143). 
iö (Maßmann p. 168, Z. 4): y^post haec accepit de substantia sua 

ei discessit ad mare^'' beweist, daß die vv. für das Original in An- 
spruch zu nehmen sind. Wir können Maßmanns Lesung annehmen : 
nur der erste Vers ist zu ändern. Dieser könnte höchstens eine Um- 
schreibung für die Braut sein, aber diese ist ja im Verse vorher aus- 
drücklich genannt. Wir werden etwa lesen müssen : 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 163 

des hetwanc sie groziu not, 
oder in engerem Anschluß an die gegebene Lesart: 
in sines herzen grozer not. 
Der Grund, warum diese vv. in A fehlen — bei R muß man 
sich mit dem Factum als solchem beirnügen, das seine allgemeine 
Ursache in der Hastigkeit des Schreibers findet — ist mit einer ge- 
wissen Sicherheit anzugeben. Der Schreiber hatte eben (jeioar : gar 
gehabt, sein Auge glitt auf das nächste gewar und dort setzte er die 
Arbeit fort. Dieses Abgleiten ist aber nur erklärlich unter der An- 
nahme von X, welches bereits den Reimvers zum zweiten gewar ver- 
loren haben mußte; denn stand der entsprechende Vers noch in der 
allen geraeinsamen Vorlage, so ist dessen Verlust in V und A kaum 
erklärlich. Wir dürfen wohl die Ergänzung von M (v. 144) anneh- 
men: 146. als er nu quam zeni iirvar, oder etwa mit Flore 3512: als 
er mi qtiam an daz var. 

V. 166 hat in V keine Entsprechung, aber da er in R und A 
belegt ist, so gehört er dem Originale: 

R her duerte do leng' wen ym gezcn 

A Er truerte do lenger loenn ym geczam. 

A muthet dem athleta (vgl. Maßmann p, 163 Z. 11) eine Schwäche 
zu . die durch nichts gerechtfertigt erscheint. 

R gibt dem Gedanken Ausdruck, daß er — der Sohn des ..ge- 
waltigen und reichen" Euphemian — , wenn er schon, um Gott zu 
dienen, seiner hohen Stellung in der Welt entsagt habe, doch nicht 
immer in solch schmählicher Armuth hätte verweilen, sondern wieder 
in Glanz und Reichthum hätte zurückkehren sollen. Derselbe Geist 
spricht aus dieser Zeile, der v. 24 dem Euphemian den Vorwurf 
nicht ersparte, daß es gegen Sitte und Wohlanständigkeit verstoße, 
mit den Bettlern sein Mahl einzunehmen. 

Wie im eben genannten Falle fehlt auch der folgende v. 234 
in V, ist aber auch in R nicht überliefert. 

230. der Hute giengen im vü nä 

231. 7mt truogen im also vil zuo. 

232. V fhis ys icz en verdrocz de A Daz en vordnchte do 

233. Er sprach W leip daz ist ze vil E- sprach leib es ist zcu vil 

234. Daz ich voyi dir nichten vnl 

235. Ich wil Piich füre aiisz der vnmnszp. Ich teil dich füren nß der 

maßen. 
V. 232. lesen wir wohl am besten mit A , dessen viel selteneres vor- 
duclite — das Mhd. Wb. gibt nur ein, Lexer zwei Beispiele — für diese 
Wahl spricht: daz in des verdühte do bezw. duo; 



164 MAX FR. BLAU 

freilich läßt sich gegen die Lesung von V: daz es in verdröz dö nichts 
einwenden. Und für v. 233 werden wir wohl sicher V's her leip in den 
Text aufnehmen. In dem nun von A gebotenen v. i34, den wir dem 
Originale zuzuweisen haben, ist außer daz in des nichts zu ändern, 
wenn man nicht entsprechend dem euch in V (zu v. 235) auch hier 
lieber iu für dir setzen will, was ja auch der förmlichen Anrede mit 
lier mehr angemessen ist. 

v. 235 ist in A sicher schlecht überliefert, V gibt wohl einen 
erträglichen Sinn, aber eine durchaus unrhythmische Zeile. Wir neh- 
men am besten einen Fehler in x an , so daß im Original gestanden 
hätte; man teil iuch fiteren üz der mäze. 

Betr. des Ausfalles von v. 234 in V ist möglicherweise wieder 
einfach Übergleiten des Auges von „üi7" auf „?(;i7" anzunehmen, umso- 
mehr, als ja im 13. — 15. Jahrhundert im Mhd. recht häufig im {w) 
für v=f geschrieben wird (vgl. Weinhold: Mhd. Gr.^ §. 174). 

Wir haben jetzt die Stelle v. 240 &. zu betrachten: 
240. da wolde er sme7i tot emiihdn 

241. V Vnd sins endes da erbeiten 

242. Do begnde W sin anders czu leiten 

243. A Seet das mochte nicht gesehen 
244. iii sluoc ein ivint (daz sult ir spehen). 

Die Vergleichung mit S (Maßmann p. 169, Z. 3 u. 4): ^Deo itaque 
disfiensante rapta est navis vento^' etc. gibt zu gleicher Zeit die Mög- 
lichkeit, den Sinn des nur in V überlieferten v. 242 zu bestimmen, 
und sichert v. 241. 242 dem Original. Schon M hat eine Besserung 
des ganz verderbten Verses nach 33 versucht, und wir können uns 
mit kleinen Änderungen seiner Lesung anschließen: 

241. unt sines endes da erheiten, 

242. got hegunde ez anders leiten. 

V. 243 darf wohl ohne Anstoß ans A aufgenommen werden; der In- 
halt ist zwar nicht bedeutend, aber durchaus passend und sinngemäß. 
Die nunmehr zu untersuchenden vv. sind für y durch V und R 
gesichert, fehlen aber in A. 

{einen hrief) v. 328 daran sin leben ivart bekant 

329. R wi daz eyn megetyn syn brut war V Daz sin brut ein maget ivcer 

330. vnd er eyn degen unioandel w\ Vnd er ein dege vnwande xoe'. 
Wieder können wir diese vv. durch 53 stützen, wo es (Maßmann p. 169, 
Z. 25 ff.) lautet: „scripsit per ordinem omnem vitam suamj qualiter 
respuerit nuptias et qualiter conversatus fuerit in peregrinatione qua- 
literque contra voluntatem siiam redierit ßomum et in domo patris sui 



ZUK ALEXIUSLEGENDE. II. 165 

opprobria multa susthiuerit.^ Denn durch den Satz .,qi(aliter respuerif 
nuptias"' wurde ja die Erwähnung der Braut als maget ganz direct 
veranlaßt. Die vv. sind also zu lesen : 

329. daz sin hrüt ein maget iccere 

330. unde er ein degen tinxoandelhcere. 

Zum Schluß führe ich noch die vv. 427. 428 an, die für y in 
Anspruch zu nehmen sind, da sie sich in V finden: (M. 421. 422) 

423. Si zestorte ir frewlich gebende 

424. Ir ezoppe beyde nä yn dy hende. 

Ein Vergleich mit der Darstellung in S (Maßmann p. 170, Z. 11 
V, u.) „Mater vero ejus haec audiens g^iasi leaena rumpois rete ita 
scissis vestihus exiens coma d issoluta ad coelum octdos levahat" zeigt 
uns, daß die beiden vv. dem Originale zuzuweisen sind. 

Das bisher Gebotene genügt wohl, um darzuthun, daß im All- 
gemeinen y vor A den Vorzug verdient: y stellt eine bessere, vor 
allem eine vollständigere Hs. dar. Freilich fehlen einzelne Verse in 
V; das haben wir aber wahrscheinlich — mehr dürfen wir, da ja R 
bei seiner großen Lückenhaftigkeit uns oft im Stiche läßt , nicht 
sagen — V allein zuzuschreiben (siehe o. zu v. 166), für dessen Aus- 
lassungen sich zumeist ein bestimmter Grund angeben läßt. 

A hat sich nicht l'rei von Interpolationen und von — wenig 
glücklichen — Besserungsversuchen gezeigt: ich führe hier noch eine 
recht auffallende Stelle dafür an. v. 208 und dementsprechend v. 332 
lesen die beiden Vertreter von y, bezw. V allein: 
208. R do rief eyn bilde hit' styvie. V Do rief ein bilde mit lawter styiTie. 
332. V Vnt icy ym des bildes halle ivas, 

also entsprechend dem Codex der Legende, in die bereits der byzan- 
tinische Bearbeiter das sprechende Muttergottesbild eingeführt hatte. 
A verwässerte diese directe Beziehung auf die Legende zu den vv. 
Do rijf dy gotis siymme, bezw. 
Wy em gotis hnlffe loart bereit. 
Außerdem aber zeigt A auch einige Lücken. 

Ehe wir zu der Frage übergehen, welcher Hs. wir bei völligem 
Auseinandergehen der Lesungen zu folgen haben, ist noch auf einige 
Sonderverse, bezw. wohl besser Sonderzeilen in V und in R hinzu- 
weisen. 

Die in V nach v. 426 Si sprach: nu ist mm ungemach 
stehende Zeile Vil gur czu irgangin 

ist nur hier belegt und ermangelt auch in V selbst des entsprechen- 
den Reimverses. Wenn wir nun nicht wegen dieser einen Stelle — 



166 MAX FR. BLAU 

bei A erwies sich die eine Stelle nach v. 24 von selbst als Inter- 
polation — annehmen wollen , daß in V interpoliert oder doch herum- 
gebessert sei, so müssen wir sie in eine brauchbare Form zu bringen 
suchen. Es wäre also etwa zu lesen: 

harte gar ergangen. 
Schon X muß dann den zugehörigen Reimvers verloren haben. 

Für R haben wir allerdings nur im letzten, überhaupt stark ver- 
derbten Drittel des Gedichtes die Thatsache festzustellen, daß es eine 
Reihe von Sonderversen bietet, die aber entweder sicher unecht oder 
höchst verdächtig sind: Für den bereits angegebenen 
V. 328 daran sin lehen wart hekant, 

— V und A lesen fast gleich — hat R gesetzt: 

d' hrief d) waz geschriben so, 
was natürlich, da der Reim fehlt und V und A zusammenstimmen, 
zu verwerfen ist. Die ganze Stelle in R: 
d* brief d'' waz geschriben so vnd ouch diz alwar 

ivi daz eyn megetyn syn brut war ganczer vier vnd drisic iar 
vnd er eyn degen vmoandel w' hatte er di almuze numen 

biz zcu dem tode waz kumen, 
ist aus zwei verschiedenen Theilen des Gedichtes, v. 328—330 und 
V. 397—400, zusammengesetzt und nach Wortstellung und Rhythmus 
für Prosa zu halten. 

Statt V. 366. der luwern tranc unde iuwer brot 
367. sibenzehen iär hat gnomen, 
wie A und — mit unwesentlichen Abweichungen ~ V liest, steht in R: 

der sibenczen almtize gemiü hat, 
was natürlich ganz verderbt ist, zumal der Schreiber hot mit tot von 
V. 365 reimen zu wollen scheint. 

Einen eigenen Zusatz (zwei vv. für einen des Originals) finden 
wir an der Stelle von 

V. 394. dirre heilec man ist iuwer kint 

— so im Wesentlichen nach V, A stimmt bis auf das fehlende man 
mit V überein — ; R liest hier : 

iz ist Allexi di liber dy son 
dem dyn alemuze ist geton; 
der Reim son : geton sagt genug ! 

Einfach Unsinn ist die Zeile nach v. 408: 
408. er hete leide imt nnsinne 

— nach V, R', A weicht etwas ab — . R fährt dann fort: 

durch den lieblich mynne. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. IL 167 

Gegen Ende des Gedichtes faßt also den kürzenden Schreiber 
von R, bezw. seine Vorlage, die Laune, das Gedicht noch zu erwei- 
tern. Auch nach v. 434: 

daz ir beginnet mit mir weinefi, 
dem in V und A auch ein Reimvers mit gutem Sinne nicht fehlt, liest 
R wieder ganz unverständig: 

meynes Üben kyndes reynen 

den tot vnd elenedeschaft (!) 

d" hat v' lorn syne croft. 
Der erste Vers, der an sich brauchbar und gut ist, wird durch das 
Zusammenstimmen von V und A dem Originale mit Erfolg streitig 
gemacht , der 2. und 3. bilden wieder eine ganz unglückliche Zu- 
dichterei eines Schreibers, der denn auch noch nach v. 522, am 
Schlüsse des Gebetes, eine Probe seiner poetischen Begabung liefert 
mit den folgenden vv. , die eine Beachtung nicht verdienen: 

521. der ein ungemachez leben 

522. kan um lange fröude geben] 
als dirre selig mensche tet 
syn livlfe keyn goie 

loegen syn heileges gebet. 
— Der Rubricator hat diesem Zusätze dadurch eine treffende Censur 
ertheilt, daß er den letzten Vers roth ausgestrichen hat. — 

Also R's Plusverse sind sammt und sonders werthlos und dem 
Originale abzusprechen. 

Von V ist noch eine Stelle nachzutragen : 
v. 490. darzuo half der habest *ere; 

491. V Daz ez also lool czam, (falls M mit Recht die Va- 

492. V Daz ez dem heiligen zam, riante zu V 489 gibt). 
491. 492 fehlen in A und R, geben aber einen ganz verständigen 
Sinn — mit der Änderung von M. ^) — , und so sind sie wohl dem 
Originale zuzuweisen. 

An Stelle dieser zwei vv. finden wir in A wieder einen Besse- 
rungsversuch : 

Das noch alldo gecziret steet, 
Do manch hundert menschen hen geety 
und alsdann 

493. Do lyt syn heiliger lip begraben. 

*) Vielleicht lesen wir besser: 

daz ea also vollequam, 
daz ez dem heiligen zam. 
Der Sinn wird dadurch etwas weniger flach und die Verse glatter. 



168 MAX FR. BLAU 

Die ersten beiden vv. sind nicht nöthig, und der zweite mit seinem 
Singular des Verbs nach manch hundert menschen wenig ansprechend, 
außerdem unrhythmisch : da wir bei A bereits einmal eine Interpolation 
fanden (vgl. Variante zu v. 24) , so setzen wir am besten diese beiden 
vv. dem Interpolator auch auf die Rechnung. Anders verhält es sich 
mit dem dritten v., der freilich auch nur in A belegt ist, aber dessen 
Reimvers 494: 

welch Ion sol nu diu sele haben 
auch in V vorliegt. Wir haben bei V Auslassungen constatiert; hier 
verlangt der Gegensatz zu sele dringend den in A erhaltenen Vers, 
der also dem Originale angehört. 

Es ist nun noch die Frage zu untersuchen, welcher Hs. wir den 
Vorzug zu geben haben, wenn keine Übereinstimmung unter den 
dreien, bezw. unter zweien von ihnen herrscht. Nach dem bisher 
Gefundenen ist es klar, daß es sich dabei nur um V oder R handeln 
kann; A hat ja nachweislich den mindest getreuen und zuverlässigen 
Text, was natürlich nicht ausschließt, daß ihm in einzelnen Fällen, 
wie z. B. in v. 160. 161, der Vorzug vor V R gegeben werden darf. 

Trotz der ausführlicher dargelegten Mängel von R ist nun sicher 
diese Hs. diejenige, die in vielen Fällen noch Älteres bietet, während 
in V und A öfter moderne Formen eingedrungen sind; so z. B. ist 
R noch völlig frei von dem Gebrauch von ze (bezw, zu) beim Infinitiv, 
das bei V und A nicht selten begegnet, wo der Rhythmus deutlich 
zeigt, daß es fehlen muß, vgl. zu v. 110 (V), 216 (V, A), 224 (V), 
268 (V, A), besonders auch zu v. 183, wo A den bloßen inf. der Vor- 
lage als conj. gefaßt und demnach den Vers gebildet hat: 

Daz sy em das almosin gebin : lebin. 
V ist gerade, was Syntax betrifi't, noch weniger treu als A; ich ver- 
weise dazu auch auf v. 84: 

Der herre seyne sune hiez, 
wo sune wohl deutlich für den dat. spricht, den Maßmann auch in den 
Text aufgenommen hat — R und A haben richtige Lesung ^) — , ferner 
auf V. 251 : Ich wente ich sulde also irsterben, 

wo A und R den einfachen inf. bieten 5 auf v. 299: 

Vil manege schände die er leit, 
statt dessen in A steht: 

Vil mancher schände er da leyt. 
Von einzelnen Wörtern und Wendungen, die in R erhalten sind, 

») heizen mit dat. ist unanstößig, vgl. Ztschr. f. d. Phil. XII, 217. O. B. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 169 

während sie in A oder V, oder in beiden durch jüngere, den Schrei- 
bern geläufigere ersetzt wurden, führe ich folgende an : 
V. 46: daz icart also vletic synt gegen 
A Daz wart en also lohelich sind und 
V Daz wart in gegeben sint. 
V. 89: ze bette quam mit A gegen für daz bette in V. 
V. 127. 128: nu enicl ich nytn'me gedagen 
ichen welle schrien vü clagen. 
V und A haben in v. 128 den nicht verneinten ind. wil, und man muß 
zugeben, daß derselbe durchaus gut und richtig ist. Indeß hat doch 
gerade die eigenthüniliche Construction in R ihren Reiz, wennschon 
sie wohl zu den allerseltensten gehört. Kinzel füiirt in seinem Auf- 
satze: „Zur Charakteristik des Wolfram'schen Stils" Zs. f. d. Ph. V 
p. 5 ff. gedagen zwar nicht unter denjeuigen Verben auf, bei denen 
Wolfram antiphasis liebt, aber es ist wohl nicht schwer, dieses ge- 
dagen so zu erklären, daß die specielle Beziehung, welche ein ver- 
miden, verbern^ vergezzen u. s. w. hier auf das Reden hat, durch gedagen 
ausgedrückt ward. Daß unserm Dichter die antiphasis durchaus ge- 
läufig war, geht besonders aus v. 294. 295 hervor: 
sin 'phlegeman des niht vergaz 
er enbrcehte im sine phründe dar, 
wo freilich auch wieder nur R den negierten conj. bietet gegen A und V. 
V. 131 : des morgen^ do der tag uf brach gegen anbrach in A und V. 
V. 159: den lichtenlozen syn rotes golt gegen blinden in A und V. 
V. 170: her volgete syn seiden strazen\ V liest auch ganz gut Vnt 
volgete einer tiuren sirazPM, aber R ist unvergleichlich besser. A hat 
die Stelle ganz verwässert: Er volgete syuer straßen. 

V. 208: do rief eyn bilde Inf styme gegen V mit lawler styiJie, A 
hat wieder geändert. 

V. 268: do begonde er loeyn sa czuhant gegen V und A. In den 
folgenden sechs Stellen bietet R mit V, also y, gegen A das Richtige : 
V. 72: holte, v. 204: ruogte, v. 276: aenic, v. 290: leides vil, v. 341: 
karfritage, v. 468: icie! 

Wir haben demnach als Grundsätze für die Gewinnung eines 
kritischen Textes von B die folgenden erhalten : 

1. Stimmt A mit einem Vertreter von y, sei es V oder R, über- 
ein, so ist diese gemeinsame Lesung anzunehmen (doch s. 4.). 

2. Stehen sich die beiden Gruppen y und A gegenüber, so ver- 
dient fast durchgängig y den Vorzug; die Annalune des Textes von 
A in solchem Falle bedarf besonderer Begründung z. B. durch das 
lateinische 53. 



170 MAX FR. BLAU 

3. Liest jede der Hss. verschieden, so ist in erster Linie auf 
den Text von R Rücksicht zu nehmen. 

4. Die Übereinstimmung von V und A beweist noch nichts gegen 
R, wenn es sich um in jenen beiden vorliegende Modernisierungen des 
Ausdruckes u. dergl. handelt. 

5. Alle vv. in V sind echt; R zeigt einige unbrauchbare Reim- 
versuche eines Schreibers im letzten Drittel des Gedichtes und A ein 
paar leicht erkennbare Interpolationen. 

6. In allen Fällen, wo y nur durch V vertreten wird, ist zuerst 
mit der Lesung von V ein Versuch zu machen: oft bietet allerdings 
auch A in einem solchen Falle den bessern Text. 

Vergleichen wir den so gewonnenen Text mit dem bei M gebo- 
tenen, so fällt die außerordentlich starke Zahl viermal gehobener 
klingender Reimpaare auf. Maßmann ging von der Meinung aus, daß 
die beiden in der Darstellung der lateinischen Redaction 51 folgenden 
deutschen Gedichte A und B in der ungefähren Zeitfolge vor die- 
jenigen zu stellen seien, die den Text der lateinischen Redaction S 
bieten (vgl. a a. 0. p. 1). 

Ich muß es mir versagen, an dieser Stelle den Nachweis zu ver- 
suchen, daß das deutsche A mit seinen vocalisch unreinen Reimen 
(besonders zwischen langem und kurzem Vocal im klingenden Reime), 
mit seinen starken Apokopen, mit seiner großen Anzahl viermal ge- 
hobener klingender Verse wohl schwerlich dem 12. Jahrhundert an- 
gehört, sondern eher der zweiten Hälfte des 13. zuzuweisen ist: 
jedenfalls aber kann man, auch ohne diesen Beweis erbracht zu haben, 
behaupten, daß Maßmann sich von seiner einmal vorgefaßten Ansicht 
auch bei der Construction des Textes von B hat leiten lassen. Da- 
her erklärt sich die unbedingte Scheu vor dem viermal gehobenen 
Verse mit klingendem Ausgange, den ihm seine Wiener Hs. oft genug 
nahe legte: ß sollte möglichst den Stempel des Alterthümlichen oder 
doch des Nichtjungen erhalten. 

Wenn wir ohne Voreingenommenheit jeder Art an die Gewinnung 
des Textes gehen, zeigt sich, daß ungefähr ein Fünftel aller Reimpaare 
bei vier Hebungen den von Maßmann verpönten ^) klingenden Aus- 
gang haben; hingegen sind für den dreimal gehobenen Vers mit klin- 
gendem Ausgange nur sehr wenige sichere Beispiele zu erbringen, 
nämlich nur vv. 163/164. 177/178. 219/220. 251/252. 427. 479/480. 



') Schon Franke hat in seiner Arbeit (p. 18 und 19) auf die von M. gewagte 
Vergewaltigung des Textes hingewiesen. 



ZUR ALEXIURLEGENDE. II. 171 

Die Reime des Gedichtes sind verhältnißmäßig rein: einzig auf- 
fallend ist wirklich nur 13/14 geviel : enthielt — denn vv. 14. 15, die 
beide nur in V und A und nur in mangelhafter Gestalt überliefert 
sind, können doch allein einen Sinn geben, wenn wir mit antiphasis 
lesen: ouch pßac er daz er sich ni/tt entliiel{t) 

erne machte die armen dicke fro — . 
Da nun Abfall des auslautenden t im md. beliebt ist (vgl. Weinhold 
Mhd. Gr.** § 200 — p. 194 zwei Beispiele dafür nach l — ), so ist uns 
bereits ein Anhalt für den Dialekt des Dichters gegeben '). Md. ist 
auch das zweimal im Reime auf gezogen belegte gepflogen (v. 73/74 und 
V. 363/364) leichter zu erklären. Denn die Analogieform gepflogen ^) 
ist entschieden in Mitteldeutschland früher und öfter nachweisbar als 
in Oberdeutschland (vgl. Weinhold a. a. 0. § 348); das mhd. Wb. bietet 
freilich nur drei o b d. Beispiele dafür. 

Aus md. Dialekt erhalten auch die Reime gehet : anetrit 201/202 
und gcbete : anetrite 217/218 ihre Berechtigung, anetrit stm. Tritt, Stufe, 
Schemel ist im Mhd. Wb. als in Ehingen belegt angegeben, bei anetret 
stehen unsere beiden Stellen: wir haben hier den im md. so häufigen 
Wechsel zwischen e und i anzunehmen. 

Die Reime gen :ßcn 83/84^), gän : emphän 57/58, stän : emphän 
239/240, empha :'dä 187/188, {al)dä : na 229/230, 315/316 und 513/514 
sprechen sicherlich nicht gegen einen md. Verfasser, in dessen Dialekt 
solche Contractionen viel häufiger waren, als im obd. Aus dem Vers- 
innern führe ich noch an: 79. trCde für trüiveie, 303. spUen für sphten, 
489. bün für büwen; diese drei contrahierten Formen sind wir durch 
den Rhythmus gezwungen anzusetzen. Ebenso sind die Bindungen 
stiUe : loillen 95/96 und 263/264 und ende : henden 453/454 bei einem 
md. Dichter eher zu vermuthen, als bei einem obd., freilich könnte 
henden (für hende) 454 erst vom Schreiber stammen. 

Von sonstigen Reimen ist noch bemerkenswerth : gap: ap 167/168, 
ferner ruht : gesieht 69/70, man : hdn 269/270, an : Eufemiän 279/280, 
Lateran : man 347/348, aus denen allen sich nichts Weiteres schlie- 
ßen läßt. 

Der Reim herren : eren 31/32 ist md. durchaus ohne Anstoß, 
freilich begegnet er auch im obd. 



*) Ein hiel für hielt scheint mir äußerst zweifelhaft, so lange nicht andere als 
Eeimbelege vorliegen. O. B. 

') Sollte dies nicht die alte lautgesetzliche Form sein? O. B. 

'j Aus dem Schlußgebet ist noch nachzutragen, v. 617/518: erg&n'.fl^ mit R, 
während A ^e#cAen : fltn bietet. V hat, wie wir sehen werden, ein anderes Schlußgebet. 



172 MAX FR. BLAU 

Die Form duo für do, im Reime auf zuo (231/232. 261/262. 
287/288) ist md. ebenfalls beliebt (vgl. Weinhold a. a. O. § 139). 
vv. 335/336 sind wohl am besten mit Apokope zu reimen nach V, 
denn intervocalisch reimen s und z im md. nicht, also spts : fltz. 

Zum Schlüsse führe ich aus dem Gedichte selbst noch eine Reihe 
von Ausdrücken an, die entweder speciell md., oder doch md. häufiger 
als obd., für den md. Ursprung des Gedichtes sprechen, das uns ja 
auch nur in drei md. Hss. überliefert ist. 

V. 70. frlete. nach dem Mhd. Wb. nur in md. Denkmälern be- 
legt, ebenso nach den im Lexer gegebenen Stellen, vgl. auch DWB 
IV, I 105. 

V. 79. trüte; die für dieses Wort ') im Mhd. Wb. gegebenen 
Beispiele stammen aus dem md. Passional und Hermann v. Fritslar; 
der Beleg aus M. S. H. 3, 75'' beweist nichts für obd. Gebrauch, denn 
die das Wort bietende Strophe nr. 38 ist als Randschrift bezeichnet, 
und Zingerle spricht in seiner Ausgabe des Friedrich von Sonnenburc 
dem Dichter auch diese — nur in der Jenaer Hs. überlieferte — 
Strophe ab. 

V. 129. anderioeide (vgl. z. B. Weinhold a. a. 0. § 339). 

V. 499. erkreic. 

v. 502. giioter im Reime, also durchaus gesichert, st. Form des 
masc. für das ntr. (vgl. dazu z. B. Das hohe lied des Brun v. Schone- 
beck von Arwed Fischer (Germanist. Abhandl. v. K. Weinhold VI) 
p. 41). [Vgl. Literaturblatt 1877, Sp. 7. O. B] 

Aus allem Angeführten ergibt sich wohl so viel, daß wir das 
Gedicht mit Recht in das Gebiet des Md. weisen werden; eine ge- 
nauere Localisierung ist nicht möglich, ebensowenig wie eine genauere 
Datierung. Jedenfalls dürfte der Dialekt des Verfassers dem ost- 
fränkischen nicht zu ferne gestanden haben. (? 0. B.) Unmöglich 
freilich ist es auch nicht, daß wir ihn mehr nach Norden, unter den 
Einfluß niederdeutscher Sprachgesetze, zu verlegen haben. Ich verweise 
auf die interessanten Formen in R: 70. siecht für gesieht. 217. bete 
für gehete (auch 344. schach für geschach) , durch die allerdings der 
Versbau an den betreffenden Stellen bedeutend gewinnt, und nach 
deren Analogie man dann etwa auch in 73. pflogen für gepflogen. 201. 
bei für gehet. 359. bot für gebot. 380. staü für gestalt zu setzen ver- 
sucht sein könnte, um die Überlastung der letzten Senkung zu ver- 
meiden. \bit 306 ist wohl = bit d. h. biret, weist also auf das Nd. 
0. B.] 

') In der Bedeutung „ehelich zusammenleben". 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 173 

Gleich im Anschlüsse hieran bemerke ich, daß der Rhythmus 
sonst im Allgemeinen ein glatter ist. Ausfall der Senkung begegnet 
noch öfter (vgl. 9. stdm. 34. trüren. 55, 199. jär quam. 63. geistliche. 
65. zwtinzigest jär trat. 138. Alexius neic üut gie ddn. 158. krütuhen. 
346. ein ander. 348. heiligen u. s. w.). 

Synkope findet sich in den gewöhnlicheren Formen gar nicht 
selten, so z.B. fällt das e der Vorsatzsilbe ge- und he- vor n, »n, l, w 
häufig aus (vgl. 23. gnuoc. 54. 80. gnant. 105. gnesen. 145. gioar. 
157. ywant. 352. gmeine. 395. hlihen u. s. w. Auch in Flexionssilben 
finden wir bei Nachbarschaft von n, r Synkope des e vgl. 8. 16. 29. 
icärii. 180. sinn. 265. inhin. 411. mms. 496. mert. Vgl. auch 79. 377. 
443. hobst. 258. phennings. 306, kriucht. 352. fragten. 355. ^r/^/i'. 
380. endlich u. s. w. 

Apokope begegnet in den Formen wie 207. zittert. 215. 350. 
tvundert. 342. minnert. Ferner in stm 173. 217. 379. eim 341. und 
in der adv.-Endung Uche: 418. bermltch. 505. stcetecUch. 520. kluocUch. 
Für Überfüllung der Senkung sind die schwersten Fälle 
195. järe ze järe, 
198. quceme ze güote. 
wo man auch an Apokope denken könnte, ferner die oben erwähnten 
Fälle (v. 70 u. s. w.), dann etwa 

2. wUen ein herre ze R. 25. dz mit den ersten. 
108. kinsche hiz an. (unz begegnet nie im Gedichte, deshalb ist 
auch wohl hier die naheliegende Besserung nicht gestattet.) 

176. quämen (He knehte. 188 liezen in da. 201. kirchen an shi. 
216. sliezen hegdn. 271. ere so iz. 274. vergizzestxi diner. 276. Idnge 
sol ich (vgl. 442). 286. dntlitzes hilde (wo vielleicht auch sin im Verse 
zu streichen ist). 291. treppen hegünde. 303. xif in mit spieten. 323. 
sterhen am dritten. 353. möhte gesm. 375. kiinde mit allen. 508. viere 
ze himel. 514. lihe die sele. 

Man sieht, die meisten dieser Fälle, die ich vollzählig gegeben 
habe, sind durch die Annahme von leichten Synkopen u. dergl. ohne 
Mühe zu entfernen [aber unnöthig. O. B.] 

Über den viermal gehobenen Vers mit klingendem Ausgange 
habe ich bereits oben gehandelt: Beispiele finden sich so zahlreich, 
daß es nicht lohnt, einzelne aufzuführen. 

Ebenso macht der Dichter ausgiebigen Gebrauch vom zwei- 
silbigen Auftacte, der einige Dutzendmal begegnet, ich verweise auf 
Fälle, wie v. 65. 199: do er anz. 85. 92. 102. 108. 163. 178. u. s. w. 

GERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 12 



174 MAX FR. BLAU 

Zum nachstehenden Texte habe ich zu bemerken, daß ich in 
den Lesarten selbstverständlich nicht alle orthographischen Abwei- 
chungen der Handschriften gegeben habe. Im Übrigen ist bei der 
späten Entstehung der Hss. nicht zu verwundern, daß in der Flexion 
durchaus nhd. Formen herrschen, auch in R, das freilich sonst noch 
einiges Altere erhalten hat, z. B. v. 99 swaz, ferner einige Male da^ 
während in V und A do und da ungeschieden als do geht. 

Im letzten Drittel habe ich mich zu einigen Anmerkungen ver- 
anlaßt gesehen, da die betreflfenden Stellen im zweiten Theile meiner 
Arbeit — um ihn nicht zu breit werden zu lassen — keine Bespre- 
chung finden konnten. 

Über die Beibehaltung des auslautenden e (vgl. 3/4. 29/30. 71/72. 
209/210. 227/228. 311/312. 329/330. 351/352. 389/392. 418/414. 449/ 
450. 461/462) ließe sich vielleicht streiten, zumal ich v. 335/336 spis : 
fliz (dat.) angesetzt habe und auch 101. 102 relit (adv.) : hneht steht 
(69. 70 könnte man ebenso gut rehie : geslehte, wie reJd : gesieht lesen) ; 
indeß glaube ich, würde die Streichung des auslautenden e nach langer 
Silbe dem Gedichte einen so jugendlichen Anstrich geben, wie er ihm 
nach allem Übrigen (vgl. nur die nicht geringe Zahl der Fälle, wo 
wir Ausfall der Senkung feststellten) nicht zukommt-, und ich habe 
deshalb mich nicht zur Streichung des e, das in den Hss. bald er- 
halten ist, bald nicht, entschließen können. 

Über die Hss. selbst ist noch nachzutragen, daß die einzelnen 
Versanfänge in allen durch große Buchstaben hervorgehoben werden. 

In eime buoche man uns las, al ir gewant was sidin, 

daz wilen ein herre ze Rome 10 er tete in lön mit triuwen schin. 

was, da bi hete er solhe tugent, 

gewaltec unde vollen riebe, daz sin alter unt sin jugent 

er lebete scböne unt tugentlicbe. den gerehten wol geviel. 

5 driu tiisent dienten ime für ouch pflae er daz er aich nibt ent 

nach sines berzen willekür, biel(t), 

swaz er si biez unt gebot. 15 Qvne macbte die armen dicke frö : 
ir gürtel warn von golde rot, dri tiscbe warn gesazt also, 

Überscbrift : f V,. daz buch von sinte AUexio B^ de sancto AUexio A. 
1 icb daz laß A. 2 [wilen] A. d. by vor czu rome ey b. w. F. 

3 [vollen] AV . 4 des lebins seh. V. [scböne unt] toguntlicben A. 

5 man dinten yn v. V. man di R. dry hundert A. 7 en gebot F. 

8 w. en vor g. F. 9 w. edil vnd s. F. 10 1. vnd bulffe scb. A. do 
worn sy gepreyset eyn F. 11 — 26 f. B. 13 d. g. lüten A. 14 ouch 
pbag b* das das h^ nicbt bil F. o. tat er [sieb] A. 15 [ne] VA. 

16 beleyt A. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 



175 



daz man die spise muose reisen, 

(mit M) 

der ein der diente den armen weisen, 

der ander den witewen, als er hiez, 

20 der dritte des rehten niht enliez : 
dar sazte er pilgerin unt geste. 
swenne der herre daz wol weste, 
daz sie heten alle gnuoc, 
so gienc er hin äne allen fuoc 

25 unde az mit dem ersten, den er 

vant : 
dar was sin diemuot gewant. 
Eufemiän hiez er mit dem namen, 
Aglais sin wip mit grözen schämen, 
geistlicher liebe warn si riche, 

30 sie lebeten beide tugentliche. 
sin hof stuont mit grözen eren, 
iedoch gebrach dem selben herren 
eines Schatzes, des er leit gewan. 
wie dicke er trüren began 

3.5 unt sin schcene frouwe angespart, 
daz ein kindlin in niht wart! 
des bete er dicke swaeren muot. 
er sprach : ..waz sol mir al min guot, 



Silber, golt unt richiu wät, 

40 sint unser ger nilit enhät 

eines erben, der daz guot besitze." 
des trüreten alle sine witze 
unt siner frouwen euch alsam. 
sie bäten dicke, als in wol zam, 

45 daz in got bescherte ein kint; 
daz wart in also vlretec sint. 
daz si liebe unt leide an im sähen, 
dö die ammen des verjähen, 
daz daz kindlin wart geborn, 

50 do zegienc sin trüren unt sin zorn 
unt siner frouwen ouch also : 
ir beider herze daz wart fro. 
er liez ez toufen alzehant, 
Alexius wart sin name gnant. 

55 do er in daz sehste iär quam, 
daz im diu lere wol anzam, 
er liez in zuo der schuole gän. 
dö begunde er an sin herze emphän 
so grözen sin al ungespart, 

60 daz er der schrift so wise wart, 
daz er die werlt begunde hazzen 
unt solhe liebe zuo im vazzen, 



17 setczin V. neysen A. 18 dem a. weysze V. eyne [der] A. 

21 dorob^ satczte her dy pilgerä v. g. V. der erste der p. v. der g, A. 

22 wenn denn das d. b. wüste A. 23 alle hatten A. 24 gefug F, für 
diesen Vers liest A : daz man weder von en trug | er ging hen alz er wol 
woste I noch alle syme luste. 25 d. all* e. V. den ermesten dy A. 
26 dorczu w. em s. mut §■ A. '21 fennan V, femian li. by d. n. A. 
28 Agles V. Aglas A. Agalest s. w. genamen R. 31 — 36 f. Ä. 32 ydoch 
zo g. d, selbigy h. V. 33 syns seh. daz A. 34 vil d. A. 35 [unt] 
.... al ungesp. F. 36 daz in nie kein kint w. V. 37 [hete] li. 
hatten sy A. 37. 38 in R timgestcUt. 38 [al min] li. m. groz g. A. 
39 s. unt g. u. r. war F. 40 sint daz R. sit daz er vnser nichten h. F. 
sint mir got nicht gefiiget \x. A. 41 eyn erbe 72. ein e. d. d. riche b. F. 
eynen e. d. min g. b. A. 42 witczin F. trüren mir alle myne w. A. 
43 min fr. A. [ouch] F. 44 baten beide als F. als dicke boten als R. 
geczam A. 46 [in] R. in gegeben s. F. also lobelich s. A. 47 leit 
vh lib R. 48 daz v. F. das vernamen A. 49 do daz AV. 50 daz 
vorging s. tr. unde z. F. 51 rehte also F. 52 herze warn A. 53 tew- 
fin? F {nach JSI). hyß touflfen den son zcuh. A. 54 w. her gen. R. 
was VA. Allexius alle drei Ess., und so immer. 55 an daz A. 57 zcur 
seh. R. do liez ern F. 58 in sin h. F. begondee an R. so begunde 
a.n A. 59 gross synnö F. syn so ung. .4. 60 daz is JB. 61 czuh.F^. 
daz is gegunde di w^lt h. R. 62 [unt] al sulche R. 1. ym czu f. F. 
an sich v. A, 

12* 



176 



MAX FR. BLÄ.U 



die man heizet geistliche minne. 
got gap im solhe sinne. 

65 Do er anz zweinzigest jär trat, 
sin vater in mit Worten bat: 
„sun, du seit ein megetin nemen, 
diu dir künne wol anzemen 
unt dir an eren füege reht''. 

70 do friete er im ein keisers ge- 
sieht, 
schoene, züchtec unde riche, 
unt holte si im tugentliche, 
daz groezer fröude nie wart ge- 
pflogen, 
Alexius was also gezogen, 

75 er wolde den vater niht betrüeben 
noch sinen willen an im üeben. 
er liez sie dö zesamene geben, 
daz sich fröute ir beider leben, 
sie trüte ein bäbst mit siner hant, 
Innocentius was er gnant. 
dö diu naht den tac verstiez, 
der herre sinen sun hiez: 
„Alexi, du solt släfen gen, 
du solt triuten unde flen 
dine brüt, daz ez ir wol behage, 
daz gibet iu fröude äne clage. 



80 



85 



dis ist zit an dirre stunt." 
er ensträfte niht des vater munt. 
do er mit ir ze bette quam, 
90 als in beiden wol gezam, 
unt bi ir aleine saz, 
sine lere er mit dem munde maz : 
er sprach : „vil liebiu frouwe min, 
wilt du also mit mir sin, 
95 daz du tuost al minen willen? 
si sprach Ja" sunder stille: 
„herre, swaz so dir behaget, 
ich bin din frouwe unt din maget. 
ich sol dir undertaenic sin, 

100 daz gebietent mir die sinne min." 
Alexius sprach : ,.sö redest du reht, 
ja bin ich din herre unt din kneht. 
frouwe, ich bitte dich niht me, 
wan alles, daz dir wol anste, 

105 daz lip unt sele müeze gnesen." 
si sprach : „daz müeze uns künftec 
Wesen." 
„so hoere, liebiu frouwe min, 
du solt kiusche biz an din ende sin, 
denselben orden wil ich tragen." 

110 daz begunde der frouwen wol 

behagen. 



63 d. m. nu heiseit g. libe V. daz m. A. 64 al sulche R. 

synnen V. gap ich em A. 65 daz er A. 67 mayt T^. wyb A, 

68 kume R. dir wol kan an cz. V. dir wol mag gecz. A. 69 fuget A. 
LR. 70 eynes k. siecht R. des k. V. er vreyte em A. 71 dy was 
seh. A. 72 er holte im si t. V. dy gap man ym gar t. A. 73 ge- 

bort F. groze R. 74 so ^. 75 seynen v. F. f. R. 76 noch keyn 
em s. w. üb. A. {. R. 77 do liez er si z. F. dazcus. R. [dö] A. 

78 [ir] R. so daz F. 81 also F. vorlyß A. 82 do her syn s. R. 
seyns sune F. 81. 82 in A umgestellt. 83 Allexius VA. 84 vnd 

du .4. 85 [ez] F. br. das ir b. A. din V R. 86 daz is uch vr. sund'' 
cl. R. 87 daz A. das ist nu z. an der st. F. 88 [en-] VA. syns A. 
89 für daz b. F. 90 anzam F. Dahinter in R nochmals: vn yn beide 
wol ge. 91 unt er b. F, al. do was A. 92 die 1. F. sin 1. R. 94 by 
mir R. 95 den w. mey F. alle m. w. A. [al] R. 96 [ja] s. stillen R. 
alsunder F. 97 hVe wy so ys d. behayt F. swaz .... behalt R. herre 
was uch b. A. 98 di vr. v. d. mait R. 99. 100 f. R. 99 wil A. 
100 gernenoch dem willen dyn A. 101 nv redistu F. spr. du redest 

r. A. 102 so bin R. ich b. d. h. u. ouch d. k. A. 103 ich b. d. frawe 
n. m. A. 104 [wan] R, wan waz F. 105—118 i.R. 105 [müeze] F. 
106 muoz unsczukünftec sey F. kundig A. 107, '108 f. F, 108 etwa 
unz für biz su setzen? 109 selbigin F, 110 fr. czu b. F. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 



177 



si sprach ze ime al überlut: 
„min sele werde gotes briit 
unt din alsam, als wir verschei- 
den." 
daz wart gelobet von in beiden. 

115 daz gelobete ir beider inunt also, 
daz brähte in sorge uut fröude dö. 
er nam'z vingerlin von siner hant 
unt gap ez der juncfroun alzehant. 
er sprach : „vil liebiu frouwe min, 

120 so nim daz güldin vingerlin, 

wan ich morgen von dir scheide, 
ez si mit liebe oder mit leide; 
kume ich niemer zuo dir sider, 
so gip mir'z in dem himel wider." 

1 25 si sprach „gerne" und weinte sere, 
als ir gap ir herzen lere: 
„nu enwil ich niemer me gedagen, 
ich enwelle schrien unde klagen, 
biz ich dich anderweide ersehe 

130 oder dinen tot genzliche erspehe. " 
des morgens dö der tac üf brach, 
daz alte reht aldä geschach: 
man begienc mit in der briute siten, 
man begunde alt unt junge biten. 



135 Dö sie getrunken unde gäzcn 
unde alle in fröuden säzen, 
beidin frouwen unde man, 
Alexius neic unt gie dan, 
daz des nieman wart gewar, 

140 wan sin liep aleine gar 

in sines herzen grozer not. 
Silber unde ouch golt rot 
nam er vil ze siner zer. 
er ilte balde üf daz mer, 

145 daz sin der vater iht wurde gwar. 
[als er nu quam an daz var], 
(nach 31) 
ze eime schiffe er da stiez, 
daz in beliben niht enliez: 
ez truoe in in ein ander laut, 

150 darinne er niemen was bekant, 
fürbaz in einen grözen port. 
daz was sin wille unt sin wort, 
dö sach er eine gröze stat, 
da er sint daz almuosen bat, 

155 unt mitten dinne ein münster sten, 
dar quam er für die tür gen. 
er gap sin gwant der armen diet, 
daz Silber den krumben beschiet, 



en] . . . [mc] yl. 
anderweit s. A. 
do des m. A. 
brut R. 134 das 



111 vnd spr. weder en obirlut A. 112 trut A. 113 wenn w. A. 

115. 116 in A umgestellt. 115 es g aldo A. [ir] V. 116 fr. 

u. surge nv F. so A. 117. 118 f. A. 119 [vil] Ä. 120 [so] V. 

[so] nim hen A. 121 wen ich v. d. scheide morne V. 122 übe vn 

mit ß. 123 ich czu dir niht sedir V. ich nicht zcu A. 125 vil z*e V. 

126 also V. ires R. eres V. irs A. 127 [me] V. 

128 ich wil V. ich wil weynen A. 129 andirwit s. V. 

130 vnt V. genczlichen spee A. 131 anbrach VA 

132 alda reht ß. do A. 133 begunde F. de" brutal. 

junge vnd aide F. jung v. ald A. zuo b. in allen drei ITss., tvohl Fehler 

in X. 135 — 137 f. R. 135 aßen A. 138 n. syn* br. gynk dan R. 

n. seyn* liben brawt | vnd schit von dan V. do ging sjne iunge brut an | 

das sy vil heiß weynen began yl. 139 gewan R. das das V. 140 üb RA. 

wenne seyne übe fraw dar F. 141 — 145 f. A. 141 — 150 f. R. 141 vnt 

s. h. grosse n. F. 1 45 ich worde F. 146 f. in allen drei Hss. 147 lyff A. 

148 nichtö hys F. en do nicht bl. 1. yl. 150 do ynne bek? (nach M) V. 

151 vort alle drei Hss. vnt fürbaz V. her gync 

R. unde wort F. 153 guote st. F. 154 do synt 

A 155 [unt] F. dorinne A. stet V. da vant er 

stan : gan in A. do alle drei Hss, 157 den 



do er nymande A. 
in R. 152 [was] 
er R. dorynne er yl 
ynne R. 156 türe F. 



armen F. s. gew. gap er den a. d. A. 
h' d. kr. F. 



158 [er] d. kr. gi't R. teilt. 



178 



MAX FR. BLAU 



den liehtelösen'z rote golt: 

160 alsus verzerte er sinen solt 
unde er von der richeit liez. 
in einen hader er sich stiez, 
der was boese unt gar unguoter. 
do enweste vater noch muoter 

165 noch sin brüt, war er quam, 
da dürte er lenger, wan im zam. 
swaz man ime durch got da gap, 
da schiet er ie daz halpteil ap 
unt gap'z den armen, die da 
säzen: 

170 er volgete siner sselde sträzen. 
Vil trürec was her Eufemiän, 
er hiez üz riten unde gän 
üf alle sträzen nach sim kinde. 
unt sin muoter weinte swinde, 

175 ouch sin schoeniu junge brüt. 
do quämen die knehte überlüt 
dar da sie in funden 
unt sin niht erkennen künden, 
vor einer kirchen, da er saz 

180 unt sinn dienst gegen gote maz. 



sie giengen für in unbekant (sie ')> 
er racte gegen in sine haut 
unt bat im daz almuosen geben, 
dö lobete er sin selbes leben: 

185 „ich lobe dich, herre, durch den 

sin, 
daz ich da zuo worden bin, 
deich miner knehte gäbe emphä. " 
sie gäben im unt liezen in da 
unt grififen an ein ander pfliht, 

190 er kantes wol unt sie sin niht! 
sie schiften in ein ander lant, 
da er ze sehenne wart genant, 
da leit er tac unde naht, 
er diente gote mit ganzer mäht 

195 von järe ze järe manege zit. 

er hete müede unt grözen strit. 
daz dolte er allez in dem muote, 
daz ez der sele quseme ze guote. 
Do er anz sibenzehende jär quam, 

200 do gienc er hin, als im gezam, 
für die kirchen an sin gebet. 
da kniete er an der swelle antret 



159 sin r. g. RV. blinden VA, bl. gap er daz A. 160 ver- 

teilte RV. [er] E, also VA. s. reichin s. F. 161 reichit V. daz 

er VB. 163 [gar] V. vnuuget^ ß. das w. eyne g. boze war A, 

164 mu enw. noch v. V. syn v. noch syn m. B. daz enw. weder v. n. m. 
zwar A. 165 wa ß. wo h^ hy qw. V. wo er hen qu. A. 166 her d. 
do 1. w. i. gezcä B, ebenso A, nur truerte für durete. f. V. 167 was 
her V. [da] VA. daz man B. 168 yo sneid her ys yo halp ap V. 

das sneyt er das A. 169 gap den armen A. dy by ym s. VR. 170 syii 
seiden B. unt v. einer tiuren str. V. [saelde] A. 171 femiän B. 

fennam F. wart F. waz der vater E. A. 172 liez VA. 174 so w. diu 
m. gar sw. F. ouch w. s. m. sw. A. 175 — 178 f. B. 175 unt s. F. 
176 oberlant A. sine kn. in VA ist vjoJil Fehler in x. 177 [dar] 

do sy F. [dar] do hen do ^. 178 vnd en F. sy en erk. nicht en- 

kunden A. 179 k. her do s. A. 180 [unt] sin d. key g. was F. syn 
^. BA. l82 [gegen] F. reichte A. 183 czu g. F. daz sy em d. a. 
gebin^. 184 seynes F. syns J^. 185 — 198 i.B. 185 dur minen s. F. 
herre ich lobe dich A. 187 [knehte] A. daz ich VA. 188 sy gobins 
en v. lissen ys yn do F. 189 yn für ein F. sy gr. ^4. 190 [unt] sy 
en nichts. 189. 190 in A umgestellt. 191 vnde ritten^. 192 in ze 
suochene was ben. F. 193 daz 1. F. 194 gantz seyn^ m. F. 193. 

194 Allexius dynete mit aller macht 1 vil manchen tag vnd nacht in A, 

195 vil manche A. 196 h. leit v. gr. A. 197 daz tat A. 199 sibende 
VB. yn das A. 200 em wol g. A. 201 kirche A. 202 als di sw. B. 
nedir an der kirche antrit F. vnd kn. vor d. A. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 



179 



von mitternaht biz gegen tage, 
dö ruogte er siner Sünden klage 

205 iint tete dem libe sere we, 
dö quam ein regen unde sne, 
daz er zittert von grimme, 
dö rief ein bilde lüter stimme: 
„stant üf, du trseger glockenaäic 

210 unt ringe dem menschen sine 

swKre, 
der üzen üf der swelle liget, 
e im die kelte angesiget 
unde da ersterbe tot. 
läz in hin in, es ist im not." 

215 daz wunderte sere den huoteman, 
die tür er üf sliezen began. 
dö vant er in Ligen an sime gebete 
üf der swelle anetrete. 
er sprach im zuo mit ginoze 

220 unt viel im dö ze fuoze: 

„wol her in, du sajlec man, 
da dirz weter niht geschaden kan. 
ein bilde hat für dich gebeten." 
dö begunde er in daz münster 

treten 



225 ze Winkel, da in nieman sach, 
da er aber sin gezit sprach, 
daz merkte dö der gIocken;T)re, 
er sagete s morgens niuwe majre, 
ein heilec mensche wicre aldä. 

230 der liute gieugen im vil nä 
unt truogen im also vil zuo, 
daz in des verdühte duo : 
er sprach : ..her lip, des ist ze vil, 
des ich von iio niht enwil. 

235 man wil iuch füeren üz der mäze." 
er kerte üf eine ander sträze, 
üf daz mer al ungewant ; 
er wolde in Cilicien lant: 
da hete santPaul ein münster stän, 

240 da wolde er sinen tot emphän 
unt sines endes da erbeiten. 
Got begunde ez anders leiten, 
seht, daz mohte niht geschehen: 
in sluoc ein wint, daz sult ir spehen, 

245 daz er quam ze Röme wider, 
daz beweinte er harte sider. 
do er wider gegen Röme quam, 
eine rede er ze munde nam: 



vor ra. 
205 er 
das A. 
ner A. 
len F. 
ang. V 
in V. 
man R. 



203. 204 in A umgestellt. 
biz hin gein t. V. 
tet V. tat er d. 1. 



203 von der m. R. zcu dem A. 
204 sunde V. vnd rurte s. sunde cl. A. 
so w. A. 206 [ein] RV. reyn VA. 207 so 
mit gr. V. 208 mit 1. st. A. riff dy gotis st. ^. 209 kirche- 
210 ring? V {nach 31). lychte den m. ^. 211 duze . . . swel- 
d. draußen vor der kirche lyt A, 212 kaltheit 7^. dy k. ym 

213 V. her erstorbe t. V. v. eer denn erstirbet t, A, 214 her 
laz es hen, es A. iz ist R. 215 [sere] V. denselbin m. A. hut- 
21G czu süssen V. [er] uf beslisen gan R. do er zcu slyssen uf 
began A. 217 bete R do er in vant an F. 218 swellen antrit F. 
swellen an tret A. antrete R. 219 — 246 f. E. 219 [mit] A. 220 ai- 
de F. 221 gang h. F. seliger VA. 222 daz dyr d. F. 223 eyne 
stymme A. 224 czu fr. F. 225 in ein winkel daz F. 227 marcte F. 
offenbarte d. kirchener ^1. 228 markte F. e. s. den luten gute mere A. 
229 heiliger F. 230 do g. em dy lute alle na A. (aldo :) noe F. 

231 so A. 232 das ys isz en verdrossz de F. [des] A. 233 daz F. 
[her] leib es A. 234 daz ich von dir A. f. F. 235 tvoM Fehler in X; 
ich w. i. f. u. d. vnmosze F. ich w. dich A. 236 do körte her sich F. 
sich A. 237 off F. 238 cecilian V. Cecilien A. 239 synte p. F. 
sente pawel A. 241. 242 i. A. 242 do begiide h' sin anders czu 1. V. 
243 f. F. 245 d. der q. keyn R. w. A. 246 dicke A. 247. 248 in R 
umgestellt. 247 keyn r. weder qu. A. daz e. w zu r. qu. R. 24 8 zu 
fyne nam R. 



180 



MAX FR. BLAU 



herre, daz ist äne mine schult, 

250 din wille werde an mir erfiilt! 
ich WEente also ersterben, 
deich niht endurfte werben 
ze Rome um keine spise me. 
ditz widerkomen tuot mir we. 

255 sint ez niht anders mac gesin, 
so muoz ich suochen die phründe 

min 
ze minem vater als ein man, 
der phennings wert nie gewan. 
er gienc üf eine sträze sten, 

260 do quam sin vater für in gen. 
er rief im eine stimme zuo 
mit jämerlichen worten duo 
offenbare unt niht ze stille: 
„herre, gip mir durch Alexi willen 

265 din brot biz an minn lesten tac." 
der vater do sere erschrac, 
do er den sun hete genant; 
do begnnde er weinen sä zehant. 
er sprach: „vil gerne, lieber 

man, 

270 die wile ichz von gote mac 

hän, 



275 



durch sine ere so iz min bröt, 
er si lebende oder tot. 
Alexi, min vil liebez trut, 
wie vergizzest du diner jungen brüt 
des vater unt der muoter din ! 
wie lange sol ich din senec sin." 
ditz clagete er, daz sin s^^n an- 
hörte, 
der im sin truren doch niht 

störte, 
da muget ir wunder prüeven an, 
daz der herre Eufemiän 
sines kindes niht erkante, 
bleiche unt armuot daz verwante, 
langer hart unt horwege kleider: 
also verstalt was er leider, 
daz er dem vater was ze wilde, 
als gel was im sin antlitzes bilde, 
er sazte im einen schaffer zuo, 
der fuorte in ze huse duo 
unde schuof im solch gemach, 
290 daz im leides vil geschach. 

under einer treppen begunde er 

ligen, 
er hete sich fröuden gar verzigen. 



280 



285 



249 dis ist R. er sprach, h. A. 250 deruult R. 251 wente ich 
sulde a. F. 252 erwerben R. dorfte niemer w. V. [en-] Ä. 253 in 
r. R. [um] V. deheine? F. 254 das w. das tut w. A. 255 gewesi E. 
niht nu mac V. sint das n. m. anders gesyn A. 256 freunde AR. 

spise F. Wohl in den verschiedenen Hss. verderbt, noch wahrscheinlicher 
bereits in x durch friunde ersetzt. 257 e. ander m, F. 258 ph. w. er 
nie g. F. 260 zu ym R. gegan A. 261 her sp'ch ym myneclichen zu R, 
r. em in einer st. F. eyne st. em A. 262 ju A. du R. 263 [ze] A. 
264 gebet R. allexius VA. wille VA. 265 <m br. R. 266 sin R. 
d. herre [do] F. do vil s. A. 267 daz er V. 268 czu w. alzeh. F. 
er b. zcu w. alczuh. A. 269 spr. gerne vil guoter m. F. vnd spr. g. du 
vil 1. m. ^. 270 mac von gote h. F. gehan A. 271 [so] F. sinen 

willen VA. so iß durch s. w. myn br. A. 272 er lebe ader sey t. A. 
273 Ach Allexius F. Allexius A. 274 [jungen] R. lieben F. 275 vaters 
VA. 276 enic R. eynig F. ene A. 271 son horte F. der son A. 
278 [sin] R. der nie doch trurens st. F. s. leit d. n. eust. A. 279 — 

286 f. R. 279 da merket alle wunder an V. 280 hVe her femian F. 
282 irwante A. vorwante F. 283 clengir b. höre cl. F. bofe cl. A. 
285 dws her F. [vater] A. 286 also F. vil bleich w. em syns A. 

287 suchte A. 288 her R. du R. ju A. 290 do ym R. zculeide 
vil ^. 291 unde e. tr. muste er 1. R. her begude czu 1. F. czu ]. A. 
292 fröudc g. vorcz egin F. der frawen hatte er sich v. A. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 



181 



swen sin vater ze tische saz, 
sin pflegeman des niht vergaz, 

295 er enbraehte im sine pfründe dar. 
er was gar jämerliche var, 
als mcTezliche az er unde tranc: 
gegen gote stuont al sin gedanc. 
vil maneger schände er do leit 

800 von boeser knehte kündekeit: 
swenne sie die schüzzeln lif ge- 
nämen 
unt für sin gemachelin quämen, 
sie guzzen üf in unt spieten an. 
daz leit der vil sselige man 

305 rehte als man einen wurm trit, 
der da kriucht unt niemen bit. 
vil dicke sach er für in gän 
sinen vater unt sine muoter stän 
unt sine schoene junge brüt. 

310 doch wart der munt des nie lüt, 
daz er iht sagete wer er waere. 
nu merket'z jämerliche maere: 
also liep als er in was, 
daz er die herte zuo im las. 

315 daz leit er also lange da, 



biz im ein siuche volgte nä. 
Als uns sin biiechlin hat gelesen, 
daz er zem ersten was gewesen, 
da er sibcnzen iärz almuosen nam, 

320 ze Röme als lange, biz daz vol- 

quam 
nach sines herzen willekür . 
do quam im eines nahtes für, 
er solde sterben am dritten tage, 
got wolde kürzen sine clage, 

325 daz er des wurde wol gewar. 
dö quam ein engel unt brähte 
im dar 
einen brief unt legete in in die 

hant, 
daran sin leben wart bekant, 
daz sin brüt ein megetin w.'ere 

330 unde er ein degen unwandelbaere, 
unt waz er dort sibenzen jär leit, 
wie im's bildes helfe wart bereit 
unde allez daz er ie begienc 
unt wie er ze Röme sint emphionc 

335 sines vater tranc unt spis. 

euch was daran geschriben mitfliz 



293 wen RA. wan F. 294 syner pflege man do n. v. A. 295 er 
brahtem VA. 296 so iemMich waz er geuar 7?. yemmerlichen czworcz V. 
[gar] yemmerlicher v. A. 297 — 314 f. R. 297 also F. so A. 298 kein 
gote stunden ym alle seyne g. F. czu g. stunden alle syne g, A. 
299 manege seh. die er 1. F. 300 v. snoder kn. boßheit A. 301 wan F. 
wenn A. 302 gemach A. 303 speit'' en an F. do begossen sy en 

vnd A. 305 als eyn worm den man tretit A. .305 vnd nymant nicht 

en bitfit A. 307 vnt d. h'' vor en sach g. F. v, d. weynende s. e. 

geen A. 308 sin ... sin F. steen A. 309 u. ouch F. 310 das syn m. 
do n. A. 311 d. er s. ny w. A, 312 hie hoert d. yömerliche F. 

deze A. 313 so als lip er en allen w. A. 314 syn hercze A. 315 — 

322 in A folgendermaßen geordnet: 317. 318. 319. 320. 315. 316. 322. 

321. 315 ditz F. treib dar ^. 316 daz ym R. dy sycheit A. 

do : noe F. 317 eyn b. V. buch A. 318 genesyn R. 319 di allemuse 
[nam] R. 320 rome alz do qw. F. r. ouch das also v. A. 322 [doj R. 

323 an dem R. daz er sulde st. an dem mittage A. 324 ym kur- 
czen S. 325 er daz F. daz wol worde g. .1. 326 brach ym [dar] R. 

A. 327 en ym in F. 1. ym yn d. Ä. [unt legete in] R. 328 der 

asn was s. 1. b. F. d^ brief d^ waz geschriben so R. 329. 330 f. A. 
3? 9 wi daz e. megetyn s. br. w. R. 330 dcgc vnwande we' F. vn- 

wandcl w' R. 331—340 f. R. 3.51 u. alles daz e. y. gelcid A. 

3."32 viit w. i. d. b. hülle was [bereit] V. em gotis h. w. h. A. 334 

[sint] F. 335 u. sine speise : fleisse F. speyse A. 336 ouch stund do 
geschreben vil leyse A. 



182 



MAX FR. BLAU 



sin name unde ouch sin kumber 

groz. 
sin hant den biief zesamene slöz, 
biz daz in der tot zefuorte, 

340 daz sich sin leben niemer ruorte. 
An eim karfritage daz gesehach, 
daz sich minnert sin ungemach, 
daz got die sele von im nam. 
dö gesehach ein zeichen, daz wol 

zam : 
345 dö lüten sich die glockeu alle 

gegen einander mit schalle 

in Röme unt ouch ze Lateran 

umme disen beilegen man, 

daz nieman die strenge zöch. 
350 daz wundert manegen herren hoch. 

rieh unde arme, gröz unt kleine, 

die fragten um ditz wunder gmeine, 

waz daz lüten mohte sin. 

dö sprach ein kleinez kindelin : 

355 „ir grift ein tumbez fragen an, 
ez ist lihte ein heilec man, 
den die glocken baz erkennen, 
wan die liute, die in mit namen 

nennen. 

337 [ouch] A. 339 [daz] A. 

341 an eyn k. R. fritage A. 343 zuo im V. 344 schach e. z. [daz] 
w. z. R. z. lobesam A. 345 das sich dy gl. 1. a. A. 346 weder e. m. 
großem seh. -<4. dez quamen di rom* m. seh. i?. 347 — 351 f. R. 347 czu 
Rome A, 349 d. dy glocken n. geczoch A. 350 hern ouch A. 351 riebe 
arm V. 352 si fr. al um disiu mser V. si fr. mittenand^ di sache R. 
353 daz wunder V. w. d. bedute m. s. R. gesin VA. 354—362 f. R. 

356 heiliger V. ist eczwa e. heiliger m. A. 358 [mit namen] do n. A. 
359 d. keyser v. d. babist g. A. 361 der er V. das er den luten qu. 
V. A. 362 syn scheffer gnug balde dar A. 363 syn seh. d. da h. geflogn 
syn R. [der schaffer] A. 364 h* gienc wolgezogen hyn R. Vnd sprach vil 
wol gecz. A. 365 d^ armensch ist t. R. 366 der sibenczen almuze genun 
bot R. 367—369 f. R. 367 bot zo lange hie g. F. 368 yn s, h. A. 
czu k. F. 369 ich sehe in zcuh. A. 370 er in tot vant unde unge- 
want V. want den t. v. want A. er gienc zu ym vn vant yn tot R. 
371—375 f. R. 371 unt bi V. synen br. gar w. g. A. 372 dy von 
\. A. 373 R. als in gezam F. 374 adir wer ob* en qwä F. 375 allen 
erin s. F. alle s. s. A. 376 d. b. ny ausz s. h. g. F. her künde den 
brief nie g. R. 311 [noch] A. duo /'. in allen drei Hss. 377'') dy 
waren alle sulcher gäbe heyßer nur A. 378 — 380 f. R. 378*') den 
waz der brif vil tuer ju nur A. 



der habest unt der keiser gebot, 
360 daz man in suohte durch die not, 

daz er der werlde quaeme für. 

dö stuont für sines vater tür 

der schaffer, der sin bete ge- 
pflogen. 

der gie für in gar gezogen : 
365 „herre, der arme der ist tot, 

der iuwern tranc unde iuwer bröt 

sibenzehen jär hat gnomen." 

daz begunde im an sin herze 
komen, 

er sprach: „ich wil in sehen ze- 
hant. " 
370 er vant in töten unde vant 

bi im einen brief vil wol getan. 

daz vernämen die ze Lateran 

unt die Römer alsam. 

swer über in gienc oder quam, 
375 der künde mit allen sinen sinnen 

den brief üz siner hant niht 
gwinnen. 

vater, muoter, bäbst noch keiser 

duo^) 

unt alle, die da liefen zuo, 

340 vnd sich s. 1. nichten r. A. 



') Nach Allem, was wir von A wissen, liegt für die in y unbelegten Verse der 
Verdacht der Interpolation vor, und ich kann mich deshalb nicht entschließen, diese 



ZUR ALEXIÜSLEQENDE. H. 183 

in ze gwinnen üz sim gwalt, 395 Alexius, der hie tot ist hüben. 

380 als endlich was nieman gestalt: sin leben ist hie ouch beschiiben 

biz sin raegetin zuo im quam, unt sin name, daz ist war. 

diu greif dar, als ir wol zam, ganzer ') vier und drizec jär 

der viel der brief in die hant hat er die almuosen gnomen, 

Eufemiän lie in lesen zehant 400 biz er zuo dem töde ist komen. 

385 einen man, der da zuo witscc daz jämert mich an disme lesen, 

was, min rehter herre ist er gewesen." 

der sin leben dar an las «Owe mir, unde ist daz war", 

unde allez, daz er ie geleit sprach der vater unt roufte'z här, 

iif von siner kintbeit. 405 er zarte diu kleider von der siten, 

du weinte der schriber harte sere er künde der stunde niht erbiten, 

390 Eufemiän bat in durch sine ere, er enpflucte den bait an sime 

daz er im sagete, waz dran wicre. kinne. 

„herre, ez sint diu leitsten masre, er hete leide unde unsinne. 

diu alhie verjehen sint. mit den nageln reiz er sine hüt : 

dirre heilcc man ist iuwer kint 410 „Alexi, min vil liebez trüt, 

379 im z. VA. siner hant VA. 380 also V. so erlich was er ein 
gewant A. 381 juncfrowe über in k. V. syne brut ^. 382 sy gr. also i. w. 
an czam A. f. R. 383 do vil ir d. b. i. ire h. A. 384 ffemiam V. her 
wart gelezen so zcuh. E. alzeh. VA. 385 — 396 f. B, wo nur etiva v. 394. 
395 entsprechend stellt: Iz ist AUexi di über dy son | dem dyn alemuze 
ist geton. 385 do so wise V. e. schriber d. d. z. nutze w. A. Fehler 

in X? 389 keiser F. schriber sere A. 390 h^ femiam V. 390. 391 
Eufemiän fragete waz daran were A. 392 lengsten V. er sprach e. s. 

leydige m. A. 393 d. mir ie für komen sint V. vernuwet A. Fehler 

in X? 394 disir heiüger m. V. der heilige [man] A. 395 blieben F? 
{nach M). 396 s. name steet alhy b. A. 397'^) gantz unt F? (nach 

M). s. leben A. vnd ouch diz alwar R. 398 vier vnd czwenczig ^''. 
399 daz alm. F. hatte e. d. a. nunien R. 400 biz daz F. b. [er] .... 
waz k. R. 401 — 407 f. R. 401 lebin A. 402 syn recht heymet ist 

hy gewefin A. Dahinter in A^) vnd dy em habin getan | leyt vnd aller 
slachte wan. 404 do spr. sin v. v. roffte sey hör F. 405. 406 in A 
umgestellt. 405 d. cl. reiß er A. 406 ny irbeitin F. irbeiten A. 

407 [en] VA. roufte d. b. uß A. 408 leit RV. u. gar grosz F. I. ußen 
vnd jnne A. (R setzt fort: durch den lieblich mynne). 409 — 433 f. R. 
409 nelyn F. m. [den] n. r. e. dy h. ^. 410 Allexius VA. 



Verse in den Text aufzunehmen. Ich schlielie mich an dieser Stelle, die uns ganz 
besonders die UnvoUständigkeit von K bedauern läßt, der Lesung von M au. Im 
Übrigen ist gerade diese Stelle geeignet, die Ansetzung von x im Stamme zu recht- 
fertigen. Die verderbten Verse besserte A in seiner Weise auf, während V sie jedenfalls 
ziemlich getreu und ohne bessern wollende Änderungen wiedergab. 

*) Wohl einer der ältesten Belege für diesen Gebrauch von ganz im gen. plur. 
mit einer Zahl. 

') Die Verse 397—400 stehen in R unmittelbar hinter v. 330. 

') Wohl wie Vers 377*. 378" als wenig branchbfire Interpolation von A zu be- 
trachten. 



184 



MAX FR. BLÄU 



min ougen lieht, mina herzen 

trost, 
wie hästu dich von mir erlöst, 
daz du so lange bi mir wsere 
unt nie dich machtest offenbaere 

415 durch armuot dinem vater, kint! 
des muoz ich lange trüren sint 
unt leidec sin biz an min ende!** 
er want gar bermlich sine hende 
unt viel von ämaht üf die erden, 

420 do muose er gelabet werden. 
Do sin muoter daz vernam, 
wer er was unde über in quam, 
si zestorte ir frouwelich gebende 
unt sefuorte ir zöpfe mit ir 
hende. 

425 daz golt si von den brüsten brach, 
si sprach: „nu ist min ungemach 
harte gar ergangen. 

ein kint, geborn von minem libe ! 



430 wie hästu mir armen wibe 
alsus betrüebet mine witze!" 
si twuoc im sin schoene antlitze 
mit den zehern unt kusten üf 
sine brüst. 
„ir Romer, habet al die gelust, 

435 daz ir beginnet mit mir weinen." 
do enliez si siner vinger keinen, 
si enlegete in sundern an ir munt. 
si tete dö groz jämer kunt. 
81 sluoc sich ze dem herzen dicke 

440 unt viel üf in mit manegem blicke 
unt trüte in, als ez ir behagete, 
so lange biz daz si gar verzagete, 
daz si der bäbst hiez danne leiten. 
Dö quam mit grözen arbeiten '), 

445 diu dannoch was ein megetin. 
si sprach: „friunt unt herre min, 
waz hat din herte an uns ge- 
rochen?^) 
min ougen Spiegel ist zebrochen, 

411 minr o. V. 417 von m. warist A. werist F. 414 mochtist 
offinbarn V. v. du dich mir nicht oflfenbarist A. 415 dinr a. unt deyn 

v. k. F? {nach M). vmme ermut myn vil libes k. A. 416 triurec sin F. 
417 ymer bis an das ende meyn F. 418 zo yemerlich F. 419 vor 

amechtikeit F. unmacht zcu der e. A. 423. 424 f. A. 424 Ir czoppe 
beide nä yn dy h. 425 der brüst A. 426 ist F. was A. 427 vil gar 
czu irgangin F. f. A. 428 f. in allen drei Hss. 429 [ein] F, 

431 alsis -4. betrüebet also m. w. itcze F. 432 wuosch F, beschawte ^. 
433 ire trene vylen em uf s. br. A. 434 [die] F. 435 ir mit m. beg. 
czu w. F. beg. alle m. m. zcuw. A. 436 — 448 f. J2, das aber nach 

435 folgende Fortsetzung gibt: meynes üben kyndes reynen | den tot vnd 
elenedeschaft | d^ hat v^lorn syne craft. 436 keyne F. [do] sy lyß A. 
437 [en] 1. en bes. a. eren m. F. [en] 1. en besunder a. den m. A. 438 
tet vil groz A. 440 mit ganczem bl. A. 441 trewgete en alz h* ir 

b. F. druckte en als irs b. A. 442 das ir gar v. F. [so lange] A. 
443 von danne F. h. von em 1. A. 444 — 446 in A geordnet: 445. 

446. 444. 444 sin brut m. gr. erbeiti^ F. syne brut m. großem ir- 
bebin A. 445 do noch A. dene noch [was] F. 446 herre unt friunt 

m. F. 447 heil F. herlyn A. gebrochin F. 448 ein sp. minr owgen 
ist nu czubrochin F. mynn A. 



*) Hier ist wohl wieder eine iSpur von x, dem die Beziehung zu undeutlich 
war, da ja das Subject erst durch den Relativsatz gegeben wurde; x setzte sin brül 
ein, was einen ungeschickten Vers (grdzjen (ir[beiten in der letzten Senkung!) gab. 
Vielleicht könnte man auch lesen : do quam sin brüt ä/ne erbeiten. 

') Zu lesen: waz hat min herre an uns gerochen, wie ich ursprünglich wollte, 
hindert wohl das gerade vorhergehende herre. 



ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 185 

den ich verwinde niemer mere. wie daz sin heilekeit zefuorte ! — 

450 ich bitte dich, min schepfer here, er waere lam oder krump 

läz mich alhie bi im ersterben, 470 unt wa>re blint oder stump, 

e mine sinne gar verderben, die wurden alzehant gesunt. 

daz min swa^re habe ein ende." daz tete die gotheit durch iu kunt 

der bähest nam si bi den henden : unde durch sin heilet; leben. 

455 „juncfrouwe, lät die ungehcere, ') sint wart im grözer wünsch ge- 

wir Silin den toten üf gebiBren. geben, 

als siner heilekeit gezeme ; 475 wir suln des jämers nu verdagen! 

got sinen diener zuo im neme." man liez in in daz münster tragen, 

Do daz schone aldä geschach, da der bähest über im sanc 

4G0 der bähest unt der keiser sprach, unt manec phatfen zunge erklanc 

dar zuo die Römer algemeine: unde ouch der kardenäle. 

ezwoere ein mensche Sünden reine. 480 die Romer alzemäle, 

man truoc in hin mit grözem sänge, die lebeten got um disen man. 

im volgete eine werlt mit gange, der bähest selber daz began, 

465 als siner heilekeit wol zam. daz er in bestate zuo der erden, 

du er für daz münster quam, sint muose den liuten von im 

swer siech was unde an in ruorte, — werden 

449 daz F. 450 schepp* V. [min] schefiFer sere B. sy sprach seh. 
über herre A. 451 [alhie] Ti. hy irsterben ^1. 452 [gar] RV. anders 
m. s. v. V. 453—464 f. R. 453 unt m. 'fröude nimt e. e. V. 

455. 456 juncfrouwe ir sult iuch niht verwern | biz daz wir in uf ge- 
bern. V. er sprach: frawe ir sult nicht verczagen | bis wir en begraben Ä. 
457 zimt r. wol angeczeme ^. 458 sine d. z. i. nimt F. wil nemen ^. 
459 do allis das do y g. A. 461 vnd d. r. alle g. A. 462 von s. r. 

VA. 463 den trug man hen A. 464 werlit noch m. F. pnd volgeten 

em mit reynem g. A. 465 — 466 in B umgestellt. 465 wirdikeit wol 

ancz. A. als ym wol gezam B. 467 wer sich w. V R. an ym B. Vnd 
wer sich do an e. r. A. 468 syne h. das zcu fürte A. 469. 470 waz 
er stum waz er krüm | waz er blynt waz er tum'^) B. er were hokericht 
ader krump | vnd were blint ader stump A. er waere blint oder lam | adir 
mit weichin siuchen er dar kam. 471 w. alle gemeynlich sunt B. der 

wart aldo alcz. g. A. 47'2— 500 f. R. 473 heiligis A. 474 gr. 

fröude F. 475 w. s. nw des y. vord. F. w. wollen syn y. nicht ver- 

dagen A. 47 7 sang A. gesang F. 478 m. herren z. F. manch pf. 

czunge ober em ircl. A. 479 dar zuo die k. F. 480 ouch dy romer czu 
mole F. 481 [die] V. vnde desin ra. A. 483 d. sy en beataten A. 

484 do für eint A. 



') Eine ganz verzweifelte Stelle I Was M bietet, ist doch auch gänzlich un- 
brauchbar. Man sieht wieder das verderbte x, und ich gebe, um nicht zwei Zeilen 
ganz fortzulassen, einen Versuch , der sich — wie dies das Verhältniß der Hss. ver- 
langt — mehr an V anschlielit, wenigstens in dem Reime, denn gebern bei M kann 
doch nur gebceren sein, das „auf die Bahre legen" bedeutet (vgl. Mhd. Wb. I, 145'' 
bare). Für v. 455 könnte man auch, um den rührenden Reim zu meiden, lesen junc- 
frouwe, wir »uln des sin gevctre, '= eifrig bedacht) daz wir den t. u. s. w. 

») Unter dem jüngeren tum sind Spuren eines fortradirten Wortes wahrzunehmen, 
aber nicht mehr zu bestimmen. 



186 



MAX FR. BLAU, ZUR ALEXIUSLEGENDE. II. 



485 gnaden smac unde edel ruch 

üz sime grabe äne allen bruch '), 
daz hiuteges tages ze Roma wert, 
von sime vater wart begert 
ein münster büwen in siner ere, 

490 dar zuo half der bäbest sere, 
daz ez also volle quam, 
daz ez dem heiligen zam : 
da liget sin heilec lip begraben. 
Welch Ion sol nu diu sele haben? 

495 da von wil ich iu iezuo sagen: 
ir fröude mert sich alle tage, 
si hat des himelriches smac, 
da si niemer getrüren mac. 
daz erkreic sin herter kumber 

groz, 

500 daz er ist den engein gnöz. 

sint gwan sin vater unt sin muoter 
ein reinez leben so vil guoter 
unt sin liebiu trutin. 



daz si gotes dierne wolde sin 

505 ßtaeteclich biz an ir ende. 

si wurden heilec äne wende, 
daz erwarp der zweier liute kint, 
daz die viere ze himel sint. 
Uten si jämer üf der erden, 

510 daz muose in ze fvöuden werden. 
Nu mane wir den guoten man, 
der dises lebens so began,''') 
daz er für uns bitte da, 
sint sie für, daz wir hin nä 

515 mit gotes helfe müezen komen, 
so dem libe die sele wirt be- 
nomen. 
Amen ! daz daz müeze ergen, 
darumme suln wir gote flen. 
er ist ein wiser koufman, 

520 der also kluoclich wehsein kan, 
der ein ungemachez leben'*) 
kan um lange fröude geben ! 



485 gnade swag .... räch V. v. guter grüß Ä. 486 brach V. 
das werde vns allen büß Ä. 487 hüte des tagis A. 488 gewert V. 
489 seyn m, gebawt yn V. zcu b. Ä. 490 half em Ä. 491 wol czam V? 
(nach M). 491. 492 sind in A ersetzt durch: das noch aldo gecziret 

steet I do manch hundert menschen hen geet. 493 f. V. heiliger A. 

495 — 498 {toohl infolge eines alten Fehlers in x) in VA so geordnet: 
495. 497. 498. 496, 495 itczüt V. do wil ich nicht sagin von A. 

496 sich nacht vnd tag Ä. 497 hymelreich sm. V. den hymmelischen 

won A. 498 do V. das A. 499 irkrigke V. irwarp A. 500 der 

engel V. 502 leben do hatte T^. lebin gut A. 503 und euch sin brut 
czarte F. 504 dyn^ wurden s. 2i. brut ist wordin V. weide A. 505 stetec- 
lichen R. bas V. vil stetlich A. 506 f. V. a. alle w. RA, wohl Fehler 
in X. 507 daz der warp R. 508 zcu dem h. R. 509 [der] V. deser il. 
510 czu zelikeit w. V. vreude R. in dort ze A. 511 f. R. bete V. 
512 sey lebin also V. synes A. Dahinter in A: daz er zcu einem guten 
ende brachte | wenn er sich selber daran bedachte. Wohl interpoliert. 
514 vor hen daz wir darna A. 515 muzen w^ mit g. h. k. -R. 516 wen dy 
zele d. 1. vf.h. A. 517 das vnd das allen muße gesehen A. 519 clug^ -ß. 
520 welschen R. so kl. geuolgen A. Dahinter in R nochmals: w* also 
cluclich welschen kan. 521 kusch gemachsam 1. A. vngemaches 1. R. 
52 2 vmme eyne 1. fr, kan g, A. v. 1. m. kan g. R. 



•) M liest Hich : brück. 

'■^) Hieran schließt sich in V ein anderes Gebet, das ich weiter unten gebe. 

^) Dann ist also das ungemache leben der Entgelt für die laiige fröude. 



E. KÖLBING, ZUR TRTSTANSAQE. 187 

In F finden wir nach 512 folf^ende Verse'): 

das wir sey miTsseu genissen vnd mit ym lebin an e.... 

an allis wedir drissen an allis misse wende 

also das wir an arge list das vns das gesehen mu . . . 

morgen kömi^ do hyn 253' das helfe vns Alexius der ... 

vnde besitzen das ew in allir heiligen namen 

das ym got hat gege nu sprechit allir Amen. 

Nach 522 folgt in R: 

als dirre selig mcHSche tet 
syn hülfe keyn gote 
wegen syn beileges gebet. 

li\ A steht nach eben diesem Verse: 

hy endit sich daz lyde von sente Allexio 
got mache vns armen sunder fro 
daz vns das allen muße gesehen 
nu sprechet alle Amen. 
Wir haben wohl keinen Grund, diese Verse von yl für das Original 
in Anspruch zu nehmen, aber Entscheidendes dagegen lälit sich auch nicht 
anführen, wennschon freilich der dritte Vers erst v- 517, wenigstens in A 
selbst, begegnete. 

BERCHTESGADEN. MAX FR. BLAU. 



ZUR TRISTANSAGP]. 



In dieser Zeitschrift, Jahrg. XXXIII, p. 17fF., hat 0. Glöde 
einen Aufsatz veröffentlicht u. d. T. : „Der nordische Tristanroman 
und die ästhetische Würdigung Gottfrieds von Straßburg", vi'elcher' 
gegen meine Auffassung von Gottfrieds Veriiältiiiß zu seiner altfrz. 
Vorlage gerichtet ist. Es ist das die erste, angebliche Widerlegung 
der Resultate, welche ich vor nunmehr elf Jaliren in meiner Abhand- 
lung: „Zur Überlieferung der Tristansage" (Die nord. und die engl. 
Version der Tristansage. Erster Theil. Heilbronn 1878, p, IX ff.) 
gewonnen hatte. Sicherlich wäre ich nun meinerseits der erste gewesen, 
der freudig zugestimmt hätte, wenn es Herrn Glöde wirklich gelungen 
wäre, zu zeigen, daß Gottfried in der Tliat „Unebenheiten des Ori- 
ginals bessert oder ausgleiciit, die Darstellung modernen Verhältnissen 
näher bringt, sich volksthümlicher zeigt, aus bewußter Welt- und 
Menschenkeuutniß ändert, Charaktere veredelt u. s. w."; ich muß 
aber energisch bestreiten, daß dies der Fall ist; den Wissenden brauche 



') Vgl. Maßmann p. 3, der auch angibt, daß ßl. 2:")3' rcehts abgerissen ist 



188 E. KÖLBING 

ich das freilich nicht erst zu sagen ; bei flüchtigeren Lesern jedoch 
mag das sichere und selbstbewußte Auftreten Glödes den Eindruck 
erwecken, als ob das Recht auf seiner Seite wäre, und darum darf 
ich im Interesse der Sache wohl nicht ganz schweigen. 

Die zehn Seiten lange Abhandlung ist ein literarisches Curiosum. 
Die Erwartungen, die der Verf. selbst über seine Leistung erregt, 
werden auf das Kläglichste enttäuscht; so heißt es p. 18*): „Über 
Heinzel's Arbeiten werde ich später sprechen". Wo geschieht das? 
p. 21 : „Ich will nun in der folgenden Untersuchung Kölbing's Einlei- 
tung genau (!) durchprüfen und sehen, ob seine Resultate als endgiltig 
entscheidende anzusehen sind." „Kölbings Urtheil, das er sich durch 
gründliches philologisches Studium erworben hat, ist da, es muß von 
allen Seiten angesehen werden." p. 23*. „Im Folgenden will ich die 
Vergleichung der (!) Prosabearbeitung mit dem (!) Gedicht Gottfried's 
vornehmen und die Schlüsse Kölbings prüfen, die dieser aus der Ver- 
gleichung gezogen hat." ') Danach wird doch Jedermann eine gründ- 
liche und detaillierte Erörterung meines ziemlich compreß gedruckten, 
140 Seiten langen Aufsatzes erwarten; Herr Glöde beschäftigt sich 
mit demselben aber nur auf circa 3 — 4 Seiten und zieht nicht mehr 
wie 15 Verse Gottfried's und vier Zeilen der nordischen Prosa, nach 
meiner Ausgabe gerechnet'^), zu genauerer Vergleichung heran. Was 
diese anlangt, so muß ich sein Verfahren wenigstens ganz kurz be- 
leuchten. Glöde geht nämlich nicht ganz redlich zu Werke; um den 
nordischen Text dürftiger erscheinen zu lassen, wie er in Wirklichkeit 
ist, druckt er ein kürzeres Stück davon ab, als wie thatsächlich dem 
dazu in Parallele gestellten Abschnitt aus G.'s Gedicht entspricht. 
Gottfrieds mute entspricht S. p. 5*^: hinn vildasti i gjöfum. Zu seinen 
Worten: Er was der werlde ein wunne stellt sich etwa das. dstsamasti 
i sinum medferdum; zu: Der rüterschefte ein lere: fuUgerr at öllum 



*) Hieher gehört auch folgender Satz auf p. 21: „Es soll darum hier eine Dar- 
legung folgen, inwieweit auch die Form, in der uns Gottfried sein Gedicht hinter- 
lassen hat, sein individuelles Gepräge trägt." Diese aus Lüth und Bechstein zusammen- 
gestoppelte 'Darlegung' ist netto 21 Zeilen lang. 

*) Glöde bemerkt p. 25'): „Ich gebe den Text hier ganz genau nach Kölbings 
Ausgabe ; einzelne Bemerkungen über Stellen, wo meiner Ansicht nach anders zu 
lesen ist, werde ich am anderen (sie!) Orte bringen." Wirkliche Besserungen meines 
Sagatextes werde ich jederzeit mit aufrichtigem Danke acceptieren; aber nach der 
Probe, die der Verf. in dem bei ihm abgedruckten Satze von seiner Kenntniß des 
Altnordischen geliefert hat {viangrar für margrar und die Abtheilung rid\dara8kap 
und nun gar all skonar) , wird er mir es nicht übel nehmen können, wenn ich, vor- 
läufig wenigstens, von seinen „Bemerkungen'' nicht allzu hohe Erwartungen hege. 



ZUR TRISTANSAGE 189 

atgervum. yfir alla menn, er i Jiann Irma vdru i pvi riki. Außerdem wird 
er aber von dem Sagaschreiber noch genannt: vi(r o/c varr i raäa- 
gerdum, forsjdll ok framsf/nn . . . hinn harctasti höräum ok hinn grimm- 
asti grimmum. Daß die in gebundener Rede verfaßte Version denselben 
Gedanken ein anderes Gewand gibt, wie die Prosadiehtung, versteht 
sich ganz von selbst, wie denn ja der mhd. Dichter der Blütheperiode 
bei der Vergleichung mit einem Producte aus der Zeit der Naeh- 
blüthe nordischer Sagaschreibung von Anfang an im Vortheil ist. 
Das führt mich auf einen zweiten Punkt in Glödes Argumentation; 
es heißt dort p. 23: „Der nordische Prosaroman ist 1226 aus dem 
Französischen übertragen, uns nur in wenigen Bruchstücken in einer 
Membrane des 15. Jhd. erhalten, während die Sage vollständig nur 
in einer Papierhs. des 17. Jhd. aufbewahrt ist. Diese Thatsache hat 
Kölbing nicht berücksichtigt, aber bei der Wichtigkeit der Frage . . . 
darf man sie nicht aus den Augen lassen, um gerecht zu urtheilen." 
Und dabei habe ich mich p. XIV f. über diesen Sachverhalt wörtlich 
so ausgesprochen: ..Freilich dürfen wir uns eines dabei nicht ver- 
schweigen, was den Werth dieser Quelle (sc. der Saga) etwas herab- 
mindert: wir besitzen dieselbe nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt, 
wie etwa die Elissaga und die Strengleikar, sondern nur in einer durch 
die mehrfachen Abschriften nicht unbedeutend verschlechterten, nicht nur 
was die Sprache anlangt .... sondern auch was den Inhalt betrifft, 
der, wie eine Vergleichung mit den Membranfragmenten ergibt, zwar 
keine directen sachlichen Änderungen, wohl aber vielleicht nicht unbe- 
deutende Kürzungen erlitten hat. Immerhin müssen wir noch sehr 
froh sein, dal.> von diesem werthvollen Denkmal überhaupt eine Hs. 
auf uns gekommen ist." p. 21 f. stellt Glöde es so dar, als ob ich 
die Form von Gottfrieds Dichtung, die derselben ihr individuelles 
Gepräge gebe, dem Stil, der zu solcher Vollendung nur durch jahre- 
lange Übung heranreife, keine Beachtung geschenkt habe: „Dies 
alles erwähnt Kölbing mit keiner Silbe, als ob jeder beliebige Mensch 
der mhd. Periode dies auch hätte ausführen können." Gewiß spreche 
ich darüber im Verlaufe meiner Untersuchung nicht, weil ich es dort 
nur mit den sachlichen Momenten seines Berichtes zu thun habe; 
leider aber hat mein Gegner in der Hitze des Gefechtes einen von ihm 
selbst (p. 18) citierten Passus aus dem Schlüsse meines Aufsatzes ver- 
gessen, wo ich dazu mahne, in Zukunft bei Vergleichung von mhd. Epen 
mit ihren afrz. Quellen, das Augenmerk in höherem Grade wie bisher 
auf die stilistischen Unterschiede zu richten, wodurch die Vorzüge 

GEKMANIA. Neue Reihe XXU. (XXXIV.) Jahrg. 13 



190 E. KÖLBING 

wie die Schwächen der deutschen Dichtungen in ein neues und helleres 
Licht treten würden. 

Für welche Gattung von Lesern der Verf. G-ottfrieds Einleitung 
hervorhebt (p. 23 f.) und sogar Citate daraus abdruckt und weiter die 
Schwertleite und die Minnegrotte als sein dichterisches Eigenthum 
bezeichnet, ist mir nicht recht klar; das Publicum der Germania dürfte 
sich ob dieser geringen Taxierung seines Wissens schwerlich sehr 
geschmeichelt fühlen. Brauche ich den daraus gezogenen Schlüssen 
gegenüber noch besonders zu betonen, daß ich geradeso wie Heinzel in 
seinem Aufsatz in der Ztschr. f. d. A. XIV einzig und allein auf die 
Theile des Gedichtes Rücksicht nehmen wollte und konnte, zu denen 
sich in den anderen Versionen der Sage Parallelen fanden, und daß 
auf sie allein das am Schlüsse ausgesprochene Gesammturtheil sich 
bezieht? 

Ich will nicht entscheiden, ob Leichtfertigkeit oder Böswillig- 
keit Herrn Glöde bei seinen Behauptungen und Argumentationen die 
Feder geführt hat. Nur einen Grundirrthum von ihm möchte ich noch 
betonen: „Daß Gottfrieds feinfühlige Art der Darstellung und sein 
poetischer Sinn überall die Sage übertreffen", worauf Glöde besonderes 
Gewicht legt, ist mir nie eingefallea, zu bestreiten. Worauf es mir 
vielmehr ankam, war dies. Heinzel ging seinerzeit von der Ansicht 
aus, die vielen Unebenheiten, welche die Darstellung der Tristansage in 
dem englischen Sir Tristrem aufweist, hätten schon der gemeinsamen 
Vorlage des englischen Dichters und Gottfrieds angehört und es sei 
dem Letzteren als Verdienst anzurechnen, daß er sie getilgt habe. Die 
Hinzunahme der nordischen Saga lehrt dagegen, daß diese Schwächen 
fast ausnahmslos nur dem Sir Tristrem anhaften, während Gottfried 
das Richtige bereits in seiner Quelle fand und somit zu geschmack- 
vollen Besserungen keine Veranlassung hatte. Dann erscheint aber 
seine ganze Persönlichkeit als Mensch und Dichter in einem erheblich 
weniger idealen Lichte, wie nach Heinzel's Ausführungen. Dies 
Ergebniß aber hat Glöde durch seinen Aufsatz nicht im Allermindesten 
umgestalten können ^). 

Um jedoch die Leser dieses Blattes nicht nur mit Wiederholung 
von Bekanntem zu langweilen, benütze ich diese Gelegenheit, um auf 
eine, bisher, so viel ich sehe, unbeachtet gebliebene Parallele zu einem 
interessanten Zuge in Tristans Zweikampf mit Morolt hinzuweisen. Dali 



') Vgl. auch Golthers Urtheil über Glödes Aufsatz, Ztschr. f. rom. Phil. XII, 
363 =>). 



I 



ZUR TRISTANSAGK. 191 

derselbe das Abbild eines skandinavischen Holiuganga ist, haben in 
neuester Zeit Sarrazin (Ztschr. f. vergl. Litt. -Gesch., 1. Band, p. 263) 
und Golther (Die Sage von Tristan und Isolde, München 1887, p. 24) 
mit Recht betont. Auf zwei Parallelen dazu innerhalb der englischen 
romantischen Dichtung hat E. Adam (Torrent of Portyngale. London 
1887, p. 107, Anm. zu V. 1268) hingewiesen: den Kampf zwischen 
den Riesen Gate und Torrent und den zwischen Colbrond und Guy 
of Warwick; Beide haben vor Allem das Motiv gemeinsam, daß der 
Riese es ablehnt, zu Pferde zu kämpfen, weil er zu schwer ist, als 
daß ein Reitthier ihn tragen könnte. 

Was die Localisierung beider Kämpfe auf einer Insel im Meere 
anlangt, so findet sie sich ausdrücklich erwähnt in der jüngeren, in 
Reimpaaren verfaßten englischen Version des Guy of Warwick (ed. 
Zupitza, London 1875/76 = Guy B) v. 10133 f.:' 

In a place, where pey schulde hee. 

Yn an yle wythynne thee see. 
Im weiteren Verlaufe des Berichtes freilich wird dies Moment 
auffailenderweise gar nicht mehr betont; Guy gelangt an den fest- 
gesetzten Platz zu Pferde, v. 10188 ff.:j 

And towarde the batell was rydande. 

When he into pe place come, 

Of hys stede he lyght anone. 
In der älteren Fassung, enthalten in der Auchinleck-Hs. (ed. 
Turnbull, Edinburgh 1840 = Guy A) fehlt diese Angabe p. 390 über- 
haupt. In Sir Torrent werden beide Kämpfer in Booten nach der Insel 
übergesetzt, deren Führer dann sofort wieder zurückkehren; v. 1284 ff.: 

Whan sir Torrent in to the ile was brought 

The shvpmen lengei' wold tary nought, 

But Med hem sone ageyn. 
Nach Tödtung des Riesen wird Torrent dann wieder mit dem Boote 
abgeholt und an das Festland zurückgebracht. 

Dagegen möchte ich aufmerksam machen, auf eine bisher über- 
haupt wenig beachtete^) Darstellung des Zweikampfes zwischen Guy 
und Colbronde, in Bishop Percy's Folio Mauuscript, Edited by Haies 
and Furnivall, Vol. II, p. 509 ff., ein Gedicht in der 12zeiligeu 
Sehweifreimstrophe ; dort heißt es v. 202 flf. : 



') A. Tanner, Die Sage von Guy von Warwick, Bonn 1877, p. 52 f. erwähnt 
diese Fassung ganz kurz als enthalten in einem MS. , „das sich im Besitze Percy's 
befand und wie es scheint (!) varia enthielt" — eine etwas merkwürdige Umschrei- 
bung des bekannten Percy Folio MS. 

13* 



192 E. KÖLBING 

Then the gyant loud did crye, 

To tJie king of Denmarke ihese words says hee: 

„Behold & take good lieede! 
205 Yonder is an Hand in the sea: 

From mc he can not scape aioay 

Nor passe my hands indeed; 

But I shall either slay him xoüh my brand 

Or drowne him in yonder salt Strand, 
210 Fro me he shall not scape away. 

Then I will with my owne hand 

Crowne thee king of litle England 

For euer and for aye. 

That loas irue, as the king of Denmarke thonght, 
215 Comanded ,2 barges forth to he bronght, 

And either into one loas done. 

The palmer tvas the first, that ore did passe, 

And as soone as hee to the Hand come loas, 

His bärge there he thrust him from. 
220 With his foote and loith his hand 

He thrust his bärge from the land, 

With the water he lett itt goe, 

He let itt passe from him downe the streame. 

Then att him the gyant luold freane, 
225 Why he wold doe soe. 

Then bespake the palmer anon right: 

„Hither loee be come for to fight^ 

Till the tone of vs be slaine: 

2 botes brought vs hither 
230 And therfore came not both togeiher, 

But one loill bring vs home. 

For thy böte thou hast yonder tyde, 

Ouer in thy böte I trust to ryde^ 

And therfore, gyant, be wäre!'"'' 
235 Trumpetts blew and bade them goe toote, 

The one on horsbacke, the other on foote^ 

But Guy to god was darre. 



217 palmer] gyant Ms. 236 on] om. Ms. 



ZUR TRISTANSAGE. 193 

Zu diesem Zuge stimmt inhaltlich ganz genau Sir Tristrom 
(Heilbronn 1882) v. 1013 ff.: 

Pai seylden into pe icide „Our on schal here ahide, 

Wi'p her schippes tvo; No he poti neuer so jiro, 

Moraunt hond his biside Yiois! 

And Tristrem lete his go; Wheper our to liue <jo, 

Moraunt seyd pat fide: He hap a7iou:^ of jns.^ 
y^Tristrem, lohi dos fow so?^' 

Die genau entsprechende, bekannte Stelle aus Gottfrieds Tristan 
(v. 6795 ff.) brauche ich nicht erst auszuschreiben. 

Nun geht aber das oben erwähnte strophische Gedicht, welches 
diese Zweikampfepisode aus dem Ganzen der Guysage iierausgreift, 
unzweifelhaft auf eine Quelle zurück, welche mit derjenigen, die dem 
Dichter des Guy der Auchinleck-Hs. vorlag, nahe verwandt war; man 
vgl. z. B. Guys Gebet vor der Schlacht in beiden Texten: 

Guy A V. 9903 (Turnb. p. 391 f.:) Guy and Col. v. 157 ff.: 

Lord, seyd Gii, pat rered Lazeroun Crist, that suffer ed tvounds 5 
And for man poled ])assioun And raised Lazarus froni deth tu 

Aiid an pe rode gan hlede, ^ff^j 

rat saued Sussan from the feloun To (1. Do) grant me speech and sight, 
And halp Daniel from pe lyotin, And saued Danyell the lyons froe, 
To day loisse me and rede etc. And borroived Susanna out of looe, 

To (1. Do) grant vs sirength and 
viight etc. 

Ähnlich auch Guy B v. 10193 ff. 

Aus alledem möchte ich folgern, daß in der frz. Guydichtung 
ursprünglich die Scene so dargestellt war, wie wir sie in der Fassung 
der Percy Fol.-Hs. finden. Die Tendenz eines Abschreibers oder Uber- 
arbeiters — was bekanntlich oft auf dasselbe herauskommt — ging 
nun dahin, die Localisierung dieses Holmganges auf einer Insel zu 
beseitigen; was für eine Erwägung ihn dabei leitete, ist freilich schwer 
zu sagen*). Dabei ließ er jedoch aus Versehen ein Verspaar stehen"), 



') Ein merkwürdiger Parallelfall ist, daß die altnordische Tristramssaga oder 
ihre französische Vorlage an der betreffenden Stelle dasselbe Moment gestrichen hat ; 
vgl. Zur Überlieferung etc. p. XLVII. 

^) Dergleichen ist in der Geschichte der Überlieferung der französischen Epen 
keineswegs unerhört; in der des Partonopeus of Blois habe ich einen ähnlichen Fall 
nachgewiesen, Germanistische Studien, herausgegeben von K. Bartsch. Zweiter Band, 
p. 104. 



194 K. BOHNENBERGER 

welchem m der jüngeren englischen Übertragung v. 10133 f. (s. o. 
p. 191) entsprechen. Ein weiterer Überarbeiter entfernte auch noch 
diesen letzten Rest, und eine Hs. dieser Classe lag dem Verf. von 
Guy A vor. Zu ihr gehören — wie ich einer freundlichen Mit- 
theiiung von O. Winneberger, der uns soeben mit einer dankens- 
werthen Arbeit über das Handschriftenverhältniß des frz. Guy erfreut 
hat, entnehme — ferner sämratliche auf uns gekommene frz. fls. 
des Epos. 

Ob der frz. Dichter diesen echt skandinavischen Zug von Todes- 
verachtung aus der Tristansage entnommen hat oder ob beide aus 
einer gemeinschaftlichen Quelle schöpften, bleibt vorläufig eine offene 
Frage. Sicherlich wird man hier nicht von „zufälliger Änlichkeit" 
sprechen können. 

BRESLAU, den 18. April 1889. E. KÖLBING. 



SCHWÄBISCH p. ALS VERTRETER VON a. 

< 

Nach den Arbeiten von Franck (Ztschr. f. d. A. 25, 218 ff.), 
Luick (Beiträge 11, 492 ff.) und besonders Kauffmann (Der Vocalism. 
d. Schwab, in d. Mundart v. Horb, Marb. Habil.-Schr. 1887), sowie 
meinem eigenen Aufsatze (Corresp.-Bl. f. d. Gel. u. Realsch. Württem- 
bergs 1887, 502 SS.) bleibt ') für eine Untersuchung über schwäbisch c 
als Vertreter von älterem a noch die Vervollständigung des Materials 
und die Einzelerklärung. Dabei mag zuvor daran erinnert sein, daß 
vor Nasalen sämmtliche f-Laute geschlossen erscheinen. 

Bei Aufführung des Materials ergeben sich nun folgende Kate- 
gorien: 1. Plural von Substantiven; 2. Adjective auf i^, lieh, 
ern, e?-; 3. die Deminutive; 4. die Nomina agentis auf er; 
5. schwache Verba; 6. eine Anzahl Nomina, welche zunächst in 
keinem näheren Zusammenhange zu stehen scheinen, 7. gewisse Orts- 
namen. 

Im Einzelnen gilt in Betreff des Plurals der Substantive, 
daß, abgesehen vom neutralen Plural auf er und einigen wenigen For- 
men mit ursprünglichem Umlaut des a zu ^ (wie k>eft, n<igl, espif), im 
Plural der starken Declination der Übergang des a in ^ Regel 
geworden ist. Die Ausnahmen verschwinden ganz. Es sind in der 



') Heuslers Aufsatz in Heft I d. B. konnte begreiflicher Weise nicht mehr be- 
rück.sichtigt werden. 



SCHWÄBISCH e ALS VERTRETER VON a. 195 

Tübinger Gegend: hag (aber in Firn. Plural heg)^ halfter, harn, viarter. 
In der schwachen Declination sind die Plurale mit c bei Weitem 
in der Minderheit, Regel ist hier die Erhaltung des a. Es weisen r: 
lade^) (msc), krage, mage, loage, balke. 

Die Adjective auf ig, wie die auf lieh, zeigen mehr Bei- 
spiele mit a als solche mit r, doch sind die letzteren ebenfalls zahl- 
reich. Eine ganz durchgehende Eintheilung ist hier nicht zu gewinnen 
weder nach dem Gesichtspunkte der folgenden Laute, noch mit Be- 
ziehung auf den Plural der zugehörigen Substantive. Zwar wiegen 
unter den Adjectiven mit e solche vor, bei welchen dem Vocale Laute 
folgen, welche nach Braune im Oberdeutschen den Umlaut des a auf- 
hielten (schwechlich, mechtig, neclitig, pr/xhtig, trrchtig, liAsig, drrniig, 
f-rschig, hertig, zertlich, fericig — daneben schnrbelich, frdig, teglich 
[kaum volksthümlich], eschig, frschig, loeßerig), aber mehrere unter 
diesen zeigen auch a {halkig, kalkig, halmig, harzig, warzig). Und 
mehrfach fallen zwar die Plurale und die zugehörigen Adjective in 
Anwendung oder Nichtanwendung des Lautwandels zusammen, aber 
gegenüber Plural mit e steht: saftig, kragich. Geschlossenes e 
haben: kreftig^ negelig, gefMig, fckixj, und vor Nasal: scheniig, ivemsig, 
glenzig, schwenzig. Von den Adjectiven a,\xi -ern zeigen <•: ß.<'[Q\x\sern, 
wechsern, von denen auf -er: heller und in Ortsnamen -rcher, hecher. 

Die Deminutive, jetzt auslautend auf ^e, haben ohne Ausnahme 
e-Laut, und zwar haben e die zu kraft, nagel, asp und die zu Sub- 
stantiven, welche selbst e zeigen, alle übrigen aber e. Neben neg'Ae 
(kleiner Nagel) steht riegele (Nelke). 

Bei den Nomina agentis auf er wiegt e bei Weitem vor: 
Viecher, pechter, wechter, leder, scheffer, hefner, kleger, seger^ schleger, 
tregevy wegner, heiter, ferwer. Dagegen haben a: lacher, Schnarcher. 
Geschlossenes e weisen auf: greber, s-pelter, Schmelzer, setzer. 

Schwache Verba mit e durch die ganze Conjugation sind: 
ernen, fei^wen, gerwen, ezen, schetzen, schwetzen, heweren, dazu aus der 
starken Conjugation loeschen. Im Praesens zeigt e: derf zu dürfen. 

Die Nomina mit /', welche sich nicht unter die schon genannten 
Kategorien stellen lassen, sind: echte (octo), gelechter, dreck, necket, 
gescheft, eile (omnes), eis, kelter, reps, rrw9t (Arbeit), herb, pferd, kei-l, 
leiin, er{^= ahir), ernt, meii'e, scherrets, gfrte, e[r]sch (= anvi:^), sperwer, 



') Eiüfachheitshalber siud gewöhnlich die Formeln der Unagangssprache, 
mehrfach auch die des mhd. bei Beispielsangabe gesetzt und ist nur der in Betracht 
kommende Laut in der Dialectform gegeben. 



196 K. BOHNENBERGER 

esche, ilesch, iescli (sumpfige Bodenversenkung, und in mauUfsch), 
meßer, grter, geschivctz, letz, vetz, heweret. 

Unter den Ortsnamen erscheint f besonders bei denen auf 
-ingen, und zahlreich vor Umlaut aufhaltender Consonanz, wie (mit 
Belegen aus dem württembergischen und fürstenbergischen Urkunden- 
buche): G(>chingen, Hechingen (Hahingun 786, Hech. 1333), Elchingen 
(Neresh.: Alchingen 1140; Grünsb.: Alichingen 1234, Elchingin 1220), 
Melchingen (Malechingen 1154), Elfingm (Elv. 1252, Frank.?) Nellingen 
(Eßl.: Nall. 12. u. 13. Jh. häufig), Nellingsheim (Nall. c. 1243), Der- 
dingen (Tard. 1153, Terd. 1181), Ersingen (Ers. 1194), Erti,>gen (Ert. 
1248), Erz (Arz. und Erz. 1246); durch eine Zwischensilbe vom Suffixe 
-Ingen getrennt: Eclderdingen (Ahttert. 1226), Schrlklingen (Schalkel. 
1248, Schelkel. 1291), Dellmensingen (Talmezz. 1237), Derendingen{^ axodi. 
1098, Tered. c. 1204), Ergenzingen (Argaz. 1228, Ergoz. neben Argoz. 
c. 1150), Merklingen (Marchel. 861, Merkel. 1275). Vor anderweitiger 
Consonanz findet sich e bei ingen: Bcsigheim (Basenkain 1 231, Frank. ?), 
Detzingen (Däz. 1263), Hedelfingen (Hadelv. und Haedelv. 1246), Pf^f- 
fingen (PfafF. c. 1243, PfefF. 1229), Rexingen (Ragges. 1150, Bachs. 
1228). Vor der Silbe -in zeigen f : Ellenweiler (Aglinsw. 1245), Mecken- 
beuren (Mechinburren 1155). Dazu kommen sonst noch: Sperioerseck 
(Sparewarisegge c. 1050, Sperw. 1192), Heslach, Vfsperiveiler (Vasburw. 
1150). Mit e vor Nasal scheinen erst in der Zeit des f-Umlauts (s. u.) 
umgelautet zu sein: Emerkingen (Anemarch. 1241), Gemrigheim (Gamer- 
tinch. 1150, Frank.?) , Memmmgen (Manm. 1223, Memm. 1247), Schiven- 
ningen (Suuan. 1225, Swenn. 1212), Entringen (Anthr. 1240, Enthr. 
1245), Benzingen (Banz. 1237). Vollständig ist diese Zusammenstellung 
nicht, da mehrfach die Etymologie unsicher, oder die Aussprache des 
Namens mir unbekannt ist. Von den Personennamen muß wohl 
abgesehen werden. Als Vornamen sind sie verschwunden, und ihre 
Verwendung als Geschlechtsnamen zu verfolgen, würde zu weit führen. 

Handelt es sich nun darum zu bestimmen, wann der in den 
angeführten Beispielen zu Tage tretende Lautwandel sich vollzog, 
so ist zu beachten, daß sich vielfach darunter Formen mit einer 
Lautfolge finden, welche nach Braune im Oberdeutschen den Umlaut 
bis ins 12. oder 13. Jahrh. aufhielt. Da nun nicht anzunehmen ist, 
daß diese Beispiele zunächst in e umlauteten und dann in e zurück- 
gingen, so wird für diese wenigstens der Wandel des a in f ins 12, 
und 13. Jahrh. zu setzen sein. Das Gleiche ergibt sich aber auch für 
die aufgeführten Ortsnamen auf -ingen. Berechnet man durch Schluß 
aus den folgenden, bezw. vorangehenden Jahren sämmtliche, für die 



SCHWÄBISCH e ALS VERTRETER VON a. 



197 



einzelnen Jahrzehnte nachzuweisenden Formen, so ist auf die Jahre 
1150 — 1260 das Ergebnis folgendes: 





a 


e 




a 


e 


1150 . . . 


14 


1 


1210 . 


. . 11 


5 


1160 . . . 


11 


1 


1220 . 


.11 


rr 

7 


1170 . . . 


11 


1 


1230 . 


. . 8 


7 


1180 . . . 


11 


2 


1240 . 


. . 5 


11 


1190 . . . 


11 


3 


1250 . 


. . 1 


12 


1200 . . . 


11 


4 









Weiter, als es geschehen ist, kann die Zusammenstellung nicht 
geführt werden, da das wiirttembergische Urkundenbuch mit 1252 ab- 
bricht. 

Für alle übrigen Formen mit c im Einzelnen die Zeit des Laut- 
wandels nachzuweisen, wäre sehr schwierig und durch mancherlei 
Voraussetzungen bedingt. Gelingt es aber darzuthun, daß die ganze 
Erscheinnng eine einheitliche ist, so ist mit der Zeitbestimmung eines 
Theils der Formen auch die der übrigen gegeben. — Doch lassen sich 
noch einige allgemeine Gesichtspunkte beiziehen. Die neutralen Plurale 
auf -er zeigen stets geschlossenes e. Haben wir es nun, wie sich unten 
zeigen wird, bei dem Übergänge von a zu e ebenfalls mit einem 
Umlaute zu thun, so ist kaum anzunehmen, daß beide Arten des- 
selben gleichzeitig neben einander her gingen. Dürfen wir somit den 
Übergang in c nicht zu weit hinaufsetzen, so kommt dazu, daß das 
aus a entstandene <\ wo es gedehnt') ist, sich unterscheidet von dem 
alten, bezw. durch Brechung entstandenen c, sofern ersteres als f, 
letzteres als ra (Jy) erscheint. Somit mußte ii sich schon zu ra hin 
entwickelt haben, als a in <• gewandelt wurde. Auf der anderen Seite 
liegt aber auch ein Grund vor, nicht zu weit herabzugehen. Es konnte 
das unbetonte i noch nicht ganz mit e zusammengefallen sein, wenn 
es noch in specifischer Weise auf die vorhergehenden Laute wirken 
sollte. Nun ist i nach Behaghel'') (z. Frage n. einer mhd. Schriftspr., 
in Basler Festschrift für Heidelberg p. 48) zum Mindesten tief ins 
13. Jahrh. hinein erhalten. Unter dem Schutze des nachfolgenden 



') Im schwäbischen Neckargebiete von Tübingen an abwärts ist die alte Kürze 
nur erhalten vor Geminata, Affricata (und deren Vertreter cA), sonstiger Doppcl- 
consonanz außer ht, m, rs, rst (dafür rsch), rt, r^, rz, weiter zum Mindesten in einem 
Theile des Gebietes auch vor t, p {epae = ebehöu, lenis vor h zu fortis) — k findet 
sich nicht nach ursprünglicher Kürze. 

^) Wozu übrigens zu bemerken ist, daß im Schwäbischen t heute noch nicht 
irrationaler Vocal (») geworden, sondern als e erhalten ist. 



198 K. BOHNENBERGER 

Consonanten ist auch i bis heute noch erhalten im Adjectiv auf -ig. 
Aber wir werden bei Erklärung des Lautwandels zu f auch die An- 
setzung des Einflusses selbst von auslautend i (z. B. in der i-Decl.) 
nicht entbehren können. — Diese allgemeine Umgrenzung stimmt zu 
der oben gegebenen Zeitbestimmung. 

Was aber die Frage nach der Art und dem Grunde dieses 
Lautwandels betrifft, so hat Kauffmann denselben als späteren, vom 
ersten geschiedenen Umlaut bezeichnet. Daß es sich um einen Um- 
laut handelt, ist für die Formen, welche unter Braunes oberdeutsches 
Umlautgesetz fallen, schon gegeben, und daß dieser Umlaut vom 
ersten geschieden ist, geht aus der oben gegebenen Zeitbestimmung 
hervor. Somit ist Grund genug vorhanden, von Kauffmanns Bestim- 
mung aus die Einzelerklärung zu versuchen. Aber dabei genügt es 
dann nicht, die ganze Erscheinung direct aus der immer größer 
werdenden Unsicherheit und aus Analogiebildung zu den entsprechen- 
den ursprünglich umgelauteten Formen abzuleiten. Damit ließe sich 
nicht verstehen, warum e und nicht e auftritt. Bei organischer Ent- 
wicklung liegt wohl r auf dem Wege von a zu «, für Analogiebildung 
aber ist r ein eigener, von e geschiedener Laut. — Nun bilden das 
nöthige Mittelglied für die meisten der in Betracht kommenden Er- 
scheinungen die Formen mit ursprünglich i nach Umlaut aufhaltender 
Consonanz. 

Im Einzelnen ist so für die Plurale der starken Declina- 
t i o n mit r auszugehen von Formen wie mhd. : backe, nahte, bälge. 
Die hier im 12. und 13. Jahrh. durchdringende Palatalisierung ist 
wegen des Widerstandes der Consonanz nur bis r gegangen. Sind 
aber hiemit einmal einige Formen mit f erklärt, so lassen sich die 
übrigen als Analogiebildungen zu diesen ansehen, zumal eine Differen- 
zierung im Slammvocal gegenüber dem Singular wünschenswerth 
wurde, als die unterscheidende Endung schwand (vgl. Kauffmann, 
§. 12 An.) Daher blieben nur wenig gebrauchte Plurale zurück. Von 
der starken Declination aus ist der Umlaut durch Analogie auch in 
die schwache eingeführt worden. Dabei bleibt offen, wie frühe die 
einzelnen Formen der Analogie unterlagen. Die Bewegung kann noch 
in Zukunft weiter gehen. Die oben gegebene Zeitbestimmung ist also 
für die Plurale nur als terminus a quo anzusehen. 

Die Erklärung des e in den Adjectiven auf ig scheint inso- 
fern schwieriger, als in der ersten Umlautzeit im Allgemeinen auch 
ohne Umlaut hindernde Consonanz der Umlaut unterblieb. Aber, wie 
oben aufgeführt, gibt es doch auch Formen, welche seit der ersten 



SCHWÄBISCR p ALS VERTRETER VON a, 199 

ümlautzeit Umlaut zeigen, oder bei denen dieser wenigstens aus dem 
geschlossenen e folgt. Und zwar geht aus den Beispielen hervor, daW 
oberdeutsch die Adjective auf irj in der ersten Umlautszeit umgelautet 
wurden, wenn ihnen ganz oder in der Mehrheit ihrer Formen um- 
gelautete Substantive zur Seite standen. Als dann vor Umlaut auf- 
haltender Consonanz im Plural Umlaut zu <• eintrat, wurden die zu- 
gehörigen Adjective mitumgelautet. Daher wiegen gerade diese unter 
denen mit <■ vor. Weiterhin vollzog sich die Ausdehnung auf die 
übrigen Adjective auf i() in Analogiebildung. Wie hart : brrliy, so 
sc/mabel : schncheUg, und vor Nasal glänz : glenzig. So läßt sich dieser 
Umlaut im Adjective analog dem der Substantive erklären und Ein- 
fluß des Zwischenvocals braucht nicht angenommen zu werden, wenn 
auch zuzugeben ist, daß bei Beispielen wie schncbelig, xcrfserig darauf 
zurückgegriffen werden könnte (so Kauffmann, §. 12, Anm. für das 
Deminut.). Aus dem Wechsel von Suffix ich = lg mit ^t erklärt 
sich, daß auch nacket umgelautet wurde zu neckH. 

Ganz das bisher Gesagte gilt auch von den Adjectiven auf 
lieh. An schivechlich schließen sich die übrigen mit f an. Über die 
Adjective auf -ern läßt sich wegen der geringen Zahl der Beispiele 
nicht mit voller Bestimmtheit urtheilen. Die beiden ßf[ch]sern, iccchsem 
zeigen <• vor Umlaut aufhaltender Consonanz. Hier sei auch über die 
Adjective auf -eu, schwäbisch -e, nihd. -hi, obwohl sich unter den- 
selben keine Formen mit <• finden, bemerkt, daß der Umlaut bei ihnen 
nicht weit durchgedrungen zu sein scheint und jetzt offenbar zurück- 
geht. Ohne Umlaut erscheint stets tanneu, in Tübinger Gegend vor- 
herrschend houchen, neben ^spen häufiger aspen, neben hilze.n mehrfach 
holzern, nur eschen ist allgemein gehalten durch die Substantivform 
esche. Über die Adjective auf -er s. bei den Substantiven gleicher 
Endung. 

Den gleichen Weg, wie bei den bisher erklärten Formen, hat 
der Umlaut zu e wohl auch bei den Deminutivis gemacht. Auch 
hier haben wir kreftle, negdle, eckle, esple und dann vor ch als Aus- 
gangspunkt für die übrige Bewegung mit c hechle. Nur ist für die 
Derainutiva aus dem Sprachschatze des mhd. noch weniger zu ersehen, 
da in diesem überhaupt wenig Deminutiva enthalten sind. Will man 
den Umlaut zu <■■ bei den Deminutiven auf einen Mittelvocal zurück- 
führen, so stößt man bei Erklärung des Unterschiedes zwischen 
kreftle und negdle einerseits und hechle anderseits auf Schwierigkeiten 
Die Form n('g<>le (Nelke) zeigt gegenüber negdle den jüngeren Umlaut 
und erweist sich damit auch als jüngere Bildung, wobei aber auf- 



200 K- BOHNENBERGER 

fallend bleibt, daß im gleichen Worte eine solche neben der älteren 
soll aufgekommen sein. 

Verwickelter wird die Frage bei den Nomina agentis auf 
•er, alt ari. Es stehen hier wohl auch neben Verbis mit e Nomina 
mit solchem, wie decker, speüer, Schmelzer, setzer, aber man kann doch 
fragen, ob die wenigen Beispiele mit Umlaut aufhaltender Consonanz 
und offenem e {gerher, fptver) für sich allein den Ausgang zur allge- 
meinen Umlautsbewegung zu c gegeben haben. Es empfiehlt sich hier 
auch die Bildungen mit anderweitigen Vocalen beizuziehen, welche 
von umgelauteten Verben abgeleitet sind und denen Substantive mit 
umgelautetem Plurale und Singular ohne Umlaut zur Seite stehen, 
wie ßötzer : ßotz : flötze, iräumer : träum : träume» Waren nun einmal 
die Plurale hefen und torgen gebildet, so entstehen die Reihen hefner : 
hafen : hefen, ivcgner : loagen '. wegen. Dann folgten die übrigen nach, 
auch die, welchen kein umgelauteter Plural zur Seite stand, wie 
mecher, scheffer. Die zurückgebliebenen lacher und Schnarcher sind 
wenig gebraucht. Bei anderweitigen Vocalen außer a, bei welchen 
der Umlaut im Plural nicht so weit ausgedehnt ist, finden sich auch 
Bildungen auf -er ohne Umlaut in verhältniß mäßig größerer Zahl. — 
An die Substantive mögen sich die Adjective auf -er anreihen. Hier 
findet sich aus der Zeit des Umlautes zu e stetter als Ableitung von 
Ortsnamen auf -stetig -stetim (nicht auf -stat). Somit ist hier der Um- 
laut nicht erst durch das Suffix -er gewirkt. Nach Analogie dieser 
Derivate von alten Ortsnamen werden nun auch solche von neuen 
gebildet: Weilrstetr (Weil der Stadt) gebildet, wie Mögsteir {Mögstet 
^= Magstadt). Als dann in der zweiten Umlautszeit vor dem Suffix 
-er der Nomina agentis Umlaut zu e eintrat, bildete man von Orts- 
namen auf -ach^ -buch die Derivate auf echer, hecher. Bei anderen 
Vocalen tritt der Umlaut auf in -hefr (-hof), -derfr (-dorf), -aer (-au), 
-haisr (-hausen). Seit die Endsilbe der Ortsnamen verflüchtigt ist, 
sind keine Neubildungen dieser Art mehr möglich, darüber sind auch 
alte Bildungen mehrfach vei-loren gegangen, und wo bei erhaltenem 
Vocal der Schluß silbe neue Derivate auf -er gebildet werden, fehlt 
ihnen vielfach der Umlaut. — Hierher gehört auch heller, bei dem aber 
fraglich bleibt, ob es als selbständige schwäbische Bildung anzusehen, 
oder aus dem Fränkiscken überkommen ist. — Endlich schließt sich 
noch an das Substantiv speriver {sperwl) gegenüber älterem sparwcere, 
welches dem Umlaut der Nomina agentis und der Adjective auf er 
sich angeschlossen hat. 



SCHWÄBISCH e ALS VERTRETER VON a. 201 

Unter den schwachen Verben zeigt der größere Theil derer 
mit umlautaufhaltender Consonantenfolge dennoch e und muß also in 
Zusammenhang mit der ersten Umlautszeit umgelautet sein : verkAten, 
Spelten, schmelzen^ scherfen, sterken, verderben. Zurückgeblieben sind in 
der ersten Zeit und zeigen e nach der oben gegebenen Zusammen- 
stellung je eines mit rf und rn, dann zwei mit ric, wie auch nach 
Braune riv den Umlaut ganz besonders aufhielt. Als späte Bildung 
erklärt sich he.weren : hawer =ft;noen : fariü[e]. Aber auffallend bleiben 
die Verba mit r vor z und seh. Sie scheinen überhaupt die einzig 
gebräuchlichen zu sein, in welchen diese Consonanten auf ursprünglich 
a folgen. Ihnen gegenüber ist die Menge der übrigen schwachen Verba 
zurückgeblieben und hat a erhalten. So kann man, zumal noch eine 
Anzahl Substantive mit e vor seh hinzukommen und umsehen zur 
starken Conjugation gehört, an Einfluß der dentalen Consonanten 
denken. Aber dem steht wieder das methodische Bedenken gegen- 
über, daß sonst dieser Lautwandel zu e stets auf vocalischen Einfluß 
zurückzuführen ist. 

Erproben muß sich die bisher angewandte Erklärungsweise an 
dem Reste der Nomina. Nun finden sich unter diesen wie unter den 
Verben eine ziemliche Anzahl Formen mit e, also älterem Umlaute 
trotz umlautaufhaltender Consonantenfolge. Es sind dies außer den 
Abstracten auf alt i (s. Braune, Beitr. 4, 555) er6[e], msc. und 
ntr., der Positiv hert, sämmtliche Comparative und Superlative 
und mit letzteren auch herbst. Dagegen haben vor ursprünglich umlaut- 
aufhaltender Consonanz organisch gewirkten Umlaut zu f. echte (octo, 
nach Kauffraann, Beitr. 13, 394 neutr. plur., jedenfalls nicht zurück- 
zuführen auf msc. mit /, wie sibuni, weil das i des Nom. plur. der 
i-Decl. als kurz im schwäbischen abgefallen ist, z. B. gest, das erhaltene 
e im Auslaut aber frühere Länge oder früheren Diphthong voraus- 
setzt) , zivrlf hrrb, ernt, merr, gerte, e[v\sch, wobei in dioahila und 
mariha einfaches h und r in der ersten Umlautszeit den Umlaut auf- 
gehalten haben. In Analogiebildung schlössen sich an mit r -\- Cons. 
kerl (zugleich auch unter dem Einflüsse des Deminutivs), und rriodt 
(lautend wie h^wdrdt). Wenn weiter in sämmtlichen Formen von al-, 
auch in als e erscheint, so mag der Umlaut hier vom Neutr. plur. 
ausgegangen sein (Kauffmann, Voc. §. 12), wie bei echte. Solche Aus- 
breitung ist wohl denkbar in einer Zeit, in der sich f weit aus- 
dehnte. Bei letz, fetz kann die inlautende Affricata nach Vocal als 
aus doppelter Fortis verschoben auf geminierendes i hinweisen, und 
dann hat z, wie im Verbum, so auch in diesen Nomina den Umlaut 



202 K. BOHNENBERGER. SCHWÄBISCH e ALS VERTRETER VON a. 

ZU e gehindert. Aber nachzuweisen sind keine Formen mit zu Tage 
tretendem i. Über die Substantive mit folgendem seh, s. oben 
beim Verbum. Das etwa mit a übrig bleibende masche ist nicht volks- 
thümlich (dafür schlaufe). Auch bei mefier ist das Ausbleiben des Um- 
lautes in der ersten Uralautszeit höchst merkwürdig. Sollte das Wort 
in alter Zeit im schwäbischen nicht volksthümlich gewesen sein, oder 
ist von der bei Kluge Wb. angeführten P^orm maz-sahs auszugehen und 
der f-Laut später aus dem Fränkischen herübergenommen? Bei dreck 
fehlt noch sichere Bestimmung der germ. Form. Wird geter^ wie das 
schriftdeutsche Gitter auf gegattr zurückgeführt, so ist damit noch 
nicht alles erklärt. Die alten neutralen collect! ven j'a-Stämme mit 
Fraefix ge- zeigen regelrechten Umlaut zu e: gffell, gelieg, geheck. 
Somit muü geter eine Form jüngerer Bildung sein. Mit Umlaut auf- 
haltender Consonanz und Umlaut zu e gegenüber einer Grundform 
ohne Umlaut gibt es aber keine völlig gleichartige Bildung, nur das 
ähnliche gelechter, in welchem die Länge des Vocals vor ch beweist, 
daß dies = germ. h und die Form alt ist. Will man diese einzige 
und nicht einmal ganz gleichartige Form nicht als Anlaß zur Analogie- 
bildung ansehen, so kann man aber auch weiter ausholen und davon 
ausgehen, daß bald e und nicht mehr e dem Bewußtsein als Umlaut 
von a erscheinen mußte, als einmal der Umlaut zu e sich ausgedehnt 
hatte. Denn die Bildungen mit e lagen äußerlich betrachtet so weit 
ab von den zu Grunde liegenden Formen mit a, daß deren Zusammen- 
gehörigkeit viel weniger nahe lag, als der Wandel von a zu e. Nun 
konnte der Umlaut anderweitiger neutraler Collective mit Praeüx ge- 
veranlassen, daß das Collectiv zu gater mit dem damals als Umlaut 
zu a geltenden e gebildet wurde. Dem läßt sich anreihen geschwez zu 
swaz, welches aber sein e auch unter dem Einfluß des zugehörigen 
Verbums erhalten haben kann, wie hew^r9t. Nicht volksthümlich ist 
er = ahd. ahir (wofür fese, kolbe, kife) und geschqft. Über spqrwer 
und hqller s. oben bei den Nomina agentis, über necket bei den Ad- 
jectiven auf ig. Unter den Fremdwörtern geht keller zurück auf kalter, 
und es wird wohl die Endung er Anlaß zu Umlaut aus Analogie 
gegeben haben. Bei ff^rd erklärt sich die Erhaltung des a in der 
ersten Umlautszeit, wenn das Wort erst im 8. Jahrh. entlehnt wurde 
(Kluge, Wb.) und als Fremdwort zunächst dem Umlaut widerstand. 
Das Gleiche wird gelten für krett = mhd. kratte (Korb), wofür übrigens 
in Tübingen heute noch kraft. In r^ps muß das i der Form rapic[mm\ 
den Umlaut veranlaßt haben. Dies bleibt aber auffallend, wenn das 



FRANZ. KRATOCHWIL, ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND etc. 203 

Wort, wie Kluge will, erst nhd. entlehnt ist. Für hym. ist voraus- 
zusetzen lerman aus allerman. 

Einfacher liegt die Sache zum SchhiLi wieder bei den Orts- 
namen. Die mit Umlaut aufhaltender Consonanz vor i, sowie Sper- 
icefi'seck sind durch das bisherige erklärt. Bei HMelfingen, Rfxingen ist 
in der ersten Umlautszeit der Umlaut durch die dazwischen liegende 
Silbe aufgehalten, wobei dahingestellt sein mag, ob bei solchen Formen 
der Umlaut ein organischer ist, oder durch Analogie gewirkt. Nöthig 
ist die erstere Auffassungsweise nicht. Für B^sigheim könnte d anzu- 
setzen sein, in Pfeffmgen wurde das a zunächst noch gehalten, weil 
pfafjo als Bestandtheil deutlich zu Tage lag. Der gleiche Grund mag 
lür Alemviingen, Schivenningen gelten. In Detzingen hat wie auch sonst 
z in der ersten Umlautszeit den Umlaut aufgehalten. Bei Iledich er- 
scheint der Umlaut vor der Endung ich = acli = ahi, wie auch 
sonst in jüngerer Zeit (z. B. steckich = stockach). Vqnpei'xveÜHr ver- 
dankt seinen Umlaut erklärender Umbildung. 

TÜBINGEN, VA. December 1888. K. BOHNENBERGER. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER 
SUCHEN WIRT - HANDSCHRIFTEN. 

Mit zweln großen, bisher uubekannten Ergänzungen zu Suchenwirta Gedichten. 



Seit Jahren war ich bemüht, die in verschiedenen Bücher- 
saramlungen zerstreuten Suchen wirt- Handschriften kennen zu lernen, 
zu besehreiben und kritisch zu vergleichen, um so eine breite Basis 
lür eine möglichst vollständige, kritische Ausgabe der Gedichte 
Suchenwirts zu sciiaffen. Daß ich bei diesem Streben nicht wenig 
auf das Wohlwollen der Bibliotheksverwaltungen angewiesen war, 
leuchtet ein; ich bin in der angenehmen Lage, berichten zu können, 
daß ich freundliches Entgegenkommen nahezu überall, wo ich anklopfte, 
gefunden habe. Ich danke hiefür öffentlich auf das Wärmste, besonders 
dem Vorstande der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien, Herrn Hof- 
rath Dr. fernst Ritter von Birk, und dem Scriptor daselbst, Herrn 
Dr. A. Göldlin von Tiefenau , dem Herrn Dr. G. E. Friess, Pro- 
fessor am Gymnasium des Benedictinerstiftes Seitenstetten, dem hoch- 
würdigen Herrn P. Florian Schininger, Vorstand der Cistercienser- 
abtei Schlierbach", dem Herrn Bibliothekar des Benedictineratifte 



204 FRANZ KRATOCHWIL 

Kremsmünster, P. HugoSchmid,dera geehrten Verwaltungsausschusse 
des Böhmischen Museums in Prag, dem Geheimen Hofrath Professor 
Dr. W. Pertsch, Oberbibliothekar der herzoglichen öffentlichen Biblio- 
thek zu Gotha, und Herrn Dr. Bender, Vorstand der Universitäts- 
bibliothek zu Heidelberg [lange todt. O. B.]. Den ehemaligen Ober- 
bibHothekar der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden, Ge- 
heimen Hofrath Professor Dr. E. W. Förstemann erreichen meine 
Dankesworte nicht mehr im Amte, der frühere Director der königlichen 
Hof- und Staatsbibliothek zu München, Professor Dr. Karl Halm 
vernimmt sie gar nicht. 

Auch allen Freunden und Bekannten, die mich in irgend einer 
Weise gefördert haben, danke ich hiemit bestens, besonders den 
Herren Universitätsprofessoren Dr. Richard Heinzel in Wien, Dr. 
Hermann Paul in Freiburg im Breisgau und Dr. K. A. Barack, 
Oberbibliothekar der Universitäts- und Landesbibliothek zu Straßburg. 
Es würde mich freuen, wenn durch die Veröffentlichung dieser 
Arbeit eine Anregung gegeben würde, den Spuren Suchenwirtischer 
Gedichte nachzugehen und etwa gefundene auf dem kürzesten Wege 
bekannt zu machen. Ich glaube, es ließe sich^ besonders in Miscellan- 
handschriften, hie und da noch etwas finden. So habe ich erst jüngst, 
freilich für diese Untersuchung zu spät, aus den Beiträgen zur Quellen- 
kunde der altdeutschen Literatur von K. Bartsch ersehen, daß trotz 
fleißiger Suche mir doch zwei Recensionen [Suchenwirtischer Gedichte 
entgangen sind. 

WIEN, im Juli 1888. 

L Handschriften. 

L A. 

Aus Katalogen und durch zahlreiche Anfragen auf verschiedenen 
Bibliotheken sind mir einundzwanzig Handschriften, welche Gedichte 
Suchenwirts enthalten, bekannt geworden. Die bedeutendste von 
allen ist A, eine Papierhandschrift der k. k. Hofbibliothek in Wien, 
Nr. 13045, 8". Durch den erst in neuester Zeit erfolgten Einband 
(rother Juchten, im Geschmacke des 14. Jahrhunderts gepreßt, mit 
schön bronzierten stilvollen Schließen, auf dem Rücken mit Gold- 
buchstaben „Peter Suchen wir t") erhält die Handschrift ein quart- 
förmiges Aussehen. Die drei leeren Blätter nach dem vorderen sowie 
vor dem rückwärtigen Deckel sind eine Zuthat des außerordentlich 
geschickten (bereits verstorbenen) Buchbinders Fr. Kraus s in Wien; 
er hat es auch verstanden, die stellenweise an den Blattenden sehr 
abgegriffene und ausgefranste Handschrift aufs Beste zu reparieren. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 205 

Die Haudsclirift selbst besteht aus zweihundertzweiuudfünfzig 
Blättern. Die mit Blei angebrachte fortlaufende Paginierung ist bis 
pag. 48 richtig, da aber die nächste Seite auch mit 48 bezeichnet 
ist, so ist von hier an jede Zahl um eins zu niedrig. Um einerseits 
den Fehler auszugleichen , anderseits aber nicht in dauernden Wider- 
spruch mit der nun einmal vorhandenen Zählung zu gerathen, citiero 
ich in der Folge 48* und 48". Die Paginierung stammt aus unserer 
Zeit; jedenfalls war sie schon vorgenommen, bevor die Handschrift 
gebunden wurde; denn dadurch wurden die Zahlen von 421 ab mehr 
oder minder weggeschnitten. Höchst wahrscheinlich rührt sie von Alois 
Primisser^) her, gewesenem Gustos des k. k. Münz- und Antiken- 
cabinetes und der k. k. Ambrasersammlung zu Wien ; dafür spricht 
auch, daß sie nur bis Seite 483 (richtig 484) reicht, denn Seite 1 bis 
483 bringen ausschließlich Suchenwirtische Gedichte. Sie sind schon 
1827 in seiner bekannten Ausgabe der Werke Peter Suchenwirts ver- 
öffentlicht worden, jedoch abweichend von der in der Handschrift 
eingehaltenen Aufeinanderfolge. Diese zu kennen, ist aber aus meh- 
reren Gründen nöthig; sie ist aus nachstehender Tabelle ersichtlich. 



» fc- 








■ä-So 


Pri- 


Von Seite . . . der 


1 






missers 
Zählung 


Handschrift bis 
Seite . . . 


Überschriften 
der Gedichte 


Geschrieben vom 


1 





1, Z. 1—7 


Titel fehlt 




'2 


I 


1,Z.8— 9,Z.10 


Von Chünik ludwig von 
Ungerlant 




3 


II 


9, Z. 11 — 12, 
Z. 20 


Von der Kayserin von Payrn! 


1 . Schreiber 


4 


xxni 


12, Z. 21 — 17, 
Z. 12 


Ein red von der Minne 




5 


IX 


17, Z. 13—27, 
Z. 24 


Di von Elrwach vö hn 
puppli 




6 


XLV 


28 bis Ende der- 


Ein red von liübscher lug 




7 


XXIV 


selben Seite 
29, Z. 1—42, 
Z. 12 


Die Minne vor Gericht 
NB. Der Titel stammt von P 


2. Schreiber 

1 


8 


XI 


42, Z. 13 — 54, 
Z. 10 


VonGrafl" vlreich von Phfan- 
berg 





') Dafür sowie für seine Sucbeuwirt-Ausgabe steht im Nachfolgenden gewöhn- 
lich P. 

GERMANIA. Nene Reihe. XXII. (XXXIV.) Jahrg. 



14 



206 



FRANZ KRATOCHWIL 



I ® in I 



Pri- 
mis sers 
Zählung 



Von Seite . . . der 

Handschrift bis 

Seite . . . 



Überschriften 
der Gedichte 



Geschrieben vom 



9 
10 
11') 
12 

13 

14 
15 
16 

17 



19 
20 
21 

22 



X 

XII 

III 
xni 

XIV 

VII 

VI 

XXI 

XXV 

XXVI 
XXVII 

XV 

vm 



54, Z. 11 — 64, 

Z. 19 

64, Z. 20—70, 

Z. 19 

70, Z. 20—80, 

Z. 18 

80, Z. 19—89, 

Z. 14 

89, Z. 15 — 99, 
Z. 3 

99, Z. 4—114, 

Z. 3 
114, Z. 4—124, 

Z. 13 
124, Z. 14—134 

Z. 7 

134, Z. 8—142, 
Z. 20 

143, Z. 1 — 156, 
Z. 22 

157, Z. 1—159, 

Z. 16 
159, Z. 17—163 

Z. 14 
163, Z. 15—171, 

Z. 25 

171, Z. 26—182, 
Z. 5 



Von h^n puppily von Elrwach 

NB. Zweite Bede 
Von her herdegen von 

PetAw 
Von h^rn vireich von wallsse 

NB. Erste Fassung 

Von h'tzog Albrecht vö 

Ostereich (II. f) 

Von hn vir von walse 
NB. Zweite Fassung 

Von h'rn fridreichen dem 

Chreuzzpekch 
von purgf Albrechten von 

Nurnberch 

von kernden h'^czog hain 

reich 

Die reD haist D brief 



2. Schreiber 



3. Schreiber 



4. Schreiber 



Die schon abeutewr 

Daz geiaiD 

D*^ Rat von Dem vngelt 

von Leutolten von Stadekk 



Vo b-er pvrcharten eller 
bach Dem alten 



5. Schreiber 



6. Schreiber 



7. Schreiber 



8. Schreiber 



9, Schreiber 



') Den Text dieses Gedichtes begleitet am linken Rande der Handschrift eine 
mit Blei angebrachte Verszählung (von fünf zu fünf Versen). Sie stammt wahr- 
scheinlich von derselben Hand wie die Paginjerung und findet sich auch in Nr. 14, 
17, 20, 21, 24, 25, 27, 31, 35, 39 und 44, 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-H8S. 207 



9 h 

f »'S 
fms) 


Pri- 
misse rs 
Zählung 


Von 
Ha 


Seite . . . der 
iidschrift bis 
Seite . . . 


Überschriften 
de r Gedichte 


Geschrieben vom 


23 


XXVIII 


182, 


Z. 6—193, 
Z. 28 


die haist d' widertail 






24 


XVI 


193, 


Z. 29 — 203, 
Z. 20 


von Graff vireichen von 
Tzili 






25 


XXIX 


203, 


Z. 21—213, 
Z. 16 


Von Dem phenig 


. 10. 


Schreiber 


26 


XXX 


213, 


Z. 17 — 223, 
Z. 20 


Von D*^ mynn slaff 






27 


xvn 


223, 


Z. 21—231, 
Z. 25 


Von hern Fridreichen von 
lochen 


, 




28 


XXXI 


232, 


Z. 1—241, 
Z. 20 


Das ist Di verlegenhait 


. 11. 


Schreiber 


29 


XXXIX 


242, 


Z. 1—252, 
Z. 20 


Daz sind Di tzelien gepot 


1" 


Schreiber 


30 


XXXII 


253, 


Z. 1—255, 
Z. 20 


Daz ist Di geitichait 


1 
1 




31 


xxxm 


256, 


Z. 1 — 262, 
Z. 10 


Daz ist Der getrew rat 




Schreiber 


32 


XIX 


262, 


Z. 11 — 266, 
Z. 15 


Daz ist Di red vom Teichner 


14. 




33 


IV 


267, 


Z. 1—299, 
Z. 7 


Von HHzog Albr' Ritt^schaft 


Schreiber 
















34 


XXXIV 


299, 


Z. 8—305, 
Z. 7 


Von Der tursten tailung 


i- 


Schreiber 


35 


xvin 


305, 


Z. 8 — 330, 


Von h'^n Hansen Dem Trawn*^ 


16. 


Schreiber 








Z. 12 




36 


XL 


330, 


Z. 13—342, 
Z. 9 


Daz sint Die l'yben tod sünd 


17. 


Schreiber 



') S. 342, Z. 10—343 Ende unbeschrieben. 



14* 



208 



FRANZ KRATOCHWIL 



fMtS9 


Pri- 

missers 
Zählung 


Von Seite . . der 

Handschrift bis 

Seite . . . 


Überschriften 
der Gedichte 


Geschrieben vom 


37 


XLI 


344, 


Z. 1 — 418, 
Z. 7') 


Die siben frewd Mariae 
NB. Vgl. S. 209. 


y 18, Schreiber 
1 


38 


XLII 


420, 


Z. 1—428, 
Z. 4 


Die red von Dem Jüngsten 
gencht 


1 


39 


XXXV 


428, 


Z. 5—432, 
Z. 24 


Von Zwain Päbsten 




40 


XXII 


433, 


Z. 1—442, 
Z. 14 


Die reD haizzt D^ new rat 




41 


XLIU 


442, 


Z. 15—445, 
Z. 17 


Die reD haizzt D^ frömD sin 


. 19. Schreiber 


42 


XLIV 


445, 


Z. 18—450, 
Z. 21 


Die reD ist Equiuocum 




43 


XXXVI 


451, 


Z. 1—454, 
Z. 21 


Die reD' haizzt D' vmbchert 
wagn 




44 


XXXVII 


455, 


Z. 1—460, 
Z. 3 


Von Der fürstn chrieg vnD 
von Des reiches stetn 




45 


XXXVIII 


460, 


Z. 4—477, 
Z. 4 


Daz sinD aristotiles ret 




46 


V 


477, 


Z. 5—483, 


Von h'rtzog albo säligen in' 


1 








Z. 9 


öst'reich 


1 20. Schreiber 



Der Raum nach der 9. Zeile auf Seite 483 ist unbeschrieben, 
ebenso die nächsten 15 Seiten (vgl. S. 230) ; dann folgt auf zwein Seiten 
ein Tobias Segen **), die letzten drei der Handschrift selbst ange- 
hörigen Seiten sind hie und da mit bereits abgeblaßten Wörtern be- 
kritzelt. 

Die Schrift des Tobiassegens stammt wohl noch aus dem 
15. Jahrhunderte, jedenfalls ist sie jünger als die von A. Volumen 

') S. 418, Z. 8—419 Ende unbeschrieben. 

') Er ist mit keiner der beiden in der Ztschr. f. d. Alt., 24. Bd. (1880), S. 182 ff. 
mitgetheilten Fassungen identisch, doch zeigt er mit V. 1—50 des ersten dort ange- 
führten Segens einige Ähnlichkeit. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUOHENWIRT-HSS. 209 

VII. (erschienen 1875) der Tabulae codi cum manu scriptorum 
praeter graecos et orientales in bibliotheka palatina vindobonensi 
asservatorum setzt (pag. 180) ganz allgemein A in das 15. Jahr- 
hundert; ich möchte die Handschrift dem Ende des 14. oder 
doch sp.ätestens dem Anfange des 15. Jahrhundertes zu- 
weisen. 

Freilich ist die Schrift in A nicht eine durchgehend gleich- 
mäßige: es haben eben mehrere Hände daran geai'beitet. Für den in 
einer Coluraue mit abgesetzten*) Versen — ihre Zahl ist auf keiner 
Seite höher als dreißig und sinkt, wenn man von den in der Tabelle 
Nr. 36, 37 und 46 berührten Fällen absieht, nur selten bis fünfzehn 
— gegebenen Text der Gedichte wurde ausschließlich schwarze Tinte 
verwendet, nur in Nr. 41 sind die vier letzten Zeilen mit rother 
Tinte geschrieben. Roth sind auch die Überschriften der Gedichte 
bis auf Nr. 23, deren Titel schwarz ist. Bei drein Gedichten fehlen 
die Überschriften: bei Nr. 1 und 7 wegen Lückenhaftigkeit der 
Handschrift, bei Nr, 37 durch den Schreiber, welcher den für den 
Titel auf S. 343 reichlich vorhandenen Raum zu benützen unterließ. 
Da aber Suchenwirt im fünften Verse vor Schluß dieses Gedichtes 
sagt : Di sihen freicd haizzt Daz getichf, 

so läßt sich mit ziemlicher Sicherheit die fehlende Überschrift er- 
setzen. — Als Gegenstück dient das Gedicht Nr. 44, dessen Titel 
zweimal geschrieben wurde: Ende der S. 454 und zu Anfang der 
S. 455. 

Roth ist auch sehr häufig die Initiale der einzelnen Gedichte, 
und zwar in sechsunddreißig von sechsundvierzig Gedichten der 
Handschrift, in Nr. 31, 33 und 35 ist sie roth verziert; nur in wenigen 
Gedichten (Nr. 18, 22, 23, 34 und 36) entbehrt sie ganz der rothen 
Farbe. 

Der Anfangsbuchstabe jedes ersten Verses ist groß^) 
bei den Anfangsbuchstaben der übrigen Verse ist es meistens der 
Fall; klein (mit nur wenigen Ausnahmen) sind sie blos in Nr. 19 und 
21; in Nr. 35 beginnen (doch mit einzelnen Ausnahmen) die ungeraden 
mit großen, die geraden Verszeilen mit kleinen Anfangsbuchstaben, 
in Nr. 18, 20, 34 und 36 wechseln sie ohne Regel, doch so, daß in 

18 und 34 die großen, in 20 (stammt von demselben Schreiber wie 

19 und 21) die kleinen Anfangsbuchstaben vorwiegen. 



') Einige Ausnahmen zeigen sich in Nr. 18 und zu Anfang von Nr. 37. 
') In den Nummern 38 — 45 ist er sogar auffällig groß. 



210 FEANZ KRATOCHWIL 

Unbekannt ist mir, wie P in der Besehreibung von A (dieselbe 
reicht, von einigen Zeilen der Einleitung auf S. XLIII, XLIV, LII 
und LIII abgesehen, von S. XLV — XLVIII) zur Behauptung kam: 
„Die Verse sind alle abgesondert geschrieben, jeder mit einem roth 
durchstrichenen Anfangsbuchstaben" (S. XLVI). Ein Blick in die 
Handschrift zeigt die Unrichtigkeit der letzteren Behaup- 
tung. Nur die vom ersten und vorletzten Schreiber herrührenden elf 
Gedichte (Nr. 1-4 und 38—44 auf S. 1—17 und 420—460) zeigen 
die großen Buchstaben am Anfange der Verse roth durchstrichen, und 
zwar vertical oder wagrecht die ersteren, die letzteren von oben 
nach unten. In allen anderen Gedichten sind die Anfangsbuchstaben, 
abgesehen von jedem ersten Verse und ganz vereinzelten Ausnahmen, 
einfach schwarz ; nur in Nr. 37 wechseln schwarze Anfangsbuchstaben 
ziemlich regelmäßig mit von oben nach unten roth durchstrichenen. 
Ganz allein in diesem Gedicht begegnen auch rothe Anfangsbuch- 
staben, fast auf jeder Seite einer, und zwar zu Beginn der Darstel- 
lung einer jeden der sieben Freuden, gewöhnlich zu Anfang eines 
Citates oder nach einem größeren Abschnitte. 

Am Anfange der Verse herrscht somitder große Buch- 
stabe ziemlich unbestritten. Seine Anwendung ist aber auch 
im Innern der Verse ausgedehnter als in mhd. Zeit, aber 
ganz inconsequent; letzteres ist schon aus den in der Tabelle 
S. 205 — 208 angeführten Überschriften ersichtlich, desgl. aus dem Texte 
der Handschrift^ welcher häufig genug (so in Nr. 2, 5, 9, 20, 22, 24 
bis 27, 29, 33, 36—39, 41, 43—46) nicht einmal alle Orts- und Per- 
sonennamen mit großen Anfangsbuchstaben bringt, wohl aber nicht 
selten wenig bedeutende Wörter (besonders in Nr. 36 und 37) ; so 
begegnet in Nr. 15 der Vers 239: 

Edler purgraf albrecht 

u. s.w. Anders in Primissers Ausgabe: denn diese ist kein diplo- 
matisch treuer Abdruck von A; P hat sich vielmehr bezugs der 
großen Anfangsbuchstaben für den Druck eine feste Norm gebildet 
und schrieb alle Personen- und Ortsnamen, sowie alle persönlich oder 
allegorisch gebrauchten Ausdrücke (DerPhenning sprach XIX 140, 
in XXIV der Mai, der Winder, die Minne, Staete, Gerechti- 
kait u. s. w.) mit großen Anfangsbuchstaben, desgl. den Anfang der 
directen Rede nach einem Doppelpunkte. 

Letztere, sowie alle Anführungs- und Bindezeichen, kurz nahezu 
sämmtliche Unterscheidungszeichen gehören dem Herausgeber 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 21 1 

an. Nur die wenigsten der hier in Betracht kommenden Zeichen der 
Handschrift lassen die Deutung eines mit Absicht gesetzten Unter- 
scheidungszeichens zu ; die meisten erscheinen als Spielereien der 
Schreiber. So trifft man den Punkt nach dem Titel eines Ge- 
dichtes nur sehr selten (Nr, 2 und 6), zuweilen aber einem latei- 
nischen c ähnliche Zeichen (Nr. 5 und 6) oder eine Kritzelei (Nr. 11), 
meist mit zwein oder drein vorgesetzten Punkten (Nr. 33, 35, 39 und 
nach dem ersten Titel von 44). Der Punkt findet sich auch am Ende 
eines Gedichtes nur ausnahmsweise (Nr. 21), desgl. der Strich- 
punkt (Nr. 13, hier wie in 21 vor dem Worte amen), öfter aber 
Kritzeleien (Nr. 11, 12, 18, 26, 36, 37, 40 und 45), oder Doppel- 
punkte mit einem Striche oder Schnörkel (Nr. 4, 33 — 35). Durch 
Verbindung von Doppelpunkten, Strichen und Schnörkeln bilden die 
Schreiber ganze Zeilen; so unter dem letzten Verse von Nr. 21 
(während in Nr. 41, 42, 44 und 45 auf den letzten Vers ein rother 
Strich in der Länge einer Zeile folgt), aber auch innerhalb von 
Nr. 37, und zwar roth nach V. 502, mit dem S. 367 schließt, und 
einmal schwarz nach V. 1473 (Ende der S. 414). Am Ende der 
Verse setzt der vorletzte Schreiber gerne einen schiefen Strich, be- 
sonders in Nr. 38 und 39, nicht so häufig in den gleichfalls von 
seiner Hand stammenden Gedichten 40—45; belanglose Punkte finden 
sich in Nr. 21 nach den Versen 123, 199 und 220, in Nr. 36 fast 
nach jedem Vers; in Nr. 22 nach V. 221 steht der Punkt am richtigen 
Platz. Punkte oder wagrechte Striche setzt öfter am Ende der Verse 
der Schreiber von Nr. 28, der von Nr. 5 — 9 mehr oder minder häufig 
fast durchaus unberechtigte Doppelpunkte; Punkte, Doppelpunkte 
oder Schnörkel (öfter Mehreres zugleich) begegnen an den Versenden 
von Nr. 13 hie und da, von Nr. 37 aber ungemein häufig. 

Durch die ganze Handschrift jedoch ausgedehnt ist der Ge- 
brauch der Abkürzungszeichen. Hieher gehört 1. ^ a) für in- 
und auslautendes er : vgl. die Überschriften von Nr. 5, 9, 13 u. s. w. ; 
besonders gerne wird so die Vorsilbe ver gekürzt. In dieser Ver- 
wendung nimmt das Zeichen auch häufig die Gestalt an "^ (so in den 
Überschriften zu den Nummern 23, 26, 35 u. s. w.), weit seltener 
erscheint dafür ^ (Überschrift zu Nr. 33) ; b) für e vor ?' : vgl. die 
Überschrift von Nr. 46 ; für auslautendes r : Vo^ A S. 93 = P XIII, 
103; d) für iu- und auslautendes ?-e : tw A S. 3 = P I, 70; e) für 
-echt und -recht: vgl. die Überschriften von Nr. 33 und 46; 
f) für -reich und -eich : Frid', himelro A S. 482 und 483 ^^- P V, 
123 und 147. In den beiden letzten Fällen wird das Zeichen öft<r 



212 FRANZ KRATOCHWIL 

verschnörkelt; g) ausnahmsweise i'ür ur : antioH A S. 445 = P 
XLIII, 71. 

2. In Verbindung mit p wird -er, -re und -ro öfter mit g) gegeben : 
plein A S. 144 = P XXV, 38; einige Mal begegnet suchen und in 
Nr. 37 ^pheten; nur einmal findet sich p = pre : rübpcht A S. 430 
= P XXXV, 57. 

3. " = inlautendem ra : vgl. Überschrift zu Nr. 15, tib, pcht 
A S. 20 und 22 = P IX, 71 und 108, ähnlich in Nr. 18, 22, 24 
und 37. 

4. Ganz ausnahmsweise wird inlautendes re und ro durch 
einen e-förmigen Haken oder durch zwei Punkte bezeichnet : betgen 
=z betrogen, spchen = sprechen A S. 139 und 140 = P XXI, 
115 und 145, twen und tivri = treioen A S. 170 = P XV, 176 
und 188. 

5. und zwar a) für fehlendes e vor n '. chrenchn : bedenchen 
A S. 4 = P I, 73; b) für in- und auslautendes n oder m : gi'üt : munt 
A S. 4 = P I, 77, ungemein häufig vö, vrüpt : chumpt A S, 189 =z 
P. XXVIII 239, de A S. 295 = P IV, 509; c) für inlautendes en : 
ti^t A S. 186 = P XXVIII, 143, TrTsch öfter in Nr 36; d) allgemein 
vn =■ und oder tmde; e) ausnahmsweise für fehlendes g in samptzta- 
nacht (Nr. 46, V. 86) ; /) nur in Nr. 37 zur Abkürzung der Namen 
Johannes (Johes) und Jerusalem (Jrlm). 

6. 9 :== US : Jeronimo) u. s. w., aber nur in Nr. 37. 

7. Durch Combinierung des ersten und fünften Zeichens entsteht 
'^- : pdm = prechen (prehen) A S. 8 = P I, 183, kommt nur ver- 
einzelt vor. 

8. Durch Verdoppelung des fünften Zeichens entsteht : phe- 
fjjg ■=! phenning, nur in Nr. 25. Allerdings erscheint dieses Zeichen 
auch häufig in Nr. 37, aber dessen Schreiber verwendet es in allen 
denjenigen Fällen, wo die anderen Schreiber das fünfte Zeichen ge- 
brauchen. 

Gewissermaßen lassen sich als Abkürzungszeichen auch die 
Haken betrachten. Sie erscheinen oberhalb der Buchstaben (entweder 
unmittelbar über denselben oder etwas seitlich) geradezu über- 
raschend häufig, doch nicht immer in derselben Form. 
Seite 1 der Handschrift zeigt allein folgende fünf Formen: 1. '; 
2. " ; 3. "" ; 4. '^ und 5. :' ; sonst begegnen noch 6. • oder • • (sehr 
häufig über ?/); 7. ^ (nicht sehr oft und dann meist über e); 8. ^- ein 
deutliches e; 9. ausnahmsweise, z. B, in Nr. 36 die Form ' , endlich 
10. ein Punkt, aber nur über e und y und allein in Nr. 33; am 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DEK SUCHENWIKT-HSS. 213 

häufigsten findet sich die 1. und 4. Form, am wenigsten (abgesehen 
von 9 und 10) die 2., 3. und 5. 

Die Form ist übrigens gleichgiltig für die Bedeutung des 
Hakens. Diese erhellt aus seiner Verwendung «) zur Bezeichnung 
der Vocale, Diphtonge und deren Umlaute. 

So wird der Umlaut des kurzen a auf mhd. Weise gegeben und 
auch durch d : täqeleich A S. 107 = P XIV, 197, ferner durch e : 
chlegleichen A S. 457 = P XXXVII 56; daneben aber — S. 455 — 
in V. 4 des nämlichen Gedichtes von derselben Hand chaegleich. 

ae ist die gewöhnliche Bezeichnung für den Umlaut des a, doch 
wird ae (auch ce geschrieben) nicht selten durch e vertreten : an 
evaer : siver (swcer) A S. 13 = P XXIII, 13, chem =^ kcem A S. 293 
N^ = P IV, 470; in dem letzten Gedichte (A S. 267 ff.) erscheint das- 
selbe Wort auch so geschrieben : chem; P schreibt IV, 519 dafür 
ehem. Allerdings findet sich diese Form des Hakens über einem e zur 
Bezeichnung von ce zuweilen, z. B. A S. 456 sioere : Icjere = P 
XXXVII, 36 oder A S. 470 werst {locerst) = P XXXVIII, 216 und 
öfter, zumal in IV, aber gerade nicht an jener Stelle. — AS. 169 = 
P XV, 175 begegnet e := o; in reten : steten (statten), doch sind die 
Fälle gar nicht häufig. Ausnahmsweise findet sich e und e ^ ce : A 
S. 87 = P. III, 148 lar (leere) : siver und A S. 334 f. = P. XL, 
84 und 101 iver und treger. 

d erscheint zuweilen auch für mhd. e : geioärt A S. 1 = P I, 16. 

Mhd. e wird ausnahmsweise durch e gegeben : er : mer A S. 
334 = P XL, 79, und vereinzelt durch e : ern A S. 7 = P I, 171. 

Die Flexions-«^ werden häufig — besonders vom achten Schreiber, 
dessen Text schön und genau ist — nur durch Haken angedeutet : 
A S. 57 hörn = P X, 80 (unrichtig hörn für koren oder hoeren), A 
S. 216 ivarn = P XXX 75. 

o' = oe und ö : höret und vromdeii (adj.) A S. 4 = P I, 86 f. ; 
das letzte Wort begegnet A S. 445 auch in der Schreibung frbmd, 
wofür P XLIII, 51 froind liest. 

au wird oft durch ah gegeben (ungemein oft aw^), sehr häufig 
durch aw (wie denn überhaupt v und tv, wenn sie als u zu lesen 
sind, gewöhnlich den Haken tragen), nur ganz ausnahmsweise durch 
ü im Reime pr'üt : hat A S. 235 = P XXXI, 71 von dem elften 
Schreiber, der auch noch durch andere Anzeichen seine alemanni- 
sche Abkunft verräth. ') 

') Er hat eine unschöne, nicht besonders genaue Hand und gebraucht immer 
och (= auch), fröden (V. 154 frölein) und haust (= hast); er liebt auch Consonaiiten- 



214 FRANZ KRATOCHWIL 

eu =^ ew, sehr häufig ew, seltener ew (der 19, Schreiber hat 
dafür Vorliebe); nicht so oft erscheint dio {Idwt A S. 258 = P 
XXXIII, 44), du {vrduden A S. 216 = P XXX, 75) oder eu (Mchtet 
: veüchtet AS. 11 = P II, 65 [letzteres Wort hier ohne Haken]). 

öa = oü und da : vroüdenreich, vrduden A S. 215 und 219 =: 
P XXX, 52 und 143. 

w mit und ohne Haken steht 1. für gewöhnliches u (A S. 86 = 
P III, 135 rübein : doch sind diese Fälle im Ganzen nicht zahlreich, 
wenn man von denjenigen absieht, die bei den Halbdiphthongen zu 
besprechen sind). 

2. Für ü, wo sich solches in Eigennamen und Fremdwörtern 
erhalten hat, z. B. lasur : figur A S. 183 =r P XXVIII, 27, vtrich 
(Ü^trieht) A S. 21 = P IX, 97. 

3. Für w, uo (sehr häufig durch ue gegeben) und üe : sioürn : 
ftürn (mhd. wo : w) A S. 95 = P XIII, 151, hingegen ftirte : spurte 
(mhd, uo : u oder ü) A S. 169 = P XV, 153, ebenso P VI, 89, 90 
und XXX, 49, 50; stühel : übel (mhd. üe : ü) A S. 440 = P XXII, 
176; wuffen : rueffen (mhd. üe : üe) A S. 165 ^ P XV 53; chuele : 
gestüele A S. 215 = P XXX, 53, seltenere Schreibweise, ebenso 
früe : rue. (ruowe) A S. 217 =: P XXX, 89, frw = vruo A S. 337 = 
P XL, 143 (A S. 477 = P V, 13 ohne Haken tiv) und pehwtt (behüet) 
A S. 482 = P V, 134. Ausnahmsweise begegnet bei dem aleman- 
nischen Schreiber von Nr. 28 iü für ü und üe : hitilff, eiu, hetriühen 
V. 29, 135 und 132 (vgl. S. 213). 

Für ei {= mhd. t) findet man auch i mit darüber gesetztem 
Haken; dieser wird links oder rechts von i angebracht, wobei das i 
seinen Punkt in der Regel verliert (rnm : vein A S. 2 = P I, 22). 
Daneben begegnen nicht selten inconsequente Schreibweisen, wie 
preisen : hufeysen A S. 8 ^= P I, 195, ja sogar chleine : staine (mhd. 
ei : ei) A S. 260 = P XXIII, 82, obwohl A das alte organische ei 
sonst gewöhnlich mit ai bezeichnet (vgl. alem. chW^ 0. B.). 

Der Haken ober i steht sehr häufig auch für den Diphthong ie, 
wobei i meistens seinen Punkt verliert : geschidt (= geschiet) : beriet 
A S. 10 = P II, 39. 

Der Haken über i vertritt auch zuweilen die Stelle des I-Punktes, 
auffallend häufig in Nr. 22 : meines, chüntg, aln u. s. w. ; anderseits 
wird der I-Punkt (abgesehen von i = ei und ie) oft weggelassen, wie 



häufungen wie thisch, tzhier , zoffph u. s. w , dagegen schreibt er wieder /rwÄ^, z%iht 
(V. 161); die Adjectivendung m wendet er gerne an, aber auch im Acc. sing. fem. 
V. 72, 92 u. s. w.) und im Nom. plur. masc. (V. 64). 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 215 

aus manchen Überschriften der Gediclite, besonders aber aus den 
Gedichten Nr, 23—27 zu ersehen ist, deren Schreiber die Eigenthüm- 
lichkeit hat, die I-Punkte, falls er sie anbringt, meistens etwas rechts 
von i zu setzen. 

b~) Die Haken dienen aber auch oft zur Bezeichnung 
der Svarabhakti (vgl. Johannes Schmidt, Zur Geschichte des 
indogermanischen Vocalismus 1875, 2. Abtheilung, S. 382 ff.), sowohl 
wenn sie metrisch gerechnet wird {Die arm leid di sten da vor A S. 337 
= P. XL, 148), als wenn dies nicht der Fall ist (armbrusf A S. 166 
= P XV, 65, zorii, genoorn A S. 217, wofür P XXX, 87 tzore7i : 
gesworen schrieb). 

Übrigens gibt die Handschrift die Svarabhakti nicht selten durch 
i, zuweilen durch e (vgl. J. Schmidt a. a. 0.); hie und da fehlt 
auch jede graphische Bezeichnung der Svarabhakti, selbst wenn sie 
metrische Geltung hat, so in P XXXVIl, 34, 39, 54 und 102 {= A 
S. 456 ff.), wo statt arm zu lesen ist arm (= XL, 148) oder armen, 
ebenso P XXXVHI, 85 und 294 (= A S. 464 und 474). P XXXIX, 
41 (AS. 243) begegnet dem loerige : herberge. 

c) Interessant ist die ziemlich ausgedehnte Verwen- 
dung der Haken zur Bezeichnung der Halbdiphthonge a", 
a' oder d", e% o" oder o', i', u" oder u'', W besonders vor r mit fol- 
gendem Consonanten, aber auch vor anderm Stammschluß (J. Schmidt 
a. a, O. S. 375, 384 f.; hingegen findet Weinhold in den a% o% u^ 
unechten Umlaut: Bairische Grammatik §. 9 und 42, 25 und 57, 
32 und 109). 

Nicht alle diese Laute waren den Schreibern in der Bezeichnung 
gleich geläufig, am wenigsten die aus a entstandenen: da^ 
und dä^ AS. 116 und 267, wofür P VII, 51 de^ und IV, 10 da^ 
setzt, lassen sich hier mit Sicherheit nicht anführen. Vgl. übrigens 
verlaern = verldrn aus verlorn im Reime auf hochgeporn A S. 47 = 
P XI, 124, vaern = vd^m aus vären im Reime auf jarn A S. 41 = 
P XX, 316 und getzaemt = gezdmt aus gezamt gereimt auf erlamt A 
S. 51 = P XI, 255. 

Zahlreicher und in verschiedenen Theilen der Handschrift finden 
sich Beispiele für e% am häufigsten im Gedichte Nr. 29. er (subst.) • 
.s-eV (adv.) A S. 248 und 251 = P XXXIX, 151 und 203; loer ') 
(Abwehr) : her (exercitus) A S. 307; 308; 312, 315; 323; 326 = P 
XVIII, 51; 77; 159, 221; 413; 479 : mer (mare) A S. 309; 310 = 



') Die Schlierbacher Handschrift schreibt V. 93 loeer, V. 413 Heer. 



216 FRANZ KRATOCHWIL 

P XVIII, 93; 119; UHze A S. 83 = P III, 65 und 68, phert A S. 
434 = P XXII, 32, sivert (schwört); hercz und werben : sterben A S. 
247, 250, 252 = P XXXIX, 121, 177 und 219; swemt A S. 278, 
292 = P IV, 194, 448; ent, mensch, A S. 336 = P XL, 125, 128, 
streben : leben, das recht A S. 248, 251 = P XXXIX 131, 208; sb 
(pron.) A S. 308, 316 = P XVIII, 76, 246. Vgl. übrigens auch see 
(subst.) A S. 109 = P XIV, 231, 249 (Weinhold, Bair. Gr. §. 75 b) 
: ee (adv.) A S. 321 = P XVIII, 364 : ich gee A S. 89 f. = P XIII, 
7, ee (adv.) A S. 152 = P XXV, 257 und ee (adv.) A S. 86 f. = 
P III, 139, 162. 

Belege für die übrigen Halbdiphthonge finden sich in den ver- 
schiedensten Gedichten der Handschrift und sind sehr zahlreich, so 
tzorn : ho7m, geporn : dorn, ivdrten : orten A S. 55, 82, 248 = P X, 
29, III, 33, XXXIX, 133; in der chron : schon A S. 8 = P I, 189; 
des todes A S. 81 = P III, 22, guten trdst : hat erlost A S. 10 = 
P II, 43 (hingegen A S. 49 = P XI, 193, derselbe Reim ohne Haken), 
gr62,2,e flust A S. 48" = P XI, 155; das in demselben Gedicht oft 
wiederkehrende chldster (sing.) ist nur in V. 21 und 35 ohne Haken 
geschrieben, not : tot A S. 13 = P XXIII, 15; in hochem mfit A S. 2 
=: P I, 27 ; bei sämmtlichen hier angeführten Belegen für o' fehlt in 
P der Haken. 

gecziert : suchenwirt (der Haken wurde im zweiten Wort ver- 
gessen), vir : begir A S. 299 und 160 = P IV, 569 und XXVII, 13, 
überdies ungemein viele ähnliche Fälle außerhalb des Reimes; hieher 
gehören auch die ohne Haken geschriebenen Belege: daz viech : siech 
(mhd. i : ie) A S. 252 = P XXXIX 221, niender : toinder A S. 237 
= P XXXI, 109 (vgl. K I '), S. 22), ich siech (video) A S. 38 = P 
XXIV, 246. 

durch A S. 111 = P XIV, 287 u. o., churizen (adj.) A S. 37 = 
P XXIV, 222 u. ö.; P ließ in beiden Fällen den Haken weg'; nicht 
selten haben ihn auch die Schreiber vergessen, z. B. snur : verlur 
(mhd. uo : u) A S. 440 = P XXII, 170 (vgl. auch S. 214); uns 
A S. 10 f. := P II, 25, 50, 64 (bei P an allen drei Stellen ohne 
Haken) und sonst ungemein oft, desgl. untz und ünder, letzteres auch 
in Zusammensetzungen; hieher gehört auch tun (inf.) : sun (= Sohnes) 
A S. 44 z=: P XI, 53; prmst (sing.) und czücht (subst.) A S. 86 und 
250, beide Fälle bei P III, 133 und XXXIX, 184 ohne Haken. 



') K I hier und im Folgenden für A. Koberstein, Über die Sprache des 
österreichischen Dichters Peter Suchenwirt. Lautlehre. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHEN WIRT-HSS. 217 

chum he>^ ßir : du mich für (mhd. ?7 : ne) A S. 448 = P XLIV, 
55, erfür : vei'lür (mhd. üe : «) A S. 155 = P XXV, 325; vgl. auch 
S. 214. 

Einen verläßlichen Einblick in diese mannigfache Anwendung 
des Hakens erhält man aus dem schon S. 210 angegebenen Grunde 
aus P nicht, am ehesten noch über die Gruppe a. Doch hat er aus 
Verseheu zuweilen die Form des Hakens geändert {frewden XLIV^ 
109 und 118, wo A frewden hat u. s. w.) und den Haken ganz weg- 
gelassen (I, 13 mir, II, 2 dir, 35 ir, XXIII, 66 diiier, IX, 173 lichte 
u. s. w., wo A den Haken hat), wodurch manchmal das Metrum 
leidet (so II, 12, wo trawrn = trauern zu lesen ist u. s. w.). Ander- 
seits hat er Haken gesetzt, wo A sie nicht hat, so II, 53 gebeut, 
während er dieselbe Form I, 147 und 204 mit A gebeut schrieb. 
Wichtiger ist die principielle Änderung, uo und ue mit ü, hingegen 
ü mit u zu geben (Einleitung S. LII). Ein Blick jedoch in Primisser's 
Text genügt, zu zeigen, daß er sein Princip leider nicht strenge 
durchgeführt hat. 

Das P mehrere durch Haken angedeutete Svarabhakti in seinen 
Text aufgenommen, kann uns ebenso sehr Wunder nehmen, als es 
uns begreiflich erscheint, daß er sich gegenüber der Gruppe c ab- 
lehnend verhielt: er erklärt derlei Haken durch die Nachlässigkeit 
der Schreiber (Einleitung S. LIII). 

Halten wir auch derzeit diesen Vorwurf nicht für gerechtfertigt, 
so könnte man doch geneigt sein, ihn aus einem andern Grunde zu 
erheben, wenn uns nämlich Formen begegnen, wie suchen, muteSj 
süssen (AS. 1, 5, 9 = P I, 5, 104 und II, 8) u. s. w., die noth- 
w endig den Haken verlangen, oder wenn wir den Haken ungleich- 
mäßig angewendet finden {vor : tor, erchorn : gepwn, vor sünden und 
vor schänden A S. 2, 3, 4 = P I, 43, 44, 47, 48, 88 u. s. w.). Unser 
Urtheil wird aber milder ausfallen, wenn wir bedenken, daß diese 
Erscheinungen im Verhältniss zu dem bedeutenden Umfang der Hand- 
schrift nicht zu zahlreich sind, dann daß an dieser großen Hand- 
schrift mindestens zwanzig Schreiber gearbeitet haben, und zwar zu 
einer Zeit, wo nicht nur die Quantität in starkem Schwanken, son- 
dern die gesammten sprachlichen Verhältnisse in mehr oder minder 
lebhaftem Flusse waren, so daß für die schriftliche Fixierung mancher 
neuen oder doch erst jetzt zum sichern Bewußtsein gelangenden Er- 
scheinungen (z. B. der Halbdiphtonge a", e') den Schreibern bereits 
geläufige Behelfe nicht zur Verfügung standen. 



218 FRANZ KRATOCHWIL 

Aus denselben Gesichtspunkten werden auch die oft von einem 
und demselben Schreiber herrührenden inconsequenten Schreibungen 
der Consonanten, besonders der Geminationen und Con so- 
tt an tenverbindungen zu beurtheilen sein {sei und seil {== sele) A 
S. 245 und 251 = P XXXIX, 79 und 197 ; Ev^n und Efen A S. 388 f. 
= P XLI, 922 und 933, phfat und phat AS. 139 und 142 z= P 
XXI, 126 und 189; ivardt (verb.) : ze widerpart A S. 21 = P IX, 85, 
gesait : laid (acc.) A S. 262 == P XXXIII, 117, unverslunten : über- 
wunden A S. 451 = P XXXVI, 22, geritten : versniten A S. 120 = 
P VII, 153, das sehr oft, so A S. 143 ff. (P XXV), hingegen wa^ 
(verb.) : graz, (subst.) V. 33, V. 129 wieder was, V. 123 wa2,^pr, V. 
361 wasser, fleis : xvei^ V. 219, aber weis V. 186 und 208, Hessen : 
sfte^^m V. 335, wie denn unter allen Schreibern gerade der siebente 
die größten Inconsequenzen in der Schreibung der S-Laute zeigt; 
erschrikchet : unvertzwichet A S. 259 = P XXXIII, 58, drukte : ver- 
ruchte A S. 280 = P IV, 225, gejechen (inf.) : gesehen (part.) A S. 
57 ^ P X, 83; hingegen begegnen beide Formen von demselben 
Schreiber mit ch A S. 31 == P XXIV 50 und mit Ä A S. 65 = P 
XII, 25 u. s. w.; vgl. K I, 12 und IIP), Note 11, I, 20, 34—37, 39, 
42 und II, Note 8, ferner I, 50 und 51 u. s. w.); desgl. die ungemein 
zahlreichen, oft recht auffälligen, zuweilen geradezu den Eindruck 
von Willkür machenden Apocopen und Syncopen (z. B. reichs 
und reiches im zweimal geschriebenen Titel zu Nr. 44), Erscheinungen, 
welche selbst wieder auf die Schreibung der Vocale wie der Conso- 
nanten vom großen Einflüsse sein mussten (vgl. Weinhold, Bair. Gr. 
§. 14 und 15 und K I, 53, 2), aber wie schon aus Koberstein's 
Untersuchungen (besonders I, 53 — 55, 11, §. 11 — 22, 49, 75 Punkt 1 
und 2, 77 Punkt 3 und 4, III, §. 1—9, 36—39 u. s. w.) erhellt, 
sicherlich nicht durchaus auf Rechnung der Schreiber zu setzen 
sind. — Wenn wir überdies unsere Handschrift in Bezug auf genaue 
Schreibung mit gleichzeitigen Urkunden und anderen größeren Schrift- 
stücken vergleichen, dann wird unsere anfängliche Neigung zu einem 
etwas abträglichen Gesammturtheil über die Schreiber von A bald 
weichen, ja, wir werden ihnen sogar das Lob einer verhältniß- 
mäßigen Sorgfalt nicht vorenthalten. 

Dieses wird auch nicht geschmälert durch die in A vorkom- 
menden Schreibfehler und Lücken. In Bezug auf erstere ver- 



*) II für die zweite, III für die dritte Abtheilung von Koberstein's Unter- 
suchungen über Suchenwirt's Sprache. 



ÜBBR DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 219 

halten sich die verschiedenen Theile der Handschrift, je nach Be- 
schaffenheit der Schreiber, sehr ungleichmäßig. Selbst in den einem 
Schreiber angehörigen Gedichten zeigt sich nicht immer der gleiche 
Grad von Sorgfalt; das beste Beispiel bietet der 19. Schreiber: er 
erscheint in Nr. 39, 40, 43 und 45 ziemlich genau, in 41 genau, in 
38 und 42 sehr genau, hingegen in 44 nicht genau; in den vom 
zehnten Schreiber herrührenden Gedichten hingegen ist eine immer 
mehr zunehmende Genauigkeit nicht zu verkennen. 

Die meisten Schreiber haben den von ihnen gelieferten Text 
revidiert und so manche Irrthümer verbessert'); so hat der 14. Schreiber 
an seiner Arbeit (572 Verse) nahezu vierzig Correcturen vorgenommen ; 
leider blieben noch über zwanzig Fehler in dem ebenso schön als 
deutlich geschriebenen Gedichte zurück. — Hie und da (P XVI, 200, 
XXX, 181 und 182) findet sich auch eine Rasur. 

An ungefähr 60 Stellen merkt man, daß die Verbesserungen 
nicht vom Schreiber, sondern von anderer (aber alter) Hand her- 
rühren; die meisten derartigen Correcturen entfallen auf die nicht 
besonders deutliche, wohl aber recht fehlerhafte Abschrift des siebenten 
Schreibers, fast ebensoviele kommen dem zehnten und zehn dem 
vierzehnten Schreiber zu Gute. 

Trotzdem finden sich noch über zwei und ein halbes Hun- 
dert Verstöße. Aber die weitaus größere Hälfte davon ist 
nicht nur gleich als Fehler erkennbar, sondern auch von dem halb- 
wegs bewanderten Leser unschwer zu corrigieren. Bei mehr als 
dreißig sinnlosen Stellen ist das nicht so leicht; verhältuißmäßig 
participieren daran am meisten außer dem neunten Schreiber der 
fünfte, der sich überdies durch lange wagrechte Striche auszeichnet, 
die er seinen g und t anfügt, mit Nr. 15'^) und der 19. mit Nr, 44, 

') P hat solche Änderungen auch dort, wo sie Beachtung verdienen, nicht 
immer gewürdigt; so schrieb er IX, 32 reyffea ^ obwohl in A das s durchgestrichen 
und über e ein wagrechter Strich gesetzt ist, III, 128 

Unwerleich und ummütea par, 
trotzdem der Schreiber das sinnlose dritte Wort in mütes geändert hat , XVI, 191 
gealacht, wiewohl an das a ein e angehängt worden ist u. s. w.' 
*) Für die auffällige Schreibung im Verse : 

Was er der iaer helen schar 
setzt P VII, 101 laerhelen, richtig würe larahelen, entsprechend XXXIX, .31 und 34; 
die unsinnigen Verse : 

aein edel hertz im vier geriet 
Von manhait noch von milde 
hat P VII, 124 zu bessern gesucht, indem er nivier setzte; das Richtige ist im nie, 
was auch der Schlierbacher Codex hat. 



220 FRANZ KRATOCHWIL 

An circa achtzig Stellen wurde durch nicht beseitigte Schreib- 
fehler der Reim getrübt, zuweilen auch gestört. Die Fälle vertheilen 
sich durch die ganze Handschrift; doch größeren Antheil haben der 
11. Schreiber, der 19. mit Nr. 43, der 10. mit Nr. 27 (vrowden : ver- 
hawen wurde von P XVII, 32 in vrowen geändert, kommt somit nahe 
dem richtigen frawen) und der siebente (über lamme : tamne, das 
auch P XXI, 85 aufgenommen hat, vgl. K I, 9 und 29, dann II, 
Note 45; gewolkent im Keime auf gecziri P XXV, 48, läßt sich nach 
cgm. 4871 leicht in geivolkeniert bessern, was auch schon K III, §. 67 
angesetzt hat). — Nur zweimal (XXIV, 195 und XV, 107) trat Stö- 
rung des Reimes ein, weil die Schreiber das Reimwort anzubringen 
vergaßen, und dreimal, weil sie einen ganzen Vers übersahen, 
nämlich in P XXXH nach V. 18, in XXH nach V. 169 und in V 
nach V. 41. 

Im Innern der Verse fehlen einzelne Wörter öfter, aber auch 
nicht häufig; neun von den sechzehn Fällen rühren allein vom fünften 
Schreiber her. Neben diesen geringfügigen Lücken hat die 
Handschrift leider auch größere; vier davon waren schon dem 
Herausgeber bekannt. Gleich die erste Seite beginnt mit den sieben 
Schlußzeilen eines satirischen Gedichtes (vgl. S. 238) ; mit S. 28 
endet in A Vers 23 von Nr. 6; auf S. 29 ganz oben beginnt V. 2 
von Nr. 7, es fehlen somit vom ersteren Gedichte 91 Verse, vom 
letzteren der Titel und mindestens der erste Vers, somit im Ganzen 
zwei Blätter; desgl. zwischen dem letzten Verse auf S. 85 und 
dem ersten auf S. 86 (= P IH, 116 und 117): es sind nämlich 
(vgl. S. 238) 89 Verse abgängig, doch ist äußerlich nur der Mangel 
eines Blattes zu erkennen. Ein Blatt fehlt nach S. 121: zwischen 
V. 185 und 186 von P VII ist eine Lücke von 41 Versen (vgl. S. 238). 
Außer diesen bemerkte ichnoch zwei größere Lücken von 
je 52 Versen: in Nr. 9 nach S. 55 (P X. 34) und in Nr. 27 nach 
S. 225 (P XVH, 52); beide sind äußerlich nicht auffällig (vgl. S. 238). 
Keine dieser sechs größeren Lücken fällt den Schreibern zur Last, 
sie erklären sich vielmehr aus der Geschichte der Handschrift. 

Leider lässt sich dieselbe mit Sicherheit nicht einmal bis in das 
vorige Jahrhundert verfolgen. 1820 erfuhr P von der Existenz derselben 
durch Hofrath Josef von Hammer (nachmals Freiherrn von Hammer- 
Purgstall), der ihn seinem Freunde, dem Fürsten Prosper von 
Sinzendorf, dem Besitzer der Handschrift, empfahl, P sagt in 
der Einleitung zu seiner Ausgabe nur, daß die Handschrift „seit 
langer Zeit unerkannt" unter den Büchern des kenntnißreichen 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCnENWIRT-TTSS. 221 

P^ürsten Prosper von Sinzendorf gelegen, der sie ilnn mit größter 
Bereitwilligkeit zur literarischen Benützung überließ (S, XLIII). 

Dieses hervorragende österreichische Adelsgeschlecht (vgl, Dr. C o n- 
stant von Wurzbach, Biograj)hisches Lexikon des Kaiserthunis 
Österreich, 35. Theil. Wien 1877. S. 12—27) reicht bis in das 11. 
Jahrhundert zurück. Heinrich, welcher um 1044 lebte, nannte sich 
nach dem in Ob er ö st erreich gelegeneu Orte Herr von Sinzen- 
dorf); das Geschlecht erhielt zu Anfang des 17. .lahrhundertes den 
Freiherrn-, 16.53 den Reichsgrafenstand. Zu Anfang des Iß. Jahr- 
hunderts erscheint es in zwei Hauptlinien gespalten: in die jfingere, 
nach dem untersteierischen tSchlol.> und Städtchen Friedau benannte 
Fridauische oder Neuburgische Linie, welche 1767 im Mannesstamme 
ausstarb, und in die ältere Feyereggische Linie, welche sich später 
nach dem niederösterreichischen Schlosse Ernstbrunn nannte. Der 
letzte männliche Sprosse dieser Linie und des ganzen Geschlechtes 
ist der früher genannte Prosper von Sinzendorf, welcher 1<S03 die 
Würde eines Reichsfürsten erhalten hatte. Er liebte die Wissenschaften 
und den Umgang mit gelehrten, geistreichen Personen und legte eine 
ansehnliche Bibliothek an, zu welcher auch unsere Handschrift ge- 
hörte. Ob diese der Fürst erst erworben oder — was höchst wahr- 
scheinlich ist — schon als altes Erbstück seines Geschlechtes 
überkommen habe, hätte P leicht in Erfahrung bringen können ; aber 
er berichtete darüber nur die oben angeführten Worte: ihn interes- 
sierte vielmehr der Inhalt der Handschrift. 

Bereits 1821 war er mit der Durcharbeitung der Handschrift 
fertig, und noch im selben Jahre machte er von dem reichen Inhalte 
derselben den Freunden der alten Literatur und Geschichtskunde um- 
fassende Mittheilung im 14. Bande der Wiener Jahrbücher der 
Literatur, Anzeigeblatt S. 10 — 51. Der Aufsatz erschien gleichzeitig 
bei Carl Gerold in Wien, auch als Separatabdruck (aber nur in zwölf 
Exemplaren) unter dem Titel: Nachricht von einer neuent- 
deckten Handschrift mit deutschen Gedichten aus dem 
14. Jahrhunderte, verfasst von Peter Suchen wirt aus 
Osterreich. Mitgetheilt von Alois Pr im isser. 44 Seiten 8". 
Am ausführlichsten sind die Auszüge aus den historischen Ge- 
dichten im engeren Sinne (den sogenannten P^hrenreden) ; sie umfassen 

') Das Dorf, in welchem .sich das Stammiiaus dieses Geschlechtes bef;ind, liegt 
im Traunviertel , in der Nähe des Cistercienserstiftes Schlierbacii ntid »ehört zu der 
(1784 selbständig gewordenen) Pfarre Nnlibach, vgl. B. Pill wein. Geschichte, Geo- 
graphie und Stati.sUk des Erzherzogthums ob der Enns (1827—18:59), '2, Bd., S. 409. 
liEBUANIA. Neue Eeihe XXU. (XXXIV.) JaLrg. 15 



222 FRANZ KRATOCHWIL 

nahezu dreißig Seiten; ungefähr acht Seiten sind den Sittengeraälden 
und Lehrgedichten gewidmet, eine Seite den geistlichen Dichtungen 
und Reimkünsten. Bemerkungen über des Dichters Leben und sonstige 
dem Berichterstatter bekannt gewordene Handschriften, welche einzelne 
G-edichte Suchenwirt's enthalten, erfüllen die drei letzten Seiten der 
umfangreichen Anzeige. 

Hat P gleich seit seiner ersten Kenntniß der Handschrift diese 
vor Allem als eine wichtige geschichtliche Fundgrube betrachtet und 
dem Nachweise dieser Anschauung den größten Theil seiner Mit- 
theilungen gewidmet, so erscheint uns nicht auffallend, daß seine An- 
zeige besonders bei Historikern das regste Interesse wachrief und 
gerade von diesen zuerst der Wunsch geäußert wurde, P möge den 
spannenden Inhaltsangaben der Gedichte Suchenwirt's ehebaldigst eine 
vollständige Ausgabe dieser selbst folgen lassen. P erklärte sich be- 
reit; aber bald wäre die Ausführung in Frage gestellt worden: Fürst 
Prosper von Sinzendorf war auf einer Reise nach Karlsbad aus dem 
Wagen gestürzt und in Folge davon im August 1822 gestorben. Er 
war unvermählt geblieben; durch testamentarische Verfügung fiel mit 
seinem Besitz auch die Bibliothek und somit auch unsere Handschrift 
an den Sohn seiner Schwester Maria Anna, den Grafen Georg von 
Thurn (Wurzbaeh a. a. O.). P sagt nur, daß er auch von ihm wie 
von dem früheren Besitzer bezugs Benützung der Handschrift das 
größte Wohlwollen erfuhr. Kr rechtfertigte dasselbe vollkommen; 
bereits 1827 erschien bei Wallishauser in Wien Primisser's Ausgabe: 
„Peter Suchenwirt's Werke aus dem vierzehnten Jahrhunderte. Ein 
Beitrag zur Zeit- und Sittengeschichte". LIV und 392 
Seiten 8"^). 

Unstreitig hat sich P dadurch ein wahres Verdienst erworben: 
eine nicht unbedeutende Lücke der Literaturgeschichte ward hiemit 
ausgefüllt und literarische Denkmäler, für die Geschichtsforschung 
nicht weniger wichtig als für die Sprachwissenschaft, dadurch allge- 
mein zugänglich gemacht. Daß P die historische Bedeutung der 
Suchen wirtischen Gedichte gleich bei der ersten Durchnahme der 
Handschrift richtig erkannte und in seiner Anzeige entsprechend 
würdigte, ward bereits hervorgehoben. Es ist auch aus seiner Ausgabe, 



') Leider starb der unermüdlich thätige Mann bald nach dem Erscheinen seines 
Werkes im 32. Lebensjahre; vgl. Bergmanns Aufsätze: „Alois Primisser und sein 
literarisches Wirken" in Nr. 99 der Blätter für Literatur, Kunst und Kritik 
vom 13. December 1837 und: „Die fünf Gelehrten Primisser" im 5. Bande (1861) der 
Berichte und Mittheilungen desAlterthumsvereins zu Wien S. 177 — 244. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-IISS. 223 

aus dem Titel sowie aus der ganzen Anlage derselben ersichtlich. 
Denkt er doch zunächst „den Freunden der Geschichte" hiemit zu 
dienen (Einleitung S. XLIV). Daü diese Dichtungen auch als Sprach- 
denkmale einen bedeutenden Platz in Anspruch nehmen, hat P 
(S. XLIV) zwar behauptet, aber weder in der Anzeige noch in der 
Ausgabe bewiesen. Man darf annehmen, daß er den sprachlichen 
Werth wohl geahnt, aber keineswegs klar erfaßt hat. Zu dieser An- 
nahme berechtigt nicht nur das in der Einleitung S. LIII Gesagte, 
sondern auch die im Anhange S. 389 und 390 gegebenen ,, Gram- 
matischen Bemerkungen", nicht minder das Wörterbuch und vor 
Allem der Text. 

Wären unsere mittelalterlichen Schreiber immer und allerorten 
vollkommen getreue Copisten gewesen, dann wäre es bei Ver- 
öffentlichung einer Handschrift unnöthig, besondere Aufmerksamkeit 
dem Schreiber zuzuwenden. Da aber die Avirklichen Verhältnisse 
anders waren, kann sich der Herausgeber nicht der Mühe entschlagen, 
Antheil und Zuthat des Schreibers zu sondern von dem, was des 
Dichters ist. Von einer solchen Arbeit findet sich bei P keine Spur, 
denn daß er zweimal angibt, es seien an der Handschrift mehrere 
Hände thätig gewesen, oder daß er einige der gröbsten Schreibfehler 
anmerkt, kann man wohl nicht als solche gelten lassen. Es hat viel- 
mehr den Anschein, daß er die Sprache der von verschiedenen 
Schreibern herrührenden Gedichte für eine und dieselbe hielt und 
überdies für identisch mit der Sprache des Dichters. Allerdings zeigt 
die Sprache der einzelnen Gedichte nicht solche Unterschiede, wie sie 
zwischen dem Ober- und Niederdeutschen bestehen, denn die 
Schreiber von A gehören alle dem süddeutschen, und 
zwar bis auf eine einzige nennenswert he Ausnahme (vgl. 
S. 213 u. 214) dem bairisch-öster reichischen Sprachgebiete 
an. P beachtete nicht die auffälligen, die großen süddeutschen Dialecte 
charakterisierenden Kennzeichen, noch weniger die minder aufdring- 
lichen Nuancierungen') in den, verschiedenen Theilen des öster- 



') So gebraucht der zweite Schreiber (deutlich, aber nicht besonders genau) 
mit Vorliebe die Adjectivendung ew und scu im Noniin. plur. ; der dritte liebt b für tf, 
da für do, die Ableitungssilbe lieh (wo der vierte Schreiber -leich hat), gebraucht 
lieber / als v, ist kein großer Freund der Haken, die er besonders über u und j, 
wenn sie Diphthonge vertreten, oft wegläßt, wohl aber macht er gerne an den t lange 
Querstriche, an h und c/t lange Schnörkel. Der zehnte Schreiber unterläßt oft die 
Bezeichnung des Umlautes bei u und au. Der 17. Schreiber (unschön und wenig 
genau) setzt gerne w für u, o für a (wie der siebente) und a für o, er hat Vorliebe 

15* 



224 FRANZ KRATOCHWIL 

reichischen Sprachgebietes entstammenden Gedichten, oder er wollte 
sie nicht beachten, wie man nach seiner Äußerung (S. LI): „Bloße 
Schreibeformen und mundartliche Verschiedenheiten sind ein schlechter 
Gewinn, wenn weiter nichts Neues von Bedeutung gefunden wird", 
anzunehmen vielleicht berechtigt ist. Daraus erhellt jedoch, daß 
Primisser's Text nicht auf einer kritischen Bearbeitung 
beruht; er ist aber auch kein diplomatisch getreuer Ab- 
druck wegen der bereits (S. 210 u. 217) angeführten Gründe sowohl 
als auch wegen Auflösung sämmtlicher Abkürzungszeichen und ge- 
sonderter Anwendung des u und v, des Gebrauches von z und tz für 
cz und zz (Einleitung S. LH), wegen mancher Lesefehler, sowie endlich 
wegen Änderungen, die er im guten Glauben zu bessern, hie und 
da vornahm, die aber den Text nicht selten thatsächlich verschlech- 
terten. Immerhin — und das steht außer Zweifel — hat P selbst 
durch diesen Abdruck der Sache mehr gedient, als wenn er einen 
kritisch bearbeiteten Text gegeben hätte; um eine solche Aufgabe 
richtig zu lösen, dazu fehlten ihm die Kräfte. 

So urtheilte bald nach dem Erscheinen der Ausgabe der damalige 
Professor zu Pforta, August Koberstein, in der Einleitung (S. 2 u. 3) 
zu seinem Werke: „Über die Sprache des österreichischen Dichters 
Peter Suchenwirt", das er auf Grundlage dieser Ausgabe begonnen 
und von dem 1828 als erste Abtheilung die Lautlehre erschien 
(Naumburg, 56 Seiten 4*^). Das Jahr 1842 brachte als zweite Abthei- 
lung (lateinisch) die ganze Lehre von der Declination (Naumburg, 
68 Seiten 4"); die Conjugation behandelte er in der 1852 erschie- 
nenen dritten Abtheilung (Naumburg, 45 Seiten 4"). Koberstein hatte 
sich überdies viel mit Vorarbeiten beschäftiget, um in gleicher Weise 
auch die Lehre von der Wortbildung und Syntax zu behandeln, und 
zuletzt sollte ein vollständiges System der metrischen Gesetze folgen, 



für Wörter mit Svarabhakti, welche er häufig durch i ausdrückt; dadurch ist er ein 
Seitenstück zum zwölften (nicht besonders sorgfältigen) Schreiber und auch darin, 
daß wie dieser ". und ', er ' und • oder ' ungemein oft über e, zuweilen selbst in 
der Flexion setzt. In Bezug auf den letzten Punkt bildet der 18. (sehr genaue) Schreiber 
einen Gegensatz, indem er außer i*" keinen Halbdiphthong bezeichnet; er stimmt 
aber mit seinem Vorgänger darin überein, daß er gleich ihm h für ch schreibt, selbst 
im Reime; er behält li vor <, wo die anderen Schreiber durchaus ch haben. Auch 
dadurch unterscheidet er sich von allen anderen Schreibern, daß er im Gebrauche 
der Haken einer bestimmten Regel folgt: er verwendet " über m für wo (we) und " für 
alle Umlaute und ie; an den 16. Schreiber, der in seinem ebenso schönen als rich- 
tigen Text sehr fleißig die Halbdiphthonge bezeichnet, erinnert er, daß er noch häu- 
figer wie dieser im Anlaute 1c gebraucht u. s. w. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER ÖUCHENWIRT-HSS. 225 

an die Suclieuwirt sich fifehaltcn (vgl. K III, S. 1); leider hat Kober- 
stein diesen Plan nieht ausgeführt. Hingegen schrieb er 1843 als An- 
hang zur ersten und zweiten Abtheilung die Abhandlung: Über 
die Betonung m c h r s i 1 b i g e r W ö r t e r i n S u c h e n w i r t 's V e r s e n 
(8 Seiten 4"), Damals wäre er der richtige Mann gewesen, einen 
ordentlich kritischen Text von Suchenwirt's Gedichten zu liefern; 
denn wenn auch zu keiner Zeit zu besorgen war, daß Koberstein 
unsern Dichter in die Schnürjacke mhd. Reime gezwängt hätte, wie 
dies später Karajan mit Teichner wirklich that, das läßt sich 
doch nicht leugnen, daß Koberstein in dem Bestreben, möglichst genau 
zu bestimmen, was dem Dichter und was den Schreibern gehört, noch 
in der ersten Abtheilung einem etwas strengen Purismus gehuldigt 
hat. Beispielsweise erinnere ich nur daran, mit welchem Aufgebot von 
Scharfsinn und Überredung Koberstein (I, S. 17 f.) unsern Dichter 
vor dem Vorwurfe, er habe einige klingende Verse mit vier Hebungen 
verbrochen, zu retten suchte. In II, pag. 7, zeigte er sich in diesem 
Punkte schon weit weniger rigoros u. s. w. 

Wer wie Schreiber dieser Zeilen jedes einzelne von den Tau- 
senden von Beispielen, die Koberstein in langen, oft ganze Seiten 
füllenden Reihen zusammenstellte, in P aufschlug, der kann eigentlich 
erst ermessen, was Koberstein, ganz abgesehen von seinem Wissen, 
an Geduld und Ausdauer geleistet hat. Diese seltene Akribie 
wirkte auf mich derart, daß ich auch nach absolvierter Universität 
mich gerne mit Suchenwirt beschäftigte und als Gymnasiallehrer zu 
Krems den Gedanken faßte, ein allseitiges getreues Bild von Suchen- 
wirt's Leben und Wirken zu entwerfen, seine Bedeutung mit Rück- 
sicht auf seine Zeitgenossen zu bestimmen und seinen absoluten Werth 
festzustellen. Die Abhandlung sollte im Jahresberichte 1871 veröffent- 
licht werden, da sie aber für eine Programmarbeit zu umfangreich 
war, konnte nur die erste Hälfte gedruckt werden. Sie erschien auch 
als Separatabdruck im Selbstverlag unter dem Titel: Der öster- 
reichische Didaktiker Peter Suchenwirt, sein Leben und 
seine Werke. 54 Seiten 8". 

Trotz mehrerer wohlwollenden Besprechungen konnte ich mich 
nicht entschließen, auch die zweite Hälfte zu veröffentlichen: ich 
dachte vielmehr daran, eine neue Ausgabe der Suchcnwirtischen 
Dichtungen zu veranstalten. Ende 1874 versuchte ich, mit dem Be- 
sitzer der Handschrift durch gütige Verraittelung des bairischen Ge- 
sandten am Wiener Hofe, des Herrn Grafen Otto Bray-Stcinburg, 
in Verbindung zu treten. Im Jänner 1875 erfuhr ich, daß der frühere 



226 FRANZ KRATOCHWIL 

Besitzer Graf Georg Thurn bereits 1866 gestorben sei; sein gleich- 
namiger Sohn besitze aber die Handschrift nicht, sie sei 
schon bei Lebzeiten seines Vaters gestohlen worden, sei 
darauf in der Ankündigung eines Antiquars aufgetaucht; 
wohin sie gekommen, sei ihm unbekannt. Alle meine Pläne 
waren zerronnen. 

Doch gab ich nicht Alles verloren und veröffentlichte darauf 
gleichlautende Anfragen in Nr. 62 des Jahrganges 1875 des Leip- 
ziger Börsenblattes für den deutschen Buchhandel und im 
Literarischen Centrnlblatt (Nr, 12) sowie im vierten Hefte der 
Zeitschrift für österreichische Gymnasien (S. 330); aber es 
kam keine Antwort — auch nicht auf eine nochmalige Anfrage im 
Leipziger Börsenblatt (Nr. 7 des Jahrganges 1876). 

Da erhielt ich von meinem Freunde Dr. G. E. Friess , Professor 
am Obergymnasium zu Seitenstetten, im März 1877 einen Brief, worin 
er mir mittheilt, er sei durch eine Notiz im Nachlasse des ehemaligen 
k. k. Staatsarchivars Dr. von Meiller auf einen im oberösterreichischen 
Stifte Schlierbach befindlichen Codex gelenkt worden, welcher außer 
dem Gesuchten auch eine bedeutende Anzahl Suchenwirtischer Ge- 
dichte enthalte, darunter auch solche, welche in Primissers Ausgabe 
sich nicht finden. Über letztere machte er mir einige Angaben mit 
der Bitte, ihm bekannt zu geben, ob und wo diese ediert seien. Ich 
schrieb, daß dies nicht der Fall sei, worauf er sich entschloß, einen 
Abdruck derselben für die kaiserliche Akademie der Wissenschaften 
in Wien zu besorgen. 

Dieser Brief spornte mich an, noch einen Schritt bei dem Grafen 
Georg Thurn zu thun. Da ich nicht ganz gewiß wußte, ob Graf Bray 
die Nachforschung auch mit dem nothwendigen Nachdruck geführt 
habe, so bat ich meinen damaligen CoUegen am Franz Joseph-Gym- 
nasium in Wien, den in vielen aristokratischen Kreisen wohlbekannten 
Professor Dr. Franz Weihrich, in dieser Angelegenheit Schritte zu 
thun. Er war so freundlich, sich der Sache eifrig anzunehmen; der 
Herr Graf*) übergab ihm ein an mich gerichtetes, vom 18. April 1877 
datiertes Schreiben, worin er mir mittheilt, daß die Bibliothek seines 
Vaters, bevor sie nach Blei bürg in Kärnten übertragen ward, sich 
durch viele Jahre zu Wien in einer eigens zu diesem Zwecke ge- 
mietheten Wohnung befunden habe. Dorthin wurde 1827 die durch 
Primisser's Ausgabe berühmt gewordene Handschrift gestellt. Das 

*) Er ist im Juui 1879 gestorbeu. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 227 

erfuhr ein Schreiber des gräl'lichen Wirthschaftsrathes Pfusterschmied 
Ritter von Hartenstein, der, da der Graf in Folge seiner militärischen 
Stellung von Wien abwesend war, den Schlüssel zur Bibliothek in 
Verwahrung hatte. Der Schreiber wußte sich Zutritt zur Bibliothek 
zu verschaffen und entwendete die Handschrift; doch kam man zur 
Kenntniß des Diebstahls erst 1846, als die Handschrift in einer Zei- 
tung zum Verkaufe angeboten wurde. Lange vorher war aber der 
Dieb wegen anderer Unredlichkeiten bereits entlassen worden. 

Ich war nicht weiter als im Jänner 1875: die Handschrift ist 
gestohlen; aber wo wird sie verwahrt? — Bald sollte auf unerwartete 
Weise die Frage gelöst werden. — Als der seither verstorbene IJni- 
versitätsprofessor Plofrath KarlTomaschek in der am 6. Juni 1877 
abgehaltenen Sitzung der philosophisch-historischen Classc der kais. 
Akad. d. Wiss. die Arbeit des Professors Friess vorlegte und betonte, 
daß der Schlierbacher Codex um so höher im Werthe stehe, da die 
Sinzendorf-Thurn'sche Handschrift seit langer Zeit verschollen sei, er- 
klärte Hofrath Dr. Ernst Ritter von Birk, Vorstand der k. k. Hof- 
bibliothek zu Wien, dieselbe sei nicht verschollen, sie befinde sich 
seit 1846 in der Wiener Hofbibliothek. 

Also dahin war sie gekommen! Aber um des Himraelswillen, 
wie kann ein Laie in juridischen Dingen jemals auf den Gedanken 
kommen, daß eine in Wien gestohlene, noch dazu einem alten 
Adelsgeschlechte gestohlene Handschrift von der Wiener Hof- 
bibliothek angekauft werde? Das geschah, wie Herr Hofrath Ritter 
von Birk mir mitzutheilen die Güte hatte, so. — Der entlassene Schreiber 
getraute sich mit seiner Beute nicht an die Öffentlichkeit; bald wäre 
dieselbe gänzlich vernichtet worden. Er hatte sich nämlich nach 
Wiener-Neustadt gezogen; daselbst war am 8. September 1834 bei 
heftigem Sturmwind ein ungelieuercr Brand ausgebrochen, wel- 
cher über 350 Scheunen und 500 Häuser zerstörte. Über vier Millionen 
Gulden Conv.-Münze betrug der Schaden, 47 Menschen — nach anderen 
Berichten 51 — verloren ihr Leben in den Flammen! Diese wütheten 
derart, daß, wie ein gleichzeitiger Bericht (Darstellung der k. k. 
Stadt Wiener-Neustadt, Wien 1834, S. 172 f.) sagt, „selbst 
Kellergewölbe bis auf den Grund ausbrannten!"^) — Und 

') Vgl. darüber auch Sebastiau Bruiinor, Wiener -Neustadt. Wien 1842, 
S. 40 f., ferner Rückblick auf den Brand von Wiener-N eustadt. Von einem 
Augenzeugen im 3. Bande der österr. Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde 
Nr. 36 und 37. — Die Wiener-Zeitung vom 10. September 1834 spricht nur vun 
einem Gerüchte, daß die Stadt abgebrannt sei; erst am 13. September brachte 
sie eine Darstellung des Brandes ! 



228 FRANZ KRATOCHWIL 

damals lag die gestohlene Handschrift in einer dünnen 
Cartonschachtel in einem Keller von Wiener -Neustadt! 
Was mag sie da gelitten haben! 

P, der, was Beschreibung und Geschichte der Handschrift betrifft, 
sich stets der äußersten Kürze befleißt, gedenkt nur (Einleitung 
S. XLHI) „ihres unscheinbaren und schadhaften Äußeren", das 
ihm schon damals, als er sie zum ersten Male sah, auffiel. Hätte er 
doch gesagt, worin letzteres bestand! Es muß schon sehr schad- 
haft gewesen sein; offenbar war damals bereits die Handschrift mehr 
oder minder in einzelne Lagen aufgelöst: wie ließen sich sonst 
die verschiedenen bedeutenden Lücken zu Anfang und im 
Innern erklären? Herausgerissen wurden die fehlenden Blätter 
nicht, sie können nur herausgefallen sein, denn diese Lücken 
waren alle schon zu Primisser's Zeit, wenn er auch nicht alle er- 
kannte. — Zu seiner Zeit schon war ferner die Handschrift fast 
unleserlich an manchen Stellen, weil sie verbl aßt oder v erlös ch t 
waren, ganz besonders S. 1 und 2, wahrscheinlich auch S. 153 (Nr. 18, 
V. 280 ff.) in der unteren Hälfte, besonders in den Anfängen der 
Verse. Ob die oberen Hälften der Seite 42 (Nr. 7, V. 330—341 und 
der Seiten 450—461 (Schluß von Nr. 42, 43, Anfang von 45) schon 
damals (wahrscheinlich durch eingedrungene Feuchtigkeit) verblaßt 
waren, oder ob dies später geschah, läßt sich ebensowenig entscheiden, 
als die Frage, aus welcher Zeit die ur • .nein zahlreichen Flecken 
der Handschrift (am Rande, aber au im Innern, z. B. S. 1 — 12, 
15-17, 38, 42, 51, 86, 89, 113, 125, ■ -4, 140, 144, 149—156, 175, 
176, 203, 218—220, 231, 256—258, oOO, 315, 322, 344, 367, 382, 
398, 415 — 418 u. s. w.) sowie die Risse S. 211 und 305 stammen. 
Gewiß ist nur, daß der Zustand der Handschrift während der Ver- 
borgenheit sich verschlechterte. 

Endlich — es waren fast zwei Decennien seit der Entwendung 
vergangen — faßte der Dieb Muth und näherte sich dem Wiener Anti- 
quar Johann Schratt. Dieser stellte dem Unterhändler Wilhelm 
Gram er Städter, dem Sohne des Diebes, einen Revers aus, worin 
er ihm bestätigte, die von P 1827 herausgegebene Handschrift am 
10. Februar (?) 1846 zum Commissionsverkaufe übernommen zu haben, 
und verspricht, diese durch die Wiener-Zeitung um 100 Stück Ducaten 
feilzubieten, das Manuscript, falls der Verkauf nicht gelinge, in dem- 
selben Zustande, wie er es übernommen, zurückzustellen, im Verkaufs- 
falle aber 50 Gulden nebst den für die Ankündigung ausgelegten 
Geldern zu beanspruchen. — Schratt that seine Schuldigkeit ; er ließ 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 229 

eine aiibt'ührlichc, im Verj^lciche zum Ivcvers uiifrcwöliniicli sjut j,'e- 
haltene Ankündigung der Handschrift am 17. März in die Wiener- 
Zeitung einrücken. 

Das genügte. — Trotzdem die in ein zelne Lagen atifgelöste 
Handschrift, welcher eine gewö h nli clic Schachtel aus 
Pappe als Aufbewahrungsort diente, nicht im Mindesten einen 
imponierenden Eindruck machte, fanden sich doch Kauflustige; be- 
sonders Ungarn, für dessen König Ludwig den Großen 8uchenwirt 
so viele Worte des Lobes hatte, strebte nach dem Besitze der Hand- 
schrift. In diesem entscheidenden IMomente griff die Wiener llof- 
bibliothek ein und erwarb um den verlangten Preis die Handschrift '). 

Und Graf Georg ThurnV Dieser lebte damals als Feldmarschall- 
lieutcnant und Divisionär in Pest (vgl. Wurzbach n. a. O. 45. Theil, 
8. 120) und erfuhr erst aus der Wiener Zeitung, daß ihm seine werth- 
volle Handschrift entwendet worden war; bevor er noch Schritte 
thun konnte, war sie schon verkauft. Aber auch der Kecurs, den 
er später wirklich ergriff, fiel nicht zu seinen Gunsten aus; die llof- 
bibliothek hatte mit der Handschrift auch den von Schratt aus^-c- 
stellten Revers und einen Abdruck seiner Ankündigung in der Wiener- 
Zeitung^) erworben, und diese für einen rechtsunkundigen Menschen 
höchst unbedeutenden Dinge schützten die Hofbibliothek in ihrem 
kostbaren Erwerbe. Doch führte der Recurs zur Bestrafung des Diebes, 
Schratt kam um seine Provision. — Dies die wahre Geschichte 
einer verlorenen Handschrift. 

Wäre die Handschrift nicht gestohlen worden, so befände sie 
sich schon längst im fernen BIciburg. Daß sie aber an ihrem jetzi- 
gen Orte leichter zugänglich und ungleich besser ge- 
borgen ist, unterliegt keinem Zweifel. Und dies ist bei dem sehr 



') Und zwar noch im Monate März, wie icli aus dem Zettelkataloge der Hand- 
schriften ersah. Herr Scriptor Dr. A. Göldlin von Tiefenan, wie immer liebenswürdig 
und gefällig, gestattete mir nämlich einen Einblick in denselben. Dadurch wurde es 
erst möglich, die Ankündigung der Handschrift in der Wiener-Zeitung zu finden und 
das Datum des Reverses richtigzustellen. Jedermann liest dieses mit 10. April. Das 
kann es aber nicht bedeuten: Schratt kann nicht Anfangs April die Übernahme der 
Handschrift zum Verkaufe bestätigen, nachdem dieselbe am 17. März bereits von ihm 
in der Wiener-Zeitung zum Verkaufe angeboten und balil darnach von der Hof- 
bibliothek angekauft worden war. Es kann somit die für den Munat gesetzte riimische 
Zahl nur II mit einem Schnöikel oder einen unvollendeten III bedeuten. 

') Beide wurden später der Handschrift vor dem rückwärtigen Deckel bei- 
gebundeu. 



230 FBANZ KKATOCHWIL 

hohen Wert he der Handschrift nicht gleichgiitig. Ihr Verlust wäre 
unersetzlich selbst jetzt noch; sie ist die Suchenwirt-Hand- 
schrift xar' s^oi}]v. Ihr Werth wird erst klar durch die Betrachtuog 
der übrigen Handschriften. 

II. af. 

Die Tabulae codicum erwähnen nichts davon, daß A eine 
andere Handschrift beigelegt ist, nämlich a, eine Abschrift des 
Suchenwirtischen Gedichtes Von Der mynn slaff von unbekannter 
Hand des vorigen Jahrhun dertes, wie schon nach der Schrift 
anzunehmen ist. Die Abschrift bestand ursprünglich aus einem 
halben und einem Viertelbogen; man denke sich einen ganzen Papier- 
bogen von oben nach unten in vier gleich breite Streifen zerschnitten 
und jeden derselben auf beiden Seiten mit 46 — 50 abgesetzten Versen 
beschrieben. Der halbe Bogen hatte zwei solche Columnen, er wurde 
Ende 1878 auf meine Anregung von dem seither verstorbenen Custos 
J. Haupt in zwei Streifen zerschnitten; somit umfaßt jetzt die 
Abschrift drei Streifen. Um sie vor Verlust zu sichern, wurden 
dieselben auf den drei ersten leeren Blättern nachdem letzten 
Gedichte in A (vgl. S. 208) befestigt. 

Da das Gedicht Von Der mynn slaff nur in A erhalten ist 
so liegt die Annahme, daß diese Handschrift als Vorlage für a 
gedient habe, sehr nahe. Unterstützt wird dieselbe noch durch V er- 
gleich ung des Gedichtes in beiden Fassungen: sie zeigt 
Übereinstimmung, oft sogar in den kleinsten Kleinigkeiten. 
Abweichungen kommen wohl in a vor, doch erklären sie sich 
fast sämmtlich aus dem Drange des Abschreibers, Schreibweisen und 
Sprachformen der alten Fassung zu modernisieren. So hat er 
Anfangs eine regelrechte Interpunction eingeführt und s'ämmtliclie 
Hauptwörter groß geschrieben, aber bald fügt er sich mehr und mehr 
der alten Schreibweise. Nur die f oder i gibt er durchaus mit i und 
schreibt ie nur dort, wo es schon das Original bringt; u mit dem 
Ilaken • drückt er durch Umlaut des u aus {tut : gilt : müt V. 163, 241 
u. s. w.) , die durch den Haken angedeuteten Flexions-e ignoriert er 
gewöhnlich. V. 6 schreibt er ihrer für ir, 17 und 191 Das für des^ 
18 Hofmaisterin für hofma ister ine, 83 cioahi für tioalm, 128 um für 
iimb u. s. w. 



f Dieses Zeichen zeigt an, daß P die Handschrift nicht gekannt oder doch 
in seiner Ausgabe der Gedichte Suchenwirt's nicht benützt hat. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 231 

Anderungeu wie sie7,^er für 51162,%^)- V. 13, iciste für iceste V. 23, 
gorten für garten V. 5, Z^c»r für dar V. 54 und 55, Auflösungen von 
Abkürzungen wie in meine puech V. 188 (ebenso in V. 5) mit dem 
Accusativ mag weniger der Drang zu modernisieren als des Schrei- 
bers österreichische Mundart veranlaßt haben. 

Einige Abweichungen sind durch unrichtiges Lesen entstan- 
den, so V. 7 chrellCel, 8 S2>rechen, 31 niemaniler wekchen (A hat 
niema/i D' icekchen) y 76 tat, 91 no; alters ain in V. 109 iieli er ganz 
weg; offenbar war es ihm unverständlich. 

Erscheint somit a im Ganzen für die Textkritik belanglos, 
so kann man dieser jungen Handschrift als Beleg, daß 8uchenwirt's 
Dichtungen auch im vorigen Jahrhundert nicht ganz vergessen waren, 
ein historisches Interesse nicht absprechen. 

III. Bf. 

Anders verhält es sich mit B. Diese Papierhandschrift gehört 
der oberösterreichischen Cistercicnserabtei Schlierbach, trägt dort 
die Signatur I, 27 und wurde mir durch die Güte des hochwürdigen 
Herrn Stiftsvorstandes Florian Schininger unter Bürgschaft des Pro- 
fessors G. Friess in Seitenstetten (vgl. S. 226) zur Benützung über- 
lassen. Sie stammt aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und 
zählt Alles in Allem 403 Blätter in Folio, von denen 54 unbe- 
schrieben sind. 

Ihre Entstehung verdankt sie dem -gelehrten Job Hart mann 
Enenkel von Albrechtsberg'), Freiherrn auf Hoheneck und 
Goldeck. Das besonders in Niederösterreich begüterte Geschlecht läßt 
sich bis 1009 zurück verfolgen; es wurde 1477 ritterlich, in der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhundertes freiherrlich. Der letzte des Mannesstammes, 
der oben genannte Job Hartmann, 1576 geboren, wurde kaiserlicher 
Räth und Kämmerer, Landrath von Oberösterreich, 1613 Regent der 
niederösterreichischen Lande (d. i. n. ö. Regimentsrath) und starb in 
seinem 50. Jahre am 9. Februar 1627 zu Wien. Vgl. Hoheneck, 
Genealogische und historische Beschreibung der löblichen Stände in 
dem Erzherzogthum Österreich ob der Enns, 3. Band (1748), S. 122 bis 
154 und Zeitschrift f. d. Alt. 28. Band (1884), wo Philipp Strauch 
in der Abhandlung: Studien über Jansen Enikel S. 35 — 64 die Frage, 
ob der Verfasser der Weltchronik und des Fürstenbuches 
aus demselben Gesclilecht wie der Schreiber vonB stamme» 



') An der Bielach bei Melk. 



232 FKANZ KRATOCHWIL 

verneint und die Literatur ttber Letzteren zusammenstellt. — Enenkel 
war selbst dichterisch thätig; die Gelegenheitsdichtung war sein Feld 
(vgl. unter andern die Nummern 21 — 25, 29 und oS der Handschrift 
10100 der Wiener Hofbibliothek); er war ein warmer Liebhaber deut- 
scher Literatur, großer Bücherfreund und besaß eine reichhaltige 
Sammlung von Handschriften, die aber nach seinem Tode nach allen 
Richtungen zerstreut wurden. Vieles kam in die Wiener Hofbibliothek 
(vgl. Strauch a. a. O.), zwei Bände Genealogien in das n. ö. Landes- 
archiv, anderes in das Museum Francisco-Carolinum in Linz u. s. w. 
Auf welche Weise B in das vom Kaiser Ferdinand H. 1620 den 
Cisterciensern übergebene Stift Schlierbach kam, ist mir nicht bekannt. 

Ein Jahrhundert darnach benützte wahrscheinlich Freiherr von 
lloheneck^) diese Handschrift zu seinem oben angeführten Geschichts- 
werke (vgl. S. 244 f.); gewiß ist, daß sie Dr. von Meiller's Aufmerksam- 
keit erregte und durch dessen Nachlaß das Interesse des Professors 
G. Friess, welcher in seiner Abhandlung: Fünf unedierte Ehren- 
reden Peter Suchenwirt' s, Wien 1878, 30 S. (Separatabdruck 
aus dem Octoberhefte des Jahrganges 1877 der Sitzungsberichte der 
philos.-histor. Classe d. kais. Akad. d. Wiss., LXXVIIL Bd., S. 99 ff.) 
der gelehrten Welt nebst Mittheilungen aus dem Codex auch eine 
kurze Beschreibung desselben gab. 

Es sind in demselben zwei Zäh lungen angebracht. Eine alte, 
vom Schreiber Job Hartmann Freiherrn von Enenkel her- 
rührende, die beim Einbinden des Codex in Pergamentdeckel durch 
das Beschneiden des Papiers ganz oder theilweise wegfiel, zählt nach 
Seiten, erreicht Seite 819 und rechnet die zwei letzten Blätter, die 
zum Deckel gehören, nicht mit, wohl aber die zwei, die zum Vorder- 



') Ausdrücklich beruft sich Freiherr von Hoheneck an sehr zahlreichen 
Stellen seines Werkes auf in seinem Archive befindliche, aus Baron Eneukers Feder 
stammende genealogische Manuscripte. — Möglich ist es, daß unsere Handschrift 
schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Valentin Preuenhueber sen. 
benützt wurde. Dieser handelt unter Nr. 12 seines Catalogus supremorum capitaneo- 
rum Austriae superioris von Hans von Traun und beruft sich dabei auf ein Manu- 
script de rebus gestis D. Joan, Baronis a Traun (Preuenhueber, Annal. 
Ötyr. S. 416). Er gibt aber den Inhalt desselben leider nur in ganz allgemeinen 
Zügen, die zwar zur höchst wahrscheinlichen Annahme, daß unter 
dem angeführten Manuscript nichts anderes als Suchenwirt' s Kede 
auf Hans von Traun gemeint sei, völlig ausreichen, nicht aber zur 
Entscheidung, ob Preuenhueb er das Gedicht in der Fassung vonA 
oder B vor sich gehabt habe. Bis auf das Todesjahr passen seine An- 
gaben eben zu beiden. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT ITSS. 233 

deckel gehören, von denen aber nur nocli ein Blatt vorhanden ist. 
Gegen den Schluß ist in Enenkels Zählung ein Ftdder gekommen: 
er sollte 804 Seiten erreichen. Stellenweise (wie bei den Gedichten 
Suchenwirt's) ist die zum Theile weggeschnittene Zählung von neuerer 
Hand mit Tinte angebracht. Außerdem findet sich eine Zählung nach 
Blättern; sie stammt aus neuester Zeit, ist mit Blei hie und da 
angebracht, namentlich wenn ein neues Stück in der Handschrift 
anfängt. Das eine noch vorhandene Blatt nach dem Vorderdeckel ist 
eingerechnet. Dort, wo 200 steht, sollte 201 stehen, es ist somit die 
Zählung von hier an bis zum Schlüsse unrichtig. 

Der Deckel ist namentlich au den unteren Ecken durch Wurm- 
stich schadhaft; auf dem Rücken steht von älterer Hand geschri(!bon : 
Historia de Sancto Severino. 

Diese Vita nimmt aber nicht vielleicht den größten Kaum der 
Handschrift in Anspruch, mit ihr beginnt die Handschrift, von ihr hat 
sie die Aufschrift. Die übrigen Stücke sind gleichfalls historisch, stehen 
mit der Geschichte Österreichs in engerer oder weiterer Beziehung 
und sind nach den in der Wiener Hofbibliothek befindlichen Hand- 
schriften geschrieben. Das größte Stück darunter und überhaupt der 
Handschrift ist Fürstenbuch von Oesterreich und Steyerland \ ßeschriben 
vor mehr als 350 Jahren \ von \ Herren Jansen dem Enencheln. Der Ab- 
schreiber macht unterhalb dieses Titels die Bemerkung, daß diese Ab- 
schrift von Hieron. Megiser, dem er sie 1613 nur zum Anschauen 
gegeben, 1618 zu Linz in Druck gelegt worden sei, erst 1623 habe 
er sie wieder zurückerhalten^). Viereinhalb Blätter nach dem Fürsten- 
buche, von Seite 434 — 485 nach Enenkel's Zählung, folgen 
Gedichte Suchenwirt's, jener Theil des Codex, auf dem 
allein aus später ersichtlichen Gründen der wahre Wert h 
dieser umfangreichen Handschrift beruht. 

Der Titel steht S. 434 und lautet: Dises Heldenbuech oder beschrei- 
bung ATX. Oesterreichischer umb die 1300. 1330. 1350 1380 berümbten 
helden Ritterlicher Thaten Ist abgenommen vnd geschriben mit meines 
vnderschribnes handen , aus dem alt vor 200. Jahren geschribnen 
buech bei herren Wolf Chr ist offen Velderndorfer zum Neiden- 
stein"^) Zu befinden: vnd miers mitgetheilt Im 1G2Ö, Jar. Dabei noch 



') Megiser eiwälmt in der Vorrede zu seiner Ausgabe des Fürstenbuehes nichts 
von dem, wolil aber beruft er sich auf zwei alte auf Pergament geschriebene Exem- 
plare des Fürstenbuehes in der kaiserlichen Bibliothek zu Wien. 

"*) Wolfgang Christoph Freiherr von Velderndorf (geboren 1&72) gehört einem 
niederösterreichischeu Adelsgeschlechte an, das sich bis in das elfte Jahrhundert ver- 



234 



FRANZ KRATOCHWIL 



andere mehr Poetische beschreihung oder getichte, samt eingemischten 
historien von Oesterreichen Sach, absonderlich in ein buech geschriben. 

Die nächste Seite ist leer. Von Seite 436 an folgen 21 Gedichte 
Suchenwirt's in nachstehender Ordnung: 



n3 «> 



Zählung nach 
Fri ess und 
P r i m i s s e r 



Von Seite . . . 

der Handschrift 

bis Seite . . . 



Überschriften der Gediclite 



10 
11 
12 
13 
14 



ab In 



II 
III 

IV 
V 

I 
II 

IX 
XIV 

XVIII 

XI 

X 

XII 

XIII 



430'"") 

430'^— 438' 
438"— 439'' 



439"- 
44r- 



-441" 
-442" 



442"— 444" 

445"— 447" 
447'— 450" 

450"— 456" 
45G"-4G0'' 
460'— 403' 
463' — 464" 
464" -407' 



Lobgedicht auf Moriz von Hawnfeld. 

NB. Titel fehlt 

Von Hern Hansen von Chappell 

Von Herzog Albrechten von Oester- 

reich 

Von Hern Albrechten von Rawchenstein 

Von Hern Sumolf Lappen von Ern- 

wicht 

Von Cbünig Ludweigen von Ungernland 

Von der Chaiserinn von Payern 

Von Hern PuppH von Eilerbach 

Zum Lobe Friedrichs von Chrewspekch. 

NB. Titel fehlt 

Von Herren Hansen von Traun 

Von GrafF Ulreichen von Phannberg 

Von Hern Puppli von Ellerbacii 

Von Hern Hertweigen von Pettau 

Von Hern Ulreichen von Waise 



folgen läßt. Den Namen hat es von dem kleinen Orte Velderndorf, ehemals auch 
Völlerndorf, Völderndorf, Felderndorf, jetzt Feilendorf, in der vom n. ö. 
Landesausschusse 1882 herausgegebenen Übersichtskarte der Flußgebiete von Nieder- 
österreich Fall endorf genannt; es liegt 9 Kilometer westlich von St. Polten zwischen 
der Sirning und Bielach. 1613 kam Wolf Christoph von Velderndorf auch in den 
Besitz der kleinen Herrschaft Neidenstein (auch Neutenstein genannt), die aus 
dem Schlosse Neidenstein und dem Orte Unter-Grafendorf (am rechten Ufer der Persch- 
ling zwischen Jeutendorf und Böheimkirchen) besteht. Seit Anfang des vorigen Jahr- 
hunderts hat Neideustein zu wiederholtenmalen seinen Besitzer gewechselt, so daß leider 
„von dem alten Buch" keine Spur mehr zu finden ist. Vgl. J. Fr. Gau he. Des Heil. 
Rom. Reichs genealogisch-historisches Adelslexikon, 1740, 1. Bd., S.528f.; J.Seifert, 
Hoch-Adeliche Stammtafeln, 1721, 1. Theil, Nr. 19, und Fr. Seh wei ckhardt Ritter 
vonSickingen, Darstellung des Erzherzogthums Österreich unter der Enns. Viertel 
ober dem Wienerwald, 3. Bd. (1836), S. 15—17 und S. 100— lOl. 
■) a = linke, b =; rechte Spalte. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 235 



c-w® IZählune: nach Von Seite ... 
^■^ Friess und der Handschrift 
Primisser bis Seite ... 



Ü b e r s c in- i f t e n der G e d i c li t e 



15 

16 

17 
18 
19 

20 
21 



(VI)'), Pill' 467"— 470" 
(VII) ^), VII 470"— 472*^ 



VI 
XV 
VTII 

XVI 
XVII 



473"— 475» 
475"— 477" 
477"_480" 

480"— 482"^ 
482"— 485'^ 



Von Herczogen Albrechten von Oester- 

reich 
Von Purchgraff Albrechton von Nürn- 
berg 
Von Herczog Hainreichen von Kernden 

Von Ilern Lewtolden von Stadekk 

Von Herren Purkharten von Ellerbacli 

dem alten 

Von Graven Ulreichen von Cyli 

Von Hern Pridreichen von Lochen 



Während der erwähnte Titel eine undeutliche, verzogene Current- 
schrift") zeigt, sind die Gedichte in schöner, gut lesbarer lateinischer 
Schrift des 17. Jahrhunderts geschrieben, auf jeder Seite zwei 
Columnen, jede zu ungefähr fünfzig Zeilen. Die Verse sind abgesetzt 
und beginnen bald mit großen bald mit kleineu Buch- 
staben. Die Überschriften sind in größerer Schrift geschrieben; es 
ist durchaus nur schwarze Tinte verwendet. 

Bei dem ersten Anblicke fallen die großen Anfangsbuch- 
staben im Innern der Verse auf^, deren Verwendung weit aus- 
gedehnter, aber schon consequenter ist als in A. Im Übrigen ist jedoch 
die Schreibweise der Handschrift mit der von A im Ganzen über- 
einstimmend. Beide Handschriften sind nicht frei von Inconsequenz: 
dasselbe Wort, sogar in demselben oder nächstem Verse, zeigt zu- 
weilen verschiedene Schreibung. Unter den Buchstaben ist nur sS neu, 
wechselt aber häutig mit zz. Das Dehnungs-A nach dem t begegnet 
öfter, so B S. 463 = P X, 242 thet, Friess VI, 52 that. Während 
in A ebenso oft tz wie cz verwendet wird, ist in B Vorliebe für cz 
bemerkbar. 

Von den in A zur Bezeichnung von Vocalen und Diphthongen 
üblichen Haken kommen häufiger vor ", dann •' und ", selten ', 
ausnahmsweise ; hingegen liebt unsere Plan d seh rift beson- 



») Vgl. S. 238. 

') Sie gleicht ganz Enenkel's Autograph in der Ilaudsclirift der Wiener Ilof- 
bibliothek Nr. 10100", welche f. 165"'' ein Gedicht von ihm bringt „für Herrn Poter 
von .Scherenberg auf sein Dama einer Poplin zu Siena in Toscana". 



236 FRANZ KRATOCHWIL 

ders das Zeichen '"'. Dieses vertritt alle Haken von A, und zwar 
in der Seite 213 — 217 dargelegten dreifachen Verwendung derselben. 
Doch fehlt in B der Haken als Zeichen der Diphthonge öfter 
als in A; so begegnen nicht wenige u für iio, tie und ^ = ?'e. Dar- 
nach wird uns das häufige Fehlen des Hakens in B, wo es sich um 
Halbdiphthonge oder gar um S varabhak ti-handelt, nicht so sehr 
wundernehmen; sind doch selbst in A die durch Haken bezeichneten 
Svarabhakti nicht besonders zahlreich. Immerhin ist aber nicht zu 
leugnen, daß der Schreiber von B nur geringe Vorliebe für Formen 
mit Svarabhakti zeigt; denn selbst die in A durch e oder i ausge- 
drückten gibt B nicht immer. Der Punkt ober ^ fehlt oft, doch, wenn 
er gesetzt wird, befindet er sich meist über dem i und nicht (wie in 
A oft) seitwärts davon, so daß die Schrift lesbarer ist. 

Die Unterscheidungszeichen sind nur selten. Am Ende 
des letzten Verses von Nr. 1, 2, 4 und 5 begegnet ein Punkt, desgl. 
nach dem Titel von Nr. 3, 15 und 16; in Nr. 5 V. 96, Nr. 15 V. 25, 
37, 42 und in Nr. 16 V. 3 finden sich auch Beistriche, in Nr. 9, 118'' 
(dieser Vers fehlt in A) ein Ausrufungszeichen. Ich glaube, selbst 
diese wenigen Zeichen dürften von Enenkel herrühren. 

Der Abkürzungszeichen sind zwei: ~ und s. Wie in A steht 
ersteres bisweilen unnöthig, wird aber sonst nicht nur oft, sondern 
auch in ausgedehnterer Weise verwendet als in A (vgl. S. 212), 
indem es nicht selten für auslautendes e (iteüid Nr. 1, 193, Nr. 8, 127), 
einmal auch für auslautendes s (Nr. 14, 158 de) steht. B S. 468'^ be- 
gegnet ds (= des), was Friess VI, 60 irrig mit das aufgelöst hat. n 
= nn und m = mm findet sich oft (danen Nr. 19, 183 und 185, 
Hawhtman in einem nach 448 eingeschobenen Verse von Nr. 10, czil- 
sawie 10, 271 u. s. w.), 12, 166 u. ö. Ihu = Jesu. __ ^ hat eine etwas 
engere Bedeutung als ^ in A (vgl. S. 211 f.); es bezeichnet in der 
Regel er, doch auch ur (sehr häufig d'ch), ganz ausnahmsweise ar, ir 
{bewH : art Nr. 14, 169, wde = wit-de Nr. 5, 3) und ert {hund\ dorffer 
in Nr. 21, 18 Ergänzungsvers. Häufig begegnet Osterr'' oder Oesterr\ 
selten Oster^^. 

Was die Schreibfehler (im Sinne von Versehen durch Eile 
oder Vergessen) betrifft, so sind dieselben verhältnißmäßig häufiger 
als in A. Höchst wahrscheinlich hat Enenkel seine umfangreiche Ab- 
schrift, nachdem er sie fertig gebracht: nicht mehr mit der Vorlage 
verglichen; manche Versehen hat er gebessert: sie mögen ihm gleich 
beim Schreiben aufgefallen sein. Übrigens konnte ja auch seine Vor- 
lage hie und da fehlerhaft sein. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT- IISS. 237 

Unzweifelhaft ist es,- daß durch manclie solche Verstöße der Text 
leidet; an nahezu dreißig Stellen erscheint dadurch der Sinn gestört. 
In den Reimen begegnet selten Auffälliges. Von den zwanzig 
hieher gehörigen Fällen zeigen fast alle nur ganz unbedeutende Ver- 
schen, wie sie leicht beim Abschreiben unterlaufen-, sie lassen sich 
auf den ersten Blick corrigieren, aber auch die paar anderen bedeu- 
tenderen Reimstörungen sind unschwer zu beheben. Eine derselben: 
voglsaiich noch mayen Lust 
den /terczen gaben wenig gust 
in Nr 18, 85 möchte ich auf Enenkel's Rechnung setzen; seine Vor- 
lage wird gleich A gehabt haben luft : guft. Da ihm letzteres Wort 
vielleicht unverständlich war, hielt er es für Verderbniß und suchte 
zu bessern ; er hat aber nur den Text verschlechtert. Dasselbe glaube 
ich von einigen anderen verderbten Stellen .".uuerhalb des Reimes. 
So heißt es in Nr. 10, 508: 

do icaa dfr Winter recht so ehalt] 
es stand schon (wie in A) nicht\ dieses wurde aber, da Enenkel den 
Sinn nicht verstand, in recht geändert. Nr. 14, 56 schreibt er: 

er icas ein uher holdes Kraft 
(A über heldes), 14, 212 darin falsch (A vasch), 15, 31 Unschulden 
A von schulden), 16, 184 Senuise graben (A Gen muse), 21, 89 be- 
trogt (A bevogt). 

Wie viel von all den Ungenauigkeiten auf Flüchtigkeit oder 
Mißverständniß Enenkel's, wie viel auf Unlesbarkeit oder Fehler- 
haftigkeit seiner Vorlage zu setzen kommt, läßt sich nicht entscheiden. 
Immerhin ist ihre Gesammtzahl im Verhältnisse zum Um- 
fang der Handschrift gering. Eine sorgfältige Vergleichung zeigt 
nicht nur Übereinstimmung unserer Handschrift mit A im 
großen Ganzen, sondern oft in den kleinsten Details; ja, sie ist mit- 
unter geradezu überraschend. So hat P XI, 158 f.: 

Da von mein vrewd vergellet, 

Ir su^z,ikait ist loorden sawer, 
hingegen B mit A in, und V. 322 Got vater setze, B und A aber Got 
herre vater; P VII, 51 leben, dez, A dd^ (vgl. S. 215), B das, V. 139 
P Chriehen, AB chriechen, V. 190 P Waegen, AB wegen; P VI 45 
X>e? ist daz, leben, kB der; P XV, 184 Getrewer, AB getrewn; P 
VIII, 32: Mit wort, gedanchen, guter tat, 

AB mit vorgedankchen, V. 84 P erslagen, A hatte wie B geslagen, 
doch hat der Schreiber in A nachträglich die erste Silbe geändert, 
V. 137: Die flucht pracht er ze wal hemider, 

GERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIV.) .lahrft. 16 



238 FRANZ KRATOCHWIL 

A zemal, B zumal- P XVII, 85 An der Oder; AB Ader, V. 127 De>n 
von Maekelhurch, B mit dem Meklhurg, A hatte mit dem^ aber mit 
sieht verlöscht aus, V. 131 P gewunn^ B gewunnen, desgl. A, aber en 
ist ausgestrichen. — Diese Stellen, die sich sehr leicht bedeutend ver- 
mehren ließen, bezeugen nicht nur die große Übereinstimmung 
zwischen B und A, sondern lassen auch die Annahme zu, d a IX 
Enenkel seiner Vorlage, wo sie ihm keine Schwierigkeiten 
bereitete, in der Regel getreu gefolgt ist. Es ist also zu 
sehließen erlaubt, daß die oben berührten üngenauigkeiten größten- 
theils auf Rechnung der Vorlage zu setzen seien. 

Dazu stimmt, daß die Sprachformen fast ausnahmslos mit 
denen von A congruent sind. Doch zeigt unsere Handschrift keine 
Vorliebe für den in A häufigen Wechsel von h und w, hingegen findet 
sich fast durchaus die, wo A di hat, auch gebraucht Enenkel nie die 
Formen schol, scholde, sondern immer mit dem einfachen Anlaute s; 
sonst steht seh statt s ganz vereinzelt in Nr. 12, 49 und 129, auch 
die Form mancher b<;gegnet nur ausnahmsweise. 

Überhaupt macht EnenkePs Abschrift der Suchenwirtischen 
Gedichte, von den Schriftzügen abgesehen, ganz den Eindruck einer 
alten Handschrift, obwohl sie erst 1625 angelegt wurde. Früher kann 
sie nach Enenkel's Angabe auf dem schon beregten Titel nicht ent- 
standen sein, aber auch nicht viel später, da Enenkel 1627 starb; 
andere Theile des Codex sind freilich schon bedeutend früher (1613) 
geschrieben worden. Wenn nun Jemand die Handschrift, auf deren 
unbedeutendes Alter reflectierend, geringschätzig beurtheilen möchte, 
so würde dies dem Werthe derselben widersprechen. 

Dieser ist nach dem bisher Glesagten trotz ihrer Jugend sehr 
bedeutend. Er wird noch dadurch erhöht, daß sie fünf neue Ge- 
dichte bringt, von denen besonders vier historisch verwerthbar sind; 
dadurch wird die große Lücke am Anfange von A nahezu ganz aus- 
gefüllt. Aber auch vier andere Lücken in A fanden durch B 
ihre Ergänzung; davon waren zwei schon P bekannt, die eine von 
89 Versen in A Nr. 12 nach dem V. 116, die andere von 41 Versen 
in A Nr. 15 nach dem V. 185. Professor Friess veröffentlichte zugleich 
mit den fünf Ehrenreden unter Nr. VI und VII auch die Ergänzungs- 
verse zu diesen beiden Lücken ^) (a. a. O. S. 26 — 30). Zwei andere 



•) Zu ändern sind folgende Stellen, und zwar in I, 17 frumde in fromde, 20 wer- 
den in werdem, 25 mullen in viüllen, 45 so in do, 84 manigen in maniger; in II ist zu 
lesen: 1 pitt mit u. s. w. , 4 helffe, 8 inn. imd, in V. 18 hat B gemawre, in 25 
loillen : pillen, 48 wo. swert, 68 mendleicJi , 85 was, 100 der, 104 geslagen, in 51 hat 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 239 

Lücken, jede zu 52 Versen, sind bisher unbemerkt geblieben, die 
eine in A Nr. 9 nach V. 34, die andere in A Nr. 27 nach V. 52: 
die Ergänzungsverse beider Lücken gebe ich im Anhange 
zu dieser Untersuchung. 

Daß aber diese fünf Gedichte und vier Ergänzungen 
wirklich von Suchenwirt herrühren, unterliegt keinem 
Zweifel, Allerdings sagt Enenkel ausdrücklich mit keinem Worte, 
daß die von ihm abgeschriebenen Gedichte dem Suchenwirt ange- 
hören ; aber am Ende seiner Abschrift (S. 485 b) hängt er dem 
Schlüsse des letzten Gedichtes noch die Bemerkung an: Hie habent 

die rede uon den Wappen ein ende. Hier bringt also Enenkel 

ein Ganzes, die fünf fraglichen Gedichte erscheinen in Verbindung 
mit 16 anderen, welche unbestritten längst als Suchenwirt's Eigen- 
thura allgemein gelten. Zudem steht das fünfte dieser Gedichte wenig- 
stens mit seinem Schlüsse in A, in jener Handschrift, welche aus- 
schließlich Gedichte Suchenwirt's enthält. Es ist aber mehr als 
wahrscheinlich, daß nicht nur der Anfang des fünften Gedichtes, 
sondern auch die vier anderen Gedichte einmal in A gestanden haben 
(vgl. S. 228 f.). Daß Suchenwirt sich in den fünf Gedichten nicht 
nennt, ist kein Einwand; das Gegentheil wäre sogar auffällig, 
da er dieses in keiner seiner Ehrenreden thut, diesen aber sind 
die fünf Gedichte in allen Stücken conform. Wie dort han- 
delt es sich auch hier um das Lob österreichischer Edlen: er 
preist Moriz von Haunfeld , Jans von Chappell, Herzog Albrecht U. 
den Lahmen und Albrecht von Raulieustein. Alle bis auf den Herzog 
sind todt; das fünfte Gedicht ist satirisch. — Auch die Ausführung 
des Themas ist um kein Haar anders: er beginnt mit dem Bekennt- 
nisse seiner poetischen Ohnmacht und der Anrufung der göttlichen 
Hilfe und endet mit der Empfehlung der Seele des Verstorbenen an 
die Gnade Gottes und mit der Beschreibung des Wappens seines 
Helden. Auch was Dietion, Sprache und metrischen Bau be- 
trifft, gleichen die fünf Gedichte ganz den anderen Ehrenreden. 
Letzteres gilt auch von den Ergänzungen. Daß sie echte, wesentliche 



zu entfallen der, in 87 er; in III ist zu lesen: 10 yicalt, 11 mein, 6.^ trewen, 65 chrümbe, 
109 snödeni 116 in, in 47 liat auszufallen die vor weisen; in IV ist zu le.sen : 2.5 ir, 
öifrovid, 61 heldes, 82 mugd, 133 nagel, 135 helle, 141 under; in V hat B V. 2 
uemünst, 28 nu, 30 der, 43 erd, 48 dem, 73 do er, 87 gürtel, 92 einen, 93 im, 102 
öphltrank, 105 geschehen, 110 glider, 111 warn, 142 Am«; in VI: 21 gesach, Si frewden- 
reiches, 44 armew, 48 uö jugent, 57 nu dar, 60 dea, 67 viir (nicht nm-), 80 achilde, 
88 was; in VII: 13 von dem, 24 selbes und 39 den (nicht der). 

16* 



240 FRANZ KRATOCHWIL 

Theile, keine müßigen Erweiterungen der Gedichte sind, sieht 
Jeder, der nur aufmerksam die Nummern 12, 15 und 27 in A mit 
ihren Ergänzungen in B liest; dasselbe gilt von der Ergänzung zu A 
Nr. 9 (Rede vom verstorbenen jungen Ellerbach) , deren Echtheit 
und Nothwendigkeit am deutlichsten aus A Nr. 5 (Rede auf den 
lebenden jungen Ellerbach), V. 58 — 113 erhellt. 

Der Werth von B zeigt sich auch, wenn in A Wörter fehlen, 
wie z. B. A Nr. 15, 75, 192; Nr. 16, 72, 75, 214; Nr. 27, 51, 178; 
ferner wo A schwer leserlich oder unlesbar ist, wie A Nr. 1 , 
18, 43; Nr. 9, 144; Nr. 13, 111, 117 (zweite Recension); endlich 
wo A fehlerhaft oder sinnlos ist, z. B. A Nr. 15, 199; Nr. 16, 
66; Nr. 22, 182, 231, 243; Nr. 27, 53. — Es hat sich nämlich als 
unzweifelhaft herausgestellt, daß unsere Handschrift nicht selten dem 
Sinne nach Besseres bietet als A. 

Das Urtheil über den Werth der Handschrift wird keineswegs 
dadurch umgestoßen, daß B zuweilen Verse versetzt, einen Vers 
etwas früher oder später als A oder statt eines Verses in A 
einen neuen bringt; so ist V. 119 von Nr. 13 in B = V. 120 von 
Nr. 10 in A, V. 120 in B: 

derselb mit sterk un ehren geuast 
ist ein neuer Vers, der in A nicht vorkommt. Letzteres gilt auch von 
folgenden Versen in B : 

Nr. 14, 30 wan er ye lobes chunde warten 
V 14, 172 darnach der degeyi here 
7) 19, 152 si chomen ungeladen 
Ti 21, lOß die was enuallen swer 
•n 21, 107 loie wid"" in wer daz gancz lant. 

Der Werth der Handschrift wird selbst dadurch nicht beein- 
trächtigt, daß sie hie und da Lücken hat. Von den größeren gibt 
Enenkel selber Rechenschaft. So schreibt er B S. 436 vor Beginn 
von Nr. 1: Diser Helden heschreihung ist ein abgang. wegen etlicher 
nher nit gar uiler heransgeris3ner hletter-^ B ist also gleich A zu Anfang 
lückenhaft, von Nr. 1 fehlt Titel, Einleitung und ein Theil des Mittel- 
stückes. Und nach V. 138 von Nr. 8 bemerkt er S. 447* der Hand- 
schrift: Hier ist auch ein ahgang xoegen eines oder zioaier herausgerissener 
bletter. Die zweitnächste Zeile lautet: 

do wart er zu derselben stunt, 
und es geht so fort, daß es für den oberflächlichen Beobachter den 
Anschein hat, als ob nach der Lücke das Gedicht vom jungen Eller- 
bach fortgesetzt werde. Aber das, was nach Enenkel's Bemerkung 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWFKTHSS. 241 

folgt, ist ein ganz anderes Gedicht: es handelt von Kreuspeck. Somit 
fehlt von Nr. 8 nach V. 139 alles bis zum Schlüsse, das sind 104 
Verse, und von Nr. 9 der Anfang, nämlich V. 1 — 40. 

Von den kleineren Lücken ist die größte in Nr. 10 nach V. 124: 
sie erstreckt sich auf zehn Verse. In Nr. 3 läßt die Unterbrechung 
des Reimes nach V. 41 den Ausfall von mindestens einem Verse er- 
kennen; ganz dasselbe zeigt sich noch an fünf anderen Stellen: in 
Nr. 9 fehlt V. 80, in 11 V. 150, in 12 V. 164, in 14 V. 28 ') und in 
20 V. 136. — Andere Lücken umfassen nicht einmal einen ganzen 
Vers. So sind die Verse 64 — 73 von Nr. 1 an ihren Enden mehr 
oder weniger unvollständig. Enenkel hat das fehlende Stück des 
Originals gezeichnet und in die Umrisse hineingeschrieben: War 
hinweg gerissen. Dieselbe Zeichnung und die gleichen Worte darin 
finden sich S. 436'' der Handschrift zu Beginn von Nr. 2; hier sind 
die Verse 1 — 10 zu Anfang mehr oder minder verstümmelt. In Nr. 9 
fehlt das letzte Wort (und damit der Reim) des V. 311, desgleichen 
im V. 206 von Nr. 16; in Nr. 18 V. 226 fehlt amen. — Die Gesammt- 
zahl der ganz oder theilweise fehlenden Verse in den verschiedenen 
Lücken dieser Handschrift erreicht noch lange nicht die Höhe derer 
in A. 

Dieser Handschrift, welche nach Alter, verhältnißmäßiger 
Sorgfalt in Sprache und Vers und in erster Linie durch den Umstand, 
daß sie von allen Suchenwirt-Handschriften die größte Anzahl 
von Gedichten enthält, den ersten Platz unter allen unbestritten 
einnimmt, reiht sich zunächst dem Werthe nach B an. Es 
ist dies gerechtfertigt durch das hohe Alter des Originals von B, durch 
die im Ganzen vertrauenswürdige Wiedergabe desselben, durch sorg- 
fältige Schonung der Sprachformen und metrischen Verhältnisse, sowie 
endlich dadurch, daß sie die zweitgröß te Anzahl Suchenwirtischer 
Gedichte, darunter bisher unbekannte Dichtungen und wichtige Er- 
gänzungen zu den Lücken von A, bringt. 

Ja, es ist begreiflich, daß bei so engen Beziehungen zwischen A 
und B der Gedanke auftauchen könnte, es sei das von Enenkel auf 
dem Titel zu Suchenwirt's Gedichten erwähnte „alte huech'^^ das ihm 
als Vorlage diente, kein anderes als die Handschrift A. Nehmen wir 
diesen Gedanken als erwiesen an — daß in A die fünf ersten 
Gedichte von B fehlen und A vier Lücken aufweist, die B ausfüllt, 



') Hier ist keine Unterbrechung des Reimes, wohl aber eine Störung der 
Reimordnung, insoferne durch den Ausfall des V. 28 drei Verse aufeinander 
leimen, während sonst in den Ehrenreden die Reime gepaart sind. 



242 FRANZ KRATOCHWIL 

würde ihm am wenigsten widerstreben: die fünf Gedichte können ja in A 
gestanden haben (gewiß ist dies in Bezug der Nr. 5 von B) und nach 
Enenkel's Benützung erst weggefallen sein, wie ja auch die Lücken 
erst später entstanden sein können — so wäre damit die Frage nach 
dem Original von B gelöst und für A das gewonnen, daß ihr bisher 
aus verschiedenen Kriterien erschlossenes Alter nun bis 1425 zurück- 
geführt und belegt wäre, und es würde sich dann, wie sich später 
zeigen wird, dasselbe noch bis 1402 documentarisch hinaufrücken 
lassen. Soviel dabei A gewänne, ebensoviel würde B dadurch ver- 
lieren; B würde nicht mehr eine verlorene sei bst|ändige 
Handschrift von 1425 oder 1402 repräsentieren, sondern 
zu einer Copie vonA herabsinken, die nur dadurch Werth 
hätte, daß sie die in A im Laufe der Zeit entstandenen 
Schäden zu reparieren geeignet ist. 

Doch der Gedanke, daß A die Quelle von B gewesen, 
ist gar nicht haltbar; 

a) denn in A ist ja die erste Rede von Eilerbach dem Jungen 
vollständig, während Enenkel nicht weiter als bis V. 138 schreiben 
konnte, weil danach in seiner Vorlage eine Lücke war von einem 
oder zwein Blättern, wie er meint. Da nun in B 104 Verse fehlen, 
so käme das in A einer Lücke von zwein Blättern gleich. 

b) In A ist die Rede von Kreuspeck vollständig, während in B 
die Überschrift nebst den ersten 40 Versen fehlt. Dabei bleibt es 
in hohem Grade auffällig, daß der Titel der Handschrift 
von zwanzig Österreichischen Helden spricht, während 
die Sammlung 21 Gedichte zählt. Es hat für das erste auf mich 
den Eindruck gemacht, als ob Enenkel die Verse nach der Lücke 
für eine Fortsetzung des vorausgehenden Gedichtes gehalten hätte- 
dann allerdings wären es 20 Gedichte. Aber es heißt einem Enenkel 
doch viel zumuthen, wenn man ihn eines solchen Irrthums fähig hält. 
Konnte Enenkel diesen mit der Anzahl der Gedichte dis- 
harmonierenden Titel nicht schon in seiner Quelle vor- 
gefunden haben? 

c) Es ist auch in A eine andere Folge der Gedichte. 
Es muß in der Vorlage für B auf die erste Rede von Ellerbach dem 
Jungen gleich die Rede von Kreuspeck gefolgt sein, während in A 
die nächste Ehrenrede von Ulrich von Pfannberg handelt, der die 
Reden von Ellerbach dem Jungen (zweite Rede), Herdegen von 
Pettau, Ulrich von Waise, Herzog Albrecbt H., Ulrich Waise (zweite 
Recension) sich anreihen. Jetzt erst kommt die Rede von Kreuspeck. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER .^UCHENWIRT-HSS. 243 

d) Nicht so zwin;^end wie das Vorhergehende ist, daß in B auf 
die Rede von Kreuspcck die über Hans von Traun folgt, welche 
in A die vorletzte Ehrenrede ist. Die Folge der übrigen Ehrenreden 
ist genau so vj^ie in A. 

e) Fraglich bleibt es, ob bei den großen Unterschieden zwischen 
A und B in der Rede über Hans von Traun (zehn Verse von A fehlen, 
dagegen weist B 24 neue Verse, an sieben verschiedenen Stellen ein- 
geschoben'), auf, sonstiger zahlreicher Abweichungen nicht zu ge- 
denken) A hieftir die Vorlage gewesen sein konnte. An sich schon; 
man v/eiß ja — und auch Siichenwirt-Handschriften bieten hiefür 
Belege — wie die Abschreiber verfuhren. Aber bei der sonstigen 
Grenauigkeit Enenkel's ist es — selbst bei seiner oahen Beziehung 

') Und zwar nach dem Verse 431: 

eu Herczog Rudolf, iih sich ergeii 
171 sein schirm mit gut und hab; 



nach dem Vers 434: 

nach dem Verse 448: 

nach dem Verse 486: 
nach dem Verse 487: 



savil Ölten dem Ilaslauer fruet 
und Hezlein den Enenchel guet 
uil laidig uon irevi leben hie 
dan also ez im stürm ergie; 

der Bischolf ivolt in nicht erlan 
er lourd des chrieges Hawbtman; 

rait mit uirczig Pferdten allez ßeis; 

als der chrieg wid'' mit Frächreich 
angieng, czog er gar tugentleich 
czu keif dem uon Engellant 
chiinig , d'' in darczu mit bet besant 
der in schikcht Kaieis zentschütten 
darzu er sich nicht lang lies bitten 
er half der stat, den Franczoys jagt 
des manheit manig loernd'' chlagt 
Do er nacher mit sighafter hant\ 



nach dem Verse 498: 



ein guidein chetten an halz im hankcht 
darzue secJishundH march im schankcht 
Sein zu denken der Princz im gab 
ein chostleich Ring und ander hab; 
Vers 445 ist durch folgende drei Verse ersetzt: 

viit zicaihitndert auf sechshüdH rait 

sbjg si un jagt deio unu'<zait 

zum land hinaus, wart aber wunt. 



244 FR. KRATOCHWIL, ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND etc. 

ZU dem Hause Traun*) — sehr zweifelhaft, daß wenn ihm A vor- 
gelegen, er so geändert hätte. 

Wenn nun A die Quelle fürB nicht gewesen sein kann, 
was hat es dann mit dem y^alten buech''^ für einBewandtniß? 

(Fortsetzung folgt.) 

FRANZ KRATOCHWIL. 



Manche dieser Zusätze geben für die Geschichte des Helden erwünschte Details, 
sie wurden auch von dem Freiherrn von Hoheneck in dem 1732 erschienenen zweiten 
Bande seines Werkes in der Geschichte des Hauses Traun (S. 678 — 717) verwerthet ; 
ob nach dem „alten buech'^ auf dem Neidenstein oder — was mich viel wahrschein- 
licher dünkt — nach Enenkel's Abschrift, darüber berichtet er nichts. Hoheneck sagt 
S. 687 nur, er finde es angezeigt, ein „uraltes", nach Hans' von Traun Tod „ver- 
faßtes Leichengedicht", wenn auch „zum Theil nur summariter" aufzunehmen. Er 
gibt dann S. 687 f. die Verse 1 — 14 und 37—40, die ebenso wie die S. 690 und 691 
angeführten Verse 521 — 526, 543 — 553 (Beschreibung seines Wappens) und 560 — 570 
(Schluß) mit B übereinstimmen. Der von Hoheneck S. 688 — 690 gebrachte Aus- 
zug des Gedichtes harmoniert vollständig mit den Varianten und Zu- 
sätzen von B bis auf zwei Stellen. B und A nennen (V. 117) den Namen der 
Festung, welche Traun während der Sperrung von Calais dem englischen Könige 
wiedergewann, nicht, beide erzählen die Hilfe, welche Traun dem Bischöfe von Passau 
gegen seine unruhigen Bürger leistet, fast mit denselben Worten (A V. 446—470, 
B hat mar um zwei Verse mehr). Hoheneck aber nennt S. 688 den Namen derselben 
Cadamum, ob aufGrund seiner Quelle oder nur als eigenen erklärenden 
Zusatz, ist nicht zu ersehen; ebenso verhält es sich, wenn er S. 690 anführt, 
der Bischof von Passau habe Albrecht von Winckl geheißen; von den Auf- 
ständischen, welche 700 Pferde gehabt haben, aber von der Feste Georgenberg hart 
bedrängt wurden, seien 300 gefangen genommen worden. — In beiden Fällen, 
glaube ich, hat Hoheneck die erwähnten Angaben nicht dem Gedichte 
entnommen; die auf Passau bezughabenden Details wenigstens konnte er sehr 
leicht aus den Annalen von Garsten in dem 1727 erschienenen ersten Bande der Ger- 
mania Sacra (S. 475) von Hansiz erfahren haben. 

') Er hatte sich 1617 in zweiter Ehe mit Barbara Herrin von Abens- 
berg und Traun vermalt; vgl. Wissgril 1, Schauplatz des landsäßigen niederöster- 
reichischen Adels (5 Bände 1794—1804) 2. Bd., S. 410 ff. 



O, BRENNER, LEUTE. 245 



LEUTE. 



Nicht alle rahd. in sind überall gleich ausgesprochen worden. 
Darauf weist die jetzige Aussprache des alten iu in schwäbischen 
Gegenden. Behaghel hat mich gesprächsweise darauf aufmerksam 
gemacht, daß der Unterschied durch den Ursprung bedingt sei. Ich 
war durch Formen wie nui, drid, hruier und durch das längere Fort- 
bestehen der Schreibung tu in den entsprechenden Formen in bairi- 
schen und Würzburger Urkunden zu der Ansicht gebracht worden, 
Stellung im Auslaut und vor Vocal sei Ursache der besonderen Aus- 
sprache. An der richtigen Erkenntniß hinderte mich vor Allem ein 
Wort: Hute. Ich glaube nun allerdings, daß das umgelautete ü im 
Oberdeutschen seine eigenen Wege gegangen ist, und daß die alten 
iu, nachdem sie beim Eintritt der neuen Diphthonge getrennt wurden, 
sich schließlich wieder meist zu einer Gruppe einigten. Die Unter- 
scheidung zwischen u (so will ich den Umlaut des n hier der Ein- 
fachheit halber bezeichnen) und iu erhellt aus verschiedenen Um- 
ständen. Einmal ist {i an einzelnen Stellen eher eu geworden als iu, 
oder eher als eu aufgefaßt worden denn iu, so in Kaiser Rudolfs 
Landfrieden für Baiern vom Jahre 1281, wo päul, hovser, drwvheu 
steht, aber frivnt, div, iriv, diup u. s. f. Sodann wird, nachdem eu 
für iu durchgedrungen, sehr oft scharf zwischen altem vi, nun (cu, 
und altem iu, nun eu unterschieden s. u. Endlich findet sich noch 
zur Zeit des Monophthonges die Schreibung u für den Umlaut (im 
oben erwähnten Landfrieden noch ein verspätetes hiisei; 1286 in einer 
Urkunde von Ried chridzes, in den Carmina burana im jüngeren Theil 
fol. 110 V. lut reimend mit müt), wo m für den alten Diphthong steht. 
Doch fehlen mir für letztere Thatsache genügend zahlreiche Belege. 

Nur ^in Wort fügt sich der durch obige Auseinandersetzung 
gebotenen Trennung nicht: das Wort leute^). Niemand hat, soviel ich 
weiß, bisher bezweifelt, daß dasselbe zu den m-Stämmen zu zählen, 
und doch stellt es sich selbst ganz unzweifelhaft zu den umgelauteten 
w-Stämmen. In den ober- und niederbairischen Urkunden von 1284 
bis 1349, in denen ich das Wort gefunden habe, ist es nur in 3 — 4 

') Anf das einmalige Vorkommen von dcevtsch im Landfrieden von 1281 , ge- 
rcBvtte Urk. von 1297* lege ich so lange kein Gewicht, als ich keine weiteren Belege 
finde. Die mit *verseheDen Jahreszahlen weisen auf Urkunden, die ich selbst ge- 
sehen, ** anf zwei verschiedene solche Urkunden des gleichen Jahres. 



246 O- BRENNER, LEUTE. 

nicht von eu gesondert, was kein Beweis für die Gleichheit des Lautes 
ist. Sonst haben wir 

1. leute\ für altes iu aber hi, so 1291* gezivch, nivnzich, 1295* 
(Hv, gezivk, nivntzic, ebenso 1296*, 1307*, 1309* (hier letvt, leit, da- 
gegen triuzehen, nivntem, aber auch ncevn), 1313*. 

2. Ivte, Ivte oder Ivte gegenüber iu 1300*, 1306*, 1307*, 1309*, 
1310*, 1314* 1314**, 1316*, 1318* vielleicht auch 1315*, 1323*. 

3. laut gegenüber iu 1307*, lote und leut neben Heuserer einer- 
seits, div, neinzckik (!) anderseits. 

4. Iceut, Icevte, Iceiit, laeut, läwt gegenüber iu oder eu 1293, 1294, 
1295*, 1304*, 1306**, 1307**, 1309*, 1315* (ebd. hau/hm), 1316*, 
1318*, 1323*, 1324 (ebd. chraeuz, Maeujel), 1326**, 1331*, 1335*, 1338*, 
1349 u. s. w. 

5. Einzeln 1297* laut, pcevren : gerceute, 1328* levt : frievnt, alliev, 
haidiev. 

Genug Beispiele dafür, daß sich letäe von den übrigen Worten 
mit iu sondert; wo Umlaute von ü neben leute belegbar sind, stellt 
unser Wort in so gut wie allen Fällen zu diesen. Auch noch in 
späteren Urkunden ist das Verhältniß dasselbe; um 1500 freilich ist 
hievon nichts mehr erkennbar, da heißt es leite, durchlaichtiger, frain- 
din, vertrailich, Praisen. 

Die Scheidung ist aber nicht bloß bairisch im engeren Sinn 
gewesen. Freilich so zahlreiche Belege wie aus München und Um- 
gebung (die sich künftig noch vermehren lassen werden) weiß ich sonst 
nicht beizubringen, aber doch genügende, um das Vorhandensein im 
Süden und Norden zu beweisen. In zahlreichen Urkunden von Ober- 
und Niederösterreich und Steiermark *) wird durchaus iu oder eu ge- 
schrieben, also chreutz wie freiint und gezeuk, aber schon 1274 (Reins- 
berg) levte : triiven, geziuge, 1278 (Wilden) laeut : vriviit, niwen, 1278 
(ebd.) laevt (oft) : vriuntlich, geziuge, lewen-, ebentiuren , 1281 (Kaiser 
Rudolf, aber in Regensburg) Icevt, faul, hovser, hvser, drcevhen und 
dcevtsch : frivnt, driv, diup u. s. w., 1292 (Wien) levte : geziuge, diu 1293 
(Aychsperg) levt : getziugen, 1293 (Weidhouen) leut'.niun, diu, 1292 
(St. Paul in Kärnten) lande : sev (eas), nevntzich, 1293 (Wien) leute: 
ziug , 1295 (Lack) lauten : geziug, 1297 (Wien) laute, belaeuttet : ge- 
ziugen, neunzigist u. s. w. 

Im Schwäbischen habe ich alte Belegstellen nicht gesammelt. 
In der Gegenwart stellt sich'^) in der Memminger Gegend, wie ich 



') Belege in den Fontes rer. Austr. II. bes. Band 1 und 31. 
^) [H. Fischer theilt mir gütigst mit, daß in ganz Schwaben leute, denf-ch 
und gereute sich zu häuser stellen.] 



O, BEHAGHEL, MHD. iu UND ü. 247 

selbst gehört, lait zu haiser; auch nach den Proben bei Firmenich ist 
weithin lait, leut von den übrigen iM-Stämmen getrennt. In einem 
fliegenden Blatt des vorigen Jahrhunderts (Froinmann, Mundarten 
VII, 488) aus Schwaben finde ich : leit, sew aber tuiffel, frvind, uyer 
u. s. w. Das alem. lut = finget muß durchaus nicht ursprünglicher 
sein als die älteren bairischcn und die ostschwäbischen Formen. 

Es wird also wohl neben liidi im Ahd. auch lüti anzusetzen sein. 
Während man bei 'd{dscK wohl Einfluß der niederrheinischen Form 
annehmen könnte, ist es doch gewagt, bei lüte das Gleiche zu thun. 
Es müßte denn — was noch zu beweisen wäre — das Wort in Baiern 
und Schwaben einmal verloren gegangen sein. Die Namen , die mit 
Hut- gebildet sind, stellen sich zu den iw-Stämmen; Liutold, Leutold 
findet sich zugleich mit Iccute. Rein lautliche Entwicklung ist wohl 
ausgeschlossen (trotzdem man wegen dcevtsch und gercevtte an Einfluß 
des t glauben könnte). Anlehnung an den Stamm lüt ist ganz un- 
wahrscheinlich. Woher kommt dann die Form *lnti? 

MÜNCHEN, Juni 1889. O. BRENNER 



MHD. iu UND ü. 



Um die interessante Thatsache, auf die Brenner im Vorstehen- 
den hinweist, richtig beurtheilen zu können, wird es sich empfehlen, 
die Untersuchung noch auf etwas breitere Grundlage zu stellen. 

Daß der alte Diphthong itc und der aus u vor i entstandene 
Laut keineswegs überall, wie man bis jetzt annahm, in einem Laute 
zusammengefallen sind, ist zweifellos. Zu dieser Überzeugung bin ich 
schon vor einiger Zeit geführt worden, als ich meinen Beitrag für 
Paul's Grundriß bearbeitete, und zwar durch den Thatbestand in den 
heutigen Mundarten: 

L Schmeller verzeichnet aus dem von ihm bearbeiteten Gebiete 
sieben verschiedene Entsprechungen für nhd. du, d. h. für den Umlaut 
von ü, dessen ältere Stufe ich mit Brenner durch ü wiedergeben will ; 
für den alten Diphthong iu zählt er 16 mundartliche Vertretungen 
auf; vgL die Mundarten Baierns N° 164—170 und 246—261. Von 
diesen lasse ich N* 168 bei Seite, das ich nicht recht zu beurtheilen 
weiß; ferner N" 251 und 256, weil u kaum unter den gleichen Bedin- 
gungen auftreten dürfte, unter denen hier iu erschien. Dann bleiben 
für iu 14, für u 6 Entsprechungen. Theilweise nun fallen diese 



248 O- BEHAGHEL 

beiden Reihen zusammen: alle die Laute, die altes ü fortsetzen, be- 
gegnen auch als Vertreter von altem m; vgl. N° 164 mit 247, 
165 mit 249, 166 mit 250, 167 mit 252, 169 mit 253, 170 mit 255 
und 261. Dagegen sind sieben heutige Laute nur Nachkommen von 
iu, nicht von m; vgl. N" 246, 248, 254, 257, 258, 259, 260. 

2. Aus den Darlegungen von Kauffraann (der Vocalismus des 
Schwäbischen in der Mundart von Horb S. 23 und 24) ergibt sich, 
daß altes ü im Schwäbischen durchaus zu ei geworden, während iu 
theils als ui, theils als ei erscheint. 

3. In einem Theile des Westmitteldeutschen — keineswegs im 
ganz-en Mitteldeutschen, wie meist gelehrt wird — ist iu mehrfach 
zu ü geworden und wird heute durch au vertreten; daneben erscheint 
es in den gleichen Mundarten auch als äu {ai, ei). Für u begegnet 
nur äu mit seinen Nebenformen. 

2. und 3. ergeben sich theilweise schon aus dem von Schmeller 
Gesagten. 

Daß aus den Reimen der mhd. Dichter sich irgend ein Anhalt 
gewinnen lasse, um das Verhältniß von iu und il zu beurtheilen, 
möchte ich bezweifeln. Zur Probe habe ich darauf hin die ersten 
10000 Verse Gotfrieds durchgesehen. Hier finden sich nur zwei Reime 
von «< Ruf u (w), nämlich stiure : aventiure 2419, tiure : aventiure 8660. 
Daraus kann aber nichts geschlossen werden, denn Wörter mit iu 
und M sind im Reime überhaupt selten: il begegnet nur in dem Aus- 
gang -luj'e, und zwar wird dieser fast ausschließlich durch Substantiva 
mit der französischen Endung -ure gebildet, vgl. v. 919, 1607, 1991, 
1997, 3267—70, 4185, 4271, 4339, 4577, 665P). Mit altem m be- 
gegnet der Ausgang -iure nur 1115, 8989, 9023. Ferner findet sich 
-iu V. 1459, 2945, 7151; -iuhet 3431; -tute 2695, 2775, 6779, 8803, 
9523; -iuwe 219, 1789—92, 4155, 5034, 9559. 

Dagegen hat nun Brenner gezeigt, daß eine Scheidung von iu 
und w auch aus mittelalterlichen Schreibungen deutlich hervorgeht. 
Schon vor ihm aber, was Brenner entgangen ist, hat Leitzmann die 
gleiche Wahrnehmung für das Alemanische des badischen Oberlandes 
gemacht: in Grieshabers Predigten wird altes iu durch iu, altes il 
durch u' dargestellt (Beitr. 14, 493). Ich verweise ferner auf zwei 
umfangreiche bairische Texte. Erstens die von Schönbach heraus- 



*) Wie vorsichtig man sein muß, wenn man fremde Eigennamen für laut- 
geschichtliche Untersuchungen verwerthen will, zeigt der Gebrauch, den Gotfiied 
von dem Namen Blanchefleur macht: es reimt meist auf -iure (919, 1607, 1991, 4185, 
4217, 4329); daneben wird es gebunden auf amur 1359, auf erfuor 1383. 



MHD. »M UND M. 249 

gegebenen Oberaltacher Predigten. Hier wird in durch das Zeiclien 
iu wiedergegeben, seltener durch eu, dies letztere meist im Pronomen 
der 2. Pers. Plur. : es mag sein, daß im einsilbigen Worte sich in 
früher zu eu gewandelt als im mehrsilbigen. Für ü erscheint in dem 
von mir durchgeprüften Stücke (S. 121 — 173) das Zeichen iu nur in 
diuchten 153, 3, gediuht 153, 40, eu nur in cheusch 129, 38; chreutz 
153, 4; sonst werden für den Umlaut die beiden Zeichen u und mu 
verwendet; einmal begegnet ?/: bedutet 125, 26. Zweitens die von 
Keller veröffentlichten Gesta Romanorum: iu erscheint hier als eu 
{eio), tl als ceu. 

Als Störenfried tritt nun das ^^'ort Leute auf. Es wird, wie in 
Brenners Quellen , so auch in den von mir genannten stets mit dem 
Zeichen geschrieben, das sonst dem Umlaut gilt. Es gibt aber noch 
einige andere Wörter, die in der älteren Sprache den Diphthong 
iu aufweisen und doch die gleiche, anscheinend regelwidrige Schrei- 
bung zeigen wie Leute. Leitzmann nennt aus Grieshabers Predigten 
die Wörter hetu'ten, eniti'schen, erlu'htet. Für diutsch bietet Brenner 
selber einen Beleg der Schreibung dceutsch, ohne freilich Gewicht 
darauf zu legen; beduten bezw. bedamten ist in Schönbachs Predigten 
oft genug belegt (z. B. 121,36; 122,21; 122,24; 122,27; 122,36. 
37.41; 125,27; 129,20; 130,38; 139,16; 142,30), ebenso in den 
Gesta (S. 7, Z. 2 v. u. ; 8, 3; 16, 15 v. u.; 31, 16 v. u.); auch lüch- 
t9n : Iceuhten begegnet in beiden Quellen: Predigten 144,27, Gesta 
S. 2, Z. 19 V. u.; 8, 3 v. u.; 9, 21. Dazu kommt noch aus Brenners 
Belegen gercevtte. Eine eigenthümliche Stellung nimmt das Zahlwort 
neun ein: Leitzmann gibt zwei Belege für die Schi'eibung niune, zwei 
für nu'ne\ Brenner bietet ein nceun neben zahlreichen Belegen für den 
alten Diphthongen; die Oberaltacher Predigten haben sieben Beispiele 
mit iu {eu), zwei mit ii (6u) s. unten; die Gesta bieten nm'otden (S. 17), 
nmcnzehenden S. 31 ; also Belege für iu wie u. Ich bemerke noch, daß 
in den von mir durchgesehenen Proben mitteldeutscher Mundart ich 
weder für Leute noch für ein anderes der genannten Wörter Formen 
mit au begegnet bin 'j. Wie sind nun diese auffallenden Abweichungen 
zu erklären? 

An Entlehnung aus irgend einer anderen Mundart kann unmög- 
lich gedacht werden; ebensowenig ist anzunehmen, daß u für in ein- 
getreten nach Analogie irgend welcher danebenstehenden Wörter 



') Durchlaucht, erlaucht können Analogiebildungen »ein so gut wie karte — 
lärte, gekärt — gelärt. 



250 O- BEHAGHEL, MHD. in UND n. 

mit ü. Daß der dem Vocal nachfolgende Consonant nicht die Ursache 
der Veränderung sein kann, wird für bedeuten^ deutsch, Leute, Gereute 
durch heute bewiesen, das stets mit dem Zeichen erscheint, das dem 
alten Diphthong zukommt (vgl. Oberaltacher Predigten 121, 3; 124, 8; 
131,23; 132,8; 132,20; 133,8; 144,5. 37; 156,23; 160,16; 161,6; 
173, 24). Für neun durch Freund, von dem das Gleiche gilt (vgl. Ober- 
altacher Pred. 124, 27; 125,9. 13. 14. 15. 24; 126,9. 11; 127, 16; 
129, 7. 9). Für leuchten freilich stehen mir keine Gegenbeweise zu 
Gebote. Daß das Nebeneinander von ein- und mehrsilbigen Formen 
keinen Einfluß auf die Entwicklung des alten m gehabt haben kann, 
zeigt wieder die Form Mute neben heduten. Es bleibt anscheinend 
nur der von Brenner vorgeschlagene Ausweg. Man müßte dann 
überall ahd. Nebenformen mit ü annehmen, die zu den Formen mit 
iu im Ablautsverhältniß stünden. Aber auch dieser Auffassung stehen 
große Bedenken im Wege. Graff verzeichnet über 200 Belege für 
den Stamm Hut-, für die Stämme diut- und ninn- je etwa 30, gegen 
50 für den Stamm liuht- , gegen 20 für den Stamm riut-, zusammen 
also etwa 330 Belege für m-Stämme. Dem gegenüber steht ein Beleg 
von lut- , den ich nicht nachprüfen kann, ein Beleg von dut- , zwei 
Belege für nun-, einer für luht-, zwei für rut- , von denen ich einen 
wieder nicht nachprüfen kann. Drei weitere Beispiele von luht- ge- 
hören dem 12. Jahrh. an; für luhterit, das Graff aus Willeram anführt, 
bietet Seemüller nur die Lesart luihtent. Macht zusammen 5 — 7 Bei- 
spiele für u als Stammvocal. Hätten nun im Ahd. wirklich die 'ä- 
Formen bestanden, die später die zw -Formen gänzlich verdrängt 
hätten, so wäre es ein unbegreiflicher Zufall, daß sie in unseren 
Quellen nicht häufiger Bezeichnung gefunden hätten. Dazu kommt 
ein eigenthümlicher, von mir bis jetzt übergangener Umstand, der 
bei Brenners Annahme keine Erklärung findet: in den Oberaltacher 
Predigten werden die Casus des Plurals Leute stets mit ü oder oeu 
geschrieben; in dem von mir geprüften Stück zähle ich 69 Belege. 
Dagegen der Sing, erscheint stets mit iu: 148,36; 151, 15; 156, 25; 
157,23. 26; 162,39; 165,17; 172, 31 = 8 Beispiele; doch wohl genug, 
um die Annahme eines Zufalls auszuschließen. Gerade so vertheilt 
sind die m-Formen und die M-Formen bei der Zahl neun', es heißt 
niune, niunzic: 124,24; 124,31; 125,4 (je zwei Beispiele); 125,29. 
Dagegen die nbun 158, 3; die nüne 158, 6. 

Wollte man ti in den beiden Wörtern auf ahd. ü zurückführen, 
so müßte ein uralter Wechsel des Accents zwischen Singular und 
Plural von Hut und niwi angenommen werden. Einen solchen kennt 



G. EHRISMANN, EINE HANDSCHRIFT DES PFAFFEN AMIS. 251 

ja nun allerdings das Indogermanische beim Neutrum (Joh. Schmidt, 
die Pluralbildungen der indogermanischen Neutra S. 147). Allein 
erstens ist nicht erwiesen, daß Hut im Indogerm. Neutrum war; 
zweitens ist zweifelhaft, ob es schon im Indogerm. einen Plural Leute 
gab, da das Wort als Collectiv ursprünglich wohl nur einen Singular 
besaß (Schmidt a. a. O. S. 28); drittens wäre es höchst merkwürdig, 
wenn jener vorgeschichtliche Wechsel sich bis in's Mhd. hinein be- 
wahrt hätte, während im übrigen Germanischen keine Spur davon 
erhalten ist. 

Welche Eigenschaft ist denn nun den Wörtern bedeuten, deutsch, 
Gereute, leucliten gemeinsam, welche Eigenthümlichkeit lag in Leute 
und neune vor, während sie bei neun und dem Sing, von Leute fehlte? 
Nichts Anderes als das ursprünglich der Stammsilbe folgende i (j): 
dnitjan, diutisc, cjarmti etc. Und wir müssen ofl'eubar annehmen, daß, 
wie nicht nur m zu o gebrochen wurde, sondern auch iu vor folgendem 
n sich zu io w-andelte, so auch nicht nur u zu il, sondern auch iu zu 
iü umlautete. Daß aber m sehr leicht zu il werden und so mit il aus ü 
vor i zusammenfallen konnte, liegt auf der Hand. 

Es kann nicht verwundern, wenn der lautgesetzliche Stand der 
Dinge mehrfach durch Ausgleichungen zerstört ist. Z. B. "'sollte es 
heißen ziuhu, aber ziühit, also bair. ziuhe — zcBuhet; es hat aber 
der Vocal von ziuJie und vom Imperativ ziuh den Sieg über den Vocal 
von ziühes — ziühet davongetragen. Ebenso hat sich etwa iiilri nach 
tiures, tiuro umgestaltet. 

GIESSEN, Juli 1889, O. BEHAGHEL. 



EINE HANDSCHRIFT DES PFAFFEN AMIS. 

Die Perg.-Hs., deren Eingang durch ein Versehen schon in Band 33, 
S. 46 abgedruckt worden ist, wurde von den Herren Rector Schmid 
und Professor Einert in Arnstadt gefunden als Umschlag einer 
Rechnung des Amtes Clingen, Schw^arzburg-Sondershausen, vom 
Jahre 1513 — 14. Die genannten Herren hatten die Güte, mir eine 
Abschrift zuzusenden. Mit ihrer Erlaubniß gebe ich die folgenden 
Bemerkungen. 

Der Dialect ist nd. Schon die Übertragung in eine andere 
Mundart veranlaßte eine Menge Änderungen des ursprünglich obd. 



252 ö. EHRISMANN, EINE HÄNDSCHRIFT DES PFAFFEN AMIS. 

Textes. Der Schreiber verfuhr aber auch sonst, wo jener Grund nicht 
vorlag, mit der Überlieferung sehr willkürlich und hat diese nach 
Belieben umgestaltet. Die auffallendsten Änderungen bilden die drei- 
fachen Reime, welche er da anbrachte, wo ihm in der Darstellung 
eine Pause geboten schien. Zu dem vorhandenen Reimpaare machte 
er einfach einen neuen Vers hinzu, den er entweder zwischen die 
beiden ursprünglichen einfügte oder auf sie folgen ließ. Es sind nur 
bedeutungslose Flickverse, die nicht für die dichterische Fähigkeit 
ihres Verfassers sprechen. 

Da die Außenseite der Blätter mehrfach verwischt ist, auch der 
Verfertiger des Umschlags diese für seine Zwecke vielfach zerschnitten 
und dann zusammengeklebt hat, so sind nur etwa 900 zum Theil 
verstümmelte Verse vorhanden, die zwischen V. 1 und 2237 fallen. 
Den Schwank von der Messe, Nr. X bei Lambel, hat der Abschreiber 
wahrscheinlich schon in der Vorlage nicht mehr vorgefunden, da diese 
Geschichte in der Gruppe , welcher unsere Hs. angehört, übergangen 
wurde. Die Hs. gehört nämlich zu jener Umarbeitung, welche Lambel 
in der Einleitung (Erzählungen und Schwanke^, S. 15) bespricht. 
Das ergibt sich schon aus der Stellung der Erzählung Nr. VIII, welche 
auf Nr. V folgt. Ferner fehlen wie in GHK (Benecke's Bezeichnung): 
V. 277 und 278, 709—714, 913 und 914; es stehen = GHK gegen 
R: V. 227 und 228 sowie 1552''"'. Auch die Übereinstimmungen im 
Wortlaut zwischen unserer Hs. mit GHK gegen R sind so zahlreich, 
daß an einer gemeinsamen Vorlage nicht gezweifelt werden kann. 
Dagegen ist ihr Verhältniß innerhalb der Gruppe GHK nicht mit 
Sicherheit zu bestimmen. An einigen Stellen stimmt sie mit R gegen 
GHK; ein paarmal hat sie mit HK gemeinsame Fehler. Von Wichtig- 
keit ist die Entscheidung dieser Frage nicht, da die Hs. überhaupt 
für die Kritik entbehrlich ist; Lambels Text wird durch ihre Bei- 
ziehung nirgends geändert. Mit der Straßburger Hs. (v. d. Hagens 
Grundr. S. 353) und den Drucken (Zs. 9, 400 und 30, 376) steht sie 
in keinem Zusammenhang. 

PFORZHEIM. GUSTAV EHRISMANN. 



A. GOMBERT, BEMEEKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 253 

BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTER- 
BUCHE. 

Bd. Vn, Lief. 10 {Pflasterung bis riatz). 



Die folgondon kleinen Bemerkungen zu einer der neueren Lieferungen 
des Grimmschen WörterbuchcH bedürfen um so weniger einer längeren Recht- 
fertigung, als eine gleichartige der folgenden l-iieferung desselben Bandes 
gewidmete Betrachtung, zu Neujahr 1889 im Anzeiger der Zeitschrift für 
deutsches Alterthum veröti'entlicht, über Ziel und Zweck dieser Bemerkungen 
das Erforderliche ausspricht. Beide Zusammenstellungen sind nach gleichen 
Gesichtspunkten und unter Benutzung etwa derselben Quellen gemacht ; sie 
werden sich daher in ihrem Werthe nicht von einander unterscheiden und 
sich auch darin gleichen, daß sie neben erwünschten Ergänzungen oder 
Berichtigungen manches Entbehrliche bringen. Daß in den Bemerkungen den 
Fremdwörtern viel Platz eingeräumt ist, liegt hauptsächlich an dem Buch- 
staben P. Man wird aber finden , daß ich nur auf solche Fremdwörter ein- 
gegangen bin , die entweder bei Lexer selber Erwähnung gefunden haben 
oder eine Beachtung aus dem Grunde zu verdienen .scheinen, weil sie, wenig- 
stens nach meiner Überzeugung, dem weiteren Kreise der Gebildeten ge- 
läuGger sind als andere sprachlich oder begriÜ'lich naheliegende, welche 
Lexer übergangen hat. Die mehrfach hervortretenden Hinweise auf den nord- 
deutschen Sprachgebrauch wird man mir so wenig übel nehmen, wie ich 
Lexer einen Vorwurf daraus mache, daß er diesen Sprachgebrauch weniger 
eingehend behandelt. Mit dem Landschaftlichen hängt das Volksmäßige eng 
zusammen, und wenn dies letztere ohne Schminke vorgeführt werden sollte, 
so war einiges Derbe oder auch Schwankhafte nicht wohl zu vermeiden. 
Abweichend von früheren Besprechungen des DWb. habe ich diesmal mehr- 
fach auf Sanders hingewiesen, der im Grimmschen Werke wohl kaum 
genannt wird. Seine und seiner Gehilfen Sammlungen sind oti'enbar zum 
deutschen Wörterbuche ebensogut zu benutzen wie die anderer Sammler, 
und es erscheint sogar als Pflicht, das in seinen Wörterbüchern enthaltene 
Brauchbare auch für das Grimm'sche Wörterbuch zu verwerthen. Am wirk- 
samsten würde dies natürlich in der Art auszuführen sein, daß für die noch 
nicht im DWb. bearbeiteten Buchstaben des Alphabets ein einfach nach 
den Anfangsbuchstaben geordnetes Verzeichnis der bei Sanders aufgenom- 
menen zusammengesetzten Wörter angelegt würde, die sich ja wegen der von 
Sanders gewählten Anordnung nach dem Anlaut der Stammsilbe leicht verstecken. 
Wem aber sollte man diese zeitraubende und vielfach durch dürres und werth- 
loses Gestrüpp führende Wanderung zumutben? Die Bearbeiter des Deutschen 
Wörterbuches haben in der That Besseres zu thun. Aber man beklagt ja, 
wenigstens in Preußen, die Überzahl von jungen Philologen, die bei einem 
halben Dutzend wöchentlicher Lehrstunden immer noch viel Muße haben, 
selbst wenn sie, wie ich annehmen will, daheim mit Eifer in die großen 
Geheimnisse der Ziller-Stoyschen Lebrweisheit einzudringen suchen. Würde 
QEBMANIA. Neue Beihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 17 



254 A. GOMBERT 

die bezeichnete Arbeit auf ein halbes Dutzend geeignete angehende Gym- 
nasiallehrer vertheilt, so könnte sie rasch ausgeführt sein, vielleicht unent- 
geltlich , vielleicht gegen eine in diesem Falle, wie ich glaube, ebenso will- 
kommene wie wohlverdiente Entschädigung. Am Riemen lernt der Hund be- 
kanntlich Leder fressen; es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß einer oder 
der andere der so zunächst in Handlangerdiensten für das Deutsche Wörter- 
buch Beschäftigten später auf gleichem Felde selbständig fortai-beiten würde. 
Doch das sind weiterführende Gedanken. Näher liegt es, daß ich mich 
wegen der Breite entschuldige, die in der Vorführung mancher Belege herrscht. 
Durch kurze Angabe von Stichwort und Fundstelle würde sich der Inhalt 
der folgenden Bemerkungen auf sehr viel kleinerem Räume geben lassen ; 
aber es ist doch gewiß manchem Leser erwünscht, einen gebotenen Beleg 
gleich im Zusammenhange zu sehen, und die Wenigsten werden alle hier 
genannten Quellen bequem zum Nachschlagen bei der Hand haben. Ich 
wenigstens habe nicht selten bei ähnlichen mir zugegangenen Sammlungen 
den Zusammenhang einer kurz angedeuteten Stelle mit Bedauern vermißt, 
zumal da sich gegen die richtige Auffassung und begriifliche Einordnung eines 
Wortes öfters Bedenken erheben, die ohne Kenntniß des Zusammenhanges 
nicht zu lösen sind. Ein Beispiel für diesen Fall findet man später unter 
Pichelei gegeben. Daß endlich allen im Folgenden gemachten Ausstellungen 
die vollste und dankbarste Anerkennung der auch in der besprochenen Liefe- 
rung des Wörterbuches vorzüglichen Leistung Lexers zu Grunde liegt, sei für 
mit der Sache weniger bekannte Leser hiermit ausdrücklich ausgesprochen ; 
für Lexer selbst bedarf es solcher Versicherung nicht mehr. 



Pflaume. Sachs im Encycl. Wb. 2, 1320^ erinnert, daß das Wort 
bei Soldaten so viel wie Erinnerungszeichen oder Medaille bedeute. 
Dieser Sprachgebrauch ist mir aus früherer Zeit allerdings sehr be- 
kannt, doch eben nur in Anwendung auf die Denkmünzen für 1813, 
1814, 1815; die entsprechenden Zeichen seit 1864 habe ich nicht mehr 
so nennen hören. Pflaume im weiteren Sinne von Obstfrucht steht 
in Fröhlichs Gedicht Ellengröße: 

Die Pappel sprach zum Bäumchen: 

Was machst du dich so breit 

Mit den geringen Pfläumchen? 
Pflaumenbauer (fehlt) ist eine in ganz Schlesien übliche als 
beleidigend geltende Bezeichnung des Bauern. Dieselbe muß aus- 
gegangen sein von den selbstbewußten Groß- oder Getreidebauern, 
welche auf ihre geringeren Standesgenossen, die anstatt ausgedehnter 
Getreidefelder nur einen beschränkten Fleck um ihr Haus zum Obst- 
oder Gemüsebau besaßen, die sog. Gärtner (DWb. 4, 1, 1, 1422), 
spottend herabsahen. Vgl. die entsprechenden Ausdrücke Kraut- 
junker, Putenjunker (dies wird von Sanders nicht richtig erklärt) 
und Zwiebeljunker (J. 6. Müller Emmerich 6, 330). 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 255 

Pflaumen kern als Sinnbild des Wcrthlosen bei Jean Paul 
Hesperus 98 (Hpl.): Dürfen mir denn die Kantianer ansinnen, daß ich 
das kleine Bild der schönsten besten Gestalt .... zum Fenster hinaiisioerfe 
loie Apfelschalen und Pflaumenkerne? Das mit Pflaumenkcrn 
gleichbedeutende, in niederdeutscher Gegend sehr übliche und dem- 
entsprechend auch bei Campe (desgl. bei Heinsius, Heyse, Sanders, 
Sachs -Villatte) verzeichnete Wort Pflaumenstein wird übergangen. 
Hierbei sei auch erwähnt der in einfach ländlichen Verhältnissen 
Norddeutschlands vorkommende Pflaumensteinbeutel oder, wie 
man ihn auch abkürzend nennt, Pflaumenbeutel, d. h. ein leinenes 
Säckchen mit Pflaumenstoinen, das erhitzt alten, kranken oder frie- 
renden Leuten in Ermangelung oder anstatt der Wärmflasche ins 
Bett gelegt wird. Übergangen ist auch der Pflaumenschmeißcr, 
die Bezeichnung für einen derben ungezogenen Jungen; ich habe das 
Wort in der Provinz Sachsen und im westlichen Theile der Provinz 
Brandenburg (Westhavelland) gehört, gedruckt nur bei Sachs -Villatte 
gefunden, der es übrigens mit bretailleur, fanfaron wiedergeben 
will; ich müßte es hingegen durch polisson oder butor übersetzen. 
Ob mit dem Worte ursprünglich der unbefugterweise in die Pflaumen- 
bäume Werfende bezeichnet werden soll oder eine andere Beziehung zu 
Grunde liegt, weiß ich nicht zu sagen. Pflaumenschütteln gebraucht 
Stoppe Parnaß im Sattler 384 (1735) in einem Gedicht 'auf die Ein- 
weihung eines neuerbauten Zeltbettes eines guten Freundes* , als Bild 
des sinnlichen Liebesgenusses : 

Kein Wunder war es, daß dir hie 
Von lauter Pflaumenschütteln träumte. 
Die voraufgehenden und folgenden Worte Stoppes lassen über den 
Sinn der Wendung keinen Zweifel; ihm ist das Bild überhaupt ge- 
läutig: vgl. Teutsche Gedichte 1, 9 (1728): 
ja /liehet immerhin 
In den vergnügten Stand, um den ihr euch so dränget, 
Der eurer Rechnung nach voll süßer Pflaumen hänget. 
Der Pflaumentoffel, aus Stoppes Parnaß belegt, findet sich auch 
einige Jahre vorher in dessen Teutschen Gedichten 2, 21 : 
Ha! Pflaumentoffels Butte 
War viel zu eng und schioach, von meiner Fröligkeit 
Auch nur den vierdten Theil in ihren Raum zu nehmen. 
Pflegamt, aus Hederich (1729) belegt, steht schon bei Schotte! 
495* (1663): Pflegamt, so ein Reichspfleger oder Reichsvogt vor diesem 
in den Reichsstädten gehabt. Das Wort wird wohl in die älteste nhd. 

17* 



256 A- GOMBERT 

Zeit zurückreichen, während im mhd. dafür das auch später noch 
übliche einfache pflege gebraucht wird. Zu pflegen mit d. Gen. 
im Sinne von treiben, womit umgehen (I P Sp. 1738) vermißt man 
neben der Stelle aus Aventin die weit bekanntere aus 1 Mose 18, 
12: nu ich alt bin, sol ich noch woUust pflegen, und mein Herr 
auch alt ist? 

Vermißt wird Pfleg[el statt oder Pfleg[e] statte, ein heute 
sehr beliebtes Wort, das, wie es scheint, ganz unentbehrlich ist, wenn 
eine höhere Schule eingeweiht oder ein rückblickendes Erinnerungs- 
fest solcher Anstalt gefeiert wird; vgl. Zs. f. Gymn. Wesen 40, 700 
(1887): Pflegstätte königstreuer, deutscher und christlicher Gesinnung ; 
Pflegstätte ernster Wissenschaftlichkeit; ebd. 701: Pflegstätte 
geistiger Bildung und Gesittung und 704 Pf leg statte der Bildimg und 
Wissenschaft. Ebenso örenzboten 1887, 4, 125 (vom 13. Oct. 1887): 
Wenn noch Jemand daran zweifeln wollte, daß die deutschen Gymnasien 
wahrhafte Pflegstätten des deutschen Geistes sind, so würde es erlaubt 
seiM, sich auf das Ansehen des Reichskanzlers zu berufen, der mehr als 
einmal der deutschen Jugend, und ganz besonders der studierenden, das 
glänzendste Zeugniß ausgestellt hat. Pflegeschwester fehlt in beiden 
mir bekannten Bedeutungen: 1. eine zur Pflege von Leidenden verordnete 
Schwester (eines geistlichen Ordens oder eines entsprechenden Vereins). 
2. ein neben einem Sohne angenommenes weibliches Pflegekind; vgl. 
Immermann Epigonen 201 (Recl.) Ihr Vetter Ferdinand hat, ohne es zu 
wissen, sein Pflegeschivesterchen geliebt. Pflegewirth steht in 
Günthers Lebensbeschr. 70 (1732): Mei)i neuer Pfleg e-Wirth erwieß 
mir alle Güte. Zu pflegsweis wäre auch die übergangene von 
Schottel 461* aus Goldast angeführte Form pflegersweis hinzuzu- 
fügen. 

Zu Pflicht im neueren Sinne des Wortes werden sehr reich- 
liche Beispiele gegeben, mit Recht auch aus Kant; umsomehr ver- 
misse ich Hauptsätze wie Kant Krit. d. pr. Vern. 108 (Kehrbach): 
die Ehriüürdigkeit der Pflicht hat nichts mit Lebensgenuß zu schaffen; 
desgl. Goethe 19, 20 (Spr. in Prosa 2 u. 3): Versuche deine Pflicht 
zu thwi, und du loeifU gleich icas an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? 
die Forderung des Tages. Die volksmäßigen Wendungen von der ver- 
dammten oder verfluchten Pflicht und Schuldigkeit sind 
vielleicht mit Absicht fortgelassen und dem Buchstaben V überwiesen; 
wenigstens finde ich sie in dem bis jetzt neuesten Hefte des Wörter- 
buches (Bd. 12, 2, Sp. 193 u. 344) von Wülcker verzeichnet, worauf 
gelegentlich wird zurückzukommen sein. Auffällig aber ist, dali die 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 257 

Verbindung eine I*/l, ich t abstatten nicht erwähnt wird; (Icmenlsprcchend 
fehlt auch das Wort Pflichtabs tat tung, das wir 1732 in J. U. Königs 
Widmung vor seiner Ausgabe der Schriften Bessers finden: weniger 
tin Geschencke, ivelches hier Euer Excell. von mir (jewiedmet wird, als 
vielmehr eine Pfl ichtahstattung. Das unbelegte Pflichtb eflissen- 
hcit steht bei Hermes Manch. Hermäon 2, 16(). Pflichtarbeit ist 
wohl ein neues Wort, doch heute zumal in der Mehrzahl nicht selten 
im Sinne von Dienst- oder Amtsgeschäften. Ein Beleg bei 
Wiese, Lebenserinnerungen und Amtserfahrungen 2, 126: Nach langer 
Pflichtarbeit durfte ich mich noch eine <fnte Weile frei(jeivählten 
Studien und Beschäftigungen hingeben. Pflichtbar, das aus d. J. 1653 
nachgewiesen wird, steht auch in einer aus d. J. 1616 herrührenden 
Schi'ift bei Londorp Acta publica 2, 270'': so sey der I'fall?:(ir([ff 
pflichtbar sich des liichterlichen Atnpts zu vnternemmen. Pflicht- 
brüchig wird aus Ludwig (1716) und Frisch belegt; Pflicht- 
brüchigkeit fehlt, hndet sich aber schon 161*J in einem Schreiben 
des Grafen Matth. von Thurn bei Londorp 2, 803: hat mir gebiinn 
loollen, die Frag auszugeben, loer an solcher Pflicht IJrilchiigkrit 
(so im Druck) schuldig. P flieh tbruch und p flieh tl>rüch ig vor 
Stieler und Ludwig schon bei Schottelius 517". Pflichteifer (Ger- 
vinus, G. Freytag) Niemeyer Grunds, der Erz. 3', 378 und 411 (1819): 
Möge die beßer gewordene äujhre Lage vieler En-zieher und Lehrer sie 
nur nicht träger und bequemer machen, statt jenen unbedingten Pf licht- 
eifert der auch die Arbeit im Schtveiße des Angesichts nicht scheut, 
desto mehr zu beleben; das fehlende Pflichtenkunde bei Jahn Ges. 
Wke. 1,278 = Volksthum 263 (1810): Schriften, die ztir Selbstbelehrung 
und Bildungsvollendung oder zur weiblichen Pflichtenkunde gehören; 
ebd. 2, 553: die Gottesgelahrtheit war auf die Glaubetislehre ... verküm- 
mert, auf Knifflichkeitslehre (Casuistik) und auf Pflicht enkuiide nach 
ihrem /Sm/i. Pflichtergeb en (Tiecks Übers, von Shakespeares Cym- 
beline) in einem Gedichte Bessers aus d. J. 1687 S. 685: 

Du hast sie erst erzeugt aus Pf licht- er y ebner Treu, 
Auf daß nicht dein Geblüt dem Tjande möchte fehlen. 
Daß das wohl erst in unserer Zeit von Lehrern oder Schulaufsehern 
gebildete Pflichtfach fehlt, ist kaum ein Mangel, wenn auch die 
Absicht löblich ist, hier wie in anderen Verbindungen das fremde Wort 
obligatorisch durch Pflicht zu ersetzen. Beispiele wären zahl- 
reich zu linden in den Schriften, die sich mit der angeblich dringend 
nothwendigen Umgestaltung unserer Gymnasien beschäftigen ; im Hin- 
blick auf solche Schriften wird das Wort dann auch in den Grenz- 



258 ' ^- GOMBERT 

boten 1888, Nr. 9 (1. Viertel]., S. 466) gebraucht: Zeichenunterricht 
his Ohersecunda als Pflichtfach, in Prima nach freier Wahl; ebd. 
Nr. 21 (2. Viertel]'., S. 384 u. 385) : indem die Mathematik noch uner- 
heblich verstärkt, Englisch in den oberen Classen icnd Zeichnen loenigstens 
bis Obersecunda als Pflichtfach eingeführt werden muß. Vgl. später 
Pflichtstunden. In diesem besonderen schulmäßigen Sinne haben 
Avir auch das Wort Pflichtleistungen (unerläßliche Leistungen in 
den sog. Pflichtfächern), das von Lexer nur in seiner allgemeinen 
Bedeutung aus Haltaus angeführt wird, in den Grenzboten 1887 (4. Viertel- 
jahrsschr., S. 125): Sicher ist es doch^ daß Anregung, Gelegenheil und 
Muße wie für die Pflichtleistungen, so auch für die Pflege besonderer 
Neigungen gewährt xvird. Pflichtgehorsam und pflichtgehorsamst 
als ein früher üblicher Ergebenheitsausdruck am Schluße von Briefen 
hätte Aufnahme verdient; vgl. auch Wieland Horazens Br. l'^ 71 
(1782): als eine Art von unterthänigen pflichtgehorsamsten Freunden. 
Pflichtgemäß (Rabener, Scheffel, G. Freytag) sollte nach dem Plane 
des Wörterbuches auch aus Goethe belegt werden: pflichtgemäß, 
befehlgemäß zu handeln, befördern das gemeine Glück. Maskenzüge, 
Bd. 11, 1, 325 (Hpl.) Pflichtgeschäfte ist wohl ein nicht zu seltenes 
Wort; ich begnüge mich mit einem Beispiel aus Johannes v. Müller, 
Bd. 30, 182 der Ausg. v. 1834 (Brief vom 3. Juni 1788): Daß ich 
die Briefe nicht emsiger beantivortet , kommt soioohl von P flieh l- 
geschäften, als von der Nothwendigkeit, mich mit einer neuen Lauf bahn 
bekannt zu machen. Pflichtgrundsätze fehlt, obwohl es Goethe in 
Hans Wursts Hochzeit gebraucht: 

Hab' ihn gelehrt nach Pf licht grün ds ätzen 
Ein paar Stunden hintereinander schwätzen. 
Pflichtlich, zwar auch aus dem Mittelniederdeutschen belegt, ist 
jetzt dem Norden Deutschlands fast fremdartig, im Süden aber, beson- 
ders im Schwäbischen, wie die Beispiele aus S. Frank, Lavater, ühland, 
Kurz, Mörike und der Schwäbischen Chronik (Sanders) zeigen, ganz 
üblich. Ich füge hinzu Palmer Evangel. Pädagogik "275: Menschen, 
die pflichtlich auch in das schlechteste Lustspiel gehen zu müssen 
meinen. Zu Pflichtliebe wäre auch pflichtliebend zu fügen 
aus J. G. Müller Emmerich, 5. Theil, 372 (1788): loenn die etlichen 
Dutzend Menschen auf den Thronen sammt und sondern gnügsame, 
pflichtliebende Menschen loären. Zu pflichtlos wäre auch das 
freilich seltene, doch schon von Adelung verzeichnete Wort Pflicht- 
losig keit zu fügen, das Scherer in der Litteraturgeschichte 3 ge- 
braucht: die Freiheit ihres Lebens, ihre Pflicht- und Zuchtlosigkeit, 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 259 

ihre Unfähigkeit den eigenen Willen zu verleugnen. (Freie Übers, von 
Cäsar: Cum a pueris nullo officio aut disciplina assuefacti nihil om- 
nino contra voluntatem faciant.) Fflicli tmiißii^ wird von Lexei- aus- 
drücklich bis zum J. 1731 aufwärts belegt; darum sei auf l^asilius Fabers 
Thesaurus aus d. .1. 1710, S. 1522 verwiesen, wo das Wort al.s Über- 
setzung von obnoxie auftritt; ob es schon in den früheren Auflagen 
des Buches steht, ist mir unbekannt. Pflichtmäßigkei t (aus 
Schillers philos. Sehr. u. W. v. Humboldts Briefen an eine Freundin 
belegt) steht 1763 bei Kant Träume eines Geistersehers 03 (Kehrbach): 
die Annehmlichkeit, icelche die Erweiterung des Wissens Itegleifei, vlrd 
sehr leicht den Schein der Pflichtmäßigkeit annehmen. Pflicht- 
rücksicht fehlt; vgl. Hippel Ehe 159 (Brockh.): wenn ihr keine 
Pf Hellt rück sichten zu heobachten habt. Pflichtschuldig: unter 
den Wendungen kanzleimäßigen Briefstils wäre aus dem 17. Jhdt. 
auch schon zu nennen: ich verharre pflichtschuldigst, was wir 
z. B. am Schluße der aus dem April 1688 herrührenden Zuschrift 
Ph. J. Speners zu seinen Evangelienpredigten des J. 1G87 finden. 
Pflichtstrenge: Dahn, Kampf um Rom 2'', 311: Antonina üherhietet 
alle Frauen an Pf licht strenge. Pflicli ts tun den , neues Schuhvort, 
bedeutet die Anzahl von Stunden, welche ein Lehrer Avährend einer 
Woche zu ertheilen verpflichtet ist. Man sagt also: In Preußen hat 
ein Oberlehrer 20, ein ordentlicher Lehrer 22 Pf lichtstund e)i. Das 
Wort wird in neueren amtlichen Verfügungen als allgemein bekannt 
gebraucht, z. B. Centralblatt für die Unterrichtsvervvaltung in Preußen 
1878, S. 488: sofern über die Anzahl der Pf licht stunden nichts ent- 
halten, so treten selbstverständlich die allgemein geltenden Bestimmungen 
ein; ebenso Circularverf. vom 6. April 1880: tvenn sämmtiiche übrigen 
Lehrer zur vollen Maximalzahl der Pf licht stunden herangezogen sind. 
Ebenso steht bei Wiese Höheres Schulwesen, 3. Aufl., besorgt von 
O. Kubier, das Wort als allgemein bekanntes Stichwort im Schluß- 
verzeichniß und im Buche selbst Bd. 1, 34; 2, 260, 261, 263; aber 
in der 2, 261 angezogenen Verfügung vom 13. Juli 1873 (Centralbl. 
1873, S. 457) wird der Ausdruck Pflichtstunden noch nicht ge- 
braucht. Die Prägung und der häufige Gebrauch des Wortes ist be- 
zeichnend für unsere Zeit, in welcher Rechte und Pflichten der Lehrer 
bestimmter umgrenzt worden sind als früher. Herbere Beurtheiler 
werden vielleicht schließen, daß seit dieser Zeit die Lehrer viel von 
der ruhigen und behaglichen Berufsfreudigkeit eingebüßt haben und 
ihre Thätigkeit vorzugsweise als eine nicht gerade gern geübte 
Pflicht betrachten. Pflichttheil im übertr. Sinne wird nur aus 



260 A. GOMBERT 

Gutzkow belegt; früher steht es so bei Jahn 2, 629 (Volksthum 220) : 
Jedermann im Volk muß sein PflicTittlieil an der Landesehre haben, 
Lust nach Last und Freud nach Leid. Zu Pflichttreue (drei Beisp. 
aus G. Freytags Bildern) war doch zu bemerken, daß das Wort von 
Adelung noch nicht verzeichnet, von Campe als ein neues aus Wolke 
belegt wird. Pflichtverkennung gebraucht Vilmar Schulreden ^^2 15 
als gelinderen Ausdruck gegenüber der Pflichtvergessenheit: 
Zeugte es schon von Beschränktheit und Pflichtverkennung, tüenyi 
er...: von weit schlimmerer Beschränktheit imd Pflichtvergessen- 
heit vnlrde es zeugen, ivoUte er... Auffallend ist das Fehlen von 
Pflichtversäumniß, da das Wort heute doch häufig von Lehrern 
mit Beziehung auf ihre Schüler, von Behörden mit Beziehung auf 
Beamte gebraucht wird. Die Instruction zum preuß. Kirchengesetz 
vom 30. Juli 1880 unterscheidet ausdrücklich und richtig an mehreren 
Stellen zwischen kirchlichen Pflichtversäumnissen und Pflicht- 
verletzungen. Von Pflichtwegen verdiente immerhin Aufnahme, 
sollte es auch nur eine Nachbildung des gewöhnlichen von Rechts- 
wegen sein. s. Kortum Jobsiade 1, 104: iveiin sie nicht etwa von 
Pflichtswegen den alten Herrn mußte wärmen 7md pflegen. Auch 
Pflichtwidrigkeit verdiente Erwähnung; es scheint in unserer Zeit 
wenigstens häufiger gebraucht zu werden als das aus Schiller und 
W. V. Humboldt belegte Gegentheil Pflichtmäßigkeit. Ein Beispiel 
bietet eine in Löpers Anmerkungen zu Goethes Dichtung und Wahr- 
heit (Bd. 20, 368 der Hempelschen Ausg.) abgedruckte Mittheilung 
Kriegks: ge^visse Pflichtwidrigkeiten, welche bei Concurssachen vor- 
gekommen waren; desgl. Sclileierraachers Predigt am Neujahrstage 1807 
(Predigten '^l, 282: daß er nichts zu besorgen hätte von der Rache derer, 
die im Genuß ihrer Pf licht Widrigkeit d^irch seine geivissenhafte 
/Strenge gestört wenden. 

Zu pflücken entbehrt man ungern Usteris einst allgemein ge- 
sungenes und noch jetzt nicht verklungenes 

Fretd euch des Lebens, iveil noch das Lämpchen glüht, 

Pflücket die Rose, eh sie verblüht! 
Rückerts Vers: Pflücke Lust, eh sie verblüht! ist sicher nur eine 
Erinnerung an Usteri und konnte eher fehlen. 

Pflug. Bei der Angabe der mehrfachen Verwendung des Pfluges 
hätte es auch Erwähnung verdient, daß in früherer Zeit über die 
Stätte eines völlig zerstörten Ortes der Pflug gezogen wurde zum 
Zeichen, daß ein Wiederaufbau des Ortes nicht stattfinden sollte. 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 261 

Beispiele dazu wären reichlich vorhanden; eins der schönsten ist 
sicher das bekannte aus Chamissos Schloß Boncourt: 
So stehst du, o Schloß meiner Väter, 
Älir treu und fest in dem Sinn, 
Und bist von der Erde verschwunden, 
Der Pflug geht über dich hin. 
Die Wendung hinter dem Pfluge wird durch mehrere passende 
Beispiele belegt, doch für Rückerts in seiner Allgemeinheit zu wenig 
besagendes Hinterm Pflug der Bauer sähe ich lieber die bekannten 
Zeilen aus Uhlands Döffinger Schlacht: 

Noch lange traf der Bauer, der hinterm Pfluge ging, 
Auf rostge Degenklingen, Speereisen, Panzernng. 
Pflug art bei Bahrdt Lebensbeschr. 2, 331: Salis versuchte eine 
leichtere Pf lug art ihnen (den Graubündnern) bekannt zu machen, aber 
sie fuhren fort, mit ihrem centner schweren Geschirr und vier Pferden 
zu ackern. Pflugleine (übergangen) nennt man die zur Leitung des 
Pfluggespannes gebrauchte, etwa 16 Meter lange Leine, von der 
Dicke einer schwächeren Zeug- oder Wäschleine. Sie unterscheidet 
sich von der beim Fahren üblichen Kreuzleine theils durch ihre größere 
Länge, theils durch die Art der Befestigung am Gebisse des Leit- 
thieres. Da das jedem Landmann oder Kenner ländlicher Verhältnisse 
bekannte Wort auch bei Adelung, Campe, Heinsius, Heyse, Sanders 
fehlt, so mag auf ein Beispiel hingewiesen werden. F. W. Ziegler 
Ges. Novellen 1, 189, schildert, wie Jemand in einem brandenburgi- 
schen Fenn dem Ertrinken nahe ist, und läßt einen Dazukommenden 
ausrufen: Hat denn nicht einer einen Strick oder eine Pf lug leine, die 
man ihm um den Hals schlingen und womit man ihn dann herausziehen 
könnte'^ Pflug mann als dichtei'ische Bezeichnung des Pflügers wird 
aus neuerer Zeit nur durch eine Stelle Gleims belegt; vgl. Görres 
Athanasius '*157 (1838): Erkennt ihr nicht den starken Pflugmann, 
der die Pflugschar über seinen Äcker in Mitte all dieses Unheils führt, 
und ihn bestellt, damit er tauglich werde, auch dort die neuen Saaten 
atifztinehmen, die er ihm bestimmt? Hier ist natürlich Gott der Pflug- 
mann. Pflugschar zur Bezeichnung der Friedensarbeit im Gegen- 
satze zum Schwert, als dem Sinnbilde des Krieges, wird mit passen- 
den Beispielen belegt; ungern aber vermißt man Körners bekannte 
und schöne Zeilen: 

Zerbrich die Pflugschar, laß den Meißel fallen, 
Die Leier still, den Webstuhl ruhig stehn! 



2ß2 ^- GOMBERT 

Pflugwagen (fehlt) ist eine andere Bezeichnung des Pfluggestells; 
s. Voß zu Vergils Landbau '25 (1789): Die buchene Stelze führte der 
Pflüqer zur Lenkung des Pflugivagens, durch loelchen die Pflugschar 
flach und tief gestellt werden konnte. Pf lug zeit (aus Voß und Stolberg) 
steht schon 1663 bei Schottelius 440*. Pflugziehen wird aufgeführt, 
doch ohne Beleg; ein solcher findet sich auch nicht unter Pflug 4, 
Sp. 1777, wohin verwiesen wird. Unter den Arten des Pflugziehens 
wünscht man auch das als Strafe verhängte verzeichnet zu sehen. 
Vgl. Jahn Ges. Wke. 2, 370: Das Schwert mußte erst entscheiden., und 
als der Landgraf Sieger blieb, die Vornehmsten der Befehlshaber gefangen 
nahm, da bestrafte er sie durch das Pflugziehen. 

Ein Wort wie Pforte findet natürlich sehr mannigfache Anwen- 
dung, so oft nur in eigentlichem oder übertragenem Sinne von einem 
Zugange oder Eingange (gelegentlich auch vom Ausgange) geredet 
wird. Neben Uhlands goldner Pforte des Lebens (d. h. dem glück- 
verheißenden Eingange in das Leben) würde passend die dunkle 
Pforte ihren Platz finden, eine nicht seltene Bezeichnung für Grab 
und Tod. Besonders passend erscheinen hier die Zeilen von Salis 
aus seinem einst vielgesungenen Liede Mas Grab' (1783): 

Sonst an keinem Orte 
Wohnt die ersehnte Ruh; 
Nur durch die dunkle Pforte 
Geht man der Heimat zu. 
Unter den Beispielen für Pforte im Aligemeinen fehlt es nicht an 
bedeutungsschwachen; für dieselben böte besseren Ersatz Geibel Spät- 
herbstbl. 151: 

Wollt ihr in der Kirche Schoß 
Wieder die Zerstreuten sammeln, 
Macht die Pforten weit und groß, 
Statt sie zu verrammeln. 
Desgleichen würde ich für Pförtnerin anstatt des einzigen aus 
Platens Abbassiden entnommenen nichtssagenden Beispiels das inhalt- 
reichere aus Geibels Gedenkblättern '^198 gewählt haben: 
Soll denn ewig als Pförtnerin 
Am Kirchthor die Dogmatik stehen? 
Gönnt endlich, jedem einzugehen, 
Der sich bekennt zu seines Heilands Sinn. 
Wenn übrigens gegenüber dem aus dem J. 1482 belegten unumgelau- 
teten pfortner das umgelautete pförtner ausdrücklich erst aus 
Stieler bezeugt wird, eo ist an Helber (1593) 24, 5 (Neudruck vom 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 263 

J. 1883) zu erinnern, der uns 'pförtner, sonst j) ortner bietet. In 
seiner Bedeutung nicht klar ist mir das übergangene Wort Pfort- 
stube, das ich im Ergänzungswörterbuch von Sanders 537 in der 
Form portstube aus Stumpf nachgewiesen und auch mit einem 
Fragezeichen versehen finde. Es kommt auch in neuerer Zeit noch 
vor, so bei J. G. Müller in den Straußfedern 2, 21 (1790) : Röschen 
ließ die Ohren hängen und schlich hin icie der Bauer, tvenn er in die 
Pfortstube kriechen soll. Das in Zusammensetzungen vorkommende 
-pfortig erscheint nicht bloß in Verbindung mit einem Zahlwort; 
vgl. bei Geibel Gedenkbl. ^263 die freilich kühne Bildung: 
hildwerkp fortige Giebel entlang 
mein Fuß die Stätten der Jugend, 
die veriüitternden, sucht. 
Pfosten ist auch der Pfahl, an den der zur Züchtigung Ver- 
urtheilte gebunden wird: 

Arme Bauern, an dem Pfosten 
TVei'den blutig sie gestrichen. 

Herder Volksl. 2, 99 (1779). 
Pfote. Die Diphthongierung in Pfaute (aus Bebel 1589) findet 
sich auch bei Londorp 2, 696^ (um 1621): Teuschland in seine Pf auten 
gänzlich bringen. Die Form Pfate ist über 1569 und 1572 hinaus 
noch im J. 1598 zu finden bei Sebiz Feldbau ^739: wenn der Wolf 
mit seiner Pfaten und Klaioen irgends ein Thier schlägt, muß es gleich 
dahin fallen. 

Pfriem wird als Geräth des Schneiders erwähnt, doch auf- 
fälliger Weise nicht als das des Schusters; eines Beleges hierfür be- 
dürfte es eigentlich nicht, zumal da man ja auch die Fortsetzung 
Schusterpfriem (-pfriemen) hat: doch möge hingewiesen werden 
auf R. Reinicks hübsche Legende von der Berufung der Künstler, 
Z. 42—44: 

Der König sah nur an sein Scepter, 
Grammaticam mir der Präcepter, 
Der Schuster seinen Pfriem und Leist, 
Der Kriegesknecht sein Schicert zumeist. 
Pfropf bildet auch gelegentlich die umgelautete Mehrheitsform 
Pfropfe, so bei H. P. Sturz M, 199 (aus d. J. 1768): die Akademie 
der Wissenschaften untersucht nicht immer Maschinen., um Pfropfe ans 
Bouteillen zu ziehen, desgl. Pröpfe bei Raabe Horacker 34: roth- 
belackte Pröpfe, doch ebd. 35: der Pfropfen wich. Zu den sehr 
spärlich gegebenen Wendungen mit Pfropf und Pfropfen wäre 



264 O- BEHAGHEL, MESSER. 

hinzuzufügen: am Pfro'pfen riechen oder am Pfropfen riechen lassen. 
Kinder nämlich, die unbescheidener Weise Antheil am Weine der 
Erwachsenen begehren, werden, gelegentlich unter wirklicher Dar- 
reichung des Pfropfens, mit der scherzenden Erinnerung abgefertigt: 
Du kannst am Pfropfen riechen. Dann wird die Wendung überhaupt 
gebraucht, wo von scheinbarer Betheiligung an einem Genüsse, doch 
thatsächlicher Ausschließung von demselben, gesprochen wird. In ihrem 
Ursprünge undeutlich ist mir die in Norddeutschland wenigstens häufige 
Wendung: auf den Pfropfen setzen = in schwere Verlegenheit 
setzen, beschämen. So setzt der Lehrer den Schüler auf den 
Pfropfen, wenn er durch eindringendes Fragen dessen Unwissenheit 
nachweist; dieser sitzt dann auf dem Pfropfen. Beide hier ver- 
mißte Wendungen bringt Sanders im Ergänzungswörterbuch. Unter 
Pfropfenzieher wird auf Pfropfzi eher verwiesen. Soll damit 
die letztere Form als die üblichere bezeichnet sein , so muß wenig- 
stens für Norddeutschland das umgekehrte Verhältniß behauptet werden. 
In der heutigen Zeit verdiente übrigens neben dem althergebrachten 
Pfropfenzieher auch der neuere Pfropfenheber Aufnahme. 

(Fortsetzung folgt.) 
GROSS-STBELITZ. Ä. GOMBERT. 



MESSER. 



Oben S. 202 denkt Bohnenberger daran, Messer sei, wegen des 
offenen e, dem Schwäbischen vielleicht ursprünglich fremd. Aber da- 
mit ist nichts gewonnen. Allerdings hat z. B. das Pfälzische hier 
offenes e (Lenz, Handschuchsheimer Mundart) , ebenso das Hessische. 
Aber hier ist die Schwierigkeit der Erklärung die gleiche. Zudem 
bietet auch das Aleman. c, so in Ottenheim (Beitr. 13, 220), in Leerau 
(Hunziker, Aargauisches Wörterbuch S. 180), in Basel (Seiler S. 204), 
während für das Bairische allerdings e bezeugt wird (Beitr. 11, 499). 
Verdankt das e sein Dasein einer Angleichung? Jedenfalls nicht an 
metzgen, denn dieses hat in Leerau andern Vocal als Messer. 

O. BEHAGHEL. 

S. 213, 9 1. chlaegleich statt chaegleich. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDEN- 
SAGE UND DIE ÄLTESTE GESTALT DER NIBE- 
LUNGENSAGE. 



In meinen Bemerkungen zur Wielandsage (Germ. 33, S. 480) 
habe ich die Wanderung der meiner Ansieht nach in ihrem letzten 
Grunde fränkischen, für gewöhnlich als deutsch bezeichneten 
Heldensage zu bestimmen versucht. In dem aufgestellten Schema trat 
bereits meine Auffassung des Verhältnisses zwischen süddeutscher und 
norddeutscher Heldensage zu Tage: die letztere gründet sich auf 
süddeutsche Spielmannslieder, die im 11. und 12, Jahrhundert ge- 
sungen wurden und in derselben Zeit nach Niederdeutschland, d. h. 
Westphalen und Hannover gelangten, aus welchen auch unsere mhd. 
Dichtungen hervorgingen. Im Folgenden will ich es versuchen, die 
nur in Kürze gegebenen Andeutungen etwas weiter auszuführen und 
mit Beweisgründen zu stützen, und die daraus mit Nothwendigkeit 
sich darbietenden Folgerungen zu ziehen. Die erste Frage ist die 
nach dem Vorhandensein einer niederdeutschen Heldeusaee. 
d. h. von Liedern, welche in Niederdeutschland umgingen und in 
niederdeutscher Sprache verfaßt waren , gleichviel aus welchen Vor- 
lagen sie auch stammen mögen. Der Beweis, daß die Behauptung 
des Prologes der ridrekssaga, Dänen und Schweden hätten längst 
nach den sächsischen Vorbildern eigene Lieder gedichtet, vollkommen 
zu Recht besteht, darf als sicher erbracht gelten. Am meisten ein- 
leuchtend ist er von Svend Grundtvig und Bugge geführt worden '). 
Wenn dänische Volkslieder dieselben Stoffe behandeln wie die t^idreks- 
saga, dabei aber die letztere an eigenartigen, echten und alten Sagen- 
zügen übertreffen, so ist klar, daß sie nicht in der norwegischen Saga 
ihre Quelle haben können, vielmehr erster Hand auf dieselben Vor- 
lagen zurückweisen, aus denen auf der anderen Seite die ridrekssaga 
entstammt. Es erwächst hieraus die Aufgabe, durch Vergleichung der 
beiden nordischen Quellen den Sageninhalt der zu Grunde liegenden 
niederdeutschen Lieder zu erschließen. Weder die l*idrekssaga noch 
die dänischen Lieder (natürlich auch die aus ihnen geflossenen schwe- 



') Danmarks gamle folkeviser IV, p. 586—600; 602—678. 
GERMANIA. Nene Reihe. XXU. (XXXIY.) Jalirg. 18 



266 - W. GOLTHER 

dischen, norwegischen, fseröischen und isländischen, die ja nur als 
Übertragungen zu betrachten sind, als solche jedoch sehr bedeutsam 
für die Wiederherstellung des ursprünglichen dänischen Originales 
werden, wie dies Grundtvig in seinen ausgezeichneten Untersuchungen 
mehrfach darthut) , dürfen einseitig zur Vergleichung mit der süd- 
deutschen Sage herangezogen werden, sondern immer nur alle zu- 
gleich im Hinblick auf ihre gemeinsame Quelle. Diese also gewonnenen 
nds. Lieder zeigen in ihrem Inhalt einen genaueren Anschluß an die 
süddeutschen, als man von einer gesonderten Betrachtung der ridreks- 
saga aus anzunehmen gewillt ist. Durch die Beachtung dieser That- 
sache wird die Auffassung des Verhältnisses süddeutscher und nord- 
deutscher Heldensage sehr wesentlich beeinflußt. Was von einzelnen 
Sagen gilt, insbesondere von der Nibelungensage, wo sich diese Er- 
scheinung am deutlichsten verfolgen läßt'), das zeigt sich auch bei 
mehreren anderen und ist überhaupt auf die ganze Masse der in der 
tidrekssaga vereinigten Gedichte auszudehnen, da dieselben zusammen 
als Sagenkreis von Dietrich von Bern eingewandert sind, nicht etwa 
einzeln losgelöst und zu verschiedenen Zeiten. Das Alter deutscher, 
d. h. nds. Heldensage läßt sich vorläufig jedenfalls für die erste Hälfte 
des 12. Jahrhunderts (1131) durch die viel citierte Stelle des Saxo^) 
als gesichert annehmen. Um diese Zeit müssen zum Mindesten die 
Vorläufer der in die t'idrekssaga und in die Volksweisen aufgegan- 
o-enen nds. Lieder in Norddeutschland eingewandert gewesen sein. Zwei 
Möglichkeiten bieten sich dar, um das Vorhandensein nds. Lieder zu 
erklären : entweder hat sich im 8. oder 9. Jahrb., als die fränkischen 
Sagen nach Deutschland wanderten, die nds. Sage abgezweigt, also: 

y fränkisch-deutsch 8./9. Jh. 
südds. nds. 



hürnen Seyfrid. Nibllied. fidrekss. dän. Lieder. 

In diesem Falle wären die nds. Lieder geradeso wie die südds. aus 
der gemeinsamen Ursage entwickelt ; oder es sind süddeutsche Spiel- 
mannslieder nachmals wieder nach Norddeutschland zurückgewan- 
dert also: y' fränkisch-deutsch 8./9. Jh. 

y* süddeutsche Weiterbildung. lO./ll. Jh. 

südds, nds. (spätestens im Anfang des 

I I 13. Jhs.) 



hürnen Seyfrid. Nibllied. fidrekss. dän. Lieder. 



') Bugge in Daumarks gamle folkeviser IV, p. 600. 

=) Lib. XIII, bei Müller, p. 638 [bei Holder 427, 33. O. B]. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 267 

Wir haben die Gründe für und wider einen der beiden Wege abzu- 
wägen und danach die Entscheidung zu treffen. 

Bei Betrachtung der in der I^idrekssaga tiberlieferten Ge- 
schichten ist zunächst zu beachten, daß dieselben, soweit sie zur 
Nibelungensage gehören, nicht in vollem Umfange auf niederdeutsche 
Quellen zurückgeführt werden dürfen. Die Sagen von Sigurd und 
den Niflungen Avaren seit lange in isländisch-norwegischer Überliefe- 
rung vorhanden. Daraus ergab sich natürlich von selber eine Ver- 
einigung des einheimischen mit dem zugewanderten'). In 
die Darstellung der norwegischen Saga gingen nordische Züge über, 
welche in den nds. Liedern nicht vorhanden waren. Wenn man den 
Inhalt der letzteren gewinnen will, müssen diese Bestandtheile aus- 
geschieden werden^ was sich zum Theile mit der größten Leichtigkeit 
bewerkstelligen läßt. Als nordisch ist zu bezeichnen die Bemer- 
kung in Cap. 163, daß der Drache, den Sigurd erschlägt, Regiu heißt 
und ein Bruder des Schmiedes Mimir ist; Cap. 166, daß sich Sigurd 
beim Kochen der Fleischstücke des Wurmes die Finger verbrennt, 
daraufhin die Vogelstimmen versteht und in Folge dessen Mimir 
tödtet; Cap. 167, daß das Schwert Sigurds Gram genannt wird und 
das Roß Gräni; ebenso Cap. 168, daß sich Sigurd bei Brynhild das 
Roß Grani holt. In Folge des in isländisch- norwegischer Sage be- 
richteten Rittes durch den vafrlogi war man gewohnt, das Roß mit 
Brynhild in Zusammenhang zu bringen ; nur hieraus erklärt es sich, 
daß man Grdni in die Sage einführte in einer Weise und an einer 
Stelle, die im Zusammenhang des Ganzen geradewegs widersinnig 
sind*^). Cap. 227 ist nordisch, daß Sigurd und Brynhild einmal mit 



*) Storm, Aarböger for nordisk oldkyndighed 1877, p. 320—21; Klocklioff, 
Studier öfver Thidrekssaga af Bern (Upsala universitets ärsskrift 188ü) p. 4. Auf 
diesen Punkt ist darum Gewicht zu legen, weil man ihn auch anders zu erklären 
versucht hat, freilich mit ziemlicher Erfolglosigkeit, ßaszmaun hält in seinen Schriften 
Westplialen für die Urheimat der Nibelungensage. Von dort seien im 9. Jahrhundert 
die Eddalieder ausgegangen, aber ein Grundstock blieb zurück. Damit vermischten 
sich die später in Niederdeutschland eingewanderten süddeutschen Sagen, und darum 
reten uns in der f*s. scheinbare Entlehnungen aus der nordischen Sagenform ent- 
gegen. Diese Auffassung vertritt Easzmann in seiner Schrift: Die Niflungasaga und 
das Nibelungenlied (1877), namentlich p. 35 flF., 66 flf., 79 S., 81 ff. Nicht überall liegt 
die Entlehnung aus dem Nordischen so klar am Tage wie in den hier aufgeführten 
Fällen. Es bedarf oft sehr genauer Sichtung, die Zudichtungen des theilweise völlig 
frei schaffenden Verfassers der f s. loszulösen, um nicht ungerechtfertigter Weise diese 
Neuerungen der nds. Sage zu unterschieben. 

^) Abhandl. d. I. Cl. d. Akad. d. Wies, zu München, Bd. XVIII, Abtli. II, p. 454 f. 

18* 



268 W. GOLTHER 

einander verlobt waren') 5 Cap, 226, daß Sigurds und Grudrüns Hoch- 
zeit gefeiert wird , ehe Sigurd und Gunnar nach Brynhild ausfahren ; 
Cap. 348, daß Sigurds Leiche auf Gudruns Bett geworfen wird und 
sie so, wie in der isländischen Version, neben dem todten Gemahl 
erwacht; Cap. 383, daß Gunnar in den Wurmgarten geworfen wird; 
Cap. 170 hat Oda vier Söhne, außer Gunnar, Gernoz und Gisler auch 
noch Guthormr, der natürlich aus dem Berichte der Edda übernommen. 
Diese hier erwähnten nordischen Sageneinflüsse sind äußerlich und 
von sehr untergeordneter Bedeutung; sie haben kaum eine wesentliche 
Änderung an der überkommenen deutschen Form hervorgerufen und 
stehen darin der ebenfalls rein äußerlichen Wiedergabe der über- 
nommenen deutschen Namen durch die entsprechenden nordischen, 
also Gunnar statt Günther, Gudrun statt Grimhild, Sigurd statt Sig- 
froedr. Gram statt Balmunc, Mimir statt Mime vollkommen gleich. 
Solche nordische Einwirkungen konnten sich nur bei der Nibelüngen- 
sage und bei der Wielandsage bemerkbar machen, wo nordische Gegen- 
stücke vorhanden waren. Die letztere scheint jedoch völlig davon frei 
geblieben zu sein; es wurde auch kein Versuch gemacht, die nordi- 
schen Namen der Volundarkvida einzusetzen. Bei den übrigen Stoffen 
der Pidrekssaga sind wir also der Mühe enthoben, einzelne Züge, die 
in Norwegen eindrangen, vor der Zurückführung auf die nds. Vor- 
lagen auszuscheiden. Fremdartige Neuerungen können aber auch in 
anderer Hinsicht sich entwickelt haben. Dies gilt vornehmlich bei 
Bestimmung der geographischen Verhältnisse in der ridrekssaga. 
Hiebei ist zu unterscheiden zwischen dem, was bereits in den nieder- 
deutschen Vorlagen stand, und dem, was erst die norwegische Dar- 
stellung verschuldet. Für das Vorhandensein einer niederdeutschen 
Heldensage, welche in volksmäßigen Liedern lebte, spricht entschieden 
auch der Umstand, daß Niederdeutschland selbst zum Schauplatz der 
Ereignisse geworden ist'*). Hunaland und Susat, Attila's Königssitz, 
sind meistens als Westphalen zu verstehen, außer in der Nibelungen- 
sage, aus deren Darstellung mit Sicherheit hervorgeht, daß unter 
Hunaland und Susat in diesem einzelnen, bestimmten Falle nur Ungarn 
und Ofen entsprechend den süddeutschen Quellen verstanden sein 
kann^). Hieraus ist aber zu entnehmen, daß einmal in den niedei-- 
deutschen Liedern die Geographie gerade so wie in den süddeutschen 



*) W. Grimm, Heldensage p. 84. 

^) Storm, Nye studier over Thidrekssaga (Aarböger for nordisk oldkyndighed 
1877, p. 329 flf. Zur Frage überhaupt: Holthausen, Studien zur Thidrekssaga. 1884. 
*) Döring, Ztschr. f. d. Phil. II, p. 22 ff. Holthausen a. a. O, p. 33. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 269 

beschaffen war, daß von Anfang an kein Unterschied bestand, sondern 
erst nachmals ein solcher geschaffen wurde dadurch, daß Nieder- 
deutschland als Schauplatz der Sage galt und deshalb dort mehrfache 
Änderungen vorgenommen wurden. Sind diese Neuerungen zum großen 
Theile der nds. Sagenentwicklung zuzuschreiben, so hat aber auch 
die norwegische Saga einige Änderungen in dieser Richtung ver- 
anlaßt, welche aus ungenügender Kenntniß der deutschen Ortlichkeiten 
entsprangen. Doch sind auch diese nur äußerlicher Art und berühren 
die Handlung der Sage wenig. 

Wenn wir die in Form und Inhalt den süddeutschen so nahe 
stehenden norddeutschen Nibelungenlieder mit den ersteren vergleichen, 
so müssen sich hiebei Anhaltspunkte auffinden lassen, welche auf die 
ursprüngliche Heimat der Sage und damit wohl auch auf das Ab- 
hängigkeitsverhältniß der Lieder hinweisen. Als die fränkische Sage 
im 8. oder 9. Jahrhundert nach Deutschland kam , erfuhr sie dort 
nachmals im 10. und 11. Jahrhundert in den süddeutschen Gegenden 
namhafte Zuthaten, welche unter dem Eindruck der Kämpfe an der 
Ostmark mit ungarischen Stämmen sich vornehmlich auf die zweite 
Hälfte, die Fahrt der Nibelungen zum Hunnenkönig und ihren Unter- 
gang erstreckten. Anerkanntermaßen enthält die Darstellung des 
Nibelungenliedes viele Züge, die sich erst in jenen Zeiten bilden 
konnten , und die mit dieser Ausführlichkeit in der ursprünglichen Sage 
des 6. Jahrhs. und überhaupt bei den Franken nicht als vorhanden 
gedacht werden dürfen. Mit sichtlicher Vorliebe und Sachkenntniß 
ist die Reise der Burgunden von Worms den Main entlang durch 
Ostfranken zur Donau und durch das Donauthal über Bechelarn 
nach Etzelnburg geschildert. Natürlich setzt diese Beschreibung vor- 
aus, daß die Sage in jene Gegenden gedrungen war. Dem ersten 
Dichter der Nibelungen standen diese genauen örtlichen Angaben 
nicht zu Gebote. Nun finden wir die Einzelheiten der Fahrt auch in 
der Pidrekssaga vor, dort allerdings entstellt durch einen Fehler des 
norwegischen Verfassers, der aber deutlich erkennen läßt, daß 
in der Vorlage, dem nds. Liede, Alles in Ordnung war'). Bereits 
hieraus ist zu entnehmen, daß die norddeutsche und süddeutsche Sage 
unter einander näher verwandt sind, und daß zur Erklärung dieser 
Verwandtschaft der Hinweis auf ihre alte gemeinsame Quelle in der 
fränkischen Sage nicht ausreicht. Eine der anziehendsten Gestalten 

*) Rhein und Dynau fließen zusammen Cap. 362 ; ein Wasser heißt Moere, d. i. 
Möringen. 



270 "^' GOLTHER 

des zweiten Theiles ist Markgraf Rüedeger ; dieser wurzelt aber gänz- 
lich in den süddeutschen Verhältnissen. Die Markgrafen im Nibelungen- 
lied entstammen aus der Ottonenzeit, wo es sich um die Festigung 
der Grenzen handelte; sie sind undenkbar für die Zeit der Entstehung 
der Sage. Mit Recht hat Thausing*) darauf hingewiesen, daß in den 
Hunnenkämpfen eine Erinnerung an die Kriege Heinrichs HI. in 
Ungarn 1042 — 1044 lebt; Vieles in diesen Schilderungen ist auf die 
nationale Erhebung jener Zeiten zurückzuführen. In Volker, dem 
ritterlichen Spielmann und Kampfgenossen Hagens, ist auch unschwer 
eine später erdichtete Gestalt zu erkennen, für welche in der alten 
Sage kein Platz war. Betrachten wir die Nibelungensage im Ganzen, 
so zeigt sich, daß sie ebenso getreu die geschichtlichen Ereignisse 
des 5. Jahrhs. und die Ortlichkeit des Rheines bewahrt hat, als 
anderseits Widerspiegelungen späterer Zeiten und genaue Kenntniß 
süddeutscher Gegenden hervortreten. Dadurch werden wir zur An- 
nahme einer doppelten Hauptbearbeitung der Sage geführt, oder jeden- 
falls zu der einer tiefgreifenden Umarbeitung des Überkommenen in 
Süddeutschland. Daß die alte fränkische Sage nichts von alledem 
wußte, läßt sich aus ihr selber, soweit sie in isländisch-norwegischem 
Gewände sich erhielt, nachweisen. Die Eddagedichte sind von allen 
diesen Ausführungen, welche nur die nach Deutschland ausgewanderte 
Sage betrafen, völlig frei geblieben. Aber die ridrekssaga faßt die- 
selben in vollem Umfange in sich; und noch mehr als bei dieser 
selbst oder ihren unmittelbaren niederdeutschen Quellen, in denen 
sich ja das Bestreben der Localisation auf norddeutschem Boden kund- 
gibt, war dies bei den älteren niederdeutschen Liedern der FalP). 
Es ergibt sich hieraus mit zwingender Noth wendigkeit die Abhängig- 
keit der nds. Heldensage von der süddeutschen, die dem- 
nach in späterer Zeit unter den lebhafter gestalteten Wechselbezie- 
hungen wiederum nordwärts zurückwanderte. In der ersten Hälfte 
des 12. Jahrhs. ist sie dort bezeugt; früher als in der zweiten Hälfte 
des 11. Jahrhs. kann aber die Rückwanderung kaum erfolgt sein, 
somit ergibt sich rund 1100 für die wahrscheinliche Zeit der Über- 
nahme süddeutschen Heldensanges in Norddeutschland. Mit dieser 
Zeitbestimmung vereinigt sich recht wohl, was wir von einheimischen 
niederdeutschen Sagen wissen. Storm^) hat nachgewiesen, daß ein 



*) Germ. 4, p. 435 — 436. Die Nibelungen in der Geschichte und Dichtung. 
*) Storm, Aarböger 386; die Dichtung, welche der Saga zu Grunde liegt, ist 
in ihrem Ursprünge süddeutsch. 
') Aarböger p. 341 ff. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 271 

Theil des SagenstofFes nicht süddeutscher, sondern norddeutscher Ent- 
stehung ist. Die Kämpfe der Hunnen (d. h. der Sachsen und West- 
phalen nach der Ausdrucksweise der Saga) mit Friesen und Wilkinen 
(d. h. Wilzen, Wenden, Dänen) stammen aus den Kriegen der Ottonen 
gegen jene Völker im 10. Jahrhundert; Heinrich H. kriegt Anfang 
des 11. Jahrhunderts im Osten von „Saxland" mit Polen und Russen. 
Attila der Hunnenkönig trat an Stelle der deutschen Kaiser; d. h. der 
einheimische nds. Heldensang schloß sich an den zugewanderten sild- 
deutschen an, und das dort bemerkbare Bestreben, die Vereinigung 
aller Sagen um einen gemeinsamen Mittelpunkt, König Dietrich von 
Bern, kam im Verlaufe der Zeit immer mehr zur Geltung. Nieder- 
deutsche Heldenlieder wurden gerade damals gesungen , als süd- 
deutsche einwanderten. So trafen die letzteren auf einen wohl vor- 
bereiteten Boden, was ihre rasche Annahme und Ausbreitung durch 
ihr Verwachsen mit dem bereits vorhandenen Grundstock wesentlich 
erleichterte. 

Die Nibelungensage in der ridrekssaga entspricht dem Lied vom 
hürnen Seyfrid ') und dem Nibelungenlied. Die Ubereinstin)mung mit 
letzterem beginnt Cap. 228 mit Gunnars Brautnacht. So ist auch in 
der t'idrekssaga scheinbar eine Trennung dieser beiden Denkmäler 
anzuerkennen, und Döring**) versuchte die Benützung der beiden mhd. 
Quellen nachzuweisen. Daß unser zwischen 1190 und 1205 entstan- 
denes Nibelungenlied der ridrekssaga und den dänischen Liedern 
vorlag , verbietet sich von selber durch die Erwägung der Zeitver- 
hältnisse. Die Frage darf also nur so gestellt werden, ob bereits in den 
nach Norddeutschland gewanderten Liedern eine ähnliche Scheidung 
des Stoffes eingetreten war, wie nachmals in den genannten zwei 
mhd. Gedichten. Im Nibelungenliede ist die Spielmannsdichtung in höhere 
und feinere Kreise emporgehoben; äußerliche und innerliche Vorzüge 
zeichnen es demnach vor den übrigen Spielmannsgedichten aus. 
Sigfrid wird in ritterlich höfischer Art erzogen, er wirbt um Kriem- 
hildes Minne; glänzende Hoffeste und Trauerfeierlichkeiten im kirch- 
lichen Sinne sind ausführlich beschrieben ; die Charakteristik der 
Personen ist psychologisch vertieft und die Handlung dadurch ab- 
gerundet; nicht wie in der Spielmannsdichtung herrscht die bloße 
Freude am Erzählen vor. Rohe Züge sind getilgt oder wenigstens 
derartig verfeinert, daß sie für eine gesittetere Anschauung nichts 

') Über das Alter der Sagenform des h. S. vgl. meine Ausgabe [Braunes Neu- 
drucke Nr. 81 u. 82] S. XIX ff. 

') Ztschr. f. d. Pbil. 2, p. 1—79; 256—292. 



272 W. GOLTHER 

Verletzendes enthalten. Es ist klar, daß die meisten derartigen Ände- 
rungen dem mhd. Denkmal als solchem angehören und erst in diesem 
auftraten, dagegen in den vorhergehenden Liedern nicht vorhanden 
waren. Wenn uns der Unterschied zwischen dem hürnen Seyfrid und 
dem Nibelungenlied in ihrer heutigen Gestalt allerdings sehr groß 
erscheint, so kommt dies bei ihren Quellen in Wegfall, weil das Nibe- 
lungenlied auf dem Boden der älteren Spielmannsdichtung begreiflicher- 
weise von allen den unterscheidenden Merkmalen wenig enthielt. Beim 
hürnen Seifrid ist die rohe Form der späten Überlieferung in Abzug 
zu bringen. Dann aber wird die Überlieferung in beiden Gedichten 
eine einheitlichere sein und nicht mehr eine entschiedene Trennung 
derselben nothwendig erscheinen lassen. Unter diesem Gesichtspunkte 
muß die Nibelungensage in der tidrekssaga aufgefaßt werden. Der 
Bericht der Saga und die ihr zu Grunde liegenden nds. Lieder sind 
durchaus einheitlich, die Spielmannsdichtung von den Nibelungen. 
Ebenso verhielt es sich mit der süddeutschen Sage im IL und 12. Jahr- 
hundert; nur das Nibelungenlied ist aus ihrem Kreise herausgetreten. 
Zwischen der Jugendgeschichte Sigfrids und den letzten Kämpfen 
der Nibelungen ist in der Darstellung der Spielmannslieder und der 
ridrekssaga keine Verschiedenheit bedingt. Die Vergleichung mit 
der nds. Sage gibt ein vortreffliches Hilfsmittel an die Hand, den 
Stand der älteren süddeutschen Sagenüberlieferung uns wieder zu er- 
schließen und die eigenartige Kunst des Nibelungenliedes namentlich 
auch in ästhetischer Hinsicht, insoferne es am Inhalte änderte, zu 
bemessen. Es ist begreiflich, daß Sigfrids Abenteuer beim Schmied 
als dessen Lehrling unmöglich war, sobald seine Erziehung den An- 
sprüchen des höfischen Anstandes entsprechen mußte. Die Scene, wie 
Sigfrid Brünhilde bezwingt, ist im Nibelungenlied offenbar umgebildet: 
Sigfrid ringt mit ihr, nimmt ihr einen Ring und Gürtel ab, ohne 
jedoch ihre Minne zu genießen'). Dagegen berichtet die ridrekssaga 
Gap. 229: oc])a teer hann til Brynüldar oc fear skiott hennar mmydom. 
Das Aufgeben dieses in der rohen Auffassung der Spielmanns- 
dichtung vorhandenen Zuges ist bedeutungsvoll für das ethische 
Urtheil über Sigfrids Schuld oder Unschuld. Die Kämpfe bei den 
Hunnen sind in den älteren Liedern viel wilder als im Nibelungen- 
lied ; das letztere hat die furchtbare Grausamkeit Krierahildes, die nach 
der älteren Sage (Ps. Cap. 392) die Verwundeten zu Tode quält, mit 
richtigem Gefühl getilgt. Daß in Süddeutschland Lieder vorhanden 



•) Bartsch Str. 649—681. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 273 

waren, ganz im Geiste der Quellen der Pidrekssaga gehalten, von 
denen sich aber das Nibelungenlied unterschied , zeigt sich anläßlich 
des Auftritts zwischen Hagen und Ortliep, dem Kinde der Krienihilt, 
über welchen der Bericht der Saga (Cap. 379) und des prosaischen 
Anhanges zum Heldenbuch (Heldensage p. 298 f.) gegen das Lied 
zusammenstimmen; ebenso am Schlüsse, wenn Dietrich die Krienihilt 
erschlägt, während im Nibelungenlied dies von Hildebrand erzählt wird. 
Auch die Betrachtung der übrigen in der f'idrekssaga vorhan- 
denen Sagen läßt erkennen, daß die norddeutsche und süddeutsche 
Heldensage gegenüber einer älteren süddeutschen des 8. und 9. Jahr- 
hunderts im Allgemeinen und im Besonderen zusammengehen, und 
zwar so, daß jeder Gedanke, als hätten wir es mit einer jeweiligen 
Weiterbildung einer gemeinschaftlichen Ursage im Norden und Süden 
zu thun, von Vorneherein ausgeschlossen wird. Wären süddeutsche 
und norddeutsche Sagen, vom gleichen Ausgangspunkte beginnend, 
ihre eigenen Wege gewandelt, so könnten nicht die im 13. Jahr- 
hundert erfolgten Aufzeichnungen, die also 400 oder 500 Jahre von 
der entlehnten fränkischen Sage entfernt sind, so genau überein- 
stimmen, namentlich nicht, wenn es sich um auf beiden Seiten gleich- 
mäßig durchgeführte Neuerungen handelt. In Bezug auf diese muß 
natürlich die eine vorangegangen, die andere nachgefolgt sein. Unter 
den in die Pidrekssaga übergegangenen süddeutschen stehen an erster 
Stelle diejenigen, welchen mhd. Dichtungen entsprechen, wie Ecken- 
lied und Rother; die Berührungen gehen vielfach bis zu wörtlicher 
Übereinstimmung *), was darauf hinweist, daß theilweise der Wortlaut 
der Originale des 11. Jahrhunderts gewahrt blieb und in die nord- 
deutschen und süddeutschen Dichtungen überging. Dies wäre eben- 
falls unmöglich aus gemeinsamen Quellen des 8. oder 9. Jahrhunderts 
zu erklären. Die sprachliche Entwicklung zwischen dem 8. und 
13. Jahrhundert hätte tiefgreifende Änderungen veranlaßt. Die Über- 
einstimmung muß aber sich sehr weit erstreckt haben, wenn sie noch 
so deutlich selbst aus der norwegischen Prosa'^) heraus an die mhd. 
Werke anklingt. Von anderen Sagen läßt sich nachweisen, daß sie 
im 11. Jahrhundert in älterer einfacherer Form vom Süden nach dem 
Norden wanderten, aber nachmals eigenartige Ausbildung erfuin*en, 
z. B. von den Gedichten, aus denen der Kampf der Dietrichsrecken 



■) Edzardi Germ. 23, p. 99 ff.; 25, p. 48—67. 

') An einigen Stellen erkennt man noch deutlich den p.ietischen Stil der iids. 
Lieder, der an den unserer mhd. Heldendichtung sich anschließt; einiges bei Edzardi, 
Germ. 25, p. 66 Anm. 



274 W. GOLTHER 

mit Isungs Söhnen (Ps. Cap. 45 — 56) einerseits, der große Rosen- 
garten (wohl auch Dietrichs siegreicher Zweikampf mit Sigfrid in der 
Rabenschlacht Str. 672 — 683) anderseits hervorgingen. Nur sehr 
Weniges von der älteren deutschen Sage, welche den Stand des 
Fränkischen bewahrte, wo also jene süddeutschen Zuthaten noch nicht 
vorhanden waren, hat sich erhalten, das Bruchstück des Hildebrands- 
liedes aus dem 8. Jahrhundert. Aber auch aus dem Wenigen läßt 
sich entnehmen, daß damals die Sage noch in anderen Bahnen lief. 
Odovakar ist Dietrichs Gegner, ein Zug, der später gänzlich schwand, 
dadurch, daß Sibich, welcher zu Ermenrich und den Harlungen ge- 
hört, überhaupt die Verrätherrolle übernahm, und somit Dietrich 
nachmals seinem Neide entfloh'). Die fränkische Sage hat, wie auch 
aus der nordischen Gestalt des zweiten Theiles der Nibelungensage 
ersichtlich ist, die geschichtlichen Grundzüge wohl gewahrt, welche 
nachmals in der deutschen Fortbildung mehr und mehr zurücktraten. 
Völlig verschieden vom alten Hildebrandslied ist die Darstellung der 
ridrekssaga (Cap. 406—409). Damit stimmt aber auch das deutsche 
Hildebrandslied des Kaspar von der Roen zusammen. Edzardi**) be- 
hauptet für das letztere zwar niederdeutschen Ursprung, doch sind 
die angeführten Gründe nicht völlig bestimmend, die Möglichkeit der 
süddeutschen Herkunft ist nicht ausgeschlossen. Jedenfalls ist die Sage 
auf einem ganz anderen Standpunkt als im alten Lied. In gleicher 
Weise hat sich norddeutsche und süddeutsche Überlieferung vom Alten 
entfernt, nicht jede gesondert für sich. 

Nachdem wir erkannt haben, daß die t'idrekssaga und die mhd. 
Gedichte auf gemeinsame Quellen zurückzuführen sind, darf der Ver- 
such gewagt werden, den Stand der hochdeutschen Sage während 
dem 11. Jahrhundert zu ermitteln. Natürlich ist das den nord- und 
süddeutschen Liedern Gemeinsame ohne weitere Fragen als alt zu 
betrachten; dagegen ist bei allen eigenartigen Abweichungen auf der 
einen Seite zu bestimmen, ob dieselben bereits in der alten Sage 
standen und nur zufällig sich hier erhielten, dort aber vergessen 
wurden, oder ob wir es mit Neubildungen, beziehungsweise mit Doppel- 
berichten zu thun haben. So müssen einige Vorfragen zunächst ent- 
schieden werden. Sehr wichtig ist Cap. 165 der l*idrekssaga: Sigurds 
Besuch bei Brynhild. Wie ist überhaupt das Verhältniß Sigurds 
und Brynhilds in der t^s. aufzufassen? Eine Verlobung fand nicht 



') Ähnliche Auffassung bei Storm, Sagnkredsene om Karl den störe og Diderik 
af Bern p. 72. 

') Germ. 19, p. 315 — 326: zum jüngeren Hildebrandsliede. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 275 

statt; die Worte in Cap. 227 stammen aus der nordischen Sage. 
Wenn dagegen Sigurd wenigstens bei Brynhild war, ehe er sie Gunnar 
zur Frau vorsehhig, also sie kannte, ohne daß jedoch ein innigeres 
Verhältniß sich daran angeknüpft hätte, so könnte man diesen Zug 
als deutsche Sage auffassen und für die letztere wenigstens eine 
vorhergehende Bekanntschaft Hrünhildes und Sigfrids behaupten, wenn 
auch eine Verlobung mit aller Entschiedenheit geleugnet werden muß. 
Nach der rs. weiß Sigurd nichts von seinen Eltern. Er nennt Bryn- 
hild seinen Namen ^ aber vermochte über sein Geschlecht keine Aus- 
kunft zu ertheilen; da sprach Brynhild: ef fw veitz ceigi at scegia mer, 
pa kann ec at scegia per, at pv ert Sigin'är Sigmundar son konungs oc 
Sisibe. Wenn etwas echt und sinnvoll ist bei dieser Begegnung, so 
ist es diese Mittheilung über Sigurds Herkunft. Sic wird als sagen- 
mäßig bestätigt durch zwei Strophen des Seyfridliedes: 

47 nun was der held Seyfride gewesen seyne jar, 

das er vmb vatter vnd müter nicht west als vnib ein har. 

er ward vil ferr versendet inn eyneu finstern than, 

darinn zoch jn ein meyster, bisz er ward zu eym man. 

48 er gwan vier vnd zwentzig stercke vnd yegklich sterck ein man. 
do sprach zu jm das zwerge: will dir zu wissen thon, 

deyn muter hiesz Siglinge vnd was von adel geporu, 

deyn vatter künig Sigmunde von den so bist du wordn. 

Diese Strophen setzen dieselbe Sage voraus, wie die niederdeutschen 
Lieder. Jedoch ertheilt der Zwerg Eugel Seyfrid Auskunft, nicht wie 
in der rs. Brynhild. Was sonst im Cap. 168 enthalten ist, bedarf 
einer genaueren Prüfung. Sigurd holt sich Gräni aus dem Gestüte 
der Brynhild; als er zu ihrer Burg kommt, hat er mit den Wacht- 
männern einen Kampf zu bestehen. Das Roß Grani ist eine Zuthat 
der nordischen Sage; aus dieser ist es in die rs. eingedrungen, die 
niederdeutschen Lieder wußten so wenig von ihm als die süddeutschen. 
Die norddeutsche Sage erzählte, Studar ') , des Heimir Vater, habe 
ein Gestüt verwaltet, aus dem die berühmtesten Helden und Dietrich 
selber ihre Rosse bezogen, daher stammten Falka, Skemmingr und 
Rispa. Es ist wahrscheinlich, daß auch Sigfrid nicht zurückgesetzt 
werden sollte und darum aus demselben Gestüt ein Roß bezog; natür- 
lich konnte dies nach der ridrekssaga nur Grdni sein. Die schwedische 
Saga berichtet auch Cap. 16: i then skog , sora Brynnilla ägher ther 



*) In J>s. steht allerdings Studas , aber die schwedische Bearbeitung hat die 
richtige Namensform Studar (68, 18), sonst Studder oder Studer = ahd. stnotäri, der 
Stüter, Verwalter eines Gestüts, gewahrt. 



276 W. GOLTHER 

äre im hästa, en heter Grane, oc annar heter Skimling oc tridie heter 
Falke oc IUI. heter Rispa (das in fs. entsprechende Cap. 188 hat 
diesen Satz nicht). Brynhild besitzt das Gestüte, aus welchem jene 
Rosse stammen. Cap. 18 berichtet von ihr: ßrir nordan ßall i Svava 
Par er su borg er heitir /Scegard. par red ßrir hin rika oc hin fagra 
oh hin mikilata Brynhilldr, er fegrst er kvenna i Sudrlondum ok sva 
nordr af speki ok storvirkium er gor verda ßrir hennar sakir ok seint 
mnnu fyrnaz; ähnHch Nibelungenlied 326: 

ez was ein küneginne gesezzen über se : 

ir geliche enheine man wesse ninder me. 

diu was unmäzen scoene, vil michel was ir kraft. 

si scöz mit snellen degenen umbe minne den scaft. 

Der Hinweis auf die großen Thaten, welche um Brynhildes willen 
geschehen, spricht dafür, daß auch in Bezug auf ihre Gewinnung in der 
nds. Sage Ähnliches berichtet wurde, wie im Nibelungenlied, obwohl 
die rs. diese Dinge ausfallen ließ. Dann fährt die ts. fort: i einum 
skog eigi ])adan langt stendr hu mikit, er atti Brynhilldr ok red ßrir 
sa madr er Studas het. Der Gestüthof wird dann ausführlich be- 
schrieben. Es fragt sich, ob die nds. und damit früher auch die 
süddeutsche Sage wirklich Brünhilt zur Besitzerin einer Pferdezucht 
gemacht haben. Auch nicht der geringste Anlaß dazu liegt in ihrer 
Geschichte selber vor. Aber eben ihr Gestüt ist der Grund, weßhalb 
Sigurd sie aufsucht. Auch Cap. 168 ist völlig auf nordische Sage 
gegründet; es beruht auf einer Einmischung nordischer Züge. Die 
Einwirkungen der nordischen Sage sind hier etwas tiefer gehend als 
in den oben namhaft gemachten Fällen; sie haben eine eigene neue 
Scene veranlaßt. Des Studar Sohn ist Heimir; Brynhild nach der 
jungen nordischen Sage ist Heimirs Pflegetochter, und lebt auf 
Heimirs Hofe. Dies war dem Verfasser der rs. natürlicii bekannt. 
So brachte er auch einzig und allein in Folge der Namensgleichheit 
Heimir, den Gesellen Dietrichs, mit Brynhild in Verbindung; er und 
sein Vater standen in ihrem Dienste, und so wurde Brynhild zur 
Besitzerin des Gestüts. Als solche wird sie ja gerade in Cap. 18, 
wo von Heimir zum ersten Male die Rede ist, erwähnt. Ein weiterer, 
ebenso äußerlicher Grund lag in Sigurds Geschichte. Es ist nicht 
unmöglich, daß bereits nds. Lieder ihm wie dem Dietrich ein Roß 
aus der edelsten Zucht zuschrieben. Dieser Zug wäre aber dann 
bereits ein neugebildeter, nicht der alten deutschen Sage zugehöriger, 
welcher entstand, als die übrigen Sagen immer mehr nur als Episoden 
der Geschichte Dietrichs aufgefaßt wurden und sich deshalb auch 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 277 

allerlei Änderungen gefallen lassen mußten. Die Pictrekssaga wies 
ihm das Roß Gräni zu. Gräni aber steht in unlöslichem Zusammen- 
hang mit dem Ritt durch den vafrlogi, den die jüngere nordische 
Sage auf Brynhild übertrug. Also auch auf diesem Wege brachte die 
ts. Brynhild und die Pferde mit einander in Verbindung. War einmal 
Brynhild die Besitzerin der Rosse, so lag es für den Sagaschreiber 
nahe, Sigurd den Gräni bei Brynhild selber holen zu lassen, also die 
in Gap. 168 erzählte Begegnung zu erfinden, da ja die ihm geläufige 
nordische Sagenform von einer Verlobung und einem Zusammentreffen 
Sigurds und Brynhilds wußte. Was die Kämpfe mit den Waehtmännern 
anlangt, welche Sigurd zu bestehen hat, so erinnere ich an Oddrünar- 
grätr 17: 

pä, var vig vegit volsku sverdi 

ok borg brotin sü er Brynhildr dtti — 

wo die Werbung um ßrynhild mit Kämpfen verknüpft ist '). Somit ist 
Gap. 168 die Begegnung Sigurds und Brynhilds Erfindung 
des Verfassers der l^'s. ; die nds. Lieder wußten nichts von 
einer solchen zu erzählen; Gap. 168 stammt nicht aus der deut- 
schen Sage und darf unter keinen Umständen verwendet werden, um 
nachzuweisen , daß auch die deutsche Sage einmal berichtet habe, 
Sigfrid und Brünhilt hätten sich gesehen, ehe Sigfrid mit Günther zu 
ihr zog. Die deutsche Sage hat niemals etwas von einer Verlobung 
erzählt, aber auch nicht einmal von einer Begegnung. Was sich 
irgendwo davon vorfindet, ist nordische Erfindung und darf nicht 
in die deutsche Sage zurückgetragen werden. Auch die letzte schein- 
bare Stütze der fidrekssaga für diese Annahme erweist sich als hin- 
fällig. Allerdings bleibt ein Zug des Capitels als echt und alt be- 
stehen, nämlich daß Sigfrid über seine Herkunft Kunde erhält. Jedoch 
war Brünhilt nicht von Anfang an dazu bestimmt, und es ist ein reiner 
Zufall, daß die ts. sie dazu ausersah, wahrscheinlich auch wiederum 
auf Grund der nordischen Nibelungenlieder, in denen Brynhild mehr 
als alle übrigen durch langathmige Weissagungen und Reden sich 
auszeichnet, die ihrem ursprünglichen Charakter wenig anstehen. 
Sobald die Sage voraussetzte, daß Sigfrid nichts von Vater und Mutter 
wußte, so mußte ihn einmal später Jemand darüber aufklären, wie 
Eugel in dem Seyfridsliede, Brynhild in der ^s. Die fränkische Sage 
berichtete aber einmal ebenso, und die alte nordische Sage folgte ihr 



*) Weiteres hierüber in meiner Abbaudlung über die Nibeluugensage (Abb. d. 
Akad. d. Wiss. zu München, Bd. XVIII, p. 453). 



278 W. GOLTHER 

darin. Die Person des Gripir zeugt noch dafür. Man hat bereits mehr- 
fach auf eine Ähnlichkeit zwischen Gripir und Eugel hingewiesen und 
dieselbe mythologisch zu erklären versucht. In Wirklichkeit verhält sich 
die Sache so, daß nach der fränkischen Sage ein Mann den Sigfrid 
über seine Herkunft aufklärte, vielleicht sein Oheim. So lange er ihm 
diese Mittheilung zu machen hatte, war seine Stellung in der Sage 
sehr wohl begründet. Nachmals aber fiel dieser Zug weg, indem die 
Jugendgeschichte Sigurds im Norden gänzlich umgestaltet wurde; 
Gripir jedoch blieb stehen und erhielt die unmotivierte Aufgabe, dem 
Sigurd in proj)hetischer Weise sein Lebensschicksal aufs Genaueste 
her zu erzählen. Die ridrekssaga hat die im Nordischen als Gripir, 
im Deutschen als Eugel erhaltene Gestalt überhaupt fallen lassen 
und ihre Rolle an Brynhild übertragen. Cap. 168 ist lehrreich für 
die Beurtheilung der Thätigkeit des Sagaschreibers, die doch nicht 
überall eine bloß mechanische Übersetzung war, sondern stellenweise 
in selbständiger Erfindung hervortritt, aber vielleicht nur da, wo er 
die zwei sehr verschiedenartig lautenden Berichte des Isländisch-nor- 
wegischen und des Niederdeutschen zu vereinigen suchte. Cap. 168 
löst sich somit befriedigend und einfach in seine Bestandtheile auf, 
und damit ist für die Forschung festgestellt, wie sie dasselbe aufzu- 
fassen hat. — Aus einer Vergleichung der faeröisch-dänischen Lieder 
und der ridrekssaga läßt sich die norddeutsche Sage in vollkommenerer 
Weise wiederherstellen, als aus der letzteren allein. Aber bereits die 
Auffassung der Handschriftenfrage bei der ridrekssaga trägt wesent- 
lich dazu bei. Treutiers ^) Ansicht, die isländischen Handschriften 
und die schwedische Übersetzung seien insgesammt auf die norwegische 
Membrane (M) zurückzuführen , ist durch Storm ^) , Edzardi ') und 
KlockhofF^) berichtigt. Das Wesentliche beruht darin , daß alle auf 
uns gekommenen Handschriften, zuweilen durch Zwischenstufen ver- 
mittelt, auf eine alte norwegische Bearbeitung der ridrekssaga zurück- 
gehen. In der alten I'idrekssaga waren alle die Berührungen mit der 
deutschen Sage bereits vorhanden, welche in den verschiedenen Hand- 
schriften nicht immer gleichmäßig häufig auftreten und die man darum 
zum Theil auch als spätere neue Einwirkung deutscher Sagen aufzu- 
fassen geneigt war. Daraus erhellt, daß im Ganzen der Anschluß der 



») Germ. 20, p. 151-189. 
') Nye studier over Thidrekssaga. 
=) Germ. 25, p. 47 ff. ; p. 142 ff. ; 257 ff. 

^) Studier öfver Thidrekssaga. Upsala universitets aarskrift 1880. Zustimmend 
zu dieser vortrefflichen Schrift Edzardi, Germ. 26, p. 242—248. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 279 

norwegischen Bearbeitung an ihre niederdeutschen Vorlagen ein ziem- 
lich genauer war, und daß diese nds. Lieder unseren süddeutschen 
nahe standen und vielfach geradewegs gleich lauteten. 

Bereits die alte rictrekssaga enthielt Parallelbelichte; eine und 
dieselbe Scene wird zweimal erzählt. Zum Tlieil mögen die nds. 
Quellen Schuld daran tragen, wie bei König Osantrix Tod (Cap. 144 
und 292), zum Theil aber auch die Darstellung der Saga (in Cap. 169 
und 170). In den beiden letztgenannten wird H9gnis Geburt erzählt 
und seine Erzeugung durch einen Alben. Der wirkliche Bericht der 
nds. Vorlage wird nur durch Zusammenziehung der zwei Capitel 
zu öinem und mit Hilfe der deutschen Quellen erlangt. Die zwei 
Berichte ergänzen sich mit Nothwendigkeit zu einem einzigen; für 
sich allein genommen ist jeder unvollkommen. Die ^s. und damit 
die nds. Sage hat allein den alten Zug gewahrt, der bereits der 
fränkischen Sage eignete, dali Hagen der Sohn eines Alben war. 
Ursprünglich war er der Stiefbruder der Gibichunge, denn nur so 
erklärt es sich, daß die nordische Sage und die deutsche Spielmanns- 
dichtung Hagen als Bruder der Nibelungen auffaßt. Damals natürlich 
kam auch der Albe zu Gibichs Gattin. Bereits im 10. Jahrhundert, 
im Waltharius aber ist Hagen Günthers Oheim; und so auch späterhin 
Hagen Aldrians Sohn. Da auch die rs. Aldrian als Hognis Vater 
kennt, so ist klar, daß die nds. Sage auf derselben Stufe stand wie 
die süddeutsche, d. h. Hagen als Aldrians Sohn und demnach den 
Oheim der Burgunden betrachtete. Cap. 169 berührt sich überdies 
ganz auffallend mit dem Nibelungenlied 1734. Nun aber berichtete 
die nordische Sage, Hogni sei Gunnars Bruder; der Verfasser der 
rs. half sich dadurch, daß er einmal Aldrian auch zum Vater der 
Burgunden machte (Cap. 169), das andere Mal aber Hagen zum Sohne 
der Oda (Uote) und damit zum Stiefsohne des Nibelungenkönigs Irung 
(=: Dancrät, d. h. für Gibich ist ein anderer Name eingesetzt) 
Cap. 170. Es ist in diesem Falle deutlich, daß die Thatsachen der 
Quellen unter nordischem Sageneinfluß geändert wurden; diese Ände- 
rung ist leicht und einfach. Wenn also Hagen wiederum zufällig 
dieses Mal mit vollem Recht in seine alte Stellung trat, so hat nicht 
die nds. Sage darin einen uralten Zug erhalten, von dem aus wir 
Weiteres schließen dürfen. Wir stünden sonst auf dem sehr schwanken 
Boden der Erfindung des norwegischen Verfassers, und natürlich ist 
es rein unmöglich, so lange man auf solche Voraussetzungen baut, 
zu einem befriedigenden Ergebniß zu kommen. In der nds. Sage 
verhielt sich also die Sache folgendermaßen: Aldrians Frau hatte 



280 W. GOLTHER 

von einem Alben einen Sohn. Das aber wußte Niemand, und darum 
hieß Hagen auch Aldrian's Kind (Cap. 169). Dieser Hagen war der 
Oheim der Nibelunge. Irung und Oda waren die Eltern des Günther, 
Gislher, Gernot und der Grimhilt (Cap. 170). 

Wenn bereits die älteste ridrekssaga in vielen Einzelheiten sich 
genauer an die nds. Sage anschloß , so ist dies bei den dänischen 
Liedern und ihren Übersetzungen noch weit mehr der Fall. Um Ein- 
sicht in den Stand der nds. Sage zu gewinnen, müssen also auch sie 
berücksichtigt werden. Auf der Fahrt zu den Hunnen haben Hagen 
und Dancwart mit Gelpfrat von Bayern einen Streit zu bestehen 
(XXVI äventiure, wie Gelfrät erslagen wart von Danewarte). Die 
I'idrekssaga weiß nichts davon, wohl aber das dänische Lied von 
Grimhilds Rache ^); demnach fand sich diese Scene auch in den nds. 
Liedern, und gerade dieser Zug, die Erwähnung eines bayerischen 
Herrn, der die durchziehenden Burgunden belästigte, zeigt wiederum 
deutlich die enge Verwandtschaft, beziehungsweise die Abstammung 
norddeutscher von süddeutscher Sage. Der Rath Hagens , das Blut 
der Erschlagenen zu trinken, fehlt zwar in rs., aber im fseröischen 
Högni 140, sowie in dän. B 32 findet er sich. Rüedeger ist in der I*s. 
etwas zu kurz gekommen; wir vermissen die ausführliche anziehende 
Charakterzeichnung, welche im Nibelungenlied ihn in so schöner 
Weise hervortreten läßt. Über seine letzten Kämpfe und seinen Fall 
geht die t*s. sehr rasch hinweg. Aber sie kürzt auch hier die Quellen, 
in denen beschrieben war, wie Rüedeger und die Nibelungen mit ein- 
ander reden und wie Rüedeger seinen eigenen Schild Hagen für dessen 
zerhauenen hinbot '^). Auch die nds. Sage kannte das Idealbild des 
edlen und milden Markgrafen. — Es ist klar, daß in den nordischen 
Ländern nur die niederdeutschen Lieder und die niederdeutsche Sage 
bekannt sein konnte und daß hochdeutsche Gedichte nicht hinauf- 
drangen. Man darf sich zu dieser Annahme nicht durch die Gleich- 
heit norwegisch -isländischer und süddeutscher Sagenzüge verleiten 
lassen. Wenn die Liedersammlung von 1240 [„Ssemundar-Edda"] von 
deutscher Sage spricht {en Pydverskir menn segja svd, Brot af 
Sykv.), so kann damit nur die niederdeutsche Sage', dieselbe, die in 
die ridrekssaga und in die dänischen Lieder aufging, gemeint sein'). 



') Bugge in Danmarks gamle folkeviser IV, p. 596/97. 

a. a. O. p. 598/99. 

^) Wenn in einigen Strophen der Edda Sigurds Tod geschildert wird, und zwar 
in einer dem Berichte der deutschen Spielmansdichtung (von Hans Sachs erhalten) 
entsprechenden Weise, so kann dieser Zug unmöglich als späterer deutscher Sagen- 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 281 

Nun finden sich in den Eddaliedern vereinzelte Spuren vor, die mau 
als erneute, zweite deutsehe Sageneinflüsse zu erklären ])flegt^). Aus 
ihnen kann unter Umständen auch hie und da etwas für den Stand 
der nds. Sage Belangreiches erschlossen werden. Gripisspa 43 be- 
richtet deutscher Sagendarstellung gemäß, welcher natürlich auch die 
nds. folgte,' Sigurds und Gunnars Hochzeit sei zusamnicn in Gjükis 
Sälen gefeiert worden. Auf Grund hievon darf das Cap. 22G der ^s. 
als unter nordischen Einwirkungen entstanden betrachtet werden. 
Die Träume der Kriemhilt im Nibelungenlied av. I sind zwar von 
der rs. weggelassen worden, aber fanden sich höchst wahrscheinlich 
in den nds. Liedern vor, was aus Volsungasaga Cap. 25 zu ent- 
nehmen ist. 

Wenn so die nordischen Quellen (ridrekssaga) einer kritischen 
Sichtung bedürfen, ehe sie zur Gewinnung des Inhaltes der nds. Lieder 
verwerthbar werden, so können anderseits auch die rahd. Werke 
nicht ohne Weiteres als Repräsentanten der im 11. Jahrhundert leben- 
den süddeutschen, nach Norddeutschland verpflanzten Sage gelten. 
Eigenartige Neuerungen sind in Abzug zu bringen. Als eine solche ist 
zu betrachten die Geschichte vom Hort der Nibelunge undfseiner 
Erwerbung, wie sie im Nibelungenlied und im Biterolf dargestellt wird. 
W. Müller') hat überzeugend nachgewiesen, daß die Sage von Nibe- 
lunc und seinen Söhnen Schilbunc und Nibelunc und damit von dem 
Volke der Nibelungen, das Sigfrid beherrscht, späterer Bildung ist. 
Nibelungen heißt das fränkisch-burgundische Königsgeschlecht der 
Gibichungen, und daher leitet sich der Ausdruck: Hort der Nibe- 
lungen. Dazu ist ein Heros eponymos und sein Volk gebildet worden. 
Die Erwerbung des Hortes durch Sigfrid ist ein indisches Märchen^), 
das ziemlich spät in die Sage Eingang fand, und zwar in die süd- 
deutsche im 11. oder 12. Jahrhundert, nicht schon in die altfränkische. 
Die rs. und wahi'scheinlich auch die niederdeutsche Sage erwähnen 



einfluß bezeichnet werden; denn die dabei allein in Frage kommende nds. Spielmanns- 
dichtung deckte sich ja mit dem Nibelungenliede, und demnach müßten wir den 
Bericht des letzteren in den nordischen Quellen wiederfinden. Die Berechtigung, 
Sigurds Tod draußen im Freien, beim fingritt als sehr alt in der Edda annehmen 
zu dürfen, ist hiedurch erwiesen. Von späterer deutscher Entlehnung kann keine 
Rede sein. 

') Meine Abhandlung über die Nibelungensage p. 486 ff. 

') Mythologie der deutschen Heldensage 56/60. 

') Im Tuti nameh (Papageienbuch) ed. Rosen II, 249 ; Weiteres Kathä-sarit-sägara, 
übersetzt von Tawney I, p. 14 Anm. 

GERMANIA. Nene Eeihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 19 



282 W. GOLTHER 

zwar nichts davoD. Trotzdem scheint für die letztere bereits dieselbe 
vorausgesetzt werden zu müssen, wie unten ausgeführt wird. 

Als eine Abweichung des Nibelungenliedes ist bereits der Um- 
stand geltend gemacht worden, daß Sigfrid Brünhilt in Worms für 
Günther bezwang, ohne sie zu berühren, obwohl dies eigentlich wider- 
sinnig ist. Denn an Brünhildes Jungfrauenthum ist ihre Stärke ge- 
knüpft. Doch bricht im Nibelungenlied auch eine ältere Auffassung 
in halbvei'wischten Spuren hervor. Beim Zanke sagt Brünhilt, als sie 
Sigfrid und Günther zum ersten Male gesehen habe, also auf ihrer 
Burg Isenstein selber, sei des Königs Wille an ihrem Leibe geschehen 
(Str. 820): 

ich liort' si jehen beide, do ih s' aller erste sach, 

und da des küneges wille an mime libe gescach. 

Damit stimmt rs. Cap. 228 u. 229 überein. Der Stammvater der Bur- 
gundenkönige hieß Gibich; daher führten die Nibelungen auch den 
Namen Gibichungen (im Altnord, und in der deutschen Spielmanns- 
dichtung). Dagegen nennt das Nibelungenlied an Gibichs Stelle 
Dancrät, die Ps, Irung und Aldrian. Also beide stimmen darin überein, 
daß sie den richtigen alten Namen durch einen jüngeren und unrich- 
tigen ersetzen. Dieser Zug kommt bereits ihren gemeinsamen Vor- 
lagen zu. Das Lied vom hürnen Seyfrid' ist hochwichtig, weil es 
über Sigfrids Jugendschicksale in den Strophen 47 — 48, 1 — 11 jeden- 
falls die alte Sage gewahrt hat, die sonst in hochdeutschen Quellen 
gänzlich verschollen ist. Dagegen ist der übrige Inhalt auf seinen 
Werth zu prüfen '). Daß Sigfrid Herr des Zwergenvolkes wird und 
ihren Hort gewinnt''), geht auf die jüngere Sjige von den Nibelungen 
als dem hortbesitzenden Zwergvolke zurück. Nybling hinterläßt drei 
Söhne, von denen nur der dritte, Eugel, bei Namen genannt ist. Sie 
entsprechen Nibelunc, Schilbuuc und Alberich, der sich ihnen als 
Bruder zugesellt. Wie Alberich besitzt Eugel die Tarnkappe; wie 
dieser greift Eugel allein thatkräftig in die Handlung ein, während 
von den anderen nur die Namen genannt werden. Doch ist diese 
„Nibelungensage" im Seyfridsliede umgebildet. Ungeschickt stehen die 
Strophen 13 — 15 und 38 im Zusammenhang. Überhaupt wird bereits 
von Anfang an das Zwergenvolk als Seyfrid unterthänig gedacht, 
obwohl er erst mit dem Gewinn des Hortes (134 — 138) Gewalt über 



') Vgl. nunmehr hierüber meine Ausgabe des Hürnen Seyfrid S. XIX ff. 
nach einzelnes von hier Bemerktem zu berichtigen ist. 

') Vgl. namentlich Strophe 1.3—15; 38; 134—138. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 283 

dasselbe gewinnt. Wir haben es demnach mit einer in Verwirrung 
gerathenen Anwendung der Sage des Nibelungenliedes zu thun. Trotz- 
dem liegt derselben eine alte richtige Auffassung zu Grunde: der 
Gewinn des Hortes knüpft sich noch an den Drachen- 
kampf, nicht an das im Nibelungenlied verwerthete indische Mär- 
chen. Vgl. Strophe 165 (ähnlich auch 140): 

nun het er zwen gedancken, den ein aufF Kuperan, 

den andern auff den wurme, welcher den schätz het glan. 

er meynt in het gesamlet der wurm nach menschen witz, 

wenn er würd zu eym menschen, thet er den schätz besitz. 

Dieser alte Sagenzug veranlaßte für das Seyfridslied die Umgestaltung 
der späten Hortsage. Die Lieder im 11. Jahrhundert haben jedenfalls 
noch den Hergang in dieser Weise berichtet. Die Ps. weiß allerdings 
in Cap. 166 nichts mehr davon, so wenig wie das Seyfridslied 1 — 11. 
Der Satz rs. Cap. 359 „Sigvrdr sveinn atte mikit gull, })at fyrst er 
hann toc vndan [jeim mikla dreka" dürfte sich eher aus der nordi- 
schen Sage erklären als aus den niederdeutschen Liedern. — Nach 
den Strophen 107, 108, 130, 131 des Seyfridliedes gibt es nur ein 
Schwert, mit welchem der Wurm überwunden werden kann. Dieser 
Zug gehörte bereits der ältesten fränkischen Sage an; auch im Nor- 
dischen erhält Sigurd das Schwert Gram zu dem bestimmten Zwecke, 
Fäfnir zu tödten. Nachmals aber ging dieses Schwert unter die 
Wunschdinge über, welche Sigfrid mit dem Horte erhielt'). Wie der 
Hort vom Drachenkarapfe getrennt ward, so verlor auch das Sciiwert 
seine besondere Bedeutung. Die Sage des Nibelungenliedes weiß von 
keinem Schwert mehr zu erzählen, das dazu nöthig war. Auch im 
Seyfridsliede zeigt sich beim ersten alten Wurmkampfe (Str. 6 — 11) 
keine Spur mehr davon, da ja die neue Hortsage bereits Eingang 
fand. Die ridrekssaga Cap. 166 schließt sich genau an die Darstellung 
im hürnen Seyfrid au; zum Kampfe braucht Sigurd kein Schwert. 
Wohl berichtet Cap. 167, Mimir habe ihm Gram gegeben, aber darin 



') Bereits in der ältesten Sagenform war vielleicht beim Dracheuhort ein 
Schwert und ein Helm (Hrotti, cegishjälmr, gullbrynja in den Fafnismäl). Das Schwert 
war aber da ganz bedeutungslos, es zählte eben unter die Kleinodien des Hortes. 
Um so leichter war nachmals die Anknüpfung: unter dem Schwerte des Hortes wurde 
das Sigfridsschwert (Gramr oder Balmunc) verstanden. Übrigens läßt das Erscheinen 
von Schwert und Helm beim Horte auch eine andere Deutung zu, nämlich daß wir 
in dieser so vereinzelt stehenden Prosastelle zu dem Fäfuismäi , die durch nichts als 
alt erwiesen wird, eine späte deutsche Eutlehuung anzuerkennen haben, wodurch 
wiederum das Vorhandensein der jüngeren Hortsage für die uds. Lieder eine Stütze 
erhält. 

19* 



284 W. GOLTHER 

zeigt sich nordische Sageneinwirkung, gerade so ungeschickt und 
äußerlich herbeigezogen wie das Roß Gräni. Gramr hätte Sigurd genützt, 
den Kampf zu bestehen, Gräni, um zu Brynhild zu reiten. Aber 
der Verfasser der Saga erzählt zunächst die Thaten seines Helden, und 
erst nachher erhält derselbe Schwert und Pferd. Es liegt auf der Hand, 
daß eine halbwegs vernünftige und organisch entwickelte Sage der- 
artige Verkehrtheiten nicht zu Tage gefördert hätte, daß wir also die 
nds. Quellen nicht dafür verantwortlich machen dürfen. Die nds. Sage 
hatte wie die des Nibelungenliedes beim Drachenkampf die Bedeutung 
des Schwertes vergessen, die nordische Sage dagegen hatte das Richtige 
gewahrt, und dieses ist unverständig vom Verfasser der Saga am 
unrechten Orte wieder eingefügt worden. Wenn aber die nds. Quellen 
der I's. sich in diesem einen Zuge an die Form des Seyfridliedes an- 
schlössen, so müssen sie auch in den übrigen dadurch bedingten 
Änderungen mit dem letzteren übereingestimmt haben. Das Fehlen 
des Schwertes setzt das Vorhandensein der jüngeren Hortsage voraus, 
obwohl in der Ps. selber die letztere sonst nirgends erwähnt wird. 
Das indische Märchen war also bereits in die nach Norddeutschland 
gewanderten Lieder eingedrungen. In Bezug auf den Hort ist aber 
auch in der nds. Sage eine eigenthümliche Weiterbildung erfolgt. 
Die älteste Sage (Atlakvida 28) berichtete, daß der Nibelungen Hort 
in den Rhein versenkt ward, und ebenso das Nibelungenlied und 
das Seyfridslied (Str. 167). Dem gegenüber weiß die I*s. Cap. 393. 
423 — 427 Anderes über den Verbleib desselben zu melden. Er wurde 
in Sigfrids Keller verborgen, und Attila starb, indem er dort ein- 
creschlossen wurde. Nach Ausweis der dänischen (die Hven'sche 
Chronik vermittelt den Inhalt eines solchen) und fseröischen Lieder^) 
gehört diese Erzählung der nds. Sage an, nicht etwa der ts. Wir haben 
es also mit einer späten Neuerung zu thun, die wahrscheinlich nicht 
auf die süddeutschen Lieder zurückgeführt werden darf, wenigstens 
nicht in ihrem gesammten Umfang. — Die Handlung des Seyfridliedes 
ist sonst ganz klar und gibt zu keinen weiteren Bemerkungen Anlaß. 
Sie stimmt in der Hauptsache zu dem, was wir auch aus dem Nibe- 
lungenlied erfahren: Sigfrid kennt seine Eltern; er gewinnt den Hort 
von den Zwergen; er wird erschlagen, als er sich zur Quelle nieder- 
beugt. Ausführlicher ist nur die Jugendgeschichte behandelt; neu 
hinzugetreten ist die Befreiung der Jungfrau aus der Gewalt des 
Drachen und damit einige Änderungen an der Geschichte des Hortes. 



') Über die nordischen Sigurdlieder vgl. Ztschr. für vergleichende Litteratur- 
geschichte, N. P. II, 269—297. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 285 

Dagegen ist in dieser Spielmannsdichtung von Sigfrid noch eine ältere 
Sagenform in vereinzelten Überresten erhalten, nach welcher Sigfrid 
seine Eltern nicht kannte (Str. 47—48), Sigfrid ein Schwert erhielt, 
um den schätzehütenden Drachen zu tödten (Str. 107 — 108 und 165), 
endlich Sigfrid erschlagen wurde, als er im Walde unter einer Linde 
ausruhte (so in dem Seyfridsliede, das dem Hans Sachs vorlag) ^). 
In Bezug auf das erste dieser drei Merkmale folgten die nach Nord- 
deutschland gewanderten Lieder der alten Sagenform: Sigfrid wuchs 
auf, ohne seine Eltern zu kennen (t*s. Cap. 154 — 161); in den zwei 
letztgenannten dagegen enthielten sie die jüngere Sage. Daß das 
Nibelungenlied und von ihm beeinflußt wohl auch das Seyfridslied 
Sigfrids Jugend in der Weise einer Umgestaltung unterzogen, daß 
er wenigstens sein Geschlecht weiß, hängt mit dem Bestreben zu- 
sammen, die Geschichte des jungen Helden den Anschauungen eines 
feineren Zeitgeschmackes gemäß darzustellen. Aber alt imd echt ist 
nur der Bericht der rs. und der beiden Strophen des Seyfridliedes^). 
Wir können demnach den Stand der Nibelungensage in Süddeutsch- 
land für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts aus einer Vereinigung 
der mhd. und der nds. in dänischer und norwegischer Sprache auf 
uns gekommenen Quellen nach Abzug der auf beiden Seiten anzu- 
erkennenden eigenartigen Neuerungen mit ziemlicher Sicherheit be- 
stimmen: Sigmund, König im Frankenland, hatte eine schöne Frau, 
Siglind, Sighers Tochter. Als er einst auf einer Heerfahrt abwesend 
war, da suchten zwei Grafen Siglind zur Untreue zu verführen. Da 
ihnen dieses nicht gelang, verleumdeten sie Siglind bei ihrem Gemahl, 
als er heimkehrte, sie habe sich mit einem Knechte vergangen. Im 
Zorne befahl er, sie in einen wilden Wald zu führen und dort um- 
kommen zu lassen. Der eine der Grafen wollte sie retten; da ent- 
brannte ein Kampf unter ihnen. In diesem Augenblick gab die Königin 
einem überaus schönen Knaben das Leben; sie wickelte ihn in Tücher 
und verschloß ihn in ein Glasgefäß, das sie mit sich führte. Beim 
Kampfe stieß der eine der Grafen mit dem Fuße nach dem Glas- 
fasse, so daß es hinab in den Rheinstrom rollte. Die Königin Siglind 
aber starb vor Schrecken (ts. Cap. 252 — 161). Nun trieb das Gefäß 
mit dem Kinde den Fluß hinab; an einer Klippe am Ufer zerbrach 
es, und der Knabe weinte. Da kam eine Hindin und säugte ihn und 



') Vgl. meine Abhandlung p. 478 ff. und ^ meine Ausgabe des Hürnen Seyfrid 

s, xxni f. 

') Auch Edzardi, Germ. 23, p. 88 hält die Darstellung der ps. von Sigurds 
Geburt für die ursprünglichste, hat aber die Begründung nicht mehr ausgeführt. 



286 W. GOLTHER 

trug ihn heim zu ihrem Lager (rs. 163). Mime der Schmied fuhr 
eines Tages zum Wald, um Kohlen zu brennen. Da lief ein wunder- 
schöner Knabe auf ihn zu, der konnte nicht sprechen. Mime nahm 
ihn bei sich auf, da er keine Kinder hatte, und beschloß, ihn als 
seinen Sohn aufzuziehen, und gab ihm den Namen Sigfrid. Sigfrid 
war wild und unbändig und schlug die Schmiedgesellen. Bei der 
Lehre erwies er sich so überkräftig, daß er den Amboß in die Erde 
schlug. Da sann Mime nach, wie er seiner ledig würde. Er sandte 
ihn in den Wald, um Kohlen zu holen, und hoffte, der dort hausende 
Wurm werde ihn tödten. Aber Sigfrid erschlug den Wurm und ver- 
brannte ihn; aus dem Fette, das davon floß, gewann er seine Horn- 
haut (t*s. Cap. 164 — 166, Seyfridslied 4 — 11). Nun zog Sigfrid in die 
weite Welt. Auf seinen Fahrten vernahm er, woher er stammte, und 
wer sein Vater und seine Mutter sei (Seyfridslied 47 — 48; rs. 168; 
als uralt bezeugt durch die Gripisspa). Da gewann er auch den Hort, 
den der alte Nibelunc seinen Söhnen hinterlassen hatte, das Schwert 
und die Tarnkappe. An dem Hofe zu Worms, im Nibelungenland, 
entspann sich sein Verhältniß zu Grimhild und ihren Brüdern. Diese 
waren Günther, Gislher, Gernot, ihr Oheim Hagen, der, übernatür- 
licher Herkunft, von einem Alben erzeugt war. Sigfrid zog mit 
ihnen aus, um die Königin Brünhilt für Günther zu gewinnen. Er 
bestand die Kämpfe für Günther (Nibelungenlied) ; in der Nacht brach 
er Brünhildes jungfräuliche Stärke, daß sie Günther völlig willfährig 
war (ts. Cap. 229; Nibllied Str. 820). Ein Fest zu Worms beschloß 
Günthers und Sigfrids Hochzeit. In der Königshalle brach der Streit 
der Königinnen aus, und so ward Sigfrid von Hagen erschlagen, als 
er sich zum Trinken zu einer Quelle niedergebeugt hatte. Was den 
zweiten Theil, der Nibelunge Not, anlangt, so ist es unnöthig, den 
Hergang zu besprechen. Das Nibelungenlied und die nds. Lieder 
befinden sich hier in allen wesentlichen Punkten in völliger Überein- 
stimmung. — Bemerkenswerth an dieser Sagengestalt ist, daß König 
Sigmund am Leben bleibt, obwohl er in die Handlung gar nicht mehr 
eingreift. Übrigens ist seine Theilnahme an den Ereignissen im Nibe- 
lungenlied auch auf äußerliches, völlig bedeutungsloses Auftreten be- 
schränkt. Wir könnten ihn leicht missen, ohne daß dadurch der 
geringste Eintrag geschähe. Von einer Verlobung Sigfrids und Brün- 
hildes oder auch nur von einer Begegnung weiß die Sage von 1100 
nichts. Es ist also ganz falsch, wenn man annimmt, daß im Nibelungen- 
liede eine frühere Begegnung vorausgesetzt werde und diese in den 
Vorläufern des mhd. Gedichtes noch in ungeschmälertem Umfang zu 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 287 

Tage getreten sei. In der vorhergehenden Dichtung fand sich nicht 
eine Spur davon. Brünhilt überlebte Sigfrid (1*8. Cap, 427; auch in der 
Klage empfängt sie die Trauerbotschaft). Die niederdeutschen Lieder und 
die mhd. Gedichte haben an der Sage nur Weniges geändert, am meisten 
jedenfalls das Nibelungenlied durch das Fallenlassender Jugendgeschichte. 
Einer älteren süddeutschen Sage gegenüber, die noch trümmerhaft in 
Spielmannsliedern hervortritt, geht die norddeutsche und süddeutsche 
Form in Bezug auf gemeinsame Neuerungen zusammen. In die Thätig- 
keit des Verfassers der I'idrekssaga eröffnet sich uns ein lehrreicher 
Einblick. Sicherlich hat er stellenweise seine niederdeutschen Vorlagen 
fast wörtlich übersetzt. Dies läßt sich namentlich dort erkennen, 
wo dieselben Lieder in dänische Weisen übergingen, wie bei Dietrich 
und seinen Gesellen*). An anderem Orte dagegen verfuhr er auf die 
freieste Weise, und vornehmlich bei der Nibelungensage. Im zweiten 
Theil kürzte er vielfach, weßhalb seine Darstellung im Vergleich zu 
der des Nibelungenliedes lückenhaft erscheint. Nach Ausweis der 
dänischen Weisen fällt dieser Vorwurf nicht auf die nds. Quellen. 
Daß er im Aligememen norwegische Sitten schilderte und sich in 
dieser Hinsicht freier den letzteren gegenüberstellte^), ist klar. Döring 
räumte ihm auch ziemlich viel Freiheit ein. In besonderem Maße 
aber trifft dies bei der Geschichte Sigurds zu. Hier ließ er nicht 
bloß Vieles weg (z. B. die Kämpfe um Brynhild, die Sage vom Hort), 
sondern er versuchte die einheimische norwegisch-isländische Sage 
mit der niederdeutschen zu verschmelzen, iheils dadurch, daß er nur 
in äußerlicher Weise nordische Züge einflociit, iheils aber auch, in- 
dem er ganz neue Scenen erfand, wie Sigurds Begegnung mit Bryn- 
hild. Die Verhältnisse liegen hier scheinbar veiwickelt; sie lösen sich 
aber leicht, wenn man mit aller Strenge sich bemüht, einerseits die 
nordische und anderseits die deutsche, d. h. nord- und süddeutsche 
Sage sich vorzuhalten. Von diesem Standpunkt aus, der einzig und 
allein zur Lösung der Geschichte unserer Heldensage führt, zeigt sich 
aber sofort, was auf einer Vermischung der beiden beruht, die einstens 
freilich von derselben Wurzel, der altfränkischen Sage, entsprungen, 
nach so verschiedenartigen Schicksalen und Wanderungen nach Norden 
und Süden im 13. Jahrhundert in der fidrekssaga wieder zusammen- 
trafen. In Betreff der eigenartigen Darstellung der Nibelungensage in 
der ts. kommt auch der Umstand in Betracht, daß ihr Zusammen- 



') ^g'« Svend Grundtvig, Danmarks gamle folkeviser IV, p. 623-678. 
*) Stoim, Nye studier p. 317. 



288 W. GOLTHER 

hang zerrissen wurde und ihre Abschnitte stückweise an verschiedenen 
Stellen berichtet wurden, wodurch natürlich die Einheit und der ruhige 
Fluß der Erzählung merkliche Einbuße erlitt. Man denke sich in ent- 
sprechender Weise im mhd. die Handlung des Nibelungenliedes in die 
Dielrichsdichtungen als eine Episode eingerückt; Lieder wie die vom 
Rosengarten nehmen einen festen Platz in Sigfrids Geschichte ein. 
Auch hier würden gewiß Unzuträglichkeiten genug entstehen und die 
Klarheit der Geschichte empfindlich getrübt werden; und zumal, wenn 
ein solches Unternehmen nicht einmal von einem auf diesem Gebiete 
wohlgeübten Dichter ausgeführt wird, sondern von einem Ausländer 
die Gesammtmasse des Stoffes zu einer umfassenden Erzählung, theil- 
weise mit eigener Erfindung ausgeschmückt, verai'beitet wird. Der 
Schöpfer der ridrekssaga erhielt die nds. Stoffe etwa in ähnlicher 
Art, wie unsere mhd. Spielmannsdichtungen geordnet. Dietrich war 
der Mittelpunkt; aber nur lose schließen sich die einzelnen Sagen an 
ihn an. In der Absicht der ridrekssaga lag es , alles Einzelne unter 
diesem Hauptgesichtspunkte zu vereinigen. Wenn man aus der t*s. 
die nds. Quellen loslösen will, so müssen diese Eigenthümlichkeiten 
des norwegischen Verfassers zunächst in Abzug gebracht werden; 
hierauf ist die niederdeutsche Sage auf ihren Inhalt mit Rücksicht auf 
etwaige Zuthaten zu prüfen; dann erst wird sich die Zusammen- 
stellung mit dem mhd. Gegenstück fruchtbringend erweisen. Gewiß 
wird aus einer genaueren Einzelbetrachtung der übrigen Stoffe auch 
noch manches Licht auf die Arbeit des Sagaschreibers fallen, die sich 
jedenfalls in der Nibelungensage am eigenartigsten bewährt. 

In meiner Abhandlung über die nordische und deutsche Gestalt 
der Nibelungensage habe ich im Nordischen mehrere Schichten von 
einander geschieden. In der ältesten, nur noch trümmerhaft vorhan- 
denen Form, die im 9. Jahrhundert, gleich nach der Entlehnung, 
herrschend war, zeigte sich sehr große Übereinstimmung mit der 
unserer süddeutschen Quellen , während später die Neuerungen platz- 
griffen, welche der jüngeren Form in den isländisch-norwegischen 
Quellen ein so verschiedenes Aussehen verliehen, welches man fälsch- 
licherweise als uralt und einstens auch den deutschen Quellen zu 
Grunde liegend betrachtete. Auch im Deutschen bemerken wir in 
vereinzelten Spuren noch eine ältere Überlieferung, welche sich 
von der unserer ausführlichen Berichte des 13. Jahrhunderts in nordi- 
scher und deutscher Sprache sehr wesentlich unterschied, dagegen 
vielfach mit den ältesten nordischen Zügen sich deckt. Natürlich ist 
die Annahme ausgeschlossen, als hätten wir es auf beiden Seiten mit 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 289 

Ansätzen und Keimen zu neuer Entwicklung zu thun. Vielmehr be- 
weist gerade diese merkwürdige Übereinstimmung die Richtigkeit unserer 
Auffassung. Meine früheren Ausführungen waren negativer Art; sie 
bezweckten an erster Stelle den Nachweis, daß die sogenannte nordische 
Form nicht die Quelle unserer süddeutschen sein kann. Nun soll Positives 
beigebracht werden, nänilicii wie die altfränkische Sage beschaffen war, 
welche die Grundlage für die nordische und die deutsche Sagenentwick- 
lung abgab, und wie sie sich im Laufe der Zeit verändert liat. Die 
fränkische Sage kann am ehesten und sichersten aus einer Ver- 
gleichung der ältesten nordischen und deutschen (d. h. natür- 
lich hier süd- oder hochdeutschen, im Gegensatz zur ursprünglichen 
altfränkischen) Form erschlossen werden. Zu diesem Behufe war es 
nöthig, zu bestimmen, was auf beiden Seiten jüngere Bildung ist. 
Da wir bereits mehrfach an der Sage des 11. Jahrhunderts ent- 
schiedene Neuerungen bemerkten und auch für's 10. Jahrhundert 
solche in einer besonderen Richtung anzuerkennen hatten, so wird 
es nicht sehr schwer halten, mit Hilfe des in der Spielmannsdichtung 
Überlieferten und nach Abzug eben dieser Neuerungen zu einer älteren 
deutschen Sage vorzudringen. Die Jugendgeschichte Sigfrids war 
ebenso geschildert wie in der Sage von 1100, d. h. Sigfrid kannte 
seine Eltern nicht, bis ihm später auf seinen Fahrten Kunde von 
seinem Geschlechte ward'). Der Schmid Mime zog den Knaben auf. 
Er schmiedete ihm ein Schwert (Balmunc oder Gram), damit er einen 
Wurm erschlüge, der einen unermeßlichen Schatz hütete (Seyfridslied 
Str. 107—108, 165 = nordische Sage. Vgl. auch Be6wulf 888, wo 
der Wurm liordes hyrcle genannt wird). Hierauf erfuhr er, daß er 
aus dem Geschlecht der Wälsunge stamme (Seyfridslied Str. 47 — 48 
= Gripisspä). Trotzigen Muthes zog Sigfrid an Gibichs Hof, um ihm 
sein Reich abzugewinnen, das jener als Preis eines Zweikampfes aus- 



') Die Berechtigung, den Bericht der J>s. und der Sage von 1100 über Sigfrids 
Jugend als uralt, bereits der fränkischen Sage angehörig zu betrachten, ergeben auch 
allgemeine Erwägungen. Ist es wahrscheinlich, daß einmal Sigfrid seine Eltern kannte, 
daß in einer späteren Zeit ohne Grund die Darstellung der ps. entstand, nachmals 
aber wieder fallen gelassen wurde? Dagegen begreift man leicht, wie die Sage dazu 
kam , den ältesten Bericht zu verändern. Außerdem spricht der Umstand entschieden 
für unsere Annahme, daß gerade auf fränkischem Boden die Genovefa-Legende ganz 
besonders verbreitet war und mehrfach in der afz. Dichtung in den verschieden- 
artigsten Werken oft vielfach umgebildet zum Vorschein kommt, z. B. in Berte aux 
grand pieds und im Tristan (Brangaene); vgl. Weiteres bei Svend Grundtvig, Dan- 
marks gamle folkeviser I in der Einleitung zu Ravengaard og Memering, besonders 
p. 197 ff.; und Zacher, die Historie von der Pfalzgräfin Genovefa p. 27 ff. 



290 W. GOLTHER 

gesetzt hatte'). An Gibichs Hofe am Rhein, bei den burgundisch- 
fränkischen Nibelungen, den Königen Günther, Giselher, Godomar und 
ihrem von einem Alben erzeugten Stiefbruder Hagen wurde er mit 
Guntrun vermählt. Er zog aus, um für Günther die Brtinhilt zu ge- 
winnen. In diesem Abschnitte der Sage ist die jüngere Form der 
älteren ziemlich getreu geblieben. Von Hagen ward Sigfrid erschlagen, 
als er unter einer Linde ruhte. Seine Gattin eilte auf die Kunde hin- 
aus zum Todten und klagte um ihn (Hans Sachs =: Brot af Sigurdar- 
kvida 5 — 7, 9; Gudrünarkvida II, 4—12). In der ältesten deutschen 
Sage vor dem 10. Jahrhundert fielen für den zweiten Theil, den Unter- 
gang der Nibelunge, alle die in Süddeutschland entstandenen Neue- 
rungen weg, also Rüedeggr, Volker, die Einzelheiten der Fahrt zu 
Etzels Hofe. Damit sind wir denn auch mit ziemlicher Sicherheit zum 
Stande der altfränkischen Sage vorgedrungen. Als eine spätere Ände- 
rung, die vielleicht bereits auf fränkischem Boden stattfand, wäre die 
Umgestaltung des zweiten Theiles der Sage anzuerkennen, wenn 
Guntrun-Grimhild dort sich an ihren Brüdern rächte, wogegen die 
auf fränkischem Gebiet verbliebene Sage, welche im 9. Jahrhundert 
von den Nordleuten übernommen wurde, die ursprüngliche, mit den 
sagengeschichtlichen Verhältnissen sich deckende Form beibehielt. 
Doch ist nicht ausgeschlossen, daß Grimhild als Sigfrids Rächerin 
eine spätere deutsche Dichtung ist und der fränkischen Sage stets 
ferne blieb. Besondere Berücksichtigung erfordert noch die Bezwin- 
gung der Brünhilt für Günther, wie sie von der ältesten Sage etwa 
aufgefaßt wurde. Es läßt sich erwarten, daß die Sage von 1 100 keine 
Änderungen vornahm; Brünhildes Stärke mußte zuerst in den Wett- 
kärapfen, dann in der Brautnacht gebrochen werden. Erst dann wurde 
sie zur fügsamen Frau. Beide Thaten kamen nach der Spielmanns- 
dichtung Sigfrid zu. Und dieser Zug entspricht wohl auch dem Ur 
sprünglichen. Gerade darin liegt der ärgste Trug, der Brünhilde an- 
gethan wird, und so erklärt sich ihr tödtlicher Haß Sigfrid gegen- 
über. Auch die älteste nordische Sage wußte, daß Brynhild durch 
Kämpfe bezwungen wurde. Doch in der Brautnacht legt Sigfrid sein 
Schwert zwischen sich und Brynhild. Die Sitte des Schwertlegens 
begegnet in Märchen, und vornehmlich in Dichtungen, die auf fränki- 
schem Boden erwuchsen, so im Tristan und in Amis et Amiles. Die 
Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß erst im Norden dieser Zug 

') Vgl. Edzardi, Germ. 26, p. 172 — 176, welcher aus Stellen im Rosengarten, 
dem Nibelungenlied und in einzelnen Spuren der nordischen Sage einen solchen Her- 
gang vermuthet. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 291 

in die Sigfridsage gekommen ist; aber walirscheinliclier gehörte er 
der entlehnten fränkischen bereits an. Das Verhältniß der deutscheu 
Sage zur fränkischen ist damit bereits bestimmt. Das Alte ist ziemlich 
treu gewahrt geblieben. Zwar traten mit der Zeit natürlich Ände- 
rungen ein; im 11. Jahrhundert sieht schon Vieles ganz anders aus 
als im 9. oder 10. Jahrhundert; und noch weiter stehen die Gedichte 
des 13. Jahi'hunderts ab. Jedoch ist niemals eine von Grund aus 
umbildende Umgestaltung eingetreten. Dazu fehlt die Veranlassung. 
So sind die hochdeutschen Heldendichtungen treue Widerspiegelungen 
der fränkischen Lieder. Wenn dem so ist, so fragt sich nur, was älter 
ist: daß Sigfrid die Knmpfjungfrau bezwang und zum Beweis seiner 
Erwerbung mit ihr das Lager theilt, ohne sie zu berühren, oder ob 
auch diese letzte Bezwingung ihm zukam, wie es im Deutschen er- 
zählt wird. Im einen Fall wäre ein ursprünglich edler gedachter Zug 
verwildert und verroht, im anderen dagegen zu Gunsten einer höheren 
Denkart gemildert worden, und Beides ist möglich. An sich betrachtet 
ist es etwas befremdlicii, wenn Sigfrid Günthers Rolle spielt uml ihm 
gänzlich gleichen soll , und dabei das Schwert zwischen sich und die 
Braut legt, deren Verdacht hierdurch doch jedenfalls wachgerufen 
werden mußte, was gewiß im Sinne der Handlung eher zu vermeiden 
gewesen wäre. Doch ist darin kein vollkommen zwingender Beweis für 
die spätere Entstehung der Sage vom Schwertlegen bedingt. Ich ver- 
mag vorerst hier kein bestimmtes Urtheil zu fällen; doch ist vielleicht 
etwas anderes aus dieser Scene zu lernen, nämlich daß bereits im 
Fränkischen Doppelberichte vorhanden waren, wie dann auch in Be- 
zug auf den zweiten Theil der Sage, Grimhildes oder Guntruns Rache; 
bei einer mehr als hundertjährigen Entwicklung ist das kein Wunder; 
und weiterhin , daß dadurch auch einzelne Abweichungen der deut- 
schen und nordischen Sage erklärt werden, welche bis in die älteste 
Gestalt auf beiden Seiten zurückzuverfolgen sind. Denn die fränkische 
Quelle, aus der die süddeutsche Sage floß, war nicht genau eben 
dieselbe, aus der die nordische stammt, vielmehr sind sie wohl zeitlich 
und örtlich getrennt gewesen und dadurch eröffnet sich nicht bloß 
die Möglichkeit, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, daß Einzel- 
heiten, eventuell auch ganze Scenen, wie der Schluß verschieden 
waren, während jedoch das Gesammtbild und namentlich die Auf- 
fassung der Sigfridsage völlig gleichartig war und nur die nachmaliji^e 
Entwicklung auf oberdeutschem und isländisch-norwegischem Boden die 
bis in die tiefsten Grundlagen der Sage eindringenden Umwandlungen 
hervorrief, die uns aus einer Vergleichung der beiderseits im 13. Jahr- 
hundert und noch später niedergeschriebenen Quellen hervortreten« 



292 W. GOLTHER 

In Island und Norwegen waren die Schicksale der fränkischen Sage 
völlig verschieden. Das neue Aufblühen des altheidnischen Glaubens 
im 9. Jahrhundert, die Mythen und Dichtungen, welche die Wikinger- 
zeit hervorgerufen, zogen Alles in ihren Bannkreis, und so prägte 
sich ein neuer Geist allem dorthin Gewanderten mit unwiderstehlichem 
Zwange auf. Zumal die isländischen Helden- und Götterlieder sind 
Beispiele dafür; sie sind in ihrer Gesammtheit eigentlich vollkommene 
Neuschöpfungen, und die verschiedenartigsten Elemente sind darin 
aufgenommen. Man würde fehl gehen, wollte man eines der darin ent- 
haltenen Bestandtheile allein betonen und für die Erklärung und Deu- 
tung maßgebend werden lassen. Die nach Island gewanderten Nor- 
weger sind die Schöpfer jener Werke; so sind sie rein norrön in der 
Auffassung und Ausführung, aber von wesentlichstem Einfluß sind 
die Eindrücke und die Entlehnungen , welche die westfahrenden 
Wikinger in Hülle und Fülle in sich aufnahmen. So finden wir in 
den isländischen Sagen, vornehmlich den Eddaliedern, alte nor- 
wegische Sagen, die aus der Heimat hinübergeführt wurden, aber 
daneben auch deutsche, englische, keltische (gaelische), und Bestand- 
theile antiker und christlicher Anschauungen und Werke. Eine Dich- 
tung, aus so viel verschlungenen Wurzeln erwachsen, verdient unsere 
Aufmerksamkeit in hohem Maße; aber man muß sich ihre Entstehung 
und Entwicklung immer vor Augen halten, um davor bewahrt zu 
bleiben, falsche und unhaltbare Schlüsse auf ein derartiges isländisches 
Werk zu bauen, was bisher immer geschehen ist. Die altfränkische 
Nibelungensage ist auf Island einer durchgreifenden Umgestaltung 
unterzogen worden, theils durch Vermischung mit norwegischen, älteren 
Sagen, theils durch das Eindringen des Odin- und Valhollglaubens; 
und diese Umarbeitung hat stetig bis ins 13. Jahrhundert zugenommen, 
so daß schließlich die alte Gestalt in einer Weise verändert wurde, 
daß es überhaupt schwer hält, sie wieder aufzufinden, indem vor- 
sichtig die neu hinzugekommenen Stücke entfernt werden. Sigfrids 
Geschichte hat vornehmlich solche Zuthaten in Menge erhalten. Die 
Geschichte seiner Geburt ist aufgegeben , auch in der ältesten für 
uns erreichbaren Form. Wie bereits bemerkt, blieb jedoch Gripir 
stehen, der, ursprünglich bestimmt Sigfrid über seine Herkunft auf- 
zuklären, am Ende ein langweiliges Inhaltsverzeichniß seiner Lebens- 
geschichte vorzutragen hatte. Sigmunds Tod und einzelne Züge in 
Sigurds Jugend sind das Ergebniß einer Vermengung der Sigfridsage 
mit der von Helgi. Die beiden Helgi der nordischen Sage, Helgi 
HJ9rvardsson und Helgi Hundingsbani sind mit der Sigurdsage ver- 
mischt worden. Des ersten Helgi Mutter heißt Sigrlinn (Siglint), wo- 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 293 

gegen die Sigurds Hjordis; der andere Helgi ist ein V9l8ung, Sig- 
munds Sohn und damit Sigurds Bruder. Helgi Hjorvardsson ist der 
Rächer seines Muttervaters; daß Sigurds Zug gegen die Hundings- 
söhne eine Entlehnung aus der Helgisage ist, wird kaum Jemand 
leugnen wollen. Falls aber dieses anerkannt wird, muß nothwendig 
auch noch Weiteres in Betracht gezogen werden. Sigurd rächt an 
den Hundingssöhnen den Tod seines Vaters Sigmund. In der ältesten 
süddeutschen Sagenform wurde nicht erzählt, daß Sigmund im Kampfe 
gefallen sei; Sigmund trat gar nicht mehr auf, in die Geschichte Sig- 
frids griff er nirgends thätig ein. Es ist kein Grund vorhanden, anzu- 
nehmen, in der fränkischen Sage sei Sigmunds Fall und Sigfrids 
Rache jemals dargestellt worden, die deutsche habe diesen Zug fallen 
lassen, die nordische bewahrt. Im letzteren Falle müßte für das Nor- 
dische jedenfalls Umgestaltung der Geschichte Sigmunds unter dem 
Einfluß der Helgisage zugegeben werden. Wahrscheinlich ist Sig- 
munds Fall und Sigurds Rache nordische Neüdichtung: wie Helgi 
den Tod eines Ahnen (später Siglindes Vater) rächte, so wurde Sigurd 
zum Rächer seines Vaters (Sigmund ist Siglindes Gatte, Sigher viel- 
leicht ihr Vater gewesen, danach rächt Sigurd seinen Vater, nicht 
wie Helgi seinen Muttervater), den Hundings Söhne erschlagen hatten. 
Gerade an denjenigen Stellen, welche wir als nordische Zudichtungeu 
in Sigmunds und Sigfrids Geschichte erkennen, greift Odin selber ein. 
Der deutschen und fränkischen Sage war die Theilnahme der Götter 
gänzlich unbekannt. Also muß zum Mindesten ihr Auftreten, meistens 
aber auch die damit zusammenhängende Scene nordische Neudichtung 
sein. Der Bericht der Volsungasaga von Sigmunds Tod geht auf 
Lieder zurück, die reich an ausschließlich nordischen Zügen sind. 
Sigmunds Werbung um eine reiche und schöne Königstochter stammt 
allein aus der fränkischen Sage und vergleicht sich Pidrekssaga 
Cap. 152 — 154. Sein Nebenbuhler ist Lyngvi, Hundings Sohn; mit 
Wikingschiffen macht er einen Einfall in Sigmunds Land. Sigmund 
fällt, weil Odin ihm seinen Speer entgegenhält, woran das alte Götter- 
schwert zerspringt (Vols. Cap. 11). Da fahren dänische Wikinger an 
und nehmen Hjordis mit sich; in Dänemark bei Alf wird Sigurd ge- 
boren. Man merkt der Dichtung deutlich an, daß sie zur Zeit des 
Odinglaubens und der Wikingerfahrten entstanden ist, also jedenfalls 
so, wie sie in der Überlieferung steht, unmöglich fränkisch sein kann. 
Ebenso verhält es sich mit Sigurds Wikingfahrt gegen die Hundings - 
söhne, bei welcher ihm Odin erscheint. Die fränkisch-hochdeutsche 
Heldensage wußte von Schwertern und Waffen zu rühmen, daß Schmiede 



294 W. GOLTHER 

von ausgezeichneter Bedeutung, wie Weland und Mime, sie geschaffen 
hätten. Dagegen wurde in der nordischen erzählt, daß sie von den 
Göttern stammten'). So stand in der fränkischen Sage, Mime habe 
dem Sigfrid ein Schwert geschmiedet, damit er den Drachen tödte. 
Die nordische Sage blieb dabei nicht stehen. Gramr wurde ein Erb- 
stück des Volsungengeschlechtes, gleichwie das Tyrfingschwert der 
Hervararsage, das Odin ihm verliehen hatte. Von der Vorgeschichte, 
Sigurds Ahnen, sind nur die Abenteuer Sigmunds und Sinfjotlis frän- 
kischer Sage angehörig, wie aus dem Beowulf hervorgeht. Das Übrige 
ist fast durchweg nordisch. Es wird ja auch besonders viel von Odin 
erzählt. So ist die fränkische Gestalt der Sigfridssage im nordischen 
Gewände kaum wiederzuerkennen. Aber wir sehen deutlich, wo die 
Umdichtung eingesetzt hat, während auf der anderen Seite es fast 
unmöglich wäre, die fränkisch-deutsche Form aus der nordischen 
abzuleiten. — Die Geschichte des Hortes ist im Norden ebenfalls 

r 

gänzlich erneuert worden; von den Wanderungen Odins, Hoenirs und 
Lokis konnte die alte Sage nichts wissen. Dieser Theil ging gerade- 
wegs in die nordische Mythologie des 9. und 10. Jahrhunderts über. 
Die alte fränkische Sage wußte nur, daß Sigfrid dem Wurme einen 
Hort abgewann. Das Nibelungenlied sagt vom Horte noch 1124: 

der wünsch der lac darunter, von golde ein rüetelin. 

der daz het erkunnet, der möhte meister sin 

wol in aller werlde über ietslichen man. 

Die goldene Wünschelruthe, die den Schatz mehrte und vor dem 
Schwinden bewahrte, ist wohl mit Recht mit dem Andvaranautr zu- 
sammengestellt worden^). Auch von diesem sagt Snorra Edda: Uz 
mega oexla ser fe af hauginum. Grimm meint, die Wünschelruthe sei 
an Stelle des Ringes getreten. Ebenso leicht kann das Umgekehrte 
der Fall gewesen sein. Dem Nordischen liegt ein schätzemehrender 
Ring besonders nahe, da Odin den Ring Draupnir besitzt, von wel- 
chem jede neunte Nacht acht ebenso schwere Ringe abtropfen. Ethisch 
vertieft wurde die Sache dadurch, daß der Ring, welchen Sigurd der 
Brynhild gibt, der Andvaranautr ist. Was den Fluch anlangt, so ist 
die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß der Hort von Alters her ver- 



•j Vgl. z. B. Hyndluljdd 2: 

bidjum Herjafodr i hugum sitja; 
bann geldr ok gefr guU verSungu: 
gaf hann Hermödi hjälm ok bryuju, 
en Sigmund! sverd at })iggja. 

') W. Grimm, Heldensage p. 386. 



NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 295 

wünscht war; sicherlicli ist aber dieses Motiv erst von der nordischen 
Sage recht ausgebildet worden, wie auch sonst in uoidischen Ge- 
schichten der einmal auf einen Gegenstand gelegte Fluch, z. B. 
beim Tyrfingschwert sich durch Geschlechter hindurch erstreckt. Auf 
zweierlei Art kam Odin in die Sage, mit dem Schwerte und mit dem 
Hort, endlich auch mit der Valkyrje. Jede Gelegenheit, welche die 
Sage für den Mythus zur Anknüpfung darbot, wurde ausgenützt, so 
daß die nordische Form der Nibelungensage durchaus mythisch ist. 
Aber alle die Mythen sind wiederum so ausschließlich nordisch, so 
daß sie, abgesehen von allem Übrigen, unmöglich in die alte frän- 
kische Form zurückgetragen werden können und damit das mytho- 
logische Halbdunkel und alle darauf aufgebauten Folgerungen von 
der letzteren ganz ferne gehalten werden müssen. Daß die nordische 
Dichtung mit dem überkommenen Stoffe in freiester Weise geschaltet 
hat, zeigt sich auch sonst, z. B. in der Verbindung der Ermanarich- 
Sage mit der Nibelungensage, einer ausschließlich isländisch-norwegi- 
schen Neuerung, zu welcher in den zu Grunde liegenden Vorlagen 
nicht der geringste Anlaß gegeben war. — Die Vergleichung der 
nordischen Nibelungensage mit der fränkischen lehrt wieder recht ein- 
dringlich den Satz, der nicht genug betont werden kann, der die Vor- 
aussetzung einer richtigen Einsicht in die gesammte deutsche und 
nordische Mythen- und Sagengeschichte recht eigentlich begründet, daß 
die Nordleute aus einfachen Keimen glänzende, neue und phantasie- 
reiche Gebilde schufen. Es soll durchaus nicht in Abrede gezogen 
werden, daß bei dieser Umwandlung, die alten Vorlagen zum Theile 
sehr gewonnen haben und viel schöner und erhabener wirken als 
zuvor; nur muß mit voller Offenheit und Klarheit anerkannt werden, 
daß dieses Neue eine eigene Schöpfung des nordischen Geistes ist 
und nicht des germanischen, und daß nimmermehr das ältere Ein- 
fache aus dem Späteren, Großartigeren abgeleitet werden darf. Man 
verwirrt mit einem solchen Versuche die Möglichkeit der klaren Er- 
kenntniß der wirklichen Verhältnisse im stärksten Maße. Mit Recht 
hat JMüllenhoff ') bemerkt, die wissenschaftliche deutsche Mythologie sei 
die unumgängliche, noth wendige Vorbedingung der nordischen; das- 
selbe gilt von der Heldensage. Aber der Grundsatz muß mit voller, 
rücksichtsloser Entschiedenheit überall durchgeführt werden, die Aus- 
scheidung des nordischen Elementes in größerem Umfang vorgenommen 
werden, als Müllenhoff selber sich hiezu verstehen konnte. Wenn der 



') Deutsche Literaturzeitung 11, 1224 f. 



296 W. GOLTHER, NORDDEUTSCHE UND SÜDDEUTSCHE HELDENSAGE etc. 

also vorgezeichnete Weg eingehalten wird, so leiten uns auch all- 
gemeinere Erwägungen zu der Ansicht, daß er der richtige, zur Lösung 
führende sein muß. Man hat fast immer in der Ursage möglichst viel 
unterzubringen versucht, so daß sich das Erhaltene eigentlich nur als 
trümmerhafter Überrest herausstellte. Eine Sage, eine Dichtung ist 
aber keineswegs allezeit in beständig fortschreitendem Verfalle be- 
griffen, vielmehr hat sie Leben, Blühen und Wachsthum, zumal so 
lange sie in mündlicher Überlieferung sich erhält und noch nicht zu 
dem von Abschrift zu Abschrift übergehenden Literaturwerk erstarrt 
ist. So liegt unsere Aufgabe darin, den Kern herauszufinden, und 
weiterhin zu untersuchen, wie er sich im Verlaufe veränderte durch 
vielfache, in Zeit und Umständen belegene Anwüchse. Dadurch 
gelangen wir zu einem Einblick in die wirkliche geschichtliche Ent- 
wicklung. Es wäre sicherlich auch verkehrt, wollte man alles Schöne 
und Ergreifende einer Sage allein in ihrer ältesten Fassung suchen 
und damit die Möglichkeit ausschließen , daß bei späteren Weiter- 
bildungen Verbesserung und Vertiefung des Gedankens ebensowohl 
einmal glücklich gelang, als dieser anderseits auch verschlechtert 
und verflacht werden konnte. Nordische Dichtungen aus deutschen 
Stoffen verhalten sich wie künstliche, oft auch glänzend und schön 
ausgeführte Paraphrasen eines einfachen Themas. Weiterhin ist eine 
genaue Berücksichtigung jeder einzelnen Quelle von höchster Wichtig- 
keit. Es genügt nicht, vom Inhalt allein auszugehen, diesen zusammen- 
zustellen und so Wiederherstellungsversuche zu machen. Jede Quelle 
muß zunächst sorgfältig für sich allein geprüft werden in Rücksicht 
auf die Umgebung, der sie entstammt. Von welch großer Bedeutung 
dies ist, lehren die nordischen Quellen auf Schritt und Tritt. Erst 
dann darf mit dem also kritisch gesichteten Inhalte gearbeitet werden. 
Die Kenntniß der einzelnen Quellen ist aber heutzutage in ungleich 
besserer und verlässigerer Weise ermöglicht; und daraus ist natürlich 
Vieles für das Ganze richtigzustellen, und oft sind neue Erklärungsver- 
suche an Stelle älterer, verfrühter zu setzen. — Für die hier vertretene 
Auffassung über die Entwicklung der Nibelungensage darf wohl auch 
der Umstand sprechen, daß die Geschichte der Verwandlungen, welche 
die alte Sage erfuhr, in logisch richtiger Gliederung uns vor Augen 
tritt. In den meisten Fällen sehen wir, warum und auf welche Art die 
Veränderungen erfolgt sind, und wie sie das ältere umgebildet haben. 
Auf diese Vorgänge fiel bei der Ansicht, welche die deutsche Form 
aus der nordischen erklärte, kein Licht. Räthselvoll blieb, warum 
dieser oder jener Zug auf einmal verschwand, diese oder jene Zuthat 



FRANZ JOSTES, ZUR FRECKENHORSTER HEBEROLLE. 297 

hinzukam. Sicherlich beruht bei der lebendigen Dichtung Vieles auch 
auf reinem Zufall und bloßer Willkür eines einzelnen Sängers, und 
wir wUrden zu weit gehen, wenn wir für Alles und Jedes den Grund 
ausfindig machen wollten. Aber so ganz blindlings ist darum das 
Walten der in der Dichtung schöpferischen Kraft denn doch nicht, 
und wo sich ungezwungen aus Zeit- und Orts Verhältnissen eine aus- 
reichende Erklärung darbietet, wie in unserem Falle die Wikingerzeit 
im besonderen Maße dies vermag, da ist sie gewiß auch die richtige; 
die beste Gewähr für die Richtigkeit der Gesammtheit ist, wenn sie 
durch das Einzelne Bestätigung findet, wobei unter Umständen auch 
verschiedene noch nicht völlig klare Punkte aufgehellt werden. 
MÜNCHEN, December 1888. WOLFGANG GOLTHER. 



ZUR FRECKENHORSTER HEBEROLLE. 



Es ist schon früher versucht worden, mit Hilfe einer Urkunde 
des Bischofs Erpho von Münster vom Jahre 1090 ') das Alter der 
Freckenhorster Heberolle zu bestimmen. Der Versuch ist als miß- 
lungen von J. Grimm sofort abgewiesen worden^). Wenn ich nun 
auch der Ansicht bin, daß Grimm im Rechte war, wenn er die bei- 
gebrachten Gründe für nicht stichhaltig erklärte, so glaube ich doch 
anderseits auch, daß die Urkunde an und für sich wohl mehr Licht 
auf die Heberolle werfen könnte, ja daß sie durchaus die Ansicht 
von Grimm's Gegnern über das Alter der Handschrift bestätigen würde, 
wenn man sie, was noch nicht geschehen ist, mit dem Abschnitte 
504 — 534 der Heberolle in Vergleich stellte^). Ich habe diesen Ver- 
such durchgeführt, allein je näher ich dem Ende kam, desto mehr 
überzeugte ich mich davon, daß ebenso wie die Stiftungsurkunde 
auch diese eine Freckenhorster Fälschung sei und ich somit in die 
Luft gebaut hatte. Herr Archivar Dr. Ilgen hatte die Güte, daraufhin 
das Original zu untersuchen und kam dabei zu dem Ergebnisse, daß 
die äußeren Verdachtsgründe ebenso stark seien wie die inneren. 
Anordnung, Schrift, Pergament und Siegel stimmen nicht zu den 
übrigen Erpho'schen Urkunden und weisen eher nach Freckenhorst 



*) Erhard, Cod. diplom. bistoriae Westfaliae I, S. 129 flf. 
') Kleine Schriften V, S. 1 ff. 

') Ich citiere die Heberolle nach der Ausgabe von Heyne: Kleinere altnieder- 
deutsche Denkmäler. 2. Aufl. Paderborn 1877. 

GERMANIA. Neae Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 20 



298 ■ FRANZ JOSTES 

hin. Damit verliert sie zunächst jede Bedeutung *) für die Datierung 
der Heberolle. Aber da sie immerhin noch in die erste Hälfte des 
12. Jahrhunderts fällt, so ist sie doch nicht ganz unbrauchbar, viel- 
mehr gibt sie uns einen Fingerzeig für die richtige Erklärung des 
Abschnittes 505 — 534, des dunkelsten in der ganzen Heberolle^). Ich 
hebe hier gerade die Stelle heraus, welche sämmtliche drei dunkeln 
Worte in sich schließt: 

In anniversario sancte T/nedhüdis tö then neppenon, anJe to then 
almdson ande to themo inganga thero iungerono tive malt. 

Der Abschnitt 505 — 545 fällt, um das zunächst zu bemerken, 
aus dem Charakter einer Heberolle insofern heraus, als hier nicht 
Einkünfte, sondern Ausgaben, und zwar außerordentliche Ausgaben 
{äne the rehton pravendi) der Abtei zum Besten der Stiftsmitglieder 
verzeichnet werden. 

Jacob Grimm hat sich mehrfach über die angeführte Stelle aus- 
gesprochen^), ohne zu einer bestimmten Entscheidung zu gelangen: 
„Wüßte man deutlich , was hier ^Jungeron'''' und was ihr .^ingang^^ 
bedeutet! .. Sind das Novizen, ihr ingang die Reception?" .... 
Friedländer nimmt dies an^ Heyne dagegen erklärt im Glossare: 
„jungero Jünger, Schüler, Klosterschüler" und „ingang, Eingang, 
Antritt". 

Grimm hat schon bemerkt, daß bei einem Damenstifte höchstens 
an Schülerinnen gedacht werden könne. Ob wir dann weiter aber 
„Schülerinnen" oder „Novizen" übersetzen, ist bei der Identität der 
Begriffe gleichgiltig. Allein auch diese Übersetzung trifft das Richtige 
nicht; ich glaube nur das Wort „Junfer" nennen zu brauchen, um 
wenigstens die Möglichkeit einer dritten Übersetzung darzuthun. Sie 
ist indeß nicht nur möglich, sondern die einzig mögliche. Schüler 
können nicht gemeint sein, Schülerinnen oder Novizen ebensowenig; 
denn der ingang thero iungerono fand ungefähr dreißig Male im Jahre 
statt. Nun gab es aber im 15. Jahrhundert erst neun Pfründen für 



') Den schulgerechten Nachweis für die Unechtheit beizubringen muß ich den 
Diplomatikern von Fach überlassen. 

*) Eine kleine Berichtigung, welche die Untersuchung ergab, möge hier doch 
eine Stelle finden. Friedländer, Codex Traditonum Westfalicarum I, 8. 21, und ihm 
folgt Heyne, nimmt eine dreifache Entstehungszeit der Handschrift an. Das ist irrig; 
bis De imperatore Heinrici hat dieselbe Hand geschrieben, von da ab eine andere, 
nicht viel jüngere. Wilmaus (Kaiserurkunden S. 404) hat die ganze Handschrift dem 
12. Jahrhundert zugewiesen, dabei muß es auch nach der Ansicht Ilgens sein Bewenden 
haben. 

^) a. a. O. V, S. 1 fiF.; VI, S. 352 ff. 



ZUR FRECKENHORSTER HEBEROLLE. 299 

haushaltende Stiftsdamen '), und mehr hat auch die frühere Zeit nicht 
gekannt^). Demnach liönnen unmöglich dreißigmal im Jahre neue 
Mitglieder aufgenommen worden sein. Ziehen wir aber zunächst das 
Wort ingang in die Untersuchung hinein ! 

Der „Eingang" fand an folgenden Tagen statt: in Adventu^ 
Nat. Dom., Joh. Evang., in Octava, in Epiphania Doniini, in anni- 
versario abbatisse Thiedhiidis, in Puriüc. 8. i\Iarie, in Coena Domini, 
in Pascha, in Invent. S. Crucis, in Ascens. Dom., in Pentecoste, 
Bonifatii, Joh. Bapt., Petri et Pauli, assumptionis et nativitatis Sancte 
Marie, Michaelis, Aeonii et Antonii, Cosmt^^ et Damiani, Maximi, 
Omnium Sanctorum, [MartiniJ, Andree^). 

Diese Anordnung nach dem Kalenderjahre rührt nicht von mir 
her; ich habe sie aus der angeblichen Urkunde Erphos entlehnt, die 
in der Angabe der Feste bis auf Martini mit der Heberolle (wo es 
fehlt) übereinstimmt. Es ist interessant zu sehen, wie diese Feier 
hinzugekommen ist. In einem Verzeichnisse des Goldenen Buches 
(14. Jahrh.) *) heißt es: „/u vigilia heati Martini per agetur memoria 
episcopi Erponis, qui dedit, ut dicitur, conventui officium de 
Warfenhorst.'^ ^) In Wirklichkeit war dieser Tag der Todestag des 
Bischofs*'), aber ihn im Jahre 1090 zu bestimmen, liätte doch wohl 
schwer fallen dürfen! 

Er ist der einzige Bischof, dessen Gedächtniß feierlich mit einem 
Schmause begangen wurde, und er hatte das wahrhaftig um die Nönnchen 
verdient ! 

Bei der Übereinstimmung der Festtage darf man schon ver- 
muthen, daß auch die übrigen näheren Angaben zu einander stimmen, 
d. h. daß dieser Theil der Urkunde den betreffenden Passus der Hebe- 
rolle in anderer Form bietet. 

Nun handelt es sich in der Urkunde um eine Erleichterung der 
Lebensweise der adeligen Dämchen, die von der Äbtissin gar zu strenge 
behandelt wurden. Bei dem immer mehr anwachsenden Reichthum 

1) Friedländer n. a. 0. S. 182, Anm. 2. 

^) Nordhofif, Die Kunst- und Geschichtsdenkmäler der Provinz Westphalen II, 
S. 101. Nordhofif gibt als ursprüngliche Zahl der Stiftsdamen zwölf an. 

') Von den sonst wenig bekannten Heiligen Maximus, Aeonius und Antonius 
hatte das Stift im Jahre 861 durch Schenkung des Bischofs Liutbert von Münster 
Reliquien erhalten. 

■•) Herausgegeben von Friedländer a. a. O. S. 63 ff. 

*) ibid. S. 102. 

*) Er starb am 9. November 1097; vgl. Erhard, Regesta historiae Westfaliae. 
S. 210. Charakteristisch ist der in „ut dicitur" liegende Zweifel an der Schenkung. 

20* 



300 FRANZ JOSTES 

des Stiftes fühlten diese die Einfachheit der Beköstigung um so drücken- 
der. Mit Hilfe des guten Bischofs Erpho, der eine Mitleid erregende 
Schilderung ihrer erbärmlichen Lebensweise gibt, wurde dem ab- 
geholfen und Alles in Bezug auf Speise und Trank bis in die Einzel- 
heiten geregelt. In Bezug auf die oben genannten Tage heißt es nun 
in der Urkunde: 

Unde inito in commune consilio tempora constituimus , videlicet in 
Adventu etc. cum plenum datur servicium septem fercida, cum 
pleniter non datur qtdnque dari, ad C^nam^) vero genus cihi quod 
vulgo struna dicitur. 

Es werden hier zwei verschiedene servicia unterschieden, plena 
und non pJena. Auch die Heberolle unterscheidet, insofern sie bald 4 
bezw. 6 Müdde, bald l'/a oder 2 Malter Korns ansetzt. 

Was ist nun unter servicium zu verstehen? Es ist das, was der 
Convent an jenen Tagen „awe the rehton pravendi"' von der Äbtissin 
zu beanspruchen hatte. Präbenden sind nach klösterlichem Sprach- 
gebrauch die Bezüge aus Küche und Keller; diese waren an jenen 
Tagen besonders reichhaltig und, was hier noch wichtiger ist, sie 
wurden in der Abtei, am Tische der Äbtissin verabreicht. Ein Ver- 
zeichniß aus der Mitte des 16. Jahrhunderts^), in dem die einzelnen 
Speisen und Getränke genau vorgeschrieben sind, zeigt deutlich genug, 
daß an diesen Tagen die Äbtissin die Junfern zu sich in die Abtei 
lud und sie dort bewirthete^). Was auf diesen ingang thero iungerono 
verwendet werden mußte , das ist es, was die Heberolle feststellt. 
War es zu wenig oder wurde Abbruch daran gethan? Genug, die 
Tendenz der Urkunde ist es, hier ein- für allemal genaue Bestim- 
mungen zu geben. 

') So ist zu schreiben, nicht cenam. 

^) Abgedruckt bei Friedländer a. a. O. S. 149 fif. Der Herausgeber setzt das 
Stück ins 16. Jahrhundert; dagegen spricht schon die Schrift. Die Sprache aber — 
es ist ein Mischmasch von Hoch- und Niederdeutschem — läßt eher auf die zweite 
als auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts schließen. 

^) Daß im Laufe der Zeit mannigfache Veränderungen vorkamen, liegt auf der 
Hand. Der Grund dafür, der in dem Aufkommen neuer kirchlicher Feste, in neuen 
Stiftungen, in Verlegungen u. s. w. liegt, ist fast überall noch zu erkennen. Bis- 
weilen ist die Abweichung nur scheinbar und findet ihre Erklärung in der Kürze der 
alten Aufzeichnung, welche mit der Zeit immer mehr ins Einzelne geht. Der Heraus- 
geber hat freilich den Zusammenhang der einzelnen Stücke nicht erkannt, aber auf- 
merksam gemacht kann ihn doch keiner verkennen. Daß in der Urkunde ebensowenig 
wie in der Heberolle der Kirchweihetag genannt ist, läßt wohl darauf schließen, daß sie 
vor Einweihung der jetzigen Stiftskirehe (1129) entstanden sind. Der frühere Tag ist 
nicht bekannt, steckt aber doch wohl in einem nach dem Heiligen bezeichneten Tage. 



ZUR FRECKENHORSTER HEBEROLLE. 301 

Nachdem nun festgestellt ist, daß ingang die Bewirthung der 
Junfern bedeutet, und da das Almosen der Bewirthung der Armen 
diente, so liegt es nahe, bei to thai neppenon an eine ähnliche Be- 
stimmung zu denken. Gegen wen konnte die Äbtissin sonst noch Ver- 
pflichtungen haben? Gegen die „Herren", Canoniker, Pastoi-e, Vicare. 

Heyne erklärt im Glossare: „Die /mippena, welche zum Weih- 
nachtsabend, am Feste der heil. Thiadhildis, der Schutzpatronin des 
Stiftes, zu Ostern und zu Pfingsten stattfanden, können nur geistliche 
Spiele und Umzüge gewesen sein, für die die Zinspflichtigen Gerste 
zur Bierbereitung lieferten." Von diesen Worten steht kaum eines 
auf festem Fuße. Zunächst ist die Zahl der Tage falsch angegeben; 
es sind Coena Domini, Inventio S. Crucis ') und Omnium Sanctorum 
übersehen (vgl. Heyne S. 82, Z. 516 f.). Die Spiele müßten also nicht 
vier-, sondern siebenmal im Jahre stattgefunden haben. Dann steht 
nirgends, daß die Zinspflichtigen dieses Korn lieferten, und ebenso- 
wenig irgendwo, daß es zur Bierbereitung verwendet wurde'). End- 
lich sehe ich auch nicht ein, weßhalb hnippena nicht auch Näpfe sein 
können. Ich bin im Gegentheil sogar der Ansicht, daß es nur Näpfe 
sein können, freilich Näpfe in einer anderen Form als unsere jetzigen. 

Das unserem Abschnitte der Heberolle entsprechende Verzeichniß 
des 16. Jahrhunderts hat zu all jenen Tagen, wo dort to tken nep- 
penon sich findet, den Zusatz „Heildienst". Die weniger ausführliche 
Aufzeichnung des 14. Jahrhunderts, wie auch die Erpho'sche Urkunde, 
unterscheiden nicht im Besonderen; es war das ja auch allgemein 
bekannt. Aber nach der Urkunde gab es zu den Heildiensten zwei 
Gänge mehr als zu den Halbdiensten, und im 16. Jahrhundert wurde 
zu diesen Festen ein Ochse geschlachtet, während man sonst ein 
Rindchen (risehiter) nahm, oder gar sich mit Fleisch „aus der Peckel" 
begnügte. Was hier aber wichtiger ist: an jenen Tagen erhielten 
nach der Aufzeichnung des 14. Jahrhunderts die Junfern una crathera 
vini^)\ an den Halbdiensten mußten sie sich mit dimidia crathera 
begnügen. Doch auch hiermit dürfte die unverhältnißmäßig große 
Ausgabe noch nicht genügend erklärt sein. Aber in eben dieser Auf- 
zeichnung ist vorher (Friedländer S. 101) bemerkt: „Quandocunque 



') Im 14. Jahrhunderte finden sich statt dessen zwei Halbdienste, für die Vigil 
und den Tag selbst. An der Vigil wurde das Gedächtniß des Stifters Everword be- 
gangen. Die Theilung hat demnach wohl der Ausbildung der Stiftungslegeude ihren 
Ursprung zu verdanken. 

') Es sind bloße Werthbestimmungen. 

') Friedländer a. a. O. S. 103 f. 



3Ö2 FRANZ JOSTES, ZUR FRECKENHORSTER HEBEROLLE. 

conventui dahitur plenum servicium, tunc canonici dehent procurari lauta 
et honesta procuratione in mensa domine ahhatisse''^ ; und in der Auf- 
zeichnung des 16. Jahrhunderts heißt es zu allen Heildiensten „Heren 
zu gaste^^. Da nun die Zahl der Herren mindestens sechs betrug, also 
hinter der der Junfern nicht weit zurückblieb, so kann man sich 
wohl denken, daß an diesen Tagen das Weinfaß der Äbtissin ein 
Loch bekam, zu dessen Ausfüllung es wohl eines Malter Korns be- 
dürfen mochte. 

Ich glaube demnach, daß wir in den cratherae des 14. Jahrhs. 
die neppena des 12. Jahrhs. zu sehen haben. Freilich wird im Mnd. 
Wb. keine Stelle angeführt, in der nap Becher, Pocal bedeutet, allein 
damit ist nicht bewiesen, daß das Wort im Niederdeutschen die Be- 
deutung auch nicht gehabt habe. Es möge hier eine Stelle für das 
Gegentheil angeführt sein. Röchell erzählt in seiner Chronik (c. 1600) 
von dem Bischof Werner von Münster [1132 — 1151J, daß er jährlich 
ein Fuder Wein für die Domherren und Andere und einen „silberen 
7iap uberhen verguldet'"'' gestiftet habe. „Daruf steidt die historie von 
S. Pauioel mit verheben bilderen; und wordt noch heuthe zu dage ge- 
nompt S. Paulus nap; man Jean darin gedoen ungeferlich vif orth tveins. ') 
Dieser Pocal ist verschwunden, aber auch der Pocal des hiesigen 
Großen Kalands, den jedes Mitglied bei seiner Aufnahme stehend in 
einem Zuge leeren muß, führt noch jetzt den Namen „A'ap". Der 
Deutung der neppena als Poeale dürfte demnach kaum noch etwas 
entgegenstehen. Daß die Ausgabe speciell zur Weinspende für die 
„Herren" bestimmt war, möchte ich auch noch daraus schließen, daß 
in der Heberolle auch der Grtinedonnerstag angeführt ist; im 14. Jahr- 
hunderte bekamen an diesem Tage die Junfern noch keinen Wein, 
während es von den Herren heißt: „In cena Domini ad mandatum 
(Gastlocal) domina abbatissa ministrabit canonicis et clericis suis species 
propinando eisdem dabit e^c."^) Für die Schwestern wurde die Wein- 
frage auch erst nach der Entstehung der Heberolle durch die Urkunde 
geregelt; bis dahin hatten sie ,^minus quam indigerent^^ erhalten, dafür 
yjVilissima cerevisia, nulli fere quam indigentissimo potabilis''^ . Doch 
kommt es darauf auch so sehr nicht an. Meine Übersetzung der 
oben angeführten Stelle würde also folgendermaßen lauten: 

„Am Gedächtnißtage der heil. Thiadhild für die Weinpoeale (der 
Herren) und für Almosen und für den Besuch der Junfern zwei Malter." 

MÜNSTER in Westfalen, FRANZ JOSTES. 



') Geschichtsquellen des Bisthumes Münster III, S. 199 fl". 
') Friedländer S. 105. 



FRANZ KRATOCHWIL, ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND etc. 303 

ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER 
SUCHENWIRT - HANDSCHRIFTEN. 

Mit zwein großen, bisher imbekannten Ergänzungen zu Suchenwirt's Gedichten. 

IV. c. 

Vielleicht kann uns C, die Papierhandschrift der Wiener Ilof- 
bibliothek Nr. 10100' (Rec. 2201 nach der Eintragung auf der Innen- 
seite des Vorderdeckels) darüber Aufschluß geben. — Die Ecken der 
beiden Deckel und der Rücken sind mit Pergament überzogen ; letz- 
terer trägt ein ächwarzes Schild mit der Inschrift in Goldbuchstabcn : 
Varia Poetica Coli. A O ^) A. Fernberger. 

Christoph Adam Freiherr von Fern b er g gehörte dem 
aus ölittelfranken stammenden Geschlechte der Fernberger an; der 
Name rührt von dem in der Nähe von Ansbach gelegenen Stanim- 
hause Fernberg. Ulrich Fernberger trat um 1470 in die Dienste des 
Erzherzogs Sigismund von Tirol ; sein Sohn Johann ging nach Oster- 
reich und kaufte sich 1531 Herrschaft und Schloß Egenberg in 
Oberösterreich, wonach er und sein Geschlecht sich in der Folge 
nannte. 1535 wurde er mit seinem ganzen Mannesstamme von König 
Ferdinand I. mit dem Erbkämraereramte in Osterreich ob der Enns 
belehnt. Sein Enkel ist Karl Ludwig Fernberger zu Egenberg, Hoch- 
haus und Messenbach, Herr der Herrschaften Sitzenberg (im politi- 
schen Bezirke St. Polten, also nicht sehr weit von Neiden- 
stein) und Fahrafeld in Niederösterreich. Obwohl Lutheraner wurde 
er 1615 Regimentsrath in Niederösterreich. Aus seiner ersten 1594 
geschlossenen Ehe stammten zwei Söhne ; der ältere ist der Urheber 
dieser Handschrift, Christoph Adam Fernberger von und zu Egenberg, 
Herr zu Wiernitz (jetzt Wüinitz im Gerichtsbezirke Korneuburg) in 
Niederösterreich. Die Nachrichten über ihn lauten dürftig. Er lebte 
der Wissenschaft und Kunst; dafür spricht deutlich genug sein hand- 
schriftlicher Nachlaß. Audi dichterisch versuchte er sich, wie u. A. 
aus C f. 164" zu ersehen ist. 1650 — 1656 war er niederösterreiehischer 
Ritterstands-Verordneter; obwohl zweimal vermählt, hinterließ er keine 
Kinder. Sein Bruder Christoph Karl war schon vor ihm aus dem Leben 
geschieden; mit seinem Stiefbruder Christoph Ferdinand, der General 
und Oberst eines kaiserlichen Regimentes war, starb 1671 der letzte 
männliche Sprosse dieses Geschlechtes (vgl. Hoheneck a. a. O. 3. Bd., 
S. 159—164 und Wissgrill a. a, O. 3. Bd., S. 31-36). 

•) Es soll richtig heißen C, wie schon aus pag. 139 des 6. Bandes der Tabulae 
codicum zu ersehen ist. 



304 



FRANZ KRATOCHWIL 



Christoph Adam Freiherr von Fernberg ist der Urheber von C 
oder, nach dem Schilde und 6. Bande der Tabulae codicum, der 
Sammler. Diese Bezeichnung ist aber keineswegs dahin zu ver- 
stehen, als ob die sechsundvierzig Theile der Handschrift, nahezu 
ausschließlich Dichtungen^) des Mittelalters und der 
Neuzeit in deutscher, aber auch in lateinischer Sprache, 
durchaus Originale wären, welche Fernberg gesammelt und zu 
einem Bande vereinigt hätte. Gleich die ersten zwölf Nummern sind 
es nicht, sondern sie sind Abschriften einer umfangreichen 
Handschrift aus dem Jahre 1402, die ich im Folgenden N 
nenne. Aber gerade sie erregen unser Interesse, 'da unter ihnen 
zehn Suchenwirtische Gedichte vorkommen; es sind folgende: 






P r i m i s s e r's 
Zählung 



Von Blatt . . . 

der Handschrift 

bis Blatt . . . 



Überschriften der Gedichte 



IV 



XXXIV 



XX 



f. 1"— 6''' 



f. 6"— 7' 



f. 7''— 10" 



Von Herczog Albrechts Ritter] ^)schaflft 
in Prewssenland | Anno Dni M'CCCL 

XXVII {SclmörM). 
Von der Fürsten taylüng in | Oster- 
reich Herzog Albrecht | vnd Herzog 

Lewppolt. 
Von Fünf Fürsten von dem von Maylan | 
Von Marchgraf Sigmund von Karlur | 
Von Herczog wilhalm von Osterreich | 
vnd von Herczog Lewppold von Oster- 
reich {ScJmörkeT}. 



') Die Prosa ist nur durch wenige Stücke vertreten. — Zu den jüngsten Theilen 
des Codex dürfte wohl Nr. 32 (f. 178'') gehören: „Chürzweilige Soldatenlieder .... 
so deß Herrn Oberst (?)-Leidenambt Fernbergerß Musterscbreiber gesungen hat .... 
1645." Diese Mittheilung wird sich auf Adams Bruder Christoph Karl beziehen, 
welcher kaiserlicher Oberst und wn 1636 bis an seinen Tod im Jahre 1653 General- 
Landoberstlieutenant im Erzherzogthum Österreich unter der Enns war. 

') Die Handschrift zählt 242 Blätter in Folio. Eine Blattzählung ist oben 
rechts mit Blei angebracht und stammt aus neuester Zeit; a bezeichnet die vordere, 
b die rückwärtige Seite. Allerdings finden sich hie und da oben Zahlen von 
alter Hand, aber diese beziehen sich nicht auf die Paginierung, sondern sind 
Nummern, womit einzelne Theile der Handschrift schon vor ihrer Vereinigung zu 
diesem Bande bezeichnet waren, die somit nicht immer gerade fortlaufend sind. 

') Die senkrechten Striche bezeichnen die Brechung der Überschrift in zwei 
oder mehrere Theile. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 305 



Primi sser's 
Zählung 



Von Blatt .. . 

der Handschrift 

bis Blatt . . . 



Übers chriftcn der Gedichte 



10 



XXXV 
XXXVII 

XIX 

XLV 
XLIII 



XXXVI 



f. 10*— 11"^') 

f. 23''— 25"") 
f. 25" — 26'^ 

f. 26''— 27'' 

f. 27^^—29" 
f. 29"— 29'' 



f. 30"— 30'' 



Von Hl i brecht seeligeu • | Von 

Österreich. 

Von zwayn Päbsten. 

Von der Fürsten Chrieg | vnd von Reich- 

stetten. 
Daz ist die Red uon dem | Teychner 
darnach und er | gestorben ist 
Ein Red uon der hübschen Lug. 
Die red haii;t der fromd Siii | Vn ist 
mit vercherten worten | da< merkht 
ye an der leczten Silben , die antwort 
irm genoi;!?en hinder sich vnd für sich 

vnd I ist geticht chrewczweys. 
Die Red haii^t der vmbgecherte Wagen 



38 bis 56 abgesetzte Verse, die meisteu mit großen 
Buchstaben beginnend, bilden eine Columne auf jeder Seite. 
Sowohl der Text wie die Überschriften sind mit schwarzer Tinte 
geschrieben, die Überschriften durchaus mit größeren Zügen, und 
zwar hat eine Hand die Überschrift zu Nr. 1 und die sechs ersten 
Verse dieses Gedichtes lateinisch cursiv, von f. 23'" — 30*" die Über- 
schriften lateinisch cursiv, den Text nahezu ausschließlich deutsch 
cursiv geschrieben; eine zweite Hand schrieb von V. 7 auf 
f. 1' — ll** Text und Überschriften gothisch. So schön diese 
Schrift ist, gar Manches, namentlich die großen Buchstaben, lassen 
die jüngere Hand leicht erkennen. — Während aber bis f. 11 
undeutlich geschriebene Wörter äußerst selten begegnen, läßt die 
Schrift von f. 23'' an^ was Deutlichkeit betrifft, viel, stellenweise 
wie in Nr. 8, sehr viel zu wünschen übrig: nicht nur a und e, 
auch r und t, p und / sind zuweilen mit Sicherheit nicht zu unter- 
scheiden. 



*) Darauf folgt f. 11°— 17*": Die Chünigiu von Frankreich | hat ge- 
ticht ein varunder man | der hie? Schöndoch und f. 17'' — SS*": Die Redt 
hai^t Ots vnd hat | geticht maister Chunrad von Wircz | purckh. 

') Fol. 24''' wurde durch Versehen zwischen f. 30 und 31 gebunden. 



306 FRANZ KRATOCHWIL 

Die Schreibweise der Handschrift erinnert vielfach 
an B, wenn auch C im Ganzen, besonders von f. 23^ an, einen 
Jüngern Eindruck macht. Was S. 235 über den Gebrauch der Ma- 
juskel im Innern der Verse, die Anwendung des Dehnungs-Ä. {hegehrt, 
loerthen-C 3" und 6"^ = P IV 278 und 567 u. ö.) und die Vorliebe von 
z und cz für tz gesagt wurde, gilt auch von C. An Inconsequenz 
lassen es auch die Schreiber von C nicht ganz fehlen ; so begegnen 
unter Andern in Nr. 1 V. 131, 133, 180, 187, 240, 241, 249 und 487, 
in Nr. 4, V. 33 u. s. w. die Eigennamen mit kleinen Anfangsbuchstaben. 

Im Gebrauche der Haken jedoch zeigt unsere Hand- 
schrift einen auffallenden Unterschied im Vergleiche zu 
B. Wie in unserer Schreibart findet sich in C ober dem u ein Ring- 
lein (" ^ '^) und die Umlaute des kurzen und langen a ^), o und u 
werden durch zwei darüber gesetzte Punkte oder Striche (" ' " auch 
^) angedeutet und dies so allgemein, daß man dort, wo in einem 
der beiden Fälle die Bezeichnung unterblieb (z. B. chunig in Nr. 3, 
fursten C 25"^ = P XXXVU, 13 u. ö., fromd C 29^ im Titel' von Nr. 9) 
ein Versehen der Schreiber annehmen darf Sonst finden sich Haken 
nur sporadisch angewendet, z. B. geschlechte C 7" =: P XX 2, 
set = scet C S'' = F XX 75 (ähnlich im V. 167), chrum C 6" = P 
XXXIV 11, tüilchs (A lauechs) C 29"^ = P XLIII 59, stdrt C 30" = P 
XXXVI 67, wuchsen (= üe) C 26* = P XXXVII 71, wymel 2" = 
P IV 187 u. ö. (die Punkte auch schief übereinander). Man sieht 
daraus, daß die Schreiber es geflissentlich unterließen, ihrer alten 
Vorlage in der Wiedergabe der Haken getreu zu folgen. Wo letztere, 
wie in den obigen Beispielen, sich dennoch finden, sind sie ihnen bei 
dem mechanischen Abschreiben gegen ihren Willen raitunterlaufen. 
Daraus erklären sich umgekehrt aber auch Fälle, in denen wohl der 
Haken weggelassen, aber das Zeichen für den Vocal nach der den 
Schreibern geläufigen Art zu transscribieren vergessen ward, wie be- 
ruren {= üe) C P = P IV 33, ivtichsen {= uo, ue) C 28'^ = P XLV 27 
usw., yder C 4* = P IV 320 u. ö. Geradezu störend ist in Nr. 9, 65 
die Schreibweise Süchenwirt, da nach dem ausgesprochenen Plane 
dieses Gedichtes die Umkehrüng der letzten Silbe auf treib reimen soll. 

Darnach kann es nicht Wunder nehmen, daß sich in C Bezeich- 
nungen von Halbdiphthongen durch Haken auffallend wenig, von 
Svarabhakti gar nicht finden. Für erstere ließe sich anführen: 



') Vereinzelt findet sich wele : schrete (=: 05) C 8*" = P XX, 98 und ee = ce: 
seeligen C 10* im Titel zu Nr. 4. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-IISS. 307 

ü = u' C 7*^ und 8" = P XX 11 und 101 chümer und lyürg, vielleiclit 
noch e* = e* C 2'' = P IV 183 glesein (das nach A richtig cjlefen 
heißen soll). Bezugs der Svarabhakti macht es für das erste den 
Eindruck, als ob die Schreiber sich vollkommen ablehnend dagoi:;en 
verhalten hätten, denn in C vermißt man selbst Svarabhakti, die in 
A durch e oder i gegeben sind, so C 2» = P IV 104 Cherg, C 27" = 
P XIX, 71 Kirchen, sogar solche, die metrische Geltung haben, wie 
C 3" = P IV 264 gern, C 7" und 9" = P XX 14, 158 ernst und sfern, 
C 2"'' = P IV 133, 192 perchtold und arbeit. Aber dagegen linden sich 
in C einige, wenn auch wenige Svarabhakti, die A nicht hat, so 
Marschalich C 4" — P IV 317, und in Nr. 8 V. 27 Mar ichfeit mit metri- 
scher Geltung. Statt arm (richtig arem) in A hat C Nr. 6 = P 
XXXVII 34, 39, 54, 102 armen. 

Ebenso sparsam sind die Unterscheidungszeichen ange- 
wendet; acht von den zehn Überschriften folgt ein Punkt (vgl. 
S. 304 f.), desgl. dem letzten Wort in der Schlußzeile von Nr. 5 — 10. 
Der Schreiber der ersten vier Nummern hingegen setzt nach dem 
letzten Worte zwei Punkte und dazwischen einen Strich (•/.). 

Der Gebrauch der Abkürzungszeichen ist nicht nur gegen- 
über A, sondern selbst im Vergleiche mit B sehr beschränkt. ^ wird 
nur für auslautendes er gebraucht (zuweilen vergessen , wie in Nr. 1 
V. 34 gancz, 131 dain = der ain u. s. w.), ~ für e vor l, n und r (C 7'' 
= P XXXIV 123 manchn, C IP' = P V Ul himlreich , C 26" = P 
XXXVII 80 Eier), für fehlendes w und m (dieste C 27" :=r P XIX 45, 
Sitt. im Titel von Nr. 9; in manige C 2'' = P IV 155 wurde das Ab- 
kürzungszeichen für auslautendes m vergessen); vm noch nach alter 
Weise für und. oder unde. 

Nach alledem erscheint es nicht auffällig, wenn in C auch die 
Sprachformen vom Drange zu modernisieren nicht ganz unberührt 
geblieben sind. So sucht man Formen mit auslautendem t in der 
3. Person Pluralis im Indicativ des Präsens vergebens; neben loas 
zeigt sich auch C ll^'rrrP V 144 icar; die gut österreichische Form 
des Präteritums leioff^) von A wurde in C 29" == P XLIU 47 durch 
lief ersetzt, hingegen wurde C 28'' = P XLV 83 leuffet beibehalten. 
Die 2. Person der Einzahl im Ind. des Prät. starker Verba muß sieh, 
so schwer dies geht, Umänderungen gefallen lassen; so hat C in der 



') Vgl. Antou Schönbach, Erstes Stück der Mittheihingen aus altdeutschen 
Handschriften, Wien 1878, Separatabdruck S. 7 und Zeitschrift für deutsches Alter- 
thum und deutsche Literatur, 20. Band (1876): Über einige Breviarien von 
St. Lambrecht S. 187 ff. 



308 FRANZ KRATOCHWIL 

Rede vom Teichner V. 84 du gepört (A gepaer). Veraltet scheinende 
Präterita starker Verb a sollen schwache Form annehmen; so heißt es 
in der Rede auf den verstorbenen Herzog Albrecht III: 

Silber und gold er ringe wagt 

und gab 

manigem Eitler, der da p klagt 

der rai:^. V. 65 ff. 
seh für anlautendes s begegnet noch nicht häufig (schlecht, schlug C 3*" 
= P IV, 209, 295 u. s. w.) ; von soln werden stets Formen mit anlauten- 
dem s verwendet; mancher findet sich nur vereinzelt (C ö'" ;= P IV 452). 
In diesen drei Punkten zeigt sich Übereinstimmung mit B (vgl. S. 238), 
desgl. auch in der Abneigung, b für w zu setzen; Beispiele finden 
sich allenthalben, besonders auffällige in Nr. 9. Von zehn Reimstö- 
rungen in diesem Gedichte rühren sieben von dieser Abneigung. So 
lautet V. 4 geb : iveg, V. 8 sib : tvis, V. 30 wag : gab, V. 53 tvar : Rab, 
V. 57 iver : reb, V. 65 Süchenwirt : treib und V. 66 wol : lob. — P. 
IV 131 hat nach A Hainreich, C 2" Hainrich, für das in A durch den 
Reim auf pran gesicherte prewtigan bringt 3*" = ? IV 264 prewtigam, 
T = 'P XXXIV 105 leczten (A lesten) und 2V' = P XIX 92 nühn (A 
nu). Nebenbei erwähne ich den ausgedehnten Gebrauch von k (kk) 
im Anlaut, besonders aber im In- und Auslaut für das in A so häufige 
ch (kch, chk) , den Übergang von a in o (morner C 2*' = P IV 190, 
volsche C 6*' = P XXXIV, 11) und von i in ü = u {C 1' = F IV, 7 
Zieht ig). 

Daß N der Sprache nach identisch mit A war, er- 
sieht man deutlich aus C trotz der eben besprochenen 
Änderungen; diese berühren somit den eigentlichen 
Sprachcharakter von C nicht. Sie konnten und wollten 
ihn gar nicht alterieren, denn sie gingen von Leuten aus, deren 
Sprache, wie selbst mehrere der Änderungen bezeugen, dem öster- 
reichischen Sprachgebiete angehörte, die aber manche alte 
Formen des österreichischen Dialects, als nicht mehr zeitgemäß, durch 
andere ihnen passendere ersetzen zu müssen glaubten. Damit hängt 
es zusammen, daß durch diese Änderungen der Sinn der Hand- 
schrift nicht oder doch nur unbedeutend entstellt wurde. 

Ganz verschieden von diesen Änderungen bezwecken andere eine 
Besserung des Versbaues, namentlich einen regelmäßigen Wechsel 
von Hebung und Senkung, so durch Einsetzung einzelner Wörtlein: 
Nr. 7 V. 67 er nach hiet (dadurch Unsinn!) und V. 68 und nach nain, 
Nr, 10 V. 8 eins nach ich; durch Weglassung einsilbiger Wörter, z. B. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 309 

und in Nr. 1 V. 25 und 364, die nach ßtrsten in Nr. (5 V. 13 und dm 
in demselben Gedichte V. 28 u. s. w. ; durch Unterdrückung des Vocals 
in der Vorsilbe ge- : glauben C 23" = P XXXV, 13 u. a. w.; durch Ab- 
werfung des Präfixes ge- : schriß C 10'' = P V 29; durch AusstolMuig 
von Silben: Nr. 1 V. 171 inanig''Hay\ durch Apokope Nr. 1 V. 356 
guf'l und 388 lügend'"', in Nr. 5 V. 114 soll''" toir u. s. w. ; aber auch 
durch Einführung der vollen Formen, besonders statt der syn- 
kopierten, so 6*» =: P XXXIV, 25 armes, C 10^ = P V 8 und 11 
seinem (A seim) und fronen, C 26" = P XXX VIF, 63 edlen u. s. w. — 
Alle diese Änderungen erfüllen fast ausnahmslos ihren 
Zweck. 

Leider finden sich nicht selten ganz zwecklose Ände- 
rungen gleicher Art; so begegnen in Nr. 1 allein 14 Verse, in wel- 
chen ein kurzes Wort fehlt (V. 8 auch, 33 mer, 132 den, 172 ir, 
234 und 471 die nach pferd, 295 und 469 das zweite da^, 400 und 
406 das zweite der und dem, 499 sowie 536 und, endlich 510 so; in 
Nr. 4, 93 der, in Nr. 5, 5 nicht [dadurch die Stelle sinnlos], in Nr. 7, 
15 wann, in Nr. 8, 103 in, in Nr. 10, 10 in und V. 37 der), auch 
sonst Verse, in welchen Vorsilben ganz unterdrückt werden (Nr. 5, 22 
'Tirret, Nr. 7, 65 ''.pracht) , ferner Synkopen (Nr. 1, 12 und 490 ed.l 
u. s. w.) und besonders Apokopen {und^. in Nr. 1, 7, 267 und Nr. 2, 5, 
tisch'^^ Nr. 1, 392 u. s. w.), aber auch Einsetzung des unterdrückten 
Vocals im Präfix he- {helaib Nr. 9, 53), Zusatz von Silben zu Anfang 
oder am Ende der Wörter {gestain Nr, 1, 251, geschriß^) Nr. 7, 64, 
meinem Nr. 1, 265, hnheti ivir Nr. 5, 19, ähnlich Nr. 6, 69), sowie 
Einfügung von überflüssigen einsilbigen Wörtlein (Nr. 7, 31 Allen 
den, 51 e?:5en an, Nr. 9, 54 des todes, ähnlich Nr. 10, 28 und 53). 

Manches dürfte auf Rechnung von N zu setzen sein; 
denn mag dieselbe, was Verläßlichkeit des Textes betrifft, selbst A 
gleich stehen ^), so kann man doch mit Sicherheit annehmen, daß sie 
von ungleichmäßigen Schreibungen, mancherlei Versehen und Schreib- 



») Vgl. Schönbach a. a. O. S. 9, Anm. 3. 

') Die Übereinstimmung zwischen A und C ist oft wirklich über- 
raschend. So hat C in Nr. 1, V. 116: 

Chlar Rainfal schancht man ein, 
A hat Chlarn, es stand aber ursprünglich Chlar; V, 128 ain, auch A hatte anfäng- 
lich so, dann wurde noch ein n über n geschrieben, daß es ainn heißt. V. 471 : 

Die pferd wurden heilich, 
A hatte ebenfalls wtirden, der Schreiber änderte es aber in wom; V. 473 gründen, 
ebenso A, der Schreiber besserte aber in gravden (Graudenz); V. 487 hat P den 



310 FRANZ KRATOCHWIL 

fehlem, Willkürlichkeiten und verderbten Stellen nicht ganz frei war, 
zumal bei ihrem großen Umfange mehrere Schreiber daran gearbeitet 
haben werden. Auch konnten einzelne Theile schon ursprünglich 
undeutlich geschrieben worden sein, wahrscheinlich aber hatte die 
Vorlage im Laufe von mehr als 200 Jahren allerlei Schaden ge- 
litten. — Daraus erklären sich Schreibfehler ^) , Trübungen und Stö- 
rungen des Reimes'^), sowie sinnlose Stellen^) in C, von denen 
freilich ein guter Theil den Schreibern dies er Handschrift^ 
die auch in ihrem Drange, ihnen Unverständliches zu bessern, nicht 
immer eine glückliche Hand hatten, zur Last fällt. 

Das glaube ich auch von den Lücken in C, die allerdings zu- 
sammen nur sieben Verse betragen; es fehlen nämlich ohne äußere 
Unterbrechung in Nr. 1 die Verse 197 und 198, in Nr. 9 die Verse 
25 — 27 und in Nr. 10 die Verse 75 und 76. Vielleicht stammt auch 
von ihnen die Umstellung der Verse in Nr. 1, wo ohne jede 
Reimstönmg auf V. 308 die Verse 311, 312, 377, 378, 309, 310, 313 
und 314 folgen, dann geht es mit V. 315 in der Ordnung von A 
weiter. Nr. 9 schließt mit V. 68, die in A noch folgenden vier Zeilen 
stehen in C unmittelbar nach dem Titel, wohin sie auch mit Recht 
gehören (vgl. S. 209). 



Has, A und C der und V. 495 Der zehent, A und C Da%. P schreibt XXXIV, 55 
sighaft , C sigehaft, A desgleichen, aber das e ist durchgestrichen, doch steht ein 
Punkt darunter; es dürfte also doch das e gelten. C hat in Nr. 9, V. 4 weg und 
V. 53 war, A ursprünglich auch so, der Schreiber änderte aber dann in beg und 
har um. 

') Z. B. in Nr. 1, 65 den fursten, 120 reichart, 188 pogenscM:^^es, 200 an statt 
ain, 372 lehen für leben, 476 sprtlch, Nr. 2, 24 drünen (A Drümen), in Nr. 3, 8 Da;;, 
in Nr. 6, 47 schroten, 53 vergo^^en, in Nr. 8, 4 Die anstatt Do, 11 ober, 31 Singen 
für Giengen (vgl. KU, §. 5 und III, §. 8), in Nr. 9, 4 chiinstes,' und 45 in für im, 
ferner in Nr. 10, V. 42, 67 u. 88. 

^) In Nr. 1, 45 veracht (N verlach : gesach) , 412 lobesan {: navi) , in Nr. 3, 191 
gedan (: davon), 238 hitte (: gute), in Nr. 4, 33 paris (A Pareis : weis), in Nr. 6, 86 
erden (: werde), 112 hat der Schreiber anstatt des Reimes auf gemaine dieses Wort 
nochmals geschrieben, in Nr. 8, 29 eselgarten {'.narren), wofür wohl eselkarren zu 
setzen ist (vgl. Lex er I, S. 709, III, S. 167 und die zweite Ausgabe (1881) des 
Taschenwörterbuches unter O und K) und 101 er gaioen (: khann), wofür P mit Recht 
gewan setzt (vgl. seine Ausgabe 170), in Nr. 9, 3 der frewden jach (A chor : roch), 17 
niemen (: mein) und 20 og (: ge). 

8) In Nr. 1, 57, 76, 98, 127, 138, 141 (!), 146, 166, 167, 178, 187, 207 (!), 216^ 
239, 256, 282(!), 284 (!) , 304 (!!), 308, 317, 321 (dadurch auch Reimstörung), 435, 
474 (!!) und 567, also 24 Fälle (vgl. PS. 154), in Nr. 2, 123 (vgl. PS. 162), in Nr. 3, 
167 (vgl. PS. 155), in Nr. 5, 5 (vgl. PS. 162), in Nr. 7, 5 u. 6 (vgl. PS. 159), in Nr. 
10, 38 u. 84 (vgl. PS. 162 f.). 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT HSS. 311 

Immerhin erscheint C, trotz aller KücksichtualunQ 
aufN, nicht mit ganz gleicher Sorgfalt abgefaßt wie B 
(vgl. S. 237). Dieses sowie ihr unbedeutendes Alter ist keineswegs 
geeignet, ein günstiges Vorurtheil bezugs ihres Werthes zu erwecken: 
in Wirklichkeit aber ist derselbe durchaus nicht gering. 
Sie hat zwar, wie wir gesehen, selbst mancherlei Gebrechen, aber 
diese sind meist leicht oder doch durch lleranziehuug von A zu be- 
seitigen. Im Allgemeinen bringt C einen sehr guten Text. 
Den besten Beweis liefert ein Blick in die Ausgabe von Suchouwirt's 
Gedichten, wo P S. 154 ff. die verbesseruugsbediirftigeii Stellen aus 
A anführt. Soweit diese Gedichten angehören, die auch in C vor- 
kommen, sind sie fast ausnahmslos durch C zu bessern'). Und diese 
Stellen ließen sich noch leicht vermehren, wie denn überhaupt 
C in einer neuen Ausgabe eine größere Beachtung finden 
muß. — Im Gedichte auf den verstorbenen Herzog Albrecht III. fehlt 
in A V. 42; C hat diesen Vers, und dadurch ist die Reimstörung 
in A behoben. Nichts, weder ein äußeres Zeichen noch der Sinn, 
läßt in A erkennen, daß im Gedichte von Herzog Albrechts Ritter- 
schaft nach V. 366 etwas fehlt: C bringt aber an dieser Stelle 
sechs inhaltlich durchaus nicht bedeutungslose Verse, 
die aller Wahrscheinlichkeit nach echt sind und daher von P mit 
Recht in seiner Ausgabe als Verse 367 — 372 in den Text aufgenommen 
sind. — In Bezug auf die Zahl der Gedichte wird diese Handschrift 
nur von A und B übertroffen, aber unter den zehn Gedichten von C 
findet sich das Gedicht von fünf Fürsten, das in A gar nicht 
vorkommt"). Von dem Gedichte von hübscher Lug besitzt A bloß 
den Anfang (V. 1 — 23), in C nur allein findet sich das Gedicht ganz^). 



') Abgesehen von den Nummern .S und 8 liefern besonders 1, 2, b, fi und 10 
für die Textkritik recht Brauchbares. 

') Dieser Umstand mag mit dazu beigetragen haben, daß P noch vor dem 
Erscheinen seiner Ausgabe in Hormayr's Archiv (Jahrgang 1822, S. 188 — 191) dieses 
Gedicht, sowie das auf den verstorbenen Herzog Albrecht III. abdrucken ließ. 
P setzte nicht einmal seinen Namen darunter, wohl aber unter den Titel die Bemer- 
kung: „Nach einer Handschrift der k. k. Hofbibliothek.'' Natürlich ist diese Hand- 
schrift C. Später (aber noch in demselben Jahrgange des Archivs S. 218 — 221) hat 
er aus geschichtlichem Interesse, das bei ihm immer vorwog (vgl. 
S. 221 f.), aus derselben Handschrift noch drei andere historische Gedichte, nämlich 
von zwein Päpsten, der Fürsten Theilung und der Fürsten Krieg veröflentlicht. 

') Ein ähnliches Quodlibet bietet das Liederbuch der Hätzlerin in Haltaus' 
Ausgabe S. 201 — 203 mit dem Titel: Ain aubentewrliche rede vnd veilt von 
ainem czu dem andern, ferner Lassberg im Liedersaal S- 383 f. des zweiten 



312 FRANZ KRATOCHWIL 

C ist aber in Bezug auf dieses Gedicht ein Unicum, da 
die Vorlage von C gänzlich verschollen ist. 

Von dieser gibt C ') auf f. 31" folgende Nachricht: In disem 
alten buechj^) daraus dise Reimen geschriben sein | dise getichte 
zu finden samt der Tichter Neraen ^) : 

1. Zwainzig Oester reichischer Helden Ritter Thaten, 

das in ein absonderlich buech vnder meinen histo- 
ricis sub ,lit^) .... loc. . . lib... da Eitel authores 
Manuscripti, eingeschriben worden 

2. Die schön Abentewr. Des Peter Suchenwirt 

3. Von der mynne und seim vrteil vnd slaff 

4. Der Rat von dem Vngelt. Eiusd. 

5. Von der geuticheit. Eiusd. 

6. Von zweien Bäbsten Eiusd 

7. von dem Würfelspil Eiusd 

8. von der Fürsten chrieg und den Reichstetten Eiusd. 

9. von der hübschen lug Eiusd 
10. 11. 12. von dem Prief, Jagd, Widertail. Eiusd. 
13. 14. von dem Phenning, Verlegenheit Eiusd 

15. von zehen geboten Eiusd 

16. Der getrewe Rat. Eiusd 

17. von dem Teychner Eiusd. 

18. von herzog Albrecht Ritterschaft in Preissen 1377. Eiusd. 

19. von herzog Albr. vnd Leupolt Tailung. Idem 

20. von unser lieben Frauen 7. frewden Id 

5. fürsten von Mailan, von Marchgraf Sigmund von Carlur, 
von herzog Wilhelm vnd Lewp[olt] von Oesterreich 

21. von den 7. todsünden 



p- 


66. 


Jl 


5. 


Tl 


9. 


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2. 


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2. 


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8. 


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6. 


11 


3. 


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2. 


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n 


8. 


11 


2 


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21. 


11 


4 


n 


3. 



Bandes miter der Überschrift «Luderei". Das Gedicht ist aber hie und da anstößig, 
es fängt an: Ich bin kamen an die stat 

Da% man rot snecken wat u. s. w. 
und endet: 

Der hielt mir den win her 

So trincJc ich nach mins hertzen ger (128 Verse). 
') Dieselbe Hand, welche f. 6* unten am Rande rechts bemerkte: Peter 
Suchenwiert hujus descriptionis author, wahrscheinlich identisch mit dem 
Schreiber von V. 1—6 f. 1^ und f. 23"— SO*". 
^) So ist die Überschrift gebrochen. 

*) Die gesetzten Unterscheidungszeichen sind in der Handschrift. 
■*) Fernberger hat vergessen, die Signaturen an den leer [gelassenen Stellen 
nachzutragen. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 313 

22. Der fromb sinn mit vercherten Worten Eiusd. 

23. Der vinbgecherte wagen eiusd. 

24. 25. von dem jüngsten gericht, Neuen Rath eiusd. 

26. von Aristotelis reden. Idem 

27. Von Herzog Albrechten von Oesterreich Id 

28. Vnsers Herrn Wapen anthore Versweigseinnicht 

29. von der Chunigin von Frankreich des Schundoch 

30. von Chaiser Ott Maister Chunra? von Wirzburg 

31. von vnser Fraiien die gülden Smitte. Eiusd. 

32. vnser frawen Wappen des Härder') von Frankh (Franken?) 

33. legend vom heiligen Chreuz Maister Heinrichs von Freiberg 

34. Von 2. S. Johansen Euangelisten vnd Baptisten geticht Chlein 

Hansen von Chostniz 

35. von 7. färben geticht Jacoben Peterswald 

36. Der Ritter mit dem Herzen Maister Grotfrid von Strasbnrch 

37. Vom chunig im Pade 

38. Von Stet vnd Vnstette auth. Verschweigseinnit 

Vnd dises alles geschriben Anno domini mcccc" 
secundo InVigilia SS. VitiModesti etCrescentiae 
mar ty rum. 

39. Von unser frauen Marien lob, geticht genant die guldin Arch, 

Heinrich hunder Pfundts n 41. 

40. Vom cheuferen (?) von Orient :^ 5. 

Für diese Mittheilungeii über Inhalt und Zeit der Abfassung von 
N sind wir Fernberg zu großem Danke verpflichtet: wir erhalten 
dadurch werthvoUe Anhaltspunkte für die Beurtheilung von C, 
aber auch von B. Denn wem fiele nicht gleich bei der Leetüre der 
ersten Nummer dieses Inhaltsverzeichnisses der Titel ein, welchen 
Enenkel (vgl. S. 233^f.) B vorangestellt hat? Der Anfang des- 
selben: „Dises Heldenbuech oder beschreibung XX. Oesterreichischer 
umb die 1300. 1330. 1350 1380 berümbten beiden Ritterlicher Thatten 
Ist abgenommen" u. s. w. führt nur umständlicher aus, was 



p- 


1. 


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l 


n 


'S 


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5 


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2. 


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7. 


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10. 


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12. 


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7. 


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8. 


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7. 


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4. 


j) 


24- 



^) Vgl. Germania 3. Bd., S. .308—313 und K. Bartsch, Meisterlieder der 
Kolmarer Handschrift, Stuttgart 1862, S. 182, 192 — 198 und 628. Bartsch' aus den 
Reimen erschlossene Annahme, Härder habe noch dem 14. Jalirliunderte 
angehört, findet durch Nr. 32 des Inhaltsverzeichnisses volle Be- 
stätigung. Härder kommt auch in der Wiltener Meistersänger-Hs. vor, ferner in 
der von K.J. 8chröer im zweiten Bande der Germanistischen Studien (von K. Bartsch, 
1875), S. 206 ff. behandelten, in der Privatbibliothek des Kaisers von Österreich be- 
findlichen Mei!^tersänger-^s. aus Steier. 

GERMANIA. Nene Reihe. XXU. (XXXIV.) Jahrg. 21 



314 FRANZ KRATOCHWIL 

die erste Nummer dieses Inhaltsverzeichnisses kurz sagt. 
Was Enenkel unter diesem Titel lieferte, ist nun bekannt. Aber schon 
1827 schrieb P, ohne irgend eine Ahnung von B gehabt zu haben, 
in der Einleitung seiner Ausgabe pag. LI über den]|Anfang des Inhalts- 
verzeichnisses: „Die erste Nummer mit den Heldenthaten 
zwanzig österreichischer Ritter ist offenbar die Samm- 
lung historischerGedichte unseres Suchenwirt, welche ...., 
wenngleich nicht mit Suchenwirt's Namen bezeichnet, doch durch 
unverkennbare Ähnlichkeit der Sprache sowie durch Andeutung eines 
Zeitgenossen, der Suchenwirt als den Dichter von den Wappen 
rühmt, ihren Verfasser bestimmt genug verrathen." Es ist somit 
kein Zweifel, daß B und C aus derselben Quelle geflossen 
sind^). 

Auch die (schon S. 242 beregte) Dissonanz zwischen den ein- 
undzwanzig Gedichten von B und Enenkel's Titel, der von zwanzig 
Helden spricht, erhält ihre Lösung: er fand eben den Fehler 
schon in der ersten Überschrift von N. Dieser Fehler entstand 
offenbar zu einer Zeit, als N bereits schadhaft geworden war. Ein 
flüchtiger Leser, der die gefeierten Helden zusammenzählen wollte, 
mag, der Lücke am Ende des Gedichtes auf den jungen EUerbach 
und zu Beginn der Rede von Kreuspeck nicht achtend, über das 
erste, gleich zu Anfang mangelhafte Gedicht diesen zusammenfassen- 
den, aber mit der Zahl der gefeierten Helden nicht übereinstimmen- 
den Titel geschrieben haben. 

Dazu stimmt, daß keines von den 21 Gedichten, welche 
B bringt, in den späteren Nummern des Inhaltsverzeich- 
nisses vonN erscheint. Die Nummern 3 und 15 in B lassen 
sich dagegen nicht anführen, denn erstere verherrlichet den lebenden, 
letztere den bereits verstorbenen Herzog Albrecht IL von Österreich, 



') Dazu stimmt auch die räumliche Ausdehnung von Enenkel's 
Abschrift und der ersten Nummer in N. Allerdings umfaßt erstere 50, letztere 
66 Seiten ; vergleicht man aber die den einzelnen Gedichten in N beigefügten An- 
gaben über ihren Umfang mit dem Kaume, den sie in A, C u. s. w. einnehmen, so 
ergibt sich die Nothwendigkeit, daß in N auf eine Seite durchschnittlich 76 Verse 
(wahrscheinlich in zwei Spalten vertheilt) kamen. B hingegen hat auf jeder Seite 
ungefähr 100 Verse; demnach kämen auf ß 5000 Verse, auf die erste Nummer 
von N 5016. — Daß in Wirklichkeit auf dem von B eingenommenen Räume nicht 
viel über 4800 Verse, somit um fast 200 Verse weniger stehen, ist nicht befremdend, 
da ja die Überschriften der Gedichte in großer Schrift gegeben sind und zwischen 
dem Schluß der einen und der Überschrift der nachfolgenden Rede häufig Raum frei 
gelassen wurde. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 315 

Nr. 27 des Inhaltsverzeichnisses von N dagegen enthält einen lobenden 
Nachruf an Herzog Albrecht III. von Österreich. 

Wenn überdies Enonkel sagt, daß in seiner Vorlage außerdem 
„noch andere mehr Poetische beschreibung oder getichte, samt ein- 
gemischten historien von Oesterreichen Sach" zu finden seien, so 
stimmt das zu den folgenden Nummern des Inhaltsver- 
zeichnisses von N so vollkommen wie seine Angabe, das 
alt buech, welches ihm 1625 zur Benützung überlassen 
worden, sei vor 200 Jahren geschrieben worden, mit der 
in Nr. 38 des Inhaltsverzeichnisses beigefügten Zeit- 
bestimmung, welche N in das Jahr 1402 setzt. 

Durch Enenkel's Bemerkung, die Handschrift gelKire dem Wolf 
Christoph Velderndorfer zum Neiden stein, wird es erklär- 
lich, daß bei der geringen örtlichen Entfernung Enenkel leicht mit 
dem Hause Velderndorf verkehren und so auf die werthvolle Hand- 
schrift aufmerksam werden konnte. Vorausgesetzt, daß nicht ohnehin 
schon freundschaftliche Verhältnisse auch zwischen Fernberg und 
Velderndorf bestanden, konnten diese unschwer durch Enenkel her- 
gestellt werden. Man muß sich gegenwärtig halten, daß zwischen 
den Häusern Enenkel und Fernberg enge Beziehungen 
schon lange herrschten. Besonders gilt dies zur Zeit des 
Job Hartmann Enenkel, der an allen Vorfällen des Hauses 
Fernberg den regsten Antheil nahm'). 

So konnte Fernberg das „alte buech" benützen, und er that 
es auch. Fernberg besorgte nicht nur von Nr. 1 eine Ab- 
schrift, sondern auch von den Nummern 6 — 9, 17 — 19, 20 (aber 
nur vom zweiten Theil) , 22, 23 und 27. Wäre uns erstere er- 
halten, so besäßen wir durch ihn allein 31 Abschriften 
von Suchenwirt's Gedichten, deren N im Ganzen 50 ent- 
hielte^). 



') So dichtet Enenkel 1593 „Plialeucium scriptum funeri Jani Fernbcrgii 
Austriaci" und 1597 Epitaphia duo inGeor<,'ium C ristophornm a Fernberg 
(vgl. die Handschrift der Wiener IlofbiblioUiek 10100, Nr. 21 u. 25). 

^) Diese Zahl erhält man, da die erste Nummer 21, die dritte 3 Gedichte um- 
faßt; letztere sind die in A als Nummer 4, 7 und 26 angeführten Gedichte: „Die 
Rede von der Minne", „Die Minne vor Gericht" und „Der Minne Schlaf". — Dodi 
enthält N nicht alle Dichtungen Suchenwirt's, wie P in der Einleitung pag. XLI.X 
seiner Ausgabe angibt, denn es fehlt nicht nur Nr. 42 von A: Equiuocum, sondern 
auch das letzte Gedicht in P: Gar ain Schöne Rede uon der Liebin vnd der 
Schonin, wie sie kriegten mitt ainander. 

2r'- 



316 FRANZ KRATOCHWIL 

Glücklicherweise besitzen wir Enenkel's Aufzeichnung. B und C, 
welche durch eng befreundete Männer nahezu um die 
gleiche Zeit aus derselben Quelle entstanden, repräsen- 
tieren mehr als drei Fünft heile der Suchenwirtischen 
Dichtungen in N, sie ergänzen sich zu einer Abschrift, 
zu einer im Ganzen ziemlich treuen Copie eines großen 
Theiles von N, einer Handschrift, die nicht nur durch 
ihren reichen Inhalt und die Güte der Überlieferung 
hohen Werth besaß, sondern auch dadurch, daß ihre Ab- 
fassung den letzten Lebenstagen Suchenwirt' s nicht 
ferne war. 

V. s. 

Dem 15. Jahrhunderte angehörig, aber jünger als N 
is t s, eine Papierhandschrift in Quart, Eigenthum des n. ö. Benedictiner- 
stiftes Seitenstetten, wo sie die Nr. 286 führt. Herrn G. Friess, 
Professor am dortigen Gymnasium, verdanke ich es, daß ich dieselbe 
in meiner Wohnung bequem benutzen konnte. 

Die Handschrift ist durch dicke, auswendig mit Leder überzogene 
Holzdeckel geschützt, welche durch zwei Schließen zusammengehalten 
werden. In das Leder sind auf beiden Deckeln je sechs Vierecke 
gepreßt, welche ein Thier mit steinbockartigem Kopf und vorge- 
streckter Zunge, eigenthümlichen Pranken und geringeltem Schweife 
umgeben. Inwendig sind beide Deckel mit beschriebenem Pergament 
beklebt. Die Handschrift stammt von verschiedenen Händen. 

Sie enthält: 1. Homiliae variorum Doctorum; 2. Legenda trium 
Magorum; 3. Aelredi tractatus de Jesu duodenni; 4. Exegetica V. 
et N. Testamenti; 5. Carmen de Equite Chreui^pekchn (idio- 
mate teutonico) et de laude mulierum: Da^ ist der vrawen lob^); 
6. Jacobi de Cessolis") liber Schachorum; 7. Theologica miscellanea 
cum paraphrasi orationis Dominicae und 8. Stella clericorura. 

Mehrere Blätter sind unbeschrieben, so vor Suchenwirt' s 
Gedicht, das so ziemlich in der Mitte des dicken, nicht 
paginierten Codex auf sechs und einer halben Seite steht. 



') Anfang: Wa^ hoher wird und ere Oot hat geleif, an raine loeib, 
Ende: Wa% slaffet oder wachet daroh swebt eins weibes nam 
die vorcht hat und schäm. 
Es sind drei Strophen; vgl. Altdeutsche Blätter von Haupt und Hoffmann 1, .383 
und K. Bartsch, Meisterlieder S. 486—487 u. 693. 

') Französischer Dominikaner am Ende des 13. und zu Anfang des 14. Jahrhs. 



ÜbEU DEN GEGENWÄRTIGEN ÖTAND DEK 81ICI1EN\V1KT IISS. 317 

Hier ist kein Buchstabe lutli, nicht ciuiual die Überschrift. Die Verse, 
ungefähr fünfzig auf jeder Seite, sind fortlaufend geschrieben, aber 
von einander meist durch zwei schiefe Striche (^) getrennt; sie be- 
ginnen bald mit großen, bald mit kleinen Buchstaben. 
Die Schrift ist der in A sehr iihnlich, doch gebraucht der 
Schreiber im Anlaute nur z (;;), wo A cz oder tz hat. Die gewöhn- 
liche Form der Haken ist *, sehr selten begegnet ^ und \ nur 
einmal "" (V. 298 zypper)^ über y steht meistens ein runkl. Die 
Verwendung der Haken entspricht ganz der in A; dasselbe 
gilt vom Gebrauche der Abkürzungszeichen; nam :::= namen 
erinnert an den 18. Schreiber in A (vgl. S. 212), hingegen ist " -= 
eich (V. 202 vlei^i;,ichl) neu. 

Auch die Sprach formen sind dieselben wie in A, doch 
findet sich in s immer edeln (A edlen), meist die, wo A di oder dy, 
ze, wo A czu oder czu hat; auch zeigt sich häutig Neigung lo für h 
zu setzen, besonders im Präfix he-, hingegen erscheint nur zweimal 
b für 10 : 308 siben buryen und 322 gehert. Fast ausnahmslos hat s 
(in Übereinstimmung mit B) da (A do) , auch sonst läßt sich oftmals 
Übergang von o in a beachten: 14 tvarten, 215 erbarben, 13 und 317 
ica, 105 daclt {A doch). Letzteres läßt auf alemannischen Dialect 
schließen (vgl. Weinhold, Alem. Gr. ^. 11) [Nein! O. B.]. Dasselbe 
gilt von dem fast durchstehenden Gebrauche des ouch (Weinhold a. a. 0. 
§. 51) und folgenden vereinzelten Stellen: 17 sclnimpfuniuni : (jesticrn 
und 117 schumpfetior (Verengung von iu zu ii, a. a. O. §. 47), 339 
stiwr : kobertiwr und 352 yetiwrten (B getewrten, A getewerteu, a. a. O. 
§. 61 und 67), 139 prises {i = ei, a. a. O. §. 57), 236 schale (Nom. 
masc, a. a. O. §. 20). Weniger Gewicht lege ich auf heneyow : pow 
V. 279 (a. a. O. §. 70) und auf einige Fälle von Widerstand gegen 
den Umlaut: 6 lourd, 7 osterreich und (wie in B) fast immer fünf (a. a. O. 
§. 29), aber in Verbindung mit den übrigen Erscheinungen sind sie nicht 
ohne Bedeutung; ebensowenig 351 der Imperativ xounschent (a. a. 0. 
§. 342) und 332 ich tun bechant (a. a. O. 4j. 354). Die Form tuon ist 
in der 1. Person sing. ind. des Präsens bei Suchenwirt allerdings sehr 
häufig, aber vor der Partikel be- gebraucht er jedesmal tuo (tue), vgl. K 

m, §. 63. 

An 15 Stellen (vgl. die Lesarten von s in P S. 157 f.) lauten 
die Orts- und Ländernamen in s mehr oder minder abweichend 
von A; vielleicht ist Einzelnes auf Schreibfehler zurückzuführen, 
so 47 pabst (da 66 das richtige ^>a6-< steht), wahrscheinlich auch 20 



318 FRANZ KRATOCHWIL 

gestel, wohl aber nicht in demselben Verse purm^) (: dürm, A Göltet, 
Prünn : dünn). 

Es ist möglich, daß ein österreichischer Schreiber s nach 
einer alemannischen Vorlage schrieb und Einzelnes daraus (viel- 
leicht weil unverstanden) im alemannischen Dialect wiedergab, aber 
der fast durchstehende Gebrauch des ouch macht es mir wahrschein- 
licher, daß s ein Alemanne geschrieben, der durch langen 
Aufenthalt in Osterreich (Seitenstetten?) der österreichischen Sprache 
mächtig war, dem aber unwillkürlich beim Abschreiben seiner öster- 
reichischen Vorlage manches Alemannische in die Feder floß. 

Ob diese Vorlage A oder N war, läßt sich nicht entscheiden. 
Allerdings stimmen die Abweichungen der Handschrift s 
von A vielfach mit B, öfter geradezu überraschend; so ist 
ein Drittheil der oben beregten Orts- und Ländernamen in s und B 
gleich (V. 64, 89, 186, 238 [Norwegen] und 248), aber daneben 
bestehen denn doch solche Unterschiede zwischen s und B, 
daß die Annahme, s sei aus N geflossen (natürlich bevor dort die 
Rede auf Kreuspeck verstümmelt worden) , wieder etwas wankend 
wird. Jedenfalls ist der Text von s dem von B (in Bezug auf 
Kreuspeck) vorzuziehen, denn s ist der alten Schreibweise getreu 
und von Schreibfehlern freier als B. 

Solcher (35 ei-en :pern, 241 Egellant u. s. w.) kommen in s acht 
vor, außerdem fehlt 278 ein in, 342 er und wohl durch Schuld des 
Schreibers die Verse 220—225. — Verderbt sind nur wenig Stellen: 
215, 218, 241, 332 (vgl. P S. 157 f.) und 166 da^ (A des); hingegen 
erscheint der Rhythmus einigemalgestört durch volle Formen (statt 
der apokopierten und synkopierten in A) : 4 und 74 hertze, 31 veste, 
b?tnamen, ISl geivalf, 196helaif>, 2i6 hai^^et-^ noch mehr durch 22 Fälle 
von Apokopen*) und 12 Synkopen^), die in A nicht vorkommen. 

') Ist es vielleicht durcii Umstellung des r und unechtes m für n am Ende 
(a. a. O. §. 197 u. 168) aus Priinn zu erklRieu und dürm aus dünn durch Einschie- 
bung eines unechten »• (a. a. O. §. 197) und Eutwickelung eines unechten m am Ende? 
Oder steht es für dürnin (Lexer I, S. 496): er machte der Feinde Freude zu 
Dornen? Oder für türm aus türmen = türmein schwindeln, taumeln (Lexer II, S. 1582) ? 
Vgl. M. J. Chr. von Schmid, Schwab. Wörterbuch, zweite Ausgabe (1844), S. 149. 

') P gibt nur an 90 und, 112 havf, 141 voJchomen uud 182 tag, die übrigen 
sind: 18 frevmd, 19 veind fräwd, 27 gantz , 73 und 97 veint, 110 rant, 119 gro^^, 
143 veld, 146 tümyrt, \b% flucht , 166 u. 211 rüterscheß, 197 taegleich, 263 land, 265 
auf dei' ainn vert : hert, 334 golt und 347 sei. 

^) Da P in den Lesarten nur 178 Eatreyn anführt, gebe ich die übrigen an: 
55 Streits, 97 tailn : maiin, 131 stiirms, 136 stürmt, 159 geschrirn, 189 halbs, 191 ainn, 
330 gots und 348 rosenvarbs. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHEN WIRT-HÖS. 319 

Wenn auch nach dem Gesagten s, trotzdem diese Ilaudschiift 
nach Schrift und Sprache nicht viel jünger als A ist, nicht auf 
gleiche Stufe mit A zu setzen ist, so ist sie doch immerhin 
eine gute Handschrift: sie liefert an nahezu 20 Stelleu 
mehr oder minder erhebliche Verbesserungen zu A. 

VI. h'. 

Von weit minderem Belang für die Textkritik ist h', 
Papierhandschrift Nr. 182 (vormals 355) in Quart, der Universitäts- 
Bibliothek in Heidelberg gehörig. Dankbar erwähne ich, daß der 
damalige Bibliothekar, Herr Dr. Bender, mit Bewilligung des groß- 
herzoglichen badischen Ministeriums des Innern diesen Codex sowie 
h** und h^ mit großer Bereitwilligkeit nach Wien zur Benützung auf der 
k. k. Hofbibliothek übersandt hat. 

Alle drei gehören zu jenen Handschriften, welche 
1622 aus der kurpfälzisehen Bibliothek nach Rom gewan- 
dert sind. Als man 1815 von Frankreich die geraubten Kunst- 
schätze, Handschriften und werthvollen Bücher zurückverlangte, wollte 
auch Rom jene 500 Manuscripte (darunter 38 pfälzische), welche es 
im Frieden von Tolentino (19. Februar 1797) an Frankreich abtreten 
mußte, zurückbekommen. Durch Unterstützung der Verbündeten gelang 
dies Rom vollständig, weßhalb die Curie das Ansuchen', die 38 pfäl- 
zischen Handschriften Heidelberg zu überlassen, 1816 bereitwillig 
erfüllte. Die Hoffnung jedoch, Rom, das durch die Verbündeten so 
viele äußerst werthvoUe Handschriften zurückerhalten, werde auch 
der weiteren Bitte, den andern Theil der pfälzischen Bibliothek der 
Universität Heidelberg zurückzugeben, willfahren, war trügerisch: 
nur die deutschen Handschriften und einige andere , zusammen 890, 
wurden restituiert (vgl. Friedrich Wilken, Geschichte der Bildung, 
Beraubung und Vernichtung der alten heidelbergischen Bücher- 
sammlungen. Nebst einem meist beschreibenden Verzeichnisse der 
im Jahre 1816 vom Papste Pius VII. der Universität Heidelberg zurück- 
gegebenen Handschriften. Heidelberg 1817). 

Das Äußere von h' ist sehr schön; die beiden durch Schließen 
zusammengehaltenen Deckel sind mit gepreßtem braunen Leder über- 
zogen und an den Ecken beschlagen. Der vordere Deckel zeigt 
Otto Heinrichs Bildniß in Gold; zu Häupten steht 0. H. , unten 
R a und die Zahl 1558. 

Die Handschrift zählt 161 beschriebene und fünf unbeschriebene 
Blätter und enthält f. 1'' — 12'' Suchenwirt' s Räthc des Aristo- 



320 FRANZ KRATOCHWIL 

teles; von sonstigen Stücken erwähne ich f. 19 — 23'' Das güldin 
jar von Hans Zukunft und f. 28'' — 114'' Dichtungen von Meister 
Altswert und zwar: Die Minnennot — f. 33'', der Kittel — f. 74, der 
Schatz {ettliche Reimen von dem hiolen) f. 75 — 106" (1469 Verse) und 
der Spiegel (366 Verse) f. 106"— 114'. Vergl. Karl Bartsch: Die alt- 
deutschen Handschriften der üniversitäts-Bibliothek in Heidelberg. 
Heidelberg 1887, S. 103 f. 

Suchenwirt's Gedicht trägt die lange Überschrift: Hienach stett 
geschrihen loie der wifi aristottelle^ ßinem herreu Dem grossen küng al- 
lexandern sin getriiioen Rät loisfi vnd ler liinder ihm geschriben ließ als 
er von dieser weit scheiden müst <f — Jede Seite hat nur eine Coluinne, 
diese besteht aus ungefähr 20 Versen; jeder ist abgesetzt und 
beginnt mit einem großen, roth durch strichenen Buch- 
staben. Die Schrift ist gothisch, weicht von der in A ziem- 
lich stark ab (so durch die /.t), weist aber noch in das 15. Jahr- 
hundert. Abkürzungen (durch '^ und gegeben) begegnen nicht 
häufig, Unterscheidungszeichen im Texte gar nicht. Die ge- 
wöhnlichste Form des Hakens ist ', daneben ' (so immer kang), 
^ ", seltener ' und vereinzelt ' (241 schlichen = schiuhen). Sie werden 
nicht nur zur Bezeichnung der Vocale (auch in der Flexion: 321 bühh 
u. ö.), sondern auch der Halbdiphthonge verwendet; aber während 
in A am seltensten die aus a entstandeneu Halbdiphthonge begegneten 
(vgl. S. 215), sind sie hier die zahlreichsten (341 zwar, 475 uff der 
wäge, 431 rät ich, 310 dissem rät (ebenso 31 u. o.), 312 an menger statt, 
52 cläfen (: schaffen). Svarabhakti (durch e, i oder Haken aus- 
gedrückt) finden sich nicht. 

Was ich in S als vereinzelte Spuren des alemanni- 
schen Dialcctes bezeichnete, findet sich hier ganz all- 
gemein; überdies fast durchgehends an = ä 261 schlau ff, A slaff, 
305 haut, A hat (vgl. Weinhold, Alemann. Grammatik §. 52), ie = e 
in 244 niemen und 298 niem (a. a. 0. §. 64), immer och, frSivt (verb.) 
und frod (subst.), 116 der löff (A lauff), 257 höpt (A haubt), vgl. a. 
a. O. §. 42 und 45; immer ü = au (43 tusent, 114 uff, a. a. 0. §. 51); 
513 vmer und 433 numer (a. a. O. §. 32). 

Immer hriß (a. a. 0. §. 153 und 189 Ende); s in den Verbin- 
dungen sp, sw, st, sl, sm und sn wird im Anlaut zu seh (4 verschioinden 
u. s. w., a. a. O. §. 190); Einschiebung von n (a. a. O. §. 201) erscheint 
74, 359 geschenhen : gesenhen und 292 senhent (3. Person pl. praes.), 
142 begegnet momentz (A morgen, a. a. O. §. 277). Vortritt eines un- 
echten h (a. a. O. §. 230) zeigt sich in der Vorsilbe er- (184, 502 her- 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIinMISS. 321 

härmen, 395 /terßiiden, 'SViJ /tcikcntien, 4'Ji) Iici werben), neben iiiht er- 
scheint meistens ?iit (a. a. O. §. 322). 

In der 2. Person pl, des Präsens ist das Fehlen des t fast all- 
gemein, selbst im Keime, so 410 ir hahiit : Jie kuahcn, ähidieh 437 
(a. a. 0. §. 342); in der 3. sing. ind. präs. und im Plural des Imperativ 
zeigt es sich nur vereinzelt (267 kreugk, 374 (jedenck ir /icrrcii, a. a. < ). 
§. 341), desgl. der Abfall des 71 im Infinitiv (118 truie, a. a. (>. 
§. 370). In 17 erscheint bereits die Form schrieb (A hat noch nc/mdb, 
a. a. O. §. 333). Von shi finden sich die Conjunctivformcn : lOU i'V/.s7, 
153 e^ sie, 294 6< si(/ent (a. a. O. §. 353), von sidu 214 sitUt (a. a. O. 
§. 379). V. 32 hat A seic, h' sie (Accus, pl. masc, a. a. O. §. 416); 
durchgängig schreibt h' disse, diases usw. (a. a. O. §. 191); das starke 
Adjeetiv endet im Plural des Accus, neutr. auf 11 --^ ü (241 ndiniidii 
ivip, a. a. O. §. 424); stets begegnet 7neitk (A 104 manik) , 35 mentjein 
u. s. w. 

Zu dem jüngeren Alter der Handschrift stimmen nicht nur die 
graphischen und sprachlichen Verhältnisse, sondern auch die Ver- 
wilderung des Versbaues, h' zeigt bis V. 314 zahlreiche Ab- 
weichungen, weniger durch Umstellung und Auslassung als durch 
Einschieb ung von Wörtern herbeigeführt. Häufig sind derlei 
Änderungen überflüssig, nicht selten dem Satz- oder Versbau sogar 
schädlich, aber aus Allem macht sieh doch das Bestreben be- 
merkbar, dem Verse einen jambischen oder a n a p ä s t i s c lum 
Anfang zu geben *), „eine Rücksicht", von der P in seiner Aus- 
gabe S. 163 in den Lesarten zu XXXVIII sagt, „daß sie dem Dichter 
gewiß fremd war". — Diese Behauptung ist vollständig falsch, denn 
eine genaue Beobachtung der Suclienwirtischen Vei'se zeigt, ilaß 
das VerhältnilJ der mit Auftact beginnenden zu den tro- 
chäisch a nfangen den Versen durchschnittlich wie 10:1 ist. 
Es wäre somit die in h' sich kundgebende Tendenz dem Dichter gerecht 
zu nennen; nur darf dies nicht so aufgefaliit werden, als ob iSuchenwirt 
nur Verse mit Auftact gedichtet hätte, oder gar vielleicht lauter rein 
jambische nach unserer Auffassung. Dieser entsj)rechen übrigens die 
Verse in h* gewiß in sehr vielen Fällen auch nicht. 

80 findet sich als Auftact häufig verwendet Lang, imd (137, 150, 
245, 295 u. s. av.), so (146, 236), icenn (187 u. ö.), denn (211, 239 u. s. w.), 
vil (222) und dergleichen mehr, im Innern eingeschoben, um Auftact 



') Vgl. über die Bedeutung des Auftactes in dieser Zeit Bartscli, Mcistorlieder 
Ö. 155. 



322 FRANZ KRATOCHWIL 

zu erhalten, och (41, 241, 242 u. s. w.) , all (249), dick (275) u. s. w. 
Mehrere dieser Änderungen (so in 150, 222, 236, 239, 241, 275) 
sind gut und ohne Bedenken in eine neue Ausgabe auf- 
zunehmen. Zu verwerfen sind sie, wenn dadurch Verse mit vier 
Hebungen und klingendem Schluß entstehen 

(wie 158: Und hör toa^ ich dir furhaz, schreibe, 
168: mit leih und och mit gut nü schawe, 
254, 264, 274, 288 u. ö.), mehr als vier Hebungen, mehrsilbiger Auf- 
tact oder gar Mehreres zugleich, z. B. 

65: küng hiß erengitig und rechter milt, 
89: Aller hübischen wiß der hiß du gram, 
93: Den armen und die sin notdurfftig sind, 
208: Gerechtichait die trag in dinem munt, 
273: Und halt dich als ain kung und herre sol, 
297: herre Allexander ich hah sorg u. s. w. 
Denn in 304 ist wohl auf einen Irrthum zurückzuführen, denn der 
Vers bekommt dadurch trochäischen Anfang. 

Aus Willkür oder durch Versehen wurden häufig 
auch Wörter weggelassen; nicht selten entstanden dadurch Verse 
mit nur drein Hebungen und stumpfem Schluß (118 fehlt varn, 120 
geren, IdO paide, 114, 178, 281 u. s.w.), desgleichen durch Contraction 
der vollen Formen des unbestimmten Artikels und des Possessivpro- 
nomens. Sicherlich ist es nur ein Versehen, wenn 1 79 du fehlt oder 
203 vil, denn diese Verse bekommen dadurch trochäischen Rhythmus, 
dem der Schreiber abgeneigt ist. Man sieht, dieser kennt für 
Verse mit stumpfem und klingendem Schluß keinenUnter- 
schied in der Anzahl der Hebungen. 

In den Reimen begegnet nicht viel Auffälliges; einige Unge- 
nauigkeiten kommen vor, so 98 pflichten : gericht, 109 sigst : frist, 
133 kamen : frömen, 321 wiß : hrissen, 330 verniem : ungestem, 422 fro- 
men : vernümen, 435 enden : erkennen. Nach den Versen 314 und 320 
zeigt sich Reimstörung und zwar keineswegs zufällig. Während 
das Gedicht in A 352 Verse hat, zählt es in h^ fünfhundert- 
fünfzehn. Bis 314, also bis gegen den Schluß der eigentlichen 
Räthe des Aristoteles (diese enden in A mit V. 324), ist zwischen A 
und h^ wenigstens eine leidliche Übereinstimmung, die allerdings um 
so kleiner wird, je weiter das Gedicht fortschreitet. So folgen in h^ 
nach V. 111 drei eingeschobene Verse (vgl. P S. 164, nur sind 
die dort angegebenen Verszahlen unrichtig), dann geht es mit V. 112 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 323 

von A weiter; ganze Verse, wenn auch dem Sinne nach verwandt, 
lauten anders als in A: 

A 140: Ir Zungen die chan pieten schach 
h^ 140: /;• munf der stiftet jiiein und ach, 
ebenso 171, 172, 200, 229, 249, 250,' 253, 254, 260, 265, 309 — 311. 
Man sieht daraus, wie Haltaus in der Einleitung zum Liederbuche 
der Hcätzlerin pag. XXXIII sagt, daß die Gedichte jener Zeit von den 
Abschreibern oder Dichterlingen völlig paraph rasiert wurden. 

Recht anschaulich wird dies vom V. 314 ab; obwohl in h' noch 
über 200 Verse folgen (vgl. P S. 165—168), umfnlit dieser Theil in- 
haltlich doch nicht mehr als in A die Verse 315 — 324; hier hört 
der Parallelismus zwischen A und h' auf. Dieser Theil ist 
wahrhaft holperig; einigemal (V. 446 und 464) wird die in diesem 
Gedichte eingehaltene gekreuzte Reimstellung verlassen. Es ist ein 
ewiges Wiedei-käuen eines und desselben Gedankens, oft in den plat- 
testen Ausdrücken, das Ganze ein elendes Machwerk. Es wird 
einem ekel, den Aristoteles durch 200 Verse so erbärmlich winseln 
zu hören. Um dieser geistlosen Reimerei willen müssen wir auf die 
Schlußverse von A (325—352), in welchen Suchenwirt die Zeit der 
Abfassung und das secret secretorum ^) als seine Quelle angibt , auf 
König Wenzels Gefangennahme hinweist und seine Autorschaft be- 
zeugt, verzichten. 

Trotz aller dieser Abweichungen und einiger sinnlosen Stellen 
(V. 16 der faric, 102 zweimal die für dich, 67, 106, 251) könnte h' 
aus A geflossen sein, doch ist es nicht wahrscheinlich. Für die 
Herstellung des Textes liefert diese Handschrift^) bloß 
unbedeutende Besserungen und dies nur an wenigen 
Stellen. 



') Vgl. W. To ischer , Aristotilis lieimlicbkeit. Separatabdruck aus dem Jabres- 
bericbte des k. k. Gymnasiums zu Wiener-Neustadt 1882. VI und 42 S. %^, und von 
demselben: Die altdeutschen Bearbeitungen der pseudo-aristotelisclien Secreta-secreto- 
lum. Separatabdruck aus dem Jahresberichte des k. k. Gymnasiums Prag-Neustadt 
1884. 36 S. Vgl. noch S. 91 f. im 11. Bande des Anzeigers für deutsches Alterthum 
und deutsche Literatur (1885). 

') S. 167 der Nachrichten von altdeutschen Gedichten, welche aus der Ileidel- 
bergischen Bibliothek in die Vaticanische gekommen sind (Königsberg 1796), sagt 
Friedrich Adelung bei Besprechung unserer Handschrift, daß von den Räthen 
des Aristoteles eine Abschrift zu Straßburg sich befinde. Auf eine diesbezügliche 
Anfrage hatte der dortige Oberbibliotbekar Herr Professor Barack die Güte, mir 
zu antworten, daß von dieser Abschrift — falls Adelung's Angabc überhaupt richtig 
war — derzeit keine Spnr vorhanden ist. 



324 FRANZ KRATOCHWIL 

Yll h\ 

Ein wenig besser steht es mit h'', der Papierhandschrift 
Nr. 215 (vormals 393) in Quart aus dem 15. Jahrhunderte, Eigen- 
thum der Heidelberger Universitäts-Bibliothek. Auf dem Rücken 
des in Pergament gebundenen Codex steht: Foenia in laudem Dei et 
B. Virginia. 88 Blätter sind beschrieben, 9 unbeschrieben. Von den 
12 Stücken, welche die Handschrift enthält (vgl. Wilken a. a. 0. S. 463 
und [Friedr. Adelung, Fortgesetzte Nachrichten von Heidelbergischen 
Handschriften in der Vaticauischen Bibliothek, Königsberg 1799, 
k5. 305 — 309] Bartsch a. a. O. S. 128 f.) ist das erste das jüngste 
Gericht^) von Suchenwirt f. 1* — 4''. Das neunte mit der Über- 
schrift (roth): Der mijnne gericlit (Bl. 60 — 65), ein Gedicht von 222 
Versen , beginnend : 

Do der sumnter ivas da hin 
Vnd do des lointer vngeioin 
Wolt pringen den Ilain vogelin 
und mit den Schlußversen : 

Vrloh mir da gegeben loard 
Vnd ließ die andern all clagen 
Aber man sol der lieben von mir sagen 
Rieht sie sich nit myt mir von dem tag 
Das ich es fürbaß clagen mag 

nahm P im 14. Bande der Wiener Jahrbücher der Literatur (Anzeige- 
blatl S. 51) ebenfalls für Suchenwirt in Anspruch. Es hat 
aber mit allen bei einer Vergleichung hier in Betracht kommenden 
Gedichten Suchenwirt's: Rede von der Minne (124 V.), die Minne vor 
Gericht (342 V.), die schöne Abenteuer (372 V.), der Widertail (364 V.) 
und der Minne Schlaf (266 V.) nicht einmal entfernte Ähnlichkeit ^). 



') Der Titel des Gedichtes fehlt in li'. 

') Auch nicht Der Minne Gericht (318 V.) im Liederbuche der Hätzlerin 
Bl. 143'— 14«" (in Haltaus' Ausgabe Nr. 55, S, 226 ff.) mit dem Anfange: 
Ich stund an ainein morgen frü 
TJff in grosser vnrü, 
Ende: Sag ditz allen guten weiben 

Das sy es in ir hertz schreiben 

Vnd hüten sich vor diser not 
Sag jn das sey mein ratt. 
Dieses Gedicht ist gleich dem 12. Stücke in h' von Blatt 82 bis Ende, welches Wilkeu 
(a. a. 0. S. 463) unter dem Titel „Gespräch eines Gesellen mit einer Frau, die ihren 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER RÜCIIENWIRT-IISS. 32;') 

Auch nennt sich Suchenwirt darin nicht als Autor. Offenbar hat P 
sich eines Besseren besonnen, denn er nalim das Gedicht in seine 
Ausgabe nicht auf, aber er widerrief dort auch nicht mit 
einem Wörtchen seine frülier in den Wiener Jahrbücliorn gemachte 
Behauptung. Sie ist daher wohl geeignet, Jemanden irrezuführen, der 
die ganze Suchenwirt-Literatur durcharbeitet, um sämmtHche Hand- 
schriften kennen zu lernen. 

Das Gleiche gilt von dem Gedichte: Der ern gericht zwischen der 
gerechfygkeit imd der minn und fjeicint die minn da^ recht von Bi. 72 — 78 
der Heidelberger Handschrift Nr. 149 (vormals 314, vgl. Bartsch 
a. a. O. S. 72 — 75) mit dem Anfange: 

Ich ersach an der selben stund, 
Als ich nach mventür reyten hegvnd 
Durch da^ hag ain enge tur 
Da hett ich e geritten für u. s. w. 
Auch dieses Gedicht schrieb P. a. a. O. Suchenwirt zu, in 
seiner Ausgabe aber lehnte er es stillschweigend ab, und zwar mit 
Recht; denn wie mir der Herr Bibliothekar Dr. Bender freundlichst 
mittheilte, stimmt es mit keinem Suchenwirtischen Gedichte ähnlichen 
Inhaltes auch nur im Entferntesten überein; überdies nennt sich 
Suchenwirt darin nicht. Nebenbei bemerke ich, daß P bei Anführung 
dieses Gedichtes im Anzeigeblatt S. 51 sich auf Adelung's altdeutsche 
Gedichte in Rom, II, S. 313 und 316 bezieht. Dort macht aber 
Adelung nirgends die leiseste Bemerkung, daß dieses 
Gedicht von Suchen wirt herrühre. 

Jede Seite bringt in einer ungespaltenen Columne ungefähr 24 
Verse. Die Schrift ist der in A noch ähnlich, nicht schön, aber meist 
deutlich. Was über d ie Schreib weise, die sprachlichen und 
metrischen Verhältnisse in h* gesagt wurde, gilt fast 
ganz auch von h'^. 

Als Haken findet sich hier auch vereinzelt ". Bezeichnung von 
Halbdiphthongen fiel mir nicht auf. 

An einer Stelle: 25 eschen : icdschen zeigt sich unechter Umlaut 
(Weinhold, Alemann. Gramm. §. 12 und 15), dreimal Verdumpfung 
von tt zu o (a. a. O. §. 44): 61 gon : rinderton und 66 on, je einmal i 
in der Flexion (48 liehin kind, a. a. 0. §. 23), ou = u (95 houch, a. a. 



Liebhaber kalt behanrlelt" anführt, und von dem Adelung II, S. W'i Anfanrj mnl 
Ende gibt, die mit der Recensioii der Ilätzlerin ziemlich gleichlautend sind. Vgl. 
Hartsdi a. a. O. S. 128 f. 



326 FRANZ KRATOCHWIL 

O. §. 71) und = w = w (86 ir forchtend, a. a. O. §. 24 und 27), end- 
lich zweimal Ausstoßung von n (114 tuset und 193 tugei^ a. a. O. 
§. 200). — Sonst bieten die Reime wenig Bemerkenswerthes (31 
nacht : krafft, 175 du verst : haust verzert)\ am meisten auffällig ist 105 
du syest : dii leist. Letzteres ist (wie 1 Ursprung : dink) ohne Zweifel 
bloß Schreibfehler, da aber auch 2 weishait, 100 leyd (praes.), 3 durch- 
faucht und 161 ungeheivr vorkommt, so darf man diese Stellen als 
Fingerzeig betrachten, daß dem Schreiber zur Abschrift eine Vorlage 
im bairisch- österreichischen Dialecte diente, aus welcher durch Ver- 
sehen einige Wörter ohne Anpassung an den alemannischen Lautstand 
stehen blieben. — V. 172 fehlt ohne äußere Unterbrechung; dadurch 
entsteht eine Reimstörung; daß V. 34 vor 33 kommt, hat auf den 
Reim keinen Einfluß. 

Die in h' berührten metrischen Verhältnisse werden in h' 
fast nur durch Umstellung und Einschiebung, nahezu gar nicht durch 
Ausfall von Wörtern ') herbeigeführt. Auch begegnen weit weniger 
Apocopen und Syncopen als in h*. Da zudem verhältnißmäßig nicht 
so viele Verse paraph rasiert sind wie in h', so schließt sich h'' 
auch inhaltlich mehr an A an: es ist nicht nur möglich, 
sondern sogar wahrscheinlich, daß A zur Vorlage von h*^ 
gedient hat. 

Außer einigen Schreibfehlern (9 clare", 60 dein, IIQ jamers, 
132 schrit für schrib, wahrscheinlich 101 dem [nach richter, wenn nicht 
dein = din zu lesen ist] und 109 andrun) finden sich auch verderbte 
Stellen: V. 4, 7, 92, 95, 122, 152 (vgl. darüber in P S. 169 die 
Lesarten zum jüngsten Gericht) und 138 IVol gemüt zu hymel var. 
Diesen gegenüber bietet h'^ an nahezu zehn Stellen Besse- 
rungen zu A. 

VlIL m'f. 

Suchenwirt's jüngstes Gericht kommt auch in m' vor, 
der Papierhandschrift Nr. 393 der königlichen Hof- und Staatsbiblio- 
thek zu München. Der leider zu früh verstorbene Director dieser 
Bibliothek, Dr. Karl Halm, gestattete bereitwillig die Übersendung 
dieser und vier anderer später zu besprechenden Codices nach Wien 
zur Benützung auf der kaiserlichen Hof bibliothek. 

m' ist durch Holzdeckel, welche mit rothem gepreßten Leder 
überzogen sind und ehemals durch zwei Schließen zusammengehalten 

') Es fielen aus: 2 gar, 121 da, 187 du, 98 wie dann und 143 seihen — der. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-FISS. 327 

waren, geschützt. Die vier Ecken der Deckel sind beschlagen; der 
Rücken trägt ein weißes Schild mit folgender Inschrift: 
(Leonis Taich chronicö) 
Der geistliche Wagen. 
Sibyllen Weissagung, etc. 

Die Handschrift zählt 319 Blätter in Quart und oiitliält 13 Num- 
mern verschiedenen Inhaltes, darunter Bl. 20—44 eine (ünonik von 
den Herzogen zu Baiern, Bl. 96 — 112^ den j^eistliciien \Va;;eii 
mit einer gereimten Vorrede des Suclienwirt, Bl. 127 — 136 
Aristoteles' Lehr an Alexander (durchaus nicht identisch mit 
Suchenwirt's gleichbetiteltem Gedichte) und Bl. 136 — 210 das grüßte 
Stück der Handschrift, Bruder Philipps j\Iarienleben. 

Bl. 96* heißt es: Hie hebt sich der geistlich wagen Vntl ist gar 
nutz ze hören oder lesen dem menschen czue vnderioeystmg ( — Bl, 108''). 
Das Ganze ist eine geistliche Allegorie, in der die vier Räder den 
Tod, die Hölle, das Gericht (genau in dieser Ordnung!) und den 
Himmel bedeuten, die zwei Gestelle die Betrachtung des Leidens 
Christi und das Mitleid mit dem Menschen, die drei Pferde Glauben, 
Hoffnung und Liebe; der Leiter aber ist Christus, die Deichsel stellt 
die Gerechtigkeit vor. Den Schluß macht die Anrufung Gottes und 
Mariens. So der Gang dieses geschmacklosen, aber dem 15. Jahr- 
hunderte sehr zusagenden ') Machwerkes, das in Prosa abgefaßt, öfter 
aber auch mit Reimen durchspickt und mit zahlreichen Belegstellen 
aus Bibel und Kirchenvätern ausgestattet ist. Der Verfasser nennt 
sich nicht. 

Daran schließt sich Bl. 109": Ein vorred diß geistlichen wagens 
(roth). Dieses Stück entpuppte sich bald als Suchenwirt's 
Jüngstes Gericht, nur beginnt es gleich mit V. 23: 

(roth und groß) mensch gedenck das du pist. 
Die Verse, ungefähr 27 auf jeder Seite, sind nicht abgesetzt, aber 
häufig durch rothe Querstriche von einander geschieden, freilich oft 
ganz fehlerhaft. Die Schrift ist weder schön noch deutlich, beson- 
ders die r sind stark verschnörkelt. Doch gehört sie noch dem 15. 
Jahrhunderte an; damit stimmt auch am Ende dieser rojvecZ (Bl. 112') 
die Bemerkung : L. T. Anno als man zn.lt nach christi gepurt 
MCCCC'IXVIII jar an samb^tag nach Katherine virginis. Doch stammt 
nicht der ganze Codex aus dem Jahre 1468, wie man nach dem 
Katalog der deutschen Handschriften der königlichen Hof- und Staats- 



') Unter Anderen hat auch Cod. germ. mon. Nr. 690 f. 244 — 252cincn 'jais/lich 
Wayen. 



328 FRANZ KRÄTOCHWIL 

bibliothek zu München nach J. A. Schmeller's kürzerem Verzeich- 
nisse, 1. Theil, München 1866, S. 63 annehmen muß, denn Bl. 131* hat 
Leonhard Taichstetter aus München, der Schreiber dieser 
Handschrift, angemerkt: A7ino Christi 1469 (roth) und Bl. 282": 
geendt ä domini 1470. 

Die Schreibweise weicht nicht unbedeutend von A ab; Haken 
begegnen wenig und nur über ^l = no, ue, üe und öfter auch über 
einfachem ?t. In der Regel werden die Umlaute durch zwei neben- 
oder übereinander gesetzte Punkte bezeichnet, nur selten (155 schaffiin) 
mittelst Haken. Einmal findet sich durch e ausgedrückte Svarab- 
hakti: 96 hören {: geporen). Abkürzungen werden äußerst selten 
angewendet. 

Sprachlich herrscht zwischen m^ und A Übereinstim- 
mung. Sehr gerne gibt Taichstetter h zwischen zwein Vocalen durch 
ch (vgl. Weinhold, Bair. Grammatik §. 183) : 27 zacheren^ 40 kochen, 
14: zechen, und 134 gefliechen, hingegen setzt er für nächsten im V. 62 
(und so immer) nagsten, 145 hat A zu der linkclien hant, h^ zit der 
glinken hant, m* zue der dencken hant (vgl. über das letzte Adjectiv 
Schmeller, Bairisches Wörterbuch 1*^, S. 524 f.). 104 nemht (A nie- 
mant, h^ niempt) ist wohl ungenaue Schreibung für niemht. — Etwas 
auffällig — wie ein leiser Anklang an den alemannischen 
Dialect — erscheint es, daß alle Adjectiva, welche in A auf -leich 
endigen, in m^ auf -lieh ausgehen, ferner 4:3 spänglin: wangl in {a ist 
nur ein Schreibfehler) und 155 schaffiin (vgl. jedoch Weinhold a. a. O. 
§. 19). Bei der großen Übereinstimmung, die dem Inhalte 
nach zwischen m^ und h^ herrscht^), liegt nämlich dieVer- 
muthung nahe, daß h^ dem Taichstetter als Vorlage ge- 
dient habe. 

Damit stünde auch der verwilderte Versbau im Einklänge. 
Er schreibt nicht nur nicht sorgfältig^), sondern er läßt einzelne 
Wörter weg, z. B. 32 auch, 61 du, 136 daz,, 170 grimm, so daß dieser 
stumpf schließende Vers nur drei Hebungen hat; 164 fehlt gar mit 
allen teufein, so daß als Vers nur zwei Füße: ist berait übrig bleiben, 



') Beide haben 33 schätz : satz , 52 hoffart, 63 lesus, 69 dir, 90 losaphat, 134 
gefliehen, 153 des, 159 da zu Anfang des Verses, 162 ewig vor fewr, 174 weder vor 
ritter, 180 gelrew, 181 dem zu Anfang des Verses; 94 all nach müe:^%en, 131 ir nach 
teuffei', 143 fehlt der nach weg. 

') 27 sele (: q^iel), 37 leivmbt (A lewt) , 57 mit zürnen in (dadurch Reimstörung) 
für mit in zürnen, 141 widerstellen : helle, Reime, wie den letzten, erklärt jedoch 
Weinhold a. a. O. §. 167 aus dem durch Näselung bewirkten Abfall des n. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 329 

54 fehlt ganz. Er schaltet aber aiuh mit ebenso störender Wirkuu}^ 
Wörter ein, so 35 auch , 66 und, 80 doch nach stund, 90 selbs nach 
da, 122 hat nach dich u. s. w. DieVer.se werden dadurch oft überfüllt, 
so lautet V. 75 : 

die nam und die loappen verswindent zu haut, 
71 (soll vor 75 stehen!) 

als sy 10 er de nt dein frewnt des halt vil geschieht, 
89: da^ er an dem jüngsten tag haben loil u. s. w. 

Paraphrasierte Verse finden sich wie in h^ nicht häufig; 
übrigens geht Taichstetter mit den Versen auch sonst willkürlich 
genug um; so lauten die Verse 104 und 105 in A: 
Du hast auch niemant der da swei' 
Für dich da^ du 7inschuldig seist, 
in m*: Du hast auch nemht, der da für dich swer 
Da:^ du tmsckuldig seist; 
in A 122 f.: Der plütvar stvai:^^ für dich gesioitzt 

Hat in seiner gro2,2,en not, 
m^ setzt, wie früher für dich, jetzt hat aus 123 in V. 122, so daß 123 
nur drei Hebungen mit stumpfem Schlüsse hat. In 166 läßt der 
Schreiber das nicht am Ende weg (dadurch Störung des Reimes), 
setzt es aber in den nächsten Vers, so daß dieser überfüllt wird. 

Auch an sinnlosen Stellen fehlt es nicht. So sagt der 
Dichter V. 73 — 76: Ganze Geschlechter vergehen, Namen und Wappen 
schwinden so schnell, wie ein Gemälde an der Wand; statt des 
letzten Gedankens schreibt Taichstetter V. 76 : 

als düT, mel an einer tvant! 
V. 92 sagt A, bei dem jüngsten Gerichte sei es mit dem Glücke (A 
saeld) der Ungerecliten zu Ende; in m^ heißt es: 

und aller ir solt ist gar verzert. 
In 128 steht zweimal werdent (A wem) u. s. w. 

Aus dem Ganzen ist ersichtlich, daß m^ der Hand- 
schrift h^ sehr nahe steht, text kritisch aber noch gerin- 
geren Werth besitzt als diese. Für den Text von A or- 
geben sich aus m' nur einige unbedeutende Besserungen. 

IX. wf. 

Zwei andere Suchenwirtische Gedichte religiösen Inhaltes finden 
sich in w, einer Papierhaudschrift des 15. Jahrhundertes Nr. 2U69 
(Novi 243) der k. k. Hofbibliothek in Wien (vgl. Hoff mann von 

GERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 22 



330 FRANZ KRATOCHWIL 

Fallersleben, Verzeichniß der altdeutschen Handschriften der k. k. 
Hofbibliothek zu Wien, Leipzig 1841, S. 352 f.). Der Einband be- 
steht aus dicken, auswendig mit Leder überzogenen Holzdeckeln; 
innen sind dieselben zum Theil mit Pergament beklebt. Die Außen- 
seiten zeigen Überreste von sehr schöner Pressung, aber das Leder 
ist stark gebräunt, fast schwarz: das Buch scheint einem Brande aus- 
gesetzt gewesen zu sein; noch jetzt wird man beim Befühlen etwas 
rußig. Die Schließe fehlt. Beim Einbinden wurden manche an den 
Rändern einzelner Blätter angebrachte Bemerkungen durch das Be- 
schneiden des Papiers verstümmelt. Nach dem 2. Bande der Tabulae 
codicum, pag. 164 f., zählt die Handschrift 304 Blätter in Quart: es 
sind aber 306; es sollte da, wo 20 und 110 geschrieben wurde, 21 
und 112 stehen. 

Über die Herkunft des Codex läßt sich vollkommen Sicheres 
nicht angeben; gewiß aber entstand er in einem Kloster 
(wahrscheinlich in Österreich). Dafür spricht der Inhalt. 
Gleich das erste Stück (Bl. 1' — 192*") ist ein deutsches florilegium 
asceticum. Daran reiht sich ( — Bl. 262") die Summa virtutum da:^ ist 
ein hoch der lügend (in diesem Theile kommen wiederholt Perga- 
mentblätter vor); den Schluß des Buches machen zwei 
Gedichte Such en wir t's. Das erste (fernerhin Nr. 1 benannt) 
reicht von Bl. 269* — 274*; die Überschrift lautet: Da:^ sind Die czehen 
pot vnsers herren; nach dem letzten Vers folgt in der nächsten 
Zeile: amen amen amen. Bl. 274'' nimmt eine Federzeichnung ein: 
sie stellt die h. Maria mit dem Jesusknaben und der h. Katharina 
dar. Bl. 275'' beginnt das zweite Gedicht (im Folgenden = Nr. 2) 
mit dem Titel: Daz, sind Die sihen freiod unser liehen froivn, es reicht 
bis Bl. 306\ 

Beide Überschriften sind mit rother Tinte geschrieben ; die A n- 
fangsbuch Stäben der Verse (meist über 20 auf einer Seite) sind 
groß;, die Initiale ist größer und ganz roth. Wie in Nr. 37 von A 
(vgl. S. 210) sind in Nr. 1 und 2 von w auch andere Verse auf 
gleiche Weise ausgezeichnet, wenn sie eine Bibelstelle oder einen 
größeren Abschnitt beginnen. Auffällig genug sind es in Nr. 2 
sehr häufig dieselben Verse wie in Nr. 37 von A. — Die in 
der Regel sehr deutlichen Schriftzüge wie die ganze Schreib- 
weise gemahnen an A. Als Haken werden gewöhnlich zwei 
neben- oder schief übereinander stehende Punkte gebraucht, seltener 
'^ *" und vereinzelt ''' (2, 1134 chunig); i finden sich verhältnißmäßig 
wenig; Halbdiphthonge werden seltener als in A durch Haken be- 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SÜCHENWIRT-HSS. ,^{31 

zeichnet, Svarabhakti nur durch i ausgedrückt, bego_£;non aber hiiulig, 
selbst im Reime. 

Die etwas flüchtige Art des Schreibers zeigt sich in dem 
häufigen Weglassen des I-Punktes sowie in dem Fehlen einzelner 
Wörter, wodurch Sinn oder Rhythmus in Nr. 1 an acht, in 2 an 
17 Stellen gestört und einige stumpf schließende Verse (1, 15, 57; 
2, 709, 965) auf drei Hebungen reduciert werden. In 2, 1196 wurde 
das Reimwort auf herren ganz vergessen, wie denn die übrigens nicht 
zahlreichen Schreibfehler gerade in Reimen vorkommen (1, 112 
vncMusch". : geteusche, 2, 23 ßorif : Sitchemcuf , 420 uindl : chuidel und 
1384 rawen ipusaunen'^ vngreiißeichaii in 2, 252 halte ich für kein Ver- 
sehen, sondern für absichtlich, freilich recht übel angebrachte Ände- 
rung des Schreibers, hingegen beruhen zwei sinnlose Stellen in den 
sieben Freuden (596 smekchen und 1312 daz) offenbar auf Sclireib- 
fehlern. 

Die vielen ?(, ne, o, für welche A w, üe, ö oder oe schreibt, 
möchte man auf den ersten Blick auch auf die Flüchtigkeit des 
Schreibers zurückführen, sie sind aber vielmehr aus dessen Dialect 
zu erklären; im Allgemeinen jedoch sind die sprachlichen 
Unterschiede zwischen A und w gar nicht erheblich, w 
liebt = « und d; fast immer begegnet froroe (2, 1503 frowen : ge- 
paiven), wann (A loenn) und do\ in mirkchet (2, 462) steht i r= ;/ = ia 
(vgl. Weinhold, Bair. Gramm. §. 88 und 117). Besonders beliebt ist 
h für w (1, 232 ehig, 2, 1004 hebeiset, 585 imhirdig) und w für h (2, 
562 Walchasar, 173 ^c^s, 827 icegund, 955 iceheist, vgl. a. a. O. §. 124 
und 136). Regelmäßig setzt unser Schreiber p zwischen stammschlie- 
ßendem m und der Endung t (2, 924 zimpt, a. a. O. §. 122); Einsehtib 
des lingualen Nasals erscheint nur 1, 183 \xx jungent (: tugeni, a. a. O. 
§. 168), Ansatz von t öfter, so 1, 19 dennocht, 56 u. ö. aptgot (a. a. ( )• 
§. 133), Abfall des g nur 2, 989 in hpylitum (a. a. O. §. 176). Immer 
schreibt er tumnie, werlt (2, 911 im Reime auf gelt), wertleich und dif, 
(A di)'^ in 1 zieht er die Endung -e, in 2 die Endung -ew (en) vor, 
selbst im Accus, sing. fem. (141 icareiv, 213 liebexo. 372 swangereic, 
a. a. 0. §. 368 und 370). sölher wechselt mit soüiev' die Grundzahlen 
endigen auf -czig (A 37, 767 sibenzk). Mit ge- zusammengesetzten Sub- 
stantiven ist der Schreiber von w nicht hold, hingegen zeigt er Vor- 
liebe für t in der 3. Person pl. ind. des Präsens, 

Aus dem Gesagten würde die große Menge von Unterschieden 
zwischen w und A erklärlich sein. Die meisten Abweichungen — 
und das ist das Charakteristische für w — rühren aber von 

22* 



332 FRANZ KRATOCHWIL 

der Neigung des Schreibers zu Synkopen und Apokopen. Durch er- 
stere fällt in 1 an 15, durch letztere an 20 Stellen die Senkung, 
meistens vor der letzten Hebung, aus (wo sie in A bewahrt 
wird); in 2 stehen circa 20 den Ausfall der Senkung bewirkenden 
Synkopen nahezu viermal soviel Apokopen gegenüber. Mehr als die 
Hälfte der letzteren finden wir vor der letzten Hebung; einen 
großen Beitrag dazu liefert und für unde in A. Durch Apocope im 
Reime erhalten in 1 die Verse 41, 42, 105, 106, 112, 137 und 138 
stumpfen Schluß mit nur drein Hebungen, in 2 die Verse 685 und 686. 
1409 und 1410. 

Weitaus weniger häufig sind die Fälle, wo w die volle Form her- 
stellt. Doch kann man sagen, es zeigt sich in w Neigung für die 
volle Form des Possessivpronomens, des unbestimmten 
Artikels und des Infinitivs. Eine verhältnißmäßig geringe 
Zahl von Abweichungen wird herbeigeführt durch Um- 
stellung d erWörter und durch inhaltliche Verschiedenheit. 

Immerhin ist w, wenn auch in Bezug auf die beiden Gedichte 
nicht gleichwerthig mit A, ein Gewinn für die Textkritik: 
manche der von P in seiner Ausgabe S. 168 berührten Mängel in A 
werden durch w behoben und viele von Koberstein in seinen Abhand- 
lungen gemachte Besserungsvorschläge erhalten durch w Bestätigung. 
w könnte aus A entstanden sein. 

X. in-f. 

Die beiden Gedichte finden sich auch noch in einer dritten, aus 
dem 15. Jahrhundert stammenden, der königlichen Hof- und Staats- 
bibliothek in München gehörigen Papierhandschrift. Sie führt die 
Nr. 1113 und zälilt 134 Blätter in Folio. Die Handschrift ist in Holz- 
deckel gebunden, welche mit rothem Leder überzogen sind; die bei- 
den Schließen fehlen. Der Rücken trägt ein Schild mit der Inschrift: 
Das Burgerrecht zu Wienn. — Thatsächlich enthält der Codex Bl. 1 — 42 
verschiedene Rechte und Satzungen, magistratische Anordnungen u. s. w. 
der Stadt Wien (aus dem Jahre 1375) und Bl. 43—74 das Stadt- 
recht von Wien. Von den übrigen Stücken (vgl. Schmeller's Katalog 
der deutschen Handschriften, 1. Theil, S. 169 f.) erwähne ich die 
Ungeltordnung Rudolfs vom Jahre 1359 und eine Fischmarkt- 
ordnung (Bl. 80 — 83). Bl. 93* befindet sich folgendes, mit rother 
Tinte geschriebene Register: Hie hebent sich an siben püch. 

Von erst hebt sich an das puech und sagt die heiligen stet und 
genad und den antlas in dem heiligen lant czü Jerusalem und darnach 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-IISS. ;3;}3 

Die czehen gepot unsers herren (Sucheuwii-rs Gedicht beginnt 131. 96' 
linke Spalte mit der Überschrift: Das dud die zehen pot unsers 
herren Jesu Christi und endet Bl. 97'' rechte Spalte; dem letzten 
Verse folgt Amen [mit rothverzierten großen Buchstaben], i-in Doppel- 
punkt und ein Schnörkel.) 

Das ander puech sagt Die sihen freicd unser fraiven und die neion 
chör loie sij Darinn enphangen ist (Sucheuwirt's Gedicht folgt unmittel- 
bar den zehn Geboten Bl. 98' linke Spalte, hat dort die Überschrift: 
Das ist das ander puech die siben freiod, uns fräxoen Vnd Die neum chur 
Der engel und reicht bis Bl. 112'' linke Spalte.) 

Das dritt puech sag von den ßhiß fürsten\ von de von Maijlan tind 
von Margraf Sigmund vnd von kern charlnr Vnd von herczog ivilhalm 
vnd herczog leitpolten seinem vater paid fürst en in Österreich (das Gedicht 
schließt sich an die sieben Freuden Bl. 112'' linke Spalte mit dem 
Titel: Das ist Das Dritt puech Vnd ist von den fUrsten, es endet Bl. 114** 
rechte Spalte; alle drei Überschriften sind roth, dosgleichen der An- 
fangsbuchstabe jedes ersten Verses, aber auch anderer Verse, meist 
zur äußeren Bezeichnung der logischen Gliederung. Die übrigen An- 
fangsbuchstaben sind groß und roth durchstrichen.) 

Das vierd puech ist die reget der heiligen christenhait vnd lert uns 
rechten christenleichen gelawhen und bechennen unser s^'ind (Bl. 115 — 125 
befindet sich ein Gewissensspiegel , aber nicht mit der Bezeichnung 
vierd puech.) 

Das fünft puech sagt den antlas den man vint und verdient zu 
ram vnd wer ram gepäwt hat und von alter auf chomen ist mit swi- 
pogen vnd mit säiollen 

Das sechst puech pliiemster chunst czi'i steicr genannt Die schon 
Auentewr 

Das sibent puech ist hern fridreichs Des khreio^pekchen 
rays Sechs veldstreit Die er geföchten hat an ander Auentewr Die im 
geschehen sind 

Das sechste und siebente Buch beziehen sich ohne Zweifel auf 
die bekannten Gedichte Suchenwirt's, sie finden sich aber, gleich 
dem fünften Buche, leider in der Handschrift nicht vor; denn 
Bl. 126 ist unbeschrieben, dann folgen Bl. 127 — 130 lateinische Hymnen, 
Bl. 131 — 132 ein Gedicht Jacob Vetter's auf König Ladislaus 
von Böhmen 1452 und Bl. 132 chronologische Notizen über Wiener 
Begebenheiten aus den Jahren 1450 — 1463. Daran reihen sich 
26 leere Blätter; Bl. ISS*" enthält Nachrichten über einen Kometen 
vom Jahre 1402 und Bl. 134 Namen, die Osterreich gehabt. Höchst 



334 FRASfZ KRATOCHWIL 

wahrscheinlich waren die unbeschriebenen Blätter für die drei letzten 
Bücher bestimmt. Da m'^ den Text in zwein Spalten bringt, jede durch- 
schnittlich 25 abgesetzte Verse enthält , so würden auf das sechste 
und siebente Buch 7, höchstens 8 Blätter gekommen sein, so daß 
noch 18 Blätter für das fünfte Buch übrig geblieben wären. 

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich mit größter 
Wahrscheinlichkeit, daß m'' in Osterreich entstanden und 
auf unbekannte Weise (vielleicht aus einem Kloster in ein anderes 
desselben Ordens) nach Baiern kam und zwar nach Regensburg, wie 
Docen in der Sammlung für altdeutsche Literatur und Kunst, 1. Band, 
1. Stück, Breslau 1812, S. 152 — 160 angibt, und von da nach München. 
Docen nennt das Gedicht von den zehn Geboten unbedeutend, wohl 
aber gefällt ihm der Anfang von den sieben Freuden Mariens, den 
er auch nach m'^ mittheilt. Die ganze Anzeige dieser Handschrift 
macht den Eindruck des Überstürzten und rasch Hingeworfenen. — 
P kannte sie, wie aus pag. LII der Einleitung und einer Bemerkung 
S. 159 seiner Ausgabe zu ersehen ist, aber m'' selbst benützte er 
nicht, gewiß nicht zum Vortheile der Ausgabe. Da er (gleich a, B 
und m') w nicht kannte, hätte er für letztere Handschrift in m^ Ersatz 
gefunden, denn zwischen w und m*^ herrscht große Überein- 
stimmung. 

Nicht nur kehren die in w vorkommenden Synkopen und Apo- 
kopen sowie die vollen Formen statt der in A synkopierten und apo- 
kopierten in m'^ fast regelmäßig wieder, sondern es zeigt sich 
auch in anderen, oft ganz unbedeutenden Details nicht 
selten eine geradezu überraschende Übereinstimmung. 
Zum Beweise des zweiten Theiles dieser Behauptung führe ich nur 
einige Stellen an, und zwar aus den zehn Geboten: 15 fehlt schulden 
in w und m*^, 32 w die fürten auT, egippen lernt, tnP- die fürten a. e. L, 
34 wm" czogten, wm" pot im Titel, V. 44, 53, 71; 42 w toas an her- 
herg, m" iv. a. herioerg , wm" 52 im der, 56 apfgot, 100 erparm und 
107 niemafi, 115 w chüfifte, m" chünfft, wm" 116 merch da^ ist, 141 
nickte, 142 clianst, 165 vrte{ä) gleichen , 172 in deinen, 188 hab, 190 
chains, 197 fehlt auch, 200 merkcht , 202 sein gilt, 218 simd ver- 
meideii, 222 fehlt tmd] ferner aus den sieben Freuden Mariens: 13 w 
lüOricht, m.^ loorcht, wm** 16 Saffir charfunchel seh. e. , 57 ßinse, 
65 ew, 81 peste, 111 (und sonst) teuf eis, 152 alle:^{s) sein(e)s gepotes, 
155 henden, 292 muemen, 324 loovon chü(it)mpt, 339 gewOricht, 223 
der vers der, 238 volloben, 252 heg und ye, 256 u. 1214 heschermf, 
272 fehlt gro2,2,n, 290 hie nahent, 370 do pei ez,, 404 schön umh- 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DHK SUCHENWIKT-HSS. 335 

lüunden, 442 achs, 443 alle':, 471 u. 562 walchase{a)r, 4U1 snelleichen, 
497 tüO lesm, 525 leiccht , 574 zioainczig, 501 Äew? wwit, 622 vergehend, 
687 truchent, 689 a// fehlt, 701 schilich : mi/iV/?, 855 dennoch, 963 
losophat, 973 Ninivet, 1040 b{2J)eschribcn , 1048 ncmunder, 1090 </e- 
sete«, 1108 /reii^e^cm, 1203 «am'!', 1256 söllch , 1264 register, 1276 
pwcÄ an vnderlas, 1282 gotes müter, 1289 ■•<eind, 1322 y*^?*«^ nach, 
1324 Uligen, 1325 hestrSwt, 1349 (Z<'//n (A tZan«), 1362 salmon, 1403 
yedie, 1418 w statichleich, m'^ stätleichj 1475 wm'- vorlcht : «r/iu^r- 
b{iv)0richt, 1513 wann, 1529 m/i /tiZ/ s?t steior. 

Zudem gilt Alles, was ich über die Schreibweise in w gesagt, 
von m'^. Es liegt daher die Annahme, daß av und m'^ von einem und 
demselben Schreiber herrühren, sehr nahe, aber derselben widerspricht 
die Ungleichheit der Schrift. Auf die zunächst sich aufdrängende 
Frage, wie es komme, daß zwei verschiedene Schi-eiber so auffallend 
gleiche Abweichungen sich erlaubten, gibt es nur die Autwort, daß 
eine der beiden Handschriften aus der anderen geflossen sein muß, 
und zwar halte ich w l'ür die Vorlage von m*^. Denn dieser 
Codex, welcher im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts ent- 
standen sein mag, zeigt nicht nur jüngere Schriftzüge als w> 
es fehlen in nx^ auch ganze Verse, so in Nr, 1 die Verse 48, 
98, 112, in Nr. 2 die Verse 335 und 336. 

Überhaupt scheint mir m" etwas weniger sorgfältig abgefaßt zu 
sein als w; es sind viele einzelne Wörter abgängig, in Nr. 1 
an elf Stellen, in Nr. 2 fast zweimal so viel wie in w, wobei in Nr. 1 
die Verse 15, 91 und 197, in Nr. 2 die Verse 946, 978, 1181 und 
1317 nur drei Hebungen bei stumpfem Schlüsse haben. Ferner linden 
sich in Nr. 2 von m" folgende Reime: 11 magt (A maii) : herait, 175 
märbel : hermel , 309 siten : mit und 1504 gepaivet : fraiven. Aus der 
Sorglosigkeit des Schreibers erklären sich daselbst auch die sinn- 
losen Stellen: 110 erhört (A der hört), 124 gepot, 834 glauben, 1310 
er (A mer), 1344 ist (A ich), 1423 hiet (A hie). 

Bestünden aber auch die gegen die Identität des Schreibers er- 
hobenen Einwände nicht, man könnte doch nicht w und m^ dem- 
selben Schreiber zuweisen, da m" einige, wenn auch ganz 
unbedeutende sprachliche Eigen thümlichkeiten zeigt. 
So gebraucht der Schreiber von m'^ die und di, wie solch, solch und 
solich, immer zxvelif (Weinhold, Bair. Gramm. §. 258) und v)Glt, nahezu 
ausnahmslos fraio , in Nr. 1 immer da, in Nr. 2 auch häufig do, wie 
denn daselbst viel öfter als in Nr. 1 Vertauschuug von a mit be- 
gegnet. Widerstand gegen den Umlaut zeigt in ra** zuweilen a (2, 182 



336 FRANZ KßATOCHWIL 

den swaren last), in Verbindung mit einem Lingualen finden wir 
h für w in 2, 236 sbebt — eine Erscheinung, die besonders in Tiroler 
Denkmälern (a. a. 0. §. 124, S. 128 unten) zu treffen ist. In Tirol 
namentlich, aber auch in den anderen österreichischen Alpenländern, 
wird gerne in der 3. Person sing. ind. des Präsens das t abgestoßen: 
2, 630 schreib (a. a. O. §. 122); 2, 1036 begegnet örnleicher (A orden- 
leicher). 

Im Allgemeinen darf man wohl w und m*^ in Bezug auf 
die zwei besprochenen Gedichte als gleich betrachten, 
es gilt daher auch das über den Werth und die Bedeutung 
von w für die Textkritik Gesagte im Ganzen von m^. 

Zum Schluß muß noch erwähnt werden, daß im Gedichte 
von den sieben Freuden die Verse 1 — 358 in derselben 
Weise aufeinanderfolgen wie in A, somit nicht in der Anord- 
nung, die ihnen P in seiner Ausgabe S. 123 — 127 gegeben. In Awm' 
verkündet der Erzengel Gabriel der heil. Maria, daß sie die Mutter 
Jesu und ihre Muhme Elisabeth einen Sohn gebären werde. Maria 
besucht sie, Elisabeth preist Maria selig, diese bleibt bei Elisabeth, 
bis Johannes geboren wird und kehrt dann nach Nazareth zu Joseph. 
Der Dichter schildert umständlich des Letzteren Traurigkeit, die ihm 
Marions Zustand verursacht. Aber ein Engel erscheint ihm in der 
Nacht und klärt ihn auf. Da wird der alte Joseph freudenreich und 
sagt zu Maria: Mir ist Alles kund geworden, worauf Maria mit den 
Worten des Magnificat antwortet. Nun kam die Zeit, wo Joseph und 
Maria in Folge des kaiserlichen Gebotes, das Land zu beschreiben, 
sich nach Betlehem begeben u. s. w. — Dieser Gang stimmt insoferne 
nicht mit dem biblischen Bericht, als dort Maria das Magnificat nicht 
vor Joseph, sondern bei dem Besuche Elisabeths spricht. P, dem zur 
Veröffentlichung dieses Gedichtes nur A vorlag, glaubte nun daß 
diese Verschiedenheit vom Abschreiber herrühre, „der ein paar Blätter 
früher abschrieb, als sie der Folge nach eingeschaltet werden sollten" 
(PS. 168). Er stellte daher die Verse um, während in A auf 
218 die Verse 291—358 und dann 219—290 folgen. Primisser's 
Verfahren ist begreiflich. Wir aber, die jetzt denselben Gang wie in A 
auch in w und m^ wiederfinden, müßten glauben, daß die Schreiber 
von w und m^ durch einen an's Wunderbare grenzenden Zufall gerade 
dieselben Blätter zu früh abschrieben, oder daß w aus A entstanden 
und m" aus w. Nun ist das zweite Glied der Disjunction allerdings 
wahrscheinlich, aber nicht zu beweisen. Daher könnte ich 
mich als Herausgeber zu der obigen Umstellung der Verse im Gegen- 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIKT-HSS. 337 

satze zu allen Handschriften nur dann entschließen, wenn diese 
wirklich nothwendig ist. Das ist sie aber, wie wir gesehen haben, 
nicht. An sich ist es ja gar nicht auffällig und gewiß ebenso berech- 
tiget, wenn Maria, als sie die Traurigkeit Josephs weichen sieht, in 
die Dankesworte des Magniticat ausbricht. Ich halte daher die 
handschriftliche Anordnung der Verse 1 — 358 für die ur- 
sprüngliche, von Suchenwirt selbst herrührende'). Warum 
er vom biblischen Bericht abwich, läÜt sich nicht sagen; an einen 
Irrthum ist nicht zu denken. Gewiß hat er die alttestamentliche Reihen- 
folge der zehn Gebote gekannt, und wie verschieden ist seine An- 
ordnung der zehn Gebote! Übrigens finden wir solche Abweichungen 
auch anderv.'ärts, ich verweise hier nur auf den geistlichen wagen 
(vgh S. 327). 

Das dritte Suchen wirtische Gedicht in m^ führt uns 
zu Nr. 3 in C Die sprachlichen Unterschiede zwischen beiden 
Fassungen dieses Gedichtes erklären sich durch das höhere Alter von 
m^, die metrischen durch Neigung in C, im Verse gleichmäßigen 
Wechsel von Hebung und Senkung herzustellen (vgl. S. 308). — Eine 
Vergleichung beider Handschriften fällt entschieden zu 
Gunsten von m** aus. Trotz mancher Fehler, von denen bei anderer 
Gelegenheit die Rede sein wird, liefert m** im Vergleiche zu C nahezu 
dreißig recht brauchbare Lesarten. Anderseits sind die Ver- 
schiedenheiten zwischen m'^ und C keineswegs derartig, 
daß nicht N die gemeinsame Quelle beider gewesen sein 
könnte. 

XL gf. 

Höchst wahrscheinlich stammt aus derselben Quelle 
auch g, ein der herzoglichen öffentlichen Bibliothek zu Gotha ge- 
höriger Papiercodex B, Nr. 271. Dankbar rühme ich hier die große 
Liberalität, die mir der Herr Oberbibliothekar Geheimer Hofrath Pro- 
fessor Dr. W. Pertsch durch Übersendung der werthvollen Pland- 
schrift nach Wien bewiesen hat. 

Diese, mittelquart, in starken Hulzdeckeln, welche mit roth- 
braunem, feingepreßtem, einstmals reich vergoldetem Leder überzogen 
sind, hatte Schließen und zählt gegenwärtig 201 Blatt. Da aber die 
an dem Codex in jüngster Zeit mit Tinte angebrachte Blattzählung 
das erste Blatt nach dem Deckel nicht zählt, so kann mit demselben 



*) In die.ser Untersuchung bin ich aber überall, wo aus den sieben Freuden 
Verse citiert werden oder auf welche verwiesen wird, der Zählung Priinisser's gefolgt. 



338 FRANZ KRATOCHWIL 

Rechte auch das letzte nicht gerechnet werden, und es sind dann 
199 Blätter. Übrigens ist, da das dritte Blatt aus Versehen nicht 
eingezählt ward, die angebrachte Zählung von incl. 3 bis incl. 164 
unrichtig; da aber nach Bl. 164 statt 165 gleich 166 gezählt ward, 
so ist das frühere Versehen ausgeglichen und die Zählung von incl. 
166 bis Ende correct. 

Die Handschrift enthält, von dem letzten Stücke abgesehen, nur 
Poetisches, und zwar von Teichner Bl. 9 — 94'' Liher Sapientie (dieser 
Titel stammt von dem ehemaligen Eigenthümer der Handschrift, 
Augustinus von Hamer steten; er selbst schreibt sich H am er- 
st etenn, vgl. S. 339 ff.) und Bl. 94*" — 136'' Von unser frawen en- 
phenknuss, 136'' — 177" von Konrad von Würzburg die Guidein Smyt, 
178* — 183* von Suchenwirt spruch von fünff fursten (vollständig lautet 
die rothe Überschrift: Den 'spruch hat gemacht peter der Suchen\wirt 
von fünf fursten), 183" — 188'' von Teichner: In der Römer puch man 
las (Hamersteten bemerkt daneben: von ainer edlen Kaiserin). 

Während die goldene Schmiede an das zweite Stück so un- 
mittelbar sich fügt, daß an dessen Ende gleich der Titel von Kon- 
rads Gedicht sich reiht, obwohl auf dieser Seite nur mehr ein Raum 
von einigen Zeilen frei war, also (und so überall) die größte Aus- 
nützung des Raumes sich zeigt: folgte auf das oben zuletzt 
angeführte Stück Teichner's, obwohl noch die halbe Seite frei war, 
ursprünglich nichts als die zwei Verse: 

Also hat da^ puch ein ende 

Got hehiit vns vor missewende — 

Es haben nämlich diese Stücke einmal für sich allein 

einen Codex gebildet, welcher nicht vor 1386 beendet worden 

sein kann, wohl aber auch nicht viel später: also zu Ende des 

14. Jahrhundertes oder im äußersten Falle zu Anfang des 

15. Jahrhundertes. 

Das sagt uns die Schrift, die nur auf einen Schreiber hinweist 
und in den Zügen, der Gefälligkeit, Reinlichkeit und leichten Lesbar- 
keit nach an die besten Theile von A erinnert. Auffallend ist, daß 
in den meisten Fällen die Punkte über i fehlen. Als Abkürzungs- 
zeichen erscheinen '^ = ?■ und er, um inlautendes e anzuzeigen, 
und r^ = reich in Osterreich] als Haken gebraucht der Schreiber 
gewöhnlich ' ", sehr selten ' und nur über u (33 fnr z= für), über?/ 
einen Punkt; über aus d entstandenem e (= m) findet sich häufig 
^ oder ^ Svarabhakti werden durch Haken nie bezeichnet, Halb- 
diphthonge nur vereinzelt (31 recht, 34 gepürd, 200 schemleich), aber 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHEN WIKT-IISS. 339 

auch die Diphthonge nicht consequent; besonders bei den vf-Lauton 
fehlt der Haken oft, so steht ü = n, m, vo, ue, dann kommt wieder 
für alle diese Laute ein bloßes u vor. Sonstige Schreibfehler hin- 
gegen (wie 58 smaikchen : czaichen) sind ganz selten. 

Die äußere Anordnung der Verse ist sehr gleichmäßig: jede Seite 
ist von vier schwarzen Strichen eingesäumt und enthält in einer un- 
gespaltenen Columne 24 abgesetzte Verse. Zwischen der ersten und 
zweiten Zeile befindet sich ein schwarzer Strich. Jeder Vers beginnt 
mit einem großen Buchstaben, die der ungeraden Verszcilen sind 
überdies roth durchstrichen. Dort, wo dem Sinne nach ein Ab- 
schnitt beginnt, steht eine bedeutend größere ganz rothc ^lajuskel. 

Sprachlich herrscht volle Übereinstimmung mit C 
(wenn man von einigen unbedeutenden Änderungen der Schreiber, 
wie schl = sl u. s. w. absieht) und m" (nur liebt g nicht den Wechsel 
von b und ic), und dies ist nicht auffällig, da g gleichfalls aus 
()ster reich stammt, und zwar höchst walir seh ein lieh aus 
Wien. Schon der Inhalt läßt das vermuthen : drei Viertheile der 
Handschrift kommen auf den Wiener Dichter Teichner, fünf Blätter 
auf den in Wien ansäßigen Suchenwirt, 40 auf Konrad von Wllrz- 
burg. Aber auch die Zut baten zu Anfang und Ende des 
Codex stammen aus Wien, wenn auch aus späterer Zeit. 

Die Handschrift war nämlich zu Ende des 15. Jahrhundertes 
Eigenthum des Augustinus von Harne r steten in Wien. Dr. J. G. 
Tb. Gräße nennt ihn S. 1166 des Lehrbuches einer Literärgeschichte 
der berühmtesten Völker des Mittelalters, 2. Bd., 2. Hälfte der 3. Ab- 
theilung', 1843, einen österreichischen Meistersänger; Belege hie- 
für bringt er nicht. In Ritter's geographisch-statistischem Lexikon 
(1. Bd., 6. Aufl., 1874) findet sich unter allen hier in Betracht kom- 
menden Orten nur ein Hammerstetten, und zwar in Baiern, Kreis 
Schwaben, Bezirksamt Günzburg. In Zedler's Universallexikon bei 
gegnet S. 395 des 12. Bandes (1735) ein Hammerstaettl oder 
Hamry, Marktflecken im Czaslauer Kreise in Böhmen mit gutem 
Eisenbergwerke. — Sicher ist, daß A. von Hamersteten sich 14'.)6 in 
Torgau aufhielt. Hier vollendete er seine Histori vom Hirs mit den 
guldin ghurnVnd der Füratin vom pronnen. Zu Ende derselben schrieb er: 
^4. de Hamersteten Cancellarius. Finitum Torga Sabato vüji"- ijahnarunt 
A" 1496. Dieser auf 36 Blätter Papier in üctav geschriebene und 
aufs Schönste gebundene kleine Roman behandelt die Liebschaft des 
Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen mit der Gräfin 
Amalia von Schwarzburg, Gemahlin des Grafen Günther XXXIX. 



340 FRANZ KRATOCHWIL 

Das Büchlein widmete Hamer steten dem genannten Kur- 
fürsten, der es nach einer am Schlüsse desselben von jüngerer Hand 
angebrachten Bemerkung sehr lieb hatte. Jetzt befindet sich dasselbe 
als Handschrift M 279 auf der königlichen Bibliothek zu Dresden 
(vgl. Dr. Franz Schnorr von Carolsfeld, Katalog der Hand- 
schriften der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden, 2. Bd., 
Leipzig 1883, S. 518 f.). Der Bibliothekar Heinrich Jonathan 
Clodius ließ nebst einigen einleitenden Bemerkungen das Büchlein 
imDresdnischen Magazin, Bd. 1 (Dresden 1760), S. 18 — 31 und 
131 — 152 abdrucken. Auffällig ist, daß der Verfasser des Büchleins 
sowohl S. 23 als 152 Haramersteiw genannt wird, ebenso bei Ben- 
jamin Gottfried Weinart, der diesen Aufsatz aus dem Dresd- 
nischen Magazin, das nach 20 Jahren ziemlich vergriffen war, im 
zweiten zu Leipzig 1784 erschienenen Theil der Neuen sächsischen 
historischen Handbibliothek S. 1 — 43 abgedruckt hat. In dem- 
selben Jahre wurde zu Leipzig Hamerstetens Erzählung in der Sprache 
modernisiert und mit Anmerkungen versehen, herausgegeben im dritten 
Stück des ersten Jahrganges des Sammelwerkes: Für ältere Lite- 
ratur und neuere Leetüre S. 107 — 138 von Ganz 1er und Meißner. 
Leider bieten die genannten drei Werke keinerlei Aufschluß über 
Hamersteten's Lebensverhältnisse. 

Im Jahre 1497 ist Hamer steten in Wien. Hier überreicht 
er, unbestimmt ob zum Ankauf oder — was viel wahrcheinlicher ist — 
als Geschenk dem damals mit seinem Bruder Johann in Wien weilen- 
den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich dem Weisen, einen Papiercodex, 
der nunmehr in der herzoglichen öffentlichen Bibliothek zu Gotha 
unter der Bezeichnung B Nr. 50 verwahrt wird. Die Handschrift be- 
steht aus 277 Blättern in Quart; jede Seite zählt 24 Verse (vgl. S. 339 
oben) ; die Schrift ist sauber und stammt aus dem Ende des 15. Jahr- 
hunderts. Auf der Rückseite des ersten Blattes heißt es: Dises Puch 
sagt von der Zioitracht vnnsers Herrn Kaisers vnd seinem Bruder Her- 
czog alhreclit vnd der lantschaft Osterreich vnd abfal der von wien vnd 
stet das man es lesen mag als einen spricch oder singen als ein lied vnd 
Michel Beham hat es gemacht vnd es haisst in seiner Angst loeiss wan 
er fieng es an zu wien In der purg do er In grossen Ängsten loas iver 
es singen woll der lieb es in diesen noten hie also an. Auf der folgenden 
Seite beginnt das Gedicht mit sechs Reihen Musiknoten. Wir haben 
es also mit Michael Beheim's Buch von den Wienern zu 
thun. In diesem erscheint aber Augustinus von Hamer- 
steten selbst als handelnde Person, als Begleiter des kaiser- 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCHENWIRT-HSS. 34] 

liehen Obersten von Uraveneck, den die Wiener im Jaliro 1462 
niedergeworfen hatten; er vertheidigte ihn mit noch vier Anderen, 
die Beheim mit Namen anführt: 

Aiiier (jenant u-as Asani schraniz 

Des manheif die wass vest vnd aontz 

Der stund neben dem Hern sein 

Von Hammerstetten Augustein 

Neben seinem Hern stunde 

Ein Arm ward Im verivunde. 

Die andern drey loaren vor dem Thor u. s. w. 
Vgl. Th. Gr. V. Karajan, Michael Beheim's Buch von den Wienern. 
W^ien 1843, S. LXXX f. und S. 53, Vers 7 ff., ferner Fr. Jacobs 
und F. A. Ukert, Beiträge zur älteren Literatur oder Merkwürdig- 
keiten der herzoglich öffentlichen Bibliothek zu Gotha, 3. Bd., 1838, 
S. 94 — 98. — Die Handschrift hat Haraersteten mit mancherlei Rand- 
bemerkungen versehen, so schrieb er auf der ersten Seite am 
oberen Rande: 1496. Soli altissimo. Idem vi infra. Ar^ daneben: 
4. feria post palmarum in Torga (vgl. S. 339). A. . . .x A/uio 1496 \ 
zu S. 53, V. 5 u. 6 (Ausgabe Karajan's): V nobiles stipendidrii Impera- 
toris, wodurch er sich nach Karajan's Meinung als kaiserlicher Söldner 
bezeichnet. Zum Vers 31 der Seite 33 machte Hamersteten am unteren 
Rande der Seite folgenden auch mit Ebendorfer's Angaben (Pez 
II, 974) stimmenden Zusatz: 

An hohen markt hin dazumal 

Der Wiener Henker Maister pal 

Hett Ein längs swert an der seiten 

Snell richten on alles peiten 

Schryen die pluthund alle 

Daz tet gar vhel gevalle 

Den gefangnen mitsambt Grafneken 

Zesterben loaz ser erschrecken. 

Daz schreibt A von Hamersteten 

Vil lieber iver Er getreten 

Frey hin durch Doriv ger xoarde 

Daz solt Ir Im glauben pa/de 

Von gotz q)iaden ward nichtz darauss 

HoUtzer Hess füren in sein Haivs. 
Im October 1497 — also wahrscheinlich bei Gelegenheit der 
Überreichung des Buches von den Wienern — geschah es, daü 
Hamersteten die Handschrift g, der er eine gereimte Wid- 



342 FRANZ KRATOCHWIL 

mung — wahrhaftig kein poetisches Meisterstück — vorangestellt 
hatte (Bl. 1 — 8), dem genannten Kurfürsten von Sachsen anläßlich 
des bevorstehenden Jahreswechsels zum Geschenke machte. 
Gegen den Schluß seiner Zueignung sagt Haraersteten: 

Ewr gnad nemhs hin 

Z%i c^ef allen, das pitt ich ser 

Dann mecht ich has, so tet ich mer 

Seidmal ich Aurum ivenig hob, 

So geet mir auch Argentum ab. 
Über den Inhalt des Codex spricht er auf den zwei letzten 
Blättern der Widmung'); hiebei nennt er Teichner einen „berümbten 
Tichter wol bekannt". An seinen Dichtungen bringt er auch aller- 
hand Änderungen an, während er Konrad von Würzburg und 
Suchen wirt glücklicherweise verschont. Ja, er bemerkt rechts von 
den neun ersten Versen des Suchen wirtischen Gedichtes ausdrücklich : 

Ich hah die ding nit corrigirt 

Von dem peter süchemvirt 

Laß beleihen in Irem lo'firdt 

Als man dauon sagen h'ert seil, audit. 
Zum letzten Gedichte Teichner's schreibt er Bl. ISS"": 

Was der teichner hat gesetzt 

Daz ist gut vnd vnuerlefzt 

In Syben vnd auch in Acht 

Der Sillelb zal wol gemacht 

Collatinirt, durch yettenn 

Hat:^ A. von Hamerstenn (offenbar Schreibfehler!) 

Vberal gerichtet gleich 

Hie Zu Wienn in Osterreich. 
Darauf Bl. 189" wieder eine Vorrede Hamersteten's zu dem letzten 
Stücke der Handschrift, der Zuthat am Ende, Clenodium genannt 
(Bl. 190"— 199*'). 190'' unten steht mit rother Tinte: 

Anno Domini zc. XLII1° zc 

per me — lo — p. scriptum ~ 
und Bl. 199'' unten ein Wappen, daneben: Clenodium venerahilis viri 
Domini icolfgangi Clementis plebani Noueciuitatis et Canonici Ecclesie 
Collegiate Sancti steffany wienn zc Sub Anno domini zc XLIII". Die 
Schrift ist eine andere als in der Vorrede und älter, aber jünger als 



') Einige auf den Inhalt des Codex bezüglicbe Stellen dieser Zueignung hat 
Tentzel in den Monatlichen Untersuchungen 1691, S. 928 f. veröffentlicht. 



ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND DER SUCnENWIRT-HSS. 343 

die des Codex: sie kann nur aus dem Jahre 1443^) stammen; 
nicht von 1543, da die Handschrift schon 1497 nach Sachsen kam, 
und aus dem Jahre 1343 nicht, weil es damals eine (Jollegiat- 
kirche St. Stephan noch nicht gab. Das Jahr 1443 stimmt auch 
ganz gut mit dem Lebensgange des genannten Wolfgang. Die Hand- 
schrift Nr. 100 '') des k. und k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs enthält 
in Tora. 4, Bl. 278" — 325'' die Series Canonicorum Ecclesiae S. Ste- 
phani, Viennae 1365—1783 (vgl. Dr. Const antin Edler von 
Böhm, Die Handschriften des k. und k. Haus-, Hof- und Staats- 
archivs, Wien 1873, S. 32). Bl. 286" findet sich zum Jahre 1424 be- 
merkt: Dominus Wolfgangus Clementis^) Canonicus instnlkitus i)i die 
Sancti Jeronimi. 29"" {siel) Septembris. Ohiit 1445. Während Wolfgang 
sein Canonicat in Wien versah, war für ihn Pfarrverweser in 
Wiener-Neustadt Niki as von Wien. Derselbe wird 1439 urkundlich 
genannt; vgl. Ferd. Karl Boeheim, Gesammelte Schriften. Wien 
1863, 2. Bd., S. 101 u. 210. 

Was den Werth dieser Recension gegenüber C und m'^ betrifft, 
so ist er so bedeutend, daß diese Handschrift des Gedichtes 
von fünf Fürsten einem künftigen Neudrucke zu Grunde 
zu legen sein wird. 

Durch die Bekanntschaft mit der Gothaer Handschrift hat sich 
gezeigt, daß m'^ und g auf das Engste verwandt sind. Icli ver- 
weise nur auf m'g 7 in hoh(ch)en lo irden, 'S des, 11 grossen irnvdel, 
25 seim, 29 m'^ edierst, g allrerst, m-g 39 vil ser, 43 da vil, 49 und 
fehlt, 79, 141 u. 184 edlen, 87 gefueget, 89 mord.r, 94 wnjeheft , 101 
end er nam, 110 fleisch da:;, vmrt , 113 treicen, 125 und, des loerder, 
129 tcann, 131 eim, 133 und urnb daz,, 146 g la^ si, m"^ la seic, m'^g 
151 kroniken, 160g aine:^ suU, m^ aine schüU, m^g 162 oder teic- 
riing, 168 nahent euch, 167 mort (C maet), 169 chlage{n)nder (C cJdxtg 
mid"), 176 der man, 182 do seio{si) , 200 sche{e)nileich , 204 dem 
rechten, 205 vieln, 211 veinden do(da) zu, 215 do wart, 238 huetie). 

So lange m'* allein mit C verglichen wurde, standen die Ab- 
weichungen der Münchener Handschrift von C der S. 337 ausgespro- 



') Jacobs' und Ukerfs Beiträge zur älteren Literatur ii. s. w. enthalten im 
zweiten Bande 8. 312 — 318 manch Irrthümlichcs über diese Handschrift. So trans- 
scribieren die Herausgeber die Zahlenangaben Bl. 19u' und 199'' in g auf folgende 
Weise: nC.XLM^TC. und HCXLM^^! 

^) Einst Eigenthum des Wiener Canonicus l'ranz Paul Edlen von 
S m i t m 6 r. 

*) Seil, ßliua. 



344 FR KRATOCHWIL, ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN STAND etc. 

ebenen Annahme , daß m" aus derselben Quelle wie C geflossen, 
durebaus niebt binderlicb im Wege. Ganz anders gestaltet sich das 
VerbältniÜ , nachdem sich gezeigt, daß auch g an denselben Stellen 
von C abweicht wie m^. Denn soll der Zufall wirklich möglich sein, 
daß der Schreiber von g und der um mehr als ein halbes Jahrhundert 
später thätige Schreiber von m'-' gerade an denselben Stellen von N 
abänderten, ja noch mehr, daß sie sich die gleichen Abänderungen 
erlaubten ? 

Allerdings unterscheidet sich m*^ auch hie und da von C, wäh- 
rend g und C übereinstimmen. Dies erklärt sich daraus, daß m^ wie 
schon früher bei Vergleichung von m'' mit w gesagt wurde, weniger 
sorgsam abgefaßt wurde; so fehlt in m*^ 2 a/5, 33 jar, 46 mul, 207 
veint und 165 utid freud, so daß dieser Vers nur drei Hebungen mit 
stumpfem Schlüsse hat. Dieselbe Erscheinung wurde durch Apokope 
im Reime in den Versen 126, 128, 162, 238 und 240 herbeigeführt. 
Störung durch Apokope findet sich auch 144 daucht und 154 halb, 
durch Synkope 206 tratn^ durch Verschreiben 2 geslachte, 16 mit 
ernst und 94 ""gepunden, endlich durch Sinnlosigkeit 57 osterreich, 
58 u. 59 in anstatt sey. 

Es stimmen aber auch einige Mal C und m^, während g allein 
steht; so hat g 31 recht, 60 weibes, 64 suUen, 122 untretin, 147 alle, 
156 und prinnt recht als ein cherzen, 181 dem lannde, 194 wellen, 204 
beleiben, 211 veinden da zu, 213 do si, 228 tu sew, 201 fehlt und. 
Diese wenigen Stellen ausgenommen, bietet g fast immer das 
Richtige sowohl in Bezug auf den Inhalt und Ausdruck, 
als auch in metrischer Hinsicht. 

Trotz dieser Verschiedenheiten ist die Übereinstimmung zwischen 
g und m*^ eine in die Augen fallende; sie zwingt zur Annahme, daß 
g die Vorlage für m'* gebildet habe. Und g? g kann sehr 
wohl nach N geschrieben worden sein. Dafür spricht, daß 
beide in Osterreich entstanden sind und der Zeit nach einander nicht 
ferne stehen. In diesem Falle wäre g der Vorlage treuer gefolgt, 
während C hie und da modernisierte; vielleicht war auch für den 
Schreiber von C seine Vorlage bereits öfter schwer leserlich, oder er 
las flüchtig, wie dies bei V. 51 winken für kroniken der Fall gewesen 
sein dürfte. Dagegen spricht weniger der Einwand, warum, wenn 
N die Vorlage war, der Schreiber von g daraus nur die goldene 
Schmiede und das Gedicht von fünf Fürsten wählte, warum er nicht 
noch andere zu dem Inhalte der bereits aufgenommenen vollkommen 
passende Gedichte Suchenwirt's (z. B. religiösen Inhalts) abgeschrieben 



L. FRÄNKEL, BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 345 

liabe; vieiraehr aber der Gedanke, da(.> g der Schrift nach höchst 
wahrscheinlich .noch vor 1402 zu setzen ist. 

Doch schwerlich wird sich die Schrift bis auf ein Jahrzehnt 
mit Sicherheit bestimmen lassen. Wer sich aber trotzdem darüber 
nicht beruhigen kann, für den bleibt nur die Annahme, daß g nach 
des Dichters Autograph oder nach einem zu dieser Zeit schon 
üblichen fliegenden Blatte geschrieben worden sei. 

Zum Schlüsse noch die Bemerkung, daß im Gedichte von fünf 
Fürsten weder in C noch in m^ und g eine Andeutung strophischer 
Gliederung zu finden ist. 

(Fortsetzung und Schluß folgt.) 

FRANZ KRATOCHWIL. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND - LITTERATUK. 



Ludwig Uhland, dem zweifellos volksthümlichsteu Dichter deutscher 
Zunge, dem erfolgreichen Erforscher unserer Vorzeit, dem rüstigen Vertreter 
alter guter Sitte und Satzung und wackeren Streiter für des Gesamnitvater- 
landes Freiheit und Größe ein seiner würdiges litterarisches Denkmal zu 
errichten , darin gipfelt mein in absehbarer Zeit zu verwirklichender Plan. 
Um nun für diese Aufgabe in ihrem vollen Umfange einen sicheren Boden 
zu gewinnen, hielt ich es für angebracht, vorerst eine Bibliographie der 
gesammten mir erreichbaren Uhland-Litteratur zu entwerfen , deren Fehlen 
ich bei Abfassung meiner Studie über Uhland als Romanist ') empfindlich 
verspürt hatte. Die bescheidene Sammlung wuchs mir aber unversehens 
unter der Hand und entwickelte sich zu einer so beträchtlichen Ausdehnung, 
daß sie einen gewissen selbständigen Werth wohl beanspruchen darf. Ich 
lege dieselbe hier den Fachgenossen vor, indem ich zwar bitte, sie nicht 
bloß als Vorstufe, sondern als einen Ausschnitt der Arbeit selbst zu be- 
trachten, jedoch mit dem Geständniß nicht zurückhalten will, daß die mannig- 
fache Unvollkommenheit des Ergebnisses auf vielseitige Ergänzung durch 
Kenner der Sache rechnen muß. 

Einige Erläuterungen über die Anlage des Verzeichnisses seien voraus- 
geschickt. Die rein durch die Zeitfolge bestimmte äußere Anordnung erwies 
sich unter Anderem auch dadurch als die geeignetste, weil allein sie ge- 
stattet, der wechselnden größeren oder geringeren Zuneigung der Kritik eine 
Art Maßstab für die in verschiedenen Zeiten ungleiche Beliebtheit und 
Werthschätzung Uhland's zu entnehmen. Was den Inhalt des Katalogs, wel- 
cher vermöge der beigegebenen Andeutungen über Stoff und Seitenzahl der 
angeführten Nummern und der Hinweise auf sachkundige Besprechungen 



*) Archiv für das Studium der neuereu Sprachen und Litteraturen, herausgeg. 
von L. Herrig, 80. Band (1888), S. 25—11.3, und 82. Band (188<)), S. 233—235. 
GERMANIA. Neue Reihe XXII. (XXXIV.) Jahrg. 23 



346 L. FRÄNKEL 

zugleich ein Wegweiser durch die zerstreute Litteratur sein möchte , hin- 
sichtlich des Maßes des darin aufgenommenen Materials betrifft, so sei be- 
merkt, daß nur für selbständig erschienene Bücher und Abhandlungen größt- 
mögliche Vollständigkeit angestrebt wurde. Von Aufsätzen in Zeitschriften 
und Tagesblättern, namentlich von den zahlreichen Nekrologen der Jahre 1862 
und 1863 und den Jubiläumsartikelu von 1887, fanden hingegen meist nur die 
Aufnahme, welche durch Hervorhebung eigenartiger G-esichtspunkte Anspruch 
auf bleibende Bedeutung erheben dürfen. Aus letzterem Grunde werden auch 
eine Anzahl von Einzelstellen aus Werken genannt, deren Absehen zunächst 
nicht auf eine Würdigung Uhlands gerichtet ist. Anfänglich beabsichtigte 
ich auch eine möglichst erschöpfende Liste aller hervorragenden Charakte- 
ristiken Uhlands in allgemein litterarhistorischen Schriften mitzutheilen. Aber 
dies Vorhaben zeigte sich einerseits undurchführbar — denn wenn eine 
Kategorie des deutschen Büchermarktes Legion ist, so ist es die Zahl der 
litterargeschichtlichen Handbücher großen und kleinen Kalibers — anderer- 
seits kaum zweckmäßig. Entweder nämlich wird an gedachter Stelle Uhland 
nur ganz flüchtig berührt oder sonst sein Bild meist bloß in leichten Umriß- 
linien gezeichnet, so daß die Erkenntniß seines menschlichen und schrift- 
stellerischen Wesens hier keine Förderung empfangen kann; die wenigen 
bemerkenswerthen Schilderungen, welche auf wirklich individueller Anschauungs- 
weise beruhen, wie bei Gervinus, J. Hillebrand, Jul. Schmidt, Scherer, von 
den Freunden Uhland's auch ohne besonderen Hinweis aufgesucht, bieten 
dem Specialisten kein neues Licht. 

Von Vorarbeiten kann eigentlich nicht die Rede sein. Dankbar wurde 
benutzt, was Bartsch's mit 1862 einsetzende Bibliographien in der „Ger- 
mania", Strauchs Jahresübersichten in den letzten Bänden des „Anzeigers 
für deutsches Alterthum und deutsche Litteratur'' und einige andere ähnliche 
Zusammenstellungen allgemeinen Charakters ') gewährten , wenn mir auch 
nur sehr selten ein Titel oder eine Notiz entgangen war. Den einzigen 
bibliographisch wie immer musterhaften Überblick gab (bis 1881 reichend) 
K. Goedeke im Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung IH, S. 338 If., 
woselbst er auch S. 320 flF. einen alles Wissenswerthe knapp zusammen- 
fassenden Bericht über die gesammte Thätigkeit Uhlands geliefert hat ; 
Fasold's 'Verzeichniß der Uhland - Literatur' in Herrig's Archiv Band 72, 
S. 411 — 414 ist eine unmethodisch angelegte, kritiklos durchgeführte und 
im Einzelnen ungenaue und unzuverlässige Skizze, der Abriß Hassenstein's in 
der Einleitung seines unten zu 188 7 genannten Buches im engsten Rahmen 
gehalten. Daß sich die Fasold'schen Mängel bei mir nirgends fühlbar machen, 
wage ich nicht zu behaupten, wo so manches Citat nicht nach eigener An- 
schauung gegeben werden konnte , einige wenige Belege aber überhaupt 
unzugänglich blieben. Möge jedoch diesem Versuche wenigstens das Verdienst 



') Z. B. der Jahresbericht über die Erscheinungen auf dem Gebiete der ger- 
manischen Philologie , herausgeg. von der Gesellschaft für deutsche Philologie in 
Berlin (9 Bände 1880—1888), das zur Bibliotheca philologica' gehörige 'Verzeichniß 
aller neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der Philologie' von Heyse und Blau u. A. 
Dankbar erwähne ich für 1863 auch R. Goscbe's Übersicht in seinem Jahrbuch für 
Littgesch. (1865) .379 ff. 



BIBLIOGRAPHIE DEK UHLAND-LITTERTUR. 347 

nicht abgesprochen werden, den Grund zu einer Sammlung von allem über 
Uhland Geschriebenen zu legen und dies hier an einer Arbeitsstätte , in 
deren erste Anbauzeit noch sein berathendes Wort, von eigener wackerer 
That begleitet, verheißungsvoll hineingeklungen ist. 

1783. Auf die Uhlandische und Hoserische Verbindung am 20. März 
1783. Tübingen. 4 Bl. (Diese ungemein seltene Festschrift zur Hochzeit von 
L. Uhland's Eltern ist bisher sämmtlichen Bio- und Bibliographen entgangen; 
mit dem Druckfehler 'Hofcrische' ist sie im Antiquarkatalog 178, S. 47 der 
Berliner Buchhandlung S. Calvary und Co. [I88tj] verzeichnet.) 

1807. Morgenblatt für gebildete Stände (Stuttg.) 13. Jan., Nr. 11, 
S. 43 zur Veröffentlichung von U.'s lyrischen Erstlingen; vgl. Intelligenz- 
blatt zum Morgenblatt 1808, Nr. 3, S. 12. 

1815. Uhland's Gedichte (l.Aufl. ') Stuttgart, Cotta 1815) besprochen 
in den Heidelbg. Jahrb. Bericht S. 168. 

1818. U.'s "Ernst, Herzog von Schwaben (Heidelberg, Winter 1817), 
besprochen: Wünschelruthe S. 43 f., Leipziger Litteraturztg. Nr. 250 (vgl. 
Wiener Jahrb. der Litteratur VII, 11 u. VIII, 255). 

Studien. Ein Beitrag zur neuesten Dramaturgie, oder über Müllner's 
Schuld, Uhland's Ernst und Kotzebue's Rehbock (München). 

1819. U.'s Gedichte, besprochen in Kotzebue's Literar. Wochenblatt, 
October, 4, 31, S. 246; desgl. in der AUgem. Litteraturztg., August, Nr. 205, 
S. 785—789. 

U.'s Vaterländische Gedichte', besprochen in der .\llgem. Litteraturztg., 
October, Nr. 114 (Ergänzungsbl. S. 912). 

Ernst, Herzog von Schwaben : Bericht über die erste Aufführung in 
Stuttgart am 7. Mai im 'Gesellschafter' Nr. 124. 

U.'s Ludwig der Baier (Berlin, G. Reimer, 1819), besprochen: Litte- 
raturblatt zum Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 37; desgl. Kotzebue's 
Literar. Wochenblatt Nr. 39. 

1821. Ludwig der Baier , besprochen in der Leipziger Litteraturztg. 
S. 2001. 

Gedichte. Zweite verm. Aufl. (1820) besprochen: Leipz. Litteraturztg. 
S. 2129. 

1822. Walther von der Vogelweide, ein altdeutscher Dichter, ge- 
schildert von L. Uhland, besprochen Allgem. Litteraturztg. 2, 481; Leipz. 
Repertorium 4, 269. (Vgl. Wiener Jahrbücher der Literatur XXV, 70; 
XXX, 46; XCII A, Bl. 3.) 

1823. L. Uhland, de constituenda re publica carmina, latine edidit 
G. Schwab (Stuttgart) 4. 

1826. Gustav Schwab, 'Ludwig Uhland als Dichter'. Mit U.'s Porträt. 
Moosrosen, Taschenbuch, herausgegeben von W. Menzel, S. 1 — 37 (Schwab's 



') Die Ergebnisse einer von mir angestellten Vergleichung der verschiedenen 
Ausgaben veröffentliche ich nicht, so lange noch die von Professor W. L. Holland, 
dem die reichlichsten und gedieojensten Quellen fließen, angekündigte kritische Abschluli- 
ausgabe, mit vollständigem Variantenapparat ausgestattet, in Aussicht steht. Doch soll 
eine ausreichende Bibliographie sämmtlicher litterarischen Leistungen Uhland's bald 
folgen. 

23* 



348 L. FRANKE L 

'^ Kleine prosaische Schriften, herausgegeben von Klüpfel [Tübingen 188J] 
S. 1 ff.) 

Bericht über die Aufführung von Ludwig der Baier' in München : Abend- 
zeitung Nr. 287. 

Fr, Diez, Die Poesie der Troubadours, S. 195, A. 1 'über das alt- 
franz. Epos' [2. Aufl. von Bartsch, lb83. S. 172, A. 1]. 

1827. Gedichte, 3. Aufl. (1826), besprochen: Allgem. Litteraturztg. 
I. Halbband des Jahrgangs S. 335. 

'Bericht über die Aufführung von Ernst von Schwaben in Wien: Abend- 
zeitung Nr. 128. 

Wilhelm Müller, Die neueste lyrische Poesie der Deutschen. Ludwig 
Uhland (und Justinus Kerner) : Hermes oder Leipziger kritisches Jahrbuch 
der Literatur 28. Band, S. 94 — 114; vgl. W. Müller, Vermischte Schriften, 
herausgeg. von G. Schwab (Leipzig 1830), IV, 95 ff. 

W. Grimm in den Gott. Gel. Anzeigen IH, S. 202Ö (über U.'s 'Wal- 
ther V. d. V.'): Abdruck in W. Grimm, Kleinere Schriften H (1882), S. 386. 

1829. Fr. Diez, Leben und Werke der Troubadours' (Zwickau) S. (313 f. 

1830. 'Ludwig Uhland unser Lebewohl'. (Gelegenheitsgedicht.) Stuttgart. 

1831. M. W. Götzinger, Deutsche Dichter erläutert. I. (Leipzig.) S.351 — 
414 (2. Aufl. [1844], S. 471—545). (Ludwig Uhland nebst Erklärung von 
10 bez. 16 Balladen.) 

G. Schwab, Besprechung der 5. Aufl. von U.'s Gedichte' (besonders 
über: der Mohn, Münstersage, Ver sacrum). 

1833. K. Lachmann, 'Wolfi-am von Eschenbach' (Berlin) p. XL, Note 
(U. über das altfranzösische Epos). 

K. Simrock, Walther von der Vogelweide übersetzt', Vorrede S. IV 
u. VI (6. Aufl. S. XXXIV f.). 

Notiz über die 6. Auflage der Gedichte (1833) in Menzels Literatur- 
blatt Nr. 52 (20. Mai). 

1834. (Goethe im) 'Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter (Berlin) 
VI, 306 (Äußerung vom 4. October 1831). 

1835. H. Viehoff", Programm des Gymnasiums zu Emmerich S. 13 
(Des Sängers Fluch). 

G. Schwab, Die deutschen Volksbücher wiedererzählt S. VI (Notiz zum 
Fortunat). 

1836. L, Börne, Beranger et Uhland in seiner 'La Balance. Revue 
allemande et fran9aise' (Paris) I, 17 — 46 (Abdruck in der Hamburger Aus- 
gabe der Gesammelten Schriften VII, 314 ff. [Eine Stelle aus S. 19, sowie 
S. 23 f. theilt Börne in deutscher Übersetzung mit in Menzel der Franzosen- 
fresser'. New- Yorker Ausg. von Jos. Wieck III, 37 f.]) 

Goethe's Gespräche mit Eckermann (Leipzig) I, 65 f. (Gespräch vom 
21. October 1823); vgl. II, 358 f. (von 18J1; inhaltlich stimmt damit 
genau die unter 1848 angeführte Äußerung Eückert's). 

K. Gutzkow, Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur (Stuttg.) 
I, S. 57 — 66. 

H. Heine in: Die romantische Schule (Hamburg): Sämmtliche Werke, 
Hamburg 1861, VI, 254 — 270. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUK. 349 

H. Viehoft', Ausgewählte Stücke deutscher Dichter erläutert und auf 
ihre Quellen zurückgeführt (Emmerich): I, 248 Das Schloß am Meere, 251 
Des Sängers Fluch, 2G1 König Karl's Meerfahrt. 

1837. G. Pfizer, Uhlaud und Kückert. Ein kritischer Versuch (Stutt- 
gart und Tübingen). 

1838 (?). Uhland'sche Lieder und Balladen , übersetzt von Margaret 
Füller bei George Ripley, Specimens of Foreign Literature (14 vols). Boston 
1838—1842 (s. Goethe-Jahrbuch V, 232). 

1838. C. C. Heuse: Ludwig Uhland, Halle'sche Jahrbücher S. 893 flF. 
Melch. Meyer, Die poetischen Richtungen unserer Zeit [Heine. Platen. 

Uhland. Rückert. Das „junge"' Deutschland.] (Erlangen.^ S. 87 — 1 1 G. 

A^arnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften 
(Mannheim) II, 53 ff., 198; vgl. in der zweiten Auflage (Leipzig 1843 ff.) 
All, 65 u. 77, IX, 232 ff,, 415, 426 f. (schon 1808 und 1810 geschrieben), 
auch m, 96 f. 98 und 121. 

W. Grimm in den Gott. Gel. Anz. 1, S. 491 f. (U. "^Über das altfran- 
zösische Epos'). Abdruck in AV. Grimm, Kleinere Schriften II (1882), S. 474. 

1839. A. V. Chamisso, Sämmtliehe AA'crke (Leipzig) V, 287, 291 u. 31« f. 
(schon 1810 niedergeschriebene Charakteristik Uhlaml's und seiner Lyrik). 

Th. Echtermeyer, Auswahl deutscher Gedichte (Halle) S XXI f. (die 
Uhland'sche Rhapsodie), S. XXX, Note („Sängerfluch"), zuerst in „Hallische 
Jahrbücher für deutsche AA'^issenschaft und Kunst" 1839, Nr. 9(5 ff. 

H. Heine, der Schwabenspiegel im Jahrbuch der Literatur, I. (einziger) 
Jahrgang (Hamburg), S. 335 — 3G2 (Sämmtliche Werke, XIV, 81 — 108; 1862). 

K. Gutzkow, Jahrbuch der Literatur S. 4G ff. 

R. H. Hiecke, Über den Ideengehalt in Uhland's Ballade „Des Sängers 
Fluch". Gymnasialprogr. Älerseburg (26 S.). 

W. B. Mönnich, Über L. Uhland's Herzog Ernst von Schwaben (Nürn- 
berg). 

D. Fr. Strauß, Zwei friedliche Blätter (Altena) S. 31 ff. (U. und Kerner). 

L. AVienbarg, Die Dramatiker der Jetztzeit (Altona) Nr, 1 (vgl. unter 
1867 Hebben. 

Vangerow , Leitfaden der Pandektenvorlesungen (Marburg) I, S. G44 
(über U.'s Doctordissertation). 

J. A. X. Michiels, '^Etudes sur I'Allemagne'. Darin (?) u. A. 'Des Sängers 
Fluch' als ' la malediction du chanteur . 

1842. A., Dem deutschen Sänger L. Uhland (Braunschweig). 

R. H. Hiecke, Der deutsche Unterricht auf deutschen Gymnasien S. 153 f. 
(Schwäbische Kunde) und S. 155 u. 159 f. (die Rachel. 

Fr. Notter in: Schwaben wie es war und ist, herausgeg. von L. Bauer 
(Karlsruhe). I. Abtheilung, 4. Aufsatz. 

C. C. Hense , Deutsche Dichter der Gegenwart. Erläuternde und kri- 
tische Betrachtungen (Sangerhausen) I, S. 1 ff. 

F. de Roisin in der Notiz zu seiner in den Mcmoires de la Societe 
des Antiquaires de la Morinie abgedruckten Übersetzung Les Romans en 
Prose des Cycles de la Table Ronde et de Charlemagne' (s. E. Stengel, Bei- 
träge zur Geschichte der roman. Philologie in Deutschland 188G, S. 17). 
p. 4 (U. als Romanist). 



350 



L. FKANKEL 



1843. Kellner, Vorbereitungen auf höheren Sprachunterricht (Erfurt) 
S. 140 (Das Glück von Edenhall), 149 (Tell's Tod), 157 (Des Sängers Fluch). 

1844. R. H. Hiecke in Viehoff's Archiv für den deutschen Unterricht 

I, 40 ff. (U.'s 'Einkehr'). Vgl, ebenda II, 199. 

W. B. Mönnich , Ludwig Uhland und seine Gedichte. Separatabdruck 
aus dem Album des literarischen Vereins zu Nürnberg. 

Joh. Scherr, Poeten der Jetztzeit (Stuttgart); der (zweite) Aufsatz über 
schwäbische Dichter behandelt besonders Uhland. 

1845. Mönnich, Über Uhland's Schauspiel Ludwig der Baier (Nürnberg). 

1846. Chr. Oeser (Schröer), Weihgeschenk für Frauen und Jungfrauen 
(Leipzig) S. 447 — 452 (U. als Balladendichter). 

Poesies allemandes par J. P. Hebel, Th. Körner, L. Uhland, H. Heine 
traduites par Max Buchon (Salins, Cornu); u. A. Le comte des greiers, 
le jardin des roses, trois jeunes filles, la Faucheuse. 

1847. J. V. Eichendorff, Über die ethische und religiöse Bedeutung 
der neueren deutschen Poesie in Deutschland (Leipzig) S. 198 ff. 

R. Hiecke, Ästhetische Erläuterungen zu U.'s Bertran de Born. (Vie- 
hoff-) Herrig's Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen 

II, 303—317. 

Ludwig Bauer's Schriften (Stuttgart) p. XLVII (Brief von 1830: U. 
als Professor). 

Poesie di Luigi Uhland e di altri autori tedeschi, imitate da Nie. 
Negrelli, con note e prose (Venezia, Münster). 

1848. Uhland's „Sängers Fluch", englisch: Herrig's Archiv f. d. Stud. 
d. neueren Sprachen IH, 247. 

Briefe Uhlands in: Briefe an Friedrich Baron de la Motte Fouque. 
Herausgeg. von Albertine de la Motte Fouque (Berlin) S. 493 — 500; Äuße- 
rungen Rückert's über Uhland aus den Jahren 1814 — 1817 in seinen Briefen 
S. 316 ff. 

Alexander Platt, The Poems of Ludwig Uhland. New for the first time 
translated from the German. Together with a biographical notice of the 
author and necessary notes [Leipzig). 

1849. R. Foß, Zur Erklärung deutscher, vorzüglich Uhland'scher Ge- 
dichte. Progr. d. Friedrich -Wilhelms-Gymnasiums zu Berlin. (I. Elfenlieder. 
II. Das Märchen.) 

R. H. Hiecke, Ästhetische Erläuterungen zu zwölf Uhland'schen Ge- 
dichten in: F. Low und F.Körner, Pädagogische Monatsschrift III. (Abdruck 
1864 in Hiecke's Aufsätzen s. u.) 

1850. Th. Kriebitzsch, Deutsche Dichtungen, erläutert (Erfurt-Leipzig) : 
[S. 5 des Sängers Fluch, S. 20 Klein Roland, S. 22 Roland Schildträger, 
S. 25 König Karls Meerfahrt, S. 26 Schwäbische Kunde, S. 63 Die Rache]. 

1851. M. Hertz, Karl Lachmann (Berlin) S. 239 (L.'s Verhältniß zu U.). 
J. Schenkel, Deutsche Dichterhalle des 19. Jahrhunderts (Mainz) III, 

S. 327 bis 339 Ludwig Uhland. 

1852. A. Steudener, Zur Beurtheilung von L. Uhland's Dichtungen. 
Progi-. d. Gymnasiums zu Brandenburg a. d. Havel. 

1853. Nicolaus Lenau's Briefe an einen Freund. Heiausgegeben mit 
Erinnerungen an den Verstorbenen von K. Mayer (Stuttgart) S. 12, 30, 35 f., 
37, 40 f., 129 u. ö. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 351 

Emma von Niendorf, Lenau in Schwaben (Leipz.) S. 129 (U.'s Volkslieder). 

K. A. V. Reichlin-Meldegg, K. E. G. Paulus und seine Zeit (Stuttgart) 
II, 271 f. (Brief U.'s an Paulus vom 18. Dec. 1818.) 

Sanders in: Der praktische Schulmann, herausgegeben von F. Körner 
(Leipzig) II, S. 218 (Schwäbische Kunde). 

Ludwig Uhland. Eine Biograi^hie (Cassel, Bälde/ in : Moderne Classiker. 
Deutsche Litteraturgeschichte der neueren Zeit (von W. Neumann). 

(A. Tellkampf) Phantasus. Eiue Auswahl aus erzählenden Dichtungen 
der Romantiker. Mit einleitenden Bemerkungen über die romantische Schule 
'^Haunover; Neudruck, Erfurt 1883) S. 47. 

1854. J. Grosse, Über die Bedeutung der modernen Romantik mit 
Rücksicht auf die bildende Kunst (^Berlin) S. 4 u. 9 (vgl. auch S. 22 u. 3Ü). 

Wt'udt, Die dramatischen Dichtungen von Uhland: Herrig'a Archiv 
15, 1 — 16. 

A. Steudener, (U.'s) Scheiden und Meiden: Herrig's Archiv l5, 412. 

1855. Weimarisches Jahrbuch für deutsche Sprache, Literatur und 
Kunst, herausgeg. von Hotfmann v. Fallersleben und Oscar Schade (Han- 
nover) III, 215 f. Brief U.'s an Gustav Anton vom 27. Nov. 1842. 

A. X. Schurz, Lenau's Leben (Stuttgart) I, 124 u. 347. 

Aus dem Leben von Johann Diederich Gries. Nebst seinen eigenen 
und den Briefen seiner Zeitgenossen. Als Handschrift gedruckt o. 0. (Leipzig, 
Brockhaus) S. 174 f. (Schwab über U.). 

1856. K. Mayer, Das Sonntagsblatt. Eine Erinnerung aus der roman- 
tischen Literaturperiode: AVeimar. Jahrbuch V, 33 — 51 (vgl. in Mayer's 

Ludwig Uhland und seine Zeitgenossen* 1867, I, 16 ff.). 

R. Foß, Erläuterungen zu Uhland's Eberhard der Greiner (Berlin). 

Job. Scherr, Dichterfürsten (Leipzig) Nr. 3. Uhland. 

Herrig's Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 19, 123 u. 125 
(U.'s Verdienste um die Popularisierung der älteren deutschen Literatur). 

1857 G. Liebert, Ludwig Uhland. Eine Skizze (Hamburg). [2. Aufl. 
1863]. 

Uhland's „Einkehr" englisch: Herrig's Archiv 22, 221. 

1858. K. Klüpfel, Gustav Schwab. Sein Leben und Wirken (Leipzig) 
S. 30, 49, 108 f., 203 f., 226 f., 275 ff., 324 u. ö. 

Seydel in: Der praktische Schulmann (Leipzig) VI, S. 90 (Der blinde 
König). 

C. Gude, Erläuterungen deutscher Dichtungen (Leipzig). Erste Reihe 
(3. Aufl. 1870) S. 177 Des Sängers Fluch, 239 Klein Roland, 247 Der 
blinde König, 251 Roland Schildträger, 262 Schenk von liimburg, 269 Lied 
eines Armen, 277 Schäfers Sonntagslied. Dasselbe, dritte Reihe (2. Aufl. 1869) 
S. 176 Des Knaben Berglied, 186 Schwäbische Kunde, 204 Bertran de Born, 
211 Graf Eberhard der Rauschebart. 

1859. K. Th. Kriebitzsch, Musterstücke mit Erläuterungen (Glogau): 
S. 41 Lied eines Armen, 93 Des Knaben Berglied, 99 Der gute Kamerad, 
201 Der weiße Hirsch. 

Rob. Prutz, 1. Auflage des unter 1860 genannten Buches (s. d.j. 
Sachs, Herrigs' Archiv 26, 139 f. (U. und das Altfranzösische). 
Jul. Schwenda, Schiller und Uhland. Eine Dichterparallele (Wien). 



352 1^- FRANK EL 

1860. 0. Eiben, Das Schiller-Fest in Schiller's Heimat S. 53. 

R. Foß, Erklärung Uhland'scher Gedichte (Das Nothemd, Das Schwert, 
Siegfried's Schwert, Die drei Lieder): Herrig's Archiv 28, 187 — 208, 

H. E., Ludwig Uhland: Gartenlaube Nr. 41. 

Rob. Prutz, Die deutsche Literatur der Gegenwart. 1848 — 1858 (Leipzig) 
I, S. 71 u. 83 (2. Aufl.). 

1861. K. Mayer, Ludwig Uhland : Album schwäbischer Dichter (Tübingen) 
1. Lief. (32 S.). 

Julian Schmidt, Ludwig Uhland (Biographie und Charakteristik): Illu- 
strirte Zeitung (Leipzig) Nr. 9^9 (9. Febr.). 

G. Köhler, Die Vertreter der schwäbischen Dichterschule nach ihren 
ethischen und religiösen Gesichtspunkten. Progr. (14 S.) 

1862. I. vor dem Tode: 

J. V. Laßberg, bei Sulpiz Boisseree (Stuttgart, Cotta) I, 570. 

W. Petsch, Ludwig Uhland. Jubelschrift (Berlin). 

A. Wolf im Jahrbuch für romanische und englische Literatur, heraus- 
gegeben von Wolf und Ebert 4, 227 (U. und das altfranz. Epos). 

G. Zimmermann, Uhland als lyrischer und epischer Dichter (Progr. 
Darmstadt). 

L. Schücking, Annette von Droste. Ein Lebensbild (Hannover) S. 139 
(U. und Freih. von Laßberg) '). 

H. nach dem Tode : 

M. Georgii, Zum Andenken an Uhland (Leichenrede. Tübingen). 

W. L. Holland, Chrestien's Chevalier au lion (Neuauflagen 187 9 und 
1885): Anmerkungen zu V. 2185, 4088, 5188, 5933 f. u. ö. 

Otto Müller, An Uhland's Grab: Didaskalia (Frankfurt a. M.) Nr. 319 
u. 320 (18. November). 

Die Uhland-Feier des Liederkranzes : Didaskalia Nr. 319 u. 320, Nr. 326 
u. 327 (K. W. 25. November) und 'Feuilleton der Neuen Frankfurter Zeitung 
Nr. 277 (25. November). 

Theod. Creizenach, Gedächtnißrede auf L. Uhland: Didaskalia Nr. 328 
bis 330"). 

(Fr. Notter), Ludwig Uhland, Nekrolog: Schwäbischer Merkur, Dec. 
(Sonderabdruck von 12 S.). 

Franz Pfeiffer, Ludwig Uhland. Ein Nachruf (Wien). Sonderabdruck 
aus der 'Wiener Zeitung' vom 29. November, Nr. 44, Beilage. (Wiederabdruck 
in Fr. Pfeiffer, Freie Forschung. Wien 1867, S. 397 — 412). 



*) Vgl. L. Schücking's Gedicht Die Meersburg 2. Str. 6 — 11 (s. z. B. Echter- 
meyer's Auswahl deutscher Gedichte ^* S. 698 f.). Einzelne Mittheilungen der A. von 
Droste-Hülshoff über U. in den neuesten VeröÖ'entlichungen über sie, z. B. in den 
1887 erschienenen Biographien von Hüffer imd von Kreiten. Eine Probe aus ihrem 
Tagebuche ergänze den oben gegebenen Hinweis: „Auch Uhland war hier [bei Laß- 
berg]; Gott, was ist das für ein gutes, schüchternes Männchen." 

') Die letzten drei Notizen verdanke ich Prof. Th. Creizenach's Witwe in Frank- 
furt a. M. , der ich d.adnrch ebenso verpflichtet bin wie Herrn Prof. W. Creizenach 
in Krakaix für seine freundliche Benachrichtigung. 



BIliLlÜCJKAl'lIlK DKK UlILAND LITTHlJATLi:. 353 

(Gust. Pfizer), Ludwig üliland: Allgemeine Zeitung (Augsburg) Nr. 338 
bis 345 des Jahrgangs. 

A. Ruperti, Ludwig Fhland: Zeitung ..Telegraph" vom 31. Deceniber. 

L. Scherk, Erinneiungen an L. Uhland: Weserzeitung (Bremen) Nr. 5904, 
vom 18. November. 

Ludwig Uhland: Gedenkbliitter auf das Grab des Dichters (Tübingen) 32 S. 

Ludwig Uhland: Grenzboteu (Leipzig) TL Theil des Jahrgangs S. 400 ff. 

Der Uhlaud'sche Stamm: Tübinger Chronik Nr. 228. S. 931 und Nr. 234, 
S. 956. 

1863. Berthold Auerbacli, Rede zum Gedächtnisse Ludwig Uhland"s: 
Jac. Grimm's Deutsche Blätter, October (Abdruck in Auerbach's Deutschen 
Abenden N. F., Stuttg. 1867, S. 121 — 140). Vgl. auch'Voßische Ztg.' Nr. 26 , 
Beil. 1 (Die Uhland-Feier in Berlin) und 'Berliner Allgem. Ztg.' Nr. 53 ( Die 
Ühland-Feier im Victoria-Theater' zu Berlin, mit Auerbach's Festrede). 

Adolf Bacmeister, Rede zu Uhland's Todtcnfeier (Reutlingen). Vgl. 
Ad. Bacmeister, Abhandlungen und Gedichte 1886. 

(Reinhold Bechstein), Unsere Tage (Braunschweig) Heft 50, S. 686 — 7Ü4. 

Auguste Beranger, L. Uhland: (Genfer) Bibliothrque universelle, 
20. Januar. 

Ludwig Eckardt, L. Uhland. Gedächtnißrede (Karlsruhe). Abdruck in: 
Eckardt, Wandervorträge aus Kunst und Geschichte (Stuttg. 1868) S. 159 — 178. 

R. Foß, Ludwig Uhland. Ein öffentlicher Vertrag (Berlin) 38 S. 

Ludwig August Frankl in: Die Presse (Wien) Nr. 2.3, 27, 36. 

Joh. Gihr, Uhland's Leben. Ein Gedenkbucli für das deutsche \'olk 
(Stuttgart) 381 S. '). 

Otto Jahn, Ludwig Uhland. Vortrag. Mit literarhistorischen Beilagen 
(S. 217 — 231 'chronologisches Verzeichnis der Gedichte' von Michael Beinays) 
231 S. (Bonn) Vgl. Literar. Centralblatt, herausgeg von Zarncke , Sp. 597. 

{\y. Jordan), Uhland als Sagenforscher: Deutsche Vicrtcljahrsschrift 
XXVI, S. 172 — 198 (vgl. die Berichte des Frankfurter Freien deutschen 
Hochstifts von demselben Jahre). 

Ad. V. Keller, Urkundliches zu Uhland's Leben: Staatsanzeiger für 
Württemberg Nr. 25. 

(K. Klüpfel), Johann Ludwig Uhland: Unsere Zeit (Leipzig) Bd. VII, 
74. Heft, S. 81—108. 

C. Koch, Gedächtnißrede auf L. Uhland (Braunschweig). 

A. F. Krannhals, Ludwig Uhland: Baltische Monatsschrift VII, S. 392 
bis 408. 

Herm. Marggi-aff, Blätter für literar. Unterhaltung (Leipzig Nr. 28, 
S. 513 f. (über Notter, Jahn, Gihr, Foß). 

K. Mayer, Ludwig Uhland. Gedenkblätter (Tübingen) [2. Aufl. 1873")]. 



') Nach der Angabe der BufliliäiKlloi-N'aeli.sclilageweike , der meisten Litterar- 
liistoriker und der mir vorliegenden Exemplare zu urtbeilen, e.xistiert wohl nur eine 
Ausgabe von 1864. Es ist möglich, daß der Zahlenfehler aus einer Quelle stammt 
und sich durch eine Reihe von abhängigen Schriften forterbte 

') Unter dem Titel : Ludwig Uhland, geschildert von seinem F'reniifle Kail .Mayer. 
Festschrift zur Feier der Enthüllung des Ubland-Denkmals. 



354 L. FRÄNKEL 

Nägele, Ludwig Uhland (Rede im Murrhardter Liederkranz) : Der Beob- 
achter (Stuttgart) Nr. 48. 

Friedrich Notter, Ludwig Uhland. Sein Leben und seine Dichtungen. 
Mit zahlreichen ungedruckten Poesien aus dessen Nachlaß und einer Auswahl 
von Briefen (Stuttgart). (Vgl. Literar. Centralblatt Sp. 1076.) 

Th. Paur, Zu Uhland's Gedächtniß (Görlitz) 10 S. Sonderabdruck aus 
dem Neuen Lausitzischen Magazin. 

E. Petzholdt, Graf Eberhard der Rauschebart. Rhapsodie von Uhland: 
Herrig's Archiv 3321—3344. 

Franz Pfeiffer, Germania 8, 6ö f. (Kurzer Nachruf und Notiz über seine 
letzten Arbeiten.) 

R. Prutz, Deutsches Museum (Leipzig) XIII, Nr. 1. 

Jos. Rank, Aus meinen Wanderjahren (Wien). Vgl. Fr. Bornmüller, 
Biographisches Schriftstellerlexikon der Gegenwart (1882) S. 584; auch Jos. 
Rank, Erinnerung an Berthold Auerbach: Saale-Ztg. (Halle) vom 22. April 
1887. 

Arnold Rüge, Aus früherer Zeit II, S. 108 ff. 

J.W.Schäfer, Zur Biographie Ludwig Uhland's: Bremer Sonntagsblatt, 
Nr. 25, S. 209—211. 

Ad. Scholl, Erinnerungen an Ludwig Uhland: Orion, Monatsschrift für 
Litteratur und Kunst, herausgeg. von Ad. Strodtmann (Hamburg) I, 122 — 132. 
(Abdruck in: Ad. Scholl, Gesammelte Aufsätze zur classischen Literatur alter 
und neuer Zeit. Berlin 1884, S. 353—368.) 

Heinrich v. Treitschke, Zum Gedächtniß Ludwig Uhland's: Preußische 
Jahrbücher, herausgeg. von R. Haym XI, S. 323—348 (vgl. S. 15 ff. Treitschke's 
Charakteristik Wangenheim's); Abdruck: Tr., Historische und politische Auf- 
sätze (Leipzig 1865) S. 278 — 312. 

Fr. Vischer, 'Ludwig Uhland' in seinen Kritischen Gängen, N. F. (Stutt- 
gart) IV, 97—169. 

W. Wackernagel, Gedächtnißrede auf Ludwig Uhland: Gelzer's Prote- 
stantische Monatsblätter XXI, S. 1 — 20 (Abdruck: W. Wackernagers Kleine 
Schriften II (1873), S. 481—503). 

Franz Weber, Ein Besuch bei L. Uhland : Bremer Sonntagsblatt Nr. 35, 
S. 289 — 291. 

Heinr. Weismann, L. Uhland's dramatische Dichtungen. Für Schule 
und Haus erläutert (Frankfurt a. M.). Vgl. Grenzboteu 1864, S. 442. 

Derselbe, Über Uhland's Ernst von Schwaben: Progr. Frankfurt a. M. 

— 1 — , Uhland-Literatur (über Jahn, Notter, Gihr, Vischer): Österrei- 
chische Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und öffentliches Leben (Nr. 45) 
S. 594—598. 

Über Ludwig Uhland: Evangelische Kirchenzeitung, herausgeg. von 
Hengstenberg Nr. 9, Nr. 33 (S. 388—397). 

Ludwig Uhland der Dichter und der Mensch: ebenda Nr. 46, Beilage 
S. 564 f. 

Noch eine Stimme für Uhland: ebenda Nr. 67, Beilage. S. 798 f. 

Ludwig Uhland, ein deutscher Sänger. Des Dichters Leben und Wirken. 
Nach den zuverlässigsten Quellen. (Mehrere Abdrücke. Meppen. 15 S.) 

L. Uhland: Blackwood's Magazine, may Art. 3. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 355 

L. Uhland: Quarterly Review, july Art. 2, p. 34 — 59. 

Allgemeine Zeitunp; (Augsburg) 22. Februar, Beilage. 

Charles Bielefeld, Ballads of Uhland, Goethe, Srhillor. With intro- 
duction to each poem , copious explanatory notes and biograpliic;il noticca 
(London. Bell and Daldy. Foreign Classics XII, 197). 

1864. R. Foß, Über Uhland's Gedichte: Herrig's Archiv 35, 129 iV. 
Karl Frenzel, Büsten und Bilder (Hannover) S. 13G — 149. 

R. H. Hiecke, Gesammelte Aufsätze zur deutschen Literatur, herausgeg. 
von G. Wandt (Hamm); S. 1 — 27 Abdruck aus der Pädagogischen Monats- 
schrift III (s. 1849), Erläuterungen zu: Schäfers Sonntagslied, Lied eines 
Armen, Zimmersprucb, des Knaben Berglied, das Schwert, Siegfrieds Schwert, 
der blinde König, Klein Roland, Roland Schildträger, König Karls Meer- 
fahrt, Graf Richard ohne Furcht, Schwäbische Kunde; S. 27 — 42 Bertran 
de Born (s. 1847), S. 42 f. Einkehr (s. 1843), S. 55—80 des Sängers 
Fluch (s. 1838). 

Ed. Hobein, Über Uhland's Dramen: Schaubühne, herausgeg. von 
F. Wehl, Heft 5— G. 

Alex. Kaufmann, Herrig's Archiv 35, 476 f. (mit Brief U.'s über die 
Quellen seiner Rolandsgedichte). 

Lüben und Nacke , Einführung in die deutsche Literatur (Leipzig) III 
(3.'Aufl. 1869) [S. 333 Einkehr, 335 Des Knaben Berglied , 341 Der weiße 
Hirsch, 342 Die Rache, 343 Das Glück von Edenhall, 349 Schwäbische 
Kunde, 360 Der gute Kamerad, 363 Klein Roland, 370 Schenk von Lim- 
burg, 373 des Sängers Fluch, 38 7 Graf Eberhard der Rauschebart]. 

Frz. Sandvoß, Rede auf Uhland (Friedland i. M.). 

F. Scholl, Reden zur Erinnerung an zwei Heroen im deutschen Licdc, 
Franz Schubert und Ludwig Uhland (Stuttgart). 

Jos. Strobl , Quellen zu drei Romanzen Uhlands (Wien), Beilage zur 
AViener-Ztg. (über den Cyklus 'Sängerliebe ). 

W.W. Skeat, The songs and ballads of Uhland (vgl. cbenders, in (Jold- 
schmidt's 'German poetry ). 

Challemel-Lacour : s. unter 1866. 

1865. Rieh. Gosche, Jahrbuch für Litteraturgeschichte I, 379 — 381 
'Die Uhland-Literatur von 1863) 

Fritz Ohnesorge, Ludwig Uhland. Biographisch - litterarische Skizze 
(Dresden). 

(Emilie Uhland) Ludwig Uhlnnd. Eine Gabe für Freunde zum 26. April 
1865. Als Handschrift gedruckt (s. unter 1874), Stuttgart. [Vgl. Gott Gel. 
Anz. 1865, Nr. 24, S. 959 f.] 

Uhland's Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage (Stuttgart) 
I, S. m— Vm Vorwort von Holland, Keller und Pfeiffer; S. XI— XIV Vor- 
wort von Keller. 

1866. K. Bartsch, 'Uhland's Schriften zur Geschichte der Sage und 
Dichtung. Erster Band': Germania, herausgeg. von Pfeiffer iWien) 11, 453 
bis 467. 



356 L- FRÄNKEL 

P. Challemel-Lacour, Jean Louis Uhland: Novelle biographie generale 
(Didot-Hoefer, Paris) 45, 773 — 777 (vgl. auch den Artikel eben desselben: 
Revue germanique, totne 31 (1864) p. 451 — 477)^). 

A.W. Grube, Ästhetische Vorträge IL (Iserlohn) Deutsche Volkslieder. 
Vom Kehrreim des Volkslieds. Der Kehrreim bei Goethe, Uhland und Rückert. 

H. Prutz, Ludwig Uhland als Literarhistoriker: Deutsches Museum 
Nr. 47 u. 48. 

D. Fr. Strauß, Kleine Schriften N. F. (Berlin), S. 303—313 (Uhland und 
Kerner): abgedruckt aus dem Nekrolog auf Kerner im Schwab. Merkur 1862, 

Uhland's Schriften u. s. w. II, S. IIT f. Vorwort von Holland. 

Uhland's Schriften u. s. w. III, S. V— XII Vorwort von Pfeiffer. 

1867. R. Bechstein, Ludwig Uhland's gelehrte Werke I — III: Blätter 
für literarische Unterhaltung (Leipzig) Nr. 7, 14, 27. 

(3) Briefe J. Grimm's an Ludwig Uhland: Germania, herausgeg. von 
Pfeiffer 12, 115 f. 

Friedrich Hebbel, Sämmtliche Werke (Hamburg) XII, 214 (vgl. 208 
ein Urtheil Wienbarg's über IThland). Vgl. auch unter 1888. 

K. Mayer, Ludwig Uhland, seine Freunde und Zeitgenossen. Erinne- 
rungen. 2 Bde. (Stuttgart). („Vgl Deutsches Museum 1867, Nr. 25; AUgem. 
Ztg., Beil. Nr. 180; Wiener-Ztg. 142; Hamb, Nachrichten 133; Kölnische 
Ztg. 241; „Über Land und Meer" Nr. 52; Dohm , Sonntagsblatt Nr. 36; 
Volksblatt für Stadt und Land Nr. 94; Blätter für literar. Unterh. Nr. 52; 
Weserzeitung 7444". Bartsch, Germania 13, 321.) 

Ludwig Uhland und die deutsche Dichtkunst im 15. und 16. Jahr- 
hundert: Magazin für die Literatur des Auslands Nr. 13. 

Aufzeichnungen des schwedischen Dichters P. D. A. Atterbom über 
berühmte Männer und Frauen. Übersetzt von Frz. Maurer (Berlin) S. 163, 
173, 204, 216 (U. bei seinen Zeitgenossen 1817 — 1819). 

1868. Dyckhoff, Die Bildsäule des Bacchus von Uhland, Nadowessische 
Todtenklage von Schiller, Hochzeitlied von Goethe, für die Schule erklärt. 
Progr. des Progymn. zu Rietberg (13 S.). 

A. Freybe, Klopstock's Abschiedsrede über die epische Poesie be- 
leuchtet, mit einer Darstellung der Theorie Uhland's über das Nibelungenlied 
(Halle). 

C. Gude, Erläuterungen deutscher Dichtungen. Vierte Reihe (Leipzig). 
S. 139 Einkehr, 224 Das Glück von Edenhall. 

Uhland's Schriften u. s. w. VI, S. III f. Vorwort von Keller. 

Uhland's Schriften u. s. w. VII, S. III f. Vorwort von Keller. 

Desire Corbier, französische Übersetzung von U.'s 'Ständchen' (Serenade) 
und der Wirthin Töchterlein^ (La fille de l'Hötesse) : Herrig's Archiv f. d. 
Studium d. neueren Sprachen 43, 463. 

1869. Diez, Etudes litteraires sur l'Allemagne contemporaine (Paris, 
Hachette): Uhland (Körner. Les freres Grimm. Goethe). 



') Vor Ch. L. urtheilten über Uhland den Gelehrten: Victor Ledere in 'Dis- 
cours sur l'etat des lettres au 14'= siecle', S. K T. in der Biographie universelle, 
nouv. ed. 42, 338 — 342 (1864) und Lomenie in der Galerie des coutemporains illustres 
par im homme de rien t. IX. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 357 

R. Fuß, Zur Cailö-Sage: Progr. der Nictoria-Schule zu Berlin ^3l S.); 
behandelt Klein Koland, Roland Schildträger, König Karl's Meerfahrt (nament- 
lich hinsichtlich der Quellen). 

A.W. Grube, Biographische Miniaturbilder (Leipz.) 2, Auti. I, 278 — 303, 

Gustav Hauff, Über Uhland's Konradin: Ilerrig's Archiv 44, 382 f. 

Fr. Notter, Ungedruckte Briefe von Ludwig Uhland : Westermann's 
Illustrierte deutsche Monatshefte, November-Nummer. 

E. Paulus, Ludwig Uhland und seine Heimat Tübingen. Eine Studie 
(Berlin) 52 S. (Neue Ausgabe, Stuttgart 1887, 48 S.) Vgl. Kettner, Ztschr. 
f. deutsche Philol. 20, 37lj, Magazin f. d. Lit. d. Ausl. Nr. 10, Schwab. 
Chronik 303, Wiener-Ztg. 208, Badische Landeszeitung 18(J8, Nr. 292 u. a. 
(s. Bartsch, Germania 15, 4G4). 

L. Uhland, Poems translated into English verse with a short biogra- 
phical memoir of the poet, by W. C. Sandars (London). 

A. F. C. Vilmar, Lebensbilder deutscher Dichter (Frankfurt a. M.) 
S. 149 — 158. Neuauflage von M. Koch, L. d, D. und Germanisten (1885), 
Marburg, 15. Aufsatz: Uhland. 

Feodor Wehl, Am sausenden Webstuhl der Zeit (Leipzig) H, 162 — 171. 

W. Wilmanns, Walther von der Vogelwcide herausgegeben und erklärt 
(Halle) S. 2 7. 

Tuiskon Ziller, Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik 
1. Jahrg. (Leipzig) S. 107 (Das Schwert). 

Uhland's Schriften u. s. w. IV, S. III — VI. Vorwort von Holland. 

1870. A. Goerth, Über Uhland's 'des Sängers Fluch', 'Bertrand de Born', 
'die verlorne Kirche, 'Ich hatf einen Kameraden': Herrig's Archiv 4G, 
390—397. 

R. V. Raumer, Geschichte der germanischen Philologie (München) 
S. 566 — 579 und 671. 

K. Simrock, Walther von der Vogelweide, herausgegeben und erläutert 
(Bonn) S. 22 (1828 in 1822 zu ändern!). 

Weichelt, Uhland als Liederdichter: Progr. Demrain (vgl. Herrig's 
Archiv 47, 344). 

Briefwechsel zwischen Joseph Freih. von Laßberg und Ludwig Uhland, 
herausgegeben von Franz Pfeiffer. Mit Biographie Pfeiffers von K. Bartsch 
(Wien). Nachtrag Germania 30, 221 f. [Besprochen von Sachse in Herrig's 
Archiv 46, 316 — 323; Magazin f. d. Lit. des Ausl. 32; Athenaeum vom 
12. Febr.] 

Rieh. Gosche, Archiv für Literaturgeschichte I, 561 (zu Uhland's Sagen- 
forschung; vgl. ebd. II, 590). 

Uhland's Schriften u. s. w. V, S. III f. Vorwort von Keller. 

1871. Paul Eichholtz, Beiträge zur Erklärung Uhland'scher Balladen: 
Zeitschrift f. d. Gymnasialwesen (Berlin) 25, 1 — 10. 

Fahle, Uhland's Balladendichtung: Masius' Jahrbücher für Pädagogik 
104, 422. 

W. Hoffner, Ludwig Uhland : Westermann's lllustrirte deutsche Monats- 
hefte, October, S. 94 — 99. 

Karl Janicke, Joseph von Laßberg und Ludwig Uhland: Historisch- 
politische Blätter 4. Heft des Jahrgangs, S. 236 — 256. 



358 L. FRÄNKEL 

Derselbe, Zur Geschichte der deutschen Philologie: Ergänzungsblätter 
zur Kenntniß der Gegenwart S. 209 — 216 (knüpft an den Laßberg-Uhland- 
schen Briefwechsel an). 

A. V. Wurzbach, Ludwig Uhland (Wien); Abdruck aus : Die Zeitgenossen I. 

F. G. Sintenis, Goethe und Uhland (Dorpat). Vgl. Gott, Gel. Anz. 1872, 
S. 278. 

187 2. Michael Bernays , Ludwig Uhland als Forscher germanischer 
Sage und Dichtung: Im neuen Reich, herausgeg. von A. Dove II, 81 — 96. 

F. Sintenis, Goethe's Einfluß auf Uhland: Neue Jahrbücher für Philo- 
logie und Pädagogik lOG, 369—388 und 108, 386 f. 

Rob. Boxberger, Die Quelle von U.'s Gedicht Schwäbische Kunde : 
Archiv für Literaturgesch. II, 270 — 2 72. 

1873. Uhland's Schriften u. s. w. VIII, S. III— VI Vorwort von Holland. 
H. Dederich, Uhland als episch-lyrischer Dichter besonders im Ver- 
gleich mit Schiller (Paderborn 

K. Mayer, s. unter 1863. 

P. Eichholtz, Uhland's schwäbische Balladen auf ihre Quellen zurück- 
geführt (Progr. des Berliner Gymn. zum grauen Kloster, 28 S.). 

Das Uhlanddenkmal (in Tübingen) : Im neuen Reich III, 2, 112 — 115. 

Enthüllung des Standbildes von Ludwig Uhland in Tübingen, nebst 
den Reden und Gedichten (v. Gerok, Notter, A. v. Keller u. A. I. Tübingen. 

L. Tobler (in 'Mythologie und Moral): Im neuen Reich III, 2, 168 f. 
(zu U.'s Ruhethal' und die verlorene Kirche'). 

W. Wackernagel, Poetik, Rhetorik und Stilistik. Herausgegeben von 
L. Sieber (Basel). S. 99 f. (U.'s Balladen und Romanzen), 123 (Lieder), 
127 ('mimische Poesie' in U.'s Lyrik), 141 (Epigramme, besondei-s 'Ruhe- 
thaO, 170 (einstrophige Lieder), 407 und 413 ('der Räuber'), 4l4 (Ernst 
von Schwaben 1289 ff.), 424 ("Wir sind nicht mehr'), 434 (der gute Kamerad) 
[2. Ausg. 1888]. 

1874. P. Eichholtz, Uhland's französische Balladen auf ihre Quellen 
zurückgeführt. (Abdruck aus der Festschrift zur dritten Säcularfeier des Ber- 
liner Gymn. zum grauen Kloster). 

Joseph von Görres, Gesammelte Briefe 2 und 3 Freundesbriefe (1802 
bis 1845), herausgeg. von Franz Binder (München; Der 'Gesammelten Schriften' 
8. und 9. Band): enthält auch Briefe von Uhland. 

W. L. Holland, Über Uhland's Gedicht: Die Mähderin (Tübingen) 8 S. 

H. Kämmel, Ludwig Uhland (Zittau). 

Emilie Uhland, Ludwig Uhland's Leben. Aus dessen Nachlaß und aus 
eigener Erinnerung zusammengestellt von seiner Witwe. (Stuttgart). Abdruck 
des Manuscriptdi-ucks von 1865. (Eine größere Anzahl Besprechungen siehe 
bei Bartsch, Germania 20, 451). 

Ludwig Uhland. Studien zu seinem Leben: Allgemeine Zeitung (Augs- 
burg) 213, Beilage. 

H. Weismann, U.'s Ludwig der Baier. Schulausgabe mit (Einleitung 
und) Anmerkungen (Stuttgart). 

1875. (J. A. M.?) Schaepman, B. von Meurs over Ludwig Uhland, 
Onze Wächter, Juli, S. 55—64. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 359 

F. Sintenis, Über Immermann's Münclihausen (ein Vortragt und Goethe 
und Fürst Pückler-Muskan (eine Studie). Dorpat, S. 3 (U.'s Verhältniß zu 
seiner Gattin). 

1876. Uhland's Gedichte und Dramen (Stuttgart, Cotta'r textkritische 
Vorreden von W. L. Holland. I, p. III f. und III, p. III f. nebst chrono- 
logischen und alphabetischen t'bersichten II. p. 316 — 340. 

W. L, Holland, Über U.'s Ballade: Merlin, der Wilde (Stuttgart). 

Derselbe, Wettgesang zwischen ühland und Rückert (Tübingen). 

Oskar Jäger, Ludwig ühland. Vortrag. (Sonderabdnick , identiäcli mit 
dem unter 1879 genannten) gehalten zu Koblenz. Manuscript.) 

A. V. Keller, Ein Gedicht Ludwig Thland's, Freunden zum Gruß mit- 
getheilt (Tübingen). 

Reinhold Köhler, Archiv für Literaturgeschichte 5, 4 t'. (*Ach , .Mm' 
in U.'s Schlacht bei Reutlingen). 

Reuter, Die Natur im Bereiche der dichterischen StoftVelt (Progr. der 
höheren Bürgerschule zu Saarlouis) S. 15 U.'s Dichterwald'. 

A. Schleusinger , Klein Roland, der sterbende Roland, der getreue 
Eckart auf Quarta erklärt (Programm Ansbach, 28 S.). 

W. Schleusner, über die Nothwendigkeit und den Plan der ühland- 
Lectüre auf der höheren Schule (17 S. Progr. Hö.xter). Bielefeld. Vgl. unter 
1878. 

Ed. Schmidt-Weißenfels, Ferdinand Freiligrath. Ein biographisches Denk- 
mal (^Stuttgart) S. 45 f. (U. und Freiligrath). 

H. Weismann, U.'s Herzog Ernst von Schwaben. Schulausgabe mit 
(Einleitung und) Anmerkungen (Stuttgart). 

1877. K. Frenzel , Berliner Dramaturgie (Hannoverj II, S. .07 — 65 
(Ernst von Schwaben" auf der Berliner Ilofbühne am 31. Januar 1863). 
S. 378 u. 415 (Grillparzer mit U. verglichen). 

A. V. Keller, ühland als Dramatiker. Mit Benutzung seines handschrift- 
lichen Nachlasses (Stuttgart). 

J. W. Schäfer, Ludwig Uhland's ausgewühltc Gedichte mit Anmer- 
kungen (Stuttgart). 

Th. Ziegler, Studien und Studienköpfe aus der neuen und neuesten 
Litteratur (Schaflfhausen) S. 193 ff. 

1878. Rob. Boxberger, ühland als Dramatiker. Zu A. v. Kellcr's 
gleichnamigem Buche: Archiv für Literaturgesch. 7, 216 — 224. 

Derselbe, Briefe von ühland: ebenda 225 — 235. 

J. Hense, Romanze und Ballade I. (Jahresbericht über das Gymnasium 
zu Warburg), S. 7 (Das Typische in 'Des Sängers Fluch'). 

Ad. Rümelin, L. ühland als Dramatiker: Preußische Jahrbücher 42, 
S. 121—159. 

W. Schleusner, Zur ühlandlectüre (Leipzig). 

Erich Schmidt, Der Text der ühland'schen Gedichte nach Holland's 
Revision: Anzeiger für deutsches Alterthum und deutsche Litteratur, heraus- 
gegeben von Steinmeyer 4, 224 — 231. 

1879. Rob. Boxberger, Die Quellen von Uhland's Romanze 'Don Mas- 
sias': Archiv für Literaturgesch. 8, 137 — 142. 

H. Düützer, Uhland's Balladen und Romanzen, erläutert (Leipzig). 



360 L. FRÄNKEL 

P. Eichholtz, Quellenstudien zu Uhland's Balladen (herausgeg. von 
G. Hinrichs, Berlin) enthält auch die unter 1871, 1873, 1874 aufgeführten 
Aufsätze [besprochen von Bellermann: Zeitschr. f. d. Gymnasialwesen 34, 
147—154]. 

J. Hense, Romanze und Ballade II. (Jahresbericht über das Gymnasium 
zu Warburg), S. 15 — 18, 'ühland'. 

0. Jäger, 'Ludwig Uhland' in der Festschrift zur Begrüßung der 34. Ver- 
sammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Trier (Bonn), S. 31 — 52. 

A. E. Philipps, Zur Theorie des neuhochdeutschen Rhythmus (Leipzig. 
Diss.) S. 37 A. 2, 39 A. 3, 41 A , 4 9 A., 60 f., 82 A. , 87—89 (zum 
Rhythmus Uhland's). 

F. J. Scherer, Die Kaiseridee des deutschen Volkes in Liedern seiner 
Dichter seit dem Jahre 1806 (Jahresbericht des Laurentianum zu Arnsberg), 
S. XVII f. (ü.'s deutsch-patriotische Gedichte). 

Felix Liebrecht, Zur Volkskunde (Heilbronn) S. 54 ff. Die Todten von 
Lustnau. 

J. Schulzen, Mittelhochdeutsche Anklänge bei Uhland (17 S.) : Progr. 
des Real-Progymn. in Thann i. E. 

Camillus Wendeler, Fischartstudien des Freiherrn von Meusebach mit 
einer Skizze seiner literarischen Bestrebungen (Halle a. d. S.) S. 1 , 4 — 8, 
10, 14, 26—29. 

1880. K. L. Leimbach, Ausgewählte deutsche Dichtungen erläutert 
(2. Aufl. Kassel) IV, 280 Schwäbische Kunde, 286 Eberhard der Rausche- 
bart, 306 Des Sängers Fluch, 315 Bertran de Born, 271 das Schloß am 
Meer, 274 Der blinde König. 

Anton lUrlinger, Uhland's Schwäbische Kunde: Wochenschrift Im neuen 
Reich XI, S. 193 — 196. 

Rob. Hein, Archiv für Literaturgeschichte 9, 244 (zu Uhland's 'Auf 
das Kind eines Dichters'). 

E. Koch , Die Sage vom Kaiser Friedrich im Kiffhäuser (Abhandlung 
zum Jahresbericht Grimma) S. 23 A. 57 (Zu U.'s 'Am 15. October 1816^ 
und Rückert's Verhältniß zu U.). Vgl. auch S. 30 A. 86 (schon 1875 ge- 
schrieben). 

Ed. Koschwitz, Karls des Großen Reise nach Jerusalem und Constan- 
tinopel (Alt-französische Bibliothek, herausgeg. von W. Förster. II. Heil- 
bronn); Excurs 10: Dramatische nachgelassene Bearbeitung von Uhland. 

H. Schults, Der Einfluß des Volksliedes und der älteren Dichtung auf 
die Uhland'sche Poesie: Herrig's Archiv 64, 11 — 24. 

H. Steinthal, Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft 
11, 32 — 36 (U.'s Der gute Kamerad). 

1881. K. Bartsch, Romantiker und germanistische Studien in Heidel- 
berg 1804—1808 (Heidelberger Prorectoratsrede) S. 13 (U. und Des Knaben 
Wunderhorn). 

J. G. Fischer, Die Natur in der Kunst (Jahresbericht, Stuttgart) S. 14 f. 
(U.'s Naturanschauung). 

H. Fischer, Eduard Mörike. Ein Lebensbild des Dichters (Stuttgart) 
S. 17 und 27—29. 

K. Fulda, Chamisso und seine Zeit (Leipzig) S. 102 (vgl. S. 70 f.): 
U, und Chamisso's Fortunat. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 361 

K. Goedeke , Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung III, 
S. 320—339 (vgl. auch S. 341, 879, 1019, 1401). 

K. Klüpfel , Gustav Schwab als Dichter und Scliriftsteller (Stuttgart) 
S. 6, 10, 14 f., 22, 28 f., 31—33, 39. 

Anibros Mayr, Die Häupter des schwäbischen Dichterbundes I. Ludwig 
Uhland: Programm des Gymnasiums zu Kommotan. 

Chr. Oeser, Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der 
Ästhetik. 23. Aufl. (vgl. 184Ü) S. .'"i20— 531 Uhland. 

H. Stöhn, Literarische Skizzen für die deutsche Frauenwelt (Leipzig) 
S. 202-22G L. U. 

1882. Rob. Boxberger, zu U.'s ..Der Wirtliin Töchterlein": Archiv 
f. Literaturgesch. 11, 175 f. 

Hermann Paul, Die Gedichte Walther's von der Vogelweide (Halle) S. 24. 
W. Wilmanns, Leben und Dichten Walther's von der Vogelweide (Bonn) 

s. xn-xvn. 

E. G. Fasnaclit, Selections from Uhlands Ballads and Romances With 
biographical notices ;ind historical and grammatical notes (London, Macmillan). 

H. J. Wolstenholme , L. Uhland, Ernst von Schwaben. Trauerspiel in 
fünf Aufzügen. With a Biographical and Historical Tnlroduction , English 
Notes, and an Index (London, Cambridge Warehouse). 

.1. Häußner, Die deutsche Kaisersage. (Progr. Bruchsal) S. 4 f. (U.'s 
Ansicht über die Sage von Kaiser FriedrichV 

1883. G. E. Barthel, N. Lenau's siimmtlichc Werke (Leipzig) S. XLVI 
und CXCVIl. 

P. Holzhausen, Zacher's Zeitschrift für deutsche Philologie 15, 343 f. 
(Uhland's romanische Balladen). 

Fr. RudlofF, Über Uhland's dichterischen Entwicklungsgang (19 S.): 
Programm Coburg. 

K. Strackerjan, Zur Feier deutscher Dichter. Abend 13 und 14: Die 
schwäbischen Dichter. Rückert (Progr. der Realschule zu Oldenburg) S. 2 f. 
und 15. 

H. Fischer, Sieben Schwaben. Biographische Charakteristiken (München). 
G. Uhland. 

A. Goerth, Einführung in das Studium der Dichtkunst. 1. S. 18() — 195 
(U. als Baliadendichter). 

Franz Muncker, Ludwig Uhland: „Vom Fels zum Meer" II, 556. 

Ottiker von Leyk, Die deutsche Lyrik in der franzö.'sisclien Übersetzungs- 
litteratur I. Uhland: Herrig's Archiv 71, 49 (51) — 72. 

Zur Erinnerung an Adelbert von Keller (Tübingen) S. G f., 17, 20, 22, 24. 

Chamisso's Werke, mit Einleitung, herausgeg. von Max Koch (Stutt- 
gart) I, 33 u. 55 (Ch. u. U.). 

Goethe-Jahrbuch, herausgeg. von L.Geiger, IV, 351 (Hinweis auf von 
U. beigebrachtes Material zu einigen volksmäßigen Wendungen bei (ioethe). 

1884. A. Birlinger, 'Akademische Blätter. Beiträge zur Literaturwissen- 
schaft, herausgeg. von 0. Sievers (Braunschweig)* S. 293 (zum Junker Rech- 
b erger). 

Rob. Boxberger, Schnorr's Archiv für Literaturgesch. 12, 638 — G40 
(zu Schwab's Aufsätzen über U.). 

ÖEBMANIA. X»np Rpihp XXII. (XXXIV.) Jalir»;. _ 24 



362 L. FRANKE L 

Eich. Fasold, Altdeutsche und dialektische Anklänge in der Poesie 
L. Uhland's nebst einem Veizeichniß der Uhland-Litteratur. Eine Skizze : 
Herrig's Archiv 72, 405 — 414. 

L. A. Frankl, Zur Biographie Friedrich Hebbel's (Wien) S. 32 ff. 

J. Lautenbacher, Ludwig Uhland: Zeitschrift für allgemeine Geschichte, 
Cultur-, Literatur- und Kunstgeschichte (Stuttgart) 4. Bd., 286 '). 

Siegm. Levy, zu Uhland's Klein Roland: Archiv für Literaturgeschichte, 
herausgeg. von Schnorr 12, 481 f. 

G. V. Loeper, Goethe's Werke. Mit Einleitung und Anmerkungen III^, 
S. XVI (U.'s. 'Gespräch'). 

Der deutsche Stil, von Dr. Karl Ferdinand Becker. Neu bearbeitet von 
Dr. Otto Lyon. 3. Aufl. S. 137 u. 161 (Uhland's alterthümliche Ausdrücke). 

Marc-Monnier, Histoire generale de la litterature moderne (Paris) p. 241 
(U. und Hans Sachs). 

H. Steinthal, Zeitschrift für Völkerpsj-chologie und Sprachwissenschaft 
15, 479 (zu U.'s Der gute Kamerad). 

H. Welti, Geschichte des Sonettes in der deutschen Dichtung (Leipzig) 
S. 223 f. und 228. 

Zeitschrift für die österr. Gymnasien S. 438 f. (vgl. ebd. 1886, S. 920). 

Goethe-Jahrbuch V, 357 f. (A. v. Keller's Verhältniß zu U.). 

Kleinere Schriften von Jacob Grimm (Berlin) VII, 556 (U. in Frank- 
furt a. M. 1846). 

1885. Wilh. Scherer, Jacob Grimm (2. Aufl.; l.Aufl. 1865) S. 83 — 85, 
87 f., 112 f. (vgl. auch S. 71, 79, 253, 307). 

Ein Brief U.'s an Laßberg: Germ. 30, 221 f. 

Abraham a Sancta Clara, Quelle für Uhland's 'Schwäbische Kunde' 
(Notiz) : Wiener Zeitung Nr. 244. 

Eine bisher ungedruckte politische Äußerung Uliland's: poetische Zu- 
schrift (fünf Strophen) an den Baron von Voerst, Berichterstatter der Militär- 
und Budgetcommission von 1862 (27. August 1862, Darmstadt). Aus der 
Königsberger Hartung'schen Zeitung wiederholt in der Frankf. Ztg. Nr. 227 
(Morgenblatt) sowie im Berliner Tageblatt Nr. 4 03, 1. Beiblatt (dagegen ebenda 
Nr. 409 das 1816 verfaßte 'An die Volksvertreter , s. Gedichte und Dramen 
1876, I, HO). 

Friedr. Hebbel's Tagebücher, herausgeg. von Bamberg (Berlin) I, 301 
(H. und U.). 

Biographische Einleitung zu Uhland's Gedichten und Dramen : U.'s 
Gedichte und Dramen (Stuttgart, Cotta) 1, Theil, p. V — XXIV. 

0. Böckel, Deutsche Volkslieder aus Oberhessen (Marburg) p. CXXVIII 
(Übergang Uhland'scher Lieder in den Volksnmnd). 

1886. Herrn. Dederich, Ludwig Uhland als Dichter und Patriot. Nebst 
einem Anhang: Quellennachweise zu den episch-lyrischen Dichtungen und 
litterar-historische Beilagen und Bemerkungen (Gotha). 2. Band von Perthes' 
Biographien deutscher Dichter. [Vgl. dazu K. Geiger im Literarischen Merkur 
7, 59 (10. December 1886)]. 



') Nicht, wie Strauch Anzeiger für deutsches Alterthum und deutsche Literatur 
15, 132 angibt, erst 1887 erschienen. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUR. 363 

W. L. Holland, Zu Ludwig Uhland's Gedächtnib. Mittheilungen aus 
seiner akademischen Lehrthätigkeit (Leipzig"). Inhaltsreiche Besprechungen: 
R. Bechstein, 'Aus Uhland's akademischer Lehrthätigkeit* in der wissen- 
schaftlichen Beilage der Leipz. Ztg. Nr. Ott des .lalirgangs, und Schwäbische 
Chronik S. 2017 desselben. 

A. Landenberger, Pädagogische Studien (Ludwigsburg). 6. Capitel : 
Uhland. 

Ambros Mayr, Der schwäbische Dichterbund (Innsbruck) S. 1 ff. 

Caroline Michaelis de Vasconcellos, Uhland's „Lied aus dem Spanischen" 
und sein Original: Schnorr's Archiv für Literaturgeschichte 14, 189 f. 

Erich Schmidt, Charakteristiken (Berlin) S. 403 (U. und das alte 
Volkslied). 

Edm. Stengel, Beiträge zur Geschichte der romanischen Philologie in 
Deutschland. (Marburg) S. 15 [Ausgaben und Abhandlungen ;uif dem Gebiete 
der roman. Philologie, Heft (53]. 

'Hamburger Nachrichten' 22. December, Sonntagsbeilage (U.'s Ballade 
Junker Rechberger' und ihre Quellen). 

Herrn. Ullrich, Archiv für Literaturgeschichte 14, Ol f. und 102 (zu 
U.'s Königstochter). 

G. Marengo, Ver-sioni poetiche da Chamisso, Bürger, Kerner, Uhland etc. 
nova ediz. (Firenze, Le Monnier). 

A. Pariselle, 'Taillefer, d'aprcs Uhland : Herrig's Archiv 75, 234 — 236. 

Derselbe, L ormeau de Hirsau, d'aprrs Uhland : ebenda 236. 

J. H. Ward, Ballads of life. (Salt lake city, Utah. Hyrum, Parry and 
oie) : Übersetzungen aus Goethe, Schiller, Uhland u. A. 

1887. R. Bechstein, Zu Ludwig Uhland's Gedächtniß. Festrede ge- 
halten am 2G. April 1887 in der Aula der Universität zu Rostock (Rostock). 

Herrn. Baumgart. Handbuch der Poetik (Stuttgart) S. 74 (U.'s Romanzen). 

Oscar Erdmaun, Jubiläumsfeuilleton der Breslauer Zeitung zum 26. April. 

Herm. Fischer, Ludwig Uhland, Zur Jahrhundertfeier seiner Geburt: 
Allgemeine Zeitung (München), Beilage vom 26. — 29. April (Nr. 115 — 118). 

Derselbe, Uhland's Beziehungen zu auswärtigen Litteraturen nebst Über- 
sicht der neuesten Uhland-Litteratur : Koch's Zeitschril't für vergleichende 
Litteraturgeschichte I, 365 — ^91. 

Derselbe, Ludwig Uhland. Eine Studie zu seiner Säcularfeier (Stutt- 
gart) *). Vgl. Kettner in der Zeitschrift für deutsche Philologie 20, 374 ff. 

Ferd. Ginzel , Ludwig Uhland und die altfranzösische Poesie : Grenz- 
boten 46. Bd. II. Xr. 18 (vom 28. April) S. 206 ff. 

Herm. Grimm, Zu Uhland's hundertjährigem Geburtstage: Deutsche 
i\undschau, Ai)rilheft, S. 62 — 69. 

Derselbe, Goethe -Vorlesungen. 4. Aufl. (Berlin) S. XXIX. (U.'s Jubi- 
läum stag). 

Fr. W. Grimme, Ludwig Uhland. Ein Gedenkblatt zu seinem 100. Ge- 
burtstage (Frankf. a. M.) Bildet 'Frankfurter zeitgemäße Broschüren Bd. 8, 
Heft 7. 



') Eine Aiizalil kürzerer Anzeigen werden angeführt von Strauch, Anz. f. d. 
Alt. und deutsche Lit. 15, LSI luiter Nr. 1489. 

24* 



364 ^- FRANKEL 

Rieh. Gosche, Jubiläumsfeuilleton der Saale-Zeitung (Halle) zum 21. April. 

Georg Hassenstein, Ludwig Uhland. Seine Darstellung der Volksdich- 
tung und das Volksthümliche in seinen Gedichten (Leipzig) ')• 

Mor. Heyne, Jubiläumsfeuilleton der Weser-Ztg. (Bremen) zum 26. April 
(Nr. 14493). 

Chr. Hönes, Ludwig Uhland der Dichter und der Patriot (Hamburg): 
Virchow-HoltzendorfF, Sammlung von Vorträgen N. F. 2. Serie, Heft 3 (Vgl. 
Liter. Centralbl. Nr. 49 vom 3. Dec). 

Julius Klaiber, Zur Uhlandfeier. Eine Festrede: Schwäbische Kronik 
vom 27. April (Nr. 98). 

Ad. Kohut, L. Uhland. Lichtstrahlen aus seinen Werken. Nebst einer 
biographischen Charakteristik (Dresden). 

Derselbe, Professor Ludwig Uhland und seine Schüler: Die Gegen- 
wart, herausgeg. von Th. Zolling, 31. Band, Nr. 17. 

Derselbe, Ludwig Uhland in memoriam ; Magazin f. d. Literatur des 
In- u. Auslandes Nr. 17. 

Derselbe, Ludwig Uhland und sein Verleger: Börsenblatt für den 
deutschen Buchhandel, Nr. 93 (des Jahrgangs) S. 218 f. 

A. Landenberger , Uhland's Gedichte nach ihrer religiösen Seite be- 
trachtet: Beweis des Glaubens, Aprilnummer (23. Bd., S. 121). 

Derselbe, Der Charakter der Uhland'schen Dichtung: Didaskalia (Bei- 
lage zum Frankfurter Journal) Nr. 97 u. 98. 

Fr. Muscogiuri , Nel centenario del poeta Luigi Uhland: Nuova Anto- 
logia 3. s. 7. Fase. 5 — 29. (Vgl. Mahrenholtz in Herrig's Archiv 78. Bd., 
475: Ein italienisches Urtheil über Uhland.) 

Otto Neumann-Hofer, Ludwig Uhland der Sammler und Forscher: 
Deutsches Montagsblatt (Berlin) vom 25. April. 

Ant. Ohorn, Ludwig Uhland. Zum hundertjährigen Gedächtnißtage seiner 
Geburt. (Sammlung gemeinnütziger Vorträge, herausgeg. vom deutschen Verein 
zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, Nr. 119). 

Pleibel , Ludwig Uhland , der Dichter für die deutsche Jugend , zum 
26. April 1887 dargestellt: Neue Blätter aus Süddeutschland für Erziehung 
und Unterricht, herausgeg. von Burk und Pfisterer (Stuttgart) 16, 130 — 151. 

Ad. Rümelin , Ludwig Uhland. Zum hundertsten Gedenktage seiner 
Geburt. (Württembergische Neujahrsblätter, herausgeg. von Hartmann. IV.) 

Ludwig Salomon, Ludwig Uhland. Eine Biographie (Stuttgart): Aus 
S.'s Geschichte der deutschen Nation al-Litteratur des 19. Jahrhunderts. 

Jos. Seemüller, akademische Festrede zum 26. April bei der Uhland- 
feier der Universität Wien (ungedruckt; Referat in der Neuen Freien Presse 
vom 28. April). 

Ed. Sievers , Festrede zur Uhlandfeier der Universität Tübingen am 
26. April (ungedruckt; Referat im Schwäbischen Merkur vom 27. April). 

Ant. E. Schönbach, Jubiläumsfeuilleton der (Wiener) Deutschen Ztg. 
vom 28. April, Nr. 5503. (Rede zur Uhland-Feier, gesprochen zu Graz am 
26. April.) 

Edm. Stengel in den Frankfurter neuphilologischen Beiträgen (Festschrift 



') Über Referate vgl. Strauch ebenda unter Nr. 1501. 



BIBLIOGRAPHIE DER UHLAND-LITTERATUF{. 365 

zur Begrüßung des zweiten allgem. deutschen Neuphilologentages) S. 69 (ver- 
schiedene Mitthcilnngen über U.'s Charakter und wissenschaftliche Pläne). 

J. Stöckle, II. W. Longfellow, der Uhland Nordamerikas. Eine literar- 
historische Parallele: Rheinische Blätter für Erziehung u. Unterricht 61, 6. 

Phil. Strauch, Zwei Briefe Uhlands an Ad. v. Keller und ein Brief 
U.'s an Professor Joachim Meyer: Anzeiger für deutsches Alterthum und 
deutsche Litteratur 13, 392-398. 

Derselbe, Briefe Uhland's: 'Deutsche Dichtung', herausgeg. von K. E. 
Franzos (Stuttgart) III, 126. (Auch in erweitertem Separatabdruck erschienen.) 

Ad. Tobler über U. als Romanist in der Uhlandfestsitzung der Berliner 
Gesellschaft für neuere Sprachen am 26. April: Bericht in Herrig's Archiv 
Archiv 79, 91 (ebenda auch M. Rödiger's kurze Bemerkungen über U. als 
Germanist bei derselben Gelegenheit gesprochen und ein Referat Zupitza's 
über Holland's obgenanntes Buch). 

E. Du Bois-Reymond. Reden, Zweite Folge. (Leipzig.) S. 43 (Castellan 
von Coucy). 336 (Merlin der Wilde), 474 (Jagd von Winchester). 

Wiersz Uhlanda do Mickiewicza (U.'s Mickiewicz) von R. M. Werner: 
Pamietnik towarzystwa literackiego imienia Ad. Mickiewicza pod redakcya 
Romana Pilata (Lemberg) I, S. 138 f. und Zipper S. 253. 

Deutsche Wochenschrift (Wien) 23. April: Ludwig Uhland von Armin, 
25. Juni: 'Uhland's Charakter' von Ad. Kohut. 

Rob. König, Zu Uhland's lOOjährigem Geburtstage: Daheim (Leipzig) 
Nr. 29. 

Ein Stammbuchvers von Uhland (vom 19. August 1861): Daheim (Leipzig) 
Nr. 32, S. 511. 

Briefe von Uhland: Schwäbische Chronik S. 605. 

H. Bauer, Zur Uhland-Feier. Uhland und die Neugestaltung Deutsch- 
lands. Anecdoten und Reminiscenzen : Nationalzeitung (Berlin) Nr. 233. 

Uhland und Hebbel von H. Fischer: Neue Zürcher Zeitung Nr. 64, 66 
u. 67 (in einer Besprechung der von Bamberg herausgegebenen Tagebücher 
Hebbel's). 

'L. Uhland und F. Hebbel von K. Werner: Wiener Zeitung Nr. 94 u. 95. 

K. V. Gerok, FestgrulJ zur Uhland-Feier am 26. April: Protestantische 
Kirchenzeitung Nr. 19. 

Rud. von Gottschall, Ludwig Uhland: Gartenlaube Nr. 17. 

Th. Kerner, L. U. im Kernerhause: ebenda. 

Martin Greif, Ludwig Uhland: Deutsche Zeitung (Wien) Nr. 5499 
(Feuilleton). Vgl. ebenda 5501. 

Gust. Karpeles, Ein moderner Sängerkrieg [zwischen U. und Rückert; 
vgl. 1876 unter Holland]: Über Land und Meer Nr. 30. 

K. Köstlin, Zum 100jährigen Geburtstag L Uhland's (Tübingen). 

Heinr. Löbner, Ludwig Uhland. Ein Gedenkblatt zur Säculnrfeier : 
Litterar, Merkur, herausgeg. von Ebner, VII, 165. 

F. Martin, Ludwig Uhland der Classiker der Volksschule : Pädagogische 
Blätter 16, 273. 

E. Peschier, zum 100jährigen Geburtstage L. Uhland's. Festgedicht bei 
der Gedächtnißfeier des Gesangvereins Frohsinn zu Cannstadt a. N. (Cann- 
stadt). Vgl. Strauch in Franzos' Deutsch. Dichtung II, 244. 



366 L. FRÄNKEL 

Rud. Pfleiderer , Ludwig ühland: Deutsches Literaturblatt X, Nr. 4. 

Joh. Prölß, Zu L. Uhland's Gedächtniß : Frankf. Ztg. Nr. 116 u. 117 
(Feuilleton). 

Jul. Riffert, Zu L. Uhland's lOOjährigem Geburtstage: Leipz. Zeitung 
wissenschaftl. Beil. Nr. 32, 

Ludw. Saloraon, Zu Uhland's 100. Geburtstage: Illustr. Ztg (Leipzig) 
Nr. 2286. 

L. Schwabe, Prolog, gesprochen bei der Feier des 100. Geburtstags 
Ludwig Uhland's in der Tübinger Sonutagsgesellschaft am 19. Februar 1887 
(Tübingen; Manuscriptdruck). 

Ludw. Speidel, Ludwig Uhland (zu seinem 100. Geburtstag): Neue 
Freie Presse, Nr. 8140 (Feuilleton). 

Franz Violet, Ludwig Uhland, Vossische Ztg. (Berlin), Sonntagsbeilage 
Nr. 17. 

F. Th. Vischer, Festspiel zur Uhland-Feier. Aufgeführt im kön. Hof- 
tbeater zn Stuttgart 24. April 1887 (Stuttgart). 

(Frl. L. Weißer) Zur Erinnerung an L. Uhland. Von einer Verwandten 
des Dichters: bes. Beil. des Staatsanzeigers f. Württemberg Nr. 7, S. 97. 

K. Weitbrecht, L. Uhland: Neue Zürcher Ztg. Nr. 112, 114, 115. 

Willibald, L. Uhland: Die Presse (Wien) Nr. 114. 

R. Wolkan, L. Uhland: Bohemia (Prag), Beil. zu Nr. 115. 

Rieh. Wulckow, L. Uhland: Didaskalia (Frankfurt a. M.) Nr. 97. 

Zu Uhland's hundertjährigem Geburtstage : Leipziger Tageblatt 26. April. 

Rieh. Gosche, Festrede gehalten bei der Uhland-Feier im alten Gewand- 
haus zu Leipzig: Leipziger Tageblatt vom 4. Mai, 1. Beilage. 

Zum Säculargedächtniß an L. Uhland : Schorer's Familienblatt Nr 17. 

Zu Uhland's Gedächtniß: Die kleine chron. Frankf. Wochenschr. , her- 
ausgegeben von Holthof IX, Nr. 44 u. 45. 

Bericht über die Uhland-Feier zu Tübingen: Tübinger Chronik Xr. 97 
und 98. 

Bericht über Uhland-Gedächtnißfeiern: Schwäbische Chronik Nr. 96 — 
101; Blätter für litterarische Unterhaltung Nr. 19, S. 303. 

Über die Uhland-Ausstellung in Stuttgart und die Uhland-Feier in 
Württemberg: Die Presse Nr. 116 u. 117. 

Ludwig Uhland und die Schwaben : Zeitung für Literatur, Kunst und 
Wisenschaft', Beilage des Hamburgischen Correspondenten Nr. 6. 

Ludwig Uhland: Schlesische Zeitung (Breslau) Nr. 286 u. 289. 

Ludwig Uhland: Evangelisch -lutherisches Gemeindeblatt, herausgeg. 
von Rade, Nr. 18. 

Etwas über Uhland: Tübinger Unterhaltungsblatt Nr. 20, S. 79. 

Ein Beitrag zur Erinnerung an Ludwig Uhland: Sonntagsblatt, her- 
ausgegeben von A. Philipps (Berlin) Nr. 17. 

Zwei bisher unbekannte Anecdoten über Ludwig Uhland: Universum, 
herausgeg. von Seemann und Puttkamer (Dresden) Nr. 24. 

Uhland über biblische Dichtungen: Evangelisch-lutherisches Gemeinde- 
blatt, herausgeg. von Rade, Nr. 30. 

Uhland's Beziehungen zu Lena«. Nach Briefen geschildert: D. Buch- 
händler-Akademie IV, 8 (vgl. 1853 unter Mayer). 



BIBLIOGRAPHIK DKR UHLAND-LITTERATUR 3(^7 

Ludwig Uhland's Reden in der 1848er Nationalversammlung. Ein 
Gedenkblatt zum 26. April 1887: Deutsche Worte, hcrausgeg. von E. Perner- 
storfer VII, 14;) ff. 

Ludwig Uhland und die Deutschen in Österreich: Deutsche Zeitung 
(Wien) Nr. 5490. 

Jean Fastenrath, Figures de l'Allemagne contemporaine (Paris): enthält 
p. 321 — 333 einen Aufsatz 'Le centenaire de Louis Uhland* (vgl. Schwäbische 
Chronik S. 1462). 

Jacob Nover. L. Uhland: Berichte des freien deutschen Hochstiftes zu 
Frankfurt a. M. N. F. 3. (1886—87) S. 172 ff. 

Goethe's Willkommen und Abschied. Herrn Wilh. Hertz zum 1 Januar 
1887 gewidmet von Eichard Maria Werner. Als Handschrift gedruckt (^Lem- 
berg, 14 S.): Vergleich mit einigen den Kitt behandelnden Liedern von 
Uhland, Heine, Geibel. 

Deutsche Dichtung, herausgeg. von K. E. Franzos (Stuttgart) II, 38: 
Uhlandnummer im 2. Aprilheft (enthält verschollene und unbekannte Ge- 
dichte U.'s. Mittheilungen Karl Mayer's jun. u. A.). Ebenda II, 55 Aus L. U.'s 
Briefwechsel. Mitgetheilt von K. E. Franzos. 

Allgemeine Zeitung vom 28. März S- 1276 theilt einen Brief U.'s, aus 
Paris vom 29. Juni 1810 an eine junge Verwandte gerichtet, mit (aus dem 
Staatsanzeiger für Württemberg Nr. 70, Beil.): Abdruck im Litterar. Merkur, 
herausgeg. von Ebner VII. 172. 

Ebenda, Nummer vom 21. Februar: Zu L. U.'s Gedächtniß (Besprechung 
von Holland's obgenannter Schriftl. 

Unsre Uhlandfeier: Korrespondenzblatt des Vereins für siebenbürg. 
Landeskunde 10 (4), 58 f. 

Nachlese zu den Uhlandbiographien (zusammengestellt von J. Hartmann): 
Württemberger Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 10 (l), 1 — 16. 

Zwei Uhlandische Gedichte,, erläutert für den Schulgebrauch: Neue 
Blätter aus Süddeutschland für Erziehung and Unterricht, herausgeg. von 
Burk und Pfisterer 16, 174 — 190 (Einkehr 175—180. Schwäbische Kunde 
180—190). 

J. Clark, Poesias liiicas alemanas de Heine, Uhland, Zedlitz, Rückert, 
Hoffmann, Platen, Hartmann y otros autores, vertidas en castellano I^Paris, 
Bouret, 158 p.). 

1888. Ludwig Fränkel, Ludwig Uhland als Romanist 1.: Herrig's 
Archiv 80, 25 — 113 (Darin: S. 82 — 87 Excurs zu U.'s Königstochtor, S 87 — 
Hi9 Uhland in seinem Verhältniß zur Romantik, namentlich als Romanist). 

Friedrich Hebbel in seinem Verhältniß zu Uhland (Referat aus seinen 
Tagebüchern): Deutsche Rundschau. Januarheft (14. Bd., H. 4) S. 155. 

H. Hormel, Uhland s Graf Richard Ohnefurcht und seine altfranzösische 
Vorlage: Franco-Gallii), lierausgfg. von Kreßner V, S 10 — 15. 

Franz Kern, Zur Würdigung von Uhland's Gedichten: Vossische Ztg. 
(Berlin) Nr. 6 u. 7 der Sonntagsbeilage (6. und 12. Februar). 

Friedr. Rückert über Uhland 1835: Brief an Gustav Kühne, mitgetheilt 
von Ad. Kohut, Die Gegenwart vom 14. Januar, S. 26 (mit dem merkwür- 
digen Versehen, daß diese Äußerung als eine ^Heinrich [sie!] Rückert's, 
der damals Professor in Erlangen war" gegeben wird;. 



368 L. FKÄNKEL 

Philipp Strauch, Briefe von Jacob und Wilhelm Grimm an Adelbert 
von Keller: Anzeiger f. deutsches Alt. u. deutsche Litt. 14, 97 ff. (Darin auf 
S. 98 f., 104, 107 f., 113 u. ö. interessante Beiträge über Uhland). 

R. M. Werner, Neuere Uhlandlitteratur: Anzeiger f. deutsches Alt. u. 
deutsche Litt. 14, 153 — 202 (Eingehende kritische Besprechungen der vor- 
stehend genannten Jubiläumschriften von Holland , Fischer , Hassenstein, 
Dederich, Paulus [s. unter 1869], Ohorn, Kohut und Mayr). 

R. M. Werner, Des Sängers Fluch von Uhland: SeufFert's Vierteljahr- 
schrift für Litteraturgeschichte I, 508 — 511 (S. 510 auch zu der Ring'). 

A. Biese, Die Entwickelung des Naturgefühls im Mittelalter und ia 
der Neuzeit (Leipzig) S. 1 1 5 (U.'s 'Frühlingsglanben und Heinrich von Vel- 
deke) und S. 453 (U.'s Naturlyrik). Vgl. R. M. Werner's Recension : Deutsche 
Literaturztg. 9, 596 (21. April). 

K. Fulda, Ludwig Uhland ein deutscher Dichter (Barmen) : Wiemann's 
Sammlung Aus dem Reiche für das Reich', Heft 8. 

Felix Liebrecht, in der Germania (herausgeg. von 0. Behaghel) 33, 
252 ('Schlößlein in Uhland's „Graf Eberstein"). 

P. Ludwig, Eine Uhland-Reliquie t Allgemeine conservative Monats- 
schrift für das christliche Deutschland, herausgeg. von v. Oertzen und Müller 
45, 28 6 — 290 (über U.'s Gedichtschema vom heimkehrenden Wanderer bei 
Holland, Zu Uhland's Gedächtniß S. 51.) 

K. Strackerjan, Zur Feier deutscher Dichter: Progr. der Realschule zu 
Oldenburg: S. 11 — 16 'Uhland'. 

Deutsche Rundschau, herausgeg. von J. Rodenberg 54, 399 (U. über 
Berthold Auerbach). 

Die Gesellschaft. Monatsschrift für Literatur und Kunst. Jahrg. 1888, 
S. 1174 (Zu Uhland's Rudello). 

G. Gröber im 'Grundriß der roman. Philologie' T, S. 57 f. (U.'s Stel- 
lung in der Geschichte der roman. Philologie ). 

A. Birlinger, Das Hunno -Weisthum von Bodmann: Alemannia 14, 237 
(Berichtigungen zu Uhland's Aufsatz Germ. 4, 50 ff). 

Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellschaft 23, 291 (Zupitza zu 
U.'s 'In Gras und Blumen lag ich gern ), 

1889, Felix Bamberg, Hebbel's Briefwechsel mit Freunden und hervor- 
ragenden Zeitgenossen: Beilage zur „Allgem. Zeitung" (München) 1. Januar 
(auf S. 10 über Hebbel's Verhältniß zu U.). 

Ludwig Fränkel, Uhland als Romanist. Nachträge und Berichtigungen. 
Herrig's Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen und Lit. 82, 233 — 235. 

Frisch, über ein Originalnianuscript von Ernst von Schwaben : Zeit- 
schrift für vergleichende Literaturgesch. u. Renaissancelit. N. F. II, 103. 

0. Knoop. Das Glück von Edenhall. Eine polnische Sage: Zeitschrift 
für Volkskunde I, S. 392. 

K. Knortz, Die deutschen Volkslieder und Märchen (Zürich) S. 57 f. 
(vgl. auch S. 56 u. 59) U. als Schüler des Volkslieds. 

Karl Lucae. Aus deutscher Sprach- und Literaturgeschichte. Gesammelte 
Vorträge (herausgeg. von Max Koch). S. 217 (U. als Balladendichter). 

Pfeiffer, L. Uhland und seine Stellung im deutschen Geistesleben: 
Correspondenzblatt für die Gelehrten- und Realschulen Würtembergs 36, 6. 



o. bkp:nner. kin hrief. 369 

Johann Schmidt, Die Apokope beiden neueren deutschen Dramatikern: 
Zeitschrift f. d. österr. Gymn. 40 (59*J — GOf)), «04. 

Phil. Strauch in seiner Übersicht der Flrscheinungen des Jahres 1887 
über neuere deutsche Literatur: Anzeiger f. d. Alt. 15, 130 — 133. 

Ludwig Fränkel, Neuere Uhlandliteratur: Literaturblatt f. german. u. 
roman. Philologie X, Nr. 4, Sp. 125 — 134 (bespricht die oben unter 188G, 
1887 u. 1888 genannten Schriften von Holland, Kechstcin, Ohorn, Salomon, 
Rümelin, Fulda, Strackerjan). 

Da ich mir wohl bewußt bin , daß vorstehendem Verzeichnisse trotz 
der größten Mühewaltung, der ich mich behufs möglichster Vollständigkeit 
desselben unterzogen habe, mannigfache Mängel anhatten, richte ich hiermit 
an die Fachgenossen sowie an alle Freunde und Kenner IJhland's die Bitte, 
mich auf die Fehler und Lücken aufmerksam zu machen. Erst dann kann 
meine Arbeit werden, wozu ich sie vergebens zu machen strebte, ein wirklich 
vollständiges Repertorium der gesammten Uhlandlitteratur, würdig des großen 
und verehrten Mannes, auf den es sich bezieht. In diesem Sinne suchte 
ich auch einer rein schematischen Anordnung des Stotfes auszuweichen. Sie 
ist nirgends eine willkürliche, sondern, wo nicht durch alpliabetische Zu- 
sammengehörigkeit, durch gewisse innere Griiude bedingt. 

LEIPZIG (PoniatowskystrHsse 13), Frühjahr 1889. 

LUDWIG FKÄNKEL. 



EIN BRIEF. 



Ich elspet von pseierbrvne enpivt d'r lieben vn d'r getriwen d'r 
chastenjBrein | gotrawelich mine driwen dienst vn wizct duz mich gar 
hart nach ivch | petraget an mine mveterlin daz ich niemen walze 
daz mvnch da mich | als hart nach pelange als nach dir licbiv diemvt 
der en zwai prach mir | daz herze mine d'n lieze ich ivch vile liebiv 
miten trine sehen mit iwern | pelzen vri mit iwer chvrsen allen vü 
mit iwern grozen schvhen si mvzen | aver schon gewischet sin da mit 
plege iwer d'r svzc got grvzet mir div mvlhaus serciu 

(Rückseite) 
der lieben sol der ] prief. 

Obiger Brief, wohl einer der allerältesten deutschen Privatbriefe, 
liegt unter den Urkunden des Münchner Angerklosters in fasc. 9 
J. 1303 — 1306 im Münchner Reichsarchiv. Er steht auf einem kleinen 
Pergamentzettel (14^ Ctm. br. , 5 Ctm. hocii) , der ganz schwache 
Spuren der Faltung aufweist. Ein kleiner Schnitt könnte zum Durch- 
ziehen der Siegelschnur gedient haben. Die Orthographie zeigt, daß 
die Schreiberin nicht eben sehr geübt in deutscher Briefstellcrei war. 



370 O. REHAGHEL, ZU MHD. iu UND «. 

Die Schriftzüge sind äußerst zierlich und meist vollkommen deutlich; 
auch die unrichtigen v statt v in mveterlin und mvnch sind unver- 
kennbar. Die Form mvnch ist mir in keiner der zahllosen Münchener 
Urkunden begegnet; prach sollte nach der Schreibgewohnheit der Zeit 
prcech, präch geschrieben sein (das übergeschriebene e fehlt auch in 
mvzen , grvzet, mvlhavscerein, denen nach guten Münchner und Bayer- 
brunner Urkunden durchweg v zukommt). Die Mutter der Elsbet, 
Irmgart, erscheint 1309 als Wohlthäterin des Klarnklosters (Mon. boic. 
XVIII, 57 f.), Diemüt die Kastnaerin schon 1302; 1307 wird sie in 
einer Urkunde der Äbtissin 'vnser sermciaV genannt; 1309 wird sie 
als Zeugin nocii einmal erwähnt; 1302 war sie schon Witwe; später 
war sie wohl Pfründnerin des Klosters. 

O. BRENNER. 



ZU MHD. iu UND 



u. 



Wilmanns macht mich freundlichst darauf aufmerksam, daß 
bereits Sebastian Helber, der 1593 sein Syllabirbüchlein veröffentlicht, 
den noch heute in Theilen des Oberdeutschen bestehenden Unter- 
schied zwischen den genannten Lauten beobachtet hat. Helber gibt — 
S. 32 von Roethes Ausgabe — ein Verzeichniß von Wörtern „mit 
jenem EV, welliches sonst aber eü gedrucket wirdt" und er setzt 
„zwei punctlein zu denen Worten, die bei den gemeinen Donawischen 
auf jre eigne weis ausgesprochen werden, [gleichsam oi bei meererem 
teil, bei andern it«]". Unter Donauischen versteht er „alle in den Alt 
Baierischen und Schwebischen Landen, den Rein vnberürt" (S. 24). 
Mit dem Doppelpunkte nun versieht er 52 Wörter, von denen 43 ein 
eu aus dem alten Diphthong iu enthalten; bei sechs Belegen geht ett 
auf Umlaut von ü zurück (s. Roetlie, Einl. S. XVI; Preußen rechne 
ich nicht hierher); bei zweien liegt mhd. i zu Grunde (Plenen (?) 
durchgeraüttert) ; bei einem ist der Ursprung des eu zweifelhaft (Preußen). 
In 74 Wörtern folgt ein Komma. Von ihnen ') haben neun ein eu 
aus mhd. ?; zu ihnen gehört als zehntes gewiß auch verheürathen. 
Umlaut von mhd. ou zeigen kleuheln, tenglich; altes üe liegt vor in 
Neuchtland ('?). Fremdwort ist abenteürlich, dunkeln Ursprungs das eü 
in reüsperen, Rot - Reüssen, scheüren, treiisch. Von den noch bleiben- 
den 56 Beispielen besitzen 43 den Umlaut von i2, 12 altes iu. Die 



') Bei einzelnen Wörtern ist iiicht mit Sicherheit zwischen Homonymen zu unter- 
scheiden. 



A. GOMBERT, BEMEEKUNGEN Zl'M DEUTSCHEN VVÖRTERBUCHE. 371 

letzteren sind deuten, heulen, vorleuchten, liienstleut , verleumdet, Reu, 
misgereuttet ßpreur, scheuheii, schenslich, teutsch, also mit Ausnahm«' vom 
verleumdet und Reu lauter Wörter, wo der Staniinvocal ursprUnixlicli 
vor i {j) stand, also nach meinen Krörterunj^en oben S. 2öl mit dem 
Umlaut von il zusammenfallen mußte. Beute kann auf *hfJja oder 
*hiutja zurückgehen. Es ist somit unrichtig, daß Helber der Aiit- 
gabe, die beiden eu zu scheiden, erlegen sei (Roetlie S. XV): anl 
105 Beispiele kommen nur acht falsche Zuweisungen. 

GIESSEN, 4. October 188'.». O. HEH.UillEL. 

BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖHTKR- 

BUCHE. 

Bd. VII, Lief. 10 {Pflasterung bis Platz). 
(Fortsetzung.) 

Pfrundbuch gebraucht Joh. v. Müller in einem Briefe vom 
10. Juli 1778 Wke. 29. 250 (Ausg. von 1834); der Herausgeber hält 
es aber für nöthig, zu dem allerding.s nicht allgemein verständlichen 
Worte die Erklärung zu fügen: Ein Msc, icorin alle Geistlichen, und. 
welche Stellen sie bekleidet haben, aufgeschrieben tverden. Pfrundkauf 
(fehlt) ist etwas Anderes als der mit Simonie gleichbedeutende Pfründe n- 
kauf, nämlich eine Art Leibrente, wie aus Schottel 528 (Beleg aus 
Besold) hervorgeht: quando Fiscus certani pecuniae summani a pvivnfo 
occipit eique pensionem usuris vulgaribus maiorem ad dies vitae concedit. 
Daß der Inhaber solcher Nutznießung neben Pfründner auch Pfrün- 
der heißt, weist Lexer aus Maaler nach. Auch Schottel 339" hat 
das Wort mit der Erklärung, icelcher eine pf runde oder pfründ- 
recht (nicht im Wb.) hat. Dazu kommt ebenda der Zusatz: Eine 
pfründe ist confracfus emptionis aiinvi reditns ad vifain ementis. Zu 
Pfründe im Sinne von 4 (geistliches Amt und damit ver- 
bundene Einkünfte) gehört das gegenwärtig in der preußischen 
Kirchenverwaltung häufig gebrauchte Wort Pfrün den abgäbe, d. h, 
der Abzug aus den Einkünften einer evangelischen Pfarre, den ein 
neu anzustellender Geistlicher an den Staat oder eine öffentliche Gasse 
auf eine Reihe von Jahren zahlen mu(> , weil er noch nicht die für 
den Bezug des ganzen Einkommens bestimmte Anzahl von Dienst- 
jahren hat. 

Pfuhl ist auch, wie das aus Wiedemann beigebrachte Beispiel 
zeigt, der Inhalt der Pfütze, die Jauche u. dgl. Das Wort wird in 



372 A. GOMBERT 

besonderem Sinne mehrfach genannt bei der Düngerlehre, wo Pfuhl 
oder Pfui eine künstlich gesammelte, gehörig vergohrene und mit 
Wasser versetzte Mistjauche bedeutet. Schwerz, Prakt. Acker- 
bau^ 1, 116 verbreitet sich behaglich über den Pfui: Diese Brühe, 
ivelche wir hier [an dieser Stelle im Buch oder in Hohenheim bei 
Stuttgart?] unter dem Namen Pfui bezeichnen, ist darin von dem bloßen 
Harne verschieden, daß sie atißer letzterem noch einige der feineren Theile 
der festen Auswurf e enthält'^ ebenda Pfulbehälter und S. 117 Pful- 
düngung: eive Pfuldüngung ist icirksamer als eine Düngung mit 
Stallmist, allein sie ist nicht so nachhaltig wie diese-^ ebd. pfulen und 
das Pfulen, z.B.: Man pfult auch die zu Runkeln bestimmt en Felder ; 
auch auf Klee, Luzerne, Wiesen thut das Pfulen die herrlichste Wir- 
kung-^ ebd. 2, 134 wird pfulen erklärt durch die Worte: mit Jauche 
überfahren; ein magerer Acker wird durch das Pfulen zu einer 
reichlichen Kartoffelernte gebracht. Das Wort Pfuhl überhaupt ist nach 
Lexer den oberdeutschen Mundarten fremd; Schwerz aber scheint es 
nach 1, 116 doch in Hohenheim entweder vorgefunden oder wenig- 
stens dort gewöhnlich gebraucht zu haben; auch am Mittelrhein muß 
es in der besonderen Bedeutung = Jauche üblich sein; vgl. National- 
zeitung vom 11, Mai 1879, Nr. 217 in einer Mittheilung aus Darm- 
stadt: Ein Heppenheimer Einwohner ... wurde für überführt erachtet, 
einem Nachbar 3 Ohm Wein dadurch ungeniefsbar gemacht zu haben, 
daß er in den frisch gekelterten Most eine Quantität Pfuhl schüttete. 

Pfudel, die mundartliche Nebenform von Pfuhl, ist vereinzelt 
auch weiblich, z. B. in einer Anmerkung Wenzel Scherffers zu seinen 
Gredichten S. 428: Es haben böse Buben im nechsten Kriege arme Leute 
zu martern auf die Erde gelegt und aus der Mistpfudel ihnen den 
Leib mit Geicalt angefilllet und sie also bis zum Tode getrenket. Dieß 
haben sie den Schwedischen Trunk genewiet. 

Das Hauptwort Pfuidichan steht schon bei Schottel 667, wahr- 
scheinlich in der Bedeutung unfläthiger Geselle: Das wird ein 
Pfuidichan werden und Ich habe mich für solchem Pfuidichan 
alzeit gehütet. Rachel S. 80 (Ausgabe von 1742) gebraucht das Wort 
in besonderer Bedeutung bei der Schilderung des unanständigen Poeten: 
Wenn nun ein grobes Holtz ein Eulenspiegels-gleichen 
Last einen Pf uy- dich- an mit gutem Willen streichen 
Bringt kahle Zoten vor, verschluckt ein gantzes Ey, 
Und rültzet ins Gelach und schivätzet in den Brey. 

Unter pfünder 4 ist doch zu erinnern, daß auch schon, ehe 
die Geschütze nach der in Centimetern ausgedrückten Weite ihres 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTKKIU'CHE. 373 

Calibers benannt wurden, die verschiedenen Ausdrücke mit pf'ündor 
nicht mehr ein Geschütz bezeichneten,- das ein (jreschoß der bezeich- 
neten Schwere schleuderte. Mit erklärlichem Batteriewitz wurde ehe- 
dem auch das preußische Viergroschenstück als Vierpfünder, 
das Achtgroschenstück als Ach t pfün der bezeichnet: D>i humst 
einen Vierpfünder abladen (d. h. vier Groschen zum licsten 
geben); mit einem Acht pfün der vorfahren u. dgl. 

In Pfuscher, Pfuscherei und pfusciien (pfusch er n) ist 
heute der Begriff des Unberechtigten vor dem des 8tiimi)erhaftpn 
zurückgetreten. Früher zeigt sich der erstere Begriff mehrfach ohne 
jede Beimengung des letzteren ; so wird in Günthers Lebensbeschrei- 
bung S. 33 (1732) der verbotene Umgang mit einer Frau als Ehe- 
stands-Pfusch er et und der Thäter als Pfuscher in der Liehe be- 
zeichnet. Unter den Belegen für Pfuscher fehlt neben weniger be- 
deutenden die classische Stelle aus Goethes Divan: Doch wer keinen 
Leisten kennt, wird ein Pfuscher bleiben. (Man findet sie übrigens im 
sechsten Bande des Wb. unter Leisten.) Die selbstverkennende 
Überhebung als etwas für den Pfuscher gerade Bezeichnendes drückt 
auch Platen 4, 86 (Schlußparabase zur Gabel) gut aus: Und der 
Pf US eher meint, e?- könne das auch; doch irrt sich der Gute, so 
scheint ex. Daß die norddeutsche Aussprache oft Fuscher u. s. w. 
statt Pfuscher bietet, ist bekannt. Ein Beispiel sei angeführt, weil 
es uns zugleich eine andere von Lexer nicht hervorgeliobcne Seite 
des Pfuschers zeigt: Für Stümper und Ungeübte gehet es wohl hin, daß 
sie, loie es die Fuscher unter den Handwerkern machen, sich mit was 
geringem und ivenigem beheißen; aber ein Mann, der seine Sache ver- 
steht, kan sich damit, ohne Verdacht seiner eigenen Tugend, nicht al>- 
loeisen lassen. Besser Staats- und Lobschriften S. 161 in der Ausgabe 
von 1732, vgl. auch fuschern bei Claudius im Liede für Schwind- 
.süchtige bei Gödeke, Elf Bücher 1, 735": 

r>ie Ärzte thun zwar ihre Pflicht 

Und fuschern drum und dran; 

Allein sie haben leider nicht 

Das, was mir helfen kann. 
Pfuscherei war bekanntlich Goethen in allen ihren Erscheinungs- 
formen verhaßt, und zu dem aus den Briefen an Zelter genommenen 
Belege für diese Stimmung würde passend zu fügen sein die Mit- 
theilung bei Eckermann"* 2, 243: ich hasse alle Pf uscherei wie die 
Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, 
ivoraus für Tausende und Millionen iiichts als Unheil hervorgeht. Pfu- 



374 A. GOMBERT 

Sehern wird etwas kurz (in sechs Zeilen) behandelt. Die Form ist 
die in der norddeutschen Haus- und Umgangssprache bei Weitem 
üblichere, während pfuschen dort buchmäÜiig klingt; insbesondere 
nennt man das sonst unter der Bezeichnung Mogeln bekannte Be- 
trügen beim Kartenspiel (öfters nach Verabredung erlaubt) pfus ehern. 
Lexer bringt zwei Beispiele für pfuschern mit der Präp. in und dem 
Dativ; natürlich kommt so auch in mit dem Acc. vor (~ hinein- 
pfuschen), z. B. Jahn 1, 229 (Volksthum): Erziehung, die jedem 
Menschen am nächsten liegt , von der Jedermann spricht, in die Jeder- 
mann pfuschert, ist das Allerunhekannteste. Endlich wäre hinzuweisen 
auf pfuschern mit dem Acc. = pfuschend herstellen bei F. W. 
Schmidt. Gedichte 304 (Berlin 1797): 

Rolle, eitler Thor, auf Schivanenhälsen 
Stolz zu Prunkvisiten fern und nah, 
Laß dir pf tisch er n einen Park mit FeUen 
Schön auf Holz gemahlt, und — gähne da! 
Verpfuschern anstatt verpfuschen hat Hermes, Für Töchter 
edler Herkunft 1, 15 (1787): Ich hätte es vielleicht in Üherweisheit sein- 
gut machen wollen und hätte es dann mir verpfuschert. Unter den 
Zusammensetzungen sei nachgetragen Pfuscherstrich aus Neukirchs 
Sammlung ), 210 (Ausgabe von 1697): 

Welch Momus hat iemahls hier fehler ausgesetzt. 
Und iver will der natur noch pfuscher-s triche weisen? 
Neben dem aus Rückert belegten Pfusch werk sehen wir auch 
Pfu seh er werk: 

Da flohen sie vor ihm wie Eulen vor dem Lichte, 
Und dieses Pfuscher- Werk ward auf einrnal zu nichtc. 
Poesie der Franken 1, 105 (1730). 

Phänomenologie. Herder 4, (59 spricht im Jahre 1768 schon 
von einer ästhetischen Phänomenologie. Erwähnung verdiente 
auch das Wort phänomenal, das eine Reihe von Jahren (wie vor- 
her pyramidal) ein Modewort zur Bezeichnung des Außerordent- 
lichen geworden war. 

Zu Pfütze 2, das im Sinne von See und Meer aus Diefenbach 
und besondere Stellen aus dem 16, Jahrh. belegt wird, könnte Jahn 
2, 735 {jenseit der großen Pfütze) und ebd. 841 {iiber die große 
Pfütze) gefügt werden, da hier die große Pfütze das Amerika 
von Europa trennende Meer bedeutet. Vielleicht aber hat Jahn, ob- 
wohl er sonst mit Vorliebe seine Wendungen an gesprochenes und 
von ihm gehörtes Deutsch anknüpft, hier nur den Versuch gemacht, 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN VVÖKTEKMUJCHE. 375 

einen ihm aufgestoßenen älterneuhochdeutsclien Ausdruc-k wieder zu 
verjüngen. 

Phantasie in der Bedeutung Ton spiel aus dem Stegereif 
wird erst aus Millers Siegwart belegt, wofür leicht ein früheres Bei- 
spiel, etwa aus Zachariäs Scherzhaften Poesien 403 (aus dem Jahre 
1754) zu geben war: 

JSttn jauchzt das yanze Ciavier und feifrct holte Gesänge 
hl Phantasie voll Anmuth und Pracht. 
Phantasieren als trans. wird aus Wieland und Bürger belegt. 
Da dieser Sprachgebrauch selten ist, möge ein weiteres Beispiel aus 
den Frankf. Gel. Anzeigen vom Jahre 1772, S. 479 (Neudruck) ge- 
geben werden, zumal da nach Scherers Einleitung LXXIX u. LXXXIII 
die bezügliche Stelle vielleicht von Goethe herrührt: .So hnige die 
Wissenschaften in phantasierten Welten auf /Seifenblasen herumfahren. 
Von Zusammensetzungen mögen einige nachgetragen , einige auch 
aus früherer Zeit nachgewiesen werden, als dies im Wb. geschieht. 
Phantasiebegabung gebraucht Wiese Lebenserinnerungen und 
.4ratserfahrungen 2, 141 : in keiner der anderen Provinzen siml mir so 
viele Spuren von Phontasiehegahung vorgekomnten [wie in Schlesien!. 
Phantasieberauscht (fehlt): phantasirberauschte Fülle Platen 
1, 41. Phantasiebild (fehlt). Goethe, Spr. in Prosa 932 (Bd. 19, 
201 Hempel): Der denkende Mensch hat die ivunderliche Eigenschaft, daß 
er an die Stelle, too das unauf gelöste Problem liegt, gerne ein Phan- 
tasiebild hinfabelt, desgl. 28, 166 (Über den Dilettantismus): 
[Zweck der Dilettanten,] J'hantasie- Bilder unmittelbar vorstellen 
::a wollen. Ebd. S. 725 (1815): Franz, Weislingens Knabe, kommt von 
Bamberg und erregt alte Erinnerungen sowie ein neues Phantasiebild 
dei' gefährlichen Adelheid von Walldorf. Der physische '/'heil dieses 
wilden Phantasiebildes [der Protogaea von Leibnitzj Humboldt, 
Kosmos 2, 391. Überweg in der Gesch. der Philos. übersetzt (fuvzdo- 
aara durch Phantasiebilder; Vi scher, Ästhet. 0, 2, 5, 1182: die 
Unbestimmtheit und Undeidlichkeit des Phant as iebildes, das sich noch 
gar nicht erschlossen hat. Hase, Kirchengescliichte'"* 614 (1868): JJa 
legitime Fürsten der Gewalt tveichen mußten und der Sieg gewonnen 
ivurde im Bunde mit dem "^ Kronenräuber jenseits der Alpen, verschivand 
das geistliche Phantasiebild des Herrschers von Gottes übernatürUchen 
Gnaden. Früher steht schon Phantasieenbild bei Eberhard, Hand- 
buch der Ästhetik 3, 13 (l>i04): die Idee^ nach welcher ich mir die 
äußere Darstellung der Phantasiebilder durch die wesentlichen Zeichen 
der Ktinst denke. Phantasiebildung (fehlt): In der gegenwärtigen 



376 



A. GOMBERT 



Zeit warnt man vorzugsweise vor der einseitigen Phantasiethätiykeit und 
versäumt darüher die normale Fhantasiehildung , die doch ebenso 
nothwendig ist als die Bildung jeder anderen Geistesthätigkeit. Deinhardt 
in Schmids Encykl. d. Erziehung^ 5, 782. Phantasie form (fehlt) 
bei Vischer, Ästhetik 3, 2, 5, 1177: Poesie als Kunst der Darstellung 
des hetüußten Lehens in Phantasieform.. Deinhardt a. a. 0. 5, 789 
unterscheidet dreierlei Phantasie formen (zurückzuführen auf Ge- 
stalten, Töne und Worte). Phantasiefrisch (fehlt): Die besten Eigen- 
schaften des Poeten (W. Raabe) treten uns aus den phantasie- 
frischen Geschichten entgegen. A. Stern, die deutsche National- 
litteratur seit Goethe, S. 154. Phantasiegelispel: O verbeck 

Ufid blinkt denn noch der Mond herein 

Mit dämme rlichem Silberschein, 

Und Phantasiegelispel sich 

Herab ergießt so zauberlich 
in Vossens Musenalmanach für 1782, S. 111 bei Gödeke. Elf Bücher 
1, 790*". Phantasiegemälde (fehlt) ist wohl ein nicht seltenes Wort; 
ein Roman unter diesem Titel erschien von G. Döring im Jahre 1833. 
Phantasiegestalt (Humboldt, Sonette) findet sich auch bei Goethe 
28, 383 Hpl. (Verein der deutschen Bildhauer. 1817). Phantasie- 
kranz und Phantasiestrauß werden in Goethes Faust 2. Theil, 
Hempel 13, 18 genannt. Phantasiekönig bei H. Leo, Nominalistische 
Gedankenspäne 57 : Alle Eide der conservativen Männer in ganz Preußen 
gelten dem icahren lebendigen Könige von Preußen . . und nicht jenem 
Phantasiekönig e, meinetwegen im Monde. Phantasielos (über- 
gangen) ist ein nicht eben seltenes Wort; in etwas ungewöhnlicher 
Verbindung hat es Rumohr, Geist der Kochkunst 36 (Reclam): Wer 
seine Geschmacksiierven nicht durch häufiges Tabakrauchen abgestumpft 
hat oder überhaupt ganz phantasielos ist, dem wird schaudern vor 
dieser Verbindung des Lieblichen und Widrigen. Mehrfach gebraucht 
es Vischer in seiner Ästhetik, z. B. 3, 2, 5, 1463, ebenso das gleich- 
falls übergangene Hauptwort Phan tasielosigkeit ebd. 1232: 
Manche Bilder Shakespeares, loelche die Phantasielosigkeit von heute 
für geschmacklos erklärt, . . . verdienen die höchste Beiotmderung ; ebd. 
1439: die breite Phantasielosigkeit , die keinen ganzen Humor ver- 
steht und nichts zu greifen meint, ivenn ihre plumpen Finger nicht ein 
solides Stück nackter Wahrheit fassen. Phantasiemäßig (fehlt): Soll 
das Anschauen — sei es ein sinnliches oder ein phantasiemäßiges — 
gut und ganz gelingen, so dürfen die neuen Vorstellungen nicht als etwas 
gänzlich Neues im Geiste Platz nehmen. Dörpfeld, didakt. Materialismus '^ 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 377 

121 (1886); ebd. 21S: Von d(n- phantasiemäßigen Ansclxtniinqs- 
vermittehmg. Phantasiemensch fehlt: ein j^utes Beispiel böte 
6. Schwab, Deutsche Prosa '^ 2, 3G mit dem trefifenden Urtheil über 
Börne: Verstandesmensch als Kritiker. Phantasiemensch als Politiker. 
Phantasiereich (Adj.) ist vor Klinger bei Herder 1, 83 (ÖuphJ 
aus dem Jahre 1765 zu finden: die Phantasiereichen Araber:, vgl. 
auch ebd. 13, 308 (1785, Ideen): Überhanpt sind bei allen Phantasie- 
reichen Völkern die Träume icunderbar mächtig. Natürlich spricht man 
auch von Phantasiereicht hu m, doch habe ich augenblicklich für 
das Wort keinen besseren Gewährsmann als D. Stern, Gesch. d. deut- 
schen Nationallitteratur seit Goethes Tode 137 u. 152. Phantasie- 
reich als Hauptwort wird durch eine Stelle aus Gervinus belegt, 
dem wohl das gleichbedeutende Schillersche Reich der Phantasie 
(Ihr loildes Reich behauptet Phantasie) vorschwebte. Phantasie- 
spiel brauchte nicht erst aus Auerbach belegt zu werden; am An- 
fange des Jahrhunderts tinden wir es in Eberhards Handbuch d. Ästh. 
2, 41 (1803): Das gibt ihr [der christl. Religion] ihren hohen Werth, 
nicht ihre Poesie, nicht ihr Phantasiespiel:, ebd. 4, 338 (1805): bald 
starkes, bald liebliches Phayitasiespiel [der deutschen lyrischen Poesiel. 
Das Wort wird wohl schon im 18. Jahrh. vorkommen; vgl. Wieland 
Agathon 1, 234: Das Spiel der Phantasie und des Witzes. Phan- 
tasiestück. Wenn als Beleg nur der Titel der Weisflog'schen Er- 
zählungen (seit 1824) gegeben wird, so mußte eher an HofFmanns 
zehn Jahre früher erschienene und nicht bloß im Titel von Weisflog 
nachgeahmte Phantasiestilcke in Callots Manier (Leipz. 1814) 
erinnert werden. Phantasiethätigkeit ist ein häufig von Deinhardt 
gebrauchtes Wort; seine Abhandlung über Phantasie in Schmids 
Encykl. d. Erziehung '^ 5, 782 — 798 enthält es mehr als dreißigmal. 
Vischer in der Ästhetik gebraucht es ebenfalls nicht selten. Hegel, 
Ästhet.'^ 1, 417 hat TJiätigkeit der Phantasie. Phantasievoll 
ist wohl unter den von Lexer übergangenen Zusammensetzungen mit 
Phantasie die in unserer Zeit am häufigsten gebrauchte und seheint 
bei der Bearbeitung von Dichterwerken und Tonstücken gar nicht 
mehr entbehrt werden zu können, doch kenne ich es erst aus Vilmars 
Litteraturgesch., z. B. "* 301: Friedrich von Spee, der herzliche, an- 
muthige und phantasievolle Lieder dichtete. Hettner und Scherer 
brauchen das Wort häufig ; es fehlt aber bei Sanders in beiden Wörter- 
buch ern. Phantasiewerk (fehlt 1 : Bea les wird als ein Ph antas ie- 
werk behandelt Goethe 28, 179 (Über den Dilettantismus). Phantas- 
magorie und auch phantasmagorisch verdienten wohl eher 

QBRMANIA. Neue Eeihe. XXII. (XXXIV.) Jahrg. 25 



378 A. GOMBERT 

Aufnahme als Ph an tasmist und Phantomist; man denkt zunächst 
an Goethes Helena, classisch-romantische Pliantasmagor ie, und einen 
Beleg zu phantasmagoriseh gibt Kehrein aus einem Briefe Goethes 
an Reinhard. Wurden aber einmal die Phantasmisten erwähnt, 
so durfte auch als hervorragender Vertreter der Gattung der aus 
Goethes Faust bekannte Proktophantasmist nicht fehlen, in dem 
wir wohl einen älteren Vetter des in den Vierziger Jahren auftauchen- 
den und dann durch die Fliegenden Blätter rasch bekannt gewordenen 
Staatshämorrhoidarius erblicken dürfen. Phantasma ist wohl 
als ganz griechische Form übergangen, doch verdiente die in der 
Endung deutsch gemachte Mehrheit Phantasmen wohl aufgenommen 
zu werden, da das Wort in dieser Form seit dem Ende des vorigen 
Jahrhunderts häufig begegnet. Ein Beispiel Goethes 28, 170 (Dilettantis- 
mus). Kehrein im Fremdwörterbuch gibt für Phantasmen eine Stelle 
aus Wieland 37, 56 in der Gruberschen Ausgabe, die mir nicht zur 
Hand ist. Phantastik (übergangen) ist ein Lieblingswort Hettners 
und bei ihm Dutzende von Malen zu finden, vielleicht eine Hegeische 
Bildung, bei dem es u. A. Ästhetik '^ 1, 402 vorkommt. Die ganze 
Phantastik und Verwirrung, alle Gährung und wild umhertaumelnde 
Vermischung der symbolischen Kunst. Phantom. Daß für die Mehrzahl 
aus Schiller nur die schwache Form belegt wird, könnte irreleiten; 
es wäre darum aus ihm auch ein Beispiel der starken Form zu 
geben, etwa das bekannte aus Ideal und Leben: 

Wie des Lehens schweigende Phantome 
Glänzend ivandeln an dem stygschen Strome. 
Pharisäer, Pharisäerthum, pharisäisch sind lange und 
häufig gebrauchte Ausdrücke für das Wesen der Leute, die sich selbst 
vermessen, daß sie fromm seien. Luther hat phariseisch Gute 
Werke B ij'' (1520): von den falschen, p haiiseischen vnglanhigen 
guten wercken\ ebenso H. Emser, Annotationes zu Luthers Neuem 
Testament F iij* (1525): dise Phariseisch ent schuldig ung. J. Jonas 
in der Übersetzung von Melanchthons Apologie (1525) schwankt zwi- 
schen pharisäisch (7'', 9% 12% 142" u. ö.) und phariseisch 
(145% 149% 167"^ u. ö,). phariseyer hat H. Emser a. a O. G vij% 
übrigens im eigentlichen Sinne: schrifftgelerten und phariseyer. 
Pharisäerei bietet Bode im Tristram 6, 35 (1774): 'ch glaube, daß 
'n Soldat, wenn fr Zeit zum Beten geivinnen kann, wohl ebenso herzlich 
betet als 'n Pastor, obschon nicht mit so'n Haufen Handgebärden und 
Pharisäerey. 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHES WÖRTERBUCHE. 379 

Philanthrop sollte in seinen beiden Bedeutungen, sowohl der 
allgemeinen wie der besonderen (Anhänger der Rousseau-Basedow- 
schen Erziehungsgrundsätze) verzeichnet sein; beide Bedeutungen hat 
auch das Eigenschaftswort philanthropisch, doch linden wir nach 
der Einrichtung des Dessauer Ph ilantropins (1774) und der gleich- 
namigen Anstalten (Marschlins. Heidesheini, Schnepfonthal) zur Be- 
zeichnung des engeren Begriffes auch vielfach philantropinisch 
und philantropinistisch, wie auch der Deutlichkeit wegen Phi- 
lantropist und Philanthropinist von Philanthrop, desgl. 
Philantropinismus von Philanthropie unterschieden wird. 
Vgl. Goethe 22, 159 Hempel (Dichtung und Wahrheit 14. Buch) : 
Basedoio hatte die Absicht, das Puhlicum durch seine Persönlichkeit für 
sein philanthropisches Unternehmen zu geivinnen. Niemeyer, Grund- 
sätze d. Erz.' 3, 368: philanthropische Unternehmungen', ebd. 371: 
die philanthropischen Institute. Philantropinisch erscheint als 
ein Lieblingswort Bahrdts in dessen Lebensbeschreibung, z. B. 2, 305 
(1790): Nach den großen Ideen, die ich von Pliilantr opinis eher 
Feierlichkeit hatte; ebd. 271: Ich sähe den glänzendsten Wirktmgskreis 
eines Directors philantropinischer Anstalten] ebd. 275: Ich bekam 
auch nicht ein Tropf lein des pädagogisch-philantro'p in i sehen Geistes, 
den der große Basedoio über mich hätte ausströmen sollen^ ebd. 276: 
Ich machte mich .. mit der philantropini sehen Lehr- und Erzie- 
hungsart vertraut. Ebd. 290: Salis einzahlte von Basedoios Thafen und 
Philantropinischen Herrlichkeiten; ebd. 305: Ein Wirthshaus, welches 
Herr von Salis erbaut hatte und welches nun der philantropini sehe 
Gasthof hieß. Hettner, Litteraturgesch. d. 18. Jahrhs.' 3, 2, 321: 
Keine dieser philantropini stischen Anstalten ist von langer Dauer 
gewesen] ebd. 322: Der tüchtigste und kräftigste Förderer dieser philan. 
fropinistischen Erziehungsrichtung war Campe. Vgl. auch J. G. 
Müller, Emmerich 2, 267: Lieber philantropinisierender Leser. 
Philantropin Wäldchen Jean Paul, Unsichtb. Loge III (Hpl.) — 
Für den Philister verweist Lexer auf einige von mir gegebene Nach- 
weisungen, die doch das große Thema der Philisterei nur eben streifen. 
Ich muß es mir aber auch hier versagen, durch Vorführung reich- 
licher Beispiele den Philister in seinen so außerordentlich zahlreichen 
Erscheinungsformen und oft täuschenden Verhüllungen darzustellen; 
es möge nur gestattet sein, eine Vermuthung über den Urs[)rung der 
Übertragung des Wortes auszusprechen. Die von Lexer nach Weigand 
mitgetheilte Behauptung Wiedemanns, daß ein besonderer, dem letzten 
Drittel des 17. Jahrhunderts zuzuweisender Vorfall auf der Universität 

25* 



380 ^- GOMBERT 

Jena die Bezeichnung des nichtstudentischen Bürgers durch Philister 
veranlaßt habe, halte ich jetzt wie schon 1877 für sehr zweifelhaft, 
doch mag in ihr nach Ort und Gedankeninhalt ein Kern von Wahr- 
heit stecken. Daß die Studenten sich als Musensöhne bezeichneten, 
konnte bei streng christlich biblischer Weltanschauung für heidnischen 
Unfug gelten, und zumal für die Theologen der ausdrücklich als Ver- 
treterin des reinen biblischen Lutherthums gegründeten Universität 
Jena lag vielleicht der Gegensatz von Israeliten und Philistern 
näher. Dann mögen die Studenten nach biblischer Sprechweise sich 
als das auserwählte Volk, als Kinder Gottes im Gegensatze 
zu dem unbegnadeten Volke der Heiden oder Philister gefühlt und 
bezeichnet haben. Leicht konnte sich solcher Sprachgebrauch noch 
im 17. Jahrhundert über die drei schon bestehenden sächsischen Uni- 
versitäten und das seit 1694 hinzutretende preußische Halle ver- 
breiten, wie ja in der That die Übertragung des Wortes Philister 
sich zuerst in der geistig von diesen vier Hochschulen beherrschten 
obersächsischen Gegend zeigt. Hierzu stimmt es, wenn ein in den 
Neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts erfolgter Auszug der Halli- 
schen Studenten in gleichzeitigem Bericht als Auszug der Kinder 
Israel aus Ägypten dargestellt wird; hierzu stimmt es nicht weniger, 
wenn Goethe, vielleicht in bewußter Erinnerung an überlieferten stu- 
dentischen Sprachgebrauch, bald ausdrücklich, bald andeutend Phi- 
lister und Kinder Gottes einander gegenüberstellt, so am deut- 
lichsten Bd. 2, 290 Hempel ('Gedichte sind gemalte Fensterscheiben') 
und erkennbar auch ebd. 2, 298 im Gedichte vom Regen und Regen- 
bogen. So läßt sich die Sache wohl denken ; doch bleibt die Ver- 
muthung unsicher, und wer sie zurückweist, kränkt mich nicht. Von 
Zusammensetzungen und Ableitungen, die freilich zum Theile nicht 
viel lehren und die zu erschöpfen nicht beabsichtigt wird, mögen hier 
noch folgende Platz finden: Philisterbart (bestehend aus Backen* 
bart und Kinnbart, soweit letzterer sich unter dem Kinn hinzieht» 
während das Kinn selbst wie die Theile um den Mund rasiert sind) 
steht gelegentlich im Gegensatz zum 1848er Demokratenbart, 
dem heute allgemein üblichen sog. Vollbart; vgl. Fontane, Wande- 
rungen' 1, 462: Lange genug habe ich einem hochlöhlichen Publicum 
gedient und einen Philisterbart getragen; nun will ich frei sein und 
einen Demokraten bart tragen. Philisterbrut H. Leo, Volksbl. f. 
St. u. L. 1856, S. 821: Bekehre dich ordentlich, innerlich in Geist und 
Wesen., theure Philisterhrut — oder laß es ganz bleiben — aber 
mache keinen Seifenschaum mit bunten Bilderchen drin., und vor Allem 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 381 

mache dir nicht weiß, du seist auch etwas, wenn du dich in deyi Seifen- 
blasen als ein leidliches Kerlchen ahspie()elst. Philisterdasein Scherer, 
Lit.- Gesch. 646: Der Klempnermeister Konr. Griihel in Nürnberg hafte 
städtisches Philisterdasein poetisch abgeschildert. Philisterdumm 
gebraucht Hoffmann v. Fallersleben, Ged. 256; ebenderselbe auch 
PhiHstergeschmeiß (Spitzkugeln S. 30): 

Besser du stirbfit für eine Idee, als daß du bewußtlos 
Lebst in den Tag hinein wie das Philistergeschm ei ß. 
Ph ilisterhaus. Wer denkt nicht an G. Schwabs viel-gesungenes 
Lied: Bemooster Bursche zieh ich aus, 

Behüi dich Gott, Philisterhaus? 
Philisterhimmel nennt H. Leo imVolksbl. f. St. u. L. 1858, S. 1069 
den einem Philister erwünschten Zustand: zu dv'sem. l'hilister- 
h im m e l wären wir sicher angelangt ! Philisterjoch Strachwitz, Ged. 4 1 : 
Eh ziüängt der Alaulivurf in sein Loch 
Den Adler stolzbeschwingt, 
Eh Philisterwitz und Philisterjoch 
Den Dichternacken zwingt. 
Philisterkanngießerei bei Jahn 1, 255 (Volksthum) : Der Ge- 
schichtschreiber, wenn er nicht Kindermärchen schivatzen, Philister- 
kanngießereien auf stutzen, Altioeiberwäsche putzen loill, ist nichts 
ohne Vaterland, Volksthum und Muttersprache. Philisterland. Der 
aus Börne beigebrachte Beleg klingt stark an eine Stelle des viel- 
gesungenen Liedes „0 alte Burschenherrlichkeit" an: 
Sie zogeil mit gesenktem Blick 
Sich ins Philisterland zurück. 
Philisterlich steht in der Zusammensetzung das Unphilisterliche 
bei Heine 7, 68 der Campischen Ausgabe von 1887 (Deutschland von 
Luther bis Kant). Philisterlein bei Strachwitz, Ged. 16: 
Kann mir nichts die Harfe stimmen, 
Nicht die Liehe, nicht der Wein, 
Sei's das zornige Ergrimmen 
Über die Philisterlein. 
Philistermann für Philister hat Kopisch, Ges. W. 1, 247: 
Stirbt im Hansjochemwinkel ein Philistermann, 
Ins Himmelreich er nicht so bald gelangen kann. 
Philistermoral: die gewöhnliche hausbackene Philistermoral. Phi- 
listerpferd {=^ Miethsgaul oder Ge wo h nhei tsthier) ist durch 
ein wenig bezeichnendes Beispiel aus Kotzebue belegt. Vgl. Gaudys 
Gedicht „Führ uns nicht in Versuchung": 



382 Ä- GOMBERT 

Da stund ich wieder an der Ecke (nämlich dem Wein- 
haus gegenüber) 

Höchst wunderbar! Wie kam es nur? 

Die Beine wollen nicht vom Flecke, 
. Recht nach Philisterpferds Natur. 
Philisterrotte bei Strachwitz, Ged. 61 (Recl.) : Laßt uns zerbrechen 
die Philisterrotte! Philisterseele: Was kann aus so platter Phi- 
listerseele [Brockes] Hohes kommen? Hettner, D. Litt. 3, 1, 342, 
Philisterschaden bei Eichen dorf, Krieg den Philistern 161: 
Erhalt der Herr euch lang erklecklich dumm., 
Behüt die Blüthen vor Geschmeiß und Maden, 
Maifrösten, Türken- und Philisterschaden. 
Ebd. 51 : Philisterschaar und 101: Philisterfähnlein. Philister- 
staaten. Novalis 2, 237 unterscheidet genialische und Philister- 
Staaten. Philisterunglück nennt H. Leo im Volksbl. f. St. u. L. 
1857, S. 774 ein solches, das dem ersten besten Philister begegnen 
kann. Philisterthum ist durch das etwas phrasenhafte Beispiel 
aus Bettinas Briefen nicht ausreichend belegt. Statt vieler Belege 
diene einer aus Wienbargs ästhetischen Feldzügen 79 (1835): Sie 
werden entweder die Leibpoeten des Philisterthums , das unmittelbar 
über dem Volk lagert, oder sie teer den die Poeten der Gebildeten, d. h. 
verschiedener unter sich streitiger Cliquen, icelche die gesellschaftlichen 
Culminationen der Macht, des Geistes, der Gelehrsamkeit u. s. w. repräsen- 
tieren, Philisterium steht wohl wegen seiner lateinischen Endung 
an der Grenze der Aufnahmefähigkeit, doch ist es einmal in studen- 
tischen Kreisen häufig gebraucht, theils als sinnverwandt mit Phi- 
listerthum, theils als Sammelname zur Bezeichnung der Philister; 
vgl. in letzter Bedeutung H. Leo, Volksbl. 1857, S. 774. Ein paar 
hundert tolle Excesse von müßig gewordenen Fabrikarbeitern würden unser 
süßes deutsches Philisterium weit rascher wieder ernüchtert wid zu 
einigem Conservatismus bekehrt haben. Philisterverstand W. Raabe, 
Deutscher Adel in Westermanns Monatsheften 1878, November, S. 162: 
Vögel aus demselben Nest der Lebensharmlosigkeit, nur daß den einen 
sein phantastisches Gefieder allzu leicht zu hoch über den gesunden Men- 
schen- und Philist er verstand hinaustrug. 

Philisterweisheit: Prinz Zerbino ist gegen die hausbackene 
Avfklärungsmoral und Philist er lo ei sheit gerichtet. Hettner Litgesch. 
3, 3, 2, 434. Philister weit ist verzeichnet, doch ohne Beleg ge- 
lassen; man denkt zunächst an die bekannten Zeilen von Klamer 
Schmidt: 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTER BUCHE. 383 

Ich Iahe mich lieber an Wein und am Kuß, 

Bev(yr ich hinunter 

Ins traurige Reich der Philisterioelt muß (Hier 
sitz ich auf Rosen mit Veilchen bekränzt). 
Vgl. auch Wienbarg Asth. Feldz. 135 (1835): In dieser roilsten küsten- 
losen Litteratur, in welcher die Schriftsteller ohne Polarstern schiffen und 
ihre großen und kleinen Bären nicht am Himmel, sondern in der Phi- 
listerwelt haben. Philisterwitz: Es steht mancher Weise in Erz 
und Bronze auf unseren Märkten, aber Regenschauer, Philisterwitz 
und üble Nachrede gehen an keinem von ihnen, so inachtlos vorüber wie 
an meinem Freiind. W. Raabe, Deutscher Adel a. a. O. S. 2(S7. Phi- 
listern (und zwar trans., also: in Piiilister weise bebandeln) 
war durch das bei Sanders und Kehrein stehende Beispiel aus E. M. 
Arndt zu belegen. Phil is tri eren in der Bed. zum Philister 
(einer studentischen Vereinigung) machen ist doch wohl seltener 
Sprachgebrauch; ich kenne es mehr in dem intr, Sinne: sich vom 
Verbindungswesen fern halten. Philiströs wechselt mit 
philiströs; letzteres wird von H. Leo bevorzugt, z. B. Volksbl. f. 
St. u. L. 1856, S. 548: dies geistig armselige und philiströse Lumpen- 
gesindel. Die schlechte Form Philiströsität aber ist doch sicher 
weniger üblich als das übergangene Philiströsität; übrigens wird 
man leicht zugeben, daß beide fehlen könnten. 

Philosoph und Philosophie verdienten eine eingehendere 
Erklärung als ihnen bei Lexer zu Theil wird ; wenigstens sollte aus- 
drücklich an den eigenthUmlichen Gebrauch erinnert werden, den 
diese Wörter etwa seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts erleiden. 
Dazu genügte schließlich ein Hinweis auf das 7. Buch von Goethes 
Dichtung und Wahrheit, Wke. 21, 57 (Henipel), wo v-on dem Gegen- 
satze des sich innerlialb des protestantischen Theils von Deutschland 
und der Schweiz lebhaft regenden sogenannten Menschenverstandes 
einerseits und der Schulphilosophie anderseits gesprochen wird: Man 
glaubte, icenn man in seiwm Kreis richtig urtheile und handle, sich auch 
wohl herausnehmen zu dürfen, über Anderes, was entfernter lag, mit- 
sprechen zu dürfen. Nach einer solchen Vorstellung war nun jeder be- 
rechtiget, nicht allein zu philosophieren, sondern sich auch nach und 
nach für einen Philosophen zu halten. Die Philosophie loar also ein 
mehr oder iceniger gesunder und geübter .^fenschenver stand, der es loagte 
ins Allgemeine zu gehen und über innere und äußere Erfahrungen abzu- 
sprechen ....und so fanden sich zidetzt Philosophen in allen Facul- 
täten, ja in edlen Ständen und Hantirungen. Damit werden wir in die 



384 A- GOMBERT 

Zeit der sogenannten Popularphilosophen geführt, die der Gefahr 
nicht entgingen den Begriff der Philosophie zu verflachen, indem sie 
gern jede von den überlieferten Vorstellungen freie oder sich frei 
dünkende Betrachtung der Dinge als philosophisch bezeichneten 5 
man vergleiche nur in J. J. Engels Philosophen für die Welt den 
Titel des Buches mit der Mehrzahl der in demselben stehenden Ab- 
handlungen. Goethe selbst bezeichnet im 8. Buch a. a. O. S. 99 
seinen Gastfreund, den Dresdener Schuster, mit gutmüthigem Scherze 
als praktischen Philosophen imd bewußtlosen Weltiveisen. Wie sich 
diese Popularphilosophie allmälig überlebte und nicht zum wenigsten 
durch das absprechende Wesen Nicolais an Ansehen verlor, gehört 
freilich nicht ins Wörterbuch , ließe sich aber auch ohne große Er- 
örterung an einigen wohlgewählten Beispielen klar machen. Philo- 
sophaster, ein im 18. Jhdt. anscheinend nicht seltenes Wort, [Vgl. 
Kritikaster, Poetaster, Theologaster, Medicaster, letzteres 
in Günthers Lebensbeschreibung 76] (1732) gebraucht Joh. v. Müller 
in einem Briefe vom 12. August 1770 (Wke. 29, 79 der Ausg. v. 
1831 ff,), ferner Wieland Horazens Sat. "1, 33 (1786); andere Bei- 
spiele bringt Kehrein aus Herder. Verwandt mit dem Philoso- 
p ha st er ist der Philosoph ant, den Sanders und Kehrein aus 
Lichtenberg nachweisen; desgl. der Philosophist, den Jean Paul 
Hesperus 281 (Hpl) vom Philosophen unterscheidet {so viele Phi- 
losophen lind Philosophisten). Philos ophis tisieren hat No- 
valis 2, 177: Das Universalisieren und Philosophist isieren eines 
specißschen Begriffs oder Bildes ist nichts als ein Ätherisieren^ ein Ver- 
luftige)i, Vergeistigen eines Specificums oder Individuums; ebd. 2, 117 
auch Philosophismus: Philosophismus ist ein höheres Analogon 
des Organismus; der Organismus loird durch den Philosophismus 
completiert und umgekehrt. Philosophin. Zu dem Beispiele aus 
Zimmermanns Einsamkeit füge man ein früheres aus Gellerts Lust- 
spielen 130 (1748): 

Ihr seid gelehrt, 

Recht sehr gelehrt in allen Sachen, 

Und loollt Lucinden gern zur Philosophin machen. 
Philosophenbart bei Wieland Hör. Sat. % 73: er hat natürlich 
auch nach Art dieser Leute den Philosophenhart (sapientens bar- 
bam); vgl. ebd.: des Stertinius, eines philosophischen Marktschreiers, 
dem sein stoischer Bart und Mantel (s. später Philosophen- 
mantel) ... eine Art von Becht gaben; kürzer zu Horaz Sat. 1, 3, 
133: [der stoische Tugendschwätzer] hat natürlich auch nach Art jener 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 385 

Leute den Philosophen hart. Vgl. Friedländer Sittengesch. Roms 3, 
559 (1871): ein langer Bart, hinanfgezogeite Augenbrauen, ein grober 
Mantel und hloße Füße seien einem genug, vm sich für weise, mannhaft 
und gerecht auszugeben. Philosophenbraten: Eine am Spieß gebratene 
und mit Petersilie bedeckte Hammelbrust ist ebenfalls kein verächtliches 
Gericht: es ist dies der sogenannte Philosophenbraten. La Reyiiiere 
Küchenkalender, übersetzt und herausg. v. Habs (Reclain). Philo- 
sophenkönig bei Gregorovius Athenais 121. Philosophenkaiser 
bei Friedländer a. a. O. zur Bezeichnung des Kaisers Julian. Der 
Philosophenmantel wird im Altertiium und dem entsprechend 
auch häufig in deutschen Schriften erwähnt, thcils im eigentlichen 
Sinne, theils übertragen. Vgl. Poesie der Franken 1, 215 (1730): 

Hiermit ließ er die guten Alten 

Die Philosophenmäntel falten. 
Wir finden diesen Ausdruck desgleichen in einem docli für weitere 
Kreise berechneten Buche, das im Jahre 1786 zu Breslau unter dem 
Titel Liebe und Ehe in der Narrenkappe und im Philoso jjhenm an tel 
erschien (s. Verzeichn. des antiq. Bücherlagere von K. Th. Völcker 
141, Nr. 67). Daß auch in unseren Tagen der Ausdruck als allge- 
mein bekannt vorausgesetzt wird, sehen wir aus den Grenzboten, Jahrg. 
1887, Nr. 52, S. 635, wo eine Abtheilung von Gedichten Albert Gehrkes 
die zusammenfassend'^ Überschrift: Im Prophetenmantel trägt. 
Arndt Geist der Zeit ^1, 46 (1807): Selbst die Theologie ließ sich so 
weit hei^ab, den Philosophenmantel umzunehmen; nun ward sie be- 
thört, und die Philosophie stutzte und zierte und glättete an ihr, so lange 
es eticas zu stutzen, zu zieren und zu glätten gab. Friedländer a. a. O. 
602: Ist es erforderlich, daß tausend Bänke aufgestellt, Zuhörer einge- 
laden werden, daß du in eleganter Kleidung oder im schäbigen Philo- 
so phenmänt eichen auf das Katheder trittst und den Tod AchiUs be- 
schreibst? Vgl. ebd. 569: Die Gegner ließen es sich nicht nehmen., gerade 
auf den Lebensioandel dieser bloßen Bart- und Mantelphilosophen 
hinzuweisen, um die Unfruchtbarkeit der Philosophie Jür sittliche Ver- 
vollkommnung darzuthun. Wieland Agathon 10, 3 (Sämmtl. Wke. 2, 
273 der kl. Ausg. von 1794 fF.) : Alan mußte Metaphysik in geometri- 
schen Ausdrücken reden, um sich dem Fürsten angenehm, zu machen. Man 
trug also am ganzen Hofe keine andere als philosophische Mäntel. 
Frkf. Gel. Anz. 1, 147 (1772): So rathe ich keinem Dichter, in dem 
Mantel der Philos ophen aufzutreten, dessen Löcher so vielen ärgei'- 
lich an denjenigen sind, die keinen besseren Mantel haben U7id ihn aus 
Caprice auf einige Stunden von sich legen, um zu sehen, wie sie der 



386 A. GOMBERT 

andere kleidet und wie weit er ihnen reicht. Philosophenbart und 
Philosophenmantel findet man auch in mehreren deutsch -latein, 
Wörterbüchern, wie von Georges. Philosophenmaske bei Fried- 
länder a. a. O. 573: dies bequeme und einträgliche Bettlerlehen, das 
ihnen zugleich die Möglichkeit gewährte, unter der Philosophenmaske 
iliren hestialen N'-igungen zu, fröhnen; ebd. 561, 577 u. oft, übrigens 
schon viel früher, Philo s ophen schule, 559: Philosophentracht. 
Philosophensecte bei Seume 8, 200 (Weinlese): Professor und 
Verfechter einer Philo sophe7isecte. Philoso phenthum bei Gre- 
gorovius Athenais 80: fakirhaftes Mönchthnm und das Bettelphiloso- 
ph enth um Griechen lands. 

Phiole wird einfach als kugelförmige Glasflasche mit langem 
Halse bezeichnet. Es wäre hinzuzufügen, daß nach dem heutigen 
Sprachgebrauche das Wort ein ungewöhnliches und vornehmes ge- 
worden ist, daher, so viel ich weiß, nicht zur Bezeichnung von all- 
täglichen Gebrauchsgeräthen verwendet wird , sollten sie auch der 
sonst richtig von Lexer gegebenen Begriffsbestimmung entsprechen ; 
man versteht vielmehr unter der Phiole die in der angegebenen 
Weise gestaltete Glas f lasche des Chemikers, der ja dem ge- 
wöhnlichen Sterblichen leicht wie ein Hexenmeister erscheint, oder 
ein als Heiligthum gezeigtes oder kirchlichem Gebrauche dienendes 
Gefäß. Hierzu stimmen die von Lexer gegebenen drei Beispiele, 
denen noch beizufügen wären zunächst die schon von Kehrein ange- 
führte Stelle aus Faust 2. Theil (Hempel, 13, 69): 
/Schon in der innersten Phiole 
Erglüht es wie lebendge Kohle; 
ferner aus Lenaus Faust (S. 386 der Gesammtausgabe von Barthel) : 
Er riefs und hatte mit den Worten 
Phiolen, Flaschen und Retorten 
Zerschmettert schnell in tausend Scherben. 
Diese Scherben heißen zum Überfluß ebd. 385 

die Splitter 
Vom alchymist' sehen Apparat. 
Und wenn Rückert in dem von Sanders gebotenen Beispiele aus den 
Makamen eine Trinkflasche als Phiole bezeichnet, so mag dies der 
morgenländischen Einkleidung zuliebe geschehen sein, wird aber wohl 
eher eine durch das vorhergehende Reirawort Viole nahe gelegte 
unübliche Verwendung des Wortes Phiole sein, wie dergleichen bei 
Rückert häufig zu finden ist. Dahn, im Kampf um Rom ^1, 277, ver- 
wendet bei der Schilderung eines Gastmahls und Trinkgelages wieder 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCH KN WÖRTERRICflK. ;}87 

die ursprüngliche griech. Form Filiale, ich denke, weil ihm die 
Phiole zu alchymistisch, apothekerhaft oder kirchlich vorkam: Laji 
die Amphora hereinbringen ; dazu die Phialru von rjelheni Bernslein. 
Hedio in der Übersetzung von Baptista Piatinas Papstgeschichte 32* 
(1546) hat Phiel: ein guldin Phiel odei' schal. 

Phlegmatiker und phlegmatisch werden erst aus Kants 
Anthropolo2;ie belegt. Wann ersteres Wort aufgekommen ist, weilJ ich 
nicht, will aber doch bemerken, daß die lateinische Form ])hleg- 
maticus, die ja noch heute neben Phlegmatiker gebraucht wird, 
schon von Sim. Roth (1572) als Fremdwort aufgenommen und erklärt 
ist: ein rotziger, pfntziger, tostiger mensch. Phlegmatisch aber im 
Sinne der alten Anthropologie ist schon im IG. Jhdt. ganz gewöhn- 
lich, z.B. 1532 bei Fries, Spiegel der Arznei 106: von ßigmaiischan 
Unwillen [Übelkeit]; Sebiz vom Feldbau 233 (1580): die Phlegma- 
tische tuid Wasser ige feucht igkegf. ebd. p hlegvidf ische heulen; auß 
Vermischung des phlegmatischen und Biliosi gehlüts. New Distülir- 
buch 2* u. ö*» (Fkft. 1597): ein rohe ungedäioete Flegmatische feuchte; 
ebd. 3^^: die Flegmatische vngeschviackte wässerigkeif. Cureus Schles. 
Chron. übers, v. Rättel 2, 50 (1585): die Pituita und Flegmatische 
Materi. Im übertragenen Sinne habe ich mir phlegmatisch erst aus 
Abbt Liebe zum Vaterlande (1761), Vermischte Werke 2, 47 der Ausg. 
von 1770 angemerkt: Wir werden Stützen des Vaterlandes durch unsern 
Fall, anstatt demselben durch unsere phlegmatisJie Lage zur Last zu 
gereichen. 

Pho s p hör in der Bed. Morgenstern findet sich vor Fr. ]\Iüller 
bei Uz 1, 50 (Ausg. v. 1768): 

Wie Phosphor glänzt, der um den Morgenthau 
Aus Thetis Armen sich entziehet, 
Und ans gestirnte Blau 

Mit heitrem Lächeln tritt und vom Olympe stehet. 
In Phosphor wird die Abstammung nicht mehr gefühlt, und so bildet 
man auch Phosphorlicht: 

JJilnste, mein Junge, nur Phosphorlicht, 
Vermoderte Quallen und Schnecken. 

A. V. Droste HülshofF 1, 247. 
Ihr [der Sterne] Phosphorlicht ivandelt die grünliche Fläche des uner- 
meßlichen Ocaans in ein Feuermeer um Humboldt, Ans. der Natur 175 
(kl. Ausg. V. 1871); ebd. 139: zahllose Insecten gössen ihr röthliches 
Phosphorlicht über die krautbedeckte Erde. ebd. 204: ein sihicaches 
Phosphor licht. Vgl. auch in Alfr. Meißners Gedicht Venezia: du 



388 A- GOMBERT 

blasser Phosphorschimmer. Phosphorisch wird aus Wielands 
Cielia (1783) belegt; etwas früher sehen wir es bei Kant in Engels 
Philosophen für d. Welt 2, 151 (1777): die Ausdünstung des phos- 
porisch Sauren, wornach alle Neger stinken, ebd. 156. Auch wäre 
ein Beispiel aus Goethe 11, 1, 260 (Hempel) vom J. 1821 (Theater- 
reden) beizubringen: 

Und unter dem Kopfschmuck pho sphärischer Schlangen 
Weiß glühen die Augen mid. rothhravn die Wangen. 
Gephosphortes Wasserstoffgas Humboldt, Ans. d. Natur 216. 

Phrase. Zu den geschraubten Phrasen (Platen) wären auch die 
gewundenen Phrasen anzuführen, z. B. aus Goethe 13, 22 (Faust, 
2. Theil); ferner Phrasen drehen und Phrasen drechseln., auch 
Phrasendrechsler ; die geschwollene Phrase, z. B. bei Geibel Ged. 
u. Gedenkbl. 103: 

Wann der Verfall anhebt? Wenn die Zeit die geschwollene Phrase 
Von des empfundenen Worts Fülle zu scheiden verlernt. 
Dazu gehört denn die nicht seltene Zusammensetzung Phrasen- 
schwall, Phrasenflor Goethe 2, 382 Hempel (Zahme Xenien 
5. Abth.) : So zerret Lesers dürftig Ohr 

Mit vielgequirltem Phrasen- Flor. 
Von weiteren übergangenen Zusammensetzungen seien genannt Phra- 
sengewebe Vilmar Litgesch. ^^444: Nocli länger bekannt und beliebt 
ivar das Phrasengewebe: die Fürstengruft; Phrasenheld Vilmar 
Schulreden ^217 (aus d. J. 1845); Phrasenherrschaft ebd. 336 
(1849): die Begriffs- und Phrasenherrschaft hat zu einer Trägheit 
und Feigheit geführt, die noch nie in >o auffallenden Formen hervoi^- 
getreten ist, wie in unserer neuesten Zeit; ebd. 337 wird der Ausdruck 
wiederholt ; S. 335 dafür Phrasendespotismus: die Begriffe werden 
zu Phrasen, und die Begriffsherrschaft wird zum Phrasendespotis- 
mus'., Phrasentausch H. Leo, Gedankenspäne 115: den Dingen, 
vor allen Dingen den Persönlichkeiten und deren Handlungen fest auf 
die Nähte zu fühlen, haben xvir uns in diesem öden langioeiligen Traum- 
leben unseres Phrasentausches, den ivir Unterhaltung und Belehrung 
nennen, fast ganz entwöhnt. Phraseologie ist übergangen. Im Jahre 
1610 gab J. R. Sattler zu Basel seine Teutsche Orthographey und 
Phraseologey heraus. Seit wann das Wort auch im tadelnden 
Sinne gebraucht wird, habe ich nicht angemerkt; ein Beispiel aus 
dem Jahre 1790 gäbe J. G. Müller, Herr Thomas 2, 379: also konnten 
seine Lieder nicht viel mehr enthalten als Gemeinplätze und abgenutzte 
erotische Phraseologie; ebd. 4, 353 (1791): er erschöpfte seine ganze 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 389 

poetische Phraseologie. Bekannter ist Platens Vers aus der Gabel 
(Werke 4, 30 der Ausg. von 1854): Phraseologie, die im Kopfe mir 
hlv'h ans einem TragödienrUhrei. Phraseologisch steht 1719 in Math. 
Krämers Nider-Hoch-Teutsehen Wörterbuche, Vorrede, Bl. V' -. gute 
phraseologische Dictiojiarien und ebd. 3": ohnn Nachtheil der zu 
einem rechtschaffenen phraseol og isch en Lexico ei'fonlerten Vullstäiidigkeit. 

Physik. Auf Wolframs fisike folgt sogleicli ein Beispiel aus 
Kant, während man doch einige Belege aus den zwischenliegenden 
Jahrhunderten wünschte. Für das 16. Jhdt. wäre auf den doch häufig 
von Lexer angezogenen S. Roth zu verweisen: Physic Wisticn nid 
kiuist oder verstandt der natürlichen dingen\ dann etwa auf Pistorius 
Anatomie Lutheri 3, 47 (1593): Daß Luther ein grober Saw Theologtis 
ist und in seiner Theologia allzeit seicische Physich vnd stinckemlen 
Mist vnderfnischen muß. Physisch (belegt aus dem Jahre 1664) steht 
1593 in Seb. Helbers Syllabierbüchlein 16, 28; ein zusammenhängendes 
Beispiel bietet Harsdörffer in dem von ihm verfaßten 3. Theil von 
D. Schwenters Mathematischen und Philosophischen Erquickstunden 
S.. 227 (1653): Diese Strahlen aber sind keine Mathematische und künst- 
liche, sondern vielmehr Physische und natürliche Linien. 

Physiognomik. Die gegebene umfassende Erklärung wird 
leider durch das Beispiel aus Kant getrübt, welcher nur den Menschen 
ins Auge faßt; längst aber redet man doch auch von einer Physio- 
gnomik der Gewächse, wie ja in Humboldts Ansichten der Natur 
ein Abschnitt sich als Idee7i zu einer Physiognomik der Gewächse be- 
zeichnet (S. 173 ff. der kleinen Ausgabe von 1871); ebd. 155: auf- 
fallend sind in altcastilischen Idiomen die melen Ausdrücke für die 
Physio gnomik der Gebirgsmassen , für diejenigen ihrer Gestaltungen, 
welche unter allen Himmelsstrichen loiederkehren und schon in weifer Ferne 
die Natur des Gesteins ojfenbaren. liehen dem Physiogn o misten ver- 
diente auch der Physiognomiker Aufnahme; letzteres Wort ist heute 
sogar das üblichere. Das Wort wurde wohl durch Lavatcrs bezügliche 
Schriften (seit 1772 und besonders, seit 1775) üblich. Vgl. auch 
H. P. Sturz '^ 2, 205; wir sind Alle, mehr oder iveniger, empirische 
Physiognomiker. 

Piano als Adv. (Bürger) kommt schon 1702 vor bei Thomasius, 
Auserlesene Sehr. 2, 36 (Ausgabe von 1714): So lange fridericus Sapiens 
und Spalatinus Luthers allzu hitzigen Eyfer mit Glimpff supprimierten, 
vnd der Churfürst Gott reformieren und alles fein piano gehen ließen, 
ivenngleich Luther noch so sehr scholt. 



390 A. GOMBERT 

Pi chel (als Geiferläppchen kleiner Kinder) zeigt auch die Weiter- 
bildung Pichelschürze, d. h. Latzschürze, nur daß die Pichel- 
schürze ebensogut von Erwachsenen getragen wird und in unserer 
Zeit überhaupt die gewöhnliche Form der Schürzen ist. Das Wort gilt 
für berlinisch, gilt aber jetzt auch anderswo und wird wohl in ganz 
Norddeutschland verstanden. 

Pichelei wird von Lexer mit Sanders nur im Sinne von Sau- 
ferei gefaßt und durch eine Stelle aus der Karschin belegt. Ich habe 
schon im Jahre 1877 darauf aufmerksam gemacht, daß die mir damals 
nur aus Sanders bekannte Stelle keinen Sinn gäbe, wenn mau sie auf 
das Trinken bezöge, daß sie vielmehr auf harte Arbeit ginge, wozu 
ich auch picheln ::= schwer arbeiten aus Butschkys persianischem 
Rosenthal anführte. Genaue Einsicht in die genannte Stelle nimmt 
jeden Zweifel an meiner damaligen Behauptung. In dem bezüglichen 
Gedichte (Schlesisches Bauerngespräch, Gedichte von Luise Karschin, 
Berlin 1792 [Titelauflage von 1797], S. 376—388) schildert Bauer Hans 
S. 380 und 381 sein einfaches Tagewerk vom frühen Morgen an, gibt 
dabei an, wie seine Frau zuerst das Bette verläßt und fährt dann fort: 
Ich. fahr ihr huriig nach, und bet a Morgen- Seegen, 
So kurz als möglich iß; denn unser s Herr-Goots wegen 
Verioendt man nicht viel Zeit. Verzeih mirs Gott! icir seyn 
Zum Flegel nur gemacht und zu den Picheleyn. 
Der Bauer sagt also ganz einfach, daß er bei seiner harten Arbeit 
keine Zeit zu einer längeren Morgenandacht habe; er wirft nun einen 
Seitenblick auf den Städter, der wohl den Schein der Frömmigkeit 
annehme, dabei jedoch an seinen Wucher denke, und kehrt schließ- 
lich zu sich zurück: 

Wir Bauersleute thun, loas unsre Väter thaten : 
Wir beten kurz und gut und geh?! zur Arbeit hin. 
Das Mißverständniß der Stelle rührt wohl daher, daß Lexer sie auf 
Treu und Glauben aus dem Wörterbuche von Sanders entnahm; dar- 
auf deutet auch die nach Sanders gegebene Abtheilung der Zeilen, 
aus der die Alexandriner der Karschin nicht zu erkennen sind. 

Pickel in der Bed. Eiter bläschen auf der Haut, Blatter 
wird ganz übergangen, während es doch wenigstens in ganz Nord- 
deutschland ein alltägliches Wort ist und außer dem Adj. pick(e)lig 
in mancherlei Zusammensetzungen auftritt. Fontane Wanderungen 
4, 345 erzählt vom alten Schade w, daß zwei in Wachsmasse aus- 
geführte Modellfiguren in der Nähe des warmen Ofens, weil das Wachs 
an der Oberfläche schmolz, eine wie mit Pickeln übersäete Haut 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. ;i91 

bekommen hätten. Ein Tausendkünstler will den Schaden beseitigen, 
führt dies aber so mangelhaft aus, daß Schadow sagt (a. a. 0. 346): 
Ja, die Pickeln sind wea , aber die Pelle ooch. Pickel als eine Art 
Kraftwort zur Bezeichnung eines festen, seiner Arbeit gewachsenen 
Mannes wird aus Schöpf, tirol. Idiot belegt. In Norddeutschland habe 
ich diese Anwendung des Wortes nie gehört; daß sie im Süden auch 
aul>erhalb Tirols vorkommt, sieht man aus J. Gotthelf, Ges. Sehr. 
20, 175 (Berlin 1861. Käserei i. d. Vehfr.): Das ist ein Buch, das ist 
eins! Das muß Einer sein, ders geschrieben hat, e ganze Kerli, e ver- 
buchte Pickel! Pickel hart wird nur aus Wörterbüchern belegt; 
vgl. darum Berlepsch, Alpen* 407 (1871): u-enn drunten im 'Thal Alles 
picke l hart gefroren ist. Pickelhaube. Es wird richtig angegeben, 
wie das Wort allmälig seine Bedeutung gewechselt hat und heute 
fast ausschließlich den metallbeschlagenen und mit einer Spitze ver- 
sehenen Helm bezeichnet. Man vermißt aber einen bestimmten Hin- 
weis darauf, daß seit der Einführung des griechischem Vorbilde ent- 
lehnten mit der Spitze versehenen Helmes durch König Friedrich Wil- 
helm IV. das Wort Pickelhaube nicht bloß stehende Bezeichnung 
des preußischen Helmes, sondern auch der preußischen Heeres- und 
Staatsmacht geworden ist. Bei den Wahlen zum Zollparlament (1867) 
wurde in süddeutschen ultramontanen Blättern die schreckliche An- 
klage erhoben , man wolle in Berlin ganz Deutschland unter die 
Pickelhaube bringen. Gleichmüthiger empfand man es, daß vor 
nicht langer Zeit durch Abschaffung des sogenannten historischen 
Raupenhelmes und die Einführung des preußischen auch Baiern unter 
die Pickelhatihe gebracht wurde. Für die von Lexer erwähnte unrichtige 
Ableitung, nach der man unter Pickel so viel wie Spitze verstand 
und versteht, bietet H. Heine, Deutschland, Cap. 3, ein bezeichnendes 
Beispiel : 

Nicht übel gefiel mir das neue Kostüm Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt 
Der Reiter, das muß ich loben, Vom allerhöchsten '[Vitze ! 

Besonders die Pickelhaube, den Ein königlicher Einfall wars! 

Helm Es fehlt nicht die Pointe, die Sp itze ! 

Mit der stählernen Spitze nach oben. 

Nach dem Gesagten bedeutet Pickelhaube natürlich auch den Helm 
der preußischen Polizei und den Polizeibeamten selber; vgl. Raabe, 
Deutscher Adel in Westermanns Monatsheften, Dez. 1878, S. 311": 
Ist das eine Polizei! Keine Pickelhaube zu sehen, so iceit das Auge 
tmd der Tumidt reicht. Pickel st ein wird als gefrorner Erden- 
kloß bezeichnet; besser ist die Erklärung Jahns 1, 536: Erde, die 



392 



A. OOMBERT 



steinhart mit scharfen Spitzen gefroren ist. Übrigens gebraucht man 
das Wort, wie Danneil an der von Lexer angezogenen Stelle bemerkt, 
kaum anders als in der Wendung: es friert Pickelsteine. Vgl. Jahn 
1, 478: Biermährte ißt man in den Hundstagen; loenn es Pickelsteine 
friert, kann man sie nicht gebrauchen. Pickelstock wird nur im 
Sinne von Pickel = Spitzhacke aus Rädlein beigebracht, be- 
deutet aber auch den mit metallener Spitze versehenen Wanderstock; 
vgl Hoffmann v. Fallersieben Ged.^ 298: 
Ein Paar gute Sohlen Ein Paar weite Hosen 

Und ein heiler Rock, Und ein Pickelstock, 

Dichtes Wachstuch überm Hut 
Ist in Wind und Wetter g%it. 

Picker steht bei Lexer nur im Sinne von Pickenarbeiter 
und von dem Vogel Steinhauer oder Steinpicker. Schottel jedoch 
334" führt den Pick er an als denjenigen, der seinen Nutz von eines 
Anderen Abgang und Schaden suchet, und ebenda: Pikken, abpikken 
das ist jhm vortheilhaftig zuheimschen. Pieken ist in Norddeutschland, 
besonders im .Brandenburgischen, das gewöhnliche Haus- und Kinder- 
wort für stechen (nd. peken) und wird von picken bestimmt 
unterschieden. Floh und Nadel pieken; letztere heißt daher auch in 
der Kindersprache die Pieknadel, so daß diese Bezeichnung nicht 
etwa auf die Stecknadel beschränkt ist. Vgl. auch Kopisch, Ges. 
Sehr. 2, 231: 

Wird dir hei Nacht die Ruhe gerauht durch hüpfender Flöhe 
Piekende Schar und sanft anschleichende Wanzen. 
Piekentief (übergangen) führt Campe nach Frisch 2, 59" als gleich- 
bedeutend mit zwei Klafter tief an. Denselben Sinn hat offenbar 
das in Bessers Schriften 1, 198 der Ausgabe von 1732 vorkommende 
Picken-hoch: 

Bey Landen hat es Carln, o strenge Schlacht hey Landen! 

Viel eher an Geschütz, als Gegemoehr gefehlt, 

Der mit dem Degen nur, als mehr kein Kraut vorhanden, 

Die Feinde Picken-hoch dem Tode zugezehlt. 
Erwähnt sei auch das aus dem Osten Deutschlands weiter gedrungene 
piekfein (auch pick fein), das im Munde von Handlungsreisenden 
und sonst in gewöhnlicher Rede eine sehr übliche Verstärkung von 
fein bedeutet. Es hängt schwerlich mit der Pieke oder Spitze zu- 
sammen (obgleich es auch ein nadelfein, nähnadelfein gibt); 
der erste Theil wird das polnische piekny (=^ schön) sein, so daß 
piekfein denselben Begriff doppelt ausdrückt, vgl. Guerillakrieg 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 393 

imd ähnliche Bildungen. Dem piekfein ganz nahe steht wienerisch 
pieksüß (picksüß); vgl.' Pötzl, Rund um den Stephansthurm 111 
fReclam, Universalbibl. 2-iIl, 2412) •. der Vogel singt Ihna, daß d'Leiif 
<iuf der Gass'n stehen hleih'n. Aiifn ganzen Ginind nennens'n mir 'spick- 
.«üße Hölzel [Nach Pötzl ein Dialectwort für die Clarinette ] An den 
ebenfalls übergangenen Piek seh litten will ich hier nur erinnern, 
um das Wort als ein allgemein norddeutsches in Anspruch zu nehmen, 
das auch Sanders verzeichnet, während die Anführung bei Frischbier 
den Gedanken erwecken könnte, als sei es auf die Provinz Preußen 
beschränkt. 

Piepbock (eigentlich piepender Bock) als passende Bezeich- 
nung des Dudelsacks oder der Sackpfeife finde ich nur bei 
Sachs- Villatte 2, 1327^ während das Wort doch Avohl in weiten Stri- 
chen Norddeutschlands nicht bloß volksmäßig (nd. in der Form 
Pibuck) für Dudelsack, sondern auch verächtlich für andere Ton- 
geräthe, so insbesondere für ein schlechtes sog. Positiv gebraucht 
wird. Adektng, Campe, Heyse bringen für Sackpfeife die Bezeichnung 
Piep sack. Der Piepbock erscheint selten in Druckwerken; einen 
Beleg bietet die Schles. Zeitung vom 23. October 18b5, Nr. 743 in 
einem von einem Ungenannten aus dem Französischen übersetzten 
Roman: JJer Dudelsackpfeifer gab, seinen Pipbock aif blasend, dos 
Zeichen zum Aufbruch. 

Piephahn kommt in der ersten von Lexer angegebenen Be- 
deutung kaum noch vor, desto mehr norddeutsch in der zweiten, 
und darum wird das Wort überhaupt in anständiger Rede ganz ge- 
mieden. Ein Beispiel für die erste Bedeutung bietet Joh. Helwig, 
Nymphe Noris bei Gödeke Elf Bücher deutscher Dichtung 1, 34b'': 
es gottert und klottert und schlottert 
Der Piphan für Stoliz. 
!\Iit dem P. ist hier nach den lautmalenden Zeitwörtern der Truthahn 
gemeint; man vergleiche auch das von Lexer nicht verzeichnete Wort 
Piephenne bei HarsdörfFer, Frauenz.£Gespr. 5, 469 (1645): Dalier 
hat jener eine Pipphenne, deme [lies dtr^ eine Hand ein rothes Tuch 
vorhält, in einem Siniibild vorgeführt mit diesen Worten: der Wahn be- 
trügt. Weil besagter Vogel über die rothe Farbe, die ihn doch nicht be- 
leidiget, zörnet. Piepmatz wird nur aus Albrechts Buch über die 
Leipziger Mundart beigebracht, ist aber, so weit meine Kenntniß 
reicht, überall in Norddeutschland Bezeichnung eines kleinen Vogels 
(in Berlin insbesondere des Haussperlings) oder eines kleinen, ängst- 
lichen oder weinerlichen Kindes, das man ja auch Vögelchen nennt. 

GEUMANIA. Neue Keihc XXII. (XXXIV.) Jahrg. 26 



394 ^- GOMBERT 

Piepmeier (übergangen) war in den Jahren 1848 — 1850 ein hcäufig 
gebrauchter Ausdruck zur Bezeichnung einer Art von ängstlichen und 
unentschlossenen Politikern, die indessen das lebhafte Bedürfniß hatten, 
sich bei jeder Gelegenheit mit ihrer Meinung hören zu lassen. 
Vgl. Jahn 2, 1061 in einem Briefe vom 20. März 1849: Nun gibt 
es noch Leute, man nennt sie Piep m ei er s, icahre Prachtkerle, die des 
Abends mit einer anderen Meinung zu Bette gehen und des Morgens mit 
einer anderen zum Vorschein kommen. Man bildete auch weiter Piep- 
meierei und Piepmeier thum. Ein Beispiel für ersteres bietet Bis- 
marck in seinem Petersburger Schreiben vom 12. Mai 1859 an den 
Minister von Schleinitz, abgedruckt bei Hahn, Fürst Bisraarck 1, 52: 
Es ist so lüeit gekommen, daß kaum noch unter dem Mantd allgemeine^' 
deutscher Gesinnung ein preußisches Blatt sich zu i^reußischem Patriotismus 
zu bekennen icagt. Die allgemeine Piepmeierei spielt dabei eine große 
Rolle, nicht minder die Zwanziger, die Osterreich zu diesem Zwecke nie- 
mals felden. Bei Sachs -Villatte wird Piepmeier verzeichnet und 
durch Prudhomme wiedergegeben. Piepstückel (übergangen) 
steht bei Rumohr, Geist der Kochkunst (Reclam): Brüste von großem 
Geflügel, ah indianischen Hühnern {Kalekuten, Kühnen oder Piepstückeln) 
. . gerathen vorzüglich am Baumelspieß toie auf dem Roste. Auch Campe, 
Heyse, Sanders und Sachs -Villatte im Encykl. Wb. führen Piep- 
stückel in der Bedeutung von Pute(r) auf. Daß Piepvogel auch 
den preußischen rothen Adlerorden bedeutet, brauchte kaum aus 
Albrecht belegt zu werden, da doch die Bezeichnung unzweifelhaft 
nicht aus Sachsen, sondern aus Preußen, bez. aus Berlin stammt. 
Im Übrigen ist sie mehr gemüthlich als spöttisch zu fassen. Der 
Brandenburger verbirgt gern seine Neigung und selbst Verehrung für 
Dinge wie Personen unter einer dem Fremden achtungswidrig oder 
spöttisch klingenden Bezeichnung, und so nennt dort gelegentlich 
auch der unbedingteste Anhänger des Preußen- und Hohenzollernthums 
den bewußten Orden, den er stolz als wohlerworbenen trägt, einen 
Piepvogel. 

Pieraas (Regenwurm) wird in der Berliner Volkssprache und 
auch sonst im Brandenburgischen in Piere sei verwandelt; in der 
Ukermark ist die stehende Bezeichnung Pier atz, auch Pier atze, 
pl. Pieratzen, was mit der von Frischbier verzeichneten Angabe 
des Westpreußen Treichel übereinstimmt. 

Pietät wird erst aus Goethe belegt, während es doch schon 
Sim. Roth M 7* (1572) als ein gebräuchliches Fremdwort aufnimmt. 
Rietet vnd Pietantz Trewe pflicht , lieb vnd gehorsam, fürnemblich 



BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 'Süö 

gegen Gott, darnach gegen Vatter vnd Matter, Kinder vnd Gffreunden, 
Gottsforcht, icarer Gottsdienst. Vgl. auch Micrälius, Vorrede zum 
«rsten Buche Vom alten Pommerlande: meine liietait gegen vnser all- 
gemehies Vaterland:, Philander 6, 65 (Frankfurt 1646, Itinerarium» : 
so vnerhörte kindliche pietet vnd Treice. Einer Dichterstelle für das 
Fremdwort bedurfte es eigentlich nicht; die einzige gegebene, aus 
Heinrich Heines letzten Gedichten, ist höchst unglücklich gewählt. 
Sie lautet: Der Deutsehe wird die Majestät 

Behandeln stets mit Pietät} 
Für denjenigen nämlich, welcher, unbekannt mit Heine, sie ernst 
nimmt, klingt sie ziemlich nichtssagend; wer aber Heine kennt, weil:, 
daß wenige Zeilen darauf diese Pietät darauf hinausläuft, einst den 
deutschen Monarchen in sechsspänniger Hofcarosse auf den Richtplatz 
zu kutschieren und unterthänigst zu guillotinieren . Das ist nicht mehr 
geraüthliches Scherzen, wie wir es vorhin beim Piepvogel sahen; 
das ist herzlos grinsende Frechheit, über welche Lexer sicher genau 
so denkt wie ich. Ihm also mache ich wegen dieser Stelle keinen 
Vorwurf; es ist ja unmöglich, bei der fiir jedes Heft des Wb. sich 
ergebenden Arbeit mit vielen tausend Belegen jeden derselben nach 
seinem Zusammenhange zu kennen und darnach über Aufnahme oder 
Übergebung stets mit unanfechtbarem Urtheil zu entscheiden. Eher 
nehme ich Anstoli daran, da(.^ die seit Jahrzehnten so häufig ge- 
brauchten und fast zu Modewörtern gewordenen Ausdrücke pietät- 
los, Pietätlosigkeit, pietät(s)voll übergangen sind. Von Zu- 
sammensetzungen vermisse ich vorzugsweise Pietätspflicht und 
Pietätsrücksicht; vgl. G. Baur, Grundzüge der Erziehungslehre* 
XIX (Vorrede): ich empßnde eine gewisse Pietät. '^pf licht gegen die 
tirsprUngl'uhen Grundzüge einer Jugendschrift \ G. Curtius, Rede auf 
Friedrich VII. von Dänemark (1861) bei P. Cauer, Deutsches Lesebuch 
für Prima 376: Man ist es gewohnt geioorden, die Pflichten, icelclie in 
dem, Gebote, du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, begriffen 
sind, als die ausschließlichen Pietätspflichten zu betrachten^ Palmer, 
Evang. Pädagogik^ 651 (1855): daß eine aufrichtige Geschichtsdar- 
stellung aus Pietätsrüiksichten oft unmöglich loerde (angeführt aus 
Curtmann, Lehrbuch der Pädagogik). Pietist. Aus Gervinus ist die 
Angabe aufgenommen, da(i die Bezeichnung Pietist zuerst 1689 in 
Leipzig in Umlauf gekommen sei, während doch schon Weigand 2, 350 
ausdrücklich unter Bezugnahme auf Ph. J. Spener den Frankfurter 
Ursprung des Wortes seit 1674 behauptet. Mir sind Speners Schriften 
nicht zur Hand, so daß ich die Wahrheit von Weigands Angabe nicht 

26* 



396 A. GOMBERT, BEMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE. 

erweisen kann; Spener aber gebraucht den Ausdruck in einem Briefe 
aus dem Jahre 1680, mitgetheilt bei Wackernagel, Leseb. 3, 1, 954 
als einen damals schon üblichen: Was zicar die Namen der neuen 
Christen^ pietisten tind dergleichen anlangt, . . . hoffe ich nicht, daß 
jemand von uns oder von uvseren hekanten freunden solchen jemahl von 
sich seihst iverde gehraucht haben , . . . sondern solche nahmen sind von 
den icied er ich- gesinnten und ühel- wollenden uns zum schimpff auffgehracht 
luorden. Man bildete im Anfange des 18. Jhdts. auch, doch wohl nur 
vereinzelt, das Wort Impietist, vgl. Neukirchs Sammlung 4, 200: 
Die Frommeil weiß ich wohl, ich kenne deines gleichen, 
Wo lehr und leben stets in gleicher waage gehn. 
Da loohl vor diesem rühm der gröste teil muß iveichen. 
Und manch impietist beschämt zurücke stehn. 
Pietistisch (belegt aus Nicolais Sebaldus Nothanker) wird bald 
nach Pietist entstanden sein; einen Beleg aus dem Jahre 1698 haben 
wir bei Leibniz , Deutsche Schriften , herausgeg. von Guhrauer 2, 80 
(Brief an Jablonski) : iceil man es nicht nur als einen Pietistischen 
Streich, sondern auch gar als eine Oppression der Evangelischen auf- 
nehmen würde. 

(Fortsetzung und Schluß folgt.) 
GROSS-STRELITZ. A. GOMBERT 



Zu S. 370. 



Auch V. Bahder verweist mich auf Helbers Litteraturbüchlein, sowie 
auf Literaturblatt 1888, Sp. 340, wo er es ausgesprochen, daß in dem 
Dialect Ulrichs von Liechtenstein der Zusammenfall von in und u nicht 
eingetreten. 

Mitthei hingen. 

Professor Dr. Fr. Vogt in Kiel ist als Nachfolger Weinhold's nach 
Breslau berufen; Vogt's Nachfolger in Kiel wird 0. Erdmann, bis jetzt 
in Breslau. 

An die neu gegründete Universität in Freiburg i. S. sind berufen 
Dr. Fr. Jostes in Münster und Dr. W. Streitberg, der sich eben erst 
in Leipzig habilitiert. 

Dr. A. Hauffen hat sich an der deutschen Universität in Prag für 
deutsche Sprache und Literatur habilitiert. 



ZUR EUNENLEHRK. 



Das neueste Werk über Kiiiyen ist dasjenige vuu Lndv. F. A. 
Winimer, dänische Kuneskriftens oprindelse etc., 1874, und deutscli: 
Die Runenschrift etc., übersetzt von Dr. F. Holtliausen, Berlin 1887. 
Die Kuuenschritt ist hier genau und ausführlich behandelt, Ursprung 
und Entwickelung des Runeualphabets wird überzeugend dargelegt 
und an der Hand vieler Abbildungen die Erklärung und chrono- 
logische Bestimmung der Runenschrift-Denkmäler gegeben. Aber mit 
dem Titel: „Die Runenschrift" ist diesem Werke auch die Grenze 
gesteckt. 

Über ein anderes Gebiet der Runenlehre hat schon W. Grimm, 
„Über deutsche Runen", Anhang II, S. 296 — 320 unter der Über- 
schrift „Weissagung aus Baumzweigen" wichtige Winke gegeben; 
besonders aber gebührt Liliencron und Müllenhoff das Verdienst, hier 
tiefer eingedrungen zu sein und die mystische Bedeutung der Runen 
in den Vordergrund gestellt zu haben in den zwei Abhandlungen zur 
Runenlehre im XVI. Berichte der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen 
Gesellschaft etc. 1852. 

Jedoch auch von ihnen ist nur die Hälfte eines Feldes bebaut; 
neben den mystischen Zeichen nehmen die persönlichen einen bedeuten- 
den Rang und Raum ein. Über diese ist bis jetzt wohl das Beste die 
Abhandlung von Dr. A. L. J. Michelsen, Die Hausmarlce. Jena 1853. 

Alle drei Gebiete, Runenschrift, mystische Zeichen und Haus- 
marken unserer Vorfahren von einem einheitlichen Gesichtspunkte 
aufzufassen und gegenseitige Beziehungen derselben aufzudecken , ist 
der Zweck der folgenden Arbeit. 

So einleuchtend auch Wimmer das Runenalphabet aus dem 
lateinischen hergeleitet hat, so läßt er die selbständigen Eigenthümlich- 
keiten desselben, auf die er S. 140 — 143 kurz eingeht, doch so ziemlich 
auf der Seite liegen. Es sind 1. die abweichende Gestalt mancher 
Zeichen, 2. ihre die bloße Lautbezeichnung überragende Function, 
3. die abweichende Ordnung des Futhorks, 4. die deutschen Namen 
der Buchstaben. Diese Eigenthümlichkeiten treten schon in den älteren 
Runen denkmälGru zu Tage und haben sich im Ganzen so einheitlich, 

GERMANIA. Neue Keihe XXII. (XXXIV.) Jahrjf. 27 



398 ^' LOSCH 

im Einzelnen so organisch-mannigfaltig bei den verschiedenen deut- 
schen Völkern entwickelt, daß nach dieser Seite hin die Annahme 
einer willkürlichen Umgestaltung des lateinischen Alphabets von Seiten 
eines Erfinders der Runenschrift verfehlt ist. Denn weder im lateini- 
schen Alphabet, noch in der deutschen Sprache, noch in der geringen 
Anwendung der Runenschrift zu kurzen und litterarisch unbedeuten- 
den Inschriften läßt sich ein zwingender oder auch nur hinreichender 
Grund für eine so durchgreifende, planmäßige Umgestaltung des ent- 
lehnten Alphabets nachweisen. Der zureichende Grund muß deshalb 
in einer bestimmten Richtung gesucht werden. Diesen Weg haben 
Liliencron und MüUenhoff eingeschlagen. Ersterer sagt in der oben- 
genannten Abhandlung S. 17: „Alle Runenschriftsteller seit dem Mittel- 
alter sind darüber einig, daß es eine eigene Classe der Runen gab, 
welche zum Schreiben, d. h. zum buchstabierenden Zusammensetzen 
der Worte aus ihren Lautbestandtheilen gebraucht werden. Man pflegt 
sie Malrunen zu nennen. — Wenn sie also zum Schreiben dienten, 
so ward mithin mit anderen Runen, welchen sie entgegengesetzt sind, 
nicht geschrieben. Diese Folgerung ist so bescheiden, daß Niemand 
widersprechen ward; und dennoch ist sie nirgends gehörig festgehalten. 
Jene eine Art bildet ein Runenalphabet in unserem heutigen Sinn, 
die andere eine Reihe von — sagen wir getrost mystischen Zeichen." 
Es wird auch zugegeben werden, daß der Gebrauch mystischer Zei- 
chen nicht vom lateinischen Alphabet abzuleiten ist, und doch hat 
die Rune diesen Sinn in erster Linie. MüUenhoff sagt: „das Etymon 
des Wortes hat Grimm (Myth. 1174) zuerst aus dem altnord. raun, 
experimentum , reyna , temptare jrichtig erkannt" ; das ist aber zu be- 
richtigen, denn Grimm vermuthet an jener Stelle als ursprüngliche 
Bedeutung „das leise, feierlich Gesprochene, hernach erst Geheimniß" 
und sagt: „im ahd. Verbum rünen, susurrare, rünazan, murmurare, 
mhd. rünen, nhd. raunen, -ags. rünian dauert die Urbedeutung des 
geheimen Flüsterns, ahd. orrüno ist ein Vertrauter, der ins Ohr raunt." 
Bei Ulfilas hat rüna die Bedeutung von iivgttjqiov' sonst im Deut- 
schen, Angelsächsischen und Nordischen die eines geheimnißvoll- 
bedeutsamen Zeichens. Die lateinischen litterae erhielten also, indem 
sie zu Runen wurden, eine Bereicherung ihrer Bedeutsamkeit in dem 
Maße, als der deutsche Begriff den lateinischen übertrifft. Das Be- 
dürfniß mystischer Zeichen kann nicht erst mit der Übernahme des 
lateinischen Alphabets erwacht sein, ebensowenig als das Wort Rune 
erst bei diesem Anlass entstanden sein kann; also ist anzunehmen, 
daß die Deutschen schon vorher sowohl mystische Zeichen , als das 



ZUR RUNENLEHKE. 399 

Wort Rune hatten, und daß sie mit diesem jene bezeichneten. Lilien- 
cron wirft die von ihm bejahte Frage auf: „ob es wirklich eine Zeit 
gab, wo bei den germanisch-nordischen Stämmen die mystischen llunen- 
zeichen im allgemeinen Gebrauche waren, ohne daß mau mit ihnen 
den Gedanken eines eigentlichen Alphabetes und den des Schreibens 
verband?" Diese Frage ist folgerichtig, nur bleibt sie auf halbem 
Wege stehen; denn Liliencron und ]\lüllenhofF haben trotz der Uuter- 
scheidung von Malrunen und mystischen liunen doch diejenigen Runen 
im Auge, welche in den überlieferten Ruuenalphabeten vorliegen. 
Es muß noch eine weitergreifende Unterscheidung gemacht und der 
Schluß gewagt werden, daß zwischen Rune und Alphabet einmal zu 
trennen und analphabetische Runen anzunehmen seien. Wimmer sagt 
S. 141: „Damit diese Verschiedenheiten zwischen dem Runenalphabet 
und dem lateinischen Alphabet hinsichtlich der Reihenfolge und Be- 
nennung der Buchstaben in irgend welcher Beziehung das Ergebniß 
unserer Untersuchungen erschüttern könnten, müßte man auf jeden 
Fall ein anderes, älteres Alphabet nachweisen, welches besser als das 
lateinische den Grund dieser Abweichungen zu erklären vermöchte; 
aber ein solches Alphabet findet sich nicht." Hier ist nur die Forde- 
rung verfehlt, ein älteres Alphabet nachzuweisen, denn ein solches 
findet sich freilich nicht, sondern analphabetische Zeichen; darum 
erschüttert aber auch unser Ergebniß nicht im Geringsten dasjenige 
Wimmers, sondern ergänzt es. Waren analphabetische Runen vor der 
Bekanntschaft mit dem Alphabet vorhanden, so ist erklärlich, wie 
aus dem bekannt gewordenen Alphabet ein Runenalphabet entstand, 
indem es dem alten Systeme angepaßt wurde und dasselbe mit dem 
neuen Principe der Lautbezeichnung bereicherte; umgekehrt ist damit 
auch die Umgestaltung des übernommenen Alphabets natürlich uud 
hinreichend begründet. 

Es erhebt sich nun die Frage, wie man sich die mystischen 
Zeichen vor Einführung des Alphabets zu denken habe. Zur Ver- 
anschaulichung derselben dienen eben die wesentlichen Unterschei- 
dungsmerkmale des Futhork vom lateinischen Alphabete. 1. Es waren 
Zeichen mit einem senkrechten Hauptstrich, welchem schräge Seiten- 
striche angefügt wurden; 2. sie bezeichneten nicht Laute, sondern 
Sachen; 3. zu besonderen Zwecken bildete eine bestimmte Anzahl 
solcher Zeichen eine dreitheilige Gruppe; 4. jedes Zeichen trug den 
Namen der Sache, die es bezeichnete, wodurch es belebt wurde. 
Mystische Zeichen sind demnach solche, deren Name mystische Be- 
deutung hatte. 

27* 



400 F. LOSCH 

Das Ganze wird klarer bei Betrachtung der Losung, zu welcher 
solche Zeichen verwendet wurden. Die Belege hat Müllenhoff zusam- 
mengestellt; wir brauchen nur die zwei hauptsächlichsten. 

Tacitus Germania X: Sortium consuetudo simplex. Virgam f