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Full text of "Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde..."

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^/^ 



GERMANIA. 



VIEBTELJAHRSSCHRIFT 



fOr 



DEUTSCHE ALTERTHUMSKÜNDE. 



BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER. 



HERAUSGEGEBEN 
VON 



KARL BARTSCH. 



ZWANZIGSTER .lAnROANG. 
NEUE REIHE ACHTER JAHROANQ. 



THE 

HILDEBKAND 
LISEMIY. 



WIEN. 

VERLAG VON CARL OEROLD'S SOHN. 

1875. 






6'> 



RS\5> 



>R. '^ M \ c|^. 



INHALT. 



Ben« 

Pftlsische Beichte sas Born. Von K. Bartsch 1 

Kitteldentsches Magnificat Von demselben 8 

Samnel von Lichtenberg. Von W. Crecelins 7 

X fOr U. Von F. Latendorf . 8 

Ober das Verhftltniss der Klage zom Biterolf. Von A. Ediardi 9 

Die lehn Lebensalter. Von Adalbert Jeitteles 80 

Spenden zur Altersbestimmung neohochdentscher Wortformen. Von Fedor Bech 81 

iSne Beliqnie von Heinrich Aeger ans Calcar. Von Nolte 61 

Znr salfrinkischen Eideshilfe. Von K. y. Amira 68 

Heinrich Wittenweiler. Von Dr. J. Baechtold 66 

Holnnke. Von W. Crecelins 68 

Kritische Beitrige. Von Hans Lambel. 1 71 

Zn den Mnrbacher Hymnen. Von E. Wilken 81 

Abschrift von Hartmanns Iwein. Von K. Bartsch 84 

AHhoohdentsche Glossen. Von Nolte 129 

Zn Konrads Trojanerkriege. Von K. Bartsch 160 

Znr Thidrekssaga. Von Hugo Trentler 161 

Die Stuttgarter Oswaltprosa. Von A. Edzardi 190 

Obel* isUndisehe Apokrypha. Von K. Maurer 207 

BmchstOcke aus Meister Eckhart Von Fedor Bech 228 

Zur Heimatfrage Walthers. Von J. Y. Zingerle . 267 

Zur Waltherfirage. Von J. Ficker 271 

Die Quellen der M^nssaga. Von Hermann Suchier 273 

Angelsftehsische Studien. Von Joseph Strobl 292 

Zur Textkritik von vier romantischen 8aga*s. Von QosUf Cederschiöld . . . 306 

BjnJitaulsches Sigfridsi n&rchen. Von A. Edzardi 317 

Nachtrigliches zum jünge'fen~ Hildebrandsliede. Von demselben 320 

Allerlei ans Zeitser Handschriften. Von Fedor Bech 322 

Deutsche Handschriften in Paris. Von J. Baechtold 336 

Niedersichsische Fastenandacht. Von H. Martens 341 

Volksthflmliches aus Niederösterreich über Thiere. Von C. M. Blaas 349 

Zum FiölsrinnsmftL Von Hermann Möller 866 

Beitrige zur Kenntniss der Fseröischen Poesie. L Von E. Kölbing 386 

Ahd. Glossen zu Sallust. Von Karl Zangemeister 402 

Zur Textkritik des Rother. Von A. Edzardi 403 

V^mts von Grayenberg Verhftltniss zn seinen Vorbildern. L Von H. Meissner . 421 
Die Benutzung des Parzivals durch Wimt von Gravenberg. Von R. Sprenger 432 

Mitheilungen aus Grazer Handschriften. Von Adalbert Jeitteles 437 

Bruchstücke aus einem Passionale. Von K. Th. Heigel ^^^ 



LITTERATÜR. 

Bichard Heinzel, Geschichte der niedeifränkischen QeschafUsprache. Von H. Panl 86 

Karl Mailenhoff, LauriD. Von K. Bartsch 94 

Eduard Sievers, Paradigmen zur deutschen Qrammatik. Von H. Paul 104 

Friedrich Blohme, die gens Langobardomm. Von Karl Meyer 109 

Entgegnung. Von Hermann Fischer 111 

Zar Siteren romantischen Litterator im Norden. 1. Von £. K9lbing 226 

W. Wihnans, die Entwicklang der Kadrandichtang. Von E. Wilken 249 

Znpitsa, Julias, Altenglisches Übongsbuch. Wfilcker, Bichard Paul, Altenglisches 

Lesebuch. Von E. Kölbing 360 

Dr. Ludwig Sehmid, des Minnes&ngers Hartmann von Aue Stand, Heimat und Qe- 

schleeht. Von Hermann Fischer 373 

Karl Weinhold, die altdeutschen Bruchstflcke des Tractats des Bischof Isidoros 

▼on Sevilla de fide catholica contra Judaeos. Von E. Kölbing 378 

BIBLIOGRAPHIE. 

Bibliographische Übersicht der Erscheinongen auf dem Gebiete der germanischen 

Philologie im Jahre 1874. Von Karl Bartsch 449 

MISCELLEN. 

Karajans Bibliothek 123 

GeseUschaft für Heransgabe altfransSsischer Texte 125 

PersonaUiotizen 128 256 383 

Nachtrag eu Germania XVHI, 465. Von Dr. Carl Pauli 128 

Altdeutsche Freskobilder . 255 

Handschriften in Olmütz 256 

80. Versammlung deutscher Philologen und Schalmänner 256 

Obersicht der germanistischen Vorlesungen an den Universitäten Deutschlands, Öster- 
reichs und der Schweiz, sowie in Dorpat im Sonuner 1875 381 

X ftlr U. Von R. Köhler 383 

Johann von Morßheim, der Dichter des Spiegels des Begiments. Von demselben 383 

Zn »lütbrechic". Von Schröer. . . , 384 

Bericht über die Sitzungen der deutsch-romanischen Section anf Ci * XXX. Ver- 
sammlung deutscher Philologen und Schulm&nner zu Bostock , * äi 28. Sept. 

bis 1. Oct. 1874. Von Dr. F. Linduer 496 

Der Briefwechsel der Brä der Grimm mit Joseph Görres. Von J. Baechtold . . 502 
Nachtrag zu Germania XX, 378. Von E. KSlbing . . 508 



PFÄLZISCHE BEICHTE AUS ROM. 



(2^) Ih gihu alamahtigen fater inti allen sinen sanctin 

inti desen uuihidon inti thir gotesmanne allero minero sunteno, * 
thero ih gidahda inti gisprah inti gideda, thaz uuidar gote 
uuari, inti daz uuidar minera cristanheiti uuari inti* uuidar (3**) 
5 minemo gilouben inti uuidar mineru uuihun doufi inti uuidar 
mineru bigihdi. Ih giu nides, abunsteS; bispraha^ sueriennes, 
firinlustio^ zitio forlazanero , ubermaodi, geili; sLifheiti, 
tragi gotes ambahtes, huorouuilleno, farligero inti mor- 
des inti manslahta, ubarazi, ubartrunchi ; thaz ih minan 

10 fater inti mina muater bo ni ereda so ih scolda^ inti daz ih 

minan hereron 8o ni ereda so ih scolda, inti inan so ni minnoda 
so ih scolda, inti mine nahiston so ni minnoda so ih scolda, inti 
min uuip inti min kind so ni minnoda inti ni leerda so ih scol- 
da, inti mine iungeron so ni leerda inti ni minnoda so ih scolda, 

15 indi mine fillola so ni ereda indi ni leerda so ih seolda. 
Ih gihu t) ih then uuihon sunnundag inti thia heilagun 
missa so ni ereda inti ni marda so ih seolda. Ih gihu daz ih 
minan decemon ni fargalt so ih seolda, thaz ih stal inti fer- 
stolan fehota. Ih gihu thaz ih siohero ni uuisoda, serege 

20 ni gidrosda, gast nintfianc so ih seolda, gisahane nigisuon- 
da thie ih gisuenen mohda, thaz ih meer giuuarinti unsipberon 
gisageda thanne ih scoldi. Ih gihu thaz ih daz giloupda thaz 
ih gilouben ni seolda, thaz ih ni giloupta thaz ih gilouben 
scolta. ih gihu unrehtero gisihto, unrehtera gihorida, 

25 unrehtero gidaneo, unrehdero uuordo, unrehdero uuerco, 
unrehtero sedelo, unrehtero stadalo, unrehtero legere, 
unrehtero gango, unrehtes anafanges, imrehtero eosso. 
Ih gihu thaz ih minan heit brah, minan heit suuor in uui- 
hidon inti bi gotes heilogon. Ih gihü ungihorsami, un- 



21 Et me*r. 27 Hg. anafanger (?). 28 2. m^ntta \i^\\. %\xxxQ!t« 
OEBMANIA. Nene Beihe Uli. (XI. Jahrg ) V 



2 KARL BARTSCH, PFÄLZISCHE BEICHTE AUS ROM. 

30 githolti, onf riuaono, abulges zit hielt iD.i strites. 

Ih gihu thaz ih heilac ambaht inli mm glbet ruoholoso deda 
inti daz ih daz uniba unizzod vnbi2;ibiic inti nnuuvdic 
nam inti daz so ni hialt ioti so Di eieda so ih scolla, 
(3^) inti daz heilaga cruci so ni ereda noh ni gf'druog so ih scolda, 
35 noh ihero gibenni ihero faslooo inti ihero crucilbrahto 

so ni erfolta noh ni hiaH so ih scolda. Ih giha thaz ih bis- 
scofia inti priesda inti gotesman so ni ereda inti ni min- 
noda so ih scolda, meer sprah inti snai<^eda thanne ih 
scolti. Ih gihu daz ih mih selbon mit lustin inii mit ar- 
40 gen naiUon int mit argen gilhancon biuual int gi- 
unsabnda meer tharne 'h scoldi. Thes alles int! an- 
deres mana^xes thes ih nui^har gotes unillen giiVamita 
inti nnidar minemo rehde, so ih iz un-zzaniheiti dadi 
so onuuizzandi. so ih iz in nath dadi so in dag, so ih iz slafandi 
45 dadi so unabhandi, so ih iz mit uuilien dadi so ana uaiHon^ 
so uuaz so ih thes alles unidar g-otes uv'llen gidadi, so gan 
ih es in gotes almahvicen mnntburfc inti in sino ginada 
inti in lut^rliha bigiht gote almahtigen inti allen si- 
nen sanctin inti thir gotesmanne. mit gllouben ini* 
50 mit riuuaon inti mit uuilien zi gibuozzanne, inti 
bitdiu thih mit otmuodi, tbaz thu ginuerdos gibe- 
ton fori mih; thaz drnhdtln thumh sino ginada 
giuuerdo mir farlazan allo mino snnda. Inther priast 
quede thanne: Dos custodit te ab omni malo 
55 Benedicat te ds pat. Custodiat te di filius. Inluminat 
te ds spi scs. Indul^at tibi dns omnia peccata tua 
et cete^'a. 

Vorstehende Beichte findet sich in der ehemals pfi&lzischen aus 
Lorsch stammenden Handschrift der Vaticana Nr. 455Ö, Bl. 2^ — .V; cf. 
Pertz' Archiv 12, 335. Die Schrift gehört dem 9. bis 10. Jahrhundert 
an. Herr Dr. Mau hat die Geälll]3;keit gehabt mir eine Abschrift zu 
besor^^en. Ich habe einen wortgetreuen Abdruck gegeben, nur die oft 
fehlerhafte Worttrennung habe ich berichtigt und Interpunktion hinzu- 
gefügt. 

Ihrer Fassung nach steht diese Beichtformel am nächsten der bei 
Müllenhoff und Seherer, Denkmäler etc. unter Nr. LXXII gedruckten 
sächsischen Beichte. Der Eingang stimmt anfangs wörtlich, weiterhin 



B5 L erucitrmhto. 63 l inti ther priast. 54 L costodiat. 65 l, in- 



K. BARTSCH, MITTELDEUTSCHES MAONIFICAT. 3 

in den Oedanken, zeigt aber gleich eine bemerkenswerthe Abweichung 
in dem unmittelbar aus dem Latein herabergenoromeDcn sancUn, das 
auch 49 nochmals wiederkehrt, für helagon in S und den andern Beichten 
(Nr. LXXin ff.). Das in der sächsischen Beichte auf helagon folgende 
uAhethon erhält seine Richtigstellung und Ergänzung durch den römi- 
schen Text. Dieser hat dagegen eine Lücke nach gideda 3, indem auf 
dieses Wort in der sächsischen Beichte folgt fan thiu the ik erist sundja 
werlgan bigonsta. dk iuhu ik sd hvat sd ik thes gideda; der Schreiber 
sprang also von dem einen gideda auf das folgende und ließ das da- 
zwischcnstehende aus. 

Die Übereinstimmimg reicht bis overdrankas S 10 = ubartrunchi 9 ; 
was nun in S folgt, fehlt bis ik giuhu S 13 ; das folgende thaz in dem 
römischen Texte kann allerdings noch von ih giu (6) abhängig gemacht 
werden; indeß ist es leicht möglich, daß auch hier ein Überspringen 
von Worten der Vorlage stattgefunden hat. Es fehlen dann die Worte 
Thes giuhu — scolda S 16 — 17; die Worte ni ereda indi nach ßüola 
scheinen fehlerhaft eingedrungen ^ da von einem Ehren diesen gegen- 
über nicht wohl die Rede sein kann. Die Worte S 20 üsaa drohttnas 
bis 21 sd ik scolda fehlen in P*, wie wir diesen zweiten vaticanischen 
Text nennen wollen , und die folgenden Sätze sind umgestellt; die 
Worte thaz ih stal irUi ferstolan fehota P* 18 f. sind aus S 30 heraufge- 
genommen, ebenso die Worte P* 22 — 24 ih gihu bis scoüa; sie nehmen 
S 29—30 vorweg und geben den Gedanken in vollständigerer Form 
durch den Gegensatz des nicht glaubens was zu glauben gewesen 
wäre. Ebenso sind ausgeführter die Worte von S 31 meneth sudr an 
unethon in P' 28. 29. Im Folgenden ist S 31 ff. anders und weiter aus- 
geführt in P* 29 — 36. Eine Umstellung hat nur stattgefunden mit S 38 
bis 39 biscopös — scolda, was in P* vor S 34 steht. Gegen das Ende 
nähern sich beide Texte wieder mehr; P* allein hat die Schlußanweisung 

für den Priester mit der lateinischen Formel. 

K. BARTSCH. 



MITTELDEUTSCHES MAGNIFICAT. 



(1*) wolde 

In den homuot stigin: 
des muoste siu nidir si^n 
Durch ur gerunge der hochvart, 
5 al die werlt zu der helle gekar.t. 



4 KARL BARTSCH 

Diu selbe magit Marie, 

von allin sunden yrie, 

Des wivis homaot hat vertrevin. 

des si wir in din huldin blevin. 

10 Diu wolde den homuot krenkin, 
sich in de otmuot senkin: 
Des sal sin immir gehogit wesin, 
von ür otmuot diu werlt genesin. 
Nu loven si mit rechte 

15 di engele und al gesiechte. 

Ex hoc beatam me dicent omnes (generationes). 

Dar von sprach diu selige magit 

'al ffeslechte mich selich sagit, 

Judhin, heidhin^ diu cristeimeit 

machit minin namen breit 
20 Predigiu; bichtin, lerin, 

judhin, heidhin bekerin, 

Daz sc gelouvin an minin sun 

vnde erin minin magetum.' 

Also siv iz inme geiste irsach, 
25 daz sprach siu vore imde sint geschach. 

Siu is wunne der himilischin irFm, 

al engele se lovin imde vlien. 

Siu is dhes volkis ein vroude der Ysrahele. 

Dhiz ist ein kurz gediute, 
30 se lovin engele unde Hute. 

Dar umme sprah siu rechte 

'mich seligin al geslechte. 

Wende her mir groze dhink hat getan. 

her ruchte (1^) sich mit mir bevan. 
35 Her bewarte mich vor sundin, 

her ruchte sich zu mir vrundin^ 

An mir meinsche werdin. 

der himile schuof unde erdin, 

Her hat mir groze gnade getan, 
40 daz ich ün magit mochte untfan 

Vnde magit sin ^enesin 

unde vrouwe in himilriche wesin. 

Obe engele mich zu vrowin han, 

her hat mir groz ere getan. 

Qui potens est. 

45 Her allir dinge hat gewalt, 

al dhink nach sineme willin gestalt 

Et sanctum nomen eins. 

Unde der heilige name sin 
hat g'eheiligit den namin min. 



MITTELDEUTSCHES MAGNIFICAT. g; 

Heilich daz sprichit sanctus^ 
50 heilioh daz diutich u alsus : 

Stark> reine f an erdhe, . 

daz sprichit: heilich 4^r name werdhe. 

Qot ia von rechte star^ genanl^ 

himil nnde erdhe in sinir hant. 
55 Heilich daz sprichit ouh reine, ^ 

wende ne sonde ne warf; so deine 

An mannin noh an wivm ... 

diu an um mochte b^cUvin., 

Heilich sprichit dhoh w erdhß, 
60 wende der vil werdhe 

Rechte gar an erdhe was, . . 

er sin diu reine magit genas, 

Unde al erdis itil ere 

ist üme gar ömmeret. ,. , 
65 Her heizit dhoh an ßrdhe, 

wende der wil werdhe 

Vngemischit zu der erjhin was. 

(2') die liuW 

Die gerne hochvart tetin^ ^ 
70 of ses die State hetin. 

Swer den homät begat,. 

iz si mit willin odir mit tat, 

Vnde al dhe in vullin bringin, 

die wil got zu sprengin 
75 Veme von sime riohci 

den tiuvilin geliche, 

Dhe tiuvile hat got zu .sprengit, 

ovir al die werlt gemengit, 

In wazzere und in berge * 
80 daz sin nickere unde twerge, 

In walde unde bräche, 
;ot hat ür deine ruche, 
^az sin elve dhorse und wichte, 

de der werlde tAgin zä nihte. 
85 Ouh viel ir menich dusunt 

in der tiefin helle grünt. 

Mente oordis suL 

AI dar na se gedachtin, 
dar na in pine sich brahtin« 
. Alsus sint se z& sprengit, 
90 ovir al de werlt gemengit, 
Gemengit zu den liute. 
ich ne kan iz ä niht baz gedhiutin« 



K 



K. BABT8CH, MITTELDEUTSCHES MAONIFICAT. 

DepoBuit potentes de sede. 

Der judhin ere ist vergan, 

got hat die geweldigin ave getan 
95 von deme stflle der gewalt, 

durh ihren homuot gevalt 

Die judhin sin nntsetzit, 

ör eren geletzit, 

wen dese zu menigin jarin 
100 geweidige kunin^e warin. 

Nu sint die hogm gesiechte 

wordin eigene knedite; 

Daz riche ist un ave gegan, 
(2**) or 6 ist hin getan, 
105 Ur synagoga zAstort, 

ovirseget der ewige mort 

Unde andir menich groz gewalt 

vonme staole ist gevalt. 

Vonme staole mfistin kenn 
110 werlichir {L werltlichir) erin. 

Qot hat die tiuvile ooh gevalt 

von den eren und von der gewalt, 

Dhe un zu himilewas gegevin, 

do se begundin widirstrevin 
115 Durch üren bosin willm. 

do möstin si valiin 

Von deme himile her nidhir. 

daz hat got getan dir widir. 

Dhe hir nah sineme wiUin levin, 
120 den wil her die selvin ere gevin: 

Daz sint de otmfltigen. 

die rechtin nnde die dhuldigen. 

Swer sich in gotte nidherit| 

von gotte wirt gehogit 
125 Swer in den homuot stigit, 

mit deme tiuvile nidhir sigit 

Et exaltavit bumiles. 

Die otmüitigin in dher erdhin 
in himile gehogit werdhin. 

Esurientes implevit bonis. 

Got hat die hangerin gevult 
130 mit sineme g&te onde mit sinir gedult 

Die hungerigin die der rechticheit gerin^ 

die wU got maniges guotes gewerin 

Unde menigir gnaden vuUin 

durh Arin gfitin willin. 
135 Dar umme is groz selicheit 

hange 



W. CRECELIUS, SAMUEL VON UCHTENBERO. ^ 

Zwei Pergamentblätter in Octav, von der hiesigen Universitäts- 
bibliothek, in der sie die Bezeichnung cod. Heidelb. 362* tragen, aus dem 
Besitz des Antiquars List u. Francke in Lejpz»^ erworben, enthalten vor- 
stehende Bruchstücke einer miUeldeutschen gereimten Bearbeitung des 
Magnificat. Über die mitteldeutsche Heimat nicht nur der Handschrif);, 
sondern des Gedichtes selbst kann kein Zweifel sein ; dafür zeugen die 
Reime gekart (: hochvart) 5; vl£n (: Jerv^aUm) 21 ; bev'Jn (ig^'dn) 34; »uad'n : 
vrvnd'n 35 f.; walfdn (: getan) 40; e/e : ummire 63 f.; ssutforl (: mort) 105. 
Die Handschrift ist im 13. Jahrhundert geschrieben, das Gedicht aber 
noch im 12. Jahrh. entstanden; dafUr lässt sich weniger geltend machen 
der Reim hringm : znspreng'n^ indem e : i vor ng im Mitteldeutschen, 
mehr noch im Niederrheinischen, gebunden zu werden pflegen, als die 
Reime wiUin : valUn 115, vulVn : wlUfn 133, und das Reimen auf tief- 
tonigen Sflben, d'mü'igen : dhuJdigen 121, nidJieHt : gehdgit 123, und 
düsunt : gtißnt 85. InhaltUoh von Interesse ist namentlich die Stelle 77 — 84. 

Wahrscheinlich fehlt zwischen den beiden Blättern ein Doppel- 
blatt, wie aus dem vollständigen lateinischen Texte ersichtlich, den ich 
hier folgen lasse, indem ich das im deutschen Texte nicht wieder- 
gegebene in Klammern setze. 

[Magnificat anima mea dominum et exultavit Spiritus mens in 
deo salutai'i meo], qiiia respexit humilitatem ancillae suae: ecce enim 
ex hoc beatam me dicent omnes generationes. Qaia fecit mihi magna 
qui potens est et sanctum nomen ejus. [Et misericordia ejus a progenie 
in progenies timentibus cum fccit potentiam in brachio suo.J Dispersit 
superboB mente cordis sui; deposuit potentes de sede et exaltavit 
humiles. Esurientes implevit bonis [et divites dimisit inanes]. 

K. BARTSCH. 



SAMUEL VON LICHTENBERG. 



Der lateinische Dichter Samuel, von dessen Dichtereien Watten- 
bach in dieser Zeitschrift zwei mitgetheilt hat (XIX, 74 ff. und 297 ff.), 
ist ohne Zweifel kein anderer als Samuel von Lichtenberg oder, wie 
er sich lateinisch nennt, de monte rutilo. Eine „Barbaralexis Samuelis 
ex monte rutilo in discretos procos^ druckt Zamcke, die deutschen 
Universitäten im MA. S. 84 wieder ab. In einer Handschrift; der 
Oothaer Bibliothek findet sich ein „Dialogus Samuel Hanoch ex monte 
rutilo inter virum adolescentem et virginem^, an dessen Ende «t^V^ 



8 F. LATENDORF X FÜR U. 

^Explicit dictamen Samuelis ex Lichtenburck australi.^ Johann Butz- 
bach sagt in seinem Auctarium zu Trithemius folgendos über ihn: 

Samnel ex monte rntilo, liberalium artium apnd Hejdelbcrgam 
Professor insignis, ingenio subtilis et eloquio facetus, ligata oratione [coni]- 
p6tenter exercitatus atque soluta, scripsit ntraque nonnulla ingeniosa 
Bintagmata; qnibus nomen snum longo lateqne divulgavit. De quibus 
nil adhue vidi preter barbaralexim quandam contra indiscretos ama- 
tores. Miror hominis petulantiani; quod nobile ingenii donum tam vilibus 
levibusque studiis accomodat. Audio cum tarnen nobiliora quedam 
scripsisse quibus 'priorem levitatem debita gravitate honestius recom- 
penset 1509. (Ich habe diese Biographie bereits in der Zeitschrift des 
Bergischen Geschichtsyereines VU 8. 284 abdrucken lassen.) 

ELBERFELD. W. CRECELIUS. 



X FÜR U. 



Mittheilung und Anfrage. 

Die älteste deutsche Quelle fUr diese Redensart, und zugleich eine 
willkommene Bestätigung der Ausdeutung dieses Spruches auf die Zahlen- 
werthe 5 imd 10 ist nach dem Wb. von Dan. Sanders s. v. U 
Lauremberg, Scherzged. I 136 ff. 
(ik) laet mi nicht verleiden 
voer L to schriven C und vor V schriven X, 
kan ik den nicht veel mehr, so bin ich darup fix. 
In den Niederlanden lässt sich die Wendimg schon ein Jahrhundert 
firtiher in den Sprichwörtersammlungen von Campen und Gheurtz nach- 
weisen; bei Harrebom^e Spreekw. II 354' in der heutigen Orthographie 

Hij kan wel eene X voor eene V schrijven. 
Bei diesem Spruche ist Campen von Agricola unabhängig, zu 
dessen Vorlage er auch sonst sowohl in Weglassung als — und nament- 
lich — in Hinzuftlgung eine specifisch nl. Haltung beobachtet, s. die 
überaus schätzbaren Mittheilungen in Suringar's neuester Schrift: Joannes 
Glaudospius in sijne Latijnsche Disticha als vertaler van Agricola's 
Sprichwörter aangewezen. Gäbe uns der verdiente Forscher doch bald 
eine vollständige Ausg. Campens; sie verdiente und ftUide auch wohl 
bei uns Deutschen alle Beachtung. 

SCHWERIN L M. F. LATENDORF. 



A. EDZARDI, KLAGE UND BITEROLF. 



. ÜBER DAS VERHÄLTNISS DER KLAGE ZUM 

BITEROLF. 



Das Verbältuiss der Klage zum Biterolf ist schon mehrfach Gegen- 
stand der Erörterung gewesen. W. Grimm (H. S. 150 ff.)*) spricht sich 
dafUr aus, daß beide Gedichte von Einern Verfasser herrühren. Diese 
Ansicht ist meines Wissens, öffentlich wenigstens, nie bestritten worden, 
bis Jänicke in der Einleitung zum Biterolf die Frage einer neuen und 
eingehenden Untersuchung unterzog, die ihn zu dem entgegengesetzten 
Resultate führte, daß Klage und Biterolf trotz mancher Berührungen 
doch nicht von demselben Dichter verfasst seien. 

Da ich, mit einer Ausgabe der Klage beschädigt, auch den 
Biterolf vielfach heranzuziehen hatte, ward auch ich auf diese Frage 
geführt. Es drängte sich mir nämlich die Wahrnehmung auf, daß nicht 
nur im Wortschatze sich zwischen beiden Gedichten eine merkwürdige 
Übereinstimmung findet, sondern auch im Stil, im häufigen Ge- 
brauche der gleichen (nicht eben formelhaften) Wendungen, und, was 
am auffallendsten ist, daß ganze, oft mehrere Verse lange Sätze mehr 
oder weniger wörtlich übereinstimmen. Manches davon hat Jänicke 
angemerkt**), augenscheinlich ist ihm aber das auffallende dieser Er- 
scheinung nicht völlig klar geworden ; sonst würde er auf diesen Funkt 
gewiß mehr Gewicht gelegt haben. 

Ich stelle zunächst objectiv das zusammen, was ich an mehr oder 
weniger auffallenden Übereinstimmungen anzufUhren habe, um nachher 
meine Bemerkungen daran zu knüpfen. 

Da es fUr diese folgende Untersuchung von Wichtigkeit ist, ordne 
ich jede der drei Hauptabtheilungen — Übereinstimmungen in ganzen 
Sätzen, im Ausdruck (Stil, Wendungen), im Wortschatze — in folgender 
Weise: zunächst gebe ich Übereinstimmungen deß Biterolf mit dem 
gemeinsamen Texte der ELlage, dann mit Klage *B, endlich mit Klage *C, 
indem ich die Stellen, welche in den beiden ersten Aventiuren des 
Biterolf, sowie in der ersten Aventiure ***) der Klage sich finden, 
mit Sternchen bezeichne. Endlich sei noch bemerkt, daß ich nach 

*) dem Lachmatin, za den Nibb. p. 287, beitrat. 
**) p. XIII, Anmerkung 2. 
***) leb halte die Aventiuren- Eiutheilung übrigens in der Klage nickt für echt, 
▼gl. Einl. 56 f. 



10 



A. EDZARD1 



meiner Ausgabe*) der Ela^e und nach Jänickes Ausgabe des Biterolf 
eitlere und mich in der Schreibung diesen Texten anschließe. 

Übereinstimmung in ganien SAtien von einem oder mehr Versen. 

Natürlich beweist nicht jede der hier aufgeführten Stellen an sich 
etwas; da ich aber einige Beweisstellen ftlr schlagend halte, so werden 
auch die tlbrigen Übereinstimmungen durch ihre Menge den Beweis 
wesentlich unterstützen. 

1. Biterolf = dem gemeinsamen Texte der Klage. 



Biferolf: 

*55 iL der selbe recke hete ein wip 

daz man sd werder frouwen lip 
bt ir beider stunden 
unsanfte haste fanden. 

•241 Helche so Ist genant ir naroe. 
*661 Welsunc sd was daz genant. 

. *92 fL das man in allen riehen 

sagte Yon im maare 
daz er ein degen waere. 
12186 daz man Immer saget ze maore, 

*I07 f. ich enweiz von wanne ez waere 

kernen, 
oder w& ez hete der helt ge- 

nomen 
11621 f. swanne si wären dar komen, 
die besten wnrden d6 genomen 
8819 SW& si halt heten sich genomen 
8100 swft sich der degen habe ge- 
nomen 

*164 f. si mohten wol Tolbringea 

swaz in se taonne geschaeh. 

4^5 f. ander krlsten nnde beiden, 
in den namen beiden 

^311 Sol er des haben dre 

S3IS f. eteltche kristen. 

genuoge gerne wisten. 



Klage: 

•97 iL daz er (der knnee *C) Mte [ze 

wibe *B] ein wip, 
daz tngentlicher yrowen lip 
bi ir j&ren niemen yant. 

*100 Helche s6 was si genant. 

*490 daz man dorch drizec knnege 

lant 
gCYriesch wol diu maare, 
welch sin eilen waere. 

*479 daz man daz saget ze maere, 

^483 1 von swannen sie dar wären 

komen, 
oder swft man sie hSt genomen 

5867 ff. von wannen sie dar waBren 

komen, 
oder w& sie haeten genomen 
Gkmthßrs ros daz gaote. 

1966 f. swaz ich ze taonne ie gewan, 
des hülfet ir mir gemeine. 

*604 f. ez wart den namen beiden, 
helden nnde kristen 

1996 sol er des (des lemen *i^) haben 

6re 

*89ff. . • • kristen. 

genuoge, die daz wisten, 



*) Die wohl noch Yor diesem Aufisatse erscheint. 



KLAGE UND BITEROLF. 



11 



*3n f. .die durch ir höhez eilen 
zuo im rftent in siu lant 

*687 den vil liebe dft geschach 



*776 und tete yil williclfchen daz. 
2660 81 täten williclichen daz, 
7164 yH williclichen tete er daz. 



» 



*928 weder brocken noch die stege 
^1169 t • .die besten wftt, 

die ieman noch gesehen h&t 
8145 f. der hVer beste arzät, 

den zer werlde ieman h&t 
^1816 der wart 86 schöne war genomen. 
8636 ir wart vil vaste war genomen. • 

vyl. 12380. 
*1408 wie mohlens des getrowen 



*li46 f. klagte die grdzen dre 

diu an den beiden was gelegen. 

*1589 f. Ton Lütringe Irinc, 

dem vil höhe sin in dinc 
lemanegemstrite wftrenkomen 

' ^1783 Ir heile danken si began 

2198 daz mohte man for wunder 

sogen. 
3839 daz manz immer wol mac sagen. 
12149 daz manz f&r wunder wol mac 

sagen. 
2290 dd wolde er des niht haben rät, 

2330 f. mit henden manegen brustslac. 
frou Dietlint ir selber sluoc. 
. 3115 f. da noch ein wazzer nider g&t: 
MÖon ez den nftmen h&t. 

3025 f. unde ouch G6m6ten 

yilsdre verschroten (vgl. 8760) 

8188 hffite er aller künege guot 



3435 f. Hftwart unde ouch Imfrit, 
die zwdne beiden riten mit. 



*91 die riten zuo zim in daz (stn 
•C; lant. 

2173 daz in daz liep geschsshe 

(•B, äknlieh *q. 

2905 unt tet vil willeeliche daz. 



8034 • . beidiu brücke unde stege 

4521 f. der aller beste sigel&t, 
*B: den niemen in der werlde h&t. 

3860 d& wart ir vaste war genomen 
2628 f. der wart ouch d& war genomen 

mit güetltcfaen dingen. 

Sound ähnlich o,i tu der Klage^ 

z. ß. 567. 994. 1870 u. ö. 

8. ElfiL p. 60. 

vyl. 967 f., 1491 f. 
2211 ist an dir einem gelegen. 

*423ff. unt H&wast unt Irino 
*B: den recken wftren iriu dinc 
von gr6zen schulden alsd komen 
ähnlich »O. 
906 f. nndanc begunde er sagen 

sinem. grdzen unheile. 
*458 daz manz ze wunder wol mac 

immer sagen. 



1058 ie wolt ich des haben r&t, 

978 vil manegen swinden brusf sla® 
slnogen in diu werden wtp. 
8599 f. d& noch ein altin burc stftt: 
Pazzowe st den nAmen h&t. 
vgl. 2478 f. 

2075 f. dd vant man Gtömöten 
sd sdre verschroten, 

2295 f. swaz tüsent konege möhten hftn, 
daz hast er eine wol vertftn 
(vgl. 1096). 

2623 f. irinc und Imvrit, 

die dri wurden ouch dA mit 
bestattet c^t^. 



12 



A. EDZAEDI 



8810 D& von wart Hute ril verlorn 

8901 f. <3ft 81 dft fnoren üf den wegen, 

einen ieslichen degen 
gruost er etc. 
8618 dk mite ein ieslicher degen 
sich loese etc. 

8902 f. einen ieslichen degen 

4240 wfler iwer witie niht sd kranc 

4691 f. sfn vater nnt vrou Dietlint 
w&ren zweier bruoder kint. 

4716 f. Man sol euch daz niht verdagen, 

man sol von Bloedelfne sagen 

6271 1 bereitet nftch ir rehte 

ritter ande knehte {vyL 9375 f.) 

8908 t gmost er nftch sinem rehte 
ritter nnde knehte 

5675 f. die brfthten dar besundert 
ir recken vier hundert 

4717 t derfaeretdarbesandert) 

dri nnd drizic hundert/ 
6226 f. des bringens üz gesundert 
sibenzehen hundert. 



= 4937 f. 



6786 der tröst was in nno benomen 

6688 die wile und ich daz leben hftn 
9969 die wile ichz leben mac gehftn 
6236 er bete euch des gedingen 
6360 die sint in dem gedingen 

7503 f. 8wer in ze koufen bete gegert« 

er wsr wol tüsent marke wert. 

= 2787 f. 

7065 f. Bwer ir ze koufen bete gegert 

diu gebe w»r tüsent marke wert 

vgl. noch 9168 f. 

7680 die ie daz beste tftten (vgl, 

10556). 

7617 f. Slfiride 

dunket, daz er alliu laut 
m i t s t n e r k r af t ertwinge wol. 

7800 d& haben t si michel reht zuo. 



} 



*i88 des Hutes wart so vil verlorn 

4686 dft sie nü w&ren üf den wegen 
2779 ff. muoz hin wider üf den wegen 
von dannen ein ieslicher degen 
reit zuo dirre hdchzit. 



1888*/^ ir Witze wftren dar zuo kranc 
*Cvor leide was ir wttze kranc 
1706 f. mtn vater und dtn muoter 
die wftren eines vater kint. 

2899 f. im sult ouch niht verdagen : 
min unschulde sult ir sagen 

3208 f. *C die riter n&ch ir rehte 

mit znhten giengen gegen in 
^B aber nftch des hoves rehte 
die riter giengen gegen in*) 

*463 ff. Sie hdten üz gesundert 
driu unt drizec hundert 
sie brfthten mit in in daz laut, 

2416 f. der wart üz besundert 
sibenzehen hundert. 

2440 ip was ir trost gar benomen. 

{ähnlich *C 2439). 

ähnlich Klage 927. 1195 0. 

1604 C. 4163, Einl. p. 60. 
1880 dd hdt er des gedingen 

{der hdt des gedingen*^ 
der was in dem gedingen *C. 
*4688*C . swer es bete gegert, 

ez wsBre hundert tüsent marc 
wert. 
4611*B . . des h^te si gegert, 

wol ahzec tüsent marke wert. 

2122 die ie daz beste t&ten. 



*148 f. wander hset wol el l i u 1 a n t 
mit siner kraft verkdret 

8960 dane hat ouch niemen reht zuo. 



*) Das Original lautete wohl: d6 giengen nftch ir rehte 

die ritare (ritasre) gegen in. 



KLAGE UND BITEBOLF. 



13 



7882 f. d& wir die dre unt deu lip 
suln wftgen etc. 
8454 si habent anders keinen Hat 
2662 dar zuo hftn ich keinen list 
8352 wes ist iu na ze muote 

8663 daz erwägen mohte der palas. 
8738 f. man mohte von den kreften 
den palas hoeren diezen 

8904 wile/du habest ondanc 
11934 sd habe diu wile nndanc 
8929 f. lougen er des niht mohte, 
wan eiB im niht entohte. 

6168 f. . . seht, w& der vAlant 
hie habet, der • . 
9550 her Dietrich bat nnde gebdt 

6686 f. s6 sol ouch ich daz wol bewam, 
daz in min kraft iht widerstd. 
9720 vii maneger muoter kinde 



10654 £. dk mohte tU wol der tot 
erbonwen sine strÄze. 

10658 f. die truogen b6de angespart 
diu guoten swert an der hant. 

1 0683 nü was oach Herbort dar komen, 
der hete dia majre ouch ver- 
nomen. 

10800 daz michel wander hie geschach 

11104 ez was in dar zao na komen 

11417 ff. swie halt Wolfhart der mssre 
nie wsere komen an die stat, 
dft er Tehtens warde sat. 



} 



1020 f. dune soldest 6re ande lip 

durch daz niht gewäget hftn. 
1730 sine hdten anders deheinen list. 

3262 f. wie ist (nü) sd ze muote 
minem vater etc. 

724 ff. daz dft Ton erwagete 
beide turne unt palas 
v^Z.2184f.;2387.M,.Ä2859 



»698 
•286 t 



11390 f. daz in dft niht gelac 

der wille • • 
4051 f. • . unz an den testen tac, 

daz sin wirde nie gelac. 
11476 f. des willen unverborgen 

man noch vil manegen helt yant. 



man sol nndanc der wile sagen 
vgl. 906 f. 

d6 lie siz gdn als ez mohtei 
wan ir niht anders tohte 
(jo •JB, ähnlich C*) 
1394 t nü sehet wft der vftlant 
liget, der . . 
4198 Etzel bat unt (ouch) gebdt 

*618 ff. daz heiz aber ich vil wol bewam, 
daz ich . . . böte wssre 
In der Klage 2280. 2375. 
3018 II. ö,'y allerdinge auch 
eonet ja nicht ungewöhnlieh, 

1868 f. wie der tot umbe sich 

mit kreften hftt gebowen! 

1760 t die helede lutzel sparten 

diu scharpfen wftfen an der hant. 

4373 f. D5 was ouch Rümolt nü komen, 
der hdt diu msre ouch yer- 
nomen. 

4170 Til michel wunder dft geschach 

90 *ß, ähnlich »C. 

4571 dar zuo was er nü gedigen 

4333 C daz ei mir koeme dar zuo 

3809f.*C:er ist doch komen an die «tat, 

dft er ist strites worden sat. 

3853 f.*^: der künde strits nie werden 

sat: 
er ist nü komen an die stat, 
dft uns etc. 

4056 £. wan daz ir klage nie gelac 
unze an den dritten tac. 

1892 f. die helfe unverborgen 

man dd an Etzelen vant. 



14 



A. EDZARDI 



11981 daz es ab ein doner d6s. 

12102 ein wunder ist, daz da genas 
der dritte Inder under io. 



12482 der wirt bete des niht r&t, 

12818 d6 sümten si sich niht mdr. 
13148 daz er iach gerne welle sehen 



18328 unser eilen unde hant 
13381 = 13318 8 wie er ein heiden wasre 



1678 es d6z alsam von donerslegen. 

3662 f. wander ist, daz sf ie genas 
den tac an daz ende, 
2665 f.*/? daz ez ein michel wander was, 
daz er der klage ie genas. 
1849 d«r wiit niht h.ele zornes r&t. 

so *C; ahalich *B. 
2369 sine sdmten sich niht ro^re. 

3298 f. daz er iach innere zwelef tagen 
wil h«e ze Hechelären sehen. 
3360 der kaiiec iuch yiI gerne siht 
2760 iwer eilen unt min hant 
974 swie sie wsren heiden 

Auf den ähnlichen Gedanken Biter. 2346 f. und Klage 2520 f. 
(vgl. 1720—1729) macht Jänieke aufmerksam. Ferner ist zu vergleichen 
Bit »327 f. mit KL 155 ff.; Bit *1377 mit KL 371 £ und 1471 f.B. 



2. Biterolf 
*83 ob er noch lebendic wsere 

*918 £. (vgl. 7286) . . dise h&t 

der tiuTel gesendet in min lant 

*1984 dft von er witen was erkant 
2040 des lop was s5 wite erkant 

12069 daz si witen wftm erkant. 
2016 von den er üf den regenbogen 
TÜ selten wart gesetzet 

8233 wie si k6men in daz lant 



} 



der starke 



4967 f. H&wart 
6227 f. Herbort 

der hell üz Tenemarke 



7680 daz man in an dem willen rant 



Klage «Ä 

2292 ob er noch lebendec wsre. 
vgl. 2048. 
1610 f. daz er ie kom in daz lant, 
daz schaof des abeln tiavels nit. 

8603 f. sin lop, sfn 6re (ant) sin hof 
w&ren witen bekant (erkant d) 

2436 f. den 6 üfen regenbogen 

mit yreuden was gebowen 

*216 oder wie sie koemen in daz lant 
(*(7: dö sie kdmen in daz lant). 

2621 f. Hftwart der starke 

der kanec üz Tenemarke 

3488 nnt in dem willen er sie rant. 



6830 ich r&te, sprach der wigant 2763 j& r&te ich, sprach der wigant. 

Endlich wären hier noch die oben gelegentlich angefiihrten Stellen 
(Klage ^ß: 285 f. 425 f. 1471 f. 2440. 2565 f. 4170. 4522) zu nennen. 



*413 f. wenne daz geschshe 
daz er Etzeln sehe 



3. Biterolf = Klage »C. * 

*166 f. swie dicke daz geschsehe, 
daz Kriemhilt Tor ir ssshe 



*728 daz kan sd gähes niht ergftn 



3346 daz enkan sd gähes niht ge- 
schehen. 



KLAGE UND BITBEOLF. 



15 



*1679 ff. der mohte man da schon wen 
sehe nnt ahzic froawen 
wip unde onch meide 

817t die rehten str&zen durch daz 

lant 
3836 na Iftt in wenen niht ze leit 

6916 togentrfch ist si genuoc. 

7609 sd ich aller heste kan 

9541 f. daz si die helde gnote 
suochten üz dem bluote. 

9740 nnde gestdt ir alsd bt 

102tl den Toget üzer Tenelant 

10393 = 13384 sd er beste knnde 

13294 d daz sie schieden Ton in dan 

12979 f. von bem Dietriches bete, 
Hildebrant ez ungeme tete 



* 124 ff. in ir kemenftten 

mohte st d& sehowen 

mdr meide nnde rrowen etc. 

3596 die rehten strftze in Beyer lant 

3103 daz enwas in niht ze leit. 

*39 was si tngentltch gennoc 

4647 sd ich aUer verst kan. 

1669 f. d& sie die heledei gnote 

zagen üz dem blaote* vgL 
1609 ß. 

3767 daz si im als6 bi gestitn 

2622 der kunec 6zer Tenelant, 

. 4671 sd s! beste moht nnt kande 

3014 d daz sie von im schieden dan. 

*203 f. dnrch Kriemhilden bete« 
daz der knnec gerne tete. 



5192 daz kande nieman wenden 



7243 swaz er hete dort yemomen 



756 daz enkande niemen wenden C 
(nicht a noch Dh\ 
4470 swaz er hdte dort yemomen 



10726 £. dft si an den standen 963 f. d& sie in den standen 

Dietleiben yanden« Ortlieben yanden 

Endlich wären hier noch die oben gelegentlich angeführten Stellen 

(Klage *C: 1840. 1996. 4333. 4588) zu nennen. 

IL BerOhrungen Im Ausdruck (Quellenberufungen n. dgl.; 

Wendungen; Stil im allgemeinen). 

Es kann natürlich nicht meine Absicht sein, hier alles derartige 
anzuAlhren: dazu müsste der Umfang dieses Aufsatzes viel größer 
werden, als in meiner Absicht liegt. Nur das wichtigere, so weit es mir 
aufgefallen ist, möchte ich zusammenstellen*): 

1. Biterolf = dem gemeinsamen Texte der Klage. 



*6 f. ditze fremde mssre 
daz ist sd redcbsere 



*1 f. Hie hebet sich ein m^re, 
daz wsre yil redebsere 



*) Die Grenzen zwischen diesem nnd dem ersten Theil sind kaum scharf zn 
ziehen. Es steht daher anch manches anter I, was man nnter II erwarten könnte, 
nnd umgekehrt. Auch glaubte ich hierin nicht all zu peinlich yerfahren zu brauchen, 
da der Zweck — eine größere Übersichtlichkeit — anch wohl so enreicht wird. 



16 



A. EDZARDI 



*22 ff. des kan ich iu niht ende geben, 
der dise rede tihte 
der lies uns unberihte 

*20 ff. hflßte er iht d& von g^schriben, 

das lieze wir lach unverdeit: 

uns h&t des nieman niht geseit. 

7217 daz hat uns nieman noch 

geseit.^ 
vgl. 13439. 

2006 der ditze maere an schreip 
10664 der ditze msere ßrste schreip 

5726 jft künde in nieman gesagen, 
^vie . . • • 

= Rother R 394: nü nekan ü 
nichien man gcsagen 
*1018 ich enkan in daz niht toI ge- 

sagen. 
*147 f. An einen, den ich in nenne, 
daz man in dar bt erkenne. 
4724 f. nnt in dort alle nennen, 
daz sis mugen eriLennen. 

10069 als ich in h&n geseit 

und 90 öfter. 
2014 waz sol ich sprechen m6re? 
6688 Waz mac ich m6re d& von 

sagen? 
8944 ich sage iu als ichz hän ver- 

nomen 



4729 ff. uns seit der tilitaere, 

der uns tihte diz msere, 
ez enwsdre von im niht (sd) be- 

libcn, 
em hsete ez gerne geschri- 
ben etc. 
4735 f. wasr ez im inder zuo kernen, 
oder bsete erz sus Temomen etc. 
4575 daz h&t uns niemen geseit 

4440 niemen uns gesaget h&t 
2445 wan sie angeschriben sint. 

1798 daz lu daz niemen kan gesagcn. 

1656 *C iu künde niemen wol gesagen 

4706 £. des enkan ich die wftrheit 

iu noch niemen gesagen. 
2443 f. Ein teil ich iu der nenne, 
die ich von sage bekenne. 
*33 f. *C, die sol ich iu nennen, 

daz ir sie muget erkennen. 

2667 als ich iu dicke h&n geseit 
4270*^. Als ich iu 6 hän geseit. 

4054 waz mac ich sagen mfire? 
1803 *C waz mac ich sagen danne? 

*439 ich sag iu (man sagt ^B), als 

ichz hftn vemomen 



Diese WenduDgen sind mehr oder weniger formelhaft, nnd es 
ist daher auf die Übereinstimmung einer einzelnen mit ^B oder *C**) 
kein ^oßes Gewicht zu legen. Im allgemeinen ist aber doch eine 
große Ähnlichkeit in diesen Quellenberufungen unverkennbar^ nament- 
lich fidlt die Übereinstimmung in den häufigen Betheuerungen des 
Nichtwissens auf. Es mag femer hier vorläufig darauf hingewiesen sein, 
daß Quellenberufungen (und Anreden an die Zuhörer) sich ganz un- 



*) Ähnlich ist Bit. 56S uns itt mht rthU daz genant; 833 uns iH der mare niht 

geseit; *1964 daz buoch hat uns verholn daz; 5645 ich hdn der nuBre niht vemomen; 

femer *1968 ff. ein ander mosre ist uns greseit, 

möht ich daz wol se ende sagen, 
s6 wolde ich inch daz niht rerdagen, 
des i«t uns ende niht gegeben etc. 

**) Vgl. auch unter 2. und 8. 



KLAGE UND BITEROLF. 



17 



verhältnissmäßig häufig im Anfange des Biterolf zeigen und auch in 
der Klage in der ersten Aventiure sowie am Schluße viel häufiger 
sind als in den übrigen drei Vierteln des Gedichtes*). Diese Berufungen 
nennen ebenfalls daz huoch (125. 179. 188. 1964 u. 0.); daz innere 203. 
208. 490. 1458. 9156. 11231 u. ö.) [diu mc^e 4787. 5427. 10397 u. ö.]; 
und selbst diu rede 23 (wie E^age 81. 84 '*'£), während 173 rede wohl 
etwas anders gebraucht ist. 

Hieran mag sich eine Reihe mehr oder weniger ungewöhnlicher 
Wendungen schließen^ die in beiden Gedichten übereinstimmen: 

*280 f. dem sd vil der Zungen 

yon gaoten recken wssre bu 



*1164 wtzer denne blanc 

*460 die besten recken die er vant 

2342 t min ungelücke in mtnen tagen 
daz muoz stn verw&zen! 
7775 mahtu . . dinem gelucke sagen 

danc, vgl. 8904. 
11934. 12166. 
*U52 • • • (die geste) 

dcgene aller beste ^ 5694. 

8674. 
beide aller beste 5668. 
«14 daz liehe (siniu lant *229) 
bonwen. 



4438 ir gememia zange 

gab • . den r&t («o ^B^ dhii» 
lieh *C). 
2940 *C wirs danne wol.**) 

2810 diu besten swert, din manvant. 

*236 diu wfle si verw&zen. 
*698 undanc sol man der wile sagen 
906 f. nndanc begande er sagen 
stnem grdzen nnbeile. 



996 f. • • minen gesten, 

degenen aller besten etc. 

4653 der mit dir bowet dinia lant. 



ze tode slän »1079 Bü. = Klage 779. 833. 1501 B. 4129. — wart freuden 
l»re *1500 Bit = Klage 2495. — g uote knehte *1454. 7599. 8455. 
9362. 10575. 11312. Bü, = Klage 4685. — wider . . ein wint Bit. 
3593. 3837. (6514). 10111 u. ö. = KI. *159. 737; ein niht 11057 BÜ. = 
Kl. 1821. 2427. — anden rechen im Biterolf häufig (s. Jäw'cke zu 3702), 
desgl. in der Klage (Einl. p. 68). — 
2427 wol drier sperschefte lanc 



vgl. d. Änm. 
*746 diu naht gienc in als6 bin 

*98 siniu jär dia giengen hin 
6918 daz iuch des an mir nibt bevilt 
7802 = 8870 zir aller angesihte 
6887 güetlicb sehen an 



2652 siben sperschefte wtt, 
vgl. d. Änm. 
680 dem wirte gie sin ztt hin 

2294 daz in des nibt berilte 
4148 ze siner angesihte 
701 vil minneclichez an sehen 



*) VgL meine Klage, Einl. p. 75 ff. 
♦♦) Der ganze Vera wörtlich = Parz. 149, 10, wie auch die Verse 3493 {.*C 
nnd 4417 f. fast wörtlich im Parsival stehn, s. d. Anm. zn 3493. 

GERMANIA. Neae Reihe. THL (XX. Jahrg.) ^ 



18 



A. £DZARDI 



8186 ab den tu bkeden wfben 

#• dm Amm, 
7644 das Etzekn golt rdt^ 
7748 daz Gnnfb^res goltl 

vgL 10574. 
6668 ir rit fie troogen aDe enein 
6963 IBIS «n den jimgesten tee 

v^. 11038. 

11848 ms an itnen letten tac 



1121 als ein bloede «^ 

vgl. KL 405 £ 

2869 Die henen wurden des enein 
2682 iinsandeDJiingestentaes=3506 



8246 



*Bftn linen jimgesten tae 



I *Ciins an stnen lesten tac. 
Schill werden läzen Bit. 7792, vgl. schin werden KL 2143. — ander 
wegen Ilzen Bit. 7739. 8994. 10569. 12800 u. ö. = KL 1155. — den 
muot troesten BU. 4166 = Kl. [2576*5]. 2735. — Zu Bit. 11631 einem 
dem Iihtiftten man vgL Kl. 2145 ein lihter man. — zogen l&zen 
Bä. 7339 (vgL du Arm.) = Kl. 3068. — läzen Sne haz 4232. 6731. 
7410 = Kl. *15. — 10745 Bä. üz der rede komen, vgL Klage »118 
an die rede komen, zno der rede komen 1447 ^Cy an die rede gän 
3466. — der bluotige regen Bit. 11046 = JK. SU (EinL 72); der 
blnotvarwe back Bä. 12242, der blnotege (keizblnotege 519) back 
KL 515. 696. 



8076 Dd sprach der Dietm&res siion 



10762 f. 81 traogen alle den last 

der sorge über rücke 

vgl. die Anm. 
10699 . . • Rümolt 

gröze belfe dö gewan. 
13460 mit sinen banden erworben 
13436 nicb hiuniscben titen 

vgl. 4790 ff. 
12794 der gotes sagen 
6084 der gotes rät 

11488 si griffen ttritlfcben zno 

11374 leb wflene oucb immer m6r erg% 
10606 mit den wol gesunden 



2791 ^C Dd spracb der Dietmires snon. 
Dd spracb der Botelanges 
snon 2319. 2827. 
1710 f. wie Til dn miner 6re 

nberrnckebftst getragen! 

3060 diu klage ir helfe dd gewan 

1629 mit sinen banden germmt 
3864 nftch den hioniscben siten 

1136 der gotes bas. 
1054 der gotes slac = 1468 *B. 
1464 *B der Yreisliche gotes zom. 
892 dd greif der eilende zuo. 
4195 dd griffens al gemeine zuo. 
1358 ezy wsenCy onch nimmer werde 
t*.d^i.,v^Z.2213f.imdl374*C. 
1856 die vil wol gesunden 



diu 8werte8 ecke 10558. (651) Bü., vgl. Kl. 2107 des swertes ecke. — in 
kurzen stuDden 11665. 11815 Bit. = Kl. 2007 *B. 4251 *S; vgL 4043. — 
daz man vil lüte erklingen horte . . und ähnliche Wendungen Bit 10352. 
10466. 10553. 11089, vgL Kl. 2294. — künde gewinnen c. gen. der 
Person Bit 5172 = KL 2284. — dort unde hie 1621. 6260. 8758. Bä. 



KLAGE^UND^BITEROLF. 1 9 

Ä= m. 976, jene dort unt dise hie Kl. 4159. ^ e noch bÜ 12362 Bit 
(sider noch g 6746) = Kl. 711. — gehorte unde sach Bit. 4818, oft 
in der Kl.j 8. Einl 72. — ritter unde (oder) knehte *8. •53. 2094. 
2826. 3904. 6724 u. ö., in der Kl. mehrfach, s. Einl. 72. 

Es folge nun eine Zosanunenstellung alles dessen, was an Eigen- 
thflmliehkeiten des volksthümlichen Stils (speciell der Spielmanns- 
poesie) sich im Biterolf findet Auf diesen Punkt hat Jänicke schon 
hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß diese Eigenheiten 
besonders häufig in den ersten beiden Aventiuren vorkommen (XVIII). 
Ich komme darauf noch zurück. Für die Klage ist ähnliches, wenn 
auch nicht in solchem Maße, von mir in der Einleitung (p. 60 ff.) zu-^ 
sammengestellL Hier soll nur angeführt werden, daß die bekannten 
Zablen*) sich häufig finden, nämlich 8. ofl, z. B. ♦1289. *1350 . . . 
4574. 4676. 5208. 5428 . . . 11700 u. ö.; 30. z. B. *725. *1042. . . 
4897. 5304. 6718 {drizic Mnege lant — Klage *490), 7676. 7829. 8596. 
11687 u. ö.; 6. seltener, z. B. 11645 (11648); 12. ^522. ^582 . . . 
2491. 4014. 5240. 5775 {^zwelif). 6703. 7831. 7973. 8951 (zxoelif), 9573. 
11621. 11637 {zwdif). 11701. 11726 u. ö.; 86. 11642. — 7. *466. »511. 
♦915 . . . 2154. 2421. 2658 . . . 6812. 8652. 8959. 10418 u.ö.; 14. 
z. B. 11023. 11219. Daneben finden sich aber auch andere Zahlen nicht 
selten (10. 20. 40 u. s. f.); zu beachten ist unter diesen die formelhaft 
erscheinende 17. 5226. 5379 = BLl. 2416 sowie deren doppeltes, die 84. 
910. 7261. Ganz besonders ist aber das häufige Vorkommen der Zahl 
lOOO zu betonen, da dieß nicht allgemein üblich, andererseits aber 
grade in der Klage ebenfalls häufig ist: 1(XX) steht im Biterolf *301. 
♦352. »554 *1533. *1981. (2303). 2453. 3015. 3795. 5140. 5334. 6196. 
6609. 9742. 10247. 10398. 11445. 13168 u. ö.; femer tOsent mark ^Tlb. 
2788. 7066. 7504. 9169; in der Klage steht 1000 ebenfalls mehrfach, 
nämHch 1026. 1096. 2002. 2295. 2709, vgl. 4512 *B, 4584 »C (80.000 
Bit, 4575 = Kl. 4512 *B). EndUch ist die formelhafte 86**) hervor- 
zuheben, die Bit. ♦leSO. 11545. 11666. (12420), Kl. 2434 steht 

Auch sind folgende Wendungen zu beachten: 

7896 daz ratet dir der T&lant 1394 der Tälant, der es allez riet 

vgL 7286. 
^^1044 sO man noch dicke den gesten *2d38 f. ez möhte noch misselingen 

tuot. an solhem dienest einem man 

3160 alsd gesten noch geschiht. 



♦) Für die Klage vgl. Einl. p. 63 f. 
♦♦) s. Klage, Einl. G4. 77 und zu 2434. 



c>* 



20 A. EDZAßDI 

^1802 BÖ fironwen noch in zGhten Germ. XVJJI 425 gibt Parat- 

tnont. UUtültn au8 Boiher, 

4276 -alt noch kint vor den helden 

tuont 

7816 als man noch ril dicke tuot 

9405 e6 stt vil maneger b&t getftn. 

Die gleichen Formeln finden sich häufig, so dö er . . sach, der 
. . sprach z. B. *219. 4803. 5441. 6033 u. ö.; er kom da er . . sacb 
z. B. 6011; sagen miere; wie ez [ergangen u. dgl.] wsere z. B, *1781 f. 
*1895 und viel öfter. Für die Klage ist zu vergleichen EinL p. 60 f. Femer 
finden sich die gleichen formelhaften Beiworter j so GtselhSr der güote 
6208 u. ö. = Kl. 3586; der guote RüedegSr 4278. 4725. 6199. u. o. = 
KL 2601, Rtiedeger der (tugent) riebe 6589, vgl. Kl. 2333: RüedegSr 
der (lobes) riebe, femer steht RüedegSr der rfcbe oft im Biterolf in 
der Klage 2497. 3023; der starke Gfemöt 3047. 6743 = Kl. 499 [der 
recke Gemöt 4971, vgl. Klage 2128 *C: küener recke GemSt]; Helcbe 
diu hgre *760. n445 u. ö. = KL *2481. 4540; daz Sigelinde kint Bä. 
6403 = KL *160*(7 (Sigemundes *J5;, vgL •163 f. 

Femer finden sich vielfach die gleichen Stabreime in beiden Ge- 
dichten. Einige sind eben erwähnt, andere sind: des küneges bmoder 
Bloedelin 4936 Bü. = Kl. 4126; golt geben 4370 Bü. = Kl 2018; 
gerne git sin guot Bit. *1322, gerne gib ich in min guot KL 3935; 
langer leben *1644 Bit. = KL »504. *565*B. 1173; lant läzen ♦1932 
Bü. = Kl. *36*Ä 2124; (sint) die wege wol erkant *1719. 5621.-Bft. 
= KL 2860; wilt du witze walten 9303 Bä.] Kl. 2802 wil Etzel 
Witze walten, kranker witze wielt Kl. 4530; wunde wit 3728 Bit. = 
Kl. 1506*5. 1564*5/ wunden gewinnen 3584 Bü. = 1316 Kl; wun- 
der geworbte 10753 Bit. = Kl. 1601; wäfen unde wfit Bit. 7373, 
w&fen unt gewant Bü. *472. 2215, vgL KL 2798 ff. ; Wormez diu wite 
8647 Bü. = Kl. 4044 4446; werden wol gewert 978. 5972 Bä, = 
Kl. 1042. 3793; riten an den Rin 4429. 5436 Bit = Kl. 2970. 3348. 

Es ließ sich in diesem Abschnitte nicht vermeiden, daß vieles 
vorweg genommen wurde, was eigentlich unter 2. und 3. zu erwähnen 
gewesen wäre. So mögen hier nur noch nachträglich einige Fälle auf- 
gefuhrt werden, in denen Biterolf mit der öinen Bearbeitung der Klage 
zusammentrifft, und zwar 

2. Biterolf = Klage B. 

6814 ff. dtLz man waßrliche 2583 verre hr&ht üz beiden lant 

zen beiden bt den standen 
niht bezzers bete fünden. 
P/^ff man tuet uns an dem maere kunt, *96 daz maere tuet uns von im knnt. 



KLAGE UND BITEROLF. 21 

11188 hie muget ir wunder hoeren 1666 bie moget ir wunder hoeren 

sagen. sagen. 

11994 man sach bescbeidenlichen daz 3398 sagt mir bescbeidenlfcbe das 

Häufig steht im Biterolf eine Zahl mit oder mere (z. B. 86 oder 
mere steht 12420) u. dgl. (»440. 12641 u. ö.). drizec oder rnS 1548 u. s. f. ; 
ebenso mit oder haz *llb. *1695. 4575 . . . 11637. 12429 u. ö. Diese 
Wendung steht neben zweimal (1860. 2030, vgl. 2835) im gemeinsamen 
Texte auch zweimal in *B, nämlich zehene unde (oder A) mire *158*B 
und vierzec tüsent oder mer 4260*B. — aldhen unde stechen 8733. 9286 Bit. 
= Kl. 764 B; mit sticken und mit siegen Bit. 10315. 

Die Wendung . . der sprach duo \ dem . . ziLOy welche im Biterolf 
häufig vorkommt (s. Jänicke zu 1194) findet sich in der Klage nur 
einmal in *B, an einer Stelle, die ich nicht für echt halte, nämlich 
2751 f. 

Von oben gelegentlich angeführten Stellen wären etwa noch ELI. *B 
1464. 1468. 2576. 4438 hier zu nennen. 

3. Biterolf = Klage C. 

BiU 2847 deist unsin, vgl. Kl. 1454 *C: daz was gar ein unsin. — 
si firumten verhouwen 10499 Bit.:= Kl. 1426 *C: gevrumt erslagen. — 
dirre wäre gotes degen Bit. *255, vgl. Kl. 1624*C: der wäre degen 
(/» den beiden letzten Fällen halte ich übrigens den Text von *G nicht 
für echt.) — holden muot (willen 9930) tragen *1175. 9930 Bü. = 
KL 3321 *C. — [Üf unt ze tal Bit. 12270 = KL 3554]. 

Von oben gelegentlich angeführten Stellen wären etwa noch Kl. 
♦C *439. 1374. 1803. 2791 hier zu nennen. 

Alles dieß wurde schon genügen zum Beweise, daß zwischen 
Klage und Biterolf ein nahes Verwandtschaflsverhältniss bestehn muß. 
Die Berührungspunkte sind so mannigfach, daß sie nicht in dem einen 
aus Kenntniss des andern sich erklären lassen*). Wo möglich noch 
schlagender sind die 

III. Übereinstimmungen Im Wortschati, 

wo an Entlehnung noch weniger zu denken ist. 

1. Biterolf = dem gemeinsamen Texte der Klage. 

antragen, angetragenBit. 5871 Anmerkung ;**) ; angewinnen Bit 1 3359 5 
[bgagen Bit. 7127. 8480. 9695. 10461. 13032 = Kl. *200*B (a); betagen 



*) Als ein Beispiel, wie in solchem Falle das Verhältniss sich etwa stellt, 
können die Berührungen mit dem Rother (s. nnten p. 28 f.) dienen. 

**) Die Belegstelleu aus der Klas:e für die in diesem Verzeichniss auf^C(L\3Lt\ft:c^ 
Wörter, solem sie nicht angegeben sind, s. Klage, EiViA. ^ %• 



22^ A. EDZARDI 

9388 Bit; in der Klage ^*200Cby auf dieselbe Thatsache angewendet"^)]; 
behagen 6922 Bit = Kl. 1636. 3636*3 {missehagen 14); bedimcet 6377 
Bit, bediel (: geriet) Kl. 1069; besckeidenliehen 8138. 11676 (unbesch. 
8909) Bit = Kl. 2889. 3398 ""B; baüRche 3664. 13004 {haldedtehe *1482) 
Bit = Kl. 3995; beneben Bit »1478 (Anm.) = Kl. 1766 (Anm.). 1943;. 
dürkel *1149. 2855 Bit = Kl. 793. 3539. 

enthalten (Aufenthalt gewähren) Bit ^73 = KL 2245; sieh er- 
höh Bit 4459. 10358 = Kl. 1337; ere geimde Bit *35 = KL 2167. 4324; 
Jreide (Subat) Bit 11377 (Anm.), freidebiBre Bit 10856, ß-eide (Adj.) 
KL 4075; rtfue^r Bit 11401 = KL 3182; vertragen c. dat der Person 
(und Acc der Sache) Bit *1073. 10510 = Kl. (*552). 1299. 4273 »B; 
uerch häufig in Zusammensetzungen im Bit (s. zu *1624) und in der 
Klage (s. EinL 68); fremden (trans.) Bit 2352, Kl. 2263. 

goumen Bit *1150. 3212 = Kl. 3152; gehügen Bit 4408 = KL 
1677; gestän (beistehn) Bit 9469. 9926 = Kl. 1037; hergeseOen Bit. 
3029. 3825 = Kl. 1262; konemäge Bit 10697. 12187 (hmewip *1866J. 
= K1. 920; kurzUche 7817. 8422. 11531 Bit = Kl. 1I69»C. 3934; eren 
hört Bit 12418, ungeluckes hört Kl. 909, tugende hört KL »65 *C; 
Aber hurten s. Bit. zu 8788. 

letzen 11900. 11911 Bit = Kl. 2879; lebendic Bit *1562. ♦1583. 
6433; misselingen Bit 6474 = Kl. *270. 2338; nttslac Bit 10894 = Kl. 
1534; ougenweide Bit 3260, Klage viermal; prüeven in beiden Gedichten 
mehrfach belegt (vgl. Bit zu 2785, Klage Einl. p. 70, s. imten p. 28). • 

schirmen Bit ^359, ze scherme Kl. 2080 (vgl. schermen 3356); 
stgen Bit «736 (u. ö.?) = KI. 950. 2345. 2500 (gesigen 3457 *B)i 
sweizen Bit 10485, sweiz (sweizen^B) 2357 Kl.; seine Bit *1030. 
♦1180. 9773 = Kl. 990; twalm vgL Bit 12652 Anm., Kl. 4561. 

unbescheidenheit Bit *503 = Kl. 735; ungendde (= Unglück) 2348 
Bit = Kl. 2398. 2741; wnterdrozzen Bit *1413 (Anm.) = m. 1209; wal 
Bit 11436. 11441 (u. ö.?) = KL 2063. 2507; füidencinfnje Bit 10266 
(Anm.) = KL 2228, wine 4335 Bit ; wunschUche Bit »67. *286 = Kl.' 
2111, VgL 980 [ze wünsche ^46 Bit = KL »97 d]; zam xcerden Bit 12720 
= Kl. 2306 (Anm.), machen 10342 Bit, sin 12650 Bit; ziere *1516 Bit 
= Kl. 1625*C. 2800*B. 

2. Biterolf = Klage B. 

bouc rot Bit 6694 = Kl. 3486; erbcßre Bit 3450. 6226. 10860. 
13190 = Kl. 4615; mhte Bit *711. 7722 = Kl. *426; zu flinsherU ringe 



*) D.imach wäre meine Beurtheilun^ dieser Stelle vielleicht zu ändern. 



KLAGE UND BITEROLF. 23l 

Klage 1319 vgl. Biter. 5209: stdlherte ringe; gesinde (mse.) Biter. 
9701. 11262 = Kl. 1572 (wo *B geändert hat, s. Einl. 16); genendec- 
liehe Kl. 1236, genende 12955 (er emaiide *877); küener getelinc Bit. 
5698. 6309. (8728). 9095 = Kl. 1320; manltch Bit. *559 = KL 1547; 
nahtselde Bit *1247. 2371. 3112. 4972. 5552. u. ö. = Kl. 3629; unge- 
laupRch Bit 6289 = Kl. 3637; Üzerweü Bit 5505. 5805 = KL *464; 
wider wegen Bit 7018. 8530 = Kl. 3456. 

3. Biterolf = Klage C. 

degenUche Bit 10213 {undegenUche 9973. 11122) = Kl. 1235; eit- 
blanden Bit 2953 (Amn.). 9120. 11354 = Kl. 4010; eroam mit noch 
durchschimmernder sinnlicher Bedeutung Bit. *274. 5835 = Kl. 2771; 
eigen man Bit 10887 = Kl. 2318; versniden Bit 10842 = Kl. 2083; 
gewizzenheä Kl. 2194, ungeurizzenheit Bit 2998; eippe Kl. 3292 = Bit 
4582. 5572. 6659, außerdem verehsippe^ sippefriunJt u. dgl. (s. Jan. zu 
4165); eich samenen Kl. 1185 = Bit 5265. 7258. 9985. 10086. siMnen 
Kl. 1455, geschönen Bit 10450; kemmate Bit '439. *1880. 2267 = KL 
*124. 2795; toheliche Bit 8046. 9321 = Kl. 2908; toumen Bit 3600. 
11101. 11331 = Kl. 2357; warten (= spähen) Bit 8725 = Kl. 3092; 
iwBtßcA Bit 7328. 8088 = Kl. 262. 2758. 



Anhangsweise mag hier noch das Wenige folgen^ was ich über 
Wortformen imd Reime zu sagen habe. Diesen Punkt hat Jänicke schon 
so ausführlich in seiner Einleitung behandelt, daß ich hier nur weniges 
hinzusetzen will, einiges auch von dem dort schon erwähnten wieder- 
holend. Zu beachten ist: 

unstaten : bat en Biter. 9049, vater : bat er Kl, 1323 ; die sine 
(mSüe) : Eine Bit. 8953 (9317) = Kl. 2657. 2901. 4489; dehein {nom. 
masc.) : stein Bit. 3382, dehein (acc, msc.) : enein HCl. 2869 ; deheine (nom. 
sg. masc^ : algemeine 7554 Bit.y deheine (n. sg. f.) : gesteine Kl. 4530^ 
: kleine 4537 (*C, : algemeine *J5); ich verbir : ir Bit, 8015, ich bit : Si- 
frit 7300, ich nim : im Kl. 86; minnist : list Bit. 8453 = KL 1729; 
fiure : ungehiure Bü. 10605 =Kl. 1763; süene (d. h. suone) : kttene 
Bit. 12371. 12403. 12535, Kl, 1304, vgl. zu 1643 f.; march : starc Bä. 
8713. 8871. 9201. 9235, s. Kl. Einl. p, 45; gen&t : stftt Bit. *1157, Kl. 
4522 *C : ubemät : sigelät; auffallend ist frouwen : trouwen (= triwen) 
Bit. 7019. 7149 = Kl. 4332 C : riwen : getrowen, heachtenswerth sän im 
Beim 8101. 9700. 13293 (neben sä, auch im Beim) = Kl. 3224*1?; 
3906*1?; albegarwe : varwe Bit. 8132, vgl. Kl, Einl. p. 12. 



24 A. EDZARDI 

Endlich fiihre ich an heneben mm £11. 1943; neben An Bit. 6109. 

10421. (vgL J&nicke zu ^^682); zu Bit 3060: ungruaz der sine, vgl. kunee 

der mtne Kl. 1327*). Burgondcere**) habe ich in der Klage aus Reim- 

correctur erklärt (Einl. p. 82 £), nämlich an den Stellen 3606 *B und 

4460. Auch im Biterolf findet sich diese Form, 

nämlich: wo das Original vielleicht lautete: 

4703 ü niht die Burffondsre. ander di Bargonden 1 , ^^ iM^r, ^ 

do hiez ouch sagen ir msre do hiezir sagen kande J ' 

7743 C den die BargondsBre, den die Burgonden, 

die stolzen helde mare die stolxen helede jange 

13039 f. die stolzen Borgondsere (die helede jange tteht oft im Bit,) 
al ir zit üf werdin msere. 

Natürlich sind meine Herstellungsversuche nur Möglichkeiten, die 
in Betracht kommen, falls man den Bearbeiter des Biterolf mit dem 
ersten Umdichter der EUage in Berührung bringen will, oder wenn man 
anninunt, daß auch die unserem Biterolf zu Grunde liegende Dichtung 
wieder Umarbeitung eines älteren Werkes war (vgl. unten p. 26 Anm.). 

Aus allem angeftihrten erhellt, daß eine nahe Verwandtschaft 
zwischen Biterolf nnd Klage besteht, wie auch W. Grimm schon gute 
Gründe dafür angeführt hat***). Natürlich hat aber auch Jänicke sich 
nicht ohne triftige Gründe dagegen erklärt Er kommt zu folgendem 
Resultat (XXVII): 

„Becapitulieren wir jetzt, was für und gegen W. Grimms Annahme 
gesagt ist, so hat sich oben s. XXTTT £ ergeben, daß die Widersprüche 
des Inhalts nicht gegen dinen Dichter entscheiden, wohl aber spricht 
der verschiedene Umfang der Sagenkenntnis und ihre Handhabung im 
Biterolf nicht dafür. Dasselbe Resultat liefert ungefähr die Betrachtung 
des Formellen: manches im Reim und Versbau ist beiden Gedichten 
gemeinsam, doch lässt sich dies auch genügend erklären 
aus der gleichen Heimat und Zeit des Bit. und der Klage. Da- 
gegen finden sich im Bit. manche Freiheiten in viel ausgedehnterem 
Maße (wobei man den größeren Umfang des Gedichtes nicht allzu sehr 
in Anschlag bringen darf), manche andere auch die in der Klage gar nicht 
vorkommen. Dazu treten die vorhin besprochenen Differenzen im Stil 
und Sprachgebrauch. Wenn man auch zugibt, daß ein Dichter Sprache, 
Reim und Versbau mit der Zeit ändern konnte, wie es fiir Hartmann 



*) So nach meiner AufTassiing der Stelle, die ich in der Anm. za 1326 ff. er- 
l&atert und in den Nachträgen begründet habe. 

**) Im Mhd. ist die Form meines Wissens sonst nicht belegt 
*^*) Auf die ich hiermit verweise, da ich sie nicht mit aufgeftihrt^habe. 



] 



KLAGE UND BITEROLF. 25 

die Anm. zu Iwein vielfach darton, so wird man doch auch hier, da 
die Annahme äines Verfassers Air Bit und EU. nur auf einer Vermutung 
beruht y lieber diese Vermutung wegen der angeführten Verschieden- 
heiten fallen lassen als sie trotz dieser Verschiedenheiten aufrecht zu 
erhalten suchen.*' 

Dieß Urtheil beruht auf sorgfältigen Einzel - Untersuchungen 
und lässt sich daher im wesentlichen nicht bestreiten. Hervorzuheben 
ist indessen ; daß auch Jänicke vielfach Übereinstimmungen im For- 
mellen (in Reim und Versbau u. dgl.) zugibt. Es lässt sich nun wohl 
ein Weg finden, auf dem sich die beiden widersprechenden Ansichten 
vereinigen lassen, indem die Wahrheit wohl in der Mitte liegt. 

Ehe ich zur Entwickelung dieser meiner Ansicht übergehe, will 
ich mich aber gegen ^inen Grund wenden, den Jänicke geltend gemacht 
hat,*) daß nämlich zwischen der ^dürftigen, unfreien Weise des EUage- 
dichters (Lm. zur EUage p. 288)^, die es ^nicht weiter brachte als zu 
einer fast mechanischen Umformung eines älteren Werkes^ und der 
des Biterolfdichters , der ^sich völlig Herr seines Stoffes fühle*' eine 
^innerhalb weniger Jahre unüberwindbare Kluft'' sei. Ich muß hier, 
gegen durchaus Einspruch erheben. Allerdings ist dem Biterolf eine 
gewisse Gewandtheit in der Handhabung des formellen nicht abzu- 
sprechen;^ aber fehlt dieß der Klage? Nattlrlich spreche ich nicht von 
einer der Bearbeitungen '^B und *C, sondern von dem Original, das 
beiden zu Grunde liegt, wie ich in meiner Einleitung glaube bewiesen 
zu haben. Ich meine, man muß sich hüten, das Talent des Dichters 
der Klage ebensowohl zu unterschätzen wie zu überschätzen. Man 
darf nicht vergessen, daß der Stoff von vornherein gegeben war und 
wird daher die Schönheit der ergreifenden Scene in Bechelaren nicht 
der Kunst des Dichters allein zuschreiben, eben so wenig aber auch 
dieselbe daflir verantwortlich machen, wenn die fortwährend auf ein- 
ander folgenden Klagen im ersten Theil uns ermüden. Über die Wahl 
des Stoffes lässt sich streiten, darüber aber, meine ich, nicht, daß nur 
eui nicht gering begabter Dichter so viel Abwechslung in die ewigen 
Wiederholungen hat bringen können, daß uns diese Partie überhaupt 
noch erträglich ist. 

So viel hierüber. Ich möchte nun die Ansicht aufstellen, daß nicht 
das ursprüngliche Gedicht, sondern die Umarbeitimg der Klage, welche 
ich in meiner Ausgabe „das Original" nenne, mit dem Biterolf denselben 
Verfasser hat. So, scheint mir, lassen die widerstreitenden Ansichten 



«) in scüior EüiL XXIV. 



2ff A. EDZARDI 

sich yereinigen. Es bleiben dann aber noch verschiedene Möglichkeiten {« 
es kann nämlich die Bearbeitung des Biterolf, welche uns erhalten ist, 
vom Umdichter der Klage herrühren oder das alte dieser zu Grunde 
liegende Gedicht. Denn, daß der Biterolf in der uns vorliegenden Ge- 
stalt Bearbeitung eines älteren Gedichtes ist, bestreitet wohl niemand« 
Jänicke hat in der Einleitung überzeugend nachgewiesen, daß die 
beiden ersten Aventiuren von dem Bearbeiter hinzugedichtet sind, oder, 
wie ich mich vorsichtiger ausdrücken möchte, daß der Bearbeiter, wenn 
er die beiden Aventiuren nicht selbst dichtete, darin doch viel selb- 
ständiger verfuhr als in dem großen zweiten Theile. Jänicke hat femer 
nachgewiesen, daß dieser Bearbeiter ein Spielmann war (XVIII). Ich 
möchte dafür noch auf eine Stelle hinweisen, die dieß sehr deutlich 
zeigt. Es heißt nämlich 

4054 ff. hete ein künec nu goldes rot 

groezer danne waere ein berc, 

si tffiten niht als miltiu werc. 

der fürsten lop und Sre, 

daz swindet leider s^re. 
Daß derselbe auch den Rother und andere Spielmannsgedichte 
gekannt habe, werde ich am Schluße wahrscheinlich zu machen suchen. 
Nun wird diese Bearbeitung von Jänicke ^um 1210 und nicht 
viel später^ gesetzt. In der That lassen die Reime und die Behandlung 
des Versmaßes dieselbe nicht über 1190 hinaufrücken, sie stimmt viel- 
mehr darin ungefähr zu den Bearbeitungen '^B und *^C der Klage. Da- 
mit wäre die Wahrscheinlichkeit, daß der Umdichter der Klage und 
der Bearbeiter des Biterolf ^ine Person seien, schon gering geworden, 
denn die Umdichtung der Klage glaube ich um 1170 (vielleicht 1170 
bis 1180) setzen zu müssen. Wir haben also als den wahrscheinlicheren 
Fall den ins Auge zu fassen^ daß der Dichter des verlorenen 
Originals des Biterolf mit dem Umdichter der Klage iden- 
tisch sei. Immerhin will ich aber die Möglichkeit der ersteren 
Annahme nicht leugnen. Sehen wir aber von ihr ab, so bleiben nur 
folgende Erklärungen für die Übereinstimmungen in den ersten Aven- 
tiuren des Biterolf mit der Klage: entweder, und das ist mir das 
wahrscheinlichere, haben auch diese ersten Aventiuren mit den andern 
den gleichen Verfasser und sind nur stärker umgearbeitet als die übrigen *)t 



*) Im Gninde widersprechen Jänickes UntersachuDgen dem auch nicht, denn 
neben den Ton ihm aufgezählten sprachlichen Abweichungen finden sich auch wieder 
Tiele auffallende Übereinstimmungen (vgl. auch oben meine Zusammenstellungen). 
Eine Möglichkeit, für deren Wahrscheinlichkeit ich freilich keine positiven Gründe 
anführen kann, wäre auch, daß der Umdichter der Klage ebenfalls den Biterolf aus 



KLAGE UND BITEEOLF. 2T 

wie wir auoh die Bearbeitungen der Ellage zu Anfang stärker ändernd 
sehen; oder es müsste der Bearbeiter die Klage benutzt haben (und 
zwar in beiden Bearbeitungen), wofür aber der Übereinstimmungen zu 
viele und zu auffallende sind'^). 

Aus dem hier entwiokelten Gesichtspunkte erklären sich alle Über- 
einstimmungen des gemeinsamen Elagetextes mit dem Bit., und däa 
sind weitaus die meisten. Ftlr die Fälle, in denen nur einer der Texte 
*B oder *C zum Bit. stimmt, würde aber folgen, daß, sofern auf die 
betr. Übereinstimmung, überhaupt Gewicht zu legen ist, der betr. Text 
Air echt zu halten wäre. 

Nur für *C ist dieß auch zutreffend. Denn in den meisten Fällen 
werden dadurch meine auf anderem Wege gewonnenen Resultate be- 
stätigt, so Kl. *C *124 ff. 1454. 3103. 3595 u. ö. — femer enblanden, 
4010, versmden 2083, sich aamenen 1185, toumen 2357 u. a. In einzelnen 
Fällen, wo ich unentschieden war, gibt die Übereinstimmung mit Bit. 
die Entscheidung an die Hand oder die hier gewonnenen Resultate 
weichen in unwesentlichen Punkten von jenen ab, so KU. *C *39. *155 f. 
*203 f. 1659 f. 3321. 3345. 3767 u. ö. — ervam 2771, gewizzenheit 2194 
u. a. Nur ganz wenige Fälle bleiben übrig, in denen sie meinen für 
die Klage genommenen Ansichten gradezu widersprechen. Darunter ist 
aber kein Fall von besonderem Gewicht, so daß ich diese Überein- 
stimmungen sehr wohl fär zu&llig zu halten berechtigt bin. Hierher 
gehört Kl. *C 756. 963 f. 1426. 1624. 3554. 4470, auch wcetltch 262. 2758. 

Bei *B mag die Sache wohl ebenso liegen. Ich war allerdings 
eine Zeit lang geneigt zu glauben, daß der Bearbeiter der Klage *^B 
Hnd der letzte Bearbeiter des Biterolf identisch seien, weil grade in 
Quellenberufungen und an Stellen, wo schwerUch *B das Echte bewahrt 
hat, sich mehrfach Übereinstimmungen zwischen Klage '^B und Biterolf 
finden, auch die im Biterolf häufige Verbindung von oder vi^e mit einer 
Zahl (s. S. 21) neben zwei Fällen im gemeinsamen Text sich auch zwei- 
mal in *B (nicht aber in *C) findet, wo ich *C aus anderen Gründen 



eioer alten Vorlage nmgedichtet hStte, nnd daß er die ersten Aventioren hinzugefögt^ 
der letzte Bearbeiter aber sieh anf geringere, im wesentlichen formelle Änderungen 
beschränkt hätte, wie die Bearbeiter der Klage *B nnd *G. Wenn sich für diese An- 
nahme, die Torläofig durchaus nur eine unerwiesene Yermuthung ist, irgend etwas an- 
führen lässt, so ist es die Terhältnissmäßig sehr häufige Übereinstimmung von Stellen 
der ersten Klageaventiure mit den beiden ersten Biterolfaventiuren, die beide aus diesem 
Grunde mit Sternchen bezeichnet sind. 

*) Über einige Übereinstimmungen zwischen Klage *B und den ersten Aventiuren 
des Biterolf spreche ich noch unten. 



28 A. EDZARDI 

fllr echt halte. Theilweise sind aber diese Gründe nicht so zwingend, 
theilweise ist auf jene Übereinstimmungen nicht genug Gewicht zu 
legen, die angedeutete Ansicht damit zu begründen, die aber immer- 
hin möglich bleibt*). 

Ziehe ich das Resultat aus dem bisher gesagten, so ist es fllr 
die Klage dieß, daß Übereinstimmungen äines Textes mit Bit. bei der 
Frage der Echtheit ins Gewicht fallen, und daß somit ein neuer, nicht 
unwichtiger Gesichtspunkt fUr die Textkritik gewonnen ist. 

Ich hatte in meiner EUage (Einl. 77, Anm. 11) die Vermuthung 
aufgestellt, daß der Anfang, etwa die erste Aventiure nach der Ein- 
theilung in *C, von dem Umdichter hinzugefügt sei, um eine Einleitung 
zu gewinnen. Es sind nun die zahlreichen Übereinstimmungen mit Bit. 
und namentlich mit dessen Eingange gerade in der ersten Klageaven- 
tiure, auf die ich schon oben hingewiesen habe, zu beachten, welche 
diese Ansicht nicht wenig stützen. Femer sei bemerkt, daß auch ein- 
zelne Wörter sich nur im Eingange der Klage, häufig aber im Bit. 
finden, so pris Kl. *207. *25*C, Bit. oft, s. zu 52; betragen Kl. 222 *B, 
Bit oft, s. zu 242; diet *577 Kl. (sonst nur noch *C 2669) = Bit *1677 ; 
prüeven *48. »SOö. *561. [4695 C] ; wol gelobt ^240 *B Kl. ; vgl. hochgelabt Bit 
♦277 (Anm.); iherkam *364, dzerkard *U\ [üzenvelt *464*B] finden sich 
meines Wissens sonst nicht in der Klage; ein wint '*']59. [737], später 
ein niht 1821. 2427. Außerdem findet sich eine Reihe von sonst in der 
Klage mehrfach vorkommenden Wörtern in der ersten Aventiure nicht, 
was natürlich in jedem einzelnen Falle Zufall sein kann.**). 

Schließlich sollen noch eine Reihe von Übereinstimmungen des 
Biterolf mit dem Rother zusammengestellt werden, die nach meiner 
Ansicht auf Benutzung dieses Gedichtes schließen lassen***). 

Biterolf: Rotherf): 

*300 selbe wolde er got stn {Anm,) 2568 Her wolde selve wesen got 

*1906 er ged&hte im eines namen 168 einis zeines her ime gedächte* 



*) Dafür konnten außer dem angefahrten die Stellen K). *B 2621. 2761 f. 
2764; gemde mse. 1672, üzertoeli 8456 n. a. sprechen. 

**) Ich kann mich hier nicht weiter auf diese Frage einlassen, doch möchte 
sie wohl eine Untersuchung lohnen. Es wflrde sich dann namentlich fragen, ob Wörter, 
die in der ersten Ayentiure der Klage nicht Torkommen, ebenfalls im Bit fehlen. Vgl. 
auch Nachtr. su Kl. 4460 ff. 

***) Daß die Gudrun im Bit benutit ist, ist bekannt. Auch das Nib.-Lied schehit 
darin benutit su sein. 

t) Ich eitlere nach einem genau Terglichenen Exemplar des Kaßmannsehen 
Abdruckes. Verssahlen aus Partien, die ich für sicher falterpoliert halte, sind fai Klam- 
mem gesetiti solche 9 die ieh für vielleieht falterpoliert halte , mit Btemeben Tertehea, 



KLAGE UND BITEROLF. 



29 



2635 daz im gr&we na der bart 

4846 als man herren boten sol. 

Anderes der Art 9, oben» 
4461 der alte man 
6685 n&ch wonsche staont in ir dinc 

5663 f. br&hten die recken junge 
zuo der samenange 

5810 f. si w&ren im na sd n&hen, 

daz st den roach wol sfthen 
vgl. Kl. 8100. 

6422 ob mir daz wäfen min gest&t 

6440 wil mir dia stange min gest&n. 

6039 f. den aller tiaresten man 
der ie arbor gewan 
8634 ir tüsent ritter wol gar 
10698 d& dorften si niht fr&gen 

7479 ff. mit golde nnt mit gesteine. 
manege perle kleine 
Bach man verwieret dar in 

9158 f. Stuotfuhs niht mohte tragen 
nehein ros einer mtle breit. 

11629 wir wellen RSedegdrs gedagen 

10622 daz im got gebe leit. 

3192 dazheteerfüreinkindesspil 
7845 dazwasimgareinkindesspil 



8369 Mir nist der bart nie sd grft. 

u. dgl. m, 
2027 f. So 8al men einir kanin- 

g^nne | ir botin minnin. 

So heißt Berhter formelhaft. 

Über diese Wendung 9. Oerm* 

XVIII, 448. 
3437 f. Sd YÖT ich helede jange 

Z6 der samenunge 

2645 f. Die ligetin sich also n&he, 
Daz si den rovh gesägen 

4246 Biz ime die stange ze brach 
1005 mir nezo breche die Stange min. 
Orend, 52. 49. 1 mime breche dise stange. 
4071 der aller türiste man, 

der ie konin[c]nche gewan 
8404 Zvelif dasent riture walle gare. 
4017 Dft dorfte nieman ar&gan, vgl. 

KL 3293. 

4581 D& clappende daz gesteine* 
Mit den is perlin cleine. 
über gewiere, gewieröt 9. Germ. 
XVIII, 419. 
648 den ne mohte niehein ros ge* 
tragen = Orend 33. 3. 4. 

*4195 Na willich rotheres gedagin. 

1248 daz der got geve göt. 

808 iz ni ist niehein kindis spiL 



11342 phat treten = Roth. 3685; järiä BU. 7873 {Anm), 11107 = Both. 
2856. 3045; jächande Bü. 7483 = Both. 223 u. ö.; recken namen Bit. 

11343 = Roth. 1897, flirsten namen Bü. 11622 = Both. [4343]; die schar 
breit BU. 11278 = Roth. 722; tiurlich Bü. 5666, im Both. oft; sich 
für nemen 5ä. 3566. 5752. 9102 = Both. [4349]. 

Nach dieser Zusammenstellung scheint im Bit. die uns erhaltene 
Bearbeitung benutzt zu sein. Daß der Rother überhaupt benutzt ist, 
scheint mir aus der beträchtlichen Zahl der übereinstimmenden [Wörter 
und] Wendungen hervorzugehen, wenn schon viele derselben sich sonst 
auch hier und da in der Spielmannspoesie wiederfinden. Schließlich 
merke ich noch an, daß die besonders im Oswalt häufige Formel . . 
hiez er springen^ . . bringen sich im Biterolf zweimal findet, nämlich 



30 ADALBERT JEITTELES, DIE ZEHN LEBENSALTER. 

6219 f. dar n&ch hiez er springen 

tmd Waltheren bringen. 
6205 f. D5 bat der kühic springen 
und yil balde bringen; 
, femer steht *877 f. [der degen] se gähes gar ernande 

daz er in an gerande, 
eine im Orendel häufige Formel. 

ANKLAM im December 1874. A. EDZASDL 



DIE ZEHN LEBENSALTER. 



• 

Zu den von Wilh. Wackemagel in seinem anziehenden Buche 
*Die Lebensalter S. 30 £ angefahrten Reimsprüchen, welche die 
Theilung des menschlichen Lebens in 10 Altersstufen zum G^enstand 
habeU; hat unlängst Karl Bartsch in den ^Germanist. Studien Bd. I, 6 
einen Nachtrag geliefert, der aus viel früherer Zeit als die von Wacker- 
nagel mitgetheilten Sprüche datiert*). Eine andere nicht sowohl durch 
ihr Alter als durch ihre Fassung interessante handschriftliche Lesart steht 
in dem der hiesigen Universitätsbibliothek gehörigen und unter Signatur 
Theol. 1. 1021 angestellten Mischband auf dem Vorsetzblatt zu der Schrift 
von Pamph. Gengenbach 'Die zehen alter der welt\ s. 1. 1534. 8. Nach 
den Schriflzügen und Spracheigenthümlichkeiten zu schließen, scheint 
sie nicht allzu lange nach dem Erscheinen des genannten Buchs niederge- 
schrieben worden zu sein. Sie ist von den von Wackemagel und Bartsch 
bekannt gemachten Versionen mehrfach verschieden und lautet: 

Die zehen Alter. 

Zehen jar ein kint, 

zwainzig jar wiz und sin, 

dreissig jar ein erwagsener man, 

vierzig jar wol gethan, 

funfizig jar stille**) stau, 

sechzig jar ein weiser man, 

sibentzig jar widter abe lan, 

achtzig jar an khrokhen gan, 

neuntzig jar der khinter spott, 

ain hundtert jar genadt dier gott 

GRAZ. ADALBEET JEITTELES. 



*) Anfgenommen in WAckemagels 'Kleinere Schriften*. 
*♦) JB#. »tiler. 



F. BECH, SPENDEN ZUR ÄLTEBBBESTIMMUNO NEUHD. WOBTFOBMEN. 31 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEU- 
HOCHDEUTSCHER WORTFORMEN. 

(Fortsetzung zu dieser Zeitsdir. VI (XVIII) 257 folg.) 

VOK 

FEDOR BECH. 



Försterei^ f. (vergl. Weigand I, 484) findet sich bis jetzt zuerst 
erwähnt bei Schäfer, Sachsenchronik I, S. 29: ezwüchen dem brücken" 
hof und der forsterye (Dresdener Urk. a. 1413). > 

Fourier, m., glaube ich schon vor dem 16. Jahrh. in Deutschland 
zu finden bei Bruder Hansen in den Marienl. 907 : ave gotes farir was. 
de im hat aitn logiü in dich ghenamen; dasselbe Wort scheint vorere im 
Urkundenbuch der Stadt Göttingen ed. Schmidt I, S. 212, 12: WaUher 
uppe der reyse eyn hovetman^ eyn anleggSre und vorere wcu (a. 1364); 
Ä 397, 30 (a. 1397). 

fildem, fodenty swv., mit Auslassung des r flir fördern, fordern 
geht noch hinter das 15. Jahrh. zurtlck in österreichischen Quellen, 
z. B. bei Zeibig, Urkundeobuch des St. Elostemeuburg S. 86: daz wir 
in ßiederleich sulen sein (a. 1303), ebenso S. 117 (a. 1309); bei Raab^ 
Urkundenb. von Seitenstetten S. 240: zu hdf und zu fuedrung und: cfi 
auch ir genäd und ir ßiedrung darzü getan habent (a. 1360) ; filderlichen 
auch in Docens Mise. 11, 51 (14. Jahrh.). 

förmlichy adv. erscheint am frühesten bei Meister Eckhart 399, 5: 
und möchte ez formeUche äne zuoval besten ^ vergl. auch 21, 36 swie daz 
lieht si förmelich in deme luftey ez ist dock weselich in der sunne. 

forschung, f., mhd. vorschunge in einem Fragmente einer theo- 
logischen Abhandlung des 14. Jahrhunderts in den Altd. Bl. II, 98: 
dise vorschunge het ouch etteliche bracht in sogetänen wän. 

franke j franken^ m. als Bezeichnung einer Münze schon in den 
^ichstagsacten von Weizsäcker I, 515, 6: item scd ein franke gelden 
zwSne unde zwenzigesten halben wißpennig (a. 1385/86); in einem Münz- 
vertrag von 1393 in den Chroniken der deut Städte IX, 998, 27 : item 
ein guten aJJten francken niln oder zehen pfenninge höher denne ein guten 
rinschen güldin. 

freier, m., schon sehr früh vorhanden, so bei Ebemand von Er- 
furt 968: er was hierfrigerej diebrüiUmft er zesamene treip; JoL Marien-^ 



32 FEDOR BECH 

Werder im Leben der h« Dorothea III, c. 26: noch irer czvninge freyte 
sy der schöne hrewtegam mit vil hotin addir freyei', dy iier czü ir sante^ 
dy hotin adir freyer wom der heylige geist (um 1400). 

freite, f. ^Liebes-, Heiratswerbung^, am frühesteD bis jetzt in den 
handsehriftl. Varianten zum Armen Heinrich von Hartmann V. 1453: 
umh Slich vriät; im Urkundenbuch des histor. Vereins von Niedersachsen 
Yllf 24, 4: ein hrief den her Herman lanfyrave zcu Hessen uns gegeben 
hat uff die frihäte frawen Agnes unser liehen hüsfrawen (a. 1409); bei 
Johannes Rothe Chron. cap. 422: dise loheltche hof schaß unde fnOte 
and cap. 675: uf dem hove wart eine fndte geslagen; bei Konr. Stolle 
Chron. 41: von einer frtete] 44 umme dy frtete des alden hem tochter. 

frequenttereriy swv., finde ich zuerst bei Ernst von Kirchberg S. 767: 
dy schule her frequentirte, mit kirnst her vast sich csnrte, 

fresser, m., erscheint mhd. in der Form vrezzer zuerst bei Berthold 
von Regensburg 19, 34: die trenker unde die frezzer^ die dicke und oft 
und etetiche tac unde naht zem unne ligent] und 190, 36: frezzer und über- 
trinker. 

frevler, m., ist vor 1469 schon zu finden bei Berthold von Regens- 
burg 493, 2: nü sich, freveler an gofe, wä hist du nü mit dinen sünden; 
Bechstein im Wörterbuch zu Matthias von Beheims Evangelienbuch 
S. 319; Rechtsbuch nach Distinctionen ed. Ortloff S. 116, 50: quSme 
auch diese freveWre dovon. Von mitteld. Formen^ in denen nach dem 
Anlaut / (t;) oft noch ein Vocal (o oder e) eingeschoben ist, finden 
sich außer den in dieser Zeitschrift (X, 402—403; VH, 100; V, 233) 
vermerkten noch folgende Beispiele: Fahne, Forschungen I, 2, 23; ti>ere 
dat Sache, dat de man dri mäinde in verafude stüende (a. 1260); H, 2, 87: 
zu hdissen umbe den vuravil (a. 1330); H, 2, 89: mit vuravelgeide; Diefen- 
bach Gloss. 62P inolentus, vorebil; in Urkunden der Wetterau, Weist 
V, 246 verebeliehen und so 247 und in Hoefers Auswahl 253 (a. 1332) 
virebeUche\ — im Mitteldeutschen Schachbuch ed. Sievers steht nach 
ider Handschr. virAilich statt des in den Text gesetzten vrAüich 213, 31; 
216, 29; 222, 10; — in einem Zeitzer Manuscr. (Aposteln und Ge- 
sügnissbriefe, a. 1422 — 38) vorebeUeh; — in Boehmers Urkundenbuch 
von Frankftirt S. 719: der — widder die scheffene virebiü hette (a. 1367). 
Mit Ausnahme von Weist. HI, 661, einem Weisthume der Grafschaft 
Werdenfels in Baiem vom Jahre 1431 (wo es heißt: mit veräffenUchn 
zornigen wordtn) und einem Weistbum von Webenheim u. Minbach 
V, 695 (wo sich verebel findet) habe ich derartige Formen nur in md. 
Gegenden wahrgenommen. Dort können sie durch die Nachbarschaft 
des Niederdeutschen hervorgebracht sein, wo gewöhnlich wrevel ge- 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEUHOCHD. WORTFORMEN. 33 

sprochen wurde, vgl. Schröders Anm. zu Reinke de Vos 5676 ; Diefenb. 
621^ violentia foretfviUceit Den betreffenden Vocal im Anlaut halte ich 
daher nicht ßir ursprünglich , sondern Air einen dunkeln unklaren 
Zwischenlauty der in dieser Consonantenverbindung auch anderwärts 
zu Tage tritt, z. B, in den Denkm. von Müllenhoff und Scherer 79, 5 
virist = vrist'^ in Haupts Zeitschr. III, 519, 3 (= Bekehrung des Paulus, 
aus dem 12. Jahrh.) daz ich ntut be»izze die vereislichin [hjizze und so 
noch bei Stieler im Teutschen Sprachsch. 32 : vereischliche, das, scahiei 
genus; verechter = vrechter, frachier im D. Wörterb. YV j ^1 \ furacht- 
wagen = fra>chtwagen ebenda 425; furumb = frumb bei Mich. Beheim 
233, 23; vorig == imng bei Ernst v. Kirchberg 764, 45: keisir Ottd, der 
wart hegrabin sunder vorig gar keisirlich zu 3i*ünsung (doch v)rtg 766) ; 
wahrscheinlich auch voryren = vrieren in Joh. Rothes Chronik cap. 421, 
vergl. in dieser Zeitschr. V, 233, und Joh. Rothes Elisabeth S. 2049 C. 
fröhlichkeü, f., am frühesten bis jetzt in der Windberger Inter- 
linearversion der Psalmen S. 649 : frdlicheit, jocunditas, 

frühstück, n., bereits in den Liedern unter Neidharts Namen in 
MS. H. in, 309^ und 310*: von dem vruestük süln wir gän sän dan 
hinne zuo dem bade. 

ßlglich^ adj., findet sich in den Gesta Rom. 172, 5 (Anfang des 
15. Jahrb.); die fügUich zu dem streit wären] Diefenb. 31 P jugalis, 
filgelich (a. 1470). 

fuhrlohn, fuhrmann, fuhrwerk; Zusammensetzungen mit Fuhre 
trifft man schon vor dem 15. Jahrhundert; so vuorldn bei Heinrich von 
dem Türlin in der Krone 17351: und vuort in äne arebeit äne tntorfön*) 
in daz lant; im Freiberger Stadtrecht ed. Schott 270, 10: he gibit wn 
vüirUn alse recht ist; vergl. Ott Rulands Handlungsb. 5, 11: das fuGT- 
Ion hän ich ausgericht, — Orlamundische Statuten in Walchs Beitr. 
n, 74: die selbigen fdrlüte sullin czolles frey sin (14. Jahrb.?). — Stadt- 
recht von Heran (14. Jahrh.) bei Haupt Ztschr. VI, 426: die underkaüfel 
suüeni nemen — ze Idne — von ie dem vtwrman der die pfert tihet ouch 
zwene zweimiger; Freiberger Stadtrecht 270, 8 : sendet he daz silber dar 
^ eineme vürman; und S. 18: dem vürmanne sal hS zu rechte keine schult 
geben; Wiener Weichbildbuch ed. Schuster Art. 49 (fuorman und fuor- 
leut)] — Conrad von Weinsberg, Einnahmen- und Ausgabenregister S. 69: 
item ich gäbe einem fUrman von Meintz bies gen Coln H gülden (a. 1437 



*) Das Wort ist an dieser Stelle vielleicht nicht echte Überlieferung ftUr verl$n 
oder vergenlSfif Tergl. ebenda 20278 nnd 20287; Espe, Bericht Tom J. 1846, 8. 21: »6 
ntlUn sie fetlSn geben (a. 1380) und Kalmisches Recht ed. Leroan S. 4. 
OERUAKIA. Nene Beüic. YH. (XIX.) Jniag, % 



34 FEDOR BECH 

bis 38); ebenda S. 70: den fürlüten von Coln gen Och gab ich zU lonne 
6 gülden. — Wittenbergieche Urkunden in Espes Bericht vom J. 1845, 
S. 21 : sotäne wäre die cssu koufenschacz und csni föfwerc gehöret (a. 1380). 

fundieren, bwy.., schon bei Meister Eckhart 39, 15: daz inner be- 
kennen ist daz sich vemunftechlich ist fundier ent in unserr sele wesen; 
in den Predigten und Tractaten deutscher Mystiker ed. Pfeiffer (Haupts 
Ztschr. VIII) 426, 4: diu werk^ diu dar iif dise widertragunge gefun- 

dieret sint] Ernst v. Kirchberg 727^ 65: dt/ kirchen hcäie — der 

hisehof gefundiret (: gecs^et). 

fänfer, m. vor Serranus zu 'finden in Schreibers Urkundenbuch 
der St Freiburg I, 524: wie dicke deheiner der vorgenanten fänfer (vor- 
her ist die Rede von dem gemeinen fänfiman) abgienge; und weiter: 
aUe ding, die zuo der fünf er hant gesetzt sint (a. 1368). 

funken, swv., vor Matthesius schon anzutreffen im Lohengrin 3006 
(Mhd. Wörterb. III, 436**) und im J. Titurel 36, 4 ed. Hahn (in den 
Begensburger Bruchstücken bei E. Roth S. 37: sich venchet Air sich 
funket, wie auch 495, 4 ed. Hahn sich venket : ungenket)\ 407, 1: von 
golde ein ar geroetet, geßuret und gefunket (: gedunket) ; 3656, 4: der 
schuof, daz vil helme nach im functen (: besunden). 

fürbitte. f. erscheint, ganz im neuhochd. Sinne, in der md. Form 
vorbete schon vor Luther bei Ebemand V. 1812: er seite in wie diz 
kamen was^ daz er von der vorbete genas sancti Benedicti; im Urkunden- 
buch der St Leipzig I, S. 175: der sal dem rate äne vorbete unde un- 
lefielichen 10 nüwe gr. geben (a. 1444 — 46). 

fürhang, m. im Sinne von: hervorstehender, ilber die Straße reichen- 
der Theil an einem Gebäude, in einem Weisthum von Andernach 
(a. 1498) bei Grimm 11, 629: vort so sollen die vurhenge und overhenge 
vur den kaufhUseren uf der stede maisse und isen vur den vinstem hangen. 

f Ursprache, m., erscheint in der Walkenrieder Urkunde I, S. 230: 
Conradus de Bela vorspräche (a. 1260); bei Michelsen, Codex Thuring. 
diplom. S. 63: Andreas Begilfüs vorspräche (a. 1400); Pnrgoldts Rechts, 
buch (Ortloffs Samml. II) S. 153: die gemitten vorsprachen an den ge- 
richten; und an dem geriehte da ist der vorsprachen zcunge veile; S. 158 : 
nach unserm stadtrechte nymant vorsprach ist; 166 u. 178; 268: der 

valsche vorspräche und so 304. 

furzen, swv. bombisare, schon aus dem 14. Jahrhundnrt nachweis- 
bar, z. B. in Morolf I, 3484: M. durch sine liste sere forczen began'^ H, 
424: czom machet gräe häre, der ars farczet, das ist wäre und 522; 
Böhmers Urkundenb. von Frankfurt S. 751 (a. 1377) : wer in des hont- 

Werks orten virkom worte dede adir furczte ader anders unhubisch 

were u. s. w. 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEUHOCHD. WORTFORMEN. 35 

füfienj swv., sich stützen, stoßen, bereits enthalten in den Magde- 
bai^r Fragen ed. Behrend B. I, cap. 6, dist 2: dy spaarren synes dachet 
füssen nicht uff dy mütoere (14. Jahrh.). 

ßitterungj f. mittelhochdeutsch bis jetzt am frühesten in dem Ur- 
knndenbuche von Neustift in Tirol S. 419 (a, 1390): mein gut — ist 
frey van aller vogtey und futrung (advocacia et pahulacio). 

gaUosche, f. Überschuh, auch Tcalosche; aus dem 15. — 16. Jahr- 
hundert mit cloczen und calotzchen belegt; aber wohl schon im 13. Jahrh. 
in Deutschland bekannt, wie der Name Heinrich genant Kaloze zeigt 
im Urkundenbuch von Amsburg S. 168 (a. 1292). 

galmei, m., vergl. Lexer s. v. calemine] am frühesten bei Böhmer 
Urkundenbuch von Frankfurt S. 505 in einem Zollrodel von 1329 (?): 
item ende und cahnei, die ingiebt keinen zol, und sermetdne. 

ga9'kach, m., zeigt sich zuerst im Nordhäuser Schultheißenbuch 
von Förstemann N. Mitth. (15. — 16. Jahrh.) 11, 16: von garbretem: sen- 
det ein brSther adir garkoch eynen unser borger heym ungebe fleisch, der 
gebit eyn pfunt deme räthe. 

gattung, f., schon vor Luther vorhanden, wie folgende Beispiele 
zeigen: Nürnberger Polizeiordnung ed. Baader S. 222: dieselben drey- 
erley gattung mag ein t/eder aUe oder eins teils, welche er vnl, pochen, doch 
also, das ein yede gattuny ires geUs und anzal wert sey; Niclas von 
Wyle, Translat 282, 2; Anthonius Phor, Buch der Beisp. 157, 31 ; Weist 
m, 778. 

gebäcke, n., vor dem 16. Jahrh. schon vorkommend in der Er- 
lösung ed. Bartsch 6493 : mit sieden und gebacke (: gesmacke) ; im Nord- 
bäuser Schultheißenbuch II, 53: wer da zu kleine buche, umUin sie den 
geback edle lassen nemen unde durch got geben. 

^ gebick, n., ist dasselbe, was sonst gebucke oder gebücke lautet, eine 
aus niedergebogenen und in einander geflochtenen Büschen gebildete 
Hecke, Umfriedigung, abgeleitet von bücken = niederkrtlmmen, incur- 
vare, flectere, opprimere, prostemerey vergl. Lexer Handw. I, 763. Das 
Wort bringt schon eine Urkunde des Unterelsaß bei Grimm Weist 
I, 670: der holzer eines ist das gebucke (a. 1320); femer Graf Wilhelm 
von Holland (in v. d. Hagens German. VI, 260) 337: ich slüf durg 
busch, durch hecke rüchy Durg hagen inde gebucke; Zu lest ich mit ge- 
lucke Zu hoiste up dat gebirge quam; Kehreins Samml. S. 44 aus einer 
Mainzer Urkunde vom Jahre 1366: gebucke umh die burgh. Dasselbe 
meint auch der Ausdruck: gebickte hege in den Weisthümem V, 319: 
item, hauwet iemans und thüt schaden inne der gebickten hege uf der 
etraizen und vmrd gerügt, der ist u. s. w. 



3ß FEDOU BECH 

gAf'äUy n., als dtr gebrütce, braxatura, auf einmal gebrautes, bereits 
bei Lambert^ Mohlhaus. S. 113, 115, 156 und 157 (aus dem 14. Jahrii.); 
in den Alten Gesetzen von Nordhausen (N. Mitdi. III, 3, 59) : et/n ick- 
lieh aal zctcene phenntnge gebe deme rate von deme gehrdwe und sal daz 
gtSbrüwe Idze schnbe; bei Oswald von Wolkenstein 119, 2, 8: des sfl 
werd dort geschunden mit mangerlai geprew (: rew) ; bei Clara Hätzlerin 
S. 291', 64; in den Nürnberger Polizeiordn. 212, 2 gebraw. 

gebräude, n., im Programm des Gymnasiums von Zeitz a. 1870 
(Die bischöflichen Satzungen) S. 5, 57 : gesehosse von den hofen und 
gebrüweden (a. 1457); in Michelsens Rechtsdenkm. aus Thüringen S. 4C9: 
zcu fertigung syner gebrihcede (a. 1485); im Urkundenbuch der Stadt 
Leipzig no. 474: des vngeldes halben von dem gebrwde (a. 1475). 

gebühr, f. zeigt sich schon im 14. Jahrhundert, vergl. Fahne, 
Forsch. II, 2, 106: inde wat sus erveüy dat sal man zu dryn mainden 
deylen der stede, deme raide inde den andern heirren^ mallige An gebür. 

gfhüsch, n., erscheint bis jetzt am frühesten in einer Urkunde bei 
Schäfer, Sachsenchronik I, 385, dort werden angegeben iiij huner 
vonn einen gepusche und wiesenfleeke bey dem dorffe Steinpach (a. 1375). 
. gecken, swv., findet sich schon um 1200, im Karlmeinet 468, 19: 
Karüe begunde den bart zo drecken, Hey sprach: tci wenet hey mich zo 
geekenf Meynet hey, dat ich sy eyn ddref 

^gedecke, als stn., in den Weisthümem IV, 622: und hätt der arm 
man nit gedecks, soU der becker alss vil gedecks dar geben, dass der deyk 
bewart sy (aus dem 15. Jahrb.); dctt gedecke, die Zimmerdecke, in der 
Eronika fan Sassen ed. Scheller S. 283. 

X geßissenheitj f., scheint erst im 15. Jahrhundert aufzutreten, vergl. 
Nidas von Wyle Translat. 293, 38; 294, 16; 311, 17. 

gehaU, m., in der Bedeutung „innerer Werth^, erschien mir am 
frühesten in einer Urkunde von 1477 bei Würdtwein Diplom. Magunt. 
n, 368 : monzen schlagen uff ein gUehen gehaü und schnyde; und S. 369 : 
gwin verstendig redelich wardyn, der einer alle werck, so sie geschickt sin 
und zuvor ehe sie üssgien, am gehalt vei^süchen solle. 

gehöfte, n., finde ich zuerst in der Chronik Johans von Posilge 
ed. Voigt u. Schubert S. 129 (= ed. Strehlke in den Scriptores rer. 
Prussic. III, 239): item in desim järe vorbrante Osterode die stat, das 
nicht meer bleib wen di kirche unde des pfarrers gehoffte (a. 1400); S. 230 
(= ed. Strehlke S. 322) her lies desin alle ir güttir unde gehofte vor- 
bümen yn den grünt (a. 1410); femer in Höfers Auswahl S. 79, Z. 8: 
auch sulen wir den hof bowechtich halden an gehufie unde an vrede 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEUilOCHD. WORTFORMEN. 37 

geifer^ m, am frühesten im Vocab. optimus S. 10,66: saliva, 
geifer (Altd. Bl. II, 198). 

gelach, n., das Lachen; das von Weigand bis jetzt vermisste ge- 
leche finde ich bei Hans von Bühel im Dyocletian V. 2172: dd wart 
nit ein gröz gelech (: bech), 

gelagy n., ,, Zusammenliefen zu lustigem Trinken oder Speisen^; 
von Wichtigkeit fbr die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist jeden- 
falls eine Stelle in Fahnes Forsch. I, 2, 97: item dat eyn yecUch broder 
und suster körnen sali up St. Sebastianis dach und vertzeren yre qelaich 
zosamen, want dan die broderschaft yren oonreit doin und holden saM, 
und eyn yeclich sal sjfn gelaich betzalen u. s. w. (= Düsseldorfer Schützen- 
urkunde a. 1435); vergl. das Weisthum zu Scheidweiler a. 1506 bei 
Grimm II, 388, Z. 9: der keUner — soll ihnen die örter{f) bezahlen, 
yedem sein gelach under einem schillingh; damit stimmt die von Yilmar 
Idiot 235 aufgestellte Bedeutung ^ Zeche, Pikenik^. 

^ gelichter, n., über das Alter dieses Wortes ist noch zu vergleichen 
eine Stelle bei Berthold von Begensburg 93, 7: daz du waenest, daz igt 
eZf unde dannoch mir alle siniu glihtende (13. Jahrb.); cfr. diehteride bei 
Lexer Handwb. und Weist. VI, 96: einee ieden hausgenoez söhn, tochter, 
gewichter und gebrüder u. s. w, 

^ gelt, Interjection, schon von Jacob Twinger von Königshofen ge- 
braucht S. 21 ed. Schilter (= 261 ed. Hegel): wer het dich unsem 
i-ikter gemacht f gdte (Exod. U, 14 ed. vulg. == num) du wellest mich er- 
slahen also du gestern dete des küniges knechtf 

gereuch, n., bereits im 11. Jahrh. vorhanden, vgl. Haupts Ztschr. 
III, 445: in dero hello dd ist beches gerouche. 

gelzenleichteTy m., tritt bis jetzt am frühesten auf in Job. Rothes 
Chronik c 565, wo es nach dem Texte bei Mencken heißt: vnde Hessen 
dd manchen vnde gelczen alle mit einander einm^dczenlichter* /^/A /• Ä^*r»/A 7^ 

genecdogie, f., braucht schon Bruder Hans in den Marienlied. 789 : 
die hdghebome, etel maghet vrte, von conindtchen otel was ir gheslecht, yr 
genealogie. 

geraufCf n., taucht schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts auf, 
so in dem Mainzer Friedebuch (a. 1335—52) bei Würdtwein Diplom. 
Magunt. I, 497: ist daz ieman leuffet gewapent zu einem gereuffe oder zu 
einem gestobery dar umb ist er keine bezzerunge schuldig. 

gerber, m., mhd. gerwer, schon lange vor 1400 nachweisbar aus 

den Stellen in der Germania 15, 268; gerewer in den Stadtrechten von 

■ Freiberg S. 276: di schüworchten und d% gerewer haben ouch eine innunge 

mit einander hi in der stat] im Slitteld. Schachbuch ed. Sievers 280, 5: 



38 FEDOR BECH 

pdzeer, gerwer, vleischhauwer {nm 1355); im Urkundenbnch von Seiten- 
Btetten ed. Raab S. 132: Dietrich der gerber (a. 1302) und S. 136: von 
Dietriche dem gertoer (a. 1304). 

geschtidigkeU, f., in der Form geschtdekeit öfter im 15. Jahrhundert, 
z. B. in den Osterländischen Novellen in den Altd. Blättern I, 143 und 
154; im Buch der Beispiele von Ant. Phor 36, 26; 36, 38; 109, 21; in 
Niclas von Wyles Translat 209, 10; bei Johannes von Posilge ed. Voigt 
S. 342: tf u)$re eine geschtdikeit und nicht eine vorrichtfinge. 

geechlvnge, geschUnk^ n., kömmt in dieser Schreibung nicht erst 
bei Frisch^ sondern schon früher, im 15. Jahrh. vor, so in einer Ur- 
kunde über die Lästerer oder Landfleischer im Leipziger Urkunden- 
buche I, 278 (a. 1462) : cded die fleischhautoer sagen, man habe vor alders 
kegn geslingk noch heubt noch ander kleinott herynn zcu marckte brengen 
[torenjj dunckt uns soüichs dem gemeinem nucz nicht ^ich seyn\ ebenda 
heißt es weiter: als^ unser vorfom — irkanty das di lesterer soüiche 
dein&t also heubt geslynckt unde ander Jdeinot heryn haben mögen brengen; 
S. 339 (a. 1466) : gesling heubt und andere cUynot mögen die legerer her 
in filiiren. 

gestrüppe, n., erscheint als gestrüppich und gestreupich um das 
Jahr 1508 in den Weist. VI, 43. 

gewanthaus, n., findet man bereits im 14. Jahrhundert, und zwar 
in einer Nordhäuser Urkunde, in Förstemanns N. Mitth. IQ, 4, 76 

(a. 1365): wir — willekom daz nü noch nummerme in der — 

nuwenstadt — nichein räthüs edir rite soUen si edder werden, noch gewant- 
hüsy wäghüs noch koufhUs. 

gewoge, n., hier war wohl auf das mhd. gewaege als CoUectivum 
von wdc bei Lexer Handwb. I, 971 zu verweisen; dasselbe in der 
Weltchronik Rudolfs von Ems, bei Scherer St Qallische ELandschr. 5^: 

dem äne wazzer was gegeben nach genätürter ort sin leben daz 

lag in dem gewege tot Mitteldeutsch wtLrde das Wort gewäge gelautet 
haben. 

gewilrz, n., fand ich bis jetzt am frühesten bei Niclas von Wyle 
Translat 279, 3: mit senf geseüz gewürtz und sutze ingemacht und beraitet 
und vil ander fremder spysen. (15. Jahrh.) 

gichibruchy fem. bei Luther (nicht masc), schon firilher bei Joh. 
V. Marienwerder I, cap. 28 : ir ewirt was ein gochczomig man beide von 
zcüneigunge einer nätüren und ouch von krancheit der gichtbroch, 

gelben^ swv., im Sinne von y,gelb werden^^ wie es fbr die mittel- 
hochdeutsche Zeit vermuthet worden ist, findet sich wirklich bei Konrad 
von Megenberg 39, 14: daz weiz in den äugen plaichet und gelbet. 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEUHOCHD. WORTFORMEN. 39 

gipfelj m,, die älteste Stelle, in welcher dieses Wort erscheint, 
bietet bis jetzt Oswald von Wolkenstein 28, 2, 8: hbch auf dem gipfel; 
dazn vergl. Griseldis, Apollonius von Tyrus ed. Schröder in den Mit- 
theilongen der deutschen Gesellschaft zu Leipzig 5. B. 2. Heft, S. VIII: 
ain überhoher berg, des güpfel raicht über alle wölken, 

gleichßhTnig, adj., am frühesten bei den Qottesfreunden des 14. 
Jahrhunderts ed. Schmidt S. 34: in aolichem gUchem we und gUchfor- 
migen übernatürlichen trucken. 

gleis, n., Radspur; als Collectiv daz geleise schon in den Weist 
I; 761: kumet er zu rehteme geleise (a. 1310). 

gleisner und gleisnerei erscheinen schon vor dem 15. Jahrhundert 
mit eingebüsstem ch, so. in einem mitteld. Fragment des 14. Jahrh. 
in Haupts Ztschr. XTII^ 556, 2: des tünt di gUzen$re nicht (Tgl. 555 
glteunge)] in Matthias von Beheim Evangelienbuch, MattL 6; 2; 23^ 13: 
wS aber üch — , Pharisei ir gltsnere (a, 1343) und so 15, 16 — 23; 23, 28: 
von binnen sU ir vol gUsnerie und ungerechtickeit; dazu geMsen und ge- 
lisenheit ebenda S. 258* und ebenso die entsprechenden Stellen in der 
mitteld. Evangelienübersetzung, welche Heinrich Heppe herausgegeben 
hat, in Haupts Ztschr. IX, 278, 5 und 279, 25 folg. ; endlich in den 
Fundgruben I, 153^ 25: daz niden dt glissenaere unde dt scribaere. 

gliedmaß, n., erscheint außer bei Luther schon bei Johannes Rothe 
in der Chronik cap. 70, wo es nach dem von v. Liliencron zu Grunde 
gelegten Texte lautet: das ander (zeichen) ist die üssetzigen, die fiasse 
unde mundt unde ander gUdermafi vorlom Mn, zu reynigen von yrer 
suche und den die vorlome gledemaß von stundt weder zu brengen: dagegen 
in dem Düringischen Gedichte Von der stete ampten ed. Vilmar (= Von 
des rdtis czucht) 946: gUch als daz hoiiht mi sinne hai Danne eyn 
ander gdydemeszej Also sal auch ein furste me wesze (Cod. wisze), wo 
man nach dem Reime zu schließen ein gelidemez anzunehmen ' hat. Auch 
ist abweichend der Plural gledemezer in den mitteld. Predigten von 
Meister Eckart in Haupts Zschr. XV, 419. 

glückselig j adj., hat sich bis jetzt zuerst gefunden bei Ernst von 
Kirchberg 719, 29: der markgreve Albrecht, der was geheusin ursus, daz 
ist in dütschin bere genant, gelückselig was her bekant. 

gnädigen, swv., lässt sich auch aus dem 12. und 14. Jahrhundert 
nachweisen; es steht in den Windberger Interlinearversionen der Psal- 
men 24, 14: herro, gnädiges du (propitiaberis) — vnrdis du gnädich — 
sunte mtner] S. 346: gnädigter, propitiatus; Bruder Hansens Mar. 1736: 
itzUch hielt siin reten stiip, Untz got si h hat genedicht. 



40 FEDOU BECH 

gnätze, gnetz = Schorf, Hautausschlag, am frilhesten bis jetzt nach- 
weisbar in der Zusammensetzung gnaizougey vgl. Hennebergisches Ur- 
kundenbuch ed. Schöppach I, no. 54 (S. 37): Bertoldus gnazdge (a. 1296). 

gnisten, knistern, swv., ,,Funken sprühen und so rauschen^; vgl. 
Virginal ed. Zupitza 108, 2 : er kam genistert als ein kidy der vert durch 
wilde vluote; femer gnitzem bei Eberhard Zersne in der Minne Regel 
4614: sper unde schildir brächen^ daz ez gnyttzirt obirlüL 

grachel, f., „die lange spröde Ahrenspitze^ oder „Spreu", scheint^ 
wenn man nicht eine Zusammenziehung aus gran (vergl. Schröer Vocab. 
no. 167) und achel (ahd. ahir^ ahil) annehmen darf, ursprünglich = ge- 
raehdy aus rechen = zusammenscharren, harken abgeleitet Dagegen 
halte ich die Stelle in Herborts Troj. 6926 (tV ietweder uf den andern 
stach, Daz sie vielen uf daz grach) ftlr verdächtig; grach in der Be- 
deutung von „Ahrenfeld" ist nicht nachzuweisen. In Gotefrid Hagens 
Reimchronik 2842 heißt es: der greve sprach vp gerach ind zomlichen 
m ane saich; ähnlich könnte es bei Herbort 1. 1. gelautet haben: daz 
sie vielen uf gerach; die Form gerech ist freilich sonst bei letzterem die 
übliche; doch cfr. Vilmars Idiot 311. 

graduieren f swv., tritt uns bis jetzt zuerst entgegen bei Niclas 
von Wyle Translat 353, 16: die gelerten und graduwierten mag man 
ziechen nach dem und sy sint weltlich oder gaistlich. 

grän, m. = „2y Karat bei Goldgewicht", nach den Mainzer Münz- 
Urkunden schon ftlr das 14. Jahrhundert nachzuweisen, vergl. Würdt- 
wein Diplom. Magunt II, 184, 2: cb eine rechliche marg goldes odir 
Silbers die vermuntzet wird an zweyn green oder da by gebriche an dem 
geioichte (a. 1354); dasselbe S. 193, 9; und S. 215, Z. 2 von unten 
ebenso: an czwen grenen (a. 1382); und 227, 31: ab eyn marg goldes — 
— an zweyn oder dryen green oder da by grebreche (a. 1388); 235, 3: 

ein idiche gemischte gewogen margk sal holden XI loid und II gren 

konigsilbers und dar under nit, ane geverde, und die andern funff loid 
mynner II grein sollen mit kopper zügesatzt werden (a. 1398). In dem 
Bischofs- und Dienstmannenrecht zu Basel von Wackemagel §• 8, 10 
steht daftlr gersten chom\ vgl. die Anm. zu dieser Stelle. 

gravieren, swv., bereits bei Ernst von Kirchberg 730, 46: dn alUr- 
hande capittel recht künde her in (^ eum) wol gravieren siecht. 

greten, swv., „in weiten Schritten aus einander spreizen^, zuerst 
bei Joh. Rothe in den in dieser Zeitschr. VI, 275 vermerkten Stellen; 
vergl. auch vergreten bei Ebemand 340 (ähnlich 338 zergen) und Bech- 
Steins Anmerkung dazu; außerdem in des Teufels Netz 7669: als tuot 
graten hnffartj die an den herren ist ain boesi ort und Schmeller-From- 
mann I, 1015 s. v. gi'oten. 



SPENDEN ZUR ALTERS BESTIMMUNO NEUHOCHD. WORTFORMEN. 41 

groU^ m,, finde ich am frühesten in den von Pfeiffer mitgetheilten 
Sprüchen deutscher Mystiker, in dieser Zeit«chr. III, 231': hap keine 
mgentschaft noch haz noch grollen gegen dlme ebenmenschen (14. Jahrh.); 
vgl. füidergrullen bei Pfeiffer zum Jeroschin 280. 

grofimUthig, adj.^ in den Predigten und Sprüchen deutscher My- 
stiker ed. Pfeiffer (in Haupts Ztschr. VIII) 257 : ir sile was gt'^zmüetig; 
bei Muscatblut 8, 285: der zeente ist grdzmütich, 

gültig, adj.y ist als simplex anzutreffen schon bei Zeibig, Urkunden- 
buch von Klostemeuburg no. 211 (a. 1324): si wurden zu rät, daz sie 
die ainen (batstuhen) ßider liezen gen, s6 vmrd deu ander dester guldiger; 
in den Weist IV, 623; Z. 7 von unten: bit guldigeme kom der plüger 
sai dienen (15. Jahrb.); Weist 11, 84: die beddeguldien lade (a. 1339). 

gurt, m.; kömmt alleinstehend vor bereits bei Nicol. von Jeroschin 
12973: wen er si ot gevazzit vor zunicke hatte in den gurt (: durt ^ 
dort) ; in der Kronika van Sassen ed. Scheller 228, 4 : des ward fil 
manges rosses gorde (: worde) an dat hdgeste gespannen. 

gürtein, swv., erscheint schon im Anfange des 15. Jahrh. in der 
niederdeut. Form gordeln, ghordeln = accingere, in den vier Büchern 
der Könige ed. Merzdorf S. 3 und 196. 

hcUße, f., dabei war zu verweisen auch auf das althochdeutsche 
Wort der halßandd bei Qraff IV, 8D1 := medium, dimidium und Gramm. 
11^ 253; noch in den Trierer Interlinearpsalmen aus dem 12. Jahrh. 
101, 25: in demo halfnote dage = in dimidio dierum; ja als femininum 
noch in den Stadtrechten von Arnstadt aus dem 16. Jahrhundert, vgl. 
Kechtsdenkmale von Michelsen I, S. 62, 1 : u)ein der in der halfftnoihen 
dieses flürs erwachsen wehre, 

halle j f., als „offener Bau mit einem bloß auf Säulen oder Pfosten 
ruhenden Dache, von Säulen getragener Vorbau^, ist auch durch Bei- 
spiele aus dem 13. und 14. Jahrhundert zu belegen: Urkundenb. von 
Quedlinburg no. 54 (a. 1281): stationes que hallen vulgariter nuncu- 
pantur; no. 77 (a. 1310) duas domunctUas, que casCj sed vulgariter hallen 
seu luden nominanty/r; cfr. Lacomblet Urkundenb. II, 220; Purgoldts 
Rechtsb. VIII, 35: darumb sint for den kirchen dye halle ^ X, 54: der 
sali vor dy thore treten ader under dy halle, dorumh seyn dy hallen vor 
dy kyrchen gemacht; und in diesem Sinne ein hallhaus, da alle kauff- 
leuth under feil sollen haben in den Weisthümern U, 152. 

händler, m., bis jetzt am irühesten in den WeistL I, 344 (a. 1397): 
Henni Hendler, Hanman Hendler. 

handwerksmann, m., in Job. Rothes Rittersp. 3422: ein andir hant- 
u)ergis man und im Mitteid. Schachbuch 236, 18: ein hantwerkis man; 



42 FEDOR BECH 

hafäwerkman aus dem 14. JahrL bei Lexer Handw. I, and in den 
Chroniken der deutschen Städte IV, 145, 16 n. 26 (a. 1368). 

Jiarmonie, f., vgl. von armonie die Beispiele aus dem 14« Jahrh. 
bei Lexer Handw. I, 95. 

harschen^ swy., tritt am frühesten in der Form horsten auf bei 
Kicolaus y. Basel 210, Z. 8 von unten: ich nam daz herin hemmede 
und det es über den verwundeten Itchamen, das es in den wunden ge- 
horsten soUe; 251, Z. 3 von unten: und dunhet mich, das sü reihte hie 
inne gerätent verharsten] Closener 98, 10: doz höht lag vor den porten 
und darunter verharstet, 

HdrZy m., „das nördlichste Waldgebirge Deutschlands'', ist in 
dieser dem alten hart entsprechenden Form nicht erst neuhochdeutsch 
vorhanden, sondern schon im Mittelalter vorkommend, z. B. in den 
Urkunden des Stiftes Walkenried I, no. 176 (a. 1231): cum foresto 
quod Harz didtur und S. 386, no. 13: de silva quae generaliter Hartz 
vocatur; Urkundenbuch von Göttingen I, no. 140 (ed. Schmidt): von 
deme Hartze biz obir de Wesere (a. 1336) ; Magdeburger Schöppenchron. 
96, 18: in dem holte, dat heit de hörst = in silva quae didtur Harz 
beim Annal. Saxo ; vergl. die Form haruc bei Schmeller-Fromman s. v. 
forst'^ — die harczherren erwähnt im Hennebergischen Urkundenb. I, 
S. 99, 2 (a. 1324). 

haschen, swv., muß ftir das 14. Jahrh. schon vorausgesetzt werden 
nach erhaschen, welches sich in folgenden Stellen findet: Koeditz von 

Salfeld 86, 29: der erhaschete di düpinne; Alte Statuten der Stadt 

zu ClMigen in den Rechtsdenkmälem von Michelsen I, 195: begriffen 
donne dye richtere daz swert bar erhascht in der hont (Anfang des 15. 
Jahrb.); Eberhard Zersne in der Minne Regel V. 1741: mit arbet unde 
Jromikejfd SaÜü dich da nach stellen , Daz sy erhasche froyden deyd; 
Altdeutsche Schauspiele ed. Mone 103, 39 : wol uff min rittere und myn 
man, erhaschet dy wäfen und tut sye an! (a. 1391). 

hauen; das neuhochd. Präteritum hieb (aus hiu, hiew entstanden) 
ist nicht erst im 15. Jahrh. aufgekommen, sondern schon weit älter; 
vergL er hieb im Passionale K. 156, 60; er verhieb 267,39; 467,96; 
Mb im Nie. von Jeroschin 22933; gehtb 22427; hib (: Hb) in einem 
mitteld. Gedichte des 14. Jahrhunderts bei Pfeiffer in der Einleitung 
zur Deutschordenschronik des Nie. von Jeroschin S. XXVI; vergL Jwb 
und heb in der Minne Regel 4208 und 4234. 

hausier, m., bis jetzt am frühesten im Urkundenbuche von Ams- 
bürg no. 1095: Contze Hone und Zule Husder, scheffene zu Langisdorf 
<a. 1390). 



SPENDEN ZÜB ALTERSBESTIMMUNG NEÜHOCHD. WORTFORMEN. 43 

heheTf m.^ findet sich schon vor Stieler (S. 805) in Purgoldts 
Rechtsb. I; 22: die zwine, der touffer und der heher (= der daz kint 
hebü), eint zw$ne geistiiche vetir; in einer Beilage hinter Joh. Posilge ed. 
Voigt und Schubert (aus dem 16. Jahrh.) S. 401; Z. 9 und 15: des 
öbels heber und Stifter. 

heger, m,, ist fiir das 14. Jahrh. schon belegt durch Beispiele bei 
Haltaus Qloss. 777. 

Heldin, f.; tritt zuerst auf im Passional K. 648, 42: cfö ri quam 
Petrd heneben in eime guten sinne, si wcls ein groz heldinnej dd sprach er 
u. B« w.; femer noch bei Joh. Marienwerder im Leben der H. Doro- 
thea B. I; Cap. 15: welche eyne heldyne sy was ober eren Ucknam , 

mag eyn mensche [vomemen ; tieldinne aber im Pass. K. 622, 39 scheint 
auf falscher Lesart zu beruhen. 

herlitze, f., ist schon in alter Zeit yorhanden, wie die Erwähnung 
in den Weissenauer Qlossen (Ende des 10. Jahrhunderts) in den Altd. 
Blättern n, 211 zeigt: camus, harlezboum; das Wort steht auch in den 
Leipziger Glossen (aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts) im An- 
zeiger von Mono IV; S. 94: aptus harlzboum; es wird ohnehin dasselbe 
sein was arlizboum oder erlizboumy unter dem auch comus verstanden 
wurde, vergl. Qraff III, 118. Daß Spätere die Wörter arlitzber und ar- 
lizboum bald als Crataegus, bald als sorbus fassen, spricht durchaus nicht 
gegen die Identität von arliz und harliz, 

himteuj m.; findet sich auch bei Ernst von Kirchberg 724, 44: si 
gäbin da ses maz von kerne , und a^hte maz von havergelde, daz maz in 
dUtsehem ich hy melde, hemete ist daz maz genant; und in einer hallischen 
Urkunde vom J. 1272 bei Dreyhaupt, Beschr. des Saalkr. I, 815: sex 
mensuras tritici et totidem ordei, que heymetzen HaUenses vuigariter ap- 
peUantur. In Zeitzer Urkunden des 15. bis 16. Jahrh. lautet das Wort 
heimbzen, heimzen, heymitzen, heynitzen, hennitzen'j jetzt hört man^ aber 
selten, noch hinzvnofi. 

hohle, als femin., ahd. hoU, erscheint md. im 14. Jahrh. als Berg- 
mannsausdruck = ^halbrund ausgehauener Baum, Trog von einem 
gewissen Maße^ (vergl. Frisch I, 462* und Adelung), in den Alten Ge- 
setzen von Nordhausen, N. Mitth. Uly 4, 64: item wer da kalk bomet 
am Konsteyne, dt sal ixlichs jär io von der rdsen geben eyne holen kalk\ 
in den späteren Statuten aus dem 15. — 16. Jahrh. nach dem Sonder- 
abdruck S. 65: man sal euch dy kalgk hole püssen (außerhalb) der stat 
nicht vorlyen; aber auch in dem von Haupt herausgegebenen Stück aus 
Enenkel, Zeitschr. V, 290, 808: ich hän üz einer hole gesehen valken 
vUegen und 812: i2z der hole her, wenn hier nicht die Form hole auf 
Bechnung des Schreibers zu setzen ist. 



^ FEDOR BECH 



iU8a, hussa f Interjection, wol dasselbe, was schon das mitteld. 
liossd ^®5 Konrad Stolle Chron. 114*^: hossä hossä daz larU ist den 

J3o««er-^' vergl. auch das Zeitwort hossen bei Lexer Handw. I, 1345. 

iC'^ihrunst, f., am frtlhesten bis jetzt bei Oswald von Wolkenstein 
105, 4-^ 2: die weishait gots, vemuß und kunsty OotRcher rät, gots sterk, 
inhruri'^ß Gotliche vorcht, gotltche kunsty Grotltch lieb guot nie kande. 

incorporieren, swv., schon im 14. Jahrhundert, vergl. die Gottes- 
freunde von C. Schmidt S. 37: er incorporierte die sancte Kattennen 
capeUe *Vi unserre frouwen munster; bei Dreyhaupt, Beschreibung des 
Saalkr. II, 877: dy kirehe zv Amendorf j dy hvr vormals was yn gecar- 
pariert u/nd gehörte zu Bodewelle yn (a. 1394). 

indigy m.y lautet am Ende des Mittelalters endit, vergl. Lexer 
Handwört. s. v. 

infehif swv., bereits im Passional EL 580; 75: der bischof, der 
sch&ne man. Den er geinfelt körnen sach. 

insgemein, adv., vergl. Joh. Marienwerder, Leben der H. Dorothea 
II, 31 : einem menschin mögen nicht in daz gemeine uf eine zcU sine ougin 
brechin kegin allen dingen (noch vor 1417); dazu in die gematne im J. 
Titurel 5233, 1. 

inskünftige, adv., vgl. Pass. K. 437, 56 : sin edel müt hiez in nicht 
gutes ifdegen und in daz kumftige hegen, 

instanz, f., erscheint bereits in der Glosse zum Weichbildrecht 
od. Daniels und Gruben S. 191, 23: ir soüit merken, soüichir instancien 
hette er wol wäre. 

inwohnerinf f., am frühesten bis jetzt bei Meister Eckhart 414, 7: 
diu sele vergizzet aüer bilde unde formen unde wirt ein inwonerinne mit gote. 
calandj ro., öfter erwähnt in einem Gedichte des Pfaffen Kone- 
mann aus dem 13. Jahrb., theilweis herausgegeben von Schatz in dem 
Programme des Gymnasiums zu Halberstadt a. 1851 ; in dem Urkundenb. 
von Göttingen ed. G. Schmidt I, S. 88, 35 werden de kalandesherren 
von Gotingen (a. 1325) und in dem Urkundenbuche von Mtthlhausen ed. 
Herquet die kcdendesbrüder und ere metekcdendesbrüder (a. 1343) genannt. 
karawane, f., dasselbe Wort, welches schon in dem Ordensbuche 
der Brüder vom Deutschen Hause vorkömmt in der Form carvane, 
Bwm. (13. Jahrb.) = Elriegsbagage , schweres Gepäck und 2. der Ort 
und das Haus, wo solches aufbewahrt wird, nach Hennig im Glossar 
zu den Statuten des deutschen Ordens S. 252. Vergl. S. 64, cap. 19 
ed. Schönhuth : über daz sol er den earuanen von den pf erden unde mÜlen 
unde hamasehes etdieheme [der brüderej die vnder ime eint beveUn zu 
bekütmie i^izecliehe; S. 65^ oap. 21: daz er den earvanen (hü Hennig: 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEÜHOCHD. WORTFORMEN. 45 

den ccuruenen) unde die anderen dinc die zu deme ambete des marechalkea 
gehdrent hezzere unde vurdere; S. 66, cap. 22: müle unt pfert von deme 
carvane die mac er Wien: S. 70, cap. 36: der echiüknechte meister mac 
van deme carvane geben eime brüdere einen aatel] ferner Job. Marien- 
Werder^ Leben der H. Dor. lib. II, cap. 7: das ich küme mochte gien 
Ü8 der kirche in im /sc. der Carthüser by OdantzkJ karban in eyn ge- 
mach. Außerdem sind zu vergleicben über die danach benannten kar- 
wens-, kdrbis , karbs-herren, welche die Aufsicht über den karwan führten, 
sowie über die karbishöfe die Anm. zu Johannes Posilge ed. Voigt S. 182 
und Scriptores rer. Prussicarum m, 287. 

kamöffel, kamilffel, m., als Kartenspiel näher behandelt in einem 
Gedichte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts : ein süberlich höfflich spruch 
von dem spiel kamoffeUn, bei Fichard Frankf. Archiv III, 293 folg., 
wo die Spielkarte wiederholt das karnoffeUn genannt wird (im Reime 
auf vnn und Ari). 

karthäuser, m.; mit der heutigen Schreibung stimmen Stellen in 
dem Urkundenbuche von Freiburg ed. Schreiber I, S. 364: dem prior 
und den bruodem der karthüser und des karthüserordens (a. 1346) und 
die karüMser S. 372 (a. 1347), sonst die karitOser S. 367 u. 369 u. 
374; bei Jacob Tw. von Eönigsh. ed. Schilter S. 228: br&bst Felix der 
wart carthüseler. 

käsekorb, m.y gehörte schon dem 14. Jahrhundert an, wie aus dem 
Eisenachischen Rechtsbuche ed. Ortloff ze ersehen ist, HI, 4 (S. 703) : 
ein üxlich ding, dt dd geneilt sint und geuoet, dt enhdren doch zcum hüse 
nicht, als$ kesekurbe und kSsebret; Rechtsbuch nach Distinctionen II, 
1, 231: alie gehangen dele zcu Msen noch kisekorbe gehdm ouch nicht zu 
deme hüse. 

kauffahrt, f., aus welchem Worte kauffartei hervorgegangen, findet 
sich querst in dem Magdeburg-Qörlitzer Recht bei Gaupp, Das alte 
Magdeb. und Hallesche Recht S. 293: Ist daz ein man betevart oder 
hoyfvart varen toil büzen landes (a. 1304); ebenso im Sächsischen Weich- 
bildrecht ed. Daniels und Gruben 137,21. 

kauz, m., fbr das höhere Alter des Wortes spricht der Zuname 
Küz in dem ürkundenb. von Arnsburg no. 464 (a. 1316): Conradum 
dictum Kuiz und no. 540 (a. 1321): Conrado dicto Küze. 

keineswegs, adv., in einer Habsburgischen Urkunde vom Jahre 
1387 in den Beiträgen von Kurz und Weissenbach I, 148, Z. 11; Weist. 
V, 69, Z. 6; deheines weges in den genannten Beiträgen I, 141, Z. 6 
(a. 1364); Weist V, 85, Z. 12 (a. 1343); S. 87, §. 3; S. 88, Z. 6. 



46 FEDOR BECH 

kdlerei, f., schon in den Weisthümern IV, 196: uf der kdlerige 
fotuser (a. 1456); noch ftlter kelnerie im Hennebergischen Urkondenb. 
in, 57, 40: üz unsir kdnene (a. 1366) und in der Zeitschr. des Vereins 
ftlr thür. Gesch. IV, 317: das zcu Urkunde hohe ich der kebtereye eigil 
an disen brieff gehangen (a. 1395). 

kerbe, f., wird bereits erwähnt in einem hücJietm daz da rät gibei 
wider den brant der gebüwede (aus dem Ende des 14. Jahrhunderts), ab- 
gedruckt in Espes Bericht an die Mitglieder der deutschen GeseUschaft 
aus dem J. 1839, S. 9: se machen de vnderHen cssigele vnden an deme 
dache mit kerben, alsd das eich de czigeUj dy obene legin, gehalden mögen 
an den vndersten; S. 11: man mache de bcdken alle daß ei eyn wenigh 
langher eyn eynes halben ßiszes da man kerben yn mache umme und umme 
dar das gebüwede glich vnd veete uffe ste; vergl. Haupts Zeitschr. XVII, 
33, 707, wo vielleicht kerben statt kerbere zu lesen ist Im Mitteid. 
Schachbuche 213, 21 (a. 1355) findet sich daßir die Form karp, stm.; 
außerdem kerphe in einer Urkunde vom J. 1327 bei Schreiber, ür- 

kundenb. von Freiburg I, 277 : wir eüUen in irem wassere enhein 

kerpfen noch wuor machen; endlich Kerbholz kömmt bereits im 14. Jahr- 
hundert vor bei Lambert, Die Rathsgesetzgebung von Mühlhausen 
S. 53: win koufen in geselleschqft yff kerueholze zu trinkene. 

kleinmüthig, adj., ist mittelhochd. schon vorhanden, und zwar bei 
Konrad v. Megenberg 45, 2 : wer sein augöpfel her für pauzend hat mit 
der ganzen groezen der äugen, der ist klatnmiietig; in der Hohenfnrter 
Benedictinerregel 48, 17 (vergl. die Var.); im Buch der Beispiele 25, 1; 
24, 26; bei Niclas von Wyle Translat 243, 24: 247, 9. 

kleinschmied, m., zeigt sich bis jetzt am firühesten in einer Urkunde 
von 1215 bei Böhmer, Urkundenb. von Frankf. S. 23, Z. 6 von unten: 
Qmradus et Wähelmus confratres dicti Cleinesmide) in einer Jechaburger 
Urkunde vom J. 1395 bei Würdtwein Diplom. Magunt. I, 195: dry 
ackere kegen deme sükenbom by Frizen deinsmedes ackeren gelegen; im 
Anzeiger ftLr Kunde III, Jahrgang 1856, S. 274: hüfsmede, goltsmede, 
meßirsmede, kleynsmede, phansmede (düringisch aus dem 14. — 15. Jahrii). 
Bei den Brüdern vom deutschen Hause St. Marien gab es im 13. bis 
14. Jahrh. auch eine kleine smitte nach dem Ordensbuch ed. Schönhuth 
S. 64, 19 (= S. 176, 20 ed. Hennig): under deme marschalke sol euch 
sin daz satelhüs unde die deine smitte; S. 67, 26 (= S. 180, 28 ed. 
Hennig) : alsd mae auch der commendiir von deme satelhüse unde von der 
deinen smiden nemen swes er zu ime selben bedarf; S. 71^ 38 (= S. 187, 40 
ed. Hennig): der brüder van der deinen smitten sol den brüdem wider 
machen ir zoum oder stegereife oder sporne u. s. w. 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEUHOCHD. WORTFORMEl^. 4T 

kltngJdang, m., der Ansatz zu diesem Worte schon in eine» Ge- 
dichte des 14. Jahrhunderts, in y. d. Hagens GAbenteuem 11, 619^ 338: 
tüsent harpfen klingen klanc (: danc) waeren niht sd süeze (= Altd. Wälder 
n, 78, 244). 

klotz, m. und n.^ finde ich in der Bedeutung von Kugel, Geschütz- 
kugel, und zwar als Neutrum mit dem Pluralis klotzer, nameatlich 
bltklotzer, schon in einem Frankfurter Verzeichnisse aus dem Jahre 139t,. 
vergL Böhmer ürkundenb. von Frankfurt S. 766 u. 767 u. 768). wo e» 
wiederholt heißt /// bussen (Büchsen) , XXX kloczer, oder III tUsaen^ 
XXX blykloczer. 

knicken, sw., als Intransitivum schon in den Liedern Muskatblut9 
ed. Groote 75, 8: cristenglaub tmd daz reckt git hnycken uff der 9teäzen^ 

kotier, n., Pflugmesser, war schon vor dem 17. Jahrhundert in 
einigen Gegenden Deutschlands eingebürgert, vergl. Weist. 11^ 538*: äa» 
€iekte ey sol der achotiess mit einem kotier von einander hawen; 589: da» 
fumfft ey soU der gehöber hart sieden oder broden und uff die kMsaciweüe 
legen und mit einem kotier zerschlagen; 587: so weith, als er mä etnem^ 

kotier von dem schorrenstein von sich werffen kan] 597, Z. 6: man 

soü fiki* sein dhür an dem gadder ein heissen kolffier (?) leggem,. und so» 

weit damit geworffen kunJt werden , soU man dass gerichJt tU^lsn;^ 726c 

dat eckte ei sal si im up den durpeü leggen, dat suUen si mit dem kotier 
van ein andern houwen (a. 1413). 

köstlichkeit, f., bereits vor dem 15. Jahrh. im Earlmemet 386^ 3&: 
hi enldch neit, de ^ geseide de kostdicheit van dem gereide. 

kötze, f., „geflochtener Rückentragkorb'' schon in Job. Rothe» 
Chron. Cap. 437: so kaufte her einen esil unde vaste den hräm in zwü 
kotzen unde treib on von eime lande in das ander. 

kribbeln, swv.; erwähnenswerth ist hier noch Eberhard Zersne,. 
insofern er am frühesten die niederd. Form des Worte» aufweist,. 
y. 4193: her tzetterte myd den backen, Van rechten tzome wart her hieych,, 
Ez krebbelte ym in dem nacken. 

krüger, m., Bierwirth, als Zuname schon vor dem 15. Jahrh» im 
Hennebergischen Urkundenbuch I, 65, 32: bonum Alberti dicti Kribeger 
(a. 1316); in einer obersächsischen Urkunde bei Espe, Berieht vom 
J. 1845 an die Mitglieder der deutschen Gesellsch. S. 11: euch sulten 
al unse richtete und crügere, die in unsem lande gesezzem sint, swere» uff 
diesen brieff (a. 1358). 

kufer, m., bereits in dem alten Recht der Stadt Strasburg er- 
wähnt aus dem 13. Jahrh. bei Gaupp, Deutsche Stadtr. des Mittel- 
alters I, 59^: die küfere = qui fadunt v<isa vinaria und 77^: cuparii. 



48 FEDOR BECH 

die kuafere (Ilndschr. kmiftre)^ und 91: kueffer (a. 1263). Vergl. die 
Altd. Dichtungen von Meyer u. Mooyor 46, 140: sin sprach, gS eu dem 
hieffer, der leit dir ein reiß dar fymb, 

Icwpfpelei, f., dafür bei Hans Folz in Haupts Zeitschr. VIII, 640, 
109 kfipplerei. 

kftttel, im Plural hiffeln = Eingeweide, lässt sich mitteldeutsch 
schon aus dem Jahre 1308 nachweisen, und swar aus den Alten Oe- 
setsen von Nordhausen in Förstemanns N. Mitth. III, 2, 13 (61) : waz 
büze man vorfoerkit an dem vUische, dt vortoerken dt an den kotden, di 
kotelen seilen; femer von den kotelem ■= di kotein seilen IH, 3, 48 (19); 
aus dem 14. Jahrh.; — hitelhof im Urkundenbuch von Leipzig I, 38, 
DO. 62: vier steine unsleides, die man alle jär geben sal dem dosiere zem 
der Celle itz dem kuttelhove zeti Lipczig (a. 1362). 

laden^ m., mittelhochd. lade, im Sinne von Kaufladen schon im 
Sudtrecht von Meran (a. 1337) bei Haupt Zeitschr. VI, 420: üf dem 
laden verkaufen; 414: sme koufmanschaft veile haben hie vor üf ^mem 
laden; 416: daz brdt sol man after des niht verkauf en^ swaz des üt, esE 
habe der beche df der (? lies dem) loten oder inrehalben des laden; im 
Stadtbuch von Augsburg ed. Meyer S. 45: ez sol ouch kain rinisehühsiei 
we strtkxe mit tischen stän, wan an dem fntage; in smem hUse unde 4i 
sime laden nnde ze gesatzten kristensteten mag er alle tage stän (a. 1276); 
bei Konrad von Ammenhausen nach der Zofinger Hndschr. 168^: ihm 
stigleder — die henkt er {der sateler) veile ^z für sin gaden, Da er iwH 
tcürket an dem laden; — als Femininum steht es in dem Rechtabnel 
nach Distinctionen V, 9, 15 ed. Ortloff: von der cremer seüunge rede tcJ 
nicht fd, v^en sunderlich in dene steten, do sy von tot'Ueckor ttnde «m 
irsaczten rechte oren gemeinen gesiez haben durch eyne gassze, dd mlUm 
alle laden eyne kegn der andern sten; inicert vnde nszward an dem 

sal kegne lade stän; und in Weist. III, 779: man mach dem 

all die weck nemen uß der laden von dem gegadt die da bruchig 
(a. 1456). In der Bedeutung von Fensterladen steht es in dem 
buch nach Distinct. II, 1, 166: alle laden undefenster, ysem unde 
angehangen, gehören zcu deme hüse. Ob der Dativ Plur. leden in dn 

Clironiken der D. Städte II, 312, 5 (der gab teglich proi umd apm 

m den leden dem rolck hinauß^ von lade und nicht vielmehr Ton dm 
Ut = lit abzuleiten ist, scheint mir fraglich. Letzteres bezeichnete mA 
blolS den gelenkartig eingefügten Deckel an einem köpf (Becker» 
napf (Flore 1579, Schmeller U, 438. Schöpf, Tirol. Id. 389); W< 
I, 529 : drei weibecher, der sollen zwen Hede haben und der drii keim ii 
vergl. Stieler 1121 kannenliet, kruglieti an einer Truhe, Kelleim En 



SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEÜHOCHD. WORTFORMEN. 49 

889, 12: üf der trühen lit (: mit); an einem Rasten (Kiste, Lade), Sach- 
sensp. I, 24, 3: kosten mit upgehavenen leden (gewölbten Deckeln) und 
ebenso in den daraus abgeleiteten Rechtsbüchern; man nannte so auch 
Klappen, Läden, Ladentische , kleine Thttren, insofern dieselben in 
Angeln gehen, sich gliedartig bewegen, auf- und zugeklappt oder hinauf 
und heruntergelassen werden können. Ganz besonders heißen in niederd. 
und mittel d. Gegenden so die Tische, auf welchen Fleischer, Bäcker 
und andere, auch Höker ihre Waaren feil boten, insofern sie in Angeln 
giengen und von oben nach unten sich aufklappten, mochten sie nun 
am Hause in der Fenstergegend oder an der Krambude angebracht 
sein; vergl. Urkundenbuch von Frankf. ed. Böhmer S. 201: in trihu^ 
tuguriis aeu fenestris quae dicuntur lide (a. 1280) ; Urkundenbuch von 
Göttingen ed. G. Schmidt I, S. 285: we &k eyn led ghände hefi üt nneme 
hüs eder boden, dtir he veyle wäre uppe heft, schal gheven van deme lede 
6 Oott. d, to tinse; deyt he aver sin led td unde neheß dar neyne veyle 
wäre cett. (um 1375); Walch, Verm. Beiträge H, 103 (= Alte Geraische 
Statuten) : der fleischhaiier mag das finnig fleisch am Sonnabend wol feil 
haben, doch also, daß er solch f. fleisch vom auf die lith lege und ein 
weis tüch dar under; Zwickauer Kramerordnung vom Jahre 1348 (bei 
Espe, Bericht vom J. 1848) S. 31 : daz keiner der hy wassir unde weide 
suchet weder uf dem markte noch vor denbrüdem noch zu kirchen sten 
sol wen under den cremem, divnle ein cräm oder ein lyt irgent ledic ist'^ 
und ebenda: ouch ist recht, daz keine lyt mer sullen »in an den ecken 
wen ein, daz Hz dem seibin cräme get, der an der ecke lyt, daz sol an 
beiden orten sin der cremer; in einer Wittenberger Urk. vom J. 1356 
(bei Espe, Bericht von 1845) S. 9: ou^ih sal nymant gewant swden, er 
enhab eyn lit in deme koufhüse; ebenda, in einer Urk. von 1354, ist 
von einem lettins = liizins, Ladenzins die Rede; die Alten Gesetze 
von Nordhausen (Förstem. N. Mitth. IH, 2) 41, 221 : nichein unser borget 
eder borgerinne, dt da phMt heringe zu sellene^ sal nicheinen herinc vor- 
coufe an der strdze uf tische edir uf banke, wen uf sime eigenen Ute; 
Michelsen, ßechtsd. aus Thüringen, 4, 403 (aus dem Gerichtsbuche des 
Käthes zu Erfurt, a. 1482—92): nachdem die meistere des hantwerckes 
der kannengiesser dem selben Heinzen Beynhüsen syne lede zcügethän und 
auch ettliche kannen gephant hatten, sd sollen sie yne syne lede wider vff- 
ihün. Eine Thtir oder Klappe an Schweinkoben sowie an Ofen, selbst 
an Hosen heißt in Düringen und im sächsischen Osterlande heutiges 
Tages noch das led, das sauled, das üfenlM, das hüsenled. Außerdem 
ist hierher zu ziehen fensterlet bei Joh. Rothe Chronik Cap. 42: mit 
gülden thoren unde vensterleden (so auch Cod. Gothan.) sowie bodenled =3 

GEBMANIA. Neu« Reihe Vm. (XX. Jahrg.) V 



50 F. BECH, SPENDEN ZUR ALTERSBESTIMMUNG NEUHD. WORTFORMEN. 

hölzener, in ADgeln gehender Fensterladen an der Bodenluke bei Vil- 
mar Id. 240 und heimlet = Klappe am Visier des Helmes in den 
Scriptores rer. Pross. V, 329 (a. 1518). Ganz dieselbe Bedeutung hat 
endlich noch lit (Ited) in dem heutigen augenliedy welches mittelhochd. 
schon im Gebrauch war, vergl. ougelü bei Lexer Handw. H^ 186. Die 
alte Sprache unterschied sonst zwar zwischen hlü = operculum und 
Ut (Ud, lidh) = artus; es scheint aber schon früh eine Verwechselung 
oder Vermischung beider eingetreten zu sein. Im Neuhochd. ist die 
Bedeutung von lit oder let grade zu auf laden übergegangen. 

lader, m., bringt in der mitteld. Form ledere schon eine Willkür 
vom J. 1454 im Urkundenb. von Leipzig I, 248, Z. 4 : man aal kein 
eentener gut nicht abeladen, es sy eins burgirs addir eins gastes, efi ihüa 
denne dy gesvDomen led^-e, 

lagerbier, n., wird in einem Zeitzer Handelbuche aus der Zeit des 
Bischofs Dietrich schon erwähnt, fol. 119*: es sy eyn altherkomen vnd 
gewonheit, wer da prütoet in einer andern gassen adir vierteiU dan da er 
inne wont, der sali sine lagirbir adir bxr in keines andern mannes hufi 
nicht legen lassen an laub und wissen des rätts (a. 1469). 

ladstock, m., ist neuhochd. Benennung ftlr das frühere ladeUen, 
ladeysen, mehrmals aufgeführt in Böhmers Urkundenb. von Frankf. 
S. 766—767 (a. 1391); vergl. lad-tser bei Lexer Handw. I, 1812. 

lake, {., am frühesten in Mitteldeutschland bei Hermann von 
Bjbera (Eirchhoff, Weist, von Erfurt) 57, 41 : de piseibus gui iacent in 
der lake (a. 1332). 

längs, als Präposition mit dem Acc, finde ich schon in einer 
Kölner Urkunde aus dem J. 1340 bei Höfer, Auswahl 335, Z. 9: lantks 
dey gregt zu HenderhoUs Hovewart und Zeile 12: lancks dat bruch ende 
ttisehen der santstraesen ; femer in einem Weisthum von Deuz aus dem 
J. 1386 bei Grimm lU, 4, Z. 31: längs den stein und S. 5, Z. 3: längs 
dat BoechoÜz. 

lanktüirig, adj., habe ich in der Form lancwerig gefunden in den 
Anmerkungen von Schilter zu Jac. v. Eönigshofen S. 913: ir lanewerige 
grofimehüge kriege (15. Jahrh.) und in einem Pfortener Briefe vom J. 
1503 bei Schöttgen und Ereysig, Diplom. Nachlese U, 465: geczennke, 
darynne sie ettioann langwerig gestanden. 

larifari, leeres albernes Gerede, halte ich für eine Entlehnung 
aus dem Italienischen; vergl. Fichard, Frankf. Archiv HI, 204: Da 
sungen sie die messe terribilis La re fa re ut in excdsis Bisz an das 
graduale: Liebe swester habe dir das ssu dieszem male! 



NOLTE, EINE RELIQUIE VON HEINRICH AEGER AUS CALCAR. 51 

larvsy f.; erscheint Rchon in den Salfeldischen Statuten (14. Jahrh.) 
bei Waichy Beitr. I, 22 und 68 als Überschrift: toer in den larfen leuffet 

(vergl. Purgoldts Rechtsbach IX, 109: daz man in der kyrchen 

nicht mit larffen lawffe). 

lässig, adj., schon früh im Mitteid. vorhanden, wie man nun aue 
der Hohenfxirter Benedictinerregel ersieht, 48, 43: swer so versümieh 
ist und s& lazdc, daz er nit toil oder enmach nit trachte oder lese, 

läusekraut, n., findet sich zuerst bei Konrad von Megenberg 420, 16: 
Staphisagria haizt perchkicher, und haizent etleich läuskraut mit Urlaub. 

verlauibaren, swv., bei Daniels und Gruben in der Glosse zum 
Sachs. Weichbildrecht 422, 31 : w$re er aber ynlendisch gewest, und hette 
das nicht verlütbart yn jare und yn tage. 

laute, f., doch schon im Evangelium Nicodemi, bei Roth, Kl. Bei- 
träge IV, Heft 16—17 (a. 1865), S. 53, V. 69: paide zimbel unde irum- 
ben, eythara und ouch zitolen, psaüerium, welsche violen daz chobus (? lies 
chorus = soffpfxfe nach Diefenb. 153*") mit der lauten y paide tambüren 
und die pauken (? lies bauten, büten). 

lehne, f., die Bache, am fiilhesten wohl in der Zusammensetzung 
lyenenbusch im Urkundenb. von Arnsburg no. 811 (a. 1354); Vilmar 
Id. 242. 

liederlich, adj., tritt schon vor 1400 auf, im Reinfried V. 4917 
und 16381. 



EINE RELIQUIE VON HEINRICH AEGER AUS 

CALCAR. 



Der ehemalige Kölner Karthäuser Codex 3. 133 trägt in der 
Darmstädter Hofbibliothek die Nummer 819. Ich theile aus ihm nach- 
stehendes Stück mit, welches den Karthäuser Mönch Heinrich Aeger 
zum Verfasser hat, über den ich in der Wiener Ztschr. für die ge- 
sammte kathol. Theologie 1855 Bd. 7 Heft 2 S. 195 folg. ausführlich 
gehandelt habe. 

fol. 139 vers. Wan die sele bloesz ist und ledig aller dinge, so 
wirket got alle werk in ir. Die sele sal also bloez und ledig sin aller 
dinge und also in got vereyniget sin, daz sie sal duncken, daz nit en sy 
dan eyn got, und daz er nye me geschuffe dan sye alleyn. Alsus sal die 
sele al ir kreffte samen in iren frihen willen^ daz si ongehindert blibe von 



52 NOLTE, EINE RELIQUIE VON HEINRICH AEGCR AUS CALCAR. 

ir selber und allen dingen. Quanto magis te nndaveris a fantasmatibua et 
per bonam volnntatem in intellectu deo nnitus fneris, tanto magis ad sta- 
tum innocentiae appropinquas. Quo quid melius^ quid felicius, quid iocun- 
dius? Divide inter animam et camem. Cogita animam iam esse in eter- 
nitate et hoc quod neseit nee intelb'gere potest, hoc patitur. Qui michi 
ministrat, me sequatur et ubi sum ego, illic et minister mens erit. 

Ee en geruet die siele nimmer e si gefuret werde ober ir krefite und 
mogenheit in den Ursprung und daz stiUe gotlicher naturen. Aldo*) vin- 
det sie vol genugede und ewige selikeit Und je lediger usganck, je fii- 
her ufganck und naher inganck in die dieffe abgrunde der wysloser got- 
heity in die sie versinket und vereinit wirt^ daz sie nit anders mach wullen 
wan daz got wil. Secundum Bemardum isto modo homo deifit hoc ex 
gratia, quod deus est ex natura. Waz ist daz daz dem hoesten unge- 
schaffenen geist allerbeist smacket under allen dingen? Daz ein ist an- 
ders nit dan minen willen genück syn in allen dingen. Ja wistehe(?) ich daz 
myn lob und wille gelege an neszeln und anderin unkr&t uszbrechen, daz 
were ymme daz begerlichste zu volbrengen. Dar (fol. 140) umb so halt 
dich ledigclich und lals mich mit dir wirken, so wie ich wil is si susz ader 
sär, wan ich bin die ewige wysheit, ich weis allein was dyn bestez ist. We- 
res du din selbes also ledig als du des obersten engeis bist, der oberste 
engel und alles daz got galeisten mach, ja auch got selber were als gar 
din dyn eigen als du dyn selbis eigen bist etc. Videtur mihi quod ista 
ledikeit tantum sit in isto silentio. Diewil daz die sele it merket, so en 
ist si nit in der stiller heimelichkeit godis. De armen des geistes die gent 
uszer in selber und uszer allen creaturen. Si en sint nit, sie en hant nit, 
si en wirkent nit etc. Und diese armen, die en sint nit, wan daz sie sint, 
daz sint sie von genaden got mit gode und des selben en wissen sie nit. 
Wan die siele komet an diese edelkeit daz sie alsus an nicht hanget, so 
en vindet sie kein scholt an ire, daz komet von der friheit, da sie 
dan in swebet, wan sie eyn mit gode ist So sie danne zo dem lichame 
komet und ir selbes nit lebit, so vindet si aber scholt als e. So wirt 
si gebunden und get weder in sich selber und gebrüchet des, daz sie 
dort befonden hat, so erhebet aber sie sich über sich selber und komet 
hin ubir dae sie ym swang und alle yre genugde inne haben mag. 

Der Copist ftlgt bei: Hucusque in libello domus argentine. 

DARMSTADT. NOLTE. 



*) So cod. a Ober o. 



KARL V. AMIRA, ZUR SALFRÄMKISCHEN EIDESHILFE. 53 



ZUR SALFRÄNKISCHEN EIDESHILFR 



Die OrdnuDg innerhalb der nach salfränkischera Recht zur Eidea- 
hilfe antretenden Magschaft habe ich in meiner Schrift über die ^Er- 
benfolge und Verwandtschaftsgliederung nach den altniederdeutschen 
Rechten" p. 29 folg. nur flüchtig berührt, da über das fragliche Rechts- 
verhältniss Quellenzeugnisse aus der Zeit vor dem 9. Jahrh. mir nicht 
zur Verftlgung standen, die späteren aber dem Plane meiner Arbeit 
gemäß zum eigentlichen Beweise nicht verwendet werden sollten. Nur 
der 2. Peyron'schen Extravagante wurde gedacht als der einzigen 
hier einschlagenden Nachricht, die uns die salft'änkischcn Legalquellen 
an die Hand geben. Bekanntlich sind es aber noch drei Formulare 
aus karlingischen Formelbüchem, die sich näher darüber auslassen, 
welche Blutsfreunde dem Hauptschwörer beim Eide zu helfen haben. 
Die Formeln beziehen sich insgesammt wie die 2. Extravagante auf 
den Eid im Freiheitsprocess. Die uns hier vor allem interessierenden 
Worte sind: 

Form. Lindenbr. n. 169 (Rozifere n. 483): Sed ipsi scabini ...ei 
[dem Beklagten] visi sunt judicasse ut supra noctes quadraginta cum 
duodecim Francis, sex de parte paiema, et sex de matema in ecclesia 
illa jurare debuisset, quod de parte paterna aut de matema secundum 
legem Salicam ingenuus esse videretur. 

Form. Marc. App. n. 2 (Rozi&ren. 479): . • . taliter fuit judicatum, 
ut hac causa ajmd praximiores parentes suos octo de parte genitore suo 
et octo de parte genitricas suae, si praemortui non sunt, apud dtiodeclm 
francos tales, qualem se esse dixit ... in quadraginta noctes in proximo 
mallo . • . hoc debeat conjurare. 

Form. App. App. n. 5 (Roziire n. 480). Sic ab ipsis personis 
taliter ei fuit judicatum, ut apud duodecim homines parentes suos octo 
de paJbre et quaJtuor de matre, si praemortui non sunt, et si praemortui 
sunt, apud duodecim homines bene Francos Salicos in ipso mallo . . . hoc 
conjurare debeat, quod avus suus ille quondam nee genitor suus ille 
quondam coloni Sancti illius . . . nunquam fuissent. 

Die Formeln stimmen hinsichtlich der geforderten Eideshilfe 
weder mit der 2. Peyron'schen Extravagante, noch unter sich völlig 
überein. Von der Extravagante weichen sie sämmtlich schon dadurch 
ab, daß sie nicht einen selbzwölft, sondern einen selbdreizehnt zu 



54 KARL V. AMIRA 

schwörenden Eid verlangen. Allerdings ist der mit 12 Helfern zu er- 
bringende Eid der dritten Peyron'schen Extravagante bekannt: . . .„prae- 
beat ipse . . . duodecim sacramentales et ipse sit tertiusdeeimoi»^. Doch 
gilt dieß nicht flir den Freiheitsbeweis, sondern ftlr den Beweis der 
Echtheit von Urkunden. Vielleicht ist auch schon in der lex Salica 
ein selbdreizehnt geschworener Eid gemeint, wenn im tit LVIII ge- 
sagt wird: ^XII juratores donare debet*'; und in tit. LX des He- 
rold'schen Textes: „cum XII juratoribus se exinde educat.^ Indeß Cap. 
Sal. II c. 4 (ed. Boretius) schreibt zum Beweise im Proceß ^de dote 
et de res in hoste praedata et de homine qui in senritio revocatur^ 
einen Eid vor, den nicht, wie Waitz (d. a. Recht der saL Franken 
p. 172) meint, 12 Eidhelfer neben dem Hauptschwörer, sondern den 
im Oanzen 12 Männer schwören („In quantas causas thalaptas de- 
beant jurare^, wozu Cod. 3: „In quantas causas talentas [L talaptas] 
juratores sunt XII^). In der lex Ribuaria ist der Zwölfereid ein selb- 
awölft geschworener (vgl. L. Rib. VI, VII, IX, X, 1, XHI, XIV, 2, 
LVn, 5, LXVII, 5 mit LXVI, 1), während der Sechsteid ein selbsiebent 
geschworener ist (LXVI, 1). In der lex Chamavorum ist der Behaltungs- 
eid im Freiheitsproceß selbdreizehnt, der promissorische Eid bei der 
Freilassung selbzwölft geschworen (a. a. O. c X u. XI). So ist auch 
filr salfränkischen Rechtsbrauch des 6. Jahrh. der Zwölfereid gerade 
im Freiheitsbeweis als ein selbdreizehnt zu schwörender beglaubigt 
(Form. Andeg. n. 10 bei Roziire n. 482). Vgl. femer ftlr den Unschulds- 
eid Gregor. Turon. bist eccl. VCU, 40 und Form. Sirm. n. 30, wonach 
der Unschuldseid im Proceß wegen Todschlags „manu sua tertiadecima'^ 
und verdreifacht „mann sua trigesima septima^, also doch als Zwölfer- 
eid geschworen wird (ebenso der Eid im Freiheitsproceß, Rozi^ 
n. 481). Es ergibt sich, daß der Begriff des Zwölfereides schon im 
6. Jahrh. ins Schwanken gerathen war. Die Einen verstanden ihn als 
einen mit 12 Helfern, die Andern als einen selbzwölft geschworenen Eid. 
Uneinigkeit unter unsem Quellen besteht femer hinsichtlich der 
erforderlichen Art der Verwandtschaft zwischen Hauptschwörer und 
Eideshelfem. Die letzteren treten nach der zweiten Extravagante in 
zwei Gruppen, Vater- und Mutterseite, aus einander. 4 Vater- und 7 
Muttermagen sollen schwören^ falls den vftterlichen Vorfahren des Haupt- 
schwörers, 4 Mutter- und 7 Vatermagen, falls den mütterlichen Vor- 
fahren die Freiheit abgestritten werden will. Denn das Princip ist: „ex 
qua parte mundior est, ex ipsa parte plus dabit testes.^ Weiterhin gilt 
nach der Extravagante der Grundsatz, daß auf jeder Verwandtschafts- 
seite stets die nächsten Blutsfireunde („qui proximiores sunt*') als 



ZUR SALFKÄNKISCHEN EIDESHILFE. 55 

Eidhelfer aufzutreten haben. Und es ist sogar ein Incidentverfahren vor- 
gesehen, über die Frage^ ob die vorgeführten Eidhelfer auch wirklich 
die nächsten Magen des Hauptschwörers seien, — ein Incidentver- 
fahren, welches möglicher Weise zu Zeugenbeweis und Zweikampf 
führen kann. Im Gegensatze zur Extravagante verlangt die Linden- 
brog'sche Formel schlechthin den Schwur von 6 Vater- und 6 Mutter- 
magen , gleichviel für welche Seite der Verwandtschaft der Eüäger Un- 
freiheit behauptet hatte („ . . . advocatus . . . illum interpellabat, dum diceret 
eo, quod de capite suo legibus esset servus . . • quod genitor suus vel ge- 
nitrix sua aut avus suus aut avia sua [servitium] fecerunt. Sed ipse 
vir . . . hanc causam in omnibus denegabat, quod . . . secundum legem 
nullum servitium agere deberet eo, quod de parte patema aut de ma- 
tema secundum legem ingenuus esse videretur^). Andererseits gedenkt 
das Beweisurtheil nicht des Erfordernisses, daß der Schwur von den 
nächsten Vater- und Muttermagen zu leisten sei. Von den beiden 
Formeln im App. Marc, wahrt n. 2 zwar den letztgedachten Grund- 
satz der Extravagante. Hingegen ist, wie dieß schon H. Siegel (Gesch. 
des deut. Gerichtsverf. I p. 186) hervorgehoben hat, die Kegel „ex qua 
parte^ etc. sowohl in n. 2 wie in n. 5 aufgegeben, nur in anderer Weise 
wie in der Lindenbrog'schen Formel. Nach n. 2 nämlich hat der Kläger 
behauptet, „quod genitor suus nomine illo colonus Sancti illius . . . 
fuisset^, nach n. 5 „quod avu8 suus . . . vel genitor suus coloni Saneti 
iliius . . . fuissent^. Obwohl hiemach als Eiaggrund nur Unfreiheit der 
väterlidien Vorfahren ang^eben ist, schwören doch beide Male 8 
Vater- und 4 Muttermagen. Endlich trennen sich die beiden Formeln, 
— was gleichfalls von Siegel betont ist, — auch dadurch von der 
Extravagante, daß sie den freundlosen Beweisftihrer nicht sachfkllig 
werden, sondern noch einen mit 12 Salfranken zu schwörenden Eid 
erbringen lassen. 

Hinsichtlich des geschichtlichen Verhältnisses dieser Widersprüche 
dürfte Folgendes in Betracht kommen. Die verwandtschaftliche Eides- 
faiife beruhte auf dem Gedanken, daß unter allen unbescholtenen 
Rechtsgeuossen der Verwandte am besten im Stande sei, sich über 
die Eidesreinheit seines Verwandten eine Überzeugung zu bilden (vgl. 
K. Maurer in der Münchener krit Überschau V, 1857 p. 206 — 213 und 
R. Sohm, Alt&änk. Reichs- und Gerichtsverfassg. p. 582). Andererseits 
konnten, wenn man dieser Rücksicht folgend, sämmdiche Eidhelfer 
dw nächsten Verwandtschaft des Hauptschwörers entnahm, doch Fälle 
eintreten, in denen bestimmte Verwandte eben so sehr am Beweis- 
diema wie am Beweisführer ein persönliches Interesse hatten, so daß 



56 KARL V. AMIRA 

sich gegen ihre Verlä^sigkeit das Mißtrauen regen mußte. Ein solcher 
Fall war im Freiheitsproceß gegeben. Hier war von vorne herein zu 
erwarten, daß die meisten Eidhelfer auf derjenigen Verwandtschafts- 
seite sich würden auftreiben lassen, auf der die unfreien Vorfahren 
des Hauptschwörers gesucht wurden. Dem natürlichen Mißtrauen ge^en 
sie entsprang, wenn nicht ihr gänzlicher Ausschluß von der Eideshilfe, 
so doch ihre Zurücksetzung hinter die unangefochtene Yerwandtschafts- 
Seite, also der Grundsatz ^ex qua parte^ etc. In der Lindenbrog*schen 
Formel ist dieser Grundsatz verschwunden, in den beiden Formeln 
des App. Marc, in sein Gegentheil verkehrt, sofern nicht dort das 
Verhältniss der Vater- zur Mutterseite wie 2 : 1 als ein ftbr alle Fälle 
gemeinsam gilüges angenommen ist Femer: Mit ihrem absoluten Er- 
fordemiss der verwandtschaftlichen Eideshilfe sowie mit ihrem Er- 
fordemiss der Eideshilfe der nächsten Verwandten stimmt die Extra- 
vagante völlig zu lex Chamavorum X: „Si quis hominem ingenuum 
ad servitiuro requirit, cum duodecim hominibus de suis proximis pa- 
rentibus in sanctis juret et se ingenuum esse faciat aut in servüium 
cadat.^ Der Unterschied in der Zahl der Eidhelfer beweist, daß die 
salfränkische und die chamavisch-fränkische Quelle von einander un- 
abhängig sind. Um so nachdrucksamer fällt ihre sonstige Einstimmig- 
keit in's Gewicht. Es lässt sich hieraus der Schluß ziehen, daß sie die 
ursprünglichen Regeln über altfränkischen Freiheitsbeweis treuer be- 
wahren als die Formeln. Indem die Formeln nicht nur die altsalische 
Eidhelferzahl vermehrt, sondern auch das absolute Erfordemiss der 
Verwandtschaft in ein primäres verwandelt oder aber das absolute Er- 
fordemiss nächster Verwandtschaft aufgegeben zeigen, überliefern sie 
spätere und particulare Besonderheiten des salfränkischen Gerichtsge- 
brauches im Gegensatz zum alten Volksrecht Dieß Ergebniss ftigt sich 
bestens zu dem vorhin über die Regel „ex qua parte** Bemerkten. Wenn 
nun auch die ursprüngliche Gestalt des salfränkischen Freiheitsbeweises am 
wenigsten getrübt in der Extravagante vorliegt, so lässt sich doch kaum 
annehmen, daß die neu schaffende Rechtsübung durchweg willkürlichen 
oder gänzlich unjuristischen Gesichtspunkten gefolgt sei. Bereits wurde 
auf die Möglichkeit hingedeutet, es könne das Zahlenverhältniss zwi- 
schen Vater- und Mutterseite in App. Marc. n. 2 u. 5 als gemeingiltig 
fftr alle Arten der Klagbegründung aufgestellt sein. Das Zahlenver- 
hältniss 2 : 1 würde vorliegen, wie es auch im angelsächsischen Recht 
zwischen Speer- und Spindelhälfte bei Leistung der Werbürgschaft, 
Geben und Nehmen des Wergeides und Schwur des Unschuldseides 
durchgefilhrt ist (vgl. „meine Erbenfolge etc." p. 87, 96—98). Über- 



ZÜK 8ALFRÄNKISCHEN EIDESHILFE. f,7 

haupt widmet das altniederdeutsche Verwandtschaftsrecht und insbe- 
sondere die salfränkische Successionsordnung der Speerseite höhere 
Werthschätzung als der Spindelseite. Man wird zu der Ansicht geftlhrt, 
daß in einzelnen Gerichten unter dem vorwaltenden Einfluße der 
nationalen Verwandtschaftsstructur die eigenartigen Regeln des Frei- 
heitsbeweises allmälig in Vergessenheit gerathen seien. 

Daß die Blutsfreunde im Zusammenhang mit ihrem Recht zum 
Nehmen von Erbe und Wergeid und ihrer Pflicht zum Geben von Wergeid 
auch verbunden gewesen seien, einander zum Eide zu helfen, war bis 
auf H. Siegel gemeine Meinung gewesen. Siegel stellte a. a. O. p. 183 ff. 
eine Rechtspflicht der Magschaft zur Eideshilfe in Abrede. Hingegen 
haben sich v. Bethmann-Hollweg; Civilproc. IV 1868 p. 509 n. 51 und 
O. Gierke, deut. Genossenschaftsr. I, 1868, p. 16 n. 24 auf die Seite 
der früher gangbaren Lehre gestellt, der letztere, indem er die Eides- 
hilfe aus der gerichtlichen Schutzpflicht der Sippe folgerte, während 
der erstere sich auf lex Sal. tit. LX berief. Man wird aus einander 
halten müssen einmal die Frage: warum zieht das Beweisrecht in 
bestimmten Fällen die Magschaft zum Hilfseide bei? — sodann die 
Frage: verpflichtet das Verwandtschaftsrecht die einzelnen 
Mitglieder der Sippe in jenen gesetzlichen Fällen zur Eideshilfe? Daß 
die das Beweisrecht angehende Frage nicht mit Argumenten des Ver- 
wandtschaftsrechts, sondern nur mit processualischen Gründen zu lösen 
sei, scheint mir durch K. Maurer a. a. O. p. 206 — 213 zur Genüge 
dargethan. Doch ist bezüglich des salfränkischen Beweisrechtes hieran 
die Bemerkung zu knüpfen, daß es dem Anscheine nach nur in wenigen 
Fällen die Eidesreinheit durch den Beistand der Magschaft bedingt 
sein ließ. So war zum selbsiebent geschworenen Behaltungseide Theil- 
nahme der Blutsfreunde nicht erforderlich (Urk. a. 680 bei Br^quigny- 
Pardessus, diplomata n. 397) ; ebenso wenig zum selbviert geschworenen 
Läugnungseide; dieser wird mit Umsassen aus der Hundertschaft ge- 
schworen (Form. Andeg. n. 28 bei Rozifere n. 487 ^apud homines tan- 
tus vicinis circa manentis de ipsa condita mano suo quarta^) und so 
wohl auch der selbsiebent geschworene Läugnungseid (Rozifere n. 453). 
Zum selbdreizehnt zu schwörenden Entschuldigungseid wählt der Haupt- 
schwörer die Helfer aus (Gregor. Turon. bist eccl. VIII, 40: „electis 
duodecim viris, ut hoc scelus pejeraret"). Und daß die Eidhelfer in 
diesem Falle aus den Umsassen genommen wurden, ist aus Form. 
Andeg. n. 49 (Rozi^re n. 493) ersichtlich : „visum est ad ipsis personis 
decrevisse judicio . . . apud homines XII mano sua XHI. vicinus circa 
manentes sibi . . . hoc debeat conjurare". Wiederum Jzum Reinigungs- 



58 KARL V. AMIRA 

«ide werden nach Form. Sirmond. n. 30 §. 2 (Bozifere n. 491) 36 Helfer 
▼erlangt; die als „homines viaores et cognitores^ charakterisiert werden. 
Wie aus dem zuletzt angeftlhrten Belege erhellt, sah man in der sal- 
fränkischen Bechtsübung darauf, daß der Eidhelfer im Stande war, 
nicht nur über die Vertrauenswürdigkeit des Hanptschwörers, sondern 
auch über den Sachverhalt selbst sich eine Ansicht zu bilden. Es ließe 
sich dem gemäß wohl denken, daß verwandtschaftliche Eideshilfe über- 
haupt nur in solchen Fällen erforderlich war, in denen es sich um 
verwandtschaftliche Angelegenheiten handelte. — In Bezug auf die 
zweite Frage nimmt H. Siegel, wenn auch eine Verbindlichkeit zur 
Eideshilfe läugnend, doch eine pEidesgemeinschaft^ an im Sinne eines 
Rechtes der Blutsfreunde, sich mit dem Eide beizustehen. Nur dtlrfe 
man sich zum Beweise dieser in der Sippe begründeten Eidesgemein- 
schaft nicht auf das „juramento'' in C. Sal. tit LX berufen, gerade die 
Stelle also, die wiederum von Bethmann-Hollweg benützt worden ist, 
um die verwandtschaftliche Pflicht zur Eideshilfe darzuthun. Die Stelle 
verordnet in §. 1, wer sich aus der Sippe heben wolle („qui se de pa- 
rentilla tollere vult'^), habe sich zur Malstätte vor den Hundertschafts- 
vorsteher zu begeben und hier drei Erlenzweige über seinem Haupte 
zu brechen und nach den vier Windrichtungen zu werfen: „et ibi 
dicere debet, quod juramento et de hereditatem et totam rationem 
illorum se tollat^ Siegel erklärt ^'uramento^ als Instrumentalis. Gram- 
matisch, wegen des erst nachfolgenden et — et würde diese Erklärung 
freilich als die annehmbarste erscheinen. Und da überdieß unser tit. 
LX in den sog. leges Heinrici I^ c 88 §. 13 wiederkehrt, wobei von 
einem „foris jurare^ oder „abjurare^ der Sippe gebrochen wird, so 
ist Siegels Deutung nicht ohne quelleimiäßige Stütze. Der letztem 
Tragkraft schwindet, sobald sich uns der wahre Charakt^ der U. Heinr. 
enthüllt Besten Falls können diese nur eine Übung bezeugen, wie sie 
im 11. oder 12. Jahrh. in England bestand. Entweder im Einklänge 
mit einer solchen oder nach eigenem subjectiven Ermessen hat der 
Compilator des Bechtsbuches die wenigen Stellen umgearbeitet und 
umgedeutet, die er auA den Volksrechten der continentalen Stämme 
aufgenommen (s. „Erbenfolge etc.'' p. 99 folg.). Frühzeitig schon hat 
man das ^uramento^ in tit LX cit. von einer Eidesgemeinschaft und 
zwar gerade von der Eideshilfe verstanden. Dieß ergibt der hand- 
«chriftlicfae Befund unsers Titels in §. 2. Von einzelnen uns z. Z. nicht 
näher berührenden Varianten abgesehen, werden hier in den meisten 
Hss. die Consequenzen des Austrittes aus der Sippe in nachstehender 
Weise angegeben: 



ZUR SALFRÄNKI8CHEN EIDESHILFE. 59 

^Et ei poBtea aliquis de suis parentibus aat occidatur aut moria- 
tur, nulla ad eum nee hereditas nee compositio perteneat, sed 
hereditatem ipsius fiscus adqoirat.^ 

Der Parallelismus zu „quod juramento — se toUat^ in §. 1 ist 
bier nicht vollständig durchgeführt, um ihn herzustellen, schließt der 
Herold'sche Text, statt mit ,,sed — adquirat^, mit den Worten: 

,,8imili modo si ille moriatur, ad suos parentes non pertinet causa 
nee hereditas ejus, sed amodo cum XII juratainbtis se exinde edticaL^ 
d. h. ^in Gleichem sollen nach des Ausgeschiedenen Tod seine Bluts* 
freunde weder Wergeid noch £rbe anzusprechen haben, er aber soll 
sich von jetzt an mit 12 Eidhelfem reinigen^; d. h. doch wohl 
nicht mehr mit 12 der Magschailt entnommenen, sondern mit 12 Eid- 
helfem schlechthin. Wegen ^educere^ in dem angegebenen Sinne s. 
tit. LVT, 1: ^ut aut per ineo aut per compositione se aeducat*'; — 
Cap. Sal. V (ed. Boretius) c. 6: „in veritatem testimonia . . . unde se 
aeducat;^ — c. 7 ibid. „si ibi se non eduxerit . . . culpabilis judicetur". 
Man wird sich auch das Bedenken vorlegen müssen^ daß in den Worten 
unsers tit. LX §. 1 von einem eidlichen Austritte aus der Sippe eigent- 
lich nichts zu finden ist Es ist vorgeschrieben, nicht daß der Aus- 
tretende einen Eid zu leisten, sondern nur daß er von einem Eide zu 
reden habe. Brechen und Werfen der Zweige gehört natürlich nicht 
zum Eide; es versinnbildlicht, daß der aus der Sippe Scheidende seines 
Stammbaumes Aste Air sich als gebrochen und abgefallen betrachten 
will. Erkenne ich dem Gesagten zufolge in ^uramentum^ gegen Siegel 
eine Eidesgemeinschafb der Blutsfreunde, so kann ich doch Bethmann- 
Hollweg imd Gierke nicht beitreten, wenn sie aus ihr eine Pflicht zur 
Eideshilfe im Rechtssinne entspringen lassen. Siegel hat bereits hervor- 
gehoben, daß salisches Recht keinen processualen Zwang, kein „man- 
nire'^ des Hauptschwörers gegen seine Anverwandten zur Erlangung 
eidlichen Beistandes kennt, wie es einen solchen Zwang gegen die 
Geschllftszeugen kennt (a. a. O. p. 183 n. 24). Sollte die Rechtsordnung 
in ihrer Eigenschaft als Proceßrecht die Eidesreinheit vom freiwilligen 
Gewähren und Versagen verwandtschaftlicher Eideshilfe abhängig ge- 
macht, in ihrer Eigenschaft als VerwandtschaftBrecht dem Beweisführer 
einen Anspruch und ein Zwangsmittel auf Leistung der Eideshilfe an 
die Hand gegeben haben? Daß dem Verwandtschaftsrecht ein solcher 
Anspruch entsprungen sei, könnte offenbar nur ftlr jene Fälle an- 
genommen werden, in denen das Beweisrecht gerade keine verwandt- 
schaftliche Eideshilfe forderte. Dem Ansprüche nachzukommen, würde 
aber den widerwilligen Blutsft'eund nichts haben antreiben können, als 



60 KARL V. AMIRA 

etwa das eigene Interesse am Ausgange des Processes, die Furcht vor 
förmlicher Trennung des verlassenen Verwandten von der Sippe , also 
vor Verlust der Erbschaft und des Wergeides , dann endlich gesell- 
schaftliche RQcksichten. 

umstritten ist das Verhältniss zwischen dem mit Helfern zu 
schwörenden Eide und dem Gottesurtheil im salfränkischen Recht. 
Siegel (a. a. O. p. 270) hat bekanntlich die Ansicht aufgestellt, in der 
1. Sal. zeige sich das Bestreben des Gesetzgebers, den Eid der Partei 
zu verdrängen und als Ersatzmittel das Feuerordal einzufahren. 
R. Sohm hingegen findet in der 1. Sal. das Conjuratorensystem des 
fränkischen Rechts noch in seiner Entwickelung; das Oottesurtheil sei 
des Beklagten eigentliches Beweismittel; zum Schwur mit Helfern ge- 
lange dieser nur in Folge eines Zugeständnisses von Seite des Oegners 
(Zeitschr. ftLr Rechtsgesch. V p. 403; vgl« jedoch auch Altfränk. Reichs- 
und Gerichtsverfassg. p. 575 — 577, wo der Parteieneid ftlr ^das Be- 
weismittel des altdeutschen Processes^ erklärt wird). Auch K. Maurer 
in der Münch. krit Überschau V p. 215 n. 2 und v. Bethmann-HoUweg 
a. a. O. p. 509 weisen dem mit Helfern geschworenen Eide eine sub- 
sidiäre Stellung nicht nur hinter dem Zeugenbeweis, sondern auch 
hinter dem Gottesurtheil an, — ersterer nicht ohne hierin eine sal- 
fränkische Abnormität zu erkennen. Zunächst ist an den salfränkischen 
Grundsatz zu erinnern, daß beim Mangel der gesetzlich geforderten 
Eideshilfe dem Beweisftlhrer als letztes Auskunftsmittel das Gottesur- 
theil zu Gebot steht. Für bestimmte hier einschlagende Fälle kennt 
schon die 1. Sal. und zwar in einer der ältesten Redactionen den 
Kesselfang als subsidiäres Beweismittel. S. die Zusätze des Cod. Guel- 
ferbyt. zu 1. Sal. tit. XIV §. 2, XVI §. 3. Primär also war der Par- 
teieneid erforderlich. In schweren Delictssachen erwähnt seiner die L 
Sal. als das Beweismittel des Beklagten (tit. XXXIX §. 2 tit XLH 
§. 5), und so sehen wir denn auch den Eid mit Helfern schon im 
6. Jahrb. vielfach als alleiniges Beweismittel in Delicts- wie in Civil- 
sachen angewandt. Abgesehen von den cit Formeln von Angers und 
Sens verweise ich in dieser Hinsicht auf Cap. Sal. I, 9, sodann auf 
Gregor. Turon. bist. eccl. VIH, 40, V, 4, 50, VH, 23, VIH, 16, 40, IX, 
13, 32, wo es sich flberall um ünschuldseide handelt, und auf VIH, 9 
ibid., wo mit 33 Eidhelfem der Beweis der Vaterschaft geflihrt wird. 
Neben diesen Thatsachen steht nun die andere, daß, wenigstens in 
bestimmten Fällen^ bereits das Beweisurtheil nicht auf Eid, sondern 
auf ein Ordal erkennt, so in Eampfsachen auf den Eesselfang schon 
nach L Sal. tit LVI §.1, im Proceß wegen Diebstahls auf das Loos- 



ZUR SALFRÄNKISCHEN EIDESHILf'E. Gl 

ordal nach Cap. Sal. IV, 10 §. 3, wegen anderer Delicte auf Zweikampf^ 
der bei den Franken Ordal war, nach Gregor. Turon X, 10; in Civil- 
sachen, z. B. wegen Verletzung von Grundeigenthum auf das Kreuz- 
ordal nach Form. Bign. n. 12, Merkel n. 43 (Rozi^re n. 502). Das 
Gottesurtheil trägt keineswegs in allen diesen Fällen den Charakter 
eines letzten Auskunftsmittels an sich, als zu welchem man beispiels- 
weise in dem Rechtsstreit zwischen dem Bischof von Paris und dem 
Abt von S. Denis im J. 775 seine Zuflucht zum Kreuzordal nahm 
(Urk. bei Mabillon, de re dipl. p. 498). Schon aus der Klage konnte 
unmittelbar die Nothwendigkeit des Gottesurtheils entspringen. Die L 
Sal. tit LIII §§. 1, 6 spricht von einem „admallare aliquem ad ineum". 
Man konnte einen auf Kesselfang ansprechen. 

Aber gerade auf die Exegese des tit. LIII cit. spitzt sich die Frage 
nach dem Verhältniss zwischen Parteieneid und Gottesurtheil zu. Der tit. 
Lin bespricht folgenden Sachverhalt Der Beklagte gibt dem Kläger 
Geld dafbr, damit dieser statt mit dem Kesselfang mit Eidhelfem vorlieb 
nehme. Mit Leichtigkeit fahrt dann der Beklagte seinen Unschuldsbeweis^ 
xmd der öflentlichen Gewalt entgeht ihr Friedensgeld, während der Kläger 
seinen Zweck erreicht Denn ihm zahlte aus Scheu vor dem Kesselfang der 
Beklagte gerne die ganze verlangte Bußsumme, sofeme er damit über 
die Entrichtung des Friedensgeldes hinweg kam. Damit beantwortet 
sich die von F. Dahn , Studien über die germ. Gottesurth. p. 48 auf- 
geworfene Frage, welchen Vortheil der Kläger wohl von derartigen 
Transactionen haben mochte. Es bedarf also auch nicht der Dahn'schen 
Hypothese, daß in vorhistorischer Zeit bei den Salfranken an der Stelle 
des Kesselfanges ein zweiseitiges Ordal gestanden, daß es daher für 
den Kläger vortheilhaft gewesen sei, den Beklagten sich frei kaufen 
zu lassen, und daß dieser Loskauf sich noch in die historische Zeit 
hinein erhalten habe, nachdem das zweiseitige Ordal durch den Kessel- 
fang ersetzt war (a. a. O. p. 49—54). Weiterhin ist darauf hinzuweisen, 
daß der in 1. Sal. tit LIII behandelte Fall als nur in demjenigen De- 
lictsproceß eintretend gedacht ist, in welchem die Buße des überführten 
Beklagten mindestens 15 solidi beträgt Die Bestimmungen des Gesetzes 
beschäftigen sich zunächst mit der zu zahlenden Geldsumme. Diese 
wird je nach der Bedeutung des Vergehens in der Art normiert, daß 
sie niemals einen bestimmten Bruchtheil der Buße übersteigt, welche 
der Beklagte, wenn sachfällig, zu zahlen haben würde. Nicht als ob 
damit ein Maximum oder Minimum festgesetzt werden wollte, woran 
die Parteien schlechthin gebunden sein sollten. Die Absicht geht viel- 
mehr dahin, der öffentlichen Gewalt das Friedensgeld zu sichern, 



62 KAHL V. AMIBA 

welches verfallen würde, wenn der Beklagte zur Führung des Unschuldsr 
beweises außer Stand wäre: „Si plus ad manum redemendum dederit 
fiituB grafioni solvatur, quantum de causa illa, si convictus fuisset^ 
(§. 2; ähnl. §§. 4, 7). M. a. W. es soll nicht dem Abkommen der 
Parteien überlassen bleiben, ob des Königs Beamter das Friedensgeld 
erhalten solle oder nicht (so auch v. Bethmann-HoUweg p. 509). £b 
ergibt sich, daß an den überlieferten Principien des Beweisrechts keine 
Änderung getroffen wird. Das Princip besagte : Im Delictsproceß schwört 
sich der Beklagte mit Helfern nur dann frei, wenn sich dieß der 
Kläger gefallen lässt Vorausgesetzt nämlich, daß die Delictsbuße min- 
destens 15 solidi beträgt, kann der Kläger Widerspruch gegen den 
ünschuldseid erheben, gleich bei Beginn der Klage oder nachdem der 
Beklagte sich zum Eide erboten. Der Kläger kann den Unschulds- 
eid des Beklagten schelten. 15 solidi beträgt die Meineidbuße 
(1. Sal. XLVm. Cap. Sal. VI, 15). Der Kläger kann den Unschulds- 
eid des Beklagten nur dann schelten, wenn die Streitsumme die Höhe 
der Meineidbuße erreicht. Macht der Kläger yon seiner Befugniss Ge- 
brauch, so ist der Beklagte in der nämlichen Lage, wie wenn er der 
Eideshilfe entbehrte, d. h. er reinigt sich durch das Gottesurtheil, wie 
sich durch das Gottesurtheil der Unfreie reinigt, dessen Eid von Rechts 
wegen gescholten ist (Cap. Sal. IV, 5, 6, 8, 11; V, 7). Schelte der Eides- 
reinheit liegt in entehrender Klage, z. B. wegen Diebstahls (Cap. Sal. 
rV, 10 §. 3). Daher solche Klagen, an der Spitze natiUrlich die Meineid- 
klage, den Beklagten ohne weiteres zum Gottesurtheile nöthigen (Cap. 
Sal. VI, 16; IV, 10 §. 3). 

Daß die hier versuchte Exegese von 1. Sal. tit LHI richtig, be^ 
legen die späteren Neuerungen im Beweisrecht Sie giengen von jenem 
Falle des Delictsprocesses aus, da beide Kläger und Beklagter zur 
königlichen Gefolgschaft gehörten (Cap. Sal. U, 8). Einmal sollte der 
Antrustio dem Antrustio nicht auf jede Klage ohne weiteres, son- 
dern nur auf eine solche Klage zu antworten haben, die der Kläger 
mit einem vider^d, d. h. mit einem Angriffseide beschwor (über den 
viderSd s. unten). Zweitens: zum Gottesurtheil sollte der Antrustio 
vom Antustrio nur in den schwersten DelictsMlen getrieben werden 
können, nämlich nur in denjenigen, die StOme mit dem Wergeid 
verlangten: „Si vero de leodem cum rogatum habuit, debet, qui 
eum rogavit, cum XII videredo jurare et ipsas in XIV noctes aeneo 
calefacere debet. Et si... quicumque antrustio ille de causa 9uperiu8 
canpraehensa (d. h. die geringeren Bußsachen) per sacramenta absol- 
vere non potuerit, aut manum suam in aeneum pro lettde mittere diu- 
pexerit ... tunc ille, qui eum rogatum habet, solem illi colliget ...'^ 



ZUR 8ALFRÄNKI8CHEN EIDESHILFE. 63 

In geringeren Bußföllen also war von jetzt ab der Antrnstio dadurch 
privilegiert, daü ihm der Unachuldseid nicht durch des Klägers bloßes 
Wort verlegt werden konnte. Die erste von diesen beiden Neuerungen 
wurde durch den edictus Chilperici auf den gemeinen Delictsproceß 
ausgedehnt (Cap. Sal. V, 9). Aus der zweiten erhellt ^ daß nach ge- 
meinem salfränkischen Beweisrecht im Delictsproceß der Kläger den 
Beklagten den Unschuldseid durch seine Schelte verlegen konnte^ auch 
wenn die Streitsumme den Betrag des Wergeides (200 solidi) nicht 
erreichte. Primäres Beweismittel war somit auch hier der Eid^ secun- 
dftres das Gottesurtheil. Letzteres erscheint motiviert durch die Eides- 
schelte. Die Eidesschelte verlangte, wenn dem Kläger keine Zeugen 
zu Gebot standen^ das Gottesurtheil. Diesen Satz suchte die spätere 
Gesetzgebung nur zu mildem, nicht abzuschaffen. M. s. Cap. Sal. 
VI, 15: ^De eo qui alterum imputaverit perjurasse. Si quis alterum 
inculpaverit perjurasse et ei potuerit probare, XV solides conponat qui 
peijurat; si tamen non potuerit adprobare, cui crimen dixit, XV solides 
Bolvat et postea, si ausus fnerit, pugnet.^ Vermag der Kläger seine 
Eidesschelte nicht auf Zeugenaussagen zu stützen, so soll er, um auf 
dem Kampfordal bestehen zu dürfen, 15 solidi erlegen. Vor dem Cap. 
VI cit. war dieß nicht erforderlich. Und bezüglich der Schelte des 
Zeugeneides hatte es auch gemäß §. 16 ibid. beim alten Recht sein 
Verbleiben, und zwar in dem doppelten Sinne, daß die Eidesschelte 
hier ohne weiteres zugelassen blieb und daß sie nach wie vor zum 
einseitigen Ordal, dem Kesselfang ^ f^ibrte, während Schelte des Par- 
teieneides fortan des zweiseitigen Ordals benöthigte. Außer dem vom 
Gesetze aufrecht erhaltenen Anwendungsfalle sollte nach §. 4 ibid. 
Provocation zum Kesselfang fortan unzulässig sein. In Cap. Caroli 
M. a. 779 c. 10 endlich erscheint als Beweismittel im Meineidsproceß 
das Kreuzordal. Die merowingische und karlingische Gesetzgebung 
zeigt dem Bisherigen zufolge das Bestreben, nicht den Parteieneid 
durch das Gottesurtheil zu ersetzen, sondern umgekehrt die Schranken 
des Parteieneides möglichst nieder zu legen. Man erreicht dieß, indem 
man die Eidesschelte erschwert und zwar einmal, indem man zur 
Eidesschelte Führung eines Zeugenbeweises oder aber Erlag der Pro- 
ceßbuße verlangt, sodann indem man an die Stelle des einseitigen 
das zweiseitige Ordal setzt H. Brunner, Enstehg. d. Schwurger. p. 178 
hat gezeigt, daß im anglonormannischen Recht das Kampfordal von 
vorausgehender Eidesschelte abhängig ist. Dem Kampfordal gieng ein 
von beiden Parteien geschworener Eid voraus. Ähnliche Gktindsätze 
lassen sich im altfränkischen Recht nachweisen« Vor dem einseitigen 



64 KARL y. AMIRA 

Ordal hatte der Beweisfllhrer einen Unschuldseid zu schwören , 80 
Yor dem Eesselfang (Rozi&re n. 595, 597), vor dem Ordal des glühenden 
Eisens (ibid. n. 595, 597, 602 und III p. 354), vor dem Ordal der 
Wassertaache (ibid. n. 581, 584, 590, 595). Ein Rituale ftlr das Ordal 
des kalten Wassers lässt beide Parteien schwören: „Postea jurent sa- 
cramenta et accusans et defensor, quasi duellum ingressuri jurent . . . 
Deinde vero ... in aquam demittatur*^ (Rozi&re n. 583). Aber bereits 
unter E. Hludowic d. Fr. wurde der Eid aus dem Rituale des Gottes- 
urtheils entfernt. Von diesem eidlosen Ordal wird gesagt: ,,Hoc Judi- 
cium autem petente domino Hludowico imperatore constituit beatus 
Eugenius praecipiens, ut omnes episcopi, comites, abbates, onmisque 
populus Christianus, qui infra ejus imperium est, hoc judicio defendant 
innocentes et examinent nocentes, ne perjuri super reliquicu sanetarum 
perdant stuis animcLs in malum consentientes*^ (Rozi&re n. 511; ähnlich 
n. 512, 514). Das altfränkische Go ttesurtheil ist Bestärkungs- 
mittel des Unschuldseides. Es ist bedingt durch einen geschol- 
tenen Unschuldseid. Der nämliche Rechtssatz kehrt in den ältesten Be- 
standtheilen der 1. Frisionum wieder. Sind mehrere wegen eines Tod- 
schlags alternativ angeschuldigt, so reinigt sich ein jeder mit dem 
Zwölfereide; aber die Reinheit dieses Eides bedarf, nachdem ihn die 
mehreren Beklagten erbracht, einer Bestärkung durch das Loosordal 
(1. Fris. tit XIV). Im altfriesischen Freiheitsproceß können sich die 
beiden Parteien den Eid mit Helfern durch Herausforderung zum 
Kampfordal verlegen. Dieses findet seine juristische Basis in der Eides- 
schelte; der Herausforderer spricht: „ego solus jurare volo, tu si audes 
nega sacramentum meum et armis mecum contende.^ Faciant etiam 
illud, si hoc eis ita placuerit : juret unus et alius neget et in campum 
exeant (1. Fris. tit. XI §. 3). Nach einem späteren Zusätze zu 1. Fris. 
tit. in reinigt sich wer eines Diebstahls beschuldigt ist, durch einen 
Eid; der Kläger widerlegt ihn durch seinen Eid; beide Eide werden 
mit alleiniger Hand geschworen; der Beklagte aber hat hierauf zum 
Kesselfang zu schreiten. (1. Fris. tit. lU §. 8). Im Vorbeigehen mag 
auch an Isöt erinnert werden, die sich das Gelingen der Eisenprobe 
gerade durch den vorausgehenden mit listigem Doppelsinn gestabten 
Unschuldseid sichert. Auch in der Dichtung fällt auf das Verhältniss 
zwischen Eid und Gottesurtheil das Schwergewicht Es ist altfränkisches 
Recht, was hier nachklingt: das Beweismittel des Beklagten ist der 
Eid; BeStärkungsmittel des Eides ist das Gottesurtheil. Endlich ist 
an dieser Stelle der Ausführung zu gedenken, die ktlrzlich K. Maurer 
in dieser Zeitschrift XIX^ 147 über das altnordische Gottesurtheil 



ZUR SALFRÄNKISCHEN EIDESHILFE. 65 

gegeben. Auch im Recht des norwegischen Stammes sind die Sparen 
nachgewiesen, an denen das ursprüngliche Wesen des Oottesurtheils 
nicht bloß als eines Ersatzmittels ftlr mangelnde Eide, sondern auch 
als eines Bestärkungsmitteis für geschworene Eide erkennbar ist. 

An den Wörtern darf ich, nachdem ich von den Sachen gehan- 
delt, nicht vorübergehen. Bei Etymologien von Rechtsausdrücken ist 
ja der Juristen Laienkenntniss nicht ganz und gar zum Schweigen 
verwiesen. Den salfränkischen Namen fiir den mit Helfern geschworenen 
Eid glaubte H. Kern in seinem verdienstvollen Buche über die Glossen 
der 1. Sal. p. 136 — 138 in videred zu entdecken. Der videred soll im 
Wege der Volksetymologie aus vidSd (vithed) entstanden und gleich- 
bedeutend sein mit dem friesischen withSth, in welchem Kern wohl 
mit Glück einen „Miteid** ( — gegen v. Richthofen — ) ausfindig macht. 
Wenn wir uns jedoch an das Quellenmäßige halten, so ist videred 
keineswegs jeder „Miteid", jeder mit Helfern geschworene Eid, son- 
dern immer nur ein solcher Eid, den der Kläger, der Anschuldiger 
zu schwören hat. Schon Zöpfl, ewa Cham. p. 30 u. 32 und Siegel 
a. a. 0. p. 269 haben hierauf aufmerksam gemacht. In Gap. Sal. H, 8 
ist videred nicht der Eid, den ^Kläger und Beklagter gegeneinander 
leisten" (J. Grimm RA. 906), nicht der Eid, womit der Beklagte des 
Klägers Eid überbietet, sondern allein der mit Helfern geschworene 
Eid des Klägers; so auch in Cap. Sal. V, 9: „Si quis causam mallare 
debet et sie ante vicinas causam suam notam faciat et sie ante rachym- 
burgiis videredum donet" Der videred ist Angriffs- nicht Vertheidi- 
gungseid. Eine Interpretation, die nach Kern's eigenen Worten p. 138 
auch mit withed bestehen kann, falls dieß die ursprüngliche Form war. 
Ist videred nicht für den mit Helfern zu leistenden Eid technisch, so 
fordert ein anderer salfränkischer Kunstausdruck, der für die Eidhelfer 
gebraucht wurde, unsere Aufmerksamkeit. J. G. Eccard, leges Fran- 
corum Salicae et Ripuariorum (1720) p. 94 hat ihn in einer ahd. Glosse 
aufgespürt: f^hamtdn id sunt conjuratores quod geidon dicimus." Gaeidon 
ist bekannt; die Glosse versteht hierunter und ebenso unter hamedii 
schlechthin die Eidhelfer. Eccard versucht hamedii als identisch mit 
samedii zu deuten. Allein h im Anlaut ist sicher beglaubigt. Das Wort 
steht genau so zweimal in einer Gerichtsurk. v. K. Theodorich III a. 680 
(nach dem Original bei Br^quigny-Pardessus dipl. n. 394): „Sed veniens 
antedictus A. ad ipso placito L. in palacio nostro una cum hamedius 
8U06 ipso sacramento, quod eidem fuit judecatum . . . ligibus visus fuit 
adimplisset et tam ipse quam et hamediae suae diliguas [1. de linguas] 
eorum derexissent.^ Bei „cum hamedius suos^ erinnert man sich so- 

GEaMAKU. Nene Aeihe. YIU. (XX. Jührg ) b 



66 J- DAECHTOLD 

gleich an y,cam rachineburgius istos^ in I. Sal. tit. L, 3. Die Form 
rachinebnrgios ist salfTänkiseher nom. oder acc. pl. Cum mit dem acc« 
begegnet in den romanischen Denkmälern der Merowingerzeit auf 
Schritt und Tritt. Zu rachineburgius lautete der sing, rachineburgto 
oder rachineburgia. Vgl. recemburgib und herburgto in den Varianten 
zu 1. Sal. tit. LXIV (Kern p. 162). Burgio entspricht dem ags. byrgea. 
Ebenso entspricht dem goth. sakjis (= causator) salfränk. gasaetb. 
Hiemach scheint ein sing, hamedtb anzunehmen, wenn nicht der lati- 
nisierte plur. hamediae auf einen sing, hamedta deuten würde. Der 
zweite Theil der comp, bam-^dia ist selbstverständlich , nachdem wir 
wissen y daß der Eid saliränk. §d hieß ; ^dia ist jurator wie gasacio 
causator. ham schreibt der Romane fiir cham, dessen Deutung aus 
^Salchamae, Bodochamae, Widochamae im längeren Prolog der 1. Sal. 
sich gewinnen ließe. hamSdius wären hiemach begrifflich die juratores 
▼icini circa manentes, von denen früher die Rede war. In der That 
handelt es sich in der ürk. um einen Behaltungseid, bei dem, wie wir 
oben gesehen haben , die Eidhelfer aus den Umsassen genommen 
wurden. Aus der Glosse würde sich ein Bedenken hiegegen kaum 
ergeben, da ihrem Schreiber der Ausdruck „hamedii*' selbst fremd war. 

MÜNCHEN, 20. Oetober 1874. KARL t. AIIIHA. 



HEINRICH WITTENWEILER. 



Noch immer wird in unsem großem litteraturhistorischen Werken 
der Dichter des ^Ring^ als ein Baier aufgeftlhrt Ich habe schon vor 
Jahren (Lanzelet p. 16) einen schwachen und ungehörten Protest gegen 
diese Annahme eingelegt, und zwar zu Gunsten der Schweiz, speciell 
des Thurgau. Seitdem ist mir Hilfe gekommen in den unlängst er- 
schienenen ^Kleinen Toggenburger Chroniken von Gustav Scherer** 
(St Gallen 1874), der die Heimat des Wittenweilers flir jeden Unbe- 
fangenen evident nachgewiesen und zum nämlichen Resultat gelangt 
ist, daß der Dichter dem Thurgau, der alten Wiege allemannischer 
Cultur, entstammt. 

Scherer geht bei seiner Beweisfiihrung ebenfalls von den Orts- 
namen des Gedichtes aus. Die Nissinger mit den Lappenhausem in 
Streit gerathen und sich nach Hülfe umschauend, 

santen überall 
Gen Aurach in Sweiczer tal 



HEINRICH WITTENWEILER. 67 

Und zuo den von Gäygenhofen, 

In Gadabri zuo dem ofen 

Gen Kenelbach und Leybingen, 

Gen Höfen und gen Vettringen^ 

Gen Raczingen und Füczenswille, 

Gen Seurrenstorff und Wattwille etc. 

(Ring V. 7038 u. «. p. 186 der Stuttg. Ausg.) 
Abgesehen von den fingierten Benennungen liegen die vier Weiler 
Kengelbach, Höfen, Libingen und Vettingen in ^iner Reihe westlich von 
der Thur bei Lichtensteig in Toggenburg ; ebendort befindet sich Watt- 
wyl; Füczenswille dürfte ein Wortspiel aufdas benachbarte Bütschwyl sein. 
Bei V. 5379 (p. 142) läuft die Namenreihe sichtlich von Toggenburg 
aus nach Glarus, Schwyz, Appenzell und schließt mit den entlegensten 
an der Alb und Scheer in Würtemberg. 

Der V. 5992 (p. 158) genannte Necker ist das Flüßchen in Tog- 
genburgy nicht der schwäbische Neckar. Seh. stützt sich in seiner 
weitem Beweisführung auf Schweiz. Sittenzüge und namentlich auf die 
speciell Schweiz. Sprachforroen, die sich so vielfach im Ring finden. 
Eine Anzahl bairischer Formen (es sind deren nicht so viel, als man 
nach Schmeller (H. Aufl.) glauben möchte, der das betreffende Wort 
stets bloß aus dem Ring belegt), fallen auf die Rechnung der Sprach- 
mengerei, könnten auch darauf hindeuten, daß der Dichter einige Zeit 
in Baiem gelebt hat 

Das Schloß Wittenwyl im Thurgau steht noch. Seh. führt eine 
Reihe der Edlen dieses Geschlechtes auf, die bereits gegen Ende des 
XIII. Jhs. als Vasallen der Grafen von Toggenburg erscheinen und 
zu Anfang des XIV. Jhs. ihren Wohnsitz nach den St. Gallischen 
Städtchen Wyl und Lichtensteig, wo eben auch unser Dichter so hei- 
misch ist, verlegten. 

Bedeutungsvoll ist namentlich eine St. Galler Urkunde von 1426, 
worin ein „Heinrich von Witten wille genant Müller burger zu Liechten- 
steig" mit seinem Siegel erscheint. Dasselbe, nur noch theilweise er- 
halten, zeigt den Kopf eines Bocks nebst Hals und in der Umschrift 
den Namen. Nun beginnt nach A. v. Keller, Vorrede zum Ring p. VIII, 
der Text der Meininger Handschrift mit einer Initiale, worin das 
Brustbild eines Klerikers dargestellt ist, welcher in der Linken einen 
Ring hält und mit der Rechten darauf deutet. Unter diesem Buch- 
staben ist ein Wappenschild, worin sich der Oberleib eines ste- 
henden, schwarzen Bocks befindet, also das Wappen des thurg. Ge- 
schlechts der Wittenwciler. 



68 CRECELIU8 

Weder über die Abfassungszeit noch über den Dichter selbst 
ist bis jetzt etwas bestimmtes eruiert worden; es soll uns aber nicht 
wundem, wenn sich der muntere Heinrich Wittenweiler — ganz 
nach dem Bild der Meininger Hs. — ebenfalls noch, wie sein lands- 
kräftiger Sangesgenosse, der Zatzikhofer, als Geistlicher enthüllt 

80L0THURN. Dr. J. BAECHTOLD. 



HOLUNKE. 



Heyne führt in dem neuesten Hefte des Wörterbuchs Beispiele 
des Wortes Halunke an, in denen das ursprüngliche o bewahrt ist (Sp. 
1760 Hollunke, Sp. 1763 Holunke und holunken). Er hätte noch hinzu- 
fügen können Schottelius, Ausflihrl. Arbeit von der Teutschen Haubt- 
Sprache p. 1338: j^Eolunk, nichtswerter loser Kerl, homo semissis.^ 
Wenn ich das o für das ursprüngliche halte, so denke ich an die Ab- 
leitung aus dem Slavischen, welche Heyne mit Recht nach Weigand 
für die wahrscheinlichste ansieht Zur Bestätigung derselben weise ich 
auf eine gedruckte deutsche Zeitung aus dem Jahre 1541^ die einen 
Brand in Prag beschreibt, in welcher Holunke in der Bedeutung des 
böhmischen holomek als Bettler vorkommt. Wir haben also in diesen 
Stellen genau die deutsche Form des Wortes in dem Sinne des zu 
Grunde liegenden slavischen. Den erwähnten Druck beschreibt E. Weller 
(die ersten deutschen Zeitungen, 1872, S. 126, unter Nr. 132, andere 
Ausgabe); der Titel lautet: „Newe zeytung vonn dem erschrocken- 
lichen fewr vnd brunst, so newlich in disem gegenwertigen M.D.XXXXI. 
Jar — inn der klaynem statt Prag auff dem Küngklichenn schloß — 
geschehen ist"* etc. Unter den umgekommenen Personen werden auf- 
gezählt Bij^: „Mer ij Kinder die sind eines Holuncken geweßt, auch 
verbrannt worden. Mer ist ein Holunck genant Vicentz der ist ver- 
brant gefunden worden." Auf Biij': „Mer einer Jacob Holumeck, dem 
seind seine fingere seer verbrant worden;" hier haben wir die böh- 
mische Form, wenn auch vielleicht als Eigennamen. — Derselbe Druck 
enthält einen Beleg für 

Höckin, Höckerin: 

(Sp. 1651 f.), „Es war eyn hockin, oder ein huckerinn, diehet ein kleine 
kram auff der rechten band, wan einer hat w611en hinab gon von dem 



HOLUNKE. G9 

sal, das kremle bat auch gebrant, und ein ander kremle auff die lincken 
hand gegen des Künigs Weinkeller, vnd neben der andren huckerin, 
das ist ein kleins hauß gewesen das hat auch gebrant^ (B^). 

Ich benutze diese Gelegenheit, um einige kleine Nachträge zu 
dem neuesten Hefte des Wörterbuchs zu liefern. Sehr vollständig sind 
in diesem die Zusammensetzungen mit hoch gegeben; allenfalls hätte 
noch hochbejahrt sich darunter befinden können. [Für hochsträflich findet 
sich ein Beispiel bereits in: Supplication an Kaiserliche Maiestat, Der 
Mortbrenner halben, Wittemberg 1541, Fl „solcher hoch strefflichen 
Hendel vnd Thaten"]. Ebenso reichlich ist die Hochzeit bedacht; doch 
vermisst man ungern den Hochzeitsgott Hymenaeus, die Hochzeitshst 
und die Hochzeitsnacht (vgl. Preller Griech. Mythol. U S. 493: Hyme- 
naios, das Bild der Hochzeitslust und der Hochzeitsgesänge), sowie 
die Bemerkung, daß in der neuern Zeit das s der Composition fast 
überall durchgedrungen ist. Leicht entbehrt man den Hochzeitsvestivitäts- 
termin aus dem Nutz- und Lustreichen Schauspiel, das unter dem Titel 
,jDer Pedantische Irrthum" 1673 in Rappersweil herauskam (daselbst 
S- 177); aber für den hochzeitlichen Ruf Talassio wird man wohl am 
besten kurzweg Hochzeitsruf anwenden. Daß sich Heyne bei der Höf- 
lichkeit vor dem Übermaß gehütet hat, wird ihm niemand verdenken, 
wir kommen im ganzen mit dem Höflichkeitsbesuch, der Höflichkeitsbe- 
ze^igung, der Höfiichkeitsformel und dem Höflichkeitsworte schon ftirs 
erste aus ; die Höflichkeitsphrase dominiert zwar noch stark in der Welt, 
das Wort aber ist als Hybridum etwas anrüchig. Für das 17. Jahrh. 
freilich hätte die Höflichkeit des Wörterbuchs lange nicht ausgereicht. 
Meusebach (Zur Recension der deutschen Grammatik. Unwiderlegt 
herausgegeben von Jacob Grimm, Cassel 1826) stellt aus dieser Zeit 
weit mehr zur Verfügung, wie Höfflichkeitsrecommendation (Machiavel- 
lischer Hocus Pocus 1675 s. 47), Höflichkeitsschranken (Clelia des H. 
V. Scuderi, übersetzt durch den ünglückseeligen 1664 S. 290), Höflich- 
keitsweehsel (daselbst S. 500), Höflichkeitsgrenzen (das. S. 611), Höflich- 
keifsgebrauch (König Demetrius übersetzt durch den Unglückseeligen 
1653 S. 82). Die Hoffnung ist bei Heyne recht gut weggekommen. 
Doch würden die Hoffnungsseligen sich auf Sp. 1677 vergeblich suchen, 
auch die Hoffnungsträume sind verbannt. Bei der Behandlung des 
Wortes Hof hätte auf Sp. 1655 (unter 3 a) noch hervorgehoben werden 
können, wie Hof in vielen Fällen mit Hufe (mansus) zusammenfällt: 
aus den Besitzern der Hufen {Hüben) werden schließlich Hofeserben, 
Hofesleute, Hofesmänner; ein Hofesding (Hofgeding) oder Hofesgericht 
kann als das Hubengericht oder als ein unter der Autorität des herr- 



70 CRECELIU8, HOLÜNKE 

Bchaftlichen Hofes stehendes Hofgericht gefasst werdeu. Was die Zu- 
sammensetzungen anlangt, so verzeichnet Schottelias noch den Hcf- 
fuchsschtßäntzer (aus Moscherosch) und die Hofiikke; Gürder's Novum 
Lexicon (Basel 1715) hat Hofhvier (custos atrii). Alle diese sind leicht 
zu entbehren; dagegen durfte der HofschuUheifi oder Hof schuhe nicht 
fehlen: er spielt auch abgesehen von dem Immermann'schen eine zu 
bedeutende Rolle , um so ganz bei Seite geworfen zu werden. Von 
Hohlhippen (Sp. 1719) findet sich auch das Substantiv auf ung bei 
Jac. Frölinkint (Eyn beschreylich gedieht redeftirung Dreier gebrftder 
Ejns Weinsauffers, Hurers vnd Spielers 1535) c': ^in gemeyner ver- 
maledeiung vnd holhippung.^ Das aus Stolberg belegte höhnein hat 
auch E. M. Arndt (Eriegs-Lieder der Teutschen 1814) S. 34: 
Auf deine Wagen setzt er (der Franzose) sich, 
Du mußt zu Fuße gehen; 
Zu deinen Weihen legt er sich, 
Du mußt als Schildwach stehen; 
Dein Silber und dein rothes Gold 
Er höhnelnd sich ins Fäustchen rollt, 
Und willst du zürnend blicken, 
So bläut er dir den Rücken. 
Auch fllr die Zusammensetzungen mit jETöU^ bieten dieselben Ejrieg»- 
Lieder S. 6 das Wort HöUemchein: 

Umnebelt waren wir von Dünsten, 
Vom gauklisch bunten Höllenschein, 
Und spannen uns mit eitlen Künsten 
Stets dichter in die Lüge ein, 
Das Leben schwankte ohne Ziel, 
Und jeder that was ihm gefiel. 
Unter den mit Holz zusammengesetzten Wörtern hat Schotteliua 
S. 429 noch Holzbrüche (aus Faust ord. 1128), Holzbuß und Holzbörde 
(planicies regionis silvestris Meib.). Als technischer Ausdruck hätte 
vielleicht Holzgewächs angefahrt zu werden verdient, vgl. Wagner und 
Hebig Botan. Forsthandbuch (Gießen 1801) S. 3 j^Holzgewächse sind 
Pflanzen mit holzigen Stämmen oder Stengel, die viele Jahre hindurch 
dauern^. Auffallend ist das Fehlen des Platonischen, fast sprichwörtlich ge« 
wordenen Holddotzpflock. Ohne Beleg steht Hoksmangold (pyrola rotundi- 
folia); es kommt schon vor in Bocks Eräuterbuch: „Das Kraut heißt 
recht Wintergrün, weil es vor dem Frost unerschrocken bleiben kann, 
in etlichen Orten nennet maus holtz Mangelt, Waldt Mangelt^ 

ELBEKPELD. CKECELIÜS. 



HANS LAMBEL, KRITISCHE BEITRÄGE. 71 

KRITISCHE BEITRÄGE 

VON 

HANS LAMBEL. 



I. 
Zum Grazer Marienleben. 

Dieses von Herrn Prof. Anton Schönbach vor kurzem in der 
Zeitschrift für deutsches Alterthum, Neue Folge V (XVH) 519—560 
herausgegebene Gedicht gehört zu den silbenzählenden: bei solchen 
Denkmälern entsteht immer die Frage, ob und innerhalb welcher 
Grenzen der Dichter sich Unterdrückung der Senkungen erlaubt 
habe. Der Herausgeber beantwortet die Frage S. 521 dahin, daß diese 
Freiheit im vorliegenden Gedichte nur in zwei Fällen nachzuweisen 
sei und zwar 1. in compositis , 2. bei ursprünglich zweisilbigen Wörtern. 
Allein so eng wird man die Schranken doch nicht ziehen dürfen. Nach 
meinen Beobachtungen darf die Senkung auch noch fehlen 3. bei stär- 
kerer Interpunktion: 282 loirt, nüL tool heim mit mir (doch kann man 
auch betonen toirty nü wöl heim nach 2) ; 365 {und was diu siieze doch 
da bi) 80 künste rieh : swdz si sach und ebenso 467, auf welchen 
Vers ich aber im folgenden noch zurückkommen werde; 4. wohl 
auch zur nachdrücklicheren Hervorhebung des Gedankens: so 23 
{stDoz er het envoüen) gap er durch got Sin teil (den armen liuten) im 
Gegensatz zu 28 und 32; (von der nahe liegenden Ergänzung eines 
des wird man absehen können). 208 swaz du mir toöldest geben, (daz 
selbe soU du ophem got). Die Gründe Air diese beiden Fälle sind ein- 
leuchtend, im ersten füllt die Interpunktionspause die Zeit aus, welche 
der Senkung gebührte, im letztem entsteht durch die stärkere Betonung 
Überlange (vgl. Brücke : Die physiologischen Grundlagen der neuhoch- 
deutschen Verskunst, Wien 1871, besonders S. 58); 5. bei Eigennamen: 
Vers 7 von dem geslehte Jüda wird man nicht anders lesen können, 
ebenso 290 zehant nante Mdrjä oder wie ich lieber schreiben wtlrde 
Mariäy denn beide Formen, die zwei- und dreisilbige, finden sich neben- 
einander, vgl. 610. 441. 841. 643; vielleicht auch 709 daz Möyses ge- 
schriben hat, wiewohl hier auch die Betonimg Moys^ möglich wäre. 
Immerhin bleiben noch einige Verse übrig mit einer imterdrückten 
Senkung^ die sich unter keinem der angefahrten Gesichtspunkte ein- 
reihen lassen. Am wenigsten anstößig ist es, wenn die zwei neben ein- 
ander stehenden Hebungen in dasselbe Wort fallen: so 425 aller 



72 HAN8 LÄMBEL 

werlde erlcRscsrey oder wie mir Birtsch für das handschriftliche weser 
vorschlägt unsaere, 99 er beletp fünf mänode gar, 869 ze hetibhme In hat 
muotf welche Verse man allenfalls auch mit Synkope und versetzter 
Betonung lesen könnte, um die Auslassung der Senkung zu vermeiden. 
Auf zwei Worte fallen die Hebungen zwischen welchen die Senkung 
fehlt 74 als ez an der schrift fiV, 296 ervüUet nach der schrift sage, 88 und 
gar noch äne kint si't 254 schiere er des enSin kdnij 373 dar nach si an 
ir w6rc sdzy auffallend gerade im Versschluß; 397 von in allen da ge- 
nant wart ist vom Herausgeber sicher gebessert genennet (vgl. 471); 
929 und ersten an dem dritten tage ist leicht zu bessern^ indem man 
schreibt am, das 651 überliefert ist; auch 258 tnn gelH sprechen er be- 
gan Joachim mit seneder klage lässt sich ohne Schwierigkeit bessern, 
indem man entweder bet (s. Lexer I, 233), oder gan (Haupt zu Erec* 
S. 329, Jänicke Ztschr. f. d. Phil. V, 112) schreibt, wenn man nicht 
noch lieber er streichen will. Die Verse welche der Herausgeber S- 521 
als ^unregeknäüig' auffährt, sind zum Theil wie 23. 208. 280 schon durch 
das vorstehende erledigt und bedürfen keiner Emendation; auf 750 werde 
ich noch zurückkommen; 50 lässt sich aber mit versetzter Betonung so 
leicht lesen wie irgend ein anderer ir tcärin vil tvgende bereit oder mit 
Sjncope tcdm, und die Umstellung tugende vil war hier so wenig nöthig 
wie 43 do nam er ze wtbe Anndm [ze tctbe er], Mie Betonung Anndm 
ist hier gewiß ebenso berechtigt wie 643 J/iar/^', 647^ 670 Johdns^ 661 
Juddm, 663 Jakop und 180 u. 667 Anna', 261 Annen) und 888 und*) in 
werde der sünden buoz [der siinden werde], wo ungrammatische Betonung 
nicht einmal nothwendig ist, wenn man den Vers trochäisch liest 

Dagegen wird man doch öfter als der Herausgeber will, Kürzung, 
namentlich Apokope des tonlosen e annehmen müssen, die in der Zeit, 
welcher unser Gedicht angehört, überhaupt nichts Beiremdendes hat 
und mehrfach durch die Reime desselben (V. 18. 394. 804) bewiesen 
wird. So V. 35 dise vuar fvuore Hs. u. Ausg.] nam er sich an (vgl. 172, 
wo die Handschrift selbst überliefert schämen muoz die wil daz ich), 
V. 50 kann man schreiben nach rehter minne se sinnete [minne si]), 
122 daz ich sd gar an fäne] kint nü bin, 158 dar umb fumbe] diu 
frouwe weinte, 866 entweder siner bekorung [bekorunge] der ist vil oder 
derst, aber 889 durch die erlaesung ferloesunge] bin ich kamen, wenn man 
nicht zu der Form ürlasstinge seine Zuflucht nehmen will, die bekannt- 

*) Daß dieses und in dcu ge&ndert werden mfisse, wie der Hermasgeber that, 
will mir nicht einleuchten : und mit dem persönlichen Pronomen statt des wiederholten 
relatiyen ist doch nichts auffallendes (s. mhd. Wb. I, 183^ in. 436^), so wenig als der 
Obeigang Tom collectiyen Singular {da») zum Plural (m). 



KRITISCHE BEITRAGE. 73 

Kch bei Wolfram Parz. 806, 30 und Willeh. 331, 30 überliefert ist 
(auch 42Ö könnte dann die aus dem Rolandslied und der Vorauerhs. 
bekannte Form ürtostere aushelfen), 886 über menschtick gesieht [geslektej 
daz ich, 953 und vertilg [vertilge] dtn trüren sd, denn Betonungen wie 
bikorunge, Srloßsünge, geslekt^, vhiüge sind fllr das 13. Jahrhundert doch 
unglaublich. 

Erinnern will ich zum Schluß dieser Bemerkungen, daß O. Jänicke 
das Princip der Silbenzählung in der Zeitschrift f. deutsche Philologie 
y, 112 auch für den Dichter von Mai und Beaflor nachgewiesen hat, 
der nach Schönbach (S. 521) von unserm Dichter nachgeahmt wurde. 
Was die Reime betrifit, so habe ich zu bemerken, daß die S. 521 
erwähnte Bindung t : ie durchaus nur vor r (Brtickes r nvulare) er- 
scheint (vgl. Weinhold Bair. Gramm. §. 90. Alem. Gr. §. 63), woraus 
aie sich lautphysiologisch leicht erklärt. Zu den rührenden Reimen, 
die der Herausgeber \b.. a. O.) verzeichnet, ist hinzuzufilgen mensckeit : 
heü 944. Unerwähnt ist femer geblieben die Ausdelinnng desselben 
Reimes über zwei Verspaare 529 f. 907 f. und eine Reimfreiheit, die 
man freilich in der Ausgabe nicht findet, da sie der Herausgeber an 
den drei Stellen, wo sie überliefert ist» wegemendiert hat. Sie ist aber 
ohne Bedenken zu restituieren, denn sie ist nicht schlimmer und 
stimmt zur Technik der Zeit nicht schlechter als die Bindungen d : g 
tmd ht : ft, die nicht weggeschafft wurden. Ich meine den Reim e : en. 
Die Stellen sind folgende: 

746 mit drin personen wir sin 
und doch in einer gotheit 
und in eine forme gekleit 
mit eicictichem gewalte, 

750 mit tilgenden manicvalten u. s. w. 
So sind V. 749. 750 überliefert und sicher lesbarer als in der 
Fassung die ihnen der Herausgeber aufnöthigt: mit etceclicher gewaUj mit 
fugenden mnnicvaü, unbekümmert darum, daß gewaU im ganzen Ge- 
dicht nirgends als stf. nachweisbar ist (als stm. steht es deutlich 213. 
737. 829; unentschieden ist das Geschlecht 834- 856). Die Betonung 
ewicUchhn ist nicht ohne Analogie: vgl. eickgen 765. 840. wilUclichen 833. 
werd^keit 468. rehtikeit 835; so wird es nicht nöthig sein die übrigens 
leichte Änderung gwake vorzunehmen. Die zweite Stelle lautet nach 
der Überlieferung: 

Vit der niht vil 

515 die du ze junger nceme, 
ob si dir gezoemenf 



74 HANS LAMBEL 

ohne Zweifel dem Gedanken angemessener als ob es dir gezceme, wie 
der Herausgeber schreibt, denn darauf kommt es an, ob sie, die er zu 
Jüngern annehmen soll, ihm würdig erscheinen. Auch die Änderung 
des handschriftlich überlieferten junger in jungem ist hier wie 662 {die 
Christ ze junger an sich nam) vom Übel; der Singular ist keineswegs 
unstatthaft Vgl. Karl 65 daz was Karl der reine, der alle die gemeine 
ze friunde hat gewunnen, die sich versinnen hinnen und Grimms Gramm. 
IV, 291; Nachtr. S. 954. Noch im zweiten Decennium des 18. Jhs. 
finde ich die Construction bei Gtlnther, Ausg. v. 1764, S. 34: (Der 
Heiland) machte durch Gelassenheit die Zöllner sich zum Freunde. Wenn 
etwas geändert werden soll, so wäre es niht 514, wofiir ich ikt ver- 
muthe. 

Nach diesen zwei Stellen wird man auch 483 er hat ir werden 
süezen Up im selben erweit ze minnen (: gebietasrinne) die Überlieferung 
nicht antasten (Schönbach ze minne). 

Schon die bisherigen Erörterungen fährten mich auf das Gebiet 
der Textkritik; ich fahre nun fort, einzelne Stellen zu besprechen, 
wo ich der Auffassung des Herausgebers eine andere entgegenzu* 
setzen habe. 

V. 11 der arbeite er sich bewac 

daz er wan sines vihes pflac 
So die Hs. Die Quelle des Dichters für diesen Theil seiner Erzählung 
(vgl. Schönbach S. 529) hat aber ^cui nuÜa erat alia eura nisi greguni 
(Tischendorf Evang. apocr. p. 53): das führt auf ander; der Fehler der 
Überlieferung erklärt sich leicht aus dem vorhergehenden gewan. 
138 f. Anna hat die Botschaft des Engels empfangen: 

si gie da si ir kamer vant 

und leit sich an ir bette sä 

und lac rehte als viir tot aldd 

al die naht und al den tac 

daz si niht des gebetes pflac 
Die letzte Zeile, wie sie überliefert ist, steht nicht im Einklang mit 
der Quelle, die vielmehr erzählt 'tota die et nocte in tremore nimio ac 
in oratione permansi£ (Tischend, p. 56): also wohl daz si niht wan 
gebetes pflac. 

163. Der Engel erscheint Jdachime der gar sin dinc 

an knehte und an vihe het. 
Ist in der letzten Zeile der Accusativ möglich oder nicht viel- 
mehr knehten zu schreiben? Derselbe Fehler findet sich in der Hs. 
öfter, z. B. 375 iem statt iem. 449 cha statt cAd, 469 nam st nam, 886 



KRITISCHE BEITRÄGE. 75 

me9ehleich st. mJSschleich and wie ich glaube auch 267 dierme st. diemS, 
denn in der Quelle heißt es cum pueüis. 

350 überliefert die Hb. : die muot ir Stade volgte mite. Der Heraus- 
geber schreibt dafUr dirre muot, aber solcher Änderung bedarf es nicht^ 
man lese nur diemuot 

355 fg. diu künde si wurken alsd wol 
daz ez die liute nämen vür vol. 
So die Ausgabe. Die Hs. hat nam, vielleicht also daz liute f (doch vgl. 
auch meine Anm. zu 163). 

374 fg. daz worhte ei danne baz 
danne ieman dd tcete. 

Die Hs. hat dan iem al due tete. Damach lese ich dan iemen aldä toste. 
428 wird lesbarer, wenn man schreibt ir herze j ir Up, und ouch 
ir sin: und ouch fehlt der Hs.^ der Herausgeber ergänzt unrund, aber 
vgL 661 {Marjä Alphei diu tnioc vier silne) sant Simeonem und ouch 
Judam*). 

461 f. Der Dichter hat Maria dem weiblichen Geschlechte als 
Vorbild vor Augen gestellt und fährt fort: 

sich wiplich vnp, nö wis vrd, 
daz got dich hat gehmhet sd, 
daz er sich durch dich menschlichen lie 
hie sehen und alhie emphie 
465 die menscheit von vnplicher art. 
aldd din name gehashet wart 
über aUiu uAp. nü nim war 
diner werdekeit und bewar 
dinn namen, sU got die muoter sin 
470 nach dir und nach dem namen dm 
genennet hat. . 

Wie Z. 466. 467 hier stehen^ könnten sie nur einen Sinn geben, wenn 
man sie von Maria verstehen dürfte. Das verbietet aber der ganze 
Zusammenhang, der Dichter redet vielmehr immer noch zum Weibe 
im Allgemeinen: dann aber ist es unmöglich zu sagen, daß der Name 
*Weib' über alle Weiber erhöht worden sei. Ich fasse demnach wlp 
als Anrede wie 451 und 461 und lese 

aldd din name gehcßhet wart 

über aUe (sc. namen). unp, nü nim war u. s. w. 



*) Der Heraas^. schreibt hier Sifnißrif aber die lat Endung wird hier so wenig 
wie 816 Tom Schreiber herrühren. 



76 HANS LAMBEL 

Nachdem der Dichter hierauf das weibliche Geschlecht ermahnt 
der Würde des Namens nachzuleben, heißt es bei Schönbach: 

480 f. du 80Ü daz wol geUmben mir, 
dd got hat 90 liep tm vnp, 
er hat ir werden süezen Up 
im selben erweÜ ze minnen u. s. w. 
Zu Z. 481 theilt der Herausgeber jedoch als handschriftliche Lesart 
mit: da got nicht hat u. s. w. Das ftlhrt, wenn man die Gewohnheit 
des Schreibers, Endconsonanten zu vernachlässigen (422 enge statt en- 
gdj 466 fjoar statt toart, 628 scho statt schot) und den Gedankenzu- 
sammenhang berücksichtigt, mit leichter Änderung auf das richtige 
daz got niht hat sd Uep sam vnp. Zum Gedanken vgl. 488—491: 

dar an er uns machet schin 

daz er uHpUch geslehte hat 

gehoshet übr al nn hantgetät 

und über al sin geslehte. 
So lese ich mit der Hs. Der Herausgeber. streicht 490 aL 

Seltsam mißverstanden hat der Herausgeher die Verse 707 bis 
720, wie seine Interpunktion zeigt, und doch hätte ihn die von ihm 
selbst (S. 524 — 529) herausgegebene lateinische Quelle schon auf die 
richtige Auffassung ftlhren müssen. Jesus hat 686 gesagt von angenge 
was ich b% got ie {eram in principio semper apud deum S. 525 V. 13). 
Darauf fragt ihn 693 fg. Maria waz ist daz angenge, daz du bist gewesen 
alle dme vrist bi dinem vater und mit im f mit bezeichnender Betonung 
(quod est hoc principium quo dicis tefaisse apudpatrem etc. S. 525 V. 17) 
und nachdem sie hierauf Antwort erhalten, noch einmal 707 fg.: 

daz angenge, waz ist daz, 

{daz soltü mir bescheiden baz) 

daz Moyses geschriben hat, 

da unser geloube noch an stät, 

in dem got himel und erde 

geschuof wol nach ir werde? 
(S. 525 V. 23 quod est hoc principium, Moyses quod scripsit, in quo cdum 
€itque terram creasse deum dixitf) 

Hierauf antwortet Jesus 713 fg.: 

daz ist daz wäre angenge: 

dd got an wite an lenge 

geschuof die snt den himel Jddr u. s. w. 
(S. 625 V. 25 hoc verum est principium, in quo sunt creata tenipus, 
eeUmt etc.) 



KRITISCHE BEITBÄGE. 77 

Es ist deutlich, daU hier zwischen dem uneigentlichen angenge 
von Ewigkeit her*) (antiquum prineipium nennt es zum Unterschied 
die Vita metrica S. 525 V. 19) und dem wahren angenge in der Zeit, 
von dem Moses schrieb, unterschieden wird. Der Herausgeber jedoch 
verdunkelt den Gedanken, indem er nach 707(?), nach 708 (.) setzt 
und auch die Vs. 709 — 712 schon Jesus zuweist, daher er auch nach 
712 (,) statt (?) setzen muß. Wie er 714 sein an wvte an lenge ver- 
steht, errathe ich nicht: der Dichter kann doch unmöglich von der 
Schöpfung in Raum und Zeit (im Gegensatz zur räum- und zeitlosen 
Ewigkeit) sagen wollen, daß sie ohne räumliche und zeitliche Aus- 
dehnung (und diese beiden Begriffe zusammen liegen in den Worten 
totte und lenge) geschaffen worden sei: soll aber die Unermeßlichkeit 
der Schöpfung bezeichnet werden, so wäre der Ausdruck doch sehr 
unglücklich gewählt: ich schrieb daher an. 

728 kann man der Überlieferung sich enger anschließend schrei- 
ben dd wir nü sin, da wdr {bar Hs., iväm Seh.) wir do. 

743 f. nö wer ist diu dnvaüekeit 

der gotltch magenkraft ist breit f 
So die Überlieferung, an welcher der Herausgeber keinen Anstoß 
nimmt. Auch ich will nicht läugnen, daß die Stelle zur Noth einen 
Sinn gebe, aber wenn man die entsprechende Zeile der Vita metrica 
(S. 525 V. 36 que est illa trinitas divine maiestatis f) und der vom Her- 
ausgeber selbst angeführten Bearbeitung Walthers von Rheinau (waz 
diu dncaltkeit «t, der götlich magenkraß ist M) berücksichtigt, kann 
man sich doch nicht der Überzeugung verschließen, daß breit ver- 
schrieben sei für bereit, das ebenso Z. 50 steht ir wären vil tugende 
bereit, 

798 genzltchen hie üf der erden: man braucht der nicht zu streichen; 
der Herausgeber hat S. 521 selbst bemerkt, daß der Dichter viermal 
gehobene Verse mit klingendem Ausgang auch mit dreimal gehobenen 
bindet (nur 451 gehört nicht hieher, da auch 452 vier Hebungen hat). 
Der Artikel steht auch 838. 

813 f. siieziu muoter, niht krenke 

dtnen Up, doch gedenke 

der Simednis worte 
Die Hs. hat noch; ist vielleicht ji'ocA zu lesen? 



*) Ton dem es 697 heißt dd% angenge iat n'ht vürwdr geaneoenget mü iht (hon 
tH inceptivum uüiu* tntctt veZ mehoativum S. 626 Z. 19 f.) was der Herausgeber yiel- 
leicht doch mit Unrecht in geangenget ändert. 



78 HANS LAMBEL 

829 f. mit goiRchem gewalte ich wol 

erlcBste si, toan daz ich boI 

mit rehtikeit si erlcesen. 

u)and si sich den vinden bcesen 

hänt tciüecUchen gegeben, 

in ir gewaU ir vrtez leben, 
sich in 832 gehört sicher dem Schreiber und ist ebenso wie die 
Interpunktion nach 833 zu tilgen , damit die Construction ihre uner- 
trägliche Härte verliere. 831 : 832 ist dann ein gewöhnliches Reimpaar 
aus dreihebigen Versen mit klingendem Ausgange und S. 521 za 
streichen. 

850 f. min Itp dich sunder meü gebar 
und äne allen mitewist 
da von mir gebom bist. 
Die zweite Zeile ist jedenfalls unrichtig überliefert und muß offenbar 
ebenso lauten, wie 433 und an aller manne mitewist, vgl. die vita me- 
trica S. 526 V. 87 f. sine commixtione virilis contagii . . . te concepi und 
Walther 4, 23. 

Ich wende mich nunmehr von der Besprechung einzelner Stellen*) 
zur Geschichte der Überlieferung unsei*s Gedichts im Allge- 
meinen , über welche der Herausgeber S. 521 — 523 eine Ansicht ent- 
wickelt, der ich nicht zu folgen vermag. 

In der einzigen Handschrift, in der uns das Gedicht erhalten ist, 
erscheint der Zusammenhang der Erzählung keineswegs durchaus un* 
gestört. Bis Z. 508 liest man ohne.Aihlbaren Anstoß von Joachim und 
Anna und dem Jugendleben Mariens bis zur Geburt Jesu, die der 
Dichter als bekannt nur kurz erwähnt, um sofort zum Lobe Mariens 
und einer Betrachtung über die Würde des weiblichen Geschlechts 
überzugehn, worauf nun noch in wenigen Versen erzählt wird, wie be- 
reitwillig Jesus oft Fragen seiner Mutter beantwortete. Von .509 bis 
580 findet sich dann allerdings ein solches Gespräch zwischen Maria 
und Jesus, aber es fügt sich inhaltlich durchaus nicht an 508, indem 
es mit einer Antwort Jesu beginnt und sich vielmehr als Schluß der 
Fragen und Antworten erweist, an die sich ohne Unterbrechung wieder 
eine Betrachtung schließt 581 - 634. Hierauf folgt ohne vermittelnden 
Übergang ein Abschnitt über unser vrouwen künne 635 — 670. Dann 



*) Nur in einer Anmerkung will ich noch auf eine Stelle hindeuten, die ich freilich 
nicht sicher zu heilen vermag: 628 f. heißt es man moI edel ge»ieine niht »tfcte tcerfen under 
diu nein; diiCi Hcele hier uupaüseud ist, bedarf wohl keiner Ausciuundersetzung; eiwanfwedef 



KRITISCHE BEITRÄGE. 79 

folgt wieder ebenso unvermittelt ein Stück Wechselrede zwischen 
Maria und Jesus, mit dem die Handschrift schließt. 671 — 958. Dieses 
Stück aber ftlgt sich inhaltlich yollkommend passend zwischen 508 und 
509 ein und stellt somit an dieser Stelle den zerrissenen Zusanmienhang 
wieder her. 

Dieß der Thatbestand, aus dem sich jedenfalls zunächst soviel 
ergibt, daß der Zusammenhang schon in der Vorlage gestört war. 

Was aber folgert der Herausgeber weiter daraus? Er geht von 
dem letzten Stück 671 — 958 aus, das 288 Zeilen enthält, also gerade 
4 Blätter füllen würde, wenn auf der Seite 36 Zeilen einspaltig standen. 
Unter dieser Voraussetzung würde auch der Schluß des Gespräches 
509—580 gerade auf ^in Blatt gehen. Bei den übrigen Theilen des 
Gedichtes geht aber die Vertheilung auf Seiten zu 36 Zeilen nicht 
mehr so leicht. Der Herausgeber sucht zunächst die Einleitung zu dem 
mit 671 'ganz ex abrupto' beginnenden Gespräch abzugrenzen, deren 
Beginn er, allerdings nur hypothetisch, auf V. 437 fixieren möchte, 
^mit dem die Besprechung eines neuen Gegenstandes ausdrücklich er- 
öffnet wird, nachdem der früher behandelte Stoff in den Versen 435. 6 
ebenso ausdrücklich als erledigt bezeichnet worden war\ So erhält er 
'abermals von V. 437—508 ein Stück von 72 = 2X36 Versen, also 
4in Blatt. V. 1 — 436 behandelt der Herausgeber in der Weise, daß 
er 430—436 fbr einen von späterer Hand angefertigten Vermittlungs- 
versuch' erklärt und als 'zweifellos' annimmt, 'daß die Erzählung 
wirklich mit einem Verse 432 abschloß, bevor die Einleitung zu dem 
Gespräch daran geknüpft wurde'. So gewinnt er abermals 6 Blätter 
und es bleibt nur noch V. 581 — 670 übrig, wovon sich der Abschnitt 
txm unser vrouwen künne (635—670) leicht wieder als ein Stück von 36 
Versen, also Va Blatt heraushebt. Der Rest aber (581 — 634 der Preis 
Marias) sei aus dem Lobe Annas (47—64) und Marias (441—508) zu- 
sammengearbeitet, und wer solche Wiederholungen nicht auffallend 
finde, den mache er aufmerksam, daß das Stück 595— 630= 36 Verse 
allerdings fllr sich zusammenhängt. Auf diese Weise ergeben sich ihm 
127^ (13?) Blätter einer Handschrift, die Bruchstücke eines Marien- 
lebens enthielten, welche dann 'durch eingeschaltete Verse in Zusam- 
menhang gebracht wurden . Da aber zwischen den einzelnen Theilen 
des Gedichtes durchaus keine sprachliche noch metrische Differenz 
wahrnehmbar ist, so wird angenommen, *daß schon in den zu begren- 
zenden Theilen eine Überarbeitung vorliege, von deren Autor denn 
auch die weniger genau bestimmbaren Stücke stammen . Das ursprüng- 
liche Gedicht wird dann in die Mitte des 13. Jhs., die Überarbeitung 
'bald darnach' gesetzt. 



80 HANS LAMBEL, KRITISCHE BEITRÄGE. 

Man wird dieser Methode das Zeugniss energischer Eindringlichkeit 
nicht leicht versagen, aber auch eine gewisse Künstlichkeit derselben 
"wird niemand entgehen, der sie aufmerksam und unbefangen prtift. 
Wie, derselbe Mann, der sich die Aufgabe stellte, die Bruchstücke eines 
altem Marienlebens durch Überarbeitung und Interpolation zu einem 
Ganzen zusammenzufügen, der wirklich es nöthig fand von 430—436 
ein überleitendes Zwischenstück aus eigenen Mitteln beizusteuern, 
sollte entweder die klaffende Lücke zwischen 508 und 509 nicht be- 
merkt haben, nicht bemerkt haben, daß 671 — 953 diese Lücke aus- 
flLllen, oder um eine ausfüllende Interpolation verlegen gewesen sein? 
Ihm sollte entgangen sein, daß mit 958 das Gedicht unmöglich schließen 
könne oder die Sorge um einen passenden Abschluß so wenig am 
Herzen gelegen haben? Er sollte fttr das Stück von unser frawen künne 
(635 — 670) keine engere Anknüpfung gefunden haben? Das ist doch 
unglaublich ! 

Oder sollen wir uns denken, daß dasselbe Schicksal der Zer- 
trümmerung und Verwirrung, welches das ursprüngliche Gedicht ge- 
troffen haben soll, auch wieder das Werk des Überarbeiters und Inter- 
polators getroffen habe? Das ist kaum glaublicher! 

Und woran soll man bei dem eingestandenen Mangel sprachlicher 
und metrischer Differenzen die 'Zwischenstücke' von den ursprüng- 
lichen Theilen mit einiger Sicherheit unterscheiden? Es feilt schwer 
den Eindruck abzuwehren, als habe nur das Bestreben, Reste einer 
Handschrift, welche 36 Zeilen auf der Seite enthielt, zu reconstruieren, 
auf die Annahme einer Interpolation zwischen 430 und 436 geführt. 
Und wer an den Wiederholungen in 581 — 634 Anstoß nimmt, dem 
müssten streng genommen auch die Anklänge in 441 — 508 (vgl. 451 u. 
59. 453. u. 57) verdächtig sein. Allein ohne die Annahme solcher 
'Zwischenstücke' ist die Vertheilung der gesammten Verszahl auf 
Seiten zu 36 Zeilen eben nicht streng durchführbar. Und dabei bleibt 
es noch immer seltsam, daß uns ein wunderbar spielender Zufall viel- 
leicht gar zweimal (595 — 630 u. 635—670) nur je ein halbes Blatt 
erhalten haben sollte. 

Sollte sich solchen Schwierigkeiten gegenüber nicht eine ein- 
fachere Hypothese als wahrscheinlicher empfehlen? Eine solche wäre 
folgende : 

Die Vorlage, aus welcher unsere Abschrift des Gedichtes floß, 
war am Ende schadhaft: einige Blätter hatten sich losgetrennt und 
giengen zum Theil verloren; um weiteren Verlust zu vermeiden, legte 
man die noch vorhandenen losgerissenen Blätter xwischen Z. 508 (Schluß 



E. WILKEN, ZU DEN MURBACHER HYMNEN. 81 

der Rückseite) und 671 (Anfang der Vorderseite eines Blattes) ein und 
in dieser Ordnung schrieb der Copist unbekümmert um den Zusammen- 
hang die Verse ab. Wenn sich die Gesammtzahl derselben nicht ganz 
genau zu 36 auf die Seite vertheilen lässt (und auf diese Ziffer weist 
das Stück 671 — 958, von dem bei der Beconstruction der Handschrift 
offenbar auszugehn ist, allerdings hin), so erklärt sich das wohl bei 
der geringen Zahl überschüssiger Verse aus einem ja auch sonst nicht 
unerhörten Schwanken der auf eine Seite fallenden Verszahl, wenn 
die Verszeilen überhaupt abgesetzt waren, was nach dem V. 11 be- 
merkten Fehler bezweifelt werden darf. 

Unter dieser Voraussetzung fallt die Annahme einer Überarbeitung 
von selbst weg. 

Die bairische Heimat aber unseres Gedichtes (S. 519 f.) ist 
möglich, ja sie mag durch die nachgewiesene Benutzung des Mai eine 
gewisse Wahrscheinlichkeit gewinnen, aber sicher ist sie nicht: denn 
weder sind die aufgeführten Reime ausschließlich bairisch-österreichisch 
(ja für ein bairisch-österreichisches Gedicht aus dieser Zeit ist es sogar 
auffallend, daß kein ei u. ou f. t, f2 erscheint), noch ist es undenkbar, 
daß Mai auch von einem nicht bairisch-öslerreichischen Dichter nach- 
geahmt worden sein könne. 

PRAG im October 1874. 



ZU DEN MURBACHER HYMNEN. 



Auch die neue Ausgabe der althochdeutschen Hymnenübersetzung *) 
lässt eine von Jacob Grimm in seiner Edition S. 5 nur kurz berührte 
merkwürdige Erscheinung ohne genauere Untersuchung. Grimm, der 

sich über die Sache bekanntlich so äußerte : interdum monacho 

duhitatio hcesisse videtur de vera verbi latini significatione ideoque duobus 
illam theoti8ci8 attingere studuit, quorum fosteritia uncis inclusi — hat 
die betreffenden Stellen des Textes wenn auch nur in äußerlicher Weise 



*) Von Ed. Sievers: Die Mnrbacher Hymnen, Halle 1874. — In Bezng auf den 
Text beiläufig folgendes : XV, 6, 4 entspricht dem deutseben Texte und wie mir scheint 
auch dem Sinne besser die von Qrimm gegebene Fassung des lat. Textes vigilve tenaus 
»amniet, die auch bei Daniel I, 42 als Variante steht. XXVI, 14 war wohl in beiden 
Fällen die Lücke der Hs. durch kina auszufüllen, da der Umstand, daß bei kinädSn 
der Gen. bisher nicht sicher belegt scheint, wohl nur zufällig ist, für kinädon c. Gen. 
OEBMANfA Nene Reih« YIII. (XX.) Juhrg. 6 



iiuriiffr:: Si^3i*iu»: JLiBie»«*' Jtafc 'C«rvsL •&» 1\tmwae^itMwmt 
Süaüttimiii«. Tnit unr <fi«r fenxaüni» frifr^ suidi; ji^ g iU^wwrfSW*' 




1/4 M, iv wmfcäm tes^rSsiAL WrrrsTvqH 4» Ü%«n«tKiR ä 
i?«» tiinn'»i"Ä T.*t^i:iL ■*ni»»i!i»?r Ss^Ssi >iii*ä. sö^ -täii» WcDfeena 
kfüra. -Wirt *nj* r«*KP» B«r*i?tt!ro;r Sw ^'rr» ?-i FMIr. <& idk 

? I. 4. H i rr* = rÄt iftBsftt — Vji. K. 4 k^ö» = 
T FL L4 par-^if = f^räht. «t/indhÜL 



KÜl m. «. 4 f f: irsfiai = 'flfoMi. boM^OL — YfL Y. 4. S finiritB = 

Jl- rV, 3-4 r*T*:ct4kEf = OJrflF fr«»99*til eiy*ir fmarndL 

13 V. 2. 2 t::->r = *»«; "cJfe. VzL ID. 2. 2 Eihope = tamim. cJcne. 

14- ^T 3. 2 |>*r = «fer. dMindL 

L> VTTI. 5. 2 !i!T2«leamTis ^ «puifSlim*. tastor^H. 

1^ XV. 2. 3 «Jam = wusi, demm^, 

17^ XVIU. 3. 1 pndicitiae = lMiA/a3f?iti. a^k*\ 

m XIX. 6.3 in ^alilea = ni gaüilea, » hmcimisae. — VgL 8. 2 in 



1|A4 firrtft n, 1030 B<ifpMe. ^ Zu TL C 1 hixte beaMfkt werden B^fca. difi & n 
A«|/mf i^nBRcr fllisccfc«!« I>e«ccff adm£or Y^ Duiel I. 6S seh roi^ndct. — Bei 
TW. 3. 3 ifft w^frr 4«r Ul ik<Ii der dectfcbe Text pecicl^eTt. letzterer ftkrt aaf «aar 

^ Dvffa man^fth S. ^ im Art. «n«« der Hinireif anf £e sa^ 8. 71 n Art. 
€4» lelbl«bd« Fora cIce« OIL 2. S-. 

*, ViifcllMelrt ift doch apanaf<>?M zn besveriL 

*; leb erfim« heOaymi^ das za den renrandten Fonnen keSof^ nnd -flto b«i 
Oraff IV, Vm fftnaaien würde. ^ Bez. des zweifelhaften IsWriA .IXIL 1. S), daa 
Crrifmn xn iadern rerzneliteiv ma^ an da« gleichlautende Nom. propr. erinnert 
da« ITraff woU mit Recht vrter ^«ri pettellt hat: ^mevih alio = lerrve 
dann nur fo riel als r t ff im m oder frMrMpA«r. 



zu DEN MURBACHER HYMNEN. 83 

19) XXy 1; 4 probrosa = itunzltcho, unchtiseo. 

20) XXIII, 4, 4 hostem = hei% ßant. 

21) XXIV, 3, 3 form am = kiUhnüsa, pilidu 

22) XXVI, 1, 4 veneratur = wirdü, $rit. 

23) XXVI, 7, 1 devicto ^ kefnhtemo, vbartounnomo. 

Auch könnte man als 24) aus II, 5, 4 potens = maktiger, ma- 
ganttu noch dazu rechnen. — Der Umstand, daß in den ersten Hym- 
nen die meisten Doppelversionen begegnen , mag als ein zufUliger 
gelten dilrfen, da H. I — XXI von einer Hand geschrieben sind; auch 
möchte ich darauf, daß die zweite Glosse mehrfach theils am Rande 
(so 11. 15. 17. 23), theils oberhalb der ersten Glosse (14. 19) oder 
unter dem lat Worte (IH, 2, 2) nachgetragen ist, kein besonderes 
Gewicht legen. 

Doch erhellt aus dem Angeführten zur Genüge, daß die Doppel- 
versionen nicht etwa auf bloße Schreiberlaune zurttckzuftlhren sind, 
Flüchtigkeiten in der Übertragimg sind ganz vereinzelt ^), auch die Fälle 
in denen die zweite Version als Berichtigung der frühem erscheinen 
könnte, nur Ausnahme*). Vielmehr ist trotz einiger Verstöße, die dem 
Latinisten des 19. Jhs. freilich als etwas grobe Soloecismen auffallen 
mögen, die Version im Ganzen nicht nur wortgetreu, sondern zeigt 
ein Vermögen, das sich als eine wenn auch noch ungewohnte Gewalt 
über die Sprache bezeichnen lässt. Es zeigt sich diese namentlich in 
dem Bestreben, selbst die biblischen Fremdworte so weit als irgend 
möglich in Laut- und Begriffsform der Muttersprache zu übertragen, 
und in Bezug auf diesen Patriotismus übertreffen die Hymnen wohl 
jedes andere ahd. Denkmal''). 

Ein Schwanken in Betreff der wahren Bedeutimg des lat. Wortes 
tritt fast nirgend zu Tage®) — sollte auch ein Reichenauer oder Mur- 



*) So wenn XVI, 3, 2 nee hotüa durch nee hottit fibersetst wird, vgl Sievers 
KU der Stelle. 

*) Dieß ist namentlich der Fall mit N. 24, dagegen ist N. 14 die zweite Glosse 
nur genauer , nicht eigentlich besser, Über 16 entscheide ich nicht. 

^ Es ist darauf zuerst ron Grimm, dann auch von R. v. Ranmer (Einwirkung 
des Christenthums auf die ahd. Sprache S. 340 ff.) gelegentlich hingewiesen. Am auf- 
fälligsten ist die Obersetzung von otoiwia durch kahaU , vgL auch XIX, 8, 2. Ähn- 
lich wie im Tatian (s. Raumer S. 366) wird Jetut mehrfach durch JieUant fibersetst, 

(vgL heilant in Sievers Index), und XXIII, 1, 8 ist wohl auch heÜanU ans e te 

■u machen. 

*) Es ist wohl nur N. 8 hier anzuziehen, wo gemäß der Doppelbedeutung des 
lat. radius = Strahl und = Radspeiche sich auch eine Version findet, die zwischen 
beiden Bedeutungen die Wahl lässt; aber die entere bleibt wohl vorzuziehen. 



84 K. BART8CU, ABSCHRII-T VON HARTMANNS IWEIN. 

bacher Mönch des VIII. bis IX. Jh. über den Sinn von hartg, tpiräua, 
per n. s. w. im Halbdunkel gewesen sein? 

Abgesehen von dem Bestreben, dem Sinne des lat Wortes durch 
die zweite Glosse noch näher zu rücken, vgl. 3) 7) 13) 14) 20) — wird 
wohl auch die Erwägung, im Veralten begriffene Wortformen durch 
geläufigere zu ersetzen, für das Verfahren des Glossators') maßgebend 
gewesen sein. Nach dieser Seite hin verdienen 5) 10) 11) 23) — viel- 
leicht auch 2) 9) 16) 17) 19) 21) Beachtung. — Was den Wechael 
von poto und chundo betrifft (1), so ist zu bedenken, daß poto aich 
mit der Zeit als übliche Version von apostolus festsetzte, und so noch 
im Mhd. namentlich als Comp, zwelfbote üblich ist, während für angehu 
vor dem völligen Durchdringen der entlehnten Form angil, engä neben 
dem freilich auch hier giltigen poto sich chundäri (= chundo) z. B. bei 
Notker wechselnd gebraucht findet, vgl. Raumer a. a. O. S. 379. — 
Von Interesse ist schließlich (12) die doppelte Übersetzung von cb- 
peUitur, wie denn überhaupt für den noch nicht fest geregelten Gebrauch 
der Hilfsverben weaan und werdan, deren ersteres aber auch ftbr das 
lat. manere eintritt *"), die Hymnen sehr lehrreiche Belege bieten, wor- 
über man sich nun leicht aus dem Sieverschen Index orientiert, und 
die schon von Grimm Gr. IV, 12, 13 gemachte Bemerkung, daß in 
den ältesten ahd. Denkmälern wesan vorherrscht, weiter belegt findet 

E. WILKEN. 



ABSCHRIFT VON HARTMANNS IWEIN. 



Eine Abschrift des hartmannischen Iwein vom J. 1521 befindet 
sich in der Stadtbibliothek zu Lindau unter der Bezeichnung P U 62; 
sie ist citiert in Pertz' Archiv 9, 587 und im Anzeiger ftlr Kunde der 
deutschen Vorzeit 1872, Sp. 368. Zu untersuchen wäre ob sie aus einer 
der uns erhaltenen älteren Handschriften geflossen ist oder nicht 

K. BARTSCH. 



*) Ob eine ältere Arbeit ron jüngeren Händen revidiert wurde, oder denalbe 
Aator sich selbst corrifi^ierte, ist nebensächlich. 

**) Da{c<'gen tritt pilihan fQr remanere im Sinne des fehlerhaften Zurflckbleibent 
oder des Nachlassens (un/Alihantich =: tncesaabüü) ein, während das Wort im Behwe- 
dischen and Dänischen {bli/va, blifve) den Sinn von toerden angenommen hat, and 
also wenn man noch das nhd. bleiben = manere in Anschlag bringt, einen meikwflrdig 
verschiedenen Qebranch aufweist. 



UTTERATUR: HEINZEL, OESCHICHTE DER NFR GESCHÄFTSSPRACHE. 85 



LITTERATÜR. 



Oesohiolite der DiederfränkisclieD Oesohäftsspraolie von Richard Heinzel. 

Paderborn (Schöningb) 1874. 464 S. 8. 

Unter niederfränkischer Gescbäftssprache verstebt der Verf. den Dialekt 
der fränkiscben und benachbarten Canzleien von Mainz abwärts bis in die 
Niederlande, insofern er mindestens noch v für b oder t für z in Pronominal- 
formen anch außer dit aufweist, und andererseits nicht ndl. ist'. Die Urkunden 
dieses Gebietes sind mit größerer Vollständigkeit publiciert, als leider die der 
meisten übrigen Gegenden Deutschlands, und die darin auftretenden Dialekte 
bieten ein hervorragendes Interesse, weil sie verschiedene Zwischenstufen zwischen 
hoch- und niederdeutsch repräsentieren. Eine Verarbeitung des vorhandenen 
Materials muß daher sehr willkommen sein, und der Verf. hat dieselbe mit 
großem Fleiße und großer Genauigkeit unternommen. Er unterscheidet auf dem 
Gebiete eilf verschiedene Typen, wie er es nennt, die zum Theil wieder in 
Unterabtheilungen zerlegt werden. Für jede Abtheilung gibt er ein Verzeichniss 
der Quellen, darauf eine Beschreibung, d. h. eine vollständige Zusammenstellung 
der vorkommenden Schreibweisen und aus den ältesten Quellen auch der 
Declinationsformen ; dann folgt eine allgemeine Charakteristik und eine Über- 
sicht über die geographische Verbreitung. Dazwischen sind größere oder kleinere 
Ezcurse über verschiedene Fragen eingestreut. Über das eigentliche Wesen 
dieser Typen spricht sieh der Verf. nirgends deutlich aus, aber man erkennt 
aus der ganzen Behandlung, daß er sie als etwas von den gesprochenen Mund- 
arten verschiedenes, gewissermaßen als Schriftsprachen für ein bestimmtes 
kleines Gebiet auffasst. Die Anwendung dieser Typen ist nach H. nicht in be- 
stimmte dauernde Gränzen eingeschlossen. Ihr Gebiet kann sich erweitem und 
verengen; es kann derselbe Typus auf verschiedenen Gebieten und verschiedene 
Typen auf demselben Gebiete auftreten. Diese von der Mundart losgelösten 
Canzleisprachen sollen schon bestanden haben, als die ältesten lateinischen Ur- 
kunden und Rechtsbücher aufgesetzt wurden. Ihre Existenz wird als selbstver- 
ständlich vorausgesetzt. Dieselbe zu erweisen, zu zeigen, durch welche Umstände 
sie sich gebildet haben, hat H. nirgends versucht. Seine Anschauungen beruhen 
meiner Überzeugung nach auf einer unrichtigen Auffassung des Verhältnisses 
von Schriftsprache und Mundart Das Bestehen einer Schriftsprache ist nicht 
so selbstverständlich wie das der Mundart. Jede natürliche Sprachentwieklung 
führt nur zu einer fortwährenden Steigerung der dialektischen Verschieden- 
heiten. Die Schriftsprache entsteht nur durch bewusstes Aufgeben des Natür- 
lichen, durch einen gewaltsamen Zwang, den der Einzelne sich nicht zu seinem 
Vergnügen auferlegt, sondern wozu ihn nur ein wirkliches Bedürfniss veran- 
lasst. Dieß Bedürfniss kann aber nur darauf beruhen, daß er mit der Mund- 
art sich nicht verständlich machen kann. Es besteht nur für den großen Ver- 
kehr, der über ein weites Gebiet sich erstreckt, aber nicht für kleine Terri- 
torien, innerhalb deren die sprachlichen Unterschiede so gering sind, daß das 
gegenseitige Verständniss dadurch nicht behindert ist. Aber gerade für solche 



86 LITTERATUR : HEINZEL, GESCHICHTE DER NFR. OBSCHi FT8BPRACHB. 

nimmt H. besondere Canzleisprachen an. Es gehört ferner doch Zeit nnd Übung 
dazn, ehe eine Gemeinsprache sich fixieren nnd über die Mundarten erheboi 
kann. Wie soll aber die dQrftige Anwendung ron Eigennamen nnd einigen Ter- 
einzelten deutschen Wörtern in lateinischen Urkunden dazu genügen^ wenn man 
auch vielleicbt für die spatere Zeit die Möglichkeiten zugeben mag? Wenn nno 
wenigstens Heinzeis Typen sich als einheitliche und von einander deutlieh ge- 
schiedene Idiome darstellten ! Aber keineswegs. Er muß Unterabtheilungen, Spiel- 
arten unterscheiden, die nach einer Seite von ihrem Typus abweichen und die 
rerschiedene Typen mit einander Terbindeui und muß schließlich bei der Ein- 
reibung der einzelnen Urkunden doch mit einer gewissen Willkür Terfiahren. 
Man Tergleiche z. B. die Bemerkung Si 285 unten: 'Sobald ein Denkmal aueh 
nur ein uf zeigt, habe ich es zu YI gerechnet. Nur ein upk schien mir, wenn 
andere Umstände dafür sprachen, den Charakter Ton IV nicht zu Terindem. 
Damit ist also doch zugegeben, daß diese Tjpen mehr oder minder passend, 
aber immerhin nicht ohne Willkür unterschieden sind, daß sich recht wohl eine 
Eintheilung in mehr oder weniger Typen und anders gezogen denken ließei daß 
also in Wirklichkeit in der Canzleisprache dieselbe Continuität, derselbe all- 
mähliche Übergang Ton einer Sprachgestaltung in die andere stattfindet wie in 
der Volksmundart, was die Vermuthung nahe legt, daß die Canzleisprache nichts 
anderes ist als Volksmundart. Jedenfalls ist man berechtigt den Nachweis der 
Verschiedenheit zu verlangen. Dazu war es nöthig die neueren Mundarten, da- 
neben auch die Reime der älteren Dichter zur Vergleichung heranzuziehen. Da 
diese von Heinzel ganz bei Seite gelassen sind, so müssen wir ihm überhaupt 
das Recht absprechen über das Verhältniss von Canzleisprache und Mundart an 
urtheilen. Mindestens ist das Urtheil unmotiTiert, da die einzigen zu €lebote 
stehenden Kriterien nicht benutzt sind. H. konnte überhaupt nach der Be- 
schränkung, die er sich auferlegt hatte, wesentlich nur eine Materialiensammlung 
liefern. Denn es war auch nicht möglich, ohne neuere Mundart und Reim eine 
genügende Feststellung der Aussprache, eine eigentliche Lautlehre au geben. 
Ungefähr das nämliche Dialektgebiet wie H. hat gleichzeitig behandelt 
W. Braune in den Beiträgen zur Gesch. der deutschen Sprache u. Lit. I, !• 
Hier werden neben den Urkunden auch die neueren Mundarten behandelt. 
Braune geht dabei von der Voraussetzung aus, daß die Sprache in den Ur- 
kunden den heimischen Dialekt der Schreiber darstellt. Er geräth bei dieser 
Ansicht in keinen Widerspruch mit den Thatsachen. Vielmehr ergibt sich die 
genaueste Übereinstimmung zwischen den heutigen Dialektgränzen und den 
Gkänzen der Urkundensprache. Daß H. diese Übereinstimmung verkannt ha^ 
liegt zum Theil daran, wie Braune in seiner Recension des Buches im Litter. 
Centralbl. 1874 no. 25 bemerkt hat, daß ihm nicht klar geworden ist, daß in 
der Regel derjenige die Urkunde ausstellen lässt, in dessen Vortheil das be- 
treffende Geschäft begründet ist Es hätte überhaupt zunächst von den rein 
localen Urkunden ausgegangen werden müssen, bei denen nur Personen der- 
selben Mundart betheilig^ sind. Bei diesen würde sich ergeben haben, daß die 
Sprache stets zu der betreffenden Mundart stimmt Dann würde sich auch weiter 
ergeben haben, daß in Urkunden, die sich auf verschiedenredende Personen be- 
ziehen, immer die Sprache der einen Partei erscheint, daß es also keine Ge- 
meinsprache für den Verkehr gab. 



MTTERATUB : HEINZEL, OESCHICHTE DER NFR. GE8CHÄPT8SPBACHE. 87 

H. hat Braunes Arbeit mit Rücksicht auf seine eigene besprochen in 
einer Becension der Beiträge Zeitschr. f. d. östr. Gjmn. 1874, S. 163 ff. Er 
hat darin manches eingeräumt , sucht aber doch im Wesentlichen seine An- 
sichten aufrecht £U erhalten. Bedauerlich scheint mir besonders seine Polemik 
g^^n Braunes äußerst zweckmäßige Eintheiiung der fränkischen Dialekte in 
Nieder-, Mittel-, Sud- und Ostfränkisch, deren allgemeine Einfuhrung äußerst 
wünschenswerth wäre. H. wendet zunächst ein, daß MüUenbofis Eintheiiung 
schon zu sehr eingebürgert sei, als daß man sie gegen eine andere Tertauschen 
kSnnte. Aber das ist wohl in dem Maße nur in dem engem Schülerkreise der 
Fall. Aber wenn man sich auch schon viel mehr in dieselbe eingelebt hätte, 
so müsste sie doch aufgegeben werden, weil Müllenhoffs Abgränzung des Süd- 
Mnkischen auf einem unwesentlichen und nach kurzer Zeit wieder Terschwin- 
denden Unterschiede beruht, während im Rheinfränkischen durch ihren Con- 
•onantenstand scharf und dauernd geschiedene Mundarten zusammengeworfen 
werden. H. weicht ja selbst von Müllenhoffs Eintheiiung und Terminologie ab. 
Sein Niederfränkisch umfasst Müllenhoffs Nieder- und Rheinfränkisch. Es ist 
ein ganz haltloser Begriff. Einerseits wird das Niederländische Ton der mit ihm 
auf einer Consonantenstufe stehenden Mundart von Geldern, Cleve und Mors 
lotgerissen, andererseits beruht auch die Südgränze auf gar keinem klaren 
Kriterium. Auffallend ist Heinzels Opposition gegen die Scheidung von Nieder- 
und Mittelfränkisch, die er nicht als gleichberechtigt der von Mittel- und Süd- 
fränkisch anerkennen will. Die Scheidung muß doch gemacht werden, wenn wir 
überhaupt eine Scheidung von Nieder- und Mitteldeutsch machen, mit der sie 
xusammeufällt. Die Verschiedenheiten innerhalb des mittelfränkiscben Gebietes, 
auf die H. aufmerksam macht, den allmählichen Übergang in das Südfränkische 
wird auch Braune zugeben. Aber das kann eben nirgends anders sein. Die Mund- 
arten hangen überall continuierlich zusammen. Nie wird ein Sprung gemacht. 
Unsere Eintheiiung ist jedesmal willkürlich, aber wir bedürfen einer solchen aus 
praktischen Gründen und müssen sie so zweckmäßig als möglich einrichten. 
Es hindert ja nichts das Mittelfränkische in weitere Unterabtheilungen, be- 
sonders in zwei Hauptgruppen zu sondern, die auch von Braune angezeigt sind. 

Unter den von H. eingestreuten Excursen ragen zwei durch Umfang und 
Bedeutung des behandelten Gegenstandes hervor: über die westgermanischen 
Yocale 46 — 90 und über die Lautverschiebung' 115 — 179. Leider kann ich 
seinen Ansichten nur in wenigen Stücken beipflichten. H. leidet an einer Nei- 
gung zur Künstelei, die das natürlich sich darbietende verschmäht, überall nach 
absonderlicher und gesuchter Deutung hascht. Bei diesen beiden Untersuchungen 
folgt er unverkennbar dem Muster Scherers, von dem er indeß mehrfach ab- 
weicht. So ist sein Excurs über die Vocale eine Ausführung der von Scherer 
z. Gesch. S. 126 ausgesprochenen Ansicht, daß der Hochton die Wirkung habe 
den Eigenton des Vocals zu erhöhen, also eine Yeränderung in der Richtung 
— u — a — t hervorzubringen. Mit Hülfe dieses Grundsatzes sucht er das Verhält- 
niss von i zu t, o zu u, d zu ij auch die Contraction von Diphthongen und 
die Diphthongisierung von langen Vocalen zu erklären. Es ist nun zunächst 
zweifelhaft, ob für den germanischen Accent eine Erhöhung des Stimmtons und 
nicht vielmehr bloß eine größere Energie der Hervorbringung wesentiich ge- 
wesen ist. Die vollständige Haltlosigkeit der Hypothese zeigt aber folgende 
Überlegung. Erstens finden sich ähnliche Vocalveränderungen auch in den übrigen 



88 LITTERATUR : HEIXZEL, GESCHICHTE DER NFR- GESCHÄFTSSPRACHE. 

europä'schen Sprachen, olme «laß, abgesehen \oi der Diphthongisienmg, der Ton 
auf den betrofffuen Silben ruht. Die Verwandlung des a zu e, die doeh auch 
auf Erhöhung des Eigen tons beruht, ist in den meisten Fällen gemeineuropäisch. 
Sie findet sich gerade in einer Anrj&hl von Verben, die im litauischen, wo die 
ursprünglichen Accentverhältnisse am getreuesten bewahrt sind, den Ton anf 
der Endung haben z. B. lesü (= got. lisa), metu (= lat. mitto), vM (^ Ut. 
who^ got. viya). Dieses e erhöht sich weiter im lit häufig zu i z. B. iriü 
(rüder Cy Würz, ar)^ $kiriü (sondere, Würz. $kar) ; es wechselt e und t im praes. 
und praet. z. B. hredü^ brtdaü (wate), kertü, Hrtaü (haue). Ebenso wird im 
slaw. e in t verwandelt, welches stats accentlos ist und ausgestossen werden 
kann z. B. mirqj tnrq (morior), aürq^ $trq (stemo), und mit Wechsel berq (fero), 
blra*hü^ hraehü, inf. blrati^ hrati. Wenn man also einen Einfluß des Accents 
annehmen will, so kann dieser nur darin bestehen, daß die Tonlosigkeit das 
a zu e und weiter zu t treibt. Zweitens aber finden sich die von Heinzel anf 
Rechnung des Accents gebrachten Vocalyeranderungen , wieder mit Ausnahme 
der Diphthongisierung, gerade so wie in den Wurzelsilben auch in den Ab- 
theilungs- und Flezionssilben, und in proklitischen Partikeln. So geht a durcJi 
e zu t über in dageSy dagis, nimUf nimip*), mnjus aus «imtva«, sunive, kiminM^ 
katiUj agifj aggvipCL, salipva, in, ahd. ga., ge-, gi-, ta-, ze-, zi-. Langes ä wird 
zu ^ in diigSj hancmL Vollends die Contraction von ai und au ist gerade in 
den Endsilben auch im ahd. und selbst altn. consequent durchgeführt. Was 
braucht es also zur Erklärung dieser Erscheinungen des Accentes? Dieß galis 
unnöthigc Erklärungsmittel steht aber sogar mit den Thatsachen im Widerspruch, 
den U. trotz aller künstlichen Mittel nicht zu beseitigen veimag. Er nimmt an, 
um sein Princip zu retten, daß aus a entstandenes o schon gemeingermanisch 
durchgängig zu ti geworden sei, nicht ebenso e zu t. Hierfür könnte allerdings 
die verschiedene Behandlung von indog. i und u in den nichtgotischen Dia- 
lekten sprechen. Aber es finden sich doch auch eine Anzahl von H. selbst S. 46 
aufgezählter t, die gerade wie tf dem Einfluß eines folgenden o, (e, o) erliegen 
ganz gegen das Princip der Tonerhöhung. Im übrigen widerspricht dieser An- 
nahme Ueinzels und überhaupt seinem ganzen Principe das in den germanischen 
Sprachen durchgehende analoge Verhalten von f , t zu a und o, ti zu o, welches 
sich auch in der ahd. Diphthongisierung von i zu ia, »e und o zu uQj uo ond 
in der Verwandlung von ai und au in et und au zeigt. H. müsste ferner den 
Übergang des o in ti in eine Zeit zurückschieben, in welcher das germanische 
Accentuationsgesets noch nicht durchgedrungen war und annehmen, daß die 
Wurzelsilben, in welchen derselbe eintrat, ursprünglich sämmtlich unbetont ge- 
wesen seien y wofür man doch wohl einen Beweis fordern dürfte. — Absolut 
verfehlt scheint mir femer die Aufstellung einer gotisch-fränkischen Sprach- 
gruppe, die in Bezug auf Vocalismus sich von den übrigen Stämmen absondern 
Holl (S. 61). Weder sind die verschiedenen Punkte von Übereinstimmung, die 
H. auffuhrt, allen zu der Gruppe gerechneten Stämmen gemein, wie er zum 



^ Mit Heinzel anzunehmen, daß msu*, nimip aus nimasi, nimapi dnrch 
milation an das Schloß-t entstanden seien» verbietet der Umstand, dai> nimip auch in 
der H. plar eintritt, wo ein a abgefallen ist. überhanpt wurde das a nicht unmittelbar 
zu t, sondern zunächst zu e übereinstimmend in allen indogermanischen Sprachen. Das 
lit xet^ allerdings a in der IL plur. und HI. sing. Dieß beruht aber wohl auf späterer 
Assimilation an d^e übrigen Personen gerade wie ahd. nemat. 



LITTERATÜR: HEINZEL, GESCmCHTE DER NFR. GESCHÄFTSSPRACHE. 89 

Thdl selbst zugibt, noch ist erweislich, daß sie sich dadnrch von den übrigen 
sondern. Die Gruppe soll sämmtliche mit den Römern in Berührung gekommenen 
Völkerschaften umfassen. Wenn dieselbe nun in ihren ältesten Denkmälern, in 
Eigennamen und vereinzelten Wörtern bei lateinischen Schriftstellern gemein- 
same Eigenthümlichkeiten zeigt, die sich bei den andern Stämmen nicht nach- 
weisen lassen, so liegt das einfach daran, daß wir von der Sprache der letzteren 
gar keine oder nur höchst spärliche Denkmale haben eben wegen der mangelnden 
Berührung mit den Römern. Die aufgeführten Eigenheiten lassen sich aber fast 
alle in andern Dialekten wirklich nachweisen. So ist Empfindlichkeit der Vocale 
für consonantische Einflüsse doch in viel höherm Grade als dem fränk., dem 
ags. (kmd^ eaforoy feallan, svearf^ meaht, ceorl) und altn. (bjarga^ hjäfpa, koniingr) 
eigen. Rückkehr von i zu d, die übrigens im got. nicht nachweisbar ist, hat 
wahrscheinlich bei allen germanischen Stämmen, die nicht frühzeitig genug 
untergegangen sind, stattgefunden. Über die Alamannen vgl. Jacobi, Beitr. 111; 
sehen der Name Suevi ist Beweis. Reste des e im alts. sind gSr, uuig, bidi 
etc. ef. Hejne, alts. Gramm. §.5; im ags. cvhi^ ven, mict^ cv^man Noch viel 
sahlreicher sind sie im altfr. jir^ mfl, jH'on etc. Nur im altn. ist keine Spur 
daTon, und für dieses mag es zweifelhaft bleiben, ob jemals das d dem i an- 
genähert gewesen ist. Doch ließe sich auch aus der Vergleichung der ver- 
wandten Sprachen wahrscheinlich machon, daß i oder wenigstens ein Mittellaut 
zwischen d und e gemeingermanisch gewesen ist. Ferner fu, euua, treuua sind 
gmos gewöhnlich in der vordem Partie des Hei. im Mon. Noch weniger können 
die nnter nr. 1 — 7 (S. 67 ff.) angeführten Erscheinungen als specifische Eigen- 
thümlichkeiten der Gruppe angeführt werden, was eigentlich für den Unbefangenen 
80 auf der Hand Hegt, daß es Raumverschwendung wäre es noch weiter aus- 
raführen. Was soll also die Aufstellung dieser Gruppe? 

Nicht so ganz durchgängig, wiewohl auch zum großen Theil verfehlt 
scheint mir der Excurs über die Lautverschiebung. Derselbe berührt sich viel- 
fach mit den Arbeiten von Braune, ßeitiäge I, 43 ff. und 513 ff. und von mir 
ib. 147 ff. H. hat seine Aufstellungen später gegen die abweichenden Ansichten 
▼on Braune und mir zu rechtfertigen gesucht in der oben erwähnten Rccension 
der Beiträge. Zunächst über einen principiellen Gegensatz der beiderseitigen 
Anschanungen spricht er sich dort (S. 178) folgendermaßen aus: Was dem 
Aufsatz schadet, scheint mir die physiologische Methode zu sein; Paul vernach- 
lässig^ gänzlich die ControUe, unter welcher das Ohr die gesprochene Sprache 
hält nnd gegen zugemuthcte Lautändorungen schützt. Allerdings besteht eine 
solche Controlle, welche jeden plötzlichen, sofort deutlich ins Gehör fallenden 
Lautwandel verhindert. Ich habe von derselben nirgends gesprochen, aber ich 
wüsste nicht, wo ich gegen die Gesetze derselben sollte Verstössen haben. Bei 
allen von mir angenommenen Lautverändrrungen sind continuierlichc Übergänge 
möglich. Die einzige darunter, die nicht auch Heinzel annimmt, ist der Über- 
gang von Reibelaut in homorganen Verschlußlaut ohne Vermittel ung einer Af- 
fricata. Daß dieser nicht gegen das Gesetz der Continuität verstösst, ist doch 
wohl klar. Denn von der größten Weite, bei der noch ein Consonant ertönt, 
bis zum völligen Verschluße giebt es unendlich viele Abstufungen, und ebenso 
giebt es unendliche viele Grade der Verkürzung des Dauerlautes bis zum Moment. 
Und alle diese Zwischenstufen der Articulation sind auch Zwischenstufen für 
den akustischen Eindruck. Der Vorwurf, den mir H. machen kann, kann also 



90 LTTTERATUB : HEINZEL, GESCHICHTE DER NFR. QESCHiFTSSPRACHS. 

nur der sein, daß ich neben der ControUe des Ohres aach noch die physio- 
logische Schwierigkeit berücksichtigt habe, daß ich nicht jeden Lantfibergang 
för möglich und wahrscheinlich halte, wenn nur der Abstand von dem arsprSng- 
liehen Laute nicht lu sehr ins G^hör fällt, gleichviel ob er nach allgemeinen 
lautphysiologischen Gesetsen oder nach den sonstigen Beobachtungen, die wir 
über die speciellen Eigenthümlichkeiten eines Volkes machen können, wahr- 
scheinlich ist oder nicht. Diesen Vorwurf will ich mir gern gefallen lassen. 
Kaum begreiflich ist es, wie mir die physiologische Methode , nicht bloß die 
falsche Anwendung derselben zum Vorwurf gemacht wird, da doch aller Fort- 
schritt, den die Lautlehre in neuerer Zeit gemacht hat, darauf beruht. Dia 
Laute unterliegen als physische Erzeugnisse wesentlich nur physischen Gresetzen, 
gerade so wie Wortbedeutung, Ableitung, Flexion und Syntax psychologischen. 
Es kommen dabei einige psychologische Momente allgemeinster Art in Betracht, 
insofern z, B. die nach vorwärts wirkende Assimilation nicht durch den go- 
sprochenen Laut selbst, sondern durch die Vorstellung des zu sprechenden 
Lautes bewirkt wird, oder insofern Schnelligkeit des Sprechens, die wieder mit 
Schnelligkeit des Denkens zusammenhängt, Assimilation und Abschleifung der 
Endungen befördert. Aber bewusste Tendenzen, wie sie H. annimmt, wirken 
bei der Lautveränderung nicht. Eis ist vor allem in der natürlichen Sprache 
keine Vorstellung von dem Lantsysteme vorhanden, wie wir Grammatiker sie 
haben. 

H. Irifit zusammen mit Braune in der gelungenen Widerlegung von 
Scherers Ansicht, daß got. Tenues sich im ahd. unmittelbar zu Reibelauten, 
nicht durch Affiricaten hindurch verschoben hätten, mit mir in der Annahme, 
daß die got. Medien und im Allgemeinen auch die denselben entsprechenden 
Laute in den nicht von der hochdeutschen Verschiebung betroffenen Dialekten 
wenigstens im Inlaut einen andern Lautwerth repräsentieren, als wir mit den 
Zeichen des lateinischen Alphabetes, durch welche wir sie wiedergeben, sonst 
zu verbinden gewohnt sind, und daß in diesen abweichenden Lautwerthen eine 
ältere Stufe erhalten ist. Unsere Ansiebten gehen aber darin auseinander, daß 
er dafür wenigstens ursprünglich Medialaffricaten annimmt, ich dagegen bereits 
gemeingermanisch einfache weiche Reibelaute. H. hält in der Recension an 
seiner Ansicht fest und sucht sie genauer zu begründen (S. 180 ff.). Bei ihm 
wie früher bei Scherer ist die Annahme von Affricaten wesentlich veranlasst 
durch den unläugbaren Übergang der fraglichen Laute in Verschlußlaute, die 
sie beide immer nur zunächst aus Affricata, nicht aus Reibelaut entstehen 
lassen wollen. Dabei ist maßgebend für sie gewesen die Analogie des engli- 
schen thy welches gegenwärtig in der Sprache der Gebildeten offenbar im Über- 
gang zum Verschlußlaut begriffen ist, während die Dialekte diesen Übergang 
zum großen Theil schon vollständig vollzogen haben. Aber die Auffassung des 
Übergangslautes als Affricata ist eben falsch, wie ich Beitr. I, 189 bemerkt 
habe. Er ist vielmehr ein durchaus einfacher Reibelaut, sehr kurz und mit 
starker Verengung der Articulationsstelle gesprochen, wofür gelegentlich auch 
schon wirklicher Verschlußlaut ertönt, fl. geht darüber in der Recension S. 184 
etwas leicht hinweg: ^Die englische Analogie soll durch Sievers Beobachtungen 
hinweggeschafit sein« In wie fem das richtig ist, kann ich nicht beurtheilen* 
Dem muß ich entgegenhalten: es ist richtig, festgestellt durch zuverlässige Be- 
obachtungen, deren Greltung dadurch nicht entkräftet wird, daß sie H. gerade 



UTTElRkTÜR HEINZBL, GESCHICHTE DER NFB GESCHÄFTSSPRACHE. 91 

nicht Dachprnfen kann. Damit wird aber die englische Analogie nicht bloß fQr 
Heinsels Annahme beseitigt, sondern für die meinige gewonnen. Es nothigt ans 
fiberhaapt nichts mehr Affricaten anzunehmen, wir verwickeln ans im Gegen- 
theil dadurch bloß in annöthige Schwierigkeiten. Znm Theil gibt H. selbst ein- 
fkche Reibelaute su. Wo er aber Affricaten annimmt, können die dafür vorge- 
brachten Gründe mit demselben oder mit besserem Rechte für den soeben be- 
•chriebenen Ubergangslaut geltend gemacht werden. So das Schwanken zwischen 
6 und V in der Wiedergabe des got. b. Außerdem ist zu beachten, daß lat. 
V labiodental war, daß also der labiolabiale got. Reibelaut, auch abgesehen 
TOn einer etwaigen Annäherung an den Verschlußlaut, zwischen lat. b und v 
in der Mitte stand. Daß durch b ein bloßer Reibelaut bezeichnet werden konnte, 
beweift am besten die Wiedergabe des got. Halbvocals v durch üb neben uv. 
Wenn H. fragt, wie die Afiricata im lat. anders hätte bezeichnet werden sollen 
als durch b oder o, so muß ich einfach antworten durch bv. Vollkommen un- 
begreiflich ist mir, wie H. Zeitschr. 182 behaupten kann, daß der Wechsel 
Ton Spirans und Media nur bei den Vertretungen von indog. k und t sich 
ftnde, während dem indog. p kein solcher Wechsel entspräche. Gerade hier 
tritt uns ja der Wechsel am lebendigsten entgegen (cMafrüf, »oMÖa, abuhj ubuh). 
Hier dürfen wir am allerwenigsten eine Erweichung von Tenuisaffricata in Me- 
dialsffiricata statuieren. Für got. g und d im Inlaut gibt H. reinspirantische 
Aassprache zu. Im Anlaut setzt er für alle drei Articulationsstellen Affiricata 
an« Er beruft sich dafür Zeitschr. 181 auf das alts. und ags., wo g auf j 
allitteriert Daraas zieht er den merkwürdigen Schluß, daß, da g\ g^ und j^ 
nach Bruches Bezeichnung für das Ohr zu weit abständen, man das alt«, ags. 
g als g^j^ ansetzen müsse, als ob es bei der Allitteration auf den zweiten Laut 
ankäme und nicht allein auf den ersten. Und da ihm die Verbindung g^^ mit 
Recht seltsam vorgekommen sein wird, so meint er, es sei wohl gar nicht die 
regelmäßige Aussprache gewesen, vielmehr habe die Aussprache zwischen g^j^ 
und ^V' geschwankt, zumal da Reime wie gumon : Josepe doch selten wären. 
Zanächst bemerke ich, daß, wenn diese Reime seltener sind als manche andere, 
dieß natürlich nicht anders sein kann, weil j seltener ist als andere Laute. Es 
allitteriert daher noch viel seltener auf ein anderes j als auf g. Ich habe für 
den Hei. nach Heynes Glossar die Reime durchgesehen, in welchen andere mit 
j beginnende Wöi-ter als Eigennamen und das sehr häufige jungaro vorkommen. 
Danach ergeben sich folgende Zahlenverhältnisse: es reimen drei j auf einander 
iweimal (1175. 2802), wobei immer der Name Johannes, 1175 auch Jacobus 
Torkommt, ein j auf ein anderes zweimal (859. 3258 jung : Jesus) y zwei j 
and ein g zweimal (735. 5296), ein j' und zwei oder ein g siebenzehnmal 
(80. 148. 949. 1117. 2192. 2466. 3278. 3309. 3469. 3472. 3498. 3613. 
4427. 4757. 5916. 5948. 5967). Es muß also unbedingt zugegeben werden, 
daß g und j für die Allitteration nicht unterschieden werden. Daraus würde 
man folgern, daß auch in der Aussprache gar kein Unterschied gewesen wäre, 
wenn nichts anderes dagegen spräche. Für einen Unterschied im alts. spricht 
nun allerdings, daß im allgemeinen j und g in der Schrift anterschieden werden. 
Aber allerdings findet sich g für j geschrieben vor i and e z. B. gihitj gir 
(immer im Mon.). Dagegen vor a, u wird statt dessen gi geschrieben gidmar^ 
giiudeo and im Inlaut zwischen Vocalen ge uudkogtandü Das beweist unzweifel- 
haft| daß g vor dunklen Vocalen anders gesprochen wurde als vor hellen. Denn 



92 LITTERATUR : HEINZEL, GESCHICHTE DER NFR. GESCHÄFTSSPRACHE. 

e, t sind doch offenbar wie im franz. and ital. aufzufassen als Zeichen, daß 
g nicht wie sonst vor dunklen Lauten, sondern wie vor hellen lu sprechen ist. 
Wir hätten also drei abweichende Laute, den des alten j^ den des g Yor hellen, 
den des g vor dunklen Vocalen. Unter diesen muß der zweite dem ersten näher 
stehen als der dritte und dem dritten näher als der erste, und alle zusammwi 
dürfen einander nicht zu fem stehen, da sie auf einander allitterieren und auch 
durch denselben Buchstaben bezeichnet werden können. Der Unterschied des zweiten 
und dritten muß durch die Qualität des nachfolgenden Vocals begründet werden. 
Ich wüsste nicht, wie man diese Verhältnisse einfacher deuten wollte als so: 
j ist Halbvocal, der aber bereits beginnt sein vocalisches Element einzubüssen 
und deßhalb nicht mehr auf Vocal alh'tteriert wie im altn., sondern auf g und 
auch in der Schrift durch g, gi, ge ersetzt werden kann; g vor e und % ist 
palataler Reibelaut, mit dem j zusammenfallt, sobald es sein vocalisches Element 
verliert; g vor a, o, u ist gutturaler Reibelaut, welcher wieder unter allen mög- 
lichen Lauten dem palatalen Reibelaut zunächst liegt Noch klarer sind die 
Verhältnisse im ags. fl. geht Zeitschr. 181 von der irrigen Ansicht aus, der 
ich selber früher verfallen bin, daß das Zeichen ^ erst im neuags. eingeführt 
sei. Dasselbe bestand schon im altags., und zwar als einziges Zeichen für den 
Laut, der in unseren Ausgaben durch g wiedergegeben wird, neu eingeführt 
wird im neuags. vielmehr das g. Im neuags. kann ^ gutturalen und palatalen, 
weichen und harten Reibelaut bezeichnen. Im altags. wird ^ außer für goth. g 
auch gebraucht für anlautendes got. j vor hellen Vocalen, vor dunklen da- 
gegen tritt statt dessen :^e ein. Das heißt also doch wohl: es besteht ein 
Unterschied in der Aussprache zwischen ^ vor harten und dem vor weichen 
Vocalen, got. j ist mit dem ^ vor welchen Vocalen zusammengefallen; das 
letztere ist palatal, das andere guttural. — H. nimmt bei den indogermanischer 
Tennis entsprechenden weichen Lauten wenigstens zum Theil Erweichung aus 
Tenuisaffricata an. Ich muß an den dagegen und für Erweichung aus einfachem 
Reibelaut Beitr. 1, 155 ff. vorgebrachten Gründen entschieden festhalten. Ich 
hebe vor allem noch einmal die Analogie der Erweichung des « hervor, die am 
schlagendsten ist bei dem grammatischen Wechsel; vgl. Braunes Abhandlung 
Beitr. I, 513. Für einen Theil der Fälle giebt H. selbst zu, daß der aus 
hartem Reibelaute entstandene weiche sich erst wieder mit dem Vorschlag einet 
Verschlußlautes versehen habe. Zu dieser Annahme ist weiter keine Veranlassung 
als die irrige Voraussetzung, daß der Übergang von Reibelaut in Verschluß- 
laut durch die Affricata hindurch erfolge, welche Voraussetzung wieder nur aof 
der falschen Auffassung der heutigen Aussprache des engl, th beruht. 

H. nimmt mit Scberer an, daß ursprünglich im indog. Medialaspiraten 
bestanden haben, die also nach seiner Ansicht im germ. zum Theil unverändert 
erhalten wären, während ich mich Curtius, Ascoli und andern angeschlossen 
habe« die wirkliche Aspiraten wie im neuindischen ansetzen. Ich habe besonders 
die lautphysiologische Schwierigkeit des von Scherer angenommenen Überganges 
von 6t; etc. in bh betont. H. wendet Zeitschr. 179 dagegen ein, der Übergang 
von tönender Spirans in h biete gar keine Schwierigkeit. Dabei übersieht er 
vollkommen, worauf es ankommt. Nicht an dem Übergang der Spirans in h an 
und für sich habe ich Anstoß genommen, sondern an dem Übergang des 
tönenden homorganen Lautes in den tonlosen nichthomorganen neben dem tönenden 
Verschlußlaut. In den Medialaspiraten hat man noch stets lautphysiologische 



UTTERATUR : HEINZEL, GESCHICHTE DER NFR. GESCHÄFTSSPRACHE. 93 

Schwierigkeiten gefunden, und ganz besonders auch Brücke. Für das germa- 
nische ist meiner Überzeugung nach die Frage von keinem Belang. Auch ich 
nehme Medialafiricata als nächste Vorstufe der germanischen weichen Reibelaute 
an. Aber H. benutzt den im indischen vorausgesetzten Übergang von Medial- 
affiricata in Aspirata als Analogie zur Erklärung des Wandels der Media in 
Tennis im ahd. Nämlich bv wurde zu bh, b wurde durch den assimilierenden 
Einfluß des h des Stimmtons beraubt wie im griech., und nachdem das h den 
gewünschten Dienst geleistet hatte, konnte es nun gehen. — Noch seltsamer 
scheint mir die Erklärung der ahd. Affricaten aus Jerierung (Geschäftsspr. 146 ff.) 
Es sollen k, t, p zunächst zu kj, tj, pj geworden sein, die sich dann in kx^ 
Uj pf gewandelt hätten. Um einen in anderer Weise schon ganz befriedigend 
erklärten Lautwandel auf eine neue Art zu erklären, wird zunächst ein ganz 
anerklärter und unerklärbarer Vorgang statuiert, die Einschiebung eines j ohne 
jede Veranlassung, um daraus dann weiter zn erklären. Und auch dabei werden 
wieder Vorgänge angenommen, für die jede Analogie fehlt. Es entsteht zwar 
häufig s (/«) aus (j, aber niemals kx und pf aus kj und pj. Denn die aus 
romanischen Sprachen angeführten Beispiele sind anders zn erklären. Auf die- 
selbe Weise will H. die Verschiebung der indog. Tenues durch Jerierung er- 
klären und sogar die der indog. Medien. Aus ^, d, b sollen zunächst gjj dj, bj 
entstanden sein. Daraus hätte nun nach Analogie der Tenues bv etc. werden 
müssen und hieraus hätte Heinzel dann nach Analogie des ahd. öh und weiter 
p ableiten können. Das wäre wenigstens consequent gewesen. Aber da hätte 
ja das neue bv := indog. b mit dem alten indog. bv zusammenfallen müssen. 
Um das zu vermeiden wird hier ein Sprung gemacht: bj geht ohne Vermittlung 
Ton bv in hh über. Eine Häufung von Unwahrscheinlichkeiten , ohne daß man 
den Grund einsieht, warum der einfachste Weg der Erklärung verlassen wird. 
Ganz verfehlt endlich scheint mir die Art, wie H. das Verhältniss des 
fränkischen Consonanteustandes zum hochdeutschen auffasst. Braune hat die 
Abweichungen des fränkischen und der übrigen mitteldeutschen Dialekte als 
Terschiedene Abstufungen der Lautverschiebung aufgefasst, die einen natürlichen, 
allmählichen Übergang vom niederdeutschen zum strengoberdeutschen vermitteln, 
und er hat auf Grund derselben die Chronologie der verschiedenen Acte der 
Lautverschiebung zu bestimmen gesucht. Anders H. in seinem Buche und in der 
Becension. Braunes Chronologie lässt sich nicht gut mit seinen Hypothesen ver- 
einigen. Nach ihm ist die Verschiebung nur in Oberdeutschland spontan. In das 
fränkische, und zwar auch in das südfränkische ist sie durch Culturübertragung 
ans Oberdeutschland eingedrungen. Die Franken sollen sich die gebildetere 
Sprache der Oberdeutschen theilweise angeeignet haben. Diese Culturübertragung 
widerspricht wieder vollkommen den allgemeinen Entwicklungsgesetzen der 
Sprache und den besonderen Verbältnissen der Zeit, in der sie stattgefunden 
haben müsste. Vergleichen wir die Einwirkung der neuhochdeutschen Schrift- 
sprache auf die Dialekte. Dieselbe hat bei den Gebildeten und in den größeren 
Städten die eigentliche Mundart meist ganz verdrängt, hat die letztere modi- 
ficiert oder ist von ihr modificiert worden, wie wir es nach der Verschiedenheit 
des Mischungsverhältnisses bezeichnen mögen, aber in keiner Gegend Deutsch- 
lands ist die Mundart auch auf dem Lande ganz von ihr verdrängt oder durch- 
gängig entfernt so stark verändert worden, wie es hier die fränkische sein soll. 
W^as also unsere fest geregelte Schriftsprache trotz alles Fortschritts der Cultur, 



£4 LITTEBATUR: MÜLLENHOFF, LAÜKIN. 

trots ihrer Hemchaft, die sie seit wenigstens drei Jahrhonderten in Kirebe^ 
Sehnle nnd Litteratnr behauptet hat, nicht Termocht hat, das hat das Obei^ 
deutsche des achten ond nennten Jahrhnnderts ToUbracht. Und wir Miiwea 
weiter fragen: inwiefern waren denn die Oberdeutschen der in der CuHur ibft- 
geschrittenere, der mächtigere und gebildetere Stanun ? Kein Maisch kann doch 
bestreiten, daß au der Zeit, in der die Verschiebung eingetreten sein mnA, die 
Franken sowohl mächtiger als gebildeter waren. H. selbst vertheidigt ja Mfillen- 
hoffs Annahme einer fränkischen Ho&prache, die auf Oberdeutschland gewirkt 
haben soll. Man kann zugeben, daß die Verschiebung in Oberdentschland be- 
gonnen hat und sich allmählich weiter über Mitteldeutschland rerbreitet hat, wie 
wir dieß an der Veränderung des tk in historischer Zeit wahrnehmen. Aber ein 
spontaner Trieb muß dabei immer Torhanden sein, der nur durch den Verkehr 
mit den Nachbarn unterstützt wird. Höhere oder geringere Cultnr kommt dabei 
gar nicht in Betracht, sondern nur Intensität des Verkehrs. Es liegt eine natSr- 
liche Entwicklung vor, ganz verschieden Ton der Einwirkung einer 
auf die Mundart. 

FBEIBUBO L/Br. Jan. 1876. H. PAUU 



Laurill, ein tirolisches Heldenmärchen aus dem Anfange des XHL Jahrhnnderta 
herausgegeben von Karl Müllenhof f. Berlin 1874. Weidmannsehe Bucli- 
handlung. kL 8. 78 S. 

Ein Abdruck des Textes aus dem Deutschen Heldenbnche I (1866)^ 
ohne Einleitung, Anmerkungen, Lesarten. Man fragt sich, zu welchem Zwecke 
soll dieser Abdruck dienen? Soll er bei Vorlesungen an Universitäten zu Grunde 
gelegt werden, so ist dabei der kritische Apparat unentbehrlich^ es wird dem- 
nach zu dem Texte im Heldenbuch gegriffen werden müssen. Ist aber die Ab- 
sicht, damit das Gedicht etwa auf unsem Schulen einzufuhren, so müssen wir 
diese Absicht für eine ganz verkehrte halten; die geringe Zeit, die auf Schulen 
für altdeutsche Leetüre übrig bleibt, soll man wahrhaftig nicht verwenden, um 
Gedichte von so untergeordnetem Werthe zu lesen wie doch im Ganzen dieser 
Laurin ist. Jenes scheint aber wirklich die Absicht zu sein, wie man daraus 
schließen muß, daß in die eben erschienene neueste Auflage von E. Martins 
Glossar zu den Nibelungen nnd zu Walther auch Laurin verarbeitet ist. In der 
That eine recht passende Zusammenstellung! Vielleicht gilt dieselbe aber dem 
Werthe der kritischen Leistung, vielleicht ist hier in der Herstellung ein ähn- 
liches Meisterstück geliefert wie in den Lachmannschen Nibelungen und ihren 
zwanzig Liedern! Die kritische Aufgabe war hier in der That keine leichte, 
es galt aus der sehr entstellten und überarbeiteten Überlieferung das ursprüng- 
liche Gedicht herauszuschälen. Daß dieses noch dem 12. Jahrhundert angehört 
ist nach den Reimen unzweifelhaft, dabei allerdings möglich, ja wahrscheinlich, 
daß schon an der Gh-enze des 12. und 18. Jahrhs. es eine Umarbeitung er- 
fahren hat. Über diese hinaus führen unsere Quellen nicht; es las st also die 



*) Auf dem Titel dieses Abdruckes nennt sich MüUenhoff als Herausgeber, im 
1. Band des Heldenbachs ist in schrallenhafter Weise auf dem Titel wie hinter der 
Einleitung der Name weggelassen; daher der Irrtham Kellers wohl verzeihlich ist, der 
die Laurinaosgabe einem andern beilegt (Heldenbach, Stattgart 1867, 8. 776). 



LITTERATUE: MÜLLENHOFF, LAUBIN. 95 

älteste zn erreichende Gestalt immer noch auf eine ältere Vorlage blicken. 
Denn wenn Heldenbnch I, S. XL VII gesagt wird, daß die Ungenanigkeit der 
Beime sich neben der strengen Regel ans dem XII. Jahrb. durch das dreizehnte 
fortpflanze« so gilt das doch nur von gewissen Ungenauigkeiten, wie daß b : ^, 
p i t, h : dy m irif « : s gebunden werden. Aber eine Beihe von Reimen des 
Laoiin sind der Art, daß sie schlechterdings nur zu erklären sind als aus einer 
älteren Fassung stehen geblieben. Nicht bloß die drei, die M. als 'der alten 
Kunst gemäß^ bezeichnet, obene : voyele, bidtrbe : widere^ brünege : menege. Wir 
finden den Reim obene : vögele Aneg. 10, 38. Genesis D. 82, 1, und vögele l 
hbene Genes. 3, 16; den Reim biderbe : widere Gehüg. 427. Gr. Rud. F 2. 
Bol. 173, 10. 276, 5. Maria 156, 12. 174, 14. Anzeig. 6, 157; auf mdere 
gereimt steht biderbe Gr. Rud. C 26. K^ 12. Rol. 142, 17. 144, 7. Der dritte 
Beim endlich wiederholt sich nur Alex. 1145; ihm entspricht die Bindung 
iMnige : kunige Roth. 3053. 3613. 3691. 3855. 3979. 4079. 4185. 4261. 
Kaiserchr. 11651. Fondgr. 2, 95. Ezod. D. 161. Diemer 36, 3. Also in keiner 
Dichtung, die bis ins letzte Viertel des 12. Jahrhs. hinabreichte. Ist es glaub- 
lich, daß noch zwischen 1195 — 1215 (denn in diese Zeit setzt M. die Ab- 
fassung des Laurin) solche Reime vorkamen, dann muß man sich wundem, in 
den spätem Dichtungen des 12. Jahrhs. sie gar nicht mehr zu finden. Und 
dasselbe gilt von andern Reimen. Die Bindung liez : lief hat entsprechendes nur 
in Reimen des Anegenge (23, 17. 24, 5), des Alezander (1034), des Rolant 
(150, 13. 162, 12. 292, 32), der Kaiserchronik (6911), und der Bücher Mose 
(Fundgruben 2, 57. 85). Dem sehr auffallenden Beim füeun : slUege 307 lässt 
sich nur vergleichen tmze : liden Fundgruben 2, 28, aluoge : muo9e Fundgr. 2, 28. 
Hahn 20, 77, und jdhen : säten Kaiserchr. 1886. Der zweimalige Reim gewelbe 
z gesellen 1321. 1329 hat genau entsprechendes nur in selbe: welle Rol. 73, 15; 
aber analog sind die Reime erbeigen : wellen Anzeig. 8, 41. gewelde : helle Glaube 
1483. : eile 2506. velde : helle Rol. 271, 15. gelden : bewellet Fundgr. 2, 54 ; und 
mit andern Vocalen wcUde : gevalle Dietmar von Eist 37, 10. holden : Apollen 
Bol. 86, 24. volle : wolde Maria 156, 31. volgent : wollent Glaube 2017. 2680. 
htdden : ervullen German. 4, 441 (Margarete). Wie nach solchen Analogien der 
Beim friwdschaft : wart 1884 unglaublich' sein soll, begreift man nicht, da 
er in den Dichtungen des 12. Jahrhs. keineswegs selten ist*). Hätte der Her- 
ausgeber, statt Reime aus Ottacker anzuführen, in denen ein r des einen Reim- 
wortes unberücksichtigt bleibt, sich lieber etwas in der doch hier viel näher 
liegenden Poesie des 12. Jahrb. umgesehen, so wurde er gefunden haben, daß Wör- 
ter Aui Schaft reimen auf : hodtvdrt Rol. 9, 20. : wart 115, 4. 239, 8 ; ferner seaft : 
Stchart 281, 9. : wart Kaiserchr. 7149. kraft : wart Rol. 292, 10. sedelhaft : wart 
Kais. 5107. unberhaft : wart Genesis D. 57, 13. Was aber wirklich 'unglaublich' 
ist, das ist, daß zwischen 1195 — 1215 ein Dichter einen solchen Reim gebraucht 
haben soll; und dasselbe gilt von den andern vorher angeführten Reimen. Wir 
müssen daher die älteste Gestalt des Laurin spätestens um 1170 setzen, die 



*) Daß er mit der Änderung des zweiten Reimwortes terhraeh (statt aerbroehen 
wart) * nicht wesentlich besser würde, ist allerdings richtig; vielmehr wäre dieser halt- 
lose Einfall von M. eher eine Schlimmbesserung, da eine derartige Reimbindung gar 
nicht vorkommt 



96 LITTERATUR: MÜLLENHOFF, LAUBIN. 

allerdings uds nicht erhalten ist; denn schon die relativ älteste der uns erhal- 
tenen Fassungen trägt entschieden das Gepräge der Überarbeitung. 

Bei der Herstellung des Textes ist von K im wesentlichen ausgegangen 
und auf die Übereinstimmung mit P das entscheidende Gewicht gelegt wordea. 
Indeß auch ihre Übereinstimmung beweist nicht, daß wir darin die echte Les- 
art haben, sondern diese muß. namentlicji wo alte Assonanzen beseitigt wurden, 
erst ermittelt werden, wozu mitunter die jungem Hs. rerhelfen. Ist nun die 
Möglichkeit vorhanden , daß hie und da in jeder Hss. oder in einzelnen der 
verschiedenen Familien und Gruppen das Echte sich erhalten haben' kum 
(S. XLI), so ergab sich daraus für den Herausgeber die Verpflichtung, den go- 
sammten Apparat zu geben. Denn erst so ist die Geschichte der Überarbeitungen 
auch dem Auge dargelegt, und das ist gerade hier die Aufgabe des hs. Appa- 
rates, da schon die besten Hss. Überarbeitungen sind. Mindestens aber mussten 
die Lesarten derjenigen Hss., die vorzugsweise zu Grunde gelegt sind, vollständig 
mitgetheilt werden. Vor allen also von K. Wenn bemerkt wird, es sei die Lea* 
art von K. in V. 34 wer fie angichtigt will werden deßhalb gar nicht angefuhrtp 
weil keine Möglichkeit sei daß sie in A gestanden habe, so ist dieß kein aas- 
reichender Grund; denn diese Lesart ist für die Beurtheilung von K, der re> 
lativ besten Hs., von Bedeutung. Freilich musste der Apparat viel geschickter 
eingerichtet sein, um übersichtlich zu werden und die Geschichte des Textes 
darzustellen, als es bei M. der Fall ist. Das hätte er doch aus Lachmanns 
Ausgaben lernen können. M*s Angabe der Lesarten ist unklar und ungenau 
zugleich. Zu V. 65 z. B. küenest edler manne werden die Lesarten folgender- 
maßen angegeben : kun r P, und kune w, ain kunig v, gen allen K, und i$t amtk 
von konst ein man f, wid ist der kienest s; während eine übersichtlich geordnete 
Lesartensammlung schreiben würde krm r P, und kune w, ain kunig v, und iti 
der kienest s, und ist auch van konst f, gen K. allen mannen K*), ein man f. 
y. 96 lautet birsen ze Tirol ßtr den walt; dazu die Lesarten preysent flLr s» 
tyrollez K, fnersen für Tirol an den v, pyrssen zu tyrolf dem walde f, für tird 
in den r, cxu tyrolde vor dem walde P w, sti thirol gegen dem walde s. Dadurch 
daß bald der ganze Vers, bald nur ein Verstheii angeführt ist, bleibt man su- 
iiächst im Unklaren, in welchen Hss. das erste Wort fehlt. Übersichtlich geordnet 
würden die Lesarten so lauten : pyrssen f, piersen v, preysent K, fehlt P r s w. 
ze] für zu K, für rv. tyrolf f, tyrolde Pw, tyrollez K. für den fehlt K, tior 
dem P w, an den v, tu den r, gegen dem s, dem f. walde P f s w. Und solche Un- 
klarheiten und Ungenauigkeiten stehen nicht vereinzelt; vgl. die Lesarten aa 
130. 180. 454. 478. 532. 670. 1002 etc. 

Erschwert die Unvollständigkeit und Ungenauigkcit des Apparates die 
kritische Nachprüfung, so reicht das, was gegeben ist, doch hin, um zu zeigen, 
daß von einem Abschluß der kritischen Arbeit auch nicht entfernt die Bede 
sein kann. Ich will dieß an einer Reihe von Beispielen darthun. V. 24 f. weisen 
die Abweichungen der Handschriften nicht auf das von M. gesetzte deheinem 
der dn alle schände \ lebe als der edele Dietrich^ sondern auf deheinen der lebe 
dn alle schände \ sam der edele herre Dietrich. Schreibt man dehein (vgl. Anm. 
zu 4), so fällt jeder metrische Anstoß hinweg , den die Anderer nahmen und 



*) M. gibt an gen aUen^ aber nicht mannen ; gen allen manne hat K doch sicher- 
lich nicht. 



LTTTERATUR: MÜLLEXHOFF, LAURIN. 97 

der sa ÄDdemngen fahrte: w setzte lebe an den Anfang der folgenden Zeile 
nnd vertanschte deswegen der edele kerre nur mit her] andere lassen dekeimem 
fort oder nehmen es in die Torausgehende Zeile^ wieder andere streichen alle^ 
in y. 25 finden wir der edele oder Aerrf. Daß endlich »am nor in ^iner Hs. 
{mom w) sich erhalten hat, während die andern als, also schreiben, ist bei Hss., 
von denen die ältesten dem 14. Jahrh. angehören, nicht zu verwundern. Aach 
163 ist das in Pr erhaltene »am für cU» der übrigen sicher das echte; ebenso 
181 in P, 215 Pw, 372 Pf; 1138 und 1342 dagegen hat M. «am, das aach 
nur einzelne Hss. für aU haben, aafgenommen. — 51 gehen in Bezog aaf das erste 
Verbam die Hss. ganz aaseinander; r hat merke ^ and dieser Lesart folgt M., 
da K 327 diese Fassnng des Verses hat, wo alle andern abweichen; allein was 
sollte der Grand gewesen sein, daß ein so geläufiges Verbum von K (hier) in 
erfertj von P in gekort ^ von wz in weiß, trissr, von f in vemement verwandelt 
worden wäre? Ohne Zweifel maß hier ein Verbam gestanden haben, das in 
späterer Zeit anüblich war, and das wird vreUehen gewesen sein. Denn dieses 
Wort beseitigen in der That jüngere Handschriften, namentlich dnroh Aoer«fi, 
verfilmen (vgL NibeL 51, 1. 516, 4. 850, 4. 1627, 2. 1716, 4); es sind demnach 
beide Zeilen za lesen ura er vreiscke wie manz kh'e : »6 hdl er tugent und Sre* 
unde in der zweiten Zeile bei M. ist falsch, da vor folgendem Vocal unde nicht 
Hebung und Senkung bilden kann, namentlich nicht wenn es zwei Subst. ver- 
bindet; daher muß unz er als Auftact genommen werden. — 75 er statt Aer, was 
doch sicher gegen alle Hss. geschrieben ist, und noch öfter im Laurin, hätte doch 
wenigstens einmal bemerkt werden sollen; die Lesarten und Anmerk. schweigen 
darüber vollständig. — 104 borten hat M. hier und in den entsprechenden Stellen 
(138. 290. 408. 1158) geschrieben, während doch grade das Mißverständniss 
parte (Pforte) auf die Schreibung porten weist, die auch iin Nib. und andern öster- 
reichischen Gedichten die übliche ist. — 121 ist die Lesart aus v aufgenommen 
worden: als verre ick mick kan verstän^ allein das Ursprüngliche war hier un- 
zweifelhaft alse ick mick kan ver^tän; da die Schreiber o^ sprachen, änderten 
die meisten, als ver v, mick [reckte] Pw, [des nu] mick f, mick [danne] sd. — 
130 — 132. Die Herstellung dieser Verse bei M. scheint mir sehr gewagt; viel- 
mehr lautete die ursprüngliche Fassung wohl 

ick muoz im minner macken 
einer kockverte^ 
diu lU an dem garten. 
oder noch näher anschließend ick muoz minner macken im der k6ckverte. Die 
Form kdckverte, die drei Hebungen trägt, und die Assonanz waren Anlaß, d%ß 
eine Zeile angefügt wurde, um einen genauen Reim zu gewinnen. — 144. Die 
Form tren mag in allen Hss. stehen, aber sie wird, wenn man das Österreich. 
Gedicht des 12. Jahrhs. herzustellen unternimmt, in ir oder tre zu verändern 
sein. — 150 tr, das Rv haben, ist nicht zu tilgen, vielmehr von den Schrei- 
bern erst des überladenen Verses wegen getilgt worden ; 1. tr iecltck sins leides 
vergaz. Ebenso ist 263 zu schreiben iwer ieclick gebe mir ein pkantj M. schreibt 
ietweder ohne iwer, — 200 weichen in der Stellung der Substantiva die Hss. 
ab; die im Texte gegebene Stellung isen stahel stein hat, so viel man sehen 
kann, keine einzige Quelle; es wird daher nach fs (vd) zu lesen sein stakel 
isen stein ez sneit^ wenn man nicht, was ich durchaus für zulässig halte» die 
Lesart von KPz stakel stein Uen ez sneit beibehält stein fällt dabei in die 

GERMANIA. Neue Beihe. THI. (XX.) Jahrg. 7 



98 UTTERATÜR: MÜLLENHOFF, LAURIN. 

Senkung I ein ähnlicher Fall, wie wenn so oft die sechs Farben in dinen Vers 
gebracht werden; grade das aber konnte zu Änderungen ▼eranlasten. — 202. 
Ob die Aofnahme von oueh ans w, das allen Hss. sonst fehlt, das Bichtige 
trifft, möchte ich bezweifeln; es wird vielmehr geheissen haben d^ (auf geküze 
zu beziehen) hnopf gap Uehten sehtn. Ebenso wie hier oueh, so ist 218 ein Zn- 
satz dar zuOj was nur Ry haben. Der Vers hieß tmde der harfunkel; statt tmde^ 
das erste Hebung und Senkung bildet, schrieb P tmd [oueh], fwid [do &i], ws 
do bey, Y und [c/or zu], K und [auch dar zu], s endlich^ für unde der, dar 5y 
der Hecht. Nicht minder ist 215 liehte ein Zusatz, der Satz lautete diu naM 
wart nie s6 tunkel, ez enlÜhte sam der tac\ zunächst fiel das beschränkende en 
aus, wie in jungem Hss. gewöhnlich, und das veranlasste die Zusätze, f [rdeAt] 
als, s [fcAofi] also, rwz der \liechte]. Die Übereinstimmung in der Ergänzung 
dieses so nahe liegenden Beiwortes kann gar nichts beweisen; daß Uehie in 
KPfs fehlt, hätte den Herausgeber doch etwas stutzig machen sollen. Mmiy das 
Pw haben, ist auch hier das echte; vgl. zu V. 24. — 226. Der Sing. miU 
epere, den Kt haben, ist das ursprüngliche, und es begreift sich leicht, daß 
der Plural dafür gesetzt wurde. Der Sing, ist auch das nachdrucksvollere: mit 
epere nie, auch nicht mit ^inem Speere. — 280 ist zu schreiben und nach etm 
andern toilde etrebete (K einem) ; wenn die Vorlage auch einem hatte, so erklärt 
sich, daß in rv andern, in den übrigen Hss. außer K einem wegblieb. — 236 
hat wohl r das echte bewahrt: got mSeze unser phlegen, das schien zu kurii 
und daher schrieben Pv unsere heiles, Kw unser [beider], s unser [iemer], z unser 
[hiute], — .244 ist beiden, das nur K hat, wieder interpoliert; der Vers hieß 
nur ieft fürhte er trage uns haz; daher schrieben, weil man ihn leicht mit drei 
Hebungen lesen konnte, K uns [beiden], P un«[er], wz [zu] uns, rs änderten er 
in der enget, und nur s hat hier das Echte bewahrt Ein analoger Fall in 246, 
wo nach K geschrieben ist s6 hat ez guot reht dar an; guot hat nur K, wofür 
V auch, d schreibt zwar so hat, die übrigen aber nur s6 hdt ez reht dar an. 
Will man nicht betonen dar dn, was sich rechtfertigen ließe, indem dar demon- 
strative Bedeutung hat, so ist wohl das ursprüngliche gewesen s6 hat ez rehte dar 
cn, indem hdt im Sinne von hat getan zu nehmen ist. — 249 f. sind gewiß nicht 
richtig hergestellt; es ist zu lesen d6 gruozt die hdchgebomen Laurin üz zome. 
M. schreibt die füraten hdchgebome gruozt ez Hz grözem zome; aber dem wider- 
spricht entschieden die Überlieferung, die mit Ausnahme von f das Verbum in 
der ersten Zeile hat. Ob grSzem echt ist (es fehlt in Kfr), bezweifle ich auch. — 
255 f. liest die Ausgabe den ich hän geheien vor manegem starken leien nach r, 
während KPw(f) haben den ich hdn behalten vor manegem twerge starken. Man 
begreift nicht, wie, wenn jene Lesart die echte war, Hss., die verschiedene 
Gruppen darstellen, übereinstimmend auf eine Änderung kamen, die eine so 
auffallende Assonanz {behalten : starken) an Stelle eines genauen Reimes setzen, 
an dem kein Anstoß zu nehmen war, denn geheien (st part.) kommt auch sonst 
vor, und nahm man wirklich Anstoß daran, dann lag doch sehr nahe die Än- 
derung den ich pflac geheien. Ein Dichter aus der Zeit zwischen 1195 — 1215 
würde nun und nimmer aus freien Stücken auf einen Reim wie behalten : starken 
gekommen sein, wenn er ihn nicht in seiner Vorlage fand, und noch weniger 
ein jüngerer Umarbeiter. Jener Reim hat seine vollkommene Analogie nur in 
Denemarken : lante Anno 637, und weiter in lanc : gewalt Anno 147. lamp : 
tport Diemer 328, 8. gevUde : perge Rol. 183, 17. Er stellt sich mithin zu den 



LITTERATUR: MÜLLENHOFF, LAURIN. 99 

früher besprocheDen, die eine spätere Zeit als 1170 für das ursprüngliehe Ge- 
dicht aasschließen. — 279 ich hdn guotea aU6 vü; giiotea hat nur w, die an- 
dern Silber und golt, goldts und silbers^ goldes. Warum hier w gefolgt ist^ be- 
greift man nicht, und ebensowenig, warum dann 282, wo w gutta hat, goldea 
mit den andern Hss. geschrieben wird. — 286 ist kein Grund von der Les- 
art aller Hss. abweichen; M. schreibt ir habt unedeUich getän\ die Quellen haben 
ao (K doch) höht »r; sd wird das echte sein, das um der Deutlichkeit willen 
von K mit doch Ter tauscht wurde. — 318. auch ^ das nur P hat, ist o£fenbar 
eingeschoben; der Vers hieß in iret diu werlt woL — 328 ist nach r gegeben; 
die übrigen Hss. aber weisen auf ad hat era frum und ire (: h€6re)j also eine 
Assonanz, was gewiß das ursprüngliche ist. Derartige Keime begegnen zu Dut- 
zenden in der Poesie des 12. Jahrhunderts. — 330. er, das in rw fehlt, ist zu 
streichen; es steht wie gewöhnlich der adhortat. Conjunctiv ohne Pronomeni 
darauf weisen auch yb^ welche ich setzen. — 419. Der Reim atozen : vazzen, 
den f bietet, ist sehr unwahrscheinlich; allerdings begegnet ein analoger im 
Leich von der Samariterin (amalenozzer : wazzer)^ aber das ist ganz ausnahms- 
weise und außerdem liegt hier das Tongewicht fast ganz noch auf der letzten 
Silbe. E. hat ayachen; an haachen darf man freilich nicht denken, da das Wort 
nicht so alt ist. Sollte vielleicht dcu getwerc wolde er reizen das ursprüngliche 
sein? Der Reim wäre wie wcuzer : geheizen Diemer 31, 3. 136, 27, wozu sich 
die häufigen Reime 'äze : -eise stellen. An Utzen^ wie M. in der Anm. vermuthet, 
darf nicht gedacht werden; das würde nicht nur den Reim nicht wesentlich 
verbessern , wie M. meint , sondern geradezu zerstören , da ss : fe hochdeutsch 
nicht reimen kann. — 435. Die Lesart von Kf sd aold al diu werU an dir 
atdn, von dir abhängen, dir unterthänig sein , ist die echte ; dir geatdn^ wie M. 
schreibt, würde, wenn es die echte Lesart war, nicht so zahlreiche und mannig- 
faltige Änderungen nach sich gezogen haben, sondern einfach in dir beatdn 
{b( atdn) geändert worden sein. — 440. an keinea füraten atal geatdn; die 
Obereinstimmung zwischen Pw und R weist vielmehr auf die Lesart keinem 
(oder dehdnea) füraten atat veratdn, — 460. an mir^ das nur r hat, ist sicher- 
lich interpoliert; das echte war nu richd din herzeleit; dafür schrieb r rieh an 
mir, die andern rieh, P fügt außerdem grSz ein. — 469 weisen die Abweichungen 
der Hss. auf er f^uoc im üf atna achiliea rant-^ M. schreibt er aluoc üf ainea. 
Vgl. 1328. — 493 f. daz deme getriuwen man doM bluot durch die brünne ran. 
Die Stelle kann nicht von 1371 f. getrennt werden, wo M. schreibt da» deme 
jungen man daz bluot durch die ringe ran. Zunächst begreift man nicht, warum 
das zweite Mal ringe gesetzt ist, da doch w auch hier bronne hat, und dieser 
Hs. bei 494 gefolgt ist. Die Bildung des ersten Verses, an beiden Stellen auf- 
fallig und ohne Analogie, führt vielmehr auf daz dem getriwaen (oder jungen) 
manne daz bluot ran durch die brünne. Der Reim ist wie manne : toiifine Rother 
322. Fundgr. 2,35. : ^nne Rother 3441. 4100. dontie : cAtinne Fundgr. 2, 31. 
dannen : aunnen Diemer 344, 21. geumnne : manne 353, 7. mcmnen : entrunnen 
Roth er 2845, und hat im Laurin selbst seine Analogie in bränege : menege 
(oben S. 95). — 514. aber, das in Erw fehlt, ist zu streichen. Der Vers hieß 
rief sinen herren an; daher setzen Rrvw ruofte, um den Vers su verlängern, 
was die andern durch aber bewirken. Der gleiche Fall 574, wo zu schreiben 
rief Dielleiben an, wo Krvw rief herm, die andern rief do setzen. 630 hatw 
das richtige bewahrt ri^ Hildebranden an, M. schreibt ruofte mit K, was 

1* 



100 LITTERATITR: MClXEXnOFF, LAURIN. 

wiedemm metiische Correctur ist, wie der rief in h, rief kern in Px, ruofle 
den in r, und ruofle sinen meister an in ▼. — 522. und^ das Kvwsd haben, 
ist gestrichen; warum? Anch 859 fehlt und in P, 940 in Ptuiws, and doch 
ist es an diesen beiden Stellen beibehalten. — 542. statt «in ist wohl et das 
ursprüngliche, das jüngere Hss. mit «€n vertauschen. Hier haben ea oder es 
Pwhss. Auch 1262 ist es das ursprüngliche, gar an unserer Stelle ist inter- 
poliertes Wort, das Ky haben, dafür r cdl, tere wzs, in den übrigen fehlt es. — 
550 ist statt üf die erde vielmehr nider üf d^erde das ursprüngliche. Vgl. 571. 
664. — 640 ist denne zu streichen, das die jungem Hss. bei beschr&nkendem 
Satse gern hinzufügen. Mit Recht hat es M. 453 gestrichen, aber so ist es 
auch 128 und 1312 noch zu tilgen. — 659 weichen in dem adj. die Hss. 
aufiallend ab; ich glaube daß keine Hs.' das echte bewahrt hat, sondern daß 
der Vers hieß nhet wd die twine man, zunächst fiel wd aus, und das hatte die 
Ergänzungen zur Folge. — 673 beider, das Kr(v) haben, ist beizubehalten; 
was wäre für ein Grund gewesen es hinzuzufügen? Aber die Weglassung ver- 
anlasste der zweisilbige Auftact. — 676 ist unnöthig geändert; diese und die 
folgende Zeile müssen heißen n träten in ^erde unz über die 9pom : ire dege 
wären gr6t\ die Überladung der ersten Hebung ist so wenig auffallend, wie 
der Gebrauch von ire; vgl. 712, wo natürlich auch ire zu schreiben ist. — 
724. «6 wil ich dich teim ewdyer ftda*war die echte Lesart; eu einem haben KPy, 
aom w, se die übrigen, denen M. folgt; aber es ist bekannt, daß die jungen 
Hss. in dieser Verbindung ein gern weglassen, oder, wie hier w, mit bestimmtem 
Artikel vertauschen. — 738. Auch hier muß von der Lesart von K ausgegangen 
werden. K. hat da ich daz hauff vant Wäre die von M. gesetzte Lesart dd 
idk die reinen kiusdiem vant (= Pfd) die echte, so begriffe man nicht die Les- 
art von K wie die andern Änderungen. Wahrscheinlich hieß es dd ich dit hooe- 
Udken vanty oder dd iche dd ze hüse vant. Das war in der Vorlage von K und 
in den übrigen geworden da ich daz hus vant und erklärt die Änderungen, ia 
Pfd, die 9ckone reyne w, dy fraun r, dy amencelt v. — 758. warum enweder 
statt weder geschrieben? — 794 hieß ursprünglich und wil im mit triwen ge- 
&tän\ für gettan setzten die Änderer nach jüngerer Weise ht Mn, &C beMn, 
Auch 1518 ist zu schreiben die weint den twergen gestän^ wo die Hss. bi ge- 
Mnj b( zfän, bi beztdn haben. Nur 1409 hat auch M. das Richtige getroffen. — 
868 hieß ursprünglich d^ friste uneer leben; dieß schien zu kurz, daher r der 
mac wol frifUn, wie anch M. schreibt, der behiet s, der friet uns m, der friti 
tm« wol V, der friste wol P, der friste uns auch daz lehen Kw. — 872 ist aber^ 
das Kw haben, sieher nicht das ursprüngliche, sondern wohl joch, das nicht 
verstanden wurde; daher die Änderungen aber Kw, groz P, da uch mr, dar 
umb V. — 876 hat P mit sus wil betriegen gewiß das echte bewahrt; dafür 
schrieb z also irü, r im« al sehol also, alle wil die übrigen, denen M. folgt. — 
884. Die Abweichungen der Hss. erklären sich leichter, wenn man ursprüng- 
lich rührenden Reim {staeU Uln : an dm triuwe län) annimmt. — 887 ist lu 
schreiben s6 wil ick iu mit triwen gestän-^ M. schreibt ohne Hs. ick wil w mit 
triwwen 6i gestdn. Vgl. zu 794. — 890. holn hat r nicht, und wenn man als 
ursprüngliche Lesart annimmt <7f^eii einem (oder eimt, worauf deme in f d weist) 
berg^ so erklärt sich die Kinschiebnng des nahe liegenden holen, wenn aus g^g^f^ 
wurde gern, gh^ sehr leicht — 892. aüe^ das Pmf haben, ist gewiß echt; der 
Vera hat zweisilbigen Auftact, der darch Weglassung von aüe besdtigt werden 



LITTERATUR: MÜLLENIIOFF, LAURIN. 101 

tollte. — 909 weisen die Lesarten nur auf swaz vögele man haben sol; dieß 
sehieO) wenn vogel gesprochen wurde, zu kurz, daher die verschiedenen Ande- 
ningen für man : stimme mafi Prz, stimme m, gesanc man ys, dy toerlit w, man 
.asushf] K schreibt mit Umstellung und Einschiebung: man folget gesangs. — 
954 lantete nreprünglich dar nach treten an einen tanz (vgl. zu 330); die £in- 
schiebang von wir beim adhortat. Conjunctiv veranlasste die Auswerfung von an^ 
wie die Änderungen in den und ein. — 967 zugen ist sicherlich nicht das ur- 
sprüngliche, sondern zogtens, zogen hat M., allerdings verkehrt, an einer andern 
Stolle (1758) eingeführt. — 969 f. lauteten: dS vuorte lAXurhi daz gehDerc\ 
si mit im in den berc] M. folgt K, wo 970 lautet mit im die filrsten in den 
bere; die andern nehmen st in die vorige Zeile und schreiben daher hier den 
holn bere, — 977. gestn ist durchaus nicht mit v in «$n zu verändern; ebenso- 
wenig 1016. — 984. Im Hinblick auf 942 ist sicher zu schreiben ja betrüge 
un» nie der kleine, oder vielmehr an beiden Stellen nimer für nie, — 990 muß 
lauten ich briche an in minr triuwe niht'^ an in lässt f weg und diese Lesart 
nimmt M. auf, m schreibt mein für miner, die übrigen lassen mtner triwoe weg. — 
991 gegen den ist doch wohl das richtige, wie dfs haben, dafür K gegen die^ 
V gegen^ die andern für die. — 992. statt der verschiedenen substant. (ritteTf 
getwerg, fursten) stand vielleicht ursprünglich kurzen, subst. gebraucht, als Zwerg . 
— 1003. Laurm phlac schöne der hirschafl\ statt schone der hat r der, grosser 
▼w, der Vers lautete nur Laurin phlac hirschaft, — 1051. an ist ebenso Zu- 
satz wie beide \ es hieß si huoben so süezez sanc, — 1063. Die ursprüngliche 
Lesart war daz stuont in harte schöne, harte, das auch sonst Anlaß zu Ände- 
rungen war, vertauschten r mit allez, Ks mit gar wol, Pd mit uzzer mazzen, 
uz der mazzen, m mit alles gar wol an, — 1085. Die Änderung ist unnöthig; 
überladene erste Hebung kommt auch sonst im L. vor; vgl. 1295. 1389. 1710. 
1779. 1873. 1878. — 1089 den ist mit Pw zu streichen. — 1112 toon, daa 
KP übereinstimmend haben, ist nicht zu tilgen; es ist umzustellen wan si an 
got geUmbent niht; die jungem Has. setzen gern die prosaische Wortfolge. Um- 
stellung ist auch V. 1122. 1187. 1398 und öfter vorgenommen. Die schöne Indi- 
cativform gelouben hat bei M. ihre Parallele in getrüwen V. 1348! — 1119. 
Gewiß jd nime ick dich; vgl. K und zu 726. — 1136 lautete «In tisch helfen- 
beinen; von helfenbeine, wie Pm haben und M. schreibt, ist Reimglättung. — 1167 f. 
sind die Reime, mit Rücksicht auf die beiden folgenden Zeilen und auf 1131. 
1345 in hir l mir zu verändern. — 1174. Die Ausdrucksweise daz du keime 
tuost an sin leben sieht nicht alt und echt aus ; ich halte tuost für entstellt aus 
tarst, und der Vers hieß daz du ir keime tarst an dem leben^ daraus machte P 
die Lesart M*s., v tuest an, w keinen tuest von, K in tuest kein schaden an, m 
in nit werd an, f yn nit schadest an irme, — 1186 ist zu schreiben vüe lieber 
swäger min, wie mPz haben (nur natürlich vil). Daher schrieben rv herzen- 
lieber, K herzenswager^ trawter swager w, M. schreibt nach letzterer Quelle vil 
lieber trütswdger min. Wahrscheinlich ist Jierzen auch 1251. 1276 hinzugefügt. — 
1191. die neue Lesart (1874) swaz in geschiht, geschehe ouch mir scheint mir 
eine Verschlechterung des früheren sioaz in, daz geschehe otich mir, denn jene 
Lesart würde nicht in allen Hss. entstellt überliefert sein; bei der zweiten ist 
es natürlich. — 1205 ouch (aus v aufgenommen) ist unecht; K schiebt auch 
den ein, aber die Fassung der andern Hss. beide mete unde wtn enthält das 
echte. So ist 1213 sament (rm) eingeschoben, wie ^ar in f, am die Senkung 



102 LTTTERATUR: MÜLLENHOFF, LAUBIN. 

in fallen; Pw n wueren allt verlorn bot das Richtige. Ebenso ist 1243 sa 
sebreiben fnm KünehiU giene tehantf rd scbieben nach giene ein da, w clo» K 
alf die andern haben das echte; M. schreibt sd uhanL — 1244 hieß et dA 
ri ire bruoder vani; P schiebt DietUiben ein, als Glosse oder ans metrischen. 
Grfinden; M. nimmt es anf nnd streicht gegen alle Hss. tm dmodar. — 1258 
maß interpnngiert nnd geschrieben werden gehabent — minf Gegen die indirecfee 
Frage spricht die Wortstellung, anm Conj* ist gar kein Anlaß; aber bei M. 
ist gehciben wahrscheinlich ebenso Indic wie an den an 1 1 1 2 bemerkten Stdlenl 
— 1298 maß geschrieben werden dd wäpent in diu kßnegin\ in ist nicht pron^ 
sondern adverb. — 1340. warringen ist an sich nicht schlecht conjidert; 
aber hier ist wohl ringen allein das echte; der Vers hieß wme Hehen r ing en, 
nnd da von geschrieben wnrde , ergänzte man .ringen sn ufappenringen^ Aerse»- 
ringen, herten ringen, etalringen, — 1381 die dnogen binden üf den fiian, froher 
schrieb M. die eluogen üf den einen man; aber einen wie kindenj femer mtindef 
oUey jungen sind Interpolationen, der Vers lautete, ganx richtig gebildet, nnr 
die eluogen üf den man, und diese richtige Lesart hat anch K bewahrt. — 
1401 hieß wel werte eich der degen; y schrieb vcut woly r da»j d da, außerdem 
worde junge^ kling, jtmge man zur Verlängerung eingeschoben. — 1425 ist doM 
£U streichen mit Kvs; vgl. 1283. 1485. 1563. — 1462. warum keinen mit Py 
während die Überlieferung auf keine», ganz richtig auf getwere bezogen, weist? — 
1463 ist zu schreiben cdee wir es hoeren sagen; M. schreibt, mit m als wir es 
hoeren von in eagen ; von in hat auch K, aber an anderer Stelle, was fnr Liter- 
polation spricht. Vgl. noch 1597. — 1482. statt ereckrae K (= M.), wofür die 
andern ^^cA haben, wird wohl erquam das echte gewesen sein. — 1537. an 
etriten ist doch wohl nar Rcimglättung (wegen »Uen) für an strUe, — 1542. 
auch hier ist toir zu streichen nnd dringen zu schreiben. — 1593 L die rieen 
waeren gerne dan, der in der altem Sprache übliche Gebrauch des präter. für 
das plusquampf. veranlasste die Hinzufügnng von gewesen, das übrigens rf mit 
Recht -nicht haben. — Von 1601 steht aliein R zur Verfügung; auch hier ist 
manches anders zu stellen als in der Ausgabe geschieht. 1609 f. hießen sicher- 
lich ich hän lip und min leben üf dine gendde ergeben; die Hinzufügnng Ton 
mtnen in der ersten Zeile hat die ungeschickte Placierung von hdn im zweiten 
Verse nach sich gezogen. — 1616 gewiß bemt statt bl der nt; in der folgenden 
Zeile ist die Er^bizung twerge unnöthig; vgl. zu 992. — 1623. die Umstellung 
ist unnöthig, wenn man triwe schreibt. — 1625 ist ohne Grund von der Hs. 
abgewichen: 1. dS da» erhSri diu schoene meiL — 1630 liest man besser wer 
für gewer. Richtig ist so geschrieben 1651. 1708. 1876; aber auch 1659 wird 
zu lesen sein unde wert. Ebenso steht gehceret 1621 sicherlich für das ursprüng- 
liche hoeret, wodurch du in die Hebung kommt, gern statt begem ist mit Recht 
1652. 1662. 1700 gesetzt. — 1634 1. unde daz gesinde sm; die Hs. hat für 
gesimde — getwerg gesinde, vielleicht nur ein Schreibfehler, M. schreibt, sehr 
unwahrscheinlich, twercgesinde, — 1645 f. lies Ide niht ungewert mich und tuo noch 
swes ich bite dich, die Hs. vertauscht in der ersten Zeile niht und mich, und 
schreibt in der zweiten ich dich bite, also die prosaische Wortstellung. M. schreibt 
Id mich niht ungewert hie mite und tuo noch swes ich dich bite. — 1650 des 
%n ergänzen ist ganz überflüssig. — 1708. besser und wert mich aller mtner 
hete\ vgL madU in der folgenden Zeile. — 1712. so ist beizubehalten, und mit 
da von der vorigen Zeile zu verbinden: 'deßhaib also'. — 1716. Statt jtmo- 



LITTERATUR: MÜLLENHOFF, LAURIN. 103 

vrouwe zu ergänzen, ergänze man nach 1652. 1662 hdt und schreibe «toet ir 
an mir hat gegert (Hs. weyert, wie an jenen beiden Stellen auch). Übrigens fehlt 
auch 1652 hö^ in der Hs. — 1733. zam ist ganz onnöthig in gezam geändert; 
im Gegentheil setzen die jungem Hss. gezemen statt Memen, gewem statt wem^ 
begem statt gem^ wo also »am überliefert ist, ist es sicherlich echt. — 1734. 
der Vers wird auch durch ad nicht gut; L d6 gie n hin sd uhant* — 1739. 
doM enmac ist unnöthig in de» enmac geändert; auch 1752 ist »6 aire beizu- 
behalten. — 1759. Ursprünglich gewiß jungiaUz statt lezziatez. — 1758 — 59. 
Der Reim zogen : aagen ist ganz unglaublich und hat keine Analogien im Laurin, 
denn Reime wie garten : borten unterscheiden sich dadurch wesentlich von diesem, 
daß sie den verschiedenen Voeal auf der vorletzten Hebung haben, stehen also 
gleich mit menege : brünegCj nur daß die Vocale sich näher berühren. Im 
stumpfen Reime begegnet a : o nur ganz spärlich und nur vor r (denn von 
jungem Belegen, wie sie I, S. XLIX angeführt sind, ist hier ganz abzusehen). 
Ein Reim aber wie varen : aagen , den K hier bietet, hat in Dichtungen des 
12. Jahrhs. so massenhafte Analogien, daß eine gänsliche Unkenntniss des 
Reimgebrauches jener Zeit dazu gehört, wenn man behauptet, hier musste der 
Reim zogen : aagen hergestellt werden (S. XLVIII). Auffällig erscheint auch 
der in der Hs. überlieferte Reim tote : tete 1859 f., aber für diesen fehlt es 
doch nicht an Analogien im 12. Jahrb.; vgl. beten : geböte Kaiserchr. 47 : ap- 
goten 993. atete : apgote 7973. treten : geboten 12393. gtbete : gote Fandgraben 
2, 65. Diemer 24, 16; auch gebute : bete Fundgr. 2, 38. Beachten wird man 
auch hier, daß es nur sehr alte Dichtungen sind, die entsprechende Reime 
zeigen. — 1762 f. sind in der Hs. überliefert Hilprant der weiaz man rufft 
herm Dietreich umb den kleinen man. M. schreibt Hildebrant der aprach adn \ 
herre, umb den kleinen man \ ir auU tuon ala ein wiae man^ ganz willkürlich, 
und unwahrscheinlich schon deßbalb, weil, wenn die zweite Zeile schon zur 
Rede gehörte, in der dritten Inversion stehen würde. Es ist zu lesen Hildebrant 
der weiz adn hem Dietrich um den kleinen man. weiz ist prät. von whBcn^ strafen, 
tadeln, vorwerfen; das verstand der Schreiber von K so wenig als der gelehrte 
Herausgeber des 19. Jahrhs.; da er glaubte, das Verbum fehle, schob er rvfft 
ein. — 1768 ist zu schreiben des diu frouwe Künhilt hdt gebeten; M. daz diu 
frou. — 1788 wird geapotea und 1791 apotea ganz grandlos gegen die mhd. 
übliche Schreibung und Verwendung im klingenden Reim (apoten als stumpfer 
Reim gehört ganz zu den Ausnahmen) mit ^inem t geschrieben. — 1856 ist 
das ursprüngliche wohl über allez daz lant, — 1883 — 86 sind überliefert: 

dö swuoren si die friuntschaffc 
diu stt niemer mdr zebrochen wart. 
M. macht daraus vier Zeilen: 

dd swuoren si die friuntschaft, 

diu Sit hete groze kraft 

und niemer mSr zebrochen wart 

unz an ir beider hinvart. 
Das cursiv gedruckte sind Ergänzungen, das in Z. 2 aus Walberan 1166 entnommen. 
Aber wenn der Walberan so manche Verse des Lanrin entlehnt oder nachahmt , 
folgt daraus, daß die Entlehnung sich auf zwei Zeilen erstrecken muß? Er 
ahmte 1883 nach, 1884 veränderte er eben um des Reimes willen. Daß aber 
der Reim friuntachaft : wart ein ganz unanstößiger ist, wurde bereits oben 



104 LITTERATÜR: SIEVERS, PARADIGMEN ZUR DEUTSCHEN GRAMMATIK. 

(S. 95) bemerkt. Das Verfahren M.'s hier ist dasselbe, das wir die alten Um- 
arbeiter so oft beobachten sehen, daß sie aus einem assonierenden Reimpaare 
durch Einflicken zweier Zeilen vier Reimverse machen. Aber so durfte nicht 
▼erfahren, wer nicht Überarbeitung des überlieferten geben, sondern ans der 
Überlieferung das Urprüngliche herausschälen wollte. 

Schon wegen der großen Unsicherheit der Herstellung in vielen einzelnen 
Fällen scheint es sehr mißlich, von diesem Gedichte einen bloßen Teztabdruck 
zu veranstalten, da man sich doch überall genöthigt sehen wird, das *herge- 
stellte mit der Überlieferung zu vergleichen. Somit halte ich diesen Abdruck 
für etwas ganz überflüssiges. Was aber jemand unternehmen sollte, das wäre 
eine mit dem vollständigen Apparate versehene kritische Ausgabe des Laurin, 
die die Geschichte der Überlieferung klar und anschaulich darlegte, und, so 
weit es mit einiger Sicherheit geschehen kann, das älteste Gedicht herstellte. 
Daß beiden Forderungen die Ausgabe von Müllenhoff durchaus nicht genügt, 
denke ich durch diese Kritik erwiesen zu haben. 

HEIDELBERG, 23. Janaar 1875. KARL BARTSCH. 



Paradigmen zur deutschen Grammatik zum Gebrauche bei Vorlesungen zu- 
sammengestellt von Eduard S i e vers. Halle (V^aisenhausbuchhandlung) 1874. 

Diese Paradigmen unterscheiden sich von den früher erschienenen derartigen 
Hülfe mittein zunächst durch den Umfang, indem sie nicht bloß gotisch und 
hochdeutsch, sondern auch altsächsisch, angelsächsisch und altnordisch begreifen. 
Sodann ist der Verf., so weit man dieß von einer derartigen Arbeit irgend 
verlangen kann, auf die ursprünglichen Quellen zurückgegangen. Er hat die 
größte Mühe und Sorgfalt aufgewendet, um überall das wirklich überlieferte 
festzustellen, so daß in dieser Beziehung den Paradigmen der Vorzug vor allen 
bisherigen Grammatiken gebührt. Es ist streng unterschieden zwischen belegten 
und bloß erschlossenen Formen, welche letzteren in Klammer gesetzt sind. Außer- 
ordentliche Vortheile gewährt femer die vom Verf. gewählte Tabellenform, bei deren 
Einrichtung sich das praktische Geschick desselben in glänzender Weise be- 
thätigt. Die dadurch erzielte Übersichtlichkeit erleichtert sowohl das Auffinden 
als das Lernen der Formen ungemein. Endlich hat S. den Versuch gemacht, 
alle nicht aus den ursprünglichen auf rein lautlichem Wege entwickelten Formen 
durch Cursivdruck auszuzeichnen. Dieß Verfahren ist um so mehr zu billigen, 
je weniger bis jetzt allgemein anerkannt ist, welche Bedeutung die Neubildungen 
nach Analogie vorhandener Formen für die Geschichte der Flexion haben, was 
wieder damit zusammenhängt, daß man es mit den Laut-, insbesondere den 
Auslautgesetzen nicht sehr scharf genommen hat Freilich ist dieß ein schwie- 
riges Gebiet, auf dem die Ansichten leicht auseinandergehen können. Ln all- 
gemeinen, glaube ich, hat S. eher zu wenig als zu viel Analogiebildungen an- 
genommen. Die hervorgehobenen EigenthQmlichkeiten dieser Paradigmen werden 
ihnen gewiß die allgemeinste Anerkennung sichern und eine recht ausgedehnte 
Anwendung besonders für Vorlesungen. Allerdings ist der Preis für diesen 
Zweck etwas hoch. Es dürfte doch zu bedenken sein, ob es sich nicht für 
eine zweite Auflage empfehlen würde, neben der größeren vollständigen eine 
kleinere, nur gotisch und hochdeutsch umfassende Ausgabe zu veranstalten. 



LITTERATUR: SIE VERS, PARADIGMEN ZUR DEUTSCHEN GRAMMATIK. 105 

Etwas hätte vielleicht auch gespart werden können, wenn die allerdings sehr 
ansprechende Aasstattang etwas weniger luxariös ausgefallen wäre. Ein kleineres 
Format würde auch, besonders für die Benutzung bei Vorlesangen bequemer 
■ein. Statt der Einlegung der losen Tabellen in eine Mappe wäre wohl Einband 
mit Znsammenfaltung za empfehlen. 

Ich knüpfe einige Bemerknngen an über einzelne Punkte. Zu Bl. 1 (Snb- 
stantiva, gotisch): Der acc. sing, giba hätte durch Cursivdruck ausgezeichnet 
werden sollen, da dieß die Nominativform ist. Die eigentliche Accusativform 
würde gihö sein gleich dem gen. pl., da beiden Casus dieselbe Grundform gebdm 
SQ Ornnde liegt. Der Unterschied zwischen nom. und acc. ist 'erhalten im ags. 
(jgifu — gife) und im ahd. und alts. pron. und adj. ( — tti, — a). Im altn. ist 
die Form des nom. in den acc. getreten wie im got., im ahd. und alts. subst 
umgekehrt die des acc. in den nom. Der Unterschied ist auch im got. noch 
erhalten bei den ^'^- Stämmen mit langer Wurzelsilbe (bandi — band ja). Daß 
die Zusammenziehung nur im nom. eingetreten ist, beweist die ursprüngliche 
Verschiedenheit beider Formen. Die Verkürzung des d oder 6 im acc. kann 
hier allerdings nicht aus Analogie des nom. erklärt werden. Aber daraus folgt 
nicht, daß überhaupt die Erklärung des kurzen a ans Analogie des nom. falsch 
ist und daß bloß lautliche Verkürzung eingetreten ist gegen die sonst allgemein 
geltende Regel, daß ä unverkürzt bleibt, wenn es ursprünglich durch einen 
Nasal gestützt war. Bei den wenigen hierher gehörigen Wörtern wird der acc. 
der Analogie der übrigen ^-Stämme gefolgt sein, während eine Anlehnung an 
den nom durch die zu starke Abweichung verhindert wurde. Ebenso wie der 
acc. sing, ist auch der acc. pl. gib68 als Nominativform aufzufassen. Die des 
acc. würde gibSm lauten müssen. Ein Verklingen des Nasals vor s findet sonst 
nicht statt, wie dagans, anstins, handuns beweisen. Man darf sich nicht auf 
das sanskrit berufen, wo das fem. a^*d8y das masc. a^dn lautet. Diese ver- 
schiedene Behandlung von m. und fem. ist eine specifisch indische Eigenthüm- 
Uchkeit, die keine andere Sprache kennt. Sie lässt sich kaum auch nur als 
Analogie herbeiziehen, da sie sich im sanskrit nicht auf die a-Stämme be- 
schränkt, sondern sich auf die f- und u-Stämme und die Verwandtschaftsbe- 
leichnungen auf (ar erstreckt. Wir haben hier vielmehr eine Ausgleichung 
zwischen nom. und acc, wie sie das sanskrit bei consonan tischen Stämmen (a»*) 
für beide Casus), das lateinische in der dritten, vierten und fünften Declination, 
das griechische z. B. in Tiolng, ßaaiiflg zeigt. Genauer lässt sich das slavische 
vergleichen , welches die Ausgleichung gerade auch bei den femininalen d-Stäm- 
men^ hat eintreten lassen, nur ^aß hier nicht der acc. durch den nom., 
sondern der nom. durch den acc. verdrängt ist (r^A:^, du^q). Die Ausgleichung 
hat femer stattgefunden bei allen consonantischen Stämmen, wahrscheinlich 
wenigstens erst auf germanischem Boden, so daß dann auch von diesen die 
Aecusative cursiv zu drucken gewesen wären. Weiterhin hat dann allgemein 
im BÜdgermanischen im Gegensatz zum altnordischen die Form des nom. pl. 
die des acc. verdrängt, welcher Vorgang dadurch begünstigt wurde, daß im 



*) Als gemeinindogermanisch dürfen wir die Ausgleichung wohl nicht ansetzen, 
da das griechische dagegen spricht. Auch im slavischen und litauischen ist der Unter- 
schied aufrecht erlialten, wenn auch nicht mehr in den alten Formen, die zum Theil 
durch Aiialogiebildungcn nach vocalischer Declination verdrängt sind. 
**) Allerdings auch bei den femininalen t-Stämmen (kosti). 



106 LITTERATUB: BIEVEBS, PARADIGMEN ZUB DEUTSCHEN GRAMMATIK. 

sing, beide Casan rein lautlich durch Abfall des s zusammenfielen. — CaniT 
wäre noch su setzen gewesen der yoc« der Stämme auf an und ar als Nomi- 
nativform. Die eigentlichen VocatiYformen harum^ weskw hätten nach Eintritt 
der Auslautgesetse kany tvestr ergeben. — Der nom. des substantivierten part 
ncujands ist cursiy gesetzt, weil nach der Einleitung die Übereinstimmung des 
skr. bharan, gr, (fiQtav^ ksL htry beweist, daß schon in uralter Zeit das als 
Endung yorauszusetzende -ts geschwunden war • Aber lat. ferensj auch altbaktr, 
bara^ hat doch noch das s. Ein früher Ausfall des t ist allerdings durch die 
Übereinstimmung aller Sprachfamilien wahrscheinlich. Wir brauchen daher nur 
anzunehmen, daß d in den nom. und yoc. aus den übrigen Casus wieder ein- 
gedrungen ist, keine Formenübertragung aus der a-Dedination. Die Curslysetsiing 
der nom. mindpSf noMs und haurgs kann ich nicht gerechtfertigt finden. Wie 
sollten die Formen nach consonantischer Dedination anders lauten? Ein all- 
gemeiner Abfall des $ nach yorausgehendem Consonanten ist doch nicht er- 
weislich. — Von dem dat. sing, der masculinen und neutralen a-Declination 
ist jetzt yon W. Braune (Beiträge z. Gesch. der deutschen Sprache II, 161) 
überzeugend nachgewiesen, daß er als instrum. zu fassen sei (daga == ahd. tagu). 
Auf Bl. 2. 3 (subst altn.) sind die Analogiebildungen in der schwachen 
Dedination unbezcichnet geblieben. Die rein lautlichen Veränderungen beruhen 
hier hauptsächlich auf zwei Auslautgesetzen des altn.: s (r) nach n fällt ab; 
darauf yerkling^ auslautendes ti, gleichviel ob es ursprüoglich im Auslaute stand, 
oder ob ein s vorher abgefallen ist (vgl. Scherer, Zur Qesch. S. 416). Die 
Formen, wdche diesen Regeln zu widersprechen scheinen, sind nach Analogie 
der vocalischen Dedination gebildet. Der nom. pl. müsste gleich dem acc. hana^ 
vüja lauten; das r ist nach Analogie von ülfar angetreten. Ebenso ist der gen. 
hana statt des zu erwartenden hanna (cf. gumna) nach Analogie von ülfa ge- 
bildet Die Wirkung der Analogie begreift sich leicht, da dat. und acc bereits 
lautlich mit den Formen der a-Doclination zusammengefallen waren. Sicher in 
etwas anderer Weise nach der a-Declination gebildet sind nom. gumnar and 
acc. gumna (gum{n)ar und ebenso kljär sind wohl Druckfehler), indem hier 
dersdbe Weg eingeschlagen ist, der im got. schon beim dat. (abnam) betreten 
war. Nom. acc. des neutr. hiörtu kann nicht aus hcrtdna entstanden sein, wdches 
hiörtun hätte geben müssen, sondern ist nach Analogie des vorauszusetzenden 
ardu, Wndu gebildet; der Abfall des ii ist dann verhindert durch Einwirknng 
des im ganzen sing, auslautenden Vocals. Im nom. acc des fem. tungur etc 
ist das r an die wahrscheinlich zunächst entstandene Form iungu nach Analogie 
von gjafar getreten. Man vergleiche hiersiit den unzweifelhaft späteren Antritt 
des r in nom. pl. blindir = bUndai und in J/etr, tveir» Der dat. tungum ist 
wahrscheinlich an den des masc. und neutr. angeglichen, ebenso wie in der 
o-Dedination gjöfum an i^/Wm und ordum. Wenigstens sollte man nach ahd. 
gtbSmj amgom und nach gjafar ^ Sl/oA* =^ go^ gibo», gibo erwarten gja/am, 
iungam. Allerdings finden wir auch im ags. -um und im alts. -un im fem., aber 
wohl gleichfalls in Folge einer Angleichung an masc. und neutr. entstanden. 
Dieselbe Ausgleichung hat im gen. stattgefunden (ungna, bylgna nach gumna, 
hjarina und gydja nach hamif zugleich wohl nach gjafa. Denn das 6 hätte 
nicht ausfallen können. Im ahd. bildet sich umgekehrt gen. und dat. der 
schwachen masc. und neutr. nach dem der fem. — Noch bemerke ich, daß 
96tt nicht der echte nom. der femininen i-Stämme ist. Die Form desselben 



LITTERATUB: SIEVERS, PARADIGMEN ZUR DEUTSCHE N GRAMMATIK. 107 

haben wir in heidr. Dagegen ist mtt dem acc. angeglichen mit Anlehnung an 
die a-Declination (jsj^f), wo umgekehrt der acc dem nom. aDgeglichen war. 
Überhaupt sind die Unterschiede in der Declination der fem. im sing., von ein- 
lelnen Wörtern abgesehen, gana verwischt Im acc. pl. »dttir ist die Form des 
Dom. eingetreten, wie in der a-Declination schon im gemeingermanischen (gibot). 
Auf Bl. 4 (snbst. ags.) weichen die Paradigmen der fem. von den bis- 
herigen Aufstellungen ab, indem die a-Stämme mit langer Wurzelsilbe nicht, 
wie es früher geschah, mit den i-Stammen zusammengeworfen werden. Näher 
begründet hat S. sein Verfahren in den Beitr. z. Cresch. d. deutschen Spr. I, 486 ff. 
Danach muß man zugeben, daß die Scheidung für die älteste Zeit berechtigt 
ift. Aber die Vermischung beginnt doch, wenn auch der Unterschied sehr über- 
wiegend aufrecht erhalten wird, theilweise schon ziemlich früh, wie auch S. ein- 
räumen muß, selbst nachdem er einige Beispiele derselben auf etwas gezwungene 
Weise wegzuschaffen versucht hat. Daher kann ich die völlige Ausschließung 
der acc. auf e in der t-Declination und der ohne e in der a-Declination vom 
Paradigma nicht billigen, zumal da auch die jüngere Entwickelung Berücksichti- 
gung beanspruchen darf, so gut wie im ahd., wo die Flexionsendungen bis zu 
ihrer letzten Abschwächung aufgenommen worden sind. Durch die Anwendung 
von Klammer und Cursivdruck konnte ja das Verhältniss der jungem zu den 
altem Formen gekennzeichnet werden. — Der dat. sing, gife stimmt lautge- 
tetdich nicht zu ahd. gilbu^ altn. giöf. Wir haben darin wohl die Genitivform zu 
sehen. Auch im ahd. und alts. werden ja die Formen des gen. und dat. unter- 
mischt für beide Casus gebraucht. Das ags. unterscheidet sich nur dadurch, 
daß hier die Form des dat. ganz verloren gegangen ist. Der gen. gife würde 
sich zu got. gibos, ahd. geba verhalten wie tunge zu tuggS^ zunga, tage zu augOy 
(mgOy der acc. sing, gife zu einem ursprünglich vorauszusetzenden got. gibo = 
ahd. gebdj der nom. acc. pl. gife neben gifa zu gibösy gehä *) Eine Einwirkung 
der »-Declination werden wir nicht anzunehmen haben. Vielmehr ist erst durch 
das Zusammenfallen der Formen des gen. und dat. die Ausgleichung der Ac- 
eusativformen veranlasst. — Der gen. pl. der t-Dedination hätte eigentlich 
nicht cnrsiv gedruckt werden sollen. Denn gästa und bena gehen auf gästia, benia 
zurück wie rica auf ricia. Das j ist wie überall im ags. ausgefallen. Ebenso 
gehen die dat. gästum, bSnum auf gäatium, binium zurück, die wie alts. gesiiun 
nach Analogie der ja-Stämme gebildet sind, wozu die schon übereinstimmende 
Bildung des gen. die Veranlassung gab. Ob der nom. acc. pl. gästa» nach 
Analogie der ja-Stämme (also ursprünglich gästias) gebildet ist oder erst nach 
Ausfall des j im gen. und dat. nach der der a-Stamme, wird sich schwer ent- 
scheiden lassen. Im letzteren Falle aber hätte die Analogie näher gelegen, weil 
dann schon die Bildung des ganzen sing, übereinstimmte. — In der schwachen 
Declination ist zunächst der gen. dat. sing, des neutr. edgen Druckfehler für 
edgan. Im gen. pl. ist. -ena im masc. und neutr. wohl aus dem fem. über- 
tragen. Das kurze a der Ableitungssilbe hätte sjucopiert werden müssen wie 
in fugla, ceaatra. Das e entspricht wie in den oben angeführten Fällen (eage 



*) Also gerade das umgekehrte hat stattgefunden von dem, was Scheror (zur 
Gesch. 436) annimmt, der gife für die echte Dativform erklärt, die in den gen. über- 
getreten sei. 



108 LITTERATUR: 81EVEUS, PARADIGMEN ZUR DEUTSCHEN GRAlllfATlK. 



etc.) dem gotischen 6, Dieselbe Übertragung haben wir ja im ahd^ wo sie 
S. bezeichnet, und im alte., wo sie es nicht ist. 

Die Paradigmen der ahd. SnbstantiTe (Bl. 6), ebenso die der Adjeetira 
(Bl. 11) und Yerba (61. 22) bedürfen jetzt einer wesentlichen Correetor in Be- 
zug auf Quantitätsbezeichnung. Durch Braunes Abhandlung *Ober die Quan- 
tität der althochdeutschen Endsilben (Beitrage II, 117) ist nachgewiesen, dafi 
alle auslautenden Vocale des ahd. schon in ältester Zeit verkfirst sind mit 
Ausnahme der fem. auf C, der I. DI. sing. conj. praet. sw. verb., de« nom. aee. 
plur. fem. und wohl auch masc. nach der o-Declination und ▼ielleicht des gea. 
sing. fem. der a-Declination. S. hat sich hier noch den früher üblichen Qnao* 
ütätsbezeichnungen angeschlossen. Dagegen hat er sich beim alts. aller I^bige- 
seichen enthalten. Es konnte fraglich sein, ob er dabei nicht nach der ent- 
gegengesetzten Seite das Maß überschritten hat. Doch scheint in der That der 
Unterschied yon hoch- und niederdeutsch in der Behandlung der Endsilben 
darin zu bestehen, daß dieses die Verkürzung frühzeitig Tor Consonanten wie 
im Auslaut hat eintreten lassen, während im hochd. auslautender Consonant die 
Verkürzung verhindert. Das fränkische scheint sich dem niederdeutschen naher 
anzuschließen. — Das o im gen. plur. masc. und neutr. tago, uuorto entsprieht 
nicht unmittelbar lautlich dem got. dage^ vaurde^ sondern ist aus dem fem. 
übertragen, wie in der schwachen Declination. EU ist dann auch auf die t-Stiimme 
und die sonstigen consonantischen übertragen. Dasselbe wie Tom ahd. gilt 
natürlich auch vom alts. — Nach der Art, wie S. die Formen des gen« 
und dat. sing. fem. der a-DecIination ansetzt und ordnet (gi^bd^ -6, •-«, -o,-e und 
geböf -^ -Uj -o, -o, -e,) scheint er nicht anzunehmen, daß die Formen beider 
Casus untermischt für einander gebraucht worden seien, sondern daß die 
Formen, die für jeden einzelnen gebraucht werden, alle lautlich aus einander 
entwickelt seien. Das ist aber nach den ahd. Lautgesetzen, wie sie von Braune 
a. a. 0. entwickelt sind, unmöglich. Die Form des gen. geht auf a aus, welches 
vielleicht in der ältesten Zeit noch lang war und keine andere Veränderung er- 
leiden kann, als die schließliche Schwächung zu «, die des dat. auf «, o, welches 
niemals zu a werden kann. Wir haben also wieder Formübertragung, die durch 
Cursivdruck anzuzeigen wäre. 

Beim mhd. subst. (Bl. 7) and ebenso beim adj. (Bl. 1 1) folgt S. dem ge« 
wohnlichen Schema in der Darstellung des Ausfalles des sogenannten stummen e. 
Die Formen sind nach einer abstracten Norm aufgestellt, denen der Schreib- 
gebrauch und auch die Aussprache bei weitem nicht immer entspricht. Insbe- 
sondere sind gen. pl. wie tdre^ Icunerey holre, eigenre und dat. wie holme, eige* 
neme fast nur mitteldeutsch, allerdings nach Lachmanns Vorgang vielfach will- 
kürlich in oberdeutsche Texte eingesetzt. 

Bei den aöj. (Bl. 8 — 11) hat S. den Cursivdruck zur Unterscheidung 
der substantivisch und der pronominal flectierten Formen angewendet, gewiß 
sehr angemessen, nur ist ihm dadurch das Mittel genommen einige hier vor- 
kommende Analogiebildungen zu bezeichnen, über die er selbst (Beiträge VI, 98 ff.) 
gehandelt hat. Auch bei den pron. hat er von der Bezeichnung der Analogie- 
bildungen abgesehen, einige vereinzelte Fälle ausgenommen (/>^tV, stn) bei denen 
sie dann lieber auch hätte unterbleiben sollen, wenn eine consequente Durch- 
führung des Princips bei den hier allerdings sehr complicierten Verhältnissen 
unthunlich schien. 



LITTERATUR: BLUHME, DIE GENS LANGOBARDORUM. 109 

Weniger Anlaß zu Bemerkungen geben die Yerba. Sehr zn loben ist die 
Einriclitung, daß nachdem die Bildung der Modi und Personen auf einer be- 
tondem Tafel für jeden einzelnen Dialect dargestellt ist (Bl. 18 — 23), die 
Bildung der Tempusstämme und des part* praet. durch übersichtliche Neben- 
einanderstellung der verschiedenen Dialecte auf demselben Blatte veranschaulicht 
wird (Bl. 24 — 29). Die zu letzterem Zwecke verwendeten Beispiele sind sehr 
gut gewählt, um alle möglichen Besonderheiten, die dabei eintreten können, dar- 
zustellen. Die Auszeichnung durch Cursivdruck ist nur sehr sparsam angewandt^ 
fast nur wo die Formen von verschiedenen Stämmen abgeleitet sind. Analogie- 
bildungen sind beim verb. allerdings nicht so zahlreich als beim subst, doch 
fehlen sie auch hier nicht und hätten sich auch wohl bezeichnen lassen. So ist 
a in der II. plur. praes. ind. (gBbcU) im sudgermanischen statt des älteren t 
nach Analogie der I. und II. pers. eingetreten. Im alts. und ags. ist I. plur. 
praes. ind. durch die Form der lautlich zusammengefallenen IL und III., IL 
plur. praes. opt. und praet. ind. und opt. durch die Form der I. und III. ver- 
drängt. Im opt. praes. und praet. vertritt die Form der III. sing, auch die I. 
sing. Im altn. sind neben derselben noch die regelrecht gotischen gibau und 
getjau entsprechenden gifa und gcefa erhalten. Im ahd. haben ist das durch 
alle Formen durchgehende i (e) gegenüber gotischem Wechsel zwischen cd und 
a jüngere Veranalogisierung. Die IL sing, praet. der starken verb. im südger- 
manischen (ahd. gäbt) ist aus dem conj. übertragen (cf. Braune , Beiträge 11, 
155 ff.), das 8 im Auslaut der secundären Personalendungen vor dem Abfalle 
durch Einfluß der primären geschützt (cf. ibid). 

FREIBURG i/Br., Januar 1876. H. PAUL. 



Die gens Langobardonim. Zweites Heft: Ihre Sprache. Von Friedrich Bluhme. 
Bonn 1874. 8. 54 S. 

So befriedigend im Allgemeinen der Eindruck war, welchen das erste 
Heft von Bluhmes ng^ns Langobardonim^ hervorgerufen hatte, und so sehr 
man mit den meisten der dort in Bezug auf Herkunft und Wanderungen des 
Langobardenvolkes aufgestellten Behauptungen einverstanden sein konnte, so 
ganz anders ist der Eindruck, welchen das zweite Heft auf unbefangene For- 
scher machen wird. Schon der Titel des Büchleins ist eigentlich nicht so ge- 
wählt, daß er dem Inhalte desselben entspräche. Die Schrift enthält nur zum 
kleineren Tbeile Abhandlungen oder Bemerkungen über die wirkliche lange« 
bardische Sprache; der größere Theil derselben zeigt vielmehr die Einflüsse, 
welche das Langobardische auf die Sprache der unterworfenen Bewohner Italiens 
gehabt hat oder vielmehr nach Bluhmes Ansicht gehabt haben soll. 

Gewiß ist es allerdings, daß auch die Langobarden an der Wiege der 
italienischen Sprache gestanden haben; es fragt sich nur, wie weit in diesem 
Falle ihr Einfluß gereicht hat. Bluhme geht in dieser Beziehung jedesfalls viel 
zu weit, und wenn er Corssen und Schuchardt neben Pott berücksichtigt hätte» 
wäre er ohne Zweifel zu andern und theilweise richtigeren Resultaten gekommen. 
Manche Erscheinmigen auf dem Gebiete der romanischen Lautlehre haben sich 
durchaus ohne das Zuthun der Langobarden entwickelt und sind auch, wie 
man bei Corssen leicht finden kann^ älter als deren Einwanderung in Italien; 



110 LITTERATUR: BLUHME, DIE GENS LANGOBABDOBUIC 

80 z. B. das Verschwinden des auslautenden t (S. 18), der Ab£all des h (S. 21), 
welcher von der Nichtaassprache desselben herrührt (Corssen I, 96 — 113) md 
weit älter ist, als Blnhme annimmt. Das Nentmm nnd das Mascnlinnm waieo 
nach der ynlgären Aussprache gar nicht zu unterscheiden, und darum sind da 
so häufig Tcrwechselt worden, nicht bloß in Folge langobardisclieB Einflnsscü- 
Auch in dem Gebrauche der Casus (S. 33) musste die regelmäßige Entwicklmig 
der lateinischen Sprache zu Verwechslungen fuhren; da nämlich in der ▼ulgSrea 
Aussprache m und s im Auslaut nicht gehört wurden, so mussten Nonu und 
Accus, zusammenfallen ; die Schreiber wussten nicht mehr, wo # und wo m am 
Platze war. Höchst dankenswerth sind hingegen die Beispielsammlungen anf 
S. 33 ff. 

Was nun den germanistischen Theil der Schrift betrifft, so hat bekannt« 
lieh schon J. Grimm (Gesch. d. deutschen Sprache S. 690) die langobardisehe 
Sprache in den Kreis seiner Untersuchungen gezogen. Und wenn auch diese 
letztem weder erschöpfend sind noch in allen Punkten zu richtigen Ergebnissen 
geführt haben, so sind sie doch wenigstens der Art, daß sie gewissemtafiea 
die erste Grundlage späterer Untersuchungen bilden müssen. Bluhme hat leider 
nicht nur über Grimm hinaus keine weitem Fortschritte gemacht, sondern er 
ist sogar hinter diesem beträchtlich zurückgeblieben. Schon in dem sein» Aus- 
gabe jder langobardischen Gesetze angehängten Glossar hat er, behemdit Ton 
der irrigen Annahme, die Langobarden seien ein niederdeutscher, den Angel* 
Sachsen besonders nahe verwandter Stamm, mancherlei Irrthümer begangen, und 
in der vorliegenden Schrift wiederholen sich dieselben. Da soll Pertulo wört- 
liche Übertragung von Liutpert sein (S. 49), klein soll bei den Langobarden 
^liti^ und ^groß *^hrot^ gelautet haben u. s. w. Und doch beweisen die in den 
Denkmälern keineswegs seltenen z, daß die Langobarden die hochdeutsche Laut- 
verschiebung mitgemacht haben; vgl. Zangrulfj Zuchilo, tuuai (goth. no/t), t^e- 
9ätOy sculdhaiZf marpaiz n. s. w. Vgl. auch lang, toi/an (goth. vetpon), anagrif 
(g. greipan), lang, plödraub (g. blSp) u. s. w. Nur die dentale Aspirata p ist häufig 
auf der gothisch -germanischen Stufe stehen geblieben: tkinc, tkCngarty Lethu 
(zu ahd. leid)', daneben aber doch pl6draup (g. IdSp), canndi (g. dnp9\ gaiäo 
= ga^ido (g. aij!>« . Auch die zahlreichen diphthongischen ot und au bestiitigen 
im Gegensatze zu den niederdeutschen Verengangen e und 6, daß die Sprache 
der Langobarden ein überwiegend oberdeutsches Gepräge hatte i und daß sie 
am meisten Ähnlichkeit mit den Mundarten der auch geographisch benachbarten 
Baiern und Alamannen hat; nur hat das gemeinsame oberdeutsche Gepräge 
hier einen noch alterthümlicheren Anstrich ab in den erhaltenen alamannischen 
und bairischen Denkmälern, es fehlt z. B. der Umlaut, und o» und au sind 
noch nicht zu ei und ou geworden. 

Mit Recht stellt Bluhme (S. 18) gafanf (Roth. 247) zu 'fahen, fangen'; 
sonst lässt er sich nur selten in Deatungen ein, wie er denn auch die lango- 
bardischen Worte meist in der herkömmlichen Form braucht (Bothariy Älboin 
statt HrStharity Älbwini), statt Versuche zu einer Wiederherstellung älterer, 
richtigerer Formen zu machen. 

BASEL, Nov. 1874. KARL METER. 



LITTERATUR: FISCHER, ENTGEGNUNO. Hl 

Entgegnung 

in Sachen meines Baches: ,,Die Forschungen über das Nibelungenlied seit Karl 

Lachmann.'' 

Als im Juni dieses Jahres mein Erstlingswerk der Öffentlichkeit Übergeben 
worden war, da dachte ich wohl daran, daß Widersprach nicht fehlen werde, insbe- 
sondere dem Anhange der Schrift gegenOber; ich freate mich auf diesen Wider- 
spruch, denn, mochte ich im Kampfe gewinnen oder unterliegen, der Sache musste 
mit einer lebhaften Discassion gedient sein. Ich war mir bewusst, daß die ganze 
Diction meines Baches so vorsichtig als möglich war, daß ich mich bestrebt 
hatte, Jedem gerecht zu werden, in einer Weise, daß ich halb und halb be- 
fürchtete, des Eklekticismus angeklagt zu werden; ich hatte dabei selbst der 
Ansicht, die zu bekämpfen Grrundtendenz bei mir war, der Lachmannischen, 
Zugeständnisse gemacht, hatte Lachmanns Sagendeutung neben der feindlichen 
W. Müllers gelten lassen, ja bei Lachmanns Liederkritik wenigstens das zuge- 
standen, daß er „oftmals mit feinem Geschmack schlechte Strophen herausge- 
fühlt habe^y daß „seine Lieder in der That im allgemeinen die schönsten Stro- 
phen enthalten^. Was war natürlicher, als daß ich Widerspruch zwar, aber 
Widerspruch in sachlich gehaltener Form erwartete? Dabei hatte ich allerdings 
mich yerrechnet. Zwei gegnerische Aufsätze sind mir zu Gesichte gekommen« 
Auf beide antworte ich bloß, weil meine wissenschaftliche Ehre in dem eineui 
meine moralische in dem andern angetastet ist. 

In der Ztschr. f. österr. Gymn. hat Anton Schönbach bei Gelegenheit 
einer Recension von Vollmöllers „Kürenberg und die Nibelungen'' Anlaß ge- 
nommen, über meine Arbeit und vor allem deren Anhang sich lustig zu machen 
(a. a. 0. Bd. XXV, Heft 5, Seite 353—358). Ich bin allerdings nicht der Ein- 
zige, der dabei schlecht wegkommt; denn gleich S. 353 f. steht zu lesen : „Man 
sieht, die Preisrichter hatten das lebhafte Bedürfhiss, sich nach keiner Seite 
hin anangenehm zu machen, denn Vollmöller hat gegen den Kürenberger 
einen ersten Preis' erhalten, Fischer für den Kürenberger einen Hauptpreis 
dayongetragen*'. Da nun Vollmöllers Schrift ausdrücklich und hoch gelobt wird, 
die meinige aber sich im Laufe von Schönbachs Besprechung als ein recht 
schlechtes Machwerk herausstellt, so kann in den citierten Worten nichts Anderes 
gefunden werden , als eine gröbliche Beleidigung der Tübinger philosophischen 
Facultät, welche so diplomatisch, sagen wirs frei nach Sch.*s Meinung, so ge- 
mein und feig gewesen sein soll, ein vortrefFliches und ein miserables Elaborat 
mit demselben Preise zu bedenken. Doch — mir steht die Beantwortung dieser 
Anschuldigung eigentlich nicht zu. — Weiter hat Seh. versucht, auch Bartsch 
der Theilnehmerschaft an meinen Fehlem zu bezichtigen, indem er davon 
redet, daß ich in dem Vorworte zu meinem. Buche dem „Geheimen Hofrath 
Professor Dr. Karl Bartsch in Heidelberg'' für seine Unterstützung bei der Ab- 
fassung des Anhangs danke. Die Sache verhält sich so* An Pfingsten 1874 suchte 
ich Bartsch in Heidelberg auf, um ihm für seine Unterstützung bei der Durchsicht 
meines Buches zu danken und zugleich von Vollmöllers und Scherers Aufsatze 
mit ihm zu reden. Wir giengen beide mit einander durch, und ich verdanke 
einen großen Theil fruchtbarer Gedanken dieser Unterredung. Wenn es aber 
gelingt, einen Unsinn, einen unlogischen Schluß bei mir nachzuweisen — meine 
Schlüsse für zwingend zu halten, bin ich zu bescheiden — , so ist die Schuld 



112 LITTERATÜR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 

an demselben mein; und vor Allem kann ich versichern, daß Sch/s Spott nur 
solche Aasfclhningen getroffen hat, die mein sind. 

Gehen wir za den sachlichen Aosstellnngen Sch.*s über. Er sagt S. 354: 
,,Fischer weist die — allgemeinen Betrachtungen Scherers [Scherer S. 562] mit 
einer einfachen Negation ab [bei mir S. 258]. Sie hätten sich nicht widerlegen 
lassen. ** Nicht weiter geredet habe ich von jenen Gründen Scherers — Abge- 
sehen davon, daß sie, weil ganz allgemeiner Natar, weder stricte widerlegbar 
noch absolnt beweisend sind, — einfach deßhalb, weil sie den Kürenberger 
Pfeiffers, nicht den Bartschs, noch weniger den meinigen treffen. Daß Pfeif- 
fers Kürenberger, der zwischen 1120 und 1140 gesetzt wnrde, nicht wohl an- 
nehmbar ist und daß anf ihn Scherers Gründe passen mögen, das will ich nicht 
leugnen, brauche es aber auch nicht zu leugnen. Bartsch setzt des Kürenbergers 
Lieder ,,spätestens um 1150** (Untersuchungen S. 355); eine „Kluft von vier 
bis fanf Decennien'' existiert also zwischen ihm und Eiihart von Oberg^ oder 
dem Verfasser des Grafen Rudolf nicht. Noch weniger trifft Scherers Argument 
meine Ansicht vom Kürenberger. Bartsch setzt die Nibelungen in ihrer ersten 
Abfassung ebenfalls vor 1150, der erhaltenen Assonanzen wegen. Daß ich die 
Beweisführung Bartschs in diesem Punkte nicht annehme, habe ich in meinem 
Buche S. 86 f. gesagt und S. 255 »257 näher auseinandergesetzt. Ich sehe 
keinen zwingenden Grund, über das Original der Bearbeitungen AB und C, 
das Bartsch um 1170 ansetzt, zurückzugehen auf eine noch ältere Textesgestalt. 
Ich habe S. 250 gesagt: „Der Dichter, der um oder vor 1150 iTrische Ge- 
dichte sang, kann gar wohl um 1170 (vielleicht dürfen wir das Nibelungenlied 
etwas früher setzen) im Mannesalter ein großes Epos verfasst haben. '^ Daß ) 170 
aber von Eilhart von Oberge und dem Verfasser des Grafen Rudolf nicht so 
sehr weit entfernt ist, dürfte die Litteraturgeschichte lehren. — Ich denke, 
das Auseinandergesetzte könnte es einfach erklären, warum ich auf dieß betr. 
Argument Scherers nicht eingieng. Auch was Scherer am selben Orte gegen 
Passau als Brennpunkt romanischer Einwirkung vorgebracht hat, trifft mich nicht, 
da ich ausdrücklich erklärt habe (S. 250), daß ich auf die Identification des 
Liederdichters Kürenberg mit einem der anderweitig bekannten Kürenberger 
verzichte. — Scherers weiterer Grund, daß wir von den Nibelungen kein Frag- 
ment einer älteren Gestalt haben, schien mir gegenüber von Bartschs Beweis- 
führung (wovon unten mehr) unwesentlich. 

Schönbach fahrt fort: „Weiters ist mir in dem Fischerischen Aufsätze 
insbesondere die Mangelhaftigkeit der Logik aufgefallen.* Beweise dafür folgen 
sogleich. „Schon S. 258 bietet eine kleine Probe« Bei dem Versuch, Scherers 
ästhetischen Anschauungen, welche ich nicht vertheidigcn möchte, einen Wider* 
sprach nachzuweisen, finden sich folgende Worte: Wenn volksthümlicher , so 
doch wohl auch alterthümlicher.' So doch wohl auch alterthümlicher. Es ist 
doch schön, daß die deutsche Sprache so viele Partikeln besitzt, welche geeignet 
sind, einen Riß in der Schlußfolgerung vor dem unaufmerksamen Leser zu ver- 
kleistern.'' Habe ich etwa gesagt, daß ich MF. 3, 17 — 25 für alterthümlicher» 
weil für volksthümlicher halte, als die Küren bergsstrophen? Nein, ich wollte mit 
jenen Partikeln nur das sagen, daß Scherers Beweisführung auf jene Ansicht 
leite; denn ich fuhr unmittelbar nachher fort: „Denn der conventioneile Frauen- 
dienst der Nibelungen ist nach Scherer Zeichen jüngerer Zeit und S. 581 sucht 
er eben das hohe Alter jenes Liedchens zu erweisen.* Die Auslassung dieser 
Worte entstellt meine ganze Beweisführung. 



LITTERATUR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 113 

In ganz unerhörter Weise entstellt sind auch meine Aosfuhrnngen auf 
S. 259 — 261, welche dartbun sollten, daß die Beispiele gemeinsamer Strophen- 
formen bei mehreren Dichtern, die Wilmanns gegeben hat, das Gesetz der 
Nichtentlehnnng nicht umstoßen. Ich muß die ganze Stelle hieher setzen. 

„Mit den durch Wilmanns beigebrachten Beispielen yon Strophenent- 
lehnungen in der altem Lyrik*', sagt mein Gegner S. 354 f., ,,hat es Fischer 
gar leicht genommen. Die meisten erledigen sich nach ihm (S. 259 f.) ^eben 
dadurch, daß ganz sicher die betre£Pendcn Dichter unabhängig yon einander auf 
die ihnen gemeinsamen Strophenformen gekommen sind. Dieß ist anzunehmen, 
wenn diese Strophenformen sehr einfach sind. Ein ähnlicher Fall ist es, wenn 
eine von Mehreren gebrauchte Strophe fremdländischen Ursprungs ist; denn 
der Dichter, der eine ausländische Form benutzt, ist selbst nicht mehr Original, 
hat also auf Wahruug seines Eigentbums keinen Anspruch . Wenn Dichter von 
einander unabhängig auf ihnen gemeinsame Strophenformen gekommen sind 
und diese Gemeinsamkeit ihrem Rufe nichts geschadet hat, wo bleibt dann das 
Gesetz von der Strophenentlehnung?'' 

Bis hieher habe ich mich noch keineswegs über Entstellung zu beklagen ; 
da vielmehr in der ganzen Kritik meiner hieher bezüglichen Ausführung dieß 
der einzige sachlich gehaltene Satz Schönbachs ist, so will ich gleich hier 
auf ihn antworten. 

Daß ein Gesetz der Nichtentlehnnng bestand , daß es für Unkunst, ja 
für Verletzung litterarischen Eigentbums galt, fremde Weisen sich anzueignen, 
das beweist, um nur von meinen Gegnern selbst beigebrachtes zu verwerthen, 
der Ausdruck dc mediep , den Vollmöller S. 10 anführt, das beweist schon der 
Umstand, daß unter den zahllosen lyrischen Gedichten der Blüthezeit und des 
Minnesangsfrühlings sich nur fünf Strophenformen, welche von Mehreren^ bald 
zwei-, bald drei-, bald viermal gebraucht sind, zusammen 14 Fälle, finden; das 
ist für das 13. Jahrhundert auch von meinen Gegnern kaum bestritten. Was 
für das 13. Jahrhundert gilt, wird man geneigt sein, auch auf das 12. auszu- 
dehnen; denn auch dieses weist eine Reihe und zwar gerade der trefiTlichsten 
Sänger auf. Nun zeigt sich, daß jene 14 Beispiele (von dem tlvxtliyofjLivov bei 
Reinmar und Walther und von dem romanischen Metrum bei Rud. von Fenis, 
Bligger von Steinach und Hartwic von Rute abgesehen^ lauter sehr einfache 
Strophenformen zeigen; daß sich keine Strophe darunter findet, welche so com- 
pliciert wäre (wie es die Mehrzahl aller verwendeten lyrischen Strophen ist), 
daß man sagen müsste, sie sei von einem andern entlehnt. Wenn nun dieß der 
Fall ist, was ist natürlicher, als anzunehmen: der Dichter A, der ein Lied in 
einer solchen einfachen Form sang, wusste einfach nicht, daß ein B dieselbe 
schon gebraucht hatte, er hat sie selbst für seinen Gebrauch erfunden. Daß 
dieß geschehen, daß solche Gedichte gesungen und hernach erkannt werden 
konnte, daß auch ein anderer dieselbe Strophenform schon gebraucht hatte, 
ohne daß das dem Rufe des zweiten geschadet hätte, — das anzunehmen, 
scheint mir keinen Widerspruch mit der Annahme des Entlehnungsverbots zu 
enthalten. Die aufblühende Lyrik schuf sich immer neue Formen; was spätere 
Zeiten schon fertig vorfanden, ein festes Gerippe metrischer Formen und Regeln, 
wurde damals erst allmählich ausgebildet; dazu die weit größere Strenge jener 
Metrik und Reimkunst im Vergleich mit der unsrigen; dazu weiter der musi» 
kaiische Vortrag vom lyrischen Gedichte unzertrennlich: ich denke, das sind 

GERMANIA. Nene Reihe Y1II. (XX. Jahrg.) % 



114 LITTERATIJR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 

Bfomente, die es begreifen lassen, wie man dazu kam, die BenaUnng einer 
fremden Form für sich selbst zu verschmähen, an anderen bitter zu tadeln. 
Denn wo die Schaffang neuer Formen ein wirkliches Kunstwerk war, da musste 
Jeder stolz darauf sein, Eigenes zu finden; wer es gefunden, auf seine Erfia* 
dang eifersüchtig sein. Zugleich aber wird aus jener Motivierung des Entstehungs- 
verbots erhellen, warum man aus der Gleichheit ganz simpler Liederformen, auch 
wenn man sie entdeckte, nicht viel Aufhebens machte; ich sage, wenn man 
sie entdeckte; denn bei der Einfachheit jener Formen hörte man es wohl gar 
nicht, daß zweimal dieselbe vorkam; denn wenn jemand ein Glicht von der 
Form z.B. 4a4b4a4b4c4d4c gehört oder gelesen hatte, so prägte diese 
Form sich ihm nicht so ein, daß es ihm nachher aufgefallen wäre, sie wieder 
verwendet zu sehen; so wenig als es uns auffällt, daß G4>thes Fischer das 
gleiche Maß hat wie „Im Walde schleich ich stumm und wild*^. Ich hoffe, es 
ist denüich geworden, daß ich damit nicht, wie Seh. mir nachher imputiert, 
einen Canon geben will, nach welchem einfache Formen hätten entlehnt werden 
dürfen, compliciertere nicht; biege gen hätte Seh. mit den Worten ganz Recht, 
daß „sehr einfach" ein relativer Begriff sei. Daß die Sehen, schon von andern 
gebrauchte Weisen zu verwenden, sich auch auf einfache Maße erstreckt hat, 
dafür genügt zum Beweise, wie ich denke, die kleine Zahl der Fälle, wo dieß 
doch geschehen ist. Den Satz wird man wohl kaum anfechten können: auch 
wenn es ein Entlehnongsverbot gab (dieser Ausdruck, einmal üblich, ist freilich 
schief, weil er die Idee eines rechtlichen Instituts erwecken konnte, aber was 
ich darunter mir denke, habe ich expliciert), konnte es vorkommen, daß ein 
Dichter, einer aus einfachen Elementen componierten Form sich bedienend« nicht 
wusste oder nicht merkte, daß er hier nicht erster Erfinder war, und daß das 
Publicum es auch nicht merkte. Nun haben wir ein solches Entlehnungsverbot 
wirklich vor uns; eine ganz kleine Anzahl von Fällen streitet wider dasselbe; 
werden wir um dieser willen jenes Verbot als ein non ens erklären? Nein, 
sondern die gegebene Erklärung jener Fälle als die einzig natürliche ansehen. 
— Mit dem romanischen Maße bei Rudolf von Fenis, Bligger von Steinach und 
Hartwic von Rute verhält sich*s etwas anders. Aber das Gefühl, das wir heut- 
zutage haben, daß ein Dichter, der nach Vorgang eines andern ein ansländi* 
sches Maß, sei es auch sehr compliciert, benutzt, diesen seinen Vorgänger damit 
nicht eines Eigenthums beraubt habe, dieses Grefuhl hatte man im Mittelalter 
ganz gewiß auch. — Und vor allem gilt es nochmals im Auge zu behalten, 
daß ich mit meiner Beseitigung jener zwölf Fälle unter tausenden einem unan- 
fechtbaren kritischen Grundsatze folge, wonach es nicht gestattet ist, ein anders- 
woher bekanntes Gesetz um etlicher Ausnahmen willen für nichtig zu erklären, 
es vielmehr geboten ist, vorher diese Ausnahmen, wenn möglich, zu erklären 
und ihre Beweiskraft damit zu beseitigen. Ja, ich wäre geneigt, nm dessen 
willen mit Pfeiffer das Lied junger man^ xoU hohes muote* Reinmarn zuzuschreiben ; 
obwohl diese eine Ausnahme das Gesetz nicht erschüttern könnte. 

Was ich hier genöthigt war des erfolgten Widerspruchs wegen etwas aus- 
führlich, manchem wohl zu breit, darzustellen, das war doch aus den einschlä- 
gigen Seiten meines Buches auch ziemlich deutlich zu verstehen, wenn nämlich 
der Leser den guten Willen zum Verständnisse mitbrachte. Daß dem so ist, 
ersehe ich ans der Recension meines Buches in der Jenaer Litteraturzeitong» 
wo H. Paul sagt, daß ich die Giltigkeit des Entlehnungsverbots in der Ljrik 



UTTERATÜR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 115 

yganz gat* bewiesen habe. Hören wir, was Seh. — nun beginnt die Ent- 
stellang — dazu sagt. Er fährt da, wo ich seine Worte abbrach, unmittelbar fort : 
»Freilich finde ich auch dafür eine Erklärung, wenn ich mir die Vor- 
stelluBg, welche Fischer von dem Zustande der deutschen Litteratur im 1 2. Jahr- 
hundert hat. aneigne. Die Minnesänger werden wahrscheinlich vor einem zur 
Wahrung des geistigen Eigenthums eingesetzten Reichsgerichtshofe einen Pateat- 
proceß geführt und ihre Rechte urkundlich nachgewiesen haben. 

„Femer — sieht denn Fischer nicht, daß ^sehr einfach ein relativer 
Begriff ist, mit dem sich gar nicht so geschwind operieren lässt? Nach ihm 
müsste das Gesetz vom Verbote der Strophenentlehnung etwa folgendermaßen 
gelautet haben : „Im Allgemeinen dürfen Strophenformen nur von ihren Erfindern 
verwendet werden; ausgenommen von diesem Privilegium werden die Formen, 
welche so einfach sind, daß jeder sie für sich erfinden kann (zum Beispiel: 
4a 3b 4a 3b 4c 4c 8b, welche Albrecht von Johannsdorf und Reinmar ge- 
meinsam haben'*'), und diejenigen, welche den von romanischen Dichtem er- 
fundenen nachgeahmt sind.'' Vorausgesetzt wird natürlich, daß die ritterlichen' 
Minnesänger ganz bestimmte Kriterien für die Beurtheilung der Töne besaßen, 
auch dafür, ob dieselben etwa aus Frankreich gekommen waren, und daß sie 
über deren Erfindung und Verbreitung gewissenhaft Buch führten. Oder sollte 
es vielleicht gelingen, eine alte Liederhandschrift aufzufinden, in welcher die 
Strophen mit Taufscheinen pünktlich versehen sind?" 

Diese Verdrehung meiner Arg^umente, die mich lächerlich machen soll, 
verdient kein weiteres Wort. 
Es kommt noch stärker. 

„Je^ nun aber, gehört denn die Nibelungenstrophe nicht auch zu den ein- 
fachen Strophenformen? Das wäre freilich fatal, und so fühlt Fischer das Be- 
dürfniss, ein entsprechendes Schema der Nibelungenstrophe zu geben S. 261, 
welches so aussieht: 

4a 
3b 
4c 
3b 
4d 
3e 
4f 
4e 
Er freut sich über dieses Kunststück, indem er ausruft: ^Das ist nun 
doch ein weit weniger einfaches Maß . Und wie klug angestellt ; 6 Buchstaben : 
abcdef mussten dazu verwendet werden, um diese complicierte Strophe klar 
zu machen! Ich möchte wirklich geme wissen, auf was für Leser diese Dar- 
stellung berechnet sein mag. Offenbar auf solche, die nicht wissen, daß in 
diesen imponierenden 6 Buchstaben nur zwei Reimpaare aa bb stecken. — 
Die Sache verurtheilt sich selbst. ** 



*) Hier ganz im Speciellen eine falsche Darstellung des Maßes und meiner 
Darstellung. Das Maß heißt: 4a 3^b 4a 3^b 4c 4c 3^^b; ich sagte darüber 8. 260: 
„wir werden alles Recht haben, statt 3 %^ hier 4 zu setzen, indem alsdann die Zeile ge- 
nau der viermal gehobenen epischen Reimzeile entspricht. Also einer allgemein ge- 
brauchten Form** u. s. w. Das ist wieder einmal von Seh. verschwiegen. 




116 UTTERATÜR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 

Ich will Schonbachs Wunsch gerne erfüllen, indem ich ihm sage, auf 
was fSr Leser diese Darstellnng berechnet war. Sie ist berechnet auf solche, 
welche sehen, daß anter diesen imponierenden sechs Bachstaben nar xwei je 
zweimal vorkommen, b and e, and welche daraus folgern können, daß die 
Strophe nar swei Reimpaare hat, daß also da* 4c, 4d, 4f Waisen sein müssen; 
aof solche, welche femer wissen, daß die Nibelangenstrophe in jeder Langzeile 
eine Cäsar hat, and daß Scherer, dessen Anfsatz ich in meinem Anhange an- 
gefochten habe, dessen Aafsatz also der Kritiker des meinigen gelesen haben 
masste, S. 569 f. die Nibelungenstrophe sehr schon aus dem Einschab Ton 
Waisen erklärt hat, daß man demnach die Strophe gleich acht Kurzzeilen setzen 
kann, ja daß dieß früher öfters geschehen ist ; auf solche, welche einsehen, daß 
eine siebenmal gehobene Langzeile mit Cäsar anders bezeichnet werden muß 
als eine solche ohne Cäsar, welche wissen, daß auch in der modernen Lyrik 
Waisen sogar sehr beliebt sind und daß man beispielsweise eine Strophe 4 a 
4b 4c 4b (oder, um die Waisen deutlicher za kennzeichnen, 4z 4a 4z 4a) 
mebt so schreibt: 

4a 
4b 
4c 
4b 
and nicht: 4a 4b /4z 4a\ 
4c 4b \4z 4a/ 
welche endlich wissen, daß ich die Nibelangenstrophe in Kurzzeilen darstellen 
musste, um ein den vorher gegebenen und mit ihr verglichenen Strophen « ent- 
sprechendes*' Schema derselben zu geben, daß ich also zum Vergleich mit 

4 a 4a 

8wb 4b 

4 a 4a 

3 ^ b oder 4 b 

4 c 4c 
4 c 4d 
3^b 4c 

die Nibelangenstrophe nicht so bezeichnen konnte, wie sie gewöhnlich gedruckt 
wird, also etwa so: 

4z 3a 
4z 8a 
4z 3b 
4z 4b, 
da ich sonst im zweiten Beispiele statt des Abgesangs 

4c 
4d 
4c, 
wie ihn Haupt gibt, hätte analog schreiben müssen 

4c 
4d(x) 4c, 
was den Bau dieser Strophe aus lauter viermal gehobenen Zeilen hätte alte- 
rieren müssen. Ich habe übrigens für Leser, die mein Schema der Nibelungen- 
strophe aus irgend welchem Grunde nicht verstehen sollten, beigefügt, daß 4 a 



LITTERATUR: FISCHER, ENTGEGNUNO. 117 

4 c 4 d 4 f in jenem Schema der N. Str. Waisen seien , was wohl die Sache 
klar genng darstellte. 

Was „verurtheilt sich nun Ton selbst*, meine Argumente oder Sch.'s 
Art, sie dem Gelächter der Vielen preiszugeben, welche seine Kritik lesen 
mochten, ohne ihrer Basis weiter nachzufragen? 

Leider bin ich mit Sch.'s Ausfällen gegen mich noch nicht lu Ende. 

„Auf ähnliche Weise*', fährt Seh« S. 356 fort, „wird die Aufforderung, 
auch Ortnit und die Wolfdietriche dem Kürenberger zuzuweisen, weil diese Ge- 
dichte ebenfalls in der Nibelungenstrophe geschrieben sind, abgelehnt. Die achte 
Halbzeile hat dort nämlich neben vier auch drei Hebungen und zwar viel 
häufiger drei als vier. Daraus wird S. 262 f. gefolgert: Also zeigen alle diese 
Gedichte eine metrische Verwilderung, welche verbietet , aus ihnen für oder 
gegen die Strophenentlehnung einen Schluß zu ziehen, da diese Verwilderung 
auf eine Zeit hinweist, der die Strophenform überhaupt nichts mehr galt. Und 
sollte aus anderweitigen Gründen die Zeit zwischen 1220 und 1230 nicht als 
eine Zeit der Formenverwilderung ' angesehen werden , so werden wir sagen, 
Ortnit und die Wolfdietriche stammen aus den niedrigen Kreisen der Fahrenden, 
während die Kürenberglieder wie die Nibelungen aus ritterlichen Kreisen stammen, 
in welchen der Sinn für die Form rein und fein ausgebildet und so auch das 
F^ntlfthn ungsyerboC nbekannt und befolgt war; oder — fallen die Gedichte in 
spätere Zeit Also drei Erklärungen — man kann von den Gedichten halten, 
was man will, immer läuft es ungefährlich für den Kürenberger ab. Zwar finden 
sich in den Nibelungen auch Strophen, in welchen die letzte Halbzeile drei 
Hebungen hat und ist es bisher Niemanden beigefallen, diese Strophen nicht 
für Kibelungenstrophen zu halten — aber das thut nichts.^ 

Solche Strophen finden sich in den Nibelungen, aber nie in allen Hand- 
schriften, meist nur in A; s. Bartsch, Unters. 157 ff. Dieß hat denn auch 
außer Lachmann die meisten bewogen, diese Halbzeilen für fehlerhaft zu halten, 
und die Ausgaben beseitigen sie. Daß es „niemanden beigefallen'' sei, diese 
Strophen nicht für Nibelungenstrophen zu halten, ist also einfach anwahr. Oder 
sollte Seh. von dem „Hildebrandston'' nie etwas gehört haben? Nun, wer diesen 
Ausdruck gebraucht, der beweist eben damit, daß er Strophen mit drei Hebungen 
in der achten Halbzeile nicht für Nibelungenstrophen hält. 

„Der erste gefolgerte Satz nimmt an (denn das liegt in den Worten: 
eine Zeit, der die Strophenform überhaupt nichts mehr galt*), daß die Ver- 
fasser des Ortnit und der Wolfdietriche so feines Gefühl hatten, daß sie wussten, 
mit Strophen, deren Mehrzahl in der letzten Halbzeile drei Hebungen hätte, 
sündigten sie nicht wider das Entlehnuj ^yerbot, der zweite Satz hält dagegen 
diese selbigen Verfasser für niedrige Fahrende und muthet ihnen die Bobheit 
zu, das Entlehnungs v erbot in ihrem Kreise nicht anzuerkennen, während es 
neben ihnen in den ritterlichen Kreisen galt. Wie zart und doch wie scharf 
muß man sich die Grenzen zwischen den Ständen der Dichter denken! Ich 
mache aufmerksam, daß beide Erklärungen von demselben Forscher aufgestellt 
worden sind. Aber vielleicht ist die eine von Fischer, die andere von Bartsch 
und es wurde in der Eile der Composition nicht weiter darauf geachtet, daß 
die beiden Sätze von gänzlich entgegengesetzten Vorstellungen ausgehen." 

Also Bartsch hat doch auch eins abkriegen müssen ! Ich versichere übrigens, 
daß der betreffende Passus vollständig von mir stammt. 



118 UTTEBATUR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 

Ist es aber nöthig, daß ich Sch/s Verdrehung widerlege? Besser, leh sage 
hier etwas umständlicher und pedantischer, was ich gemeint habe. 

Wenn ein Dichter ein Gredieht in der Nibelungenstrophe so abfasst, daß 
die achte Ebilbzeile bald drei bald vier Hebungen hat, so wird man (nach der 
gewöhnlichen Annahme, daß die drei Hebungen, wo sie im Nibelungenliede Tor- 
kommen, Fehler seien, welche Annahme Seh. suvor widerlegen muß) sagen: 
dieser Dichter hatte kein Gefühl für die Reinheit des Metrums, er Terstand 
seine Strophe, die er nach Vorgang benutste, nicht. Daraus wird weiter folgen, 
daß er för metrische Feinheiten kein Gefühl hatte; daß also von einer Be- 
achtung des Entlehnungsyerbots , selbst wenn es zu seiner Zeit in Kraft war, 
bei ihm nicht die Rede sein kann. Dieser Schluß hat nun für mich Kraft in 
allen den drei Fällen, die Seh. als einander widersprechend bezeichnet. Mit 
jener Argumentation hätte ich die Auseinandersetzung schließen können; denn 
ihr Kern ist: mögen die Dichter des Ortnit und der Wolfdietriche gelebt haben, 
wann sie wollen, gewesen sein, was sie wollen: sie haben kein Verständniss 
ihrer Strophe gehabt, also konnten sie auch von dem Entiehnungsverbote nicht 
Notiz nehmen. Nun wollte ich aber doch gerne, obwohl für den Hauptbeweis 
unnöthig, yersuchen, zu zeigen, woher denn wohl jener Mangel an Verständ- 
niss für die Form bei den betr. Dichtem stamme. Es gibt nun zwei Möglich- 
keiten: entweder die Zeit um 1220 — 1240, in welche man jene Gedichte setzt, 
war eine Zeit der Formenverwildemng , in der man vom Strophenbau nichts 
mehr verstand; dann haben jene Dichter eine unregelmäßige Behandlung der 
Strophe eben deßhalb, weil sie in einer solchen Zeit gelebt haben. Die andere 
Möglichkeit, die ich für die aus andern Gründen wahrscheinlichere halte, ist, daß um 
1220 — 1240 sonst die Form noch ganz gut gewahrt wurde. Wie kamen jene 
Dichter dann dazu, so formlos zu dichten? Entweder sie gehören jener Zeit 
wirklich an; dann ist anzunehmen, daß sie ihrer Persönlichkeit, ihres ungebil- 
deten Standes wegen nicht zu feiner Behandlung der Formen gelangten; oder 
aber — sie gehören jener Zeit nicht an, sondern einer späteren, wo die Form- 
losigkeit allgemein war. 

Aber mag von diesen drei Erklärungen richtig sein welche da will, sie 
alle sollen nicht erklären, warum die Dichter das Entlehnungsverbot nicht be- 
achteten, sondern warum ihre Form verwahrlost ist; und erst aus der verwahr- 
losten Strophenform, die unter allen Umständen vorliegt, folgere ich Mangel 
an Formgefühl und aus diesem die Unfähigkeit, die Feinheiten der Metrik zu 
wahren. 

War das logisch genug? Ich furchte unbefangene Leser zu ermüden, und 
diese Blätter sind fast zu gut, um alle seis aus Mangel an Aufmerksamkeit 
seis aus Nichtverstehen- wollen enstandenen Verdrehungen in extenso darin zu 
besprechen. 

So schweige ich von Schönbachs letzten Abschnitten, die sich hauptsäch- 
lich gegen Bartschs Handschriftentheorie wenden, für welche ich nicht tenent 
bin einzutreten. Die eigentliche Motivierung, warum ich Anhänger von Bartsch 
bin, steht bei mir S. 87, u. 88, o. zu lesen. 



In der Zeitschr. fär deutsches Alterthum, Band XVITI, Heft 1; hat Wil- 
helm Scherer meinen Anhang angegrifien. Über Entstellung meiner Aus- 
führungen habe ich hier kaum zu klagen ; wohl aber gilt es, einen moralischen 



LITTERATUR: FISCHER, ENTGEGNUNO. 119 

Vorwarf, den Seh. mir gemacht hat, zarQckzaweifen and zugleich «inige meiner 
Ansstellangen an Scherers „Kürenberger** zu vertheidigen. 

Er dtiert die auch von Schönbach berfihrte Stelle meines Anhanges, 
S. 258, in welcher ich Tersucht hatte, in Scherers Bemerkungen S. 562, Z. 3. 
2 V. u. und S. 581, Z. 8^5 v. o. einen Widerspruch nachzuweisen. Scherer 
bemerkt dazu S. 150: „Es ist mir wirklich neu, daß man den Versuch, in die 
Geschichte der poetischen Motive einzudringen, als überfeines Asthetisieren be- 
zeichnen darf.** 

Das thue ich auch nicht, wenn ich auch die Art, wie die Lachmannische 
Schule aus ästhetischen Dingen kritische Waffen schmiedet, nicht billigen kann. 
Etwas derart ist in der That bei Scherer a. a. 0. vorhanden. Er will aus ästhe- 
tischen Verschiedenheiten (denn was er zu Nib. 294. 292, 2 beibringt, sind 
doch wohl solche), aus der verschiedenen Auffassung der Minne — einem so 
unendlich disceptabeln Punkte ! — den verschiedenen Ursprung der Kürenberg- 
Strophen und der Nibelungen beweisen. Das ist meiner Ansicht nach verkehrt. 
Was berechtigt uns, zu sagen: weil Nib. 292, 2 mit höfischer Formel steht ai 
twanc ghi einander der »enenden minne not (was nur eine Hs. hat, die sich 
eben durch den höfischen Charakter der Stelle verdächtig macht), weil Str. 294 
gesagt ist, Siegfried hätte im Sommer und selbst im Mai nicht mehr Freude 
empfinden können, als ihm durch Kriemhilds Gegenwart zu Theil geworden; 
weil aber beiderlei Züge beim Kürenberger fehlen: deßhalb kann er nicht Ver- ' 
fasser der Nibelungen sein? Ja, wenn das letztere anderswoher bewiesen ist, 
dann darf man auf solche Züge als Charakteristica hinweisen, aber zuvor nicht. 
Wenn ich demnach Scherers Argumentation für verkehrt halte, wenn ich außer- 
dem in derselben einen Widersprach mit der analogen auf S. 581 zu finden 
glaubte: konnte ich da nicht mich für berechtigt halten, zu sagen: ein Asthe- 
tisieren, das auf Widersprüche führt, zeigt damit, daß es über das Ziel hinaus- 
schießt, daß es überfein ist; und war ich nicht berechtigt, das zu sagen, 
wenn jener Widerspruch wirklich existiert? 

Aber Scherer weist mir nach, daß dieser Widerspruch nicht vorhanden 
ist, daß er mit jenen ästhetischen Verschiedenheiten zwischen Kürenberg und 
den Nibelungen nicht einen zeitlichen Unterschied habe beweisen wollen, son- 
dern nur eine Verschiedenheit der Verfasser. Er fährt fort: 

„Daß der Frauendienst etwas verhältnissmäßig spätes, in das deutsche 
Leben von außen eingedrungenes sei, ist eine sehr bekannte Thatsache, die 
doch wohl niemand bezweifeln wird. Bei der Beurtheilung von MF. 3, 17 — 25 
kommt sie gar nicht in Betracht und wird in der citicrten Äußerung ganz un- 
gehörig eingemischt. Dieß alles aber ist sehr gleichgiltig , ich bedaure nur, 
Hm. Dr. Fischer bemerken zu müssen, daß er seine Polemik mit einer Lüge 
führt. Die Stelle auf S. 581 lautet: „Das Gedicht ist nach den Reimen 
älter und durch diese Combination von Natur und Liebe volksthümlicher als 
irgend eines der dem Kürenberger zugeschriebenen Sammlung." Hr. Dr. Fischer 
fälscht den Sinn meiner Äußerung, indem er die hervorgehobenen Worte weg- 
lässt. Ich habe die Vei^ettung von Natur- und Liebesgefühl nirgends weder 
für ein Zeichen der Alterthümlichkeit noch für ein Zeichen der Jugend erklärt. 
Ich hätte sie für das eine oder für das andere nur erklären können, wenn ich 
gar nichts von den deutschen Minnesängern wüsste. Das Motiv ist an sich alt 
volksthümlich, obgleich nicht specifisch deutsch, kehrt aber in der ganzen mhd. 



120 LITTERATUR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 

Lyrik wieder. Für einzelne Dichter ist es charakterieÜBch, daß sie es ▼erscbmähen, 
für andere, daß sie es häufig gebrauchen: über Alter oder Jagend eines Ge- 
dichts oder Dichters ist daraas nie das geringste zu schließen. Nar als Argament 
für die Verschiedenheit der Autoren, nicht als Argument für die Verschieden- 
heit des Alters ,kann und muß (um mit dem Hm. Verf. au reden) diese 
Beobachtung verwerthet werden.* 

Der Lüge und der Fälschung werde ich hier bezichtigt. Ein schwerer 
Vorwurf, der seinem Urheber die Verantwortlichkeit auferlegt, denselben be- 
weisen zu können. Ist er denn in der That gerechtfertigt, dieser gegen mich ge- 
schleuderte Vorwurf? Wenn ich die Worte ,,nach den Reimen älter" ausließ 
(daß etwas fehle, habe ich ja durch einen Strich angedeutet), so that ich es 
deßhalb, weil ich gleich hernach sagte: „und S. 581 sucht Scherer eben das 
hohe Alter jenes Liedchens zu erweisen **. 

Womit dachte ich denn wohl, daß Scherer das hohe Alter von MF. 3, 17 
erweisen wolle, als mit den Reimen, von denen er nicht nur in dem betr. 
Satze, sondern schon auf S. 580 redet? Scherer wird doch wohl nicht denken, 
daß ich mit dem „sucht zu beweisen*' eben das Wort „volksthümlicher* ge- 
meint habe? Ich sagte also nichts anderes als dieß: Scherer nennt die Ver- 
kettung von Natur* und Liebesgefohl in MF. 3, 17 volksthümlich ; da er nun 
für dieses Lied an derselben Stelle, wo er von der Volksthümlichkeit desselben 
redet, aus anderen Gründen ein höheres Alter beweisen will, so wird wohl die 
Volksthümlichkeit für ihn auch ein Moment sein, das eben auf hohes Alter 
hinweist. An das zuletzt gesagte konnte ich recht wohl denken, da auch sonst 
Yolksthümlicher Charakter und hohes Alter Hand in Hand gehea. 

Wo bleibt nun die Lüge und Fälschung? 

Das Materielle meiner Polemik auf S. 258 fallt natürlich mit Scheren 
Versich erungy daß er nicht daran gedacht habe, einen Altersunterschied zu er- 
weisen, weg. Es dürfte aber gerathen sein, daß ich hier meine Polemik recht- 
fertige, indem ich sage, wie ich dazu kam, anzunehmen, daß Scherer vom re- 
lativen Alter der Kürenbergstrophen und der Nibelungen handle. 

Er spricht (s. o.) S. 581 von dem volksthümlichen Motiv der Combination 
von Liebe und Naturgefühl in Verbindung mit Beweisen eines hohen Alters; 
S. 562 f. heißt es: „die Str. [Nib.] 295, 4. 736, 4. 1459, 2 kennen den con- 
yentionellen Frauendienst als etwas ganz feststehendes und gewöhnliches, das 
zum Ritter gehört". Diese Worte, besonders „feststehend ** und „gewöhnlich", 
machen doch sehr wahrscheinlich, daß damit eine Beziehung auf die Zeit ge- 
geben sein soll; und in Verbindung mit dem conventionellen Frauendienst hat 
Scherer auch die Auffassung der Minne in den Nibelungen erwähnt. Ich frage, 
ob diese Zusammenhänge auf S. 562 f. und 581 mich nicht berechtigten, beide 
Argumentationen auf das Alter der betr. Gedichte zn beziehen? 

„Im übrigen glaube ich nicht", fährt Scherer S. 151 fort, »daß ich ver- 
pflichtet bin, der oben genannten Schrift Rede zu stehen. Sie erfüllt nicht ein- 
mal ihren nächsten Zweck, über den äußern Verlauf der Nibelungenforschungen 
zu orientieren. Die Arbeit von Konrad Hof mann Zur Textkritik der Nibelungen 
(München 1872) wird nirgends erwähnt: Bartschs Untersuchungen sind nach 
S. 72 die letzte über die Handschriftenfrage erschienene Schrift.^ 

Einen Mangel meines Bucha hat Scherer hier erwähnt, den ich nur da- 
mit entschuldigen will, daß Hofmanns Aufsatz zur Zeit der ersten Ausarbeitung 



LITTERATÜR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 121 

meiner Schrift (1871/1872) noch nicht erschienen war, sondern erst 1873 erschien, ^ 
wo ich durch eine andere wissenschaftliche Arbeit und hernach durch Amts- 
geschäfte überlastet war, so daß mir der Aufsatz Hofmanns wohl entgehen 
konnte. Übrigens habe ich auf Scherers Tadel hin denselben yerglichen und * 
kann hier nachtragen, daß er meine Gesammtanschauung nicht alteriert hat 
(warum, habe ich vielleicht ein andermal Gelegenheit auseinanderzusetzen), daß 
er mich vielmehr nur in Beziehung auf die BeschafPenheit von A in der Partie <^ 
Str. 324 — 666 überzeugte. Ich glaube» Hofmanns Ansicht, daß A dort einem 
andern Codex folge, unbedenklich acceptieren zu können, ohne deßhalb mit ihm 
annehmen zu müssen, daß die kürzere Fassung jenes Codex ihm zugleich ein 
höheres Alter, eine ursprünglichere Gestalt des Textes vindiciere. 

Aber deßwegen, weil mir hier eine Nachlässigkeit begegnet ist, weil mein 
Buch nicht seinem nächsten Zwecke genügt, deßwegen glaubt Scherer sich von 
einer Kritik meiner Beweisführungen gegen seinen Aufsatz dispensiert? Holtz- 
manns Wort (Untersuchungen VI) » statt der Beweise Schmähungen vorzubringen, 
das sollte nie und nirgends, auch dem größten Gelehrten nicht gestattet sein*' 
ist mir unwillkürlich dabei eingefallen. — Ein blindes Huhn findet doch manch« 
mal auch ein Korn, und mein Buch, das seinen nächsten Zweck nicht erfüllt, 
könnte doch am Ende den femerliegenden einer Widerlegung Scherers theilweise 
wenigstens erreicht haben. Fast möchte ich das schließen eben aus dem salto 
mortale, mit dem Scherer über meine Argumente sich hinwegsetzt. 

„Zur Charakteristik des Verfassers und seiner Leistung^ citiert Scherer 
die beiden Stellen aus meinem Buche: S. 285, Z. 15—24 und S. 265, Z. 21 
bis 27, an welchen beiden ich mich gegen ihn einfach auf Bartschs Hand- 
schriftentheorie und Metrik berufen hatte. Die Tendenz jener beiden Citate ist 
bei Scherer offenbar keine andere als die, zu zeigen, daß ich, anstatt zu 
widerlegen, mich auf Bartsch berufe, daß ich statt mit Gründen mit Autoritäten 
kämpfe. Nun wäre dem wirklich so, wenn ich in meinem ganzen Buche sonst 
nirgends davon geredet hätte, daß und warum ich Bartschs Anhänger bin. Aber 
ich habe das gethan auf mehreren Seiten ; ich habe Bartschs Theorie auf S. 40 
bis 72, vielleicht zu ausführlich, dargestellt und auf S. 84 — 92 gesagt, warum 
ich sie — und das nicht als blinder Nachbeter, sondern mit Einschränkung — 
annehme. Daß ich mich also im Anhang auf diese Exposition berufe und sage, 
das Nichtvorhanden- oder besser Nichtgefundensein eines assonierenden Nibe* 
luDgenfragments genüge nicht, um Bartschs Theorie zu widerlegen, — daran 
fände wohl ein anderer nichts zu tadeln. Mit dem zweiten Fall verhält sichs 
auch materiell etwas anders. Scherer hat Bartschs Metrik angegriffen, er will 
nicht lieb^ mit leidk, sondern liebe mit leidk lesen (beiläufig: das von Seh. nicht 
gebrauchte Beispiel zierten anderiu iotp kam mir in die Feder, weil es öfters l 
citiert wird, um den Unterschied von Lachmanns und Bartschs Betonung zu 
zeigen). Darauf entgegnete ich: «Ich will davon schweigen, daß Bartsch 
— seine metrischen Gesetze — meiner Ansicht nach bewiesen hat. Das aber 
ist zu bemerken, daß, wenn wir je jenes Betonungsgesetz Bartschs 
fallen ließen, es dann auch für Kürenberg fällt, so daß zwischen 
seinen Strophen und dem NL. hierin jedenfalls kein Unterschied 
ist.** Mein Argument war also: mögen Bartsch oder Lachmann — Scherer 
mit ihrer Betonung Recht haben, die Sache macht nichts aus. War es nun 
nicht erlaubt, dem beizufügen: übrigens halte ich an Bartschs Metrik fest? — 



322 LTTTERATUR: FISCHER, ENTGEGNUNG. 

Ich wäre hier auch in der Lage zu. sagen: ,, Scherer fälscht den Sinn meiner 
AoAerung, indem er die heirorgehobenen Worte weglässt.** 

Weiterhin beschäftigt sich Scherer mit dem, was ich S. 269 gegen seine 
Argumente für die Verschiedenheit der Verfasser in den Kärenbergstrophen 
gesagt habe. Zuerst etwas persönliches. Er wirft mir den AusdruciL, , vorsieh tiger- 
weise'' habe er MF. 8, 9 — 16 entfernt, als ehrenkränkend vor. Daß eine vor- 
hergefasste Ansicht über ein Ganzes auch die einzelnen Argumente mit bestimmt, 
das liegt ja so natürlich in der Verfassung menschlichen Denkens; und ich 
glaubte und glaube noch sagen zu können, ohne die vorherige Überzeugung 
von der Mehrheit der Verfasser wäre Scherer nicht dazu gekommen, MF. 8, 9 
bis 16 aus der Sfunmlung auszumerzen. Daß dieß mit bewusster Absicht ge- 
schehen, was allerdings in dem Ausdruck , vorsichtigerweise* liegt, will ich 
durchaus nicht behaupten, und insofern bedaure ich diesen Aasdruck. Kann 
maus einem aber fürwahr verargen, wenn angesichts einer so subjectiven Kritik, 
wie die von Scherer an jener Stelle geübte ist, die Mißbilligung einen auch 
au solchen Ausdrücken fuhrt? 

Was die Sache betrifft, so wirft mir Scherer S. 153 vor, daß ich seine 
Auseinandersetzung, in wie fem zwischen Männer- und Frauenstrophen eine 
unausfüllbare Kluft bestehe, weder erwähnt noch tu widerlegen versucht habe. 
Ich bin auf dieselbe nicht eingegangen, weil ich erweisen zu können glaubte, 
daß jene Kluft nicht existiert. Ich fühlte Stellen an, wo das Weib sich unweib- 
lich, der Mann weich zeigt. Das erstere jedenfalls gibt Scherer zu; schon in 
dem ersten Aufsatze sagt er S. 577: Das Ende von MF. 8, 1 — 8 sei, was man 
heute „unweiblich " nennen würde. Darauf hat er in seiner Entgegnung S. 153 
wieder hiogewiesen. Er sagt auch (in Bezug auf 9, 21 — 28): „Über den Ton 
wollen wir doch lieber nicht streiten, wo uns greifbare Gedanken vorliegen 
und deren scharfe Betrachtung ausreicht." Wenn es sich um Unterschiede des 
Gefühls in zwei Liedero handelt, so ist, dächte ich, der Ton, der in ihnen 
klingt, ganz wesentlich. In 8, 16 gibt er einen „derben Ausdruck" zu, den ich 
somit auch unter die Rubrik „unweiblich" werde stellen dürfen. Scherer sagt 
zusammenfassend: „Die Kichtigkeit meiner Behauptung ist nicht davon abhängig, 
daß alle Frauen eine den Männern fremde Seelenweichheit bewähren, son- 
dern nur davon, daß kein Mann diese frauenhafte Empfindung zeigt." Wo 
bleibt denn aber die unausfüllbare Kluft, wenn ein Theil sich an den andern 
so weit annähern darf? — Es scheint mir doch, sie ist wenigstens von einer 
Seite beinahe überbrückt. Nach diesem Zugeständnisse Scherers wird es meines 
Erachtens nicht mehr gestattet sein, kritische Schlüsse auf jene Klaft zu bauen. 

Es ist mir im Vorstehenden nur um die Wahrheit zu thun gewesen, um 
meine Person nur soweit, als meine Ehre von gegnerischer Seite engagiert war. 
Ich wäre wahrhaftig froh gewesen, den wissenschaftlichen Streit ohne alle Per- 
sönlichkeiten ausfechten zu können ; meine Gegner selbst haben mir diese Mög- 
lichkeit genommen. Sie haben es sich und der Unbetheiligte, der so gerne die 
widerwärtigen üändel über der Nibelungen Hort geendigt sehen möchte, hat es 
ihnen zuzuschreiben, wenn ich die Angreifer hier mit gleichen Waffen zurück- 
zuweisen genöthigt war, 

LEIPZIG, den 18. November 1874. HERMANN FISCHER. 



MIS€ELLE2^. 123 



MI8CELLEN. 



Jans Bibliothek. 



Am 3. Mai d. J. beginnt in Leipzig io dem AactioniiDstitat der Herren 
Lisi nnd Francke die Versteigerung der von Th. G-. von Karajan hinterlassenen 
Bibliothek. Der Katalog derselben nm^st in dem ersten bis jetzt erschienenen 
Theile anf 258 Seiten 6822 Nummern. Voran geht ein Lebensabriß des Ver- 
storbenen und ein Verzeichniss seiner Schriften. Wir rücken beides hier ein, 
die Schriften jedoch nicht in alphabetischer, sondern chronologischer Folge 
und mit Hinzufügung einiger dort ausgelassenen. 

Theodor Georg von Karajan, geboren in Wien am 22. Januar 1810, 
erhielt seine erste Bildung auf der griechischen Schule und dem Ojmnasium 
zu Wien, beendete 1828 seine philosophischen Studien an der Hochschule da- 
selbst «ind trat 1829 in den Staatsdienst und zwar in die Kanzlei des da- 
maligen Hofkriegsrathcs , aus welcher er aber schon 1832 in das Archiv des 
Finanzministeriums fibergieng. Bei seiner großen Vorliebe für das geschichtliche 
Studium, und zwar zunächst aus den Quellen, erfuhr er sehr bald, daß zum 
richtigen Verständniss derselben die genaue Kenntniss der altdeutschen Sprache 
nöthig sei. Er begann nun mit dem Studium derselben, und der verdiente 
Sprachforscher Karl August Hahn war es, der ihn in ihre wissenschaftliche 
Behandlung einführte. 1841 an der k. k. Uofbibliothek angestellt, bot sich ihm 
reiche Gelegenheit dar, seinen historischen und sprach historischen Neigungen 
mit nachhaltigem Erfolge obzulie£^en. Im Mai 1848 wurde Karajan in das Frank- 
furter Parlament gewählt, in welchem er seinen Sitz im rechten Centrum hatte. 
Im Jahre 1850 übernahm er die Professur der deutschen Sprache und Litte* 
ratur an der Wiener Universität; da ihm aber die Vereinigung beider Stellen, 
an der Hofbibliothek und der Universität, unzulässig erschien, gab er die 
erstere auf und las während dreier Semester bis September 1851 über deutsche 
Sprache und Litteratnr. In seiner Stellung als Professor musste Karajan die 
eigenthümliche Erfahrung machen, daß das griechisch nicht-unierte Bekenntniss, 
welches das seinige war, ihn nicht vor Vezationen sicherte, welche gerade da- 
mals, als das Concordat im Entstehen begriffen war, an der Tagesordnung 
waren. Karajan mochte keine Verkümmerung in den ihm als k. k. ordent- 
lichen Professor zustehenden Rechten ertragen und legte unter solchen Um- 
ständen lieber seine Professur nieder, ehe er sich in dem ihm zukommenden 
Rechte durch einen Act unverständiger Willkür beeinträcbti^en ließ. Karajan 
versah die ihm seit 1851 zu Theil gewordene Stelle eines Vicepräsidenten der 
kais. Akademie der Wissenschaften; im übrigen lebte er seinen Forschungen, 
bis er im October 1854 zum Custos der k. k. Hofbibliothek befordert wurde. 
Von 1866 — 1869 war er Präsident der k. k. Akademie der Wissenschaften, 
1867 wurde er zum lebenslänglichen Mitglied des österreichischen Herrenhauses 
und 1870 zum k. k. Regicrungsrath und zweiten Vorstand der k. k. Hofbiblio- 
thek in Wien ernannt. Seit Anfang November 1872 schwer erkrankt^ erlag er 
am 28. April 1873 einem schmerzlichen Leberleiden. 



124 MISCELL£N. 

1839. Frühliiigsgabe far Freunde alterer Literatur. Wien. 

Von den sieben Slafaeren. Gredicht des XIIL Jahrhunderts. Heidelbeig. 

1841. Ulrich Yon Lichtenstein mit Anmerkungen von Th. von Karajan heraus- 
gegeben von K. Lachmann. Berlin. 

1842. Der Schatzgräber herausg. von Th. ▼. Karajan. Leipzig. (Neue Titel- 
Ausgabe der i^Fruhlingsgabe".) 

1843. Michael Beheims Buch von den Wienern. 1462 — 1465. Herausg. yon 
Th. G. V. Karajan. Wien (Neue Titel-Auflage 1867.) 

1844. Seifried Uelbling herausg. von Th. G. von EL Leipzig. (Separatabdmck au» 
der Zeitschrift für deutsches Alterthum.) 

1846. Deutsche Sprachdenkmale des XEL Jahrhs. Bfit 32 Bildern und 1 Fac- 
simile. Wien. 

1849. W. Schmelzl, ein Lobspruch der Stadt Wien, welche wider den Tyrannen 
u. s. w., beschrieben im 1548 Jahr. Nach dem einzigen bekannten Exem- 
plar im Besitz Karajans von demselben herausgegeben. Wien. 

Quellen und Forschungen zur vaterländischen Geschichte, Literatur und 

Kunst, von Th. v. Karajan, Fimhaber, Birk u. s. w. Mit 7 Kunstbei- 
lagen. Wien. Darin : Zehn Gedichte M. Beheims zur Geschichte Österreichs 
und Ungarns. Herausg. von Th. G. v. Karajan. 

Eyn kurtzwejlig Predige Dr. Schmoßmanns herausgeg. v. M. Haupt o. A. 

1^50. Mittelhochdeutsche Grammatik. L Laut- und Flezionslehre. Wien. 

Hartmann von Aue^ der arme Heinrich. Herausgegeben von Th. G, von 

K. Wien. 

Gedanken über den Unterricht in der deutschen Sprache und in ihrer 

Geschichte an unseren Gjmnasien. Wien. (Separatabdruck.) 

Zur Geschichte des Concils von Ljon 1245. Wien (Separatabdruck.) 

3851. Über zwei Gedichte Walthers von der Vogel weide. Wien. 

Capinianae strenae. Die Erbhuldigung 1520, der Landtag zu Brück 1519. 

Aus der Handschr. M. Capinis herausgegeben. Wien. 

Fastnacht-Predigt, eine kurtzweilige, vom Doctor Schwärmen zu Hummels- 

hagen etc. Wien. 

1854. Über zwei Bruchstücke eines deutschen Gedichtes aus dem ynr, Jahrh. 
Wien 1854. 

Heinrich der Teichner. Ein Vortrag. Wien. 

Über eine bisher unerklärte (gothische) Inschrift. Mit Anhang und Nach- 
schrift. Wien. 

1855. Über Heinrich den Teichner. Wien. 

1858. Zwei bisher unbekannte Sprachdenkmale aus heidnischer Zeit Mit 1 

Schrifttafel. Wien. 
— — Maximilian I geheimes Jagdbuch und von den Zeichen des Hirsches. 

Herausgegeben von EL Mit Illustrationen. Wien. 
1861. J. Haydn in London 1791 und 1792. Wien. 

Aus Metastasio*s Hofleben. Wien. 

1863. Die alte Kaiserburg zu Wien vor dem J. 1500. Wien. 

1866. Über eine Lebensgeschichte Pater Abrahams a. S. Clara. Vortrag. 

1867. Abraham a Sancta Clara. Wien. 

1868. Procession, so die Hispanier am 15. Augusti 1554 bei den Barfusem 
zu Wien gehalten haben. S. 1. 1554. Wien. 

1870. Seifried Helbling und Ottacker von Steiermark. Wien. 



MISCELLEN. 125 

Den Schloß des Kataloges bilden ^Handschriften*', meist Abschriften mittel- 
hochdeutscher Dichtungen. Ich bemerke damnter 'Der werden mjnne 1er, Ge- 
dicht aus einer Papierhandschrift der Lobkowitsischen Bibliothek in Prag ans 
dem 16. Jahrh. 84 S.', doch wohl das Gedicht Heinzelins von Constanz in 
einer Ton Pfeiffer zu seiner Ausgabe nicht benutzten Handschrift; Enenkels 
Weltchronik, Copie der Neresheimer Handschrift; Friedrich von Schwaben aus 
einer Handschrift der Wiener Hofbibliothek; Gedichte und Erzählungen tob 
dem Stricker, Abschrift des Wiener Ck>dex 2705; ebenso der Melker Hand^ 
Schrift Striekerscher Gedichte; Ottackers Chronik nach der Wiener Hs. 3040 u. a* 



OeseUsohaft fftr Herausgabe altfiraiizösisoher Texte. 

Das nachstehende Programm einer in Paris in Bildung begriffenen Ge- 
sellschaft, die sich die Aufgabe stellt Denkmäler der altfranzösischen Litter atur 
in kritischer Weise zu yeröffentlichen , wird für die Leser der Germania von 
solchem Interesse sein, daß sie für dessen Yollständige Mittheilung mir Dank 
wissen werden. Daß dem Unternehmen, welches unter den günstigsten Auspiden 
ins Leben tritt, der beste Erfolg zur Seite stehen möge^ diesen Wunsch wird 
mit mir Jeder theilen, der den Werth und die Bedeutung der auch für uns 
so wichtigen altfranzösischen Litteratur würdigt. 

Soci^t^ des anciens textes fran^ais. 

La Soci^t^ que nous fondons se propose de publier des monuments de 
notre ancienne langue et de notre ancienne litt^ratnre. Ces monuments, pour 
la plupart, gisent encor in^dits, souvent inconnus, dans nos archives et dans 
Bos biblioth^ques, expos^s k toutes les chances de destruction. II est rrai que 
depnis le si^le demier on a commenc^ k mettre au jour quelques-uns de nos 
Tieux textes, et qu'il se passe peu d*ann6es sans qu*il en paraisse encore ; mais 
ces publications sont peu de chose si on les compare k limmensit^ du fonds 
qui reste k exploiter. D*ailleurs beauconp d*entre eUes, ex^cut^ par des ama- 
teurs mal pr^par^, ne r^pondent en aucune fa^on aux exigences de la science. 
Enfin, surtout depnis quelques ann^es, la plupart se fönt hors de chez nous, 
en Allemagne, en Belgique, en Angleterre. Cet ^tat de choses est regrettable: 
nous convions tons ceux qui le pensent comme nous k nous aider dans roßUYre 
que nous allons entreprendre. 

Les anciens textes fran^ais et proTen^aux ont une triple importance, sui- 
Tant qn*on les considöre comme serrant k l'histoire de la langue, de la litt^- 
rature, ou de la nation elle-mdme. Ce demier point de vue est peut-dtre celui 
qui a le moins attir^ Tattention: on s'est enquis des faits de notre histoire, et 
c'est ce qui a fait mettre au jour un nombre consid^rable de nos anciennes 
chroniques; mais Thistoire des id^es, des sentiments, des moeurs de nos ancdtres 
a ^t^ bien plus n^glig^e. Elle est tont entiöre dans ces innombrables ouvrages 
qui, du XII* siöcle au XVI*, ont charm^ toutes les classes de la soci^t^ fran- 
^aise, seit qu*ils en exprimassent Tid^al, soit quils en refl^tassent la vie. La 
religion, les institutions, le droit, la famille, l'^ducation, la soci^t^, la guerre, 
le commerce, Tindustrie, Tart du moyen äge ne redeviendront compr^hensibles 
et vivants pour nous que quand les documents de tont genre, mis en grand 



126 MISCELLEN. 

«ombre k la port^e des trayaiUenn» auront it& rapproch^, analje^ et inter- 
prdt^. 

Qaant k Thistoire de notre langue, cette expresston ecsentielle de notre 
nadonalit^, eile est, faute de teztes, ä peine ^bauchäe. Faire revivre les anciens 
dialectes et les rattacher anx patois modernes, suivre dans son Elaboration et 
dans son d^veloppement la langae litt^raire, teile est la täcbe immense qui 
s*impose au philolo^jcne. II ose ä peine aajonrd'bui en aborder qaelque partie» 
sür qae m^me en ne reetreignant il n*att«'indra qne des r^sultats prorisoires. 
Et cependant les mojens d'information abondent. A partir du XIII* siMe, d^jk 
plus anciennement sur quelques points isolEs, les dialectes vulgaires ont 4t6 
employf^s ä la r^daction des actes privEs et publics; les oeavres litt^raires, qai 
apparaissetit d^ le IX* si^le, pullalent k partir da XIl*. Un glossaire de la 
lange dVii et de la langue d*oc, ane grammaire compar^e des dialectes fran^ais 
et proven^auz, eiifin, cette oeuvre magnifique, ane histoire de la langae fran- 
^aiiie, ne poarront Stre ez^cut^ dune maniöre satisfaisante qae qaand des 
^ditions faltes avec soin et critiqae aaront mis le savant en mesare de con- 
naitre et de classer toutes ces richesses dont rezistence ne fait aajourd*hai qae 
le d^coarager. 

Mais rint^rSt litt^raire domine peat-dtre les deaz aatres. Sans parier da 
m^rite et du charme si divers des productions du vieuz g^nie fran^ais, elles 
ont ane importance capitale pour l'histoire des littdratnres modernes. Ces littE- 
ratures, on le sait maintenant ä n*en pas douter, ont la notre pour möre. Aa 
Nord, la grande po^sin dpique, la plus vraiment nationale qae nous ayons Jamals 
poss^d^e, pois les compositions romanesques nöes dans ane soci^d d4jk raffinde 
et brillante, plus tard les contes, les oeuvres didactiqaes, enfin le drame reli- 
gieaz et populaire, ont suscitd tout autoor de noos des imitations d*abord ser- 
TÜes, puis de plus en plas libres, grftce aazquelles les peuples Toisins sont 
•rriy^s k leur toor k prodoire des oeayres originales. Aa Midi, c'est la podsie 
Ijriqae, qai, ^Teillde la premiöre apr^s an silence de siz siMes, a passd de 
boache en beuche d*abord k nos troavöres, puis auz poetes de l*Espagne et 
da Portugal, auz minnesinffer allemands, auz chantres Italiens, prdcursears de 
Dante et de P^trarque. Aussi la litt^ture fran9aise du mojen ftge est eile 
en quelqae sort le patrimoine commun de TEarope, car toutes les nations de 
l'Earope la retroayent k la base de la lear. Partout on publie les tradaetions, 
les imitations de nos poemes, de nos romans, de nos chansons, de nos mys- 
t^res; et combien de fois n^avons-nous pas k rougir en lisant dans la prdface 
de r^dttear anglais, Italien, allemand, hollandais, sa^ois ou norvdgien, qu*il 
n*a pu comparer Toeuvre qa*il imprime k l'original fran^ais, parce que celui-ci 
est inddit! Aussi se ddcident-ils k venir auz frais de leurs gouvemements copier 
sous nos jeuz, dans nos biblioth^ues, pour les imprimer dans leurs pays, ces 
manuserits qne nous gardons, mais que nous semblons mdpriser. A tous ces 
ouvriers du dehors qui travaillent dans notre vigne, nous ne devons que des re- 
Ofiercfments ; mais il est grandement temps, crojons nous, de les dispenser de 
leur obligeant concours et de faire la vendange nons-mtoes. 

n est un demier point de vue sur lequel nous appellerons Tattention, 
c'est la raleur de notre ancienne littdrature pour T^ducation nationale. Nous 
ne parlons pas senlement de Tinstruction qui se donne dans nos coll^es: les 
Allemands associent dans leurs gymnases Tdtude de leur podsie da moyen äge 



MISCELLEN. 12T 

& Celle des oeuvree aotiqnes; ob€z noas aasei, crojons-nous , il y anrait tont 
avantage k faire lire k la jeanesse Joinville et la Chansons de Boland k c6t6 
d*H^rodote et de Vlliade. Mais pour tout le monde il 7 a un grand intdr6t k 
connaitre ce qa*a ^t^ pendant six si^les la vie intellectnelle et raorale de la 
France: aassi ne craindrons noas pas, ä cot^ de simples reprodnctions, de joindre 
k nos Yolumes des introductions, des commentaires, des glossaires, des traduc- 
tions m§me, qui mettront k la port^e de toas le plaisir et le profit qae con- 
tiennent ces vieux livres. 

Oe sont ces considdrations et ces sentiments qui nous ont d^cid^s k 
fonder la SocitU des anciena textea, Noas pensons qa4l n'est pas d*oeavre plas 
vraiment nationale qae celle k laquelle noas voulons noas consacrer. Nous 
faisons appel poar noas aider non-seulement k toas ceax qui s'intäressent k 
Thistoiro des langaes et des littdratares romanes, mais encore k tous ceax qai 
aiment la France de toas les temps, k tous ceux qui croient qa*uu peuple qui 
ignore son pass^ pr^pare mal son avenir, k tous ceux qui savent que la con- 
science nationale n*est pleine et vivante que si eile relie dans un sentiment 
profond de solidarit^ les g^n^rations präsentes k Celles qui se sont äteintes. 
Pour röussir, notre oeuvre a besoin de puissants encouragements: nous avons 
la confiance qu*ils ne nous manqueront pas. Nous avons fixä k une somme peu 
^levöe le chiffre de la cotisation; nous avons abaiss^ encore celui de la eoti- 
sation perpätuelle, parce que nous ne nous adressons pas seulement aux äru- 
dits ou aux riches, parce que nou» voudrions que tous pussent participer k 
Dotre entreprise- Mais les cotisations, si nombreuses qu^elles soient, nous per- 
mettront difficilement d*atteindre le but que nous visons^ c'est-k-dire de publier 
beaucoupy bien et ä bon marchd, Nous espärons que des donations plus impor- 
tantes nous aideront k räaliser une pensäe qui, surtout au moment präsent, 
doit rencontrer de nombreuses sympathies. 

Les pnblications de la Sociätä seront in-octavo; chaque volume sera re- 

T^tu d'un ölägant cartonnage. Le nombre des volumes publiäs annuellement 

sera däterminä par les ressources de la Sociätä. Les ouvrages dont noas pou- 

Yons äks k präsent promettre la publication prochaine sont, entre autres: 

Äioly chaDson de gaste; la BaiaüU de Boncevaux (texte rajeuni de la Chanson 
de Roland); — Tristan; — OEuvres de Crestien de Troyes; — Le roman de Berinus\ 

— Le roman des 8ept Sagest — €^rart de Boussiüon; — Chansons du roi de Na- 
varre; — Chronique de Jehan le Bei; — Becueil de mystöres ou miracles de la 
Vierge ; — Recueil g^neral des farces ; — Le mystöre de la Passion en proven^l ; — 
Chansons populaires du XV* siöcle; — Contes de Philippe de Vigpeulles, etc., etc. 

La cotisation est fixäe k 25 francs par an. On peut racheter sa coti- 
sation annuelle pour la duräe de sa vie en payant une somme de 250 franca. 

— On pourra souscrire aux pnblications sur grand papier moyennant 50 franca 
par an ou 500 francs une fois payäs. — Les membres qui verseroot une somme 
de 500 francs au moins recevront le titre de memhres fondatturs et figureront 
en t^te de la liste des membres. — Les membres qui verseront une somme de 
250 francs auront le titre de membres perpdtuels et figureront sur la Uste apr^ 
les membres fondateurs. 

Indäpendamment de la cotisation, chaque membre noaveau admis dans la 
Sooiätä aura k acquitter un droit d'enträe de 10 francs. Lea trois cents premiera 
sooscripteurs seront exemptäa de ce droit. Ce droit est personnel et ne yarie 
pas quand un mSme membre souscrit k plusieurs exemplaires. 



128 MISCELLEN. 

Le bureau de la Sociötä est compos^ de: 

MM. PauliD Paris, membre de llnstitat, priiidtnt] 

Natalis de Wailly, membre de Tlnstitat, vice-pritident ; 
Marquis de Queux de Saint-Hilaire, administrateur ; 
Paul Meyer, charg^ du cours de langues romanes k TEcole 

des CharteSf seeritaire; 
Baron James £. de Rothschild, tr^sorier-^ 
L*^diteur de la Soci^t^ est M. Ambroise Firmin-Didot. 

Les adh^rents sont pri^s d'^crire k M. Paul Meyer, 99, rue de la Tour, 
Passy-Paris. D^ que la Soci^tä aura recueilli un nombre süffisant d^adh^ions, 
le bureau provoquera une reunion g^n^rale, k laquelle on soumettra les Statuts 
de la Soci^t^. 

Hachtrag zu Germania XYIII, 456. 

[Brief an F. Liebrecht.] Ihre Anfrage in der Germania XYIIIy 456, die 
Aschgeberstraße in Stettin betreffend, kann ich dahin beantworten, daß die von 
Ihnen ausgesprochene Vermuthung über die Herkunft dieses Namens richtig ist. 
Ich selbst habe von 1861 — 67 in amtlicher Stellung in Stettin gelebt und kenne 
daher die betreffende Örtlichkeit genau. Die Aschgeberstraße ist in der That 
eine enge Straße, wenn auch nicht so eng wie die Breslauer. Die Häuserreihe 

der einen Seite hat diese Front: I so daß ersichtlich die Straße früher noch 

enger gewesen ist. Die ganze Straße ist zwischen dem Roßmarkt und der großen 
(kleinen?) Domstraße, die sie in schräger Richtung verbindet, gleichsam einge- 
klemmt. Es ist mir außerdem von einem Stettiner , wenn ich nicht irre, dem 
damals schon hochbetagten, jetzt wohl lange verstorbenen Restaurateur Kunowsky, 
bei dem ich zu Mittag aß, positiv versichert worden, die Straße habe früher 
Arschkerbenstraße geheißen. Dieselbe Bewandtniss wird es jedenfalls auch mit 
der Straße in Reval haben. 

HANNOVER. Dr. CARL PAÜLL 

Personalnotizeii. 

Professor Dr. Theodor Aufrecht in Edinburg hat einen Ruf als Pro- 
fessor des Sanskrit und der Sprachvergleichung an die Universität Bonn erhalten 
und angenommen; ebenso folgt Professor Dr. Ernst Windisch in Heidelberg 
zu Michaelis d. J. einem gleichen Rufe an die Universität Straßburg. 

Dr. Hermann Suchier, der im Herbste v. J. seine Stellung als außer- 
ordentlicher Professor an der Universität Zürich angetreten hatte, geht Ostern 
d. J. als Ordinarius nach Münster. 

Dr. E. Wülcker, bisher am Stadtarchiv zu Frankfurt a. M., hat die 
erste Secretärstelle am Haupt- und Staats- Archive zu Weimar erhalten. 

Dr. Erich Schmidt hat sich für neuere deutsche Litteratur an der Uni- 
versität Würzburg habilitiert. 

Professor Rudolf von Raum er in Erlangen hat vom preußischen Mini- 
sterium der Uoterrichtsangelegenheiten die Aufforderung erhalten, zur Anbahnung 
einer größeren Gleichmäßigkeit in der deutschen Orthographie zunächst im Be- 
reich der höheren Schulen Deutschlands eine grundlegende Schrift auszuarbeiten. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



Die nachfolgenden Glossen zu Sedulius Carmen paschale und Pros- 
pers epigrammata habe ich einem ursprünglich dem monasterio s. 
Jacobi zu Lüttich gehörigen Codex entnommen. Theodor Poelmann hatte 
ihn, wie ich vermuthe, von den Mönchen jenes BLlosters entlehnt*). 
Er benutzte ihn zu seinen Ausgaben des Statins und des Lucanus, wie 
der Ihdez der von ihm benutzten Handschriften zeigt. Die Stücke des 
Statins sind im Anfange des XIV. Jahrhunderts geschrieben, die des 
Lucanus am Ende des Xu. oder zu Anfange des XIII. Zwischen beiden 
stehen Sedulius und Prosper, welche dem Ende des X. oder Anfang 
des XI. Jahrhunderts angehören. Prospers Epigrammata imd die Verse 
des Andreas orator gab er aus diesem Codex heraus. Leider hat Poel- 
mann, wie in anderen Codices, so auch in diesem vielfach die ursprüng- 
liche Lesart ausradiert und die anderer Handschriften oder seine eigenen 
Conjecturen an deren Stelle gesetzt. 

Zu Sedulius hat Hattemer (St. Gallons altdeutsche Sprachschätze 
Bd. I. p. 276 — 277 u. p. 282) ein paar Glossen ediert; zu Prosper sind 
keine veröffentlicht. In Graffs althochdeutschem Sprachschatze finden 
sich hier und da einige aus beiden angeftihrt. 

Die deutschen Glossen zu Arator, welche Graff in seiner Diu- 
tiska Bd. III p. 435 aus der Handschrift Nr. 17 der Dombibliothek 
zu Trier veröffentlicht hat, gebe ich berichtigt und vermehrt. 

Zu des Avianus Fabeln waren bisher meines Wissens keine Glossen 
bekannt; sie werden daher um so willkommener sein. 

Zu Boethius hat Graff im II. Bande seiner Diutiska viele Glossen 
veröffentlicht; gleichwohl werden die wenigen, welche ich bieten kann, 
von Nutzen sein. 

Zu Arator hat Graff Bd. III p. 433 sqq. manche Glossen heraus- 
gegeben, die unsrigen sind aber an Umfang wie Werth viel bedeu- 
tender. 



*) Diese Handschrift ist jetzt Eigenthum des Herrn Moretus und befindet sich 
im sogenannten Plantin*schen Hause zu Antwerpen. Man hat sie auf mein Anrathen in 
drei zerlegt, da die Miniaturen im Sedulius zu viel litten; SeduUns und Prosper bilden 
eine Handschrift; Statins die zweite, Lucanus die dritte. 

OXBMAMU. N«a« Reibe Vm. (XX.) Jahrg. ^ 



190 



NOLTE 



Zu Prudentius hat Graff I. 1. Bd. 11 sehr umfangreiche Q-lossen 
veröffentlicht; indessen findet sich die Mehrzahl der unserigen bei 
ihm nicht; auch von den durch E. Steinmeyer (Haupts Zeitschrift XVI) 
gesammelten weichen sie vielfach ab. 

Die Glossen zu Avianus^ Boethius, Arator und Prudentius habe ich 
aus der Handschrift 1393 (Standnummer 1464) der Trierer Stadtbi- 
bliothek abgeschrieben^ welche zur Zeit Kaiser Heinrichs HI. copiert 
wurde. In dieser Handschrift fol. maxim. steht Prudentius fol. 1 rect. 
init — 114 vers. fin., einzelne Blätter sind jedoch zweimal oder drei- 
mal mit derselben Ziffer bezeichnet. 



I. Zu Sedulius c 

Epistel, ad Maced. 
obiurges utpote qui. über qui steht 

kidfr '). 
parvi fomitis nutrimentum, am 

äußeren Rande cinselunga. 
muti tenacitate silentii, su-agi. 
non supervacue sicut didicisti, upiga. 
aquila super nubes elevata pervo- 

litat^ suueuoft. 
saepe, belliger miles armis. cuono. 

Prolog. 
9 doctorum (philosophorum glos.) 
vescere coenis (libris gl.); über 
vescere steht commed (e oder 
vielmehr ere ist hier ausradiert; 
lies: commede.) u. daneben unp, 
in dem vermuthlich die hier er- 
forderliche Form von inpizan (in- 
pis) steckt. 

Carm. Pasch. Hb. I. 
47 confinia. glmfrkf. ^) 
91 marcebant (arebant) uueleche 
dun »). 



armen Paschale. 

94 praecordia. hirz bthrpn. 
167 inlaesam. ongedarida^). 
217 Camino, dxfntftn. 
220 rictusque. gknfzxngb^). 
232 caecatis. firphkntfn*). 

lib. n, 

vs. 7 noxia. scxldkhc. 

24 acerbis (acidis, inmaturis, 
duris). sfrfo. 
58 pannis. Izthrxu. 
81 halens''). zelens^). 
104 In patriam hfkmb . . 
115 stimulatus (instigatus). er- 

gremit. 
121 nefas (scelus). infkndbt*). 
124 secuit. crazota. 
227 Sanguis alat (nutrit, lies: 
nutriat). furftrfgkt 

Üb. ni, 

108 Singultu. gischezunga. 

110 matura (nubilis). hkbfrkc. 

111 occidit (cecidit). fntfkl. 
116 inundantem. durahlofente. 



') Wohl Terachrieben f&r khdfr » ih der. *) 1 ist Fehler, es maß f oder 

k sein. *) n nach d über der Zeile; a ist im Texte ausradiert ^ nach r 

Rasar eines Bachstaben; a am Ende ist aneh vom Corrector. ') b kanm sichtbar. 

*) h maß 1 sein. ^ aas habens verbessert; h steht anf Basar; lies alens. 

^ ob für MÜmti = moliens? *) L mfkndbt = meindat 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



181 



125 Damnavit. fersluog. 

127 fidele. gfirxxxl. 

165 Sompsisti ^). minis (1. nimis). 

— gratis, tbnckfst. 

193 progressus. zuarukkent. 
202 juges. samanhaft. 

Lib. IV, 
221 extorsit uzeruuant 

294 frementis. brechesendes. 

295 equi faleris. osses (rosses?) 
thes gereides. 

— ostro (purpura). bitthero. 
297 lento. baudero. 

— gestamiDe. dragongon. 

lib. V, 
33 Prodidit meldoda. 

37 Esuriant sitiantque anim§ sine 

labe fideles; 

38 Protinus in Judam, sedes ubi 
livor habebat. Diesen Versen 
gegenüber steht am äußeren 
Rande la (der erste Theil des 
Wortes ist durch Beschneidung 
des Blattes verloren gegangen) 
unret. 



4 Pactus; am äuüeren Rande 
steht kfdkngb. 

— grande. magende. 

43 numismata. muniza. 
62 Praevius. uorovuicgigo. 

— comitaris. samansindis. 

— über signifer steht gunt; über 
enses steht anere, vor a ein 
Buchstabe abgeblasst; 1. gunt- 
uanere. 

65 prodis. roeldos. 

68 truculenta. thia grimmon. 

— lupus. uuolp. 

— porrigit. ne reichod. 

103 alapis. handslagoda^. 

122 demersa (parata) securis. bnbgf 
slbgbn^). 

257 liquor. kfluzzida^) lid. 

258 (h)orrenduro. sxrfz. 
287 violat. aruuarda. 
308 armate. vuezzent. 

— signate. bisiglint. 
310 cardine rer. skfrdrf. 



n. Zu Prosperi Aquit. episcopi Rheg. etc. epigrammaton 

liber. 



Praef. 
3 decerpere. aua nuppan. 

Epigr. 

IV, 4 spacium. Frist. 
11 ira. zome. 

V, 1 ira, zomi. 

Vini, 4 gloria. ru : : ra :^ s = 1. 



X delicias fastidire. curlustan. 

XI, 3 spemunt. entuucrdont. 

XIIII anima. upnhuui. 

XVII inlecebrosa (voluptuosa). gi- 

lustin. 
XXVII eruditus. gizogener. 
XXVIIII roalignitatis. ubili uuHigin. 



') ■ fDgte eine andere alte Hand am Ende beL ^ Auf Rasur u. go über der 
Zeile. ') Zwischen den Endbuchstaben b und n ist a ausradiert; der Abschreiber 

dachte nicht daran, daß b fttr a echon von ihm geschrieben war. *) ^ kkfl. = kifl.? 

9* 



132 



NOLTE 



XXXVI proficit fram thihiz '). 
XXXVU infinitas (interminabili- 

tas). unendigi. 

incommutabili. unuerauandeli- 

chemo. 
XXXVIU dimitte nobis. uerlazuns. 

ignoscit. fargibit. 

— 4 prospiciunt. furiscouont. 

— 6 conditione. gisceppi. 

XXX Villi quod sibi prosit, daz 
mobidersusi^). 
quo servns indiget. indedemo. 

— 3 augetur. am äußeren Rande : 

uuirdit ftirdrit^. 
XXXX quae suis (propriis) qui- 

buscumque. thie. 
XXXXU inpunitas. unengdani. 
XXXXVII cupit ex iudicio dei. 

gilate. 
Un examen. rsu : : ehith : *). 



LX. 8 Et t obl. succabuisse bono. 

kfxxchbn (= keuoiehan). 
(69) LXVm, 3 Devexa (inclinata 

deorsum). uöhalder*). 

(73) LXXII, 3 Landet louet. 
8 Ante. her. 

(74) LXXm Remedia. thie leh- 
duoma. 

(76) LXXV virginitas. magetheit. 
(78) LXXVII, 1 dives. richo. 

7 damnis. prfstxngpn. 
(82) LXXXI dissimilitudo. xngk- 

Ikchk. 

11 dissimilis. ::ngLch:r. 
(86) LXXXV, 5 velit. ui^l=. 

(93) LXXXXn, 6 hospes (hospes 
dicitur qui suseipit et qui sus- 
cipitur glos.). knbxps. 

(94) LXXXXm , 1 concretum. 
gkuubhsf. 



Die römischen Ziffern bezeichnen die Nummer der von Theodorus 
Poelmannus besorgten, bei Plantin 1560 zu Antwerpen gedruckten Aus- 
gabe des Prosper, in der jedoch die sententiae Augustini nicht abge- 
druckt sind. Die vor den römischen stehenden Ziffern beziehen sich 
auf die Pariser Ausgabe der Mauriner. Übrigens gab Poelmannus die 
Epigrammata aus dieser von uns benutzten Handschrift heraus. 

m. Glossen zu Arators Actus apostolorum. 

In unserer Handschrift steht Arators Werk auf fol. 198 vers. 
init — fol. 231 rect. ante fin. 



I. Epistul. ad. Florianum. 

8 fluit. trouf. 

9 grandiloquos. hohsprachen. 

10 modo (secundum modum). sk^ 

(=r site). 
12 studiis. dinemo lesene. 



17 virtus. knehtheit 
20 gymnasii. spilstat^). 

23 im E von ergo sidez. 
retinens. beauinde. 

24 iuvat (delectari faciat vel dulce 
faciat). geliubit. 



*) Ob 12 oder ez die Endsilbe geschrieben ist, kann man nicht sehen. ') das 
mo biderni si? ') d aus t verbessert. *) L orsnochithi. *) a von der- 

selben Hand über o beigefügt ^ i nur u, der erste Strich ist in s verändert 

oder durchgestrichen. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



133 



Am äußeren Rande steht zwischen den Scholien zu documenta 
V8. 3 u. natura vs. 11 gegenüber vs. 11 u. 12: Frigo, gis id est herstu, 
Preteritum frixi. Infrictula pannecuocho. Prico, cas. Präteritum fricui 
ribun. 



II. Epistula ad Vigilium. 

1 Undosis. uuazarluot ^). 

11 caulas (stationes ovium) id est 
ixxkst. 

12 statione (quiete) soli, daneben 
herdes, estriches. 

20 historiam. gedanasacha. 

m. De actibus apostolorum. 

Liber L 

27 progreditur. huob steih. 

31 commendat. gelebut. 

82 negotia. dinc. 

87 rctraetans (cogitans). Bedfh- 

kindi. 
90 elapsus. Neben elapsus am 
äußeren Rande Gespoup aller. 
93 modo, mitthun. 
113 laterum. halbum. 
116 circumtulit. umbevareta. 
120 stomma (corona). eierada. 
150 liquorem (vinum). lid. 
157 substantia. xxfsbndk. 
184 portitor. tregil. 
195 Natur^ percussit iter. fersluog; 
am äußeren Rande steht frbm 
cunfge. 
212 Divitiasque metitlocuples; am 
äußeren Rande steht hebit 
ongenugaz. 
219 fönte (origine). ürsprknge. 
225 inexpertum (incognitum). Un- 
aruundan u. am inneren Rande 



steht neben studio meditemur 

inani. daz ernecan. 
245 cum strage, neco helcidu. di- 

minutione LaMi. 
247 Respice. hera sich. 
253 Vena. ida. 
257 convixere (reuixerunt, solidati 

sunt, conqualescebant). erque- 

keduni (= erquekedun). 
260 incessus. gang. 
264 figuram (membrorum; for- 

mam). gfschat (= geschafi;). 
286 Nee peram. chulon, tascun. 
302 Fert (cupit, habere vult). ge- 

trupgsih. 
305 indice. Sbgfre. 

331 oHvas. Oliberi. 

332 uva. Uuinberi. 

338 animata. selal hafdu (== sela- 

hafdu). 
351 irapetus (furor). Drati. gahi. 
357 queat memorare Uuemumugk. 
362 lacrimosa piacula. über lacri- 

mosa steht manda. 
369 lolio. rathn. 
392 damna. Prfstxngp. 
401 deterit (ledit; pecores facit). 

Nigeuuirserot. 
404 mente sagaci. Spurilinemo. 

Clouuuemo. 
421 quando. Uuane. 
428 über cautio verbi (vel voti) 

steht institutio. bemenida 



') Zwischen a und z ist Rasur von v; nm Ende scheint mir t zu stehen, oder 
der erste Zug einet nsi dann folgt eine tchlechte abgeschabte Stelle von 2 BnohBtaben. 



134 



HOLTE 



435 conclusitque. besloz. 

439 arma. Uueri. 

450 Bacrilega.Uuerdanero(l.aerd.). 

453 decorem (deitatem). firambari. 

459 O mihi si carsus (oportunitas. 
fart) facundior ora moveret; 
am äußeren Rande steht: Obe 
mir der munt uuola hortk. 

481 Ezeute (move), Petre, grados 
(gressus tuos) ; tecum medicina 
salutisAmbulat Auf dem inne- 
ren Rande steht Gang, dann 
folgt an, wenn ich recht sehe^ 
dann sind wohl 6 — 7 — 9 Buch- 
staben ganz verwischt; dann 
hNgang ist fruma. 

484 Si properas. zuogast. 

485 simul. samant 

486 Im Scholion zu diesem Verse: 
Dum saltim primus quilibet 
proclamando sanatur etc. steht 
über primus der heristo. 

493 Aridus (modicus). dünne. 
497 figuram (formam). Oedbt. Ge- 

scaft. 
515 zelo. zome. 

n 

518 sarcula. Getisart. 

519 Volumina (densitates). üuar- 
hunga (1. hwarbunga). 

524 crepidine (saxo). Uehaldi. 

526 fallax. trugenara. 

529 vieim. per vices (herton), com- 

mutatim. 
548 cavemis. hrefte'). 

552 Jura. Gesecida. 

— Ministerii. des dionestes^). 



553 ') statuere. sezthon iro ambat. 
559 Non patitur mensura vie. Id 

est: brevitas, inquit, metri 

longam exigit disputationem. 

Nam metrum districtior res est 

quam prosa. Beduungan. 
574 saginf (pmguedini»). Mesti. 
579 abstractus (expulsus). uzfer- 

stozan^). 
586 Emicat Uzserac. 
594 limpshata (bachata et insa- 

niens). debondiu. 
599 fastigia regis (celsa moenia). 

hohen selin. 
602 acta (iaculata). Geuuorfena . 

Getribena. 
620 sors. Geburida. 

634 perdite. ferdano. 

635 venale. feili. 

639 quies. requies mammiti (mam- 

munti?). Suozi. 
652 sequi. Beuuerban. 
67 1 innocu^ (simplicis). Unscadeles. 
677 rotas (vagationes). Uuarba. 

701 iam. dog iu. 

702 custodem (thesaurarium). ca- 
merari. 

— quo pignore. Bidemouuetti. 
706 Preuius huic spado est? quo 

precedente (crescente^ post 

spadonem adveniente^) libido. 

daranah chumendero, daranah 

farendero. 
737 actus (factus). Gedaner. 
741 tezi iuncis palmisque; am 

äußeren Rande steht texti und 



*) steht freilich über lege. ') nach o ist n ansrmdiert. ') Die Glossen 

zn 552. 553 aaf d^m inneren Bande. *) s Aber der Zeile von derselben Hand. 

^) Also ist procedente sn lesen, wie anch die Ausgaben haben. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



13Ö 



darüber geflohtan mierdan (I. 
anerdan). 

747 BÜrns. uuiti. 

748 canit BesiDgit'). 

749 Bignat. ceikhiuit. 
751 species. daz bilidi. 

757 vivere ; auf dem inneren Rande 
ebenso und darüber uiselen 
uueaan. 

760 compone. fazzo. 

775 iugulantia (dolentia). smer- 
zanda. 

778 discrimine. ungetiiori. 

784 poeniB. Bmerzungen. 

790 porticibus. Langinnen. 

792 modum. deraaois. 

— gyro, Unbevangidon. 
796 Bolvens. ferbreebende. 
812 texuerant. uuabon. 
816 oSiciia. Mit gebaridnn. 

819 materia. inatrumenta gecuig 
und auf dem inneren Rande 
ins^uiuenta.gecuig.Maehunga. 

— aonora (valde Bonans). clamo- 
sa lutreiatih. 

830 deSeta. Ferclagot Benueinot 
841 gremio. Maromiti. 
844 saloB. Ctenist 
856 rectiuB. rethlicbor. 

878 progreditur (aacendit, proces- 
ait). bnobsib. 

879 torrente. Uuarindenio. 

880 Despiciena. nidarsiente. 

904 Quatuor ordinibus (ioicÜB. 
ortin), fierscozzen u. auf dem 
inneren Rande fierekkeat«. 



905 forma (Bubatantia). ketat 

acafl. 
— emiiiet. framsciuzzit. ebonot 
aib. 

923 apez. hertuom. 

924 victua. ubercoborot 

928 ictu. Btihche. 

929 macnloBus. atrimilebter. 

930 extinctum (perditum, nullam 
vim habeoa). creftelos. 

933 munere. cegebo (konnte auch 

ergebe gelesen werden). 
951 Magnammea (fortea). die gno- 

ta thegana. 
965 Votum (optionem). unnao. 
991 fauce profmidi (etibmeraioDe). 

gedinunge. 
996 famulante (cedente). kenui- 

chantemo. 
1002 fama (relatione). aaga. 
1006 cinxit (circumdedit). Umbi- 

uieng, 
1027 documenta. kl ein i. 

1048 Ludificante (deludente). dri- 
gentemo. 

1049 doli(frandiB,deluaiflni8).trgidi 
(= trugidi?). 

1054 cedunt. Geuuiehent **). 
1065 pondera (magnitudinem). 
frambare. 

Liber II. 
3 sacravit (benedixit). Segenota. 
6 Pergit (cepit) adiro. huopaib. 

buritsaib. 
8 procaci. fravelemo. 
ll Im Soholion nuper. mitthon. 



') n aber dar Zril« «OD ilenclbMi Band. ') hHbw dar Z*U«toii danalbm Band. 



136 



NOLTE 



19 viam. uart 

— iacalata. gescoz. 

— retorquens. widarsciezanten. 
27 gressibos. Gengin. 

30 didicit uerstuont 

37 nuper. miththunt. 

38 hostem. Barzeu(?). 

45 cedens. Uuichenti. 

46 vices. uurhsal (1. uuehsal). 

51 Per varios modos. Thie mis- 
selichen uueson^). 

52 venis. idon. 

— apertis. entanen. 
56 veterem. frambare. 

58 innata. Anaburdig. 

— disiuncta. Gesceidan. 

59 de. uzar. 

73 evolvite. bedenkit. 
105 precium. tiari. 
120 Linquere. ergeuan. 
156 passibus (gressibus). scritin. 
158 ferre. Gehaben. 
170 persona vetus. Der alto man. 
172 Scholion Adhuc insuetos am- 
bolandi vacillat 8crandot\ 

— modo. Mitthat (== mitthunt). 
174 serta (coronas iloram). houbi- 

bant (1. houbitbant). 
180 fusa. gegozzan. 

182 Abscisis. erhounuan. 

183 Innocuos. Unscadelih. 
190 Vulnere. snite. 

196 damnosa. scadehafL 
203 vieissim. hertlicho. 
220 properantibus. zuoilanten. 
249 Qu^ (id est tu) thu der. 
253 premi. Gehindrit uuerdan. 

— opem. froma. 



258 juris, herticomes. 

— onmia. negotia dinc 

274 statuere (decrevere). fointon. 
280 lux. sconL 
282 progressa. Fergangan. 
285 preputia. Fureuuasth. 
298 iter (introitum). inuuart 

307 laxare. endazan. 

308 ligonibus (fossorüs). seh. 

328 relatus (dictus). Gesageter. Ge- 
zalter. 

335 gravati. Pesolotiu. 

342 habitum (vestes) nitido com- 
ponere (omare) cultu. karuuu 
id est auro et lapidibus. 

357 redit. xzdfruniribit 

376 rea. fertan. 

379 natale. Geburte. 

— via. fart 

381 Conditione (debita lege) caret 
Nistmo mannes sculdih. 

390 Nudus (ab) amore timor (dia- 
boli). Nite dardah durch sine 
liubi. 

415 ruinam. Anaprast Clafata. 

417 vagatur. uueibeta. 

424 In iugulum (suum, in suam 
necem) vult ferre manum (su- 
am)^ sed non licet Uli. heme- 
hanotamo. 

433 Blandiloquus. Spanaxxprdpn. 

435 ad crimina (sua). ce sinen ubi- 
litjitin«). 

436 predo. heneri. 

439 fallit (fakum est), trugidinc. 

untriuua. 
447 Verborum sator. Callere. 
452 lolü. rbthn. 



*) e von derselben Hand = streiche e nnd setze i. 
rojt deneJbeD JEUmd, 



') e in a gebessert 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



137 



456 pr^sidet. heriscot. 

460 motionem. Ruorida. 

472 materia. Anazimbri. 

488 cessit. geuueih. 

491 coiere. gehollun. 

507 bimarisque Corinthi. Scholion 
auf dem inneren Rande: quia 
ex utraque parte alluit mare^ 
ideo bimaris. Über parte alluit 
mare steht: uinbezzerit. ana- 
sleit (zu alluit). 

512 Instrumenta (virtutes). Qeciug. 
514 seenifactor (tabemaculorum 

compositor). flehtari. 
523 argumenta (significationes. da). 

Becochinissi ^) (1. bezechinissi). 
530 declinatis (infirmis). Gesuue- 

chenten. 
532 fovet. Brustit. 
536 natalis. Geburdich dag. 
552 virtute. crefte. 
559 imbres (lesiones). ungeuuideri 

u. darüber ungeuuore. 

562 ictum. slag. 

569 Ulteriora (superiora). sumera. 

ferrora. 
579 Pundere (emittere). vuerfan. 
621 damnorum. Brestungan. 
631 sudaria. hubitduoch. 

644 preponimus« farebieten. 

645 Pervasos. Anageuartat. 

653 spectaeula (miracula). uundar. 

678 distractio. fercoufida. 

679 donatur. Ergeban uuart'). 

680 petit. Uuidareiscot. 



— mala debita. Massadati sculti. 
681 Creditor. suochenari. Mezor. 
705 erimenque foret. Dazu das 

Scholion am inneren Rande: 
crimen (darüber scult) nobis 
deputatur [nobis] ad crimen, 
daz uuizat man unsih ze sculdi; 
des sulan uuir inkeldan. 

710 reposcant. Uuinderreeisken (1. 
uuidere eisken). 

716 impetus (furor). gfmuoti. 
718 vestigia (imaginem) bilide. 
728 fusis. Gegozzenen. 
737 Materies, anazimbere. 
740 timpana. Liuti. Gehelli. 
747 Sacrilego. domo heidenemo. 

Am inneren Rande steht vs. 750 
gegenüber geuuizida (zi über der 
Zeile von derselben Hand) imd 
vs. 751 calleri, das erstere wird 
wohl auf sensu vs. 749 oder rati- 
onis 752 sich beziehen^ das letztere 
auf nudam (sensu nudatam et va- 
cuam) serit ore loquelam gehen. 
762 commisit. Beval. 
770 Pendula, hangillun. 

— celsa sequi, ufclimban. 
814 Ingenio (sensu). Geuuizze. 
817 ratione (sensu), keuuizze. 
829 memorare. Gesprechan. 

— vale. Gesundida. 

841 discursor (discussor andere 
Lesart), suochenere. 

— reposcit (discutiet*). ersuochit 



') Was da nach significationes bezeichnen soll, ist schwer zn sagen. Ist es nn- 
vollBtftndig geschrieben anstatt der hier erforderlichen Form von daht? ') Ob 

Er = ar oder Fr = fer ist nicht ganz deutlich; doch fordert der Spraohgebraneh das 
Erstere. *) Also wohl reposcet, wie die Ausgaben lesen. 



138 



NOLTE 



1004 

1011 

1019 
1021 



860 cedite. Uuichet 1001 

861 damnosa. scadehaft. ^^^ 

871 assaescite. Geuaonet 

882 fluxere(peroculo8).flozzedon; 
auf dem inneren Rande steht 
fluxere (emolliti sunt), er- 
uueichedun. 

886 mulcet (consolatur). loccot. 

894 perfecti. durahnutes. 

902 canunt (praedicant). besin- 

gunt. _ 

913 coeperat Geuieng. jq23 

915 tumultu. cridime (= cradime). 

916 Conclamant. Riefon. 
934^cau8a8. geburida. 
935 facta, geburida. 

947 vivere. erkuekan. 

952 para. mahadih. 

954 rapuere phalangcs. fiengon 

ce den senin uuorton. 

956 Ventosa levitate. zome. 1026 

960 damosa. rufelino. 1027 

971 origo (initium, novitas). ide- 1029 
niuui; im Scholion recenter. 1031 
ideniuues. 

972 malis. ubildadin. 

973 creat. machet. 
977 gesta. geburida. 
981 variat tnistelihit (I. misseli- 

hit). 
— 8timulatu8(tactus).be vorder. *) 
991 fert (dicit). sbgpt. 1Q34 

refert (negat). üuidbrsbgpt. 

994 causa. Gehurida. 

995 dolos. Pisuih. 
nefas. meintat 1036 

1000 Sacrilega8.(impia8).ferdanon. 



1033 



Vota. Piheiza. 

Imposuere sibi (coniuraue- 

runt se; conspiravenmt). Be- 

hiezunsih. 

pallida (tenebrosa). egislich. 

imago. bilide. Getrehte. 

de. uzer. 

vicissim. herdicho'). 

monet. luboL 

praevenit (intercepit). Under- 

nam. 

maniplis. scar^n. 

de meritis. tiu kuottatin; 

Scholion auf dem inneren 

Rande: Poeta: Ex bona pro- 

ditione tua glorificaris. ketu- 

rit bist. 

honeste. ersamo. Scholion am 

äußeren Rande: quia in illa 

proditione honeste. cusco. fe- 

cisti. 

virtus (fides). triuuua. 

facinus. Geubiltetin. 

causa (negotium), dinc. 

Rhetore. redinare. 

fulta (firmata). kesterket. Ge- 

uuamot. 

dudum (ex multis annis). Auf 

dem inneren Rande steht 

Giuuom, über diesem Worte 

u. unter demselben : Giu mane- 

goncidon. 

documenta (sapientiam). uuis- 

tuom. 

modestam (honestam). er- 

zama. 

dubium. ziuuoligo (1. zuiuo- 

ligo). 



>) L bwrorder. ') e Aber dar Z«le von derwlben Hand. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



139 



1038 vago. uppigemo. 

— moFimus (concitavimus). pe- 
zigan. NergruozooD. (=-toii). 

1041 nocentem (obnoxiam). scul- 
digan. 

1042 discrimina (pericula). Unge- 
uori. 

1051 morentur. keduaelt uuerden. 

1055 proYOco. Gebannon ; am äuße- 
ren Rande steht Ferdingpn 
in sina helfa, was wohl zu 
appello opem v. 1056 gehört. 

1065 venustas. fronissci. Cieri. 

1067 Solverat. losta. 

1069 patentibu8.Certanen.Cer8prei- 
ten. 

1071 doli. Besuicha. 

1072 incanduit eruuizeta. 

1073 ficta (fallax). trugilich. vaan- 
kelich. 

1074 moles (magnitudines). keuuel. 

1075 abrept^. ercriftimo. 
1077 sequas. folgata. 

— artis (gabemandi et navi- 
gandi peritia). eunste. 

1079 Deponant animos. emiolon 
in iro muoton. 

1080 Naufragiom. scifsoufe. 
1082 clavi. Stiumagele. 

1085 temptare (tractare). handelan. 

1086 obruat. Beuuerfe. 

1092 Indulsere cibis. Anagdierzon. 
anageaftonsih. 

1093 causis. Geburidon. 

1094 Res. Gebarida. 

1098 ruina (casus). Misseburi. 
1103 Ex precio. diuri. 
1105 discrimen. ungeuore. 



1107 fida (fidelis, bona), getruwe *) 

1111 Jactur^. uzuurfes. 

1112 Desperata. Uerouuan. 

1113 Votum (optionem). Uunsc. 

1114 usus. Nuzzida. fruma. 

1 1 18 naufraga. periclitans. pesuofit ; 
immersa. sinkonte. 

1119 frustrabor(deludMr).Petrogan 
uuirdun. 

1121 statione. stedi. 

1122 solute (fracte). zebrohchenes. 
zeruallenes. 

1125 noctis (tenebrositatis in man). 
Ungeuuideres. 

— aperto. entanero. 
1127 lateri (plage), halbo. 

1129 solvite (frangite) p. P. ieiunia. 

puozant den unger. 
1131 Memorajida. keuuahcelich ^). 

1137 gurgite (profunditate). sine- 
vuage. 

1138 convivere. (convesci, convi- 
vare). Genesan. 

1140 Observata legens (ea resig- 
nans. imitans). uidarceiche- 
nenten. 

1141 causis. Geburidon. 

1142 Et repetita. widarbilidot. 

— levatur. Uferhaban. 

1156 nimbis (tempestate). unge- 
uuiteren. 

1157 Contulerat (collegerat), ce- 
samene raspoda. 

— sarmenta. spacher. 

— fixit. hafta. 

1167 agrestia (ferina). wilda. 
1172 probant. beuundun. 
1175 glacies (algor). cuili*). 



') T über der Zeile tod derselben Hand. ^ L kemiahtelich. 

dem ersten i ist e ron derselben Hand beigefügt d. b« co!^ ^= t^<^ 



•)Üb< 



140 



NOLTE 



1179 Natrimenta. cinselunga. 
1181 inque vicem (invicem, vicis- 

sim). hertlicho. 
1203 dolos, bisuihca. 

1210 veris. lengicenes. 

1211 senio (canitie). Greuue. 

1212 cedentibus. forauuichenten. 
1215 speciem. Bilide. 

— cantat (designat). Meinit 
1217 legens (preteriens et transi- 

ens). fureuarente. 
1223 tendatur (protendatur). Ge- 
breidet auerde. 

1225 Borrexit (excreait). eruuos. 

— corpore, biuange. 

1226 circomtalit. Umbiuuarfta. 



1228 iiindata. Geuestinot *). 
— cacuraina. herinom (= heri- 
tom). 
1230 habenas. betani. 
1232 honor. hertuom. 

1234 arce tyranni. Sezze. hetuome 
(= hertuome). 

1235 iura poli. himel geuaelde. 

1236 coDtingeret. zuogeaele, zuo- 
getrafe •). 

1239 ortus (nativitas). Gebart. 
1246 actus (bina actioV Iro guodi. 

1248 voluto (evoluto). ümbeker- 
demo. 

1249 repetitam. Uaidarzalt. 

1250 socialis. genozlich. 



Glossen zu Arators Act. apostolor. aas der Trier Dom- 
handschrift. 

Die ehemalige Handschrift sancti Michaelis in Hildesia, welche 
1802 Eigentham des Paderbomer Domdechanten, des Grafen Christoph 
von Eesselstatty ward und von ihm mit anderen Handschriften der Trierer 
Dombibliothek vermacht wurde^ ist ein Codex miscellaneus. Er enthält 
unter anderen Stücken auch Arators Act. apostol. Dieser Theil gehört 
dem XI saecul. an. Graff Diutiska Bd. 3 pag. 435 hat aus ihm Glossen 
mitgetheilty welche wir hier vervollstÄndigen und berichtigen. 

Epistul. ad Vigilium. 98 foecundat. vuueherhaft*). 

12 statione (portu^ requie littoris). 100 cuius tuba (vox). chela. 



stedit 

lib. I. 
28 qua. thar. 

53 quo. thara. 

54 statione (congregatione). vuar- 

to. 
72 piscatio. vueida. 
85 stringens. eruurginte. 



104 quem, vuenen. 

114 vocat. ladota. 

117 iubetur. pifolen uuard. 

120 quo (loco). thar. 

134 nunc. thar. 

170 pulsis. hina (i ist aus e ver- 
bessert; nach a ist eine kleine 
Rasur) tribene. 



*) Das erste e aus a verbessert von derselben Hand. *} f ans v ver- 

bessert von derselben Hand. ') Graff liest: vuuolierliafti, mir scheint nicht o, 

sondern e da za stehen; es ist kaum noch sichtbar; i findet sich nicht, sondern Graff 
bat den unteren Zug des p in ponens des vorhergehenden Vers , welcher hinter t endigt, 
I gmiommea. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



141 



173 fu8^. allen (vor a ist Rasur 
eines Buchstaben; ob es v ist, 

kann nicht bestimmt werden). 257 

178 pavidis. peche. 285 

180 fuscare chaos (inficere tene- 295 

bris), peche. 311 

214 sine limite, suntrigi glaube ich 327 

dort zu sehen, nach dem letzten — 

i ist etwas verwischt. 335 

219 fönte. vr8pr(ing ist verwiscnt)e. 340 

245 cum strage (diminucione , vel 341 



debilitate). mit slahto (nach s 
ist h ausgekratzt), 
convixere. ebenlebitun. 
censuit (iussit). firbot. 
agmine. gesemi. 
properata. erhurstiu. 
sonare. uuird. 
condere. uuir. 
nata vetusto. errunneniu. 
ante uidens. eror saher. 
fierent. uuirtin. 



IV. Glossen zu den Fabeln des Avianus. 

Diese Fabeln des Avianus stehen in der Handschrift auf foL 232 
rect. ante med. — 240 vers. fin. Die lateinischen Olossen habe ich in 
Klammem beigefügt. 



p. 4 ed. Froehner. 
vit^ argumenta, cleini. 

Fab. I, 

1 Rustica (mulier) lantsaza. 

7 lustra. legar. 

10 consumptis. fersuuieinert *). 
14 iurgia. zorn. 

Fab. n, 
1 testitudo (limax). snegal. 

3 conchas (cocleas). Meriselellun 
(= meriscellun). 

4 precium (mercedem). Mieda. 

6 indignum (indignans Froehner). 

Ungesislih. 
— gressu. üigiu. 
13 abhominandQ. Neutrum absolu- 

tum. Nahfengida^) exos^. post 

indid» 

h^c documenta quieti (s aus. 
radiert), pigricie. 



Frammort 



Fab. m, 
1 relisit. strekcht 
f prosequi 

\ procedere gressu. 
gan»). 

{per transversum 
transverso pl. hec devia nate. 
transverso. ö uuire gang*). = 
duuiregang. 
f Gestade 

\ siste gradus. gressu (gan wohl 
= gang ist ausradiert). 

Fab. ira, 

1 boreas. norduuint 

2 iurgia. strit. 

3 inceptum (suum). Beginnunga. 
7 circumtonat. chamklot 

Fab. V, 
5 exuuvias (spolia). hut 



*) e^ konnte aach o sein ; nicht wohl v, da v sich nnr am Anfange der Wörter 
findet Lies: fersnueinten. ^) n ist etwas andentlich könnte allenfalls ei gelesen 

werden. ') r nach f von derselben Hand über der Zeile, der letxte Strich des zweiten 
m ist ans o Terbessert. *) ^ ist Zeichen der Verweisung ia£ dä<^ T^^^iSi&fvsi^^ts^.« 



142 



NOLTE 



Fab. VI, 

3 recurrens, hoppezente. 

4 maIcebat(blandieDdoalloqaitar). 
zeqlotiu >) (= zellotia). 

Fab. Vn, 
15 sensum. Geuuizze. 
18 geris. tregist. 

Fab. Vni, 

14 damna. prestonga. 

Fab. Vnil, 
2 suscipiebat (ambiebat). began. 
6 preceps. draitiu. 

15 ieiuna. nuchtemiu. 

Fab. X, 
1 caluos eques. der calauuouaes- 
kiünare •). 

5 spiramina. geblasunga. 

6 ridiculam. gaman. 

7 galeras^. huode. 
9 sagax. listiger. 

Fab. XI, 

1 Eripiens. erlosende. 

2 agebat. (inpellebat). Nidertreib. 

Fab. Xra, 
4 ductor (dox). boeh. 

Fab. XVI, 

11 stridula (sonora) ruzzantiu. 
susurro. dozze. 

12 debilitate (fragilitate). Uueichi. 
18 motibas. Uuagadon. 

ludificata (delusa). Uuiderbillit. 

Fab. XVn, 
1 torquens. sciezzendo. 



2 lustra. legbr. 
4 verbere (nervo), senuiin« 
8 prestrinxitque. Pemarta. 
10 retenta diu. G^tuelitia. 

14 ira. zom. 

15 nulla q. m. convenit (occurrit) 
in aggere (via) forma (nullos 
homo). Nebequam. 

Fab. XVm, 

7 temptare (adgredi). Understan- 
dan. 

Fab. xvnn, 

1 Horrentes. Uuassen. 
dumoB. doma. 

Fab. XX, 
1 seta (amo = hämo). Uurfangol. 

8 fadit. Geleicha. 

10 ora (finis). ende. 

11 depastum (depastus Froehner). 
Gemaster. 

Fab. XXI, 
1 Parvula p. ales. nahtegala. 
4 vicinara. Gebürtlicho. 
14 petit Amut. 

Fab. XXn. 



11 spem (utilitatem). firuma. 

Fab. XXm, 
1 referens. tragente. 

12 atque eadera retines funera no- 
stra manu (tua potestate). De- 
fectualiter. Gegangunnissin fru- 
ma uuesin. 

14 noeuisse. scadaveran. 



*) (^ =s q; solche Spielereien mit Buchstaben finden sich oft; Vielfach dienen 
sie dazn die leiste Silbe eines Wortes anzaseigen, damit der Leser nicht die letzte 
Silbe oder die letsten Silben eines Wortes zu dem folgenden zieht ') ^ = strei- 

chen. *) a in o gebessert 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



143 



Fab. XXnil, 
9 graves. zomege. 

18 sollertia (ingeDium). cleini. 

16 rabidis (terribilibus). Fiantli- 
chem. 

Fab. XXVI, 
3 preruptiB(excel8i8).stechchelen. 

Fab. XXVII, 

2 foindo. bodome. 

6 calliditate dolos. Uncusti. 
8 potandi. drinchines. 

10 explicuisset (peregisset). Gefru- 
mete. 

Fab. XXVm, 

3 succidens. abasegende. 

7 themo. Ghrindil. 

10 vacua (cavo). holemo. 
15 exemplom. homzeichan. 

Fab. XXVim, 
7 simul (statim). sar. 
15 cratera. scala. 

19 hospes. de uuirt. 

Fab. XXX, 
5 rursos in excepti deprehenBos 
crimine campi. hiban gedanes. 

Fab. XXXn, 
1 Herentem. haftenden. 

iurgite (= gurgite). lachchun. 



axem. Uuagane. 
4 rebus (casibas). Missebari, 
resideret (hesisset). Qebeidedi. 
Oetualti. 

Fab. xxxnn, 

1 passus. Emaordsenun. 
10 propriis laribus. Gesuuasin. 

Fab. XXXV, 
1 profiindens. Geuuerpende. 

13 mox quoque dilecti succedit 
(natus) in oscula fratris. in amoris 
vicem. liubi. 

16 spes. (fors Froehner). GedingL 

Fab. XXXVII, 

4 toris. Sinnun. 

5 post ocia. ferlazunga. 

6 cibum Uaintbant. 
9 Instra. dier uueida. 

14 agit (fecit). Uuorta. 

Fab. XXXVin, 
4 nobüitate. ruomta. 

Fab. XXXVmi, 

7 lituus. trumba. 

Fab. XXXXI, 

6 coqui. Geclit uuart = gecochit 
uuart 

7 test§. dan. 

18 fata. Geburida. 



V. Glossen zu Boethius de consolatione philosophiae. 

Die Hdsehr. X Saec., welcher wir diese, wie die Avianus'schen 
Glossen entnehmen, enthält Boethius Schrift auf fol. 118 rect. init — 
168 rect. vers. Graff hat Diutiska Bd. II. p. 302 seqq. Glossen aus einer 
St. Galler Hdsch. mitgetheilt. 

Lib. I, carm. I, cap. II. in. 

3 tendit (laborat). ilid. robur evaseras (ascenderas). 

eruuori. 



144 



NOLTE 



carm. lU, 
7 boreas. nordostan. 
9 emicat (apparet et splendet). 
Blacckizod. 

carm. V, 

19 boreae. nordostan. 

20 zephyroB. vuestan. 

Lib. II. cap, IV p. 33 ed. Peiper. 
abesse, gibrestan^). 
ibid. proveniat. bicumit 

cap. V, 
37 computas. ahtos. 

cap. VII, 
46 arrogantiae levitate (vanitate). 
bacheidi. Gelpheidi. 



Lib. UIj carm. I, 
nothoB. smidan. 

carm. Vmi, 
facis zema ab inferioriboB da 
pater das cuncta moveri. 

cap. XII, p. 
83 et hie est veluti qaidam davos. 
Auf dem inneren Rande steht 
folgende Bemerkung: Clauus 
(ein oder zwei Buchstaben 
scheinen hier ausradiert) tri- 
farium est: clauus i. (= id est) 
stiarruoth & clauus nagal et 
clauus (1. clauis) sluzzil. 

Lib. V, carm. IITT. 
6 celeri (veloci) stilo. graf. 



VI. Glossen zu Prudentius. 
Praefat 14 pertinax (durans, perseverans). 

7 crepantibus (sonantibus). bre- einstridie"). 

stauten. 42 devoveat. geheize. 

A Zu dem liber cathemerinon. 
I. Hymnus ad galli cantum. 45 lucelli. vuochris. 



14 culmine. firste. 

89 frivolum (darüber vel fHvola 

id est nihil valentia. mendosa). 

gebosia. 

n. Hymn. matutin. 
21 callida. dumiga. 

33 seyerum(crudeliter).grimlicho. 

34 ludicrum (ludum, voluptuo- 
sum). gebose. 

35 inepta, darüber in halb aufge- 
frischter Schrift incosta (= in- 
casta?oder incosti = unkusti ?). 

36 colorant derkenent 



58 despice^). sih. 
72 terge. chisubere. 
81 Nutabat. vuichta. 

lU. Hymnus ante cibum. 
12 appetere (sumere, sapere). ge* 

smeckan. 
28 serta (coronas). houbitbant. 

42 pedicis. uuallon. 

— maculis (retibus). stricchin *). 

43 glutine (limo). chleibe. 
48 calamum (virgam). angul. 

63 siliqua (vagina leguminum). 
hulis. 



') t am Ende ausradiert. ') i zwischen d and e nicht ganz deutlich. 

3) Das erste e ist in i von alter Hand ver&ndert. ^) Auf Rasur von derselben Hand. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



146 



69 coit (coadunatur). girinnit. 

70 calatho (coagulam). casiuaz. 
74 thymo. binisuga. 

76 nemoris. boumgarden. 

94 caveam(o8). holi. 

95 esto (sit). vuese. 

112 ingenium. sin. 

148 discidium (discordia). ske- 
tonga. 

IV. Hymn. post cibum. 

3 rependat (solvat). uuergelde. 
12 perdomitor. doubare. 
22 vapore. thoume. 
27 recessu (secreto, in occulto). 
chisaase. 

30 congeriem (cumulum^ uberas). 
zeli. 

31 expedita (liberata vel parata). 
irlostiu. 

37 praecluens (valde splendens, 
praepotens). filo guollihhiu. 

41 expolita (fabricata, ornata). 
giuilode. 

44 dicarant (deputaverant). be- 
meidon. 

45 haustibus. (rictibus, sorbicio- 
nibus). sluntin. 

49 iubas. mana. 

51 rictibus. bizzin. 
93 mctunt. arnunt. 

V. Hymnus ad incensum lu- 
cer na e. 

14 lichnis (lucemis). lihotfazzou. 
17 seu. unde. 

52 calainis (sagittis). cehin. 
64 constans. gibaldondi. 



— tendere Hre). dan (= gan?). 
73 concavo (diviso). holomo. 

VI. Hymnus ante somnum. 
9 fluxit (defecit). hergiene. 

29 feriatum (qiiietum, otiosum). 

fironda. 
38 Facies (imagines). uuielichi. 
68 acervis (granariis, cellulis). 

hufon. 

VII. Hymnus ieiunantium. 
10 obstrangulatQ (suffocat^). er- 

uuredes. 
13 inverecundum. unscamiliniu. 

— lepos (facundia). gisprachi. 
15 parcam (sobriam). ginoida. 
23 excitato. uferhuridero. 

48 retorsit. girihda. 

53 clivosa (alta). uuohaldiu. 

— confragosa (aspera). stecheliu^). 

66 parcus(raodestu8).furiburdiger. 

67 indu8triae(diligentiae). gilouui. 

115 hauritur (sumitur). uerslundan 
uard (= uuard). 

116 cassos. unbiderbe. 

118 mordicus (adverbium, morda- 

citer). bizlicho. 
123 per latebras (in ventre ferino). 

hulin. 
127 singultibus. rihungon. 

133 imputans. cellenti. 

134 Impendit. analigit. 
140 Nato, erunnenero. 
142 palpitat. zabeloda. 

146 publicis (manifestis). luitbari- 

gen. 
150 fluentem. uueibondas. 
153 Inpexa. ungistraldiu. 



') 1 ist ganz verblichen. 
OEBMIKU. M«o« BmIi« Tm. (XX.) JtJurg- 



\a 



146 



NOLTB 



167 Lenam (pallium imperatorum). 

lachan. 
158 sutiles. girigene. 

164 ciinal^. vuagun. 

165 pupill^. tutten. 

— parca (avara). argiu. 

167 Söllers, giuuariu. 

168 strepentes. springendes. 
181 laxo. lazzenemo. 

— iugo. bidoinge. 

208 scabra (aspera). handigiu. 

Vm. Hymnus post ieiunium. 

3 septos. bivangane. 
15 imbaator (saciator^ refoveator). 

gilabot anerde. 
20 molceat. loco. 
27 tinguat (coloret). giunsnbere. 
29 tegimoB. decchimes. 
33 residem (pigram de culpa Ad^). 
irlegenaz. 

42 vibrat. vuehsit. 

— impexis ( spinosis ; vel implexis, 
dieses a manu recentiori). strx- 
bfiitfii '). 

— lappis. clfttb. 

43 Carduus, distil. 

51 compensant (equiperant). ni- 

vergeldent 
59 cratem (corpus terrenum).hurd. 
64 enervans (infirmans). giuue- 

hendi. 

IX. Hymnus omni hora. 

15 trin. rerum machina (c^lum, 
terra, mare). girustL 

35 nectare (sputo). speichelen. 

36 orbibus (oculis). oucstallon. 



40 Extimum (extremitatem). os- 
nechdigi. 

— furtim. doueno. 

r>3 efferatis. ergremiden. 
54 ruitque. ilda. 

56 suilli (porcino). snini. 

63 lacunam (foveam). htüi. 

64 meatus. homissida. 

72 (in über der Zeile der zweite 
Glossator) dissolubilis. ciloslic. 

73 irruentes. zizuoilenden. 

— tenax. argiu. 

81 Fertur. gisaget ist 
98 demum. dohidemon. 

X. Hymnus circa exequias 
defunctorum. 

26 Luteum (terrenum). unsubero. 

— captat (elevat, appetit). giden- 
kin. 

36 collegia (compaginem, consor- 
tia). ginossceptdi. 

57 provida (dispensatrix). gi- 
uuariu. 

70 heros (vir fortis, princeps). 

gomo. 
96 fatiscere (dissolvi vel deficere). 

muoden. 
102 carpet (corrumpet, auferet). 

zugot. 

106 populatur ] (devastatur). hosit 
(von osjan). 

107 resudans. duldendi. 

108 Luet (persolvet). vergildit 
118 suspendite(retinete).enthabent 
125 fovendum (inmittendum). zibi- 

sehenne. 



') Das letztere f ans e verbessert; der Abschreiber vergalt, daß er in Geheim- 
schrift copierte. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 



147 



133 depositum (creditum^ commen- 
datum). bivolehennan. 

141 cariosa (putrida). uurmazig. 
164 ademerat. ginam. 
169 fovebimus (omemus). bise- 
hemes. 

XL Hymnus Vlllkl*. Janaarii. 

8 recisa (breviata). gicorder. 
13 Emerge (ascende, exi). ozzin- 

brist. 
16 mediator. medescafdari. 
26 digesto (ordinato, disposito). 

irracdero. 
34 inanes. ubbige. 
—* nenias (vanitates). gibosa. 
39 mancipatam. bihafdan^ ki- 

scalchten. 
52 glutinans (ligans, coninngens). 

giauogendi. 

54 fastidia (tedia). bedunga. 
67 harenas. sant 

B. über Pe 

I. Hymnus sanctorum marti- 
rum Hemiteriiet Cheledonis. 

7 tinctus (vel unctus). giuaruuit. 
47 forum, marcat 

55 bipennem. bardun. 

66 stipendia (i. alimonie, lucra). 

heri stiura, spisa. 
69 monstra. gidrog. 

73 obsoleta (inveterata, deleta). 
giuuahsan. 

74 Invidentur. erbunnun uuirtun. 
77 tenacibus. festen. 

80 paverunt (nutriverunt). zugin. 

n. Passio sancti Vincentii. 
29 hie. dar. 



92 lymphatam (hebriam; insa- 
niam. 1. ebriam^ insanam), 
uuotinti. 

103 irritus. unbiderben. 

XU. Hymnus de epiphania 

domini. 
25 sinu (reeessu^ receptaeulo, re- 

gione). biegen. 
39 sublime, stuiraz. 

55 sulcum. vuruch. 
120 Yomit. indigerit. 

196 coxerat (fabricaverat, forma- 

verat). seht 
199 Rasum. giuifodaz. 

— dolatum. gisnidonaz. 

— sectilem. gihouuenaz. 

Auf dem inneren [lande steht 
noch: Rasum vel raso und darüber: 
heuiltad (d scheint aus t verändert), 
bescuorener; femer dola und dar- 
über barda. 

ristephanon. 

41 commotior (magis iratus). er- 
bolginora. 

56 exere (praepara). kifrume. 
70 follibus. balgen. 

79 aucupes. nemare und darüber 

farare. 
96 iactet (loquatur). uuituerpfo. 

102 Convitiator. sceldari. 

105 ergo, de (= do). 

112 crepet. breste. 

116 palpiter. zabalo. 

120 ungula. furca (= furka). 

122 Eviscerando (viscera extra- 

hendo). scurfendo. 
124 toros (rotunditates). mus^. 
131 Gaudet. smieret. 

10* 



148 



NOLTE 



139 Respiret. reste. 

174 uncis. kraphon. 

177 callum (duricia). suil. 

199 Bitumen, harz. 

201 frendens. gremizzender. 

205 Decemat. erdeilda. 

217 regula. stap. 

218 Dente (clave multiplici). cinde. 
221 rogum. saccare. 

227 stridulis. strideden. 

228 sparsim. vuar unde vuar. 

229 Arvina. feizti. 

230 cauterem (lectum ferreum, cau- 
terium). bolzo. 

— lavit. nazza. 

232 liquitur. smalz. 

252 Divaricati8(8eparatis,exten8is). 

zescracten. 
268 Commenta. ordanka. 

271 morsus. loch. 

— stipitis. stocches. 

272 dissilit (crepat). zebrast. 
311 über manserat. uuas. 

315 instar (similitudine; proprie 
est in mente). pilidlichero. 

318 postibus. toristuodeUn. 

32"^ dedecus. honitha. 

336 Ille (aliquis). sumilicher. 

342 tinguunt. nazdun. 

366 auleis (palliis). Scholion : Aulea 
proprie est vmbihanka ab aula 
Attali regis dicata. 

378 irrita. unbiderbiu. 

380 efferata. irgremidiu. 

— exusserant. brantun. 
396 carices. semidaeha. 
403 trucis. gremizes. 

457 sparteus. suertillin. 

458 culleus. corhop. 
469 Funale. seillih. 



519 auram. chuoli. 
531 serram. segun. 

551 ungulas. craphen. 

552 stipitom (cippum). stoc. 

III. Hymnus in honore XVlll 
Martjrum Cesaraugustano- 

rum. 
79 domu8infulata(omata).fantilia. 
132 tabidus. eitarlih. 

IV. Hymnus in honore bea- 
tissimorum martyrum Fruc- 

tuosi episcopi etc. 
38 commenti (adinventionis). ur- 
dankes. 

Vin. Ad Valerianum episco- 

pum de^passione ipoliti. 
167 subterranea. erdhus. 

IX. Passio apostolorum. 

42 lacunar (domus). himilicin. 
61 pontis. brucca. 

X. Passio s. Cypriani (in der 
Hdschr. fehlt der Titel). 
77 calce. calke. 
107 instruit. uuamot 

XL Passio s. Laurentii. 
56 Montes (acervos) monetQ con- 
ditoSy über monet^ id est mu- 
nizapraecussorum denariorum. 
77 predia. eigan. 
84 Nudare. gearmen. 
89 publicus. frono. 
122 minis. pundun. 
190 rudera. arizzae. 
231 Claudicat, hinchot. 

254 prurit chicilot. 

255 scalpit. scebit. 
258 Strumas. chelca. 
281 Pannis. ludron. 



ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN. 149 

282 mulcentis. rozzegon. 187 Vervece. uuidere. 

283 Mentom. kinne. 239 Fusos. spinila. 

VTTT !>«<.<. ;^ .o«.^f^ Ao.«.Af;. 264 sarculatas. gegedenen. 

^ ^- - - ... 267 officiDiB. hantuaercun. 

108 fasces. facul^). cvq^ . . •*• \ x 

^^„ . , 280 tyrso (ramo vitis). stane^e. 

117 cnstas. camba. o^. • • -xi. 

294 camiDis. smithun. 

Xnil. Incipit Romanus aPru- 299 trulla. chella. 

dentiuspositus. 303 circulator (deceptor). rizzere. 

78 Ventilator perturbator ceu 383 ofellis Cparticulis). bradon. 

(=r sea). uuisgclare. 485 pleuresis (passio lateris). ste- 
111 apparitores ([ab] apparendo chetho. 

dicti). inknehta. 489 papulas (vesicas). blatenin. 

— suggerunt (indicant). ander 490 cauteribus. bolzen. 

zalton. 495 podagra (passio pedom). fuoz* 

156 Lapis, agaht. saht. 

— esseda (vehicalum gallicam). 557 caraxat (scribit). crazzot 
samboch. 762 testa. g^bel (von derselben 

172 supinas. caffander. Hand). 

C. Zar Hamartigenia. 

291 stamine. naarfe. 329 polimus. cerden. 

295 telis. vaebisan. 364 perfarit. uaodit 

303 fotibas. vuerminon. 379 suspiria. suftunga. 

317 calentis. setten. 386 commendat. keliabit 

322 ganeonis (laxuriosi). urazes. 601 excruciata. cro rosa. 

D. Zur Psychomachia. 

a) praef. 6) carm. 

31 equarum. stuote. 131 capulum. heltes. 

VII. Die nachfolgenden Pflanzen- und Thieruamen sind einem 
in meinem Besitze befindlichen Handschrif^cufragmente aus der Mitte des 
Xl.^Jahrhunderts entnommen. Man kann zur Vergleichung nachsehen 
GraffsDiutiska Band II, p. 188 .273 und Bd. HI, p. 339 seqq. und 353 seqq. 
Hattemers St. Gallens altteusche Sprachschätze Bd. I p. 289 seqq. Ger- 
mania XIX, 436. 

Robur et quercas. eich. Salix, wida. 

Fraxinus. asc. Populus. belzboum. . 

Alnus. erla. Platanus. achom. 



') Hinter 1 ist jedoch Riumr und da pass. s. Roman, vs. 67 wie praef. apo*^ 
TB. 89 fax durch facala erklirt wird, lo stand aueh Va«i niq\!\ \«c<q^ 



\»} 



BASnCH, ZT K09SAM TROJAHEBnOEGE. 



Fftliamii« ba^i^an. 

V«;|]rre«. bremiii« 

Main«, ftfaldra. 

PinM. pirebouiD. 

Ahien, danniu 

ViiMmi»« miNtil. 

Oftrp<5nuN. bagftn (int wohl bnocha, 

buoha ftfii Ende abfj^efallen). 
Tremuln», haspa. 
Vnmun, ahorn. 
Sentif. domna. 
Nux« nuzboum. 
Rcea. foraba. 
UliDU». tnolm (lies: elro). 
Ceranas. kiraboam. 
Traroanca. mazaldra. 
SambucuH. holend (= holender). 
Puiarius. spiniliboum. 
Banguinarius. . hartnigilin. 
Poniieus. p orsichbouni. 

LepuB. hazo. 
Castor. biuor. 



LnstniB. oltar. 

Capreoliis. rehoe (^ reboe). 

Veiis (= Terres). ber. 

Caper. boc 

Ibiz. steinboc 

Onager. scelo. 

Alx. heloho. 

Rinocerotos. unicomis geschrieben 
als ob es eine deutsche Glosse 
wäre. 

Ghriphes. griph. 

Linx. lohs. 

Simia. aphpho. 

Cenophalos. hunthobido. 

Iricios. igil. 

I8tri8 (hystrix). ramus. 

Mostela. wisela. 

Sorix. mÜB. 

Grillo. hfleimo (» = a in e Ter- 

bessert. 
Scarabeus. vuibil. 
Talpa. moluuerp. 



zu KONRADS TROJANERKRIEGE. 



Ein paar Bomerkungen zur AusftUlung der Seite. V. 96 daz er 
Milrfe rätes niht; A (die Straßburger Hs.) hat bedarf e, danach schreibt 
Wackenmgol (LB P, 953, 4) bedarf geraetes] aber rätes, wie a (die 
St Qallor II».) Host, während A rechtes hat, wird bestätigt durch Lieder 
32, 309 (S. 399 moinor Ausgabe) ander fuoge dürfen alle rätee und 
geaiugee woL — 689. Was die Ausgabe hat , steht in keiner Hs. Statt 
üf der erde losen afg üf erde, cd üf die erde, Ab üf die erde, und 
letatere Lesart ist die richtige« 

K. B. 



TREUTLEB, ZUB THIDREKSSAGA. 151 



ZUR THIDREKSSAGA. 



I. 

Sehr merkwürdig ist das Vorkommen von doppelter Erzählung 
gleicher Gegenstände in der ältesten, von Unger*) durch Mmb. (Mem- 
bran) hier kurz M bezeichneten Handschrift der Pidrekssaga. Es han- 
delt sich hierbei um: 

I. Die ausgedehnte Erzählung von Vilcinus, Hertnit, Osantrix und 
die Erwerbung der Erka durch Attila. 

1. Cap. 22 — 56, S. 28 — 64 bei Unger unter dem Text; in M auf 
Lage II und HI von der Hand des ersten Schreibers. 

2. Cap. 21—56, S. 27—65 bei Unger als Text, in M erst nach 
Cap. 240 (S 220 ff. bei Unger); Lage X und XI. Schreiber IH. 
Dann noch um zwei kürzere Stücke: 

II. Die Erzählung von Hagens Herkunft. 

1. Cap. 169, S. 170 bei Unger, in M von Hand HI auf der 
eingenähten Lage, die Cap. 152 — 188 enthält. 

2. Cap. 170. 171 in M von Hand II auf Lage VHI (bei Unger 
S. 171 als Text); dieselben wiederholt in M von Hand IH auf der ein- 
genähten Lage, bei Unger S. 171 ff. unter dem Text. 

in. Die Erwerbung von t^idreks Hengst Falka durch Heimir, von 
der die Gelehrten bis jetzt annahmen, daß sie in M 

1. als Cap. 21, 

2. als Cap. 188 (eingenähte Lage Hand III) gestanden habe, 
in der ersten Stelle freilich sei sie verloren. 

So auffallig die obige Erscheinung ist, so wenig liegt eine irgend 
befriedigende Erklärung vor. Unger in seiner Vorrede S. HI, IV meint, 
der Verfasser der Saga, keiner schriftlichen Quelle folgend, habe 
selbst ihm bei verschiedenen Gelegenheiten mitgetheilte deutsche Sagen 
zu einem Ganzen verbunden, und da diese zahlreich und theilweise 
stark von einander abweichend gewesen sein mögen, so könne man 
sich nicht wundem, daß derselbe mitunter seine Noth gehabt haben 



*) 8«ga DiArika konimgf «f Bern. ndg. «f C. B. Unger. KrirtUnia 1868. 



152 TREüTLER 

möge 9 sie auf die beste Weise zu ordnen^ und daß es ihm passiere 
sich zu widersprechen, ja bisweilen auch dieselbe Sache auf zwei ver- 
schiedene Weisen zu erzählen, hierzu könne ihn auch die Lust ge- 
führt haben, zwei verschiedene Relationen, deren keine er vorziehen 
wollte, zu bewahren. Wir unsererseits haben schon leises Bedenken, 
ob der Verfasser überhaupt seinen Quellen gegenüber so bedenklich 
gewesen, daß er nicht einfach das besser in den Zusammenhang psA- 
sende aufgenommen haben sollte. Aber auch wenn wir uns dieses Vor- 
ortheils entschlagen, erscheint es uns mehr, als ob der Verfasser den 
Leser glauben machen wollte, er bringe etwas neues, als daß er die 
Absicht hätte, zwei Relationen zu bewahren, wenn er zwischen dieselben 
184 Capitel setzt, wie dieß bei den Sagen von Vilcinus etc. der Fall 
ist In Bezug auf die Geschichte von Hagens Herkunflt (Cap. 169. 170) 
möchte man solche Erklärung eher gelten lassen. 

Ungers Entschuldigung des Verfassers also ist nicht befiriedigend. 

Auch was G. Storm in seinem jüngst zu Kristiania erschienenen 
Buche: Sagnkredsene om Karl den störe og Didrik af Bern, S. 99 
bis 104 vorbringt, entbehrt erwflnschter Schärfe und Deutlichkeit, ob- 
gleich vieles darin gegeben wird, was zu weiterer Erkenntniss fbrder- 
lich ist. 

Ein erneuter Versuch den bisher noch dunkeln Thatbestand auf- 
zuhellen erscheint somit gercchtertigt, ein solcher soll im Folgenden 
vorgelegt werden. Vielleicht gelingt es, gerade von dunklem Punkte 
aus Licht über die Entstehung der ganz^ Pidrekssaga zu verbreiten. 



Wir müssen eine kurze Orientienmg vorausschicken über die 
handschriftlichen Verhältnisse, von Unger, der hier unsere Quelle ist, 
in seiner Vorrede sehr sorgfältig dargestellt. 

Drei Handschriften haben wir von der riärekssaga und den Anfang 
einer vierten. 

1. Der Pergamentcodex nr. 4 fol. in der königl. Bibliothek in 
Stockholm ist die Membran, von der schon oben die Rede war, in Nor- 
wegen, vielleicht noch Ende des 13. Jahrhunderts geschrieben, bei 
weitem die wichtigste der erhaltenen Handschriften. 

2. Befinden sich in der Ami Magnussonschen Handschriffcensamm- 
lung zu Kopenhagen zwei Papierhandschrifken der Saga aus dem 17. 
Jahrhundert, Cod. 178 fol. aus der Mitte desselben, und Cod. 177 fol. 
1691 beendet. Der Anfang einer dritten Papierhandschrift aus dem Jahre 
1682 ist zu Stockholm. 



ZUR THIDREKSSAGA. 153 

Endlich besitzen wir eine in vieler Beziehung wichtige altschwe- 
diBche Bearbeitung aus dem 15. Jahrhundert. 

Der Pergamentcodex M bestand ursprünglich aus 19 Lagen^ 
zu je 8 Blättern, wenn wir von der achten absehn^ in die früh schon 
X Blätter eingeschoben wurden. Jetzt fehlt vieles, vor allem beinahe 
die ganze erste Lage, (oder die beiden ersten?), nur Blatt 1, unbe- 
schrieben, ist am Deckel klebend erhalten. Weiter mangelt die ganze 
18. Lage, von der 19. Blatt 2—7; Blatt 1 und 8, letzteres unbeschrieben, 
sind erhalten. Je zwei correspondiereiide Blätter sind weiter verloren 
in Lage 2, 7, 11, 13 und 17; im Ganzen also 31, erhalten sind 131, das 
erste und letzte unbeschrieben. 

Geschrieben ward die Handschrift von flinf Schreibern. 

Nr. I schrieb Lage 2 und ein Stück von 3, wohl auch den ver- 
lorenen Anfang. 

Nr. n die Lagen 3, 4, 5, 6, 7 und 8, abgesehen von der letzten 
Seite und alle Überschriften bis dahin. 

Nr. III die letzte Seite von Lage 8, die Lagen 9 — 12, das von Lage 
19 erhaltene erste Blatt; alle Überschriften von da, wo er ein- 
setzt, an bis zum Schluß der Handschrift (abgesehn von zweien); 
endlich gehört ihm der Einschub von X Blatt zwischen Blatt 5 und 6 
in Lage 8 an. 

Nr. IV schrieb Lage 13, 14, fast 7 Blatt von 15 (die letzten 
10 Zeilen vom siebenten Blatt und das achte von 15, Lage 16 und 3 
Blatt von 17 schrieb Nr. V) und Blatt 4 — 7 von 17, endlich die Über- 
schriften von Cap. 293 und 342, die Nr. HI nicht schrieb. 

Ob Lage 18 und das von 19 verlorne Nr. III, IV oder V schrieb, 
ist zweifelhaft, sicher nicht Nr. I oder II. Bei Blatt 8 in der achten 
Lage sehen wir eine Scheidung, bis dahin war Nr. U der Hauptschreiber, 
von hier an wird es Nr. III. 

Nr. I, II und III sind Norweger gewesen, Nr. IV und V Isländer. 
Die beste Orthographie ist die von Nr. U, wunderlich die von IV und V, 
norwegische Laute sollen wiedergegeben werden, aber die isländische 
Schreibweise verhindert es oft, so entsteht ein buntes Gemisch nor- 
wegischer und isländischer Rechtschreibung, und Storm schloß wohl 
mit Recht daraus, daÜ Nr. IV imd V nach norwegischem Diktat 
schrieben (a. a. O. S. 101). 

Als Beweis, daß im Anfang der Handschrift nicht mehr als 7 Blatt 
fehlen, ftihrt Unger die unten auf den letzten Seiten von Lage 3 und 4 
erhaltenen Numerierungen und Merkzeichen ftir den Buchbinder^ von 



154 TREUTLER 

Nr. II herrührend, an (z. B. auf Lage 3 hinten: im J)er brodir, 
welche Worte Lage 4 beginnen). 

Berechnet man aber, was die einzelnen Schreiber auf ein Blatt 
brachten, so findet man: 

Nr. I etwa 50 der Ungerschen Normaldruckzeilen zu je 19*74 
Silben. Berechnung nach Lage 2, (der kleinere Druck ist in den großen 
umgerechnet, 41 Druckzeilen zu 23*/, = 963 Silben = 50 zu 1974). 

Nr. n 69 Vo Zeilen, Berechnung nach Lage 7^ ^. 

Nr. m 73 Zeilen, Berechnung nach Lage 19,. 

Nr. IV 64 Zeilen, Berechnung nach Lage 13,. 

Nr. V schreibt in ähnlicher Größe wie Nr. II. 

Capitel 1—20, die in M fehlen, nach den gewöhnlich kürzenden 
isländischen Handschriften gedruckt, fiillen etwa 644 Druckzeilen, gäbe 
auf 7 Blatt pro Blatt 92. So hätte nicht nur nicht der Prolog, wie 
Ungcr Seite XIII meint, sondern nicht einmal der Text Platz auf den 
7 Blättern gehabt. Man wird daher noch eine ganze Lage oder zu- 
sammen 15 Blatt als fehlend annehmen müssen. Das gäbe nach obiger 
Berechnung 43 Druckzeilen auf das Blatt. Da das Original etwas ausführ- 
licher gewesen sein wird, gewinnt man eine noch größere Zahl, die 
der oben für Nr. I angeführten ziemlich gleich kommen wird. Überdieß 
mag im Anfang Nr. I besonders freigebig mit dem Raum verfahren 
sein. — Die IUI lässt sich auch so wohl erklären. Man wird den ersten 
Custoden (den zur 2. Lage) mit I bezeichnet haben. Also der Gustos IUI 
bezeichnete den zur ftinften Lage. 

Die Pidrekssaga kam, wie Storm gegen Hyltfo-Cavallius (der 
die Zeit von 1449 — 76 dafür annahm) bewiesen, in den Jahren 1434 
bis 1447 nach Schweden, und es ward hier eine Bearbeitung in schwe- 
discher Sprache angefertigt (vgl. Storm a. a. 0. S. 139 ff.) und zwar war 
es unser Codex der I'idrekssaga, M, der jetzt in Stockholm ist Der- 
selbe lag dem Verfasser der Überarbeitung vor (vgl. Unger S. VI). Die 
bei Unger angeführten Beweise erscheinen schlagend. 

Außerdem erfuhr diese schwedische Überarbeitung aber unmittel- 
bare deutsche Einflüsse ; Namen erscheinen in einer Form, mehr ähnlich 
der deutschen, als der in der Pidrekssaga erscheinenden, sehr merk- 
würdig ist der Zusatz in Cap. 158 (s. W. Grimm, Heldensage S. 76. 
Unger S. XIII, XIV) und der von den 4 Ellenbogen Heimirs, Cap. 14 
(W. Grimm, Heldensage S. 257. Raßmann, Heldensage, Band II, S. XXXIV. 
Storm S. 149). 

Storm meint, im 15. Jahrhundert sei das Zuströmen norddeutscher 
Kaofleute nach Schweden so groß gewesen^ daß eine Umwechslnzig 



ZUR THK>REK8SAGA. 156 

der in der I^idrekssaga überliefei'ten Namen in die neuem Formen, 
welche jene mitbrachten, natürlich erscheine. Er sucht außerdem, wie 
uns dftucht, mit Recht, zu erweisen, daß größere deutsche Gedichte 
dem schwedischen Überarbeiter nicht bekannt gewesen sein werden 
(vgl S. 148 ff.). 

Die schwedische Bearbeitung bietet nun noch vier Schlußcapitel, 
383—386 (in M ist der Schluß verloren), deren die isländischen Papier- 
handschriften ermangeln. Hylt^n-Cavallius hat diese Capitel als dem 
schwedischen Bearbeiter eigenthümlich in Anspruch genommen, doch 
erscheinen die von Storm S. 145 ff. dagegen vorgebrachten Ghiinde 
tiberwiegend. (Der Berechnung S. 104 vermögen wir freilich keine Zu- 
verlässigkeit zuzugestehn, die Kürzungen der isländischen und schwe- 
dischen Bearbeitungen sind unberechenbar, und die letzte Lage kann 
auch geringer gewesen sein, als 8 Blatt, während bei der ersten viel 
mehr Berechtigung vorliegt, sie so stark wie die folgenden anzunehmen. 
Vgl. auch Raßmann, Heldensage, Band II, Vorrede, S. XXX.) 

Übrigens gewährt die Bearbeitung ein ziemlich treues Bild von 
M, vieles freilich hat sie gebessert. 

Der Doppeldarstellungen hat sie sich entledigt Die Geschichte 
von Vilcinus etc. gibt sie nur nach der ersten Recension, Cap. 22 ff., 
ebenso Hagens Herkunft nur nach Cap. 169, und die Erwerbung Falkas 
steht im 16. Capitel, entsprechend dem, was man in dem verlorenen 
Capitel*) 21 der Membran vermuthet. (Vgl. aber weiter unten.) 

Auch sonst wird versucht, innere Widersprüche zu ebnen; eine 
ganze große Episode, Cap. 245—268, 274, Irons und Appollonius Ge- 
schichte, auf den Gang des Ganzen ohne Einfluß, wird ausgestossen; 
umgestellt wird (wohl ohne Noth) Cap. 174, das hinter 184 gesetzt wird, 
absichtlich 185 nach 189; ausgeworfen wird femer 186. 187 und das 
leicht entbehrliche Cap. 194. In Lücken der schwedischen Handschrift 
fallen: Cap. 367—72 und 431, 432. (Cap. 311 — in. 316, 372, 373 der 
schwedischen Recension.) 

Die isländischen Handschriften. 

Für uns kommen von den drei Papierhandschriften der Saga**) 
nur die beiden der Ami Magnussonschen Sammlung in Betracht, da 
die Stockholmer von Unger nicht benutzt ist. Er bezeichnete Cod. 178 
durch A, Cod. 177 durch B. 



^ TgL oben 8. 168. 
««) Vgl oben S. 162. 



156 TBEUTLEB 

Ami Magnusson selbst kannte noch zwei isländische Pergament- 
handschriften der |>idreks8aga : 

1. Broedratungubäk. 2. Austfiardabök (Eidagis). Beide scheinen 
verloren. 

Von 1 ist A eine Abschrift, genommen von Jon Erlendsson^ sie 
kam durch Tausch in Amis Besitz. 

Von 2 besaß er eine Abschrift von |>orberg |)orsteius8on, die er 
ab' r gegen A umtauschte. Diese Abschrift Jiorbergs aber ward abge- 
schrieben: theilweis 1682 von Jon Eggertson, und diese Copie kam 
nach Stockholm, wo sie noch erhalten ist. Femer 1691 von einem Is- 
länder ganz, letztere Abschrift kam in Amis Besitz und ist unser 
Codex B. (vgl. Storm S. 99. Unger XVm-XXI.) 

Broedratungubök. Austfiardab6k. 

I I 

A. Abschrift }>orberg8. 

^ ^— ^— 

Abschrift (theilweise) von 1682 vollständige von 1691. 
zu Stockholm B. 

Verhältniss von AB zu M. 

Nach allgemeiner Annahme hat M, wie sie die älteste Handschrift 
ist, auch die älteste Gestalt der })idrekssaga treuer bewahrt, als AB, 
die eine Bearbeitung derselben enthalten. 

Charakteristisch ftir beide, M gegenüber, ist folgendes: 

a) Der Stoff erscheint anders geordnet (vgl. Storm S. 1(K), 101). 
Sie beginnen zwar, wie es bei M unzweifelhaft auch der Fall gewesen, 
mit der Erzählung von Samson Cap. 1 — 13 und |)idreks Jugend 14 bis 
20, von der Ironssaga Cap. 245 bis zum Schluß Cap. 438 gehen sie 
ebenfalls mit M zusammen; das dazwischen liegende ist sehr ver- 
schieden geordnet. 

In M folgen auf die Erzählung von })idreks Jugend : 

1. Kriege des Osantrix gegen Melias, des Attila gegen Osantrix 
und Melias. (Cap. 22—56, S. 28-64 bei Unger unter dem Text.) 

2. Die Saga von Velent Cap. 57 79, Vidga, ))idreks Zweikampf 
mit letzterem 80—95, daran sich schließend Jiidreks Zug gegen Ecca 
und Fasold 96—107. 

3. J)ettleifs Abenteuer 108—131, Jiidrekr hilft Attila und Erminrek 
132 — 151, Sigurds Jugend 152-168, J)idrekr und seine Kämpen 169 
bis 188, Zug nach Bertangaland 189—224, Sigurds und Gunnars Hei- 
rat 226-230, Herburt und Hilde 231—240. 



ZUR THIDREKSSAGA. 



157 



4. Kriege des Osantrix gegen Melias und Attilas gegeu Melias 
und Osantrix; zweite Redaction Cap. 21 — 56, S. 27 — 65 bei Unger 
als Text, endlich Valtari und Hildigunnr 241 — 244. 

In AB aber folgt auf die Erzählung von }>idreks ersten Thaten 
gleich: 

1. Die Velent-Vidgasage und })idrek8 Kampf mit Ecca und Fasold, 
um aber Velent einzuflihren, musste das Capitel von Vilcinus und der 
Meerfrau voran gestellt werden. Vgl. ünger S. XX. Dasselbe wird 
nach all diesem wiederholt, wo es 

2. die Geschichte von den Kriegen des Osantrix, Melias und 
Attila einleitet. Hierauf folgt Valtari und Hildigunnr. Dieser Theil also 
erscheint in derselben Verbindung, wie in M, zweite Redaction, der 
sich die Darstellung in A3 auch im einzelnen in dieser Partie am besten 
vergleicht. 

3. Das übrige folgt in derselben Reihenfolge wie in M, von J)ett- 
leifs Abenteuern bis Herburt und Hilde. 

Vergleiche folgende Übersicht: 
Vorbemerkung. Im Ganzen citieren wir nach den Abschnitten, 
wie sie bei Unger in der Inhaltsliste Seite XXV — XL sich angegeben 
finden. Nur den dritten, Osantrix's Kriege gegen Melias, haben wir aus 
nahe liegenden Gründen weiter zerlegt. Was in M von Schreiber I und 
II herrührt, oder wahrscheinlich herrührte, ist vor dem von Nr. HI 
aufgezeichneten durch den gesperrten Druck hervorgehoben. (Die Arbeit 
von Nr. IV und V beginnt erst in dem in M und AB gleich geordneten 
Theil hinter der Ironssaga.) 



M. 



*) Vilcinus und 
Hertnit. (22—26.) 
Osantrix gegenMe- 
lias. (27—37.) 
Attilage gen Melias 
u.08antrix.(38— 56.) 
(Cap. 22—56, S. 28 bis 
64 unter dem Text.) 



Gemeinsames. 

Samson. (1 — 13.) 
})idreks Jugend. (14 
bis 20.) 



Velentssaga. (57 
bis 79.) 

Vidgas erste 
Schicksale. (80-95; 



AB. 



ein Capitel vonViltinus 
und der Meerfrau ein- 
geschaltet, = Cap. 23. 



*) Hier wohl unprüsglich. 



168 



TREÜTLEB 



M. 



(Schreiber III^ Lage 8^ \ 
Einschub von X Blatt./ 



Vilcinas und Hertnit. 

(21-26.) 

Osantrix gegen Melias. 

(27-38.) 

Attila gegen Mel. und 

Osantrix. (39 — 56.) 

Valtari u. Hildigunnr. 

(241-244.) 

(Cap. 21—56. S. 27 bis 

66 Text) 



Gemeinsames. 

}>idreks Zag gegen 
Eceau. Fasold. (96 
bis 107.) 



AB. 



)>ettleifs Abenteu- 
er. (108—131.) 
}>idrekrhilft Attila 
u. Erminrek. (132 
bis 161.) 

Sigurds Jugend. (162 

bis 168.) 

}>idrek und seine 

KÄmpen. 169—188.) 
Zugnach(189— 196.) 
Bertangaland. (196 bis 
224.) 

Sigurds und Gunnars 
Heirat (225—230.) 
Herburt und Hilde. 
(231—240.) 



Irons Saga, u. s. 
(245— ..438.) 



f. 



Villtinus und Hert- 
nit = Cap. 21 ff. 
Osantr. gegen Mel. 
Attila gegen MeL 
u. Osantrix. 
Valtari und Hildi- 
gunnr. 






I 



) Verbindung herge- 
stellt, Cap. 189. 



*) Hier offenbar nicht richtig gestellt, weil das Capitel von Villtinas and der 
Meertea (23) wiederholt werden maß. 



ZUR THIDREKSSAGA. 169 

&) In AB erscheinen beinah alle Capitel in kürzerer Form als 
in M, oft ist die Kürzung eine bedeutende, vgl. Cap. 113, (p. I285), 
dem entsprechend Cap. 115 (ISOg). Cap. 123 ist ganz zusammen ge- 
zogen, ebenso 134, vgl. schon Unger S. IV. 

c) Aus dem unter a) Gesagten folgt, daß AB keine Doppeler- 
zählung von den Kriegen Osantrix-Melias-Attila enthalten, nur das 
Capitel von Villtinus ist aus besondem Gründen wiederholt. Hagens 
Herkunft wird nur Cap. 169, die Erwerbung Falkas Cap. 188 in M 
entsprechend erzählt. 

d) Innere Widersprüche, die in M sich finden, sind zum Theil 
in AB beseitigt. In M wird Osantrix zweimal getödtet, einmal durch 
Villdifer Cap. 144, dann durch Ulfraär Cap. 292. In AB entkommt 
er das erste Mal (ähnlich wie Cap. 37 Melias). Demgemäß erscheinen 
Cap. 145, 146, besonders auch 193, wo sein Tod besprochen wird, 
umgestaltet. 

e) Im Einzelnen ist besonders der letzte Theil der Velentssaga 
anders erzählt, während nach M Velent erst die Söhne des Königs 
tödtet (Cap. 73), dann die Tochter entehrt (74), worauf Egill am Hofe 
ankommt und von dessen Bogenschuß erzählt wird (75), dann die 
letzte Unterredung zwischen Velent und der Königstochter (76), das 
Anfertigen des Flügels, dessen Probe durch Egill (77), endlich die Flucht 
berichtet wird (78), ist die Ordnung in AB folgende: Egill kommt an 
den Hof. Sein Bogenschuß. Velent entehrt die Königstochter. Velent 
tödtet die Königssöhne. Hierauf folgt ein kurzes sunmiierendes Capitel. 
Dann wird erzählt: die Anfertigung des Flügels, Probe durch Egill. 
Letzte Unterredung mit der Königstochter. Velents Flucht. 

/) Erweitert erscheint der Text von M selten in AB; besonders 
zu erwähnen sind Zusätze, die ein Vorbild in isländischen Litteratur- 
erzeugnissen finden, femer solche, die das Wunderbare in einem Vor- 
gang mindern sollen, in gleichem Sinn auch Weglassungen, endlich 
finden sich in AB auch emige Namen mehr. 

S. 181, g zu Sifkas Beschreibung wird in AB zugefügt: hann kalla 
Voeringiar Bruna (BikkaB). S. II64 Kampf zwischen Ecca und }>iäreky 
haben AB linditre, M olivetre. 117g lassen AB die Kämpfer zu ))iäreks 
Hengst kommen, so daß dieser sich nicht loszureissen braucht, wie in 
M 121,, wo gleiches in M nochmals erzählt wird, ist Falka in AB gar 
nicht angebunden. 143« lassen AB weg, daß Attila bei Erminreks Gast- 
mahl ist, ebenso 239,, die wunderbare Bemerkung, Antiocus konungr 
fadir Salomon konungs sei Attilas Pflegvater*). 

*) Das oben erwähnte Streben zeigt sich ausgebreiteter noch in A: 169,| Sig- 
mund« Schwester. Signy fügt A su. 167,, Sigord schlag den Dt«jc]ki«Q.\ «qa^ ^ ^»^ ^sccb& 



160 TREÜTLER 

S. 1343 nennen AB die Tochter Sigurds des Griechen Ghmnhildr, 
137| den Mann, den ))etüein' trifft, Godzvin oder Gaistson, die in H 
anbenannt sind; so Aihren sie S. 339,7 Ingram aus dem folgenden ein. 
(89j nennt A Vidgas Mutter Heren.) 

g) Eine Spur irgend welches deutschen Einflusses könnte man 
vielleicht S. 330, g in AB sehen^ wo in dem Satze: Haf mikla gada 
})auk firir huersu ))u lezt syngia ))itt suerd i hialmum Huna, den 
Högni an Folkher richtet, fiir die gesperrt gedruckten Worte: ,)>inn 
horpustreng' steht, eine offenbare Anspielung auf die sonst überall ver- 
gessene Spielmannseigenschaft des Helden, und ähnlichen Wortspielen 
im Nibelungenliede zu vergleichen. 

Aus dem Obigen geht hervor, daß AB, da sie so vieles gemein 
haben, und also auch ihre Vorlagen, Broedratungubök und Austfiarda- 
bök auf eine ältere, gemeinsame zurückgehen, die schon wesentlich 
dieselben charakteristischen Züge gehabt hat, M gegenüber, wie sie 
AB zeigten. Diese Züge aber erscheinen zum Theil als durchaus jüngere. 
Beachtenswerth ist dabei, wie die Bearbeitung, welche in der Vorgängerin 
von AB somit erschiene, oft bis auf die feinsten Kleinigkeiten sich er- 
streckt , weßhalb wir imter f) einzelne geringere Abweichungen zu- 
sammenstellten: ftlr beides bieten die noch spätem Vorgänge in A er- 
wünschte Analogie. 

Auf welche Quelle geht nun diese ältere, wohl isländische 
Bearbeitung, aus der Broedratungubök und Austf iardabök 

entstammen, zurück? 

Raßmann ist der Ansicht, — die auch P. E. Müller und W. Grimm 
vertraten, denen allein die altem unkritischen Ausgaben der Saga vor- 



getr DU eigi eitri blasit ok lytr hofdinu at iordanni, A; wo in BfB nur erzählt ist, 
Sigurd habe den Wurm niedergeschlagen. 168, nimmt mir nach A Sigurd das Hers 
des Wurmes besonders heraus. 209, , ^ ^ , spricht nur nach A Brynilld sehr deutlich 
ihre Rachegedanken aus und spielt auf Sigurds Verzauberung durch Qudnm (dieser 
Name auch in A nur fast immer für Grimmilld) an, dieselbe wirft sie dieser aneh 
298, vor. 297, in A zu Brynilldi: Budla dottur gefügt. 302,, in A gesagt, Brynilld 
sei nach Sigurds Tod bald gestorben. Danach Cap. 427 gelindert. 

165, wo von Sigurd gesagt ist, er sei mit einem Jahr so stark gewesen, als 
andere vieijährige Kinder, ist dieß in A weggelassen. 200^, wo zu Amlungs Sieg es 
heißt, Sigurd habe denselben vorhergesehen, fügt A erklärend hinzu: var sia konnngs 
son nsterkastr. 292, heißt es, der Spieß, den )>idrek dem VidgA nachgeschleudert, stehe 
noch jetzt sichtbar in der See, in A aber: er habe dort lange gestanden. 823,,, wo 
Aldrian (Attilason) Högni schl&gt, und es war ein kraftiger Hieb, fügt A zu: ok blöd 
stekk or nosom Hogna a bordit, offenbar um seinen Zorn noch besser zn motivieren. 




7A-K THIOKKKSPAGA, 



mn 



lagen, — die ('idrekssaga sei auf Island verfaast; er meiat nach zwei ver- 
Bchiedeuen ielSadiechen Handschriften sei M auf Island aLgescbrieben, 
nach der einen von diesen, derselben, der die zweite Redaction der 
Kriege Oaantrix-Meliaa-Attila in M folge, sei die spätere isländische 
Bearbeitung gemacht. Er schließt auf eine ältere isländische Quelle, 
weil AB manche, im Text von M allerdings verdorbene Stelle klar 
und richtig geben. 

Unger in seiner Ausgabe betont entschieden, dall die Pidreksaaga 
ursprünglich norwegisch, nicht isländisch sei, nach einer norwegischen 
Handschrift sei M abgeschrieben. Storm hat dielj weiter zu stutzen 
gesucht, und neue Gründe gegen Haßmann vorgebracht, die für uns 
aber, so sehr uns von vornherein die Unger'sche Aufstellung wahr- 
scheinlich erscheint, nicht zwingend sind, da wir eine andere Stellung 
zu dem ,prologus' einnehmen, als Storm, wie sich unten zeigen wird. 
Storm nbrigens glaubt, und wohl so auch Ungor, daß die isländische 
Bearbeitung (.'^B) nach einer Vorlage, älter als M, gemacht ist, solches 
lässt sich wenigstens aus seinen Worten S. 104 oben schließen. 

Im Folgenden soll versucht werden, zu erweisen, dall für die is- 
ländische Bearbeitung eine ältere Quelle nicht anzunehmen sei, sondern 
daß sie nach M, beziehungsweise einem Abkftmmling davon, gefertigt isL 

Dem entgegen steht die nicht unbeträchtliche Zahl von Stellen, 
wo AB besseres bieten, als M, an denen Unger in seiner Ausgabe die 
Lesart jener Handschriften vorgezogen. 

Diese Stellen aber sind folgendermaßen einzutheilen: 

o) solche, wo Unger ohne Noth von M abgewichen und etwas aus 
AB aufgenommen: 

1. Eine Menge kleinerer Zusätze, zum Theil einzelne Worte, die 
nicht erforderlich sind, z. B. wenn bei einer Aufzählung vor Waffen 
AB: oc fagran hialm noch zutllgen (S. 318,), ähnliches S. 31g, 97,,, 
98,8, 128,, 169s. 183-., 193^, 2884. ,4, 319,. 

2. Einen ganzen Satz von untergeordneter Bedeutung, z. B. oc 
toc upp yuir holut ser |badum bondura oc helldr upp (AB zuge- 
Rlgt) oUum fingrunum (S. 2275); ähnliches llO^, 160^ (zweimal), 244,^, 
251,,, 252g, 317,,, welche Zusätze im allgemeinen gut, und die Er- 
zählung glättend, aber entbehrlich sind. Daran schließen sich Stellen, 
wie S. Lö8,,: Nidungr konungr oc hans son taka uel vid sendimonnum 

En örendi ))eirra Sigmundar honungs (tekr hann (AB zuge- 

filgt) a ^easa lund; und S. 280,,. 

3. Mitunter aber haben AB die Erzählung weiter ausgeschmückt. 
Einmal nach dem vorhergehenden z. B. S. Üö,, (Vidga sagt) : ao mvudi 



1 62 TRF-UTLER 

sino namni Demna hvcm ydaro ef ec kynna heiti ydor. [Nv mogo )>er 
vel tpyria hvat ydr likar af mer eda minom ferdom. )>yi at 
ec skal ydr satt segia |>at sem |>er spyrit (zugefügt AB) Nt 
mslir Hildibrandr. Unger, Vorrede S. VIII meint, der Sats Nv mego 
etc. sei ausgefaUen, weil das Auge des Schreibers auf das folgende 
Ny mslir abgeirrt sei; wir möchten das ganze hingegen ftür einen nach 
den vorhergehenden Worten : hvi spyrr |>v mec slics ncectan mann, lat 
mec fara oc taka vapn min. oc sidan spyr 'mic slics 'sem )>v villt 
spvri ha&y nicht so schwer zu machenden, übrigens ganz passenden 
Zusatz halten. 

Dann auch finden sich Zusätze, dem folgenden entsprechend, so 
Seite 224^f (vgl. S. 225, Zeile 1), auch IS?^, wo es im Kampf zwischen 
Etgeirr und Vidge heißt: Isetr hann (E.) nv fallaz til iardar. })vi at 
hann hygr at Vidga man verda vndir hanom oc drepa hann sva. [En 
Vidga leypr aptr i milli fota hanom. })a er hann reidir sie 
til fallz. oc sva helt Vidga sinv lifi ftlgen AB zu, fast genau 
so, wie es Cap. 433 von Heimir und Aspilian erzählt wird. (Vgl. S. 367 
oben.) 

Auch der Zusatz 226^. ^^ braucht nicht original zu sein, denn: 
Drottning minniz a. at hon hsvir nefnda faranda vif gibt einen ganz 
guten Sinn. Auch 1793. 4? ^^ ^^ ^ steht : Herbrandr h»vir skioUd oc alla 
hemeskiu. at raudr er allr skioldrinn oc lagdr a skott»ldr er a hans 
vapnum. er hardara flygr oc sidr firirfiersk en u. s. £ erscheint leichter 
zu bessern, wenn man das a zwischen lagdr und skottsldr streicht, 
als wenn man die nicht einmal einstimmige und das Ganze verbreiternde 
Lesart von AB aufnimmt 

Auch 47$, 221|5, 225,^. war die Lesart von M vielleicht bei- 
zubehalten und 264|g ist entbehrlich, wie auch 314| nur weitere Aus- 
schmückung des in M gegebenen enthält Und so noch an andern 
Stellen. 

Auch der 295|s eingeschobenen Worte könnten wir entrathen; 
ef }>essi sott tmr })er firirkomit ma mikit spiUaz Hunaland. ef sua dyrlig 
kona fier bana, ist mit doppelter Beziehung des ma mikit spillaz Huna- 
land zu übersetzen. 

b) Es gibt in M eine Menge von Schreibfehlem und leicht zu 
ersetzenden Auslassungen, so fehlt mitunter das Pronomen ]>eir, |>tt, 
vid etc.; bisweilen auch das Verbum, wo es richtig errathen werden 
musste. Z. B. oc sendir menn um allt sitt riki oc samnar (fehlt in M) 
saman her etc. (S. 63^), so auch 189|^ 1996, 258g , wo verit durchaus 
zu ergänzen war, SOSg (er }>o kann vera) 332s. 



ZUR THIDREKS8AGA. 163- 

Andere Besserungen finden sich 47^0, 48^ (nur in A), 16*%9 190, ,, 
203^, 2068. 211,,, 215^, 22^, 230,., 249,e, 274,«, 282,,, 297,., 325,3. 

Vielleicht war auch die Stelle 967, von der ünger Vorrede S. VU 
spricht^ in AB gebessert, einen andern Versuch hierzu machte der 
schwedische Bearbeiter. Vgl. weiter: 

296,5 ^^ ^ engum lut man iamnmikit uhap standa [um })ina 
daga (AB) oc )>inna bama sem af }>e8so; auch das Schwedische bessert: 
(thust du das) tha komber ther mykith onth äff bodhe tik ok tin bam. 

309g. £n med }>yi at ))u farer i Hunaland )>a mantu eigi [aptr 
koma (AB) oc engi sa er }>er fylgir. (Auch das Schwedische ergänzt 
richtig Cap. 290.) 

Sehr geboten war der Zusatz 3285, aus dem vorangehenden 
leicht zu ergänzen war die Stelle 331g, auch nicht schwer 338,4 ''^): 
(Hilldibrandr) m^llti siäan: Herra menn tvair hins fiorda tigar [rida 
))ar (AB) stigum ofan u. b. f. 

An einer ganzen Reihe von Stellen fehlt in M: nu suarar N. N. 
in Unterredungen, fast scheint es absichtlich; so 192,g, 2038, 230,,, 
193g, 196,0, 321,9 (fehlt wenigstens der Name), 339g, 360g, an allen 
diesen Stellen von AB, an den f(inf letzten auch schwedisch richtig 
eingefügt. 

}>a msBllte Hogne 318, g (auch schwed.); sagdi konungr, sagdi 
})idrekr konungr 336^, 276,^ (hier auch schwed.) ]>a kallar hon 163^, 
eingeschoben. 

Auch war S. 173,, oc a markat med gulli leon« oc hans hofud 
horfir upp »ptir skiUdinum oc foBtr taka spordenn, hofud nicht schwer 
zu finden, ebenso die Ergänzung Cap. 113, S. 128^, die tlbrigens in 
A und B verschieden ausfiel. 

Das Seite 35g (Cap. 29) und 56, (Cap. 49) zugefügte, obschon 
nicht erforderlich^ doch immerhin wünschenswerth, konnte der islän- 
dische Bearbeiter, falls M ihm vorlag, aus der Darstellung der ersten 
Redaction Osantrix-Melias-Attila entnehmen« 

Einige Elritik war erforderlich Cap. 200, S. 190g, das eigi einzu- 
schalten, das freilich Cap. 184 verlangt 

Cap. 200, S. 190, ist in der Aufrechnung der Kämpfer und ihrer 
Schildzeichen Aumlungs Schild, welcher der dritte ist, in M übersprungen, 
nach dem zweiten wird gleich der vierte genannt Der schwedische 
Bearbeiter machte aus dem vierten den dritten u. s. f.; am Schluß aber 
fehlte ihm einer an der Zahl und er machte den nicht gerade glück- 



*) Letzte Zeile. 



164 TREUTLER 

liehen Bedscrungsvcrsneh als 13. Oemholt, Hagens Bruder, zuzaitigen, 
der freilich im Folgenden gar nicht vorkommt. Daß etwas fehle, empfand 
er also auch; nur war der isländische Bearbeiter glücklicher, der Aum- 
lung einfügte, was bei genauer Beachtung der folgenden Zweikämpfe 
bald sich darbieten musste. 

Aufmerksamkeit bewies er ebenfalls Cap. 263, Seite 235,« oc litla 
sidarr Iren jarll oc hann hsevir i taumi [Paron oc Bonikt. })a ridr 
drottseti jarls oc hsevir i taumi Bracca oc Porsa. Die hervor- 
gehobenen Worte sind eine nothwendige Ergänzung zu'M, die aber 
nach den Worten im folgenden: |)a msellti Iron jarll vid drottsstann. 
Sla nu lausum }>inum hundum Bracka oc Porsa (S. 235) und: ]>a sl»r 
Iron jarl lausum sinum hundum Paron ok Bonikt (S. 236) einem auf- 
merksamen Bearbeiter wohl zugetraut werden dürfen. Die Variante 236, 
ist nur eine Umstellung des in M gegebenen. 

Cap. 325, S. 284,5 steht fiir die Worte: Nu m«llti Hilldibrandr. 
Hverr ertu riddari er sua usidlega Isetr oc sua akaflega ridr. ^a suarar 
Reinalld in M: Nu suarar Hilldibrandr, welche Worte zur Einleitung 
einer Unterredung und femer deßhalb ungeeignet sind, weil gerade 
aus der ihnen folgenden Rede hervorgeht, daß der Sprecher nicht 
Hilldibrandr sein kann. Die Besserung in Reinalldr also war geboten. 
Wollte man suarar stehn lassen, musste man vorher Hilldibrandr 
sprechen lassen; daß dieser die Unterhaltung eröfihet, ist auch deßhalb 
passend, weil er allein vorher mit Namen eingeführt ist. Das Schwed. 
bessert einigermaßen, die Sache klappt doch nicht vollkommen. Hier 
f&ngt das Gespräch auch an Cap. 275: Hyllebrand swarade ok sagdhe 
til honom, die Reden aber sind ihrem Sprecher angemessen. Ziehen 
wir hier die Stelle S. 338,4: Oc nu litr Hilldibrandr aptr. hann ser 
ioreyk mikinn oc ^ar undir blickia fagrir skilldir. [Nu keyrir hann 
hestinnocridreptir)>idrekikonungiocss6girhonom. Herra 
ec se ioreyk mikinn. oc ^ar undir blikia fagrir skilldir (AB) 
oc huitar brynior. oc rida huast eptir oss. Nu suarar Herad u. s. f. 
noch her und vergleichen, wie auch das Schwedische ganz richtig ge- 
bessert hat, Cap. 343: Hser Hillebrandh saa til baka ok sagde til 
Didrik konung. jach ser mengen man med hwita brynia ok fagra skiölla 
ok rida fasth epther os. Tha grseth drotninghen, — so wird man 
wenigstens die Möglichkeit der Besserung durch AB zugestehen müssen, 
wie sehr auch gerade diese Stelle hier nach älterem Original gegeben 
erscheint, in welchem der Schreiber von M von skilldir zu skilldir 
abirrte. 

Eine ganz geschickte Ergänzung ist auch die S. 109,4: Nv vill 
hann [geraz ))inn madr. tak nv vid hanom vel u. s. f. 



r 



ZUR THIBKEKSSAGA. 



165 

Wenn auch die MOgliclikcit, daß ÄH in allen obigen Fällen sollten 
gebeaaert haben, bei der schon erprobten, auch bis ins Einzelne gehenden 
Aufmerksamkeit dee Bearbeiters eingeräumt werden könnte —• zumal 
in vielen Fällen auch das Schwedieche ganz in gleicher Weise das 
richtige trifft, fast immer aber bei seiner kürzenden Darstellung den 
Fehler in M venneidet*), so mufi doch zugegeben werden, daU ge- 
wichtigere Gründe vorgebracht werden müsBen, die dieser Möglichkeit 
das Wahrscheinliche verleihen, dessen sie ermangelt. Solche aber sind 
noch anzuführen. 

Betrachten wir die achte Lage in M. Dieselbe bestand ursprüng- 
lich aus 8 Blättern. Beschrieben wurden sie von Hand II. Im Anschluß 
an Lage 7 enthielten die ersten 5 Züge })idreks, die er, Attila und 
Erminrek zu helfen, unternahm {— Cap. 151J, Blatt 5 unten, oder 6 
oben, vielleicht auf beiden, folgten Cap. 170, 171; worin von fiidrek, 
daß er ein Gastmahl rüstet und dazu König GunuaiT einladen will, 
erzfihlt wird, sowie in Kürze des letztern Familienverhältnisse. Sein 
Vater sei Irungr gewesen, u. s. f. — In 171 wird recapituliert , war 
alles bei Jiidrek gewesen, daran schloß sich 189, wo er seine und seiner 
Gesellen Kraft und Macht rühmt, was Herbrand zum Widerspruch 
bewegt, der wieder den Anstoß zu dem Zug nach Bertangaland gibt 
Dessen Beschreibung ist von der Hand Nr. II noch bis dahin geführt, 
wo Vidga zu Etgeirs Erdhaus kommt, in Cap. 19G; von da, auf der 
letzten Seite des achten Blattes, beginnt Hand lU. 

Cap, 200 wird Sigurd sveinn zuerst erwähnt, der dann weiter 
eine Rolle zu spielen hat. Von seiner Vorgeschichte ist nicht das min- 
deste bekannt. Diesen Mangel fUhlto Nr. HI und beschloß ihm abzu- 



i 



*) DSring in Zachen ZeiUchrift II, S. 70 g. 6 hat darauf hingAwieasn, daL die 
Echwed. Bearbeitung mitunter mit B beaaer ttinint als mit M. Wgre eine Einwirkung 
VDo B aiizuiBhiDeQ, eo nUrde onser obiges Ar^nieiit eutkrürtot, ja gegen aiu gekehrt. 
Die EinsliBinmng ist jedoch nur zufällig. DSring fahrt ao Cap. 373, S. 318,, B und 
Bchwed.; laiu dir ihu (Atlila) so lieb »ein, wie Signrit. M; lassen wir un» (Attila) 
IL B. f. und Cap. 3TS, S. 3!0,, (Hagen bat im Auge^ allsnart M. aJIsvart B und echwed. 
nach Cap. 184: do allr er hann doiklitaitr keine große Entdeckung. Von andern der~ 
artigen Stellen fand sich noch: B. STG„ no M 40000 liest B 60000, so auub achwed. 
Cap. S6S. Wie EufGllig solche Übereinstimmungen sein können, kann man beobachten 
Cap. 416, S. 352,, Hilldibrandr t,Iirbt 160 (oder nacb deutschen Liedern 200) Winter 
alt in M, B Bteigert die erste Zahl auf einen Durchschnitt: 170, das Schwed. anoh, 
aber: 180 (bier in Cap. 367). Sollte der schwed. Bearbeiter, falls er B kannte, nicht 
lieber in Cap, 186 Amiung für seinen verfehlten Gernholt eiagefübrt haben, itU lolehe 
Kleinigkeiten? Stellen, wo du Suhwed. ebenso bessert, wie AB, sind noch: 97,,, 
174,.,,, 176,.,,, 189-, 



166 TREUTLER 

helfen. (Vgl. Unger S. XV) Er schob also die Geschichte von Sigords 
Geburt und Jugend (Cap. 152 — 168) zwischen das 5. und 6. Blatt d«r 
8. Lage, und fbgte außerdem noch eine Beschreibung aller der Kämpfer, 
die auf })idreks Seite standen, bei, Cap. 172 — 184. Da unter diesen 
auch Gunnarr und Hagen vorkamen, musste das Capitel, wo von der 
Einladung derselben die Rede war, 170, und das sich dem anschließende 
171 vorgestellt, also deren frühere Niederschrift durch Nr. 11 (auf Blatt 
5; 6) gestrichen werden. Vor beide aber stellte Nr. III die Ehrzfihlung 
von' Gunnarr und seinem Geschlecht, wie er sie kannte, nämlich, daß 
Aldrian sein Vater gewesen. Cap. 169. 

Eingeschoben also ist: Sigurds Jugendgeschichte (Cap. 152 bis 
168), das Capitel von Aldrian 169, — es folgt eine Abschrift der schon 
von Nr. 11 geschriebenen Capitel 170, 171. — Wieder neu eingeschoben: 
Beschreibung der Helden ))idreks und ihrer Rüstungen und Schildzeichen 
Cap. 172—184. Dann stehen aber noch 4 weitere Capitel auf den ein- 
geschobenen X Blättern, an die sich erst dann der Zug nach Bertanga- 
land, Cap. 189, anschließt. In Cap. 185 wird Sigurds Aussehen und 
Rüstung, in 186 Sifkas Aussehen beschrieben, in 187 wird von Hilldi- 
brands Schlagfertigkeit, in 188 berichtet, wie ))idrekr zu seinem Hengst 
Falka gekommen. DaÜ keines von diesen 4 Capiteln zu den voriier- 
gehenden passt, liegt zuerst auf der Hand, Sigurd ist nicht bei })idrek8 
Gesellen, Sifka tritt im folgenden gar nicht auf, und auch die 4 Capitel 
unter einander erscheinen nur als bunter Mischmasch. 

Storm S. 128 sucht den Verfasser zu vertheidigen, er habe eine 
Beschreibung der Hauptpersonen aus den folgenden Sagenmassen ge- 
zogen und vor den Zug nach Bertangaland gestellt Diese Erklfirung 
ist nicht zutreffend. Die einfachste, die sich geben lässt, ist die, iier 
Schreiber des Einschubes bekam seine X Blätter nicht voll und suchte 
nun nach beliebiger Füllung. Das sieht man auch aus der Folge der 
4 Capitel. Das erste ist noch zur Noth erträglich, das zweite viel un- 
passender, das dritte ist entsetzlich gehaltlos, Hilldibrand ist vorher 
schon ausftihrlich beschrieben ; endlich gelingt dem Schreiber in seiner 
Noth ein glücklicher Wurf, er findet in Cap. 188 einen ergiebigeren 
Stoff. Ganz vergisst er über der Sorge, nur sein Pergament voll zu 
bringen, daß er den Anschluß von Cap. 189 an die vorhergehenden 
durch diese 4 verdirbt, erst AB steUen denselben durch eine Wieder- 
holung, Cap. 171 entsprechend, her, die sich als erstes Punktum in 189 
findet. 

Der Bchwed. Bearbeiter ftihlte das Unpassende der 4 Capitel; 
186, 187 warf er einfach aus, 185 verflocht er ganz geschickt in sein 



ZUR TH1DREKS8AGA. 167 

Cap. 178; worin Herbrandr von Isung erzählt StattMaß man nun nach 
dieser Analogie hätte schließen sollen, er habe Cap. 188 an die Stelle 
Cap. 16 seiner Bearbeitung = Schluß von 20 der t'idrekssaga versetat, 
nahm man viel unwahrscheinlicher an, das «itspreohende Cap. *21 
sei verloren, und der schwed. Bearbeiter habe später 188 ausgelassen, 
weil er schon "^1 als 16 aufgenommen! (Die Erzählung schwed« Cap. 
16 und Cap. 188 in M ist allerdings verschieden, aber die Ejrweiterungen, 
die in Cap. 16 etwa sich finden, sind ganz nahe lieg^oide.) 

In AB finden wir nun Cap. 152 — 189 (abgesehen von 170^ 171, 
die sehr verkürzt werden) ganz in derselben Ordnung wie in M. Wir 
können nicht annehmen, daß eine ältere Handschrift sie ebenso, ein- 
schließlich der vier besprochenen Schlußcapitel, enthalten hätte, wo 
die Sachlage, gerade in M, die Entstehung der letzteren aufis Beste 
erklärt. Daraus ergibt sichmit Sicherheit, daßAB, beziebungs- 
weise die ältere isländische Bearbeitung auf M, nicht auf 
ein älteres Original zurückgeht. 

Es bleibt uns noch übrig, eine Erklärung fUr die Umordnung des 
Stoffes in AB zu versuchen. Storm S. 103 meint, AB sowohl wie 
Schreiber Nr. HI hätten es ftlr unpassend gefunden, die Viltmen und 
Hunnenkönige so zeitig zu besprechen. Für Nr. III ist diese Erklärung 
Wohl nicht ganz befiriedigend, er würde dann vielleicht die Arbeit seines 
Vorgängers als ungültig bezeichnet haben; vgl. übrigens noch unten. 
In AB aber gieng die Änderung wohl hauptsächlich von dem Grunde 
aus, daß es schlecht schien, mit ))iäreks Thaten so bald abzubredien 
(was auch Raßmann an der Composition der Saga tadelt, a. a. O. 
S. XXV), man wollte erst seine Begegnung mit Viäga noch erzählen 
und mit Ecca. Daß hierauf nun die Vilcinenkönige kommen, ist viel- 
leicht eine Einwirkung der ursprünglichen Ordnung (bei Nr. II), die 
nicht ganz verlassen werden sollte; ihre Geschichte wird aber nach 
der Recension von Nr. HI gegeben^ weil die Valtarisaga, die bei diesem 
darauf folgt, besser sich anschließt, als fiettleifs Abenteuer es gethan 
hätten (die Velent-Yidgasaga fiel ja aus). Vgl. oben die Tabelle auf 
S. 158. Die Mängel der Ordnung in AB hat Storm schon (S. 102) ins 
Licht gestellt. 

Da die einstige Existenz einer altem Vorlage von M zurückge- 
wiesen ist, soweit wir aus dem Dasein von AB darauf schließen könnten, 
gewinnen wir folgendes: 

1. Der norwegische Ursprung der Saga wird nach den sonst 
dafür sprechenden Gründen kaum mehr zu bezweifeln sein. 

2. Die Echtheit des Prologs wird mindestens zweifelhaft. In M 
kann er gestanden haben, da wir 15 Blatt im Anfang fehlend annehmen^ 



168 TREÜTLER 

vielleicht auch Hand II dort schon thätig war. Für das einstige Vor- 
handensein desselben in M spricht ebenso stark sein Dasein in AB, 
wie dagegen das Fehlen im Schwedischen. Der isländische Bearbeiter 
hatte dieselben Gründe eine Anpreisung seinem Werke voranzuschicken, 
.wie der norwegische Verfasser. Die Sache ist ganz ansicher; jedes 
Falls, wird man gut thun, weitgehende Schlüsse auf Stellen aus dem 
.Prolog nicht zu begründen. 

3. Das Capitel 188 hat kaum bereits als Capitel ^l in M ge- 
standen, denn es hätte wirklich viel Geschmacklosigkeit dazu gehört, 
es an dieser passenden Stelle zu streichen und an der unpassenden 
(188) beizubehalten. 

^ Wie ist aber M entstanden? 

Als erste Niederschrift ist M der Auslassungen wegen, die darauf 
hinweisen, daß es abgeschrieben ist, nicht zu betrachten. Andererseits 
kann man nicht annehmen, daß das Original ebenso ausgesehen habe, 
wie M. Erstens wird es die 4 Capitel 185 — 188 kaum enthalten haben, 
dann zeigt sich in M ganz deutlich eine Zweiheit des Stoffes, die merk- 
würdig auch in zwei Personen ihre Vertretung findet, in den Schreibern 
II und in. Von letzterem ist die Wiederholung der Geschichte von 
den Vilcinenkönigen geschrieben, seit seinem Eintreten ist Nr. II nicht 
mehr thätig, äußere Gründe genug um anzunehmen, daß die ver- 
schiedenen Darstellungen sich erst in M nebeneinander, nicht in einer 
Vorlage zusammen fanden. 

Raßmann (a. a. O. S. XXIV) nahm, wie es scheint, als etwas 
selbstverständliches an, M sei aus zwei Handschriften abgeschrieben; 
derselben, der Nr. III gefolgt sei, seien auch AB entsprungen. Die An- 
nahme verschiedener Herkunft der Theile in M ist durchaus ansprechend, 
leider aber hat Raßmann nicht die mindeste Andeutung gegeben, wie 
man sich die beiden Vorlagen und ihr genaueres Verhältniss zu denken 
habe. Es bietet das noch Schwierigkeiten. Suchen wir uns den Vorgang 
bei der Entstehung von M auf rein äußerlichem Wege zu erklären^ 
60 bleiben, abgesehen von dem complicierten und wenig glaublichen 
Fall, daß die Vorlagen verschieden geordnet gewesen seien und der 
eine oder beide Abschreiber noch Umstellungen gemacht hätten, — 
wären die Erzählungen dann je wieder zusammen gekommen? — drei 
Möglichkeiten übrig: 

1. Die zwei Vorlagen waren verschieden geordnet. 

2. Sie waren gleich geordnet, aber der Schreiber Nr. U ordnete um. 

3. Sie waren gleich geordnet, aber der Schreiber Nr. III ordnete um. 



r 



ZUR THIDHEKSSAOA. 



165 



In den beiden ersten Fällen würde für die Vorlage von Nr. III 
Bich ergeben, daß in ihr auf Sigurds Jugend die Kämpen aiifzfihlung, 
der Zug nacli Bertangalan (!, Herburt und HiHe, Oaautrix gegen Melias, 
Atliia gegen Osanlrix und Molias, Valtari und Hildigunnr gefolgt 
■wären, daß sie aber alles das, was Nr. III von dem, vom Schreiber II 
(und I) geschriebenen, nicht wiederholte, auch vorausschickte. Diese 
Ordnung möchte eher den Namen einer gründlichen Unordnung ver- 
dienen. 

Hat aber endlieh Nr. ITI Umstellungen gemacht, ao !ä''8t iich 
nicht annehmen, dafi er wegen bloßer verschiedener Lesarten, die seine 
Vorlage gegenüber der von Nr. II enthi<^lt, 36 volle Capilel, die dieser 
(resp. Nr. I) erzählt, an einer Stelle sollte wiederholt haben , wo sie 
Bein Original nicht bot Er muß dazu andere Gründe gehabt haben^ 
dieß mÜBste man mehr oder weniger selbst dann noch annehmen, wenn 
einer der ersten beiden Fälle statt gehabt hätte. 

Mit einer Erklärung der Entstehung von M und zumal der Doppel- 
partien darin , auf rein mechanischem Wege dürften wir also kaum 
zum Ziele gelangen; es bleibt dann nur die MiiglichWeit einer Über- 
arbeitung und absichtlicher Wiederholung zu bestimmtem Zweck. 

Das, was Nr, II (und I) schrieb, trägt einen sehr verschiedenen 
Charakter von dem, was uns Nr. III bewahrte (und seine Helfer IV 
und V). Ist auch weder das Eine noch das Andere eine irgendwie 
künstlerische Composition, so geht doch die Erzählung bei Nr. II ruhig 
«nd sicher vorwärts, neu auftretende Personen werden sachgemäß ein- 
geführt, und wenn auch die geographischen Verhältnisse im Ganzen 
schwankend sein mögen, so ist doch immer noch eine Spur von Be- 
stimmtheit da, und jeder Person wird, wie ein Geschlecht, so auch ein 
Vaterland und eine bestimmte Heimstätte beigelegt Dabei gehört alles 
Vorgetragene in den engern Kreis der Dietrichssage, mit der Wittich 
und Heime auch im deutschen Epos eng verwachsen erscheinen, während 
ihr auch Dietleib hier gewiß näher steht als Siegfried. Episoden, die 
durchaus nichts mit |>iärekr zu tbun haben, finden sich kaum; die Ver- 
wicklungen zwischen Osantrix und Melias spielen durch die ganze 
Sage und die Nachkommen des Vilciniis, Vidga und die vier riesischen 
Söhne Nordians treten aller Augenblicke auf. Hervorzuheben aber ist, 
daß die chronologische Folge durobgebenda gewahrt und der Gang 
der Ereignisse ein natürlicher ist 

Ganz das Gegentheil ist der Fall im zweiten TheUe der Saga. 
Während sich im ersten altein genommen fast gar keine Widersprüche 
finden (nur daß von Aspülan Cap. 27 geengt wird, er sei ein Riese 



L 



170 TREUTLER 

gewesen, Cap. 197 er sei geartet wie andere Menschen, Raßmann 
S. XIV; einen Widerspruch wird man es nicht nennen dürfen , wenn 
}>idrekr Cap. 97 sich für Heimir ausgibt und behauptet , zu seinem 
Vater nach Bertangaland zu ziehen , während Studas nach Cap. 18 
doch in Svava wohnt) erscheinen hier sowohl im Innern , als im Ver- 
gleich zum ersten Theil ziemlich bedeutende. (S. Grimm, Heldensage, 
S. 179, Raßmann, S. XIV ff.) Es drängen sich förmlich Episoden, die 
den Bück in weite Femen der Sagenwelt eröfinen , die aber auf die 
Geschichte von Dietrich nicht den geringsten Einfluß haben und nur 
ganz lose und oberflächlich an sie angeknüpft sind. Aber diese fremden 
Elemente waren nicht einzuordnen, und überall zerbrechen und ser- 
stören sie die einfachen Verhältnisse der Saga, wie sie im ersten Theil 
erscheint Da ist zuerst die Geschichte von Herburt und Hilde. Hier 
wird Artus mit hereingebracht Für ihn ist absolut kein Land mehr 
da; so wird ihm denn Bertangaland zugetheilt, wo wir Cap. 189 £ 
schon Isung als König gefunden hatten*). Cap. 245 wird daftbr 
die Erklärung gegeben, dieser habe den Artus vertrieben. Dann ge- 
hörte die Episode zeitlich allerdings an eine frühere Stelle, wo wSre 
da aber Raum fUr sie gewesen? Schon W. Grimm Heldensage (s. 179 h.) 
macht auf den groben Widerspruch aufmerksam, der so in die örtlichen 
und chronologischen Verhältnisse der Saga kommt, die von nun an 
nicht mehr wieder herzustellen waren. Ahnliches gilt von der Historie 
von Iren und Apollonius. 

Es zeigt sich also, daß die Quelle von Nr. H rein, einfach und 
einheitlich war, von dem, was Nr. UI schrieb, gilt das nicht Hier 
finden sich Erweiterungen. Dieselben kann schon seine Vorlage geh|ibt 
haben. Nach der Lage der Dinge erscheint es aber nicht unwahr- 
scheinlich, daß Nr. in selbst die Erweiterungen vorgenommen. Da AB 
nach unserm DafUrhalten aus M hervorgiengen, so kann die Behaup- 
tung vorerst nicht entgegengehalten werden , es müsse ein älteres 
Original dagewesen sein, das den vollen Stofi*, den M enthält, geboten 
hätte. Für die Ablehnung eines solchen aber spricht Verschiedenes. 



*) Artos hat freilich dar übrigen Litteratnr des Mittelalten zufolge ein mehr 
begründetes Anrecht auf Bertangmiand als Isungr. Doch ist dieser für die )>d8. ohne 
Zweifel der ursprünglichere. Es soll damit nicht behauptet werden, daß alte Sage ihn 
als KOnig von Bertangaland gekannt habe, vielmehr ist er, anfänglich wohl eine mythi- 
sche Figur, in der ])d8. oder ihren Quellen aus Mangel an einem andern Lande da- 
selbst localisiert. Bei der Trennung der Sagenkreise war ein Zusammenstoß mit A. gar 
nicht n5thig, erst dem kritiklosen Verfahren von III war es vorbehalten, einen solchen 
henronnurufen. 



ZUR THIDREKSSAGA. 171 

Nr.* III werden wir als den Urheber der Erweiterungen ansehen 
dürfen, wenn sich ihm ein besonders ausgesprochener Geschmack und 
überhaupt eine in den Gang des Gänsen eingreifende Thätigkeit nach- 
weisen läßt 

Beides ist möglich. 

Ein ganz auffälliger Hauptzug tritt an dem hervor^ was Nr. III 
selbst schrieb. Bei weitem der größte Theil davon sind Liebesgeschichten; 
er gibt eine wahre Mustersammlung von Entftlhrungen aller Art. Her- 
burt entführt Hilde, Osantrix Oda, Rodolfr Erka und Berta, Valtari 
Hildigunnr, ApoUonius die Tochter Salomons. Beinahe alle derartigen 
Geschichten in der t^idrekssaga finden sich von Nr. lU aufgezeichnet. 
Gerade dieß sind aber vielfach Episoden, die sich mit )>idreks Schick- 
fialen gar nicht berühren. Sobald wir aber wieder etwas weiter in dessen 
eigentliche Geschichte hinein kommen, überträgt Nr. IQ die Arbeit 
seinen Gehilfen. Es wird nicht zu kühn sein , wenn wir den eigen- 
thnmlichen Zug, den seine Arbeit trägt^ nicht ftlr zufUIig halten. Die 
Neigung des Schreibers Nr. lU zog ihn vorzüglich zu solchen roman- 
tischen Abenteuern, in denen auch hie und da das höfische Element 
mehr hervortritt. Nr. HI^ offenbar der Leiter der Schreibarbeit im 
zweiten Theil der Saga, konnte sich recht wohl das zur eigenhändigen 
Arbeit auswählen, was ihm besonders anstand. Dort aber, wo er in 
die Arbeit von Nr. U eingriff, wo er den Einschub machte, bewies er, 
wie gering man es auch anschlagen mag, doch eine selbständige Auf- 
fassung der Saga. Der Charakter dieses Einschubes aber ist dem der 
spätereren Episoden im Wesentlichen ähnlich. Auch die Geschichte 
Sigurds , besonders die seiner Jugend, bleibt ftlr die )>iärekssaga ohne 
Folgen; auch hier zeigt sich das Nebelhafte und Verschwommene in 
den geographischen Verhältnissen. Sigmund hat ein Königreich in Tar- 
lungeland, sein Schwager Drasolf ist König, wovon? Beide unternehmen 
«inen Kriegszug austr i Pulinaland, nichts wird davon erzählt, der 
Name ist Lückenbüsser. Sigurd treibt in dem Glasgef^ß einen Fluß hinab, 
treibt an einer Insel an — weder jener, noch diese trägt einen Namen. 
Man wird sonach den Schreiber Nr. II nicht mit Raßmann beschul- 
digen dürfen, er habe diese Partie ausgelassen, viehnehr hat sie Nr. HI 
eingefügt; und wohl selbständig, wie auch die anderen Episoden, denn, 
lassen sich auch nur äußerliche und zufällig scheinende Dinge daf^ 
anführen , derselbe gewinnt ftir uns eine ausgeprägte Individualität. 
Daß diese Erweiterungen hier in M zuerst erscheinen, ist auch der 
vielen Widersprüche wegen nicht unwahrscheinlich; der erste Hinein- 
arbeiter, der mehr unter der Herrschaft seines Stoffes stand, konnte 



172 TREUTLER 

sich ihnen schwerer entziehen, die spätem Überarbeiter sehen wir 
sogleich ebnen nnd glätten. 

Als wir oben erwogen, ob M anf rein mechanischem Wege mm 
zwei Vorlagen abfließen konnte, blieb uns die entgegengesetzte llOg- 
lichkeit offen , eine Überarbeitung und für die Doppelpartien absicht- 
liche Wiederholung anzunehmen. Diese Annahme passt sich dem eben 
gewonnenen Resultate vortrefflich an. Wenn Nr. III den abenteuer- 
lichen Zug hatte, den wir ihm oben zuschrieben, konnte er wohl, als 
er empfand, wie er mit seinen Episoden doch das Ganze zerrüttete, 
— und diese Erkenntniß musste er bald gewinnen, — um seiner Lost 
an Entführungsgeschichten volle Befriedigung und seiner Sammlung 
die möglichste Vollständigkeit zu verschaffen, darauf verfallen, die 
Geschichte von Gsantrix-Melias-Attila zu wiederholen, die ihm zwtt 
der herrlichsten Vorwürfe gab, und an der er, indem er die Valtarir 
saga sich anschließen ließ, dieselbe Begebenheit durch drei Gene- 
rationen, von Melias bis Valtari vorfUhren konnte. Vielleicht beruhig^ 
ihn auch, daß er die Geschichte in seiner Vorlage etwas anders erzählt 
fand, — eben wegen gewisser Abweichungen hier werden wir für Nr. III 
eine etwas andere Quelle wie für Nr. U annehmen müssen. (Freilich 
schrieb er nicht überaus sorgfältig, wie man an einigen Veränderungen 
in Cap. 170, 171, die er nach den von ihm durchstrichenen in der 
Arbeit von Nr. II abschrieb, sehen kann.) Möglicherweise änderte er 
auch hier, den Rodingeirr, Cap. 43, 44, z. B. als Werber der Erka 
ftar Attila dürfte er wohl erst eingeschwärzt haben. 

Woher entnahm nun Nr. III seine Zusätze? (Dieselbe Frage würden 
wir eventuell für seine Vorlage zu stellen haben.) Auch hier — wie 
z. B. in der Ironssaga — finden sich Stellen, die darauf hindeuten, 
daß diese Episoden abgeschrieben wurden. Sie brauchen deßhalb wohl 
kaum in einem Werke gestanden zu haben, sondern man dürfte viel- 
leicht kleinere nordische Prosaerzflhlungen annehmen, wie Storm z. B. 
für die Carlamagnussaga (a. a. o. S. 53) ein bücherweises Entstehen 
zu vermuthen scheint Anderes könnte man vielleicht sogar als in M 
zuerst in nordischer Sprache niedergeschrieben, als Original ansprechen, 
eine derartige Vermuthung möchten wir am ehesten ftir die schon be- 
sprochene Episode von Herburt und Hilde wagen, wo das Schwanken 
im Namen des jüngsten Königssohnes von Sintram (so die ersten drei- 
mal) zu Tintram, Tistram, Tristram mühsames Zurückerinnern zu ver- 
rathen scheint; auch der allerdings gedankenlose Schreibfehler, S. 2]4|0 
möchte nicht dagegen sprechen. Sonst aber zeigt gerade diese Geschichte 
alle die Kriterien, die wir fUr eigene Zuiilgung des Schreibers auf* 



ZUR THIDREKSSxVGA. 173 

stellten, in hohem Grade, und vielleicht verleitete ihn gerade hier die 
Lust, selbst schriftstellerisch thätig zu sein^ zu dem ersten gänzlichen 
aas den Augen lassen des großen Ganzen. 

Als erst von Nr. III hineingetragen wäfe selbst die Niflungasaga, 
wenigstens so ausgedehnt sie jetzt erscheint ^ zu bezeichnen; dafür 
spricht, daß hier Gunnars Vater Aldrian hieß, wie in dem Cap. 169, 
das Nr. III vor das geschoben, in welchem Nr. 11 erzählt, es sei Irungr 
gewesen. (170.) Ahnlich hätte mit Rücksicht auf die Niflungasaga Nr. III 
auch den Rodingeirr in die Geschichte der Werbung, Cap. 43, 44, ein- 
geflochten. (Zu einer ähnlichen Ansicht über die Sigurds- und Niflunga- 
saga und deren Vorhandensein im Norden in prosaischer Bearbeitung 
vor der t^idrt'kssaga gelangte auch Raßmann, aber aus anderen Gründen; 
vgl. a. a. O., S. XX, Anm. 1.) 

Unsere Ansicht über M und seine Entstehung also ist folgende: 
M ist kein einheitliches Ganze und nicht nach dem Werke eines Ver- 
fassers abgeschrieben. Dem Anfang liegt vermuthlich eine ältere, ein- 
fachere ^idrekssaga zu Grunde, die zwei Norweger abzuschreiben be- 
gannen. Dieselbe enthielt außer dem, was Nr. I und II wirklich 
Bchrieben, etwa noch den Zug nach Bertangaland, Schluß, Sifka's 
Rache, Attila's Kriege gegen Valdemar, }>idreks Zug gegen Erminrek? 
und das Stück von })idreks Heimkehr bis zum Schluß. Die Arbeit 
jener beiden, unterbrochen, ward fortgesetzt von einem dritten Mann, 
der andern Gesichtspunkten folgte. Ihm lag eine etwas andere Hand- 
schrift vor, die wir aber der ersten an Einfachheit ähnlich halten 
können. Dieser Abschreiber jedoch hatte einen abenteuerlichen Hang 
EU romantischen Geschichten, deren er eine Menge einwob; er hatte 
sie aus schriftlichen Quellen , zum Theil zeichnete er sie vielleicht 
selbst nach Erzählungen zuerst auf. Das Ganze zerstörte er damit von 
Grund aus. Zwei Schreiber giengen ihm zur Hand, die wohl nach Dictat 
schrieben. 

Schon Storm in seinem öfters citierten Buche, d^m wir große 
Anregung verdanken, stellt eine, wie es seheint, ähnliche Ansicht auf, 
wenn er sagt, M zerfalle in zwei Redactionen, und wenn er femer 
Nr. III als den Hauptredacteur bezeichnet. Er spricht sich jedoch nicht 
schärfer aus und zieht, wie uns däucht, nicht die genügenden Fol- 
gerungen. 

Von einem Verfasser der Saga in der vorliegenden Gestalt dürfte 
schwerlich weiter die Rede sein können; der der eigentlichen (ein- 
facheren) I^idrekssaga tritt hinter dem Überarbeiter in M zurück, und 
dieser verdient jenen Namen nicht 



174 TREUTLER 

Der Prolog, selbst wenn er wirklich in M gestanden hätte, wire 
dann doch nur za dem einen Theile der Saga zugehörig und 6nÜ>ehite 
fllr den andern jeder Beweiskraft. Überhaupt erscheint es gnmd&lsclv 
von einem Theile in M auf den andern irgend welche Schlasse zu 
ziehen; die Schreiber Nr. 11 (und I) und Nr. HI (IV, V) sind streng 
von einander zu trennen. 

Wie man sich das Verhältniss von M bei der geinndenen Sach- 
lage zu seinen deutschen Quellen zu denken hat, ist im zweiten Theil 
noch besonders erörtert 

Kommen wir mit wenigen Worten auf unsem Ausgangspunkt 
zurück« Für die Erzählung von })iäreks Hengst Falka glauben wir 
wahrscheinlich gemacht zu haben , daß dieselbe in M nur einmal, al» 
Cap. 188, nicht zweimal vorkam. 

Die anderen beiden Doppelerzählungen verdanken ihre Entstehung 
dem Gegensatze zwischen Schreiber Nr. II und III; die erste von 
Hagen's Herkunft, Cap. 169, fügte Nr. lU wahrscheinlich der Niflunga- 
saga, der die Darstellung von Nr. II, Cap. 170, nicht entsprach, über- 
einstimmend zu; für die Wiederholung der Geschichte von den Vil- 
cinenkönigen wird sich schwer ein Grund angeben lassen, falls man 
sich nicht zu unserer oben aufgestellten Hypothese, der die allgemeinen 
Verhältnisse kaum widersprechen, bekennen mag. 

IL 

Unter allen die I^iärekssaga betreffenden Fragen eine der wich- 
tigsten und vielleicht am meisten behandelt, ist die, wie sich dieselbe 
zu ihren deutschen Quellen verhält Daß ihr überhaupt solche zu 
Grunde liegen, steht außer Zweifel; ebenso, daß es mehrere sind, 
nicht blos eine ist, wie P. E. Müller im Anschluß an die Worte de« 
Prologes: })e8si saga er ein af })eim stoerstum sogum er gorvar hafa 
verit i })yäer8kri tungu, glauben wollte; endlich wird von Niemand 
bestritten, dap der Stoff dieser Quellen dem Norden durch Nieder- 
deutsche vermittelt ward. 

Über alles andere gehen die Ansichten auseinander. 

W. Grimm, Heldensage, S. 175 ff. glaubt, der Sagaschreiber habe 
geschöpft theils aus schriftlicher, theils aus mündlicher Überlieferung 
(alten Geschichten und Erzählungen deutscher Männer) , die er auf 
deutschen Burgen empfangen. 

A. Raßmann, Heldensage, Band H, S. XXI, glaubte dieß näher 
dahin ausführen zu können, daß unter der mündlichen Überlieferung 
niederdeutsche, kürzere Lieder, nach Art der Kjaempeviser zu ver* 



ZUR THHE)REK8SAGA. 175 

stehen seien, schriftlich aber dem Verfasser der Saga hochdeutsche, 
längere Heldengedichte vorgelegen h&tten. 

• Alledem entgegen erklärte sich Döring in seiner Abhandlang: Die 
Quellen der Niflungasaga in der Darstellung der I'idrekssaga und 
den von dieser abhängigen Fassungen. (Zeitschrift ftlr deutsche 
Philologie, Band II, S. 1—79, 265-292.) Er betonte, daß der Verfasser : 

1. nicht in Deutschland seinen Stoff erhielt; — dieß im Anschluß 
an P. E. Müller, der das Gleiche annahm, und als den Ort, wo der 
nordische Verfasser seinen deutschen Gewährsmännern begegnet, glaubte 
Bergen bezeichnen zu könoen; 

2. daß er keine schriftlichen deutschen Vorlagen hatte und nur 
mtlndlichen Berichten folgte; 

3. daß diese hauptsächlich oder nur aus hochdeutschen, umfang- 
reichem Epen geschöpft; 

4. daß er ein Unterhaltungsbuch liefern wollte, deßhalb sich nicht 
so getreu an seine Quellen gebunden glaubte , deren Darstellung er 
denn auch, theils um zu besserer Einheit in seiner Geschichte zu ge- 
langen, theils um sie nordischem Geschmack angemessen zu machen 
und mit nordischen Sagengebilden mehr in Einklang zu setzen, ver- 
änderte, was ihm aber zeitweise auch unabsichtlich begegnen konnte, 
da er aus dem Gedächtnisse schrieb. 

Diese vier Sätze liegen der Ausführung, daß die Niflungasaga 
auf unser erhaltenes, hochdeutsches Nibelungenlied zurückgehe, nicht 
auf irgend eine unbekannte Vorlage, zu Ghrunde, wie umgekehrt diese 
Untersuchung im Einzelnen wiederum sie zu stützen dient. 

Zuletzt handelte über die beregte Frage G. Storm. Dieser nahm 
die beiden ersten Sätze Döring's unbedingt an^ indem er MüUer's An- 
sieht über den Ubermittlungsort Bergen noch näher ausftlhrt; weiter 
neigt auch er sich zu der Ansicht, daß nur größere epische Gedichte 
den Stoff geliefert hätten, doch sei nicht mehr zu entscheiden, ob die- 
selben hoch- oder niederdeutsch (dann wohl Übersetzungen hoch- 
deutscher Epen?) gewesen seien. Vgl. S. 107, 108. Bestimmt spricht 
er sich aber gegen die vierte Döring'sche Behauptung aus, die Heran- 
ziehung des erhaltenen Nibelungenliedes verwirft er ganz: der Ver- 
fasser der Saga folgte seinen Quellen treu, weicht er von uns Be- 
kanntem ab, so gab es in alter Zeit Epen, die eine andere Fassung 
hatten, als die uns bewahrten, oder die Verschiedenheit fällt den nieder- 
deutschen Gewährsmännern zu Last; es ist fabch, einen Einfluß nor- 
discher Sage und Sitte nachweisen zu wollen. 



176 TRF.UTLER 

Ähnliches Vertrauen setzte Kaßmann (wohl aach W. Orimm) in 
die Zuverlässigkeit des Verfassers. 

Nach der oben geführten Untersuchung stellt sich fär uns einiges 
anders, als bisher ausgesprochen ward. Nach unserer Ansicht kam die 
I^idrekssaga, wie sie in M vorliegt, so zu Stande, daß die unvollendete 
Abschrift einer altern , einfacheren I'iärekssaga bei ihrer Fortführung 
durch einen andern Schreiber aus mehreren nordischen Prosasaga» er- 
weitert wurde. Ist diese Annahme richtig, so wird man kaum bestreiten 
können, daß der Verfasser einer von diesen ganz wohl seinen Stoff 
selbst in Deutschland erhalten oder eine schriftliche Vorlage gehabt 
haben könne, ohne daß sich eine Andeutung hierüber in M erhalten 
hat; ohne eine solche können wir jedoch bei den Döring' sehen Sätzen 
stehen bleiben. 

Wichtiger ist zu entscheiden, ob die Darstellung in M den 
deutschen Quellen treu folgte? Diese Frage müssen wir verneinen. 
Wenn schon für die ursprüngliche I^idrekssaga schwer ganz getreues 
Festhalten an den deutschen Quellen anzunehmen ist^ — diese waren 
zahlreich und wichen vielfach von einander ab*); um sie zu einem 
Ganzen zu verbinden , musste der Ordner dem Einzelnen bisweilen 
Gewalt anthun, — so lässt sich solches noch weniger fbr den Er- 
weiterer in M, unsem Schreiber Nr. III, annehmen, der durch rohes 
Einschieben fremder Episoden sein eigentliches Original durchaus zer* 
störte und auch gegen jene gewiß nicht mehr Rücksicht nahm, wenn 
es galt, eine auch noch so oberflächliche Einheit herzustellen. Dabei muß 
man bedenken, daß gerade diese Erweiterungen von ihrer deutschen 
Heimat bis zu der Aufzeichnung durch Nr. III noch eine Stufe mehr 
durchzumachen hatten, als die eigentliche l'idrekssaga. Wie die Um* 
änderung des Einzelnen dem Ganzen zu gefallen fortschreitet, lehrt 
uns deutlich die Bearbeitung AB; hierin wird gleichwohl, ebenso wie 
in M, getreuer Anschluß behauptet und auf erhaltene Denkmale sich 
berufen. 

Nach diesen Erwägungen können wir der letzten der oben ange- 
ftlhrten Döring'schen Thesen nur vollkommen zustimmen , trotzdem 
wir die Begründung aus dem Prolog fbr keineswegs sicher halten. 
(S. Döring a. a. O. S. 5.) Döring's entsprechendes Verfahren im be- 
sondern bei Vergleichung der Niflungasaga mit dem Nibelungenliede 
könnte nur dann unerlaubt erscheinen, falls besondere Gründe sich 



*) Wie sehr Btreiien nicht unsere erhaltenen Heldenlieder nntereinander, sowdU 
in chronologischen als anch in andern Dingen! 



ZUR THIDREKSSAGA. 177 

noch dagegen vorbringen ließen. Sowohl das, was Raßmann^ wie das, 
was Storm Air die Zuverlässigkeit des Verfassers sagen, steht aber 
auf schwachen Füßen. 

Raßmann meint, S. XXVIII, die einzige Partie, in der man den 
Sagaschreiber controlieren könne, sei die Erzählung von })idreks' Kämpen, 
das dänische Volkslied, Eong Didrik og Hans Ejsemper, das sich aus 
dem sächsischen entwickelt habe , beweise den nahen Anschluß der 
Pidrekssaga an das letztere. Storm hat nachgewiesen, daß das dänische 
Lied auf die schwedische Didrikschronik zurückgeht, die, wie wir 
oben sahen, eine Bearbeituug der l'idrekssaga ist. 

Weiter gibt Raßmann S. XV unten, die Widersprüche der Saga 
filr einen Beweis großer Gewissenhaftigkeit den Quellen gegenüber 
aus, wir können darin nur den Widerstreit zweier verschiedener nor- 
discher Bearbeiter finden. 

Was Raßmann weiter für den Sagaschreiber aniUhrt, zieht auch 
Storm zum großen Theil wieder herbei. Beide berufen sich auf die 
Stelle im Prolog: ok })o at })u takir einn mann or hverri borg um 
allt Saxland**^. })a munu })essa sogu allir a eina leid segia. Storm 
S. 119 meint, fingierte Quellen seien in der classischen Periode nor 
wegischer Litteratur etwas unerhörtes. 

Wir könnten zuerst entgegenhalten^ daß die Zugehörigkeit des 
Prologs für M nicht zu erweisen ist; aber auch diese vorausgesetzt, 
— was in der angezogenen Stelle gesagt ist, ist ja gar nicht richtig. 
Uns scheint der Unterschied zwischen Jemand, der ftlr etwas eine 
Quelle angibt, wofUr er keine hat, und dem, welcher zwar mehrere 
Quellen hat, aber gegen besseres Wissen deren Einstimmigkeit ver- 
sichert, ein höchst feiner. Daß aber die Quellen nicht einstimmten^ 
gibt Storm zu, der sogar selbst sich bemüht, eine Reihe eigenartiger 
Sagengebilde herauszuschälen. Eehren wir unsere eigenen WaflFen gegen 
uns! Gesetzt, der Prolog sei unecht, so bleibt die Stelle Cap. 394, 
welche Einstimmigkeit der Quellen nur für einen kleinen Theil der 
Sage behauptet; es wäre ja möglich, daß zwar die einzelnen Episoden 
untereinander nicht übereinkämen, daß aber gleichwohl jede überall 
mit denselben Abweichungen erzählt worden wäre. Wahrscheinlich ist 
das fireilich nicht; kleinere Sagengebilde über verwandten Stoff werden 
sich immer anziehen und beeinflussen. Döring S. 267 erklärt den Haupt- 
theil dieses Capitels geradezu für Erfindung. Die vielen Berufungen 



*) Storm nimmt Saxland wieder, wie früher Raßmann für Sachsen, was Döring 
S. 78 für unznlässig erklärte. 

OERAIANU. Nene Reihe. VIU. (XX.) Jahrg. 12 



178 TREUTLER 

auf OrtlichkeiteD , die sich in demselben befinden, erwecken kein 
Vertrauen, schon Rafimann kamen solche Hinw^sungen auf noiä Tor- 
handene Denkmäler verdächtig vor, vgl. S. XXVH; und Döring wiei 
treffend hin auf die Aussage über })idreks Spieß (Gap. 336) lind die 
wunderliche Localisierung des Irungs v^r in Susfr (Cap. 387.y 

Raßmann fand in der I^idrekssaga einen Widerstreit hoch- und 
niederdeutscher Quellen. " '^ . 

Storm, der an die niederdeutschen kurzem Lieder nicht ^latub^ 
scheint es sich so vorzustellen, daß die hochdeutschen Epen auf ihrer 
Wanderung nach dem Norden über Niederdeutschland durch nieder- 
deutsche alte Sagen stark beeinflußt worden. — So wird man das von 
ihm S. 110 ff. gesagte wohl erklären dürfen; eine. Localisierung des 
süddeutschen Stoffes in Norddeutschland ohne einen solchen äußern 
Grund erscheint doch nicht denkbar. — 

Döring endlich behauptet, der oberdeutsche Stoff erscheine in TA, 
seinem eigentlichen Wesen nach, unverändert; im Einzelnen freÜich 
vielfach verdorben, imd mit nordischen (auch niederdeutschen?) An- 
sätzen. 

Alle drei ziehen die geographischen Verhältnisse in der J^idreks- 
saga herbei. Der Kern der Frage ist: liegt Hunaland im Osten, in 
Ungarn, oder liegt es in Norddeutschland? (Zweitens, ist Bern Verona 
oder Bonn?) 

Döring, nachdem er glaubte, hinlänglich erwiese^ 2u haben, d«4 
der Niflungasaga das Nibelungenlied zur Grundlage diene, schloA : ein^ 
fach, liegt in diesem das Hunenreich in Ungarn, muß es in jener 
ebenso sein. 

Raßmann, fiir den der Schauplatz der alten Heldensage 'über- 
haupt am Rheine liegt, setzte deshalb auch das Hunalaad der Ndrdo^ 
saga hieher. — Storm schloß sich ihm darin an. 

Die Annahmen Döring's und Raßmann's sind also im Ghrunde 
willkürlich, jener brauchte Hunaland im Osten, dieser im Norden, beide 
brachten dann eine Anzahl Gründe Air ihre Meinung vor. 

Wo kann Hunaland liegen? Raßmann gesteht zu, daß Bern in 
den meisten Fällen Verona sei, nur an einer Stelle will er es filr Bonn 
nehmen, weiter muß er für einzelne SteUen zugeben, daß Hunaland 
daa Hunnenreich an der Donau ist. Zwischen den einzelnen Schreibern 
in M ist zu unterscheiden. 

Eine einzige Stelle nur zwingt uns, Hunaland da zu suchen^ wo 
Baßmann es finden wilL 



ZUR THIDREK8SAGA. 179 

Cap. 45 heißt es: Attila will gegen Villcinaland ziehen^ er sammelt 
ein Heer und rückt von Sosa aas und reitet mit diesem Heer nord- 
wärts nach Villcinaland. Ihm entgegen zieht Aspilian, der aber ge- 
schlagen wird« Attila verfolgt die Flüchtigen weiter in's Land hinein. 
Nun sammelt Osangtrix ein Heer und zieht ihm entgegen. Ok er 
hann kemr sudr i Jotland. })a hefir hann. X« ))a8undir rid- 
dara"*") u. s. f. Attila entweicht sudr i Hunaland. Als er in den Wald 
kommty der zwischen Hunaland und Dänemark liegt, sehlägt er seine 
Zelte auf* 

In dieser Stelle ist schwer an das östliche Hunaland zu denken. 
Sie findet sich aber nur in AB, die Bedaotion von Nr. III für diesen 
Theil ist verloren^ die von Nr. H weicht ab. 

Aber ganz deutlich ist das Hunaland an der Donau gemeint: 
Cap. 293« Valldemarr von Holmgard zieht gegen Himaland. Attila 
rüstet und Valldemarr zieht sich zurück. 294. Attila folgt ihm und zieht 
nach Rußland. Als er in das Reich von Vilcinaland und Rußland 
kommt, beert er. Valldemarr kommt ihm nun entgegen, sie treffan sich 
in Vilcinaland (Pulinaland AB). 395 kommt es zur Schlacht 296 
flieht ))idrekr nach derselben in ein Castell. 298 rückt ein Heer Attila's 
zum Entsatz heran und es heißt: als die Wächter Valdemar's gewahr 
werden^ daß ein unermessliches Heer nach Rußland gekommen war 
u. s. f. Diese Stelle ist von Hand IV geschrieben/ also unter der Re- 
daction von Nr. IH. Hier grenzen deutlich Vilcinaland, Rußland und 
Hunaland zusammen, dann kann Hunaland bei der Ausdehnung, die 
den andern Ländern durchweg gegeben wird, nur Ungarn sein^. 

Bei Nr. U geht es von Hunaland nördlich nach Vilcinaland, auch 
andere Bestimmungen finden sich, die aber keine G-ewissheit geben. 
Cap. 35 (Unger S. 42 unter dem Strich) sagt Fridrik, er sei langen 
Weg V 85 st an af Spania nach Hunaland gezogen, was auf das östliche 
Hunaland besser passt, als auf das nördliche. 

Nach dem Osten weist Hunaland eine zwingende Stelle bei Nr. IV, 
nach dem Norden nur eine in AB; im Übrigen haben wir zwischen 
beiden die. Auswahl , wir werden uns in Hinblick auf das sehr un- 



' *) Das gesperrt Gedhickte sogar nar in A. 

">*) M^D könnte einwenden, daß in diesem Theil der Saga, den KSmpfen Attilas 
mit Valldemarr, Vilcinaland und Baßland eigentlich stets susammengerechnet werden, 
nnd behaupten, Vilcinaland sei hier mehr eine Provinz von Rußland, so daß dessen 
Name dafür stehe. Dann würde doch das viele Wechseln mit beiden Namen wunderbar 
sein; aneh wird PuUnaland Cap. 304 selbständig erwähnt, das dann auch russische 
Provins hätte sein raUssen. 

12* 



180 TUEUTLKR 

gleiche Gewicht der beiden erwähnten Stellen und da die Analogie 
der Nibelungen immerhin schwer in die Wagschale fällty für den Osten 
entscheiden. 

Schwierig ist im besondem die Stelle Cap. 363, wo es heißt, die 
Niflunge konmien an den Rhein, wo Donau und Rhein zusammen 
kommen. Döring meint , der Rhein stehe fOr den Inn, die Stelle be- 
weisCf daß die Niflunge von Worms nach Osten gezogen seien. Raß- 
mann vermuthet, der Verfasser der Saga habe zwischen norddeutschen 
Quellen, von denen die einen Hunaland an den Rhein, die andern an 
die Donau verlegten, vermitteln wollen, und so beide Ströme zusammen- 
fließen lassen. Storm verwirft beide Erklärungen: die Donau vertrete 
den Main. (S. 113.) Ohne die Annahme einer Vertauschung kommen 
wir also doch nicht vorwärts, am einfachsten ist es dann, wenn wir 
geradezu dem Verfasser der Saga eine Vertauschung zwischen Rhein 
und Donau zuschreiben, ersterer war im Norden ofienbar viel mehr 
als ein Hauptfluß Deutschlands bekannt, ausserdem spielt er gewiss in 
den altnordischen Liedern, die dem Sagaschreiber bekannt waren, eine 
Rolle , wie in deren uns in der Edda erhaltenen Verwandten , es lag 
deßhalb nahe, ihn hier weiter einzuführen. Dann kann sich der Schreiber 
der Saga dunkel einer Stelle, wo von dem Zusammenfluß zweier Ströme 
die Rede ist, erinnert (s. Döring, S. 22) und nun die mehrfach er- 
wähnte Donau noch haben zu ihrem Rechte kommen lassen wollen« 
DerRin wird erwähnt noch: Cap. 345 (Hand HI) Tira, des Apolloniua 
Residenz^ liegt nahe am Rhein. 282 (Hand HI) Trelinnborg, die Burg 
der Harlungen, steht am Rhein. 289 (Hand IH) })idrek flieht nach 
Bakalar am Rhein. 363, 364 (Hand V), die Stellen der Niflungasaga. 
399 und 402 (Hand IV, die zweite Stelle nur in AB erhalten), |)idrek 
auf seiner Rückreise wird durch Eisung jarl den Jungen angegriffen» 
der aber den Rhein gesetzt ist Die Dünä erscheint nur Cap. 363. 
Alle Erwähnungen des Rheins finden sich nur bei Nr. HI, IV, V. 

Für die erste Charakteristik eines Menschen genügt es zu wissen, 
welcher Nationalität er angehört oder etwa welcher größeren Stadt, 
da die Vorstellungen, die wir uns von einer Nationalität machen, 
wesentlich an die von ihren großem Orten gebunden sind. Wir werden 
einen sehr verschiedenen Begriff haben von Jemand, der aus Paris, 
Wien oder Petersburg ist, auf die genauere geographische Lage dieser 
Orte unter einander kommt es dabei gar nicht an. 

Bestimmte geographische Kenntniss eines Landes wird man erst 
gewinnen, wenn man sich die Wasserläufe und Stromgebiete desselben 
einprägt. Diese Art der Aneignung geographischer Verhältnisse war 



■ ; ZUR THK)REK8SAGA. 181 

ftLr den Menschen des Mittelalters, der der Eoirten entbehrte, wohl die 
einzige. Sie kostete viel Mühe. 

Nun kam es dem Schreiber oder den Schreibern unserer Saga 
aber hauptsächlich auf die Schilderung des persönlichen und nationalen 
Charakters ihrer Helden an, dafltr waren nicht große geographische 
Studien nöthig, ganz rohe und einfache Angaben genügten, ob der 
Held ein Vilcine, ein Russe oder ein Hunne war, Vilcinaland lag dann 
im Norden, Hunaland im Süden, Rußland im Osten; und ob sich der 
Schreiber Holmgard am Meere gedacht hätte, oder 20 Meilen davon, 
das änderte an Hertnids Schicksalen nicht das mindeste. In den grobem 
Umrissen werden auch die beiden Recensionen in M ziemlich über- 
einstimmen. — Die feinere Ausführung konnte nach Gutdünken am 
passenden Orte zugefUgt werden. Hier finden sich denn auch Ab- 
weichungen zwischen Schreiber H und HI, nach Cap. 56 (HI) liegt 
das Castell Marcsteinn im Falstrskogr, nach 117 (U) Marsteinn im 
Borgarskogr, AB haben beidemal Marsteinn, doch waren am Ende beide 
nicht zu identificieren. Ja selbst in derselben Episode ist nicht immer 
Klarheit über das Detail vorhanden, vgl. was vom Üngara-Valslöngu- 
skogr in der Ironssaga gesagt ist. Bisweilen verstanden die nordischen 
Schreiber wohl auch die deutschen Namen nicht als Bezeichnung für 
einen Ort, den ihre Sprache anders nannte, und so konnte das Bild, 
was sie sich machten, kein vollkommen klares sein, (Ein Beispiel 
bietet die Umdeutung von der Harlungenburg Fritila in Fridssala;, Ver- 
celli in AB, Cap. 13, die kaum am Platie ist) — Für die sorglose 
Art, mit der die einzelnen Länder gruppiert werden, bietet ein gutes 
Beispiel Cap. 233 (und 237), wo Herburt von Bern nach Bertangaland 
(doch wohl England) zieht, erst A (Seite 214^ und 2178) führt die 
Schiffe ein. Femer Cap. 279| , wo Erminrek zwar seinen Sohn zu Schiff 
nach England sendet, aber auch die Fahrt zu Lande nicht unmöglich 
gedacht wird. 

Zumal nach diesen Beispielen werden wir ruhig glauben können, 
daß der Sagaschreiber, der wusste, daß das meiste im deutschen Reiche 
spiele, dann für vergessene Namen einfach die deutschen Flüsse und 
Städte, die er besser kannte, einsetzte. (So auch Döring, S. 4, Anm. 10.) 
Was wusste er z. B. wie der Oberrhein lief, ob der nicht von Osten 
herumschwenkt, so daß Bakalar ganz wohl im östlichen Hunnenlande 
und doch am Rhein liegen konnte; nach nordischer Tradition spielt 
nun das ganze Drama an diesem, — also setzte ihn der Schreiber 
frisch in seinen Text Solche Annahme scheint immer noch wahrschein- 
licher, als das sonst angenommene Umspringen von Süd- nach Nord- 



182 TREUTLER 

deut8chland , oder von Italien nach der Rheinprovins. Wenn )>id^ek 
gegen das Heer des Königs von Romaboi^ zieht, ond sie treffen iieh 
in dem dorch diesen dem Vertriebenen abgenommenen Reiche, so kann 
das nicht an der Mosel sein; — im letzten Theil ist ))idrek offenbar 
in Italien König, gleicher Redaction gehört die oben erwfihnte Ers&hlnng 
an, — sondern die Mosel ersetzt hier einen andern Flaß. Hatte der 
Verftisser der Saga nur irgend eine Spur von geographischer Kennt» 
niss, so roh wie immer, so konnte er doch ein solches Heromspringen 
der örtlichkeiten weder selbst beabsichtigen, noch absichtlich — ver* 
schiedenen Quellen gemäß — behalten. Nach der Andeutung Raßmanns 
S. XI über Brictan scheint dieser es so zu denken, daß der Verfasser 
die in Norddeutsehland heimische Sage allerdings habe im Süden loeali- 
sieren wollen^ und so aus Wrexen Brictan machte, um den Namen 
mehr an Brisen anzugleichen. Damit gäbe aber Baßmann zu, daß 
wenigstens der Sagaschreiber sich )>idrek8 Reich nur in Italien denkt 
(und so auch Hunaland dann nur an öiner Stelle), dann hätte derselbe 
aber gewiß versucht, diese Ausgleichung weiter durchzufilhren. Oder 
ist Brictan für R^mann Vermittlung zwischen Wrexen der nieder- 
deutschen und Brixen der hochdeutschen Quelle? Und wollte der Ver- 
fasser seinem Leser offen halten, sich je nach Belieben nadi Nord- 
deutsehland oder Itali^i zu denken?! Wollte man endlich den Ver- 
fasser als ganz unwissend und nur seinen Quellen, bald der, bald jener, 
nachbetend ansehen, so daß er bald etwas Niederdeutsches, bald etwas 
Hochdeutsches, beide gedankenlos vermischend, au&ahm, und so die 
niederdeutsche Mosel nach Italien gekommen glauben, so hat unsere 
Behauptung, er habe einen bekannten Fluß für einen vergessenen ge- 
setzt, dieselbe Berechtigung. 

Eine solche Vertauschung von Namen findet sich auch in der 
Oeschichte von Eoca^ wo die tirolische durch westfiUische gleichlautende 
ersetzt, letztere noch vermehrt wurden. 

Femer gibt Ghtmd zu Erörterungen gewühnlieh Vidgas Ausfahrt. 
Vidga triflt an der EidisA )>idreks Gesellen, sie ziehen durch den Lura- 
vald zum Castell Brictan und über die Visarä nach Bern. Man wird 
hier die Eädisi weder fhr Eider noch Eder, sondern die Etscji, und 
die Visarä mit Döring (är den Mincio zu nehmen haben ^). Der Luru- 
vald aber liegt zwischen )>idrek8 und Attilas Reich, also etwa in Tirol, 
wo letzterer, bei der gänzlichen Unbestimmtheit, in der gerade die 



*) Entschieden unstatthaft ist es, wenn Storm S. 111 die Lippa ans AB in seine 
Beweisföhrong imt hereinueht 



ZUR THIDREKSSAGA. 183 

ÖsteireichiBcfaen, wie überhaupt die deutschen Gebiete gelassen werden, 
gar ikohl noch sein Jagdgebiet haben konnte. Vgl. Cap. 139. 

Es ist auch, mit Storm kein innerer Widerspruch zu finden in der 
Beiseroute })idrek8y wie sie Döring aufstellte^ S. 265^ 266. Er reitet von 
Susa hina vestri leid til Mundiu und kommt über Bakalar zum Luru- 
vsldy in die Nähe des Rheins (nach uns = Donau) und Ton hier über 
die Alpen. Frmlich dürfen wir dann den Luruvald nicht in Westfalen 
suchen. (Wenn hina restri leid für den Norweger und Isländer von 
seinem Standpunkte aus auch den Weg durch Westdeutschland be- 
zeichnete (Storm S. 112), so kann es von einem andern Ausgangspunkt 
gewiß auch ganz einfach den westlichen Weg = den Weg nach Westen 
bedeuten.) Übrigens kann der hier erwähnte Luruvald immer noch 
ein anderer sein^ als der Cap. 139 und 101 bei Nr. 11 erwähnte. 

Wir ktonen also auch in den geographischen Verhältnissen und 
der Verschiedenheit der Angaben nicht treuen Anschluß des Saga- 
schreibers an sttine Quellen entdecken, wohl aber Willkürlichkeiten und 
Ungenauigkeiten genug. So werden wir auch auf die Erwähnung von 
Soest/ Cap. 394, nichts geben können. Döring erklärt das Capitel, wie 
eiwähnty fOr Erfindung. Die Stellung desselben in der Handschrift ist 
▼ielleioht auch nicht gans unverdächtig. 

IZwischeh Schreiber I, n und III bestand eine Vertheilung des 
Stoffes weder ilach dem Raum, noch dem Inhalt^ jeder nahm die Arbeit 
des Vörgängei^ da auf, wo sie gerade abgebrochen war: sie schrieben 
nach einander. 

f^'^ Ein Abkommen über das zu schreibende ist aber bei Nr. m, IV 
rUnd V nachzuweisen: sie schrieben miteinander. 

Nri rV beginnt seine Arbeit auf einer frischen Lage Pergament 
(Lage Xin) mit einer neuen Geschichte, den Kriegen Valdemars gegen 
Attila (Cap. 293). Zu diesen rechnet man freilich noch Cap. 291. 292. 
Wir halten dieselben ftlr schlecht beglaubigt Sie sind im wesentlichen 
inhaltslos, ihr Hauptinhalt aber ist unsinnig. Osangtrix wird hier zum 
zweiten Mal erschlagen, Hertnid, sein Sohn, wird König, im folgenden 
wird er nie erwähnt, Valdemar erscheint vielmehr zugleich über Vil- 
cinaland gebietend. Cap. 293 schließt sich außerdem ganz gut an 290; 
Schluß; ^i^kr (entschließt sich da zu bleiben imd) verweilt nun bei 
König Attila lange Zeit. 293 aber, als Attila nicht lange zu Hause ge- 
wesen, erfiüirt er u. s. f. Nr. HI, der Nr. IV unterdeß auf der frischen 
Lage den Russenkrieg hatte anfangen lassen, bekam seine Lage nicht 
ganz voll. Was ließ sich zwischen })idreks Ankunft bei Attila und den 
Russenkrieg noch einflicken? Der Vilcinenkrieg hatte den letzteren 



184 TREUTLER 

veranlasst, also war das einfachste^ ihn nochmals vorzuführen — ob Nr. m 
fbr seine Art, ihn zu erzählen, eine Quelle hatte, oder nicht, das bleibe 
dahingestellt MüUenhofis Vermuthung, Haupts Ztschr. XTT, S. 350, ist 
hiermit durchaus bestätigt^ daü Hertnid fälschlich ein Sohn des Osang- 
trix genannt werde, aber nicht nur das ist falsch, sondern daß er hier 
überhaupt vorkommt, wo das zunächst folgende von ihm nichts weiß. 

Außer diesem Krieg gegen Valdemar schrieb Nr. IV noch })idrekB 
Zug gegen Erminrek, Sigurds Ende und Fasolds und ))etleifs Unter- 
gang, und follte damit Lage XUI, XIV und 7 Blatt von XV. Die letzten 
10 Zeilen des siebenten Blattes sind von Hand V. Es ist kaum zu be- 
zweifeln^ daß sie genau Ungers Cap. 355, das den Schluß zu der Ge* 
schichte von Fasold und ))etleif bildet, enthalten. Dasselbe ftült 13 
knappe Druckzeilen, aus der Vergleichung des Facsimile mit dem 
Druck ergiebt sich ein kleiner Überschuß der geschriebenen Zeile bei 
Nr. V über die Druckzeile. Eine Überschrift hat das Capitel nicht, 
folglich kommen die 13 in den 10 Zeilen genau unten Es mag das 
Capitel ein späterer Nachtrag durch Nr. V sein. 

Die eigentliche Arbeit von Nr. V war die Abschrift der Niflunga- 
saga, die auch von Nr. V zu finde geführt wird; dieselbe ftdlt Lage 
XV Blatt 8, Lage XVI, Lage XVH, Blatt 1, 2, 3. Daran schließen sich 
die Worte: i Niflungaland, bei Unger Schluß des Capitel 393, und Cap. 
394, von Hand IV geschrieben, noch denselben Stoff behandelnd, oben 
auf dem vierten Blatt Dann beginnt eine neue Erzählung^ die von 
})idreks Heimkehr. 

Es ist höchst eigen, daß das Eintreten anderer Schreiber stets 
an so merkwflrdigcr Stelle statt hat, wo neue Pergamentblätter anfangen, 
imd wo die Geschichte — fast — aus ist"*"). Man wird das nicht fbr 
einen Zufall halten, derselbe wirkt allerdings mit, aber in beschränkterem 
Maße. 

Als Nr. HI merkte, daß er allein nicht fertig werde, theilte er 
Nr. IV einen Theil des Abzuschreibenden zu; als dieser schon eine 
Zeit lang arbeitete, sahen beide ein, daß das Werk immer noch nicht 
genug gefordert wurde, und noch ein dritter wurde angestellt (Zu diesem 
Bilde größter Hast passt die Bemerkimg sehr gut, daß Nr. IV und 
V auch noch nach Diktat schrieben-, vgl. oben S. 153.) Nr. IV berechnete 
nun, wie viel er noch Pergament brauche bis zur Beendigung der tett- 
Icifepisode, und es fand sich, daß er dazu 7 Blatt über eine Lage 



*) Wo die Arbeit von Nr. III wieder begann, ifit, da die betreffenden Blätter 
fehlen, leider nicht festzustellen. 



ZUR THH)REKSSAGA. 185 

brauchen werdo. Auf dem achten ließ er mittlerweile Nr. V anfangen, 
dem die Niflungasaga und das Pergament dazu gegeben wurde, er 
schrieb sie fertig ab bis Cap. 393, Variante 22. 

Cap. 394 kam erst dazu, als 393, d. h. die Arbeit von. Nr. V be- 
endigt war, das beweisen die Worte: i Niflungaland, die ebenfalls von 
Hand IV zugefügt wurden. 

Nun wird kein Mensch, der eine größere Arbeit nach Abschnitten 
an verschiedene Schreiber zum copieren vertheilt, darauf verfallen, von 
einem solchen Abschnitt den Schluß von geringer Ausdehnung (14 Druck- 
zeilen) wegzuschneiden und dem nächsten Schreiber zu übergeben. 

Der Zufall aber müsste ein recht närrisches Spiel getrieben haben, 
wenn er in ganz ähnlicher Weise zwei Schreiber, jeden an der Voll- 
endung seiner Arbeit verhindert hätte. Der Fall war das allerdings bei 
Cap. 355. Dasselbe ist kaum zu entbehren. Es fehlte an der Arbeit 
von Nr. IV, Nr. V setzte es zu. fis steht am Ende der letzten Nr. IV 
zugetheilten Seite. Hier wird sich aber annähernd erklären lassen, wie 
der Zufall eintreten konnte. Nr. IV hatte von der Lage XV das 
achte Blatt schon durch V voll schreiben lassen. Es trat jetzt das um- 
gekehrte ein, von dem, was wir schon zweimal begegnen sahen. Während 
Nr. in immer zu reichlich rechnete, hatte Nr. IV seinen Raum zu eng 
bemessen*}. Er sah, daß er den Schluß seiner Vorlage nicht mehr 
hin bekäme imd ließ eine Lücke. Die Arbeit kam nun an den Redacteur. 
Dieser zog die Geschichte eng zusammen. In der That bildet Cap. 355 
einen sehr summarischen Schluß zu der ganzen })etleif-Fa8oldepisode. 
Endlich bricht es ab mit den wehmüthigen Worten: oc af faanvm er 
allmikil saga. \)o at })ess uerde nu eigi her getet i ))e8Bare frasogn**). 
Wenn nun diese 10 Zeilen nicht gegen das vorhergehende und folgende 
äußerUch abstechen sollten, musste entweder der vorhergehende oder 
folgende Schreiber (Nr. IV oder V) sie schreiben, der erstere war im 
Augenblick vielleicht nicht zur Hand, so ward der folgende herbei- 
gezogen. 

Viel roher hätte der Zufall noch im anderen Falle gewaltet Nicht 
am Ende oder mitten in der Thätigkeit seiner Schreibarbeit, wie Nr. V 



*) Bei einer Yorherbereclmuiig des Baumes, besonders nach Großqnartseiten, 
ist ja das Fehlgehen nach der einen oder andern Seite stets das Wahrscheinliche, fast 
nnglanblich wäre einmal sicheres Zutreffen. 

**) Bisher fand man in denselben ein Zeugniss dafür, daß der Schreiber noch 
über einen bedeutenden Stoff verfQgte, aber in weiser Beschränkung femer abliegendes 
wegließ. Wir sehen, daß ihn nur die Noth dazu veranlasste. 



186 TREÜTLER 

Cap. 355 schrieb, sondern am Anfang derselben hat Nr. IV das Oapitel 
394 aufgezeichnet, wo dann seine eigentliche Arbeit mit )>idrekB Bfick* 
kehr (Cap. 395 ff.) beginnt Da das Capitel erst geschrieben sein kann, 
als 393 schon vorlag, dem vorhergehenden Schreiber es also nicht an 
Pergament gefehlt haben kann, so hätte diesen hier eben der roheste 
und unwahrscheinlichste Zufall von seiner Arbeit fortgerissen. (Zu er- 
innern ist nochmals, daß ja eine Vertheilung des Stoffes vorlag!) Von 
einem solchen ist aber keine Spur nachzuweisen, denn Nr. V bricht 
nicht etwa im Satze ab, sondern Cap. 393 hat einen grammatisch ge- 
nügenden Ausgang. Die Worte i Niflungaland, die Nr. IV an den 
Schlußsatz anfügte, sind entbehrlich. Aber nicht nur grammatisch ist 
der Schlußsatz in 393 befriedigend, auch der Inhalt des Schloßea ist 
ausreichend. Ganz behaglich und breit werden Reflexionen angestellt 
über das große Drama, das sich eben abgespielt, auf die Berühmtheit 
des Stoffes in Deutschland wird hingewiesen, und daß nun die Pro- 
phezeiung der Erka sich erfüllt habe. Cap. 394 war danach ziemlich 
überflüssig. Wir möchten glauben, daß es nicht zu der Vorlage gehörte» 
die Nr. V vollständig abschrieb^ und daß der Bedacteur es ausetaen 
ließ als weitere Ausführung der Hinweisung auf deutsche Quellen im 
Schluß von 393 und zur besseren Beglaubigung der ganzen Oeschiichte^ 
die zwar aus einer nordischen Quelle abgeschrieben sein mag, i^ber 
doch mit Veränderungen. Beispielsweise konnte eine selbständige 
nordische Niflungasaga, die nach den Nibelungen gearbeitet war, sehr 
wohl den Wolfhart haben; da die f^idrekssaga ihn aber bei GhxBnsport 
fallen lässt, so musste er hier entfernt werden. Der Bedacteur hat 
übrigens sonst schon genügende Beweise eines nicht gerade verständigen 
und gewissenhaften Verfahrens gegeben, daß man ihm diese Rinftihrong 
von Soest auch zuschreiben darf, dieselbe ist allerdings geradesa 
litterarischer Betrug, da er sich sonst Hunaland nicht in Westfalen 
dachte. 

Wir wollen noch auf einzelne Einwürfe eingehen, die Storm g^egen 
Dörings Meinung, und, da wir dieselbe im Grunde annahmen, gegen 
die unserige erhoben. 

Storm gesteht ein Zusetzen einzelner Sätze durch den ^Verfasser 
der Saga in redactionellem Interesse zu, dieselben sind doch aber nicht 
so gar unbedeutend, gerade durch die versuchte Ausgleichung zwischen 
Isimg und Artus, die Storm S. 127 als solcheu Zusatz bezeichnet, ent- 
steht die heilloseste Verwirrung. Seite 116 gibt er ebenso das Aufnehmen 
einzelner nordischer Namen (Gram, Grane) zu, verwahrt sich aber gegen 
die Annahme eines Einflusses von den eddischeu Gedichten, beziehonga- 



r 



ZtrR THIDREKSSAGA. 187 

weise deren nordischer Verwandten, welchen doch offenbar jene Names 
entstammen. Bei diesen wird man aber nicht stehen g'ebliehen sein; 
die Einftlhning einer ganz fremden Geschichte unter bekannten Nameu 
bei einem sagenlicbendeii Volke masste anf Widerstand stossen nnd 
eiue AngleichuDff an die vertrauten Gebilde war durchaus geboten. 

Ebenso müssen wir die Ansicht Storma bestreiten, daß nordische 
Sitte keinen EinfluÜ geübt habe ; der beste Beweisgrund Dörings blieb 
unwiderlegt Aber selbst nordischer Patrlotiamus wirkte bei der Com- 
poeition der Saga mit. Wir behaupten nicht, daß Yidga ursprünglich, 
und derVolkaüberlieferung gemjtli im Norden localisiert war; der Saga- 
schreiber jedoch konnte sehr leicht darauf verfallen, es zu thno. Irgend 
wohin muBste er ViÖga setzen j als Sohn Velents aber, der dem Norden 
im Gegensatz zu vielen andern Gestalten der Sage altbekannt war, 
lag es nahe ihn mit seinem Vater auch dort anzusiedeln. Eine gewisse 
Vorliebe zeigt der Verfasser filr diesen Helden dnrchweg. Er Überstrahlt 
an Kraft, an mnthiger und edler Gesinnung für den Leser gar oft seinen 
König, dessen Größe der Schreiber mehr durch Worte bezeugt, bei 
jnnem lässt er die Thaten sprechen. Wenn Storm S, 114 über Müllers 
Worte: der nordische , Übersetzer habe Vidgas Kühnheit in besseres 
Licht setzen wollen, um des Nordens Ehre aufrecht zu erhalten , spottet, 
dann sei es ja dumm gewesen, ihn vor Jiidrek fliehen und durch den- 
selben tßdten zu lassen, so verkennt er im Grunde damit ganz den 
ethischen Gehalt der Sage; Vidga flieht mehr den inneren Widerstreit, 
als den Kampf mit [jidrek, auf ihm lastet die schwere Schuld des ehe- 
maligen Herrn Bruder gefällt zu haben, die ihm das Vertrauen raubt 
in seine Kraft, welche er sonst mit der fiidreks zu messen nicht ge- 
fürchtet. Die Art, wie f>idrek ihn später tödtet, nach Entwendimg 
seines Schwertes, gereicht ihm gewiß nicht zur Schande; endlich konnte 
doch ein Bearbeiter der Soge Dietrichs seine Sympathie filr einen 
andern Helden nicht so weit treiben, dall das Ganze sich verkehrte, 
daß l>i(trekr etwa durch Vidga besiegt ward, ihn floh oder durch ihn 
fletl Die Vorliebe des Verfassers ftir diesen Helden zeigt sich aber 
bei jeder Gelegenheit, man vergleiche nur den ,Zug nach Bertangaland'. 
Storm S. 116 wirft ein, ein Norweger habe sich mit den Dänen im 
13, Jh. den Deutsehen gegentlber nicht solidarisch gefilhlt. Ob die Leute 
der alten dänischen Zunge' nicht doch ihre größere Verwandtschaft 
achteten? FUr unsere Saga scheint wenigstens Storms Einwurf die 
Stelle zu widersprechen, wo Cap. 215 der Isungssohn zu (lettleifr sagt: 
nicht gebe ich so meine Waffen auf, |>ottu ser danskr oc enn ro^esti 
ofmajtuadarmadr ; in diesen Worten bricht der ganze Stolz des Schreibora 



188 TEEÜTLER 

auf seinen nordischen Landsmann durch; man wird sie kaum ironiBeh 
fassen dürfen, etwa = wenn du auch ein dänisches Grofinmiil bist', 
doch selbst dann spiegeln sie nicht weniger das Hochgefühl des Ver- 
fassers über den stammverwandten Helden, wenn man sie mit der 
weiteren Erzählung zusammen hält^ wo dieser Spott von Grund aus 
widerlegt wird. Bei den Kämpfen in Bertangaland siegen von ]>idrekB 
Genossen — er selbst als Hauptperson der Saga durfte ja nicht unter- 
liegen — nur die beiden Dänen^ })ettleifr und Vidga^ und noch Aum- 
lungr, dem man eine Genugthuung für das Vorhergehende schuldig 
war; in A wird später sein Ruhm auch noch geschmälert 

Endlich erfährt Döring scharfen Tadel von Storm, S. 118, daß er 
die Tödtung der Eoiemhild durch Dietrich ftir zufällige Übereinstinunuiig 
zwischen der })iärekssaga und dem Anhang zum Heldenbuch erklärt 
Welcher Zufall ist wahrscheinlicher, den Döring hier, oder den Storm 
S. 196 annimmt? Wenn ein Mann in schwerem Kampf zwei O^ner 
gefangen, und es vergreift sich jemand an ihnen, wer wird da nicht 
auf den Gedanken konmien, jenem selbst die Rache zuzoBchreibeiiy 
obschon in der ursprünglichen Geschichte dieselbe auf einen andern 
zurückgeführt sein mag? Aber werden zwei verschiedene Verfasser, 
unabhängig, ebenso leicht auf die Idee verfallen, ihren verschmachtenden 
Helden im Kampfgetünmael Blut fbr Wein trinken zu lassen? 

Die Ansichten Storms und Raßmanns über das VerhältniBS der 
Piärekssaga zu ihren deutschen Quellen ^ vermöge der verschiedenen 
Einschränkungen, die nöthig wurden, ziemlich verwickelt, hoffen wir, 
so weit sie dennoch den gewissenhaften Anschluß des Verfassers an 
seine Originale verfechten wollen, im einzelnen zurückgewiesen zuhaben. 

Die Piärekssaga ist leider nicht als die reine und defihalb an- 
schätzbare Quelle unserer Heldensage anzusehen, wie es der Brauch 
war. Wohl bietet sie manches sonst verlorene, und deßhalb hat sie 
immer noch eine ziemliche Bedeutung; aber Treue im Einzelnen kann 
man ihren Berichten nicht zuschreiben« Sie ist von einer überaus ge- 
mischten Herkunft Der Inhalt der hochdeutschen Epen ward durch 
Niederdeutsche dem Norden vermittelt, diese Erzählungen wurden zu- 
erst wohl einzeln in nordischer Sprache aufgezeichnet und zu kleineren 
Gruppen zusammen gefasst; hierbei mag schon vieles sich verändert 
haben, manches verblasste, manches gewann durch nordische Anschauung 
andere Farbe, die Motive wurden umgewandelt und die Handlung zu 
andern Zielen gewendet; die Hauptverderbniss aber brach erst herein, 
als diese kleineren Gruppen in die größere, die sich unterdessen als 
Piärekssaga herangebildet hatte, von einem Überarbeiter dieser herein- 
gezogen und trotz allem Widerstreben in dieselbe verschlungen wurden. 



w 



7.1TK THIDKEKSSAGA. 



189 



Hier trat eine starke Umbildung einzelner Sagencleniente ein, zu litte- 
rariachem Zweck eines Einzelnen, also durchaua unorganisch, nicht in 
der lebensvollen Wandlung, wie eie das fortschreitende Bewusstsein 
der Menge, dea Volkes veranlasst. Hylt^n-Cavallius in der Vorrede zu 
seiner Ausgabe der Saga om Didrik &f Bern, Stockholm 1850 — 54, 
Seite X stellt den Sagasch reiber, der die einzelnen Theile zum Ganzen 
einigte, mit dem Volksleben, das poetische und märchenhafte Züge 
trägt, sie trennt und verbindet, geradezu zusftmmen. Gewiü mit Unrecht. 
Denn hätten wir in der {"idrekssaga eine genaue Aufzeichnung dessen, 
was das nordische Volk sich erzählte — und hätte es immer seinen 
Stoff ursprünglich aus deutscheu Liedern erbalten und ihn umgestaltet 
— so hätten wir in ihr immer eine Quelle lebendiger, wirklicher Helden- 
sage, auch unserer deutschen, freilich in einem späteren Enlwickelun ge- 
stände ; so aber geht vieles auf die Erfindung eines Einzelnen zurück, 
der, wie Döring richtig sagt, einen Roman schrieb, und das eigeatliche 
Leben dieser Gebilde beginnt erst nach der Pidrekssaga, in den Volka- 
liedem des Nordens. Das aber, was sie selbst bietet, hat so nie, oder 
uur im Kopfe eines oder weniger gelebt. 

Die Hauptschuld der Entstellung, im Großen und Ganzen, trifft 
den Zusammeuarbeiter, — wenn man bei dessen Zwecken von einer 
Schuld reden dürfte — wer im Einzelnen sie veranlasste, das wird 
sich nicht ausmachen lassen, es mügeo dabei die deutschen Eauäeute 
auch nicht ganz unbetheiligt sein. Aber zu bedauern ist, wenn Slorm 
diese Frage gleichsam zu einem Streitpunkt nationalen Stolzes machen, 
seinen Landsmann, den Verfasser ganz rein waschen und den ehrbaren' 
(hacderlige) Handeleleuten aus Deutschland alles verdrehte und alle 
spießbürgerliche Nüchternheit in die Schuhe schieben will, (S. 130, 131.) 
Wenn sich Züge von solcher häufig finden, könnte man sie wohl eher 
dem einen Verfasser als allen Gewälirsmännern beimessen; und wenn 
dieselbe seiner Natur ganz zuwider war, konnte er ja z. B. in der An- 
gabe über Hildebrands Alter bloß den Liedern folgen. Aber das ist 
die geringere Frage. Wenn wir unsere Saga, die lange filr den theuer- 
sten Ersatz vieler verlorener Lieder gebalten wurde, in kritischen 
Zweifeln zu der wenig genußreichen Hülle, der der beste Kern fehlt, 
zusammenschrumpfen sehen, so werden wir diesen Verlust beklagen, 
aber es ist besser ihn nicht zu beschönigen, denn nur wenn wir das 
Falsche und Unechte durchschauen, 'werden wir zur Erkenntnias des 
Keinen und Echten in unserer gewaltigen Heldensage, die auch zum 
großen Thcil gemeinsames Erbgut unserer nordischen Brüder ist, ge- 
langen. HUGO TKEUTLER. 



190 A. EDZARDI 



/ 



DIE STUTTGARTER OSWALTPROSA. 



L 

Am Schluße seines Buches ^Die Oswaldlegende etc. 1856'^ machte 

Zingerle in Folge einer Notiz Franz Pfeiffers auf eine in Stuttgart 

befindliche Prosaauflösung des Gedichtes von St Oswalt aufineibam 

und ließ im Anzeiger 1857 p. 38 ff. zwei kurze Stücke daraus nach 

Pfeiffers Mittheilung abdrucken. Das eine Stück steht Bl. 258* bis 259* 

xmd entspricht den Versen 632 ff. Ettm. ; das andere ist der Schluft 

BL 28(y* = Ettm. 3385 ff. Die wenigen einleitenden Worte bringen 

kaum etwas neues. Es wird daher eine ausführliche Beschreibung der 

Hs., zumal soweit sie unsere Oswaltprosa enthält^ wohl noch am 

Platze sein. 

Im October vorigen Jahres war es mir durch die G^te des Herrn 

Oberstudienrathes Prof. Hejd in Stuttgart, der mir die Benutzung audi 

außer den gewöhnlichen Bibliothekstunden gestattete, möglich, auf der 

dortigen kgl. öffentlichen Bibliothek in den wenigen Tagen meines 

Aufenthaltes eine sorgfältige Abschrift der Prosa zu nehmen, von der 

ich den größesten Theil^ darunter die hier gedruckten Partien, einer 

nochmaligen sorgsamen Vergleicfaung unterzogen habe*). 

Die Hs. (cod. theol. et phil. 81. Papier 4^ zählt 294 Blätter, blatt- 
weise paginiert, von denen inmitten und am Schluße mehrere leer ge- 
lassen sind. Die Lagen haben -verschiedenen Umfang. — Sie enthält 
eine ganze Reihe von (legendarischen) Prosastücken, die im Register 
{Die taud difi buchsy steht voran, nicht mit pa^niert) aufgezählt sind. 
Darunter ist eine Barlaam- und Josaphatprosa, Bl. 135 ff., die, soweit 
mir bekannt, noch nicht benutzt ist. Auf der Rückseite dieses nicht 
paginierten Blattes steht : Diß buch gehört in daz closter Ruths pdiger 
Ordens**). 

Auf Bl. 253** (unten) bis 281* steht die Oswaltprosa (im Register 
y^ixm 9€mt OsvxxU^). Sie bricht etwas vor dem Schluße des Gedichtes 



*) Die übrigens nur Berichtigangen in unweseiitlicheo Pankten ergab. 
**) Mein Freund Dr. N. Beeck m&cbt micb darauf aufmerksam, daß Rente 
5 Kilom. W-S-W von Waldsoe im würtembergischen Donaukreise nach Neumann, Das 
deutsche Beich u. s. f. 1872 ff. ein Franziskanerkloster und eine Wallfahrtskirehe 
gehabt hat. Dieß scheint, soweit ich zur Stunde anzugeben vermag, der einzige Ort 
dieses Nameoa m sein, in dem sich ein Kloster nachweisen Ifisst, und da die Hs. in 



DIE STUTTGARTER OSWALTPROSA. 191 

ab mit Damach weret ir leben nit lang (vgl. Ettm. 3444), obgleich 
noch Q Zeilen Raum auf der Seite ist. Die folgende Seite 281^ ist leer. 
Dann folgt, enger und zierlicher geschrieben, von einer ähnlichen Hand 
(wohl nicht derselben) ein anderes Stück, im Register benannt y^Aher 
ein hübsch exempel von de grauen Guido . . .^ Die einzelnen Stücke 
sind von verschiedenen Händen geschrieben, doch immer mehrere von 
derselben Hand. So hat auch der Schreiber der Os^raltprosa noch 
andere Stücke geschrieben« 

Der Einband scheint alt zu sein: auf der einen Seite vom ist ein 
Pergamentblatt eingeklebt, auf dem sehr sauber lateinische Worte mit 
Noten geschrieben stehn. Die Innenseite des Rückdeckels trägt gleich- 
falls auf einem eingeklebten Pergamentblatte eine lateinische Notiz 
mit der Jahreszahl (in Worten) 1481. Diese Notiz ist offenbar von 
jüngerer Hand als die Hs. selbst, so daß diese in den Anfang des 
Xy. Jhs. zu setzen sein möchte*). Zwischen Bl. 278 und 279 kommt 
ein Pergamentstreifen zum Vorschein, das Ende dieses Pergamentblattes. 

Ich lasse hier den Anfang folgen, indem ich die entsprechenden 
Verszahlen des Gedichtes nach Ettm. zur Vergleichung von je 10 zu 
10 Versen, soweit thunlich, an den Rand setze. Die Orthographie der 
Es* ist genau beibehalten mit folgenden Ausnahmen: 1. ^ ist durch z 
wiedergegeben, das Zeichen j0 aber beibehalten. 2. e und / gebe ich 
gleichmäßig durch s. 3. u und v habe ich nicht streng geschieden. 
4. Den Strich über einem Vocal am Ende, wo er unzweifelhaft ab n 
zu lesen ist, habe ich mit n wiedergegeben; wo aber ein Zweifel mög- 
lich oder sicher m zu lesen ist, lasse ich den Strich. 5. y mit Punkt 
darüber gebe ich durch einfaches y wieder« 6. m und n (außer vn) 
habe ich. stets in mm und nn au%elöst. 



Stattj^art sich befindet, ist es auch deßhalb schon wahrscheinlich, daß die Hs. diesem 
nahegelegenen würtembergischen Kloster angehörte. Es müsste dann Predigerordens 
hier ausnahmsweise die Minoriten (sonst immer Dominikaner) meinen oder bei Nen- 
mann ein Versehen vorliegen. Der Dialekt der Oswaltprosa wfirde in sofern dazu 
stimmen, als die 2* pl. (ind. u.) imp. auf -ent ausgeht and % und ü nicht in ei nnd eu 
übergegangen sind. Anch die Anfügong des e, namentlich in der (1. und) 3. sing, praet. 
(z. B. Harhe, käme, schiede, spräche n. s. f.) nnd in andern Fällen (z. B. dteiute^ aale (?) 
n. s. f.) würde dem wohl nicht widersprechen. Dagegen stimmt dnrchans nicht dazu 
das anlautende d, entsprechend hochdeutschem ^ welches (z. B. in doff, doehier^ dii 
n. 8. f.) nicht selten auftritt. Es müsste sich denn dieß aus dem Dialeete der Vor- 
lage erklären (?). Anlautend steht fast durchweg 6, doch auchj»: pügerm neben hilgerm. 
•) Pfeiffer gibt nur an „XV. Jh." Das fflr das Alter der Schrift in Betracht 
kommende fi findet sich schon Ende des XIV. Jhs, Wattenbach, Lat. Palaeogr. im 
Anhang p. 16 führt an: waßer (1387). 



192 A. EDZARDI 

Auch die Interpunktion der Hs., die z. Th. vom Rubrikator her- 
rührt, habe ich genau wiedergegeben. Es ist zu beachten^ daß dieselbe^ 
nicht selten mit der Verstheilung zusammenfällt. 

Roth unterstrichene Worte gebe ich durch cursiven Druck, die 
in der Hs. roth durchstrichenen Majuskeln (und Minuskeln) durch 
fetten Druck wieder. Wo mir die Lesung eines Wortes zweifelhaft 
war, habe ich eine zweite mögliche Lesart in Klammem mit Frage- 
zeichen dahinter gesetzt. Die Überschrift ist mit rother Tinte geschriebeD, 
desgleichen das erste D des Textes, welches sich über zwei Zeilen 
erstreckt. 

Von de hoehgelopten muten uii edeln kOnig sant Oswalt vihi 

engellant 

Der liebe milte h^re Sant Oswalt was ein könig zu engellant 
uü was so gewaltig dz er zwelff könig un königrych under 
im het Vnd XXIIII' hertzogen un • XXXVI • Grafen vn IX bi- 

20 Bchoffe^ Nu sterbe sin yatt' un muott^ do er nümen (sie) XXIIII 
jar alt was Do was er in grossen sorgen, wan er noch so jung was 
dz er sich nit v^sjnnen kttnt als jm wol not were Doch wie jung 

30 er was so v^gaß er gottes nit, er trachtet alleziit wie er got wol 

43 gedienen möchte. Eines nachtes lag er un gedacht sin, Dz es 
nit gut were dz er on ein irauwe were, Wan stürbestu so würde 

52 dz ryche erblose Also gedacht er hyn vn here wo er ein junc- 
frauwe möcht finden jn allen sinen königrychen di im gemesse 
were, Vn do er entsliefie do kam ein engel zu jm der spräche 

60 Ich wil dir raten edeler ftürste Nym dir kein frauwe jn dine lande. 
Wann du must über mere faren mit eine großen here nach einer 
heidischen königin die wirdestu here bringen, Un must nach ir 

70 in die heidenschafft faren vn da cristlichen glauben meren Dz ist 
gottes wille un siner lieben mutt^, Do sant OsioaU die rede v^nam 
Do fireuwet er sich und sprach O hoher himmelfürste so hilfi* mir 
über dz wilde mere, Dar nach lag er in sorgen die lange nacht 
biß an den dag Wie er im einen synne erdechte di er die 

80 sinen zu samen brechte, Vn hieß jm do brieff schrjben vn sant 
hotten jn alle sin lande vn enbote allen sinen landes h^ren , ds 
sie balde geyn hoffe kemen, Wan er wolt rat von jn nemem (sie), 
Do kamen 'XII' könig (254^) iglicher gekrönet mit einer gülden 
cronen, Vier undzwentzig hertzogen vn sehs un dryssige graffen 

90 kamen auch mit rittem un knechten un mange werde man. Es 
101 kamen auch zu hofe nüne bischoffe mit grossen eren, Do sie nuo 



w 



DIE STirTTGAKTF.K fiäWA 



193 



alle geyn hofe waren kommen vri dz saut Oswalt v'nain, Do 

llOgicnge [er?] uoder ju ilinb vii enpfing sie gar wirdiglich, Fryen 
un grauen, Ritt' an knechte, Vu ain lanäea berren jederman 
enpfing er nach aiue gealechte, Darnach lüde er sie zu disclie 

122 Vn do man den h'ren waaser über die bende gegabe, Do »atzt 
man eie zu disch jglichen nacb siner wirdikeit, Vn böte es im 
wol als ea dann wol zarae köuiglicber rycheit, Also hatt der Edel 

135 könig wirttschafft mit den h'ren vii weret der hofe wol 'XII" dag. 
Do nii die wirtBcbafft ein ende hatt, Do ging sant Ostcalt für den 

140 dische vn sprach nu merchet micb alle min landes b'ron was ich uch 
babe zu sagen. Waa ich (Ich nit umb HÜst han zu samen bracbt 

145 Einen rat wil ich von Ueh nemen, Do ratent mir daa beste als 

155 ich üch dann getrftwe Kitnnet ir mir jrget vnder cristen oder 
beiden gezeigen ein köningi» edel lyche, schöne tb jung' die mir 

lOfi gemease sy, Die hrcn sahen ein ander an vnd gingen dry dag 

171 mit einander zu rat vn kunten kein finden, Vn also sprachen sie 
zu de h'ren dem könig' (255*) ll're nu rieten wir üch gern daa beste, 
so kUnnen wir üch nit geraten waa una joch darilmb geschieht 
Wir finden uyerget Üwern genosaen jn zwölff königrychen weder 
under üwern früuden noch eigen lüten deU glaubent una edeler 

182 könig' Wir wissen niergen kein königin die üch möge geaymen 
zu einer frauwen, Do sp'cb könig Oswalt Künnet ir mir danu 
nit geraten, so farent wider hey zu lande Got mild üch alle be- 

190 waren, Vn also gab er den h'ren vrlaub. Vn sie füren wider 
hey' Do was könig OswaÜ triirig' dz jm die h'ren keyn königin 

195 mochten gezeigeu die für in were, Nj kam uff sinen hoffe ge- 
gangen ein edeler pilgerin woi getane (der hieß Wai-viünt]*) der 

203 trüge einen palmen jn siner hant Vn grüst fgrüat?) aant Oftcalf' 
Do in der könig an aach Do enpfing er jn früntlich, wann er 
hatt vii v'm'imen von siner künate Vu ap'c.h biß mir wilkumen 
R^arTnünf lieber bilgerin Aber etliche bücher sagen Ks were 

211 ein engel, Do nam sant Ostvalt den bilgerin jn sine arme vn fürt 
jn mit jm allein jn eia beste keminat Vn sprach zu jm Edeler 
pilgerin aag mir kanstu mir jrget vnder cristen oder beiden ge- 

221 zeigen ein kCnigin schöne vnd wol gestalt vn dnrzu jung (jung?)' 
die mir gezeme zu einer königin über min Ryche, Do sprach der 
pilgerin' Mir sint LXXII. lant bekant' vn ich wil dir sagen 
edeler üQrste Einhalbe des meres do weyU ich ci königin die ist 



*} Dia ^ngekiavimerlen Worte tiehn o 
GEEMANIi. Star Bcibe TIIL (II. J J.bt^-vt— ' 



Bande. 



194 A. KnZAKDI 

230 80 schone dz ich nye [kei] *) schöner gesach^ Sie (255^) ist dann 
jang fmm vn tügentlich vii zimmet dir wol zu einer kdnigin 

240 Vnd heisset dfe schöne Frawe jPauge**). Ir vatt* sitzet jn de 
lande Araon (sie) vfi ist ein heyden vfi sie ein heidische königin 
vn sie yfi ir juncfranwen glaubet an got vü an sin matter tu 

248 habgt cristen glauben hejlich vor de heldische könig' West er es 
aber Er neme jn ir leben . vn sie weiten gern gedaufft w^den, 
so habet sie nieman der in darzu helffe, Do sp^ch der edel könig 

254 sant OswdU' Nu muß ich über dz [wilde] ***) mere^ jch wü jn zu 
der dauffe helffen vn solt es mir an min leben gene' Darnach 
sprach er Nu solt ich einen botten haben über dz wilde mere zu 

260 der werden königin' der mir erftbre weß ir zu mAte were, weit 
sie cristen glauben han dz sie mich daß ließ wissen ^ so breoht 

265 ich zu samen ein michel here vfi Aire über mere nach ir ' Do 

268 sp'ch der bilgerin h're ich sag üch das ftbr war dz ir aie mit 
allen üwem sjnnen nymmerme gewinnen möget Es tfie dann got 

281 selber sin stüre darzu ' Sant OswcJt sp^ch jch tue es jn sinS namS 
vn getrttwe jm er helffe mir zu der edeln königin ' Damach fraget 
er den bilgerin vn sp'ch Sag mir Warm&nt ' sinen rechten namen 

290 wann er dir doch wol ist bekant Der bilgerin sp'ch Dz wil ich 
gern däne Er heisset der Ryche könig von Appion (sie) 'Do 
sprach sant Oswatt Nu soltu min bot dar sin Dz er mir die june- 

299 frawe (256*) gebe, Der ümb gib ich dir Rychen solt Ein herzog- 
tume wil ich dir geben. Wann du magst mir die botschaffi mit 
eren wol töne, Do sprach der pilgerin Deß überhebe mich 

309 lieber h're, Deß beiden gewalt ist so groß es kam nye kein botte 
dar, er habe jm dz leben genömen Vnd wer in bete tlmb die 
künigin (sie) dem slüge er das haubt abe ' Er hat auch geswoni 
er wolle die docht^ nieman geben alle die wyle er dz leben hat^ 
wann er hat dz jn sine m&te dz sin got wolle vnderstene, sterbe 

320 jm die alte königin so wolle er sin docht^ nemmen, Do sp^ch sant 
OfwaU, Dz sol got got selber understonef) dz der beide sin docht* 
nit selber neme 'sie sol werden zu einer cristenin, Nu habe ich 
mangen stoltzenff) dienstman die fUr ich über mere vfi filr sie mit 

331 gewalt danne, Do sprach der bilgerin Er hat feste ufi gute bürge, die 



*) kel Übergetchrieben, 

**) Nicht ganz deutlich, aber schwerlich Pia, toie im Anzeiger o. a. 0. tmgegebtm 
vyird, tooAZ Pan^ = paiinf; (oder pain^) 8; vgl. Germ, V, 165 Anm, 
**•) vrilde iibergeichriAen. 
f ) Sic, toohl nur verschrieben fiir ondersteDe. 
ff) Hinter stoltzen ist man durchstrichen. 



DIE STUTTGAUTEK OSWALTPROSA. 195 

vor schaden wol behut sin ' dz cristen vll beiden • vli alle die weit 
din eigen were vfi bettest dicb fUr sin bfirge gelegit da möcbtest 
ir doeb nit gescbaden, du müstest dar vor ligen * XXX * jar 

340 dannocb würdestu nit balde jnnen wie die juncfrauwe ist gestalt ' 
Damacb spraeb der bilgerin H're nun folget miner lere jcb wil 
ücb raten als ein getrttwer man, Du bast uff dine boffe einen 

350 edeln raben erzogen. Den soltu zu eine botten baben der Rabe 
sol dir es baß werben dann kein wyser man, Er ist dir nützer 
dann santestu ein gantz bere über mere Wann got bat es jm ge- 
botten vn er ist redende worden, Do spraeb sant Oswalt: leb 

360 ban jn erzogen wol zwelff jar dz icb keinerleye stimme oder wort 
nie von jm v^nam ' Do spraeb der bilgerin , könig (256^) Oswalt 
dir wirt nocb wol kuat, scbick balde nacb dem Raben ' sy er nit 

370 redende worden so slag mir min baubt abe ' ISant Oswalt biefi 
jm balde den raben bringen Nu was der Rabe uß geflogen vfi 
uff einen beben bau gesessen. Deß truret der könig gar fast Dz 
er den raben nit mocht gebaben, Vn spraeb zu de bilgerin Nu 

380 rat wie wir den raben von dem bau bringen, Do spraeb der pil- 
gerin HVe jr soUent iucb wol gebaben wann got sendet ucb üwem 
lieben raben sebier bere zu bant scbieket es got, dz der Rabe 
käme ber abe geflogen für den milten könig sant Oswalt ' vn gab 

390 im [got]*) die gnade das er alle sprachen reden kunt, Do der 

401 Rabe nu uff den disch was kummen, Dz erst wort das er je ge- 

400 spraeb do cnpfiug **) er den bilgerin vn sp*cb Bis mir got wil- 
kume {sie) warmünt edeler bilgerin, Do das der Edel könig sant 
Oswalt bort, wart er über die masse erfreüwet vn sprach zu de 

410 pilgerin Warmiint du solt mir v*geben dz icb dinen werten nit 
glauben weit' Du solt fürwar wissen dz icb jn zwelff jar erzogen 
ban vn ist das dz erst wort dz icb je von jm gebort. Darnach 
sprach der Rabe [zu sant Oswalt]***) H're merke was icb dir sage, 

420 Du bettest kein meschlich stymme von mir nymmerme v*nomen 
Dann dz dir die gnade von got ist vUichen, Du wirbest vmb ein 
edel königin zu der wil ich din bot sin vli wil dir die botschafft 
werben, solt es mir joch dz leben kosten. Ich er-(257*)wirbe dir 
die königin, oder du gesibest mich nymmermer jn engellant, Sant 

429 OswaU kust den raben vn sprach jcb ¥ril got imer dancken dz 



*) got iiberguehneken, 
**) WdrÜieh so; ea sehekU eluxu su fehlen. Auch in M tmd 8 (I kommt an dieser 
Stelle nie?U m Betracht) »ehaint der Text verderbt. 
♦*♦) übergeschrieben. 

13* 



19G A. EDZARDI 

ich dich han erzogen, Do sprach der Rnbe, li're folge minc rat 
vn heiß dir balde einen goltsmilt bringen tb beiß mir alles min 

437 gefider mit rote ^olde beslagen vn el gülden crone nff min baubt 
wircken wenn ich dann kumjne under die heidenschaffle'ao mag 

451 ich deate baß fride han für fahen uü schiessen vn werde schöne 
enpfangen von frauwen Rittern uü knechten, Vn mag deate baß 
gereden wann ich also mit eren kumrae gefaren, vnd mich jeder- 
man gern sieht ' Man hat den man als man jn sieht vfl achtet 
nit gnter witze. So ich dann komme zu de Rychen ktinig Araon 

460 vn zu ainer lieben docht', so sag ich in die botachaffte ^ii der 
jungen (jungen?) könjgin dinen dienste, Sant OawaU. folget des 

464 rahen lere vn sant balde sinen kemmerer nach eine goltsmit,*) 
Do der goltamitt kam {Ettm, 481—507)**) va jn der könig an 

509 sach Do griist er jn vn sprach zu jm , Meister ich han nit umh 
allst nach Uch gesant Ir sollet mir mine rabe schöne bealagen mit 

520 golde sin gefider vn jm ein gülden crone iifF sin haubt wircken 

618 Wann ich wil jn z« hotten senden. Dz so er kumme under die 
beiden dz man aehe dz er eines rychen h'ren borte ay. Der meist' 
8p"ch h're was ir wollet vn gebieteiit dz dune (257°) ich gerne 
No was der meister ein kUnsterycher man vn nam den Raben zu 

529 jm vn trug jn jn sin smitte vfl halt jn bi im dry dag vn dry 

nacht vn wircket an jm***) nacht vn dag, An de vierden mor^n 

541, 549 do het er den raben schöne bereit Va nam jn uff ein hant vn 

550 ging do mit zu hoffe, Do er den konig fant vn sprach Edeler 
fUrate ich han getan nach Uwerm willen vR han zwelff marck 
goldes wol v'dienet Der hochgelopt könig sprach Meister die wil 

560 ich Uch gerne geben vnd hieß do den kemerer balde bringen zwelff 
marck rotes goldeaf) die gab er de meist' vn er schiede fröUch 
von dannen, Darnach sprach der Rabe H're nu folget miner lere 

570 vn heißet [uchlff) brieffe scbryben zu der werden königin 



•) Eier »ehtini die Hi. "M, Vorlage von Ml und «, eine Reihe von Vernn tm- 
abiiclulick üherfprangen lu hcJiea, da dU abbrechende Sletle in M eotUUindig 

**) Die Verie 483— fi06 fehlen >n M durch Abirren de* Schreibert von Ellm. 483 
aa iJein gleiehen Ver»e 503 fl iPcicA/ bed^tUtnd ab und kxnnmt daher nickt in 
***) Ifach jm üt dag autffeilriehen. 

t) In M lauten die Fotm 561—664: Zwelf mark von gol 
De maüt' er do gepot 
D«r kmigk den loKut' idioii beriet 
FroUch er von dannen schied. 
f t) Ofiti om Bandf. 



^ 



lEllm. 483 
'BttroeW^^ 



DIE STUTTGAKTER OSWALTPßOSi. 



197 



sUmet mich (tic) nit lenper, Ir fertiget mich hio*) Der milt 

584 köDig sant Osit'ott Heß zu haut brieff si^hiyben vn v'Gigelt die mit 
sine jngesigel vH stricket dz de raben vnder ein gefider, vD darzu 
ein gülden Jiog'Iin mit einer syden snüre Vn sprach do Nu wol 

591 bin min lieber rabe, Der hiramel filrate got, geleit dicL über dz 
wilde niere zu der edeln königin, Der sage minen getrUwen dienste 
vn dz mir nn got nit üebera sy daun sie mir iet' sie sol ob (50t 
wil min fraiiwe werden, wolle aie {258') cristcn glauben an eich 

600 nemmen, so sol sie mich es lassen wissen, so wil ich ein michol 
here zu samen bringen vfl über mere faren, Der Kabe sprach 
Was ir jr eubietent, dz wil ich ir gern sagen vn ir nichtes v'awygen, 
Bittent die himmelsche königin dz sie mir voq hynnen helffe vil 

610 auch herwider von de heidischen könig dz er mir nit min leben 
nemrae, Sant Oawalt gab jm sant Johannes mynne vli enpfaich 
jn der himelachen königin, Der Rabe spracli Min lieber h're Icli 
enplilbo dich auch vri alle din dienstman got vn ainer lieben mutt' 
vn do mit schiede der rabe von dannen von der bürge Der liebe 
sant Oswalt sach im fast nach vn sprach Himmelsche königtu 

620 jch enpülhe dir den botten, 

Hieran schUeJjl sich das im Anzeiger 1857 mitgetkeilie Slikk, be- 
ginnend mit Do floch der rabe bili an den zebeuden dag etc., wo iihrti/ens 
p. 259' der H». Iiiebe frawe min {nicht nun) zu lesmi ist, wie auch das 
Gedicht an der enlsprechendeji Stelle {.Etlm. 711) liebe vrouwe miu (: din) 
liest. Ferrici- ist am Ende zu lesen das jn der Rabe {nicht vogel) eut- 
runneu was, wie auch im Gedickte [Ettm. 741 = MI) steht. 

Für die Beurtheilung des Werthea der Hb., ihres Dialectes**), der 
ungel^bren Zeit ihrer Niederschrift mag das bisher raitgetheilte ge- 
nügen. Ich wende mich nun zu der Untersuchung, welche Stellung 
dieser Oswaltprosa zu den andern Prosabearbeitungeu, besonders aber 
zu den Hss. des Gedichtes zuzuweisen ist. Die erstore Frage ist leicht 
beantwortet: sie steht keiner andern Prosa nahe, weder der Berliner 
(H. Z. Xnr, 466—491), die im Anfange und am Schlaße mehr hat und 
auch sonst abweicht***), noch der Prosa im Leben der Heiligen, deren 



Vertpaar wi M. welcha in S fehlt nach 676: 
Fertig mich von hinn 
Za d' edet kUDgin. 
nehr zu dem aolautendeD d in dsg u 
,.;e OcdklitliB. zariick, welche luil ■ 
ÜiigiDil zurllck);i^l>[. 




r l^iidlt: vuu S und 



198 A. EDZARDI 

Innsbracker Fassung Zingcrle in seinem angeführten Buche veröflcnt- 
licht hat, eben so wenig der altnordischen Osvaldssaga (Annaler 1854)^). 
Vielmehr schließt sie sich eng an die Hss. des Gedichtes an, hier 
wieder am engsten an die Münchener (M) und die Innsbrucker (I)**)- 
ünsere Prosa entspricht dem Gedichte viele Verse lang wörtlich genau, 
nur daß die prosaische Wortfolge hergestellt ist Ja, es ist sogar wahr- 
scheinlich, daß sie direct aus einer Hs. des Gedichtes als Prosa 
abgeschrieben ist Dieß scheint mir nämlich aus mehreren Stellen 
hervorzugehen, wo der Schreiber zuerst die Wortfolge des Gedichtes 
geschrieben hatte, dann aber in die prosaische umänderte. So steht an 
der Stelle, die Ettm. 1547 entspricht : Nu het sant OswaÜ einen schonen 
hirtze uff sine hoffe erzogen. Dieß erzogen ist aber durchstrichen, und 
es folgt wol achizeken jar erzogen. Im Gedichte aber lautet die Stelle '^**%i 
1547 ff. Nu het er auf seine hof erc zogen, 
Des begund er got vast loben, 
Ainen hirsch [wol S\ achzehen jar. 

Im Gedichte steht 1984: Hat er p rächt über des wildes mores 
fluot; in der Prosa steht: die er hat herbracht Dieses herbraeht ist 
durchstrichen, und es folgt über mere kerhracht. 

Im Gedichte steht 2180 ff.: Die seinen zogten im wirdichleich nach, 

Ir fünfhundert zogten schon 
Mit dem reichen kunig aron; 
in der Prosa steht: vll zugen jrem h'ren nach. Dieses nach ist durch- 
strichen, und es folgt ds Rychen könig Aron nach. 

Im Gedichte steht: 2422. [nu IS] duo es durch die trew dein; 
in der Prosa aber steht: tue es durch miner trUwe willen, und vor tue 
sind zwei Buchstaben roth durchstrichen, doch wohl nuy welches in die 
prosaische Wortfügung wohl nicht gut passte. 

Im Gedichte steht: 3383. den stolczen fursfen her; in der Pkt>8a 
aber: den eddn forsten. Dieß fürsten ist durchstrichen, und es folgt 



*) Über das Verh&ltniss aller Überliefemngen des Oswalt, proitischer wis 
poetbcher, xa einander bin ich zur Zeit mit umfassenden Untersuchungen bescli&ftis;^ 
die zugleich als Vorarbeiten für eine Ausgabe des Gedichtes dienen sollen. 

**) Ich besitze von M ein'k sorgfältige, noch einmal genau revidierte Coüatioii, 
die ich im October 1874 auf der Leipziger Universitütsbibliothek durch gQtige Y«r- 
mittelung des Herrn Oberbibliothekar Prof. Krehl nehmen konnte. Von I hat mir Herr 
Zingerle mit dankenswerthester Zuvorkommenheit seine eigene Abschrift zur VerfQ^foog 
gestellt Von S besitze ich vorläufig noch keine Collation, bin also auf Ettmüllers Aus- 
gabe und die wenigen von ihm angegebenen Lesarten der Hs. angewiesen. 

***) Ich eitlere Überall nach M, die sich als die relativ beste Hs. «oaweiBt^ 
ioweit sich darüber ohne Einsicht in die Hs. S urtheilen lässt. 



DIE STUTTGARTER OSWALTPROSA. JQQ 

vik mtlten ßlrsten (wobei das eingeschobene ufi miüen wohl durch das 
nachfolgende her des Gedichtes veranlasst ward). 

Im Ghedichte steht: 1013 f. die knngin mit ir selb^ hant 

erlöste dem Raben alle seine pant; 
in der Prosa ist D durchstrichen^ dann folgt: Vli sie erlost den fogel 
selber mit irer hant 

Im Gedichte steht: 417. Da sprach der edel Rab: 

Herr merk waz ich dir sag; 
in der Prosa aber heißt es: Damach sprach der Rabe [zu sant Ottocdt] 
H're mercke was ich dir sage^ wo die eingeklapunerten Worte über- 
geschrieben, also nachträglich eingeschoben sind. 

806 im Gedichte steht leben benomen, in der Prosa leben genumen\ 
▼or genumen ist aber ein Bachstabe ausgestrichen: es war zum b an- 
gesetzt. 

538 im Gedichte steht: tcig und av>ch die nacht, in der Prosa nacht 
vfi dag; vor nacht ist aber dag durchstrichen. 

Auch die beiden folgenden Stellen mögen hierher zu ziehen sein. 
An der Stelle die 1609 Ettm. entspricht hat die Prosa zwen berge {berge 
durchstrichen) gar hoch berge. Stand hier in der Vorlage berge [gar] 
hochf Die Gruppen *M und *S weichen hier bedeutend ab. — 3121 
steht im Gedichte . . . auf den subentag (eunnentag S, VII tag I), daz 
ieder . . . S (wo M und I auoh unter einander) abweichen; Prosa: 
. , . an den sibenden dag, Und er gab . • •, vor Und ist D durch- 
strichen (von Dazf). 

Es fragt sich nun, aus welcher Hs. des Gedichtes die Stutt- 
garter Prosa abgeschrieben ward. Da sie häufig noch die Reime 
unseres Gedichtes deutlich erkennen lässt, so ist die Vermuthung sehr 
verlockend, daß sie auch da, wo sie voni Gedichte (d. h. von allen 
drei Hss.) abweicht, noch alte Reimwörter erhalte, mit andern Worten, 
daß sie auf die gemeinsame Quelle von S und MI zurtlckgehe und 
die Reime dieser verlorenen Hs. noch erkennen lasse. Diese Vermuthung 
ist aber abzuweisen. Vielmehr ergiebt sich, daß die benutzte Hs. 
der Gruppe *M angehörte. Die Prnsa bat nämlich einerseits die 
in S nach Ettm. 840 fehlende, in MI erhaltene längere Stelle gleichfalls 
erhalten, ebenso stimmt sie mit den nach 720 erhaltenen sechs und den 
nach 576 erhaltenen »wei Plusversen und noch in manchem andern 
überein; andererseits fehlen ihr die in S erhaltenen, in M und I fehlenden 
Partien Ettm. 483--506 (durch Abirren des Schreibers ausgefallen) und 
745—798. Außerdem stimmt die Prosa in größeren Abweichungen und 



200 



A. EDZÄRDI 



in einzelnen Lesarten in der Regel genauer zu M I als zu S, was nach* 
her an einem Stücke beispielsweise gezeigt werden soll. 

Es bleibt also nur noch die Frage übrige ob unsere Prosa — 
ich nenne sie von jetzt ab s — auf M oder I direct oder auf deren 
gemeinsame Quelle zurflckgeht. Aus I kann sie schon wegen des gans 
abweichenden Anfangs diese? Hs. nicht abgeschrieben sein; und audi 
für M ist dieß an sich nicht wahrscheinlich, da die Hs. M mit der 
Stuttgarter etwa gleichzeitige und, wenn ich richtig urtheile, die Stutt- 
garter eher älter als jünger ist. Wie dem aber auch sei, so folgt aus 
der Übereinstimmung in einzelnen Lesarten mit S gegen M oder I, 
beziehungsweise beide^ daß s auf die gemeinsame Quelle beider 
zurückgeht, aber nicht direct, denn gemeinsame Lesarten von M imd I, 
denen gegenüber die Prosa zu s stimmt, müssen auf eine Abschrift 
jenes Originals der Gruppe *M zurückgehe Derartige Übereinstim- 
mungen sind beispielsweise 804 pringen inne MI gegen S und s, in 
denen inne fehlt, womit auch 803 der S {ir s) gegen die ULI zusammen- 
hängt, femer 820 eben Ss gegen guot MI und 849 eine Hitnime MI 
gegen mit einer stimme Ss. Übrigens zeigt das folgende Probestück, 
daß s, wo es von S abweicht, bald mit M, bald mit I übereinstimmt*). 
Es wird in diesen Fällen immer der Hs. zu folgen sein, welche su s 
stimmt, sofern diese Übereinstimmung nicht eine zTif&llige sein kann« 
Das Verhältniss der hier in Betracht kommenden Überlieferungen , wie 
es nach obigen Erörterungen sich gestaltet, wird also schematisch so 
darzustellen sein: 




M 



*) ZaMreichQ Beiego bringen meine „Untersuchungen**. 



DIE STUTTGARTER OS WALTPROSA. ' 201 

b geht auf eine vollständigere, von X^ unabhängige Hs. zurück^ 
mnd hat mehrmals gegen alle andern Überlieferungen das echte be- 
wahrt (vgl. meine „Untersuchungen^). — Aus dem dargelegten Ver- 
hältnisse der Hss. folgt, daß da, wo MI und S wörtlich überein- 
stimmen und diese Übereinstimmung nicht wohl eine zufällige sein 
kann, s nicht in Betracht kommt Wo aber beide von ein- 
ander abweichen, hat s fast denWerth einer Hs. Wo S fehlt, 
muß das sonst im Gedichte zu beachtende Verhältniss der Prosa zu 
den Qedichthss. den Maßstab für den Werth der Lesarten von s an 
die Hand geben. 

Um nun sowohl von der Übereinstimmung der Prosa mit dem 
Gedichte eine Probe zu geben als auch anzudeuten, in wiefern dieselbe 
ftb- die Herstellung des Textes zu verwerthen ist, stelle ich hier ein 
Stück der Prosa dem (zuweilen nach IS berichtigten) Texte von M 
gegenüber, indem ich die in Betracht kommenden Varianten von I und 
S unter dem Texte gebe^ die daran zu knüpfenden Bemerkungen aber 
erst dem ganzen Stücke folgen lasse. Ich wähle hierzu die an das im 
Anzeiger gedruckte Stück sich anschließende Partie, so daß nun- 
mehr der ganze Anfang der Prosa bis zu Vers 870 Ettm. gedruckt 
vorliegt. Die großen Buchstaben, die M fast durchgehends am Anfange 
der Verse bietet, habe ich nur im Anfange der von mir angenommenen 
ursprünglichen Strophen gesetzt In Betreff der Schreibung gilt das 
oben von s Gesagte auch für M, außerdem gebe ich ü der Hs« durch 
uo und ein w-ähnliches b, welches sich anlautend häufig findet, durch 
b wieder. Fetter Druck hebt die für die Textkritik wichtigen Lesarten 
hervor; gesperrter Druck in den Varianten bezeichnet die Worte, 
welche in einer Hs. mehr stehn, also keinem Worte des Textes ent- 
sprechen; ein Wort in eckigen Klammem fehlt in der betreffenden Hs. 
— Nach der Ettm. 745—798 entsprechenden Lücke setzen M und s 
folgendermaßen wieder ein: 

M 8 

Der edel Rab das d'sach : Daniach gedacht sin der Rabe jn 

hört, wie er wid' sich selb' 800 sich selber, 

sprach: 

Werleich, dew kungin guot Werlich die kOnigin zu der ich 

gesant bin 
ist vor mir recht wol behuot; die ist vor mir so wol behüte 

die stolczen kungin 



803 die MI] der S, 



202 A. EDZARDI 

mag ich d' potschaft nimm' das ich ir die botschafit nit mag 

pringen imi. bringeB 

Wolt ichinderftchtzneirchomen, 809 knme ich in der nacht zu Iti 
80 ward mich lewcht mein villycht wirt mir min leben ge- 
leben benomen. nnmen, 
ich muoB es clagen jmm' mer^ 
daz ich ye pin chomen her: 

ez sei meine herren laid od* zorn^ ©« due mine^h'ren wol oder we 

so han ich all mein arbeit v*lom. ^^ »o han ich min arbeit v*lom 

Also redt wid* sich selben d* rab 

fflüg ich nu fdr den kunigk in Flüge ich filr den kOnig in den 

den sali, sale, 

so fest er noch vfl ist ein grim- so ®r iioch fastet ^ so ist er ein 

mig* man; grimmiger man, 

er gebun mir lewcht mein vünymmet mir villycht min leben, 

leben an. 

Ich wil paiten, pis [daz] er gess ^^ Ich wil beiten biß er hat gesaen 

vü getrinck vn getnincken, 

so mnos im ungemüt sincken so v^sincket jm lycht derunmute, 

ez ward chain Cristen nie so gnot^ 
wen in hangert| erseiungemuot. 

Daz essen truog man auf den Do man nu den köm*g das essen 

tisch dar; uff den disch (209^) trage 

dez nam d' rab vil guot war. gso ^^ ^^^™ ^^^ ^^^® eben war 
do man die lest rieht dar truog, Vn do man die leste richte uf den 

der Rab sich auf den tisch huob. disch trüge, Do flog er auch uff den 

disch 



804 inne auch I, fekii 8. 802 Echt M, acht /, nahe S. 806 lewcht If, 
fekii IS. genament, daioor iHemh durchstrichen, vgl S. 199. 809 laid MI, llep 8, 
Der Vere üt toahrseheitdich aui den drei ersten Versen einer Strophe mtsasMoengmogmu 
811 Der ganxe Vers fehlt L 812 Ylüege 8, mag /. in den sal /Sf] ich venaget I; 
dahinter noch her ahe 8, 813 vast er [noch M\ MI\ yahet er mich 8. [vn] 7. 
grimmer 8, somig /. 814 gewinn /, gewinnet 8. leicht /, fehii 8, 816 piß 

das (das Obergesckrithen) M\ hints /. uns aie gessent nnde trinkent 8, eu^ und 
trinche /. 816 im] der 8, oninnt J. von in 8, Tersinchken /. 817 swar es 
wart nie . . . [nie] 8, 818 er sey MI] erst vil 8, ungemuot 18] zomigs muot M 
819 dar] gar 8, 820 gut /] eben 8. 821 auf den tisch die leste richte I. 
die lesten rieht 8 (Hs,). 822 auf den tisch] dar /. 



DIE STUTTGARTER 0SWALTPR08A. 208 

Doerauf den tisch wazbechomen, vn do er uff den disch kam 
alz wir es seid' haben y'nonen, 

do sprach d' Rah : ^der den 8S5 do sprach er Der den himmel hat 

himel hat besessen (13')| besessen 

der gesegen euch haiden ewr der gesogen uch dz trincken un 

essen, dz essen 

Da mit begund er naigen schon Hier irrte dir Schreiber zu den 

dem reichen kunigk aron etc. gleichen Worten essen vn zu trin- 

ken [M 35] ab. 

Die zwischenliegenden Verse bis 840 enthalten alle drei Hss. des 
Gedichtes^ von da ab nur MI. Diese Verse zähle ich ab [Ml] u. s. f. 

d' kamr säumet sich nicht mer [ü 83] 
vn begund czuo essen vn czu 
trinken tragen her. 

Do man czuo essen vn zu trinken [n 353 

pracht, 
der Rab sich ain' frag bedacht; 
an der selben stund, 
er den kung fragen begund. 

Er fragt in also schon: vll fraget do den könig 

^sag mir, reicher kung aron, [m 40] Sag mir rycher kOnig von Araon 
wer isset dein prot un drinket wer din brot isset vfi dinen wyne 

dein wein, drincket 

dem tustu doch nicht an de de dustu nit an sine leben^ 

leben sein?' 

Der kung sprach unu^porgen: Der könig spräche 

^Rab; leb mir an sorgen: Rabe lebe on sorge 

wer trinkt mein wein vn ist [ii45]Wer min brot isset uHminenwyne 

mein prot, trincket 

der chumpt in chain Schlacht der kttmt von mir in kein not, 

not. 

Hie an dem hof mein 
soltu an alle sorgen sein: 



824 Do sprach der Rab MI] er sprach 8. 826 ewr M8] das I. trinkeo 
oode ezzen 8. 827 sich naigen 8, 

[36] czao fehU L [38] er M, der rab /. [41] praten Z. [42] sein M, 
dein /. [43] chanig /. [44] crabe Mff («o BarUch), mir] BarUch Uut in M 

nur, in I lautet der ganxe Ver» rab du tarst nicht sorgen. [45] izzet /. prat /. 
[47] hoffe 1. 



204 A. EDZARDI 

dein leib ufi dein guot din lybe vll din gut - 

ist] pei mir Recht wol be-[ii90]8ol bj mir wol behate sin, 

huot' (14*) 

Do der Rab die red v^mam, Do der Rabe die rede T^nam. 

wie hart er sich frawen began do begunde er sich ser freflwen 

aller not begond er vergessen vü vergaÜ aller not 

und begund frolich trincken vn begunde frölich essen v& 

vn essen. drincken, 

Als cf rab gas vü getrank, [M Ml Do der Rabe nn gaü vn getranck, 
erst gwan er mangen gedank, Do trachtet er 
wie er mit seine getracht wie er 

den haiden der potschaft innen de beiden sin botschaffte ftlr ge- 

pringen mächt leget 

Er sprach also schon: 841 Vn sprach 

„O Edler kungk aron, O Rycher könig, 

du dunkest mich ain yest^ man, du dttnkest mich so herlich 

daz ich dir mein potzschaft da ich dir min botschafil nit ge- 

nicht gesagen chan« sagen kan. 

Du wellest mir dan deinen frid 845 Du wollest mir dann einen fride 

geben, geben, 

Paidew meine leib un meine beide mine lybe vn mine leben. 

leben^ 

so wolt ich dir sagen drat, so wolt ich dir sagen 

was man dir enpoten hat* was man dir enbotten hat. 

Der heidem sprach ein stimm groß, Der beide sprach mit einer grossen 

stymmen 
daz ez in dem haws er doß; 850 dz es jn de sale erhalle. 



[49] deiD Uib 7, den leib M. [60] pey 1, pein iL [Recht] /. [61] d* Hab Jf] 
er 7. wol veniam 7. [62] Wie hart M\ zehant 7. pegan 7, do begaoä M, [65] 
tranch und gas 7. [66] Der gamase Veni alles laides er gar vergas 7. [67] Dv 
gana» Yen: er gedacht in seinem gedecht 7. [68] 7>er ganze Fert: wie er den 

chonige die potschaft in precht 7. 842 O If] o dn 8, fehU 7. Aaron 18. 

843 7>0r Vert fekU in 8. 844 nit 7. mine botschaft an nn niht lenger Terdagen 

kan 8. 846 du weitest 7] und ir wellet 8. danne dein 7] den S (&.) frid 

alle. 846 peyde I, fehli 8. mein — mein 7. und ouch 8, 847 wil icli 

iu 8. 848 dir man 7, man iu 8. gepoten 7. b49 ein stimme 7] lult einrr 

stimme 8. 860 daz] so 7, 



DIE STUTTGARTER OS WALTPROSA. 205 

jdo pist gar ein Iistig[er] vogel Da bist ein listiger fogel 

ich fiirehty ich werd mit dir be- ich vörcht ich werde mit dir be- 

trogen, trogen 

Dannoch kan ich dir sein nicht vn kan dir sin dennoch nit ver- 

' versagen, sagen, 

du mnst mein staten frid haben Habe minen steten iride, 

dein leib und auch das leben dein 855 
sol haben den staten frid mein . 

Tf haiden sprach unv'pargen: Die Verse 857 — 864 Übersprang 

„rab leb mir an sargen; tookl der Schreiber^ indem er von 

da mit wil ich em 857 zu dem ähnlichen Verse 867 

Machmeten y meinen lieben »60 abirrte. 

herren : 
user got ist Machmet genant; 
durch dez willen hab ein frid 

auz disem land.^ 

Do sprach d' listig vogel: 

^mit Machmeten wurd ich hart 

betrogen ; 
der chund mir nicht pei ge- 805 

stan (14**) 
ich muoss ain pessern frid han. 

[Er sprach] „Edler furste her, Der Rabe sprach Edeler ftlrste 

duo es durch deines landes er tue es durch dines landes ere 

vligib mir ainen frid von hinnen vn gib mir einen (260*) friden von 

hynnen 
als lieb dir sei die alt küngin^. 870 als liep dir die alt künigin sj. 

Ich muß hier kurz erwähnen, daß ich die Moroltstrophe fUr die 
ursprüngliche Form des Gedichtes*) halte, die, vielfach verkannt und 
verwischt, dennoch sehr deutlich erkennbar ist. Ich gedenke diese An* 
sieht sowie meine Meinung über den diese Strophe schließenden Lang- 
vers in oben erwähnter Abhandlung ausführlich darzulegen und zu 

861 listig nur M, 853 dennoch /, dennoclit 8 (Et.). sein M, fehlt 18. 

gesagen M. 867 er sprach 18 fehU M, here 18. 868 taoz 8^ ta L 869 ein 
(einen S) fride 18. hinne M^ hinne /. 870 alte knnig^inne 18. 

*) Sowohl in der onsem Überlieferungen (vielleicht außer der hei Zingerle ge- 
druckten Prosa) zu Grunde liegenden Gestalt, die ich X nenne, als auch in dem X sa 
Grunde liegenden älteren Gedichte, über dessen Alter ich mich noch jeder Vermuthung 
enthalte. Ich stimme hierbei in den wesentlichsten Punkten mit den Ton Strobl (Über 
das Spielmannsgedicht von St. Oswald, Wien 1870) entwickelten la\s\^\i\«ci ^Ü^v^^xa.. 



206 A. EDZARDI, DIE 8TIITTGAKTER OSWALTPROSA. 

begründen. Die unter den vierzeiligen Strophen in unseren Überliefe- 
rungen offenbar sich findenden sechszeiligen halte ich ftr verderbt ans 
einer oder zwei vierzeiligen (denn als solche betrachte ich die Morolt- 
Strophe) 9 was auch dadurch bestätigt wird^ daß mehrfach statt der 
sechszeiligen in S vierzeilige Strophen in M stehen. 

803 zeigt die Übereinstimmung von s mit S^ daß die Assonanz 
inne : bringen echt und von MI beseitigt ist. Die Strophe wird gelautet 
haben : 

W»rlich diu künigin guot 
ist v6r mir rehte wol behuot: 
der stolzen kttniginne 

mag ich die botschaft nfmmir [gejbringen* 
Vielleicht ist aber 802 und 806 Strophenschluß anzunehmen. 
805 scheint s mit in der nticht die richtige Lesart zu haben, der 
S mit inder nahe noch am nächsten steht, während daraus in I aehi 
und in M acht geworden ist. 

809 spricht wol oder we in s fllr die an sich schon wahrschein- 
lichere Lesart von S liep oder zom, 

812 zeigt 8, daß S her abe der Reimcorrectnr halber einschob. 
826. s bestätigt den schließenden Langvers, den S bewahrt, MI 
beseitigt hat. Er lautete wohl: 

d^r gesogen iu beiden daz trinken unt daz ezzen. 
M41] von Araonfe : schone] in s ist wenigstens zu beachten. 
M 46] von mir (s) hat wohl ursprünglich mit in dem schließenden 
Langverse gestanden. 

[M55— 58], wo M und I bedeutend abweichen, spricht s ftlr M. 
843 f. Hier, wo MI und S (letzteres offenbar verderbt) bedeutend 
von einander abweichen, ist die Lesart von s in Betracht zu ziehen; 
ich möchte darnach herstellen: 

du dunkest mich so lussam^ 
daz ich dir min botschaft nicht gesagen kan, 
wobei s lusMom durch herlich wiedergegeben hätte. 

Für die Beurtheilung des Wesens und der Bedeutung dieser 
Prosa wird die hier gegebene kurze Probe genügen, und ich darf midi 
in meinen „Untersuchungen über das Gedicht von St. Oswalt" auf 
diesen kleinen voraufgeschickten Aufsatz beziehen. Bei ihrer Wichtig- 
keit verdient aber die Prosa s wohl noch eine weitere Veröffentlichong, 
und es liegt daher in meinem Plane, in kurzem wiederum ein großes 
Stück, vielleicht alles noch fehlende, drucken zu lassen. 

ANKLAM im Febr. 1876. A. EDZARDI. 



iV 



MAURER, ÜBER ISLANDISCHE APOKRYPHA. 207 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPHA. 



n. 

Meine vor mehreren Jahren begonnene Berichterstattang über 
isländische Apokrypha wieder aufzunehmen ^), veranlasst mioh eine neuere 
Veröffentlichung; nämlich })orleif J6ns8on's Ausgabe der Hrana 
hrings saga und des })ittr af })öri hast ok Birdi birtu 
(Kopenhagen, Druck von S. L. Möller, 1874; 34 und 19 S. 12®). Doch 
will ich für dießmal nur die erstere Saga besprechen, um welche ich 
mich seinerzeit selbst schon, und nicht ohne Erfolg, mehrfach be- 
mtlht hatte. 

Im Herbste 1857 war ich während eines längeren Aufenthaltes 
in Kopenhagen von isländischen Freunden auf die Existenz einer Hrana 
hiings saga aufmerksam gemacht worden, welche sich auf die Ge- 
schichte des B&rdardals beziehen, jedoch nur in sehr wenigen Hand- 
schriften erhalten sein sollte. Freilich musste von Vornherein ver- 
dächtig erscheinen, daß weder die amamagnssanische noch die große 
königliche Bibliothek in Kopenhagen, noch auch die königliche Bib- 
liothek in Stockholm eine ältere Hs. der Saga enthält ^ und daß diese 
auch in keinem der älteren Sagenverzeichnisse genannt wird; bei 
Torfseus in seiner Series Dynastarum et Regum DanisB (1702), in Jon 
Eiriksson^s einschlägigem Briefe an Lttxdorph (1760), in Hälfdan 
Einarsson's Sciagraphia (1777) und Uno von TroiPs Bref rörande en 
resa til Island (1777), bei Bischof Finn J6nsson (1778), Suhm (1781) 
und P. E. MttUer (1817 — 20) ist ganz gleichmäßig keine Spur von 
derselben zu finden. Indessen bestand doch immerhin die Möglichkeit 
eines höheren Alters der Saga, imd da wenigstens einzelne unter meinen 
isländischen Gewährsmännern geneigt waren ihr solches zuzugestehen, 
schien es sich allerdings der Mtthe zu verlohnen, ihr auf Island selbst 
nachzuspüren. Als ich nun im Frühjahr 1858 nach Island hinübergieng. 



«) Vgl. Bd. XIII der Germania S. 59—76. 

') In der Amama^seana soll sich nach einer Mittheilnng, die ich meinem 
Frennde Gndbrandr Yigfusson verdanke, allerdings eine Hs. der Saga befinden, welche 
mit Additam. 59, 6 in 4* bezeichnet sei ; allein sie soll die Copie einer Abschrift sein, 
welche Gfsli Brynjülfsson im Jahre/ 1821 genommen habe. Da ich Weiteres Ton dieser 
Ha. nicht weiß, muß ich im Folgenden Ton ihr absehen. 



208 MAURER 

blieben zwar in Reykjavik eingezogene Erkundigungen ohne Erfolg; 
im Nordlande aber gelang es mir, der Saga auf die Spur zu kommen. 
Als ich nach einem beschwerlichen Ritt über den Sprengisand zu dem 
trefflichen Pfarrherm, s^ra Jon Austmann, nach Hald6rstadir im TUr- 
dardale kam, wusste dieser guten Bescheid über die Sage; er hatte 
selber eine Hs. derselben in Händen gehabt, welche dem })orBteinn 
hreppstjöri Gislason von Stokkahlaäir im EyjaQörde gehört hatte, 
einem eifrigen Sammler isländischer Handschriften. Nun war fireilieh 
})orsteinn bereits im Jahre 1839 gestorben ^) ; aber sein Schwiegersohn, 
der als Dichter weit herum bekannte Zimmermeister Olafr Briem, 
wohnte noch zu Gnmd im Eyjafjörde, und bei ihm war somit Auskauft 
über den Verbleib der Handschriften seines Schwiegervaters zu erhoffen. 
Die Hoffnung betrog mich nicht; aber der Bescheid gieng dahin^ daß 
}>orsteins sftmmtliche Handschriften an den bekannten )>orgeir Gud- 
roundsson gelangt seien, einen geborenen Isländer, welcher damals als 
Pfarrer in Nysted auf Laaland lebte. Inzwischen ist })orgeirr vor 
wenigen Jahren auf dieser seiner Pfarrei verstorben, und da er seine 
Bücher der Stiftsbibliothek in Reykjavik ^ vermachte, so mag es sein, 
daß die beiden Hss. unserer Saga, welche deren neuester Katalog auf- 
weist^)! aus seinem Nachlasse stammen; ftir mich aber waren die<e 
Hss. durch die Überßihrung nach Dänemark unzugänglich gewordeOi 
und da der hochbegabte Olaf Briem nur wenige Monate, nachdem ich 
ihn gesprochen hatte, starb ^), blieb auch sein Versprechen, mir eine 
Abschrift der Saga zu verschaffen, unerfüllt. Bald that sich inzwischen 
eine neue Spur auf. In Akurejri erfuhr ich von Sveinn Skdlason, dem 
jetzigen Pfarrherm zu Stadarbakki, welcher damals die Redaction der 
Zeitschrift Nordri führte, daß der Buchbinder J6n Borgfirdingr eino 
Abschrift der Saga besitze. Freilich war der in der Geschichte und 
Litteratur seiner Heimat sehr bewanderte Mann, welcher zur Zeit den 
Posten eines Polizeidieners in Reykjavik bekleidet, damals verreist 
und seine Hs. somit ftir mich ebenfalls nicht erreichbar; indessen hatte 
derselbe die Güte, unmittelbar nach seiner Heimkunft mir eine eigen- 
händige Abschrift derselben anzufertigen, welche ich noch vor meiner 
Abfahrt von Island erhielt, so daß der Entgang ftir mich wenigstens 
kein bleibender war. — Noch ehe ich in den Besitz der eben bespro- 



«) Vgl. Skfrnir, 18S9, 8. 101. 

*) Skvrslar og reikningar hins fslenzka Bökmentofölags, 1870, 71, 8. XIIL 
*) Skri jfir prentadar Islenzkar baekur oghandrit i Stiptis b6ka* 
• afninn i Reykjavik (Reykjavik, 1874), 8. 140, Nr. 137, und 8. 177, Nr. 87, e. 
*) Vergl. Korüii, VII, S. 15. 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPH A. 209 

ebenen Abschrift gelangte, hatte ich inzwischen einen zweiten Text der 
Saga aufgespürt, und zwar zu Ytri-ej auf den Skagaströnd. Hier saß da- 
zumal der im Sommer 1859 verstorbene Kammerrath und Sjsselmann 
Amörr Ämason '), und als Amtsschreiber diente ihm der inzwischen 
gleichfalls verstorbene Gudmundr Einarsson^). Ein Sohn des sagen- 
kundigen Einarr Bjarnason, besaü dieser aus dem Nachlasse dieses 
seines Vaters eine reiche Sammlung von Sagenhandschriften, und unter 
diesen insbesondere auch ein von der Hand dieses letzteren ge- 
schriebenes Exemplar der Hrana hrings saga; da der Mann sich 
schlechterdings nicht entschlieüen konnte, von seinen Hss. sich zu trennen, 
kam ich mit ihm dahin überein, daß er mir im Laufe des nächsten 
Winters die genannte und eine Reihe anderer Sagen abschreiben sollte. 
Die Zusage wurde getreulich gehalten, und durch des Hm. Kammer- 
rathes freundliche Vermittlung gelangten die bestellten Abschriften 
wirklich in meine Hand; Qudmundr aber vermachte seine Hss. an die 
isländische gelehrte Gesellschaft, deren gedruckter Handschriftencatalog 
denn auch richtig unter den von ihm hinterlassenen Hss. eine Ebrana 
hrings saga aufführt^). — Im weiteren Verlaufe meiner Reise glückte 
mir endlich noch die Auffindung einer weiteren Hs. der Saga. Auf der 
Insel Flatey im Breiäifjördr fand ich nämlich den alten Gisli Kon- 
rädsson vor, den Vater des Kopenhagener Professors Konrää Gislason. 
Von Haus aus ein schlichter Bauer, hatte derselbe doch durch fleissige 
Arbeit ein ungewöhnliches Maß von Kenntnissen sich erworben, zufolge 
deren er sich bei seinen Landsleuten eines hohen Ansehens erfreute. 
Eine Reihe von Werken hatte er verfasst, oder doch aus dem Dänischen 
übersetzt oder nach dänischen Vorlagen bearbeitet; er hatte aber auch 
über isländische Geschichte, Stammtafeln, Volkssagen u. dgl. Vieles 
gesammelt, und zumal eine große Zahl von Sagen und anderen Quellen- 
schriften eigenhändig abgeschrieben. Seine häusliche Wirthschaft war 
darüber allerdings bedenklich zurückgegangen; aber daftlr hatten im 
Herbste 1851 zehn angesehene Männer aus Flatey und der Umgegend 
ihm fQr sich, seine Frau und seine Kinder lebenslänglichen Unterhalt 
zugesichert) gegen die Verpflichtung, bei seinem Tode der Flatey er 
Fortschrittsgesellschaft alle seine Handschriften und Bücher zuzu- 



') Vgl Nordri, VII, S. 63. 

') Vgl. tslendfngnr, IV, S. 64; dann Skyrslur og reikningar, 1864—66, 
8. IX, und 1865-66, 8. IX. 

') Signrdr J6na88on, Sk^la um handritasafn hins Islenzka b6kmentafilag^, 
(Kopenh. 1869), S. 226, Nr. 8. 

QEBMANU. Neue Rmhe. Vm. (XX. Jahrg.) 14 



BIO MAURER 

wenden'). Qisli mm besali aucIi ein Exemplar der Hr.inti hnngs eaga, 
welches er selbst um 40 Jalire frtlher, also in den Jaliren 1818 
von einem Originale abgeschrieben hatte, welches dem gelehrten Probst 
»fera J6n Konnidsson zu Mffilifell (geb. 1770, f 1850) aus dem Barilai 
dale zugekommen war; im Auftrage des inzwischen verstorbenen Kauf- 
mannes Brynjölfr Benediktsen von Flatey fertigte er HHt mich eine 
Abscbrifl der Saga an, welche mir kurz nach meiner Rückkehr in die 
Heimat nachgeschickt wurde. 

So bin ich demnach im Besitze von drei verschiedenen Abschriften 
der Saga, welche mir von drei verschiedenen Seiten zugiengen. Als I. 
bezeichne ich unter ihnen das von Gudmnnd Einarsson geschriebene 
Exemplar, bezilglich dessen dieser mich veraicherte, nur in Bezug auf 
die Orthographie und die Fiesionsformen sich Abweichungen von 
seiner Vorlage erlaubt zu haben, weil diese selbst in beiden Beziehungen 
keine GleichmäUigkeit gezeigt habe, wogegen er die Worte selbst und 
deren Reihenfolge niemals verändert, sondern höchstens in unter dem 
Texte beigesetzten Anmerkungen das ihm AufHlllige bemerkt habe. 
Als n, fahre ich die Abschrift an, welche Jon Borgfirdingr mir 
schenkte; er erklärte mir übrigens brieflich, datS die Orthographie dieser 
Abschrift theilweiae ihm zur Last falle, und dali er auch wohl einzelne 
Worte in derselben „berichtigt" habe. Als III. endlich bezeichne ich 
die Abschrift Gisli Konrädsson's; über sein Verfahren bei deren 
Anfertigung hat dieser keinen Aufschluß gegeben, ich kann indessen 
nach der ganzen Art des Mannes nicht bezweifeln. daU auch er eich 
mit seinem Texte manche Freiheiten genommen haben werde. Berück- 
sichtige Ich, daU Gudmunds Vater, von dessen Hand das Original von I 
geschrieben war, längere Zeit eben jenem s^ra J6n Eonrädsson zu 
Mselifell als Verwalter gedient halte, in dessen Besitz die für III be- 
nätzte Vorlage sich befunden hatte, so liegt von Vornherein die Ver- 
mnthung nahe, daß I und III aus derselben Quelle geflossen sein 
möchten; ftir II dagegen fehlt mir jeder Anhaltspunkt zu einer ähn- 
iichen Annahme, und da Gudmundr mich bestimmt versicherte, die 
Saga sei so selten, daß er von Niemanden außer dem bereits genannten 
Porsteinn & Stockkahlädum wisse, der sie besitze, wäre zunächst auch 
die Möglichkeit im Auge zu behalten, daß in II eine Copie dieses 
weiteren Originales vorliegen könnte. Der Herausgeber der Saga be- 
schränkt sich dem gegeuUber darauf, in einem kurzen Nachworte za 



') Sk^riU am Ö. S. ogl. F. FlaleyJHr Framfara-Stofni 
18S8), a. 8— <i >j.ii(olfr XU. S. *1. 



n,IU(n.j4^| 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPHA. 211 

erklären, daü er seinen Text (hier als Ed. bezeichnet) einer jungen 
Papierhs. entnommen habe, ohne daß er weitere Hss. zur Vergleichung 
hätte benutzen können, und es wird sich demnach vor Allem darum 
handeln, durch Vergleichung das Verhältniss festzustellen, in welchem 
diese verschiedenen Texte zu einander stehen. Die große Willktlrlich- 
keit,^ mit welcher die isländischen Abschreiber bekanntlich ihre Vor- 
lagen zu behandeln pflegen, und von welchen nach dem soeben Be- 
merkten auch meine Gewährsmänner sich keineswegs frei hielten, be- 
reitet einer solchen Vergleichung allerdings nicht geringe Schwierig- 
keiten. 

Von Vornherein scheide ich eine Reihe von Fällen aus, in welchen, 
sei es nun der Herausgeber der Saga oder der Schreiber der von ihm 
benützten Hss. oder aber umgekehrt der eine oder andere von meinen 
Gewährsmännern sich eine willkürliche Änderung oder auch ein bloßes 
Versehen zu Schulden kommen ließ. Wenn z. B. Ed. 2/4 steht: ^hann 
var skyldr Agli ä Lundarbrekku. J)eir fedgar toku vel vid honum", 
wogegen I, II und HI lesen : „hann var skyldr Egli & Lundarbrekku 
ok ))orsteini i Reykjahlid. Helgi reid frd skipi sinu at Lundarbrekku ; 
|>eir fedgar t6ku vel vid honum", so ist klar, daß der Herausgeber 
oder seine Vorlage sich durch die Wiederkehr des Namens Lundar- 
brekka zu einer Auslassung haben verleiten lassen, und wenn Ed. 6/15: 
^gengr hann J)ä heim 1 setit" steht, statt wie in I, TL und UI „i selit", 
so mag dabei vielleicht sogar nur ein Druckfehler zu Grunde liegen. 
Wenn ferner Ed. 9/21 „framvegis" steht anstatt des sehr modernen 
^i eptirtid, welches I, H und HI übereinstimmend geben, oder Ed. 11/23 
„i kaupferdum jafnan" statt „gjarnan", dann Ed. 12/24: „i m6t ydr" 
statt „til mötparta^, so ist hierin wohl nur eine, an sich gar nicht üble, 
Correctur eines anstößigen Ausdruckes zu finden, und auch darin 
wird man kaum ähnliche Conjecturen verkennen können, wenn man 
in Ed. 6/14 ^um hana midja" statt „um hana undir höndum^ liest, 
wie I, II und HI übereinstimmend lesen, oder in Ed. 9/19 „fyrir uppi- 
stödutima**, wo I „fyrir uppistödur", dagegen H und HI „fyrir uppi- 
stödu** bieten, oder wenn in Ed. 10/22 steht ,,födurarf J)inn edr arf eftir 
okkr mödur J)ina", während I, II und III lesen: „arfhlut eptir okkr 
m6dur J)lna". Wenn femer umgekehrt HI „heimamadr** liest, wo Ed. 
3/4j dann I und II „saudamadr^ lesen, oder wenn in III die Worte: 
^^raellinn f6r ok vard var um, at Hrani vseri eigi heima", fehlen, 
während sie in Ed. 5/9, dann I und II stehen, — wenn sodann in III 
„fyrir austan Lagarfljöt^ steht, wo Ed. 6/12, dann I und II, „fyrir austan 
Skjälfandafljöt" lesen, oder „Dy8Jam)rar(Ske8sumyrar)" genannt werden, 

14* 



212 MAURER 

WO Ed. 8/18, dann I und II, übereinstimmend ^^Skessudysjar'' nennen, 
— wenn endlich in III ^^skaldmaeli^ steht, wo Ed. S/20, dann I nnd 11 
das unpassende „Ijod^ haben, so ist auch hierin eine Unachtsamkeit, 
oder wieder eine willkürliche Verbesserung durch den Schreiber der 
ersteren Hs. nicht zu verkennen. Sieht man nun von derartigen, völlig 
werthlosen Abweichungen ab, so stellt sich zweifellos heraus,, daß 
einerseits zwischen meinen Texten I und III, andererseits aber zwischen 
meinem Texte U und der Ausgabe ein engerer Zusammenhang besteht. 
So lesen z. B. Ed. 5/8 und II: „sem })at vaeri einkis vert^, dagegen I 
und II: „J)vi er ei neins si vert", pj)vl er neins sje vert". Während 
Ed. 5/9 liest: „muntu nü fara sömu fbr sem hann^, und gleich darauf 
„eftir ättu at leiäa mik })ann veg^, II aber dieser Lesart mit der Maß- 
gabe folgt, daß ursprünglich „leid^ geschrieben stand, und dafür „fbr'^ 
eincorrigiert wurde, lauten beide Sätze in I und HI: „muntd nü & aöma 
laun sem hann'', und: „eptir dttü at afgreida m^r })au^ (n^^^ ^ ^f* 
greida"). In Ed. 7/16, dann II, steht: „i Kröksdal", wofür I und DI 
besser lesen „i Eroksseli^; in Ed. 8/17 und 11: „nd beljadi bl6dit npp 
um hann^, dagegen in I und III richtiger: „nii belgdi blödit npp om 
hann^; in Ed. 8/18 und II: „hversu gekk ykkr ferdin^, dagegen in I 
und III: „hversu gekk ykkr reisan^, wobei also ein dem Deutschen 
entlehntes Wort, welches nach Gudbrand Vigfussön's Zengniss zwar 
vor dem Ende des 15. Jhdts. auf Island nicht auftritt, aber auch 
im modernen Sprachgebrauche daselbst nur wenig üblich ist, in 
den beiden ersteren Texten durch ein nationaleres ersetzt erscheint 
So steht femer in Ed. 14/28 und U: „höfdu })eir ok ordit varir% 
während I und III lesen: „höfdu ^eir ei ordit varir^; in Ed. 14/30 
und II : „laut eftir högginu^, während I und III geben: „laut eptir 
})e8su jötunliga höggi^, u. dgL m. — Vielleicht lässt sich aber noch 
näher an die Sache herankommen. Der Hof, auf welchem Gauti saß, 
wird in Ed. 3/5, 4/6, 5/7 und 5/9 ganz consequent Gautlönd genannt, 
wogegen I, II und III ebenso consequent die Singularform Gautland 
für ihn brauchen. Die Pluralform de£f Namens scheint heutzutage die 
allein übliche zu sein, und daß sie dieß auch schon in der Vorzeit 
war, lässt sich aus der Vigaskdtu saga, 24/302 ersehen; dagegen ist 
die Singularform, weil für die oftgenannte schwedische Landschaft ge- 
bräuchlicher, die viel bekanntere, und mochte sie daium in unsere Texte 
eingedrungen sein. Nun enthält U an der Stelle, an welcher der Name 
,.ä Gautlandi^ zuerst vorkommt, die Einschaltung („Gautlöndum^) und 
möchte man annehmen, daß die Ausgabe aus dieser Einschaltung ge- 
schöpft habe, möge sie nun auf der Variante einer anderen Hs. oder 
auf einer bloßen Conjectur beruhen. Ebenso liest Ed. 14/28: „var hann 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPHA. 213 

Dal-J)ördr kalladr", während I und III geben : „var hann J)vl DalJ)6rdr 
kalladr.^ Die letztere Lesart ist die richtige, soferne der Zusammen- 
hang zeigt, daß der in Frage stehende Mann seinen Beinamen wegen 
seines Geschickes im Bogenschießen erhalten hatte; aber dalr als Be- 
zeichnung des Bogens ist ein veraltetes Wort, und mochte wohl dem 
Abschreiber nicht mehr verständlich sein, — in II steht hiemach ge- 
schrieben: „var hann (})vi) DalJ)ördr kalladr", und gerade diese Ein- 
klammerung dürfte das Streichen des Wortes „})vl" in dem gedruckten 
Texte veranlasst haben. Keinenfalls kann indessen II die unmittelbare 
Vorlage dieser Ausgabe gebildet haben; denn jener erstere Text zeigt 
mehrfach falsche Lesarten, von welchen diese letztere nichts weiß, und 
die sich sämmtlich auf das irrige Lesen eines undeutlich geschriebenen 
Originales zurückführen lassen. So steht z. B. in Ed. 2/4^ dann in I 
und III richtig „Godlaugs", wo II „Modlaugs^ liest; femer in Ed. 4/7, 
dann I und III „Audur", woftlr II, und zwar aiweimal, „Heidur" giebt. 
Es liest femer Ed. 14/29 mit I und III übereinstimmend : y,^eir Hrani 
og Einar gengu ])& fyrir gardsendann, alla götu at ^eim brsedrura. 
Vid mega menn skiftaz, J)6t l»gra (in Ed. h«gra) Uti, segir Hrani«, 
dagegen II: „^eir Hrani og Einar gengu ^ar fyrir gardsendan alla 
götu at ^eim braedrum med marga menn. Skipast ^6 Isegra läti, segir 
Hrani", was völlig sinnlos ist. Wiederum liest Ed. 1^29 mit I und HI : 
^vid gestum", wo H: „vid (gossum)" hat^ also einen Ausdruck zweifelnd 
setzt, welcher zweifellos aus dem Schwedischen dem moderneren Is- 
ländischen zugekommen ist; wenn aber Ed. 5/7 mit I „hrodamadr^ 
liest, woftlr III „üjafnadarmadr" und H „hdvadamadr" giebt, so mag 
dabei in II doch wohl auch eine falsche Lesung, und nicht wie in III, 
eine willkürliche Vertauschung eines ungewöhnlicheren Ausdruckes 
mit einem gewöhnlicheren vorliegen. Sogar die Lesart „med mörgum 
ok godum heillaöskum^ in H gegenüber den Worten „med mörgum 
godum hjartansöskum'^ in Ed. 11/24 sowie I und III, lässt sich ebenso 
erklären, obwohl hier allerdings die Annahme einer bewussten Correctur 
des allzu modern scheinenden Ausdruckes vielleicht näher liegen dürfte. 
Ist hiernach der engere, zwischen Ed. und II bestehende Zusammenhang 
aus der Benützung eines gemeinsamen Originales zu erklären, so dürften 
andererseits auch I und lU einer gemeinsamen Vorlage entsprossen 
sein. Bedeutsam möchte bereits sein, daß I mit Ed. 6/13, dann H über- 
einstimmend liest: „tröllkona ferleg; stigr hiin ä 1 fyrir, enn J)j6hnapp- 
amir berir", wogegen III giebt: „tröUskjessa ferleg i skinnstakki^ ok 
stigr hün ä f fyrir** u. s. w. ; indessen ist doch die Stelle nicht entschei- 
dend, denn, wenn zwar die letztere Lesart den Vorzug zu verdienen 



214 MAURER 

scheint^ li^gt sie doch nahe genug, um allenfalls auch auf einer bloßen 
Conjectur beruhen zu können. Wenn ferner Ed. 10/31, dann I und II 
haben: „sein hugr Karls s^ vel til ))in^, dagegen III: „sem hugarkast 
s^ vel til \)iTi^j 80 mag auch hierin sei es nun eine falsche Lesung 
oder eine schlechte Conjectur zu erkennen sein. Aber wenn zwar in 
Ed. 13/26 und II Grimr den Beinamen jamkarl ftlhrt, und dieselbe 
Form des Beinamens zunächst auch in I wiederkehrt, dagegen III con- 
sequent jämskalli liest, und auch I bei einer zweiten Nennung des 
Namens diese letztere Namensform bietet, so dürfte doch kein Zweifel 
sein, daß in diesem Falle III die Lesart der gemeinsamen Vorlage besser 
bewahrt hat als I. Wir werden übrigens kaum fehlgehen, wenn wir 
die für I und III vorauszusetzende gemeinsame Vorlage gerade in jenem 
Exemplare der Saga suchen, welches wie oben bemerkt s^ra Jon Kon- 
räässon bereits im zweiten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts in seinem 
Besitze gehabt hatte. Mit minderer Bestimmtheit Iftsst sich dagegen die 
gemeinsame Quelle ermitteln, aus welcher Ed. und II geschöpft haben, 
und dürfte dieserhalb eine zweifache Möglichkeit ins Auge zu fassen 
sein. Einerseits nämlich hat Jon Borgfirdingr nicht wenige isländische 
Hss. an das B6kmentaf&lag geschickt, und wenn zwar in dem oben 
angeführten gedruckten Verzeichnisse der Hss. dieser Gesellschaft 
unter den von ihm gelieferten noch keine Hrana hrings saga genannt 
wird, so hat derselbe doch nach dem Zeugnisse der Skyrslur seine 
Einsendungen auch später noch fortgesetzt; es wäre demnach recht 
wohl möglich, daß unter diesen nachträglich von ihm geschenkten 
Hss. auch jenes Exemplar der Hrana hrings s. sich befunden hätte, 
nach welchem meine Copie genommen ist. Andererseits konnte aber 
auch während der Zeit, da der handschriftliche Nachlass des ))orsteinn 
.Gislason sich im Besitze des Pfarrers Jjorgeirr zu Nysted befand, recht 
wohl von irgend einem der in Kopenhagen studierenden Isländer eine 
Abschrift der Saga genommen worden sein, und im einen wie im an- 
deren Falle konnte diese dem in Kopenhagen studierenden fierans- 
geber leicht zugänglich werden. Immerhin erweist sich das Ergebnisa 
der Textvergleichung der Vermuthung günstig, daß Ed. und II auf 
die seinerzeit dem J)orsteinn gehörige Hs. zurückgehen möchten. 

Das Bisherige habe ich nicht etwa zu dem Zwecke ausgeftlhrt^ 
darzuthun, daß die Ausgabe der Saga auf ungenügendes handschrift- 
liches Material gebaut sei. Wenn nämlich zwar die eine, durch I und 
III vertretene, Recension derselben von dem Herausgeber unbenutzt 
gelassen wurde, so sind doch deren Abweichungen von der von ihm 
veröffentlichten Recension von sehr geringer Bedeutung; der Heraus- 




OBEH ISLÄNDiSCHK ArOKRYl-HA. 215 

geber will UberdieU oSeubar niclit eiue kritisube Ausgabt;, sondern nur 
einen Beitrag zur UnterhaltULgslectüre seiner Landsleute liefern, welchem 
beBcheidcnen Zwecke seine Arbeit auch vollständig genügt; endlich 
lässt sieb auch mit gutem Grunde behaupten, daß die Haga eine soi^ 
aaraere Behandlung, als die, welche ihr zu Theil geworden. Überhaupt 
nicht verdiene. Lediglich um diesen letzteren Punkt feststellen, und 
damit über Älter und Werth der Saga zu einem hestimmten SchluÜa 
gelangen zu können, wurde auf den handschriftlichen Befund bezüghch 
derselben des Näheren eingetreten. 

Es ist oben bereits bemerkt worden, daß die Hrana hrings 8. in 
keinem der bekannten älteren Sagenverzeiehnisse aufgeführt 
wird; flbercIieU wurde soeben dargethan, daß die handschriftliche 
Gewühl- für dieselbe, soviel bekannt, nicht über das laufende Jahr- 
himdert hinauü'eicht, und wenn zwar zwei Hauptrecensionen ihres Textes 
unterschieden werden konnten, so sind doch deren Abweichungen von 
einander allzu unbedeutende, als daii sie auf ein längeres Umlaufen 
derselben zu scblieüen erlauben würden. Auf innere Merkmale sind 
wir demnach angewiesen, wenn wir dem gegenüber für die Saga ein 
lifiheres Alter beanspruchen wollen; auch diese erweisen sich aber 
einem solchen Ansprüche keineswegs günstig. Die DarsteUungs- 
weise der Saga zunächst will zwar augenscheinlich den Charakter 
der alteren Saga tragen; es fehlt in ihr nicht an al t er tbümli eben Worten 
und zumal die in Cap. 9 ein geflochtenen Verse zeigen manche seltene 
und dunkle Wendungen. Aber der Vortrag ist sichtlich ein erkünstelter 
und eine Menge von ziemhch modernen Auedrücken lässt sich in dem- 
selben nachweisen, die in einer alten und echten Quelle vergeblich 
gesucht werden würden. Einer Reihe derartiger Vorkommnisse wurde 
bereits oben gelegentlich der Erörterung der Classiücation der Haa. 
erwähnt, wie z. B. der Ausdrücke: i eptirtid, gjarnan, med niörgum 
gödum hjartans öskum, jötuniigr, lj6d für eine einzelne visa, til m6t- 
parta u. dgl. m.; einige weitere mögen hier noch zusammengestellt 
werden. Der Beiname Kriina, welchen Gestr Höskutdarson iUhrt (8/16), 
ist aus dem lateinischen corona abgeleitet, in keiner älteren Quelle 
als solcher nachweisbar, und überdieU ganz im Widerspruche mit dem 
Sagenstile nicht motiviert. Worte wie bogskytta (14/28), vel Ijstugt 
(1^31), uppä vist (15/32) sind entschieden modern, und wenn zwar 
Ausdrücke wie skelmir (14/30), plaas (10/22), u. dgl. hin und wieder 
Bchon in Quellen des 14. Jhdts. vorkommen, so werden sie doch erst 
in weit späterer Zeit einigermaßen häufiger gebrauclit. Ebenso ist die 
Bezeichnung eines Schwertes als hid bezta (»ing (2/4), der Ausdruck 



1 



216 MAURER 

krytr (3/16), das widersinDig zusammengesetzte Scheltwort merbikkja 
(5/9 — 10), der Ausdruck { samstseäum (13/25) u. dgl. m. der alten 
Sagensprache durchaus fremd. Im Einzelnen mag gegen diese Be- 
merkungen Manches sich einwenden lassen, da weder die Geschichte 
der einzelnen Worte und Redewendungen zur Zeit mit vollster Ge- 
nauigkeit festgestellt, noch auch die Möglichkeit zu bestreiten ist, daß 
durch spätere Abschreiber in einen älteren Text hin und wieder mo- 
derne Ausdrtlcke hineingebracht werden konnten; die vergleichsweise 
große Zahl aber solcher neuerer Vorkommnisse in unserer Sage muß 
im Großen und Ganzen den Schluß auf deren späte Entstehung immer- 
hin gesichert erscheinen lassen. — Auch der Inhalt der Saga führt 
zu keinem anderen Ergebnisse. Dieselbe berichtet, wie Birdr, des 
Hersen HejjAngrs-Bjöm von Sogn Sohn, nach Island auswandert^ den 
nach ihm benannten Bärdardal in Besitz nimmt, dann aber südwärts 
wandert und sich zu Gnüpar niederlässt; wie femer dessen Sohn Egill 
zu Lundarbrekka im Bärdardale zurtlckbleibt, und hier mit seiner Frau 
Salgerdr, des ))örir snepill Tochter, einen Sohn Namens Hräni hringr 
gewinnt. Weiterhin erfahren wir, wie ein Verwandter Egils, Helgi kr6kr, 
nach Island kommt, und hier von diesem Land angewiesen erhält, 
dann dem Kröksdale sowohl als dem von ihm erbauten Hofe Helga- 
stadir seinen Namen verleiht, endlich mit Hrani bring sich befreundet 
und diesem ein gutes Schwert schenkt. Eines Herbstes, als man das 
Galtvieh von den Hochweiden herabtreibt, kommt Vakr, ein Schaf- 
knecht Helgi*s, mit einem Dienstknechte des Gauti A Gautiöndum 
Namens Sigfus in Streit, und wird von diesem ohne alle eigene Schuld 
erschlagen; Hrani aber erschlägt dafür sofort den Sigfus, nicht ohne 
selbst eine schwere Wunde davonzutragen. Er wendet sich sofort an 
seinen Verwandten, ])orsteinn zu Reykjahlid, damit er ihn mit Gauti 
aussöhne; dieß gelingt, und Hrani wird sogar von Gauti's arzneikun- 
diger Frau geheilt. Nun erfahrt aber ein Bruder des Sigfus, Hr6aldr galti 
von Torfastadiri Vopnafirdi, von dem Todschlage ; er stellt zunächst den 
Gauti zur Rede, und da dieser ihm nicht zur Blutrache verhelfen will, 
greift er ihn an, erschlägt ihn und einen seiner Dienstleute, und zwingt 
zwei andere, ihm den Weg nach Lundarbrekka zu weisen. Da sie hier 
den Ilrani nicht zu Hause finden, beschließen sie ihn sofort bei Helgi 
aufzusuchen, treffen ihn aber, nachdem sie a Hrafnabjörgum das Skil- 
fandafljöt überschritten haben, weiter oben im Rroksdale mit zwei Be- 
gleitern. Hröaldr greift ihn selbneunt an, und Hrani's beide Begleiter 
fallen; aber auch Hröaldr wird mit allen seinen Genossen erschlagen, 
bis auf einen, dem Ilrani das Leben schenkt, und im Galtaholl liegen 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKBYPHA. 217 

die Gefallenen yerscharrt. Nun bleibt Hrani eine Weile bei Helgi. Da 
geschieht es, daü ein Schafkneeht des letzteren auf dessen Sennhütte 
spurlos verschwindet, und ebenso ein zweiter, der an dessen Stelle 
getreten ist; da bezieht Hrani seinerseits die Alpe. Er wird von einer 
Unholdin Namens Nypa angegriffen, die im FIjötsdale wohnt, und ihm 
erzählt, daß sie die beiden Knechte sich und ihren Angehörigen zur 
Nahrung geholt habe ; nach hartem Kampfe gelingt es ihm, sie zu über- 
wältigen und zu tödten, aber jetzt wagt vollends niemand mehr den 
Dienst zu übernehmen, so daß das Vieh heruntergetrieben und die 
Sennhütte leer gelassen werden muß. Im nächsten Herbste leisten Einarr, 
des Sölvi zu Störuvellir Sohn^ und Gestr Knina, der Sohn des Hös- 
kuldr halti zu Hofgaräar im Elingärdale, zwei sehr streitbare junge 
Männer, dem Hrani bei der Bergbegehnng Gesellschaft. Sie gehen mit 
einander dem Fljötsdale zu, werden aber von einem schweren Schnee- 
sturme heimgesucht, und sowie dieser etwas nachgelassen hat, von 
zwei Riesinnen überfallen. Nach hartem Kampfe erlegt Hrani die eine, 
dann Einarr die zweite, doch nicht ehe sie dem Gest die Kehle durch- 
gebissen hat; die Unholdinnen wurden in den Skessudysjar verscharrt, 
worauf Hrani und Einarr deren Höhle aufsuchen, auch noch den alten 
Riesen glücklich tödten und dessen reiche Schätze sich aneignen. Im 
folgenden Frühjahre trägt sich Hrani viel mit Reiseplänen, und wird 
in diesen durch seinen mütterlichen Großvater ^örir bestärkt, der ihm 
im Traume erscheint und ein paar Strophen an ihn richtet. Er bespricht 
sofort das Project mit seinem Vater sowohl als mit Helgi, welche dem- 
selben Beide zustimmen, obwohl sie voraussehen, daß er in die Heimat 
nicht mehr zurückkehren werde, und er bewegt den oben genannten 
Einar zum Mitreisen. Zufällig lagen damals gerade mehrere Kaufschiffe 
in der Nähe, nämlich zwei im EjjaQördr und eines im SkjdlfandaQörär; 
das letztere war von einem hebridischen Manne Namens Kaupa-Raudr 
geführt, und wurde von den Leuten aus der Umgegend ganz besonders 
gerne besucht. Mit diesem letzteren Schiffe verlassen Hrani und Einarr 
Island; obwohl sie von dem Neide und der Bosheit des übrigen Schiffs- 
volkes viel zu leiden haben^ werden sie doch von Raud selbst erfolg- 
reich in Schutz genommen und erreichen glücklich die Sudreyjar. Bei 
einem Manne Namens Högni hänefr und dessen Frau Geir^rüdr nehmen 
die Bundbrüder sofort Wohnung und Hrani macht bald Bekanntschaft 
mit dessen schöner Tochter, Signy; sie finden hier aber auch zwei 
Engländerinnen vor, die Ölriin nämlich und deren Mutter Sunnefa, 
welche während der Abwesenheit des Gautr st6rhenti, des Mannes der 
letzteren, von dem Vikingr Grimr järnkarl geraubt, dann aber vor 



218 MAURER 

andern Seeräubern ihm abgejagt , und aus Mitleid auf den Hebriden 
ans Land gesetzt worden waren, und Einarr verliebt sich sofort in die 
Ölrün. Während nun einmal Kaupa-Raudr, im Begriffe eine neue 
Keise anzutreten^ ein feierliches Abschiedsmahl hält, zu welchem auch 
Hrani und Einarr geladen sind, wird die ganze Gesellschaft Ton zwei 
Vikingem und Berserkern, Hildir und Amhöfdi, überfallen. Von den 
beiden Isländern angefeuert, entschließt man sich zu energischer Gegen- 
wehr , und da deren Tapferkeit durch die Geschicklichkeit einiger 
gewandter Bogenschützen kräftig unterstützt wird, gelingt es die beiden 
Vikinger zu erlegen und auch über deren Schiffsvolk den Sieg zu er- 
ringen. An der gemachten Beute erhalten die beiden Bnndbrüder, wie 
billig, ihren reichlichen Antheil; da aber nach kurzer Frist Gautr er- 
fahrt, wohin seine Frau und Tochter gekommen waren, und sich auf- 
macht um Beide heim zu holen, fährt Einarr mit ihm nach England 
hinüber, und weiß die Saga von ihm weiter Nichts mehr zu berichten. 
Hrani dagegen bleibt auf den Hebriden und heirathet seine Signy. 
Durch die Vertheidigung der Inseln gegen fremde Vikinger verschafft 
er sich hier reichliche Ehre und Vermögen, wobei er von Björn breid- 
skeggr und )>6rirfimr kräftig unterstüzt wird, zwei schiffbrüchigen Is- 
ländem, deren er sich hülfreich angenommen hatte. Mit der Signy ge- 
wann er eine Tochter Namens Hallveig, und starb in hohem Alter eines 
friedlichen Todes, ohne jemals wieder nach Island heim gekommen zu 
sein. Damit endigt die Saga. Überblicken wir aber diese ganze Er- 
zählung, so wird uns auch sofort klar werden, daß dieselbe in keiner 
Beziehung einen alterthümlichen Charakter an sich trägt Die That- 
Sachen, von welchen sie berichtet, die erste Niederlassung also im 
Lande, der Streit der Knechte bei der Bergbegehung und die an ihn 
sich knüpfende Rache, Versöhnung und nochmalige kämpfliche Be- 
gegnung, die Conflicte mit der Riesenfamilie und deren Ausgang, die 
Ausfahrt aus der Heimath endlich sammt den mehrfachen Kämpfen 
mit Vikingem im Auslande sind ganz gewöhnliche Vorkommnisse in 
den älteren Sagen, entbehren aller jener individuellen Züge, durch 
welche die älteren Quellen die reichste Abwechslung in jene so ein- 
fbrmipjen Vorwürfe zu bringen verstehen, und die Art, in welcher jene 
Gr^schichten vorgetragen werden, ist überdieß ganz diejenige, welche 
wir von einem Verfasser zu erwarten haben, der mit einiger Belesen- 
heit in den alten Sagen einen durch und durch modernen Geschmack 
oder Ungeschmack verbindet. Augenscheinlich hat derselbe den Inhalt 
seiner Erzählung theils aus älteren Quellen, zumal der Landnäma, ge- 
ticliöptt, theilweise aber frei eomponierl, wobei mündlich umlaufende 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPHA. 219 

Volkssagen benützt zu sein Bcheinen, welche an bestimmte Ortsnamen 
sich anknüpfend, diese auf geschichtlichem Wege zu erklären suchen. 
Was über die Einwanderung des Bdrdr, dessen Niederlassungen im 
Birdardale und dessen späteren Umzug nach dem Südlande erzählt 
wird, ist aus der Landn. III, 18/225 — 6 genommen; die Bezeichnung 
seines Vaters als eines hersir or Sogni stammt ebendaher, IV, 10/264; 
die Namen seiner Söhne aber sind aus IV, 10/265 ergänzt. Allerdings 
kehrt der Bericht über Bär äs doppelte Niederlassung auch in der 
Bäräar s. Snsefellsdss. 3/4 — 7 ziemlich gleichlautend wieder; daU ihn 
aber unsere Saga nicht aus dieser entlehnt hat, ergiebt sich mit Be- 
stimmtheit daraus, daß in der Bärdar s. der Vater Bdrd's „hiileyskr 
at ffitt" heißt, und daß in ihr ein paar seiner Söhne unerwähnt bleiben^ 
deren Namen doch unsere Saga nennt Ein paar der in der Landndma 
genannten Söhne hat freilich unser Verfasser weggelassen, weil er ihrer 
für den weiteren Verlauf seiner Erzählung nicht bedurfte; ein rein 
willkürliches Verfahren, da er doch anderer gedenkt, welche hinterher 
in dieser ebensowenig eine Rolle zu spielen haben. Schlimmer noch 
ist, daß er den ])orsteinn Bdrdarson zwar nennt, aber ohne seinen, in 
der Landnäma ebenfalls nicht genannten, Wohnort anzugeben, so daß 
man nur errathen kann, daß der hinterher als ein Verwandter Hrani's 
genannte J)orsteinn i Reykjahlid etwa mit ihm dieselbe Person sein 
dürfte; ja man könnte sogar statt seiner an jenen ])orsteinn Sigmund- 
arson^ einen Enkel Bards, denken, welcher nach Landn. III, 20/232 
„zuerst" zu Myvatn wohnte, dessen Enkel aber Amorr zu Reykjalilid 
war, imd welcher somit recht wohl selber schon dahin gezogen sein 
könnte, — indessen würde auch bei solcher Annahme, die mit der 
Chronologie ganz wohl verträglich wäre, derselbe Übelstand obwalten, daß 
nämlich des Mannes selber und seiner Niederlassung zuvor nicht ge- 
dacht worden wäre. Auch )>6rir snepill at Lundi, der mütterliche Groß- 
vater Hrani's, wird in der Landn. III, 17/223 — 4 genannt; dagegen 
wird aber weder seiner Tochter Salgerdr noch ihres Sohnes Hrani Er- 
wähnung gethan. Zweifelhaft mag erscheinen, woher unsere Saga ihren 
Gauti d Gautlöndum hat. Mag sein, daß er aus der Vigaskütu s., 
24/302 entlehnt ist, welche, wie oben bereits angedeutet wurde, einen 
Gautr i Gautlöndum kennt; mag aber auch sein, daß dabei an jenen 
Hjälmun-Gaut gedacht wurde, welchen die Landn. III, 17/223 als einen 
Schiffsgenossen des })6rir snepill nennt, oder daß der Name gar nur 
aus dem Hofnamen Gautlönd construiert ist. Ahnlich steht es auch 
mit dem Hroaldr galti at Torfastödum i Vopnafirdi; derselbe scheint 
aus jenem Hröaldr bjola hervorgegangen zu sein, welchen die Landn. 



220 MAURER 

IV, 1/239 zu Torfastadir im VopnaQördr wohnen lässt, obwohl aller- 
dings der dem Manne gegebene Beiname nicht stimmt. Endlich lässt 
sich auch noch Helgi krökr, der Verwandte Egils, insoweit heranziehen, 
als ihm Godlaugr Asbjarnarson or Sogni als Vater zugewiesen wird, 
den die Landn. IV, 10/264 als einen Enkel des Heyängrsbjöm be- 
zeichnet. Helgi selbst wird allerdings in der Landnäma nicht genannt^ 
und scheint sein Name und Beiname, wie sich gleich zeigen wird, 
lediglich aus Ortsnamen heraus construiert worden zu Pein, analog 
jenem, übrigens hieher nicht gehörigen, Helgi & Helgastödum, welchen 
die Vigaskütu s. 1/232 nennt; indessen ist die Benützung der alten 
Quelle insofern immerhin eine ganz geschickte, als sie den Helgi in 
verwandtschaftliche Beziehungen zu Hrani bringt, und als überdieß 
der Name Helgi im Hause Asbjöm's heimisch war, wogegen freilich 
die Angaben der Landndma über Gudlaugs Wohnort im Südlande zu 
denen unserer Saga nicht stimmen. Zeigt sich nun in den bisher be- 
sprochenen Angaben unserer Saga sehr deutlich deren Bestreben, ihre 
Erzählung soweit möglich in den Rahmen der alten Überlieferungen 
zu bringen, und zumal eine sehr ausgiebige Ausnützung der Landnäma 
zu solchem Ende, welche freilich zu einem derartigen Gebrauche unter 
allen Quellen die bequemste war, so spricht sich anderwärts nicht 
minder entschieden die Neigung des Verfassers, in bestimmten Orts- 
namen (ömefiii) eine Stütze ftlr dieselbe zu finden, wobei er aber frei- 
lich nicht, wie dieß in den alten Sagen zu geschehen pflegt, den Orts- 
namen nur gelegentlich bei Besprechung der Person oder des Vorganges 
erwähnt, denen er seine Entstehung verdankt haben soll, sondern um- 
gekehrt sichtlich erst aus dem Namen der Ortlichkeit die Person oder 
den Vorgang sich abstrahiert hat, welcher zu der Erklärung jenes 
Namens von ihm verwerthet werden will. Einen schlagenden Beleg 
ftlr dieses Verfahren bietet der soeben besprochene Helgi krökr. Eine 
Strecke des Thaies, welches das Skjälfandafljot in seinem oberen Laufe 
durchströmt, heißt der Krokdalr oder Kroksdalr. Die erstere Form des 
Namens, welche auch die Karte Björn 6unnIaugsson*s festhält, ist wohl 
die richtigere, und die Bezeichnung dürfte wohl von der scharfen 
Krümmung hergenommen sein, welche der Fluß gerade auf dieser 
Strecke in seinem Laufe macht. Da aber krokr, d. h. Krummnase, oft 
genug auch als Beiname von Personen vorkommt, wie denn z. B. nach 
Landn. H, 22/128 ein J)6rarinn krokr dem KroksQördr im Wcstlande 
seinen Namen gab, und ein Ketill krokr in der Haralds s. hanlr^da, 
123/428 (FMS., VI), ein Jon prestr kr6kr in der Sturlunga V, 9/120, 
dann ein Hr. Ivarr krokr in den isländitschcn Auualen a 1385 genannt 



ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPDA. 221 

wird, lag es immerhin nahe, von einem derartigen Beinamen den Orts- 
namen abzuleiten, wogegen den Hauptnamen der betreffenden Person, 
Helgi, der nunmehr längst verödete Hof zu Helgastadir lieferte, welchen 
Ami Magnussen in seinem Grundbuche noch aufzuführen gewusst 
hatte ^), und dessen Stelle sicherlich auch jetzt noch in der Oegend 
bekannt genug sein wird. So wird femer der Beiname galti, welcher 
dem aus der Landndma entlehnten Hr6ald anstatt des ihm in dieser 
beigelegten gegeben wird, wohl nur aus dem Ortsnamen GaltahöU ge- 
flossen sein, während doch dieser Ortsname in Wahrheit von göltr 
abzuleiten und als Schweinehügel zu deuten sein dtlrfte, so daÜ er 
sich der langen Reihe derjenigen Benennungen anzuschließen hätte, 
welche von der vordem so schwunghaft betriebenen, nunmehr aber 
schon längst völlig abgekommenen Schweinezucht auf Island Zeugniss 
geben. So mag femer die Begegnung mit den Riesinnen aus dem Namen 
Skessudysjar erwachsen sein, obwohl allerdings in diesem Falle der 
Verf. recht wohl auch aus dem Volksmunde geschöpft haben konnte, 
in welchem gerade in der hier fraglichen Oegend, dem Birdardale 
sowohl als der Myvatnssveit , Riesensagen noch gegenwärtig in Hülle 
und Fülle umlaufen^). Genaue Kenntniss der Umgegend scheint dem 
Verfasser der Saga überhaupt eigen gewesen zu sein. Er kennt das 
Land zwischen dem Skjälfandaflj6t und der Mj6adalsä bis zu den 
Sandar, d. h. dem Sprengisande hinauf; er weiß femer von den Qall- 
göngur, welche die Barädselingar mit den Myvetningar gemeinsam ab- 
zumachen haben, und er kennt auch jene Fürth, welche „ä Hrafiaa- 
björgum'' über das Skjälfandaflj6t führt. Unklar bleibt mir freilich die 
Erwähnung des Hofes at Hofgördum i Ringdrdali, sowie des Flj6tsdales, 
in welchem die Riesenfamilie wohnt. Dem Zusammenhange nach, in 
welchem beide Namen erwähnt werden, sollte man vermuthen, daß 
der Rängdrdalr entweder im Bdrdardale oder in der Myvatnssveit, und 
daß der Fljötsdalr in irgend einem Seitenthale am Oberlaufe des Skjdlf- 
andafljöts zu suchen sei, da der Fljötsdalr, welcher von dem Lagar- 
fljöt im Ostlande seinen Namen hat, und die in dieses letztere mün- 
dende Rängä doch viel zu weit abliegen; indessen weiß ich mit den 
mir zugänglichen Hülfsmitteln diese Localnamen nicht aufzuklären, 
und muß somit deren Feststellung landeskundigeren Männern anheim 
geben. Zum Schluße muß ich aber noch darauf aufmerksam machen, 



*) Vgl. J<Sn Johnson, Jurdatal & fslandi, S. 322, Not 14. 
') Vgl. z. B. meine Isländischen Volkssagen, 8, 47,61; J6n Arnason, Is- 
lenzkar )>j6dsögar, I, S. 186 und öfter. 



222 MAURER, ÜBER ISLÄNDISCHE APOKRYPHA. 

wie wenig die Ökonomie der Erzählung den Regeln entspricht 
welche die alten Sagen in dieser Beziehung zu befolgen pflegen. Nicht 
leicht pflegt in diesen eine Person oder Sache eingeführt zu werden, 
welche nicht im Verlaufe der Erzählung irgend welche Rolle zu spielen 
berufen ist; unser Verfasser aber verstösst gegen diesen Grandsatz 
wiederholt und in der aufi^lligsten Weise. Das vortreffliche Schwert, 
welches Helgi kr6kr dem Hrani schenkt, wird zwar später bei den 
Kämpfen mit Sigiiis und Hröald erwähnt, aber in ganz gleichgültiger 
Weise, ohne daß dasselbe irgend etwas zu leisten hätte, was nicht 
jedes andere Schwert auch zu leisten vermocht hätte; bei den späteren 
Kämpfen aber wird desselben gar nicht einmal mehr gedacht, obwohl 
gerade die Bekämpfung der Riesenfamilie und wieder der Berserker 
den günstigsten Anlaß geboten hätte, dasselbe übernatürliche Eigen- 
schaften zeigen zu lassen. Wozu femer der beiden in den EjjaQOrd 
eingelaufenen Schiffe gedacht wird^ nachdem doch selbst das dritte, 
von Kaupa-Raud geführte nur dem Zwecke dient, den Hrani und Einarr 
aus dem Lande zu bringen, ist ebensowenig ersichtlich als der Grund, 
um dessentwillen die Streitigkeiten der beiden Bundbrüder mit Rands 
Schiffsleuten erwähnt werden, an die sich doch ebensowenig irgend 
welche weitere Folgen knüpfen, als sie dazu dienen, den Charakter 
der Hauptpersonen der Saga in ein helleres Licht zu stellen. Wiederum 
werden zwar Hildir und Amhöfdi als berserkir bezeichnet; aber bei 
dem Kampfe mit ihnen tritt diese ihre Eigenschaft in keiner Weise 
hervor, und zumal zeigen sie keine Spur von jener Unverwundbarkeit, 
welche sonst für solche Leute bezeichnend zu sein scheint. Endlich 
die beiden schiffbrüchigen Isländer, welche am Ende der Saga erwähnt 
werden, erscheinen vollkommen unmotiviert, da weder ihre Herkunft 
noch ihr Schifibruch, noch ihre späteren kriegerischen Leistungen des 
Näheren besprochen werden wollen, und dieselben ganz im Wider- 
spruche mit dem sonstigen Sagenstile nur erscheinen, um sofort wieder 
spurlos zu verschwinden. Auch das ist ganz und gar nicht im Stile 
der echten Sagen, daß einerseits auf die Nachkommenschaft des Helden 
eingegangen, und andererseits von ihr doch nichts weiter als der Name 
einer einzigen Tochter berichtet wird. Die gegenseitigen Schimpfereien, 
mit welchen Hrani und Hröaldr, dann wieder Hrani und Ämhöfdi 
einander begrüßen, ehe sie mit den Waffen einander angreifen, sind 
ganz und gar nicht im Geschmacke der alten Sagen, und niemals hätte 
eine solche die Riesin Nypa einen Gegner, den sie zu fressen gedachte, 
mit den Worten anreden lassen: „heill )>ü, Hrani hringr", u. dgl. m. 



BECH, BRUCHSTÜCKE VON MEISTER ECKHART. 223 

Nach allein Bisherigen wird keinem Zweifel unterliegen können, 
daß unsere Saga ein durchaus neues Erzeugniss ist. Von wem dieselbe 
verfasst sein möge, überlasse ich Änderen zu bestimmen; man möchte 
an Jon Espölin denken, welcher im Jahre 1769 als Sohn des Syssel- 
manns Jon Jakobsson zu Espihöll im EyjaQördr geboren wurde, im 
Jahre 1836 starb, eine Menge gedruckter und ungedruckter Schriften, 
und auch jene früher besprochene Hälfdanar saga gamla verfasste^) 
und durch seinen Geburtsort dem Bärdardale sowohl als dem Hofe 
zu Stokkahladir, durch sein Amt als Sysselmann im Skagafjördr (1802 
bis 1825) dem Propste desselben Bezirkes, endlich als Halbbruder des 
Amtmannes Stefan ])örarinsson dem Gisli Brynj6Ifsson nahe gerückt 
war, der in den Jahren 1812 — 15 bei eben diesem Amtmanne Schreiber- 
dienste that*). — Vielleicht wird manchem Leser die Weitläufigkeit 
übertrieben scheinen, mit welcher ich die so wenig bedeutende Saga 
behandelt habe; mir will indessen vorkommen, als ob gerade das ge- 
nauere Eingehen in das Einzelne der hier einschlägigen Fragen ge- 
eignet sei, ein lebendiges Bild von den Schwierigkeiten zu geben, mit 
welchen eine kritische Behandlung der isländischen Litteraturgeschichte 
zu kämpfen hat. 

MÜNCHEN, den 18. März 1876. KONRAD MAURER. 



BRÜCHSTÜCKE AUS MEISTER ECKHART, 



(Fol. I') man me muge pruue. ab mä ganze mifie 

habe, dan an getruvnge. wan wer den andeiii 

sere vQ genczlich minet. daz sachit 

Allis des man gote tar getruwe. da 

5 I d* warheit i ome. vn tvsint me. Also alse got 
nie M. zu vil mochte gemlne. also mocht[e om] 
nie M. zu vel getruwe. Alle dink di mä ge . . 
mak. di sint nicht also zemelich. also groz tru 
we zu gote. wä alle die i groze zuvirsicht 
10 zu ome gewüne die geliz he nie. h* worchte 
groze dink m ome. daz hat h^ wol bewist am 



*) Vgl. Germania, XIII, S. 75-76. 

*) vgl. Pbtr P^trsson, Bist, cecles. Island. S. 426— 27; Erslew, Forfatter- 
Lexicon I, S. 239 nnd 388. 



224 



BECH 



(Fol. P) 



manige M. Dise getruvnge komt vö mine 
* wä mine hat nicht alleine getruwe^ m^ sie 
hat ein war wizzen. vli eine vnzwiueliche 
15 V zu yirsicht. vü sichirkeit 

Iz ist zweirleye wizzen i diseme lebene. des 
ewigen lebens. vn d^ yrütschaft gotis. daz 
eine daz iz got eime meschl sage edir enpite. 
bi eime engele. ed^ em sundirlich liecht gibit. 
20 vn daz geschet seiden yfi wenik lut . . . . iz ist 
and^ wizze. daz vil vn ynglich bezz[ir] . . vli nu[z] 
zer. Daz geschet dicke allen gn[ten] vn . . . . 
komene lute. daz ist daz d^ M. vö mine vli vö 
eimlikeit. die h^ hat zu sime gote daz h^ ome so 
. . getruwe. vn so sicher an om sie. daz h^ nicht 
wiuele möge vn wr^t da von. daz h^ en m! 

sich^ selb^ vor s . . ten om alle c^ature. vn 

. • vorseite om got selb^ h^ mochte 
misse truwe wä mine kan nicht 
. . sie getruwet allis gutis vü ist 
. mä den mineden vn gemine 
. sagen wä m deme daz h^ gevulet 
10 ... . vrüt ist da mite weiz h^ gnuk 

. . . ist vn sin* (?) selikeit ge 

ome. des bis du 

dir vn lib* 

. . . vngelich me getruwe. wan 
15 ... . getruwe vn ...ge truwe. dar 

. . . ge . . . . sichir sin 
alle . . mine. Dise sichirkeit ist 
re g . zir vn warir d . . die erste vn mak 

lichte ein vnrecht 

20 . . . . ge . . . mä i alle den crefte 

. nicht getrige . . i den di da w* 
. . zwivelt iz also wenik alse d* 
gote zwivelt. Wan mine virtriet 
(Fol. II*) vindi den grüt. daz din gemute sal v*re dar vb* 
irhabin sie. vn iz sal din gemute nicht ruren 
zu mugene. noch zu minene. v^re sal din ge 
nate dar vb* irhabin sie. wan daz w^e ein kräc 
[ newendikoit di daz vzz^e cleit sal berichten 
Dm I nere sal daz vzzere berichten, alse iz . • 



BRUCHSTÜCKE AUS MEISTER ECKAKT. 

ue an dir Btnt. Mer aUe iz dir alBus zu ve 

mact tu iz vz dime grüde gut ncme. d&z du d. 

da Ino vindest. Gevile iz andire. daz du iz ouch 
10 g'ne vn willichlichen wold. . me. vn also ouch 

mit d' Bpise vü m deu vnmd . . mage vQ m. 

alle deme daz dir got gebe . . - me vfl al . . 

Ich iz bezz' allin dinge iz si smaheit iz si er.. 

iz si waz iidens iz si 

15 zu gote 



dan daz sieb d' M. eelbir drin . . 

I V recht, tk i deme bo mak mä wol 
ab smaheit geuÜe. vn vngemaeh. vn ' 
vi den M. daz niä die oucli tragin mochte vnde 
(Foi n") g'ne wolde tragen, vn m alleme rechte, vn vrtei 
le. mak di wol ezzen di also gerech gereite w'e 
zu d' vaste. alse zu dem ezzene. vQ daz ist wol 
di Bache daz gol vb' eine vrüt grozea vD vü 
5 Iidens virbengit. daz sin vmezige truwe andtrs 
nicht v'mochte wan daz so vil vD so groz vrome 
an deme lidene lit. vH her di sine nicht wil noch 
enzemt. virsumen i Icbeiue gute, dan daz 
si quit list m deme grozen gerciten wille. vn 
L 10 d&z ome da mite wol gnvgo. andirs om en dike 
in leit laze virgan. vme de vmeziichin vroin 

. eme lidene lit. Die wile also gote gnvgit 
. zu vride. wan om ein andir bebagtt. eo 
. ch zu ganzen vride. Wan d' M. Bai i newe 
. anz gote gelazen si I alle sime willen. 
. nicht vel bew're wed' m d', noch m d' 
. ir werkin vH svnd'hcbin saltu vlien 
. . ndirlikeit iz si an cleidem. an spiBC. vn 
. orte, alse hoer wort vil zu rcdeue od' Bun 
' dirliche stete zu wisene. da I keiu nutz an lit. 
Doch aalt du wizen. daz dir nicht virboten ist 
alte sundirlikeit. Iz ist vil suudirlikeit. di mä 
Die vorstehen den Zeilen bilden den Inhalt eines Pergament- 
fpelblattes in Duodezformat, das auf der StiftsbibUothck ia i 
'Hl. [)ii.) .t^rg. 15 



226 L.1TTERATUR: ZUR ÄLTERKN KOMAXTISCIIEN LITT. IM NORDEN. 

aufbewahrt wird. Da das Blatt früher als Einband diente, so hat die 
Schrift durch Abreiben stark gelitten und ist trotz der angewandten 
Reagentien an manchen Stellen unleserlich geblieben. Auf jeder Seite 
sind mit Tinte 23 Linien gezogen; die letzte Linie auf Bl. 11* wie auf 
IP ist unbeschrieben geblieben; die großen Anfangsbuchstaben sind 
durch rothe Nebenstriche gekennzeichnet; Z. 16 auf Bl. P deutet ein 
rother Buchstabe zu Anfang auf den Beginn eines neuen Abschnittes. 
Den Sohriftzügen nach gehört das Bruchstück in das 14. Jahrhundert, 
und zwar wahrscheinlich noch in die erste Hälfte desselben. Es ent- 
hält ein Stück aus dem XVII Tractat Meister Eckharts, der in der 
Ausgabe Pfeiffers S. 543 folgenden Titel ftihrt: Daz sint die rede der 
underscheidunge, die der vicarius v(m Düringen, der prior von Erfortj 
bruoder Eckehart predier ordens mit eolichen kinden hete, diu in dirre 
rede frdgeten vil dinges, dd sie sdzen in coUationibue mit einander. Es 
decken sich Bl. I* imd P unseres Fragmentes mit Pfeiffers Ausgabe 
558, 31 bis 559, 27; Bl. n^ und IP mit 563, 13 bis 564, 9. Aus den 
Sprachformen geht deutlich hervor, daß die verlorne Handschrift in 
Düringen, vielleicht in Erfurt selbst entstanden, und daß sie mithin 
nahe verwandt war mit jenen mitteldeutschen Handschriften Eckharts, 
aus denen E. Sievers im 15. Bande der Zeitschrift ftlr deutsches 
Alterthum S. 373 folg. mehrere Predigten veröffentlicht hat 

ZEITZ, April 1876. F. BECH. 



LITTERATÜR. 



Zur älteren romantischen Litterator im Norden. L 

Gustav Storm. Ona Enfemia viserne. (In: Nord. Tidskr. for PiL og P«d. 
N. R. 1 S. 28—48.) 

Derselbe. Sagnkredsene om Karl den Store og Didrik af Bern hos 
de nordiske Folk. Et Bidrag til Middelalderens littersere Historie. Ud- 
givet af den norske historiske Forening. Kristiania. Mallings Bogtiykkeri. 
1874. 8«. 

Der durch seine Studien über norwegische Greschicbtsscbreibang bereifla 
rfibmlicb bekannte junge Gelehrte liefert in diesen Arbeiten schätsbare Beitrige 
cur Geschichte der romantischen Poesie und Prosa im Norden. 

In der ersten dieser Abhandlungen wird, gestützt auf das für diese Unter- 
suchung nothige, endlich vollständig vorliegende Material, die Frage nach den 
Quellen der sogenannten Eufcmiayiser in übersichtlicher Darsteliong ei d it e it 



LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 227 

Es darf jetzt als feststehen^ gelten, daß Herra Iwan und Flores och Blanzeflor 
zn betrachten sind als Übertragungen aus den entsprechenden altnorwegiscben, 
noch jetzt vorhandenen Prosasagas in altnorwegische Verse, während Hertng 
Fredrik mit seinen unverkennbaren deutschen Eigen thnmlichkeiten direet auf 
eine deutsche Vorlage schließen lässt. Alle drei Umdichtungen wurden unter- 
nommen auf Anregung der Konigin Enfemia, der deutschen Gemahlin des Hakon 
Magnusson von Norwegen. Ihre Umsetzung ins Schwedische fallt erst einer be- 
deutend späteren Zeit zu, vgl. u. 

Dagegen wird sich schwerlich definitiv abmachen lassen, ob der von der 
frz. uns erhaltenen Fassung ganz abweichende Schluß der Floressaga ok Blan- 
kiflür^ den das schwedische Gedicht natürlich theilt, dem norwegischen Über- 
setzer zuzuschreiben ist, wie Storm will (S. 35), oder seiner Vorlage schon an- 
gehört hat. Wenn man erwägt, wie wenig selbständig die Gelehrten am Hofe 
Hakons zu arbeiten pflegten — der selbständige Schluß der Parcevalssaga, auf 
den St. verweist, war durch das unvollständige Original bedingt und ebenso 
wenig können die etwaigen Änderungen in der Thidrekssaga , vorgenommen 
zu Gunsten des Zusammenhanges, beweisen — und zugleich bedenkt, wie oft 
in der altfrz. Litteratur der Fall eintritt, daß, um einer verballhornisierenden 
Fortsetzung Raum zu schaffen , der echte Schluß eines Epos gestrichen wurde 
(vgl. Fierabras, Perceval le vieil, Partonopeus de Blois u. a.), so wird die 
Originalität dieses Stückes der Saga mindestens unwahrscheinlich. 

Eine sehr willkommene Zugabe ist der Abdruck eines im norwegischen 
Reichsarchiv bewahrten, leider etwas defecten Pergamentblattes au^ der Flores- 
saga, seiner Schreibweise nach wohl in den Anfang des 14. Jahrhs. gehörig, 
und wichtig, weil sein Text fast durchgängig vollständiger ist, als die ent- 
sprechende Stelle der Handschrift M (gedr. in Annaler f. n. 0. 1850). Die bessere 
Hdschr. N reicht nicht so weit. Die defecten Stellen sind durch Prof. Unger 
ergänzt. Eine eingehende Vergleichung dieses Fragmentes [A] mit M und dem 
schwed. Gedichte [S], sowie den anderen Versionen, bestätigt wieder den Satz, 
daß diese Sagas fortlaufenden Kürzungen durch die Hand der Abschreiber unter- 
worfen waren, indem selbst in dieser rel. alten Hdschr. Spuren von Kürzungen, 
aufweisbar sind, wo z. Th. M sogar noch die vollständigere Lesart bietet 
woraus zugleich erhellt, daß M nicht aus A geflossen sein kann; z. B. A S. 25^ f. 
munn ?Mnn pa taka at pdkka per ok bidia [pik koma aptr etc. vgl. M S. 44 ^'r 
mun hann pd taka at eUka p%k ok mun bidja pik etc. Dag. S v. 1194 f. : hon 
fJiakkar thik ok hafuer kcer^ bidher thik ater koma ther. In A ist eUka^ in M 
Pakka ausgefallen. Ferner AS. 27^ f., wo es sich um das Schachspiel handelt: 
En pcet vor fioirtB er iLann [en jamakiott gaf hann duruerdenom /et ait etc. 
M S. 46**: ... ok Ut dyravördr ok var pd mjök reidr, En Flort8 gerdi sem 
hushöndi baudj gaf honum aptr etc. Vom Zorn des Wächters ist in A nicht 
die Rede, freilich ebenso wenig in S v. 1252 ff., wo diese ganze Erzählung in 
wenige Verse zusammen gefasst ist und im frz. Texte v. 1952 ff., wo . ohne 
Zweifel mehrere Verse ausgefallen sind. Dag. heißt es mhd. v. 5104 f.: d6 ge- 
atilte er tinen zom, also man mit gäbe tuot. Die Beziehung auf die Weisung 
des Daries aber haben alle übrigen Texte; vgl. frz. v. 1954: comme sei otte$ 
li loa. = mhd. v. 5107 = ndl. v. 2706 = engl. (edd. Lumby. Lond. 1866) 
¥. 404. Beides wird also in A ausgefallen sein. 

\5>* 



228 [.ITTEßATlTR: ZUR ÄLTEREN ROMANTItiCHEN UTT. IM SORDEW. 

L'ogerfl Ergänzungen sind sorgiüllig mit Herb eis ii'hung des fr», u. scbwcd. 
ansgeföhrt. An einigen Stellen kano man Zweifel hegen. S. 34, heißt et: En 
pu haf med [per i pus Jiinum c. aura gulh ea\ firir utlann ft lirik p« tri. 
War der Raum fit die Ergänzung nicht peinlich genau berechnet, was der Ab- 
kUnwngen wegen kaum thunliub ist, bo möchte ich nach giilh UDBchieben : ok 
legg vid, vgl. M S. 44* = fri. v. 1876: qu'a U metra =i mhd. t. 4666 = ndl. 
V. 3614. S. 3T* scheiot ea mir richliger, anstatt; grrdiil hardla glaär utd ok etc. 
zn ergUnzen; vndra'tUl hardla pelfa ok etc. In M nnd S ist etwas ausgefallen, 
dag. vgl. frB. T. 1955 f.; moulc t'cn merveilla, et por It don Vtn mercia ^ ndl. 
Tl. 2709 f.: den portwerdfr teondtrdc harde daer om«, ende dancte heri von der 
g roter have. Endlieb S. 27* heißt es: J^n hin uard [enn gregri gladr . . . .j indem 
dai letzte Stückchen der Zeile nnerganzt bleibt. Ich möchte: ok ordlauta snp- 
pieren. Daranf deutet nämlich das folgende: ok tidfremi*) fek han pakkat Amtun; 
und es wird bestätigt durch ndl. t. 2720 ff.: (Joe wo* dit man to blide, daC hi 
t'n diere ttonde een icoort ghaprelctn ni«t en condt. daer na eprat hi over Itute 
mde leide htm der ghichtert dane etc. 

So sind jetzt die Bearbeitungen und Überaetzungen des frz. £poa Floire 
et BlancefloT sämmtlich gedruckt, mit Ausnahme diner englischen Bedaction, die 
sich in der Bibliothek von Bridgtwater House befindet und nach Lumbj's An* 
gabö vorerst unzugänglich zu sein scheint, nnd der sog. Eschenburg'schen Hdscbr. 
der niederdeutschen Fassung (vgl. Hoffm. Uorae Belg. III S. XU), mir nur in- 
gänglich geworden in Büschings, wie mir scheint, nicht allzu Borgsamer Abschrift 
(Mscr. Germ. 786. 4" der ßcrl. Kgl. Bibl.). welche von der »ou Bmns edierte» 
(Berl. und Stettin 1798» bedeutend abweicht. Nur mit Hülfe dieser aämmtlicheu 
Bearbeitungen dürfte es möglich sein , die ursprüngliche Gestalt des. frz. Ge- 
dichtes einigermaßen genau festzustellen, was namentlich auch für die ästhetische 
Würdigung desselben von Bedeutung wäre. Durch sorgfältige Berücksichtigung 
derselben erst würde ein Urtheil gewonnen werden über das Verbältniss der 
beiden frz. Redaclionen zu einander, es würde sich vor allem herausstellen, 
daß die kürzere, welche den ursprünglicheren Text enthält, dem Ofiginal gegen- 
über eine Menge von Kürzungen eifahren hat , wo die Vorlagen der verschie- 
denen Übertragungen — die, wie sich leicht zeigen lässt, von einander unab- 
hängig, alle auf das frz. zurückweisen — noch das Vollständigere boten**). Zn 
einer solchen detaillierten Vergleichang habe ich selbst schon das Materi»! 
ziemlich vollständig gesummeil und hoffe seiner Zeit genaueres dar 
liehen in können. 



•) Das Wort tldjrani ,spSt erst' ist seiner Seltenheit wegen bemerk enswerth. lefc 
finde es in keinem Wörterbuch. G. Vigf, bemerkt i. v. /remi nur: Chily in the phraie: 
nä /rtlai : Wji to far. 

**) Wie wichtig f3r das VentSndniaa dines Teitaa die Vergleichung aller Bear- 
beitungen dieses Epos ist, lehrt u. a. eine Stelle des mbd. Gedichtes, an dtfr iwar 
wohl noch niemand Anstoß genommen hat. Flore ist an das Grabmal geführt worden. 
Da heißt es v. SSOTff. : til unmderi gr6i an im gemhaeh: van aU er diu bilde geiaeh 

tä te tfimf belamder dax nie nach in gemachel mären etc. In diesem und dem 

Folgenden liegt aber, wie mir scheint, absolut nichts von einem Wunder, das an Flore 
geschehen wfire. Der erste Vers ist nlso an verstand lieh. Dagegen sieht im mederdeut- 
tcben Gedichte v. 463 ff,: DS Fl6t den tlein attghaach, grot tmtider dar ghenach; Flu» 



>flai^H 



LITTERATUK; ZUH ÄLTEREN KOMA.NTISCHEN LITT. IM NOEDEN. 229 

Das oben an itwoitt-r Stelle «uf^efdbrte Buch bietut ciue liclitrolle Über- 
sicht über die Verbreitung der Sageiikreise von Karl dem Großen und Dietrich 
von Bern im skaDdinavischen Norden. Je mehr dieser Theil der altnord. Litte- 
ratur ron Interesse ist für eine Jtünftig ab^ufagsende Geschicbte der „großec 
Ssgeiikreise des Mittelalters", um so nützlicber ersehien mir eine etnas ous- 
fühjlichcrc Besprecbung der fleißigen Arbeit in dieser Zcitscbrift. 

Das Buch behandelt luerst lahnlt, Oberlieferaog und Quellen der Karls- 
tnagnus Saga sowie ihre spätere Umarbeitung (bis 8. 69), wendet si«h dann 
zur Entstehung nnd Wanderang der deutschen Heldensage nach dem Norden 
(bis S. 83), kuilpft daran die Besprechung der Hdscbr. und Quellen der Thidreks- 
Eaga (bis lü. 131); dann folgt eine Erörterung über Älter und Quellen der 
Buhved. und dan. Chroniken, die dieselben Stoffe bebandeln (bis S. 168); weiter 
werden die hiehergchorigen dänischen Folkevlser untersucht (bis S.Sil) und 
endlich die an diese Sagenkreise sich anschließenden norweg., istand. und fsroi- 
sehen Dichtnngon (bis S. SS5). Eine dankenswerthe Zugabe ist der Abdruck 
des Biucbstückes „om Jorsataferden" nach der schwed. und dän. Karlamagom- 
chrouik und einiger Verse aus den ron Thord. Magnusaou c. 1570 verfassten 
Rollantsrirnnr. 

Über einzelne, etwas breite Ausführungen and Inhaltsangaben, wo viel- 
leicht ein Hinweis auf Ungers Vorreden genügt hätte, will ich mit dem Verf. 
nicht rechten. Es lag das Tielleicbt in der Fassang der ihm gestellten Auf- 
gabe. Ich werde mich im Folgenden darauf beschränken, die wichtigsten von 
Storms neuen Ücsultaten lu besprechen, nach einigen Seiten auch Ergänzung 
>u versuchen. 

Bei der Besprechnng der Quelle des Sagascbreibers für die dem ßolands- 
liede entsprechende Partie der Karlam. Saga weist Storm sehr hübsch nach, 
daß die Hdechr., die ihm vom &z. Liede vorlag, zwar nicht so alt und rein ist 
wie das Oiforder Mscr., aber auch nirht so entstellt wie die späte Veraailler 
Hdschr., insofern in ihr oft schon die Assonanz in Reim verwandelt war {3. 26 f.), 
ferner daß die Saga auf diese Weise manche Züge erhalten hat, die wir in 
frz. Teiten nicht mehr nachweisen können, die sie aber einmal enthalten haben 
müssen (S. SO). Es ergibt sich aus allem, daß dieser Abschnitt der Saga und 
— um das gleich vorauf eq nehmen — der entsprechende Theil der schwed. 
Karlamagnus-Chronik, die auf älteren nord. Hachr. ruht, leider aber sehr un- 
genügend gedruckt ist — für die kritische Behandlung des Bolandsliedes nicht 
ohne Werth ist. 

Mit Recht acheint mir Storm ferner (S.38 ff.) gegen Unger und G. Pari« 
sn behaupten, daß der Sagaschreiber für das erste Buch nicht mehrere Quellen 
ausgezogen hat, sondern treu seiner dinen Vorlage, einer cyelischeu Darstellung, 
gefolgt ist, die freilieh verloren scheint. 

lep devendich teyte wm dan. dar he jmule iooioan lUtn. Er springt dann »n den 
bOwen hinein, diese verletzen ihn aber nicht. Darin liegt wirklich ein Wundor. Da 
nnn sogar die Beimworte in beiden Texten stimmen, so werden wir billig annebman 
dürfen, da& in beiden dasselbe Wnnder gameint ist. Daffir spricht mm auch die xwoite 
fn. Fatsang bei du M6ril, wo es bei derselben 8cenc beißt v. 1699: La putl Von 
:Ut viair. Flecbs Vortage scheint also die Episode mit den LSwen noch vorge- 
m, sie aber gestrichen lu haben, so daß nur etwas von der Einleitung derselben 
stehen geblieben ist, das nnu auch Fleck herüber geuonuneu bat. 



L 



230 LITTERATÜB: ZUR ÄLTEREN ROMAKTISCHEN UTT. IM NORDEN. 

BetrefiBi des Abschnittes aber Oddgeir danski [das «weite Buch der Saga, 
ergänzt durch ein spateres Stack der dänischen Keyser Karlls Ejrönike (Chr. 
Pedersens Danske Skrifter. Y Bind ndg. af 0. J. Brandt Kjob. 1856 S. ISO ff.)] 
mochte ich hinweisen aof eine treffliche Abhandlang von Pio Bajna, die Storm 
noch nicht kennen konnte: Uggeri il Danese nella ietteratora romaniesca degl* 
Italiani, in: Romania 1874 S. 31 — 77. Hierher speciell gehört folgendes aas 
derselben. In dem frz.-itaL Gedichte über Og^er sowohl wie in der dänischen 
Fassung (vgl Ped. 8. 121) wird als Grand für Carlotto*s Haß gegen Ogier 
angegeben, dieser habe ihm den Rahm weggenommen, zwei bedeutende Feinde 
zu tödten, obwohl jener nur beabsichtigt hatte, Carlotto zu Hülfe zu kommen. 
Dieses Zusammentreffen hielt G. Paris (Bist. po^t. de CharL S. 311) für zu- 
fällig: Bajna will es (S. 61) — wie mir scheint, mit mehr Recht — auf eine 
gemeinsame Quelle zurückführen, um so mehr, als sich auch sonst noch ver- 
wandte Züge finden dürften. Im dän. Texte durchbricht Og^er mit Gewalt die 
Kerkermauern, um zu zeigen, daß er sich auch selbst habe befreien können; 
ähnliches wird in einer der ital. Fassungen berichtet. 

Über das Yerhältniss der ^Jorsalaferd*" zu ihrem Original: Charle- 
magno (ed. Fr. Michel. Lond. 1836) macht St S. 60 ff. einige treffende Be- 
merkungen. Fälschlich aber wird dem nordischen Bearbeiter die Yertauschung 
der i))r6ttir des Turpin und Bemard zur Last gelegt (S. 62); denn auch in 
dem frz. Yolksbuche: Galien Rhetor^, dessen erste Capitel direct auf den Charle- 
magno zurückgehen, mit der nordischen Prosa aber nichts gemein haben, wird 
Turpin das Uberschwemmongswunder zugewiesen. Weiche Anordnung die ur- 
sprüngliche ist, wage ich hier nicht zu entscheiden. Dagegen übergeht St. ^n 
paar andere Eigenthümlichkeiten des nord. Textes, die der Beachtung werth 
erscheinen. 

Die Tochter des Königs Hugo sagt zu Olirier, als er, um sein Wort au 
lösen, mit ihr allein gelassen ist, frz. y. 712: 

Sire, eissistis de France, pur nus femes ocire? 
Die Saga bietet S. 479^^ f.: 

Herra, segir hon, komtu til pess af Frakklandi, at ikemma konur i Mik- 
lagardi? 

Der Ausdruck Mtödten** passt gar nicht in den Zusammenhang, jlremnia 
vertrefflich. Die Quelle muß also ein ähnliches Wort gehabt haben, wenn auch 
nicht hunire^ das schon v. 721 wiederkehrt, und auch aus metrischen Gründen 
unmöglich ist. 

Interessanter ist folgende Abweichung. Im Charl. y. 488 hat Oliver ge- 
lobt, der Königstochter hundertmal in einer Nacht zu Willen zu sein. Als es 
zur Sache kommt^ küsst er sie dreimal (v. 715); verspricht, sie zu seiner Ge- 
mahlin zu machen, wenn sie ihn nicht verrathe, und der Dichter fügt hinzu 
V. 726: 

Li quens ne li fist la nuit m^ que XXX feiz. 
Am nächsten Morgen fragt der König v. 729 f.: 

„Dites-mei, bele fille, ad le vus fait c feiz? 
Cele li respunt: Oil, sire reis." 
So läge eine directe Lüge und ein sehr mittelmäßiger Scherz vor. Das hat 
ELeller bei seiner Inhaltsangabe des frz. Gedichtes: Altfranz. Sagen Bd. I S. 53 
sehr wohl gefühlt und die Stelle deßhalb so wiedergegeben: „Aber er beruhigte 



LITTERATUR : ZUK ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 231 

das Mägdelein und küsBle and herzte sie vielfach bis an den Morgen. Davon 
war sie so erfreut, daß sie seine Küsse zu zählen vergaß und als des andern 
Tages ihr Vater sie zu sich rief und nach der Zahl derselben fragte, antwor« 
tete, daß er ihr deren wohl hundert gegeben.'' Das ist aber Keller'sche Dichtung. 
In der Saga heißt es dag. S. 479^^: Oliver Id i hvau kjd keisaraddUur ok 
tnerUt tu hennar ok ky$H hana 100 tinnum. Auf die Frage des Königs: tf 
Oliver hefdi drygt pat er kann »agdiy heißt es: En hon mxxradi ok koad kann 
drygt kafa. Das dreimalige Küssen fehlt hier ebenso wie eine Parallele tot. 726. 
Dag. haben wir hier ein reizendes Wortspiel, besonders wenn wir annehmen 
dürften, daß heiaer hier schon in dem bekannten Doppelsinne au&ufassen sei. 
Die bessere Lesart ist das also ohne Zweifel. Ob das Original, lasse ich hier 
un erörtert. 

Die Zeit der Einwanderung deutscher Sage im Norden verlegt St. frühe- 
stens in das 6., wahrscheinlich in das 7. oder 8. Jahrh. (S. 76 ff.). Die Gründe 
sind einleuchtend. 

Die Quelle der Thidrekssaga angehend, so weicht Storm namentlich darin 
von Döring (Die Quellen der Niflunga-saga in der Darstellung der Thidreks- 
saga etc. in: Ztschr. für d. Phil. II S. 1 ff.) ab, daß während nach diesem dem 
Sagaschreiber nur Berichte nach dem Nibelungenliede, Eckenliede, Hiidebrands- 
liede vorlagen, und etwaige Abweichungen ihm zur Last zu legen sind, Storm 
für letztere eine andere Quelle vermuthet. Die Sache ist schwierig zu entscheiden. 
Indessen muß ich betreffs der von St. S. 118 besprochenen Stelle über Krim- 
hilts Tod Storm gegen Döring darin unbedingt Recht geben, daß es sich nicht 
um eine zufällige Übereinstimmung zwischen der Saga und dem prosaischen 
Anbange des Heldenbuches handeln kann, um so mehr, als auch in der Partie 
von Ecke manche Züge genauer zu letzterem stimmen, als zu den Eckeliedern. 
Auch darin will ich Storm nicht widersprechen, daß das Anzünden von Feuern 
im Garten *) durchaus kein nordischer Brauch sei, als welchoi Döring (a. a. 0. 
S. 33) ihn vom Sagaverfasser eingeführt wissen wollte. Aber wie steht es mit 
der wichtigen Stelle vom Überwältigen der Feinde mit Hülfe der ausge- 
breiteten, glatten Rinderhäute (Döring a. a. 0. S. 55 und 74), die Storm todt- 
schweigt? Die Parallele aus de» Eyrbjggja ist doch sehr treffend. Zu der Un- 
selbständigkeit, die Storm sonst — meist wohl mit Recht — dem Sagaschreiber 
vindiciert, stimmt auch nicht so ganz, daß er denselben in dem Abschnitt von 
Isung und den Söhnen des König Artus von Bertangaland (S. 127) ziemlich 
eigenmächtig schalten lässt. Über den Abschnitt von Hildebrand und Alebrand, 
den St S. 128 kurz bespricht, vergleiche man jetzt auch die Abhandlung £d- 
zardi's: Zum jüngeren HiidebrandsUede (Germ. XIX S. 815—326)**). 



*) Unrichtig ist es, wenn Zamcke, Nibelungenl. 4. Aufl. S. LXXXIII sagt, der 
Norweger lasse seine Helden in der Halle ein Fener anzünden. Damit wäre die 
Schwierigkeit freilich gehoben. Aber abgesehen davon, daß auch sonst gardr unserm 
Galten entspricht, vgl. Vigf. s. v., so heißt es gleich darauf: En peir er firir voru fylgia 
margrei/a tmi i hoUitna, ok »kipar kann peim d paütL 

**) Das. S. 316 heißt es: Auch bleibt es doch wohl zweifelhaft, ob er [Hildebrand] 
seinen Sohn in dem Gegner erkennt; nach der genauen Beschreibang , die ihm von 
Alebrand cap. 406 gegeben ist, mflsste er es wohl; aber cap. 408 heißt es: ok kenneut 
nu vid, wo Äreilich B hamuut hat „sich mustern**. Aber Aaonnast heißt ebenso oft: 
sich erkennen, vgl. Bp. I p. 228 *' Fms. I p. 186. vgl. Cleasby-Vigf., Möbiiis s. v., 



232 LITTEBATDR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

Über d«n Prolog der Thidretssag-a aad seine Eclitheit sind die Acten 
nocb nicht gc»cb1oMea, denn auch naa Storm (S. 104) dafür vorbringt, ist nichts 
weniger aU ziringend. Ein inlereisanteB Oegenatück lu derselben bildet die noch 
ungedniekte Einleitung Knr Adonius Saga ok ConstantiuB (A M. 593 A. 4") and 
da» SchloGcapitel der Bragda-U&gus Saga (S. 175 ff.), die Übrigens für die 
Sache selbst als Beweis material kaum braachbar wären, da es sehr fraglich ist, 
ob ihnen ein hohes Alter zu vindicieren ist. 

Was endlich noch einmal die Quellen der Saga angebt, so behaupten 
Storm (S. 107 f.) wie Döring (a. a. O. S. 71) energisch, es seien das nicht 
handschriftliche Quellen, sondern nur Erzählungen deutscher Eanflcute ge- 
wesen. Sollte die Wahrheit nicht in der Mitte liegen? Sollten die Gewähra- 
männer des Sagaverfassers nicht oft genug ihre Erzählung durch Recitation von 
einzelnen Versen oder Versreihen nnterbrbchen haben, und auf diese Weise 
die Ton Döring «war bestrittenen (S. 3), aber von ihm selbst mannigfach auf- 
gezeigten wörtlichen Übereinstimmungen EU erklären sein? Weist er doch selbst 
öfters aof )>f dersk kvsdi hin. Ob die Kauflente aus Soest, Bremen und Münster 
die Epen in mhd. und mnd. Mundart gekannt haben, lässt Storm (S. 107) ab- 
sichtlich unberührt (vgl. jedoch S. 129 n.). Döring deutet S, 78 f. vornher- 
gehend auf letzteres hin, und ich glaube er hätte diese H7potbeee kuhner vor- 
bringen dürfen. 

In m erweist Storm u. a., daß die Thidr. nnd Earlam. Saga c. 1430, 
znr gleichen Zeit wie die Eufomi aviser nach Schweden gekommen und hier 
übersetzt worden sind, ferner daÜ die schwedische [jetzt bis auf das Rolanda- 
lied und Jorsalaferd verlorene) Karlschronik auf einem sehr alten Terto der 
Saga ruht, nnd ihrerseits die Quelle der wesentlich gekürzten dänischen Fassung 
ist, die deOhalb nicht selten fiir kritische UnlersucbaDgen von Bedeutnng wird*); 
endlich daß die Hvenscbe Chronik, die Döring auf die Thidrekssaga zurück- 
führte, aus dem schwediacben Teite abzuleiten isl- 

Iq IV wird, gestützt darauf, daß die dänischen Viser, die Saio benutzte, 
offenbar stahreimend waren, gezeigt, daß die dänischen Folkcviser, wie sie ans 
jetzt vorliegen, späte Umarbeitungen sind, die auch die historische Wahrheit 
oft genug verstört haben, während Grundtvig si« viel früher ansetzt; ihr Metrara 
ist von Deutschland gekommen, zu Ende des 13. oder im 14. Jabrbnndert. 
Die meisten speciell hierher gehörigen Viser sind auf die achwediscben Prosa- 
fassnngen zurückzuführen. 

Abschnitt V, der sieb, wie oben erwähnt, mit den an diesen Sagenkreisen 
sich anschließenden norwegischen, ieländischen und fxröischen Beimgedichteo 
hescbnfligt. konnte der Natur der Sache nach nicht so vollständig ausfallen, 
wie die früheren, da dem Verfasser nur wenig handschriftliches Material zu 
Gebote stand. Ausführlich wird nur die norweg. Bolandsvise und das fnr. Lied: 



so daQ also Sbei den Sinn der Stelle kein Zweifel ontstehon kann. Trot« der 
Beschreibung erkennt der Vater den Sohn nichL 

S. 321 Lätt Ediardi den schwedischen Test an einer Stelle für urspränglichsr, 
als die Hdschr. der pg. Aber wie ist das möglich, wenn, wie Ung er {S. VIU) erweist, 
der schwed, Cbertragimg gerade A su Grunde lag? Vgl. auch u. 

*) Leider ist sie nns nar mgänglich in Pedeisens Übuiarb eilung von IL. 
Schon eine genaue Angabe aller sachlichen Varianten der Hdschr. und GelunenaAi 
gäbe von letzlerer würe für kritische Uutersucb nagen r<>n Interesse. 



1 



LTTTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 233 

BtinsevalBstrnj besprochen (S. 217 ff.). Kurz erwähnt werden S. 215 die Grtiplur^ 
die den oben besprochenen Abschnitt der Karlamagnussaga: Um Jorsalaferd 
snm Stoffe haben, zum größten Theil enthalten in der Wolfenbättier Rimnrhs. 
(vgl. Ant. Tidskr. 1849 — 51 S. 7 ff.), zu ergänzen durch AM 603. 4®*), 
Daß diese Rimur auf die Saga zurückgehen, war a priori wahrscheinlich. Eine 
genauere Prüfung bestätigt es; nur hat keine der uns erhaltenen Hdschr. die 
Vorlage gebildet, sondern eine z. Th. bessere. Ich darf mich hier um so eher 
kurz fassen, als ich einer neuen kritischen Ausgabe des Charlemagne, die einer 
meiner Zuhörer gegenwärtig vorbereitet, die Rfmur wie das gleich zu erwähnende 
£Br. Lied anhangsweise beizugeben gedenke. 

Der Name Geiplur stimmt zu der Überschrift des 8aga])4ttr in B: Gei- 
pnnar ])4ttr (Unger S. XXXI). Die Namen der Ritter, die um König Karl sind, 
weichen z. Th. von der Saga ab, woraus man sieht, daß der Dichter die ganze 
Karlamagnussaga ziemlich genau studiert hatte. Es sind in R (^ Rfmur) folgende: 
Bollant, Oliver, Oddgeir, Turpin, Nemus, Namlum, Otuel, Villifer, Ivorias, Ingiler, 
Bemard, Boering, Reinald, Geirard, Bertram, Angilas, Berard, Gumilum, und 
zwar werden dieselben, etwa in der Art, wie in der ersten Aventinre des Nibe- 
lungenliedes , der Erzählung vorausgeschickt, nicht erst bei Gelegenheit der 
von Karl berufenen Rathsversammlung genannt, im Sinne des Dichters sehr 
passend. 

An ein paar Stellen schließt sich R genauer an frz. an als S (Saga). 
BI ▼. 24 sagt Karl: 

£k skal leita at lofdung peim, 

listin hefir so unmat, 

koma ei fyrr i Frakkland heim, 

enn foeg bann s^t ok kunnat. 
= frz. V. 57 : Ja nen prenderai maia fin tretque Vaxtrti veuz, S entspricht 
8. 467^^: Pd s6r K, k, at kann skyldi p<U reyna. 

Vor den Pflug des K. Hugon sind Maulthiere gespannt R II ▼. 63^ f. : 

rar var gerr af gulli ardr 

ok gengu mülar undir. 
= frz. V. 287: Mais de chascune part un fori mul amblant. In 8. S. 471^ ist 
von öxn die Rede. 

Dagegen finden sich eine Anzahl Stellen in R, für die weder in frz. noch 
S. Parallelen aufzeigbar sind. 

Nachdem der Patriarch Karl aufgefordert hat, gegen die Heiden zu kämpfen, 
beißt es R V. 50: 

Hilmir f6r at heija framr 

hvatt & spenska drengi; 

Massihus enn mikli gramr 

mönnum r^d p&r lengi. 
Marsilius wird in der Saga hier nicht genannt. Die obige Notiz von der 
Belesenheit des Dichters wird dadurch bestätigt. 

Hinter jeder iprött wiederholt in R der betreffende, daß er sterben wolle, 
wenn er das Gelobte nicht ausfuhren könne. S. und frz. haben dieß bloß an 



"*) Vollständig, mit Ausnahme des Mansöngr, auch erhalten in Cod. AM chart. 
616. J. 4«. 



234 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN UTT. IM NORDEN. 



zwei Stellen. Auch die Bemerkungen des njösnarmadr sind selten dieselben ia 
S nnd R. G^z eigenthümlich ist R t. 69: 

Bidenciana yar borgin sii 
af brögnum köllud olim; 
p6 er hon kend af köppnm nü 
Constantinopolim. 
Constantinopel wird aach in der dftnischen Fassang (Storm S. 239**) genami. 
Wie R zu dem Namen Bidenciana konmit, weiß ich nicht Doch wohl eine 
Entstellung ans Bjzanz? 

Ab man sich zn der Abendmahlzeit im Pallaste Hngons niedersetat^ 
nennt der Dichter nnter ELarls Helden mit Namen Roland, Olirer, Torpin ond 
Oddgeir danski (r. 87 f.). In schw. St. S. 23 3| f.: roland oe olifemuB oe ihß 
folff icBmpnunga, in S S. 472'* f.: En RoUant ok tölf jafmngjar sdtu mtmt k. 1u 
Ich rermnthe, daß das Original von S Oliyer auch erwähnte. Fra. gibt Ireilteb 
keinen Anhalt, t. 400: Carle» »*anH e tis ruUU barruM. T. «nd O. mag R 
hinzugefügt haben. 

Über die Gemahlin Hugos sagt R t. 90: 
Listug kunni lauka ey 
IsBkna drengja s^ttir. 
Die andern Texte wissen nichts davon; aber es ist das ein Zug, der m 
der romantischen Litteratur oft genug wiederkehrt, z. B. bei der Ceeilia, der 
späteren Oemahlin des Minnann (Ridd. S. 174^j; es wird das also eine ander> 
weitige Reminiscenz des Dichters sein. 

R ▼. 94: Mildings sonr ä meyna drakk, 
mjuk er )>eirra blida, 
gefr hon jarli g6da )>akk. . . . 
wohl eine Ausschmückung ron der Hand des Dichters. 

Bertram will durch sein Geschrei alle Thiere im Wald und alle Fische 
zusammenlocken: R t. 89: 

retta gjönrallt )>egar { stad 
preyngiBt y6rum fötum at, 
en fyr afli anda mfuR 
aptr fari til heima eins. 
Die Notiz in den letzten zwei Zeilen findet sieh nirgends soDst; auch 
ist sie nicht ungeschickt. 

Noch interessanter ist folgende Stelle. Karl der Große erzählt am fol* 
genden Morgen angstvoll seinen Helden, was Hugo fordere. Da heißt es in R 
weiter t. 118 f.: 

RoUant svarar med reidi hätt: 
„Raesi vildi ek bj6da f4tt; 
,,kuggum hann med kapp ok m4tt, 
,,kTi8tum fölkit sundr i smitt.*' 

,,HÖgg ek aldri", er keisarinn kvad, 
„kristit fölk { ))essum stad. 
„margr drifr mugrinn at, 
„megu Ycr ekki efla psit,** 
An dieser Stelle findet sich obiger sehr passende Zug nirgends; Tergleichen 
ließe sich ein Passus aus dem schon citicrtcii Galicn Rbctore. Auf dem Zuge nach 



LITTERATÜR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 235 

Griechenland wird K. d. G. von Saracenen überfallen, unter Anfübrung eines 
Heiden Braimont Boland und Naimee rathen, man solle den Kampf mit ihnen 
aufnehmen; Karl weist auf die Übermacht der Feinde hin und sucht vielmehr 
Hülfe bei den Reliquien. Während er dieselben anbetet, sind jene zwei auf die 
Feinde losgegangen, erstaunen aber nicht wenig, als sie das ganze Saracenen- 
heer plötzlich in Felsen verwandelt sehen, was natürlich der Wunderkraft der 
Beliquien zugeschrieben wird. 

Hier entsteht nun die Frage, ob diese wie die vorige Einschaltung der 
Erfindung des Dichters zuzumuthen ist, oder nicht. Ahnliche Stellen aus der 
Karlamagnussaga sind mir nicht erinnerlich. Es würde da zu entscheiden sein, 
ob den Dichtem von Bimur überhaupt selbständige Ideen zuzutrauen, oder ob 
sie bloß als sklavische Nachahmer zu betrachten sind. Dänische Gelehrte haben 
mir mit Bestimmtheit das letztere versichert. Ladessen schon die Einfügung 
anders woher entnommener Reminiscenzen, die wir sicher nachweisen konnten, 
sowie der Mansöngr, in dem die Dichter gar gern mit ihrer Gelehrsamkeit und 
Belesenheit prunken, bilden den Übergang zu selbständigem Scha£Fen. Ich ge- 
denke an anderem Orte darauf zurück zu kommen« 

Selbständig ausgeschmückt sind vom Dichter endlich die Vorbereitungen 
SU dem Beilager Olivers und der Königstochter, B v. 134 ff.: 

Höffölk allt med herrum gengr, 

hörpu )>aut hinn sseti strengr. 

kurteise ferr af klsadum drengr 

ok kvelr sik ei i )>essu lengr. 
rar er hinn mesti ssBmdarsidr, 

sjÄlfir kongar standa vidr, 

aldri lengr leyÜB bidr, 

leggst bann par hjä mejju nidr. 
Pegar var skenkt hit skfra vfn 

skj&lda bij6t ok silkihUn. 

Jungfrü gret med angr ok pfn, 

Oliver hugdi gott til sin« 
L&sar geymdu loptit ))at, 

lydrinn vfkr burt £ stad 

Wir werden es hier, wie oben^ mit Beminiscenzen des Dichters aus ander- 
weitiger Leetüre zu thun haben. Besonders interessant ist v. 136 ; eine Erinnerung 
an die bekannte Sitte, die uns aus dem Tristan am geläufigsten ist? Hier frei- 
lieh vor der Vollziehung der Ehe. Von einer wirklichen Umarmung sagt übrigens 
S gar nichts (vgl. oben S. 231), wohl aber B v. 141^ iL: 

Ssetan vafdi silki(>r4d 

soemdarmanns um vizkul&d. 
Biddarinn fadmar refla nipt, 

r^tt SV& vseri eigingipt. 

holdit spenti bann sv& dript: 

hraBdilig mundi peirra skript. 
Diese Notiz wird in S ungern vermisst, im frz. nach dem früher be- 
merkten freilich nicht. 

Alles in Allem genommen werden wir zugeben müssen, daß wenn der 
Dichter die sonst nicht nachweisbaren Stellen erfunden hat, was ich für v. 118 ff. 



w<^. 



236 UTTERATUR: ZUR ÄLT£R£N ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

noch nicht gern zugeben möchte, diese ein f&r diese Zeit aod DiehtnngBart 
nicht gewöhnliches Geschick und Verständniss verrathen. 

An die Besprechung dieser Rimar schließt sich am besten an eine Er- 
örterung des entsprechenden ferö isch en Liedes , das Storm nicht za kennen 
scheint. Es findet sich in Svabo's bekannter, freilich nur z. Th. gedruckter 
Handschrift: Farsiske kydair eller gamle kjempe-sange samt Rujmur, samlede 
og optegnede i aarene 1781 og 1782 af Jens Chr. Syabo. Heft UI S. 1 ff. 
[kgL Bibl. in Kop. Gaml. kgl. Saml. 2894], unter dem Titel: Gtipa Tdhur 
(vgl. Lyngbye: Fseröieke Qvaeder S. 11). Eingehender beschäftigt bat sich mit 
diesem Gedichte wohl eben so wenig jemand als mit den Rfmnr. Die Frage 
nach der Quelle des ersteren ist nicht bloß litterarhistorisch interessant: et geben 
uns solche Untersuchungen auch Fingerzeige darüber, woher die F»rör im MA. 
ihre Bildungselemente gewonnen haben, ob bloß von Island, oder avch rom 
Festlande oder von letzterem ausschließlich. Hier werde ich aus dem oben be- 
zeichneten Grunde mich mit einer kurzen Übersicht über das Gedicht begnügen 
können*), mit besonderer Rücksicht auf die Quellen. Die Schreibweiae ist in 
den Citaten natürlich normalisiert. 

Karl fragt nicht die Königin, sondern seine Helden, ob sie jemanden 
wüssten, der ihm überlegen sei. Alle senken die Häupter und wagen nicht an 
antworten, bis auf die Königin. Dieser Anfang ist wohl herübergenommen aus 
einem anderen fser. Liede, auf das ich unten zurückkommen werde: Tidrik» 
kappar (Syabo I, S. 329 ff.), das fast mit denselben Worten beginnt, and dem 
Sinne nach ziemlich genau zu der dänischen Fassung (Grundtrig D. Foiker. 
I S. 94) stimmt. Daß solche ähnliche Situationen bei Liedern, die nur im Volks- 
munde fortleben, sich allmählich ausgleichen, ist selbstverständlich. 

Karl droht seiner Gemahlin mit dem Scheiterhaufen, wenn ihr Wort sieh 
nicht bestätige. Mit dem Tode wird ihr auch in den anderen Versionen gedroht. 

Jene sucht ihn milder zu stimmen mit den Worten v. 6: Ek eri tin eigin 
kona = frz. == S = schw. In DP fehlen diese Worte. 

Der Zug nach Jerusalem, das übrigens gar nicht genannt wird, schließt 
sich hier ganz unvermittelt an. Jer. wird umschrieben durch: eine Stadt, wo 
ein Verwandter (!) Karls war. Er hört Glocken läuten, Turpin singt eine Messe, 
der Patriarch, der hier Poul heißt, waffnet sich(!), um K. anzureden, lauter 
dieser Fassung eigene Ideen. K. sagt (v. 10), er wolle die Reliquien sehen 
(= S S. 469^ = schw., fehlt in DP). Nun erst nehmen die 13 die Stühle 
in der Kirche ein, wohin sie der Patriarch selbst leitet. So außer F nur DP: 
Patriarchen leddha hartem % t<gmpaslin etc. Es folgt die Aufzählung der Reliquien, 
betreffs deren sich F fast ganz an DP anschließt. Der Arm des heil. Simon 
wird überall genannt. F fügt hinzu v. 15: Sjdlvur Jesus Id tar d, td kam vor 
eitt litii harn = D: som wor herre sat pa köndilmesse dag tha han offrcedes % 
monsteret. In frz. S. schw.**) fehlt dieser Zusatz. Weiter wird in F (v. 16) ein 
Tuch erwähnt, mit dem sich Jesus die Hände trocknete, in D ein Schweißtuch, 
mit dem er sich das Antlitz trocknet; in S schw. trägt er das Tuch nur am 



*) Frz. = Charlema^o. 8 = Saga. Schw. = schwedische Fassung (bei Storm 
S. 228 ff.). D = Dänische Krönike nach der jüt. Ildschr. und Ghemens Ausgabe (bei 
Storm a. a. O.). P = Pedersens Keyscr Karlls Kr. (bei Brandt S. 09 ff). F = fter. Lied. 

**) R übergeht die Aufzählung der Reliquien ganz. 



r 



UTrERATUR; ZUli ALTEIiEN ROMANTlSCIiEN LITT. IM NORDEN. 237 

B Haupt gebunden. Ferner fimiet eicli in F (v. 1 7j «in Rcchcr, aas dem 
Jesus trank, als er gen Himmel fuhr, was zurückführt nnf S S. 469'^: kaiek 
panrt er dröllinn bhzadi = schw.; fehlt in DP. Statt der Mitcb der Jungfrau 
Maria wird hier ibre Brust genannt (t. 14). Neu ist in F eine Locke Tom 
Haare der Maria. Die andern Reliquien fehlen. 

Nun folgt ein ganz selbständiger Zug, fBr den ein belesenerer Forscher 
vielleicht die Quelle findet Vor dem Zuge nach Gardariki [wie hier MiklagarS 
^ Griechenland genannt wird; vgl. Cleasby-Vigf. s. v,j wird Karl durch den 
Patriarchen gewarnt: große Gefahren drohten ihm da; zwei weiße Büren stünden 
am Burgthor, doch beim Anblick seines Schwertes würden sie von den ätein- 
thiiren herabfallen ; ferner an den Pforten der inneren Halle »wölf Wolfshunde, 
die aber dasselbe Schicksal haben würden. In der Halle sprudele vom Boden 
eine Giflquelle auf, Feuer brenne auf den Bänken. Als Karl sich durch alle 
diese Schrecknisse, die nach unserem Geschmack frcilirh mehr als kindlich er- 
fanden sind, nicht abhalten lässt, gibt ihm der Patriarch seinen Segen. Beim 
Eintritt in das Land findet K. zunächst 3000 JuDgft'aaen, die mit ihren Ge- 
liebten einen Tanz aurühren (v, 34 f.), ähnlich wie in frz. i^ S S. 470^; fehlt 
in Bchw. DP., dann auch die ihm prophezeiten Fatalitäten, die er nach 
des Patriarchen Wort üherwindet. Eine weitere Beschreibung der Halle fehlt- 
Doch hestätigt Karl den Ausspruch seiner Gemahlin (v. 48). Die Abendmahl- 
Bcit, die Bekanntschaft Olivers mit der Tochter Hugos etc. werden ganz über- 
sprangen. Im folgenden Vers fordert K. zu den ^rdttir auf. Roland entgegnet: 
ei ikat nidur falla. Ber niJ upp td fysiu trryl, tl lir ervt ötiir oll allar =^ D : 
roland tagde thrt bSSr elhrr /Ural herre =i P. In S S. 473" = R v. 104 = 
■chw.: peir lidilu hann fyrilan leyja tlna Ijir/ill. Fr«, wird vor v. 453 etwa* 
ausgefallen sein. Mit Karls i'tirött ist diejenige Eimera [:= schw. Äemer ^ 
dSn. Rymer] vermengt worden, allerdings nach ihrer dänischen Fassung. F v. 51 
kriiarinn ikal ek d Mlainn ald etc. = D 8. 236""*: mit iey tlaa hattd [sc. 
kongen] paa haUtn etc. Die anderen Redactionen weichen ab. Der Mann in 
der Steinsüule [tliese letztere ist auswendig von Ziegelstein (!) inwendig hohl] 
schreibt (v. 53 ff.) seine Urtheilc auf. auch in D wird Cr serifuerin genannt, 
und binzogefiigt ; S. 234''" f.; lom »kulU mer^ke oeh acriffum hval frankes jnen 

Mit Rolands Abenteuer (schw. D =: iprött) ist dasjenige ßertrams 
zusammengeworfen, und zwar steht letzteres zuerst. Dann will er das Haar vom 
Uanpte des Kaisers blasen (v. 56); bert tkiü rplir ilanda. Dazu stimmt nur 
acbw. S. 235'": oc ekal keysaren ata aler nakudher. Kein anderer Text hat 
diesen Zusatz; doch hat er ursprunglich gewiß auch in 8 gestanden. Der 
Schreiber bemerkt dam in F. v. 57; Ger lü id eum dl rigur, lä htvnr dl *(er- 
kan and = D S. 235"^" ff. = P: tha hafmr Ihn m ilark andhe aadhe icrtffue- 
rin*). 3 weicht ab. 

Des Hchreibers Antwort auf Olivers gabb v. 60: Ger tu td aum tä ligur, 
td er tu av rpurru ilei/t, finde ich nur in P S. 101** wieder: Du trirttit en 
für, liden du rat äff apurye shcli. D hat nur: lu IröllliFr cen för. = S. 

die BemerkuDgen des Schreibers durchweg, außer nach 




238 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. DI NORDEN. 

E« folgt Gttillaume dCOrtnge, der aber in F ¥.61: VitUeormu geoaimt 
wird = DP williem eormt» = schw. wilicelm; dagegen S: VilUfer af Oremgtj 
ich möchte fast glauben, Vilhjälmr Komas habe in der Originalhdschr. tob 
S gestanden; vgl. Storms Bemerkung S. 62. Der Schreiber sagt zu seinem gabb 
Y. 67: Ger H td tum tu gigur, td ger tu kang Huggan Höran Mkada, = P: 
Da gör du hang Hugen ator skade »agde teriffueren. Nach Storms Angabe muß 
dieser Satz in A und B des dän. Textes fehlen. S und R weichen ab. 

An Emaldrs Stelle tritt hier EingübreU, ein Name, der sich nahe be- 
rührt mit D S. 236^9 = P: Engeler. Es heißt t. 66: Ek ekal tUga i UyfeerU, 
td tad heitast südwr = D S. 236*^7 : . . . nar hwn sywdher tka wiU jeg Miyge 
iher wtj P S. 102^^ fugt nach euider ein: hardist^ dem F heitcut entspricht; 
S schw. weichen im Wortlaute ganz ab. Der Späher sagt t. 67: tA hevur td 
eaja{f) h^d :^ D S. 236^2 = P: ^« hafuer en hord kudh. 

Es folgt Turpin, zu dessen Rede nichts zu bemerken ist. Antwort des 
Schreibers r. 72: td mundi honum illa hehaga; ger tu td tum td ngwr gud 
forbjödi tad = FS. 102'®: Qud farbiude det. Dagegen DS. 236***: gud lade 
thet aXdrigh akee., S weicht noch mehr ab. 

Die übrigen gabbs fehlen. Am Morgen greift der Spion zu seinen Kleidern, 
lost den Brief von seinem Gürtel und wirft ihn auf den Tisch des König*. 
Das ist natürlich nur eine Weiterbildung der Idee vom Schreiben. 

Dagegen ganz selbständig erfunden scheint der Zug, daß dem Konig Karl 
seine Gemahlin im Traum erscheint mit der AufPorderung, sich das Gesprochene 
noch einmal zu überdenken. Als er aber am Morgen, ängstlich geworden durch 
diese Erscheinung, mit seinen Helden zur Kirche geht, kommt, anstatt eines 
Engels, eine Taube, setzt sich auf seinen Arm, spricht aber etwa dasselbe, 
wie jener. Diese letztere Änderung könnte leicht heryorgerufen sein durch eine 
Reminiscenz aus dem VI. Buche der Saga: Af Otuel, dem (Cap. 8) wiUireud 
des Zweikampfes mit Roland ebenfaUs der heilige Geist in Gestalt einer Taube 
zufliegt, um ihn anderen Sinnes zu machen. Dann springt F r. 82 gleich zur 
Ausführung der i)>r6ttir über und bricht mit der Flucht des Königs Hugo auf 
den Thurm ab. 

Zunächst ist hervorzuheben, daß die den Zusammenhang wesentlich sehE- 
digenden Auslassungen in der Erzählung schwerlich dem Dichter zur Last 
zu legen sind, sondern auf der Lückenhaftigkeit der mündlichen Überliefenuig 
beruhen dürften. 

Etwas bedenklicher ist die Frage nach der Quelle von F. Aus der obigm 
Übersicht erhellt erstens, daß F sich am nächsten — oft wörtlich — anlehnt mn 
die dänische Bearbeitung, und zwar an einer Anzahl Stellen augenscheinlieb 
Zusätze von Chr. Pedersen aufnimmt*). Daneben muß aber, wie einige Stellen 
zeigten, auch ein ausführlicherer Text, jedenfalls die isländische Prosa, benutzt 
worden sein. Mit R zeigt F nirgends nähere Berührung. Dieser Umstand ist 
lehrreich gegenüber der Neigung Storms, die faar. Gedichte, z. B.'die Sjurdar 



*) Es wäre, nebenbei bemerkt, recht zweckmäßig gewesen, wenn Storm die ver- 
hältnissmäßig geringen sachlichen Zasätze Pedersens in die Yariantensammlung auf- 
genommen hätte. Man hätte dann eine Art Überblick darüber gewonnen, wie häufig 
und welcher Art dieselben sind. Brandt (&. a. O. S. 525 ff.) hat sie gar nicht betonte 



LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 239 

kvsßdi, nicht direct von Sagas, sondern von nach diesen yerfansten isländischen 
Rimnr abzuleiten (vgl. a. a. 0. S. 224 f.)» von denen keine Spur nachweisbar 
wäre. Eine solche Annahme mehrerer Quellen für ein faar. Lied hat gar nichts 
Auffallendes. Für das Högnilied hat Döring (a. a. 0. S. 283 ff.) ebenfalls ver- 
schiedene Vorlagen aufgezeigt > und Storm erwähnt (S. 223), daß auf Svabos 
Aufzeichnung des y^Runsevalsstruj^ die dänische Karischronik Einfluß geübt hat. 

Pedersens Redaction der Karls Krönicke ist in erster Auflage 1534 er- 
schienen: Geipa t4tur muß also später gedichtet sein. Auch das kann nicht 
befremden, wenn wir bedenken, daß auch Vedels gedruckte Viser für ältere 
faer. Gedichte benutzt worden sind. 

S. 215 spricht Storm von Ohielt rimur in Kopenhagen, die ebenso alt 
sein sollen als die Geiplur. In einer Membrane existieren dieselben wenigstens 
nicht und ich habe sie überhaupt nie gesehen; doch wird J6n Sigurdsson da- 
mit natürlich Recht haben. Dagegen findet sich in Svabos Sammlung Heft TII 
ein fseroisches Lied über Otuel, der hier freilich Otvald heißt. Ich will das- 
selbe hier kurz besprechen und wenigstens einige Verse anführen. 

Am Morgen bei Sonnenaufgang erscheint ein großer Mann aus der Halle 
Garsia*8, Namens Otvald, beim Kaiser, erfasst denselben bei seinem weißen 
Barte und hebt ihn so aus dem Sitze. Von dieser Gewaltthat weiß S nichts, 
obwohl der Bart des Kaisers auch dort erwähnt wird. Keiner von den Franken 
wagt ihn anzublicken, außer Roland. Dieser droht^ ihn durch sein Schwert Dirin- 
dal zu einer Beute der Wölfe zu machen. Karl fragt Otvald, an welchen Gott 
er glaube. Es heißt v. 8: 

Ek trygvi paa mitt skjöld og svord, 

og ringabrynju frfda, 

hesin sami büni brandur 

prisar mik s6 vida. 

[Ein Zug, der sich hier nicht in S, aber sonst oft genug in S. findet, hier 
also anders woher eingeflochten ist.] Karl prophezeit ihm übles bei solchem 
Schutz. Auf die weitere Frage Karls, welche Botschaft er bringe, eröfinet jener, 
der König Garsia sende ihn, um Tribut von des Kaisers Land zu erheben. 
[Nach S soll K. ihm sogar ganz Frankreich abtreten]. Das möge Gott ver- 
hüten, versetzt K. Ferner sagt 0. er sei gekommen um sich mit Roland zu 
messen. Die Jungfrau, welche 0. wappnet, heißt Dalita, was zu keinem Namen 
in S passt. Bei Tagesanbruch wird der Zweikampf begonnen. Rolands ersten 
Hieb wehrt 0. mit seinem Schilde ab; bei den nächsten Schlägen verwunden 
beide sich gegenseitig. Auch diese Scene schließt sich nicht enger an S an. 
Die Gebete Karls sind in F in dines zusammen gezogen v. 24, wie in P: 

T& er keisarinn Karlamagnus, 

til bönar hann g4r. 

Harra gud gevi f4r sigor i dag, 

Roland frandi v&r. 

Da erfolgt das Wunder, ähnlich wie in S; v. 25ff. : 

Lj6sit kom av himli nidur, 
t& f6r eptir vonum: 
Vid tad er Odvald högga mundi 
alt dr6 megin frä honum. 



240 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

Ljösit kom ay himli nidur, 
jynr heidins herar. 
Yid ))ad er Odvald bögga mandi, 
t& vildi av angnn vera. 

Tu tort ikki, Roland jaU 
efla tek so stinnaD, 
Hevdi ec havt slika tru sum td, 
tii skuldi mec ikki vinna. 
Wir finden auch hier nirgends directen AnBchlnß an S oder P^ an die 
Stelle der Tanbe ist ein Licht getreten, das dem Heiden seine Rorperkrmft 
nimmt, und Otuels Worte sind viel weniger zahm gehalten, als dort. 

Der Kaiser verspricht ihm, wenn er Christ werden wolle, seine Schwester 
zn geben [in SP seine Tochter]; mit einer beistimmenden Rede ron Odrald« 
Leuten schließt das Gedicht. Nach welcher Vorlage es verfasst ist, lässt sich 
nicht mehr erweisen: vielleicht nur nach mündlicher UberlieferoDg. Sonst würde 
sich wohl — wie in Geipa tatnr — irgendwo wörtliche Ubereinstimmang mit 
einem Texte finden. 

An diese drei Lieder aas der Karlamagnnssaga (RonsivaH strid, Geipa 
tätur, Otvalds rima) schließt sich ein viertes, das Svabo Edmunds Rima nennt. 
Es handelt von dem Abenteuer, welches K. d. G. mit Jamund an der Quelle 
zu bestehen hat: Karlamagnnssaga VII, Cap. 55 S. 199. P S. 47. Daß man 
diese Lieder auch beim Volke für zusammengehörig hielt, lehrt die Bemerkung 
des Sammlers „Denne rujma synges af nogle for sig selv, som en taatur 
af Runsivals bölk, men efter andre er den eet med RoL kv. eller Runsivals 
struj". 

Das Gedicht beginnt: 

Emund kvittar ur strfdinum, 
skuldi rida hajm, 
T& var keisarinn Karlamagnus, 
bann vann honum mein. 

Emund eigir ein fljötan best, 
tflfkur eingin i landi. 
So leypur han yvur dalar og i^öU 
sum adrir k slöttum sandi. 
Von der Schnelligkeit von Edmunds Roß ist nur in S, nicht in P die 
Rede. Edmund legt sich an der Quelle nieder, um zu trinken« 
Karl d. Gr. sagt v. 4: 

Ec B& kjempu i strfd i dag, 
vanari ec ikki s&. 
Givi t4 gud av himmirfki, 
ec hevdi henni n&d. 
Er kommt zur Quelle und heißt Emund aufstehen und sein Leben ver- 
theidigen, nennt auch auf E. Verlangen seinen Namen (v. 9). Emund wünscht 
des Kaisers Helm zu besitzen, jener verweigert ihn und sie kämpfen dämm. 
Bis hierhin schließt F sich so ziemlich genau an die Saga an. Jetzt aber folgt 
ein Stück, welches wohl der Erfindung des Dichters zuzuschreiben ist; wenigstens 
ist dieser Zug von anders woher übertragen, ohne daß ich jedoch die Quelle 
anzugeben wüsste. Ich hebe die ganze Episode aus v. 16 ff.: 



LITTEKATÜRr ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 24j 



i 



BarduBt teir um hjalmin tann, 
tk var meat af siit. — 
Henda eama fagra dag 
t4 alap mUod lU. 

Svarftdi keiaarinn Karlamagnus , 
atöd iL »kamt i fr4: 
„Gevi tk gud ■' hiuimiriki, 
Olgar he»di sWitid hjÄ. 

EeiBariDo eigir eia ajsturson , 
baon vil bann ikki glo^ma, 
Selur haoo i Glaatriborg 
viJ Beitan «veioa goyma. 

K61aud leikar 1 borginni, 
hann higgur at ringinam reyda: 
„T4 Bier eg & ringinum , 
at frandi min er i ncyd. 

Roland talar til Hveinanar 
tÄgva ella Iriggjar; 
„Lovi niÄr af hallinni At, 
frftuda min at Biggja. 

Svaradi ein af sveinunnra, 
Bum hinar hevdi i valdi: 
Tu fert ikki af haliinni rit, 
tu ert aö ungur af uldri. 

Svaraili aunarr af Bvpinanum , 
hann heldiir & bünum knM: 
Tu fert ikki af haliinni üt, 
tii ert S(i ungur & li'vi. 

Rölaud reikar i borginni , 
tk geriii lian trejtr, 
Tök bann ein af Bveinunnm , 
og alÖri liinar deylar. 

R61and Blap af haliinni itt 
i ti ijTBta sinni , 
Hbdu fekk a4r ein fljötan heat, 
hann legdi s^r i minnt. 
So reitet Boland in den Wald hinaus. In S heißt es onr S. SOI, 
at fram Roüant etc. Intereaaant ist diese Episode immerhin fiir die KeDntniw 
der Art und Weise, wie man die überkommeuen Stoffe ausputzte, resp. 
weiterbildete. Glaatriborg findet sich übrigens in den Sjiirdar kvxdi, z. B. 
D»örgamoy IV v. 18. 

Roland, von K. mit Freude begTÜsst, der schon ganz ermattet iat, kämpft 
mit Emuod und tödtet ihn mit Durindal. Dann bringt er dem Kaiser, der in- 
EHtBcben die Besinnung vorlorea und von dem Kumpfu nichts geaehen zu haben 
scheint, Wasser im Hörn Eulufu und stärkt ihn so. Hörn und Schwert dea 
Oefalleoen nehmen sie uiit und reiten zur Halle zurück. Olgar danski sagt, 
K. verdanke Roland sein Leben und K. bestdtigt es. Damit subließt das Ge- 
dicht, das allerdings ^ich nur im A.]lgcmeiiien au S ansehließt, ao daQ ea, ebenso 

t Brihn Vlll (XX.I Jahn?. 16 



242 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

wellig "ie beim vorigen, su eot^cbeiden ist, welcUer Teit tu Gründe liegt. 
Aasfall voD einzeloen Veraen RDzunehmea, scheint hier unnStbig, da der Zu- 
■ummeDbaDg nirgends gcwalUsoi uuterbrochen ist. 

Damit ht die Reihe der fsaröiBchen Lieder, welche sich an den Karle- 
B8genkreis anlefaaen, abgcBchiofscn, falls wir nicht die PlovinB rima (Srabo III), 
welche eincia Tbeil der Flovenlagaga entspricht, mit hteher recbucn will, auf 
die ich an auderer Stelle bei Bespreehuag der letzteren zurückkommeD werde. 
Ehe ich diesen Abschnitt schtiel^e, mochte ich noch eine Vermuthung be- 
trefis der Karlamagnuasaga aUBsprechen. Im frz, ßolandsliede wird erzählt, 
daß Olivers Schwester Aide, weiche mit Roland verlobt ist, in AI» vor Schmers 
entseelt zusammensinkt, als sie von dessen Tod Kande erhält. Id der Saga wird 
■ie zwar auch an anderem Orte erwähnt (vgl. Storm S. 42 f.), aber die obige 
Erzählnng von ihrem Tode wird au der betreffenden Stelle ganz übergangeD, 
wie auch Storm hervorhebt (S. 29). Doch aber möchte ich glauben, daß sie 
ursprünglich auch in der Saga voihanden war und durch irgend einen Zufall 
ausgefallen ist. In dem Mansöngr nämlich, der die vierte rima der Geirants 
rfinur einleitet, v. 16 f. wird direct auf diesen Zug hingewiesen. Es heiQt d&i 

Bardist modr, fimr ok friidr 

fyrr i hjdil, 

rikr ok ddr, riddari gädr, 

Rollant jall. 

HriDg}>ölJ sksr var honum so kxr 

til hjartans pioga: 

festarmsr pat(?) feil s6 dst, 

hun i6t at springa. 
Aus dem franz. Texte kann der Isländer diese Notiz unmöglich wissen, 
und woher aonet soll er sie ge.schöpfl haben? 

Der Vollsländigkeit halber will ich endlich noch bemerken, daß der Ver- 
fasser von kappakecfM [in Cod. Holm, perg. 22, 4", aus dem ersten Viertel dea 
16. Jahrb.], der zwar keine grolle dichterische Begabung, aber um so um- 
faeeendere Belesenheil an den Tag legt, indem er c. 50 ieländiache und ana- 
Undische Helden knrz bespricht, auch in der Karlamagnussaga ganz heimisch 
ist ; er nennt Karl, Rollant, Oddgeir danski, Otael, Balldin, Balan und Älkaen. 
Die Thtdreks Saga ist, was spätere dichterische Bearbeitungen wenigstens 
auf Island anlangt, gegen die Karlamagiinsaaga sehr dürftig weggekommen, 
obwohl ihre vielen Episoden sich sehr gut zu Stoffen für Rimar geeignet hätten. 
Storni fährt gar keine hierher gehörigen an, und auch mir sind nur Herburta 
rlmnr (Cod. Guelf. und AM 604) bekannt geworden. Über diese heißt es Ant. 
Tidsikr. 1849—51, S. 12: ^Sagaen härer til den brittiske Cj-clus om kong 
Artus og hans Kj^mper, men findca ikke, saavidt vides. i nogen Sämling." Daß 
man 1849 in Kopenhagen nicht gewusst hat, daß diese RJmur ihren Stoff ans Cap. 
ßSI ff. der Thidreks Saga hergenommen haben, muß billig Wunder nehmen, 
nm so mehr, als die Abweichungen der Rfmur sehr unbedeutend sind und alle 
Memen übereinstimmen. Freiliuh, während der schwedischen Dietrichschronik 
vielleicht nur dieselbe Stockh. Hdschr.. nach der die Saga jetzt von Uoger ediert 
ist, als Quelle gedient hat, hat der Dichter vorliegender Bimur offenbar eine 
andere Hdschr. benatzt. Daher wohl z. Th., vorwiegend aber vielleicht — die 



r.U 

I 



UTTERATÜR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NOBDEN. 243 

Entscheidung ist anmöglich, weil wir über die Vorlage jenes Sagaabschnittes 
absolut nichts wissen — aus der Willkür des Dichters schreiben sich die 
Varianten, die, meist sachlicher Natur, för die Qeechichte der Thidrekssaga 
nicht ohne Interesse sind und deßhalb im Folgenden mitgetheilt werden sollen. 
Für die Stellen aus den Rimur (= R) ist Cod. Guelf. zu Grunde gelegt. 

Thidrek sucht eine ebenbürtige Gemahlin. Es heißt in R: 

Fjlkir heldr fr^ttum nü, 
fimr i eli vigra, 
hvar sd vsBri hoeversk My 
at honum so yegr at bidja. 

= A: Pidrekr konunffr leidir at frdUumt hvar tu kana ntr, at honum 

pikkir sir söma. B ähnlich. Mbr.: Nu hcpvir Pidrekr konungr oenga konu 8er Hl 
ceignar konu. ßrir pvi at hvergi hmvir hann ut oc eigi hcBuir. kann frett til siui 
fridrar konu gern hann vill on^a; also wesentlich im Wortlaute abweichend. 

Die Werbung (S S. 214' ff.) fehlt in R gans. Statt dessen heißt es: 

tekkr ok pfdr JjengUl bydr 
Pidreks mönnum öUum: 
Seztigir manns er sigldu or Franz 
sitja i Artiis höllum. 

H&lfa yetr ok heldr betr 
ristir sat })ar rfta, 
Enga stund m& 4gflBtt sprond 
afreksgarpa lita. 

S6 hefig spurt, hann sendi i bort 
sfna garpa dyra, 
peiT skulu br4tt 4 penna h&tt 
ridrek kongi skyra. 

Holdar )>eir med hvassan geir 
heim til ridreks renda, 
fleiri menn rill fylkir enn 
frünni ekki senda. 

Nach der Saga schickt Herburt seine Begleiter erst zurück (Cap. 237), 
nachdem er die Prinzessin gesehen. Zuzugeben ist übrigens, daß in der Dar- 
stellung von S die Werbung (Cap. 234) ganz im Sande verläuft, ohne daß 
damit etwas über die Ursprünglichkeit der ^inen Lesart präsumiert werden soll. 
Es wird dann in R noch einmal wiederholt: \ 

Nu er hann einn ok engl sveinu 
eptir ridreks manna« 

Die Botschaft der Kammerfrau (S. Cap. 236) ist, wohl um zu kürzen, 
in R weggelassen. Dagegen ist nach R Herburt etwas weniger brutal gegen 
den störrigen Mönch: 

Garprinn talar vid gamla segg, 
Grfpr { munksins sfda skegg: 
Ek skal kömpum kippa af )>dr, 
ef keifar J)u neitt til 6Iids m^r. 
Vgl. S S. 2I64 ff. 

16* 



244 LITTERATUR: ZUR ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

Im Folgenden hat R eine wesentlich andere Darstellung als S, weßhalb 
ich diese Stelle complet aasschreibe. Man rgl. S Cap. 237. R bietet: 

Herbnrt nü fyrir hilmi st^ 
hflsversklega ok f^II & kn^; 
sfdan berr hann kongi ker: 
karteis veizla stofnad er. 

Peingill talar vid )>oma land: 
„Pü skalt ganga k vffa fand, 
„))j6na app k )>eirra bord, 
^)>egninn gledst vid peasi ord. 

«Nu er s& dagr, at d6ttir min 
„drekkr i holl med mejjam s£n; 
,y)>eim er haldinn heidrinn vant, 
„haf nü fram )>at er )>ü kantt^ 

Heilsar app k haBversk Wf 
Herbart med sitt anga lif , 
piggr sh'kt af ))eim { gen, 
p9T m& heita veizlan klen. 

Bjrlar hann hit bezta vin 
hkm gl6dar seskih'n; 
hyort til annars longum leit, 
lifit spennir elskan heit. 

Penna dag sem drykkjan lidr^ 
dögling sitt ok ristiil fridr, 
hilmir talar vid Hildi ksBrr, 
Herburt sfttr farda nser. 

,,Ljüfa dottir", ))engill krad, 
„lejstu pat er ek fr^tti at: 
yyHyersu konni hofimanns plag 
„herra )>ann sem 8kenk[t]i i dag?" 

Svanni yard i SYÖranam IMr: 
»SA mA )>ikkja hofmann rdttr! 
„slika kanni alla art, 
jieinnhvem tüna Isardi mart.^ 

«Hardla yitr er hristir fleins, 
ifhann skal verda jdr til sveins, 
„standa frammi ok pjdnsk ))^r, 
„)>ess i milli hann skenkir m6r.^ 

Kappinn gekk i kvenna lid, 
kAtar arda mejjar vid 
Par rar hofmanns heidrinn vendr 
hvem )>ann dag hann frammi stendr. 
Nach S erbittet sich Hilde von ihrem Vater, daß Herbart ihr Schenke 
sein darf and dieser willigt nar widerstrebend ein. An das Obige schließt sich 
nun der Inhalt von S Cap. 238 genau an. 

Endlich sind noch in R die Verse henrorzaheben , in denen dem König 
von der Flucht seiner Tochter Anzeige gemacht wird. Man vgL den Schloß 
von S Cap. 238. 



LITTEEATUll: ZUR iLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN, 

Biddari eiDii fyri ra;si gengr, 
mdir svk med tiggja: 
^Samir Jieim ei at sitja leogr, 
„er siemdir vitja (i'SgJ"- 

.RieBir gaftu riddara einn 
„rikri ddtiDr |imni: 
.ydr inun eigi l)eBsi Bveinn 
„liarfr at lellun mlnni. 

„ß^tt I dag, aeoi rann upp b6\, 
„rödulliuii tdk at ski'na, 
„bjo Bik [letta bölvat föl 
„bort tneil dottur )ii'Da. 

„Lstr ))ii ekki kita at lieim 

,ok lifi riddarann fletta, 

,koma )>au aldri hingat heim, 

„hafi pir BÖ gjott petta. 

Dieser Pasaiia ist viel auBflihrlicher , ala der entaprecbende in der Saga, 

mit d^m er sieh dtm Sinne nach übrigens deckt. Eier wie oben lilast sich 

au« inneren Gründen gar kein Schluß ziehen aul' die Anthenticitüt äincr Fassung. 

Ob die folgenden Zeilen aus Kappakrxtti (b. o.) v. 3 hierher geboren 

mögen? 

Triatratn frA ek med brandinn bl4 
brytjar fiiSnr «Ins raengi- 
Mit der Erzählung der Saga (die hier mit R stimmt) wollen die Worte 
sieb nicht recht in Einklang bringen lassen, denn dort (Cap. 331) hat es 
Trialram nur mit seinem Bruder Her)>egn, nicht mit den Leuten seines Vate» 
EU tbun. Vielleicht bfraht die Abveicbung auf unsiebBrer Rtminiacenz. 

ä. 73 ff. weist Storm, wie mir scheint, unwiderleglich nach, daß die 
dänischen und schwedischen Fassungen der Vise von „König Dietrich und 
seinen Helden" nicht, wie St. Grundtvig meinte, auf einen deutschen Urtext, 
sondern auf die achwedische Dietrichschrouik zurückgehen. Die nngedruckte 
fteröische Faaaung, die Grundtvig (DgF. I, S. 65) in zwei ßedactionen TOrlag, 
scheint St. nicht genauer geprüft zu haben, da er sie nur nach Gr. citiert. Waa 
mir eine genaue Vergleicbuug von STabos Niederschrift, die mir allein zu Ge- 
bote stani), mit den übrigen Formationen des Liedes, sowie mit der Saga und 
der schw. Chr. bemerkenswerthes ergeben hat, will ieh daher zur VerrolU 
etandigung von Storms Notizen hier anfügen. 

Bei der Vergleiebung der verschiedenen Fassungen dieser Folkeviser wird 
man höchst selten zu dem Resultat gelangen, daß eine als die absolut älteste 
anzusehen und die übrigen aammtlich davon abzuleiten sind. Oft kann gerade 
eine verhSItuissmäßig alte Fassung einzelne späte Interpolationen aufgenommea 
und umgekehrt eine späte alte Züge bewahrt haben , wie das ja bei der Eut- 
I stehung und Fortpflanzung solcher Lieder ganz natürlich ist. Diesen Umstand 
. werden wir im Folgenden nicht übersehen dürfen ). 

") Kr := schwed. Dietrichschronik ; 8 ^^ ^idrekssaga. F := far. Lied, Ärw. := 
L Arwidsson: Svenska fomsänger L 



246 UTTERATÜB: ZUB ÄLTEREN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 

Der König Visin (== Isaogr) hat nach F elf Söhne, die seine Banner- 
tr&ger sind; der zwölfte iet Sinrdr, Sigmunds Sohn; vgL r. 3 ff. : 

Visin kongar borgina eigir, 
hon stendur & h6um Qalli, 
Ellevu eigir hann sinir sAr, 
og tolvti er Sjdmr snjalli. 

EUeva eigir hann sinir sir , 
tolvti er riddarinn bestii 
em so allir Visans sinir , 
sita 86 vel ä hesti. 

Ellevu eigir hann sinir sir, 
teir bera sitt ailit merki. 
TolYti er Sjümr Sigmondason , 
Fevnisbanin sterki. 

Diese Angaben stimmen genau zu Kr. and S« während nach den dän* 
Fassangen Sjiirar der Sohn des Königs ist (Storm S. 200). 

Daß Brandr [hier hinn yiferi genannt; vgl. CSrundtv. S. 67 f.], seinem 
Beinamen entsprechend, schon weit herumgekommen ist, hebt Eüt. and S nicht 
besonders hervor; dagegen F v. 6: ti hann hevdi farit Wda = dän. A. r. 8^: 
menn du haffuer vanndritt saa yiide. 

Wenigstens erwähnt muß werden, daß die Form Bertingaland und Ber- 
tingaskog in F (y. 8) = dän. A ▼. 4, 9 einfacher von Bertangaland und Ber- 
tangaskog in S, als von Bretanea oder Britania in Kr. abzuleiten ist, während 
freilich Bratinsborg (F ▼. 6) zur zweiten Form stimmt. 

Der Riese heißt in F Aggi (nicht Agi, Grdty. S. 84. die Doppelconso- 
nanz ist durch Assimilation des d entstanden) = Edgeirr (S) oder Edger (Kr). 

Das Abenteuer Widga's (Wideke's), F: Virgar Yalindson, mit dem Riesen 
bietet in F keinen abweichenden Zug. Dagegen fehlt der Scherz, durch den 
jener seine Gefährten schreckt. Nach Aggi's Tode fährt das Lied fort r. 23: 

Virgar röpar vid h&rri röst, 

hann bidur teir koma bratt, 

at brenna ir.ni Visans sinir 

a teirri sömu n&tt. 
woraus herrorzugehen scheint, daß der Dichter diese Scene absichtlich über- 
gangen hat, dieser Ausfall also nicht auf lückenhafter Überlieferung basiert. 
Interessant ist die folgende Stelle. ViTährend einige Fassungen gar nichts 
davon wissen, daß Sigurd dem König die erste Kunde von dem Fremden bringt, 
andere wenigstens die Reihenfolge der Handlungen umgekehrt haben , heißt es 
in F V. 24f.: 

Sjdrur stöd i Wsgördum, 

bann heldr 4 gyltum hödni, 

Hann sser gull ok glitra merki, 

& fogrum sumars modni. 
Sjürur gekk ur visgörum 

og inn & hallargolv: 

H^ eru komnir i vort land 

Tidriks kappar tolv. 



1 



UTTERATUK; ZUR ALTEHEN ROMANTISCHEN LITT. IM NOBDEN. 247 

V. 24 BchlieÜt sich eng an Kr. tta Cap. 184'': Sigord iwen glod i vigt- 
kalen og tag Ihtnne lidende, hon gik tn fore konungen oc satidf, tili ftanam etc., 
während eich in S S. 189'* nur findet: oe rat keatr lU fieirra Sigur^r iiieinn 
oc mfnUti lÜ koamtgK etc. Diese Stelle beireist wieder klur die Äbbiingigkeit 
der Viae von der achw. Chronik, nod zugleich, daß F hier wie oben dw Ur- 
sprüugliebe bewahrt hat*}. 

Sigurd reitet allein den Fremden entgegen. F?. 30: 
Sjiirur g^kk i hellina inn , 
einginn er bann kendi , 
ütiin Virgar Valindeoa, 
hann einni at faonum veiidi. 
Dieser Zag ist F eigenthümlicb. Sigurd fordert von Dietrich und seinen 
Helden Tribut; F v. 73: 

Gangur b^r nakar sk&ttnr av 
eptur fornum vanda. 
^ Er. Cap. 186'': Sigurd sporde: wilia i nokon skatt wtg^ra som her ar ea 
gamall sidwania. In S entspricht 3. 19l": sem ber ero log til. F scblicQt sieb 
also diri^ct an Kr an. Die andern Texte Reichen ab. 

Wenn Storm (S. äOI) bemerkt, nur im ftor. Liede würfen die Kämpfer 
das Leos darum, wer sein Roß ausliefern solle, so ist das nicht gans genau. 
Es hcilJt V. 35: 

Teir kastavu sterning & breida bord, 
teir runnu vel niikid ridn ; 
Teir fdllu strai unga Humla til, 
bau akuldi möt Sjdri rJda. 
Also fast wörtlich ^= Arw. 4 A v. 9, wo ebeuso wie im Dan. die Meinung 
ist, daß Sigurd mit ihm um ihre Rosse kämpfen soll (vgL Arw. t. 8), ohne daß 
dieser Kampf jedoeb zum Auatrag kommt. Dagegen fährt allerdings P fort: 
Sjilrur sat k Or4na baki, 
anärliga bann sÄr vendi, 
reid g6 burtur fra Tidriks koppnm, 

og Humlinga best i hendi 

Tk hann for af ganti bnrt , 
t& hevdi hann hestar ivi. 
Hier sind also offenbar die beiden Lesarten mit einander vermengL 
In dem Gespräche Humliugs mit Virgar**) finden sich alle die späten Zu- 
sätse wieder, die Storm (S. 201 f,) zuaamm enge stellt bat Daß aber in F Sigurd 



*) Nebenbei sei bemerkt, daD in dieser Bede Si^rds einmal die sohw. Prosa 
sich an die Leaarteo vuu A und B der Suga anecbliellt . nicht an Hmb ; Cnp. ISö": 
oe rwa bogTnodwje are. oe vtaii ider lailia are koiapne i tcorl land. Sagn A: ok nia 
diarßr haja gort, al firir tiian raS ydart, kerra, h<^fa komit i gdvart land ulofal. B : diarf- 
lega lala ok ma mUeit firir «er at peir kafa konit ol«fol i ydart land. Dangen Mmb, 
... at firir ydari rAd kava komit i ydart land. Zwei Hbulicbs BeoliachtODgeD hat 
DSring gemacht (a. a. 0. S. 70). Es lohnte der Mühe, daraufhin die beiden Texte 
einmal vollstündig ta veigleichen. 

**) Hier ist eine Stelle im scbwcd. Texte in grammatikalischer Beziehung in- 
teressant; Cap. IBT' f.: Mein gaff nik myii Jader ob Iib »kalt leom hana arffuAng» oe 
ekke iak oc fiur la tkke tfn hol igen = wenn du dein Boß nicht wioder be- 
kommst. Also oc im Sinne toii „wenn". Vgl. Saga S. IW,: ef ti^i fx ek Jörn hol 
per ap/r. Vgl. Tobier, Genn. XUl S. 101. 



248 LTTTERATUR' ZUR ÄLTEHEN ROMANTISCHEN LITT. IM NORDEN. 



I Moment 



und Hmnling nnr zveimnl auf eioander stoeaen, wie in Kr., ist darum nii'ht 
bemerkeuKwerth , weil, was Storm übersieht, auch eioiga dan. FH3«ang«n data 
Btimmen (D t. 16 ff.; H v, 4S ff.; G sogar nur einmal (v. 13), wo natürlich 
mehrere Verse ausgefallen sind. Beim eratea Z UBsmmeQ treffe d : mndurgfkk llumla 
tadihjjoTit = dän. E ». 21. G ». 13 gegen Kr. S. 

Wie in Kr weigert sich in F der besiegte Humliog, seinen Namen znerrt 
EU nennen ; seine Ocnoisen wurden ihn der Feigheit bezichtigen. In allen an- 
deren Versionen der Vise nennt er ihn ohne 2Ögem. Nur in F ^ Kr. S nennt 
Sigard sich direct, v. 52: 

Sjiirur skal til nevna mik, h 

Sigmunda svein , ^H 

Kj'^rdnjr drältning ^H 

bon bar mik I heim. ^ 

Die beiden letzten Zeilen sind freilich Zusatz des Dichter« 
wohl HiördWi Kr Cap. 188^" hat nur: Jak heter Si-iord t 
Tejctun nennt Sigurd sieh überhaupt nicht, nur Hnmiung in 
(Arw. 4 Y. 28) und tyntenann (das. v. 29); vgl. dän. A. i 
». 53: 

Er hetfa sitt, tu sigur mir, 
I tu skalt min frandi vera, 

I ähnlich wie in Kr., wo das aber Amlung sagt. 

I Endlich bemerke ich noch, daß am SchluQe F i 

I teaten Fusaung aufgenommen hat; t. 60 f, : 

I H^r gangur ein dans tüI Bratinsborg, 

I h^r danaa kempnr og heltir, 

k Här dansar Sjürur Sigmunduson 

^^^^■^ vid eikinni & belti. 

^^^^^^ Uiv danaaiti Sjürur Sigmnndaaou ; 

^^^^^B lika kan ikki si^a. 

^^^^* Tan minsta kenipa i dansinum , 

r var fjra &lin til kniggjar, 

also ganz wie dän. F t, 36. Den Schlußrera fügt F selbständig hinEO. 

Es ergiebt sich aus dieser Erörterung, daQ das fser. Lied in SvaboV 
Fassung, trotzdem es manche späte Zuge aufnahm, den Stoff am reinste« er- 
halten hat, indem es mehrmaU gegen alle übrigen mit der schwedischen Proea 
geht. Dadurch erliingt aber auch Storms Ansicht, daC letztere die Quelle der Viie 
gewesen, nicht aber ein deutsches Lied, eine schlagende Bestätigung. Es ver- 
lohnte sich deßhalb wohl, daD die verschiedenen Aufzeichnungen dieses Liede« 
volUtiindig gedruckt würden, wie es denn überhaupt sehr zu bedauern, daß die 

L Sammlung der fteroischen Lieder von Hammershaimb unvollendet geblieben ist. 
.wie freilich in neuerer Zeit anch so manches andere litterarischc Unternehmen . 
in Dänemnrk. 
Indem ich hiermit von Storms sorgsam gearbeitetem Buche Abschied nehme, 
dessen Thema sich mit meinen eigenen Studien nahe berührt und dessen Be- 
tprechung mich in Folge davon unwillkürlich weit über die sonat einer Becen- 
^ion gesteckten Grenzen hinaus geführt hat, sage ich dt.'m Verfüssur fax dio 




rUTTEHATURT WTLMANS, DIE ENTWICKLUNG DER KUDRUNDICHTUNG. 249 ^^| 

mir nnd ceiriß auch auderen cevordene AareeuDG* meiueu Dank . snii knÜDfe 

4 



iriß auch auderen gewordene Aaregung meiueu Dank , snii knüpfe 
daran den Wooscb , Herrn Stonn recht bald nieder auf venrandten) Gebiete 
za begegnen, ein Gebiet, deuen Bearbeitang ja für Skandinavier mit bei weitem 
nicht so großen Scbwierigkeitea und Umständen verknüpft ist, als für uns in 
den Süd landen. 

BRESLAU, im Nov, 1874. E. KÖLBING. 



L 



Die Entwicklnng der Kndnmdichtniig untersucbt von W. Wilmana. Halle, 
Verlag der Bnchbandlnng des Waisenbauaes, 1873. Vm und 275 S. 8. 
Diese Arbeit achtießt sich an die vor einigen Jahren erschienene Kudrun- 
ttOBgabe von E. Martin an, deren Verdienste Hr. Wilm. -S. VI sehr hervorhebt, 
jedoch mit dem Zusatz, .,aber die Einsicht in die Zusammensetzung und Entwick- 
lung der Dichtung, woran mir vor Allem gelegen war und worin der Schwer- 
punkt der Kritik und Erklärung liegt, fand ich dnrch sie nur wenig gefördert. 
— So entschloD ich mich dann eelbst die Untersuchung zu füliren" u. 8. w. 
Von den vier dann bingeBtcütca Hauptresultaten dieser Untersuchungen kann 
ich mir freilich nur den letzten Satz: „An eine Wiederherstellung der ursprüng- 
lichen Dichtung ist gar nicht zu denken', aneignen, und es i«t bedeutsam 
genug, daß ein derartiges Urtheil über die Herstell ungsv ersuche Ettmüllers und 
MüUenhofi's, das indirect auch eine Abweisung der Lach mann 'sehen NJbelnngcn- 
kritik iu sich schließt, jetzt auch in Berlin von einem der tüchtigsten Vertreter 
der Schule ab(;egeben ist. Wenn ich gleichwohl mit den positiven Resultateu 
der Wilmans'schen Untersuchung nur in Einzelheiten und mitunter fast zufällig 
zusammentreffe, so liegt dipQ einerseits in der sehr großen Schwierigkeit des 
Stoffes; audercrseits aber auch wohl darin, daß Wilmans bei allem Bestreben 
unbefangen an die Sache heranzutreten, sich doch von falschen Voraussetsungea 
noch nicht völlig frei zu machen wusste. 

Dahin gehört namentlich, daß Hr. Wm. (S. 1) als „feststehend vorausBetzl, 
daß Cäsurreime und Nibelungenstropben einer jüngeren Entwicklnngsepoche der 
Dichtung angehören". Aber wenn auch Ettmüller und Müllen hoff in dieser Ao- 
aicbt übereinstimmen, so zeigen sich Beide in dieser Auffassung metrischer Ter- 
hältnisse doch nur von Lachmanns Nib. Kritik abhängig; wir können diese 
Prämissen durchaus nicht einräumen , und können hier sogar auf Marlin ver- 
weisen, der (S. X) bekennt: -Indessen lasst diese mehrmalige Wahrnehmung, 
daß der Cäsurreim öfter erst von den Abachreibem eingeführt ist, sich nicht 
zu einem allgemeinen Princip erbeben, wonach alle Cäsurreime anf diese Art 
entstanden sein müastcn.'^ — Noch bedenklicher ist es, die Nibelungenstropben 
als Kriterinm der Unechtheit verwenden zn wollen; ihr Vorkommen iu der Gudrun 
(bekanntlich in 9S Str.) ist bisher nicht genügend erklärt. Von drei Möglich- 
keiten, die sich darbieten, ist die gewöhnliche Annahme, wonach diese Strophen 
Interpolationen der Abschreiber entliiülten, wohl die am wenigsten wahrschein- 
liche; mau mÜsste hier einen reactionären Geschmack der Schreiber annehmen, 
die von der jüngeren Gudrun- auf die ältere Kib. -Strophe hätten zurückgreifen 
vollen — oiar-^i "eu "b;^,ucm Alles anf das Ungeschick dieser Leute schieben. 
Tbeöii-iisch plausibler dürfte es schon sein, wenn man eine ältere Redaction des 
Gedichtes durchgängig iu Nib.-Strophea «ich vorstellte, da die Wiederholung 



4 



r 



250 LITTEBÄTUKtIVILMANS, DIF.EKTWICKLUNO der KUDRUKDICHTDl 



^« 



derselben Strophen form im epiacben Volkigesauge gnnx unbedenklich erschemt 
Eine dritte Möglichkeit wäre die , daß die älteste Gadmndichtung oeben der 
ecbten Nib. -Strophe eioeVaristicin derselben mit klingenden Beimen in der 3. tmd 
4. Langzeile eingeführt habe, und daQ diese in der Hb. Tielfiich ericheinende, Ton 
den Brgb. allerdingn verpönte Form — vgl, z. B. Martina Ausgabe 8. VII — den 
Übergang zu der eigentllcheo Gudrunetr. (mit 5 Behängen in der letzten Haibzcile) 
gebildet habe, die bei den späteren Abfassungen a.ltmilh lieh das Übergewicht 
erhalten, ohne die früheren Formen ganz zu verdrängen. Bei einer Dichtong, die 
■ich nicht an die festen Normen höfischer Poesie anschloß, ist ein solches Ver- 
haltniss wohl denkbar, und jene äußeren Kriterien, die Ur. Wm. als feststeht^nd 
bezeichnet, erweisen sich für ihn als sehr zweideutige Stützen. Nicht viel besaer ist 
es mit den inneren Argumenten bestellt. Gerade weil unser G«dicbt in der vor- 
liegenden Gestalt nicht als Geiateakind einet einzelnen poetischen Genius, sondern 
&Ib ein solches erscheint ,an dem zu verschiedenen Zeiten verschiedene Verfasser 
gearbeitet haben", frägt ea sich sehr, ob von der Kritik „nicht nur das Anstößige, 
sondern auch das ÜberflOsaige und Entbehrliche bei Seite geschoben werden mnG*, 
«inmal angenommen, daß man lich über die Erthcilung einer derartigen Censur 
wirklich verständigen könnte. Aber was erregt wohlgea ehalten Kritikern nicht Alles 

lAnEtoCI So bemerkt E. Martin zu Str. 160 0, 2 — 3, wo vom Baden und Kleiden 
flutmnot« die Rede ist: „Diese Schönheitspflege kennzeichnet hier, wo sie bei den 
Männern hervorgehoben wird, die weichliche Sinnesart der Zudichter." Bekanntlich 

i war nicht bloß im MA. daa Badea der Männer ganz gewöhnlich (vgl, z. B. abd. 
Wb. I, 76, 77), Boodem schon Tacitua (Germ. Cap. XXII) weiß von warmen 
Bädern der alten Üentschen. 

Die BD begreiOicheList Gudruns, sich (Str. I24S) zunächst für eine andere 
Person auszugeben, um die Gemütbsstimmung der Ihrigen zu erforschen; ein Zag, 
den such W. Grimm ala poetisch berechtigt gewürdigt zu haben scheint, be- 
zeichnet Martin als „n^nütze Flunkerei' der Heldin, und meint, daß die ähn- 
lithe echt weibliche List, die Str. 1312 ihr beigelegl wird, „weder dem Herzen 
noch dem Verstände der Kudrun besondere Ebre mache". Es ist wahr, daß 
Wm, von derartigen Randglossen, die oft genug störend zwischen die wirklich 
bnachbaren Erläuterungen der Martin'schen Ausgabe gerathen sind, sieh fera- 
EOhalten gesucht hat, wohl fühlend, daß auf solche Weise nur der tn eigenem 
Urth eile Unfähige verwirrt werden könne; aber auch Wm. nimmt öfter da An- 
stoß, wo bei längerer unbefangener Betrachtung sich die vorhandenen Schwierig- 
keiten denn doch noch selbst anfiÖscn können. Von äathetiaeben Ilrlhfilen, diti 
ao. leicht d e n Kritiker irre führen kön nen , macht Wm. *um Glück nur eioen 
sparsamen Gebrauch, desto mehr Scharfsinn wird aufgewandt, um ajeden An- 
stoß in der Verbindung der Theile sorgfältig zu beachten" und aus dem scbeio- 
i baren Wirrwarr der Überlieferung einen fortlaufenden Faden älterer Vortage 

heranseufinden ; so sehr wir aber auch diesem Streben unsere aufrichtige An- 
erkennung zollen, ist es uns doch nicht möglich geworden, dem Ariadnefaden 
des Herrn Wm. folgend uns wirklich in dein Labyrinth zurechtzutind^. Dain 
kommt, daß auch die Anlage des Burhes nicht allzn bcqnem nnd der Gebrauch 
des sotg&ltig gearbeiteten Kfgist£rs durch allzugroßen Laconismus erschwert ist*). 



■) Die Unterscheidung der cnrsiv gedruckten Ziffern von den gewöhnlichen ist 
hei der groQen Menge der Zahlzeichen änDerat lästig, und wäre üd beigesetstea Str. 
rigj praktiacber gewesen. 



LITTEKATUR: WILMAN8, DIE ENTWrCKLUNG DER KUDKUSDICnTtlSQ . 251 

Zar Dilbern Beleuchtung des Wilm aus' sehen Verfahrens muG ich mich anf 
einielne Abschaitte seinea Buchs beschrünken, und ich wähle hier namentlich 
in (5. — S. Aventiure), weil man hier vielleicht am ehesten ?ersucbt sein könnte, 
mit Herrn Wm. tibereia zustimmen. Wenn auch der SatE, daß „im MÄ. edle 
G«bart mit bürgerlichem Grewetbc nQ^erträglicher «chien als beute", nicht ab- 
Bolnt feststeht (vgl. Zacber's Zusatz in Martins Ausgabe S. XXIII), so lasst sich 
doch wohl nicht leugnen, daß die Art, in der die Hegelingenboten , zugleich 
lila Kaufleute und vertriebene Landesherren auftreten" etwas AufTälüges und 
sich fast^ Widersprechen des hat. Aber der rasche Schloß, daß es zwei Gestal- 
tungen der Sage gab , je nachdem sich die Boten für KauSeute oder Fürsten 
HUigaben, ist dämm noch keineswegs gerechtfertigt; vielmehr iat es ganis natür- 
lich, daß Hagens und seiner Tochter Interesse für die Fremdlinge auf ver- 
schiedene Art, zuerst durch Geschenke, dann durch ihre Kunst- und Kampf- 
fertigkeit,^schließlich durch ihre edle Abkunft und König Heteln Machtverhältnisse 
erregt und festgehalten wird. So zeigt auch die Thidrekaaage iu ihrem Bericht 
TOD der Entfuhrung Hilde 's — mag man diesen als Quelle unseres Gedichtes 
anerkennen oder nicht — iiUDÜchst die goldenen Kleinode als Lockmittel, während 
den eigentlichen Anaschlag die männliche Schönheit des Boten, der hier daa 
Interesse seines Herrn verleugnet, giebt ; und sollte, wie in unserem Gedicht — 
eine schließliche Aussöhnung der Familie Hilde's mit ihren Entführern stattfinden, 
so war die ebenbürtige Stellung Helcls nnd der fürstliche Rang seiner Boten 
dafür die fast nothwendige Voraussetzung. Ohne also eine Wandrlnng der llber- 
liefemng ganz zu beatreiten, sehen wir in den scheinbaren Widersprüchen doch 
zunächst nur eine Ungewandtheit der Redaction , die — vielleicht nach ver- 
schiedenen litterarischen Vorbildern — verschiedene Motive in die Dichtung 
einführte, und diese nicht — wie so leicht aogieng — in kÜnatk-rischer Weise 
wieder vereinigte. — Und wenn auch Wate aicli selbst als wenig gewandt im 
Handel und ungeübt im Verkehr mit Frauen bezeichnet (Str. 253, 255), so 
darf man darum noch nicht gleich annehmen, daß er in einer früheren Fassnng 
«ich bis znr gewaltsamen Eulseheidiing im Schiffe verborgen hielt. Dicß wGrdo 
seinem Charakter doch wohl noch mehr widersprechen, während sein Auftreten 
in unserem Texte zu keinem Bedenken Anlaß giebt. Daß Frnote in unserer 
Red. „mit den Waaren seine Bedeutung verloren, und ala Hauptperson neben 
Wate (nun) der ritterliche Sänger Horaot getreten", läast sieh einfach dadurch 
widerlegen, daß Fruotn, welcher der Sage ursprünglich fremd war, mit Fug 
und Secht nur eine Nebenrolle anch im Gedichte spielt, während bei Horant 
das Umgekehrte der Fall iat; wenngleich die Art und Weise seines Auftretens 
in tmaerem Gedichte allerdings Zweifel aulasat, wie weit diese anf sagenmäßiger 
Qmndlage beruhe. — Wenn wir so mit den „im Allgemeinen orientierenden 
Bemerkungen'' (S. 44) keineswegs übereinstimmen können, kann es nicht viel 
helfen, in Einzelheiten bisweilen beizustimmen. Str. 356 mag sich an Str. 354 
vraprtinglich anscblieOen, aber ist Str. 355 ganz unecht oder vielleicht 
•n falscher Stelle stehend? — Im Folgenden geht Wilmans nun auf die Scene 
mit dem Fechtmeister ein, nnd nimmt hier eine InlerpolulioD an, mit der Ab- 
weichung von Müllenhoff, Str. 363 m verwerfen, aber St. 368 beinu beb alten. 

Die Gründe, welche Tür spätere Einfügung der Bolle des Fechtmeisteri ' 
die fBnfte Aventiure sprechen könnten, hat Martin zu Str. S59 vorgeführt. 
I Sm heiieht sich auch Wilmans. Aber zunächst ist klar, daß duKh blotL« 




252 LITTERATUR: WILMANS, DIE ENTWICKLUNG DER KUDRUNDICHTUNG. 

BcheidoDg der bctreScoden Strophen unmoglicb ein echter Bestand geironnen 
vird, denn die vier Schlüge in Str. 362 lind jedenfalls nor Steigerung der drei 
Sdiwänlie in Str. 35_9, wobei es vSlUg gleichgilttg ist, ob man ein solebes Ver- 
fahren der Red. nganz abgeschmaekt" findet oder nicht. Durch dgr^ftiKea äathe- 
]!tj tiaches Raigonpement wird überall weniger als nichts bewiesen; und ich iaa& '^T 
gestehen, daß mir bei längerer Betrachtung die Bolle des Fechtmeiaten immer ~' 
minder anstüAig wurde. Denn ist es nicht ganz natürlich ftir Hagen, einen 
angeblichen Neuling im Fechten zunächst an den Mchirmmeiifer zu weiten, dann 
aber, da sich Jener wider Erwarten tüchtig seigt, selbst sich mit ihm zn messen? 
Ob das dne vride Fechten |3tr. 3G6} nicht eine ganz gewöhnliche Steigeruog 
der sonst flblicheii Fechtweiae war, witsen wir nicht. Aber völlig fehl zn gehen 
acheinen mir die Erklürer, veun sie die Stellen 358, 4; 363, 4; 366, 3 — 4 
direct auf den späteren Kampf Hagens mit Wate in der achten ATentiore be- 
liehen, was nur bei der letzten Stelle allenfalls möglich näre , obgleich anch 
hier nichts bindert, das ttt (366, i) auf das zunächst Folgende (367) zu be- 
siehen. In der achten Aventiure findet sich auch bei passender Gelegenheit 
(Str. 517, 3 — 4.1 keinerlei Zurückdeatnng auf die frühere Fechtscene, die viel- 
leicht nur In der rbantasie unserer Kritiker als ein Vorspiel zu dem erosten 
Kampfe aufgefasst wurde. Der Entschcidungs kämpf zwischen Hagen and Wate 
war, wenn auch nicht in der ältesten Sage, doch schon ror Lamptechts Alexander 
(vgl. V. 1830 fg. M.) in dor Überlieferung begründet; jenes in der fünften 
Aventiure geschilderte Fechten schloß sich wohl nur als Ausschmückung leicht 
an vine ältere Darstellung an. Daß es Sitte für Fremdlinge war sich in den 
Kampfspielen zd versnchen, ist bekannt — vgl. Martin zu Str. 371, i — ond 
daß diese Spiele in nnserm Gedicht einen faumorietiscben Eindruck machen, Ist 
aus der Individualität Wate's vollkommen zu begreifen. 

Auf den Getang Horanls in der sechsten Aventiure möchte ich noch 
etwas genauer eingehen. Wilmans versucht — einige echte Strophen MQIten- 
bofis kühn streichend — Str. 3T2 unmittelbar mit Str. 389 und dann 391 in 
verbinden. Dieser Vorschlag hat etwas sehr Ansprechende», die wiederholten 
Angaben Über das Singen Horants schwächen den Eindruck und fordern die 
Handlung nichtj eine Ausscheidung von Str. 373 — 388 icheiot der Dichtnng 
au statten xu kommen, nur einzelne Wendungen wie Fruote'a Scherz Str. 382, 
der dann Str. 406 von Horant selbst ähnlicb geäußert wird, verrathen denn 
doch auch hier poetisches Leben. Auch würde die Athetese immer nur ästhe- 
tische, nicht philologisch-kritische Berechtigung haben, denn zwiugende Gründe, 
Str. 3T3 — 388 anezuscheiden, findeich nicht. Auch ist der Entschluß Uilde's, 
Horant heimlich zn sich zu entbieten, doch auch wieder verständlicher, wenu 
■Je den Sänger bereits mehrfach gehört und seine Kunst am ganzen Hofe Bei- 
fall gefunden hat, ihr Versuch aber, mit Einwilligung des Vaters ihren Wunsch 
SU erreichen, gescheitert ist, wie Str. 387 ausflilirL Die hier gegebene Antwort 
Hagena bezeichnet Wilmans S. 53 als TÖUig an verständlich, und im Einzelnen 
mag der Text auch gelitten haben, aber in der Hauptsache ist doch klar, was 
Hagen nieinl. Wohl hat Horant schon mehrfach gesungen, aber dieG geschah 
ror der Burg^ wie Str. 380 ausdrücklich bezeugt, in der Kemenate der Königin 
Hilde war er nur zu einer Visite gewesen, vgl. Str. 375 — 378. Die junge Hilde 
wünscht Horant nun am Hofe selbst, d. h. in der Hofburg (oder auf ihrem 
Zimmer) au hören, was namentlich aas Str. 387, 4 hervorgeht. Hienu aber 



LITTERATUR; WILMAN3, DIE ENTWICKLUNG DER KUDRUNDICHTUSG. 253 

die Gü«te durch Bitten oder GeBcliciike ssii vermögen, lehnt Hugen ab, und 
Dachdem die folg. Strophen noch einmal die Macht des GesiiDgei in aller Stürka 
geschildert haben, entschließt sich nun Bilde selbst zu dem kühnen Schritt. — 
So reducieren sich doch auch hier bei eorgfältig-rahiger Betrachtung die kri- 
tischen Bedenken nicht anerhehlich, noch mehr ist dieö in dem lunUchst Fol- 
genden der Fall. Allerdings wären Str. 392 — 94 beinahe ohn« Verlust za ent- 
behren, aber an der Erwähnung Morancs 394, 4 ist nicht AnstoC za nehmen, 
der freilich nur als Begleiter Horants auftritt und daher 395, 1 nieht aua- 
di-ücklich zum Sitzen genöthigl wird. Es scheint bisher nicht bemerkt zu sein, 
daß Momnc wiederholt in nähere Beziehung zu Hilde gesetzt wird; Str. 211, I 
ist er es, der zuerst den König Hetel auf den Gedanken bringt, um sie zn 
werben; bei dem Empfang der Boten in Hagene Hofburg tritt von den jüngeren 
Helden Momnc sowohl Str. 332 als Str. 345 folg. entschieden hervor — einen 
Grund hierfür giebt das Gedicht allerding» nicht an, aber es ist nun nicht auf- 
fiillig, ihn auch in Hilde's Kemenate als Begleiter Horants Str. 394, 4 erwiihnt 
zu finden. — Str. 395 und 396 bleiben vor der Berliner Kritik bestehen, 
wenngleich die Furcht vor Hagen, die in der letzteren ausgedrückt ist, nach 
dem bisherigen Verhalten deaselbeu aufiäilen könnte, Man hat es vorgezogen, 
Str. 897 — 400 als unecht zu verwerfen, and also directen Anschloß von Sir. 
401 an 396 zu behaupten. Auf den ersten Blick hat auch dieser Vorschlag 
etwas für sich, aber der Wunsch Hilde's, den sie Str. 395 deutlich ausdrückt, 
Roranis Gesang zu hören, bliebe dann unerfüllt, und es würde nur eine 
Unterredung zwischen Hilde und Horunt stattfinden. Lässt man die angefochlenen 
Strophen stehen, so ist auch das erst Str. 40t erfolgende nähere Eingehen 
Hildes auf die Anspielung Ilorants auf aeinen Herrn (396, 4) nicht nonntürlich : 
ihr Interesse wendet sich zunäohst dem Boten und seinem Gesänge zu , erst 
die Zurückhaltung desselben und die erneute Hinweiaung auf seinen Herrn 
(400, 4) erregt nun die Aufmerksamkeit der Prinzessin. — Während Wm, 
Str. 409 mit Recht gegen den Ohelos Müllenbofis in Schntz nimmt, scheint mir 
auch Str. 4Ü8 unentbehrlich, da eine Beruhigung der jungen Fürstin nach 407, 4 
nicht überflüßig war*). — Bei der Scene mit dem Oberkämmerer (Str. 411 
bis 425**X die schon von Ettmüller gestrichen wurde, ist eine jener Partien 
unseres Gedichtes, no der Verdacht späterer Interpolation nicht als völlig un- 
gegründet erscheint, aber ein philologischer Beweis hierfür ist doch auch bis- 
her nicht erbracht worden. Vielmehr erscheint erst durch die Bedrohung Str. 
412, 2 — 4 die frühere Befürchtung Horants (Str. 396) verständlich, und die 
Ansicht, daß hier wie dort dieselbe Hand an unserem Gedichte gearbeitet habe, 
scheint unabweisbar. Die Weichlichkeit der Scene (namentlich Str. 416, 3) mag 
unser Gefühl überraschen, unser Urtheil verstimmen darf sie darum nicht; 
ähnliche Beschreibungen weicher Gemüthsstimmung finden sieb auch sonst, z. B. 
Str. 284 und 43S — freilich wohl nur in „unechten" Strophen! — In Bezug auf 
Str. 342 bemerkt Wilmans S. öS, daß sie den Zusammenhang unterbreche, und 

*) Auffallen kGnnt« nur das unbestimmt« Er ipraeh Sir. 409, t: doch ist eine 
tümliehe Epanaphora von Wilmims selbst S. 65 Anm. 1 veiiheidigt. Man braucht 
Str. 400 uluhl Hoiant als Redner zu denken, schon 409, 4 spiicht Momne entschlossen 
för sich selbäl. 

■■) DaQ diese Str. nicht wohl „echt" sein kann, wenn das Torhergehende un- 
echt ist, bemerkte selbst Martin. 



1 



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254 UTTEKATL'R:M"II,MÄNS, DIE RNTWtCKLUXG DERKUHRUKDICHTI 

Tersuclit atc zwischen 335 und 336 zu plauieren, nber dort würde die WeuduDg 
vor iV getidele ttutniden die tettllcken man unverBtändlich lein, da aie eben erst 
in den Saal getreten sind nnd eine Aufforderang znm Sitzen überhaupt noch 
nicht erhalten haben, die erst Str. 336 erfolgt. Dagegen erklärt «ich die über- 
Ueferle Stellung vollkomcDcn, nur wird man Str. 342. 1 nhd. so fasnen dürfen: 
ea standen (nämlieh) vor ihrem Sibse die Btattlicben Männer, die sieh auf feiue 
Sitte veratanden a. b. w. Nach der Aufforderung der Fürstin nehmen sie nun 
ällmShlich Flate, wobei man sich an andere Stellen, wo gleichfalls daa Stehen- 
bleiben oder Aufstehen von dbgenandten als der feineren Sitte entsprec^bend 
hervorgehoben wird, erinnern muii, so Str. 768, 1 — 3, wo von Martin einige 
weitere Belege beigebracht sind. — Ebenso leretrenen sich die Bedenken gegen 
den doppelten Empfang der Gäste, zuerst von Hagen und Hilde (Str. 334 fg.), 
dann im Frauengemach von Hilde und ihrer Tochter. Daß diese die Gäste 
nicht bestimmt erwartet hatte selbst zu sehen, zeigt Str. 337 die gegen Hagen 
geäußerte Bitte der Mutter — man darf sich also nicht wundern , wenn nun 
erst von den jungen Damen Toilette gemacht wird. Der erste Empfang ist ein 
offieieller, an den» — nach der Sitte der Zeit — anch die Königin sich be- 
tbeiligte, der zweite ein confidenti eller im Frauengemacb, zn dem die Einladung 
erst ergeht, nachdem die Gäste sich sowohl artig (Str. 336, 1) als unterhaltend 
(Str. 337, 1) gezeigt haben. — Wie Str. 342 wäre auch 348 allenfalls ent- 
behrlich, aber einen zwingenden Orund sie zu streichen finden wir doch niuhl. 
Meinem Vorschlag Str. 351 auf 353 folgen zn lassen schließt sich WÜmans 
na; zur Begründung sei hier noch erwäbat, daß Str. 352 den Abschied der 
Gäste von den Frauen, 853 ihre Rückkehr zum König schildert, und von diesem 
ist auch 351 die Kede. Doch ist auch diese Transtation nicht völlig gesichert 
und überhaupt daa von der höheren Kritik in der Gudrun Erreichbare nicht 
bedeutend, wenn man darauf verzichtet, geistreiche Entdeckungen oder acharf- 
sinnige Experimente machen in wollen. 

Nur für die HauptsÜge der Eutwickelung wird man aus einer unbefangenen 
Prüfung der zu Grunde liegenden Sagenstoffe einige Anhaltspunkte gewinnen 
j. können, und verweise ich hier noch auf meine Auafiibrnngen in den Göltinger 
y^QA. Ani. 1873 S. 202B fg.. 1875 8. 303 fg. Im Oegensati gegen MQIIenboff 
and Wilmans — Martin weicht einer bestimmten Darstellung seiner Ansicht 
aU8_ — und im theilwerscn Anschluß an Ändere habe ich zu begründen ver- 
bucht, daü man nur von einer oder mehreren Hildesagen als Quellen der 
Gudrun reden könne, bei deren Bedaction zn einem einheitlichen Gedicht auch 
andere Sagenstoffe , e. B, die Hildburgauge , das Gedicht von König Rolher 
-^^ oud wohl noch andere Spielmannsdichtungen benutzt seien, während nach der 
formellen Seite namentlich die Nibelungen als Vorbild gedient haben werden, 
I was eich bezüglich einzelner Charaktere noch weiter ausführen ließe. Für eine 
Gudrunsage in dem sonst wohl angenommenea Sinne fehlt es uns aber nicht 
I bloß an jedem unverdächtigen Zengniss , sondern es bleibt auch in unserem 
I Gedicht kein fiaiim für dieeelbo übrig, wenn wir die einzelnen Theilc desselben 
atf die verschiedenen Hildesagen und ihre natürliche Fortsetzung richtig zuriick- 
gefuhrt haben^ der Name Gudrun scheint durch bloßen Zufall in die Über- 
lieferung gekommen su sein, ähnlich wie Dancrflt in die Ntbel., den Bit«(ri|^ 
und die Klage. E.,WILKEN. 




lel., den aaaaa^t M 
WILKEN. ^H 



MISCELLEN. 255 



MISCELLEN. 



Altdeutsche Freskobilder. 

Im einstigen Hause der Marg aretha Mauitascb .£Q_ Merajo, welches lange 
Zeit als Magazin benutzt wurde, sind, wie die Kunstchronik 1874, Nr. 51 berichtet, 
Fresken entdeckt worden, die an künstlerischem Wertbe die bekannten Fresken / 
des Schlosses Runkelstein bedeutend übertrefPen sollen. Man verdankt diesen 
Fund dem Oberbanrath Fr. Schmidt in Wien, der auf einer Studienreise mit 
seinen Schülern das Haus näher untersuchte. 



fiandschriften in Olmiltz. 

Herrn A. Müller in Olmütz verdanke ich die nachstehenden Notizen über 
folgende altdeutsche Handschriften. 

1. Pergamentbandschrift in 4^ von etwa 60 Blättern. Das puch das do 
geheissen ist ein_ stäche! der lyb . das mag man pillichen in den süssen und 
den guten herzen Jesu unsem heiler sprechen, und das teilet sich in dreu teiL 

2. Pergamentblatt in 8., zweispaltig. Aus Bruder Philipps Marienleben 
(V. 9062—9202). 

Anfang: Wi heilig und auch wi gut si wer 

ir rat wer suze und auch sin 1er 
Daz alle di leut di zu ir quamen 

groz genade si von ir namen 
Ignatius der bat do des 

sinen maister iohannes. 
Schluß: Do di zeit nu chomen solte 

daz iesus sein muter wol. . 
In daz himelrich enphan 

und si niht langer wolte lan 
Uf erbrich bleiben zu ir sante 

ein engel von sines vater lant 
Der praht ir eine palme gm. . 

3. Papierhandscbrift in 4^ von etwa 106 Blättern. Hie hebt sich an das 
puch der ewigen weishait (von Suso). Anfang: Es stund ein prediger ze einer 
czeit nach einer metten vor eine crucifiz Vud dagt got innichleichii. Das er 
nicht chunt betrachten nach seiner marter und nach seinem lejden. 

4. Papierhandschrift in 4^ von 20 Blättern. Dicz ist das pAchelein des 
heilige ^abstes innocentii von menschilicher dArftikeit (Innocentii III de miseria 
conditionis humanae). 

5. Papier handschrift in foL von starkem Umfange. Ein vorred des puchleins 
der himelstroß. 

Die himelstrafi die all menschen geen müssen die gen himel komen wellen 
ist so verporgen das der wenig sind die die vinden. 



/ 



256 MISCELLEN. 

6. Papierhandschrift in fol. von 4 Blättern. Wye cristos der herr ge- 
waltigklich Erstnend. In der czeit an dem dritten tag das was an dem hey- 
ligisten esterlichen tag früe Do für dj seil onsers lieben herrfi J. eh. wider 
czu dem leichoam jn das heylig grab do kam von hymel ein liecht als ein 
plics and ein grossez erpide. 

7. Interlinearübersetzung der Psalmen. Der selig man der niht inget in 
den rat der posen und in den weg der sonter nicht enstaend Vnd in dem ge- 
sesse dea gespottes nicht ensas. 

8. Ebenfalls Interlinearübersetzung der Psalmen. Der selig man der niht 
hingangen ist in den rat der boezen und in dem weg der sonder niht gestanden 
ist und auf dem stuel der suchtichait niht gesessen ist. 



30. Venammliug deutscher Philologen nnd Schulmänner. 

Den Herrn CoUegen und Fachgenossen geben die gehorsamst Unterzeich- 
neten sich die Ehre anzuzeigen, daß die 

30. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Rostock vom 28. 

September bis 1. October 

stattfinden wird, und sprechen die dringende Bitte aus, die weiteren Mittheilungen 
uns vorbehaltend, beabsichtigte Vorträge für die allgemeine und Sections-Ver- 
handlungen, sowie Thesen, besonders für die pädagogische Section^ uns thun- 
liehst bis Ende Bfai einsenden zu wollen. 

Zugleich erbitten wir die möglichst genaue Angabe der Zeitdauer dcrr 
gemeldeten Vorträge, indem wir uns zu bemerken erlauben, daß wir, um nicht 
nachfolgende Redner zu schädigen, den Vorträgen nur die im Voraus geforderte 
Zeit^ glauben gewähren zu dürfen. 

Rostock, am 10. März 1875. 

' F. V. Pritsche. K. E. H. Krause. 



PersonalnotizeQ. 

Dr. Karl Elze, Gymnasiallehrer in Dessau , ist als Professor der eng- 
lischen Sprache und Litteratur an die Universität Halle berufen worden. 

An Stelle von E. Windisch wurde der Privatdocent Dr. Ernst Kuhn 
in Leipzig als ordentlicher Professor des Sanskrit und der Linguistik an die 
Universität Heidelberg berufen, und wird seine Lehrthätigkeit daselbst im Winter- 
semester beginnen. 

Dr. August Lübben in Oldenburg hat zur Vollendung des mittelnieder- 
deutschen Wörterbuches einen dreijährigen Urlaub erhalten. 

Professor Dr. Wilhelm Scherer in Straßburg ist von der Akademie der 
Wissenschaften in Berlin zu deren correspondierendem Mitgliede gewählt worden. 



Am 17. April d. J. starb in Halle Dr. Karl Hildebrand, Privatdocent 
an der dortigen Universität, ein tüchtiger Kenner des Altnordischen^ seit mehreren 
Jahren mit einer Ausgabe der Edda beschäftigt. 



f^f^, ÄJ.«. »^. % r^ 



ZUR HEIMATFRAGE WALTHERS. »7» *«j 



Als Fr, P feiffer in dieser Zeitschrift 5, 14 Franken als die Hei- 
mat unsers Dichters angenommen hatte*), bemerkte H. Kurz in der 
Schrift: „Über Walthers von der Vogelweide Herkunft und Heimat". 
Aarau 1863, S. 17: „Walther sagt, er habe das Land seiner Geburt 
seit einer so großen Reihe von Jahren nicht gesehen, daß er weder 
Land noch Leute mehr kenne. Diese Äußerung kann sich nun eben 
so wenig auf Franken als auf Österreich beziehen, denn 
auf seinen Wanderungen von Österreich nach Thüringen u. s. w. lag 
Franken auf seinem Weg, und es ist kaum anzunehmen, daß er bei 
solchen öfters wiederkehrenden Gelegenheiten nicht in seine nächste 
Heimat gegangen wäre, wenn er auch einen Umweg von einer oder 
zwei Tagreisen hätte machen müssen, um in dieselbe zu gelangen, 
insbesondere wenn man erwägt, daß er gewiß nicht auf einen be- 
stimmten Tag an dem Ort erscheinen musste**), nach welchem er sich 
begab" etc. „Weil Walther zu wiederholten Malen in Franken ge- 
wesen, konnte dieß Land, wie gesagt, nicht seine Heimat sein. 
Dieselbe muß von den Wegen, auf denen ihn seine viel- 
fachen Wanderungen führten, nothwendig abgelegen sein, 
so daß es ihm nicht leicht war, auch mit Aufopferung 
einiger Tage in dieselbe zu gelangen." Diese Bemerkung mochte 
außer der Stelle im Meinhard'schen Urbar: „datz Vogelweide an dem 
herbiste driu pfunt", Pfeiffer bewogen haben, seine frühere Annahme 
aufzugeben und AVippthal in Tirol als die Heimat Walthers anzunehmen. 
Herrn Professor Th. Mairhofer in Brixen gelang es, in der Gemeinde 
Telfes, (eine Stunde westlich von Sterzing) einen Wald zu entdecken, 
der, in zwei TheiJe getheilt. Vorder- und Hintervogelweide genannt 
wird. (4 Aufl. S. XXV.) So sehr mich als Tiroler freute, Walther 
meinem Heimatslande zugewiesen zu sehen, wollte mir diese Wiege 



// 



*) Gegen Franken spricht schon Walthers Sprache, die von frinkischem Dia- 
lecte keine Spur zeigt. W&re Walther ein Franke gewesen, so wäre er wohl ver- ^y 
mathlich nach dem näheren Thüringen gesogen, um dort sich zn bilden. 

♦*) So berichtet Walther ja selbst (L. 104, 25. Pf. Nr. 166, 8), daß er mehr 
als eine Meile von der Straße abgebogen habe, um Tegemsee su besuchen. 
GERMANIA. Neue Keibe VIII. (XX. Jahrg.) 17 



r 



WaltlierB iiicht zusagen. Dns alte Slerzing und dessen Umgebung Lat 
mit Ausnahme des TonkUnstlers Job. Gänsbacher werfer einen Dichter 
noch einen andern Darahaften Sctiriftsteller oder Ktlnstler aufzuweisen. 
Und hier in dieser in geistiger Beziehung sterilsten Gegend soll der 
größte Lyriker des Mittelalters geboren sein? — Der Dichter nimmt 
die Jugendeindrltcke der Natur mit durchs Leben, der Charakter dieser 
Gegend passt aber gar nicht zu Walthere Aumnth. Der Dichter nennt 
bei seiner Heimat ein flieliendes Wasser — ich nehme die Stelle nicht 
■KIb bloße Phrase — , dieß fehlt bei Telfes. Ich glaube nicht, daß er 
damit den fernen, die Thalsohle verheerenden Mareiler Bach gemeint 
haben könnte. Das Hauptbedenken war aber dieß, daß der Edelsitz 
oder das Gehöfte spurlos verschwunden sein sollte. Ich habe mich mit 
alten Urbaren Tirols, namentlich mit den Meinhard' sehen, die ich zur 
Veröffentlichung vorbereite, vielfach beschäftigt und daraus gelernt, 
daß alle in denselben genannten Höfe noch und meist unter denselben 
Namen fortbestehen. Es wäre deßhalb doppelt merkwürdig, wenn ein 
Herrensitz im TelPaer Walde ganz zerstört worden sei, ohne daß die 
zähe Volkstradition die leiseste Erinnerung daran erhalten hätte. 

Da machte im Tiroler Volksblatte 1867 Nr. 90 der damalige 
Pfarrer von Laien, Job. Hailer, auf die zwe i Vogelweider Höfe am 
Lde per Ried aufmerksam. Als ich diesen Aufsatz las, schien mir diese 
Ansicht einer näheren Untersuchung werth. Ich hatte das Laiener Ried 
nur einmal 1847 gesehen, erinnerte mich aber oft an die Reize dieser 
Gegend, an diesen Wechsel zwischen Wald und Feld, an die alten 
Burgen und die wunderbare Aussicht Es liegt ein eigenthUmlicher 
Zauber tlber diesen von dem Eisack und dem Grüdnerhache um- 
schlossenen Gelände. Hier von Brixen südwärts blühte im Mittelalter 
reiches künstlerisches Leben. Die alten Burgen und Edelsitze, Kirchen 
und Gemälde geben Zeugniss dafür. In der Nähe liegt Sähen, der ~.M 
Vogelweide gegenüber die Trostburg, das Schloß der Wolken stein er. 
In der dortigen Gegend waren zahlreiche Burgen und Adelageschlechter 
und der Name Walther war gerade dort 1140 — 1230 einer der be- 
liebtesten, während er im obern Wippthale bei Sterzing, im nahen 
PuBterthale und im Etschthale nicht oder höchst vereinzelt vorkam. 
Ich gebe hier einige'Belege aus dem Neustifter Urkundenbuche heraus- 
gegeben von Theod, Mairbofer, Wien 1871. Da begegnen uns: 

S. 3 Walther 1142. — S. 4, 5, 11, 12 Waltherus de Brixina 1142. 
1147. 1148. — S. 6, 51 Witigus et frater ejtis Waltherus 1142. 1179.— 
S, 9 Quidam minJsterialis de Brixinn, nomine W^ahherus 1145. — S. 10 
cuidam libero homini Walthero de Maleotin 1145. — S. 15 Wftltherus 



ZUR HEIMATFRAGE WALTHERS. 2 

de Gredena 1151. — S. 18, 19, 21 Waltherua, filins domtni Megenhardi 
de Monte 1153. 1155, 1156 etc. — S. 19 wird ein Waltherua cognatus 
des Regiobert von Sähen genannt und ein Walther kommt als Zeuge 
vor 1155. — S. 31 Waltherua cocus 1161. - S. 32 Waltherua do Selua 
1162. — S. 42 Waltherua 1173. — S. 52 Hartwigus et Waltherua 1181. 

— S. Ö6 Ekkehardua Garrinua et frater ejus Balthenis, Waltherua et 
frater ejua Hartwicua de Rischone 1182. — S. 57 Ekkehardo Garre et 
fratre auo Walthero. — Walthero dapifero de Monte 1183. — S. 57 
Heinricua Augenaia prepoaitua et Waltherus frater ejua 1184. — S. Gl 
Waltherua 1187. — S. 62 Waltherua dapifer 1187. — S. 68 Heinricua, 
eiiua domini Waltheri 1192. — S. 78 Waltherua de Bradelle 1211.— 
S. 86 Waltherua, presbyter 1226. — S. 92 Waltherua, carpentarius 1231. 

— S. 99 Waltherinua, camerarius 1235. — Daß bei den Edlen von 
Laien dieaer Name vorkam, beatätigt eine Urkunde vom 16. Mai 12<!)3 
in welcher die Brtider Qumpert und Walther von Lajan, Söhne 
Walthers, flir 140 Pfund Bemer ein ihnen gehörigea Gut zn Lajan 
dem Quarfo von Velea verpfänden. (Archiv Gandegg. s. Ladurner, Bei- 
tritge zur Geschichte der Pfarrkirche in Bozen. Bozen 1851 S. 6). 

Die Brixncr Gegend ist die Region der Walthemamen , aas der 
auch das Geacblecht der Edlen von Walther stammt; allein auch hier 
tritt der Name Wallher in der Regel nur ala Herreoname auf. 

Am 8. September 1873 besuchte ich zum ersten Male die Vogel- 
weide uud in meinem Berichte Über diesen Ausflug theilte ich mit, daß ' 
der jetzige Besitzer Über die ehemalige Bedeutung dieaes Gehöftes 
und dessen Reste gesprochen habe. Ahnlich äußerte sich derselbe gegen 
Itartin Qreif. Dieser berichtet (Wiener Fremdenblatt 1874 Nr. 276), 
daß der alte Schrott ihm geeagt habe, sein Vater, der 90 Jahre alt 
geworden, habe ihm oft erzählt, daß Laien dem Hofe zinspflichtig ge- 
wesen sei. „Das Gleiche habe er (Schrott) in seiner Jugend noch von 
vielen anderen Leuten behaupten hören, trotz seiner 85 Jahre könne 
er sich auf Allea recht wohl besinnen." 

Man hätte mir gerne nachgesagt, daß dieß nur eine Erfindung 
Bei, ich weise jedoch aolche Zumuthung zur Unehre der Gegner 
entschieden zurück. Was der alte Schrott mir und ein Jahr später 
Herrn Martin Greif und auch anderen erzählte, ist thatsächlich 
wahr und urkundlich belegt. Denn noch im Cataster vom Jahre 1774 
werden als Grund- uud Zehentsolden des Inner-Vogclweidehofea auf- 
gefllhrt: 1. Aus dem Fechterhof an Wein und Getreide zwei Theile. 
2. Beim Xorgler an Wein und Getreide zwei Theile. 3. Zu Ranzfron 
von allen Äckern auch je zwei Theile. 4. Aus dem Kerspamhof von 

" VI* 



260 ZINQEBLE 

allen Äckern au^h je zwei Tbeile vom ganzen Jahresertrsg. Von den 
eigenen Äckern und Weingärten unter dem Wege und in Schürf ge- 
nannt mochte der Vogelweidhofbesitzer vom Zehent zwei Theile für 
sich behalten, ebenso bezog er aus dem Langacker zwei Theile vom 
Zehent an Wein und Getreide aus einem Grundstück in Ritsch , dann 
aus einem Weingarten am Bach gelegen, welchen Hofer baut, dann 
aus einem Weingarten, ebenfalls im Bach genannt, so der Hurlacher 
baut und inne hat, je zwei Theile vom EIrtrfigniss. Aus diesem ergibt 
sich doch klar, daß unsere Vogelweide nicht ein gewöhnlicher Bauern- 
hof, sondern ein Herrensitz gewesen ist Dazu stimmt die Tradition, 
daß beide Vogelweidehöfe ehemals ein geschlossenes Gehöfte bildeten ^) 
und dieß das älteste im Ried gewesen sei. Wir sind somit vollstän- 
dig berechtigt, die Vogelweide als Edelsitz anzunehmen. 

Den Namen V^gdw^der kann ich in der Bozner Gegend schon 
1S02 nachweisen. Eine Paiersbergische Urkunde, in P. Justinian La- 
durners Sammlung Nr. 620, beginnt: Anno domini HCCC secundo. 
Indicione XV die dominico XXVy exeunte Octobii in domo fratnun 
Theotonicorum apud aquam Ysarci inxta Bozanom. In presencia 
fratris Chonradi de Aychach, sacerdotis, et fratris Dlrici de Monaco, 
layci de domo et ordine fratrum Theotunicorom predictorom^ Hainiici 
laici, Chrophonis de Eppiano et Volchonis de sancto Michahele in plebe 
de Eppiano et Chonradi Vogelwaiderii de Eppiano et Laurencü, 
filii quondam Petri de Rinne de Eppiano et testium aliorom etc^ 



*) In tmer Papierluuidsclirift ans dem Ende des 15. Jahrlmiideiti „Yennca-kt 
die satsf^eter des pfontschilling:» beider geriebt Gufidawi und TiUmden" b^fit «b 
. , noeb Bl. ^^: JTrem to bof Vogelwmi d gibt sn Liecbtaet IX Xr, ra Jaeobi IX Xr ^ 
^yi ' f «ad der Tasten aier X'*r(Cam. ArcbiT CÖd, Nr. 5. tit. n. 12). In der Papierbandscbiüt : 
^Tertabong etlieber obrigkait, berriicbait, stuck und gneter, rent, bbs und gtit m 
de» sata und pbantscbaft des scbloß Sumer^perg and baider gericbt Gvfidaan und 
Tillanden gebSrig und besebriben anno Cr. 1S47 (Statdialteraarcbir Lade Kr. 5 Ht. 
a. IS) b^idt es BL 50^: Wg mdl T c^i waider i m Kied als innbaber des ündeifogiwmder- 
bofitj duBsne ain bansong, stadl, gartn, zwo jaacb acker und ron acbtondEwainog 
bawem Weingarten geb^rt, dient cnpl 5 Xr. Bl. 51' Wo1%ang VogNraider als inn- 
baber des Ober£(»g)iraideTbo{s darme ain bansang. stadl, garten, Tier jaacb acker und 
T<«i dreissig bawem weingartm gt^Srt, raicbt cnpl 5 Xr. Im Jabie 1562 ^nden mir 
dieselben Besitver. Im Jahre 1589 saS Micbael Toglwaider auf dem antere, Audi« 
VikgtwaidfT anf dem obera Hofe. — Die Tbeilxmg des alteo gef<'blosMnen GebSftes |re- 
»cbab Mimit xwiDcbeB circa 150D nnd 1547. — Da£ das Laiener Ried cor HerrsebaA G^daim 
peblSrt»^ «o-seiien wir ancb ans des Urbaren des Grafen Meanbart ans den Jabren ISS^ 
bis 129a. Unter der 1«. Rabrik: ,J>er i^t der geh ae Qafdoim*' BL 50 ff. werdco» 
BL 52 aack H5fe ,,ae Kede^ an%eAbrt und BL 5« beäf>t ec: ^Umb das Sied und 
sa Laian gil man minem beiren Ton cänsSjeattea inmääcb scbiliiage pbcBm." 



ZUR HEIMATFRAGE WALTHER8. 261 

Dieser Conrad Vogelwaider stammte aber vermuthlich aus dem Laiener 
Riede, da weder ein Hof Vogelweide noch der Name Vogelweider 
sonst im untern Eisackthale nachzuweisen ist*). 

Nach diesen Vorbemerkungen darf ich wohl nicht unwahrschein- 
lich finden, daß die Vogelweide die Heimat unsers Dichters sein könnte , 
da die beiden im Sanderviertel zu Wtlrzburg gelegenen Vogelweider- 
höfe aus früher genanntem Ghrunde nicht in Betracht kommen können **). 

Ich nehme an, daÜ Walther auf dem Edelsitze am Laiener Ried 
geboren seij daß er den Ereuzzug mit Friedrich H. mitgemacht***), 
und auf dem Wege nach Italien zum Ereuzzuge seine Heimat am 
Riede nach vielen Jahren wieder zum ersten Male gesehen habef). 

Ich lege nun meine Orttnde vor, die ftU* meine Annahme sprechen 
könnten. 

Unser Dichter hat sich längere Zeit, vermuthlich öfters, inEämthen 
aufgehalten. Er sagt selbst: 

Ich hän des Eemdferes gäbe dicke enpfangen L. 32, 17 
und: edel Eemdensere, ich sol dir klagen s^re, 

milter ftlrste und marterer umb @re, 

ichn weiz wer mir in dinem hove verk^ret mtnen sanc L. 32, 31. 

Es ist hier Herzog Bernhard von Eärnthen, der von 1202 — 1256 
regierte, gemeint Walthers Aufenthalt dort lässt sich ganz gut er- 
klären, wenn wir ihn als Norithaler annehmen, denn wie heute der ^ik 
Verkehr zwischen den zwei angränzenden Ländern ein großer ist, so 



*) In einem RaitbQch vom J. 1477 (Statthaltereiarchiv) kommt ein „Meister 
Thomas Ton der Vogelwaid" als Arst vor. 

**) VergL Schrott, Walther Ton der Vogelweide in seiner Bedentang fOr die 
Gegenwart (München 1876) 8. 6. 

^^) Daß das Oedicht: 

Allererst lebe ich mir werde L. 14, 88. 
nicht Fiction, sondern „im gelobten Lande" selbst entstanden sei, davon bin ich fest 
überzeugt Meine Ansicht theilen Bimrock : Übersetzung 2, 197, Ausgabe S. 241. Bieger , 
das Leben Walthers S. 41. Lexe r (Über Walther von der Vogelweide. Würzburg 1873), 
der 8. 7 sagt: „Die vielfach ausgesprochene Behauptung, Walthers Kreuzlieder seien 
in Deutschland abgefasst und nur das Product einer gesteigerten Einbildungskraft, 
muß entschieden zurückgewie»^ werden, denn wir haben keinen Grund, an seinen 
Aussagen und an seiner Schilderung des Erlebten zu zweifeln.** 

t) Über das Gedicht: 

Owd war sint verswunden alliu miniu jlir 
bemerkt li^«r 8. 27, daß dieß prachtvolle, wehmttthige Lied, das man häufig als 
Walthers letztes und als seinen Schwanengesang bezeichnen wolle, jedenfalls, wie ans 
den Schlußzeilen sich ergibt, vor dem Kreuzzug gedichtet sei. Wackemagel S. 74, 
Pfeiffer S. 306 seUen es 1227 au. 



\ 






y) 



262 ZJNGERLE 

waren die Verbindungen des Norithals mit ELämthen damals schon 
bedeutend*). 

Und wenn Walther in einem am Eämther Hofe gedichteten 
Sprache sagt: 

singe ich minen höveschen sanc^ s6 klagent siz Stollen L. 32, 11^ 
so ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieser Stolle auch aus dem Eisack- 
thal war. Denn in einer Neustifter Urkunde v. J. 1191 kommt als 
Zeuge neben „Heinricus, plebanus de Lejan, Gebehardus de 
Sehen u. a. ein Heinricus Stollo vor (Neustifter Urkundenbuch 
Nr. 171 S. 66) und in einer Brixner Urkunde vom 9. December 1323 
begegnet uns ein Christan der Stolle (Bartsch, Liederdichter S. LV)**). 
Auch in Aquileja war unser Dichter und preist dessen Patriar- 
chen Berthold von Andechs: 

Die wile ich weiz dri hove s$ lobeltcher manne, 

s5 ist min win gelesen unde süset wol mtn pfanne. 

der btderbe pairiarke miseewende fri, 

der ist ir einer. L. 34, 34. 

Aquileja stand aber mit Brixen in den nächsten Beziehungen, 
denn das Bisthum Brixen war in ältesten Zeiten der Metropole von 
Aquileja untergeordnet und wurde von diesem Verbände erst 798 ge- 
trennt (Tinkhanser, Beschreibung der Diöcese Brixen I, 4. 5.) Seitdem 
waren lange Aquileja und Brixen Nachbardiöcesen***). — (Über die 
engen Beziehungen zwischen Aquileja und Neustift bei Brixen vergl. 
die Urkunden Nr. 109 v. J. 1165, Nr. 131 v. J. 1177 u. Nr. 225 v. J. 1235 
im Neustifter Urkundenbuche S. 36, 44, 97.) Walther hatte aber nicht 
nur dem Patriarchen Berthold von Andechs Gastfreundschaft zu danken, 
sondern stand auch sonst den Andechsem nahe. Job. Schrott betonte 
zuerst das Verhältniss unsers Dichters zu den Andechsern (Beilage 
zur AUg. Zeit. 1874 Nr. 186) und besprach es dann in seiner Schrift: 
„Walther von der Vogelweide in seiner Bedeutung filr die Gegenwart" 
S. 4, 5. Hier schreibt er: „Die falsche Deutung des Waltherschen 
Spruches auf den Nürnberger Hoftag hat zu dem langährigen Irrthum 



*) Bei dem Turnier zu Freisach 1224 waren Graf Albrecht von Tirol, Hugo 
▼on Taufers, ein Wolkensteiner und Bischof Heinrich von Brixen anwesend. U« ▼• 
Lichtenstein, Frauendienst S. 66, 67, 78 ff. 

♦*) Vergl. Bote fftr Tirol 1876 Nr. 113. 
***) „Karl cTer Große entschied: ut Dravus fluvius terminus ambarum dioeeesium 
esset. Dalham ConciL Salisb. p. 28. Wirklich gehSrten bis auf die neuere Zeit seibat 
die in Tirol unter der Drau liegenden Pfarren Ampezzo, Tristach und Larant aar 
Diöcese Aquileja. Tinkhauser I, 6. 



ZUU HEIMATFKÄGE WALTUEBS. 263 



1 



Veranlaasang gegeben, als ob Waltlier von Geburt ein Frauke wäre. 
Daselbst ist narnJich von seinen (unsem) heimischen Fürsten 
und von Leopold von Österreich als Gast die Rede. Die heimisc 
Fürsten deutete man kurzweg auf den fränkischen Adel, ohne zu 
bedenken, dali Fürst ein staatsrechtlicher Titel ist und kleinen Herren 
nicht zukam. Leopold ferner konnte nur durch einen au üerord entliehen 
Fall Gast sein, da er sonst als ReichsfOrst bei einer curia aolemnie zu 
erscheinen die Pflicht hatte. Zufälliger Gast konnte er nur 1219 sein, 
als er vom Kreuzzug zurückkam und unvermuthet und freiwillig auf 
jenem Reichstag erschien. Die für Waltlier heimischen Fürsten — 
da die anwesenden geistlichen ReichsfUrstcn sicherlich nicht in Betracht 
kommen — sind alsdann die Herzoge Ludwig von Baiern, Bernhard 
von Kärnthen und Otto von Meranicn, der Bruder Bertholdfl von An- 
dechs, Patriarchen von Aquileja. Sagt man, der Ton Jenes äpruchei 
komme vor 1220 nicht vor, so ist zu erwägen, daÜ der November 
von 1219 vom Januar 1220 denn doch nicht so weit entfernt istl"*^ 
Es befremdet, daß Walther den Herzog Friedrich von < )sterreich, 
Reiomar den Alten, Engelbert von Köln ehrende Nachrufe widmete, 
aber für den ermordeten Künig Philipp, den er so hoch gehalten, kein J^ 
Wort fand. Schrott scheint mir diel! Räthscl glücklich gelöst zu haben. 
Er sagt: „Mit wie hoher sittlicher Entrüstung Walther jede rohe Ge- 
waltthat verdammte, wissen wir aus dem Spruch auf des Erzbischofs 
Engelbert Ermordung, worin er sich in Ausdrücken des Zornes förm- 
lich erschöpfL Man kann also Gleichgütigkeit gegen jene That gewiß ^M 
nicht annehmen, noch auch voraussetzen, daß uns ein solcher Spruch ^M 
nicht erhalten worden wäre. Wenn er alio schwieg, so muß er einen ^M 
Grund gehabt haben, der ebenfalls in einer sittlichen Empfindung an- 
derer Art lag. Der Mörder König Philipps war des Baiem-Herzogs 
nächster Verwandter, und des wilden Pfalzgrafen Mitschuldiger war , 
der Markgraf Heinrich von Istrien, Bruder des Patriarchen Bertholds 
von Aglei und des Herzogs Otto von Meran. Können wir nun dem ) 
zarten und höfischen Sinne Walthers zumuthen, daß er jene Unthat, 
die zwei seiner Gönner und seinen Landesherm so schmerzlich berührte, 
durch einen in ganz Deutschland verbreiteten Spruch hätte in fort- 
währender Erinnerung erhalten sollen? Ist es denkbar, daß er dem 
gepriesenen Patriarchen von Aquileja ein infandum renovare dolorem 
hatte bereiten und vorsingen sollen? Nein, aus zarter Schonung und 
schuldiger Rücksicht für seine „heimischen Fürsten" aus den durch jenes 



I 



■) Böhiners Kaiser- llegcatei 




264 ZINQERLE 

EreigniBB bo hart betroffenen EÜLasem Wittelsbach und AndechB wollte 
und muBste Walther Bchweigen.** (Beil. zur Allgem. Zeit 1874 Nr. 186). *) 

Wie stellt Bich nun das Verhältniss Walthers zu den Andechsem 
bei der von uns angenommenen Heimat? — War Walther am Riede 
zu Hause, s o war er ein gebomer Dienstmann der Andechser. Nach 
Hormeyer hatten die andechsischen Rapotos den gräflichen Ambacht 
des Norithales*) oder Eisackthales um Brixen schon firühe verwaltet. 
(Goldene Chronik v. Schwangau S. 43.) 

Im Jahre 1165 wurde vom Bischof von Brixen die Vogtei des 
HochstifteB dem Hause Andechs übertragen. (Sinnacher, Beiträge 3, 641, 
Tinkhauser I, 37.) Seitdem begegnen wir Andechsem oft in Brixner 
Urkunden. Ich verweise nur auf folgende im Neustifier Urkunden- 
buche: Nr. 123. 1169 Ortolfus de Andechs. Nr. 127. 1174 Gotefrit et 
frater ejus Grife de Andechs^ Nr. 149. 1182 Bertholdus^ marchio Histrie 
ac brixinensis ecclesie advocatus. — Gotschalcus de Andechs Nr. 159. 
1187 Gotfrid de Andechs, purcgravius de Brixina**). In Folge der 
Theilnahme am Morde Philipps verloren sie die Vogtei von Brixen 
1214 ♦**) und ihre Güter, aber 1232 erhält Otto von Andechs wieder^ 
Lehen vom Brixner Bischöfe, in Beziehung auf die Vogtei wurde aber 
1241 beschlossen, daß die Grafen von Andechs und die von Tirol 
dieselbe wechselseitig und erblich besitzen sollen f). Im Jahre 1239 
finden wir Otto II. von Andechs auf dem Schloße Gufedaun, wo er 
dem Kloster Neustift eine Schenkung bestätigt ff). Von dort aus be- 
fehdete er 1240 den Bischof Egno von Brixen. Zum Gerichte Gufe- 
daun, das die Andechser besaßen, gehörte aber auch Laien mit 
dem^iede. War Walther hier geboren, so läßt sich sein Verhältniss 
j zu den Andechsem leicht erklären. 

Ich erlaube mir hier auch den Spruch von Tegemsee heranzu- 
ziehen. Walther sagt: 

Man seit mir ie von TegersS, 

wie wol daz hüs mit dren st§. 

dar k^rte ich m§r dan eine mile von der str&ze. L. 104, 23. 

fffcijL *) Die Grafschaft N orith^ . welche KaiBer Konrad IL im J. 1027 dem Hoch- 

stifte Brixen schenkte, reichte auf der linken Seite des Eisakes vom Preibach bei 
Bloman, auf der rechten vom Tinnebach bei Claosen beginnend durch das ganse Wipp- 
thal zu den Marken des Inn- und Pnsterthals, Tinkhauser I, 34. 

•*) Über die Andechser s. J. Egger, Geschichte Tirols I, 197. 207. 214. 224 ff. 
♦♦♦) Sinnacher, Beiträge 4, 170. Tinkhauser 1, 37. 

t) Tinkhauser 1, 37. 
ff) Facta sunt hec in castroCufedun anno dominice incamacionisM.CC.XXX.yiIII. 
Neust Urkundenbuch 8. 108. 



zur;heimatfrage waltüers. 



265 



Walther hat atäts von dieBem GotteBliauBe geh»rt nod sacht es 
seitab von der Straße auf, was ein besonderes Interesse an diesem 
GotteshauBe voraussetzt. Er beklagt sich bitter, dali er dort keinen 
Wein erhielt und mit Wasser fllrlieb nehmen musste. Lag Walther» 
Heimat im Eisakthaie, so gewinnt das „te" Beine volle Bedeutung. Danu 
hat er sicher schon als Knabe von Tegerasee sagen gehört. Denn 
Tegemsee hatte bei Bozen grolie Besitzungen*) und bezog den im 
Mittelalter berühmten Bozensere**) von seinen eigenen Weinbergen. 



*) In den moii. Boic. 6, 15 ist von Erwerbung von QäUm .in tribns loais, Stit- 
via, Poxa|n», Loina Duncupatis" die Bede. Ebendort B. 31. „Noverint onmu fidel«» 
Criiti preseutes alqne faturi, quod quidam hocoa nobilis nomine Uiiüo babitans ii 
tiIIb Bozana dimidiam ceUsrii sui, quod habott in caalello eiosdem Tillae contigoo, 
pateiUtiva manu pro pecunia delegavit in manua Sififridi Abb. et advooti pui Per- 
toldi," — S. Sä. „Fideliiim Christi pluralitoa preeens et fuluri non ignoret, qaaliter 
:stas S. Quir. Pertholt Domiue pateslatiTa manu ad alt. ejusd. s. Mart. 
auorumque parenlum per m&nuni Sigibotonis nOBtri advacsti presenti abb. 
auis fratribna in nanm ipsorum vincam propriHio in Bainnensi villa 
in optimo loco eiuadem Tille Hitam" etc. S. 61. „Fidelinm Cliristi plura- 
ret, qaaliter advocalaB S. Qniiyni PernLnrdus ie Snsein- 
ledto aai parenluTDque suorum dnfts Tinea« pTopriaa aS 
Tills douavit, qnas Tinitores coluenmt Aribo et Vitalia." 



quid am adTc 

Sigifrido cum aui 

donavit acil. in o 

litat presens et F 

oheim potealativa 

alt. pred.*Mart b 

Vergl, noch S. 126. 163. — Nach einer gfltiRen Mittbeilang des Hrn. Prof. Ur. 

Boubinger enthllt die Hb.: „Anno domini MCCXLn aiibnolantur redditua predioruni 

iu montibua monaalerü Sli. Qnirini martyris in Tegemsee, qui uobia jare proprietario 

Bttinent" (k. allg. Reichaarchiv in MBnchen. Kloater Tegenuee Nr. 6i] folgendes anf 

die B zu eri Gegend BezUglicbe: 

Ze Potsen Wiltteyuerni i vm 1 ff pemer malphenninK- Tun der Blaem Ton. 
der mntaw vnder der Spitz von den drein Weingarten. 
Ibidem Hanna Zumpf von den powDt balbeo wain. 
„ Freuntsporger in der Memm J fneder wein. 
„ örtel 2 Trn. 2 galloa. 

„ IQ Kchlinn tod des Kramera Weingarten bei den TalTcren 1 vm weini. ' 
„ Niederhauaerin 2 vm weins. 
ZU Potzen do Dumimco 4 W pemer. 
Plaaici weiuhof administrat nohia medium vinum Ton den zwain t^len dea hoft, die 
KÜ den Weingärten ligen auUen, und von dem andern drittaü, der lU anderm psw ligen 
mag, 7 Sr Teroneü, und boI daa gutzbaua anwalt, die weil ay in dem wymat uind, mit 
malen, mit tuetar, mit hew nnd mit alleo sachen jerleich besorgen und ausrichlen. 
Pemstich Ton einem Weingarten 14 g'. Eppan in der Romei von einem Weingarten am. 
phund pemer," Vergl. Überdieß B. Weber, Boaen nnd seine Umgebuiigen B. 12. Tiro- 
liaclie Weisthümer I. 6. T. 

") Mon. Germ. »er. 2. 108. Gottr. de Vilerbo Carmen de rebna gestis Friderici' 
priini in Ilalia ■», 862. Otto v. Freisiupen da geat. Frid. 2, 26. Wolfram i 
Willülialm 136, 6. Von dem Abelen Weibe 553. Ottokara licimchronik ei 




266 ZIKGEKLE 

Wenn Walther im Eisackthale zu Hauae war konnte er seine 
Heimat auf seinem Krcuzeuge berühren? Gteug die Fahrt der damals 
nach Italien ziehenden Kreuzträger über den Brenner und durch das 
Kisackthal? — Wir könnten dies aus Antecedeutien annehmen, da sich 
das Kreuzbeer in Italien sammelte. Denn die Züge nach Italien giengea 
häutig über den Brenner und durch das Eieacktbal, was urkundlich 
durch den Aufenthalt der deutschen Kaiser und Könige im Eisaek- 
thale festgestellt ist*). Aber für den in Rede stehenden Zuzug aus 
Deutschland haben wir sichere Nachricht. In dem Spruche: 

„Swer an des edeln lantgrSven rate sl" 
L, 85, 17 fordert unser Dichter den Landgrafen Ludwig von Thüringen, 
den Gemahl der heiligen Elisabeth, auf, den Kreuzzug zu beschleunigen. 
Der Landgraf unternahm im Juni 1227 mit dem Hauptzuzuge aus 
Deutschland die Fahrt nach Italien. Walther befand sich in seiner 
Schaar oder in einem Nachzuge, der wohl den nämlichen Weg, wie 
das Hanplheer, einschlug. Welchen Weg nahm nun Landgraf Ludwig? 
Darüber sind wir genau unterrichtet. In den Annalee Rein bar dsbru n- 
ncnses (ed. Wegele) S. 205 beißt es; „Omnibus istis ad iter bene dis- 
positis cum gaudio et jocunditate maxima profectua est Ludewjcus, 
Thuringorum lantgravius, princeps Haseie et Saxonie comes palatinus, 
de terra sna eligen^ pro amore Jhesu Christi exulare, ut in celesti 
patria ab ipso recipi mereretur. Cum trunquillitate ergo pacis transiens 
Franconiam, Sweviam atque Bavariamct trans Alpes Italiam, Longo- 
bardiam Tusciamque venit in Ceciliam, ubi imperator Fridericus ipsum 
cum inestimabili gaudio suscepit in civitate, que Troya nuncupatur, 
in inventioue St. Stephan! (3. August) et ibi commorabatur per tri- 
duum." Der Landgraf zog also per Bavariam d. h. durch Altbaiem, 
nämlich von Schwaben Über Partenkircheo und Mittewald nach Zirl — 
und von dort über den Brenner. Denn wäre er Über Füßen und den 
Fernstein nach Imst und gegen Chur gezogen, stünde nicht „per Ba- 
variam"**). Simrock bat eingewendet (Ausgabe S. 23) Tirol könne 



*) Vergl. .BeitrKge lor Geographie Tirols im Mittelalter" im Archiv fDr Geschieht« 
Tirols I, 333 ff. W«a den Aofenthalt (isotocher Könige im Eisaektfaale beliiffl, ist mir 
folgendes bekannt: Otto IL Oclober 967 in Briien. Conrad U. Mai 1057 in Brixen. 
Heiarieh IV. Juni 1079 in Brn«D. Beinrieb V. Sept. 1130 in Brixen. Friedrieb I. im 
J. 1155 in Baien und BriieD. Heiarich VI. Jänner 1191 in BoEen, Heinrich Vit. April 
1236 in Brixen. FrieJricli II. im Ang. 1330 in Briien. im Sept. 1337 bei KUosen. 

••) Die meisten Tiroler, die das KreuB uciun«n wollten, acbloßen Bicb dem 
Kreuunge ISIS an l Ferdinandeums Zeitschrift 1B69 S. 37. 3B), aber auch 1327 be- 
theiligten iiivh mauclie an der Kreuifahrt. {iüiDHcber Bcilrägc IV. 314 S. 



ZUR HEIMATFRAfiE WALTHKRS. 267 

auch deßwegen nicht Walthers Heimat sein, weil, aU der Dichter seine 
Heimat wiedersah, er die 'liebe reise' noch nicht angetreten hatte. 
Aber Simrock bemerkt eelbat, Walther habe die ihm fehlenden Mittel A 
zu der Fahrt wohl in seinem Geburtslande aufzutreiben gehofft. Also 
er begab sich in seine Heimat, und zu diesem Zwecke; das Lied Ow6 
war siut verswundeo ist unter dem ersten mächtigen Eindruck des 
Wiedersehens entstanden, ehe der Dichter noch sicher war, seinen 
Zweck zu erreichen. Ea gelang ihm aber und er schloß sich dem durch 
Tirol gehenden Zuzug an, dem er zu jenem Zwecke vorangeeilt war. 
Auf dem Wege nach Italien sah Waither seine Heimat nach langen 
Jahren wieder und die Veree: 

bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt: 
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wilent äöz 
passen trefflich auf unsere Vogelweide. 

Nach allgemeiner Sage stund von den Höfen bei St. Kathrein bis 
Laien dichter Wald und alter Tradition eingedenk wollen nun die 
Laiener die Heide von Caaaerol wieder anpflanzen. Nach den Mein- 
hardschen Urbaren circa 1280 war aber Casserol nicht mehr Wald, 
denn es heißt dort Bl. 55': „In Casiral von der voitai git man zwei 
schSf." 

Nach Tirol weisen aber auch, was Pfeiffer ausführlich betonte ^^ 
XXVI ff., die Handschriften. In der Weingartner Handschrift tinden ^ 
wir die Folge Her Liutolt von Savene, Herre Rubin, Her Walther von 
der Vogelweide, im Anhange der Heidelberger Handschrift: Kubin, 
Friderich von Sunburg, Walther von der Vogelweide. Es ist dieß wohl 
nicht blinder Zufall, daß Walther hier gerade neben Dichtern, die 
dem „jetzigen Tirol" angehören, erscheint. Über das Verhältniss Walthers 
zu Liutolt von Sähen haben Wackemagel XX ff. und Pfeiffer S. XXVII 
ausführlich gesprochen. Ein nahes Verhättniss zwischen ihnen dürfte 
nicht zu leugnen sein. Nehmen wir nun Walthers Heimat am Riede an, 
80 waren sie Landsleute in engster Bedeutung des Wortes, ihre Ge- ZSS. 
burtsstäften waren höchstens zwei Stunden von einander entfernt und der 
Verkehr zwischen hüben und drüben, zwischen Laien- Qufedaun und 
Säben-Vi 11 anders war der belebteste*), Wechsel heiraten zwischen den zahl- 
reichen Adels gesohl echtem am linken und rechten Eisackufei 
sehr häufig. Die Bekanntschaft mit den Säbnem Hefert aber auch ftlr 
Beine Fahrt nach Wien eine passende Erklärung. Allgemein wird an- 

•) Im Nenitift^r Urkimdeiibacbe awoheinen c. B. Zeugsn 
nebeneinander Nr. 151. 153, 155. 171 172. 173, 176 ff. 



« 




268 ZINGERLE 

genommen, daß unser Dichter circa 1190 dorthin gekonmien sei. Im 
Jahre 1189 reiste aber Ortulf 11 von Sähen *) Domherr zu Brixen, 
Probst zu Innichen, Hofcaplan Friedrich L, nach Wien^ um den Kaiser 
auf dem Kreuzzuge zu begleiten^ und erscheint in der dort 1189; 18. Mai 
ausgestellten Kaiserurkunde als Zeuge: Ortolfus Iticensis prepositus. 
Fontes rerum Austriacarum XXXI. Nr. 122. S. 121. — Ortulf kehrte 

' vom Kreuzzuge zurück und lebte seitdem als Probst des weltlichen 
CoUegiatstiftes in dem früheren Benedictinerkloster zu Linichen. 
Sein Todesjahr soll circa 1210 fallen**), es scheint aber zu fiüh an- 
gesetzt, da sein Nachfolger Conrad von Tölz erst 1224 frühestens 
diese Würde bekleidete***). Ortulf hatte das Reich in seinem Glänze 
gesehen und nach des großen Kaisers Tode die Wirren und Drangsale, 
den unseligen Streit zwischen Kaiser und Reich noch erlebt. Nach 
seiner Heimkehr lebte er so zurückgezogen, daß er in keiner Urkunde 
mehr erscheint. Würden auf unsem Ortulf nicht Walthers Stellen, in 
denen der Kldse naere vorkommt f), passen? Wenn Ortulf darunter ge- 
meint ist, so haben wir ein sinnreiches Wortspiel, dergleichen 
uns bei Walther öfter begegnen. Auf dem niedrigen Vorsprunge des 
Säbner Berges, unmittelbar über der Stadt Klausen (Clüsa, Clüse, 
Clüsna) hatten sich die Säbner eine eigene Burg, nun Branzol ge- 
nannt, gebaut Diese Burg war die Veste Klausens. Ein Säbner konnte 
deßhalb mit Recht ein Bewohner Klausens (Clüsenaere, Clösenaere) ff) 
genannt werden. Clösenaere enthält somit, wenn Ortulf gemeint ist, 
eine Anspielung auf dessen Geburtsort; Klausner, Eremit, konnte Walther 
ihn mit vollem Rechte wegen seiner Zurückgezogenheit im alten Kloster 
zu Innichen nennen. 

Der Annahme, daß Walther im andechsischen Gerichte Gufedaun 
auf dem Laiener Ried geboren sei, stehen ihr vielleicht sprachliche 
Gründe entgegen? — Ich glaube nicht Der Reim „ verwarren" L. 
34, 18 ist nicht entscheidend, es kommt a fhr o in der bairischen Mund- 

{ art ungemein häufig vor (Weinhold, bair. Gramm. §. 6), die häufigen Reime 
a : o bei Vintler und Oswald von Wolkenstein, sowie die Schreibung 
a für in Urkunden beweisen dieß Vorkommniss auch für Tirol. Die 



*) Ober ihn vergleiche Sinnachers Beiträge S, 465. Tinkhaiuer 1, 465. TiroL 
Geschichtsfremid 1, 2S. 

**) SixmAcher 3, 467. Nach Tinkhaoser 1. c 1200. 
***) Sinnacher 3,*468. Tinkhaiwer 1. c 
t) L. 9, 37. 10, 33. 34, 33. 62, 10. 
tt) Heinrich der ClAaenaere 1192. Neost Urkb. 8. 67. Ulreich der Chlosner 
1329. Ebendort S. 240. 



ZL'K HEIMATFIIAGE WALTHKRä. 269 

Reime lieht : nielii L. 88, 12. 18 und 26. 27 begegnen uns gerade aucti 
bei dem tiroITTSichter Liutolt von Sähen, der nieht : lieht : ieht bindet. 
Wackernagel 2(>5, 1. 4. 7. Walther erfreiit sich sonst der reinsten höfi- 
schen Form und Sprache, ober ungeachtet deseen deuten einige Aus- 
drücke auf seine alpine Abkunft, Weuu er sagt: der kalc waer abe 
getragen L- 28, 30. so kommt fealc in der Bedeutung von „Weiße, 
Tünche" im Eisackthale und Etschlaude noch heutzutage allgemein 
vor. Die Phrasen: „der kalk geht ab", „der kalk wird abgerieben" 
sind überall dort gebräuchlich. In der Stelle; „ez ist ze wich und 
ofte hiEne" L. 35, 28 ist ze wich durch A und C verbürgt. Lachmanu 
möchte S. 163 „ze weich" oder „ze wiz" vorschlagen. Wich, wiech 
ist aber ein jenseits des Brenners allgemein verbreitetes Wort Es be- 
deutet: fett, üppig, ausgelassen und abgeschmackt. Schöpf 815*). 
Als Walther sein Lehen erhalten, jubelt er: 

Ich hän min leben, al die werlt, ich bän min leben. 

nft enfürhte ich nibt den hornunc an die zehen. L. 28, 31. 
Nun was eöII das, ich fürchte den Hornung (Februar) nicht an den 
Zehen? — Es ist zu beachten, daß Wallher das Wort ' .homunc" nur 
an dieser Stelle gebraucht. In Pfeiffers Ausgabe 4. Aufl. S. 260 finden 
wir die Erklärung „der hornunc, Februar, bildlich hier Frost, Frost- 
beulen". Ganz richtig, aber dafiir hätte Walther wohl das ihm sonst 
geläufige winter besser gebraucht, denn Frost, Frostbeulen bringt 
nicht der Februar allein. Ein unerwartet Licht ftlllt auf diese Stelle, 
wenn wir das horniglen, das im innern Eisackthate gebräuchlich ist, 
heranziehen. „Huruiglen, horniglen vor Kälte prickeln, brennen; 
den hurnigl an den Fingern haben" Schöpf 283. Vgl. Schmeller II, 
1165. Hornigg'n heißen dort geradezu die Frostbeulen. — Wir haben 
in „hornunc" also ein Wortspiel, das eich aus dem hornigg'n erklären lässt. 
Bemerken swerth ist, dali der Name Walther auf unserer Vogel- 
weidenoch im 16- Jahrhundert vorkommt. Das älteste Taufbuch von 
Laien beginnt 1571. Seite 36 heißt es vom Jahre 1575: Die 20. Martii 
aln kindt getaufft dem Walte r^Vo glwaider in Riedt, palrinus W'thei: 
Prantschurer alhie, infans W'ther'*). Im 16. Jahrhundert war in Tirol 
der Name Walther ebenso vergessen, als Wallher von der Vogelweide. 
Wie läsfit sich dieß Vorkommuisa, daß der Name Walther gerade auf 

') Ea möge hier au SchJipf bemerkt werden, daß „ein wiecher menaoh" »urh 
in der Bedeutung: „ein aungelusener, frivuler. widerlii:her" gebraacbt wird. 

••) Ich gebe diese Stelle nuch einer gütigen Mittheilung des Hm. Pfarrer« In 
Laien, Jacob Tappeiner. Leider konnte ich ins Taufbuch nicht selbst Einsicht nehmen) 
um die Ktlriungen >u varfleicbeD; da* erste „Walter" iteht fest 



/ 




270 ZINOEHLE, ZUR nEtMATFKAGE WALTHEKS 

der Vogel weide ersclieint, erkläre», als damit, dali hier dieser Name 
BUS früheren Zeiten fortlebte? Das Bild am Hanse, das an ßgumen 
j ^- ,1'J- sieb hinanachlingeDde Reben darstellt, an deren Früchten Vögel uaachen, 
^Jk^ti-tn zeichnet dieß Gehöfte vor andern aus. Aus welcher Zeit dasselbe 
stammt, zu bestiinroen, überlasse ich Fachmännern. Jedenfalls datiert 
es nicht aus neuester Zeit. 

Nach dem bisher Gesagten sprechen viele Wah racheinlicb keite- 
grilnde dafür, daC Walthers Heimat am Latener Ried zu suchen sei, und 
so lange für eine anderwSrtige Vogelweide nicht kräftigere Stützpunkte, 
als bisher beigebracht werden, bin ich in gutem Rechte, die Vogelweide 
als muthmaßliche, ja höchst wahrscheinliche Wiege Walthers anzunehmen. 
Weiter bin ich anch nie weder schriftlich noch mündlich 
r "'" gegangen. 

Damals erfreute sich Tirol des reichsten geistigen Lebens und 

[ Strebens, was uns die hiesigen Dichter der damaligen Zeit, die zahl- 

I reichen Handschriften und die Bauten und alten Freskea gerade in 

' der Eisack- und Etechgegend beweisen. Wenn später das Eisackthal 

noch einen Oswald von Wolkenstein und einen Fallmereier unter viel 

ungünstigem Verhältnissen erzeugte, sollte es nicht würdig sein, die 

Wiege eines Walther zu sein? — Urkundlicher Beweis dafür wird 

I eich nicht beibringen lassen. Aber könnteo wir den Oswald von Wolken- 

ateiji, der einem der mächtigsten Adelsgeschlechter angehörte und 200 

Jahre später als Walther lebte, nachweisen, wenn er 1396 nicht wieder 

heimgekehrt wäre, um hier seine große politische Rolle zuspielen? — 

Und ungeachtet der Archive und Familien auf Zeichnungen, die dieses 

gräfl. Geschlecht besitzt, wurde allgemein augenommen, daß Oswalds 

hochgefeierte Margaretha vor ihm gestorben und er sich zum zweiten 

Male mit Anna v. Ems verehlicht habe, bis in einem ganz fremden 

Archive P. Just, Ladurner zufällig eine Urkunde fand, die das Gegen- 

theil bestätigte. Wenn solche Dinge bei einem der mächtigsten Ge- 

, echl echter aus späterer Zeit begegnen, so ist bei Walther, der aU 

7jij. Inaehgebomer Sohn aus niederem Adelsgeschlechte frühe seine Heimat 

iverlassen und dieselbe nur einmal wieder gesehen hat, an einen ur- 

jkundLicheu Beweis nicht zu denken. 

J. T- ZINGERLE. 

*) Zur Note 8. SSO kann ich nun berichtigen, daß in einem Tom Archivar Dr. 
D. Sehönherr aufgafundenen Urbare Ton Qufcdaun «os dem Beginne des 16. Jh. achcm 
beide Vogelweidar Höfe vorkoininen: 

Item baid Vögeln eider IX gr. (Fol. 22). 
S. Tiroler Bot« 1875 Nr. Iö6. 







FICKEB, ZtlR WÄLTnEEFRAQE, 



ZUR WALTHERFRAGE. 



Von eolchen, welche die für die Herkunft Walthera von der Vogel- 
weide aus dem Laiener Riede geltend gemachten Gründe für unzu- 
reichend halten, ist unter andenn geltend gemacht, daß die Frage be- 
friedigend nur durch den urkundlichen Nachweis eines Geschlechtes 
der Herren von der Vogelweide gelöst werden könne. Dero gegenüber 
dürfte doch daran zu erinnern Bein, daü der ganzen Sachlnge nach 
ein solcher Nachweis nie zu erwarten sein wird, daß inabesondere auch 
die Annahme, Walther stamme aus dem südlichen Tirol, in keiner 
Weise dadurch als unrichtig oder unwahrscheinlich erwiesen werden 
kann, daß sich eine Herrenfamilie dieses Namens in jener Zeit in Tirol 
allerdings nicht findet, 

Die Forderung solchen Nachweises ist natürlich nur dann be- 
rechtigt, wenn nnzunebmen ist, daß Walther einem Geschlechte ange- 
hörte, welches zu seiner Zeit bereits einen Qeschlecb tan amen filhrte. 
Diese Annahme aber ist in keiner Weise zu begründen. Allerdings war 
Walther zweifellos ritterlicher Abkunft. Aber gegen Ende des zwölften 
Jghrhundcrts hatten noch keineswegs alle ritterlichen Familien einen 
Geschlechtsnamen; insbesondere nicht in der Gegend, in welche jetzt 
Walthers Heimat überwiegend gesetzt wird. 

Die ritterlichen Personen zerfallen hier in drei Classen, nämlich 
freie Herren, Dienstmannen oder Ministerialen und einfache Ritter. 
Freie Herrenge schlechter gab es hier, außer den Grafen, sehr wenige; 
es wären aus nicht zu großer Entfernung nur etwa die Herren von 
Wangen und von Taufers zu nennen, Alle übrigen Rittergeschlechter 
waren unfrei. Diese zerfallen aber wieder in zwei Classen, welche hier 
und in manchen andern Gegenden des südlichen Deutachlands scharf 1 
geschieden sind, während sich in andern Ländern der Unterschied] 
mehr verwischt. Dienstmannen und Ministerialen sind hier eine bevor- 
zugte Classe ritterlicher Unfreien; der Titel sollte eigentlich nur den 
Manne n der Reich sfürsten, wie der Bischöfe von Brixen oder der an- 
dechsischen Herzoge von Meran zukommen; er wurde dann aber auch i 
wohl den Mannen der Grafen oder angesehener Prälaten, wie etwa ! 
der Äbtissin von Sonneuburg, zugelegt. Einer solchen Familie, wie ea J 
etwa die brixueriscben Ministerialen von Velthurns, Sehen, Rodeneck, 



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272 FICKER, ZUR WALTHERFRAGE. 

Eastelruth oder die andechsischen von Gufidaun waren, gehörte 
Walther sicher nicht an. Denn diese Familien, in den früheren Zeiten 
des Jahrhunderts vielfach noch namenlos, fiihren gegen Ende desselben 
durchwegs Oeschlechtsnamen, wenn auch noch vielfach nach_den Be- 
sitzungen wechselnd» In der Zeit Walthers werden diese Ministerialen- 
geschlechter nun aber hier, wie in andern Theilen Deutschlands, zu 
häufig in den Urkunden erwähnt, um nicht den Schluß durchaus be- 
rechtigt erscheinen zu lassen, daß, wenn eine solche Familie sich von 
der Vogelweide genannt hätte ^ wir den Namen in den Urkunden be- 
1 gegnen müssten. 

Es gab nun aber noch eine dritte Classe von Rittern, welche 
nicht Mannen der Fürsten oder Grafen, sondern Mannen der freieg 
Herren uBd insbesonder e auch der Dienstmannen waren. Werden die 
Dienstmannen noch häufig als Herren bezeichnet, so ist das bei diesen 
Jv). einfachen Rittern nicht der Fall. Sie ftlhren weiter zu Walthers Zeit 
durchweg keinen Geschlechtsnamen. 

In den fürstlichen Urkunden werden sie überhaupt ihres geringen 
Ansehens wegen selten genannt; und das ist wohl der Hauptgrund, 
daß m ap bei solchen , _ÜJXtfirsuchungen diese anschein end ziemlic h 
z ahlreic he_Cla88e_vqn^ Rit tern gewöhnlich gan z vergisst. In andern Auf- 
zeichnungen dieser Gegend, z. B. im Schenkungsbuche von Neustiflt, 
werden sie nicht selten erwähnt. Und zwar in der Regel nur als Be- 
gleiter ihres Herrn, der meist selbst nur den flirstlichen Ministerialien 
angehörte. Es heißt etwa: Reginbert von Sehen und seine Ritter Her- 
mann und Hartmann, der Arnold von Rodeneck und seine Ritter 
Herman und Werner. 

Von dieser Seite her widerspricht also nichts der Annahme, daß 

Walthers Geburtsstätte im Laiener Ried war; eher ergibt sich daraus 

y"^ eine gewisse Unterstützung. Der dortige Vogelweidhof hat vor allen 

andern bekannten Örtlichkeiten dieses Namens das voraus^ daß die an 

^. ihn geknüpften Giebigkeiten ihn als alten Rittersitz zu kennzeichnen 

scheinen. Wird dagegen nun geltend gemacht, daß in diesem Falle 

sich ein Rittergeschlecht nach ihm benannt haben müsse, so verliert 

dieser Einwand mit dem Gesagten seine Berechtigung. Gab der Hof 

aber noch keinem Geschlechte den Namen, so kann es trotzdem wieder 

X in keiner Weise auffallen, daß eine einzelne, von ihm stammende 

/. ' Person nach ihr benannt wurde. War Walther, wie wohl zu vermuthen, 

ipj ein jüngerer Sohn, der schon früh sein Glück an fremden Herrenhöfen 

versuchte, weil ihm s ein geb omer Dienstherr, der etwa ein Ritt er v on 

Gufidau n gewesen sein könnte, kein Gut zuwenden konnte, so bedurfte 



SlICHIER, DIE Ql"ELLEN DER MÄGIISSAGA. 



273 



es einer bestimmteren Bezeichnung, um ihn von so manchem andern 
Walther zu unterscheiden; nichts lag da näher, ab ihn nach dem Hofe 
zu bezeichnen, auf dem er das Licht der Welt erblickte. 

Wenn ich mit dem Gesagten einen einzelnen Einwand filr be- 
seitigt halte, der gegen die Annahme, daß Tirol Wallhera Heimat sei, 
erhoben wurde, ao weiß ich recht wohl, daß wir in dieser Richtung 
Ton einem unumatößlicheu Beweise noch weit entfernt sind. Aber das 
wird man nach dem jetzigen Staude der Forschung wohl sagen dllrfen, 
daß der Annahme, Waltbere Wiege habe im Lande am Eisack ge- 
standen, bis jetzt nicht allein kein maßgebender Grund widerspricht, 
sondern auch mancher gewichtige Umstand sie in hohem Grade wahr* 
sehe inl ich macht. 

(„T. B.") J. FICKER. 



DIE QUELLEN DER MÄGUSSAGA. 



Zu den isländischen Sagas, welche altfranzösischen Chansons de 
geste nacherzählt sind, gebort auch die Mägussaga. Mit Beziehung auf 
die altfranzösische Litteratur wurde sie zuerst von Geffroy erwähnt 
in seinem Berichte über die französischen und auf Frankreich bezüg- 
lichen Handschriften schwedischer Bibliotheken (Archives des missions 
acientifiques 1856 IV 222, 223). Geffroy führt auch die Rubriken zweier 
pcettir der M:lgussaga aus den Stockholmer Handschriften an (Laea 
Jlinrikssonar ok Hrolfs Skuggaßfls saga. Getrards jarls ok Vilhjalma 
Geirarilaganar saga). 

Zwar erschien dann die Saga im Jahre 1858 im Druck u. d. T. 
Bragda-Mdgus Saga med tilheyrandi päHtim. Skrifud vpp epiir gömlum 
hnndritum af Giinnlaugi PörtTarsyni. Kaupmanna höfn. 1858. kl. 8°., wurde 
aber in dieser übrigens sehr mangelhaften Ausgabe auf dem Continente 
fast gar nicht bekannt, so daß die Gelehrten, welchen wir die um- 
fassenden Werke über die Chansons de geste verdanken, auch später 
noch über den eigentlichen Inhalt der Saga in Ungewiasbeit bleiben 
mussten. (K. Maurer gedenkt unserer Saga Germ. XH, 480,) 

Nun hat kürzlich F. A. Wulff versucht, uns über die Quellen 
der Mäguasaga aufzuklären in seiner Abhandlung: Notices sur les 
Sagas de Mägns et de Geirard et leura rapports aux 4popdes frangaises, 
Lund 1874. 4". Wulff erw.'ihnt Beziehungen der Saga zu den (ranzö- 

UEBUUiU. Neue &tiic. Vln. <XI. l:iirt ) , B«|h*^ 



r 



n ihm ^ 



Lu 



;3V4 SUCHIER 

aischen Gedichten von Karls Reise nacli CoDSIftntinopel und von den 
Hsimonskindern , bat aber, wold aue Mangel an Hülfe mitte In, nicht 
die französischen Gedichte selbat. floadern nur litterarbistoriBcbe Werke 
herangezogen. LT^rigens gibt er S. 14 ff, eine vollständige Analyse der 
Saga nach den beiden Stockholmer Handschriften (die eine Nummer 58 
in Folio auf Papier im Jahre 1690 in Stockholm geschrieben, die 
andere Nummer 6 in Quarto, gleichfalls Papierhandschrift) und einige 
schätzbare Bemerkungen Qber die im 79. Capitel erwähnten histori- 
echen Ereignisse. 

Leider glaube auch ich nicht im Stande zu sein, die Frage nach 
den Quellen der Mdgussaga erschöpfend zu behandeln. Immerhin aber 
wird das, was ich bestimmter als Wulff zu fassen oder dem 
gesagten hinzuzuiUgen vermag, die Frage in ein beseerea Licht st 
Ich greife sie daher von neuem auf. 

Gnnnlaug"*) })6rdarson kennt sieben Handschriften unserer Saga 
auf der Ama-Magnussonischen Bibliothek in Kopenhagen: 1, N. 152 fol. 
Pg. Diese Handschrift liegt der Ausgabe zu Grunde. — 2, N. 187 fol. 
Pap. (ist Abschrift von N. 152). — 3, N. 535. 4". Pap. — 4, N. 590. 
A. 4". Pap. — 5, N. 533. 4". Pg. — 6, N. 536. 4". Pap. — 7. N. 188 fol. 
In der leUten Handschrift bricht bei Ubbis Tode (Cap. 56) die Er- 
zählung ah. Daß zwei weitere Handschriften in Stockholm sind, habe 
ich schon erwähnt. 

Die Saga kann als Ganzes nicht vor der Mitte des 13. Jahr- 
hunderts entstanden sein, da zahlreiche Anspielungen an die Pidreks- 
saga vorkommen. Sie ist eine Compilation aus mindestens drei vorher 
getrennten Stücken, die ursprünglich nichts mit einander zu thun haben 
und so roh an einander geftigt sind, dali sich die Nähte ebenso leicht 
als sicher erkennen lassen. Müglich ist, daß die Vereinigung der beiden 
ersten Theile vor Anfügnng des dritten geschah und die Handschrift 
A. M. 188 fol. diese ältere Gestalt der Saga repräsentiert 

Von den drei Theilen der Saga zeigt der dritte einen wesentlich 
andern Charakter als die beiden ersten. Der Inhalt der beiden ersten 
ist ein durchaus einheitlicher, und wenn sich auch der erste Theil 
in zwei Abschnitte sondern lässt, so sind diese doch in der vorliegen- 
dcn Gestalt in innem Zusammenhang gebracht. Dagegen besteht der 



*) E* icbeinl mir berecbti^t, nordische NameD in der Seiionslosen Form dfia 
AccnsBliva, als id der Seotierten des NominatiTB ins Dentscbe herüberEuaehmeD. So 
werde icb aacb im folgenden statt RHgnvaldr, VidfSnül n. ». vi. dio Formen BQgnvald, 
Vidfönil a. 1. n. rerwenden. 



DIR QUELLEN DER mAgUSSAGA. 



275 



dritte Theil aus mindostena fünf ErzShlungen, von denen jede fUr sich 
die Aufmerksamkeit spannt und befriedigt. Im ersten und ZTreiten 
Thcilo bleiben ferner die handelnden Personen bis zum Schluße die- 
selben, wogegen im dritten Theile, der uns das Geschlecht seiner 
Helden durch neun Generationen kennen lehrt, der Reihe nach Lais, 
sein Enkel Hr61f, sein Sohn Vilhjalm, sein Enkel Geirard und sein 
Urenkel Vilbjalm in den Vordergrund treten. 

Da die Ausgabe der Saga so selten ist, wird eine kurze Wieder- 
gabe ihres Inhaltes hier am Platze sein, an welche sich zudem meine 
Bemerkungen leichter ansehließen lassen*), 

I (Cap. 1 — 12.) Hlödver ist König von Saxland und wohnt in 
Verminzuborg. Er ist KarlamagnÜB Enkel. Sein Vater ist Hlö<tver; 
seine Brüder sind Lotharius, Karulus, Pippin. Eines Tages fragt er 
seinen Rathgeber Sigurd, ob wohl ein König auf Erden ihm an Macht 
gleichkomme. Sigurd sagt: 'So lange dir Weib und Kind fehlt, ist 
deine Macht noch nicht vollkommen (1) und macht ihn auf Ermenga, 
die Tochter König Hdgons von Miklagard**), aufmerksam. Sigurd geht 
als Brautwerber hin und bringt zusagende Antwort. Dann kömmt 
Hlödver selbst die Braut zu holen (2), Hügon zeigt große Pracht (3). 
Ermenga schminkt sich mit Kalkwasser bleich, ehe sie in den Saal 
tritt. Dann bringt sie Klödver einen gebrateneu Hahn und bittet ihn 
den Hahn zwischen ihr und ihm, ihrem Vater und ihren beiden Brü- 
dern (Hrölf und Hälfdan) zu theilen. Hlödver, der sich anfangs über 
die Zumuthung beleidigt fühlt, weist dann dem Vater, der allor Haupt 
ist, den Kopf, den Brüdern, die im Begriffe sind, flügge zu werden, 
die Flügel, die Ftisse und Beine ihr, welche die Stütze des Vaters 
und der Brüder sein soll, die Brust sich selber zu, der aller Brust 
und Panzer ist. Hlödver EUhrt mit ihr in sein Land, bleibt aber der 
Kränkung eingedenk (4 ). 

Ein dänisches Heer belagert Treviris. Der König zieht zu Felde. 
Ehe er abreist, stellt er seiner Frau aus Rache für die Kränkung, die 
er erlitten zu haben glaubt, drei Aufgaben, welche bis zum Ende des 
Feldzuges, d. h. nach drei Jahren, gelöst sein sollen: Ermenga soll 
eine Halle bauen, die an Pracht der Halle ihres Vaters gleichkömmt; 
sie soll drei Gegenstände beschaffen, so kostbar als die, welche Hlöd- 
ver besitzt, Hengst, Schwert, Habicht; sie soll ihm einen Sohn zeigen, 



*) Herr Or. KOlbmg ia Breslau hatte die Freundlichkeit n 
AoBgibe EU leibeD, wofttr ich ihm liiei hcralioben Dauk lage! 
**) =: CoDfltBntinopel. 



lein Exemplar der 



276 SITCHIER 

dessen rechter Vater er, dessen rechte Matter sie ist (5). Sie beginnt 
zunilchst den Saalbau. Dann übergibt sie Sigunt die Regienmg von 
Saxland und reist nach Miklagard (6). Nachdem sie Männerrüstong 
angelegt hat, bricht sie mit sechzig Rittern nach Treviris auf, welches 
sich im Besitze der Dänen befindet. Sie gibt sich für den Jarl Iring 
von Alimannia (nach andern Handschriften Hirting von Alimannia oder 
Albania) aus (7) und tritt in das Heer des dänischen Königs ein. Nun 
muß ihr Bruder Hrölf Hlödver erzählen, in dessen Lager er weilt, er 
habe ein schönes Mädchen aus einem Thurm der Burg herausschauen 
sehen. Der König reitet hin, erblickt Ermenga, ohne sie zu kennen, 
und redet sie an. Sie sagt, sie sei Jarl Irings Kriegsgefangene, eine 
Königstochter aus der Burg Sobrie in Frigia, und bittet ihn dringend, 
ihr zur Freiheit zu verhelfen. Hlödver lässt Iring rufen, und dieser 
ist bereit, ihm die Gefangene abzutreten, wenn er sich daftlr drei 
Kleinode ausbitten darf. Hlödver geht den Handel ein und muß Hengst, 
Schwert und Habicht herausgeben (8). Dann legt sie die Verkleidung 
ab, legt Frauenkleider an und lässt sich von Hrölf zum Könige fbhren. 
Dieser behält sie in der Meinung, es sei die Phrygische Königstochter, 
drei Nächte bei sich, und so gelingt es ihr die Lösung der dritten und 
schwersten Aufgabe zu ermöglichen. Heimlich eignet sie sich dabei 
den Ring des Königs an (9). Dann entkommt sie mit Hrölfs Hülfe 
nach Saxland (10) und gebiert einen Sohn, der Karl genannt wird (11). 
Nun folgt die Einnahme von Treviris, die Rückkehr des Königs. Alles 
weitere versteht sich von selbst (12). 

n (Cap. 13—46, 48—57, 61—62). Hlödver regiert noch über 
Saxland. Amund ist Jarl von Buslaraborg. Er hat vier Söhne: Vig- 
vard, Rögnvald, Markvard, Adalvard und eine Tochter Matthild. Die 
Söhne sind 18, 15, 12, 9, die Tochter ist 14 Winter alt Des Königs 
Rathgeber ist Ulf, der Rögnvald freundlich gesinnt ist Beide, Rögnvald 
und Ulf, sind bei der Königin gut angeschrieben. Des Königs Sohn 
Karl wird mit Erling und Erlend, den Söhnen des reichen, aber ver- 
hassten Jjurls Ubbi, in Spiransborg erzogen (13). Matthild wird die 
Gattin des zauberkundigen Jarls Mägus*) von Strausberg**) (14). 

Auf des Königs Wunsch soll in Verminzuborg sich Rögnvald mit 
ihm im Brettspiel messen (15). Der König setzt drei Ringe ein und 
will, daß von Rögnvalds Seiten dessen Kopf als Einsatz gelte. Der 
Königin, die filr ihn zu bitten wagt, wird die Antwort: ^Ich weiß seit 

*) Nach einei Anmerkimg Ama Magniissons, die Gtmnlaug ])6r^araon mittheUt, 
lautet der Name in den Handschriften auch Mdfiis oder Mdits. 
♦♦) = Straßburg? 



DIE QUELLEN DER MAGUSSAGA. 



277 



lauge, daß er dir lieber ist als icli: scliou deßhalb sollte er den Kopf 
einbüßen.' Der König verliert drei Spiple nach einander. Ergrimmt 
steckt er das Spiel in den Beutel und scbtägt Rögnvald damit ins 
Gesicht. Da eilt Vigvard herzu und tödtet den König mit einem Axt- 
hieb. Die Brüder entfliehen in des Vaters Haus. Karl (18 Jahre alt) 
wird Kaiser (16). 

Amund fllhrt die Söhne in den Wald. Er würde meineidig, wollte 
er des Könige Feinden mit Rath behulflich sein. Daher beschreibt er, 
mit vier Eichenstämmen redend, ein Versteck, in das sieh die Söhne 
begeben. Drei Winter wohnen sie hier (17). Vergebens suchen Karl 
und Ubbi die Brüder bei Amund (18). Der Zufall will, daß ein Mann, 
Namens Aki, mit seiner Frau Helga, die ihm Grund zur Eifersucht 
gegeben, sich im Walde niederlässt, nicht weit vom Verstecke der 
Ämuudssöhne (19). Nun stirbt Amund. Ulf bekömmt Buslaraborg zu 
Lehen (20). Als die Brüder beginnen Noth zu leiden, schicken sie 
Bögnvald auf seinem treSlichen Rosse Flugar zu M^us. Dieser hat 
seinen Schwägern bei Stransborg eine Feste erbauen lassen (ül). Nun 
verräth Aki dem Könige das Versteck der Brüder. Der Kaiser reitet 
zu ihrer Verfolgung aus und triSl sie auf dem Wege nach Stransborg 
an. Im Kampfe wird Adalvard gefangen, die anderen entkommen zu 
Mdguß (22). 

MAguB macht sich auf, den Schwager zu befreien (23). Sein 
Mantel ist mit klirrenden Muscheln und Humraerklauen besetzt. Dem ■ 
Skeljakarl, dessen Aufzug der ganze Hof bewundert, reicht der König 
selber Speise und Trank (24) und lauscht den MRren, die der Fremde 
von Hr<jlf Kraki, von Harald Hilditönn berichtet. Dem König Agillan- 
dus und Jämuud, seinem Sohne, hatte er ihren Fall vorausgesagt. Als 
Rollant durch Verrath fiel, war er an Karlamagnüa Hof gewesen (25). 
Dann wahrsagt Skeljakarl den KoSeuten und schmäht dabei auf 
Ubbi (26). Zuletzt zaubert er aus der Wand einen Wasserstrom hervor, 
der den Saal überschwemmt. Alles entflieht (27), zuletzt der König, 
der schlafen geht (28). M^us befreit dann Aäslvard aus dem GefUng- 
niaa und kehrt mit ihm nach Stransborg zurück (29). 

Ubbi erfährt, daß Mägus ein Hom besitzt, auf dessen Klang die 
AmundsBöhno ihr Schloß verlassen, um ihm zu Hülfe zu eilen (30). 
Ubbi lässt ein gleiches Hom anfertigen (31), rückt vor das Schloß 
und bläst darauf. Vigvard und Markvard lassen sich täuschen, eilen 
hinaus und stoßen auf Ubbis Krieger. M&rkvard fUllt den Feinden in 
die Hände (32), Da eilt Rögnvald in den Kampf and nimmt Erlend 
gefangen (33). 



278^ SUCHIER 

Auf MatthUde Bitten (34) zieht Mi-lgus aufs neue an den Hof, dieÜ- 
mal als uralter riesengroßer Mann, Namens Vidiorul (35). Er erzählt dem 
König von den Helden der Pidrekssaga, die er gekannt hatte; von 
Erraenrek (36), Gunnar, Högni (37), J)idrek (38), Vidga u. a. und vei- 
epricht sogar, die Helden dem König vorzuBthren (39). Doch muß er 
sich zuvor verjüngen, da seine Zeit gekommen ist, wie Bchon zweimal 
im Leben (40) Dann errichtet er im Freien fUuf Säulen, darüber einen 
Glashimmel. Die Helden erscheinen; zuletzt die vier Riesen des Osanc- 
trix, vor welchen alles entflieht. Im Tumulte wird der Gefangene 
Uarkvard zurUckgelaBsen (41) und geht mit Magus nach Stransborg (42). 

Drei Winter vergehen in Ruhe. Da erkrankt Mägus; der König 
schickt Ulf ao des Sterbenden Lager (43). Nun hören wir vom König 
Eystein von Dänemark, den zwei berserkir, Gjrdi und Atli, belästigen. 
H^lfliti-mann, der äine Seite seines Gesichtes mit rother Salbe entstellt 
hat (44), tödtet den einen, die Dänen den andern. Dann fährt er nach 
Saxland (45). Unterwegs schließen sich ihm Tosti und Ligimar mit 
ihren Schiffen an (46). Hlödver macht den Hälfliti-mann zum Jarl von 
Baslaraborg. Als Rögnvald kommt, um mit ihm zu kämpfen, erkennt 
er in ihm den Schwager Mdgus (48). Den andern Tag wird Rögnvald 
von des Königs Mannen umstellt, entk'iramt aber auf Flugar und gibt 
Framar, Ubbis Neffen, seine Waffen, Erlend hält daher diesen ftlr 
Rögnvald und tödtet ihn, legt selbst die Waffen an und fällt in Folge 
der gleichen Verwechslung von Ubbis Hand. 

Nun läast Mägus vor dem Kaiser Haufen feindlicher Krieger er- 
scheinen, wirft flieh aber, als dieser sich zum Kampf bereitet, ihm zu 
Füßen und bittet um Frieden und Straflosigkeit ftar die Ämunds- 
kinder. Ulf, der an Mägus Sterbelager gewesen war, hatte sieh täuschen 
lassen; MAgus lebt. Der König bewilligt alles (49). Rögnvald heirathet 
Karls Mutter Ermenga und bekömmt Buslaraborg, Klarkvard Spirans- 
borg; Adalvard wird des Kaisers Rath. Ubbi wird verbrannt. Vigvard 
gewinnt mit der Hand von Eysteins Tochter Helga Dänemark (50). 

Nun wird der Angriff zurückgeschlagen, den von Ubbi aufge- 
Btachelt Hrölf und Edlfdan, Ermengas Brüder, unternehmen (51 — 55). 
Ubbi wird gefangen und von Pferden todt geschleift (56). Kaiser KafI 
heirathet Konatantia, die Tochter des Königs Konrids von Frankreich, 
der in Reimsborg wohnt, und wird dessen Nachfolger. Rögnvald be- 
kommt Verminzuborg, Mägus Paris (57). Nach zwanzig Jahren folgt 
ein siegreicher Krieg gegen König Osanctrix von Gallicia (61), in 
welchem die Amundssöhne fallen, außer Rögnrald, der an einer Krank- 




DIE QUELLEN DEK MAGUSSAGA. 279 

heit stirbt und einen Sohn Hlödver hinterlässt, welcher bald nach ihm 
gestorben ist. Magna Sohn heißt Hiivard, Karls Tochter Elinborg (62). 

III. 1 (Cap. 47, 58—60, 63). Heinrek ist König von England, 
Ädalräde Sobn, VUhjalras Enkel, Er hat einen Sohn Lais, was wir 
Lo^urr nennen •), und eine Tochter Pora, Der Sohn wird in Frankreich 
vom Bischof Trajanus erzogen. Nach filuf Wintern kehrt er zn seinem 
Vater zuritck. Da er den Hirten Björn erschlägt, verbannt ihn der 
Vater aus England. Auf den Wik ings fahrte n , die Laia nunmehr mit 
des Bischofs SehifTen unternimmt, hat er zunächst Unglück, bis er 
dem Juden Barus begegnet, der ihm einen dem Besitzer Reichthum 
verschaffenden Wunderstein F^g»fa gibt (47). Nach Verabredung sucht 
Lais den Barus wieder auf und fährt mit ihm zu Schiffe nach emem 
frischen Grabe. Lais muß die Leiche herausgraben, ihr die Eingeweide 
herausnebmeo, und dann seinen Kopf unter den Brustknochen haltend 
Barusens Fragen beantworten. 'Wie lange wird dein Vater leben? 
— '19 Winter'. — 'Und töra deine Schwester'? — '10". — 'Trajanus'? 
~'27'. — 'Du selbst'? —'5'. — 'Und ich'? —'Nicht bis Morgen'. In der 
That bricht Barus unmittelbar darauf den Hals; Lais begrabt ihn und 
segelt nach Dänemark zu dem Ämundssobne Vigvard, der jetzt Val- 
dimar heißt (58). 

Während Laieens Abwesenheit hat Trajanus filr ihn um die Hand 
der FIdrentIa, der Tochter des Jarla Sergius von Schottland, angehalten. 
Lais erzengt mit ihr den Vilhjalm, den Mägus erzieht (59). Lais filhrt 
mit Flörentia nach Dänemark, trifft daselbst den Norweger Ingjald 
aus Skugga und verabredet mit ihm auf ihren Wikingsfahrteu gemein- 
same Sache zu machen. Sie gewinnen Reichthtimer und fahren den 
vierten Sommer nach Rüduland, yro Harald und Töki berrschen. Im 
Kampfe mit ihnen &llt Lais. FI6rentia stirbt bald, nachdem sie ihm 
eine Tochter ri^ra geboren. Diese wird Ingjalds Gattin und Mutter des 
Hrölf Sfluggafia (60). 

Hr61f wird von Kan£eaten nach England mitgenommen, kauft 
dort ein geraubtes Mädchen und lebt mit ihr den Winter auf 
Burg. Eines Tages wird das Mädchen von ihm vermisst (63). 

2 (Cap. 64 — 65). Auf einmal gibt sich der Burgherr als Laisena 
Sohn Vilhjalm, Hrölfs Oheim mütterlicher Seils, au erkennen und fordert 
Hröif auf, mit ihm nach Valland zu fahren. Sie wollen sich für die 
Brüder Kaupabriii und Helgi ausgeben. Sie fahren hin. König Hring 

*) Hsn lallta eher Mdr erwarten ; doch vergliicbe n 
Tilis. BjBm Ualdonen. 



1 




nimmt sie auf und wird von ihnen in seiner Halle, die er dazu ber- 
leiht, drei Tage lang bewirthet. Den erttten Tag ist die Halle ärmlich, 
den zweiten fllrstlicb, den dritten mit wahrhaft königlicher Pracht aus- 
gestattet. Als der König und seine Begleiter entschlafen sind, bereitet 
Villijalm Hrölf eine große Überraschung, indem er ihm das ver- 
schwundene Mädchen wiedergibt. Er schickt HroIf mit ihr, die nun Sigrid, 
die Tochter König Hrings von Valland, genannt wird, nach England. 

Vilhjalm geht in Bettlertracbt zu Jarl Ulf nach Marsü, wohin auch 
Hrings Sohn Sigurd gekommen war. Als König Hring erwacht, ist 
Kaupabröi verschwunden. Jetzt glaubt er Vilhjalm und Hrolf in den 
Kau&euten zu erkennen (64). Während sich in Marsil Ulf und Sigurd 
mit dem Bettler unterhalten, erlöschen plötzlich alle Lichter und der 
Bettler ist verschwunden. Sigurd heißt die ThUren der Burg schließen, 
aber der Bettler erschlagt den Wächter Hermüd, wechselt mit ihm 
die Kleider und berichtet dann Sigurd, der ihn flir Hermöd hält, er 
habe den Bettler getödtet. Nun geht Sigurd heim und will sich gegen 
Hrölf rüsten. Zuvor jedoch beräth er sich mit Hermöd. Dieser gibt 
sich plötzlich als Vilhjalm zu erkennen und inift durch einen Stoll ins 
Hom Beine Krieger herbei. Von den beiden Möglichkeiten, die er 
Sigurd läast: zu kämpfen oder das Königreich abzutreten und Vilbjalms 
Jarl zu werden, wählt Sigurd die letztere. Dann geht man in die Halle, 
wo Hring Vilhjalm den Königstitel, Sigurd aber die JarlswUrde ver- 
leiht. Hrölf wird König von England (65). 

3 (Cap. 6U— 68). In Smälönd herrschen Rodulgeir und Galifrey, 
zwei Brüder. Er (welcher von beiden?) hat zwei Söhne Frankus und 
Niceta, Kodulgeir hat eine schöne Tochter Oktavia. Vilhjalm will um 
ihre Hand anhalten, und Sigurd soll Brautwerber sein. Sigurd bringt 
von Rodulgeir abschlägige Antwort zurttck. Üktavfa gibt ihm ihr Bild- 
nisB mit, auf welchem sie mit halb abgewandtem Gesichte dargestellt ist. 
Daran erkennt Vilhjalm, sie schlägt ihn nicht aus, wagt aber nicht 
dem Willen des Vaters entgegen zu handeln (66), 

Vilhjalm belagert nun mit Hrölf Rodulgeir» Hauptstadt. In Bettler- 
tracht begibt er sich hinein. Oktavia droht dem Bettler, die Kühnheit 
sich in die Burg zu wagen könne ihn leicht das Lehen kosten. Der 
Bettler entgegnet, wenn sie ihn vertreibe, könne es ihr selbst thener 
zu stehen kommen. Vilhjalm Laisson, der berühmt sei in WaSenthaten, 
werde ihr keinen Dank dafür wissen, Sie erlaubt ihm, sich auf dea 
Fußboden ihres Zimmers niederzulegen, und als sie entschlafea ist, 
enteilt er mit den Burgschlüxseln. Erwacht bemerkt sie das Fehlen der 
Schlüssel und läsat die ThUreu mit neuen verschiicßen. 



DrE QUELLEN DEB MAGUSSAGA. 281 

Villijalm setzt die Belagerung fort. Eines Tages sieht er Batun- 
Btäinme oberhalb der Stadt den FluÜ hernbäieÜen , die er auffangen 
läast und mit Speisen und Getränken gefüllt findet (67). Vilhjalm steckt 
sich und eeine Kriefcer hinein und flberftült so die Stadt. Rodulgeir 
wird gezwungen, Vilhjalm seine Tochter zu geben. 

In Valland gebiert sie ihm einen Sohn, der Lais getauft (akirdr), 
aber mit Ro^ulgeirs Geschlechtsnamen Geirard confirraiert {fermdr) 
wird. Als Rodulgeir stirbt, setzt er Geirarä zum Erben von SmdlSnd 
ein (68). 

4 (Cap. 69—75). Nach Karls Tode folgt ihm Elinborg auf dem 
Throne und wird von Milgus Sohne HÄvarä in der Regierung unter- 
Bttltzt (69). Geirard bewirbt eich um Eünborgs Hand und bekömmt 
abschlägigen Bescheid. Er entgegnet: 'Die Zeit ist nicht ferne, wo du 
dieses Wort ungesagt wünschen wirst, und wo du mir dasselbe An- 
gebot stellen wirst als ich dir jetzt' und kehrt nach Snullönd zurUck. 
Elinborg aber bereut bald die Antwort, die sie Geirarfl gegeben (70). 
Der heidnische König Priams von Afrika und Serkland kommt 
mit großem Heere nach Frakkland. Die tapfersten Helden seines 
Heeres sind Baldvini der starke und Baldvini der berühmte. Blan- 
kandln heißt des Königs Fahnenträger, Osvip der des starken, Kabin 
der des berühmten Baldvini. Zehn Meilen von Reimsborg, wo die 
Königin wohnt, macht er Halt und schickt Baldvini zu ihr. Will sie 
nn P6r und Odin glauben, so ist Priams gewillt sie zu heiratben and 
Frakkland zu regieren. Will sie nicht, so nimmt er ihr das Reich mit 
Gewalt ab imd gibt sie selbst den Knechten Preis. Die Königin ent- 
gegnet, sie bilte um zwei Monat Bedenkzeit (71). 

AJb die Königin mit ihren Mannen Rath hält, erklären alle ein- 
stimmig: 'Wolltet ihr Geirard zum Gatten nehmen, so brauchtet ihr 
PrJams nicht zu fürchten.' Daher soll HAvard zu Geirard gehen und 
ihn um seine Hülfe bitten. Die Königin gibt ihm drei Briefe. Sagt 
Geirard auf den ersten nicht zu, so soll Havard ihm den zweiten über- 
reichen^ wirkt auch dieser nicht, den dritten mit ihres Vaters Siegel- 
ring. Hivard reitet nach Srndlönd. Den ersten Brief, den er vorzeigt, 
lllBst Geirard einfach verbrennen. Den andern Tag überreicht Hävard 
den zweiten Brief und erzählt, Priams sei mit Heeresmacht in Frank- 
reich eingefallen. Geirard thut, als höre er nichts und reitet in den 
Wald. Da endlich tritt Hdvard vor ihn hin mit den Worten: 'Die 
Königin will ihr Reich in deine Gewalt geben, wofern du sie von 
Priams befreist' und übergibt ihm zur Bestätigung den Brief mit dcB 



L 



Kaisers Siegelring. GeJrartt liest den Brief und schickt Hävsrd mit 
dem Versprechen seiner Hülfe heim (72). 

Geirarä reitet mit seinen Knappen Frankus nnd Niceta nach 
Reimsborg. Sie Übernachten dort, ohne daÜ sie sieb zu erkennen geben. 
Am andern Tage beginnt die Schlacht; sie dauert vier Tage. Am 
zweiten schickt Priame den starken Baldvini Geirard entgegen; er 
fällt von Geirards Hand. Am Morgen des dritten bemerkt Geirards 
Wirtin an seinem Finger des Kaisers King und berichtet dieses der 
Königin. Baldvini der berühmte kämpfit mit Geirard und theilt das 
Schicksal seines Bnidera (73). Am vierten Tage ordnet Geirard die 
Franzosen vom Fchmal und hinten breit, vras man avinfylkf nennt. 
Als Priams Geirard erblickt, ruft er aus: 'Bei Mnümet, nie sah ich 
einen so schönen Mann! Zwar hast du meine Brüder erschlagen, aber 
wenn du mir dienen willst, will ich dir Frakkland und Eünborg geben. 
Dann wollen wir beide den Jarl Geirard ersehlagen.' Geirard ver- 
schmäht das Anerbieten, und Priams reitet auf seinem Elefanten auf 
ihn zu. Sie kämpfen. Priams fKlIl. Der Sieg ist entschieden. Vilhjalm 
und Galifrey erscheinen auf dem Schlachtfelde (74). Die Heiden er- 
geben sich, die Christen ziehen feierlich in Reimsborg ein. Geirard 
wird König von Frakkland und Eünborgs Gemahl. Vilhjalm tritt ihm 
auch die Regierung von Valland ab und geht ins Kloster (75). 

Aus dem 76. Capitel erfalu^n wir, daß Geirard und Elinborg 
sieben Söhne haben: Vilhjalm, Karl, Laia, Konstantinus, Rodulgeir, 
Rögnvald, Mägus. 

5 (Cap. 76—78). Bevor die Königin diese Söhne gebiert, trSomt 
ihr, sie verzehre Apfel, der König gebe ihr aus einem Brunnen zu 
trinken, und sieben Feuerbrände gehen aus ihrem Munde ; sechs fallen 
in ihrem Erbland nieder; der siebente fliegt in weile Feme. Der König 
deutet den Traum auf sieben Söhne, deren einer in ein fernes Land 
fahren wird. Die Söhne werden geboren und wachsen auf. Mit Vil- 
hjalm, der unbändig ist und alles Geld verbringt, Athrt Geirard nach 
Griechenland (76). 

Kaiser Kirialax hat mit seiner Gattin Maxenda eine schöne 
Tochter Margareta. Auf Pfingsten hält er ein grolies Fest, wo nach 
seinem Gebote niemand das erste Gericht, wenn es ein Lachs ist, um- 
wenden, das Messer laut auf den Tisch legen, noch so laut reden darf, 
daß man es durch das Zimmer hört. Der Zuwiderhandelnde soll die 
Erfüllung dreier Bitten beanspruchen dürfen, aber nach der siebenten 
Nacht der Todesstrafe verfallen. Vilhjalm verletzt die drei Gebote mit 
Eclat und soll seine drei letzten Biticn üuUem (77). Er will die letztea 



DIE QUELLEN DEB MÄGU8SAGA. 283 

sieben Nächte König Bein, die Eaiserstochter Margarets sogleich hei- 
rathen, die oberste Gerichtsbarkeit f^ das ganze Land ausüben. Der 
Kaiser muß darauf eingehen, und als Vilhjalm im })ing einen nach 
dem andern fragt: 'Sahst du mich den Lachs wenden oder hörtest 
mich das Meeacr hinwerfen oder laut reden'? will es keiner, selbst 
der Kaiser nicht, bemerkt haben. Im Gegeutheile gibt dieser zu, daU 
Vilhjalm die Regierung behält und gekrönt wird. 

Als Creirard stirbt, folgt ihm sein Sohn Konstantinus , und von 
dessen Sähneu gibt es viele Sngea, die hier nicht geschrieben sind. 
Elinborg geht ins Kloster. Villijalm hat mit Margarets einen Sohn 
Karl und eine Tochter Konstantia (78). 

Das 79. und letzte Capilel gibt verschiedene Ereignisse der is- 
ländischen Geschichte an, welche in die Jahre 900 — 933 fallen und 
als gleichzeitig bezeichnet werden mit dem, was in der Saga erzählt 
ist. Aus weitern Angaben ergibt sich, daß der Compilator den Kaiser 
der Milgussaga mit Karl dem Eini^tigen identificierte. (Vgl. Wulff 
S. 4-5.) 

Wenn wir uns nun nach den Quellen dieser Corapilation um- 
' sehen, so kommen wir zunächst an die Einleitung des ersten Theiles, 
Hlödvers Reise nach Constautinopel. Die Angaben über Hlödver zeigen, 
daß Ludwig der Deutsche gemeint ist. Seine Brantfahrt erinnert an 
die in dem bekannten altfranzösischen Gedichte dargestellte Reise Karls 
des Großen nach Jerusalem und Constantinopel. Freilich ist von der 
Reise nach Jerusalem, dem unzweifelhaft ältesten Theile des französi- 
schen Gedichtes, keine Rede; Hlödver reist nach Miklagard direct 
über Greta und Cjpern. Mit dem Französischen stimmt außer dem 
Namen des Königs Hugo und dem Umstände, daß er zwei Söhne und 
eine Tochter hat, nur die Motivierung der Fahrt überein. Auch dort 
fragt Karl, ob wohl auf Erden ein Mensch sei, dem Schwert und Krone 
so wohl anstehe als ihm, worauf die Gattin antwortet: 'König Hugo 
von Constantinüpel'. Alles Übrige weicht vollständig ab. 

Daß die List, mit welcher Ermenga ihres Gatten Liebe wieder zu 
gewinnen weiß, auch in der Fabel von Shaksperes Ende gut AlUt gut 
wiederkehrt, ist schon von Wulff hervorgehoben*). Kölbing (Riddara- 



1 



■ 

I 



*) leb verweiia noch auf Gräise, S&genkreiie 377. Dunlop-Liebrecht 
239. *39. Simrock, Quellen de« Shakspere 3, 2«. Ferdinand Wolf. Über eine Sainm- 
luag spnniBcber BomNuzen in fliegenden Blättern S. 42 — 14. Les fsc^tieuaea nnlts de 
StraparoU tradnitea par Jean Loa*esn et Pierre de Larivey. T. I. PaKs. Jannet 1867. 
Pr^faoe sn 7, I, wo Shnlicbe Stoffe nacbgowieien tind. Landau, Quellen desDeca- 
merone 8. 60. 




284 SLXHrtK 

sögur S. 218) hat auf die CbereinatimnuiDg dieser Erzählung mit einem 
Theile der MirmaDSsaga aufmerksam gemacht. 

Der zweite Tbeil erziihlt die Geschichte der vier Haimons- 
kinder. Nach Sachsen sind auch hier die Ereignisse verlegt. Nach 
Hlödvers Tode folgt gleich zu Anfang der Geschichte sein Sohn Karl, 
alao Karl der Dicke, während er im 79. Capitel ftlr Karl den Einftlltigen 
gehalten wird. Im FraazOsischen empören sich die Haimonskinder 
gegen Karl den Großen. Mit den erhaltenen französischen Gedichten 
zeigt dieser Theil der Saga die vorhultnissmäßig größte Ühercin- 
elimmung. Der Eingang von Beuve d'Aigremont fehlt. Im übrigen 
finden sich alle Hauptsachen wieder: die Schachscene, das Leben im 
Walde, der Kampf um die Burg, die zweimalige Reise Mägus an Karls 
Hof zur Befreiung der Schwäger (im Französischen ist Maugis das 
zweite Mal seihst der Gefangene). In allen Einzelheiten sind die Ab- 
weichungen freihch bedeutend. Von Magus (so ist der Name Mmigi* 
latinieiert und verBtändllch gemacht) hat die ganze Compilation ihren 
Kamen bezogen. Docii ist die im Französischen Maufjis genannte 
Chanson (der niederländische oder deutsche Malawis) nicht henutzt 
worden. Der Friede mit dem König macht den natürlichen SchluU 
(Cap. 50). Alles was folgt (Cap. 51—57. 61—62) ist offenbar Machwerk 
der Compilatoren. 

Auch das niederlfindiachc Volksbuch von den Haimonskin dem 
(analysiert von Gödeke, Deutache Dichtung im Mittelalter S. 705> 
weicht von der französischen Darstellung oft weit ab, doch lange nicht 
soweit als die nordische Fassung. Letztere entfernt sich fast Überall 
ebensoweit von jenem als von dieser. Doch stimmt sie in der That 
in einigen Punkten mit dem Niederländischen (iberein, Heinrek, VU- 
hjalms Großvater, wird RögnTalde Oheim mütterlicher Seits genannt 
(Cap. 61). Ahnlich nennt Hugo von Dordoen im niederländischen Texte 
den Grafen Aymyn von Dordoen seinen Mutterbruder und den Aymeryn 
von Narboen seinen Oheim. — Im Französischen findet sich nichts 
davon. — Im Isländischen schlägt Vigvard dem regierenden Könige 
Hlödver das Haupt ab, als dieser Rögavald mit dem Brettspiel schlug. 
Im Niedertändischen tödtet Reinout den König Lodewyk, weil er 
Adelaert mit dem Spielbrett geschlagen. Im Französischen findet erst 
Karls Sohn Lohier durch Beuve d'Aigremont, dann Karls Neffe Ber 
tolai durch Renaut, der ihn mit dem Schachspiele trifft, seinen Tod. 

Diese Übereinstimmungen sind gewiß beachtenswerth , zumal die 
letztere, die wir nicht für zufallig hatten können. Der Beweis, daß die 
Mägussaga aus der niederländischen und nicht aus der tranzösiscben 




DIE QUELLEN DER MAGU8SAGA. 285 

Darstellung geflossen sei, ist damit freilich nicht geAihrt, um so weniger, 
als einige französische Gedichte unserer Sage erst theilweise heraus- 
gegeben sind. Übrigens scheint die niederländische Darstellung in der 
EiDgangsscene wie auch in andern Zügen die französische; die Miche- 
lant und Bekker (im Fierabras) bekannt machten, an Alterthtlmlich- 
keit zu übertreffen. 

Aus einem andern Grunde glaubte Wulff S. 12 schließen zu dürfen, 
der Inhalt der beiden ersten Sagen wäre nicht direct, sondern erst 
durch deutsche Vermittlung nach Island gekommen. Dieser Grund ist, 
daß statt Frankreich und S. Denis oder Paris vielmehr Sachsen und 
Worms, die Hauptstadt von Sachsen, den Schauplatz dieser Sagen bilden. 
Möglich ist das gewiß ; aber ebenso wohl konnten in der Überlieferung 
die Namen der französischen Localitäten vergessen oder entstellt worden 
und deßhalb von einem Erzähler oder dem Compilator, dem die Namen 
der t^idrekssaga so geläufig sind, durch das in der I^idrekssaga oft ge- 
nannte Worms und Sachsen ersetzt werden. Daß sich nach der franzö- 
sischen Darstellung der Schluß des Kampfes um Tremoigne (Dort- 
mund) bewegt und hier der Friede geschlossen wird, konnte schon 
den Anlaß zu dieser Übertragung gegeben haben. 

Übrigens scheint es auch in Deutschland einheimische Sagen auf 
die Haimonskinder gegeben zu haben. Ich folgere dieß aus den An- 
gaben des niederländischen Volksbuchs über die Person des Adelaert. 

Ich kann die Angaben nur aus Gödekes Analyse des Volksbuchs 
entnehmen (Deutsche Dichtung im Mittelalter 705, 706). Karl belehnt 
die vier Brüder: Ritsaert mit Spanien, Writsaert mit dem besten Lehen 
zwischen Loewen und Paris, Reinout mit Angers, Artois und Boulogne, 
Adelaert, der zum Truchsess geordnet wird, mit Apulien. Dann heißt 
es am Schluße des Volksbuchs: Reinouts Brüder seien in Neapd be- 
graben. 

In dem niederrheinischen Auszuge aus dem Volksbuche, welchen 
Reifferscheid in der Zeitschrift für deutsche Philologie V, 274 abdruckte, 
findet sich nichts entsprechendes. Dagegen stimmt zum Volksbuche 
die hochdeutsche Übertragung des niederländischen Gedichts, welches 
die Quelle des Volksbuches bildete und nur in Bruchstücken erhalten 
ist. Herr Prof. Ettmüller stellte mir gütigst eine Abschrift der Heidel- 
berger Handschrift 340, welche diese Übersetzimg enthält, zur Ver- 
fügung. Hier finden sich folgende Stellen über Adelharts Beziehungen 
zu Apulien: 

1, S. 41 (V. 1353-6), wo Karl sagt: 



286 8UCHIEB 

'Adelhart stolczer wygant. 
Ich geben nch Polgen das riche lant 
Darüber zu bliben ummermer 
Marggraff und herr*. 

2, S. 387 (V. 13083—5), wo Adelhart sagt: 

TEe wir Beyart verloren, 

£e selten wir faren in Tabren, 

In Polegen und in Calabren'. 

3, S. 454 am Schluße, wo es nach Reynolts Begräbniss heißt: 

Reynolt fär wider allzuhant. 

Das sy uch allen wol bekant. 

Mit sinen brudem in die hagedocht. 

Ich sagen uch auch wer des geröcht, 

Das er den herren wollte sehen. 

Zu Napels mocht es jm beschehen. 
Die letztere Stelle gibt auch Mone im Anzeiger für Kunde des 
deutschen Mittelalters 6, 200 nach der Heidelberger Handschnft 399 
und bemerkt dazu: 'Daß der Leichnam Reinolds zu Dortmund ver- 
schwand und er mit seinen Brüdern und dem Malagis geisterhaft in 
Neapel fortlebte, scheint einestheils eine Nachwirkung der Zaubersage 
des Malagis, andemtheils eine Anknüpiung an die Zauberer Klingsor 
und Virgilius zu Neapel. Ob und wie aber dieser Zug mit dem eigent- 
lichen Inhalt der Reinoldssage zusammenhänge, das weiß ich vor der 
Hand nicht zu erklären/ 

In der That bleiben Adelharts Beziehungen zu Apulien in Dunkel 
gehüllt. Daß er sich wirklich nach der Versöhnung mit dem Kaiser 
nach Apulien begeben hat, können wir nur daraus entnehmen, daß 
seiner Person fortan mit keiner Silbe gedacht wird. Einiges Licht, wenn 
auch nur einen schwachen Schimmer, verbreitet über diesen Punkt 
eine Stelle der Kaiserchronik. Es ist höchst aufiallend, daß auch die 
Kaiserchronik in ihrem sagenhaften Berichte von Karl dem Großen 
einen Ftlrsten Addhart von Apulien nennt, der auf Befehl des Kaisers, 
gegen den er sich empört hat, enthauptet wird. Die Stelle lautet 
(V. 14843 ff.): 

D6 er ze Röme gevestende sine phahte 

unde er alle reht betrahte 

umbe eigen unde umbe I^hen, 

umbe man unde umbe harren, 

do karte er zuo Appuliä. 

ein vurste was da. 



DTE QUELLEN DER MAGUS8AGA. 



287 



peheizen was er Ädelharl, 
ein gotia widerwart, 
durch des richea not 
der vurste wart gchoubetdt. 
die ßtne wurden gevaDgen. 
der keiser karte dannen. 

Karl zieht darauf nach Pavia (Sisinniä), 

Beiläufig bemerke ich, daß Maßmann in diesem Adelhart den 
historischen Adalhard Aht von Corbie vermuthet, daß mit dem letztem 
aber auch Michelant Aalart den Haimonssobn identificiert. Auf jeden 
Fall seheint mir die Identität zwischen dem Adelhai-t der Kaiserchionik 
und Adelhart dem HaimonsBohne unbestreitbar. 

Nun aber entsteht die Frage, deren Beantwortung von großem 
Interesse wäre: 'Ist die Quelle des niederländischen Volksbuches nur 
eine ß-anzOeische Chanson, auf die es offenbar seinem Gesammtinhalte 
nach zurückgeht, oder benutzte es ftlr die erwähnten Angaben deutsche 
Sagen, dieselben, die schon vor der Mitte des 12. Jahrhunderts dem 
Compüator der Kaiserchronik bekannt waren? In dem französischen 
von Michelant (in der Bibl. des Stuttg. lit, V. 1862) herausgegebenen 
Texte finde ich nichts Über Aalarts Beziehung zu Apuhen. Leider sind 
die beiden andern Reeensionen ron Hippeau (Arch. des missions 
V. 1856. 157) und Bekker (vor dem Fierabras), zumal die erstere nur 
io spärlichen Auszügen bekannt gemacht. Ist sie deutsch, so dürfen 
wir die Sage von Adelhart von Apulien mit der von 'Karl und Elegast 
zusammenhalten, deren Vorhandensein in ursprünglich deutscher Fassung 
Bartsch in der Qermania (IX, 224 ff.) wahrscheinlich gemacht hat. 

Ich komme zu den fUnf Abschnitten des dritten Theils der 
Mdgus-Saga. 

Die Quellen des ersten und fünften dieser Abschnitte sind 
mir unbekannt. Der im letzten Abschnitte vorkommende Name des 
Kaisers Kirialax (kvqioq jiXi^ing) erinnert an die Kirjalassnga, Über 
welche ich durch Konrad Hofmann (Münchener SitzungEberichte 1867. 
II. 218—219) und durch Dr. Kölbings Güte aufgeklärt bin. Danach 
glaube ich annehmen zu können, daß keinerlei Zusammenhang mit 
dieser Saga stattfindet. 

Was den zweiten, dritten und vierten Abschnitt (die Fahrt nach 
Valland, die Fahrt nach Smdlünd, die Schlacht bei Reimsborg) betrifft, 
so scheinen dieselben ein Gemisch entstellter Traditionen und neuer- 
fundener Züge zu sein, die Traditionen aber, von denen der Compi-^ 



288 SUCHIEB 

lator oder eher sein Gewährsmann eine dunkle Eenntniss verräth, 
verschiedenen Chansons von Guillaume d'Orange anzugehören. 

Der zweite Abschnitt, die Fahrt nach Valland, erinnert 
lebhaft an das Charroi de Nimes, wo Guillaume und sein Neffe 
Bertran (= Hr61f) in Eaufmannstracht die Stadt gewinnen. Wenn 
England hier als Vilhjalms Heimat gilt, von welcher aus die Fahrt 
unternommen wird, so ist V. 1107 des Charroi vergleichbar, wo Guil- 
laume mit den Worten: Nos somes d'Angleterre sich und Bertram ftlr 
Engländer ausgibt Die Bewirthung König Hrings entspricht dem Be- 
suche Harpins und Otrants (Charroi 1097 ff.). In der Entftlhrung der 
Sigrid mag ebenso wie in Vilhjalms Aufenthalt in Marsil ein Nachklang 
an die Prise d'Orange vorhanden sein, wo sich GuiUaume in ähnlicher 
Verkleidung in Orange einftlhrt Sicherer ist wieder die Scene, in 
welcher Hring Vilhjalm mit Hintansetzung seines eigenen Sohnes zum 
König von Valland macht, auf den Eingang des Charroi de Nimes 
zurückzuführen, wo sich Ludwig erbietet, ehe er Guillaume mit der 
südfranzösischen Mark belehnt, ihm die Hälfte seines Reiches abzu- 
treten, was Guillaume ausschlägt*}. 

Nicht minder auffallend gleicht der dritte Abschnitt, die Fahrt 
nach Smdlönd, der Prise d'O ränge. In dieser geht Ghiillaume in 
Sarazenentracht in die Stadt hinein, wird vor Orable geführt und 
rühmt Guillaumes treflfliche Eigenschaften, ganz wie im 67. Capitel 
der Mägussaga. Wenn Vilhjalm und seine Krieger in hohlen Baum- 
stämmen in die SUtdt hineinkommen, so liegt vielleicht eine Combination 
der Prise d' Orange, wo Bertran auf einem unterirdischen Gange dem 
in Orange gefangenen Guillaume zu Hülfe eilt, mit dem Charroi de 
Nimes vor, wo Guillaume seine Krieger in Fässer versteckt in die 
Stadt hineinfahrt. Wenn Rodulgeirs Bruder, Oktavias Oheim, Galifrey 
heißt, so vergleiche ich das Coronement Looys, wo Guillaume das 
Heer König Galafr^ besiegt und sich mit König Gaifiers von Apulien 
Tochter verlobt 

Der vierte Abschnitt, die Schlacht bei Reimaborg, scheint 
eine Verbindung des Eingangs von Girard de Viane mit der 
Schlacht von Aliscans zu sein. Freilich sind die Anklänge dürftig 



*) Beil&nfig erw&hne ich, daß in Saga af pjalatr-J6ni gefin i&t af Gtmnlaugi p6r^ 
danynL Beykjavik 1857, König Vilhjalm über Frakkland herrscht. Er wohnt in 
R^daborg. Seine Gattin Elinborga ist die Tochter Hiödyers von Frakkland. ViU 
hjalms Nachfolger wird sein Sohn Eirik, der J6ns Schwester Marsilia zur Gattin ge- 
winnt. Weitere Bezüge dieser Saga za Chansons de geste scheinen zu fehlen. Aueh 
diese Saga ward mir durch Dr. KOlbings Güte zugänglich. 



DIE QUELLEN DER MAGUS8AGA. 289 

genug. Der eigentliche Hauptinhalt von Girard de Viane wird ganz 
übergangen. An die Schlacht von Aliscans erinnert nur^ daß Priams 
zwei Riesen, Baldvini den starken und Baldvini den tapfem mitbringt, 
wie Desramä den Baudüc oder Baudin (in Ulrichs von Türheim Wille- 
halm: Baldewin). Daß Priams Sarrazene ist können wir nur aus seinem 
Schwüre bei Maümet (Cap. 74) erschließen. Die Königin Elinborg ist 
an die Stelle von Guillaumes Gattin Guiborc getreten. Priams droht, 
er wolle sie den Knechten preisgeben, wie Desram^ (Aliscans S. 120), 
er wolle Guiborc von Pferden schleifen lassen. Mir fällt auf, daß Priams 
Botschaft, durch welche er Ermenga auffordern lässt, das Christenthum 
abzuschwören und Heidin zu werden, vielmehr an Wolframs Willehalm 
217, 9 ff. als an die erwähnte Stelle der Schlacht von Aliscans er- 
innert Vilhjalm gilt als Geirards Vater, was iu der That eher eine 
historische Möglichkeit hätte als Großneffe. Geirard scheint die Stelle 
Renoarts einzunehmen, wenn Priams ihn auffordert, Heide zu werden 
(vgl. Aliscans S. 199), und wenn er beide Baldvini besiegt (vgl. Alis- 
cans S. 215). Auch scheint die nach der Schlacht stattfindende Ver- 
heiratung Elinborgs mit Geirard durch Renoarts Verheiratung mit Alice 
hervorgerufen zu sein. In Elinborg aber sind die beiden Guiborc der 
französischen Chansons de geste, von denen die eine Geirards, die 
andere Guillaumes Gattin ist, in eine Person zusammengeflossen. Geirard 
hat mit Elinborg (wie Aimeri mit Ermengart) sieben Söhne, deren ältester 
gleich seinem Großvater Vilhjalm heißt. Der ältere Vilhjalm und Elin- 
borg sterben wie Guillaume und Guiborc im Kloster. 

Ich gestehe gern zu, daß mehrere der angeführten Züge nur 
geringe Übereinstimmungen zeigen und nicht ausreichen würden den 
Zusammenhang mit den französischen Gedichten zu beweisen. Doch 
glaube ich soviel festhalten zu dürfen, daß den drei besprochenen 
Abschnitten der Mägussaga Erinnerungen aus dem Charroi de 
Nimes^ der Prise d'Orange, aus Girard de Viane und der 
Schlacht von Aliscans zu Grunde liegen. 

Zwei der besprochenen Sagen finden sich auch außerhalb der 
Mägussaga in isländischer Fassung: Girard de Viane und Karls Reise 
nach Constantinopel, beide als Theile der Karlamagnussaga. Doch kann 
man sich leicht überzeugen, daß zwischen diesen Darstellungen und 
denen der Mdgussaga keinerlei Beziehungen obwalten. 

Über die Art, auf welche die Mdgussaga aus ihren Quellen ent- 
stand, kann kaum ein Zweifel herrschen. Gewiß gehen alle Theile der- 
selben, deren Quelle ich angeben konnte, auf mündliche Überlieferung 
zurück. Isländer, die im zwölften bis vierzehnten Jahrhundert den 

GERMANIA. Neue Reihe YlII. (XI.) Jalurg. 19 



Jß 



290 SUCHIEK 

Contineot bereiateD, fanden oft genug Oelegeobeit, französischen Spiel- 
leuten zu lauschen und gewannen an ihrem Vortrage solclies Interesse, 
daß sie nach ihrer Heimkehr nicht versäumen mochten, das vielleicht 
von vom herein nur h&lbveretandene , auf dem Heimwef;e halbver- 
geseene ihren Laudsleuten wiederz übe richten. Dabei wurde mancher 
Name vergesBen und durch einen nordischen oder im Norden bekanntem 
ersetzt. Mancher ureprllnglicbe Zug gieng auf der weiten Reise ver- 
loren. So wird das Zerhackte der Darstellung, das Ungenügende der 
Motivierung, das Fehlen jeglicher Pointe in den betreffenden Erzälilungen 
des dritten T heil es erklärlich. 

Im grölitea Theile der ersten Sage aber sowie im ersten und 
ftlnften Abschnitte der dritten dürfen wir neue Schötihnge erkennen, 
welche der tlberallhin wuchernde und ttberall gedeihende Baum des 
irauzosischen Epos auf isländischem Boden angesetzt, wenn auch nicht 
aus sich selbst hervorgetrieben hat HERMANN SUCHIER 

Nachtrag zu 285 ff. 

Meine Vermuthung über das Dasein einer deutschen Sage 
Adelharts Tod in Äpulien muß ich zurflcknehmen. Auch dieser Theil 
der Sage ist ursprünglich französisch und ist sogar noch in poetischer 
und prosaischer Form erhalten. In jener bildet die Sage den Schluß 
der Pariser Handschrift 764, aus welcher Immanuel Bekker im Fiera- 
bras S. II— XII Auszüge gab. Zwar bat Bekker diesen Schluß über- 
gangen, dagegen wird er von Mone in seinem Anzeiger 6, 202 mitge- 
theilt. Hier wird erzählt, wie Alart. Guichart, Richart und Maugis durch 
Ganelons Verrath in einer Höhle bei Neapel ihren Tod finden. Daraus 
ergiebt sich mit Sicherheit, daß auch das Original der niederländischen 
Haimonskinder am Schlüsse dieselbe Erzählung enthielt. Denn das 
seltene Wort hagedockt, welches der Niederländer hier anwendet (vgl, 
S. 286), bedeutet nichts anderes als eine Höhle. {Haghedocht. Äpogeum 
[gemeint ist offenbar Hypogeuvi] dicitur aedlßcium sub terra quod antrum 
vel gpelunca dicilur. Vocab. bei Uofiünann Oloss, belg.) Das niederlän- 
dische Gedicht gehört dem 13. Jahrhtmdert an, die Sage von Aalart 
muß also mindestens to alt sein. Ich trage kein Bedeoken, ihre Esistenx 
schon im 12. Jahrhundert vorauszusetzen und die angeführte Stelle der 
Kaiaerchronik daraus zu erklären, daß der Compilator der Chronik die 
französische Tradition gekannt hat. 

In Prosa findet sich Aalarts Tod in dem Volksbuche: Leg Prou- 
e»»e» et Vaitlanees du redoute Mabrian (Troyes. 1625) erzählt Durch 
den Umstand, daß Alard hier sein Leben verliert, weil er imd seine 



.4 



DIE QUELLEN DEH mAguSSAGA. 291 

Verwandten sich gegen den in Neapel anwesenden Karl 
empören, wird dae, waa wir aus den Angaben der Hs. 764 und dea 
niederländisclien Gedichtes erfahren, dem Berichte dor Eaiserchronih 
noch um einen Schritt näher gerückt. Den Inhalt dieses Volkabuchra 
erzfthlt auch eine dem 15. Jahrhundert angehftrige Handschrift der 
Arsenal- Bibliothek am Schlüsse eines langen Prosaroroans von den 
Haimonskindern, von welchem die HisL litt. XXII, 705 ff. nähere Kunde 
giebt. Schon die älteste Ausgabe des Mabrian vom Jahre 1530 enthält 
gleich der erwähnten vom Jahre 1625 die Angabe: reduit du vieillan- 
gage en bon vulgaire franpn/s, die sich vermuthlich auch in der Arsenal- 
Handschrift wiederfindet. Diese Angabe würde kaum Glauben verdienen, 
wenn sich nicht zeigen ließe, daß eine altfranzöa lache Chanson Mabrian 
noch im 18, Jahrhundert existierte. Es wird dieses nämlich bezeugt 
durch eine Notiz der BibHoth^que des Romans par M. le c. Gnrdon 
de Percel (= Lenglet du Fresnoy). 1734. 2, 247, wo unter der Rubrik 
Anciens romans maniacrits en vers et en prose depuig Fan 12.50 jusqu'en 
1450 auch Le Roman de Mabi-ian en vers, in 4. manuscrit aufgeführt wird. 

Die verschiedenen Spuren dieser Sage scheinen von ^inem Punkte 
auszugehen und zwar, wie mich dünkt, in der folgenden Weise. Im 
12. Jahrhundert existierte eine Chanson de geste [Ui Mort Aalarl?), 
welche Aalarts Tod in Apulien erzählte, und an deren Inhalt der Vf. 
der Kaiserchronik anspielt. Eine kurze Inhalts iingabe dieser Chanson 
wurde einer Version des Renaut de Montaubau angehängt und ist uni 
in Übersetzung des 13. Jahrhunderts am Schlüsse des niederländischen 
Gedichts, in vei^'Ungter Gestalt des 15. Jahrhunderts am Schlüsse der 
Pariser Hs. 764 erhalten. Durch eine Umarbeitung und Fortsetzung 
der alten Chanson des 12. Jahrhunderts wurde die Chanson Mahrian 
hergestellt, deren handschriftliche Existenz im 18. Jahrhundert Lenglet 
du Fresnoy bezeugt. Gegenwärtig scheint von der poetischen Fassung 
dea Mabrian keine Handschrift bekannt zu sein, dagegen liegt ihre 
Prosaauflösuug in einer Hb. und zahlreichen Drucken vor. 

Zweifel hege ich nur (iber einen Punkt. Wahrscheinlich existierte 
die Chanson Mabrian schon im 13. Jahrhundert, und vielleicht l.ig sie, 
und nicht die Chaneon des 12. Jahrhunderts, dem Redactor vor, welcher 
den Tod von Renauta ßrtldern seiner Version des Renaut de Montauban 
angehängt hat. In diesem Falle wäre die alte Chanson nur für die Angaben 
der Kaiserchronik und für die Chanson Mabrian unmittelbare Quelle 
gewesen. HERMANN 8UCHIER 



1 
I 




2<)2 STROBL 



ANGELSÄCHSISCHE STUDIEN. 



VOK 

JOSEPH STROBL. 



I. Zur sogenannten Cädmonschen Exodus. 
Vers 12 He väs 



freom folctoga 
Das Wort folctoga erscheint noch änmal in der Exodus Vers 254, 
wo es von Moses heißt 

heht pd folctogan Jyrde gestyUan. 

Vers 14 wurde Moses folctoga genannt, hier sind es die Führer 
der cigte 229, die so bezeichnet werden. Und diesen, die ungefähr den 
principes des Tacitus entsprechen mögen, gebührt wohl zunächst der 
Ausdruck. In der ersten Fortsetzung des Beövulfsliedes 839 erscheint 
das Wort wieder in gleicher Verwendung. In der Judith heißt Holo- 
femes folctoga 47; folctogan 194 werden die f^hrer der Juden genannt. 
Im Andreas 8 bezeichnet folctogan die Apostel, 1458 die Heidenftlhrer. 
Jul. 225 heißt Helisaeus folctoga. Nirgend finden wir also folgtoga im 
engeren und zugleich im weiteren Sinne verwendet, daß etwa einem 
Hauptftlhrer, der folctoga genannt würde, andere Unterftlhrer als fole- 
togan untergeordnet seien. 

Dem widerspricht nicht der Gebrauch von folctoga im Daniel. 
Folctoga wechselt im Daniel mit cyning^ so heißt Nabuchodonosor z. B. 
108 folctoga, 100 cyning u. s. w. Wenn es daher Vers 527 heißt: 

H^t ^a tdsomne sine leöde^ 

folctogan, frägn ofer ealle 

svidmod cyning 
so steht der Plural folctogan so bestimmt dem Singular in seiner engen 
Bedeutung cyning gegenüber, wie der Plural cyningaa in Exodus 185 
dem cyning 175. Wie um eine unliebsame Doppel Verwendung zu corri- 
gieren steht Dan. 529 noch ausdrücklich cyning. 

Das Wort folctoga kommt in der Genesis nicht vor. 

55 mddig magurcesva 
Das Wort magurcesva kommt bis zum Vers 102 dreimal vor, in den 
späteren Theilen sucht man das Wort vergebens; nur sein Simplex 
rassva erscheint 234 rcesvan herges. 



ANGELSÄCHSISCHE STUDIEN. 



293 



1 der Oeoeeie z. B. Rliif- 
,□ dieser Stelle. 



16 »igara valdmdy 
eine im ags, sehr häufige Verbindung, die i 
mal gelesen wird, steht in der Exodus nur 
25 vitig driktett. 

Das Adjectivum vitig (nicht in der Genesis) findet sich in der 
Exodus nur noch 80 vitig god. 

102 mtere magurasva. 
Es ist bekannt wie im mhd, gewisse Worte des Volksepos der b 
sehen Sprauhe gegenüber zurückweichen ; das Wort mcere gehört zu ihr 
vgl. Jänicke de dicendi usu Seite 6. Das ags. Epos verwendet das Wort 
wie das deutsche: man-e peöden Beöv. 129. seo mnre burh Dan. 609. 
viwre apelt Gen. 2566. se mcera Beöv. 762. se vupra mago Beöv. 2011. 
Moyse pSm vtceran Pe. 102' u. s. w. Im epischen Gebrauche und 
zwar attributiv steht das Wort nur an angeführter Stelle, Vers 47 
u. 349 steht es prHdicativ, so häu6g der attributive Gebrauch in an- 
deren Gedichten z. B. der Genesis ist. 

125 acyldas lixton. 
Schild heißt in der Exodus 253 bord [oder 160. 2.36. 320 bordhreöda] 
ein Wort, das die Genesis nur in der Bedeutung Scbiffsbord kennt, in 
welchem Sinne es binwiderum in der Exodus keine Verwendung findet 
gcyld bat Gen. einmal 2062, Exodus auch nur an obiger Stelle. Die 
Wörter lind rand kennen beide Gedichte, bordhreöda kennt Genesis 
ebenfalls nicht, jedoch guihord 2693, wie Exodus 466 mgbord, 

170 vlance pegna» 
ist ein Ausdruck, der genau so Byrhtnoth 205 wieder erscheint. Das 
altepische pegn, das kaum ein ags. Gedicht nicht öfter darbieten dürfte, 
erscheint in der Exodus nur hier. Von den vielen Compoaitis bietet 
Exodus 131 nur metepegn. 

406 cnUU, 
häufig in der Genesis und im Daniel, nur an dieser Stelle. Beövulf 
kennt das Wort nur Einmal 1219 in den Versen eines Interpolators. 

419 stmu mit aveorde. 
sveord ist ein Lieblingswort der Genesis. In der Exodus steht es 
nur hier. Diese VI. Fytte enthält noch zwei Wörter fltr Schwert, das 
altcpische mece 413 und ecg 408. Sonst gedenkt die Exodus dieser 
Waffe nur mehr 491, wo mece steht. 

Solchen Erscheinungen gegenüber wird es erlaubt sein, den Blick 
ti<'fer in das Denkmal zu versenken und den Gründen dieser Ver- 
schiedenheit im Sprachgebrauche nacbzuspUreu. Ich habe absichtlich 



294 



diese Beobacbtungen vorangeatelit, weil auch sie 68 sind, die mich 
dieser Arbeit veranlasst haben. 

Die Exodus hebt an mit hvät, ein Sprachgebrauch, den J. Grinmi 
in seinen Erlänterungen zum Andreas Vers 1 und in der Grammatik. 
4, 448 ff. abgehandelt hat. Irren würde aber wer in solchem typischen 
Beginne das Zeichen besonderer AlterthUmlichkeit suchte; gerade eo 
aufiälhges hält der Nachahmer fQr das AVesentlicbe. In der mit Recht 
beanstandeten Einleitung zum BeÖTulf derselbe Gebrauch. 

Bis V. 19 best sich alles ohne Anstand, Bis 7' beherrscht ve ge- 
frigen habhad die Construction. Die Verse bilden eine allgemeine Ein- 
leitung zu dem folgenden, von der aus die Erzählung auf die Einzel- 
heiten weiterschreitet. Ganz ähnlich im Beövulf, wo von den Versen, 
welche den Sagenstoff bezeichnen, dem die Erzählung entlehnt ist, 
übergegangen wird auf Skyld Scefing. Vers 8 tritt aus dem Abhängigkeits- 
verhältniss heraus und knUpft mit pon» an Moses an. Gott begabt ihn 
in der Wüste mit seiner eigenen Gewalt, verleiht ihm Wunder. Er war 
Gott lieb, ein tüchtiger Volksführer. Nun wird erzählt wie er Pharaos 
Geschlecht strafte, als ihm der Herr seiner Magc Leben und Erbsitz 
den Söhnen Abrahams verlieh. 

Vers 19 dagegen bringt uns nicht weiter. Was handledn sein soll 
ist unklar, 19" wiederholt das 10* bereits Gesagte. Ebenso ist pä vä» 
forma sid pät htne veroda god vordum neegde im Widerspruch zu Vers 
8 flf, und bringen V. 25 ff. ganz zur unrechten Zeit eine Erinnerung 
an die Genesis. Mit 30, welcher Vers sich an 29 nicht im geringsten 
anschlieUt, kehrt die Erzählung auf einmal wieder zu Pharao zurück. 
Die Verse 31. 32 sagen wieder nichts anderes als 9 und 10 und sind dazu 
da. den Eiuschub 19—29 an die folgenden Verse anzuschließen, denn 
echt sind erst wieder 33 ff., welche die gyrdv'ite weiter ausführen: 
Faraones cyn 
godes andsacan gyrdvite band 
]ner him gesealde sigora valdend 
mödgum magursesvan his mäga feorh 
onvist €dles Ahrahames sunum. 
J)ä väs iugere ealdum vituin 
dedde [gedrenced] drihtfoica masst. 
Das pä in Vers 30 hat erst jetzt seine Bedeutung, in der Übi 
lieferung ist es unverstäadlich und nicht am Platze. Der Einschub 
auch ein seltsames MiOveretäadnisa hervorgerufen, der Ausdruck an 
fordvegaa ließ einen Correetor offenbar jetzt schon, also sehr zur Un- 
zeit, an den Untergang der Ägypter im rothen Mccrc denken, doiui 






I 



F 



ANGELSACHSISCHE STUDIEN. 



29ß 

das Verbum gedreneed steht auf Rasur von späterer Hand (Sievers in 
der Ztsohr. f. D. A. 15, 459} und ist offenbar auf die angedeutete 
Weise an die Stelle gerathen. Gut schließt sich an, als Folge der 
Strafen und des Todes der Erstgeborenen 

eifkd lädsid le^de gr&tan. 

Vers 45 wiederholt unpassend schon Gesagtes. Vers 49 ist in 
diesem Zusammenhange unverständlich, 51 trägt einen Gedanken nach, 
der fllglicb frllher besser am Platze gewesen wäre. Die Erzählung 
schreitet erat fort Vers 54, der sich wieder an Vers 44 anschließt. 

Das Folgende gehört aber kaum noch dem ausgehobenen StUcke 
an. In Vera 59 ist der Ausdruck gearve bteron entlehnt von Vers 193, 
Dieser lautet 

gfiä]iTe&l gumeua gearve bseron 

Also auch das alhtterierende Wortjild ist in dem nachgedichteten 
Verse verwendet, und dieser Nachahmuno; verdankt auch gewiß der 
Volksnaroe GuiTmyrce seine Entstehung. Nachgebildet ist er dem Äl- 
myrcan des Andreas. Die mit gädf heado zusammengesetzten angel- 
iftchsiscbeD Volksnamen zeigen sämmtHch in ihrem zweiten Theil den 
vollen sonst gebräuchlichen Namen des Volkes und treten g(td u. s. f. 
nur wie ehrende Attribute vor [vgl. Aracildinga Beöv. 464]. Güdgeäta 
Be6v. 1638 neben dem häufigen einfachen Gedtas, GiidscUßngaB Ee6v. 
2927 neben Scylfinga» u. s. f. Myrce erscheint aber nirgend fUr dieses 
Volk; im Gegentheil muß nach dem Bildungsgesetze dieser zusammen- 
gesetzten Volksnamen jeder Angelsachse an die Bewohner von Mercia 
gedacht haben. (Vgl. Jac. Grimm Andreas und Elene XIX, wo dieselbe 
Besorgniss mit Rücksicht aut' Älmyrcan ausgesprochen wird. Mit Un- 
recht wie ich glaube. Mit äl tntt kein Volksname zusammen, es ist 
in dem gegebenen Falle nur an das Adjeclivum myrce getreten und 
Almyrcan muü bedeuten ^ die ganz schwarzen", von einer Verwechslung 
mit Myrce, Bewohner von Mercia, kann also nicht die Rede sein.) 

Vers 60 ist unverständlich und ist offenbar gedichtet mit Hinblick 
auf die folgende Fytte; es kann nur die Wolke gemeint sein, von der 
Vers 73 redet- Ebenso verräth Vers 63, dali er seine Entstehung der 
Absicht verdankt, die Einleitung mit der zweiten Fytte zu verbinden. 
Diese erzählt Vers 87 von einem dritien Nachtlager der Israeliten, da 
schien es nothwendig der zwei friiheren zu erwähnen, was freilich 
in der mögliebst ungeschickten Weise geschah. Ich halte übrigens 
pridda in Vers 87 filr einen alten Fehler, der dann den Einschub der 
in Rede stehenden Verse veranlaaste. Drei Tagweiden bis zum reihen 
Meere kennt auch die Vorauer Exodus 43, V2, und das wird einer 



296 STROBL 

altkirchlichen Quelle entsprechen. In unserer Exodus gelangen die Is- 
raeliten jedoch erst am 4. Abend ans rothe Meer 134, man sieht nicht, 
wohin sie am dritten gekommen sind. 

Zunächst hebt sich also aus der ersten Fytte als zusammengehörig 
heraus: 1 — 18. 33 — 44. 54. 55. Die Einschübe sind theils gesprächige 
Ausführungen; wie 19 — 32. 45 — 53, theils sollen sie den Übergang 
vermitteln. 

Was von der ersten Fytte echt ist, ist eine Einleitung zu einer 
Geschichte des Zuges der Israeliten zu dem rothen Meer. Alle dem 
Auszuge vorhergehenden Begebenheiten sind kurz zusammengefasst, 
verständig dargestellt. 

Haben wir aber die Einleitung desselben Dichters, der die fol- 
genden Haupttheile dichtete? Ich glaube nein. Ganz abgesehen von 
der Verschiedenheit des Tones in beiden Theilen, gehören die Haupt- 
unterschiede in dem Wortgebrauche gerade der ausgeschiedenen Ein- 
leitung an. Weiters zeigt sich, daß der Dichter der folgenden Theile 
nur einen ganz bestimmten Theil der Exodus hervorhebt und behandelt. 
Ein nach bestimmtem Plane arbeitender Dichter hätte auch schon in 
der Einleitung davon Kunde geben müssen. Und dieser Theil der 
Exodus ist die Erzählung von dem Durchzuge der Israeliten durch 
das rothe Meer. Der Dichter hat seiner Erzählung auch in einem 
Grundgedanken eine große innere Einheit zu geben gewusst. 

Zu Anfang und Ende der Erzählung wird auf Joseph hingewiesen 

Vers 140 ff.: 

vsere ne g^mdon 

})eäh \>e se yldra cyning ser getidode 
|)4 he veard yrfeveard in gefolca 
manna äfter mädmum \>ät he svä miceles ge))äh, 
bei welcher Stelle Grein mit Recht auf I. Mos. 47, 18 — 20 hinge- 
wiesen hat. 

Dazu halte man 584 ff. : 

ongunnon sssläfe segnum dselan 

on ^dläfe, ealde mädmas, 

reäf*) and randas: heom on riht sceode 

gold and goldveb. Josephes gestreon 

Vera vuldorgesteald 



*) Man wird nicht mit Grein «Roben* oder Boaterwek (Cädmon I 259) «Raub 
(Gewand)* fibersetzen dürfen, sondern redf wird wie im ags. Walther brürme bedeuten. 
Bord und byrne bilden die Stäbe in Be^vulf 2673, Byrhtnoth 284, bym and hyrdu- 
ierüil Be6v. 2660 bord . . . byrnhomaa Jud. 192. 



ANGELSACHSISCHE STUDIEN 297 

Also an beiden Stellen ist von den Schätzen Josephs die Rede, 
einmal, wie der Ägypterkönig sie gewann, das andere Mal, wie die 
Israeliten sie wieder zurück erhielten. Erinnern wir uns, daß in II Mosia 
der Gedanke schon vorbereitet ist, so werden wir als den Grundge- 
danken der Ex<jduB erkennen die Wiedergewinnung der Schätze Josephs. 
Bei der Bedeutung, welche der Schatz in Leben ttnd Sage der alten 
Germanen hatte, wird man es trefflich linden, wie der Dichter die 
attbiblische Geschichte unter diesen Gesichtspunkt brachte. Der Kampf 
am den Schatz ist der nationale Gedanke der alten Erzfililung einge- 
gossen. Bei der Naivität, mit welcher die Angelsachsen biblische 6u- 
Bcbichte iu ihren Gedichten behandeln, darf ea uns nicht wundem, einen 
Dichter zu treffen, der bei der Wahl, Anordnung und Ausdehnung des 
Stoffes sich von einem nationalen Gedanken leiten läset. Der Dichter, 
der aber so arbeitete, mußte aber entweder ein Volksdiehter gewesen 
seiu oder an die Stelle eines Volksdiehter« haben treten, die alten 
Heldenlieder durch andern Stoff in ihre Form gebracht haben Ter- 
drängen wollen. 

Eine fortgesetzte aufmerksame Betrachtung des Gedichtes wird 
die Frage beantworten. Man wird bemerkt haben, daß ich die zweite 
Fytte vor der Hand übergehe, ich bitte dieserhalben um Nachsicht, sie 
wird an richliger Stelle ihre Würdigung finden. 

Die Einleitung hatte mit den Versen geschlossen 1 

fyrd väs gef^sed, from se ^e Imdda 
mödig magortesva mfe.gburh heora. 

Wie wir den Dichter kennen gelernt haben, der vieles nnr an- 
deutungsweise behandelt, so genügen ihm diese Verse, uro die F.ihrt 
der Israeliten bis zum rothen Meere zu schildern und mögen sie gleich 
vor 135 gestanden haben: 

J)£er on fyrd hyra feerspell becvom etc. 

Die Verse 145 und 151 geben die Motive an, wamm die Ägypter 
den Juden feind wurden und sie nun verfolgen. Vers 145 ist, wie Grein 
richtig vermuthet, änoig zu lesen, es wird gemeint sein, was 2 Mos. 2, IS 
erzählt wird. Die anderen Verse lauten 150 

voldon hie [>ät feorhiedn fäcne gyldan 
jjätle he })ät dägveorc dreäre gehöhte 
Moyaes leAde. 

Das he 151 muß sich auf Moses beziehen und dentcn die Verse 
auf den Tod der Erstgeborenen, wie Vers 199, wenn auch hier brddor- 
gyld immerhin auffallen muß. Das letztere Motiv kennt die Bibel eben- 
sowenig, aU sie aus dem von Moses veiUbtcn Todechlage die obigo 




298 STROBL 

FolgeniDg zieht. Der Oedanlce liegt zw&r sehr nahe und die Milsl 
KsoduB Diem. 169, 21 verwendet ihn ebenfalls: 

div chint ligent uns tot. nii habent si uns beroabot, 
ohne ihn jedoch wie unaer ags. Gedicht als Motiv in den Vordi 
zu stellen. 

Gieng unserem Gedichte etwas voran, das die vorhergehendeö 
Theile der Exodus behandelte, so wäre eine solche Wiederholung der 
ThatsacheD unerträglich. In unserem Falle ist aber die Exposition 
votlkommeD tadellos. „Qef^irlicbe Kunde kam den Flüchtigen, sie 
harren des Feindes, der längst alte Versprechen vei^essen, die Israe- 
liten bedrängt hatte, seit er um einen Einzelkampf ihnen gram wurde. 
Kon wollen die Feinde Rache nehmen, dafUr, daU die Israeliten das 
Tagwerk vergalten mit Blut." 

Wir stehen also am Beginne eines Gedichtes, das nach Art des 
epischen Volksliedes auf die Bekanntschaft der Hfirer mit dem Stoffe 
rechnen kann. In einigen kräftigen Zügen wird die Situation gezeichnet 
Die Worte tyräanon und Mslveard rufen ganz bestimmte Vorstellungen 
hervor, um wen es sich handelt wird Vers 141 klar, sc yldra cyning 
setzt bei dem Httrer dasselbe voraus, wie 

Hygeläces Jiegn 
göd mid Geätum. 

Nur wenn wir dem Gedichte gegenüber diesen Standpunkt eil 
nehmen wird der Ausdruck «e yldra cyning verständlich, jeder Dichter 
einer vollständigen Genesis und Exodus hätte sich dieses Ausdruckes 
nur bedienen kOnnen, wenn er innerhalb seines Gedichtes hätte Er- 
klärung finden können. Vergebens suchen wir nach einer solchen. Es 
bleibt nun also nur unsere Annahme. Steht diese fest, so darf uns, 
daß der Dichter auch weiters an seine Hörer dieselben Voraussetzungen 
stellt wie der eines epischen Volksliedes, nicht mehr Wunder nehmen. 

Zu ändern wird daher sein hyra, diese Beziehung hat der Dichter 
der Einleitung hergestellt. Etwa 

})£er on ijtA frecoe fterspell becvom. 

Die Verse 161 — 171 erregen Bedenken. An formelhaftem reiche 
Poesien wie die angelsächsischen fordern verschärfte Beobachtung, ob 
gewisse, geläufige epische Ausdrucke, Schilderungen auch am Platze 
sind. Wir haben es hier mit den Ausflthrungen zu thun, wie sie aga. 
Dichter bei Erzählungen von Kampfztigen lieben. 

Ich führe, um zu prüfen, nur drei Stellen an. Aus der Genesis 
die äine. Es bandelt sich um den Krieg der Elamiter u. a. gegen die 
Könige von Sodoma und Gomorrha. Da heißt es 1993 f. 



ter t ■ 



ANGEIiSÄCHSISCHE STUDIEN. 299 

sang se vanna fugl 

under deoredsceaftum de&vigfedera 

hr»8 on v8nan 
Eine Schilderung, die dort ganz am Platze ist. Unsere, die es, wie sich 
zeigen wird, nicht ist, die auch über das Formelhafte hinaus zur Stelle 
aus der Genesis stimmt, muß aus dieser entlehnt sein. Man vergleiche 
de&vigfedere 163 (nur hier und an der betr. Stelle der Genesis), vonn 164, 
»tes on y^nan 165. Daß aber die Schilderung in der Exodus nicht 
am Platze ist, zeigt deutlichst der Ausdruck ofer driktneum, denn es 
gibt noch gar keine Leichen, zu dem ist atol »fenleöd aus Vers 201 
entlehnt Unwahr ist filr unsere Stelle fledh faege gast foU vä$ gehnceged. 

Wie trotz des Formelhaft;en Dichter diese Formeln nur am pas- 
senden Platze mit den durch die Situation bedingten Verftnderungen ver- 
wenden, zeigen zwei weitere Stellen, die ich anfahren will Byrhtnoth 106 f. 

})ft veard hreAm fihafen, hremmas vimdon 
eam »ses geom : väs on eordan cyrm. 

Maßvoll ist auch der Dichter der Judith, wo er diese Formel 
gebraucht 

Die Juden ziehen gegen die Ässyrer 204 f. 

djnedan scildas, 
hlQde hlummon; })ä8 se hlanca gefeah 
vulf in valde and se vanna hrefn, 
välglfre fugel : vestan bogen, 
})ät him })ä })eödguman })ohton tilian 
fyUe on f«gum; ac him fleÄh on Iftste 
eam »tes geom ürigfedera 
salovigpäda, sang hildeleöd 
hymednebba. 

Trotz der breiten Ausführlichkeit geht der Dichter nicht mit einem 
Zuge ttber das hinaus, was in seiner Darstellung volle Begründung 
findet 

Die Verse 170. 71 haben offenbar die Aufgabe den Übergang 
von der Interpolation zum alten zu vermitteln, außerdem ist mir das 
Wort pegn verdächtig. Dieses, ein Lieblingswort der Genesis, in der 
es als Simplex zwölfmal erscheint, trifft man in der Exodus nur hier 
und außerdem das Compositum metepegn in der nach den bisherigen 
Erörterungen schon nicht zum Liede gehörigen zweiten Fytte. Es findet 
sich wiederholt in jedem größeren ags. Gedichte, als Sna^ elQOfi. nur 
noch in der Cynevulfischen Juliana. Cynevulf bedient sich des Ausdmckes 




298 STROBL 

Folgerung zieht. Der Gtidank« liegt zwar sehr nahe und die Miletfl 
ExoduB Diem. 159, 31 verwendet ihn ebcnfalle: 

div chint hgent uns tot. nu habent ai uhü beroubot, 
ohne ihn jedoch wie unser aga. Gedicht als MotJr in den Vorder 
zu Btellen. 

Oieng unserem Gedichte etwas voran, das die vorhergehenden 
Theile der Exodus behandelte, so wäre eine solche Wiederholung der 
Thatsachen unerträglich. In unserem Falle ist aber die Exposition 
vollkommen tadellos. „Gefährliche Kunde kam den Flüchtigen, sie 
harren des Feindes, der längst alte Versprechen vergessen, die Israe- 
liten bedrängt hatte, seit er um einen Einzelkampf ihnen gram wurde. 
Nun wollen die Feinde Rache nehmen, dafdr, daU die Israeliten das 
Tagwerk vergalten mit Blut." 

Wir stehen also am Beginne eines Gedichtes, das nach Art des 
epischen Volksliedes auf die Bekanntschaft der Hörer mit dem Stoffe 
rechnen kann. In einigen kräftigen Zugen wird die Situation gezeichnet. 
Die Worte vräcmon und lättveard rufen ganz bestimmte Vorstellungen 
hervor, um wen es sich handelt wird Vers 141 klar, »e yldra c^ntirij 
setzt bei dem Hörer dasselbe voraus, wie 



göd mid Gedtum. 

Nur wenn wir dem Gedichte gegenüber diesen Standpunkt täai 
nehmen wird der Ausdruck *e yldra cyning verständlich, jeder Dicht 
einer vollständigen Genesis und Exodus hatte sich dieses Ausdm 
nur bedienen können, wenn er innerhalb seines Gedichtes hätte 1 
kifirung finden können. Vergebens suchen wir nach einer solchen. 
bleibt nun also nur unsere Annahme. Steht diese fest, so darf n 
daß der Dichter auch weiters an seine HUrer dieselben Vorauseetzui 
stellt wie der eines epischen Volksliedes, nicht mehr Wunder nehm 

Zu ändern wird daher sein hyra, diese Beziehung hat der DIcl 
der Einleitung hergestellt. Etwa 

))8er on fjrd frecne fterspell becvom. 

Die Verse 161 — 171 erregen Bedenken. An formelhaftem i 
Poesien wie die angelsächsischen fordern verschärfte Beobachtung, I 
gewisse, geläufige epische Ausdrucke, Schilderungen auch i 
sind. Wir haben es hier mit den Ausfuhrungen zu tbun, 
Dichter bei Erzählungen von KampfzUgen lieben. 

Ich fiihre, um zu prüfen, nur drei Stellen an. Aus d- 
die äine. Es handelt sich um den Krieg der Elamiter u. a. 
Könige von Sodoma und Gomorrha. Da heißt es 19Ö3 f. 



ANÜKLSÄCHSISCHK STUUIEN. 



301 



die Antitliese durch die dazwischen stehenden Verse ziemlich abge- 
schwächt ist, geradezu läppisch. 

Äutechluß über den Sachverhalt giebt das zweite Bach Mosis. 
Cap. 14, 13 beruhigt Moses das Volk, Vers 15 folgt die Aufforderung 
Gs}ttee an Moses den Stab zu erheben und das Meer zu theilen. 

Die Verse 2ö9— 275 enthalten so ziemlich eine Paraphrase der 
BibdvBTse 13 und 14 in 11 Mos. Cap. 14. Die Verse 278 ff. sind aber 
nicbt entsprechend Vers 15 der Bibel im Munde Gottes zu denken, 
sondern Moses spricht sie. Vgl. 280: 

hü ic silfa sloh and ]tei's svidre band 
greoe täne gärsecges de6p. 

Die Verse 259—277 sind zu streichen. Die Aufforderung ne beiSd 
ge p§ forhtran 259 ne vittaJ eöv ondrtedan 266 ist unpassend und über- 
äUsiiig nach Vers 218, nach dem Verbalten der" Israeliten, wie es sich 
der Dichter der vierten Fytte vorstellt. Und dieses Verhalten ist aller- 
dings ziemlich unbibliscb. 

Moses eiit vor das Heer sowie es versammelt ist und verrichtet 
vor dessen Augen das Wunder. Ein Interpolator sucht die Erzählung 
der Bibel näher zu bringen. Er schaltet nach 258 eine Paraphrase von 
II Mos. 14, 13 und 14 ein. In dem Worte 278 ff. glaubt er eine Über- 
setzung von II Mos. 16 zu finden. Da in der Bibel der Herr die Worte 
spricht, so schiebt er zur Verbindung 276. 277 ein. 

Vers 353 — 361 müchte ich wieder für eingeschoben halten. Sie 
fuhren von dem sonst so strenge eingehaltenen Gedankengange ab. 
Doch lässt sich das wegen der LUcke vor 446 nicht sicher darlegen. 
Gewili ist aber die sechste Fytte unecht 

Wir haben oben schon Bedeuklicbea im Sprach gebrauche gefunden, 
daß sie die Erzählung der Vorgänge am rothen Meere gewaltsam un- 
terbricht, liegt zu Tage. 

Zu Vers 446 {3375 Bou.) bemerkt Bouterwek: „Hier knüpft die 
meisterhafi auch künstlerisch ausgearbeitete Darstellung von des ägyp- 
tischen Heeres Untergang an 3259 (.S30 Grein) an." Es ist dieü un- 
möglich, vor 446 muü etwas fehlen, solche Sprünge sind unserem 
Dichter nicbt zuzutrauen. Auch was das Loh künstlerischer Ausfühning 
anlangt, so wird dasselbe auf die vorliegende Überlieferung kaum 
Anwendung finden können. 

Vers 447 geofon de/ide hveöp sagt dasselbe wie Vers 477 brlm- 
heratende bWdegsan hveöp; wie 447 das Verbum, so entlehnt 446 dem 
sptltercn Verse das Wort hlSdegm, dem ßödegsa nachgebildet ist. Vers 
448 vip.ron beorhklidu blodi bestemed sagt dasselbe wie 476 väa seo heevene 



lyft heolfre gt^landen. Vers 455 heißt es ne pter <snig becvom hergea W 
häme, daeeelbe wird 507 noch einmal gesagt for päm päs herige» häm 
eft ne com eenig l3 läfe. Vers 463 sagt randbyHg vwrim rofene, doch 
hinwiderum 467 heäh ofer käledwn hohnveall äatäh und hobnveall meint 
doch dasselbe wie randbyrg, die Wellenberge. Vers 466 steht mitten 
iD der Schilderung der Noth so unpassend als möglich vigbord scinon. 

Die Verse 446 — 466 sinl zu streichen, sie enthalten Wieder- 
holungen dessen, was an späterer Stelle passend gesagt ist, verwirreo 
die durchdachte geordnete Erzählung. Denn während die Interpolation 
die Noth der Ägypter malt, ist 467 ff. erst von der Bedrängniss der 
Israeliten die Rede, der Ägypter Untergang wird erst später abge- 
handelt. 

„Hoch über den Helden stieg der Flutwall in die Höhe, die 
Schaar war in Todesndth, ihr Fortgang behindert durch Nachstell ungen, 
der Sand wartete wann die Woge käme, die die Feinde ergriff"... 
das ist doch nur die Schilderung der Situation der durch das 
Meer ziehenden Israeliten. Unheimlich geßlrhiich ist da durch zu 
wandern, es dreuen die MeereswSnde, die den Sand suchen, den ge- 
wohnten Pfad, der Fortgang ist gehindert, offenbar durch die an- 
greifenden Ägypter. Das sagen deutlich die zusammenfassenden Verse: 
„Es war die blaue Luft mit Blut erfüllt, das Meer drohte Schrecken, 
der Seemänner Weg, bis Moses Hand die Muthige entfesselte" und 
so die Israeliten befreite. Der Dichter muß also geschildert haben, 
wie die Ägypter die Juden erreichten, sie im Kampfe bedrängten, 
während die Wellenberge mit andern Schrecken drohten, bis Moses 
dem Kampfe ein Ende macht*). 

Nun rechtfertigt sich auch, warum der Dichter der Schilderung 
der kampfbereiten Heere so bedeutenden Platz eimäumt, die betreffenden 
Verse erscheinen nun nicht mehr müßig. 

Mit 481 erst beginnt die Erzählung des Unterganges der Ägypter. 

Grein und Bouterwek haben sich durch den Interpolator irre 
machen lassen und beziehen die Verse 467 — 478 auf die Ägypter. 



*) Dem Dichter acbwebt bei dieser Stelle offenbar BeAv. 2270 vor: 
hordTj-nno fond 
eald nbticeaita opene atandaD, 
ta pe b^meode biurgu »icvS 
nacod niddr&ca. 
Wie ein naeud njiBioda lucbt die See die alten StSttcn wieder aaf. Es i 
liugnen, daß unser Dichter sein Vorbild achfln und solbstKndig benuliL Keine 1 
wandtachafl trotz des Shnlich klingenden Ausdracka zei^ mit unserer Stelle Dam«! 
63S nacod n^ilgenga, womit Nabucbodonosor bexeichnet isL 



■ »^1 




ANGELSSCHSISCHK STUDIEN. 



303 



VerB 519- 530 berufen sich auf die h. Schrift, eine BerufuDg, 
die, Bo häuäg sie in der age. Oenesis sich Budet, in UDeerem Gedichte 
nur au dieser SteUe erscheint. Die frommen BetrachtuugeD, welche der 
Anfang der VIII. Fytte enthält, verbreiten sich über die beliebten 
Themen Himmel, Hölle, jüngstes Gericht und sind hier gar nicht am 
Platze. Die Worte 551" f. vundor ongeton, madiges müdhwl (vt. m. fasse 
ich als Apposition zu wndor) dUrfen von dem durch Moses Worte 
hervoi^enifenera Wunder Vers 478 ff. nicht so weit getrennt werden. 
Die Verse 555—563 bringen unpassend die VerheiÜUDg Canaans^ woftlr 
in der Ökonomie unseres Gedichtes kein Platz ist. Vers 567 ist inso- 
ferne verdächtig, als ja nicht der vuldrea bedm, der in den echten 
Theilen keine besondere Rolle spielt, sondern des Moses Wunder die 
Juden gereitet hat. Die Verse 570—573 sind inhaltlich unbedeutend 
und ungefüge gebaut. Ich streiche daher 515—547. 555 — 563*). 567 
bis 573, wodurch wir einen wohlgefUgten planmäßigen Schluß erhalten. 

Ich lasse den kurzen Gedankengang des von mir aas der Über- 
lieferung ausgehobenen Gedichtes folgen. 

135 — 153. Gefahr verkündende Maere kommt den Wanderern. 
Es erwartet der Vertriebene den leiden Verfolger, der das Volk schon 
längst bedrängt, vergessen hatte, was der alte König einst versprochen, 
als er Erbe ward der Völker, An all das dachten sie nicht, seit gram 
wurden die Ägypter um eines Faustkampfes willen. Nun wollen sie 
Rache nehmen dafür, daß Moses die Frohnarbeit mit Blut zahlte. 154 — 160. 
172—199. Aufzug dos ägypt, Heeres. 200-207. Schutz der Israeliten 
während der Nacht 208— 215. Nachtwache. 215-246. Aufruf des Moses. 
Aufzug der Israeliten. 252—258. 278—360 Anrede des Moses. Wunder. 
Das Israel. Heer zieht in das Meerbett. — Lücke. — 467—514. Die 
Israeliten überfallen durch die Ägypter. Wunder Moses. Untergang der 
Ägypter. 548 — 554. Anrede Moses angesichts des Wunders. Groß ist 
die Menge, aber der Heerführer stark, der Hilfen größte die dieses 
Heer fortleitet. 564 — 566. 574—578. Freude, Jubel des Volkes, das nun 
erst am Lande ist. 578 bis Ende. Schlachtbeute. Wiedergewinn der 
Schätze Josephs. Schluß. 

Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe wird klar, daß wir eB mit 
einem einheitlichen, künstlerisch aufgebauten Gedichte zu thun haben. 
Wer die von mir ausgehobenen Stellen im Zusammenhange liest, wird 



') Die Eiodai kennt noust (6 
erballenem Reduplicalionevucal hehl, 
aetne die Bemerkung in die Kote, weil ii 
wechseln u. i. U. im Daniel neben 16 hit 



177. 26*) V 



häUm nur die Form mit 
contrahierte gthH. Ich 
■□ch sonst die Formen 
3 VeiH 701 erscheint. 



304 STROBL, ANGELSÄCHSISCHE STUDIEN. 

dieß noch deutlicher erkennen. Die Lücke muß, das können wir bei 
dem symmetrischen Bau schließen, den Zug der Ägypter in das Meeiv 
bett enthalten haben, dem der Angriff auf die Israeliten gefolgt sein muß. 

Wenn der gesammten geistlichen Litteratur der Angelsachsen der 
Stempel des Volkstlittmlichen aufgedrückt ist, so geht unser Dichter 
weiter. Er wählt aus der bei den Deutschen so beliebten Exodus den 
ihm und seinen Hörern zusagenden Stoff, legt ihm einen Grundgedanken 
unter und behandelt ihn auf seine Weise. Der Bibel gegenüber ver- 
hält er sich vollkommen frei, er hat sie wohl nicht vor Augen gehabt, 
dichtet aus Erinnerung. Denn nichts deutet auf eine unmittelbare Be- 
nutzung der Bibel durch unseren Dichter. 

Ebenderselbe Umstand erschien einem späteren Interpolator ein 
Mangel. Ihm verdanken wir alle jene Stellen in welchen eine Vermitte- 
lung mit dem Bibeltexte gesucht wird, die oft unglücklich genug (Vers 
259 — 277) ausfällt. Demselben Streben verdankt auch die ganze zweite 
Fytte ihre Entstehung. Der Interpolator, ein ziemlich nüchterner Kopf, 
sucht seiner Interpolation durch Verwendung formelhafter Ausdrücke 
den Schein des echten zu geben. Wie unglücklich er dabei ist haben 
wir gesehen, die zweite Fytte verdankt ihm ihren unerträglichen Schwulst. 
Wo er aus dem ersten Grunde keinen Anlaß zu Interpolationen hat, 
bringt er dieselben oft bloß aus Liebe zum Pathos an. Von solchem 
Schwulste ist freilich die Interpolation 259—277 frei und könnte man 
daher zwei Interpolatoren annehmen. Doch da die zweite Fytte den 
Schwulst zeigt, wie das Bestreben, aus der Bibel die vergessene Wolken- 
säule und die Feuerzeichen zur Nacht nachzutragen, so werden wir 
wohl sagen müssen^ in den Versen 259 ff. habe der Interpolator dem 
Bibeltexte gegenüber in der Paraphrase der Rede seiner Gewohnheit 
Zwang angethan. 

Von diesem Interpolator ist aber jener verständige Kopf, dem 
wir die Einleitung verdanken, zu trennen. 

Erst bekam das Qedicht die Einleitung, dann folgten die Inter- 
polationen, endlich wurde die Einleitung wieder interpoliert 

In der Halle Heort 

väs hearpan sveg, 
svutol sang scopes. sägde se })e cüde 
frumsceaft fira feorran reccan, 
cväd {)ät se älmihtiga eordan vorhte 
vlitnebeorhtne vang u. s. f. 

Beöv. 89 ff. 



STROBL, ANGELSÄCHSISCHE STUDIEN. 306 

Wenn auch die Einleitung dem ursprünglichen Beövtdfliede nicht 
angehört, so darf sie doch hier angezogen werden, um nachzuweisen, 
daß schon früh an Höfen die alten Heldenlieder durch Lieder von 
geistlichem Inhalte verdrängt wurden. Wenn mir also der Nachweis 
gelungen sein sollte, daß in der ags. Exodus ein besonderes Gedicht 
von den Schicksalen der Juden am rothen Meer sich erkennen lässt, so 
wäre das keine ftlr die ags. Litteratur unerhörte Thatsache. Dem- 
selben Jahrhundert — E. Müllenhoff setzt die Zusätze zu den Be6vulfs- 
liedem wohl mit Recht ins achte Jahrhundert — gehört ein anderes 
Zeugniss an. 

Beda erzählt in seiner Earchengeschichte von dem Northumbrier 
Cädmon. Dieser, ein Dienstmann des Klosters HeorteA^ des Sanges un- 
kundig, flieht, als er einst durch die Aufforderung zu singen beschämt 
war, in die Einsamkeit Im Schlafe erhält er die Qabe des Gesanges 
und die Aufforderung die Schöpfung zu singen. 

Eine Handschrift des Beda theilt eine Strophe northumbrisch mit. 

Auch hier geistlicher Stoff, in jenen Kreisen, die einst das natio- 
nale Heldenlied gesungen hatten. 

Wir haben auch für die echten Theile unseres Liedes Benutzung 
des Be6vulf nachgewiesen. Eine Benutzung der unechten Partien des 
B. dagegen ist nicht nachzuweisen, denn eine gleich richtige Ver- 
wendung des Wortes folctoga^ die imser Gedicht übrigens mit anderen 
theilt, lässt noch auf keine Benutzung schließen. In die Zeit zwischeu 
die Entstehung der echten Theile des Beövulf und die der Zusätze 
wird also wohl unser Gedicht zu setzen sein. 

Die echten Theile des Beövulf setzt es voraus. 

Die Zusätze des Beövulf hinwiederum kennen schon die That- 
sache der Verdrängung altnationalen Stoffes im Liede durch geistlichen. 

MÖDLING, im Jani 1876. 



GERMANIA. Neue Reibe YIII. (XX. Jahrg.) 20 



CEDERSCHIÖLD 



rE^^ 



ZDE TEXTKRITIK VON VIER ROMANTISCH 

SAGA'S. 

RiddaraaSgnr: PBrceTaUsaga , VAlvera)>fttr. IvEDtssaga, Mirmanasaga. Bermwg«geben 
TOD Dr. Eugen Kstbuig. 8traDburg 1872. 

A!a ich vor einigeri Wochen den Cod. Holm. 6, 4" — um einen 
Theil desselben abzuschreiben — hieher nach Lund entlehnt hatte und 
auf der hiesigen Universitfttsbibliothek benutzte, fiel es mir ein, za 
vergleichen, wie Eölbing diese Handschrift, auf welche er seine Ao»- 
gabe jener vier Riddarasägur gebaut, wiedergegeben hätte. Die Unter- 
suchung wurde sehr bald von größerem Interesse, als ich es erwartet 
hatte; ich habe sie deßhalb zu Ende: geftihrt und alles, was sich von 
jenen Saga's in der Membrane befindet (nur mit Ansnahme einiger 
schwer leserlichen Stellen) — also bis p. 165 Z. 16 bei Eölbing — mit 
der Ausgabe verglichen. Was ich dabei aufgezeichnet, theile ich hier 
meietentheils mit; nur bedaure ich, daß mir die Zeit nicht erlaubt hat 
die Handschrift mehr als einmal zu durchgeben; es sind gewiß viele 
Dingo meiner Aufmerksamkeit entgangen und VolIstKndigkeit kann 
nicht erreicht sein; doch für die Richtigkeit meiner Angaben darf ich 
einstehen, da ich die betreffeudeD Stellen mehrmals nachgeschlagen 
und geprüft habe. 

Th. MöbiuB hat in der „Zeitschrift flir deutsche Philologie" Bd. V 
p. 217 — 25, eine sehr interessante und inhaltsreiche Anzeige der „Ridd- 
araaögur"' geliefert. In der Regel werde ich die von ihm schon be- 
sprochenen Punkte nicht berühren ; eine erste, allgemeinere Bemerkung 
aber will ich an eine Autierung des hochverdienten Mannes ankntlpfeu. 
Er sagt (a.a.O. p. 218): „Übersicht des Inhalts und Columnenflber- 
Bchriften werden ungern vermisst. " Gewißt und Kölbing hat flberdieß 
noch die Capiteltiberscbriften der Handschrift gänzlich aus- 
gelassen. Diese sind mit rother Tinte geschrieben, zwar zum Theil ein 
wenig verwischt, jedenfalls aber nicht undeutlicher als die zwei ersten 
(ebenfalls rothen) Zeilen der Parcevalssaga , die Kölbing doch hat 
lesen können. Die Überschriften der ersten Capitel der Parc. e. gebe 
ich hier (meistens normalisiert) als eine Probe: 

|Cap. n] Parceval kom fil Artus konungs. 

[Cap. III] Parceval drap ratida riddara. 

[Cap. IV] loTtet aegir konungi frä Parceval. 




A 



r 



ZUR TEXTKKITIK VON VtER ROMANTISCHEN SAGAS- 30 7 

[Cap. V] (Parceval) .... (p)rotta gada manni [= Rirceval 

nam tpröttir af hinum göda mannt.'l. 
[Cap. VII Äf gada manni oft Parceval. 

[Cap. VII] Hai-nüölur jungfrüinnar [Ende nicht ganz Bichev]. 
[Cap. VIII] Parceval lalar mS meyna [Ende etwas undeutlich]. 
[Cap. IX] Frd Klamadlo konunffi ok hans mönnum. 
[Cap, X] Parceval vann yfir Klamndiuvi konung. 
[Cap. XIj Parceval k«m [ergänze: ti(\ konuiiga ok ßskimanns. 
[Cap. XIIJ Pjrceval fretti [elwaa undeutlich] dauda nuSdur sinnar. 
[Cap. XIII] Frd Parceval ok drambldta riddara. 
[Cap. XIV] Kcei feldr af balä. 

U. 8, W. 

Diese Überschriften, die, wie man eieht, nicht alles Interesse ent- 
behren, würden die Übers ichtlichkeit des StoSes erleichtert haben. 
Kölbing hat sie nicht einmal erwfthnt. 

Bevor wir zu unseren specielleren Bemerkungen übergehen, 
sehiuken wir die Erinnerung voraus, daß wir für die richtige Classi- 
fication der hierunten angeführten Fehler gar nicht verantwortlich sein 
wollen; wenn wir einen Fehler, vereinzelt oder wiederholt, fanden, war 
es uns oft unmäglich zu schließen, ob er vom Heraungrber oder vom 
Setzer herrührte — - besonders da die Druckfehler so zahlreich sind, 
was in einem Buche, das der Verfasser selbst zur „Leetüre für An- 
fänger" (s. Vorrede S. I) empfiehlt, nicht wenig befremden muß. 

Für Druckfehler also halten wir erstlich die folgenden ent- 
weder mangelnden oder irrigen Längezeichen : 4" nalWiran (vgl. 64'*, 
103", 108* 140*, ]45«J; — 13'* i; — 17'"';»« (auch 77'^ 79«. 131'"); 

— 18^» mer (ebenso 67^"); — 20^ folkü (vgl. 22"*, 23', 147'*, 154"); 

— 32' pär; — 57* halfdauda; — 66" hmkavad (vgl. 121'); — 77* 
viUUi; — Tg" Ogn; — 80'* nand; — 84' Garit; — 86* Hvarrgi; — 
lOe'UjÄTi;— 108*faima;— 108" «v«; — 108'* 6o^i"(,- — lOä" svik/a; 

— 115' 6k; — nV^mltt (auch 118');— U8" fridley»i; — U»*" pinn; 

— Ui*" jarngtafnum (vgl. 122'«, 128«); — 122"* »kdlf; — 125» intr0- 
in; — 125'* pät; — 131'* rMr; — 146" akoe^inn; — 153* midti; — 
157" eiUfrar (vgl. 157'»); - lfi4* pys; — 164'* Ifß. 

Ferner 5'* raneaka lies rannaaka; — 9'* rinti I. hriiAi; — 32" 
paU 1. pat\ — 38" (17/ 1. til; — 69* hvdra- \. hvärra-; — 69* Hin 
1. Hinn-, — 69»" tjedi I. te-di; — 99* hefr 1. hefir\ — 104' pdra 1. 
peirra\ — 107" afsetr 1. afsettr; — 110'" kwmi 1. keemi oder kvWmi; 

— 115' värar 1. vdrrar; — 131" Öttadist 1. ÖttaStst; — 132" syst- 
urr 1. ii/stur; — 140' giördist I. gjöriitt {vgl. 145'" ", 146'''" '", 

20* 



308 CEDERSCHIÖLD 

156», 157'); — 161* gjäri 1. fl/ör*; — 162" os I. oss', — 165'** spahara I. 
psaüara. 

Soweit die Druckfehler. Obgleich zum Theil störend und viel- 
leicht den Anfänger irre machend, könnten sie fast alle ohne Benutzung* 
der Handschrift berichtigt werden. Schlimmer sind diejenigen, dem 
Herausgeber zur Last zu legenden Fehler, die durch ein Zusammenhalten 
des Textes mit der Hs. sich ergeben. Ehe wir dazu übergehen, theilen 
wir, der Übersicht wegen, unsere Bemerkungen in folgende ftlnf 
Rubriken ein: I. Die Orthographie; II. Stillschweigendes Corrigieren; 
ni. Die Noten; IV. unsichere Stellen; V. Unnöthige oder unrichtige, 
vom Hrsgb. nicht angemerkte Veränderungen. 

I. Was die Orthographie der „Riddarasögur^ betrifft, hat Möbius 
(cit Schrift p. 221) nachgewiesen, daß sie zum Theil allzu alte, zum 
Theil allzu junge Formen darbietet. Wir wollen nur nachsehen, in wie 
fem die Pflichten gegen die Handschrift erftlllt sind. 

Daß man zuweilen im Texte ein Wort entweder auf eine von 
der normalen Bechtschreibung abweichende Weise geschrieben oder 
in zwei verschiedenen Formen findet, kann — wenn es auch mit der 
von Eölbing (p. IL) ausgesprochenen Absicht, er wolle die Orthographie 
normalisieren und durchaus einheitlich machen, nicht recht wohl stimmt 
— doch gar keinen Anstoß erregen. Nur möchte man in solchen Fällen 
gern glauben, ja, man hat das Recht zu fordern, daß sich der Hrsgb. 
dem handschriftlichen Gebrauch jedesmal näher angeschlossen habe. 
Dieß ist aber sehr oft nicht geschehen, wie wir es durch einige Bei- 
spiele zeigen werden. 

Die Präposition dr wird in A*) fast immer or geschrieben; ur 
finde ich nur bei 40* und 112'* (vr hudkinü), vielleicht auch 12", wo 
der Vocal imdentlich ist ; an diesen Stellen schreibt EL, wie billig, Ur. 
Das handschriftliche Or behält er anfangs, wie 5', 6®, 8'*, 9', 14®, dann 
beginnt er es in ur abzuändern, wie 18'*, 19', 22", 29«', 30«*, 34'', 
50'*, bl^ «•, 52««, 58*, 59*, 60', 62^ 63'* '♦ (dreimal), 68'*, 70«^ 81*, 
84'*, 85'*, 98^ u. s. w.; wieder lässt er das or erscheinen 116'*, darauf 
ur 117", 119«*, und endlich ikr 142* {prlaum\ 147* (orÄfairdTar), 147*', 
149", 155^' '*' '»u. s. w. Welche Verwirrung! 

ei ftJr e, wenn ng folgt, ist in A die Regel; eng kommt — For- 
men wie fengi 107'" (wo K. feingi schreibt; vgl. 68«*, 119'*, 126««, 
150'), die wohl eigentlich e haben oder wenigstens gehabt haben, aus- 
genommen — meines Wissens nur zweimal vor, in Mnga 20'* und 



*) Mit diesem BucbsUben beseichnen wir mit Kölbing den Cod. Holm. 6, 4^. 



ZUR TEXTKRITIK VON VIER ROMANTISCHEN SAGA'S. 309 

lengi 110®; auch hat sich K. (s. p. L) entschlossen eing zu schreiben. 
Wider die Hs. und seine eigenen Worte schreibt er doch eng 11**, 
14*», lö**' **, 18«*, 23«*, 31* ifengü] das vorangehende gengit ist in A 
verkürzt), ir\ 82«, 86«* ", 94", 106«, 114«* 

A hat 6' beisl und 135«® brigzli-^ Ersteres, in dem s zu behalten 
wäre, wird von E. beizly Letzteres, in dem z allein berechtigt ist, 
hrigsli geschrieben. 

Als Neutr. Part. Prät. des Verb, skilja braucht A skiU 11>«, 14»*, 26«*, 
115««; diese Form ändert E. an den beiden erstgenannten Stellen in skilUy 
lässt sie aber an den beiden letzteren stehen. (132« schreibt er mit A skäü.) 

Die 2 Sg. Imperat des Verb, halda kommt in A in der Form 
halt vor, 4^ und 58^; am letzteren Orte hat sie E. ganz unnöthig in 
hald abgeändert 

A lässt sehr oft die Endungen der 1 Sg. (Präs. Ind. und Conj. 
nebst dem Prät Conj. sämmtlicher und dem Prät Ind. schwacher Verba) 
mit denen der 3 Sg. zusammenfallen; statt diese (ziemlich jungen) 
Endungen an den betreffenden SteUen entweder gar nicht oder überaU 
zu behalten, hat sie E. zwar in einer Menge von Fällen stehen lassen, 
die handschriftlichen Formen aber ek bidr 67', 95^®, 131*, geft* ek 113« 
ek 86r 92", ek hefir 68", 81", 96", 103 '^ heyrdi ek 81«*, ek hefdi 
82*®, ek vüH 126" gegen die gewöhnlichen normalen vertauscht. 

Die Form bädi (statt des mehr tlblichen bcBdi) kommt in A 7«^, 
109«», 123", 131«^, 147««, 149«, 151»«, 154" vor; nur zweimal, 149« 
und 151^, hat es E. behalten. 

E. scheint, wenn man aus der Note p. 63 schließen soll, die- 
jenigen Formen in A, denen der u-Umlaut fehlt, behalten zu wollen; 
warum also 28^ akömm (A: aka) schreiben? Skamm kommt tlbrigens 
auch als Neutr. vor, s. Cleasby-Vigfüsson's Dictionary p. 565. 

A hat 119' godziy 130«*» *« godz-, auf p. 130 schreibt E. göSz, 
auf p. 119 aber gazi. (131«^, wo A gozinu hat, schreibt er gözinu,) 

Die verschiedenen Formen des Wortes h^ott pflegt E. genau 
wiederzugeben ; warum nicht auch mit A 154*, 158« i hraut und 64** 
i broftu schreiben? 

A hat femer: 146«« einshverjum eben so gut wie 151** einshverja, 
— 147« eyi-endi wie 146**, 147». — 42", 43^ «• Saibaz wie 42*^ ", 
43*«* "; — 126«* riokkiu, das nicht wie die andern Formen des Wortes 
rekkja (64*^ ♦, 67«^ «», 70««) angeführt wird. 

Das Obige mag genügen um zu zeigen, daß E. beim Normali- 
sieren nicht selten mit einer Willkür verfahren ist, die ebensosehr den 



310 CEDERSCHIÖLD 

SachverBtändigen über die haudBchriftliche als den Anfänger aber 
norniaJe Form in Ungewißheit lässt. 

Über die Schreibart einzelner Wörter bemerken wir äberdie^. 
Folgendes: A hat 25** ■pitiltiadögum, 75* pikiadögum, K. schreibt (wj 
scheinlich nach Fritzner) pilcisd.; es scheint doch ziemlich sicher, 
man (mit Vigfüßson, Dict p. 476) pihtcit- zu schreiben hat, denn 
dem schwedischen „piHjst" (vgl. Pfingsten, pentacoste) erhellt, daß 
in pikkis- eine der im Altn. tiberaus gewöhnlichen ABsirailationen aus 
nk oder ng in kk vorliegt. — 77* hat A klokku-, von K. in klukku- 
geändert; Vigfüason (Dict. p. 344) filhrt auch die Form klokka, und 
zwar als die ältere, an. — 85" achreibt K, vag/all; warum sollte das 
handschriftliche vatxfaU nicht eben so gut sein? — 103'* Vrient (_auch 
96"), wie K, schreibt (A hat urient, 96" allerdings vrient), ist in nor- 
malisiertem Altn. ein Unding. — 134* hat K. den kürzeren Dativ peaai 
(A) ganz uunöthig in pessari verlängert — 136' 'völkurn (K.) ist eine 
Form, die wohl nie existiert hat, denn die Dehnung des o vor l mit 
nachfolgendem m, f, p, g oder k scheint von gleichem Alter zu sein 
wie der «-Umlaut des a in ö (s, K. Gialitson: Forandringer af Qvan- 
titet' i OldnordiBk-Islandsk, in den „Aarböger for Nurd, Oldk. og Hist." 
1866, p. 24S); man hat also das volkfi (A) mit välkum wiederzugeben 
(uo steht ftlr vd, wie gewöhnlich; vgl. Rölb. p. L). 

IL Offenbare, leicht zu berichtigende Fehler der Hb. hat K. bei 
corrigiertem Texte manchmal in den Noten angeführt, ebenso oft aber 
nicht. So bat er 27 *), 100*), 140=), 150") u. ö. mitgetheilt, dali ei- 
Wörter von A gestrichen hat; er hat aber vergesaen zu sagen, daß A. 
32" at sönitu zweimal (erstes Mal am Ende der p. 49b, letztes Mali 
im Anfange der p. 50a) hat, 61** porir zweimal, 95" pin zweimal,. 
102^ gü /umn hin frida. Dali in A Wörter übersprungen sind, 
3"), 5')'), 6'), 8'), 14';, 15'), 16^), 17 ') u. ö. bemerkt, aber nicl 
betreffend 62"* pd gikk hann, 66' kerra Valver, 106' pviat han\ 
hafdi sagt. Sonstige kleinere Fehler werden angeführt z. B. 14 
30*), S.-)"), 36«), 44 '), 66 •), 123-''), 141 '), 145 ») *), 155 ') •); nichi 
bemerkt wird, daß A hat: 3"* Bvinnin für meitininn, 13' Aueren 
hvernin, ll"' fngur f. fagrt, 23" synyz f. synial, 2A^ j gudt fnd £ 
guda fridl(7), 24« hafthafa, ZV undarlik i. undarligt, 38"» Aönui 
f. kottungsinS, 49' heimnum oder heminum f. Aefminum, 57" hino t. hü 
63* ok gkildinum f. oT ikildinum, 86 ' akildinnir f. skildirttir, 9! 
f. kifik, 95' ef ef f. e/ ek. 95'* ath pu 'fyrtr laief f. fyrirJätir 
janfmiok f. jafnmßk, 112" mer «er f. med ser, IW lyrbd f. byrfft 
124»» gtfiRi f. slfUi d. i. starrt, 125" ««■ f. var, 141* Uuig f. ianj 



die4^| 
dad^l 



Lv 



ZUR TEXTKRITIK VON VIER ROMANTISCHEN SAQÄ'S. 3U 

\ib'* jaß>eli. jajnvel, 146'* komirriar f. konunaar, lÖö'" fftodi i.gjürdi, 
161'* hejfri f. hfyra. 

Es dürfte nicht ohne Bedeutung «ein, wenn Fehler wie diese — 
man könnte sie „lapBus calami" der alten Schreiber nennen — in den 
Ausgaben exact belegt werden. Denn, auch davon abgesehen, daÜ 
ein Bolcher Fehler dann und wann auf mehr als eine Weise (und zwar 
auf eine besaere als diejenige, welche sich zuerst darbietet) berichtigt 
werden kann, oder daii er bisweilen von einer wirklichen, wenn auch 
irrigen Aussprache herkommt (dieli ist vielleicht der Fall 86' und 146'*, 
s. oben) — haben diese lapsus fiSr die Textkritik ein ganz besonderes 
Gewicht dadurch, daß sie oft bei der Behandlung von Stellen, die 
weniger leicht zu corrigieren sind, als ein trefTIicher Leitfaden dienen 
können*). Um hier nur ein Paar Beispiele anzuführen, w&ren die Schreib- 
art byrbd für hyrgd (s. oben) zu brauU ftlr grauü (30"; h. K. Berich- 
tigungen p. 219) und das janfmiok (s. oben) nicht nur zu daulizat f. 
dvalizt (s. 123'* und Note 3), Bondem auch zu ofranad f. iSfarnad 
(159"; 8. MöbiuB p. 223) gute Seitenstilcke gewesen. 

III. Bei denjenigen Änderungen des Textes, die nicht zu den oben 
bcBprochenen gezählt werden können, hat K. meietentheils in den FuU- 
noten die handschriftlichen Lesarten angegeben; in so fem diese richtig 
mitgetheilt sind, brauchen wir uns dabei nicht aufzuhalten, denn in 
Bolchen Fällen kann der Leser ohne die Hb. selbst zu sehen über die 
BefugnisB der Änderungen urtheilen; auch hat Möbius schon bezüglich 
mehrerer Stellen erwiesen, dali die Lesarten von A zu behalten sind**). 
Was wir zu zeigen haben, ist, daß K. einigmale in den Noten die Les- 
arten falsch oder ungenau angegeben hat. 

*) Eine geecbickt EDSunmengeBtellte Statistik der lapsos cklflmi der sHinmt- 
lichea situ- Hacdacbriflen wOrde in det Hsnd des Teitkrilibera ein sehr nQtElicheB 
HilfabQch aetn. Wir zweifeln Dicht, daß das BedUriniu in der Zukunft eine Arbeit 
dieser Art veranlaasen «erde. 

•*) Wir köDUBD nicht umhin nebenher noch ffir die folgeoden Stclleo dio Les- 
arten der Hs. lu vindiciereD xn Buchen. 6" Hann kytti hana p6 at 'namlga (K. iadert 
in nari^H), vgl. Clea^by-Vigfiisson's Diet. p6 B III, 2, wo das Beispinl g^ pA mir pö 
Ol üveräagri (da miM qaamvis indignte) ans Scjäm iDgeHIhrt wird. — 63' dfirile wähl 
das peim riclitig sein, nur muß uwu so interpuagieren : ok man ^«m ikmilan piklcji 
Ol, Ainum /offTum mtipum, er elo. 79'-' kann man sehr wohl mit Aleaen: Etpv hajdi 

kann apiti ok itman hart vaxin n& o<itr mwnnr letn d leini; ein solchei 

Wechsel der Casus ist gar nicht selten; vgl. z. R. Njila (Kphfo. 18T6) Cap. 31 Z. 34 
bis 26: kenaingr gaf tiämm ti^narkladi itn ok gld/a gtäl/jaUada ok i/tarfiand — ek ffutl- 
knätar A — ok katt genkan, Bandamanna saga (Land 18T4) T" haf-1i bipu tvarta o~ 
tbi «mr A, 12" ' par t«l tk f^tt »omt Snarra go/Ca tSa «,yn<r porgilt Artuanar ete. 



1 



I 



312 CEDER8CHIÖLD 

So finden wir an vier Stellen, daß die Hs. eben das in den Text 
aufgenommene bietet, E. aber ihr Anderes beilegt 42*^ hat A kauper^ 
das -er durch einen Querstrich unten am p angegeben; diese nicht 
seltene Verkürzung des (lateinischen) Wortes oder der Silbe per kommt 
auch 165" vor, wo es von K. richtig gelesen wird. — 131* steht in 
Afaair] das r ist ganz wie in ifiddarar (131') geschrieben. — 152** 
wird kann nicht von A ausgelassen (das ok aber, das E. dem Aann 
vorangehen lässt, findet sich nicht in A). — 154* schreibt A ^yrir 
f^yCmduni] das r ist also nur erst vergessen, später hinzugesetzt; von 
dem *far ist keine Spur. 

12*® hat A mikil amrrekendr; E. hat das erstere Wort ausgelassen. 
— 14** hat A nicht nam sondern ndm; ich leugne nicht, daß die Hs. 
d (cia, da) sehr oft statt a braucht; doch scheint d {aa, da) mit der 
Geltung d bei weitem vorwiegender zu sein; so gefasst giebt es auch 
hier eine gute Lesart: ok ndmfdss alikt at nema, — 32*' hat A nicht 
hvar sondern hvor d. i hvär. — 68* giebt E. Jur als die Lesart der 
Hs. an; A hat doch JuRy was wohl zunächst Jurr repräsentieren 
muß. — 130* hat A mcytaj />eirra; der Schreiber hat also erst Plur. 
gemeint, dann das erstere Wort zu Sing, berichtigt, bei dem letzteren 
aber die Berichtigung vergessen. — 162^ schreibt A annat hvort, nicht 
annathvdi4h. 

IV. In den Fußnoten wäre der Platz gewesen auch solche Stellen, 
die zu mehr als einer Deutung veranlassen, näher zu besprechen, 
und zwar die in jedem Falle möglichen Erklärungen anzugeben, damit 
der Leser selbst wählen könnte. Besonders an den folgenden Stellen» 
die wir zum Theil anders als E. auffassen, hätte^ glauben wir, dieß 
geschehen soUen. 

4^ 'Fcer pü sigrat E.; A hat Faer, ae statt ce (f, e) habe ich an 
keinem Orte in dieser Hs. gesehen ; dagegen bedeutet das faer fair 
(wie auch E. schreibt) 23** (Adj.), 34«« (Verb), 146*« (Verb). Man 
könnte hier Bedenklichkeiten gegen den Conjunctiv hegen; ganz un- 
passend wäre er doch nicht: die Mutter will vielleicht die Un Wahr- 
scheinlichkeit der Bedingung hervorheben (vgl. Z. 14, 15 ofveykr 
verdr pü i vdpnaskipti] s. übrigens Lund, Oldnordisk Ordfbjningslsere 
§. 118, p. 306). — 12* rann 'yfirmikluni straumi E.; mir scheint es, A 
habe vielmehr mz, d. i. med, miklum; doch sind die Züge allzu ver- 
wischt, um die Lesart sicher festzustellen. — 14*' fyllandi E.; ich kann 
nicht anders sehen, als daß in A fuUandi steht. — 15« Etgi hersC svd 
at gera E.; das Wort kann auch (vgl. E. p. LH, 2) berr (= oportet; 
vgl. Vigfiisson's Dict bera C III) gelesen werden, was gut passt; was 



ZUR TEXTKRITIK VON VIER ROMANTISCHEN SAGA 'S. 313 

die reflexive Form hier bedeuten soll^ ist mir nicht klar. — 32*^ Hai 
K.; das Wort ist in A undeutlich, scheint aber Ho (d. i. H6) zu sein 
(das H ziemlich breit geschrieben). — 35^'' P^or hon'kemr i karlmanm 
leik E. ; man kann auch kernst lesen. — 84^ giebt K. an, daß in A stehe 
*e1c vcenttr mik, und will statt dessen ek vcenti lesen; mir dünkt es, 
daß A ok vcenttr mik habe; das o ist jedoch nicht ganz wie gewöhnlich 
geschrieben. — 114** at eingi riddari 'stendr hdnum K.; das Wort kann 
ebenso gut stendst gelesen werden, wie es B hat und die Bedeutung 
fordert (vgl. 131«* und Vigf. Dict standa C, 2). — 149" Bceringr K. ; 
A hat Boemigr] doch kann der das t bezeichnende ,,broddr^ etwas ver- 
rückt sein (wie 25^, wo A jungfrxxin statt jungfrnni schreibt). Der Name 
des Jarls kommt in A sonst nicht unverkürzt vor. — 162* 'Hverr er 
sd madr hSr med os [d. i. oaa] er petta hefir gj&rt E.; zwar scheint in 
A zuerst hu (d. i. hverr) geschrieben zu sein^ dann ist aber über der 
Zeile ein t zugesetzt (dessen Platz durch ein Komma nach dem u an- 
gedeutet wird) und das Eürzungszeichen ^ rechts mit einer Erümme 
versehen^ wodurch es wohl in o verändert sein soll ; man hat also hu*t 
(= huorty hvdrt) zu lesen. 

V. Wir kommen jetzt zu der wichtigsten, wie auch der letzten 
Classe unserer Bemerkungen. Denn das Folgende ist eine Sammlung 
von Stellen, wo der Text der „Riddarasögur^, ohne daß dieß nur mit 
einem Worte angedeutet wird, von der Handschrift ganz unbefugt und 
unrichtig abweicht Es scheint uns genügend die Lesarten der Hs. in 
der Regel normalisiert anzuftihren. 

8** ** afla aSr üpokka ok ''svivirdiru/' E.; A hat gvivirdingar (Ge- 
nit.). — 17* vid 'framferdar pinar E.; A hat framferdlr. — 31'° Hann 
reid pd *af stadnum E. ; A hat hrctt af etadnum. — 31 *• Pd var ^trygi 
Pat er nü er ^hryg( E. ; A hat trygd und hrygd (Substantiva). — iW 
*LX^ mÜna E.; XL A. — 35«* fingrguU "eii£ E.; mUt A. — 38" Parc- 
eval ^leii sem hann heyrdi ekki hvat hann eagdi E.; in A steht lett, 
d. i. let {Ut sem = er that wie); dieses lett kommt auch 35* '^ 63*, 
97», 102", 103', 106»«, 112», 136», 142»^ " vor, wo E. es richtig durch 
ist wiedergiebt. — 38^ at hinn kom nidr E. ; A hat am Elande fjarri^ 
dessen Platz in der Zeile durch ein Zeichen nach kom bezeichnet wird. 
— 48 *• meyjar ok konur gingu i vigskörd ^borginnar (\) E.; A hat 6or- 
garinnar. — 57* Nü hefr upp E.; Nü hefr hir upp A. — 64*' • hjö mar- 
liga til leöntinß ok af hdnum ^höfu^ ok ^foetmar (!) E. ; A hat höfudit 
ok foetma, — 65* hat A vor Aldri die (von E. übersprungenen) Wörter 
drottning mceüü — 65*' at sönnu vdrum vSr ^heimskar er letum hann 
brott faraK.'^ A hat pä heimskar er. — 68^ schreibt E. hjd 'okkar 



314 CEDER8CHIÖLD 

einvigi, die Hb. hat aber oek° (= ochro = okkru); ebenso hat K, 131'^ ', 
fyrir 'okkar' skyld, wogegen in A okk' steht, was nach der gewöhD- 
lichen Schreibweiee okkra bedeuten muß. Bei diesen Fehlern imd t'ei 
den Sehreibarten K.'b 133' dimandi 'ykkar (A: ykk, wie auch 133% 
wo doch K. ykkarr schreibt) ok allra 'j/dvar (A: ydu'), 135'"'yJ«nr* 
(A: ydu') hiisböndi und 145" hvdrr 'okkar' (A: okc'\ vgl. auch 184* 
«>m 'yd<iir, von Möbiue, cit. Schrift p. 223, zu t/darr berichtigt), — 
kann man nicht umhin zu glauben, daß K. doch auf das. was er vom 
Gebrauche des Genitiva des Personalpronomens statt des Possessivs 
(s. Kölb. p. LH, LIII) in zwei ziemlich unzuverlässigen Ausgaben ge- 
funden hat, allzu großes Gewicht legt*) und von seinem Versprechen 
(a. a. 0.) das Possessiv beizubehalten abgegangen ist. — 70'*" " kefir 
m'dr hrotil »vd 'lägt' pina angrteii K. ; A hat langt. — 79'6-'s kxikendi 

er »vd vdru 'oiin ( .') ok vidras K. ; A hat oüm d. i. 6lm. — 83* * 

at aldri 'kaemt madr fyrr padan K. ; A hat kvcBmist; — 85""" nvxUutt 
jfveir med'miklum ok opinbenim fjdndakap [richtiger jjandafoip], sem hvdrr 
cetti ödrum danda sök at gefa K.\ A hat svä miklum. — S?"" " ¥ßr 
pvi klidi var di-egin ein fellikurd K,; dregin upp A. — 94' vildt hon 
K. ; A: vtldi hon pä (zuerst p6 geschrieben). — 95""* Mterin vialli: 
Nu ef tveir riddarar hurkleedast lil hardaga ok matael, hvdn- fieirra hyggr 
pü at vildari se, ef einn väp»M(ekir annan ok sigrar? Sd synist. mer vil- 
dari, aagdi früin, 'm kinn «■ yfir verdr kominn K.; A hat aber'er «nn\ 
wodurch es leicht ersichtlich wird, daß das Wort sigrast ausgefallen ist; 
man hat also (mit B) Sä .... er sigratt enn himi er etc. zu lesen. — 
96'*— 97' samir yfr at spyr/'a pd [d, L „Eure Mannen"] rdda um konung- 
inn er hingat er d ferd, hvar (falsch; A hat hu d. i. huerr] til er at 
halda indum [sie! statt itidum\ ydrvm ok verja kelduna; ok seg peim lU 
einn riddari fragr ok eettgödr 'bidr ydar ok viü ydr püsa K.; A hat 
hf/dr ydr [sc. petta oder at halda tidum ydrum ok verja keldunaj. Hier 
ist die Stelle zu bemerken, daß K. auch 49'' und ü2^ gegen die Hb. 
htit statt 6|/J achreibt. — 97'* vied svd 'margkdttudum (l) starß. K.; marg- 
hdttudu A. — 97* tjär 'pat' n«. ekki leingr at legnast K. ; A hat pe^i: — 
104'' * Vor nü pangaf lodit bükupum ok haninum 'ok jörlum ok riddarum**) 
K.; in A kann ich das ok (vor jörlum) nicht finden; der Wohlklang 



L. 



<) Daß in&n jeneo Oebraaeb in den Papierhs. des 17. nnd dea 18. J&hrh. findet 
(wie in der Thai der Fall ütl , kann natllrlich fQr die Kritik diwer Teste Keiug Be- 
deatnng haben. 

•*) Diese incorrecte Form, statt riddnrum. begegnet nnafancb 4", 5", 18", 24'". 
36". «", «'• (Eweimall, iZ'' '" ". 51", 101'*, 108'*, lOB'' ', 134'^j rüUwrun aohreibt 
K. l&l", 15!", tea") A hat du Wort Überall verkamt (A*-). 



ZUR TEXTKRITIK VON VIKK ROMANTISCHEN eAGA'S. 315 

gewinnt aucb, wenn es wegbleibt und die allitterierenden Wörter bük- 
uptim ok barünum ein Glied bilden; vgl. übrigens Lund, Oldnordiek 
OrdftijningBlffire §. 156 p. 404-405. — 104'* '* gvd vandh'na föru 'par 
mud kdntim hana riddarar, at eingi tat eptir K,; A bat peiu: — lOJ)"' " 
Nu sendi hon pi-r pau ord (U pü oüir henmtr aldri 'eptir K.; A hat 
Oplar. — 113*' ^ pd var kann vordinn svd 'matkais», at kann gat äui 
gengk K. ; mättlnuss A; vpi. 179* 'tnatUiill', von MöbiuB (p. 223) zu 
mättlilill berichtigt. — 11418-1B p^ f^j^ kann spjdtit ok /traut svd morg 
fyrir simint livinum at 'fiU tiu hundrud' [das Verbum in Sing. !] fyrir 
fttv;WK. ; A bat vel XC; hiernach ist wabrecheinlich vdru (das ge- 
wöhnlich v' geschrieben wird) aasgefallen. — 129*' " 'pa var aem peir 
heiddust K. ; A hat nicht pd, sondern p, d. i. pat, das jedoch von einer, 
wie scheint, späteren Hand in p', d. i. par geändert ist. — 134"'- ™ 
gangari ..... st4 hon upp d Kann ok reid Hl er kann kom til keldunnor 
K.; A hat Aon. — 140* fdr ir vamma 'vam K.; A hat vanr. — 142'' * 
ok vari 'mikif betra al pü ka-mir ekki i heim K. ; obgleich in A der obere 
Theil der beiden letzten Buchstaben (das Wort steht am Ende der 
ersten Zeile der Seite) abgeschnitten ist, kann man sehr wohl sehen, 
daß der letzte O iet; hieraus ist leicht zu folgern, daß man myklo, d. !. 
miklu, zu lesen hat. — 143*' ' ok var kann pd 'XIII' vetra gamallK.-. 
A hat XIIII (da.B dritte / ist um ein wenig kürzer und das vierte er- 
mangelt des „brodd"); vgl. 142'^ er nü sveinn XIII vetra und 143"' ■ 
miidir hang Ut kann fiö vera heima um vetrtnn. — 144** 'Udu fram nökk- 
itrar Hundir K.; A hat Udi, d, i liddi, hier unpersönlich gebrancht; 
8. Vigf. Dict. lida B I, 2. — 145" ' Mikili pokki' er m4r ä gddvilja konangs 
K.; A hat mikÜ pake, d. i. mikil pökk. — 146" pesau K.; pvisa A. — 
147 "■ '" Svd lidr nü fram at peirrt stiindu «■ til var 'eetla^ K, ; A hat 
alht, d. i. eetlud. — 147**-» ,,j,j. p^j, p^ dyrlig veizla, er Hlödver konungr 
vettti bruUaup sitt ok stdd ' Vllf daga K. ; A hat VII. — 148* 'vdnum' 
brddara K. ; A hat vonu, d. i. vdnti; ein dunkler Fleck des Pergaments 
über dem u hat wahrscheinlich den Irrthum K.'s herbeigeftlhrt. — 
148'= um hinar amceri 'iprdttar K.; ipröttir A. — 152»*- ^ setÜtit Mir- 
mann ncer jarli ok 'Brigidu mddur hon» K.; A hat Bg' mod\ d. 1. Brig- 
ida mödir. — 155' add. A nach pik: s. JH., d. i. »egir [oder gagdi] 
Mirmann. — 156* 'er kann drap K. ; A hat pä er. — 158 "'' " a^ti kjdlm- 
inn '»"(.') h^ßid aer K.; ä A. ~ 160'*— 161' En peir gdfu aüir eitt rdtt 
til, at kann kaüadi üt her ainn ok fcei'i i mdti Baering jarl, ok 'hardigC 
vid kann ok yrdi etc. K.; herdist A. — 163' hvdrkln K.; kuorki, d. i. 
hvilrki A. — 163*^ /.o( Ugg ek d miakvnnarddm allrndttiga |9ic!J g^tda 
'er ek vil pjona K.; Ä hat pesa (zuerst vielleicht pelm geschrieben) er. 



316 CEDERSCHIÖLD, ZUR TEXTKRITIK VON VIER ROMANTISCHEN SAGAS. 

Was nun die Schreibart allmdäigs betrifit, hat K. augenscheinlich nicht 
gewusst, daß man (wie bereits Rask, ^Vejledning til det Islandske eller 
gamle Nordiske Sprog", Ebhvn. 1811, p. 153 bemerkt) zwischen den Prär 
fixen al' und all- so unterscheidet, daß al- ^^all-^, vollkommen^, all- aber 
^sehr** bezeichnet. Auch in A kann man diesen Unterschied wahr- 
nehmen, denn die Hs. hat hier und 164'® (wo das Wort doch zu alM 
verkürzt wird) almdtttgs („des allmächtigen") und dagegen 30** oW- 
margir („sehr viele"), 145* allvel („sehr wohl"), 146*® allvitr („sehr 
klug**), 146*' allfdr („sehr wenige"), 151** allnaudigr („sehr ungern"); 
daß aber A 142*^ almikit statt all- und 143^ almargir statt all- hat, 
kann in einer Hs., die so häufig einfachen Consonant ftlr doppelten 
braucht (vgl. Eölb. p. LII), nicht auffallend sein. Obwohl also aus der 
Hs. selbst die verschiedenen Formen der beiden Wörter ziemlich er- 
sichtlich sind, hat K. 163^ (vgl. oben) und 164" allmdttig8y 30'* und 143^ 
almargir, 142''' almikä, 145l^alvel, 146« aJvÄr, 146*» ai/ar und 151** ajnau*- 
igr, also überall unrichtig geschrieben. — 163** at svd 'hüif K. ; A hat 
buno, d. i. bünu. — 164*'» ** er pü porir at 'berjd vid mik K. ; A hat berjasi. 

Wir enden hier. Zwar wäre noch hie und da etwas hinzuzufügen 
und wir sind überzeugt, daß eine wiederholte Vergleichung der Hand- 
schrift mit dem Texte der Ausgabe zu nicht wenigen neuen Bemer- 
kungen Anlaß geben würde. Das schon mitgetheilte mag indessen ge- 
nügen um zu zeigen, mit welcher Unachtsamkeit der Herausgeber beim 
Benutzen der Handschrift zu Werke gegangen ist Daß ein solches 
Verfahren höchst tadelhaft und schädlich ist, braucht hier keine weit- 
läufige Beweisführung. Die Handschriften bilden ja die wichtigste und 
fast einzige Grundlage der ganzen Sprachforschung und da dazu 
kommt, daß nur sehr wenige Personen die Gelegenheit haben dieselben 
zu benutzen, die meisten aber auf die auf die Handschriften gebauten 
Ausgaben verwiesen sind, so kann man mit allem Recht fordern, daß 
diese mit der äußersten Sorgfalt und Genauigkeit ausgearbeitet werden. 
Ja, da es einerseits unmöglich ist vorauszusehen, ftlr welche — jetzt über- 
sehene — Punkte eine künftige Sprachforschung Beweisstellen suchen 
werde, und da andererseits die Handschriften gegen eine Vernichtung, 
wie sie die Eopenhagener Bibliotheken im vorigen Jahrhundert betraf, 
keineswegs gesichert sind, so wäre es wahrlich zu wünschen, daß von jeder 
werthvolleren Handschrift neben einer normalisierten Handausgabe ent- 
weder eine photographische Abbildung oder doch ein recht genauer Ab- 
druck besorgt wäre. Man setze nur den Fall voraus, daß der Cod. Holm. 
6, 4*" gleich nachdem die Ausgabe von K. erschien, auf irgend eine Weise 



A. EDZÄRDI, EIN LITAUISCHES SIGFRIDSMÄUCHEN. 317 

der Zerstörung heimgefallen wärel Könnte wohl die Ausgabe einem Gram- 
matiker, Lexikographen, Textkritiker für die verloren gegangene Hand- 
schrift vollen Ersatz gewähren? Und wenn ein Sprachforscher dann 
z. B. in den Formen 'borginnar 48** und ^hvdrkin 163^ neue Anschlüsse 
an*s Altschwedische zu sehen geneigt wäre; oder in ^okJcar 68^ und 
131^ eine Ausnahme von einer syntaktischen Regel oder in *olin 79^® ein 
wirkliches, sonst nicht gekanntes Wort u. s. w., wer wäre im Stande ihm 
dieses zu wiederlegen? — Wohin auch ein Verfahren, wie es K. in 
„Riddarasögur" zeigt, immer leiten mag, wissenschaftliche Wahrheit 
bleibt dabei ein unerreichtes Ziel, Es soll die Absicht des Herausgebers 
sein , der romantischen Sagen noch mehr herauszugeben. Zweifelsohne 
ist es von großem Gewicht, daß sie allgemein zugänglich gemacht 
werden ; aber wenn sie in derselben unzuverlässigen Form erscheinen, 
wie das eben besprochene Werk, so wird der Nutzen im mindesten 
ein sehr zweifelhafter werden. 

LUND, Mai 1876. GUSTAF CEDER8CHIÖLD, 



EIN LITAUISCHES SIGFRIDSMARCHEN. 



So weit mir bekannt, ist noch nicht darauf hingewiesen worden, 
daß von dem bei Grimm unter Nr. 60 gedruckten Märchen „Die zwei 
Brtlder^ eine in manchen Pimkten ältere Gestalt sich im Litauischen *) 
erhalten hat, welche in Schleichers Lit. Lesebuch S. 118 abgedruckt ist. 

Von dem hörnenen**) menschen (Aus Eurschen). 

Von den beiden Sagen, die in dem deutschen Märchen zusammen- 
gewachsen sind***) — der Sage von Sigfrid und der von den Blutsbrüdern 
— enthält das Litauische aber nur die erstere, und auch diese nur 
theil weise; sie berührt sich hierin und in andern Punkten am nächsten 
mit der bei Grimm III, 104 angeführten Erzählung aus Zwehrn, die 
ich mit Z bezeichne. Das litauische Märchen, welches ich in Über- 
setzung gebe, beginnt also: 



*) Grimm, Mftrehen III, 106 weist eine weite Verbreitung dieses Märchens in 
andern Sprachen (indisch, dänisch, schwedisch, flämisch, walaehiseh u. s. w.) nach» 
der litauischen Gestalt erwähnt er aber nicht. 
•♦) raginis. 
♦♦*) Grimm, Märchen HI, 104. 



318 A. EDZARDI 

Es war einmal ein Mensch, der hatte drei ELälber [Z drei Ziegen], 
und er gieng durch einen Wald mit den Kälbern nnd traf einen andern 
Menschen, welcher drei Hunde hatte, der sagte: „Wir beide wollen 
tauschen; ich will dir diese drei Hunde geben und du sollst mir die 
drei Kälber geben; die Hunde werden dir aus jeder Noth helfen'', 
und da tauschten sie [$o auch Z]. Damach gieng der mit den 
Hunden und kam zu einem Hause, und er gieng hinein, fand aber 
keinen Menschen, und als er sich umsah, da bemerkte er in der Stube 
eine Flinte (puczka), einen Säbel und eine Flasche (pl^zka). 

In Z giebt ihm der Jäger^ van dem er die Hunde ertauechJt, Büchse^ 
Hirschfänger, Pulverhorn und Ranzen. Donneret geht er, die ver- 
schiedenen Thtere werden seine Diener und er findet dann ein Haus tm 
Walde, too er ein weder im deutschen noch m litauischen Märchen er- 
zähäes Abenteuer mit zwölf Spitzbuben besteht. Darauf kommt er in die 
Stadt, und von hier ab stimmt Z im Wesentlichen zum Märehen Nr. 60, 
bis auf den Schluß, s. Orimm. 

Als er die Flasche erblickte, versuchte er auf den Finger zu 
gießen, um zu erfahren, was darin sei; sowie er [aber] auf den Finger 
goß, da tiberzog sich der Finger mit dem öl, und der Finger 
ward wie Hörn, und er konnte weder mit dem Messer noch mit 
dem Säbel das Hom abschneiden (abschaben). Darauf nahm (goß, eme) 
er das Öl aus der Flasche und wusch mit demselben seinen 
ganzen Leib, und er ward am ganzen Leibe wie Hom. Und 
darauf nahm er Flasche, Flinte und Säbel (zusammen) und gieng in 
eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Tuch (Scharlach, sz^rlokas) 
ausgeschlagen fj^mit schwarzem Flor überzogen^ heißt es im Märchen 
p. 247]. 

Er geht hinein, fragt nach dem Gh^nde und erfährt, es sei deßhalb 
geschehen, weil der König jedes Jahr eine seiner Töchter einem Drachen 
geben müsse und jetzt werde der Drache wieder eine Tochter erhalten. 
Sie ist schon gebunden und soll ihm am Morgen zugeführt werden. Der 
Hömene erbietet sich, dem Könige seine Tochter vom Drachen zu befreien^ 
der König verspricht in diesem Falle sie ihm zur Gattin zu geben*). 

Darauf gieng er auf den Berg, wohin der Drache zu kommen 
pflegte (ateidavo); dort war aber ein großer Stein; den Stein bestrich 
er mit dem Ole. Wenn aber der Drache heranflog, pflegte er sich auf 
den Stein zu setzen und des Wagens zu warten, auf dem des Königs 

*) «Der Könige hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter cor Fraa Ter- 
sprechen** Qrimm, p. 247. 



EIN UTAUISCHE8 SIGFRIDSMÄRCHEN. 319 

Tochter heranfuhr. Und als dießmal der Wagen heranfuhr und schon 
nicht fem von ihm war, da konnte er nicht aufstehn, sondern hob 
den ganzen Stein mit in die Höhe. 

Zornig atkmet der Drache Feuer (wie im Märehen, im lAL zwölf 
Ma/ierlange F%arnmen). Der Hömene sdUägt ihm mit vier Hieben aUe 
ooölfKöpfe ab.*). 

Darauf band der Mann das Fräulein los und fuhr heim; aber auf 
der Fahrt schlief er ein, denn er war sehr mtlde geworden von der 
großen Anstrengung. 

Als er eingeschlafen, will der Kutscher ihn tödten und droht dem 
Fräulein, welches schreien will, mit dem Säbel. Er wirft den Hömenen 
aus dem Wagen, vergräbt ihn und droht das Fräulein zu tödten, wenn 
sie nicht schwöre, daß er sie be/xißit habe. Da schvnhi sie es. (== Grimm 
60, p. 250; nur schläft dort der Jäger auf dem Berge ein und der Mar- 
schall tödtet dort den Schlafenden. Offenbar liegt in der litauischen 
Überlieferung an dieser Stelle eine Vergröberung vor.) Durch die Hunde 
aufmerksam gemacht** )y gräbt ein Mensch den Vergrabenen wieder aus und 
findet ihn schlafend. Und er wusste da nicht, wo er war. [Ahnlich 
Grrimm 60, p. 251] 

Er geht in die Stadt und schickt einen Brief in einem Schnupf 
tu che (sznüptuks)^*), durch einen der Hunde, welc?iem er dasselbe um 
den Hals bindet^ zum Könige. Da häU gerade der Kutscher Hochzeit mit 
der Königstochter. (Bei Grimm ist inzwischen ein Jahr vergangen.) 

Der Hund gieng hinein zum Fräulein und legte (uzsideda) den 
Kopf auf ihr Enief), und sogleich erkannte sie ihr Schnupftuch und 
fand den Brief, und so erfuhr sie, daß jener Mensch noch lebte. 

Sie schickt auf demselben Wege einen Brief zuiiick. {Bei Grimm 
werden die verschiedenen Thiere einzeln geschickt.) Der Hömene bemerkt^ 
daß die Stadt nun mit rothem Scharlach ausgeschlagen ist ff), erfragt 
den Grund, geht zum Könige und fragt das Fräulein: ^Wer hat dich 



*) Mit den beiden enten Hieben je fQnl Bei Grimm hat der Drache sieben 
Köpfe; mit den beiden ersten Hieben werden je drei Köpfe, mit dem dritten der 
Schweif abgehauen. (Letzteres ist ein echter Zug.) 

^*) Auch bei Grimm wird der Getödtete durch die Hülfe seiner Thiere wieder 
lebendig. Im Litauischen ist nicht ausdrfiklich gesagt, daß er getödtet seL 

***) Hierin findet sich der Zug des Grimmischen Märchens wieder, daD die Königs- 
tochter ihr Taschentueh mit dem Namenszuge dem Jftger schenkt, der die Drachen- 
sungen in dasselbe wickelt (p. 249). Daran wird er sp&ter als ihr Befreier erkannt 

t) Hübscher oad wohl Alter als „kratzte sie am Fuße" bei Grimm. 

ff) Ebenso bei Grimm p. 261 unten. 



320 A. EDZARDI 

befreit, ich oder der Kutscher?^ Sie antwortete: ;,Da^ und erzählte 
ihm alles etc. Uie Königstochter geht hinein und sagt: „Ich verlor ein- 
mal von meinem Schreibschranke (kont6ra) den Schltlssel und ließ 
einen neuen machen , da aber fand ich den alten Schlüssel wieder. 
Welcher wird der bessere sein, der alte oder der neue?^ Da sagten 
alle: „Der alte ist besser^, und so sagte auch der Kutscher. Darauf 
führt sie den Hömenen hinein und sagt: „Das ist mein alter Schlüssel, 
den ich verloren hatte. ^ Der Kutscher wird getödtet [wie hei Orimm 
p. 257]. 

So das litauische Mftrchen. Es liegt auf der Hand, daß hier eine 
in vielen Punkten ältere Gestalt des Märchenstofies vorliegt Nament- 
lich ist aber das von der Erwerbung der Hornhaut Gesagte wichtig 
und die Übereinstimmung mit der Sigfridsage in diesem Punkte am 
auffallendsten. Die drei Hunde sind, wie mir scheinen will, ursprüng- 
licher*) als die verschiedenen Thiere, die wohl eine märchenhafte Aus- 
schmückung sind. Überhaupt fehlen die besonders märchenhaften Züge 
— das Sprechen der Thiere, das Anheilen des abgehauenen Kopfes 
durch ein Zauberkraut und damit die Wiederbelebung des Todten u. a. — 
im Litauischen. Die Benachrichtigung durch den Brief und Taschentuch 
überbringenden Hund ist viel natürlicher und hübscher als die Spaltung 
in die einzelnen Abenteuer der verschiedenen Thiere. Und so kann auch 
das Gleichniss vom wiedergefundenen Schlüssel dem Märchen ursprüng- 
lich angehört haben. A. EDZARDI. 



NACHTRÄGLICHES ZUM JÜNGEREN HILDE 

BRANDSLIEDE, 

Vgl. diese Zeitschr. XIX, 316 ff. 



Die Wörtliche Übereinstimmung des jüngeren Hildebrandsliedes 
mit andern mhd. Gedichten an zwei Stellen ist wohl erwähnenswerth : 
1) Hbl. 14, 1 (bei Uhland) : 

Du sagst mir yil van woLfen^ die laufen in dem holz. 
Ich bin ein edler degen auß Eriechenlanden stolz. 



*) Zonm^hst war es wobl nur iin Hund, DSmlich der, welchen bei Grimm p. S46 
der Jä|^er dem Austiebenden mitgiobt. Aucb wird ja nur iin Hund zur Königstocbter 
geschickt. 



NACHTRÄGLICHES ZUM JÜNGEREN HILDEBRANDSLIEDE. 321 

Wolfd. B 279, 1 <v>r/. ^. i, ^rf. 
Waz saget ir mir von wolven die loufen da ze holz? 
er ist ein degen kttene und ouch ein ritter stolz. 

Die Übereinstimmung, die übrigens in Jänicke's Anmerkungen 
nicht erwähnt wird, ist so auffallend, daß Entlehnung angenommen 
werden muß. Betrachtet man an beiden Stellen den Zusammenhang 
unbefangen, so wird man sicher finden, daß die Verse im Hildebrands- 
liede an der ursprünglichen Stelle stehn und im Wolfd. daraus entlehnt 
sind. Da, wie ich an oben citierter Stelle nachgewiesen habe, das Hbl. 
dem Verfasser der t^idrekssaga schon im Wesentlichen in der heutigen 
Qestalt vorgelegen haben muß, ist auch in dieser Beziehung die Priorität 
des Hbl.*8 wahrscheinlicher. Hat es hiermit seine Richtigkeit, so wird 
an dieser Stelle die Lesart H-ND-W durch den Wolfd. bestätigt, gegen 
AE, denn die Strophe beginnt 

in A: Wolven dat sijn wolven 
in K: Wülffin das sein wolffe. 

2. Hbl. 11,4: 
und was ich nicht gelernet hab, daz lern ich aber noch. 

Oswalt, Ettm. 994. 
swaz ich hiute niht kan, daz lerne ich morgen. 

Hier kann die sprichwörtliche Wendung in beiden unabhängig 
von einander Verwendung gefunden haben. Sollte indessen Entlehnung 
vorliegen, so wäre auch hier die Priorität auf Seiten des Hbl.'s, da 
die IMS zu Grunde liegende Recension des Oswalt wahrscheinlich 
erst im XIH/XIV Jh. entstanden ist. 



Es sei schließlich noch die Entlehnung im Vulksliede Uhlaud Nr. 
104 erwähnt, wo es heißt: 

Vers 2 Wat bejegende em up der beide? (Hbl. 2, 2) 

Vers 4 He nam se in der midde, 

he schwank se hinder sick torügge 

wol in dat gröne gras (= Hbl. 12, 1 und 2) 

A. EDZAKDI. 



GERMANIA. Neae Reihe. VIII. (XX. Jahr^. 21 



322 BECH 



ALLERLEI AUS ZEITZER HANDSCHRIFTEN. 



L 
Ein Naumburger Nachlaßverzeichniss aus dem Jahre 1453. 

(foL 238') Dia sint myn schulde czüsprach ynde gerechtickeit, 
die ich Stefflln Hondorff burger cza Nüenborg habe secze ynde thü 
kegen ynde wider Hans Vogel ynde Telen bSh swester ynde Ber- 
told Sleifen iren rechten yormonden u. s. w. 
5 (foL 239**) Ich schuldige sie semptlichen ynde sunderlichen 

ynde gebe en schult , daß sie mir gar mit grossem ynrecht yor- 
halden sulch erbe ynde gute, daß Niclauß Hondorff eczwan richter 
czu Nüenborg seliger myn über yettir noch em gelossen ynde uff 
mich sinen nSsten erben geerbit hat Nemlichen hat her noch em 
10 gelassen ynde yn siner gewere ynder em yorstorben ist büß ynde 
hoff ynde euch eyn forwergk, daß do yor Nickel Eils gewest ist, 
allis bynnen der stad Nüenborg gelegen. 

Item XXin art ackers erpgüt ym wichbilde ymbe die stad 
Nüenborg gelegen. 
15 Item krütgarten ynde hoppenberge. 

Item VH yngarische gülden ringe, die ich achte uff LXXX 
gülden , ynder den waß eyn ringk, der waß Merten yon Heringen 
gewest, der dö eynen (fol. 240") steyn hatte, den man uff XXX 
gülden achtet. 
20 Item XXn leffU mit silber beslän. 

Item tüsent gülden gereitschafil, czweie hundert schog getreidis, 
drissig mallir getreidis weiße yade kom, sechczig mallir hafir, die her 
uff den bodemen noch sinem tdde liß, gekoufft ynde gewachssen. 

Item eyn bire ynde drte yirteil biris, yirczen yaß wins, XXVI 
25 stten fleysch, czwine bachen. 

Her hat euch nach em gel&ssen hüßger^the, daß her mit syner 
eigen band angeczeichent hat, die ich bitte yor czu legen, ap ynde 
wanne sichs geboret im rechten, bte namen 

XU pflümen fedirbette, 
30 LI gemeyne bette, 

XXV heubtpfole, 

XXX genäte kossen, 
LXX wiße kosseu, 



ALLERLEI AUS ZEITZER HANDSCHRIFTEN. 



323 



LX kleyne Ijlachen, 
XX grobe lilachen, 

XXVI tuechlachen, czwelich vnde aynlich, oblr eckecMe tiBche, 
VI tiBchelachen obir lange tuBche, 

VI gesinde tielachen, 

XXVII hantqufjlen, 
VTI hantquelen vor daß gesinde, 

XTTT 6ren tigel, der sint drie fllefin, ein Bchertichen, 
XV feren toppe cleyn vnde groß, vir meBaingen becken, eynen 
groß margkkesBÜ, 

V grÖBae czenene beeben, 
VIII czenene becken nSst den grdßen, 
diie fiacb czenene becken, 

vir ebenrnSsBige czenene becken, 

Y czenen becken, dö man alle tage fiß äß, 
Vin czenen becken vor den BenffschuBaelin, 
Item IX czenen ingeberschusseliD, XX czenen teler, 
Item drie atobieben czenen kanne, 

Item Biben balpstobgcnkanne, der ist eyne sleyffen, 

Item XI czenen nössil kajine, 

Item XII virtel czenen kannon, der ist czwö aleyden, 

Item III czenen tiscbkanne, 

Item III balpnösBeikanne. 

SulcbobingoschribenbfißgerStbebat myn vetter aSÜger mit syner 

eigen haut yn eyne czedel geachriben, die bitte ich vor czu legen, 

ap vnde wanne aicha geboret im recbtenj daU sie mir danne allis 

60 vorbalden mit grossem vnrecht; vnde dörczö allirleye recbtbücbir, 

die ich achte uff II hundei-t gülden. 

Her bat oucb nach eioh geläeaen eynen fochasen mantel vnde 

eynen swarczen mecheliascben mantel vnde ejmen swarczen buokisB 

eben nüwe vnder gescbuben, eynen röten barrisrock, eynen swarczen 

6ö rock mit lemmer gefutert, eynen langen pelcz, 1 i grosse kisten yn ayner 

kammem vnde 1 1 kleyne, VII eckicbte tisache vnde vir lange tisBcbe. 

Oucb bat her nöcb em gelassen k&fen vnde eichene vnde 
tbennene ledige vaß, uff XL gülden geachtet, vnde vir waynpfert 
vnde gescbirre waß dorczü gehöret, daß icb allis achte uff 11 hun- 
70 dert gülden; 

Item XXXIII lebende awjne, IIÜ küe, II Sren löcbter, der 
eyne bingk yn der kemenäd, der ander yn der dorncze; 

Item II enczelc Srcn lüchter, keäaele, banckpfoln, kuaseni 



35 



40 



45 



50 



55 



324 «ECH 

Item hulczen schussel, benck, stüle, gleser, cUen, haw vnde 
75 yngethüme m^hr, daß ich achte uff XXX gülden; taschen, nSser, 
messer, »wert, panczer vnde andern hämische, daß ich achte uff XL 
gülden. Solche oben geschriben erpgüter, vamde vnde vnvamde, 
bewegelich vnde vnbewegelich, vnde sust dorczü alle ander guter, 
cleyne ader groß, wie die namen gehaben mögen, die myn obge- 
80 nanter vetter seliger noch em gelassen hat, halden sie mir vor &n 
mynen 3^en czu sanderlichem hdne smäheit vnde trefilichem scha- 
den, nö ich den schaden obir die heubtsumme achte vnde wirder 
uff Xin hundert linische gute gülden u. s. w. 

n. 

Ein Streit um die Gerade vor dem Bischof von Merseburg 

um das Jahr 1455. 

(fol. 62^) Gnädiger herre von Merßeborg, ewer gnäde mercket 
wol, daß sich fraw Agnes, Ciriax von Czweim eliche h&siraw, czü 
mir nötiget wider recht, wan sie von mir czü der gerade vordert 
gelt, nemlichen XXX gülden; item radkasten, tegel vnde schaffen, 

5 morsir, %m topfe, funff czinen kanne, schussil, ledige vnde vnbe- 
Seite pfert, küe vnde kelber, hunre^ swtnsmutter, vaß vnde tröge, 
brechen vnde reffein, stüle vnde bencke, eynen h&lrincken, lich(?) 
butter vnde k^e, brätspiß, diifüß, rost vnde komsecke noch Iftte 
der czedeln die sie ewem gnaden hat genntwert. 

10 Nu ist daß ^vissentlich , das sulche vamde habe czü der ge- 

rade nicht enthöret; daß ist wol war, daß eyne kanne vnde eyn 
tusche vnde eyn stüle gehöret czü der gerade, alßö das wol stehlt 
geschriben Wfchb. ar. XXIII in gl.; das gibt der man der nifftel 
von sunderlicher beheiliekeit. Dö muß jo ye euch eczwas yn dem 

15 hüß pliben. Küe, kelber vnde pfert vnde alle ander habe obene 
benant gehören euch nicht czü der habe Wichb. ar. XXIII; vnde 
dörvmbe, ap ich myn wtp bette sulche habe noch ir geslagen, den. 
noch muchte sie sulche habe nicht gevordern, alßö ich mich l&Ü 
beduncken. 

20 Gnödiger herre, sie macht euch mancherley stucke namhafftig 

yn irer czedeln, dy dö czü der gerade gehören. Sunder myn wip 
hat sulche ger&de in sulchir czal alßö sie seczet noch ir nicht ge* 
lassen. Sunder alßö vil alßö sie gelassen hat. das habe ich der 
selbigen Ilsen gereyt gegeben. Ich habe ir geantwert alle ir cleyder; 

25 sie hat den silbern gortil von czwen margk silber vnde euch die 
XVIII gülden vnde silberin ringe uff dem crancz vnde czwen sil- 



ALLERLEI AUS ZEITZER HANDSCHRIFTEN. 325 

bern setickel, die an dem crancz sulden geweet sin, »der eyu korela 
patornoster, das fiinff gülden wert were, spangen von zweien mnrgk 
BJlbero noch ir nicht gelassen. Was sie ron sleyem. baren, lilachen, 

30 pfoln, kuBsen, thuachtücher, hanttücher, bangkpfoln (fol. 63*) vnde 
puBten, badecappen vnde badefücher, liwant, game, kessel, bant- 
becken, schöff, gense, flache, lyn vnde hanff deckelachen noch ir ge- 
läsein hat, das hat sie gar weg, fkß gcsloBsen czwoi böß tnßtftctier 
vndö eyn böü knechtbette, daß hat sie mir selbir gerne gelassen. 

35 Itein sß Ühet dör noch eyn böse banokpfoel vnde eyn böli 

puste. Ouch habe ich acht elen liwant gefunden yn dem casten 
vnde nicht mehr, die halie ich vorthfin. DC> wären ouch acht czal 
gesotten gam. Du ist eyn keasel, der ist myns vattirs gewest. Ich 
habo eynen schapfen domSch selbir gekaufft. Dör wären XV schaff, 

40 d6r von habe ich ir XII beczalt vnde habe ir gegeben io vor eyn 
schaff VI grl.; dy andern wflren menliche tyr, dy gehören czä der 
gerade nicht. DÖ ist öch noch eyn cleyn bücheltn, vnde mich 
duncket is sie aente Marien btlchelin. Do was eyu halb hempzen 
lyn vnde eyn clobe gebrechts hanffis. Dör obir ist mir keynis mehr 

45 wider wissentlich, das sage ich bie mynen wären trowen. Wolde sie 
mir abir das nicht glauben, so kan ich mich wider daß recht nicht ge- 
secze. Wurde dann ewer gnäd , gnediger bcrre , im rechten ir- 
kcnnen, daß ich eyn sulchs begriffen euUe mit mym eide, so schcmo 
ich mich des nicht czu thün vnde seczo daß mit ir gancz an das 

50 recht was birumbe recht ist, 

in. 

Ein Segen wider die MKase, von Georgias Law, Laien- 
priester zu PrBssdorf bei Zeitz, um 1471 aufgezeichnet. 
(fol. 218') Item czum ersten secze denn rechten fuss uf dy 
swelle vii sprich: ich setcze mynen fuss uf dyße swelie vnd myne 
rechte band bie gote dem liben heylant. 

Vnd ich finde vngetvrae yn dießem huße. das ist vngenant 
5 koning vnd konigynn vnd alles daß boss von meysin hynne finde. 
Zo beswere ich ich ore om fuße, das ay nynder keyne na- 
runge hynne snllen spyße snllen finden (so!). 

Ich beswere ore ougen bie vnsir liben frawon, das sy nynder 

kcyne narungc hynne geschawen, das helfe mir got vnd vnae übe fraw, 

]U Ich beswere or hercz bie gote vnd syner groschen (so!) 



'T^ 



Ich beswere or czunge bie gote vnd bie synen heyligen fünf 
wunden. 

Ich beswere ore leber, alzo war alzo got an dem fronen crutz 
I 16 hat genomen seyn ende. 

Ich beswere ore leber, als war als got an dem fronen crutz 
starp vü wart an dem drytten tage widder lebendig. 

Ich beswere ore oren, abso war alzo got ist von eyner re; 
mait geboren. 
20 Ich beswere on or bar bie der sonnen by dem monden, du 

sy nynder mehir yn dise hawsz weaeiiB komen. 

Ich beswere oren leib vnd or leben, das wir on nynder 
trincken dorfFen geben, das belff mir der vater der BOn vfi der 
heilige geist. 
25 Älzo gut sy der aeya hüte, alzo dy lawna di stunde was do, 

do vnli liber herre also got ynne gebom wart 

Sy sinl gross adder cleyn. zo beswere ich or gebeyne. 

Alzo vor war wil ich alle dyße myse usz diessen gebewde mit 

dieszem seyne spreche. 

30 Alzo vor war als got mit svnen XII boten jüngeren an dem 

grünen dornstsge hat das abeatessen gessen vn hat sie alle geBpeyst 

vn hat on seynen heyligin waren lichnam gegebin vn gewyst vD 

hat sy geest mi synem fleische vnde getrencket mit aynem blute. 

Alzo vor war als ir esset niyn fleisch vnde trincket myn blat, 

35 alzo vor war sey der seyn vor dy bosin mewae gut. 

Mit dyszem sej-n ich sy vorspreche, das sy hy hynne nynder 
keyne spysze essin nach trincken. 

Das ey müssen vorswinden, das helfe mir Maria mit < 
liben kJnde, 
40 Alzo der man vorswant, der den ersten nagel smitte vnd dy 
want, do man got mit fing vn bant. 

Der seyn den ich hewte hab gesprochen, got gebe da« ich 
r nicht habe geoSeut syne heiligen V wunden vH hab sy om nicht 

vorsprachen. 
45 Do mit gee der seyu uß. Nw Bteh(?) do vtos(?) uf vnd gang 

mit czu dem huss vs, eyn was es sey eyn sie addir eyn her, das 
nynder keyn schade musze gescheen. 

Nw hat disser seyn eyn ende, got gebe das nynder keyne 
I mawsa kome yn dysze vir wende, yn dem namen des vaters des 
SO sons vnd des heiligen geistes amen. 



ader . 




ALLERLEI AUS ZEITZEE HANDSCHRIFTEN. 327 

IV. 
Eine Fredigt auf daa Fest Aller Heiligen um 1400. 

(fol. 369") Laudem dicite deo nostro et non simulacrls den 
aptgoten, omnes saDcti eius, qui timetis deutn, puaeilli et magni, 
quia regnabit dominus deus noater omnipotens. Gaudeamus et ex- 
ultemus cett. Alle heiligen vnde alle die god BQchen, die cleynen 
5 mit den grÖBzen, ir sollet vnßfeme] gote lob sprechin, quia re^na- 
bit, darumme daz vnü herre mechticlich berschet obir die aptgote 
der bösen geiste. De hoc gaudeamus et exultemus^ wir soIn vns 
dez frowen vnd verhebe vnd valime gote die ghere gebin vnde 
irbJten, darumme daß vnß loen gröcz ist in den hymmeln. Dille 

10 wort beschrtbet Johannes in den bQohe der heymlichkeit, die gli- 
chin sich deßni keynwerdigiu tage hQthe, alz wir begShin den tag 
der hocbcztt ailir heyligin, die vnUen god 4n vnderlaß yn den 
hymmelo loben. Daz ist nicht wundir, wan sie yn sehin von ant- 
litKce czu antlitze, vnde sie von der gewalt dez bösen geistia irlüst 

15 hat vnde sie ufgenomen von deme beträpniBze deszir keynwerdigin 
werlde vnde sie gecrönet yn der wonnuge daz §wigin riches. Sed 
hodie canitur: Sancti estis sancti dei cett. In der lobelichin stad 
dez herru lütheo die orgeln ewiglich. Dö ist der allir sueßste beste 
geroch dez balsamus zinamömen, daz sint die kunste der heiligin 

20 vtide die schrifte der Engeie mit den Erzengeln. Sie singen noch 
den noten vor gotcs throne den lobesang allelnia. AIbub haben die 
heiligin in gotis riebe alle froyde yn eyner gnüge. Dö ist lebin 
äne töd, tag äne nacht, wysheit 4ne czwifel, froyde äne jämir, 
Btillikeit äne störtn, schönde &ne missestalt, stergke äne crangheit, 

25 recht Sne vorkeninge, liehe &ne hacz, aoliche froyde die dyne oygin 

nye gesehin haben, dyne ören nicht verhört noch dyn mund nicht 

volsprechen kan , noch dyn berzce nicht voldeogkin noch geacbtin 

kan. Westü da nicht enwilt, dez bistü vorhabin, ailir sorge bistfi änig. 

{fol. 270*) Fulgenciua. Die heiligin beschouwen die gotlichin 

30 clärheit in drierleye wlse, alßö vns der apTgel dynet, mit drio an- 
geeichten, daz do kegin ist. Wir sehin got, vns selbir vnde vnße 
war andächt. Alßö ist daz vmme den sptgel gotlichir clärheit. Eoyn 
sptgel ist BÖ clSr alzö daz froydinriche antlitzce gotes. Wan yn 
cyme sptgel sehit man daz keynwerdig ist, ahir yn deme anthtzce 

35 gotis sehit man nicht alleyne das keynwerdige, sundem oucfa die 
dinge die von femne sint. O wye lobeÜche wertschafti O wye 
edele trugseßin! die Engel mit den Erczengilu dynen czu tysche, 
die Seraphtn seczcn die tabeln addir tyache vnde brcytin die 




328 BKCH 

tflchir, Potentes die furstin gewaliligin vortnbin die fynstimiBze, 

40 Virtütea die wandiln daz bröd yn fleysch dcz Inmines, sundin) die 
Seraphin wandiln daz blued dez fayoimeiztrübil yn den allir klSri- 
aten wyn, da vone alle, die czu der wertechaft sint, werdin ge- 
Beuget vnd mit froydin getrungken. Ilen wir, lieben brfldere, daz 
wir an die eichir stad bomiuen, an den Fruchtigin agkir, in dies 

45 Büßen weyde, du wir &ne forchte leben, da vna genüg wert äne gl^d 
brechin md nymmer müde werdin. ^1 

Zcu dem eretin mael aehin die heiligin daz antlitzce gotiB 
clSrlich, daz vol gnädin ist, daz jre begermige irfrowit. Dez sehins 
werdin sie nummer müde, eundirn sie fruwin sich därrone &ne 

50 vndirläcz, daz so gar lustig ist. daz sie nummer gebungirt, gedurst, 
gcfrÜBt, getrüren, crang werdin noch nummer von gote gescheidin 
werdin, O mensche, wiltü dö hene komme von deme betrüpnisze 
deßir werlde, dö du gesehen magiat daz clärc antlitzce gotis, b6 
reynige hüthe dln herzce von allen sundin. Math. V, beati mundo 

55 corde, quum ipsi deum videbunt contra luxuriam. Die heiligin sebin 
in der clärbeit gotia alle güde wergko, die eyn iglich mensche yn 
hie uf ertrlche zcu Sren tued vud irbüted mit almüsen [vnd] an- 
dirn wergkin. Die schtnen in deme antUtzce gotis also in eyme 
sptgel, also betin sie danne got vor dich. Johannis XVII, pater, 

t50 quofl dedisti mihi. O vatir, ich wel wo ich ben dastö ouch sint myne 
dyner. 

Zcu deme andern maol lobin die heiligin god inniclicbm. 
Ysaia LII, levaverunt vocem eimul. Sie hüben alle met eynander 
an eyne stymme: Ach waz froyde der schepphir yn hymmelriche 

65 hat! Bchowin wir, wie die eüiie vnßs berrin ist! so wii- die zclrde 
syner Sbere sehin. die gewall ayner koninglichin ewigkeit, wer ir- 
kennit da die gewalt dez vatira. des aonee wisheit, die güthe dez 
heiligin geistisl Älsus irkennen wir die böe der heiligin dryvaldi- 
keit. Eyn iglicber herschil mit Byner ordenunge. AlUü die seytea 

70 an der harffen iglich n6ch eirae döne ist geczogin, die langen mit 
den körten gebin glichin süßen dön, alßö habin sie in gotisiicbe 
alle froyde yn eyner gnüge. Die stad endarf der sonnen noch dez 
münden addir gestemis nicht, wan die irlüchlit wirt von gotis clfir- 
beit Wann dö fz deme grundeldsin obiräoßigin bome achepphin 

75 alle wlaheit, daz sie alle ding irkennen, die vorgangin keynwerdi- 
gin vnd czühunftigin sache wieszen. Sie irkenuen die zcael des 
gestttrnis, dez meris die tropphen die daz graiz fruchtigin, die wj-tbe 
die breyte die lenge dez hymmelz des meris vn der erdin aptgrunde. 




ALLERLEI AUSi ZEITZEB HANDSCHRIFTEN. 329 

sie wiUen ouch alle kuuBte vnd schrift. Dd endorf nymand uöch 
80 dem andern frägin, kösc noch rede, Sie swigen immmer, aie lobin god 
von gnindelÖBir liebe mit deme gesaage sanctus eanctus. Oucb 
aehit eyn igÜclier syne vyende lyden in der helle, die en betrübet 
hAn uff dem ertrtche. Die aeligin aehin die vorthöraeten yn der 
helle därumroe daz sie sich daete mSr gefrowen, daz sie der pyne 
85 siot eDtgangln. Die vorthümetm in der helle sehin die Beligen in 
der froyde, daz yre pyne deste mfer zcfl neme. 

(fol. 270') Zcu dem dirtten maei lobin sie got vollin koninc- 
lich. Ysaia LI: sie soln kommen czu Syon mit lobe vnde die 6wi- 
gin froyde Clß yrme honpte haben; sie aulleu den «öffzcen flilieo; 
90 ich wel sie selbir trÖBten. wie grölJe froyde dö ist, dö got sel- 
bir trfiatet ayne heiligin ! dö ist volkommen froyde, keyn vngemach, 
O meneche, wez machstü dich vinme dyne crangheit betrübin, di» 
dich in deüir werlde aneficht, die korcz vnde vorgenlich ist! Sün- 
dern du sah geduldiglichen llden die anefechtunge , därume daatö 
95 daz Swige leben irwerbist. 

Wir begShin allir heiligen tag, wan wir von vnßo herzcin 
iizwerfin den aptgot der aunde vnd daz ge stelle n i lle der eynfeldi- 
keyt der dem&t do hene malen, dö vormälcz geweet ist der aptgot 
der höchfnrt, Dö gestandin hat daz geBtelteniUe dez bösen geistes, 
100 dö hene boIq wir setzccn daz gestelteniße dez heiligin crQcis, 
vnde vor den haes sollen wir habin die demfitikeit, Ibi beati mites, 
quum ibi possidebunt terram. Bist (so!) dSmÜtig yn der wande- 
runge, schcmede hab in den worten, czuchtig yn den seten. Eyn 
philosophus lärte ein eon vnd sprach: eich, daz die ameisze icht 
105 wlser sie dan du, duz der hane icht wachtnder sie d^a dö, daa 
der band icht getrflmr sie dan du. Also lemo togind bl den cröa- 
tfiren vnd bist (so!) vorsichtig vor allin dingen. Wan also sich 
daz tier vnd der boiim von den fruchten neygin, alllö neygit sich 
der dSmötige mensche, wan her vol toginde ist. Vor den aeom 
110 saltü haben die fredsamkeit. Ibi beati paciüci, quum tili! dei 
vocabuntur. Vor die anefechtunge die innykeit. Ibi beati, quum 
pcrsecucionem patiuntur propterju stiel am, quum ipsorum est regnura 
celorum. Vor die gyrheit soln wir haben den hunger vnde dorst 
nach der gerechtikeit yn den Worten. Ibi beati, qui esuriunt et 
1)5 siciunt justiciam, quum ipsi saturabuntur, Ir eolt barmherzcig 
stn yn den wergken, Ibi beati misericordes , quum ipsi mieericor- 
diam consequentur, contra Inxiiriam castitntem. Ibi beati pauperes 
Bpiritu, quum ipsorum est regnum celorum. Hirmete soln wir obir- 



330 BECH 

winde alle vnße vyende der bösen geiete vad soln nflrichtin die 
120 phancn allir heiligm. 

Die Handschrift, welcher die unter I und 11 gegebenen Stücks 
angehören, ist ein altes Copiatbuch der Zeitzer Capitularbibliothek, 
563 Bl. in folio enthaltend, in welchem theils Anklage- und Vertheidi- 
gungsBchriften, theils Rechtsgutachten von Leipziger Juristen und Ur- 
theile von Schiedsrichtern (»cheidisrichteren) eingetragen sind. Die dort 
mitgetbeilten Rechtsfalle fallen alle in die Zeit von 1449 bis 1459 und 
beschränken sich nicht blotS auf die nächste Umgebung von Zeitz, wie 
Naumburg, Pegau, Mersebnrg, Halle, Querfurt. Gera, Altenburg, Plauen, 
sondern beziehen sich auch auf Meißen, die Xiederlausitz, auf Barby, 
Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg, Schwarzburg u. s. w. Fllr die 
Geschichte gewisser Adelsfamilien, noch mehr fiir die Culturge schichte 
überhaupt sind die zahlreichen hier gelegentlich faUenden Mittheilungea 
von nicht geringem Werthe. 

I, Z. 1 die Worte schulde czüspraeh (oder auch ez&spraehe) unde 
gerechfickeit kehren in den Anklagen formelhaft wieder, ebenso oft wie 
fchulde cletge unde g. oder clnge ach. u. g.; nicht minder formelhaft be- 
ginnen die meisten Vertheidigungen mit die sinl myn were tchvcz vncU 
anlwort. Unter schulde ist, wie der Zusammenhang lehrt, hier accusaiio 
friminatio Anschuldigung Anklage zu verstehen. Statt cB&sprach oder 
az&sprache erwartete man csüsproch oder adsproehe, entsprechend dem 
auf den ersten Seiten einige Male vorkommenden ezüspruch, czäspruche, 
welches hier den rechtlichen Anspruch, die Forderung ausdi-ftckt. Ob 
der Schreiber czägpräcke gemeint habe, oder ob eine Form csäsprach 
anzunehmen sei, die sich dialectisch aus czäaproch = zcüsprueh ent- 
wickelt habe, lässt sich schwer entscheiden ; im Volke hört man hier 
allerdings ia betonten Silben öfter a statt des hochdeutschen u, wie in 
banger (fames), holanger {sambucus}, Jane (juvenia), ranger (deoraum), 
alahe (conclave), zange {lingtia), vei^l. namentlich Schroeder zur Griseldis 
S, LXXXI, der unter anderm auch hadeatabe und untagent nus dem 
15. Jahrhundert für diesen Dialect nachweist. — Z, 21 gereitachaft, 
Baarschaft, vergl. mhd. Wörterb. IP, 672". — Z. 22 maHir mhd. moWer; 
im Dialect heute noch so, wie der alle (aide), balle {balde), gelle (^Ö«), 
■melle {jnelde) u. s. w. — Z. 23 gmi-achaeit hier im Gegensätze von ge- 
Icouft, Bo viel als : selbst erbaut. — Z. 24 bier hier = gebrüwede wie in 
der gleichzeitigen Satzung des Bischofs Petrus von Naumburg, vergl. 
das Programm von Zeitz a. 1870. 11, 37; Michelsens Rcchtsdenkm. 271 
und 272; in Erfurt ehemals ^ 200 Eimer nach der Anmerkung in 
Kirchhoffs Weist, von Erfurt S. 52—53. — Z. 29 pßünienfedirbette^ 




ALLERLEI AUS ZEITZER HANDSCHRIFTEN. 



331 



vergl. pßämvedenibetU in der GriBeldia ed. Schroeder 6, 18; in des Teufels 
Netz 4042. — 31 Heubtpfol, ao in den Görlitzer Annalen 392. 11 und in 
dem RecLtsb. nach DistiDct. ed. OrtiotF I, 8, 1. — Z. 34 Heyne, fein. 
— Z. 36 czwelick vnde eynlieh, dazu vergl. das Stadtbach von Augsburg 
hrsg. von Meyer S. 315: si wellent daz man ztinlich und einlich aines 
gewanUtahes brait sol machen zwifachez; ai wellent daz man snoilich und 
einlich vail habe mit ainem bände üf kern Sibotes banke; 316 man gol 
mexzen den rohen zwilich und einlich vierßach. — Z. 39 hantquele, vergl. 
Deut, Wörtb. IV, 411; um Zeitz und Naumburg heute noch qu^le, 
qaaele üblich. — Z. 41 defin ist hier wie Z. .52 und 54 skiffen wohl 
dasselbe Wort, das uns in dem md. gchleißcanne näher bekannt ist 
Dieses gleife führt Weigand III, 592 gewili richtig zurflck auf das alte 
eloufa, sltmfe, sloife (neben der slouf) ^ ansa, ansula und versteht unter 
Schleifkanne eine Kanne mit Handhaben oder oben übergehendem 
Bügel, vergl. auch Adelung unter d. W. In unserer Stelle wird man 
bei aleife demnach an einen Tiegel denken , der mit Henkeln oder 
vielmehr mit einem Bügel versehen war. an dem man ihn tragen oder 
an den Kesselhaken {hiilvinkea) hängen konnte. In Z. 52 und 54 ist 
sleife kaum etwas anderes als unser Schleifkanne. Dasselbe Gefäß 
scheinen gleichzeitige Quellen aus Meißen und Düringen mit boymkanne 
oder bömkanne zu bezeichnen, so Schotts Sammlungen III, 295; wo es von 
den bffndern heiUt: was mich von deinem gefesge wochelichen her in die stadt 

bracht wirdet czu dem mart/kte, als kübeln, botfmkannen , das sullen dit 

bender ezu geben dart/n nickt halden nach itprechen\ und Michelsens Rechts- 
denkmnle aus Thüringen 8. 122 {== die alte Erfurtische Wasserord- 
nung) : der ■probist -phliget den möllern ei/ne gude soppen esu gebene in 
den g^-aben, dar uffe fleisch, kese nnde brot und eine boumkannmt vol oder 
aoßu ires closterbirs; vorausgesetzt, daß boinkanne verlesen, verschrieben 
oder durch die Aussprache verderbt ist aus boin- oder boienkanne d. i. 
bogenkanne. Der Übergang von oge in oie oder oi ist in dem betreffen- 
den Dialect nicht selten, vergl. außer andern Beispielen Schroeder 
«ur Öriseldia Einl. S. LXXXVI; boie (Ür böge auch schon in den alten 
Gesetzen von Nordhausen bei Förstemann N. M. III, 1, 65 (157): 
achiezin mit armhnrsten oder mit boin. Sonst habe ich sleife noch ge- 
funden in einer Familienchronik des hiesigen Osterlandes aus dem 
18. Jahrb., in der Verbindung schleißen und deeßen (cfr. Diefenb. 189" 
s. V. dolium) und in den Weist. V, 265 (a. 1740 aus der Wetterau): 
hei der sckläufkanle uf des schuldigen kosten im wirthshatis zehren; vergl. 
auch Com. Kil. ed. Hasselt 594* sleepken, minoria poculi aut mensura« 
gi-nits, ci/nthiis. — Z. 41 scherlichen ist das Deminutiv von scharte ^ 



332 BECK 

■pfäella, frixorium, eieh darüber Lexer Handwb, II, 670 und Aclelang 
unter echarta. — Z. 43 viarghk^»»il, dasselbe Wort in Schmidts LTrkun- 
dcnb. von Göttingen I, 241, 69 : tinum ealdarium dictum marlutketeL — 
Z. 49 scnßschusaelin, bei Lcxer Uandwb. II, 816 und in den Fastnachtsp. 
1216: »enff und aaUetuckwtselein cUin. — Z. 51 ist wolil j;omeint drie 
tsenmi stobichenkannen; vergl. die ähnliche Verbindung in Z. 53. — Z. 53 
zu noanl (=; nSzil) in nSgailknnne und halpnoagelkanne Z. 513 vgl. Conrad 
Stolle Chron. 293' a/n gancz ald noßeln und Urkundcnb. von Leipzig 
I, S.341 nSsßü (a. 1466) und S. 351 das nosseü (a. 1469). — Z. 63 
mecheiüch, ebenso im Ofener Stadtrecht 213 ilem von Meeklhek unUr 
1 Uuiki mechenUich, meeheleneie bei Sobm eller- Fromm ann I, 1561 ; O. Rtl- 
land 13; ■mächlich in Wcatenrieders Beitr. III, 121; ein (iicÄ van Meekel 
in dem Stadtrecht von ErUnn 389 u. 40ö; in den Chroniken der D. St. 
IV, 31; bei Fahne Forsch. I, 2, 59. — Z. 63 buekisek, von buckerantf 
vergl. Schmellcr-Fromnmnn I, 207 vrm icj/ssen bjigjeitsckiH, 381 bisatK 
pockenachin; C. Stolic, Chron, 211" bockeehi»; Urkundenb. von Leipzig 
S. 312 bucJuin (a. 1464). — Z. 64 und^vckiebea, ftltt«ni, vergl. Renner 
4495 untriuwe — einhaVi mit eiden, einhalb mit lugen hol »w iV »eteek 
underacholien (: lohen); Sfadtbuch von Augsburg ed. Meyer S. 200 
aol niemen ekeinen riadeapüek mit chtime gtro undersckiebai. — Z. 64 
harrisrock, Rock von on'oz oder harris. Rasch, vergl. Lexer Handwb. — 
Z, 73 enczelne lächler, Leuchter, welche nur ein Licht zu tragen bestimmt 
waren. — Z. 73 liauckpfol, mhd. bankpfnlwe, a. 1525 banhpftikte in Schott- 
gen und Kreysig Diplom. Nachlese I, 309 und 310. — Z. 75 yngethiime, 
Hausrath, Lexer Handvrb. I, 1434- — Z. 75 nSser, Speiseeack zum üm- 
hilugen ^ üer, Lexer Handwb- 1, 711 und Glossar zu J. Rothes Chron. 
S. 700. — Z. 82 »«Wim, würdem, schlttzen, oft in der Handflchrift, im 
Sachsenspiegel werderen. 

U, Z. 4 radkatte, Räder- oder Rollenkaslen? sonst nur in der 
Hohle vorkommend, vergleiche Vilmar Id. s, v. gfint; noch in Zeitzer 
Handelbtichern a. 1603 bis 1609. — schaffe, sonst sehape. schöpft, vgl. 
Dicfenb. s. v. ld>es, patetla. — Z. 5 tinheselt, wenn vom Cnpisten richtig 
geschrieben, bedeutet nach meiner Aufassung: noch nicht mit seien 
d. h. sil&t, Zugricmen oder Süenzeug (wie es heute noch hier im 
Osterlande genannt wird) versehen, vergl. Lexer Handwb. 11, 921 s. v. 
aiV; dazu das Verbum in der Wiener Handsclir. der Heiligen Magda- 
lena fol. 80*: «■ hni dur got üf gehen Steerl sper linde schiU Vnd Itat 
TU JesS- sich gesili. Dem Zusammenhange nach kJinnle man aber aach 
&n unbeackelt, etjuae non inüae denken, vergl. D. Wörterb. I. 1544 6. v. 
heaehälen. — Z. 6 »winsmulter, dasselbe was sonst im Mhd. vei-herrnuaterf 



ALLERLEI AUS ZEITZEE HANDSCHRIFTEN. 



333 



varhmuoter, ziicktmnoter heißt. — Z. 7 brixke, Flachsbreche, findet aicli 
in dem NordhSiiser Zollrodel (aus dem Anfange des 14. Jhrh.) in 
Förstemanns N. M. III, 1, 23 = Senkenbergs Visiones 319. — refel, 
mhd. riffel, rifel, die Reffe oder der RefTkamm, vergl. Weigaiid b, v. 
reffen und Teffel. —- kälrincke, cremacuhi, Keeselhaken- oder Kettenrink, 
vergl. kSlrinc bei Lexer Handwb. I, 1154 ^= kähelrinc; dazu das Eiaen- 

acbiBche Rechtsbuch bei Ortloff I, S. 676: czu erbe geMrt kesteU, 

hö-ringen, hotoettocke U. S. w. ; ebenso in dem Rechtsb. nach Distinct. 
I, 7, 1; II, 1, 19: guWe dy kob-ivge (Var. kokinge) cm, deme hüse gehdt-n, 
ao mtiste der kessel ouch dorctü gehdrn, unde des tat nicht; Ken dy hol- 
ringe ist deme kessele gehangen czu nöidmff unde nicht deme hüse. — 
Z. 17 ich oft in der Handschr. = icht, wie nich ^ nicht; so auch in 
den oBterl&ndiachen Novellen bei Haupt Altd. ßl. I, 354, Z. 9 daz ich 
= JF« forte und nicht minder in dem md. Schachbuch ed. Sievers 
260,29 (nach der Handschr.); 338, 4; 339, 2b; 370, 30 (nach der 
Handschr.l und sonst in oster! an di sehen Quellen nicht Bellen. — Z. 17 
jiScfi iV geslagen sieht fast aus als hätte der Schreiber in seiner Vor- 
lage n8ch »■ geiän gehabt und dieses fllr nSch ir geslan augesehen ; 
shhen scheint hier aber nicht passend; ohnehin steht das richtigere 
in Z. 23 und 28. — Z. 27 korebt, adj., vergl, Hildebrand im D. Wöit. 
V, 1795; ferner Ürkundenbueh v. Leipzig I, S. 293 (a. 1463): die hüre 
unde icitde framce uff dem fryhen kUße sollen nicht tragen kwellen tnnrc 

auch kein korellen patemoeter. — Z. 29 baren jedenfalls ivieder 

vom Abschreiber verlesen fflr harten = borten ; diese Form bei Diefcnb. 
61* s. v. aiireola, harten und 6:;" anr^phrygium, goltbart, goUbarde-, femer 
in einer Urkunde von Speyer (a. 1365) im Anzeiger f K. Neue Folge 
IIT, 201: dehein gutdin oder silherin harte nnd 175 keinen b/irthenrock. 

— Z. 30 -puaie (ebenso Z. 36), vergl. Diefenb. 473" pufwim«, \mste. 

— Z. 35 fiArf, liegt, wie IM in der Griseldis ed. Schroedei- 41, 28 und 
la {: czW) in Rnthes RSpieget 1376. — Z. 38 gesi^en gam, vergl. das 
Sachs. Weichbildrecht ed. Daniels und Gruben 97,47 Hen unde ßaehz, 
garn, r3e nnd gesolen ^ linum, ßlnm omne nervatum (Hs, nei-etttum), 
aive sü dealbatum sive non; SchöHgen u. Kr. Diplom. Nachlese I, 308 
garn gesoHen und ungesoUen; Weist. III, 630; IV. 274. — Z. 43 hemjise, 
ein Getreidemaß, vergl. Dreyhaupt Beschr. des Saalkreyses I, 815: 
sex mensurae (rt'lici «! iotidem ordei, ijuae heymetzen Hallenset vitlgariler 
appetlantur (a. 1272); in einem Lehnbucbe des ehemaligen Zeitzer 
„Jungfruuenklosters" (16. Jahrh). 128'': er gibt dem Hirten 1 heynüzen 
körn; 136': vier hei/mitzen vharhnffer und 2 hei/mitxen scherhaffer; 138" 
2 heyni'tzen feit; 140* ein gehaufft heimitzen feit; drey heimbzen^hopffen 



334 RECH. ALLERLEI AUS ZEITZER HANDSCHRIFTEN. 

in einer osterländischeu Urk, von 1616; etilen beimfien czwihleln hörl 
man heute noch; im Mud. lautete ea keraete, vergl. Gmot von Kirch- 
berg 724: von yeder hiifen, dy geswame gäbin da ses wi/iz v<m körne und 
achte mäz von kavergelde, das mnz yn düUehem ich hy inelde, kemete ixt 
das mäx getiaid\ dazu Diefenb. 201" emina, hempte und Adelung s, v. 
heimzen und himten, Löbben Mnd. Wort II, 238'. — Z. 44 tlber brechen 
8WV. vergl. Grimm D. W. II, 351. 

Der dritte und der vierte der oben mitgetbeilten Absclmitte 
stammen ebeofalle ans einer Handschrift der hieeigen Capitnlarbiblio- 
thek. Ihrem Hauptinhalte nach bildet dieselbe eine Sammlung latei- 
nischer Sermonen auf die verschiedenen Sonn- und Festtage des Jahres; 
hie und da sind längere oder kürzere deutsche Stellen eingeflochten. 
Die ältesten Bestandtheile scheinen gegen 1400 geschrieben. Der 
frühere Besitzer derselben, der sich als Laienpriester zu „Preatorf" bei 
Zeitz, Namens Georgius Law, wiederholt darin verewigt hat, nicht nur 
durch Einachreibung seines Namens, sondern auch durch lateinische 
Ran d bemerk UD gen und durch mehrere theils lat. tbeils deutsche Zu- 
sätze, besaß sie nngefkhr vom Jahre 1470 ab. Zu den Zuthaten von 
Law'e eigener Hand gehört auch der oben mitgetbeilte Segen wider 
die Mäuse, während die Predigt auf das All erh ei ti genfest nach Schrift 
und Sprache noch zu den älteren Theilen zu zählen ist. Die Stelle, 
welche dem ersteren dieser Stücke mitten unter den Sermonen ein- 
geräumt ward, läast vermuthen, daÜ dasselbe gleich den Predigten zu 
geistlichen Zwecken von Law verwendet wurde, wahrscbeinUch also 
Äum Besten der Parochianen, so oft sie in ihren Vorrntbskammem oder 
Scheunen von leidigen Gästen heimgesucht wurden und zur Besprechung 
derselben sich an ihren geistlichen Hirten wandten. Mit Rücksicht 
auf diese Bestimmung ist es wohl gekommen, daß der Segensspruch 
im Munde des Geistlichen vieles von seiner uraprüuglich unkirchlichen 
Form eingebüßt bat, namentlich durch die Einstreuung biblischer 
Ausdrücke in seinen Reim Verbindungen gestört worden ist, abgesehen 
davon, daß seine Aufzeichnung auch sonst eine sehr fluchtige und in- 
correcte war. 

III, Z. 4 — 5 sind offenbar verderbt; vielleicht allea u»u von mey 
«in hinne (: koniginne) oder alleg was man m«y»e kinne ßnde, statt aUe»- 
das böge von meysin hynne ßnde. — Merkwürdig sind die Ausdrücke 
ungenant, konitig u. konigynn, mit denen sicherlich verschiedene Unge- 
ziefer bezeichnet werden; über ungenant lese man nach, was die Ver- 
fasser des Mhd. Wörterb. II', 312 und Schmeller-Frommann I. 1747 
darüber zusammengestellt haben; über konhig oder könig findet sieb 

1 



BÄCHTOLD, DEUTSCHE HANDSCHRIFTEN IN PARIS. 335 

einiges bei Hildebrand im D. W. V, 1700, das hierher gehört. — Z. 6 
muß es heißen on ore fuße für ore am fuße; auch das Folgende ist 
entstellt, etwa : das sy nynder keyne narunge hynne suUen ßnden noch 
9pyße. — Z. 14 ist Uher aufikUig, da es in dem gleich darauf folgenden 
Abschnitte Z. 16 noch einmal vorkömmt An der einen oder der andern 
Stelle muß ursprünglich ein anderes Wort gestanden haben. Auffallend 
ist ohnehin, daß der zagel oder zeZ, der köpf die zende der Mäuse un- 
erwähnt geblieben sind. Oder war vielleicht das letzte, die zende^ der 
hier übersehene Ausdruck? Dieß würde wenigstens passen als Reim 
zu ende, mit dem die Periode schließt. 

IV, Z. 10 buch der heymlicheit^ vergl. Diefenb. 40^ apocalypsie^ 
— Z. 24 missestalt, deformitasy fehlt bis jetzt im mhd. Wörterbuche. — 
Z. 41 hymmeUtnihil ist bis jetzt unbelegt gewesen. — Z. 5t gefrüst, md. 

Form = mhd. gefriuset, friert, Mhd. Wörterb. HI, 413\ 

ZEITZ, Janaar 1876. FEDOB BECH. 



DEUTSCHE HANDSCHRIFTEN IN PARIS. 



Es dürfte nicht ohne Interesse sein, eine kurze Nachricht über 
die deutschen Handschriften der Pariser National-Bibliothek zu 
vernehmen, zumal der von Michelant verfasste Katalog nicht gedruckt 
ist. Derselbe enthält 242 Nummern, zu denen übrigens noch andere 
hinzugekommen sein mögen. Im Winter 1872 legte ich mir die folgen- 
den Notizen an über diejenigen Manuscripte, die ich ftir bemerkens- 
werth hielt, aber nur flüchtig gesehen habe^. 

Ms. all. 33. (7832^) Legende von den hl. drei Königen. 
Pphs. aus dem Ende des XV. Jh. Wohl nach dem Lateinischen des 
Johann von Hildesheim. Andere Prosaverdeutschungen derselben Le- 
gende: in Heidelberg und Basel. Vgl. Wackemagel, die altd. Hss. 
der Basler Un. Bibl. p. 58, und eine Probe im Lesebuch 1. Aufl. Sp. 727. 
In München: cgm 5134 f. 90—160, von latin zu tutsche braht 1405; 
in der Stiftsbibl. St. Gallen sind nicht weniger als vier Hss. Nr. 594, 
628, 985 und 987. 



*} Die Handschriften tragen neue Signaturen, so muß man Ms. 7266, den 
Minnesingercodex, ak Ms. all. 32 verlangen. Das Vergnügen, das sein Anblick er- 
wecket, ist immer noch wie sn Bodmer's und Breitingers Tagen «tob den empfind- 
lichsten". 



336 BÄCHTOLD 

Ms. all. 35. (2947) HeiligenlegendcD; niederdeutsch. 

Ms. all. 108(7834) Schachzabelbach des Konrad v. Ammen- 
hausen. Schöne Pphs. (Schluß daraus mitgetheilt in Gra£Fis Diutiska 
m, 450 ff.) Die vielen Hss. dieses Reimwerkes zum Theil in v. d. 
Hagens Grundriß p. 426 verzeichnet. Auch die ArsenalbibL besitzt es 
imd das Brit. Mus. in add. ms. 16616. (Bilderhs.) 

Ms. all. 113. (5551) Das gegenwürttig Püechel wird genant 
splendor solis oder sonnenglanntz, Tajltt sich Inn siben Tractat, Durch 
wellich beschrieben würdt die künstlich Würckhung des Verporgenen 
Steins der altten Wejsen etc. Pghs. mit schönen Miniaturen. 

Ms. all. 114. (7267) Chronica antiqua rhythmis germanicis, 
quam auctor dicit se ex libro latino Gotfridi Bittemiensis (sie !) deprom- 
sisse ; ab erbe condito usque ad tempora Josuae, in versus germ. trans- 
lata jussu Henrici Lantgrauii Thuring. Pphs. 153 Bl. in fol. Es ist dieß 
eine unvollendete Abschrift der Weltchronik von Rudolf von Ems nach 
Gottfried von Viterbo. (Siehe Graff Diutiska I, 75.) 

Ms. all. 115. (1060^) Hartmanns Iwein, der Ritter mit dem 
Löwen 187 Bl. in gr. Quart. Pphs. des XV. Jh. Das erste Blatt zer- 
rissen. Schluß : Hie hat der ritter mit dem lewen eyn ende | Gott uns 
sinen gnade sende. Diese leider nur oberflächlich gesehene Hs. ist 
von Benecke-Lachmann nicht benutzt worden und scheint unbekannt^ 
wenigBtens ist sie bei Schade, Altd. Lesebuch p. 196 nicht verzeichnet. 

Ms. all. 116. (1198) Der Renner des Hugo von Trimberg; 
beendigt den 7. April 1439. Auch im Brit Mus. add. Ms. Nr. 24280 
(15. Jh. Pphs.) vorhanden. 

Ms. all. 118. Fragmente deutscher Hss. des XHI. u. XIV. Jh. 
gesammelt von Oberlin. a) 2 Perg. Bl. in gr. Oct. Anf.: Er bot den 
snabel an das gevider | Da ane was daz spcngelin | Er sprach vil liebe 
frowen min | Nu sist der warheit ermant etc. 

h) 2 Pg. Bl. des XIV Jh. Sttlcke aus Megenbergs Buch der Natur 
enthaltend, sie beginnen mit 39, 9 Pfeifler. 

c) 4 Pg. Bl. aus Strickers Karl v. 2525 B. an: 
Und sollen uf uns ritten 
Genelun sprach ich wil iuch bitten. 

Ms. all. 134. Güldenes Tugendtbuch und Trutznachtigal 
von Friedrich Spee. Schöne Pphs.; geschrieben 1640 von Leonardas 
Gülichius Benedictinus Brauweilerensis. Die erste Ausgabe der bd. 
Sammlungen erschien erst Cöhi 1649. 

Ms. all. 135. Das ]\[uniiscript von Fulda-Reinwald-Zahns Aus- 
gabe des Ulfila 1805. 



DEUTSCHE HANDSCHRIFTEN IN PARIS. 337 

Ms. all. 140. Schwabenspiegel. Anmerkung Oberlins : ^Diesen 
Schw. Sp. hab ich im Jahre 1783 in einer Kiste voll alten Pergaments 
gefunden, welches wirklich sollte zu Leim gekocht werden und also 
vom Tode gerettet." Die Hs. gedr. bei Schilter Thes. 11. (Eine andere 
Pariser Hs. bei Graff Diut. III, 464 u. ff.) 

Ms. all. 155. Cölner Chronik in Versen. 

Ms. all. 192 — 204. Die literar. Correspondenz Oberlins, die wahr- 
scheinlich des Interessanten noch viel enthält 

Ms. all. 206. Bruder Philipps Marienleben. Pghs. des 
XIV. Jh. 80 Bl, jede Seite zu 2 Colonnen mit abgesetzten Versen. Ohne 
Tite|. Vor dem Anfang des Gedichtes: Dye gnade des heilgin geistis 
si mit vns amen. 

Maria müder kuneginnen 

Aller der werlde loserinnen 

Verlieh mir soliche synne 

Daz ich dissis bnchelinis beginne etc. 
Schluß : Alle die an diseme buche 

Lesent der gnade ich suche 

Daz si wellen haldin stedo 

Durch got mich an irme gebede 

Vn biedin Jhesum daz er sich 

Welle erbarmen über mich. 

Peder scKber bin ich genant 

Got ist mir leider vnbekant. 

Geschriben han ich iz mit minre haut 

Dez habe got vn sin lie(be) milder da(nc) 

Daz er mir die sinne hat uerluwen 

Dez danke ich yn myt truwen 

Nu sat diz selbe büchelin 

Santo iosep was maner myn 

Der marien huder was 

Die ihs. godis sun genas 

Der selbe ihesus muz vns gebin 

Trost durch sin müder lebin 

Marien lebin get hie vz 

Nö helfe vns ir kint Jhesus. Amen. 
Qui schripsit scribat et longo tpe viuat. Amen. 
Dieser Epilog ist deüwegen nicht uninteressant , weil sich darin 
der Abschreiber Peter Schreiber an Stelle des Dichters: brüder Philipp 
bin ich genant, verewigt. Zu diesem Zweck mussten dann einige un- 

OERMINU. Nene Beihe YIII. (XX. Jahrg.) 22 



338 BACHTOLl) 

geschickte Verse cingeBchoben und V. 10126 (bei Rttckert): ze Seitz 
ditz selbe büechelin in das unverständliche: nu sat etc. geändert 
werden. — Hier sei noch auf eine Londoner Hs. desselben Oedichts 
add. Ms. 10, 432 (XIV. Jh.) hingewiesen. Anfang und Schluß fehlen. Die 
Hs. beginnt mit v. 1242 und schließt mit v. 9632. 

Ms. all. 214 — 18. Sammlung von 204 deutschen Urkunden 
des Xm. bis XVHI. Jahrb. v. Oberlin. 

Ms. alL 219. Correspondenz v. Faulhaber. 

Daneben liegen unter den deutschen Hss. der Nat BibL die 
Papiere von Winkelmann, (Nr. 56 — 76. Darunter eine Sammlung 
italienischer sprichwörtL Redensarten und Idiotismen etc. etc.), die 
wohl schon benützt sind, und — um mit einem noch moderneren 
Manuscript abzuschließen — der Kosmos v. Humboldt (siehe Allg. 
Ztg. Jahi^. 1872, Nr. 182). 

In Ghraffs Diutiska HI, 450 u. ff. sind 12 deutsche Handschriften 
aus der jetzigen NaL BibL verzeichnet 

In der Arsenalbibliothek zu Paris befinden sich ebenfalls 
deutsche Handschriften, aber nur in kleiner Zahl; sie tragen noch die 
Nummer von Haeners Katalog. Unter denselben wäre Ms. allem. 7 
der große Prosaroman von Lanzelot hervorzuheben: 

Historien und Be^chicht-Buch des hoch- und Weytberfiembten 
Ritters Herren Lannzelots vom Lac. Darinnen vermeldet wirdet, was 
Er inn Zeytt seins Lebenns beneben andemn Ritterlicher Thaten und 
Abenthewemn geendet und vollbracht hat. 4 Bde. in gr. Fol. Pphs. Im 
ganzen 925 Bl. Am Schluß : scriptum et finitum per me Christophorqm 
Crispinum 12 Sept. ann. sal. 1576. 

Daselbst befindet sich als Ms. all. 6 eine Pphs. aus dem Anfang 
des XV. Jh., das so häufig vorkommende Schachzabelbuch des 
K. V. Ammenhausen. Der Schreiber des Gedichts, Michel Scherer von 
Straßburg, erlaubt sich, von seiner Arbeit mit Recht gelangweilt, zahl- 
reiche Randglossen, die oft recht ergötzlich sind, er flicht Volksreime 
ein, übt sich mitunter wohl selbst in der Poeterei. Manches, wie z. B. 
die Bemerkimgen über den Raubzug der Armagnaken unter dem 
Dauphin Ludwig, wurde erst später eingetragen. Eine Blumenlese möge 
hier folgen: 

Michel Scherer schreip die buch noch gottes gebart 1418, bittent got 
für iD, gesessen of sant Steffens plen zu Strosburg. 

O Mensch höre diese wort! Hette ich die Wissheit Salomonis, und die 
Sterke Samsonis, und die schöne Absolonis, und daz lange leben Enoch, und 
den richtum Cresj, und die frumkeit Alexanders: Was hilffe mich das nu alles, 



DEUTSCHE HANDSCHRIFTEN IN PARIS. 339 

80 myn sele würde gepinget in der hellen von den tüfeln ynde der lip wurde 
den warmen geben? 

We, we, we allen den menschen, die durch einen kurzen gelust des libes 
verlierend verlierend die ewige fröude I — Sprüche aus Salomon, Cbrysostomus, 
Paulus, St. Bernhard etc. 



Wer zehen wurste wol bereit 

Und zu jeder wurst ein wecken gekeit,*) 

Und darzü eine flesche mit win: 

Do mohte daz kuntzilium zu Kostanz sin. 



Mir ist nach der zarten we, 

Das machet f. v. t. (d. h. fut, cunnus). 



So liep zu liebe nit mag kommen, 
Do wurt fröiden vil benomen. 



hl. Sant Sebastianus, bit fdr mich den allmehtigen got für den jemer- 
lichen gepresten der bülen vnd der bleter durh diner hig. martel cre. 



Unmut düt we, 
Armut noch vil me, 
Doch geselle nit verzage: 
Glücke kumet alle tage! 



Ich hat einen bulen, daz wente ich. 
Die hat ein andern, daz weis ich: 
Nu hüt der selbe geselle sich^ 
Daz si in nit beschisse also mich**). 

Die ich in meinem hertzen trage. 
Die sehe ich gerne alle tage. 



Den besten frinnt, den iemant hat 
Daz ist der pfenning an fründes stat. 

Ein gut geselle ist ein slitte an dem wt*ge. 

Menger lachet den andern an, 
Er wolt sin herze gesseu hau. 



edele maria, gottes mülter vnd reine maget vber alle megede, vnd ein 
gebererin des lebenden gottes sun vnd ein trost aller armen menschen ! bit für 
mich armen schriber dis buches, edele maget maria, durch dines lieben suues 



♦) Wohl zu allemsDnisch : gbeien, werfen. 
**) Dieser Spruch auch im Liedersaal 111. 205. 



2-i' 



340 BÄCHTOLD, DEUTSCHE HANDSCHRIFTEN IN PARIS. 

willen, mjnes gottes luid myne« berren jeso Christi willen und bis mir belffende 
an mjnem ende, so min sele von mynem libe scheiden sol. Das bitte ich dich, 
sarte, edele und reine Maria. — Im herbeste. M. Scherer. 



Es wil nit her 

Dai ich beger; 

Und was ich nit mag, 

Das beg^^t mir allen tag. 



Ich wollte, dai der telfiin mit sinen gesellen were in der hellen und 
onch der kong von franklich! 



Salomon sprichet: Es ist besser wonende mit dem löwen vnde mit dem 
scherpione nnd mit den slangen vnde mit den vergifitigen wurmen, daii mit 
einem bösen wibe. 



Wer mit eren wil wesen, der sol mit sinen nachgebnren in friden weseo. 

Klein ist min gut, 
Hoch ist mir der mut; 
EJein ist min gewin. 
Krank sint min sin; 
Von wem ich niht enhan. 
Der sol mich yngehrt lan. 



Küng Karl von frankreich vnd din son Ladewig, daz iuch der tofel neme, 
wie hant ir so tu Ifites verderbet an übe nnd an gute! 



Da man zalte von gottes gebarte 1443 jor in dem ogeste, do kam der 
telfin, der snöde man, in erlsaz mit grossem volk der mörder and der Schacher 
▼nwiderseit. 

LfCtztes Blatt zerrissen. Am Schloß: 

Das Tolk das schrej, 
Der pfaffe sang. 
Man begrup den man, 
Die glocke klang. 
80L0THURN. J. BÄCHTOLD. 



HÄRTENS, NIEOEBS&CHSISCHE FASTENANOACHT. 341 



NIEDERSÄCHSISCHE FASTEN AN DACHT. 



Das hier zum theilweisen Abdruck gebrachte niedersächsische 
Schriftwerk findet sich in einem Gebet- und Andachtsbuche aus dem 
Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts. Es hat Sedezformat, 
besteht aus 270 Blättern und ist von mehreren Händen geschrieben. 
Es enthält Gebete an Gott, Christus und den heil. Geist, an die Jung- 
frau Maria, auch „en gud bed jegen de pestilencien'', in welchem ,,de 
hilghe ridder sunte Jürgen*', dann Sebastianus, Antonius, Christophorus 
und Rochus zur „bescharminghe vor den hastigen snellen doth'^ an- 
gerufen werden, und Gebete an St Mauritius und Maria Magdalena. 
Neben diesen Gebeten enthält es zunächst von p. 56 — 234 eine Fasten- 
andacht, dann die Passionsgeschichte nach dem Evangelium Johannis 
und eine Anzahl geistlicher Betrachtungen, in denen namentlich „sunte 
Augustinus, de sote lerer sunte Bemardus*' und „byscop Albert, de 
wise meyster^ genannt werden. Unter diesen Betrachtungen kommt 
p. 447—450 auch die Beschreibung der Person Christi vor, welche ich 
in der Germania Xu, 103 veröfientlicht habe. 

Die schwarze Schrift ist vielfach mit rother unterbrochen. Die 
Initialen sind sämmtlich roth. 

Das Buch ist für ein Nonnenkloster geschrieben worden. 

Was die Fastenandacht selbst betrifft, so bemerke ich nur kurz, 
daß sie vollständig die Zeit vom Sonntage Septuagesimae bis zum 
stillen Freitage incl. umfasst. Betrachtungen, die an die Pericopen oder 
an Institutionen der Kirche sich anschließen, wechseln mit Gebeten. 
Das ganze Werk kann in dieser Zeitschrift nicht wohl mitgetheilt 
werden; es sind deßhalb drei Stücke ausgewählt, die als Proben dienen 
mögen. ' 

Die Abschrift stimmt genau mit dem Originale. Die Interpunction 
habe ich eingefügt. 

Pag. 59-63: 

AUeluia ! 

Dat is de alder soteste vn vrolikeste sangh 
Vn alle des hemmeis seyden klangh. 

Des ersten sondaghes*), wan dat Alleluia locht is, so bedenke, 
Icue mynske, dat in desser tyd de hilghe korke begheyt^ wo Adam 



*) SeptuagesimAe . 



342 MAKTEXS 

vth dem paradyse worpen wart, darvmrae singhet me nu nicht mer 
dat Älleluia vn Gloria in excelsis vD allen vroliken sangk. Ok leth 
me de orgelen st-^n, dat dar nicht mer vp ghespelet wert; men wy 
scholt vns bedrouen vn hewenen vnse elende. Wente alle, dat wy dat 
ghanse jar vorsumet hebben, schole wy an dessen daghen beruwen vH 
bewenen, dat wy an dem vroljken Paschendaghe vns myt gode moghen 
vTouwen vü dat vrolyke Älleluia sotlyken singhen vn moten vnse vader- 
lanth vroliken anghan. Darvmme ghif dy tho gode an desser hilghen 
tyd vn nim tho sinne de wort, de ghelesen werden in dem hilghen 
Ewangelio, dar gheesket werden tho gande in den wingarden, de dar 
leddich stan. O leue mynsche, hestu dy vorsumet an der ersten eskinghe, 
dat is an dyner kyntheyt in dyner dope vn vermynghe, do du den 
cristenlouen entfenghest, edder in der anderen eskynghe an dyner 
joghet, do du myt gode vorenyghet werdest in der entfanghinghe des 
hilghen sacramentes, effte in der drudden eschinghe, do du tredest in den 
ghestlyken orden: Hestu*) an alle dessen vorsumich ghewesen wente 
an dessen dach, so gha nu snelliken in den wyngarden, dar du hüte 
in gheladen werst. God de vorsmadet nemende, wente de lösten ent- 
fanghet van eme lyke Ion also de ersten. Darvmme snelle dy in den 
kor, wan du hörst, dat me myssen luth, also eSte du tho der staut 
hörest de stempne godes, de dy segghe: Gha in mynen wyngharden, 
vn wad recht is, dat wyl ik dy gheuen. Wan du in den kor kumpst, 
so rop an den hilghen ghest, dat he dyn herte vorluchte myt syner 
^ade vn lis: Veni, sce bps. vn dyt naghescreuen beth myd innycheyt 
dynes herten: 

(Hier folgt ein Gebet). 

Pag. 110—118: 

An dem sondaghe tho mytvasten**) scholtu dy openbarlyken 
vrouwen, wente de vasten is ouer de helfte vn id nalet sick dem 
vroliken Paschen, alse me list in dem Ewangelio: Erat proximum 
Pascha. Dar vmme sprik jeghen dy sulues : Lat vns werdelken snellen, 
tho beghande de Paschelken vroude. 

To der vroliken nissen: Letare iherusalem, lichte vp de oghen 
dynes herten in den hemmel tho der ouersten stad iherusalem vn sprik 
in groter vrolicheyt : O du ouerste iherusalem, du segheuechtelke kerke, 
alle ghi vterkoren dei' hemmclschen stad iherusalem, de gy juwen 
vacht hebbot vuUenbrocht, vrouwet jw nu vn denket vnser in juwer 



*) Hier setzt der Schreiber mit einem großen Anfangsbachstaben wieder ein. 
♦♦) Laetaro. 



NIEDEKSÄCIISISCHE FASTEN ANDACHT. 343 

vroude vis helpet vns vn alle der cristenheyt mjt juwem bede, dat 
wy vnsen vacht ok tho enem salighen ende bringhen. Tho haut wert 
dy en antwart van em vll segghet: Gy loueghen mynsken, de gy 
vormiddelst guden werken wandert tho der ouersten stad iherusalem^ 
maket ene samelinghe alle gy de de stad lef hebben vll dar begheret 
in tho kamende, vrouwet jw myt groter vroude vll blideschup; de gy 
wesen hebbet in groter drofnisse der waren ruwe edder juwer eghen 
swarmodicheyt, de de god allene bekant iß, vppe dat gy jw noch mer 
rooghen vrouwen vn ghesadighet werden van den brüsten syner trostinghe ; 
legghet jw tho synen rosenvaren wunden vfl sughet dar vth honnich 
vll melk, dar gy van ghetrostet vn sterket werden. 

Wan du desse trostliken wort hörst, so mochstu segghen in groter 
vroude de wort, de me singhet an dem vreske*) tho der missen: 
Letatus sum, dat is so vele: Ik byn ghevrouwet in den worden, de 
my secht syn. In dat hus des heren wil wy ghan. 

Dat Ewangelium in der missen bescrifit sunte Johannes vn secht: 
Id naiet sik deme vroliken Paschen, vn secht ok vordan, wo god sede: 
Ik wil my vorbarmen ouer de schare. 

O leue mynsche, hefstu sus langhe wesen in bittercheyt dyner 
eghenen samwitticheyt, nym nu trost tho dy. Höre, wo mylde dyn vader 
is, deme du denest, he enbeydet dar nicht na, dat du de vasten vor- 
vullet hebbest, men he kumpt an deme middele der vasten vn wil dy i 
trösten vn lauen vn secht : Ik vorbarme my auer de schare, de myner 
gnade dre weken ouer beydet hebben, eft ik se nu hungherigh ghan 
late sunder myne gnade, so vorwerdet se in dem weghe. So bidde 
god vmme syne gnade vn sprik dit beth: 

(Gebet). 

Desse dach wert gheheten en dach des brodes vmme des groten 
wundertekens, dat god dede myt den vif broden, dar he vif dusent 
lüde mede sadede, so dat Ewangelium vtwiset, dat hüte lesen wert 
Ok wert desse dach gheheten de dach der rosen**), wente an desseme 
daghe dricht de Pawes dor de stad tho Rome twe rosen***) van desem 
vn balseme, vn dama offert he de enen der hemmelschen koninghinne, 
den juncvrowen marien, de andere ghift he enem landes hereUi de dar 
jeghenwardich is. Offer du ok dyne rosen, dat is dyn innighe beth, 
der juncvrowen Marien vn sprik: 

•) = verske. 

♦•) Laetare, Rosensonntag. 
***) Die Einfubrong der Rosen weihe wird dem Papste Urban V, sngescbrieben. 
Derselbe soll sie euerst 1366 vollzogen babcn. 



344 MARTENS 

(Gebet). 

Pag. 129—135: 

An deme heylsameghen sondaghe*) wan dat lydent godes be- 
ghunt wert, so steyt moyses, de dener godes, vp deme stillen der nacht 
vn ladet myt syner bassonen alle eristenheyt tho samende in gheyst- 
licher vroude vfi secht de wort, de me tho der motten singhet: Isti 
sunt dies. Dit sint de daghe, de gy holden scholt tho ewighen tyden. 
An deme verteynden daghe**) des ersten manen, de myt vns de Oster- 
mane wert gheheten, tho deme auende is de hochtyd de de Pasche 
wert gheheten, vn in deme vofteynden daghe***) desses manen schole 
gy beghan de hochtyd des alder hoghesten heren, efte he segghen 
schole : Nu steyt vns an de begherlike hochtyd, de god an der figoren 
der olden ee des Paschelammes heft ghebaden tho beghande tho ewy- 
ghen tyden in groter werdicheyt, vfi nu bauen alle de dechtnisse syner 
vTolyken vpstandinghe der eristenheyt heft ghebaden tho virende vll 
tho erende. Wente xpc vnse wäre Paschelam, de sick vor vns in deme 
ghalghen des cruces gheoffert heft vfi vns vorloset heft vth dem hei- 
schen egyptenlande vfi heft vns gheopenet an syner segheuechtelken 
vpstandinghe den wech des ewighen leuendes vfi heft vns ghebrocht 
an dat loue laut, dar de melk syner hilghen mynecheyt vfi dat sote 
honnich syner godheyt vlut, dar alle vterkoren van ghesadighet werden. 
Dar vmme vorhardet nicht juwe herte, men beredet jw desse verteyn 
daghe vfi beghat nu de tyd synes hilghen bitteren lydendes in groter 
innicheyt vn danknamicheyt, dat gy dar na den hochghelaueden vre- 
lyken Paschen in groter vroude moghen beghan. 

Tho der myssen wert ghelesen de £pistolen: Xpc assistens pon- 
tifex. Dessen hoghen werden bischop sette vor de oghen dynes herten, 
eft du jw thom sestf), wo he sta an enem schonen Roden gharwe 
vor deme altare, dat is vor deme angesichte synes hemmelschen vaders, 
sik suluen tho oflFemde vor vns, myt synem duren eddelen blöde vor 
vnse sunde. Tho dessem groten bischope trid sekerken vn offere eme 
dat bemende offer des loueff vfi der dancksegginghe; klage eme alle 



*) Jadica. 

**) Der 14. Nisan, der Abend vor den jüdischen Ostern, ist gemeint, die, wie 
die christlichen Ostern, meistens in den April fallen, der daher der Ostermonat 
genannt wird. Die ganze Stelle ist in Betreff der Zeitbestimmung übrigens sehr 
wenig präcis. 

***) Der 15. Nisan. der erste Tag der jüdischen Ostern, 
f ) Diese jedenfalls fehlerhafte Stelle ist mir unverständlich. 



NIEDERSÄCHSISCHE FASTEN ANDACHT. 345 

dyne noth, he is wol vorsocht myt lydende, dar vmme kan he dy 
vorlichten vn sote maken alle, dat dy swar wert. He steyt myt vt- 
reckeden armen vn secht lefliken: Kämet tho my alle, de de arbey- 
det vll bes wäret sin myt sunden, vQ ik wil jw vorquicken vn van 
jwwen Sunden losen. Höre ok^ wo sotliken he vns an der communien 
desser missen tho syner werschop*) ladet vn secht: Hoc corpus, dyt 
is myn lycham, de vor jw vorraden werden schal vn enes smeliken 
dodes Sternen. Dyt is de kelk des nyen testamentes in mynem blöde. 
Dyt dot in myne dechtnisse. So sprik myt innicheyt dynes herten: 

(Gebet). 

Aus den übrigen Stücken der „Fastenandacht^ sind einige be- 
merkenswerthe Wörter ausgewählt und zusammengestellt, die hier noch 
einen Platz finden mögen. Nicht meine ich, damit das mittelnieder- 
deutsche Wörterbuch in seinem Wortschatze zu vervollständigen. Aber 
das vorliegende Schriftstück gehört zu den älteren seiner Art; eben 
deßhalb erhält das folgende Verzeichniss einigen Werth, und dürften 
die ausgehobenen Citate als ein Beitrag zum Wörterbuche erscheinen. 

Anname, angenehm. Ecce, nunc tempus acceptabile. Seth, nu 
is de anname tyd, p. 85. 

arstedie, Arzenei. Vasten, ... der menen cristenheyt tho ar- 
stedye der sele ghesettet, p. 80. Myn vastent sy dy anname vn myner 
sele nutte arstedye jeghen alle suke myner sunde, p. 83. 

behaluet, umgeben. He was behaluet van synen vy enden, p. 222. 

beruet, barfuss. Sine leuen jungheren, .. . myt berueden voten 
volghet se eme, p. 146. 

beuinghe. Beben. Eällinghe vn beuinghe dyner hilghen lede, 
p. 218. 

b igraft , Begräbniss. AI dyne leuen vrunde bewenden dyne alder- 
hilghesten bygrafit, p. 232. 

bisproke, Gleichniss. Des sondaghes vor vastelauende so wert 
ghclesen in dem hilghen ewangelio de bysproke: Exiit, qui seminat, 
p. 68. 

boren, gebühren. Nos autem gloriari oportet in cruce domini 
nostri etc. Vns boret to beghende in deme cruce vnses heren etc., p. 171. 

dunkelgude, Pharisäer, Heuchler. Alle dult vn sachtmodycheyt, 
de du had best in allen honspraken, de dy de quaden joden vn de 
dunkelguden tholeden p. 107. 



^) Cf. werschuppen, in dem folgenden Verz eichniis. 



346 MARTENS 

EgeDboren^ eigengeboren. Hute heft de hemmelscbe vader 
sjnen eghenboren sone nicht geschont, p. 231. 

enenboren, eingeboren. Du willest anseen dynen enenbomen 
sone, p. 195. 

entwiden, erhören. An ropet my, vü ik wil juv entwyden, p. 79. 

(F) Vaken, oft. Ik hebbe vaken jeghen dyne bode vü myne 
ouersten ghebellet also en hunt, p. 101. Dit is myn blot, wo vaken gy 
dyt entfangen, so dot dat in myne dechtnisse, p. 173. 

y astel au end, Fastnacht Des sondaghes tho groten vastelauende 
(= Sonntag Este mihi oder Quinquagesimae) desse dach wert gbe- 
heten de veftigheste dach, wente van dessem daghe an beth an den 
hogheloueden Paschedach rekenstu veftich daghe, p. 72. 

vegevtlr, Fegfeuer. Myn naturlike dot mote wesen myn veghe- 
vür, p. 234. 

vetticheit; Fettigkeit. So behouestu de bitte der sunne, de 
vetticheyt vfi de vruchtbaricheyt des ertrikes van binnen, den reghea 
vn den hemmelschen dow van bouen, p. 76. 

vordere haut, rechte Hand. Dextera domini fecit etc. De vor- 
dere hant des heren heft gewerket etc., p. 179. 

vordomenisse Verdammniss. Nu sint de daghe des heyles, we 
de vorsumet, de moth na dessem leuende hebben de daghe der vor- 
domenisse, dar god vor sy, p. 85. 

vordunckern, verdunkehi; zu sehen aufhören. Syne oghen vor- 
dunckerty p. 225. 

vorbeuge, Vorhang. Des sunnauendes *), wan de hilghe korke 
begint tho beghande dat lydent godes, so behenghet me de altare myt 
rodem vorhenghe, p. 125. 

vorsaken, verleugnen. Sunte Peter, de dy vorsaket hadde, p. 93. 
We na my kamen wil, de vorsake sik suluest, p. 190. 

vorsoren, verdorren. Dat ik nich envalle vppe den sten vü 
vorsore, p. 70. 

vorspel, Vorspiel. Du scult dy en vorspel maken der vroude, 
de du an deme thokumpstighen veftighesten daghe hebben schult, 
p. 73. — S. Paschendag. 

vorstornisse, Störung. Sunder vorstomisse an der gnade des 
hilghen ghestes, p. 58. 

vridach, de stille = stiller Freitag, Charfreitag. De allerbedrof- 
likeste nacht des stillen vrichdaghes, p. 204. 



*) Sonnabcud vor Judica. 



NIEDERSÄCHSISCHE FASTEN AN DACHT. 347 

vrowesname, Frau. Du hordest ene van dem cruce to dy 
«prekende : vrowesname, see dyn sone, p. 230. — O, vrawesname, dyn 
loue is grot, dy sehe alse da wult, p. 103. 

Geiseln, geissein. Du droghestan dynem vorwundeden thoghey- 
Beiden rugghen dyn sware cruce, p. 126. 

halsslagen, an den Hals schlagen. Do du tho der sexten tyd 
bist halsslaghet, gestot vü slagen, p. 223. 

homisse, Hochamt. Dyt naghescreuen beth lys vnder der ho- 
myssen, p. 155. 

honsprake, Hohnrede. S. dunkelgude. 

honspreken, verhöhnen. Syne vyende, de quaden joden, (de) 
ene honsprakeden vn eme vele vnere boden, p. 220. He wart ghe- 
brocht van enem richtere to dem anderen, bespottet vn bespiget vfi 
honspraket, p. 203. 

Jammerdal, Jammerthal. Dat wy in dessem jammerdale ichtes 
wat smecken mochten van deme trostliken wort vll der hemmelschen 
vroude, p. 57. 

jum = iis. Vorgiff id jum, wente se en weten nicht, wat se don, 
p. 222. 

Eillinge, anhaltender Schmerz. S. beuinge. 

klenad, Kleinod. Merke, wo groten klenade demoder der hilghen 
korken vphud, p. 56. 

krepen, kriechen. De klenen wormeken des ertrikes krepet 
dar in, p. 76. 

kromeken, Krümchen. Men ik bidde, dat ik mote wolpes wyse, 
vn alse en klene hundeken vplesen de kromeken, de dar vallen van 
der tafelen dyner gnade, so dat ik arme wolpeken, ik vnwerdighe 
creature, dor wäre ruwe vfl othmodicheyt van den kromeken dyner 
gnade wedder werde dyn dochter vü dyn kynt, p. 102. 

leueken, Liebchen. Myt dynem leueken xpö jhü in siner vro- 
liken vpstandinghe, de beter is wen ienich vastelauendes leueken, p. 73. 

1 eggen, beilegen, d. h. aufhören lassen. An dem sunnauende*); 
wan me dat AUeluia locht, p. 56. 

luchtere haut, linke Hand. De wunde der luchteren band, des 
luchteren votes, p. 92. 94. 

Mancket, zwischen, unter. Dat valt by den wech, mancket de 
dorne, p. 68. 



*) Sonnabend vor Septuagesimae. 



348 MARTEN8, NIEDEB8ÄCHSISCHE FASTENANDACHT. 

Nachtsang, der klösterliche cantus noctumus. To dem nacht- 
sangh betrachte nu de bedroffnisse jhü x, p. 189. 

Pal mentw ig, Palmenzweig. De joden, de eme thomote ghinghen 
myt denTgronen palmentwyghen, p. 141. 

Paschendach, de lutke = Sonntag Palmaram. Desse dach wert 
ok gheheten de latke Paschendach, wente he is en vorspel des groten 
Paschedaghes, p. 149. 

percessien, Procession. Gha de percessyen myt groter innicheyt, 
p. 147. De percessyen kompt wedder in den kor, p. 150. 

predekinge, Predigt. Na der predekinghe des propheten, p. 89. 

porteken, Pförtchen. Tho iherusalem is en dick, vmmedan 
myt viff porteken, p. 90. 

Ranke, Ranke. Ik byn de wäre wynraaen v& gy synt myne 
ranken, p. 190. 

Salichmaker, Seligmacher. Denke, wo dyn salichmaker in deme 
cruce ghehanghen heft myt vtreckeden armen, lop sekerken tho eme, 
p. 151. 

sekerken, Adv. sicher. S. salichmaker. — Opene na xpö dyn 
herte, trit sekerken to, p. 170. 

Staltenisse, Gestalt He hefit de staltenisse enes knechtes tha 
sik ghenamen, p. 152. 

Twigeken, Zweiglein. Dat lemmeken speiet cntjeghen deme, 
de id doden wil, wan he eme de gronen twygheken wyset, p. 141. 

Ummekring, Umkreis, Umfang. An deme vmmekringhe des 
dysches, p. 164. 

vphuden, aafbewahren. AUelaia, dat in der hilghen korken na 
wert beslaten vn vpgehud, p. 50. — S. klenad. 

Werschuppen, wirthschaften, walten. Myt dy werschappen an 
dyner Paschelken vroude, p. 82. Du moghest myt my werschappen vtt 
ik myt dj, p. 84. — Ik bidde dy, dat du willest myt myner sele wer- 
schappen, p. 163. Werschuppe du vn sprik mit dynen vnmden, p. 164. 

winpersen, Weinpresse. Do du vp dynen vorwundeden schul- 
deren dyn sware cruce droghest vn de wynpersen allcne tredest, p. 126» 

winraue, Weinrebe, Weinstock. S. ranken. 

wolp, wolpeken, junger Hund. S. kromeken. 

BBEMEN, im März 1875. H. MARXENS. 



BLAAS, VOLKSTHOMIICHES AUS NIEDERÖSTERBEICH ÜBER TRIEBE. 349 



VOLKSTHÜMLICHES AUS NIEDERÖSTERRETCH 

ÜBER THIERE. 



▼OH 

C. M. BLAAS, 



1. Wenn ein Hund heult, geschieht ein Unglück*) (Wien). 
2. Wenn der Haushund heult, so stirbt Jemand aus dem Hause ^) 
(GöUersdorf). 3. Wenn ein Hund heult und schaut nach oben, so bricht 
ein Feuer in dem Hause aus, wo er ist; sieht er aber nach unten, so 
stirbt Jemand aus demselben^) (Stockerau). 4. Wenn die Hunde GtrsLS 
fressen, so regnet es bald^). 5. Hundeschmalz hilft gegen die Aus- 
zehrung (Siemdorf bei Stockerau). 

• 6. Wenn sich die Katze putzt, so wird schönes Wetter oder 
es kommt ein seltener Gast^) (Stockerau). 7. Wenn die Katze Qtm 
frisst, so wird es bald regnen*) (Stockerau). 8. Wenn in einem Hause 
eine dreifarbige Katze ist, so bewahrt sie dasselbe vor Feuersgefahr ^) 
(Stockerau). 9. Im Hause soll man keine Katze umbringen, sonst ist 
kein Glück in demselben®) (Höbersdorf). 10. Wenn ein Mädchen keine 
Katze leiden kann, so kann sie auch keinen Mann leiden (GöUers- 
dorf.) 11. Die schwarzen Katzen können kein heiliges Lied singen 
hören (Deinzendorf). 12. Aus einer schwarzen Katze wird, sobald sie 
älter wird, eine Hexe •) (Deinzendorf). 13. Wenn eine Katze neun Jahre 
alt ist, so wird sie eine Hexe *®) (Höbersdorf). 14. Katzenschmalz hilft 
gegen die Auszehrung (Siemdorf bei Stockerau). 

15. Damit ein Kind leicht zahne, soll eines der Angehörigen des 
Kindes einer lebendigen Maus den Kopf abbeissen, und dieser muß 
dann dem Kinde um den Hals gehängt werden**) (Wien). 16. Indem 
die Elinder einen ihnen ausgebrochenen Zahn nach rückwärts über 
den Kopf werfen, sagen sie : „Maus, Maus^ i schenk da an banan Zahn, 
schenk ma an eisan Zahn!^ *^) (Stockerau). 



«) VgL Grimm, Myth. I. Auag., Anhg. LXXIV. ») Vgl. Lütolf, Sagen der 

fünf Orte 663. ») Vgl. Grimm , Myth. L Ansg., Anhg. CLV. *) Vgl. Wolf, 

Beitr. s. dent. Myth. I, 231. ^) Vgl. Schönwerth, Aiu der Oberpfalz I, 358. 

*) Vgl. Birlinger, Volksth. a. Schw. I, 117. ^) Vgl. Grohmann, Abergl. a. Böhmen 66. 
^ Vgl. Grimm, Myth. L AuBg., Anhg. LXX. ») Vgl Zingerie, Tirol. Sitt. 94. 

'•) Vgl. Schönwerth, Aus der Oberpfalz I, 367. ") Vgl. Grimm, Myth. I. Ausg., 

Anhg. XC. «*) Vgl. Simrock, Deut. Myth. 446. 



350 BLAAS 

17. Wenn man ausgeht und es läuft einem ein Hase über den 
Weg, so hat man Unglück ^). 

18. Man glaubt, wenn man unter das Bett eines GKcbtkranken 
ein Meerfadl gebe, so ziehe dasselbe die Gicht an sich und der 
Kranke genese*) (Siemdorf bei Stockerau). 

19. Wenn man Schweinen begegnet, so hat man Unglück*) 
(Stockerau). 20. Wenn einem auf dem Wege zu einem Besuche Schweine 
begegnen, so ist dieß ein Zeichen, daß man dort nicht gerne gesehen 
wird*) (Siemdorf bei Stockerau). 21. Isst man am Neujahrstage einen 
Schweinsrüssel, so hat man das ganze Jahr Glück ^) (Wien). 

22. Bei festlichen Gelagen, z. B. nach Jagden, durfte in Lätschau 
(Waldviertel) ein Wilds chweinkopf nicht fehlen, welcher mit Ros- 
marin, Bändern und Blumen geschmückt auf die Tafel gestellt wurde*). 

23. In dem Hause, vor welchem ein Pf er d wiehert, ist eine Braut 
(Wien). 24. Ein gefundenes Hufeisen bedeutet Glück ^) (Wien). 

25. Wenn einem Schafe begegnen, so hat man Glück ^ (Siem- 
dorf bei Stockerau). 26. Wenn man Jemanden besuchen will und es 
begegnen einem Schafe, so ist man dort gerne gesehen') (Siemdorf 
bei Stockerau). 

27. Wenn ein junger Stier zum ersten Male auf die Weide ge- 
führt wird, so bekommt er einen Kranz zwischen die Homer. (Strona- 
dorf bei Ernstbrunn). 28. Zum Stier sagen die Kinder: 

^Stiarjodl bum, bum, 
steß's Hefarl ned um, 
steß's aufi, steÜ's abi, 
stoß' 8 nur ned in Brunn!** 
[steß's rundumadum!] (Spillem). 
29. Wenn eine Kuh oder Kalbin aus dem Hause gegeben wird, 
so reicht man derselben Brod, mit Weihwasser besprengt, zum fressen^; 
zuweilen erhält sie außerdem zugleich drei geweihte „Palmkatzln^ 
(Siemdorf bei Stockerau). 30. Wenn das Kalbl von der Kuh verkauft 
wird, so bekommt die alte Brod mit Weihwasser besprengt zum finessen 
(Siemdorf bei Stockerau). 31. Die erste Milch von einer Kuh, welcher ihr 
Kalbl verkauft wurde, heißt die „Blazmilch'', und wird, nachdem sie 
vorher mit Weihwasser besprengt wurde, den Armen gegeben (Siem- 



>) Vgl. Grimm, Myth. 1079—1080. ') Vgl. Grohmann, Abergl. a. BQhm. 58. 
') Vgl. Schönwerth, Aus der Oberpfalz III, 273. *) Vgl. Grimm, Myth. 1081. 

*) Vgl. Vemaleken, Alpensag. 343. «) Vgl. Grimm Myth. 196. ') Vgl. Grimm, 

Myth.., I. Ausg., Anh. LXXII. ») Vgl. Kuhn, Mark. Sag. 387. •) VgL 

Myth. 1081. ") Vgl. Birlinger, Ans Schwaben, Neue Sammig. I, 403. 



V0LK8THÜML1CHES AUS NIEDEROSTERREICH ÜBER THIERE. 351 

dorf bei Stockerau). 32. Wenn eine Kuh aufhört Milch zu geben oder 
rothe Milch giebt, so sagt man^ sie sei „verhext^ und man soll im 
ersten Falle die paar Tropfen, die sie noch giebt, im zweiten Falle 
die rothe Milch in einem Rein dl aufs Feuer stellen und mit einer 
Doadistl peitschen; das gspürt die Hex und muß kommen, bittet ab 
und macht, daß die Euh wieder Milch giebt, wie früher^) (Deinzendorf). 

33. Wenn man ein Rothschwanzl fängt oder umbringt, oder 
ihm das Nest ausnimmt, so schlägt der Blitz ein^) (Spillem). 34. Wenn 
man einem Rothschwanzl das Nest ausnimmt, so bricht Feuer aus 
(Spillem) oder es wird eine Kuh hin®) (Pfösing). 35. Wenn man ein 
Rothschwafl umbringt, so geben die Kühe Blut statt Milch *) (Döllers- 
heim). 

36. Die Schwalben sind heilige Thiere *), und man darf weder 
ihnen noch ihren Nestern etwas anthun^). 37. Wo eine Schwalbe 
nistet, ist Segen Gottes'') (Wien). 38. Wo Schwalben zufliegen, ist 
Glück ®) (Stockerau). 39. Man soll die Schwalben nicht verjagen, weil 
sie einem das Glück ins Haus bringen (Langenlois). 40. Im Hause wo 
Schwalben sind, schlägt's nicht ein') (Waldviertel). 41. Das Haus wo 
Schwalben ihr Nest bauen, ist vor Feuer sicher^®) (Waldviertel), 
42. Wenn in einem Hause eine Gotteslästerung oder eine andere 
Frevelthat geschieht, so kommen die Schwalben nicht mehr, um zu 
nisten ^^) (Wien). 43. Die Schwalben sind Muttergottesvögerln , daher 
darf man sie nicht umbringen ^*) (Hippersdorf). 44. Wenn Jemand eine 
Schwalbe umbringt, so weint Unsere liebe Frau, weil das ihre Vögel 
sind (Stockerau). 45. Wenn man eine Schwalbe umbringt, so kommt 
Unglück über das Haus ^^) (Wolkersdorf im Gerichtsbez. Wolkersdorf). 
46. Wenn man ein Schwalbennest ausnimmt oder eine Schwalbe um- 
bringt, so bricht Feuer aus '*) (Spillem). 47. Wenn man ein Schwalben- 
nest zerstört oder eine Schwalbe umbringt, so geben die Kühe Blut 
statt Milch **) (DöUersheim). 48. Wenn man im Frühjahre die ersten 
Schwalben einzeln sieht, so verlässt man den Ort, wo man ist; sieht 
man aber mehrere zugleich, so bleibt man dort (Hadersdorf am Kamp). 
49. Sieht man im Frühjahre die ersten Schwalben paarweise, so hei- 



•) Vgl. Grimm, Myth. 1026. ') Vgl. Wolf, Beitr. z. d. M. I, 232. 

') Vgl. Zingerle, Tirol. Sitt 77 u. 78. *) Vgl. Ebenda 78. *) Vgl. Meier, 

Schwab. Sag. 221. •) Vgl. Grimm, Myth. 638. ') Vgl. Zingerle, Tirol. Sitten 88. 
•) Vgl. Grimm, Myth. 1087. »; Vgl. Birlinger, Volksth. a. Schwab. I, 194. 

'•) Vgl. Kuhn, WeatfÄl. Sagen. I, 72. ") Vgl. Grohmann, Abergl a, Böhm. 70. 

") Vgl. Zingerie, Tirol. Sitten 88. ") Vgl. Grimm, Myth. 638. '') Vgl. Zingerie, 
Tirol. Sitten 88. «») Vgl. Grimm, Myth., I. Anag., Anhg. XCVIII. 



352 BLAAS 

rathet man in demselben Jahre ^) (Wald viertel). 50. Wenn man die 
ersten Schwalben sieht, so soll man sich am Boden „kngeln'' (wftlzen), 
dann bekommt man kein Ereozweh (Unter- Zögetsdorf). 51. Wenn die 
Schwalben niedrig fliegen, so nimmt man an, daß Regenwetter eintritt*) 
(Siemdorf bei Stockerau). 52. Wenn Jemand sehr stark das Abftlhren 
oder eine starke Geschwulst hat, ^o soll man von einem Schwalben- 
neste etwas nehmen, auf eine Glut legen und ttber dem Rauche ein 
Tuch abwärmen und dieses dem Kranken auflegen, so hilft es') (Höbers- 
dorf). 53. Um Mciria Geburt 

fliegen die Schwalben fürt; 
um Maria Verkündigung 
kommen die Schwalben wiederum*). 
54. Die Schwalben singen: Vorigs Jahr, vorigs Jahr 

Kidl gflickt, Eidl gflickt, 
heuer hab i koan Fleck (Spillem). 
oder: Soll i Kidl flieka, 
soll i Kidl flicka, 
i hab koan Fleck*) (Ober-Zögersdorf). 

55. Wenn man zu einem Menschen, der an einem bösartigen 
Rothlauf leidet, einen Gimpel in's Krankenzimmer giebt, so zieht 
derselbe den Rothlauf an sich, der Kranke aber genest*) (Stockerau). 

56. Wenn man einen Kreuzschnabel im Käfige zum Bette 
eines Gicht- oder Rothlaufkranken hängt, so bekommt der Vogel die 
Krankheit und stirbt, der Kranke aber wird gesund '') (Wien). 57. Die 
Leute halten die Kreuzschnäbel, daß die Kinder die Zähne leichter 
bekommen (Vitis und Wien); wenn dieselben dann die Zähne haben, 
so stirbt der Vogel ®) (Vitis). 58. Man soll einem Kinde mit dem Wasser, 
aus welchem ein Kreuzschnabel getrunken hat, die sog. Zahnpillen 
einreiben, damit dasselbe leichter zahne ^ (Wien). 

59. Wenn sich die Elster vor einem Hause sehen lässt, so 
deutet sie kommendes Unglück an ^^ (Groß-Engersdorf). 60. Wenn sich 
die Elster auf einem Hause, oder in dessen Nähe mehrere Tage zeigt, 
so stirbt daselbst Jemand ") (Waldviertel). 



») Vgl. Wuttke, VolksabergL 190. *) Vgl. Zingerle, Tirol. Sitt. 89. 

») Vgl. Geßner, Vogelbuch, Zürich (Froschouer) 1667, f. CCXVU, a. *) Vgl 

Leoprechting, Ans dem Lechrain 167 nnd 194. ^) Vgl. Landsteiner, Programm d. 

Josefstädter Gymn. in Wien (▼. J. 1872) 84. «) Vgl. Zingerle, Tirol. Sitten 79. 

') Vgl. Zapf, Sagenkreis des Fichtelgeb. 47. •) Vgl. Alpenburg, Tirol. Myth. 387. 

•) Vgl. Vonbun, Beitr. z. d. Myth. 110. '") VgL Lütolf, Sagen der fünf Orte 367. 

'*) Vgl. Woeste, Volksüberl. a. d. Mark 64. 



VOLKSTHÜMLICHES AUS NrEDEHÖSTEKREILTT CBEB THIERE. 363 

61. Die Krähe bringt die kleiaen Kinder in Reingers '). 

62. Man soll, wenn man den Kukuk zum ersten Male im Frilh- 
jatire vor Georgi schreien hört, denselben zuerst aiiBSchreien lassea 
und dann zu ihm dreimal sagen: „Kukuk, wie lang leb' ich?'' — 
So oft er dann schreit, so viele Jahre lebt mau noch") (Stockerau). 
Übardieö fragen ihn die Mftdchen: «Wie lange bleib' ich noch ledig"?*) 
63. Wenn man im Frühjahre den Kukuk das erste Mal Bclireicn hört. 
soll man den Geldbeutel schütteln, so hat man das ganze Jahr Geld ^) 
fSi<!mdorf bei Stockerau), 64. Hßrt man den Kukuk das erste Mal 
im Frühjahre vor Georgi echreien und hat dabei Geld in der Tasche, 
so hat man das ganze Jahr keinen Mangel an Geld ^} (Stockerau). 
65. Hört man im Frühjahre den Kukuk das erste Mal schreien und hat 
dabei kein Geld im Sacke, so hat man das ganze Jahr keines^) 
(Stockerau). 66. Wenn man den Kukuk, da er scbreit, nachspottet, 
so bekommt man „Gugascbeggn" {Somoiersprossen} (St'hilterri). 

67. Wenn das Wichtl sich auf's Dach setzt und schreit, so stirbt 
Jemand') (Ernstbrunn). 68. Wenn das Wichtl vor das Fenster eines 
Kranken geflogen kommt, so muÜ derselbe sterben; der Ruf des U'ichtls: 
„kliwittl kliwitt!" heißt bei den Leuten; „komm mit! komm mit!"*}. 
69. So oft man das erste Mal im Frühjahre die Wachtel schlagen 
hört, eo viel Gulden kostet der Metzen Korn") (Reingers). 70. Dia 
Wachtel sagt: „Wau-wau-waul findst mi ned, 
hintern Stroh bin i ned, 
hintern Heu a no ned, 

Wau-wau-wau! findst mi ned". (Hatzenbach.) 
71. Wenn der Hahn bei regnerischem AVetter auf der Höhe, 
z. B. auf dem Dache oder Zaune, kräht, so sagt man: es wird schönes 
Wetter; wenn er aber auf der Erde kräht, ao glaubt man, es komme 
Kegen '"). 72. Wenn der Hahn nach dem Mittagessen kräht, so regnet 
es noch an demselben Tage (Bromberg), 

73. KrHht eine schwarze Henne, so bedeutet dieß Tod im Hause ") ; 
eine gelbe: Feuer; eine weiße: Glück (Reingers). 74 Wenn eine Henne 
kräht, so soll man sie abstechen, detm sie bringt Unglück ") (Gsllers- 

') Vgl. F«if«lik, in Wolf. Ztochr. f. d. Myth. IV, 333. ') Vgl. Grimm, 

Mylb. 6*1. ') Vgl. Ebenda Ml. ') Vgl. Grimm, Mytli. 1. Ausg., Anh. XCIV. 

') Vgl. Grimn, Mjth. C43. *) Vgl, Ebenda 049. ') Vgl. Wnrth in Wolf] 

Zlacbf, f. d. M/th. IV, 80. ') Vgl. ItochboU, Deutach. Glaabe und Brauch 1, 16S. 

') Vgl. Birlinger, Vütketh. a. Schwab, t. 12b. ") Vgl. Birlinger, Aob Schwaben, 

Nene fiammig., I, 108. "] Vgl. Landateiner, Kremser Gyma. Progr. (v. J. 1869) 30. 
") Vgl. KcbönwerUi, Aus der Oberpfnli, I, 3U. 

OEHKAHIA. Star Heili« VIU. (IX.) Jiliq. 23_ 



354 HLAAS 

dorf). 75. Schwarze Hühner bringen dem Hause kein Glück (Stockerau). 
76. Jene Eier, welche die Hühner am sog. Antlaßpfinztag (grflnen 
Donnerstag) legen, werden von .der Hausfrau aufgesammelt, am Char- 
Samstage roth gefärbt und Antlaß- oder AnlaOeier genannt. Diese Euer 
lässt die Hausfrau am Ostersonntage in der Kirche weihen und nach 
einem alten Herkommen werden drei derselben nach der Weihe eu 
einem gemeinsamen Mahle hergerichtet, und zwar in so viele Theile 
der Lftnge nach geschnitten, als Glieder in der Familie sind^). Man 
glaubt: Jenes Familienglied, welches bei diesem Mahle sich nicht ein- 
finde und das ftbr dasselbe bestimmte Stückchen nicht verzehre, gehe 
in demselben Jahre für die Familie verloren, sei es durch den Tod, 
oder eine Heirath, oder daß es aus was immer für einer Ursache die 
Familie verlasse (Gerasdorf im Marchfeld). 77. Isst man Eier, möge 
man die Schalen ja eindrücken, sonst gerathen die Eier im nächsten 
Jahre nicht') (Wien). 78. Wenn man Eierschalen dort hinlegt, wo die 
Dachtropfen darauf niederfallen können, werden diejenigen, welche 
darüber hinwegschreiten, krank (Stockerau). 79. Wer gut lügen kann, 
der kann gut Eier sieden (Emstbrunn). 

80. Zum Indian (Truthahn) sagen die Kinder: 

„Roth und blau is ned schön, 

pfui, pfiii, pfui! schneuz da!***) (Ober-Zögersdorf). 

81. Damit die Stubenvögel nicht „beschrieen '^ werden, hängt man 
ihnen ein Stückchen rothes Tuch in den Käfig. 

82. Wenn man die Haare, die einem ausgehen, wegwirft und es 
erwischt sie ein Vogel und nimmt sie zum Nestbaue, so bekommt man 
Kopfweh*) (Göllersdorf). 

83. Die Hausader (Coluber natrix) bringt dem Hause Seg^n") 
(Bromberg).' 84. So lange die Hausader im Hause ist, bringt sie den 
Hausbewohnern Glück®) (Groß-Engersdorf). 85. Wenn dem Hause 
ein freudiges Ereigniss, z. B. eine Taufe, Hochzeit oder Erbschaft 
bevorsteht, so erscheint die Hausader mit einer Krone auf dem Kopfe ^ 
(Groß-Engersdorf). 86. Wenn die Hausadem „schlagen**, so stirbt 
Jemand aus der Freundschaft;, oder es zeigt dieß Schlagen an, dalS 
man zu Geld kommt ^) (Stockerau). 



») Vgl. Panzer, Bcitr. «. d. Mjth. II, 211 u. 213. ») Vgl. Wolf, Beitr. «. 

d. Myth. I, 221. ') Vgl. Vernaleken u. Branky, Spiele u. Reime 119. *) VgL 

Orimm, Mjth. I. Ausg., Anhg. CLY. ^) Vgl. Alpenbnrg, Tirol. Myth. 388. 

•) Vgl. Eisel, Sagenbuch 0. Voigtl. 149. ') Vgl. Alpenburg, Tirol. Myth. 888. 

') Vgl. Leoprecbting, Aus dem Lechrain 77 u. 89. 



VOLKSTHÜMLICHES AUS NIEDERÖSTERREICH ÜBER THIERE. 355 

87. Die Kinder sagen, wenn sie eine Eidechse sehen, zu der- 
selben: ^Adraxl, Adraxl, wünsch ma a Glück , daß i heut oder morgn 
was find!" (Laa an der Thaya). 

88. Um sich das Schwitzen der Hände zu vertreiben, hält man 
einen lebendigen Laubfrosch so lange in den über ihn geschlossenen 
Händen, bis er todt ist*) (Wien). 

89. Aus dem Brunnen oder Keller soll man die Kröte nicht ver- 
treiben, denn sie zieht die Gifte an sich') (Groß-Engersdorf). 

90. Wespennester können Geschwülste bei Menschen und 
Thieren vertreiben, wenn man sie anzündet imd den Rauch auf den 
geschwollenen Theil kommen lässt (Ober^Mallebem). 

91. Es ist sowohl unter den älteren als auch unter den neueren 
Bienenzüchtern die Meinung, daß, wenn nach dem Tode eines Bienen- 
vaters den ^Bienenvölkern" der Tod desselben nicht angezeigt wird 
— durch*s Anklopfen an die Bienenstöcke mit den Worten: „Der Bein- 
vater ist gstorbn!)" — dieselben absterben^). 92. In den drei ^Rauch- 
nächten", und zwar in der Nacht vor dem Thomastage (21. December), 
sowie in den Nächten vor Weihnachten und Dreikönig, werden die 
Bienenhütten mit geweihtem Weihrauche durchräuchert und mit Weih- 
wasser besprengt (Siemdorf bei Stockerau). 93. Während man bei den 
übrigen Thieren, wenn dieselben verenden, sagt: ^sie sind hingeworden^, 
sagt man von den Bienenstöcken, wenn sie zu Grunde gegangen sind: 
„sie sind abgestorben"^). 94. Wenn sich Jemand Bienen einschaffen 
will, so soll er den ersten Bienenstock nicht kaufen, sondern trachten, 
daß er ihn geschenkt bekomme, weil er dann in der Bienenzucht viel 
Glück hat^); und jeder Bienenvater ist gern bereit, einem Bienenzucht- 
anfänger einen „Bienenschwarm" unentgeltlich zu überlassen (Siemdorf 
bei Stockerau). 

95. Diejenige Fliege, welche man über Neujahr im Zimmer er- 
hält; bedeutet Glück (Litschau). 

96. Wer Spinnen tödtet, zerstört sein Glück; findet man in der 
Frühe eine Spinne^ so ist es von übler Vorbedeutung, denn: 

Spinne am Morgen 
bringt Kummer und Sorgen. 
Am Abende aber deutet es auf Freude^) (Stockerau). 



*) Vgl Geßner, Thierbuch, Zürich (Froschower) 1668, f. CLXVIII, b. «) Vgl. 
Leoprechting, Aus dem Lechrain 83. ') Vgl. Simrock, Deat. Myth. 577. 

*) Vgl. Rochholz, Deut. Glaube und Brauch I, 147. *) Vgl. Schönwerth, Ans der 

Oberpfalz I, 355. *) Vgl. Lausitzer Neues Mag. N. F. VllI, 334. 

23* 



356 MÖLLER 

97. Spinnerin am Morgen 

bringt Kammer und Sorgen; 

Spinnerin am Abend 

bringt Wohlstand und Gaben ^) (Stockerau). 

98. Wenn über dem Bette eines Mädchens ein Spinnengewebe 
ist, so wird dasselbe bald heirathen, und man nennt dieß Spinnenge- 
webe den „Heirathsbrief" *) (Deinzendorf). 

99. Man soll keiner Kreuzspinne etwas zu Leid thun, und sie 
auch nicht aus dem Zimmer geben, weil sie in dem Gemache, wo sie 
sich aufhält, alle Krankheitsstoffe an sich zieht ^) (Deinzendorjp). 

100. Wenn man einen lebendigen Krebs im Hause einmauert 
so ziehen die Wanzen fort (Wien). 

STOCKERAU in Niederösterreich, Juni 1875. 



ZUM FIÖLSVINNSMAL. 



In der Gestalt, in welcher das Fiölsvinnsmäl vor uns liegt^ 
begegnet uns an zwei Stellen ein auffaUender Sprung des Gedankens, 
während an einer dritten der logische Zusammenhang arg gestört ist. 
Jenes geschieht in den Uebergängen von v. 18 zu 19 und von v. 24 
zu 25, dieses ist der Fall in v. 23. 

Nachdem in y. 15 — 18 die Frage verhandelt worden ist, wie man 
den Hunden zum Trotz sich den Eingang erwirken könne, wird in 
Y. 19 dieser Gegenstand ganz abgebrochen durch die wie vom Zaune 
gebrochene Frage des Svipdagr, wie der Baum heiße, der seine Zweige 
über alle Lande ausbreitet. Zur Erklärung dieses Ueberganges bieten 
sich zf^ei Annahmen dar: die eine die, daß eine Ideenassociation den 
Svipdagr von dem in v. 18 genannten Hahn Vidofnir, den Svipdagr 
also kennen muß, auf den Baum Mimameidr bringt, auf dem der 
Hahn sich befindet; die andre die, daß Fiölsviclr in v. 18 indem er 
den Vidofnir nennt zugleich mit der Hand auf den Hahn hinweist, so 
daß Svipdagr indem er den Hahn erblickt zugleich den Baum sieht, 
nach dessen Namen er dann fragt — Wie vom Zaun gebrochen 
erscheint femer im Zusammenhang der Verse von 23 an die Frage 
des Svipdagr in v. 25, ob es eine Waffe gebe, den Vidofiiir zur Hei 



') Vgl. LauBitzer Neues Mag. N. F. VIII, 334. «) Vgl. GrohmÄim, AbergU 

a. Böhmen 85. ') Vgl. Birlinger, Aus Schwaben, Nene Samml. I, 400. 



ZUM FIÖLSVINNSMAL. 357 

ZU schicken. Im Folgenden bis v. 30 dreht sich dann alles um die 
Erlangung dieser Waffe. Es handelt sich aber gar nicht um die Tödtung 
des Vidofhir^ sondern um die Erlangung des Eingangs in die Burg 
der Menglöd: wir erwarten daher diese Frage gleich nach v. 18. 

Zwischen v. 18 imd 19 kommt der logische Zusammenhang zu 
Stande durch einen künstlich angeknüpften Faden, in y. 25 wird der 
Faden nachdem er einen Elreis beschrieben wieder an derselben Stelle 
angeknüpft, wo schon der Knoten zwischen 18 und 19 sich befindet. 
Die beiden Knoten wären zu ertragen, wenn wir ohne sie auf allen 
Zusammenhang verzichten müssten, unerträglich aber ist der Kreis- 
lauf, den zwischen ihnen der Gedanke macht 

Nachdem Svipdagr in v. 19 vom Vidofnir auf den Baum gekom- 
men und in v. 20 — 22 dessen Namen und Eigenschaften erfahren hat, 
wird er in v. 23 vom Baume wieder zurück auf den Hahn geiUhrt: 
er fragt nach dem Namen des Hahns und erfahrt ihn in v. 24, nach- 
dem ihm doch schon in v. 18 der Name des Hahns genannt worden 
ist. Hieraus ergibt sich, dass beide Annahmen, durch welche wir oben 
den Gedankensprung von v. 18 zu 19 zu erklären versuchten, unrichtig 
waren: Svipdagr kann weder den Vidofnir schon gekannt, noch ihn 
in V. 18 kennen gelernt haben, er dürfte sonst nicht in v. 23 wieder 
nach dessen Namen fragen. — Wie der Text des Fiölsvinnsmäl uns 
vorliegt versteht Svipdagr also in v. 18 nicht, daß Vidofnir der Hahn 
auf dem Mimameidr sei, statt nun aber sich näher nach dem ihm 
wichtigen Vidofnir zu erkundigen bricht er in nunmehr ganz unerklär- 
licher Weise das Gespräch über die Möglichkeit des Eintritts in die 
Menglödsburg ab und kommt auf den Mimameidr, ganz unabhängig 
von der Vorstellung des Vidofnir, erf^rt aber glücklicherweise im 
Laufe des daran sich knüpfenden Gesprächs in v. 24, daß der Hahn 
auf dem Baum eben jener Vidofnir sei, entsinnt sich nun, daß ihm 
nach V. 18 die Bezwingung des Vidofnir erwünscht sein müsse, und 
thut endlich in v. 25 die Frage, die er schon in v. 19 hätte thun müssen, 
wie diese Bezwingung möglich sei. 

Alle Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten, die der Text in dieser 
Gestalt bietet, können mit einem Schlage beseitigt werden durch eine 
sehr einfache Operation. Das oben bezeichnete Stück, in welchem der 
Faden zwischen den beiden Eaioten einen Kreis beschreibt, schneiden 
wir heraus und setzen dasselbe an einer andern Stelle wieder an, um 
so einen einfachen und ununterbrochenen Faden des Gedankens zu 
gewinnen. — Die Verse 19 — 24 müssen ursprünglich an einem andern 
Oitc und zwar nothwendig vor 18 und 25 gestanden haben, da Vidofnir, 



358 MÖLLER 

der in v. 24 zum ersten Male genannt werden muß, in y. 18 und 25 
als schon bekannt vorausgesetzt wird. Vor v. 18 ist nur an zwei 
Stellen eine Einfhgung der Verse möglich, zwischen v. 8 und 9 und 
zwischen v. 12 nnd 13: an dem letzteren Orte erscheint sie geeigneten 
Die Verse 19 — 2A sind demnach zwischen die Verse 12 und 
13 zu setzen. 

Nachdem Svipdagr in v. 9 nach dem Namen der grind, in y. 11 
nach dem des gardr gefragt, erblickt er ^) den Baum Münameidr und 
fragt in dem anf v. 12 folgenden y. 19 nach dessen Namen. Durch 
den Baum auf den Hahn geftihrt, den er auf demselben sieht, fragt 
er in v. 23 nach dessen Namen und er&hrt in y. 24 der Hahn heiße 
Vidofhir. Dann folgen die Verse 13 — 18: Svipdagr fragt nach den 
Hunden und erfthrt, daß die vtengbrädir tv»r t Vidofiiis lidom, den 
Hunden vorgelegt, das einzige Mittel seien, das den Eingang mögUch 
mache. Ganz natürlich schließen sich nun hieran die Verse 25 — 30, in 
welchen Svipdagr fragt und er&hrt, wie Vido&ir zu bezwingen sei. 
Wir erlangen auf diese Weise in v. 13 — 30 nach Ausscheidung von 
19 — 24 eine schöne ununterbrochene Reihe schwieriger, ja, wie sich 
in V. 30 herausstellt, unmöglicher Erfordernisse') zur Erlang^ung des 
Eingangs. In v. 30, der fUr die Bezwingung des Vidofnir eine Vor- 
bedingung stellt, welche nur nach Bezwingung des Vidofnir za erfllllen 
ist, findet die Verhandlung über den Eintritt in die Menglödsborg 
ihren naturgemässen Abschluss, und Svipdagr kann in v. 31 eine neue 
Frage aufwerfen. 

Daß die Besserung, wie ich sie vornehmen will, nothwendig ist, 
kann, glaube ich, nicht zweifelhaft sein, es fragt sich nur, wie wir 
das Entstehen des Verderbnisses uns zu denken haben. 



*) Denn daß Svipda^ den Banm sieht macht die dlnisehe STeidalariae notk- 
wendigTt deren Zusjunmenhang, wenn nicht mit Grdgaldr (s. £. Kölbing, Genn. XIX, 359 M\ 
obwohl ich glanbe, daiS auch an diesem festzuhalten ist, so doch mit dem FiölsriiiB»» 
mal mir nnabweishar xu sein scheint. 

*) Ähnlich wie sie, doch hier in sehr ungeordneter nnd abgeeehmaekter Wom 
(hier aa>!:erdem nicht snr Erlangong desselben Zweckes, sondern nnmittelbar mar Er- 
reiehong des Zieles), in der kjmrisehen Erslhlnng Kiihwch nnd Olwen gestellt w ei d— . 
Von dem Znsammenhang dieser kymrischen Erslhlnng mit dem Grftgaldr und FiSla- 
Tinnsniai nnd der Sreidalsriae vermag ich mich indessen nicht in ftberaerngtai: wdk 
dieser hat sie einige gans untergeordnete Züge, wie ich gUnbe gans xnfUlig^ gcflMm» 
mit dem Fiölsvinnsmil , so viel ich sehe, nichts weiter, als daG in beiden der Hrid 
das Midchen schließlich bekommt, woraus, da so bekanntlich die meisten Ermlhh mgta 
schließen, sich gar nichts folgern llsst. Ist dieses richtig, so würde damit l>w>ftiK|^ 
werden, was (a. a. 0.> ans der Übereinstimroang der Sveidalsrise mit Kühircli 
Olvea im Gegeasata sa Grögaldr und Fiölsrinnsm&l gefolgert worden ist. 



ZUM fiölsvinnsmAl. 359 

Das Verderbniss besteht in einer Vertanschnng der je sechs 
Verse 13 — 18 und 19 — 24. Diese zwölf Verse folgen unmittelbar auf 
eben so viele andere, mit denen der überlieferte Text des Fiölsyinns- 
mal beginnt. Dem, der diese Bemerkung gemacht hat, wird sofort als 
erster Gedanke der aufsteigen, ob nicht die Membrane, aus welcher 
Grdgaldr und Fiölsvinnsmdl in die Papierhandschriften übergiengen, auf 
jeder Seite sechs Verse enthalten haben sollte: auf fol. la des Fiölsvinnsmftl 
hätten 1—6, auf Ib 7—12, auf fol. 2a 19-24, auf 2b 18— 18 gestanden, 
das Verderbniss wäre durch die verkehrte Lage des fol. 2 geschehen. 
Dagegen erhebt sich der Einwand: die Membranen kannten keine 
Versabtheilung. Aber eine solche anzunehmen ist gar nicht nöthig: 
es braucht nur auf je eine Seite im Durchschnitt der Inhalt von je 
sechs Versen in fortlaufenden Zeilen seine Stelle gehabt zu haben 
und zufällig haben beide Seiten von fol. 2 mit demselben Wort aus 
der jede Frage Svipdags einleitenden Vershälfte begonnen, z. B. mit 
^})at Fiölsvidr", oder auch nur die eine begann: „})at F.", die andre: 
„mer })at F.*', und die Schreiber, denen foL 2 in verkehrter Lage 
vorlag, schrieben doch den ihnen schon geläufigen Satz richtig: segdu 
mer ]3at Fiölsvidr. Doch es erhebt sich ein zweiter Einwand: auf der 
Seite einer Membrane steht unvergleichlich viel mehr, als der Inhalt 
von sechs Li6dahättr- Versen. Dagegen lässt sich nur sagen, daß wir 
von der Beschaffenheit der Membrane, die Qrögaldr und Fiölsvinns- 
mäl enthielt, gar nichts mehr wissen, als das, was wir aus der Gestalt 
der Ueberlieferung dieser Lieder in den Papierhandschriften erschließen 
können. Die Membrane wird nur Grdgaldr und Fiölsvinnsm4I, jeden- 
falls kann sie außer diesen keine Eddalieder enthalten haben, denn 
sonst wäre der von Bugge gelieferte Beweis, daß alle Papierhand- 
schriften der Eddalieder auf keine andern als die uns erhaltenen Mem- 
branen zurückgehn, falsch. Es wurden manche Lieder einzeln abge- 
schrieben: solche Einzelabschriften schrieb man gewiss nicht immer 
auf ganzen Foliobogen, und sicherlich sorgfältiger und also weniger 
enge. — Ist die oben aufgestellte Seitentheorie haltbar, so würde nicht 
allein die Vertauschung der Verse 13 — 18 und 19 — 24, sondern auch 
der abgebrochene Anfang des Fiölsvinnsm&l eine sehr einfache Erklä- 
rung finden: vor v. 1 würden ein oder mehrere Blätter ausgefallen 
sein, auf denen der Anfang des Fiölsvinnsmäl oder die Verbindung 
mit Grdgaldr gestanden hätte. 

Ist sie es nicht, so müssen wir zur Erkärung des Verderbnisses 
diesen mechanischen Weg verlassen und einen ganz andern ein- 
schlagen. 



360 LITTERATUB: J. ZUPITZA, ALTEMQLISCHES OBUNGSBUCH. 

Die Schreiber der Membranen sehrieben aus dem Gedächtnisse, 
wie die Verschiedenheit der Gestalt, Reihenfolge und Zahl der Verse 
bei verschiedenen Aufzeichnungen beweist. Daß auch in unserm Liede 
als eine Folge dieser Art der Aufzeichnung Versetzungen von Versen 
und Verstheilen stattgefunden haben können, zeigt die von Bogge an 
ihren richtigen Ort zurückversetzte zweite Hälfte von v. 2« Die oben 
vermuthete Ideenassociation , die von dem Vidofnir in v. 18 sn dem 
Baum in v. 19 fUhrte, gieng also nicht in dem Svipdagr, sondern in dem 
Schreiber vor^ und nicht Svipdagr, sondern der Schreiber ward dureh 
die Nennung des Vidofnir in v. 24 zur logischen Folge der Gedanken 
von V. 25 an zurückgeftlhrt. 

BRESLAU, den 13. M&ra 1875. HEBIIANN MÖLLER. 



LITTERATÜR. 



Znpitza, Julius, AlteDglisches Übungsbuch zum Gebrauche bei UniTertitätsTor- 
lesungen. Mit einem Wörterbuche. Wien 1874. Braumuller. 

Wüleker, Richard Paul, Altenglisches Lesebuch. Zum Gebrauche bei Yor- 
lesungcn und £um Selbstunterricht. 1. Teil, die Zeit von 1250 — 1S50 
umfassend. Halle a./S. Lippert*sche Buchhandlung (Max Niemeyer^ 1874. 

Das Studium der älteren englischen Sprache und ihrer Litteratordenk- 
mäler hat bis vor kurzer Zeit an unseren Universitäten bei weitem nicht die 
Beachtung und Pflege gefunden, wie sie z. B. dem Altfranzösischen und Pio- 
venzalischen zu Theil geworden ist. Nicht dem Mangel an Interesse an und 
für sich ist die Schuld davon beizumessen, sondern in der Hauptsache äußeren 
Umständen, zunächst den geringen Ansprüchen, die man betreff des Englischen 
an Candidaten des höheren Schulamtes stellte: während für die classiscben 
Sprachen Renntniss der historischen Grammatik und Übung in kritiseher Text- 
behandlung gefordert wurde, begnügte man sich hier mit einer ästhetiachen 
Abhandlung, bei der das Hauptgewicht auf den Stil gelegt wurde, and einigen 
Kenntnissen in neuenglischer Litteratur und Grammatik. Dazu kam, daß man 
das Englische mit den romanischen Sprachen unter den Begriff: „neuere Sprachen' 
zusammenzufassen und dem Vertreter dieser letzteren an der UniTersitiU sn- 
zutheilen pflegte, wodurch ^ine Kraft un verhältnissmäßig belastet wurde. Und 
endlich fehlte es in der That auch an geeigneten und leicht zugänglichen Halft- 
mittein für Übung von Sprache und Textkritik, wie sie z. B. für Französiach 
und Proveuzalisch durch Bartschs treffliche Chrestomathien geboten sind, deren 
Zweckmäßigkeit durch die mehrfach nöthig gewordenen neuen Auflagen aar 
Genüge erwiesen ist. Für das Altenglische existieren nur Mätznera Alt- 
eugUsche Sprachproben, ein zwar werthvolles, aber theures ond umfibigliehes 



UTTfaiATUK: J. ZUFITKA, ALTENGLISCHES ÜBUNGSBUCH. 361 

"Werk. Mit um so größerer Prende sbd also die Bücher von ZupiUa qnd 
Wülcker, epi-cielleo Verlretcm der engliBcheo Philologie in Wien und LeipEig, 
zu begrüßen , welche diesem Mangel iibhelff d sollen. Übrigens finde ich ganz 
and gar nicht, daß die beiden Arbeiten als mit einander rivalisierend Eioiuaehea 
sind. Sie lassen sich vielmehr sehr wohl neben einunder gebrauchen. 

Zupitza neimt seine Sammlang ein „Übungsbuch zum äebrauche bei 
Universitatsvorlesungen", bei dessen Zusammenstellung ^überwiegend sprach- 
liche Grunde maßgebend waren* (Vorwort). Man darf also auch nur diesen 
Maßstab an dasselbe legen, nicht verlangen, daß es die Stelle eines vollatündigea 
Lesebuches vertrete. So ist z. B. wohl niehta aus der Ancren riwle aufgenommen, 
weil in Mortons Ausgabe leider die älteste Cambridgerhandachrift ganz onbe- 
nutzt geblieben ist. Ebenso ist es begreiflich, daß Robert von Gloucester und 
Bobert Manning übergangen wurden, von denen nur die unzureichenden Aus- 
gaben von Heame vorliegen. Warum Layamon nicht vertreten ist, sieht man 
weniger ein. Und wird man wirklich oft dazu kommen, den Piers the plowmaa 
in einer Vorlesung zu behandeln? Ich möchte es bezweifeln. Im Übrigen ist 
das Buch für akademische Übungen nach sprachlicher und exegetischer Seite 
hin durchaus praktisch angelegt. Je mehr dieß der Fall ist, um so weniger 
erschien es mir überflüssig, hier alles das einzeln aufzuführen, was mir bei ge- 
wissenhafter Lee tu re aufgefallen war, und seien es auch Kleinigkeiten: vielleicht 
darf ich auch holFen, daß diese oder jene Bemerkung sieb der Zustimmung 
des durch seinen Antheil an der Herausgabe des Heldenbucbes rühmlich be- 
kannten Autors erfreuen und so einer doch gewiß tu erwartenden zweiten Auf- 
lage zu Gute kommen wird. 

Eignet sich, wie bemerkt, Zupitza'a Buch vorwiegend für akademische 
Zwecke, so diirfte dagegen Wülckers altenglischea Lesebuch, von welchem bis 
jetrt Theil I vorliegt, sich vorzüglich für das Privatstudium solcher schicken, 
welche ersteres mit Hülfe eines Lehrers ausführlich durchgenommen haben. Die 
reichhaltigen Anmerkungen werden dem Anfänger über manche schwierige Stelle 
weghelfen. Für den Gebrauch bei Vorlesungen dürfte das Werk, dessen Er- 
gänzung nach vorn hin uns durch den Recenseiiten im Centralblatt (Jahrg. 
1875 p. 148 ff.) in Aussicht gestellt ist, doch schon etwas zu umfänglich an- 
gelegt sein. Ich kann mich über dasselbe weiter nnten um so eher kurz fassen, 
als ich meine Anzeige nur als eine Nachlese betrachte zu der nach meinem 
Uttheil, was das Sachliche angebt, ganz vortrefflichen Bcceneion von Zupitza: 
Zeitschr. für österr. Gymnasien 1875, p, 118—141, die manche meiner Be- 
merkungen schon voraus genommen hat, deren Studium ich jedem Leser des 
Wülcker 'sehen Buches empfehle. 

Ehe ich aber auf Einzelnes eingehe, muß ich kurz einen Punkt erwähnen, 
In dem die Verfasser beider Bücher differieren, der überhaupt jetzt zu einer 
Art von Frincipien frage geworden ist, nämlich die Eintheilung der englischen 
Sprache. Während Wülcker (vgl. Beiträge von Faul und Braune I p. 57 ff. und 
das Vorwort zum Lesebache) bis 1250 den Namen angelsächsisch festhält, dieß 
wieder in alt- und neuangelsüchsisth theilt, und daun mit Entfernung des Aus- 
drucks „roittelenglisch" die Sprache von 1S50 — 1500 attenglisch nennt, be- 
zeichnet Zapitza, wie Sweet, die bisher altan gel sächsisch genannte Zeit mit dem 
Ausdruck attenglisch und lägst mit der sonst neu angelsächsisch oder holbsäch- 
sisch genannten das Mitte I engt i sehe eintreten. Diese seine Eintheilung hat Zuji. 



362 LITTERATUK: J. ZUPITZA, ALTENGLISCHES OBUNOSBUCH« 

▼ertheidigt kurz im Vorwort zum Übungsbuche, ausführlicher Ztschr. f. ostem 
Gymn. a. a. O. Seiuen Granden stimme ich Tollständig bei and habe dieselbe 
Ansicht schon vor dem Erscheinen von Zup. Buche mehrfach in meinen Vor- 
lesungen vorgetragen. Weder Zup. noch Wülcker wissen übrigens oder halte» 
es der Erwähnung für werth, daß Stephens, der Herausgeber der Oldnorthem 
runic monuments, der erste gewesen ist, der in Gentleman's Magazine 1852, 
April- und Maiheft, gegen den Ausdruck: angelsächsisch auftrat. Diesen Aof- 
satz ins Dänische übersetzt und erweitert veröffentlichte G. Brynjulfsson o. d. T. : 
Oldengelsk og Oldnordisk in: Antiq. Tidskr. 1852—54, p. 81— 143. Trots 
mancher Sonderbarkeiten, z. B. seiner wunderlichen Theorie über die nähere 
Verwandtschaft der Engländer mit den skandinavischen Stämmen als mit den 
übrigen niederdeutschen, hat Stephens doch hier schon schlagend bewiesen, 
daß die Bezeichnung: „angelsächsisch*' von keinem Gesichtspunkte ans gereebt- 
fertigt erscheint. Seine Einth eilung unterscheidet sich nur darin von derjenigCB 
Zupitzas, daß er Zupitzas mittelenglisch noch in zwei Abtheilnngen aertrenntr 
gammelengelsk bis 1350, mellemengelsk bis 1550*). 

Ich wende mich jetzt zu Zupitzas Übungsbuch und gehe Le s e stO cke Jod 
Glossar der Reibe nach durch. 

I. Csdmons hymnus. „Hier mit Benutzung einer neuen Collation 
von Prof. Schipper*^ Schon genau ebenso gedruckt bei Bouterwek, Caedmons 
bibl. Dichtungen p, CCXXIV. 

IV. Die Zeilen der Überschrift sind unpassender Weise wie allitterierende 
Verszeilen gedruckt, wozu höchstens Zeile 2 einen entfernten Anlaß bieten 
konnte. Z. 24: pd he pät pd sumerettde dyde. Im Glossar findet sich 
p. 124*: sumreäd^ sumeretidf me, somertide^ sL f, Bommenteit, Da dieß Wert 
sonst im Übungs buche nicht vorkommt, so muß man obigen Artikel des Glossars 
doch sicherlich auf diese Stelle beziehen. Diese Erklärung ist aber ans swei 
Gründen unrichtig; erstens müsste Sommerszeit ae. sumor- oder sumerttd beiGen, 
ebenso wie sumorhdty sumurhat, oder sumerseld etc. Woher Zupitza die beiden 
andern Formen hat, weiß ich nicht. Zweitens aber lehrt die lat. Vorlage (The 
complete works of Venerable Bede, edd. Giles. Vol. III p. 112), daß s n s te r s 
tide Übersetzung von quodam tempore ist (quod cum tempore quodam faeereiX 
vgl. . . et 8ume time XIV, 9. on sumum däge X, 65. Es ist also getrennt: mh- 
mere ttde zu schreiben. — Das. pd hüs. Hier war doch wohl pät hÜ9 ans BD 
aufzunehmen. Vgl. lat : relicia domo conviviL — Das. Z. 29 hwäthw^gu» leb 
glaube nicht, daß § anzusetzen ist, obwohl eine befriedigende Erklärung des 
Suffixes weder bei Grimm Gr. ITC p. 30 noch bei Koch, Gr. III, 1. §. 54 n 
finden ist. — Das. Z. 70 ist eodercende aus CD für odercende in A aofatinebmen. 
d ist unmöglich. Vielleicht bei Zup. nur Druckfehler? 



*) Es mag mir verstattet sein, als Probe den ersten Satz von Stephens Aofsats 
hier anzufügen (bei Brjnj. p. 90): Vi spörge et tjdsk bam, .,hvad sprog tnlte dine 
Forfttdre?** nGldtydsk*' lyder svaret. „Og hvad er eders gamle Modersmaal?^ sige vi 
til en Dansk, en Nordmand, en Svensker, an Franj^kinand eller en Spanier; „Olddiinsk'' 
„Oldnorsk**, „Oldsvensk*', „Oldfransk*^ „Oldspansk" svarer han. Vi spörge vort eget 
Bam, „og hvilket Sprog tatte dine Forfsedre, min Dreng ?*' og man bar Isert ham ai 
svare: Angel-Saxisk. Var der negensinde noget mere absurd, mere barbarisk ^er 
usandere? 



UTTEBATÜB: J. ZUPITZA, ALTENGLISCHES ÜBUNGSBUCH. 363 

V, 2854 behält Zup., wie mir scheint mit Recht, dat hrieg mit der Hdschr. 
und Bout. bei, während Grein in hrincg ändert; besonders spricht für diese 
Beibehaltung v. 2898: pät he on hrofe gestöd hedn lande» ^ wo hr6f diesem 
hricg ganz parallel steht. — Das. V. 2856 ist dos Comma nach hmlfyr zu 
streicheji und nach pinwm einzusetzen. — Zu r. 2861 konnte die Conjeotur 
Bouterwek's: hue» waldendesy Csedm. UI, 317 in den Anm. citiert werden. 
V. 2906^ f. fyre »encan masge» dreöre, Zup. bemerkt nichts zu dem Verse. Bout. 
8. y. sencan schlägt vor: f^ d»encan'j aber in p. 317: /jr gesencan. Grein 
bibL I p. 75 weiß keinen andern Bath. Ich glaube, man hat eher den Sinn 
au erwarten: in das Feuer an tauchen, zu senken des Sohnes Blut; 
also etwa: on fyre sencan mcege» dreör'^ vgL Beda edd. Smith 631, 22: hine 
on pam stredme sende. Der Versuch EttmüUers, Lex. Angl. p. 639 f., die über- 
lieferte Lesart zu erklären durch: voluit ,ßium neeare manibus suis ignemque 
eaUinguere consanguinei sangtdne^ geht deßhalb nicht an, weil der acc. ron fyr 
nicht fyre heißt. 

VII, 6 : Zup. in der Anm. : gym die herausgeber] grenne. Greins Sprach- 
schatz s. ▼. grine lehrt, daß, wie es auch wahrscheinlich war, die Hdschr. grenne 
nicht für gym, sondern für gr^e liest. 

VIII, 105. 6n dinges mere. Zup. gloss. p. 86^ dinges mere'i Hier hätte es 
sich doch wohl gelohnt, Ettm. Erklärung, Lex. Anglos. p. 561 in fimi iriare, 
«. e. in mare algosum anzuführen. Es ist wenigstens die einzige, die jemand 
versucht hat, und sprachlich zu rechtfertigen. 

IX, 13. pät ic macige meU pinum fäder pUr o/, and he yU liuütce (vgl. 
Vulg.: ut fadam ex eis eseas patri tuo, quibus lihenter vescitur) scheint mir 
ein treffendes Beispiel für die Vertretung des pron. rel. durch and zu bieten 
(vgl. Tobler: KZ. VI, p. 853 ff. Germ. XIII, p. 91 ff., wo ich ags. Stellen nicht 
angeführt finde). Gegen eine andere Auffassung spricht schon der Wechsel der 
modi, vgl. Wülcker 18, 3886 ff.: Ther nys non so slow unthinne and he wiste 
to have muche ufynne^ that he no wolde^ for gret tresour , don kirn seolf in an- 
toure. Das. Z. 68 ist mindestens auffiUlig die Ausdrucksweise: häfdest pu git 
dne bletsunge*i gegenüber dem lat.: Num tmam, inquit^ tantum benedicHonem 
habes, pater'i 

X, 39: gif hwd pises ne geli^d. gelyfan c gen. Grimm Gr. IV p. 661 
führt kein ags. Beispiel an. — Das. Z. 43 ist nach hwät kein Comma, 
sondern ein Ausrufungszeichen zu setzen, wie es auch Grein gethan hat Das. 
ist cememergen^ wie bei Grein, in zwei Worte zu trennen. Ebenso ist das. 
Z. 68 aweg nicht in einem Worte zu schreiben, trotz des ne. away, — Warum 
das. Z. 58 swa swa durch Comma getrennt ist, an den anderen Stellen (Z. 46, 
67, 69) nicht, sieht man nieht ein: aufzufassen sind sie alle gleich. 

XI, 68 neira. Wie der gen. plnr. von net netra heißen kann^ weiß ich 
nicht. Ist etwa schon bei Bout. netna zu lesen? 

XII, 22. Glossar p. 81^ sagt Zup.: bryniges übersetzt Thorpe mit 
fires: ich weiß damit nichts rechtes anzufangen. Da hätte doch wenig- 
stens die Übersetzung der Stelle durch Ingram: The Saxon Chronicle. Lond. 
1823, p. 366 mit angeführt werden müssen, der bryniges durch coats of mail wieder- 
gibt. Ganz befriedigend ist diese Erklärung freilich auch nicht: aber sie kommt 
doch dem geforderten Sinne «eiserne Gewichte^ am nächsten. Das. Z. 34 
Anm. wundes bei Thorpe ist wohl Druckfehler. Daß diese Vermuthung 



364 UTTERATUK: J. ZUPITZA, ALTENGLISCHES OBUNGSBUCH. 

• 

unrichtig ist, beweist einfach der Umstand, daß Gibson (Chron. Sax. Oxonii 1692) 
p. 239 and Ingntm p. 366 ebenso lesen. Auch dem Sinne nach passt wände« 
ganz leidlich. 

XIII. Aus dem poema morale. Dieß Stück soll, ebenso wie no« VIII, 
Gelegenheit bieten zur Übung in der kritischen Behandlung eines Textes (Vor- 
wort). Unter diesem Gesichtspunkte kann ich die Ausgabe dieses Abschnittes 
nicht für genügend halten. Zup. legt die bei Morris: Old engl. Hom. I p. 159 £ 
abgedruckte Fassung (A) zu Grunde, und gibt die Lesarten der übrige Ha. 
in den Anmerkungen, in der Regel nur an Stellen, wo A unverständlich ist 
oder verderbt scheint. So hat also im Voraus schon der Herausgeber darüber 
entschieden, wo der Text der Besserung bedarf, und dem Schüler ist dadnit^ 
ein wesentlicher Theil eigener Arbeit entzogen. Sollte der obige Zweck erfüllt 
werden, so mussten alle Lesarten aufgeführt sein, was das Buch doch ancb 
nicht ungebührlich angeschwellt haben würde. Wie wichtig das gerade hier ge- 
wesen wäre, will ich im Folgenden kurz zu begründen suchen. 

Es lässt sich vor allem aus Zup. Text die wichtige Frage gar nicht ent- 
scheiden — eine genauere Prüfung derselben ist mir wenigstens noch nicht ss 
Gesicht gekommen — ob wir in diesen und gleichzeitigen Dichtungen, die de» 
Übergang vom ae. zum me. vermitteln, eine durchgehende Vernachlässigung 
des germ. Wortaccentes zu constatieren haben oder nicht. Wenn ein odw 
mehrere Hdschr. an allen oder den meisten Stellen, wo wir in A den Wort- 
accent verletzt finden, denselben wahren, so spricht das offenbar sehr sn Gonsteii 
einer Verderbniss in A. Denn der umgekehrte Fall, daß die Abschreiber überall 
geändert haben sollten, um den germ. Acceut mühsam herzustellen, während 
der Dichter das Gefühl dafür schon verloren hatte, ist doch unglaublich. Der 
Grundcharakter des Metrums ist der jamb. catal. tetrameter, bestehend ans 
zwei Hälften, deren erste vier, deren zweite drei Hebungen hat. Der Auftaet 
beider Vershälften darf fehlen. Die erste Hälfte pflegt männlichen Ausgang xii 
haben, die zweite weiblichen. Ob Senkungen fehlen dürfen, muß vorerst 
entschieden bleiben. Das Metrum ist also im Wesentlichen dasselbe wie 
Ormulum: daß Orm nie (vgl. Koch Gr. I §. 204), der Dichter des poema nioral» 
wenigstens meist auf den Wortaccent Rücksicht genommen hat, lehrt ein flSeb- 
tiger Blick, woraus wieder wenigstens zu schließen ist, daß Orm sich seinem 
Vorbilde, der lat. Hjmoenpoesie, sklavisch angeschlossen hat, der andere freier. 

Ich wende mich nun zu einzelnen Stellen des Gedichtes, um sie naeb 
dieser und anderer Seite hin zu besprechen.*) 

V. 2^: nd reit ahti hon mdre AC mi wU ah t6 hen m6rf, BE. ogkit to D» 
Die Lesart von D wohl die richtige; e von oght ist stumm. V. 7^ hifeali kk 
childhade A. Es fehlt eine Senkung. Die andern Texte weichen hier gans ab^ 
aber A ist sehr leicht zu bessern, ja verlangt dieß geradezu, hifeali nämlich 
wäre formell nur richtig, wenn es auf bifealdep zurückgienge , also wenn der 
Stamm mit einer Dentale auslautete (vgl. Koch, Gr. I p. 338 f.), was dem Sinne 
nach unmöglich ist. Von hifeallan aber muß die Form hifecUlep lauten. Dadurch 
wird aber auch die fehlende Senkung gewonnen: hifedlUp t6 chüdhdde, V. 15\ 
4r ich hü wiitt A. Es fehlt eine Senkung, er ich hit a. xmisie B. er pan ü 



♦) Der Abdruck von E bei Morris» Cid eii\;\. Uom. II. 1873, p. 220 ff. stand mir 
fOr das Folgende leider nicht zu Gebote. 



LITTERATUIt: J. ZUPITZA, ÄLTENGLESCHES ÜBUNGSnUCH. 365 

Alt iDisfe C. V. lü* iat nacb A lesbar, wenn man ]iä xox ha elidiert, nie öfters; 
ebeoEO iat 19" mit retileudem Auftacte xu lesen, iloch wird hier ein Dativ Ter- 
inisBt, wir hätten also, da die erste VershSIfte im plur. steht, kern zu ergänzen. 
BC lesen: fit hmilt he mti und setzen dann him ein. In V. 20" fehlt nach A 
und C eine Senkung; }>er pe hi ar itowni B. V. 21" ist mit BC pft zu etreichen. 
V. 33 pi him tältie fikgä ABC; sehr hartes Fehlen einer Senkung; etwa: pe 
mon pe »olve him forgelt vgl. V. 39. V. 25'' pe hwile J'Ct ye miiyoi, lo Äuuewe; 
sicherlich verderbt, prt ist mit C zu streichen nie V. 21'' und das SchluU-e von 
Aowne und aovtnt fiir utumm anzusehen. B weicht ganz ab. V. 32' lies mit 
B afrech fflr ee*. V. 32" ist pet zu alreiehen wie 31, 35. V. 30: monie* .nontiM 
aare iitcinc habbed ofl unholde. Morris übersetzt 0. G. Uom. I p. 160; Many 
kinda of tore Irouble have often Ihe infirra. naholde soll = anliale sein. Aber 
rnonnet :^= kindst Dag. p. 316 schlägt M. vor, nach walde ein Comma ta setzen 
and beide Zeilen so tu verbinden: He icho dot» not tutll white he may , thall 
not be ahte, tphen he wovld , foT many a man* hard affliclion [i. e. grieooua 
tickneis] haut \betn] o/len in/avourable. [i. t. ha» pT^uenttd him from. ameTiding 
his tvil life]. Daß habbed sich sprachlich so auffassen lüsat, kann ich nnmüg- 
lich glanben. Die einfacliate nnd ungezwungenste Auslegung scheint Zup. 
im Glossar vor Augen gehabt zu haben, p. 97': iWinfe, Arbeit, Erarbeitetes, 
Gewinn. Der Zusammenhang ist demnach : Weise ist der, welcher , so 
lange er lebt, an sich selbst denkt (V. 33) [d. h. sich Schlitze im Himmel 
gammelt (V. 39 lf.)|: Fremde und Verwandte werden ibn bald vergessen. Wer 
nicht zur rechten Zeit woLltbut, bat spüter nicht mehr Oeiegenbeit: so ge- 
schieht es, daß manches Mannes mühsam zusammengescbarrles 
Gut schließlich nur seinen Feinden [d. b. den lachenden Erben, die 
auf seinen Tod gelauert haben] au Theil wird. V. ST acal A. lolde BC. 
Der Betonung wegen ist tetiteres besser. V. 40 hviie päC he mai A. pe hwUe BC; 
Tgl. V. 32 etc. V. 41* pe» riche min wm6d bon t^ker AB. ptos rieht min wenep 
lö beon »yker. Ich halte fiir die ursprüngliche Stellung: pa rieht men wened 
slier hdti, wie in V. 39. Y. 46* and tolf bered AC, B abweichend miuel and 
bred. Ich möchte danach in A lesen: lolf and bered. Noch besser wäre: Pider 
lie sint and birrd tiUf. V. 63 f. wechselt sing, und plur. in A; ebenso C. B: 
pe pe her del oni god. Das ist doch woM das richtige, und hier hatte Zup., 
abgesehen von der Accentf rage, dieVaiianten angeben müssen, wenn er seinem 
Principe folgen wollte. V. 54* in A richtig, dl hi schal vi'/nde per C verderbt. 
54" hundred/aid tnare A, Es fehlt eine Senkung, hundred feide B. hundred- 
folde C. V. bb'' htnitt pe A. pe wile BC. Metrisch gebt beides an; aber für hmiU 
pe weiß ich keine Parallelst eilen. V. 63" biforan /)« hevenking A. hewnekinge BC. 
Letiteres ist das richtige, da stumpfer Vcrsausgang gefordert wird, V. 66' Erh 
mäu tnid pil, >ie hdvet A.; es fehlt eine Senkung; eure Uc B. e^-emych C. tuwieh D. 
aipich E, Also alle übiigen Hdschr. gegen A. V. 69 f. Zup. Anm. do hit] buU B, 
fehlt B, ded hilf Ich halte eine Änderung für unnötbig. Der Sinn ist: Joder 
soll nacb seinen Kräften für das Himmelreich thun (V. 65). Der, welcher nicht 
mehr thun kann, thne das wenigstens mit aufrichtigem Herzen, so gut wie das 
der Reiche nöthig hat [auf die Gesinnung kommt es bei beiden an] ; denn oft 
weiß Gott dem mehr Dank, der ihm weniger gibt. Zup. verlangt den Sinn: der, 
welcher nicht mehr thun kann, tbut mit seiner guten Gesinnung ebenso wohl, 
als wie der Beiche [der viel gibl[. Das wäre an sich auch nicht verkehrt, aber 



366 LITTERATÜR: J ZUPITZA, ALTENQLI8CHE8 ÜBUNGSBUCH. 

einmal erwartete mau dann einfach ded, nicht ded hit, und femer wurde daim 
y. 78 f. nur eine Wiederholung von demselben Gedanken sein. — 82*: pet ki» 
wil is A fehlt eine Senkung wilUs B. wille C. Y. 85* hord hüten korde A fehlt 
eine Senkung; abuten B£. Sollte Zup. an dieser Form Anstoft nehmen (vergL 
Ztschr. für österr. Gjmn. a. a. O. p. 139 f.), so kann man mit D alhuien lesen. 
AI dient dann sur Verstärkung der präp., wie nach Zup. richtiger Erklämng 
a. a. 0. p. 130 vor wit, Wülcker VII, 7. V. 88' pe pe d^d godds wilU K. pe 
pe godes wilU de BE. pt pcU — dod C. pe man pe — ded D. Auch hier steht 
betrefis der Wortstellung die Autorität aller Hdschr. gegen A. V. 93^ lif Mim 
die Hdschr. fehlt die letzte Senkung. iUdenl vgl. V. 5. Zu V. 93 f. fShrt Zup. 
einige Varianten an wegen des unreinen Reimes: leden — ofdred in A; warom 
nicht die Lesart von D? /S<6 man neure nele don god \ ne neure god lif leden \ 
Ef ded and dorn come to his dure \ he mai Mm sore adreden, V. 97 : p^r 9cüUn 
bdn dovU iwa f6U A. BC haben dieselbe Wortstellung. Etwa : />er §culen dmole 
ben twa fole, V. 103* Hw^ 9cuUn ordlingee dön ABC. Hwet ordlinghes Mculen dan^ 

Aus der Betrachtung dieser Stellen g^ht hervor, daß, wo A den Wort- 
accent verletzt, dieß oft gegen alle andern Hdschr. geschieht, häufig gegen 
eine oder zwei. Ebenso nun, wie, wenn eine der andern Hdschr. im Gegensatz 
zu A den Wortaccent verletzt, wir sie für verderbt halten werden, wie Zop. 
für eine ganze Anzahl von Stellen selbst jenen vor A den Vorrang einger&uint 
hat, so werden wir hier dasselbe Princip befolgen dürfen. Diese Unterauchong, 
sowie die über die Möglichkeit des Fehlens der Senkungen würde uos hier im 
weit fahren. Vielleicht nimmt Zup. selbst bei der neuerdings versprochenen Aus- 
gabe von D Gelegenheit, auf diese Fragen genauer einzugehen. Die Richtigkeit 
meiner obigen Behauptung, daß der von ihm hier gegebene Apparat sur Übung 
in der Textkritik nicht genügt, dürften meine Bemerkungen erwiesen haben. 

XIV, 79 from non on saterdei, Zup. Gloss. p. 112^ erklärt nofi durch 
Mittag. Wegen des speciell kirchlichen Stoffes glaube ich eher, daß hier von 
der hora nachmittags um 3 Uhr die Rede ist. 

XVI, 37 f.: per blowed inne blt9te blostmen hwite and recuie, | per kam 
neuer ne mei tnou ne vorst ivreden, Zup. bemerkt Gloss. 95* : gefriian^ me. ifreden^ 
ivreden, wahrnehmen, merken, fühlen: aber XVI, 38 übersetst es 
Morris ohne Bemerkung mit hurt: diese Stelle ist wohl verderbt. 
— In der Anm. z* d. St. schlägt er deßhalb vor, für ham, non zu schreiben. Znp. 
hat offenbar gar nicht verstanden, welches Wort Morris mit hurt übersetsi. Die 
Hdschr. hat zureden'^ das u steht hier nicht für t; =/, sondern für tr, wie in 
peoudam ; iwreden steht mit Metathesis (vgl. vrim = vyrm) für iwerden ^ Atirf. 
Einen schlagenden Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung liefert der Um- 
stand, daß gewerden in genau demselben Zusammenhang schon ae. voricommt; 

vgl. Phönix V. 1 4 ff. : Ne mag pctr ren ne snäv, ne foretee fneeet ffikie 

gevgrdan is pät adele lond blostmum gebloven, V. 45 per me itckal kern 

Mteoren mid güldene chelle, Zup. Gloss. p. 123* s. v. steoren bemerkt im Blick nof 
diese Stelle: ob me. aussteuern, versehen? So übersetzt nämlich Morris 
p. 192: There ehall they be presented with golden cups. Diese Bedeutung Ton 
*teoran ist aber sonst nirgends nachzuweisen. Ders. bemerkt p. 322: J%U line 
might be mare lilercUly rendered as follows: There ehall one Hir up (mix) for 
them tite golden cup. Bei dieser Übersetzang bekenne ich mid nicht recht zu 
verstehen. Mir scheint die ebendas. citierte Vermuthung Stratmanns (Diet 



LITTERATUR: J. ZÜPITZA, ALTENGUBCHES ÜBUNGSBUCH. 367 

p. 469") den Vorzug za verdienen, der »teoren = »Uren thurificare von stör 
thun ansetzt; vgl. ahd. raukhelle (Graff lY, 385). Der Einwand von Morris a. a. 0.: 
hfU 9chenehen in the next line %9 rather againJtt this view^ ist nicht stichhaltig; 
vgl. z. B. Gen. und Exod. Y. 321 ff.: [der Satan] toente in to a ufirme, and 
tolde eue a tale^ and aenkede hire hurt aldrt bale^ und schenkte ihr unser 
aller Ühel ein, wo auch vorher nicht von einem Becher die Rede war. — 
V. 82 ist wohl zu lesen: pauh he habbe aumde agult and de idreaved «ore; 
Metrum und Satzconstruetion empfehlen diese Umstellung, denn de gehört nur 
SU idreaved, 

XVII. Auch hier liUst sich der Vers oft sehr leicht glätten; s. B. V. 1308 
lies chtlde für child^ wie 1305. V. 1826 lies: holocaustum, wie V. 1319. 

Ebenso in XVIIl. Z. B. V. 19 möchte ich lesen: hwart ariu^ pat me drynke 
hyst, V. 25: Loverd po pe vjymmcn seyde; vgl. V. 36, wo seyde an derselben 
Stelle steht. V. 43 ist vielleicht nach pHke^ men einzusetzen. V. 47: pat ne 
never beö pe mon, V. 72: and wmen of the bureuh ut. Wie sehr die einzelnen 
Hdschr. des poema morale von einander abweichen, sahen wir oben, auch hier, 
wo wir nur öine Hdschr. haben, ist also das Vorhandensein von Fehlem sehr 
wohl möglich: aber ich bin natürlich weit entfernt, meine Anderungsvorschläge 
für sichere Emendationen zu halten. — Daß nach V. 69 ein oder mehrere 
Verse ausgefallen sein müssen, hat Morris wunderbarer Weise nicht angemerkt ; 
Zup. notiert es richtig. 

XX. Aus der Sage von Gregorius. Eine interessante, bis jetzt, wenn auch 
in den Legendae catholicae Edinb. 1840 gedruckt, fast unbekannte Fassung 
der Gregoriuslegende, deren Veihältniss zu Hartmanns Gregor und zum franz. 
Text noch niemand genauer geprüft hat. Lippold: Über die Quelle des Gre- 
gorius etc. kennt sie nur aus einer Anführung in Scotts Tnstrem*), und Paul 
(Greg, von Hartm. v. Aue. Halle 1873) erwähnt sie gar nicht. Die hier gedruckten 
60 Verse hat Zup. neu mit dem Mscr. verglichen. V. 11 lies des Metrums 
wegen: walde für wald, V. 33*" lies: wip gode hert, V. 34^ lies: goven htut 
and lent. V. 36^: Zup. Gloss. p. 86* sagt: dent Gregor (XX) 86 ist mir 
unverständlich. Jedenfalls von dunten, dinten^ denten =■ ferire abzuleiten = 
altn. dynta; das ne. dint erklärt Lucas mit: durch einen Schlag oder 
Druck einzeichnen, eine Spur auf einen festen Körper machen. 
Diese Bedeutung passt hier vortrefflich: Der Abt wollte sehen, was in den 
Elfenbeintitfeln geschrieben und eingegraben war. — Das Gedicht ist in vier« 
zeiligen Stiophen abgefasst, die durch gemeinsamen Reim gebunden sind und 
mit denen stets der Satz schließt. Zup. hat dieselben durch große Anfangs- 
buchstaben markiert. Bis V. 42 ist alles in Ordnung; dann aber scheinen zwei 
Zeilen ausgefallen zu sein, die mit stofi und nan reimten ; dem Sinne nach wird 
die ausdrückliche Erwähnung zu ergänzen sein, daß der Abt dem Armen den 
Findling mitgibt (vgl. Hartm. V. 899 ff.); so gehören dann zusammen V. 43 
bis 46, 47 — 50. 51 — 54, 55 — 58. Zup. hat diesen Ausfall übersehen und lässt 
deßhalb erstens bei V. 45 mitten im Satze eine neue Strophe beginnen. Dadurch 
geratheu aber auch alle folgenden Reime in Unordnung und der Abschnitt 
schließt mitten in der Strophe. — V. 50* ist nach ladde wegen Vers und Sinn 



*) Ebenso Bieling: Ein Beitrag zur Überliefenuig der Gregorinslegende. Bcrl. 
1874, p. 7. 



368 LITTERATÜB: J. ZUPITZA, ALTENQLI8CHE8 ÜBUNGSBUCH. 



her eiiuasetzen. V. 56': prest and cUrk per stodt bit V. 59**: pe dop ke wtU 
tok to hold'i 

XXI, 75: to pe faderUa wan he rath. Zup. Gloss. p. 116**: rath beraier^ 
Das müsste räd heißen, rath ist vielmehr = hrad^ ae. hradf isi. krddr schnell« 
mit Wegfall des A. Der Sinn ist also : Zu den Vaterlosen war er schnell, 
sc. ihnen za helfen; rgl. V. 78: he dede htm sone to kaven ricik, Y. 163: 
and aveden the hing igretl 

XXIV, 8 1 f. pU is a mervayl message a man for to precke amonge «nasyt. 
Wie Znp. diesen Vers aufgefasst hat, ist nicht ersichtlich. Er gibt im Gloat. 
für mervayl die Bedeutung: Wunder, für message: Botschaft. Morris er- 
klärt im Glossarial index mervayl für diese Stelle durch merveUougf also ab 
adj., übersetzt also doch wohl: das ist eine wunderbare Sendung f&r einen Mann, 
SU predigen: aber müsste das nicht heißen: for a man to preehe^ Auch ist 
marvel als adj. sonst nicht nachgewiesen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten : ent- 
weder man fasst mervayl als subst. und meseage als Verbum (wofür ich fireilich 
auch nicht äine Parallelstelle beibringen kann) und übersetzt: Das ist ein Wnnder, 
einen Mann zum Predigen abzuordnen, oder man fasst mervayl-meesage als Com- 
positum und nimmt die oben angedeutete Umstellung vor. Das letztere mochte 
ich vorziehen. V. 92 pay pe fader, pat hym formed, were fale of hie hele. Das 
Verständniss dieser Zeile erscheint nicht ohne Schwierigkeit, fale erklärt Znp. 
Gloss. p. 90*: treu, lieb, gut. Morris: good, Soll das etwa heißen: wenn 
auch der Vater, der ihn schuf, für seine Sicherheit gut sagte? 

XXV*), 4. Nach end ist der Punkt zu streichen, denn off auniert ist direet 
von pis werke abhängig. Dag. mdchte ich nach V. 10 statt des Commas einen 
Punkt setzen, denn mit V. 11 beginnt ein ganz neuer Satz. V. 18 seheint mir 
Zup. mit Recht o fere zu übersetzen durch: mit Geschick; vgl. Orm. V. 1251: 
ay after pine fere, = isl. fceri. Die Herausgeber übersetzen : out and oiU, oosi- 
pUtely (Index p. 532''). V. 35 pau hom maieter were. In der Ausgabe p. 46S 
wird übersetzt: than they had authority for : maieter has here the eame meamimg 
OS in the phrcue : he was matter of hie eubject. Gegen diese Erklärung scheint 
mir das in diesem Falle reflexiv zu fassende hom zu sprechen. Mit Znp. werden 
wir maUter hiermit: Noth wendigkeit übersetzen, in welchem Sinne es anch 
V. 11815 vorkommt. V. 61. Im Glossar der engl. Ausgabe wird dew f&r diese 
Stelle erklärt durch: related, bound, allied. Bei dieser Erklärung ist aber die 
Heziehung von füll dere zu vag. Zup. trifit das richtige, wenn er p. 86^ dem 
als adv. fasst = duly : gebührender Weise. Dag. ist es gewiß falsch V. 98 
shene für das adj. „schön'' zu halten (Zup. p. 118^); es ist part. pr&t. von 
sehen: was für Schiffe da gesehen wurden. 

XXVII, 17. Nach personie ist ein Comma zu setzen. 

Ich wende mich nun zum Wörterbuche, indem ich im voraus bemerke, 
daß ich an ein solches zumal bei so geringem Umfang der Texte, die Forde- 
rung stelle, daß es nicht nur alle in den Lesestücken enthaltenen Worte und 
zwar mit der geforderten Bedeutung aufweise, sondern auch alle grammatischen 
Formationen jedes Wortes, soweit sie sich dort finden, falls sich nicht die be* 



*) Bei Zup. wird die Ausgabe von: The Gest Hystoriale als 1869 erschienen 
anj^geben. Mir ist nur die von 1874 bekannt, die sich nicht als zweiter Abdruck 
bckuudet 



LITTEEATUR; J. ZUPITZA, ALTENGLISCHES ÜBUNGSBUCH. 369 

gtimmte Tendenz bund gibt, die etwa aas dem ne. oder fn. leicht «rechließ- 
barea Worte wegzulnsnen. Daa Ist aber bei Zap. iiieht der Fall. 

p. 75* fehlt iu an die me. Form o XVin, 14, XX, 41. Das. fehlt; an- 
hondredvald einhundeilf &I tig XXIII, 69. p. 75" fohlt: rcrdirmde bevor 
EU, 30. Das. fehlt zu arat die Bedentiing bleiben. XXIV, 144: >* teauia 
— dural nowhere foT roy artet at Ihe botliem: die Wogen fragten nicht 
anf dem Grund eu bleiben, p. 76*: zu äl fehlt; al pei bis XIV, 76 f. 
p. 77*: bäTgynnig : eehi snndig; vielmehr : publice peccant; vgl. pablicanu», 
p. 79' fehlt berrhUi : Rettung XV A V. 103. p. 79" zn Oiddan : auch refl. 
gebraucht XVIll, 42. Das. fehlt hiUiiynge Lebensunterhalt XVIII, 9. 
p. 82' fehlt byrlk Geburt XXVII, 23. Das. fehlt zu byeig die Form beeye, 
XXVn, 37. Da», fehlt caneelcr XII, 8. p. 82" fehlt za etorfan die Bed. kappen. 
XXIV, 153 : yeC corvett pay pe eordes: sie kappten die Taue. Da», fehlt 
kepe halten XXII, 6. p. 84* fehlt creopa«, me. crcpen, kriechen XXI, 68. 
p. 84° fehlt chriiteneman, cAmtemon XIX, 33, 35. Das. fehlt bei cnman die 
nordh. Form cyma XI, 20; ebenso das VerbalBobst. cumming XXVI, 92. cumyne 

XXVII, 3G. p. 85" fehlt äricend tedtsituUctu XI, 97. Das. fehlt zu däg: to 
doy heute XIX, 3. p. 86'' fehlt zu dragan die me. sehr gewöhnliche Bedeutung 
„foltern". XXIII, 93. p. 88' fehlt taUniwB ganz neu X, 60. Das. fehlt bei 
ealited me. aUe-te so wie Xm, 70. p. 88'' fehlt ejnegea>yrean eondere XI, 41. 
p. 91* fehlt zu > die Form fyn XXI, 22. p. 91" fehlt zu ßane die Form vtetih. 

XXVIII, 64, 7. Das. fehlt zu foh die Bedeutung: Menschen XXV, 45 im 
Gegensatz zu goddea. p. 92'' zu foigrowan fehlt die Bed. sich entstellen, 
Terstetlen XXVIII, 63,2. Dos. fehlt za forgyltan die Bed. schuldig wor- 
den XIV, 2rf f. p. 93" fehlt zn fyllan die Bed. erfüllen X, 89. p. 94'' gtar- 
wian, me. gere. „Ebenso nordh. II, 1, a"; p. 95'' fehlt zu gehealdan die Bed. 
zarückbohalten XIX, 26. Das. gdäccan, me. Hauchen, pritt. gdähCe, schw. 
V. Ib, fasaen, ergreifen, fangen. Ich glaube trotz Ettm. a. a. 0. p. IÖ7 
und 184, daß fiir dieß Vcrbum langer Vocal anzuactzen ist, also: gelacaa, aad 
daß es durchaus zu trennen ist Ton liCccan, öläccan, ludert, /allere, p. 96'' fehlt 
zu geong jtatg die Bed. jugendlich, kindisch. XUI, 10: yungn dedt. Das. 

' fehlt zu gerymaii die Bed. ausbreiten III, 8 f., wo nicht etwa von einem 
Verlassen der früheren Wohnsitze, sondern von der Ausbreitung der Herrschaft 
die Bede ist. Sweet: enlarged. p. 97' fehlt zu gntrienan die Bed. gewinnen 
III, 92: er gewann einen großen Theil des Menschengeschlechtes dem Walter 
der Himmel, p. 99" fehlt zn pi/iyon.- auch refl. gebraucht XXIII, 55. p. 100" 
fehlen zu hedh die Formen: he!h XVI, 25: hei 70. p. 101' fehlt hehangtl Erz- 
engel XIV, 49. Das. fehlt: A«i/'"''A'o«ie, Himmelskönigiu XVI, 83. p. lOl" 
heom, hiw, me. heowj kete , ae. kue st. n. me. ist es fetnin. XIV, 18: of »ttil- 
cudre heoiet. Älinl. p. 109*:meoA( ... me. nihte ... ne. mSght. st. f.; me. auch 
neotr. XIV, 101: det forme mihU. Ebenso p. 134' f.: mnnon däg, me. «inn« 
dei, ne. suaday at. m. me. auch fem. XIV, 95. Hatte Ziip. nur das ae. Genus 
angeben wollen, so hatte er diese Angabe nicht an den Schluß setzen dürfen, 
p. 101" fehlt kärcummyng Ankunft XXVI, 82. p. 102'" fehlt die Form holo- 
cautlum XVII, 1319. p. 103" fehlt tuaC in der Bed. bis XIX, 26: wat mt. 
Da», fehlt zu hwH die Form hiiT/Um XIX, 43. p. 104" fehlt iangelitdan intm- 
dBcere XI, 23. p. 106" ia^an? m. lavf. »chw. v. Ib. laben, erleichtern, 
aber Bord werfen. Ich glaube nicht, dwß diese BcdeutnugaentwickelODg 
OERHANEA. Ken« Boili» TUt. (XX. | JsUr«. V 



370 LITTKRATUR: J. ZVVITA.K, ALTEKG LISCH ES CnVNfi^bUCH. ^H 

[ siolitie; »t. EreleDe findet Bitli äna Wort schon ae. Bl'i^v. V. 2TS2: IJt/nt }i4 

J mid handa — viiicdryMeu hii vfflere gdafede. Ebenso wie diese lauen 

■Ich alle bei Slratmann p. 30T* für mc. faoc ciDgcfÜbrten Stellen bo erklären, 
dsJJ schütten, gießen, benetzen die Gnmdbeileutuiig des Wortes ist. 
Aach mhd, lap (Lexer I p. 1S33) kotnmt aU: Spülicht Tor. Vielleicht 
ist schoD ae. lafian mit laiart rerwnndt, oder wenigstens ist ein urspr. germ. 
laßan :^ laibeu mit dem aua lavare entstandenen lavt znssmmcn geflossen. 
Bo aber, daß das letztere überwog. XXIT, 151 pnsit die Bedeatung: «chatten 
gana gut p. 107* fehlt UMing Dämmetang XIV, 79. p. 110' fehlt za mim 
die Plnralfonn mene XXII, 9. p. 113'' oftTTtccan übersetzen. Da» Wort beißt 
nnr darcheehcn, re-e:tamine XXV, 69; von dem eigentlichen uhersetiCR ist 
erst das. V. 71 die Rede. Das. fehlt oftrifon übersehen XIU. 75. Das, fehlt 
pffputyng, das Ablegen XXVII, 18. Das- fehlt zq oft die Form äffte XXVIII. 
60, 5. Das. fehlt Aläeung biandimentum X, 54. Das. fehlt za on die Form aniipp- 
tm XIV, 5]. p. 114' fehlt zu o7>d die Form andc XXVII, 6, 14, 21. Das. fehlt 
lu ong^n das Wort: agautcttmynge das Entgegenkommen XXVII, 20. p. 114° 
fehlt ongemang ungeachtet III, 68. Das. fehlt amreald poinlai X, 15; IS. 
p. 116* fehlt zu payt die Bed. Bezahlung XXIV, 99. p. 115" fehlt su fxn^f 
I die Form peryl XXIV, 85. p. 117" fehlt zu riht die Form rilh XXI, 123. 
' p, 117'' rttdtnjag Blitz? wohl schwerlich crweisbar; vieUeicht gleich ist. mrf- 
itbig, dän. radnwj wühlen XXIV, 139. p. 118^ »etädan, me. ichide, ne. ^rd 
etc. ae. ÄfÄeirfe», me. (auch, zuletzt nur) BUBflcheidcn, BUB werf en, rer- 
'len. Schon ae. ist toeddan scheiden, yaa tceddan vergießen, zu tren- 
vgl. Ettm. p. C74i Müller, Etjm. engl. Wtb. a. v. «htd. Das. fehlt in 
tceäaian die Form scAeiren XXII, 9. p. 119°. Die unter se aufgezählten Formen 
aind ganz onToilttändig, e. B. fehlt nom. pt ]-y nordh. me. dat. plur. Ihaym 
XXII, 9, paim XXVI, 102. pame das., 12 ete. Orms Formen und die übrigen 
norde nglis eben fehlen ganz. p. 120'' fehlen zu eiddan die Formen toddtn XIII, 9. 
riden XVU, 1295. p. 122" fehlt zu «Öno die Form «.yti XXVI, 90. p. 122» 
fehlt zu fpcdan: auch refl. gebraucht XXVI, 27. Das. fohlt zu »tondan die 
"" ' " liehen, inttart, incumhert XIII, 18. p. 126'' fehlt töbiddan adorart 
XI, 86. Das. tötyma venire XI, 94. p. 127' Irahtert Überselzor. Vielmehr: 
Ausleger, inlfrpres XI, 84. Das. fehlt zu Iraint die Form iragte XXV. 9«. 
p. 127^ littke mann Bitter. Wie tulke = altn. tulkr Dolmetscher jcv der 
Bcd. Ritter kommen soll, verstehe ich nicht, p. 128* fehlt undfrcj/ma »acv*- 
dere XI. 33. p. 129' fehlt idtornati ditcurrert XI, 83. Dsa. fehlt zu vüati^ di« 
Form viifynye XXIII, 3. p. 130* fehlt zu Kalle die Bezeichnung des Geaiu. 
E» ist fem. XVIII, 12. p. 130" fehlt teylle, »w«« XXIV. 130. p. 131" fehlt ni 
toidtuct die Form wtdue XXII, 79. p. 132'' fehlt zu tettian die Form tryt^t 
XXV, 4. p. 133*. loonn heißt nicht „dunkel", aoudem bleich, farbloa (oft 
in Verbindung mit pale gebraucht), was XXIV, 141 sehr wohl Tom Moere m- 
sagt werden kann. p. 135* fehlt par/ort. perforr, parfor XXVII, 22; 3. XIV, 82. 
Ptr/ram, perc/rcm XXI, 66, parof XXVI, 84. paroul XXVI, 48. ponoit XXI. 100. 
tharKylh XXVII. 29. petvntliXXV, 97. p. 136" fehlt pMiwtdere at tarnen XV, 
16623. p, 1 36* fehlt 2u (hing Act AMAArwk »ma ping tomivhat XVIII, 7. p. 136* 
pn4ii, me. proU, ne. Ikroal «t. f. Hals. Vielmehr bedeutet das Wort a«, and 
nc. Kehle. So natürlich auch XII. 31. wo es auch noch dazu neben „Hals' 
«K-ht, p. 137" fehlt nu purh die Form pvtrrt ut IVorsua XV, 105, Da«. f«UL 
sa fiifacan die Form //lyntan XXIl, 8. 



LITTERATÜR: R. WÜLCKER, ALTENGLISCHES LESEBUCH. 371 

Endlich folge noch die Verbesserung einiger Druckfehler. I, 9 streiche 
das Comma nach firum. III, 93 rodra^ lies rödra» IV, 6 sceopgereorcle, lies sceöp' 
gereorde. VI, 192 bordy lies bord. X, 37 })dty lies pät. XI, 39 de, lies de. 
p. 363 mid Bf lies C, XVI, 111 jbtns, lies jdne. XVIII, 37 hwart, lies hwaL 
XIX, 17 tue, lies ine. XXII, 83 streiche das Comma nach and. XXIII, 54 
norryssep^ lies norysaep. XXIV, 97 paesie, lies pcuiee. XXV, 50 dampredj lies 
(fam|mec/. 

Da die Besprechung von Zupitzas Sammlung schon ungebührlich lang 
geworden ist, so begnüge ich mich, was Wülckers Lesebuch anlangt, mit einigen 
kürzeren Nachträgen zu der oben besprochenen ausführlichen Anzeige in der 
Ztschr. für österr. Gjmn. Auch lässt sich ja wohl die eine oder andere Be- 
merkung noch bei einer Besprechung des hoffentlich bald nachfolgenden zweiten 
Theiles leicht nachholen. Hier also nur folgendes wenige. — 1, 60 in werld wid, 
werlde'^ vgl. on werlde V. 38. Femer ist gewiß das. V. 75 wegen des Metrums 
und der Parallelstellen V. 113, 156 etc. zu lesen: Ford glod dat firme dais 
ligt. Daß Morris GE. p. XXXIX schon diese Änderung vorschlug, scheint 
Wülcker übersehen zu haben. Daß W. nur mit Vorsicht Änderungen in den 
Text selbst aufnimmt, wird man nur billigen, aber zuweilen wird darin doch 
etwas zu weit gegangen; so war V. 167 cam in den Text einzusetzen: aus der 
Anm. z. d. St. erhellt nicht, ob man das darf oder ob man cam nur In Ge- 
danken ergänzen soll. Das. V. 295 ff. heißt es: hu mal it den, Adam hen hing 
and Eue hen quuen, Of alle de dinge in werlde hen. Dazu wird p. 124 bemerkt: 
Morris fügt hier nach dinge ein de ein, doch ist dieß unnöthig, 
wenn wir verbinden: Adam hen hing and Eue hen quuen of aUe de dinge 
in werlde. Erstens ist bei dieser Auffassung Wülckers Comma nach V. 296 
sinnlos, wenn beide hen sich parallel stehen. Zweitens aber ist dieß doppelte 
5en, wenn auch sprachlich erträglich, so durchaus nicht schön. Morris hat bei 
seiner Einfügung von de dieß zweite hen meiner Überzeugung nach ganz richtig 
bezogen; er würde übersetzen: von allen Dingen, welche in der Welt 
sind, de in den Text zu setzen, war aber trotzdem überflüßig. Es ist vielmehr 
hier einfach Ausfall des Relativpronomens zu constatieren. Das ist um so 
glaubhafter, als das Subst. im Hauptsatze auf welches der rel. Satz sich be- 
zieht, durch alle verstärkt ist (vgl. meine Untersuchungen über den Ausfall 
des Relativpr. Straßb. 1872). Die ganz analoge Satzfügung gleich darauf V. 300: 
of alle dingef de wunen her bestätigt es. Dazu kommt, daß Ausfall des Relativ- 
pron. sich in GE. sich auch sonst noch, wenn auch vereinzelt, findet. Ich führe 
dicj^Stellen hier auf. Zweifelhaft ist V. 737 f.: Ahram du fare ut of land and 
hin I to a lond ic de aal bringen hin, V. 788 lässt sich allenfalls übersetzen: 
zu einem Lande werde ich dich hinbringen. Dem Sinne entspricht 
weit besser: in ein Land, wo ich dich hinbringen werde. Ebenso 
V. 1289 f.: and dor du aalt him offren me\on a hil^ dor ic aal taunen de. 
Das zweite dor lässt sich relativisch auffassen: auf einem Hügel, den ich dir 
zeigen werde. Aber auch hier ist wohl zu übersetzen: auf einem Hügel, 
den ich dir dort zeigen werde. Sicher sind folgende Stellen: V. 751 wird vom 
todten Meere gesagt: llc ding deied dorinneia dritten. Jedes Ding stirbt, 
welches da hinein getrieben wird. (Vgl. GE. p 135.) V. 2187: Nu hi 
äe feid ie ag to hing pharaon: bei dor Treue, die ich König Pharao 
schulde. Vgl. Wükker 3, 203; endl. V. 3672: and ehea do men god made 

24* 



372 UTTERATÜR: R WCLCKER, ALTENGUSCHE8 LESEBUCH. 

wüz und las da Leute aus, welche Gott weise gemacht hatte. Aoeb 
hier setzt Morris ohne Noth vor god, de ein. Sonst vgl. man noch : W. 6, 4856 ; 
12, 388; das. V. 437 f.; 17, 2090; 18, 3603. 

12, 341 ist nicht nach salle, sondern nach iraytourt das Comma sa setzen, 
so daß also 9alU ye unten zusammengehört; vgl. Y. 460: ye may wiien^ 

18, 3935 ist nach aerjauuM das Comma zu streichen. 

Anm. zu 12, 87 yole. Unter julfest ist hier das Winterjnlfest 
gemeint: la teynie feste de nowel. Hat man in England jemals den 24. Juni 
Sonuneijulfest genannt? 

Anm. zu 18, 3678. Daß lepen nicht reiten heißt, sondern an Stellen 
wie hier: leopon apon Uedu durch: «sie sprangen auf die Pferde* zu 
übersetzen ist, hat schon Zup. a. a. 0. p. 140 bemerkt. Hinzufugen will ich, 
daß sich der ganz analoge Sprachgebrauch im Altnordischen findet: kjdlpm peir 
pd d kesta Hna. Nj41ss p. 263 u. oft. 

Anm. zu 19, 6704. Manchmal geht tynen geradezu in den Be- 
griff des Yerlierens fiber etc. Bier lag es sehr nahe, das altn. tjpui zu 
vergleichen, dessen Hauptbedeutung: verlieren ist. 

* Anm. zu 19, 6815. Wie im Niederdeutschen wird aucb im Eng- 
lischen oft lere statt lernen gebraucht. Hier konnte auch der analoge 
Gebrauch im Schwedischen und Dänischen erwähnt werden. IsL findet sieh leara 
erst vom 15. Jahrh. an so gebraucht. 

In den Anmerkungen wird Einzelnes vermisst. Während z. B. zwar über 
den Kent-Dialect eingehend gehandelt wird, erfahrt der Leser gleich zu Stack 1 
nicht, was es mit dem qu für engl, wh auf sich hat; vgl. Mätzner sa GE. 
V. 1908. 

Zu 12, 455: c^tion, monk and frere wünschte man den üntersehied 
zwischen numk und /r«rf angegeben, der ja u. a. auch für Chaucers Prol<^ zu 
den C. T. zu wissen nöthig ist. (Vgl. Herzberg: Geoffirej Chaucer*s Caaierburj- 
geschichten. Hildburgh. 1866. p. 581 f.) 

Auf die Anmerkungen folgt p. 181 f. eine Erklärung der in denselben 
gebrauchten Abkürzungen, die jedoch nicht ganz vollständig ist. So weiß man 
z. B. nicht, welches Werk W. in der Anm. zu 17, 2184 durch By, abkürzt, 
oder in der Anm. zu 4, 14 durch Sümn. 

Weiter fuge ich eine Anzahl Bemerkungen zum Worterbuche bei, übergehe 
aber auch hier natürlich alles, was sich schon bei Zup. a. a. O. notiert findet» 

p. 185* fehlt ahate niederschlagen 6, 5011. p. 186^ fehlt angtr Zorn 
19, 6855. p. 188* fehlt haldehed, holdehed Kühnheit 12, 474. p. 188^ fehlt 
meti, herey strike 19, 7056. p. 189^ fehlt hiten, hyte beissen 12, 348; 
19, 6918. p. 191'* fehlt zu buk Bauch die Form houk 18, 3946. Das. fehlt 
hucke Bock 20, 10. Das. fehlt huüuc Böckchen 20, 9. Das. fehlt eaaUÜH 
19, 7010. p. 192t> fehlt conten count 6, 4908. p. 193* fehlt criHesnmen II, 
I, 162. Das. fehlt zu dcele die Form dal 1, 142. p. 193^ fehlt eure ob acht 
18, 4016. Das. fehlt bei dede^ daß dieß Wort auch direct für misdede stehen 
kann 11, 464, 466; vgl. dedhoU Stratm. p. 118*. p. 195* fehlt zu drmchtn die 
Bed. ertränken, in tcater drenche aqua mergere IS, 3721. Das. fehlt an egre 
heftig die Form egyr 19, 6840. p. 196* fehlt zu endyng die Form eyndyng 
18, 4033. p. 197* fehlt zu feith Treue die Form fei 3, 203. p. 197^* fehlt 
/est sb. fest 12, 393. Das. fehlt fikel dolosu» 12, 82. p. 201^ fehlt gritüdke 



LITTER ATÜR: L. SCHMID, HARTMANN VON AUE. 373 

horribile 11, II, 193. p. 201' fehlt hantelet Dörfchen 12, 494. p. 204' fehlt 
zu kepen die Bed. erwarten 6, 5029; 31; vgl. mete V. 5051. So sehr oft 
gebraucht in Verbindung mit copnien, vgl. Stratm. s. y. eopnien nnd 8. t. kepen, 
p. 205' leckour ab. Wollüstling. Daß lechaur auch die allgemeinere Bedeutung 
Schurke haben kann, zeigt 18, 3916. So findet sich leeheor auch sfn. zu- 
weilen, p. 205^ fehlt Us falsch 19, 6895; vgl. Lay. V. 28150. [Zu V. 6940 
Anm. ygl. Zup. a. a. O. p. 136.] p. 206* fehlt zu ligtU, licüy die Form lygl- 
liehe Jl, II, 285. p. 208* fehlt zu meke die Form meoke 10, 15. p. 208*" fehlt 
myre Sumpf 19, 6942. Das. fehlt myehUeued falschgläubig 11, U, 44. 
p. 210' fehlt offring Opfer 5, 339. p. 211' fehlt zu oeU Heer die Form 
hoost 19, 6791. Das. heißt es s. t. otheri auch findet sich ein unor- 
ganisches t eingeschoben: Jbe ioper. Diese Form ist vielmehr entstanden 
aus pet oder^ ygl. Mätzner Gr. l' p. 338^ p. 211^ fehlt ouerhie zu hoch 12, 
228. Das. fehlt zu pari sb. die Form party 12, 506. p. 213* fehlt prouince 
Provinz 12, 268. p. 216' fehlt echeme = echame'i 12, 362. p. 218' fehlt zu 
slagen die Form sie 3, 287; 18, 3937. p. 219^ fehlt zu eüren^ daß es auch 
refl. gebraucht wird 11, II, 284; dem entsprechend activ: bewegen 6, 4710. 
Das. fehlt streitly 12, 405. Das. fehlt etreon Gewinn, Nachkomme, Sohn 
18, 3750. p. 220' somersUde lies: eamereetide 12, 1. p. 220^ swere s. «tmre; 
letzteres = cervix fehlt. Das. fehlt euyn^ kent. zuyn Schwein 27, 11. p. 221** 
fehlt zn peofpe die Form theft 12, 449. p. 222^ fehlt zu proU Kehle die Form 
proUe 28, 17. Das. fehlt timing Erfolg 1, 31. Das. fehlt Hmlich zeitlich 
27, 65. p. 223' fehlt towhile zuweilen 12, 373. p. 225^ fehlt waterside 
Wasserseite 18, 3702: they beon bystt on uxiierside d. h. sie werden an- 
gesichts des Wassers umringt [so daß auf der einen Seite das Wasser 
sie bedroht, auf der andern die Feinde]. Das. fehlt wcUerward nach dem 
Wasser zu 18, 3686. p. 226' fehlt zu werre sb. die Form wearre 18, 3851. 
p. 226^ fehlt whoeo whoever 19, 6925. p. 228' fehlt fjorelch elend 27, 183. 
Das. fehlt zu wrethe Zorn die Form wrappe 3, 242. — Dabei habe ich noch 
die Worte unerwähnt gelassen, die W. in den Anm. erklärt und vielleicht deß- 
halb im Glossar übergangen hat. 

Ich schließe wie oben mit den Druckfehlern. 6, 5305 ist das Comma nach 
ehew zu streichen. 11, I, 161 Pynkep lies Pynkep. Das. II, 135 ist nach ywia 
statt des Commas ein Punkt zu setzen. Anm. zu 2, ps. VII, 28 rihtwlse lies 
rihtwise. Anm. zu 5, 26 aUo lies aU, Anm. zn 6, 4798 ergänze e nach „ob^. 
Anm. zu 7*: pag. 97 — 99 lies 197—99. p. 148^ V. i08 lies 118. Anm. zu 
12, 2 zwischen V. 2 und Es ist toild zn ergänzen. Gloss. p. 208^ mihtig lies 
mihting. 

BRESLAU, den 17. März 1875. EUGEN KÖLBING. 



Dr. Ludwig Sohmid, des Minnesängers Hartmann von Aue Stand, Heimat 
und Geschlecht. Eine kritisch- historische Untersuchung. Mit einem Wappen- 
bilde. Tübingen, Fues, 1874. — XH, 200 S. 8®. 

„Wir wissen von Hartmanns äußerem Leben überhaupt fast nichts, als 
was er uns in seinen Kreuzliedem mittheilt, " sagt H. Paul nicht lange vor dem 
Erscheinen dieses Buches (Paul-Braune, Bcitr. I 539), und es zeigt sich auch 



374 LTTTERATUK: L. SCHMID, HARTMANN VON AUE. 

in Schmids gründlicher Monographie deutlich, wie alles, was darüber Tennathet 
werden kann, als mehr oder minder sichere Hypothese auf ein paar Stell«ii 
des Dichters basiert. Soweit aber überhaupt mit annähernder Wahrseheinlteh- 
keit etwas conjiciert werden kann, dürfen wir nicht anstehen, Schmids Werke 
das volle Lob gründlicher und nüchterner Forschung, redlicher Abwägung aller 
gegnerischen Einwände und genauer Benutzung aller etwaigen Hilfisbeweise xa 
geben; und auch eine breite Weitschweifigkeit und Umständlichkeit dieses 
Buches — soweit dieselbe nicht überhaupt gefordert war — darf ans darin 
nicht irre machen, obwohl sie dem Fachmanne den Genuß des Werkes stören 
könnte. So möchte es sich lohnen, von der auch typographisch gut ausgestatteten 
und mit den diplomatischen Belegen (in einem Anhang) versehenen Schrift hier 
einen kurzen Auszug zu geben, an den sich dieser oder jener beiläofige Ein- 
wurf anschließen kann. 

Von den drei Abschnitten, in welche die Schrift zerfällt, gibt der erste 
eine ausführliche Darstellung des Ministerialcnwcsens nach seiner geschichtlichen 
Entwicklung und nach den Eigenthümiichkeiten der Diestmannenpflicbten nnd 
Rechte. Es wird diese Darlegung, klar und wohlgeordnet wie sie ist, gar 
Manchen, der größere Werke darüber nicht zu Gesicht zu bekommen vermag, 
recht willkommen sein. In engem Zusammenhang mit dem Hanptgegenstand des 
Werkes steht allerdings dieser Thcil nicht, und es ist für die Frage nach Hart* 
manns Stande, resp. nach dem der urkundlich erweisbaren Ower, wesentlich 
nur der Nachweis von Wichtigkeit, daß schon um 1250 die Ministerialen die 
Pradicate nobilis nnd dominus erhalten, nicht aber das Prädicat über. Wichtig 
ist dieser Punkt deßhalb, weil nach Schmids weiterer Auseinandersetzang (s. n.) 
von allen diplomatisch belegten Herrn von Ow nach dem 12. Jahrhundert keiner 
nothwcndig als Freiherr anzusehen ist; ein Punkt, welcher die Hauptsache 
an Schmids Opposition gegen H. C. v. Ow's Aufsatz in dieser Zeitschrift 
XVI, 162 ff. bildet. Diese Opposition durchzieht überhaupt das ganze Buch, 
und es scheint dasselbe ihr nicht zum kleinsten Theile seine Entstehnng an 
verdanken. Persönlichen Hader zwischen beiden Parteien zu benrtheilcn, kann 
hier nicht die Sache des Ref. sein; dagegen ist es, um dieß zu anticipieren, 
dem Verf. meist gelungen v. Ows auf den ersten Blick anziehende, aber kritisch 
wenig gestützte Ansichten mit Glück zu widerlegen. 

Im zweiten Abschnitt, der sich ganz mit Hartmann beschäftigt, weist der 
Verf. zunächst mit Glück nach, daß von den beiden Behauptungen ▼. Ows: 
Ilartmann habe zu demselben Geschlecht gehört wie der ,arme" Heinrich von 
Aue, sei also frei gewesen, und: beide haben zu den Ahnen der henisgen 
V. Ow gehört, die erste vollstUndig grundlos und durch positive Beweise wider- 
legbar ist. In der That, wer wird (Arm. Heinr. 4/5) die Worte dienatman trat 
er ze Ouwe*) anders auffassen, als: Hartmann sei Ministerial eines Herrn von 
Aue oder doch als Ministerial eines andern Herrn auf Aue ansäßig gewesen? 
Aber mit der Construction Schmids a. a. 0. kann sich Ref. nicht einverstanden 
erklären, umsoweniger, als sie ganz werthlos ist. Schmid liest nämlich mit Bech: 

der was Hartman genant 

{dienstman was er) ze {von) Oiurey 



*) Wenn v. Ow und Schmid sich über die LA. von Ouice oder ze Ouwe streiten 
und jeder die von ihm bevorzugte als) ßewcismltrel benutzen, so scheint uns diese 
ganze Sache ziemlich banausisch zu sein. 



LITTKKATUK: h. SClIllIlt, IIART-MANN VON AUE. 375 

eiiM Bnnötbig gewaltanine Coiiatriiclion , «rdcbo noch härter ist nU die unten 
xa cmähDeDÜe: unt lebt Fiiht kerre, Salatin etc.; wührend aber Bcch gowiQ so 
lesen will; „der wHr HartmuDQ vod Aue genannt" ao fügt Schmid zu der HäTte 
der nngegebeaen Constraction uoch eina Unmöglichkeit hinzu, indem er bo be- 
zieht: der ICO» Harlnaii, genant (d. w. e.) vvn {ze) Oiane. Welcher Leaer oder 
Hörer des A. H. konnte v. 4 f. so recatehen? Ref kunn ea nicht über aich 
gowinneu, eine andere Conatroction der einfachen Folge der Worlc nach über- 
liaupt für möglich zu halten, als diese: „er nar Hartmann geoannt; er war 
Dicnatmann su (von) Aue". Wenn Bech (s. Hcliniid S. 3G) aagl, eine solche 
Parenthese, wie er aie annimmt. Bei hei Hurtmann häußg, ao ipit zu entgeguen, 
daß hier gar kein Anliiß daxu ist, eine Härte anzunehmen, die Hartmann 
zu Anfang cinea Gedichts vollends gewiß nicht beabsichtigt hat. — Daß, was 
aonat über Hartmann aich in aeinen Werken findet, mit seinem Stande ala 
Ministorial durchaus nicht streitet, hat Sebm. hinlänglich gezeigt. Ob A. H. 
8— lö, I». 23—25, II. Büchl. 715 den Schluß anf Hartmaniis Dienstbarkcit 
wesentlich verstärken, sei dahingestellt, Aber vollständig Recht hat Schni., wenn 
er eben aus der Nebeneinanderitellung des Dichters und des Heinrich von Aue 
iin Armen Heinrich den Schluß zieht, dsG die ganz verschiedene Einführung 
und Prädicicrung beider jeden Gedanken an Oeschlechtsgcmeinachaft aasachüeßc, 
ja daß Hnrtmann aeinc Dienstbarkcit, von der er sonst nicht redet, im A. lt. 
gerade deßhalb erwähnt habe, «m sich von dem freien Herrn »on Aue zu nnter- 
Bcheideu. Weiter wendet sich der Verf. gegen die Behauptung v. Ows, daß 
Hnrtmann als freiwilliger Miniaterial im Dienste dea Herzoga Kourad von Schwaben 
geatandcn habe, welcher 1189 Herzog von Rothenburg war. v. Ow sucht da- 
durch den Aufenthalt Hartmanna in Franken, der durch MF. 218, 20 bezeugt 
ist, zu erklären. Schmid wendet dagegen mit Recht ein , daß diese Änualimo 
ganz in der Luft steht. Daß sie gar unmöglich aei, aucht er dadurch zu er- 
weisen, dali Harlmann, der Haun voll edlen, keuschen Sinns, bei dem rohen 
Wüsthng Konrad sicherlich nicht freiwillig in Dienst getreten sein würde. 
Freiwillig that or'a ohnehin nicht, da er ein gcborner Dienstmann war; ea durfte 
aber sehr bedenklich sein, an unsere Minnesinger mit solcher Moral heranzu- 
treten, und dieser Beweis gegeu ». Ows Aufstellung scheint dem Ref. aller 
Kraft zu entbehren. Dagegen ist ganz richtig, daß Jene Aufstellung überhaupt 
fundamentlos ist, und wir worden sehen, daß Schin. selbst eine wenigstens besser 
begründete Erklärung für Hartmanna Aufenthalt in Franken (wenn wir über- 
haupt eine solche brauchen) vorgetragen hat. — Jener Anlaß gibt dem Verfasser 
KUgleich Gelegenheit, Ton Hartmanns Minnepoeaio eine Barstellung zu geben. 
Den Cardinalpunkt der ganzen Untersuchung über Hartmanna Dichtung 
bilden seine Kreuzlieder, und Schmid hat mit viel Fleiß versucht, in das 
LabTrinlh von Schwierigkeiten und Widersprüchen, welche die Frage über den 
Krenxr.ng Hartmanna verwirren, Klarheit und Ordnung zu bringen. Die Haupt- 
punkte in dieser Frage sind ja die Erwäbnung des Meere* an mehreren Stellen 
des Erec und des ersten Büchleins und die Erwähnung Sniadina als eines Ge- 
storbenen in dem Lied idi var mit iiiwem hiilden. Da der Erec nicht nach 
1197 geschrieben sein kann*), so wird angenommen, daß Hartman» das Meer 

•) S. noch mtotit Germ. XIX, 373. Wir können nicht alle eriShleuden Werke 
II.sJu deu Zeitraum twisehon IIUS und I!(H EusammendrUngon. 



I 



iM 



376 LITTEBATUR: L. SCBMID- HARTMANN TOS AUE. 

bei dem Krenxzuge von 1 IS9 gesehEn habe, und da Dun nach dem angefSIiii«M 
Liede Saladin (1193) gestorben ist, wie Uartmann sich anf die Krem&brt 
begibt, so werden hinsicbtiich diesPS Liedes von den Foncbem dreierlei A.a- 
•tehteD aufgestellt: entweder iat Hartmana gar nicht VerfasBer dewelbeo, odoc 
iat (HF. 318, 19. 20) za lesen: 

und Übt rnCn herre, Salatin und al ritt htr 
die enbrahUn mich r<m Franken niemer etnen nwis; 
oder endlich hat Httrtnuuia aowobl den Kreiuiiig von 1189 aJa den TOn 1197 
mitgemacbt. Das Ente wäre doch nur bei ganz zwingeoden Gründen und, wtaut 
sonst gar kein Äasweg obrig bliebe. aoKUiielimen- Das Zweite ist nicht gwu 
unmöglich, aber hart (s. Germ. XIX, 372). Das Dritte ist die Ansicht, *q der 
sich Srbmid bekennt. Bef. muH gestehen. da£ ihm eine zweimalige Theiloafame 
an einer Kreuzfahrt nicht sehr wahrscli ein lieh aaseieht und jedenfalls nur airf 
Ewingende Gründe hin nngenoinmen werden sollte, obwohl Ton einer ünmöglidi- 
keit hier nicht diu Rede sein kann. Daber wird es besser »ein. mit Schrej^ 
ancnnehnien, daJl die Beziehungen auf dos Ueer in den älteren Werken B«t- 
■lanns nicht auf die Theilnnbrne an einem Kreuzzuge tarückioführen sind, ja 
daß H. gar nicht einmal das Heer gesehen zu haben braucht. Uit Schilien 
Teil, den Sehr, snrübrt, rerbält es sich allcrdinge anders; Schiller brauchte 
Localscbilderungen , Hartmann hat jene Stellen (a. Scbmid S. 65) selbstuidig 
und ohne NÖlhigung eingefugt, Allein Erec 7790 — 7796 beweist gar nichts, 
es ist ja daselbst eicht ausdrücklich vom Meere die Rede. Erec 7062 — 706& 
ließ sich auch ohne Autopsie sagen. Es bleiben nur die Verse 351 — 366 im 
ersten Büchlein; Kumal der 1. 1. tflpwfge legt hier nahe, an Autopsie in denken. 
Wir w&ren da«n genötbigt, wenn selpafge als Übersetzung eines rtrnianisebeB 
oder grieebischen Wortes anzasehen wäre; allein auch die Xanter Glossen 
iGraff I &tiO| haben ein lellucfgi. das lie mit aqaae motut übersetzen; der Aus- 
druck ist also echt deutsch, und ao wird ihn Hartmann wohl eher in Deutsch- 
lard als im Mittetmeer vernommen haben. Und bietet sich für den Schwaben 
H. nicht der Bodensee als Stätte dar, wo er solche Anschaanngen gewonnen, 
solche Ausdrücke vernooimen haben wird? Denn der Bodensee ist ein sliirmtscbe* 
Wasser, wie jeder weiß, der ihn beim Föhn gesehen hat. Hartmann bat Greg- 
987— 102G, worauf aueb Sebmid S. 133 f. hindeutet, eine Klosteracbnle lebeaiÜg 
beschrieben, und es steht bei ihm, der gti^rei icas, nichts im Wege, eine klöster- 
liche Schulbildung anzunehmen, die er, wie Scbmid a. a. 0. wahrscfaeinlich in 
machen sucht, leicht auf der Reichenau genossen haben kann, wo er den See 
in freundlichen und stürmischen Tagen zur Genüge kennen lernen m<icht«. 
Oall er seine Anschauungen davon auf das Meer übertrug, ist ganz naturlicb; 
denn wer wird zum Zweck einer ganz allgemein gehaltenen Vergleicbung einen 
Binnensee nennen? Durch diese Erklärung wurde auch deutlich, warum H. 
gerade in seinen frühesten Werken, dieser Erinnerungen noch roll, jene Gleich- 
nisse eingewoben hat. 

Bleiben wir also bei der Annahme einer einmaligen Betbeitigunc H.s »in 
Krenzzuge, natürlich dem von 1197 (denn Pauls Einwurf. Beilr. I 536, dkß 
dieser weit unbedeutender gewesen als der vod 11S9, wiegt nicht scbwer). 
Freilich hat Schmid S. 66 ff. darzulegen gesucht, daß die Lieder dtm t-ruue 
amt etc. und tcA var etc. nicht aus derselben Zeit stauimen können ; aber seine 
Beweise recorrieren bloß auf Gerühtsmomente , deren Beneiskraft nicht stark 



LITTERATUR: L. SCHMID, IIARTMANN VON AUE. 377 

ist. Und — wenn die beiden Lieder sich auf zwei verschiedene Kreuzzüge be- 
zögen, so hätte wohl der begeisterte Kreuzfahrer in dem ttpäteren Liede die 
Hindeutung auf seine erste Fahrt kaum unterlassen. 

In dem zweiten jener Lieder spricht H. von Franken als seinem Auf- 
enthaltsorte. Daß dieser deßhalb nicht seine Heimat zu sein braucht, ist klar 
und ist wiederholt betont worden. Auch, wie H. dorthin gekommen sein mag, 
sucht Schmid S. 73 nicht ohne Wahrscheinlichkeit zu erklären; die Grafen von 
Zollein-Hohenberg, unter denen (s. n.) die Ower standen, waren Vasallen vom 
Bamberg. 

Hartmann selbst aber war ein Schwabe. Dafür gibt es zu viele Beweise 
als daß man daran hätte zweifeln sollen, und Schmid hat dieselben S. 74 ff. 
schon und überzeugend dargelegt. Fragt man aber, welchem schwäbischen Aue 
Hartmann angehört habe, so ist von jeher nur an das jetzige Obeman bei 
Eottenburg a/N., an das Zähringische Aue und an den Thurgau (an das Ge- 
schlecht derer von Wesperspül) gedacht worden. Daß an das zweite nicht zu 
denken ist, hat F. Bauer Germ. XVI, 155 ff. dargethan. Daß man auch an 
den Thurgau nicht zu denken hat, zeigt Schmid (im fünften Abschnitt seines 
Buches) mit großer Wahrscheinlichkeit. Dagegen findet sich in Obemau im 
zwölften Jahrhundert eine Freiherrschaft, und dieser hat wohl der Jierre Hein- 
rich von Ouwe gehom des armen Heinrich angehört. Daß mit diesem Heinrich 
der Dichter von demselben Aue stammt, dürfte doch wohl der Eingang des 
Gedichts unumgänglich sicher stellen; wie lächerlich wäre es, hätte Hartmann 
erst sich selbst einen Dienstmann von Aue genannt, und dann einen Freiherm 
von Aue eingeführt, ohne beidemale dasselbe Aue zu meinen! Also — auch 
Hartmann gehörte als Dienstmann zu Obernau; und, da die freien Auer daselbst 
im 13. Jahrhundert nicht mehr zu finden sind, vielmehr alle folgenden Obem- 
Auer, die Ahnen der heutigen v. Ow, Ministerialen sind, so kann Hartmann ent- 
weder Dienstmann des letzten Freiherm von. Aue gewesen sein oder nach Aus- 
sterben der Freiherrschaft das Gut als Ministerial der Grafen von Zollem- 
Hohenberg, denen die Auer unterstanden, besessen haben. Diese Nachweise und 
Belege für die Verbreitung und Besitzungen des Geschlechtes sowie dessen Zu- 
gehörigkeit zu den Zollem bilden bei Schmid den vierten Abschnitt, dessen 
gründliche Forschung alle uneingeschränkte Anerkennung verdient. Der fünfte 
Abschnitt gibt eine Recapitulation der Resultate nebst Widerlegung einiger Ein- 
wände. 

Ref. musste sich versagen auf manche disceptable Einzelheit, sowie auf 
manche schöne Beweisführung im Einzelnen näher einzugehen, und kann das 
Buch nur der genauen Kenntnissnahme und Würdigung aller derer warm 
empfehlen, die in dem Dunkel, das über des herrlichen Sängers Leben ver- 
breitet ist, sichere Stützpunkte zu finden wünschen. 

SKUTTGART, im Juni 1875. HERMANN FISCHER. 



y 



378 LITTERATÜB: K. WEINHOLD, ISIDOa 

Die altdentfchen Braohitüoke des TracUts des Bischof Isidonis tob SeTÜk 
de £de catholica contra Jadaeos. Nach der Pariser trad Wiener Hand- 
schrift mit Abhandlang ond Glossar herausgegeben Ton Karl Weinbold. 
A. n. d. T.: Bibliothek der ältesten deutschen Li tteratur- Denkmäler. YL Band. 
Paderborn. F. Schöningh 1874. 

Eine bequeme handliche Ausgabe der althochdeutschen IsidcMr-Fragmente 
war ein offenbares Bedürfniss, besonders da Holtzmanns Text anfieng selten zn 
werden und auch Graffs Abdruck in t. d. Hagens Germania nicht separat er- 
schienen ist. Ohne die Bescheidenheit zu verletzen, die der Anfanger einem so 
bewährten Meister wie K. Wcinhold gegenüber stets zu beobachten hat, glaube 
ich indessen als meine Überzeugung aussprechen zu dürfen, daß diese neue 
Ausgabe ohne yorhergehende CoUation der Pariser Handschrift nicht hätte aoUea 
unternommen werden. Man wird bei der Benutzung eines Rolchen Textes mos 
den dreißiger Jahren sich nie des unbehaglichen Gefühls der Unsicherheit er- 
wehren können. Daß mein Bedenken nicht ganz unbegründet war, zeigte mir 
eine gelegentlich eines neulichen Aufenthaltes in Paris unternommene Nach- 
collation, deren Resultate ich hier kurz mittheilen will. Anmerken darf ich noch, 
daß mir von Anzeigen des Weinhold*schen Buches nur diejenige von E. Sierert 
Jen. Literaturz. 1874 p. 382 f. zu Gesicht gekommen ist: das dort über Ab- 
weichungen von Holtzmanns Text angeführte übergehe ich im Folgenden« Er- 
schöpfend war Sievers Vergleichung der Drucke übrigens nicht*). 

Ich beginne mit dem deutschen Texte, p. 3, 2. Die Worte WBßhUmakga — 
trdka sind verblichen und mit anderer Tinte später aufgefrischt, das. mitUn» 
Das i vor n, das G. bezweifelte, ist noch wohl erkennbar , davor ein kleines 
Loch im Pergament und vor demselben der Anfang des zweiten t p. S, 3. Ich 
lese himilo. Das. zu garauuida bemerkte H: „inter syllabas gar et uut littera 
a fortasse restituenda^. Die Form von a bt als dunklerer Fleck ganz deutlich 
erhalten, p. 3, 6. „So nach R. H. undeutlich, nach G. sicher*'. Es ist ganz 
sicher, nur etwas dunkler, p. 3^ 8. Das h in uuctrdh ist gänzlich verschwanden, 
vielleicht darch die Schuld des Stempels der Bibl. regia, welcher auch über 
den unteren Theil des d geht. p. 5, 1. Zu himÜM bemerke ich, daß et über 
ü geschrieben und wohl zu erkennen ist. p. 5, 18. dhcuu» Das schließende « 
sehe ich nicht. Was man bisher wohl als den Rest davon ansah, ist nur ein 
kleines Loch im Perg. Doch wäre für s noch Baum auf der Zeile, p. 7^ 14. 
dhich W. Die Hdschr. hat dhih-^ ebenso Gr., was in den Anmerkungen fehlt. 
H = W. p. 7, 26 z» firttandanne dhanney W. mit der Anm. danne Us. dhamn& 
steht weder in der Hs., noch bei Gr. H. Das zu firetanr gehörende ifaitne be- 
ginnt eine neue Zeile, p. 9, 8 chiscuof, i ist nicht mehr vorhanden, p. 9, 21. 
himile H. W. H. bemerkt, daß himila geschrieben zu sein scheine. Man unter- 
scheidet wirklich ganz deutlich zwei Striche nach l vor dem Anfang des nadisten 
Wortes, p. 9, 24 dauid mscr. p. 9, 25 : Quhad mscr. Ebenso Gr. H ^^ W: 
Qhuad, p. 9, 30 l. adhaUangheri für adkaUangeri. p. 9, 31. Israhtlo. Das o 
ist verschwunden, p. 9, 32 mina ist deutlich zu erkennen, p. 11, 2 uuerodkeoda 
druhtin ist mit der Handschrift in zwei Worten zu drucken. 11,5 dhem* Das 



*) Etwaige Bemerkungen in Braunes ahd. Lcscbuchc konnte ich hier leider 
nicht nachsehen. 



LITTERATÜR: K. WEINHOLD, ISIDOR. 379 

m ist ganz deutlich, p. 11, 7. dheonodom Gr. Das m ist vielmehr n. p* 11, 2(X. 
dazs Dach W. die Hdschr. Diese liest aber deutlich dhaza, p. 13, 1. h uuiza- 
sodeä für toizssodes, p. 13, 18 f. Die Worte: endi Hin uuort ferit dhurah mih 
haben weder das Mscr. noch 6r. H. p. 13, 32. Ich lese dherct, obwohl die Ge- 
stalt des r sich hier wie oft der des s so nähert, daß sie sehr schwer zu unter- 
scheiden sind. p. 15, 5. quhidhit Mscr. = Gr. H. = W: quidhü, p. 16, 6. 
Der Punkt an der Spitze des 4 in ehiteda kann kaum von einer beabsichtigten 
Correctur herrühren, p. 15, 7 uuazzerü die Hdschr. p. 15, 8 nemine las H. 
Was er für e hielt, steht ganz getrennt von nemin und scheint nur ein Colon 
zu sein. p. 15, 13. heilegan sicher. Ebenso dhar^ was H. als non mazime certnm 
bezeichnet, p. 15, 16 bauh nunc. Vom \ ist am Schluße der Zeile gar nichts 
zu erkennen und das u steht so nahe am Rande, daß es fraglich ist, ob h je 
in der Hdschr. gestanden hat. p. 15, 24 quhedhendi Mscr. = Gr. H = W. 
p. 15, 28 dher sdho Mscr. = Gr. H = W. p. 17, 1 lies quhedhendemu = 
Mscr. = Gr. H. p. 17, 21 lies aerdhuitasun* a und e sind nicht verschlungen, 
p. 17, 30 angila ist sicher, p. 17, 33 dhaz8 Msc. = Gr. H = W. p. 21, 12 
dhea Mscr. = Gr. H. p. 21, 15. imu ganz deutlich Mscr. p. 23, 8 dheonandiu 
ganz deutlich Mscr. p. 23, 6 lies eouuihd, p. 23, 7 lies widhar = Mscr. = 
Gr. H. p. 23, 9 langhe Mscr. = Gr. H = W. p. 23, 14. anelidiu. Was H für 
<te hielt, ist nur eine besondere Form des e. p. 25, 21 moMun, u ist etwas ab- 
geblasst, aber sicher, p. 27, 3 uza Mscr. p. 27, 14 drugidha Mscr. = Gr. H« 
= W. p. 27, 19 uuardh Mscr. = Gr. H = W. p. 29, 10 ghtba Mscr. = Gr.